Dr. Dr. Michael Lütge

6 Gott als Licht und die Astrophysik (2008)

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Dieser Text entstand im Rahmen meiner als Habilitation geplanten Arbeit über den Himmel als Heimat der Seele, also Extasetechniken der Gnostischen Bewegungen und speziell den Zostrianos aus Nag Hammadi. Er wird hier als Einzelstück publiziert und unterliegt dem Copyright. Guttenbergsche Kopiermaßnahmen werden geahndet.

6.1 Das ewige Licht und die Strahlen der Sonne

Das Licht ist Gegenpol der Finsternis. Beides gehört zusammen als Grundlage des Kosmos. Diesen Gegensatz haben seit den Mythen der Churriter die Kosmologien der Zoroastrier, Vorsokratiker und Gnostiker immer wieder betont: Der Wettergott Teschub ist in Tempeln in Arrapkha und Haleb abgebildet in einem Streitwagen, der von den Stieren Seris und Huris (Tag und Nacht) gezogen wird. Dies beeinflußte gemeinsam mit Zarathustra den Licht-Nacht-Zyklus von Hesiod und Parmenides. Parmenides hat, als der Magier Ostanes Griechenland infiltrierte, von der zarathu trischen Lehre mitbekommen. Zarathustras Gegensatz von Licht, Wahrheit, Feuer versus Nacht, Trug und Verblendung ist auch für ihn bestimmend geworden. Empedokles weitet diesen Dualismus zu einem Zyklus der Trennungen und Wiedervereinigungen der Elemente aus, in dem alles gemischt aus Feuer, Luft, Wasser und Erde besteht. Seine Grundelemente kommen in Jungsternen vor: Gaswolken, die Wasserstoff und Helium verbrennen und Staub herausschleudern, der zu orbitalen Gesteinsplaneten kumuliert. Bei den Orphikern ist Nacht-Chaos Weltursprung. Und in der Tat hat sich der Urknall unregelmäßig ausgebreitet ins All, unterliegt die Energie/Masse-Verteilung dem Chaosprinzip. Anaximanders Hauptgegensatz war ebenfalls Licht und Nacht. Heraklit sah als aller Welt Anfang und Ende das nach Maßen sich entzündende und verlöschende Feuer, t/ p«r, aus dem als pur/' tropa[, Wandlungen des Feuers, das Wasser hervorgeht und daraus alles übrige. Auch die Seele ist eine Ausdünstung des Feuers. Diese Geschichte des nach Maßen auflodernden und verglühenden Feuers läßt jeder einzelne Stern mit seinem Ausbruch zur Supernova und dem allmählichen Verglimmen zum weißen Zwerg erkennen. Die Essener, der johannäische Kreis und weite Teile der Gnosis sehen den Dualismus Licht - Finsternis als zentrales Weltprinzip.

So hat sich aus der Reflexion der Erddrehung und ihrem Effekt der zeitweisen Befindlichkeit einer Region im Sonnenstrahlenfeld und dann wieder im Schatten der Erdkugel, aus diesem Gegensatz von Tag und Nacht, in der Religion ein Modell von Licht und Finsternis gebildet, was tiefste Entsprechungen in der Grundstruktur des Kosmos hat, der auch aus Materie und Antimaterie besteht und in der polare Verhältnisse wie positive und negative Ladung eines Teilchens wesentliche Strukturen bilden.

Die energiefreisetzende Materie der Sonnen, die das Licht fast ewig verströmen, hat im Kosmos ihr Pendant: Die schwarzen Löcher der Antimaterie, die durch ihre ungeheuere Massendichte und Gravitation alle erreichbare Materie und alle Lichtwellen in sich aufsaugen. Und daneben Dunkelmaterie unbekannter Menge. So ist der Gegensatz von Licht und Finsternis nur vordergründig mit der siderischen Rotation und Schattenspielen durch Orbitalbahnen zu erklären. Es gibt im Higgs-Feld die nukleare Kettenreaktion eines Urknalls und das Implodieren in das Nichts, wobei aus diesem Nichts Energie gewonnen wird, die zu Materie/Antimaterie zerfällt mit dem Quarks-Überschuß der Materie, die hinfort ihrerseits sich zu Galaxien und Sternen verdichtet und beim Zusammenballen zu Sonnen verbrannt in den mit ihr allererst entstehenden krummen Raum explodiert und ihn chaotisch zur riesigen Metagalaxienschale formt. So bilden Licht und Finsternis im Entstehen von Energie und Materie eine Polarität, die aus sich erst die polare Materie freisetzen konnte. Gut war das Licht mit seinen Billionen Hitzegraden für das Anwachsen der Materie und Güter des Kosmos, aber das gleiche Licht läßt sie teilweise verbrennen und vergehen und konstituiert irreversible Zeit und Vergänglichkeit. So ist der gnostische Schluß, Licht sei gut, Finsternis böse, kosmologisch nicht zutreffend. Speziell auf unserer Erde ist das Gute der richtige Abstand zum Licht, zur Sonne. Ohne die Nacht oder zu nahe an der Sonne würden wir verglühen. Leben ist im Spiel der Sterne eine Frage homöopathisch minutiöser Dosierung von Energie und Materie, bei der makromolekulare Gebilde zu Zellen wurden, die sich durch Zellteilung vermehren lernten und immer komplexere Formen annahmen wie etwa Tiere und das besonders entwickelte und grausige Tier Mensch. Das Gute oder Böse ist weithin eine Frage der Dosierung von Licht und Finsternis, eine Frage des Maßes, wie Heraklit zu Recht sagte. Ohne Sonne wäre kein Leben, aber die pure Sonne würde uns zu Asche brennen.

Vielleicht sind es deshalb in den Henoch-Himmelsreisen nur einzelne Auserwählte, die nach besonderer Vorbereitung das Geheimnis des Kosmos offenbart bekommen und Gott auf seinem Thron als ewiges Licht sehen dürfen. 2 Hen 24ff (oben 1.11.4) sitzt Henoch auf dem Thron Gottes im unendlichen Licht und erfährt, wie dieser aus geistigem das materielle erschaffen hat und dort erst Licht und Finsternis als zwei Pole von oben und unten instauriert. Das Higgs-Feld wäre in der Tat ein Zustand vor dem Urknall, bei dem keine Materie existierte und welches beides quasi zur Explosion aus dem Nichts katalysieren konnte. Im Vergleich zu den Töpferschöpfermythen oder dem Hochwassermythos ala Enûma eli  in Gen 1 wäre diese zervanistische, astral versierte Idee einer Materiebildung aus einem vormateriellen Zustand wirklich das fortschrittlichere Modell einer mythischen Kosmologie.

Daß der Himmel quasi mehrere Stufen oder Räume hat, ist astrophysikalisch gar nicht so unsinnig. In der Tat ist der Weltraum ein Gebilde, in der Makrokosmische Strukturen sich bis in den Mikrokosmos der Elementarteilchen reproduzieren nach einer ähnlichen genetischen Logik. So kann man von dem Erde-Mond-System zum nächstgrößeren kommen, in dem die Erde nur ein Mond um die Sonne ist wie Mars und Venus. Und dieses Sonnensystem ist ein Furz in einem Spiralarm der Milchstraße. Und diese Milchstraße ist eine Galaxie unter vielen Millionen ähnlichen und unähnlichen Spiralnebeln. Und dieses ganze metagalaktische System des spiralnebelartig als flache Untertasse geformten Kosmos ist wiederum nur eine mögliche Seifenblase im Schaum anderer Welträume. Es gibt quasi unsere ganze Welt immer noch einmal größer in einer neuen Dimension. Und diese galaktische Überdimensionalität ist mit dem Bild des einen Himmels über dem anderen und der immer größeren Höhe der darüberliegenden Himmel eigentlich nicht schlecht getroffen, wenn man vernachlässigt, daß die Erde als Scheibe gedacht wurde, während sie wirklich eine Kugel ist und oben und unten sehr relative Begriffe sind. Und während wir heute umgekehrt den Weltraum eben weder als Quader denken dürfen noch als Kugel, ist der doch selbst eher wie die Scheibe, die das frühe Bild der Erde prägte. So verbirgt sich hinter allem mythischen Denken in der Himmelsreiseliteratur ein Wahrheitsmoment über den Himmel: daß jedes System nur ein Subsystem eines noch größeren ist und wir kaum erkennen können, welches Metasystem nun wirklich das größte, oberste und letzte ist.

6.2 Der Urknall, das Licht und das Verbrennen kosmischer Materie

Licht entsteht physikalisch beim Sprung eines Elektrons von einem weiteren zu einem engeren Orbital im Umkreisen des Atomkerns. Dabei gibt das Elektron überschüssige kinetische Energie in Form von Licht ab, Photonen. Zweite Möglichkeit: Kollidieren Materieteilchen miteinander, können sie noch wesentlich mehr Photonen-Energie freisetzen, ja sich völlig in Licht aufbrennen. Und umgekehrt können aufeinanderprallende Lichtstrahlen sich gegenseitig auslöschen und dabei in Teilchen umwandeln. Lichtwellen haben eine konstante Geschwindigkeit von ca. 300.000 km/sek, während ihre Frequenz sich erheblich ändern kann von energiereicher hochfrequenter Gammastrahlung bis zu energiearmen langwelligen Radiostrahlen. Man sieht mit unseren Augen nur eine minimalen Ausschnitt des elektromagnetischen Strahlenspektrums als Farblicht. Weißes Licht ist dabei ein Gemisch aus Licht aller sichtbaren Wellenlängen. Lichtstrahlen, die ein Stern aussendet, lassen via Spektralanalyse Rückschlüsse auf die Elemente zu, die dieses Licht produzieren oder die es durchdringen muß. Durch Robert Bunsens Spektroskop wurde 1850 erkennbar, daß Sterne heiße Gaskugeln sind, während Planeten aus Gestein auf ihrem Umlauf um solche Sonnen deren abgestrahltes Licht nur reflektieren.

