Dies ist eine Kopie von

Thomas Bonhoeffer
Von Gottes Bescheidenheit.
Zu Struktur und Dynamik der christlichen Existenzsymbolik, im Druck erschienen in der Reihe
Theologie: Forschung und Wissenschaft, beim LIT-Verlag, Berlin 2009,
und freundlicherweise vom Verlag für diese elektronische Parallelveröffentlichung freigegeben.


I. Einleitung

Der vorliegende Band enthält hauptsächlich Texte aus den dreizehn Jahren meiner Weiterarbeit nach der aktiven Zeit als Professor für evangelische Theologie[1].

Aus der Distanz des Entpflichteten heraus, habe ich in Ruhe bedenken können, was mir wichtig schien. Ich machte mir fast täglich Notizen zu Problemen, die wohl nicht nur mich beschäftigen, und habe diese dann thematisch geordnet. Aus diesem Boden erwuchsen die meisten der hier gedruckt vorgelegten Texte. Sie haben eine lange Testphase in der Öffentlichkeit des Internet hinter sich.

Aus dem vielerlei vielfältig Zusammenhängenden ein ordentliches[2] Buch zu gestalten, gelang mir nicht. Die einzelnen Texte dieses Bandes artikulieren ausgewählte Kreuz- und Quer-Verbindungen.

1. Der Titel

Der Titel dieses Buchs, „Von Gottes Bescheidenheit“[3], markiert den Schwerpunkt meiner hier gedruckt vorgebrachten Überlegungen. Der Untertitel „Zu Struktur und Dynamik der christlichen Existenzsymbolik“ benennt den thematisierten Phänomenbereich. Er bedarf einer Erklärung.

In der Religionswissenschaft ist mit Symbolik gewöhnlich eine Gruppe statischer Phänomene gemeint. Religiöse Symbole sind in erste Linie Dinge, feste Rituale und Gesten; ferner auch heißen die Glaubensbekenntnisse der alten Kirche Symbole. Davon ist der Name Symbolik für die akademische Disziplin Konfessionskunde abgeleitet. Als Symbolik einer (religiösen) Kultur bezeichnet man auch die ihr eigentümliche Menge von Symbolen.

Statik aber ist ein Sonderfall von Dynamik. Auch die sich als statisch präsentierenden Symbole haben – im Großen und im Kleinen – ihre Geschichte. Ein Wort ist ein Symbol; es hat aber seinen genauen Sinn jeweils erst in der Dynamik des Wortgeschehens[4]! Ich rede von Symbolik in weiterem Sinne – etwa im Sinne von Jean Piaget (fonction symbolique) oder Jacques Lacan ( chaîne des signifiants im registre symbolique); Symbolik ist ein Geschehen. „Ein Geschehen“ ist ein unklarer Begriff. Begriffe setzen etwas Stabiles voraus, das man begreifen kann. In der Religion aber geht es wesentlich nicht um Verständlichkeit im Sinne von Klarheit, Griffigkeit und Handhabbarkeit, sondern im Sinne von Nachvollziehbarkeit. Erst auf dem Boden solchen sehr persönlichen Verstehens ist an klare Verhaltens- und gar Handlungsanweisungen zu denken.

Von Existenz rede ich im Anschluss an die Phänomenlogie des frühen Heidegger (Sein und Zeit). Es geht um unser faktisch immer schon lokalisiertes Dasein. All unsre Symbolik ist auch (oder sogar vornehmlich) Existenzsymbolik. Insofern wir darin uns Selbst symbolisieren, kann man diese deshalb auch Selbstsymbolik nennen[5].

Mit Existenzsymbolik bezeichne ich den Kern einer Symbolik, der einem Subjekt besonders wichtig ist, weil es besonders hierin sich selbst und sein Dasein symbolisiert. Mit Existenzsymbolik bezeichne ich aber auch (analog zur Konfessionskunde) die (aus wissenschaftlicher Bemühung erwachsene) „Kunde“ von diesem existenziellen Kern einer Symbolik.

2. Die Sache

Der Einzelne sowie die Gesellschaft brauchen Existenzsymbolik zur Selbststabilisierung in der Chaotik des Lebens.

Die Struktur einer gelebten Symbolik ist höchst kompliziert und in ständigem Fluss. Deshalb kann man sie nur grob beschreiben oder exemplarisch vorführen.­ Sie kann verschieden stark organisiert, verschieden stark zentriert und, mit verschiedenen Hierarchien, monozentrisch und in verschiedener Weise polyzentrisch sein.
Es gibt darin verschieden stabile Elemente, verschieden große und umfassende, verschieden bedeutungsschwere, verschieden zentrale und verschieden scharf abgrenzbare, mehr idiosynkratische und mehr kollektive, lang bewährte und neu aufblitzende – mit verschiedenartigen Funktionen. Auch der Sprachmodus hat existenzsymbolische Bedeutung: Höchste Selbstsymbole werden natürlicherweise in einem Ton zur Sprache gebracht, der Vorsicht gebietet.

Mit der Kategorie Existenzsymbolik wird Religion wie Kunst und Wissenschaft – und je aktuelle Anteile unseres Alltagswissens – in die allgemeine Kultur eingebettet.

3. Religion

In der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts (der Zeit meiner beruflichen Aktivität) war Religion bei uns ein eher marginales Thema. Kaum ein aufgeklärter Europäer hätte für möglich gehalten, dass Religion noch einmal ein weltpolitisch so wichtiger Faktor werden würde. G. W. Bush gegen Bin Laden, der southern baptist gegen den fanatischen Muslim – eine Achse, um die sich die Welt dreht – im dritten Jahrtausend nach Christus!

Der Religion geht es ums Leben. Dem Leben geht es um Inseln von Ordnung im Chaos. Eine Religionshermeneutik, die ihrem Problem auf den Grund gehen will, bekommt deshalb mit dem Chaos zu tun. Und da wird sie selbst fast so chaotisch wie das Leben, das wir leben.

Man kann Religion, wegen ihrer subjektiven Unbedingtheit, vereinfachend einen Standpunkt nennen. Und Religionswissenschaft, inklusive Religionshermeneutik, mit ihren Evidenzen, ist ebenfalls unergründlich standpunktbedingt. Gleichwohl – und besonders aus diesem Grund – hat hier manchmal einer dem andern etwas zu sagen, was diesen persönlich anrühren und in Bewegung bringen kann.

Wir überblicken die Bedingungen nicht, unter denen, was wir sagen, wahr ist. Nur einfache, ganz formale Aussagen können sicher ganz richtig sein. So habe ich mir, um der besseren Lesbarkeit willen, einen recht apodiktischen Stil erlaubt, – nicht in der Meinung, alles sei unbedingt so, wie ich es sage, sondern nur in dem Sinn, dass eine Bemerkung mir bedenkenswert scheint.

Für eine schriftliche Darstellung einer Religion bieten sich zuerst kollektive, umfassende, lang bewährte Symbole an. Das so entstehende Bild von Religion ist aber doch eine Verzerrung. Die Dynamik des Gegenstandes kann der Betrachter einer statischen Abbildung nur dann entnehmen, wenn ihr Anblick in ihm eigene Erfahrung mit ähnlicher Dynamik aufruft und er diese in das Bild hineinliest.

An den Kern von Religion kann man nur durch Bedenken der eigenen Existenzsymbolik herankommen, – sei diese nun religiös oder nicht, wechselhaft oder beständig.

Das theologische Denken kann unbemerkt gottlos werden – für einen Theologen eine betrübliche und beunruhigende Feststellung! (Und wohl ihm, wenn er selbst es merkt und nicht nur die Umwelt!) Ich war „Praktischer Theologe“ und hatte als solcher besonders auf solche Phänomene zu achten.

Nur wer seine eigenen Existenzfragen artikuliert, kann artikulierte Antworten in deren Hilflosigkeit richtig verstehen. So vertraue denn auch ich hiermit dem Leser meditative christliche Texte an, die ohne die Beziehung auf seine eigenen Lebensfragen sinnlos sind.

Ein Minimum praktischer religionshermeneutischer Kompetenz gehört zwar zur Menschlichkeit des Menschen. Aber religionshermeneutische und religiöse Reflexion ist nicht jedermanns Sache.

Es ist vielfach bezeugt: Gott sorgt für Anfechtungen nicht nur oberflächlichen, sondern auch ernsten Glaubens. Gewiss, wir sollen uns nicht zu ernst nehmen; aber wenn wir uns überhaupt ernst nehmen und unser Leben nicht verspielen wollen, müssen wir diese Verunsicherungen ernst nehmen.

Wir können im Kleinkrieg des Lebens nicht jederzeit meditieren, und wir sollen auch spielerische Leichtigkeit genießen. Aber es erhöht unsre Lebenschancen, immer wieder einmal von dem, was uns selbstverständlich geworden ist, Abstand zu nehmen, zu uns selbst zu kommen, uns zu sammeln und unsre Existenzsymbolik zu revidieren.

Lektüre verfremdet uns unsre eigene Symbolik. Texte fixieren Symbolik. Gute Texte fixieren stabilere (und destabilisieren schlechte) Symbolik; lebensvolle Texte stehen uns bei als Hilfe, statt zu erstarren, uns zu stabilisieren.

4. Die vorliegende Sammlung

An den Anfang habe ich eine erkenntnistheoretische Skizze gestellt.

Es folgen vier Theologische Thesenreihen zur Interdisziplinarität. Sie betreffen 1. Glaube und Wissenschaft, 2. Interdisziplinarität, 3. Got­tes­lehre, 4. Gotteslehre im Licht der Chaostheorie.

Die Zusammenstellung Katechetisches (darin: Bibellesen, Gebet, Jesus, Credo) leitet den Teil dieses Bandes ein, der klassischen christlich-theologisch-dogmatischen Themen gewidmet ist. Sie war auf meiner Website dem Kirchereform-Text als Explikation seines Fundaments angehängt.

Der Titel Gotteslehre nach Goethe bezieht sich auf dessen „ungeheuren Spruch“ Nemo contra Deum nisi Deus ipse. Mein Text ist eine 1988 gezogene theologische Bilanz – verfasst unter dem Eindruck eines Besuchs des jüdischen Friedhofs in Bochum –, im Druck erschienen als „ Got­tes­lehre. Eine pastoralpsychologische Zuspitzung“ in der Theologischen Literaturzeitung.

Es folgt eine Zusammenstellung neuer Stücke Zur Gotteslehre: 1. Der Rufname „Gott“, 2. Die Bescheidenheit des Allmächtigen, 3. Das Böse, 4. Die Dankbarkeit des Schöpfers.

Der Text Geschlechtlichkeit in der Gotteslehre ist dem durch die neue Bibelübersetzung [6] wieder aktualisierten Thema gewidmet und stellt in der vorliegenden Sammlung eher eine Randbemerkung dar.

Mit Chaos, dem Manuskript für einen Gemeindevortrag, wird ein Begriff eingeführt, der mir immer wichtiger geworden ist.

Rechtfertigungslehre heute ist eine Streitschrift gegen die römisch/lu­the­ri­sche „Gemeinsame Erklärung zur Rechtfertigungslehre“ vom 1997. Sie ar­gu­mentiert aufgrund des kulturgeschichtlichen Paradigmenwechsels vom κόσμος zum Chaos und versteht die reformatorische Rechtfertigungslehre als hermeneutische Anweisung.

In den Notizen zu einem Luther-Seminar versuche ich, meine Abhängigkeit von Luther zu präzisieren.

In Ethik sind ein Vortrag von 1991 und vier neuere kurze Texte zu Fundamentalfragen zusammenstellt.

Zur Kirchenreform ist ein integraler Reformvorschlag für Theologiestudium und Gemeindeleben. Er ist von meiner WebSite nun bald zweitausend Mal abgefragt worden, hat jedoch institutionell nichts zu be­wegen vermocht. Mein Wunsch, ihn nun gedruckt, und also mit mehr Nachdruck, rechtzeitig für die immer dringlicher werdenden organisatorischen Ent­scheidungen, in die Reformdiskussion einzuspeisen, hat diese ganze Publikation be­schleunigt.

Die Titelgraphik dieses Bandes ist eine Illustration Rembrandts zum 13. Kapitel des Johannesevangeliums, Vers 6.

5. Die beiliegende compact disc (CD)

Sie enthält, als Word-*.doc-Dateien,
– die erste (nicht ganz fehlerfreie) Fassung dieses (für den Druck noch
einmal überarbeiteten) Buch-Textes
– einige der Notizen, auf denen dieser Band
beruht (Ordner: Wühlkorb); dazu
– ein komfortables[7] Suchprogramm (als Word-Makro); ferner
– weitere Arbeiten von mir:
meine ungedruckte Habilitationsschrift Kirchliche Lehre - Ideologie,
mein Buch Ursprung und Wesen der christlichen Seelsorge,
eine Gottesdienstvorbereitung,
einen Diskussionstext zum Status evangelisch-theologischer Fakultäten,
zu Pascal
drei Texte,
eine flexible Konkordanz der Fragment-Nummerierungen derjenigen
Ausgaben der Pensées, die ins Deutsche übersetzt sind, sowie der
Ausgabe von Francis Kaplan,
mein Schriftenverzeichnis

sowie, als Beigaben:
– zwei katholische Texte von 1524 zur Drei-Stände-Lehre
– den vollständigen lateinischen Text der kaum bekannten
Briefe Luthers aus seiner Krise 1527/28
– und (weil auf der CD noch so viel Platz frei war) die
Essais [8] von Montaigne , – den ich erst auf meine alten Tage schätzen
gelernt habe.


II. Erkenntnistheorie

A. Allgemeines

Wir wissen viel über die Welt, unüberblickbar viel, und deshalb doch, nach wie vor, enttäuschend wenig. Die Welt ist uns als größtenteils unbekannt bekannt.
Wir leben am liebsten am Rande bekannter Bereiche (den Raum zwischen diesen überspringen wir allerdings so schnell wie möglich).

Das (zunächst beängstigende) Allerunbekannteste strukturieren wir nach unsern angeborenen, tiefsten Selbstverständlichkeiten vor, also animistisch-personal – eine Heuristik, die unsre Kräfte sammelt. (Das ist der Kern unseres Gottesverständnisses.)

Des Näheren orientieren wir uns in der Realität mit Hilfe von Symbolik (vornehmlich der Sprache). In dieser symbolisieren wir überall auch uns selbst. Die Selbstsymbolik ist unser zentrales organisierendes System.

Der Ernst des Lebens wurzelt im Ernst des Spiels. Mit einander Spielen ist die Urform der Kommunikation. Leben ist Kommunikation. Symbole spielen sich ein; es sind Gewohnheiten des Lebens in einer gemeinsamen Welt, die für alle Beteiligten eine etwas verschiedene Bedeutung haben.
Mit unserer Symbolik sind wir selbst aufs Spiel gesetzt.

Was immer wir als Seiend gelten lassen, verstehen wir nur ungefähr; die berühmte Parmenideische Identifikation von Sein und Denken [9] ist bedingt und nur ungefähr richtig!

Unser Verstehen ist kontextabhängiges, zeitgebundenes Vereinfachen und in sofern unaufhebbar illusionär. Hans Vaihingers [10] erkenntnistheoretische Würdigung der „Illusion“ wäre (im Sinne des dann erst von Niklas Luhmann soziologisch thematisierten Begriffs der „Komplexitätsreduktion“) mit dem Begriff der Vereinfachung zu präzisieren! Die Wirklichkeit ist überkomplex.

Sicherheit haben wir nicht in der Realität, sondern nur in gedachten Systemen. Da aber alle Menschen ähnlich denken, ist „gesellschaftlich konstituierte Wirklichkeit“, sind leidlich gesicherte, stabile „Tatsachen“ möglich. (Komplexität geht auf Kosten der kognitiven Stabilität.) Tatsachen sind denkbare Vereinfachungen der Realität, bei denen die fluktuierenden mentalen Abbildungsprozesse mehr oder weniger glücklich bei einem oder dem andern Assimilationsschema einrasten.

Wir brauchen Vereinfachungen, um zu leben[11]. Wir sind nicht gefragt, ob wir mit Illusionen leben wollen. Es kommt nur darauf an, an welche Illusionen wer sein Leben wagen kann.

Es gibt schneller und langsamer sich ändernde Zusammenhänge; überlebte Illusionen müssen durch besser angepasste ersetzt werden. Historische Erinnerung stellt uns realisierte Evolutionsschritte der Symbolik als partiell brauchbare Modelle für eigene Anpassungsleistungen zur Verfügung.

