Parteiischer Diskussionsbeitrag

zum kirchengeschichtlichen Proseminar

mit Dr.  Rainhold Mokrosch

https://bachelorarbeitghostwriter.com/

über Luthers Gewissensverständnis in „de votis monasticis“ (1521/22)

Wintersemester 1973/74 

Theologische Überlegungen zur Frage nach dem Gewissen bei Luther und der Kriegsdienstverweigerung in der BRD

 Michael Lütge, 74 Tübingen, Sigwartstr. 20


Vorwort 2019: Warum heute nochmal eine alte Arbeit lesen?

Es ist Sturm und Drang eines Zwanzigjährigen, Wut über eine Welt, die nach fast 2000 Jahren Christentum noch so wenig heil ist. Es ist die Enttäuschung über das Versagen dieser Kirche im Projekt Umbau der Welt zur Heimat. Es ist das Erschrecken über den Gegensatz von der Botschaft Jesu und der von Prügelstrafen und Demütigungen aller Art geprägten Kirche. Heute würde ich versuchen, darüber eine Dokumentation zu erstellen, also kirchenhistorisch arbeiten. Vor 45 Jahren war ich auf der Suche nach verläßlichen Aussagen über Gott und nahm alles auf eine Art Goldwaage. Es war fast eine Panik: Was überhaupt kann man noch guten Gewissens glauben? Es war keine innere Distanz zu den Lehren Luthers und anderer möglich, ich habe innerlich mit ihnen gekämpft, weil ich noch allzu sehr die Texte von Autoritäten als Offenbarung gelesen habe und nicht als ihrerseits auch nur suchenden Weg. Dadurch hat diese alte Text eine gewisse Bissigkeit und einen aus Enttäuschung über das Versagen der Kirche entstandenen Zynismus.

Ich glaubte damals, mit scharfsinniger Textanalyse ein Argumentationswerkzeug entwickeln zu können im Modus immanenter Kritik und damit die Aufklärung innerhalb der Theologie weiterführen zu können als Anpassung an die Aufklärung der säkularen Umgebung in der BRD. Es war der Glaube an die Macht des Wortes. Der geht einem auch nicht verloren in einer Öffentlichkeit der medialen und politischen Welt, die von fake-news-Attacken in sozialen Netzwerken manipuliert werden kann. 

Mein damaliges Interesse war sehr klar auch höchst meines: welchen Einfluß hat eine kirchliche Aussage auf die Seele eines Menschen. Mein Eindruck war, daß die Kirche depressiv macht, den Menschen ihre Lust am Leben madig macht und sie für alles Schöne im Leben Schuldgefühle entwickeln läßt. Das ist alles psychoanalytisch oder aus therapeutischer Sicht zwar nur pauschal entwickelt ohne Kenntnis des Freudschen Gesamtwerks, aber meine gesamte bisherige Erfahrung gibt dieser frühen Vermutung über die Instauration des schlechten Gewissens als Motor der Depression und den sofort entstehenden Teufelskreis der Selbstverdammung Recht. In der therapeutischen Ausbildung tummelten sich Menschen mit kirchlichen Hintergründen. Und immer war Schuld und Wut Thema.

Das Ziel meiner damaligen Lutherarbeit war strengstens selbst lutherisch: die Befreiung des Selbstbewußtseins von Schuld als der zentralen Kategorie des Handelns. Ich werde durch meine Liebste immer wieder ertappt, wie ich einen Konflikt durch Suche nach Schuldigen angehe, statt berechtigte Bedürfnisse und Wünsche auszuhandeln zu befriedigenden Lösungen für beide Seiten. Johannes Cremerius hat solche Leute "Über-Ich-Patienten" genannt. Ich suchte damals nach einem Weg, den irgendwie noch ziemlich personal vorgestellten Gott als den allerbesten Freund zu sehen und überhaupt nicht als strengen und schimpfenden Geistmenschen im Himmel. Ein Freund, der für alles Verständnis hat und ein "Ich hab dich trotzdem total lieb" zu allen Fehlern sagt, die mir bei jedem Sprung in Fettnäpfchen irgendwann klar werden. Der Prozeß dieser Arbeit damals war ein Stückchen gelebter Rechtfertigungslehre. Geschrieben auf eine uralten Schreibmaschine, die noch ein SS-Zeichen besaß, Sonderanfertigung für Hitlers Terrorstaffel. Das war eine Verpflichtung. Luthers Erziehung war Musterbeispiel schwarzer Pädagogik als Erziehung zum Faschisten und die kirchliche Prägung all der Motive zu Kriegführen im letzten Jahrhundert offensichtlich. Befreiung von diesen Praktiken und Lehren, die Menschen beugen, war mein Ziel im Strom der Studentenbewegung der 1968er Jahre. Aber diese Befreiung ist keine auf ganzer Linie, immer wieder verliert sich der Text in oberflächlichen Pauschalismen auf der Suche nach klaren einfachen Vorsätzen für ein in der Nachfolge Jesu realisierbares Leben in diesem Land.

Die Kriegsdienstverweigerung war damals noch erforderlich. Ich glaube, fast unsere ganze Schulklasse hat den Kriegsdienst verweigert. Als Kandidat aufs geistliche Amt hätte ich das gar nicht müssen. Es war mir aber wichtig und ich hatte mich vor der Gewissensprüfung sehr damit auseinandergesetzt, auch in der Angst, ich könnte durchfallen, wenn ich das dort gewünschte Zeug nicht herunterbete. Wir wußten ja alle, was sie dort hören wollten und mit welchen Fangfragen sie einen aufs Kreuz legen wollten. Dieses Katz- und Mausspiel war nur geprägt von Mißtrauen und Angst, mit irgendetwas schlecht anzukommen. Es war kein wirkliches Gespräch darüber, ob ich mir vorstellen könnte, ein anderes Wesen umzubringen. Selbst die Heidelberger Thesen der FEST waren ja nur eine Vorlage für Bischof Kunst und seine braven Militärpfarrer und Soldaten. Der Gedanke, daß Krieg komplett unnötig und schädlich ist und noch niemals in der Geschichte für irgendwen bessere Lebensverhältnisse geschaffen hat und selbst die Verteidigung gegen die bösen Russen uns keine Verbesserung bringen würde, weil die BRD von der roten Armee quasi über Nacht überrollt werden könnte - das war noch viel zu wenig in meinem damaligen Kindskopf präsent, der ich selbst in einem Marinestützpunkt aufgewachsen bin und die Ideologie der Offiziere ständig in der Schulzeit eingetrichtert bekam, etwa beim Schulausflug auf einer Korvette. Heute sind wir alle weiter und können mit der allergrößten Selbstverständlichkeit sagen: Krieg ist keine Option, in keinem Fall. "Stecke dein Schwert an seinen Ort! denn wer das Schwert nimmt, der soll durchs Schwert umkommen." (Mt 26,52) Kriege haben verheerende Folgen für alle Beteiligten bis ins vierte Glied, die Spätfolgen in den Enkeln und Urenkeln lassen sich noch nachweisen. Die Meere und Städte sind verseucht von all den Blindgängern und chemischen Giften.

Es ist ein gewisser Luxus, nicht autoritätshörig zu sein, wie ich es damals noch war. Es gibt auch heute noch wenige Berufe, in denen man nicht die Firmenphilosophie oder die Regelwerke ihrer Juristen oder direkter noch die Meinung des Chefs teilen muß, um zu auszukommen. Auch als Student war man dem Wohlwollen der Prüfer unterworfen und dies war kein herrschaftsfreier Diskurs. Da ist es dann kein Wunder, wieviel Glaube an Aussagen von Autoritäten im Versuch der Aus-Einandersetzung mit ihnen noch steckt. Kommilitonen in den letzten Semestern wußten zu vermelden, daß es unerläßlich sei, seinen Prüfern total nach dem Munde zu reden, um gute Zensuren zu erzielen. Ich konnte und wollte das einfach nicht glauben, habe aber in meinen beiden Examina diese Erfahrung selbst machen müssen in der Umkehrung. Je bekenntnistreuer man auftrat, desto besser die Zensur. Wissenschaftliche Kompetenz oder Klarheit des logischen Denkens war eher hinderlich.Ich habe Luther damals äußerst Ernst genommen als bare Münze für mein eigenes Leben. Und hatte eine heftige Ambivalenz ihm gegenüber: Fürstenfreund und Gewissensbefreier. Zugleich war aber ich selbst auch in dieser Ambivalenz befangen und bin es noch heute als Neurotiker mit der Sehnsucht nach Freiheit von den eigenen Zwängen.

Heute habe ich eine größere Distanz zu Texten an sich, einen Sinn fürs Absurde und Spiel mit Sprache. Luther war ein bißchen verrückt und sehr emotional und das gefällt mir und seine Bilderwelten haben etwas sehr anrührendes, wenn er Brautmystik und so das Recht auf Erotik im göttlichen Leben implementiert. Das Schimpfen und Granteln Luthers sprach mir aus der Seele und seine Suche nach Aufrichtigkeit imponierte mir. Heute könnte ich die gesamte Sühnopferlehre, an der Luther hing, nicht mehr ertragen in ihrer Blut-Rünstigkeit. Wir brauchen keine Märtyrer mehr. Wir haben die Möglichkeit, für die Verbesserung der Welt zu arbeiten ohne gleich unser Leben zu riskieren wie Jesus. Und Luther. Das ist ein ungeheurer Fortschritt der Demokratie, die mit der Säkularisierung der Gesellschaften stärker wird.

Diese frühe Arbeit ist keineswegs konsequent. Sie hat die Manipulation des Gewissens mit Paolo Freire entdeckt und damit die Relativität des Gewissens als eine fast göttliche Sphäre mit dem absoluten Schutz durch das öffentliche Recht. Daß Kriegsdienst verwerflich und gegen das für das Gewissen absolut verbindliche Tötungsverbot ist, wird in den Heidelberger Thesen von Weizsäckers nicht konsequent genug durchgehalten und im Szenario der second strike capability der Kriegsforschungen damaliger Zeit als Sicherheitsgarantie verkauft. Diese Verantwortungsethik wird für das Gewissen empfohlen, welches doch eigentlich einer Gesinnungsethik zu gehorchen hätte, daß Töten nach Gottes Willen in keinem Fall sein soll. Die Evangelikalen leiten daraus ihre Kampagnen gegen Abtreibung ab, ohne zugleich Massentierhaltung mit den unsäglichen Praktiken der Tiertötungen anzuprangern oder Todesstrafen in den USA, ganz zu schweigen von der Zustimmung zu den verheerenden Kriegen der USA in Korea, Vietnam, Irak, Afghanistan und Syrien. Die Doppelmoral, die hier entfaltet wird und der auch Luther erlegen ist, ist auch in meiner Proseminar-Arbeit zu finden, auch wenn letztlich KDV als die einzige dem Wort Gottes gemäße Stellung zum Krieg und als status confessionis bekannt wird. 

Ich hatte damals selbst den Kriegsdienst verweigert und dies als meine Pflicht angesehen, obwohl es für Geistliche die Befreiung vom "Wehrdienst" gab. In meiner Arbeit als Pfarrer habe ich viele meiner Jugendlichen in ihren KDV-Verhandlungen begleitet und darauf vorbereitet in langen Gesprächen. Unsere Jugend ging mit biblischen Friedensworten zur Heeresschau der Bundeswehr und diskutierte mit Soldaten und Offizieren, die oft ein klares Wissen darum hatten, daß im Kriegsfalle die Bundeswehr ohnmächtig ist und der Übermacht des Warschauer Paktes überhaupt nicht gewachsen. An der Stelle waren wir schnell beieinander und auch in der Frage der Deeskalation bei Demonstrationen von Studenten. Die Offiziere sahen die Polizeieinsätze mit Wasserwerfern und Knüppeln äußerst kritisch und wußten, daß dies nur zu einer Radikalisierung der Kritik am Staat führt und nicht zu einem Dialog, in dem beide Seiten einen Konsens zu erzielen trachten. Für uns kirchliche Protestbewegung gegen die Bundeswehr waren diese Einsichten der Offiziere sehr erfrischend und klug durchdacht. Ich bekam für diese Aktionen natürlich stets massiven Druck von meinem Vorgesetzten, der allerdings argumentativ unseren Aktionen nichts entgegenzusetzen hatte außer, daß sie Ärger in der Chefsauna der Ruhrkohle-AG gezeitigt habe und er den Auftrag der Saunarunde hatte, mich zusammenzufalten.

Bei aller Wut auf die Bösen dieser Welt, für die das Weltgericht vermutlich viel zu angenehm ausfallen dürfte angesichts der alles vergebenden Gnade Gottes: Krieg hat noch nie in der Geschichte ein Problem gelöst oder Humanität gestärkt. Er soll nach Gottes Willen nicht sein und auch die Waffenproduktion ist Sünde und Schandmal einer freien Gesellschaft. Es gibt zudem genügend andere Formen der Ächtung von Gewalt. Wirtschaftsboykott in Südafrika war damals ein sehr wirksames Mittel und zwingt heute immer noch den Iran in die Knie.


Inhalt

Vorbesinnung. 4

Gewissen und das Recht auf Kriegsdienstverweigerung. 7

1.          Die Gewissensvorstellung von Augustin. 13

2.          Gewissen in der Scholastischen Tradition bei Thomas von Aquin. 16

3.          Sartre und die Gewissensbisse gegen Gottes Unrechtsregime. 19

Hauptteil 21

Gewissen in „de votis monasticis“ 26

1)         iustitia et salus. 26

2)         Der alte „Weg zum Heil“ 27

3)         Die Angst der Gewissen. 30

4)         Die existentiale Struktur des Gewissens. 34

5)         Die Befreiung der Gewissen. 38

6) Biographische Aspekte Luthers in psychologischer Sicht 48

Überleitung. 55

A)         Existentiale Deutung. 56

a)         Gewissen als Ruf der Sorge vom Man zum Selbst 56

b)         Gewissen als Ruf Gottes (Ebeling) 62

c)         Gewissen als Relationsgeschehen von Gott und Mensch. 64

B) Soziale Deutung. 66

a) Andere machen mich. 66

b) Ich mache andere. 77

C) Ein Mensch sagt: Ich. 90

a)         Identität 90

b)         Selbstlosigkeit 91

c)         Phantasie und Lust statt Willkür und Gehorsam.. 92

D) Bleibt Gott?. 93

a)         Gott- oder Weltverantwortung?. 93

b)         Unterscheiden ohne Isolation. 93

c)         Gott in der Welt als Grund der Freiheit 93

Ausleitung. 95

1) Das religiöse Recht auf KDV.. 97

2) Das ethische Recht auf KDV.. 98

3) Das Recht auf politisches Gewissen. 99

4) Die Pflicht zum politischen Gewissen. 99

5) Die Pflicht zur KDV.. 100

Nachbemerkung. 103

Literaturzettel 104

 

 

Vorbesinnung

Meine Überlegungen zu meinem Thema werde ich von ihrer Zeitabfolge her ordnen. Damit will ich für mich selbst ein Protokoll über die Stadien machen, durch die ich schließlich den breitesten - wiewohl immer fragmentarisch bleibenden - Zugang zu den Fragen und Antworten zum Phänomen Gewissen bekomme. Ich schreibe also einen Prozeß auf, keine fertigen Ergebnisse, die werde ich nicht produzieren. Für eine Arbeit dieser Form scheint mir das die sinnvollste Zielsetzung.

Ich habe einen unsachlichen Stil. Dadurch wird oft viel­leicht das wissenschaftliche Niveau von Seminararbeiten geschändet. Ich bedaure das nicht. Denn ich hasse falsch aufgeschminkte Sachlichkeit. Unser Sachdenken läßt letzte Reste von menschlichem Umgang der Menschen mit sich selbst, den Brüdern, Feinden und „Gegenständen“ ihrer Beschäftigung verwesen. Demgegenüber wird oft eine andere Form der Unsachlichkeit ebenso versteinernd, nämlich die Polemik, meist gerechtfertigt ‘'um der Sache” willen. Das konnte gerade Luther bewundernswert. Wenn darin gleichzeitig der Warmstrom eines Vertrauensvor­schusses liegt, der den „Gegner“ der Polemik nicht auf der Stelle (oder am Kreuz) festnagelt, will ich ver­suchen, mitzustreiten in diesem Spiel gegenseitigen Vertrauens.

Ich beginne die Arbeit in der Hoffnung, daß aus dem Kaltstrom an Problembewußtsein in Verbindung mit dem Warmstrom an Existenznähe und einlassen auf Luthers Worte kein laues Luthertum wird, denn „Was heißt dies, Jünger nach sich ziehen, anders, denn von Christus abziehen?“[1]. „Quid est discipulos post se trahere, nisi a christo avellere.”[2]

Nach dem Wie kommt nun etwas zum Warum. Warum schreibe ich also eine Arbeit über das Gewissen? Es ist und bleibt zunächst wissenschaftliche Sitte, zu Seminaren auch Arbeiten zu schreiben. Sitten können derart internalisiert werden, daß ich mich mit ihnen identifiziere. Wenn es schlimme Sitten sind, ist das schlimm. - Zu der Sitte kann mehr kommen, was für Sitten lebens­notwendig ist: Eigenes, Selbsteinbringung. So habe ich auch Interesse am Thema, besser: auch ich Interesse am Thema. Gewissen ist eine Schicht meines Bewußtseins, in der Sozialisation und Identität aufeinanderprallen und sich hoffentlich) dialektisch entwickeln. Daher dient die Definition des Gewissens der Definition von Identität und fremd-vertrauter Kultur- und Gesellschafts­beeinflussung. Identität interessiert mich, solange sie mir aufgrund meiner spätpubertären (das soll kein An­spruch sein!) Entwicklung ständig Frage bleibt. Iden­tität ist undenkbar ohne die, die mich identifizieren. Denen, die mich bei meinem Namen rufen, gilt auch mein Interesse. In deren Interesse ist allemale, den nichts­sagend-mysteriösen GG-Artikel 4 Absatz 3 über Kriegs­dienstverweigerung zu betrachten mit theologischem Interesse. Es ist Zufall, daß dabei gerade Luther ins Spiel kommt. Es könnte auch einer der tausend anderen Mutigen sein, die gewagt haben, selbst zu denken.

Ebenso kann man bei Luther lernen, daß denkbeflissene, doch dogmatische Dialogscheue keinen Wert hat. Darum rede ich anfechtbar, will auch angefochten werden, rede nicht einer abstrakten Wahrheit um der Phänomenologie des Gewissens willen das Wort, sondern arbeite mit vital- soteriologischem Interesse. Wie kann denen, die in den letzten Nächten vor den mündlichen Verhandlungen der KDV-Komissionen Angstschweiß und Durchfall bekommen, geholfen werden?

Es ist gewiß spannend und äußerst lehrreich, Luther als Kämpfer gegen die Mönche der Zeit um 1500 zu lesen. Herrlich, seine Kombination von emotionalem Engagement (das ja nicht gegen Mönche zu Felde zieht, sondern diesen Feldzug nur als Folge des großen, herr­lichen Engagements für das Evangelium der Freiheit machen muß) und rational anmutender Spiegelfechterei. Luthers Lehre bleibt Verkündigung, seine Verkündigung ist immer lehrreich. Auch das kann man an ihm lernen! Heute ist das isoliert: Der überfromme Theologiepro­fessor hat Angst, erbaulich zu wirken.

Dafür aber ist der Dorfpfarrer gefühlig und erbaulich geworden: die Predigt hat in der BRD zu 75 % rein emotionale Rezeptionsanteile, dient nicht zur Umkehr, sondern zur Stabilisierung.[3] Auch, wenn wir gestehen müssen, an einer Unterscheidung von Information und persönlichem Herzklopfen, Anschauung und Gefühl, Verstand und Emo­tion nicht vorbeizukommen, so sollte doch eine „vernünftige“ Zuordnung dieser Begriffspaare erfolgen. Herz ist nicht irrational, Liebe macht auch nicht blind, im Gegenteil! Sie öffnet die Augen, auch für Chile. (Putsch 1973) Neben historischen Interesse an der Entwicklung der Tradition, von dem das Gegenwarts­bewußtsein geprägt wird, gibt es eine direkte Verbindung zum soteriologischen Interesse, dem Interesse an Zukunft und Gegenwart. Nur durch mißverstandene Kantianisierung ist die Trennung historischer Fakten als „bruta facta“ „an sich“ von deren Bedeutsamkeit für jeweils die Subjekte, denen sie zu Bewußtsein kommen, also uns, erklärbar. Dieser Positivismus ist zu bestreiten: Was „an sich“ ist, mag auch da bleiben. Was aber pro me kommt, ist nicht per se. Per se ist potentiell immer auch schon pro me, wenn auch oft nur formal möglich. Daher bedeuten uns Geschichtsgeschehnisse immer etwas, mit Ausnahme der Belanglosigkeiten, deren Bedeutung uns unnütz erscheint, wie es etwas eine Studie über unflätige Äußerungen Luthers wäre. Die Auswahl unserer Erkenntnisgegenstände ist vermittelt mit unserem Erkenntnisinteresse, was ja meint: orientiert an seiner Bedeutsamkeit für uns. Heißt somit: Das Erkenntnisinteresse historischer Erinnerung ist immer ein vital gegenwarts- und zukunftsbezogenes. Wenn in Erinnerung nichts anderes drin ist als Vergangenheit, wird sie unserer Gegenwartsverantwortung unbedeutend, weil sich mit ihr die Gegenwart und Zukunft nicht mehr deuten läßt. Weil mit ihr kein Bewußtseinskorrelat zum Gang unserer Geschichte im großen und kleinen gefunden wird. Wenn wir die Welt nicht besser verstehen (und erkennen) lernen, hat ein Luthermythos keinen Wert. Wir haben nicht mehr viel Zeit, historisch-kritisch oder auch systematisch unsere Nickerchen im Elfenbeinturm von Besinnung auf Jesu Zahnpflege oder Sportsgeist und gleichrelevante Themen zu traktieren. Die Zeit drängt, es ist Advent, der nicht mit Neujahr endet. Eile ist kein Plädoyer der Gedankenlosigkeit, sondern klagt Relevanz theologischer Freiübungen im Sinne von Blochs Deutung der 11. Feuerbachthese Marxens[4] ein. Produktive Erinnerung sprengt die Beschränktheit unserer gegenwärtigen Horizonte auf, erweitert den Blick, macht ihn klarer, schärfer, tiefer, aufgeschlossener. Aus Erinnerung an die Vergangenheit wird bewußtere Sicht auf die Zukunft, damit greift sie den Tag, bringt Licht ins Jetzt. So kann dieser Gedankengang ins re gerade unseren Nöten, Ängsten, Zwängen - und unseren Freuden, Hoffnungen und Freiheiten gewidmet werden. Denen, die schlaflos nächtigen, muß Mut gemacht werden. Erbauung wird voraussichtlich Umbau von Welt und Igelhaus.

Gewissen und das Recht auf Kriegsdienstverweigerung

Der Aufsatz des Juraprofessors und früheren Präsidenten des Bundesverfassungsgerichts Gebhard Müller zur Gewissensfrage[5] hat den Anspruch, juristische Argumentation zu sein. Ausgangsort seiner Diskussion ist Artikel 4 des Grundgesetzes für die Bundesrepublik Deutschland am 24. Mai 1949 (GG):

(1) Die Freiheit des Glaubens, des Gewissens und die Freiheit des religiösen und weltanschaulichen Bekenntnisses sind unverletzlich.

(2) Die ungestörte Religionsausübung wird gewährleistet.

(3) Niemand darf gegen sein Gewissen zum Kriegsdienst mit der Waffe gezwungen werden. Das Nähere regelt ein Bundesgesetz.

Müller betont die Schwierigkeit einer begrifflichen Bestimmung dessen, was dort unter Gewissen verstanden werden will. Er stellt scholastische Entwürfe von Augustin und Thomas neben Freuds Psychoanalyse. Dies bleibt  kaum durchdacht, aber „im Sinne des Grundgesetzes ist Gewissen jedenfalls eine von der Ganzheit des Menschen getragene Entscheidung zwischen Gut und Böse, aus der Mitte der personalen Existenz des Menschen. Nach BVerfGerE 12,54 ist Gewissen ein „real erfahrbares seelisches Phänomen, dessen Forderungen, Mahnungen und Warnungen für den Menschen unmittelbar evidente Gebote unbedingten Sollens sind“. Müller spricht vom „innere(n) Anruf, der als unbedingtes Sollen, als sittliche Verpflichtung empfunden wird.“ Es handelt sich also um Empfindungen subjektiver Natur, die von der „Ganzheit des Menschen“ getragen werden.

Erste Aporie: Ganzheit des Menschen geht nicht in den Empfindungen auf, sollen diese rein emotional und nicht auch kognitiv verstanden werden. Bei dem Wort „Seelisch“ scheidet gemeinhin die Einbeziehung der Vernunft als des Verstandes aus. Das Denken bekommt scheinbar eine mindere Bedeutung.

Zweite Aporie: Es ist von Sollen die Rede. Sollen ist Handlungsmotivation aus fremden Autoritätsfeldern. Wollen ist dagegen die Entsprechung für Handlungsmoti­vation aus eigenem Antrieb, aus der „Ganzheit des Men­schen“, aus meiner personalen Existenz. Diese latente (jedenfalls Müller verborgene) Spannung findet ihren Aufbruch auf Seite 12, wo die Vorbereitung von Verhandlungsargumentationen bei der KDV entschieden abgelehnt wird unter der Begründung, Wehrdienstverweigerung sei eine „in einzigartiger Weise persönliche und Allein­entscheidung“, „die so zwingend sein muß, daß sie keiner fremden Hilfe bedarf“. Damit steht für ihn fest: Das Gewissen ist völlig unabhängig von jeder fremden Beeinflussung. Es entscheidet aus der „Mitte der personalen Existenz“ völlig allein, völlig für sich. Mithilfe von Kirchen und Verbänden wird verboten. Dafür aber soll Gewissen ein „unbedingtes Sollen“ sein. Wer sagt mir, was ich soll? Ich selbst nicht, denn ich kann mir nur sagen, was ich WILL! Zudem ist hier die „Mitte der personalen Existenz“ unvermittelt gedacht mit Erziehung und jeder Art von Enkulturation und Sozialisation. Doch ist dieser Zusammenhang von den Humanwissenschaften bestätigt und beschrieben. Die juristische Argumentation geht somit an Wissenschaftserkenntnissen stillschweigend vorbei.

Müller spricht von „Wehrgerechtigkeit“.[6] Dies ist juristische Wortvereinfachung, verfälscht aber den Sinn beider Wortbestandteile. Wehren ist Vokabular der kriegerischen Auseinandersetzung, Wort des Tötens. Gerechtigkeit ist oberstes Humanpostulat. Es bezeichnet eine Situation, in der jeder optimal erfüllt lebt. Damit bleibt es noch im Bereich des Unverwirklichten, des­halb schreibt Müller auch „mehr Wehrgerechtigkeit“. In diesem Wort sind Utopie von erfüllter Humanität und Vokabel des Todes und absoluter Ungerechtigkeit miteinander verwoben. Die Denkstruktur, mit der es zu einem solchen Wort kommen konnte, muß schizophren sein.

Bewaffnet ausgetragene Konflikte zwischen Staaten seien „im gegenwärtigen Zustand der internationalen Gesell­schaft“ „eine Erfahrungstatsache“. Müller formuliert ebenso wissenschaftlich vorsichtig wie scheinbar optimistisch: Neben dem „gegenwärtigen Zustand“ mag es in Zukunft andere Zustände geben. Dies ist durchaus prozessual gedacht, fragt nur nicht, wie andere Zu­stände zu erreichen sind, doch da hört ja wohl auch juristisches Interesse schon auf. Schade, denn nur durch Gesetzespolitik finden politische Veränderungen im Alltag statt. Daneben bleibt noch die Revolution als Mittel politischer Progression. Doch daran scheint Müller nicht gerade gedacht zu haben. Als begründendem Buhmann für unsere Wehrbereitschaft stellt Müller nach einem Tito-Zitat für nationale Bewaffnung die „ungeheure machtpolitische Ausdehnung Rußlands“ hin, Auch in der Ostpolitik sei das „Feindbild“ der UdSSR „keineswegs geändert“ worden.

Die von Carl Friedrich von Weizsäcker thematisierte „Weltinnenpolitik“ wird kurzerhand aus der Debatte entfernt: „Ein Weltschieds­gericht“ „ist eine auf unabsehbare Zeit unerfüllbare Sehnsucht“. „Das gibt dem Pazifismus vieler Kriegs­dienstverweigerer radikal-utopische Züge, die mit der Wirklichkeit im Widerspruch stehen“. Müller begreift nicht die Dialektik von Utopie und Gegen­wart. Utopie ist unwirklich, statt unverwirklicht. Der Widerspruch zur Wirklichkeit findet keine Lösung als Zeit- und Materieproblem. Müller dringt zum Problem vor: „Verzicht auf Bewaffnung“ könnte unter Umständen heißen: „Verzicht auf Freiheit und Eigenstaatlichkeit“. Historische Beispiele bringt er dazu: CSSR 1936 und 1968 sowie Ungarn 1956. Diese Frage wird als 'ethische' zum Streit ausgestellt. Ist „ethisch“ damit apolitisch?' Das ist begrifflich sicherlich Unsinn. Aber der Unsinn wird gesagt: „Deshalb kann es sich bei Kriegsdienstverweigerung nicht um ein 'politische' Al­ternative zum Wehrdienst handeln“, sondern um ein „aus der Tiefe seines Gewissens - bedingtes Grundrecht“.[7] Zwischen diesen beiden Sätzen steht eine Exegese des Begriffs der „Würde des Menschen“.

Dritte Aporie: Zweck und Hauptaufgabe des Staates ist „Schutz des Men­schen und seiner Würde“. Diese Bestimmung wird im folgen­den zu einer dritten Hauptaporie expliziert. „Im Ge­wissen spricht sich die autonome sittliche Persönlich­keit unmittelbar aus. Deshalb steht auch das Recht der Kriegsdienstverweigerung in besonders engem Zusammenhang mit... der Menschenwürde.“[8] Dagegen steht der „Auftrag der Bundeswehr“, im GG fixiert, und der „hat höchste Wirkkraft und ist mit der für Verfassungsbe­stimmungen erforderlichen Mehrheit ergangen.“[9] Diese Doppelbödigkeit des GG entspricht der Bemühung, sowohl dem Einzelnen als auch dem Ganzen der Gesellschaft ge­recht zu werden. Aber der Konflikt zwischen Teil und Ganzgruppe besteht. In diesem Konflikt „räumt die Verfassungsnorm dem Schutz des freien Einzelgewissens in bemerkenswert weitgehender Weise den Vorrang ein.“[10]

Aber wie verlautet Müller in einer Fallstudie 3 Absätze später: „Es müsse in jedem Falle sichergestellt sein, daß die militärische Aufgabe jederzeit erfüllt werden könne. Dieses höchst bedeutsame staatliche und Gemein­schaftsinteresse geht der Kriegesdienstverweigerung vor.“[11] Was geht also nun wem vor? Dieser Widerspruch bleibt unabgegolten. Nun wird es aber noch komplexer: Wäre die Entscheidung zwischen Wehrdienst und Ersatzdienst freie Wahl, so wäre höchst fraglich, „ob bei einer solchen freien Wahl noch genügend Soldaten zu gewinnen sind”[12].

Vierte Aporie: Noch schlimmer im Krieg, wo man „für den Spannungs­- oder Ernstfall“ „vermutlich mit einem sprunghaften Ansteigen der Kriegsdienstverweigerung rechnen muß“[13]. Müller befürchtet zu recht, daß sich „eine große Mehrheit zur Erfüllung des Wehrdienstes“ nicht bekennt, sodaß der Staat „um der Gemeinschaftsinteressen willen hart und wachsam sein“ muß.[14] Wie nun steht es mit Gemeinschaftsinteressen. Wo liegt die Mehrheit? Sie liegt in der „für Verfassungsbestimmungen erfor­derlichen Mehrheit”[15] des Gesetzgebers! Dagegen steht die Anzahl der Kriegsdienstverweigerer als eine Minorität. Dieses Verhältnis mag nach 1945 gültig gewesen sein, trifft aber nicht mehr die heutige Situation 1974.

Das abstrakte „Gemeinschaftsinteresse“ des GG von damals wird gegen die steigernde Tendenz des Verzichts auf Bewaffnung ausgespielt. Dieses Denken sieht keine moralische Entwicklung eines Volkes, ist absolut fixiert am Wortlaut eines alten Grundgesetzes. Müller formuliert dies nicht paradox, sondern falsch, am Schluß seiner Ausführungen: „Das Grundgesetz versteht sich als die Verfassung einer wehrhaften Demokratie, die bereit ist, im äußersten Falle Zwang zum Schutz der Freiheit einzusetzen”[16]. Ich frage: Wessen Freiheit? Nicht die der Soldaten und Wehrpflichtigen. Die Freiheit von Frauen, Kindern und Greisen? Die Freiheit der Po­litiker? Freiheit - nicht vielmehr der Führungsspitze unserer Wirtschaft?

Die vierte Grundaporie von Müller kann über­leiten in Aspekte der Friedensforschung. Müller gebraucht mehrmals das Wort „Ernstfall“[17]. Da­mit wird die Situation bezeichnet, in der die Bundes­wehr zu ihrem Einsatz kommt: Krieg. Seit Heinemann war man zu einer normativen Umbenennung gelangt: „Der Frieden ist der Ernstfall, in dem wir uns zu bewähren haben. Hinter dem Frieden gibt es keine Existenz“. Müller wirbt mit der Verteidigungs- und vor allem Abschreckungsfunktion der Bundeswehr: „Gerade der Wehrdienst soll der Erhaltung des Friedens dienen. Kämpfen können, heißt ja nicht, kämpfen wollen, sondern verhindert, kämpfen zu müssen“[18]. Eine Wehrmacht bildet nur eine Vorbeugung gegen den „Ernstfall“. Dabei zeigt Müller sich nachgerade militaristisch, wenn es um Benennung der Dienste geht: „Es widerspricht dem Sinn und Auftrag des Grund­gesetzes, den Wehrdienst als Dienst am Krieg und den Ersatzdienst als Friedensdienst zu bezeichnen“[19].

Nicht alles, was sich widerspricht, ist Dialektik, vieles ist eher dumm. So auch die Apologie der Bundeswehr als Friedenstruppe. Die Friedfertigkeit der Bundeswehr im einzelnen kann vielleicht gemessen werden an der der Polizei, und die ist nicht gerade groß gegen Studenten. Vergleichen wir diese innenpolitischen Erfahrungen mit dem Willen, durch Abschreckung zum Frieden zu kommen, so dürfen wir nicht sehr zuversichtlich dreinschauen. Wir sehen hier die politische Aporie der Abschreckungsstrategie: Durch gegenseitig zur Eskalation gebrachte Aufrüstung sind Ost- und Westblock geworden mit einem atomaren Pat und Overkill, der Fähigkeit von völliger Weltdestruktion, zumindest, was menschliches Leben anbelangt. Abrüstung ist friedensnotwendig geworden, hat man endlich eingesehen. Aber Abrüstung ist unend­lich viel schwerer als Aufrüstung. Es bleibt zu hoffen, daß in dieser politischen Aporie doch ein Weg gefunden werden kann, ein „schwerer Weg“[20] in „außerordentlicher moralischer Anstrengung.“[21]

Was ist also der Ernstfall, Frieden oder Krieg? Müller weiß es nicht so genau. - Dann redet er von „Erhaltung des Friedens“.[22] Heißt das, daß Frieden ist? Ich würde mich schämen, angesichts der ständigen Möglich­keit von totalem Krieg von Frieden zu reden. Ist dieses Wort schon so schal geworden? Aus Tolstois Romantitel „Krieg und Frieden“ darf nicht die falsche Konsequenz gezogen werden, nur Nicht-Krieg sei schon Frieden.

