Dr. phil. Dr. theol. Michael Lütge, Pfarrer, Gestalttherapeut, Religionsphilosoph, Religionswissenschaftler

Therapie nur für Verrückte? Oder auch: Das ganze Leben ist Heilungsgeschehen

Was ist Gestalttherapie? Wozu brauchen wir überhaupt Therapie? Oder ist das nur was für
die Doofen aus der Klapse? Ich kenne keinen, der nicht irgendeine Macke hat. Bei manchen
ist sie einfach nur gut getarnt und er oder sie kann damit ganz gut leben. Die Menschen,
die sehr ehrlich sein können, werden bei sich fündig. Wir haben gelernt, uns zu tarnen.
Deckung aufbauen. Eine der wichtigsten ist Ordnung und Sauberkeit. Alles, was zu tie-
risch oder menschlich richt, wird weggescheuert mit Meister Propper, jedes Unkraut muß
sofort dran glauben. Mit der äußeren Ordnung machen wir uns auch innerlich etwas ordent-
licher, reißen unsere Unkraut-Gefühle und -Gedanken aus und schieben sie weit von uns.
Haß, Wut, Neid, Todeswünsche sind uns suspekt und wir wollen sie nicht haben. Sie sind
böse. Also müssen wir uns von unserer Wut und unserem Haß trennen. Der wird wegge-
putzt. Und so lernen wir, unsere Gefühle überhaupt wegzuputzen, weil man nicht nur die
schlechten Gefühle wegputzen kann, es gehen auch die guten Gefühle flöten. Und wir wer-
den innerlich immer starrer und maschineller, immer mehr logisch-funktionell und besten-
falls vergeistigt. Wir spalten unsere Gefühle ab versuchen so, gute Menschen zu sein.
Aber wir sind keine guten Menschen. Das gibt es nicht. Es gibt nur Sünder. Wir sind alle
immer in Schuld und schlimme Situationen verstrickt, in Streß, Feindschaften, Kleinkriege
zwischen Nachbarn oder Verwandten oder Ehepartnern oder Geschwistern. Die reale Le-
benssituation macht oft wütend, gehässig, zynisch, böse. Oft widerfährt uns Unrecht.
Dann sind wir gekränkt, verletzt. Und aus solchen Verletzungen der Seele kann jeder von
uns richtig krank werden. Es ist eine Frage des Milieus, in dem wir leben und aufwachsen.
Ob wir verhärten oder sensibel werden für die Welt und die Empfindungen anderer. Ob wir
unsere Gefühle abspalten und tief verstecken und verdrängen müssen oder sie spüren und
mit ihrer Hilfe die Gefühle anderer verstehen.
Manche brechen unter dem Druck innerlich zusammen und bekommen auffällige Sympto-
me, deren Vielzahl schier unerschöpflich und auch modebedingt ist, bestimmte seelische
Krankheitsbilder entstanden in einer ganz bestimmten bigotten oder verklemmten Zeit, et-
wa die Hysterie im Wien der Jahrhundertwende bei Geheimratsgattinnen, aber nicht bei
Wäscherinnen oder anderen einfachen Frauen. Solange Frauen ihre sexuellen Wünsche
nicht leben und spüren dürfen, weil der Mann Geheimrat ist und einen Besen verschluckt
hat, der ihn an allen Gliedern hart macht, nur an einem nicht, bahnt sich das sexuelle Be-
gehren seine geheime Sprache und seinen Schrei in die Hysterie, in geradezu orgastische
Gefühlsausbrüche des Zorns bis zur Ohnmacht. Heute haben wir als Modekrankheit miß-
brauchter Kinder Eßstörungen, Magersüchtige versuchen sich buchstäblich zu einem uner-
kennbaren Strich in der Landschaft zu machen, den niemand mehr als Frau mit Busen se-
hen und vergewaltigen kann, Bulimie-Mädchen stopfen sich mit Nudeln voll, um sich zu
spüren, bei manchen haben sich die Stimmen der Tanten, Onkels, Eltern und Lehrer oder
Mitschüler mit ihren gehässigen Sprüchen so verinnerlicht, daß sie auch noch ihr Echo
nachklingen lassen, wenn die bösen Mitmenschen längst weg sind. Schizophrene haben
solche Stimmen oft in sich und können sich gegen dieses quasi automatische Echo der Stim-
men böser Mitmenschen, gegen das Echo der früheren Verletzungen, überhaupt nicht weh-
ren, sie können das nicht abstellen und oft ist es so schrecklich für sie, daß sie lieber ster-
ben wollen, als das jeden Tag aufs neue zu erleben. Viele Selbstmorde sind die Flucht vor
einer unglaublichen innerlichen Qual und Hölle. Und manchmal kann ein Therapeut dage-
gen so wenig tun, daß er insgeheim diese Flucht in den Tod gut versteht. Was ich gerade
beschrieben habe, nennen wir Psychose, wozu auch Verfolgungswahn gehört, während etwa
ein Waschzwang, Angst vor Schlangen, Spinnen, Pferden oder dem Gehen über einen lee-