Symbolsysteme sind vergleichbar mit Tierarten, die sich entwickeln und, direkt oder vermittelt, Erbgut austauschen und einander verstehen können.

In vielen Fort- und Rückschritten, setzt sich an allen Fronten die Erkenntnis durch, dass wir nur oberflächlich wissen können, was wirklich ist. Evidenz und Konsens, individuelle und kollektive, physisch und kulturell bedingte Subjektivität, bilden unseren Horizont.

Die „Wahrheit“ einer Aussage ist ihr dauerhafter Orientierungswert in einer recht chaotischen Wirklichkeit.

B. Religion

Der Mensch braucht für seine Gesundheit einige Selbstüberschätzung; damit trotzt er seinen Demütigungen durch Gesellschaft und Natur. Man kann darin eine psychische Entsprechung zu unsrer Überproduktion von Gameten sehen.

In kirchlicher Lehrtradition ist superbia / praesumptio / Hochmut die allgemein­menschliche Erbsünde des Seinwollens-wie-Gott nach 1Mose 3,4. (Heinz Kohut hat die Erscheinungsweisen des „Narzissmus“ psychoanalytisch entfaltet.) Das Gefühl der Teilhabe an einem übergroßen Zusammenhang kann freilich auch als Demut in Erscheinung treten.

Eine mögliche Form unserer Selbstüberschätzung ist Religion.

Die Bedeutung jedes Wortes interagiert, mehr oder weniger schillernd, mit dessen jeweiligem, engerem und weiterem Zusammenhang. Je mehr dies der Fall ist, desto stärker ist der Hörer aufgefordert, verantwortlich mitzudenken. Das gilt besonders auch für den Begriff der Religion.

Wir können Religion unter einem weiten (und ähnlich anspruchsvollen) Oberbegriff fassen und sagen: Religion ist die Poesie des Alltags (ohne diese wäre er Unsinn). Die Geschmäcker sowie die jeweiligen Sensibilitäten und Bedürfnisse sind sehr verschieden. „Religion“ wird meist unausdrücklich erlebt. Unter Mutter- und Vater-Erfahrungen sowie der Kulturtradition entwickelt sich das Gottesverständnis mehr oder weniger menschlich. Ausdrücklich geht Religion vom Nichts über die „Tücke des Objekts“, über die volatilen Selbstsymbole, die kleinen Geister, Mächte, die großen Gottheiten, Ordnungen und Gesetze, bis hin zum Monotheismus. Sie findet einen sprachlichen Ausdruck in Theologie. Dieser geht es gleichwohl um die Wahrheit und Verantwortung der religiösen Über­lieferung.

Inmitten aller anderen Ansprüche, spricht bisweilen die religiöse Tradition Menschen an, sie können in Andeutungen mit Gott sprechen, und das tut ihnen nachhaltig gut. Reflexion auf die eigenartige Seinsweise Gottes oder des Betens kann – und soll wohl manchmal – Religion erheblich stören und zeitweise irreleiten, aber schließlich doch nur reinigen und nicht verhindern.

Das Reden von Gott ist immer streng auf seinen konkreten Zusammenhang bezogen. (Alles Reden von Gott ist Lehrfortbildung. Die Angesprochenen bezeugen, ob sie die Stimme ihres Schöpfers erkennen, es also für sie „rechte Lehre“ ist.) Ein (für institutionelle Zwecke) recht-gläubiger Text am falschen Platz ist falsche Lehre.

Wenn ein erfahrungsgegründet konstruiertes Konzept auch außerhalb seiner Erfahrungsbasis sich im Umgang mit der Wirklichkeit bewährt, so erfaßt es schlecht und recht etwas Wirkliches, auch wenn man nicht versteht, warum es sich bewährt.

An der Weiterentwicklung des Gottesverständnisses aufgrund seiner Bewährung im Umgang mit der Wirklichkeit arbeitet, nolens volens, jeder irgendwie mit.

C. Ansichten

Man kann die Welt sehr verschieden sehen.
Bereits unsre zwei Augen sehen die Welt ein Bißchen verschieden. Wir brauchen das für die Orientierung im Raum; es kann uns das Leben retten. Entsprechendes gilt für die beiden Ohren.

Es gibt fallweise aufschlussreiche und unergiebige Ansichten. Und man lernt nie aus. Man kann und soll immer wieder einmal versuchen, die Dinge anders zu sehen.

Ansichten werden selbstverständlich. Sie schleifen sich ein und rasten ein. Sie schleifen sich auch ab.

Jeder hat, seinen (eigenen und fremden) Erfahrungen folgend, seine Vorstellungen von Gott.

„Vor Gottes Angesicht“, in Gebet oder Meditation, sehen wir die Welt in anderem Licht.

Wer eine religiöse Sicht auf die Welt als aufschlussreich und also als Lebenshilfe empfindet, wird gern auch andern empfehlen, es damit zu versuchen. Denn einerseits ist vor Gott jeder ein einzelner; anderseits aber braucht jeder Gemeinschaft als Korrektiv und Bestätigung.
Es gibt eine breite Tradition von solchen Empfehlungen, ausgeführt in vielen Formen: als Leseempfehlung (Bibel-Auswahlen, Lesepredigten, theologische Literatur) und Anleitung: Predigt, Zweiergespräch (daraus hat sich die Beichte entwickelt), Gesprächs-, Meditations- und Gebetskreise und Gemeinde­gottesdienst.
In der Regel kann es nur um Erfahrungsaustausch gehen, Erfahrung mit mehr als einer Ansicht von der Welt.

Es war eine wesentliche Eigentümlichkeit der Theologie Luthers, dass er sich zu zwei Ansichten bekannt hat: Er hat sich zeitweise (meist [12]!) unter dem „Gesetz“ und zeitweise unter dem „Evangelium“ gesehen.
Dabei war das Gesetz die Weltordnung, die das Angesicht Gottes verdeckt. Luther hat noch unterschieden zwischen zweierlei „Brauch“ des Gesetzes: dem Erlebnis des Gesetzes als oberflächlicher Ordnung des Zusammenlebens einerseits und der Gewissenserkenntnis, dass der Mensch das von Gott gegebene Gesetz nicht von ganzem Herzen bejaht und das Gesetz ihn also verurteilt, anderseits.
Das Evangelium hingegen war das eigentliche Wort Gottes, das den Menschen Gott ins Herz sehen lässt.

Ansichten sind subjektiv und weitgehend individualisiert, aber nur bedingt willkürlich.

D. Wahrnehmungseinstellung und Bewusstseinsveränderung

Verschiedene Wahrnehmungseinstellungen führen zu verschiedenen Ansichten.

Man kann, etwa beim Hören von Musik, auf verschiedene Komponenten achten. Man kann auf bestimmte Sachen aufmerken; sich nicht ablenken lassen. Man kann seine Wahrnehmungseinstellung auch ändern.

Wer sich auf etwas konzentriert, verändert sein Bewusstsein. Das verlangt seelische Energie; es ist mentale Selbstmanipulation.

Bewusstseinsveränderung, Autosuggestion und Autohypnose muss man zunächst wollen können – und dann muss man können, was man will. Beides ist uns nicht beliebig möglich.

Bewusstseinsveränderung verändert die Existenzsymbolik. Andere Zusammenhänge werden wichtig.

Gemeinsames Hochgefühl führt zu akuter Bewusstseinsveränderung. Es idealisiert die zentrale Symbolik der Veranstaltung nachhaltig. Es kann zu Massenbekehrungen oder Kriegsbegeisterung kommen.

Gemeinschaft stabilisiert eine Wahrnehmungseinstellung.

Die Bewusstseinsveränderung zur gottesdienstlichen Wahrnehmungseinstellung „Sursum corda / Erhebet eure Herzen!“ äußert sich gern in Gesang.

Hier ist insbesondere an die extremen Erscheinungen des frühchristlichen Enthusiasmus und der Pfingstbewegung [13] zu erinnern, – des in den letzten dreißig Jahren am schnellsten gewachsenen Sektors der Christenheit weltweit.

Der Begriff der Bewusstseinsveränderung relativiert das Wahrheitsverständnis und den Begriff der Illusion. Aber es gibt ein moralisch verbindliches, zentrales Realitätsbewusstsein, nämlich das allgemein-menschliche Alltagswissen, das zentral die höchst stabil zu Materie geronnene Energie im ersten Aggregatzustand, nämlich die „Dinge“ und ihre unmittelbaren Zusammenhänge betrifft.

In der Verständigung suchen Menschen hinreichend genaue gemeinsame Vereinfachungen für den jeweils fraglichen Sachverhalt. Moderne Menschen suchen vor allem logisch bearbeitbare Modelle. Das ist aber eine verengend verzerrende Wahrnehmungseinstellung. Jeder Sachverhalt ist unvorstellbar kompliziert und oft empathisch verzerrender Verständigung leichter zugänglich. Damit aber ist man logisch auf das „präoperative“ (Piaget) Niveau verwiesen.

Meist kann man die Welt nur hässlich finden. Wenn man das merkt, muss man „neu starten“ mit anderer Erwartungshaltung (Wahrnehmungseinstellung), verändertem Bewusstsein.

Ich kann Dankbarkeit durch bewusste Wahrnehmungseinstellung empfinden; aber was nicht von selbst kommt, trägt nicht weit.

Der Verzweifelte soll zu dem Gott schreien, der das Schöpfungswunder getan hat.[14]
Hier taucht das Phantasma der Allmacht wieder auf. Wo alle Menschenweisheit den Menschen im Stich lässt, retten Bewusstseinsveränderung, Regression ins Imaginäre, überlieferte Wahnvorstellungen! Der Mensch kann diese, je nach Bewusstseinslage, symbolisch oder wörtlich nehmen.

Jesu Weissagung vom Jüngsten Gericht, wo der Richter sagt, er sei nackt, krank, gefangen Mensch unter Menschen gewesen, und nun danach urteilt, wie man sich da zu ihm verhalten hat, (Matth 25, 31-46) lässt das erschreckend Überwältigende ahnen: Gott hat mich aus jedem menschlichen Gesicht angeblickt, Gott blickt mich aus jedem Menschen an, ja: aus jeder Kreatur.
Müsste man diese Wahrnehmungseinstellung nicht öfter wählen?


III. Theologische Thesenreihen zur Interdisziplinarität [15]

A. Glaube und Wissenschaft

Diese beiden Begriffe sind vieldeutig und unscharf. Definitionen können sie eindeutiger machen. Aber Definitionen zerschneiden Zusammenhänge, die in der lebendigen Sprachtradition präsent sind und die man nicht gering achten soll, wenn es um den lebendigen Menschen geht. Klarheit gibt es nur in eingeschränkten Wahrnehmungsfeldern.

Die christliche, insbesondere die theologische Tradition hat den Glaubensbe­griff definiert als Christusglauben, unterschieden von Götzendienst und Unglauben.

Die evangelische Tradition hat diesen Glauben durch die Lehre von der Rechtfertigung des Menschen vor Gott allein durch diesen Glauben noch weiter definiert. Hört und sieht man sich in der Kirche um, so merkt man, dass diese Definitionen (um die im 16. und 17. Jahrhundert in Deutschland blutige Kämpfe stattfanden) nur noch künstlich am Leben gehalten werden. Der Student hat Mühe, die entsprechenden Stücke der Theologiegeschichte zu würdigen. Rechtsfragen spielen für das heutige Existenzverständnis keine zentrale Rolle mehr. Der theologische Sinn der Rechtfertigungslehre ist ein hermeneutischer[16].

Nach evangelischer Lehre lebt der Glaube vom Wort. Das Medium des Glaubens ist Existenzsymbolik, und diese hängt guten Teils von persönlicher Ansprache ab.

Gewisse Symbole sind dem Menschen angeboren. Sie sind starr[17]. Beweglich lebendig ist nur die darauf aufbauende Symbolik. Dauerhafte religiöse Symbolik entsteht sehr selten, und sie erstarrt schnell. Das Wortgeschehen, das Medium des Glaubens, hingegen ist eine lebendige Symbolik.

Die Bibel als Wort Gottes ist nicht nur ein erstarrtes, sondern ein in dem Sinne dauerhaftes Symbol, dass sie nicht nur starre Repetition, sondern auch immer wieder lebendiges, belebendes Wortgeschehen anregt.

Die existenzielle Relevanz der Symbolik schwankt. Sie aber ist nach evangelischem Verständnis für die religiöse Symbolik entscheidend.

Die Lebendigkeit einer Symbolik ist von vielen, nur teilweise offenkundigen Faktoren abhängig, immer wieder überraschend und unverfügbar. Sie fluktuiert auch zwischen unseren vielerlei Symbolsystemen. (Deshalb ist religiöser Ernst von Komik umwittert.)

Religiöse Symbolik ist prekär im eigentlichen, lateinischen Sinn des Wortes[18]. Das Wort Gott ist ein Symbol. Manchmal sagt es uns alles; manchmal gar nichts. Propheten sagt dieses Wort unversehens, bedrängend, öffentlich relevantes Neues. Missbrauch des Namens Gottes kann uns existenziell beschädigen. Prophetie und falsche Prophetie zu unterscheiden ist eine prophetische, prekäre Gabe.

Unser Weltverstehen ist nicht nur im Ganzen, sondern auch im Einzelnen Stückwerk. "Verstehen" ist bestenfalls Sich-auf-etwas-Verstehen, Verständnis für etwas haben. Wenn wir gar nichts verstünden, gäbe es uns nicht mehr.

Am ehesten verstehen wir unsere Welt-Modelle – je formalisierter, desto klarer. Da ist zentral die Mathematik; sodann zunächst die Physik, die sich Gegenständen widmet, bei denen klare Verständlichkeit zu erhoffen ist.
Es ist eigentlich erstaunlich, dass man solche Gegenstände, auch nur bedingt, isolieren kann.

Auch die exakte Wissenschaft ist eine Symbolik. Für wen sie existenzielle Bedeutung hat, den treibt sie zur Forschung an. (In diesem Sinne konnte Goethe sagen: "Wer Wissenschaft und Kunst besitzt, hat auch Religion. Wer diese beiden nicht besitzt, der habe Religion." [19])

Gott ist kein Gegenstand des Wissens. Theologie im Sinne Luthers ist eine prekär zugespitzte Religionswissenschaft.

Symbole raffen Verstehen. Sie vereinfachen – und also: entstellen – das unendlich komplexe, irgendwie verstandene, konkret Erlebte und Gemeinte. Diese Simplifikationen unterscheiden sich (in Stabilität, Starre und Gelenkigkeit) und sind in verschiedenen Zusammenhängen verschieden zweckdienlich.

Das interdisziplinäre Gespräch ist deshalb Interaktion zwischen interesse­bedingten Entstellungen der gelebten Wahrheit.

B. Interdisziplinarität

Am historischen Ursprung wird der Lebenszusammenhang, in welchem eine Erkenntnis Sinn hat, exemplarisch deutlich. Im weiteren Verlauf wächst ihr neue Bedeutung zu, die mit der ursprünglichen nicht viel gemein haben muss.

Schule überliefert; und sie überliefert, in reflektierter Weise, die Überlieferung mit. Die Reflexionen der Überlieferungsgeschichte werden weiter reflektiert. Diese wird deshalb nur selektiv tradiert, und die Selektion wird tendenziell kanonisiert. Die Überlieferungsgeschichte legt sich, vermittelnd und behindernd, in den Weg zu den Quellen.

Kontrolliert die Schule einen wichtigen Zugang zu Macht, so wird der Überlieferungsprozess dem ursprünglichen Interesse zunehmend entfremdet. So wurde Scholastik zum Schimpfwort.

Die Reformation hatte mit dem gleichzeitigen Humanismus gemein das Ressentiment gegen die Scholastik und ein Gefühl für die grundlegenden Texte als Lebensquelle. Das methodische Schlagwort hieß: Ad fontes!

Jede Wissenschaft entwickelt in ihrer Forschung ihre eigene Symbolik. Interdisziplinäre Arbeit beginnt damit, dass Elemente eines Begriffssystems über dessen Grenzen hinaus symbolisch interessant werden und in anderen Zusammenhängen Resonanz finden. Dieser Effekt kann anregend sein.

Von ihm lebt aber auch Charlatanerie. Sie produziert marktgängige Schlagworte, mit denen die lebendigen, offenen Probleme, die zur Besinnung anleiten, verdeckt werden.

