Dr. phil. Dr. theol. Michael Lütge, Pfarrer, Gestalttherapeut, Religionsphilosoph, Religionswissenschaftler

Bergkamener Predigten 1985-1987

https://bachelorarbeitghostwriter.com/ Rede zum Volkstrauertag    MartinLutherHaus 17.11.1985
Predigt über Neue Armut    Bodelschwinghhaus 3.11.85
Predigt über Joh. 15, 1-8    Friedenskirche 4. Aug. 85
Der Weinstock und die Reben oder: Christi Früchte
Erntedankfestpredigt zu Psalm 23    Friedenskirche 6. Okt. 1985
Predigt  über Jak 5,7-9     Bodelschwinghh: 8.Dez. 1985
Adventliche Geduld als der lange  Atem der Christen.    
Predigt über Hebräer 4,12f     Bodelschwinghh:2.Feb.86
Gottes Geheimnis als das Geheime im Menschen             
Predigt über Röm 14,10-13    Auferstehungsk:23.Feb.86
Wer hat Recht?
Predigt über 1.Pt 1,3-9       Friedenskirche:.7.April 86
Leben aus Hoffnung, oder: Glauben statt Schauen 
Predigt überGal 4,1-7    Friedenskirche:..8. Mai 1986
Freiheit der Christen in der Welt
Predigt über  Mt 5,13-16    Friedenskirche:.18. Mai 86.
Nicht dumm werden!         
Predigt über Jes. 58,6-9     Friedenskirche: 20. Juli 86
Richtig Fasten!             
Thesen zur Glaubwürdigkeit des christlichen Glaubens
Einleitung.
These 1: Dogma und Spiritualität.
These 2: Defizit der Kirchen.
These 3: Wahrheitsgehalt der biblischen Botschaft.
These 4: Recht auf Geborgenheit.
These 5: Gottesdienst.
These 6: Dialog mit Nichtchristen.
These 7: Glaubwürdigkeit.
Predigt über 1.Tess. 5,12-22     Friedenskirche 26. 10. 86
Erlauben als Strategie
Schöpfungsverantwortung der Kirche
Predigt  über Lukas 3,1-14     Friedenskirche 14.12.86
Kleine Schritte - Gottes Heilsweg in der Welt.
Predigt über 2. Sam 7,4-16     Friedensk. Heiligabend 86
Ein König, der gar kein König ist
Predigt   über Mt. 2,13-23     Friedenskirche  28.12.86
Die Welt, in der Kinder gemordet werden.
Predigt über Exodus 33,18-23      Friedenskirche 18. Jan. 87
Wie kann man Gott sehen?
Predigt über Mt. 14,22-35    Friedenskirche 1. Feb. 87
Wie Jesus der Schiffahrt einen Dienst tat
Gebet für Südafrika    Friedenskirche 22. 3. 87
Beerdigung Jenny Gonschewsky    Hauptfriedhof 12.5.87
Predigt über 1. Pt. 2,4-10    Friedenskirche 24. Mai 87
Wir sind lebendige Steine im Haus Gottes.
Predigt über Jes. 6,1-8     Friedenskirche: 14. Juni 87
 Visionen von Gottes neuer Herrlichkeit
Predigt  über Lk 15,1-3+11-32
Die Liebe eines Vaters
Trauung von Willi und Brigitte Kölzow, geb. Bangert, am 11. Juli 1987
Beerdigung Paul Kehl    Hauptfr.Fr, 24.7. 87, 15.00 H
Predigt über Joh 6,30-35    Friedenskirche 25.Juli 87
Erst kommt das Essen, dann die Moral
Beerdigung Heinz Gathmann    Donnerstag, 6. August 1987
Predigt über Jes. 29,17-24     Friedenskirche:.6..9.87
Träume vom Tag Gottes als Vorschau von Gottes neuer Welt.
Predigt über Mk 1, 13-17      Friedenskirche: 27. Sept. 87
Essen ist eben mehr als nur Essen!
Predigt über Joh. 8,30-32     Friedenskirche:.11.10.87
Die Wahrheit wird euch freimachen.

Rede zum Volkstrauertag    MartinLutherHaus 17.11. 1985

Wir gedenken heute der Opfer von Krieg und Gewalt in unserer Zeit: der Soldaten,
die in den beiden Weltkriegen gefallen, ihren Verwundungen erlegen oder in
Kriegsgefangenschaft gestorben sind, der Frauen, Kinder und Männer, die durch
Kriegshandlungen, auf der Flucht oder bei der Vertreibung aus ihrer Heimat ihr Leben
lassen mußten. Wir gedenken all derer, die unter der Gewaltherrschaft Opfer ihrer
Überzeugung oder ihres Glaubens wurden, und all derer, die getötet wurden, weil sie
einem anderen Volk angehörten oder einer anderen Rasse zugerechnet wurden. Wir
gedenken der Männer, Frauen und Kinder, die in der Folge des Krieges und wegen der
teilung Deutschlands und Europas ihr Leben verloren. Wir trauern mit den Familien
und freunden um die Gefallenen und Toten all der Völker, die unter beiden Weltkriegen
gelitten haben. Wir trauern mit den Angehörigen um die Opfer des Terrorismus, der
Kriege und Bürgerkriege unserer Tage. Wir trauern, doch wir leben in der Hoffnung auf
Versöhnung der Völker und Frieden in der Welt.
Für viele von uns ist dieses Gedenken vielleicht ein unbequemes Thema, mit dem
man bei vordergründiger Betrachtung nicht so recht etwas anzufangen weiß. Vierzig
Jahre nach Kriegsende verblaßt allmählich die Trauer, abgesehen vielleicht von der
Trauer der nächsten Angehörigen. Damit ändert sich auch der Sinn des Volkstrauertags.
Neben die Trauer tritt mehr und mehr das Nachdenken über die Ursachen der mehr als
Hundert Kriege, die es seit dem letzten Weltkrieg in aller Welt schon wieder gegeben
hat. Wie uns die Erfahrung leidvoll lehrt, kann Gedankenlosigkeit tödlich sein. Die
Wahlentscheidung von 1933 war eine der schrecklichsten Dummheiten der Deutschen.
Fast ununterbrochen führen in unserem Jahrhundert nach wie vor Menschen Kriege
und Bürgerkriege. Sie haben immer wieder neue Einfälle, einander zu quälen und zu
vernichten. Den 55 Millionen Toten beider Weltkriege folgten seit 1945 weitere 30
Millionen als Opfer der Gewalt gegen Menschen. Als neue Geißel ist dabei neben den
Krieg der Terrorismus getreten, der zur Durchsetzung obskurer Ziele rücksichtslos und
heimtückisch unbeteiligte Menschen in den Tod reißt. Es ist Terrorismus, wenn in
Kaufhäusern Bomben gezündet werden. Aber es ist auch Terrorismus, wenn in
Südafrika Polizei in wehrlose Menschenmengen schießt und täglich Schwarze sterben,
weil sie demonstriert haben für ihre Menschenwürde. Und es war Terrorismus, als in
unserem Land vor über 40 Jahren 6 Millionen Juden und Abertausende von Russen,
Kommunisten, Sozialdemokraten und Zigeunern grausig abgeschlachtet wurden. Auch
die Gräber unseres Russenfriedhofs in Weddinghofen verbergen manche grauenvolle
Bluttat. Die Führer der evangelischen Kirche, gerade aus dem Konzentrationslager
befreit, haben 1945 im Stuttgarter Schuldbekenntnis von einer kollektiven Schuld aller
Deutschen gesprochen. "Wir klagen uns an, daß wir nicht mutiger bekannt, nicht treuer
gebetet, nicht fröhlicher geglaubt, nicht brennender geliebt haben." So sagten die, die
gerade noch mit dem Leben davongekommen waren, weil sie nach Kräften Widerstand
geleistet hatten gegen die Gewaltherrschaft der Nazis. Sicherlich haben die meisten
Deutschen nicht selbst gemordet. Aber sie haben geschwiegen, wo sie hätten schreien
sollen. Und als einige geschrien haben, da war es wieder einmal zu spät.
Was lernen wir daraus? Wie kann unsere Trauer fruchtbar werden, daß nicht
nocheinmal unser Volk Krieg erleben muß? Ich glaube, wir Deutschen haben mit der
unglaublichen Schuld von Millionen Opfern unseres Terrorismus damals eine ganz
besondere Verantwortung dafür, daß kein Krieg mehr sei, nicht in anderen Ländern und
erst recht nicht mehr bei uns. Einer der Fehler, die wir gemacht haben, war: die falsche
Partei zu wählen. Man hat sich verführen lassen von großartigen Versprechungen. Der
zweite Fehler war dann programmiert: man hat geschwiegen zur Aufrüstung Mitte der
Dreißigerjahre. Aus Trägheit, blindem Vertrauen, oder vielleicht schon aus Angst. Und
dann war man drin im Strudel der Gewalt. Es gab kein Zurück mehr. Man hat den
Zeitpunkt nicht erkannt, an dem das Volk noch hätte umkehren können. Volkstrauer
heute heißt: lernen aus dieser unserer Geschichte. Und die Lehre ist: Erkennt die
Zeichen der Zeit und wehret den Anfängen. Aus Rüstung kann nie und nimmer
dauerhaft Friede werden. Es gibt eine stärkere Waffe als jede Pershing II und jedes
SDI-Programm. Diese Waffe ist der Gott, der Liebe ist. Wo Menschen nach der
Ordnung seiner Gewaltlosigkeit handeln, wächst ein geradezu beängstigender Mut,
ohne Gewalt für die Ziele einzutreten, die wichtiger sind als alle nationalen Interessen,
die zumeist eh nur die Interessen einiger weniger Machthaber im Volk sind. Ghandi,
Martin Luther-King, der Ruhrkampf 1923 und die Erfolge der
Solidarnosch-Gewerkschaft in Polen zeigen, daß auf Dauer die Macht der
Ohnmächtigen stärker sein kann als die Abschreckung der noch so perfekten
Waffensysteme. Inzwischen haben praktisch alle Machthaber erkannt, daß der Feind gar
nicht mehr das andere Volk ist, sondern der unaufhaltsame Fortschritt und die
Eigengesetzlichkeit der Aufrüstungsspirale. Das Mißtrauen gegeneinander und massive
Firmeninteressen treiben die Völker zu immer neuen Rüstungswahnsinnstaten an. Der
Hunger auf der Welt wäre längst nicht mehr, wenn auch nur ein Bruchteil der
Rüstungsausgaben für Entwicklungsprogramme verwendet würde. Allein an der bloßen
Existenz von kostspieligen Armeen sterben täglich 40.000 Kinder im Hunger. Angesichts
dieser Entwicklung kann und darf unsere Trauer und geschichtliche Verantwortung für
den Frieden nicht einfach nur stummes Mitleid mit den Opfern sein. Nein, wir sind
gefordert, aktiv für den Frieden einzutreten. Trauer ist eine Chance zum
Über-Sich-Hinauswachsen. Das Eine ist, zu erkennen, sich zu informierten, was im
rüstungsbereich geschieht. Und in fürchte, wir haben uns noch zu wenig gegen die
Pershings gewehrt, nun haben wir hier die höchste Atomwaffendichte der Welt, sitzen
auf dem Pulverfaß. Möglicherweise ist es schon zu spät, etwas zu tun gegen den Strudel
der Vorkriegsgesetzmäßigkeit. Aber je länger wir warten, desto später wird es. Und die
Lektion unserer über 40 Jahre alten Schuld ist: rechtzeitig schreien und der Aufrüstung
widerstehen. Das Zweite ist, angesichts der Todesspirale Aufrüstung zu erkennen: Alle
wollen Frieden. Alle Völker wollen Abrüstung. Und alle haben Angst, die Gegner
könnten zuviel Waffen haben. Und darum, aus Mißtrauen und Angst, rüsten alle auf.
Nicht die fremden Völker sind der wahre Feind. Der wirkliche Feind ist unsere Angst,
unser Mißtrauen, ist die russische Angst, das russische Mißtrauen, die amerikanische
Angst, das amerikanische Mißtrauen. Und diesen Feind bekämpfen wir nicht mit
Waffen, sondern mit Vertrauen. Und hier will uns die geistliche Waffenrüstung des
Glaubens an die Macht Gottes ein grandioses Angebot machen: Wenn wir wirklich
glauben wollen, daß Gott unsere feste Burg ist, unsere Wehr und Waffen, dann brauchen
wir tatsächlich keine Atomraketen und das andere Teufelszeug der Militärs, in einem
Land, das, so Altkanzler Schmidt, mit militärischen Mitteln eh nicht mehr zu verteidigen
ist. Wenn aber wir keine Waffen mehr haben, schwindet bei anderen Völkern die Angst,
wir könnten sie angreifen. Es ist äußerst unwahrscheinlich, daß heute noch ein Völk auf
Raubzüge geht. Also werden unsere politischen Gegner auf unsere Abrüstungsschritte
hin auch abrüsten. Dann wird es eine Abrüstungsspirale geben statt der jetzigen
Aufrüstungsspirale. Das ist machbar und möglich. Aber einer muß den glaubhaften
Anfang machen. Und dann wird der Satz Realität: Gott ist unser Schutz. Bei Hunden
löst das Hinhalten der Kehle, also die absolute Wehrlosigkeit, eine völlige
Tötungshemmung aus. Bei Menschen löst der Verzicht auf Gewalt ebenso eine
Tötungshemmung aus, wenn Vertrauen da ist. Wir haben hiermit nur noch fast keine
Erfahrungen, weil wir ständig auf der Hut sind und uns von allem und jedem bedroht
fühlen. Wir sind da ganz am Anfang, Vertrauen als die Waffe zu beherrschen, die
wirksamer ist und zukunftsträchtiger als die besten Waffensysteme der Welt, die unsere
Zukunft radikal vernichten können. Vertrauen, Gewaltlosigkeit will gelernt sein. Wer
als Kind auf dem Schulhof schon lernt, sich mit den Fäusten zu wehren, wird kaum
verstehen können, daß ohne Drohung, Abschreckung, Gewalt die Konflikte auch zu
lösen sind. Darum fängt Abrüstung und Friedenschaffen schon in der Schule an, nein,
schon im Kindergarten, nein, schon in der Familie. Wenn die Eltern ihren Kindern mit
Schlägen und lauten Worten das Recht des Stärkeren beibringen, wie sollen da Kinder
jemals die Macht der Ohnmächtigen, die Möglichkeit friedlicher Konfliktlösung als
erfolgreichen Weg kennenlernen? Der Frieden fängt im Elternhaus an! Die Lehrpläne
der Schulen schreiben Friedenserziehung als Pflichtprogramm vor. Gut so. Wir könnten
sogar in der Art von Selbstverteidigungskursen trainieren, im Fall von körperlicher
Bedrohung ohne Gewalt herauszukommen. Der immer belächelte Tip Jesu - ich halte
ihn für die Rettung der Welt: Ihr wißt, daß es heißt: Auge um Auge, Zahn um Zahn. Ich
aber sage euch: Ihr sollt euch überhaupt nicht gegen das Böse wehren. Wenn dich einer
auf die rechte Backe schlägt, dann halte ihm auch die linke hin. - Ich möchte Ihnen, liebe
Weddinghofener heute, 40 Jahre nach dem letzten Weltkrieg, angesichts der unsagbaren
Grauen des Krieges diese einfach und wirkungsvolle Lektion mit auf den Weg geben:
Haben Sie es auch nur ein einziges Mal in ihrem Leben probiert, wenn Sie auf die eine
Backe geschlagen werden, die andere auch noch hinzuhalten? Probieren Sie es aus, nur
ein einziges Mal, es könnte der Anfang des Wirkens von Gottes Waffe sein: der Liebe.
Das wünsche ich uns allen.


Predigt über Neue Armut    Bodelschwinghhaus 3.11.85

Liebe Gemeinde, liebe Sozialhilfeempfänger!
Vorgestern haben sich die evangelischen Männerkreise aus Unna, Kamen, Hamm,
Ahlen und Bergkamen in der Stadthalle Ahlen getroffen, um über die Berechtigung und
die richtige Form von politischen Predigten zu sprechen. Ein Oberkirchenrat hielt ein
langes Referat, in dem er sagte, vom Evangelium her sei es oft eindeutig geboten,
politisch Partei zu ergreifen, auch wenn das manchem nicht recht gefällt. Unser neuer
Präses war auch da und sagte es konkret: heute könne und dürfe Kirche nicht mehr
schweigen zur Politik der Aufrüstung, Politik der Arbeitsplätze-Wegrationalisierung, zur
Politik des Sozialabbaus, zur Politik der Naturzerstörung, zur Apartheidspolitik
Sädafrikas. Überall wo Politik Menschen Unrecht antut, ist der Prediger gefordert,
Gottes Willen nach Gerechtigkeit und Liebe unter den Menschen zu sagen und zu
bestimmten Dingen in der Politik ein klares Nein zu sagen. Das haben im Alten
Testament die Propheten regelmäßig getan und fast immer auch für ihre Verkündigung
des Willens Gottes Prügel bezogen. Die Menschen wollen selbst nach den
Umfrageergebnissen nicht eine Kirche, die zu allem Unrecht der Welt Ja und AMen
sagt, die Leute wollen eine eindeutige klare Kirche, die Unrecht Unrecht nennt. Und
besonders Armut ist ein Thema, um das die Kirche sich kümmern soll. Ob die Kirche zu
jeder neugeplanten Ampelanlage ihren Senf dazugeben soll, also Tagespolitik oder
CDU- oder SPD- oder grüne Politik mitmachen soll, das ist eine ganz andere Sache. Da
haben die Leute sicherlich recht, die sagen: Ihr lieben Pastoren, überlaßt doch auch noch
ein ganz klein wenig Arbeit den Stadträten. Sonst werden die glatt arbeitslos. Mit andern
Worten: Parteipolitik gehört ins Rathaus, nicht auf die Kanzel. - So war auf dem Ahlener
Kreismännertag die einhellige Meinung aller Teilnehmer. Und auch das war allen klar:
es gibt keine unpolitischen Predigten. Besonders klar wurde das, als unser
Superintendent Meier feststellte, daß er seit 27 Jahren politisch predige. Damit hat er in
ganz vorbildlicher Weise allen den Wind aus den Segeln genommen, die über politische
Predigten schimpfen.
Am Nachmittag in Ahlen arbeiteten wird dann in Arbeitsgruppen über einzelne
Themen, zu denen Kirche nicht schweigen darf. Ich durfte mit einer Gruppe über das
Problem wachsender Armut in unserem Land sprechen. Und ich habe allen zu Anfang
gesagt: Was ihr jetzt sagt zu diesem Thema, möchte ich am Sonntag den
Sozialhilfeempfängern im Bodelschwinghaus Bergkamen predigen. Ihr seid also der
eigentliche Prediger, nicht Michael Lütge mit seinen Ideen und Spinnereien. Und ihr
müßt auch einen Bibeltext aussuchen, über den die Predigt dann entwickeln soll, wie
Gott zur Armut steht. Ich hatte natürlich schon eine Vorauswahl von 4 Bibeltexten
zusammengestellt, denn wir konnten nicht die ganze Bibel durchforsten und über jede
Stelle abstimmen. Es gibt so viele Stellen in der Bibel zu  Arm und Reich, daß es weiß
Gott keine leichte Wahl ist: Wehe euch, ihr Reichen, sagen die Propheten Amos, Hosea,
Jesaja, Jeremia, sagt Jesus. Glücklich seid ihr Armen, denn Gott wird euch satt machen
in seinem Reich, so wie der arme Lazarus in Abrahams Schoß im Himmel ist, während
der Reiche in der Hölle schmort, nach dem Tod. Jesus hat dem reichen Jüngling Armut
gepredigt. Und so weiter, die Bibel fließt über von Parteinahme Gottes für die Armen.
Jesus ist der Heiland der Armen. Ja, also, unsere Männerarbeitsgruppe wählte das
Gleichnis von den Arbeitern im Weinberg als Predigttext für heute aus. Ich möchte es
Ihnen jetzt einmal vorlesen:
Mattaeus 20, 1- 15f
Die Arbeiter, die ganz zuletzt angefangen haben zu arbeiten, die also am wenigsten
getan haben, bekommen den gleichen Lohn wie die früh angefangenen Arbeiter. Ist das
nicht fies? Ist das nicht ungerecht? Gleicher Lohn für gleiche Leistung, das ist doch eine
vernünftige Forderung! Für dieselbe Arbeit sollen Frauen genausoviel verdienen wie
Männer - so die selbstverständliche Forderung der Gewerkschaften gegen die
sogenannten Leichtlohngruppen bei Frauenarbeit. Oder Südafrika: Wer unter uns
würde es für gerecht halten, daß in Johannesburger Bergwerken ein Schwarzer  nur den
Sechsten Teil dessen verdient, was weiße als Arbeitslohn erhalten, für dieselbe Arbeit
wohlgemerkt! Und jetzt auch noch Gott, der Arbeiter dermaßen ungleich auszahlt? Ist
Gott einer von ddieser Sorte Unternehmern?
Natürlich nicht.  Wir sollten wissen, daß damals, zu Jesu Zeit, auch viele arbeitslos
waren und als Tagelöhner herumzogen, immer in der Hoffnung, für ein paar Tage bei
irgendeinem Gutsherrn  Unterkunft und Brot für einen harten Feldtag zu bekommen.
Und in solch einer Situation  mögen den Gutsherrn  Mitleid bewegt haben, die
Tagelöhner, die erst gegen Abend bei ihm  eintrafen und vorsprachen, für den
zuendegehenden Tag eben noch ins Feld zu schicken, um wenigstens einen  Vorwand zu
haben, ihnen auch den Tageslohn auszuzahlen.  Für einen Tagelöhner damals war dieser
Lohn in der Tat das "tägliche Brot", um das Jesus jeden Tag aufs neue bat.  Und ein Tag
ohne Lohn damals war ein Tag ohne Brot. Darum bekommen die spät angefangenen
Arbeiter im Weinberg  den vollen Tageslohn: sie brauchen genau wie die anderen ihr
tägliches Brot.  Und das verspricht ihnen Gott in seinem Reich. Im Himmelreich soll
gelten: Jedem nach seinen Bedürfnissen!  Keiner soll hungern und frieren.  Und dieses
Himmelreich ist nicht nach dem Tod, sondern fängt hier mitten unter uns überall da an,
wo Menschen nach dem Willen Gottes leben. Wir können und sollen diese Erde zu
Gottes Reich umbauen.  Gott will, daß wir die Geschichten und Gleichnisse seiner
Herrschaft zum Vorbild unseres Handelns machen. Wir sollen dafür sorgen, daß unter
uns und überall auf der Welt jedes Kind, jede Frau und jeder Mann satt werden.
Soweit das  Gleichnis der Bibel. Nun zurück zum Kreismännertag. Wir hatten Streit
darüber, ob es bei uns überhaupt sowas  wie neue Armut gibt. Einige wortgewandte
Teilnehmer sagten, Neue Armut gibt es nicht, das sei Parteipropaganda und solle
Emotionen aufwühlen gegen die augenblickliche Regierungspartei.  Wir stellten fest,
daß es schon vor 10 Jahren 6 Millionen Arme bei uns in der BRD gegeben hat,
Menschen, die mit ihrem Einkommen am oder unterm Existenzminimum liegen.
Bedauerlicherweise hat es die Leiterin unseres Bergkamener Sozialamts abgelehnt, an
diesem Gottesdienst teilzunehmen, sonst könnte sie uns an dieser Stelle wohl berichten,
daß die Zahl der Sozialhilfeempfänger in letzter Zeit doch zugenommen hat.  Ganz
sicher ist arm nicht identisch mit Sozialhilfeempfänger. Es gibt Väter, die mit 1200 DM
netto ihre 4 Kinder durchbringen müssen. Und wenn die zu stolz sind, um Sozialhilfe
dazu zu beantragen, sind diese Familien noch ärmer dran als manche, die vom Sozialamt
leben. Es gibt hier eine Hemmschwelle  und falsch Bescheidenheit und Schüchternheit,
die überhaupt nicht nötig ist. So war das einmütige Wort aller Männer in Ahlen, hier
allen Mut zu machen: Geht zum Sozialamt! Laßt euch informieren über eure Rechte,
über das, was euch zusteht. Nehmt es an! Stellt die entsprechenden Anträge! Einige
meinten in Ahlen, die Armen unter uns sollten besser rechnen lernen, nicht gleich am
Monatsanfang alles ausgeben und am Ende nichts mehr haben.  Und wir in der Kirche
sollten mal Kurse in Haushaltsfinanzierung anbieten.  Ihr Armen unter uns, ich sage
euch: Wenn wir in der Kirche mit so wenig auskommen müßten wie ihr, dann wären wir
genauso pleite. Wir können auch nicht besser wirtschaften und haushalten. Aber wir
haben soviel, daß alle unsere Gemeinden leben können. Und ich kenne
Besserverdienende, die haben keine Viertausend Mark Schulden, sondern
Fünfzigtausend und mehr. Und denen sperrt man nicht das Konto, die leben flott weiter
mit dicken Schulden und dickem Wagen. Ich kann euch nicht verurteilen, wenn ihr euch
am Monatsanfang mal was leisten wollt nach Tagen des kargen Lebens  Aber ihr müßt
auch wissen, daß euch kein anderer Ausweg bleibt als knallhart zu rechnen und euch das
Geld ganz straff über den Monat einzuteilen.
Ursache für die wachsende Armut unter uns ist die neue Technologie. Roboter und
Computer machen immer mehr Arbeiter arbeitslos. Und  die Bestimmungen, unter
denen die Menschen, die keine Arbeit mehr haben, leben müssen, werden immer
schwerer. Diese Entwicklung der neuen Technologie ist schier unaufhaltsam. Es ist
kaum wahrscheinlich, daß es mal wieder Zeiten mit Vollbeschäftigung geben wird. Da
können wir in der Kirche weder wirkungsvoll mit Geld weiterhelfen, noch wird die
Industrie da gerade auf uns so sehr hören. Aber wir müssen eins ganz unmißverständlich
sagen: Wer heute arbeitslos wird, der ist kein schlechterer Mensch als einer, der noch das
Glück hat, einen Arbeitsplatz sein eigen zu nennen. Arbeitslose sind auch nicht fauler
als Arbeitende. Sie haben nur das Peck gehabt, in einem wirtschaftlich unfähigen
Betrieb gearbeitet zu haben, der seine Arbeiter nicht halten konnte oder wollte.  Ich
denke da an den Bergkamener Verkäufer, der nach Karstadt-Schließung sein Leben
nicht mehr  berechtigt fand und es sich nahm. Wer arbeitslos ist, ist nicht deshalb schon
ein schlechterer Arbeiter. Und wer Arbeit hat, ist nicht deshalb schon ein besserer
Arbeiter. Wir sollten uns vor diesen Vorurteilen hüten. Wir brauchen ganz ganz
dringend an dieser Stelle ein Umdenken! Egal, ob es neue Armut gibt oder nicht, es muß
unter  uns etwas wachsen, was es noch viel zu wenig gibt: eine NEUE SOLIDARITÄT!
Wir sind nicht unseres Glückes Schmied. Wir sind wirtschaftlichen Zufällen ausgeliefert.
Wer heute noch seine Nase hoch erhob über diese faulen Arbeitslosen, kann morgen
schon seine Entlassung im Briefschlitzlein haben. Darum laßt uns dankbar sein, solange
wir noch Arbeit haben. Laßt uns dafür sorgen, daß genügend Geld zur Verfügung steht,
um alle Arbeitslosen und Armen zu versorgen. Denn wenn eines Tages wir selbst mit
dazugehören, sind wir darauf angewiesen, daß eine von Gottes Güte erfüllte
Gesellschaft als oberstes ihrer Ziele gesetzt hat: Jeder soll soviel bekommen, daß er
wirklich leben kann. Das fordert ganz sicherlich denen, die besser verdienen, auch ihre
Opfer ab. Aber hat nicht auch Gott  zuerst für die Mägen gesorgt, ehe die schönen
Künste und der Kirchbau dran waren? Neue Solidarität heißt: der Unterschied zwischen
Arbeitern und Arbeitslosen ist rein zufällig, und: Wer mehr verdient, kann auch mehr
abgeben, damit alle satt werden. Amen.


Predigt über Joh. 15, 1-8    Friedenskirche 4. Aug. 85

Der Weinstock und die Reben oder: Christi Früchte
Liebe Freunde! Jesus hat es gerne mit dem Wein. Er liebt den Wein als Getränk und
als Gleichnis. Als Weinsäufer ist er verschrieen. Er trinkt ihn mit den von der
Gesellschaft Verstoßenen. Er redet von einer anderen Welt, der Welt Gottes, in der
Sanfmut und Verständnis die Menschen freundlich leben lassen. Und wenn er so
schwärmt von Gottes Welt, dann sagen die, die ihn gut zu kennen meinen, seine
Verwandtschaft, er sei voll des süßen Weins. Als sei die Hoffnung auf eine Welt ohne
Tränen nur die Entgleisung Betrunkener. Wahrscheinlich halten die realistischen
Christen die Schwärmereien in der Bergpredigt auch für nicht-zurechnungsfähigen
Unsinn. Tröstlich für alle, die sich so wie Jesus nicht zufriedengeben wollen mit der
ungerechten Verfassung der Weltordnung heutzutage. Denn wenn sie verlacht oder
verspottet werden als Tagträumer und Illusionisten, so befinden sie sich in der guten
Gesellschaft Jesu, dessen Reden von der fruchtbringenden Güte Gottes für die
ehrbaren Leute von damals auch lachhaft schienen und auf zuviel Weingenuß
zurückgeführt wurden.
Wir sind ja zur Zeit vorsichtig mit Wein geworden, seit wir wissen, daß selbst
preisgekrönte Weine so dermaßen mit Frostschutzmittel gepanscht sind, daß man sie am
besten dem Kühler des Automobils kredenzt. Wir können von Glück sagen, daß wir hier
in der Friedenskirche beim Abendmahl Traubensaft trinken. Da sind wir vor
Frostschutzmittel vielleicht grade noch sicher.
Aber es ist doch merkwürdig, daß wir hier in der Sterilität unserer kirchlichen
Traditionen nur ein sakrales Getränk haben und das ist auch ausgerechnet noch
Alkohol. Manchmal frage ich mich, ob Jesus nicht vielleicht Alkoholiker war. Im
Zentrum des Gemeinschafterlebens der Christen steht dieser verbindende Genuß des
Rebensaftes. Das verbindet uns mit Jesus, der auch Verbindung zu anderen Leuten
bekundet hat durch gemeinsames Zechen. Und weil er in der Welt des Weines zuhause
war, darum erzählt er die Verbindung zwischen ihm und seinen Jüngern anhand des
Bildes vom Weinstock. Jesus der Weinstock, die Jünger die Reben, die Frucht bringen.
Aber es bleibt nicht alles im feucht-fröhlichen Zecher-Milieu. Die schlechten Reben
werden bei der Ernte ins Feuer geworfen und verbrannt. Sie sind funktionslos, machen
nur mehr Arbeit bei der Ernte. Die harte Auslese der Winzer für guten Wein ist Jesus
zum Bild der richtenden Scheidung und Auslese Gottes geworden, die am Ende der
Geschichte die Opfer tröstet und die Rücksichtslosen rücksichtslos zurückläßt. Gott
wird die Menschen messen an ihrer Fruchtbarkeit für die Liebe. Er wird nicht alles am
Weinstock Kirche gleich gut finden. Er wird nicht alles am Weinstock Welt lieben und
genießen wie ich beim Griechen meinen Mavrodavne. Es wird Christen geben, es wird
Menschen geben, die waren, die sind zu weit entfernt von Jesus, seinem Leben, seinen
Träumen, seinem Geist, die vertrocknen innerlich, bekommen ein kaltes Herz, mit oder
ohne Frostschutzmittel haben sie auf Eiszeit geschaltet. Und die werden verbrannt. Die
werden am Ende nicht zu denen dazugehören, die Gott Freude heißt und mit ihnen das
neue Leben feiert.
Liebe Freunde! Bei Jesus gibt es nicht nur Friede Freude Eierkuchen,
Schwärmereien lull und lall. Jesus weiß auch zu erzählen von dem unerbittlichen und
unbestechlichen Augenmaß Gottes für gute und schlechte Frucht. Darum gehört es
zusammen, von der nährenden Freundlichkeit des Weinstocks Jesus zu sprechen und
eben auch von der harten Hand Gottes den Hartherzigen gegenüber.
Ich will dies an einem Beispiel verdeutlichen. Wir haben in der vergangenen Woche
viel nachgedacht über Südafrika. Unsere neue Dritte Welt Gruppe hat Samstag vor
Schnückel Unterschriften gesammelt gegen die Unterdrückung der Schwarzen, unser
Presbyterium hat einen Brief geschrieben an den Botschafter Südafrikas und die brutale
Diktatur der Gewehre scharf verurteilt. Die Gottesdienstgemeinde des letzten Sonntags
hat ebenfalls den Rassismus in Südafrika ganz heftig kritisiert. Die Weißen in Südafrika
sind aber nun auch keine Bestien, sondern zum großen Teil fromme Christen, die
glauben, daß Gott die Schwarzen als eine eher dienende Rasse geschaffen hat, um die
man sich mit der Fürsorge eines Hundehalters kümmern muß. Die Weißen Südafrikas,
nicht alle, aber die meisten, gehen sonntags fleißig zur Kirche, beten eifrig und lesen die
Bibel. Sie tun ihrem Nachbarn nichts Böses, lieben ihre Frauen, freuen sich an der
Geschicklichkeit des schwarzen Dienstmädchens, wollen keinem etwas. Und ihre
Regierung, die Regierung dieser frommen, betenden Weißen, kauft tüchtig Waffen und
läßt schwarze Polizisten auf Schwarze schießen, damit die nicht mit Steinen werfen. Und
sie beten für eine friedliche Lösung des Rassenkonfliktes, genau wie wir. Aber sie tun
nichts, um den Schwarzen Wahlrecht und Ackerland zu geben, gleiche Schulen und
gleiche Löhne. Sie meinen es gut, beten, aber lassen alles beim Alten. Und ich fürchte,
daß sie ein Paradebeispiel sind für die schlechten Reben, die Gott verbrennen wird,
wenn Erntezeit ist. Und da ist dann auch nichts mehr drin. Verbrennen heißt eben nicht:
belohnen und bewahren, sondern heißt: die Weißen in Südafrika werden trotz aller
schönen Gebete dafür büßen müssen, daß sie nur gebetet haben und ihr Glauben keine
Früchte der Gerechtigkeit gezeigt hat.
Gute Frucht bringen die Reben, wenn sie sich an den Weinstock halten, sich von ihm
nähren lassen. Wer darauf vertraut, daß der Weg Jesu ohne Gewalt, ohne
Rangordnungen und ohne Ehrgefühle tatsächlich nicht nur Spinnerei eines alten Säufers
ist, sondern der schmale Weg zur Besserung dieser Welt, das Geheimrezept aller
künftigen Beziehungen zwischen freundlichen Menschen, Gruppen und Staaten, der
wird fruchtbar werden im großen Weinberg Gottes. Der wird anderen zur Stärkung
durch die Fähigkeit, sich schwach zu zeigen. Der wird anderen zur Ermutigung durch die
Fähigkeit, Fehlschläge und Fehler einzugestehen. Der wird anderen zu sättigendem
Brot und Wein durch die Fähigkeit, zu teilen, was jetzt wenige satt macht und viele
hungrig läßt. Amen.


