Fisch Eugen Roth: Ordnung und andere Gedichte

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Eugen Roth (1895-1976) aus der
Reihe Mensch und Unmensch (1948)

Ordnung


Ein Mensch, mit furchtbar vielen Sachen,
will eines Tages Ordnung machen.
Doch dazu muss er sich bequemen,
Unordnung erst in Kauf zu nehmen:
Auf Tisch, Stuhl, Flügel, Fensterbrettern
ruhn ganze Hügel bald von Blättern.
Denn will man Bücher, Bilder, Schriften
in die gemäße Strömung driften,
muss man zurückgehn zu den Quellen,
um Gleiches Gleichem zu gesellen.
Für solche Taten reicht nicht immer
das eine, kleine Arbeitszimmer:
Schon ziehn durchs ganze Haus die kühnen
papierig-staubigen Wanderdünen,
und trotzen allem Spott und Hassen
durch strenge Zettel: Liegen lassen!
Nur scheinbar wahllos ist verstreut,
was schon als Ordnungszelle freut;
doch will ein widerspenstig Päckchen
nicht in des sanften Zwanges Jäckchen.
Der Mensch, der schon so viel gekramt,
an diesem Pack ist er erlahmt.
Er bricht, vor der Vollendung knapp,
das große Unternehmen ab,
verräumt, nur dass er auch wo liegt,
den ganzen Wust: Das Chaos siegt!

Das Hilfsbuch


Ein Mensch, nicht wissend von "Mormone"
Schaut deshalb nach im Lexikone
Und hätt es dort auch rasch gefunden -
jedoch er weiß, nach drei, vier Stunden
Von den Mormonen keine Silbe -
Dafür fast alles von der Milbe,
von Mississippi, Mohr und Maus:
Im ganzen "M" kennt er sich aus.
Auch was ihn sonst gekümmert nie,
Physik zum Beispiel und Chemie,
Liest er jetzt nach, es fesselt ihn:
Was ist das: Monochloramin?
"Such unter Hydrazin", steht da.
Schon greift der Mensch zum Bande "H"
Und schlägt so eine neue Brücke
Zu ungeahntem Wissensglücke.
Jäh fällt ihm ein bei den Hormonen
Er sucht ja eigentlich: Mormonen!
Er blättert müd und überwacht:
Mann, Morpheus, Mohn und Mitternacht.
Hätt weiter noch geschmökert gern,
Kam bloß noch bis zum Morgenstern
Und da verneigte er sich tief
Noch vor dem Dichter - und - entschlief.

Verdorbener Abend


Ein Mensch gedenkt, daheim zu bleiben
Und still an seinem Buch zu schreiben
Da ruft ein Freund an, ausgeh-heiter,
Und möchte ihn als Fest-Begleiter
Der Mensch lehnt ab, er sei verhindert.
Jedoch sein Fleiß ist schon gemindert.
Indes er wiederum nun sitzt,
Ein graues Heer von Ratten flitzt
Aus allen Winkel, Ritzen, Rillen,
Um zu benagen seinen Willen.
Gleichzeitig äußert sich auch jetzt
Der Floh, ihm jäh ins Ohr gesetzt,
Dass er die herrlichsten Genüsse
Durch seinen Trotz versäumen müsse.
Geheim vertauscht sich Zeit und Ort:
Halb ist er hier, halb ist er dort,
Und ist schon dort jetzt zu zwei Dritteln.
Er greift zu scharfen Gegenmitteln,
Beschimpft sich, gibst sich selbst Befehle,
Rast gegen seine schwache Seele-
Umsonst; er schleppt zum Schluss den Rest,
Der noch geblieben, auf das Fest.
Jedoch der Rest ist leider schal,
Dem Menschen wird die Lust zur Qual.
Nach Hause geht er bald, bedrückt....
Es scheint, der Abend ist missglückt.

Das Schnitzel


Ein Mensch, der sich ein Schnitzel briet,
Bemerkte, dass ihm das misriet.
Jedoch, da er es selbst gebraten,
Tut er, als wär es ihm geraten,
Un, um sich nicht zu strafen Lügen,
Isst erīs mit herzlichem Vergnügen.