Jedes einem wohlumrissenen Zweck dienende Begriffs-In­stru­men­ta­ri­um sollte in sich stimmig sein. Man darf aber dem systematischen Inter­esse nur mit Augenmaß nachgeben! Für die Systematisierung von Begriffen ist deren (oft wesentlich unklare) Bedeutung entscheidend. Kriterium systematischer Bemühungen ist das zu systematisierende Material. Man kann bedeutungsvolle Begriffe auch zu bedeutungslosen Systemen verschmelzen. Der klassische Weg, dies zu verhüten, ist Quellenstudium und Meditation. Sonst ist man der Referat- und Sekundärliteratur, die ihren eigenen Gesetzen folgt, hilflos ausgeliefert.

Phänomene wie Chaos, Ordnung, Werden und Vergehen, gut und ungut, sind alte Themen von Mythologie und Religion. Sie begegnen (mit Ludwig Wittgenstein zu reden) in drei Sprachspielen: Religion, Alltag und Wissenschaft. Alle drei Sprachen vereinfachen – und also entstellen – in ihrer Weise die überkomplexe Wirklichkeit, von der die Rede ist. Sie lassen sich auch nur ungefähr zusammenfügen.

Es ist aber dieselbe Menschheit, und oft sind es dieselben Individuen, die sich in diesen Sprachen aussprechen. Jeder entwickelt seine eigene Sprache. Die Selbständigkeit von neben einander existierenden Sprachspielen entspricht unserer nur für bestimmte Lebensbereiche besonders ausgebildeten Intelligenz.

Die Sprachspiele regen einander förderlich an. Aber Kurzschlüsse zwischen ihnen führen oft zu komischen Effekten.

C. Gotteslehre

Das Wort Gott gehört in die religiöse Sprache. Die religiöse Sprache gehört in den Lebenszusammenhang der existenziellen Besinnung. Und solche Besinnung ist am Platz in Orientierungskrisen, wo Sinn und Bedeutung unseres Wissens fraglich geworden sind.

Von Gott wird auch alltäglich und auch wissenschaftlich geredet. Das kann leicht unangemessen sein. Aber alle drei Sprach-Modi stehen in je besonderer Weise in Gefahr des Missbrauchs des Namens Gottes.

Religiöse Rede ist höchst persönliches Bekenntnis; man tritt seinen Mitmenschen persönlich nahe. Der Respekt vor der Andersheit des anderen aber gebietet Einhaltung von Distanz. Takt ist ein Gebot der Menschlichkeit. All unser Tun und Reden ist Bekenntnis, normalerweise aber indirekt. Direktes Bekenntnis fordert vom Hörer menschliche Solidarität. Fordert der Sprecher den Hörer in einen persönlichen Sprachmodus, der bei ihm nicht an der Zeit ist, so verführt er ihn zu unverantwortlichen Aussagen. Alle Rede von Gott unterliegt der prüfenden existenziellen Besinnung.

In der Theologie lässt sich religiöse, und das heißt: höchst persönliche, subjektive Rede nicht vermeiden. (Persönliches muss nicht privat sein. Hier ist es sogar öffentlich!)

Die Bibel beginnt mit zwei sehr verschiedenen Schöpfungsgeschichten; in der ersten sind wiederum verschiedene Traditionsschichten zu erkennen. Die Bibel präzisiert die älteren, mythologischeren Texte: Gott schafft durch sein Wort.

Um das zu verstehen, gehe ich davon aus: Das Wort Gottes ist zunächst das Wort "Gott" selbst, der Name Gottes. (Die Bibel hat darauf aufmerksam gemacht: Gott nennen Können setzt die Offenbarung seines Namens durch Gott selbst voraus.) Die erste Frage nach der Schöpfermacht lautet deshalb: Was tut, was "schafft" dieses Wort? Die Antwort lautet zunächst und zumeist: Nichts! Diese erste ist aber nicht die letzte Antwort.

Mit diesem Wort werden wir auf unsere Beschränktheit angesprochen. Das ist nicht immer an der Zeit; und manchmal dürfen wir das zurückweisen. Ein andermal aber macht es uns besinnlich. Und da kommt uns allerlei in den Sinn, Überliefertes und Eigenes, Phantastisches und Reales. Das bringt uns ein wenig durch einander. Und es ändert uns immer wieder ein wenig.

Es kann schrecklich sein.
Das Scheitern Jesu wirft ein entsetzliches Licht auf den Namen Gottes. Der Gekreuzigte wird als Offenbarung Gottes erkannt.

Und es kann schöpferisch sein. Ein neues Gottesverständnis ändert unser In-der-Welt-Sein.
Die Alte Kirche bekannte, der Schöpfer sei der Dreieinige Gott, Vater, Sohn und Heiliger Geist.

Unser Wissen über Gut und Böse, auch unser christliches Wissen, erscheint im Licht der Offenbarung Gottes in Jesus immer wieder als fragwürdig.
Eine christliche Ethik wird chaotisch herauskommen.

D. Gotteslehre im Licht der Chaostheorie

Zu den theologischen Anregungen der Chaostheorie gehört die mögliche Einbettung einiger paradoxer Hauptstücke der christlichen Dogmatik in die Chaos-Phänomenologie.
Dadurch wird die christliche Dogmatik von dem Odium eines besonderen Unsinns befreit. In ihrer Paradoxie könnte sie ihre Menschlichkeit bezeugen.

Ich interpretiere die Trinitätslehre: "Gott vergibt, dass Gott gegen Gott kämpft."[20]
Das weist unserer kreatürlichen Tragik ihren Ort zu in der trinitarisch verstandenen Bewegung Gottes; die Dreieinigkeit symbolisiert unser Umgetriebensein.
Sie ist zu vergleichen mit den Koan genannten, paradoxen zen-buddhistischen Meditationstexten.

Zu denken ist aber auch an die trinitarische sowie die christologische Lehre von der Perichorese, die christologische Zwei-Naturen-Lehre, die Lehre von der Communicatio idiomatum und die Unterscheidung von Gesetz und Evangelium. Überall geht es hier um eine, im Vollzug chaotische, prinzipiell unendliche Reflexion, eine multiplikative Rekursion, die nur je durch einen Lehrentscheid des gesunden Menschenverstandes gestoppt wird.


IV. Katechetisches

A. Bibellesen

1. Der Text

Die Bibel (griechisch: τὰ βίβλια = „die Büchlein“) ist ein Vielerlei. Sie ist, wie wir selbst, in einem geschichtlichen, also milde chaotischen Prozess entstanden, notdürftig – und auch gewaltsam – geordnet.

Kaum jemand mag sie lesen. Sie ist voller Wiederholungen. Auf weite Strecken ist sie langweilig und bedeutungslos, wenn man nicht erheblich mehr weiß, als was man da gerade vor Augen hat, – auch unsympathisch[21]. In den Spätschriften des Alten Testaments (aus dem nachexilischen Judentum des zweiten Tempels) stellt die Religion des alten Israel sich oft gesetzlich eng dar. Das Neue Testament ist auf weite Strecken Unterschichtssprache und -rhetorik. Paulus redet sogar von der Dummheit der real existierenden christlichen Verkündigung (1Kor 1, 26-31)! Er beschreibt die Offenbarung der Bescheidenheit Gottes schonungslos.

Die Bibel zeigt die Scheußlichkeit des Menschen – und die Welt im Licht eines Vatergottes, der seinen Sohn aufs Scheußlichste umbringen lässt.
In Jesus[22] gipfelt die Offenbarung des Schöpfers als Wegweisung Gottes hinein in die Wirklichkeit, wo Er, unser Heil, enttäuschend und ernüchternd zu sehen ist. Wir haben nichts Besseres, uns daran zu halten, als den lebendigen, den schrecklichen, uns zugute Mensch gewordenen Gott der Bibel.

Der hat immer wieder Zeugen aufgefordert, dem in seinem Namen überlieferten Wort in seinem Namen zu widersprechen [23]; und mit seinem Geist bevollmächtigt er uns zu offenem Bekenntnis, zu dankbarem Nehmen und bescheidenem Geben. Der Widerspruch kann der erste Schritt zu einer Vertiefung des Verständnisses sein.

Die Bibel ist, den sich stabilisierenden Gepflogenheiten des christlichen gottesdienstlichen Gebrauchs folgend, auf der Basis der synagogalen Texte, in den verschiedenen Kirchen, getrennt, doch ähnlich und immer ähnlicher, zusammengewachsen im zweiten nachchristlichen Jahrhundert.

Die Idee, nach jüdischem Vorbild einen neutestamentlichen Kanon heiliger Schriften aufzustellen, hat man dann von einem (seinerzeit sehr einflussreichen) Ketzer[24] übernommen.

2. Lesen

Schon dies zeigt, dass man biblische Texte sehr verschieden lesen kann. Lebendige Sprache vermittelt immer viel mehr, als Sprecher oder Hörer bewusst ist; denn das gesprochene und gehörte Wort hat seinen Sinn erst als Lebensvollzug von Menschen. Entsprechendes gilt für Texte. Es kommt für das Text-Verständnis viel auf die Wahrnehmungseinstellung an. Oft ist kaum zu entscheiden, was man aus dem Text heraus- und was man in den Text hineinliest. Das gilt besonders für Texte, die den Leser persönlich beanspruchen wollen und ansprechen. Und das sind in der Regel Texte, die menschlich offen sind, die durch gewisse Unentschiedenheiten den Leser einladen, über den Sinn des Textes mit zu reden und zu entscheiden. Solche Texte regen natürlich die Leser auch dazu an, mit einander zu reden und in der hier angesprochenen, zunächst vieldeutigen Problemlage eine vorläufige Eindeutigkeit zu suchen und vielleicht zu erreichen. (Das kann, durch Entzweiungen hindurch, in eine reichere Einigkeit führen.)

Evangelisch gelesen, ist die Bibel kein Lehrbuch, sondern Wort, sehr genaue Einweisung in die augenblicklichen Gegebenheiten, wo Gott uns bereits erwartet.

Man kann in der Bibel allein lesen,
man kann sie in einer Gruppe lesen,
man kann sie mit einem Kommentar lesen,
man kann sie als Predigttext hören.

Die Meisten haben meist gar kein Interesse, die Bibel zu lesen.

Manchmal scheut man die Bibel; manchmal spürt man sogar Abneigung. Man fühlt sich überfordert, zu Entscheidungen gedrängt, die noch nicht reif sind.

Man sucht aber auch Trost,
fundamentale
oder praktische Orientierung.

Man weiß ganz allgemein, dass die Bibel ein wichtiges Buch ist, und will eine Bildungslücke stopfen,
oder man hat einen besonderen Grund, sich kundig zu machen,
vielleicht um sein Selbstverständnis als Christ –
oder als Kirchenvertreter – kritisch zu prüfen.

a) Selbständige Bibellektüre

Unsere Gesellschaft verdankt die Bibel der Kirche; aber man liest sie längst auch außerhalb der Kirche; und die Kirche hat von der außerkirchlichen Bibellektüre viel gelernt.

Es ist eine endlose Aufgabe, sich in die Bibel hineinzuarbeiten, weil sie auch Prüfung des dort Gelernten in unserem eigenen Leben verlangt. Je weiter man im Verstehen der befremdlichen alten Texte vorankommt, desto längere Bewährungsphasen in der Gegenwart sind nötig. Sonst verdirbt man das historische Verstehen mit eigener Naivität und das eigene Leben mit fremden Aufgaben.

Moderne Bibel-Übersetzungen sowie Modernisierungen des Gesangbuchs vertuschen, dass sowohl die Bibel wie die besten unsrer Kirchenlieder einer anderen Kultur angehören.

Die biblischen Schriften sind auch da evangelisch als Glaubenszeugnis zu hören, wo sie vielleicht einst Glaubensgesetz sein wollten. Das bedeutet für unsere Bibellektüre, dass man respekt- und liebevoll hört, was unsere Väter im Glauben für richtig gehalten haben, nicht als Sklave, sondern als mündiger Sohn.

Wir müssen es als Gottes Wort anerkennen, wann immer Gott uns sein Wort, auch in der Bibel, ver-sagt!

b) Gemeindliche Bibellektüre

Im Gottesdienst suchen wir (1) fundamentale Orientierung.
In besonderen Kreisen kann es um (2) praktische Orientierung gehen. Beides gehört zusammen.

Zur kirchlichen Bibellektüre gehört das Gebet um das rechte Schriftverständnis, gemeinsames Aufmerken auf die Wahrheit [25] Gottes hier und jetzt.

(1) Die Bibel lehrt uns, schon jetzt[26] den „Anfang der Neuen Schöpfung“ sehen, das Bekannte als Wunder erleben. Sie bringt uns Entdecken bei.

In gezielt beirrender Unwahrheit (z.B. der Poesie) kann uns Wahrheit aufleuchten.
Die Bibel ist unüberbietbar beirrend. "Wie heilig ist diese Stätte!" (1Mose 28,17) – segensreicher, fruchtbarer, furchtbarer, vulkanischer Boden; hier stehen Tempel und wackeln.

Ein Kanon Heiliger Schriften verpflichtet nicht zum Nachbeten, sondern zur Kenntnisnahme des Kanonisierten als Qualitätsmaßstabs. Der Kanon muss deshalb nicht alles Gute enthalten. Die Bibel ist ein spannungsvolles und reizvolles Vielerlei.

Zu den Spannungen in der Bibel gehört das Nebeneinander von Indikativ und Imperativ, von persönlichem Heilszuspruch [27] und der Mahnung, entsprechend zu leben.

(2) Das Leben – sowohl das individuelle wie das gemeinsame – stellt ständig praktische Probleme. So auch das Gemeindeleben. Hier gilt es, sowohl allgemeine wie auch von Fall zu Fall speziellere Richtlinien für gemeinsames Handeln zu finden und, versuchsweise oder verbindlich, zu formulieren. Auch für solche gemeinsamen Entdeckungsreisen sind biblische Texte als Ausgangspunkt bewährt.

B. Gebet

Unsre Wünsche und Ängste gehen über das hinaus, was wir selbst machen können. „Herr, lehre uns beten“, sagen da die Jünger (Luk 11,1) zu Jesus; wir möchten wohlbegründete Hoffnungen haben. Eigentlich möchten wir ja sogar zaubern können. Jesu Antwort [28] lässt sich zusammenfassen: „Sagt Gott eure Wünsche und Ängste, wo und wann sie euch bedrängen!“

Beten ist eine Möglichkeit des Menschen, seinen eigenen Weg zu finden. Sie[29] ist selbst prekär, unberechenbar bedingt. Sie hängt vom Dasein Gottes ab, und dieses ist unverfügbar[30]. „Gott“ ist in den Zerreißproben des verantwortlichen Subjekts ein bewährtes, sehr persönliches Integrationssymbol – objektiviert: eine unendlich vereinfachende Hilfsvorstellung, im Wagnis des Gebrauchs: ein Helfer.

Das Wirkungsgefüge unsrer Umgebung scheint uns weitgehend selbstverständlich; viele Zusammenhänge blenden wir ab oder haben sie nie gesehen. Den Namen Gottes mit Blick auf die Außenwelt zu brauchen aber verfremdet diese – seltsam anregend[31]. Wenn wir mit offenen Augen beten, sehen wir etwas von der unermesslichen Vielfalt des Wirkens Gottes, mit offenen Sinnen spüren wir sie außerhalb unser und in uns (Ps 139 !).

Im Bittgebet sammeln wir uns hoffnungsvoll vor unserem imaginären[32] „himmlischen Vater“ und bedenken unsere Welt[33] in Bezug auf ihn[34].

1. Zum Vaterunser

Die neutestamentlichen Vaterunser-Texte (Matth 6, Luk 11) sind formal unbefriedigende Kompositionen. Sie sind, wohl aus von Jesus überlieferten, einzelnen Ausrufen zusammengesetzte Katechismus-Stücke gemeindlicher Lehrtraditionen. Die natürliche Form des Gebets ist der von Herzen kommende, kurze Ausruf, – der uns veranlasst, unser Anliegen vor Gott auch selber neu zu bedenken.

„Dein Name“ ist unser Heiligtum, wo wir immer wieder erfahren möchten, was wir jetzt sollen.

„Deine Herrschaft komme“, jeder soll ihrer froh werden = „Dein Wille geschehe“; Du bist der Grund unsrer Hoffnung.

Gottes Herrschaft ist der Rahmen unserer Vorsorge. Mit der Bitte um das „tägliche Brot heute“ unterbreiten wir Gott unsre Vorstellung vom Lebensnotwendigen.

In der Kraft der „Vergebung“ Gottes wollen wir unsre „Schuld“ an unsern Mitgeschöpfen anerkennen und ihnen vergeben, was sie uns schuldig geblieben sind.