Der „Gleichheitsgrundsatz des Artikels 3” läßt KDV „nur als Ausnahme“ zu. Die Gleichheit bezieht sich nicht auf Frauen und Geistliche. Es ist also Ungleichheit. Die Frage bleibt folgende: Wer kann kämpfen, wer will kämpfen, wer muß kämpfen? Es zeigt sich, daß eine starke Tendenz im Schwange ist zu Männern, die nicht kämpfen wollen und auch nicht kämpfen können wollen. Diese aber sollen kämpfen müssen? Wieso? Ein Volk, was sich nicht kämpferisch, besser: kriegerisch gegen Angreifer wehrt, muß nicht kämpfen. Im schlimmsten Fall droht Verzicht auf Freiheit und Eigenstaatlichkeit. Es ist zu reflektieren, ob diese Notlage nicht sinnvoller ist als Krieg. Selbst unter russischer Herrschaft könnten wir überleben. Und völlig abschreckungslos bleibt auch solch ein Volk nicht: Ziviler Widerstand ist eine durchaus praktikable Alternative zu militärischer Verteidigung. Okkupation der BRD wird dann nicht nur an die Möglichkeit einer Ersetzung der obersten Verwaltungsspitzen durch fremde Funktionäre (die Okkupanten) gebunden, sondern es wäre eine Ersetzung des gesamten Spezialistentums der BRD nötig, da sich diese zu ihrer Funktionserfüllung weigern würden. Diese Ersetzung kann aber von keiner bestehenden Macht geleistet werden. Durch zivilen Widerstand würde ein Volk effektiv der Unterdrückung von außen entgegen­stehen können. Was hieran ist leidvoller als am Krieg, der ja auch die ganze Bevölkerung lebensgefährlich be­droht? Eine abstrakte Freiheit und Eigenstaatlichkeit sind eher unmenschlich gegen diese Art, wie sich ein Volk von innen heraus verteidigen kann. Bedingung dazu aber ist eine neue moralische Entwicklung, orientiert an Erfahrungen vom Kapp-Putsch und der folgenden Zeit im Deutschland 1920, vom 11. Jan. 1923, als Kanzler Cuno im Ruhrgebiet den passiven Widerstand gegen die Franzosen ausrief, der bis September durchgehalten wurde. Zu einem derartigen Handlungsbewußtsein sagt Weizsäcker: Es ist unmöglich, gewaltlos zu handeln, außer man liebt.

1.  Die Gewissensvorstellung von Augustin

Mir scheint eine Strukturanalyse des komplexen Bildes vom Gewissen bei Augustin (354 - 430 n.Chr.) sinnvoll. Es können mit diesem Hintergrund die Ausführungen von Luther u.U. besser verdeutlicht werden, da Luther noch im Traditionsstrom von Augustin und Thomas stand. Ich vertraue mich im Folgenden dem Referat von unserer Kommilitonin Friederike Anz an.

Augustin redet vom Gewissen existential und existentiell.[23] Existentiell wird er, wo er Menschen aufruft, hier und heute, jetzt, sofort sich Gott aufzuschließen und sich zu ihm aufzumachen.[24] Damit behauptet er Relevanz Gottes. Existential klingt der Sekundärbericht, aber auch Augustins Denken selbst. Zur Struktur: Der Mensch existiert. Nicht allein. Sondern vor zwei Fronten: coram deo est conscientia tua – conversatio coram fratre tuo.[25] Altes Gleichnis dieser Ordnung ist die Horizontale und die Vertikale. Obwohl die Aussagen allgemein sind, allen gemein, ist Denkzentrum das Ich.

Ich habe Innen und Außen. Außen kann mich der Bruder sehen, in meinen Worten und Taten. Innen sieht mich nur Gott. Innen ist das Gewissen. Aber selbst innen bin ich zwiefach: aktiv und passiv, bewußt und unbewußt, im Pro­zeß und im Bleiben. Diese Doppeldimensionalität ist unterscheidbar, aber untrennbar. Selbstbewußtsein als Aktiv-Aktual ist in Bewegung; der Eigenwert und die Selbstwürde orientieren sich coram deo, sind nicht ver­fallen an die fama, das ’Man'.[26] Die Vertikalfront läßt die Horizontale verblassen. Das Zentrum des Ich-Zentrums ist Gott. Zentrum der Anthropologie ist die Theologie. An dieser Stelle haben Kierkegaard und die nachfolgenden christlichen Existentialisten eingesetzt: ich bin wesent­lich Ich als Einzelner vor Gott. Erst durch diese Kate­gorie hindurch wird es wieder waagerecht: zur Vermeidung der Gewissensverunsicherung des Bruders ist das klärende Gespräch Aufgabe meiner Weltverantwortung.[27]

Zweite Dimension meines Ich-Innen ist die unbewußte, besser: vorbewußte, passive, ewig-seiende vox dei in meinem Herzen.[28] Innerstes Inneres, das Herz, ist Sitz Gottes in mir. Sitz heißt Ort. Es betont damit die Nicht- Identität von Gott und mir.[29] Durch die Nichtidentität hindurch aber ist Ort Gottes bleibende Beziehungshaftigkeit, die unabbrechbar ist: Gott hat den tiefen Seelen­blick des Psalm 139. In der Tiefe bin ich durchschaut.

In Anknüpfung an Rm 2,14ff liegt hier der archimedische Punkt von Horizontaler und Vertikaler: War für Paulus das Gesetz nicht nur jüdisches Bundesgut, sondern auch allen Heiden ins Herz geschrieben, e)n tai/  kardi/aij, so sagt nach Augustin die lebendige Stimme Gottes in meinem Herzen, was ich tun soll. Sie gibt mir die Unterscheidung von Gut und Böse, ob ich gleich gut bin oder böse. Sittlichkeit gründet also von oben her, basiert auf dem natürlichen Gesetz der vox dei in mir. Die Horizontale wird ermöglicht durch Gottes Vertikale.

Die Möglichkeit für mein Tun liegt in Gott. Es ist aber keine Notwendigkeit, denn ich kann gegen diese Möglichkeit handeln, gegen Gottes Willen, gegen das Gesetz in mir, gegen mein Gewissen. Darin bin ich frei. Ich bin innen zwiefach. Daher kann ich mich gegen das lex naturalis in mir aktiv für eine Tat entschließen der die vox dei widerspricht. Dadurch entsteht ein Selbstwiderspruch in mir, eine Nichtidentität. Diese  Konfliktsituation nennt Augustin einen scrupulus.[30] Eine böse Tat wird immer mit scrupulus gemacht, schon vor der Tat wird die Entzweiung von vorbewußt-abrufbe­reitem inneren Wertgefüge und bewußtem Tatvorhaben in willentlicher Entschlossenheit dem Ich bewußt. Im aktiv-prozessualen Wissen quält unentrinnbar die An­klage Gottes, des Richters über mich, quält Schuldbewußtsein und Angst vor dem letzten Gericht.[31] Diese Erkrankung der ontologischen Grundstruktur durch die (für Augustin natürlich nicht weniger ontologische) Sündhaftigkeit, der Kehrseite von Gottes Sein als Möglichkeit und somit Freiheit auch gegen ihn, - sie kann nur gesunden in der confessio hodie.[32] Angst, Unruhe und Zweifel werden vor Gott gestanden wie vor einem Richter.[33] Damit wird das Endgericht antizipiert im Jetzt des Existierens. Und auch Gott handelt in unserem Herzen, seinem Sitz. Er macht uns rein, die Gerichtsstunde ist eine Stunde der mundatio.[34] Seine Gnade, seine venia hebt unsere Angst auf. Das End­gericht wird bedeutungslos, verliert Drohmächtigkeit.

Und doch bleicht es ständig im Lebensvollzug die venia des Richters aus durch die ständig resurrektierende Urpotenz der Sünde, des Abwendens von Gott, der damit erfolgenden Selbstabwendung von mir, der Nichtidentität. Existenz bei Augustin ist Wechselspiel von Identität, Abwendung des Willens vom Gewissen als Ort Gottes in mir, Verfall an Skrupel, Angst, Zweifel und Schuld, Rückwendung an Gott in der confessio mit Bitte um Vergebung, mundatio als Widerherstellung des Urstandes der Identität. Es ist ein Kreislauf ewiger Widerkehr desselben, ein Spiel mit der Identität. Die apokalyp­tische Angst spielt immanent mit, bringt aber nichts neues. In den Wallungen existential-existentiellen Herzblutes regt sich kein Fortschritt.

Problematisch ist auch noch die Unterscheidung von lex naturalis als Gottes Stimme in mir und meinen ei­genen Wünschen, Verhaltensurbildern und Regungen. Eine Spannung im Wollen selbst wird nicht gedacht. Gott in mir ist von daher notwendige Gegenkategorie, aus der die Spannung mit dem Willen erklärt werden kann und die zugleich zur befristeten Entspannung der Identitätsspannung dient. Im Gebet lassen sich dann innere Unruhen, alles, was „als Drängen vor sich geht“[35], was die Christen dann als „Bedrängung“ erfuhren, zur Sabbat-Ruhe entspannen oder abschlaffen. Die Widersprüche mit den res extensae[36], oft unangenehm er­fahren[37], werden durch Augustinische Innerlichkeit in die Vertikale gebracht. Direkte und ungleich mehr noch strukturelle Gewalt aus der Horizontalen fallen aus dem Blick. Nicht alle Spannung kommt von außen. Aber alles was von dort kommt, könnte via Gewissen als Umschlagplatz vom sozialen ins religiöse sauber ent­fernt werden in seiner Widersprüchlichkeit. Dann ist das Gewissen Ort der Unterdrückung des Menschen durch die Religion, die hier zumindest von einem Bischof beschrieben worden ist. Kritik ist also, daß Augustin von Gott redet, aber eine existentiale Beziehungseingleisigkeit ins Soziale zu bringen scheint. Dies aber widerspricht der Wirklichkeit.

2.  Gewissen in der Scholastischen Tradition bei Thomas von Aquin

Kirchengeschichtlicher Limerick

Heil´ger Thomas, darf ich's wagen,

dir die Hoffnung anzutragen,

klüger als Augustin zu sein?

Thomas aus dem Himmel: „Nein.

Nur schlauer bin ich, kann man sagen.“

Thomas verbindet Augustinische Tradition mit der Seelenmetaphysik von Aristoteles. Aufgrund der steigenden Komplexität muß ich verkürzend darstellen. Der soziale Aspekt menschlicher Existenz wird von Thomas nicht einmal einer Thematisierung im Gewissens­kontext für würdig erachtet. Syntheresis (vermutlich entstanden durch Fehler in einer Glosse des Ezechiel-Kommentars von Hironymus[38]) entspricht dem lex naturalis, ist iudicatorium naturale, natürliche Urteilskraft[39] und vertritt vera incommutabilia, unwandelbare Wahrheiten[40], mit der Tendenz zum Guten als Gegenspielerin der böse verführerenden sensualitas, der Sinnlichkeit.[41] Principia operabilium, Tätigkeitsgrundsätze[42] bilden Axiome einer mit Theoremen durch die Vernunft zum jeweils konkreten Handlungplan er­weiterten syntheresis. Syntheresis ist ein habitus, allen gemeine Basis für Verhaltensmuster und darin unfehlbar, non contingit errare.[43] Auf dieser passiven, statisch-wahren Axiomatik des Tuns baut dann die ratio auf. Der Potentialität des göttlichen Gesetzes steht in Gestalt der ratio die Egopotenz gegenüber und spielt auf der Wiese göttlicher Grundsätze. Hier bewegt sich Selbstdenken von der Wahrheit zur Tat. Hier ist noch einmal zu unterscheiden zwischen der Möglichkeit von Theorembildung zur Tat hin und der eigentlichen aktiven Denkarbeit im Inneren als der tätigen Verwirklichung latenter Möglichkeit, ratio ist nur Ort, Raum, Weg. Der Wanderer ist die conscientia.[44] Die Vernunft ist zwiefach möglich: als ratio speculativa, Anschauung, und ratio practica, um welche es sich hier dreht: praktische Vernunft.[45] Semantisch versteht Thomas conscientia als applicatio scientiae ad aliquem actum, Anwendung des Wissens (als Axiom- und Theorem­bestand aus syntheresis und in ratione) auf irgendeine Tat.[46] Sie geht über Denktätigkeit der ratio hinaus, vermittelt „Theorie“ mit der Praxis. In diesem Übergang vom Hirn zur Hand wirkt der Wille, voluntas, als die Motivierung der Hand, vermittelt nervöse Reize.[47] Der Wille ist der springende Punkt in Gesund-Krank-Spiel vernünftiger Orthopraxis. Was sein sollte; der Wille ist consequentia rationis, Folge des gelungenen Bewußtseinsbildungsprozesses. Damit wäre ein völlig logischer und vernünftiger Weg vom göttlichen Grundgesetz bis zur entsprechenden Tat desselben hergestellt. Eine hervorragende Vertikale von der potestas superior der praecepta dei bis ganz herunter zu den anthropologischen Prozessen, angefangen mit der inferior potestas der ratio humana, beschlossen mit den acta einer bona conscientia.[48] Hier wäre heile Welt (zumindest heiles Igelhaus), Identität in Einheit von Wissen und Wille, Wollen und Tun des Guten. Was sein sollte, ist meist anders: discordantia, Gespaltenheit besteht zwischen Wissen und Wollen. Das aber ist malum und peccatum.[49] Es ist Unglaube. Glaube ist Identität. Nichtidentität ist Sünde, gemäß Rm 14,23, Sünde ist contra conscientiam. Wo liegt hier der Fehler? Er liegt nicht erst im fal­schen Willen, einem bösen voluntas, sondern in einem irrenden Gewissen, einer irrenden Vernunft. D.h. die Stringenz, mit der die syntheresis zur Tat gebracht wird, ist schon in der Ebene der Theoreme zerstört.

Thomas differenziert nun: Ich bin vor Gottes Gericht trotz des Fehlers gerechtfertigt, wenn dieser begrün­det ist in Unkenntnis der zur Theorembildung wichtigen äußeren Handlungsumstände[50] ignorantia. Dann geschieht der Fehler unbewußt, liegt nicht in der Verarbeitungs­haltung des Ich, sondern in den Vorbedingungen der Denktätigkeit zum Tun hin. Sünder und böse bin ich aber, wenn ich auf richtigen Voraussetzungen richtige Theoreme entwickle, also richtige scientia habe, aber bewußte Entschlossenheit gegen mein Wissen zu einer Tat habe. Dieser bewußte Irrtum ist nicht zu rechtfer­tigen.

Woher aber nimmt der böse Wille sein Wollen? Es muß rational begründet sein, ihm müssen gleichfalls Denkakte vorausgegangen sein. Die Sünde liegt also in der Vernunft selbst. Es ist eine Vernunft, die sich bewußt nicht an der syntheresis orientiert hat, die bewußt gegen Gottes Gesetz in uns verstoßend denkt. Darin liegt eine Absolutsetzung gegenüber Gott selbst. Das aber ist Sünde. Mit anderen Worten schildert Paulus dieses Phänomen als schmerzliche Differenzerfahrung von Sollen und Sein, von Wollen und nichtgewolltem Tun, von Theorie und Praxis in Rm 7,14-25. Dort findet sich auch eine interessante phänomenale Entsprechung zur syntheresis, der dem sa/rc widerstreitende e)/sw a)/nqrwpoj. Dabei könnte sensualitas[51] dem Paulusfleisch entsprechen.

Abschließend zur Vorarbeit noch ein Vergleich der Heiligen: Existential reden beide, existentiell nur Augustin, Thomas versucht sich scholastisch an einer Theomathematik ohne merklichen Ich-Bezug. Gewissen hat bei beiden wenig bis nichts mit den Brüdern zu tun. Innere Zwiefalt bei Augustin wird von Thomas erweitert durch Differenzierung des Bewußt-Aktiven Bereiches vom Ich in Ort und Tat. Analog zum e)/sw a)/nqrwpoj         des Paulus gibt es bei beiden Beziehung auf Gott und von Gott her: bei Augustin noch in echtem Existentialismus eines coram deo, das bis in die Anrede Gottes in seinen Meditationen durchgeführt ist - dagegen nimmt sich das thomistische Gedenke mit syntheresis mager aus.

Von Personalismus Augustins führt die Scholastik in eine Naturlehre, bei der das Gesetz die Stelle Gottes vertritt. Gott erscheint bei Thomas nur als noch Chiffre atheistischer Metaphysik, die Anthro­pologie hat sich die Theologie zur Funktion gemacht. Dennoch kann Thomas auf Gott nicht verzichten, will er die Wahrheit von Vernunft nicht fallenlassen.

Beide Entwürfe entwickeln Konzepte des Eigentlichen, was sein sollte und stellen dagegen die Uneigentlichkeit und Nichtidentität als Sünde auf. Der innere Widerspruch in mir wird durch die Freiheit einer möglichen und stets auch verwirklichten Entschlossenheit gegen Gott erklärt. Nicht nur Freiheit zur Gottesabwendigkeit, nein, schlimmer: Zwang zur Sünde. Der Reinigung des Gewissens bei Augustin wird bei Thomas keine Aufmerksamkeit gewidmet, Gott ist apersonal-statisch im lex naturalis. Diese religiöse Interpretation von sittlichen Normen und Vernunft hat Nachfolger gehabt z.b. in Kant, Schleiermacher usw. Bezeichnend ist die fehlende Beziehung auf Jesus. Bezeichnend ist auch die Abblendung soziologischer Zusammenhänge. Damit bleiben beide Entwürfe in einer unkonkrete Abstraktheit.

3.  Sartre und die Gewissensbisse gegen Gottes Unrechtsregime

Ein Beispiel für den Gebrauch von Gewissensbissen zur Beherrschung eines Volkes gibt Jean-Paul Sartre in dem Drama „Die Fliegen”[52]. Der Königsmörder Aigist wird selbst König, wobei er seine Herrschaft dadurch stabiblisiert, daß mögliche Feinde vernichtet werden, was bei Orest mißlingt. Hauptschutz aber wird die Religion. Aigist nutzt die Tatsache aus, daß Zeus die als Fliegen erscheinenden Erinnyen, Göttinnen der Reue, zu einer Landplage macht, die das ganze Volk quält, dem Idioten sitzen Dutzende im Auge.

Aigist institutionalisiert diese Reue geschwind, läßt bei jeder Jährung des Todestages von Agamemnon ein Trauerfest geben mit Rekonstruktion des Mordes und einer Totenauferstehung, wo alle verstorbenen Verwandten der Bevölkerung für einen Tag wieder unter dem Volk von Argos leben, allerdings unsichtbar. Dieser Tag ist gefürchtet. Leute werden vor Angst ohnmächtig, verbringen ihr ganzes Leben in Selbst- demütigung, mit gebeugtem Kopf. Kinder werden zur Sühne einer Erbschuld erzogen, an der sie unschuldig sind. Das Volk hat die Sonne vergessen. Selbst der neue König Aigist ist Knecht der Reue geworden, mit der er anfangs seine Herrschaft stabilisiert hatte. Er ist Knecht seiner Herrschaft. Und das alles gefällt Jupiter. Bis endlich Orest kommt, der Befreier. Ohne Schuldbewußtsein selbst bei den zwei Morden, die er durchführt, mit zartem Gesicht, frecher Schuld­losigkeit, unschicklicher Reinheit. Dieser verstädter­te Schöngeist nimmt sich bei der Wurzel. Kämpft das Feld der Unterdrückerreligion frei ohne Angst. Er hat „das schmerzliche Geheimnis der Götter und Könige” durchschaut, „daß nämlich die Menschen frei sind”.[53]

„Die Gerechtigkeit ist eine Angelegenheit der Menschen, und ich brauche keinen Gott, der mich darüber belehrt.“ „Ich tue, was gerecht ist“.[54] Orest ist seinen Weg gegangen, hat seine Tat getan[55], ist im reinen mit sich, hat Identität.[56] Er ist seine Freiheit .[57] Seine Freiheit ist aber auch Verbannung aus der trauten Weihnachtsstube religiöser Bratapfelgerüche. Orest ist „ohne andere Zuflucht als zu mir selbst... ich bin dazu verurteilt, kein anderes Gesetz zu haben als mein eigenes“.[58] Das führt in Verzweifelung, aber das „menschliche Leben beginnt jenseits der Verzweiflung“.[59]

Orest nimmt schließlich die Fliegen, das Symbol der Unterdrückung durch Reue und Schlechtgewissen, mit sich und verschwindet. Er läßt Argos frei zurück, frei von König und Götterdruck. Arnos kann wieder aufblicken, wird wieder die Sonne auf Mädchenbrüste fallen sehen. Aufrechter Gang wird neu geübt. Kein fremdes Gesetz wird mehr herrschen über die Menschen, weder von Königen noch von Göttern, weder von einem Adolf Hitler, noch von einem Papst Paul VI. Freiheit ist durch Autonomie verwirklicht.

Hier gilt kein lex naturalis von oben, hier gilt keine weltliche Obrigkeit. Hier gilt nur noch die Überein­stimmung von mir und mir. Freiheit: der Weg zu ihr ist der Weg zu mir. Gewissenbisse erscheinen nur da, wo ich mich verfehle, meine Freiheit verfehle.

Orest ist die neuzeitliche Antwort auf Augustin und Thomas. Erst muß der vermoderte Götter­himmel abgenommen werden und in die chemische Reinigung gebracht werden, ehe wir Gott die Chance geben, gegenüber der Einsamkeit menschlicher Autonomie eine neue Dimension von Freiheit zu öffnen. Ich bin der Hoffnung, bei Luther Fragmente dieser Freiheit finden zu können.

 

 

Hauptteil

Ich wende mich nun Luthers Schrift „de votis monasticis“ vom 21. November 1521 zu, seiner Streitschrift gegen die Mönchs­gelübde, mit 38 Jahren nach 16 Jahren Kloster verfaßt.[60] Hier interessieren mich vor allem die Äußerungen über Gewissensfreiheit. Allerdings nehmen diese nur einen minimalen Teil der Schrift ein, sehr viele Passagen wenden sich in komplexen Beweisführungen gegen die Mönchsgelübde als Justifikationsmedien.

Zu einem Wort gehört a) ein Sprecher, der und den es vertritt, b) eine Zeit, in der das Wort auftritt, und c) der Hörer, an den das Wort herantritt.[61] Ohne Wissen um diese drei Faktoren läßt sich kein Begriff auf eine Bedeutung bringen und umgekehrt keine Bedeutung auf den Begriff bringen. Kein Wort ist an sich und für sich, es ist stets von jemand für jemand. Begriffe, Gedankenmodelle, Sinngefüge haben Fronten. Wer Luthers Bedeutungssystem begreifen will und seine Begriffe deuten, der muß deshalb Sprecher, Situation und Hörer im Blick haben. Luther war nicht von der begrifflichen Reinheit eines preußischen Mathematikers besessen, war kein verbaler Sau­bermann.

Luther geboren 1483, ist mit 22 Jahren 1505 Augustinermönch geworden, um vor Gott gerecht zu werden. Die Frage der Gerechtigkeit vor Gott war für Luther die bedrängendste und relevanteste Frage überhaupt. Wie werde ich gerecht vor Gott, wie werde ich selig?

Heute berührt uns diese Frage nicht mehr in dieser Stel­lung. Uns ist zwar Gerechtigkeit noch immer ausgeblieben, aber anders; wir fragen: Wie müssen wir unsere Lebens­strukturen verändern, damit alle Menschen gerecht leben können? und für die meisten von uns hat sich Luthers Fragerichtung umgekehrt zur Theodizeefrage: Ist Gott gerecht? Kann man nach Auschwitz noch singen von einem Gott, der „alles so herrlich re­gieret“? Ich weiß manchmal nicht mehr genau, ob wir uns noch auf Luthers Seligkeitsfrage einlassen müssen. Haben wir noch Zeit dazu, nach unserer Seligkeit zu fragen?

Luther war 16 Jahre Augustiner, dann hatte er genug von diesem Leben. Hauptgrund: Es verwirkte eher die Seligkeit als sie zu bewirken. Er hatte endlich Kategorien gefunden, in denen er leben konnte ohne Angst: Allein der Glaube an Jesus Christus macht mich gerecht, nicht mein eigenes, sündiges Tun.

Die Ausgangsfrage Luthers ist unserer Ausgangsfrage also entgegengesetzt. Beide Fragen lassen sich nicht zugleich stellen; die Frage nach Gottes Gerechtsein klagt ihn an und verzichtet damit darauf, die Gerechtigkeit eines ungerechten Gottes geschenkt zu bekommen. Die Frage nach meinem Selenheil traut Gott alles zu und läßt alles von ihm bestimmt sein. Sie setzt Gott absolut (im Sinne von Souverän). Für den religiösen Absolutismus verbietet es sich, Gottes Gerechtigkeit in Frage zu stellen. Haben wir mit Luther also keine gemeinsame Basis mehr? Letzten Endes klagen auch Psalmisten Gottes Unrecht ein.[62] Sie klagen aber nicht über Gott, sondern zu Gott, darum können sie sagen: Er ist dennoch Israels Trost. Zwar meldet Luther bei der Er­wähnung von Herrschaft und Knechtschaft keinerlei Beden­ken an, wir dagegen um so mehr. Aber können wir nicht auch wieder beide Fragen so zusammensprechen, daß wir zu Gott klagen gegen einen Hitler, Stalin und Nixon? Können wir ohne Seelenheil auskommen im Kampf gegen Gewalt und die Gewaltigen bis Gewalttätigen? Die Frage liegt in unserem Bild von Gott. Wenn er der Allmächtige aus den herrlichen Domen des Mitteralters ist, gleichzeitig aber Liebe, so muß ich mit Dr. Rieux in Camus´ „Pest“ sagen: „Ich habe eine andere Vorstellung von der Liebe. Und ich werde mich bis in den Tod hinein weigern, eine Schöpfung zu lieben, in der Kinder gemartert werden“.[63] Ein Gott, der Kinder mit Napalm-verbrannten Gesichtern zuläßt, ist nicht der Pantokrator. Ein Gott, der selbst in Gottverlassenheit litt, zu dem könnten allerdings die Zweifler kommen, ihn in Überwindung von Ärger und Verachtung dieses schwachen Gottes zum Bruder nehmen. Invalide und Verbitterte sagen zu einem Gehenkten „Gott“[64] - da sehe ich allerdings die Parallele unserer Situationen in der Weglosigkeit unserer Existenz. Bei Sartre und Camus vollendet sich die Freiheit ihrer Figuren erst im Tod. Und wir entdecken ständig neu unsere politische Ohnmacht, betröpfeln auch im vollsten Engagement nur glühende Steine. Es ist zum Verzweifeln.

Und zum Verzweifeln war genauso Luthers Leben und das der Mönche und nicht nur das. Keiner kam über sich hinaus, nicht einmal zu sich selbst. Nicht anders heute. Damals dachte man, durch gute Tat, besonders Keuschheit, Armut und Gehorsam und häufige Gottesdienste zu sich, zu seinem Glück, zur Freiheit zu kommen.

Eine Sklavenhalterkirche hatte eine kasuistisch erstarrte Frohbotschaft zur beherrschenden Moral gemacht, mit der auch Kaisertum und weltliche Herrschaft die Zwänge über Leib und Seele bis in Stirnfalten, Tränendrüse, Buckel und Hornhaut an Händen vervollständigen konnten. Strukturelle und direkte Gewalt konkurrierten. Luther: „Wir schreiben für diejenigen, die die Gefähr­dung des Heils, die Notwendigkeit zu sündigen, die Un­möglichkeit, enthaltsam zu sein mitsamt der ganzen Hölle ihres Gewissens zu vertauschen wünschen mit jeder sonsti­gen Beschwerde und Mühseligkeit“[65]. Mönchsdasein wurde als „Marter des Gewissens“(ebd) erlebt. Heute herrschen andere Gewalten. Ich meine, der psychische Terror der Kirche zu Luthers Zeit kann in manchem durchaus verglichen werden mit physischem Terror heute. Selbst in Luthers positiven Aussagen über den gnädigen Gott ist immer noch Angst, Furcht, Zittern. Wir haben heute vor Gott nicht mehr diese Angst. Dafür hat sich die Angst vor Atomkrieg, Hunger und ökologischen Vernichtungen potenziert. Die Erfolglosigkeit unseres Handelns bringt sehr schnell die Konsequenz von ermüdeter Resignation oder Gewalttätig­keit, die wieder Eskalationen, auch an Unis, produziert.

Aus den Verkettungen unserer politisch-sozialen Schuld-Systeme kommen wir nicht so schnell heraus, wir können kaum zu            hoffen wagen, größere Etappen in unserer Generation zu schaffen. Was schützt uns vor Verzweiflung hier? Prometheus? Vogelstraußtechnik?

Ich meine, daß hier die Dimension erreicht ist, auf der wir wieder anfangen können mit der Frage nach Seligkeit, Heil, Gerechtigkeit. Und diese Frage wirft mich ganz allein auf mich zurück, erreicht die Gewissensebene, die immer die Ebene meines Ich ist.[66] Wo habe ich geredet, anstatt zu schweigen, wo habe ich geschwiegen, anstatt zu reden, wo habe ich zurückgestoßen, statt zu umarmen? Die Verkettungen der übertragbaren Schuldsysteme sitzen durch und durch noch bis in die Herzkranzgefäße unserer Persönlichkeitsstruktur verflochten. Unser Versagen mag intelligibler geworden sein; es bleibt. Wir hoffen aber, nicht für immer. Angststrukturen zeichnen ihre Konturen durch unser Leben. Die Frage, wie ich vor Gott gerecht werden kann, hat für mich heute diese Gestalt: Wie lerne ich wieder lachen, wo Lachen ein Verbrechen ist, weil es von Griechenlands KZ‘s schweigt - und nicht nur von diesen? Wie kann ich mich am Kochen und Essen freuen, solange 600 Mio. Menschen hungern? Wie kann ich Orgelspielen und damit Zeit vergeuden für mein Glück, während die Nervenkliniken voller einsamer Psychopathen sind? Wie kann ich noch leben, ohne mich zu verfluchen in meiner Ineffektivität, Armut an Liebe, Selbstgefälligkeit? Seligkeit wird jetzt langsam bunter, verständlicher und nachvollziehbarer. Es hat auch den bitteren Beigeschmack von Sterbebett und ewiger Himmelsschweberei verloren. Ich brauche Mut, um zu leben. Diesen Mut zum Sein zu bekommen, ist eine unserer Gestalten, wie Rechtfertigung umsonst aus Gnade sich an mir ereignet.

Als hermeneutischer Ansatz ist dies wichtig, denn bei der theologischen Arbeit an Werken Luthers wird es unablässig sein, Luthers Denken auf sein Korrelat zur wissenschaftlichen und existentiell erfahrenen Wirklichkeit und Wahrheit über das Sein des Menschen zu untersuchen. Divergieren theologische Aussagen völlig mit unserem Verständnis des Menschen, also neuzeitlich praxisvermittelter Anthropologie, so besteht keim Bezug der Theologie Luthers zu unserer Existenz. Aussagen der Theologie über Gott sind schon immer zugleich Aussagen über Menschen, darum muß der Mensch im Blick der Theologie und der Humanwissenschaft den archimedischen Punkt ge­genseitiger Kritik bilden. Damit zwischen Theologie und Humanwissenschaften keine Beziehungslosigkeit entsteht, muß im Blick auf den Menschen deren Verhältnis erarbeitet werden. Nur von diesem Verhältnis her kann eine theologische Aussage einen Wert in ihrer Gültigkeit und Bezogenheit für heutige Menschen erreichen. Wir werden sehen, daß Luther in seinem Denken die Obrigkeit absolut stabilisiert und religiös sanktionierte gegen alle Untertanen.[67] Wenn wir aus der Geschichte Gottes mit uns gelernt haben, müssen wir den Interpretationen von Röm.13 eine volle Absage um Gottes und des Menschen willen erteilen, uns also explizit gegen Luther stellen. Luther ist nicht unfehlbar, hat ja auch nicht in Hiroschima 1945 zugesehen. Wir aber. Darum müssen wir mehr sagen als Luther.

Gewissen in „de votis monasticis“

Dieser Teil hat einen zeitlichen und existentiellen Abstand zum vorher Geschriebenen. Mein bisheriges Verständnis von Luther soll durch eingehendes Anlesen einiger Textstellen geschärft werden. Die Beziehung von Heil damals zu dem, was ich Heil meines Lebens nenne, ist mir inzwischen komplexer und unklarer geworden. Logisch und historisch möchte ich die Betrachtung so teilen:

1)        iustitia et salus

2)        Der alte „Weg zum Heil“

3)        Die Angst der Gewissen

4)        Die existentiale Struktur des Gewissens

5)        Die Befreiung der Gewissen

6)        Der Weg im Heil

Hauptsache ist mir die Stoffsammlung an Texten, nur in wenigem mache ich Zusätze.

1) iustitia et salus

Viele Menschen zu Luthers Zeiten stellten sich die Frage nach ihrem Seelenheil und der Möglichkeit, in Gottes strengem Weltgericht dereinst zu überleben und nicht in das ewige Fegefeuer zu kommen. Die Hölle war damals unterirdisch gedacht und reserviert für alle Sünder. Der Himmel (meist oben, auch heute noch) war dagegen für die Gerechten. Heil war Rettung vor der Hölle, also Leben im Himmel, im himmlischen Jerusalem, das Amen-ja-kommen sollte, dokekaedrisch in Goldlack. Vor der Hölle kann man Angst haben, vor dem Himmel gab es keine, dafür eher sehnende Vorfreude. Hieronymus Bosch (1450-1516) lebte kurz vor Luther und hat die Vision der Hölle im rechten Teil des Triptychons „Der Garten der Lüste“ dargestellt. Ich habe es als Poster aufgehängt und sensible Gäste bekommen beim Anblick der Unmenschlichkeit, die dieser Surrealismus zeigt, kalte Schauer über die Rücken und gucken schnell weg. So ist verständlich, daß Luther sich in seinen Werken fast überall sofort auf die Frage nach Gerechtigkeit und Heil stürzt, ohne sie expressis verbis zu nennen. Aber er versucht, sie ganz anders als herkömmlich zu beantwor­ten.

Herkömmlich erwarb man sich durch 'Werke“ das Heil. Werke konnten die drohende Gefahr der Hölle abwenden und waren Grund der Hoffnung auf einen Platz im Himmel. Hier knüpft Luther in „de votis“ an, wenn auch selten so ab­strakt wie an folgenden Stellen: „Jemand aber lehrt Wer­ke, ohne sie für notwendig zur Gerechtigkeit und zum Heil zu halten.“[68] „Denn was wäre das, zu lehren, daß Werke und Gelübde nicht heilsam und nötig seien? Wer würde zuhören? Wer würde sie annehmen?“[69] Das Interesse der Christen damals galt also ihrer Seligkeit, für anderes hatten sie keine Ohren. Werke tun war nur nützlich, wenn man davon selig wurde. Dagegen stellt Luther die herrschende Werkemoral vom Kopf auf die Füße: Nicht erst Werke, dann und damit Heil, sondern erst Heil, dann geht es ans Werk. „Ante omnia enim opera iustitiam et salutem adesse oportet, iustitia... dei, id est, aeternam quae manet in seculum seculi, quam solus deus dat et operat in nobis.“[70]

2) Der alte „Weg zum Heil“

Werke helfen zum Heil.[71] Das Evangelium wurde als Rezeptbuch für gute Taten an­gesehen. Diese gilt es zu tun, dann erwirkt man sich Heil. Aus diesem Bemühen wurde auch das Mönchtum hergeleitet. Das historische Entstehen der Orden ist hiermit wohl nicht erklärbar.

Das Evangelium ist „Kraft Gottes zur Seligkeit“.[72] Die Ordensväter differenzier­ten aber den ethischen Teil des NT (und z.T. AT) in einer Zweistufenethik. Aus der Mißdeutung von Mt 5,48, dem ominösen te/leioj[73] unterschied man z.B. im sog. Liber graduum (um 350 n.) zwischen Vollkommenen = Asketen und dem einfachen Volk der Gemeinde = Gerechte. Gerechte brauchten nur nach Doppelgebot und den 10 altbekannten zu leben, Asketen kürten die ganze Bergpredigt. Eine freiwillige Zusatzethik gab es denn auch in Luthers Zeit: Das Evangelium besteht aus Räten und Geboten.[74] Gebote und freiwillig zu haltend gelobte Räte befolgten die Mönche. Besonders die Bergpre­digt galt als „Räte“.[75] Die Gebote allein - also ein verkürztes Evangelium - waren dem „sonstigen gemeinen Volk aufgegeben“.[76] Damit teilten sich zwei Stände: Die Mönche standen im Stand der Vollkommenen, die Unvoll­kommenen waren das gemeine Volk.[77] Die Vollkommenen hatten ihre Werke dabei allerdings auf drei Hauptwerke spezialisiert [78]:

a) Armut nach Mt 19,21

b) Gehorsam gegen jedermann

c) Keuschheit nach 1. Kor 7

d) Gottesdienste

Klosterleben, unaufhebbare Gelübde und Gottesdienste konstituierten dieses Leben.

