Michael Lütge: Leben mit Traurigkeit

Vortrag am 19. Oktober 99 im Gemeindezentrum Dortmund Aplerbeck
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Überblick

  • 1. Was ist Traurigkeit?
  • 2. Was ist Traurigkeit für mich?
  • 3. Trauerarbeit - Depression - Expression
  • 4. Die gesellschaftliche Entwertung des Menschen und die Menschenwürde
  • 5. Bestandsaufnahme: Die Bank der Richter und die Bank der Feen
  • 6. Traurigkeit und Sehnsucht
  • 7. Therapeutische Gegengifte gegen die Lebenslähmungen der Depression
  • 8. Empowerment ohne Zwang zur Powerfrau
  • 9. Leben mit Traurigkeit für HeimwerkerInnen
  • 1. Was ist Traurigkeit?

    Definition, Beschreibung, Sammlung, Abgrenzung

    2. Was ist Traurigkeit für mich?

    Einzelvorstellungsrunde

    3. Trauerarbeit - Depression - Expression

    Die Traurigkeit als Gefährtin der Liebe

    Der Verlust des Geliebten als Schock und das Zurückweichen vor d(ies)er Realität

    Der Schrei - Die Klage - Der Weg nach innen in die Gefühlswelt

    Die Lähmung und der Kampf gegen den Schmerz

    4. Die gesellschaftliche Entwertung des Menschen und die Menschenwürde

    Nach Lewinsohns Depressionstherapie wird Depression gelernt nach Verlust positiver Verstärkungen durch Liebeslebenspartner, Arbeitskollegen u.v.a.m. Ohne Lob- und Liebreize reduziert man seine attraktiven Aktivitäten und bekommt entsprechend noch weniger Liebesreize. Damit schließt sich der Teufelskreis, die Spirale von Vereinsamung, Rückzug, Selbstentwertung und Entwertung/Meidung durch die Anderen.

    Es fängt schon früh an: Laß es, ich warne dich! Komm in die Gänge, du Trantüte! Sei nicht immer so wild! Hau ab, du nervst! Nicht etwa: Du nervst mich, nein: hier wird eine subjektive Befindlichkeit, vom eigenen Kind genervt zu sein, als ein objektiver Tatbestand umgebogen, das Kind bekommt ein Ettikett verpaßt. Es ist noch zu klein, um zu sagen: diesen Schuh zieh ich mir nicht an. Es glaubt wirklich, daß es nervt, obwohl es in Wirklichkeit ganz phantastische Fragen stellt, die nach Aristoteles der Anfang des Philosophierens sind und so tief gehen, daß die dumme Mutter sie einfach nur nicht beantworten kann, weil ihr das nötige Wissen fehlt.

    In der Schule geht es weiter: Du Flasche triffst doch noch nicht mal den Ball, wenn er direkt vor dir liegt. Sportstunde ist Entwertungsstunde und raubt die schwächeren oft die letzte Lust, sich richtig auszufahren. Dann der Busen: die hat doch nix - oder: Mein Gott, was hat die für fette Schwabbels. Arsch wie ein Sofakissen, zu dicke Beine, Pickel, komm hau ab, du stinkst. Dann das Arsenal der Schimpfwörter, viele erwerben darin artistische Kompetenzen und üben beständig weiter. Es gibt eine unerschöpfliche Kreativität in der Verletzung von Mitschülerin durch Worte: Verpiß dich, du blöde Fotze! Es gibt dort eine große Sensibilität: Was genau wird ihn oder sie wirklich treffen, was geht unter die Haut und was steckt er/sie so einfach weg. Schmähreden vor dem Kampf sollen den Gegner kleinmachen und seine Abwehr schwächen. Das böse Wort war von Alters her wichtiges Kampfmittel neben und mit den blutigen Waffen. Wenn der andere sich erst als Versager fühlt, versagen ihm auch die Kräfte, mit denen er hätte verhindern können, daß ihm der Kopf abgeschlagen wird.

