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Proseminararbeit

Dr. Erika Reichle

Dezernat Sozialethik

Eberhard-Karl-Universität Tübingen

Sommersemester 1974

„Medizinische Ethik“

Einige Überlegungen zum Problem von

Christentum als chronischer Massenschizophrenie

 

Michael Lütge

5. Fachsemester Theologie

74 Tübingen

Herrenberger Str. 28


Inhalt

0. Vorwort nach 39 Jahren. 5

I. Verarmung von Lebensfülle durch Theologie?. 6

Gott, Schöpfer der Menschen. 6

Mensch, Geschöpf Gottes, imago dei 6

Schreibtischleben – Theologie mit dem Nürnberger Trichter 7

Schüler als Objekt – Prüfung und Notenvergabe statt Diskurs. 7

Ziel der Arbeit: Analogien zwischen Gläubigen und Patienten. 8

Sprache. 8

Veränderung. 8

Der Philosoph schwätzt daher und der Malocher hört es nicht. 9

Praxis für Theoretiker: Industriepraktikanten ohne Gehalt 9

Fernseher, Bier und ab geht’s in die Grandiosität des Helden. 10

Krimimorde als Kompensation frustriert-ärgerlicher Bürger 10

Sachlichkeit und die Sache Jesu: Gerechtigkeit und Frieden. 10

Gelebte Bücher: Theorie eigener Lebenspraxis. 11

Sprache als Erfahrungsmittler 12

Emanzipative Sprache als Pädagogik der Unterdrückten. 13

Schulen gegen Lernprozeß. 14

Kirche mit Heilsmonopol 14

Gott und das Wort. Wie er unsere Frömmigkeit aufmischt 15

Kastration Gottes durch Sprache. 15

Adams Angst vor Gott 16

Pauli Panta-Formeln. 16

Panentheismus. 16

Erlösungsverheißung und Freiheitsschrei 17

Gott als Motor der Materie. Möglichkeit und Wirklichkeit 17

Christ und Gott 18

Bonhoeffers Option für Hitlers Tod und Gottes Ohnmacht 19

Sprache als Blockade von Erkenntnisprozessen. 19

Das Schwellen und die Schwelle. Sturm und Drang der Jugend. 19

II. Antipsychiatrie als Zulassen eigener Erfahrungen. 20

Texte zur Erfahrungstheorie; Erfahrungsstummel 20

Erfahrung der Entfremdung von eigener Erfahrung. 21

Gegen Positivismus: Verblendungszusammenhang als Gesundheit 21

Wirklichkeit ist Gruppenkonsensus, kein Ansich. 22

Dissozialisation Abartiger 23

Psychopathie als Protest 23

Somatik als Ausweichmöglichkeit für Gequälte und Psychiater 24

Monade bei Freud. 25

Psychiatrie im Totalitarismus. 25

Gesund, Krank und Heilung. 25

Diagnose-Glossare als Ettiketten und Stigmatisierungen. 26

Widerspruch und Schizophrenie. 26

Zur Möglichkeit psychoanalytischer Erkenntnis. 27

Person oder Ding. 27

Biochemie und Steuerung des seelischen Apparates. 28

Pharmakologischer Totalitarismus. 29

Diagnose im hermeneutischen Zirkel 30

Erkenntnis der Seele als mutueller Dialogprozeß. 30

Erkenntnisinteressen der Analyse. 31

Zwei Modi der Kommunikation: Körpersprache und Worte. 31

Sprachpathologie. 33

Allgemeine Interpretation des besonderen Leidfalls. 34

Arzt und Patient in der Analyse. 35

Permanente Reflexion. 36

Reflexion als Krankheit: Der philosophische Grübelzwang. 37

Verfall der Reflexion durch ihre Delegation an den Analytiker 38

Krankheit als Abnormität. Zur Kritik Kurt Schneiders. 38

Herr Doktor als Herrscher 39

Regelkreise der sozialen Ausgliederung in Subkulturen/Kulte. 39

Zwangseinweisung als Regelfall in der Psychiatrie. 40

Thanatophore Therapie. 40

Integration der Abnormitäten. 41

Heilung als Repression. 41

Vergangenheitsbewältigung, Wiederholungszwang, Übertragung. 42

Vergangenheit im Irrenhaus. 43

Vergangenheitsbewältigung politisch: autoritärer Charakter geerbt 44

Realität als Sozialphantasie. 45

Emanzipation der Irren. 45

Mensch im Rudel. Faschismusanfälligkeit mangels Ichstärke. 46

Mut zur Reise: die Psychose als Abenteuer 46

Befreiung als Wiedergeburt 46

Psychiater als Geburtshelfer 46

Vernichtetes Individuum.. 47

Therapie als Liebesakt 47

Laings wachsende Würdigung der Schizophrenen. 48

Gesund und Krank. 48

Angst vor Verschlungenwerden. 49

Neurose. 49

Angst vor der Realität 51

Depersonalisationsangst 52

Vitioser Zirkel bei Angst 52

Bestätigung der Autonomie. 53

Angst vor Liebe. 53

Selbstbewußtheit als Schutz vor Verschlungenwerden. 54

Kontrolle. 54

Körperloses Selbst 55

Falsche Selbst-Systeme. 56

Aktion und Passion. 56

Sinn. 57

Tateinheit 57

Aushungern im belagerten Versteck. 58

Identität als Problem und Hobby. 58

Metaidentitäten. 58

Der Flirt 59

Kollusionäre Tricks in Dyaden. 59

Intererfahrung, Faktoren von Erfahrung. 60

Übereinstimmung, Verstehen und Realisation. 61

Projektionsspiralen und Autonomie. 61

Wiedergeburt als Neuerfindung des Selbst 61

double bind – Schlüsselstruktur schizophrenogener Beziehungen. 62

III. Neurosen und Psychosen soziologisch. 63

Herrschaftspyramide in den Betrieben. 66

Bandarbeiter 66

Arbeiterfamilie. 68

Kindererziehung. 68

Drei Erziehungsstile. 69

IV. Schizophrene Strukturen im Christentum.. 72

Zur Methode: „Volltreffer“ anstelle longitudinaler Feldstudien. 73

Schizophrenie und schizoide passagere Dekompensation. 73

Der Konfirmandenunterricht übt das Sünder-Sein ein durch Beichte. 74

Mythos zwischen Vernunft und Wahn: Die Schwächeren irren. 76

Die wesentlichen Merkmale der Schizophrenie. 76

Gott im Volk Israel: Spaltung in Gerechte und Gottlose. 77

Gnostische Weltentfremdung: Finsternis und Ort des Bösen. 77

Nächstenliebe als Gottesliebe. 78

Jesu Beziehungsfähigkeit zu den Sündern. 79

Sünde bei Paulus als ichfremde Macht von außen. 79

Glaube als Aufhebung paranoider  Mißtrauensrückkopplungszirkel 79

Jesu Glaube als Ungehorsam-Werden in der Verzweifelung. 80

Trauerarbeit und Melancholie: Inkorporation des Toten. 80

Ostervisionen – Melancholische Internalisierung Jesu. 81

„Objektive Heilstaten“ Gottes wie etwa Auferstehenlassen. 81

Paulus als Visionär: Jesusvisionen verleihen Kerygma-Macht 82

Auferstehung als Pneuma-Erlebnis: Der „Geist“ ersetzt Jesus. 82

Ostervision als legitimierende prophetische Berufungsvision. 83

Größenwahn der Apostel als narzißtische Grandiosität 83

Auferstehung als Mythos des Sieges einer Bewegung. 84

Die Inkorporation Christi als melancholische Identifikation. 84

Geistbesitz als Beweis göttlicher Durchdrungenheit 85

Wie mache ich Leben unerträglich? Paranoide Diastase zur „Welt“. 85

Paulinisch-gnostische Dualismen als Weltausgrenzungsklischees. 86

Insidermoral und - wissen. 87

Jesu Versöhnungstod beschuldigt alle Menschen als Sünder 87

Die Herabstufung aller Menschen zu Sündern. 88

Die double bind der Rechtfertigungslehre. 89

Der Übergriff der Gottesliebe als depressive Selbstdestruktion. 89

Gemeinde als soziales Netz der Sünder 90

Paranoide Weltfeindschaft der Christen. 91

Aus Opfern werden Täter: Strenge Kirchenzucht 91

Gemeinde – kollektiver Narzißmus – Wut gegen Abweichler 91

Kirchraum als Uterus und Gratifikation durch Konfluenz. 91

Zelebrierte Demut: schlechhinnige Abhängigkeit vom Strafgott 92

Luthers Depressivität als Folge von sozialisatorischer Gewalt 93

Schlagrituale in Schule und daheim als Liebeszucht 93

Neurose als gefundenes Fressen für den evangelikalen Missionar 94

Römer 7: Fleisch und innerer Mensch als Schlachtfeld des Geistes. 94

Dissoziation des Körpers als Gefängnis und schlechte Außenwelt 95

Die tollkühnen Märtyrer ohne Schmerzen in der Folter 96

Luthers Zwei-Reiche-Lehre als schizoide Weltordnung. 97

Gottes Vorsehung für den schwäbischen Pietisten. 97

Christliche Psychose als Zurüstungsarbeit zur Weltverantwortung. 98

V. Schlußwort nach 38 Jahren. 98

VI. Bibliographie. 100


0. Vorwort nach 39 Jahren

Der Autor schrieb dieses Jugendwerk mit 21 Jahren, nachgerade evangelikal begeistert von Jesus, Bonhoeffer und Kierkegaard, hoffend auf eine Welt ohne Hunger und Krieg noch zu Lebzeiten, mit 400 DM und Kohleofen im Hause Hermann Hesses zu seiner Buchhändlerzeit bei Osiander auf 12qm lebend mit Toastbrot und Spiegelei, um alles Geld in theologische Bücher zu stecken. Er war zornig auf die satten bundesdeutschen Verhältnisse, konnte die angeblichen Plausibilitäten der theologischen Argumente Jüngels nicht nachvollziehen, suchte nach Beweisen für Gott und fand keine.

Theologie war eine riesige Blase von kaum beweisbaren Vermutungen über Jesus, Jeremia und Jesaja. Es gab nur Textfunde und einen Rattenschwanz von Lehrmeinungen, wo ein Professor vom anderen oft wörtlich aus dessen Bibel-Kommentar abschrieb, ohne zu zitieren. Nur Gestus und Wortwahl gerierten sich wissenschaftlich. Es ging darum, eine bestimmte Form des Schreibens zu demonstrieren. Es ging niemals um historisch sichere Beweise. Selbst Grabungsfunde müssen gedeutet werden. Und die Deutungsmacht lag in der Hand des Professors, der durch sein Gutachten nach Gutdünken dem Studenten dann wissenschaftliches Denken attestierte, wenn dieses mit seiner eigenen Ausdrucksweise konvergierte. Prof. Dr. Rolf Schäfer der Oldenburgischen Landeskirche nahm diese Arbeit zum Anlaß, dem Verfasser von der Fortsetzung des Theologiestudiums dringend abzuraten und die Übernahme in den Kirchendienst zu verwehren.

Nur so konnte der Auftrag der Theologie erfüllt werden, den Pfarrernachwuchs auf das Predigen dessen einzuschwören, was die Kirche des 20. Jahrhunderts nach dem zweiten Krieg gerne genau so weiter getrieben haben wollte. Es ging gar nicht um wirkliches Wissen, sondern um die Erhaltung eines angeblichen Wissens, was mit der Tradition Luthers im vollen Einklang stand und die durch Loccumer Verträge verankerte Alimentierungsstruktur der Kirche nicht gefährdete in ihrer Existenz als religiöse Institution mit damals noch erheblichem Ansehen in der verunsicherten Nachkriegs-Republik.

An der Tübinger Theologischen Fakultät fand gerade der Wechsel von den zornigen alten Männern zu den glattgestriegelten Konformisten statt, die das vehemente kämpferische Eintreten für den Geist der Freiheit (Käsemann) ersetzten durch akribisches Sammeln von Informationsfluten im Karteikasten als Basislager neuer Forschungsansätze (Hengel, Stuhlmacher). Die studentischen Kämpfe gegen Regelstudienzeiten von 6 Semestern wollten Forschungszeit statt Pauk-Zeit etablierter Wissenskonserven erreichen und damit das, was die Zukunft der BRD als Wissens-Standort hätte sichern können. Dem revolutionären Aufbruch hielt Hengel entgegen, Jesus sei kein Revoluzzer, sondern ein heiterer Mensch gewesen. Lach mal wieder, trink einen Heurigen und genieße die Stocherkahnfahrten auf dem Nekar.

Moltmann bezog als einziger damals Blochs Philosophie und naturwissenschaftliche Kenntnisse über Urknall und Ökologie ein. Hier war erstmals eine Öffnung der Theologie zur interdisziplinären Akademie der Wissenschaften hin erlebbar. Davon war der Autor tief beeindruckt und hat dies fortzusetzen versucht in Bereiche von Philosophie, Psychologie, Sozialwissenschaften, Devianzforschung. Daß er später beim jüngst verstorbenen Prof. Dr. Dr. Dr. Rolf Schwendter als zentralem Pionier einer Integration und Würdigung gesellschaftlicher Randgruppen aller Art gelandet ist, nachdem der anfängliche theologische Doktorvater aus der Moltmann-Riege ihm aufgrund seiner Kritik gestalttherapeutischer Therapiegruppen von aufstrebenden Jungakademikern vorwarf, zu wenig Reklame zu machen für diese neuen Methoden als Spielform kirchlicher Freizeitgestaltung der Zukunft, wen wundert´s.

Das generative Thema im Tübinger Theologicum war das gleiche wie im Irrenhaus: Es ging um Freiheit des Denkens und Gängelung durch die Wärter. Die Kirche schrumpft, wie ich es damals prognostiziert hatte, ist aber in weiten Teilen von Mitstreitern infiltriert, die gegen den evangelikalen Weltherrschaftswunsch einen Bewahrungswunsch für die Welt setzen und hierzu nötigen Frieden nur durch Gerechtigkeit und bedürfnisentsprechende Güterverteilung erreichbar sehen. Die Spinner von damals sind die Bischöfe von heute und haben weitgehend die damals gängige Selbstherrlichkeit der Professoren aufgebrochen zu einem ernsthaften Dialog mit der Welt und ihren Erkenntnissen.

Wenn wir einen Gott verkündigen, der seinen Sohn schlachtet, damit er nicht uns für unsere Sünden mit dem Tod bestraft, wir als Dank dann unser Fleisch kreuzigen sollen – was tun wir damit den kleinen Kinderseelen an? Das Wort vom Kreuz kann krank machen. Die Gnade Gottes und die Vorliebe für die Schwachen und Ausgestoßenen braucht keine Leiche am Kreuz.


I. Verarmung von Lebensfülle durch Theologie?

Gott, Schöpfer der Menschen

Gott ist nach christlichem Lippenbekenntnis der Schöpfer der Welt. Er hat die Affen im Zoo gemacht, die gezwungen sind, sogar noch beim Koitieren von Zuschauern umgeben zu sein. Er hat die Fische gemacht, die im Rhein verwesend herumtreiben. Er hat die Kühe gemacht, die vor den Schlachthäusern Schlange stehen. Er hat die Pferde gemacht, deren Freiheit mit Sporen und Peitsche an die Kandarre genommen wird. Er hat die Soldaten geschaffen, die Bauernsöhne, aus denen sich die SS rekrutierte. Gott ist der Schöpfer der mehr als 6 Millionen Juden, die in den Lagern unserer Ahnen abgeschlachtet wurden. Gott hat die Menschen geschaffen. Gott gab uns Augen zum Sehen, Nasen zum Riechen und Reiben, Ohren zum Hören, Hände zum Streicheln und Schaffen, und so manches mehr. Davon ist bei den Theologen übriggeblieben: 1. die Leseaugen, 2. die nur noch Worte einsaugenden Auditoriumsohren, 3. die Hände zum Schreiben, Gestikulieren und Waffen segnen.

Mensch, Geschöpf Gottes, imago dei

Als imago dei ist „der Mensch“ gleichfalls Schöpfer. Zwar hat „er“ heute bumerangartig alles darangesetzt, Gott abzuschaffen, vielleicht am stärksten, wo am meisten von Gott gejubelt wird. Aber er hat auch sich selbst als Schöpfer abgeschafft, zumindest in der Theologie, die keine neuen Bilder von Gott zuläßt und nur das Alte für das Wahre hält. Die Theologen mühen sich, eine 2000 Jahre vergangene Spätantike in sich einzuverleiben. Was dabei herauskommt, sind leere Worte ohne Tat, pfiffiges Gequasel um eine Sicht von der Wirklichkeit, die von der Wohnungstür bis zum Seminarraum reicht, von der Kanzel bis zum Sitzungszimmer. Dieses Leben entbehrt der Offenheit zur Erfahrung der Welt, als deren Schöpfer Gott ausgegeben wird. Es verarmt jede Kreativität. Sind Geschöpfe Abbild des Schöpfers, stellt das Werk die Person dar, so ist es um so manchen Theologen schlecht bestellt.

Der Mensch ist ein schöpferischer Arbeiter. In seinen Produkten macht er sich selbst zum Gegenstand, er vergegenständlicht im Produkt sein Wesen. „Wie die Individuen ihr Leben äußern, so sind sie. Was sie sind, fällt also zusammen mit ihrer Produktion, sowohl damit, was sie produzieren, als auch, wie sie produzieren.“ (Karl Marx/ Friedrich Engels, Die deutsche Ideologie, MEW 3,21) Wir können mit diesen Sätzen keine Vorstellung mehr verbinden, sie sind abstrakt, denn für uns gilt weder die These von der Selbstvergegenständlichung noch die der Kreativität. Wer es sich leisten, kann, mag es sich in der Kunst noch als Luxus leisten. Das was die anderen herstellen, ist ihnen fremd, sie können sich selbst schwerlich in einem Mercedes-Kotflügel wiederfinden, Menschen wissen darum meist auch nicht mehr, wer sie sind und werden sich gegenseitig fremd, Konsumenten nur noch von Massengütern und Massenmedien. Statt Produktion findet sich bis in den letzten Winkel nichts als Reproduktion, das Originelle wird sofort gierig konsumiert und in den Kreis der Reproduktion eingereiht. Was einzigartig ist, schimmert hervor wie aus fremder Welt, wird bestaunt, weil es nicht mehr zu diesem Leben gehört. Untersucht man das Bewußtsein, so quillt überall der Drang zum Besitz hervor, aggressiv und als Lust zum Konsum. Wie Dinge wird alles behandelt, es gibt nur noch Objekte für das Bewußtsein.

Selbst die Untersuchung des Bewußtseins durch sich selbst ist zu einem Akt des Verobjektivierens geworden. Auch Geisteswissenschaften reproduzieren sich in ihren Phrasen. Theologie gefällt sich wohl im Trott der Neubesinnung auf den Ursprung, Denken heiße Nachdenken, mit Trieb zum Archaischen, Hang zu Moder und Gruft, an welcher der Pfarrer mit Aussegnung brilliert. Der Gedanke an Gott ist zur Reflexion über Gott geworden, alles, aber auch alle Lebensfülle ist starr zum theologischen Ding geworden, das sich der Student durch Bücherlesen einlagert. Etwa die Phrase „der Mensch“ ist Ausdruck für die Leere und Dinghaftigkeit des Denkens und des Gedachten: sowohl die Sprache als auch das Bezeichnete sind Dinge, Formeln und Marionetten, gedacht und gelenkt von Marionetten. Theologie illustriert, wie sehr der Mensch ein Mängelwesen ist.

Schreibtischleben – Theologie mit dem Nürnberger Trichter

Meine Situation hier am Schreibtisch kennzeichnet sich durch Ohnmachtserleben. Während viele Wissenschaften in Forscherteams arbeiten, ist das Theologiestudium in höchstem Maße Einzelstudium. Ich habe Angst, zitatfrei zu schreiben, mein Wissen wird als Material verdinglicht, dessen Präsentation aus Prüfungsangst motiviert ist, die mit Studienbeginn von den Kommulitonen abgeschaut und übernommen wird. Wie ein Schauspieler Rollen lernt, so lernen Theologen durch Nachdenken Positionen auswendig, die sie so gut es geht vertreten. Selbstdenken ist unerwünscht, gefährdet das Examen und die weitere Laufbahn. Wer aber zitiert, ist King - als würde der Gedanke durch eine anerkannte Autorität des Denkens wahrer! Der Stil meiner Sätze ist nichts als Reproduktion des Stils der bisher konsumierten Bücher. Die Unfähigkeit zum eigenen Wort, in dem nicht unentwegt nur eingetrichterte Gedanken sich äußern, sondern ein selbstdenkender Mensch, ärgert mich. Die einzige Leistung, die noch eigen ist, ist die Auswahl der Gedanken und ihre Garnierung. Entgegen der üblichen Feindseeligkeit der Theologie zu Psychologie, Soziologie, Politologie und Medizin bewege ich mich im interdisziplinären Feld der Anthropologie. Die Begrenzung des Themas auf reine Theologie wäre ein Unrecht an der Komplexität des „Stoffs“. Borniert versteift sich gewöhnlich der Geist des Theologen in ein Stückchen Vergangenheit. Er wühlt in den Literaturangaben, die er zu diesem Thema findet, er liest Bücher mit dem Titel „Mensch“ - und dann weiß er, was ein Mensch ist. Die Vorstellung, als verdinglichende, denkt sich Menschen wie im Zoo ohne Gitter. Die Erfahrungen der Geisteswissenschaften sind meist sekundär, aus Büchern angelesen. Sollte ein Theologe eine Kuh melken, ist klar, daß er erst noch einmal in der Bibliothek verschwindet.

Schüler als Objekt – Prüfung und Notenvergabe statt Diskurs

Die Spaltung der Welt in Subjekte und Objekte finden wir überall, z.B. im Verhältnis zwischen Lehrer und Schüler, wobei auch das Buch eine Lehrerrolle hat. Der Lehrer lehrt den Schüler (nicht umgekehrt), dabei herrscht die Vorstellung von der Weitergabe des Wissens als eines Dinges oder der „Bearbeitung“ des Schülers in der Erziehung wie einen rohen Holzblock, aus dem ein Standbild werden soll, Abbild des Lehrers, der Abbild seines Lehrers ist, der... (usw.). Und das gelingt auch. Der Schüler käut die Gedanken des Lehrers wieder, indem er sie versteht, lagert er sie ein. Wenn ein Schüler sich äußert, kommt er über die vorsichtige Modifikation der Gedanken, die er gelernt hat, nicht hinaus. Sein Wissen ist ein Ding, entweder richtig oder falsch, darum auch der Seitenrand üblicher Seminararbeiten, ein Dialog wird eh nicht daraus, daß der Lehrer seine Kritik dazuschreibt. Der Schüler wird zensiert, indem man seiner Arbeit eine Note geben muß. Welch eine Verding-lichung, das Produkt eines Menschen mit Zahlen von 1-6 zu numerieren! Aber nur der verdinglichte Schüler überlebt. In der Arbeit des Schülers entspricht der Subjekt-Objekt-Spaltung des Leben - wie auch der Forschung in den Wissenschaften - die strenge Trennung von Autor und Thema.

Nie macht ein Bücherwurm sich selbst zum Thema, außer den Autobiographien marktgängiger Leute, deren Werke Aussicht auf regen Absatz haben. Nur versteckt und unabsichtlich, fast als Panne, bringt sich der Autor ins Thema. Je weiter einem die „Sache“ vom Leibe ist, desto wohler dem Schreiber. Der Arbeitende bleibt hinter seinem Werk verschanzt, bleibt dem Betrachter des Werks abstrakt, entzogen und ist zur austauschbaren Funktion geworden. Je weniger persönliche Stellung ein Buch bringt, desto mehr wird es empfohlen, mit Ausnahme der Denkbücher, für deren Qualität der Verfassername als Warenzeichen steht. Aber sonst: jeder beliebige kann sein Werk fortsetzen, hat er den gleichen Wissenskomplex angeschafft wie der Vorgänger. Die Aktivität Arbeit ist gekenzeichnet durch eine – mit wachsender Intensität des Deliquenten nur zunehmende – Passivität: grammatisch richtig ist schon: ich werde gearbeitet, werde gelebt. Denn die Arbeit ist zum vorgeplanten Schema geworden, dem ich mich unterziehen muß. Das Schema bestimmt mich auch da noch, wo ich meine Naivität hochquäle im Glauben, es stamme von mir selbst, was ich tue, nicht von den Lehrern. Der Arbeiter ist im Spätkapitalismus Objekt seiner Arbeit, das Subjekt ist als Störfaktor mit Peitsche und Zucker ausgetrieben werden, als böser Geist, Frechheit, Trotz und Aufsässigkeit, Alberei, Träumerei und Feigheit, je nach Bildungsgang mit verschiedenen Akzenten.

Ziel der Arbeit: Analogien zwischen Gläubigen und Patienten

Ich will in dieser Arbeit zeigen, wie sehr der Glaubende dem Schizophrenen gleicht. Der Grad der Realitätsferne ist ungefähr gleich, die schizoide Struktur seiner Ich- und Welterfahrung ebenfalls. Der zentrale Unterschied ist, daß Schizophrene weggesperrt werden in Irrenhäuser, während Gläubige in Gemeinden eine Basis gegenseitiger Bestärkung in ihrer gegen alle Wissenschaft bekenntnishaft behauptete Weltanschauung gefunden haben. Innerhalb dieser Sekte funktioniert ihre Sprachweise und ihre mentale Mythik rigider Aufspaltung der Welt in Gut und Böse. Von außen werden „Christen“ für seltsame Spinner gehalten. In meiner Schulklasse war dies überdeutlich, die meisten glaubten nicht an die Existenz eines Gottes und hielten mich für skurril. Zu recht. In evangelikalen Jugendkreisen konnte man sich gegenseitig trösten, von den normalen Menschen so wenig verstanden zu werden.

Sprache

Sprechen ist eine Sache der Begegnung mit der Welt und den Menschen dieser Welt. Denken, des Sprechens unlösbaren Bruder, war nie echt als l'art pour l'art. Denken und Sprechen stellt Verbindung her. Menschen, die miteinander sprechen, sind hierin verbunden zur Gemeinschaft, damit gehört es zu ihrem Wesen, zu sprechen und zu denken denn Gemeinschaft ist für Menschen lebensnotwendig. Das Sprechen wird als ein Akt der Benennung der Welt erlernt: mit dem Erfahren der Mutter wird das zärtliche Wort „Mama“ assoziiert. Zu jedem Wort gehört die Vorstellung dessen, in dessen Erfahrung man das Wort angenommen hat. (Vorstellung: aus dem direkten Vor-sich-stellen des Angeschauten und Befühlten wird vermittelt-memorierte Vorstellung, in der das ursprünglich passiv erfahrene nun aktiv-Bewußtseinsmäßig re-präsentiert wird.) Auf diese Weise wird sämtliche Erfahrung der Welt benannt, alles bekommt seinen Namen. Diese noch ungeordnet und isoliert aufgenommenen Erfahrungsbenennungen werden durch neue Assoziationen in Zusammenhänge gebracht: nach dem Blitz folgt ein Donner. Sprache baut auf Erinnerung der Erfahrung auf. So fällt schließlich das Wort, ohne daß die Anwesenheit der zugehörigen Erfahrung da ist. Es entsteht Phantasie und Imagination. Man tut so, als ob. Als Einbildung steht der Wunsch nach der Anwesenheit des nicht anwesenden Vorgestellten. Aus der Verbindung von Einzelworten ( und damit ursprünglich zusammenhangslosen Einzelerfahrungen) entstehen abstraktere Worte für größer Weltzusammenhänge, z.B. Gewitter für Blitz, Donner, Regen. Real vorhandene Beziehungen werden erkannt und bezeichnet mit neuen Worten. So vollzieht das denkende Bewußtwerden die erfahrenen Zusammenhänge nach und benennt sie. Durch das Bewußtsein des Zusammenhangs wird es möglich, die eigenen Bewegungen und Aktivitäten in Beziehung zur Welt und deren Insassen zu bringen. Durch die Erfahrung, daß die Welt auf das Ich reagiert, wird eine Wechselbeziehung zwischen Menschen und auch Mensch und Welt ermittelt. Immer stärker ordnen sich die Eindrücke in ein großes Sinngefüge. Das Denken vermittelt mit den Mittel der benennenden Sprache nun zwischen allem und gibt Möglichkeit, durch gezielte Aktivität und Intention auch bestimmte, gewünschte Reaktionen zu erleben. Aus der wahllosen Bewegung des Säuglings wird eine auf immer größere Auswirkung hin durchdachte Aktion, der Möglichkeit von Veränderung der Welt. Die Metaphorik Schizophrener erscheint oft quer zur Konvention und deshalb verrückt. Sie hat aber eine interne Logik, die nach dem gleichen Prinzip arbeitet wie die Sprache der anderen.

Veränderung

Veränderung der Welt geschieht ziellos oder dumm, wenn der Bewußtseinsakt gar nicht oder ungenügend vollzogen ist. Dies hängt wesentlich von den zur Verfügung stehenden Sprachmitteln ab, die Produkt einer langen kulturellen Entwicklung sind. Weltbenennung hat ihren wirkungsreichsten Stand da, wo sowohl Konkretion als auch Abstraktion möglich sind und je im Denkprozeß verschieden-zeitig aktualisiert werden. Denken vermittelt das Abstrakte mit dem Konkreten, von dem das Abstrakte durch das Denken erst entstammt. Sowohl zur minutiösen Erfassung des Details einer Situation ist fortgeschrittenes Bewußtsein fähig, als auch zum distanzierten Blick auf den Zusammenhang der Phänomene. Je besser Denken beides verbindet, desto wahrer wird das Wort, desto wirkungsvoller werden die Aktionen, die aus und mit dem Wort kommen.

 Träume geben Ziele, auf die hin nun die Aktion die Welt verändert. Träume drücken Wünsche aus. Wünsche entstehen, weil die Menschen nicht vollkommen für sich selbst genug sein können, immer fehlt ihnen etwas. Zufriedenheit ist nur vorübergehend. Die Träume geben dem Bewußtsein bekannt, was den Menschen fehlt. Im Traum wird ein Mangel bewußt. Nicht immer, aber meist ist die Behebung des Mangels lebenswichtig für Menschen. Die Veränderung der Welt hat das Ziel, das Ermangelnde zu beschaffen und dadurch die entstandene Not zu beseitigen. So kam es zum Ackerbau, so ging es weiter, bis neue Bedürfnisse aus der Situation in der veränderten Welt entstehen, die neue Träume und neue Weltveränderung erfordern, dies als Prozeß. Dabei hat sich geschichtlich Güteranhäufung bei den stärksten Menschtieren und Unterdrückung ergeben: die meisten Menschen haben nicht, dessen sie bedürfen, wogegen andere im Überfluß dessen leben. Trotzdem geben sie es denen, die es brauchen, nicht. Die Folge ist, daß Milliarden von Menschen vor Hunger sterben, während andere an Überfettung oder Altersschwäche, Herzinfarkten und Krebs sterben. Der Traum der Unterdrückten: die Welt muß so verändert werden, daß ihre Leiden aufhören. Damit ist ein wesentliches Ziel der Weltveränderung benannt; die Revolution aller ungleicher Güterverteilung, in denen Herrschaft und Unterdrückung Knechtschaft und Leiden erzeugen.

Der Philosoph schwätzt daher und der Malocher hört es nicht.

Bisher hat das Gerede der Theologen kaum einmal für gerechten Tausch und gerechte Güterverteilung aufgerufen: man half den Leidenden, ihr Leid als gottgewolltes zu tragen. Wo Theologie das Wort in den Dienst der Befreiung von Leid stellte, trat dieselbe Ohnmacht ein. Das Wort verändert die Welt nicht. Die Ursache liegt in der Welt, die von den Herren gegen das Gerede der Intellektuellen genügend abgesichert wurde. Das intellektuelle Bewußtsein ist mit der Abstraktion verbuhlt und an diese heillos verfallen. Durch die Unfähigkeit zur Konkretion kann sich intellektuelles Denken nicht dem Denken der Unterdrückten vermitteln und deren Erkenntnis vorantreiben. Das Weltproletariat hat kein Klassenbewußtsein, erfährt sein Leiden, ohne den Grund zu sehen: Komplexe internationale Wirtschaftsstrukturen, Bösenkurse und Dumpingpreise/-löhne kapitalistischer Konkurrenten. Durch die Abstraktion wird intellektuelles Gequasel beziehungslos zu den Unterdrückten und zur Welt, die sich je nur als Konkretes erfahren läßt, und darum auch nur im Konkreten sich verändern läßt. Den im allzu Konkreten lebenden Unterdrückten fehlt die Distanz, von der her sich Beziehungen wahrnehmen lassen zwischen ihrer Situation im dunklen Augenblick und ihnen meist nicht erfahrbaren anderen Konkretverhältnissen, deren Kenntnis gerade entscheidend wichtig ist, um die Welt im oben angedeuteten Sinne zu verändern. Nur eine Synthese, eine Vermittlung und neue Einheit von Intellektuellen und Proletariat ist die Bedingung zum Klassenbewußtsein als geschichtlicher Voraussetzung zur Revolution. Dies erkennen die Intellektuellen und erfahren ihre Unfähigkeit zur Konkretion als Schuld - soweit sie je Schuld erfahren. Fast unnötig, zu betonen, daß diese Situation durch die Struktur der Universität noch weiter gefördert wurde. Jedenfalls isoliert die Unisprache, in die man sich integrieren muß, um ein Diplom zu erwerben, die Intellektuellen völlig von den Unterdrückten, ja, die Intellektuellen sind selbstverständlich dem Apparat hörig und denunzieren sich gegenseitig, um zu überleben. Konkurrenz ist auch im Denken eingeschlichen, vom überall sich einschleichenden Druck der Leistungsideologie und Verdinglichung des zu denkenden. Darum ist Denken harmlos geworden. Darum machen alle leere Worte, die nicht einlösen, was sie versprechen, weil das Wort gezweiteilt wurde und damit seine Kraft verlor und sein Leben. Die Intellektuellen haben ihren Lebenshorizont weitgehend auf das Leben mit Büchern reduziert hat. Sie erfahren das Konkrete nicht mehr selbst. Weil also intellektuelles Denken von der konkreten Vorstellung entfremdet ist, wurde Sprache machtlos, die Weltbenennung verändert die Welt nicht mehr.

Praxis für Theoretiker: Industriepraktikanten ohne Gehalt

 Es grenzt an schwarzen Humor, die Klage um den „fehlenden Praxisbezug“ der Intellektuellen von Unternehmerseite her zu hören. Hier wird gefordert: Praktika, die den Studenten besser in das marktwirtschaftliche Ausbeuterdenken integrieren, Abwurf des Ballasts, der darin gesehen wird, daß ein Student mehr von der Welt erfährt als für seine Rädchenfunktion im Unternehmen nütze ist. Er soll „kein Fachidiot sein“, d.h. wissen, was dem Unternehmen nützt. Aber gerade die Genügsamkeit des Interesses am Fach spielt dem Chef des Unternehmens auf beste in die Hände: die Arbeitsteilung holt mehr Profit aus den Leuten heraus, die optimale Potenzen erreichen im Schraubenanziehen, Radiolöten und Briefetippen. Und das bornierte Bewußtsein arbeitet wie eine Maschine einwandfrei ohne Aufmucken. Die „Praxis“ der Unternehmer ist die Praxis, wie die Universität so verändert wird, daß mit den Ausgebildeten größtmöglicher Profit zu machen ist und das mit dem kleinstnotwendigen Aufwand: Regelstudium von 6 Semestern, bessere Berufsberatung, um Fehlstudien zu vermeiden, die ja wieder auf Staatskosten gehen. Und so wird auch der letzte naive Träumer schon eingeplant in das Angebot an Studienabgängern für das nächstnächste Jahr, er ist Nummer im Computer. Sein Nutzen wird statistisch festgemacht. Vor der Existenz der Huhns in der Hühnerfabrik hat der Student wenigstens noch voraus, sich selbst in den Käfig setzen zu dürfen.

Fernseher, Bier und ab geht’s in die Grandiosität des Helden

Daheim in der Freizeit wird der Fernseher zur Traummaschine: im innersten Revierbezirk des entpersonalisierten Funktionsbündels Arbeitnehmer, dem Kärtchen in der Computerkartei von Personalzentrale und Neckermannversand, in der Stube hinter dem Herd, der längst keine Wärme mehr strahlt wie in Omas Zeit, da steht er und macht dem müden Antihelden eines Alltags ohne Ereignisse (außer dem Anschnauzer vom Vorarbeiter) seinen Traum. Er ist Krimiheld 007 und wird durch sein Mißtrauen ganz allein mit dem ganzen sowjetischen Spionagenetz fertig. Einer schafft es gegen das ganze Universum, Prometheus mit der kugelsicheren Weste und nie endender Phantasie; der Mann, der die Hoffnung nicht aufgibt, die der ausgebrannte Fließbandarbeiter kaum je kennengelernt hat. Er hat Erfolg bei den Frauen, die immer schön, grausam ästhetisch (nicht wie die Dame neben ihm) sind und ihm fast die Hose vom Leib reißen. Da geht dem Mann dann endlich der Hut hoch, falls er ihn auf dem Schoß liegen hatte. In der Resurrektion ist er endlich für sich und frei, kann rauchen, was er will, trinken, essen, was er will. Welche Freiheit, wo doch im Arbeitsprozeß derer keine mehr ist. Dachte Marx noch, der verdinglichte Arbeiter vergegenständliche sich nun statt in der Arbeit in der Freizeit, Schlafen, Essen, Zeugen, so muß heute gesungen werden von einem verdinglichten und von einer Kulturindustrie beherrschtem Freizeitverhalten und einer grenzenlosen Waschmittelfreiheit; das Subjekt ist tot.

 Nur: es ist alles schmerzfreier geworden, weil es niemand mehr merkt und in der Industriegesellschaft die Bedürfnisse sämtliche durch deren falsche Erfüllung pervers wurden. Die Filme fingieren eine Traumwelt von Glück, Liebe, Abenteuer oder Katastrophe. Sie bieten ferngesteuerte Derealisation auf Zeit. Unterschied zur Schizophrenie: man kann die Glotze abschalten, die Psychose nicht.

Krimimorde als Kompensation frustriert-ärgerlicher Bürger

Der Filmtod gewöhnt das Bewußtsein des Verdinglichten an das Faktum Tod als eines notwendigen lebensnotwendigen Aktes, Aufpreis gegen die als Wert in den Heiligenstand erhobene Gerechtigkeit vom Schlage der Blutrache. In diesem Bordell der Wut, die einst dem Chef galt, im Filmmord, findet eine Gewöhnung an den Tod statt, im frommen Glauben, „es sei ja nur ein Film“.

Der, dessen Leben erst im Film wieder aufatmen kann, verliert bald das Gefühl für Wirklichkeit und Filmillusion. Keine Bestialität schreckt die Kinomeute mehr, der Hexenmord kribbelt den Knaben in den Schenkeln; die Filme, die sich mit der Aufarbeitung von Auschwitz befassen, ernten Gelächter. Wer ist bestialischer geworden: der Gl hinter der MG oder die Meute vor der Leinwand? Am nächsten Morgen aber ist der Spuk vorbei, die Hexen, Killer, Sadisten, Masochisten und Indianer sind wieder brave Bundesbürger nach law and order. So funktioniert die doppelte Moral zwischen Tag und Nacht, Arbeitsplatz und dem an die Stelle ehemaliger Intimsphäre untergejubelten Massentraummedium. Fernsehzuschauer (und 98% der BRD-Haushalte haben ein TV) sind schizoide Wesen. Je braver am Tag, desto brutaler zur Nacht. An der Grausamkeit des Kino- und Fernsehprogramms läßt sich die Repressivitat einer Gesellschaft ablesen.

Sachlichkeit und die Sache Jesu: Gerechtigkeit und Frieden

Sachlichkeit geistiger Arbeit kann auch als Dingdenken benannt werden; der Begriff gehört zu der Epoche, wo die Naturwissenschaften sich einiges drauf einbildeten, ihre Objekte so genau zu beschreiben, daß sie jedem „Subjekt“ zugänglich sein sollten. Inzwischen haben wenigstens einige Naturwissenschaftler eingesehen, daß eine derartige Trennung von Gegenstand und Betrachter nicht der Wirklichkeit entspricht, höchstens in der Astrophysik. (zB Niels Bohr)

Zur Lüge wird eine geisteswissenschaftliche Aussage, wenn sie unabhängig von Addressat und Autor gemacht wird. Wer die Subjektivität seiner Aussagen leugnet, geriert sich als Verwalter fremder Meinungen, die möglicherweise mehr allgemeine Anerkennung finden als die eigene. Die meisten Sachthemen der Theologie interessieren doch kein Schwein. Außer dem Theologen, der gerade zufällig in diesem Randgebiet selbst arbeitet. Wer kann schon etwas mit einem Lutheraufsatz in seinem Leben anfangen außer dem Theologen, der sich berufen glaubt, die Informationen dieses Aufsatzes weiterzuvermitteln. Ist Vermittlung der „Sache“ möglich? Wann darf man dann aufhören, sachlich zu sein? Am Endpunkt des Vermittlungsprozesses, wo das Ja Gottes als Sachgehalt des Evangeliums dem Predigthörer aufgetischt wird? Sache der Theologie ist Gott, wie Sache der Chemie die Molekularstruktur der Substanz ist. Gott, als er in Jesus auflebte, war keine „Sache“. Jesus wurde auch nicht wie eine Sache behandelt von denen, die an ihn glaubten; Jesus zeichnet sich dadurch aus, daß er Menschen nicht als Waren des Lebensmarktes behandelte. Er suchte nicht nach dem günstigsten Angebot, dieser abstrakten Größe in unseren vermarkteten Hirnen, sondern redete mit dem, der ihm begegnete. Und diese waren nie besonders günstig zum Umgang.

Nachfolge Jesu begingt, wofern überhaupt je, in der Arbeit mit seiner Historie und Hinterlassenschaft. Die Theologie selbst steht nicht außerhalb der Nachfolge. Darum muß die Methode der Theologie mit ihrem Inhalt verbunden sein. Vom Frieden sachlich reden kann man nur, indem man Frieden schafft. Jesu Leben war ein großer Dialog, seine Existenz und seine Geschichten sprachen immer Leute an, waren Provokation. Diesen Dialog, mit dem nach Jesu Meinung das Reich Gottes tendenzhaft begann, trägt man „sachlich“ nur so vor, daß wieder Dialog entsteht. Theologie muß dialogisch leben. Theologische Sachlichkeit ist nicht, daß man sich Gott zu einer Sache macht, über die man Konversation treibt, sondern Provokation von Menschen. Wo die Menschen unmenschlich leben müssen, ja wollen (weil man die objektiven Zwänge oft dadurch entschmerzt, daß man das Gesollte will), muß Provokation von Menschen zu einer Veränderung rufen: aus Unmenschen zu Menschen.

Wenn das kommende Gottesreich wesentlich aus dialogischem Leben von Subjekten besteht, so kommt es nur da zum Vorschein, wo ein Mensch mit dem anderen dialogisch kooperiert. Eigentlich gibt es in wissenschaftlichen Arbeiten dazu keine Möglichkeit. Wenn sich der Addressat in einer Rede, einem Buch oder einer Musik, einem Bild, überhaupt menschlichen Produkten, so angesprochen fühlt, daß er mit dem Produzenten konvergiert zu einer Erkenntnis-Gemeinschaft: Du triffst genau mein Gefühl, meinen Traum, meinen Schmerz und meine Hoffnung. Empathie, dem anderen ins Herz blicken und aus der Seele sprechen, da erst kommt das Wort Gottes zur Sache.

Gelebte Bücher: Theorie eigener Lebenspraxis

David Cooper, Antipsychiater in Britannien, sagt, man müsse in Zukunft Bücher leben. Gelebte Bücher sind solche, wo einer nicht von einer Sache erzählt, die mit seinem Leben nur in der Beziehung steht, daß beides vom gleichen Stoff ist, dinglich. Es gibt Themen, die allen Menschen gemein sind. Essen ist eins. Leben ist in der Weise allgemein, daß jeder irgendwelche Körperteile hat, die mit denen von anderen in auch nur entfernter Weise Ähnlichkeit haben; Lebewesen sehen sich vielen allen gemeinsamen Problemen gegenüber. Man muß das aber erst erkennen, daß das Problem ein allgemeines ist. Überleben ist ein solcher Sorgenfaktor. Wenn auch nur einige Lebewesen bemerken, daß sie nicht isoliert vor diesem Problem stehen, dann können sie versuchen, gemeinsam das gemeinsame Problem zu lösen: sie fressen sich nicht mehr gegenseitig auf, in der Meinung, das Fressen des anderen garantiere das Nichtgefressenwerden des Ich, sondern suchen sich etwas anderes zum Fressen, organisiert und arbeitsteilig. So schon bei Löwen, doch leider noch unvegetarisch. Aufgrund der Gemeinsamkeit von Lebensproblemen kann ein Mensch von seinem Problemkreis so erzählen, daß ihn der andere so versteht, daß er seine eigenen Probleme in den Problemen des anderen wiederentdeckt. Man setzt dabei ein analoges Erkenntnisprinzip voraus. Es kann also sein, daß das, was mich angeht, auch ohne daß ichs weiß, die anderen ebenso angeht. So etwa das Leiden unter Isolation an der Uni. Da Menschen aber nie allgemein sind, stellt sich das allgemeine Problem bei jedem besonders dar, es kann andere Formen haben, anders empfunden werden, mißverstanden werden. Solche Mißverständnisse klären sich, wo ein anderer seine Erfahrung des besonderen Erlebens eines allgemeinen Problems mitteilt. Wenn viele mit der gleichen Besonderheit zusammentreffen, neigen sie dazu, ihre Besonderheit als etwas allgemeines zu begreifen, dabei ist es nur vielen gemeinsam. Es geht darum, wie eng man die Gesamtmenge des „alle“ festlegt. Darüber muß man sich klar werden oder einigen.

Gelebte Bücher machen Lebenserfahrung des Autors kursiv. Sie helfen mit der Artikulation eigener praktischer Erfahrung dem Leser zur Artikulation seiner Erfahrung. Sprache hat zu Erfahrung ein ambivalentes Verhältnis. Sie kann Ausdruck von Erfahrung sein, bis hinein in Lautmalerei und Lust am Wohlklang; sie kann aber auch Erfahrung konditionieren und damit bestimmte Erfahrungen dem Sprecher vorenthalten. Wie anders als durch Sprache aber soll Erfahrung vermittelt werden? Das ist eine crux für Nationen, die sich auf Sprechen spezialisiert haben. Außerdem: Erfahrung vermitteln? Warum läßt man nicht jeden seine eigenen Erfahrungen machen? „Das Bügeleisen ist heiß“ sagt die Mutter. Warnungen vor dem bissigen Hund sind auch nützlich; wiewohl der Hund auch hätte so erzogen werden können, daß er nicht beißt. Weil einige Erfahrungen tödlich sein können, warnt man.

So auch auf der Kanzel des moralmittelnde Pfarrers der Nachkriegszeit: er weist die Gemeinde an, wie sie so lebt, daß seiner Meinung nach alle glücklich sind. Dies scheint einleuchtend. Aber für wie inkompetent hält man Kinder eigentlich? Orwell denkt in „1984“ diesen Ansatz zum bitteren Ende: Glück geht auf Kosten von Selbstsein. Reklamesprüche und Slogans waren immer gute Propagandamittel. Wenige eingehende Worte erzeugen den Anschein von Bescheidwissen. Die einzige Erfahrung des Faschisten nach Adornos F-Skala (Studien zum autoritären Charakter, Frankfurt/Main (Suhrkamp) 1973) ist der Slogan selbst und dessen Auswirkungen in ihm und dann außer ihm, etwa in Auschwitz. Sprache kann also eigene Erfahrung verhindern. Das Dogma der mittelalterlichen Kirche hat auf diese Weise jeden wissenschaftlichen Fortschritt blockiert.

Sprache als Erfahrungsmittler

Ebenso aber kann Sprache das Bewußtsein auf neue Phänomene hinweisen, die wenn überhaupt, dann nur dunkel und unbewußt erfahren wurden. Sprache ist eine Vereinbarung zwischen Menschen. Sie ist eine Einigung über akustische Bezeichnung von Gegenständen und Erleben. Ihr Wert besteht darin, daß unter einem Wort sehr viele die gleiche Vorstellung entwickeln. Darum kann man auch abwesendes kommunikabel machen. Ohne Sprache ist je nur die augenblickliche Erfahrung kommunzierbar zu machen. Wer mit einer Bezeichnung nicht einverstanden ist, kann sich aber anderen mit einer neu erfundenen Bezeichnung nicht verständlich machen? Sprache ist ein normativ festgelegtes System von Erfahrungsbezeichnungen. Dabei ist die Grammatik schon eine Methode, die Erfahrungen zu ordnen und zu verbinden. Da in der Schule alle die gleiche Grammatik lernen, ordnen alle ihre Erfahrungen in der gleichen Weise ein. Verblüfft stellen sie dann fest, daß das Erfahrene allgemein sei, anstatt zu erkennen, daß allgemein nur die Methode der Sprache war, die Erfahrung zu begreifen, einzuordnen und aus der unendlichen Pulle des Erfahrbaren nur minimal zu selektieren, weil die Begriffe minimal und minutiös einzelne Erfahrungsausschnitte bezeichnen. Sprache, die zu begrenzt ist, macht größere Erfahrungen unmöglich, weil sie die Erkenntnis auf das begrenzte „Bekannte“ richtet. Mit der Erweiterung des Wortschatzes wächst die Sensibilität für neue Erfahrungen. Beim gleichen Bild fällt der Blick verschiedener Betrachter auf verschiedene Erscheinungen, je nach seiner Interessenlage. Einer sieht, daß es ein Münchener Autobianci ist, der andere sieht das Mädchen darin, das ihm zuwinkt, bevor der Wagen um die Ecke verschwindet.

Durch Austausch beider wird eine Vervollständigung des Bildes möglich, aber nicht so, daß der eine die Erfahrung des anderen direkt wiedererfährt, es ist vermittelte Erfahrung und damit mittelbare. Der Autofan kann sich den Mädchenwink nur mit Erinnerung an frühere ähnliche Erlebnisse vorstellen, er hat keinen unmittelbaren Erfahrungszugang zur Erotik des anderen in dieser Sekunde. Seine Vorstellung nähert sich dem Erlebnis des anderen zwar an, je mehr dieser erzählt, beide Erfahrungen können aber nie zur Deckung kommen.

Sprache vermittelt Erfahrung, macht damit aber die Qualität der Erfahrung zu einer sekundären. Genaugenommen ist sekundäre Erfahrung sogar eine falsche Aussage; eigentlich ist es nämlich keine Erfahrung. Das, was sprachlich getan wird, ist nur optimale Annäherung der Vorstellung von der Erfahrung des anderen. Sie determiniert dessen Blick, indem sie ausläßt, was der Empfänger vermittelter Erfahrung bemerkt hätte. Jeder selektiert verschieden. In vermittelter Erfahrung wird das Subjekt gezwungen, sich der Selektion eines andern anzuvertrauen, außerdem bekommt ein Hörer nie alles mit, was die Rede an Anspielungen enthält, man merkt dies bei Bloch. Es findet also eine Selektion der Selektion fremder Erfahrung statt, wenn man ein Buch liest. Das Ergebnis kann nur sein: vermittelte Erfahrung ist abstrakte Erfahrung. Sie ist so umgänglich wie in der Mathematik die abstrakten Zahlen (a,b), die Abstraktion von Abstraktionen sind, weil Zahlen selbst schon die Abstrakten von Mengen sind. Weil wir aber gewohnt sind, gar nicht mehr konkret zu erfahren, erfahren wir es auch nicht konkret, daß wir nicht konkret erfahren. Also macht es auch nichts aus, daß Sprache Erfahrung abstrakt vermittelt. Die Familie und Schule ist unentbehrlich, um durch gewissenhafte Spracherziehung die Zöglinge sozial zur Erfahrung einer Situation der Nicht-Erfahrung zu determinieren. Wer dann erstmal nicht mehr erfährt, dem kann man sprachlich alles unterjubeln, was man will, vorausgesetzt, man hat ein Diplom, das dazu berechtigt. Dieses gewinnt man nur, indem man anderen Leuten (dem Schulamt) demonstriert, daß man die gewünschte Brille der Reduktion von Weltkomplexität besitzt.

Wer es nicht glaubt, wie wenig er erfährt, soll doch mal in ein Zimmer gehen, wo ein Mensch in einer außergewöhnlichen Stellung sitzt, nach 10 sek Zeit zum Wahrnehmen der Stellung muß er dann diese genau einnehmen wie vorher diese Person. Untersucht man dann auf zwei vergleichenden Fotos hinterher die beiden Stellungen, so wird am krassen Unterschied beider Stellungen die Nachlässigkeit der Beobachtung bewußt. Dies aber ist noch das einfachste Beispiel eines klar überschaubaren Objektes der Wahrnehmung. Wesentlich komplizierter ist eine Sekunde am Fenster des fahrenden Zuges, noch wesentlich schwieriger, den Magen zu erfahren oder den Orgasmus. Es fehlt an Achtsamkeit. Aber wie sollen Leute, die ihr Leben lang mittels Sprache verdummt wurden für Erfahrung, wie sollen die jetzt noch bereit sein für eine neue, nie gekannte Sensiblität? „Ein Großteil unseres bewußten Sprachgebrauchs ist kaum mehr als ein blasser, piepsender Abklatsch der seltsamen, dunklertönenden Stimmen unserer Träume und der präreflektiven Formen des Bewußtseins („Unbewußtheit“).“ (David Cooper, Der Tod der Familie, Rowohlt dnb 6, 22)

Ich wehre mich nicht gegen Sprache überhaupt, denn ich spreche ja. Normsprache ist unentbehrlich geworden. Aber ich wehre mich gegen die Verschüttung von Erfahrung durch die Fracksprache des Bürgertums, die „Anstand“ hochhalten, die die vormals noch handfesten Prügelstrafen verinnerlicht haben in die Sprachform der Weisungen, Anweisungen, Verbote, Verordnungen. Ursprüngliche Macht wird wesentlich durch die strukturelle Gewalt der Paragraphen hochgehalten. Die Drohung hat als Machtmittel mehr Einsätze als die reale Ausführung ihrer selbst in direkter Gewalt. Sprache hat moralisches Wächteramt, hat Tabuisierfunktion da, wo ihr Sprachschatz endet. Sprache ist das Zwangsmittel der verrechtlichten und verwalteten Welt. Täter finden stets wohlklingende Worte für Untaten.

Emanzipative Sprache als Pädagogik der Unterdrückten

Sprache kann auch Medium voll Befreiung sein. Sprache kann Hinweise geben auf noch ungemachte Erfahrung, Achtung auf Erfahrbares intensivieren. Erfahrung kann vorbewußt sein, kann aber auch bewußt gemacht werden; eben dazu hilft Sprache. Erkenntnis ist zu Bewußtsein gelangte Erfahrung. Erkenntnis wirkt sich auf neue Erfahrungen aus: sie weitet den Blick, klart ihn zur Sehschärfe und steigert bestimmte Erfahrungspartikel. Leider schließen sich beim Öffnen von einer neuen Tür immer mehrere alte; Neuerkenntnis bringt auch immer andere Erkenntnis in den Hintergrund des Vergessens. Mit Neuerfahrung wird andere Erfahrung verdrängt. Erkenntnis vollzieht einen permanenten Wechels von Vorder- und Hintergrund. Nie gelangt alle Erfahrung ans sprachliche Licht. Aber der Hintergrund wird insgesamt klarer. Gerade diese Aufhellung des Ganzen von Leben kann eine bestimmte Sprachform bewirken. Philosophie will das.

Aber es gibt „Philosophie“ sowenig wie „Theologie“ als Einheit. Heidegger etwa ist Paradigma von Bürokratie: seine Sprache ist fleißig am Einordnen der Wirklichkeit in die Aktenordner seiner versponnenen Begrifflichkeit. Sie klassifiziert das Sein mit schulmeisterlicher Strenge. Der Modus direkter Erfahrung wird empört abgelehnt und mit dem Vulgären des durch Sprichwortweisheit vorprogrammierten Schulbewußtseins in einen Topf geworfen. “Denken heißt identifizieren. Befriedigt schiebt begriffliche Ordnung sich vor das, was Denken begreifen will. Sein Schein und dessen Wahrheit verschränken sich.“(Th. W. Adorno, Negative Dialektik, Frankfurt/Main 1966, S.15) Ähnlich schreibt Adorno in der Kritik der Dialektik: „Die Verarmung der Erfahrung durch Dialektik jedoch, über welche die gesunden Ansichten sich entrüsten, erweist sich in der verwalteten Welt als deren abstraktem Einerlei angemessen.“(Negative Dialektik S.16)

Philosophie als Medium zur direkten Erfahrung zu sehen, scheint wiederum aus der Denkart, mit der ein Griechischpauker sein Fach für den einzig lohnendem Zeitvertreib hält und für den Weg zum Heil sowieso. Mit Philosophie meine ich aber nicht ein gründliches Studium der Vorsokratiker, Leibnitz, Fichte, Kant und Hegel. Einfaches Nachdenken über die Situation bringt ebensoweit. Man muß Mißtrauen entwickeln als Grundhaltung. Nicht immer gleich alles glauben, was einem weißgemacht wird, auch das, was man sich selbst weißmachen will. Die Worte stehen hinter dem zurück, was man erlebt. Mit der eigenen Erfahrung muß die internalisierte Sprachgewohnheit geprüft werden; nicht das einzelne Wort, sondern der Zusammenhang, den das gelernte Sprachschema in der Erfahrung herstellt. Ich glaube, daß in den verlogenen Sprüchen unserer Sprache genug Selbstwiderspruch steckt, herrührend aus der doppelten Moral des Bürgertums, um einen Selbstreinigungsprozeß der Sprache in Gang zu setzen. Man schaut sich genau aufs Maul, wenn man spricht und die Intuition sich Worte aufklaubt, die zum Ausdruck helfen sollen. Man merkt sofort das Kettensystem der Sprache: eher behindert sie Ausdruck, als ihn zuzulassen. Wort und das Gemeinte klaffen weit auseinander, dieser Widerspruch läßt sich reflektieren und zur Kritik des Denkens an sich selbst einsetzen.(cf Adorno, Drei Studien zu Hegel, Frankfurt/Main4 (Suhrkamp) 1970, 85ff) So wird gerade das, was Vermittlung von Entfremdung ist, die strengste Waffe gegen diese; wer Sünde in sich hat, kennt sich aus mit dieser. Aufhebung von Entfremdung ist nur aus ihrer Kenntnis heraus möglich. Am besten lernt man sie kennen am eigenen Leib. Die vergewaltigende Sprache der Begriffe im erkannten Widerspruch zur Erfahrung bringt Sprache auf schwerem Weg in den Dienst der Subjektivität, die sich vom Begriff geknebelt und verstümmelt erfährt: „Die Utopie der Erkenntnis wäre, das Begriffslose mit Begriffen aufzutun, ohne es ihnen gleichzumachen.“(Negative Dialektik, 19) Indem Sprache weiß, daß sie qualitativ anders ist als Erfahrung, im Distanzhalten von der Unmittelbarkeit, die sie so auch schärfer sieht als aus zu großer Nähe, gibt sie der Erfahrung den nötigen Raum zur Entfaltung. Die Sozialnorm Sprache wird vom Mittel der Anpassung des Bewußtseins zum Gegenteil. Verbündet mit den eigenen Erfahrungen entlarvt sich Denken vor sich selbst. Man muß sich Mut einreden, den Widerspruch von Gefühl und Verstand intensiv zu erleben und ebenso intensiv sodann mit dem Verstand erfassen. Die kleine gefühlte Differenz von Gefühl und Beschreibung wird Motor größerer Genauigkeit. Sie führt in den Epochen des Zeitgeistes zu Quantensprüngen in der Anthropologie und Paradigmenwechseln.

Schulen gegen Lernprozeß

Lernen ist auch eine Bezeichnung für Erfahrung. Die Organisation für Lernen ist die Schule. In der ersten Welt (Europa, USA) bringt jeder Mensch ca. 1/7 seines Lebens in Schulen zu. Neben der Familie ist die Schule das wichtigste Instrument des Staats zur Bildung des Bewußtseins. In Schulen entfremdeter Gesellschaften muß zwangsläufig diese Entfremdung reproduziert werden. Lernen in Schulen ist die beste Methode, Bewußtsein um sich selbst zu bringen, also echtes Lernen abzulehren. Die Schule verstümmelt Lernen, Erfahrung, Denken und Subjektivität. Wenn es die Eltern noch nicht geschafft haben. An dieser Stelle wird regelmäßig vom Schulmeister eingeworfen, dies müsse erst mal bewiesen werden. Man traut keinem Gedanken über den Weg, des sich nicht mit der Logik juristischer Kleinlichkeit mit allem zu Verfügung stehenden Material, womöglich Statistiken, dem Angesprochenen aufnötigt. Deduktive Argumentation trippelt wie Geshas einher. Denken, das sich dieser Schrittfolge nicht unterwirft, wird als dummes Zeug ausgegrenzt. Wie Schule durch Lehrpläne Interessen aufnötig, so programmiert sie Erfahrung vor. Sie macht das, was man den kommunistischen Systemen mit erhobenem Finger anlastet: Gleichschaltung der Menschen.

Kirche mit Heilsmonopol

Die Kirche hat Schwierigkeiten, Gott los zu werden als ihre Ware auf dem Markt der Ideologien. Ich glaube, daß es daran liegt, daß Gott nicht erfahrbar ist. Viele Theologen wollen sogar, daß Gott, weil totalitär aliter, unerfahrbar ist. Als „Erfahrungstheologie“ wird die Denkmühe disqualifiziert, die das Bewußtsein in der Erfahrung Gottes schulen wollte. Solange Gotteserfahrung reduziert wird auf die Begegnung mit Gott durch Worte, das bezeichnenderweise von der Amtskirche verwaltet wird, solange braucht sich der Klerus keine Sorge zu machen, daß Menschen unmittelbarer Zugang zu Gott haben als der Klerus vorgibt, es zu haben. Solange bleibt der Pfaffe legitim, wie sich der Laie in Glaubensdingen inkompetent glaubt, also nicht auf eigene Erfahrung Gottes seine Existenz gründet.

Sicherlich ist Theologie als Reflexion der Erfahrung mit Gott so wichtig wie Denken nur sein kann. Aber unsere Theologie redet ja über Gott. Auch in meinem Gerede kommt das zum Ausdruck, denn es ist eine verdorbene Sprache. - Erst recht wäre Theologie da nötig, wo kein Friede, keine Liebe und keine Hoffnung ist. Dort müßte Theologie Mut wecken zur Mündigkeit der Christen, aus der erlebbaren Kraft Gottes zum Abwerfen der Ketten des Systems. Die Kirche der Zukunft wird ihr Heilsmonopol abtreten an die Erfahrung der Glaubenden und Nichtglaubenden. Vielleicht sollte man unterscheiden zwischen spätkapitalistischer Verdinglichung und Christentum. Sollte dann Theologie nicht lieber schweigen, weil jedes Wort verdreht wird? Ich glaube, Rede von Gott ist unmöglich in einer Sprache, die voller Inkonsistenzen und falscher Implikationen ist.