Luther übte heftige, harte Kritik an dieser Ideologie. Dies wie folgt:

a)        Die Mönche sind gar nicht arm, haben volle Vorratskam­mern, sind reich in Relation zu anderen Bevölkerungsteilen. „Doch die Mönche verkaufen nicht nur das Ihre und geben es den Armen, sondern scharren alles Gut aller zusammen und sind im Vergleich mit allen andern reich.“[79]

b)        Der Gehorsam geht nur gegen den Abt, sonst ist er nicht zu finden. „Und die öffentlichen Bekenner der Räte unter­werfen sich weder Gleichgestellten noch Geringeren, son­dern nur allein ihrem Vorgesetzten und zwar nicht in allen, sondern in einigen Dingen.“[80]

c)         Paulus „rät weder zu noch ab, läßt´s in der Schwebe“[81]. „Wenn die Ehelosigkeit ein evangelischer Rat ist, was sollen dann eure tollen Gelübde, daß ihr über das Evan­gelium hinaus aus einem Rat ein starres hartes Gebot macht? ... Unmöglich kann ein Rat des Evangeliums zu einem Gebot werden, und ebenso unmöglich ist es, daß euer Gelübde ein Rat sei. Die gelobte Keuschheit widerstreitet also dia­metral dem Evangelium“.[82] Die Apostolizität der Keuschheit ist mit Recht zu bezweifeln. Aber Luther hat noch ein Argument, „...und nirgends ist weniger Keuschheit vorhanden als bei denen, die Keusch­heit gelobt haben; fast alles ist befleckt durch unreine Flüsse oder fortwährende Brunst und die unruhige Flamme der Lust“.[83] Abstrakter, aber klug: „Das Gelübde der Keuschheit ist um des Menschen willen gemacht, nicht der Mensch um des Gelübdes der Keuschheit willen.“[84]

d)        Mönche machen keinen Gottesdienst. „Denn rechten Gottes­dienst haben sie durch einen anderen ersetzt, der ihrer ganz wert ist und aus jenem zeremoniösen Gepränge in Kleidern, Gebärden-Gesang und Vorlesungen besteht, worin nichts vom Glauben oder dem Namen und dem Worte Gottes zu finden ist... es geschieht nicht in der Absicht, zu lehren und zu vermahnen, sondern lediglich um gute Werke zu tun.“[85]

Zusammenfassend ist der Kern von Luthers Kritik am Mönch­tum seiner Zeit der Widerspruch von Gelobtem und Gehaltenem. „Sie sagen ja, daß der Mönch der Welt gestorben und Gott geweiht sei, daß er nur im Kloster leben dürfe, mögen auch die Eltern, die Nächsten, ja die ganze Welt Not leiden...“[86] Es ist pervers geworden, das Evangelium in den Händen und Köpfen der Mönche. Die Theorie des Mönchtums klafft mit der Praxis monastischen Lebens total auseinan­der. (Wobei eben auch schon die Theorie falsch ist!) Der entstandene Doppelwiderspruch konnte nicht ertragen werden von der Gewissenhaftigkeit Luthers. Mönchtum empfand er als Gotteslästerung: „Ach, Herr Christus! Es sind in die­ser ruchlosen Art des Lebens nichts als ganz verwirrte Lügen.“[87] Eine Lüge ist eine Ideologie, die nicht mit der Wirklichkeit überein stimmt, eine praxislose Theorie mit der Folge einer selbstblinden Praxis. „Gelobt und haltet“[88] war für Luther fraglos und indiskutabel ein Grundsatz, [89] Neben und in dieser mehr empirisch geprägten Debatte ist für Luther aber auch der reine Gedanke an die Möglichkeit von Selbstrechtfertigung von und durch gute Werke offen. Grundsätzlich haben für Luther Werke keine Heilswirkung, auch alles Mönchsgeraune läßt Gott kalt. „Denn dies gan­ze Menschvolk sucht den Himmel mit leeren Lampen, d.h. mit eigenen Werken.“[90]

Nicht nur die Mönche taten Werke, auch das Volk. Sakramente wie Beichte und Abendmahl, Erwerb von Ablaßscheinen, Her­unterleiern von bestimmten Gebeten, Wallfahrten an be­sondere Gnadenorte und Opfergaben sollten Heil wirken. Auch heute noch macht die Kerzenindustrie gute Geschäfte mit den Gläubigen. Wenigstens gibt es statt Ablaßscheinen jetzt Spendenquittungen. Werke jeder Art galten als „neccessaria ad iustitiam et salutem“.[91] Erst nach langer Destruktion der Werkeideologie im Rahmen des Weges zum Heil kann Luther von einer neuen, anderen Art von Werken sprechen, die erst aus dem Überschwang des Glaubens sprudeln. In alldem muß ein höllischer Egoismus und Narzißmus ge­herrscht haben über die in Höllenängsten schwebenden Christenmenschen. „Denn ich fürchte, daß in dem allesamt jeder nur das Seine sucht.“[92]

3) Die Angst der Gewissen

Luthersche Kombination von Angst und Gehorsam ist biblisch, zum Ganzen gesellt sich bei Paulus auch noch Heil.[93] Heilssorge und Angst vor dem Tag Christi bilden schon bei Paulus ein Gespann. Dies steht Phil 2 in pikanter Spannung zur Heilsgewißheit und Freude, es steht mitten in theologischer Hochstimmung, gleich hinter Christuslied und vor Freudenrufen (2,17f).

Krass aber erst im Mittelalter, als urchristliche Eu­phorie verdorrt war, Weltgericht der Apokalyptik zur Herstellung menschlicher Waagengerechtigkeit für die Gläubigen kein Hoffnungsinhalt mehr war, sondern zur Höllenangst satanisiert wurde? Eher Polizist und böser Gott als liebender Vater jagte die Stimme Gottes der armen Sünderseele einen dicken Schreck ein: „Denn das Gewissen wird angstvoll zittern, wenn es die Stimme Gottes hört.“[94] Die Angst wurde Masochismus des Gewissens, erlebte ihren Erregungshöhepunkt in Selbstverdammung und Selbstverachtung - nach Freud und Fromm Symtome frühkindlicher Strafangst, erzeugt durch Vielzahl von Strafen. Luther sagt über Augustin: “Wehe dem Leben der Menschen, und sei es noch so löblich, wenn es ohne Barmherzigkeit ge­richtet werden soll.“ Und wiederum: „Ich werde erschrecken, aber nicht ganz erschrecken, denn ich erinnere mich der Wunden des Herrn. Du siehst auch ihn sein eigenes und aller anderen Leben verdammen, zu den Wunden Christi aber seine Zuflucht nehmen.“[95]

Chronologisch geordnet hier weitere Belege zur Gewissensangst und Selbstverleug­nung. „Wie man wohl sagt, daß eine Stunde des Fegfeuers bitterer sei als tausend Jahre zeitlicher leiblicher Pein, so gibt es kein größeres Leid als das spürbare Leiden des Gewissens, das dann eintritt, wenn Gott, d.h. die Wahrheit, Gerechtig­keit, Weisheit usw. sich lossagt und nichts dableibt als Sünde, Finsternis, Ach und Wehe. Dies ist ein Tropfen oder Vorgeschmack der höllischen Pein und ewigen Verdammnis; darum sucht sie alle Gebeine, Kraft, Saft, Mark und was im Menschen ist, heim.“[96] Luther weiß vom psychosomatischen Zusammenhang zwischen Schuldgefühl und Unpäßlichkeit, Schmerz und Pein. „Das Schreien ... kommt von der großen Angst, die mit der Selbsterkenntnis verbunden ist. Dazu kommt es, wie schon gesagt, wenn wir den schmerzhaften Anblick des göttlichen Gerichtes zu Gesicht bekommen... seitdem das Urteil deines Gerichts mich so grausam tief 'sticht' und mir einen 'Dorn' in das elende Gewissen hineintreibt, der alle Kräfte meiner Seele durchdringt.“[97]

„Denn Gottes Pfeile und zornige Worte lassen die Sünde im Herzen gegenwärtig werden, und daraus entsteht inner­liche Unruhe und Erschrecken des Gewissens und aller Seelenkräfte, und die Hand Gottes (das äußerliche Werk des Strafens) macht den Leib ganz krank und leidend. Und wo es so steht, da steht es recht mit dem Menschen.“[98] - Auch durch Betrachtung von Christi Leiden erschrickt das Gewissen: „Diejenigen be­denken das Leiden Christi recht, die ihn so ansehen, daß sie von Herzen davor erschrecken und daß ihr Gewissen gleichsam einsinkt in eine Verzagtheit. Dieses Erschrecken soll daher kommen, daß du hieran Gottes strengen Zorn und unwandelbaren Ernst der Sünde und den Sündern gegenüber siehst.“[99] „wie Christus an Leib und Seele jam­mervoll infolge unserer Sünden gemartert wird, so müssen auch wir ihm nach im Gewissen von unseren Sünden gemartert werden.“[100] Selbstvernullung: „daß du dei­nen Gott zu dir sagen hörst, daß all dein Leben und Werk nichts sind vor Gott... Wenn du das recht glaubst, wie du es schuldig bist, so mußt du an dir selber verzwei­feln...“[101] Die Gebote der Schrift „sind nur dazu bestimmt, daß der Mensch daran sein Unvermögen zum Guten sehe und an sich selbst ver­zweifeln lerne...“[102] „...dann ist er recht gedemütigt und zunichte geworden in seinen eigenen Augen...“[103]

Luther bejaht also ausdrücklich die Gewissensqualen als ersten Schritt zum Heil. Ich glaube aber, daß er in späteren Zeiten langsam zu einer kritischen Haltung gegenüber den Gewissensbissen als Methodikum religiöser Seelenpraxis überging. Dies ver­bindet sich mit der Kritik des Papsttums und sämtlicher katholischer Herdenführung. „De votis“ betont schon die klösterliche Gewissensmarter [104]. Durchaus mit Kritik. Die Schwierigkeit besteht für austretende Mönche in der Umorientierung ihrer Normen. Früher wurden sie von der kirchlichen Hierarchie ausgegeben, das hat die Gewissen geprägt, deshalb fällt Autonomie der Gewissen schwer. „Durch Christi Blut ist´s leicht, die Kapuze auszuziehen; aber das tun mit einem sichern und getrosten Gewissen, weil genau das unter dem Papst Sünde ist, das ist am allerschwersten getan. Denn wir haben unsere eigene Ge­rechtigkeit an uns hängen und kleben.“[105] Änderung internalisierter Normen macht Mühe. Katholische Beichtkasuistik potenzierte die Gewissensqualen: „Ferner hat man das Beichten so sehr belastet und die Gewissen mit der Aufzählung von so man­cherlei Sünden gemartert, daß niemand imstande gewesen wäre, rein genug zu Beichten... sie haben vielmehr lauter Angst und Höllenmarter daraus gemacht... wir brauchen es (das Beichten, d.Vf.) nicht unter einem Zwang oder aus Furcht zu tun... wir wissen, wie man die Beichte selig gebrauchen soll zur Tröstung und Stärkung unseres Ge­wissens.“[106] „Denn conscientia gilt bei ihnen (dem Papst und seinem Reich; d.Vf.) nichts; aber Geld, Ehre und Gewalt gilt ihnen alles.“[107]

Man kann sich das mittelalterliche Gewissen in einem destruktiven Zirkel vorstellen:

1. Sündenerkenntnis als Selbsterkenntnis

2. Verzweiflung über die Sünde

3. Selbstverachtung

4. Anerkennung des eigenen Verzweifeltsein als gut

5. erneute Selbstrechtfertigung, die wiederum als Sünde erkannt wird

6. Verzweiflung über diese Selbstrechtfertigung – und wieder von vorne beginnen.

Die Selbstreflexion kreist immer wieder um die Sünde und provoziert ein vollkommen introvertiert-verstörtes Angstgefühl vor der Hölle. Der Angstkreis schließt sich. Heraus kommt man aus eigener Aktivität nicht mehr, so­lange man sich reflektiert. Angst wird man nicht los. Es ist ein Grübelzwang, homo curvatus in se ipse.

Die katholische Kirche hat große Schuld an der Erzeugung von individuellen Schuldgefühlen auf sich geladen. Dies ist ihre kollektive Schuld. Auch die anderen Kirchen sind an dieser Schuld beteiligt.

4) Die existentiale Struktur des Gewissens

Luther hätte sich hoffentlich gegen diesen Jargon der Eigentlichkeit kräftiglich zur Wehr gesetzt. Eigentlich wollte ich keine Aussagen über das Eigentliche des Gewissens treffen, erst recht Luther nicht, der gottlob die thomistischen Schriften vor den Stadttoren verbrannt hat. Das Gewissen ist nicht an sich, sondern ein Relationsphänomen und ein Korrelationsbe­griff. Relation: Es zeigt den Menschen in seinem Verhält­nis zu sich selbst als Sünder und in seinem Verhältnis zu Gott als Gerechtfertigter. Sünder wäre der Mensch nicht ohne Gott, insofern ist er selbst in seinem Selbstver­hältnis auf Gott hin angelegt. Denn auch ohne Gottesbewußtsein erfährt ein Mensch sich in Schuld und Kon­flikte.

(Die Alternative von natürlicher und von-oben- Theologie ist m.E. ein unhaltbarer Theologismus, der durch Realerfahrungen überwunden werden muß, wozu systematische Untersuchungen zur religiösen Sozialisation dringend ver­arbeitet werden sollten. Kein Mensch, der in unserem Kulturkreis aufgezogen wurde, erlebt sich und andere in einer reinen Heidensituation, völlig ohne jede religiöse Befleckung und Vorbildung über Gott, den christ­lichen. Deshalb ist der Mensch „vor dem Evangelium“ eine unzulässige Abstraktion und Fiktion. Abendländler wurden seit je aus guter christlicher Perversion zu Schuldge­fühlen erzogen. Bestenfalls könnte Beyerhaus sich zu einer Safari zwecks Jagens eines noch völlig unmissionierten Buschmännchens im wildesten Hochland Afrikas aufmachen, um zu erkunden, ob dieser Schuldbewußtsein hat. Dabei könnte er auch gleich das ganze Bengelhaus als Jagdhelfer mitnehmen.)

Entweder steht das Gewissen bei Luther im Teufelskreis von Schuld, Sünde und Gesetz und übt sich in Selbst­destruktion (vgl. bei Freud: Destrudo) oder es steht im Befreiungskreis in und um Gott herum. Dort herrscht eitel Lust und Jauchzen, wenn es mit Christus in das geistliche Bett geht: „Conscientia enim Christo et Chris­tus eonscientiae, secreta huius sponsi et sponsae cubilia nemo tenet.“[108] Dies entspricht Freuds Libi­do. In einer Wechselbeziehung geht es hin und her und das in mehrfacher Hinsicht. Im Teufelskreis ent­steht eine Wechselbeziehung zwischen Gewissen und der Macht des Sündensatan in meinen Gliedern, besonders dem einen ganz bestimmten. „Die Sünde wächst und vergrößert sich ebenfalls dadurch, daß man sie zu viel ansieht und ihr zu tief nachdenkt; dazu trägt die Furchtsamkeit un­seres Gewissens bei, das sich selbst vor Gott schämt und sich schreckliche Vorwürfe macht.”[109] In Anfechtungen geht es hart hin und her.

Wie es mit Christus hin und her geht, sahen wir. Nun gibt es noch ein übergeordnetes Hin-und-Her zwischen Anfechtung und Glauben. Und dieses kann man zwiefach er­fahren. Einmal gehe ich zwischen Anfechtung und Glauben hin und her, andererseits aber gehen meine Anfechtungen in mir mit dem Glauben hin und her, es ist schon ein großartiges Tauziehen, oder noch sportlicher: Christus und der Teufel kloppen sich, wer auf mir reiten darf. Dieses viele Hin und Her entspricht der Form des Menuett:

A – Anfechtung ||: a: Stimme Gottes | b: verzagtes Gewissen| c: Phall im Fleisch :||

B – Gewissen || c: Kippe zwischen Gott oder Sünde, Glaube oder Gesetzlichkeit ||

A – Glaube || a: Christus | b: befreites Gewissen | c: Liebeswerke aus Glauben heraus

 

Nun aber Schluß mit diesem mehrdeutigen Hin und Her. Nur noch als Beleg für die Richtigkeit des B-Teiles ein Zitat: nConscientia enim non est virtus operandi, sed virtus iudicandi, quae iudicat de operibus. Opus eius proprium est... accusare vel excusare, reum vel absolutum, pavidum vel securum constituere. Quare officium eius est, non facere, sed de factis et faciendis dictare, quae vel ream vel salvam faciant coram deo.”[110]

Luther nimmt scholastische Tradition auf. Augustinischer mundatio entspricht die Befreiung der Ge­wissen, jedoch ist bei Augustin noch nicht die Radikalität der Befreiung von Werken da, sondern jeweils nur ein Saubermachen für morgen. Thomas wird bestritten: Nicht praktische Vernunft, die sich vom Naturgesetz her jeweils Handlungsentwürfe macht, sondern Urteilskraft vor und nach dem Handlungsvollzug, die die Heilswirkung vor Gott beurteilt. Luthers Gewissen fragt nicht, was es hätte besser machen können, sondern fragt ehrlich, ob mich die Tat vor Gott gut macht. Thomas fragt WIE, Luther fragt OB. Gewissen ist als virtus iudicandi, quae iudicat de operibus, Selbstkritik. Es ist nicht autonom, sondern verantwortlich coram deo. Damit ist es in der Spannung von Reflexivität und Interaktivität, muß über die eigenen Werke urteilen, dies ist quasi Innenprozeß, muß dabei aber beurteilen können, wie diese Werke auf Gott wirken und wie Gott darauf reagieren wird, muß also das Urteil Gottes in sich antizipieren, dies ist die Vermittlung des Außenprozesses (coram deo) mit dem Innenprozeß als einer Stellvertretung Gottes in mir. Ich - bessert mein Ge­wissen - muß mein Tun so beurteilen, als wäre ich Gott. Dabei ist aber mein Urteil nicht Gottes Urteil und kann irren, d.h. von Gottes möglichem Urteil abweichen. Dies ist ein Zeichen für Stellvertretung. Gott wird nicht ersetzt, es wäre schlechter Ersatz (für Luther). In der Differenz von Gott und Gewissen liegt die Möglichkeit echter Personalität, wie sie im Ansatz bei Augustin, nicht aber bei Thomas entwickelt und erlebt wurde. Hier liegt auch die Möglichkeit einer Verselbständigung des Gewissensurteils gegenüber Gott begründet. Dies wurde phänomenal schon 1. Joh 3,20 beschrieben. „...daß, wenn uns das Herz verurteilt - daß Gott größer ist als unser Herz und alles erkennt.“ Kierkegaard beschreibt später die Verzweiflung über die Sünde, die so groß und ins eigne Verzweifeln verliebt ist, daß sie es als Traum­schändung empfindet, zu hören, daß Gott dem Sünder ver­gibt. Verzweiflung setzt hier ihr Urteil absolut gegen­über Gott - und wenn es Sünde gibt, dann ist es dieses.) Kurz: Ich äußere mich allüberall in Worten, Verhaltensabläufen, Taten, Arbeit. Diesem Wirken von Werken geht ein Wollen voraus. Wille und Vollbringen müssen aber nicht identisch sein in ihrer Qualität. Taten und Worte können vor anderen Leuten sinnvoll, nützlich und gut er­scheinen. Dies sagt nichts über den vorgängigen Willen aus; er kann etwas ganz anderes intendiert haben, als die anderen von außen erfahren haben. Er kann Motive enthalten haben, die unmoralisch sind und sich ein für andere gutscheinendes Verhalten ausgesucht haben, um damit maskiert ein Ziel zu erreichen, was böse genannt wurde. Die Überdimension, die aus reflexiver Selbstdistanz heraus das beschriebene überprüft auf die Qualität der originären Intention, ob moralgemäß = Gut - oder unmoralisch = böse, ist das Gewissen.

Meine These von der zunächst stellvertretenden Antizi­pation fremden Urteils über mich in mir als von mir selbst aus Selbstdistanz zu meinem Tun geleistetem Urteilsakt läßt zwei weitere Folgerungen zu:

1) Gewissen in diesem rein phänomenologischen Verständnis kann als Denkakt der Vernunft bezeichnet werden. Dies ist thomistische Tradition. „Es widerfährt deinem Gewissen Anfechtung erstens von der Welt, zum andern von deiner Vernunft.“[111] Vernunft ist allen ge­mein.[112] Vernunft kann sich gegen Gott verabsolutieren: „Man muß in Gottes Sachen nicht unserem Urteil folgen, und nicht zum Maßstab der Definition das machen, was unserem Verstande hart, weich, schwer, leicht, gut, böse, gerecht, ungerecht scheinet... den Worten ihres Glaubens muß sich unser Verstand anschmiegen, und unsere Vernunft muß sich gefangen nehmen lassen in den Gehorsam Christi“[113]

2) Das Gewissen kann irren: „...wolle euch Gott behüten vor den falschen Lehren, die durch Werke Zuversicht zu Gott hervorrufen wollen; das sind doch irregeführte Gewissen, weil sie nicht einzig auf Gottes Gnade solche Zuversicht bauen.“(WA 7,552 - Magnificat 1521) Selbst Heilige irren: „...lernen wir, daß man an den Heiligen Gottes nicht die Maske der äu­ßerlichen Werke beachten muß, sondern den Glauben, durch den er sie leitet und wunderbarlich rettet, indem er zuläßt, daß sie öfters irren und sündigen im äußerlichen Wandel“(1,234). Zum Verhältnis von Person und Werk: (6).

 

5) Die Befreiung der Gewissen

So rein und inhaltslos wie in der oben versuchten Phänomenologie zu Luthers Gewissensbegriff ist das Ge­wissen nie, es steht in Korrelation zu Gott und der Sünde. Der Korrelations­kreis der Sünde ist unter (3) als Anfechtung des er­schrockenen, blöden, verzagten, furchtsamen und schuldigen Gewissens beschrieben worden. Wie aber komme ich los von der Anfechtung, aus dem Todeskreis des Bösen? „At deus iussit certo et indubitato fidere in suam misericordiam et praesumere nos et nostra placere, non ex nostra dignitate aut merito, sed sua bonitate. Haec est enim conscientia sanae fidei, quae huic iussui et promissioni dei fidelissime et inconcusse adheret, quam conscientiam vastat et contra eam peccat illa, quae vel non credit, vel, quod idem est, dubitat, se et sua placere deo“[114]. Luther nennt die beiden Möglichkeiten des Gewissens: Glauben oder Zweifel, Gott gefallen oder sich gegen sich seIbst versündigen, Ge­wissensgesundheit oder Krankheit zum Tode (mit Kierke­gaard).

Aber wie werden diese These und ihre Antithese vermittelt? „Quis vero liberat nos ab ista impia contra seipsam peccante conscientia?“[115] Gegen sich selbst sündigen ist komisch; denken wir aber an die Bestimmung des Gewissens als Stellvertreter Gottes in meinem Verstand und Herzen, so entsteht beim Zweifel, der Sünde gegen sieh selbst, eine Verzweiung des Gewissens: Gleichzeitig soll es Gott vertreten und ist sich Gottes nicht einmal gewiß. Es zweifelt gegen Gott, soll aber (und tut es auch essentiell) für Gott bei mir eintreten. Der Zweifler Gewissen sündigt gegen sich, den Fürsprecher Gottes. Faßt man Sünde als Beziehungsentzug, als Selbstverabsolutierung auf, so setzt sich der Zweifel des Ge­wissens gegenüber dem Proprium des de factis et faciendis dictare coram deo absolut.

Luther weiß aus eigener, langer, schlimmer Erfahrung, daß er selbst nicht allein von sich loskommt. „Natura id non potest... cogitationes hominum timidae, et incertae pro- videntiae nostrae.“[116] Die Befreiung des Gewissens ist eine Befreiung von ihrem Proprium. Das Proprium christlicher Freiheit ist das freie Gewissen. „Est itaque libertas Christiana seu Evangelica libertas conscientiae, qua solvitur conscientia ab operibus, non ut nulla fiant, sed ut in nulla confidat.“[117] Das in opera confidere bedeutet nach dem bis­her gesagten, sein Vertrauen auf Möglichkeiten, Gott zu gefallen, auf die eigene Aktivität der Äußerung zu kon­zentrieren. Durch das Wie meines Tuns versuche ich, dem Willen Gottes gerecht zu werden. Dies setzt voraus, daß Gott einer ist, der die Leute nach ihrem Verhalten beurteilt und ihnen Zensuren gibt, wie in der Schule, mit Betragensnote, nur tiefer schauend als Lehrer, denn Gott kennt das Herz. „Deus est, qui intuetur cor.“[118] Das Setzen seines Vertrauens auf Gottwohlgefälligkeit vermöge eigener Aktivitäten setzt sich gegenüber Gott absolut, indem es nur den eigenen Aktivität den Ausschlag über die Beziehung zu Gott zubilligt. Gottes Wille ist apersonal-statisch zum Gesetz geworden, seit der Ent­stehung der Bibel hat er nichts Neues gewollt. Weil Gott nur dann mir vergeben kann, wenn ich alle Pflicht und Schuldigkeit getan habe und darum sowieso schon ein gutes Gewissen habe, deshalb liegt alle Hoffnung auf ein gutes Verhältnis zu Gott und einen Logenplatz im Himmelreich in der Qualifikation meiner Werke begründet. Mache ich etwas dummes, böses, so muß ich Gewissensbisse kriegen. Ein sensibles Gewissen, d.h. ein überaus selbstkritisches Bewußtsein, wie es Luther sicherlich hatte, wird immer Fehlverhalten an sich entdecken und ständig Höllenangst haben. Darum muß jeglicher Bezug von Gewissen und Werken radikal gesprengt werden. Das Gewissen hat nichts, aber auch überhaupt nichts mehr mit meinem Handeln zu tun.

Das Gewissen interessierte sich dafür, zu Gott ein gutes Verhältnis zu bekommen. Nun, dies ist geschehen, aber nicht aufgrund der Menschen, sondern aufgrund von Gott. Gott ist der Aktive in seiner Beziehung zu Menschen. In Jesus Christus, dem Kreuz Christi, dem Leib und Blut und der Beichtzusage der vollzogenen Sündenvergebung schon längst vor der Beichte, als wir noch schwach waren, in allen Äußerungen Gottes in Christus hat Gott den Grund gelegt für ein neues Verhältnis der Menschen zu sich.

Die Befreiung des Gewissens ist die Befreiung des Ge­wissens von seinem Werk des Richtens. Damit ist die Be­freiung des Gewissens eine Befreiung von sich selbst, denn wir beschrieben das Gewissen bislang immer als das, was es tat. Es war sein Werk, es tat es nicht nur. Damit ist der Mensch von dem kritischen Blick auf sein Ver­halten befreit. Er hat sich nicht mehr darum zu kümmern, wie er auf andere, hier speziell Gott, wirkt. Er kann sich selbst vergessen.

Die Befreiung des Gewissens geschieht durch Gott in Christus und als Christus. „Christus vero per auditum verbi sui cordi manifestatus, quod ipse sit, qui pro nobis sacerdos factus est, nobis datus, suum sanguinem fuderit, nostra peccata tulerit, et nos in suos acceperit.”[119] Conscientiam „igitur Christus liberavit ab operibus, dum per Evangelium eam docet nullis operibus fidere, sed in solius sua misericordia praesumere. Atque ita heret fidelis conscientia in solius operibus Christi absolutissime.”[120]

„Hier hört ihr, daß Christus nicht Schrecken, sondern Freude ist: daß er ist, was ein Christ wünscht und wo­rüber er sich freut... das erschrockene Gewissen...sucht einen versöhnten Gott und Frieden und Trost. Das ist eine Freude über alle Freuden. Im Vergleich mit ihr ist die weltliche Freude etwas Stinkendes. Hier dagegen ist die Freude für das Gewissen.“[121]

Die Befreiung des Gewissens durch Christus wird erfahr­en im Glauben. Wenn Christus mein und ich sein, „Ecce ista est fides, quam scriptura docet, quam qui habet, contra conscientiam agere non potest, quia non potest dubitare sese placere deo propter Christum sibi donatum.“[122] „at habens promissionem et Christum, certissimus est, quid deus super ipsum cogitet, nempe cogitationes pacis, propter sanguinem Christi clamentem remissionem peccatorum et abba pater in cordibus nostris.“[123] Das Gewissen hat Gewißheit, certitudo, über Gottes Zuspruch der Sündenvergebung. Überall tönt der Trutz der Unzwei­felhaftigkeit des Glaubens. „Qui non crediderit, condemnabitur, quia non credit sibi peccata indubitato remissa.“[124] Die Interessenlage des Gewissens verschiebt sich auf die Freude über die Vergebung der Sünden und die Versöhnung mit Gott, zum dem wir abba sagen dürfen, ein durch und durch liebevolles Wort, schon akustisch.

Gott hegt Gedanken des Friedens gegen uns - das ist et­was anderes als der strenge Höllenrichter. Dennoch schwingt ständig noch Furcht vor Gott mit, so schnell legt sich geistlich Eingefleischtes auch nicht. „Deo commendamus sua iudicia occulta et metuenda.“[125] Der Glaube ist Beziehung. Daher ist er immer doppelt formulierbar, als These mit Antithese. Ich glaube, die Wahrheit des Glaubens ist erst die Synthese, aber ich bin nicht im­stande, dafür eine geeignete Formulierung zu treffen. Christus hat sich mir geschenkt, damit hat er den Grund und Inhalt des Glaubens gesetzt, Christus ist mein Bräu­tigam. Damals lag vermutlich ein Bräutigam oben auf der Braut und war aus biologisch-physikalischen Gründen der Aktive. Wenn der Glaubende die Braut ist, so kommt ihm Passivität zu. Heißt grammatisch: Ich werde geglaubt. Aber Glauben ist Aktivität, und das widerspricht sich nicht. Es ergänzt die erste Aussage vielmehr zur Wahrheit.

„Solius autem fidei esse, remissionem peccatorum operari, certam et letam et liberam a peccatis conscientiam reddere.“[126] Damit ersetzt der Glaube die Funktion der Werke; er kann das einzige Werk des Christen ge­nannt werden. Darin ist er aktiv und wirkt zum Heil, mit Martin Buber: zu einer gelungenen Ich-Du-Beziehung mit Gott. „Christi opera apprehendit et dictat in hunc modum: per haec ego iustificabor, et servabor et liberabor ab omni­bus peccatis et malis, de quo non dubito.“[127] Rechtfertigung ist Passivität, ich werde gerecht gemacht. Der Grund liegt im Kreuz. Der Grund liegt nicht im Glau­benden und nicht einmal im Glauben. Zwischen Kreuz als Christi Werk und Glauben besteht ein raumzeitlicher Unterschied und der Unterschied von Grund und Begründetem. Dennoch ist festzuhalten, daß der Grund, besser hier: der Begründer des Glaubens ein Teil des Glaubens selbst ist, der mehr als nur Begründung ist. Nach Rm 6 ist Taufe das Zeichen für die Partizipation am Kreuz. Christi Werke sind „in baptismo super me effusa“(ebd). Das Abendmahl als Blut und Leib Christi tröstet und stärkt die vom erschrockenen Gewissen Geängstigten (vgl. WA 2,746).

Beichte hat eine Befreiungsfunktion: Die Irrungen und Fehler werden ausgesprochen, benannt und damit in eine Selbstdistanz gerückt. Dies ist Reue. Aufgrund dessen kann der Beichtvater die Vergebung und Lösung zusprechen. Er spricht aus, was bereits und längst geschehen ist. Damit erklärt Luther die Sakramente zu Zeichen des Glaubens. Diese Zeichen sind nicht nur Äußerungen des Glaubens, sondern Fundamente des Glaubens. Fundamente sind sie, insofern sie Christi Werke reprä­sentieren und darstellen, diese wiederum sind der Grund des Glaubens.

Glauben kann man haben. Hat man ihn nicht, so hat man kein Heil. Hat man Glauben, so ist man im Heil.[128] Ist damit die Entscheidung über mein Heil nicht wieder auf mich gestellt? Was kann ich tun, um selig zu werden? Wie werde ich des Glaubens habhaft? Diese Fragen müssen sich die Überaktiven stellen. Ich frage diese: Wie wird man einer Frau habhaft? Wie wird man ihrer Liebe habhaft? Antwort eines klugen Mädchens: Man hat sie, wenn man liebt, oder man hat sie nicht.

Entscheidend auf dem Weg zum Heil ist, daß man ihn aus den Augen verliert, wenn man nicht den sucht und sieht, der uns auf diesem Weg entgegenkommt. Es ist das Heil uns kommen her. Es ist nicht in weiter Ferne, da suchten wir vergeblich. Es ist nahe.

„Mein Gewissen ist frei geworden; und das heißt im voll­sten Sinn frei geworden sein.“[129] Luther redet von „libertas et sanitas conscientiae“[130], was in dieser Konjunktion eine Korrelation von Freiheit und Gesundheit beinhaltet. Gewissensfreiheit ist auch Gewissensgesundheit - und bei Luthers somatischer Psyche verbindet sich damit auch körperliche Gesundheit. Der Zusammenhang von Gewissensfreiheit, Lebensmut und Gesund­heit des ganzen Menschen ist nicht nur humanwissenschaft­lich deduzierbar, sondern jedem evident, der so etwas wie ein Gewissen und einen Körper hat.

Auch im Glauben wird noch Sünde erfahren. Wollen und Wirken des Guten kann man unterscheiden. Wer glaubt, will gutes. Ob es aber gelingt, liegt nicht allein am Subjekt. Auch Objektives kann von außen her die Ausführung des Guten verhindern. Dann kommt es zum Konflikt des Gewissens: Einerseits möchte es Gottes Willen tun, andererseits sieht es sich außer­stande, Gottes Willen zu tun - was ja Sünde ist. Diese Schwierigkeit löst Luther wie folgt: „Ja sogar die gött­lichen Gebote haben, obwohl sie, was über allen Streit erhaben ist, unveränderlich sind, doch mit Rücksicht auf die äußeren Werke den Fall der Unmöglichkeit als Aus­nahme.“[131] Das heißt nicht, daß in jedem Fall schon allein guter Wille ausreicht. „Er genügt nicht, weil so­wohl das Gelübde wie das Gebot nicht auf den Willen allein sondern auch auf das Werk zielt... So nötigt das Gebot Gottes zum Werk.“[132] Über die Schicht dieser Unmöglich­keit kann man differenzierend nachdenken: Ist es nur fehlende objektive Möglichkeit (Potentialität) oder nicht eher zumeist subjektiv fehlende Möglichkeit (Potenz)?

Für beides aber gilt: es bleibt Unmöglichkeit. Wer nicht die Potenz hat zum Marathonlauf, kann gerne laufen wollen, er holt sich dabei aber einen Herzschaden oder gar den Tod. Wer im Gefängnis sitzt, kann guter Läufer sein, er kann trotzdem keinen Marathonlauf als Tun des Gewollten durchführen. Auf ähnliche Weise kommt es zum Handeln gegen Gottes Willen im Glauben. „Paulus bekennt Rm 7, daß die Sünde in seinem Fleisch so stark sei, daß er von ihr in diesem Leben nicht frei werden könne. Diese Sünde ist zweifellos wider das Gesetz Gottes, aber um des Glaubens willen, der im Geiste widersteht, ward sie verziehen und nicht angerechnet, obgleich das Gesetz fordert, daß keine Sünde in uns sei. Das Gesetz aber des Geistes des Lebens in Christus kommt uns zu Hülfe, daß diese Unmög­lichkeit, das Gesetz zu erfüllen, keineswegs Verdammnis wirkt, wenn wir nur nach dem Geiste und nicht nach dem Fleische wandeln.“[133]

Christliche Freiheit hebt alle menschlichen Gebote auf. „Es ist aber diese Freiheit nicht nur jene vorherbe­sprochene, die im Geist und Gewissen herrscht, vermöge der wir durch keine Werke angeklagt oder verteidigt werden, sondern auch die, durch die alle Gebote der Menschen aufgehoben sind... Und überhaupt was nicht gött­liches Gebot ist, das ist aufgehoben und frei gegeben.“[134] Bei den Mönchsgelübden „stoßen hier wechselseitig aufeinander jene beiden Gegner, das Gewissen und das Gesetz.“[135] Das Gewissen kann aus seiner Glaubens­freiheit heraus dann gegen menschliche Gesetze handeln.