    Im Betrieb dann das Mobbing: weil alle Konkurrenten sind, ist jeder eine potentielle Bedrohung des eigenen Arbeitsplatzes und gehört weg. Der alltägliche Hobby-Sadist achtet peinlich genau darauf, daß seine Stiche gut sitzen, wenn er sich zum Kritiker der anderen macht. Es gibt Leute, die etwas anders sind, kleine besondere Merkmale haben. Die sind die geborenen Sündenböcke, die werden gestichelt, verarscht, gefoppt, geneckt ohne jede Liebe - aber das ist ein Lieblingsspiel in manchen Büros und Montagehallen. Besonders die dominanten Frohnaturen müssen sich ständig lustig machen über andere, weil sie anders keine Lust empfinden können. Sie sitzen immer auf der Richterbank und urteilen die Welt unter ihnen generös mit Humor und Milde ab, eigentlich sind es alles Lutscher, nur sie selbst nicht, sie bringen es voll. Ihnen kommt ihre robuste Natur zugute. Es gibt auch die seelische robuste Natur, das sind Leute, die einfach nicht viel merken, wenn man sie anpiekst. Neben diesen wenigen echten Dumpfbacken gibt es dann noch die vielen, die sich erst mühsam das dicke Fell zugelegt haben, die allmählich immer mehr fühllos geworden sind, die drüberstehen, weil sie ihren sensitiven Leib amputiert haben. Sie haben sich künstlich blind gemacht, um nicht mehr sehen zu müssen, was einst so weh getan hat. Vielleicht haben sie sogar geschafft, sich zur Frohnatur zu mausern oder das pietistische Lächeln hinzukriegen nach dem Motto: Gottes Liebe ist wie die Sonne, sie ist immer und überall da und das werde ich diesen Heidenschweinen jetzt mal zeigen mit meiner blitzblanken Jesus-Liebt-Dich-Strahlemann-Zahnprothese. Auch hier für den Normalverbraucher höchste Vorsicht: nur der lächelnde Chinese ist undurchschaubarer.

    Daneben gibt es die GrüblerInnen, die sich alles immer so zu Herzen nehmen, für die alles immer so schwer ist. Sie haben es nicht geschafft. Sie haben versagt. Sie sind faul, Schlampen, klimpern, kriegen es nicht geregelt. Sie tragen ihre Stempel tief in ihrem Herzen und wissen genau, daß sie kein Glück haben, daß immer alles gegen sie steht. Sie haben oft aufgegeben, lassen den Kopf hängen und kriegen Nackenverspannungen und Migräne, weil ihre verzweifelte Wut über ihr Unvermögen zu unglaublichen Anspannungen der Gesichtsmuskeln führt. Sie sind nicht lebenstauglich. Sie werden nur geduldet. Und mit diesen Ettiketten, diesen Attributen und Stempeln auf der Stirn, werden sie dann allmählich wirklich zur Belastung für ihre Umgebung und landen eines Tages vielleicht in der Nervenklinik, weil sie so nervös waren, so schlaflos, lustlos, tatenlos, ruhelos, so verlassen von allem, was das Leben geil, knackig, sinnenfroh, sinnvoll und würdevoll macht.

    Wenn mir jetzt so wenig von der Bank der guten Mütter, der schönen Feen und der warmherzigen Väter einfällt an Sprüchen und Stimmen der Ermutigung zum Leben, dann ist auch diese Einfallslosigkeit symptomatisch für Depressionsfabrikation. Hier gehören alle Varianten des Lobes dazu: "Prima gemacht!" Ja, klasse. Du malst ja schöne Bilder! Ganz toll! Oder Bekenntnisse: "Ich habe dich sehr lieb!" Ich mag deine Augen. Du kannst so schnell laufen. Du bist ein guter Zuhörer.