Ein Ausweg


Ein Mensch, der spürt, wenn auch verschwommen,
Er müsste sich, genau genommen,
Im Grunde seines Herzens schämen,
Zieht vor, es nicht genau zu nehmen.

So ist das Leben


Ein Mensch lebt friedlich auf der Welt,
Weil fest und sicher angestellt.
Jedoch so Jahr um Jahr, wennīs lenzt,
Fühlt er sich sklavenhaft begrenzt
Un rasselt wild mit seinen Ketten,
Als könnt er so die Seele retten
Un sich der Freiheit und dem Leben
Mit edlem Opfermut ergeben.
Jedoch bei näherer Betrachtung
Spielt er nur tragische Verachtung
Un schluckt, kraft höherer Gewalt,
Die Sklaverei und das Gehalt.
Auf seinem kleinen Welttheater
Mimt schließlich er den Heldenvater
Und denkt nur manchmal noch zurück
An das einst oft geprobte Stück,
Das niemals kam zu Uraufführung.
Und er empfindet tiefe Rührung,
Wenn er die alte Rolle spricht
Vom Mann, der seine Ketten bricht.

Unter Aufsicht


Ein Mensch, der recht sich überlegt,
Dass Gott ihn anschaut unentwegt,
Fühlt mit der Zeit in Herz und Magen
Ein ausgesprochnes Unbehagen
Und bittet schließlich Ihn voll Grauen,
Nur fünf Minuten wegzuschauen.
Er wolle unbewacht, allein
Inzwischen brav und artig sein.
Doch Gott, davon nicht überzeugt,
Ihn ewig unbeirrt beäugt.

Voreilig


Ein Mensch in seinem ersten Zorn
Wirft leicht die Flinte in das Korn
Und wenn ihm dann der Zorn verfliegt,
Die Flinte wo im Korne liegt.
Der Mensch bedarf dann mancher Finte,
Zu kriegen eine neue Flinte.

Sprichwörtliches


Ein Mensch bemerkt mit bitterm Zorn,
Dass keine Rose ohne Dorn.
Doch muss ihn noch viel mehr erbosen,
Dass sehr viel Dornen ohne Rosen.

Man wird bescheiden


Ein Mensch erhofft sich fromm und still,
Dass er einst das kriegt, was er will.
Bis er dann doch dem Wahn erliegt
Un schließlich das will, was er kriegt.

Kunst


Ein Mensch malt, von Begeisterung wild,
Drei Jahre lang an einem Bild.
Dann legt er stolz den Pinsel hin
Und sagt: "Da steckt viel Arbeit drin."
Doch damit wasīs auch leider aus:
Die Arbeit kam nicht mehr heraus.

Verhinderter Dichter


Ein Mensch, zur Arbeit wild entschlossen,
Ist durch den Umstand sehr verdrossen,
Dass ihm die Sonne seine Pflicht
Und Lust zum Fleißigsein zersticht.
Er sitzt und schwitzt und stöhnt und jammert,
Weil sich die Hitze an ihn klammert.
Von seinem Wunsch herbeigemolken,
Erscheinen alsbald dunkle Wolken,
Der Regen rauscht, die Traufen rinnen.
Jetzt, denkt der Mensch, kann ich beginnen!
Doch bleibt er tatenlos und sitzt,
Horcht, wie es donnert, schaut, wieīs blitzt,
Und wartet, dumpf und hirnvernagelt,
Obīs nicht am Ende gar noch hagelt.
Doch rasch zerfällt das Wettertoben -
Der Mensch sitzt wieder: Siehe oben!

Briefe, die ihn nicht erreichten...


Ein Mensch denkt oft mit stiller Liebe,
An Briefe, die er gerne schriebe.
Zum Beispiel: "Herr! Sofern Sie glauben,
Die dürften alles sich erlauben,
So teil ich Ihnen hierdurch mit,
Dass der bewusste Eselstritt
Vollständig an mir abgeprallt -
Das weitere sagt mein Rechtsanwalt!
Und wissen Sie, was Sie mich können?..."
Wie herzlich wir dem Menschen gönnen,
An dem, was nie wir schreiben dürfen,
Herumzubasteln in Entwürfen.
Es macht den Zornigen sanft und kühl
Und schärft das deutsche Sprachgefühl.

Abschrift: Manfred Hauenschild, Bochum, 03.03.2012