Änderungen an meinem Arbeitsplatz

Lebenslauf
Adressen Links
Gedichte Texte
Predigten Seminare
Impressum


      Anwendersoftware - selbst gestrickt und von der Stange


            Beitrag zum 4. Juli 1996 zur Emeritierung vom Prof. Dr. Ehlich

            Ach, wie war es doch vordem mit einem Rechner so bequem!

Er hieß TR440 mit dem für seine Zeit wegweisenden Betriebssystem BS3.
Sonst war aus heutiger Sicht vieles bescheiden, die Speichergrößen und die Geschwindigkeit. Das verlangte von Programmierer einiges Nachdenken, die knappen Resourcen optimal zu nutzen. Viele der heute auf den Arbeitstischen der Mitarbeiter der Hochschule stehenden Arbeitsplatzrechner haben gleiche oder höhere Rechenleistung und größeren Plattenspeicher als dieser eine TR 440 auch als Doppelprozessormaschine, der den Rechenbedarf der gesamten Universität decken sollte. Mir hat es viel Spaß gemacht, an der Benutzerfreundlichkeit dieses Rechners mitzuarbeiten. Da waren eigene Konzepte, eigene Wege und eigenes Programmieren gefragt. Neben geschickter Segmentierung der Programmteile gab es so praktische Probleme wie, neben Haushalt und Maintenance auch ab und zu eine, und machmal sogar zwei Wechselplatten auflegen zu dürfen.

Vor 23 Jahren, im Juni 1973 habe ich nach fünf Jahren Mathematik- und Physikstudium in Bochum als wissenschaftlicher Mitarbeiter am Rechenzentrum angefangen und nach gut drei Jahren die Leitung des Arbeitsbereiches Anwendersoftware übernommen. Ich habe gut drei Viertel der Amtszeit meines Chefs miterlebt und wesentliche Teile des Wandels mit vollzogen. Professor Ehlich hat mir und meinen Mitarbeitern dabei viel Freiraum zur persönlichen Entfaltung gelassen. Er war überzeugt, dass Eigeninitiative und Freude an der Arbeit besser motivieren als Vorschriften und Überwachung. Für diesen Freiraum nach innen und den Schutz nach außen bin ich ihm zunehmend dankbar. Meine wesentlichen Entscheidungen habe ich regelmäßig mit ihm besprochen und abgestimmt. Dabei hat er durch gutes Zuhören, Erklären des Gesamtkurses und der Rahmenbedingungen, und oft auch durch klares Ja oder Nein wesentlichen Anteil am Ergebnis.

Seit den ersten Jahren am Rechenzentrum haben mich zwei Statistik-Programm- Systeme begleitet, die stetig weiterentwickelt wurden und allen Veränderungen zum Trotz bei bester Gesundheit allmählich in die Jahre kommen: SPSS und BMDP, Allround-Programme für fast alle gängigen statistischen Verfahren. Heute sind die PC-Versionen so benutzerfreundlich und leistungsfähig, das Workstation- und Zentralrechner-Versionen nur wenig gefragt sind. An ihnen kann man den Wandel in der Datenverarbeitung sehr schön ablesen. Die Steuersprache zur Programmsteuerung ist fast vollständig einer Menüsteuerung in Rahmen der graphischen Oberflächen gewichen, die einfachen Graphiken für den Drucker hochauflösenden Graphiken für den Laserprinter. Neue statistische Verfahren wurden ergänzt und weitgehend integriert. Dabei ist in beiden Programmen die Prägung durch ihren Ursprung in den Sozialwissenschaften bzw. in der Biologie und Medizin bis heute zu erkennen.

Es gibt bis heute besonders im ingenieurwischenschaftlichen Bereich große Lehrstühle und Institute, die in der Finanz- und Personalausstattung dem Rechenzentrum überlegen waren und hard- und softwaremäßig sehr selbständig gearbeitet und nur gelegentlich die Kooperation mit dem Rechenzentrum gesucht haben. Auf unsere Hilfe angewiesen waren stärker die kleineren Lehrstühle besonders aus dem geisteswischenschaftlichen Bereich. Für sie war der Zugang zu einem der vielen auch dezentral aufgestellten Terminals neben dem Abgeben von Lochkartenstapeln oder Lochstreifenrollen der wesentliche Weg zu Rechenkapazität und Rechenleistung. Ich habe noch größere Programme auf Lochkarten und Lochstreifen codiert.

Neben Betriebssystem und Compilern gab es relativ wenig Software zu kaufen. Ein großer Teil wurde im wesentlichen gegen Datenträger- und Dokumentations- Kosten unter den Rechenzentren ausgetauscht, wobei die Rechenzentren mit Rechenanlagen vom gleichen Hersteller besonders eng zusammenarbeiteten. Nur an einer Stelle sollte die aufwendige Anpassungsarbeit für bestimmte Rechner- und Betriebssysteme geleistet werden. Die aus heutiger Sicht klobigen Magnetbandrollen waren das wesentliche Medium für den Daten- und Programm- Austausch. Die kleinen 4mm DAT-Bänder haben heute die 20-fache Kapazität der Magnetbandrollen bei höchster Schreibdichte.

Noch gut erinnere ich mich an den Hersteller-, Rechner- und Betriebssytem- Wechsel im Jahre 1980. Wie froh war ich über eine Arbeitsgruppe der Control Data Rechenzentren im deutschsprachigen Raum: URBOSS (dh. Universitäts- Rechenzentren Benutzer Orientierte Software-Systeme). Hier fand ich Kollegen, die mir halfen, die neue Gruppe kennenzulernen, und die spezifischen Probleme der Cyber-Rechner kennenzulernen und zu überwinden. Ich empfang das als so hilfreich, dass ich später für den Bereich der Vektor- und Parallel-Rechner einen ähnlichen Arbeitskreis ins Leben gerufen habe. Hier wurden wichtige Software-Listen und -Erfahrungen zusammen getragen und Tricks zur Umgehung von Fehlern und Hilfsprogramme ausgetauscht. Beide Arbeitskreise leisten bis heute unter stark veränderten Bedingungen gute Arbeit.