    5. Bestandsaufnahme: Die Bank der Richter und die Bank der Feen

    Lebenspanorama: Die Reise durch Kindheit, Jugend bis jetzt. Wer hat mir böse Stimmen eingepflanzt von der Richterbank aus, wer hat mir gutes gesagt? Nicht auf Vollständigkeit achten, sondern die ersten drei, die einem einfallen, aufschreiben. Prüfen, ob das auch wirklich die wichtigsten Richter und Feen waren oder sind. Dann zu jedem dieser Menschen eine Erwiederung mit einem Satz formulieren: Ja, du hast Recht, wenn du mich als schlampig bezeichnet hast, aber ich bin lieber schlampig als so zwanghaft ordentlich, daß ich schon nach dem letzten Bissen meinen Gästen die Teller unter den Gabeln wegziehe. Wer will, kann dann in der Runde später seine 6 Widerworte vorlesen. Zettel und Stifte liegen aus.

    6. Traurigkeit und Sehnsucht

    Gerade klare Menschen wärn ein gutes Ziel, Leute ohne Rückgrat ha'm wir schon zuviel. (Bettina Wegner)

    Mir liegt viel an Aufrichtigkeit und an Kritik, die den anderen nicht klein macht, sondern ihm Atemluft läßt, ihm vielleicht sogar hilft, seinen eigenen Weg zu finden. Genau das will ja Therapie. Genau das will auch der Glaube an den Gott, der seine Sonne aufgehen läßt über gute und böse Menschen, wohl wissend, daß wir niemals nur die bösen Menschen sind, die Sünder, sondern in aller Verdorbenheit und Versautheit unseres Herzens tragen wir Intentionen des göttlichen Liebens, des Wohlgefallens an dem anderen, des Begehrens und der Freude an seinen Fähigkeiten und Kunstfertigkeiten in uns. Wir können loben, wir können das Gute im Anderen sehen, wir können den anderen sehen als Gutes, als einen Schatz, eine Kostbarkeit. Wir können ihn anbeten, ihm die Würde zukommen lassen, die er als Mensch verdient. Das ist das Gute in uns, die Erfahrung des Liebe Gottes in unserer eigenen Liebe. Die Kirche wäre virtuell eine Liebesgemeinschaft, in der die gegenseitige Wertschätzung kultiviert wird und für die Wertschätzung eines jeden Menschen eingetreten wird. Das ist ein Zirkel des Lebendigen: je mehr ich mich selbst geliebt und geschätzt fühle, desto mehr leide ich darunter, wenn andere wie Dreck behandelt werden. Das macht dann nicht nur traurig, sondern echt sauer.

    Das wahnsinnige Raunen der Unvernunft ist oft die Sehnsucht nach mehr. Die Traurigkeit ist womöglich voller Visionen und Tagträume, wo das Leben ganz anders ist als in diesem tristen Einerlei der Belanglosigkeiten. Die Traurigen sind Träumer der besseren Welt, sie sind die ersten, die mit dem Ist-Zustand unzufrieden sind und sich etwas besseres wünschen. In ihrer Traurigkeit erscheinen die Bilder des Glücks, welches erst im Werden ist. Die Geburtswehen des Reiches Gottes und die Traurigkeit der Hinterbliebenen Jesu sind miteinander verwoben. Joh 16,20: Wahrlich, wahrlich, ich sage euch: Ihr werdet weinen und klagen, aber die Welt wird sich freuen; ihr werdet traurig sein, doch eure Traurigkeit soll in Freude verwandelt werden. 22 Und auch ihr habt nun Traurigkeit; aber ich will euch wiedersehen, und euer Herz soll sich freuen, und eure Freude soll niemand von euch nehmen. Traurigkeit ist hier nicht wie in der alttestamentlichen Weisheitsliteratur etwas tunlichst zu vermeidendes Übel, sondern es ist der Ausdruck des Wartens auf den Tröstergeist und die Offenbarung der Herrlichkeit der Kinder Gottes. Der Schmerz gehört in den Wachstumsprozeß Gottes in dieser unheiligen Welt. Traurigkeit kann man dann mit Hegel auch beschreiben als das Zu-sich-selbst-kommen des utopischen Bewußtseins, was er auch als das unglückliche Bewußtsein bezeichnet.