Theologie ist paradox oder absurd. Sie reinigt sich von ihrer Falschheit, indem sie sich ihrer Unmöglichkeit bewußt bleibt. Gott ist nicht der, von dem Theologen sagen, Gott sei. Theologie weist auf Gott hin, das ist alles. Benennen kann sie ihn nicht. Gott als Geist ist der Sprache voraus. Er kann nicht begriffen werden. Aber die Begriffe des Denkens können ihm einen Platz freihalten, zugleich Platz des versöhnten Menschen. Zu diesem Platz sich aufzumachen, mag Theologie nütze sein, anzuspornen.

Gott und das Wort. Wie er unsere Frömmigkeit aufmischt

“Sodaß wir nun Knechte sind im neuen Sinn des Geistes, nicht im alten Sinn des Buchstabens“(Rm 7,6). Dazu Karl Barth: „'Im alten Sinn des Buchstabens' würde dann die religiöse Menschenmöglichkeit in irgend einer neuen, verfeinerten, zugespitzten Form, eine neue 'Frömmigkeit' bedeuten. 'Im neuen Sinn des Geistes’ bedeutet es ... die Möglichkeit, die genau jenseits der Grenze aller alten und neuen religiösen Menschenmöglichkeit anfängt, von Gott her anfängt. Wir haben es versucht, die Begrenztheit der Religion zu begreifen. Eine negative Wahrheit? Ja, ihre positive Seite ist die, daß der Geist selbst für uns eintritt mit unausgesprochenen Seufzern (8,26).“(Barth, Römerbrief, München 1922, 222) Weder zu beten noch zu theologisieren wissen wir, und der Geist vertritt uns. Worte machen vom Unaussprechlichen ist gefährlich.(Wittgenstein, Tractatus) Verfallen ist dieser Fährnis die Wort-Theologie. Gott zu kennzeichen als Wortemacher, ist eine anthropologische Projektion (Feuerbach). Wer ihr anheimfällt, wird, je starrsinniger er lernt, seinen Blick zu blockieren, umso faszinierter von dem Gedanken, daß Gott Wort ward. Vom Logos in der Finsternis ist der Weg der Buchreligion zum Dogma nicht weit. Geist ist weit mehr als Wort.

Kastration Gottes durch Sprache

Die Qualität Gottes entscheidet sich daran, wie resistent er gegenüber den Attacken der von seiner Herrlichkeit verunsicherten und zum Madigmachen alles Großen greifenden Theologen ist. Das Madigmachen Gottes geschieht am Besten durch Gequatsche. So bisher alle bürgerliche Theologie zwischen Barth und Bultmann. Von Gott kann keiner lassen, einer versucht, ihn mit aller seiner Raffinesse in den Käfig einer Kirchlichen Dogmatik einzusperren. Dingfestmachen Gottes im Wort ist ein Bemächtigungsversuch und zeugt von Todesliebe, dem Sadismus: „Das Vergnügen an vollständiger Beherrschung einer anderen Person...ist das innerste Wesen des sadistischen Hanges. Anders ausgedrückt: das Ziel des Sadismus liegt darin, einen Menschen in ein Ding zu verwandeln, etwas Beseeltes in etwas Seelenloses, weil durch die vollkommene und absolute Kontrolle jedes Lebewesen eine entscheidende Qualität des Lebens verliert - die Freiheit.“(E. Fromm, The Heart of Man, New York 1966, 32) Fromm meint die Psychologie des Unterdrückers.

Aber Kontrolle Gottes ist Theologie ganz genau da, wo Gottes Sein in Angriff genommen wird. Gott vom Katheder lehrbar zu machen ist Vatermord durch Logik. Wie albern ist das Vorhaben, Gott mit freudigen Chorälen „die Ehre zu geben“(EKG 233), noch kurioser: mit einer schrulligen These zum Sein Gottes zu reüssieren, wie Jüngel es liebt zu zelebrieren und so seine Kenntnisse über Karl Barth und Hegel zur Amortisation zu bringen. Wir treiben die Verehrung Gottes eher zur eigenen Verehrung, zur Präsentation, wie gut wir singen, musizieren und scharfdenken können. Gott ist unser Gesang ziemlich egal. Vielleicht freut er sich, wenn wir uns freuen. Allerdings glauben der Mitbeter von Ps. 139, Gott sei big brother, always watching you and me. Er hört, wie falsch ich singe.

Adams Angst vor Gott

Im AT war Gott wie in griechischer Philosophie als Ganzheit des Seins beschrieben. Der Manabegriff steht für das gleiche. Diese Erfahrung (!) Gottes wird heruntergebrochen bis zu den sieben loci der Dogmatik. Die Behauptung, Systematik differenziere eben nur den Gottesbegriff, stimmt nicht. Die Klassifikation des Seins hat Gott verdrängt bis in das Jenseits. Angst vor der Erfahrung Gottes hatte schon Adam. Angst erzeugt Grenzen. Gott abzugrenzen von sich selbst, ist eine Angstreaktion. So wurde Gott ein „ganz anderer“. Pervers, diese Unverschämtheit, Gott einen ganz anderen zu nenen. Und sich dabei noch dessen Autorität anzumaßen! Wie denn der Meister, so auch Bewunderer Jüngel in preußischer Denk-Zackigkeit. Buber korrigierte Barth, Gott sei ganz der Selbe. Ich bin Gott, ich bin nicht Gott. Je mehr man Unsinn über Gott redet, desto näher kommt man ihm, der sich nicht von einem theologischen Sinnsystem, von putzigen Buchstaben, knebeln läßt.

Pauli Panta-Formeln

2 Kor 3,6: Der Buchstabe tötet, der Geist aber macht lebendig. Eph 4,6 zeigt ein urchristliches Staunen über Gott: „Ein Gott und Vater aller, der über allen, bei allen und in allen ist“ begreift Gott präzis durch mangelnde Präzision. So Paulus desöfteren, wo er über 60 Mal den nichtssagenden Begriff „alles“ bringt, 1 Kor 12,6: „Und es gibt doch nur einen und denselben Gott, der alles in allem wirkt.“ Eph 1,23: Christus erfüllt alles mit allem. Und erst im Kolosserbrief , man muß sich einmal die irre Stimmung vorstellen, aus der der Verfasser schrieb: „Jetzt aber leget auch ihr alles ab, Zorn, Grimm, Bosheit, Lästerung, schändliche Rede aus eurem Munde! Lüget nicht gegeneinander, nachdem ihr doch den alten Menschen mit seinen Taten ausgezogen und den neuen angezogen habt, der nach dem Bilde seines Schöpfers zur Erkenntnis erneuert wird, wo kein Grieche noch Jude, keine Beschneidung noch Vorhaut, kein Fremdsprachlicher, Skyte, Sklave noch Freier mehr ist, sondern alles und in allem Christus.“(Kol 3,8-11) Klassenlosigkeit von Gesellschaft und Bewußtsein kennzeichnen den „Frieden Christi“(V 15). Dies ist Utopie.

Panentheismus

Die Beschreibung der Geschichtserfüllung nennt Gott „Alles in Allem“. Die Vagheit des Begriffs ist wahre Präzision: endlich wird Gott nicht mehr vom Bedürfnis nach Klassifikation - einem typischen Kennzeichen bürgerlicher Wissenschaft, die erst Dogmatik möglich machte, wie sie biblisch nie betrieben wurde - vergewaltigt. Aufhebung Gottes vom Denkobjekt zur Freiheit des neuen Seins, eines Subjektseins, ist doch gerade Jesu Angebot nach Paulus: Nun aber haben wir Frieden zu Gott - nicht umgekehrt (Rm 5,l). Der Begriff soll Gott nicht mehr begreifen. Wenn Gott alles in allem ist, ist er sowohl in mir, als auch außer mir. Gott ist alles, Alles ist Gott. Zum Vorschein kommt die Erfahrung Gottes in seinem gelungenen Offenbarsein überall da, wo Grenzen verschwimmen, die Klarheit des Blicks nicht eher aufgeben darf, ehe sie nicht wirklich, außerhalb des erkennenden Subjekts, verschwommen sind, also objektiv historisch aufgehoben. Träume verwischen Wirklichkeit und Möglichkeit. Ichbewußtsein hebt sich im Schlaf oft auf zur Verschmelzung des Träumers mit dem Universum. Schlaferfahrung solcher Natur ist Antizipation im Gottesreich offenbaren Herrlichkeit Gottes als Partizipation am All. Der Mensch wird wieder in der Natur aufgehen als kti/sij qeou=, statt deren Unterdrücker zu sein, wie in der ökologischen Krise heute sichtbar wird, indem die deformierte Natur dem Menschen dessen Leben als Teil ihrer selbst verdirbt. Wer in der Schöpfung den Schöpfer sieht, ganz mit Thomas und seinen fünffachen Gottesbeweisen (S.Th. q.2), hört auf, diese sich untertan zu machen, wie die spätere Priesterschrift nach der Gottesebenbildlichkeit in Gen. 1,28 dann fragwürdig daherkommt.

Erlösungsverheißung und Freiheitsschrei

„Wir kommen für gewöhnlich aus der Tierheit nicht heraus, wir selbst sind Tiere, die sinnlos zu leiden scheinen. Aber es gibt Augenblicke, wo wir dies begreifen; dann zerreißen die Wolken, und wir sehen, wie wir samt aller Natur uns zum Menschen hindrängen, als zu Etwas, das hoch über uns steht... Aber wir fühlen zugleich, wie wir zu schwach sind, jenen Augenblick der tiefsten Einkehr lange zu ertragen, und wie nicht wir die Menschen sind, nach denen sich die gesamte Natur zu ihrer Erlösung hindrängt.“(Nietzsche, Schopenhauer als Erzieher. Unzeitgemäße Betrachtungen, Stück III, Leipzig (E.W. Fritzsch) 1874,58 = Werke in 3 Bänden Bd 1, München (Hanser) 1954,322f zit. in: Barth, Der Römerbrief10 (EVZ) 1967, 291) Weil der Verdinglicher der Natur selbst ein verdinglichtes Wesen ist, warten Natur und Mensch auf den neuen Menschen, auf die Aufhebung der Entfremdung des Menschen von seinem Wesen, die zur Entfremdung des Menschen von der Natur geführt hat. Dieses Warten macht wenig Spaß: „Denn wir wissen, daß alles Geschaffene insgesamt seufzt und sich schmerzlich ängstigt bis jetzt. Aber nicht nur das, sondern auch wir selbst, die wir die Erstlingsgabe des Geistes haben, auch wir seufzen in uns selbst und warten... auf die Erlösung des Leibes.“(Rm 8,22f) Wir seufzen in uns selbst. Das ist Psychopathie. Das schmerzliche Ängstigen muß aber präzisiert werden. Der Schrei nach Freiheit aber ist verstummt bei den Christen des Spätkapitalismus: wer ihn ausstößt, ohne im Seminar der Urschrei-Therapeuten seinen Obolus zu entrichten, wandert ab ins Irrenhaus, das die letzten Illusionen von Freiheit raubt, indem es die nach Freiheit schreienden in den verfeinerten Zwangsjacken von Sedativa und Elektroschocks, auch warmer Wanne, völlig ihres Ichs zu berauben sucht. Das wird illustriert von Emil Kraepelin, Psychiatrie. Ein Lehrbuch für Studierende und Aerzte, Leipzig (Barth) 1899.

Paulus lieferte mit Rm 13 schon die Ideologie, die nötig war, um Unterdrückung zu legitimieren. Kreuzzüge, Vorläufer des Imperialismus, hatten christliche Begründung im Missionsbefehl Mt 28. Mission ist pervertierbar und die grundsätzliche Mißverständlichkeit liegt in christlicher Ideologie selbst, die Schuld trägt an allen Leiden, die sie segnete und heute noch segnet in aller Welt, nicht nur beim Waffensegen für Vietnam. Nach Max Weber ist der Kapitalismus selbst ein Produkt christlicher Ideologie, auf der Gleichung von Reichtum und Segen Gottes erwachsen.

Gott als Motor der Materie. Möglichkeit und Wirklichkeit

Dietrich Stollberg kommt in kosequenter Folge seines Denkens immer stärker zu einem radikalen Materialismus. Materialismus ist kein Gegensatz zu Gott. Bloch entwickelt den dialektischen Materiebegriff weg von der Klotzmaterie, unbeweglich mit Vorstellung von Sand und Baumaterial, zur Prozeßmaterie, dem All, das aus sich heraus neue Formen bildet, weil Materie immer in Bewegung ist und ihren Zustand verändert, zu sehen an Planeten, Rot im Spiralnebelspektrum, Vulkantätigkeit, Wandern von Inseln, Wasser überhaupt, Pflanzenwuchs, Tierbestand als Evolution einer unter sonderbarer Kontingenz chemopysikalischer Zufälle zu Leben umgeschlagenen Masse. (vgl. Thomas, S.Th. q. 2,3 Gott als Beweger der Welt vom Möglichen ins Wirkliche) Ihre möglicherweise höchste Entwicklungsstufe, der Mensch, ist als Wesen subjektiven Geistes fähig, den objektiven Geist zu erkennen: die verborgene Tendenz dieser Evolutionen.

Materie ist, abstrakt, aber umfassender begriffen, das Möglichsein von Allem. Bloch differenziert: „Nicht alles ist jederzeit möglich und ausführbar, fehlende Bedingungen hemmen nicht nur, sondern sperren. (Bloch, Das Prinzip Hoffnung, Frankfurt 1973, 235f) Alles ist „noch faktisch unmöglich, wozu die Bedingungen überhaupt noch nicht vorliegen“(236). Mondflug war im Mittelalter noch unmöglich, obschon denkbar als Möglichkeit. Das Bewußtsein konnte in seiner Phantasie diese Möglichkeit vorwegnehmen, aber nur als vorgestellte, nicht verwirklichte. Doch ist sicher noch mehr möglich, als uns heute auch nur träumt.“Materie ist nicht nur kata\ to\ dunato/n nach Möglichkeit, also das nach dem gegebenen Maß des Möglichen jeweils Bedingende, sondern sie ist to\ duna/mei o)/n, das In-Möglichkeit-Seiende, also der - bei Aristoteles freilich noch passive - Schoß der Fruchtbarkeit, dem auf unerschöpfte Weise alle Weltgestalten entsteigen.“(238) Man muß Materie untersuchen auf das „Maß(e) des jeweils Möglichen“, wie auch auf das „Totum des zu guter Letzt Möglichen“(237) Das „utopische Totum ist im duna/mei o)/n impliziert“ (238) und kann vorscheinhaft geahnt werden durch Erkenntnis der Tendenz-Latenz des geschichtlichen Prozesses, in dem sich Materie befindet.“Ohne Materie ist kein Boden der (realen) Antizipation, ohne (reale) Antizipation kein Horizont der Materie erfaßbar.“(273f) Im Träumen als Antizipation kommt Materie (denn Menschen sind ja Materie im Form von „Leben und Geist“(273)) zu Selbstbewußtsein ihres heimlichen Treibens.

Neben Träumen sind Utopien, Kunst und Religion vom gleichen Stoff. “Kunst ist ein Laboratorium und ebenso ein Fest ausgeführter Möglichkeiten.“(249) Religion sucht „utopische Vollendung in Totalität“ und stellt „noch das Heil der individuellen Sache gänzlich ins Totum“, „in das: „Ich mache alles neu'.“(248) So kommt in der Hoffnung auf das Gottesreich so einiges zum Vorschein: das sich selbst entfremdete Wesen des Menschen, dessen Verwirklichung zur Gottessohnschaft (Rm 8,19) als Zielinhalt der ganzen Welt, die sich nach Freiheit sehnt, begriffen wird. Das Alles im Gottesbegriff ist nichts anderes als die Totalität des zu guter Letzt Möglichen. Gott ist Materie. Denn er macht alles möglich. Aber eben nach Maßgabe der Bedingungen. Gott ist kein Zauberer im Zirkus. Gott hat als Materie einen schweren Weg vor sich, bis seine Schöpfung zur Fülle ihrer Möglichkeiten gekommen ist, ins Reich, wo Gott dann mit erfüllter Hoffnung Alles in allen gepriesen werden wird. Gott als Grund der Möglichkeiten ist aber nicht statisch, wie in der angeführten Thomasstelle, sondern im Werden. Indem sich Materie bewegt und neue Möglichkeiten wirklich werden, wird Gott selbst in seinen verborgenen Möglichkeiten einen Schritt auf dem Weg ins Reich wirklicher. “Wenn die Welt konvergent ist, und wenn Christus ihr Zentrum einnimmt, dann ist die Christogenese des heiligen Paulus und des heiligen Johannes nichts anderes und nichts Geringeres als die gleichermaßen erwartete wie überraschende der Noogenese, in der für unsere Erfahrung die Kosmogenese gipfelt. Christus umkleidet sich organisch mit der Majestät seiner Schöpfung. Infolgedessen (und ohne dies bildlich zu verstehen) sieht sich der Mensch imstande, mit der bewegten Welt in ihrer ganzen Länge, Breite und Tiefe seinen Gott zu erleiden und zu entdecken. Gott buchstäblich sagen zu können, daß wir ihn lieben, nicht nur mit unserem ganzen Leib, unserem ganzen Herzen und unserer ganzen Seele, sondern mit dem ganzen, auf dem Weg der Einswerdung befindlichen Universum, das ist ein Gebet, das nur in der Raum-Zeit möglich ist. (...) Das Christentum allein, ganz allein auf der modernen Erde zeigt sich fähig, in einem einzigen, aus dem Leben entspringenden Akt das All und die Person zur Synthese zu bringen. Ganz allein kann es uns dahin führen, der ungeheuren Bewegung, die uns mit sich reißt, nicht nur zu dienen, sondern sie auch zu lieben. Was sollen wir anderes sagen, als daß es alle Bedingungen erfüllt, die wir von einer Religion der Zukunft mit Recht erwarten, und daß es wirklich, wie es uns verheißt, die Stellung einnimmt, durch die hindurch in Zukunft die Hauptachse der Evolution gehen wird?“ (Pierre Teilhard de Chardin, Der Mensch im Kosmos, München4 1959, 263f) Von der Austreibung Gottes aus der immer noch nicht paradiesisch gewordenen Materie durch die Theologie ins Jenseits, in eine Transzendenz über, aber ohne Materie, muß der zur versöhnten Existenz im Glauben bereite Mensch umdenken (metano/esij) zur utopischen Religion, in der Gottes Ort von fühlbarer, berührbarer Qualität ist, wenn er wirklich geworden ist. Glauben ist Antizipation dieser Utopie, die noch lange nur in Möglichkeit bleiben wird. Glaube transzendiert die bestehenden unerlösten Verhältnisse in der Hoffnung. Aber diese Hoffnung bleibt auf der Erde mit beiden Beinen.

Christ und Gott

Christlicher Glaube ist eine bestimmte Form von Hoffen auf Gott. Daneben gibt es andere Möglichkeiten, auf Gott zu hoffen. Glaube wird starr, wo er aus Verlustangst um das „Eigentliche“ sich in bissiger Abgrenzung von anderen Religionen aufs Dogma zurückzieht und die Wirklichkeit den Politikern und Naturwissenschaftlern überläßt. Wenn Gott alles in allem ist, bringt ihn keine Theologie dazu, sich mit einem Sein droben im Himmel zufriedenzugeben. Gott hat keine Lust, da oben zu hocken, im reinen Ansich, weil er dort nicht mehr Gott ist. Gott ist tot, wenn er die Erde verläßt.

Gott stirbt nicht, wenn seine Christen und die „übrige“ Schöpfung aufhört, ständig „Herr, Herr“ zu murmeln. Diese Masche der Gottbenennung im Pietismus und der CDU hat sich bekanntlich besterdings mit dem Mammon vertragen, wie eine Analyse des Etats von Württembergischer Landeskirche und den Förderern des Albrecht-Bengel-Vereines zeigen würde, käme man an diese Dokumente heran. Theologie könnte sich in der dogmatischen Beschränkung Gottes auf ihr Seufzen und Schweigen beschränken. („Schweige still, denn es ist das Absolute“ (Sören Kierkegaard, zit. in: Bonhoeffer, Wer ist und wer war Jesus Christus?, Stundenbuch 4, 9)

Alsdann tritt sie ihre Aufgabe mit klarem Kopf an, indem sie via theologia negativa alle Verhältnisse als widergöttlich denunziert, in denen der Mensch ein erniedrigtes, ein geknechtetes, ein verlassenes und verächtliches Wesen ist. Denn von Gott reden heißt vom Menschen reden, so sogar Bultmann.

Bonhoeffers Option für Hitlers Tod und Gottes Ohnmacht

Und die Not des Menschen ist die Not Gottes. So schon, ja gerade am Kreuz.“Gott gibt uns zu wissen, daß wir leben müssen, als solche, die mit dem Leben ohne Gott fertig werden. Der Gott der mit uns ist, ist der Gott, der uns verläßt (Markus 15,34) Der Gott, der uns in der Welt leben läßt ohne die Arbeitshypothese Gott, ist der Gott, vor dem wir dauernd stehen. Vor und mit Gott leben wir ohne Gott. Gott läßt sich aus der Welt herausdrängen ans Kreuz, Gott ist ohnmächtig und schwach in der Welt und gerade und nur so ist er bei uns und hilft uns. Es ist Matth. 8,17 ganz deutlich daß Christus nicht hilft kraft seiner Allmacht, sondern, kraft seiner Schwachheit, seines Leidens! (...) Die Bibel weist den Menschen an die Ohnmacht und das Leiden Gottes; nur der leidende Gott kann helfen. (...) Gott der Bibel, der durch seine Ohnmacht in der Welt Macht und Raum gewinnt.“(Bonhoeffer, Widerstand und Ergebung, Hamburg (Siebenstern) 1971, 178) Die Ohnmacht Gottes wird von Bloch durch das nach-Möglichkeit-sein erklärt. “Nicht alles ist jederzeit möglich“. Geschichtlich sieht das so aus, daß Liebe utopisch ist. Mit Johannes gegen die Welt: „Jesus ist genau gegen die Herrenmacht das Zeichen, das widerspricht, und genau diesem Zeichen wurde von der Welt mit dem Galgen widersprochen: das Kreuz ist die Antwort der Welt auf die christliche Liebe.“(Bloch, Das Prinzip Hoffnung, Frankfurt/Main 1973, 1489)

Sprache als Blockade von Erkenntnisprozessen

Manche denken schon kursiv, im Wort. Andere haben Mühe, zur Sprache mit dem Denken zu kommen. Nur so aber kann man seine Neuentdeckungen und die Freude drüber nach Hause bringen in entfremdeter Zeit.

Unsinn ist der Griff in die formale Möglichkeit. Und das formal mögliche enthält den Zucker des Formlosen. Form ist dann zwar noch auf dem Dunkelkammerprodukt des Fotografen dieser Zone zu erkennen, weil das zum Objekt destillierte Ereignis seiner Kategorien beschnitten wurde: der Zeit im Fall des Stereofotos, der dritten Dimension beim Monobild, der Farbe beim Schwarzweißen - obendrein des Geruchs, Geschmacks, des Ertastgefühls und des Geräuschs, bis hinein ins Erlauschen von Stille. So gerinnt die Trockenflüssigkeit der Geschehens zum Statischen, das mit Mitteln dann als Formhaftes präpariert wird. Zeitlich als ständiges Wechseln statischer Formen, wie die Sirene ständig die Frequenz wechselt. Die Bewegungen der Fliege sind der Schnecke unbegreiflich. Das formal mögliche hat keine Formen, wenn es in seiner Ganzheit gesehen wird. So auch Gott als Ganzheit der in Möglichkeit seienden Materie. Nicht zufällig ist Schalom deutsch Heilsein, Ganzsein, mit universeller, ja universaler Tendenz. Frieden ist das Sein Gottes. Wie wir auf Frieden warten, so auch auf Gott. Aber es lassen sich Sekunden erhaschen von der Teilhabe am Ganzsein, wo man sich nicht mehr ins Ich hineingestückelt erfährt und endlich merkt, was für eine Borniertheit die ganze Diskussion um Identität hat. Mit unserer Fremdsprache, sei es Deutsch oder Schwedisch, lassen sich immer nur Partikel von Ganzheitserfahrungen kommunikabel machen. Ein Tier, das Angst hat, zieht sich in sich zurück. Wenn es überleben will, muß es sich mit anderem als es selbst liieren, Nahrungsaufnahme genannt. Es ist auf Umformung angewiesen, statisch stürbe es, entsprechend der nie umsinnende xenophobe, katatonische Mensch. Umsinnung als Buße ist der Tausch eines - angeblich - wirklichen mit einem möglichen. Dabei wird das wirkliche möglich, aber nicht mehr wirklich; das mögliche wirklich.

Das Schwellen und die Schwelle. Sturm und Drang der Jugend

Das sogenannte „Ausflippen“ der Hippiebewegung ist ein Normtausch, der nur selektiv Einzelnormen durchbricht und im Großen und Ganzen recht konform und brav mit dem restlichen Normgefüge einer Gesellschaft harmoniert. Drogennutzer z.B. neigen dazu, sich ins Dealing zu etablieren und werden Geschäftleute. Permanenter Normtausch wäre Ausflippen des Ausflippens. Zentralen Stellenwert der jugendlichen Subkultur hat der sogenannte Sex. Dahin möchten die Ausgeflippten kommen, zur Möglichkeit, tief in sie eindringen, in diesen wundervollen Schoß der Materie mit ihrer Fähigkeit, sich bei der Wurzel zu fassen, radikal zu sein im halb Begriffenen. Drang nach mehr ist die Tür aller Türen. Türen grenzen. Pioniere überschreiten Schwellen. Die Radikalen haben schwellende Wurzeln. Mit ihnen nehmen sie den Materieschoß immer mehr ein, verwurzeln sich im Erdreich, wohl wissend, daß die Türen, je weiter sie hineindringen, desto größer werden. Darum muß die Wurzel weiterschwellen. Ein Zurück gibt es nicht aus diesem Schoß, Anachronismus ist unmöglich. Der Sturm der Geschichte weht den Engel Benjamins unaufhörlich in die Zukunft, wieviel Trümmer er auch hinter sich lassen muß. Im Fortschreiten des sexuellen wie auch des wissenschaftlichen Erforschens der Welt verbreitert sich die Basis des Erfahrenen und Gewußten, das Wissen schwillt an zur Weisheit –oft erst auf den Trümmern der Mißerfolge. Israels Wüstenwanderung ist solch eine Mißerfolgsgeschichte.

Drang verformt. Drang sucht. Er hat Richtungen, nie nur eine. Drängende wissen das. Verformung ist Bewegung. Durch Bewegung wird verformt. Geistbewegung sinnt um. Wer nie umsinnt, ist geisttot. Er badet im eigenen dogmatischen Saft, lernt nicht mehr dazu aus seinen Fehlern und muß sich niemals auf Paradigmenwechsel einlassen. Wie geistesgeschichtliche Neuansätze von solchen Bestandssicherern als Unsinn bezeichnet werden – etwa die Relativitätstheorie, könnte man die - auch historische - Ganzheit geistigen Sinnbewegens als Allsinn bezeichnen. Die Gesamtheit aller einzelner Gedanken, aller Fakultäten im Streit um den fortgeschrittensten Stand ihrer diversifizierten Erkenntnisse, ist undenkbar für die mitteleuropäischen Honoratioren. Dazu müßten sie ja interdisziplinär werden. Dann ist im Angesicht der Totalität allen Wissens schon nicht einzelnes mehr denkbar ohne das Gefühl, man liegt falsch. Das ist der Motor hegelscher Dialektik. Die Gesamtheit von Sinn ist für das Einzelsubjekt nicht mehr nachvollziehbar. Aus dieser Kapitulation von Akademikern vor der Erfahrung von Sinnganzheit rührt die Aggression gegenüber allen her, denen man an ihrer ausgeflippten Art zu leben (Timothy Leary, Aldous Huxley) anmerkt, daß sie Kontakt zum Möglichkeitsganzen von Sinn haben. Die Aggression des Bürgers gegen alle Jugendperversionen und noch mehr gegen konsequenten Radikalismus, gleich welcher Richtung, quillt aus dem Neid, nicht teilzuhaben an der Erfahrungsfülle und geistigen Freiheit der Aggredierten.

 

II. Antipsychiatrie als Zulassen eigener Erfahrungen

Um zu zeigen, wie viel meiner Ausgangspunkte aus der angelsächsischen Antipsychiatrie stammen, möchte ich den Anfang in Form eines kaum kommentierten Lesebuchs gestalten. Die jäen Klüfte zwischen den Abschnitten sind gewollt. Die Collage wird bewußt nicht textmäßig umgarnt mit verbindenden Überleitungen.

Texte zur Erfahrungstheorie; Erfahrungsstummel

Wie konstituiert sich die menschliche Erfahrung? Alles beginnt mit dem Du und Ich zwischen Mutter und Kind, dem dialogischen Prinzip des menschlichen Lebens: „Ich sehe dich, und du siehst mich. Ich erfahre dich, und du erfährst mich. Ich sehe dein Verhalten. Du siehst mein Verhalten. Aber ich sehe nicht deine Er fahrung von mir, habe sie nie gesehen und werde sie nie sehen. Ebenso kannst du nicht meine Erfahrung von dir 'sehen'. Meine Erfahrung von dir ist nicht 'in' mir. Sie ist einfach du, wie ich dich erfahre. Und ich erfahre dich nicht als in mir. Gleichfalls nehme ich an, daß du mich nicht als in dir erfährst. 'Meine Erfahrung von dir' ist nur ein anderer Ausdruck für 'du, wie ich dich erfahre', und 'deine Erfahrung von mir' entspricht dem 'ich, wie du mich erfährst'.“(Ronald D. Laing, Phänomenologie der Erfahrung, ES 314, Frankfurt (Suhrkamp) 1969, 11f)

„Erfahrung als Unsichtbarkeit des Menschen für den Menschen ist gleichzeitig evidenter als irgend etwas sonst. Einzig Erfahrung ist evident. Erfahrung ist die einzige Evidenz.“(ebd. 11)

„Die Relation von Erfahrung zu Verhalten ist nicht die von 'innerlich' zu 'äußerlich'. Meine Erfahrung ist nicht in meinem Kopf, meine Erfahrung von diesem Zimmer ist draußen im Zimmer. Meine Erfahrung als intra-psychisch hinzustellen, hieße voraussetzten, daß es eine Psyche gibt, in der meine Erfahrung ist. Meine Psyche ist meine Erfahrung, meine Erfahrung ist meine Psyche.“(15)

„Verhaltens ist eine Funktion der Erfahrung. Erfahrung und Verhalten stehen immer in Relation zu irgend jemand oder zu irgend etwas anderem als dem Selbst.“(25) „Phantasie ist eine bestimmte Art, zur Welt Beziehungen herzustellen. Phantasie ist ein - manchmal wesentlicher - Teil von Bedeutung oder Sinn... einer Aktion.“(25)

 „Jede Erfahrung ist aktiv und passiv, ist Einheit von Gegebenem und Gedeutetem. Eine Deutung des Gegebenen kann positiv oder negativ sein: entweder es ist das Erhoffte, Befürchtete oder Erwartete, oder es ist es nicht. Das Element der Negation steckt in jeder Beziehung und in jeder Erfahrung von Beziehungen.“(31) „Wir erfahren die Objekte unserer Erfahrung als dort in der äußeren Welt. Die Quelle unserer Erfahrung scheint außerhalb von uns selbst zu sein. In der schöpferischen Erfahrung erfahren wir die Quelle erschaffener Bilder, Skizzen, Töne als in uns und doch jenseits von uns. (...) Wir sind physisch voneinander getrennt und aufeinander bezogen. Personen als körperlich Seiende haben Beziehungen zueinander durch das Medium des Raumes. Wir sind getrennt und verbunden durch die Verschiedenartigkeit von Perspektive, Erziehung, Background, Organisation, Gruppenloyalität, Bindung, Ideologie, sozio-ökonomischem Klasseninteresse und Temperament.“(Laing aaO32)

Erfahrung der Entfremdung von eigener Erfahrung

„Es reicht nicht, die eigene und anderer Leute Erfahrung zu zerstören. Man muß diese Verwüstung durch ein falsches Bewußtsein überlagern, das (nach Marcuse) an seine eigene Falschheit gewohnt ist. (...) Wir fangen bei den Kinder an. Man muß sie rechtzeitig erwischen. Ohne eine sorgfältige und schnelle Gehirnwäsche würde ihr schmutziger Geist unsere schmutzigen Tricks durchschauen, (...) Vom Augenblick der Geburt an, wenn das Steinzeit-Baby sich der Mutter des 20. Jahrhunderts gegenübersieht, ist es jenen Kräften der Gewalt unterworfen, die man Liebe nennt - (...). Diese Kräfte zielen vor allem auf die Zerstörung seiner meisten Anlagen. Im allgemeinen verläuft das Unternehmen erfolgreich.“(Laing aaO 50 f) „Man bringt uns bei, was wir zu erfahren haben und was nicht, wie man uns auch beibringt, welche Bewegungen wir zu machen und welche Laute wir von uns zu geben haben. (...) Wie man dem Kind aus der Vielzahl möglicher Bewegungen beibringt, sich in bestimmter Weise zu bewegen, so bringt man ihm auch das Erfahren aus der Vielzahl möglicher Erfahrungen bei.“( Laing aaO 52f)

Gegen Positivismus: Verblendungszusammenhang als Gesundheit

„Jede Beschreibung setzt unsere ontologischen Prämissen voraus - zur Natur des Menschen, der Tiere und der Beziehungen zwischen ihnen. (...) Eine positivistische Beschreibung ist nicht 'neutral' oder 'objektiv'.“(Laing aaO 53) (vgl.. Habermas, Erkenntnis und Interesse, Frankfurt/Main 1973, 90) „Im Zeichen der Entfremdung unterliegt jeder Aspekt menschlicher Realität der Verfälschung. Eine positivistische Beschreibung kann nur die Entfremdung fortsetzen, die sie selbst nicht beschreiben kann; sie vertieft sie, sie verhüllt und maskiert sie noch mehr.“( Laing aaO 54) „Das theoretische und deskriptive Idiom sozialwissenschaftlicher Forschung gibt sich oft den Anschein, 'objektiver' Neutralität. Wir haben jedoch gesehen, wie trügerisch das sein kann. Die Wahl von Syntax und Vokabular ist ein politischer Akt; er definiert und umschreibt, wie 'Fakten' erfahren werden sollen. In einem gewissen Sinne schafft er sogar erst die Fakten, die untersucht werden.“(Laing aaO 54)

„Personen unterscheiden sich dadurch von Dingen, daß sie die Welt erfahren, während Dinge sich in der Welt verhalten. Dingliche Ereignisse erfahren nicht. Personale Ereignisse erfahren. Naturwissenschaftlichkeit ist der Irrtum, Personen in Dinge zu verwandeln durch einen Prozeß der Reifikation, der selbst nicht Teil der wahrhaft naturwissenschaftlichen Methode ist. So gewonnene Ergebnisse müssen de-quantifiziert und de-reifiziert werden, bevor sie re-assimiliert werden können in die Diskussion der Menschen. Der Irrtum liegt grundsätzlich darin, daß man die ontologische Diskontinuität zwischen Menschen und Dingen nicht realisiert.“(Laing aaO 55)

„Die libidinösen Leistungen, die vom Individuum verlangt werden, das sich gesund an Leib und Seele benimmt, sind derart, daß sie nur vermöge der tiefsten Verstümmelung vollbracht werden können, einer Verinnerlichung der Kastration in den extroverts, der gegenüber...die alte Aufgabe der Identifikation mit dem Vater das Kinderspiel ist, in dem sie eingeübt wurde. (...) Keine Forschung reicht bis heute in die Hölle hinab, in der die Deformationen geprägt werden, die später als Fröhlichkeit, Aufgeschlossenheit, Umgänglichkeit, als gelungene Einpassung ins unvermeidliche und als unvergrübelt praktischer Sinn zutage kommen. Es ist Grund zur Annahme, daß sie in noch frühere Phasen der Kindheitsentwicklung fallen als der Ursprung der Neurosen: sind diese Resultate eines Konflikts, in dem der Trieb geschlagen ward, so resultiert der Zustand, der so normal ist wie die beschädigte Gesellschaft, der er gleicht, aus einem gleichsam prähistorischen Eingriff, der die Kräfte schon bricht, ehe es zum Konflikt überhaupt kommt, und die spätere Konfliktlosigkeit reflektiert das Vorentschiedensein, den apriorischen Triumpf der kollektiven Instanz, nicht die Heilung durchs Erkennen. (...) Wenig fehlt, und man könnte die, welche im Beweis ihrer quicken Lebendigkeit und strotzenden Kraft aufgehen, für präparierte Leichen halten, denen man die Nachricht von ihrem nicht ganz gelungenen Ableben aus bevölkerungspolitischen Rücksichten vorenthielt. Auf dem Grunde der herrschenden Gesundheit liegt der Tod. (...) Trostlos aber der Gedanke, daß der Krankheit des Normalen nicht etwa die Gesundheit des Kranken ohne weiteres gegenübersteht, sondern daß dies meist nur das Schema des gleichen Unheils auf andere Weise vorstellt.“(Th. W. Adorno, Minima Moralia, Frankfurt/Main 1973, 69 - 7l)

„Die anderen haben sich in unseren Herzen installiert; wir nennen sie 'wir selbst'. Jeder ist weder für sich noch für den anderen er selbst, wie auch der andere weder für sich noch für uns er selbst ist; jeder ist ein andrer für den anderen und erkennt weder sich selbst im anderen noch den anderen in sich selbst.“(R. D. Laing, Phänomenologie der Erfahrung, aaO, 65f)

Wirklichkeit ist Gruppenkonsensus, kein Ansich

„Die Geschichte der Häresien aller Art zeigt nicht nur die Tendenz, die Kommunikation abzubrechen (Exkommunikation) mit denen, die abweichende Dogmen oder Meinungen haben, sie bezeugt unsere Intoleranz gegenüber abweichenden fundamentalen Erfahrungsstrukturen.“(Laing aaO 69)

„Die menschliche Szene ist eine Szene von Vorspiegelungen und dämonischen psyeudo-Realitäten: alle glauben, alle anderen würden daran glauben.“(Laing aaO 70) „Wenn ich mir dich und ihn als zu mir gehörig und andere wiederum als nicht zu mir gehörig vorstelle, habe ich bereits zwei elementare Synthesen hergestellt: das 'wir' (...) und das 'sie'. Damit 'wir' zu einer Gruppe werden, ist es nicht nur nötig, daß ich - sagen wir einmal - dich und ihn und mich als 'wir' betrachte, sondern auch, daß wir bei dir und ihm als 'wir' gelten.“(Laing aaO 76) „Eine Gruppe, deren Vereinigung erreicht wird durch die reziproke Interiorisation eines jeden durch einen jeden und in der weder ein 'gemeinsames Objekt' noch organisatorische oder institutionelle Strukturen usw. als Gruppen-'zement' eine Primärfunktion haben, werde ich Nexus nennen. (...) Der Nexus existiert nur, insoweit jede Person den Nexus inkarniert. Der Nexus ist überall in jeder Person, und er ist nirgendwo als nur in ihr.“(Laing aaO 77f)

„Die Stabilität des Nexus ist Produkt des Terrors, der bei den Mitgliedern erzeugt wird durch das Einwirken (die Gewalt) der Gruppenmitglieder aufeinander. Solche Familien-'Homöostase1 ist Produkt der Reziprozität nach den Õesetzen von Gewalt und Terror.

Oberstes Moralgebot des Nexus ist rejziproke Sorge.“(Laing aaO 80) „Die Erfindung des 'sie' schafft 'uns', und vielleicht brauchen 'wir' die Erfindung des 'sie', um 'uns' selbst neu zu erfinden.“ „Wenn es keine externe Gefahr gibt, denn müssen Gefahr und Terror erfunden und aufrechterhalten werden.“(Laing aaO 82, 79)

„ 'Rußland' oder 'China' haben nirgendwo 'Existenz' als nur in jedermanns Phantasie, 'Russen' oder 'Chinesen' eingeschlossen - nirgendwo und überall. Eine 'Existenz' - in der Phantasie 'der Russen': sie sind in ihr und haben sie zu verteidigen; in der Phantasie der Nicht Russen: ein fremdes Super-Subjekt-Objekt, gegen das man seine 'Freiheit' zu verteidigen hat. Wenn wir alle entsprechend solcher präontologischen seriellen Massenphantasie handeln, können wir alle vernichtet werden durch eine 'Existenz', die nie existiert hat, ausgenommen insofern, als wir alle sie oder es oder ihn erfunden haben.“(Laing aaO 86)

„Wer das Verhalten vieler Leute zu kontrollieren sucht, wirkt auf die Erfahrungen dieser Leute ein. Wenn Leute erst einmal dazu gebracht werden können, eine Situation ähnlich zu erfahren, kann man erwarten, daß sie sich auch ähnlich verhalten werden. Bring Leute dazu, dasselbe zu wollen, dasselbe zu hassen, dieselbe Bedrohung zu fühlen, dann ist ihr Verhalten bereits festgelegt, und du hast deine Konsumenten oder dein Kanonenfutter.“(86)

Dissozialisation Abartiger

Das Problem von Geisteskrankheit ist hintergrunds dieser Feststellungen (die nicht einzusehen in meinen Augen nur Blindheit und fehlende Erfahrungsautonomie ist) ein Machtproblem: Psychopathen mucken auf gegen die allgemeingültigen Normen, Erfahrungen und Verhaltensweisen und stellen durch ihren Aufruhr gegen die gesellschaftlichen Werte und Worte diese in Zweifel, item auch die Träger dieser Kollektivphantasien; diese fühlen sich in ihrer Existenz und Legitimation bedroht und wehren sich gegen Nonkonformisten mit gesellschaftlicher Ausweisung in Irrenhäuser, Gefängnisse und andere Asyle vom Konzentrationslager, der Gaskammer, dem elektrischen Stuhl (dessen minderes Exemplar zur 'Schocktherapie' dient) bis zum Waisenhaus und Altersheim.

Besonders die Kirche hat, sich bei den vielfältigen Ausgliederungskampagnen verdient gemacht. Nicht nur Ketzer- und Hexenverbrennungen, Inquisition, Heiden, Juden- und Verfolgung christlicher Sekten (Hussiten, Albingenser u.v.a.m.) standen auf dem Programm der Mission ('Geht hin in alle Welt und lehret alle Völker.., Mt. 28,19). Auch die unter dem Stichwort Caritas betriebene Ghettoisierung von Anfallskranken (Bethel), gefährdeten Kindern ('Rauhes Haus' Hamburg), Waisen (Francke in Halle) um die Mitte des 19. Jh. Hat den Doppelcharakter von Hilfe und Wegsperren. Für das Kontrollpersonal war durch gleichzeitiges Erfinden der Diakonissen gesorgt, die als Bräute Christi sich um die Außenseiter kümmerten.

Über die soziale Notwendigkeit im historischen Kontext muß nicht gestritten werden, es kommt mir darauf an zu zeigen, wie die Kirche - mit welcher wie guten Absicht auch immer - wesentliches zur Heranbildung eines Dissozialisierungsapparates beitrug.

Das soziale Todesurteil 'Geisteskranker' ist ein Machtmittel, um Leute, die andere Erfahrungen machen und sich dabei nicht beirren lassen, unschädlich zu machen. Es gibt ähnliche Urteile: Kriminelle, Alkoholiker, Landstreicher, Anarchisten, Aufrührer. Allen diesen droht als Strafe für ihr Anderssein Diskriminierung (die schon durch den Gebrauch des jeweils klassifizierenden Begriffs beginnt) und Dissozialisierung in Asyle verschiedener Form, also Freiheitsentzug verschiedener Stufen. Die Einweisung politischer Feinde in Irrenhäuser, die in der BRD gegen die UdSSR hochgespielt wird, besonders in kirchlichen Blättchen, ist nichts als Ehrlichkeit in der Logik, daß alle Außenseiter weg vom Fenster gehören, gleich welcher Art. Die Sortierung nach dem Grund ihres 'Vergehens' ist dabei nebensächlich und dient doch nur dazu, Legitimationsprobleme beim Einpferchen zu beseitigen die ein totalitärer Staat kaum noch hat, weil seine Normgebung totalitär geworden ist. In den Hitler-KZ´s gesellten sich eine Unzahl verschiedener 'A-sozialer', vom Mörder, Schwulen bis zum Zeugen Jehovas. Kommunisten und Juden waren für Hitler ohnehin dasselbe, auf Unterscheidungen legte keiner mehr Wert außer den Inhaftierten selbst, die sich durch ihre extrem hohe Gegensätzlichkeit natürlich gegenseitig kaputtmachten. (Eugen Kogon, Der SS-Staat, München 1974, 46,52,300,312,318-22,362,371-374,384)

Psychopathie als Protest

Psychopathie ist nur Protest. Protest gegen die Verstümmelung, die jeder in der entfremdeten Gesellschaft zugefügt bekommen muß, um zu leben, was man so leben nennt. Ob es extrovers oder introvers gerichtet ist, ist dabei eine andere Sache, die aber nichts dran ändert, daß der 'Psychopath' seine Identität vor sich selbst finden und behalten will. Angriff oder Flucht sind zwei Arten der psychopathischen Reaktion, die strukturell gleich sind.

Karl Menninger sieht in der Psychopathie den Rückzug eines Menschen auf ein kleineres Revier. Dessen Größe und Ebenen lassen dem 'Subjekt' beträchtlichen Spielraum, den letzten Rest seines bedrohten Lebens noch einmal zusammenzuraffen, eine verborgene kleine Insel des Selbst zu werden. „Wenn das ganze Sein des Individuums nicht verteidigt werden kann, verlegt das Individuum seine Verteidigungslinie so lange zurück, bis er sich in eine zentrale Zitadelle zurückzieht. Es ist darauf vorbereitet, alles abzuschreiben, was es ist, nur nicht sein 'Selbst'. Aber das tragische Paradoxon besteht darin, daß das Selbst, je mehr es auf diese Art verteidigt wird, desto mehr zerstört wird.“(Laing, Das geteilte Selbst, Editione continua 1974, 95) Das ist ein ernstes, gefährliches Spiel.

Wahnsinn ist die Auswanderung des Menschen aus sich selbst. Dieses 'sich selbst' ist bestimmt durch sein Gegenteil: Man selbst ist nicht Selbst. Der Mensch ist nicht (mehr oder noch nicht) Mensch. Er ist Mechanismus im entmenschlichten System des Kapitalismus. Alles ist hier pervers, darum deutet selbst die Rede von Menschsein und 'Mensch-bleiben'(Tegtmeier) auf die Nichtexistenz dessen hin, was gemeint sein sollte. Menschlichkeit ist zur Funktion des Beherrschens geworden, darum hat sie im Keim aufgehört, diese zu sein.

Somatik als Ausweichmöglichkeit für Gequälte und Psychiater

Man sagte in der bourgeoisen Psychiatrie (Manfred Bleuler, Die schizophrenen Geistesstörungen im Lichte langjähriger Kranken- und Familiengeschichten, Stuttgart (Thieme) 1972) gerne, daß der Psychopath an einer organischen Erkrankung des Hirns leide. Diese sei ursächlich. Erst durch sie komme es zu abweichendem Verhalten im sozialen Wirkfeld. Auch die politisch für Befreiung engagierten Menschen wurden in früheren Untersuchungen als krankhaft übersensibel und affektüberladen bezeichnet, fanatisch aus Veranlagung. (M. Bauer/M. Richartz, Angepaßte Psychiatrie als Psychiatrie der Anpassung, in: Das Argument, Nr. 60, 154) Das sozial abweichende Verhalten soll also von organisch abweichenden Funktionen herkommen. Indem man „organisiert“, leugnet man jeder Wechselwirkung zwischen Sozialität und Organizität und setzt das Soziale, also die bestehenden gesellschaftlichen Verhältnisse, absolut, unantastbar für jede Kritik. Soziale Veränderungen führen aber zu organischen Veränderungen, oder allgemeiner: die soziale Situation prägt den Charakter und beeinflußt auch den Körper. So wird etwa ein getadelter Schüler prompt rot im Gesicht, so haben Schreibtischarbeiter und Fließbandarbeiter in dem Augenblick, wo der Meister vorbeikommt, einen völlig verkrampften Rücken, Herz- und Kreislaufbeschwerden sind eine historisch bedingte Krankheitsform, die u.a. auf „Hetze“ oder Streß zurückzuführen ist (wobei dieses Phänomen dringend näherer Klärung bedarf). Ebenso halte ich für wahrscheinlich, daß durch eine sozial unerträgliche Situation die Seele und deren organische Lokale im ganzen Körper zu einer Abweichung gebracht werden können, die man dann als Psychopathie mit organischer Ursache diagnostiziert. Dahinter steht die Schuldfrage: wenn es ein rein körperlich bedingtes, vielleicht genetisch vererbtes Seelenleid wäre, so hätte die ganze soziale Umwelt keine Schuld an der Krankheit. Daß psychische Erkrankungen auch gänzlich situationsneutral genetisch bedingt sind, ist durchaus nicht selten. Wenn aber organische Störungen erst Folge sozialer Störungen sind, so müßte die Therapie auf die primäre Ursache (d.h. in moralischer Kategorie: Schuldquelle) einwirken, um das Leiden zu heilen. Dies aber ist Sissyphosarbeit. Man müßte nicht nur Mutter, Vater, Familie, Großeltern, Verwandte, Bekannte therapieren, sondern alle sozialen Verhältnisse, da indirekt diese wieder mit der ganzen sozialen Realität verbunden sind. Neben der rein organisch-biologischen Genetik gibt es immer auch das familiäre Milieu, Familienaufträge zum Unglücklichsein, Entwertungsrituale durch Generationen hindurch bis ins siebente Glied, die dann bei jedem Familienmitglied, was diesen Ritualen unterworfen wird, als Kette multipler Noxen schließlich zu meßbaren organischen Veränderungen führt, in denen die psychische Krankheit ihr somatisches Korrelat bekommt.

Der Leugnung einer wechselseitigen Beeinflussung des Gesellschaftslebens mit dem Seelenleben und dem organischen Leben bei der Erklärung der Ursache von Psychopathie entspricht auch die Methode der Therapie und die Behandlung im Irrenhaus.

Der in der Regel zwangseingewiesene Unterschichts-Psychopath ist ein Untersuchungs- und Therapieobjekt des Psychiaters und Pflegeobjekt der Wärter. In der Pflege wird nur für körperliche Instandhaltung der Insassen eines Asyls gesorgt, hier tritt die Objektfunktion des Psychopathen sehr deutlich zutage, eben seine Isolation von jeglicher frei gewählten sozialen Welt. Mit welchem Unverständnis für die geheime Logik seines Verhaltens er dort studiert wird, zeigt ein Klassiker des Irrenarztbranche: Emil Kraepelin, Psychiatrie. Ein Lehrbuch für Studierende und Aerzte, Leipzig (Barth) 1899. Dieses Werk liest sich wie eine zoologische Abhandlung und offenbart im Streueffekt, mit welcher zynischen Brutalität die Wärter auf Geheiß des Heidelberg Professors ohne Habilitation sich an den Patienten zu schaffen machten. Würde jemand mit mir derartig umspringen, ich würde die gleichen Symptome als Protest und Selbstschutz entwickeln.

In der analytischen Therapie für die neurotische Mittelschicht redet allein der Patient, während der Therapeut nur raffiniert spiegelt und schweigt. Nur die Erfahrungen des Klienten stehen zum Gespräch an, nicht die Sachen des Beraters. Inhaltlich herrscht einseitige Kommunikation, denn der Psychotherapeut sagt nur dasselbe, was der Patient sagt, mit anderen Worten.

Monade bei Freud

Diese Isolation des Patienten ist schon in der Anthropologie der psychoanalytischen Theorie begründet. Der Vater der klassischen Analyse, dessen Einfluß auf die gesamte Entwicklung der abendländischen Kultur wohl unterschätzt wird, sieht einen Menschen als geschlossenes System an, eigenständiger Organismus. „Freuds Mensch ist der physiologisch angetriebene unmotivierte homme machine. Aber an zweiter Stelle ist der Mensch auch ein soziales Wesen, denn er braucht andere Menschen zur Befriedigung seiner libidinösen wie auch seiner Selbsterhaltungstriebe.“(E. Fromm, Analytische Sozialpsychologie, und Gesellschaftstheorie, Frankfurt am Main (Suhrkamp) 1970, Edition suhrkamp 125, 175) „Er ist der isolierte, selbstgenügsame Mensch, der in Beziehung zu anderen treten muß, um zur gegenseitigen Befriedigung der Bedürfnisse zu gelangen.“(ebd.) Jede falsche Theorie hat verfälschende Auswirkungen auf die Praxis ihrer Vertreter. „Die moderne akademische und experimentelle Psychologie ist weitgehend eine Wissenschaft, in der entfremdete Forscher mit entfremdeten und entfremdenden Methoden entfremdete Menschen untersuchen, „(ebd. 145f) Indem man das Verhältnis des Patienten zu allen möglichen Faktoren seiner vergangenen, gegenwärtigen und zukünftigen Umwelt ununtersucht läßt, kann man dann tatsächlich Freuds Hypothesen bekräftigt finden.

Psychiatrie im Totalitarismus

Wenn Psychopathie ein Protest gegen die Lebensverhältnisse ist, unter denen sie auftritt - wie ich oben sagte -, dann ist die klassische Psychoanalyse und -therapie der Versuch, diesen Protest abzulenken vom Gegenstand des Protestes auf den Protestierenden selbst. So bewahrt man die protestverursachenden Lebensverhältnisse vor jeder Kritik und Aggression. So eine Psychiatrie verhilft dem herrschenden System, protestlos und totalitär zu werden, d.h. keine abweichenden Erfahrungen und Verhaltensweisen zuzulassen. Es ist repressiv gegen den Patienten. Der Faschismus kennzeichnet sich u.a. wesentlich dadurch, daß alle politisch andersdenkenden und sogar die individualistischen Künstler usw. verfolgt werden. (z.B. das Verbot des Expressionismus im Nazitum) Darum hat eine isolierende Psychiatrie mindestens diesen einen faschistischen Zug. Sie kann also gut in faschistischen Systemen angewandt werden.

Die Wahl psychiatrischer Methoden ist wesentlich ein politischer Akt. Die Entscheidung über seelische Gesundheit oder Krankheit entbehrt jeder objektiven Grundlage. Die Feststellung, dies und das sei krank, verfügt nur als quasi amtliche Verordnung über Verhalten und dessen chemische und biologische Grundlagen. Wer zu jemandem sagt: „du bist krank“, vollzieht einen Herrschaftakt. Er definiert einen Menschen auf eine nur oberflächlich in der augenblicklichen Erscheinung nachvollziehbare Seinsstufe. Der Kranke hat kein Anrecht auf seine Krankheit, sie ist ein natürliches Übel, das geheilt werden muß.

Gesund, Krank und Heilung

Kranke haben einen Sonderstatus, Aussätzige stehen außerhalb der Gesunden. Sie werden geächtet, man sucht sich vor Ansteckung zu schützen. Infektionsgefahr droht scheinbar auch bei Psychopathen. Sie bilden eine Gefahr für die Gesellschaft und für sich selbst, so legitimiert man ihre Zwangseinweisung. Jede Bezeichnung eines Menschen als krank geht von einer Annahme aus, daß die anderen, die normalen, gesund seien. Das allgemeine ist nie das kranke, sondern das gesunde. Gesundheit ist darum eigentlich nur das, was vielen gemeinsam ist. Der siebte Zeh, das Überbein, die Mandeln, der Blinddarm und die Alterserblindung werden nicht mehr angenommen als gesunde besondere Eigenheiten, sondern gelten als krankhaft. Eine fortschreitende Medizin sägt, bohrt und schneidet die Menschen alle zum Einheitsformat zurecht. Je größer der medizinische Fortschritt, desto einheitlicher werden die Menschen aussehen. Medizin, die Erfinderin der Unterscheidung von gesunden und kranken Menschen, liefert als Ausgleich für die Verstümmelungen, die die Herrschaft den Unterdrückten anrichtet, einen Apparat zum Hochpäppeln der Kaputtgemachten, ähnlich wie der Sanitäter im Militär abermaliges Kanonenfutter produziert. Der Körper wird oberflächlich verputzt und geflickt, ohne auch nur den Gedanken daran, was ihn zerreißt und abfetzt. Ich vermute, daß die historische Ursache für das Aufkommen von Krankheit als Existenzform im Leiden eines Menschen besteht. Davon zeugt auch noch die Bezeichnung „Psychopathie“, Leiden der Seele. An der Realität von Schmerz wage ich nicht sonderlich zu zweifeln, ich bin gerne bereit, etwaigen Zweiflern dessen Existenz zu zeigen.(Rudolph Bilz, Studien über Angst und Schmerz. Paläanthropologie Band 1.2, Frankfurt/Main (Suhrkamp) 1971, 101-124) Kritik aber verdient die Frage der Heilung. Heilung als Bekämpfung der Symptome ist gängig, aber selten nachhaltig. Echte Heilung verstand sich immer als Erkenntnis und Kampf gegen die Ursachen der Krankheit. Liegen die Ursachen einer Krankheit außerhalb des Kranken, so heißt Heilung hier Kampf gegen das, was ihn von außen kaputtmacht. Schlafkrankheit etwa wurde durch die Verseuchung des Bodenseegebiets u.a. mit DDT bekämpft, eine strukturell richtige, aber kurzsichtige Aktion. So hilft es auch, nichts, bei Alkoholikern, Fixern, Kiffern und Jesus People eine Entziehungskur zu machen, solange der Grund der Sucht, die zum Leiden bringende sinnentleerte Gesellschaft und konkret: das spezifische Nahfeld eines Patienten, nicht sinnvoll geworden ist. Man kann frigiden Frauen viel einreden, solange ihr Mann sie ständig neu frigidisiert. Manisch Depressive leiden auch wohl kaum nur an sich von Natur aus, sondern schon eher an dem Käfig, zu dem man sie zurechtgestoßen hat. „Das soziale System muß Untersuchungsobjekt sein, nicht das Individuum, das man daraus extrapoliert.“(R.D.Laing, Phänomenologie, 104)

Diagnose-Glossare als Ettiketten und Stigmatisierungen

Die herkömmliche Psychiatrie unterscheidet eine Reihe von verschiedenen Geisteskrankheiten. Diese Typisierungen beruhen im wesentlichen auf offensichtlichen Beobachtungen an den als Patienten definierten Menschen. Wie in der Medizin werden Symptomkonstellationen zu einem Gesamtbild zusammengefaßt. Der Zweck solcher Diagnose ist die Auswahl eines wohlklingenden Krankheitsnamens für den Patienten; erst dies soll dann eine Heilung möglich machen. Auf Grund Strukturen menschlicher Existenz geht diese freudianische Theorie zwar auch ein, aber immer durch intrapsychische Modelle (Ich, Es, Überich bei Freud; Persona, Animus/Anima und Selbst bei Jung). Geisteskrankheiten aus der Struktur der menschlichen Erfahrung von sich selbst und der Welt und anderen im gegenseitigen Verhältnis her zu begreifen, war dieser Theorie nicht möglich. Statt kontextualem Verstehen vergibt solche Diagnose Tickets. Das Kind soll einen Namen haben.

Sicherlich existent ist eine Vielfalt von Erscheinungsformen von Psychopathie. Aber ebenso wie es bei Gesunden einer Gesellschaft eine Vielfalt von Erscheinungsformen, menschlich zu leben, gibt, obwohl die Gesunden alle unter gemeinsamen und einfach beschreibbaren Grund zusammenhängen stehen, so kommt man bei der Erklärung seelischer Abnormität auch mit wenigen einfachen Einsichten aus.

Widerspruch und Schizophrenie

Eine solche grundlegende Einsicht ist der Widerspruch. Es gibt paradoxe Situationen, in denen alles, was man tut, falsch ist, in denen überhaupt nicht das richtige getan werden kann. So das Beispiel vom Barbier, der alle rasieren soll, die sich nicht selbst rasieren. Dieser Anweisung kann der Barbier nicht nachkommen, wenn er sich selbst rasiert. Eine paradoxe Situation ist unhaltbar. Geisteskrankheit ist eine Form des Widerspruchs gegen solche widersprüchlichen Situationen. Manische Depressivität, Hysterie, Paranaia und dergleichen sind Äußerungsformen widersprüchlicher Wirklichkeitserfahrung und -Verarbeitung. Diese Symptome lassen sich aber noch eingehender verstehen, wenn wir das Problem, in der abweichenden Erfahrung dessen erkennen würden, was wir als Wirklichkeit bezeichnen. Ich werde mich in dem folgenden auf die Beschreibung von Schizophrenie beschränken, denn hier ist die Struktur des Widerspruchs der Erfahrungswelten am deutlichsten.

Als eine Konsequenz aus der Einsicht, daß Schizophrenie häufig Folge paradoxer Situationen außerhalb des Individuums sind, wäre an eine Untersuchung solcher fundamental paradoxen Lebensverhältnisse zu denken. Um Geistesspaltung zu verhindern, müßte dann die grundlegende Seinsspaltung aufgehoben werden, die deren Ursache ist. So etwa wäre an ein Gespräch mit demjenigen zu denken, der dem Barbier die verzwickte Doppelbindungsanweisung erteilt hat; man könnte ihm verbieten, so zu befehlen. (Bateson, Gregory/ Jackson, Don D./ Haley, Jay & andere, Schizophrenie und Familie, Frankfurt/Main (Suhrkamp) 1969)

Auch eine Kritik christlicher Religion springt dabei ab, die Kierkegaard präzise in ihrer Paradoxität erkannt hat. Grundwidersprüche hier sind das Schema Fleisch/Geist, Gerechter/Sünder, Person/Werk, Christ/Weltbürger. Es wäre zu untersuchen, ob diese Ideologie primär eine bestehende Wirklichkeit beschrieben hat, oder etwa diese erst herstellte durch eine Interpretation der Welt in einem Sinne, die der Konservierung und Selbstrechtfertigung einer allzu absolutistisch gewordenen Sekte dienlich war.

 

Zur Möglichkeit psychoanalytischer Erkenntnis

Erkenntnistheorie gehört auch in die Psychiatrie. Wie ist überhaupt Erkenntnis möglich über das, was man bei anderen Menschen nicht sehen kann, ihre Seele? Die einzige Möglichkeit dazu ist, Rückschlüsse aus ihrem Verhalten zu ziehen. Man kann also nur induktiv verfahren, will man nicht beim, rein deduktiven Beschreiben von Regelmäßigkeiten des Verhaltens bleiben. Wir sind also im Dilemma: Die induktive Methode ist notwendig spekulativ und ohne zureichende Sicherheit; die deduktive Methode irrt sich, weil sie meint, auf das „Innere“ des Menschen, seine Erfahrung und Empfindungen völlig verzichten zu können und. nur output und input zu berücksichtigen, während der Rest als „black box“ ignoriert wird. Weil sich also durch die Verschränkung von Erfahrung mit Verhalten auch Verborgenheit und Offenbarsein des Menschen verschränken, ist eine angemessene Methode der Erkenntnis von Menschen strukturell zur Einseitigkeit (und damit schon wieder Unangemessenheit) oder Nichtfolgerichtigkeit ihres Vorgehens verurteilt.