Erntedankfestpredigt zu Psalm 23    Friedenskirche 6. Okt. 1985

Liebe Gemeinde! Erntedankfest ist der falsche Begriff. Wir sollten es
Ernteundankfest nennen. Ist es dankbar gegen Gott, wenn wir für Millionen Mark
jährlich die Ernteüberschüsse der EG vernichten, damit die Preise stabil bleiben?
Während in Afrika die Menschen an der durch Regenmangel ausbleibenden Ernte
verhungern? Erntedankfest feiern ist zum Skandal geworden, wo die einen ihre Ernte
vernichten und die anderen gar keine haben. Für uns ist es ja gar nicht mehr Gott, der
eine gute Ernte gibt. Es sind die Finanzminister mit ihren Subventionen und ihrer
Agrarpolitik. Aber es ist auch nicht Gott, der die Leute in Äthiopien und vielen anderen
Ländern der Erde verhungern läßt. Es sind Menschen, die die Wirtschaftsstrukturen
geprägt haben. Es sind Menschen, die die Preise machen. Es sind Menschen, die auf
andere schießen bei den Aufständen, die die Armen gelegentlich trotz ihres Fatalismus
und ihrer Hoffnungslosigkeit doch noch probieren. Es sind Menschen, die sich in den
Ministerien armer Länder vor Bodenreformen und Neuverteilung des Landes drücken,
weil ihre eigene Familie oft selbst riesigen Großgrundbesitz, Plantagen oder Haciendas
hat, die sich dann nicht vergrößern könnten. Hunger wird von Menschen gemacht, von
Ministern, Industriellen, Großgrundbesitzer und von uns harmlosen Verbrauchern.
Aber der 23. Psalm macht Gott für unser Wohlergehen verantwortlich. Der Herr ist
mein Hirte, singt ein Tempelsänger am Jerusalemer Tempel, der Hofkapelle des Königs
David. Gott ist wie ein guter Hirte, der für seine Schafe die besten Weidegründe auftut,
der weiß, wo seine Herde gut weiterziehen kann, der sie in Gefahren mit seinem
Schäferstab verteidigt. Der Psalm bricht das Bild Gottes als des guten Hirten ab, es geht
vom Schafehüten direkt und unvermittelt ins Menschenhüten über. Denn Schafen wird
natürlich nicht der Tisch im Angesicht ihrer Feinde bereitet und ihnen wird der Kopf
nicht gesalbt wie damals den neugekrönten Königen, sondern geschoren wie heute den
frischgebackenen Möchtegernpankern. Erst recht wird Schafen nicht voll eingeschenkt.
Schon eher dem König David selbst, der es sich auch leisten konnte, in den Vollen zu
leben. Wir haben sicherlich nicht alle königlichen Luxus. Es gibt unter uns Leute mit
leerem Eisschrank. Aber die haben dafür Farbfernseher, Polstermöbel und Dusche, und
das hatte König David nicht! Das haben aber noch so einige auf der Welt nicht. Bei aller
Kritik an der schauderhaften Finanz- und Sozialpolitik nicht nur der deutschen und
amerikanischen Wirtschaftsführung und Regierung, bei aller Klage über Arbeislosigkeit
hierzulande: Uns geht es gut, verglichen mit den Campesinos auf den Bananenplantagen
Guatemalas, den Schwarzafrikanern in den Goldbergwerken von Südafrika, den
Hirsebauern Mosambiques und den evangelischen Deutschen aus Leschkirch im
rumänischen Siebenbürgen, für die wir heute Gaben sammeln, um ihnen Pakete mit
Mehl, Reis, Nudeln, Kaffee, Tee und anderen Nahrungsmitteln zu schicken. Uns geht es
noch verdammt gut. Wir können weiß Gott dankbar sein.
Für uns gilt der 23. Psalm. Wir können das so auswendig lernen und beten, wie es da
steht: Er weidet mich auf einer grünen Aue und führet mich zu frischem Wasser. Du
salbest mein Haupt mit Haarspray und schenkest mir voll ein. Gutes und
Barmherzigkeit werden mir folgen mein Leben lang. Ja, das können wir so sagen. Daran
wird sich auch wohl nicht viel ändern. Für uns kann deshalb der eine mögliche
Erntedank so aussehen wie der Schlußsatz des Psalms: Ich werde bleiben im Hause des
Herrn immerdar. Ich werde, auf Deutsch gesagt, immer wieder mal zum Tempel nach
Jerusalem ziehen, dort meine alte Ziege schlachten lassen, als Dankopfer für Gott und
Festschmaus ewig hungriger Priesterbäuche; ich werde nicht aus der Kirche austreten,
ich werde Weihnachten mal hingehen, ich komme auch schon mal zur Teestube, ich
glaube irgendwie, daß es ja doch da oben jemand gibt, der alles so herrlich regieret.
Unser Erntedank ist präzise der 23. Psalm. Und so, wie es da steht, so, wie es uns ums
Herz ist, gerät es zum reinsten Zynismus. Daß wir satt sind, ist nicht Gottes Verdienst.
Daß in Afrika gehungert und gestorben wird, ist nicht Gottes Schuld. Daß wir satt sind,
ist aber auch nicht unser Verdienst. Daß in Afrika gehungert wird, ist aber auch mit
unsere Schuld. Daß wir satt sind, ist nicht Gottes Verdienst, sondern unsere Schuld, weil
es Kehrseite des Verhungernlassens in der 3. Welt ist. Darum ist der 23. Psalm nicht
wirklich Ausdruck unseres Glaubens.
Solange es Verhungernlassen und Vernichten der Ernteüberschüsse gibt, ist der 23.
Psalm Lüge. Gott würde gelobt nicht allein für unseren Wohlstand, sondern auch für
dessen Kehrseite, das Elend der 3. Welt. Ich glaube nicht, daß ein guter Hirte nur die
fetten Schafe dieser Erde hütet und mitansieht, wie riesige Herden magerer Schafe
verrecken. Wenn Gott der gute Hirte ist, dann ist Gutes und Barmherzigkeit nicht nur
für die reichen Christen in Europa und Nordamerika und die Superreichen
Kolonialfamilien in den Hungerländern bestimmt, sondern eher für die Armen. Solange
es Arme gibt, ist es zynisch, Gott für den eigenen Wohlstand zu danken. Solange Gott
Menschen verhungern läßt, hätte er keinen Dank verdient, auch nicht von denen, die er
satt macht. Darum lese ich den Psalm nicht als Danklied der reichen Christen an einen
ungerechten Gott, sondern als Ausdruck der Hoffnung auf einen neuen Himmel und
eine neue Erde, auf der Gerechtigkeit wohnt. Nicht jetzt, wo die Satten die anderen
verhungern lassen, darf man Gott für das Sattsein danken. Sondern in einer Welt, in der
jeder satt ist, dort wird der Psalm 23 neu gesungen als Loblied auf den guten Hirten, der
alle seine Schafe auf grüner Aue weidet, der alle zu frischem Wasser führt und damit
ihre Seelen erquickt.
Es ist nicht viel, um dies zu erreichen. Noch nie zuvor hat es soviel Nahrungsmittel
auf der Welt gegeben wie mit unseren heutigen Erntetechniken. Es wäre auch nicht sehr
teuer, Bodenreformen in den armen Ländern durchzuführen. Jede Familie bekäme
soviel Acker zugewiesen, Samen, Gerätschaften und Bewässerung, daß sie sich selbst
versorgen könnte. Aber das geht nicht. Weil dazu der Großgrundbesitzer seine
Baumwollplantage oder seine Organgenfarm hergeben müßte, die er mühsam
zusammengekauft hat aus dem Konkurs Pleite gegangener Kleinbauern. Oder die er
durch seine Revolvermänner mit Vertreibung gewisser ärmlicher Nachbarn vergrößert
hat. Und diese Revolvermänner, die Todesschwadrone in El Salvador und vielen
anderen Ländern, kümmern sich auch um alle Gewerkschafter in den armen Ländern,
die nach Neuverteilung des Landes rufen.
Aber wer ißt die Banane, die Orange, wer trägt das Baumwollhemd, was auf diesen
blutigen Plantagen herangezogen wurde? Wir. Das ist es. Unsere Mitschuld. Wir essen
Orangen von Feldern, auf denen besser Bohnen wachsen sollten, um die Campesinos,
die Erntearbeiter satt zu machen, die nach der Orangenernte für 10 Monate keine
Arbeit und kein Geld bekommen werden und die ihr Glück in der Mülltonne von
reichen finden müssen.
In fast allen unterentwickelten Ländern wächst der Hunger und das Elend imnmer
noch, weil der Boden für Exportgüter in großen Monokulturen ausgelaugt wird, statt mit
kleinbäuerlichem Mischanbau. Plantagenwirtschaft nutzt den Boden viel weniger aus
als kleine Schrebergartenäcker. Ceylon etwa hat die Hälfte aller Nutzböden für Tee
aufbereitet. Mit dem Erlös für den Tee kauft Ceylon dann Nahrungsmittel ein, die es
viel billiger genausogut selbst hätte anbauen können statt dem Tee. Und der Teestrauch
laugt den Boden regelrecht aus, zieht alle Nährstoffe des Bodens heraus, sodaß nach
einigen Jahren die Teesträucher eingehen, weil sie keine Nährstoffe mehr finden. Und
dann muß man neues Land für Teeanbau erschließen und auf den bisherigen Teefeldern
wächst nichts mehr über Jahre hinweg. Das ist Raubbau und man fragt sich, warum die
nicht gleich statt Tee Bohnen, Soja und Getreide anbauen. Antwort: Weil wir ja den Tee
haben wollen. Dasselbe mit Kaffee, Zitrusfrüchten und so weiter. Unser verwöhnter
Gaumen erzeugt die Nachfrage auf dem Weltmarkt, die reiche Plantagenbesitzer dazu
anstachelt, immer mehr Böden aufzukaufen oder durch Terror sich anzueignen für den
Anbau von unseren Delikatessen aus fernen Ländern. Unser Kaffeedurst bringt die
Nachbarn brasilianischer Tschibo-Plantangen um ihr Bohnenfeldchen. Unsere
Fleischeslust bringt die argentinischen Landarbeiter um Böden, die statt für
Rinderherden genausogut zur Selbstversorgung der Armen optimal nutzbar wären. In
den armen Ländern wird diese Möglichkeit durch die Gewehre der Großgrundbesitzer
oder des Militärs, die aus unseren Waffenfabriken vom Erlös der Rinderhälften und
Bananen angeschafft wurden. Bei uns wird die Sättigung der Armen durch
Selbstversorgung verhindert durch unseren Appetit aufs Exotische. Wer ißt denn heute
noch einen miesen deutschen Apfel. Es muß die Banane sein. An jeder Banane hungert
in Guatemala ein Kind.
Liebe Gemeinde! Es ist nicht so, daß wir unsere Ernteüberschüsse großmütig der 3.
Welt vermachen müßten, um sie nicht zu vernichten. Die 3. Welt könnte leicht zehnmal
satt werden, wenn nicht nur dort für unsere Luxusmägen angebaut würde. Mag sein, daß
es besser ist, die Tomaten irgendwie nach Afrika zu schicken, ehe sie bei uns von
Planierraupen eingestampft werden, um unsere Preise stabil zu halten. Aber nicht diese
Almosen aus unserem Abfall sind die Rettung der Armen, sondern die Umstellung
unseres Speiseplans. Essen Sie mehr Gemüse und Obst aus unserem Land. Auch bei uns
wachsen Vitamine. Das ist es, was ich Ihnen heute als Tip zur Besserung der Welt
mitgeben möchte: War es vor einem Jahr die Kampagne gegen die Fleischeslust, die
viele belächeln und einige sehr ernst genommen haben, so möchte ich heute dazufügen:
Eßt nicht nur weniger Fleisch, sondern mehr europäisches Obst und Gemüse. Habt
keine Angst, daß der Kaffeepflücker arbeitslos wird, wenn ihr euren Eduscho gegen
Vollmilch tauscht. Er hat sowieso nur für zwei Monate Arbeit und verdient sowenig, daß
die Hälfte seiner Kinder schon gestorben ist und die restlichen kurz davor. Das bißchen
Hungerlohn für die harte Plantagenarbeit rettet kein einziges Menschenleben. Unser
Beitrag zu einer Welt ohne Hunger heute lautet: Essen, was hier wächst. Dann wird man
eines Tages den Druck auf dem Weltmarkt geschaffen haben, daß die Plantagen pleite
gehen und endlich die Kleinbauern das Land erben. Dann werden wird mit diesen
Kleinbauern singen: Der Herr ist mein Hirte, mir wird nichts mangeln.


Predigt  über Jak 5,7-9     Bodelschwinghh: 8.Dez. 1985

Adventliche Geduld als der lange  Atem der Christen.     
Liebe Gemeinde!
Warum haben viele von uns eigentlich einen Garten? Weil er da ist? Weil man schon
immer einen Garten hatte und das gar nicht anders kennt? Oder als Hobby, um in der
freien Zeit etwas schönes zu tun? Was ist denn eigentlich das Gute an einem Garten?
Daß er Mühe macht? Daß einmal Rasenmähen von der Wiese hier neben dem
Bodelschwinghhaus über 1000 DM kostet? Damit Sie, Liebe Gemeinde, beim
sönntäglichen Gang zur Kirche sagen können: Alles sauber, alles gut in Schuß! -?
Ich pflege meinen Garten nicht gut. Ich habe dazu auch kaum Zeit. Aber wenn ich aus
meinem Wohnzimmerfenster in den Garten schaue, dann überkommt mich, wenn mein
Herz nicht gerade voll mit anderen Dingen ist, ein großes Glücksgefühl. Das schöne ist
für mich nicht die Ordnung. Sondern das Wachsen der Natur. Ich habe vor 4 Monaten
eine zu groß gewordene Juccapalme einfach abgesägt. Ich war mir nicht ganz sicher, ob
sie es überleben wird. Der obere Teil mit den Blättern ist wieder angewachsen. Das ging
relativ schnell, obwohl ich auch jeden Tag morgens nach dem Aufstehen etst einmal
geguckt habe, ob schon Wurzel zu sehen sind, und die kamen dann nach einem Monat.
Als ich sie bemerkte, habe ich voll Freude meine Süße angerufen und ihr strahlend
erzählt: Du, rate mal, was sich bei mir entwickelt hat? Sie mußte dreimal raten, dann
wußte sie die richtige Lösung. Die Juccapalme hat Wurzeln gekriegt! Aber der abgesägte
Unterteil, der Stumpf, der hat nicht neu ausgeschlagen. Nicht nach zwei, nicht nach drei,
nicht nach vier Monaten. Hoffnungslos? Ich war mir nicht sicher, ob ich den großen
Blumentopf mit dem abgestorbenen Stil drin nicht langsam mal wegwerfen sollte.
Meine Katze Mia wühlte auch ständig drin herum, , ich weiß auch nicht, was sie da
suchte. Und vor einigen Tage dachte ich, daß ein Blatt von einer anderen Blume in den
Topf gefallen wäre. Nach zwei Tagen war es aber immer noch nicht verwelkt. Da
schaute ich näher hin und bekam einen riesigen Freudenschreck: Das war ja gar kein
altes Blatt, das war ein kleiner zarter Trieb, der aus dem alten Topf herauskam. Die
totgeglaubte Palme beginnt ein neues Leben! Aber an einer ganz anderen Stelle, als ich
zunächst erwartet hatte. Ich mußte an die bekannte Stelle aus dem Jesajabuch denken:
Und es wird ein Sproß hervorkommen aus der Wurzel Isais... Dazu gibt es dann auch das
Weihnachtslied: Es ist ein Ros entsprungen aus einer Wurzel zart. Wissen Sie jetzt, Liebe
Gemeinde, wieso ich Ihnen von meiner Blumenpflege erzählt habe? Weil es das Thema
von Advent ist: Aus einem totgeglaubten Stamm bricht neues Leben hervor, ganz anders
als erwartet, aber voller zarter und wunderbarer Schönheit! Kennen Sie das Gefühl
auch, wenn Blumen, die man im Herzen schon fast aufgegeben hatte, wieder
aufwachen? Es ist ein unbeschreiblich hoffnungsvolles Glücksgefühl! Wenn Sie mich
fragen, warum ich Blumen liebe, dann würde ich sagen: Weil sie mir Hoffnung machen.
Weil sie Beispiele sind, daß aus dem Tod neues Leben entsteht. Weil sie Zeichen für die
Auferstehung sind! Es gibt doch die eine Geschichte von der Auferstehung Jesu, wo
Maria ins Grab geht und da ist ein Mann zugange. Sie denkt, das ist der Gärtner und
fragt ihn nach Jesus, wo der liegt, seine Leiche. An seiner Stimme erkennt sie im Gärtner
schließlich Jesus. Jesus der gute Hirte, Jesus der Gärtner. Kein Zufall, diese
Verwechselung. Jesus ist wirklich der Gärtner!
Wir brauchen die Gärten als Lehrer. Sie lehren uns, daß unverhofft neues Leben
entstehen kann, wo wir keine Chancen mehr sahen. Sie lehren uns, daß es mitunter sehr
sehr lange dauern kann, bis ein totgesagtes Pflänzlein zu neuem Leben erwacht. Sie
lehren uns, daß man viel Geduld haben muß, wenn man etwas ernten will. Die Gärten
sind Lehrmeister der Geduld. Sicherlich wäre es uns oft fast lieber, wenn der Rasen
nicht so schnell wachsen würde. Gärten haben auch schnellwachsende Pflanzen. Aber
von heute auf morgen passiert da gar nichts. Und was passiert, ist nicht mit bloßem Auge
im Wachsen sichtbar. Das Wachsen selbst können wir nicht sehen, es geht bestenfalls mit
Zeitraffer. Aber ohne solche Rafinessen ist das Wachsen nicht zu sehen. Man muß sich
gedulden. Und man kann selbst mit dem besten Dünger das Wachsen nicht
beschleunigen. Es wächst von selbst. Man kann etwas gießen. Man kann etwas zertreten,
ausreißen, vergiften. Aber man kann es nicht zum Wachsen bringen. Es gibt Hausfrauen,
die tun alles mögliche, um ihre Blumen in Schuß zu halten, düngen, wischen Blätter,
gießen nach Vorschrift - und es vertrocknet ihnen doch alles im Lauf der Zeit. Und
andere wiederum tun kaum etwas für ihre Blumen und es wächst und gedeiht alles wie
im Paradies. Zum Wachsen kann man keinen zwingen. Das ist es. Die Freiheit, die uns
das höchste Gut ist. Die Saat wächst von allein. Jesus hat das Starkwerden der Kraft
Gottes auf dieser unserer Erde oft verglichen mit Korn, was erst gesät wird, in die Erde
gelegt wird und verwest, aber aus diesem sterbenden Korn entsteht etwas Wunderbares:
das neue Leben, neues Korn. Und so langsam wie das Korn reift, wächst die
Gottesherrschaft auf der Erde. Und so klein wie anfangs das Senfkorn und so groß am
Ende wie der Senfbaum, so wird Gottes Kraft und Herrlichkeit sich auf unserer Erde
langsam aber bestimmt vermehren. Gottes Reich wächst wie eine Blume. Selbst wenn
man sie absägt, wird das Wachsen nicht aufhören. Dafür steht im alten Testament der
Regenbogen: Noch im Regen taucht schon wieder Sonne auf und macht die triefelige
Regenstimmung wieder hoffnungsvoll.  Warten, Geduld haben.
Es ist nicht leicht. Es soll alles schnell gehen in unserer Computergesellschaft.
Prompte Bedienung ist angesagt. Überall wird damit geworben, daß etwas schnell geht.
Schnelligkeit ist zum Wert an sich geworden. Die Autos werden nach Schnelligkeit
beurteilt. Die Menschen werden nach ihren Autos beurteilt. Und danach, wie schnell sie
etwas können. Wie schnell sie lernen, arbeiten, begreifen, reagieren. Tempo ist alles.
Wenn man mal warten muß, wird man sofort ärgerlich. Man sieht seine kostbare Zeit
vertan. Man ist geizig mit Zeit. Man hat keine Zeit. Man lebt ohne Zeit, in ständiger
Hektik, in Panik. Man lebt gar nicht mehr, so wenig Zeit hat man. Man ist im Grunde tot,
weil die Hektik einen zerstört.
Und dann geht man am besten in den Garten. Und schaut den Blumen beim Wachsen
zu. Man lernt von ihnen, daß Leben Zeit braucht. Daß alles seine Zeit hat und braucht.
Man lernt, die Hoffnung nicht aufzugeben, wenn nicht alles sofort klappt. Man lernt,
den Dingen Zeit zu lassen. Man lernt, sich selbst Zeit zu geben für Dingen, die man tun
möchte. Man wird auch geduldig gegen sich selbst. Man erfährt von den Blumen: Eines
Tages wird es soweit sein. Solange braucht es aber.
Gucken Sie mal die Geschichte der Friedensbewegung an: Von 1980 an wurde es
jedes Jahr mehr an Protesten gegen die Atomwaffen in unserem Land. Und nach diesem
schrecklichen Stationierungsbeschluß war nichts mehr, gar nichts. Wo gibt es noch
Menschen, die für den Frieden demonstrieren, schweigen oder sonstwie? Die Luft ist
raus. Kein langer Atem mehr da. Die Hoffnung ist enttäuscht. Die Chancen sind vertan.
Es ist wie ein abgesägter Baum. Die Friedensbewegung ist tot, weil sie nicht von der
unbeirrbaren Hoffnung getragen war, daß selbst das schier Unmögliche noch möglich
wird dem, der hofft. Die Geduld, der lange Atem war nicht groß genug.
Jakobus ermahnt seine Freunde zur Geduld, weil auch damals, über 80 Jahre nach
dem Tod Jesu, noch immer Jesus nicht wiedergekommen war zum Weltgericht. Die
Leute hatten ja damals jede Minute damit gerechnet, daß das Weltgericht beginnt. Und
wurden allmählich immer enttäuschter und zweifelten an der Wahrheit dessen, was alles
damit zusammenhing. Gottes Gerechtigkeit, der Sieg der Liebe in dieser lieblosen Welt -
wo war davon etwas zu spüren? Redeten die Christen sich da nicht eine Spinnerei ein?
Wann kommt denn endlich der Tag Gottes, der Gerichtstag Christi. Wann? Die Geduld
ist erschöpft. Immer nur Warten?
So haben nach einigen Jahrhunderten die Christen schließlich die Hoffnung
weitgehend aufgegeben und singen jetzt: Alle Jahre wieder kommt das Christuskind auf
die Erde nieder. Immer genau zu Weihnachten. Deshalb gibt es da dann auch den
großen Geschäftsrummel. Hektik des Weihnachtsfestes. Viel zu tun, kaum noch Zeit.
Liebe Gemeinde!
Ich möchte Ihnen heute nur die Blumen ans Herz legen. Lernen Sie von den Blumen!
Akzeptieren Sie, daß viele Dinge, besonders gute Dinge, ihre Weile haben müssen.
Lernen Sie wieder den langen Atem. Atmen Sie tief und lang durch. Lassen Sie sich Zeit.
Lassen Sie anderen Menschen Zeit. Zeit zu lernen, Zeit zum Nachdenken, Zeit zum Tun
des Guten.
So schmerzlich es oft ist, fremdes Leid mitansehen zu müssen, so schnell man gerne
helfen will - wenn man es kann, so soll man es tun! Aber viel Leid können wir nicht im
Hauruck-Verfahren abschaffen. Wir müssen geduldig werden. Wir müssen lernen, nicht
gleich aufzugeben, wenn etwas nicht sofort auf Anhieb klappt. Wir müssen lernen, die
Veränderung unserer Welt im richtigen Maßstab zu sehen, die Jahrzehnte als kleine
Schritte betrachten. Dann werden wir den langen Atem behalten, die innere Ruhe und
die Ausdauer, die für uns Christen nötig sind, um am Ball zu bleiben und nicht
enttäuscht die Finger von der Arbeit an unserem Erdball weg und in den Schoß hinein
legen. Gott braucht gute Gärtner in seinem Reich. Er braucht Menschen, die den
wachsenden Dingen ihre Zeit lassen und zur rechten Zeit da sind, um hilfreich
zuzufassen. Diese Geduld ist alles andere als ein faules Sich-Abfinden mit der Welt so
wie sie ist. Diese Geduld läßt den Dinge die Wachstumszeit, die sie brauchen, um zu
reifen. Sie vergewaltigt die Dinge nicht und zerstört nicht die zarten Pflänzlein der
Hoffnung, sondern behütet und pflegt die Keime und Sprößlinge. So nur und nicht durch
brutale Gewalt, wird unsere Erde, werden die Menschen genesen vom zwanghaften
Druck und der Unterdrückung, die die bisherige Geschichte der Menschen ständig
reproduziert hat. Geduld ist das Gegenteil von Unterdrückung. Geduld gibt noch dem
Unmöglichen eine Chance. Geduld gibt nicht auf. Geduld läßt Zeit. Geduld läßt
wachsen. Geduld macht groß und stark. Geduld weiß, daß nicht wir die Welt erhalten
können, sondern nur Gott. Geduld glaubt, daß Gott alles zum Guten wenden wird.
Geduld ist die Kraft, mit der Gott unsere Welt wenden wird. Amen.


Predigt über Hebräer 4,12f     Bodelschwinghh:2.Feb.86

Gottes Geheimnis als das Geheime im Menschen              

Liebe Schwestern und Brüder!
Ich kann kein Blut sehen. Als ich vorgestern beim Arzt war und er anfing, von
blutigen Dingen zu erzählen, bin ich gleich schon in Ohnmacht gefallen. Es ist da so eine
Angst vor Verletzung hinter. Noch weniger wäre es mir möglich, als Chirurg wie Dr.
Gercek zu arbeiten und mit dem Skalpell bis tief in die inneren Organe eines Menschen
vorzudringen. Es ist eine Angst da vor der Verletzung, die entsteht, wenn man einem
Menschen zu nahe kommt, so nahe, daß es ihm mitten hineingeht in seinen Körper.
So löst auch die Vorstellung von Gottes Wort als einem zweischneidigen Schwert,
welches uns bis an die Knochen in den Leib geht, Angst in mir aus. Was so unter die Haut
geht, ist leicht tödlich, wie etwa die Klappmesser unserer jüngeren Generation zwischen
Kneipe und Knast. Aber der Chirurg hat ja das umgekehrte Interesse wie der Rocker. Er
will unter die Haut, um tief im Inneren etwas wieder heil zu machen.
Ich glaube, das Wort Gottes kann beides sein. Es kann wie ein Klappmesser
Menschen tödlich beleidigen in ihrem Innersten, nämlich dann, wenn sie sich für
unfehlbar halten wie der Papst,der es auch nicht ist und das genau weiß. Dann werden
sie beleidigt sein, wenn sie aus dem Reden der Bibel erfahren, daß sie keineswegs nur
okay sind und große Klasse, sondern auch sehr verbrecherische Anlagen in sich haben,
die anderen Menschen weh tun. Das Wort Gottes kann aber auch wirken wie das Messer
eines Chirurgs. Es kann zu inneren Zerstörungen vordringen und dort, am Kern der
Krankheit, Segensreiches bewirken. Genau wie eine Operation tut auch die Operation
des Wortes Gottes oft weh. Die scharfe Zunge des Pastors kann diesen Schmerz des
Eingriffes hervorrufen, was wir uns so ungern gefallen lassen - es kann das unerbittlich
klare Urteil eines erfahrenen Freundes sein, der unsere Schwachstellen besser erkennt
als wir selbst. Es kann aber auch das Urteil des Richters sein, der uns unser Unrecht
spürbar vorhält. Und vielleicht ist es auch die innere Stimme, die uns immer wieder auf
unsere Fehler anspricht und bohrt und sagt: Du bist nicht okay.
Und wie das helfende Chirurgenmesser gleichzeitig Schmerz und Gesundung
schaffen kann, so hat gute Kritik neben dem Verletzenden auch das Hilfreiche des
Wegweisers, den wir brauchen, um gut anzukommen. Das Wort Gottes ist ein kritisches
Wort an uns. Es zeigt uns unsere Unvollkommenheit und unsere Fehler. Es zeigt uns dies
durch einen Kontrast. Durch die Geschichte Jesu, der doch sehr andere gelebt hat als
wir, der aber doch so gelebt hat, daß es ganz und gar nicht unmöglich oder abwegig wäre,
es ähnlich mit unserem Leben zu halten, - durch Jesus erfahren wir uns als Sünder.
Indem wir sehen, wie er Menschen geliebt hat, geht uns auf, wie wenig wir bereit sind,
das zu tun. Unsere Lieblosigkeit wird an der Liebe Christi sichtbar, durch den Kontrast.
So richtet uns das Wort Gottes. Es zeigt uns, wie die Liebe ist, damit wir erkennen, wie
wenig Liebe wir geben und haben. Es zeigt uns, daß Gott uns liebt, damit wir mutig
werden, selbst Gottes Liebe für andere Menschen deutlich zu machen in unserem
Handeln. Die Kraft des Heiligen Geistes ist eine kritische Kraft der richtigen
Selbsteinschätzung. Nur wer sich einigermaßen gut kennt, kann die Folgen der eigenen
Schwächen bewältigen. Nur wer dran denkt, daß sein Bein frisch gebrochen ist, wird im
Krankenhaus nicht unvorsichtig herumturnen und alles nur noch schlimmer machen.
Man muß seine Schwächen erkennen, berücksichtigen, einplanen, damit sie nicht zu
schlimmen Folgen führen. Ich muß wissen, was ich nicht kann, damit ich mir nichts
übermenschliches zumiute. Und ich muß wissen, was ich nicht kann, damit ich genau das
vielleicht noch ein bißchen mehr trainiere. Damit ich weiß, worauf ich achten muß. Die
anderen Dinge gehen sowieso unbewußt richtig. Kritik will also die Schwachstellen
zeigen, um sie zu trainieren, damit die Schwächen keine schlimmen Folgen haben. Kritik
tut weh und muß doch sein bei der Suche nach der Wahrheit und dem richtigen Leben.
Oft habe ich Zweifel, ob es überhaupt was nützt, zu predigen. Ich weiß aus
Umfrageergebnissen, daß Predigten nur das bestärken, was die Hörer ohnehin glauben
und daß die Aussagen, die dem Hörer nicht passen, einfach überhört werden oder man
sagt: das war aber nicht das Wort Gottes! "Das Wort Gottes ist lebendig und wirksam."
Sagt der Hebräerbrief. Was löst eine Predigt schon aus? Im besten Fall ein gutes
Gefühl? Im anderen Fall etwas Unbehagen? Oder wäre es nicht auch Zeichen für das
Wort Gottes, daß es uns Ärger bereitet? Wir wollen uns nicht ärgern lassen vom Wort
Gottes. Predigt als Schwert, das bis ins Mark dringt, soetwas lehnen wir ab. Wir leugnen
dann, daß es das Wort Gottes war.
Liebe Schwestern und Brüder! Mit diesen Sätzen können noch fast alle einverstanden sein. Jeder weiß, daß er Kritik von der Kanzel nicht sehr gern hört. Aber würde ich es jetzt konkretisieren auf die entscheidenden Fragen des Glaubens, etwa Feindesliebe:Pershing 2 ist Sünde und soll hier nicht sein! - dann würden alle sagen: Er predigt wieder Politik, aber nicht das Wort Gottes. So haben wir unsere Abwehrmechanismen gegen Gottes Wort.
Die Geschichten Jesu sind voll von solchen Abwehrmechanismen gegen die
Ausstrahlung Jesu auf der Seite der Pharisäer und Schriftgelehrten.  Sie streiten dauernd
mit Jesus, weil sie sich ärgern über das, was Jesus sagt und tut. So sagt Paulus mit vollem
Recht:Das Wort vom Kreuz ist den Juden ein Ärgernis und den Heiden eine Torheit. Ich
glaube, zur Lebendigkeit und Wirsamkeit des Wortes Gottes ist, daß es uns manchmal
wurmt und ärgert. Die Schärfe des Gotteswortes dringt bis dahin, wo Geist und Seele
zusammentreffen. Sagt der Hebräerbrief.  Der Schnittpunkt von Geist und Seele ist das
Gebiet der Psychologie. Wenn Gott die Seele des Menschen kennt bis in die geheimsten
Wünsche, und das sind die uns selbst unbewußten, dann kennt Gott uns besser als wir
uns selbst. Und wer nur ein bißchen nachdenkt über sich selbst, der weiß, wie wenig man
sich wirklich kennt. Wir alle leben damit, daß wir uns was vormachen. Wir alle spielen
unser Theater so recht und schlecht. Alles stereotype Rollen, die wir von anderen
übernommen haben und die uns nicht auf den Leib geschrieben sind, sondern eher auf
den Leib geprügelt. Die besserwisserischen Männertypen, hart und eisern,
Kruppstahlopas, die gesitteten Damen, die selbst die Liebenswürdigkeit in Person sind,
aber beim Tratsch über die Nachbarin so richtig die Sau rauslassen - unser alltägliches
Theaterspielen entspricht nicht dem, was wir im tiefen Inneren wirklich wollen und
denken. Der Harte Mann ist gewöhnlich das Riesenbaby, ohne den Mut, zu weerden wie
die Kinder. Die Edelmütigen haben oft auch sehr finstere Gefühle. Luther wußte nur zu
gut, wie auch die Heiligen vom Teufel geritten werden. Die Abgründe der Bosheit
unserer Seele genau auszuloten, das tut weh, weil man sich gern besser hätte. Aber es ist
als Aufgabe des Psychiaters auch zugleich die Hilfe, die Menschen an der Grenze der
Selbstzerstörung  fähig macht, mit ihren finsteren und traurigen Zügen zu leben. Und
dadurch zu überleben. Glücklich kann ein Mensch nur im Einklag mit sich werden.
Wenn es keine Kluft zwischen den verborgenen Wünschen und den bewußten Motiven
gibt. Die geheimsten Wünsche in uns, die wir uns nie eingestehen mögen, es sind im
Grunde nicht die Abgründe der Bosheit. Es sind sehr zärtliche Strebungen. Es sind
Wünsche der Liebe, der Geborgenheit, der Unbekümmertheit. Sehnsüchte nach einem
Leben ohne Tränen. Der Wunsch, grenzenlos Schönes zu erleben, grenzenlos geliebt zu
werden und grenzenlos jemanden zu lieben ohne Zurückweisung zu erleben. Die
verborgenen Wünsche sind fast wie das Heiligtum eines Tempels. Und drum herum
sieht es böse aus. Wir erleben überall, daß diese Wünsche von außen, von anderen
verstellt werden. Das tut uns weh. Darum kapseln wir uns ab. Wir zeigen anderen nicht
mehr unseren Kindertraum, weil er ja doch nicht erfüllt wird. Wir werden hart,
verschlosssen, unnahbar. Wir nehmen die Rollen an, die man uns vormacht. Und das
zarte Fädchen der Hoffnungen des Kindes in uns reißt ab. Die Hoffnungen werden in
uns begraben.  Wir schweigen sie tot. Wir resignieren. Man kann ja doch nichts machen.
Unsere Kinderträume werden uns selbst zum Geheimnis. Und Gott kennt dieses
Geheimnis. Gott weiß um unsere kindlichen verborgenen Sehnsüchte. Und er sagt sie
uns noch einmal. Diesmal nicht von innen heraus, sondern durch Boten auf der Kanzel.
Die dort Liebe predigen und Frieden und Gerechtigkeit, die sprechen das aus, was die
Kinder in uns sich wünschen. Darum wurmt uns das Wort Gottes: Weil es unseren
unterdrückten eigenen Wünschen zutiefst entspricht. Gott will, was alle Kinder dieser
Erde wollen, auch die Kinder in uns Erwachsenen, die wir totschweigen: Kein Mensch
soll gequält werden, jeder soll Vater und Mutter haben, ein schönes Haus zum wohnen,
einen Garten zum Spiel, Essen für alle und Frieden auf der ganzen Welt. Das ist unsere
Hoffnung, die ärgerliche Hoffnung Gottes: Der einzige Schmerz, den es dann noch
geben wird, ist der Liebeskummer. "Es gibt nichts, was Gott verborgen wäre. Alles liegt
nackt und bloß vor den Augen dessen da, dem wir Rechenschaft schuldig sind."
Stellen wir uns vor, Gott sieht uns so, wie wir wirklich sind. Wir sehen uns so, wie wir
unser Theater spielen. Wenn Gott nun uns erträgt, so wie wir sind, dann gibt es keinen
Grund, weshalb wir uns selbst nicht auch ertragen können sollen. Vor den Augen Gottes
sind wir wie spielende Kinder. Unser Lieblingsspiel ist heute Verstecken. Wenn Gottes
Reich anbricht, werden die Kinder Gottes andere Spiele spielen, weniger nervtötende.
Ihr Spiel wird die Aufrichtigkeit, die Zärtlichkeit, das Schmusen, das vertrauende
Erzählen, das gemeinsame Träumen sein. Ich habe mir vorgenommen, schon jetzt so
allmählich damit anzufangen. Amen.
p.s. Covenant Players in Bergkamen!