    Unglücklich einmal darüber, daß die Welt noch nicht so ist, wie sie sein könnte. Dies ist eine politische Option für mehr Gerechtigkeit, Frieden und Partnerschaft mit der Natur, den Tieren, Landschaften, Pflanzen und der Mutter Erde, die uns noch immer nährt. Unglücklich aber auch darüber, daß man Gott nicht haben kann wie man einen guten Vater gern hätte: als ständigen Behüter und Beschützer, der einen tröstet und die Tränen abwischt.

    Diese letzte und schlechthinnige unabänderliche Gottverlassenheit der Menschen führt die ganz wachen Naturen in die permanente Trauer um den verlorenen Gott. Gott ist und war fast immer schon fern, nahezu ausgestorben. Er ist fast tot, bedeutungslos und nur noch eine kleine Randgruppe in der heutigen Kulturindustrie verkauft die Ware Gott zu Dumpingpreise und mit missionarischen Methoden, die die Banalität der Colawerbung in den Schatten stellen. Da wird gefreut und Stimmung gemacht wie in der Peter Alexander-Show und das Denken und die Zweifel nachgerade ausgemerzt. Ich habe bei den Leuten, die Gott allzu voll im Munde führen, immer das Gefühl, sie glauben das selbst nicht einmal, was sie da zu sagen müssen meinen. Sie lügen es heraus, weil es prima ankommt und ihnen die Angst vor der Gottverlassenheit nimmt. Sie lügen es in ihre Tasche, weil das weniger weh tut als die fürchterliche Wahrheit, daß Gott fast tot ist, ohnmächtig und schwach und hilflos wie die Liebe, die in der Kirche erkaltet ist so wie überall sonst auch. Wenn ich sage: fast tot, dann habe ich die Hoffnung, daß es überall innerhalb und außerhalb der Kirche Nischen des Lebendigen gibt, in denen sich aufrichtige gegenseitige Wertschätzung und Liebe und Begehren einnistet. Das ist eine Gegenkultur gegen die veranstaltete und verlogene Freude und Lustigkeit, die unser Land durchscheut.

    7. Therapeutische Gegengifte gegen die Lebenslähmungen der Depression

    Wenn Traurigkeit ein Bewußtwerden des unglücklichen Bewußtseins ist, kommt der Literatur eine wichtige Rolle in der Expression zu.(1) Gedichte verdichten in ihrer Formstrenge die Atmosphären der Gefühlswelten, der Anmutungen und des Tastens nach dem noch von Nebeln umschwebten Neuen.

    Depressionstherapien und -selbsthilfegruppen arbeiten mit zwei mächtigen Instrumenten: der Umwertung aller bösartigen Selbstattribute und der Aktivierung des gelähmten Leibes. Ich führe die wesentlichen Therapieformen an und sie sind alle aus dem Stall der Verhaltenstherapien, weil Depression die Lähmung des Verhaltens ist.

    Ich würde dringend abraten von Psychoanalyse für Depressive, weil die Introspektion und das schlaffe Liegen auf der Coach den Weg in die Traurigkeit nur noch vertiefen können und dann muß man die große Hoffnung haben, etwas so massiv durcharbeiten zu können, daß man danach damit fertig ist und zu neuen Kräften kommen kann.

    Training sozialer Kompetenz (TSK) ist indiziert bei Selbstunsicherheit, Depression, Migräne, Sexualstörungen. Nicht die Genese einer Hemmung wird hierbei erforscht, sondern neues Verhalten mit bestem Erfolg für Beziehungsfähigkeit eingeübt.