Von Begehren, Hass und Angst geführt, entwickeln wir uns – und lernen jeder seine höchst persönliche Lektion aus seinen Erfahrungen. Wir wünschen uns auch Orientierung („Glaube“), Selbstbeherrschung und Zuverlässigkeit. In unseren weltlichen Begegnungen verlieren wir sie unversehens. Prüfungen („Versuchungen“) unsrer Zuverlässigkeit müssen wir fürchten. Sei Du, Gott, zur Stelle, wenn wir uns selbst verloren haben!

„Erlöse uns“ aus der gegenwärtigen „Schlechtigkeit“ durch deine Gegenwart!

Im Gebet stehen wir vor dem Angesicht Gottes. Zentrale Bedeutung hat der geschundene Jesus als Gottes Angesicht. Der Lobpreis, in dem unser liturgisches Vaterunser gipfelt, steht in diesem Licht.

2. Dankgebet

„Dank für Speis’ und Trank“ liegt nahe, wo Hunger droht (sonst nur bei besonders guter Nahrung). Wenn wir aber selbstverständlich zu essen haben, wird der Dank, eher als unsre Speisen, die Chancen[35] betreffen, die uns – im Unterschied zu den Hungernden – gegeben sind.

C. Jesus

1. Gottvertrauen

Gottvertrauen in einer Angst erregenden Welt ist nicht selbstverständlich. Es ist ein heilender Segen [36]. Es Gottes Segen.
Jesu Gottvertrauen teilte sich Menschen in seiner Umgebung mit; und das ging (und geht) nach dem Scheitern Jesu segensreich weiter. Immer wieder kehren Menschen zu Jesus zurück und empfangen hier neues Gottvertrauen. Insofern ist Jesus nicht gescheitert.
Dem unverfügbaren Gott vertrauen, das ist: mit dem schreienden (Matth 27,50) Gekreuzigten sich an Gottes Wort [37] (Ps 22) halten (Matth 27,46), – das für unsre Gottlosigkeit Raum hat.

Jesus war so überzeugend beeindruckt von der väterlichen Wundermacht Gottes, dass sein Scheitern unter den Jüngern Visionen von dieser Wundermacht hervorrief und Jesu Sterben als Heilsereignis verstanden werden konnte.

2. Anstößigkeit

Der unvoreingenommene heutige Leser der Evangelien kann nicht umhin, sich zu fragen: War Jesus ein Magier, nach heutigen Begriffen ein Geisteskranker, ein größenwahnsinniger Prediger, suizidal, ein respektloser Sohn, ein unbrüderlicher Bruder, ein unzumutbarer Gesprächspartner?
Bestand (und besteht) seine Gemeinde vornehmlich aus autoritären Typen, die gerade solch ein autoritärer Typ in seinen Bann schlägt? Welche Rolle spielt da insbesondere der sog. Autoritarismus der Unterschicht?

Jesus war ein wirklicher Mensch – und die Kirche lehrt: genau darin war er der wirkliche Gott! Alles Wirkliche ist anstößig [38], und wirkliche Menschen sind anstößig. In Jesus wurde das zum Zentralthema. Jesus war besonders anstößig.

Tempelzerstörung und babylonische Gefangenschaft hatte die Juden in ihrer Religion tief verunsichert. Es scheint, daß im Judentum der Perserzeit eine Radikalisierung, eine theologische Universalisierung und eine Verschärfung der religiösen Ambivalenz stattgefunden hat. Die Religion Israels war, ausweislich der sicher[39] späten Schriften des Alten Testaments, durch das Trauma der babylonischen Gefangenschaft weitgehend zur zwanghaft gesetzlichen Angst-Symptomatik[40] geworden. Die „Freude am Gesetz“ wurde durch einen „Zaun ums Gesetz“ geschützt. Abwehr von Anomie[41] kennzeichnet die nachexilische Frömmigkeit. Die explizit von der Restauration und dem zweiten Tempel handelnden Dokumente wirken scheußlich starr. Mit den steigenden neuen Schwierigkeiten wurden aus iranischen Traditionen stammende, apokalyptische Vorstellungen weiterentwickelt.

Jesus kämpfte gegen den herrschenden religiösen Zwang. Er kämpfte als wirklicher Mensch mit seinen außerordentlichen Begabungen und seinen höchstpersönlichen Anstößigkeiten[42]. Er brach die ängstliche Gesetzlichkeit der jüdischen Gemeinde durch mutige Ermutigungen auf (nicht gegen das Gesetz, sondern Ermutigungen zu einem mündig menschlichen [43] Umgang damit). Er hat die Legalisten nicht nur durch irreguläre Wohltaten, sondern auch durch Renitenz und schließlich wohl auch durch spontane Aggressionen provoziert.

Was wir von Gott nicht wissen wollen, weil es uns überlasten würde, das nennen wir teuflisch. Deswegen haben alle Menschen ein ungereimtes Bild von Gott, das uns nur symbolisch (und immer nur für begrenzte Zeit) trägt. Man stellt sich herkömmlicher Weise Gottes Herrlichkeit als märchenhaft königlich vor. Aber Gott „herrscht“ auf seine Weise, bescheidener, als die monotheistischen Religionen es darstellen.
Als wirklicher Mensch hatte auch Jesus ein ungereimtes Gottesbild; und er erwartete eine Herrschaft Gottes, wie sie nicht kam. Das „Nicht erst später in Herrlichkeit, sondern schon hier und jetzt!“ spielt aber im Neuen Testament eine zentrale Rolle.

Jesus sah mit dem Blick der Liebe und zeigte in seinen Gleichnissen Gottes Herrschaft ganz unspektakulär [44], wirkte aber auf seine Umgebung als spektakulärer Wundertäter.

Die Gemeinde erlebt Zeichen und Wunder der „anbrechenden“ Gottesherrschaft. Jesus hatte gelehrt, sie anbrechen zu sehen.

Er nahm Gottes Herrschaft wahr, er erwartete das baldige Gottesreich[45]. Aber als Reaktion auf die Kreuzigung entstand die Kirche – mit den höllischen apokalyptischen Hintergrundsängsten und ihren neuen Radikalismen. Jesus hat nicht nur radikales Gottvertrauen gebracht, sondern auch eine Symptomverschiebung[46] bewirkt. Die Christen kämpfen gegen den alten Ungeist für das neu gefaßte Gottvertrauen in der alten Rüstung[47]; der Glaube an Jesus wird zentrales Gesetz! Die Kirche ist ein widersprüchliches Gebilde mit einer chaotischen Geschichte.

3. Ostern

Die Ausgangssituation des Osterglaubens war die (trotz aller Vorankündigungen) überraschende Kreuzigung und Bestattung Jesu gewesen; also Trauer und Trauma der Jünger. Die Depression wurde überwunden durch die sog. Osterereignisse. Die Erscheinung des Auferstandenen vor Petrus war Anbruch der von den Frommen ersehnten allgemeinen Auferstehung, der Durchbruch einer Imagination in die gelebte Wirklichkeit – wie man ihn (in der heutigen, möglichst rational organisierten Welt) der Psychiatrie zuweist.

Geisteskrankheit ist grundlegend konsensual, kollektiv-subjektiv definiert; erst auf dieser Basis kann sie „objektiv“ diagnostiziert werden. Die ernsthafte Begegnung mit einem Geisteskranken kann unseren selbstsicheren Realismus profund anfechten. Und auf dieser Verunsicherung kann Segen liegen! Sie lehrt uns den Unterschied zwischen Glauben und Wissen.

Das apokalyptische Zeitzeichen Ostern regte viele Niedergeschlagene, mit ihrem Lebensentwurf Gescheiterte, zu überraschenden erfreulichen Wahrnehmungen in ihrer sattsam bekannt gewesenen „alten Welt“ an. Man erlebt „Zeichen und Wunder“, ein Hereinbrechen der ewigen Neuen Welt.

Das Christentum wurde schnell eine multinationale Religion – vornehmlich der (im Kampf ums Dasein besonders bedrängten) Unterschicht. Jede Kirche macht aus dem Evangelium[48] einen neuen Gesetzeskomplex, der vielerlei Marginalisierte [49] aus der deprimierenden Anomie rettet und ein beglückendes Zusammenleben ermöglicht, auf andere aber abstoßend wirkt. Noch heute ist dies die vitalste Funktion des Christentums (und wohl der Religionen überhaupt). Die radikalen apokalyptischen Vereinfachungen verstärken die fromme Abwehr gegen die Anomie.

Die österliche freudige Erregung wurde als der verheißene Heilige Geist der Endzeit erlebt. Aber die „Gerechtigkeit“ der radikal neuen sozialen Form für „Friede und Freude im Heiligen Geist“ (Röm 14, 17) wird immer wieder strittig und führt zu Sektenbildung [50]. Schon als internationale Glaubensgemeinschaft hat das Christentum Normenkonflikte und Anomieprobleme, die nur menschlich im höchsten Sinn, nämlich immer wieder kreativ, im Geist des Vaters Jesu Christi, zu bestehen sind. Es geht um von bescheidenem Gottvertrauen getragene Humanität; aber die kirchliche Symbolik hat in die Menschheitsgeschichte auch finstere Schatten geworfen! Die kulturelle Einarbeitung des Ereignisses Jesus, eine entsprechende Vertiefung der Menschlichkeit und der Kommunikationskultur sowohl der Kirche wie ihrer Umwelt, ist eine immer wieder neue Aufgabe. So bleibt die Kirche als Platzhalter Jesu, als corpus Christi, ein problematisches, aber wesentliches Kulturgut der Menschheit.

Immer wieder scheint es Gott gleichgültig zu sein, was aus der Kirche und was aus der Menschheit wird. (Er konnte aus Erde Menschen machen und kann Abraham auch aus Steinen Kinder erwecken – Matth 3,9, Luk 3,8.) Letztlich darf es auch jedem von uns einmal gleichgültig werden – aber eben: nur „letztlich“! Gott berät uns; und jeder soll sich für das nach Gottes Rat Gute einsetzen, so lange er kann.

D. Credo

Die sog. Glaubensbekenntnisse sind zentrale Symbole der kirchlichen Vorstellungswelt aus vergangenen, weniger individualisierten, sich epochal und kollektiv geordnet verstehenden Zeiten.

Mit dem Bekenntnis des altkirchlichen Taufsymbols (unseres Apostolicum) gliederte man sich einst in „das Volk Gottes“ ein.
Das Nicaeno-constantinopolitanum war als reichskirchliches Recht konzipiert.
In den christlichen Hauptgottesdienst wurde ein Glaubensbekenntnis eingeführt erstmals 476 in Antiochien, vermutlich um Ketzer von der Teilnahme fernzuhalten.
Subjekt des Glaubens war da die Gemeinde, als eine Versammlung des Gottesvolks.

Unsere Glaubenssymbolik ist primär Traditionsgut; sie ist aber dem Gewissen des Einzelnen überantwortet. Nicht nur politisch, sondern auch theologisch hat der Volksbegriff seine Selbstverständlichkeit verloren. Jeder Christ soll im Anschluss an die Überlieferung seinen Glauben auf seine Weise mitteilen, und damit die religiöse Kultur weiterentwickeln.


V. Gotteslehre nach Goethe [51]

Die Besinnung auf Gott und auf sich selbst vor Gott ist eine unter andern[52] Beschäftigungen. Sie produziert tem­poräre Wahrheiten. Sie hat Folgen, diese aber sind un­vorher­seh­bar.

Die Logik der Gotteslehre ist der (von Jean Piaget so ­ge­­nannte) "Synkretismus" des präoperativen Den­kens mit Vor­begrif­fen, Präkausalität, Prärelationen und Trans­duk­tio­nen[53] . Der Gottes­begriff ist ein préconcept.

Die ratio­na­li­sie­renden Be­mühungen (z. B.: "Kann der liebe Gott einen Stein machen, der so schwer ist, dass er ihn sel­ber nicht he­ben kann?") können die Paradoxe nur an le­bens­wahrere Stellen ver­schieben (etwa: "Manchmal scheint es, dass er so etwas pro­biert"), aber nicht behe­ben.

1. Zwei Propositionen

Mit den folgenden beiden Sätzen fasse ich verschie­dene Aspekte der christlichen Gotteslehre zusammen.

a) Schöpfung

These:

Dass die Welt Gottes sehr gute Schöpfung sei, ist für den Lei­denden im Namen Christi zu präzisieren: Die Welt ist Gottes Leiden.

Explikation:

So formulieren wir den Gott/Welt-Bezug, nicht abso­lut, sondern doppelt si­tuationsbezogen im Sinne der Schleier­macher­schen Dia­lektik. Im Sinne der Hegelschen (am Be­griff orientier­ten) Dialek­tik wäre, unbedingt, zu for­mu­lieren gewe­sen: "...Leiden an ihm selbst". - He­gel artiku­liert un­sre gesamte Wirklichkeit als Über­gangs­ob­jekt (s. u.). Schleier­macher bleibt der anthropo­logisch universalen [54] und deshalb erkenntniskritisch re­levanten sprachli­chen Unterscheidung von Subjekt und Prädikat (die Hegel nicht beachtet) verpflichtet[55] und ver­sucht, das Über­gangsobjekt in un­srer Wirk­lichkeit zu verantwor­ten[56].

Nur Gott kann das Leben, wie es wirklich ist, wollen. Gott allein ist gerecht. Alle Menschen sind Sünder.

Gott leidet mit uns[57] und an uns. Er ist mit uns von Hoff­­­nung, Lust und Ängsten beglückt und bedrückt. Er hat die Kraft, die Bedrückung zu tragen, und in diesem Glauben bekommen wir Anteil an dieser Kraft.

Gott hat Vertrauen in uns ge­setzt. In Anlehnung an die Paulinische Rede von der πίστις θεοῦ (Röm 3,3) möchte man das Evangelium formulieren: Gott glaubt an dich!

Gott ist uns dankbar für Treue und Mitarbeit. In diesem Sinne ist auch die Rede vom Gotteslohn zu verstehen. Gott ist be­scheiden.

Ich bin auf diesen – für die Idealbildung des moder­nen, sich autonom verstehenden Menschen m. E. wichtigen – Begriff in theologischem Zusammenhang nur bei Michael Servet ge­stoßen, dem unbescheiden auftretenden Renais­sance-Typ und Blutzeugen seines Glaubens, der lobend etwa von Paulus spricht, " qui nihil agit quam Christi mo­destiam (!) et humilitatem"[58].

Gott weltet, die Welt gottet. Sit venia verbis. Bei­des hat, je zu seiner Zeit, seine Wahrheit. Der Unter­schied der Zeiten ( tempus Evangelii und tempus legis) wahrt den Un­terschied zwi­schen Gott und Welt.

Das lutherische Verständnis von Gesetz und Evange­lium habe ich im Licht der Unterscheidung von Ichideal und Überich skizziert in meinen Pastoralpsychiatrischen Überlegun­gen zur Gotteslehre[59]. Über das dort Ausgeführte hin­aus, versu­che ich hier, einen von modern unkirchli­cher Welterfahrung ausgehenden, heutigen Überich-Inhalt (zu wel­chem eine Relativierung der Überich-Thematik ge­hört) theo­logisch mitzuver­arbeiten.

Die Welt bringt Gott sowohl Liebe wie Hass entgegen. Gott liebt die Welt und wird die Welt in der Liebe, mit der er Je­sus geliebt hat, unvorstellbar [60] zerstö­ren und er­neuern.

Wir sprechen von Jesus als dem Christus, wenn gleich­zeitig zum Ausdruck gebracht werden soll, in wel­cher Hin­sicht wir von ihm reden, dass nämlich, an seiner Liebe zu Jesus, Gott den Men­schen die Eigentümlichkeit seiner Liebe zur Welt gezeigt hat.

b) Das trinitarische Wesen Gottes [61]

These:

Gott vergibt, dass Gott gegen Gott kämpft.

Explikation:

Nemo contra Deum nisi Deus ipse , lautete der nach seinen eigenen Worten "sonderbare, aber ungeheure Spruch"[62], den Goethe als Motto für seinen letzten großen Lebensrückblick[63] wohl selbst [64], aber anonym, formuliert hat.

Gott, der die Liebe ist, vergibt, dass Gott, der die Liebe ist, – bis in die Gottverlassenheit[65] des lang­samen Erstic­kens Jesu am Kreuz – gegen Gott kämpft, der die Liebe ist.

Vergeben scheint gegenüber Kämpfen ein schwa­ches Wort. Das Evangelium aber lehrt, dass Vergeben ein schöpfe­rischer Vor­gang ist. Das zugehörige Substantiv ist nicht erst Vergebung, sondern – elementarer – Ver­gabe.