Predigt über Röm 14,10-13    Auferstehungsk:23.Feb.86

Wer hat Recht?
Liebe Schwestern und Brüder!
Ich fühle mich gerichtet von diesem Text. Meinen Bruder nicht richten. Nicht
verdammen. Ich denke an meinen, an unseren alltäglichen Tratsch, ich denke an das
Reden über andere, die sich nicht melden können und alles richtig stellen. Ich denke
daran, wie ich meinen Gegnern Unrecht tue, wenn ich versuche, mein Herz einem
Freund auszuschütten. Ich denke an meinen Ärger, wie er mir die Möglichkeit
verschließt, von meinem Gegner her die strittige Sache zu sehen. Ich bete für meinen
Gegner, aber ich bitte nur darum, daß er mich versteht, nicht, daß ich ihn verstehe.
Ich weiß, auch ich bin Gegenstand von Tratsch und ungerechten Urteilen, die
teilweise auf falscher Information beruhen. Ich erinnere mich noch an den Anfang hier
in Weddinghofen, als man mich aufgrund langer Haare verurteilte, als Leute tratschten,
ich würde mich mit Talar und Stahlhelm aufs Motorrad schwingen und zum Friedhof
düsen. Viel Ärger aufgrund falscher Information, aber auch mancher Ärger über
Tatsachen, die anstößig waren oder sind - meine Art, wenig auf Äußerlichkeiten zu
achten, weil ich kein Pastor geworden bin für die Fassade, sondern fürs Herz, für die
Seele.
Es war so manches falsch, was ich gemacht habe. Aber ich habe es selten durch den
Tratsch eingesehen, daß es falsch war, sondern nur durch aufrichtige Freunde in der
Gemeinde, die mir Kritik gegeben haben, ohne mir darin zuviel zuzumuten. Ich habe oft
gesagt: Du, jetzt reicht es. Laß mich darüber erst mal eine Weile nachdenken, dann
reden wir weiter. So helfen Freunde: Durch gute, unerbittlich klare Kritik. Der Tratsch,
die vielen, die mich im Bausch und Bogen verdammt haben, haben mir kein Stück
geholfen. Sie haben mich nicht verstehen können, sie haben mir ihr eigenes Denken und
Fühlen nicht mitgeteilt. Ihr Gericht über mich war ohne Wirkung. Das Schlimme an
unserem Bibeltext von Paulus ist ja: Sobald ich sage:Richte nicht deinen Bruder: - so
verurteile ich ja schon wieder etwas. Ich verurteile den, der seinen Bruder verurteilt. Ich
verurteile ihn, weil er verurteilt. Und schon kann jemand kommen und sagen: Hallo du,
jetzt machst du ja genau dasselbe, du verurteilst auch jemanden. Du bist also kein Stück
besser.
Genau das ist der springende Punkt: Ich bin kein Stuck besser. In dieser Erkenntnis
liegt das Evangelium. Wenn Luther sagt: Wir sind alle Sünder, so liegt darin nicht eine
Nivellierung der guten Taten mit den echten Schweinereien, die es viel zu viel gibt,
sondern das weise Wissen, daß noach im besten Werk unlautere Absichten stecken und
noch in der schlimmsten Tat ein gescheiterter Versuch liegt, Recht zu schaffen.
Richtet nicht! - wie oft stimme ich nicht mit Dingen überein, die ein anderer tut.
Heißt das, ich soll immer schön ruhig sein, jeden alles machen lassen? Ich glaube, das
würde im Chaos enden. Wir brauchen die Menschen, die uns helfen durch ihrer Kritik,
die uns zeigen, wo sie nicht mehr mitkönnen. Denn es lebt nicht jeder vor sich hin,
sondern wir leben miteinander für ein gemeinsames Ziel: für Gottes Welt. Und nicht
immer ist meine Idee dazu die richtige, nicht immer deine Idee. Darum brauchen wir
den gegenseitigen Rat, die Kritik. Wir brauchen das Gespräch, das dialogische
Miteinander, das gute Wort, was weiterführt.
Nur eins hilft selten: Die Verdammung, die endgültige Verurteilung, die keine
Revision zuläßt. Wer den anderen abgestempelt hat, der läßt ihm keinen Weg mehr, den
man gemeinsam gehen könnte. Das führt zu keinem Ziel, nützt dem Reich Gottes nicht.
Es hilft aber dem Teufel, wenn wir uns gegenseitig unsere Verdammungsurteile
attestieren. Der freut sich dann in uns. Dann wird uns teuflich wohl ums Herz, wenn wir
einen so richtig verteufeln können.
Brauchen wir das, müssen wir so unsere Aggressionen austoben, werden wir nicht
anders damit fertig, unsere Gegner zu bekämpfen?
Ich möchte mit Ihnen, Liebe Gemeinde, jetzt einen Schlachtplan machen. Nehmen
wir an, wir haben einen Gegner, mit dessen Tun wir überhaupt nicht einverstanden sind.
Möglichkeit eins: Wir schimpfen, schreien, protestieren, verurteilen scharf. Damit
treiben wir ihn in die Enge. Er wird widerborstig wie ein geängstigtes Stachelschwein. Er
verteidigt sich in seiner Angst, daß er im Unrecht sein könnte, mit allen Mitteln. Er hat
keine Trümpfe mehr in der Hand. Also holt er die fiesen Sachen aus der Munitionskiste.
Er schlägt unter die Gürtellinie, weil ihm die Argumente ausgehen. Er hat kein Recht,
das wissen wir. Aber es tut uns trotzdem weh, unter unserer Gürtellinie. Jetzt haben wir
noch mehr Recht, unseren Gegner zu verdammen. Wir verschärfen unser Urteil, seine
Angst wächst, er tritt wieder und noch böser unter die Gürtellinie. Fazit: Obwohl wir im
Recht sind, ernten wir Schläge unter die Gürtellinie. Warum: Weil unser Gegner in der
Ecke gedrängt keine andere Wahl mehr hatte. Wir haben ihm die Möglichkeit zu einem
fairen Kampf verwehrt.
Möglichkeit zwei: Unser Gegner ist im Unrecht, wie bei Fall eins. Aber wir hauen es
ihm nicht als Bratpfanne vor den Schädel, sondern fragen nur vorsichtig an: Lieber
Bruder sowieso, ich kann verstehen, wieso du dich so und so verhalten hast. Aber hast du
auch bedacht, daß der und der und der unter deinem Verhalten sehr leiden mußte?
Wolltest du das, oder ist es vielleicht deiner Aufmerksamkkeit entgangen? - So, liebe
Gemeinde, ich bin gespannt, wie Bruder Sowieso nun reagieren wird. Immer noch wie
ein Schwein, ein Stachelschwein? Oder nicht vielleicht doch eher mit Einsicht: Ja, doch,
das habe ich gar nicht im Blick gehabt, das wollte ich gar nicht, daß andere darunter
leiden.
Und im Nu ist unser Gegner genau da angekommen, wo wir es uns wünschten: Er gibt
die Position auf, die ihn zu unserem Gegner gemacht hat. Er ist für uns kein Störenfried
mehr, sondern er wird für uns zum möglichen Gesprächspartner, zum Bundesgenossen,
zum Mitstreiter unserer Sache.
So funktioniert christliche Bündnispolitik. Ich sage das mir, nicht Ihnen, Liebe
Gemeinde!
Ich hoffe, Sie haben sich wiederfinden können in manchem, was ich mir einmal
wieder klarmachen mußte. Soweit sind wir also. Wir haben uns den Mechanismus der
Vergebung und des Dialogs klar gemacht. Wir wissen jetzt wieder, die Worte der
Vergebung heißen: Hast du dir denn auch überlegt, daß du dem und dem weh tust? Wir
wissen, wie wenig der Vorwurf nützt: Du hast aber... Wir wissen, daß Vergebung nicht
heißt, alles Schlechte fraglos hinzunehmen. Wir wissen, daß Vergebung darin besteht,
Verstehen zu lernen und Verständnis zu wecken, eine Brücke des Verstandes zwischen
den Streitenden zu errichten mit der Technik sanfter, behutsamer Fragen.
Liebe Gemeinde! Das war die Theorie! Jetzt käme die Praxis. Und da geht es mir vor
Gott wie dem Zöllner: Gott sei mir Sünder gnädig! Meine Vergebungspraxis ist dürftig.
Ihre auch? Ist vielleicht deshalb die Welt so weit noch weg vom Reich Gottes, weil unser
aller Vergebungspraxis so übel aussieht? Gott sei uns Sündern gnädig! Indem wir alle
uns mit unseren Gegnern zusammen unter das richtende Wort Gottes stellen, indem wir
alle uns als Versager bekennen, finden wir zu Gott und zueinander. Der Gottesdienst
hat diese Brücke der Vergebung durch das gemeinsamen Sündenbekenntnis
festgehalten. Es ist oft nicht mehr ganz verständlich, wieso ich da plötzlich auf
Kommando sagen soll, daß ich ein Sünder bin, zumal, wenn ich supergute Laune habe,
mich freue über die gegenwart Gottes und vielleicht mich einmal gar nicht schlecht
fühle. Dann bitte ich das Sündenbekenntnis zu verstehen als ein Training. Wenn wir
nicht lernen, uns zu bücken, werden wir nie fähig, andere Menschen einmal zu tragen,
wenn sie unsere Kraft des Verstehens und der Vergebung brauchen. Wenn wir nie
trainieren, uns klein zu machen, haben wir auch keine Chance mehr, über uns
hinauszuwachsen. Wenn wir nie erkennen, wie fehlerhaft unser Verhalten ist, werden
wir unsere Fehler immer nur in unseren Gegnern wiederentdecken und verdammen.
Der Weg zur Vergebung beginnt mit dem Satz:Gott sei mir Sünder gnädig. Dann kommt
der Satz: Lieber Bruder, hast du bedacht, daß...? Und im Western heißt das gemeinsame
Sündenbekenntnis rauh, aber aufrichtig: Ich bin ein Arschloch, du bist ein Arschloch.
Komm, wir gehen einen trinken. Sie denken vielleicht jetzt, warum muß das in einer
Predigt kommen. Ich sage Ihnen jetzt: Wenn ich und Sie wenigstens so weit wären, wie
diese unsere beiden Trunkenbolde nach ihrer saftigen Schlägerei, wir wären auf dem
Weg zur Versöhnung, wir wären enorm weitergekommen. Dazu helfe uns allen der
gnädige Gott! Amen.


Predigt über 1.Pt 1,3-9       Friedenskirche:.7.April 86

Leben aus Hoffnung, oder: Glauben statt Schauen  
Liebe Schwestern und Brüder!
Jesus war gekreuzigt. Die Jünger sind entmutigt geflohen. Da bekommt Petrus eine
Vision. Jesus erscheint ihm vor seinem inneren Auge und beauftragt ihn,
weiterzumachen und für die verzweifelten Jünger und Anhänger Jesu zu sorgen.
Verbreitet, was ich euch gelehrt habe, tut, was ich euch vorgelebt habe. Ich bin bei euch,
wenn ihr in meine Fußstapfen tretet. Ihr seid meine Zeugen, ihr könnt den Leuten
weitersagen, daß ich nicht kleinzukriegen bin durch die Henker der Römer. Es geht
weiter.
Das war das Wunder von Ostern. Und alle waren in großer Aufregung und Freude
und sind wieder durch die Lande gezogen, haben sich um die Kranken gekümmert und
um die Armen, haben festgehalten an der Feindesliebe und Nächstenliebe, haben so
gelebt, als wäre Jesus noch dabei. Sie haben zu Jesus gesprochen, als lebten sie immer
noch mit ihm zusammen. Ein Toter wird lebendig, beginnt stärker als zu seinen
Lebzeiten, in den Köpfen und Herzen seiner Freunde herumzugeistern, sie zu
begeistern. So entsteht die junge Gemeinde und verehrt Jesus mehr noch als vorher. Sie
nennen ihn nun nicht mehr Rabbi, Meister - sie nennen ihn nun ihren Herrn. Mehr noch:
Sohn Gottes nennen sie ihn, Retter, Befreier, Messias. So beginnt das geistliche Leben
Jesu.
Die Gemeinde betreibt Mission. Sie verbreitet Worte und Taten Jesu, ihres Herrn.
Sie sagt, Jesus lebt unter uns weiter, er ist auferstanden aus seinem Grab. Er führt uns,
gibt uns ein, was wir tun sollen. In vielen Städten und Dörfern entstehen Gruppen von
Christen, die an Jesus glauben, an Gewaltlosigkeit, Barmherzigkeit, Sanftmut,
Friedfertigkeit. Sie sagen: Jesus hat uns gezeigt, wie Gott wirklich ist. Kein
Obermanager im Himmel, sondern ein Mensch auf Erden, der so für die Liebe zu den
Untersten lebt, daß er sich bei den Obersten sein Leben verwirkt hat. So können sie
sagen, daß Gott ganz und gar Liebe ist und in Jesus erschienen.
Aber genau wie Jesus haben sie wenig von der Liebe gespürt. Sie haben versucht,
diese Liebe zu leben und erlebbar zu machen. Nun brauchen zwar alle Menschen Liebe,
aber Liebe hat auch Konsequenzen, die für gewisse Leute sehr ärgerlich ist. Liebe kann
Menschen wütend machen. Und eifersüchtig. Da sich die Liebe Gottes besonders an die
Armen und Hilflosen richtet, werden die anderen, die Reichen und Mächtigen
eifersüchtig. Und da sie Macht und Einfluß haben, lassen sie die Christen diese Macht
spüren. Sie schimpfen auf die Christen und sagen, es ist einseitig, sich besonders um
Arme zu kümmern. Gott muß genauso für die Reichen dasein. Es ist für die Mächtigen
eine Provokation, wenn Christen behaupten, Sanftmut und Vergebung von Schulden sei
Gottes Wille. Denn das stellt die Prinzipien der Staatsgewalt infrage. Es stellt das Militär
infrage, weil Militär nicht mit Sanftmut arbeitet, sondern mit Töten. Es stellt das Gericht
infrage, weil Gericht nicht mit Vergebung von Schuld arbeitet, sondern mit Strafen. Es
stellt die Macht der Oberen selbst infrage, weil Christen sagen, daß allein Gott, allein
Jesus der Herr ist und kein anderer. Die Christen sind parteilich geworden für die
Unterdrückten. Die Mächtigen sind eifersüchtig, weil sie sehen, daß den Christen die
nötige Ehrerbietung fehlt und weil sie hören, daß der Gott Jesus die Armen lieber hat
als die Reichen. Sie sind verletzt über die einseitige Liebe Gottes. Und als sich dieser
Zug der Sanftheit und Vorliebe für Arme so stark steigert, daß Christen im Namen ihres
Gottes den Dienst im Militär verweigern und den Kaiser in Rom nicht verehren - der
ließ sich damals als Gott verehren und ließ im ganzen Land Standbilder seiner Figur in
die Tempel stellen, vor denen man niederknien mußte - als der Kaiser sah, wie
ungehorsam ihm gegenüber die Christen wurden, da wurde er eifersüchtig auf Jesus und
ließ die Christen wegen Wehrkraftzersetzung und Hochverrats gerichtlich verfolgen.
Die Konsequenz der Liebe Gottes im Leben der Christen war nicht mehr Anerkennung
von allen Seiten, sondern Verfolgung durch die Gerichte. Für den römischen Staat war
das Verhalten der Christen kriminell. Die Liebe Gottes im eigenen Leben gelebt und
ernstgenommen brachte die Christen vor Gericht. Viele wurden hingerichtet, als
Gladiatoren in die Arena geschleppt, als brennende Fackel im Lustgarten des Kaisers in
Rom mit Pech geteert und gefedert und bei lebendigem Leib angezündet und verbrannt.
Es ging den Christen genauso schlecht wie Jesus, ihrem Herrn. Und sie nahmen all das
auf sich, weil sie glaubten, daß das Leben Jesu nicht durch Folter und Tod
kleinzukriegen ist und daß auch sie selbst über den Tod hinaus lebendig bleiben, wenn
sie sich nicht kleinkriegen lassen und einen Kniefall vor dem Kaiserstandbild tun. Und
sie erlebten, daß die unbeugsamen Christen, die grausam zu Tode gequält wurden, für
alle anderen Christen zu einem großen Vorbild wurden. Sie waren die Heiligen, die
Mätyerer, zu denen alle mit Verehrung aufblickten.
In dieser Verfolgung wurden aber viele auch mürbe und fragten: Was haben wir
eigentlich davon, daß wir uns aufopfern für Jesus? Was ist das für eine Liebe Gottes, die
uns das Leben kostet, wenn wir so leben, wie Jesus es uns gelehrt hat?
Und für alle, die verzweifeln an dem Unglück, was die Liebe Gottes, konsequent
gelebt, über ihr Leben bringt, sagt der Schreiber des 1.PT, der sich ausgibt als Apostel
Petrus: Jetzt erleben wir nicht, daß Gottes Liebe uns das Leben erleichtert. Jetzt leiden
wir nur. Aber später, wenn Gottes Liebe auf der ganzen Welt gesiegt hat und die
Mächtigen von ihren Tronen gestürzt hat, dann wird keiner mehr verfolgt, der Sanftmut
predigt und lebt, der sich gegen Waffen ausspricht, der Vergebung statt Strafe
propagiert. Dann, wenn die Herrschaft der Liebe in der Welt das einzige Gesetz ist, was
es dann noch gibt, dann werden wir es sehen und erleben, dann werden wir es genießen
und leibhaft erfahren, daß unsere Arbeit nicht vergebens war, daß die Liebe nicht nur
ein kraftloser Traum für Feiglinge war, sondern die stärkste Macht auf der Welt
überhaupt. Dann werden alle sagen: Die Christen haben recht gehabt, man kann so
leben und fällt damit nicht auf die Nase. Dann werden alle sagen: So ist Gott, und Gott
hat gewonnen. Dann werden die Christen statt Spinner Realpolitiker genannt. Dann
werden sie verehrt und geachtet und nicht mehr verfolgt. Dann folgen ihnen die Leute.
Doch bis dahin gibt es noch viel Leid. Wie halten wir das durch? Immmer nur auf die
Nase fliegen mit Gewaltlosigkeit, während die Machthaber erfolgreich ihre Macht
genießen.
Und das, was uns die Kraft zum Durchhalten gibt, ist der Glaube. Ist die Hoffnung,
daß wir mit unserem sanften Programm stärker sind am Ende. Ist die Liebe, mit der wir
ertragen, daß man uns verspottet und belächelt und mit der wir sanft und behutsam und
geduldig kontern. Jetzt gibt es noch keinen Beweis für die Richtigkeit dieses Programms
Jesu. Wir können nur glauben, daß das klappt.
Dann aber werden es alle sehen und einsehen, daß die Liebe geschafft hat, was alle
Gewalt der Erde nicht erreichen konnte:Daß im Reich Gottes die Menschen, alle
Menschen, friedlich und glücklich miteinander leben zur Ehre Gottes. Amen.


Predigt überGal 4,1-7    Friedenskirche:..8. Mai 1986

Freiheit der Christen in der Welt
Liebe Konfirmanden, liebe Eltern und Verwandte, liebe Freunde!
Konfirmation ist ein Initiationsritus. In allen Kulturen gibt es soetwas. Wenn die
Sprößlinge ihre Sexualität entdecken und Mannbar und Fraubar werden, also kurzum
heiratsfähig, dann werden die jungen Leute vom Status des Kindes in den Status des
Erwachsenen erhoben. Sogar die Jugendweihe in den Ostblockstaaten verfolgt letztlich
dieses Ziel. Machen wir uns nichts vor, Konfirmation ist eine von hundert Varianten des
Initiationsritus fürs Erwachsenwerden. Irgendwas muß man ja machen, um mal zu
bemerken, daß aus Kindern mündige Menschen werden. Um das zu zeigen, gibt es noch
einige kleine Hilfsmittel, die die kirchliche Zeremonie begleiten. Z.B. die Dauerwelle.
Die herrlichen langen Haare weichen einer Frisur, die an Lockenwickler und den
obligatorischen Staubsauger am Montag morgen erinnern, aber ich warne euch:
Staubsaugen und Lockenwickeln machen noch lange keinen Erwachsenen aus,
ebensowenig wie Rauchen und Alkoholismus. Ebensowenig wie Konfirmation.
Erwachsen wird ein Mensch nicht mit äußeren Zeichen, sondern in einem langen
inneren Reifeprozeß. Vielen gelingt es nie, erwachsen zu werden.
Liebe Konfirmanden, erwachsen wirken und erwachsen sein ist zweierlei. Tröstet
euch, wenn ihr noch wie Kinder behandelt werdet. Die meisten Erwachsenen, die ich
kenne, sind entweder kindisch oder kindlich. Ihre Verhaltensweisen unterscheiden sich
im Prinzip kaum, in der Form aber unheimlich von dem Verhalten der Kinder. Die
Form, das Desigh, das Styling ist anders, die Inhalte sind gleich. Ich nehme mich nicht
aus. Darum: Versucht doch gar nicht erst, erwachsen zu werden, dann werdet ihr es am
ehesten, denn dann werdet ihr kindlich bleiben und nicht kindisch. Jesus sagte einmal:
Wenn ihr nicht werdet wie die Kinder, werdet ihr nicht in dass Reich Gottes kommen.
Paulus sagt im Galaterbrief auch nicht, die Sklaven werden zu Freien Erwachsenen,
sondern die Kleinkinder werden zu juristisch autorisierten Kindern, zu Erben des Vaters
im Himmel. Christen sind nicht erwachsen, sondern Kinder ihres Vaters im Himmel, der
ihnen gibt, was sie brauchen. Werdet Kinder, dann reift ihr auch!!!
Jeder Psychologe kann Lieder singen von den Zwängen, unter denen Erwachsene
leiden, von denen sie beherrscht werden. Erwachsene sind oft Sklaven ihrer Normen,
viel schlimmer als Kinder es je sein könnten. Das tut man nicht. Das gehört sich nicht.
Überall Verbote, Mauern, in denen die Seele erstickt. Kinder dagegen entdecken die
Welt, mit einer unbändigen Neugier, mit einer Direktheit und Aufrichtigkeit, die
fasziniert, würde sie uns Erwachsene nicht immer wieder daran erinnern, daß wir nicht
mehr so unmittelbar fühlen, reden und denken können. Kinder stehen zu ihren
Gefühlen, Kinder weinen, Kinder lachen. Und ihr Lachen klingt noch nicht gepreßt und
erpreßt. Sondern witzig. Sie lachen an den komischsten Stellen. Sie lachen auch mal in
der Kirche. Aber leider nicht lange.
Dabei gab es früher zu Ostern das sogenannte Osterlachen im Mittelalter. Man
verlachte den Tod. Man feierte Karneval in der Kirche, es ging drunter und drüber.
Heute ist Kirche ordentlich, sauber und langweilig. Man hat nicht mehr viel zu lachen.
Aber der Glaube befreit die Christen. Wenn Gott wirklich ein Abba, ein Papa für uns
ist, dann darf es in der Kirche auch zugehen wie in einer türkischen Familie. Ich habe im
Unterricht versucht, euch beizubringen, daß Glaube nicht bedeutet, fertige Sätze
auswendig herzusagen, sondern Nachdenken über alte Bibeltexte, verstehen lernen und
kritische Fragen stellen. Glauben heißt auch Zweifel haben. Glauben heißt, eigene
Wege zu suchen, auch gegen Widerstände von außen. Die berühmtesten Christen haben
auf die Meinung anderer wenig Wert gelegt. Hier stehe ich, ich kann nicht anders, das ist
die Haltung des Glaubens. Und so sollte Kirche auch sein. Kirche sollte kein
Anstandsbeibringbetrieb sein, sondern die Gemeinschaft der Freien. Darum ist der
Zwang, der hinter dem Konfirmandenunterricht fast überall noch steckt, eigentlich
glaubenswidrig!!
Die Kirche ist eine Freiheitsschule. Trotz aller Meckereien meinerseits - ihr habt im
Vorstellungsgottesdienst gezeigt, daß ihr selbstständig einen ganzen Gottesdienst
gestalten könnt. Ihr habt gezeigt, daß ihr mündig werdet, mit dem Mund eure Frau oder
euren Mann steht. Kirche ist dazu da, Menschen von ihren Zwängen zu befreien.
Und das ist mein Traum von einer Kirche, die ihre Bestimmung erfüllt: Eine
Freiheitsschmiede, in der zwei Jahre lang durch die Arbeit an der Bibel Menschen
nachdenken über sich selbst, über die Welt, in die sie hineingeboren wurden, über die
Chancen und Grenzen, die ihr Leben hat. Und nach diesen zwei Jahren bleiben nicht
alle bei der Stange wie im Schützenverein, sondern werden weggeschickt, um das, was
sie gelernt haben, in ihrem Leben auszuprobieren: Hinhören, Nachdenken, Sagen, was
ich denke und fühle.
Ich möchte euch wegschicken heute und sagen: Geht hinein in euer Leben. Entdeckt
euch, euren Körper, eure Fähigkeiten, entdeckt die Welt mit ihren Glücksmomenten
und ihrem Leiden. Und geht euren Weg. Nicht meinen, nicht irgendeinen fertigen. Alle
bisherigen Wege haben uns neben technischen Fortschritten immer fast ebensoviele
menschliche Rückschritte gebracht. Also, geht euren Weg. Und denkt dabei an den Weg
Jesu. Vergeßt die Liebe nicht, vergeßt die Hungernden nicht, seid wachsam und auf der
Hut. Und so geht hinaus in die Welt und in euer Leben und kämpft mit uns alten Opas
und Omas um eine Zukunft, in der Gottes Wille in Erfüllung geht: Daß alle leben
können und glücklich werden. Amen.


Predigt über  Mt 5,13-16    Friedenskirche:.18. Mai 86.

Nicht dumm werden!          
Liebe Konfirmanden, liebe Eltern und Verwandten, liebe Freunde!
Ihr seid das Salz der Erde, sagt Jesus. Zu den Jüngern. Zu seinen Jüngern. Nicht zu
den Jüngern der Kirche. Nicht zu Lütges Jüngern. Lütge will gar keine Jünger haben. Es
würde ihn zu sehr stressen. Ihr seid das Salz der Erde, das sage ich euch heute auch, liebe
Konfirmanden. Seid ihr das wirklich? Oder seid ihr der Honig, den man gerne lutscht,
vernascht? Eßt mal einen Löffel Salz. Schmeckt nicht gut, nicht wahr? Man kann Essen
auch versalzen. Daß die Erde von diversen Kunstdüngern regelrecht versalzen ist, macht
sie auch kaputt, laugt die Böden aus. Salz der Erde - eine etwas zwiespältige Sache. Man
muß vorsichtig umgehen mit Salz. Geheimnis einer guten Küche ist die richtige
Dosierung der Zutaten. Die richtige Priese herausfinden. Aber das ist nicht die Aufgabe
vom Salz selbst. Das soll die Hausfrau oder der Hausmann machen. Das Salz fragt nicht
nach der Dosis. Es ist Salz und würzt und schmeckt scharf und hat desinfizierende
Wirkung und bringt Pepp ins fade Essen. Komisch, daß man sagt, Salz, welches seine
Würzkraft verloren hat, sei dumm geworden. Es stimmt jedenfalls erst recht, wenn es
auf das berühmte Jesuswort an die Jünger angewendet wird. Wenn Christen aufhören,
Salz der Erde zu sein, werden sie dumm. Und Jesus hat berechtigte Sorge: Womit soll
man die Erde denn dann salzen? Und womit soll man die Christen wieder salzig und
scharf machen?
Hätte Jesus gesagt: Ihr seid der Honig der Welt, dann könnte ich euch heute sagen:
Liebe Konfirmanden, seid bitte recht freundlich und süß, nur Mut. Immer Lächeln und
Grinsen, immer gute Mine zum bösen Spiel, wenn es ein böses Spiel ist.
Jesus hat aber nicht gesagt: Ihr seid Honig. Er hat gesagt: Ihtr seid Salz. Ob er damit
recht hat? Ob die Kirche wirklich Salz ist?
Salz der Erde sein - das bedeutet: Sich in die Angelegenheiten der Welt einmischen,
sie durchziehen, Einfluß gewinnen. Die Kraft des Salzes ist seine Schärfe. Das heißt: Mit
scharfen Worten oder auch mit scharfen Taten Einfluß nehmen auf die Belange dieser
Welt. Wenn da noch einer sagt: Christen dürfen nicht politisch sein als Christen, dann
soll er mir mal erklären, was Jesus wohl gemeint hat mit Erde und Welt. Ihr seid das
Licht der Welt, sagt er. Und Stadt auf dem Berg, die überallhin sichtbar ist - im
Griechischen Urtext steht hier Polis=Stadt. Von diesem Wort ist das Wort Politik
abgeleitet. Christen sind nach der Wortwahl Jesu also politisch, ob sie es wollen oder
nicht. Sie können höchstens keine Christen sein wollen oder dumm sein oder finster.
Aber wenn sie Christen sind, dann sind sie automatisch politisch. Sie können dann nicht
mehr sagen: Gott ist Liebe - und lassen Menschen in Einsamkeit verkommen. Sie
können nicht mehr sagen: Christus ist das Brot, das wir im Abendmahl zu uns nehmen -
und lassen Menschen verhungern. Sie können dann nicht mehr sagen: Christus ist unser
Friede - und schweigen zur Atomrüstung. Sie können nicht sagen: Gott will, daß allen
Menschen geholfen werde - und sagen: Arbeitslose wollen ja gar nicht ran. Und
schließlich können sie nicht mehr sagen: Gott hat uns die Verantwortung zur Bewahrung
seiner Schöpfung übertragen, also baut mal schön weiter Atomkraftwerke.
Christen sind wie Christus: Politisch einseitige Leute. Sie haben ein Herz für die
jeweils benachteiligten Menschen, auch Tiere. Sie haben kein Herz für Tierquäler und
Menschenfresser. Sie hassen Diktatoren, Killerkommandos und allzu würdige Herren,
die die Killer bezahlen von ihren Gewinnen. So geschehen nicht im Krimi, sondern
tagtäglich in vielen Ländern der verarmten Südhalbkugel.
Ich will gern gestehen: Die Kirche als Verein ist da nicht gerade das Paradebeispiel.
Zu oft hat die Kirche an der falschen Stelle geplappert oder geschwiegen.
Hexenverbrennung, Ketzerfolter, Heidenkriege im Mittelalter, Neutralität oder gar
Ablehnung gegenüber den berechtigten Forderungen der Arbeiter vor 100 Jahren. Aber
ich bitte euch: Seid nachsichtig mit dieser alten Mutter Kirche. Sie ist etwas klapprig und
langsam geworden. Sie ist nicht identisch mit dem, was ich Christen genannt habe. Sie ist
eine alte Organisation, die älteste, die ich kenne. Und seid gewiß: Jesus hat sich nicht
vorstellen können, daß eine Mammutorganisation, über die ganze Erde verteilt, unter
Berufung auf ihn als den Herrn, einmal dermaßen langweilig, fade und dumm sein
könnte, wie das, was ihr mit Recht an der Kirche ablehnt.
Und auch die Jünger waren ja keine Engel oder Helden. Genausowenig wie ihr oder
ich. Trotzdem: Ihr seid das Salz der Erde. Ihr seid das Licht der Welt. Euer Licht soll
leuchten vor den Leuten, damit sie sehen, wie Gott ist.  Christen sind insofern
Ebenbilder Gottes, als durch ihre Liebe die Liebe Gottes sichtbar wird. Gott dienen
fängt nach dem Gottesdienst erst an. Die Kraft der Christen zeigt sich nicht in den heilen
Mauern der Kirche - die ist nur zur Erholung und zur geistlichen Vergnügung der
Christen da - Gottes Kraft zeigt sich draußen, in der Welt, in der Politik, meinetwegen
auch in der Familie. Da sind wir gefragt, von Jesus wohlgemerkt, nicht von Politikern,
denn die lieben schweigende Bürger. Christen - wir - sollen scharf sein, auf der Hut,
wachsam, ihr Licht leuchten lassen. Christen sind Ferment in der Gesellschaft.
Ihr sagt: Haha, die Kirche hinkt doch meilenweit hinter allem hinterher. Ich sage:
Soso, aber ihr seid natürlich voll engagiert, auf dem neusten Stand, einfach "in". Ihr seid
natürlich nicht dumm, ihr seid schlau. Ihr geht natürlich nicht in die Kirche, ihr guckt
euer Eis am Stil als Video zu hause. Ihr seid nicht so verstaubt wie dieser alte Verein
Kirche. Nicht wahr? Und ihr setzt euch natürlich auch ein für die Menschenrechte und
Äthiopien und Behinderte und Penner und Jute statt Plastik und 35Stunden-Woche.
Und deshalb habt ihr es auch nicht mehr nötig, in diese alte langweilige Kirche zu gehen.
Und heute, am Fest der Konfirmation, der Befestigung im Glauben und in der
Kirche, dem Fest, das für sein Gegenteil gehalten wird: Nicht Anfang, sondern
krönender Abschluß der Kirchenbesuche - heute nehmen wir also Abschied. Ihr von der
langweiligen Kirche und ich von der natürlich überhaupt nicht langweiligen
Konfirmandentruppe. Ich sage euch jetzt noch: Kommt doch wieder, wir haben zwölf
Jugendgruppen, in einer werdet ihr bestimmt Spaß haben, ich sage: die Friedenskirche
ist eher ein großes Vergnügungszentrum für Christen und gar nicht langweilig - aber ihr
sagt gelangweilt: Ja, ja, ist ja schon gut, wir kommen trotzdem nicht mehr, zwei Jahre
müssen reichen.
Na gut, dann bleibt ruhig weg. Aber ich sage euch eins: Ihr seid das Salz der Erde und
das Licht der Welt. Wenn ihr von jetzt an nie wieder kommt, vergeßt das nicht. Vergeßt
nicht, wie mutig Jesus war. Wie er gestritten hat mit den Anstandsaposteln seiner Zeit.
Vergeßt nicht, daß die Menschen von Gottes Liebe nicht sehen, es sei denn durch eure
Hände. Wer soll denn gegen Arbeitslosigkeit arbeiten, wenn nicht ihr? Wer soll denn für
eine gerechte Verteilung der Güter kämpfen, wenn nicht ihr? Wer soll denn gegen die
unfriedlichen Atomkraftwerke und - Bomben angehen, wenn nicht ihr? Die Kirche ist
dazu doch zu langweilig. Die Politiker haben uns die Suppe ja erst eingebrockt,
auslöffeln mußt ihr sie eh - also, dann seid doch das Salz und macht euch die Erde
bewohnbar, macht Bergkamen zu einer gemütlichen kleinen Stadt, baut den Erdball so
um, daß einmal alle Menschen glücklich sein können, ohne Hunger, ohne Kriege, Ohne
Verbrechen. Und wenn ihr das macht, dann braucht ihr von mir aus nie wieder zur
Kirche zu gehen, zu unserem Vergügungshaus hier, denn dann  habt ihr wirklich
begriffen, was Christsein heißt, dann habt ihr Gott begriffen, dann braucht ihr die
Kirche nicht mehr. Amen.