    Rational-emotive Therapie (RET) nach Albert Ellis will pathogene Bewertungsmuster durch Einüben situationsadäquaterer Wertung ersetzen. Irrationale Ängste, Depressionen, Soziophobien, neurotische Störungen und Schmerzeffekte sollen im sokratischen Dialog per Selbstanalyse (RSA) in vernünftiges Verhalten transformiert werden. Mit erfahrenen Therapeuten und längerer Therapiedauer ist dieses Verfahren sehr effizient, wenn es dazu noch mit Verhaltensübungen verbunden wird.

    Die Kognitive Therapie Becks(2) arbeitet durch systematisch instruierte Übungen problematische Kognitionen heraus, die Wahrnehmung von Realität und Zielen verzerren. Deren logische Fehler werden erklärt, Überverallgemeinerungen, selektive Abstraktion, willkürliches Folgern aufgezeigt. Eine empirische Analyse überprüft die Wahrnehmungen auf Entsprechungen mit der Realität. In der pragmatischen Analyse werden die negativen Folgen gestörter Wahrnehmung fürs eigene Handeln fühlbar gemacht. Schließlich werden gemeinsam neue Bewertungen probeweise eingeführt und ihre Handlungseffizienz herausgearbeitet. Beck arbeitete mit Depressiven, Angstpatienten und Persönlichkeitsstörungen. Die hochwertigen Wirkstudien der vorwiegend Einzeltherapien zeigten regelmäßige Besserung der Depressionen.(3) Depressionen infolge von Lebenskrisen an sich aktiver und gebildeter Patienten waren besser therapierbar als Alte, generell lebensstilhaft Depressive, Schwergestörte und Niedriggebildete, denen besser noch Psychopharmaka (Imipramin) beizufüttern sind.(4) Die Entwicklung spezifischer Depressionstherapien, die das Beste von Beck, Lewinsohn und Klerman kombinieren und integrieren und damit noch effizienter helfen können, ist in vollem Gang und läßt die Gebeugten hoffen.(5)

    Nach Lewinsohns Depressionstherapie wird Depression gelernt nach Verlust positiver Verstärkungen durch die Anderen. Der individuelle Verstärkungsplan der programmatisch antiabstinenten Therapie zielt mit Animationen, Verhaltensverträgen und -übungen auf den Wiederaufbau der attraktiven Aktivitäten, die dem Vereinsamten neue Anerkennung der Anderen bringen.(6) Erst allmählich lassen die Führungsaktivitäten des Therapeuten nach, wenn der Patient seine intrinsische Verstärkung stabilisiert hat, ein gutes Bild von sich, eine würdevolle Selbstattribution entwickelt hat.(7) Die PatientInnen sind zu 75% Mittelschichtsfrauen; bei einer Therapiedauer von 8-16 Stunden trat fast ausnahmslos Besserung der Depression ein.(8) Im Zentrum steht nicht die Lageorientierung eines tristen Befindens, sondern die Handlungsorientierung eines vitalisierenden Arbeitens und Gestaltens: was zu tun tut mir gut? Effektive Depressionstherapie aktiviert immer verändertes Handeln.

    8. Empowerment ohne Zwang zur Powerfrau

    Für die Selbsthilfearbeit ist Empowerment als aktive Durchbrechung des Teufelskreises von Apathie und Isolation unabdingbar. Die eigenen Potentiale, Ressourcen und Gestaltungsmöglichkeiten, oft von schwarzer Pädagogik(9) und funktionalistischen Verwertungszusammenhängen gestutzt, können nicht nur individuell, sondern auch in der Gruppe wiederentdeckt und aufs neue trainiert werden. So werden aus 'belieferungsbedürftigen Mängelwesen'(10) selbstbewußte Aktivisten ihres eigenen Lebens.(11) Die Intention von Perls' Gestalttherapie: Persönlichkeitswachstum und Lebensfreude, ist wesenhaft Aktivierung eigener Potentiale.