Damit ist unser Gottesbegriff nach der He­gel'schen Dia­lektik, und das heißt: als "Übergangsob­jekt" [66] artiku­liert.

Im Über­gangsobjekt bildet sich unser Verständnis der Welt im ganzen ab. – Heinz Kohut[67] hat seine "Selbstobjekte" (dazu gehö­ren die Ideale) aus­drücklich als etwa Winnicotts Über­gangsobjekten entspre­chend bezeichnet. Nun gibt es, neben primitiven, höchst differen­zierte Über­gangsob­jekte und Ideale, - nach Win­nicott[68] alle eigent­li­chen Kulturgü­ter.

Ich meine, den christlichen Got­tesbegriff als ein hoch entwickeltes Über­gangs­objekt bestim­men zu dürfen, das auch der reifen Persön­lichkeit im­mer wieder Trost und Halt und einen Ansatz zur Neuori­entierung gibt in ih­rer aus­differen­zierten Lebens­welt.

Die Beziehungen zwi­schen Libido und Nar­zissmus sind bei Kohut m. E. noch nicht genügend erhellt[69]. Hier ist für unsern Zusam­men­hang auch an Freuds Unterschei­dung zwi­schen Liebe und (präambivalenter) Ver­liebtheit zu erin­nern. – Mir scheint psychoanalytisch die Trinitäts­lehre gerade den Über­gang vom Narzissmus zur Objektli­bido zu betreffen.

Die Umkehrung: "Gott bekämpft, dass Gott Gott vergibt", müssen wir zu Zeiten ebenfalls ernst nehmen.

Man kann nicht Aggres­sion und De­struktion verteufeln, ohne den Schöp­fer zu verteu­feln. Eberhard Jüngel hat dogma­tisch mit seiner Ein­arbei­tung der Christologie in die Got­teslehre hier still­schwei­gend einen wesentlichen Schritt getan[70]. Mir scheint­ aber die explizite Aufnahme der De­struk­tions­problematik in die Gotteslehre seelsorger­lich nö­tig, um einem narzisstischen [71] Ge­brauch die Richtung in die Ausein­ander­setzung mit der Ambivalenzpro­blematik zu weisen, - und wis­senschaftlich legitim, wenn man ihren prä­ope­ra­ti­ven Charakter aner­kennt.

Post Christum mortuum ist nur noch eine trinitarische Gotteslehre "natürliche" Theo­logie. Die Natur ist ge­schichtlich.

Schalom ben Chorin hat in seinem Gedicht "Und suchst du meine Sünde, flieh ich von dir zu dir ..."[72] nach Salomo ibn Gabirol[73] ("Und suchst du den Fehl an mir heim / Ich flieh vor dir - in deine Hut / Schirme mich mit deinem Schatten vor Deiner Glut") als Jude die Wider­sprüch­lichkeit der Gotteserfahrung in einer zugleich an Ps. 139 und an Luthers Unterscheidung zwi­schen dem Evan­gelium von Christus und dem Gesetz Gottes gemahnenden Art zum Ausdruck gebracht.

Der dreieinige Gott des christlichen Dogmas, von dem wir re­den, ist in jeder der drei göttlichen Perso­nen in je de­ren eigenem Werk trinita­risch präsent[74].

In Gott leben und weben und sind wir (Apg 17, 28).

Das Weltgeschehen ist Gottes des Vaters Werk.

Die Liebe der Welt zu Je­sus war begrenzt. Jesu Verge­bung war be­grenzt. Die Besonderheit Jesu ist nicht dogma­tisch zu definieren, sondern erweist sich geschichtlich im Gebrauch der christlichen Tradition[75]. Er hat gegen das Welt­geschehen ge­kämpft. Er ist von der Welt ans Kreuz geschla­gen wor­den und so ge­storben. Die Dogmatik muß nicht postulieren, dass Jesu Lei­den das tiefste Leiden gewesen sei. Aber an Jesu Leiden ist der Glaube entstanden, dass alles Leiden Got­tes ei­genes Tun und Leiden ist. Auch das gottver­lassene Tun und Leiden des Selbst­mör­ders Judas. Es geht darum, dass Gott sich in die Gottverlassenheit begeben hat.

Der vergebende Gott ist Gott der Heilige Geist[76]. Kraft des Hei­ligen Geistes wird die Welt zu Gottes Freude. An Jesus, dem Ge­kreuzigten, hat die Menschheit die prinzi­pielle Bedeu­tung der Er­lebnisse schöpferi­scher Kraft des Leidens der Ver­gebung entdeckt[77].

In der Welt finden wir trinitarische Entsprechungen. Christus-Verständnis erweist sich als Verständnis in seiner analogischen Kraft, als Gottesverständnis in deren Univer­salität.

Die Analo­gie unsres Gottes­begriffs z.B. zur integrier­ten Per­sönlich­keit liegt auf der Hand. Man er­innere sich an Augustins vestigia trinitatis. Man darf hier aber auch an alle Beob­achtungen denken, die Hegel zusam­men­getragen hat.

2. Die Ambivalenz in Gott

Der Lehrsatz des Ersten Johannesbriefs (4,8.16), Gott sei Liebe, setzt die Sendung des Gottessohnes in die Welt und die göttliche Überwindung des Kreuzestodes voraus. Im Unterschied zur Platoni­schen Tradition vom Guten-an-sich, handelt es sich in der christ­lichen Lehre vom Wesen Gottes nicht einfach um das Gute (bzw. die reine Liebe), sondern um Überwindung des Bösen. Dass Gottes Wesen Liebe sei, ist eine Verheißung, keine Feststellung.

Luther[78] hat viel vom Teufel als Widersacher Gottes ge­re­det. Er hat deutlich gemacht, dass er dabei mit ei­nem Am­bi­­valenzproblem in seinem Gottesverständnis zu tun hat[79]. Er hat den Begriff der Maske zu Hilfe genom­men, – göttliche Maske, die sich der Teufel vorhält, und Teu­felsmaske, die sich Gott vorhält –, um das Er­lebte festzuhalten.

Tatsächlich sind solche Erlebnisse nicht als Erlebnis, son­­dern nur als Zeugnis festzuhalten. Wir deponieren in der Gotteslehre Erin­nerungen an Er­fahrungen, mit denen wir uns zu Zeiten nicht mehr iden­tifizieren können, weil wir sie nicht bei einander halten kön­nen. Es handelt sich um Wortge­schehen in der Tradi­tion der Verkün­digung des Todes Jesu (vgl. 1Kor 11,26), das manchmal einen neuen Anfang mit uns macht, wenn wir mit unsrer eigenen Weisheit am Ende sind.

3. Der Mensch zwischen Gott und Welt [80]

Wir sind mit unsrer Welt Gott gegenüber nicht selbstän­dig, – so wenig wie wir mit unserm Gott der Welt ge­genüber selbständig sind.

Unsre Welt ist, undefinierbar teilweise, Konstrukt un­serer menschlichen Natur[81]. Weltverant­wortung ist Glau­benssache, – menschli­ches Wortge­schehen zwischen Gott und Welt, ist Gesetz der Abhängig­keit von der Welt oder evangelisches Zeug­nis vom Sein in Gott.

Gott und Welt zusammen erst machen unsre Wirklichkeit aus. Zunächst handelt es sich um Totalfragen (den usus theologicus legis). Aber die Got­teslehre kommt in unsrer Weltlichkeit zum Ziel, im christlichen usus po­liticus legis (dem usus in renatis).

Wir müssen leben zugleich ausgerichtet aufs Weiter­leben und aufs Sterben. Auf den ersten Blick ist eins das Gegen­teil des andern, auf den zweiten Blick färbt eins das an­dere. Aus­richtung aufs Sterben sieht das Leben sub spe­cie aeternita­tis. Ausrichtung aufs Leben heißt ums Ewig-weiter-so spie­len[82]. Werden und Vergehen sind zwei Seiten dersel­ben Sa­che. Das Problem liegt bei unserer begrenzten Fähig­keit zur Sachlichkeit. Hier hat der Christusglaube seinen Ort.

Das Weltgeschehen, das lebendige und das unbelebte, braust in uns und um uns, füllt uns mit Kraft und ent­kräftet uns. Im Sinne des Lebens, das wir lieben, sol­len wir es uns getrost als von einem per­sönlichen Gott ver­ursacht vor­stellen; – obwohl wir wissen, dass wir uns den "Grund der Welt" überhaupt nicht vorstellen können, ja, dass wir schon mit diem Ausdruck mehr sa­gen, als wir verant­worten können. Die Welt kann ihr Gotten nicht durch­halten. Sie bricht uns in Stücke. Hier hat die Paulinische Grundaussage christlicher Lehre vom Gebet, Röm 8,26, ihren Ort. Le­bendiger Gottes­glaube[83] ist ein prekärer Pro­zess des Übernehmens und Gestaltens.

Gott hat viele Gesichter. Christus ist das uns zugewandte Gesicht Gottes. Aus jedem Gesicht sieht er uns an. Er blickt uns, heißt es Mt 25, 35ff., an aus jedem Nackten, Gefange­nen, Hungernden usw. Man wolle nicht meinen, Nackte, Gefan­gene, Hungernde seien bessere Menschen, weil wir in ihnen Christus begegnen. Der die Sünde der Welt trägt, sieht ge­wöhnlich[84] aus, böse, ängstlich, schlecht gelaunt, männ­lich, weiblich, sächlich, falsch, verführerisch, leichtsin­nig, vom Tod gezeichnet. Ich muss Gott lieben um des lieben Le­bens willen, und den Nächsten als Got­tes Gesicht er­kennen. Aber auch ich mit meiner Be­schränktheit bin Gottes Ge­sicht. – Gott vergibt, dass Gott gegen Gott kämpft.

Gott begegnet mir nicht nur in Menschen, sondern in al­lem, im einzelnen und im ganzen. Auch davon lebe ich und habe andern mit­zuteilen.

Ich soll ein zeitlicher Spiegel der "ewigen Wahr­heit" sein. Was das ist, ist theoretisch nie klar, aber klar ge­nug, um damit zu leben.

"Liebst du dieses Leben noch? – Ach, man liebt es schließlich doch", dichtete Friederike Kempner. Man lä­chelte, eine Banalität war adäquat zum Ausdruck ge­bracht; man war als banal erkannt, man war geniert, man tabuierte ästhetisch. Ein kleines Tabu steckt aber auch schon im Text: Konsequent müsste der zweite Satz lauten: "Ach, ich lieb' es schließ­lich doch!" oder: "... du liebst es schließ­lich doch!" Das Untertauchen im "man", ausge­rechnet bei diesem Problem, war ein verräterischer poe­tischer Schwächeanfall. Das Kamel woll­te nicht durchs Na­delöhr. Ich muss und soll damit rech­nen, dass die zweite Aus­sage nicht für jeden und nicht immer "schließlich" gilt. Die Tür in den Selbstmord steht of­fen, – wenn­gleich es Gründe gibt, nicht hin­durchzugehen. Man sollte sich diese Perspektive nicht mit einem morali­schen Vor­hang verdec­ken. Die Men­schen­würde hängt an dieser Per­spek­tive. Wenn wir am Leben bleiben wollen, dann aus gottge­wollter Gier, insbesondere gottgewollter Neugier. Das gilt es ernst zu neh­men im Licht der Menschwerdung Got­tes. Ewig­keit zu begehren, ist uns genetisch einpro­gram­miert[85]. "Alle Lust will Ewigkeit", formu­lierte Nietzsche[86] treffend. Auch die Selbstmordwahl will Ewig­­­­­keit. Man muss unter­schei­den zwischen inte­grierter und desinte­grierter Selbst­zer­störung. Zielge­richtetes Leben integriert Selbstzer­störung; aber auch desinte­grierte Selbst­zer­störung ist Got­tes Selbstzer­störung. Wir kön­nen (und wollen ja auch) dem nicht ent­gehen, ein Ge­sicht Gottes zu sein. Gott, der in be­grenztem Um­fang, aber weitge­hend, Schöpfer sein will, ver­gibt, dass Gott gegen Gott kämpft.

"Gott hat seinen Sohn in die Welt gesandt nicht, dass er die Welt richte, sondern dass die Welt durch ihn geret­tet werde", lesen wir im Evangelium (Joh 3,19). – Die Tendenz, die Welt im Namen Gottes zu richten, ken­nen wir alle. Es ist aber unser ideales Got­tesbild, nicht der dreieinige Gott, der uns nach Jesu Tod übrig ge­lassen ist, in wessen Namen wir das tun. Universa crea­tura eius est larva, sagt Luther (WA 40/I, 174). Ordnung und Chaos, Bauen und Zerstö­ren sind Gesichter, πρόσωπα, per­so­nae, aus denen der lebendige Gott, der Vater Jesu Christi, der Schöpfer, uns begehrenswert und ent­setzlich anblickt. Die Christustradi­tion lässt uns, in­mitten von Entsetzen und Begehren, inne­halten, uns nicht verschließen, son­dern auf­merken und von diesem wieder Neuen anfangen, - in Furcht und Zittern; in der Hoffnung, von einer Klarheit zur andern ge­führt, Gott von Angesicht zu Ange­sicht zu sehen; zu erkennen, gleich wie wir uns vom Evangelium erkannt fühlen.

Unsre Weltlichkeit kommt in der Welt an ihr Ende, aber wir können kraft der Verge­bung Got­tes neu auf die Got­tes­lehre hören.

4. Ethik

Welche Folgen hat solche Gotteslehre für unser Han­deln? Sie ist ein Integrationsangebot[87] von höchster Spann­weite. Wer es an­nimmt, wird ihm – nach der Logik des Herzens – durch integratives Handeln zu ent­sprechen suchen. Das wird im Sinne dieser Theologie auch kämpferi­sche Partei­nahme in christ­lichem Geiste sein.

Im gleichen Sinne hat diese Gotteslehre Folgen für das Urtei­len. Das Leiden in der Welt abschaffen wollen hieße die Welt ab­schaffen wollen. Der Christ muss in täglicher Buße von einem harmonisti­schen zu einem be­scheidenen trinitarischen Radikalis­mus sich be­kehren; nicht den Kampf aller gegen alle in Gottes Schöp­fung ver­urteilen, sondern umgekehrt jedes Gelingen von Har­monie dankbar als sichtbares Er­eig­nis von Vergebung er­kennen.


VI. Zur Gotteslehre

A. Der Rufname „Gott“

Die Menschen reden Verschiedenes über Gott. Dabei geht es jedoch meist noch nicht um Standpunkte. Wir wissen oft dabei, dass wir nicht recht wissen, wovon wir reden. Gott gilt meist praktisch zunächst als Ansichts­sache.

Man kann auch, aufgrund dessen, was einem andere gesagt haben, Gott anrufen, ohne noch recht zu wissen, wer das ist. Aber nach dieser Erfahrung weiß man schon etwas mehr über Gott.

Juden und Christen haben sehr viel über den Namen Gottes nachgedacht. Es ist aber anregend, den Namen Gottes auch im Licht ostasiatischer Hermeneutik zu bedenken.

Mantra, Zauberwort, Gottesname, Gebet, Koan, religiöse Lehre, Meditation sind verwandte Phänomene. Es geht um je spezifische Wahrnehmungseinstellung.

1. Mantra

Ein Mantra ist ein Instrument für Bewusstseinsveränderung – von Autosuggestion bis Autohypnose.

Etymologisch scheint die beste Übersetzung des Sanskrit-Wortes „Mantra“ zu sein: „Schutz der Geistes“. Aber die Etymologie liefert auch hier höchstens den ältesten Sinn eines Wortes, nicht aber den üblichen Gebrauchssinn. Dieser scheint eher: „Instrument des Denkens“, „Rede“, zu sein.

Diesem blassen Wortsinn entspricht eine außerordentlich breite Phänomenologie. Ich halte mich im Folgenden an einen zentralen Typ. Das Mantra ist oft nur ein einziges Wort. Aber, wie zum biblischen Gebet, gehört auch zum Mantra der reiche Kosmos einer alten Lehre. Zusammen mit dem Mantra wird eine persönliche Belehrung erteilt.

Üblicherweise, aber nicht überall (!), wird überwältigende Wiederholung des Mantra empfohlen.

Im Gebrauch gewinnt es persönlichen Sinn; man sammelt Erfahrung damit.

Praktisch-theologisch interessant ist die mächtige Wirkung, die solch einer mündlich hervorgebrachten Lautfolge zugeschrieben wird.