Predigt über Jes. 58,6-9     Friedenskirche: 20. Juli 86

Richtig Fasten!              
Liebe Schwestern und Brüder!
Damals in Israel zur Zeit des Propheten Jesaja, dem Dritten, nach dem Exil in
Babylon, scheint es in Jerusalem schon wieder Arme und Reiche gegeben zu haben.
Kaum war der Krieg und die Kriegsgefangenschaft zu Ende, kaum waren die
Gefangenen heimgekehrt, schon gab es noch während des Wiederaufbaus die alten
traurigen Gegensätze von Reichen und Armen. Einige werden genug Geld aus Babylon
mitgebracht haben, um schnell wieder ein Haus sich erbaut zu haben. Und andere
hatten gar nichts, kein Haus, kein Essen. Man baute den alten Tempel in Jerusalem
wieder auf. Man wollte zu Jahwe beten. Danken für die Rettung aus der
Gefangenschaft. Danken für die neue Freiheit. Man wollte Gott zeigen, wieviel man für
ihn zu tun bereit war. Man verzichtete für Gott auf Essen. Man wollte Gott näher
kommen durch Fasten. Ein Tag in der Woche wurde nicht gegessen. Wir sind keine
Prasser, keine Fresser, wollte man damit sagen. Wir verzichten um Gottes willen auf
Genuß.
Das ist der typische Fromme, der sich selbst nichts gönnt. Er kann nicht einfach sein
Geld verprassen. Er ist sparsam, bescheiden, pingelig. Er mißgönnt sich alles. Er straft
sich für seine Schlechtigkeit mit Hungern. Er liebt sich nicht sehr.
Die typischen Exemplare dieser frommen Sorte Christen sind die puritanischen
Handelsleute, oft Calvinisten, die durch außerordentliche Härte gegen sich selbst ein
Geschäft aufgebaut haben, welches zu erstaunlicher Blüte gelangt ist. Der berühmteste
dieser Asketen ist der Entenhausener Onkel Dagobert Duck. Er hat Mühe, die
randvollen Silos seiner Goldschätze zu überblicken, aber gönnt sich nicht einen Taler
zuviel. Und jeder Taler, den er sich gönnen würde, wäre einer zuviel. Dafür aber gibt er
Unsummen aus, um die riesigen Schätze noch besser sichern zu können. Onkel
Dagobert ist aber nicht nur hart gegen sich selbst. Er ist ein echter Leuteschinder, wenn
er seinen Neffen Donald Duck und die süßen Drei, Trick, Tick und Track, zu
entenunwürdigen Arbeiten heranzieht. Onkel Dagobert ist ein Entenschinder. Weil er
gegen sich selbst hart ist, ist er auch gegen andere hart. Weil er sich selbst nichts gönnt,
gönnt er natürlich auch keinem anderen etwas. Außer seinem Geldspeicher, außer
seiner Sicherheit.
Liebe Schwestern und Brüder!
Es ist kein Zufall, daß Walt Disney gerade in Amerika, dem puritanischen Land, diese
Vision des ewigen Geizkragens erfunden hat. Guckt euch die Staatsausgaben von
Ronald Reagan an, dann wißt ihr, von wem der Westernheld gelernt hat: Onkel Ronald
ist gelehriger Schüler von Onkel Dagobert. Milliarden für Rüstung, Millionen für
Terroristen in Nicaragua, aber keinen Pfennig für erhöhte Sozialleistungen. Diese Art
Frömmigkeit ist der Erfolg des christlichen Versuchs, Gott näher zu kommen durch
selbsteigne Pein, durch Fasten und Beten, durch Härte gegen die eigenen Bedürfnisse.
Durch Härte schlechthin. Diese Art Frömmigkeit gehört aber nach Entenhausen. Sie
gehört sich nicht in Waschinghton und auch nicht in Bergkamen. Für Christen ist die
Härte gegen das eigene Ich als Selbstbestrafung für Sünden einfach das Falscheste, was
wir tun können. Echt!
Liebe Schwestern und Brüder!
So hart, wie ich gegen mich bin, so hart bin ich dann auch gegen andere. Indem ich
mich für meine Sünde bestrafe durch Selbsthärte, bestrafe ich andere mit. Ich möchte
dies einmal an einer sehr problematischen Entwicklung festmachen. Pastor Kayser ist
ein Arbeitstier. Er läßt kaum erkennen, wo er sich mal etwas Gutes tut. Eine Zeitlang
hieß es, ich wäre faul. Seit ich Buch führe über meine 70 - 80 Arbeitsstunden pro Woche,
sagt wenigstens keiner mehr, ich wäre faul. Aber dieses dumme Gerede hat eines
geschafft: Ich habe die Arbeitsdisziplin derartig verinnerlicht, daß ich leicht von anderen
verlange, ebensoviel zu tun wie ich und Leute, die nicht ihre 12 Stunden täglich im Streß
zubringen, gar nicht wirklich ernst nehme. Ich beneide diese Menschen, die soviel Zeit
haben. Und insgeheim beginne ich, sie für faul zu halten. Ich fange auch schon langsam
an, an Leuten herumzumeckern, die nicht ständig ihr letztes geben. Und die Härte, die
mein Beruf mir abverlangt, verlange ich auch von anderen. Nur wer gar keine Zeit mehr
hat für solche Banalitäten wie Rasenmähen, der ist für mich vom Verdacht der Faulheit
ausgenommen. Staubwischen und Fensterputzen sind erholsame
Freizeitbeschäftigungen. Für mich. Und deshalb schon fast auch für alle anderen.
Verstehen Sie, was ich an meinem schlechten Beispiel klar machen will? Hinter dieser
Selbsthärte entsteht unheimlich schnell eine wirklich brutale Art, von anderen dasselbe
zu verlangen, worunter ich eigentlich leide. Eigentlich wäre ich viel lieber faul, hätte
mehr Zeit für mich, für Musik, für Angela. Aber weil es bei mir nicht klappt, soll es auch
bei anderen nicht klappen. So denke ich, so denke nicht nur ich, sondern viele, wohl alle
Menschen.
Es ist auch schon klar, was da Abhilfe schafft. Eben nicht soviel von sich abverlangen.
Sich selbst mehr gönnen. Und damit auch anderen mehr gönnen können. Gönnen
können! Genau das ist das Geheimnis dessen, was im Predigttext als rechtes Fasten
beschrieben wird. (Zitieren!)
Nur wer anderen etwas gönnt, lernt, sich selbst auch freundlich zu behandeln. Nur
wer sich selbst etwas gönnt, kann anderen auch etwas gönnen. Beide Sätze treffen zu.
Und deshalb ist es so schwer, aus der Onkel-Dagobert-Christlichkeit herauszukommen.
Wir werden Gottes Güte sicherlich nicht gerecht, indem wir unentwegt in unserer
Kirchengemeinde etwas verlangen. Von uns selbst oder von anderen, von
Gemeindegliedern, vom Pastor. Die Bergkamener verstehen sich gut aufs Fordern.
Weniger gut aufs Gönnen. Insofern werde ich langsam Bergkamener. Und das ist
schlimm!
Statt Fordern Gönnen können! Das ist die Parole. Das ist das Wesen der Güte Gottes.
Gott fordert nicht. Gott schenkt uns etwas. Jesus hat uns das Gönnen vorgelebt. Jesus
war ein Gönner. Er hat sogar den fiesesten Geschöpfen noch das Beste gegönnt. So ist
Gott.
Ich möchte, daß wir das Gönnen lernen. Gönnt euch Ruhe. Gönnt euch Vergnügen,
Lachen, Spaß. Gönnt euch gegenseitig Freude und Vergnügen. Hört auf, zu fordern.
Glaubt nicht, ihr könnt von anderen all das fordern, was ihr von euch selbst verlangt.
Ich will euch ein Beispiel sagen: Fordert nicht von mir, daß mein Vorgarten gepflegt
sein soll. Das könnt ihr bei eurem Vorgarten machen. Gönnt mir, daß ich meine Gräser
wachsen lasse, wie Gott sie geschaffen hat. Ich will noch ein Beispiel sagen: Fordert
nicht, die Kirche soll immer glänzen und dann seid ihr traurig, wenn ihr hinfallt. Eine
saubere Kirche ist eben nicht rutschfest. Stattdessen gönnt unserer Küsterin, die sich die
halbe Nacht wieder mit Kircheputzen um die Ohren geschlagen hat, mal etwas Ruhe
und Anerkennung. Letztes Beispiel ein Beispiel an mich: Lieber Michael, fordere doch
nicht von den Weddinghofern, die 18 Jahre von Pastor Meier betreut wurden, daß sie
plötzlich politisch voller Feuer engagiert zu jeder Friedensdemo mit zwanzig Bussen
unterwegs sind. Gönne ihnen das Recht, erst einmal mit ihren eigenen Sorgen und
Nöten ins Reine zu kommen.
Liebe Schwestern und Brüder!
Macht ihr mit bei diesem Programm? Statt Fordern Gönnen lernen? Dann sehe ich
für diese Gemeinde Zukunft. Sie wird statt kleinkariert großzügig sein, statt gesetzlich
freizügig, statt verknöchert voller wertvollem Fleisch und Blut sein zur Ehre Gottes, der
Liebe ist. Amen.

Thesen zur Glaubwürdigkeit des christlichen Glaubens

Einleitung.

Die Kontakte zwischen Menschen, die sich als Christen verstehen oder zur
organisierten Kerngemeinde der Kirche gehören, und denen, für die aufgrund
naturwissenschaftlicher Erkenntnisse der Gebrauch des Wortes "Gott" sinnlos geworden
ist, sind in der Alltagssituation kirchlicher Projekte, in denen es auf die Stärke
gemeinsamen Handelns ankommt (Aktionseinheit), als ein Stück Orthopraxie
vernünftiger Weltbewältigung entstanden. Im Bereich gemeinsamer Aktionen gibt es
einen fast problemlosen Konsens. In der Frage der handlungsleitenden Axiome und
Theoreme gibt es dagegen starke Diskrepanzen. So eng der Konsens in der Frage der
Orthopraxie, so unüberbrückbar der Dissens in der Frage der Orthodoxie, der die
Wahrheit benennenden richtigen Lehre.
Ziel dieser Thesen ist daher, die Divergenzen zu formulieren und die
Glaubwürdigkeit des christlichen Glaubens so evident darzulegen, daß sie noch denen
plausibel wird, die nicht mit der Existenz Gottes rechnen.

These 1: Dogma und Spiritualität.

Es gibt ein außerordentlich stark ausgeprägtes Bedürfnis der Menschen nach
Spiritualität. Von diesem Bedürfnis unterscheidet sich die Frage der theologischen
Dogmatik. Die Sätze des Glaubens vermögen wohl in gottesdienstlichem
Zusammenhang spirituelle Erfahrungen auszulösen. Doch sind ebenso völlig andere
Momente Auslöser spiritueller Erfahrungen: Liturgische Rituale, Drogen,
Fastenübungen, Meditationsübungen, Empfänglichkeit für Aberglauben, usw.
Aus der langen kirchlichen Tradition Europas hat die traditionelle kirchliche
Dogmatik für das Bewußtsein der kirlich gebundenen Menschen einen starken
Stellenwert bei der Vorbereitung spiritueller Erfahrungen: Gott als Vater im Himmel,
Lenker der Welt, Verantwortlicher für all das, was Menschen einander zufügen, Geber
von Leben und Tod. Diese theistischen Axiome lösen nach wie vor bei der Mehrheit der
Kirchentreuen spirituelle Erfahrungen aus. Ähnlich hat in Jugendsekten, spiritistischen
Kulten und Meditationszirkeln ein bestimmter dogmatischer Bezugsrahmen einen
spirituelle Erfahrung formenden und auslösenden Effekt. Der verblüffende Erfolg von
Jugendsekten bis Wunderheilern ist Zeichen dafür, daß das Bedürfnis der Menschen
nach Spiritualität keineswegs erloschen ist. Die Menschen wollen heute keineswegs
religionslos leben, sondern sind getrieben von einer ungemein starken Sehnsucht nach
Transzendenz: danach, daß der alltägliche Lebenszusammenhang nicht schon alles ist.
Spiritualität überschreitet die Grenze der Alltagserfahrung, ist die Stelle im Leben, wo
ein Mensch über sich hinauswächst. Religion als Überschreitungserfahrung von
Alltäglichem, als Grenz-Erweiterung des menschlichen Bewußtseins ist dann nicht nur
psychohygienisch wichtig als Faktor und Moment glücklichen Lebens, sondern bildet
eine Ebene des fortschreitenden Bewußtseins einer Gesellschaft, auf der rationale mit
emotionalen Dimensionen des menschlichen Geistes in einzigartiger Tiefe verbunden
sind. Solche spirituellen Erfahrungen sind vielleicht ebenso lebenswichtig für glückliche
Menschen wie Essen, Trinken und Sexualität.

These 2: Defizit der Kirchen.

Jugendsekten u.a. dokumentieren heute, wie stark sich das Bedürfnis nach
Spiritualität formiert, wie leicht es lenkbar ist und wie anscheinend die Kirche in ihren
Lebensäußerungen diesem Bedürfnis vielfach nicht mehr gerecht werden. Es fehlt in
den Kirchen an Spiritualität, obgleich die Kirche dafür der prädestinierte Ort in der
Gesellschaft wäre. Zugleich fehlt es vielfach in der Kirche immer noch an Orthopraxie,
Tun des Rechten, sodaß die Kirchen nicht nur dem spirituellen Bedürfnis nicht gerecht
werden, sondern auch nicht den ethischen Konsequenzen ihrer eigenen Lehre. Das
einzige Gut der Kirche ist vielerorts die der Aufklärung nicht standhaltenden
theistischen Ausdrucksformen des christlichen Glaubens, die in einer sich jeder
wissenschaftlichen Nachprüfbarkeit entziehenden Beliebigkeit als Orthodoxie ohne
Wahrheit erstarrt sind und zur reinen Behauptung bei gegenteiliger Praxis verkommen
sind. In der Frage richtigen Lebens sind vielfach Nichtchristen den Kirchentreuen weit
voraus. Daraus ergibt sich die ekklesiologische Frage, ob die Kirche nach Luther der Ort
richtiger Lehre ist oder da existiert, wo der Wille Gottes getan wird,anstatt in der
Anbetung des Herr, Herr-Sagens gerade die Herrschaft Christi zu verhindern. Aus der
Lehre Christi geurteilt hat die organisierte Kirche weitaus weniger Authentizität als
viele unorganisierte Menschen, die sich nicht als Christen bezeichnen, denen aber
sachlich diese Bezeichnung viel eher zukäme als den Kirchentreuen selbst.

These 3: Wahrheitsgehalt der biblischen Botschaft.

Um nicht nur Aktionseinheiten mit diesen vom Selbstverständnis her
nichtchristlichen, von der Sache her doch christlichen Tätern des Willens Gottes zu
machen, sondern auch einen gemeinsamen Begründungszusammenhang dieser
Aktionsformen zu entwickeln, aus der Orthopraxie zur Orthodoxie zu gelangen - nie
geht die Theorie der Praxis tatsächlich voraus im alltäglichen Lebenszusammenhang! -,
ist die Lehre des christlichen Glaubens in ihrer dogmatisch verfestigten Form daraufhin
zu überprüfen, was unter dem Aspekt der Gültigkeit des fortgeschrittensten
wissenschaftlichen Wissens an biblischen Aussagen evident und plausibel ist.
Das Ziel dieser Unternehmung ist, aufgrund einer allgemeingültigen
Glaubwürdigkeit des christlichen Glaubens mit allgemein nachvollziehbaren Sätzen
ausgewiesener Wahrheit zu einer wiederum nicht mehr partikular-innerkirchlichen,
sondern allgemein bejahbaren Spiritualität zu gelangen, die als einende Triebkraft die
Solidarität und Durchsetzungsfähigkeit der gemeinsamen Aktionseinheit im politischen
Handeln fördert. Eine solche Form der Spiritualität haben weder die organisierte
Kirche noch die politisch im Sinne Jesu engagierten Menschen. Sie ist eine
Erfahrungsdimension, die erst gemeinsam erschlossen werden muß. Es hat in der
Geschichte der Kirche immer wieder solche Neu-Erschließungen von orthopraktischer
Spiritualität gegeben. Solche orthopraktische Spiritualität ist aber nichts zeitlos gültiges,
sondern verändert ihre Gestalt mit der Veränderung des Wissens und der
gesellschaftlich gebotenen Formen richtigen christlichen Handelns.

These 4: Recht auf Geborgenheit.

Zu der neuen Spiritualität gehört das Recht der Menschen, in Gemeinschaft Ruhe
und Geborgenheit zu finden, in der Gemeinschaft das zum Thema zu machen, was uns
"unbedingt angeht"(Tillich). Das auszusprechen, was alle bewegt: erste und letzte
Fragen, nach dem Sinne dieses so offensichtlich leidvollen und ungerechten Lebens,
nach der letzten Bestimmung der Menschen, wenn es eine solche geben sollte. Was trägt
uns in unserer unaufhebbaren Verlassenheit, in der jeder einsam seinen Tod stirbt und
unwiderruflich vergeht? Warum ist für viele Menschen das Leben nur Qual und der Tod
dann noch einmal? Mit welchem Zufall wird jemand in eine wahre Hölle
hineingeboren, warum kann bundesdeutsche Schikeria sich kaum Hölle vorstellen? Alle
diese Fragen existieren und geben in der Art ihrer Beantwortung unserem Handeln
letzte Koordinaten, die sich auswirken bis hinein in Zielrichtung und Intensität der
politischen Verantwortung-Nahme.
Das gemeinschaftliche Nachdenken und Meditieren dieser letzten Fragen könnte als
dogmatischer Innovationsprozeß der Kirche Nichtchristen und Christen verbinden in
der Kirche als Ort der Spiritualität, die solchen Fragen Raum gibt, ohne ihre
traditionellen Antworten als die apriori schon richtigen darzustellen.

These 5: Gottesdienst.

Der Beitrag der Christen in diesem spirituellen Dialog, dessen Ort der christliche
Gottesdienst wäre, ist in einer aufgeklärten Gesellschaft folgender:
Wir verzichten auf die Behauptung, Gott habe die Welt geschaffen in der Art, wie es
die Anfangskapitel der Bibel beschreiben. Gott ist nicht vor oder außerhalb der Welt,
sondern in ihr.
Wir glauben Gott nicht als Person, die alle Geschicke dieser Welt verantwortlich
lenkt. Gott ist Geist, der die Herzen, Köpfe und Hände einzelner Menschen und
Gemeinschaften zu bewegen imstande ist und der ohne diese ihn in sich tragende und
von ihm getragene Gemeinschaft nicht ist. Insofern verkörpert Kirche Gott in der Welt.
Kirche in diesem Sinn ist nicht kongruent mit der Organisation gleichen Namens. Das ist
der Wahrheitsgehalt der Geschichten von den biblischen Propheten, von Jesus, von
Heiligen der katholischen Kirche (Individuen) und der christlichen Gemeindebildung
bis hin zur Kirchenlehre und Pneumatologie. Weil Gott Geist ist, ist die spirituelle
Erfahrung zugleich die Erfahrung Gottes, auch wenn sie nicht als solche bezeichnet und
erlebt wird.
In besonders eindrucksvoller Weise hat Jesus den Geist Gottes in Wort und Tat
verdeutlicht. Als Quintessenz seines Auftretens läßt sich formulieren: Gott ist Liebe.
Das Leben Jesu ist als Illustration dieses Satzes zu verstehen: Sein Bemühen, alle
Menschen satt zu machen, bedeutet für uns heute eine neue Weltwirtschaftsordnung
ohne Ausbeutung. Dies setzt eine tiefgreifende Änderung der kapitalistischen
Herrschaftsformen voraus.
Jesu Gewaltlosigkeit bedeutet heute einen radikalen Verzicht auf Militär und eine
weitestgehende Einschränkung innerstaatlichen Gewaltgebrauchs. Das involviert den
Kampf der Christen für Abrüstung.
Die Liebe Gottes umfaßt die Menschen mit ihren Stärken und Schwächen, das zeigt
das Handeln Jesu.
In der Art, wie die Kirche auf den Mann Jesus aufmerksam ist, zeigt sich die
Herrschaft Jesu Christi. Sie lebt nicht aus der Verehrung eines Mannes, sondern aus der
praktischen Aneignung dessen, was sein Leben entscheidend geprägt hat. Das
kennzeichnet aufgeklärten Glauben, der den Ruf Jesu in seine Nachfolge nicht als
theistische Vergötterung zur hierarchischen Marionette. Jesus ist beeindruckendes
Vorbild und als solches lebendig im Handeln der Christen. Das ist die Form seiner über
den Tod hinausgehenden Lebendigkeit. In der Erinnerung des Lebens eines Toten wird
seine Lebendigkeit bewahrt und in neuer Weise entfaltet. Wenn an der Geschichte von
der Auferstehung etwas gültig ist, dann die verbildlichte Hoffnung darauf, daß das, was
einen Menschen ausmacht, nach seinem Tod nicht erloschen ist, sondern in erneuerter
Form wieder auflebt in anderen durch die Kraft der Erinnerung, die ein Teil der Kraft
des Heiligen Geistes ist. Christliche Liebe geht in dieser Form der Erinnerung über den
Tod hinaus.

These 6: Dialog mit Nichtchristen.

Die Kirche hat nur eine Chance, wenn sie den Dialog mit den aufgeklärten
Nichtchristen sucht und vor dem fortgeschrittendsten Wissensstand die Inhalte des
Glaubens formulieren und aufrechterhalten kann. Wenn die Kirche sich dieser
Ver-Antwortung nicht stellt, gibt sie den Kontakt zur Vernunft auf und regrediert zu
einer Sekte ohne Wahrheitsgehalt. Möglicherweise hat sie dann immer noch viele
Kunden. Sie ist aber kein gesellschaftlich relevanter, überzeugender Gesprächspartner
mehr, sondern konkurriert mit Märchenerzählern. Um als "Volkskirche" Zukunft zu
haben, bedarf es der theologischen Umorientierung auf die Kompatibilität der
Aussagen des Glaubens mit denen der Wissenschaften. Eine Kirche, die diesem Dialog
nicht sich stellt, verwirkt nicht nur ihre Zukunft als Organisation, sondern zugleich die
Zukunft der Liebe Gottes, von der sie lebt und die sie missionarisch weitergeben
möchte. Missionarisches Handeln heute heißt: Glaubens- und Dialoggemeinschaft
bilden mit Nichtchristen. Zum Wesen Christi gehörte, daß er keine Angst hatte, etwas zu
verlieren. Eine Kirche, die diesem Wesen gemäß lebt, wird in dem notwendig
anstehenden Dialog mit Nichtchristen vor der Preisgabe von theologischen Aussagen
zurückschrecken, die ihr im Lauf der Tradition lieb geworden sind, aber nicht zum
innersten Kern des Liebesgeistes Gottes gehören.
Die Wunderstories der Evangelien usw. brauchen heute nicht mehr als
Tatsachenberichte behauptet zu werden. Es kommt darauf an, ob die im Gewand
spätantiker Wundergläubigkeit formulierten Geschichten vom Wesen der Liebe Gottes
in Jesus über dieses Wesen Gottes etwas sagen. Dies allein ist heute (und war es damals
ebenso) wesentlich, nicht das wundergläubige Gewand der Geschichte. Das Gewand
solcher Geschichten darf ein Christ durchaus preisgeben, so wie der Hl. Martin seinen
Mantel teilte.

These 7: Glaubwürdigkeit.

Der Erweis der Glaubwürdigkeit des Christlichen Glaubens wird dadurch gebracht,
daß eine Argumentationsfigur, die völlig ohne Adaption theologischer Motive
auskommt, zu den selben oder ähnlichen Ergebnissen kommt, etwa in sozialethischen
Fragen. Beispiel: Frieden als Ziel ist sowohl politisch der beste Zustand zu existieren,
also nach wissenschaftlicher Logik, wie er zugleich als Ausdrucksform Gottes zum
ethischen Ziel des Handelns der Christen erhoben wird. Aus dem universalisierten
narzißtischen Wunsch nach Triebbefriedigung (Essen, Trinken, Geborgenheit und
Wohnung, Wärme, Sexualität) läßt sich soziale Gerechtigkeit als Forderung nach
grundlegender struktureller Umverteilung der gesellschaftlichen Reichtümer und
Resourcen ableiten; dieselbe wissenschaftlich begründbare Forderung ist aber auch
(ohne großartigen Begründungszusammenhang) Grundforderung der Propheten und
Jesu in der Bibel. Neue Weltwirtschaftsordnung ist gleichermaßen rational aus der
Universalisierung der menschlichen Grundbedürfnisse her mit dem Evidenzpol des
eigenen Narzißmus herleitbar, sondern daneben aus dem Sättigungswillen der
Mutterliebe Gottes zu verstehen. Erst wenn die Macht der kapitalistischen
Wirtschaftsmachthaber durch Demokratisierung und Vergesellschaft der
Produktionssphäre gebrochen ist, wird es überhaupt zu einer grundlegenden Änderung
des Ausbeutungsverhältnisses zwischen Industrie- und Entwicklungsnationen kommen.


Predigt über 1.Tess. 5,12-22     Friedenskirche 26. 10. 86

Erlauben als Strategie
Liebe Schwestern und Brüder!
Ich war die letzte Woche im Pastoralkolleg. Wir haben gebetet, gefeiert, nachgedacht
und Gemeinden besucht unter dem Thema: Wie sehe ich in der Gemeinde Energien
christlicher Liebe. Wie kann eine Gemeinde zu einem starken Energiefeld wachsen. Wir
haben darüber gelebt. Wir haben unsere eigenen Energien gespürt. Wir haben uns
miteinander wohlgefühlt, weil jeder den anderen akzeptiert hatte, so wie er war, mit
aller Kuriosität und aller liebenswerten Menschlichkeit. Wir haben eine Gemeinde
besucht und ich war zum Kaffeetrinken bei der Altenkreisleiterin, einer sehr patenten
Frau. Sie erzählte über Konflikte in der Altenrunde. Wenn eine neue Seniorin kommt,
sich unbedacht auf den Stammplatz einer Alteingesessenen setzt, kommt es manchmal
zu recht fiesen Szenen. Und die Leiterin des Seniorenkreises sagte mit viel Liebe: Es
menschelt eben auch manchmal bei uns. Finde ich toll!!! Es menschelt eben auch mal
bei uns.
Wie es sein könnte, wenn wir die Menschlichkeit Jesu Christi in unsere Herzen
aufnehmen und damit Christus unter uns Gestalt und Lebenskraft werden lassen, das
beschreibt ja der Predigttext, den Paulus in seinem allerersten Brief überhaupt, an die
griechische Gemeinde von Tessalonike als letzte, abschließende Weisung gibt. Lebt in
Frieden miteinander. Ermutigt die Ängstlichen. Helft den Schwachen, habt mit allen
Geduld. Zahlt nicht Unrecht mit Unrecht zurück. Seid immer fröhlich. Laßt im Beten
nicht nach. Dankt Gott in jeder Lebenslage. Unterdrückt nicht das Wirken des heiligen
Geistes.
Die ideale Gemeinde. Als ich hierher kam, habe ich einmal gedacht, die
Friedenskirche soll ein Ort der Liebe werden. Ich denke das nach wie vor. Ich glaube,
wir sind auf dem Weg dahin, ich glaube es nach wie vor.
Ich möchte euch erzählen von den Antreibern, die uns alle beherrschen. Der erste
Antreiber sagt mir: Du bist nur dann ein guter Mensch, wenn du in allen Dingen perfekt
bist. Du mußt gut organisieren, alles behalten, was dir jemand sagt, alles richtig machen.
Der zweite Antreiber sagt: Du bist nur dann okay, wenn du stark bist. Gib dir nie eine
Blöße. Sei nicht verletzt, beleidigt, traurig. Laß dir nichts anmerken, weder von deinem
Schmerz, noch von deiner Überschwenglichkeit, deiner Verspieltheit, deinem
jugendlichen Leichtsinn. Laß dich nicht gehen. Sei beherrscht. Sei stark.
Der dritte Antreiber sagt: Du kannst dich nur dann wirklich gut fühlen, wenn du dich
anstrengst. Sei fleißig, ordentlich. Laßt dich nicht durchhängen. Streng dich an. Die Welt
läßt sich nicht vom Faulbett aus ändern. Du mußt dich engagiert gegen Unrecht wenden.
Du tust zuwenig. Was hast du wieder alles nicht geschafft! Du willst ja etwas erreichen.
Los, tu was!
Der vierte Antreiber flüstert dir ins Ohr: Du bist nur okay,wenn du in Eile bist. Es ist
fünf vor Zwölf. Wir müssen die Welt retten, ehe es zu spät ist. Atomraketen, Hunger.
Jedes Ausruhen ist Sünde. Mehr als 6 Stunden Schlaf ist Zeitverschwendung. Wenn
nicht ein Termin den anderen jagt, bist du faul. Wenn du dich beeilst, schaffst du es
schneller, bist eher fertig. Du hast dann mehr Zeit. Also darfst du jetzt keine Zeit
vergeuden. Eile!
Der fünfte Antreiber sagt: Du bist nur dann okay, wenn du allen Leuten gefällst. Tu
nichts, was dich in schlechtes Licht bringen könnte. Laß den Widerspruch, er bringt dir
nur Scherereien. Lächele mal ein bißchen so wie Ronni Reagan, dann gewinnst du gleich
ein paar Herzen mehr. Zieh dich gut an, achte auf dein Äußeres. Einen Gammler mag
doch keiner. Einen traurigen meiden auch alle. Also sei immer hübsch fröhlich, lächle,
zeige, daß es dir gut geht. Mach gute Mine zum bösen Spiel, auch wenn es manchmal
schwer fällt. Dann werden die Leute gern deine Gesellschaft suchen. Wenn du mal eine
andere Meinung hast, sage sie nicht. Du könntest dich unbeliebt machen. Tritt nicht in
Fettnäpfchen. Sei vorsichtig mit dem, was du predigst. Laß dich überall mal kurz sehen.
Dann bist du beliebt, dann bist du okay.
Liebe Gemeinde!
Wer nur stark, perfekt, angestrengt, eilig und gefällig herumläuft - der ideale
Nachbar, Pfarrer, die ideale Ehefrau, Mutter, Presbyterin - ja glaubt ihr wirklich, daß
diese Mustermannexemplare Mensch wirklich geliebt werden? Mit ihrer Stärke drängen
sie andere in den Schatten. Mit ihrer Perfektion gehen sie anderen auf den Wecker. Mit
ihrer Angestrengtheit verbreiten sie Anspannung auch bei den anderen. Mit ihrer Eile
machen sie alle nervös. Mit ihrer gefälligen Art wirken sie unecht und kriecherisch.
Diese Antreiber machen auf die anderen gar keinen so sympathischen Eindruck. Und
doch sind wir alle pausenlos dabei, uns von den Idealen Stärke, Perfektion, Fleiß treiben
zu lassen in unserem Leben zuhause, im Beruf und in der Kirche.
Die anderen sind also nicht wirklich glücklich durch meinen Fleiß, meine Stärke,
meine Eile, meine Perfektheit. Sie denken vielleicht: Ach der Lütge, ein toller Hecht.
Aber glücklich sind sie von diesem Gedanken nicht. Glücklicherweise bin gerade ich
kein so ein toller Hecht, sondern von alle den Idealen das ziemliche Gegenteil. Aber
weiter im Gedankengang.Bin denn wenigstens ich glücklich, als Starker, Fleißiger,
Eiliger, Angestrengter, Pünktlicher, Artiger? Was meint ihr? - Ich glaube, es macht einen
hochgradig unglücklich, so im Streß zu stehen, seine wahre Meinung immer hinter der
Idealfassade zu verbergen. Unsere Antreiber fordern von uns ewiges Versteckspielen.
Darum lassen sie uns nicht uns selbst sein. Sie fälschen uns. Wir werden falsch. Das
macht uns auf Dauer kaputt.
Was also tun? Laß euch nicht antreiben! Tut nur, wozu ihr ein gutes Gefühl habt.
Fühlt euch nicht verpflichtet, etwas zu tun. Überlegt euch, ob ihr es nicht vielleicht auch
ganz gerne wollt. Vielleicht macht es euch ja auch Spaß, beim Gemeindefest irgendeine
Aufgabe zu übernehmen, Kuchen zu backen, eine kranke Nachbarin einmal zu
bemuttern, einem traurigen Freund lange zuzuhören. Vielleicht seid ihr viel mehr
erleichtert, wenn ihr mal einem, den ihr nicht leiden könnt, sagt, was euch an ihm stört.
Vielleicht kann er dir dann erklären, wieso er so komische Sachen tut, die dich nerven.
Gönne dir mal einen Tag Faulheit. Was meinst du, was dir alles für gute Einfälle
kommen werden für deine Arbeit. Viele Sachen, die du in all deiner Eile übersehen hast,
werden dir dann klar. Du wirst ruhiger in dir selbst. Du bist entspannter. Du reagierst
weniger gereizt. Du forderst von anderen nicht auch immer wieder, daß sie sich
kaputtmachen für die Arbeit. Du läßt ihnen Raum zum Atmen. Sie können aufatmen
und auch so ruhig werden wie du. Ich möchte das einmal mit euch probieren, jetzt hier.
Setzt euch bequem hin. Macht die Augen zu. Atmet tief aus. Atmet wieder ein. Wartet
ein wenig. Atmet wieder aus, ganz lange und tief. Entspannt euch. Laßt eure Arme ganz
schwer werden. Laßt euren Gedanken einmal freien Lauf und träumt eine Weile einfach
vor euch hin.
Merkt ihr, wie gut das tut? Stellt euch vor, unsere Friedenskirche ist ein Haus, wo ihr
öfter zum gemeinsamen Träumen hingeht. Ohne weitere Projekte und Pläne, außer
miteinander erzählen, Kaffee trinken, sich wohl fühlen, zuhören und selbst von sich
etwas preisgeben. Das braucht ihr doch. Das brauche ich auch.
Dann kommt der Ralf und hat vor, eine Massagegruppe für junge Leute
aufzumachen und Gottesdienste mit Abendmahl und Gespräch statt Predigt und viel
ruhiger Musik und Räucherstäbchen und Kerzen und am Boden sitzen und indisch essen
und einer stillen, schweigenden Form des Gebets zu machen. So wie wir es von der
liturgischen Nacht mit Peter Janssens her kennen, so wie es die Jugend auf den
Kirchentagen mit den Älteren zusammen feiert. Und jetzt kommen einige daher und
sagen: Ist das denn rechter Gottesdienst. Das ist doch Schweinskram, mit Massage. Und
dieselben Leute sehe ich dann vielleicht dann bei Herrn Starzetz in der Schulstr. wieder.
Von wegen Massage ist Schweinskram. Wenn sie selbst massiert werden mit der
schmerzenden Schulter, dann ist es plötzlich Heilbehandlung. Aber im Gottesdienst
durch Massage Verkrampfung lösen, das ist und bleibt Schweinskram.
Ich habe diese Situation erfunden. Aber sie ist denkbar. Und jetzt sage ich euch, was
auch der Apostel Paulus zu diesem Problem gesagt hat: Unterdrückt nicht das Wirken
des heiligen Geistes. Prüft alles, das Gute behaltet. Warum kann sich der Geist der
Liebe Gottes denn nicht auch in Massage äußern, im stillen Gebet. Warum kann denn
Gottesdienst nicht auch auf dem Boden knieen oder sitzend gefeiert werden wie in
Taize? Wer sagt denn, daß unsere Art des Gottesdienst feierns die einzig richtige ist?
Früher, bei Paulus, gab es die Zungenrede, wo einer in Extase geriet in der
Gemeindeversammlung und sinnlose Wortfetzen vor sich hinbabbelte schlimmer als ein
Wahnsinniger. Und ein anderer übersetzte dann solche Wortergüsse in Sprache. In
Evangelium. In frohe Botschaft. Für uns wäre das heute undenkbar, wenn plötzlich
einer hier herumflippen würde und sich wie im Tollhaus aufführen würde. Aber das war
früher Höhepunkt des Gottesdienstes. So verschieden kann Kirche in ihren
Lebensäußerungen sein. Und darum sagt Paulus: Unterdrückt nicht das Wirken des
Geistes. Laßt die Zungenredner babbeln und ausflippen. Bremst sie nicht.
Bremst sie nicht. Laßt die Jugendlichen neue Formen des Gottesdienstes erproben.
Laßt sie suchen nach Formen, wie Gottes Liebe unter uns lebendig wird. Dann wird
unsere Gemeinde blühen. Habt keine Angst vor Entartung. Entartete Kunst war vor 50
Jahren die nackte Wahrheit. Nicht dressieren ist das angemessene Verhalten gegen den
Heiligen Geist, der vielleicht ja heute in einer Massage zu uns kommen will statt in
einem guten Wort. Zulassen, nicht ersticken, nicht auslöschen - das sind die einfachen
Verhaltensweisen, mit denen ihr dem Heiligen Geist freie Bahn laßt. Oder seid ihr euch
so sicher, zu wissen, daß der Heilige Geist gegen Massage ist? Dann geht bloß nicht zum
Masseur! Dann bleibt mit euren schmerzenden Schultern und Rücken zuhause und
betet, daß die Spannungen von allein weggehen.
Glaubt nicht, ihr hebt allein die Wahrheit und den Weg gefunden. Gottes Geist weiß
vielleicht noch mehr Wege. Laß ihn wirken, diesen Geist der Liebe und Freundlichkeit,
des Friedens und der Gerechtigkeit. Laßt ihn seine Formen selbst finden. Stellt euch
nicht ihm entgegen. Laßt euch vielmehr von ihm begeistern. Dann wird uns das Leben
zuteil. Amen.