Dabei reicht das bisher festgestellte elektromagnetische Strahlenspektrum des Kosmos von den langwelligen Radiostrahlen über Infrarot zum vergleichsweise minimalen optischen Bereich und weiter zum Ultraviolett, der Röntgenstrahlung und der extrem kurzwelligen Gammastrahlung. Je höher die Oszillation einer Welle, um so größer die Energie. Daher sind Gammastrahlen die kräftigsten Strahlen und je länger sie verstrahlen, desto mehr Energie geben sie ab und ihre Frequenz wird langsamer bis schließlich nach Milliarden von Jahren Radiowellen aus ihnen geworden sind. Weltraumteleskope jenseits der filternden Erdatmosphäre können diese Photonenstrahlung aufzeichnen. In Entstehungszonen neuer Sterne wird vorwiegend infrarote Wärmestrahlung frei. Wenn zwei Sternhaufen oder Galaxien kollidieren oder verschmelzen oder ferne Sterne explodieren, entsteht Röntgenstrahlung. Kollidieren zwei Neuronensterne und explodieren, sind Gammastrahlen registrierbar. Da Licht eine Energieform ist, kann es nicht einfach verschwinden, sondern wandelt sich in eine andere Energieform um. Dabei sind die Stoffe, die Licht absorbieren, wählerisch: Während z.B. Methan bei grünem Licht kalt bleibt, wird es bei rotem Licht warm. Absorbenten von Licht erwärmen sich. Die bekannteste Nutzung dieses Absorptionseffekts sind Sonnenkollektoren aller Art, die deren vorwiegend im sichtbaren und ultravioletten Bereich oszillierende Lichtenergie wandeln.

Beim Urknall gab es mehr Energie in Strahlungsform als Materie. Je weiter das All expandiert, um so weiter verteilt und verringert sich die Strahlungsdichte. Heute ist die Energiedichte durch Strahlung völlig vernachlässigbar; sie wird dominiert durch die Photonen der kosmischen Hintergrundstrahlung und durch Neutrinos aus dem frühen Universum. Dies war nicht immer so: während die Energiedichte von Staub sich kaum ändert, nimmt die Photonendichte ab und jedes Photon ändert durch adiabatische Expansion seine Energie (d.h. Frequenz). Also gab es einen Zeitpunkt in der kosmischen Entwicklung, wo Staub und Strahlung gleiche Energiedichte besaßen. Noch früher dominierte die Energiedichte der Strahlung.

Albert Einstein (1879-1955) bekam 1914-16 von meiner Großmutter Wilhelmine Lütge seine morgendliche warme Milch und Vollverpflegung im Berliner Kaiser-Wilhelm-Institut für physikalische und Elektrochemie (heute Fritz-Haber-Institut der Max-Planck-Institute), wo mein Großvater Hermann Lütge (1886-1965) die Hausmeisterwohnung auf dem gleichen Flur wie Einstein hatte und als Feinmechanikermeister und Leiter der Werkstätten technische Geräte für die Forschung baute, etwa das Ammoniak-Synthese-Setting Haber und Bosch oder Röntgengeräte.[i] In diesen zwei Jahren entwickelte Einstein bahnbrechende Vorstellungen über das Weltall, während Haber den Giftgaskrieg erfand und das Institut zur Giftgasfabrik umfunktionierte. Mein Vater war gerade auf der Welt, als Einstein nach Berlin kam; beide bekamen also ihre Milch von meiner Oma, aber aus verschiedenen Quellen.

Rechts im Bild ist Einstein mit Haber 1915 zu sehen, unten die Kaiser-Wilhelm Institute für Chemie (links) und für organische Chemie und Elektrochemie (rechts) 1913.

Einstein hatte in seiner Zeit beim Berner Patentamt 1905 seine Spezielle Relativitätstheorie (»Zur Elektrodynamik bewegter Körper«) entwickelt. 1916 erweiterte er sie in seiner Allgemeinen Relativitätstheorie[ii] und lieferte so die theoretischen Grundlagen für die Vorstellung des gekrümmten Raums und der gekrümmten Zeit in einem expandierenden Universum. Die Spezielle Relativitätstheorie handelt von der Konstanz der Lichtgeschwindigkeit ohne Gravitationseinflüsse und der Abhängigkeit der Geschwindigkeit überhaupt vom Standort des Beobachters, der ja im Weltall immer selbst auch in geschwinder Bewegung ist. Die Allgemeine Relativitätstheorie handelt vom durch Gravitation gekrümmten Raum, in dem die kürzeste Verbindung eine elliptische Kurve ist und eben nicht die abstrakt gedachte Linie. Man hielt dies lange für Spinnerei, bis 1919 englische Astronomen um Eddington während einer Sonnenfinsternis Fotos aufnahmen, die zeigten, daß von benachbarten Sternen ausgesandte Lichtstrahlen abgelenkt wurden, wenn sie das Schwerefeld der Sonne passierten. Mit Hilfe der allgemeinen Relativitätstheorie Einsteins hat man die Krümmung des Raumes in Zusammenhang mit der Anwesenheit und der Verteilung der Massen in Raum gebracht. In der Umgebung massereicher Himmelskörper ist der Raum stärker gekrümmt als in größeren Abständen von solchen Massen. Die Gesamtheit aller Massen bedingt folglich die Gesamtkrümmung des Weltraums. Alexander Friedmann konnte 1922 zeigen, daß dieses Weltall instabil ist und durch Expansion und Kontraktion bestimmt wird. Die Gravitation ist so stark, daß der Raum in sich selbst zurückgekrümmt wird, so daß er Ähnlichkeit mit der Oberfläche einer ziemlich plattgedrückten, schon fast Untertassen-förmigen Kugel bekommt. Wenn man sich auf der Erdoberfläche ständig in eine bestimmte Richtung bewegt, kommt man wieder an seinen Ausgangspunkt zurück. Der Weltraum ist theoretisch ebenso durchquerbar, weil er gekrümmt ist; ein unendlich schneller Pfeil ins All abgeschossen müßte quasi von der anderen Seite her wieder auf die Erde zufliegen.

Heute bestätigen kosmologischen Daten und mathematische Berechnungen der Weltraumteleskope wie der NASA-Satellit »Cosmic Mikrowave Background Explorer« (Cobe) und das Hubble-Space-Teleskop die von dem russischen Physiker Andrej Linde beschriebene plötzliche Ausdehnung durch eine vorausgegangene gewaltige Explosion, den Urknall. Die wichtigsten Argumente für eine Urknalltheorie lieferten die Beobachtungen von Edwin Hubble, die er 1929 zu der Vorstellung eines expandierten Universums zusammenfaßte. Er beobachtete, daß fast alle Galaxien unter Beibehaltung ihrer Form sich mit hoher Geschwindigkeit voneinander entfernten: Je weiter die Galaxien entfernt sind, um so schneller bewegen sie sich von uns weg. Bestimmt werden diese Beobachtungen durch den Dopplereffekt. Mit wenigen Ausnahmen (z.B. Andromeda) sind die Spektren von Galaxien rotverschoben. Das Weltall ist 13,7 Milliarden Jahre nach dem Urknall immer noch in ständig zunehmender Explosion und somit dürfte sich der Raum ebenfalls beständig vergrößern.

Teleskope ermöglichen eine Reise in die Tiefe der Zeit. Das Licht breitet sich mit der Geschwindigkeit von etwa 300.000 km/sek aus; wer ein strahlendes Objekt in 300.000 Kilometern Entfernung ansieht, schaut in die Vergangenheit vor einer Sekunde zurück. Sehen die Forscher 13,7 Milliarden Lichtjahre weit, haben sie eine Epoche im Blick, in der das Universum gerade 380 000 Jahre hinter sich hatte. Das »Very Large Teleskope« in Chile besitzt einen Hohlspiegel mit acht Metern Durchmesser. Man könnte mit ihm einen Astronauten auf dem Mond fotografieren. Es fängt die Strahlen der ersten Sterne ein, indem es einzelne Photonen eines Himmelsobjektes einige Zeit sammelt und auswertet. Es sind Signale aus jener Epoche, als die Himmelskörper gerade entstanden. Auf dem für Indianer heiligen Mount Graham in Arizona wurde am 15.10. 2004 das Large Binocular Telescope (LBT) gegen allen Widerstand von Indianern und Umweltschützern  unter deutsch-italienisch-amerikanischer Hoheit mit 2 Teleskopspiegeln von 8 m Durchmesser und 10fach größerer Leistung als das Weltraumteleskop Hubble eröffnet. Damit ist das Licht einer brennenden Kerze noch in 2,5 Millionen Kilometern Entfernung nachweisbar.

Die baryonische Materie besteht aus überwiegend Elementarteilchen wie Neutronen oder Protonen, so genannten Baryonen. Die bislang entdeckten Sterne, Gaswolken und anderen sichtbaren Objekte machen nur ein Drittel der baryonischen Materie aus. Aufgrund von Modellrechnungen vermutete man die übrigen zwei Drittel im Raum zwischen den Galaxien. UV-Spektren von aktiven Kernen weit entfernter Galaxien, die der Satellit «Fuse» (Far-Ultraviolet Spectroscopic Explorer) aufgenommen hatte, weisen ein charakteristisches Muster dunkler Linien auf, so genannte Absorptionslinien. Aus ihrer Verteilung und Stärke kann man auf die Anwesenheit hoch ionisierter Sauerstoffatome schließen, die zwischen den fernen Galaxien und der Erde als Teil einer riesigen Gaswolke liegen, die unsere Milchstraße und ihre als «Lokale Gruppe» bezeichneten Nachbargalaxien einhüllt. Aufgrund seiner hohen Temperatur strahlt dieses Gas bei zu hohen Energien, als daß es im sichtbaren Wellenlängenbereich entdeckt werden könnte. Kurz nach dem Urknall ist es durch Kollision der Baryonen zu einer Art Hitzeschock gekommen, der extrem hohe Energiemengen freisetzte. Dadurch wurde dieser Teil der Materie praktisch unsichtbar. Die Masse dieser Wolke ist etwa eine Billion Sonnenmassen. Sie kann alle fehlenden Baryonen der lokalen Gruppe zu enthalten. Man geht davon aus, daß Baryonen von der Schwerkraft der Dunklen Materie angezogen werden, so daß sie die Spur dieser Materie im Raum nachzeichnen.