    Die an Bürgerinitiativen gewonnene Theorie Chuck Kieffers geht 1984 von 4 Phasen des Empowerment aus:

  • Nach der Krisenphase mit großer Betroffenheit, Unsicherheit und Zweifeln an der Richtigkeit der sozialen Ordnungen kommt es durch Mentoren oder Betroffenengemeinschaften zur
  • Förderungsphase verborgener eigener Stärken. So werden Abhängigkeiten, Ungleichheiten, Machtstrukturen durchschaut.
  • Die Alltagsintegrationsphase setzt die gewonnenen Erkenntnisse praktisch um, etwa durch Protestaktionen und Öffentlichmachen der Problematik.
  • Die Schlußphase überzeugter Verpflichtung führt zum nachhaltigen Engagement in der fraglichen Sache, etwa durch Partei- oder Gewerkschaftsarbeit, Selbsthilfearbeit oder anderes soziales Engagement.(12)
  • 9. Leben mit Traurigkeit für HeimwerkerInnen

    Man muß nicht unbedingt in eine Selbsthilfegruppe, die diesen Namen trägt. Eigentlich ist dies ein Weg aus der Opferrolle heraus und dazu brauchen viele die Unterstützung ähnlich betroffener Opfer. Der Weg in die Selbsthilfegruppe aber ist auch eine Hürde. Will man nicht schon wieder einen neuen Termin, kann man auch seine Umgebung zur Selbsthilfegruppe machen.

    Man wird sich umschauen nach den Freunden und Bekannten, die aufrichtig loben können und nicht hintenrum das Gegenteil meinen. Man wird toxische Menschen behaften auf ihrem Gift. Man wird ihre böse Zunge mit den ständigen Lästersprüchen, ihr Gift- und Gallespucken benennen und fragen, wem genau sie mit ihrer Kritik konstruktiv weiterhelfen und wie sich ihre Meinungsbildung denn über das Giftspucken hinaus konkretisieren soll. Man wird prüfen, ob ihre Kritik zutrifft und ob sie nicht durch die boshaften Unterstellungen jemanden allererst in das hineintreiben, was sie bemängeln. Man wird also im engsten sozialen Netz, im Familienkreis, einen permanenten Kampf gegen ungerechte Entwertungen führen, wobei schnoddrige Ausdrücke Jugendlicher nicht wegen des sexuellen Elements zurückgewiesen werden müssen, sondern wegen der Diffamierungen. Nicht Unterdrückung von Aggression und Konflikten ist das Ziel dieser Arbeit am Familiensprachsschatz, sondern die Anerkennung des Wertes der Menschen, auch derer, die böse fluchen. Man überprüft auch immer wieder die Abwertungen, die man selbst an anderen vornimmt. Es gibt Menschen, die nichts für einen sind. Die geradezu Gift wären. Von denen halte man sich fern. Anders geht es oft nicht. Umerziehen kann man sie meist nicht so schnell wie nötig. Besser wenige gute als viele schlechte Freunde. Soviel zu den bösen Zungen und ihrer Besänftigung durch Leiserstellen der Lautstärke.

    Für die inneren Stimmen gilt natürlich genau das gleiche: Viele Richterstimmen sitzen zu tief, um sie ausrotten zu können, sie sind äußerst hartnäckig und geduldig und melden sich immer wieder, wenn man es schon gar nicht mehr erwartet. Zwecklos, sie wegzuschneiden. Aber man kann ihnen auf eine unverbissene, milde, souveräne Art immer mehr von den Feensprüchen, von den Loben und dem Wohlgefallen des Lebens entgegensetzen. Man muß sich selbst nicht gleich in den Himmel loben. Ein kleines Lob, realistisch und treffend, ist wesentlich besser. Viele kleine Lobe sind sogar noch besser. Niemals nur so loben. Niemals lügen. Immer nur das loben, was man wirklich schön, gelungen, einen Fortschritt findet.