Vorlage zur Sitzung

Schöpfungsverantwortung der Kirche

Das Gesamtpresbyterium der ev. Friedenskirchengemeinde Bergkamen hat sich mit
dem Proponendum für die Landessynode 1986 befaßt. Es kommt zu folgender
Stellungnahme:
Angesichts der atomaren Katastrophe von Tschernobyl sehen wir es als Schuld der
Kirchen an, daß wir vor den Gefahren des technologischen Fortschritts nicht früher und
eindringlicher gewarnt haben. Wir haben die wissenschaftliche Forschung und die
staatliche Forschungsförderung in wichtigen Entscheidungsaugenblicken nicht klar und
eindeutig beraten. Wir haben uns nicht genügend selbst sachkundig gemacht. Wir haben
an Fragen, die unsere sachliche Kompetenz überstiegen, aufgehört, weiter mitzudenken
und unser Vertrauen auf das Wissen von Experten gesetzt. Wir haben angenommen, mit
den Fähigkeiten der Wissenschaft und Technik allein seien schon die Probleme gelöst.
Mit Erschrecken sehen wir uns in diesem Fortschrittsoptimismus getäuscht und
erkennen, daß nahezu jede neue komplexe Technologie fast ebensoviele Probleme
schafft, wie sie zu lösen versprach. Wir bekennen, daß wir als Kirche durch unser blindes
Vertrauen in die Fähigkeiten der neuen Technologien den Turmbau zu Babel
weitergefördert haben. Wir haben uns durch unseren Rückzug auf unsere Inkompetenz
mitschuldig gemacht an den Katastrophen der Technik, die unseren Erdball in seinem
Überleben bedrohen.
Wir hätten früher und schärfer dem wissenschaftlichen Fortschritt die Frage stellen
müssen, wem seine Ergebnisse nützen und auf wie lange Zeit und mit welchen
Nebenwirkungen. Wir hätten bei jeder neuen Technologie und Forschungsabsicht
stärker fragen sollen, ob sie den Willen Gottes nach Frieden und Gerechtigkeit im
Weltganzen befördert oder nur einer Minorität von Nationen oder politisch und
wirtschaftlich einflußreichen Personen dient.
Wir erkennen mit großer Hochachtung an, wie aufgewacht und engagiert unsere
Bevölkerung in praktischen Fragen des Umweltschutzes geworden ist und mit welchem
Finanzaufwand und mit welcher Phantasie sie Wege zur Bewahrung von unserer Natur
entwickelt.
Wir finden es peinlich, wie in der Politik und Gesellschaft über die Konsequenzen zur
Bewahrung der Schöpfung vielfältige Aktivitäten entstanden sind, während wir als
Kirche unseren Glauben an Gott den Schöpfer lediglich konsequenzlos bekannt haben,
ohne irgend etwas zur Bewahrung und Erhaltung der Schöpfung zu tun.
Die kirchliche Tradition hat als Kernthese der Schöpfungsgeschichten meist nur
gesagt: Macht euch die Erde untertan. Wir haben zuwenig den zweiten biblischen
Bericht von der Schöpfung als Versuch hervorgehoben, die Kreativität der Liebe Gottes
im Aufbau einer lebensfrohen Welt zu beschreiben. Wir haben den Bewahrungsauftrag
der Fürsorge für die Erde im 2. Schöpfungsbericht kaum beachtet und zuwenig
verkündigt. Wir konnten den Wissenschaftlern die Würde und Schutzwürdigkeit der
Natur vom Bewahrungsauftrag des Schöpfergottes her nicht mehr deutlich machen, weil
es uns vor allem nicht gelang, angesichts der Evolutionstheorie wissenschaftlich
plausibel zu machen, daß in der Entwicklung der Naturgeschichte Gott als Formkraft
immanent gewirkt hat. Hätte sich die Kirche rechtzeitiger der Herausforderung durch
die Wissenschaft gestellt, wäre sie ernster genommen worden in ihrem Glauben, daß die
Welt als mit dem Willen Gottes entstandenes Wunderwerk auf Liebe und Fürsorge der
Menschen angewiesen ist.
Zu dieser Fürsorge gegenüber der Schöpfung gehört der Grundsatz, eine
Technologie, die unbekannte und unberechenbare Risiken enthält, mit äußerster
Vorsicht zu erforschen. Erst recht bedeutet Schöpfungsverantwortung, Techniken mit
bekanntermaßen katastrophalen Risiken aus dem alltäglichen Gebrauch auszuscheiden.
Unter dieser Maßgabe stellen wir fest, daß die Nutzung der Atomenergie für Gottes
Schöpfung mehr Gefahren und Risiken heraufbeschworen hat, als sie Nutzen für die
Energieversorgung bringt. Wir fordern die Verantwortlichen für die Energieversorgung
auf, alternative Energiequellen stärker als bisher zu erforschen und zu fördern. Gerade
im Hinblick auf den Energiebedarf der armen Länder der südlichen Erdhalbkugel sind
Sonne, Wind und Wasser die Energieträger der Zukunft. Wir warnen eindringlich vor
jedem weiteren technologischen Draufgängertum in der Atomenergienutzung. Wir
halten es angesichts von Tschernobyl für geboten, so schnell wie möglich aus der gar
nicht so friedlichen Nutzung der Atomenergie auszusteigen.
Wir meinen, daß das Proponendum an dieser Stelle zu vage ist. Wir bitten Kreis- und
Landessynode, über den Ausstieg aus der Atomenergie zu beraten und zu einem klaren
Wort zu finden.

Predigt  über Lukas 3,1-14     Friedenskirche 14.12.86

Kleine Schritte - Gottes Heilsweg in der Welt.
Psalm 146. Lesung: Rm 13,8-12
Liebe Schwestern und Brüder!"
Ihr Schlangenbrut, ihr Natterngezücht!" Würde ich das zu euch sagen, hätten gleich
wieder einige mit Meier zu telephonieren. Ich wundere mich auch kaum darüber, daß
der König Herodes Johannes hat hinrichten lassen, weil Johannes da einige kritische
Bemerkungen gemacht hat über die königlichen Sexualbeziehungen. Ich wundere mich
auch nicht, daß Jesus, der Schüler des Johannes, hingerichtet wurde, nachdem er in
Jerusalem schärfer als je zuvor die Schriftgelehrten angegriffen hatte: Weh euch, ihr
Schriftgelehrten und Pharisäer, die ihr weißgestrichenen Gräbern gleich seid, von außen
schön, drinnen aber voll Knochen und Verwestem. So erscheint auch ihr auswendig den
Menschen als gerecht, inwendig aber seid ihr voll von Heuchelei und
Gesetzesverachtung.(Mt 23,27f)
Worüber ich mich wundere, daß wir diese Texte, Erzählungen über solche Männer
und ihre gesammelten Dreistigkeiten, seit Jahrhunderten mit uns herumtragen und zum
Teil schon gar nicht mehr wahrhaben wollen, wie frech die Männer der Bibel wirklich
waren. Es ist kein sehr verwunderliches Ding, daß solche Propheten tödlich enden. Jesus
hat das auch gewußt: Jerusalem, Jerusalem, das die Propheten tötet und die steinigt, die
zu ihm gesandt sind, wie oft habe ich deine Kinder sammeln wollen, wie eine Henne ihre
Kücken unter ihre Flügel sammelt, und ihr habt es nicht gewollt. Siehe, euer Haus wird
öde gelassen.(Mt 23,37f)
Es ist mehr als Zufall, daß Jesus in Jerusalem in den letzten Tagen vor seiner
Verhaftung ganz genau die gleichen Bilder und Worte gebraucht, wie der Bußprediger
Johannes. Der kam aus der Wüste, nach Markus mit Kamelhaarmantel und
Heuschreckennahrung genau wie der Prophet Elia. Und Elia, von dem es im 1. Buch der
Könige einen ganzen Sagenkranz gibt, hat vehement der Baalsreligion der Kanaanäer
entgegengewirkt, gegen Kinderopfer gekämpft und die Könige hart angegriffen, weil sie
aus Nützlichkeitsüberlegungen ihren Glauben an Gott, den Befreier aus Ägyptenland,
aufgegeben haben. Dieser wackere Prophet Elia ist dem Johannes das Vorbild. Wie er
lebt Johannes in der Wüste, dem Ort, wo Gott in der Stille am Nähsten ist, dem Ort, wo
man vom Trubel des Alltags nicht betriebsblind herumläuft, sondern die Horizonte
sieht, zwischen denen wir leben. Johannes lebt wie Elia da, wo man zu sich kommt -
entfernt vom Streß. Er hat Zeit, nachzudenken, ob die Menschen so richtig leben, wie sie
leben. Er trifft in der Stille und Einsamkeit der Wüste Gott. Und Gottes Wort ergeht in
sein Nachdenken hinein, so wie Gott auch den Propheten Elia angesprochen hat und
ihm Aufträge gegeben hat, öffentlich zu sagen, was recht ist und was gegen Gottes
Willen. So predigt auch Johannes das, was er in der Einsamkeit der Wüste von Gott
gesagt bekommen hat. Und scheinbar ist Gottes Wort im Mund der Propheten selten
Süßholz, so wie es von der Kanzel gern gehört wird. Es ist harte Rede. Ihr
Natterngezücht, sagt Johannes. Ihr Natterngezücht, sagt Jesus, sein Schüler. Beide
lebten nicht mehr lange danach.
Johannes erklärt, daß Gottes Gericht nahe bevorsteht. Ein hartes Gericht. Schon
mittelmäßig gute Obstbäume werden ausgerissen und ins Feuer geworden, es sollen nur
die wirklich guten Obstbäume zur Zucht übrig bleiben. Klar, denn bei dem wenigen
nutzbaren Land in Israel ist das Stückchen Land, was ein schlechter Baum besetzt hält,
vergeudete Anbaufläche. Man kann sich bei so wenig gutem Land keine schlechten
Bäume darauf leisten. Wir können uns rein theoretisch in der Kirche auch keine
schlechten Bäume leisten. Durch die Schwammigkeit und mangelnde Klarheit in vielen
Fragen der Menschlichkeit haben wir, die Kirche, viele Menschen enttäuscht. Nur
keinem auf die Füße treten, das war die Devise. Mittlererweile hat sich da gerade in den
oberen Etagen der Kirche viel getan: die Stellungnahmen der obersten Synoden zu
Fragen wie Umweltzerstörung, Tschernobyl und Ausstieg aus Atomenergie,
Ausbeutung der armen Welt und Atomraketen - sie sind klar und unmißverständlich
geworden und auch sehr unbequem und ärgerlich für gewisse, meist sehr reiche Teile
der Bevölkerung. Ich glaube, daß diese neue Entschiedenheit und scharfe Klarheit
unserer kirchlichen Erklärungen nicht nur dem Reden Johannes des Täufers
angemessener sind als das bisherige Wischiwaschi der Denkschriften, sondern daß auch
unsere Leute von der Kirche ein klares Wort hören wollen. Selbst wenn es manchmal
unbequem ist, weil es von mir verlangt, meinen Lebensstil zu ändern.
Auch für unsere Kirche gilt heute wieder Qualität statt Quantität: Nicht möglichst
viele Bäume auf dem Acker, sondern möglichst gute. Die schlechten verbrauchen nur
unnötig Nährstoffe des Bodens, also weg damit, verzichten. Gericht Gottes kann heißen:
In der Kirche von dem Gedanken wegzukommen: Wie schön, wenns voll ist, auch wenn
weniger fruchtbare Bäumchen dabei sind - hin zum Gedanken: Die Nährkraft Gottes
soll für die wenigen zur Stärkung dienen, die ihr Leben ganz unter die Herrschaft Jesu
stellen wollen und das auch tun, was er getan und gesagt hat. Vielleicht wird es uns
irgendwann einmal, vielleicht sogar unter dem Druck von rückläufigen Finanzen, klar,
daß unsere Kirche aus ihrer Service-Pose "Wir sind für alle da!" in die Position der Jesus
Christus nachfolgenden und seinen Leidensweg mitgehenden kleinen Schaar Christi
werden muß. Noch sind wir in der Kirche nicht damit angefangen, geschweige denn
fertig geworden, zu überlegen, was es angesichts eines Kirchenbaus für 3,6 Millionen
DM heißt: Wer zwei Röcke hat, gebe einen dem, der keinen hat. Und wer Speise hat, tue
ebenso!
Wir haben als Kirche einen schlechten Ruf. Eben deshalb, weil viele Leute das
Mißverhältnis zwischen dem Reichtum der Kirchen und der Armut Jesu nicht verstehen.
Die Zolleintreiber der Römer hatten damals auch einen schlechten Ruf, wegen gewisser
Nebeneinkünfte. Das verbindet. Johannes der Täufer predigt diesen Herren: Nehmt
den Leuten nicht mehr ab, als es eure Pflicht ist. Keine Nebeneinkünfte, keine
überhöhten Forderungen, keine Bestechungsaffairen. Ich will das für uns heutige
Gemeinde übersetzen: Geht sparsam und verantwortungsbewußt mit dem Geld um, was
euch vom Kirchensteuerzahler anvertraut ist. Überlegt, was wirklich nötig ist. Bemüht
euch um kleine Lösungen, nicht immer nur um die großen. Findet einen bescheideneren
Lebensstil. Das ist nicht viel, vielleicht viel zu wenig. Aber darin, daß Gottes
Bußforderung im Munde der Täuferjohannes an die Zöllner nicht gleich die totale
Revolution heraufbeschwört, sondern schon kleine Schritte als den Anfang des neuen
Lebens akzeptiert, daran sehen wir mitten in der unerbittlichen Härte des
bäumeausreißenden Gerichts Gottes Spuren der Gnade, die schon mit ganz wenig
gutem Willen zufrieden ist, die schon den kleinen Anfang als die ganze Buße nimmt. Nur
das ist entscheidend: ob wir diesen kleinen Anfang machen oder nicht. Ich habe kaum
noch Illusionen über den Erfolg meiner Moralpredigten. Das ist nicht in, wenn man
neben Gottes Liebe zu uns auch noch Gottes Willen anbringt. Wir wollen uns nicht
ändern, weil das so unbequem ist. Und darum wehren wir uns gegen den, der
daherkommt mit Moralpredigt. Ich gestehe, mir geht es so ähnlich. Wenn mir jemand
sagt, ich muß meinen Vorgarten besser pflegen, dann denke ich auch: Warum macht er
das nicht, wenn es ihn so sehr stört und mich gar nicht. So ist das mit Moralpredigt. Sie
geht hier rein, da raus. Weil wir es von klein auf gewohnt sind und gelernt haben,
abzuschalten, wenn die alte Leier wieder los geht. Aber trotzdem steht in der Bibel:
Ändert euer Leben. Wer zwei Röcke hat, wer Speise hat, der soll teilen.
Und mitten in dieser Moralpredigt kommt für die reichen Zöllner dann die große
Milde des kleinen Anfangs: Verzichtet auf euere Nebeneinkünfte. Nehmt die Leute
nicht ganz so doll aus wie bisher. Macht einen ganz kleinen Anfang in der Bereitschaft
zum Teilen. Seid nur ein ganz kleines bißchen sozial. Dann dürft ihr Bodenrecht
behalten im Acker Gottes. Dann besteht ihr im Gericht. So wenig will Gott. Nur einen
kleinen Schritt. Ich möchte, daß jeder sich überlegt, was für ihn solch ein kleiner, also
wirklich kein großer Schritt wäre, ein klitzekleiner Schritt auf dem Wege zum
Miteinanderteilen, zum Abgeben von Reichtum an die Armen. Und dann wünsche ich
uns allen viel Freude dabei, diesen winzigen Schritt zu tun. Denn das ist der kleine
Schritt, mit dem Gottes Herrlichkeit heranmarschiert kommt auf der neuen Trasse
durch Berge und Täler der Wüste. Viele winzige Schritte sind es, die im ganzen etwas
Großes Neues ergeben: "und alles Fleisch soll das Heil Gottes sehen". Amen.

Predigt über 2. Sam 7,4-16     Friedensk. Heiligabend 86

Ein König, der gar kein König ist
Liebe Schwestern und Brüder!
Was der Prophet Nathan dem neureichen König David verheißt, ist nicht gerade
ermutigend. Es erinnert an die Hoffnungen der lateinamerikanischen Militärdiktatoren,
die - siehe Somoza - am liebsten ihre Familie auf ewig an die Macht bringen würden.
Diese Assoziation liegt gar nicht so fern. Denn der König David ist auch mehr oder
weniger selbsternannt und hat sich vom Berufssoldaten unter dem Heerführer Saul
gemausert und nach dem Tode Sauls dessen Sohn und Nachfolger ermorden lassen, um
an die Macht zu kommen. Dann hat er durch das raubmörderische Wirken seiner
Söldnertruppe Jerusalem aufgekauft mit Beutegeldern und wohlwollendem Druck. Das
also zu König David: ein damaliger Militärdiktator, der es mit einigen strategischen
Neuerungen zu großer Macht gebracht hatte.
Eine der Neuerungen war ideologischer Art. Was wäre damals ein König gewesen
ohne die passende Heiligkeit seiner Person. Warum wird jemand König? Weil er studiert
hat und gut regieren kann? Weil er gut kämpfen kann und deshalb ein Volk gut
beschützt? Weil er gewählt ist vom Volk? Vielleicht aufgrund seiner Fähigkeiten als
Kämpfer? Weil man, wenn man ihn nicht wählen würde, Angst haben müßte vor seiner
Rache Oder noch besser: Weil der Kandidat einen besonderen Auftrag von Gott hat, das
Volk zu führen. Alles langweilig. David hat den Trick beim ägyptischen Pharao
abgeguckt. Der Herrscher ist Sohn Gottes. Adoptiert. In dem Augenblick, wo er den
Thron besteigt, wird er von Gott adoptiert. Er bekommt vom Obersten Priester eine
Urkunde, in der sein Amt als Weltrettung gelobt wird: er wird von gott selbst zur
Herrschaft beauftragt, er regiert in vollkommener Gerechtigkeit und Weisheit, er ist der
große Wohltäter und Hirte seines Volkes,das unter seiner Regierung aufblüht; ja, selbst
die naturhafte Fruchtbarkeit bei Menschen und Tieren und auf den feldern steigert sich
unter der Segenswirkung dieser Regierung. Der König ist schön und um ihn ist eine
Athmosphäre der Freude. Nach außen ist der König der schreckliche Triumphator über
alle seine Feinde. Das sind die altägyptischen Sprüche, mit denen der Pharao
hochgejubelt wurde. David hat sich diese Sprüche kommen lassen zu seiner
Thronbesteigung. Er kauft das ideologische Know-how für seine kleine Militärdiktatur
von der nächstgrößten Zivilisation ab. Er hat nicht nur Militärberater aus Ägypten,
sondern auch die in der Bibel so berühmt gewordenen Weisheitslehrer und
Liederdichter, die die Psalmen Davids getextet haben, kommen lassen. Er weiß: public
relation, die richtige Propaganda und Werbung für seine Herrschaft ist von
entscheidender Bedeutung. Was er dann in Wirklichkeit getan hat, ist etwas anders
gewesen. Die Hofchronisten haben gewiß nicht alle Untaten aufzeichnen dürfen, mit
denen der Militärdiktator seine Macht auf Ewigkeit sichern wollte. Es ist auch nicht
sonderlich interessant. Wir kennen die Gepflogenheiten von Militärdiktatoren ja gut
genug. Siehe Chile, El Salvador, Südafrika, Afghanistan. Es ist heute nur nicht mehr
nötig, seine Macht auf die Gottessohnschaft zu gründen. Die militärischen
Möglichkeiten reichen da völlig aus. Wir brauchen heute kein Römer 13 mehr, wo
Paulus sagt, die Obrigkeit sei von Gott eingesetzt. Die Regierungen sind sattelfester als
damals zur Zeit Davids.
Wir haben das gar nicht so weihnachtliche Phänomen vor uns, daß der Predigttext
ägyptischer Export für Könige zur religiösen Aufwertung ihrer Herrschaft und
Machenschaften ist. Und jetzt die Frage: Wieso kommt ausgerechnet dieser Text als
Pflichtpredigttext in einen Weihnachtsgottesdienst?
Dieser Text, die ägyptische Königsnovelle, ist in späterer Zeit, unter der
Fremdherrschaft der Römer, ganz neu gesehen worden: Als Verheißung eines
kommenden Königs, der wie David damals eine neue nationale Autonomie und
Unabhängigkeit erkämpft. Der Messias, Gesalbte, wie der neue König genannt wurde,
soll Israel befreien von der brutalen Macht der römischen Legionen. Hier ist die
Hoffnung nicht auf den Militärdiktator gesetzt, sondern auf den Guerilliero, auf einen
Che Guervara und Fidel Castro. Der Messias ist der Freiheitskämpfer gegen die Römer.
Er wurde ersehnt und der Grund zu dieser Hoffnung war ausgerechnet: die
Lobeshymnen der ägyptischen Königsnovelle. Was einmal Schönfärberei einer
Militärdiktatur war, wurde nun zur Zeit Jesu als Revolutionshoffnung gelesen, als
Hoffnung auf Freiheit und Gerechtigkeit. So können Texte ihr Gesicht verändern.
Diese Hoffnung auf den Messias, den Befreierkönig, war damals bei Jesus ungeheuer
groß. Es brodelte in der Bevölkerung. Der Haß gegen die Römer wuchs grenzenlos. Man
las die alten Verheißungen vom ewigen Davidsbund als Ansage des Revolutionsführers
gegen die Römer. Und ausgerechnet Jesus wurde als so ein neuer David hochgejubelt.
Als der arme Mann in Jerusalem einzog, empfing man ihn als neuen David: Hosianna,
der da kommt im Namen des Herrn. So rufen sie ihn als neuen Revolutionsführer in der
Davidsnachfolge aus. Jesus scheint nicht zu ahnen, worauf er sich da einläßt, als er
einzieht in Jerusalem.
König der Juden - so steht es auf dem Schild am Kreuz Christi, das den Grund des
Todesurteils angeben soll. Der gekreuzigte König. Welche Schande!
Sie forderten seine Kreuzigung, weil sie sehr schnell merkten, daß Jesus kein
revolutionäres Talent hatte, sondern nur ein einfacher lieber Wanderprediger und
Wunderheiler. Jesus hatte nicht das Zeug zum Freiheitskämpfer. Deshalb haben ihn die
Leute fallen lassen: Kreuzige ihn. Das Kind in der Krippe war zu schwach zum Töten. Es
war kein echter Sohn Davids.Das ist unser Problem. Die Christen verehren einen als
König und Sohn Gottes, der wirklich nicht das Zeug zum regieren hatte, weil er nicht
über Leichen gehen konnte.
Vorlesen: Ernst Bloch, Prinzip Hoffnung, Bd. 3, Seite 1488 unten bis 1489 unter der
Mitte: Das Kreuz ist die Antwort der Welt auf die christliche Liebe.
Ob sich mit solchen Antigrößen die Welt regieren läßt? Mutter Theresa. Ernesto
Cardenal. Eine Revolution der Gnade mit den einstigen Henkern und
Meuchelmördern.
Marlene Dietrich sagte kürzlich im Fernsehen: Die Deutschen wollen den Führer.
Die Wahlkampfpropaganda geht wieder darauf hinaus: Wer ist der bessere Führer, der
stärkere Mann. Als ob die Stärke eines Adolf Hitler uns Heil gebracht hätte! Politik der
Stärke endet immer in der Niederlage.
Unsere Hoffnung auf begnadete Politiker muß nicht die auf starke Männer sein. Wer
an Jesus glaubt, kann sich auch Könige und Politiker vorstellen, die im Stil von Mutter
Theresa leben und arbeiten. Der kann sich auch Antihelden und Antigrößen als
Regierungschefs vorstellen. Ich will damit nicht sagen, daß unsere Helden wären, aber
sie bemühen sich doch sehr darum, solche zu sein.
Politiker von Gottes Gnaden, sozusagen Söhne Gottes wie David es behauptete, aber
in der Art, wie Jesus Königtum vorgelebt hat. Das wäre christliche Politik. Ohne ein
Volk, das solche Frauen und Männer wählt, geht es aber nicht. Männer wie Jesus sind
bei uns nicht gefragt. Nur in der Krippe dürfen sie liegen. Wann fangen wir an, die
Krippe zu öffnen, die Lebensart Jesu zu unserer Lebensart zu machen?
Die Welt braucht die Lebensart Christi. Die Welt braucht Menschen, die wie Mutter
Theresa zu den Armen gehen und für sie leben. Die Welt braucht den lebendigen
Christus in unseren Herzen und Händen. Die Welt braucht Könige wie Christus,
Menschen, die ihr ganzes Leben einsetzen für die Verachteten und Entrechteten, für die
im Hunger und Elend. Wir wollen in diesem Sinne beten: Herr, laß mich dein Kripplein
sein. Komm, und ziehe bei mir ein. Amen.

Predigt   über Mt. 2,13-23     Friedenskirche  28.12.86

Die Welt, in der Kinder gemordet werden.
Liebe Freunde!
Es ist nichts neues, daß in dieser Welt Kinder gemordet werden. Berichte des
Kinderschutzbundes über Kindesmißhandlungen mit einer hohen Dunkelziffer, Bilder
von verstümmelten Kindern, denen die Eltern vorsätzlich etwas abgehackt haben, damit
sie bessere Chancen beim Betteln haben, besser das Mitleid der Touristen erregen
können, Bilder von Müttern, die sich in Argentinien angekettet haben auf einem großen
Platz und Schilder mit den Fotos und Namen ihrer von den Militärs zu Tode gefolterten
und in Einzelteile zerschnittenen Kinder hochhalten mit der Frage: Wo sind sie
geblieben, unsere angeblich verschwundenen Kinder? - Bilder von Hunderten
iranischer Kinder, die sich vor die irakischen Panzer legen und totfahren lassen, mit dem
Glauben, danach sei ihnen der Himmel offen
40.000 Kinder sterben pro Tag, 15 Millionen Kinder pro Jahr. Alle 2 Sekunden stirbt
ein Kinder an Hunger auf dieser Welt, die genug Brot hat, um alle satt zu machen.
Herodes läßt alle Kinder töten, die im Alter Jesu sind, in der Hoffnung, Jesus ist mit
dabei. Die Geschichte ist erfunden, kein einziger Hinweis auf diesen Kindermord bei
dem sonst recht ausführlichen jüdischen Geschichtsschreiber Josephus. Gott sei Dank,
ganz so grausam war Herodes also scheinbar nicht. Scheinbar! Wäre er nicht so grausam
gewesen, hätte dem Matthäus damals ja kein Mensch die Geschichte geglaubt. Auch
wenn sie so nicht stimmt, die Story vom Kindermord, sie erzählt etwas, was Herodes
durchaus zuzutrauen war, nach allem, was wir über ihn wissen. Er war bekannt für sein
Mißtrauen und sein unberechenbares Wüten, für seine Grausamkeit. Erfundene
Geschichte vom Kindermord erzählt blutige Wahrheit eines Tyrannen. So ist das mit der
geschichtlichen Unwahrheit, die die Bibel enthält. Meist ist eben mehr dran, als man
sich träumen läßt.
Auch fingiert ist vermutlich die Flucht nach Ägypten, das Warten und die Rückkehr.
Matthäus will damit etwas sagen, was ihm speziell wichtig ist. Er sieht in Jesus den neuen
Moses, in seinem Gesetz die erneuerten 10 Gebote. Also wird das Leben Jesu in einen
Erzählrahmen eingepaßt, daß es fast parallel verläuft zu dem Leben des Mose. Wie
Mose die Gottesschaar aus Ägypten nach Israel führt, so kommt eben auch Jesus aus
Ägypten nach Israel. Wie Mose Glück hatte, von der Tötung der Erstgeborenen durch
die Truppen des Pharao verschont zu bleiben, so entkommt auch Jesus mit Gottes Hilfe
durch eine Traumoffenbarung an Papa Joseph. Wie Mose das Gesetz auf einem Berg
von Gott empfängt, so redet eben Jesus auf einem Berg die Ordnung des neuen Lebens
im Reich Gottes. Die Bergpredigt ist die Neuauflage der Sinaioffenbarung, die neuen 10
Gebote. Wie Moses die Freiheit erkämpft, so erkämpft Jesus eben auch Freiheit, die
Freiheit der Kinder Gottes. Kinder haben ja zu Gott ein besonders gutes Verhältnis.
Jesus mag Kinder. Er sagt, daß sie Gott am nächsten sind und daß wir alle Kinder Gottes
sein können, wenn wir die Kinderqualität in uns wiederentdecken und bejahen.
Und diese Kinder, die Gott so lieb hat, werden abgeschlachtet, müssen herhalten, um
Jesus zu tarnen, um ihn zu decken. Normalerweise sagen wir: Christus starb für uns.
Jetzt lesen wir aber: Kinder starben für Jesus. Verlangt also der Heiland als Kind schon
Menschenopfer? Es ist eine schlimme und böse Geschichte.
Matthäus zitiert drei Stellen vom Alten Testament, um zu demonstrieren, wie durch
dieses Geschick Jesu sich alte Prophezeiungen erfüllt haben. Auch das ist eine
interessante Sache, die Idee, Jesus sei die Erfüllung der Verheißungen des Alten
Testaments. In der Tat kommt dieses Motiv in fast allen neutestamentlichen Schriften
vor. Damals suchte man nach einer Antwort auf die Unerklärlichkeit und Trostlosigkeit
dieses erbärmlichen Todes Jesu. Und man las mit diesem Warum, warum auf den
Lippen die damalige Bibel. Und so begann man, viele Stellen aus dem ursprünglichen
Zusammenhang herauszureißen und als Vorankündigung des Schicksals Jesu zu lesen,
wenn man irgendetwas fand, was dem Geschick Jesu ähnlich war. Und so kam es immer
mehr dazu, daß bestimmte Worte vom Leiden des Gottesknechtes als Aussagen über
Jesus gelesen wurden und nicht etwa, wie im alten Testament beabsichtigt, als Aussagen
über das Leiden des Propheten Jesaja oder Jeremia. Man bezog so ungefähr alles auf
Jesus, was im AT stand. So kommt eben auch Matthäus zu diesem Schema: Das und das
mußte passieren, damit die Schriften erfüllt werden, die da sagen: So und So und So. Ich
möchte nicht auf die Einzelheiten unseres Textes genauer eingehen. Die Zitate von
Hosea 1,1: Aus Ägypten habe ich meinen Sohn gerufen. - von Jeremia 31,15 über die
ihre Kinder betrauernde Mutter - sie sind recht wahllos aus der Bibel herausgeholt wie
alte Archivbilder zu Zeitungsartikeln, wenn der Pressefotograf keine Zeit für ein neues
Bild hat. Es paßt mehr schlecht als recht. Unwichtig. Wichtig bleibt bei alle den
stilisierten Dingen, die Matthäus da über die Kindheit Jesu erzählt, daß durch viel Leid
hindurch Gott das Leben seines Sohnes bewahrt hat. Es wird von der leidvollen Welt
erzählt, in die hinein Jesus geboren wird. Und genau das ist die nackte Wahrheit, selbst
wenn die Geschichte vom Kindermord nie passiert ist, jedenfalls nicht so.
In dieser Welt werden Kinder geopfert und gemordet. Kinder, die doch Gott am
nächsten sind, Kinder, die doch noch gar keine Sünden getan haben, Kinder, die so
unschuldig sind wie Jesus Christus selbst. Und auch darin ist die Matthäuslegende vom
Kindermord Wahrheit: Es geht in der Welt nicht nach Schuld. Getroffen werden
Unschuldige. Die Schuldigen sind gerissen genug, um ihre Schäfchen rechtzeitig ins
Trockene zu bringen, um immer wieder ihrer gerechten Strafe zu entkommen. Oder die
Strafe ist besonders mild, siehe Rheinmetallmanager und Bestechungsaffairen
hierzulande. Hätten Kinder vergleichbar schlimmes getan, ihre Strafen lägen sehr viel
höher!
Matthäus will zeigen, wie sich Gottes Plan in menschlich-weltlichen
Zusammenhängen mit all ihrer Schuld und Ungerechtigkeit durchsetzt. So wird in der
Bewahrung des Jesuskindes ein Stück Hoffnung lebendig, die sich durch alle Finsternis
durchhält. Das Licht kam in die Finsternis, aber die Finsternis hat es nicht verschlungen.
Noch nicht. Noch nicht sofort. Erst gute dreißig Jahre später, am Kreuz.
Jesus war als Kind Flüchtling, Asylant in Ägypten. Augenscheinlich ist ihm dort Asyl
gewährt worden. Das unterscheidet sich wohltuend von dem Verhalten unserer
Regierung. Vergessen wir das nicht: unser Herr Jesus Christus hat am Nil, in einem
Land, was heute Entwicklungsland ist, Asyl bekommen. Wie Gastfreundschaft doch
damals noch kultiviert war!
Was in allem Elend dieser Geschichte tröstet, ist die Tatsache, daß Jesus überlebt hat.
Jesus überlebt den Kindermord, die Flucht, die Rückkehr und alle Entbehrungen. Viele
viele Kinder heute an diesem Tage werden solche Entbehrungen nicht überleben. Sie
werden sterben. Diese Kinder leben auf der südlichen Erdhalbkugel. Andere Kinder
werden heute Gruselfilme gucken und sich langweilen und Schokolade essen. Diese
Kinder leben auf der nördlichen Erdhalbkugel. Diese Kinder leben bei uns in
Bergkamen. Diese Kinder überleben ihre Langeweile. So ist das mit dem Überleben und
den Kindern.
Durch alle Grauen der Welt hindurch überlebt der Sohn Gottes. Dem Kindermord
von Bethlehem konnte er entkommen. Dem Kreuz hätte er noch leichter entkommen
können. Er wollte es nicht. Er ist diesen Weg gegangen. Er ging ans Kreuz als
Konsequenz seiner Liebe und seiner Wahrheitsliebe. Er starb für eine aufrichtige,
ehrliche, liebevolle Welt, für eine Welt von Kindern Gottes, für eine Welt, in der kein
unschuldig Kind mehr gemordet wird. Indem er starb, mit Schreien und Röcheln, hat
seine Intention überlebt, hat sein Vorbild in aller Welt Schule gemacht, ist sein Geist als
Geist der Wahrheit und Liebe lebendig geblieben. So hat Jesus auch seinen Tod noch
überlebt. Er lebt jetzt bei uns. Wenn sein Tod nicht umsonst sein soll, haben wir einiges
zu tun. Alle zwei Sekunden verhungert ein Kind. Der Kindermord in Bethlehem war
dagegen das reinste Kinderspiel. Alle zwei Sekunden verhungert ein Kind. Wir haben
genug Brot für alle Kinder und Erwachsenen. Es muß nur richtig verteilt werden. Wir
müssen nur auf weniges verzichten lernen und politischen Einfluß nehmen auf die
heutigen Herodesse, die modernen Kindermörder, die Ajatollas, Militärdiktatoren und
Pieter William Botha aus Südafrika.
Jesus hat überlebt. Er lebt unter uns. Er will, daß wir kämpfen, gegen Kindermord
und Erwachsenenmord. Wenn wir etwas aus der Geschichte lernen können, dann: es soll
nicht weitergehen mit Hunger und Krieg. Christus ist Friede. Wir aber sind Christi
Hände. Amen.