Wenn auch nur wenige Lichtquanten, als Zeuge für die ersten Anfänge einer universellen Entwicklung zu Verfügung stehen, zu hören sind die Geburtsmomente des Kosmos gleichwohl, durch den elektromagnetischen Nachhall des Urknalls. Diese Hintergrundstrahlung ist der erkaltete Überrest der enormen Photonen-Energie, die nach der Bildung der Atomkerne das Weltall durchquerten. Das Universum dehnte sich immer mehr aus und kühlte dadurch ab. Aus der ursprünglich harten energiereichen Photonenstrahlung wurde die energiearme langwellige Hintergrundstrahlung. Im Gegensatz zur Hintergrundstrahlung im Mikrowellenbereich, die kurz nach dem Urknall entstand, stammt die Infrarot-Hintergrundstrahlung von den ersten Galaxien des Universums. Die jetzt beobachteten Galaxien glimmen nur sehr schwach. Der NASA-Satellit »Cobe« hat 1992 erstmals die kosmische Hintergrundstrahlung vermessen, wobei eine erstaunliche Gleichmäßigkeit der vom Urknall ausgehenden Reststrahlungsenergie gemessen wurde. Diese Hintergrundstrahlung kommt aus allen Bereichen des Weltalls und somit aus den Anfängen unseres Universum und anderseits spiegelt die nur winzige Unregelmäßigkeit eine inhomogene Verteilung der Energie auch schon im Urkosmos wieder.

Der »Boomerang«-Ballon in 28 Kilometer Höhe über der Antarktis untersuchte die Temperaturschwankungen der Hintergrundstrahlung genauer als »Cobe«. Es war möglich, Schwankungen in einem engen Winkelbereich zu messen. Würden sich Schwankungen über ein enges Winkelsegment erstrecken, wäre unser All eine flache Schale; würden sie einen großen Bereich einnehmen wäre unsere Welt konkav bzw. konvex gekrümmt. Die größten Wärmeschwankungen ergaben sich innerhalb eines Meßwinkels von etwa einem Grad. Unser All ist demnach eine flache Scheibe, ähnlich wie viele Galaxien selbst aus scheibenförmigen Spiralnebeln bestehen.

Die NASA stellte am 11. Feb. 2003 ein Jugendbild des Universums vor.[iii] Der Satellit MAP (Microwave Anisotropy Probe) beobachtete nach dem Start im Juli 2001 12 Monate die kosmische Hintergrundstrahlung 1,5 Millionen Kilometer von der Erde entfernt, wo sich die Gravitationskräfte von Erde und Sonne gerade ausgleichen. Die Sonde sucht dort den ganzen Himmel nach Mikrowellen ab, dem »Echo des Urknalls«. Das Licht, das wir heute als Mikrowellenstrahlung wahrnehmen, ist seit über 13 Milliarden Jahren unterwegs und zeigt unser Universum so, wie es 380 000 Jahre nach dem Urknall beschaffen war. Die Wellen sausen erst durch das All, seit sich hier 380 000 Jahre nach dem Big Bang Atome bilden konnten. Vorher waren noch keine Photonenstrahlungen möglich, also gibt es von dieser Früh-Zeit und dem Urknall selbst kein mögliches Licht-Zeugnis. Die winzigen Unregelmäßigkeiten des Strahlungsfeldes lassen Rückschlüsse auf die Geometrie des Universums, seinen Materiegehalt und andere kosmologische Parameter zu. Um diese Parameter genau zu bestimmen, hat MAP eine Karte des Mikrowellenhintergrunds erstellt, die den gesamten Himmel detailiert erfaßt. Nach diesen Daten macht die sichtbare Materie von Sternen und Planeten gerade 4 % des Gesamt-Universums aus, 23 % ist Dunkle Materie und 73 % die Dunkle Energie, die das Universum nach anfänglich relativ langsamer Expansion in den letzten Jahrmilliarden immer schneller auseinander treibt.

MAP hat das Alter des Weltalls auf exakt 13,7 Milliarden Jahre +/- 1% bestimmt. 180 Millionen Jahre nach dem Urknall entstanden erste Sonnen. Das Nachglimmen des Urknalls hat sich von vielen tausend auf 2,73° über dem absoluten Nullpunkt von -273,15° Celsius abgekühlt. In der bemerkenswert gleichmäßig über den Himmel verteilten Mikrowellen-Strahlung gibt es Schwankungen von wenigen millionstel Grad, die Anisotropien. Dieses »kosmische Kräuseln« zeigt auf dem »Wärmebild« oben im weitgehend grauen (= -270,42 °C) Rund eines elliptisch plattgedrückten Balles, dem jungen Weltall, die Keimzellen noch heute existierender Galaxien als ungleichmäßige Häufungen weißer Punkte. Schicksal dieses Weltalls ist es, sich für alle Zeiten auszudehnen und zum dünnen Gas zu werden.

6.3 Elementarteilchen und Entstehung von Materie aus Nichts

Das Quark-Modell geht auf den amerikanischen Physiker Murray Gell-Mann zurück (1964). Materie nach dem Standard-Atommodell besteht in der Feinstruktur des Atoms aus 12 Fermionen, die sich in 6 Quark- und 6 Leptonenflavors unterteilen lassen. Quarks sind die stark wechselwirkenden Partner der Leptonen, die nur schwach und elektromagnetisch wechselwirken. Leptonen unterteilen sich in Elektron und Elektron-Neutrino; Myon und Myon-Neutrino; Tau und Tau-Neutrino. Ein Lepton und sein Neutrino werden zu einem Dublett zusammengefaßt, ebenso Anti-Lepton und Anti-Neutrino. Auch die Quarks werden zu Dubletts zusammengefaßt. Wolfgang Pauli (1900 bis 1958) entdeckte in Zürich nach den Elektronen-Kernspins in ihren Kreiselbewegungen (1924) die ladungslosen Neutrinos (1930), die er auch für masselos hielt.[iv] Forscher am kanadischen "Sudbury Neutrino Observatorium" stellten jetzt fest, daß die neutralen Elementarteilchen doch eine gewisse winzige Ruhemasse haben, weil sie auf dem Weg von der Sonne zur Erde sich verändern. Sie sind wesentliche Bestandteile der dunklen Materie, die am Teleskop nicht sichtbar ist.

Bohrs und Sommerfelds Modell besteht aus Atomen, deren Kerne aus Protonen und Neutronen aufgebaut sind, um die Elektronen kreisen. Jedes Proton oder Neutron besteht aus drei Quarks, deren Richtungen jedoch verschieden sind. Im Proton sind die Quarks up up down, im Neutron up down down. Das Proton unterscheidet sich vom Neutron nur durch Richtung des mittleren Quark. Wenn Quarks und Antiquarks sich verkoppeln, entstehen aus den up down-Quarks Mesonen. Aus Quarks-Antiquarks-Paaren bestehen auch die Pionen. Es lassen sich viele Mesonen-Kombinationen zusammenbauen, die sich vom Pion durch innere Freiheitsgrade (Spin, Parität und Isospin) unterscheiden.

Diese Materieteilchen unterliegen 4 Wechselwirkungen. Träger dieser Wechselwirkungen sind 12 Bosonen (ohne die Gravitation), das Photon, 3 Vektorbosonen und 8 Gluonen.

Beim Zusammenprall hochbeschleunigter Elementarteilchen in der Genfer CERN-Anlage mit dem neuen Large Hadron Collider (LHC) wurde ein neues Teilchen im Blitz freigesetzt, welches der britische Physiker Peter Higgs in den 60er Jahren vorausgesagt hatte.[v] Seine Existenz verdankt das Higgs-Boson wie alle Energieteilchen dem hochenergetischen Higgs-Feld. Higgs fragte sich, woher die Teilchen wie Elektronen oder Quarks ihre Masse haben. Er hat dazu das Higgs-Feld postuliert. Wenn Teilchen sich in diesem Feld bewegen, erhalten sie Masse, indem sich ein Austauschboson an das Teilchen ankoppelt, das Higgs-Boson. Je stärker die Ankopplung ist, um so mehr Masse hat das Teilchen.

Neben dem raumbezogenen und zeitbezogenen Energieerhaltungssatz gibt es Gesetze über Eichsymmetrien in der Wechselwirkung von Teilchen, etwa die elektrische Ladungssymetrie, die Spiegelsymmetrie der Paritäten (P) und die Zeitreversibilität (T). Zwischen Teilchen und Antiteilchen gibt es eine Ladungskonjugation (C-Symmetrie). Pauli vermutete, daß es in der Natur eine CPT-Symmetrie gibt: Wenn man alle Teilchen eines Experiments in Antiteilchen verwandelt, das System spiegelt und dann das Vorzeichen der Zeit umkehrt, bleibt das Ergebnis unverändert. Die CPT-Symmetrie ist eng mit der relativistischen Invarianz in Einsteins Gleichungen verbunden. Man ist überzeugt, daß die CPT-Invarianz nicht gebrochen werden kann, und geht davon aus, daß die Gesamtzahl der Leptonen und Baryonen im Kosmos unveränderlich ist. In aufwendigen Experimenten tief unter der Erde konnte bisher kein Protonenzerfall nachgewiesen werden. Die Lebensdauer des Proton beträgt mehr als 1032 Jahre. Wenn das Proton zerfallen könnte, hätten die Quarks nur eine endliche Lebensdauer und könnten sich in Leptonen umwandeln. Die elektroschwache Vereinheitlichung beruht auf dem Konzept, Kräfte als Bosonenaustausch zu beschreiben. Wie bekommen Bosonen ihre Masse? Die Austauschteilchen (Eichbosonen) müssen masselos sein. Da die W- und Z-Teilchen nicht masselos sind, suchte man nach einer Symmetriebrechung, die den Teilchen zu ihrer Masse verhilft. Das Higgsfeld hat weder Richtung noch Spin (ein Skalarfeld) und unterscheidet sich von allen bekannten Feldern. Der Raum ist bei niedrigen Temperaturen nicht leer, sondern mit Higgs-Teilchen angefüllt. Die W und Z wechselwirken mit den Higgs-Teilchen und erhalten dadurch ihre Masse. Bei hohen Temperaturen verändert sich die Wechselwirkung: Der Raum ist nicht mehr mit Higgs-Teilchen angefüllt. Die Massen der W und Z werden kleiner, und die Symmetrie mit dem Photon kommt zum Vorschein. Scheinbar haben alle Teilchen wie Leptonen, Quarks, Elektronen, Müonen mit ihren verschiedenen Massen gegenüber dem Higgsfeld unterschiedliche Beziehungen. In der elektroschwachen Theorie führt das Higgsfeld zu Symmetrie bei hohen Temperaturen, die bei niedrigen verloren geht.