Sodann schränkt jede Theorie ihre möglichen Ergebnisse selbst ein, indem als Antwort auf Untersuchungshypothesen nur Ergebnisse akzeptabel sind, die ihr entsprechen. So impliziert jede Theorie und Methodologie schon die erwarteten Ergebnisse. Eine intrapsychische Objekttheorie ist unfähig, menschliche Zweierbeziehungen (Dyaden) oder noch komplexere Sozialgebilde anders zu erfassen als je vom einzelnen und seinen Objektbeziehungen. Die Spieltheorie kann dagegen über die Interaktionen aussagen, aber nicht mehr über die Identität der Spielenden als Individuen, (vgl. Laing u.a., Interpersonelle Wahrnehmung, Frankfurt/Main 1971, 17-19) Auch in der humanologischen Theoriebildung schlägt sich hier der Konflikt von Individuum und Gesellschaft nieder, die als unvereinbare Denkansätze gehalten werden, um zu rechtfertigen, daß schließlich doch die Gesellschaft das Individuum gerade da vernichtet, wo sie dieses betont feiert.

Analog dazu fehlt natürlich auch jede Erfahrung von einer nicht mehr antagonistischen Dialektik von Individuum und Gesellschaft - sie ist im Spätkapitalismus nirgends denkbar, auch nicht in den Kommunen von Marxisten, weil auch diese nicht ohne Beeinflussung von den Lebensprinzipien der Tausch- und Unterdrückergesellschaft leben können.

Person oder Ding

Die psychoanalytische Theorie muß sich darüber klar werden, wie sie ihre Gegenstände sehen will. „Insbesondere kann der Mensch als Person oder Ding gesehen werden. (...) Die Anfangsperspektive, mit der wir ein Ding sehen, determiniert unseren ganzen späteren Umgang mit ihm.“(Laing, Das geteilte Selbst, 1974, Editione Continua 1974, 23) „Die Wissenschaft von den Personen ist eine Studie menschlicher Wesen, die ausgeht von der Beziehung zum anderen.. als Person und zu einer Darstellung des anderen, immer noch als Person, gelangt.“(aaO. 24) Eine Theorie, die den Menschen als komplexes physisches und chemisches System sieht, also als Organismus, gelangt nicht zu einer personalen Deutung menschlicher Kommunikation. „In dem Menschen, als Organismus gesehen, ist darum kein Platz für seine Wünsche, Ängste, seine Hoffnung oder Verzweiflung als solche. Das Wesentliche unserer Erklärungen sind nicht seine Intentionen gegenüber seiner Welt, sondern Energiequanten in einem Energiesystem.“(Laing, aaO 26) Natürlich ist die Betrachtung des Menschen als Ding sogar nützlich, wenn man biochemische Phänomene erforschen will.

Biochemie und Steuerung des seelischen Apparates

Aber auch die Erkenntnisinteressen der Biochemie beim Menschen dürfen nicht unbeachtet bleiben. Neben den medizinischen Heilerfolgen haben die Forscher ein recht eigenartiges Forschungsfeld entdeckt: die genetische Manipulation und die Pillen für alles. Stärker als hier kann kaum noch bewußt werden, daß der Mensch Produkt seiner Umgebung ist. Bis hinein in die Gemütszustände sind Menschen kontrollierbar und hörig zu machen. Die Zwangsjacken als Signum der physischen Gewalt, die die Gesellschaft dem Abnormen antut, sind weitgehend ersetzt durch Sedativa und Maßnahmen wie Warmwasserbäder und Elektroschocks. (Elektroschocks waren eher in den USA üblich als in der BRD, doch nimmt ihre Applikation allgemein ab. 1961 jedoch konnte Erving GoFrankfurt/Mainan noch schreiben: „Die auf Empfehlung des Wärters erfolgende Verwendung der Elektroschock-Behandlung als Mittel der Einschüchterung, durch welches die Patienten diszipliniert und beruhigt werden sollen, ist ein weniger gravierendes, aber weit verbreitetes Beispiel derselben Praxis.“(GoFrankfurt/Mainan, Asyle, Frankfurt/Main 1973, 364) Nicht nur die Entstehung der Elektroschock“therapie“ verrät ihre Grausamkeit: „Es ist kein bloßer Zufall, daß Cerletti die „Behandlung“ mit Elektroschocks in den Schlachthöfen von Rom erfand, wo Schweine durch elektrischen Strom getötet wurden. Die Schweine, die nicht sofort starben, zeigten bemerkenswerte Veränderungen in ihren Verhaltensweisen, und so kam er darauf, auch Geisteskranke zur Veränderung ihres Verhaltens mit Elektroschocks zu behandeln, ähnlich wie Hitler 60000 Geisteskranke zu 'experimentellen Zwecken' und zur 'Verbesserung der Rasse' töten ließ.“(D. Cooper, Der Tod der Familie, Reinbek (Rowohlt)1972, 65) Auch die medizinische Ähnlichkeit des Schocks mit einem Epilepisieanfall weist auf die Unmenschlichkeit hin. Denn wie beim Epilepsieanfall, der ja in der Elektro-Schockbehandlung nur künstlich simuliert wird, ist der Deliquent hinterher bewußtlos und hat weniger lebendige Gehirnzellen als vorher - was bei hinreichend häufiger Anwendung zur Dekadenz seiner Persönlichkeit bis an die Grenze des Vegetierens führen kann.) Aber die Biochemie ist weitaus weniger offenkundig brutal. Die einzige Therapie in deutschen Nervenheilanstalten ist die Versorgung mit Psychopharmaka, von der morgendlichen Visite abgesehen, „bei der in einer Stunde 500 Patienten vom Arzteteam „besucht“ werden, und der als „Beschäftigungstherapie“ ausgegebenen Arbeitspflicht, die dem Fließband nur voraushat, daß kein Akkord geleistet wird. „Wenn nachts auf der Station dadurch für Ruhe gesorgt wird, daß die Patienten gezwungen werden, Drogen einzunehmen, wodurch eine Verringerung des Nachtpersonals ermöglicht wird, so nennt man dies medikamentöse oder sedative Therapie.“(E.GoFrankfurt/Mainan, Asyle, Frankfurt am Main (Suhrkamp) 1973, 362) Dieser Trend, die als Psychopathen etikettierten Insassen sogenannter „Heilanstalten“ nur noch neurophysiologisch zu sehen und zu behandeln, ist bereits beim frühen Freud angestrebt. „Die Zukunft mag uns lehren, mit besonderen chemischen Stoffen die Energiemengen und deren Verteilungen im seelischen Apperat direkt zu beeinflussen;... vorläufig steht uns nichts besseres zu Gebote als die psychoanalytische Technik...“(Freud, Ges. Werke XVII, 108) Diese physiologische Einstellung zum Seelen“apparat“ schlägt sich theoretisch auch weiter nieder in dem psychohydraulischen Energieverteilungsmodell, das Freud entwickelt, als er sein ursprünglich mechanistisches Konzept aufgab.

Seine mentalistische Uminterpretation physikalischer Energiebegriffe (Trieb'energie', Lust = Energieentladung usw.) bleibt aber abstrakt und nur Denkmodell. Denn die physikalische Energie ist meßbar, Triebenergie nicht. „Das Modell des seelischen Apparates ist so gefaßt, daß von den Ereignissen, über die die Metapsychologie Aussagen macht, Beobachtbarkeit zwar sprachlich assoziiert, aber tatsächlich nicht eingelöst wird - und nicht eingelöst werden kann.“(J. Habermas, Erkenntnis und Interesse, Frankfurt am Main (Suhrkamp) 1973, 308) Freuds Energieverteilungsmodell kann auf die Psychopharmakologie zurückwirkend den Anschein erwecken, als läge die Aufgabe bei der Behandlung seelisch kranker Menschen darin, ihren abnormen Energiehaushalt wieder ins Gleichgewicht zu bringen, wozu die Biochemie dienlich ist. Dabei besteht die Möglichkeit an den paracelsischen Gesundheitsbegriff vom Gleichgewicht der Körpersäfte anzuknüpfen. Die in biochemischer Forschung notwendige Depersonalisation erweist sich hier als Anfang einer Behandlungsweise von Menschen, die nicht im Dienst des Personseins der behandelten Menschen steht.

Pharmakologischer Totalitarismus

Es ist vorauszusehen, daß die Entwicklung der Biochemie weitergeht bis zur totalen psychischen und somatischen Beeinflussung und Kontrolle von Menschen. Die methodologische Implikation der Verdinglichung des Forschungsobjekts Mensch führt zu Ergebnissen, die nichts als die Optimierung derselben darstellen. Konnte anfänglich die Objektivierung des Menschen in den Naturwissenschaften legitimiert werden durch deren Zweckrationalität: daß die Ergebnisse die physischen und psychischen Bedingungen für personale Existenz bereithalten sollten, indem die äußeren Ursachen für menschlichen Verfall und Vernichtung erkannt und behoben wurden - so entfällt heute diese Legitimationsmöglichkeit in mehrfacher Hinsicht.

1)       Die Praxis der Adaption naturwissenschaftlicher Erkenntnisse hat zwar zur optimalen Aufrechterhaltung des somatischen Existierens in der Medizin geführt. Aber die Praxis von Nervenheilanstalten beweist, daß in psychischer Hinsicht eher ein Verfall bis zum einfachen Dahinvegetieren eintrifft, bedingt durch die unbefriedigenen Lebensverhältnisse dort.

2)       Die Medizin ist zwar fähig gewesen, Seuchen und volksbedrohliche Krankheiten fast auszurotten. Die heutigen Existenzbedrohungen sind individualhistorisch dagegen mit weitaus größerem Aufwand an Recourcen als früher aufzuheben, zB Kosten und Häufigkeit der erfolgreichen Anwendung von Herz-Lungen-Maschinen. Auf der anderen Seiten sind aber durch die wirtschaftliche Ausbeutung der 3. Welt in diesem Erdteil die existentiellen Bedrohungen durch die Medizin nicht weniger, sondern stärker geworden. Die Anwendung von naturwissenschaftlicher Erkenntnis ist, an der Frage nach der Verhältnismäßigkeit der Mittel gemessen, eine nur nach unserem vom Hippokrateseid beeinflußten Moralkodex relevante Möglichkeit der Aufhebung von Existenzbedrohung in der 3. Welt. Objektiv relevanter sind ökonomische Fragen geworden, von deren Lösung die Aufhebung von einer weitaus wesentlicheren Existenzbedrohung, dem Hungers von Millionen abhängig ist. Im Zusammenhang des täglichen tausendfachen Todes durch Hunger und Krieg erhebt sich die Frage, wie das kostspielige hochtechnisierte Behandlungsmaterial der medizinischen Versorgung in Industrieländern zu rechtfertigen ist. Menschlich verständlich bleibt dieser Trend doch zumindest ökonomisch absurd.

Wie alle naturwissenschaftliche Erkenntnis zeigt auch die Pharmokologie bezüglich ihrer Möglichkeiten für die Applikation in menschlichen Verhältnissen eine Ambivalenz: Wie Atomenergie zur Unterstützung oder Vernichtung des Lebens benutzt werden kann, so können Heilmittel auch als Gifte Verwendung finden. Kurz: bei weiterem Fortschritt der Pharmokologie wird sowohl eine totale Sanierung aller Menschen in physischer Hinsicht (von der 3. Welt abgesehen, die ökonomische Umwälzungen braucht) möglich; als auch totale Unterwerfung mittels Drogen. Denn es zeigt sich in Heilanstalten, daß umso weniger Disziplinierung nötig ist, je mehr Drogen eingesetzt werden. Sollte es einmal Glücksdrogen geben, so braucht man eine Gesellschaft nur abhängig zu machen davon und ist fähig, totale Anpassung ans totalitär gewordene System biochemisch zu gewährleisten. Die UdSSR verwirklicht dies schon teilweise, indem politische Systemgegner als Abnorme in Heilanstalten eingeliefert werden, wo sie medikamentöse Exorzision ihrer systemtranszendierenden Potenzen erfahren. Das depersonalistische Input der Humanologien führt also zur Ergebnisambivalenz von totaler Sanierung oder totaler Verdinglichung.

Meine Frage ist nun, ob das eine nicht etwa doch die Kehrseite des anderen wird. Denn auch totale Gesundheit wird ihr krankhaftes nicht mehr los: daß der von ihr befallene Mensch Produkt einer überdimensional verselbstständigten Technologie geworden ist, der er sich und seinen Körper zu unterwerfen hat. Ob dabei noch personale Selbstbestimmung möglich ist, darf bestritten werden, wenn man den Einfluß der Technik auf die Seele introspektiv reflektiert. „Die Technisierung macht einstweilen die Gesten präzis und roh und damit die Menschen. Sie treibt aus den Gebärden alles Zögern aus, allen Bedacht, alle Gesittung. Sie unterstellt sie den unversöhnlichen, gleichsam geschichtslosen Anforderungen der Dinge. (...) In den Bewegungen, welche die Maschinen von den sie Bedienenden verlangen, liegt schon das Gewaltsame, Zuschlagende, stoßweis Unaufhörliche der faschistischen Mißhandlungen.“(Th.W.Adorno, Minima Moralia, Frankfurt am Main (Suhrkamp)1973, 42f) Der Unterschied der hier formulierten physikalischen Verdinglichung am Fließband zu der in Heilanstalten praktizierten biochemischen Verdinglichung wird irrelevant angesichts der ebenbürtigen Menschenunwürdigkeit, die sich auf das Fehlen dialogischer Präsenz gründet.

Diagnose im hermeneutischen Zirkel

Die Diagnose in der psychiatrischen Praxis steht vor dem gleichen Phänomen der ergebnismäßigen Reproduktion methodologischer Implikationen. Sie bleibt unfähig zur Transzendenz ihres Systems, wenn sie im Patienten ein Untersuchungsobjekt sieht. Es hat zwei Möglichkeiten für die Diagnose. Der Arzt kann versuchen, den Patienten zu klassifizieren auf ein Krankheitsbild und die Genese seiner Abnormität ergründen. Als nächsten Schritt setzt er dann die Behandlungstherapie fest, welche von der Diagnose trennbar ist. Dieses Modell wird bei fast jeder Einweisung in Heilanstalten angewandt. Der Arzt hat ein Schema, der Patient füllt einen Fragebogen aus, indem er auf bestimmte Weise zu den Aktionen des Arztes reagiert. Der Arzt wertet die Reaktionen und Informationen vom Patienten aus und ordnet daraufhin die Therapie an. Dieses Modell ist aus der somatischen Medizin übernommen. Es ist aber nicht übertragbar auf psychoanalytische Erkenntnis, denn diese muß wegen der Andersartigkeit des Erkenntnisgegenstandes einen erkenntnistheoretisch völlig anderen Weg der Diagnose einschlagen. Das Wort Diagnose (Durcherkenntnis) ist hierfür nicht mehr angemessen.

Erkenntnis der Seele als mutueller Dialogprozeß

Die gescheitere Frage geht also noch einmal zur ersten Frage zurück: Wie ist Erkenntnis der Seele möglich? Zu naturwissenschaftlicher Erkenntnis gehören Subjekt und Objekt. Die Erkenntnis muß für alle Subjekte, denen Erkenntnis überhaupt zugänglich ist, zwingend bestehen, und unter gleichen Ausgangsbedingungen beliebig oft wiederholbar sein. Diese naturwissenschaftlichen Erkenntnisbedingungen sind in der Psychoanalyse nicht in gleicher Weise gegeben. Das Objekt der Erkenntnis ist ein Mensch (Patient), das Subjekt ist ein Mensch (Arzt). Das, was ich mit Seele bezeichnet hatte, existiert aber weder im Patienten noch außer ihm. Gemeint ist die Einheit seines Verhaltens und Erfahrens. Das Verhalten ist für den Arzt als Erkenntnissubjekt direkt zugänglich. Die Erfahrung hingegen ist ihm verborgen. Sie kann nur in sprachlicher Form vermittelt werden. Damit ist eine erste Bedingung erkannt: Subjekt und Objekt müssen einen gemeinsamen Verhaltens- und Sprachzusammenhang haben, dh Redundanz als probabilistische Regelmäßigkeit, die einer Folge von Symbolen oder Geschehnissen innewohnt. (P.Watzlawick u.a., Menschliche Kommunikation, Bern Stuttgart Wien, 3. Auflage, 35)

Ist für Erkenntnis eine Kommunikation notwendig über den Gegenstand, so liegt die besondere crux der Psychoanalyse darin, daß der Gegenstand selbst schon so etwas wie Kommunikation ist. Psychoanalyse muß zur Erkenntnis also über Kommunikation kommunizieren. Sie ist Metakom-munikation. Im Gegensatz zur mathematischen Erkenntnis liegen hier jedoch Kommunikation und Metakommunkätion, obwohl zwei verschiedene Ebenen, in einem einzigen Sprachzusammenhang. Ein weiterer Aspekt bildet die Tatsache, daß Kommunikation immer von jemand zu jemand geht. Wenn also die Seele eines Menschen nur in Kommunikation offenbar wird, so ist sie damit eine Funktion zum Erkenntnissubjekt. Wenn das Offenbarwerden von Seele aber an das Subjekt gebunden ist, so entfällt für Psychoanalyse die in Naturwissenschaften konstitutive erkenntnistheoretische Bedingung der Wiederholbarkeit für jedes Subjekt, dem Erkenntnis möglich ist, bei Beibehaltung aller Ausgangsbedingungen. Denn zur Ausgangsbedingung selbst gehört, daß zwischen Subjekt und Objekt eine Beziehung besteht. (Alfred Lorenzer, Sprachzerstörung und Rekonstruktion. Vorarbeiten zu einer Metatheorie der Psychoanalyse, Frankfurt/Main (Suhrkamp) 1973, 215) Die Seele ist in dieser Beziehung der Erfahrungs- und Verhaltenszusammenhang, der sich beim Patienten durch eine ständige Bewegung von Informationen jeder Form zwischen Subjekt und Objekt bildet. Es kann darum keine Rede mehr sein von einem Erkenntnisobjekt und einem Erkenntnissubjekt, da beides eine Funktion des anderen ist, sodaß das Subjekt gezwungen ist, auch sich selbst in den Erkenntnisakt einzubeziehen als Objekt. Nun ist also nur noch sagbar: zwei Menschen treten in Kommunikation. Diese stellt sich dar als ein formaler Kreislauf von Person As Erfahrung von Person B, folgender Aktion zu B, B´s Erfahrung dieser Aktion A´s als einziger Möglichkeit von Erfahrung A's überhaupt, B´s Verhalten auf alles bisher geschehene, A´s Erfahrung dessen, usw. Diese Spirale von Intererfahrung und Interaktion hat inhaltlich natürlich durchaus Elemente, die mit der Kreisvorstellung unvereinbar sein können. Jeder von beiden Personen ist gleich Erkenntnissubjekt seiner selbst und des anderen wie auch Erkenntnisobjekt seiner selbst und des anderen. Das Kommunikationssystem ist ein Rückkopplungssystem, in dem eine komplexe Verflechtung von Informationsaustausch die Isolation eines Informanten unmöglich macht. Die Erkenntnis des Anderen, wie er in Beziehung zu mir ist, verlangt von mir Selbstreflexion, ebenso vom anderen, wenn er mitteilen will. Aber Selbstreflexion allein ist ungenügend. Vielmehr muß die Beziehungsspirale gegenseitiger Erfahrung und Aktion reflektiert werden:

Du = wie ich deine Handlung erfahre

Ich - wie ich glaube, daß du mich siehst

Du = wie ich glaube, daß du glaubst, daß ich dich sehe

Ich - wie ich mir dein Bild von meinem Bild von deinem Bild von mir vorstelle usw.

Das gleiche kann von deiner Seite aus geschehen. Unsere beiden Bilder von uns, einander, den Metabildern werden Phantasie mit Realwahrnehmung verschränken müssen, weil Fragmente dieser Bilder jeweils in die Mitteilungen einfließen, aber nie vollständig. Deshalb ist gewöhnlich nicht möglich, daß alle Bilder beider Personen mit denen des jeweils anderen übereinstimmen. Es sei denn, sie haben Zeit und Motivation, ihre Beziehung zu klären, indem durch möglichst vollständige Mitteilung aller Perspektiven diese Falsifikation oder Verifikation unterzogen werden. Sachgemäße Erkenntnis wird dieses anstelle einer fadenscheinigen Diagnose versuchen. Wesentlich komplizierter noch wird psychologische Erkenntnis in Gruppen, wo jeder in Beziehung auf jedem agiert und seine Wahrnehmung von jedem beeinflußt wird. Die Bilder in einer Gruppe während auch nur einer Minute zu klären, wird vermutlich mehrere Stunden dauern. Die Menge möglicher Erkenntnis steht daher in keinem Verhältnis zur tatsächlich vollziehbaren Erkenntnis. Daher bleibt psychoanalytische Erkenntnis wesensmäßig fragmentarischer Natur und kann sich lediglich mit besonders starken Redundanzen befassen, also besonders häufig auftretenden Bildern.

Erkenntnisinteressen der Analyse

Nun würde Psychoanalyse nicht vollzogen ohne bestimmte Erkenntnisinteressen. Diese liegen in Leiderfahrungen. Um dies zu erläutern, will ich zurückgreifen auf eine mit verallgemeinerten Erkenntnissen der Psychoanalyse gewonnene Theorie der Sprach- und Verhaltenspathologie. Jeder Mensch tritt mit seiner Zeugung in einen Sozialisationszusammenhang ein, dessen Einfluß nach der Geburt verhältnismäßig intensiviert wird und nicht abhängig ist von seinen Motivationen und Intentionen. Er wird in die Existenz geworfen. Mit seiner Existenz aber sind notwendig eigene Intentionen und Motivationen verbunden. Er bedarf zur Fortsetzung seiner Existenz gewisser Gegebenheiten, deren Sicherung das Zeil seiner Intentionen bildet. Da diese Gegebenheiten ihm nur innerhalb eines Kommunikationszusammenhanges zugänglich sind, ist seine Intention auf Kommunikation angewiesen. Zudem stellt Kommunikation selbst eine Gegebenheit dar, die frei von ihrer Mittlerfunktion zu Bedürfnissen wie Nahrung, Pflege, Wärme usw. selbst ein Bedürfnis bildet. Zur Erlangung des Bedarften ist jeder Mensch auf eine Bedürfnisinterpretation in Form von Kommunikation angewiesen. Mit der Artikulation aber ist das Bedarfte noch nicht erreicht. Es hängt von den primären Bezugspersonen (Eltern) als Verkörperer der gesellschaftlichen Normen, innerhalb derer diese sozialisiert sind, ab, ob dem Bedürftigen (Kind) das Bedarfte zuteil wird, mithin, ob sich die Intentionen einer Bejahung unterziehen können. Die Bedürfnisinterpretation erfährt also entweder eine Bestätigung oder eine Nichtbestätigung. Diese Erfahrungen nimmt das Kind auf und unterzieht sich dem Schluß, daß es sinnlos ist, gewisse Bedürfnisse bei permanenter Nichtbestätigung weiterhin kommunikabel zu machen. Dieser Schluß kann als Lernerfahrung bezeichnet werden. Da sich die Existenz in der Zeit äußert und mit ihr modifiziert, äußert sich Lernerfahrung und -verhalten als ein Prozeß. Leben ist ein Bildungsprozeß. Dabei kommt der Sprache erhebliches Gewicht zu. Sie steht in komplementärem Zusammenhang zum nicht sprachlichen Kommunikationsverhalten.

Zwei Modi der Kommunikation: Körpersprache und Worte

Watzlawick gebraucht für nonverbales Verhalten und Sprache die unterscheidenen Begriffe von analoger und digitaler Kommunikation (Watzlawick, Menschliche Kommunikation, aaO 62ff). „Analoge Kommunikation hat ihre Wurzeln offensichtlich in viel archaischeren Entwicklungsperioden und besitzt daher eine weitaus allgemeinere Gültigkeit als die viel jüngere und abstraktere digitale Kommunikationsweise.“(aaO 63) Die Analogie hat eine „grundsätzliche Ähnlichkeitsbeziehung zu dem Gegenstand“(62), während digitale Kommunikation „lediglich ein semantisches Übereinkommen für diese Beziehung zwischen Wort und Objekt“ (62) ist. Analoge Kommunikation ist mit Tieren und fremdsprachlichen Lebewesen zu unterhalten, es bedarf keiner Sozialisation, keines expliziten Übereinkommens über die Bedeutung. Der scholastische Streit um die Universalien dürfte eine gewisse Lösung durch diese Unterscheidung erfahren, sobald der Begriff „Universalien“ oder Allgemeinbegriff auf den von „bedeutungsvoller Kommunikation“ erweitert wird. Der These des Realismus würde die analoge Kommunikation entsprechen, der These des Nominalismus die digitale. Menschliches und tierisches Leben operiert mit beiden Dimensionen. Besonders die Kunst amalgamiert beide Modi.

Für die menschliche Kultur aber ist Sprache unentbehrlich. „Es bestellt kein Zweifel, daß die meisten, wenn nicht alle menschlichen Errungenschaften ohne die Entwicklung digitaler Kommunikation undenkbar wären. Dies gilt ganz besonders für die Übermittlung von Wissen von einer Person zur anderen und von einer Generation zur nächsten.“(63) „Digitales Mitteilungsmaterial ist weitaus komplexer, vielseitiger und abstrakter als analoges.“(66) Es ist auch genauer als analoges. Sprache ist eindeutig, Gesten vieldeutig, obwohl auch das Gegenteil möglich ist. Wechselseitige Übersetzungen analoger in digitale Kommunikation (und umgekehrt) sind immer von Informationsverlust begleitet. Analoge Kommunikation definiert vornehmlich die Beziehung, in der Menschen zueinander stehen, während digitale für Übermittlung und Definition von darüberhinausgehenden Inhalten sorgt. Wenn Seele ein Kommunikationsphänomen in einer Beziehung zwischen Menschen (oder Tieren) ist, so baut sie vornehmlich auf analoger Kommunikation auf, die zur Beziehungsdefinition bereitsteht. Erst durch die kulturelle Verlagerung der Hauptkommunikationsebene von der analogen zur digitalen wird Seele dann eine Erscheinung, die sich in Sprache und Denken produziert. Im Rahmen dieses Bildungsprozesses, als der menschliche Ontogenese charakterisierbar ist, vollzieht sich die Anpassung an digitale Kommunikation, dh an die Sprachnorm und hiermit an den gesamten Kodex gesellschaftlicher Normen, die sprachlich formulierbar sind. Dabei bildet die Tatsache, daß über bestimmte Bedürfnisintentionen aus Sprachschatzmangel digitale Kommunikation nicht möglich ist, gleichfalls eine Norm, die inhaltlich die unaussprechbare Intention annihiliert, indem sie sie nicht bestätigt. Der Kodex gesellschaftlicher Normen unterdrückt also einen Teil der Intentionen eines Menschen, während er andere Intentionen durch Bestätigung in öffentlicher Kommunikation hervorhebt. Dies ist keine ontologische Feststellung, sondern kennzeichnet repressive Gesellschaften. Die unsere gehört dazu. Wir müssen zwischen ontologischen Feststellungen und der Erwähnung der besonderen Charakteristika unserer eigenen Erfahrungshintergründe unterscheiden, um zur Vorstellung einer nichtrepressiven Gesellschaftsform fähig zu werden. „Die Mechanismen des Lernens, mit denen Freud rechnet, (Objektwahl, Identifikation mit dem Vorbild, Introjektion aufgegebener Liebesobjekte), machen die Dynamik der Entstehung von Ichstrukturen auf der Ebene symbolisch vermittelter Interaktion verständlich. Die Mechanismen der Abwehr greifen in diesen Prozeß ein, soweit die gesellschaftlichen Normen, verkörpert in den Erwartungen der primären Beziehungspersonen, das infantile Ich mit einer unerträglichen Gewalt konfrontieren, zur Flucht gegen sich und zur Objektivation seiner selbst im Es nötigen.“(Habermas, Erkenntnis und Interesse, aaO 315) Die Ebene der Gewalt verlagert sich zunehmend von direkter physischer Gewalt auf digital vermittelte Gewalt.

Zur letzten gehört auch die weiter unten behandelte paradoxe Kommunikation, also Doppelbindungen, zu denen Schizophrenie sich als Fluchtmaßnahme erweisen wird. Doppelbindungen werden meist durch Kontradiktionen zwischen analoger und digitaler Kommunikation erzielt, wenn Gesten das Gegenteil der Worte sagen, sind aber auch auf nur einer von beiden Ebenen möglich.

Paradebeispiel ist Luthers kleiner Katechismus: „Wir sollen Gott fürchten und lieben...“ Die zehnmalige Wiederholung wirkt wie ein Mantra nachgerade hypnotisierend. Die Formel entspricht dem peccator et iustus und Luthers depressiv/demütiger Selbsteinschätzung als Dreck (armer stinkender Madensack) und grandios/manischer Selbstüberzuckerung als Doktor der Theologie, dessen Cranachbild im Professorentalar er liebend gern überall in Kirchen aufgehängt sah: eben doch ein Heiliger. Der Katechismus fungiert als Einübung eines ambivalenten Furcht-Liebe-Verhältnisses zu Gott, der in den Geboten als eifersüchtiger, fordernder Herr verehrt werden will und nicht etwas gute Lebensregeln zur Streitschlichtung bereithält. Von dem gnädigen Gott spürt man hier nichts.

Nach Freuds Modell sind die von analoger und digitaler Kommunikation bestätigten Intentionen das Ich, die verbotenen und nichtbestätigten Intentionen das Es. Die öffentliche Kommunikation, gesellschaftliche Normen, Sprache und ihre Inkarnation in den primären Bezugspersonen entsprechen Freuds Über-Ich. Der öffentliche Text wird vom Individuum verinnerlicht, sodaß die unterdrückten Intentionen auch bei Fehlen von äußeren Gewalteinflüssen durch Vertreter dieses Textes unterdrückt bleiben. Die äußere Gewalt ist zu innerer Gewalt geworden, die das Ich retroflexiv gegen sich selbst richtet, genauer gegen alle Strebungen, die zum öffentlichen Text in Diskongruenz stehen. Gegen die zuletzt formulierten Sätze muß eingewendet werden, daß sie nur als Vorstellungshilfe dienen, weil es für die Seele kein reales Außen und Innen gibt; wenn überhaupt, dann ist sie deren Vermittlung. Das Ich macht das Es zum Objekt seiner Unterdrückung, reitet es wie ein Dressurreiter, wie es vorher Objekt gesellschaftlicher Unterdrückung war (und bleibt), aber das gleiche gilt auch in entgegengesetzter Richtung: das Es macht sich das Ich zum Objekt einer Unterdrückung, die vom Ich als unerklärlicher Zwang zu nicht von ihm gewollten Handlungen erfahren werden. (Alfred Lorenzer, Sprachzerstörung und Rekonstruktion, Frankfurt/Main 1973 116, 200ff) „Es sind verbogene und abgelenkte Intentionen, die sich aus bewußten Motiven zu Ursachen verkehrt haben und das kommunikative Handeln der Kausalität naturwüchsiger Verhältnisse unterwerfen. Sie ist Kausalität des Schicksals, und nicht der Natur, weil sie durch die symbolischen Mittel des Geistes herrscht - nur darum kann sie auch durch die Kraft der Reflexion bezwungen werden.“(Habermas, Erkenntnis und Interesse, aaO 312)

Sprachpathologie

Auf der sprachlichen Ebene stellt sich diese gegenseitige Unterdrückung von Ich und Es in der Sprachpathologie Alfred Lorenzers (aaO 118ff) so dar: „Der originale Abwehrvorgang findet in einer kindlichen Konfliktsituation als Flucht vor einem überlegenen Partner statt. Er entzieht der öffentlichen Kommunikation die sprachliche Interpretation des abgewehrten Handlungsmotivs. Dadurch bleibt der grammatische Zusammenhang der öffentlichen Sprache intakt, aber Teile des semantischen Gehalts werden privatisiert. Die Symptombildung ist Ersatz für ein Symbol, das nun einen veränderten Stellenwert hat. Das abgespaltene Symbol ist aus dem Zusammenhang mit der öffentlichen Sprache nicht etwa ganz herausgefallen; dieser grammatische Zusammenhang ist aber gleichsam unterirdisch geworden. Er gewinnt seine Gewalt dadurch, daß er die Logik des öffentlichen Sprachgebrauchs durch semantisch falsche Identifikationen verwirrt. Das unterdrückte Symbol ist mit der Ebene des öffentlichen Textes zwar nach objektiv verstehbaren, aus den kontingenten Umständen der Lebensgeschichte resultierenden Regeln, aber eben nicht nach den intersubjektiv anerkannten Regeln verknüpft. Deshalb ist die symptomatische Sinnverschleierung zunächst weder für andere noch für das Subjekt selbst verständlich.“(Habermas, aaO 313) Das Subjekt erfährt sich als zwangsgesteuert und stört die nach dem öffentlichen Text ablaufende Interaktion. Die Verwirrung und Störung der Interaktion wird nun entweder von dem, der in sich die Störungen erfährt, oder von Angehörigen, Vertretern seiner Umwelt, zum Anlaß genommen, den als störend Empfundenen in psychiatrische Behandlung zu geben. Dabei sind zwei Wege möglich: Psychotherapie oder Einweisung in eine Heilanstalt. Zur Erfahrung von Verwirrung schreibt E. GoFrankfurt/Mainan: „Diese Erfahrung, die ein Mensch mit sich machen kann, gehört offenbar zu den stärksten Bedrohungen, die dem Selbst in unserer Gesellschaft widerfahren können, insbesondere da sie meist zu einem Zeitpunkt eintritt, wo der Betroffene auf jeden Fall bereits in Sorge ist, er könnte das bei sich selbst entdeckte Symptom auch nach außen hin zeigen.“(GoFrankfurt/Mainan, aaO 131) Aus der Bemühung, Interaktionsstörungen zu beheben, entstand das Interesse der Psychiatrie. Die ersten Maßnahmen, die Errichtung von Asylen für Störenfriede, entspringt aus dem gleichen Interesse wie auch Gefängnisse (Michel Foucault, Wahnsinn und Gesellschaft. Eine Geschichte des Wahns im Zeitalter der Vernunft, Frankfurt/Main (Suhrkamp) 1973, 68ff, 482ff; Irma Gleiss/ Rainer Seidel/ Harald Abholz, Soziale Psychiatrie. Zur Ungleichheit in der psychiatrischen Versorgung, Frankfurt/Main (Fischer) 1973, 74ff) und dann die mit deutscher Wertarbeit gerechtfertigten Konzentrationslager des Maßnahmenstaats Hitlers: Exkommunikation aller Häresie. Über diese Funktion kann auch der heutige Irrenhausbetrieb mit seiner Umwidmung zur „Heilanstalt“ nicht ganz hinwegtäuschen. Durch die Konzentration vieler Interaktionsgestörter in Kliniken war die Möglichkeit gegeben, durch Vergleiche und Forschung an den Insassen zu einer Theorie zu gelangen, die ihre Gemeinsamkeiten und Besonderheiten interpretiert. Aus dieser Situation ist die Psychiatrie als klinische Theorie hervorgegangen, ebenso Psychoanalyse und Psychologie. Denn Bewußtsein über ein Phänomen ist erst durch eine Ausnahme, eine Abweichung vom Phänomen möglich. So bei Normen; auch psychische Normalität bzw Psyche überhaupt wird erst auffällig durch Normabweichung, die sich in Interaktionsstörungen bei „Abnormen“ offenbar macht. (Kurt Schneider)

Psychologie entstand als Psychopathologie. Später erkannte die Psychopathologie dann, daß ein Kausalzusammenhang der Störung mit in der vergangenen Zeit des Lebens erlernten Kommunikationserfahrungen besteht. Besonders frühkindliche traumatische Erfahrungen wirken sich später stark auf das weitere Kommunikationsverhalten aus, wie Freud feststellte. Schon in der intrauterinären Erfahrung des Embryos sind schädigende Einwirkungen traumatisierend, bestimmend für nicht mehr greifbar zu machende Grundgestimmtheiten und Atmosphären. Die psychopathische Kommunikationsstörung ist also Auswirkung früherer Kommunikationszusammenhänge. Diese Kommunikationszusammenhänge wurden nun Gegenstand der Forschung in der Psychiatrie. Ergebnis ist, daß man nicht mehr von normal und abnorm sprechen kann, sondern nur noch von als adäquate Verhaltensweisen auf perverse Kommunikationszusammenhänge hin entstandenen Verhaltensformen und Symptomen. „Psychiatrische Symptome müssen in monadisch isolierter Sicht abnormal erscheinen; im weiteren Kontext der zwischenmenschlichen Beziehungen des Patienten gesehen erweisen sie sich jedoch als adäquate Verhaltensweisen, die in diesem Kontext sogar die bestmöglichen sein können.“(Watzlawick aaO 49) Auf die hierauf gebildeten Systemtheorien, die jetzt anstelle intrapsychischer Theorien treten, wird noch eingegangen.

Zunächst aber wieder zurück zum Aspekt von Leben als Bildungsprozeß, indem „die von der Gesellschaft nicht lizensierten Bedürfnisdispositionen“(Habermas aaO 330) ein Eigenleben zu führen scheinen. Die Psychiatrie hat aus der klinischen Erfahrungsbasis eine allgemeine Theorie formuliert über die Genese von Verhaltensstörungen. Sie kann empirisch bis zu einem gewissen Grad abgesichert werden. Ihre Erkenntnissituation war die Gesprächssituation mit Patienten. Freud formulierte in der „analytischen Grundregel“ die „Bedingungen eines repressionsfreien Reservats, in dem für die Dauer der Kommunikation zwischen Arzt und Patient der 'Ernstsituation', also der Druck der gesellschaftlichen Sanktionen, so glaubhaft als möglich außer Kraft gesetzt ist.“(Habermas, aaO 306) In dieser geschützten Situation reflektieren Arzt und Patient die Lebensgeschichte des Patienten, rekonstruiern sie aus den Erinnerungen und Träumen des Patienten. Da einem Menschen nicht jederzeit alles bewußt ist, stellt sich die Lebensgeschichte zunächst noch fragmentarisch dar, die psychoanalytische Rekonstruktion ist daher „wissenschaftslogisch an die Voraussetzungen einer Interpretation von verstümmelten und entstellten Texten, mit denen die Autoren sich selber täuschen, gebunden“. (Habermas aaO 307; Lorenzer aaO 27, 228f, 171) Denn erfahrungsgemäß sind die Erinnerungssperren gerade bei den aus dem öffentlichen Text gestrichenen Lebenserfahrungen, die der Grund für Verhaltensstörungen sind, besonders stark.

Die Paradoxität der Analyse besteht darin, daß gerade die für die Genese der Pathologie entscheidensten traumatischen Szenarien, Texte, Erinnerungen durch die schützende Verdrängung am schwierigsten zugänglich sind.(Lorenzer aaO 197) „Wenn man sich einer Erinnerung bewußt wird, erinnert man sich nämlich - sagen wir - an die letzte Gelegenheit, bei der man daran dachte... Die Schwierigkeit aber besteht darin, daß manche Türen sich schließen, wenn andere sich öffnen. Das 'Unbewußte“ ist das, was wir nicht mitteilen - uns selbst oder einander. Wir können etwas einem anderen übermitteln, ohne es uns selbst mit zuteilen.“(Laing, Das Selbst und die Anderen, Editione Continua 1973, 30) Die allgemeine Interpretation der klinischen Erfahrungen „erlaubt eine systematische Verallgemeinerung dessen, was sonst Historie bliebe... nach dem elastischen Verfahren der zirkulär bewährten hermeneutischen Vorgriffe... Aber auch diese Erfahrungen standen schon unter dem generellen Vorgriff des Schemas gestörter Bildungsprozesse.“(Habermas, aaO 316; cf Lorenzer aaO 95)

 Allgemeine Interpretation des besonderen Leidfalls

„Jede historische Darstellung impliziert den Anspruch der Einmaligkeit. Eine allgemeine Interpretation hingegen muß, obwohl sie die Ebene narrativer Darstellung nicht verläßt, diesen Bann des Historischen brechen. (...) Sie ist eine systematisch verallgemeinerte Geschichte, weil sie das Schema für viele Geschichten mit vorhersehbaren alternativen Verläufen abgibt, obgleich jede dieser Geschichten dann wiederum mit dem Anspruch der autobiographischen Darstellung eines Individuierten auftreten können muß. (...) In jeder Geschichte, und sei sie noch so kontingent, steckt ein Allgemeines, denn aus jeder Geschichte kann ein anderer Exemplarisches herauslesen. (...) Wir können den 'typischen' Fall auf den eigenen Fall anwenden: wir selbst sind es, die die Applikation vornehmen, das Vergleichbare vom Verschiedenen abstrahieren und das abgezogene Modell unter den bestimmten Lebensumständen unseres eigenen Falles wiederum konkretisieren. (...) Die systematische Verallgemeinerung besteht also darin, daß in vorgängigen hermeneutischen Erfahrungen von vielen typischen Geschichten im Hinblick auf viele individuelle Fälle bereits abstrahiert worden ist.“(Habermas, aaO 32lf) Hiermit ist die Funktion des Arztes charakterisiert. Er ist Spezialist dieser allgemeinen Interpretation.

Arzt und Patient in der Analyse

Der Erkenntniszusammenhang in der Gesprächssituation von Arzt und Patient wird getragen vom Patienten, der die Erkenntnis seiner selbst unter Zuhilfenahme der allgemeinen Interpretation des Arztes leisten soll. Dabei orientiert sich der Patient an den Hypothesen, die aus der Typologie empirisch erforschter gestörter Bildungsprozesse hergeleitet sind und ihm vom Arzt nun als Interpretationsvorschläge angeboten werden. Dies geschieht selbstverständlich auf subtilste Weise, zB durch Umformulierung der eigenen Sätze des Patienten in der Spiegelmethode, durch gezielte Fragen, die eben schon implizite eine ganze Reihe von Aussagen enthalten, usw. Diese Hypothesen haben nur Geltung, wenn sie vom Patienten akzeptiert und in seiner Selbstreflexion auf den durchlaufenen Prozeß seiner Genese bestätigt werden. Die Gefahr dieser Vorstellung liegt darin, daß es keine Möglichkeit der Überprüfung gibt, ob der Patient erst aufgrund der Hypothesen in seiner Reflexion seinen Bildungsproseß auf diese hin selektiv rekonstruiert, sodaß eine unzureichende Hypothesenstellung das entscheidende Trauma oder die vielen kleinen Noxen seines gestörten Bildungsprozesses nicht wahrnehmen kann, sodaß die allgemeine Interpretation des Arztes den Kausalzusammenhang der Pathologie mit früheren traumatischen Kommunikationserfahrungen eher verschleiert als offenbart. „Da es nun aber in unserer Erfahrung keine psychischen Zustände gibt, welche man introspektiv außerhalb eines Menschen zu beobachten vermöchte, so kann das Verhalten der Archetypen ohne Einwirkung des beobachtenden Bewußtseins überhaupt nicht erforscht werden, und darum kann auch die Frage, ob der Prozeß beim Bewußtsein oder beim Archetypus anfängt, nie beantwortet werden.“ (Carl Gustav Jung, Antwort auf Hiob, Olten/Freiburg (Walter) 1973, 122)

Die freudsche Theorie ist mittlerweile derart in höheren Bildungskreisen (bei denen Neurose viel stärker auftritt als in anderen „Schichten“) bekannt, daß schon die Internalisierung des intrapsychischen Energieverteilungsmodells selbst eine der Sozialisationbedingungen darstellt, die in einer Analyse Paradigma der Selbstinterpretation geworden sind. Die freudsche Katharsis findet dann oft vulgäre Applikationen, zB wenn man einem in Zorn geratenen Menschen rät, „seine Aggressionen abzureagieren“. (Adorno, Minima Moralia, Frankfurt/Main 1973, 78ff) Meist dann gerade nicht an dem, dessen Fehlverhalten zur Entstehung der Wut führte. Erlaubt ist dann Sport, aber keine Demonstrationen gegen Mißstände, so unlängst der Rektor der Tübingen Universität. Die Idiome der Freudschen Theorie bilden mittlerweile eine Reservoir der Sticheleien, mit denen verächtliche Gebildete andere verletzen können, indem sie sie „patientisieren“ oder bloßstellen.

Neben der unzureichenden Hypothesenstellung bildet die Tatsache, daß der Patient sich wegen des Interpretationsentzugs im öffentlichen Text der pathogenen Kausalität der abgespaltenen Intentionen derselben nicht bewußt sein kann, einen zweiten Faktor, der die Richtigkeit einer Analyse unentscheidbar macht. Lorenzer verlagert die Verifikabilität der Analyse in den Bereich der Evidenz des Analytikers, wo er mit empirischen Methoden nicht mehr operationalisierbar ist - im Sinne der Bedingung zuverlässiger wissenschaftlicher Erkenntnis, unter gleichen Ausgangsbedingungen für jedes erkenntnisfähige Subjekt nachvollziehbar zu sein. Denn nach Freud darf weder die Ablehnung einer Hypothese durch den Patienten vom Arzt als Falsifikation betrachtet werden, noch die Bestätigung. „Das Nein des Patienten beweist nichts für die Richtigkeit der Interpretation.... es steht uns frei anzunehmen, daß der Analysierte nicht eigentlich das ihm Mitgeteilte leugnet, sondern seinen Widerspruch von dem noch nicht aufgedeckten Anteil her aufrecht hält.“(Freud, WW XVI, 49f) Auch bestätigende, der Analyse nachhinkende Träume haben keine Verifikationspotenz, da sie erst auf die Hypothesen des Arztes hin geträumt sein können. Ein direktes Ja des Patienten besagt aber auch nichts. „Es kann in der Tat anzeigen, daß er die vernommene Konstruktion als richtig anerkennt, er kann aber auch bedeutungslos sein oder selbst, was wir 'heuchlerisch' heißen können, indem es seinem Widerstand bequem ist, die nicht aufgedeckte Wahrheit durch eine solche Zustimmung weiterhin zu verbergen. Einen Wert hat dieses Ja nur, wenn es von indirekten Bestätigungen gefolgt wird, wenn der Patient in unmittelbarem Anschluß an sein Ja neue Erinnerungen produziert, welche die Konstruktion ergänzen und erweitern.“(Freud, WW XVI, 49) So ist die einzige Möglichkeit von „Veri- und Falsifikation der gesamte Verlauf der Analyse, die Entscheidbarkeit psychoanalytischer Erkenntnis ergibt sich aus dem Kontext der gesamten Analyse.(Lorenzer aaO 228f)

Unter dieser Voraussetzung wird die Analyse zu einem infiniten Prozeß, einem Spiel ohne Ende, wenn auch noch folgende Bedingung gilt: Mit der analytischen Aufarbeitung des Vergangenen sind zwar die früheren Traumata bis zum gewissen Grad aufgehoben. Aber es kommen ständig neue traumatische Erfahrungen hinzu. Durch die therapeutische Reflexion mag der Patient ruhig zu einer Integration seiner konform zur Gesellschaft von ihm selbst vormals nicht lizensierten Bedürfnisdispositionen gelangen, das Es vom Ich sanfter reiten lassen. Aber das Ich ist eine Funktion des sozialen Umfeldes, Abbild der Gesellschaft, in der es lebt. Und die Analyse integriert wohl im Individuum die abgewehrten Strebungen in die akzeptierten. Aber sie vermag nichts daran zu ändern, daß der Horizont gesellschaftlicher Normierung weiterhin Intentionen abwehrt, indem diesen die öffentliche Interpretation verweigert wird. Wenn ein Patient seine abgewehrten Intentionen zu akzeptieren gelernt hat, haben es die Leute, mit denen er lebt, noch lange nicht; weshalb sie es auch ihm selbst verunmöglichen, eine volle Interpretation aller seiner Intentionen zu vollziehen. Zwar mag er einen gewissen Einfluß auf die Anderen durch seine in der Psychoanalyse erlernte Fähigkeit zur Metakommunikation ausüben können, aber seine grundlegende soziale Erfahrung bleibt die des Verstümmeltwerdens, bleibt traumatischer Natur. Was gegenüber früheren Traumata anders geworden ist, ist seine erweiterte Reflexion, das intensivere Bewußtsein von den Mechanismen seiner Verletzbarkeit. Aber dieses Bewußtsein allein macht die sozialen Verletzungen nicht schmerzloser und hebt die Funktion der Mechanismen sozialer Anpassung in ihm nicht auf. Die Reflexion ist nur fähig, die vollzogene Anpassung aufzudecken, dieser ständig nachhinkend. In einer verletzenden Umwelt bleibt keine Identität heil.

 Permanente Reflexion

Darum wird eine permanente Reflexion über die von anderen beim Selbst abgewehrten Intentionen vonnöten sein, damit das Selbst die Kausalität des eigengesetzlich gewordenen Abgespaltenen erkennen kann und so aufheben. Ist Reflexion imstande, ihre eigene Kausalität im Begriff aufzuheben? Denn hierum geht es der Analyse. „Das tiefenhermeneutische Verstehen übernimmt die Funktion der Erklärung. Es bewährt seine explanatorische Kraft in der Selbstreflexion, die eine verstandene und zugleich erklärte Objektivation auch aufhebt, das ist die kritische Leistung dessen, was Hegel unter den Titel des Begreifens gebracht hat.“(Habermas, aaO 332) Wenn Analyse Metakommunikation ist, so stellt sich in ihr das Subjekt auf eine höhere Ebene, von wo aus es die Kausalität zu erkennen vermag, die es bedingte. Die Möglichkeit zur Metakommunikation ist aber die notwendige neue Bedingung, von der die Aufhebung des Kausalen abhängt. Um einen alten Kommunikationszusammenhang also aufzuheben, ist ein neuer nötig. Sobald aber dieser - etwa bei Abbruch der Analyse - wegfällt und der alte Zusammenhang - etwa die nicht mittherapierte Familie - erneut bedingend wird für die Existenz, so verfällt ihm der Patient abermals. Rückfallquoten sind bekanntlich bei allen Integrations- und Resozialisierungskampagnen deprimierend hoch. Das ist das Geschäft der Psychiater, Wärter totaler Institutionen und Sozialfürsorger: sie erfreuen sich einer treuen Kundschaft. Als Inhaber eines Dienstleistungsberufs mit Zukunft vertreten sie das Vakuum, was durch den Verfallsprozeß von Verständnis, Vertrauen und Liebe in der repressiven Gesellschaft - besonders in den Trümmern des Bürgertums - entstanden ist. Sie sollen die verdrängten Intentionen von Zärtlichkeit, Liebe, Erotik, Autonomie, Verständnis und Verstandenwerden, Urvertrauen und Sinnbedürfnis wieder hochpäppeln, weil sonst die Quoten der Abnormen steigen. Die Kausalitäten der Interaktionsstörungen können vielleicht für die Therapiezeit aufgehoben werden, aber sie kommen bei der Reintegration unbarmherzig wieder. Wenn Aufhebung ein emanzipatorischer Akt ist, wenn Therapie den Patienten aus alten Kausalitäten emanzipieren soll, so bleibt sie bestenfalls eine Insel, von der aus es keinen Ausweg zum Reich der Freiheit gibt, es sei denn der Untergang. „Keine Emanzipation ohne die der Gesellschaft.“(Adorno, Minima Moralia, 228) „Von einem Konzept im Sinne eines ‚Freisprechens’ als Revolutionsersatz (...) kann keine Rede sein. (...) Jede andere Vermutung wäre eben die der Psychoanalyse immer wieder unterstellte Anmaßung, ein idealistisches Aufklärungsvorhaben an die Stelle einer politisch zu leistenden Aufhebung der Deformationsbedingungen zu rücken.“(Lorenzer aaO 35)

Reflexion als Krankheit: Der philosophische Grübelzwang

 Reflexion mag also ihre Kausalität im Begriff aufzuheben vermögen. Aber nur im Begriff. Ob der Begriff Möglichkeit zur Veränderung hat, ist damit noch lange nicht entschieden. Reflexion hat denn auch genuin psychopathische Seiten.

In der Philosophie führt sie, von aktiver Praxis isoliert, zur reinen Kontemplation im Elfenbeinturm. (Adorno, Negative Dialektik, Frankfurt/Main 1966, 144f) Es gibt auch eine Stufe von Dummheit, die der Erkenntnis seiner totalen Bedingtheit innezuwohnen beginnt, nämlich, daß bei dieser Reflexion der Reflektierende vergißt, daß gerade diese Erkenntnis auch eine Bedingtheit ist, in der er steht; das dialektische Moment der Überschreitung des bloß Gegebenen ist zugunsten einer sturen Schematik dessen, was als Erkenntnis einmal dialektischen Wesens war, gewichen und hindert so an jedem Versuch, in der Aktion eine Überschreitung der Situation zu wagen, die im Bewußtsein der völligen Bedingtheit sich dieselbe gerade mit Geschick zu Nutze macht, mit den eigenen Bedingungen arbeitend, dabei aber deren Determination durch die List des erfinderisch-produktiven Gedankens überwindend. Gleichwohl ist es für Reflexion, die das Reflektierte aufzuheben wünscht, unerläßlich, den besonderen Fall seiner Pathologie als Produkt eines Allgemeinen zu erkennen. Analyse, in der der Patient nicht von sich loskommt durch Reflexion, taugt nicht. „Gerade die unbeirrte Selbstbesinnung - jene Verhaltensweise, die Nietzsche Psychologie nannte -, also die Insistenz auf der Wahrheit über einen selber, ergibt immer wieder, schon in den ersten bewußten Erfahrungen der Kindheit, daß die Regungen, auf die man reflektiert, nicht ganz 'echt' sind. Stets enthalten sie etwas von Nachahmung, Spiel, Andersseinwollen. Der Wille, durch Versenkung in die je eigene Individualität anstatt durch deren gesellschaftliche Erkenntnis auf das unbedingt Feste, aufs Sein des Seienden zu stoßen, führt in eben die schlechte Unendlichkeit, welche seit Kierkegaard der Begriff der Echtheit exorzieren soll. (...) Nicht bloß ist das Ich in die Gesellschaft verflochten, sondern verdankt ihr sein Dasein im wörtlichsten Sinn. All sein Inhalt kommt aus ihr, oder schlechterdings aus der Beziehung zum Objekt. Es wird um so reicher, je freier es in dieser sich entfaltet und sie zurückspiegelt, während seine Abgrenzung und Verhärtung, die es als Ursprung reklamiert, eben damit es beschränkt, verarmen läßt und reduziert.“(Adorno, Minima Moralia, 202f) Selbstreflexion kann also auch ihrer Kausalität verfallen; dies prägt nachgerade die depressiven Zustände der Dauergrübler. Die Kausalität muß in der Reflexion akzeptiert werden, eher ist sie nicht transzendierbar. Für den Patienten heißt das, er wird nicht eher frei von einem Symptom, als bis er die hinter selbigem verborgene Intention akzeptiert hat. Dies wiederum kann er aber nicht, wenn die Anderen es nicht auch akzeptieren. Das Verfallen der Reflexion an ihre Kausalität, wenn diese nicht akzeptiert wird, ist am stärksten erfahrbar beim übersteigerten Selbstbewußtsein Schizophrener. „Das schizoide Individuum wird oft von dieser zwanghaften Bewußtheit seiner eigenen Prozesse gepeinigt...“(Laing, Das geteilte Selbst, aaO 13l) So, als scheiternder Versuch, ontologische Sicherheit durch Reflexion zu gewinnen, bildet Reflexion selbst ein Symptom, dessen Kausalität zu reflektieren bedeuten kann, ihm zu erliegen und sich durch ständiges Steigern der Meta, Metameta und Metametameta... bis Metan-ebenen seiner Reflexion sich ins Leiden hineinzukatapultieren. Gegen ontologische Unsicherheit hilft Selbstreflexion nichts. Es ist hoffnungslos. Wenn das Symptom Angst vor etwas ist, so ist es nicht eher aufhebbar, als bis der Gegenstand der Angst aufgehoben ist, real aufgehoben. Wenn der Gegenstand der Angst aber das Nichtsein der eigenen Existenz ist, so bleibt die Angst. In dieser Angst von Geisteskranken offenbart sich am Einzelnen das Grauen, das das Kollektiv herstellt, seien die Vernichtungslager auch weit weg.

Verfall der Reflexion durch ihre Delegation an den Analytiker

Dennoch bedarf es in der Analyse der Reflexion nicht weniger als vorher. Gerade ihr Verfall führt zur Zufriedenheit mit dem freudschen Schematismus. „Entspannt wird auf dem Diwan vorgeführt, was einmal die äußerste Anspannung des Gedankens von Schelling und Hegel auf dem Katheder vollbrachte: die Dechiffrierung des Phänomens. Aber solches Nachlassen der Spannung affiziert die Qualität der Gedanken: der Unterschied ist kaum geringer als der zwischen der Philosophie der Offenbarung und dem Gequatsche der Schwiegermutter. Die gleiche Bewegung des Geistes, die einmal dessen 'Material' zum Begriff erheben sollte, wird selber herabgesetzt zum bloßen Material für begriffliche Ordnung. Was einem einfällt, ist gerade gut genug dazu, daß Geschulte entscheiden, ob der Produzierende ein Zwangscharakter, ein oraler Typ, ein Hysteriker sei.“(Adorno, Minima Moralia, 83) Dies führt uns weiter ins Arzt-Patient-Verhältnis. Der Arzt als Spezialist einer allgemeinen Theorie hat zwei Möglichkeiten ihrer Applikation. Entweder klassifiziert er den Patienten als besonderen Fall der allgemeinen Typologie. Das, was der Patient ihm an Text übermittelt, wird auf einer Metaebene ausgewertet, an der der Patient nur im Nachherein teilhat, indem er erfährt, was für eine Krankheit er hat. Der Patient liefert Information, der Arzt interpretiert diese, nicht ohne zwischendurch feedbacks einzuholen. Beispiel für eine solche Analysetheorie ist Walter Loch: „Ich erkläre deutend dem Kranken Zusammenhänge, dh Motive seines So-Seins, indem ich sie als Hypothesen vor Augen führe. An einer Stelle kommt dann das ‚aha’-Erlebnis, kommt das ‚Jetzt weiß ich, weshalb’, von einem ‚freudigen Aufzucken’ begleitet. Meine Erklärung hat dazu geführt, daß der Patient versteht, meint also, er ist in der Lage, sie zu gebrauchen.“(Loch, Voraussetzungen, Mechanismen und Grenzen des psychoanalytischen Prozesses, Bern/Stuttgart 1965, 38)

Der Funktionsbestand ist einseitig und komplementär aufgebaut. Der Arzt braucht den Patienten zur Diagnose, ohne ihn wäre er kein Arzt, wie keine Mutter eine solche ist ohne ihr Kind. Eine weitere Legitimation des Arztes liegt darin, daß der Patient krank sein muß. Wäre er dies nicht, müßte sich der Arzt als Arzt nutzlos vorkommen, er wäre dann nur noch ein einfacher Gesprächspartner des Anderen. Indem der Patient aber als krank gilt - und der Arzt sich für gesund hält -, hat der Arzt eine für sein Selbstbewußtsein stabilisierende Rollenfunktion erlangt. „Der psychotherapeutische Prozeß besteht zu einem großen Teil darin, daß der Patient seine falschen subjektiven Perspektiven aufgibt zugunsten der objektiven des Therapeuten.“(Bert Kaplan (Hrsg.), The Inner World of Mental Illness. A Series of First Person Accounts of What It Was Like, New York/Oxford (Harper and Row) 1964, VII, zit. bei Laing, Phänomenologie der Erfahrung, 99) Ein Arzt ist also abhängig davon, daß es weiterhin Patienten geben wird. Psychiater verderben sich ihr Geschäft und ihr Selbstvertrauen, wenn sie in ihren Patienten gesunde Menschen sehen würden.

Krankheit als Abnormität. Zur Kritik Kurt Schneiders

Dies gilt nicht für alle Analytiker. Darin liegt auch die Möglichkeit, in der Psychoanalyse in näherer Zukunft völlig vom Begriff des Gesunden, Normalen oder Kranken, Abnormen abzurücken, der im Schneiderschen Psychopathiebegriff ‚Abweichung von einer Durchschnittsnorm eines Kulturkreises’ implementiert wurde in den Diskurs der psychoanalytischen Theoriebildung und die Diagnoseglossare der WHO. (Kurt Schneider, Klinische Psychopathologie, Stuttgart7 (Thieme) 1966 unterscheidet 1. Abnorme Spielarten seelischen Wesens mit Schwachsinnigen und ihren Psychosen und 2. Seelisch Abnormes als Folge von Krankheiten. Dies wurde Grundlage der ICD und DCM) Einerseits ist die Attestierung von Devianz und Abnormität zumeist Herrenperspektive oder Spießer-Rancune. Andererseits aber erlaubt dies die Option, daß eine Abnormität in einem anderen Setting oder Kulturkreis, einer anderen Subkultur, als etwas Normgerechtes oder sogar Erstrebenswertes geadelt wird, zB als optimale Voraussetzung für den Schamanenberuf. Abnormität sagt weniger über das Leid des Patienten als über seine Arbeitskraft im kapitalistischen Verwertungszusammenhang. Die Perspektive entstammt der Selbstlegitimation der mittelalterlichen Internierungshäuser, in denen eine ähnlich bunte Mischung schräger Vögel gefangen war wie später in KZ´s und Gulags.