Predigt über Exodus 33,18-23      Friedenskirche 18. Jan. 87

Wie kann man Gott sehen?
Psalm 105,1-8 & 1 Kor 13
Liebe Schwestern und Brüder! Der Herr erhebe sein Angesicht auf dich und sei dir
gnädig. So heißt es im aaronitischen Segen, den wir zum Schluß des Gottesdienstes
zugesprochen bekommen. Selig die reinen Herzens, denn sie werden Gott schauen. Also
kann man Gott doch sehen? Aber Mose darf nicht das Angesicht Gottes sehen, sonst
muß er sterben. Ist es ein Horroranblick, der tödlich erschrecken ließe? Kann man Gott
sehen? Kann man ihn erfahren? Oder ist Gott unsichtbar? Bei Adams Paradiesgarten
lustwandelt Gott in der Abendkühle. Beim Propheten Elia rauscht Gott als sanftes
Säuseln vorbei. In der Wüste am Vulkanberg Sinai ist Gott in Donner und Blitz zugange.
Mal kommt er in Gestalt von drei Männern.
Wir haben uns damit abgefunden, daß Gott und seine Herrlichkeit nicht sichtbar ist.
Wir haben uns damit abgefunden, daß Gott unter dem Gegenteil verborgen ist. Wir
haben auch kein gesteigertes Interesse daran, Gott zu sehen. Wir haben von Johannes
gelernt, daß es auf das Glauben ankommt, nicht auf das Schauen. Wir wollen Gott schon
gar nicht mehr sehen. Vielleicht meinen wir auch, erst nach dem Tod sieht man Gott.
Da waren die Menschen früher unkomplizierter. Sie wollten Gott sehen, sie waren
noch so frei und so neugierig. Es ist schon eine merkwürdige Angst, Gott zu sehen. Wir
sind so anständig und brav geworden, daß wir Gott sein Geheimnis lassen. Wir haben
uns aufs Glauben verlegt. Wir verzichten auf die Sinnlichkeit Gottes. Er ist nur noch ein
Glaube. Zwar ein Glaube, der Berge versetzen kann, aber eben nur noch ein Glaube.
Es ist etwas Geistige und die Kraft des Geistes Jesu. Es ist nichts Sinnliches mehr, so
wie Jesus Fleisch war.
Gottesdienste sind auch wenig sinnlich. Im Mittelpunkt steht das Wort, steht die
Sprache. Gott ist Liebe - auch das ist und bleibt oft nur Wort, manchmal recht leer sogar.
Worte, Glaube, Geist - Liebe geht durch den Magen: Gut, wir essen auch etwas im
Gottesdienst. Aber nur symbolisch. Die Sinnlichkeit Gottes ist auf Symbole
zusammengeschrumpft. Satt macht Brot und Wein in der Kirche nicht. Daß Gott immer
weniger Menschen interessiert, liegt vielleicht auch daran, daß reine Worte vielen
zuwenig sind, daß die Menschen mehr brauchen, sichtbare Zeichen der Liebe Gottes.
Moses hat solche Zeichen gefordert. Er wollte Gott sehen. Er gab sich nicht mit
Worten allein zufrieden. Und so gibt es ein Fest mit dem Namen Epiphanias -
Erscheinung, Sichtbarkeit Gottes - wo auf Visionserlebnisse angespielt wird, in denen
Gott Menschen erschienen ist. Visionen hatten Propheten, Visionen hatten Nonnen im
Mittelalter. Es gibt soetwas wie das Recht, Gott zu erfahren, Gottes Herrlichkeit zu
schauen. Es gibt das Recht der Menschen, nicht nur von Liebe zu hören, sondern Liebe
zu erfahren. Nicht nur vom Glück zu träumen, sondern wirklich glücklich zu werden und
zu bleiben. Glaube, der nicht auch Schauen will, verliert den Ansporn. Worauf die
Christen bauen, ist nicht der Pocker mit der Unsichtbarkeit und Unbeweisbarkeit
mysteriöser Worte, sondern es geht um sehr sinnliche Erfahrungen im Glauben.
Immerhin darf Mose Gottes Hinterteil sehen. Wenn schon nicht das Gesicht.
Merkwürdig diese Verborgenheit Gottes im AT. Zugleich aber auch die
Unbefangenheit, mit der die Menschen direkt mit Gott reden und umgehen. Sehr
selbstverständlich, sehr unmittelbar, keine Skrupel. Es ist quasi alltäglicher Kontakt. Du
sollst dir kein Bildnis machen. Trotzdem, Wolken- und Feuersäule ziehen mit, die
Bundeslade mit den 10 Geboten, das heilige Zelt. Zeichen der Anwesenheit Gottes.
Und dann Jesus. Johannes sagt: das ist das lebendige Wort Gottes. Die Logik Gottes.
Logik ist in allen Dingen, vom Naturgesetz bis zur Mutterliebe. Geist ist schon etwas
sehr wichtiges und ohne Logische Verhältnisse wäre weder Leben auf Erden noch
irgend etwas sinnlich Wahrnehmbares. Es gibt unterhalb der Sprachebene genausoviel,
nein, noch viel mehr Logik und logische Funktionen, nach denen Leben abläuft und die
sinnliche Wahrnehmung überhaupt erst möglich machen. Gottes Logik in Jesus - das
bedeutet: die Nächstenliebe, die Feindesliebe, die Sanftmut und Wärme sind
Entwicklungskräfte, die Gott in der Welt entwickelt hat und die wie in der Entstehung
eines neuen Planeten mit unaufhaltsamer Macht Veränderungen herbeiführen. Gottes
Logik in der Welt zielt auf allen Menschen sehr sinnlich spürbare Liebe, Gerechtigkeit,
Frieden. Gott wird dann sichtbar, wenn die Welt gekennzeichnet ist durch Gerechtigkeit
und Frieden und Liebe. Solange ist Gott verborgen. Dann aber kann man Gott sehen.
Es ist falsch, zu sagen: Gott ist unsichtbar, also Augen runter. Es ist richtig zu sagen:
Jetzt sehen wir noch nicht viel von seiner Welt, von Gerechtigkeit und Frieden. Jetzt
sehen wir noch Kriege, Morde, Hunger, Elend. Jetzt sehen wir die Welt, die Jesus
gekreuzigt hat. Aber das wird nicht immer so bleiben. Eines Tages wird man auf der
ganzen Welt Gottes Heil sehen. Wenn alle Menschen satt sind, warm haben, Arbeit
haben, Freunde haben, gute Eltern und einen guten Staat, der für sie sorgt und nicht nur
für die reicheren Bürger, die vollmündigen.
Damit man Gott sehen kann, gibt es noch viel zu tun im Umbau der Welt zur Heimat.
Wir haben die Möglichkeit und Aufgabe, für andere Menschen Gott sichtbar und
spürbar zu machen. Hungrige sättigen, Brot für die Welt und nicht Waffen für Südafrika.
Unrecht beim Namen nennen und bekämpfen und nicht noch mitfinanzieren.
Geborenes Leben erhalten und zum Besten fördern, anstatt gegen Abtreibung zu
schimpfen, aber zur sozialen Not geborener Kinder zu schweigen, für die es besser wäre,
nicht geboren worden zu sein in den gegenwärtigen Aufschwung der neuen Armut
hinein. Gottes Gesicht ist nicht eine Welt, in der die Schwierigkeiten auf dem Rücken
der Armen und Unterprivilegierten ausgetragen werden. Seine Herrlichkeit verlangt
nach Menschen, die eintreten für die Armen und nicht nur für die Industriellen. Die
eintreten für den Schutz der Umwelt und nicht für die Atomindustrie. Die weinen mit
den Traurigen und lachen können mitten in dieser Welt der Traurigkeiten, weil sie
manchmal für Sekunden und Minuten eine Überdosis Glück erleben, wie es Moses
empfunden haben muß auf dem Felsen im Rücken Gottes. Wir können Gottes Gesicht
sehen! Im Lächeln eines lieben Menschen, in der Wärme einer Umarmung, in der
Gastfreundschaft fremder Menschen, in jeder Blüte, jedem Stein. Wir müssen nur die
Augen aufmachen, müssen nur hinschauen in die Natur, die noch übrigblieb nach allem
Waldsterben und Rheinvergiften: so überwältigend schön ist unsere Welt, so übervoll
von Lebendigkeit, so voller Wunder und in jedem sehen wir ein ganz kleines Stück von
Gott. Aus vielen kleinen Stücken Wunder, Schönheit und Liebe wächst dieses Gesicht
zusammen zur Welt, in der Gott alles in allem ist, einer Welt ohne Hunger und Tränen,
einer Welt, an der wir bauen. Gott helfe uns zum richtigen Bauplan. Amen.

Predigt über Mt. 14,22-35    Friedenskirche 1. Feb. 87

Wie Jesus der Schiffahrt einen Dienst tat
Psalm 48 - 2.Kor 11,16-30
Liebe Schwestern und Brüder!Jesus geht über den See! Sagenhaft. Eigenartig. Wir
wundern uns. Wir sagen:"
Du bist wirklich ein Supermann! Abgefahren gut, diese Demonstration deiner
Fähigkeiten und Macht. Du kannst ja alles! Du bist ein Zauberkünstler. Ein
Showmaster! Wunderbar, sowas! Tolle Sache."
Ich kann da nicht mithalten. Ich habe keinen so großen Sinn für das Wunderbare
solcher Auftritt, ebensowenig wie ich es gut finde, wenn ein Bundestagskandidat vor der
Presse ein Glas Milch kurz nach der Atomkatastrophe von Tschernobyl trinkt. Solche
Kunststücklein mögen einfache und dumme Gemüter erfreuen. Mich nicht. Darum sage
ich:"
Armer Jesus. Da wirst du in einer Geschichte übers Wasser geschickt, ein
Hampelmann der spätantiken Wundergläubigkeit, ein Bombengeck für alle, die ihrer
Freude haben am Okkulten, am Gläserrücken, am Reden mit Toten, an spiritistischen
Sitzungen. Das einfache Leben ist ihnen zu langweilig, sie wollen Sensationen, wenns
sein muß, sogar mit Spielen auf Leben und Tod. Je trister die Realität, umso
phantastischer die Geschichten! Wie trist muß es in der Zeit ausgesehen haben, wo du
gelebt hast. Sogar für ein Gespenst haben sie dich gehalten. Die in der Bibel glauben
also, daß es Gespenster gibt? Na sowas. Dabei soll das doch Aberglaube sein, wie die
Pastoren immer sagen. Aberglaube in der Bibel? Das darf doch nicht wahr sein! Was ist
denn wahr? Daß ein Mensch übers Wasser geht, ist nicht wahr. Das gibt es nur bei
Wasserski. Jesus, du hast doch nicht irgendwelche Tricks gehabt, um vor den Leuten die
Supershow abzuziehen? Du hast doch nicht Steine vorher präpariert und im See
ausgelegt, auf denen du liefst und alles tatsächlich so aussah, als könntest du auf der
Wasseroberfläche laufen. Vielleicht war es ja eine seichte Stelle im See. Und du hattest
einfach nur den Mut, trotz hohem Wellengang hinauszugehen in den See, dem Boot mit
den Freunden entgegen oder hinterher, bevor die dann mit dir den See endgültig
überquerten. Und sie haben einfach nur deinen Mut bewundert, mit dem du durch die
hohen Wellen hindurchgekommen bist. Und dein Mut wird nach zwanzig Mal Erzählen
langsam aber sicher zur Fähigkeit, über Wasser zu gehen.
Das ist wahrlich Gottes Sohn, sagen sie, wie zum Applaus nach deinem
Kunststückchen. Du kannst kein einfacher Mensch sein. Sie lassen dir nicht dieses
Recht. Sie machen dich auf, wie ein Filmstar aufgemacht wird. Sie wissen, auf
sensationelle Public Relation kommt es an. Wenn die Story stimmt, läuft der Verein.
Nein, du darfst nicht einfach ein mutiger Mensch sein, du mußt die dir verpaßte
Götterrolle spielen. In den Geschichten über dich bist du verdammt, auf dem Wasser
herumzuwandeln. Und Petrus möchte auch mal und versinkt, weil er zuwenig Vertrauen
hat. Da ist also gleich die Warnung und Absicherung: Wenn es bei dir, lieber Christ, nicht
klappt, mit dem Wandeln auf dem Wasser, wenn die Wogen deiner Wanne über dir
zusammenschlagen, dann hast du den richtigen Glauben nicht. Was haben sie aus dir
gemacht, Jesus? Ein Wundermann. Natürlich, weil du auf dem Wasser läufst, bist du der
Sohn Gottes. Als ob Gott nichts besseres zu tun hat als seinen Sohn übers Wasser laufen
zu lassen zur Verblüffung der Zuschauer. Welche Posse spielen sie mit dir, Gott? Was
für trottelige Zaubertricks schieben sie dir in die Schuhe?"
Liebe Gemeinde!
Ich finde, Schwimmen ist etwas phantastisches. Tut dem Rücken gut, Training für den
ganzen Körper, härtet ab gegen Erkältungen, gleicht aus auch innerlich. Schwimmen
macht auch Spaß. Nehmen wir einmal an, Jesus sei geschwommen. Und Schwimmen
wäre damals noch unüblich gewesen, weil die Leute vor dem Wasser Angst gehabt
haben, irrational genug waren sie ja durchaus, wenn sie allen Ernstes behaupten, Jesus
wäre übers Wasser gelaufen. Jesus war also Schwimmer und hatte keine Angst,
unterzugehen, weil er wußte, daß es klappt. Petrus versucht es auch, aber es klappt nicht,
weil Petrus Angst hat und vor Angst panisch um sich schlägt, statt Schwimmbewegungen
zu machen wie Jesus. Wir kennen das: Nichtschwimmer haben im Wasser höllische
Angst und glauben, sie gehen unter. Die richtigen Schwimmbewegungen können sie
zwanzigmal an Land machen, sie haben Angst, und deshalb klappt es im Wasser auch
noch lange nicht beim ersten Mal. Schwimmen lernen, und das, liebe Freunde, sage ich
euch nicht als Bademeister, sondern als Pfarrer, Schwimmen lernen ist nicht so sehr die
Frage der richtigen Bewegungen, sondern die Frage des Mutes, sie auch auszuführen,
wenn es drauf ankommt. Schwimmen ist die Überwindung der Angst, unterzugehen.
Und das genau ist auch der christliche Glaube. Amen.

Gebet für Südafrika    Friedenskirche 22. 3. 87

Sprecher 1:
Vater im Himmel wir bitten Dich für alle Menschen im südlichen Afrika, für unsere
Schwestern und Brüder, die in besonderer Weise unter Unrecht , unter Ungerechtigkeit
und Gewalt leiden -
Sprecher 2:
für alle, die wegen ihrer Hautfarbe diskriminiert werden, die nicht beteiligt sind an
der politischen Entscheidung, die ihren Wohnsitz, ihren Arbeitsplatz nicht frei wählen
können, denen auf Ämtern, in Geschäften, auf der Straße weniger freundlich begegnet
wird als weißen Bürgern. Laß die nicht verzweifeln, die Bürger von Nirgendwo sind,
weil sie durch Beamtenwillkür weder in Weiß-Südafrika noch in Homelands leben
können.
Sprecher 3:
Wir denken an alle, die in den Homelands leben müssen, die in Hunger und
ekelerregendem Elend leben, ohne Arbeit, ohne Brot. Wir beten für die Alten, die von
den Weißen in das Elend der Homelands zurück geschickt werden, weil sie zu schwach
sind, um für die Weißen noch gewinnbringend zu arbeiten. Und wir beten für die
Säuglinge, denen zu Geburt schon das Grab geschaufelt wird, weil sie keine Aussicht auf
Nahrung und Überleben haben.
Sprecher 4:
Wir bitten Dich, Herr, für die Wanderarbeiter in den Industriezentren, in den
rieseigen Arbeiterlagern, die von ihren Arbeitgebern nur für eine Saison eingestellt
werden, und sich dann schnell einen neuen Arbeitsplatz suchen müssen, wenn sie nicht
zurück ins Homeland wollen -
Sprecher 5:
und für ihre Familien zu Hause, für die verlassenen Frauen mit der großen
Verantwortung für die Familien. Wir verbinden uns mit den Müttern, die morgens nicht
einkaufen gehen, weil sie auf das Räumkommando der weißen Polizei warten müssen,
um das Notwendigste vor der Planierraupe zu retten.
Sprecher 1:
Wir bitten Dich für die Menschen in Südafrika, die zwangsumgesiedelt werden, vor
deren Häuschen eines Morgens plötzlich ein LKW der Polizei steht. Schenke den schon
Umgesiedelten Kraft, neue Gemeinschaftsformen zu entwickeln. und bewahre die
politischen Führer der Homelands davor, die Herrschaft von Terror und Unterdrückung
weiterzugeben, die sie von den Weißen als Politik kennengelernt haben. Gib denen, die
sich der drohenden Umsiedlung widersetzen, Kraft und Mut, Einigkeit und gute
Freunde.
Sprecher 2:
Wir bitten Dich, Vater im Himmel, für alle, die gegen das Unrecht in Staat und
Gesellschaft, gegen das System der Trennung aufstehen und sich einsetzen für
Gerechtigkeit und Versöhnung in diesem Land und die bereit sind, dafür auch Leiden
auf sich zu nehmen.
Sprecher 3:
Für alle Schüler in den Schulen, für alle die jungen Menschen, die gegen Unrecht sich
erheben. Für alle, die eingeschüchtert, verfolgt, verletzt, mißhandelt werden, vor allem
für die Verhafteten und ihre Familien.
Sprecher 4:
Wir bitten für Nelson Mandela, der seit über 20 Jahren im Gefängnis sitzt, ohne eine
Straftat begangen zu haben. Laß ihn begreifen, daß die Leiden im Gefängnis nicht
vergebens sind. Gib ihm Geduld, auf den Tag der Befreiung zu warten.
Sprecher 5:
Und Vater, wir bitten auch für die, die das Unrecht tun. Für die Menschen in der
Polizei, im Militär. Hilf ihnen zu erkennen, was recth ist, und gib ihnen dann Kraft,
danach zu handeln. Wandle die Herzen derer, die die Macht in Händen halten im Staat,
in der Gesellschaft, in der Regierung. Wir bitten für Pieter William Botha, daß er endlich
seine schönen Worte wahrmacht: "Apardheit soll sterben".
Sprecher 1:
Wir bitten für die skrupellosen Waffenlieferanten in unserem eigenen Land, die
Manager der Firma Rheinmetall, für Dietrich Falke, Dieter Köhler, Wilhelm Striepke
und Hans Voß, daß sie erkennen, wie sie mitschuldig geworden sind an der Ermordung
unzähliger Schwarzer, indem sie die Mordwaffen beschafft haben an ihren
Schreibtischen hier im Ruhrgebiet. Wir bitten dafür, daß sie statt Waffen Geräte zum
Schutz der Umwelt bauen lassen.
Sprecher 2:
Und schließlich bitten wir für alle die sparsamen Hausfrauen, die lieber billiges Obst
aus Südafrika kaufen, als die paar Pfennige mehr auszugeben für Obst, an dem kein Blut
klebt. Laß sie erkennen, wie sie indirekt das Geld zum Kauf der Waffen beibringen, mit
denen die Schwarzen erschossen werden.
Sprecher 3:
Wir bitten für die Dresdener Bank, die Commerzbank und die bayrische
Landeszentralbank und alle ihre Bankkunden, die durch günstige Kredite die weiße
Regierung Südafrikas im Sattel halten helfen, daß sie begreifen, wie ihr Geschäft das
Blutvergießen fördert.
Sprecher 4:
Wir bitten dich, Herr: Schenke diesem verzweifelten südlichen Afrika bald einen
Frieden, der nicht mehr über Leichen geht. Wir bitten dich, Herr: Mach schnell damit.
Amen.



Beerdigung Jenny Gonschewsky    Hauptfriedhof 12.5.87

Liebe Familie Gonschewsky!
Jenny ist mit gerade 8 Wochen gestorben. Kindstod, das plötzliche Aussetzen des
Herzens, ist unberechenbar. Man kann nichts dagegen tun, weder früherkennen und
vorbeugen noch rechtzeitig den Notarzt erreichen. Man kann nur noch über dem
Körbchen oder Bettchen stehen und fassungslos versuchen zu begreifen, daß dieses
unschuldige junge Menschenkind tot ist, wirklich tot. Das darf doch nicht wahr sein! Das
kann es doch nicht geben. Wie kann Gott zulassen, daß gerade unser Mädchen stirbt?
Gott läßt nicht zu. Gott ist nicht der Reichsführer, der über Millionen Juden mit einer
Unterschrift entscheidet, daß sie in die Gaskammern müssen. Gott ist in Jesus nach
sieben Stunden qualvollen Hängens in der brennenden Sonne Israels erstickt am Kreuz.
Gott ist in einer halben Stunde qualvollen Todeskampfes in den Gaskammern der Nazis
erstickt. Gott stirbt in jedem zweiten Baby, was in Südafrika mit schwarzer Haut
geboren wird. Gott stirbt auch in Jenny. Aber Jenny ist die traurige Ausnahme bei uns in
Deutschland, während der Tod jedes zweiten geborenen Kindes in Südafrika die Regel
ist. Gott läßt nicht zu. Gott stirbt mit.
Es hilft wenig, zu wissen, daß Jenny nicht gelitten hat. Ein junges Leben ist
ausgelöscht, noch ehe es begonnen hat. Wieviele Embryos werden in der medizinischen
Forschung gequält in den Retorten.
Jenny hat nur kurz gelebt. Und doch hat sie etwas hinterlassen. Ihr Lachen, ihr
Weinen und Schreien, ihre Freude und ihren Zorn. Es wird in Ihrer Erinnerung, liebe
Fam. Gonschewsky, erhalten bleiben. Jenny wird nicht vergessen. Jenny wird nicht
gestrichen von der Menschenliste. Sie war da. Kurz, so wie Engel auch nur kurz da sind.
Welche Botschaft sie gebracht hat, werden Sie in den kommenden Tagen und Monaten
der Trauer, der schwarzen Tage, noch erleben. Jeder Mensch, ob groß und mächtig wie
Herr Reagan, oder klein und schwach wie Jenny, jeder Mensch ist ein Geschöpf, was
durch Liebe entstanden ist, was Liebe braucht und was Liebe gibt. Möglicherweise hat
Jenny mehr gegeben an Liebe als Herr Reagan. Möglicherweise war Jenny Gott näher
als Herr Reagan. Jetzt ist Jenny ganz bestimmt Gott näher als Herr Reagan. Wir
vertrauen darauf, daß ihr kleines Leben zurückgeht in den Schoß der Erde, die uns alle
nährt und erhält. Jenny geht ein in die Quelle des Lebens. Sie ist dort gut aufgehoben.
Amen.


Predigt über 1. Pt. 2,4-10    Friedenskirche 24. Mai 87

Wir sind lebendige Steine im Haus Gottes.
Liebe Konfirmanden, liebe Eltern und Paten, liebe Freunde!
Lebendige Steine - ist das nicht ein Unsinn? Sind nicht Steine etwas totes? Lebende
Steine, so der Name der Wüstenpflanze, die noch im heißesten Sonnenbrand überleben
kann, weil sie viel Wasser in sich gespeichert hat, wie ein Kaktus, wie ein Kamel. Enorm
vernünftig, für so eine Pflanze, im Wüstenklima durch eine kugelige Form ihre
Oberfläche zu verkleinern und dadurch die Verdunstung zu vermindern. Viel Vernunft
in einer Pflanze. Aber wer sich mehr für Steine interessiert, jetzt mal nicht den grauen
Beton unserer immer trostloser werdenen Städte, sondern so richtige Mineralien, vom
Ametist über den Diamanten bis zu den Wunderwerken, die innen drinn eine Höhle
bilden, in der tausende bunter Kristalle wachsen, ja wachsen! Enorm viel Lebendigkeit
in so einem Stein, enorm viel Geometrische Struktur, enorm viel Vernunft. Es gibt
sowas wie lebendige Steine eben auch in Natur, zur großen Freude der Mineralologen
und feineren Damen, die sich solche Steine gerne ans Dekollete hängen. Solche
lebenden Steine sind Wunder Gottes, die zeigen, daß auch das scheinbar Tote noch
Leben in sich birgt und im Wachsen und Werden ist, eben nichts Festes, ewiges, sondern
etwas Prozessuales, Entstehendes und Vergehendes wie alles Leben. Es gibt keine
ewigen Ordnungen, sogar die Steine wachsen, auch Naturgesetze haben einen Anfang
und ein Ende in ihrer Gültigkeit. Alles Leben hat einen Anfang und ein Ende. Auch
Gottes Leben hat einen Anfang und vielleicht auch einmal ein Ende. Und die
Geschichte Gottes in dieser Welt hat einen Anfang und ein Ende und ich sage, wir sind
mitten drin, zwischen der Steinzeitbrutalität, kurz hinter den Menschenschlachthäusern
von Treblinka, vielleicht kurz vorm Atomkrieg - aber auch sehr nahe an einer objektiven
Möglichkeit, diese Welt zu einem ungeheuer angenehmen und gemütlichen Planeten zu
mausern, einem Planeten ohne Hunger, Elend, ohne Waffen. Noch nie waren unsere
technischen Fertigkeiten und Möglichkeiten derart entwickelt, noch nie wurde so viel
auf der Erde angebaut, noch nie gab es soviel zu essen. Es sind minimale
Veränderungen, die nötig wären, um die Technik zum Segen der Welt einzusetzen. Es
sind ein paar gezielte Neuentscheidungen, die alles katastrophal sich entwickelnde zum
Besten wenden könnten. Und die Möglichkeit, daß wir zu solchen gezielten
Neuentscheidungen kommen könnten, ist nicht unwahrscheinlich, bei aller Bedrohung.
Den Fall, daß dies gelingt, nenne ich Gott. Oder Gerechtigkeit und Frieden. Oder
Sättigung. Oder Vernunft. Oder Glück. Es wird alles nur miteinander zusammen geben,
oder garnicht. Es sind Zustände, die die Bibel als Reich Gottes beschreibt und die sich
gegenseitig bedingen und verlangen, um existieren zu können. Nur wenn alle satt sind,
wird sich keiner mehr benachteiligt fühlen und meckern oder kämpfen für seine Rechte.
Solange keine Gerechtigkeit erreicht ist, wird es keinen Frieden geben. Und solange die
Menschen nicht lernen, ihre Konflikte friedlich zu regeln, wird aus den Kämpfen um
Recht und Gerechtigkeit sehr schnell und leicht eine neue Diktatur. Es gibt keins von
beiden, was vor dem anderen dasein könnte, um das andere zu bedingen. Beides wächst
miteinander oder gar nicht. Und es wächst manchmal sehr langsam nur, so wie manche
besonders edelen Kristalle. Und dieser Wachstumsprozeß ist das Reich Gottes und wir
sind bei einer Gratwanderung am Atomkrieg vorbei auf dem schwierigen Weg zu einer
freien glücklichen Welt.
Die Sensibilität für Gerechtigkeit und Frieden, für Glück und falsches Glück, auch
sie ist ausbaufähig, wächst in uns wie Kristalle. Wir können unsere Antennen schärfen
für Unrecht und die oft phantasievolleren Möglichkeiten, es wieder gut zu machen als
den formellen Rechtsweg. Wir können wachsende Kristalle sein, Kristalle, die immer
klarer ihre geometrische Struktur aufbauen. Und unsere Struktur als Menschen in voller
Entwicklung heißt: Glücklich sein, frei, selbstbestimmt, mündig, im Gespräch mit
anderen, statt nach Befehl und Gehorsam, in Verantwortung für andere in Familie und
Beruf und Politik, in vernünftigem Dialog mit anderen Völkern und überhaupt
miteinander. Keiner von uns ist an dieser Stelle schon angekommen. Aber ich vermute,
daß wir uns darauf hin entwickeln werden und auch müssen, sonst wird es nicht mehr
lange einen bewohnten Planeten Erde geben.
Ihr Konfirmanden habt in den letzten beiden Jahren auch so manche Entwicklung in
euch mitgemacht, die vergleichbar ist mit dem Wachsen von Kristallen zu immer mehr
klarer Form. Ihr seid auch wachsende Steine, in euch bildete sich etwas heraus, es
kristallisiert sich etwas heraus, was in seiner gelungenen Form vielleicht jetzt noch gar
nicht erkennbar ist. Vielleicht war unsere gemeinsame Zeit im Unterricht für euch zum
Teil eine Möglichkeit, an eurem Kristallisationsprozeß zu arbeiten. Ich hatte am Anfang
in eurer Gruppe immer ein bißchen das Gefühl, ich bin im Kindergarten, wißt ihr das
noch, vor zwei Jahren? Und wenn ich auf die letzten Wochen zurückblicke, so ist mir
eins sehr unverständlich: Ich fand euch sehr solidarisch, ihr habt gelernt,
zusammenzuhalten als Gruppe, ihr habt zusammen getanzt auf dem Friedensfest bei
Ape-Beck und Brinkmann, daß alle anderen Leute dachten: Was ist das denn für eine
Truppe, die sich alle an die Hand nehmen und in einer langen Schlange durch die Kirche
tanzen. Ihr habt euch bei der Konfirmandenprüfung gegenseitig vorgesagt, ihr habt euch
im Vorstellungsgottesdienst gegenseitig geholfen. Die Starken haben die Schwachen
mitgetragen. Wißt ihr was? Das, ganz genau das ist Kirche. Ganz genau das ist gemeint
damit, als lebendige Steine zu einem lebendigen, vom Geist Gottes geprägten Haus
zusammenzustehen, in dem jeder Stein wichtig ist, damit das Ganze nicht
zusammenbricht, auch die kleinen Steinchen. In eurer Gruppe, die mir zum Schluß eben
gar nicht mehr so albern vorkam, hat sich Kirche entwickelt, sind Steine lebendig
geworden, sind gewachsen, haben sich herauskristallisiert zu einem Verbund. Ihr habt
jetzt die Kirche kennengelernt. Nicht im Gottesdienst, nicht in diesem Haus hier, nicht,
indem ihr andere beobachtet habt, wie und was die hier so treiben, nein, das alles ist kein
Kirche kennenlernen. Ihr habt die Kirche in euch selbst und in unserer Gruppe
kennengelernt. Alles das, was die Kirche ausmacht, hat es in unserer Gruppe gegeben.
Streit und Versöhnung, Lachen und Langeweile, Weinen und Wiederaufatmen, Musik
und Abendmahl. Die Kirche ist immer so gut wie wir selbst gerade sind. Die Kirche ist
eine lernende, wachsende Gemeinschaft. Die Kirche ist nicht auf dieses Gemäuer
angewiesen, denn ihr selbst seid die Steine, mit denen die Kirche zusammenhält, auch
im Wald war es schön. Auch in eurer Straße kann Kirche sein, können Starke die
Schwachen beschützen, können Kinder zusammenhalten, gemeinsam lachen und
weinen. Die Zeit der Kirche hört mit der Konfirmation nicht auf. Sie beginnt auch nicht.
Sie geht weiter, mehr oder weniger schnell. Gut, ihr kommt jetzt nicht mehr zum
Unterricht, seid froh, es hinter euch zu haben und sagt vielleicht: Scheißkirche, endlich
hab ichs hinter mir. Aber das ist eine glatte Täuschung. Auch wenn ihr nie
wiederkommen werdet: Ihr habt die Kirche vor euch, falsch: in euch, ihr seid lebendige
Steine. Nicht: ihr sollt welche sein. Nein, ihr seid welche. Ihr habt gelernt,
zusammenzuhalten, wenns mal nötig war, auch gegen mich, gut so. Und deshalb werdet
ihr auch in Zukunft zusammenhalten, andere beschützen, die schwächer sind als ihr.
Und darum können wir euch gut und gerne gehen lassen. Ihr werdet lebendige Steine im
Haus Gottes sein und darin weiterwachsen und euch herauskristallisieren als Christen,
als Menschenfreunde, als Verantwortungsbereite Mitarbeiter an der neuen Welt Gottes
in einem besseren Bergkamen. Ich traue euch das zu. Ich mute euch das zu. Ich vertraue
auf euch, daß ihr den Eckstein nicht vergeßt, den die Bauleute verworfen haben. Jesus,
von dem einige sagen, er sei ein Spinner, weil er sich viel zu sehr um andere Menschen
gekümmert hat. Jesus, von dem viele sagen, so könne man heute nicht mehr leben. Jesus,
den man auch damals nicht hat leben lassen, und der trotz seines Todes unzählige
Menschen lebendig gemacht hat, zu Steinen, die zusammenhalten zu einem Haus des
Friedens. Wir werden erleben, wie es in uns weiterwächst. Amen.