ren Platz oder Erröten bei jeder Frage, die man gestellt bekommt, zu den neurotischen Er-
krankungen gehört und mit Verhaltenstherapie quasi auch wegtrainiert werden kann in der
Art, wie man auch Hunde dressiert. Man macht etwa Reizkonfrontation, geht immer näher
an die Spinne ran und erlebt jedes Mal aufs neue, sie hat mich nicht gebissen. Dann geht
irgendwann die Angst langsam weg. Das ist Training. Auch Kopfschmerzen kann man mit
Entspannungstraining wegtrainieren. Ein bißchen ist jede Therapie Training von neuen
Verhaltensmöglichkeiten, mit denen man leichter leben kann. Auch Depressionen kann
man mit einem regelrechten Trainingsprogramm angehen, wo man die schlechte Meinung,
die der Depressive von sich selbst hat, systematisch wiederlegt durch kleinste Schritte auf
dem Weg zur Aktivität, Produktivität und eine neue zarte Freundschaft knüpfen zu sich
selbst. Aber selbst dort muß man an die Herde der Verletzung heran, muß noch einmal
durchleben, was damals war, als die Verletzung zu der Geschichte der seelischen Krankheit
geführt hat. Das ist der Weg Sigmund Freuds und der vielen Richtungen, die von ihm be-
einflußt sind.
In der Therapie geht es um die Rückkehr zu den verdrängten Gefühlen. Der Weg führt über
die Situation früher, die so schlimm war, daß wir keine andere Wahl hatten als unser
Gefühl einzuschließen in einen Seelenbunker, aus dem sie nie mehr wiederkehren sollen.
Aber in diesem Bunker der Verdrängung, im Unbewußten, schreien die Verletzungen und
die verletzten Wünsche auf ihre Weise und wollen ans Tageslicht zurück, wollen Heilung
und Erfüllung.
Die Arbeit des Therapeuten ist es, dem Patienten die Erlaubnis zu geben, zu fühlen, was er
fühlt, zu denken, was er denkt. Besonders seine schlechten Gefühle, weil die am meisten
unter den Teppich gekehrt sind. Der Weg zu den guten Gefühlen führt durch die bösen
Gefühle hindurch, der Weg in den Himmel durch die Hölle. Das ist buchstäblich so in der
Therapie. Es tut oft wochenlang weher als je zuvor, wenn man mit einem alten Problem
neu konfrontiert wird und den ganzen alten Schmerz noch einmal erlebt, die ganze alte
Verzweiflung, die ganze Wut wieder spürt, den ganzen Haß. Wenn man sich schämt, daß
man so ein wütiger und böser Mensch ist. Wer will das schon gerne sein? Und ausgerechnet
bei mir selbst, der ich mich jahrzehntelang für einen Halbheiligen gehalten habe, spüre
ich dann diese Wut und diesen rasenden Haß.
Ein Grundsatz dabei ist die Weisheit des Organismus. Jedes Tier und jeder Mensch sind ein
komplexes Wesen aus Körper und Geist und Seele, auch die Tiere. Wir alle sind ein Leib,
ein Körper-Seele-Geist-Wechselspiel. Und die verdrängten Gefühle der Seele haben immer
noch den Körper als Sprachrohr. Ohne daß der Geist das mitkriegt, handelt unser Körper
während unseres Redens. Und oft sagt er in seinen Gesten und Minenspiel etwas ganz ande-
res als unser Mund. Die Faust oder der zitternde Fuß, die Halsmuskeln mit ihrer Wutspan-
nung verraten mehr als alle schönen Worte. Darauf lernt ein Gestalttherapeut zu achten
und behandelt diese Sprache des Körpers wie in einem Stummfilm als eine eigene Erzäh-
lung. Dann kann er dem Patienten sagen: Spürst du deine Faust, spürst du die Spannung in
deinem Hals, während du hier so ganz gefaßt erzählst, daß deine Mutter dir damals eine
Wäscheleine umgebunden hat und alle anderen Kinder lachten am Gartenzaun? Du sagst
das alles so locker und nett, als wäre es eine witzige Situation gewesen. Aber was sagt dei-
ne Faust dazu? Spann sie ruhig weiter an und guck, was sie macht und was sie will und
wenn sie schlagen will, hier ist ein Kissen, da kannst du sie draufhauen. Und versuch mal,
sie sprechen zu lassen wie eine Kasperlepuppe. Was sagt deine Faust zu deiner Mutter? War
das nur witzig mit der Wäscheleine? Und wenn dann der Patient wirklich sich traut, auf ein
Kissen oder auf den Sessel oder irgendwas weiches zu schlagen, dann findet er Worte und
kann brüllen und schreien: Mutter, nie wieder wirst du mich fesseln und vor meinen Freun-
den so bloßstellen, nie wieder, hörst du? Ich will es nicht und ich lasse es nicht mehr zu.