Wie sich das Gewissen zum göttlichen Gesetz verhält, ist noch unklar. Angeblich sollte die Freiheit von Werken auch eine Freiheit vom Gesetz sein, nach dem diese Werke ihre Legitimation erhielten. Das hieße, die Gewissen sind Gottes Gesetz gegenüber nicht mehr zum Gehorsam ver­pflichtet. „Wenn wir also von dem Auflösen und Brechen des Gesetzes sprechen, so muß man uns dahin verstehen, daß dessen falsches Verständnis preiszugeben und das wahre festzuhalten sei... Gott hat seine Gebote nicht gegeben, daß der Leib, die Habe oder die Seele umkomme, sondern daß dies in seinen Geboten vor Schaden bewahrt werde. Darum sind sie immer so zu verstehen, daß du gleichzeitig nicht vergessest, daß Gott den Leib geschaffen habe, die Seele und das Gut, und daß er will, du sollest dich darum bekümmern, auf daß, wenn eines davon in Ge­fahr kommt, du nun wissest, daß seine Gebote nicht mehr Gebote sind.“[136] - Wenn ich hiermit die Rechtssachen abtue, wird mir jeder gute Rechtslutheraner vorwerfen, ich unterschlage Luthers bejahende Stellung zur weltlichen Obrigkeit und nicht zuletzt zum gerechten Krieg. Aber davon später.

Alles innere muß sich äußern. Geschieht dies nicht, so ist da was verklemmt. „Fides enim sine operibus mortua est, et nihil valet.“[137] Ein Glaube, der sich nicht durch Handlungen äußert, ist krank. Daß endlich ein neues Verhältnis des Menschen zu seinem Tun fällig ist, liegt auf der Hand, Dessen in beiden, hoffentlich rechten Händen. „Necesse est enim et opera mutari (quanquam foris simillima), ubi tu fueris intus mutatus, ut iam non tua, sed Christi opera in te fiant.“[138] Christi Werk wirkt in mir. Dies ist vermut­lich als Kraft zu verstehen, die unserer Schwachheit aufhilft. Und Kraft braucht jeder zum Schaffen.

Luther stellt altes und neues Werksverständnis gegenüber: „Opera ante fidem esse peccata, solam fidem sine operibus operari remissionem peccatorum, iustificationem et bonam conscientiam. Opera vero post fidem esse fructus iam iustificati hominis ex remissione peccatorum et bona conscientia, hoc est, ex fide et charitate provenientes.“[139] Der Glaube gebiert als Frucht freie Werke. Luther betont etliche Male, daß der Gerechtfertig­te frei und umsonst handelt.[140] „Denn ein jeder muß mit seiner Gabe Gott umsonst dienen.“[141] Er bekommt dafür nichts geschenkt oder bezahlt.

Er braucht es auch nicht, denn er hat schon alles ge­schenkt bekommen, was er haben wollte: Gott selbst hat sich uns geschenkt, und zwar umsonst.[142]

Ein letzter Holzhammerschlag: Opera „Omittenda non sunt, sed facienda (ut sic dicam) secundum substantiam, sed non secundum conscientiam, hoc est, non ut defendentia et iustificantia.“[143] Das Wesen der Werke kommt ins Spiel. Das Wesen von Werken ist, daß sie getan werden. Dennoch scheinen sie uneigentlich zu sein: „Dazu hält dieser Sinn solche Art des Lebens für eine Übung und ein Geschäft, nicht für die Sache und das Wesen selbst. Denn den Glauben hält er für die Sache und das Wesen. Wie der Mensch das Wesen ist, seine Arbeit der natürliche Brauch seines Wesens ist, so benützt der Glaube alle Ge­schäfte und Werke.[144] Wer etwas benutzt, identifi­ziert sich nicht damit. Es kommt alles auf das Wesentliche an, auf die Sache, d.h. also den Glauben. Er und der Mensch sind gleich wesentlich, denn der Mensch ist das Subjekt des Glaubens. Benutzen tut man Objekte. Wer Werke benutzt, sieht Werke als Objekte des Glaubens. Damit besteht eine totale Unterschiedenheit von Person und Werk.

Wenn Luther über Person und Werke redet, meint er es immer bezogen auf deren Qualität. Die Frage für ihn ist, ob ein gutes Werk die Person gut macht, ob ein schlechtes Werk sie schlecht macht - oder ob gute Menschen schlechte und schlechte Menschen gute Werke unternehmen können. Luther erkennt: die Person tut das Werk. Nicht umgekehrt, kein Werk macht eine Person. (Bis auf die cohabitatio von Mann und Frau.) Die Qualität des Werkes muß daher an der Qualität der handelnden Person gemessen werden.

Doch ist diese Qualität gerade unsichtbar, wie der Glaube eben halt innen ist. Jede Äußerung ist grundsätzlich zweideutig. Ein gutes Werk kann ebensosehr geheuchelter Schein sein wie (wenn es aus dem Glauben kommt) Offen­barung von Seiendem. Es herrscht jedenfalls eine Einwegbeziehung zwischen Person und Werk und eine Dif­ferenz von Sein und Schein des Guten, Wesen und Unwesent­lichem, Innen und Äußerlichkeit. Werke zeigen die Person „in den Augen der Menschen” an. Darauf ist kein Verlaß. Gott allein sieht das Herz, die Person, das Wesen. Er allein weiß um gut und böse außer mir selbst.[145] Damit wird das Werk zur Maske vor anderen Leuten, hinter der sich jeder verbergen kann. Dadurch entgeht er den Fehlurteilen anderer Leute über ihn, die ja nichts weiter sehen als Äußerlichkeiten. Damit wird Unabhängigkeit gegenüber dem Gerede der Leute erzielt. Hier liegt nach Augustin wohl einer der ersten Ansätze zu einem theologischen Existentialismus.

Aber die Brüder kommen nicht zu kurz, denn „die evangelische Freiheit herrscht allein in dem, was zwischen Gott und dir selbst sich zuträgt, nicht aber zwischen dir und deinem Nächsten... Denn er duldet es nicht, daß du dich ihm bindest und ver­pflichtest; hat er dich doch in allem gelöst und freige­macht... Aber mit dieser Freiheit hindert er nicht, daß du deinem Nächsten dich verpflichten und binden kannst, weil dein Nächster nicht wie Gott dich geheißen hat, los und frei zu sein.“(1,280) Die Freiheit ist eine innere zu Gott, nicht aber eine äußere zu Menschen. Andere haben ein Recht auf mich: „Gott will nicht, daß diesem, wider seinen Willen sein Recht genommen werde, damit du Gott dienst.“[146] In den Werken, die ja äußerlich und vor den Menschen sind, hat nicht Gott, sondern die Menschen das zugebilligte Vorrecht.

Ja, es wird noch radikaler, gründlicher und von der Wurzel her verstanden: „Es ist aber unmöglich, daß jener wahre Gottesdienst durch den Gehorsam gegen die Eltern und den Dienst am Nächsten verhindert wird, vielmehr ist der Gehorsam selbst und der Dienst am Nächsten der eigentliche und echte Gottes­dienst, den jene durch ihr gauklerisches Narrenspiel vernichten (gemeint sind die Mönche, vgl. S. 25; d. Vf.). Denn was heißt Gott ehren und ihm dienen anders, denn seine Gebote halten? Doch Gehorsam und Liebe zum Nächsten ist geboten.“[147] Wahrer Gottesdienst ist Nächstendienst. Die Nächstenliebe erfüllt das Gesetz Gottes.

Die Liebe wird das Prinzip des Handelns. Damit bekommt das Gewissen seine größte, schönste und wärmste Füllung: „Summa: in dieser Linderung der Gesetze und deren ge­sundem Verständnis gibt es nichts, das sicher ist, außer der Liebe als Richterin“[148]! Mit Paulus: „Seid niemand nichts schuldig, denn daß ihr euch unter einander liebet“ (Rm 13,8). „Nichts also bindet oder kann binden gegen die Liebe und über die Liebe hinaus.“[149]

Nachdem Luther mit größtem Engagement für eine Spaltung der Sphären Sünde, Gesetz, Teufel, Tod, Angst, Werke und andererseits Vergebung, Gerechtigkeit, Gott, Frieden, Freude, Glaube gekämpft hat, kann er endlich das Unter­scheidbare in die genuin christliche Beziehung setzen, in die Liebe. coram Deo und coram mundo, innen und außen, Freiheit und Bindung bleiben bestehen, werden aber ge­rade in der Besinnung auf die Tiefe und Wahrheit des Be­griffs zu der entscheidenden Synthese vermittelt: Liebe.

6) Biographische Aspekte Luthers in psychologischer Sicht

Luther-Biographien gibt es hinreichend viele. Darum will ich diesen Teil mit Kürze würzen. Ich be­schränke mich hier auf die Wiedergabe von Stellen aus der Erikson-Biographie „Der junge Mann Luther“.

Luthers Vater Hans Luder probte den sozialen Aufstieg eines Bauern­sohnes über Bergmann zum Kleinunternehmer. Das fordert zumeist eine große Selbsthärte, denn wer sozial aufstei­gen will, muß sein faules Fleisch anstrengen und kennt keinen Müßiggang. Selbsthärte überträgt man dann flugs auf andere. Was ich mir zumute, kann ich erst recht von anderen verlangen. So war Luthers Vater Hans ein harter Mann. Wir nennen es Aggressivität, er nannte es Gerechtig­keit, die inneren Selbstzwänge anderen aufzubürden. Martin wurde denn auch wie eine „high hat“ mit Rohrstock gedrillt. Erikson erklärt sich daraus die enge Beziehung von Teufel, Hintern und Klo: wer böse war, kriegt Prügel. Auf den Popo. Der Popo hat mit dem Klo engsten Kontakt, auch mit der Schließmuskelarbeit. Böses bewirkt Schmerz auf dem Popo. Als Trotzreaktion antwortet der Popo mit Pupsen usw. Mit dieser Trotzreaktion drückte Luther hinfort seine Verachtung gegen Übermächte aus. Es gibt Bilder, wo er den Papst dieserart belüftet. Auch den Teufel verachtete er so.[150]. Thüringer Bergleute waren abergläubisch. In ihrer Köpfen war der Teufel Realität. Er ging in Bergwerken und allem Unterirdischen umher. Auch im Plumpsklo. Luther hatte oft Angst, aufs Klo zu gehen wegen des Teufels. Er hatte diesen Aberglau­ben natürlich übernommen, da er von klein auf drin aufwuchs.[151]. Später litt Luther zeitlebens unter Ver­stopfung und Harnverhaltung. Die berühmte Offenbarung im Turm, wo Luther den Aha-Effekt der Rechtfertigung durch­lebte, hat sich höchstwahrscheinlich auf dem Klo abgespielt. Die Befreiung durch Gott umfaßte dann also auch den Darm. [152] „Außerdem verliehen die Menschen in damaliger Zeit den Gefühlen, die mit den körperlichen Grundfunktionen verbunden sind, sehr viel offener und deutlicher Ausdruck als wir, ebenso wie sie diese Funktionen in ihr Gefühls­leben mit einbezogen... Wenn wir uns jedoch ernsthaft zu ihnen bekennen sollen, geraten wir in Verlegenheit.“[153]

Hans Luther wollte seinen sozialen Aufstieg mit Ertüch­tigung Martins zum Rechtsanwalt krönen. Darum mußte Martin auf die strenge Lateinschule, in der es am Wochenende Wochenprügel nach Strichlisten gab.[154] Hieran mag Luther gedacht haben, wenn er sich Gottes Gerechtigkeit als ein Buchführen über Sünden gedacht hat, die (wenn auch nicht wöchentlich) im Gericht mit mathematischer Genauigkeit durch Strafen vergolten wurden. Zwar ist dies nicht die Wurzel der Vorstellung, Sünden brauchen Strafen als Gerechtig­keit. Trotzdem lebten die Bengel in Angst vor Samstag, ganz im Gegensatz zum heutigen Schulunterricht, für den Samstag Hoffnungsinhalt ist. Luther sagte, daß die Hölle der Schuljahre einen furchtsam fürs Leben machen könne. Weiß Gott!

Luther hatte Angst, sich gegen den brutalen und jähzor­nigen Vater aufzulehnen. Aber Unterdrückung erzeugt Haß des Kleinen auf den Großen. Luther hat seinen Haß ver­drängt und später erst, dafür aber um so heftiger, nur leider an den dafür Unschuldigen ausgelebt. Seine Werke strotzten vor analer Deutlichkeit und härtester Polemik. Luther hat sich nie völlig von seinem Vater emanzipieren können. Die Angst war zu tief. Die Abhängigkeit war zu groß. Die Selbstgerechtigkeit des Vaters begründete des Sohnes tief verankertes Schuldgefühl, was später seine Anthropologie zur Hamartanologie machte: „totus homo peccator“. Verständlich wird auch die Betonung des Gehorsams.

Ich glaube, es besteht eine Beziehung von Bestialität der Erziehung und der Vorstellung von einem harten Richtergott, der zu fürchten ist. Wie Luthers Vaterverhältnis aus der Zeitbombe von Haßliebe bestand, so ist auch Gott zu für­chten und zu lieben - eine psychopathische Einstellung. Kinder waren Eigentum ihrer Eltern und lebten ganz aus deren Gnade und weit mehr Ungnade. Wenn wir die Erfahrungen bestätigen, daß mein Weltverhältnis (vermittelt durch Erziehung) die Vor­stellungen meines Gottesbildes und mein ganzes Gottes­verhältnis beeinflussen, so wird aus dieser Gnade, die dem Gehorsamen gegeben wird, auch ein Gottesgehorsam mit dem Gefühlsgemisch Strafangst und Gnadenhoffnung. Chris­tus war für Luther sowas wie der Weihnachtsmann mit seinem Sack und der Strafrute bei uns: zum Bangemachen.[155]

„Die ideologische Gewissensstruktur seiner Eltern hatte sich auf Martin übertragen; er vereinigte in sich die mißtrauische Strenge seines Vaters, die Hexenfurcht sei­ner Mutter und beider Interesse, Unheil zu vermeiden und hohe Ziele zu erreichen. Später rebellierte er. Zuerst gegen seinen Vater, um ins Kloster zu gehen. Dann gegen die Kirche, um seine eigene Kirche zu gründen – wobei viele der väterlichen Eigenschaften an ihm zum Vorschein kamen. Wir können nur vermuten, bis zu welchem Grade dieses Ergebnis durch anwachsende Auflehnung und (wenn auch noch so geheimen) Haß in der Kindheit vorbereitet wurde (denn das Gewissen weiß, verzeichnet und zählt alles, wie der mittelalterliche Gott).“[156] „Zunächst müssen wir festhalten, daß der kleine Martin, als er das Haus seiner Eltern verließ, schwer belastet war durch ein äußerst anspruchsvolles Über-Ich, das ihm ein Selbstgefühl nur zubilligen wollte, wenn er gehorsam seine Fähigkeiten einsetzte, und auch das nur, solange er mehr Sohn als Mann, mehr Martin als Luther, mehr Gefolgs­mann als Führer war.“[157]

Mit 14 kam Martin von Mansfeld zur Schule nach Magdeburg, später Eisenach. Musisch tat sich bei ihm was. Mit 17 mußte er zur Uni nach Erfurt, Jura studieren. 5 Jahre später ging er gegen den Willen des Vaters ins Kloster. Luther fand keinen Weg zur Mystik, obwohl er sich nach Vereinigung mit Gott sehnte. „Er konnte seinen Weg zu Gott nicht erfühlen. Tatsächlich mußte dieser so leiden­schaftlich veranlagte Mensch entdecken, daß er überhaupt nicht fühlen konnte - entscheidendes Dilemma der zwangs­gesteuerten Persönlichkeit.“[158] Luther gewann im Wittenberger Augustinerkloster zu Staupitz, dem Obersten, ein herrliches Verhältnis. Es brachte ihm die Neuerfahrung, daß jemand, der eine Vaterrolle übernimmt, auch Verständ­nis und Liebe aufbringen kann, nicht nur Rachedurst. Staupitz konnte Luther zum Lachen bringen. „Humor zeigt den Augenblick an, in dem unser Ich vom tyrannischen Gewissen ein wenig Territorium zurückgewinnt.“[159]

„Luther gehörte zu den vom Wort besessenen, die niemals wissen, was sie denken, bis sie es sich selbst sagen hö­ren, und die niemals wissen, wie fest sie glauben, was sie sagen, bis ihnen jemand widerspricht.“[160]

Luther war ein Mensch, „der seine Affekte bezähmt und seine Rede zurückhält, bis er sich auf einmal entladen und in einem Atemzug verkünden kann, was er ernsthaft meint, was er wirklich durchdacht hat. Um selbst zu wissen, was er denkt, ist solch ein 'totaler’ Mensch darauf angewiesen, die Meinung des Verstandes mit einem Gefühl innerer Über­zeugung zu verbinden.“[161] Luther hatte nach eingehendster Beschäftigung mit Aristo­teles denn auch Thomas und die Scholastik radikal abgetan. „Es ist deutlich, daß Luthers Aufrichtigkeit und die Will­kür der scholastischen Theologen mit ihrer Methode, die Kluft zwischen Glaube und Vernunft durch geschickte Be­griffsspalterei zu überbrücken, weit voneinander entfernt lagen.“[162]

Nachtrag zum Vaterkomplex: „Martins Ringen um Rechtfer­tigung umschloß die Befreiung seines besessenen Gewissens von einem eifersüchtigen Vater und das Freiwerden seines Denkens von der mittelalterlichen Theologie.“[163]

Luther lebte nicht allein mit seinen Eltern auf der Welt. Zum gesamtgeschichtlichen Verständnis muß man auch die Situation der anderen Menschen um Luther herum sehen. „Terror macht den totalen Anspruch totalitär. Nicht immer wurden die Menschen körperlich von dieser Schreckens­herrschaft heimgesucht; man sagte sie vielmehr für eine künftige Welt voraus... Daß ein Mensch stets in Gefahr steht, etwas zu tun, das sein ewiges Seelenheil in Frage stellt, macht seine Stellung und seine innere Verfassung vollkommen abhängig von den Heilsmonopolisten und läßt ihm nur die Identität eines möglichen Sünders... bis dorthin..., wo die Angst um ihr Leben die Menschen so weit treibt, daß einer den anderen verfolgt - was bereits bei den Kindern beginnt.“[164]

Die Renaissance „bedeutete eine umfassende Wiedereinsetzung der Exekutivfunktionen des Ich, besonders was die Sinnenfreude, Übung der eigenen Kräfte und Kultivierung eines guten Gewissens bis dahin zu anthropozentrischer Anmaßung anging. Das alles war der Kirche wieder abgewonnen worden, die des Menschen Neigung zu einem schlechten Gewissen syste­matisch und gewaltsam ausgebeutet hatte.“[165]

Erikson geht auf das Verhältnis von Gewissen und Identität und damit auf den theologischen und den psychologischen Aspekt des Ich ein. „Locus noster, in quo nos cum deo, sponsas cum sponsa, habitare debet..., est conscientia.“[166] „Psychologisch ausgedrückt, ist dies der Platz, an dem das Ich dem Über-Ich begegnet, an dem unser Selbst entweder mit einem positiven Gewissen in inniger Harmonie lebt oder einem negativen entfremdet gegenübersteht... Aber das negative Gewissen kann sich nur dann übermäßig entwickeln, wenn der Mensch nach seiner Identität hungert.“[167] Positives und negatives Gewissen bilden Eriksons Ent­sprechung zu der früher herausgestellten Doppelstrukur im Gewissensbegriff Luthers. Entstehungsgründe und Gestalt des negativen Gewissens habe ich beleuchtet. Es ging bis zur Perversität der Verliebtheit ins Verzweifeln. Für Luther war Anfechtung schließlich ein „Geschenk Gottes: das Gefühl äußerster Verlassenheit, das dem des Verdammtseins nahe kommt ('sicut iam damnatus’[168]). Die schlimmste Versuchung, sagte er jetzt, ist die, keine zu haben.“[169]

Nun zum positiven Gewissen. Der Glaube ist die theolo­gische Bezeichnung hierfür. Glaube wird bezeichnet durch seine Zeichen, die Sakramente. Aber der Akt des Glaubens ist das Gebet. Das Gebet ist ein „Zustand, in dem es ihm tiefernst ist mit etwas, das er nur Gott sagen kann: ’Tibi soli peccavi’.“[170] Das Gebet hat eine Passivitäts­dimension, die ähnlich der „frühesten, am meisten vernachlässigten Aktivität“ ist: von der Mutter gelehrt zu wer­den, „die Welt mit seinem suchenden Mund und seinen tas­tenden Sinnen wahrzunehmen.“[171] Gesteigerte Passivität ist nun wirklich nicht mehr mit Schlaffheit, Faulheit oder dem Objektsein des Behandeltwerdens zu verwechseln. Eine derartige Passivität wie im Gebet ist vielmehr Offen­heit der Wahrnehmung und des Mundes. Solche Passivität ist nur dem Aktiven möglich, dem Interessierten, dem, der dabei ist, bei der Sache. Gesteigerte Passivität ist nicht möglich, wenn sie nicht gleichermaßen gesteigerte Aktivität ist. Ergriffenheit hat gerade diese Bedeutung; Ergriffensein geschieht an mir, der Ergriffene aber ist höchst aktiv. „Man meint die Ergriffenheit ernst, sie tut etwas Bedeutungsvolles kund - sie ist bedeutsam... Dann wird das, was uns innerlich bewegt, zum Kennzeichen eines positiven Gewissens: Glaube, Überzeugung, gerechter Zorn, alles subjektive Zustände, die Merkmale eines starken Identitätsgefühls und außerdem unentbehrliche Werkzeuge sind, um die Identität in andern zu stärken.“[172]

Eine weitere Passivität war Luthers Umgang mit der Bibel. „Luthers Art, sich der Bibel zu nähern, bestand darin, in zwei Richtungen zu horchen - auf das Wort aus dem Buch und auf das Echo in sich selbst. 'Das Wort Gottes wird für dich das sein, wofür du eingerichtet bist'.“[173]

Das bedeutet: das Wort Gottes an mich entspricht mir zu­tiefst. Gottes Anspruch ist Entsprechung. Indem ich auf den Anspruch Gottes höre, entdecke ich mich selbst neu in seinem Wort. Indem ich mich in die Passivität des Offenseins für Gottes Wort stelle, werde ich offen für mich selbst. Dadurch wird die Begegnung mit Gottes Wort zu einer neuen Identitätserfahrung mit mir selbst. Das Gebet hat im Vergleich zum Bibellesen nur noch mehr an Unmittelbarkeit. Es ist Begegnung mit Gott selbst. Be­gegnung mit Christus. Damit ist die Passivität zu Chris­tus Neuentdeckung meiner selbst. „Christus wurde nun Kern der christlichen Identität.“[174]

Wie sieht diese neue Identität aus? Luther drückt sich paradox aus, bewußt paradox: „totus homo peccator” und „totus homo iustus“. Positives und negatives Gewissen haben zwei auseinanderstrebende Tendenzen. Anfechtung kapselt mich zusammen; Glaube tut mich auf. Anfechtung ist taub, will nichts mehr hören und wühlt in sich mit aller Kraft. Gerade das aber ist Getriebensein von den Gründen der Anfechtung, den lüsternen Fleischestrieben und den harten Über-Ich-Zwängen. Anfechtung ist aktives Austragung des völligen Passivseinmüssens. Glaube ist das Finden der Wurzel meines Aktivseinkönnens durch die weitestmögliche Hingabe an Gott als gesteigerte Passivi­tät. - Beides besteht also aus der Beziehung von Aktiv und Passiv. Nur genuin unterschiedlich.

Kann man in sich positives und negatives Gewissen zur Synthese bringen? Schuldzwänge lähmen. Glaubensmut macht rege. Es läßt sich nicht gleichzeitig denken, gelähmt und rege zu sein. Doch Luther erlebte Gebet oft als Kampf Christi mit dem Teufel. Er lebte die Auseinandersetzung voll Anfechtung und Glaube, er lebte in ihr. Spannungen können am ehesten als Wechsel von Aktualität und Latenz beschrieben werden. Es gibt ein ständiges Wogen. Mal überwindet Schuldgefühl die Freude in Gott, mal läßt die Übergröße der Geborgenheit in Chris­tus gar keine Schuldgefühle mehr aufkommen. Dabei liegt aber das eindeutige Hauptgewicht auf der Freude an und in Gott. Anfechtung ist als solche nur zu ihrer Überwin­dung da. Sie vermittelt mir das Identitätsbewußtsein des Sünders. Wenn gerade darauf Glaube siegt, so kann er es nur mit dem Inhalt: als Sünder bin ich gerecht. Gott liebt mich nicht unter Absehung meiner Sünde, sondern im So-Sein.

Erst das weiterbestehende negative Gewissen macht die existentielle Erfassung dieser Aussage möglich. Wer sich selbst nicht mehr als Sünder erfährt, realisiert auch nichts mehr von der Hochspannung der Rechtfertigung. Damit radikalisiert das negative Gewissen das positive Gewissen. Ich erfahre in vertiefter Weise mich selbst als den gerade als Sünder von Gott Angesprochenen und Bejahten. Das Gute an Gott ist, daß er die Sünde als das Böse haßt, aber die Sünder als die Bösen liebt.

Gott liebt nicht unter Absehungen, also abstrakt und damit letztlich beziehungslos. Gott liebt unter Ansehung der Person, der Ganzheit des Sünders. Der Sünder ist Gott recht. Der Sünder ist gerecht. Hierin ist das ne­gative Gewissen der Schuld aufgehoben in das positive Gewissen, das nun keine Schuld mehr verdrängen muß, um die Freude zu behalten. Die unzulässigen Abstraktionen von Identität werden zum Begriff gebracht, der sie er­setzt. Ich bin nicht Sünder. Ich bin nicht Glaubender. Dies wäre alte Einseitigkeit. „Ich glaube. Herr, hilf meinem Unglauben!“ Wer sich ganz als Sünder begreift und die Liebe Gottes zu seiner Ganzheit erfährt, der erfährt sich als mehr, als er vorher war.

Es ist ein „Sachverhalt..., daß das Ich in dem Grade Kraft erlangt, in dem es zugleich die totale Macht der Triebe und des Gewissens anerkennt - vorausgesetzt, daß es jene Verbindung von Werken und Liebe (die Luther ’opera manuum dei’[175] nannte) aufrechterhalten kann, die allein unsere Identität verwirklicht und bestätigt. Unter diesen Bedingungen wird scheinbare Unterwerfung zu Beherrschung, scheinbare Passivität zu Be­freiung neuer Kräfte für aktives Tun.“[176]

 

Überleitung

Die folgende Überleitung zur Ausleitung soll den bisher angesprochenen Fragenkomplex noch einmal in problemsystematischer Hin­sicht zusammen stellen und ich bemühe mich darum, die falschen Alternativen, die in sich wohl logisch richtig sind, aufzuheben in das, was ich bisher als mein Leben und das Leben anderer erfahren habe. Der Sinn der Überleitung ist die Hinführung unserer bisherigen Aussagen zum Ziel der Arbeit: etwas zur Theo­rie und Pragmatik der katastrophalen Zustände bei der KDV zu sagen.

Der folgende Teil versucht Gewissen in der Spannung von Fremdherrschaft und Selbstverwirklichung zu bestimmen und an einen neuen Platz zu stellen, der aus den Aporien von Gesellschaftsprodukt und elfenbeintürmernem Selbst­seinkönnen als Bestimmung des Menschen hinüberführt zum Glück.

A)  Existentiale Deutung

a)  Gewissen als Ruf der Sorge vom Man zum Selbst

„Wenn in tiefer Winternacht ein wilder Schneesturm mit seinen Stößen um die Hütte rast und alles verhängt und verhüllt, dann ist die hohe Zeit der Philosophie. Ihr Fragen muß dann einfach und Wesentlich werden.“ So reüssiert Heidegger in seiner Schwarzwaldhütte von Todmoos.[177] Hören wir uns nun denn diese Ein­fachheit einmal an, von der Adorno sagt: „Philosophische Banalität entsteht, wo dem allgemeinen Begriff jene ma­gische Teilhabe am Absoluten zugeschrieben wird, die seine eigene Begrifflichkeit Lügen straft.“[178] Sein und Zeit „gehört mitten hinein in die Arbeit der Bauern“[179], es wurde nämlich im Südschwarzwald geschrieben, - und ist allein schon dadurch erhaben über den Vorwurf, '‘abseitige Beschäftigung eines Sonderlings” zu sein. Doch lassen wir den Dichter der Holzwege selbst zu Worte kommen, er spricht für sich: „Das Gewissen erschließt”, d.h., „daß es in irgend einer Weise einem etwas zu verstehen gibt.“[180] „Das Sein­können, als welches das Dasein existiert, hat sich je schon bestimmten Möglichkeiten überlassen. Und das, weil es ein geworfenes Seiendes ist.“[181] Dies ist gut zu verste­hen. Nur die bäuerliche Terminologie irritiert. Geworfensein heißt ja doch nichts anderes als ein Wurf seiner Mutter sein. Ein menschlicher Wurf, besser: ein Baby, ist ohne eigenen Willen, völlig passiv, zu einem Seienden von der Art des Daseins gemacht worden, was später sagen lernen muß: ich bin. Es existiert durch sein Geworfensein von der Mutter. Und zwar so, daß ihm seine Existenz als etwas nur ihm zukommendes, quasi Pri­vatbesitz, den ich von nun an besorgen muß und für ihn ohne meine vorherige Unterschrift dazu noch verantwortlich bin, gemacht wurde. „Das Sein dieses Seienden ist je meins” ist die Aussage der Jemeinigkeit.[182] Geworfensein ist Faktizität (= Gemacht sein), denn ein Baby wird erst ge­macht durch die Erzeugung und dann weiter gemacht durch die Erziehung. In der Erziehung werden bestimmte innewohnenden Möglichkeiten und Fähigkeiten verdorben oder gefördert, damit werden meine Seinsmöglichkeiten von der Um­welt begrenzt. Und zwar so, daß ich gar nicht zu mir selbst komme, sondern alle Verhaltensweisen ('Verhaltungen’ bei Heidegger) und Gedanken, alles was ich bin, kann und tue, nur die von anderen andressierten Seinsmöglichkeiten eines anderen als ich sind. Ich lebe nicht mein Leben, sondern werde gelebt.[183] Aber was gelebt wird, bin ich. Meine Existenz, mein Dasein, wird gemacht vom Man, meiner Umwelt. Ich werde definiert, beschränkt und begrenzt in meinen Möglichkeiten. Ich lerne vieles nicht, was mir genuin entspricht. Die Möglichkeiten, die zu leben mich verwirklichen würden als mich selbst, werden durch Normen (das tut man nicht!) unverwirklicht gelassen und das heißt oft: verwirkt. Klavierspielen z.B. könnte für gerade ein bestimmtes, sehr musikalisches Arbeiterkind die ureigenste Selbstverwirklichung einer seiner ihm entsprechenden, innewohnenden Möglichkeiten darstellen, die Eltern haben aus Armut aber kein Klavier.

Dadurch wird das Arbeiterkind um eine seiner eigensten Seinsmöglichkeiten gebracht (und damit um sich selbst gebracht!). Statt dieser latenten Möglichkeit des Selbst­seins lernt es aber in der Bundeswehr schießen und kann auf diese Möglichkeitsart seinem Bedürfnis nach Liebe Ausdruck geben[184], das sonst musikalisch vermittelt worden wäre. Auf diese Weise werden Seinsmöglichkeiten verwirk­licht, die mir gar nicht entsprechen. Uneigentliche (d.h. unentsprechende, mir nicht genuin eigenste) Möglichkeit werden in mir von der Umwelt, dem Man, auf Kosten von meiner Eigentlichkeit, den mir eigensten Seinsmöglichkeiten verwirklicht. So bin ich geworfen und Wurf meiner Mutter. „Das Gewissen erschließt” heißt: bringt das Dasein zum Verstehen seines Daseins und Seins, macht mich mir als mich bewußt. Ich gelange zu Selbstbewußtsein. Zum Bewußtsein, dessen, was ich bin und was ich nicht bin, was ich aber leben muß und was ich nicht leben kann, weil ich es mir noch nicht bewußt gemacht habe, wer ich bin. Mit diesem Bewußtsein meiner selbst kann ich mich dann aktiv auf meine eigensten Seinsmöglichkeiten hin entwerfen, zu mir selbst gelangen, das tun, was ich bin und was ich will. So kann ich frei werden von meiner Definiertheit durch das Man und frei werden zu einer neuen Selbstdefinition. Ich wähle mich und entwerfe mich auf meine Eigentlichkeit und meine ureigensten Seinsmöglichkeiten hin. Dazu ist das Gewissen das Phänomen, was mir dies zu verstehen gibt.

Durch das Verstehenkönnen „weiß das Da­sein, woran es mit ihm selbst ist, sofern es sich auf Möglichkeiten seiner selbst entworfen hat, bzw. sich sol­che, aufgehend im Man, durch dessen öffentliche Ausgelegtheit vorgeben ließ... Sich verlierend in die Öffent­lichkeit des Man und sein Gerede überhört es im Hören auf das Man-selbst das eigene Selbst... Dieses Hinhören muß gebrochen werden, das heißt es muß ihm vom Dasein selbst die Möglichkeit eines Hörens gegeben werden, das jenes unterbricht. Die Möglichkeit eines solchen Bruchs liegt im unvermittelten Angerufenwerden... Was dergestalt rufend zu verstehen gibt, ist das Gewissen... Jedes Aussprechen und Ausrufen setzt schon Rede voraus... Das Man-selbst des besorgenden Mitseins mit Anderen wird vom Ruf getroffen. Und woraufhin wird es angerufen? Auf das eigene Selbst... Weil nur das Selbst des Man-selbst angerufen und zum Hören gebracht wird, sinkt das Man in sich zusammen... Gerade im Übergehen stößt er das auf öffentliches Ansehen erpichte Man in die Bedeutungslosigkeit... Dem angerufenen Selbst wird nichts zugerufen, sondern er ist aufgerufen zu ihm selbst, das heißt zu seinem eigensten Seinkönnen.... Das Gewissen redet einzig und ständig im Modus des Schweigens... (und) zwingt das an- und aufgerufene Dasein in die Verschwiegenheit seiner selbst... Das Dasein ruft im Gewissen sich selbst... Der Ruf kommt aus mir und doch über mich.“[185] Es geht über zu einer Prise schon angedachten Existentialismus: „Es ist kein frei schwebendes Sichentwerfen, sondern durch die Geworfenheit bestimmt als Fak­tum des Seienden, das es ist, wurde es je schon und bleibt es ständig der Existenz überantwortet... Als geworfenes ist es in die Existenz geworfen. Es existiert als Seiendes das, wie es ist und sein kann, zu sein hat.“[186] Das muß man merken. Man muß sich selbst entdecken. Man muß sich, so wie man gerade ist, finden. Man findet sich in seiner Befindlichkeit, in jeweiligen Stimmungen. „Zumeist aber verschließt der Stimmung die Geworfenheit. Das Da­sein flieht vor dieser in die Erleichterung der vermeint­lichen Freiheit des Man-selbst. Diese Flucht wurde ge­kennzeichnet als Flucht vor der Unheimlichkeit, die das vereinzelte In-der-Welt-sein im Grunde bestimmt. Die Un­heimlichkeit enthüllt sich eigentlich in der Grundbefind­lichkeit der Angst.“[187] Das Wovor der Angst ist „das Nichts der Welt, vor dem es sich ängstet in der Angst um das eigenste Seinkönnen.“[188] Hier kommt es heraus. Der Kern tut sich auf. Kierkegaardsches Erbe raunt herum in Heideggers Gruselkabinett. „Angst um sein Seinkönnen“ ist nicht nur ein Phänomen des Spätkapitalismus, wie Bloch meint [189], aber ganz bestimmt auch Angst des Konkur­renzkampfes, getrieben vom übermächtigen Apparat und Ver­waltungsbürokratismus des Monopolkapitals. Wir sahen aber, daß Angst auch schon im Heilsmonopolismus der mittelal­terlichen Sklavenhalterkirche kultiviert wurde, das gibt Heidegger recht in seiner sonst unzulässigen Verallgemei­nerung, seine Existentialontologie befasse sich mit dem Sohlechthinnigen, Jeseienden, überhaupt auch. Weiter im Text: „Unheimlichkeit ist die obzwar alltäglich verdeck­te Grundart des In-der-Welt-seins... Der durch die Angst gestimmte Ruf ermöglicht dem Dasein allererst den Ent­wurf seiner selbst auf sein eigenstes Seinkönnen... die Unheimlichkeit setzt dem Dasein nach und bedroht seine selbstvergessene Verlorenheit.“[190] Halten wir dieses fest: das Mit-Sein im Man geschieht in selbstvergessener Verlorenheit. Heidegger bestimmt das Phänomen der Sorge - wider jedes Vulgärverständnis - als „Sich-vorweg-schon-sein-in-(der-Welt-) als Sein-bei (innerweltlich begegnen­dem Seienden).“[191] „Das Gewissen offenbart sich als Ruf der Sorge: der Rufer ist das Dasein, sich ängstigend in der Geworfenheit (Schon-sein-in...) um sein Seinkön­nen. Der Angerufene ist eben dieses Dasein, aufgerufen zu seinem eigensten Seinkönnen (Sich-vorweg...). Und aufge­rufen ist das Dasein durch den Anruf aus dem Verfallen in das Man (Schon-sein-bei der besorgten Welt).“[192]

Rufer und Angerufener sind identisch. Ich rufe mich. Und ich rufe mich zu mir. Wo bin ich? Ich bin hier und gleichzeitig mir vorweg als noch unverwirklichter Ent­wurf meines Ich mit allen meinen eigensten Seinsmöglich­keiten. Ich rufe mich von hier, wo ich ganz und gar Ge­machter bin, zur Besinnung auf ein zukünftiges Ich-Sein, das nicht mehr nur aus Gemachtheit besteht. Ich will nicht länger nur gelebt werden, ich will selbst leben. Laßt mir mein Leben. Bringt mich nicht um mein Leben, denn dadurch bringt ihr mich um. Ich bin betrogen um all das, was ich hätte sein können, aber nicht gemacht habe, weil es die Umstände und eure Erziehung nicht zuließen. Ich habe Angst, zu kurz gekommen zu sein. Ihr habt mich um mich selbst gebracht, nun will ich zu mir kommen. Zu mir, nicht zu dem Bild, was ihr euch von mir gemacht habt.