Predigt über Jes. 6,1-8     Friedenskirche: 14. Juni 87

 Visionen von Gottes neuer Herrlichkeit
Liebe Schwestern und Brüder!
Liebe Taufeltern und Paten. Liebe Kinder!
Jesaja ist von Gott berufen worden. So wie wir von Gott berufen werden durch die
Taufe zu einem neuen Leben. Der Taufspruch von Johannes, der Jesus getauft hat, war:
Ändert euer Leben, denn das Reich Gottes ist nahe.
Jesaja wird durch eine Vision berufen. Vision, da sieht einer vor seinem inneren
Auge etwas so intensiv, als wäre es Wirklichkeit. Wie die Träume, in denen wir nicht
mehr wissen, träumen wir oder sind wir wach. Das gibt es, das ist keine Spinnerei, das ist
sogar sehr wichtig für uns Menschen, nicht allein in der Welt der Tatsachen, der
sogenannten Tatsachen zu leben, sondern auch in der Welt der Träume. Kinder erzählen
oft Geschichten, wo die Eltern erstmal gar nicht wissen, ist das nun wirklich passiert
oder nur in der Phantasie. Gut, ich glaube, die Berufung Jesajas zum Propheten, zum
Sprachrohr Gottes, ist in seiner Phantasie passiert. Gott ist etwas, was mit Phantasie
verbunden ist. Gott ist keine Tatsache, sowenig wie die Vision eine Tatsache ist. Es ist
eine phantastische Sache, eine Traumsache.
Träume sind etwas wichtiges. Phantasien können die Welt verändern. Bevor
technische Erfindungen industrielle Revolutionen auslösen, sind sie erstmal nur fixe
Idee in den Köpfen der heutigen Daniel Düsentriebe. Ohne Phantasie würde kein
technischer Fortschritt denkbar sein, das wissen alle, die in den exakten Wissenschaften
tätig sind. Phantasien verändern die Welt. Es gibt schmutzige Phantasien. So haben
verwirrte Wissenschaftler die Atombombe erfunden und damit die gesamte Menschheit
in tödliche Bedrohung gebracht. Und es gibt tolle Phantasien, etwa die Achterbahn oder
die Schaukel oder Sonnenkollektoren. Ihr merkt, wie wichtig die Phantasie ist. Die
Vision des Jesaja ist eine solche wichtige Phantasie. Er steht vor Gott. Gott sitzt auf
einem Thron. Komisch, wie leicht man sich Gott als König vorstellt! Die Christen haben
eine andere Vision von Gott als Zeichen für ihre Kirchen gewählt: Das Kreuz, an dem
Jesus ermordet wurde. Unsere Vision ist nicht mehr der über allem thronende
Herrschergott, sondern ein Gott, der schreiend leidet und stirbt, von frommen
Menschen hingerichtet als Aufrührer.
So ändern sich die Bilder, die Visionen, die Phantasien, die Erfindungen. Daß Jesaja
sich Gott auf einem Thron vorstellt, ist eigentlich verständlich. Damals war das
schönste, aufregendste, wichtigste eben der König. Und so haben sich viele eben auch
Gott vorgestellt. Schön, aufregend, wichtig.
Die Engel trauen sich gar nicht, Gott anzugucken. Die haben Angst, seine Schönheit
nicht aushalten zu können. Jesaja aber sieht Gott und erkennt in diesem Augenblick, wie
häßlich er selbst ist, wie bekleckert und beschmutzt mit all den Fehlern, die unter uns
Menschen normal sind. Unreine Lippen, weil unsere Münder so viel Gehässiges,
Häßliches, Verletzendes sagen. Weil wir uns mit unseren Worten vielleicht noch viel
mehr weh tun als mit den Fäusten. Und die glühende Kohle soll desinfizieren, das
dreckige herausbrennen. Harte Sache. Wie eine Operatio , bei der etwas krankes aus
dem Körper herausgeschnitten wird.
Wir sind das Volk mit den unreinen Lippen. Wir sind krank. Wir sind immer zu leicht
verletzt und immer zu schnell verletzend. Das ist eines unserer großen Probleme, die
sich auch international auswirken.
Jesaja bekommt nach dieser schmerzhaften Operation mit der Kohlenzange einen
Auftrag: Er soll das Volk verstocken. Er soll die Menschen mit der Wahrheit
konfrontieren, ohne daß sie die Wahrheit verstehen und begreifen. Ist das nicht
fürchterlich? Wir meinen doch, daß die Wahrheit uns die richtigen Dinge tun läßt. Aber
scheinbar eben doch nicht. Die Wahrheit kann uns auch das falsche tun lassen, kann
Trotz hervorrufen oder Resignation, kann Verbitterung und Angst erzeugen, kann Haß
und Ablehnung auslösen.
Das ist ein typischer Mechanismus. Je schwächer ein Mensch ist, umso weniger kann
er vertragen. Je verlogener einer ist, umso mehr haßt er die Wahrheit. Die Wahrheit
macht ihn nur wütend. Das Hinschauen macht ihn blind vor Wut. Denn die Konsequenz
vieler Erkenntnisse wäre, daß wir unser Leben in bestimmten Punkten ändern müßten,
die uns so lieb und vertraut und angenehm geworden sind. Das täte weh, so eine
Umstellung, so eine Änderung. Und deshalb wehren wir uns gegen alles, was unsere
derzeitigen Ansichten und Lebensgewohnheiten bedroht. Es ist Selbstschutz. Wenn ein
Mensch erfährt, daß er Krebs hat, ist er in den ersten Wochen so geschockt, daß er
immer wieder sagt, nein, das kann nicht wahr sein, das darf einfach nicht wahr sein. Bis
er endlich ertragen lernt, daß sein Leben bald vorbei sein wird. So leugnen wir oft die
Wahrheit, um unsere innere Stabilität aufrecht z erhalten. Das darf nicht wahr sein, also
ist es eben nicht wahr. Und der, der uns solche bösen Dinge erzählt, ist unser Feind,
greift uns an, will uns Böses. Früher hat man die Boten, die die Niederlage in einer
Schlacht dem König meldeten, sofort getötet, quasi um die schreckliche Botschaft
ungeschehen, ungehört zu machen. Heute versucht man schon wieder, die zum
Schweigen zu bringen, die an unsere schuldbeladene grausige Vergangenheit im
Hitlerdeutschland erinnern. Es ist eben nicht leicht, Wahrheit zu ertragen.
Wahrheit über mich selbst: Daß ich gar nicht der tolle Mensch bin, der ich so gerne
wäre, daß ich gar nicht so gut bin, wie ich gerne glaube. Wer mir meine Fehler sagt, den
finde ich erstmal gehässig, gemein, doof. Bis ich ertragen kann, daß er recht hat, daß ich
doof bin und nicht er, dauert seine Zeit. Vielleicht ist es dann schon zu spät und ich habe
mich mit einer komischen Eigenschaft, mit einem Fehler, völlig verrannt. Bei Jesaja will
Gott das sogar so. Bis nur noch ein Rest übrigbleibt von Israel. Bis nur ein Rest noch
übrig bleibt von mir, meinem Mut, meiner Kraft, meinem Selbstbewußtsein. Dann
endlich kann ich verstehen und richtig hören, was mein Stolz nicht ertragen hat. Dann
endlich bin ich offen, Gottes Wahrheit zu sehen und zu vertragen. Dann endlich kann ich
mich so sehen und akzeptieren, wie ich bin: ein Mensch mit unreinen Lippen, mit
schmutzigen Phantasien, mit viel Vorurteilen, mit viel Überheblichkeit. Wenn ich dann
meine eigene Unvollkommenheit ertragen lerne, werde ich die Unvollkommenheit der
anderen Menschen auch besser bejahen können, dann werde ich weniger an ihnen
herummeckern und eher verstehen, wieso sie so komi ch sind. Ich werde barmherzig,
weil ich merke, wie sehr ich selbst auf Barmherzigkeit angewiesen bin. Und so erkennen
sich die Christen als unvollkommene Leute, die allesamt Dreck am Stecken haben,
keiner besser als der andere. Und sie üben sie darin, zuerst über den eigenen Dreck
nachzudenken und dann erst über die Dreckigkeit der anderen. Und bei diesem
Nachdenken bekommen sie den Wunsch, sich gründlich abzuwaschen von allem
Schmutz. Es reicht ihnen nicht mehr zu wissen, daß andere auch dreckig sind. Sie wollen
etwas tun, damit sie selbst nicht mehr so dreckig bleiben. Und das versuchen wir mit der
Taufe. Sie soll uns reinwaschen von unseren Fehlern und ihren bösen Folgen. Sie soll
uns das Gefühl geben, daß Gott uns als frischgeduschte, saubere Leute haben möchte
und uns den Schweiß und die Last unseres Lebens immer wieder abwäscht. Wer so von
seinem eigenen Dreck frei wird, der wird sich nicht mehr freuen oder ärgern über die
Schuld und Schande der anderen Menschen, sondern wird überlegen, was er tun kann
für ihre Sauberkeit, für ihre Appetitlichkeit. Vielleicht lädt er sie mal zum Baden ein.
Vielleicht seift er ihnen den Rücken ein. Vielleicht wäscht er ihnen den Kopf. Jesus hat
seinen Jüngern die Füße gewaschen. Amen.

Predigt  über Lk 15,1-3+11-32

Die Liebe eines Vaters
Liebe Freunde!
Da sind drei Männer. Vater und zwei Söhne. Willi Atternase und seine Söhne Detlef
und Uwe. Sie haben ein Taxiunternehmen hier in Bergkamen, Fritz Erler Str. 3. Das
Geschäft geht so lala, viele Betrunkene, die von Schützenfesten heimgefahren werden
wollen oder von Familienfesten. Einige Senioren, die regelmäßig ins Ärztehaus müssen.
Willi Atternase klagt nicht. Er kämpft sich so durch. Detlef hat Realschule hinter sich,
geht noch zur Berufsschule, will später mal Betriebswirtschaft machen und das
Taxigeschäft übernehmen, wenn Willi nicht mehr kann. Uwe war auf dem Gymnasium,
ist Computerfreak, ein leidenschaftlicher Hacker und will mehr draus machen. Er will
ein Software-Unternehmen aufmachen für Spiele in Spielhallen. Die Banche ist
umsatzträchtig. Uwe braucht Geld, um sich selbstständig zu machen. Er rechnet dem
Vater vor, wieviel er braucht: 60.000 DM für den Computer, mit dem er die Software
produzieren will, 40.000 DM für die Vervielfältigungsmaschinen, 50.000 DM für die
Einrichtung und Erstfinanzierung einer kleinen Firmenhalle in Hamburg. Bergkamen,
hör mir bloß auf mit Bergkamen. Das ist doch ätzend hier. Ich will weg, hier ist doch die
total tote Hose. Und wenn ich später mal erben würde, bekäme ich bestimmt
zweihunderttausend, die Hälfte vom Taxiunternehmen steht mir zu. Ewig Besoffene
nach Hause fahren, ey Vatter, das is einfach nich mein Ding. Ich geh nach Hamburg,
komm, ich will meinen Anteil am Betrieb jetzt schon haben, dann bist du mich auch
wirklich los, zahl mir mein Erbe jetzt schon aus. - Willi Atternase ist geschockt. Sein
jüngster, der kluge Uwe, will ihn und alles, was er für seine Kinder aufgebaut hat,
einfach verlassen. Ätzend, tote Hose. Sein Lebenswerk!
Er zahlt Uwe aus. Nimmt einen Kredit bei Herrn Menzhausen auf und gibt Uwe
einen Scheck über 150.000 DM. Uwe packt seine Sachen, fährt mit einem VW-Bulli nach
Hamburg. Ruft zwei, drei Mal noch an, hat immer noch keine Firma, ist noch auf der
Suche nach was passendem, die Konkurrenz in Hamburg, die Mieten und und und. Dann
Funkstille. Keine Anrufe mehr, Uwe läßt nichts von sich hören, bei der Auskunft ist kein
Uwe Atternase in Hamburg mit Telefon ausfindig zu machen. Willi Atternase ist
enttäuscht. Sein Uwe, das hätte er nicht gedacht. Detlef hat inzwischen seine
Betriebswirtschaft fertig, im nächsten Jahr geht Vater Willi in Pension, Detlef wird dann
das Taxiunternehmen übernehmen.
Es klingelt. Willi Atternase geht ans Telefon. Uwe. Er ist in Bergkamen. Fragt, ob er
vorbeikommen kann. Sagt, er habe sein Software-Unternehmen gar nicht erst
angefangen, sei in Hamburg versumpft, die Reeperbahn, Drogen, Freunde, ein paar
Schickeria-Mädchen und wie das dann so ist. Er habe mal einen Kiosk gehabt, der sei
aber auch nicht so gelaufen und die Säufer in Hamburg sind noch herber drauf. Er habe
schließlich als Rausschmeißer bei Onkel Pö gearbeitet, eine schmierige alte
Musikkneipe. Er habe eine Entziehungskur hinter sich, Heroin, seit einem Monat habe
er nichts mehr gedrückt, er müsse raus aus Hamburg, wo er praktisch überall von seinen
Freunden Stoff angeboten bekommt, ob er nicht bei Taxi Atternase als Fahrer
unterkommen kann.
So, liebe Eltern, liebe Kinder! Bis hierhin habe ich erzählt. Jetzt kommt hr dran. Sagt
mir, nachdem ihr euch in Gruppen von 6 Leuten zwei Minuten lang beratet, wie wird
Vater Willi Atternase reagieren. Wird er Uwe, den Fixer rausschmeißen, nachdem er
das Taxiunternehmen durch den Abzug von 150.000 DM in arge Bedrängnis gebracht
hat und dann noch alles Geld verpraßt hat? Wird er ihm trotz allem eine Stelle als
Fahrer anbieten? Welche Bedingungen wird er stellen? Was denkt ihr? Bildet jetzt
Sechsergruppen, beratet euch und aus jeder Gruppe sagt in zwei Minuten einer euer
Ergebnis.
Pause
Antworten aus den Gruppen vorn am Mikrofon
Verlesen des Bibeltextes
Liebe Gemeinde!
So wie Jesus mit den Reeperbahn-Leuten Feste feiert, sich mit Sündern einläßt, die
Verlorenen sucht und findet, so sucht Gott die Verlorenen. Gott freut sich über die
Sünder. Er rechnet nicht Schulden auf. Er erläßt alle Schuld und beginnt ein neues Spiel.
Er fängt mit uns von vorn an, als wäre nichts gewesen. So ist Vergebung. Gott gibt dem
Heruntergekommenen sein bestes Kleid, die größte Ehre, das schönste Fest. Gott freut
sich. Er weiß, sein Sohn ist wieder da. Er hat ihn vermißt. Es war ihm nicht gleichgültig,
daß Uwe in Hamburg nichts von sich hören ließ. Willi Atternase hat unter der Trennung
gelitten. Er hat sich das nie so anmerken lassen. Aber als Uwe am Telefon so traurig und
fertig erzählte, da konnte Willi Atternase nicht anders: Er machte sein Büro dicht,
brauste mit der Taxe zum Busbahnhof zu Uwe, sprang aus dem Wagen, umarmte ihn,
Tränen in d n Augen: Mein Junge, wie schön, daß du wieder da bist. Hör mal, am
Wochenende machen wir eine Grillparty, da laden wir deine ganze Klasse von früher ein
und Onkel Ewald und Tante Hanne und Erna Büscher und Frau Dierks und Pastor
Kayser. Und Jutta Kaiser von nebenan, die hat inzwischen schon das dritte Kind, ein
Mädchen, Sandy. Ach Uwe, es ist, als wäre ich tot gewesen. Jetzt geht es mir wieder gut.
Ich fühle mich wie neugeboren. Schön, daß du wieder da bist.
Liebe Freunde!
Habt ihr den Unterschied gemerkt? Jesus in der Bibel sagt: Der verlorene Sohn war
tot und ist im Augenblick der Heimkehr wieder lebendig geworden. Ich sage es anders:
Gott selbst war auch wie tot, weil sein Kind ihn verlassen hatte und er lebt auf, als sein
Kind zurückkommt. Ich lasse den neidischen Detlef, den Frommen und
pflichtergebenen Musterknaben mal ganz beiseite. Heute sage ich nur etwas über den
Vater. Der Vater, Willi Atternase alias Gott, will nicht ohne die Liebe seiner Kinder
leben. Er leidet unter der Abwesenheit des Sohnes, es hätte genauso seine Tochter
Josefine oder Paula sein können.
Und die reale Situation Gottes heute in der Welt: Die meisten Kinder gehen fremd,
verprassen die Liebe, die Gott jedem von ihnen mitgegeben hat, im Konsumrausch,
Videos, Spielhallen, Karriere, Häuslebauen, Rasenmähen. Und kaum einer denkt noch
an Gott. Und kaum einer weiß, daß Gott sich nach uns sehnt, daß Gott in uns verliebt ist
und zwar fast abgöttisch, wenn er es nicht wirklich göttlich wäre, nämlich am meisten in
die schwierigsten und unangenehmsten unter uns. Wenn solche Kaufberauschten,
Karrieresüchtigen, Häuslebauer, Rasenmäher, Zocker und Nullbocklangeweiler von
ihrer eigenen tödlichen Langeweile angewiedert werden und sich entschließen,
aufzutauen, aus sich herauszukommen, auf andere zuzugehen, ihre Einsamkeit
zuzugeben, ihre Sehnsucht nach Geborgenheit und Liebe zuzugeben, zu einem
Menschen endlich sagen: Du, ich brauch dich. Du, ich hab dich lieb. - dann erwacht Gott
zu neuem Leben. Dann ist ein Fest fällig. Amen.


Trauung von Willi und Brigitte Kölzow, geb. Bangert, am 11. Juli 1987

Auferstehungskirche Weddinghofen
0rgelvorspiel und feierlicher Einzug
Begrüßung & Einleitung (Agende S. 61)
Eingangslied EKG Nr. 231, 1 - 3 + 5
Meditation 5 (Agende S. 63 mitte)
Ansprache über Johannes 13, 34
Liebe Familie Kölzow!
Einander lieben wie Jesus uns geliebt hat - das ist gefährlich, so gefährlich wie die
Turnereien auf den 100 m hohen Hochspannungsmasten. Da muß man aufpassen, daß
man nicht abschmiert. Jesus ist schließlich an den Folgen seiner kompromißlosen Liebe
zu den Armen, zu den Kranken, den Verbrechern und schlechten Menschen, am Kreuz
elend verreckt. Lieben wie Jesus - heißt das denn immer Selbstaufopferung? Hat Jesus
sich nur aufgeopfert? Nein. Jesus war oft auch allein ganz für sich, hat Urlaub gemacht
vom Predigen, Heilen, Bewundertwerden. Lieben wie Jesus setzt voraus, daß man frei
ist dem anderen gegenüber. Jesus konnte sich auch streiten. Streiten ist nicht lieblos,
streiten bedeutet nicht, den anderen hassen oder verletzen, sondern verschiedene
Meinungen oder Wünsche konfrontieren und einen gemeinsamen Weg daraus machen.
Liebe - Freiheit
Liebe - Altruismus
Liebe - Ausschließlichkeit
Liebe - Universalität (Was ihr mir getan habt)
Liebe - zu den Lieblosen
Liebe - die den Tod nicht fürchtet.
EKG Nr. 234, 1, 3, 4
Bibellesung 1. Petrusbrief 4, 8b-11 (Agende S. unten)
Befragung und Beringung und Kuß
Im Knieen: Gebet 2 (Agende S. 69)
Zuspruch 1 (Agende S. 70 oben)
Alle stehen auf: Unser Vater - Segen
Schlußlied: EKG Nr. 228, 1 + 2
Orgelnachspiel und feierlicher Auszug


Beerdigung Paul Kehl    Hauptfr.Fr, 24.7. 87, 15.00 H

Liebe Frau Kehl, liebe Familie Manthey, liebe Freunde und Kollegen von Paul Kehl!
Mit 46 Jahren verunglücken, viel zu früh, nein, das hat die Gefahrenzulage im
Schachtausbau nicht gelohnt. Paul Kehl hat nicht geahnt, daß er diese Gefahrenzulage
einmal mit seinem Leben bezahlen würde, in einer zusätzlichen Schicht zudem noch,
weil es schwer ist, nein zu sagen, wenn Vorgesetzte daraus ihre Konsequenzen ziehen.
Er ist auf seine Weise eines der vielen Opfer des Bergbaus geworden. Die Zeche hat ihn
seiner Frau weggenommen.
Er ist aus der Kirche ausgetreten. Er hat der Kirche lebewohl gesagt, trotzdem ist
heute die Kirche hier. Er hat mit seinem Austritt nicht in erster Linie den Pastoren
seinen Zuschuß entzogen, sondern den vielen anderen Aufgaben, für die die Kirche viel
mehr Geld ausgibt: der Jugendarbeit, den Teestuben, den Heimen für Behinderte, den
Gemeindehäusern, die alten Menschen ein Zuhause anbieten, den Beratungsstellen für
Suchtkranke, den Krankenhäusern, den Spezialkliniken für Epileptiker, den kirchlichen
Altersheimen, den Obdachlosenasylen. Ganz zuletzt hat Herr Kehl mit seinem Austritt
erst die Position der Pastoren gefährdet. Er hat der Kirche die Solidarität aufgekündigt.
Die Kirche kündigt ihm die Solidarität nicht auf. Um das zu zeigen, bin ich heute hier,
entgegen Kirchenordnung und Gepflogenheiten. Ich will deutlich machen, daß Gottes
Solidarität nicht von unserer Solidarität abhängt, nicht nach Kirchensteuern geht.
Nichts kann uns scheiden von der Liebe Gottes!


Predigt über Joh 6,30-35    Friedenskirche 25.Juli 87

Erst kommt das Essen, dann die Moral
Liebe Schwestern und Brüder!
Man ist immer besonders nett zu dem, der einen füttert. Meine Katze Mia kommt
regelmäßig ganz verschmust an und kuschelt sich an mich, streicht mir um die Beine. Am
Anfang dachte ich: Ach, wie schön. Sie mag mich. Ich habe sehr schnell begriffen, was
sie wirklich mag an mir: das Kittekat. Sie mag mich, weil ich sie füttere. So ist Liebe.
Man mag jemanden, weil man einen Mangel hat.
Liebe Freunde!
Liebe geht durch den Magen. Es wäre lieblos, Hungrige mit gute Worten abzuspeisen.
Die Liebe drängt auf die Stillung von Hunger. Sei es der Hunger nach Brot, sei es der
Hunger nach völligem Einssein mit dem Liebespartner. Die Liebe will sattwerden. Und
die Liebe will sattmachen. Beides gehört dazu zur Liebe. Geben und Nehmen.
Nicht nur das Nehmen macht stark, also etwa das Nuckeln der Babies und das Essen.
Auch das Geben macht stark: Es ist ein grandioses Gefühl, einem Menschen etwas
Gutes zu tun. Das wissen alle Pfadfinder und genießen es, jeden Tag eine gute Tat zu
tun. Der Geber ist in einer starken Position. Dieses Gefühl der Stärke gegenüber dem
Bedürftigen macht ihn stolz. Er weiß: Ich bin wichtig.
Es ist ja irgendwie enttäuschend, daß es die reine Liebe, die völlig zweckfrei ist, nicht
gibt. Die reine Herzensliebe ohne Kochen, ohne geteiltes Bett, ohne offenen Geldbeutel
- das gibt es wohl nicht. Die Menschen haben eben alle einen Bauch. Und der will voll
sein. Und darum wird in den Kirchen eben nicht völlig zweckfrei an Gott gedacht, Gott
gelobt und gefeiert. Sondern alle Lobe und Klagen der Psalmen haben auch ganz massiv
mit dem Bauch, dem Leib der Menschen zu tun. In allen Religionen wollen die
Menschen was von Gott. Gute Ernte, Gesundheit, Kindersegen, Sicherung des
Wohlstandes. Sie wollen den Segen Gottes leibhaftig erfahren, die Liebe Gottes im
Bauch spüren.Aber: Ist Gottes Liebe nicht etwas, was nur unsere Seele angeht, nicht den
Leib?
Wir haben den Glauben zu einem geistigen Erleben gemausert, weg von den
Futtertrögen, den Schlachtopfern. Wir haben uns auf das Wort konzentriert. Der
Mensch lebt nicht vom Brot allein, sondern von Gottes Wort, darum haben w r das Brot
aus der Kirche entfernt. Es sind einmal im Monat ein paar hauchdünne Hostien
übriggeblieben von der einstigen Schmauserei im jerusalemer Tempel. Dafür aber hat
sich der Bauchbereich verselbstständigt: Die riesige Lebensmittelproduktion dient
schon lange nicht mehr der Befriedigung menschlicher Grundbedürfnisse, sondern
gehorcht kapitalistischen Wirtschaftsgesetzen, nach denen es besser ist, Gemüse,
Getreide, Fleisch und Butter zu vernichten, als denen zu geben, die an Hunger sterben
werden. Weil die Religion den weltlichen Teil des Lebens hochnäsig übersehen hat in
frommer Hinwendung zur Seele, hat sich da quasi unter der Gürtellinie, die der Glaube
geschaffen hat, eine derartig verantwortungslose Völlerei und Hungerei entwickelt, daß
die gläubige Seele ganz erschrocken ist, wenn sie hört, was sich in der Welt getan hat in
der Zeit ihrer Innerlichkeit.
Unsere Wirtschaft zielt auf Anhäufung. Wachstum heißt real, die Großen werden
größer, die Mittleren bauen ab, die Kleinen gehen stempeln. So berichten es unsere
Zeitungen täglich. Es wird jede nur denkbare Marktlücke aufgespürt, mit Werbung ein
falscher Hunger erzeugt. Der Hunger, von dem unsere Wirtschaft lebt, ist ein künstlich
geschürter, eine Unersättlichkeit, die medizinisch eindeutig krankhaft, krebsartig ist.
Bedarfsdeckung ist das Prinzip, mit dem eine christliche Wirtschaft sich entwickeln
kann. So ist Liebe: Sie stillt Hunger. Aber sie überfüttert nicht. Es ist ungesund, zuviel zu
essen. Es ist ungesund, zuviel zu haben. Reichtum macht krank.
Christus wird im Johannesevangelium deshalb geliebt, weil er so schöne
Speisungswunder vollbringt. Fünftausend sattmachen, das ist wahrhaft göttlich. Darum
kommen die Leute u ihm und verehren ihn. So wie meine Katze Mia um mich
herumscharwenzelt, wenn sie Hunger hat. Und Christus ist sauer. Er will nicht als
Brötchengeber verehrt werden, sondern als Gesandter des Vaters im Himmel, der allen
seinen Kindern sagen will, wie lieb er sie hat und wie wichtig ihm ist, daß sie sich
untereinander liebhaben im Wissen um diesen liebenden Vater im Himmel.
Christus ist sauer, weil alle sich auf das Brot stürzen und keiner an den Geber denkt,
den Vater im Himmel. Ich verstehe das: Es würde mich ärgern, zu wissen, daß meine
Katze nur das Kittekat liebt, nicht mich. Es tut weh, wenn nach der Befriedigung der
leiblichen Bedürfnisse keine tiefere Bindung entsteht.
Aber der Weg zur Vertiefung der Bindung ist nicht, die Leiblichkeit der Menschen zu
verbannen, zu exkommunizieren, sondern eben gerade hineinzunehmen in die Bindung!
Der Christus im Johannesevangelium ist Idealist, wenn er sich ärgert darüber, daß die
Leute ihn verehren, weil er Brot gibt. Die Leute hatten Hunger und waren dankbar,
Essen zu bekommen. Wie sollen sie denn verstehen, daß Gott Liebe ist, wenn nicht
durch den Magen? Gottes Liebe geht nicht am Magen vorbei! Sie geht hindurch. Darum
Abendmahl. Aber sie ist mehr als Fütterung der Raubtiere. Darum Zeichen. In der
Stillung der leiblichen Bedürfnisse wird etwas deutlich von einer noch tieferen,
umfassenderen Stillung der menschlichen Sehnsüchte, für die Gott seine Liebe
bereithält. Am Essen können wir es lernen: Gott stillt Hunger und Durst. Wenn es nicht
allein dabei bleibt, wenn wir lernen, unsere Herzensbedürfnisse, unsere Träume, unsere
verborgensten Wünsche Gott bittend anzuvertrauen - und wozu anders ist das Gebet da
- dann werden wir lauben und erfahren: Gott nimmt uns an in unseren geheimsten
Wünschen und sagt ja zu unseren Wünschen und hilft uns, Ideen zu entwickeln zu ihrer
Erfüllung.
Der tiefste Wunsch, den ein Mensch hat, ist, geliebt zu werden, mit all seinen
Schwächen.
Unser Herz ist unruhig, sagt Kirchenvater Augustin, bis es Ruhe findet in Dir. Vater
im Himmel nimm mich in deine Arme. Mach mich satt. Sieh alle meine unglückliche
Sehnsucht. Sieh mein Suchen. Sei mein Ziel. Zeig mir meinen Weg. Laß mich unruhig
werden über all dem Unrecht von Hunger und Überfluß. Laß mich Wege finden,
dagegen zu kämpfen. Mach mich zu Brot für andere. Laß mich in all meinen Kämpfen,
in all meiner Arbeit, in allen meinen Sorgen Ruhe finden in dir, dem Quell allen Lebens.
Amen.

Beerdigung Heinz Gathmann    Donnerstag, 6. August 1987

Liebe Familie Gathmann, liebe Verwandte, Nachbarn und Freunde, liebe Kollegen
der Stadt Bergkamen, liebe Schwestern und Brüder der Friedenskirchengemeinde!
Als ich Montag morgen am Telefon hörte, ein Heinz Gathmann sei gestorben, habe
ich zuerst an eine Verwechselung, eine Namensgleichheit gedacht. Unser Heinz
Gathmann, nein, das kann nicht sein, das darf doch nicht wahr sein! Es war ein Schlag.
Ich dachte an den Abendspaziergang vor zwei Wochen, wo wir ihm und seiner Frau
begegnet sind in der Kühle nach einem heißen Sommertag und unter einer
Straßenlaterne über Katzen und Windkrafträder gesprochen haben. Heinz Gathmann
ist tot - das ist so unbegreiflich, ich kann es noch gar nicht fassen. Es war gut, ihn
nocheinmal im Sarg ruhen zu sehen, um es auch wirklich glauben zu können. So ga z
wirklich tot ist er für mich immer noch nicht. Die Bilder schweben mir noch vor den
Augen, wie er leibt und lebt: Seine kurzen, sachkundigen Bemerkungen im
Presbyterium, seine ruhige, kameradschaftliche Art, seine lebendig funkelnden Augen -
und dieses unnachahmliche Grinsen, Heinz Gathmann konnte so wunderbar grinsen.
Es ist schrecklich, unfaßbar, daß dieses Grinsen nie wieder einer von uns sehen soll.
Daß nie mehr seine freundliche Ruhe auf uns überstrahlt.
Ich fand es immer toll, wenn ich hörte, Herr Gathmann ist in Urlaub nach Gran
Canaria. Er hat sich was gegönnt. Seine Frau hat ihn allerdings erst allmählich dazu
erziehen müssen, nicht nur immer seine Arbeit im Kopf zu haben, sondern auch das
Leben genießen zu lernen. Sie hat ihn hinterm Schreibtisch weggelockt nach Sylt - und es
hat ihm gefallen und gutgetan. Es hat ihm behagt, eine aktive Frau zu haben, die ihn, den
Ruhepol, immer wieder zu neuen Aufbrüchen, neuen Abenteuern verführt. Eines der
schönsten Abenteuer: Mit 45 Jahren die Alexandra auf die Welt zu bringen und den
Strom der Lebendigkeit im Hause Gathmann nicht abreißen zu lassen. Die Gastlichkeit
ist sofort beim Eintritt spürbar. Eine lebendige Familie, fast wie im Bilderbuch. Und
Heinz Gathmann mittendrin. Ja, auch jetzt noch mitten drin. Trotz seines Todes. Er ist
spürbar in seiner Familie. Er ist sichtbar in Evelyns und Alexandras Gesicht und im
kleinen Johan.
Sie alle wissen es inzwischen: am Dienstag letzter Woche hatte er die starken
Schmerzen im Rücken, seine Familie brachte ihn ins Krankenhaus nach Werne, dort
tippten die Ärzte gleich auf Bauch-Aorta und erkannten die Gefahr. Mittwoch ging es
mit ubschrauber nach Münster in die Uniklinik, Donnerstag mittag dann die Operation,
vor der Heinz Gathmann und seine ganze Familie wußten, daß sie auf Leben und Tod
sein wird. Um drei kommt er aus dem OP, wacht langsam auf der Intensivstation auf und
dann kam dieses wundervolle Grinsen, das Strahlen seiner Augen - er hat es überlebt.
Dank, Freude. Gott hat ihm das Leben nocheinmal geschenkt. Aber nur für kurze Zeit.
Samstag verschlechert sich sein Zustand, das Herz bleibt stehen, dreimal wird er mit
Herzmassagen wiederbelebt bis Sonntag, wo morgens die Familie ihn ohne Bewußtsein
noch sieht. Sonntag nachmittag kommt der Anruf: Er liegt im Sterben. Die Gathmanns
rasen so schnell es geht nach Münster. Er ist gerade gestorben, vor einer Viertelstunde.
Ende. Aus. Vorbei.
Wir haben hier keine bleibende Stadt, sondern die zukünftige suchen wir. Dieses
Wort aus dem Hebräerbrief möchte ich uns mitgeben, die wir alle hier sind, weil wir
unter seinem Verlust leiden und traurig sind, einen so liebenswerten Menschen mitten
aus unserem Leben weggeben zu müssen. Keine bleibende Stadt. Heinz Gathmann hat
für die Stadt Bergkamen viel getan. Das war ein wichtiger Teil seines Lebens. Nicht nur
Heinz Gathmann ist vergänglich, auch die Stadt Bergkamen ist vielleicht nur eine winzig
kleine Episode in der großen Heilsgeschichte Gottes, in der Geschichte des Kosmos auf
dem Wege zu einem Zufall, der sich Liebe nennt, oder Frieden und Gerechtigkeit oder
Reich Gottes. In den Zulauf der Geschichte auf dieses große Ziel, auf das Himmlische
Jerusalem, ist unser kleine Leben eingebettet, das Leben der Stadt, das Leben von Heinz
Gathmann. Und durch dieses Ziel, durch die ision des göttlichen Friedens mitten auf der
Erde, durch die Hochbauplanung eines neuen Jerusalem ist dieses unser kleines
bergkamener Leben bestimmt, auf dieses Ziel hat Heinz Gathmann mit uns gearbeitet.
Das letzte Buch der Bibel skizziert die zukünftige Stadt, die wir suchen und die man
ein Stücklein finden konnte in den freundlichen Augen von Heinz Gathmann:
"Und ich sah einen neuen Himmel und eine neue Erde. Denn der erste Himmel und
die erste Erde sind verschwunden, und das Meer ist nicht mehr. Und ich sah die heilige
Stadt, das neue Jerusalem, von Gott her aus dem Himmel herabkommen, gerüstet wie
eine Braut, die für ihren Mann geschmückt ist. Und ich hörte eine laute Stimme vom
Throne her sagen: Siehe, die Hütte Gottes bei den Menschen. Und er wird bei ihnen
wohnen, und sie werden sein Volk sein, und Gott selbst wird bei ihnen sein. Und er wird
alle Tränen abwischen von ihren Augen und der Tod wird nicht mehr sein, und kein Leid
noch Geschrei noch Schmerz wird mehr sein. Denn das Erste ist vergangen. Und der auf
dem Throne saß, sprach: Siehe, ich mache alles neu."Amen.
Wir hören nun die Sopranarie aus dem Messias von Georg Friedrich Händel: Ich
weiß, daß mein Erlöser lebet, und daß er erscheint am letzten Tage dieser Erde. Wenn
Verwesung mir gleichdroht, wird dies mein Auge Gott doch sehen. DennChrist ist
erstanden von dem Tod, der Erstling derer, die schlafen.