Herr Doktor als Herrscher

Die Komplementarität der Arzt-Patient-Beziehung implizier schon deren Assymmetrie. Die Dilettanz, die dem Patienten unterstellt wird (auch in dessen eigenem Bewußtsein, sonst würde er keinen Psychiater konsultieren!), ergibt in Verbindung mit dem Spezialwissen des Analytikers die Voraussetzung einer Herrschaft des Analytikers über den Patienten. Die Konstruktion des Unbewußten erlaubt dem Arzt ständig, die Interpretationsvorschläge des Patienten abzulehen. „Wenn der Patient eine Deutung des Analytikers ablehnt, kann dieser immer erwiedern, daß seine Deutung sich auf etwas bezieht, dessen der Patient nicht gewahr sein kann, weil es ihm unbewußt ist. Versucht der Patient dagegen, Unbewußtheit als Begründung für etwas anzuführen, so kann der Analytiker dies gegebenenfalls mit dem Hinweis ablehnen, daß der Patient nicht davon sprechen könnte, wenn es unbewußt wäre.“(Watzlawick, aaO 230) Der Patient ist in der Zwickmühle. Nach Watzlawick bestehen weitere Doppelbindungen, die die Hierarchie indirekt unterstützen können, in der gegenseitigen Übertragung der Verantwortung für das Gelingen der Therapie. Der Patient erwartet vom Arzt Erklärungen und Verhaltensanweisungen, die zur Aufhebung der Interaktionsstörungen führen sollen, wegen derer der Patient sich der Therapie unterzieht. Der Arzt legt die Verantwortung für der 'Erfolg' in die Fähigkeit des Patienten, spontan zu sein, ehrlich und aufrichtig, in die Bereitschaft, sich das vom Leib reißen zu lassen, was die repressive Gesellschaft zu tragen befiehlt. Besserung kann der Arzt als Fluchtversuch vor dem wirklichen Problem ansehen, während er das gleiche mit der Klage des Patienten über das Ausbleiben von Besserung des Symptoms auch anstellen kann. Benimmt sich der Patient wie ein Erwachsener, also mit voller Monteur der gesellschaftlichen Verhaltensweisen, die zur Geheimhaltung nichtlizensierter Bedürfnisse notwendig sind, so deutet der Arzt dies als Widerstand gegen die Analyse; benimmt er sich nicht wie ein Erwachsener, so kommt ihm vom Arzt die Deutung als infantiler Syndrombildung zu. (Vgl. Watzlawick aaO 229)

In allen diesen Möglichkeiten innerhalb des Analysenganges ist der Arzt im Vorteil. Aber eine weitere Möglichkeit der Herrschaftsausübung des Arztes steht diesem juristisch zu bei der Einweisung in eine Heilanstalt. Damit hat er den Ruf eines Menschen in seiner Hand. Von seiner Meinung hängt ab, wie der Patient in Zukunft von der Gesellschaft gesehen wird und damit behandelt wird, ob als Psychopath oder Normaler, einer von denen oder einer von uns. Er hat das soziale Todesurteil über einen Menschen in seiner Hand und das ist dann die Verantwortung über Leben und Tod, die das hohe Honorar der Ärzte in der BRD und USA legitimiert, wenigstens nach offizieller Darstellung, sogar noch hier in Tübingen von Professoren der Medizin ernsthaft vertreten. Der Unterschied von Herrschaft innerhalb oder außerhalb der direkten Arzt-Patient-Situation liegt im jeweiligen Verständnis vom Heilungsprozeß. Wird Diagnose und Heiltherapie getrennt wie bei allen Einweisungen in Heilanstalten, so findet die Herrschaft durch eine außerhalb der direkten Situation liegende gesellschaftlich eingeräumte Potenz des Arztes, über die Zukunft des Patienten zu befinden, statt. Es ist mit der Macht eines Richters vergleichbar, der einen Angeklagten das erste Mal in dessen Leben als 'schuldig' verurteilt und hiermit dessen weiteres Leben determiniert auf einen Kreislauf vom Gefängnis, Freilassung in die ihn ablehnende Gesellschaft, Verzweiflung, materielle Existenzbedrohung durch Arbeitslosigkeit, Beeinflussung durch den 'kriminellen' Freundeskreis, in den jeder Häftling alsbald sozialisiert wird, erneute 'Strafhandlung', erneutert Prozeß, erneute Einbuchtung usw. In diesem Teufelskreis findet eine fortschreitende Zerstörung des Selbstwertgefühls statt.

Regelkreise der sozialen Ausgliederung in Subkulturen/Kulte

Etwas anders gelagert ist der circulus vitiosos beim Christen. Die Sektenideologie lebt geradezu von der Dissoziation zur gesellschaftlichen Normalität. Die Inkommensurabilität mit den Kindern dieser Welt wird Insignium des neuen Seins mit einem nachgerade unzerstörbaren und unbeirrbaren Selbstwertgefühl, gerade auch in mystischen Praktiken, die das Selbst in Gott hinein aufgeben und daran erstarken. Zwar hatte der Gläubige im Abendland stets soziale Anerkennung genießen dürfen. Er wußte sich als Teil einer starken Gruppe, kollektiver Narzißmus ließ ihn sich stark fühlen. Sein Status innerhalb der Gemeinde gab ihm Selbstachtung, auch wenn er fundamentalistische Kuriositäten von sich gab, die in der säkularen Welt als Spleen, verwirrt oder wahnhaft verpönt werden. Möglicherweise findet der Abnorme im Irrenhaus ebenfalls Gleichgesinnte, vielleicht gleich sensible Menschen, die ihn ebenso achten und lieben können, wie sich die Kinder Gottes lieben. „Sie sahen einander an und lächelten und wußten, daß „D“ überhaupt nicht die schlimmste Station war, sondern die ehrlichste. Die anderen Stationen mußten einen „Status“ aufrechterhalten und die äußere Form wahren. (...) So flüsterten die Stationen A und B ihren kleinen Symptome, nahmen ihre Beruhigungsmittel und fürchteten sich vor lauten Geräuschen, offener Qual oder aufragender Verzweiflung. Die Frauenstation D schaukelte manchmal wie ein Boot, aber ihre Insassen fühlten sich frei von den geheimen trügerischen Unterströmen verworrenen Wahnsinns.“(Hannah Green, Ich habe dir nie einen Rosengarten versprochen. Bericht einer Heilung, Stuttgart2 (Radius) 1974, 65)

Zwangseinweisung als Regelfall in der Psychiatrie

Durch die Zerstörung des Selbstwertgefühls und Vermittlung einer völlig neuen sozialen Identität, die wiederum die direkte Identität bestimmt, hat der Arzt den Patienten völlig in seiner Gewalt, er entscheidet über die Dissozialisierung und somit über den sozialen Tod. Gewöhnlich sind die Patienten, auf die dieses zutrifft, unfreiwillig beim Arzt. „Ein relativ kleiner Teil der vorklinischen Patienten gelangt freiwillig in die Heilanstalt“ (GoFrankfurt/Mainan aaO 13l) und etwa ein Drittel wird rückfällig eingeliefert (aaO 130). Es ist anzunehmen, daß dem Patienten diese Potenz der Einweisung bekannt ist, wenn die Diagnose gestellt wird. Es ist weiterhin anzunehmen, daß für einen Großteil dieser Patienten die dissozialisierende Funktion der Heilanstalten bekannt ist. Sie wissen dann, daß von dem Eindruck, den der Arzt von ihnen bekommt, ihre weitere Zukunft abhängt. Sie stehen in einer Prüfungssituation und empfinden Streß. In diesem Fall ist die Analyse- und Erkenntnisbedingung der Psychiatrie nicht gegeben, nämlich die geschützte Kommunikation, „in dem für die Dauer der Kommunikation zwischen Arzt und Patient die 'Ernstsituation', also der Druck der gesellschaftlichen Sanktionen, so glaubhaft als möglich außer Kraft gesetzt ist.“(Habermas aaO 306) Mithin: obwohl hier Erkenntnis unmöglich ist, hängt von ihrer verwaltungstechnisch verordneten Scheindurchführung die soziale Existenz des Patienten ab. Schlimmer scheint mir Repression, die ohne brutale Brachialgewalt auskommen muß, nicht mehr denkbar. Diese Trennung von Erkenntnis und Heilung führt zur perfidesten Form von Herrschaft, die der Arzt im Auftrag der Gesellschaft seinen Opfern anzutun hat.

Da Zwangseinweisungen in Heilanstalten häufiger in der Unterschicht stattfinden, ist diese auch von solchen Bedrohungen stärker beschattet. Unterschichtler sind durch ihren restringierten Sprachcode für den Diskurs auf der Psychocoach weniger geeignet, der bei schwerster Symptomatik sowieso ineffizient bleibt und dem Sedativum unterlegen bleibt, vom Kostenrahmen ganz abgesehen. Der Malocher kommt in die Klapse, der Lehrer darf als Privatpatient auf die Coach.

Thanatophore Therapie

Die Psychoanalyse freilich hat, von Freud wohl auch in diesem Zusammenhang erspürt, den Ruhmestitel, „daß Forschung und Behandlung bei ihr zusammenfallen“(Freud, WW VIII, 380). Für diese Form der Heilung gilt die oben als Herrschaft innerhalb der Analyse beschriebene Machtmöglichkeit des Arztes. Eine depersonalistische Diagnose aber ist selbst schon von der Zwanghaftigkeit der Mittel, die sie verordnet. Denn die gegenseitige Depersonalisation ist gerade die Krankheit, an der sowohl die Normalen leiden als auch die Psychopathen. Depressionen hat mittlerweile fast jeder dritte von den Freuden seiner Berufsanforderungen. Sich nicht auf Augenhöhe zu begegnen, sondern den Anderen zu einem Objekt zu degradieren, ist eine der Ursachen, die Schizophrene herstellt. Deshalb ist sie nicht geeignet, den Zustand eines Schizophrenen zu ändern. Im Gegenteil: ein Angstszenario der Schizophrenen wird verstärkt. So natürlich auch in der Heilanstalt, wo Schizophrene als unheilbare Fälle unter Drogeneinfluß aufs Abstellgleis des Lebens gestellt werden. Litten sie vorher unter Hoffnungslosigkeit, so hat diese nun eine Entsprechung in der realen Situation gefunden und die subjektive Erfahrung der Schizophrenen hat ihr objektives Korrelat - wenigstens etwas. Der Paranoiker erlebt endlich seinen Wahn als Wirklichkeit der Verfolgung.

Wer in einem anderen Menschen ein Objekt sieht, sieht nicht ihn. Weil er ihn nicht sieht, vernichtet er ihn. Ver-nichtung ist aber schon Heideggerscher Angstanalyse (Sein und Zeit, Tübingen12 (Mohr) 1972, 186, 276, 265) infiltriert in all seiner ontologisierenden und damit falschen Verallgemeinerung. Bedrohung vor dem Nichtsein, Angst vor Unheimlichkeit und der Unbezüg-lichkeit des Todes reflektiert Heidegger ohne die Fähigkeit, diese Ängste in einen Zusammenhang mit gesellschaftlichen Verhältnissen zu bringen. Jüngels Deutung des Todes als Verhältnislosigkeit (Tod, Stuttgart 1971, 99f, 171) läßt nun das dialektische Verhältnis darin deutlich werden: daß die gesellschaftlichen Verhältnisse verhältnislos machen. So fühlen sich viele Schizophrene als Tote im Leben (Laing, Das geteilte Selbst, aaO 171, 217, 240, 252; cf Dorothee Sölle, Die Hinreise, Stuttgart 1975, 7-23) Wie paradox diese Aussage ist, dürfte klar sein: „Der Tod ist kein Ereignis des Lebens, Den Tod erlebt man nicht.“(Wittgenstein, Tractatus logico-philosophicus, Frankfurt am Main9 (Suhrkamp) 1973, 113, Nr. 6.4311) Das Leben des Schizophrenen lebt nicht. Schlimm nur, daß dieses Grauen von Heidegger sogar noch zum Existential verpositiviert wird: „Mit dem Tod steht sich das Dasein selbst in seinem eigensten Seinkönnen bevor.“(Sein und Zeit, 250) Heideggers Rekurs aufs nackte Selbst gleicht darin der zum Scheitern verurteilten Strategie Schizophrener. Inbegriff von Scheitern ist ja denn auch der Tod. „Der Tod aber wird zum Kern des Selbst, sobald es sich vollends auf sich reduziert.“(Adorno, Jargon der Eigentlichkeit, Frankfurt am Main (Suhrkamp) 1971, 114) Nichtsdestoweniger hat Heidegger gerade darum die Fähigkeit, das Lebensgefühl einer dekadenten faschistischen Gesellschaft in voller Unbewußtheit zu schildern. Er und die Schizophrenen haben die Fühler am Puls ihrer Zeit, wittern nicht nur den süßlichen Verwesungsgeruch des Meisters aus Deutschland (Paul Celan, Todesfuge), sondern erleben den Tod, der unter der Oberfläche aller menschlichen Beziehungen im Spätkapitalismus und dessen historischen Vorstufen bis in die intimste Zelle strahlt, am ganzen Körper. Ihre lebendige Verwesung offenbart nur prophetisch das, was das gesellschaftlich Allgemeine ist; ihre Abnormität ist die Entlarvung des Normalen. Von der Charakteristik des Todes im Leben hat auch der humanologische Depersonalismus sein Bedürfnis zur Klassifikation, Qualifikation, Sektion der Eigenschaften eines Menschen nach dem Vorbild der gesellschaftlichen Arbeitsteilung, Neutralität, Kausalifizierung historischer Genesen. Diagnose potenziert in sich noch einmal all das Kranke, Krankmachende, das Psychopathen aus besonders offenen Schadstellen der Gesellschaft, meist Familien oder stressenden Arbeitsteams, in sich aufgesogen haben. Heilung ist ihr schon lange nicht möglich. Unerträglich aber der Gedanke, daß sie selbst unter den mitleidsvoll-mitleidslosen Blicken ihres Greifers/Wärters sich ausziehen sollen, um leichter erfaßt werden zu können.

Integration der Abnormitäten

Und selbst in der Psychoanalyse nach Freuds Prägung findet im kleinen genau das von Marcuse mit ‚repressiver Entsublimierung’ Bezeichnete statt. (Adorno, Die revidierte Psychoanalyse, in: Soziologica II, 94ff zur milderen Variante Karen Horneys) Keine Zelle in der Gesellschaft, die nicht deren Mimesis wäre. In der Analyse sollen die abgewehrten Intentionen ins Ich durch Aufdeckung und Aufhebung ihrer Kausalität integriert werden. Damit soll ihre Macht über das Ich gebrochen werden. Ihre störende Macht. In der Analyse wird also die zu Interaktionsstörungen führende verinnerlichte Abwehr nichtlizensierter Bedürfnisdispositionen abgewehrt, um der von ihr verursachten Störung Herr zu werden. Das Störende wird durch Integration aufgehoben. Und gerade in dieser Integration der Gegensätze wiederholt Analyse das Totalitäre der Gesellschaft, in deren Dienst sie steht. (Vgl. H.Marcuse, Der eindimensionale Mensch, Neuwied6 1974, 14) Durch die direkte, 'spontane' Bedürfnisbefriedigung mit billigen Derivaten bourgeoiser Luxusgüter – von der Hollywoodschaukel bis zur Plastikkaminuhr - wird das Proletariat aufgehoben in eine äußere Ähnlichkeit zur Bourgeoisie. Damit entfällt der äußerlich sichtbare Antagonismus von Privatbesitz und Lohnarbeit und die Macht des Proletariats ist durch Aufhebung seines Klassenbewußtseins gebrochen.

Heilung als Repression

Heilung hat in der Psychiatrie notwendig diese Funktion Die transzendierende Seinsweise, die jede Abnormität für eine totalitäre Gesellschaft haben muß, bedroht deren eindimensionales So-und-nicht-anders-sein. Leichte Fälle werden nach tiefenpsychologischen Methoden Therapien im Gespräch unterzogen, schwere Fälle werden sofort als unheilbar dissozialisiert, verdrängt wie der Tod selbst. Die Psychopathen sind - nimmt man Freuds Intrapsychikum - das Es der Gesellschaft, die abgedrängten Intentionen, sind der einer öffentlichen Interpretation entzogene Text, sind die nicht lizensierten Bedürfnisdispositionen, das Unbewußte, der Schatten, alles das, was die Gesellschaft nicht

wahrhaben will von sich selbst. Die unterdrückten Triebe füllen die Irrenhäuser.(Foucault, Wahnsinn und Gesellschaft)

Vergangenheitsbewältigung, Wiederholungszwang, Übertragung

Noch ist das gesellschaftliche Ich mächtiger, wird es vermutlich auch bleiben. Aber die Psychopathen und all ihre abnormen Brüder, mit Jesus und Sokrates und allen Heiligen, stören das Ich doch wenigsten so gewaltig, daß die Ich-Inkarnation Hitler es sich nicht nehmen ließ, sie alle einzupferchen und zu vergasen.

Was heißt Aufhebung der Vergangenheit? Vergangene Traumata sollen analytisch wiederentdeckt werden und ihr Einfluß auf die Gegenwart beseitigt werden. So sieht es das Freudmodell mit seinen Kindheitsstudien vor. Aber auch wenn man zugesteht, daß jedes Verhalten von vergangener Erfahrung weitgehend mitbestimmt ist, so wird dies zumindest relativiert von der Tatsache, „daß, was immer Person A über ihre Vergangenheit Person D mitteilt, untrennbar mit der gegenwärtigen Beziehung zwischen den beiden verknüpft und von ihrem Wesen her beeinflußt ist.“(Watzlawick, aaO 46) Es ist die Vergangenheit die Bedingung der Gegenwart, aber von der Gegenwart her bedingt sich, was aus der Vergangenheit sie bedingt.

Niemals kann einer alles von sich wissen noch erst recht dieses einem anderen übermitteln. Was mir also bewußt wird in deiner Gegenwart, das wird auch von dir mitbestimmt. Redest du über deine Mutter, so fällt mir auch ähnliches und unähnliches über meine Mutter ein. Fragst du nur, wie meine Mutter ist, so fällt mir gar nichts ein. Du hast keinen Grund, mir deshalb Widerstand gegen etwas mir nicht bewußtes vorzuwerfen.

Die Ursachen, meiner Genese wirst du finden wollen? Meinst du, daß, wenn du schon postulierst, daß sie mir nicht bewußt seien, du sie in mir ganz ergründen könntest? Du selbst bist auch eine dieser Ursachen meiner Genese. Vielleicht ist mir nicht bewußt, wie du auf mich wirkst. Vielleicht machst du mir unmöglich, darüber nachzudenken. Wenn ich nur deine Genese wüßte, um dein Verhalten zu mir erklären zu können und dann zu wissen, wie ich dich verstehen kann und wie du auf mich wirkst. Du meinst, es ist krankhaft, wenn ich mich vor anderen Leuten ausziehe? Exhibionismus? Aber weißt du, so verklemmt, wie du darauf reagierst, ich weiß nicht, aber du mußt da wohl irgend ein frühkindliches Trauma haben...

Viele Analysemodell gehen von der Vorstellung frühkindlicher Traumata aus, in denen bestimmte Bedürfnisse und die Situation ihrer Versagung ins Unbewußte verdrängt werden. Die schwarze Pädagogik bürgerlicher sowie proletarischer Erziehung gibt dazu sattsam Illustrationsmaterial. Diese frühen Schäden soll Psychoanalyse reparieren. Sollte einmal Erziehung weniger beschädigen, wäre in diesem Maße Psychotherapie weniger erforderlich.

Im Es setzen nach Freud die abgedrängten Strebungen und Praxisfiguren ein Eigenleben fort, daß dem Bewußtsein des Ich nicht zugänglich, gleichwohl aber für dessen Verhalten ausschlaggebend ist. Es führt zu Wiederholungszwängen, die sich das Ich nicht erklären kann. Das Es zwingt unbewußte Reaktionen herbei, die eine Antwort auf das traumatische Szenario sind. Da oft die Eltern wesentliche Agenten der Traumaszenen waren, überträgt das Es die Rolle der verletzenden Person auf gegenwärtige Personen. Es gehorcht dem Chef genau wie dem Vater, trotzt ihm gleich dem Vater, usw. Kein Wunder, wenn es im analytischen setting die verinnerlichten Vaterfunktionen auf den Therapeuten projiziert. Wenn der Analytiker durch seine Fragen sich zudem noch als der Wissende zeigt, ist die Übertragung unvermeidlich. Dies ist kein Defekt des Patienten, sondern vom setting evoziert. In der idealiter herrschaftsfreien Kommunikation der Therapie hat der Analytiker die Deutungsmacht über den Patienten, der von seinem Wissen Hilfe erhofft. Ferenczi hat auf Gegenseitigkeit gesetzt und dem Klienten ebenso Kompetenz und Deutungsmacht zugebilligt. Damit hat er der Therapie völlig neue Möglichkeiten geschaffen.

Wo aber der Arzt über die Zwangseinweisung entscheidet ist er selten nur der Retter, wird eher als drohender Vater oder Richter wahrgenommen.

Vergangenheit im Irrenhaus

„Das Verhalten des Patienten ist bis zu einem gewissen. Grad eine Funktion des Verhaltens des Psychiaters im selben Verhaltensfeld. Der typische psychiatrische Patient ist eine Funktion des typischen Psychiaters und des typischen psychiatrischen Krankenhauses.“(Laing, Das geteilte Selbst, aaO 33) Indem die Psychiatrie ihr blindes Augenmerk auf die Vergangenheit ihrer Opfer richtet, und all ihre Verhaltensstörungen als Produkte ihrer Vergangenheit postuliert werden, ist es der Psychiatrie möglich, mögliche Kritik an ihrer Methode, Menschen als Nichts zu behandeln, abzulenken, weil ihre Theorie nur die Vergangenheit als Grund von Verhaltensstörungen zuläßt. Im Irrenhaus hat diese Funktion die Fallgeschichte. Sie stellt die ganze Vergangenheit des Patienten bloß: „Kein Sektor seines gegenwärtigen oder früheren Lebens ist also der Zuständigkeit und dem Mandat der psychiatrischen Beurteilung entzogen. (...) Dabei wird so verfahren, daß aus seinem ganzen. Lebenslauf eine Liste jener Vorfälle zusammengestellt wird, die 'symptomatische' Bedeutung haben oder hätten haben können. (...) Wie ich glaube, treffen die meisten in diesen Fallgeschichten enthaltenen Angaben im großen und ganzen zu; andererseits ist es ebenso richtig, daß der Lebenslauf fast eines jeden Menschen genügend ehrenrührige Tatsachen hergäbe, um die fallgeschichtliche Rechtfertigung für eine Hospitalisierung zu liefern.“(E.GoFrankfurt/Mainan, Asyle, aaO 154, 157) Was bei Habermas noch idealisiert als Repressionsfreiheit in der Arzt-Patient-Beziehung (aaO 306) auftritt, um die Vergangenheit zu begreifen im Hegelschen Sinn, sieht im Irrenhaus so aus, „daß der Patient, falls diese ihn betreffenden Pakten (seiner Fallgeschichte, M.L.) wahr sind, gewiß nicht vom üblichen kulturellen Zwang, sie zu verheimlichen, befreit ist und daß er sich vielleicht umso stärker bedroht fühlt, als er weiß, daß sie ordentlich gesammelt vorliegen und er keinerlei Einfluß darauf hat, wem sie zur Kenntnis kommen.“(GoFrankfurt/Mainan, aaO 157) „Bei der Aufnahme und bei diagnostischen Sitzungen werden ihm Fragen gestellt, auf die er falsche Antworten geben muß, wenn er seine Selbstachtung nicht verlieren will, worauf ihm die richtige Antwort entgegengehalten wird.“(aaO 160) Mittels Informationen über seine Vergangenheit wird das eigene Bild eines Patienten von sich ständig entwertet. Das angeblich 'falsche' Idantitätsbewußtsein soll der Realität angepaßt werden. „Diese verbalen Auf- und Abwertungen des Selbstbildes finden vor dem Hintergrunde einer ebenso gefährlich schwankenden institutionellen Basis statt. Entgegen der allgemeinen Auffassung gewährleistet das 'Stationssystem' ein erhebliches Maß an interner sozialer Mobilität innerhalb der Anstalt, besonders im ersten Jahr des Aufenthalts.“(aaO 160) „Die strafweise Versetzung eines Patienten auf eine schlechtere

Station wird dargestellt als Überweisung auf eine Station, deren Verhältnisse ihm angemessen sind“. (aaO 362) „Durch diese Maßnahmen kann der Patient einer Rückkopplung seiner eigenen Meinung über sich unterstellt werden: je mehr er sich zu ihr stellt, umso stärkere Repression droht ihm durch Strafversetzung und direkte kommunikative Demütigung. Je mehr er sich mit der Meinung der Klinik über ihn identifiziert und seine 'Identität-für-sich' aufgeben lernt, desto angenehmere Behandlung erfährt er. „Vom Patienten wird 'Einsicht' verlangt, und man erwartet, daß er sich die Meinung der Klinik über sich selbst zu eigen macht oder wenigstens so tut als ob.“(aaO 153) Durch die ständig fluktuierende Identität, die so entsteht, lernt der Patient, „daß man ein akzeptables Selbstbild als etwas außerhalb seiner selbst Stehendes ansehen kann, welches sich geschwind und ohne weiteres aufbauen, verlieren und wieder aufrichten läßt. Und er erfährt, daß es möglich ist, einen Standpunkt einzunehmen – und mithin ein Selbst zu entwickeln – unabhängig davon, was die Klinik einem geben oder verenthalten kann.“(aaO 163) Und so vollzieht sich an ihm sehr wohl Heilung - Heilung aber in etwas anderer Weise, als es unter den hiesigen Gesellschaftsverhältnissen gut ist und gewollt. „Die Situation in der Heilanstalt erzeugt also anscheinend eine Art kosmopolitische Weisheit, eine Apathie hinsichtlich des eigenen bürgerlichen Status. Unter diesen unernsten und doch seltsam übertrieben moralischen Bedingungen wird das Aufbauen und Zerstören des Selbst zu einem schamlosen Spiel, und wenn der Patient lernt, diesen Prozeß als ein Spiel zu betrachten, dann leistet dies einer gewissen Demoralisierung Vorschub, denn es handelt sich um ein sehr elementares Spiel. (...) '; Sobald er (der Patient) erkennt, was es heißt, wenn die Gesellschaft einem ein lebensfähiges Selbst abspricht, verliert diese bedrohliche Definition - die Drohung, die einen Menschen auf das Selbst verpflichtet, das die Gesellschaft ihm zudiktiert - ihre Wirkung. Der Patient gewinnt neuen Boden unter den Füßen, sobald er die Erfahrung;; macht, daß es sich mit einem Verhalten, welches die Gesellschaft als selbstzerstörerisch ansieht, gut leben läßt.“(GoFrankfurt/Mainan, aaO 163)

Aufarbeitung der Vergangenheit gewinnt also im Irrenhaus die durch und durch befreiende Funktion, daß der Patient lernt, sich nichts mehr aus ihr zu machen. Er ist frei geworden von moralischen Definitionen.

Vergangenheitsbewältigung politisch: autoritärer Charakter geerbt

Ich will die Bedeutung der Vergangenheit für die Gegenwart nicht verharmlosen. Denn politisch wäre gerade eine Aufarbeitung der Vergangenheit notwendig. Betrachtet man das Nachkriegsdeutschland bis heute, so zeigt sich, daß hier gerade auf einer gesellschaftspsychologischen Ebene Reflexion über Auschwitz unterlassen wurde. Deshalb ist der Faschismus in der BRD auch das geblieben, was er war. Die den Faschismus stützenden, faschistoiden Individuen zeichnen sich in ihrer Charakterstruktur aus durch ein „schwaches Ich und bedürfen darum als Ersatz der Identifikation mit großen Kollektiven und der Deckung durch diese.“(Adorno, Was bedeutet: Aufarbeitung der Vergangenheit, in: Erziehung zur Mündigkeit, Frankfurt am Main (Suhrkamp) 1970, 17) Die Ichschwäche der autoritären Charakterstruktur führte zum kollektiven Narzißmus, der Identifikation mit dem Volksganzen, dem der Führer voranstand. Dieser Herdentrieb, der sich bei Rotznasen reproduziert, die nur im Pöbel stark sind, stand mit Ende des 3. Reiches vor einer harten Krise. „Dieser kollektive Narzißmus ist durch den Zusammenbruch des Hitlerregimes aufs schwerste geschädigt worden. Seine Schädigung ereignete sich im Bereich der bloßen Tatsächlichkeit, ohne daß die Einzelnen sie sich bewußt gemacht hätten und dadurch mit ihr fertig geworden wären. Das ist der sozialpsychologisch zutreffende Sinn der Rede von der unbewältigten Vergangenheit. Auch jene Panik blieb aus, die nach Freuds Theorie aus 'Mas-senpsychologie und Ich-Analyse' dort sich einstellt, wo kollektive Identifikationen zerbrechen. Schlägt man die Weisung des großen Psychologen nicht in den Wind, so läßt das nur eine Folgerung offen: daß insgeheim, unbewußt schwelend und darum besonders mächtig, jene Identifikationen und der kollektive Narzißmus gar nicht zerstört wurden, sondern fortbestehen. (...) Sozialpsychologisch wäre daran die Erwartung anzuschließen, daß der beschädigte kollektive Narzißmus darauf lauert, repariert zu werden, und nach allem greift, was zunächst im Bewußtsein die Vergangenheit in Übereinstimmung mit den narzißstischen Wünschen bringt, dann aber auch noch die Realität so modelt, daß jene Schädigung ungeschehen gemacht wird.“(Adorno , aaO 19f) Eine Maßnahme hierzu ist der zwanghafte Verlust von Geschichtsbewußtsein - mitbedingt allerdings durch die in Konjunkturzyklen laufende Wirtschaft und ihr Tauschgesetz, bei dem aufgehende Rechnungen in die Akten kommen und vergessen werden können. Kennzeichnete den Feudalismus das Traditionsbewußtsein, so überlebt es sich im Rationalismus der bürgerlichen Gesellschaft, in der man quitt ist und das Festhalten an Erinnerung schon etwas depressives an sich hat. „Erinnerung, Zeit, Gedächtnis (werden) von der fortschreitenden bürgerlichen Gesellschaft selber als eine Art irrationaler Rest liquidiert „(Adorno, aaO 13). „Noch die psychologischen Mechanismen in der Abwehr peinlicher und unangenehmer Erinnerungen dienen höchst realitätsgerechten Zwecken. (...) Die Tilgung der Erinnerung ist eher eine Leistung des allzu wachen Bewußtseins als dessen Schwäche gegenüber der Übermacht unbewußter Prozesse. Im Vergessen des kaum Vergangenen klingt die Wut mit, daß man, was alle wissen, sich selbst ausreden muß, ehe man es den anderen ausreden kann.“(Adorno, aaO 14)

Zum kollektiven Narzismus der Faschistoiden gehört als Konstituens der Haß auf alles, was nicht an der heimlichen Verschworenheit der Ich-Schwächlinge teilnimmt, was nicht sich besinnungslos und blind dem Kollektiv ausliefert. Diese Wut wird an allen Abnormen ausgelassen. Meist werden sie noch zu Sündenböcken des wirtschaftlichen Mißerfolgs gemacht, unter Anstachelung der insgeheim und offen Herrschenden (die an ihm Schuld haben); doch ist diese Beschuldigung bei den Kranken des Kollektivs nicht gegeben. Sie stellen nur lebensunwertes Leben dar, dem der Gnadentod gewährt werden möge - und sei es in unserer Gesellschaft, die nach den Vergasungsanstrengungen an den Sechsmillionen ersteinmal eine historische Atempause braucht, auch nur der soziale Gnadentod der Dissozialisierung. Die kollektive Aufbewahrung in diesen Totenhäusern der noch Lebenden ist dabei die billigste Lösung des Problems; die somatische Instandhaltung mit Drogen und der notdürftigsten körperlichen Wartung erspart jegliche Verpflichtung zu gesprächstherapeutisch angemessener Betreuung und der Vermittlung dessen, woran alle so kranken und wonach die Irren lechzen: „Jeder Mensch heute, ohne jede Ausnahme, fühlt sich zuwenig geliebt, weil jeder zuwenig lieben kann.“(Adorno, aaO 10l)

Realität als Sozialphantasie

Bei Schizophrenen, die ein vom gewöhnlichen Erfahrungsmodus völlig abweichendes Bild von sich haben, müßte eine Heilung die Zerstörung dieses Bildes erreichen. Ihr phantasiertes Bild muß an unsere Realität angepaßt werden. So lautet auch eine psychiatrische Krankdefinition auf mangelnde Realitätsanpassung. „Unser Wahrnehmen der 'Realität' ist die perfekte Erfüllung unserer Zivilisation. Realität wahrzunehmen! Wann hörten die Leute auf zu fühlen, daß das, was sie wahrnahmen, nicht real war? (...) Ausweichen ist eine Beziehung, in der man sich vom ursprünglichen Selbst wegtäuscht; dann täuscht man sich zurück, so daß es wie Rückkehr zum Anfang aussieht. Eine doppelte Einbildung gibt vor, keine zu sein.“(Laing, Das Selbst und die Anderen, aaO 43f) Heilung Schizophrener führt dazu, daß sie eine Scharade spielen lernen. Sie lernen, so zu tun als ob. Vielleicht werden sie darin so geschickt, daß sie sogar sich selbst für eine Zeitlang bluffen können und meinen, sie seien so wie sie tun als ob sie seien. Sie sind dann an die Realität angepaßt, indem sie sich in eine Phantasie - die, seiend zu sein -hineinsteigern. „Dieser Entfremdungseffekt ist heimtückisch. Wir alle können unter Verlust unserer 'eigenen' Identität leicht in soziale Phantasiesysteme gezogen werden und bemerken es erst im nachhinein.“(Laing, Das Selbst und die Anderen, aaO 36) „Der Verlust eigener Erkenntnisse und Wertungen, den das Einnehmen einer falschen Position (einer doppelt falschen, weil man nicht sieht, daß sie falsch ist) mit sich bringt, wird erst im nachhinein 'realisiert'. (...) Der Mensch in einer doppelt falschen Position fühlt 'real'; ohne sich betäubt zu 'fühlen', wird er gerade durch dieses 'Realitäts'gefühl betäubt. Sich aus dem falschen Realitätsgefühl aufzurütteln, erfordert eine Entrealisierung des fälschlich für real Gehaltenen und eine Neurealisierung des fälschlich für irreal Gehaltenen.“(aaO 37) Laing versteht also unter 'Heilung' etwas anderes als die Anpassung der Abnormalen an unsere Realität, weil er unsere Realität für eine Phantasie hält. Vermutlich gibt es Leute, die nun Lust bekommen, Laing zu heilen.

Emanzipation der Irren

Ich beschrieb die Situation der Psychopathen als die der gesellschaftlichen Unterdrückung. Sie teilen diese natürlich mit anderen Gruppen. Ist ihre Krankheit vielleicht, daß diese Menschen unterdrückt wurden und werden? Dann bekäme Heilung den Marschrhythnus des „Wacht auf, Verdammte dieser Erde“. Die Frage nach ihrer Heilung präzisiert sich hiermit zur Frage nach den Bedingungen von Emanzipation der Unterdrückten. - Eine, die schwerste, ist, daß die Befreiung der Unterdrückten auch die Befreiung der Unterdrücker von ihrer Herrschaft impliziert. Also mit Adorno: Keine Emanzipation ohne die der Gesellschaft. Und nebenbei eine später noch eingehend beschriebene Kritik an Laing: Es gibt keine 'eigene Identität', die nicht Produkt des sozialen Identifiziertwerdens ist. Das wahre Selbst ist eine Fiktion. Es wird definiert „durch die in einem sozialen System für dessen Mitglieder verbindlichen Gegebenheiten.“(E. GoFrankfurt/Mainan, Asyle aaO 166) Diese Gegebenheiten aber müssen mit dem utopischen Licht der Erlösung als wegnehmbare Gegebenheiten erhellt werden. Laing ist es zudem auch klar, daß es keine eigene Identität gibt. „Die eigene Identität eines Menschen läßt sich nicht vollkommen von seiner Identität-für-Andere abstrahieren.“(Das Selbst und die Anderen, aaO 89)

Psychopathen sind Unterdrückte, neben vielen anderen. „Die Unterdrückten leiden an dem Zwiespalt, der sich in ihrem innersten Sein breit gemacht hat. Sie entdecken, daß sie ohne Freiheit nicht echt existieren können. Aber indem sie sich nach echter Existenz sehnen, fürchten sie sie. Sie sind zu ein und derselben Zeit sie selbst und der Unterdrücker, dessen Bewußtsein sie internalisiert haben.“(Paulo Freire, Pädagogik der Unterdrückten, Reinbek (Rowohlt) 1973, 35) Unsere Vorstellungen von Wirklichkeit haben die Psychopathen verinnerlicht und glauben darum, wenn sie die Welt anders sehen, müssen sie verrückt sein. Von ihrer Unterdrückung sie zu befreien bedeutet hieraufhin, ihnen klarzumachen, daß sie nicht verrückt sind, wenn sie die Welt anders sehen, daß sie ihrer eigenen Erfahrung vertrauen lernen sollen, und nicht unserer Nicht-Erfahrung.

Mensch im Rudel. Faschismusanfälligkeit mangels Ichstärke

Seiner eigenen Erfahrung trauen ist ein Symptom, daß man als Ichstärke zu gewahren hat. Der Faschist zeichnet sich durch die Unfähigkeit zur eigenen Erfahrung aus. Watzlawick beschreibt einen Versuch von Asch, der Gruppeneinfluß auf Individuuen, untersucht. Von den insgesamt pro Versuch je 8 Studenten waren 7 heimlich ohne Wissen des achten, der wirklichen Versuchsperson, aufgeklärte Mitspieler des Experiments. Allen wurden verschiedene Tafeln Parallelen gezeigt, und sie hatten zu sagen, welche Tafeln gleichlange Parallelen zeigten. Die 7 Eingeweihten gaben einstimmig immer dieselbe falsche Antwort und der achte Proband, der immer als vorletzter antworten mußte, paßte sich den falschen Antworten der anderen an. „Asch fand, daß unter diesen Umständen nur 25 Prozent der Versuchspersonen ihren eigenen Wahrnehmungen trauten, während 75 Prozent sich in einem kleineren oder größeren Grad der Mehrheitsmeinung unterwarfen, einige blindlings, andere mit beträchtlichen Angstgefühlen.“(Watzlawick, aaO 21) Adorno sagt, es habe nicht viel Sinn, den faschistischen Antisemitismus mit Aufklärungsarbeit und Verweise auf Fakten über Juden zu bekämpfen, „während der genuine Antisemit vielmehr dadurch definiert ist, daß er überhaupt keine Erfahrung machen kann, daß er sich nicht ansprechen läßt.“(Adorno, Was bedeutet: Aufarbeitung der Vergangenheit, aaO, 26) Die beiden obigen Quellen sprechen nicht gegeneinander, da Arschs Experiment wohl kaum in einer nichtfaschistoiden Umgebung gemacht wurde und die faschistischen Züge der autoritären Charakterstruktur auch in bisher noch nicht direkt faschistischen Gesellschaften (England ?) vertreten sind, ohne weniger gefährlich zu sein.

Mut zur Reise: die Psychose als Abenteuer

Psychopathen ist Mut zur Eigenerfahrung zu machen. Das kann viel tiefer in Psychosen hineinführen als jede an dere Heilmethode. „Einige als schizophren etikettierte Leute zeigen (nicht alle, nicht unbedingt) in Worten, Gesten und Aktionen (linguistisch, paralinguistisch und kinetisch) ein Verhalten, das ungewöhnlich ist. Manchmal drückt (nicht immer, nicht unbedingt) dieses ungewöhnliche Verhalten (das sich uns, den anderen, wie gesagt, optisch und akustisch manifestiert) absichtlich oder unabsichtlich ungewöhnliche Erfahrungen des Betroffenen aus. Manchmal scheinen (nicht immer, nicht unbedingt) diese ungewöhnlichen Erfahrungen, die sich durch ungewöhnliches Verhalten ausdrücken, Teile einer potentiell geordneten, natürlichen Sequenz von Erfahrungen zu sein. Diese Sequenz kann nur sehr selten zum Vorschein kommen, weil wird so stark beschäftigt sind mit der 'Behandlung' des Patienten durch Chemotherapie, Schocktherapie, Milieutherapie, Gruppentherapie, Psychotherapie, Familientherapie - jetzt manchmal am allerbesten und fortschrittlichsten auch durch alles zusammen. (...) Die 'innere' Welt (die ungewöhnliche Erfahrung der Schizophrenen; M.L.) braucht uns nicht unbewußt zu sein. Meistens realisieren wir nicht ihre Existenz. Doch viele Leute dringen in sie ein - unglücklicherweise ohne Führer und unter Verwechselung von äußeren mit inneren und inneren mit äußeren Realitäten. Im allgemeinen verlieren dann diese Leute die Fähigkeit, bei normalen Beziehungen angemessen zu funktionieren.“(Laing, Phänomenologie der Erfahrung, aaO 1l2f) In diese innere Welt nun einzudringen mit dem Mut zur Reise ins unbekannte Land ist der psychotische Prozeß. Man kann ihn unterdrücken, indem man dem Losgereisten noch mehr Angst macht, als er ohnehin schon hat vor dem verbotenen Garten.

Befreiung als Wiedergeburt

Man kann ihn auch begleiten, ihm Mut zur aberteuerlichen Reise machen und die institutionellen Maßnahmen treffen, damit diese Reise glückt. „Diese Reise wird erfahren als ein Schreiten ins 'in', als ein Schreiten rückwärts durchs eigene Leben, in und zurück und durch und hinein in die Erfahrung der Menschheit, vielleicht weiter ins Wesen der Tiere, Pflanzen und Mineralien.“(Laing aaO 115)

Psychiater als Geburtshelfer

Laing schlägt anstelle des üblichen Degradierungszeremoniells der Psychiatrie ein Initiationszeremoniell vor, ähnlich wie bei denen, die erstmals kiffen, fixen oder in früheren Zeiten hochzeitsnächtigen. „In der Psychiatrie würde das heißen: EX-Patienten helfen zukünftigen Patienten, verrückt zu werden. Erreicht wird dadurch eine Reise

I              von außen nach innen,

II             vom Leben in eine Art von Tod

III            vom Vorgehen zum Zurückgehen,

IV            von zeitlicher Bewegung zu zeitlichem Stillstand,

V             von irdischer Zeit in äonische Zeit,

VI            vom Ego zum Selbst,

VII          von außerhalb (postnatal) zurück in den Schoß aller Dinge (pränatal)

und danach eine Rückreise

1.von innen nach außen

2. vom Tod ins Leben

3. von einer Rückwärtsbewegung wieder zu einer Vorwärtsbewegung,

4. von der Unsterblichkeit zurück zur Sterblichkeit,

5. von der Ewigkeit zurück zur Zeitlichkeit,

6. vom Selbst zu einem neuen Ego,

7. von kosmischer Fötalisierung zur existentiellen Wiedergeburt.“(Laing aaO 117)

Damit ist der natürliche Heilprozeß eines Menschen, der von dieser Gesellschaft krank gemacht wurde, beschrieben. Es ist auch ein Befreiungsprozeß der Unterdrückten, von deren verinnerlichtem Bewußtsein ihrer Unterdrücker. „So ist die Befreiung ein Geburtsvorgang, und zwar ein schmerzvoller. Der Mensch, der zur Welt kommt, ist ein neuer Mensch, der nur lebensfähig ist, sofern der Widerspruch Unterdrücker-Unterdrückter von der Humanisierung aller Menschen überholt wird.“(P.Freire, aaO 36) Wie alle Befreiung Unterdrückter kann dieser Geburtsvorgang nur das Werk der Unterdrückten selbst sein.

Vernichtetes Individuum

Um ihre Menschlichkeit wiederzugewinnen, müssen sie aufhören, Dinge zu sein, und als Menschen kämpfen. Das ist eine radikale Forderung. Sie können nicht als Objekte in den Kampf gehen, um später Menschen zu werden. Der Kämpft beginnt mit der Erkenntnis der Menschen, daß man sie vernichtet hat.“(Freire, aaO 54) Ver-nichtet! Unter diesem Aspekt entpuppt sich die Psychose Schizophrener als Anfang eines Erkenntnisprozesses ihrer Situation in der für Menschen intensivst möglichen Form. Noch fehlt ihnen zumeist heute der Blick für den Zusammenhang ihrer psychotischen Form von Erkenntnis mit der kulturell-sozial-ökonomischen Situation ihrer selbst und der näheren Lebensverhältnisse (meist Familie), die der direkte Grund für ihr Aussteigen aus einer manifest unerträglichen Situation ist.

Therapie als Liebesakt

Das einzig noch zu rechtfertigende Verhältnis des Arztes zum Patienten ist das von Solidarität, Vertrauen und Liebe. Hinzu kommt noch die Kategorie Hoffnung, um die Trias des Korintherbriefs vollzumachen, Kap. 13,13. Ohne Zukunft geht ein Mensch seelisch kaputt. Er braucht Möglichkeiten zur Selbstverwirklichung und zwar ständig mehr, als er unmittelbar nutzen kann. 'Hintergrundserfüllung' nennt dies Arnold Gehlen. „Das Bewusstsein, dass eine Befriedigung eines Bedürfnisses jederzeit möglich ist (…) nennen wir Hintergrunderfüllung, wobei im Grenzfalle das vorausgesetzte Bedürfnis gar nicht mehr in handlungsbesetzende Aktualität übergeht.“(Urmensch und Spätkultur. Philosophische Ergebnisse und Aussagen. Bonn (Athenäum) 1956, 50). Heidegger putzt es auch sehr fein heraus als Sorge: „das Dasein ist ihm selbst in seinem Sein je schon vorweg.“(Sein und Zeit aaO 19l) Solidarität und Vertrauen auf den Patienten führt in der Kategorie Zukunft zur Hoffnung. Statt den Patienten unter dem Aspekt seiner Gewordenheit zu sehen (was die retrospektive Analyse unter dem Ziel der Vergangenheitsbewältigung exerziert), muß er - wie überhaupt jeder Mensch, den man liebt - unter dem Aspekt seiner Möglichkeiten gesehen werden. Brechts Keunergeschichte von der Liebe meint gerade dies. Wer einen geliebten Menschen so anspricht, daß diesem in seiner Selbstdefinition fast jede Möglichkeit offengelassen wird, der gibt ihm sowohl Anregung wie objektive Möglichkeit, das zu werden, was er noch werden kann. Statt Definitionen vollzieht der hoffende Mensch Infinitionen, um es mit Moltmann zu sagen. Liebe kann anstecken. Lieben kann nur der Geliebte, was beim Kind deutlich wird. „Für Verstehen könnte man Liebe sagen. Aber kein Wort wurde mehr prostituiert. (...) Wenn man ihn nicht verstehen kann, ist man kaum in der Lage anzufangen, ihn auf irgendeine Weise effektiv zu lieben. Uns wird befohlen, unseren Nächsten zu lieben. Man kann aber nicht diesen bestimmten Nächsten um seiner selbst willen lieben, ohne zu wissen, wer er ist. Man kann nur seine abstrakte Menschlichkeit lieben. Man kann kein Konglomerat von schizophrenen 'Symptomen' lieben. Keiner hat Schizophrenie, wie man eine Erkältung hat. Der Patient hat keine Schizophrenie 'bekommen'. Er ist schizophren. Der Schizophrene muß kennengelernt werden, ohne zerstört zu werden. Er wird entdecken müssen, daß das möglich ist. Der Haß des Therapeuten wie auch seine Liebe sind darum im höchsten Grad wichtig.“(Laing, Das geteilte Selbst, aaO 41)

Laings wachsende Würdigung der Schizophrenen

Vergleicht man Laings erste Buch (Das geteilte Selbst) von den hier zitierten mit seinen späteren Werken, so fällt auf, daß er früher noch viel stärker beschäftigt war damit, den Unterschied von Gesund und Krank logisch und psychologisch zu begreifen und das sog. Kranke als etwas nur strukturell anderes zu erklären als das Gesunde. Für die späteren Arbeiten war es bei Laing selbstverständlich, daß Schizophrenie keine Krankheit mehr war und nicht einmal mehr Leiden macht als Gesundheit, wenn sie nicht gesellschaftlich so verdammt wäre, er ging aber wesentlich weiter als früher, indem er Schizophrenie als eine der wichtigsten Formen von Gesundung von gesellschaftlicher Verstümmelung begreift. Unter dieser Sicht wird die relative Milde Laings im Frühwerk gegenüber den Kränkungen der Gesellschaft verständlich. Immerhin löst er aber nichtsdestoweniger das Versprechen einer existentiellen Studie über geistige Gesundheit und Wahnsinn ein. Diese Erkenntnisstufe ist für jede gesellschaftliche Erkenntnis unentbehrlich, um nicht vom Regen der bürgerlichen Erfahrungsverstümmelung in die Traufe des gleichermaßen zur Ideologie bar jeder Erfahrung verspießten Linksertums zu geraten, daß aus reinem Marxorthodoxismus noch wirklich glaubt, es gäbe in der BRD ein Proletariat und dies stünde sogar noch auf Seiten linksradikaler studentischer Intellektueller.

Gesund und Krank

Gesundheit und Krankheit bemessen sich nach der Größen der Diskrepanz zwischen dem Verständnis des einen Menschen von sich und dem anderen und dem Verständnis des anderen Menschen von sich und vom anderen. Wenn das Sein-für-sich-selbst und das Sein-für-den-anderen bei beiden mit dem jeweiligen Entsprechungspart des anderen zur Deckung gelangt, werden sich beide für gesund halten. „Wenn jedoch besonders fundamentale Diskrepanzen übrigbleiben, nachdem alle Versuche, sie zu beheben, fehlgeschlagen sind, dann gibt es keine andere Alternative als die, daß einer von uns geisteskrank sein muß. (...) Ich schlage darum vor, daß geistige Gesundheit oder Psychose gemessen wird an dem Grad der Konvergenz oder Divergenz zwischen zwei Personen, von denen der eine nach allgemeinem Konsensus als geistig gesund gilt.“(Laing, Das geteilte Selbst, aaO 43f) Dabei hat Laing zum Glück nicht gesagt, wer von beiden gesund und wer krank ist. Weniger abstrakt präzisiert sich das am Sein oder Nichtsein von Liebe. „Manche Leute sind viel empfindlicher als andere, wenn es darum geht, daß sie nicht als menschliche Wesen anerkannt werden. Wenn einer in dieser Hinsicht sehr empfindlich ist, kann es ihm leicht passieren, daß er als schizophren diagnostiziert wird. Freud sagte von Hysterikern, was Fromm-Reichmann dann später auch von Schizophrenen sagte: daß ihr Bedürfnis, Liebe zu geben und zu empfangen, größer sei als das der meisten Menschen. Man könnte umgekehrt sagen: Wenn dein Bedürfnis, Liebe zu geben und zu empfangen, (was immer 'Liebe' sein mag), zu groß ist, kann er dir sehr leicht passieren, als schizophren diagnostiziert zu werden.“(Laing, Das Selbst und die Anderen, aaO 113) „Vor den Begriffen des Gesunden und Kranken, ja den mit ihnen verschwisterten des Vernünftigen und Unvernünftigen selber vermag Dialektik nicht Halt zu machen. Hat sie einmal das herrschende Allgemeine und seine Proportionen als krank - und im wörtlichsten Sinn, gezeichnet mit der Paranoia, der 'pathischen Projektion' - erkannt, so wird ihr zur Zelle der Genesung einzig, was nach dem Maß jener Ordnung selber als krank, abwegig, paranoid - ja als 'verrückt' sich darstellt, und es gilt heute wie im Mittelalter, daß einzig die Narren der Herrschaft die Wahrheit sagen. Unter diesem Aspekt wäre es die Pflicht des Dialektikers, solcher Wahrheit des Narren zum Bewußtsein ihrer eigenen Vernunft zu verhelfen, ohne welches sie freilich untergehen müßte im Abgrund jener Krankheit, welche der gesunde Menschenverstand der andern mitleidslos diktiert.“(Adorno, Minima Moralia aaO 89) Günther Rohrmoser (Das Elend der kritischen Theorie, Theodor W. Adorno, Herbert Marcuse, Jürgen Habermas, Freiburg im Breisgau (Rombach) 1970) unterstellt Adorno, in seiner Negativen Dialektik als Ausweg aus der aporetischen Gesellschaft als einzige noch mögliche Praxis Schizophrenie zu predigen. Er will damit als bekennender Rechtskonservativer Adorno schmähen. Indes tut er ihm damit mehr Ehre an als er ahnte.

Angst vor Verschlungenwerden

Laing beschreibt das Krankhafte der Schizophrenie, dh das, was sie von der gesellschaftlich herrschenden krankhaften normalen Gesundheit unterscheidet, als Ontologische Unsicherheit. Er vergleicht: „Das Individuum kann also sein eigenes Sein als real, lebendig, ganz erfahren; als, unter normalen Bedingungen, so sehr verschieden vom Rest der Welt, daß seine Identität und Autonomie niemals in Frage gestellt werden; (...) Das kann aber auch nicht so sein. Das Individuum mag sich unter normalen Lebensbedingungen eher irreal als real fühlen; buchstäblich eher tot als lebend vom Rest der Welt unbestimmt differenziert, so daß seine Identität und Autonomie immer in Frage gestellt sind. Vielleicht fehlt ihm die Erfahrung der eigenen temporalen Kontinuität. Vielleicht besitzt es kein sich über alles hinwegsetzendes Gefühl personaler Konsistenz oder Kohäsion. Vielleicht fühlt es sich eher körperlos als substantiell und außerstande anzunehmen, daß das Zeug, aus dem es gemacht ist, wahr, gut und wertvoll ist. Und es kann sein Selbst als teilweise getrennt von seinem Körper empfinden.“(Laing, Das geteilte Selbst, aaO 50f) Wer sich so wenig lebendig, real, mit sich identisch, in der Zeit, verkörpert und akzeptabel empfindet, muß natürlich sich von äußeren mnd inneren Einflüssen (körperlichen Einflüssen) besonders stark bedroht fühlen. Fast alles, was für uns ontologisch Sichere notwendige Lebenssituation ist, bedeutet für einen ontologisch Unsicheren eine Bedrohung. Gegen diese Bedrohungen muß er natürlich eine Schutzstrategie aushecken, um ihr standhalten zu können. Zunächst aber eine Reihe von Bedrohungen, die für uns andere lebenswichtig sind. Sie werden vor allem in den Ängsten vor Verschlungenwerden, Eindringen der Realität und Dingsein offenbar.

Angst vor Verschlungenwerden durch andere Menschen oder verwirrende Verhältnisse ist Angst vor dem Verlust der eigenen Identität. Wer gefressen wird, oder aufgesaugt, wer in ein Loch stürzt, oder im Wasser ertrinkt - verliert seine Identität. Denn im Magen, in der Möse, unter Wasser, in einer Masse ist man nicht mehr man selbst. Und je unsicherer die Identität sowieso schon ist, desto beängstigender wirkt jede kleinste Vereinnahmung. Desto stärker versucht der, der Angst vor dem Untergehen hat, sich an alles panisch zu klammern, was ihn vor den verschlingenden Schlünden retten kann. Beziehungen können so sein, daß man nicht mehr so sein kann, wie man meint, daß man sei. Andere verändern notwendig immer ein Stück weit die eigenen Erfahrungen seiner selbst und somit die Identität. Also bedeuten andere Menschen eine Gefahr für das Ichsein. Strategie? Man meidet sie. Man isoliert sich. Man versteckt sich hinter Verhaltensmasken. Man flieht in einen Bereich, der keinem anderen Menschen zugänglich ist. Das kann der eigene Körper sein. Aber ihn kann man noch berühren und verletzen. Also flieht man noch eine Stufe tiefer in sich hinein. Verlegt die Ichgrenze zum Nicht-Ich hin immer tiefer in sich hinein. Will Selbst sein und scheidet aus sich alles aus, was die anderen in einem waren. Man betrachtet alle Verhaltensweisen, die man von anderen angenommen hat (und das sind leider alle) als falsches Selbst, als fremde Personen im eigenen Sein, und distanziert sich von ihnen. Das Selbst wird so ein immer kleineres Refugium und verarmt bis zum Vakuum. Aber wenigstens dieses Vakuum bin Ich. Ich bin ein Vakuum. Ich bin ein Nichts. Ich bin nicht.

Neurose

„Die Neurose ist die Methode, dem Nichtsein auszuweichen, durch Ausweichen vor dem Sein. Im neurotischen Zustand fehlt die Selbstbejahung nicht, sie kann sogar sehr stark und überbetont sein Aber das Selbst, das bejaht wird, ist ein reduziertes Selbst.“(Paul Tillich, Der Mut zum Sein, Stuttgart 68, 70) „Ein starkes Gefühl eigener autonomer Identität ist nötig, damit man als ein menschliches Sein zu dem anderen in Beziehung sein kann. Sonst bedroht jede Beziehung das Individuum mit dem Verlust der Identität. (...) Hierbei fürchtet das Individuum Bezogenheit als solche mit allem und jedem oder sogar mit sich selbst, weil die Unsicherheit über die Stabilität seiner Autonomie es in jeder Beziehung ständig den Verlust seiner Identität und Autonomie befürchten läßt. (...) Man vermutet das Risiko des Verschlungenwerdens im Verstandenwerden (und so im Begriffen- und Bejahtwerden), im Geliebtwerden oder einfach im Gesehenwerden.“(Laing, Das geteilte Selbst, aaO 53) Die Tragik der Strategie liegt darin, daß ein solcher Mensch von einem falschen Identitätsverständnis ausgeht, indem er meint, sein Ich konstituiere sich durch all das, was es nicht ist. Seine Identität wird markant durch den stroffen Gegensatz zu allem anderen. Darin liegt ein ontologischer Irrtum. Die Angst gründet sich auf die Erfahrung, daß man sich gegenüber anderen nicht so behaupten kann, wie man zu sein vermeint. Der grundlegende Wunsch wird in keiner Beziehung zu etwas Nicht-ich-seiendem erfüllt: daß man mich sein läßt. Eine Aktion hat wesenhaft schon etwas entäußerndes in sich. Jede Aktion offenbart das Selbst. Sie hebt das Sein auf. Darum ist die Aktion eine Form von Selbstverlust. Wer gesehen wird, ist verletzbar. In härtester Form dokumentieren dies die Tarnfarben des Militärs und dessen Nacht-und-Nebel-Aktivitäten. Die Nacht ist die Freundin der Krieger, dh Raubmörder. Die Sonnenbrillenmode der Jungmädchen und die Sucht, Parties ohne Licht zu feiern, auch beim Schmusen und Bumsen kein Licht zu dulden, um oft perverserweise nichtmal vom Geliebten gesehen zu werden, sind zeitgemäßige Konkretionen einer leichteren Form dieser Angst. Leichter, weil sich weniger Leute dran stören. Wer verstanden wird, ist durchschaubar. Wer durchschaubar ist, kann kontrolliert werden. Wer kontrollierbar ist, ist beherrschbar, verfügbar. Autonomie eignet aber Unverfügbarkeit. Darum muß man, um autonom und unverfügbar zu sein, jedes Verstandenwerden vermeiden. Menschen zu durchschauen und hieraufhin sie unter Kontrolle zu halten ist ein unmenschliches Verhalten. Es wird allerdings heute unter den Bezeichnung Wissenschaft getrieben. Alle experimentellen Menschenversuche versuchen, Gesetze von Interaktion aufzustellen. Ein Gesetz aber ist etwas außerhalb der Autonomie und Identität des individuierten Menschen stehendes. Funktionsgesetze als allgemeine Bestimmungen können notwendig werden, einzusehen. Aber die Identität konstituiert sich aufgrund der Besonderheit, nicht der Allgemeinheit. Daß jeder Mensch ein besonderes Wesen bis zur Unvertretbarkeit ist, scheint zur gesellschaftlichen Illusion geworden zu sein. Deshalb hat ihn die Theologie in ihre Gedankenwelt aufgenommen, damit er wenigstens nicht verlorengehe als Gedanke. Der Mensch in der Industriegesellschaft ist ersetzbar geworden wie die Maschinen. Auf subtilste Weise hat sich dieses Prinzip auch durch die Familie bis in die Liebe hinein eingeschlichen in das Leben. Je ersetzbarer die Menschen aber geworden sind, desto stärker wird ihre Unersetzlichkeit in den Todesanzeigen und dem Individualismus als Sucht und Ideologie hochgespielt. Kontrolle ist ein gesellschaftliches Grundprinzip. Sie findet statt von der faschistischen Denunziation mißliebiger Nachbarn im Hitlerreich der Deutschen über das Gerede in den Dörfern bis zu den Spitzeleien und Spionageaffären gegen Linksradikale und die Russen. Eines ihrer Motive ist die Neugier, die aus unterdrückten Eigenerfahrungen stammt, und die Angst vor jedem Anderssein des Anderen, weil man nicht übervorteilt werden will, wo man seine objektive Nachteilssituation erfährt. Oder Kontrolle ist ganz einfach ein Mittel der Herrschenden, um die Beherrschten bei der Stange zu halten. Jede falsche Bewegung wird mit Strafen vom Terror bis zum Tod beantwortet. Wer den wunden Punkt eines anderen entdeckt hat, kann hineinbohren und diese Möglichkeit als erpresserisches Drohmittel benutzen, um ihn gefügig zu machen. Welch ein Wunder, wenn unter solchen gesellschaftlichen Bedingungen Verstandenwerden zu einer Gefahr wird. Mir scheint fast, daß diese Angst realistischer ist, als wir wahrhaben wollen. Geliebtwerden zu fürchten allerdings mag verwundern; ist es doch sehnlichster Wunsch in einer Welt, in der jeder zuwenig liebt, weil er zuwenig Liebe geschenkt bekommt. Aber Liebe hat bei uns durchaus alles denkbar lieblostest an sich, wie deren Verkäuflichkeit beweist. Ich glaube, die Eheerfahrungen zeigen bei uns durchgängig, wie heruntergekommen Liebe ist. Oft wird ihre Vorgabe als Druckmittel benutzt, um Gegenliebe zu bekommen. Liebe ist vom Tausch verschlungen. Ich liebe, damit du mich liebst, du liebst mich, damit ich dich liebe. Oft führt diese Spirale der Finalitäten zu übelsten Verdrehungen. Man will geliebt werden. Man glaubt vom anderen dasselbe, und nicht selten auch zu Recht. Man kann es ihm nicht verdenken. Der andere hat ein Recht darauf, daß man ihn liebt. So ist Liebe durch das Rekurrieren auf das Recht des Tauschgesetzes zur Verpflichtung geworden. Jeder von beiden fühlt sich verpflichtet zu lieben und gibt es darum auch dann vor, wenn er gar keine Lust zu lieben hat. Ergebnis sind Szenen wie die, daß beide nach dem mißglückten Orgasmus zugeben, keine Lust gehabt zu haben. Er muß nichteinmal mißglückt sein. Fast ist unnötig zu sagen, daß Liebe weder Recht noch Verpflichtungen mit ihrem Wesen vereinbaren kann. Das Recht auf Liebe erlischt gerade in dem Augenblick, wo es eingelöst wird. Aber da unter Liebe all der erpresserische Tausch assoziiert wird, ist wiederum realistisch, Geliebtwerden zu fürchten.