„Das Woher des Rufens im Vorrufen auf... ist das Wohin des Zurückrufens.“[193] In der Angst taucht zum ersten Mal mein Ich auf, das mich zu sich bringen will. Und ich bin noch im Man.

Jedes Gewissen spricht irgendwie von Schuld. Was ist das? Weder ein Zurückgebensollen von etwas an einen anderen, worauf dieser Anspruch hat, noch Ursache sein für etwas. Nichteinmal eine „Verletzung einer 'sittlichen Forderung'“, das „Schuldigwerden am Anderen“, „daß ich Schuld habe da­ran, daß der Andere in seiner Existenz gefährdet, irrege­leitet oder gar gebrochen wird.“[194] Denn Heidegger „formalisiert“ „die Idee von 'schuldig' soweit.., daß die auf das besorgende Mitsein mit Anderen bezogenen vul­gären Schuldphänomene ausfallen... (und) auch abgelöst werden von dem Bezug auf ein Sollen und Gesetz... Denn auch hier wird die Schuld notwendig noch als Mangel be­stimmt, als Fehlen von etwas, was sein soll und kann.”[195] Dies wäre Schuld aus der Sicht des Man. Aber diese Sicht ist von Übel. Das Man würde mir hier doch nur sagen, wo es von mir um sein Recht gebracht ist, Man zu sein. Schuld als Verwirkung von Seinsmöglichkeiten ist nur da Mangel, wo vorher schon etwas war, was jetzt fehlt. Der Ausgangsgedanke wäre dann die Wirklichkeit, die durch Verschulden modifiziert wird. Aber der Ruf der Sorge ruft nicht auf zur Wirklichkeit des Man, sondern zur Möglichkeit des noch unverwirklichten Ich. Sorge aber entsteht in der Angst, in der Wirklichkeit um die Möglich­keit gebracht zu werden. Sorge sorgt sich zwar an der Wirklichkeit, aber um die möglicherweise vernichtbaren Möglichkeiten zum Igelhaus des Selbst. Der Seinscharakter der Existenz ist eben nicht das schlichte 'da bin ich', sondern das zur Verantwortung für seine Zukunft gerufene 'Was kann ich werden'.

Dennoch „liegt in der Idee von 'schuldig' der Charakter des Nicht'', wenn auch nicht als Vernichtung eines schon Wirklichgewesenen. Denn „das Dasein (soll) überhaupt nicht an einem Vorhandenen oder Geltenden gemessen werden“[196]. Das ist recht so. Maßstab unseres Seins ist nicht die Wirklichkeit, sondern Wir, wie wir werden können, also die Kategorie Möglichkeit! Wer von Möglichkeiten redet, darf allerdings nicht vergessen, daß deren archimedischer Punkt beim Zusammen­treffen mit der Wirklichkeit des Man die Verwirklichung der Möglichkeit ist. Wer von Seinsmöglichkeiten spricht, ohne von ihren Verwirklichungen zu reden, denkt närrisch. „Seiend ist das Dasein geworfenes, nicht von ihm selbst in sein Da gebracht. Seiend ist es als Seinkönnen bestimmt, das sich selbst gehört und doch nicht als es selbst sich zu eigen gegeben hat. Existierend kommt es nie hinter seine Geworfenheit zurück, so daß es dieses 'daß es ist und zu sein hat' je eigens erst aus seinem Selbst sein entlassen und in das Da führen könnte.“[197] „Ob es den Grund gleich selbst nicht gelegt hat“, „ist es existierend der Grund seines Seinkönnens.“[198] Und zwar so, „daß es sich auf Möglichkeiten entwirft, in die es geworfen ist.“[199] „Grund-seiend, das heißt als ge­worfenes existierend, bleibt das Dasein ständig hinter seinen Möglichkeiten zurück. Es ist nie existent vor seinem Grunde, sondern je nur aus ihm und als dieser. Grundsein besagt demnach, des eigensten Seins von Grund auf nie mächtig sein.“[200] Ich bin gemacht, aber meines Gemachtseins nicht mächtig. Alles, was ich mache und aus mir mache, kommt nur darum, weil ich gemacht bin.

Weil mein Dasein aber wesentlich Sorge ist, das mich denken von meinen Möglichkeiten her, bin ich so gemacht, daß ich etwas aus mir mache. Aber was? „Seinkönnend steht es (das Dasein) je in der einen oder anderen Möglichkeit, ständig ist es eine andere nicht und hat sich ihrer im existenziellen Entwurf begeben.“[201] In der Entscheidung für eine Sache treffe ich gleichzeitig damit die Ent­scheidung gegen eine Unzahl hierdurch verunmöglichter Sachen. „Die Freiheit aber ist nur in der Wahl der einen, das heißt: im Tragen des Nichtgewählthabens und Nichtauchwählenkönnens der anderen... Die Sorge selbst ist in ihrem Wesen durch und durch von Dichtigkeit durchsetzt.“ Meine Schuld ist, mich durch Wahl des einen für die Vernichtung ganz vieler anderer Möglichkeiten zu ent­scheiden. Durch Wahl eines Teiles meiner Zukunft vernichte ich den Rest. Das Gewissen macht mir das bewußt. Im Ruf und durch das Anrufverstehen vollzieht sich die „Kenntnisnahme des Faktums schuldig.“[202] Jedes Handeln ist Möglichkeitsvernichtung. Darum ist jedes Handeln schuldig. Wer zum Handeln aufruft, muß auch zur Schuldigwerdung aufrufen. So wird das „Aufrufen zum Schuldig sein“ der Aufruf zum Handeln, der Aufruf zum Ausgang aus der Un­mündigkeit zu einer Autonomie des Selbstentwurfes. „Das Dasein ist rufverstehend hörig seiner eigensten Existenz­möglichkeit. Es hat sich selbst gewählt.“[203]

„Was sind das für Zeiten, wo ein Gespräch über Bäume fast ein Verbrechen ist, weil es ein Schweigen über so viele Untaten einschließt.“[204]

b)  Gewissen als Ruf Gottes (Ebeling)

Heidegger bekommt nun eine theologische Rüge. Es ist nicht gut, daß er sich in seine Schneesturmhütte für hohe Zeit der Philosophie verkrochen hat. Damit läßt er die Brüder allein - aber er hat ja keine, denn sein Sein ist er ganz allein. Lassen wir ihn bei sich, wenn er meint, damit seine eigensten Seinsmöglichkeiten gewählt zu haben.

Wie versteht Gerhard Ebeling das Gewissen? „Denn das am eigenen Ich sich ereignende Glauben ist ja gerade der meine ganze Existenz, mein Personsein betreffende Herr­schafts- und Führungswechsel. Beides ist dem Glauben gleich wesentlich: sein göttlicher Geschenkcharakter und dies, daß er je mein Glaube ist, nur dann wirklicher Glaube ist, wenn er als Glaube verantwortet wird, im Einsatz der Person, in einem unvertretbaren eigenen Glauben.“[205] Auch hier Jemeinigkeit, aber so, daß es mir geschenkt ist, Ich meines Glaubens zu sein. Geworfenheit wird fundamental anders gedeutet als Geschaffensein und sich selbst geschenkt sein.

„Der Glaube macht den Glaubenden frei.“[206] Die Freiheit des Glaubens „besteht darin, daß der Mensch befreit ist von der Sorge. Das gilt sicher in dem konkreten Sinn des Nichtsorgens um Essen, Trinken und Kleidung und um den morgigen Tag. Es gilt dies aber, auf seinen tieferen Grund gesehen, infolge der aus dem Glauben eröffneten Freiheit von Schuld und Tod. Und diese Freiheit wiederum erweist sich letztlich als eine Freiheit des Menschen von sich selbst. Denn die Sorge, die unfrei macht, ist ja die Sorge des Menschen um sich selbst.”[207] Sie äußert sich im Sichrühmen und in Verzweiflung. Sichrühmen verdrängt die Sorge, bewältigt sie aber nicht. Verzweiflung ist ein Sich-klammem-an-sich-selbst. Beides aber ist Selbstsucht. „Die wahre Freiheit des Menschen besteht darin, daß er sich selbst von anderswoher empfängt, daß er sich nicht sich selbst verdankt, nicht sein eigener Schöpfer ist und darum auch nicht sich selbst von sich selbst zu be­freien vermag.“[208] „Denn das ist das Geheimnis des menschlichen Personseins, daß es in Wahrheit ein von anderswoher Gerufensein ist, ein Existieren in Antwort und als Antwort, und daß darum der Mensch nur dann ganz er selbst ist, wenn er nicht gefangen ist in sich selbst, sondern den eigentlichen Grand seiner Existenz außerhalb seiner selbst hat.”[209] „Der Glaube hat mit der Frage zu tun, wo der Mensch seinen Ort hat... im Glauben (ist) diese Frage nach dem Wo des Menschen damit beantwortet, daß er nicht seinen Ort in sich selbst hat, sondern in Christus.”[210] „Der Glaube zielt auf gar nichts anderes ab als darauf, den Menschen zu seiner wahren Menschlich­keit zu bringen, ihn nichts anderes als Geschöpf Gottes, Kind Gottes sein zu lassen... darum entscheidet der Glau­be über das, was jeden Menschen angeht.“[211] Weil jeder Mensch, ob er will oder nicht, ob er es weiß oder nicht, auf Gott hin von Gott geschaffen ist, des­halb kommt er erst da voll zu sich, wo er zu Gott kommt.

c)   Gewissen als Relationsgeschehen von Gott und Mensch

Wenn es Gott so gibt, wie christliche Tradition glaubt bezeugen zu müssen, dann besteht zwischen ihm und uns das Verhältnis von Grund und Begründetem. Gott hat danach den Menschen geschaffen sich zum Bilde. Das Wesen des Menschen liegt dann im Bilde Gottes begründet. Da ein Grund dem Begründeten vorausgeht, war Gott dann vor dem Menschen. Wenn der Mensch von Gott nach seinem Bild und das heißt nach sich selbst geschaffen ist, ist in Gott selbst schon das Wesen des Menschen begründet. Die Erschaffung des Menschen folgt erst auf das Wesen des Menschen. Die essentia geht der existentia voraus.

Der atheistische Existentialismus behauptet das Gegen­teil: Der Mensch ist, bevor er selbst sein Wesen er­schafft. Der Grund seines Existierens aber ist damit unaufgehellt. Der Mensch kann sich selbst formen. Der atheistische Existentialismus weiß, wie geformt der Mensch schon von Anderen ist, bevor er sich überhaupt selbst zu formen beginnen kann. Nur hält er diese Formung von den Andern her für unwesentlich. Wesentlichkeit will er durch Aktivität des betreffenden Wesens erreichen.

Christlicher Existentialismus ist genauso bemüht, falsche Formen aufzuheben. Er besinnt sich dabei aber nicht auf sich selbst und sein Wesen und Sein, indem er nur sich selbst reflektiert - das zwar auch, aber mit Negativ­erfahrungen - sondern erfährt sich selbst erst da als erfüllt, wo er auf seinen Grund bezogen lebt. Erst und gerade durch Gott wird mir bewußt, wer ich bin.

Das Gewissen des atheistischen Existentialismus ist monologisch aufgebaut. Es besteht aus Selbstreflexion. Ein solcher Mensch ist ganz in und auf sich bezogen. Für ihn gibt es Außen und Innen. Das Gewissen hat die Funktion, beides zu trennen. Das Äußere wird entwertet, das Innere kultiviert und geschützt. Gewissen ist hier das Verständnis von mir.

Gewissen in christlicher Sicht ist das Verständnis von mir mit Gott. Wer Gott glaubt, lernt sich neu verstehen. Er lebt dialogisch, ist nicht anders auf sich selbst bezogen als durch die eigenste Seinsmöglichkeit des Dialoges und der völligen Hinwendung des Blickes aus dem Spiegel des Schminktischchens zu Gott. Vor Gott redet er unverblümt und entfernt seine Schminke, damit er schöner wird. Denn Gott mag ihn so am liebsten, wenn er auch noch so häßlich und aussätzig sein mag. Er wird sich seiner selbst erst bewußt, wenn er mit Gott redet. Er weiß sich als unersetzbar für Gott und nicht einmal vertretbar. Nur Gott selbst vertritt ihn, wenn seine Aktivität erschöpft ist.[212] Er stellt seine Fragen an Gott, hat kein Selbstgespräch nötig. Ja, er mag sich selbst abscheulich finden, durch Gott wird er lernen, sich zu lieben. Seine Haltung ist Offenheit. Sein Hören geht nach innen und außen, denn er hat von Gott gelernt, daß er selbst, nicht nur Gott allein, Redender ist. Gewissen muß nicht Herrschaftsinstrument Gottes über mich sein, muß kein religiöses Über-Ich sein. Erst recht muß es nicht Einwegkanal sein wie unsere Radios. In unserem Gewissen ist die Stimme Gottes, sagte die Tradition. In unserem Gewissen ist unsere Stimme, sage ich dazu. Gewissen ist dann dialogisches Bewußtsein, denkt immer im Gespräch. Seine Fragen sind nicht nur formal, in beiden Richtungen nicht. Und seine Antworten sind mehr als schon immer Gewußtes. So ein Gewissen hat nichts von dem Nullbewußtsein der schon im Leben Toten. Allein wäre so ein Gewissen muffelig. Es ist nur glücklich, wenn es sich verschenken kann. Es kann stolz sein auf Gott.

Dieses Gewissen befreit sich zuletzt auch vom klerikalen Man theologischer Heils- und Gottesmonopolisten und ist sich klar, daß man Gott aus Büchern und Kanzeln weniger kennenlernt als durch sich selbst und Gott.

An Luther sahen wir, wie das Gewissen Ort der Emanzi­pation von aufgezwungenen Gottes- und Menschenlehren ist. Die Werkemoral, die alle Menschen in Gewissensbisse stürzte, konnte gerade da, wo die Gewissensbisse ent­standen, im Gewissen also, überwunden werden. Ein mit Gott lebendes Gewissen ist deshalb gesund und stark zur Behauptung der eigenen Person. Vor anderen Menschen hätte Luther nicht von Versündigung geredet, nur Gott sagt er das. Gott gewinnt damit eine Ausschließlichkeit, die für den auf ihn bezogenen Menschen zu einem Leben-können unter Ausschluß der Öffentlichkeit wird. Die Intimsphäre der Existenz ist gesichert und nicht mehr den fremden Zugriffen von Normsetzenden überantwortet.

Wir wissen aber auch, daß eine solche Eigenständigkeit vielen das Leben genommen hat. Jesus und die Märtyrer und Ketzer und Camillo Torres und Martin Luther-King sind da unsere ganz großen Brüder. Sie erfuhren von Gott ganz sicher keine ständigen Beleidigungen und selbst­zerstörerischen Schuldqualen. Gerade alles was Schuld war - Verstöße gegen die Sklavennorm der klerikal-patriarchalen Gesellschaft und selbst Heideggersche Schuld als die Erfahrung der Dichtigkeit meines Seins in Gegen­wart und Zukunft - alles wurde von Gott genommen, indem Gott uns mit unserer Schuld nimmt. Aus dieser Relation kommt dann Widerstand gegen Herren und Selbstherrlichkeit. Diese Relation übt Menschen in ihrer Intimsphäre darauf ein, sozial leben zu lernen, also mit Brüdern. Und zwar nicht durch Anpassung an deren Willen und Normen, sondern durch die Fähigkeit zu einer Begegnung des Selbst, statt des Man-selbst. Menschen lernen mit Gott, so sein zu kön­nen, wie sie sind. Dann bauen sie soziale Zwänge ab. Sie leben mit den Brüdern nicht mehr nach überholten Normen, sondern nach Gott - und das heißt menschlich: nach sich selbst.

Die so süße Verzweiflung und Selbstverdammung des Menschen hebt Gott, wenn er Gott ist, auf und bringt den Beladenen einen aufrechten Gang bei. Wenn Gott für uns, so trete gleich alles wider mich.[213] Gott ist für uns. Mit dieser Erkenntnis wird mein Selbstsein in Gott mit Gott gerade zum Grund und zur Befähigung sozialer Existenz mit Brüdern.

B) Soziale Deutung

a) Andere machen mich

Diese Feststellung ist mehr als banal: wahr. Es fängt an mit dem Geschlechtsverkehr meiner Eltern. Meine Geburt ist ein entscheidender Schritt meiner Entwicklung. Ich kann zwar schon vorher beeinflußt werden, und zwar so, daß ich es nicht kann, weil nämlich ich es nicht bin, denn die Beeinflussung beabsichtigt, mich nicht zu einem Ich werden zu lassen. Das ist humaner, als mich zu einem Ich-sein-sollen zu zwingen, mir aber nicht die Möglich­keiten gibt, so zu sein, wie ich sein muß, um Ich zu sein.

Aber die meisten treiben lieber nicht ab und entwickeln sich Kinder heran, denen die Hölle schon auf Erden wird. Hölle kann man die Erziehungsweisen nennen, die bei uns und auch noch anderswo gehandhabt werden. Schläge, Strafen durch Ironie, die Kinder nicht verstehen, Zitieren von der Möglichkeit des Internats oder der Erziehungsanstalt, Weigerung, Schulbesuch noch weiter zu finanzieren, Sperrung der Unterhaltskosten im Studium - dies sind neben Kindes­mißhandlung die gebräuchlichen Mittel, mit den Rotznasen 'fertig zu werden'. So hat man es von den eigenen Eltern erfahren und hat eine nachhaltige Schule an ihnen gehabt. Denn Strafen sollen Lernprozesse fördern. Einer der unbeabsichtigten Lernprozesse in diesem Lernen durch Strafen ist das Strafen als Förderung von Lernprozessen selbst. Später setzt sich das Strafen durch Einträge ins Klassenbuch, Lächerlichmachung vor den Mit­schülern, Strafarbeiten und Schulentlassungen in der 'schulischen Ausbildung' fort. So lernen künftige Lehrer die Grundlagen ihrer Didaktik als schwarze Pädagogik schon von klein auf. In der Lehre kann man fliegen - ist wirklich 'nur fliegen schöner'? Auf der Uni gibt es neben Verfassungsschutz und Seminarausweisungen auch Studienverbot. Später im Beruf droht einem wieder die Zwangsentlassung und das Berufsverbot. Die Juristen befassen sich damit, wie man in einem größeren Rahmen für alle möglichen Tätigkeiten Strafen erfindet und verhängt. Gefängnisse und Geldbußen sind ja noch human gegen die spanische Todesstrafe mit der Würgemaschine, die am 1. März 1974 wieder einmal genutzt wurde. Diese Zwänge unserer teuflischen Gerechtig­keit wirken sich auf unser Denken und Empfinden aus. Die strafgeile Übermacht der anderen beeinflußt das Gewissen.

Das Gewissen, das von solcher Unterdrückung beeinflußt ist, lernt eine Gewissenhaftigkeit, die sowohl Ausdruck von individueller Unterdrückung ist als auch im Dienste der Unterdrückung der Klasse der Arbeiter von den rechts­staatlichen Bürgern und Unternehmern steht.

1) Freuds Theorie über das Über-Ich

Das Es nennt Freud alles, was in uns drängt und treibt. Was als Drängen in uns vor sich geht, bleibt uns zumeist unbewußt, wird aber in Gestimmtheit und Gefühl erfahren. Das Es steht in der Spannung von Eros und Thanatos, Liebesleben und Ruhebedürnis. Das Lustprin­zip bringt bestehende Bedürfnisse zum Merken. Dann weiß man, wozu man Lust hat.

Die Aktivität des Menschen wird gewollt und gesteuert vom Ich. Hier findet das Bewußtsein statt, hat seinen Platz. Das Ich regelt im Bewußtsein der Außenwelt die andrängenden Tausche von innen (vom Es) und außen (vom Man). Das Ich bestimmt das Verhalten nach außen hin und nach innen, also das Selbstverhältnis des Menschen in seinem Selbstbewußtsein.

Das Über-Ich ist unbewußter Anteil im Ich. Hier ist die ehemals von außen erfahrene Aufsicht und Verhaltenskontrolle in die eigene Ichheit hineingenommen, indem erfahrene und mögliche Reaktionen der Außenwelt auf geplantes Verhalten schon vorausberechnet werden und der andressierte Zwang sogar schon aufgenommen wird, auch wenn er gar nicht (mehr) von außen ausgeübt wird.

Die Außenzwänge richten sich gegen die unmittelbaren Bedürfnisse eines Menschen, gegen das Es. Man darf nicht naschen, man soll nicht masturbieren usw. Indem die Außenkontrolle in stellvertretender Antizipation der Straf- und Kontrollreaktionen der Außenwelt internalisiert worden ist, sagt sich das Ich mittels des Über-Ichs nun diese Verbote gegen die eigenen Triebe selbst. Ich darf nicht naschen usw. So gerät das Ich in der Selbstwiderspruch von Es und Über-Ich, die ihm beide nicht bewußt sind, sodaß es in ihm Konflikte zwischen Bedürfnissen und verinnerlichten Wertnormen gibt. Das findet sprachlich dann die falsche und bewußtseinslose Gestalt: ich will und will doch nicht. Ich weiß nicht, was ich will. Dann sagen die Eltern einem noch dazu ins Gesicht: du weißt ja nicht, was du willst. Als ob das ein Wunder wäre. Im Über-Ich sind alle Einschränkungen des Es und des Ich durch tradierte Moralvorstellungen und im weitesten Sinne bestimmendes ideologisches Welt-Deutungsmaterial, auch religiöses bis zum Aberglauben, zu einem Ich-Ideal synthetisiert. Durch diese Außeneinflüsse wird mir ein bestimmtes Bild von mir selbst erzeugt, das ich anstre­ben soll, wenn ich noch 'in’ sein will. Das Ich-Ideal ist mein Selbstbewußtsein, wie andere wollen, daß ich sein soll. Damit ist es ein falsches Selbstbewußtsein, weil es nicht durch mich aus mir und meinem Es fundiert ist und weder meiner gegenwärtigen Wirklichkeit noch meinen futurischen Möglichkeiten entspricht. Aber ich kann so werden, wie es mein Ich-Ideal vorschreibt. Pfarrersöhne werden mit Vorliebe Pfarrer, ganz wie Erziehung zum rechten Glauben und Vatervorbild es ihnen auf der Zunge des Idolismus zergehen lassen. Durch Identifizierung mit den Eltern nimmt ein Kind deren Art des Seins auf und macht sie zu seiner Identität.[214] Das Gewissen ist ein Teil im Über-Ich, der alles Innere auf die Über­einstimmung zum Ich-Ideal hin überprüft und Empfinden, Denken und Handeln nur im Schema und Sinne(sgefüge) des eingefleischten Ich-Ideals zuläßt.

2) Autoritatives Gewissen[215]

„Das autoritäre Gewissen ist die Stimme einer nach innen verlegten äußeren Autorität, also der Eltern, des Staates oder was immer in einer bestimmten Kultur als Autorität gelten mag.“[216] „Furcht vor Strafen“ und „Hoffnung auf Belohnung“ sind die Antipole einer gleichen Konsequenz! Handeln nach dem Willen der Sanktionierenden/. sei es auch das noch so sublime Heischen nach Anerkennung durch das kriecherisch nachäffende Übernehmen von Gedankengut der gerade gängigen Professoren. Gute Zen­suren bekommen nur brave und wissenschaftstreue Arbeiten. Die Sprache in Seminaren ist ungeheuerliches Imponierge­habe, meist bei Überängstlichen und Unsicheren anzutref­fen. Auch diese Arbeit ist davon geprägt. „Was die Men­schen als ein dem Gewissen entstammendes Schuldgefühl empfinden, ist oft nur Furcht vor der Autorität. Sie fühlen im Grunde nicht Schuld, sondern Angst. So werden die Gesetze und Sicherungsbestimmungen der Autorität zu einem Teil des Menschen. Man fühlt sich nicht mehr verantwortlich gegenüber etwas, das außerhalb liegt, sondern gegenüber etwas, das in einem selbst ist: gegen­über seinem Gewissen.“[217] Fromm nennt es eine Vor­stufe zu einem Gewissen, das bei einem entwickelten Menschen dann andere Strukturen bekommt. „Die Verlegung der Autorität nach innen schließt zweierlei ein. Einmal, daß der Mensch sich der Autorität unterwirft; zum andern, daß er die Rolle der Autorität selbst übernimmt, indem er sich mit der gleichen Strenge und Grausamkeit be­handelt.“ Zwangsgesteuerte Menschen bekommen durch ihre Selbstwidersprüche, die unauslebbaren Triebforderungen des Bedürfnishaushalts im Unbewußten, Haßgefühle. Sie richten diese aber nicht gegen die Autorität, denn sie haben diese ja schon längst verinnerlicht, sondern gegen sich selbst. Dieser Selbsthaß wird im schlechten Gewissen als „Marter des Gewissens psychosomatisch erlitten, lach diesen individualpsychologischen Aspekten der indi­viduellen (Freud) und sozialen (Fromm) Unterdrückung ist ein genaueres Eingehen auf die Technik der Manipulation interessant, mittels deren Unterdrückte Hassen bei der Stange gehalten werden.

3) Manipulation der Unterdrückten und Aufklärung (Paolo Freire)

Leider ist mir keine vollständige Phänomenologie der Manipulation möglich, darum beschränkt sich dieser Teil auf einzelne Punkte des breiten Spektrums dieser Art von Gewissensbildung durch Vermittlung eines von der herrschenden Klasse zuvor sorgsam ausgedachten falschen Selbstverständnisses. Paulo Freire bezieht seine Aussagen auf Südamerika.[218]

Im Unterschied zum Tier kann ein Mensch Subjekt sein. Er ist ein „Wesen reiner Aktivität“, die aus „Aktion und Reflexion“ besteht. Als Aktion der Praxis der Ver­änderung braucht seine Aktivität zur Praxis die Theorie. Eine „Theorie der veränderenden Aktion“, damit die Akti­vität des Menschen „weder auf Verbalismus noch auf Aktio­nismus reduziert werden“ kann. Menschen, die so leben, sind „in echter Weise der Freiheit verpflichtet, daher kann ihre Aktion und Reflexion nicht ohne die Aktion und Re­flexion anderer vor sich gehen.“[219] Menschliches Handeln ist nicht ein Handeln für andere.

Politiker, die für das Volk handeln, können genausogut ohne das Volk handeln. Verändernde Aktion muß mit dem Volk handeln, muß dialogisch sein, denn Menschen leben dialogisch, wenn sie leben, und nicht in ihrer Unter­drückung den Geist aufgegeben haben. „Dialog mit dem Volk ist für jede echte Revolution radikal notwendig.“[220]

Machen revolutionäre Führer eine Revolution, so muß diese dem Volk „Rechenschaft ablegen, sie muß ihm offen von ihren Leistungen, ihren Fehlern, ihren falschen Kalkula­tionen und Schwierigkeiten berichten.“[221] Nur wenn die ehemals Be-handelten, (das Volk als Objekt der Poli­tiker-Subjekte) selbst zu Subjekten der Veränderung aufgerufen werden und im Dialog in kritischer Reflexion[222] und Solida­rischer Aktion mit den Führern und Organisatoren der Veränderung stehen, erst dann tritt Veränderung ein, die die herrschende und beherrschende Unterdrückung aufhebt.

Wer andere als Objekt behandelt, übt die Verhaltensform der Unterdrückung ein und aus. Unsere Grammatik ist in der Schule derart aufgebaut, das die Grundform eines Satzes die Form der Unterdrückung impliziert. Subjekt-Prädikat-Objekt. Vater schlägt den Sohn. Mutter macht Butter. In den Antidialogik des Schulunterrichts (der Lehrer erzieht und lehrt die Schüler; Subjekt-Objekt-Struktur) wird auch inhaltlich Antidialogik verbraten und die Sprachvoraussetzungen der Schüler auf Denken in Subjekt-Objekt-Strukturen als Begründung von Unterdrückung reduziert. Wer Menschen durch Sprachreduktion, bzw. Unterlassung der Vermittlung von angemessener Sprache die Bedingung für kritische Reflexion raubt und vorent­hält, nimmt damit zugleich die Möglichkeit zu einer Theorie der verändernden Aktion und läßt nur noch die krankhafte Möglichkeit zum unreflektierten Aktionismus offen. Aber selbst dem wird vorgebeugt durch Vermittlung von Worten und Sprache, die beim Denken zu einer falschen Verstehens­weise der Welt führt. Den Unterdrückten wird etwas vor­gelogen, die Welt wird „mythisiert“. Bei Analphabeten macht das keine Mühe. „Um dem Be-Denken der Unterdrückten und Unterjochten eine Welt der Täuschung zu präsentieren, die dazu bestimmt ist, Entfremdung und Passivität zu steigern, entwickeln die Unterdrücker Methoden, die jede Darstellung der Welt als Problem ausschließen und sie statt dessen als starre Größe zeigen, als etwas Gegebenes - etwas, dem sich Menschen als bloße Zuschauer anpassen müssen.“[223] Die hierzu „eingelagerten“ Mythen sind „zum Beispiel der Mythos, daß die unterdrückerische Ordnung eine 'freie Gesellschaft' sei - der Mythos, daß alle Menschen die Freiheit haben zu arbeiten, wo sie wollen, so daß, wenn sie ihren Vorgesetzten nicht mögen, sie ihn verlassen und sich nach einem anderen Job umsehen können - der Mythos, daß diese Ordnung die Menschenrechte re­spektiert und deshalb der Achtung wert ist - der Mythos, daß jeder Straßenhändler so viel sei wie ein Unternehmer oder der Besitzer einer großen Fabrik. Der Mythos des allgemeinen Rechts auf Erziehung, während von allen brasilianischen Kindern, die in die Grundschule eintreten, nur ein winziger Teil jemals die Universität erreicht. Der Mythos von der Gleichheit aller Menschen, während die Frage: 'Weißt du eigentlich, mit wem du redest?' noch immer unter uns geläufig ist. Der Mythos vom Heldentum der Unterdrückerklasse als Verteidiger der 'westlichen christ­lichen Zivilisation' gegen die 'materialistische Barbarei'. Der Mythos von der Liebe und Großmut der Eliten, wobei sie eigentlich nichts anderes tun, als 'gute Taten' selektiver Art zu fördern... Der Mythos, daß die herr­schenden Eliten 'in Erkenntnis ihrer Pflicht' die Ent­wicklung des Volkes fördern, so daß das Volk in einer Geste der Dankbarkeit die Worte der Eliten annehmen und sich zu ihnen bekehren sollte. Der Mythos, daß Aufstand eine Sünde wider Gott ist. Der Mythos vom Privateigentum als Grundlage persönlicher menschlicher Entwicklung (so­lange die Unterdrücker die einzig wahren menschlichen Wesen sind). Der Mythos vom Fleiß der Unterdrücker und der Faulheit und Unehrlichkeit der Unterdrückten und schließlich der Mythos der natürlichen Unterlegenheit der letzteren und der Überlegenheit der ersteren.“[224] All diese Lügen werden dem Volk der Unterdrückten „durch eine wohlorganisierte Propaganda von Slogans mit Hilfe der Massenkommunikationsmittel dargeboten - als ob eine derartige Entfremdung wirkliche Kommunikation herstellen würde!“[225]

Zweites Mittel zur Unterdrückung ist die Isolation der einzelnen Menschen im Volk. Divide et impera. Mit allen Mitteln (auch Gewalt) werden Aktionen unterbunden, „die in den Unterdrückten auch nur anfangsweise das Bedürfnis nach Einheit erwecken könnte(n).“[226] Parochiale Aufgliederung „einer Region oder Gegend in ’örtliche Gemeinschaften’ erfolgt, ohne daß diese Gemeinschaften sowohl als Ge­samtheiten in sich wie auch als Teile einer größeren Gesamtheit (der Gegend, der Region usw.) gesehen werden“.[227] Bereits der Lebensstil der entfremdeten Menschen wird auf Isolierung angelegt und Probleme von Menschen aus anderen Gegenden dringen nicht bis zu ihnen vor! Ihnen fehlt das Bewußtsein „der Einheit in der Vielfalt“.[228] Einzelne mit Führungs-Qualitäten werden von den Unterdrückern gefördert, damit sie aus Dankbarkeit der herrschenden Klasse verpflichtet sind - Bestechung ist das geläufige Wort dafür im Kleinbürgeralltag. „Verteilung von Wohltaten an einige und Strafen an andere: all das sind Wege der Spaltung zu Erhaltung des Systems, das die Elite fördert. Es sind Formen der Aktion, die direkt oder indirekt einen der schwachen Punkte bei den Unter­drückten ausnützt: ihre grundlegende Unsicherheit.“[229] Neben den verfassungsrechtlichen Strafaktionen der Rechts­justiz sind als Strafmaßnahmen beliebt: „sie verlieren ihre Arbeit und finden ihren Namen auf einer ‘schwarzen Liste’, was verschlossene Türen bei anderen Arbeitsplätzen bedeutet - und das ist das Geringste, was geschehen kann.“[230] „Eine Psychoanalyse unterdrückerischer Aktion dürfte die ’falsche Großmut’ des Unterdrückers... als Dimension seines Schuldgefühls offenbaren.“[231]

Drittes Mittel der Unterdrückung ist die Manipulation. Sie ist der „Versuch, das Volk zu betäuben, damit es nicht denkt. Denn wenn das Volk seiner Präsenz im histo­rischen Prozeß kritisches Denken über diesen Prozeß hinzu­fügt, dann vollendet sich die Bedrohung seines Herauf­kommens in der Revolution. Ob man dieses korrekte Denken ’revolutionäres Bewußtsein’ oder 'Klassenbewußtsein' nennt - jedenfalls ist es eine unerläßliche Vorbedingung der Revolution... Eine Methode der Manipulation besteht darin, einzelne mit dem bourgeoisen Appetit für persön­lichen Erfolg zu impfen.“[232] Ich meine, hier kommen wir dem Thema Gewissen innerhalb des Gesellschaftszusam­menhanges wieder sehr nahe. Jeder Tellerwäscher kann Millionär werden, wenn er fleißig ist. Er ist also selbst an seiner Armut schuld. Sein Gewissen wird ihm sagen, er solle seine selbstverschuldete Armut aufheben: Schaffe, schaffe, Häusle baue. Auch dieser Inhalt ist ein Gewissens­phänomen, denn er entscheidet über die Art des Tuns. Die in unserem theologischen Insiderdenken gewohnten Inhalte wie Gott, Nächster, Sünder vor Gott usw. sind ersetzt durch die selbstsüchtige Linserei auf den ei­genen sozialen Aufstieg, der göttlich-eschatologische Heiligenscheinstrahlen wirft. Eigenste Seinsmöglichkeiten nennt man dann: Berufsziel Millionär. Bloß, daß die einen auf dem Arbeitsamt dann auslachen...