 Der Quantentheoretiker Alan Guth geht davon aus, daß dieses Feld die einzige in der Natur vorkommende Kraft ist, die auch im leeren Raum (Vakuumenergie) wirken kann.[vi] Guth berechnete, daß die Kraft in dem Higgs-Feld zu Beginn des Universums eine andere Stärke gehabt haben muß als heute. Das ist ein Hinweis darauf, daß sich die Entwicklung unsers Kosmos in zwei Phasen vollzogen haben könnte, eine vor dem Urknall eine danach. So folgert Guth über die Geburt des Universums: 1-34 Sekunden vor dem Urknall bestand das Universum aus nichts anderem als dem Higgs-Feld, es dehnte sich in diesem Augenblick exponentiell in unvorstellbaren kleinen Zeitintervallen aus: »Inflation des Universums«. In dieser Phase wuchs das Universum auf das 101000000fache seiner ursprünglichen Größe an, das heißt von 10-28 Zentimeter auf 10 Zentimeter, wobei sich die Ausdehnung mit einer Überlichtgeschwindigkeit vollzog, sonst wäre das Feld in sich zusammengestürzt. In diesem Higgs-Feld vergrößerte sich die Energie bis zu einem Phasenübergang (Energie-Materie) in dem sich die eingesperrte Energie durch einen Urknall befreite, wodurch die Inflationsphase in eine verlangsamte Expansion überging. Aus der thermischen Energie entstand jetzt der kosmische Stoff Materie. Bei Abkühlung/Ausdehnung wurde die Symmetrie gebrochen, und die Wechselwirkungen trennten sich. Dabei muß immense Energien freigesetzt worden sein, wobei sich das Universum exponential ausdehnte. Dabei wurde eine Gebiet von der Größe eines Protons in viel weniger als einer Sekunde auf eine Größe vergleichbar zur Ausdehnung des heutigen Universums aufgebläht. Dieses Inflationsmodell bedarf nicht mehr eines unendlich heißen Urzustandes, dessen Zündung bisher nicht erklärt werden konnte. Auch die Energieentstehung im Weltraum scheint jetzt geklärt zu sein: das Higgs-Feld hat die Kraft, aus dem Nichts Energie zu schöpfen.

10-34 Sekunden nach dem Urknall betrug der Durchmesser des Universums 10-28 Zentimeter, wobei es nach allen Seiten expandierte. Nach der 10-34sten Sekunden kosmischer Geschichte und einer Temperatur von 1032 Grad kam es zu einem äußerst geringen Überschuß von Materie zu Antimaterie. Auf eine Milliarden Materieteilchen gab es gerade ein Materieteilchen mehr als Anti-Materieteilchen. Dieser winzige Überschuß oder Asymmetrie zwischen Materie und Antimaterie, in der frühen Phase unseres Universums, war die Grundlage unserer Existenz. Die Teilchen aus diesem Materieüberschuß sind Quarks, aus denen sich später die Protonen und Neutronen zusammensetzen. Durch die enorme Temperatur von 1027 Grad brachen die Kernbausteine (Protonen und Neutronen) der Atome immer wieder auseinander. Erst nach 10-10 Sekunden, dem 10milliardsten Teil einer Sekunde, sank die Temperatur auf 1015 Grad (eine Trillionen Grad) und es entstanden stabile Kernbausteine. Je drei Quarks lagern sich in einem Proton und in einem Neutron. Gleichzeitig entstanden und zerfielen ständig andere Teilchen: Elektronen und Positronen, Gluonen, Photonen. Die uns bekannten 12 Elemente und deren Antiteilchen entwickelten sich.

Dazu gehören auch Neutrinos, extrem leichte, schwach wechselwirkende Teilchen, die sich mit Lichtgeschwindigkeit bewegen. 2001 haben Forscher festgestellt, daß die 3 Arten Neutrinos sich ineinander umwandeln (Neutrino-Oszillation). Das setzt voraus, daß die Neutrinos unterschiedliche Masse besitzen und somit von der Gravitation beeinflußt werden. Da sie keine elektrische Ladung besitzen, die auf die Kernkräfte wirkt, können sie sich auch nicht gegenseitig vernichten. Man geht davon aus, daß Neutrinos immer noch in unserem Kosmos zahlreich vorhanden sind, besonders in der kosmischen Dunkelmasse.

Durch weitere Expansion des Energiefeldes sank Temperatur proportional zur Ausdehnungsgeschwindigkeit. Bei Verdopplung der Ausdehnung fiel die Temperatur um die Hälfte. Eine Sekunde nach dem Urknall war die Temperatur bereits auf etwa 10 Milliarden Grad gesunken. Die Energiedichte reichte jetzt nicht mehr aus, um aus den Photonen Elektronen und ihre Antiteilchen (Positronen) zu erzeugen. Elektronen und Positronen zerstrahlten, wobei ein leichter Überschuß an Elektronen übrig blieb. Nach einer Sekunde befanden sich im Universum alle die Bausteine (Protonen, Neutronen und Elektronen), aus denen sich später die Atome zusammensetzen. Hundert Sekunden nach dem Urknall war die Temperatur bereits auf eine Milliarden Grad gesunken. Jetzt kam es zu den ersten Verschmelzungen von Atomkernen. Aus je einem Proton und einem Neutron entstand schwerer Wasserstoff. Durch weitere Abkühlung entstanden die schwereren Helium-, Lithium- und Berylliumkerne. Die restlichen Protonen zerfielen in dem kleinsten Element, dem Wasserstoffkern. Diese Schöpfung der Urmaterie resultiert aus winzigen Nuancen von Wellenverschiebungen elektromagnetischer Energiefrequenzen aus der Urvibration des Urknalls.

Weiter mit Geschichte der Materie 2. Entstehung der ersten Sterne und Galaxien

Im Nebel N81, 200.000 Lichtjahre von der Milchstraße entfernt in der Kleinen Magellanschen Wolke, hat das Hubble Weltraumteleskop einen Haufen extrem massereicher junger Sterne entdeckt, wie sie in der Jugend des Universums häufig vorkamen. Sie sind vermutlich die jüngsten dieser massiven Sterne, die jemals in einer nahen Galaxis entdeckt wurden. Ein einziger dieser Sterne leuchtet mit der Stärke von 300.000 Sonnen. Die Sterne bestehen fast nur aus den leichtesten Elementen Wasserstoff und Helium. Diese Elemente wurden schon beim Urknall gebildet, während schwerere Elemente erst später bei Supernova-Explosionen entstanden. Die jetzt entdeckten Sterne ähneln daher Himmelskörpern, wie sie kurz nach dem Urknall das Universum bevölkerten. Offenbar bilden sich die massereichen Sonnen in Gruppen; man entdeckte 50 dieser Sterne innerhalb eines Gebietes mit einem Durchmesser von nur zehn Lichtjahren.

So kann man die Stadien eines Sterns am Beispiel Sonnensystem rekonstruieren: Eine Wolke aus Gas und Staub schrumpft und bildet einen dichten Kern, umgeben vom Sonnennebel, einer flachen Scheibe aus gleicher Zusammensetzung. Durch die steigende Massedichte zieht der Kern des Nebels immer mehr Gas und Staub an, wird größer und durch nukleare Kettenreaktionen heißer und bildet sich zur Protosonne, während in der Scheibe ringsum sich Materieteile zu Eis- und Gesteinsbrocken zusammenballen, wie sie in dem ringförmigen Asteroidengürtel zwischen Mars und Jupiter noch existieren. Diese Planetesimale stoßen immer mehr zusammen und verbinden sich dabei zu immer größeren Objekten, den Protoplaneten, die um so mehr kugelrund werden, je größer ihre Masse wird. Die Sonne wird zum Stern. Ihre Strahlung vertreibt die Reste von Gas und Staub, während sich der Großteil davon bereits zu Planeten verklumpt hat, die in heißer Sonnennähe vorwiegend massiv und klein aus Gestein bestehen wie Merkur, Venus, Erde, Mars oder in kühlerem Abstand aus Gas und Eiskristallen mit dicker Wasserstoff-Helium-Hülle wie die Gasriesen Jupiter, Saturn, Uranus und Neptun, die ihrerseits von Monden umkreist werden. Noch weiter draußen, wo die Sonne kaum mehr wärmt, verbanden sich Gase, Eis und Staub zu Objekten wie Pluto oder wurden Kometen, deren Umlaufbahn quer zur Scheibenform der übrigen Planeten verläuft und extrem elliptisch sehr nahe an der Sonne vorbeiführt und dann wieder sehr weit in die äußersten Randzonen des Sonnensystems entschwebt.

6.4 Die Finsternis der Welt und die schwarzen Löcher der Antimaterie

Paul Dirac hat 1928 eine Theorie der negativen Materie entwickelt.[vii] Diese Anti-Materie hat mit der Materie fast alles gemeinsam, die Masse, die Energie, das Verhalten, die Ladungsmenge, nur nicht das Ladungsvorzeichen. Ein Stück Anti-Materie, das etwa einem Elektron entspricht, hätte also eine Pluselementarladung. 1932 entdeckte Carl Anderson in California auf der Sternwarte von Mount Wilson in der Fotografie von Höhenstrahlungen das erste positive Elektron im Orbital eines demnach negativen Atoms.

Heute arbeitet man bereits mit solchen Positronen in der Teilchenbeschleunigung. Die Höhenstrahlung besteht aus Teilchen, etwa Elektronen oder Protonen, die sich fast mit Lichtgeschwindigkeit bewegen. Darunter sind auch die hochenergetischen Photonen der Gamma-Strahlung. Wenn so ein Teilchen auf ein irdisches Teilchen in der Atmosphäre trifft, dann zerschmettert dieses das irdische Teilchen buchstäblich. Daraus wird zuerst einmal ein Trümmerhaufen, der sich mit ebenfalls immer noch sehr hoher Geschwindigkeit bewegt. Dabei können Teilchen-Antiteilchen-Paare entstehen, ein hochenergetisches Photon könnte also zu einem Positron und einem Elektron zerfallen. Wenn ein Positron ein Elektron trifft, gibt es einen Lichtblitz. So stellt man in den Teilchenbeschleunigern Antimaterie her: Man beschleunigt Elektronen oder Protonen auf fast Lichtgeschwindigkeit und läßt sie dann auf Atomkerne knallen, die dann in negativ geladene Teilchen zerfallen. Dabei entstehen täglich Milliarden Positronen.