Angst vor der Realität

Nun zur Angst vor dem Eindringen der Realität ins Ich. „Das Individuum fühlt, daß es leer ist wie das Vakuum. Aber diese Leere ist es selbst. Obwohl es andererseits ersehnt, daß diese Leere gefüllt werde, fürchtet es die Möglichkeit, daß dies passieren könnte, weil es zu fühlen begonnen hat, daß alles, was es je sein kann, dieses fürchterliche Nichts eben dieses Vakuums ist. (...) Realität als solche, Verschlungenwerden oder Implosion androhend, ist der Verfolger.“(Laing, aaO 55) Das Implodieren der Realität ins Ich ist nichts als der beschleunigte Sozialisationsvorgang. Was von außen mit Schlägen an das Ich herangetragen wurde, dringt - was nicht mehr unmittelbar fühlbar - ins Ich ein und nistet sich dort eindrücklichst als handgreifliche Erfahrung ein. Benjamin hat Folter als beschleunigten Sozialisierungsprozeß beschrieben. Von der Realität überwältigt zu werden ist in jedem Fall schmerzhaft. Kein Wunder also die Angst vor der Vergewaltigung. Nach Freud war das Realitätsprin- zip dazu da, daß das Individuum keinen Schaden nehmen möge. Das aber ist abstrakt gedacht. Wer heute an der Realität sich anpaßt, nimmt durch und durch Schaden in Hülle und Fülle. In Hülle, denn er merkt oft nicht einmal, worin er besteht: daß er nicht mehr er ist, sondern das Opfer eines brutalen Über-Ich. Ein Teil der Realität, an die man sich anzupassen gezwungen wird, ist gerade dies von Freud aufgekochte Argument, es gehe besser, wenn man gehorcht, und die Realität verschlingt in sich bis man nicht mehr Ich ist. Dafür ist man dann Realist und einer Erpressung ohnegleichen anheimgefallen. Realität heute läßt sich einzig ertragen unter dem phantastischen Licht ihrer Aufhebbarkeit. Hoffnung allerdings macht es dem Ich zwar leichter, da die Realität so grauenhaft nicht immer bleiben wird; aber auch schwerer, denn wo die Freiheit nahe ist, beginnen die Ketten zu schmerzen. Die Strategie gegen die Realität ist beim ontologisch Unsicheren nicht von der Validität der Hoffnung. Wie auch beim Verschlungenwerden greift der Unsichere zur Isolation. Er zieht sich zurück in die Welt der Phantasie. „In der Phantasie kann das Selbst jeder sein, überall sein, alles tun, alles haben. Es ist so omnipotent und vollkommen frei - in der Phantasie. (...) Je mehr dieser phantastischen Omnipotenz und Freiheit gefrönt wird, desto schwächer, hilfloser und gefesselter wird es in Wirklichkeit.“(Laing, aaO 103) Aber die Phantasien laugen aus. „Phantasie, ohne in gewissem Maß in der Realität verkörpert zu sein oder durch Injektionen der 'Realität' bereichert zu werden, wird immer leerer und ätherischer.“(aaO 104) Phantasie ist ihrem Wesen nach eben nicht eine von Realität abgespaltene Welt, sondern eine menschliche Grundhaltung zur Realität, nämlich deren schöpferische Umgestaltung zur Heimat. Kreativität ohne Material wird ihr eigener Totengräber. Der in die Monade ausgewanderte Mensch auch. Phantasie ist nur eine weitere Form der Isolation gegen das Bedrohliche. Durch die phantastische Art der Existenz verhält sich ein Mensch natürlich auch nicht nach Maßgabe der Anforderungen der Realität. Er ist unangepaßt. Man nennt diese Haltung paranoid. Angst vor dem Dingsein ist eine dritte Variante in der Charakteristik schizoider Angstvorstellungen. Sie ist eng verbunden mit den anderen Ängsten. Menschliche Beziehungen haben als Hauptkennzeichen, daß der eine das Subjekt des anderen ist wie jener Subjekt von diesem. Das Verhältnis zu Dingen aber ist das zu Objekten. Wenn ein Mensch einen anderen zum Objekt macht, so ist das ein verdinglichtes Verhältnis, unmenschlich und entfremdend. Die gewöhnlichen Beziehungen in unserer Gesellschaft sind verdinglicht. Jeder sieht im anderen ein Objekt für die Verwirklichung eigener Ziele und Zwecke. Durchgehend sind auch und gerade die unmittelbarsten Beziehungen, wie Flirt und Concubinat, derart vermittelt, daß sie schon ganz vom Denken und Fühlen in Zwecken erobert wurden. Man 'investiert' in eine Beziehung, wie ein Geschäft. Statt Habermas´scher symbolisch vermittelter Interaktion, der jede Kausalität und Finalität überschreitenden unverzweckten Beziehung, werden Beziehungen nur noch vom rein geschäftlichen Interesse angegangen. Wer im Walde so für sich hingeht, wird heute unterwegs sein zu einem Autostrich; jedenfalls nicht ohne Absichten. Man macht sich schon fast schuldig, wenn man einmal irgendwo keine Absichten hat. Eben: Habermas' symbolisch vermittelte Interaktion wird ihre durchgängige Vermitteltheit von Zwecken auch nicht mehr los. Die Zweckfreiheit gerade ist verdächtig; sie hat eine ungeheuer wichtige Zweckbestimmung in sich. Für Stunden steigt man aus aus dem Streß, um möglichst rationell und schnell wieder möglichst fit zu werden für den Alltag.

Drastisch letztlich hat sich die Division der Gesellschaft    in Individuen, die konkurrierend jeder seine materiellen Eigeninteressen zu vertreten verpflichtet sind und auf diese Weise jede wahre Individuation umgehen gelernt haben, auch aufs Freuds intrapyschische Monade übertragen. Jeder braucht den anderen als libinidös besetzbares Trieb-Objekt. Diese Ideologie stammt aus dem Ausverkauf der               Liebe durch deren Verfall an die Verkäuflichkeit. Die Nutte ist freilich gerade das Modell für Freuds Sexualtheorie. In derart durchgängig zweckrational vermittelten Verhältnissen und beim Zerfall des Individuums in ein Konglumerat von Rollenspielpositionen ist wahrlich jeder Mensch des anderen Kommunikationsobjekt. Sich zu fürchten vor dem Zergehen des Anerkanntwerdens als Subjekt, indem                man als Objekt behandelt wird, scheint mir nur angemessen an die Realität zu sein; auch hier fällt der größere Realismus der schizoiden Ängste gegenüber dem Normalempfinden auf. Diese Ängste sind Offenbarungen der Realität. Es muß in einem sprachlichen Vermittlungsprozess immer  etwas übertrieben werden, um den Erfahrungsverlust, der beim Umsetzen von analoger in digitale Kommunikation entsteht, auszugleichen. Übertreibung ist in dieser Funktion ein Element von Wahrheit. Wir würden Depersonalisationsangst bei Schizophrenen vermutlich als übertrieben bezeichnen. Aber: in ihrer Übertriebenheit gerade haben sie den Offenbarungscharakter für das Leben einer Gesellschaft unter ihrer allgemeinen Bewußtseinslage. Sie vertreten all das vom öffentlichen Text verheimlichte über das Leben einer Gesellschaft. Ihre Wahrheit ist so empörend, daß man sie für unwahr erklären muß, um sich ihr entziehen zu können.

Depersonalisationsangst

„Depersonalisation ist eine Technik, die überall dann als Mittel zur Behandlung eines anderen verwendet wird, wenn dieser langweilig oder zu störend wird. (...) Wenn man den anderen als frei Handelnden erkennt, setzt man sich der Möglichkeit aus, sich als Objekt von dessen Erfahrung zu erfahren und so dem Gefühl, der eigenen Subjektivität beraubt zu werden.“(Laing, Das geteilte Selbst, aaO 56f) Strategisch verhält sich der ontologisch Unsichere dazu, indem er dem verdinglichenden Verhalten des anderen, seinem tötenden Blick zuvorkommt und sich selbst zum Ding macht. Ein Ding hat zu anderen Existenzen ein dingliches Verhältnis; im Dingbereich gibt es nichts Nichtdingliches mehr, darum sind auch die anderen Menschen nichts als dinglich statt personhaft. Wenn der andere aber eine Dingbarkeit in meinen Augen geworden ist, so muß ich nicht mehr fürchten, von ihm verdinglicht zu werden. Wenn ich ihn für irreal halte, für eine Fiktion, eine Phantasie, so kann er mir nichts mehr anhaben. Gegen die eigene Depersonalisation durch andere versucht der ontologisch Unsichere, diese präventiv zu depersonalisieren und sich selbst auch, denn dann war er es, der die Depersonalisation inszeniert hat. Lieber tötet noch er selbst sich, als sich töten zu lassen von den anderen. Diese panische Flucht in den Tod ist politisch an der Parole „Lieber tot als rot“ des fanatischen Faschisten zu studieren, der verbal immer zum äußersten bereit ist und das schon seit seiner Kindheit in der Hitlerjugend. Manch militärischer Selbstmord in Preußen war denn auch zur Vermeidung der sicheren öffentlichen Exekution inszeniert, als Ehrentod in heldisch-hybriden Pathetismen schon lange vorher, fast von der Wiege an, durchgeträumt von A - Z, damit im Ernstfall nichts mehr schief geht, was statt Pathos zu Peinlichkeit führen würde. Wer depersonalisiert, kann sich keine Beziehungen mit beidseitigem Subjektsein und gleichgroßer Autonomie vorstellen. Ja, wo sollte er eine solche Vorstellung auch hernehmen? Wenn nicht aus den literarischen Phantasien der letzten Vertreter des Humanismus oder dem Verhältnis von Bauer und Bäurin, die eh schon im Aussterben begriffen sind.

Vitioser Zirkel bei Angst

Die Ängste, verschlungen, erdrückt und versteinert zu werden, führen zu einem Teufelskreis. „Es scheint auch, daß die bevorzugte Angriffsmethode gegenüber dem anderen auf dem gleichen Prinzip basiert wie der Angriff, den man in der Beziehung des anderen zu einem selbst impliziert fühlt. (...) Der Prozeß involviert einen circulus vitiosus. Je mehr man seine eigene Autonomie und Identität durch Aufhebung der spezifischen menschlichen Individualität des anderen zu erhalten versucht, desto mehr fühlt man sich gezwungen, damit fortzufahren, da mit jeder Leugnung des ontologischen Status der anderen Person die eigene ontologische Sicherheit verringert wird. Die Bedrohung, die der andere für das Selbst ist, wird potenziert und muß daher um so verzweifelter negiert werden.“(Laing, aaO 63)

Es wird noch komplexer. Denn die Intention zur Isolation von Beziehungen mit Leuten, der Realität und jeder autonomen Lebensäußerung eines anderen löst gleichzeitig schon wieder die Angst vor ihr aus. Wie someist das paranoid erfürchtete das unbewußt ersehnte darstellt. Jedes Sein braucht Bestätigung, will es seiner bewußt sein. Bewußtsein aber ist die menschliche Form zu sein. Es impliziert die Fähigkeit zur Rückwendung auf sich, Re-flexion. Aber der cartesische Schluß vom Denken aufs Sein ist ein Trugschluß; nichts ist vermittelter als Denken und Reflexion, die im „cogito ergo sum“ als unmittelbares Verhältnis zum Sein gedacht scheint. Adam sah, daß er nackt war. Eva muß es ihm gesagt haben.

Bestätigung der Autonomie

Die Erkenntnis des eigenen autonomen Seins, des eigenen Körpers und der Identität ist nie unmittelbar. Es gibt keine Identität und Selbsterfahrung, die nicht schon vermitteltes Erfahrenwordensein durch die anderen erfahren hat. Wenn die Mutter ihr Embryo nicht im Leib schon befühlt, betastet und liebkost; wenn der Vater ihm nicht mit seinem Schwanz klarmacht, daß es einen Unterschied zwischen diesem und dem Embryo selbst gibt, dann kann notwendig ein solchermaßen unbeachtetes Kind gar nicht auf die Idee kommen, daß es sei. Beachtetwerden ist also die Urerfahrung, aufgrund derer erst sich Identitätsbewußtsein entwickeln kann. Würden Tramper sich auf ihre Logik verlassen, so müßten sie an bundesdeutsclren Autobahnen bald zum Schluß kommen, sie seien nicht, weil sie nicht wahrgenommen werden. Das liegt aber am Unwillen der Autofahrer, andere Menschen zu sehen, die sie u.U. durch die Anwesenheit in ihrem Auto bedrohen könnten. Wer von anderen also zuwenig beachtet wurde, kann gar kein Identitätsbewußtsein entwickeln, was aus Achtung hervorgeht. „Wir grüßen den uns Begegnenden, indem wir ihm Gutes wünschen oder ihn unserer Ergebenheit versichern, oder ihn Gott anempfehlen. Aber wie mittelbar sind diese abgescheuerten Formeln (was ahnt man noch in 'Heil!' von der ursprünglichen Machtverleihung!) gegen den ewig jungen, leiblichen Beziehungsgruß des Kaffern: 'ich sehe dich!' oder dessen amerikanische Variante, das lächerliche und sublime 'Rieche mich!'.“(Martin Buber, Ich und Du, in: Das dialogische Prinzip, Heidelberg 65, 22) Um an die eigene Existenz zu glauben, braucht jeder Mensch andere, die dem Selbst dessen Sein bestätigen. Alleinsein bedeutet unter diesen Bedingungen, die bei ontologische unsicheren Menschen übertrieben stark benötigt werden, die Bedrohung, die das Nichtsein mit sich bringt. Laing schreibt von einer Frau: „Ihre Sehnsucht war es immer, wichtig und bedeutsam für jemand anderen zu sein. Es mußte immer jemand anderes da sein. Am liebsten wollte sie geliebt und bewundert werden, aber wenn das nicht möglich war, bevorzugte sie es, eher gehaßt als nicht bemerkt zu werden.“(aaO 66) Das führte bei ihr zur Angst vor jeder Masse in der Öffentlichkeit. Denn in einer Masse existieren keine Beziehungen. Man ist umso einsamer, je mehr Masse da ist. Diese Situation wird dann absolut unhaltbar: aus Angst vor anderen flieht man sie; je mehr man sie flieht, desdso unsicherer wird man über sein Sein und desto mehr hat man Grund zur Befürchtung, die anderen können einen verschlingen, in einen eindringen, einen versteinern. Die Angst potenziert sich und gipfelt im Bewußtsein, ein Nichts zu sein, ein Toter, Vakuum.

Angst vor Liebe

Dann verhält man sich auch wie leblos, wird kataton. „Das Humane haftet an der Nachahmung: ein Mensch wird zum Menschen überhaupt erst, indem er andere Menschen imitiert. In solchem Verhalten, der Urform von Liebe, wittern die Priester der Echtheit Spuren jener Utopie, welche das Gefüge der Herrschaft zu erschüttern vermöchte.“(Adorno, Minima Moralia, aaO 204) Wer liebt, ahmt den Geliebten nach. Pärchen zeigen oft gleiche Rede und Gestik, der Dackel geht wie sein Herr, Anna-Magdalena Bach schrieb am Ende eine von Johann Sebastians Hand nicht mehr unterscheidbare Notation. Aber dieses Phänomen weitet sich bei dem, der sich an sein Fitzelchen Autonomie klammert wie einen Strohhalm, zur existentiellen Bedrohung. „Das Individuum kann fürchten, jemanden zu mögen, weil es findet, daß es unter dem Zwang steht, so zu werden wie jeder den es mag.“(Laing aaO 72)

Selbstbewußtheit als Schutz vor Verschlungenwerden

Lieben bedeutet Gefahr; der Geliebte dringt in das Selbst hinein und erstickt die Autonomie. Gleichzeitig kann, wenn man auf Gegenliebe gestoßen ist, das Geliebtwerden die Angst vorm Verschlungenwerden auslösen, auch die Angst vorm Verstandenwerden, da, Liebe ohne Verständnis unmöglich ist. Was tun: Isolation, gegen das Geliebtwerden vorbeugen, indem man sich selbst liebt, gegen das Verstandenwerden, indem man sich selbst vollständig zu verstehen und durchschauen trachtet. „Sich selbst vollständig verstehen (sich selbst einverleiben), ist ein Schutz gegen das Risiko, in den Strudel des Verständnisses gesaugt zu werden, das eine andere Person für einen hat. Sich selbst durch eigene Liebe konsumieren, kommt der Möglichkeit zuvor, von anderen konsumiert zu werden.“(Laing aaO 63) Gegen das Verstandenwerden schützt also Selbstbewußtheit. Ein überdimensional ausgebildetes Selbstbewußtsein ist zur Kontrolle des eigenen Seins entwickelt. Mit der eigenen Kontrolle über sich kommt man der der anderen zuvor. Aber das Ausmaß der Kontrolle durch die anderen wird in der Regel vom Paranoiker doch etwas überschätzt. „Selbst-Bewußtheit impliziert zwei Dinge: sich seiner selbst bewußt sein und sich seiner als Beobachtungsobjekt eines anderen bewußt sein.“(Laing, Das geteilte Selbst, aaO 131) Ich habe durch Selbstbewußtheit also meine Wirkung auf mich selbst und auf andere unter Kontrolle. Aber die crux liegt darin, daß es unmöglich ist, die Wirkung auf andere richtig abzuschätzen, man vertut sich da absolut. Denn die Erfahrung des anderen von mir ist für mich unerfahrbar, es sei denn, er teile sie mir durch sein Verhalten mit. Aber jeder unsichere Mensch ist elementar an seiner Wirkung auf andere interessiert. Die soziale Identität interessiert deshalb, weil wir von frühan so erzogen werden, daß wir unsere 'eigene' Identität unserer sozialen anzupassen haben. Dies ist ein verhängnisvoller Mechanismus. „Das schizoide Individuum wird oft von dieser zwanghaften Bewußtheit seiner eigenen Prozesse gepeinigt... Das übersteigerte Gefühl, immer gesehen zu werden oder zumindest immer potentiell sichtbar zu sein, kann grundsätzlich auf den Körper bezogen werden, aber die Beschäftigung mit dem Gedanken, sichtbar zu sein, kann durch den Gedanken verdichtet werden, das geistige Selbst sei durchdringbar und verwundbar, als glaube das Individuum, man könne gerade durch es hindurch in seinen 'Geist' oder seine 'Seele' blicken.“(ebd.)

Kontrolle

Gewöhnlich werden Kinder unter größtmöglicher Kontrolle erzogen und sind fast immer der Sichtbarkeit durch andere ausgesetzt; auch da noch, wo ihr geheimster Bereich ist. Sogar ihr Schlaf steht unter Bewachung. Gedrängte Wohnverhältnisse begünstigen die Steigerung der Kontrolle. Wie alle sozialen Erfahrungen wird auch die der Kontrolle internalisiert. Kinder fangen an, sich selbst zu kontrollieren und ihr Selbstbewußtsein zu übersteigern, sie wagen keine Untaten mehr aus Angst vor der Möglichkeit der Kontrolle ihrer Eltern. Sie kontrollieren ihr Verhalten nach den Kriterien ihrer Eltern, dabei unterstützt vom Drang zur Nachahmung, der Liebesurform. Auch objektiv ist die eigene Sichtbarkeit in der Familie oft eine Gefahr; jegliche Sexual- und Analbetätigung kann durch das Bewußtsein des Gesehenwerdens mit neurotischen Ängsten affiziert werden, weil Eltern in unserer Repressivgesellschaft solche Erfahrungen nur selten dulden, wenn sie ihre Kinder erwischen. Sichtbarkeit macht Kontrollierbarkeit und Reprimierbarkeit möglich. Zwar ist Sichtbarkeit vonnöten, um Bestätigung durch andere zu erfahren und hierdurch des eigenen Seins gewiß zu werden. Aber in unseren repressiven Familien handelt es sich ja um übersteigerte Sucht zur Sichtbarmachung eines Menschen bis in seine Intimität hinein. Kinder haben bei uns in den seltensten Fällen ausreichend Gelegenheit, mit sich allein zu sein, unbeobachtet. Man legitimiert diese Kontrollsucht - besonders in den Frühjahren - damit, daß man aufpassen muß, daß das Kind nichts 'anstellt'. Nur im Wohle des Kindes liegt es, kontrolliert zu werden, sagt man. Ergebnis ist die Unfähigkeit zum Alleinsein, zu echter Intimität und damit natürlich erst recht zu jeder Form von echtem Zusammensein mit anderen. Nur wer für sich sein kann, kann mit anderen sein. Die Verstümmlung der Intimität führt schließlich auch zur Sucht, jedes Geheimnis zu erforschen, hinter jeden Menschen dringen zu wollen. Wir alle kennen die Schnüffelsüchte unserer Mütter, Wirtinnen und Tanten, besonders in Schwaben. Dabei vermute ich, daß die relativ größere Neugier der Frau - wenn überhaupt - nur durch die relativ größere Kontrolle aller Mädchen bedingt ist. Mädchen sind vor Vergewaltigung, durch ihre Freunde zu schützen, dies ist heiligste Elternpflicht; während dieselben ihren Söhnen oft jeden Bums verzeihen. Kontrolle wird so jedem eingefleischt. Kein Wunder, wenn sie übersteigert wird, wo doch deren Einfleischung ins Maßlose geht. In der Tat müssen Kinder, nachdem sie das Gefühl des perfekten und totalen Kontrolliertwerdens erlernt haben und die dazugehörigen Hemmungen lernen, daß nicht alles kontrollierbar ist. Daß man nicht immer und überall kontrolliert wird, daß es Erfahrungen im Selbst gibt, die keiner erfahren kann, wenn man sie nicht absichtlich durch sein Verhalten mitteilt. Das Lügen wird gelernt, das Verweigern von Mitteilungen, die der Kontrolle dienen sollen. Die Intimität wird langsam und mühevoll der Gewalt der Eltern abgetrotzt. Aber diese spätkindlichen Erfahrungen wiegen nicht die Traumata der anfänglichen Intimitätsverstümmlung auf. Im Zeitalter der Wanzen und Abhörgeräte, heimlich gebauter Kameras, wird es ohnehin immer mehr zur Illusion, es gäbe noch Geheimnisse• Intimität wird ständig stärker destruiert.) Aus der aggressiven Potenz der Verstümmelten wächst die Macht, die zur weiteren und vollständigen Kontrolle aufruft. Von dieser Potenz der unnatürlichen Neugierde im Menschen erhält auch die Wissenschaft ihre Funktionäre. In Reproduktion gesellschaftlicher Kontrolle muß auch der Natur und allem Sein das letzte Geheimnis abgetrutzt werden - nur um festzustellen, daß hinter ihm mehrere weitere liegen.

Körperloses Selbst

„Selbstbewußtheit in der ontologisch unsicheren Person spielt eine Doppelrolle: 1. Seiner selbst bewußt werden und wissen, daß man anderen Leuten bewußt wird, ist ein Mittel, sich seiner Existenz zu versichern und auch der ihren. (...) 2. In einer Welt voller Gefahren ist es ein ständiges sich-der-Gefahr-Aussetzen, ein potentiell sichtbares Objekt zu sein. (...) Die naheliegende Abwehr gegen so eine Gefahr besteht darin, sich auf die eine oder andere Weise unsichtbar zu machen.“(Laing, aaO 134f) Übersteigertes Selbstbewußtsein hemmt Spontanität. Aus der Erfahrung, daß Gesehenwerden Kontrolle bringt, diese meist aber repressiv, Gesehenwerden mithin repressive Erfahrung bedeutet - der Blick anderer kann kaum liebevoll vorgestellt werden -, wird das Madigmachen durch die anderen verinnerlicht bis ins Sichselbstmadigmachen des nicht eigentlich mehr kritischen Bewußtseins seiner selbst. Man verwirft den Stoff, aus dem man gemacht ist, man verwirft die eigenen Intentionen und Gefühle, nicht ahnend vielleicht sogar, daß sie nur Mimesis des Allgemeinen sind.

Kritische Selbstprüfung legitimiert so leicht dann nichts mehr an Aktionen und Erfahrungen. „Das schizoide Individuum existiert unter der schwarzen Sonne, dem bösen Blick seiner kritischen Selbstprüfung. Das grelle Licht seiner Bewußtheit tötet seine Spontaneität, seine Frische; es zerstört alle Freude, unter diesem Licht verdörrt alles. (...) Das heißt, es verwandelt seine lebendige Spontaneität in etwas Totes und Lebloses, indem es sie inspiziert. (...) Sich seines Selbst bewußt sein ist immer noch eine Garantie, eine Bürgschaft für die Fortdauer seiner Existenz, obwohl dieses Leben ein Totsein im Leben bedeuten kann.“(Laing, aaO 139) Reflexion macht den Reflektierenden so zum eigenen Objekt und versteinert es und damit letztendlich sich selbst. Und Durchdringen eines Objekts ist ihr zugleich gegeben. Reflexion führt also zum Sichauffressen und das ist ungemein ungesund. Sie setzt sich in Spiralen auf ständig steigenden Ebenen fort und führt in immer engeren Windungen bis zur völligen Handlungsunfähigkeit und u.U. bis zur Selbstaufhebung ins Nichts. Zur normalen Selbsterfahrung gehört, sich als ein verkörpertes Individuum mit raumzeitlicher Kontinuität zu erfahren. Das Selbst fühlt sich eins mit seinem Körper. Schizoide Selbsterfahrung kann all das nicht aufweisen. Die Bewertung solch völlig verschiedener Arten, menschlich zu sein und sich zu erfahren, wäre absurd, wie es die Bewertung eines Menschen nach der Farbe seiner qualmenden Socken wäre. Es sind zwei Arten zu sein. Man kann beide durchleben, wenn man will und kann. Die „verkörperte Person hat das Gefühl, Fleisch, Blut und Knochen zu sein, biologisch lebendig und real zu sein: Sie weiß sich als substantiell. (...) Die verkörperte Person, voll impliziert in den Begierden, Bedürfnissen und Aktionen ihres Körpers, ist Schuld und Angst unterworfen, die Folgen dieser Begierden, Bedürfnisse und Aktionen sind. Sie ist Subjekt der Frustrationen des Körpers und auch seiner Gratifikationen. (...) Verkörpertsein als solches ist keine Garantie gegen Gefühle der Hoffnungslosigkeit oder Sinnlosigkeit. (...) das Körper-Selbst ist keine unzerstörbare Festung gegen die Zerstörung durch ontologische Zweifel und Unsicherheiten; es ist nicht in sich ein Bollwerk gegen die Psychose.“(Laing, aaO 81,83)

Falsche Selbst-Systeme

Die Probleme des Verkörpertseins sind nur andere als die des unverkörperten Seins. Stärker oder Schwächer? „Das unverkörperte Selbst, als Beobachter all dessen, was der Körper tut, engagiert sich in nichts unmittelbar. Seine Funktionen sind Beobachtung, Kontrolle und Kritik dessen, was der Körper erfährt und tut und diejenigen Operationen, die man gewöhnlich als rein 'geistige' definiert. Das unverkörperte Selbst wird hyperbewußt. Es versucht, sich seine eigene Imago zu postulieren. Es entwickelt eine Beziehung zu sich selbst und dem Körper, die sehr komplex werden kann.“(Laing, aaO 84) Zu dem, was der Körper und sein Verhalten sind, kann ein solcher Mensch nicht 'Ich' sagen. Es ist für ihn ein Es. Wenn überhaupt, so bildet der Körper den „Kern eines falschen Selbst“ (ebd). Das kann bis zu körperlicher Schmerzunempfindlichkeit gehen. In Auschwitz haben sich sowas viele gewünscht. „Was das Individuum, je nachdem, als sein 'eigenes', 'inneres', 'wahres' oder 'wirkliches' Selbst bezeichnet, wird getrennt von jeder Aktivität erfahren, die von einem anderen beobachtet werden kann“.(Laing, aaO 89) Das Selbst erfreut sich also absoluter Verborgenheit, womit einer der sehnlichsten Wünsche eines unsicheren Menschen in Erfüllung geht. Mit seiner Verborgenheit ist es vor allen möglichen Angriffen sicher, so scheint es. „Von innen schaut das Selbst nun hinaus auf die falschen Dinge, die gesagt und getan werden, und verabscheut den Sprecher und Täter, als ob er irgendein anderer sei. (...) Das Individuum entwickelt einen inneren Mikrokosmos, aber diese autistische, private, intraindividuelle 'Welt' ist natürlich kein mögliches Substitut für die einzige Welt, die wirklich da ist, die mit anderen geteilte Welt.“(Laing, aaO 91)

Der Körper ist aber nicht nur ansich die Konzentration eines falschen Selbst, sondern quasi Träger verschiedener Subsysteme eines ganzen und oft recht komplexen Systems von falschen Selbsten. Ohne es zu wollen spielt dann der Körper verschiedene Verhaltensrollen, die der Schizophrene vollkommen von besonders geliebten und gehaßten Menschen übernommen hat. Diese geliebten oder gehaßten Personen dringen in ihn ein und nehmen im Körper ihren Platz ein. So sieht sich das Wahre Selbst dann im eigenen Körper fremden Mächten, Personen und Verhältnisabläufen gegenüber. Es kann in erbitterter Feindschaft mit ihnen stehen. Die gehaßten Tischsitten des gehaßten Vaters können so etwa zuerst nur kopiert werden, um diesem durch das eigene Verhalten einen Spiegel seines Verhaltens vorzuhalten, um ihn von den gehaßten Tischsitten, die vielleicht objektiv hassenswert sind, abzubringen; dies scheitert aber und die kopierten Tischsitten nehmen aus Verzweiflung und potenziertem Haß gegen den unverständigen Vater übertriebene Ausmaße an und beginnen ein Eigenleben zu führen, was eine Art von Autonomie gegenüber dem Wahren Selbst führt, oft zu einer völligen Beherrschung des Wahren Selbst. Das Wahre Selbst fühlt sich dann von den Personen in ihm gepeinigt, gequält und unterdrückt. Im Grunde ist dieses Empfinden nur eine überaus klare Demonstration der Verinnerlichung von Normen, die allerdings hier in personifizierter Form auftreten. Ein Schizophrener kann mehrere Menschen in sich haben, wie ein Schauspieler auch mehrere Charaktere verkörpern kann. Aber der Schauspieler ist dabei meist Herr über das, was er spielt. Und er spiel seine Rollen. Der Körper des Schizophrenen aber ist das was er spielt. Darunter leidet das Wahre Selbst. Seine Unterdrückung von den Personen seines Körpers offenbart prophetisch die allerorts verdrängte gesellschaftliche Unterdrückung. „Das Selbst wird nicht als mitverantwortlich für das Tun des falschen Selbst oder der Selbste gefühlt und dessen oder deren Aktionen werden als zu nehmend falsch oder leer empfunden.“(Laing, aaO 90)

Aktion und Passion

Zwischen Aktion und Passion besteht eine Spaltung - so wenig es natürlich beide in reiner, mit dem Gegenpart unvermischter Form gibt. Die Person, das Wahre Selbst, erfährt sich im schizoiden Zustand völlig unzugehörig zu jeder Form von Aktion des Körpers. Erfahrung als der Apparat des Wahren Selbst, der Person, ist zu keiner Selbstmitteilung mittels des Verhaltens zu bewegen. Das Verhalten hat sein Eigenleben und natürlich auch einen eigenen Erfahrungsbereich. Aber es offenbart nicht das Wahre Selbst. Die normale Relation von Selbst, Körper und Welt

(Selbst / Körper) - Andere,Welt

ist zu

Selbst ( Körper / Andere,Welt)

geworden. Darum kann das Selbst nie direkt mit Anderen und der Welt in Beziehung stehen, auch wenn es dieses ersehnt. Sinn konstituiert sich durch bezogene Verhaltensabläufe.

Sinn

Sinn selbst ist wesentlich ein Relationsphänomen. Eine sinnvolle Aktion kennzeichnet sich durch einen Zusammenhang von Intentionen, durch ihr Verhältnis in einem Kontext von Aktionen. Dieses Verhältnis ist durch gegenseitige Bestätigungen der einzelnen Aktionen charakterisierbar. Sie setzen einander teils voraus, teils folgen sie auseinander. Sinn ist eine Folge von Aktionen, die zueinander kausale, finale, implikative, paradoxe, antinomistische und andere Verhältnisse auf weisen können. Kurz: Sinn wird durch und als Bezüglichkeit konstituiert.

Für Interaktion gilt diese Definition auch und gerade. Sinn wird hier erlebbar, wenn zwei Intentions- und Akti onsträger (Menschen, Eier, Grashalme) so agieren, daß eine Aktion mittels ihrer Erfahrung durch den anderen Aktionsträger zu einer anderen Aktion Grund bildet, die dieser andere Aktbnsträger vollzieht, und es dann zu einer weiteren Erfahrung und Aktion vom ersten Aktionsträger kommt usw. Sobald zwei Subjekte zueinander in das Verhältnis von Kommunikation treten, entsteht Sinn. Da das schizoide Selbst nie unmittelbar mit etwas anderem als es selbst in Beziehung treten kann, erfährt es auch keinen Sinn mehr. Daher rührt das Gefühl der Sinnlosigkeit, der Ziellosigkeit, Leere. Sinnlos ist der Tod, denn er ist das Ende aller Verhältnisse. (Ein mögliches Verhältnis zwischen Menschen, Eiern und Grashalmen ist das Ostereiersammeln im Garten.) In Beziehung treten kann das schizoide Selbst nur noch zu den Objekten seiner Phantasie und den im Körper eingebürgerten Personen. Hier baut sich auch ein Sinn auf. Aber eben nur als System der Phantasie. Während ein verkörpertes Individuum von den Interaktionen mit anderen her Sinn erfährt und merkt, daß es von außerhalb seines eigenen Seins her durch Aktionen und Reaktionen bestätigt wird, fehlt für das schizoide Selbst jede Bestätigung seines Phantasiesystems von außen. Es ist auf sich allein gestellt in der Sinnkonstruktion. Noch schlimmer: die Außenwelt trägt völlig andere Sinnkonstitutionen an das Selbst heran, die im stroffen Gegensatz zum eigenen Sinnerleben stehen und dieses dadurch eher zerstören als bestätigen. In dieser Situation ist das Aufrechterhalten von Sinn außergewöhnlich schwer. Gleichzeitig führt diese Sinndivergenz noch tiefer in die Phantasiewelt hinein, die vor der Bedrohung durch fremde Sinnkonstellationen nur durch völlige Abspaltung von der Realität aufrechtzuhalten ist. Die Isolation von der Realität wächst mit wachsender Sinndivergenz. Man katapultiert sich in ewige einsame Isolation.

Tateinheit

„Das wahre Sein des Menschen ist vielmehr seine Tat; in ihr ist die Individualität wirklich, und sie ist es, welche das Gemeinte in seinen beiden Seiten aufhebt.“(Hegel, WW III, 242) So erfährt sich der verkörperte Mensch, als wesenseins mit seinem Verhalten, er verhält sich. Nur aus seinem Verhalten kann er sich erkennen, er erfährt sich nie unmittelbar, sondern stets durch sein Verhalten. Er ist, was er tut. Die Person ist das Werk. Jede Tat ist die Offenbarung der Person. Wer Sichtbarkeit fürchtet, wird sich nicht offenbaren wollen. Er wird nichts tun oder jede Tat als uneigentliche Seinsmöglichkeit hinstellen. „'Er', sein 'Selbst', ist endlose Möglichkeit, Fähigkeit, Intention. Der Akt ist immer das Produkt eines falschen Selbst. Der Akt oder die Tat ist niemals seine wahre Realität, er möchte 'dem objektiven Element' ständig unverpflichtet bleiben - darum ist die Tat immer (oder zumindest glaubt er, sie ist) eine vorgetäuschte, eine vermeintliche Verrichtung, und er kultiviert vielleicht so weit er kann diese 'innere' Negation all dessen, was er tut, in dem Bemühen, alles, was er tut, als 'null und nichtig' zu deklarieren“(Laing, aaO l09). „Aber seine Freiheit und seine Omnipotenz werden in einem Vakuum exerziert und seine Kreativität besteht bloß aus der Fähigkeit, Phantome zu erzeugen. Die innere Aufrichtigkeit, Freiheit, Omnipotenz, Kreativität, denen das 'innere' Selbst als seinen Idealen huldigt, werden darum aufgehoben durch ein koexistierendes, quälendes Gefühl der Selbstduplizität des Mangels an wirklicher Freiheit, der äußersten Impotenz und Sterilität.“(ebd.) Diese innere Aufrichtigkeit ist dabei allerdings flugs wieder eine totale Determination aus gesellschaftlichen Verhältnissen. In ihrer Abstraktheit, die jeder absoluten Aufrichtigkeit innewohnt, wird gerade sie, ein nie-und-nimmer-wirklich-selbstisches, dem wahren Selbst zum Verhängnis. Die angebliche Omnipotenz der wahren Möglichkeiten des Selbst entpuppt sich dann im Klartext als Impotenz. War anfänglich das Sich-Distanzieren von dem eigenen Verhalten nur ein Mittel, um vor der Gefahr des Sichzuerkennengebens und Definibelmachens sich zu schützen, so wird es später dem wahren Selbst gar nicht mehr möglich, sich durch Taten zu offenbaren, auch wenn es wollte. Die anfängliche Illusion ist zur Wahrheit geworden. Das Selbst lebt in einer anderen Welt und jeder Kontakt ist abgerissen.

Aushungern im belagerten Versteck

„Das Selbst fühlt sich natürlich nur sicher im Versteck, in der Isolation. So ein Selbst kann natürlich zu jeder Zeit isoliert sein, ob andere Leute anwesend sind oder nicht. Aber das funktioniert nicht. Keiner fühlt sich mehr 'verletzbar', keiner fühlt sich mehr durch den Blick einer anderen Person preisgegeben als das schizoide Individuum.“(Laing, aaO 93) Die Abgrenzung gegen die äußere Bedrohung bewirken die Auflösung und das Zerbrückeln von innen. Es kommt zur fortschreitenden Paralyse. Die Situation ist paradox. Gerade das Befürchtete wird durch seine Abwehr heraufbeschworen. „Wer sich aber verstockt bei seinem bloßen Sosein, weil ihm alles andere abgeschnitten ward, fetischisiert es dadurch. Losgelöste, fixierte Selbstheit. wird erst recht zu einem Äußerlichen, das Subjekt zu seinem eigenen Objekt, das es pflegt und erhält. Das ist die ideologische Antwort darauf, daß der gegenwärtige Zustand sichtbar allerorten jene Ich-Schwäche produziert, die den Begriff von Subjekt als Individualität auslöscht.“(Adorno, Jargon der Eigentlichkeit, Frankfurt am Main (Suhrkamp) 1971, 102)

Schizophrene sind nicht zu dumm, um zu merken, wie sie verarmen, nicht nur an Affekten. Ihr nichtiges Vakuumdasein macht ihnen zugleich wieder Sehnsucht auf den scheinbaren Reichtum der bunten Welt. Ihre Strategie ist aber auch in jeder Hinsicht paradox. „Nach dem Reichtum dort verlangt man im Gegensatz zu der Leere hier; dennoch wird Teilnahme ohne Verlust des Selbst als unmöglich empfunden und ist auch nicht genug, und darum muß das Individuum an seiner Isolierung festhalten ... weil es dadurch an seiner Identität festhält. Es sehnt sich nach vollständiger Vereinigung. Aber gerade diese Sehnsucht erschreckt es, weil es das Ende seines Selbst bedeuten wird. Es wünscht keine Relation wechselseitiger Bereicherung und wechselseitigen Austauschs, des Gebens und Nehmens zwischen zwei einander 'kongenialen' Wesen. Es kann sich keine dialektische Beziehung vorstellen.“(Laing, aaO 113) Darum ist das arme Selbst eifersüchtig auf die reiche Welt und beginnt, diese sehnend zu hassen. Der Haß aber treibt es wiederum weiter weg von dem Ersehnten. Eine Zerreißen der Seele unter Schmerzen. Alles mündet in tragischer Perfektion der Scheiterns.

Identität als Problem und Hobby

Die Frage nach der Identität steht ins Haus. Die Theologien haben sie teils zur Grundfrage unserer Neuzeit erklärt, teils zum Hobby. Solange die bedrohte Identität für die Bedrohten selbst noch ein Problem bildet, solange ist die lebenserfahrene Bezeichnung der Identitätsfrage als eines Hobbythemas von utopischer Natur; der weniger Fortgeschrittene muß bei ihr verharren, bis sie ihn nicht mehr nötigt. Da das Identitätsproblem komplex ist, muß einfach begonnen werden.

Metaidentitäten

Kein Mensch ist für sich. Er ist mit anderen. Daher ist seine Identität keine streng logizistische Sichselbstgleichheit. Sondern sie ist ein Verhältnisbegriff in Interaktionen und -erfahrungen. Kaum ein menschliches Verhältnis ist dem anderen gleich, wenn auch die verwaltete Welt uniforme Verhältnisse wuchern läßt. Darum ist ein Mensch auch nicht für alle der gleiche. „Diese Alterationen meiner Identität, indem ich ein anderer für dich, ein anderer für ihn, ein wieder anderer für sie (sing.), an noch anderer für sie (pl.) werde, werden in mir zu vielfach facettierten Meta-Identitäten oder Vielfachbildern vom anderen, für den ich mich bei den anderen halte - des anderen, der ich in meinen Augen für die (den) anderen bin. (...) Wir haben ein ego und ein alter. Wir stellen fest, daß ich mein eigenes Bild von mir selbst habe (direkte Perspektive), im Sinne dessen ich meine Selbstidentität bestimme. Jedoch ist Selbstidentität eine Abstraktion.“(Laing, Phillipson, Lee, Interpersonelle Wahrnehmung, Frankfurt/Main 1973, 15)

Der Flirt

Eva sieht Marcel. Marcel sieht Eva. Eva sieht, daß Marcel Eva anschaut. Marcel sieht, daß Eva ihn anschämt. Marcel findet Eva anziehend und sagt ihr mit seinem Blick: du bist für mich anziehend. Eva erfährt, daß sie anziehend ist. Damit hat sie eine Identität angeboten bekommen, die sie ablehnen kann - wenn sie das Gegenteil zu sein meint - oder akzeptieren - wenn sie einverstanden damit ist, anziehend zu sein. Sie hat in nicht repressiver Form ein Identifikationsangebot erhalten, das sich in jedem Fall auf ihre Selbstidentität auswirkt: sie hat die Metaidentität eines schönen Mädchens. „Die Anderen sagen einem, wer man ist. Später wird man dann die Art und Weise, wie einen die Anderen definiert haben, bekräftigen oder zu entkräften suchen. (...) Doch wie auch ihre besonderen späteren Veränderungen aussehen mögen, die erste soziale Identität wird einem zugeteilt. Wir lernen, die zu sein, die wir nach dem Urteil der Anderen bereits sind.“(Laing, Das Selbst und die Anderen, 99) Eine Mutter wird ihr Kind als Kind behandeln. Darum meint dies, es sei ein Kind. Später wird es einmal kein Kind mehr sein. Dann muß es anfangen, sich zu wehren, von der europäischen Mutter weiter als Kind behandelt zu werden. Europäische Mütter sollen mal einen Kursus mitmachen, wie man Kinder freigibt.

Kollusionäre Tricks in Dyaden

Indem man einen Menschen so behandelt, als ob er dumm sei, erreicht man, ihm glauben zu machen, er sei dumm - denn er ahnt ja nicht, daß man nur tut als ob. Wenn er aber glaubt, er sei dumm, so ist allein dies schon der erste Akt von Dummheit; wir haben ihn also da, wo wir ihn hinhaben wollen. Jetzt sagen wir ihm das auch noch und er erkennt, daß er keine andere Wahl hat als die Dummheit. Max Frisch sagte in „Andorra“ gegen die Bildnismacher, daß sie die Menschen zum Abbild ihres Bildnisses machen. Das ist das Problem bei der Identität.

Eva erfährt Jürgen durch dessen Verhalten. (Jürgen ist mit seinem Verhalten identisch, vgl. Hegel, WW III, 242) Sie verhält sich aufgrund ihrer Erfahrung zu Jürgen. Jürgen erfährt Eva durch ihr Verhalten. Daraufhin verhält er sich wiederum zu Eva, usw.

Dieses System bildet einen geschlossenen Kreislauf von Kommunikation. Er ist ununterbrechbar außer durch Trennung. Man kann sich nicht nicht verhalten. Auch Katatonie ist ein Verhalten. Es teilt den Willen mit, nicht zu kommunizieren. Die einzige Möglichkeit, die Erfahrung abzustellen, besteht im Schlaf, der Narkose oder der Trennung.

Unsere Erfahrung als Sozialisationsprodukt setzt sich zusammen aus

1. der Person des anderen an sich

2. der unstrukturierten Wahrnehmung

3. der Interpretation, die nach gesellschaftlichen Werten,

 Programmen und Kriterien selektiert

4. den eigenen Erwartungen

5. den eigenen Phantasien.

Die Interpretationskriterien, aufgrund derer man aus dem Verhalten des anderen selektiert, sind aus durch frühkindliche Erfahrungen und kulturell-moralische sozialisation vermittelten Internalisationen von gesellschaftlichen Formen abgeleitet. Diese Kriterien sind zumeist unbewußt.

„Man schätzt, daß der Mensch pro Sekunde 10 000 exterozeptive und propriozeptive sinneswahrnehmungen aufnimmt. Dies erfordert eine drastische Auswahl jener Wahrnehmungen, die den höheren Hirnzentren zugeleitet werden, da diese sonst mit unwesentlicher Information überschwemmt und von ihr blockiert würden. Die Entscheidung jedoch, was wesentlich und was unwesentlich ist, ist offensichtlich von Mensch zu Mensch sehr verschieden und scheint von Kriterien abzuhängen, die weitgehend außerbewußt sind. Aller Wahrscheinlichkeit nach ist das, was wir subjektiv als Wirklichkeit empfinden, das Resultat unserer Interpunktionen“ (Watzlawick, aaO 92). Erfahrung ist, indem sie zur Erkenntnis wird und strukturiert, entwirrt, selektiert, schon ganz ein Produkt von sozialer Dimension. Mag Erfahrung auch die einzige Evidenz sein, so ist sie nicht weniger vermittelt. Nur der erste blöde Blick des Babys in die sterile Kreißsaalluft ist noch unmittelbarste Erfahrung.

Intererfahrung, Faktoren von Erfahrung

Durch Bestätigungen, Zuschreibungen und Anweisungen kann Eva Marcels Identität beeinflussen. Wenn man unter Identität die Dialektik von Marcels Selbstbild von sich und Marcels Bild von dem Bild, was Eva von ihm hat, versteht, dh Dialektik von direkter Identität und Metaidentität(en), so kann durch die Beeinflussung von Marcels Metaidentität durch Eva Marcels direkte Identität verändert werden. Eva beeinflußt Marcels Metaidentität, indem sie ihm zuschreibt, er sei eingebildet. Marcel hat jetzt vor Eva die Möglichkeit der Bestätigung. Bestätigung kann in verschiedenen Schattierungen ausfallen.

1.Volle Bestätigung: Stimmt, ich bin eingebildet.

2. partielle Zurückweisung: Naja, manchmal vielleicht.

3. abschweifende Reaktionen: Du bist arrogant, mich eingebildet zu nennen.

4. totale Zurückweisung: Nein, ich bin nicht eingebildet.

5. totale Nichtbestätigung: Was für ein schöner Tag!

Insgeheim glaubt Marcel, auch wenn er leugnet, doch, daß Eva nicht völlig unrecht hat. Zumindest wirkt er auf sie eingebildet. Das beunruhigt ihn. Liebt er Eva, so wird er versuchen, sich so zu verhalten, daß Eva ihn künftig nicht mehr als eingebildet empfindet. Er gewöhnt sich mönchische Demütigkeit an. Er wird ihr Dackel. So gelingt es Eva, Marcel dahin zu bringen, seine Identität auf das Selbstverständnis eines Dackels hin zu verändern. (Empfehlung an Marcel: Lieber nicht lieben.) Warum sagte Eva Marcel, er sei eingebildet? Weil sie einen Dackel braucht. Ohne Dackel fühlt sie sich nicht so richtig als volle Person. Ohne Geliebten wird keine Liebhaberin zu ihrer Identität kommen, sie ist abhängig von einem Mensch,: der die komplementäre Identität ausfüllt, der u.U. dackelt.

Zwischen der vermuteten Metaidentität (meinen Bild von deinem Bild von mir) und der tatsächlichen Metatidentität besteht meist eine Diskrepanz, da die Mitteilungen über die Bilder, die jeder vom anderen hat, zumeist auf analoger Ebene verlaufen und daher weniger eindeutig sind als digital vermittelte Beziehungsaspekte. Je stärker die Definition der jeweils anderen Person auf die digitale Ebene umgelegt wird, desto stärker werden die vermuteten mit den tatsächlichen Metaidentitäten übereinstimmen. Dies ist ein Ziel von Therapien. Bei Leuten mit ausgeprägten Phantasiesystemen wird die Nichtübereinstimmung bis zur völligen Unvergleichbarkeit der tatsächlichen und der eingebildeten Metaidentität gelangen. Unter solchen Umständen ist eine Kommunikation äußerst schwierig, wenn nicht gar unmöglich.

Gleich und gleich gesellt sich gern, wie Gegensätze sich anziehen. In solcher Banalität liegt die Weisheit, daß jeder bemüht ist, möglichst mit solchen Leuten Beziehungen zu haben, die in ihm genau das sehen, was er meint zu sein oder gerne sein will. „Das setzt voraus, daß ich einen anderen finde, dessen Kriterien mit den meinen übereinstimmen. (...) Mein Zentrum der Anziehungskraft könnte nämlich der andere, der ich fürden anderen bin, werden.“(Laing, Phillipson, Lee, Interpersonelle Wahrnehmung, aaO 27) Dabei findet also eine Verlagerung des dialektischen Identitätszusammenhangs von der Selbstidentität auf fast ausschließlich die Metaidentität statt. So ist jedes Sein-für-sich-selbst nur noch als Funktion des Seins-für-den-anderen möglich; echte Intimität und Autonomie zerfällt. Wenn sie überhaupt einmal war.

Die Veränderung der Identität des anderen kann für das Selbst eine sehr komplexe Gestalt annehmen. Otto will Ina verändern. Er wirkt zunächst auf seine Erfahrung von Ina ein. Er projiziert auf Ina seine Erwartungen, seine Phantasien und den Text seiner Kriterien für die Deutung und Bedeutung von Verhalten (Redundanz). So beginnt er in Ina jemand zu sehen, der Ina gar nicht ist, wenn man sie fragen würde, wie sie von sich meine zu sein. Nach dieser projizierten Erfahrung von Ina agiert Otto auch. Er reagiert auf sie wie auf eine Mutter, dabei glaubte Ina, seine Geliebte sein zu wollen, dürfen, können und zu sein. Jeder Löwe nimmt schwer übel, wenn man ihn wie eine Maus behandelt. Er bekommt das Gefühl, man verkennt ihn, versteht ihn nicht. Weil er sich unverstanden glaubt, fühlt er sich gekränkt. Das kann böse Folgen haben. „Eine jede Projektion ist mit der gleichzeitigen Negierung dessen verbunden, was die Projektion ersetzt. Projektion bezieht sich auf einen Modus des Erfahrens eines anderen, indem man seine Außenwelt vom Standpunkt seiner Innenwelt erfährt. Anders ausgedrückt: Man erfährt die Wahrnehmungswelt vermittels seiner Phantasiewelt, ohne gewahr zu werden, daß man das tut.“(Laing, Phillipson, Lee aaO 29) Indem Ina nun Ottos Verhalten erfährt, wird ihr Ottos Bild von ihr als Mutter auf analoge oder digitale Weise vermittelt und sie erkennt, daß Otto sie für seine Mutter hält. Wenn sie ihrem eigenen Selbstverständnis Glauben schenken will, wird sie Ottos Bild von ihr für falsch halten und ihm dies mitteilen, indem sie z.B. mit seinem Schwanz anfängt zu spielen. Denn das machen nur Geliebte, keine Mütter. Oder sie kann ihm verbal mitteilen, daß er sich irrt, sie wolle ihn nicht bemuttern, sondern seine Geliebte sein. Nun kann Otto entweder seiner Projektion beihalten und Ina weiterhin solange wie eine Mutter behandeln, bis Ina entweder sich seiner Projektion anpaßt oder sich von ihm trennt. Oder er gibt seine Projektion auf und behandelt Ina als Geliebte, dh fängt an, mit ihr zu spielen.

Übereinstimmung, Verstehen und Realisation

Noch komplexer wird es in den Metametaebenen der gegenseitigen Identifikationen und Projektionen. Mein Bild von deinem Bild von meinem Bild von dir. Es kann auf der Übereinstimmung der primären Identifikationen aufgebaut sein. Otto und Ina können sich übereinstimmend als Geliebte identifizierten. Auf der Metaebene zu dieser Übereinstitnmung (oder Nichtübereinstimmung) können sie nun verstehen, (oder nicht verstehen), daß sie übereinstimmen. Otto weiß, daß Ina weiß, daß er ihr Geliebter ist. Er weiß, daß Ina weiß, daß er weiß, daß sie es auch weiß. Auf einer Dritten Ebene können beide nun noch realisieren, daß sie verstehen, daß sie übereinstimmen. Das ist herrlich, sie haben dann keine Probleme über ihre Beziehung und können nun im Bett beginnen, sich auf die Revolution der gesellschaftlichen Verhältnisse vorzubereiten, denn ie beginnt im Bett. Zwischen Übereinstimmung, Verstehen der Übereinstimmung und Realisation des Verstehens der Übereinstimmung - oder das ganze mit den verschiedensten Variationen mit einem 'nicht' davor, - gibt es die weitesten Nuancen der gegenseitigen Identitätsbestimmungen und Projektionen. Sieht man den Inaktionsspielraum einer Zwiebeziehung als einen Kreis von (Erfahrung Otto) (Verhalten Otto) (Erfahrung Ina) (Verhalten Ina) (Erfahrung Otto) usf, so bildet die Reflexion einer Beziehung auf die drei (und mehr) Ebenen von Kongruenz beider Erfahrungen oder Divergenzen eine Spirale. Der Kreis läuft allerdings zugleich auch andersherum, denn von der ersten Sekunde einer Beziehung an sieht jeder jeden, macht sich jeder von jedem ein Bild, agiert jeder zu jedem. So kann man sagen, daß diese Identitätsspiralen reziprok ineinander verschränkt laufen und bei jedem Kommunikationsakt - wenn auch unbewußt - alle drei Ebenen der gegenseitigen Einschätzung (Übereinstimmung, Verstehen der Übereinstimmung, Realisation des Verstehens der Übereinstimmung) mitschwingen. Natürlich erhalten alle Erfahrungen durch ihre Phantasie, Programm- und Wertkomponenten eine Bedingtheit durch vergangene Erfahrung, die sich durch Entwicklung eines bestimmten Erwartungshorizontes an den anderen auch auf die Zukunft hin überträgt.

Projektionsspiralen und Autonomie

Das entscheidende Problem in diesen Spiralbildungen gegenseitiger Projektionen und Identifikationen liegt da, wo der eine des anderen Identitätsvorschläge, als welche man ja jede verhaltensmäßige Vermittlung der Projektion und Identifikation ansehen kann, akzeptiert oder nicht. Ob er seine Selbstidentität von seiner Metaidentität her ableitet und sich völlig passiv identifizieren läßt - oder eine so starke Selbstidentität hat, daß er fähig ist, die Metaidentitäten abzuweisen, die in absoluter Diskongruenz zu seinem eigenen Verständnis von sich stehen. Ohne sich dabei aber von den Metaidentitäten völlig zu isolieren wie der Schizophrene.

Wiedergeburt als Neuerfindung des Selbst

Eine gefestigte Selbstposition in diesem Sinne ist nicht apriorisch vorhanden, sondern muß den Metaidentitäten abgetrotzt werden. Von der Fremdbestimmung seiner Identität muß jeder den Weg finden zu der Selbstbestimmung derselben. Das führt über Reflexion und Reue. Das Ich, zu dem einen die anderen gemacht haben, erkennt sich in seiner Gemachtheit und überschreitet sich, indem es gewisse Strukturen seiner Selbst im Begriff aufhebt, negiert, auf einer neuen Ebene als Mittel zu seiner Selbstdefinition und -infinition benutzt. Das Selbst benutzt sein altes Selbst, um aus diesem Stoff den Tempel in drei Tagen oder mehr, oft und gern in einer Psychose, vielleicht unter Zuhilfenahme von Hasch, LSD oder anderen süßen Sachen, vielleicht auch unter unerhörter Anstrengung des Begriffs (Hegel) wieder aufzubauen. Es wird zu seinem eigenen Geburtshelfer und arbeitet mit dem Lehm, der vom mißlungenen Topf, den seine Eltern gemacht haben, nochmal eingeweicht wird, bevor er durchs Brennen hart wird. Die Befreiung des Selbst von alten Identitäten ist ein Anfang seiner Autonomie. In der guten Psychose fallen sie wie Eierschalen ab und das Ich tritt hervor und baut aus den Schalen neue Gefäße, deren es sich zum Leben bedient. Es ist wiedergeboren.

Doch von solchermaßen exodierter Abfahrt in die neuen Möglichkeiten mit ihren Hoffnungen und dem starken, sich stärkenden Ich, daß auch dem Faschismus zu widerstehen instande ist, nun zurück in tiefste Ausweglosigkeiten in zwischenmenschlichen Beziehungen - dem Tragödienstoff ohnegleichen. Für das ichschwache Selbst bedeuten alle Metaidentitäten, die es aus den verschiedenen Beziehungen erhält, eine Bedrohung. Durch Bestätigung eines falschen Selbst kann es tatsächlich sich so an seine vom anderen falsch gemachte Metaidentität anklammern, daß es diesem Phantom, das es nicht ist, verfällt und so wird, wie es bestätigt wurde. Das Kind, dessen Mutter sagt, es sei ein Engel und solle seinen Pimmel nicht anfassen, wird später geschlechtslos sein wollen und verdammt IHN statt sich seiner zu erfreuen.

Falsche Selbst-Systeme Schizophrener sind oft das Ergebnis von Projektionen anderer und Bestätigung der falschen Selbstsysteme, zu denen der Schizophrene dann wird. Kollusion ist gegenseitiges Vorspielen von falschen Rollen, die den jeweils anderen zu komplementären Rollen zwingen, es sei denn er verweigert die Kommunikation und steigt aus, indem er weggeht oder -was dasselbe ist - in sich geht und nicht wiederkommt. Das Spiel ist gegenseitige Selbsttäuschung, wobei es dazugehört, gerade dies nicht zuzugeben. „Die Kollusion des Anderen ist erforderlich als 'Komplement' der Identität, die das Selbst aus einem inneren Zwang heraus aufrechterhalten muß. Man kann eine eigenartige Form von Schuld erfahren, die, glaube ich, für diese Disjunktion bezeichnend ist. Wenn man Kollusion verweigert, fühlt man sich schuldig, weil man nicht die Verkörperung des vom Anderen für seine Identität benötigten Komplements ist oder wird. Gibt man aber tatsächlich nach, läßt man sich tatsächlich dazu verleiten, wird man seinem eigenen Selbst entfremdet und macht sich deshalb des Selbst-Verrats schuldig.“(Laing, Das Selbst und die Anderen, aaO 117) Diese Aussage gilt auch in jeder Rolle. Der Patient, der sich dem Psychiater nicht mitteilt, wenn er nicht will, muß es schon allein aus diesen Schuldgefühlen heraus, dabei verrät er sich. Das gleiche gilt in allen gesellschaftlich vorgefertigten Rollen, die den sie einnehmenden Individuen nicht gerecht werden. Also für alle Rollen. Außer der Rolle, zu spielen, eine Rolle zu spielen.

Ein Mensch hat subtilste Möglichkeiten, Herrschaft über einen anderen auszuüben und ihm Verhaltens- und Seinsanweisungen zu erteilen. Die Bestätigung dessen im anderen, was dieser als ichfremd empfindet, man selbst aber gut gebrauchen kann, die Projektion, Abschweifreaktionen auf Partikel des anderen, die man ablehnt, Zurückweisungen, Betonung nebensächlicher Aspekte des anderen, Verwirrung des Ich-Du-Verhältnisses, statt einen bestehenden Konflikt zur Klärung zu bringen - das sind einige Grundmuster von Herrschaftseinfluß.

double bind – Schlüsselstruktur schizophrenogener Beziehungen

Die grundlegende Struktur für verwirrende Beziehungen ist die Doppelbindung. Einer bringt einen anderen oder sich selbst oder beide - oder beide bringen einander in eine für einen oder beide unhaltbare Situation. Sie macht die anderen - mit Sartre - zur Hölle. Schizophrenie entsteht aus solchen Doppelbindungen als Versuch, wo man physisch nicht herauskommt, wenigstens psychisch abzuhauen, indem man sich in sich selbst ins Inkognito zurückzieht und alle Spuren der Kenntlichkeit hinter sich wegwischt.

Man hat die Familien Schizophrener analysiert und erkannt, daß ganze Familien solche Doppelbindungsstrukturen als durchgehendes Kommunikationsmedium gebrauchten und jeden mit hineinziehen, der sich nicht retten kann durch extreme Verweigerung oder die Fähigkeit, sie zur Metakommunikation über ihre Verhaltensstrukturen zu bewegen. In solchen Familienkontexten wirkt das schizophrene Sein als völlig angemessene Reaktion. Es ist in keiner Weise abnorm.

Jeder fünfte Insasse einer Nervenheilanstalt wird wegen Schizophrenie eingewiesen. Diese Krankheit verbreitet sich. In Vietnam kennt man sie nicht. Sie scheint kulturbedingt zu sein. Klassisch formuliert wurde die paradoxe Kommunikation erstmals 1956 von der Forschergruppe um Gregory Bateson. (Gregory Bateson/ Don D. Jackson/ Jay Haley/ John Weakland, Toward a theory of schizophrenia, in: Behavioral Science, Palo Alto (Wiley) 1956; Gregory Bateson/ Don D. Jackson/ Jay Haley/ John Weakland, Schizophrenie und Familie, Frankfurt/Main (Suhrkamp) 1969)

Zur klassischen double bind gehören folgende Bestandteile:

„1. Zwei oder mehr Personen. (...)

2. Eine sich wiederholende Erfahrung. (...)

3. Ein primäres negatives Verbot. (...)

4. Ein sekundäres Verbot, das mit dem ersten auf einer abstrakten Ebene im Konflikt steht und das wie das erste durch Bestrafungen oder Signale durchgesetzt wird, die das Fortleben bedrohen. (...)

5. Ein tertiäres Verbot, das das Opfer daran hindert, das Feld zu räumen. (...)

6. Schließlich ist dieser ganze Komplex von Elementen nicht mehr notwendig, wenn das Opfer gelernt hat, sein ganzes Universum in einer Struktur von Doppelbindungen wahrzunehmen. Fast jeder Teil einer Doppelbindungssequenz kann dann schon genügen, um Panik oder Wut her aufzubeschwören. Die Struktur von Verboten, die im Konflikt zueinander stehen, kann sogar von halluzinierten Stimmen übernommen werden.“(op. cit. in: Behavioral Science, 1956, 25l)

„Der Eine teilt dem Anderen mit, er solle etwas tun, und gleichzeitig teilt er ihm auf einer anderen Ebene mit, er solle es nicht tun oder er solle etwas anderes tun, das sich damit nicht vereinbaren läßt. Die Situation wird, für das 'Opfer' durch ein zusätzlicher Opfer besiegelt, das ihm untersagt, aus der Situation herauszukommen oder sie dadurch aufzulösen, daß er sich dazu äußert. Das 'Opfer’ ist so in einer 'unhaltbaren' Position. Es kann nichts unternehmen, ohne daß es zur Katastrophe kommt.“(Laing, Das Selbst und die Anderen, aaO 157) Die Bedeutung der beiden paradoxen Anweisungen ist unentscheidbar. Doppelbindungen führen nicht zwangsläufig zur Schizophrenie, aber begünstigen sie außerordentlich.