Paternalismus (Unternehmer als lieber und fürsorglicher Vater seiner Arbeiter - fragt sich, für wen er sorgt!) und Wohlfahrtsaktivitäten „splittern die Unterdrückten in Gruppen von einzelnen auf, die hoffen, daß sie ein wenig mehr Unterstützung für sich selbst bekommen.“[233] Hier bildet eine bewußte Erziehung zum Egoismus und zur Selbstsucht eine Ablenkung von der Sicht gesamtgesell­schaftlicher Verhältnisse. Selbstsorge des Gewissens macht den gegenteiligen Effekt möglich: daß ein Mensch um sich selbst gebracht wird, um seine von ihm entfrem­dete Arbeit (die „einen Teil der menschlichen Person repräsentiert“[234]) und um seine Integrität. Denn so wird er zum Sklaven.

Vierte Art der Unterdrückung ist die „kulturelle Invasion“. Wir nennen es immer noch Bildung und Beibringen von In­formationen. Aber nach welchem Bild werden wir gebildet? Jedenfalls nicht nach unserem Bilde, sondern so, wie uns die Industrie benötigt. So lernen wir verzweifelt unseren Heidegger auswendig und merken nicht, daß die eigensten Seinsmöglichkeiten merkwürdigerweise (es ist zu komisch!) gerade die Rädchenexistenz im Getriebe sind und das Angetriebenwerden durch den übermächtigen Entfremdungsapparat. Da hat dann einer am Fließband genuin seine ureigenste Seinsmög­lichkeit gefunden! Halleluja.

„Kulturelle Unterwerfung führt zur kulturellen Verfälschung derer, die überfallen werden. Sie gehen nach und nach auf die Werte, Normen und Ziele der Eindringlinge ein.“[235] „Für die kulturelle Invasion ist es wesentlich, daß die Überfallenen ihre Wirklichkeit mit den Augen der Eindring­linge statt mit ihren eigenen sehen lernen.“[236] Ich war auf einem humanistischen Gymnasium. Da haben wir lange diskutiert, ob das „gemeine Volk“ auf unser Niveau her­aufzuziehen ist und wie dies geschehen könne. Wir stellten nämlich Sprachunterschiede fest. Arbeiter verspotteten uns, wenn wir mit ihnen redeten. Mich nannten sie gerne Professor. Uns kam gar nicht die Idee, auch nur zu versuchen, ihre Sprache zu lernen. Sie aber sollten unseren Jargon der Eigentlichkeit erlernen! Die Sprachspezialisierung und -Spaltung ist ein Symptom und Korrelat einer Seinsspaltung der Gesellschaft in zwei Klassen. Das ist wiederzuentdecken in den Schulklassen. Sie stellen eine Klassifizierung nach Leistung dar und selektieren die Befähigtesten dann heraus in die Uni, wo man sich fesch in das Klassenbewußtsein der obersten Klasse einübt: man erlernt führende Berufe und wird in die Schlachtreihe der Unterdrücker eingereiht, nachdem man das entsprechende Diplom erworben hat.

Den Reproduktionskreis des Teufels der Unterdrückung gibt Freire deutlich zu erkennen. „Wenn die Verhältnisse, die das Elternhaus bestimmen, „autoritär, hart und herrschaft­lich sind, wird das Elternhaus das Klima der Unterdrückung verstärken. Indem die autoritären Beziehungen zwischen El­tern und Kindern zunehmen, internalisieren die Kinder in ihrer Kindheit zunehmend die elterliche Autorität.“[237] „Wenn Kinder, die in einer Atmosphäre der Lieblosigkeit und Unterdrückung aufgezogen wurden, Kinder, deren Kraft frustriert wurde, während ihrer Kindheit nicht den Weg echten Aufstands zu gehen vermögen, dann werden sie ent­weder in die totale Indifferenz getrieben - durch Auto­ritäten und Mythen, die benützt wurden, um sie zu formen, von der Wirklichkeit entfremdet -, oder sie engagieren sich in Formen zerstörerischer Aktion.“[238] Die Rocker, Rowdys und die autodestruktiven Fixer und Kiffer sind kleine Teufel. Weil sie verteufelt werden. Einem Teufel glaubt ja heute auch niemand mehr, daß er nach Liebe hungert und nur wartet auf sein Heil. Über die Schulsituation habe ich genug gesagt. Aus der Schule gehen via sozialer und klassenweiser Aufstieg die kommenden Lehrer, Fachleute und Bildungsspezialisten hervor. Sie „neigen dann...dazu.., die harten Formen zu wiederholen, in denen sie fehlerzogen wurden.“[239] Dabei haben sie durchaus ein Gutgewissen und verstehen sich als 'Förderer' sind „unerschütterlich davon überzeugt, daß ihr Auftrag darin besteht, diesen ihr Wissen und ihre Technik zu vermitteln... Sie hören nicht auf die Leute, sondern pla­nen statt dessen, wie diese zu lehren seien, 'die Faulheit los zu werden, die zu Unterentwicklung führt'.“[240]

Viele Lehrer wissen sogar darum, lieben antiautoritäres Gebaren im Unterricht. Dennoch gehen sie weiterhin von der Dummheit, Ignoranz und Ungebildetheit der Schüler aus und fühlen sich als die großen Macher, deren neuste Masche im scheinbaren Solidaritätstaumel bestehen soll. Aber immer wieder machen sie an den entscheidenden Stellen ihre 'hilfreichen’ Aussagen, anstatt selbst mitzufragen. Intellektuelles Besserwissertum nötigt sie sogar dazu, denn sie empfänden das Fragen als Scheinfragen, weil sie glauben, es schon zu wissen. „Er empfindet die Notwendig­keit, die Invasion zu verurteilen, aber die Normen der Herrschaft haben sich so tief in ihn eingegraben, daß diese Verurteilung seine eigene Identität bedrohen wür­de... In diesem traumatischen Prozeß möchten sie natürlich gerne ihre Angst durch viele Ausflüchte rationalsieren.“[241]

Die 'bürokratischen Tendenzen' führen auch zur Unterdrückung.[242] Im Spätkapitalismus wird dem Menschen seine Identität abgenommen durch den Totalbürokratismus, der sämtliche Entscheidungen in Computer verfüttert und neue Entscheidungen herausspringen läßt, nach denen sich der Mensch dann zu richten hat. Er ist der verwaltete Mensch. Was in Betrieben schon normal geworden ist, wird bald noch weitergehen: Stechkarten zum Abstempeln für Schul- und Stuhlgang.

Der Unterdrückte ist „'entfremdete(s) Wesen für den an­deren'..., der ein 'falsches Wesen für sich selbst' ist“.[243] „Der Unterdrückte fängt erst an, sich zu entwickeln, wenn er 'Wesen für sich selbst' wird dadurch, daß er den Widerspruch, in dem er gefangen ist, überwindet.“[244] Dieser Widerspruch ist der Widerspruch seines Gewissens. Er wird eingelogen. Eine dieser Lügen ist die Religion. Zu einer dieser Verlogenheiten gehört der Gott der meisten Theologen, der sich nie und nimmer in Politik einmischt. Deutsche Innerlichkeit ist Braut der Industrie geworden, selbst da, wo sie vermeint, Braut Christi zu sein.

Selbst Lutherfan Ebeling schreibt, dies erkennend, wenn auch nur unvollständig: „Das Innere aber bleibe dem Zwang unerreichbar. Das ist leider nicht wahr. Wir haben das heute in erschreckenden Beispielen vor Augen.“ Dann spricht er von der „Ausbildung raffiniertester Methoden der see­lischen und geistigen Vergewaltigung des Menschen und damit... seiner Entpersonalisierung“.[245] Moltmann weist auf die Unterdrückungsfunktion der Kreuzes­mystik hin.[246]

b) Ich mache andere

Mache ich andere? Nach dem bisher Verhandelten scheint es da kaum eine Möglichkeit zu geben außer der Reproduk­tion meiner eigenen Gemachtheit von anderen auf wieder neue Andere, oft sogar dieselben, was dann zur Selbstbeweihräucherung führt, weil man 'so wunderbar übereinstimmt'. Wenn ich nun von einer anderen Machart reden will, so bleibt dies Utopie, bestenfalls antizipiert im Igelhaus der Studentenbuden.

1)    Soziale Normen

Selten fragt man sich in der Sozialkunde, die doch auf die Gesetzmäßigkeiten von Normen hin Forschung betreibt, ob Normen überhaupt nötig sind. Die Normexistenz wird damit begründet, daß sie da ist. So bilden sie die still­geschwiegene Voraussetzung jeder Sozialethik. Man fragt nicht mehr nach dem OB, sondern schlicht und ergriffen nach dem WIE. Luthers OB-Frage läßt sich in diesem Zusammenhang erneut stellen.

Soziale Normen begegnen uns in der unterschwellig und wenn nicht ganz unbewußten, so doch kaum je ausgesprochen­en Moral einer Gesellschaft (Sitten, Gewohnheiten) und in einem bewußten Normenhorizont, der in Gesetzesform fixiert ist und absolute Verbindlichkeit hat. Diese Normen regeln alle Verhaltensweisen bis in das kleinste Detail. Wir Theologen pflegen zu spotten über die stren­ge jüdische Kasuistik, waschen uns aber trotzdem immer nach dem Klo die Hände. Normen nehmen Denken ab. Deshalb bestimmen sie uns unbewußt. Sie haben ursprünglich spon­tane oder reflektierte Entscheidungen für Verhalten auf Dauer gestellt und institutionalisiert. Dadurch bleibt Konzentrationsmöglichkeit auf neue Entscheidungen anderer Art. Normen ersparen die Qual jeweiliger Neuentscheidungen für jeweils neu offengewordene Seinsmöglichkeiten. Wer keine Wahl hat, erspart sich die Qual. Da Normen aber habitualisierte Entscheidungen für Seinsmöglichkeiten sind, tritt nie eine Veränderung des Seins ein, da immer die­selben Möglichkeiten die Wirklichkeit des Sein ausmachen. Normen sorgen für einen ständigen Reproduktionszirkel des Gleichen. Unter der Sonne einer Norm geschieht nichts neues. Normen verändern sich auf lange Sicht in dem Moralprozeß. Dazu gehören Normkrisen wie die Sache von §§ 175 und 218. Jedes Wort ist eine Norm, auch die Weise der Erkenntnis ist genormt. Wir können uns nicht vorstellen, daß es Normlosigkeit gibt, außer wir verdrängen einfach das Phänomen und nennen unser angepaßtes Verhalten dann spontan. Ohne Normen geht es nicht weiter, scheints.

Wo noch keine Norm bewußt (oder, dessen Steigerung, un­bewußt) ist, entsteht Unsicherheit. Die Apostel wurden gefragt: liebe Männer, was sollen wir denn tun? (Acta 2,37) Regressivität ist der Rückschritt in alte Verhaltensab­läufe angesichts einer völlig neuen Situation, die zuerst Verunsicherung schafft. Wer unsicher ist, weiß nicht, was sinnvoll ist, zu tun. Seine Existenz gerät aus dem bis­herigen Sinngefüge. Die Fundamente wackeln. Wer unsicher ist, hat Angst. Er sieht sein Ich, seine Identität be­droht. Ein unsicherer Mensch sucht. Er sucht nach einem neuen Fundament seines Verstehens. Er sucht in sich selbst nach, wo und wer er ist, und er sucht andere Menschen, um von ihnen näheres zu erfahren, was sein Nichtwissen aufhebt. Er fragt dazu das, was er nicht weiß und was ihn deshalb unsicher gemacht hat und ihn bedroht. Angst ist kein Genuß, darum drängt ein aus der Norm verschlagener Mensch nach Sicherheit. Er will endlich wissen, was los ist. Er braucht Grundlagen der Orientierung. Kompaß und Sterndeutung bieten Hilfe. Ohne Grund scheint Verhalten unmöglich. Nach Luhmann ist Religion ein solches bekun­dendes System zum Verstehen und Wissen, eine grundlegen­de Reduktion von Weltkomplexität, wodurch Sinngebung er­folgt.[247] Die Unwissenheit eines Menschen verlangt nach einer bergenden Weltdeutung, nach Verständnis, nach der Wahrheit.

Ich sehe keine objektiv-reale Möglichkeit, ohne Formen zu leben und auch nur irgendeinen unserer vielen Finger krumm oder gerade zu machen. Mir erscheint aber wichtig, innerhalb der möglichen Formen zu differenzieren, den Relativismus der resignierenden Suchbeendigung und den Pluralismus des jovialen Toleranzgroßmutes zu vermeiden. Der Großmut hört bei der kleinsten Überschreitung seiner Toleranzschwelle denn auch erstaunlich schnell auf.

Es geht darum, Normen für Normen zu entwickeln, die nicht mehr den Reproduktionskreislauf büchnerscher Lange­weile beschreiten, wie sie in Leonce und Lena beschrieben ist. Es geht um eine Norm der Entnormierung bisheriger Normen.

Heidegger normiert unbeabsichtigt das eigentliche Vo­kabular der Existenztheologie. Bloch wird laufend kopiert in seiner urwüchsigen Anblitzung der ge­meinten Sache. Das Epigonentum der Geistler entsteht in Ermanglung eigenen Wortwuchses. Mit Sprachübernahme geht Sinnübernahme einher.

Die Begründung von Normen meint zweierlei: ob es Normen geben soll mit der Feststellung, daß es Normen geben soll, danach wie es Formen geben soll. Um diese Frage geht es im Folgenden. Verhalten wird begründet durch Sinn. Am Anfang steht da das Wort. Es wird gelernt und nachgesprochen. Falsch! Am Anfang steht Liebe. Sie wird durch die Wärme der Mutter erfahren und durch die Milch ver­mittelt. Die Unsicherheit des Unwissenden entsteht hier gewiß nicht, erst später. Übrigens: wer gar nichts weiß, kann kein Gewissen haben, er ist gewissenlos. Darum ist an Steinen keine Gewissensbildung erkennbar.

Sinngebung ist das primäre. Erste Sinnenerfahrung ist Geborgenheit, Wärme und Liebe und auch Worte der Zärt­lichkeit, die zu verstehen geben, daß der Angesprochene auf- und angenommen ist. Vertrauen, Vertrautheit, Zuhause und Heimat legen den Grund für das Sinngefüge der Kinder. Nicht allen scheint es so ungetrübt in die Heimat: Glück. Lust und Glück sind absolut anerkannte Kriterien für Lebenseinzielung. Sie drängen auf Sein. Lust drängt auf Lust. Sogar noch Unlust will zur Lust werden. Mensch werden und bleiben können ist eine Umschreibung dieser Angelegenheit. Der Sinn von Sein ist Leben von Menschen mit Menschen in beglückender und lustvoller Weise. Dies geschieht, wo Menschen lieben! Damit ist der Kurs klar. Hierfür ergreife ich Partei.

Die Norm aller Normen ist Liebe. Die Norm aller Normen steht im harten Gegensatz zur gegenwärtig herrschenden und beherrschenden Norm. Darum ist Liebe die Krise aller herrschenden Normen. Um der Liebe willen kann man nun nicht zunächst die alten Normen in die Reparatur geben, sondern muß die Leerformel Liebe näher verstehen suchen. Erst aus verstandener Liebe heraus lassen sich Kriterien für Normbildung und Normaufhebung entwickeln. Ich meine damit, daß Liebe auch zum Kriterium des Gewissens werden wird. Das entspricht der lutherischen Lehre von der Be­freiung des Gewissens durch, zu und in Christus, der ja die Inkarnation der Liebe Gottes zu uns war und bleibt.

2) Christliche Ethik? Die Idee Bonhoeffers

Erfahrene Liebe als Grund allen Sinnes und Ausgangsort der auf harte Enttäuschungen stoßenden Liebessuche in der Welt, die sich im fortschreitenden Erkenntnisprozeß eines lernenden Menschen als lieblos entpuppt, begrün­det das Verhalten geliebter Menschen zu einem liebenden Verhalten. Wer Liebe erfahren hat, wird sie erwidern.

Meine Sicht christlicher Religion unterscheidet sich in der Ansatzweise von der soziologischen Betrachtung der Religion. Darum seien beide Ansätze gegenübergestellt. Soziologie sieht die Gesamtgesellschaft als lebendigen Prozeß und begreift Religion als Zurüstung des Einzelnen für das Ganze. Das Ganze steht im Mittelpunkt und es wird versucht, das Verhalten der Einzelnen so zu strukturieren, daß im Ganzen ein friedliches Zusammenleben erreicht wird. Religion sozialisiert die Einzelnen zu vollaktiven und lebensfähigen Mitgliedern der Gesellschaft. „Sie wirkt als ein stabilisierender Faktor des Sozialverhaltens. Diese Wirkung erreicht sie vornehmlich dadurch, daß sie Normen und Werte formuliert, die für alle Gesellschaftsangehörigen verbindlich sind.“[248] Durch eine Religion wird „eine bestimmte Plausibilitätsstruktur konstruiert und auf Dauer gestellt.“[249] Dabei vollzieht sich durch religiöse Gruppen zugleich ständig Innovation der alten Normen. Dies gibt zur integrativen Funktion zugleich einen desintegrativen Trend, woraus Spannung entsteht, die Spannung, aus der die Innovation hervorgeht. Eine Dauer des Zusammenhalts wird gewährleistet, innerhalb derer sich aber sozialer Wandel vollzieht. Neben und mit der Integration sorgt Religion auch für Kompensation.

Indem angesichts der herrschenden Ungerechtigkeit die Gerechtigkeit in Himmel und Hölle des künftigen Gottes­gerichts oder in die Zukunft einer verheimateten Erde mit irdischer Identität und Gelungensein verlegt wird, wird herrschende Unterdrückung leichter ertragen und be­wältigt. Religionsvorstellung und das daraus resultierende Handeln dienen so „als Ausgleich, Ersatz, eben als Kom­pensation für gesellschaftliche und individuelle Widrig­keiten und Frustrationen... Durch einen Projektionsvor­gang (Feuerbach) auf eine transzendente Ebene werden soziale Probleme bewältigt, (im Hegelschen Sinne) aufge­hoben. Das hat für die Sozietät zur Folge, daß soziale Konflikte ihrer möglicherweise für den Bestand der Ge­sellschaft gefährlichen Wirkungen entkleidet werden.”[250] Oder mit Marxens berühmter Opiumstelle: „Die Religion ist die phantastische Verwirklichung des menschlichen Wesens, weil das menschliche Wesen keine wahre Wirklich­keit besitzt... Das religiöse Elend ist in einem der Ausdruck des wirklichen Elends und in einem die Protes­tation gegen das wirkliche Elend. Die Religion ist der Seufzer der bedrängten Kreatur, das Gemüt einer herz­losen Welt, wie sie der Geist geistloser Zustände ist. Sie ist das Opium des Volks. Die Aufhebung der Religion als des illusorischen Glücks der Volkes ist die Forderung seines wirklichen Glücks... Die Kritik hat die imagi­nären Blumen an der Kette zerpflückt, nicht damit der Mensch die phantasielose, trostlose Kette trage, sondern damit er die Kette abwerfe und die lebendige Blume breche... Die Kritik der Religion endet mit der Lehre, daß der Mensch das höchste Wesen für den Menschen sei; also mit dem kategorischen Imperativ, alle Verhältnisse umzu­werfen, in denen der Mensch ein erniedrigtes, ein ge­knechtetes, ein verlassenes, ein verächtliches Wesen ist.“ [251]

Gegenüber einer soziologischen Verabsolutierung des Ge­sellschaftsganzen auf Kosten ihrer Individuen halte ich es für notwendig, die Wesentlichkeit des Einzelnen zu betonen, der in einer Gesellschaft lebt. Ich erkenne aber zugleich die Notwendigkeit der Gesamtschau und das Recht der marxschen Religionskritik.

Das Kriterium sinnvoller Normgebung in einer christlichen Ethik ist die Liebe. Zur Liebe gehört der Liebende. Es kann nur der lieben, der Identität hat. Darum ist gleicher­maßen die Ermöglichung von Identität das Kriterium einer christlichen Ethik. In liebender Selbstverwirklichung geht es erotisch zu, das Es ist zur Einheit mit dem Über-lch gekommen. Ich halte diese Überwindung der Inter­ferenzen im Ich für möglich und realisierbar, aller­dings ist bis dorthin ein langer Weg der persönlichen Entwicklung in der Gemeinschaft liebender Brüder nötig. Wer von christlicher Ethik redet, muß sagen, wieso er sie christlich nennt. Ich nenne sie christlich, weil ich glaube, daß sie etwas mit Christus und den Christen zu tun hat. Aber weil ich glaube, daß sie nicht nur mit den Christen, wohl aber mit Christus zu tun hat, habe ich ein Frage­zeichen hinter das 'christlich' gesetzt.

Wer von einer christlichen Ethik redet, meint damit zumeist eine Ethik der Christen. Das schließt wiederum ein, daß Heiden eine andere Ethik haben. Christliche Ethik versteht sich als verstandene Praxis der Frohbotschaft von Jesus Christus. Das Evangelium ist der Grund christlichen Verhaltens. Luther schreibt, daß „doch ohne Widerrede das Evangelium ausschließlich dem ganzen christlichen Volke gehört.“[252] Heißt das, daß ein unchristliches Volk anders leben soll? Vermutlich, denn Luther nennt die Türken unchristlich und zieht daraus für die Gesetzespraxis recht eigenartige Konsequenzen.

Es hat schon innerhalb der Christen Zwiespalt in dem Verstehen des Evangeliums gegeben. Besonders die Berg­predigt mit ihrem schier unerfüllbaren Anspruch war ein Problem der christlichen Ethik. Ist sie als eine Sonder­anweisung für wenige Menschen gedacht? Tolstoi und Nau­mann versuchten, die Bergpredigt in menschliche und politische Ethik zu deuten. Bismarck konnte mit der Berg­predigt keinen Staat regieren, der Realpolitiker.

Christliche Ethik ist keine Sonderethik für nur einige. Sie ist Ethik für alle Menschen. Aber sie ist noch lange nicht Ethik aller Menschen im Sinne verwirklichten Ver­haltens. Darum bleibt der Inhalt christlicher Ethik noch Utopie. Diese Utopie wird bis zu einem gewissen Grade schon antizipierend verwirklicht, wo Christen am Werk sind im Dienst der Liebe. Christen sind Menschen, die sich selbst gefunden haben, aber in einem anderen als sie selbst, in Gott. Bonhoeffer unterscheidet analog zu Luther zwischen einem Gewissen ohne Gott und dem von Gott befreiten Gewissen. „Der Gewissensruf im natürlichen Menschen ist der Versuch des Ich..., sich selbst zu rechtfertigen“.[253] Dieses Gewissen - was jeder hat - „ist der aus einer Tiefe jenseits des eigenen Willens und der eigenen Vernunft sich zu Gehör bringende Ruf der menschlichen Existenz zur Ein­heit mit sich selbst. Es erscheint als Anklage gegen die verlorene Einheit und als Warnung vor dem sich selbst ver­lieren.“[254] Den Wunsch nach Identität muß das Gewissen jeweils neu verwirklichen in der „Autonomie des eigenen Ich“.[255]

„Die große Veränderung tritt, was wir nun begreifen, in dem Augenblick ein, in dem die Einheit der menschlichen Existenz nicht mehr in ihrer Autonomie besteht, sondern - durch das Wunder des Glaubens - jenseits des eigenen Ich und seines Gesetzes, in Jesus Christus gefunden wird... Wo Christus, wahrer Gott und wahrer Mensch, zum Einheitspunkt meiner Existenz geworden ist, dort bleibt zwar das Gewissen - formal - immer noch der Ruf aus meinem eigentlichen Sein zur Einheit mit mir selbst, diese Einheit kann aber nicht mehr verwirklicht werden in der Rückkehr zu meiner aus dem Gesetz lebenden Autonomie, sondern in der Gemeinschaft mit Jesus Christus… Jesus Christus ist mein Gewissen geworden. Das bedeutet, daß ich die Einheit mit mir selbst nur noch in der Hingabe meines Ich an Gott und die Menschen finden kann.“[256] Besser kann ich´s nicht sagen. Autonomismus lebt anti­dialogisch und damit unsozial. Hingabe lebt dialogisch und ist genuine Begründung echter sozialer Lebensweise. Nur, wer seine Identität so findet, daß er sie im Dialog mit seinen „Geschwistern“ erfährt, der kann Liebe und Identität zur Einheit bringen, die christliche Ethik fundiert.

Das Gewissen eines Menschen erlangt erst in Christus soziale Identität, Heideggersche Gewissensruferei im Gruselkabinett des Unzuhause hat nichts mit den Brüdern im Sinn, sondern sieht zu, daß es sein Häuflein Selbst zusammenkratzt und krampfhaft in der Schwarzwaldhütte verteidigt. So ist es den Bossen der Industrie gerade recht.

3) Menschliche Ethik

Der Übergang zu einer befreiten und befreienden Ethik wird falsch bezeichnet, wenn man ihn als Übergang vom weltlichen, natürlichen oder gar heidnischen Menschen zum Christen bezeichnet. Damit entsteht die Lüge der Mission, in der den Heiden der rechte Weg zum Heilsleben durch den klugen und zuvorkommenden Missionar gewiesen wird. Christliche Religion wird so aufoktroyiert und ver­mittelt als neue Lehre. Man nimmt sich einen Neger aufs Knie - drübergelegt - und sagt bei jedem wackeren Streich auf dessen Hosenboden: Du sollst deinen Nächsten lieben wie dich selbst! Der Übergang zur neuen Ethik kann nur bezeichnet werden als das gemeinsame Lernen dialogischer Existenz.

Das Doppelgebot Mt 22,37ff gibt ein Beispiel:  ¹Agaph/seij to\n plhsi¿on sou w¨j seauto/n.  Bisher haben wir   ¹Agaph/seij immer als Imperativ übersetzt. Imperative sind die verbale Korrelation von Herrschaft und Unterdrückung. Du sollst lieben - das ist ein Selbstwiderspruch, der aus einem lieblosen, selbstlosen und entfremdeten Liebeszwang hervorgeht. Es ist kulturelle Invasion, mit Paulo Freire gesprochen! Gesollte Liebe ist perverse Liebe, weil sie nie von ganzem Herzen, ganzer Seelen und ganzem Gemüte kommen wird.   ¹Agaph/seij kann aber auch als Futur übersetzt werden, was bisher unüblich war. Dann wird aus dem Anspruch der Unterdrückung ein Zuspruch der Befreiung. Du wirst lieben ist durch und durch Verheißung aus bestem Guß. Hier wird künftiges menschliches Sein antizipiert - und die christliche Tradition scheint nur reproduktiv antizipieren zu können. Wo schon immer gesetzliche Regelungen waren, die alte Herrschaft bei der Stange hielt, mehr noch die Knechte, da wird eine Verheißung nicht verkraftet, sie wird zum Gebot gemacht. Damit wurde die Dialogik der Verheißung, die ja immer die Antwort der Erfüllung provoziert, zu einer Monologik der herrschaftlichen Gesetzlichkeit.

Liebe nach Mt 22,36ff ist kein Gehorsam gegenüber dem Gebot - die Ebene auch nur anzuschneiden ist unsinnig -, sondern streng formuliert in der Kategorie Möglichkeit. Futurisch mit Ernst stellt dies zusammen ein Angebot dar, eine Einladung zu Liebe. Soll ich lieben, so bin ich nicht mehr Subjekt meiner Liebe. Diese Liebe wäre selbstlos. Sie würde aus Aktivierung einer verinnerlichten Norm erwachsen. Liebe, die Jesus verheißt, geht aus der Mitte des Selbst hervor, hat das Selbst zum agierenden Subjekt der Liebe. Wer andere liebt wie sich selbst, muß sich selbst lieben lernen. Das will gelernt sein. Die Selbstsorge im Spätkapitalismus besteht wesentlich, nicht aus Selbstliebe, sondern aus Angst um das Fortbestehen des Lebens. Liebe kennt keine Angst. Wer um sich Angst bekommt, hört auf, sich zu lieben. Aber erst wer sich liebt, kann andere lieben. Lieben kann sich nur jemand, der Identität gefunden hat. Dann hat er in der Selbst­liebe die vormalige Subjekt-Objekt-Struktur, die bis in sein Gewissen hinein verinnerlicht war, überwunden und behandelt sich nicht mehr als Objekt, sondern ist nur noch ganz Subjekt seiner Liebe zu sich und dem intersubjektiven Korrelat der echten Nächstenliebe, seinen Freunden über alle Grenzen von Religionen oder Nationalitäten hinweg.

Die Ethik des Evangeliums ist eine Ethik der Selbstfreisetzung der narzißtischen Lust auf Kontakt in Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit. Sie ermöglicht einen Weg aus der Entfremdung antidialogischer Herrschafts- und Objektwelt in die intersubjektive Dialogik und die dialogische Intersub­jektivität. Ich halte diese Möglichkeit der Existenz für die menschlichste, die ich kenne. Darum möchte ich die Ethik des Evangeliums als eine menschliche Ethik bezeichnen. Sie ist universalisierter Narzißmus.

4) Gesetz bei Luther

In der ausführlichen Erklärung des Galaterbriefes gibt Luther einen doppelten Gesetzesgebrauch in die Theolo­genhirne. Als 'bürgerlicher Brauch' soll es die Sünden verhindern. Mit Strafangst [257] „hält das Gesetz den unsinnigen und wüthenden Menschen im Zaum, damit er nicht nach seinem Gelüsten sündige.“[258] Die straf­mächtige Obrigkeit ist „für die ganze Welt, welche vom Teufel besessen ist, und über Hals und Kopf in alle Schandthaten dahingerissen wird“[259] da und „findet sie an Händen und Füßen, damit sie nicht kopfüber in allerlei Laster und Schande stürze. Wenn sie sich auf diese Weise nicht abhalten läßt, so wird die Todesstrafe an ihr vollzogen. Dieser bürgerliche Zwang ist äußerst nothwendig, und von GOtt eingesetzt, sowohl wegen des öffentlichen Friedens als auch um alle Dinge zu erhal­ten, besonders aber, damit nicht durch Unruhe und Aufruhr gewaltthätiger Menschen der Lauf des Evangelii gehindert werde.“[260] „Ja, dieser Zwang zeigt an, daß die Welt gottlos ist...“[261] Wir erkennen hier alle Merkmale von antidialogischer kultureller Invasion, einem unver- brämten Ausschließlichkeitsanspruch christlicher Lehre und die integrative Religionsfunktion zur Stabilisierung der absolutistischen Herrschaft. Die Welt ist böse, Gott ist gut, darum vertritt die Obrigkeit Gott in der Welt, indem sie durch Morde das Böse wehrt. Dieses Schema ver­mittelt johannäische Weltangst als Sinngebung des Daseins. Kirche und Staat gehen im Maibusch der Weltverteufelung ein zwielichtiges Konkubinat ein.

Der 'geistliche' Gebrauch des Gesetzes offenbart dem Menschen seine Sünde, echt Paulus. „Denn so lange der Wahn von der eigenen Gerechtigkeit im Menschen bleibt, bleibt auch ein unermeßlicher Stolz, Vermessenheit, Sicherheit, Haß gegen GOtt, Verachtung der Gnade und Barm­herzigkeit, Unwissenheit in Bezug auf die Verheißungen und auf Christus.“[262] Der Mensch ist vom Teufel be­sessen, daß er gerecht ist.[263] Darum muß das Gesetz „dem Gewissen einen Schrecken einjag(en), daß er in Wahrheit fühlt, daß Gott beleidigt und erzürnt sei... Dann empfindet das Herz die unerträgliche Last des Ge­setzes und wird zermalmt bis zur Verzweiflung, so daß es sich vor allzugroßer Angst den Tod wünscht oder sich selbst ums Leben zu bringen gedenkt.”[264] Diese Theologie des Gesetzes ist von Grund auf verdorben und nekrophil-morbide. Gott ist mörderischer Rächer für weltliche Unzulänglichkeit. Gott wird vertreten durch die strafende Obrigkeit. Darum wird ihr Morden zum Gottes­dienst. Ein Henker dient Gott durch sein sadistisches Treiben. Luthers politische Blindheit und Schizophrenie wird in jedweder Art von dualistischem Ansatz deutlich. Immer gibt es eine Sphäre des Eigentlichen, auf die hin dann die Sphäre des Uneigentlichen konzipiert wird. Er war auf die Unterstützung der Fürsten angewiesen und hat sich dafür mit Mordaufrufen gegen die Rotten der Bauern bedankt. Luther beantwortet die Frage, „Ob Kriegsleute auch in seligem Stande sein können“, mit vollem Ja. Johannes des Täufers sagte den Soldaten, die sich taufen ließen und nach ethischer Zurüstung verlangten: „Laßt euch ge­nügen an eurem Solde und tut niemand Gewalt noch Unrecht“.[265] Dies war unter der Naherwartung des Messias nur für einen vorläufigen Wartezeitraum gemeint. Daraus aber leitet Luther eine biblische Sanktionierung des 'Kriegsamtes' her. Krieg selbst wird heilig: „Was ist Krieg anderes als Strafen von Unrecht und Bösem? Warum führt man Krieg, als weil man Frieden und Gehorsam haben will?”[266] Krieg ist ein „kleines Unglück, das einem großen Unglück wehrt.“[267] Nach der Analogie des Zahnarztes ver­fährt gedanklich auch Luther; Vorbeugen ist besser als Bohren.

Kritiklos wird vorgegebenes Recht der Unterdrückung zur theologischen Argumentation verwandt. Aufruhr muß schon im Keime erstickt werden durch härteste Strafen, man könnte sonst einen Präzedenzfall schaffen. „Man darf dem Pöbel nicht viel pfeifen; er rast sonst gerne.”[268] Selbst einer ungerechten Obrigkeit muß man gehorsam blei­ben, Gottes Sache ist es allein, sie zu strafen für ihre Sünde. Die Unterdrückten aber sollen 'nicht richten' nach Mt 7,1. Als ob die das dann noch könnten!

Die Kritik Herbert Marcuses an Luthers Freiheitsbegriff und dem damit verbundenen Autoritätsverhältnis rezipiert im Grunde die Integrationsthese und Kompensationsthese: Indem die innerliche Person zum Konzentrationspunkt der Wesentlichkeit von Freiheit erklärt wird, bleibt der Leib nur noch Hülle und Hindernis, das von innen her durch Domestizierung überwunden wird.[269] Die Trennung von Leib und Seele ist inhaltlich gleich der Trennung von Werk und Person. Luther beschreibt geradezu die Struktur eines Schizophrenen: Die Leiblichkeit und Äußerungswirklichkeit und Werkswirksam­keit ist meine Identität vor anderen Leuten, bei denen keine Geborgenheit zu erwarten ist, zu denen Mißtrauen und Angst herrscht,  auch noch durch Abhängigkeit von deren Urteil psychisch versklavt zu werden. Indem Seele und Person - von den Leuten nicht erreichbar, nicht einmal durch Zerstörung des Leibes! - solchermaßen abgeschirmt nur noch für Gott offen sind, lenkt sich alle Eigentlich­keit des Menschen auf die Proexistenz vor Gott. Hier ist Freiheit, Geborgenheit, Identitätserfahrung und Liebe. Alles Uneigentliche hat die Aufgabe, zum Eigentlichen hin zu verweisen. Die wüste Bestie Mensch, von Grund auf ein Reittier des Teufels, muß solange unterdrückt werden, bis sie nach innen und zu Gott gefunden hat. Von da ab ist Unterdrückung nicht mehr nötig, weil sie verinnerlicht wurde und an das Gesetz angepaßtes Verhalten garantiert. Freiheit wird für Luther nicht möglich in Selbstverwirklichung und Aktivität, sondern nur durch Passivsein und Sich-Befreienlassen. Der freien Person wird selbst in den Werken aus und nach dem Glauben keine Wesentlichkeit zu­gestanden. Innere Freiheit ist Kern des Lebens, ist Eigentliches. Äußere Freiheit ist Schale des Lebens, ist Uneigentliches. Darum ist sie auch nicht vonnöten und in der äußeren Existenz kann Unfreiheit und Unterdrückung herrschen und beherrschen. Sie wird durch Intrapolation der Freiheit und Sinnhypostase vermittels der christlichen Religion legitimiert, sanktioniert und gefördert. Politische Er­blindung äußert sich dabei sowohl in der von Paulus stammenden Undifferenziertheit des Rechtsverständnisses als „Gesetz“, unter das alles gepackt werden kann, als auch in der Blindheit für das Elend der Bauernrotten. Weil Leiblichkeit uneigentlich ist, darf man auch gerne einmal foltern, würgen, hauen und stechen. Das Kreuz illustriert in jedem Gotteshaus, wie es gemacht wird.