6.5 Der mystische Gott als Entzauberung des personalen Schöpfergottes

Der Gott von Gen 1 schafft die Welt durch königliche Befehlsmacht, läßt die mesopothamische Frühjahrsüberschwemmung zurückgehen und das Zweistromland Babylons zu einer blühenden Flora und Fauna erwachen, deren Zyklik von den Sternen, Sonne und Mond bestimmt bleibt. Er ist nicht die lebensspendende Sonne als letzte und oberste Macht über das Leben wie noch in Enûma eli , sondern er benutzt sie als wärmende Lampe. Der Töpfergott von Gen 2 ist nicht einmal König, sondern Handwerker und Frickler, der erst allmählich seine Arbeit Mensch perfektioniert und sie so gut dann doch nicht geschafft hat, daß ein störungsfreier Edenaufenthalt möglich ist. Die Sünde des Menschen fällt auf den stümperhaften Schöpfer zurück, der durch Vertreibung des Menschen nachzubessern sucht, was noch zu retten ist. Die Pointe des Töpferberichts ist die Panne der Schöpfung, die von Anfang an mit der Erbsünde behaftet auch fürderhin wenig Chancen auf Vollkommenheit und Versöhnung hat. Durch die Erbsünde sind wir prädestiniert für den bisherigen Verlauf der Menschengeschichte als einer von Klassenkämpfen und Brudermorden. Die Gattungsgeschichte und die Wissensgeschichte der Menschen hat keine Tendenz zum Besseren, allmählicher Humanisierung der Natur und Naturalisierung des Menschen, sondern ist das Verhängnis einer durch Technik immens potenzierten Gewaltsamkeit.

Unter Einfluß der babylonischen Astronomie entstand im Zervanismus die Idee der göttlichen Raumzeit, die eine geistige Szenerie von Leben erst nach langer Zeit ins knochenhafte Materiesein überführt. In diesem tobt der Kampf zwischen Ordnung und Chaos, Wahrheit und Verblendung. Zwar wird auch Zurvan zur Person mythischer Dramen, ist aber originär einfach Welt-Zeit ohne jedes Davor oder Danach und wird im Großen Jahr zur zyklischen Zeit einer in fast kosmischen Größen verlaufenden Weltgeschichte. Hiervon werden die jüdischen und gnostischen Himmelsreisen gespeist, in denen Gott im Gegensatz zu menschengestaltigen Engeln oder stiergeflügelten Cherubim und anderen Fabelwesen als Licht begegnet, was jenseits aller Gestalthaftigkeit der Biologischen Wesen reine Energie ist, die sich gleichwohl sprachlich mitteilt als logisches, intentionales Sein. Diese Energie hat Ausfluß ins Nichts und schafft durch sich die Materie, auf die sie Einfluß hat. Diese Schöpfungsverständnis der Energiestrahlung ist astrophysikalisch hochwahrscheinlich, wenn auch in der antiken Vorstellung verhaftet. Der Gott der Himmelsreisenden wird in negativer Theologie als eigenschaftsloser Kernquell der Weltenergie beschrieben, aus dessen Kraftfeld die Himmel und später die Erde entstanden. Der personale Gott-König oder Gott-Töpfer oder der geschlachtete Gott-Urmensch/Urstier ist hier quasi bereits entmythisiert zur reinen Kraft in bildloser Intentionalität. In den Himmelsreisen als Auftakt der monastischen Mystik wird Gott begriffen als Energie, die Einfluß und Ausfluß auf die Geschichte des Kosmos und des irdischen Lebens hat. Zugleich wird dieses irdische Leben nicht mehr als das Zentrum des Kosmos gesehen, sondern als eine Emanation, eine niedere Stufe von Sein eines von einer Fülle von Kräften und Teilchen bevölkerten Universums. Der Mensch begreift sich hier nicht mehr als Krone der Schöpfung, sondern Teilhaber an der göttlichen Energie, der zu entsprechen er sich bemüht. Mit dieser Bewertung der Mönchsmystik befinden wir uns fast schon im Orgonakkumulator Wilhelm Reichs.[viii] Der Mystiker bemüht sich um das negative Gottesbild, um die Bildelosigkeit Gottes, um eine innere Befreiung von dem Wunsch, das höchste und tiefste Sein in Bildern und Begriffen denken zu wollen und das heißt: überhaupt Gott denken zu wollen. Für das Nichtdenken Gottes wird die ganze Anstrengung des Begriffs aufgeboten zu allen Varianten des Paradoxons und der Dialektik, des Widerspruchs im Spruch selbst. Wie in der kabbalistischen Mystik wird mit dem Bilderverbot des AT auf radikale Weise ernst gemacht. Die Energiemetapher  Gott als ewiges Licht  ist jedenfalls der fortgeschrittenste Stand des damaligen gesellschaftlichen angehäuften Wissens über die Welt und hierin wohl auch ein Stücklein Aufklärung gegenüber dem jüdisch-christlichen Bild des königlichen Töpfers der Menschen als Prunkstück der Schöpfung. Ethische Konsequenz der mystischen Neubewertung des Menschen als eines der göttlichen Kraft nachlauschenden Winzlings der Schöpfung ist die Demut gegenüber den Mitgeschöpfen gewesen, die wir heute in den Forderungen von Frieden, Gerechtigkeit und Bewahrung der Schöpfung geltend machen.

7 Der EpPt und Faktoren der Auferstehungsmythogenese

Wenn man die Paulus-Vision vor Damaskus und die Lichtvision mit Audition (Lehrgespräch Jesus-Petrus) im Ep Pt miteinander in Verbindung bringt, ergibt sich, daß die Lichtvision von Jesus, in der er gar nicht als konkrete menschliche Gestalt erkennbar ist, sondern lediglich als verklärendes helles Licht, als Glanz, Strahlen, die historisch zutreffende reale Erfahrung des Heiligen gewesen ist. Nach dieser Vision sind beidemale die Visionäre für eine gewisse Zeit blind. Sie haben also den Kontakt zur physikalischen Realität eingebüßt und finden ihn erst nach Stunden oder Tagen wieder.

Waren solche Lichtvisionen auch iranisch, wo doch die Feuerpriester auch das Licht verehrten? Wie in der Stephanussteinigungsvision Acta 7 ist das Gefühl der Visionäre: der Himmel ist offen, die geistige Welt Gottes hat sich dem Schauenden aufgetan. Kaum sind Anknüpfungspunkte an Offenbarungsvisionen alttestamentlicher Propheten zu erkennen. Diese haben Thronsaal-Charakter, sind sehr konkretistisch und nicht kosmologisch, als Reise durch himmlische Gefilde und Aionen mit den stufenweisen Taufreinigungen. Bei Jesu Taufe ist ebenfalls die Stimme vom Himmel und der Lichtglanz.

Ob ursprünglich die Lichtvision mit einer sprachlich elaborierten Audition einherging, und welchen Umfang diese Sprach-Audition hatte, ist eher vorsichtig zu taxieren. Daß es in Ep Pt zu einem umfangreichen Lehrgespräch zwischen Jesus und den Jüngern kommt, während die Taufe Jesu nur einen einzigen himmlischen Satz enthält, läßt im Vergleich zum Missionsbefehl Mt 28, der ganz ähnlich gelagert ist wie der Kern von Ep Pt[ix], die Vermutung aufkommen, daß diese Lichtvisionen den optimalen Anlaß boten, nachträglich immer mehr Textmengen in den Orginalvorfall hineinzuredigieren. Dabei geht dem schriftlichen Redaktionsverfahren des Texteinschiebens ein mündliches Einschubverfahren voraus: Schon im heutigen gerichtlichen Zeugenbericht bei Straßenprügeleien wird fleißig hinzugemogelt, was der Gegner an Beleidigungen erwähnt haben soll, weil im Eifer des Gefechts die Erinnerungsfähigkeit relativ stark beeinträchtigt ist durch den Schock-Effekt. Die Vision ist von anderer seelischer Dynamik als das neutrale Redigieren eines Textes; daher ist es eher unwahrscheinlich, daß, wäre im Himmel wirklich einer am Dozieren, die Verblüfften Erdbürger sich den genauen Wortlaut exakt gemerkt haben. Dies gelingt ja nicht einmal einem Kollektiv von Zeugen vor Gericht. Daher darf man am originalen Auditionsvorgang wohl eher kaum wohlgeformte Sätze annehmen, sondern eher aus Blitz und Donner herausgehörte Wortfetzen, einzelne Worte oder Satzfetzen, wie sie eben auch bei Menschen vorkommen, die unter Streß Stimmen hören, deren reale Basis irgendwelche Geräusche der Umwelt sein können, die sich momentan nicht exakt identifizieren lassen.

Verleugnung der Realität im Schock nach dem Verlust des Liebesobjekts: In dieser Weise hören tatsächlich viele Hinterbliebenen die Stimmen der Verstorbenen noch weiter, bis sich allmählich die Realisierung des Todes gegen das Gefühl der permanenten Präsenz des Toten durchgesetzt hat. Trauer über den Verlust, die Absenz des Geliebten neigt gern dazu, seine Präsenz auf jede nur mögliche Weise so lange wie möglich psychisch aufrechtzuhalten. Die Trauer prädisponierte die Jünger besonders zur Vision.

Die spätantike Wundergläubigkeit hielt nahezu alles für möglich, was nicht mit gewöhnlicher Alltagserfahrung übereinstimmte. Daß es Wunder gab, war damals praktisch gar nicht bezweifelbar gewesen, strittig war eher, wessen Wunder mehr Bewunderung erheischten.

Dabei war das Märchenerzählen ein wesentliches Kulturgut. Die Lust am Ausmalen, Dramatisieren, Schmücken von Begebenheiten, die Tendenz des Gerüchts, umfangreicher zu werden, sich unablässig weiter nachzurüsten, alle diese Impulse haben in der Konkurrenz der religiösen Wundertäter einen guten Grund gehabt, die Wunder der eigenen Gruppe in Farben zu schildern, mit denen man sich auf der Missions-Szene hören und sehen lassen konnte. Im Ausschmücken kommen deutende theologische Traditionen mit ins Erzählspiel hinein, Narrative aus anderen Geschichten werden eingebaut. So wird schließlich das Geschick Jesu mit Gottesknechtsliedern und Psalmen gedeutet, aber auch mit gnostischen Erlösergeschichten. Sobald eine gewisse Prägnanzhöhe der narrativen Gestalt erreicht ist, bietet sich die Adaption affiner Geschichten aus anderen Traditionen einfach an. Die Amalgamierung mit alter Tradition hat illustrierende, pointierende Funktion. Zugleich läßt sich eine inflationäre Tendenz in der Steigerung der Grandiosität der Wunderqualitäten kaum noch aufhalten.