    Und hinsehen. Hinsehen. Genau gucken. Brille holen. Nochmal gucken. Miterleben, wie einem die vorgefertigten Bilder und Schablonen im Kopf, die Konzepte und Wertetabellen, die Diagnoseglossare und Schimpfwörterlisten eine ganze Menge Striche durchs Bild der Augen machen, die tatsächlich wahrnehmbare Realität verzerren und verunreinigen oder auch verreinigen zu dem, was wir besonders gerne sehen möchten. Die Liebe zu den Schlägen ins eigene Gesicht treibt uns leicht in Märtyrerposen, wo es faktisch gar nichts zu leiden gibt. Genau hinsehen kann heißen: eine kränkende Bemerkung entpuppt sich auf den zehnten Blick als liebgemeinte Bestärkung. Kann auch genau umgekehrt sein. Mehrmals hinschauen. Hinsehen desillusioniert.

    Dann kommt noch der Blick auf die eigene Schlechtigkeit, die sozial unerwünschten Triebe und Marotten. Auf das, was man an sich zu hassen gelernt hat. Das muß man in den Blick nehmen und sich dann den Satz für die Sünder sagen: Genau so, mit allen meinen wundervollen Perversionen, meinen Verschrobenheiten, meiner Wunderlichkeit und meiner Banalität, genau so hat Gott mich lieb - wenn denn irgend von Gott zu reden ist. Nicht richten, sondern hinsehen, das ist das Programm der Phänomenologie. Zu den Sachen, wie sie wirklich sind, nicht wie ich oder mein Vater sie gerne hätte. Zu mir, wie ich wirklich bin und nicht so, wie mich die anderen gerne hätten. Meine nicht erwünschten Wünsche entdecken und mich als ein von Gott erwünschtes, genau so erwünschtes Kind feiern lernen. Mit Tränen in den Augen, und vielleicht nicht genau wissen, ob es Freudentränen oder andere sind, aber da ist etwas feucht und salzig und so sind wir Salz der Erde.

    Das Wachstum des Glaubens, das Wachstum in der Traurigkeit liebt die kleinsten Übergänge, die Nuancen, auch in Malerei und Musik. Die Traurigen mögen Farbreichtum und lieben das Spiel der Facetten. Darum fallen ihnen auch kleinste Schritte schon auf und darum können sie bei sich selbst und anderen auch so gut diese kleinsten Schritte loben und in ihnen Zeichen des Fortschritts und der Hoffnung sehen auf die senfkornartig gärende Prozeßmaterie des großen Reiches Gottes mitten unter uns in den kleinsten Gesten, Berührungen und Empfindungen.

    Anmerkungen

    (1) Udo Kittler/ Friedhelm Munzel, Was lese ich, wenn ich traurig bin. Lebenskrisen meistern mit Büchern. Angewandte Bibliotherapie, Freiburg (Herder) 1984; Ingrid Sobez, Der Umgang mit (nicht psychotischen) Depressiven, in: Werkstattschriften des Instituts für industrielle, Arbeitstherapie und Rehabilitation 10, Saarbrücken (Weißenhof-Verlag) 1984,13-15; Woldemar Teichmann, Schwermut, Depressionen, Melancholie. Hilfe, Informationen, Ratschläge, Arzneimittel, Psychotherapie, München (Ehrenwirth)/ Linz (Veritas) 1992

    (2) Aaron T. Beck, Wahrnehmung der Wirklichkeit und Neurose. Kognitive Psychotherapie emotionaler Störungen, München (Pfeiffer) 1979; Beck/ Gary Emery, Kognitive Verhaltenstherapie bei Angst und Depression. Eine Anleitung für Therapeuten, Deutsche Gesellschaft für Verhaltenstherapie, Sonderheft 2, Tübingen (DGVT-Verlag) 1991. Cf auch Hanfried Helmchen, Michael Linden, Die Differenzierung von Angst und Depression, Berlin/Heidelberg/New York (Springer) 1986

    (3) Klaus Grawe/ Ruth Donati/ Friederike Bernauer, Psychotherapie im Wandel. Von der Konfession zur Profession, Göttingen3 (Hogrefe) 1994,451ff. AaO 462: in Vergleichen etwa so effektiv wie Lewinsohns Depressionstherapie; noch besser, wenn mit dieser kombiniert.