5) Christliches Verhalten zum Staat

Das Kriterium hier ist schon gesetzt: daß die Menschen zu sich selbst kommen. Sie sind mit ihren Werken eine unlösbare Einheit in der Selbstverwirklichung durch ihre Arbeit. Jede Äußerung, jedes Verhalten ist ein agierender Vollzug ihres Seins als Ganzheit von Leib und Seele. Deshalb kann keine Rede sein von Legitimation der Be­herrschung des äußerlichen Menschen durch die Obrigkeit oder ungeschriebene Normvorkehrungen, die Beschneidungscharakter haben. Jeder Staat, der zuläßt, daß seine Mitglieder um ihre Freiheit und um ihre Identität ge­bracht werden, muß deshalb von denen, die ihre Identität und Freiheit in Gott gefunden haben, aufgehoben werden in eine Form von dialogischer Demokratie. Ich sehe diese Möglichkeit noch nirgends verwirklicht.

Gerade das aber zwingt zu einem Eingehen in und auf diesen Staat und auf die Menschen darinnen, die die Objekte ihrer eigenen Person geworden sind. Christliche Praxis ist nur als Entwicklung dialogischen Lebens in Gruppen, die die Gesellschaft entmytifizieren und dialogisieren, d.h. zur Kritik befähigen und damit zu kritischer Praxis, möglich und christlich. Christlicher Glaube hat die längste Zeit die Aufgabe gehabt, Herrschaft den Knechten als ureigenste Seinsmöglichkeit und Freiheit vorzusingen. Christliche Freiheit ist Freiheit der Person vor Gott und Freiheit der Werke vor den Menschen. Christliche Freiheit ist Freiheit von Menschen mit Menschen in der Liebe. Martin Luther-King und Camillo Torres haben - wenn auch auf verschiedene Weise - versucht, ihre Freiheit aus Gott in die Freiheit aus den geliebten Menschen hinüberzuführen und damit die Ganzheit christlichen Lebens wiederherzustellen.

6) Gewissen als Relationsbegriff menschlicher Kommunität

„Das Gewissen wird in der personalen Bindung gebildet.“ [270] Mit dieser Grundkenntnis waren sowohl morbide als auch salutonogene Ge­wissensbildungsphänomene zu fassen gewesen. Zumindest geht diese Erkenntnis über die rein deskriptive Aufzeigung des Phänomens hinaus, denn sie nötigt dazu, sich in seinem sozialen Verhalten der Auswirkungen auf die Mitseienden bewußt zu werden. Diese Erkenntnis trägt Verantwortung auf für die Gewissen anderer Menschen. Denn andere und wir sind nicht unanfechtbar, sondern höchst sensibel und prägbar, was ihr Gewissen betrifft.

Unterdrückte haben bisweilen ihre Gewissenssensibilität verloren, weil ihr Gewissen durch das ihnen angetane Leid und fehlende Bildungschancen voll von Mythen und Lügen ist. Bei unserem Umgang mit jüngeren, unverdorbeneren, aber auch mit verdorbenen Menschen müssen wir ungemein vorsichtig handeln. Das Gewissen eines Menschen ist keine tabula rasa, in die man alles einpacken kann, sondern hat Inhalte. Diese sind – wie depraviert auch immer – die Sehnsucht nach Selbstverwirklichung und Glück. Wir haben in unserem Mitsein die Möglichkeit, diese Inhalte auszulöschen durch Perversion - oder sie durch gemeinsame Identitäts- und Glückserfahrungen zu konkretisieren. Dabei wird der traditionelle Inhalt der unterdrückten Gewissen zu den politisch-sozial sensibilisierten Gewissen der Befreiung von Unterdrückung und Befreiung zu menschlichem Leben, ganz nach dem Inhalt des Evangeliums.

7) Selbstsorge oder Selbstlosigkeit?

Gegen Heideggers Selbstsorge ist eine ebenso banale Vereinseiti­gung der Selbstlosigkeit abzuheben. Die Vermassung des völlig an andere Menschen hingegebenen Menschen hatte furchtbarste politische Folgen. „Gleich dem Weibe, dessen seelisches Empfinden weniger durch Gründe abstrakter Vernunft bestimmt wird als durch solche einer undefinierbaren, gefühlsmäßigen Sehnsucht, nach ergänzender Kraft, und das sich deshalb lieber dem Starken beugt, als den Schwächling beherrscht, liebt auch die Masse mehr den Herrscher als den Bittenden, und fühlt sich im Innern mehr befriedigt durch eine Lehre, die keine andere neben sich duldet, als durch die Ge­nehmigung liberaler Freiheit; ... Die Unverschämtheit ihrer geistigen Terrorisierung kommt ihr ebensowenig zum Bewußtsein wie die empörende Mißhandlung ihrer menschlichen Freiheit, ahnt sie doch den inneren Irrsinn der ganzen Lehre in keiner Weise.[271] „Die Aufnahmefähigkeit der großen Masse ist nur sehr beschränkt, das Verständnis klein, dafür jedoch die Vergeßlichkeit groß. Aus diesen Tatsachen heraus hat sich jede wirkungsvolle Propaganda auf nur sehr wenige Punkte zu beschränken und diese schlagwortartig solange zu ver­werten, bis auch bestimmt der Letzte unter einem sol­chen Worte das Gewollte sich vorzustellen vermag.“[272] Wie durch geplante Gewissensmanipulation die Hölle auf Erden gemacht wird, haben wir erkannt. Hingabe an das Volk brachte dem Volk den Tod. Zumindest den Tod der Gewissen aller braven deutschen Christen.[273] Bonhoeffer hat diese furchtbare Parallel-Struktur der Hingabe des Gewissens und die Identifikation mit einem anderen als es selbst klar erkannt, noch bevor er die Konsequenzen dieser Erkenntnis in Tegel bis Flossenbürg durchlitt. Wider Selbstsorge und Selbstlosigkeit muß gesagt werden, daß die einzig mögliche Korrektur der irrenden Gewissen in kritischer dialogischer Reflexion besteht. Es muß gedacht werden.

C) Ein Mensch sagt: Ich

a)  Identität

Ich bin, was ich bin und was ich tue. Dazu gehört auch, was ich sage und nicht sage. Und was ich nicht tue (bei Heidegger Kategorie Nichtigkeit = Schuld).

Ich kann mich identifizieren mit jemand anderem. Das ist das große Glück und Verhängnis des Ich, denn es ist eine ambivalente Sache. Es kommt darauf an, mit wem ich mich identifiziere und wie sich dabei mein Gewissen ver­hält. Wenn die Identifikation darauf hin läuft, daß ich ein Ich-Ideal in meinem Über-Ich entwickle, das meinem Es widerspricht, so verliere ich durch die Identifikation meine Identität. Wenn die Person, an der ich mein Ge­wissen bilde - besser und -bestens: mit der ich und die mit mir mein Gewissen und ihr Gewissen bildet - selbst ein gutes Gewissen hat, so bekomme ich auch ein gutes Gewissen. Ein gutes Gewissen ist die Motivationsstruktur eines Menschen, der in Übereinstimmung von Über-Ich und Es lebt - und das heißt ja wohl: liebt! Die Identifi­kation mit so einem Typ macht mich lernen, daß auch ich nur Identität durch ein Über-Ich gewinne, was mein Es liebt und mit ihm sich zu einer zwar kontrollierenden, jedoch durch und durch von Bejahung durchdrungenen Güte zum Ich-sein vereinigt. Ich rede immer noch von einer Kontrolle des Über-Ich. Sie hat folgende Form:

b) Selbstlosigkeit

„Selbstlosigkeit ist möglich, wo ein bestimmter Stand des zu sich selbst gekommenen Menschen erreicht ist. Ist die eigene Liebesfähigkeit geweckt, hat einer so viel an Glück erfahren, daß es von ihm ausstrahlen kann, ist seine eigene Identität gegründet, so kann ein sol­cher Mensch in bestimmten Situationen tatsächlich Opfer bringen. Er kann Geduld üben, er kann Rücksicht nehmen, beispielsweise auf die Krankheiten der Menschen, mit denen er lebt. Die Fähigkeit des Aufschiebens von Wünschen und des Verzichtes auf dies und jenes gehört zur Menschlichkeit; sie ist nicht der Verzicht auf das eigene Leben, der in Brechts Geschichte geschildert wird, wohl aber der Verzicht auf bestimmte konkrete Er­füllungen. Sie ist nicht masochistische Lust am Ge­quältwerden, sondern freiwilliger Teilverzicht um anderer Erfüllung willen... Je stärker aber die wirk­liche Identität eines Menschen mit sich selbst, oder das, was wir vorhin sein Subjektsein genannt haben, ist, um so leichter sind Teilverzichte möglich... Je mehr Glück, um so mehr Fähigkeit zu wirklicher Preisgabe. Je glücklicher einer ist, um so leichter kann er loslassen... Die Fähigkeit des Verschenkens wächst mit dem Reichtum des Selbst. Von den Widerstandskämpfern des Dritten Reiches wird erzählt, daß sie zärtliche und glückliche Mütter gehabt hätten...“[274] Nur wer ein Selbst ist, kann selbstlos sein. Nur diese Selbstlosigkeit macht anderen den Weg zu ihrem Selbst möglich. Alles andere selbstlos-sein ist lieblos-sein, denn Liebe ist nur dem Selbstgeworden möglich.

In Bonhoeffers Nachfolge wird dieses auf die Reflexion bezogen, auf das betende Gewissen des Menschen, das in Selbstsuche nun vor Gott steht. Gott macht dem Gewissen ein Selbstsein möglich, das liebt: Selbstvergessenheit.

c)   Phantasie und Lust statt Willkür und Gehorsam

Die Gewissen derer, die Identität gefunden haben, haben eine neue Grundstruktur bekommen. Die Selbstreflexion der auf Sünde getrimmten Gewissen führte nach Luther in einen Zirkel der Verpassivierung und Verknispelung in die Ich-Schau. Hier lag im Gewissen die Verinnerlichung des Gottesverhältnisse vor, das in der Subjekt-Objekt- Struktur gedacht wurde, weil das Elternhaus diese Denk­weise von Gott nicht nur auf die Hand legte, sondern eben eher auf den Hintern.

Zu einem Zirkel der Veraktivierung führt ein Selbst­wertgefühl, das jede neugierige, auf Bestätigung erpichte Selbst-Schau und Verobjektivierung der eigenen Subjekti­vität erübrigt. Aus der im gemeinsamen Handeln aus gemeinsamer Liebe er­fahrenen dialogischen Intersubjektivität verinnerlicht sich nun ins Gewissen ebenso Intersubjektivität des Ich. Das Verhältnis von Es und Ich-Ideal wird dialogisch, die autoritäre Kontrolle wird zu einem Gespräch über die verschiedenden Möglichkeiten zum Tun. Der vormals au­toritäre Selbstzwang, dem man sich im Gehorsam ergeben mußte, machte das Tun gezwungen. Wer sich gezwungen fühlt und verhält, entwickelt keine Phantasie. Er darf ja auch nicht tun, wozu er Lust hat. Dafür ist er der Willkür dessen ausgeliefert, dem er gehorcht. Hat er Gehorsam internalisiert und gehorcht den selbstvertretenden Normen, so bleibt auch dieses Willkür.

D) Bleibt Gott?

a) Gott- oder Weltverantwortung?

Wenn Gewissen und Liebe aus menschlicher Kommunikation hervorgehen, ist Gott dann überflüssig geworden? Ich glaube an die Möglichkeit, ohne besondere christliche Akte glücklich werden zu können. Aber ich meine, daß mit Gott das Glück gesteigerter und gelungener wird, da man gerade von Gott am ehesten lernt, glücklich zu sein. Weltverantwortung versteht sich aus Gott dann ohnehin.

b) Unterscheiden ohne Isolation

Das Doppelgebot von Gottesliebe und Nächstenliebe muß als ein Gebot begriffen werden. Trotzdem ist eine Unter­scheidung notwendig, um Verwirrung auszuschließen. Denn es gibt nur Sinn, etwas in Beziehung stehendes zu unter­scheiden. Meine Liebe zu und mit und in Gott ist etwas anderes als meine Liebe zu und mit und in den Brüdern/Schwestern. Zwar ist echte Bruderliebe immer gleich auch Liebe zu Gott, noch viel mehr als wahrer Gottesdienst gerade Menschen dient. Zwar haben wir unseren geringsten Brüdern alles so getan, daß wir es zugleich Gott in Christus getan haben. Aber Gott ist nicht identisch mit den Brüdern. Mit Gott kann ich auch allein sein, ohne die Brüder. Ich kann es gewöhnlich nicht, ohne auch mit den Brüdern gemeinsam zu leben. Auch in Einzelhaft ist Gott noch da, wenn die Bruderliebe keine Äußerung zuläßt als nur noch Sehn­sucht und Trauer. Selbstverständlich macht Gottesliebe nicht selbstgenügsam. Gott ist mehr als die Brüder. Er umfaßt uns. Er ist der zum Grund der Freiheit gewordene Grund des Seins.

c)   Gott in der Welt als Grund der Freiheit

Gott ist nicht abseitig, sondern zu finden nur durch Brüderlichkeit. Gott ist nicht oben, sondern mitten unter uns. Darum geht unsere Antwort auf Gott mitten unter die Brüder. Gott hat uns seine Liebe in Jesus gezeigt und Jesus hat uns den Weg zur Freiheit gezeigt. Dabei ist er umgekommen. „Weil ihm alles gehört, der Himmel, die Seligkeit, das Reich, das er ansagt und darstellt, darum braucht er sich nicht festzuhalten. Das Leben, das er selbst ist, ist nicht abgeschlossen und abgetrennt von dem großen Leben, das er Gott nennt. Er fühlt sich von dem großen Leben so durchdrungen und getragen, so sehr angenommen und geliebt, daß 'Glück' für ihn nicht etwas ist, das man erst herstellen oder besorgen müßte. Das Glück ist ihm immer schon voraus, er ist die Gewiß­heit seiner Wahrheit. Es befähigt ihn dazu, 'ich' zu sagen, und es hat seine Phantasie für andere befreit... Frei geworden, stürzen sie sich nun in das Abenteuer des neuen Lebens - und die Phantasie, die Befreiung produziert und Glück erfindet für andere.... Gott hat sich nach christlicher Überlie­ferung so in unsere Hände gegeben, daß er entdeckbar ist - im Gesicht des Menschen von nebenan, daß man ihn finden kann in den versteinerten Ordnungen, die wir verändern können, daß er als diese produktive Unendlichkeit sichtbar wird in unserer Welt."[275]

Gott als Grund der Freiheit gibt Ruhe von Schuldqualen und verinnerlichten Zwängen, selbst dem Zwang zur Liebe und dem Zwang zur dogmenverkrampften Freiheit um der Freiheit willen. Gott gibt Ruhe. Ruhe hatte Jesus im Sturm, ich möchte auch seine Sandmalerei, während die jüdischen Kleriker mit der auf frischer Tat ertappten Prostituierte ihm die Entscheidung über Leben und Tod derselben zunötigten, als Ausdruck seiner Ruhe aus Gott verstehen. Ruhe ist von großem Leben durchdrungene Spannungsdialektik. Sie kann gemeinsam geteilt werden in der Offenheit zum Schweigen und Hören. Nur der kam zur Ruhe, der zu sich selbst und zu Gott gekommen ist. Augustins Herz ruhte in Gott. Ruhen in etwas heißt so auch Gegründetsein in diesem. Der Grund der Ruhe ist auch der Grund des Ruhenden und das meint: Seinsgrund. Ruhende Gewissen sind nicht eingeschlafen, sondern höchst wachsam. Sie haben die Schärfe der Augen der Liebe, die nicht zugedrückt zu werden brauchen, um nett zu sein. Gelungene Identität kann zur Ruhe gelangen. Aber da gerade ist auch alle Unruhe begründet, die vor der bestehenden und beherrschenden Nichtidentität nicht ihre Augen zumachen kann und darüber schweigen kann. Die in unwissende und unbewußte Unheimlichkeit geratenen Gewissen der Selbstentfremdeten lassen die Gewissen der durch Gott zur Freiheit gelangten nicht zur Ruhe kommen. Darum gibt ja auch Gott ihnen die Ruhe.

Ruhe entsteht nur zwischen Spannungen. Sie ist die Negation von zur Entspannung gelangter Spannung, ist damit die Synthese von Spannung und Entspannung und birgt beide derart in sich, daß aus ihr neue Spannung erwächst. Ruhe, der keine Spannung und Entspannung voranging, die darum auch keine neue Spannung aus sich selbst hervorbringt, also unproduktive Ruhe, mündet in Langeweile. Ein Realsymbol der produktiven Ruhe ist zu finden im Adagio des Beethovenschen Klavierkonzerts Nr. 5 in Es - Dur, der Tonart von Bach´s Präludium und der Dreifaltigkeitsfuge, den Säulen der „Orgelmesse“. „Oft ist das Sinken überhaupt ganz gleich für die Stimmung, wie im Adagio des 5. Beethovenschen Klavierkonzerts, wo der Ton zweimal hintereinander durch dritthalb Oktaven hindurch fällt, und statt der Melancholie des Notenbilds lediglich eine gewisse Ruhe und Sicherheit des Zielens und Auftreffens innerviert.“[276] Und erinnern wir uns an die Umgebung des Adagios. Der erste Satz bildet einen groß angelegten Kampf ohne Ziel, die punktierten Forteakkorde bleiben in sich stecken bei aller ausbrechender und aufbegehren­der Dynamik. Und nach dem Adagio, als die Ruhe gesteigert ist bis zum Überflüssigwerden jeder weiteren Tonveränderung, da entsteht mitten aus höchster Ruhe das akkordisch aufsteigende Siegesmotiv des zum Selbstbewußtsein seiner Kraft und des Zieles gekommenen 3. Satzes.[277]

Gottes Ruhe ist produktive Ruhe, denn sie setzt revolutionäre Dynamik frei. Gerechter Zorn des Glaubens kennzeichnet die guten und in Gott ruhenden Gewissen. Mitten in der gesteigerten Passivität in Gott lodert das Feuer kraftvollster Aktivität in der Welt auf.

Ausleitung

Mit den solcherart gewonnenen Bestimmungen der Utopie und den unter Christen antizipierend und weitervermittelnd erfahrenen Realisationen des gesunden Gewissens muß eine Überprüfung der KDV-Pragmatik vorgenommen werden. Wir sahen die Beeinflußbarkeit der Gewissen durch andere Menschen differenziert und kritisch.

Es geht jetzt um die Einsehbarkeit in das Gewissen von anderen Menschen. Augustin, Thomas, Luther betonten ständig die äußerliche Uneinsehbarkeit des Gewissens. Nur Gott hat Augen und Recht hierzu. Dies war konstitutiv für die Würde des Menschen. Sein Gewissen bliebt nach außen hin verborgen, zwar äußert sich das Innere, aber als geäußertes hat es andere Substanz bekommen als das innere. Wort und Tat (Werke) aus dem glaubenden Gewissen sind nicht das Gewissen. Die Rückschlüsse auf das Gewissen sind höchst unvollständig. Die Erkenntnisfolge ging von der Qualität des Gewissens zur Qualität der Äußerungen über, nicht umgekehrt. Keine guten Taten machen eine gute Person aus. Wir nehmen Luthers Person-Werke-Theorie soweit auf, wenn wir sie auch nicht bis zur Uneigentlichkeit der Werke hin weiterverfolgen können, weil wir in jeder Hinsicht die Relevanz von zu tuenden Werken erkennen. Das Heil der Welt ist auf tätige Hände angewiesen, aber nicht allein auf diese. Für die Identität der Menschen sind alle seine Werke unentbehrlich. Was er tut, gehört zu ihm. Er ist, was er tut, aber er ist mehr als nur das, was er tut, und seiner Hände Werk kann ihm fremd werden, weil er darüber hinauswachsen kann und sich weiterentwickeln kann, dies aber nur, indem er sich zur Äußerung bringt. Dadurch kann ein Mensch auch frei werden von seinem Getanen und so auch von seiner Vergangenheit. Er ist mehr als eine Vergangenheit - ihm eignet auch seine Zukunft und die unverwirklichten Seinsmöglichkeiten, er braucht sie sich nur noch anzueignen. Damit kann ein Mensch verstanden werden als ein dialektischer Prozeß von Äußerung eines Inneren und des dadurch möglichen, durch Distanzierung vom Werk angefangenen Über-sich-selbst-hinaus-wachsens. Menschen haben so ihre Zukunft. Aber sie wird ihnen genommen durch entfremdete Arbeit, die keine Äußerung des Inneren zuläßt. Wo dem Innen die Möglichkeit der Äußerung versagt bleibt, verkümmert es, das bezeichnen wir mit Tod der Lebenden, die nicht vom Brot allein leben. Und das macht uns Kummer.

Die Prüfungskommissionen der Kreiswehrersatzämter für Kriegsdienstverweigerer nehmen als Kriterien zur Beurteilung den Gesamteindruck und das sittliche Verhalten, Bildung, kirchliche und karitative Tätigkeiten des Antragstellers. Das sind alles Äußerlichkeiten, die zwar zur Gewissensbildung beitragen oder Resultat von Gewissensentscheidungen sind, aber mit dem Gewissen selbst „in nicht mehr als nur kausaler Konjunktion stehen. Es kann nur durch Rückschlüsse zu einer Gewissensprüfung kommen, Wie unsicher dies ist, leuchtet ein. Daß aber diese Tätigkeit auch noch von Laien ausgeübt wird, potenziert die Unsicherheit einer echten Prüfung. Richter und Lebenserfahrene haben m.E. kaum die notwendigen Qualifikationen zu einer Prüfung der Gewissen nach obgenannten Kriterien. Die Willkür eines solchen Verfahrens liegt auf der Hand. Nur erfahrenen Psychologen wäre eine zuverlässige Prüfung der Gewissen möglich. Aber selbst hier steht noch die Grundfrage an, ob es überhaupt der Würde eines Menschen entspricht, geprüft zu werden. In einer Prüfung können doch nur Werke der Vergangenheit - bestenfalls noch Gegenwart - dieses Menschen beurteilt werden. Eine grundlegend andere Art Prüfung wäre die Sicht eines Menschen von den ihm offenen Möglichkeiten her. Was er werden will und werden kann, allein das fällt in diesem Fall ins Gewicht.

Echte Gewissensentscheidungen können nur anerkannt werden, wenn der Ernst der Juristen die Menschenwürde nicht durch Planspiel-Spekulationen beleidigt. Um mehr handelt es sich gewöhnlich nicht in diesen Anerkennungsverfahren. Es geht immer wieder um die Frage, würde ich den Feind töten, um mein Vaterland zu retten. Es geht nie darum, ob mein Vaterland nicht wesentlich besser dastände, wenn ich und meine Kameraden gar nicht erst mit hochgerüsteter Armee den Feind attackieren. Dieser will uns ja nicht alle ausmerzen, sondern von unserer wirtschaftlichen Kraft profitieren.

Als Kriterien werden Emotionalität, Intelligenz, „sittliche Reife”, Redegewandtheit beurteilt. Zuviel Denken ist gefährlich, Weinen macht sich immer gut, freundliches Lächeln und bestimmte Aussprache mit rhetorisch genau sitzenden Betonungen - das sind die Tricks, die ankommen. Wenn die Mitglieder des Ausschusses gute Laune haben - meist bei Sonnenwetter - und der Antragsteller adrett gekleidet ist, dann hat er gute Chance. Die bestehenden Anerkennungsverfahren bedeuten in der Regel eine Entwürdigung des Antragstellers. Das ist aber unvereinbar mit Art. 1,1 GG.

1) Das religiöse Recht auf KDV

In Art. 3 GG sind Glaubens-, Gewissens- und Bekenntnisfreiheit garantiert. Sie zu verletzen bedeutet, die Würde des Menschen und damit den Menschen selbst zu verletzen. Glaubensfreiheit ist nicht Freiheit des Glaubens. Glaubensfreiheit ist Freiraum für Glauben. Freiheit des Glaubens kommt aus dem Glauben selbst und nimmt sich die rechtliche Freiheit, gleich, ob sie gegeben ist oder aussteht. Aus Freiheit des Glaubens werden Menschen unter bösen Herrschaftsmachten zu Märtyrern. Glaubensfreiheit sichert einen religiösen Pluralismus, der gleichermaßen unverbindlich wie politisch irrelevant gewährt wird. Aber zumindest wird alles, was aus solchem Glauben kommt, geduldet. Was Gewissen ist, scheint den Juristen ein zu heißes Eisen. In BVerfGE 12,5 wird jede Auseinandersetzung mit theologischer und philosophischer Tradition wegen deren Widersprüchlichkeit abgelehnt. Erst recht humanwissenschaftliche Forschung über das Gewissen. Die hier zugrundeliegende Denkfaulheit und das Mißtrauen in das eigene Denken habe ich eingangs erwähnt, es bleibt noch die Unfähigkeit der Juristen zum Dialog mit anderen „Wissenschaften“ hinzuzufügen. Aber sowas könnte sich ändern. Stattdessen wälzte aber das Bundesverwaltungsgericht den großen Brockhaus und den großen Herder, um dort zu suchen, was es mit dem Gewissen auf sich habe - und stellte nach einem Zitat dann fest: ''Danach kann es nicht zweifelhaft sein, daß das innere Bewußtsein im einzelnen Menschen von Natur aus originär vorhanden sein muß, wobei es dahingestellt bleiben kann, ob nach der Einstellung des einzelnen dieses Vorhandensein auf die Einwirkung einer „höheren Macht“, als „unmittelbare Stimme Gottes“ oder auf die dem Menschen innewohnenden naturrechtlichen Normen zurückgeführt wird. Dieses „Gewissen“ genannte Bewußtsein kann erwachen, auch aus sich allein heraus tätig werden und den Gewissensträger zu einem seiner Meinung nach richtigen Handeln anleiten. Häufig wird das Gewissen aber auch von außen Anregungen erhalten.“[278] Die Apriorizität des Gewissens ist lange genug bestritten. Die „Anregungen von außen“ sind meisterhaft in den Perikopen der Evangelien zu finden: Du sollst deine Feinde lieben. Sodann wird nach der zitierten Stelle von Gewissenszwang und Leidensbereitschaft gesprochen. Gewissenszwang wäre als sich selbst zwingen, den eigenen Weg zu gehen auch gegen die von außen einstürmenden Forderungen der Gesellschaft präzisierbar. Dieser Zwang wird aber nur da stark, wo die Forderungen von außen stark werden. Nur im autoritätsfixierten Gewissen ist dies aber möglich. Ein freies Gewissen erlebt keinen inneren Zwang, sondern den Konflikt der Außenwelt mit seiner Innenwelt.

2) Das ethische Recht auf KDV

Individualethische Entscheidungen wie: ich kann nicht töten, sind erste Konsequenz des Gewissens. Damit verantwortet das Gewissen das Sein seines Trägers. Jedoch bestimmen Entscheidungen eines einzelnen immer auch die Entscheidungen anderer mit, nicht nur, aber bestenfalls da, wo Menschen in Dialogik miteinander leben. Darum ergibt sich aus einer Individualentscheidung auch eine sozialethische Konsequenz. Wer nicht töten kann, will und darf (5. Gebot, Art. 2,2 GG) - weder einen Menschen in Notwehr, noch mehrere Menschen im Krieg - der hat auch das Recht, von anderen gleiches zu erwarten, obgleich er sie dazu nicht zwingen kann, denn Gewissensentscheidungen wollen ja, recht entschieden, aus einer zwanglosen Dialogik erwachsen, mit Kritik der Vernunft und Bejahung durch das Herz. Das der Dialogik implizite Kriterium der Liebe verlangt Freiheit der Entscheidung eines anderen. Es ist aber die Frage, wie sehr man bitten oder fordern kann, daß Andere sich in ihren Entscheidungen mit der Frage des Tötens und der Problematik von Abschreckung zu Verteidigungszwecken zumindest einmal befassen.

3) Das Recht auf politisches Gewissen

Weil durch die Politik der Herrschenden mein Gewissen mitgeprägt wird, habe ich das Recht, die Politik der Herrschenden mit meinem Gewissen zu prüfen und mitzuverantworten - oder abzulehnen. Das ist ein Grundpostulat der Demokratie, als welche sich auch die Staatsform der BRD versteht. Allerdings einer wehrhaften Demokratie, wie zu ergänzen ist. Und das äußert sich denn auch in den lockeren Polizeieinsätzen gegen Studenten in Heidelberg, Frankfurt und Tübingen und anderswo. Mit dem Recht der durch die Tradition der strukturellen Gewalt Stärkergewordenen züchten sich die Regierungsbürokratien durch Propaganda in den Massenmedien das ihnen passende politische Gewissen in der Bevölkerung heran. Das Recht auf politisches Gewissen besteht bis in die Saunagespräche, aber wie ein solches manipuliert und zurecht geschliffen wird, darüber herrscht Schweigen im Bücherwald der Juristen.

4) Die Pflicht zum politischen Gewissen

Der Haager Schiedsgerichtshof (1899) und die Genfer Konvention (1864) begannen einen ersten Schritt zum Frieden mit der, vom historischen Prozeß abstrahiert gesehen, perversen Intention einer Humanisierung der Kriege. Weitere Friedensversuche bilden der Völkerbund (1919) und die Atlantikcharta (1941). letztere mit dem Inhalt: Freiheit von Furcht, Not und Gewalt. Die Mitgliedsstaaten der UNO (1945) verplichten sich nach dem 2. Weltkrieg zum Verzicht auf Gewaltanwendung. Diese Abkommen haben zwar nur einige Mitglieder eines jeden Staates getroffen, die Auswirkung und noch mehr die Nichtauswirkung dieser Entscheidungen aber betrifft das Leben ganzer Völker, d.h. aller Individuen im Mitgliedsstaat. Weil ich mit meinem Leben unter Umständen für die Nichteinhaltung der Verpflichtung zum Nichtkrieg einzutreten habe, habe ich auch das Recht, über Krieg und Frieden selbst mitzuentscheiden. Weil aber nicht nur mein Leben mit dieser Entscheidung verknüpft ist, habe ich die Pflicht zu einer Kontrolle der Politik unserer Staaten, ich habe die von mir selbst auferlegte Pflicht zur mitverantwortenden Kritik an allem, was Krieg und Frieden in seiner Auswirkung mit bestimmt. Für diese Pflicht zum politischen Bewußtsein ist ein Artikel des Grundgesetzes vermutlich wenig wirkungsvoll. Die Begründung kann nur aus der Vernunft abendländlich und anderswie großgezogener Menschen geschehen. Eine Begründung des Rechts auf Leben und des damit verbundenen Tötungsverbotes scheint mir nicht nur zynisch, sondern zudem unmöglich, da m.E. der Grund dieses Rechts im Leben selbst liegt, eine Begründung einer Sache aber immer aus einer anderen Sache heraus geschieht. Etwas, das in sich selbst Grund ist und hat, ist im traditionellen Sinne unbegründbar.

5) Die Pflicht zur KDV

Politischer Friede in Gleichberechtigung aller Nationen hat erst in jüngster Zeit Prestige gewonnen. Aber eine Schizophrenie von Bundeswehr als Friedensgarantie schlägt sich noch mit dem kriegsverliebten Erbe aus grauer Vorzeit und - furchtbarerweise - gegenwärtiger Neuzeit herum. Die urchristlichen KDVler starben als Märtyrer, was sich mit der Einführung des Christentums als Staatsreligion durch Konstantin änderte.

Ab 1680 traten erstmals wieder akzeptierte KDVler auf, Mennoniten unter Wilhelm von Oranien. Im Pennsylvanischen Gesetz (1757) wurde Quäkern und Mennoniten aus Gewissensgründen der Kriegsdienst freigestellt.[279]

Die epd-Dokumentation 10 über Evangelische Militärseelsorge (29) ist betitelt mit „Pflicht zum Frieden“. Neben der inhaltlichen Beziehung von Gewissen, Pflicht und Frieden läßt sich auch eine Brücke über Kant bauen. Kant versteht Gewissen als ein „Bewußtsein, das für sich selbst Pflicht ist“. Gewissen lebt also aus Selbstverpflichtung, aber nicht im Sinne des gehorsamen Sich-selbst-Unterordnens unter Gesetze als der Willkür anderer Menschen (was dem autoritären Gewissen bei Fromm entspräche), sondern die Unterordnung unter die eigene und allen gemeine Vernunft. Pflicht ist so zum Ausdruck von Autonomie geworden. Doch bezweifele ich die reale Möglichkeit zur Autonomie in unserer Gesellschaft und sehe, wie die legislative Vernunft beide Wege zum Frieden gleich gut heißt, KDV und Wehrdienst. Daß Frieden das höchste Gut ist, bleibt unbestritten, aber das Wie läßt die grauen Zellen springen. Tatsächlich ist unsere politische Situation so verfahren, daß die Bundeswehr und mit ihrer Existenz als relevantere Macht die Nato eine Abschreckungsfunktion hat, die ein Schreckensgleichgewicht zwischen den Warschauer-Pakt-Staaten und den westlichen Alliierten erzeugt. Eine sofortige Auflösung der Bundeswehr hätte das Wegfallen der NATO- Unterstützung im Kriegsfalle zur Folge und würde damit den idealen Boden legen für eine Invasion in die BRD durch die Ostblockländer. Damit könnten die Bundesrepublikaner ihre nationale Selbstständigkeit verlieren - und das wäre ihr Ende, denn sie sagen sich: lieber tot als rot! Darum dient die Existenz der Bundeswehr zur Zeit der nationalen Selbstständigkeit der BRD und hält den bestehenden Nichtkrieg aufrecht. Allerdings hat Carl Friedrich von Weizsäcker in „Kriegsfolgen und Kriegsverhütung“ nachgewiesen, daß hierdurch keine Garantie und keine Stabilisierung des Nichtkrieges gegeben ist.[280] Darum scheint es zur Zeit sinnvoll, die Existenz der Bundeswehr zu bejahen. Das aber bedeutet wiederum nicht, sie gutheißen!

Aus dieser Situation heraus kommen Vernünftige zur Erkenntnis der Komplementarität von KDV und Wehrdienst. Ich zitiere im Folgenden die von Carl Friedrich von Weizsäcker formulierten „Heidelberger Thesen“ zum Umgang der Kirchen mit der Atomwaffenproblematik.[281]

1) Der Weltfriede wird zur Lebensbedingung des technischen Zeitalters. - 2) Der Christ muß von sich aus einen besonderen Beitrag zur Herstellung des Friedens verlangen. - 3) Der Krieg muß in einer andauernden und fortschreitenden Anstrengung abgeschafft werden. - 4) Die tätige Teilnahme an dieser Arbeit für den Frieden ist unsere einfachste und selbstverständlichste Pflicht. - 5) Der Weg zum Weltfrieden führt durch eine Zone der Gefährdung des Rechts und der Freiheit, denn die klassische Rechtfertigung des Krieges versagt. - 6) Wir müssen versuchen, die verschiedenen im Dilemma der Atomwaffen getroffenen Gewissensentscheidungen als komplementäres Handeln zu verstehen. - 7) Die Kirche muß den Waffenverzicht als eine christliche Handlungsweise anerkennen. 8) Die Kirche muß die Beteiligung an dem Versuch, durch das Dasein von Atomwaffen einen Frieden in Freiheit zu sichern, als eine heute noch mögliche christliche Handlungsweise anerkennen. - 9) Für den Soldaten einer atomar bewaffneten Armee gilt: Wer A gesagt hat, muß damit rechnen, B sagen zu müssen; aber wehe den Leichtfertigen! - 10) Wenn die Kirche überhaupt zur großen Politik das Wort nimmt, sollte sie den atomar bewaffneten Staaten die Notwendigkeit einer Friedensordnung nahebringen und den nicht atomar Gerüsteten raten, diese Rüstung nicht anzustreben. - 11) Nicht jeder muß dasselbe tun, aber jeder muß wissen, was er tut.[282]

Durch die Erkenntnis der Komplementarität wird die Bundeswehr nicht gerechtfertigt, sondern nur noch vorläufig entschuldigt, die KDV wird damit auch zur Vorläufigkeit vermindert, denn wo kein Kriegsdienst zu leisten ist, kann schlecht selbiger verweigert werden.