Ebenso galt unsere personaler Individualitätsbegriff damals nicht, so daß Johannes der Täufer als aufgestandene Reinkarnation des Elia angefragt werden konnte. Diese Möglichkeit von Neu-Einleibung war hellenistisches Gedankengut und stellte einen wesentlichen Erwartungsrahmen für Auferstehungsvermutungen bereit. Zusätzlich wirkte gleichsinnig die makkabäische Märtyrertheologie: Gequälte fahren unmittelbar nach ihrem Abscheiden direkt zu Gott in den Himmel auf, womit Gott sie rehabilitiert vor der gesamten Welt, ihre Unschuld dokumentiert.

Die primäre Schicht der pneumatischen Epiphanien war vermutlich eine gewitterbedingte Lichtvision, ein besonders eindrücklich gestalteter Blitz etwa, der akustische Affinität mit bestimmten, vertrauten, affektiv hochgradig besetzten Worten der religiösen Wunschdisposition haben konnte. Schon Elisas Himmelfahrt basiert auf der Gewittererfahrung, die noch an vielen weiteren Stellen im AT eine Bewertung und Deutung als Sprechen Gottes erfuhr. Die Himmelfahrt im Gewitter und das Sehen einer Gestalt aus reinem Licht ist dann unmittelbar identisch und es ist sogar denkbar, daß es viele Blitze gegeben hat, die viele Wortassonanzen in den zur Gottesschau Versammelten wachrief.

Dabei ist das gesamte religiöse Motivmaterial der Sprach- und Erwartungsrahmen, in dessen Rastern das zunächst wohl eher Namenlose der extatischen Erfahrungen eingetragen wird. Diese Einschreibung in die Tradition vollzieht sich in allen Zeitdimensionen: Vor der Vision hat die Tradition durch ihre Erziehungsfunktion bestimmte visionsstrukturierende Vorerwartungen geschaffen, hat den Visionär spezifisch prädisponiert. Während der Vision wirkt genau dieses Raster der Sprache als Lieferant der Formen der Anschauung, der Selektion des Wahrnehmungsgesamten auf die sinnmachenden Elemente der zunächst ungefilterten Reizrezeption. Damit filtert die religiösen Traditionen bestimmte sensorische Reize weg, wie etwa Feuchtigkeit der Körperöffnungen während der Vision, Blähungen, Harndrang. Nach der Vision schließlich rekapituliert der Visionär das Außergewöhnliche seiner Wahrnehmung, indem er es im Medium der Sprache mitteilbar macht und auf das reduziert, was sich überhaupt sagen läßt. Die Deutung ordnet die möglicherweise unsagbare Prägnanz der Vision in den intersubjektiv kommunikablen religiösen Sinnzusammenhang ein. Sie macht aus vitalem Erleben Theologie.

Die gesamte Charismen-Lehre von 1 Kor 12 ist auch eine Frage der Attribution, der sozialen Bewertung bestimmter Erfahrungs- und Verhaltensweisen. Visionen galten wie Zungenrede als Zeichen besonderer Gnadenbegabung durch den Geist Gottes, ja als Partizipation an der Kraft Gottes. Daß diese Visionen kein Zufall waren, die berühmte Widerfahrnis der Schattenboxer der dialektischen Theologie, sondern daß es Versammlungen eigens zum Zwecke dieser Visionen gab, geht deutlich aus der Einberufung der Versammlung durch Petrus hervor. Angesichts dieser Erwartungslage, der Suche nach pneumatischer Erfüllung, die unmittelbar als Erwählung durch Gott attributiert einen nachgerade selbstwertsteigernden Evokationscharakter bekommen mußte, war es dann auch kaum noch verwunderlich, wenn 500 Brüder auf einmal solche Erscheinungen haben. Was wäre gewesen, wenn drei von diesen 500 Brüdern nach der pneumatischen Orgie gesagt hätten: Nö, hab ich nicht gesehen! Sie hätten sich den Vorwurf eingehandelt, außerhalb der Gemeinschaft zu stehen, sich zu irren, nicht vom Geist Gottes beseelt zu sein. Es wäre ein Verdammungsurteil über ihre eigene Geistlichkeit gewesen, keineswegs aber die Leugnung der bleibenden Präsenz des je und dann erscheinenden Christus vor denen, die auf Knieen (Phil 2,5ff) seinen Namen solange anrufen, bis sich etwas regt im sensorischen Apparat. In gewisser Weise sind sie alle Trittbrettfahrer der Erstvisionäre mit ihren Lichteffekten gewesen, sie wollten auch alle einmal gerne Jesus sehen.

Wie die Berufungsvision des Propheten eine besondere soziale Anerkennung und eine einzigartige Legitimation für das missionarische Tätigwerden verschuf, so steigert es den Status innerhalb der religiösen Gruppe, Visionen oder andere pneumatische Effekte zu erleiden, es ist zudem Ausdruck eines Erwähltseins, einer besonderen Gottesnähe und der vereinigenden Teilhabe an der göttlichen Macht. Alle diese Attribute schüren den narzißtischen Wunsch nach Macht, Ehre, Ruhm und Liebe, zu dessen Erfüllung die Vision schließlich verhilft. Man könnte etwas übertrieben sagen: die Charismenlehre ist das Schmiergeld für die Seele, Visionen mit besonderer Aufmerksamkeit anzustreben oder anderen Vor-Visionären darin nachzueifern.

Es ist auch eine bestimmte Extasetechnik in Anwendung gebracht: Sie beten auf Knieen murmelnd und schreiend, bis die Gemüter so sehr erregt sind, daß aus dem Wunsch, gebetet an der selben Stelle wie zu Lebzeiten des Jesus, eine Halluzination wird, eine innerliche Wahrnehmung, die sich, anders als beim Schizophrenen und der Propheteneinsamkeit Jeremias, durch die Wechselseitigkeit der psychischen Stimuli und die Identität der Lokalitäten intersubjektiv kommunizierbar machen kann, wie es baptistische Gottesdienste, afrikanische Regentänze, die Kollektivvisionen der Yaqui-Indianer zu Ostern auf andere Weise erweisen: dort werden zusätzliche chemische Stimuli durch den Peyote-Kaktus eingeworfen.[x] Wir haben es also entfernt mit Extasetechniken zu tun, die gewisse Momente der schamanischen Tradition entborgt haben: Versammlung an heiligen Orten, Gebete in besonderen Stellungen. Auch Mt 28,16 gehen die Jünger auf einen heiligen Berg in Galiläa, um Jesus zu treffen, sodaß auch hier von einer willentlich induzierten Vision ausgegangen werden muß, die nicht den Widerfahrnischarakter des rein Zufälligen trägt. Mit 28,17: »Und als sie ihn sahen, fielen sie vor ihm nieder; einige aber zweifelten.« Schenkt man dieser Version Glauben, so erfolgte erst die Vision, dann die Proskynese. Zugleich ist aber im Nachsatz: »einige aber zweifelten« präzise die Psychodynamik der Kollektivvision festgehalten. Offensichtlich haben die Initiatoren der Massenvision den anderen mitgeteilt, daß sie Jesus sähen. Diese hatten nun die Wahl, die entsprechenden visionsflankierenden Reize der äußeren Natur von den in der Vision befindlichen zu erfragen und die halluzinatorisch-visionäre Verknüpfung von physikalischem Reiz und projektiver Anreicherung gemäß der Vorerwartung »Begegnung mit Jesus« ebenfalls innerlich zustandezubringen. In Lk 24,32 etwa wird der fremde Rabbi im Brotbrechen mit Jesus identifiziert, auch hier hat die Jesus-Vision eine Spur Anhalt an physikalischer Realität, in welche ein nicht unbeträchtliches Maß an projektiver, von der religiösen Tradition messianischer Erwartung geprägter psychogener Wahrnehmung mit halluzinatorischem Charakter sich eingeschrieben hat. Offensichtlich greift die Halluzination aus der physikalischen Welt gewisse Spuren der Wahrnehmung auf, die sie dann grandios modifiziert, entstellt, umdeutet und verkennt. In gewissem Sinne bilden solche physikalischen Realreize die äußeren Auslösemomente der Vision.

Die Zweifel der noch nicht in Vision geratenen Jünger in Mt 28,17 zeigen, daß es selbst damals nicht jedermanns Ding war, eine Vision zu haben. Die Bereitschaft zu solchen Verklärungserlebnissen war unterschiedlich gestreut. Man wird davon ausgehen dürfen, daß Petrus hierbei eine Vorreiterrolle spielte. Von Schamanen wissen wir, daß sie die Anwesenden während des Rituals so in hypnotischen Bann setzen können, daß diese Schafsköttel für Rosinen halten und sie mit hohem Genuß verzehren.[xi] Es ist also für die Kollektivvision durchaus mit einer aktiven agogischen Funktion des Petrus zu rechnen, wie sie Ep Pt in Form von Gebeten beschrieben ist. Wenn hierbei einige zweifeln, in 1 Kor 15 die rekordverdächtigen mehr als 500 Brüder genannt werden, dann ist zu vermuten, daß der Sinn und das Ziel der urchristlichen Gottesdienste für lange Zeit die Wiederholung solcher Christophanien gewesen ist, sodaß die über 500 Brüder nur der Hinweis auf einen besonders gelungenen und ekstatischen Gottesdienst gewesen sein mag. Die Zweifler sind gewissermaßen prävisionär: Sie wollen Jesus auch sehen, sonst wären sie nicht mitgekommen auf den heiligen Berg. Aber ihre Realitätskontrolle erlaubt ihnen nicht die psychogene schöpferische Verzerrung der Wahrnehmung, die das Wesen der Vision ausmacht. Sie sind gewissermaßen schlechte Tagträumer, haben die kindliche Fähigkeit verlernt, die Welt auch dort als beseelt und belebt zu erleben, wo das Alltagsbewußtsein von toten Gegenständen ausgeht. Ihnen bleibt nur, sich in der Kunst der Verklärung, der Vision zu üben, oder ihre visionären Brüder für verrückt zu halten. Offensichtlich ist die breitere Überlieferung der christlichen Texte davon ausgegangen, daß Visionen und andere spirituelle Erlebnisse wie Himmelfahrten nicht krank/verrückt waren, sondern ein Höchstmaß an Erkenntnis öffneten.