    (4) Grawe/Donati/Bernauer 1994,463 kommen der Funktionsweise auf den Grund: »Zunächst veränderten sich das negative Denken und die Stimmung und erst danach kam es zu Veränderungen in vegetativen Symptomen und der depressiven Motivationslage.« Gute Therapeut-Klient-Beziehungen verbessern den Heilerfolg.(463) Bei Depression wäre allerdings die Methode der Wahl (464) eher Peter H. Lewinsohn, A behavioral approach to depression, in: Raymond J. Friedman/ Martin M. Katz (Hg), The psychology of depression. Contemporary theory and research, Washington (Winston) & New York (Wiley) 1974 oder Interpersonale Depressionstherapie nach Gerald L. Klerman, Depression and adaptation, in: Friedman/Katz 1974; Rolf Wahl, Kurzpsychotherapie bei Depressionen, Interpersonelle Psychotherapie und kognitive Therapie im Vergleich, Opladen (Westdeutscher Verlag) 1994. Becks Kognitive Therapie war allerdings in den Streueffekten wie Schlafstörungen, Appetitlosigkeit, dysfunktionale Gedanken der in der Hauptsymptomatik effizienten Klerman-Methode oder Imipramin-Medikation überlegen, wirkt also breitbandiger.

    (5) Grawe/Donati/Bernauer 1994,466

    (6) Grawe/Donati/Bernauer 1994,466ff; Lewinsohn 1974

    (7) Fritz Heider, Psychologie der interpersonalen Beziehung, Stuttgart (Klett) 1977 zur Attribution

    (8) Grawe/Donati/Bernauer 1994,476 relativieren Vergleiche mit humanistischen oder analytischen Kurzzeittherapien, die schlechter abschnitten, weil ihre Wirkung immer erst langfristig auftritt und meßbar wird, was kurzfristige Anamnesen vieler Erhebungen ignorierten. Angesichts solcher Abwägungen kann man nicht rigoros von einer Favorisierung der Verhaltenstherapie bei den Autoren sprechen. Becks Kognitive Therapie, Selbstsicherheits- und Angstbewältigungstraining sind gleich effizient. Die Ausführlichkeit der Darstellung ist gerechtfertigt, weil wir alle ausnahmslos mit externer und eigener Entwertung und Depressivität zu kämpfen haben und der Ansatz bei den eigenen Attraktionen als Empowerment der Schlüssel zum Umgang mit sich und anderen ist.

    (9) Alice Miller, Am Anfang war Erziehung, Frankfurt/Main (Suhrkamp) 1983,17-112

    (10) Marianne Gronemeyer, Die Macht der Bedürfnisse. Reflexionen über ein Phantom, Reinbeck (rororo) 1988,94

    (11) Julian Rappaport/ Carolyn Swift (Ed), Studies in empowerment. Steps towards understanding and action, New York (Haworth Press) 1984, Ders., Ein Plädoyer für die Widersprüchlichkeit. Ein sozialpolitisches Konzept des "empowerment" anstelle präventiver Ansätze, in: Verhaltenstherapie und psychosoziale Praxis 2/ 1985,258-78; Wolfgang Stark/ Monica Bobzien, Über das Innenleben von Selbsthilfegruppen. 'Empowerment' als Selbstverständnis und Arbeitsprinzip, in: Selbsthilfezentrum München, Zurück in die Zukunft. Selbsthilfe und gesellschaftliche Entwicklung, München (Profil) 1988,196-207; Bobzien/Stark, Empowerment als Konzept psychosozialer Arbeit und als Förderung von Selbstorganisation, in: Klaus Balke/ Wolfgang Thiel (Hg), Jenseits des Helfens. Professionelle unterstützen Selbsthilfegruppen, Freiburg (Lambertus) 1991,169-87

    (12) Stark/Bobzien 1988,201f; Bobzien/Stark 1991,173f Gemeinsame Gestaltung von Lebenswelten