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Forschung

 

Aktuelle Forschungsprojekte:

 

Partizipative Risikopolitik? Die Regulierung der Silikose im westdeutschen und britischen Steinkohlenbergbau

 

DFG-Forschungsprojekt, 2016-2019, Bearbeiter: Daniel Trabalski


Das Forschungsprojekt wird die Risikopolitk des westdeutschen Wohlfahrtsstaates am Beispiel der Silikosebekämpfung im Steinkohlenbergbau von 1949 bis in die 1970er Jahre untersuchen. Zum einen sollen die wissenschaftliche basierten Instrumente und Techniken der Risikoregulierung untersucht werden, die im deutschen Steinkohlenbergbau vor allem die Bergbau-Berufsgenossenschaft als Unfallversicherung der Bergleute entwickelt hat. Hier werden vor allem Fragestellungen nachgegangen, die die sogenannte Verwissenschaftlichungsthese des modernen Sozialversicherungssystems aufgreifen. Zum anderen soll darauf aufbauend gefragt werden, wie sich die Sozialbeziehungen des westdeutschen Gesellschaft nach dem Zweiten Weltkrieg in der Risikoregulierung der Silikose widerspiegelten bzw. wie sich Verwissenschaftlichungs- und Vergesellschaftungsprozesse gegenseitig beeinflussten. Insbesondere soll diese Frage zugespitzt werden in Hinsicht auf die Partizipationsmöglichkeiten der unterschiedlichen Akteure bei der Gestaltung und Umsetzung von risikopolitischen Regulierungen der Silkoseproblematik im Steinkohlenbergbau an der Ruhr. Die Ergebnisse für den Ruhrbergbau werden verglichen mit den vorhandenen Forschungsarbeiten zur Bekämpfung der Silikose im britischen Steinkohlenbergbau.

 

 

Vom Boom zur Krise: Der deutsche Steinkohlenbergbau nach 1945


Forschungsprojekt finanziert von der RAG-Stiftung, 2015-2018

 

Das Deutsche Bergbau-Museum Bochum (DBM) startet in Kooperation mit der Ruhr-Universität Bochum und der TU Bergakademie Freiberg ein Forschungsprojekt zur Geschichte des deutschen Steinkohlenbergbaus nach 1945. Gefördert durch die RAG-Stiftung untersuchen fünf Doktoranden und zwei Postdocs die historischen Kontinuitäten und Zäsuren eines der bedeutendsten Wirtschaftszweige in der Nachkriegsära.

Nach Beendigung des 2. Weltkriegs leiteten alliierte Besatzungsbehörden den Ruhrbergbau bis zur Gründung der Europäischen Gemeinschaft für Kohle und Stahl, der Montanunion, 1951 den Ruhrbergbau. Mit Inkrafttreten dieses Wirtschaftsverbandes erfolgte eine Integration der deutschen Steinkohlen- und Stahlindustrie in den europäischen Wirtschaftsraum. Wichtige Entwicklungen des deutschen Steinkohlenbergbaus der 1950er und 1960er Jahre lassen sich mit den Schlagworten Montanmitbestimmung 1951, Vollmechanisierung, Kohlekrise und Gründung der Ruhrkohle AG 1968/69 skizzieren. Das „Satteljahrzent“ der 1960er Jahre markiert den Wandel von einer boomenden Industrie zu einem schrumpfenden Wirtschaftssektor, der jedoch noch lange eine bedeutende Stellung innerhalb des bundesrepublikanischen Wirtschaftssystems behalten sollte. Gerade die Bereiche Bergbautechnik und Montanwissenschaften erreichten eine bis heute anhaltende international führende Stellung. Dabei zeigt sich eine hohe Anpassungsleistung des Steinkohlenbergbaus an sich verändernde ökonomische und politische Rahmenbedingungen sowie der Wille der Akteure, einen „sanften“, solidarischen Strukturwandel zu managen, der mit der Schließung der letzten Zeche an der Ruhr Ende 2018 noch lange nicht beendet ist. Vielmehr wurde die von der Montanwirtschaft geprägte Industrielandschaft des Ruhrgebiets einem grundlegenden Transformationsprozess unterworfen. Dieser umfasste die Ansiedlung neuer Gewerbe und Unternehmen, die Entfaltung einer ausdifferenzierten Forschungs- und Wissenschaftsinfrastruktur und die unter dem Begriff der Industriekultur zusammengefasste Umnutzung ehemaliger Produktionsstätten der Montanwirtschaft.

 


Der Körper des Bergmanns in der Industrialisierung: Biopolitik im Ruhrkohlenbergbau 1890 - 1980

DFG-Forschungsprojekt, 01.01.2010 – 31.12.2012, fortgesetzt am Deutschen Bergbau-Museum Bochum

Das Forschungsprojekt beschäftigt sich mittels eines körperzentrierten methodischen Ansatzes mit der Biopolitik des Ruhrbergbaus von 1890 bis 1980. Das Projekt fragt sowohl nach dem Wandel von Objektivierungs- und Subjektivierungsprozessen, soweit diese bezogen sind auf den Körper des Bergmanns, als auch nach der Formierung biopolitischer Dispositive, die sich in spezifischen Verknüpfungen von Körperkonzepten, Institutionen, Infrastrukturen sowie sozialen, medizinischen und ökonomischen Praktiken im Ruhrkohlenbergbau manifestierten. Der Körper des Bergmanns wird als eine Schnittstelle ökonomischer, politischer und medizinischer Interventionen und Zuschreibungen interpretiert, die ein biopolitisches Beziehungsgeflecht zwischen Machtprozessen, Wissenspraktiken und Subjektivierungsformen sichtbar macht.

