Dr. phil. Dr. theol. Michael Lütge, Pfarrer, Gestalttherapeut, Religionsphilosoph, Religionswissenschaftler
fußnotenloser Auszug aus:
"Wachstum der Gestalttherapie und Jesu Saat im Acker der Welt. Psychotherapie als Selbsthilfe"
Lang-Verlag Frankfurt, 1997 824 Seiten ISBN 3-631-32666-1

Standorte:

  • Kassel Geisteswissenschaften und Psychologie, Diagonale 10: 25 Psy LV 0637
  • Kassel Landesbibl. u. Murhardsche Bibl., Brüder-Grimm-Platz 4a:  35 1997 A 1859
  • Frankfurt Stadt- und Universitätsbibliothek, Bockenheimer Landstr. 134: 86.319.04
  • Frankfurt Deutsche Bibliothek
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  • München UB 8 97 - 10876
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  • Bochum UB 2/4 OBA 8844
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  • Tübingen UB 38 A 11518
  • Reutlingen Hochschulbibliothek PS 12-500-210
  • Dortmund Mediothek der Vereinigten Kirchenkreise
  • Dortmund UB Be 7919
  • Dortmund Stadt- & Landesbibliothek  99 109 049
  • Dortmund Stadt- & Landesbibliothek  NGK Luet
  • Münster U&LB 3F 29418
  • Stuttgart LB 48/13509
  • Saarbrücken Saarländische U&LB
  • Zürich Zentralbibliothek GGN 68708
  • Universität Koblenz-Landau, Im Fort 7: Lan 1
  • Deutsche Bibliothek Leipzig 1997 A 5606
  • Schweizerische Landesbibliothek Bern N 230281
  • Staatsbibliothek Berlin Potsdamer Straße:  1 A 505 499

  • New York Library of Congress RC489.G4.L87 1997
     
    Seite 317-320

    1.2.6 Morenos Psychodrama und der leere Stuhl

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    Jakob Levy Moreno arbeitete in Wien von 1911-1925 mit milieugeschädigten Kindern. Dabei entwickelte er die Technik des Stegreiftheaters.(138) Sein psychodramatisches Rollenmodell wurde Vorbild für Perls' leeren Stuhl und Monodrama.(139) Nach seiner Auswanderung nach Amerika versuchte Moreno ab 1928 in New York, Shakespeares Satz, die ganze Welt sei eine Bühne, bei deliquenten Mädchen in therapeutischen Wohngemeinschaften an der Hudson School fruchtbar zu machen. Eine Theaterrolle ist vorgegebene Identität, die ein Schauspieler sich aneignet und dann immer mehr verkörpert.(140) Die Stegreifrolle des Spielmächtigen dagegen ist ein Teil von ihm, seinem Stegreifkörper.(141) Die Stegreifrolle, zu der ich gravitiere, spielt mein Unbewußtes hoch.(142)

    Jeder inszeniert äußere Rollenvorgaben mit eigenen Mitteln. Rolle ist für Moreno keine Maske, sondern ein Stück vom Spielenden, Teil seiner Persönlichkeit.(143) Moreno begreift das Selbst als Summe seiner Rollen und lehnt Ehrenfels' Übersummativität ab.(144) Rolle ist nicht nur Darendorfs »Gesamtheit der Verhaltenszuschreibungen, bzw. -erwartungen, die an eine bestimmte Position (Status) gerichtet ist«, sondern deren sozial vermittelte aktive Verkörperung im Subjekt.(145) Meads »generalized other« als szenisch-symbolische Verdichtung der illokutionären und der vokalen Gesten einer Kultur zeigt, wie tiefgreifend unsere Verhaltensmuster sozial präformiert sind.(146) Moreno betont dagegen das Drängen des Einzelnen nach Verkörperung möglichst vieler Rollen (act hunger) in einer Fusion privater und kollektiver Momente.(147) Jede Rolle ist immer schon dialogisch auf eine andere Rolle komplementär bezogen.(148) Als Szene aktualisiert sich ein setting komplementärer Rollen immer im locus nascendi, im Hier und Jetzt einer ganz bestimmten Situation.(149) Moreno sieht ab 1936 Rolle nicht nur als kreativen Ausdruck der Person, sondern auch als Gruppenstatus des Spielers in der Dynamik seines sozialen Atoms, als interpersonale Relation. Faktoren einer Rolle sind Verkörperung, Handlungshunger, Rolleninventar, Rollenentwicklung, Rollensegmente, Rollendruck, Rollenkonflikte, Rollenwert, Rollenfixierung und Situationsdruck.(150) Aus dem kulturellen Atom, in welchem sich Rollen generieren, erfahren sie ihre Vorgaben, so spontan sie auch empfunden sein mögen.(151)

    Warm-up, Anlaufnehmen in die Stegreiflage ist ursprünglich hautnahe Annäherung von Kind und Mutter, wo sich aus wechselseitigen Reaktionen zur Befriedigung eigener Bedürfnisse minutiöse intersubjektive Verhaltenssequenzen etablieren, die Befriedigung verheißen. Aus der Einheit des Kindes mit der Mutter vollzieht sich stufenweise eine psychosomatische Rollenentwicklung im Erfassen des Getrenntseins von Muttern, Beobachtung ihres 'fremden' Verhaltens, und Mimesis ihres Verhaltens.(152) Jedes Verhalten ist Physiodrama in psychosomatischen Rollen, co-being, co-action, co-experience.(153)