Wenn die Pfingstgemeinde von Kritikern als  voll des süßen Weins (Acta 2,13) bezeichnet wurde, die Abendmahlstradition Wein ausdrücklich vorschrieb, Jesus als Säufer und Fresser galt, die Jünger vielleicht auch dies von ihm je nach Ressourcenlage übernommen hatten, so mögen die Kritiker und Spötter nicht ganz unrecht gehabt haben, zumal in alkoholisiertem Zustand die Leutseligkeit, Redseligkeit und die Fähigkeit wächst, durch analoge Kommunikation mit dem ganzen Leib die Mängel der Vokabellücken zu kompensieren. Wenn dies auch auf dem Ölberg passiert ist, käme womöglich also auch noch Drogenkonsum hinzu, dessen Wirkung sich durch Fasten noch wesentlich steigern läßt. Möglicherweise führt das proskynetische Beten auf Dauer auch zu Sauerstoffmangel im Gehirn und fördert damit per se Halluzinatorisches Erleben.

War das Gewitter Zufall, nachträgliche Einlagerung von Elisa-Tradition, oder war die Versammlung gar eigens zu einer gewitterträchtigen Zeit einberufen worden, weil ihr die Aura besonderer Gottesnähe anhaftete? All diese Elemente sind massive, psychisch hocheffiziente Techniken zur Forcierung visionärer und anderer Erlebnisse jenseits der Sachlichkeit eines Polizeiberichts.

Ein weiteres Moment sind Angst und Streß als Auslöser psychotischer Dekompensationen. Angesichts tödlicher Bedrohung, Folter, römischen Gerichten und Gefängnissen, angesichts des Kreuzes und der Stephanus-Steinigung ist diese Angst sehr realitätsgerecht. Damit wird der Wunsch, dieser Bedrohung durch die Mächte und Gewalten zu entkommen, sehr groß. Die Möglichkeit der Verschiebung der Ich-Grenzen vom Körper in das rein geistige Sein, wie wir es von Schizophrenen kennen, die diese Welt-Diastase bis zur Schmerzunempfindlichkeit steigern können[xii], schafft dem Ich eine gewisse Freiheit gegenüber den Mächten, die foltern, quälen und kreuzigen. Man wird unerreichbar, wenn man den gesamten materiellen Bereich des eigenen Seins, Gefühle, somatische Reaktionen und Bedürfnisse, mit mystatogischen Techniken aus der Bewußtsein und der Wahrnehmung ausblendet. Der Schamane hat auf diese Weise gelernt, seinen Körper auf Zeit zu verlassen, indem er immer mehr Freiheit gegenüber dessen Impulsen von Schmerz, Hunger und Lust durch Askese oder schmerzhafte Initiationen gewinnt. Stephanus ist so tief in diese innere, als himmlische wahrgenommene Welt hineingeglitten, daß ihm die Steine nichts mehr anhaben können: sie treffen und töten zwar seinen Leib, aber seine Seele sieht den offenen Himmel, den Ausweg, die Freiheit. Noch in Luthers de libertate christiana klingt dieses Motiv der Befreiung von den somatischen Verstrickungen an. Solange die Leiber gefoltert werden, fliehen Menschen aller Religionen gern in den Geist. Wir können diese völlig verständliche und legitime Reaktion klinisch als schizoid bis schizophrene Reaktionsbildung bezeichnen. Wie die private Schizophrenie des Klapsen-Heinrichs entgegen dem Kraepelin-Bleulerschen psychiatrischen Verwahrungsstil und ihren daraus resultierenden Verkennungen der Pathophänomenologie durchaus kommunizierbar ist, die Antipsychiater Cooper und Laing haben das bewiesen, ist auch die mystische Entkörperlichung kommunizierbar, trainierbar, forcierbar. Die sowjetische Schamanismus-Literatur hat immer wieder die Frage psychiatrischer Auffälligkeit der Schamanen gestellt, wobei die Berichte über Schmerzunempfindlichkeit, ja Unverletzbarkeit durch Messer und Dolche während der Extase, die offensichtlich außergewöhnlichen Fähigkeiten dieser Seelensucher konstatieren mußten.[xiii]

Politisch verschaffen Visionen von Auferstandenen die Kraft zum Aufstand gegen die Archonten Roms, die Hure Babylon: Diese Bewegung ist nicht kleinzukriegen. Die Auferstehung war Inbegriff des Sieges über den Tod, die Vergänglichkeit und die Unterdrücker der Welt, die Menschen in Angst und Schrecken einschüchtern. Solange der Tod ein Drohmittel war, waren die Christen beherrschbar und sind aus Jerusalem nach der Stephanussteinigung flugs geflohen. Als die Auferstehungshoffnung dem Tod diese Macht des grauenvollsten Drohmittels genommen hat, waren die Christen als Bewegung quasi unbesiegbar geworden. Die Auferstehungshoffnung wurde zum Leitmotiv einer sich ausbreitenden Emanzipation von den Angst vor den politischen Gewalten, indem als Gegenwelt, die man statt der Politik etablierte, und aus der heraus Märtyrer Kraft zum politischen Protest bezogen, eine immaterielle Welt des Geistes eingeübt und intersubjektiv verankert wurde.

Eben diese Hoffnung der Märtyrer auf einen Ehrenplatz im Himmel nach dem Tod macht auch die islamischen Fundamentalisten mit ihren Gotteskriegern so stark. Weil diese den Tod als vorletztes nicht mehr fürchten, zelebrieren sie ihn als höchste Stufe im Selbstmord-Attentat mit einer immer ausgeklügelteren Kunstfertigkeit und ästhetischen Komposition, deren wachsender Symbolgehalt das Massaker in die Nähe des Gesamtkunstwerkes bringt. Darin haben sie den Partisanenkampf mit Hilfe der zuvor vom CIA genossenen geheimdienstlichen Ausbildungen zu einer neuen Fachlichkeit weiterentwickelt. Ohne einen tiefen Glauben an die Auferstehung wäre diese Selbstopferung nach meisterhaftem Generalstabsplan nicht möglich. Die Dekompensation des Amokläufers aus angestauter Wut über erlittenes Unrecht trägt psychotische Züge, während die Selbsttötung im Stil des Kamikaze-Fliegers höchste Geistesgegenwart verlangt. So wenig wir heute diese der politischen Unterdrückung in Armut und Elend entwachsene Form des Terrorismus billigen, so wenig können wir umgekehrt die ursächlichen Wirtschaftsstrukturen billigen, die zu der Schere von reichen Industrienationen und verarmten Ländern geführt haben. So wenig können wir weiterhin die Diktaturen billigen, die für die Ausbeutung und Entrechtung der Ärmsten den Supermächten und ihren Wirtschaftsunternehmen Garantien liefern. So wenig können wir endlich die Diktatur der Supermächte über die armen Länder billigen, die alle Länder, die nicht gefügig sind, mit einem Kriegsterror heimsuchen, gegen den die Heimsuchungen Jahwes im AT geradezu milde erscheinen. Der US-Angriffskrieg gegen den Irak mit Gottes Hilfe zeigt, wie wichtig auch heute die Religion zum Waffensegnen und zur Legitimation des Kampfes um Öl-Ressourcen ist. Je heiliger der Himmel, desto grausamer wird der Körper gefoltert. Die Heiligkeit der gerechten Sache erlaubt die unheiligste Schändung des eigenen und der anderen Körper und Seelen. Die Folter wird zur Liturgie, Massenvernichtung zur grandiosen Verkündigungsaktion: Die Militärs zelebrieren gewisse Vorteile neuer Waffensysteme, die Partisanen die Machtlosigkeit eben dieser Waffen gegen ihre Unberechenbarkeit und Selbstopferung.

8 Thesen zur Auferstehung

1. Jesus ist nicht leibhaftig auferstanden, sondern im Grab verwest.

2. Leibhaftige Auferstehung der Menschen würde zu einer alle bisherigen Hungerkatastrophen verblassen lassenden Überbevölkerungskrise der Erde führen, die in keiner vorstellbaren Form wirtschaftlich zu bewältigen wäre. Um des Überlebens der Auferstandenen willen ist es besser, sie wären nicht auferstanden, wären sie denn auferstanden.

3. Die Hoffnung auf unsterbliches Leben ist naiv, weil die Vergänglichkeit und Geschichtlichkeit die Einmaligkeit und Besonderheit des Lebensbogens und damit auch die auratische Würde des menschlichen Lebens verbürgt. Nicht sterben können ist eine Verdammnis zum Leben, wie sie in der Ethik der Apparatemedizin inzwischen zugunsten des Rechtes auf den eigenen Tod überdacht wird.

4. Die Begrenztheit des Lebens zwingt die nur einmal Lebenden dazu, aus diesem Leben etwas von einem bleibenden Wert zu machen, welcher zugleich diese Begrenztheit überschreitet. Damit wachsen sie über sich und den gesetzen Rahmen ihres Lebens hinaus. Davon zehren die Nachgeborenen in ihrer Enkulturation. Würden wir über einen unendlichen Schatz von Leben verfügen, wäre jedes einzelne Leben unwichtig, weil der Getötete ja lediglich einen kurzen Ausflug in den Himmel macht, um alsbald in ein weiteres Leben zu inkarnieren. Die Hoffnung auf die Fortsetzung des Lebens mit anderen Mitteln als den irdischen hier und jetzt macht fahrlässig gegenüber der unantastbaren Würde des Menschen.

5. Es bliebe zu hoffen, daß in den Religionen eines Tages auf diese dubiosen erratischen Fixierungen auf übernatürliche Vorgänge zugunsten eines tiefen gegenseitigen Verstehens verzichtet werden kann, welches nicht Auferstehung usw. als Tatsachen behauptet oder bestreitet, sondern die Tiefe des Wunsches nach Gerechtigkeit und Verbundenheit der Liebenden versteht, der diese Bilder hervorgerufen hat und immer noch trägt und der die Liebe selbst ist, eine Liebe, die die Bibel Gott nennt. An den Sieg dieser Liebe über die herrschende reale Ungerechtigkeit kann man auch nur glauben, er ist nicht ausgemacht und garantiert und dieser Kampf ist langwierig und schwer. Die iranisch-biblische Vision einer künftigen friedlichen und gerechten Welt nach langen Kämpfen hat der Menschheit die Weitsicht und Hoffnung gegeben, für die gute Zukunft der Kinder und Kindeskinder gegenwärtige Nachteile in Kauf zu nehmen und einen nachhaltigen langen Atem zu entwickeln, der nicht angesichts der vielen kleinen und großen Mißerfolge des wachsenden Gottesreichs schon aufgibt. Diese Perspektive der Hoffnung auf eine Welt im Prozeß der allmählichen Versöhnung führt die Liebe zu einem fortwährenden Aufstehen für die Entrechteten. Darin lebt der Kampfgeist Jesu weiter und genau so ist Jesu Auferstehung eine greifbare Realität: als Hoffnung, die sich noch am Grab aufrichtet.