Der Dynamik innerhalb des Körperdispositivs im Ruhrbergbau ist dabei insbesondere in drei Hinsichten Rechnung zu tragen:

  • im Hinblick auf die Praktiken der Regulierung des bergmännischen Körpers durch Arbeitsplatzgestaltung, hygienische Vorschriften, medizinische Infrastrukturen usw., die direkt im Bergbaubetrieb ihre Wirkung entfalteten und anderseits auch im Hinblick auf diejenigen biopolitischen Praktiken, die jenseits der Zechentore für die Bergleute bedeutsam waren (z.B. Arbeitersport, Wohnverhältnisse und allgemeine hygienische und medizinische Infrastrukturen im Ruhrgebiet).

  • im Hinblick auf die Netzwerkstruktur der Akteure: Hier ist nach den Durchsetzungsmöglichkeiten der Interessen der jeweiligen Akteure zu fragen und die innerorganisatorische Beziehungsstruktur zu analysieren. Insbesondere interessieren die Mentalitäten der Akteure (Unternehmer, Mediziner, staatliche Akteure, Bergmänner usw.) insofern sie sich auf die Biopolitik im Bergbau beziehen, wobei ein Hauptaugenmerk auf die Bergleute als Akteure gerichtet wird.

  • im Hinblick auf die Entstehung eine Wissens über den bergmännischen Körper und dessen Interaktion mit seiner Umwelt: Die medizinischen Experten objektivierten seit dem Kaiserreich im verstärkten Maße den bergmännischen Körper, oder zugespitzter ausgedrückt: es setzte ein tiefgreifender Prozess der Medikalisierung und Pathologisierung des bergmännischen Körpers ein, der diesen als einen gefährdeten und gefährlichen konstruierte. Gleichzeitig wurde das produzierte Wissen von anwendungsorientierten Disziplinen, z.B. Hygiene und Arbeitsmedizin, für Interventionen am bergmännischen Körper genutzt. Darüber hinaus wirkten die Interventionen der wissenschaftlichen Experten bis hinein in die bergmännische Arbeitspraxis und alltägliche Lebensumwelt.


Ausgehend von den oben formulierten Fragestellungen, die den Schwerpunkt auf das Verhältnis von Diskurs, Politik und Wissen setzen, wird ein methodischer Zugriff gewählt, der sich eng an synthetisch operierende Diskurs- und Gouvernementalitätsstudien (Michel Foucault) anlehnt. Im Februar 2011 fand Im Rahmen des DFG-Forschungsprojektes ein Workshop an der Ruhr-Universität Bochum statt. Informationen dazu finden Sie hier:

Arbeit–Körper–Rationalisierung: neue Perspektiven zum historischen Wandel industrieller Arbeitsplätze

 

 

Abgeschlossenes Forschungsprojekt:

 

Vergangenheit und Zukunft sozialer Sicherungssysteme am Beispiel der Bundesknappschaft und ihrer Nachfolger

Leibniz-Forschungsprojekt 2007 - 2009

Die sozialen Sicherungssysteme stehen heute in der Bundesrepublik vor tiefen Umbrüchen, um der sich ändernden wirtschaftlichen Situation (insbesondere ausgelöst durch technischen Fortschritt und internationale Marktöffnung) und dem demographischen Wandel auch zukünftig gerecht werden zu können. So sollte das im Jahr 2010 anstehende 750-jährige Jubiläum der Gründung der ehemaligen Bundesknappschaft, die im Jahre 2005 in die "Deutsche Rentenversicherung Knappschaft - Bahn - See" umgewandelt worden ist, als Chance und Aufforderung begriffen werden, eine der bedeutendsten Institutionen der deutschen Sozialversicherung von ihren Wurzeln her umfassend zu untersuchen und ihre Aufstellung für die Zukunft unter Berücksichtigung der historischen Entwicklung zu analysieren.

Die Gruppe Knappschaft-Bahn-See hat als Besonderheit eigene Klinikbetriebe und ist speziell der Arbeitsmedizin und ihrer Entwicklung verbunden. Die Entstehung, Entwicklung, Aufgaben und historische Bedeutung dieser Einrichtung gilt es, in diesem Teil des Forschungsprojektes, das an der Abteilung für Medizinische Ethik und Geschichte der Medizin der Ruhr-Universität Bochum angesiedelt ist, zu untersuchen und nachzuzeichnen.

Des Weiteren soll die Einrichtung von Knappschaftskassen und die Einstellung von Knappschaftsärzten ebenso behandelt werden wie die Rolle von Bergwerken als Krankenhaus- und Apothekengründern als Zeichen einer bis dahin nicht existenten Infrastruktur im Gesundheitswesen. Weiteren Raum soll die Behandlung von bergbauspezifischen Krankheiten (z. B. Silikose, Ankylostomiasis, Nystagmus und Tuberkulose) sowie von Rehabilitationsmaßnahmen einnehmen.