Es liegt nicht nur ein Widerspruch vor, sondern dazu noch die Unmöglichkeit, den Widerspruch zu erkennen. Das verwirrt. „Im Fall der widersprüchlichen Handlungsvorschrift bleibt also die Wahl logisch möglich. Die paradoxe Handlungsvorschrift dagegen macht die Wahl selbst unmöglich: Weder die eine noch die andere Alternative steht tatsächlich offen, und ein selbstverewigender, oszillierender Prozeß wird in Gang gesetzt. (...) Im Fall der Doppelbindungen ist diese zunehmende Verhaltenseinengung besonders drastisch, und nur ganz wenige Reaktionen sind pragmatisch möglich.“(Watzlawick aaO 201)

Doppelbindungen sind also ausweglose Kommunikationsweisen, sie verschlingen alles, was in ihren Bereich kommt, sie sind der Strudel, in dem man nur tiefer und tiefer hinuntergerissen wird bis zum Untergang. Sie sind perfekte Dekadenzen menschlichen Seins - welches durch Freiheit kenngezeichnet ist. Sie lassen menschliche Existenz scheitern.

III. Neurosen und Psychosen soziologisch

Soziologische Aspekte dürfen nicht fehlen, will man das Entstehen von Neurosen und Psychosen nicht als isolierte kontingente Individualdeformationen sehen. Denn bei aller eingestandenen Kontingenz fallen doch ein ganzes Bündel von Determinismen auf, die paulinische Traurigkeit (2. Kor 7,10) in solidarischer Nachfolge Jesu und seiner Inkarnation in den leidenden Leibern und Seelen der Irren, die das Sterben Jesu an ihrem Leib tragen, mitten im Leben in den Tod gegeben (2. Kor 4,9-11) zu erwecken geeignet scheinen. Die vom Sample her bislang umfassenste Studie über den Zusammenhang von „sozialer Schicht“ und Pychopathiehäufigkeit ist die „New Haven Study“ (August B Hollingshead/ Fredrick C. Redlich, Social Class and Mental Illness, New York (Wiley) 1958) Folgende Schichteinteilung wurde vorgenommen:

 

l               Besitzer und Leiter von großen Betrieben oder Instituten mit Universitätsabschluß

II             Das mittlere Management, eine sehr Status- und aufstiegsbewußte Gruppe

III            Angestellte, kleine Geschäftsleute, Techniker

IV            Facharbeiter, konsolidierte Einwanderer

V             An- und Ungelernte Arbeiter, Einwanderer, heruntergekommene Yankees, im wesentlichen Slumbevölkerung

 

Die Gruppe der innerhalb eines Halbjahres in Behandlung befundenen Psychiatriepatienten (1891 Leute) wird prozentual verglichen mit einer Stichprobe aus 5% der insgesamt ca. 250.000 Leute zählenden „normalen“ Bevölkerung. Dabei kam folgende Relation heraus:

Bevölkerung %
Schicht Kranke Stichprobe der Normalen
I 0,0 3,0
II 7,0 8,4
III 13,7 20,4
IV 40,1 49,8
V 38,2 18,4

 

Die Häufigkeit der Erkrankungen nimmt mit Abstieg der Sozialen Schicht zu. Je ärmer und Heruntergekommener, desto kranker. Eine zusätzliche Differenzierung zwischen Neurosen und Psychosen (deren psychiatrischer Unterschied nur die Schwere der Krankheit in allgemein übereinstimmendem Urteil ist - ansonsten variieren die Unterscheidungen von Theorie zu Theorie) ergibt folgendes Bild

Schicht % Neurosen % Psychosen
I + II 65 35
III 45 35
IV 23 77
V 9 91

Hier wird recht krass sogar deutlich, daß die Patienten der unteren Schichten - soweit sie sich überhaupt einer Behandlung unterzogen - fast ausschließlich wesentlich schwerere Erkrankungen haben als die zur Behandlung kommenden Patienten der oberen Schichten. In der Unterschicht (V) trifft man achtmal soviel Psychotiker wie in den Oberschichten. Also nimmt sowohl Häufigkeit als auch Schwere des Leidens mit absteigender sozialer Schicht zu. Allerdings ist zu vermuten, daß die Neurotiker der Unterschicht in obiger Tabelle erheblich unterrepräsentiert sind mit nur 9%, da die Bereitschaft zur psychiatrischen Behandlung in der Unterschicht minimal ist und die Leute sich bei leichteren Erkrankungen möglichst noch fernhalten vom psychiatrischen Apparat. Das kann man aus der Einweisungsstatistik der New Haven Study schließen:

 

 

(psychotische Ersterkrankungen)
Schicht I+II III IV V
Einweisungsinstanz  
Privatärzte 21,4 59,4 44,1 9
Krankenhausärzte - 6,2 16,3 13
soziale Agenturen - - 7,4 19,6
Polizei und Gericht - 4,8 18,9 52,2
Familie und Freunde 42,9 17,2 8,1 2
Selbst 35,7 60,2 2,6
andere Fachleute - 6,2 2,6 4,2

(Die aufgeführten Daten sind entnommen aus: Gleiss, Seidel, Abholz, Soziale Psychiatrie, Zur Ungleichheit in der psychiatrischen Versorgung, Fischer Tb, Frankfurt/Main 1973, 41f, 116)

 

Selbst in schweren Fällen gehen also Unterschichtspatienten nicht von sich aus und nur selten von ihrem Freundes und Familienkreis überredet zur Behandlung. Über die Hälfte wird zwangseingewiesen. Vermutlich hängt das mit der geringen Internalisierung des Überichs in der Unterschichterziehung zusammen, die Konflikte zumeist außenlenkt. Da für schwere Erkrankungen ohnehin eine längere Zeit für die Heilung benötigt wird und vor allem jede Heilung die Mithilfe des Patienten vorraussetzt, ist die Chance für Heilung bei den Unterschichtspatienten erheblich hochgradiger aussichtslos als bei den mit leichteren Neurosen im Frühstadium schon von selbst in Behandlung kommenden Oberschichtspatienten. Begründet ist dieses Verhalten bei der Einweisung in dem unterschiedlichen Krankheits- oder Normalitätsbegriff von Unter- und Oberschicht.

In der Unterschicht gilt - auch in somatischen Leiden - ein viel größeres Spektrum von Eigenheiten- als „normal“ als in der Oberschicht, die sehr stark an die Krankdefinitionen der Herrschenden Psychiatrie angepaßt sind, weil sie ja auch die herrschenden Normen und deren Exekutivinstitutionen produziert und innehat (Schulen, Gerichte, Medien, kulturelle Publikationen usw.)

Diese Ergebnisse lassen sich zurückführen auf die für die Über- und Unterschicht jeweils verschiedenen Produktionsbedingungen und die Art der hiervon herleitbaren Streßbedingungen. Das Ansteigen von Psychiatriefällen in wirtschaftlichen Krisenzeiten (Gleiss, Seidel, Abholz, Soziale Psychiatrie aaO 53) ist auf die psychische Belastung durch drohende Arbeitslosigkeit und damit verbundenes materielles Elend zurückzuführen. Wenn schon das Bevorstehen von Arbeitslosigkeit psychisch drückt, wieviel mehr ihr Eintritt. Neurosen und Psychosen sind unbewältigte und übermächtig gewordene Angstzustände, wie oben eingehend erläutert. Bei Arbeitslosigkeit hat die Angst ihre ökonomische und überaus reale Grundlange. Sie ist die unmittelbare Sorge um die Erhaltung der nackten Existenz. Diese Angst um Arbeitsplatz und Verdienst gehört im Kapitalismus zur Grundbefindlichkeit dazu, von Heidegger verontologisiert. Diese Angst verhindert heute jede solidarische Befreiung der Arbeiter von ihrer Fremdbestimmtheit im Produktionsprozeß. Denn sie isoliert den Einzelnen und lenkt sein Interesse borniert nur noch auf die eigene ökonomische Sicherheit, jedes Schaf sucht seinen Weg und irrt (Jes 53,6). Die Verweigerung des Arbeitsplatzes und damit der Entzug von den materiellen Lebensbedingungen wird als Mittel politischer Disziplinierung auch außerhalb jeder Wirtschaftskrise angewand. Beispiele finden sich massenhaft in den Zwangsent- lassungen streikender Arbeiter (zB Mannesmann Oktober 1973) und den Berufsverboten für sog. „Radikale“ im öffentlichen Dienst (Ministerpräsidentenerlaß. Jan. 1972; Pfarrergesetz der VELKD vom Nov. 1972) und anderen Institutionen. Diese Angst teilen alle emanzipativen Menschen. Sie ist die Angst vieler Pfarrer und Christen. Wenn auch die meisten sich als Christen bezeichnenden Menschen sie nicht teilen. Denn die Christliche Union ist auffallend identisch mit den Eigentümern von Produktionsmitteln und anderen materiell gut gestellten, die so leicht nichts an Arbeitslosigkeit und Elend zu befürchten haben; man kann sagen, daß die meisten „Christen“ in der BRD keine ökonomisch bedingten Existenzängste kennen.

Eine weitere Streßbedingung in Unterschichtsberufen ist die Monotonie und Langweile bei gleichzeitiger Überbeanspruchung von visueller Konzentration und akustischer Überbelastung. Monotonie macht müde, während von der Konzentrationsfähigkeit bei Fließbandarbeit im Umgang mit gefährlichen Maschinen das Erhalten der Validität abhängt. Jeder Fließbandarbeiter darf denn auch statistisch alle fünf Jahre auf seinen Unfall hoffen, denn dann kann er krank feiern, wenn er nicht stirbt. Man bezeichnet das Verhältnis des Arbeiters zu dieser Art von Arbeit gewöhnlich als Unzufriedenheit.

Arthur Kornhauser hat das Verhältnis von Unzufriedenheit mit der Arbeit und geringer Seelengesundheit durch Interviews mit Ford-Arbeitern in Detroit differenziert untersucht. „Wenn die untersuchten Arbeiter nach Sachkenntnissen der Verschiedenheit der Arbeitsgänge, der Verantwortung und Bezahlung klassifiziert werden, so zeigt die Skala psychischer Gesundheit eine durchgehende und signifikante Korrelation zu der Höhe des Beschäftigungsniveaus» Je höher die Beschäftigung, desto höher der Grad psychischer Gesundheit im allgemeinen.“(Kornhauser, Mental health of the industrial worker, A Detroit study, New York/Oxford (Wiley) 1965, 56) Die Industriearbeit muß, da der Achtstundentag nicht überschritten werden darf, in der Intensität zunehmen, bei gleicher Zeit mehr Produktion. Durch Verfahrung wie das MTM (Methods Time Measurement) wird eine Normzeit für jede Bewegung des Arbeiters ermittelt, die er nicht überziehen darf, um den Akkord mitzuhalten, was besonders bei Gruppenakkord am Band schon durch den sozialen Druck der Gruppe erzwungen wird. Neben den Berufskrankheiten produziert die Industrie am Arbeiter körperlichen Verschleiß und ein großes Rentnerheer, nervliche Überlastung und die Verkümmerung intellektueller Potenzen. Einer unter vier Arbeitern hat psychische Probleme, die sich in Alkoholismus, Krankheit, Fehlen bei der Arbeit usw. zeigen.(vgl. Ralph T. Collins, in: Albert Q. Maisel (ed.), The health of people who work, New York (The National Health Council) 1960)

Herrschaftspyramide in den Betrieben

Die Fremdbestimmtheit der Arbeit durch standardisierte Vorschriften und oft direkte Überwachung durch Vorgesetzte ist ein weiteres Konfliktfeld. Hier wird wiederum die Angst vor Repressionen bis hin zur Entlassung recht ausgeprägt. Die Hierarchisierung der Produktionsverhältnisse in mehrere Stufen ist überdies dazu geeignet, direkte Konflikte zwischen Unternehmer und Arbeitnehmer zu verbergen, da in den Augen des einfachen Arbeiters zunächst nur der Vorarbeiter oder Meister als Vertreter der Repression dasteht und der Konflikthauptteil sich in Aggressionen in diesem Feld kompensieren kann. Der Meister wiederum empfängt Repressionen vom nächsthöheren Vorgesetzten und fühlt sich berechtigt, die hier angestauten Aggressionen durch eigene Repressionen der untergebenen Arbeiter abzureagieren. So bietet sich gleichzeitig mit dem Bild der hierarchischen Pyramide in der Fabrikarbeit die Vorstellung einer Repressionsverteilungspyramide von einem recht geringen Ausgangspotential als Aggression im Cheftrakt der Fabrik zu einer sich von Person zu Person potenzierenden Abstiegsleiter bis ans Band. Dort kommt eine gut genährte Repressionspotenz zu jedem Arbeiter. Sie wird umgewandelt in Apgressionsäußerungen gegen Gleichgestellte, besonders Schwarzschafe am Band, weit weniger gegen die Vorgesetzten. Die Angst vor der Repression von oben bildet einen Hemmmechanismus gegen die Aggressionsabfuhr nach oben, gegen Vorgesetzte. Gleichzeitig aber potenziert diese Angst und der Ärger über die eigene Machtlosigkeit die Aggressionsmenge. „Den Schwächeren gegenüber wird jene Aggression ausgedrückt, die man dem Stärkeren gegenüber nicht zu zeigen wagt. Die Kinder werden angebrüllt, weil der Chef einen angebrüllt hat und weil man sich nicht getraut hat, zurückzubrüllen. Die aufgespeicherte, verdrängte Aggression wird oft lange aufbewahrt und summiert sich, bis sie auf erlaubte Feindgruppen entladen werden kann.“(Friedrich Haaker, Aggression. Die Brutalisierung der modernen Welt, Reinbek2 (Rowohlt) 1973, 155)

Nur zu einem geringen Teil kann diese an den Maschinen und Gegenständen des Produktionsprozesses ausgelebt werden. Der weitaus größte Teil staut sich auf und bildet psychische Deformationen. Teile dieser unbewältigten Aggression werden frei bei Forderungen der Todesstrafe, brutalen Filmen, Fußballspielen, Boxkämpfen und in Einzelfällen bei sog. kriminellen Delikten. Kindesmißhandlung gehört dazu. Aber Kindesmißhandlungen sind nur die Spitzen des Eisbergs rigider Erziehungsmethoden. Das aggressive Potential der Unterschicht läßt sich relativ gut im Faschismus einsetzen. Macht man eine Schichtanalyse der SS-Rekrution, so wird die frappierende Überrepräsentation von Unterschichtlern ersichtlich (vgl. Kogon aaO).

Bandarbeiter

Oft eignet der Bandsituation die double-bind-Struktur. Der Arbeiter soll schnell machen. Er soll aber auch sauber arbeiten und das überfordert oft seine Fähigkeiten und Kräfte und steht im Widerspruch, zur geforderten Eile. (Was lange währt, wird endlich gut.) Diesen Widerspruch kann er aber nicht erkennen, weil einige Arbeiter am Band aufgrund ihrer noch vitalen Fähigkeiten die geforderte Leistung erreichen. Die Schuld liegt also scheinbar in der Faulheit des Arbeiters, so meint jedenfalls der Meister. Diese Situation ist für den Arbeiter unhaltbar, u.U. zieht er den Zorn aller Kollegen auf sich, wenn er im Gruppenakkord steht und nicht mithalten kann, den des Meisters sowieso. Er hat nur noch die Wahl, seine Kräfte überzustrapazieren und sich physisch zugrunde zu arbeiten, wobei dieses ihm eine erneute Schwierigkeit einträgt: zeigt er sich nach der Schicht als erschöpft, wird er von den Kollegen als Schlappschwanz bezeichnet und diskriminiert, was ihn vielleicht zu anderen, sogar kriminellen Aktionen zum Beweis seiner Kraft anstachelt. Das aber macht ihn entweder lächerlich, noch brutaler oder zum Strafgefangenen. Weitere Folge seiner physischen Erschöpfung sind dann abends bei der Intimität mit seiner Frau abzusehen, die allseits frustrieren wird. (Während meiner Zeit auf Montage von Fabrikhallen erzählte uns ein Arbeiter, daß trotz aller Mühen – bis hin zum Bau einer Liebesschaukel - seine Frau niemals feucht werde.)

Der Schwache im Kapitalismus ist unhaltbar verloren, seine Lage ist aussichtslos. Und er durchschaut sie nicht. Denn ihre Erklärung setzt die Fähigkeit zur Abstraktion voraus, also die Beherrschung eines elaborierten Codes, während er nur eine restringierten hat (B. Bernstein 1959).

Der Widerspruch der obigen Doppelbindung ist der von Leistungsfähigkeit und Leistungsanforderung. Luther verherrlicht ihn als usus divinis legis: je schärfer das Gesetz, desto größer die Sünde, desto größer die göttliche Gnade des Evangeliums. (vgl. Rm 5,20ff) Die Anforderungen an den Arbeiter sind höher als seine Fähigkeiten hergeben können ohne Deformation. Warum müssen die Leistungsanforderungen so hoch sein? Weil dadurch in gleicher Zeit mehr Produkte auf den Markt kommen. Also mehr verkauft werden kann. Also mehr verdient werden kann. Vorausgesetzt, es ist genug Nachfrage durch eine sozial gutgestellte und dadurch kaufkräftige Abnehmergruppe da. Mehr Verdienst, mehr Profit. Davon geht ein relativer Großteil in die immensen Lebenshaltungskosten von Familie Flick, Bohlen-Halbach usw., der Rest liegt bereit für neue Investitionen, neue Projekte, größere Fließbänder, mehr Automation, die immer mehr Arbeitskräfte einsparen, sodaß man immer mehr Profit macht und noch mehr spart und nochmehr Profit macht. Problematisch wird dann allerdings die Nachfrage. Man darf nicht zuviel Leute entlassen und in genaustens geplanten Wirtschaftskrisen (so nennt man die Zeiten, in denen am unmerklichsten Profite gemacht werden) arbeitslos machen. Denn damit schwindet die Kaufkraft der Massen. Und dann kann man keine Profite mehr machen.

Im Grunde ist also die Doppelbindung am Band nichts anderes als eine der Gestalten des Grundwiderspruchs von Lohnarbeit und Kapital im Kapitalismus. Dabei haben die Machthaber des Kapitals aus der Geschichte gelernt, daß sie den Bogen der Ausbeutung nicht zu sehr überspannen dürfen, damit er nicht durch Wirtschaftskrisen, Massenarbeitslosigkeit und Verelendung und schließlich eine Revolution der verzweifelten Massen zerberstet. Die Ausbeutung am Band muß also dosiert werden, bei zu hoher Beanspruchung wird eher der Akkord gesenkt als daß man es auf eine Armee Frührentner hinauslaufen läßt, die keine Kaufkraft mehr haben und Krankenkassenbeiträge aufzehren. Gegen Streiks allerdings werden heute Entlassungen verordnet. Und die Aggressionen sollen teilweise mit Überhäufung durch Konsumgüter erstickt werden, zu deren Konsum mittels Reklame erst das falsche Bedürfnis geweckt werden muß. Auch der Kulturapparat sorgt für weitere Mechanismen und Ventile des Aggressionsabflusses.(Marcuse, Der eindimensionale Mensch)

Aber immer noch bleibt die Unzufriedenheit, der Alkoholismus und die steigende Invalidenziffer in den Hospitälern für Irre.

Die Psychiatrie selbst ist denn auch ein Produkt des Kapitalismus. Zwar gab es schon im Feudalismus vereinzelt die Aufbewahrung von Irren und Behandlungsversuche. Die merkantile Produktion konnte jedoch genau wie die bäuerliche die mäßig gestörten Irren ohne Schwierigkeiten in leichte Arbeiten integrieren. Mit der frühen Industrialisierung kamen vom Land die Massen in die Stadt und verelendeten dort vollends, nachdem durch die Maschinen ihnen wesentlich ihre handwerklichen Möglichkeiten durch die Konkurrenz in Geschwindigkeit, Qualität und Produktionskosten vernichtet wurden. „Infolgedessen wurde eine große Zahl von Menschen - 10 bis 30 Prozent der Bevölkerung - je nach Lage des Arbeitsmarktes in großen Internierungshäusern zwangsweise aufbewahrt. In dieser Masse von Internierten waren die Irren, sofern sie nicht aus den herrschenden Klassen, dem alten Adel und Großgrundbesitz oder dem neuen Bürgertum stammten, zunächst unterschiedslos eingeschlossen. Die kapitalistische Produktionsweise erforderte dann, daß auch die Internierten als potentielle Arbeitskräfte auf dem Arbeitsmarkt schnell und disponibel verfügbar sein mußten. Dazu mußten auch sie frei ihre Arbeitskraft verkaufen können. Die Zuführung all der Arbeitslosen und Asozialen zum Produktionsprozeß, verbunden mit der Aufhebung der Zwangsinternierung, erforderte - wie von Dörner gezeigt wird, eine wissenschaftliche und soziale Differenzierung dieser Menschenmassen: die Arbeitsfähigen mußten heraussortiert werden, und auch die übrigen Personen waren noch zu unterscheiden, so daß etwa die Verbrecher in Zuchthäuser und die Irren in Irrenanstalten gebracht werden konnten. Diese Differenzierung setzte sich während und nach der bürgerlichen Revolution durch. Mit der Ausdifferenzierung der Irren wurde aber auch die Psychiatrie als Wissenschaft erst möglich und sinnvoll.“(Gleiss, Seidel, Abholz, Soziale Psychiatrie aaO 76) Die Psychiatrie hat hieraus historische zwei Aufgaben: die Versorgung der Invaliden - ähnlich wie Siechenheime - und dann die Wiederherstellung derArbeitsfähigkeit des Kranken. Damit ist die industrielle Rentablität der Psychiatrie hergestellt. Doch funktioniert das nicht gut. Der heutige psychiatrische Apparat ist unfähig, die psychische Misere der kapitalistischen Produktion aufzufangen. Wenn er eines Tages so erweitert ist, daß er den ganzen seelischen Müll, den das Band produziert, schlucken kann, dann ist die Revolution in der Psychiatrie geglückt: die psychische Integration des Individuums, das keines ist, ist total gelungen. Damit sind die letzten Leidensspuren einer verknechteten Menschenmasse beseitigt, deren seelische Ketten in ihren Herzen und Leibern den Schmerz wachgehalten hätten, der die Kehrseite eschatologischer Hoffnung auf Gottes Frieden ist.

Arbeiterfamilie

Der aggressive Arbeiter kommt von der Schicht. Wo geht er hin? Nach Hause oder zum Schrebergarten. Wer ist da? Seine Familie. Sie besteht aus einer Frau und/oder Kindern. Man kann in einem hochgradig komplexen Nexus wie der Familie keine Beziehung von der anderen isoliert betrachten, doch nötigt das methodische Provisorium zunächst dazu. Mit seiner Frau ist der Arbeiter recht wenig allein zusammen, sodaß zwischen ihnen auch wenig Konflikte Zeit zur Klärung finden. Durch die erschöpfende Arbeit und tägliche Sorgen und Ärgereien mit den Kindern, die durch ihre Vitalität einer zusätzliche Belastung großen Ausmaßes darstellen, auch durch die häufigen Repressionsakte während der Arbeit, ist der Mann ermüdet und kann nicht mehr offen genug für seine Frau sein. Falls diese nicht selbst zu den 19 % weiblichen Erwerbstätigen in der BRD oder gar noch zu den 70 % aller Arbeiterfrauen gehört, die am Fließband in „Leichtlohngruppen“ die stupidesten aller Handgriffe machen müssen, hat sie zumindest mit der ihr überlassenen Erziehungsrolle und der Haushaltsführung genug eigene Sorgen. Unter solchen seelischen Voraussetzungen beginnt für beide die Nacht. Die Arbeit an der Maschine prägt unweigerlich auch die Sensibilität; es ist daher kein Wunder, daß in einer solchen Nacht keine Zärtlichkeit in der sexuellen Begegnung möglich ist. Da zur Mannrolle zudem sogar Aggressivität als Konstituens zählt, findet der Unterschicht-eheliche Liebesakt tatsächlich normalerweise in Form einer Vergewaltigung statt, bei der die Frau nur besonders wenig Widerstand leistet. Selbstverständlich befriedigt sie das nicht, wenn auch statistisch in Unterschichtsbetten viel mehr getobt wird als in Mittelschichtbetten. Kein Mann aber wiederum ist so recht sexuell befriedigt, wenn er merkt, daß er seine Frau nicht befriedigen kann. Also frustriert ihn letztlich seine eigene Bumsart. Seine Frau wird langsam „frigide“, er vielleicht bei genügend Feingefühl impotent. Das alles ist kein Wunder bei der Strapaze seiner Arbeit. Seine Frau mag ihn brutal finden. Er seine Frau vielleicht als taube Nuß, wie es so gemein heißt. Diese gegenseitigen Interpretationen als Folge des mißglückten Glücks zu zweit können sich nun noch in den wechselseitigen Spiralen der Metaidentitäten steigern und plötzlich ist die Ehekrise da. Sie wird zum Mittelpunkt des Konflikts, der von der Fließbandaggression ausgelöst wird. Da wiederum ein elaborierter Code zur Erkenntnis der Strukturen dieses Konflikts als Folge der beruflichen Situation nur unzulänglich ausgebildet ist, wenn er überhaupt besteht, ist eine Lösung der sexuellen Frustrationen nicht möglich und psychisch wird das Ehebett schier zum Prokustesbett. Aus dem Bett aber flieht jeder Partner in seinen Freundeskreis - eine in Unterschichten sehr stark ausgebildete Erscheinung - und spült alles mit Alkohol herunter. Bisweilen sucht er Druckausgleich im Bordell oder bei grünen Witwen. Sollte die werte Gattin letzteres spitzkriegen, so ist entweder der Briefträger oder Milchmann seiner Unschuld nicht mehr sicher oder es kommt zum Schlag mit der Bratpfanne oder der Scheidung. Jedenfalls steigert sich der Konflikt und bildet unermeßliche seelische Belastungen und viele, viele neue Möglichkeiten für Doppelbindungen. Es liegt auf der Hand, daß psychischen Deformationen hier der saftigste Urgrund gelegt ist. Für mich ist verwunderlich nicht, daß so viele Arbeiter psychisch kaputt sind, sondern so wenig.

Die Geschlechtsrollentrennung ist in der Unterschicht viel rigider als in der Ober- und Mittelschicht. Das stärkt einen jeden Ehekonflikt. Einen gewissen Teil Aggression tragen im Mann die von ihm als feminin verdrängten Strebungen, die das Unterdrücken durch Gegendruck rächen, bei, in der Frau umgekehrt die unterdrückten männlichen Strebungen. Im Gegensatz zur Mittelschicht, wo auf Entfaltung aller individuellen Fähigkeiten und Begabungen Wert gelegt wird, wird in der Arbeiterklasse ein Mensch nicht als Individuum, sondern als Gruppenmitglied in Familie und Freundeskreis gesehen und beansprucht. „Die Identität des Individuums wird durch seine Gruppenzugehörigkeit und durch seine Konformität mit den Normen der Gruppe bestimmt.“(Gottschalch u.a., Sozialisationsforschung, Fischer Tb, Frankfurt am Main 1975, 85)

Kindererziehung

Durch unzureichenden Gebrauch von Verhütungsmitteln werden trotz der schlechten materiellen Situation in Arbeiterfamilien recht viele Kinder geboren. Ist die staatliche Beibehaltung eines nur leicht geänderten § 218 motiviert von Angst vor Geburtenrückgang und dem damit befürchtbaren Kaufkraftschwund, Arbeitskräftemangel und Profitverlust der herrschenden Klasse? Steht hinter dem pathetischen Plädoyer für ungeborenes Leben angesichts der täglichen Duldung von Massenmorden in Kriegen und millionenfachem Hungertod geborener Kindern der Südwelt vielleicht auch Angst um die Verringerung des Proletariats, das dann weniger Mehrwert liefert und das Überangebot an Arbeitskraft in ein Überangebot an Arbeitsplätzen wandelt und damit in flehendes Bitten des Unternehmers, doch die Firma nicht im Stick zu lassen? Wie auch immer. Die Kinder der Arbeiter werden jedenfalls nicht in eitel Sonnschein ausgetragen und in Sorge, materielles Elend oder zumindest Einschränkungen hineingekreißt. „Die häusliche Umgebung läßt sich überspitzt charakterisieren durch überfüllte und hygienisch oft unzureichende Wohnungen; das Fehlen einer abgeschlossenen Privatsphäre für jedes Individuum, besonders aber auch das Fehlen räumlicher Trennung von Erwachsenen und Kindern; mangelhafte Ausstattung der Wohnung mit 'stimulierenden' Gegenständen: monotone Wohnungseinrichtung; wenig adäquates Spielzeug; beschränkte Möglichkeit, schon im früher Alter zu lernen, mit später wichtigem 'Kulturwerkzeug' wie Bleistiften, Büchern, Zeichenpapier etc. umzugehen.“(Sozialisation und kompensatorische Erziehung, Berlin 1969, 103)

Die Eltern müssen in den Kindern zwangsläufig den Grund für materielle Einschränkung und andere Frustrationen sehen, die mit der Versorgung verbunden sind. Daher ist ihr Verhältnis mindestens unterschwellig aggressiv geladen gegen die Kinder als „unnütze Fresser“. Die Erziehungspraktiken sind durchaus rigide; mit physischer Gewalt wird der elterliche Wille durchgesetzt. Dabei herrscht keine Korrelation zwischen der Straftat des Kindes und dem Strafmaß. In mittelschichtigen Prügeln hingegen wird das Maß der Schläge, sofern überhaupt solche und nicht Liebesentzug, der vermuteten Intention des Kindes angemessen und so ein für das Kind verständliches Sanktionssystem hergestellt, über das im Kind ein kleines Überich erbaut werden kann. Endergebnis ist schließlich ein vollständiger Normen- und Wertehimmel wie der des schlagenden Vaters. Die Strafhärte in der Unterschicht entspricht einzig der Wut des Züchtigenden. Das Kind kann also keinen Zusammenhang zwischen seiner Tat und den Folterungen (bei Kindern ist die Schmerzschwelle wesentlich höher) erkennen. Es erfährt sie als unberechenbare Ausbrüche seiner Eltern, oft der Mutter, die in der Unterschicht aufgrund ihrer hauptamtlichen Zuständigkeit für die Erziehung die eigentliche Machtstellung in der Familie einnimmt, und kann diese Aggression nicht assoziieren mit einem Normenhorizont. Nicht nur hierdurch wird die Bildung eines Überich erschwert, wenn nicht verunmöglicht, auch die häufigen Streitereien, gar Schlägereien zwischen den Eltern, die sich sexuell nicht vertragen, verhindern jede Identifikation mit ihnen im Ansatz. Der Vater ist sowieso meist bei Freunden oder zur Arbeit, aber auch die Mutter spielt nicht wie Mittelschichtmütter mit den Kindern, was ja zum Aufbau und Erlernen menschlicher Beziehungen nottut. Denn sie hat genug mit Versorgung und oft noch der eigenen Berufsarbeit zu tun. Die Kinder sind im Lernen von Rollen und Kommunikation daher auf ihre Kindergruppen auf der Straße angewiesen. Diese ersetzen ein Stückweit die Identifikation mit den Eltern durch den faschistoiden kollektiven Narzißmus, der hier gelernt wird und die Ichschwäche nicht verringert; nur in Gruppen fühlen sie sich stark. Bisweilen spielen diese Gruppen, werden sie älter, Automatenplündern, Autoknacken und Ladendiebstähle. Sie wissen nicht, daß sie etwas anderes brauchen, als sie sich holen. Liebe.

Drei Erziehungsstile

Strukturell kann man drei Erziehungsweisen unterscheiden.

1.        Die machtorientierte Methode wendet physische Gewalt, Schimpfen, Spotten und Entzug von Privilegien an. Sie ist in der Unterschicht dominant, wird aber auch in höheren Schichten appliziert. Sie verhindert weitgehend die Verinnerlichung elterlicher Normen (Über-Ich) und läßt nur defensive Identifikation mit den Eltern zu. Dadurch werden die Konflikte nach außen gelenkt, die in der Erziehung auftreten. Das Kind empfindet - übrigens realitätsnaher als bei Innenleitung der Konflikte - den Konflikt als Widerspruch des Selbst mit den Eltern als Vertretern der Umwelt. Zur Lösung solcher Konflikte wird es versuchen, den Kontakt zum Gegenpol des Widerspruchs zu verringern oder abzubrechen, mit Freuds Modell gesagt: Das Ich macht sich zum Anwalt des Es gegen das nicht akzeptierte Überich und die Realität. Genau dies aber ist die Grundstruktur der Psychose, die als Abwehrreaktion gegen äußere Realitäten wirkt. Motto: Prügel vergeht, Arsch besteht.

2.        Die induktive Erziehungsmethode ist zwar auch auf physischer Gewaltanwendung und ähnlichen Strategien aufgebaut, sie unterscheidet sich jedoch grundlegend in der Applikation dieser Mittel von der machtorientierten. Während die machtorientierte das Strafmaß nach der Aggression des Strafenden orientiert, welche bis zu einem gewissen Grade wiederum von den Folgen der kindlichen Straftat bestimmt wird im Ausmaß, ist in der induktiven Methode das Strafmaß durch die Intention bestimmt, die beim Kind vermutet wird hinter der Tat. Dadurch assoziiert das Kind einen Absicht-Folge-Zusammenhang. Somit ist eine direkte Kontrolle der Absichten des Kindes möglich; wobei immer ein großer Unsicherheitsfaktor bei der Erkenntnis der Absicht bleibt, der dazu führen kann, daß das gestrafte Kind erst nachträglich die ihm unterstellten Absichten zu haben lernt und diese sogar noch mit der Aggression vertritt, die es durch die ungerechte Strafe verspürt. Diese Methode wird gewöhnlich in Mittelschichten eingewendet. Mit ihr geht dadurch einher, daß die strafenden Eltern zugleich diejenigen sind, mit denen das Kind sich identifiziert; aufgrund der relativ gleichbleibenden Liebeszuwendungen, dh deren Normen es zum Überich verinnerlicht. Die Strafe ist darum intellegibel und wirkt als eine äußere Maßnahme zur weitergehenden Internalisierung der Überichnormen, die in Verbindung mit der elterlichen Liebeszuwendung eine größere Verbindung von Ich und Überich zufolge hat als die von Ich und Es. Dadurch gelingt der induktiven Methode eine weitgehende Verdrängung der Es-Strebungen. Wie wir früher sahen, spaltet sich in dem Individuum mittels des Überich das Ich gegen das Es als Subjekt-Objekt-Verdrängungmacht, während umgekehrt das Es gegen das Ich arbeitet und sich das Ich zum Objekt macht und zu Sprach- und Interaktionsnstörungen gegen den Willen des Individuums führt. Diese psychische Disposition wird als neurotisch bezeichnet. Die Neurose als Ergebnis mittelständischer Sozialisationsbemühungen leitet im Gegensatz zur Psychose die Konflikte nach innen in die Ebene zwischen Es und Ich und führt hier zur Störung. Weil der Neurotiker den primär äußerlichen Gegenpol des Erziehungskonflikts, nämlich die Eltern, internalisiert hat, kann er sich dem Konflikt nicht wie der Psychotiker durch Realitätsflucht entziehen. Er ist selbst zum Konflikt geworden, während der Psychotiker erst in Konflikt kommt, wenn die Realität ihn attakiert. Neurose war Freuds Grundmodell von psychischer Invalidität. Es wird verständlich, wenn man beachtet, an welchen Personen Freud seine theoretischen Erkenntnisse gewonnen hat: 7 % Wohlhabende, 23 % Mittelstand und 3 % Arme (Gleiss/Seidel/Abholz, Soziale Psychiatrie aaO 8). Die gesamte Psychotherapie ist denn auch auf den Mittelstand hin konzipiert, abgesehen davon, daß sie durch das Bürgertum wurde. Deshalb mußte die Gesprächstherapie auch scheitern am restringierten Code, was dann schnell als Rechtfertigung des pharmakologischen Unrechts benutzt wurde, das Psychotikern in Klapsmühlen angetan wird, weil sie angeblich austherapiert sind. Die induktive Erziehungsmethode wendet zumindest nicht weniger Schläge an als die machtorientierte, sie sind lediglich gezielter. Dies entspricht dem für Mittelschichten charakteristischen langfristigen Planungsverhalten. Die Geschlechtsrollentrennung ist bei Eltern und Kindern viel geringer als in der Unterschicht. Die Persönlichkeit des Kindes wird gefördert, die Eltern gewähren sehr viel Autonomie und Freiheit, durch den elaborierten Code besteht die Möglichkeit zur Entfaltung höherer kognitiver Fähigkeiten und Aufbau differenzierter Beziehungen zu anderen. Die weiträumigeren Wohnverhältnisse begünstigen Autonomie-entfaltung, Kognition und Lernfähigkeit und vermeiden auch viele Konflikte, die durch gegenseitige Störungen entstehen. Durch einen geringeren Aggressionsstoff werden verhältnismäßig mehr Zärtlichkeiten und Liebeszuwendungen möglich, die ein Gefühl von Akzeptiertsein vermitteln. Damit kann Ichstärke herangezogen werden.

3.        Die dritte Methode der Erziehungstechnik ist die liebes-orientierte. Sie hat mit Liebe übrigens nichts zu tun. „Typisch für die liebesorientierten Erziehungsmethoden ist, daß die elterlichen Affektionen primär als Kontrollmittel eingesetzt werden. Das Geben und Nehmen der positiven Zuwendungen wird als Belohnung bzw. als Bestrafung der kindlichen Absichten eingesetzt. Das Kind entspricht primär aus Angst vor Liebesverlust den Erwartungen der Eltern. Diese Technik wird vor allem von Müttern angewandt, seltener von den am Erziehungsprozeß weniger engagierten Vätern. Sie impliziert ein erhebliches Ausmaß an psychischem Zwang.“(Gottschalch u.a. Sozialisationsforschung aaO 101) Hauptsächliche Anwendung findet diese Methode bei Mädchen. Die strategisch vorgespielte soziale Anerkennung, die hier als Sanktion Verwendung findet, arbeitet viel stärker mit der Metaidentitat. Das gekoste Mädchen erfährt, daß ihre Mutter ein gutes Bild von ihr hat. Sie wird geliebt, weil sie gut ist, etwas gutes getan hat usw. Erhält sie aber keine Liebeszuwendung, so muß sie assoziieren, daß sie schlecht sei. Ein so erzogenes Mädchen braucht immer einen Menschen, der sie liebt, um sich selbst akzeptieren zu können. Sie ist damit faktisch völlig abhängig von ihrer sozialen Identität als Geliebter. Ihre Angstbereitschaft im Falle einer Verstimmung des Liebesverhältnisses ist so groß, daß sie alles tun wird, um die Zufuhr an Zuwendung wiederherzustellen. Damit ist sie perfekt abgerichtet für ihre Rolle als Sklavin des künftigen Gatten. Die liebesorientierte Sozialisation ist die Säule jeder vernünftigen Unterdrückung der Frau. Wie man sieht, wird Liebe hier zur Erpressung genutzt. Es ist natürlich keine Liebe. Die Leistungsfähigkeit der Mädchen ist direkt abhängig von ihrer sozialen Anerkennung. Nur der Wunsch nach ihr stellt überhaupt die Leistungsbereitschaft und -fähigkeit her. Da von Frauen gesellschaftlich keine intellektuellen Fähigkeiten sondern Einfühlvermögen usw. verlangt werden, sind liebesorientiert erzogene Mädchen nachgerade unfähig, diese Fähigkeiten auszuleben, weil sie keine soziale Anerkennung finden, eher sogar Ablehnung. Mit liebesorientierter Technik erreicht man beim Zögling totale Anpassung und der Verzicht auf jede Autonomie ist garantiert. Das Aggressionspotential bei dieser Erziehung ist relativ gering bei gleichem oder noch besserem Erfolge gegenüber der machtorientierte Methode und der gleichfalls autoritären induktiven Me-thode. Die autoritär geprügelten Knaben können wenigsten noch minimal eine Selbstidentität errichten, die von den anderen unabhängig ist und den Grund der Strafe auf die scheißverdammte Borniertheit des Prügelmeisters zurückführen. Die Mädchen aber sind dem Schmollen der Mutter hilflos ausgeliefert und später der durch die Arbeitsmüdigkeit bedingten Schlaffheit ihres Mannes. Vielleicht werden sie den Grund für das mißglückte Glück sogar noch in sich selbst suchen. Denn der Grund für mangelnde Anerkennung kann ja nur in ihnen selbst liegen. Glauben sie.

 

Wir sind wieder am Ausgangspunkt: der Doppelbindung. Die liebesorientierte Methode arbeitet mit Doppelbindungen.

A)     Die Mutter liebt ihre Tochter, wenn sie etwas gutes tut.

B)     Es ist aber keine Liebe, weil sie Bedingungen stellt.

C)     Würde die Tochter das aur Sprache bringen, so würde ihr die Liebe entzogen werden, weil die Mutter selbst das nicht wahrhaben will.

Andere Möglichkeit:

A.)     Wenn die Tochter sich entfalten will, wird sie zB intellektuelle Fähigkeiten“ entwickeln. Ihre Mutter will immer nur das beste für ihre Tochter, weil sie sie angeblich liebt.

B.)      Die Mutter fühlt sich von der Intellektualität der Tochter verunsichert, bekommt Angst vor ihr und zieht sich zurück. Sie reduziert auch die Zuwendung. Die Tochter bekommt nun Angst, weil die Mutter sie nicht mehr liebt. Sie erkennt, daß der Grund ihr Intellekt ist. Um die Liebe der Mutter zurückzugewinnen, muß sie also auf ihren Intellekt verzichten. Aber wenn einmal errungener Intellekt nicht mehr weggeht, so sitzt sie in der Zwickmühle. Wenn es ihr nicht gelingt, auf die Liebe der Mutter zu verzichten, und das ist wiederum anzunehmen, dann bleibt ihr nur noch die Introjektion des Intellekts. Sie wird sich nach außen zu ihrer Mutter dumm stellen, zu dumm sogar, und nach innen mit aller Kraft ihres Intellekts leben - aber unter der Bedingung, nie etwas von dieser inneren Welt nach außen dringen zu lassen. Sie wird schizophren.

C.)      Jede Metakommunikation über dieses Problem mit ihrer Mutter wäre unmöglich, da die Mutter dies wiederum nur als Versuch sehen würde, sie mit ihren intellektuellen Kräften zu besiegen.

D.)     Diese Situation hat Ähnlichkeiten zu meinem Verhältnis zu meiner Mutter. Ähnlichkeiten.

Der gesellschaftlich gesetzte Hauptwiderspruch in der Beziehung der Unterschichteltern zu ihren Kindern, der je seine spezifische Variation erfährt, ist der, daß die Kinder eine Existenzbedrohung sind, daß sie aber Liebe verlangen. Die Unerwünschten brauchen das Gewünschtwerden. Kein Mensch kann dieser Forderung der brüllenden Babys im Slum gerecht werden. Außer er spielt. Er kann spielen, sie zu lieben, in Wirklichkeit aber sind sie ihm lästig. Die Unterschichteltern können ihre Kinder oft eben nicht lieben. Sie werden aber zumindest versuchen, da sie wissen, daß Kinder Liebe brauchen, diesen Liebe vorzutäuschen. Sie haben also zwei Verhältnisse gleichzeitig zum Kind. Die Kinder merken das irgendwie, können aber nicht erkennen, was da los ist. Sie sind nur völlig ontologisch unsicher und wissen schließlich nicht mehr, ob eine Mitteilung wörtlich zu nehmen ist oder das Gegenteil gemeint ist. Da von Mitteilungen die Existenz abhängt, gibt es nur noch drei Möglichkeiten des Verhaltens:

1.       Man vermutet immer das Gegenteil von dem Wörtlichen, wittert verborgene Bedeutungen. Man wird paranoid.

2.       Man nimmt alles wörtlichst, ohne Kontext und ignoriert alle mitschwebenden Bedeutungen und Stimmungen. Das ist Hebephrenie.

3.       Oder man ignoriert überhaupt jede Mitteilung. Man wird kataton.

Das Problem ist, daß einer Liebe braucht, der andere sie aber nicht hat und nur spielt. Wenn einer viel Liebe braucht, kann er leicht schizophren werden, denn wir können alle zuwenig lieben, weil wir alle zuwenig geliebt werden. Das Problem ist eine der Ausführungen des kapitalistischen Grundwiderspruchs, bei dem es um Eskalation von Gewalt, Repression, Trostlosigkeit, Krankheit und Hoffnungslosigkeit geht. Wir brauchen Eskalationen der Liebe.

Der Weg dahin führt über den Tod. Über den Tod eben dieser expropriatorischen ökonomischen Verhältnisse, weil sie Liebe faktisch verwehren. Das Leiden der Schizophrenen, Kriminellen usw. ist eine Übertreibung von Verhältnislosigkeit. Es ist eine Übertreibung verhältnisloser Verhältnisse. Es ist eine Karrikatur des Todes, der unser Leben ausmacht und den wir schon gestorben sind. „Je weniger die Subjekte mehr leben, desto jäher, schreckhafter der Tod. Daran, daß er sie buchstäblich in Dinge verwandelt, werden sie ihres permanenten Todes, der Verdinglichung inne, der von ihnen mitverschuldeten Form Ihrer Beziehungen.“(Th.W. Adorno, Negative Dialektik, aaO 361)

 

IV. Schizophrene Strukturen im Christentum

Ursprünglich wollte ich untersuchen, ob das Christentum in seiner heutigen volkskirchlichen Ausprägung in der BRD eine Entwicklung von Geisteskrankheiten begünstigt. Zu diesem Zusammenhang sind bisher keine empirischen Untersuchungen veröffentlicht und es scheint, daß in der sozialpsychologischen Forschung dieser Zusammenhang nicht interessiert. Es mag damit zusammenhängen, daß für die meisten der Forscher das Christentum kein reales Problem bildet. Zur Zeit wird in Zürich eine Dissertation über diesen Zusammenhang geschrieben. Darin werden wohl erstmals auch empirische Erhebungen zu dieser Frage vorgelegt. Ich kann hier nur spekulativ argumentieren, weil mir solche Daten fehlen.

Die Frage ist, ob Spekulation in jedem Fall schon irrelevant ist. Die Verwerfung von Spekulation und Reflexion (wobei der Reflexion meist der Vorwurf gemacht wird, sie sei Spekulation und daher unwahr), kommt aus dem Lager des Positivismus. Zum einen ist jede Forschung auf Arbeitshypothesen angewiesen, die spekulativ sind von Natur aus; die gewaltigsten empirischen Fortschritte kamen durch die kühnsten Hypothesen zustande. Zum anderen bewegt sich jede historische Wissenschaft auf dem Gebiet der Wahrscheinlichkeit und Spekulation, da über vergangene Ereignisse und historische Zusammenhänge nie exakte Aussagen gemacht werden können; die Nachprüfbarkeit ist an Überlieferungen gebunden, deren Exaktheit immer je nur hochgradig wahrscheinlich ist, wenn überhaupt.

Ich nehme an, daß mögliche Leser dieser Arbeit das Christentum lieben. Sie werden sich angegriffen fühlen in ihrer wichtigsten Identität. Das jedenfalls zeigen die Reaktionen der Leute, die ich bisher versuchte, mit meinen Gedanken vertraut zu machen. Es ist sehr schwer, Reflexionen, von denen man annimmt, sie richten sich gegen die eigene Existenz, noch mit der normalen Offenheit aufzunehmen. Die Ängste, die meine These bei Christen (was immer Christen sind) auslöst, machen eine sachliche Auseinandersetzung über die Frage, ob Christentum Geisteskrankheit sei, fast unmöglich. Denn Christentum ist bei Christen ein unendlich positiver Wert, Geisteskrankheit ein negativer.(Adorno, Bemerkungen über Politik und Neurose, in: Kritik. Kleine Schriften zur Gesellschaft, Frankfurt/Main (Suhrkamp) 1971, 87-92) Es geht mir nicht um die Destruktion des Christentums, sondern um die Reflexion und Korrektur derjenigen Aussagen innerhalb des christlichen Glaubens, die empfängliche und sensible Menschen seelisch zerstören können, insbesondere die christliche von Platon aufgegriffene Leibfeindschaft und Weltflucht. Es geht auch um das Unrecht, welches vielen Insassen von Irrenhäuser über Jahrhunderte zugefügt wurde, indem sie wie Tiere eines Zoos behandelt wurden, während zeitgleich Mitglieder der Kirchengemeinde, die in ihrem Auftreten nach außen hin recht ähnlich wirken, in oft erheblichem Umfang geachtet werden. „Sondern was töricht ist vor der Welt, das hat Gott erwählt, damit er die Weisen zuschanden mache; und was schwach ist vor der Welt, das hat Gott erwählt, damit er zuschanden mache, was stark ist.“(1 Kor 1,27) Darin liegt genau der Widerstand der Paranoiker gegen die „Vernunft“ der Wärter des Irrenhauses. Darin liegt eine Sprengkraft. Das erinnert an den streitbaren Jesus in den Debatten übers Ährenraufen und die Tora. Die Pfingstkirche wurde als „voll des süßen Weins“ verlacht. Die Urkirche war noch das Irrenhaus, in dem es drunter und drüber ging wie in einer baptistischen Gemeinde. Der lutherische Gottesdienst ist zu einer Zwangshandlung geworden, in der einstige psychotische Erlebensformen in vorwiegend neurotische Rituale umgelenkt sind, die aber für empfindsame Seelchen schizophrenogene double-bind-Strukturen offerieren.

Zur Methode: „Volltreffer“ anstelle longitudinaler Feldstudien

Methodisch gibt es ein Bündel von Schwierigkeiten: Zum einen ist Schizophrenie klassisch in drei Formen eingeteilt, Hebephrenie, Katatonie und Paranoia. Entsprechend vielfältig ist das, was an Formen des Christentums darunter diagnostizierbar wäre. Am ehesten fällt Kraepelins „Negativismus“ heraus, also alle Formen individuellen Protestes, während das wörtliche Ernstnehmen biblischer Sätze oft hebephrene Formen annimmt, wie etwa der Nahrungsverweigerer, der sein Fleisch kreuzigen will.

Zum anderen müßte man systematisch das Christentum in folgenden Ebenen untersuchen:

1.        Neues Testament: Paulusbriefe und johannäischer Kreis mit gnostischem Dualismus

2.        Dichotome Dogmatik: Sündenlehre, Ekklesiologie, Ethik, bes. 2-Reiche-Lehre

3.        Theoretische Vermittlung als Katechismus, Konfirmandenkurse, Bibelstunden

4.        Praktische Vermittlung als Gottesdienst mit Liturgie, Liedern, Sakramenten und Predigt

5.        Kommunikation innerhalb der Gemeinde in Gruppenarbeit, Festen, Kirchentagen usw.

Diese umfassende Forschungsarbeit sprengt den Rahmen einer Seminararbeit. Hier geht es zunächst nur um besonders ins Auge stechende Konvergenzen und keine flächendeckende Frömmigkeits-Analyse. Man wird erkennen, daß viele Syndrome und Symptome von Schizophrenie im opus paulinum et iohanneum, der protestantischen Exegese, Dogmatik, Ethik und Gemeindearbeit diagnostizierbar sind. Katholizismus und Freikirchen bleiben unbeachtet, obwohl man dort noch wesentlich fündiger werden könnte. Ein Härtefall sind Zeugen Jehovas und ähnliche Freikirchen mit kleiner, fester und überschaubarer Sozialstruktur.

Wenn ich hier von Christentum spreche, so meine ich vor allem das deutsche lutherische Kerngemeinde-Denken, wie es in Luthers Kleinem Katechismus während des Konfirmandenunterrichts auswendig gelernt wird und deshalb in weiten Kreisen der Volkskirche bekannt und in Bibelkreisen, der SMD und evangelikalen Gruppen handlungsleitende communis opinio ist.

Schizophrenie und schizoide passagere Dekompensation

Der Glaube als dogmatisches System in Bibel, Lehre, Predigt und Ritualen kann schizoid sein, während schizophren jeweils nur das konkrete gläubige Individuum ist. So kann man flächendeckend vorsichtiger nur von einer schizoiden Glaubensstruktur sprechen, während die schizophrene Stufe des Realitätsverlustes nur einzelne, besonders fromme Individuen erreichen.

Laing unterscheidet schizophren von schizoid. Er sagt, eine schizoide Struktur der Erfahrung (also zB von Innenwelt und Außenwelt) sei noch nicht schizophren. Sicherlich ist es etwas anderes, ob jemand unter Streßüberforderung oder in der experimentellen Psychose mit LSD eine Bewußtseinsspaltung, ein Loslösen von der Realität nur kurzzeitig erlebt und hinterher wieder fähig ist, Realität in der vorgeschriebenen Form wahrzunehmen. Oder ob man für immer die Fähigkeit verloren hat, verschiedene Erfahrungen zu einem ein(z)igen Sein zusammenzufügen. Der Unterschied ist der, daß der Schizoide fähig ist, an „unserer“ Realität teilzunehmen. Es ist also lediglich die Frage, welche Normgebilde und welche Erfahrungsmodi als „Realität“ vereinbart werden. Nach Laing kennzeichnet den Schizophrenen im Gegensatz zum Schizoiden, daß er nicht an unserer Realität teilnimmt. Unter dieser Maßgabe kann man nicht sagen, das Christentum sei schizophren. Es gelingt den volkskirchlichen Christen doch immerhin, im Zusammenleben mit anderen zurechtzukommen und sich in die „Realität“, ins satangesteuerte „Reich der Welt“ zu integrieren. Aber diese Realität ist ja immerhin über 2000 Jahre lang durch die Einwirkungen des Christentums geprägt. Darum ist die Differenz zwischen dem Christentum und dem, was heute unter allgemeinem Konsensus für real gehalten wird, nicht völlig dissonant. Diese Differenz wird größer in der Konfrontation des Christentums mit anderen Kulturen. In der Sowjetunion war die Akzeptanz christlichen Verhaltens geringer. Darum konnten dort viele Christen des inneren Gemeindezirkels zwangsinterniert werden, sobald sie mit öffentlichen Auftritten gegen das Regime zu querulieren begannen. Ob Christentum schizophren ist, wird davon abhängen, was wir mit dem Ettikett „Realität“ versehen. Ich meine mit Realität den jeweils fortgeschrittensten Stand von Wissenschaften, Humanität und Kultur. In einer liberalen Gesellschaft mit ausgeprägter Religionsfreiheit wird man jedem Tierchen sein Plaisierchen lassen und einer Dame, die mit einem Plakat „Jesus lebt“ die Fußgängerzone unsicher macht, ihre Freude lassen. Man wird die Sonderlinge nicht mehr gleich einsperren.

Der iranische Dualismus von gutem Licht und schlechter Finsternis, himmlischer Offenbarung und verblendeter Welt durchzieht flächendeckend das Schrifttum von Paulus und Johannes. Diese Struktur ist schizoid und teilt den gesamten Kosmos in einen versündigten unreinen Bereich und einen heiligen reinen Bereich. Die Furcht vor dem Sündenbereich und die Flucht aus dieser Sphäre führt zwangsläufig zu einer paranoischen Wahrnehmung der Welt. Hinter allem könnte insgeheim der Teufel stecken. Die schizoide Dogmatik, wird sie wörtlich hebephren rezipiert, führt also zur Paranoia auf der Ebene gelebter Frömmigkeit. Die Katatonie besteht oft darin, eine bestimmte Geste oder Szene zwanghaft zu wiederholen. Die kann man - in etwas weniger lebensgefährlicher Form als beim Stupor - den gottesdienstlichen Ritualen zuerkennen. Die Liturgie und das Sakrament wollen durch ihre stete Wiederholung das gleiche erreichen wie der Katatone: Sie vergegenwärtigen eine zurückliegende Erfahrung, halten sich an ihr fest, wie krampfhaft auch immer.

Der Konfirmandenunterricht übt das Sünder-Sein ein durch Beichte

Es dürfte treffend sein, von einer schizoiden Struktur des christlichen Glaubens zu sprechen, der sich sowohl im Reich Gottes als auch im Reich dieser Welt zurechtfindet.

Der erste Baustein der religiösen double bind ist: Gott sieht und hört alles. „HERR, du erforschest mich und kennest mich. Ich sitze oder stehe auf, so weißt du es; du verstehst meine Gedanken von ferne. Ich gehe oder liege, so bist du um mich und siehst alle meine Wege. Denn siehe, es ist kein Wort auf meiner Zunge, das du, HERR, nicht schon wüßtest. Von allen Seiten umgibst du mich und hältst deine Hand über mir. Diese Erkenntnis ist mir zu wunderbar und zu hoch, ich kann sie nicht begreifen. Wohin soll ich gehen vor deinem Geist, und wohin soll ich fliehen vor deinem Angesicht? Führe ich gen Himmel, so bist du da; bettete ich mich bei den Toten, siehe, so bist du auch da. Nähme ich Flügel der Morgenröte und bliebe am äußersten Meer, so würde auch dort deine Hand mich führen und deine Rechte mich halten. Spräche ich: Finsternis möge mich decken und Nacht statt Licht um mich sein -, so wäre auch Finsternis nicht finster bei dir, und die Nacht leuchtete wie der Tag. Finsternis ist wie das Licht. 23 Erforsche mich, Gott, und erkenne mein Herz; prüfe mich und erkenne, wie ich's meine. Und sieh, ob ich auf bösem Wege bin, und leite mich auf ewigem Wege.“(Ps 139)

Der zweite Baustein ist die Lehre, der Mensch sei allzumal Sünder. Er kann nicht anders als sündigen und hat immer etwas ausgefressen, was Gottes geschätzter Aufpasser-Aufmerksamkeit nicht entgeht. Selbst die kleinste aggressive Regung, Verärgerung, Kränkung ist schon Sünde. Alle fundamentalen Instinkte zur Selbsterhaltung sind Sünde. „Denn ich weiß, daß in mir, das heißt in meinem Fleisch, nichts Gutes wohnt. Wollen habe ich wohl, aber das Gute vollbringen kann ich nicht.“(Rm 7,18) Der Mensch ist von Grund auf schlecht. Er ist todeswürdig.

Der dritte Baustein, das Verbot, den Widerspruch zwischen Mensch als Bild Gottes (Gen 1,27) und verdammungswürdigem Sünder zu benennen und zu kommunizieren, besteht darin, solche Fragen und Zweifel als Anfechtung dem Teufel zuzuschreiben, der einen befällt mit der Hure Vernunft und vom Glauben abzubringen sucht. Dann muß für den Angefochteten gebetet werden und er selbst muß ebenfalls beten, daß diese bösen Gedanken, deutliches Zeichen seiner Sündhaftigkeit und Bestätigung von Baustein 2, aus seinem Gehirn weichen. Viele Psalmen erbitten so auch den Schutz Gottes gegen die Zweifler und Spötter, die sich über den Gläubigen lustig machen, wenn sein Gott ihm Krankheit oder Konkurs beschert hat, Züchtigung aus Liebe eben.

Es besteht innerhalb des theologischen Diskurses keine Möglichkeit, aus dieser Falle herauszutreten und zu sagen: hier stimmt etwas ganz und gar nicht. Ich bin kein Sünder, wenn ich wütend über einen Gott bin, der angeblich allmächtig ist und die Menschen, für die er seinen Jesus gemordet hat, dann letztlich auch in die Gaskammern schickt, ohne ihnen zu helfen. Ist das denn noch im Rahmen des „Wen Gott liebt, den züchtigt er“ zu verantworten? Entweder ist Gott allmächtig, dann ist er aber auch ein arger Mordbube, oder er kann da nichts gegen tun, dann ist er in den Schwachen mächtig, also ohnmächtig gegen die Herren der Welt. Dann sieht er mir aber auch nicht kontrollierend ins Herz. Dann muß ich auch nicht beichten und immerfort mich schuldig fühlen. Wer solche Fragen stellt, lästert Gott. Der kann nicht Pastor werden. Der gehört exkommuniziert, damit die Wehrkraft nicht zersetzt wird beim Kampf des Glaubens gegen die von Satan durchwaltete feindliche Welt.

Dabei finden sich unter den Mitgliedern der Kerngemeinde fast durchgängig depressive Charaktere wie Luther, in se curvatus, die zugleich einen übergroßen Narzißmus im Wissen, daß gerade sie von Gott erwählt sind, hervorbringen. Psychiatrisch gesehen bildet diese Depression durch Selbstentwertung eine Vorstufe zur habitualisierten Schizophrenie. Die Einübungsformel in diese induzierte Depression ist die Beichte vor dem lutherischen Abendmahl, die nach dem Kleinen Katechismus jeder Konfirmand meiner Zeit auswendig gelernt hat: „Allmächtiger Gott, barmherziger Vater, ich armer, elender, sündiger Mensch bekenne dir alle meine Sünde und Missetat, womit ich dich jemals erzürnt und deine Strafe zeitlich und ewig wohl verdient habe. Sie sind mir aber alle herzlich leid und reuen mich sehr, und ich bitte dich durch deine grundlose Barmherzigkeit und durch das unschuldige, bittere Leiden und Sterben deines lieben Sohnes Jesus Christus, du wollest mir armen sündhaften Menschen gnädig und barmherzig sein, mir alle meine Sünde vergeben und mir zu meiner Besserung deines Heiligen Geistes Kraft verleihen. Amen.“ Was macht das mit einem 13jährigen pubertierenden Jugendlichen, der bis auf einige Streiche nichts verbrochen hat, anders als sein Vater, der Massenhinrichtungen beiwohnen durfte? So wird denn auch im katholischen Beichtstuhl vorzugsweise über Sex als einzige Sünde geredet, derer man sich bewußt ist. Die wunderbaren Onanieerlebnisse oder Pettingaktionen werden zu Quellen des Schuldgefühles, welches ansonsten nur noch ein einsames Widerwort gegen den Vater vorzuweisen hat. Der erstarkende Sexualtrieb des Jugendlichen läßt keine Besserung dieser Sünden zu und erzürnt Gott zeitlich und ewig und schrecklicherweise ist auch noch Jesus für dieses ewige Wiedererstarken der Wolllust gestorben. So wird der überstarke Sexualtrieb in der Jugend zur willkommenen Quelle eines überstarken Sündergefühles – in Ermangelung wirklicher und ernsthafter Sünden. Man lästert Gott nicht, geht sonntags in die Kirche, um seinen Stempel ins Konfirmandenheft zu bekommen, ehrt gehorsam die Eltern, die ansonsten recht ruppig würden, tötet nichts bis auf einmal versehentlich eine Schnecke, bricht keine Ehe, stiehlt nur mal ein Sahnebonbon aus dem Küchenschrank, lügt, weil man später sagt, man war es nicht, begehrt auch nicht die Frau des Nachbarn oder deren Fahrrad oder deren Katze oder deren Haus. Man findet praktisch nichts an Sünde beim Abklopfen der Zehn Gebote. Wenigstens hat man den Sex noch, der immer verboten ist und die einzige greifbare Sünde, die einem einfällt. So ist man froh, endlich eine passende Sünde für die Beichte gefunden zu haben und hat etwas, wofür man sich schämen kann. Dann endlich klappt es mit der Beichte und mit dem erforderlichen Sich-schlecht-fühlen, mit der Scham, Peinlichkeit, mit dem Leiden unter dem geilen Fleisch, welches den inneren Menschen (Rm 7,22) beständigt in dessen Andacht behindert. Dies ist eine idealtypische religionspädagogische Hinführung auf die zerknirschte Bereitschaft zum Empfang der göttlichen vergebenden Gnade. Rüpel oder Schlampen, die schlimmere Vergehen sich haben zu schulden kommen lassen, pflegen in kirchlichen Gruppen nur kurz zu weilen und lassen auf der Suche nach größeren Abenteuern die zopfigen Kirchengruppen schnell hinter sich. Sie haben die Chance, ein gesundes Ich zu entwickeln. Die anderen lernen in Beichte und Kyrie jeden Sonntag, sich als arme elende Sünder zu definieren und fühlen. Das ist eine wichtige Vorstufe auf dem Weg, den Körper mit seiner stetig neu keimenden Lust als etwas fremdes, tierisches, abartiges auszugrenzen und ihn wahrhaft als Es zu erleben, dem das Ich feindlich gegenübersteht, verzweifelt, ausgeliefert, voller Scham, nicht stärker widerstehen zu können und immer wieder zu sexuellen Handlungen gezwungen zu werden. Das Ich will nicht, aber die Hand rubbelt. Wie peinlich, erniedrigend, die Scham, nach dem Orgasmus wieder aus der Ohnmacht zu erwachen und zu begreifen, was geschehen ist. Man hat es wieder nicht geschafft, zu widerstehen. Das ist der tertius usus legis in Aktion: das Verbot schafft die Sündenerkenntnis als Reue, die das Evangelium von der Gnade aufgrund des Kreuzestodes Christi dankbar annehmen kann. „Dir sind deine Sünden vergeben, aber sündige hinfort nie wieder!“ Drei Tage später ist es dann wieder so weit, der nächste Sündenfall. Der heranwachsende Jung-Christ findet sich immer mehr widerlich, peinlich, ekelhaft.