1      1913 - 1933 20 Jahre Betriebsleiter für die mechanischen Werkstätten, die Schlosserei und die Maschinenbetriebe im Kaiser Wilhelm Institut für physikalische und Elektrochemie (Prof. Haber) Berlin Dahlem. Teilkonstruktionen für die Anlagen zur Ammoniaksynthese nach dem Haber-Bosch-Verfahren. Selbständige Konstruktion und Fertigung von Schlagwetterpfeifen, Viskosimetern und Hochvakuumgeräten, Metallr~öntg~enröhren und Röntgenkam~eras. Entwicklung und Fertigung von Spezialgeräten für Röntgenstrukturaufnahmen, wie Spektrographen, Goni~ometern und Vakuumkameras. K~onstruktions- und Entwicklungsarbeiten an A~nlagen zur Verflüssigung von Luft, Wasserstoff und Helium.

 2     Albert Einstein, Über die spezielle und die allgemeine Relativitätstheorie, Braunschweig (Vieweg) 1972; Einstein, Grundzüge der Relativitätstheorie, Braunschweig5 (Vieweg) 1973; Wolfgang Pauli, Relativitätstheorie, Leipzig (Teubner) 1921 Nachdruck Berlin [u.a.] (Springer) 2000

 3     N.N., Der Satellit MAP bestätigt neues Weltbild. Genaue Bestimmung von kosmologischen Parametern, in: Neue Züricher Zeitung vom 13.2.2003; Christofer Schrader, Neue Daten beweisen: Das Universum ist 13,7 Milliarden Jahre alt, in: Süddeutsche Zeitung 13.2.2003; Martin Pätsch, Rekord-Schärfe. Nasa präsentiert Jugendbild des Universums, in: Spiegel-Online 12.2.2003

 4     Wolfgang Pauli, Fünf Arbeiten zum Ausschliessungsprinzip und zum Neutrino, Texte zur Forschung 27, Darmstadt (Wiss. Buchges.) 1977. C. G. Jung hat Pauli als Gründungsmitglied des Züricher Jung-Instituts gewinnen können und ihn für eine physikalische Untermauerung der Tiefenpsychologie nutzen wollen. Pauli schreibt einen Aufsatz über Hintergrundsphysik, worin er die Macht des kollektiven Unbewußten am Fall einer Wasservase beim Gründungsfest demonstriert: hier habe die Vase synchronistisch ausgedrückt, wohin die Forschungsreise gehen solle. Pauli hat mit Jung über die Verflechtung von Psyche und Kosmos sinniert, dessen mystische Theorien aber immer mehr abgelehnt.

 5     Leon M. Lederman, David N. Schramm, Vom Quark zum Kosmos. Teilchenphysik als Schlüssel zum Universum, Heidelberg (Spektrum der Wissenschaft) 1990

 6     Alan H. Guth, Die Geburt des Kosmos aus dem Nichts. Die Theorie des inflationären Universums, München (Droemer) 1999

 7     R. Corby Hovis/ Helga Kragh, Paul Dirac und das Schöne in der Physik, in: Spektrum der Wissenschaft (Heidelberg, Akademie Verlag) 7/1993,84-90; Steven Chu, Einschluß neutraler Teilchen mit Laserstrahlen, in: Spektrum der Wissenschaft (Heidelberg, Akademie Verlag) 4/1992, 68-75; Gerald Gabrielse, Kühlung und Speicherung von Antiprotonen, in: Spektrum der Wissenschaft (Heidelberg, Akademie Verlag) 2/1993,44-51; Anthony J. G. Hey, Das Quantenuniversum. Die Welt der Wellen und Teilchen, Heidelberg (Spektrum der Wissenschaft/ Akademischer Verlag) 1998

 8     Reich, Die Entdeckung des Orgon II. Der Krebs (1948), Frankfurt 1985 sieht die biochemisch erzeugte elektrische Spannung, die nicht nur neuromuskulär, sondern in allem Körpergewebe um 1 Volt liegt, als einen Teilaspekt der Orgonenergie, die aber mehr ist als nur physikalische, nämlich biologische. »Zwischen den elektrischen Reiz und die Muskelaktion schiebt sich also ein unbekanntes 'Etwas' ein... Die elektrische Energie wirkt nicht biologisch aufladend.«(31) Orgon ist weder Bergsons elan vital noch Hans Drieschs heilsgeschichtliche »Entelechie« der Materie noch mechanische Energie, aber die materielle »Fähigkeit, Arbeit zu leisten«.(34) Die anorganisch und organisch »überall vorhandene«(113), nährende, den Organismus zu zyklopulsatorischem Stoffwechsel von Atmen, Essen und Liebemachen innervierende Orgon-Energie(36ff), wird zuletzt als »an Gott rührender«, »endloser Ozean« (Ollendorff-Reich 1975,108) das kosmische Energieprinzip und Motor alles Lebendigen.(114) Als flimmernde Himmelstrahlung ist Orgon per Orgonoskop beobachtbar und per Geigerzähler meßbar.(115-66) »Jede Wahrnehmung beruht auf Zusammenklingen einer Funktion innerhalb des Organismus mit einer Funktion in der Außenwelt, also auf orgonotischem Gleichklang«.(117) So ist Libido als innere Orgonenergie nur der mikrokosmische Teil der den Organismus umgebenden athmosphärischen Orgonenergie. Der Orgonakkumulatur, innen aus Stahl, außen aus Holz und Watte, 1940 kreiert, in dem gerade ein Krebspatient sitzen kann, soll die kosmische Strahlung in dem Kasten anziehen und konzentrieren (aaO 128ff), um die »biopathische Schrumpfung«, die Carzinogenese, zu verhindern: Vivifikation.(aaO 169ff,255ff, 297-346)

 9     NHC VIII,2 S.133.12 - 134.9 ruft Petrus die Apostel auf dem Ölberg zusammen, wo sie sich früher mit dem seligen Christus versammelt hatten, als er noch im Leibe war.(cf Mk 11,1par; Lk 21,37; Acta 1,12; Mt 28,20) Sie beten proskynetisch zum Vater des Lichtes und zum Sohn des Lichtes, Christus der Unsterblichkeit, ihren Erlöser: Sie brauchen Kraft, denn sie werden verfolgt. 134.9-18 schildert die Lichtvision/Audition: »Da erschien ein großes Licht, so daß der Berg durch die Erscheinung dessen, der sich offenbarte, erstrahlte. Und eine Stimme rief ihnen zu und sprach: "Hört auf meine Worte, damit ich euch sende! Was verlangt ihr nach mir? Ich bin Jesus Christus, der allezeit bei euch ist."« Soweit noch ganz ähnlich wie Mt 28, folgt 134.18 - 138.3 ein dem Johannesapokryphon NHC II,1 (= III,1 und IV,1) affines, vom Sophia-Mythos und sethianischen Elementen geprägtes Lehrgespräch mit Jesus, der anschließend in Blitz und Donner in den Himmel entrückt wird. (NHC VI,2 S.13.1: BRONTH = nou=j te/leioj, die sich als Schöpfergespielin 16.3 nach vielen Paradoxalidentitäten mit der sofi/a identifiziert: auch hier spricht der Donner!) Die Gewitter-Himmelfahrt mag der reale akustische Vorgang der Audition gewesen sein, Blitze haben etwas zischelndes wie eine Sprache. Mit etwas Phantasie kann man sie zu einem Text zurechthören, genau wie der Interpret des Glossolallen dessen scheinbar sinnloses Stammeln zu sinnvollem Text zurechthört: a)nagignw=skein ist Lesen als Wiederentdecken des Bekannten. Dabei hört man bekanntlich immer genau das, was man hören will, auch das Verhören ist, wie das Versprechen und Verschreiben mit Freud GW IV eine Wunscherfüllung. Darauf folgt in 139.9 - 140.1 ein zweiter Einschub, vermutlich aus einer apokryphen Apostelgeschichte des Petrus, der Petrus doketisch lehren läßt über Christi leidloses Leiden, während die Apostel die Schmerzen und Schmach nicht einfach wegstecken können.(cf Karl-Wolfgang Tröger, Doketische Christologie, in: Kairos 19/1977,45-52) Abschließend in 140.1-15 folgt eine Pfingstsequenz, die gut und gerne eine frühe Kurzfassung derselben Ölbergszene sein könnte: Petrus versammelt die anderen Apostel, sie bitten gemeinsam Christus um den Geist des Verständnisses, damit sie auch so schön Wunder tun können wie er. Da werden sie sehend und mit dem heiligen Geist erfüllt, wirken Heilungswunder und trennen sich nach einer letzten Versammlung, um den Herrn Jesus zu verkündigen. Dieses Sehendwerden, gekoppelt mit Geistbesitz und Wundercharisma, weist wiederum auf etwas Visionäres hin. Möglicherweise ist diese Formulierung eine der ursprünglichsten Ausdrücke für die Widerfahrnis, die später immer stärker angereichert mit Lokalkolorit und anderen Narrationen das Sehen des Auferstandenen meinte. Cf Bethge in Schneemelcher I 51987,275-83, wo er seine Diss über Ep Pt (Berlin-Ost 1984) zusammenfaßt.

 10    Gerhard Marcel Martin, Sozietät und Ritual. Osterfeiern 1975 bei den Yaqui-Indianern in Arizona, in: Anstöße (Ev. Akademie Hofgeismar) 1975,130-36; Wilhelm Keilbach, Techniken religiöser Ekstasen, in: Josuttis/Leuner 1972,9-22,12f zu Tanz/Gesang, 14f zu Hanf/Pilzen/Opium/Alkohol;Keilbach aaO 9. In kollektiven Ekstasen der Mysterien ist die Diastase von Seele und Körper kulturell vorbereitet. Die schamanische Initiation mit ihrem Erlebnis rituellen Todes und Wiedererstehens ist freilich mehr. Peter Stafford, Meskalin, Peyote und verwandte Kakteen, Informationsreihe Drogen 3, Markt Erlbach (Martin) 1990

 11    Basilow 1995,228ff zur Ekstasetechnik

        Thomas Freeman/ John L. Cameron/ Andrew McGhie, Studie zur chronischen Schizophrenie, Frankfurt (Suhrkamp) 1969; Michael Lütge, Wachstum der Gestalttherapie und Jesu Saat im Acker der Welt. Psychotherapie und Selbsthilfe, Frankfurt (Lang) 1997,68,147,237,258f,402f,731f

 12    Jochen U. Haas 1976; Basilow 1995,228ff