Der Grund für meine Mitarbeit im Arbeitskreis für Vektor- und Parallel-Rechner war der Landesvektorrechner Cyber 205, der 13 Jahre in Bochum gute Leistung erbracht hat. Ein wesentlicher Grund dafür war, dass Professor Ehlich von Anfang an darauf geachtet hat, dass auf ihm nur für die Besonderheiten dieses Rechners optimierte Programme gerechnet werden durften. Er selbst hat mit der Erstellung eines Pascal V Compilers ein wichtiges Werkzeug zur Verfügung gestellt. Daneben gab es einen vektorisierender Fortran-Compiler und eine Programmbibliothek mit optimierten Basisroutinen. Softwarehersteller haben erst im Laufe der Jahre speziell angepaßte Software geliefert. So waren die meisten Benutzer darauf angewiesen, ihre Algorithmen und Programme selbst zu vektorisierem.

Der Wandel zu Arbeitsplatzrechnern begann bei uns mit den EGS-Geräten, Rechnern mit dem Betriebssystem MIPS, mit Arbeitsspeicher und Disketten-Laufwerk (groß und schwer). Die Konzentration verlagerte sich hier erstmals auf dezentrale Rechner, auch wenn der Schwerpunkt der Rechenleistung und des Softwareangebots noch vom zentralen Großrechnern erwartet wurden. Die im Anfang notwendigen Fähigkeiten und Tugenden waren aber immer noch stark gefragt.

Die Entwicklung zu leistungsstarken, preiswerten Arbeitsplatzrechnern hält bis heute mit zunehmendem Tempo an und schließt neben PCs und Workstations auch Parallel- und Vektor-Rechner ein. Die zentralen Rechner sind nicht verschwunden, ganze Kluster werden als Compute-, File-, Software-, Mail- oder WWW-Server angeboten, die über immer schnellere und umfassendere Netze die Arbeitsplatzrechner ergänzen und weltweit miteinander verbinden. Hier ist ein ungeheuer großer und umfassender Informations- und Datenaustausch weitgehend ohne Einflußnahme der Politiker und Juristen, ohne Zollgrenzen und kaum zu überwachen entstanden.

Wesentliche Teile der Software werden kostenlos zur Nutzung oder Erprobung über die Netze angeboten und verbreitet. Andere Softwarebereiche werden legal nur gegen Lizenz-Vertrag und -Gebühren auf Datenträgern und über zugriffsgeschützte Software-Server weitergegeben. Hier sind Campus- und Landes-Lizenz-Verträge zur Erzielung hoher Rabatte durch hohe Stückzahlen immer mehr gefragt. Software-Entwicklung und -Pflege ist nur noch die Aufgabe weniger Spezialisten. Fehler-Suche und -Behebung geschieht nicht mehr im Rahmen der Beratung, sondern bei der nächsten oder übernächsten Programm-Version. Wenn man Glück hat, gibt es Korrekturvorschläge. Die selbstgestrickte Software ist der Software von der Stange fast vollständig gewichen. Statt Programmierung geht es heute um Softwareüberblick, Bedarfsanalysen, Lizenzverhandlungen, Verteilungswege, Abrechnungen intern und mit den Softwareherstellern oder den -Lieferanten. Die Kostenersparnisse sind nicht so, wie es die günstigen Preise glauben lassen. Einmal sind statt einem zentralen Rechner über 5000 dezentrale Rechner mit Software zu versorgen und der an die Hochschulen verlagerte Personalaufwand für Verteilung und Abrechnung ist ganz erheblich. Die auf Servern in Netzen angebotene Software ermöglicht neue Wege der Nutzung und neue Fragen der Kostenberechnung und der Überwachung. Die allgemeine Schulung der Benutzer und die individuelle Beratung sind aber bis heute ein wesentlicher Teil unserer Arbeit geblieben.

Früher habe ich nie Kaufmann werden wollen. Unter der Hand hat sich mein Arbeitsplatz so sehr verändert, dass ich zu einem guten Teil Softwarehändler geworden bin, wenn auch ein akademischer, ausschließlich für Forschung und Lehre. Freude bereiten mir dabei weiterhin die oft guten Kontakte zu Mitarbeitern, Kunden und Lieferanten. Selbstverständlich kann ich die anfallenden Arbeiten nicht alleine leisten. Für den Bereich Softwarekörbe der Hersteller für Workstations hat sich eine eigene Arbeitsgruppe gebildet. Der große Bereich Graphik-Software auf Workstations und PCs einschließlich der umfamgreichen Beratung wird von meinen Mitarbeiter(inne)n und Student(inn)en eigenverantwortlich bearbeitet. So bleibt mir noch, auch ihnen für gute und eifrige Zusammenarbeit zu danken.




  Autor:   Manfred Hauenschild,    E-Mail: hauenmfg@rub.de                     04. Juli 1996
                  Falterweg 24,                 D - 44799 Bochum                                 Fon 0152 2894 2997,  
                  Kurzröderstraße 5,         D - 60435 Frankfurt - Eckenheim           Fon 0152 2894 2997,  
                  Bültestraße 14,               D - 32584 Löhne (Westfalen)                 Fon 0152 2894 2997,