Mythos zwischen Vernunft und Wahn: Die Schwächeren irren

Die Autoren der Bibel bedienen sich mythischer Weltdeutung. Diese widerspricht der heutigen Wissenschaftserkenntnis, ist darum als eine historisch bedingte Erkenntnisstufe zu verstehen, aber nicht mehr akzeptabel für die Interpretation unserer Welterfahrung. Bultmann wollte darum die Texte entmythologisieren. Er hat das getan, indem er sie durch die Mythik Martin Heideggers ersetzt hat unter angeblicher Beibehaltung der inhaltlichen Aussagen. Wir werden versuchen, sie in unsere Mythen zu übersetzen. Jede Theologie ist ein solcher Übersetzungsversuch in die modernen Mythen. Unsere Realität besteht wesentlich aus den gerade modernen Mythen, mit denen jeder im Sozialverband gezwungen wird, seine „Wirklichkeitserfahrungen“ zu machen. Von der Verschiedenheit der Mythen hängt ab, ob etwas geisteskrank ist. Zumeist wird das als geisteskrank bezeichnet, was weniger mächtige Vertreter findet. Der Mythos der schwächeren Gruppe gilt als der kranke. Wird Krankheit von mir durch Leiden definiert, so kommt dies - auf jeden Fall im psychischen Empfindungsfeld, das sicher nicht lösbar ist vom somatischen Erleben - nicht etwa von innen, sondern entspringt allererst der sozialen Diskriminierung und Unterdrückung, die alle schwächer vertretenen Mythen und Erfahrungswelten trifft. Zum Leiden hatte das Christentum deshalb in den Zeiten wenig Grund, in denen es im Konkubinat mit der Staatsführung lag: als Staatsreligion und Staatskirche. In dieser „Blütezeit“ litten eher die angeblichen Heiden und Hexen. Das Christentum als Mythos der herrschenden Klasse stand darum bislang den Geisteskrankheiten immer dominant gegenüber wie es allen anderen Kulturen dominant gegenüberstand. Man erinnere sich nur der Ausrottung der Inkas, Azteken und Mayakulturen durch Christen wie Cortez. Oder Inquisitionen im Mittelalter, deren billige Nachäffung heute in dem Kampf gegen die „Politgangster“(Dregger) der Baader-Meinhoff-Gruppe geübt wird. Ich behaupte, daß diese Macht des Christentums heute vorbei ist. Die Pfarrerschaft im mittleren Mittelstand ist nicht mehr der mittelalterliche Klerus, der gleich nach dem Adel kam. Eine Volkskirche ist heute der verzweifelte Versuch, den Verfall der Kirche und ihrer sog. „Kerngemeinden“ zu verdrängen. Es ist m.E. keine Gesundschrumpfung. Ich glaube, die Kirche hat langsam ihre leitbildgebende Rolle in der Gesellschaft verspielt.

Die wesentlichen Merkmale der Schizophrenie

1.   Ängste vor Realitätsimplosion, Verschlungenwerden, Depersonalisation, wirklicher Autonomie. Sexualität und Aufbegehren gegen die Eltern, Lehrer, Pastoren werden als Teufelsmächte ausgegrenzt und Lust und Wut als feindliche Regungen gefürchtet.

2.   Das Selbst ist dissoziiert vom Körper und/oder anderen als „falsch“ empfundenen Verhaltenssystemen. Lust und Wut sind Fleisch, welches zu überwinden ist. Das Ich will diese Regungen nicht haben, sie sind der Satan, der in mich gefahren ist. Ich bin das nicht.

3.   Der isolierende Rückzug vom Gefürchteten (Welt und andere Menschen) verarmt die Identität und führt zu Sehnsucht, Neid und Haß auf die Außenwelt. Ich kämpfe hier mit aller Kraft gegen meine Lust und Wut an, während die anderen hemmungslos herummachen und sich auch noch brüsten mit ihren sexuellen Erlebnissen.

4.   Schuld wird paradox erfahren. Einerseits schäme ich mich, andererseits könnte ich ihn umbringen vor Wut.

5.   Es kann zu Identitätsdiffusionen mit Musik, dem All und Gott (was immer „er“ sei) kommen (Laing, Das geteilte Selbst aaO 112). Wenn wir zusammen singen im Gottesdienst, verschmelzen wir mit den Engeln im Himmel und es ist eine wundervolle Gemeinschaft entstanden.

6.   Das Selbst sucht Sicherheit in kontrollierender Reflexion. Warum kann ich nicht die Finger von meiner Möse/meinem Schwanz lassen? Ich habe nur drei Tage ohne ausgehalten. Was denkt Gott jetzt über mich? Morgen versuche ich den ganzen Tag nicht dran zu denken.

7.   Die ganze Welt ist ein Gefängnis und verfolgt das Selbst (Laing aaO 98). Die anderen lachen mich aus, wenn ich erzähle, wie toll es in der Kirche wieder gewesen ist. Sie halten mich für hinterwäldlerisch und wollen mit mir immer weniger zu tun haben. Sie laden mich nicht mehr ein und tuscheln miteinander über mich. Natürlich tuscheln sie über mich, über wen denn sonst! Es ist ihnen peinlich, mit mir zusammen gesehen zu werden. Sie hassen mich, weil ich Christ geworden bin. Sie brechen den Kontakt zu mir ab, weil ich Christ bin. Das ist eben so, als Christ wollen die weltlichen Menschen nichts mehr von einem wissen. Sie verachten und verspotten mich, aber ich bin nicht allein, Jesus ist es genauso gegangen und er ist bei mir und hilft mir gegen die andern. Je mehr die mich blöd finden, desto klarer habe ich meinen Missionsauftrag erfüllt.

8.   Aktionen können über das Selbst nichts aussagen. Gott sieht mir ins Herz und weiß, wie es um mich steht. Er weiß, daß ich zu schwach bin gegen dieses widerliche Wix-Tier in diesem widerlichen Körper. Und er vergibt es mir jedes Mal aufs neue, wenn ich nur wahre Reue zeige. Herr, du weißt, wie hilflos ich bin, wie sehr ich dir dienen möchte mit Enthaltsamkeit und wie wenig ich es schaffe, bitte steht mir bei gegen dieses abscheuliche Tier mit seiner Geilheit und Wut.

Der Katatone nimmt keine Außenwelt wahr, der Hebephrene selektiert nur direkte Kommunikation, der Paranoide nimmt verborgene Bedeutungen hinter allem an. Das Selbst ist schwach.

 

Gott im Volk Israel: Spaltung in Gerechte und Gottlose

In den alttestamentlichen Geschichtsberichten und den Schöpfungserzählungen wurde Gott als Lenker und Beweger der Welt erfahren. Natur und Geschichte waren direkte Zeugen für Gottes Sein. Ihr Sein war untrennbar mit Gottes Sein zusammengedacht und erfahren. Gotteserfahrung war zugleich kosmische. Gott und Welt waren kein Gegensatz. Doch schon in einigen Psalmen klagen die Sänger gegen die Gottlosen und Sünder. Durch die Thora ist eine Unterscheidung von Gerechten und Sündern möglich gemacht. Die Thora wird als Gottes eindeutigste Mitteilung an sein Volk gesehen. An ihr wird eine Scheidung der Menschen durchgeführt. Die primäre Abgrenzung ist also in menschlichen Beziehungen erfolgt. Die Frommen schieden sich von denen, die nicht rigide an der Moral der Thora partizipierten. Die Gottlosen waren der erste feindliche Bereich der Welterfahrung der Frommen. Allerdings gab es viele davon. Was eine Sintflut nötig machte. Die Naturkatastrophen wurden aber als gottgegebene hingenommen; gerade der Protest gegen die Naturkatastrophen galt als gottlos und mußte weitere Strafen provozieren, Exodus 16f. Gott kam in Feuersäulen, Dornbuschbränden, teilte das Meer, donnerte aus den Wolken, war ein sanftes Säuseln. Er kämpfte in den Kriegen mit, schickte Nebel und Dürren. Später richteten sich die Aggressionen Gottes auch gegen sein eigenes Volk. Darum mußte es wohl etwas gegen Gott gemacht haben, so meinten die Propheten. Sie riefen zur Umkehr auf. Kurz: bis auf die Gottlosen wurde die Welt als Medium Gottes gedeutet. Da Gott geachtet und geliebt wurde vom Frommen, wurde auch die Welt geliebt und geachtet. Sie war selbst göttlich.

Gnostische Weltentfremdung: Finsternis und Ort des Bösen

Ganz anders dagegen das neutestamentliche Kosmosgefühl. Bei fast allen Schreibern, besonders Johannes, wird die Welt als feindliche Macht gesehen, in die Gott hineinkommt als Jesus. Sein Reich ist nicht von dieser Welt ( 18,35), Gott liebt die Welt aber (3,16) und richtet sie im Kreuz (9,39). Die Jüngerschaft war eine kleine Gruppe, anders also als Israel. Sie hatten die ganze Welt, selbst die Juden gegen sich. Daher war diese scharfe Abgrenzung gegen die Welt notwendig. Sie mußte die Schwäche dieser kleinen Gruppe kompensieren. So waren die Jünger das Licht der Welt (Mt 5,14), so wie Jesus auch (Joh 8,12). Die Jünger bekamen Missionsaufträge für die Welt (Mt 28). Gott wird gegen die Welt gestellt (Rm 3,19). Seine Weisheit ist für die Welt Torheit (1 Kor 1,20) oder umgekehrt. Die Christen fühlen sich in der Welt nicht mehr heimisch (4,11). Von der Gnosis und der Apokalyptik beeinflußt kommt es zur Vorstellung von zwei Welten. Diese Welt und Jene Welt sind nun Gegensätze (Mt 12,32). Diese Welt ist vorläufig, vergänglich, böse und erlösungsbedürftig durch Christus. Die Urgemeinden sollen sich ihr nicht gleichstellen (Rm 12,2). Man kann von einer Weltfeindlichkeit der Christen sprechen. Die Welt erhält alle Prädikationen des Bösen, Falschen und Gefährlichen. Zur Welt wurden auch die Nicht-Christen gezählt, sodaß eine Gegenüberstellung von

   (Welt, Heiden, Teufel, Sünde) und (Gott, Christen, Versöhnung im Kreuz für die Glaubenden) entstand. Das Verhältnis zur Welt ist - psychiatrisch geurteilt - paranoid. In der Welt haben die Christen Angst (Joh 16,33), es ist das Grundgefühl, verschlungen werden zu können, der Teufel sucht, wen er verschlingen kann (1 Pt 5,8). Die Angst vor dem Eindringen der Realität ist hier ebenbürtig im Weltverhältnis der ersten Christen angesiedelt. Die Angst vor Depersonalisation ist spärlicher zu finden im NT. Das Gefühl, ein Objekt zu sein, drückt sich aber beispielsweise in der Aussage Luthers aus, der Mensch werde entweder vom Teufel oder von Christus geritten. Der Mensch ist fremden Mächten unterworfen (Rm 8,35-38). Aber Gott ist ein persönlicher Gott und zeichnet sich gerade aus durch Überwindung dieser Mächte. Die Sünde wird als solche Macht betrachtet, die das Ich in die Verhältnislosigkeit treibt.

Sünde als Drang in die Verhältnislosigkeit (Jüngel, Tod 99) zu Gott ist im AT immer personal vermittelt. Sünde ist meine oder deine Sünde. Ich bin das Subjekt meiner Sünde, ich bin der Sünder, der von Gott weggeht. Das tue ich, indem ich mich dem Gesetz Gottes verweigere, gegen die Thora agiere. Deshalb kann im AT von Sünden (pl.) geredet werden; damit sind die einzelnen Überschreitungen der Thora gemeint. Die Sünden sind Transzendenz zum Gesetz. Jesus überschritt die Thora natürlich auch. Die Bergpredigt-Antithesen radikalisieren die Thora und fordern eine Internalisierung dieser Normen. Für den Juden konnte nämlich die Thora durchaus etwas ichfremdes sein; dagegen polemisiert Jesus und will, daß die Verhaltensweisen in den menschlichen Verhältnissen, begriffen als Gestaltungen des Verhältnisses zu Gott, vom Ich ausgehen und nicht von einer ichfremden Moral. Mir ist nur nicht klar, ob dies erreicht wird durch Anpassung des Ich an Thora und Propheten, dh Internalisation eines primär ichfremden und u.U. ichfeindlichen Überich, das zu Verdrängung von Es-Strebungen führt (Mt 5,29). Oder ob die Antithesen sagen sollen, es ist sinnlos, äußere Normen zu befolgen, wenn sie dem Ich und seinen Intentionen widersprechen. (Mt 5,21-26. 28. 37).

Nächstenliebe als Gottesliebe

Jesu radikalste Aufhebung (im Hegelschen Sinn) von Thora und Propheten, also der ganzen Tradition, liegt in dem Doppelgebot (Mt 22,34-40). Das Gebot der Gottesliebe von ganzem Herzen, ganzer Seele und ganzem Gemüte gibt der Vermutung recht, Jesus verlange nicht eine totale Verinnerlichung thoratischer Normation, sondern benutzt scheinbar radikal gesetzliche Bilder nur zur Gleichnisbildung für ein Gottesverhältnis, das aus dem Kern des Ich kommt. Auch die Nächstenliebe wie die Selbstliebe, dh die Rückbindung sozialer Liebe an das Ich, scheint mir darauf hinzuweisen, daß Jesus das Ich eines jeden Menschen in den Vordergrund der Verhältnisse zu Gott und anderen Menschen rücken will. Metaidentitäten (wie ich vor anderen wirke, wie ich vor mir selbst wirke und wie vor Gott) will Jesus nicht (Mt 6,1ff, 5. 7. 16ff). Schlatters Deutung dieser Stellen als „Selbstlosigkeit“ ist mißverständlich. Getroffen hat es Bonhoeffer in der „Nachfolge“ mit dem Begriff der „Selbstvergessenheit“.(Dietrich Bonhoeffer, Nachfolge, München10 (Kaiser) 1971, 136) Jesus fordert auf, die Metaidentität zu vergessen und - das geht sogar noch über Laing hinaus - die Selbst-Identität. Bonhoeffer ahnte schon, daß es ein Gottesverhältnis gibt, in dem die Identitätsfrage zur Nebensache wird angesichts der allumfassenden Liebe Gottes. Unter der Voraussetzung des Doppelgebots von Gottesliebe als Menschenliebe Mk 12,33 parr., daß es das Selbst ist, was im Verhältnis zu Menschen und Gott steht. Das sog. Doppelgebot ist gar keins in doppelter Hinsicht. Erstens sagt gerade die Verbindung von Gottesliebe und Menschenliebe, daß diese Liebe nicht zweierlei ist. Dann aber kann Gott und Menschen auch nicht zweierlei sein. Bestes Beispiel dafür ist der zweinaturige Gottmensch Jesus Christus selbst und seine Inkarnation in allen seinen geringsten Brüdern (Mt 25). Zweitens wird das griechische a)gaph=seij immer mit 'du sollst lieben!' übersetzt. Es kann grammatisch auch ohne Bedenken ein Futur sein, also als eine Verheißung aufgefaßt werden oder der theologisch beliebte „Zuspruch“: du wirst lieben. Damit würde auch das repressive Übersetzungssystem der alten Kirche entlarvt, die Liebe befehlen will. ‘Lieben sollen’ ist eine Doppelbindung. Man soll etwas, was seinem Wesen nach nur ohne Zwang entstehen kann. Eine Doppelbindung gehört nicht auch noch in das ‚Doppelgebot’ eingeschleppt. Denn das Doppelgebot versteht sich gerade als die Aufhebung jeder Gesetzlichkeit. Die Pharisäer fragen Jesus nach einem Gesetz. Er benutzt ihre Frage als Aufhänger und bringt ein Paradox: das Oberste Gebot ist, etwas zu tun, was alle Gebote aufhebt. Jesus transzendiert jede Gesetzlichkeit. Denn die Gesetze sind Mittler des Gotteswillens. Ein Mittel verwehrt aber Unmittelbarkeit.

Jesu Beziehungsfähigkeit zu den Sündern

Jesu Revolution des Verhältnisses von Menschen zu Gott und anderen Menschen ist die Einführung der Unmittelbarkeit. In eine Welt voller Vermittlungen geht - er und redet unmittelbar zu allen, zu Pharisäern redet er ohne große Diplomatie und Taktik, mit den Sündern, also denen die nach jüdischer Anschauung kein Verhältnis zu Gott und dem Volksgansen Israels haben, hat Jesus direktesten Kontakt. Ob Jesus mit Frauen oder Männern geschmust hat, ist uns bis auf Lk 7,36ff, 8,1-3, Joh 8,3-11, das geheime Markusevangelium, Thomasevangelium 114 und Philippusevangelium 32 (Magdalena Jesu „Gefährtin“ teFkoinwnos) nicht überliefert. Vielleicht hat es die Urgemeinden nicht interessiert. Vielleicht war es zu selbstverständlich, um erwähnt zu werden. (Shalom Ben-Chorin, Bruder Jesus. Der Narazener aus jüdischer Sicht, München (List) 1972, 127ff geht davon aus, daß jeder Rabbi verheiratet war, so auch Jesus.)

Wie Jesus die Sünde bekämpft: Er richtet Verhältnisse auf zu den Ausgegrenzten. In den Augen der Gesetzestreuen mußte er als Sünder erscheinen und wurde als Gotteslästerer hingerichtet. Sein Tod ist die Folge eines unbeirrbaren Dranges in Verhältnisse. So überwand Jesus Sünde. So trug er als das Gotteslamm der Welt Sünde (Joh 1,29). Ein besonders eindrückliches Bild davon die Auferweckung von Toten. Tod als Folge des sündlichen Dranges in die Verhältnislosigkeit (Rm 6,23) ist das äußerste an Verhältnislosigkeit; ihn überwindet Jesus und schafft neue Verhältnisse zwischen dem Jüngling zu Nain und seiner Mutter oder bei Lazarus.

Sünde bei Paulus als ichfremde Macht von außen

Diese personenfixierte Vorstellung von Sünde nimmt aber in den Briefen zunehmend ab. Nur selten noch kommen Ausdrücke vor wie 'unsere Sünde'; der Singular 'meine Sünde' ist überhaupt nicht mehr im aktiven Sprachschatz. Die Vorstellung von Sünde wird depersonalisiert. Sünde ist nun eine ichfremde Macht, die das Ich überwältigt und in ihre Gewalt und unter ihr Gesetz bringt. Es gibt ein „Gesetz der Sünde“(Rm 8,2), also eine unabänderliche Kausalität im Verfall von Verhältnissen. Ihr ist das Ich passiv unterworfen. Es hat nur die Rettung, sich unter eine andere Kausalität zu stellen. Das „Gesetz des Geistes“(Rm 8,2) oder der Glaube ist diese rettende Macht. Die Erfahrung von Sünde und Glaube als „Gesetzen“ zeugt von Rückkopplungszirkeln, die wie eine Kausalität empfunden werden. Man kann sie auch als hermeneutische Zirkel erklären, als circuli vitiosi. Genau das aber entspricht in der Psychiatrie dem Prozeß des Sich-hineinsteigerns in die Psychose (Laing, Das geteilte Selbst, aaO 101). Für den Psychotiker sind alle Erfahrungen nur Bestätigungen seiner vorgefaßten Meinung und Erfahrung, zB daß alle Blicke tödliche Strahlen sind und alle Menschen ihn quälen wollen. Je mehr er sich aber ängstigt und isoliert, desto stärker wird er sich als machtlos gegenüber anderen Menschen und Mächten erfahren, er steigert sich in die Isolation und/oder seine Phantasiesysteme und wird durch die Realität nur noch bestätigt, - wenn er sie nicht ignoriert. Es gibt eine identische Struktur von Sünde als Drang in die Verhältnislosigkeit und der paranoiden Isolationsbemühung. Darum hat es zunächst den Anschein, als sei die Überwindung der Sünde im Glauben ein Akt der Genesung von dieser paranoiden Tendenz.

Glaube als Aufhebung paranoider  Mißtrauensrückkopplungszirkel

Glaube kann alles durchwirken, sich vergrößern wie Senfkörner zum Senfbaum. Er ist ein Schild und rettet, auch von Krankheiten. 'Dein Glaube hat dir geholfen' sagt Jesus (Mt 9,22) zur Bluterin. Wer glaubt, wird gesund. Krankheit galt immer als Strafe für Sünden. Da Kranke gemieden wurden - von Ausnahmen abgesehen -, war Krankheit selbst ein Zustand der Sünde: der Kranke war nahezu verhältnislos. Das gilt nicht für alle Krankheiten, aber für ansteckende wie Lepra. Mit der Heilung der Krankheit war die Verhältnislosigkeit aufgehoben. Glaube konnte also Verhältnisse schaffen. Glaube an Jesus heißt für Jesus: das unmittelbarste Verhältnis zu ihm haben. Glauben und Vertrauen sind griechisch eins (pi/stij).

In Dyaden sahen wir, daß es bei einem grundlegenden paranoiden Mißtrauen zu reziproken Mißtrauensspiralen kommen kann (zB ich liebe dich; ich fürchte, du liebst mich nicht; du zeigst mir aber durch dein Verhalten, daß du mich liebst, vermutlich spielst du mir das vor, um mich nicht traurig oder wütend zu machen, du willst nicht, daß ich es merke, also mißtraust du mir; ich weiß, du denkst jetzt, ich sei paranoid, aber das tust du nur, um nicht offenbaren zu müssen, daß du mich nicht liebst, du willst das Problem auf mich lenken, gerade das aber bestätigt meinen Verdacht, du hast nur Angst, mir zu sagen, daß du mir mißtraust und mich nicht liebst, usw.)

Wenn Jesus sagt, daß man gerettet wird, wenn man ihm vertraut, dann bedeutet Vertrauen als Abwesenheit von Mißtrauen, daß alle Gedanken, die ein Mensch über einen anderen sich macht, Gedanken, die darum zwischen den beiden stehen und Unmittelbarkeit verhindern, zur Ruhe kommen und der mißtrauisch-ängstliche Zweifler ein unmittelbares Verhältnis zu Jesus gewinnt. Glaube ist ein unmittelbares Verhältnis. Glauben hat als Subjekt den Glaubenden. Und doch gibt es auch eine gewisse Weise des Überfallenwerdens von positiven Gefühlen, von Freude, Zärtlichkeit, Wärme, Bewunderung, Sympathie, die die Anmut des Anderen in mir evoziert. Mein Glaube entzündet sich an deiner Vertrauenswürdigkeit. Weil ich sehe, wie du anderen geholfen hast, kann ich mir vorstellen, daß du auch mir hilfst. Das macht mich offen für die innerlichen Veränderungen, die notwendig sind, um wieder gesund zu werden. So wird mir mein Glaube an dich helfen gesund zu werden. Ich glaube. Jesus redet von meinem und deinem Glauben.

Jesu Glaube als Ungehorsam-Werden in der Verzweifelung

Jesus starb, er wurde zu Tode gefoltert. Die Verhältnisse der Liebe waren zerbrochen. Nicht nur das Verhältnis zu Jesus war durch dessen Tod gebrochen; Jesu Verhältnis zu Gott war abgebrochen, wenn Jesus auch von seiner Seite her das Verhältnis nicht brechen will und aus der unendlichen Einsamkeit eines Erstickenden seine Verzweiflung gegen Gott schreit: „Warum hast du mich verlassen?“ In diesem Protest gegen Gott steckt Vertrauen, sehr viel mehr Vertrauen als es die pietistische Ergebung ins Gottgewollte später war. Heute sagt man, er habe nur frommerweise Ps 22 rezitiert, nicht gemeckert.

Selbst Hiobs Flüche gegen Gott offenbaren mehr Beziehungsaktivität und Vertrauen als der Unglaube, den man Gehorsam nennt. Man wird drauf pochen, daß Jesus aus Gehorsam ans Kreuz ging. So stellten es die Evangelien dar. Es wird inzwischen genug Leute geben, die bewiesen haben, daß Jesus nicht vorsätzlich starb, nicht einmal, um das Gottesreich zu zünden (wie Albert Schweitzer meinte, cf Reich Gottes und Christentum [I] (1967), Gesammelte Werke IV, 511-731, Berlin 1971). Jesu Tod als Gehorsamsakt darzustellen ist historisch unhaltbar. Es ist vermutlich Gemeindebildung. Jesu Schreien am Kreuz drückt die Verzweiflung über sein Scheitern aus. Als seine letzte Verkündigung ruft es aus der Einsamkeit der Gottverlassenheit.

 Nach Jesu Tod brachen als drittes die Verhältnisse der Jünger zueinander. Sie zerstreuten sich aus Angst, auch noch verfolgt zu werden. Sie reagierten so realitätsgerecht paranoid. Durch Jesu Tod brachen drei Verhältnisebenen. Der Glaube an ihn als Messias war widerlegt. Er war es nicht.

Trauerarbeit und Melancholie: Inkorporation des Toten

Trauer ist die intensivste Beschäftigung mit dem verlorenen Geliebten. Trauer scheitert an der Realität. Der Trauernde muß den Geliebten hergeben. Aber so schnell geht das nicht. Es ist ein Prozeß. Oft erscheint der verstorbene Geliebte dem Trauernden als Vision. Darin zeigt sich, wie intensiv das Verhältnis zum Geliebten war. Freud unterscheidet nun zwei Arten der Bewältigung von Verlusten Geliebter: Trauer und Melancholie ('Trauer und Melancholie', WW X,428ff). Trauerarbeit ist die libidinöse Umbesetzung von Objekten. Die Libido, die vormals auf das verlorene Objekt gerichtet war, wird langsam auf ein anderes Objekt übertragen, damit vom verlorenen Objekt abgelöst und so der Verlust durch einen Gewinn bewältigt. Voraussetzung dafür sind aber geeignete Liebesobjekte, daran hat Freud scheinbar nicht gedacht. Melancholie dagegen verinnerlicht das verlorene Objekt, um es immer bei sich haben zu können. Einige von Laings Patienten verinnerlichten nach dem Tod eines Elternteils dieses. Die Mutter, ihrer Verhaltensweisen, ihre Sprache, ihr Atmen, ihre Schminke und Kleidung, alles wird dann perfekt nachgeahmt und der Schizophrene kann schließlich die Rolle so perfekt, daß er sie ist. Die Mutter ist dann zu einem, vom wahren Ich des Schizophrenen getrenntem Selbstsystem im Körper des Schizophrenen geworden, aber einem falschen Selbstsystem. Es kann sein, daß der Schizophrene, wenn er keine Abneigungen gegen die Mutter hatte, sein altes Selbst völlig zugunsten der Mutterinkarnation aufgibt. Empfinden wird er die eingenistete Mutter nur dann als falsches Selbst, wenn er sie gehaßt hat. Dann wird er sich von dem gehaßten Wesen in ihm abgrenzen und ihm immer mehr Platz freimachen durch immer weitere Rückzüge des wahren Selbst ins Vakuum. Beim Einnisten einer geliebten Person hingegen kann die Identität beider ineinander übergehen. Diesen Akt nennt Freud Melancholie. Er bezeichnet ihn als nicht realitätsgerechtes Verhalten.

Ostervisionen – Melancholische Internalisierung Jesu

Jesus wurde – nach dem frühesten Bekenntnis 1 Kor 15,3ff - gesehen, erst von Kephas, dann den Zwölfen und schließlich von mehr als 500 Brüdern auf einmal. Die Lehrmeiuungen über die Interpretation dieses w)=fqh sind sehr zerstritten. Ich halte es für eine melancholische Verinnerlichung Jesu, die im Rahmen der Trauer und der Aufgabe, mit dem Verlust Jesu fertig zu werden, zu zunächst einer Visien eines einzelnen geführt hat.( Yorick Spiegel, Der Prozeß des Trauerns. Analyse und Beratung, München (Kaiser) 1973 differenziert Schock, Kontrolle, Regression und Adaption als die 4 Phasen der Trauer und berichtet 171ff über Trauervisionen in der 3. Phase, der Regression.) Kephas wird dieses Erlebnis sicherlich anderen mitgeteilt haben und auf diese Weise bei den gleich stark vom Tod Jesu betroffenen Jüngern eine erste Kollektivvision evoziert haben, die schließlich in einer Art Massenhysterie zu Massenvisionen geführt hat. Visionen werden als echt empfunden. Das zeigen die Halluzinationserscheinungen in den experimentellen Psychosen mit LSD. Es gibt auch kollektive Visionen, etwa bei Indianderstämmen wie den Yaqui im Norden Mexikos und der Native American Church mit ihren Peyote-Meskalin-Trips zum Osterfest. Insofern ist es historisch wahrscheinlich, daß der Rede von der Auferstehung Jesu kollektive Ostervisionen zugrunde lagen. (Ernst Benz, Die Vision. Erfahrungsformen und Bilderwelt, Stuttgart (Klett) 1969; Manfred Josuttis/ Hanscarl Leuner, Religion und die Droge. Ein Symposion über religiöse Erfahrungen unter Einfluß von Halluzinogenen, Stuttgart (Kohlhammer) 1972, darin: Wilhelm Keilbach, Techniken religiöser Ekstasen, 9-22)

„Objektive Heilstaten“ Gottes wie etwa Auferstehenlassen

Jesu Auferstehung als „objektive Heilstat“ und empirisch mit unseren Kategorien von realer Existenz verifizierbare Tatsache hinzustellen und nachweisen zu wollen, ist nicht nur ein Dokument des Verfalls der Theologie an den Positivismus. Es ist auch ein Zeichen für die Unfähigkeit, zu glauben. Denn wir wandeln im Glauben, nicht im Schauen (2. Kor 5,7). Es ist eine glatte Lüge, im Zusammenhang mit biblischen Überlieferungen solche Worte zu gebrauchen wie „objektive Tatsache“.

Als Illustration des Entstehens einer Massenhysterie mag die Geschichte vom Mothman (Mottenmann) aus Point Pleasant in West Virginia dienen. Er wird als 1,90 m großes, dunkles geflügeltes Wesen, Flügelspannweite 3m, mit leuchtenden 5cm großen roten Augen beschrieben, ein schwarzer Engel. Er wurde am 14. 11. 1966 um 23.30 Uhr auf der Kohlenhalde eines stillgelegten Kraftwerks nahe des „TNT-area“ von zwei Ehepaaren gesehen. Er stieg flügelschlagend aus einer Staubwolke empor, überflog das Auto der Scarberry´s und Mallette´s mehrmals und verschwand. Am Folgetag titelte das örtlichen Käseblatt Point Pleasant Register: „Couples See Man-Sized Bird ... Creature ... Something”. Dies löste eine Serie weiterer Sichtungen in der Nähe aus. Linda Scarberry sah ihn in den Folgetagen mehrfach, einmal sogar auf dem Dach ihres Hauses sitzend. Andere sahen seine scharfen Krallen, weitere schätzten ihn auf 4m Größe. Genau 13 Monate später stürzte dort eine Brücke ein. Eine alte Irokesensage prophezeite, wenn solch ein Wesen erscheine, passiere ein Unglück. Es lag nahe, den wohl tatsächlich dort vorkommenden großen Virginia-Uhu mit dem Einsturz der Silver Bridge zu kombinieren. Es meldeten sich danach viele Leser, die den Mottenmann ebenfalls schon in der Vergangenheit gesehen hatten und stets auch Unglücke in der Folge erlebten. Es gab sogar UFO-Sichtungen in seiner Nähe, was wahrscheinlich machte, daß er ein Außerirdischer sei. Man machte Jagd auf diesen Vorboten des Unheils und einer erlegte dann auch einen Virginia-Uhu. Erste Zweifel kamen auf. Als die Reporterin Mary Hyre, die sich der Sensation des Mottenmannes engagiert angenommen hatte, starb, ebbten auch die Sichtungen ab. – Hier läßt sich eine frappante Analogie zu den Ostervisionen der Jünger erkennen: Erst die Mitteilung einer Erstvision löst die Serie aus: „und daß er gesehen worden ist von Kephas, danach von den Zwölfen. Danach ist er gesehen worden von mehr als fünfhundert Brüdern auf einmal, von denen die meisten noch heute leben, einige aber sind entschlafen. Danach ist er gesehen worden von Jakobus, danach von allen Aposteln. Zuletzt von allen ist er auch von mir als einer unzeitigen Geburt gesehen worden.“ (1. Kor 15,5-8 cf Lk 24,34.50; Joh 20,19; 20,26)

Paulus als Visionär: Jesusvisionen verleihen Kerygma-Macht

Paulus selbst hatte vor den Toren von Damaskus auch eine Vision (Acta 9,3ff) mit nachträglichen 3tägigem katatonen Stupor: Nichts sehen, Nahrungsverweigerung. Seine von Begleitern nicht geteilte individuelle Vision Christi war anders als die Jüngervisionen keine Gestaltvision, sondern eine Lichtvision, eine passagere psychotische Dekompensationsepisode mit Spontaner Remission. Sie hatte die gleiche Struktur wie die Stephanus-Steinigung (Acta 7,54-60) oder auch Jesu Taufe: Himmel auf und Stimme von oben. Kraepelin betrachtet solcherlei als „Akute Verwirrtheit“. „In einzelnen Fällen überwiegen Grössenideen: Viele Kranken sind hohe Personen, sind im Himmel gewesen, haben den Heiland gesehen, reisen nach Amerika.“(Kraepelin aaO 39) Paulus hatte sich als frommer Pharisäer die Bekämpfung der neuen Sekte der Christen vorgenommen. Er muß sich außerordentlich intensiv mit diesem Phänomen auseinandergesetzt haben, denn er haßte die Christen und widmete seine volle Zeit dem Kampf gegen sie und freute sich über die Stephanussteinigung (Acta 8,1). Wenn Jesus im Damaskuserlebnis Saulus fragt, warum er ihn so hasse, hat sich das Schuldgefühl gegenüber dem 5. Gebot hier zur Himmelsstimme manifestiert. Die GESTAPO-Arbeit (Acta 8,3) und der Spaß an Hinrichtungen waren nicht mehr innerlich vereinbar mit dem Tötungsverbot. Der Folterer wird seelisch affiziert vom Opfer.

Laing berichtet von mehreren Patienten, die von gehaßten Personen vereinnahmt werden, dh die gehaßte Person in ihr Selbst aufnehmen. Bei den meisten blieb jedoch eine innere Spaltung zum wahren Selbst bestehen. Hitchcocks „Psycho“ seziert dieses Wiederaufstehen der ermordeten Mutter in ihrem mörderlischen Sohn, der sich werwolfartig bis hinein in die Kleidung in seine tote Mutter verwandelt und dann tötet, was der Sohn liebt.

Es ist möglich, daß Paulus sein altes Selbst bei dieser Bekehrung teilweise verloren hat. Er hat dann ein ganz neues Identitätssystem aufgebaut, nur an einigen Stellen treten noch Fragmente des alten brutalen Selbst zutage (zB 2 Kor 11,22; Phil 3,4ff). Die äußerst blasse Vision des Paulus entspricht der Tatsache, daß er Jesus nie selbst erlebt hatte, sondern nur Sekundärinformationen hatte. Aus der Internalisierung der aus Verhören von Opfern bezogenen Erfahrungen von Jesus, aus der allerersten Mundtradition als Vorstufe der Evangelien, speisen sich seine dürftigen Kenntnisse über den historischen Jesus. Daher ist anstelle einer Gestaltvision auch lediglich eine Lichtvision erfolgt. Gleichwohl reiht er sich damit in die Reihe der echten Jesusvisionäre ein, die Jesus als Mensch im Dialog gesehen haben, wie Lk 24. Damit reklamiert er für sich die Autorität der Apostel und wird mit ihnen konkurrieren.

Auferstehung als Pneuma-Erlebnis: Der „Geist“ ersetzt Jesus

Die Argumentation von Paulus gegen die Leugnung der Auferstehung hat drei Schritte: 1. Gibt es keine Auferstehung der Toten, so ist auch Christus nicht auferstanden. 2. Ist aber Christus nicht auferstanden, so ist unsere Predigt vergeblich, 3. so ist auch euer Glaube vergeblich.(1 Kor 15, 13f) Paulus setzt also das Phänomen Auferstehung voraus, bevor er Christus als Auferstandenen gelten läßt. Wenn es richtig ist, daß es bei der Auferstehung um Visionen der Hinterbliebenen geht, so läßt diese Logik von Paulus vermuten, daß solche Auferstehungsvisionen gar keine so große Seltenheit waren. Christus wird nicht als der einzige Auferstandene gepredigt. Immer wieder wird von Elia als kommendem Messias gesprochen, sogar Jesus wird für den auferstandenen Elia gehalten.(Mt 16,14) Paulus gibt zu, daß die Visionen Jesus in einem anderen Medium als Fleisch und Blut präsentieren, nämlich in einem geistlichen Leib (1 Kor 15, 2ff). Er sah ja nur Licht, keinen Mann. Geistlich ist eine Wahrnehmung unter der Einwirkung von Geist. Die Voraussetzung dieser Visionen war für Paulus das pneu=ma, eine Kraft, die die Urgemeinde den heiligen, göttlichen Geist nannte. Nur unter dem Einfluß dieser Kraft konnten Ostervisionen erlebt werden, meint er. Die anfänglich zerstreuten Jünger hatten sich wieder zusammengefunden und erlebten 40 Tage Jesusvisionen (Acta 1,3). Die 40 steht wie bei Jesu Versuchung für eine religiöse Inkubationszeit vor dem Ausbruch des religiösen Vulkans der Gottesoffenbarung. Sie lebten zusammen. Pfingsten kam ihnen abermals eine Kollektivvision von gewaltiger Intensität. Von Außenstehenden wurden sie für besoffen gehalten (Acta 2,13). Selbst in damaliger Zeit standen viele den Visionen skeptisch gegenüber. Man kann wohl sagen, daß die furchtbaren Erfahrungen des Todes Jesu in den Jüngern nach der Schockphase überwältigende melancholische Potenzen und massenpsychotische Fluchtversuche aus der Realität, daß Jesus tot war, in Bewegung setzten. Wahrscheinlich waren die Jünger zu schwach, den Tod als Faktum durch Trauerarbeit zu bewältigen, indem sie ihre libidinöse Besetzung Jesu - an der kein Zweifel ist - auf einen anderen Menschen umleiteten. Für die Jünger war Jesus zu Lebzeiten die entscheidende Beziehungsperson gewesen und hatte ihre Metaidentität bestimmt, die Jünger waren unfähig, eine eigene Autonomie zu entfalten und hatten sich ihre Identität von ihrem Verhältnis zu Jesus bestimmen lassen. Mit dem Tod Jesu war darum ihre Selbstidentität zerstört. Es gab keinen Jesus ähnlichen Mann, auf den sie die libidinösen Besetzungen Jesu hätten überleiten können, damit entfiel die Grundbedingung einer nicht-melancholischen Trauerarbeit. Freuds Begriff von Trauerarbeit ist aber darin auch unmenschlich, daß er für gesund hält, einen durch den nächsten zu ersetzen. Zur Menschlichkeit gehört Unersetzlichkeit und Menschen sind keine Objekte zur libidinösen Besetzung. Sie sind keine Toiletten, auf die die Kategorie des Besetztseins zutrifft. Sie sind auch keine psychohydraulischen Dampfmaschinen.

Ostervision als legitimierende prophetische Berufungsvision

Jesus war für die Jünger zugleich lebensnotwendiger Vermittler ihrer eigenen Identität und unersetzlich geliebter Herr. Darum konnten sie objektiv keine Trauerarbeit leisten, sondern mußten in Melancholie verfallen, um zu überleben. Sie haben es geschafft, aber unter der Bedingung, melancholisch zu werden. Oder mit der Doppelbindungstheorie ausgedrückt: Jesus war die komplementäre Identität der Jünger und somit Garant der eigenen Identität der Jünger. Außerdem mochten sie ihn. Sein Tod raubte ihnen ihre Identität und einen geliebten Menschen. Außerdem zerbrachen alle Hoffnungen auf das verheißene Gottesreich, das schon in den Erlebnissen mit Jesus anbrach. Die Jünger waren also in einer unhaltbaren Position; mit Jesu Tod war ihr sozialer Tod besiegelt, ihre Wanderradikalenbewegung zerschlagen. Die einzige Möglichkeit, nicht aufzugeben, war für sie die Flucht in die Welt der Phantasien und Visionen, die damals eine viel positivere Bewertung erfuhren als heute, nämlich als Zeichen göttlichen Geistes, als göttliche Offenbarungen. Damit war ihre Jüngeridentität, ihr sozialer Zusammenhalt und ihr Sinnerleben der Welt mit allen seinen Hoffnungsgehalten wiederhergestellt. Dadurch, daß Petrus der Erstvisionär war, hatte er automatisch die Rolle des religiösen Offenbarers und damit Nachfolgers Jesu in der Bewegung übernehmen können. Es war wie eine prophetische Berufungsvision die Legitimation seiner Führungsrolle. Die zerbrochenen Hoffnungen wurden nunmehr eschatologisiert, dh in die Zukunft gerichtet, Jesus lebte in seinem neuen geistlichen Leib mit ihnen zusammen und ersparte ihnen libidinöse Umbesetzungen. Ich würde erstmals hier den Sprachgebrauch der Massenschizophrenie anwenden. Im Gebet hatten sie die Person Jesus halluziniert und seine Heilkräfte drangen in ihre Körper über, sodaß auch sie Heilungswunder vollbringen konnten. Der Tröster war der Ersatzjesus, der Geistbesitz in seinen multiplen Formen von Glossolalie bis Wunderheilungen zeigte, die Person Jesu wirkte direkt in und durch die Jünger/Apostel.

Größenwahn der Apostel als narzißtische Grandiosität

Die Berufungsvisionen ermächtigen den Visionär, unmittelbar im Namen Gottes zu sprechen. Das hatte in der Spätantike eine hohe Glaubwürdigkeit. Heute aber wird jemand, der ähnlich von einem göttlichen Auftrag erfüllt auftritt, leicht Insasse einer Nervenheilanstalt. „In der überwiegenden Mehrzahl der Fälle gesellen sich zu den Beeinträchtigungsideen mehr oder weniger ausgeprägte Grössenideen. Der Kranke hat „bewunderungswürdig gelitten“, wird noch Grosses vollbringen, ist zu Höherem berufen, hat ein zukünftiges besseres Los zu erwarten. Manchmal sind es lebhafte Träume, die ihn erheben und für alles Ungemach entschädigen. In diesen „nächtlichen geistigen Verschleuderungen“ führt ihn die Gewalt Gottes in fremde Länder, bringt ihn in Verkehr, auch geschlechtlichen, mit hohen Personen und gibt ihm durch mannigfache Darstellungen aussichtsreiche Verheissungen für die Zukunft. Häufiger noch kommt es zu einzelnen, mit klarem Bewusstsein aufgefassten visionären Erlebnissen. Der Kranke erwacht in der Nacht mit unbeschreiblichen Wonnegefühlen, fühlt sich durchströmt und durchleuchtet vom heiligen Geiste. Seine Augen werden von dem Lichte geblendet, welches sein Schlafzimmer erfüllt; ein wunderbarer Duft strömt herein. Er sieht Gott in Gestalt eines Sterns, eine bedeutungsvolle Figur aus Lichtpunkten, eine herrliche Gestalt in köstlichem Gewände, die Mutter Gottes, Engel mit goldenen Flügeln, welche eine Königskrone tragen, das Christkind, welches ihn an der Hand führt, ihm die Weltkugel überreicht, den Kaiser mit einer strahlenden Sonne. Dabei hört er eine Stimme, die in mehr oder weniger klaren Ausdrücken ihm seine hohe Sendung verkündet: „Das ist mein lieber Sohn, an dem ich Wohlgefallen habe“, „Dir sind Deine Sünden vergeben“ und dergl. Bisweilen wiederholen sich solche Erlebnisse mehrmals in längeren Zwischenräumen. Auch die Sinnestäuschungen gewinnen vielfach einen angenehmen Inhalt. Gott selbst spricht zum Kranken, ernennt ihn zum Kaiser Rothbart, schenkt ihm riesige Summen, verheirathet ihn mit einer Prinzessin.“(Kraepelin aaO Bd.II, 194f) Die Überzeugung, vom göttlichen Geist in wundertätiger Weise erfüllt zu sein, entwickelt sich oft erst allmählich, auch ohne Damaskusvision oder hardcore-Bekehrungserlebnis des evangelikalen Sünders. „Wenn er betet, so strömt fruchtbarer Regen herab, oder der umwölkte Himmel klärt sich plötzlich auf, sobald er auf die Strasse tritt. Erinnerungsfälschungen erwecken in dem Kranken die Vorstellung, dass ihm von Gott alles im voraus verkündet werde, was sich ereignet. Während der Entwicklung dieser Wahnbildungen, die sich in einigen Monaten oder Jahren zu vollziehen pflegt, bleiben die Kranken besonnen, orientirt und im ganzen geordnet. Sie sind, namentlich im Anfange, recht wol im Stande, ihre Ideen zusammenhängend darzulegen, zu begründen, Einwände zu bekämpfen; es ist „Methode“ im Wahnsinn.“(Kraepelin aaO Bd.II, 195)

Die Grandiosität des Erwählten wird für den einfachen User von Gottesdiensten in Gesangbuchliedern besungen: EKG 28,2: „Da ich noch nicht geboren war, da bist du mir geboren. Und hast mich dir zu eigen gar, eh ich dich kannt, erkoren. Eh ich durch deine Hand gemacht, da hast du schon bei dir bedacht, wie du mein wolltest werden.“ EKG 441,2: „Friedefürst, ich ward erkoren am ersten Tag, als ich geboren, zu deinem selgen Gnadenkind; du gabst mir des Himmels Gaben, weil wir nichts Gutes eigen haben und ohne dich verloren sind. O Jesu, meine Ruh, ich greife freudig zu nach den Gaben, die du mir heut zur Seligkeit durch dein Erbarmen hast erneut.“ Das EKG ist durchzogen von diesem Erwählungsgedanken: Gerade ich bin auserwählt, Gottes Lieblingskind.

Auferstehung als Mythos des Sieges einer Bewegung

Das Lied „El Condor pasa“ singt von einem Häuptling der Tupac Amaru, der im Inkareich 1780 eine Aufstand gegen die Spanier versuchte, dabei aber gefangengenommen und umgebracht wurde. In den Indianerlegenden hat er sich der Gefangennahme entzogen, indem er als Kondor wegflog. Hier ist eine ähnliche Verhaltensweise gewählt worden, um die politische Resignation zu verwinden. Der Held ist nicht gestorben, sondern lebt noch. Und er lebt in jeder Stimme, die das Lied singt. Er lebt weiter als Urbild der Befreiung. Erst wenn die Befreiung erreicht ist, darf dieses Lied vergessen werden und die Großmütter singen es ihren Enkeln nur noch als Jugenderinnerung vor. Leider sind Inkas ausgerottet. Das Lied war zu schwach gegen die Spanier. Und Jesus war zu schwach in den Visionen seiner Nachfolger, als daß er die Spanier hätte abhalten können vom bestialischen Endlösungsprogramm. Darin setzt sich Jesu Scheitern fort.

Die Inkorporation Christi als melancholische Identifikation

Je ferner die Eindrücke von Jesus liegen, desto abstrakter wird das, was sich die Apostel und die Urgemeinden von Jesus vorstellen. Paulus kann deshalb nicht mehr vom Jesus aus Nazareth reden, sondern nur noch von seinen geistlichen – sprich: schizophren-psychotischen - Erfahrungen Christi. Christus ist in ihm: Ich lebe; doch nicht nun ich, sondern Christus lebt in mir.(Gal 2,20) Christus hat also jetzt bei Paulus die Stelle des vormaligen Selbstes Sauli angenommen. In Paulus lebt ein anderer Mensch, den er nicht einmal je leiblich gesehen hat. Allerdings vermag Paulus noch zu realisieren, daß er Paulus, der Apostel ist. Klar geht aus seinen Äußerungen jedoch nicht das intrapsychische Verhältnis des Christus-Seins und Paulus-Seins zugleich hervor. Er kann umgekehrt auch sagen, er sei in Christus, wie er sagt, er sei im Glauben. Für Paulus scheint gar kein so großer Unterschied darin zu bestehen, wer in wem inneist. Schizophrene verlieren oft die Fähigkeit, zu unterscheiden zwischen außen und innen; daher mag auch bei Paulus diese Vertauschung bedingt sein.

Die Bewohnung des eigenen Körpers durch verschiedene, auch mehrere Personen ist durchaus nicht ungewöhnlich. "Eine ganz eigenartige Ausbildung gewinnt der physikalische Verfolgungswahn in jenem sittengeschichtlich bedeutsamen Krankheitsbilde, welches man als „Besessenheitswahn'' bezeichnet. Hier werden die Feinde, welche den Kranken quälen, geradezu in den eigenen Körper hineinverlegt. Der oder die Verfolger sitzen nun in den Ohren und betäuben den Kranken durch ihr gräuliches Schreien und Fluchen, häufiger aber im Unterleib, steigen bis in den Kopf hinauf, schnüren dem Kranken die Kehle zu, verdicken ihm sein Blut, klappen ihm seinen Schädel auf, zwingen ihn zu den sonderbarsten Handlungen und reden ihm aus dem Bauche herauf gotteslästerliche Dinge vor. Hier kann es vorkommen, dass sich dem Feinde im eigenen Leibe eine andere, freundlich gesinnte Macht hinzugesellt, welche jenen in eine Körperhälfte hineindrängt und lange, erbitterte Kämpfe und Zwiegespräche mit ihm führt. Während die Verfolger bei den früher geschilderten Formen zumeist als eine geheimnissvolle Rotte von Nihilisten, Freimaurern, Socialdemokraten gedacht wurden, so pflegen in diesen letzteren Fällen mehr religiöse Vorstellungen zur Erklärung herbeigezogen zu werden. Es ist eine abgeschiedene Seele, der Teufel, ein böser Geist, der von dem Leibe des Kranken Besitz genommen hat, und dem unter Umständen der liebe Gott oder einer der Erzengel siegreich entgegentritt. Diese eigenthümliche Verdoppelung der Persönlichkeit erinnert uns an jene Träume, in denen wir ausgedehnte Unterhaltungen führen und oft über die schlagenden Beweisgründe unseres Gegners im höchsten Grade überrascht sind."(Kraepelin aaO Bd.II, 193f)

Geistbesitz als Beweis göttlicher Durchdrungenheit

Ich versuchte, den Glauben an Jesus vor dessen Ermordung als den Drang in Verhältnishaftigkeit zu charakterisieren und habe die psychische Gesundheit dieses Verhältnisses nicht bezweifelt. Anders verhält es sich dagegen nach Jesu Tod mit dem Glauben. Der Sprachgebrauch von Glaube verändert sich zum unpersonalen Seinsstand, der kein direktes Verhältnis mehr zu Jesus aufzuweisen vermag, ausgenommen das der psychotischen Erfahrung. Die Glossolalie galt als prophetisches Charisma. Wie Delphis Pythia vor ihrer Trance-Dämpfe-Spalte wirres Zeug plappert, was ihre Priester zu Sinn verdampfen, so spielten auch kleinasiatische und griechische Gemeinden Orakelstunde im Gottesdienst. Paulus setzt alles daran, die Gemeinden zu befähigen, an dieser partialpsychotischen Dekompensation teilzubekommen. Aber bei vielen klappt es nicht.(2 Th 3,2) Offenbar konnten schon damals nicht alle psychotische Erfahrungen durcherleben. Der Geist weht, wo er will.

Jetzt tritt das Problem der Verkündigung auf. Die pschotischen Erfahrungen der Ostervisionen sind in einer unhaltbaren Situation nach Jesu Tod erworben worden. Diese unhaltbare Situation ist aber nur wenigen erfahrbar gewesen. Die neuen Addressaten des Evangeliums können sie nicht nachvollziehen. Es ist auch nicht von vornherein anzunehmen, daß sie schizophren sind. Die Predigt des Evangeliums muß daher Elemente enthalten, die den Addressaten in eine unhaltbare Situation bringen, zu deren Ausflucht dann der Glaube sich dem Schachmattgesetzten anbietet. So lautet meine Vermutung.

Wie mache ich Leben unerträglich? Paranoide Diastase zur „Welt“

Hauptelemente paulinischer Predigt sind die Dualismen von

Gesetz                                                                                  Evangelium

Adam                                                                    Christus (Rm5,11ff, 1Kor 15)

Sünde                                                                                    Glauben

Tod                                                                                       neues Leben

Werke                                                                    Gottes Gerechtigkeit/Gnade

Zwar heißt zu denken: unterscheiden, doch handelt es sich bei Paulus um etwas anderes als bloße Unterscheidungen zur Denkhilfe. Er teilt das ganze Universum in affektiv positiv zu besetzende und negative Gegenpolaritäten ein. Diese Schwarzweißmalerei der Welt mag sowohl religionsgeschichtlich bedingt sein (zB im AT Gottlose-Gerechte, in Persien Licht-Finsternis) als auch von der Verfolgungssituation der Gemeinde bedingt: Für eine so relativ kleine Gruppe in der existentiellen Bedrohung ist es lebenswichtig, die Umwelt in krasse Pole einzuteilen. Die Ingroup-Normen, -anschauungen und -verhaltensweisen müssen klar von denen der Outsidermehrheit abstechen, das fördert den sozialen Zusammenhalt der Gruppe und verwehrt den Mitgliedern, allzuleicht zurückzukommen in die Außenwelt, weil deren Normen affektiv negativ besetzt worden sind. Je kleiner eine Gruppe ist, je bedrohter, desto wichtiger ist es für sie, eine Gruppenidentität aufzubauen, die die Gruppe als [edel, gut, gerecht] und die Umwelt als [schlecht, böse, ungerecht und feindlich] darstellt.(Luise Schottroff, Der Glaubende und die feindliche Welt. Beobachtungen zum gnostischen Dualismus und seiner Bedeutung für Paulus und das Johannesevangelium, WMANT 37, Neukirchen-Vluyn (Neukirchener) 1970) Es ist allerdings möglich, daß diese paranoide Identität der Gruppe realer das menschliche Sein trifft als die Normen ihrer Umwelt.

Die double bind besteht aus zwei gegensätzlichen Anweisungen plus dritter Anweisung, die verwehrt, das Feld zu räumen, aus der unhaltbaren Position herauszutreten. Diese dritte Anweisung finden wir flächendeckend in der Attributierung der Welt außerhalb der Christengemeinde als schlecht. Die Zwei-Reiche-Lehre erfüllt genau diese Funktion, Christen innerhalb des Reiches Christi bei der Stange zu halten. Die unhaltbare Situation an sich wird durch einen unmittelbareren Widerspruch geschaffen, etwa die Sünde im eigenen Körper/Fleisch zu erleben und trotzdem innerlich Gott zu lieben, Rm 7. Die eigene Person ist gespalten in Fleisch und Geist und das ist ein unerträgliches Leiden an sich selbst. Ich bin in bösem starken Fleisch, ich bin guter schwacher Geist. Was ich möchte, schaffe ich nicht. Musterbeispiel eines Hebephrenen aus Kraepelins Heidelberger Klapsmühle: „Auch Wahnvorstellungen tauchen auf, die zuweilen sogar sehr in den Vordergrund des Krankheitsbildes treten. Zunächst pflegen dieselben mehr traurigen Inhalts zu sein. Der Kranke ist an allem Schuld, ein grosser Sünder, Mörder und Vaterlandsverräther, hat vor Gericht falsch ausgesagt, Selbstbefleckung getrieben, kommt nicht in den Himmel; er ist verloren, verdammt, dem Bösen verfallen, wird gerichtet für Zeit und Ewigkeit, verdient den Feuertod; ihm ist, „als ob der Teufel nach ihm langen wollte“. Er wird fixiert, beobachtet, verschwätzt, verhext, soll umgebracht, zum Spion erklärt, erschossen, „englisiert“ werden. Man giebt ihm Gift ins Essen, Moschuswasser, „Schuhnägelsaft und Pottasche“, nimmt ihm sein Blut, bringt ihm Dreck unter die Haare, verschändet sein Gesicht, macht ihm seine Gedanken, beeinflusst künstlich seine Handlungen, giebt ihm die Worte ein. Der Samen wird ihm abgetrieben, die Natur ins Gesicht geworfen. Frauen sehen sich von Herren verfolgt, werden in der Nacht chloroformiert und entehrt, „naturlos gemacht“. Der Leib zerschmilzt; die Gelenke krachen; die Füsse zerbrechen; das Blut circuliert nicht; inwendig ist alles verbrannt und verfault; alles trocknet ein.“(Kraepelin aaO Bd.II, 150)

Paulinisch-gnostische Dualismen als Weltausgrenzungsklischees

Paulus profitiert praktisch von der Sünde. Er geht davon aus, daß alle Menschen das Gesetz haben. Wir bemerken auch hier wieder den völlig undifferenzierten abstrakten Gebrauch der Begrifflichkeit des Paulus. Entpersonalisierte, kollektivierte und generalisierte Denkmuster bilden das theologische Gerippe. Es wird mit geringer Variationsbreite durch alle Texte hindurch wiederholt. Nicht nur den Juden ist das Gesetz durch die Thora gegeben, auch die Heiden haben es in ihren Herzen (Rm 2,14f). Paulus hat damit recht: in jedem Sozialgebilde prägen sich Verhaltens- und Sprechredundanzen zu Normen aus, zu einer Moral, einem stabilisierenden Gesetz. „Eine gemeinsame Moral schafft damit die Voraussetzungen des Zusammenlebens schlechthin, erweist sich aber zugleich als eines der wichtigsten Instrumente der Durchsetzung und Stabilisierung von Macht und Herrschaft. (...) 'Gewissen' - in der Sprache der Psychoanalyse 'Über-Ich' genannt - ist vielmehr als jene psychische Instanz zu begreifen, die das Individuum befähigt und es zwingt, mit dem Kollektiv und dessen Verhaltenserwartungen in Übereinstimmung zu leben. (...) Ein 'schlechtes Gewissen' ist zunächst nichts anderes als das Gefühl, mit der sozialen Umwelt und ihres Erwartungen im Widerstreit zu liegen. So erklärt sich auch die Tatsache, daß Menschen, die ein von der sozialen Norm abweichendes Verhalten zeigen, die Tendenz haben, sich in eine Gruppe einzubetten, die auf gleiche Weise von der Norm abweichende Gruppenmitglieder befähigt, ihren Außenseiterstatus zu ertragen. Denn das in der Gesellschaft allgemein Abweichende ist in der Gruppe die Norm. Die Gruppe 'versöhnt' die Gewissen.“ (Gunther Soukup, in: W. Gottschalch ua., Sozialisationsforschung, Frankfurt am Main8 1973, S.154-157) Ob Turnverein, Fixer, Rocker, Luden oder esoterische Jugendsekten, jede Subkultur generiert spezifische Normen, die nach innen verbinden, nach außen abspalten. Sie bilden eine innere Welt in der Gruppe, die dort funktionale Kommunikation fördert, aber nach außen kaum noch vermittelbar ist und teils zur gesamtgesellschaftlichen Norm (BGB, StGB) in erheblichem Widerspruch steht.

Insidermoral und - wissen

Die Verhaltensnormen früherer Gesellschaften waren zumeist äußerst rigide; die Thora kann praktisch nur eingehalten werden unter äußersten Anstrengungen und Einschränkungen des Individuums. Es war daher dem Einzelnen kaum vollständig möglich, den rigiden Gesetzesvorschriften zu genügen. Zudem war die Thora repressiv gegenüber den Individualintentionen, was wiederum ein hohes Aggressionspotential zufolge hat. Vermutlich werden die Aggressionen sich nicht durch eine bessere Befolgung der Gebote geäußert haben, sondern durch Vermehrung der Abweichungen gegen die Thora. Dadurch konnte das Individuum den Eindruck von sich bekommen, es sei böswillig gegen das Gesetz, wenn es überhaupt erst einmal zu einer Internalisation gekommen war. Die Abweichung vom Gesetz als göttlicher Regelung menschlicher Verhältnisse war Sünde - Drang in die Verhältnislosigkeit zu Gott und dem Volksganzen. Sünde ist immer etwas negativ affektiertes, hervorgerufen durch die rigiden Sanktionen, die das Volk dem Abweichler angedeihen ließ, zB Jesus von Nazareth. Die nahezu unvermeidliche Abweichung vom Gesetz mußte also im Individuum Strafangst hervorrufen. Es befindet sich im Zwiespalt: folgt es seinen eigenen Intentionen, gegen die Thora u.a., so setzt es sich den Sanktionen des Volks aus und sogar den angeeigneten Mißbilligungen seines Überichs. Es gerät somit in Selbstwiderspruch. Folgt es aber dem Gesetz, so wird es frustriert, entwickelt Aggressionen, bis es nicht mehr fähig ist, sich zu kontrollieren und die Aggressionen unbeherrscht ausbrechen in gesetzwidriges Verhalten. Sünde ist also eine Zwickmühle, die durch inadäquate Moralcodices produziert wird. Gesetze, die einmal als Förderung erlassen waren, können unter anderen Umständen zur Bremse und Hemmung des liebenden Miteinander werden, wie Jesus immer wieder zeigt, ob Ährenraufen oder Nothilfe am Sabbat, ob Reinheitsgebote, die der Seuchenvermeidung dienten und aktuell unterlassene Hilfeleistung verlangen. So entstanden unentwegt aporetische, unhaltbare Situationen: Wer das eine von 618 Geboten einhielt, verstieß gegen das andere. Man konnte nicht nicht sündigen. Die Lebensweise eines völlig Thoratreuen nahm Züge des Skurrilen, ja Unmenschlichen an.