Man empfängt das Mantra persönlich von einer Vertrauensperson; es wird individuell, von einer Autorität, zentrierend auf die Allmacht, zugesprochen. Es ist sicherndes Geleit beim Meditieren, einem als Sterben und Wiedergeburt erlebten Reorganisationsprozess der Person. Bei der Selbstpreisgabe kann sich der Schüler am Mantra festhalten.

Das Mantra ist Selbstsymbol, Beschwörung der allumfassenden Macht, Gottesname.

Die buddhistische Wiederholung des Mantra verödet den Geist. Sie soll den von Illusionen besetzten Geist für die Wahrheit freimachen.

Ein Mantra ist ein Symbol zur Sammlung aller Kräfte und Organisation aller Beziehungen.

Das Mantra wird zunächst individuell zugesprochen als Weg der Einkehr ins eigene Nichts. Auch die Mantra-Meditation aber geschieht gern in Gemeinschaft.

2. Der Gottesname

Das Wort „Gott“ ist bei uns gewöhnlich nicht mehr eine Gattungsbezeichnung, sondern ein Eigenname, ein Rufname. Mit diesem Wort rief man (und ruft man) Gott – ohne genauer zu wissen, wer oder was das ist. Man ruft ihn an.

Das ist natürlicherweise zuerst ein gesprochenes Wort. Es wird dann aber ein lautloser Gedanke, von dem der Stimmlaut sogar ablenken kann.

Die Bibel hat dem Gebet Macht zugesprochen. In der Bibel finden sich Übergänge vom orthodoxen Gebet zu Beschwörung und Zauber. In unserer orthodoxen Tradition aber wird all solchem prinzipiell die Freiheit des Allmächtigen entgegengestellt.

Es ist vielfach verheißen und vielfach bezeugt, dass man Gott nicht vergebens ruft; er entspricht unsrem Anliegen und hilft, indem er uns seine Nähe offenbart und uns unser Anliegen mit andern Augen sehen lässt.
Aber bezeugt ist auch Androhung und Erlebnis eines Ausbleibens des erwarteten Gottes sowie bleibende Gottlosigkeit.

Für die ostasiatische Frömmigkeit ist die Meditation, für die Bibel ist das Gebet typisch. Hier ist die Gottheit Person, dort ist sie eher das Nichts. Das mystische Thema der religiösen Versenkung des Einzelnen in die Gottheit als das eigene Nichts spielt in den biblischen Religionen eine untergeordnete Rolle. Im Alten Testament steht der Gott Israels als der Schöpfer der Welt, und im Christentum steht der Mensch gewordene Gott im Zentrum.
Luther (der als junger Mann die deutsche Mystik hoch schätzte) sieht den homo peccator vor dem Deus iustificans. „Das Nichts“ – auch dies ein Erlebnis veränderten Bewusstseins – ist eine Abstraktion aus dieser Dynamik.

Das Wort „Gott“ beansprucht uns persönlich; aber alle damit hervorgerufenen Vorstellungen sind unhaltbare, temporäre Illusionen. Man kann deshalb diesen Anspruch immer wieder mit vernünftigen Gründen zurückweisen.

Der Name des biblischen Gottes soll das bedrängende und verwirrende Weltliche keineswegs aus unserem Denken verdrängen, sondern dieses vielmehr vor den Gott bringen, der unseren Geist göttlich frei macht für das Weltliche!

„Gott“ ist ein Mantra, das der Mensch nicht in sich gekehrt, sondern mit Blick auf die Außenwelt brauchen soll. (Das verfremdet diese spürbar!) "Rufe mich an in der Not, so will ich dich erretten, und du sollst mich preisen."

„Gott“ ist ein Mantra. Wohl dem, der es hat! Der Name evoziert, was wir frevelhaft „das“ All nennen dürfen (als ob wir wüssten, was wir damit sagen), im „Aggregatzustand“ der Personalität.
Wer offene Probleme hat, durch die er sich dem Chaos ausgesetzt fühlt, kann bei Gott Rat finden.
Man kann sich auch anders beruhigen als mit Gottes Rat, aber nicht mit besseren Gründen.

Was soll ich? – : „Gut sein!“ Was heißt das konkret? – : „Frag Gott, den Schöpfer!“ Das Wort Gott ist eine eigenartige Zumutung, eine Berufung in die Mitverantwortung. Es ist uns als Rufname des Schöpfers dieses („Welt“ genannten) Vielerlei überliefert. Es ist Symbol für das Schöpfungswunder. Die sich um dieses Wort drehende Überlieferung hat viele Quellen, ist lang und lebendig und voller Widersprüche; und dieses Wort regt, wenn man sich darauf sammelt, noch heute menschlich strukturierende Kreativität an.

Die Frage „Was soll ich?“ ist im Grunde sinnvoll nur als Frage an Gott. Auch ohne diese Frage zu stellen, hat man Orientierungen. Aber diese Frage an Gott hat sich heuristisch bewährt. Der Name Gottes inspiriert, sammelt, wirkt wie ein Mantra. Er wirft ein neues Licht auf die Dinge. Man entdeckt.

Bittgebet ist: unsre Wünsche vor Gott Bringen, und also: sie in weiterem Horizont Sehen. Wichtiger als die Artikulation der Wünsche ist der Gottesname.

Das Wort „Gott“ ist kein Signifikant[88]. Es bezeichnet nicht; es nennt nicht etwas. Wenn es etwas tut, so evoziert es; es ruft ein Geschehen hervor.

Das Wort, durch das Gott in unser Dasein eingreift, ist zuerst und zuletzt sein Name. Gottes Name ist durch die Tradition mit vielerlei Bedeutung gefüllt; es ist erstaunlich, welche Eindeutigkeit sein Name jeweils für uns gewinnen kann. Manchmal stößt er uns zurück in unsere Weltlichkeit und verweist uns auf unsre enttäuschende Weltweisheit; wir sollen die Welt und die Mitmenschen als Gottes Repräsentanten ernst nehmen (nicht nur „lieben“). Aber Gott selbst hat sich nicht aus der gemeinsamen Verantwortung für unser Dasein gestohlen. Er berät uns. (Die biblischen Gesetze und Gebote sind Stereotypen von guten Ratschlägen.)

Wenn man nicht mehr weiter weiß, fragt man nach Gott. „Gott“ ist jeweils ein Versuch, die zur Wirklichkeit (mit ihren Wahrscheinlichkeiten) geronnenen Möglichkeiten noch einmal anders, als „Schöpfung jetzt“, zu sehen und als im Grunde „kräftig brauchbar“ (1Mose 1,31) [89] neu zu entdecken.

Die Rede vom „Namen Gottes“ scheint Gott zu objektivieren. Sie gehört zur Innenwelt der Meditation mit ihren uneigentlichen Objekten [90]. Die Ähnlichkeit der Menschen bedingt, dass ihr Innenleben auch erstaunlich tragfähige Gemeinsamkeiten aufweist. Daraus erwachsen auch mächtige Religionsgemeinschaften, – die sich dann freilich institutionalisieren und gegenüber ihrem meditativen Ursprung verselbständigen.

Zentrierung der Existenzsymbolik hat sich vielfach bewährt. Der Gottesname der biblischen Tradition scheint mir hierfür besonders geeignet. Er war zeitweise ein Zentrum unserer Kulturgeschichte.

Der Glaube an Gott, den allmächtigen Schöpfer Himmels und der Erde, integriert das Subjekt. Der Gottesname dient als Mantra. Das Mantra hat eine (kollektiv subjektiv) objektivierbare Seite: das beten/meditieren Können! Aber Objektivierung der Gottheit (in polemischem wie in apologetischem Interesse) überschätzt das menschliche Urteilsvermögen.

Angst um ein Existenzsymbol kann um dieses herum eine religiöse Zwangssymptomatik aufbauen (Freud). Deren Abwehrleistung pflegt nachzulassen; das Symptom wächst nach und greift um sich (Schulbeispiel[91]: כַּשְׁרוּת/kaschrut). Die lebendige Symbolik der religiösen Kultur und Theologie ist historisch vermittelt weitgehend durch die religiösen Zwänge. In einer menschlich aufmerksamen Kultur bleibt das Existenzsymbol gleichwohl lebendig[92].
Religiöse Kultur und Theologie pflegen die Erinnerung an durchlebte Krisen; sie bemühen sich, das Vergangene mit gegenwärtigen Mitteln zu verstehen und das Gelernte für gegenwärtige und kommende Krisen zur Verfügung zu halten. Ihre Integrationskraft muss sich bewähren. In dem Maße, wie die Angst-Energie der Gefährdungserkenntnis in Sorge, Vorsorge, Umdenken und Horizonterweiterung (Austausch mit der lebendigen Symbolik außerhalb ihrer eigenen Tradition) abgeleitet wird, lockern sich die Zwänge.

Abgelebte Formeln und Riten, Reste von religiösen Institutionen, bestehen auch als willentlich unverstandene Schrumpf-Formen von Religion, als Identitätsmarken des Subjekts, erstaunlich lang weiter.

Wer in persönlichen Beziehungen etwas erzwingen will, kann nur Schaden anrichten; das gilt auch für den Umgang mit Gott. Daher wird vor magischem Missbrauch des Gottesnamens gewarnt. (Der umgangssprachliche, unernste Gebrauch des Gottesnamens hingegen verdeckt nur mit einem Kraftwort eine sprachliche, gedankliche und moralische Schwäche.)

3. Koan

Das alte chinesische Wort gongan, auf welches diese japanische Vokabel zurückgeht, bedeutet wörtlich: „öffentlicher Aushang“; es bezeichnet die paradoxe Außenseite der Meditation[93]. Persönliche vertrauliche Überlieferung bildete die Innenseite.

Die buddhistische Meditation kam von Indien über China nach Japan. In China wurde das Koan erfunden, ein exemplarisches Rätsel, ein Paradox als Meditationsgegenstand, mit dessen Hilfe man die Herrschaft des Alltagsdenkens durchbricht[94]. Die geduldige Meditation des Koan sprengt plötzlich, mit dessen Wortsinn, exemplarisch jede Heteronomie.

Mantra und Koan sind keineswegs sinnlos. Es sind erfahrungs­trächtige, persönlich zugesprochene Worte aus langer Überliefe­rung mit abgründiger Bedeutung: Wege[95] des Umgangs mit der Sinn­­losigkeit!

Ein Koan ist ein existenziell extrem aufgeladenes Symbol, ein für die Person autoritativ vorformuliertes Bekenntnis, ein spezifizierter „Gottesname“. Die Autorität des Meisters ist dem Schüler Verheißung, daß er sich darin zur Erkenntnis des banalen Hier und Jetzt als der Offenbarung der ewigen Wahrheit, d.h. zur Erleuchtung, voranarbeiten kann.

Direkt oder indirekt hängen tief bewegende Erinnerungen an dem Gottesnamen. Er beruft Geschichte, die, wenn wir Menschlichkeit ernst nehmen, uns etwas zu sagen hat.

Meine trinitarische Formel[96] ist, wie nolens volens [97] schon die altkirchliche, sozusagen ein nicht personalisiertes Koan. Eine nicht paradoxe Gotteslehre wäre Ideologie!

Das Christus-Bekenntnis ist das Koan der Kirche – ein Symbol, unter dem das Individuum das Chaos durchstehen lernt. Sie hat es in einer Kaskade von Paradoxen ausartikuliert.
Was einer im Zeichen Christi gelernt hat, soll er in anderen Zusammenhängen weiter üben: Nachfolge Christi.
Andere haben anderswo Ähnliches gelernt.

Man kann auch in einer durch sozialen Druck aufgenötigten Ideologie geistig wachsen: zunächst durch Erarbeitung und Durchdringung derselben, sodann durch zunehmend selbständige Weiterentwicklung derselben und endlich, wenn das Eigene sich in den vorgegebenen Rahmen nicht mehr einfügen lässt, durch Hinauswachsen.
Das gilt auch für Religionen und totalitäre Parteien, die einen Anspruch auf Menschlichkeit behaupten.

Das Glaubensbekenntnis und eine Glaubenslehre stabilisieren die Wahrnehmungseinstellung, aus der heraus Gott angerufen wird.


B. Die Bescheidenheit des Allmächtigen

Das Phantasma schöpferischer Allmacht steht in den großen monotheistischen Religionen bis heute ungebrochen in Geltung als göttliche Eigenschaft. In der herkömmlichen Theologie entspricht der allmächtigen Gottheit komplementär die Demut des Menschen.

1. Allmacht

a) Begriff

"Der Allmächtige" – das ist das erste, ein eindeutig identifizierendes Attribut, das wir Gott beilegen.

Der Begriff Omnipotenz war ursprünglich fast volkstümlich gefasst. So kann, im Horizont des antiken Polytheismus, Hermes als "allmächtig" (παντοκράτωρ) gerühmt werden. Allmacht war ein Gottesprädikat; Götter sind geeignete Träger für menschliche Allmachtsphantasien.

Dann wurde der Begriff Allmacht auch philosophisch problematisiert, analysiert und präzisiert.

Sigmund Freud hat darauf aufmerksam gemacht, dass Allmachtsphantasien zur psychischen Grundausstattung des Menschen gehören. Es handelt sich um eine primitive Manifestation dessen, was er den normalen Narzissmus nannte. Heinz Kohut hat dann, über die Normalität unserer narzisstischen Anfänge hinaus, auch typische Charakterzüge des reifen Menschen als spätere Formen des Narzissmus beschrieben. (Später hat er, die anrüchige [98], von Freud aus der Psychiatrie übernommene Vokabel „Narzissmus“ fallen lassen und durch eine sehr umständliche Terminologie ersetzt.)

b) Problem

Der Augustiner Martin Luther hat in seiner berühmt-berüchtigten Schrift De servo arbitrio (1525) die Begriffsklärung zum kompletten Selbstwiderspruch der Gotteslehre vorangetrieben. Hier wird absolute Allmacht dem sog. Deus absconditus zugeschrieben, dessen Existenz kein vernünftiger Mensch leugnen könne, den wir aber nicht verstehen und den wir nur fürchten können und anbeten sollen. Dieser Gott bewegt sogar den Bösen in seiner Bosheit und straft ihn in Ewigkeit. Dem steht die Selbstoffenbarung Gottes in Christus gegenüber, das Wort, in welchem Gott uns seiner Fürsorge versichert.

Luther steht damit in der biblischen Tradition insbesondere der Ausführungen des Paulus über die Geschichte Israels, sodann aber auch der Lehre Augustins von der Praedestinatio ad malum, der göttlichen Vorherbestimmung zum Sündigen und zu verdienter Verdammnis.

2. Bescheidenheit

a) Demut

Biblisch ist nicht die Rede von Bescheidenheit, sondern von Demut. Alttestamentlich ist die Rede von frommer Demut des Menschen und neutestamentlich von der Demut Jesu als Zugang zu Gott (Matth 11, 28-30).

Der Begriff Demut ist vom Begriff der Allmacht her bestimmt. Demut ist kein echtes Gegenüber der Allmacht, sondern sozusagen der Schatten der Allmacht.

b) Bescheidenheit

Bescheidenheit ist ein allgemeinerer Begriff; nicht allmachts-, überhaupt nicht macht-, sondern kontextbezogen.

Der deutsche Begriff Bescheidenheit entspricht etwa den klassisch-griechischen Tugenden ἐπιείκεια und σωφροσύνη; diese waren in jener Kultur nicht besonders hoch geschätzt.

Das altertümliche deutsche Zeitwort "bescheiden" ist etymologisch eindeutig vom Stamm des Wortes "scheiden" abgeleitet, es hatte jedoch lange zwei verschiedene (obschon auch in einander spielende) Bedeutungen:
1. die veraltete: Jemandem etwas bescheiden = zuweisen; früher: sein bescheiden Teil (Luther), später: sein beschieden Teil (Goethe),
2. die heute herrschende Bedeutung: Noch in veralteter Syntax: Jemanden eines Dinges bescheiden = darüber belehren, Bescheid geben; sodann: Jemanden (abschlägig) bescheiden. In diesem Sinne ist das veraltete (zum Adjektiv gewordene) Partizip "bescheiden" (= belehrt, erfahren) zu verstehen. Hiervon abgeleitet ist "Bescheidenheit". Dieses Wort konnte (um 1230) die Fähigkeit, Gut und Böse zu unterscheiden, bezeichnen. Noch Luther kann (Kol 2,3) γνῶσις/gnosis = Erkenntnis mit "Bescheidenheit" übersetzen!
"Sich bescheiden" ist in diesem zweiten Sinne zu verstehen: zur Einsicht kommen, dann: sich zufrieden geben, sich begnügen.
In diesem Sinn wird dann auch das heute noch geläufige Adjektiv "bescheiden" gebraucht. Und dieses erinnert an das "bescheiden Teil" der erstgenannten Bedeutung[99].