Predigt über Jes. 29,17-24     Friedenskirche:.6..9.87

Träume vom Tag Gottes als Vorschau von Gottes neuer Welt.
Lesung Mk 7,31-37 Heilung eines Taubstummen
Liebe Schwestern und Brüder!
Nur noch ein kleines Weilchen bis zum Tag der Erlösung - schön wärs. Träume eines
Propheten, der auch nichts am Rad der Geschichte gedreht hat. Immer noch Kriege,
immer noch Hunger, immer noch Lippenbekenntnisse und finstere Machenschaften der
mächtigen Hintermänner. Man kann nichts machen. Auch der Prophet Jesaja nicht.
Seine Träume sind nicht erfüllt worden. Die Tauben hören immer noch nichts, die
Blinden sehen immer noch nichts. Das prophetische Wort vom Gericht, von der Wende
und Verwandlung der unrechten Welt in Gottes Gerechtigkeit blieb leere Hoffnung, viel
zu wenig hat sich zum Rechten gewandelt. So wird der Traum des Jesaja vom Tag
Gottes zu einem Bild der Gerechtigkeit, an dem die bestehende Falschheit unserer Welt
messbar wird. Der unerfüllte Traum von einer besseren Welt wird zum kritischen
Moment. Hoffnung lullt nicht in schönen Wunschbildern ein, sondern wird zur Kritik der
damaligen Gesellschaftsordnung. Die Hoffnung des Propheten auf Gottes Tag ist
zugleich Vorfreude auf Gerechtigkeit und Androhung des Gerichts: Denn aus ist es mit
den Tyrannen und dahin ist der Spötter und ausgerottet sind alle, die auf Frevel lauern.
Kritik tut weh und muß doch sein bei der Suche nach der Wahrheit und dem richtigen
Leben.
Oft habe ich Zweifel, ob es überhaupt was nützt, zu predigen. Ich weiß aus
Umfrageergebnissen, daß Predigten nur das bestärken, was die Hörer ohnehin glauben
und daß die Aussagen, die dem Hörer nicht passen, einfach überhört werden oder man
sagt: das war aber nicht das Wort Gottes! Was löst eine Predigt schon aus? Im besten Fall
ein gutes Gefühl? Im anderen Fall etwas Unbehagen? Oder wäre es nicht auch Zeichen
für das Wort Gottes, daß es uns Ärger bereitet? Wir wollen uns nicht ärgern lassen vom
Wort Gottes. Predigt als Schwert, das bis ins Mark dringt, soetwas lehnen wir ab. Wir
leugnen dann, daß es das Wort Gottes war. Liebe Schwestern und Brüder! Mit diesen
Sätzen können noch fast alle einverstanden sein. Jeder weiß, daß er Kritik von der
Kanzel nicht sehr gern hört. Aber würde ich es jetzt konkretisieren auf die
entscheidenden Fragen des Glaubens, etwa Feindesliebe:Pershing 1a ist Sünde und soll
hier nicht sein! - dann würden alle sagen: Er predigt wieder Politik, aber nicht das Wort
Gottes. So haben wir unsere Abwehrmechanismen gegen Gottes Wort.
Die Geschichten Jesu sind voll von solchen Abwehrmechanismen gegen die
Ausstrahlung Jesu auf der Seite der Pharisäer und Schriftgelehrten. Sie streiten dauernd
mit Jesus, weil sie sich ärgern über das, was Jesus sagt und tut. So sagt Paulus mit vollem
Recht:Das Wort vom Kreuz ist den Juden ein Ärgernis und den Heiden eine Torheit. Ich
glaube, zur Lebendigkeit und Wirsamkeit des Wortes Gottes ist, daß es uns manchmal
wurmt und ärgert. Wieso sind solche Träume von einer durch Gott verwandelten Welt
eigentlich so ungeheuer ärgerlich? Wieso stört die Hoffnung die Heuchler?
Wenn Gott die Seele des Menschen kennt bis in die geheimsten Wünsche, und das
sind die uns selbst unbe ußten, dann kennt Gott uns besser als wir uns selbst. Und wer
nur ein bißchen nachdenkt über sich selbst, der weiß, wie wenig man sich wirklich kennt.
Wir alle leben damit, daß wir uns was vormachen. Wir alle spielen unser Theater so recht
und schlecht. Alles Rollen, die wir von anderen übernommen haben und die uns nicht
auf den Leib geschrieben sind, sondern eher auf den Leib geprügelt. Die
besserwisserischen Männertypen, hart und eisern, Kruppstahlopas, die gesitteten
Damen, die selbst die Liebenswürdigkeit in Person sind, aber beim Tratsch über die
Nachbarin so richtig die Sau rauslassen - unser alltägliches Theaterspielen entspricht
nicht dem, was wir im tiefen Inneren wirklich wollen und denken. Der Harte Mann ist
gewöhnlich das Riesenbaby, ohne den Mut, zu werden wie die Kinder. Die Edelmütigen
haben oft auch sehr finstere Gefühle. Luther wußte nur zu gut, wie auch die Heiligen
vom Teufel geritten werden. Die Abgründe der Bosheit unserer Seele genau auszuloten,
das tut weh, weil man sich gern besser hätte. Aber es ist als Aufgabe des Psychiaters auch
zugleich die Hilfe, die Menschen an der Grenze der Selbstzerstörung fähig macht, mit
ihren finsteren und traurigen Zügen zu leben. Und dadurch zu überleben. Glücklich
kann ein Mensch nur im Einklag mit sich werden. Wenn es keine Kluft zwischen den
verborgenen Wünschen und den bewußten Motiven gibt. Die geheimsten Wünsche in
uns, die wir uns nie eingestehen mögen, es sind im Grunde nicht die Abgründe der
Bosheit. Es sind sehr zärtliche Strebungen. Es sind Wünsche der Liebe, der
Geborgenheit, der Unbekümmertheit. Sehnsüchte nach einem Leben ohne Tränen. Der
Wunsch, grenzenlos Schönes zu erleben, grenzenlos geliebt zu werden und grenze los
jemanden zu lieben ohne Zurückweisung zu erleben. Die verborgenen Wünsche sind
fast wie das Heiligtum eines Tempels. Und drum herum sieht es böse aus. Wir erleben
überall, daß diese Wünsche von außen, von anderen verstellt werden. Das tut uns weh.
Darum kapseln wir uns ab. Wir zeigen anderen nicht mehr unseren Kindertraum, weil er
ja doch nicht erfüllt wird. Wir werden hart, verschlosssen, unnahbar. Wir nehmen die
Rollen an, die man uns vormacht. Und das zarte Fädchen der Hoffnungen des Kindes in
uns reißt ab. Die Hoffnungen werden in uns begraben. Wir schweigen sie tot. Wir
resignieren. Man kann ja doch nichts machen. Unsere Kinderträume werden uns selbst
zum Geheimnis. Und Gott kennt dieses Geheimnis. Gott weiß um unsere kindlichen
verborgenen Sehnsüchte. Und er sagt sie uns noch einmal. Diesmal nicht von innen
heraus, sondern durch Boten auf der Kanzel. Die dort Liebe predigen und Frieden und
Gerechtigkeit, die sprechen das aus, was die Kinder in uns sich wünschen. Darum wurmt
uns das Wort Gottes: Weil es unseren unterdrückten eigenen Wünschen zutiefst
entspricht. Gott will, was alle Kinder dieser Erde wollen, auch die Kinder in uns
Erwachsenen, die wir totschweigen: Blinde sehen, Taube hören, Lahme gehen, Bürgern
fallen die Scheuklappen ab. Kein Mensch soll gequält werden, jeder soll Vater und
Mutter haben, ein schönes Haus zum wohnen, einen Garten zum Spiel, Essen für alle
und Frieden auf der ganzen Welt. Das ist unsere Hoffnung, die ärgerliche Hoffnung
Gottes: Der einzige Schmerz, den es dann noch geben wird, ist der Liebeskummer.
Gott sieht uns so, wie wir wirklich sind. Vor den Augen Gottes sind wir wie spielende
Kinder. Unser Lieblingsspiel ist heute Versteck n. Wenn Gottes Reich anbricht, werden
die Kinder Gottes andere Spiele spielen. Ihr Spiel wird die Aufrichtigkeit, die
Zärtlichkeit, das Schmusen, das vertrauende Erzählen, das gemeinsame Träumen sein.
Ich habe mir vorgenommen, schon jetzt so allmählich damit anzufangen. Amen.


Predigt über Mk 1, 13-17      Friedenskirche: 27. Sept. 87

Essen ist eben mehr als nur Essen!
Liebe Kinder, liebe Eltern, liebe Älteren, liebe Alten!
Jesus war ein überaus unanständiger Mann. Vielleicht hat er sogar einen dicken
Bauch gehabt. Die Leute damals schimpften jedenfalls tüchtig auf ihn: "Guckt euch den
an, ein Fresser und Trinker! Seine Freunde hat er unter den Zöllner, diesen
Blutsaugern, und unter schlechten Menschen, die sich nicht an das Gesetz halten. Er
verkehrt in Zuhälterkreisen. Pfui. So ein Schweinchen!"(Mt11,19) (Wir versteigern
übrigens heute ein echtes Schweinchen auf dem Fest am Nachmittag)
Noch genauer wird es berichtet, wie er bei Levi, einem Zöllner, zu Gast ist. Die
Zöllner waren damals ja so unbeliebt, weil sie den armen Fischern und Schäfern den
letzten Pfennig an Steuern wegnahmen im Auftrag der römischen Besatzungsmacht, ihr
kennt das freche Treiben der Römer ja von Asterix und Obelix, aber in Wirklichkeit floß
damals viel Blut und es ar noch schlimmer als heute in Chile oder Südafrika.
"Und es begab sich, daß Jesus im Haus vom Zolleintreiber Levi zum Essen
eingeladen war, und viele Zöllner und Sünder saßen mit Jesus und seinen Jüngern zu
Tisch, denn es waren viele, die mit ihm herumzogen. Und als die Akademiker unter den
besonders korrekt lebenden Pharisäern das sahen, wie er mit den Zöllnern und Sündern
aß, sagten sie zu seinen Jüngern, den erwachsenen Schülern, die mit Jesus durch das
Land zogen: "Warum ißt er mit Zöllnern und Sündern? Ein anständiger Mensch würde
sich doch nicht mit diesen Subjekten einlassen!" Und Jesus hörte es und sagte: "Nicht die
Starken bedürfen des Arztes, sondern die Kranken. Ich bin nicht gekommen, die
Gerechten und Frommen zu berufen, sondern die Sünder." "
Jesus schämt sich nicht einmal dafür, daß er mit dieser zweifelhaften halbseidenen
Gesellschaft zusammenist, nein, er findet diese Mätzchen auch noch gut. Er bereut
nicht, er entschuldigt sich nicht, er bekennt sich zu dieser Gesellschaft der Sünder. Stellt
euch mal vor, ein hoher Politiker oder auch nur ein Pfarrer würde angetrunken auf einer
Partnertausch-Party eines kokainschnüffelnden höheren Industriellen oder auch nur in
einer kleinen bescheidenen Capacabana-Bar aufgefunden - ja schade für ihn! Er würde
schnell bereuen! Jesus bereut nicht. Er steht zu diesen Leuten und er sagt: Gott hat sie
lieb. Nicht, weil sie besonders toll sind, sondern umgekehrt, weil sie besonders herunter
sind. Gott hat eine besondere Sorge um die Menschen, die kaputt sind,
heruntergekommen, am Ende. Zu denen ist Jesus gekommen. Und wahrscheinlich sind
die Nachtclubmänner und Partnertauschpaare und kokainsüchtigen Industriellen eben
auc ganz wahnsinnig kaputt und brauchen Liebe, viel mehr Liebe, als die Gesunden
Ehen und glücklichen Familien.
Jesus hat also mit kaputten Typen gefeiert, gegessen und getrunken. Aber manchmal,
da kamen Tage, wo die Gruppe um Jesus keinen Gastgeber hatte, keine Möglichkeit der
Übernachtung und keine Einladung zum Essen. Dann lebten sie wie die Vögel unter
dem Himmel: Sie säen nicht, sie ernten nicht, und ihr himmlischer Vater ernährt sie
doch! So nahmen Jesus und die Jünger sich einfach Ähren vom Feld und stillten damit
ihren Hunger. Und das am Sabbat, wo jeder Handschlag zur Ernährung strengstens
verboten war! Mundraub in Tateinheit mit Sonntagsarbeit! Ein seltsam ungesichertes
Leben, von der Hand in den Mund. So leben aber auch heute täglich Millionen von
Menschen, und weil man so heute kaum noch leben kann, sterben so heute, heute nur an
diesem einen Sonntag, 80.000 Menschen, doppelt soviel wie Bergkamens Bürgerschaft.
Jesus hatte den Lebensstil armer Leute. Wir denken dabei an die Leute von Mandu
Tawahun, wo 40 Dörfer mit 20.000 Menschen in Sierra Leone keinen einzigen Arzt
haben und wofür wir heute ein Fest machen.
Jesus und Essen, da geht immer etwas schief. So erzählt Jesus das Gleichnis vom
Reich Gottes. Ein reicher Mann, sprich: Gott, veranstaltet ein riesiges Fest. Er hat alle
seine Freunde eingeladen. Und alle entschuldigen sich: Sie haben gerade geheiratet und
wollen die Braut testen, haben einen Acker zu kaufen oder sonstwas. Und keiner kommt
letztlich. Der Herr ist sauer. Und jetzt kommt die eigentümliche Umkehrung: Er lädt die
Krüppel, die Kranken, die Penner, Arbeitslose und alle ein, die sich auf der Straße
herumtreiben. Und mit denen geht dann die Party so r chtig los. So ist Gottes Welt, eine
verkehrte Welt.
So sagt Jesus immer wieder zu seinen Jüngern: Wer von euch der Größte sein möchte,
sei Diener aller anderen. Oder: Die Ersten werden die Letzten sein. Oder: Was ihr getan
habt einem meiner geringsten Brüder, das habt ihr mir getan!
Wo derart unanständig alle natürlichen Ordnungen auf den Kopf gestellt werden und
den Leuten der Kopf verdreht wird, da ist es schon gar nicht mehr verwunderlich, daß
Jesus dann die Kinder segnet und ausdrücklich in seiner Nähe haben will: Wer das Reich
Gottes nicht annimmt wie ein Kind, wird nicht hineinkommen! Waren damals Kinder
der letzte Dreck, noch hinter den Frauen, auf einer Stufe mit Hund und Katze, so wertet
Jesus sie als Vorhut des Gottesreiches auf. Er gibt ihnen in der Gemeinde einen Platz,
nicht unter den Erwachsenen, sondern als Vorbild vor, bei und mit ihnen. Darum taufen
wir eben auch Kinder im Gottesdienst und wenn heute schon Wildelträger am Computer
herumhacken, dann besteht keine Gefahr, wenn während des Gottesdienstes Kinder mit
oder ohne ihren Schnuller die Gemeinde lebendig machen. Der Kindergottesdienst ist
eher eine Verkümmerung des Willens Jesu: Laßt die Kinder hineinkommen in die
Predigt, in die Lehre, in das gemeinsame Nachdenken über das, was Gott will und was
wir tun können. Ich bin sehr stolz auf meine Katechumenen und Konfirmanden: Diese
kleinsten der Gemeinde haben die größte Summe Geld zusammengesammelt durch
ihren Mut, unbeirrbar von Haus zu Haus zu gehen, die Kunden mit ihren vollen Taschen
vor Plaza anzusprechen und um eine Spende für Afrika zu bitten. Sie haben
eintausendfünfhundert Mark zusammengesammelt, hier ne Mark, da sogar zwei Mark,
selte schon 5 Mark.
Einsam bist du klein, aber gemeinsam werden wir Anwalt des Lebendigen sein, das
haben unsere Konfirmanden uns gelehrt. Ihre Einsatzbereitschaft war ungeheuer! Sie
haben Nähe zu Gottes Welt.
Einsatz für das Leben - so könnte man die Geschichte Jesu in einem Wort benennen.
Jesus, der auf so unanständige Weise die Freundschaft Gottes zu den Kaputten und
Armen gelebt hat, bekam den Arm des Gesetzes zu spüren. Das Kreuz ist die Antwort
dieser Welt auf grenzenlose Liebe. Er hat es einfach übertrieben mit seinen Mätzchen.
In der Nacht des Passah-Festes haben sie ihn verhaftet zum Schauprozeß. Bevor sie
kommen, die Gestapo der israelitischen Machthaber, feiert Jesus noch einmal, feiert mit
seinen Jüngern das Fest der Befreiung, Befreiung aus der Sklaverei im ägyptischen
Städtebaudienst unter der Peitsche des Pharao. Jesus und seine Jünger feiern wie alle
Juden damals. Sie feiern Gott, der ihnen die Freiheit geschenkt hat, dem sie das Leben
in einem guten und wohlhabenden Land verdanken. Damals wurde ein Lamm geopfert,
als Wegzehrung auf der Flucht in die Freiheit. Jetzt suchen die Herrscher wieder ein
Opfer. Jesus. Er flieht nicht. Er bleibt, geht in den Prozeß. Er will ein Zeichen der
Freiheit setzen, ein Zeichen des Widerstands. Er hat keine Angst. Ihn können sie nicht
durch Drohungen kleinkriegen. Er tut es, damit alle Welt sieht: Gottes Liebe zu den
Sündern, denen da unten, da ganz ganz unten - die braucht kein Mensch zu bereuen.
Gottes Liebe hört nicht auf, wenn die Drohungen kommen. Gott opfert sich für die da
unten. Er sagt denen da oben den Kampf an. Jesus sagt: Das ist mein Leib, mein Leben.
Das gebe ich für euch. Da ist mein Blut, meine Kraft, die setze ich für euch ein. Nichts
mehr steht zwischen Gott und euch kleinen Würstchen, euch Sündern, euch da unten.
Gott schlägt sich auf eure Seite. Ein für alle Male. Atmet auf. Er ist bei euch. Auch wenn
ich gehe, ans Kreuz.
Und wenn wir Abendmahl feiern in Erinnerung an diesen wunderbaren Mann Jesus,
der so mutig und wunderbar unanständig für die Liebe gelebt hat, dann sollen wir
wissen, der Leib Christi hat damit eine neue Form angenommen. Er ist nicht groß und
fett, denn wir sind nur wenige, die sich engagieren gegen Armut, Hunger und
Diktaturen. Aber dieser neue Leib Christi hat viele Glieder, die einander beistehen und
mutmachen. Das ganze Afrikafest ist so ein Beispiel, wie aus allen Ecken und Enden
kleine und große Hilfen kommen, um die Medizinische Station in Mandu Tawahun zu
errichten. So wächst Gottes Welt, in vielen kleinen und winzigen Schritten der Kleinen
und Kleinsten. Wächst heran zu einem großen mächtigen Leib, der Segen wirkt in der
Welt. Zu diesem Leib gehören nicht nur die klugen und gebildeten, die alten und
betagten Glieder, sondern auch die noch ganz ungeknickten und unbefangenen Glieder.
Zur Gemeinschaft des Leibes Christi gehören nicht nur unter ferner liefen, sondern
ganz besonders auch die Kinder hinzu. Wir werden unseren Kindern das Leben
verdanken. Darum nehmen wir sie mit Freude hinein in den Gottesdienst, in das große
Gastmahl, in die Erinnerung an Jesus, den Kinderfreund und Sünderfreund. Wir sagen:
Jedes Kind darf kommen zum Tisch Gottes. Und es wird uns guttun, wenn Kinder nicht
daherkommen mit Problemen der Transsubstantiationslehre und Fragen des Wie der
Präsenz Christi in den Elementen, sondern einf ch und treffend von der eßbaren
Freundlichkeit Gottes sagen: Es hat gut geschmeckt und jeder hat was abbekommen.
Amen.


Predigt über Joh. 8,30-32     Friedenskirche:.11.10.87

Die Wahrheit wird euch freimachen.
Eingangspsalm 23 (Mein Liederbuch S. 15)
GM B12 Heillose Welt -
Kyrie /C12
Fürchte dich nicht - Ehre sei Gott
Kollektengebet ML S. 15
Christi Hände
Epistel Römer 8,22 - 39
Credo: Vertrauen (Mein Liederbuch S. 25 oben)
B77
Predigt
Einsam bist du klein - Kanon
Meditation
B 83
Taufe
Vertrauen und Segen (ML 28 mitte)
Unser Vater
Schützen  (ML 26 mitte)
B 127

Liebe Schwestern und Brüder!
Lütge lügt - ein schönes Wortspiel. Oft gehört, noch wieder letzten Mittwoch im
letzten Pfarrerkreis. Lütge ist faul - solche Worte machen frei. Ärger macht sich damit
Luft, der anders nicht heraus kann, der nicht direkt formuliert werden kann. Der erste
Versuch, direkt miteinander zu sprechen, ohne Publikum, unter vier Augen, an einem
Tisch, ohne Telefon, kam vorgestern, zu spät. Über die Grenzen einer persönlichen
Abneigung zweier Kollegen, die am Anfang die halbe Nacht miteinander telefonierten
und sich gut verstanden, über die Grenzen aller persönlichen Kränkungen und
hundepisserischer Rivalität zwischen uns beiden hinweg konnten wir verstehen, daß es
nicht reine Bosheit ist, die uns gegeneinander trieb, nicht Sadismus und brutaler
Machtkampf allein, sondern Befangenheit, Unfähigkeit, richtig hinzuschauen und
wahrzunehmen, Blockierungen im Erkennen. Wir beiden haben nach wie vor die
gleichen politischen Optionen und das verbindet uns trotz aller Spannung, auch wenn
wir beide froh sind, einander nicht mehr zu begegnen: Unser Herz schlägt für die
Vernichtung aller Waffen auf der Welt, für Sättigung aller Hungrigen auf der ganzen
Welt und für einen sanften Umgang mit der Natur, die unsere Mutter ist und uns nährt
und trägt und immer noch erträgt. Unsere Arbeit war immer besonders offen für die
türkischen Mitbürger und Hausgenossen in unserer Gemeinde, für alle, die aufgrund
ihrer Nationalität oder Fähigkeiten benachteiligt werden. Wir haben gemeinsam
geworben für die atomwaffenfreie Zone, wir haben gearbeitet für Hilfsprojekte in aller
Welt - Cap Anamour, Äthiopien, Siebenbürgen, Mandu Tawahun. Unsere Arbeit war
immer an dem Motto Brot für die Welt orientiert. Damit hat diese unsere Gemeinde
eine Linie bekommen, auf die wir beiden beide stolz sind, trotz aller Feinde, die uns
diese Arbeit auch geschaffen hat. Diese Arbeit wird weitergehen. Dieser Prozeß ist nicht
umkehrbar. Diese Zielrichtung ist das Wirken des Geistes Gottes durch alle Irrtümer
und persönlichen Unvollkommenheiten hindurch. Wir haben das nicht als persönliche
Masche oder private politische Meinung, wie uns einige Leute unterstellt haben in dem
Teil Bergkamens, der Richtung Rußland gelegen ist. Wir folgen in all unseren
Bemühungen mehr schlecht als recht dem Willen Gottes. Gott will Frieden,
Gerechtigkeit und Bewahrung der Schöpfung. Wir haben diese iele sehr massiv und
offensiv, ich vielleicht manchmal auch aggressiv, aber nicht banal, vertreten und ich bin
dabei so manchem auch auf den Schlips getreten, der in der besseren Saunahälfte von
Monopol seine Beziehungen unterhält und herumkunkelt. Ein Amtsbruder, der immer
bedauert hat, daß wir evangelischen Geistlichen keine für militärische Empfänge in der
Glückaufkaserne würdevolle Amtsrobe besitzen, hat Anstoß genommen, als ich mit
Talar und Bibelsprüchen die Bundeswehr besucht habe. Allein das, was jeder
Militärpfarrer jeden Sonntag tut, wurde bei mir schon ganz richtig als herbe Kritik an
der Bundeswehr gesehen, die es sich nicht nehmen läßt, ihre Soldaten in Uniform zum
Traualtar zu schicken. Und so gab es einige Konflikte, bei denen ich noch nicht einmal
richtig losgelegt hatte und schon war für gewisse Leute schon der Ofen aus. Ich habe
richtig dicke Feinde gewonnen in den viereinhalb Jahren hier. Ich bin z.B. sicher, daß die
Entscheidungträger der Stadt für unsere Teestube keine müde Mark locker machen
werden, um mich zu treffen. Nur sie treffen die Jugendlichen, die von der Stadt hier im
Umkreis überhaupt nichts angeboten bekommen.
Ich habe richtig dicke Feinde. Ich habe sie nicht ersehnt, aber sie machen mir auch
nicht viel aus. Das gehört zum Christsein dazu. Ich habe auch einige Freunde, nicht
dicke, aber treue und kritische und unbeirrbare. Deshalb fällt mir der Abschied nicht
schwer. Sie werden mir bleiben. Aber was mir schwerfällt ist so ein ganz sentimentales
Gefühl, zu erleben, wie ich in dieser Gemeinde mit Skepsis und Vorbehalten
aufgenommen wurde und wie sich nach vier Jahren daran sehr viel geändert hat. Liebe
Gemeinde, ihr habt mich trotz meiner langen Haare, trotz meiner Lederhose und
ordinären Sprüche ertragen und habt hinter die Kulisse geguckt und habt mich so
genommen wie ich bin: kein Heiliger, sondern ein Sünder, ungeschickt, unfertig, unreif.
Und ihr habt mir trotzdem zugehört und euch auf das Wort Gottes in der Form, wie ich
es euch gesagt habe, eingelassen. Was hier passiert ist: Am Anfang waren die
Gottesdienste für mich kühl und steif. Jetzt bin ich hier zuhause. Wir sind
zusammengewachsen. Ihr habt mich aufgenommen. Das ist das, was ich unter
Gemeinschaft der Heiligen verstehe: Eine Kirchengemeinde, die selbst so einen
Hippietyp wie mich aufnimmt. Das ist schon richtig Liebe. Ich habe mich darüber sehr
gefreut. Nicht daß ich meine Art zu leben für die einzig richtige halte. Aber ihr habt
nicht versucht, mich umzukrempeln, ihr habt mir meine Art zu leben gelassen und ich
hoffe, ich habe euch eure Art zu leben auch gelassen. Wir haben ganz gut gelernt,
miteinander auszukommen. Ich weiß, ich hätte mich noch mehr um euch kümmern
müssen, war zuviel mit Jugendarbeit zugange. Aber glaubt mir, faul war ich nicht. Und
dieses Zusammenwachsen zu einer lebendigen Gemeinschaft, das hat mir gutgetan und
mir den Glauben gegeben, daß es das gibt: Kirche als Gemeinde Gottes, als
Liebesgemeinschaft in der Welt. Eigentlich ist es fast eine kleine Liebeserklärung, die
ich euch heute mache: Bei allem Streß des Pfarramts, ich war drauf und dran, mich in
diese Gemeinde zu verlieben. Für meine Freunde hatte ich immer weniger Zeit. Und
das ist sehr bedenklich.
Wenn ich jetzt gehe, dann tue ich es mit schwerem Herzen. Ich habe viel von euch
gelernt. Ich hoffe, ihr auch von mir.
Ich gehe, weil ich nicht länger mehr ertragen kann, wie einer, der einmal väterlicher
Freund war, sich zum Rivalen entwickelt hat. Ich will nicht länger diese Rivalität. Das
sind Sandkastenspiele, aber nichts für eine gute Kirchengemeinde. Liebe Freunde! Ich
will nicht mehr. Ich will nicht mehr der kleine Doofe sein neben dem großen Meister.
Ich bin das nicht. Ich will auch nicht der beliebtere Jüngere neben dem in die Ecke
gedrängten Älteren sein. Ich will überhaupt nicht mehr ständig gemessen oder
verglichen werden mit meinem Kollegen. Ich will als ein ganz normaler Mensch unter
anderen leben. Ich will nicht mehr groß sein. Ich will so mittelmäßig sein dürfen, wie
mich Gott geschaffen hat. Ich brauche jetzt Ruhe. Zeit zum Nachdenken über mich,
über das, was ich wirklich will, was ich kann, womit ich anderen dienen kann. Ich bin den
Streß des Pfarramts leid, jeden Tag zwischen 10 und 15 Stunden herumrödeln und unter
seelischer Spannung und das bei meiner Trotteligkeit. Ich muß zu mir selbst kommen, zu
innerer Klarheit. Darum will ich mich in den kommenden Jahren intensiv um
Psychoanalyse kümmern. So wie jetzt geht es nicht mehr weiter. Die Arbeit frißt mich
auf. Ich will erst wieder ins Pfarramt, wenn ich den inneren Ruhepol gefunden habe,
ganz und gar aus der Kraft Gottes zu leben. Ich brauche Zeit, um aus der Verzettelung
der auf den Pastor konzentrierten Gemeindewünsche herauszukommen. Jesus ist gerne
auf einen einsamen Berg gegangen und hat da gebetet. Ich will das zusammen mit dem
Analytiker versuchen: Zu Gottes Kraft in mir vorzudringen. Zu meinen Energien. Der
Weg dazu ist lang. Ich werde viel nachdenken und nacherleben über all die Blockaden in
meiner Wahrnehmung. Ich werde den Balken in meinen Augen sehr genau angucken
lernen. Die Wahrheit wird euch freimachen. Ich freue mich darauf.
Wir hatten viele Konflikte. Manche Leute hatten Angst, mir ihre Meinung persönlich
zu sagen. So traten immer liebe Kollegen als Fürsprecher meiner ängstlichen Kritiker
auf und gaben die gehörte Kritik weiter, selbstverständlich nicht als eigene Kritik,
sondern nur referierend. Es ging immer alles um drei Ecken. Besonders gut hintenrum.
Und hintenrum und hinterrücks kamen dann viele Dinge mit hinein, die schief waren.
Das hat mir nie gefallen, auch nicht, wenn ich über andere getratscht habe. Es ist ein
schlechtes Luftablassen. Es disqualifiziert den Tratscher selbst fast noch mehr als den
Betratschten. Ich will das nicht mehr. Die Wahrheit wird euch freimachen. Ich will
sagen, was ich denke. Ich will sagen, was ich glaube, und ich will sagen, was ich fühle. Ich
muß raus aus dem Hintenrum. Ich versuche das jetzt in dieser Predigt. Ich versuche das
durch die Abberufung von hier und durch die Psychoanalyse-Ausbildung. Ich leiste mir
den Luxus, auf meine Magenschleimhautentzündung, meine Rückenschmerzen und die
Grippalinfekte zu hören: Mein Körper sagt mir: Da stimmt was nicht. Ich habe nahezu
vier Jahre meine Körper überhört. Er ist immer kränklicher geworden. Die Wahrheit
wird euch freimachen. Und die Wahrheit meines Leibes ist: Raus, weg von dem
kränkenden Dauerkonflikt, weg von dem kränkenden "Lütge lügt", "Lütge ist faul",
"Lütge macht Mätzchen".
Wir haben an diesem Wochenende das erste Mal in unserer Kirche einen
Meditations-Workshop. Da lernen wir, auf unseren Körper zu hören. Wir lernen in all
den Entspannungsübungen, wie empfindlich und verletzlich unsere Seele, unser Leib als
Ausdruck unserer Seele ist. Der Weg ist nicht, die Schmerzen zu ignorieren, die Zeichen
der Krise blind zu übersehen. Wer sein Fleisch kreuzigt, wird auch über andere Leichen
gehen. Der Weg ist, auf die Stimme des Körpers zu hören und mit den inneren Kräften in
Kontakt zu kommen. Die Spannungen und Gefühle unseres Körpers sind untrügerische
Zeichen. Der Leib lügt nicht. Der Körper sagt die Wahrheit. Er erinnert uns an Gefühle,
die wir längst verdrängt haben und die gleichwohl in uns warten, warten auf ihre
Wiederentdeckung, ihre Auferstehung im Fleisch. Ich möchte lernen, auf die Wahrheit
meines Körpers zu achten und zu hören. Die Wahrheit wird euch freimachen. Die
Wahrheit Jesu Christi ist nicht gegen den Körper. Das Wort ward Fleisch und wohnte
unter uns und wir sahen seine Herrlichkeit. Die Herrlichkeit Gottes gibt es auf unserer
Welt eben nun einmal nur in Fleisch und Blut verpackt, und das will satt werden, warm
bleiben und Ruhe finden. Ganz einfach, wie es meine Katze Mia von ihrer Geburt an
gleich richtig gemacht hat. Amen.