Paulus war Pharisäer, kannte die Doppelbindung der Thora sehr genau. „Das Gesetz aber ist nebeneingekommen, auf daß die Sünde mächtiger würde. Wo aber die Sünde mächtiger geworden ist, da ist die Gnade viel mächtiger geworden..“(Rm 5,20) Gesetz und Sünde befinden sich in einem circulus vitiosus. Um die Sündenzwickmühle anzukurbeln, braucht man also das Gesetz. Es soll nach Paulus zur Erkenntnis der Sünde dienen (Rm 3,20), wobei Paulus wohlweise verschweigt, daß die Sünde erst Produkt des Gesetzes ist. Er nennt das Gesetz die Kraft der Sünde, damit ist wohl etwas ähnliches gesagt (1 Kor 15,56). Der Gerechte war der, der die Gesetzesvorschriften einhielt. Gerechtigkeit lag im Gesetz begründet und der Gesetzestreue hatte somit Anteil an der Gerechtigkeit. Gerechtigkeitsanteil haben war nichts anderes als soziale Bestätigung innerhalb der Dorfgemeinschaft oder Synagoge.

Jesu Versöhnungstod beschuldigt alle Menschen als Sünder

Paulus baut auf dem Gefühl des Versagens in der Sünden-Doppelbindung auf. Die einzige Ausflucht oder Überwindung dieser Zwickmühle lag in einer Reduktion der göttlichen Realität vom Gesetz zum Glauben an die Erlösung durch Jesu Tod. Die Bestätigung sozialer Integrität wurde ersetzt durch Gottes Gerechtigkeit, die nun aus dem Glauben kommt. Nicht mehr Gesetzesbefolgung erreicht die Anerkennung des Selbst bei Gott und anderen, sondern allein Glaube macht gerecht (Rm 4,5). Der Glaube nach Jesu Tod an Jesus als den Herrn und Retter basiert auf der melancholischen Verinnerlichung des verlorenen realen Herrn. In genau derselben Struktur psychotischen Internalisierens spielt sich nun auch Gottesgerechtigkeit ab. Was vorher durch sozialen Verkehr und Verhalten darin zum Ausdruck kam - die Identität des Individuums als Sünder oder Gerechter -, wird nun von sozialer Kontrolle scheinbar enthoben hinein in das psychotische Verhältnis zu Christus. Dabei bildet Paulus eine erneute Doppelbindung, die zur Bestätigung des Psychosezustands Glauben beiträgt. Gott habe seinen Sohn Jesus als Stellvertreter für uns Sünder gehenkt und darum seien wegen Jesu Tod unsere Sünden vergeben, argumentiert Paulus. Sünde ist schon völlig abstrakt gedacht. Das Waagengerechtigkeitsprizip wird Gott dabei unterstellt, wenn man meint, Gott habe ein für alle Male durch Jesu Tod unsere Sünden vergeben. Jesus war nur ein allen unseren Sünden entsprechend bestialisches Opfer Gottes an sich selbst. Ein liebender Gott müßte ja wahnsinnig sein, einen derart juristischen formalen Masochismus zu betreiben: Gott als sein eigener Henker, seine eigene Bestie. Wer sowas von Gott denkt, ist vermutlich in seiner ödipalen Phase gestört gewesen. Der Sohn wird vom Vater ermordet. Dieses Motiv von Molochopfer in Gen 22 ist eine Phantasie starker Ausprägung über die Kastrationsangst. Dabei wurde Jesus symbolisch und stellvertretend für uns kastriert oder seiner Potenz beraubt und mußte nach ergiebiger Folter am Kreuz ersticken.

Die Herabstufung aller Menschen zu Sündern

Sündersein ist eine Metaidentität, Sünder wird man durch sein unkonformes Verhalten. Paulus treibt es auf die Spitze: jeder Mensch sei Sünder. Er akzeptiert nicht mehr die jüdische Geisterscheidung der Gerechten und Sünder durchs Gesetz, weil sie eine Finte der Frommen war, und keiner je völlig vollkommen nach dem Gesetz leben konnte. Er hatte dies in seiner Jugend als untadeliger Pharisäer offenbar versucht. (Phil 3,3-9) Mehr noch, man konnte sogar mit dem Gesetz sündigen, dh das Gesetz und seine minimale wörtliche Befolgung als Präsentation benutzen, um vor der Öffentlichkeit als Gerechter zu gelten. Die Oberschicht der Sadduzäer schien das hybride Selbstbewußtsein vieler Reichen zu haben, daß sie Gesetzestreue als Kulturgut zur Steigerung ihres Ansehens betrieben. Darum sagt Paulus, es sei hier kein Unterschied: „sie sind allzumal Sünder und mangeln des Ruhmes, den sie bei Gott haben sollten, und werden ohne Verdienst gerecht aus seiner Gnade durch die Erlösung, die durch Christus Jesus geschehen ist.“(Rm 3,23f) Er kratzt an der Fassade der Sadduzäer, aber ebenso an der der Pharisäer und sagt, die Einhaltung des Gesetzes ist noch lange nicht die Erfüllung seiner Intention. Damit liegt er nahe bei Jesu Doppelgebot von Gottesliebe als Nächstenliebe. Es ist zugleich eine Kritik der Thora: Sie hat Israel nicht ins Reich Gottes geleitet, in der weder Sklave noch Freier mehr ist, sondern alle Klassenunterschiede pfingstlich aufgehoben. Da Paulus aber den jüdischen Feudalismus nicht aufbrechen kann, versucht er die Idee einer freien brüderlichen Gesellung Gleicher wenigstens vor Gott zu instaurieren. Vor Gott sind alle gleich, und zwar gleich schlecht. Diese Demontage der Oberschichtsarroganzen, die prägend für die Jesusbewegung war, erfährt im Laufe der Kirchengeschichte allerdings eine Wandlung zu einer Publikumsbeschimpfung des Kirchenvolks im allgemeinen. Produkt dieser Vermittlung eines bundesdeutschen Sündenbewußtseins von der Kanzel sind die Melancholiker in Kraepelins Psychiatrie: „Häufig spielen die Selbstanklagen in das religiöse Gebiet hinüber. Der Kranke kann nicht mehr so beten wie früher, hat den Glauben, den Segen Gottes, die ewige Seligkeit verloren, die Sünde wider den Heiligen Geist begangen, die Kirche nicht fleissig besucht, das Göttliche verkauft, nicht genug Lichter geopfert, ist vom Herrgott abgefallen, vom Teufel besessen; der Geist Gottes hat ihn verlassen; der böse Feind hat ihn holen wollen. Ihm ist, als dürfe er nicht in die Kirche hinein; er muss mit der Sündenschuld in die Ewigkeit gehen, arme Seelen erlösen.“(Kraepelin aaO Bd.II, 319) "Für den gemeinsamen Ursprung der Versündigungsideen und der Verstimmung aus einer krankhaften Veränderung des Gesammtzustandes spricht ferner auch die häufige Beobachtung, dass die Selbstanklagen sich fortlaufend an alle Handlungen und Erlebnisse des Kranken anknüpfen. Er merkt, dass er immer neue Fehler begeht, so dumm daherredet, Alle beleidigt."(Kraepelin aaO Bd.II, 320) Das kirchlich geschulte Ermitteln eigener Sünden kann so zunehmen, daß ein Mensch völlig handlungsunfähig wird und den Schutzraum der Klinik aufsucht.

Der Ruhm (kau/xhsij), dh eine „haltbare soziale Position“(Bateson), fehlt allen vor Gott. Sünder sind vor Gott in einer unhaltbaren Position, analog zu ihrer unhaltbaren Position vor Menschen. Paulus schreibt also allen Leuten eine Metaidentität zu, die ihnen verunmöglicht, autonom in Würde vor anderen und Gott zu stehen. So präpariert nun spricht er den in die Enge Gedrängten die Erlösung zu. Er meint wer an Jesus glaubt, wird gerecht. Jesus hat objektiv die Identität aller Menschen vor Gott in ein anderes Licht gebracht, sie versöhnt, zu Kindern statt Knechten gemacht. Damit ist jede Aktion, die der Entwicklung eigener Identität gewidmet ist, nicht nur überflüssig geworden, sondern sogar eine Undankbarkeit gegen Jesus.

Jesus hat für eine haltbare Position aller vor Gott gesorgt. Jeder, der selbst seine Identität definieren will, fällt wieder zurück in die Kategorie der Metaidentität Sünder. Diese neue Identität ist also von keiner Seite her zu beeinflussen, perfekt abgesichert gegen jeden Zugriff von außen (andere Leute) und Innen (Ich) und Gott (den Jesu Heilstat 'verpflichtet' zur Liebe). Sie überschreitet jede Erfahrung, ist also transzendental. Das Selbst kann nicht verhindern, von einem Gott geliebt zu werden, der seine Sonne aufgehen läßt über Guten und Bösen. Die Gesetzestreue als Werkzeug religiöser Selbstdarstellung ist damit restlos ausgehebelt.

Die double bind der Rechtfertigungslehre

Werke machen nicht gerecht/gottwohlgefällig. Die Zwickmühle: Ich bin gerechtfertigt durch das Kreuz, ob ich will oder nicht. Nichts anderes rechtfertigt. Die zweite Bedingung der Rechtfertigung ist mein Glaube: Nur wenn ich glaube, daß ich nur durchs Kreuz gerechtfertigt bin, bin ich gerechtfertigt. Diesen Widerspruch zu durchschauen ist, genau wie der Glaube, nicht jedermanns Ding. Der Glaubende muß zu Gott passiv sein, die Rechtfertigungsaktion über sich freudig ergehen lassen, erst dann ist er Gott recht. Damit entzieht Paulus den Hörern seiner Predigt die Verfügungsgewalt über ihre eigene Identität. Nur wer sich unter Gottes Zwangsbeglückung protestlos ergibt, wird zu ihm ein Verhältnis haben. Unter der Bedingung des Verzichts auf jede Selbstbestimmung bekommt der unmündige Christ Teil an der grenzenlosen Vaterliebe. Wer nicht mitmacht, bleibt in der von Paulus vorher verteufelten Sünde. Die Geschichte Lk 18,9-13 vom Pharisäer und Zöllner, im Kindergottesdienst erzählt, illustriert die Selbstverurteilung als praeparatio evangelii. Das Werk der Selbstzerfleischung ist moralisch höherstehend als der Stolz auf eigene Leistungen zur Verbesserung der gesellschaftlichen Verhältnisse.

Die Sündensituation – einmal aufgenommen ins Selbst - ist so voll an moralischem Depressivstoff, daß von hier aus der Absprung in die psychotische Glaubensexistenz mit dem Lockmittel der unangreifbaren Identität als Gotteskind und Partizipant des Teils dem zerknirschten Büßer (der wahren Kirche und Gemeinde der Heiligen) leicht fällt. Die Identität ist wie bei jeder klassischen Schizophrenie gegen jeden sozialen Angriff gesichert. Der Autonomiemangel ist kompensiert in die transzendentale Identität, von Gott geliebt zu werden. Die Gemeinde mit ihrer übergroßen Liebe gegen alle, die zu ihr gehören im Wissen um die überschwengliche Gnade Gottes, wird neue Heimat des zerknirschten Sünders. Die neue Parole heißt: Wir sind gut, denn wir wissen, daß wir alle schlecht sind und nur aus Gottes Gnade leben dürfen. Die anderen aber, die das nicht wissen oder glauben wollen, sind noch viel schlechter. Sie sind so grottenschlecht, daß ihnen die ewige Verdammnis blüht.

Der Übergriff der Gottesliebe als depressive Selbstdestruktion

Die Stoßrichtung Pauli war ursprünglich revolutionär gegen die Arroganz der Gesetzestreuen, die Lepröse und alle Kranken exkommunizierten und ihnen die Liebe Gottes zugleich mit sozialer Integration absprachen. Es war eine Kampfformel gegen religiöse Exkommunikation. Sie ist umgeschlagen zu einer Beschädigungsformel in der Sozialisation christlicher Kinder. Ihnen wird ihre Freude an den kleinen Erfolgen ihrer Persönlichkeitsentwicklung vermasselt. Sie lernen, sich nicht mehr an dem zu freuen, was sie selbst hervorbringen. Die Anerkennung und das Lob ihrer kleinen Leistungen wird ihnen versagt und damit die Motivation zu weiterer Initiative gedrosselt. Statt Lob für ihre kleinen Fortschritte zu erfahren, bekommen sie eingetrichtert, daß sie schlechte Menschen sind und daß Gott, den sie gar nicht sehen können, für ihre Bosheit extra seinen Sohn geschlachtet hat. Mit dieser Botschaft: „Du bist schuld am Tod des Herrn Jesus!“ wird ein massives negatives Selbstbild instauriert. Die freie Entwicklung eines lebensbejahenden und selbstbestimmten Ichs wird im Keim erstickt. Stattdessen soll dieses arme Würstchen jetzt unentwegt im Gottesdienst singen: Herr, erbarme dich! Und nach einem Wort über die Gnade Gottes dann diesen lobpreisen. Diese allsonntägliche Proskynese ist für junge Menschen Entwicklungsgift. Sie lernen, daß sie nicht wert sind, unter Gottes Angesicht zu treten, aber er spricht nur ein Wort, und schon dürfen sie aufatmen, weil sie keine Todesstrafe bekommen, so wie Jesus damals, den sie ständig an dieser Foltervorrichtung über dem Altar hängen sehen können. Ich beschreibe diese Zwickmühle des Glaubens an die Rechtfertigung durch Jesu Kreuzestod so drastisch, weil ich sie selbst genau so durchlebt habe als Pfarrersohn. Flankierende Maßnahme war dabei die häufige Prügel auf den nackten Arsch, ähnlich wie bei Luther. Sie verdeutlich das Sündersein und die drohende göttliche Gewalt im Endgericht vorscheinartig. Solche christliche Sozialisation unter der Rechtfertigungslehre ist eine Zwangsjacke, aus der kein Kind entrinnen kann. Es lernt, Gott aus lauter Furcht vor noch schrecklicherem Strafgericht zu danken und zu lieben. Es lernt Gott nicht kennen als Befreier aus der Not, sondern als strengsten Richter der Welt, der für seine außergewöhnliche Milde jetzt aber auch den vollen Dank verlangt, die ganze Liebe, von ganzem Herzen und ganzem Gemüte.

Gemeinde als soziales Netz der Sünder

Ein wesentlicher Unterschied zum klinischen Schizophrenen besteht darin, daß die Isolationszirkel der Christen nicht in Vakuum enden, sondern in Gott und über Gott dann in der Gemeinde, die ein soziales Gefüge bildet. Katatonisch verliefen christliche Schizophrenien kaum, von Säulenheiligen und Eremiten abgesehen. Auch Hebephrenie gab es nicht, von fundamentalistischen Verbalinspirationslehren abgesehen. Dafür waren die paranoiden Züge scharf ausgeprägt. Es bestand starke Angst vor einem Rückfall in Sünde. Welt und Tod, Vergänglicher Leib und alles diesseitige wurden gemieden. Das bei Schizophrenen hochentwickelte Selbstreflektieren und Kontrollieren geht aus Paulus´ Texten eindeutig hervor.

Nach Emil Kraepelin zeigt die Gottesdienstgemeinde allerdings erstaunliche Ähnlichkeiten zu dessen katatonen Insassen seiner Heidelberger Irrenanstalt: „Einen eigenthümlichen Gegensatz zu diesen Erscheinungen, in denen sich das allgemeine Widerstreben gegen jede Veränderung des augenblicklichen Zustandes ausdrückt, bilden die vielfach hervortretenden Anzeichen gerade einer erhöhten Beeinflussbarkeit von aussen her. Dahin gehört vor allem die ausnahmslos kürzere oder längere Zeiten hindurch bestehende Katalepsie, die in solchen Zuständen ihre höchste Ausbildung zu erreichen pflegt. Seltener und meist nur vorübergehend begegnet man auch der Echolalie oder gar der Echopraxie. Die Kranken wiederholen dann einfach ganz mechanisch die an sie gerichteten Reden oder auch irgendwelche zufällig aufgefasste Aeusserungen, stimmen in ein Lied ihrer Nachbarn ein und wiederholen es; sie ahmen lebhaftere Gebärden nach, die man ihnen in eindringlicher Weise vormacht (Hochheben der Arme, Händeklatschen), setzen eine von aussen angeregte Bewegung (Taktschlagen, Rollen der Hände umeinander) längere Zeit hindurch fort. Bisweilen sieht man sie sogar stundenlang alles mitthun, was irgend eine bestimmte Person ihrer Umgebung thut, ihr alles nachsprechen, in gleichem Schritt hinter ihr hergehen, sich mit ihr an- und auskleiden und ähnliches.“ (Kraepelin, Psychiatrie. Ein Lehrbuch für Studierende und Aerzte, Leipzig (Barth) 1899, 166f) Die Liturgie habitualisiert die Echolalie und Echopraxie. Der einzige Unterschied ist, daß im Gottesdienst die Gläubigen aufgrund eines andressierten Kommandos aktiv werden, während die Schizophrenen in Kraepelins Irrenhaus von selbst mitmachen.

Der Geistbesitz des Glossolaliebegabten findet sich ebenfalls im Irrenhaus: „Die Nahrungsverweigerung wechselt unvermittelt mit Gefrässigkeit; der vielleicht wochenlang regungslos stumme Kranke fängt plötzlich an, überlaut einige ganz unverständliche Schreie auszustossen, Kikeriki, Hurrah zu rufen...“ (Kraepelin aaO 167) Dabei registrieren die Patienten oft minutiös ihre Umwelt und zeigen, daß sie keinesfalls verblödet sind. Der überraschende Wechsel von einem Ichzustand zum anderen, den Kraepelin so herrlich unverständig beschrieben hat, findet auch im Gottesdienst statt: Erst der total zerknirschte Beichtvogel mit seinem Kyrie, dann aber der voll herumjubelnde und salutierende Manische Hochgestimmte. Ein normaler Mensch dreht nicht innerhalb von 10 Sekunden nach dem Gnadenspruch von Null auf Hundert. Auf der phänomenologischen Außenansicht gleichen sich das Betragen des Irren und das des Christen im Gottesdienst auf seltsame Weise. Nur das „Negative“, die totale Verweigerung gegenüber den Befehlen des Chefarztes, findet man im Gottesdienst nicht. Das ist auch der zentrale Unterschied von Kirche und Irrenhaus: der Christ ist gehorsam, der Irre rebellisch. Ein rebellischer Christ allerdings war – zumindest eine kurze Zeit lang – Martin Luther. Er wurde dann auch fix gebannt von Papst Leo. „Bedrohungen machen auf sie gar keinen Eindruck; sie strecken unter Umständen auf Wunsch ruhig die Zunge heraus, wenn man ihnen das Abschneiden derselben ankündigt und sich nun mit Messer oder Schere nähert.“ (Kraepelin aaO 175) Was müssen diese Insassen alles an Schikane ausgehalten haben? Daß sie in diesem Milieu alle möglichen Formen des Protestes mit Kot und Urin praktiziert haben, ist nur zu verständlich.

Paranoide Weltfeindschaft der Christen

Nach Niklas Luhmann ist Religion Reduktion von Weltkomplexität. Christliche Selbstreflexion hat dabei ihren paranoiden Charakter nicht verloren. Bis hinein etwa in Bonhoeffers Ethik hat die Welt den Charakter des Vorletzten Uneigentlichen, Provisorischen. (Dietrich Bonhoeffer, Ethik, München 1949, 85) Die eigentliche Heimat der Christen liegt - im Pietismus und konservativen Kirchentum - immer noch in der Transzendenz. Nach dem Tod soll eine Auferstehung aller Toten stattfinden, man kommt dann vor das von der Apokalyptik des AT angedrohte Endgericht (Mt 24), von dort aus in die verschiedenen Abteilungen von Himmel und Hölle.

Aus Opfern werden Täter: Strenge Kirchenzucht

Hölle und Fegefeuer als Szenarien paranoischer Vision mag vielleicht früheren Strafveranstaltungen abgelauscht sein; in jedem Fall aber waren diese Visionen das ideologische Grundpotential für die neuzeitlichen Ausgeburten des paranoischen Höllenwahns in den Menschenschlachthäusern wie Auschwitz. Als unbewußt Ersehntes kam da das in tiefer Volksseele schlummernde, aber offiziell gefürchtete Grauen der biblischen Apokalypsen zur von antisemitischen deutschen Christen erhofften Erfüllung. Wer beim verkirchlichten Jesus das Herrsagen geübt hat, kann es um so leichter und schneller auch bei irdischer Obrigkeit, die von Gott verordnet ist (Rm 13). Der Märtyrer liebt jeden Staatsstreich auf seinem Buckel, denn er sieht darin Gottes liebende Rute. (Spr 3,12; Hebr 12,6) Gequältwerden ist unmittelbarer Erweis der Vaterschaft Gottes (Hebr 12,7-10). Das erlaubt dann auch die strenge Kirchenzucht mit Mahnung, Warnung, Exkommunikation und Verbrennung zum Selbstschutz des Deliquenten und Vorwegnahme des später sonst unausweichlichen Fegefeuers. Gerade weil alles hier auf Erden so uneigentlich ist, darf noch mehr dreingeschlagen werden, ausgebeutet und gequält. Nur das Endgericht und die ihm vorlaufende Strafangst verringern zugleich die Paranoia, die sie erzeugen; stoppen das Ausleben all ihrer Visionen in konkreter politischer Aktion.

Gemeinde – kollektiver Narzißmus – Wut gegen Abweichler

Der mittelalterlichen Kirchenzucht entkam jemand nur um den Preis seines Lebens. Die christliche Gemeinde als Terrorsystem im Namen der Liebe Gottes verdächtigt jeden, der nicht korrekt mitmachen will, unverzüglich der teuflischen Besessenheit, die exorziert werden muß. „Sie haben nicht den heiligen Geist, lieber Bruder.“ In dieser Kirchenzucht schlägt die Welt durch. Das, was man als feindliche Welt mit ihren Todsünden verachtet, gemieden und verlassen hatte, kehrt im Reich Christi, der Kirche, wieder. Die Gemeinde ist eine totale Institution wie Knast und Irrenhaus, jedoch ohne Stacheldraht und Mauern. Die Mauern sind ideologischer Natur. Wer entfliehen will, bekommt die ganze soziale Diskriminierung seines vormaligen alleinigen sozialen Netzwerkes zu spüren. Man betet für ihn, man attributiert ihn mit verletzenden Begriffen. Man grüßt ihn nicht mehr, schneidet ihn, ignoriert ihn. Die ehemalige Heimat wird zum vernichtenwollenden Feind. Die Kirchenzucht mag sich vielleicht künftig im Zeitalter des Pluralismus besänftigen, in Sekten jedoch findet gerade diese harte Bandage eine ungebrochene Attraktivität. Wem Züchtigung vom frommen Vater vertraut ist, der fühlt sich in der hardcore-Truppe endzeitbetonter Gemeinden und Sekten wie zuhause. Wie die Gitterstäbe im Knast Sicherheit vermitteln und Geborgenheit schaffen, so die strengen Regeln von Kloster und evangelikaler Sekte. Die harte Bandage schmerzt, gibt aber auch ichschwachen Seelen Halt.

Kirchraum als Uterus und Gratifikation durch Konfluenz

Das Bewußtsein der Zugehörigkeit zu einem Kollektiv der Heiligen, einer in besonderer Weise von Gott erwählten und vor der ewigen Verdammnis geschützten Heilsarmee, gratifiziert das einzelne Mitglieder dieser Elite-Einheit in außergewöhnlicher Weise. Der Christ ist heiliger Bote Gottes wie ein Engel, er ist von Gott mehr geliebt als die da draußen in der feindlichen Welt, die früher oder später der Vernichtung anheimfallen und die man innerlich bereits im Fegefeuer ewiger Verdammnis bruzzeln sieht wie in der Lazarusgeschichte Lk 16,23-25. An die Stelle des Selbstbewußtseins normaler Menschen hat sich hier die Identifikation mit der Gemeindesekte gesetzt. Die Grenze [Welt – Ich] wird progredient ersetzt durch die Grenze [Welt - Gemeinde]. Die Teilhabe am Leib Christi wird identifiziert mit Teilsein in der Gemeinde. Die Gemeinde nimmt die Funktion der großen Mutter an, in deren Kirchenschiff-Schoß die göttliche Geborgenheit sinnlich spürbar wird durch Verschmelzungserlebnisse gemeinsamen Singens und Sprechens von Bekenntnisformeln, Gebeten und Psalmen. Diese Konfluenzen lassen die Ich-Grenzen verschwimmen und inszenieren die Uterusgeborgenheit immer wieder aufs neue. Zugleich praktiziert die Gemeinde nach innen genau die Solidarität, die die feindliche Welt mit ihrer Klassenherrschaft und verwalteten technischen Kälte vermissen läßt.

Man könnte auch die Gottesreichhoffnungen Blochs der Paranoia verdächtigen, da auch sie dualisieren in die entfremdete Spätkapitalismuswelt und die neue Heimat auf Erden und im Himmel zugleich. Doch hebt die Dialektik im Histomat gerade das primitive Dualisieren auf in höhere Formen von Komplexität. Das einstige paranoische Element scheint mir da zu sein, daß die herrschenden ökonomischen Verhältnisse als schlecht und unmenschlich betrachtet werden. Die Reaktion dieser Einsicht ist aber nicht der Rekurs des Individuums in sich oder Gott hinein und in die totale Unangreifbarkeit eines von der Realität isolierten Vakuums, sondern die Extrapolation der Wünsche und Hoffnungen und Intentionen des Individuums, die vermittels dadurch entstehender Solidarität Intentionsgleicher zur Aktion der Veränderung politischer Verfolgungssituationen führt. Kritik an der Paranoia richtet sich nicht auf die Empfindung der Welt als Gefängnis, sondern auf die christliche Impotenz als Ausweg.

Zelebrierte Demut: schlechhinnige Abhängigkeit vom Strafgott

Die eingespielte Gewißheit eines Omnipotenzvaters erspart dessen Söhnen alles wirkliche Tun und macht sie impotent, unfähig zur Zeugung gesellschaftlicher Veränderungen im Sinne fortschreitender Gerechtigkeit. Die christlich konstitutive Impotenzerfahrung wird sogar noch glorifiziert und im paulinischen Schwachheitsrühmen (2 Kor 11,30) zur eigentlichen Stärke umfunktioniert. Der Christ als Kastrat Gottes kann niemals Autonomie lernen. Er nährt und hütet seine Ich-Schwäche mit aller Sorgfalt. Selbstlosigkeit als Tugend sagt es ehrlichst: Ein Christ hat kein Selbst, wenn er ein Christ ist. Werkzeug Gottes, Instrument, Objekt - nicht zuletzt Liebesobjekt des Liebegottes - darin offenbart sich die Leere der Höhle, in der bei gesunden Menschen das Selbst ruht. Die Angst vor wirklicher Autonomie im Christentum erreicht heute den Stand, daß der, der Gott als Freund bezeichnet, nach seiner Legitimation zum Theologiestudium befragt wird. Der Beter, dem Gott sein Tun vorschreibt, - oft werden sogar Anweisungen gegen den eigenen „Willen“ als Beweis von Echtheit des offenbarten Gottesworts gewertet (Überich) -, kann durchaus als zwangsgesteuert bezeichnet werden. Diesmal ist der Motor nicht der verdrängte Trieb, sondern das herrische Überich, dessen Urbild vom Vater abgeschaut wird. Unter den Hintergrund mittelalterlicher Vergewaltigungspraktiken ist es eindeutig, wenn Luther Christus als Bräutigam bezeichnet und den Glaubenden als Braut. Ziehen wir die Vermutung hinzu, daß auch im Mittelalter Mädchen in der liebesorientierten Technik erzogen wurden und damit auf totale soziale Dependenz dressiert, so sagt Luther damit: der Christ ist von Gott abhängig. Wenn heute jemand von Alkohol abhängig ist oder vom körperfreundlichen Haschisch, kommt er in die Nervenklinik.

Dort wird er im komischsten Fall heute von Jesusleuten erwischt und seine Sucht wird auf Jesus umgeleitet. Die Jesuspeoplebewegung hilft der Schwachheit einer zu Ichschwäche erzogenen Nachkriegsgeneration vollends auf deren Schwächegipfel. Heute sind sie schon wieder mitten in der Kerngemeiude integriert, die mit der Jeans aus den USA importierten Superfrommen - wie in den USA ja alles super sein muß. Sie rufen im Verein mit den alten Christbrüdern den Bekenntnisnotstand aus und fordern mit einem der Studentenbewegnng abgeguckten Haß auf allen weltlichen und teuflisch-antichristlichen Tand in der Kirche: „Kein anderes Evangelium!“

In der Kirchenspalterei und dogmatischen Repressivität der Evangelikalen gipfelt heute die christliche Paranoia wieder auf. Die Teufelsmächte seien schlimmer geworden als je zuvor, sagen sie. (Kurt Koch, Leben auf Abruf. Skizze der Endzeit nach Matthäus 24, Berghausen (Evangelisationsverlag) 1969) Der Teufel versuche zu spalten. Da fragt man sich: wer ist denn am spalten? Und. wer nennt das Ganze dann auch noch Geisterscheidung? Und wer maßt sich das Richteramt von Mt 7,6 an?

Luthers Depressivität als Folge von sozialisatorischer Gewalt

Luther war manisch-depressiv. Eine äußerst rigide Erziehung und der bergmännische Aberglaube seiner Eltern, daß in den Gruben und Plumpsklosetts der Teufel hause, führten bei ihm zur Höllenangst vor dem Klosett und zur Obstipation. Zeitlebens konnte Luther nur unter Mühe seinen Darm entleeren. Die berühmte „Offenbarung im Turm“ hat beim Kotabgeben im vermuteten Angesicht des Teufels stattgefunden. Indem Luther das Üble aus sich ausschied und dem Teufel überließ, kam der Geist der Erleuchtung über ihn. (Erik Homburger Erikson, Der junge Mann Luther, Frankfurt/Main (Suhrkamp) 1975,225) Schlaginhaufen notiert 1532 in einer Tischredenmitschrift: „lustus ex fide vivit, iustitia Dei revelatur sine lege. Mox cogitabam: Si vivere debemus ex fide, et si iustitia Dei debet esse ad salutem omni credenti, mox erigebatur mihi animus: Ergo iustitia Dei est, quo nos instificat et salvat. Et facta sunt mihi haec verba iucundiora: Dise kunst hatt mir der Spiritus Sanctus auff dies Cl. eingeben.“(WATR 2,177 Nr. 1681 vgl. WATR 3, Nr. 3232: Rörer gibt die Äußerung WATR 2, Nr. 1682 wie folgt wieder: „Diese kunst hat mir der Geist Gottes auf dieser cloaca in horto eingeben.“) Zu deutsch: „Der Gerechte lebt aus Glauben, die Gerechtigkeit Gottes wird ohne das Gesetz offenbart. Da dachte ich: Wenn wir aus Glauben leben müssen, und wenn die Gerechtigkeit Gottes jedem Gläubigen zum Heil sein muß - da wurde mir die Seele aufgerichtet: Also ist das die Gerechtigkeit Gottes, wodurch er uns gerecht macht und erlöst. Und so sind mir diese Worte angenehmer geworden. Diese Einsicht hat mir der Heilige Geist auf dem Scheißhaus gegeben.“ Das Loslassen des Defäkats verschränkt sich mit der Erfahrung der Erlösung. Psychiatrisch könnte man behaupten, die Offenbarung im Turm war eine manische Phase. Denn Luther fiel später oft wieder in Depressionen und Anfechtungen zurück; die neue Identität nach seinem Mönchsein scheint also nicht so stark gewesen zu sein, daß damit sein Selbst unangreifbar geworden ist. Wie Paulus sein Leben Phil 3,8 als sku/bala bezeichnet, kann Luther seine depressive Selbstkritik vor Studenten ausdrücken: „Ich habe der welt sat, so hat sie meiner wider sath, das bin ich auch wol zufrieden. Sie meinet, wenn sie nur mein los were, so wer es gut; des wirt sie wol innen werden. Es ist doch wie ich offt gesagt: Ich bin der reiffe dreck, so ist die welt das weite arschloch, drumb sein wir wol zu scheiden.“(WATR 5,222 Nr. 5537 nach Heydenreich)

Schlagrituale in Schule und daheim als Liebeszucht

In der Mansfelder Lateinschule notierte der lupus, ein Schülerspitzel, Vergehen wie Fluchen, Witzereißen, Deutschsprechen usw. auf seinem „Wolfzettel“. Am Samstag wurde dieser „ausgewertet“. Pro Vergehen ein Streich. (Erikson aaO 57;68f;84f) „Die Lupi-Zeddel, item die Examina legor, legeis, legere, legitur, cuius partis orationis, das sind der Kinder Carnificinae gewesen. Ich bin ein Mal fur Mittage in der Schule funfzehen Mal nach einander gestrichen worden. Ouodlibet regimen debet observare discrimen ingeniorum, man muß Kinder stäupen und strafen, aber gleichwol soll man sie auch lieb haben“.(WATR 3,417 Nr. 3566B) „Man soll die kinder nitt zu hart steuppen, den mein vatter steupt mich einmal also sehr, das ich im floh und das im bang war, bis er mich wider zu im gewenet. Ich wolt auch nitt gern mein Hansen seher schlagen, sunst wurd er blöde und mir feind“ (WATR 2,134 Nr. 1559) „Mein mutter steupet mich umb einer eingen nuß willen usque ad effusionem sanguinis. Et ita stricta disciplina me tandem ad monasterium adegerunt, wiewol sie es hertzlich gut gemeinet haben, sed ego pusillanimus tantum. Ipsi non potuerunt discernere inter ingenia et correctiones, quomodo temperandae essent. Man mus also straffen, das der apffel bei der ruten sei.“(WATR 3, 415f Nr. 3566A) „Meine Aeltern haben mich gar hart gehalten, daß ich auch drüber gar schüchtern wurde. Die Mutter stäupte mich einmal um einer geringen Nuß willen, daß das Blut hernach floß, und ihr Ernst und gestreng Leben, das sie mit mir führeten, das verursachte mich, daß ich darnach in ein Kloster lief und ein Mönch wurde; aber sie meintens herzlich gut. Sed non poterant discernere ingenia, secundum quae essent temperandae correctiones. Quia man muß also strafen, daß der Apfel bey der Ruthen sey. Es ist ein böse Ding, wenn um der harten Strafe willen Kinder den Aeltern gram werden, oder Schüler ihren Praeceptoribus feind sind. Denn viel ungeschickter Schulmeister seine ingenia mit ihrem Poltern, Stürmen, Streichen und Schlagen verderben, wenn sie mit Kindern anders nicht denn gleich als ein Henker oder Stockmeister mit einem Diebe umgehen.“(WATR 3,416 Nr. 3566B) „Wo Vater und Mutter nicht mehr können, da muß Meister Hans, der Henker, ausrichten und ziehen.“(M. Johann Mathesius, Leben Luthers 1565, Predigt Nr. 1 – WATR 1,167 Nr. 387)

Neurose als gefundenes Fressen für den evangelikalen Missionar

Schon vorhandene Neurosen nutzt der aggressive Pietismus geschickt aus, um zu Gott zu treiben. Exempel unter vielen anderen ist Kurt Koch, der sich wie Franz Joseph Strauß auf das Schwarzsehen spezialisiert hat und die Verfolgungsängste, die er schürt, für den Menschenfang nutzt. In einer seiner ca. 40 veröffentlichten Traktätchen zum Bangemachen heißt es: „Mir ist die Bedeutung der Neurose bekannt. Die Seelsorge zeigt, daß Neurotiker und Depressive oft einen direkteren Weg zu Gott haben, als der seelisch gesunde und selbstsichere Mensch. Wir haben sogar unter den großen und bekanntesten Männern Gottes solche, die manchmal von depressiven Phasen heimgesucht wurden. Neurosen und Depressionen können für einen Menschen nicht nur Belastungen bedeuten, sondern ihm Tiefgang des Glaubenslebens vermitteln. (...) Nur wenige wissen, daß zwischen spiritistischen Umtrieben und Neurosen häufig ein Zusammenhang besteht. Etwa die Hälfte aller Neurotiker, die ich in die Seelsorge bekam, hatten spiritistische Vorfahren oder eigene spiritistische Belastungen. (...) Die Zunahme von Gemütsleiden und Geisteskrankheiten, das Überhandnehmen von speziellen schweren Erkrankungen wie Krebs, die häufige Flucht in den Selbstmord, liegen in der Linienführung der endgeschichtlichen Ereignisse.“(Kurt Koch, Leben auf Abruf, Skizze der Endzeit nach Mt. 24, Evangelisationsverlag Berghausen, 40-42)

Römer 7: Fleisch und innerer Mensch als Schlachtfeld des Geistes

Über die Verkörperung des Selbst beim Christen gibt am meisten Aufschluß der paulinische sa/rc-Begriff in seiner Gegenüberstellung zur du/namij des pneu=ma. Für den Menschen des AT war Fleisch Bezeichnung für das Material, aus dem Menschen und Tiere gemacht sind, genau wie unser Sprachgebrauch, in späterer Zeit hieß Fleisch: Mensch, Lebewesen. Fleisch war ein Synonym für die Identität als Mensch oder Tier. Bei Jesaja zB finden wir Sätze wie: „Brich dem Hungrigen dein Brot, und die im Elend ohne Obdach sind, führe ins Haus. Wenn du einen nackt siehst, so kleide ihn, und entzieh dich nicht Fleisch und Blut!“(Jes. 58,7) Unter gnostischem Einfluß aber finden wir das Gegenteil von diesem Ruf in die Verkörperung. Paulus stöhnt: „In meinem Fleisch wohnt nichts Gutes“(Rm 7,18). Rm 7 ist eine klassische Schizophreniestudie: „Denn solange wir in Fleisch waren, da waren die sündlichen Lüste, welche durchs Gesetz sich erregten, kräftig in unsern Gliedern (besonders dem einen, M.L.), dem Tode Frucht zu bringen. Nun aber sind wir dem abgestorben, das uns gefangen hielt, und vom Gesetz los, so daß wir dienen im neuen Wesen des Geistes und nicht im alten Wesen des Buchstabens. Was wollen wir denn nun sagen? Ist das Gesetz Sünde? Das sei ferne! Aber die Sünde erkannte ich nicht, außer durchs Gesetz. Denn ich wußte nichts von der Lust, hätte das Gesetz nicht gesagt: 'Laß dich nicht gelüsten!' Es nahm aber die Sünde Anlaß am Gebot und erregte in mir jegliche Lust; denn ohne das Gesetz ist die Sünde tot. Ich aber lebte vormals ohne Gesetz; als aber das Gebot kam, ward die Sünde lebendig, ich aber starb; und es fand sich, daß das Gebot mir zum Tode gereichte, das mir doch zum Leben gegeben war. Denn die Sünde nahm Anlaß am Gebot und betrog mich und tötete mich durch dasselbe Gebot. So ist also das Gesetz heilig, und das Gebot ist heilig, recht und gut. Ist denn, was doch gut ist, mir zum Tode geworden? Das sei ferne? sondern die Sünde, auf daß sie recht als Sünde erscheine, hat mir durch das Gute den Tod gewirkt, damit die Sünde überaus sündig würde durchs Gebot.

Denn wir wissen, daß das Gesetz geistlich ist; ich aber bin fleischlich, unter die Sünde verkauft. Denn Ich weiß nicht, was ich tue. Denn ich tue nicht, was ich will; sondern was ich hasse, das tue ich.“

Dies ist die Zwangssteuerung durch ein falsches Selbstsystem, die Sünde. Sie tut mit dem Körper, was sie will.

„Wenn ich aber das tue, was ich nicht will, so gebe ich zu, daß das Gesetz gut sei. So tue nun nicht ich es, sondern die Sünde, die in mir wohnt. Denn ich weiß, daß in mir, das ist in meinem Fleische, wohnt nichts gutes. Wollen habe ich schon, aber vollbringen des Guten finde ich nicht. Denn das Gute, das ich will, das tue ich nicht; sondern das Böse, das ich nicht will, das tue ich. Wenn ich aber tue, was ich nicht will, so tue nicht ich es, sondern die Sünde, die in mir wohnt. So finde ich nun ein Gesetz, daß mir, der an Gottes Gesetz nach dem inwendigen Menschen (e)/sw a)/nqrwpoj - das wahre Selbst des Schizophrenen) ich sehe aber ein ander Gesetz in meinen Gliedern, das da widerstreitet dem Gesetz in meinem Gemüte und nimmt mich gefangen (Isolation des wahren Selbst) in der Sünde Gesetz, welches ist in meinen Gliedern. Ich elender Mensch! Wer wird mich erlösen von dem Leibe dieses Todes? Ich danke Gott durch Jesus Christus, unsern Herrn! So diene ich nun mit dem Gemüte dem Gesetz Gottes, aber mit dem Fleische dem Gesetz der Sünde.“(Rm7,5-25) Der Geist ist vom Körper und den Trieben des Paulus völlig abgespalten. Von diesem Phänomen der Geistesspaltung her trägt Schizophrenie ihren Namen. Der Körper trägt zwei feindliche Selbst-Systeme:

1.        das wahre Ich, den inneren Menschen, das Gemüt und

2.        die Sünde mit den Lüsten, die sie erregt. Es ist anzunehmen, das damit Sexualität und andere Leibesregungen und -bedürfnisse gemeint sind, die Paulus haßt.

 Das wahre Selbst des Paulus ist fähig, seinen Körper und die damit verbundenen Funktionen zu hassen. Der schon erwähnte Grundkonflikt zwischen dem repressiven Gesetz und den von körperlichen Grundfunktionen und -Intentionen her bedingten Verhaltensweisen ('was ich tue') wird als Sünde empfunden und das wahre Selbst steht dem mit seinem Wollen ohnmächtig gegenüber. Der Wille des inneren Menschen hat keinen Einfluß mehr auf das selbstregulierende Verhalten des Körpers, so empfindet es Paulus. Das wahre Selbst hat gar keine Möglichkeit mehr, sich in Aktion zu äußern, da alles Tun schon Sünde ist. Die Handlungen werden von Paulus einer fremden Macht zugeschrieben, ihn beherrschend. Damit entzieht er sich - jedenfalls sein innerer Mensch, und seine wahre Identität - recht geschickt jeder Verantwortlichkeit für sein Handeln. Alles hat ja die Sünde in ihm gemacht.

Dissoziation des Körpers als Gefängnis und schlechte Außenwelt

Der Leib wird gut platonisch als Kette und Gefängnis erfahren, ihm ist das wahre Ich des Paulus zwar schon abgestorben, so meint Paulus. Es ist durch Mitsterben mit Christus und Wiederauferstehen in geistlicher Gestalt (Rm 6,4-12) aus den Gesetzmäßigkeiten, denen jeder Körper unterliegt, zB Sterblichkeit, gleichwie Jesus nach seinem Tod, in den neuen Daseinsstand der Geistlichkeit getreten; aber dummerweise ist dieses geistliche wahre Ich des Paulus noch immer an seinen Körper gebunden und auf ihn als Träger und Medium angewiesen. Darum sehnt sich Paulus nach dem letzten Schritt zur totalen Vergeistlichung seines wahren Selbst, der Erlösung vom Körper der Vergänglichkeit. Das sich als unsterblich wähnende wahre Ich von Paulus will den Ballast der vergänglichen Körperlichkeit abwerfen, um vollends frei zu sein. Das das ohne physischen Tod nicht geht (der aber auch das wahre Ich jeder sozial erfahrbaren Äußerung berauben würde, was Paulus wohl weiß!), muß sich der arme Paulus mit dem Verließ seines sündlichen Körpers zufriedengeben und findet als Ausweg die unfriedliche Koexistenz, oder wie Luther sagt: totus homo peccator simul iustus. Das wahre Ich des Christen ist gerecht, das falsche sündlich. Darum wird auf den Pelz nicht mehr viel Pflege und Sorge verwandt. Hatte der kerngesunde Jesus Wohlgefallen an der Salbung durch eine Frau (Mk 14,3-9), so ist der Krüppel Paulus voll von Haß auf seinen Körper, der ihn quält, und die Welt. Seiner sozialen Verantwortlichkeit ist er zumindest damit geschickt ausgewichen. Sein Kommunikationsbedürfnis freilich treibt ihn zur Mission; nur wenn er andere Leute mit gleicher Geistesspaltung erzeugt oder findet, ist in all seiner Unvermitteltheit zum Körper und den auf Körperlichkeit basierenden Kommunikationsformen noch Kommunikation möglich. Diese bedarf zwar des körperlichen Mediums, aber der Körper bleibt nur Medium zur geistlichen Kommunikation. Die Sprache macht sich als wesentlichste Kommunikationsform breit, denn nur sie ist wahres Geistliches Medium und gegen Sündlichkeit gefeit - meint Paulus. Die aus solcher Körperfeindlichkeit resultierende Verkrampftheit hat sich bis in die heutige bürgerliche Erziehung und Sexualfeindschaft erhalten.

Das Wort ward Fleisch: Jesus. Erfolg: das Fleisch will Wort werden: Paulus.

Die tollkühnen Märtyrer ohne Schmerzen in der Folter

Jesus schrie am Kreuz. Das Sterben muß ihm weh getan haben. Viele Märtyrer schrieen nicht auf ihren Scheiterhaufen und brennenden Kreuzen. Sie sangen Kirchenlieder. Richard Wurmbrand wird heute gefeiert, weil ihm und einigen Gefängnisbrüdern in der eingekerkerten Untergrundkirche im Osten bei der Folter nicht übermäßig unwohl war. Seine physische Unempfindlichkeit wird als göttliches Wunder gepriesen und besungen. Es ist sicheres Anzeichen für Schizophrenie, genauer: katatonen Stupor als Form der Loslösung des intelligenten Ichs von sensomotorischen Körperfunktionen. In Emil Kraepelins für die Psychiatrie grundlegendem Lehrbuch (er nannte Schizophrenie noch „dementia praecox“ mit Sinnestäuschungen, Aufmerksamkeitsstörungen, Zerfahrenheit, Wahnbildungen, Gemüthliche Verblödung, Willensstörungen wie Negativismus, Stereotypen, Automatie. cf Psychiatrie. Ein Lehrbuch für Studierende und Aerzte, Bd. II, Leipzig (Barth) 1899,163f) wird erwähnt, daß man Patienten Nadeln in die Stirn stechen kann, ohne daß die Patienten sie wieder herausziehen. „Der katatonische Stupor ist hauptsächlich beherrscht durch die Erscheinungen des Negativismus und der Befehlsautomatie. Die Kranken werden einsilbig, wortkarg, brechen mitten im Wort oder Satz ab, hören allmählich vollständig auf, zu sprechen (Mutacismus), oder haspeln doch nur hier und da leise einige unverständliche Worte, führen auch wohl flüsternde Selbstgespräche, lachen vor sich hin. Manchmal setzen sie zum Sprechen an, sobald man Miene macht, sich zu entfernen, verstummen aber sofort, wenn man sich wieder zu ihnen wendet. Auch zum Schreiben sind sie meist nicht mehr zu bringen, brechen nach einigen Buchstaben ab, fahren spielend über das Papier oder bringen nur sinnlose Kritzeleien hervor. Sie blicken nicht mehr auf, wenn man mit ihnen spricht, drehen den Kopf nicht her, wenden sich vielleicht geradezu ab. In einzelnen Fällen erhält man jedoch zeitweise noch schriftliche Antworten, oder die sonst stummen Kranken singen auf Befehl einmal mit feiner Stimme ein bekanntes Lied. Im übrigen sind sie gänzlich unzugänglich gegen jede äussere Einwirkung, reagieren nicht auf Anreden, Berührungen und selbst Nadelstiche; nur selten führt ein sehr lebhafter Reiz Ausweichbewegungen noch seltener einmal einen unvermuthet gewandten und kräftigen Angriff herbei. Auch ein gelegentliches leises Blinzeln, stärkere Röthung oder Schwitzen des Gesichtes, Zucken um die Mundwinkel bei solchen Versuchen, Auflachen bei scherzhaften Anlässen deuten darauf hin, dass weniger die Auffassung der Eindrücke, als die Auslösung einer Willenshandlung auf dieselben gestört ist.“ Mit einem Arzt wie Kraepelin, der Patienten nicht mehr als Menschen, sondern Studienobjekte sah, haben diese mit ihrem Feingefühl den Kontakt völlig zu Recht verweigert. Befehl zum Singen, wie bei Hinrichtungen im KZ.

Physische Unempfindlichkeit haben sich viele in Dachau gewünscht. Sie waren aber nicht schizophren. Darum klappte es nicht und sie litten weiter. Zur Ausschaltung des Schmerzempfindens muß der Fleisch-Körper als Teil der bösen Außenwelt dissoziiert werden. Dies setzt die Einübung einer tiefen Persönlichkeitsspaltung schon lange vor der Folter voraus.

Luther nimmt Pauli Scheidung von Leib und Seele in der Freiheitsschrift auf. Die Freiheitsschrift enthält eben auch die wesentlichen Merkmale von Schizophrenie. Allein der dualistische Aufbau von 'freier Herr' und 'dienstbarer Knecht', der durchgängig expliziert wird, ist schon bezeichnend. Im 3. Kapitel heißt es: „Umgekehrt, was schadet das der Seele, wenn der Leib gefangen, krank und matt ist, hungert, dürstet und leidet, wie er´s nicht gerne wollte? Von diesen Dingen reicht keines bis an die Seele, um sie zu befreien oder zu fangen, gerecht oder böse zu machen.' (Luther, SA 7, 21) In einer Welt, in der Leiber mißhandelt werden, empfielt es sich, auszusteigen. In einer kaputten Weit ist der beste Ausweg Schizophrenie. Wer keine Hoffnung drauf setzt, die Welt zur Heimat voll zärtlicher Erotik und Leibliebe umzubauen, wird am besten beraten sein, seinem Körper abzusterben in die Geistlichkeit. Ich denke aber gar nicht daran.

Die unfriedliche Koexistenz von Leib und Seele beläßt es nicht nur bei dem Laufenlassen des Leibes. „Ich züchtige meinen Leib und treibe ihn zum Gehorsam, damit ich nicht selbst verwerflich werde, der ich die anderen lehren soll.“(1 Kor 9,27) „Alle, die Christus angehören, die kreuzigen ihr Fleisch samt seinen bösen Lüsten (su\n toi=j paqh/masin kai\ tai=j e)piqumi/aij.)“(Gal 5,24) Leidenschaft und Begehren sind die ureigensten Strebungen des Selbst, das Intimste des Menschen, der Motor menschlichen Handelns und menschlicher Sozialität. Und dazu Luther: „Aber diese Werke dürfen nicht in der Absicht geschehen, daß dadurch der Mensch vor Gott rechtschaffen werden soll. Diese falsche Absicht kann nämlich der Glaube nicht dulden, der allein die Rechtschaffenheit vor Gott ist und sein muß. Sondern nur das darf die Absicht sein, daß der Leib gehorsam und von seinen bösen Lüsten gereinigt werden solle, und das Augenmerk soll sich nur auf die bösen Lüste richten, um sie auszutreiben.“(WA 7,30f) Was genau diese bösen Lüste sind, darf man nur erahnen. Es geht wohl hauptsächlich um Sex, weniger um des Nachbarn Haus oder Vieh, weil ja der Leib oder das Fleisch Quelle der Irritationen ist. Das kann zu einem regelrechten Hobby werden: Je mehr Sex verboten ist, desto höher steigt der Erregungsgrad durch Hormonausschüttungen an. Das Erblicken junger Mädchen wird zur Folter. Der Kloster kann Abhilfe schaffen. Die Energien, die von einer möglichen Arbeit zur Verbesserung der Welt abgezogen werden zur Bekämpfung eigener Geilheit, sind immens. Sublimation des Begehrens nach Sex in Feldarbeit oder Freiheitskampf längs der Frustrations->Aggressions-Hydraulik ist möglicherweise ein Energie-Abfuhr-Modell. Triebunterdrückung ist immer pathogen. Wenn die Leidensgemeinschaft mit dem gekreuzigten Gott Jesus nur darin besteht, nicht mehr zu wixen oder ficken, dann ist das mehr als jämmerlich. Zumal Jesus Frauen geliebt hat.

Luthers Zwei-Reiche-Lehre als schizoide Weltordnung

Eine weitere Doppelbindung erzielt Luther durch die Zweireichelehre. Sie bildet eine Brücke zwischen der Sekte und dem politischen Gemeinwesen und verhindert, daß die Sekte in Konflikt gerät mit dem Gemeinwesen. Diese Konflikte könnten eskalieren und der Sekte schaden, weil diese keine Machtmittel besitzt wie etwa das Schwert oder den Wasserwerfer.

A.      Der Christenmensch sei untertan der Obrigkeit, die Gewalt über ihn hat.

B.       Der einzige Herr des Christen ist Gott.

C.       Gott hat die Obrigkeit eingesetzt.

Jede kirchliche Praxis wird von diesem Problem affiziert. Das Staatskirchentum hat es weniger schwer, da hier Krone und Papsthut unter einer Decke stecken. Aber gerade Luther benimmt sich in dieser Hinsicht eine kleine Zeit lang rebellisch. Wenn er auch später die aufmuckenden Bauern verdammt hat, die ihn einmal politisch ernst nehmen wollten: Nulla crux, nulla corona. Wo uns heute einsichtig ist, daß Staaten ihre Individuen und schwächere Staaten der südlichen Halbkugel unterdrücken, fällt es schwer, diese Sache als Rute Gottes (WA 19,629) zu akzeptieren. Wäre doch Gottes Rute in Treblinka vornehmlich im Aggregatzustand der Gasförmigkeit, gemacht aus deutscher Chemieindustrie, den IG Farben, an den Mann gekommen, präzis: in Lungen von Mann, Frau und Kind seines erwählten Volks. „Ich habe eine andere Vorstellung von der Liebe, und ich werde mich bis in den Tod hinein weigern, eine Schöpfung zu lieben, in der Kinder gemartert werden.“(Dr. Rieux in Albert Camus, Die Pest, Reinbek, rororo Nr. 15, 129) Einem Gott, der eine Obrigkeit eingesetzt hat, die Kinder morden läßt, gehört notwendig der Kampf angesagt. Ich verdamme einen solchen Gott. Ich will nicht mehr das Kind eines Gottes sein, der für das Unrecht in der Welt verantwortlich ist. Und das ist Gott, wenn er der allmächtige Schöpfer der Welt ist. Wenn er Adam nicht verziehen hat für den Apfelbiß, und ihn so eifersüchtig auf das Mitwissen der Menschen bestraft hat. Ich weigere mich, einen Gott zu lieben, der den faschistischen Kruppchef Alfried von Bohlen und Halbach und seine 25000 russischen Zwangsarbeiter auf gleiche Weise liebt, sodaß sich nichts im Verhältnis von Mächtigen und Schwachen, Reichen und Armen, Satten und Hungernden verändert.

Gottes Vorsehung für den schwäbischen Pietisten

Gemeinhin sagt der schlaue Evangelikale an dieser Stelle: „Lieber Bruder, du verwechselst da etwas. Gott ist immer gut und allmächtig. Es ist der Mensch, der sich Gottes gutem Willen widersetzt hat, der das Unrecht tut, nicht Gott. Alles Leid auf der Welt kommt durch Menschen und ihre Sünde. Die Menschen haben Schuld an Sklavenhaltergesellschaft, Feudalismus und Kapitalismus, Gott wollte ja keine Zinsen und Ausbeutung. Aber das ist eben die Obrigkeit, die Gott eingesetzt hat, uns zu schützen, die braucht eine stabile Wirtschaftsordnung und das hat uns soviel Wohlstand beschert, das haben wir Gott zu verdanken.“ Diese Logik ist zutiefst unsauber und kann nicht erklären, wie Naturkatastrophen unschuldige Menschen ausmerzen, wieso der Kapitalismus uns nützt und Afrika, Indien und Lateinamerika ausbluten läßt, hinein in unsere Börsen. Doch, er kann: „Das sind Ungläubige, Moslems und Kommunisten, die will Gott gar nicht so gut schützen wie uns hier in Deutschland. In seiner Vorhersehung hat er das bereits gewußt und zieht nun die Konsequenzen. Sie haben es irgendwie auch verdient. Seine Gedanken sind nun einmal unerforschlich, wer will sich anmaßen, ihn dafür zu schelten. Meinst du, du bist besser als Gott? Willst du dich zu seinem Richter aufwerfen? Dir fehlt Demut und Vertrauen darauf, daß er es am Ende alles wohl gerichtet hat.“ Ein kurzer Blick auf die soziale Situation derer, die so argumentieren, zeigt, daß sie im „Ländle“ durchgängig optimal versorgt sind und ausnahmslos bürgerlichen Kreisen entstammen. Ihre Mitschuld am Hunger in der Welt durch ihren Konsum sehen sie nicht ein. „Es sind die Dürren im sonnigen Süden, die Hilfspakete aus unserer Überproduktion kompensieren können. Gott kann nichts dafür. Wir auch nicht. Aber wir helfen, dann freut sich Gott.“ Das Argumente-Netz zur Verteidigung Gottes als des allmächtigen Bewahrers des eigenen Wohlstandes ist perfekt geknüpft. Wer diesen Argumenten nicht folgt, ist uneinsichtig und für den wird gebetet, daß er auch noch zur angemessenen Tiefe der Einsicht in die Geheimnisse Gottes gelangen möge.

Ich bin bereit mitzuleiden mit dem Gott, der in tiefster Agonie schrie, als alles verloren war. Ich habe Tränen für den Gott, der mit allen Gemarterten dieser Welt mitleidet, dessen Existenz wesenhaft geradezu das Leiden ist in einer Welt aus Blut und Tränen.

Die Zweireichelehre machte die Christen als Salz der Erde dumm. Womit aber will man sie salzen, wenn sie dumm geworden sind? Wenn sie sich aus tradierter Paranoia und Schizophrenie immer wieder in die innere Emigration ihrer Geistlichkeit zurückziehen und in Ihrer Fleischlichkeit unbedenklich sündigen? Altarbuckelei und politisches Duckmäusern sind zwei Seiten einer Sache: daß die Christenheit krank ist. Es wäre an der Zeit, die gefrorenen Christen aus ihrem Winterschlaf der Geistlichkeit aufzutauen und in eine neue Weltlichkeit zu resozialisieren.

Christliche Psychose als Zurüstungsarbeit zur Weltverantwortung

Christliche Schizophrenie ist keine Erlösung. Sie ist eine Art des Seufzens in uns selbst, das alle Christen mit aller Kreatur eint.(Rm 8) Die Erlösung liegt vor uns, aber nicht über uns. Heil werden wir nicht durch Flucht in die Krankheit. Sondern durch den gemeinsamen Kampf gegen das, was kränkt. Als Mitkämpfer haben wir Gott dabei. Er straft nicht uns Sünder, sondern er solidarisiert sich mit der gequälten Kreatur. Diesen Wandel im Gottesbild gilt es in Zukunft als Evangelium zu künden.

Aber unter richtiger Anleitung ist Schizophrenie nicht nur heilbar, sondern sogar die erste und gewaltigste Möglichkeit, nach einer tiefenregressiven Reise in den Tod, die Abgründe eigener Verlassenheit, leidensmystisch erfahrenes Mitsterben mit Jesus, wiedergeboren zu werden. Leidensmystik ist nur dann gefährlich, wenn man aus ihr nicht mehr herauskommt. Gottesliebe ist nur dann gefährlich, wenn sie abhängig macht, devot und unmündig. Mit Gott als Bruder zurückzukommen als neuer Mensch in die alte Welt, könnte die Kirche zur Gemeinschaft der Mühseligen, Beladenen und Verrückten werden lassen. Dann aber gilt es, den fleischlichen Körper neu zu beziehen und die Seele mit ihm ein Leib werden lassen. Nur wer sich selbst mit seinem Leib liebt, kann andere mit ihrem Leibe lieben. Kirche kann als Wärmezentrum in therapeutischer, sozialarbeiterischer und politischer Organisation und Aktion etwas gegen das Krankmachende in der Gesellschaft tun ohne die Angst, dabei sogleich wieder unter die Macht des gesellschaftlichen Todes zu geraten. Paradox scheinbar: der Weg zu Gott führt über Menschen; der Weg zu Menschen führt über Gott. Doch nur scheinbar paradox; ist doch Gott in Jesus Mensch.

V. Schlußwort nach 38 Jahren

Inzwischen hat sich in der Psychiatrie sehr viel verändert, cf ICD 10. Die harten Entwertungen von Psychosen sind verschwunden, das Verständnis für die Patienten gerade auch durch die Antipsychiatrie gewachsen. Auch in der Theologie gibt es einen Bewertungswandel. So hat  Psychiatriepastor Ronald Mundhenk in der Ameosklinik Heiligenhafen mit Schizophrenen 20 Jahre lang gearbeitet und seine Erfahrungen beschrieben. (Sein wie Gott. Aspekte des Religiösen im schizophrenen Erleben und Denken, Neumünster3 (Paranus) 2007,177-210) Der einzige Unterschied vom religiösen Mystiker und einem Normalpsychotiker liegt darin, daß ein Mystiker sich nachträglich mit seiner Erfahrung in seiner Glaubenstradition eingebettet weiß, während ein Psychotiker mit derselben Erfahrung einsam und unverstanden bleibt, von seiner Umgebung stigmatisiert und ausgegrenzt wird und schließlich mangels eines allgemein akzeptierten Deutungssystems in weltfremde Idiosynkrasien flüchtet. Die christliche Tradition ist somit ein Auffangnetz für Dekompensierte aller Art. Sie kann Deutungsmodelle kurioser Erfahrungen anbieten und Menschen integrieren, und genau dies ist inzwischen auch das Ziel der Psychiatrie geworden: Psycho-Edukation in kleinen Selbsthilfegruppen, die sich gegenseitig beistehen und unterstützen, genau so, wie es die Wohngruppen Laings und Coopers damals als Pionierversuche intendierten.

Der Verfasser hat in seiner Ausbildung als Gestalttherapeut genügend Kontakte zu psychotischer Dekompensation gehabt, um diese als ein Weg der Heilung zu begreifen. Die Krankheit kann der Weg werden, heraus aus falschen Zwängen. Die Kirche kann die Akzeptanz von Verschrobenen, Depressiven, Abgedrehten als Chance begreifen und das Fest der Verlorenen mit den Mühseligen und Beladenen feiern. Das ist alles nicht glänzend und vorzeigbar, sondern harte Arbeit im unscheinbaren Bereich. Seit 1974 haben sich viele Dinge stark verändert. Die Kirche kann es sich inzwischen gar nicht mehr leisten, auf Zwang zu setzen und die jungen Leute auf Sünde zu dressieren. Die Formen des Verblendungszusammenhangs über Wesen und Wirkung Gottes haben sich gelichtet. Die Sühnopfertheologie wird nicht mehr zelebriert. Abendmahl ist Erinnerung der Befreiung und solidarische Tischgemeinschaft der Unterdrückten auf dem ganzen Erdkreis geworden. Im großen und ganzen ist der schizophrenogene Muff der sündigen double bind aus Predigten und Liturgie verschwunden. Die Lieder haben sich gewandelt. Sie entwerten die Sänger nicht mehr, sondern geben ihren Sehnsüchten nach einer Welt ohne Krieg und Hunger eine Stimme und Melodie.


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