Als persönliche Eigenschaft bezeichnet Bescheidenheit also eine Reflexivität. Sie ist ursprünglich passiv gedacht; sie beruht auf Erfahrung. Man er-innert sich an seine Erfahrungen, man verarbeitet sie, man eignet sie sich an. So ist Bescheidenheit natürlicherweise eine Form menschlicher Reife.

Bescheidenheit setzt Interesse und Wahrnehmung voraus. Bescheidenheit setzt integrale Liebe („Objektliebe“ [100], verwachsen mit Narzissmus) voraus. Solche müssen wir erfahren und wahrgenommen haben. Nach dem Vorbild von guten Eltern und einleuchtenden Autoritäten können wir dann Bescheidenheit aus unseren archaischen Größengefühlen entwickeln.

3. Gotteslehre

a) Objektivierung

Der biblische Gott ist ein immer lokales Ereignis. Er strukturiert dem Erwählten die Welt. Gott ereignet sich als Schöpfer.

Das Zeitlose, Ewige ereignet sich als Ahnung.

Die Rede von Bescheidenheit als einer Eigenschaft Gottes führt die herkömmliche Gotteslehre in der klassisch objektivierenden Weise weiter. Theologisch-dogmatische Objektivierungen waren schon immer auch eine existenzsymbolische Verortung des Menschen. Moderne kirchliche Dogmatik aber beschränkt sich üblicherweise auf Interpretation der alten kirchlich-normativen Objektivierungen. Meine Ausführungen sind ein postmoderner Vorschlag.

Jeder einzelne muss Gott immer wieder fragen, welcher bescheidene Anteil an Gottes erschreckender Bescheidenheit ihm beschieden ist.

b) Die Bescheidenheit Gottes

Herrlichkeit lockt, beglückt und demütigt; sie ist aber an sich keine besonders göttliche Eigenschaft. Göttlich herrlich ist die schöpferische Bescheidenheit.

Darauf bin ich erst durch den Begriff צִמְצוּם/zimzum (~ Rückzug) in Isaak Lurias Schöpfungslehre aufmerksam geworden. Luria, dessen Denken als theologische Verarbeitung der Vernichtung des spanischen Judentums zu verstehen ist, starb 26 Jahre nach Luther, – der, in seiner Heidelberger Disputation 1518, im Blick auf den gekreuzigten Jesus eine theologia crucis an Stelle einer theologia gloriae gefordert hatte.

Bescheidenheit ist mir in theologischem Zusammenhang nur bei dem 1553 in Genf als Ketzer verbrannten Michael Servet begegnet, der von der modestia Jesu sprach.

Die klassisch-biblische humilitas/Demut schlägt die Augen nieder. Modestia ist umsichtig angemessenes Verhalten.

Schöpfung bedeutet: sich gern auf anderes[101] (!) Einlassen. Durch sein Schöpfungswerk nimmt Gott die Welt auf sich – mit ihrer Schuld[102]. Unser Dasein ist Schauplatz der Schöpfung. Gott hat die Welt offenkundig zu freier Entfaltung bestimmt.

Meist wollen wir das Leben in der gottgeschaffenen, schöpferischen Freiheit, obwohl es ein Kampf mit der freien Natur außen und in unserm Körper und auch beängstigendes menschliches Zusammenleben ist. Unser Lebenswunsch ist in unsrer animalischen (und „vegetativen“) Natur verwurzelt [103]. Wir müssen im Leiden uns besinnen auf den positiven Grund unseres Leidens: auf unser Leben Wollen, unser Erkennen- und Wahrheit-bezeugen-Wollen. Gott hat in Jesus uns seinen Dank und Teilnahme an unserm Leid bezeugt; und so oft wir auf ihn hören, teilt er uns seine tiefe, freundschaftliche Verbundenheit mit.
Paulus schreibt (2Kor 5,20): „So bitten wir nun an Christi statt: Lasset euch versöhnen mit Gott!“ Durch Christus bittet Gott uns, die wir mit dem Schöpfer hadern, um Versöhnung, uns Sünder, dass wir ihm unsere Erschaffung vergeben.
Diese Paulinische Christus-Predigt setzt die alttestamentliche Predigttradition vom liebevoll werbenden, nicht herrscherlich sprechenden Gott fort, – in der auch Jesu Gleichnis von den beiden Söhnen steht, wo (Luk. 15,28) der Vater den älteren Sohn um Versöhnung bittet.

Gott hat sich beschieden, die Welt zu schaffen, wo wir in Bescheidenheit ihm gleich werden sollen. Gott läd uns ein, sein bescheidenes Leben mit ihm zu teilen.

Wir sollen, mit Gottes Hilfe, jeder selbst Gott sein.

Gott ist die schöpferische Gegenwart, in die wir eingelassen sind. In allem begegnen wir Gott. Jedes Gesicht ist ein Gesicht Gottes.

Nach der biblischen Schöpfungsgeschichte ist schöpferische Bescheidenheit zeitweise auch: Gutseinlassen. Gott ruhte von seinen Werken – Sabbat!


C. Das Böse

Wir fragen: „Wie kann Gott das alles zulassen?“ Dahinter steht die Frage: Wie können denn wir selbst das alles zulassen und fröhlich weiterleben? Antwort: Um den Preis einer Verstümmelung unserer Menschlichkeit! Jacques Lacan lehrte die castration symbolique als Voraussetzung menschlicher Reifung. Auch das hat mit Bescheidenheit zu tun. Die Schöpfung verstümmelt die Symbolik der Allmacht.

Der alte S. Freud vermutete: Im Chaos des Lebens treibt den Menschen zuerst (und im Grunde lebenslang) ein archaisches Triebchaos (Sadomasochismus): nicht einfach Lust, sondern auch Lust an eigener Qual (Masochismus) und identifikatorische Lust an fremder Qual (Sadismus, Bosheit); wir brauchen ein mitfühlendes sog. Hilfs-Ich.
Das Chaos wird kultiviert zu Kampf, Spiel, Erziehung, Strafe und Arbeit.
In der Religion spiegelt sich der Abgrund in der Gestalt des göttlichen Trixters (Goethes Mephistopheles) und in der Hölle,
in der Bibel erscheint Gott als prügelnder Erzieher,
bei Luther als Tierquäler[104], verwechselbar mit dem Teufel [105].

Der Teufel ist, was man von Gott nicht wissen will.

Gott ist sehr ernst. Freude und Schmerz sind in Gottes Ernst aufgehoben.

Wer „im Himmel wohnt“, kann wohl böse lachen und spotten (Ps 2,4); und wenn wir, urteilend, uns dorthin erheben wollen, trifft uns solcher Spott.
Der sehr ernste Allmächtige aber lacht freundlich über unsere Einfälle, Gedanken, Worte und Werke. Er findet etwas Erfreuliches daran; er lacht freundlich über unsre Gotteslehre und alles, was wir daran aufhängen, – dazu einladend, dass wir selbst mitlachen und, in getroster Distanz zu unserm Urteil, tun, was er uns rät. (Schon der Psalm schließt mit der Einladung, bei Ihm Zuflucht zu suchen.)

Immer wieder fällt man zurück auf die empörte Frage: „Wie kann der Allmächtige die Menge der Gräuel des Lebens zulassen?“ Die göttliche Empörung ist kreativ und wird bescheiden aktiv. Und in der mitmenschlichen Bewährung vergisst man, wie grotesk die Situation ist, in der es gilt, sich zu bewähren. Im mit leidenden Menschen wirkt der Geist des mit leidenden Schöpfers.

Wir sollen nicht fragen: „Was ...“ oder „Wer ist besonders böse?“, sondern: „Wie soll ich leben mit der (nach Darwin: konstitutiven) Bosheit der Natur?“ Ich soll bescheiden, meiner eigenen „Natur“ entsprechend, für das – in meinem Horizont – Gute kämpfen!


D. Die Dankbarkeit des Schöpfers

1. Der imaginäre Gott

a) Die Frage

Allenthalben setzt man mehr voraus und sagt mehr, als wes man sich bewusst ist. Ein zentrales Beispiel für Über-uns-selbst-hinaus-Greifen ist mir die immer wieder bloßliegende Frage: „Was soll ich?“ Sie begehrt eine lebbare Integration all der Anforderungen, unter denen ich stehe. Es geht um eine einfache Verhaltensanweisung, die die Oberfläche einer komplexen Sinnfülle wäre; um Emergenz eines Symbols, in dem ich mich selbst wiederfinden kann. Gefragt ist der Schöpfer. Die Frage ist im Grunde ein Gebetsruf.

b) Gottesbegriff

Diese traditionelle Interpretation der Sinnfrage ist belastet durch die urtümlichen imaginären Selbstverständlichkeiten des gängigen (Theismus und Atheismus beherrschenden) Gottesbegriffs. Man meint, mit diesen genügend zu wissen, was mit „Schöpfung“, „Allmacht“, „Herrlichkeit“, „göttlicher Gerechtigkeit, Lohn und Strafe“ angesprochen ist.

c) Politik

So erscheint denn der Gottesglaube auch vielfach als böser Geist auf der politischen Bühne.

Seine Symbolik verortet den Menschen in seiner Welt. Gekränkte können ihren Stolz in einer kollektiven Wahnwelt wahren. Bedrängte kämpfen in ihrer Aussichtslosigkeit für Gott, das orientierende Symbol ihrer Zuversicht, für ihren Glauben. Aber in einer symbolisch geeinten Gemeinschaft kann der einzelne überhören, dass der lebendige Gott ihn hinaus ruft.

Bedrängt von Jesu erster Leidensankündigung, antwortet Petrus (der soeben als der Felsengrund beanspruchte, auf dem die Kirche stehen soll) mit dem natürlichen, frommen Wunsch der ganzen Jüngerschar. Aber Jesus herrscht ihn an: „Du Satan“ (Matth. 16,23) und ruft ihn neu in die Nachfolge.

Die elementare Logik der menschlichen Sprache versimpelt alle Wechselbeziehungen (für praktische Probleme sehr geeignet) nach dem Schema: Subjekt/Prädikat/Objekt. So ist Gott Subjekt, das Geschöpf Objekt; und Rücksichtslosigkeiten im Namen Gottes liegen nahe.

Mit christlicher Begleitung, hat die Menschheit zugelernt. Die urtümlichen Gottesbilder gehen immer wieder zu Herzen, sind aber kulturgeschichtlich veraltete Symbolisierungen. (Manchmal freilich finden wir Zuflucht in der Regression.)

d) Schöpfungsbegriff

Der Anfang der Welt ist ein erkenntnistheoretisches Problem, damit auch ein Problem unseres Selbstverständnisses – und als solches erst ein religiöses Problem. „Schöpfung“ ist ein Grenzbegriff der alten Kosmologie; es ging und geht zentral um das religiöse Erleben der gegenwärtigen Welt. Der raumzeitliche Horizont kann unbestimmt bleiben.

2. Der wirkliche Gott

a) Jesus

Wir wünschen uns, daß Gott die Weltordnung durch gerechten Lohn und gerechte Strafe abrundet. Davon redet auch die Bibel, und so preisen die Kirchen Gott als gnädigen Garanten gerechter Ordnung. Aber durch die Offenbarung Gottes in Jesus ist das Interesse an göttlichen Sanktionen eigentlich überholt.

In lebendiger biblischer Tradition kann man heute sagen: Jesus in all seiner Fragwürdigkeit war die historisch bahnbrechende Offenbarung der Bescheidenheit Gottes. Nicht, dass Jesus bescheiden aufgetreten wäre. Sondern Gott hat in Jesu Leben und Sterben Seine Bescheidenheit offenbart. Und das erlaubt, anders über die Allmacht, über Schöpfung und über die Gerechtigkeit Gottes zu reden und die Sinnfrage in christlicher Tradition anders aufzugreifen.

Was brachte Jesus? Seine Hinwendung zu den „verlorenen Schafen aus Israel“ (Matth 10,6, 15,24; Luk 7,34: „der Zöllner und Sünder Freund“, 15,2: „Dieser nimmt die Sünder an und isst mit ihnen“), seine mitmenschliche Anerkennung der leidenden und bösen Geschöpfe Gottes, war Solidarität im Namen Gottes. Er kam im Namen Gottes zu den wegen ihres eigenen Tuns und Lassens Beunruhigten und sprach zu ihnen von Vergebung und sogar von Lohn; und so erwies Gott, wie ich verstehe, ihnen seine Dankbarkeit für ihren Kampf ums Dasein. So hat Jesus ihnen die Gnade Gottes wiedergebracht, Umkehr der von Gott Abgewandten in Gang gesetzt, die in Gewissensangst verschlossenen Herzen für Gott geöffnet und die Religion der elenden Sünder entkrampft.

Jesus redet wie „bevollmächtigt“ von Gott. Die Basis der Gottesgewissheit Jesu ist seine Wahrnehmung des Willens Gottes, der seinem Gewissen zugesprochenen Wirklichkeit, sein Gehorsam. Als der Gehorsame hat er Gott nicht zu fürchten; von Gottesfurcht Jesu ist keine Rede.

Ähnlich sehen die Muslime Mohammed, – wo wir aber von Wahn reden.
Ist Jesu Gottesgewissheit wahnhaft? Sein Gleichnis vom vierfachen Acker (Luk 8,5-8 parr[106]) beeindruckt durch seinen bescheidenen und hoffnungsvollen Realismus. Aber der Gekreuzigte ist bald, als der erste Auferstandene, in das etwas ältere apokalyptische Wahnsystem einer an dieser Welt verzweifelten Gruppe integriert worden. Der Tod Jesu hat zu halluzinatorischen Erfüllungen auf ihn gesetzter Hoffnung geführt, – die immerhin auch Jesu Zuversicht im Jüngerkreis wach gehalten haben.

Ist Gott Jesus treu geblieben? Die Kirche sagt: „Ja! Er hat ihn in Herrlichkeit auferweckt!“ „Gottes Treue zu Jesus“ klingt wie Hohn. Gott hat, auch hier, den Dingen ihren Lauf gelassen! Es konnte kaum ausbleiben: Anstatt der Gottesherrschaft, wie Jesus sie erwartete, kam die Kirche; und in den Kirchen ist ein Glaube an Jesu Auferstehung, der ursprünglich in eine (ansatzweise ideologisierte, aber lebendige) Hoffnung eingebettet und vielfach belebend war, versteinert.
Immer wieder aber findet ein ratlos gewordener Mensch, von dieser Chri­stustradition im Innersten angesprochen, einen segensreichen Neuansatz. Der christliche Auferstehungsglaube ist exemplarisch ein solcher Neuansatz gewesen.

Auch Jesus stellte sich Gott monarchistisch vor. Aber in dieser Vorstellungsform erlebte er ihn doch anders. Und sein Erleben („der Heilige Geist“) sprengte nach seinem Tode stückweise, langsam aber sicher diesen Rahmen.

Das Gleichnis vom Undank Gottes (Lk 17, 7ff., v.9: μὴ ἔχει χάριν τῷ δούλῳ) gehört in die Herrlichkeitstheologie einer ständischen Gesellschaft (v.7: τίς ἐξ ὑμῶν δοῦλον ἔχων ...). Ich glaube, daß es nicht von Jesus stammt, sondern einen Rest vorchristlichen Denkens in der frühen Gemeinde repräsentiert.
Christlich wäre zu ergänzen: Der Herr läd den Knecht an seinen Tisch, – der allerdings überraschend bescheiden gedeckt ist!

b) Kirchliche Lehrfortbildung

Jesus glaubte an die Treue Gottes zu seinem Bundesvolk. Die kirchliche Lehrbildung hat das – im Anschluss an Jesus (Syrophönizierin, Mark 7,24-30 par.) – ausgeweitet. Sie redet von Gottes Treue zu dem nach seinem Bilde geschaffenen Menschen. Mit der Gott-Ebenbildlichkeit, heißt es später, sei eine verheißungsvolle Verbundenheit gegeben: Gott habe sich den Menschen zum Freunde vorgesehen (Johannes Cocceius).

c) Die Dankbarkeit Gottes

Wir tun gut daran, unsere Kreatürlichkeit, unsere beschränkte Freiheit, bescheiden zu übernehmen. Die Offenbarung Gottes in Jesus lehrt uns Bescheidenheit. Das Gute, das die Bescheidenheit zu sehen bekommt, ist Illustration der Freundestreue des Schöpfers zu seinen Geschöpfen und seiner Dankbarkeit für ihr Dasein. Die Erhaltung der Schöpfung in Werden und Vergehen ist zu verstehen als Dank Gottes, des Vaters Jesu Christi.