In aller noch lange andauernden Vorläufigkeit hat die KDV die politische Funktion, die Gewissen aller Menschen zu sensibilisieren auf die Unumgänglichkeit der Abrüstung und jeder Aktivität auf jeder Lebensebene, die zum Frieden weiterführt.

Damit kommt der KDV eine Zeichenfunktion zu. Sie setzt Zeichen für den anzustrebenden Frieden und gibt darin schon eine kleine, sehr unzureichende Antizipation des von den Christen erhofften Weltheiles in der Wiederkunft Christi. KDV wird so zum dunklen Vorschein des Reiches Gottes. Dies ist keine Anmaßung, sondern eine der schon nicht mehr Selbstverständlichkeiten des christlichen Glaubens. KDV ist Zeichen des Glaubens. Damit darf gesagt werden, daß KDV für den christlichen Glauben konstitutiv ist, nicht im Sinne eines zwingenden Gebotes, sondern einer selbstverständlichen Konsequenz. - In dialogischem Leben besteht - und sogar nachweisbar in der durchaus noch undialogischen Geschichte - eine Wechselbeziehung von Einzelgewissen und Moral. Wir sahen dieses Phänomen im Rahmen der religionssoziologischen These der Integration und Innovation von Religion. Gewissensentscheidungen einzelner berühmter Leute können die Moral eines ganzen Volkes umbilden.

Die Gewissensfrage ist eine Bildungsfrage. Aus der gegebenen Problematik folgt hier die Pflicht zur politischen Bildung, um die Gewissen für den Frieden einzuüben. Damit ist auch die Aufklärungsarbeit der KDV-Verbände gutgeheißen, ganz im Gegensatz zu Müller.[283] Zur der friedensnotwendigen moralischen Umwertung unserer Lebenshorizonte kann KDV einen bescheidenen Beitrag geben. Damit ist aber erst eine Negativaussage getroffen, die durch eine Vielzahl von anderen, produktiven Friedenstätigkeiten bestätigt und gerechtfertigt werden wird. Die Hauptaufgabe der Christen ist sicherlich nicht die KDV, sondern das phantasievolle Suchen und Finden neuer und alter Wege zum Frieden.

Nachbemerkung

Ich höre mir schon altväterlich den - auch berechtigten - Vorwurf machen, die Ausleitung sei schlicht und ergreifend naiv. Ja. Das stimmt. Aber dafür bin ich auch noch im 3. Semester. Natürlich ist es auch für die Lehrstuhlinhaber und andere nicht zu akzeptieren, wenn von Phantasie gesprochen wird. Denn da können sie sich nun gar nichts mehr drunter vorstellen. Ich verspreche, daß ich fleißig weiterdenken will an den angerissenen Fragen und Fragmenten.

So unvollständig dieser Formulierversuch auch ist, stellt er doch so gerade einen Schritt, einen lustbetonten und schönen Schritt auf meinem Wege zur Freiheit dar. Ich habe mein Versprechen vom Anfang der Arbeit wohl eingehalten, als ich mit Herzdenken anfangen wollte. Gerade an Stellen, wo es blöd oder albern wird, ist es mir am ernstesten gewesen. Einziger Trost über das Unglück von 100 Seiten ist, daß sie wohl kaum jemand je ganz lesen wird außer vielleicht einem...

Wilhelmshaven, zu Frühlingsanfang

22. März 1974

Michael Lütge


Textfeld: r
Literaturzettel

Ich spare mir die Aufstellung von GG, RGG, WA und Zürcher Bibel, da sie allgemein bekannt sind. Beim Zitieren der Weimarer Ausgabe habe die Übersetzung in der Calwer Luther-Ausgabe, erschienen bei Siebenstern, verwendet.


Adorno, Theodor W., Jargon der Eigentlichkeit, edition suhrkamp 91, Frankfurt 1971

Augustin, siehe Anmerkungen

Bloch, Ernst, Atheismus im Christentum, rde, Reinbeck 1970

Bloch, Ernst, Geist der Utopie, stw 35, Frankfurt 1973

Bloch, Ernst, Das Prinzip Hoffnung, stw 3, Frankfurt 1973

Bonhoeffer, Dietrich, Ethik, München 1949

Bonhoeffer, Dietrich, Nachfolge, München 1971

Buber, Martin, Ich und Du, in: Das dialogische Prinzip, Heidelberg 1965

Camus, Albert, Die Pest, rororo 15, Hamburg 1950

Dahm, Karl-Wilhelm, Beruf: Pfarrer, München 1972

Ebeling, Gerhard, Das Wesen des christlichen Glaubens, Siebenstern 8, München/Hamburg5 1967

Erikson, Erik H., Der junge Mann Luther, Reinbeck, 1970, rororo Sachbuch 6733-6734

Freire, Paulo, Pädagogik der Unterdrückten, rororo Sachbuch 6830, Reinbeck 1973

Fromm, Erich, Psychoanalyse und Ethik, 1954

Heidegger, Martin, Sein und Zeit, Max Niemeyer, Tübingen16 1972

Hitler, Mein Kampf, zit. bei Walter Hofer, Der Nationalsozialismus, Fischer 6084, Frankfurt 1971

Luhmann, Niklas, Vertrauen. Ein Mechanismus der Reduktion sozialer Komplexität, Enke, Stuttgart 1968

Luther, Martin, De Votis monasticis, Deutsche Überset­zung in der 'Braunschweiger Ausgabe', Erg.-Bd. 1, (= BAE1) S. 209–376; Lateinischer Urtext in: WA 8,573-669

Marcuse, Herbert, Ideen zu einer kritischen Theorie der Gesellschaft, Frankfurt 1969, e.s. 300

Marhold, Wolfgang, Gesellschaftliche Funktion der Religion, in: W.-D. Marsch, Plädoyers in Sachen Religion, Gütersloh 1973, S. 77 - 93

Moltmann, Jürgen, Der gekreuzigte Gott, Kaiser, München 1972

Müller, Gebhard, Das Gewissen im Konflikt, in: Evangelische Kommentare 1/73

Sartre, Jean-Paul, Die Fliegen, in: J.-P. S., Dramen I, Reinbeck 1961, rororo theater 418

Sölle Dorothee, Phantasie und Gehorsam, Stuttgart5 1972

Thomas von Aquin, siehe Anmerkungen

Weizsäcker, Carl-Friedrich, Bedingungen des Friedens, Göttingen 1964

Weizsäcker, Carl-Friedrich, Kriegsfolgen und Kriegsverhütung, Hanser Verlag, München, 1971

Schmidbauer, Wilhelm/ Wagner, Wilhelm, Ich verweigere den Wehrdienst, Goldmann Jura 8313, München5 1973

 

 


 

 


R. Mokrosch                                                                                    74 Tübingen, 20.4. 1974

Haußerstr. 140

Lieber Micha Lütcke!

Zunächst allerherzlichsten Glückwunsch zu der Arbeit, über die wir mündlich bei einem Bier noch einmal zusammen reden müssen. Meine Stimmung hat während der Lektüre zwischen Begeisterung, vorbehaltloser Zustimmung und totaler Verärgerung bis zum Zorneserröten hin- und hergeschwankt.

Ihr journalistischer und prosaischer Stil ist häufig außerordentlich angenehm und verleiht der Arbeit teilweise den ersehnten ’Wärmestrom’, aber weil er viele Aussagen ungenau und verschwommen werden läßt (zB. was bedeutet „existential“ und „existentiell“ auf Augustin und Thomas angewandt, wie wird Luthers Frage nach dem gnädigen Gott auf unsere Frage nach gerechter Veränderung der Lebensverhältnisse bezogen? etc.), ist er selbst in Gefahr, zum 'Kältestrom’ zu werden. Wissenschaftliche Aussagen können m.E. genauso existentiell bindend sein, wie im essayistischen Stil formulierte persönliche Stellungnahmen. Wahrscheinlich bedürfte es da noch einer hermeneutischen Debatte zwischen uns. (vgl. S. 19f)

Vor dem mündlichen Gespräch noch ein paar kurze Vorbemerkungen zu den einzelnen Teilen der Arbeit:

Gut ist die Ausgangsfrage: Gewissen zwischen Sozialisation und Identität (S. 5). Dieses Grundproblem wird auch konsequent in der ganzen Arbeit durchdiskutiert. Aber es wird nicht gefragt, ob diese Frage auch das Grundproblem für Augustin, Thomas, Sartre und Müller ist. Deshalb hat man teilweise das Empfinden, daß Sie den behandelten Autoren ungerecht werden. Die Abrechnung mit Müller scheint gerechtfertigt, wirkt aber zu journalistisch elegant und arrogant, was von Ihrem pazifistischen Gegenstandpunkt aus nicht gerechtfertigt ist. Die gute Kenntnis über Augustin und Thomas spürt man heraus, um so erstaunlicher wirkt Ihre harte Kritik an beiden. Sartre als 'Antwort' auf Augustin und Thomas ist inter­essant, wird aber beiden nicht ganz gerecht.

Die einführende Luther-Hermeneutik im Prosa-Stil (S. 19-22) ist wiederum außerordenlich imponierend, aber problematisch. Die Polemik gegen die Identität von Schöpfer und Erlöser ist mir unverständlich. Die Pa­rallelisierung von psychischem Terror der Kirche zu Luthers Zeiten und physischem Terror heute ist systematisch absolut berechtigt, ver­harmlost aber in ethischer Hinsicht m.E. den physischen Terror heute. Die Interpretation von Heil als Frage nach der individuellen Lebensmöglichkeit angesichts des Leids leuchtet ein.

Das Verhältnis von iustitia, salus und geängstetem Gewissen (S. 23-29) ist sicherlich zu negativ, nur von der negativen Seite her beschrieben, bernhardinische Mystik und die franziskanische Tradition sind selbst solchen Perversionen verfallen, wie Sie sie beschreiben. Das Recht Ihrer Darstellung besteht allerdings darin, daß Sie vom Standpunkt Luthers her urteilen und im wesentlichen auch nur ihn als Quelle heranziehen (vgl. S.27-29).

Der folgende Teil (S. 30-43) über die existentiale Struktur des Gewissens und den Versuch einer Beschreibung der Befreiung des Gewissens und über das Verhältnis von Gewissen und Gesetz und Person und Werk scheint mir der genialste Teil der Arbeit zu sein. Hier erlauben es die Kenntnis des Verfassers, zugleich historisch und systematisch zu argumentieren.

Der biographische Teil (S. 43-49) konzentriert sich nach anfänglich etwas langatmigem Referat Eriksons sehr präzis auf dessen Unterscheidung von positivem und negativem Gewissen. Die Reflexion darüber anhand der Gleichzeitigkeit von Aktivität und Passivität und der Dialektik und Identität von gutem und bösem Gewissen ist schlechthin glänzend.

Im 2. Teil der Arbeit schwankte ich noch mehr zwischen Zustimmung und Ablehnung. Das Heidegger-Referat (S. 50-56) ist wirklich gut gelungen, aber die arrogante Abrechnung mit Heidegger geht m.E. daneben, weil Heidegger kein Solipsist ist. Das ist das alte sozialwissenschaftliche Mißverständnis von der Existenzphilosophie. Heidegger „lächerlich“ zu machen ist da in der Tat selbst ein lächerliches Unternehmen. Ebeling ist ganz schwach und hätte fort­gelassen werden können. S. 58f stellt eine glänzende Zusammenfassung dar.

Die soziale Deutung anhand von Freud, Fromm und Freire ist viel, viel zu lang und referiert praktisch nur deren Ansatz. Die Normenproblematik ist fast dilettantistisch (pardon!!) und die Idee Liebe als Norm der Entnormierung von Normen auf dem Hintergrund der ganzen sozialwissenschaftlichen Debatte und Problematik über Normen recht einfach.

Die Unterscheidung von christlicher Ethik und Menschlicher Ethik (S. 74-79) leuchtet nicht ein. Auch ist hier die Gewissens-Problematik sehr weit verlassen.

Ab S. 79 bis S. 84 packte mich oben beschriebener Zorn: Woher leitet sich plötzlich die Dualismus-Anklage gegen Luther her? Sind die vorherigen Analysen (S. 30ff) außer Kraft getreten, oder waren Sie hier in einer völlig anderen Stimmung begriffen?

Über den Teil S. 83-89 mit der These vom Gewissen und der Liebe als Kommunikations- und Lebenssinnmöglichkeiten müssen wir noch mündlich reden. Ebenso über den einleuchtenden KDV-Schlußteil.

Insgesamt sind Sie wirklich ein genialer Geist, aber Sie könnten mit Ihrer prinzipiell (nicht nur partiell) negativen Einstellung zu wissenschaftlichen Aussagen und wissenschaftlicher Arbeitsweise m.E. alles ver­derben. Aber darüber noch mündlich, - obwohl ich nicht weiß, wann es die Zeit zuläßt.

Könnten Sie wohl vorher meine ’notae' in der Arbeit ansehen? Sie liegt in meinem immer offenen Zimmer 216.

Mit allerbesten Grüßen bin ich in Freundschaft

Ihr


 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 



[1] Martin Luther, De votis monasticis, Braunschweiger Ausgabe, Ergänzungsband I, S. 209-376, 266

[2] D. Martin Luthers Werke, Kritische Gesamtausgabe (=WA) Bd. 8, Hermann Böhlau, Weimar 1889 (Schriften 1521/22), S. 607

[3] Karl-Wilhelm Dahm, Beruf: Pfarrer. Empirische Aspekte zur Funktion von Kirche und Religion in unserer Gesellschaft, Claudius München2 1972,320

[4] Karl Marx, Thesen über Feuerbach, in: Karl Marx / Friedrich Engels, Werke, Dietz Verlag Berlin 1958 (=MEW) Bd. 3, 533-535, 535

[5] Gebhard Müller, Das Gewissen im Konflikt. Verfassungsrechtliche Aspekte der Kriegsdienstverweigerung, in: Evangelische Kommentare 1/73, S. 11ff

[6] aaO 12

[7] aaO 13f

[8] aaO 13

[9] aaO 12

[10] aaO 13

[11] 2 BFR 65 /71 vom 12. 10. 71

[12] aaO 12

[13] aaO 13

[14] aaO 14

[15] aaO 12

[16] aaO 14

[17] aaO 13

[18] aaO 13

[19] aaO 13

[20] Ernst Bloch, Das Prinzip Hoffnung, Frankfurt/Main Suhrkamp Taschenbuch Wissenschaft (=stw) Bd. 3, S. 144, 240, 306

[21] Weizsäcker, Bedingungen des Friedens, Göttingen6, S. 7

[22] Müller aaO 13

[23] Johannes Stelzenberger, „Conscientia bei Augustinus“, Paderborn (Schöningh) 1959

[24] Augustin, sermo 47, caput VII, in: MPL, Spalte 30

[25] Augustin, sermo 47, caput IX, in: MPL, Spalte 30

[26] Martin Heidegger, Sein und Zeit, Tübingen12 Mohr 1972, S. 126ff und 167ff (Hier allerdings schlagen sich schon die Einflüsse des Spätkapitalismus klar nieder: Konkurrenzkampf, Vermassung - siehe E. Bloch, Das Prinzip Hoffnung, stw 3, S. 124)

[27] Augustin, sermo 47, caput IX, in: MPL, Spalte 30

[28] Augustin, de sermone dom. 2,9: „in cuius conscientia non loquatur deus?“ - sermo 12,4: „loquitur etiam deus in bonorum malorumque conscientia.

[29] Augustin, ps. 45,9: „deo, cui sedes est Conscientia..“ „sedes dei in cordibus hominum...“

[30] Augustin, sermo 47, caput VII

[31] vgl. Aug. ps. 30,8: „quo fugio... quoquumque iero, sequor me.“ - ps. 57,2: „iudicis tribunal est in mente tua, sedet ibi deus, ad est accusatrix conscientia.“ - sermo 349,1: „per bonam vitam bona conscientia comparatur, ut per bonam conscientiam nulla poena timeatur.“

[32] Augustin, sermo 47, caput VII

[33] ebd

[34] ebd

[35] E. Bloch, Das Prinzip Hoffnung, aaO., S. 49

[36] vgl. M. Heidegger, Sein und Zeit, aaO., S. 89

[37] D. Sölle, in: Wissenschaft und Praxis in Kirche und Gesellschaft, Evang. Jugendarbeit, Vandenhoeck, Juli 1973, S. 363 zur Folter: „Der Endpunkt ist hier die Zerstörung der menschlichen Würde und des Weltvertrauens. Die eigene Identität wird zerbrochen, der Schmerz nimmt dem Bewußtsein das, um dessenwillen man litt und läßt Menschen als leere Hüllen zurück.“ - Unter diesem Aspekt lese man doch einmal die unter Anm.11 angegebene Stelle (Substantialität des Körperdings...)

[38] E. Wolf, Artikel „Gewissen“, in: RGG3, Bd.II, Sp. 1552

[39] Thomas, summa theologiae I, q 79, a 12,3

[40] Thomas, summa theologiae I, q 79, a 12,3

[41] Thomas, summa theologiae I, q 79, a 12,2

[42] Thomas, summa theologiae I, q 79, a 12, resp.

[43] Thomas, summa theologiae I, q 79, a 12, ad 3

[44] Thomas, summa theologiae I, q 79, a 13, resp.

[45] Thomas, summa theologiae I, q 79, a 13, resp.

[46] Thomas, summa theologiae II, q 19, a 5

[47] Thomas, summa theologiae II, q 19, a 5

[48] Thomas, summa theologiae II, q 19, a 5 zu 1 und zu 2

[49] ebd

[50] Thomas, summa theologiae II, q 19, a 6

[51] Thomas, summa theologiae I, q 79, a 12,2

[52] Jean-Paul Sartre, Die Fliegen, in: Ders., Dramen I, Reinbek 1961 rororo theater 418

[53] aaO 54

[54] aaO 56

[55] aaO 59

[56] aaO 65

[57] aaO 70

[58] aaO 71

[59] aaO 72

[60] Martin Luther, De Votis monasticis, Deutsche Übersetzung in der 'Braunschweiger Ausgabe', Erg.-Bd. I, S. 209 – 376; Lateinischer Urtext in: WA 8,573-669

[61] John L. Austin, How to Do Things with Words, Harvard University Press, Cambridge MA 1962, Deutsch: Zur Theorie der Sprechakte,  Reclam Universal-Bibliothek 9396, Stuttgart 1972

[62] Ps 37; 73 u. ö.

[63] Camus, Albert, Die Pest, Hamburg Reinbek Rowohlt rororo 15, 1950, 129

[64] Hier empfindet Luther ganz anders; er kann Gott, den Henker Christi, und Gott, den Gekreuzigten (WA 1,614,17) zusammendenken. Er schiebt sich dabei ein 'dialektisches' Erkenntnisprinzip unter den Kopf: „Das Werk Gottes muß verborgen sein und wird nicht erkannt, wenn es geschieht“(WA 56,376,31f). Wir haben selbst schon früh von unseren Eltern den Spruch zu fühlen bekommen: Wen Gott liebt, den züchtigt er (Hebr. 12,6; vgl. Ps.94,12; Spr. 13,1.24; Tit.2,12; Offb.3,19). Gott, der allmächtige Schöpfer Himmels und der Erde, ist ein Masochist, ein Sadist obendrein: Er scheint seine Schöpfung nur im Elend zu lieben. Damit er seiner Selbstverliebtheit auch noch masochistisch gerecht wird, kommt es zur kataba/sij ins Kreuz Christi dessen Heilswirkung immer noch aussteht. Ich jedenfalls verzichte gerne auf den Allmächtigen, der mit uns Katz und Maus spielt. Wenn es einen liebenden Gott geben soll, so sollte die Theologie nicht von der perversen Paradoxie von einem Sünden mit Tod strafenden Schöpfergott ausgehen, der zugleich ein durch Jesu Hinrichtung uns schützender Erlösergott ist, sondern eschatologisch als Befreier der unerlösten Schöpfung.(Rm. 8) Jesus wurde von Menschen, nicht von sich selbst in seiner trinitarischen Vaterrolle hingerichtet. Er war kein Suizidant.

[65] aaO 1,370

[66] Luther, De Votis monasticis, Braunschweiger Ausgabe, Erg.-Bd. 1, (= BAE1) S. 209–376, 346

[67] Eine treue Vermahnung zu allen Christen, sich zu hüten vor Aufruhr und Empörung (1522), WA 8, S. 670-687

[68] Luther BAE1, S. 255

[69] aaO 258

[70] aaO WA 8,605 ; cf. BAE1,262

[71] Luther BAE11.251

[72] aaO 221; nach Rm 1,16

[73] vermutlich weisheitlich, vgl. Sap 9,6

[74] Luther,  BAE1, 221

[75] aaO 222

[76] aaO 221

[77] aaO 228

[78] aaO 231

[79] BAE1,225 ; auch 326ff

[80] aaO 231; auch 333

[81] aaO 227

[82] aaO 227; auch 311ff und 341ff

[83] aaO 341

[84] aaO 369

[85] aaO 290f; auch 344f

[86] aaO 294

[87] aaO 330

[88] Ps 76,12

[89] vgl. BAE1,216

[90] aaO 285

[91] WA 8,605 = BAE1,262; auch 249, 255, 258, 242, 264, 270, 285 u.ö.

[92] Luther, de libertate, cap 29 WA 7,37 “Denn ich furcht, das ynn den allen sampt ein yglicher nur das seyne sucht“

[93] „Darum, meine Geliebten, wie ihr allezeit gehorsam gewesen seid, so mühet euch nicht nur wie in meiner Anwesenheit, sondern weit mehr jetzt in meiner Abwesenheit um euer Heil mit Furcht und Zittern! Denn Gott ist es, der in euch sowohl das Wollen als das Vollbringen wirkt... tut alles ohne Murren und Bedenken“ (Phil 2,12ff)

[94] Luther BAE1,319

[95] aaO 258

[96] Luther, Die sieben Bußpsalmen 1517, WA 1,160f: „... als man woll spricht, das eyn stund des fegfeurs bitterer sey dann tausent jar tzeyllicher leyplicher peyn. Also ist nit großer leyd, wan empfintlich leyden des gewißen, das do geschicht, wan got entsaget, das ist, die warheyt,gerechtickeyt, weyßheyt u. und bleybt da nichts, dan sunde, finsternis, ach und wehe, und diß ist eyn tropff oder vorschmack der hellischen peyn und ewiger vordamnis, darumb ersucht sie alle gebeyn, krafft, safft, mark und waß ym menschen ist.“

[97] WA 1,169 - Auslegung Ps 32: „das ist, vor großem angest deynes gerichts byn ich alt uund graw worden. dan wie eym lydenden menschen zeit lang ist, vil mehr übertrefflich ist sie lang, da die gebeyn leyden, das ist, die crefft der selen, vor dem anblick des gottlichen gerichts, das der heylig geyst leuchetet schrecklich yn eynn vormessene seelen, das er sie demutige uund sich erkennen lerne... Das ist, die weil mich ßo grawsam tiss sticht das urteil deyns gerichts, und myr eynen dornen yn das elend gewißen strecket, durch dringend alle crefft meiner seelen.“

[98] WA 1,176 - Auslegung Ps 38 „Vor der empfindlichen kegenwertickeyt und erkentniß meyner sund. dan die pfeyle gottis und zornige spruch machen kegenwertig die sund ym herzen. und da von wirt ynnewendig unruge und erschrecken des gewissen uund aller crefft der seelen, uund die hand gottis, das werk der straff aufwendig, macht ganz kranck und leydende den leychnam, und wo es also steet, da steet es recht mit dem menschen.“

[99] WA 2,137 “Die bedenckenn das leyden Christ recht, die yhn alßo ansehn, das sie hezlich darfur erschrecken und yhr gewissen gleych sincket yn eyn vorzagen. Das erschrecken sol da her kummen, das du sihest den gestrengen zorn und unwanckelbarn ernst gottis uber die sund und sundere, das er auch seynem eynigen allerliebsen sun hat nit wollen die sunder loß geben, er thette dan fur sie eynn solche schwere puß”

[100] aaO WA 2,138 “das wie Christus am leyb unnd seel jamerlich in unsern sunden gemartert wirt, mussen wir auch ym nach alßo gemartert werden im gewissen von unßernn sunden.”

[101] WA 7,22 - de libertate, cap 6, 1520 “das du hörist deynen gott zu dir reden, Wie alle deyn leben und werck nichts seyn für gott, sondern müßsist mit allen dem das ynn dir ist ewiglich vorderben. Wilchs ßo du recht glaubst, wie du schuldig bist, so mustu an dir selber vorzweyffelnn”

[102] ebd, cap 8, WA 7,23 “Darub seyn sie nur dazu geordnet, das der mensch drynnen sehe sein unvormügen zu dem gutten und lerne an yhm selbs vorzweyffeln.”

[103] WA 7,24, cap 9 “So ist er recht gedemütigt und zu nicht worden ynn seynen augen”

[104] BAE1,370

[105] WA 20,622 Aus­legung des 1. Joh. 1527 „Per Christi sanguiuem facile est abiicere cappam, sed hoc facere conscientia certa et fideli, quod prorsus sit hoc peccatum. hoc gravissimum est factum, quia habemus inherentera iusticiam nostram nobis. Quando huc veni, quod nihil iustificet corara deo sed manet in peccato praeter Christi sanguinem, tum statim concludo: ergo statuta papae, regulae patrum sunt impostura.“

[106] WA 30/1,234 Gr. Katechismus, Beichtanhang, 1529 „dazu dasselbige so hoch beschweret hat und die gewissen gemertert mit so mancherley sunden zu ezelen, das niemand hat konnen rein gnug beichten. Und das das ergste ist gewest, niemand geleret noch gewust hat, was die beichte were odder wie nutz und tröstlich, sondern haben eitel angst und helle marter draus gemacht, das mans hat thuen müssen und doch keinem ding so feind ist gewesen. ... Zu dem haben wir das vorteil, das wir wissen wie man yhr seliglich brauchen solle zu trost und stercke unsers gewissens.“

[107] WA 50,220 Schmalkaldischer Artikel 3, 1537 „Denn Conscientia ist bey yhn nichts, sondern, gelt, ihr und gewalt ists gar.“

[108] WA 8,609f

[109] WA 2,687 – 1519 „Die sund wechst und wirt groß auch durch yhr zuvill ansehen und zu tieff bedencken. Da hilfft zu die blodickeit unßers gewissen, das sich selbs vor gott schemet und grewlich strafft.“

[110] WA 8,606

[111] WA 20,697 - 1. Joh -Auslegung

[112] vgl. BAE1,305-324

[113] aaO 241

[114] WA 8,593; BAE1,243

[115] WA 8,593

[116] WA 8, 593f

[117] WA 8, 606

[118] WA 8, 609

[119] WA 8, 594

[120] WA 8, 606f

[121] WA 34/1, 506 - Predigt am 1. Weihnachtstag 1531

[122] WA 8, 594

[123] WA 8, 594

[124] WA 8, 594

[125] WA 8, 609

[126] WA 8, 594

[127] WA 8, 607

[128] vgl. WA 7, 24 de libertate, cap 9

[129] BAE1, 233

[130] WA 8, 607

[131] BAE1, 306

[132] ebd

[133] BAE1, 349

[134] aaO 276

[135] aaO 320

[136] aaO 365

[137] WA 8, 606

[138] WA 8, 609

[139] WA 8, 594

[140] vgl. BAE1, 268,270.274 u. ö.

[141] aaO 274

[142] dorea/n, Rm 3,24

[143] WA 8, 608

[144] BAE1, 261

[145] zu allem vgl. WA 7,32-34 de libertate, cap 23 - 25

[146] BAE1,281

[147] aaO 299

[148] aaO 368

[149] aaO 368

[150] Erik Homburger Erikson, Der junge Mann Luther, Reinbeck 1970, rororo Sachbuch 6733-6734, S. 62, 70, 84

[151] aaO 70ff

[152] aaO 225

[153] aaO 226

[154] Erikson S. 85ff

[155] aaO 75

[156] aaO 78f

[157] aaO 82

[158] aaO 180

[159] aaO 185

[160] aaO 185

[161] aaO 194

[162] aaO 221

[163] aaO 224

[164] aaO 200

[165] aaO 212

[166] WA 3,593

[167] Erikson aaO 215

[168] WA 3,420

[169] aaO 233

[170] aaO 229

[171] aaO 229

[172] aaO 230

[173] aaO 232 cf. WA 4, 551

[174] aaO 234

[175] WA 3,289

[176] Erikson aaO 240

[177] zitiert nach: Guido Schneeberger, Nachlese zu Heidegger, Dokumente zu seinem Leben und Denken, Bern 1962

[178] Th. W. Adorno, Jargon der Eigentlichkeit, S. 46

[179] Schneeberger aaO

[180] Martin Heidegger, Sein und Zeit, Max Niemeyer, Tübingen16 1972, 270

[181] ebd

[182] aaO 41f

[183] Dorothee Sölle, Stellvertretung, Mohn, Gütersloh 1972, S. 7

[184] Ernesto Cardenal, Das Buch von der Liebe, Siebenstern 168, Hamburg 1972, S.2: „Dieser Durst, den alle Wesen spüren und von dem auch im Gleichnis von der Samariterin am Brunnen gesprochen wird, ist die Liebe zu Gott. Um dieser Liebe willen werden alle Verbrechen begangen und alle Kriege gekämpft, ihretwegen lieben und hassen sich die Menschen.... Alles menschliche Tun, sogar die Sünde, ist eine Suche nach Gott, nur sucht man Ihn meistens dort, wo er am wenigsten zu finden ist.“

[185] soweit Heidegger aaO S. 270 -275

[186] aaO 276

[187] aaO 276

[188] aaO 276

[189] Bloch, Das Prinzip Hoffnung, S. 124

[190] Heidegger aaO 277

[191] aaO 192

[192] aaO 277

[193] aaO 280

[194] aaO 282

[195] aaO 283

[196] aaO 283

[197] aaO 284

[198] aaO 284

[199] aaO 284

[200] aaO 284

[201] aaO 285

[202] aaO 287

[203] aaO 287

[204] Bertold Brecht, An die Nach­geborenen

[205] Gerhard Ebeling, Das Wesen des christlichen Glaubens, Siebenstern, München/Hamburg3 1967 S. 105

[206] aaO 108

[207] aaO 108

[208] aaO 109

[209] aaO 109

[210] aaO 109

[211] aaO 110

[212] Ps. 121

[213] Rm. 8,31; Evangelisches Kirchengesangbuch Nr. 250

[214] Heinz Hartmann, Ichpsychologie und Anpassungsproblem (1939), Klett, Stuttgart 1960,43ff

[215] Hier wird referiert aus: Erich Fromm, Psychonanalyse und Ethik, 1954, S. 158ff

[216] aaO 158

[217] aaO 159

[218] Paulo Freire, Pädagogik der Unterdrückten, rororo Sachbuch 6830, Reinbeck 1973

[219] Freire aaO 105 und 106

[220] aaO 106

[221] aaO 106

[222] Auch kritische Reflexion ist Aktion, cf. Freire S. 108!

[223] aaO 117

[224] aaO 118

[225] aaO 119

[226] aaO 119

[227] aaO 120

[228] aaO 120

[229] aaO 122

[230] aaO 123

[231] aaO 124

[232] aaO 127

[233] aaO 129

[234] aaO 121 Bischof Franic Split

[235] aaO 130

[236] aaO 130

[237] aaO 131

[238] aaO 132

[239] aaO 132

[240] aaO 132

[241] aaO 133

[242] aaO 136

[243] aaO 137

[244] aaO 137

[245] Ebeling, Das Wesen des christlichen Glaubens S. 107. Damit ist Luther in 'de libertate christiana' cap 2 widerlegt.

[246] Jürgen Moltmann, Der gekreuzigte Gott, Kaiser, München 1972, 49-52

[247] Luhmann, Niklas, Vertrauen. Ein Mechanismus der Reduktion sozialer Komplexität, Enke, Stuttgart 1968: Um den Bereich der rationalen Handlungen um neue Möglichkeiten zu erweitern, erlaubt das Vertrauen in das Funktionieren gesellschaftlicher Systeme, sich auf höhere Risiken einzulassen.

[248] Wolfgang Marhold, Gesellschaftliche Funktion der Religion, in: W.-D. Marsch, Plädoyers in Sachen Religion, Mohn, Gütersloh 1973, S. 77-93, 80

[249] ebd

[250] aaO 82

[251] Marx, Werke, hrg. von Lieber/Furth, Darmstadt 1962, Bd. 1, S. 488f; Ernst Bloch, Atheismus im Christentum, rde, Reinbeck 1970, S. 62

[252] Luther BAE1,220

[253] Dietrich Bonhoeffer, Ethik, München 1949,188

[254] ebd

[255] aaO 189

[256] aaO 189

[257] „sondern weil ich Gefängnis, das Schwert und den Henker fürchte!“

[258] Martin Luther, Sämtliche Schriften Bd. 9, hg. von Joh. Georg Walch, Auslegung des Neuen Testaments, Luthers große Auslegung der Epistel an die Galater und die übrigen exegetischen Schriften, Halle, 1740-1753 und Concordia Publishing House, St. Louis / Montana 1880-1910, S. 408ff, §444. Lateinischer Originaltext in WA 40,1 ab S. 473ff

[259] aaO 409, §445

[260] aaO 409, §445

[261] aaO 410, §446

[262] aaO 411, §450

[263] aaO 410f, §449

[264] aaO 411, §451

[265] Luk 3,14

[266] WA 19,625

[267] WA 19,626

[268] WA 19,635

[269] vgl. de libertate, cap 2ff und 20f

[270] H.H. Deisler im SWF II, 13. Feb. 1974, 10.50 H

[271] Adolf Hitler, Mein Kampf, 220/224 Aufl., München 1936, S. 44, zit. in: Walter Hofer, Der Nationalsozialismus, Fischer 6084, Frankfurt 1971, S. 20

[272] ebd 198

[273] vgl. Bonhoeffer, Ethik, S. 189

[274] Dorothee Sölle, Phantasie und Gehorsam, Stuttgart5 1972, 45f

[275] Sölle, Phantasie und Gehorsam, S. 66, 71 - vgl. dazu M. Buber, Ich und Du, in: Das dialogische Prinzip, Heidelberg 1965, 76ff

[276] Ernst Bloch, Geist der Utopie, stw 35, Frankfurt 1973, 128f

[277] Ich beziehe mich hierin auf die Rubinsteinsche Interpretation

[278] BVerwGE 7. 2-2, zit. in: Wilhelm Schmidbauer / Wilhelm Wagner, Ich verweigere den Wehrdienst, Goldmann Jura 8313, München5 1973, 56

[279] Schmidbauer/Wagner 1973, 13

[280] Carl-Friedrich Weizsäcker, Kriegsfolgen und Kriegsverhütung, Hanser Verlag, München 1971

[281] Günther Howe (Hrsg.), Atomzeitalter, Krieg und Frieden, Witten/Berlin 1959 verfaßt im Auftrag der Forschungsstätte der Evangelischen Studiengemeinschaft (FEST) aufgrund der Diskussion über atomare Bewaffnung der Bundeswehr.

[282] Vgl. dazu auch Carl-Friedrich Weizsäcker, Bedingungen des Friedens, Göttingen 1964, 11

[283] Gebhard Müller, Das Gewissen im Konflikt, in: Evangelische Kommentare 1/1973,14