    Diagramm aus Moreno, Theory of spontaneity and creativity, Sociometry 4/1955,103f [in: Petzold/Orth (Hg), Die neuen Kreativitätstherapien. Handbuch der Kunsttherapie, Paderborn (Junfermann) 1990,188]

    S = Spontanität. C = Kreativität. CC = Kulturelle Konserven (zB Buch, Film, Computer). W = Spontanitäts-Kreativitäts-Warmung-up-Akt

    Operation I: Spontanität stimuliert Kreativität: S -> C

    Operation II: Kreativität ist bezüglich Spontanität rezeptiv: S <- C

    Operation III: Produktion von Cultural Conserves: S -> C ->> CC

    Operation IV: Tiefgefrorene, akkumulierte Kulturkonserven aktualisieren /revitalisieren sich über Katalysator Spontanität: CC ->>> S ->>> CC

    S operiert nicht im Vakuum, sondern oszilliert zwischen Kreativität und Kulturkonserven.

    Auf den psychosomatischen bauen die psychodramatischen als phantasmatische Imaginationen (Gott, Geister, Monster)(154) und die sozialen Rollen als mit Sprache zugleich erworbene auf. Aus der Multiplizität der leiblichen, phantasmatischen und sozialen Rollen konfiguriert sich in einem lebenslangen Entwicklungsprozeß das Selbst. Je reicher sein Rollenrepertoire, um so reicher ist es.(155) Rollenmuster als leibhaft-motorisch eingeschriebene kulturelle Konserven bilden das Verhaltensrepertoire.(156) Ich kann Rollen zurückweisen in reflexiver Rollendistanz. Die mir oft aufoktroyierten Rollen sind Über-Ich-Introjekte, kaum harmonisierbar zu einem kohärenten Ich.(157)

    Morenos Ziel, Freiheit per Rollenflexibilität durch die Soziodrama-Technik zu vermitteln, birgt die Gefahr einer sozialtechnologischen Verdinglichung des Patienten. Die Rolle transportiert die strukturelle Gewalt der Klassengesellschaft in allen Verästelungen der Hierarchiepyramide, nicht anders als Gesetze, die die Rollengestalten und ihren Handlungsspielraum regeln.(158) Moreno verkennt, daß Rolle die aktionale Verkörperung kategorialer gesellschaftlicher Muster als Perichorese von entfremdetem Individuum und entfremdeter Gesellschaft ist, in deren falschem Leben es kein richtiges gibt.(159) Die Kategorie der aktionalen Rolle als zustimmende Verkörperung der kulturellen Vorgabe täuscht über die Macht hinweg, mit der sich in bestimmten sozialen Schichten bestimmte Rollen stereotyp reproduzieren als universale Beschädigungen der Individuen. Eine Kritik der Rollenvorgaben, der kulturellen Konserven, ihrer immanenten Normen und Werte und ihre Sozialverträglichkeit und Individualverträglichkeit bleibt in Morenos Konzept des integrativen Rollenselbst ausgeblendet. Es geht prinzipiell von einem Einvernehmen zwischen Individuum und sozialer Mitwelt aus. Wenn das Ziel von therapeutischer Intervention aber mehr ist als Harmonie beschädigter Individuen mit einem beschädigten und beschädigenden sozialen Kontext, fehlt dem Rollenkonzept jede Möglichkeit, Zwangscharakter und Machtgefälle in den eingebürgerten Rollen zu begreifen und zu transformieren. Die Idee eines flexiblen Rollenrepertoires ist blind gegen Arbeitsverhältnisse, in denen die Menschen nur eine einzige Rolle spielen dürfen, um nicht ihr Brot zu verlieren.

    Vom Stegreif ist allerdings Perls besonders beeinflußt: »Stegreif läßt das Unbewußte unverletzt (durch das Bewußtsein) frei steigen. Diese Lösung tritt nicht durch fremden Eingriff ein, sondern autonom. ... Das Stegreifspiel korrigiert unglückliches Schicksal. Es kann im Schein die Erfüllung eines gewünschten Zustandes gewähren. Vorwegnahme des idealen Lebenszieles: die kleine Harmonie.«(160) Heuristisch dient leerer Stuhl und imaginierter Dialog mit einem 'Abwesenden' in der Therapie der Exploration der Beschädigungen und ihren Szenen, aber es ist eben zugleich die Möglichkeit, die gestörten Wünsche ungestört zu Ende zu spielen. Die Verhaltenstherapie, zu der das Perlssche Neukonditionieren große Affinität hat, baut ebenso auf das Einüben neuen Verhaltens, welches weniger Leiden erfordert. Einsicht allein bessert noch nichts, die Veränderung der Welt beginnt aber im Spiel mit neuen Möglichkeiten, Kompetenzen und Performanzen. Das Ideal eines besseren Lebens muß nicht nur erträumt, sondern erspielt werden. Das Neue Sein im Spiel zu erproben, darin besteht die Freiheit des Menschen. Verwirklichung der Träume wird so zum experimentum und theatrum mundi zugleich.