Das kann dann schon mal laut werden im Therapiezimmer. Oder jemand weint die Tränen
um die verlorene Schwester, die er damals nie weinen konnte und der ganze festgefressene
Schmerz löst sich wie Rost unter dem guten Caramba. Und die Sache kommt wieder in Be-
wegung und nach einem Liter Tränen über Monate hinweg kommt dann irgendwann eine
ganz neue Art zu Lachen ins Leben, man sieht die Blumen bunter als vorher, riecht die
Düfte intensiver, spürt die Gefühle von Leichtigkeit, Lust, Lustigkeit, die Lebendigkeit,
die man damals hatte, als das Schwesterchen ertrunken ist und die man mit dem Schwester-
chen mitsterben ließ, weil man irgendwie sich schuldig gefühlt hat an ihrem Tod, und da
muß man in der Therapie dann auch genau klären, war man wirklich mit schuldig oder
nicht, um Realismus in diese Trauer hineinzubringen. Vieles ist also nachgeholte Trauer-
arbeit um den Verlust geliebter Menschen, die plötzliche Einsamkeit. Und immer ist der
Weg in den Schmerz zurück auch der Weg zu den schönen Gefühlen, die man vor der Ver-
letzung oder dem Unglück hatte. Und quasi am Abgrund wird dann im vollen Schmerz ein
neuer Weg gesucht, der jetzt nicht mehr in die verzweifelte Krankheit hineinführt, sondern
eine neue Problemlösung ist. Es gibt nie nur den einen Weg, der einen krank gemacht hat.
Es gibt noch andere. Man kann sie finden, allein oder gemeinsam. Und dann kann man die-
sen neuen Weg einüben und muß das ganz langsam und allmählich erst lernen. Anfangs ist
man immer ungeschickt und macht vieles falsch. Aber das gibt sich und dann irgendwann
hat man die innere Wäscheleine wirklich abgelegt und kann ohne Fessel und vor allem ohne
den ständigen Kampf gegen diese Wäscheleine durch die Welt gehen. Und dann sieht man
allmählich, daß man sich 45 % aller Wäscheleinen selbst gemacht hat, weil man das Spiel
gehorsam mitgespielt hat. Man hätte es auch nicht mitspielen können und wäre trotzdem
den anderen willkommen und lieb. So einfach kann das sein. Therapie ist also Befreiung
von inneren Zwängen, die nicht mehr nötig und angemessen an die Realität sind. In Schü-
ren ist sonntags rasenmähen ein Tabu. Da, wo ich vorher gewohnt habe, hat niemals je-
mand auf Sonntag oder Mittagsruhe geachtet. Das gab es da einfach nicht. So unterschied-
lich können die äußeren Bedingungen sein. Darauf muß ein Therapeut achten. Er sollte
nicht eine Freiheit einüben, die seinen Patienten dann ständig in Konflikte mit seiner
Umwelt bringt. Aber er wird mit ihm zusammen einen guten Kompromiß zwischen seinen
neuentdeckten Lüsten und Wünschen und den Tabus und der Moral seiner Firma und seines
Lebensfeldes suchen. Das Ziel ist: befreiter und leichter leben durch tieferen Kontakt mit
seinen eigenen Wünschen und Gefühlen. Der große Irrtum ist, daß das egoistisch macht.
Falsch. Wer sich selbst intensiv spürt und seine eigene Lust empfindet, kann sich auch
besser in andere Menschen und Tiere hineinfühlen und ihre Lust und Wunschrichtung
erspüren. Und so ist er nicht egoistischer, sondern sozialer geworden durch Therapie. Er
macht nicht mehr alles so mit wie früher und läßt nicht mehr alles mit sich machen. Er hat
gelernt, Grenzen zu setzen und nein zu sagen, wo es für ihn schmerzlich würde. Er läßt
sich nicht mehr so leicht vereinnahmen und benutzen. Man muß ihn fragen, ob er will,
anstatt ihn geschickt manipulieren zu können. Er ist störrischer geworden. Unbequemer.
Weniger pflegeleicht. Aber er ist aufrichtig zu sich und anderen und klar und einfach. Und
das macht ihn dann wesentlich umgänglicher als wenn er nur lieb ist und sich dafür alle
paar Minuten die Hände waschen muß oder tagelange Depressionen hat oder trinkt oder
sonst eine Klatsche ohne Beifall.