Jesus brachte Gottes Dank unter die Menschen. Wir empfangen ihn als Segen nun einer vom andern und wir dürfen ihn andern Menschen bezeugen. Nicht wir, die Zeugen, sind dem Geschöpf dankbar für seinen Daseinskampf, sondern Gott, der Schöpfer. (Die Menschen sind am ehesten ihren Nächsten dankbar für deren Ja zum Leben.)

Im monarchistischen Kontext der Bibel war zwar von Abraham (im Jakobusbrief 2,23) und Moses (2Mose 33,11) als „Freunden“ Gottes, und konnte von Gottes χάρις im Sinne von חֶסֶד (Gemeinschaftstreue) die Rede sein, nicht jedoch ausdrücklich von Dankbarkeit Gottes, – obgleich, ohne Dankbarkeit, Liebe ein Besitzenwollen und Gnade sowie Barmherzigkeit Her­ablassung ist. Im Banne der Herrlichkeitstheologie (in dem auch noch die Reformatoren blieben) war das erlösend Einfache, das Jesus brachte, nur sehr umständlich verständlich.
In unserer post-monarchistischen Kultur aber muss man sich neu besinnen und darf wohl die vereinfachende Erklärung wagen: Jesus kam zu den elenden Sündern mit der bescheidenen Dankbarkeit des Schöpfers für ihren ständigen Daseinskampf.

Das Neue Testament hat Rechtschaffenheit geboten; es hat aber nicht das Gebot, sondern Gottes χάρις ins Zentrum gestellt – ein Wort, das wir mit „Gnade“ zu übersetzen pflegen. Es hat aber drei Hauptbedeutungen: Lieblichkeit, Huld und (gegenüber einem handelnden Subjekt) Dankbarkeit. Ähnliches gilt für das lateinische gratia.
Gott ist dankbar für das, was er, nach der Bibel, (nur) „belohnt“. Gott ist dankbar für gute Werke; gute Werke sind Werke der Bescheidenheit.

Dankbarkeit ist eine segnende, eine göttliche Eigenschaft. Ich möchte sagen: Geborgenheit in Gottes Dankbarkeit ist der Sinn unseres Lebens. Dank der Dankbarkeit des Schöpfers können wir Gott dankbar sein. Ich habe das Gefühl, dass die Rede von Gottes Dankbarkeit das heutige Zeugnis von der χάρις θεοῦ, der gratia Dei wäre.
Wenn Gott mich in Unsinn versinken lässt, so dass ich ihn aus dem Sinn verliere, so soll ich mich an ihn erinnern und glauben, dass er mir treu bleibt – wie er Jesus treu geblieben ist, auch als dieser nichts davon merkte – , mir für mein unsinniges Dasein dankbar ist und es segnet. Ich soll unerwarteten Erweis der Dankbarkeit des Schöpfers erwarten.

Der Geist, den wir, durch den Glauben, von Gott, dem Vater und dem Sohn, empfangen, ist die χάρις, der schöpferische Dank, der – klassisch christlich gesprochen – aus dem „alten“ den „neuen“ Menschen macht.
Dankbarkeit ist eine schöpferische Kraft[107]. Durch Jesus Christus spricht der Schöpfer uns persönlich an und läd uns ein in den reichen und tiefen Frieden seiner Dankbarkeit.

Die Bibel redet von Gottes Lohn, aber nicht von Gottes Dankbarkeit. Nach der von Luther gewählten Übersetzungsmöglichkeit von 1.Mos 15,1 aber gibt dem Erzvater des Glaubens, Abraham, Gott sich selbst zum Lohn. Das Wesen jedes Gotteslohns ist Gottes Dankbarkeit; alle Gnadengaben sind nur Symbole hierfür.

Gottes Freude an dieser Welt ist zeitlich begrenzt; unsere auch. Gott handelt danach; er setzt uns und unserer Welt ein Ende. Er hat uns die Neue Schöpfung mit Jesu Auferstehung, als die Wahrheit im Wahn, aufleuchten lassen, – seine Dankbarkeit, die kein Ende hat.



VII. Geschlechtlichkeit in der Gotteslehre [108]

1. Die aktuelle Fragestellung

Wenn wir uns heute im Kreise der Kirchen­tags-Seelsorger für das ThemaMännlich­keit und Weiblichkeit in der antik-philo­sophischen und der christlichen Gottes­lehre[109] interessieren, so steht im Hinter­grund das Problemknäuel des Feminis­mus. Zur kirchlichen Lehre tritt die femi­nistische Thematik in Beziehung in erster Linie bei der Verkündigung unserer An­nahme an Kindes Statt durch Gott als un­sern Vater im Glauben an seine Offenba­rung in dem Manne Jesus.

2. Antike Antworten

a) Mythologie

In der Spätantike spielte der Isis-Kult eine bedeutende Rolle. Isis war eine weib­liche Gottheit, die ihrem männlichen Partner Osiris voll ebenbürtig war. Der Tod des Osiris in dieser Mythologie macht diese doppelt interessant. Wir können dem aber jetzt nicht weiter nachgehen. Im Christentum lebte Isis in der Gestalt der Himmelskönigin Maria weiter. Hier ge­hörte sie allerdings nicht auf die Seite der Gottheit, sondern auf die Seite der Krea­tur. Aber man kann a parte potiori sagen: Während Gott verehrt wurde, wurde Ma­ria geliebt.

b) Philosophie

Wir wollen uns jedoch hier weniger mit heidnischen Göttinnen als mit der philosophischen Theologie be­schäftigen. Und da herrschte patriarchali­sches Denken. Die Selbstverständlichkeit des patriarchalischen Denkens in der Got­teslehre ist uns zerbrochen. Wir müssen versuchen, seinen Wahrheitsgehalt neu zu bestimmen.

Das Stichwort „Patri-archat“ macht dar­auf aufmerksam, dass wir es mit einer dop­pelten Frage zu tun haben: Es geht nicht einfach um das Verhältnis von männlich und weiblich, sondern zugleich um so et­was wie eine Herrschaftsfrage, eine Pri­matsfrage, eine Machtfrage. Wir befinden uns also in einem Diskussionsfeld, wo das erkenntnisleitende Interesse besonders versucht ist, die Wahrheit zu notzüchti­gen. Wir müssen versuchen, zu präzisie­ren, was hier mit Herrschaft, Primat, Macht gemeint sein kann.

Hinter dem Problem von männlich/weiblich steht das Problem von Ordnung und Chaos. Der Ordnungsbegriff hat mit dem Problem der Einheit zu tun; so kommt das Problem der Exklusivität hin­ein. Hinter dem alten Patriarchat stand ­- genau wie hinter dem noch älteren Ma­triarchat - die Voraussetzung, dass Ord­nung nur als Herrschaft denkbar ist. In die­sem Sinne hat die antike Philosophie den materiellen Kosmos als vom Logos organi­siert gedacht, und hat der alte Israelit die Welt als von Jahwe geschaffen und geord­net gedacht. Schemata wie Schöpfer/Ge­schöpf und Geist/Materie sind bipolare Schemata. Es handelt sich gleichwohl nicht um undifferenziert symmetrische Prinzipien, sondern um eine hierarchisch geordnete Bipolarität. Die Dialektik sol­cher Strukturen bringt auf eine witzige Formel der Reim: „Der Mann, der ist der Kopf, nach dem muss alles geh'n. Die Frau, die ist der Hals, die weiß den Kopf zu dreh'n.“ Die Klagen der griechischen Philosophen über die Unver­nunft der Menschen, des frommen Israeli­ten über den Ungehorsam des Volks zei­gen, dass dieses Ordnungsverständnis nicht befriedigte.

In der Tat gibt es keine Ordnung in Na­tur oder Gesellschaft ohne Hierarchie, und ohne Ordnung gibt es kein Leben. In Ord­nung konkretisiert sich Identität. Das blei­bende historische Verdienst der Spätanti­ke ist der Aufbau der autonomen Persön­lichkeit. Die Leitfigur allerdings, sowohl des heidnischen Weisen wie des christli­chen Heiligen, ist eine mönchische Ge­stalt. Im Neuen Testament finden wir schon bei Paulus – und später bei den Kir­chenvätern immer wieder – die Warnung vor dem chaotischen Getriebe, in das man durch eine Familiengründung hineingeris­sen wird. Auf heidnischer und christlicher Seite finden wir das gesellschaftskritische Ideal des vergeistigten, bedürfnislosen As­keten.

Wir dürfen uns dazu an Anna Freuds Beob­achtungen über die Askese in der Adoles­zenz erinnern. Dort handelt es sich um den individuellen Aufbau von Autonomie. Die Zeit der mediterranen Großreiche aber war kulturgeschichtlich die Epoche der Durchsetzung eben dieses Ideals.

Wie nun auch der Adoleszent erwach­sen werden soll, so konnte die Kulturge­schichte bei dem im Grunde monopolaren physikotheologischen Modell nicht ste­hen bleiben. Dieses Ordnungsverständnis wurde den chaotischen Bedürfnissen des lebendigen Menschen nicht gerecht.

3. Bleibende Probleme

a) Mutterschaft und Vaterschaft

Nun stellt sich die Frage, was Geist und Ordnung mit Männlichkeit, Materie und Chaos mit Weiblichkeit zu tun haben. Die Antwort ist überraschend einfach. Man kann sie aus dem be­rühmten alten Satz im Corpus iuris entwickeln: Ma­ter semper certa est, pater est, quem nup­tiae demonstrant“ ­– Wer Mutter ist, ist am Tage; als Vater gilt, wer der Mutter ehelich verbunden ist[110]. Die Beziehung des Kindes zur Mut­ter ist ein Naturphänomen; die Beziehung des Kindes zum Vater ist ein Kulturphäno­men.

Vaterschaft gehört nach Lacan ins registre symbolique[111], welches die archaische Welt der Imagines zu organisieren hat. Das re­gistre symbolique stiftet die Zeitlichkeit; die Imagines hingegen sind wesentlich zeitlos, ihre Abfolge ist chaotisch. Mit der symboli­schen Funktion entsteht die Autonomie des Subjekts gegenüber äußerer Realität und innerer Imagination. Der dualen Ein­heit mit der Mutter entwindet sich das werdende Subjekt kraft einer Identifika­tion mit dem Vater in seiner Liebe zur Mutter. Für unser Dasein als Naturwesen ist also die Mutter primär wichtig; für un­ser Dasein als ζῷον λόγον ἔχον, sprach- ­und vernunftfähiges Wesen, eine Vaterfigur. (Ich muss mich hier auf das Grundmodell be­schränken und alle Fragen der Substitu­tion von Vater oder Mutter beiseite lassen.)

Das Vater- und das Mutterbild in ihrer Verschiedenheit sind nun Ergebnisse eines dramatischen Differenzierungsprozesses und keineswegs von vornherein gegeben. Am Anfang steht das Pandämonium der undifferenzierten Eltern-Imagines, die sich bald an die Figur der realen Mutter ankri­stallisieren – zu Zeiten gnadenvolle All­macht, zu Zeiten schreckliche Höllen­macht. Die Ausdifferenzierung eines sepa­raten Vaterbildes stiftet allererst den Spielraum für die Entstehung eines autonomen Selbstverständnisses.

Vater- und Mutterimagines gehören also in die Grundlegung unsres Weltverständ­nisses. Keine Theologie, keine Psychologie und auch keine Philosophie kann uns über diese bleibende Grundbedingtheit unsres Weltverständnisses hinaushelfen. Unsrem Heimweh nach der Ur-Einheit steht entgegen die Angst, verschlungen und als autonomes Subjekt zunichte zu werden. Wir können unser menschliches Heil nur in der Triangulation kraft der symbolischen Funktion finden.

Was die Psychoanalyse heute dazu artikuliert, hat seine Vorläufer in der Dialektik der Bezie­hung des Menschen zum Ur-Einen in der Philosophie Platos. Als denkende Trieb­wesen müssen wir unser Heil in einer ge­schlechtlich differenzierten Bipolarität su­chen.

b) Christentum

Wer kann leben, ohne über die reale Welt hinauszufragen? Wer kann Säkulari­tät durchhalten? Unser symbolisches Re­gister ist brüchig. Die darauf aufruhende Realität des Realen ist immer wieder zu­tiefst fragwürdig. Ich erinnere an Herders Zeilen (aus: Amor und Psyche auf einem Grabmal): "Ein Traum, ein Traum ist un­ser Leben auf Erden hier. Wie Schatten auf den Wogen schweben und schwinden wir. Und messen unsre trägen Tritte nach Raum und Zeit; und sind (und wis­sen's nicht) in Mitte der Ewigkeit." In­mitten ewigen Lebens? Inmitten ewigen Todes zwischen Urknall und Wärmetod?

Das Wort des ewigen Lebens ist nach christlicher Lehre das Wort vom toten Jesus. Der tote Jesus ist, verkürzt gesagt, das Wort Gottes. Wir wissen vom tödlichen Konflikt zwischen Gott und Welt, und wir haben das Evangelium von der Versöh­nung durch Gottes Selbstoffenbarung in Jesus. Das Eingehen Gottes in die mensch­liche Natur, die Aufnahme der menschli­chen Natur in die Gottheit, sind hieraus erwachsene Visionen der Versöhnung.

c) Allmacht

Nachdem Jahrtausende lang von der All­macht Gottes die Rede war, ist im zwanzigsten Jahrhundert viel von der Ohnmacht Got­tes die Rede gewesen. Auch die alte Theologie wusste von der Ohnmacht Gottes in seiner Selbstentäußerung in Jesus zu reden. Das moderne Reden von der Ohnmacht Gottes jedoch hat diese dogmatischen Absiche­rungen überschritten in einer Weise, die im Lichte der klassischen Theologie als Blasphemie, wenn nicht: barer Unsinn, gelten muss.

Kann der Gottesbegriff vom Allmachtsbegriff getrennt werden? Ich meine, er muss davon jedenfalls unterschieden werden. Unlösbar ist der christliche Gottesbe­griff mit Segen verbunden, aber nicht mit dem Begriff der Allmacht. Segen gehört (wie schon die Etymologie anzeigt!) insregistre symbolique, Allmacht ins registre imagi­naire. Nietzsches Dichtung vom „tollen Menschen“ [112] geht Dietrich Bonhoeffers Reden vom Leiden Gottes voraus. "Das Heiligste und Mächtigste, was bisher die Welt besaß, ist unter unsern Messern verblutet." Im Zarathustra heißt es wiederholt (II Von den Mitleidigen; IV Außer Dienst), Gott sei an seinem Mitleid gestorben. So singt der tolle Mensch zum Schluss "Requiem aeternam deo!" Fragt man auf der Linie Nietzsches weiter: Wer gab uns "unsre Messer" in die Hand?, muss man wohl antworten: Gott selbst, aus Mitleid mit uns. Gott starb uns zugute. Requiem aeternam deo kann wohl nur singen, wer mit Paulus sagen kann: "So haben wir Frieden mit Gott" (Röm 5,1). "Wer mich sieht, sieht den Vater", sagt der johanneische Jesus (14,9). Friede mit dem toten „Vater“ – das ist der Segen Gottes. Auferweckt hat Christus als seinen Sohn "der rechte Vater über alles, was da Kinder heißt im Himmel und auf Erden" (Eph 3,14f.). Gerade durch sein Selbstopfer hat der Allmächtige sich als göttliche Wahrheit realisiert [113].

Wir sind hier in der Tat mehr in der Welt des Singens als des Redens. Es geht um Gottes Schöpferwort. Mythologi­siert und psychologisiert wird es gleicher­maßen artikuliert und verfehlt. Es geht um Unergründliches (Röm 11,33ff.). Es geht um das Ende der Übermacht des Todes über uns; es geht um unsre Möglichkeit der Versöhnung mit unsrer Welt der Ge­burten und der Tode, um das Erleben der heilsnotwendigen Schöpferkraft der Liebe in Empfangen und Geben.

Gerhard Ebeling hat (1950) darauf aufmerk­sam gemacht, dass nach Luther der usus legis in renatis (den „Wiedergeborenen“) der usus civilis legis, der weltliche Gebrauch des Gesetzes ist. Die­ser aber ist nur möglich im Segen des Got­tes, der uns zugute von unsern Händen gestorben ist. So sind wir, aus Gott, frei für die Welt. Das ist die Grundlegung echter Säkularität.

d) Sünde

Diese aber stellt ein labiles Gleichge­wicht dar. Wir pflegen die Berufung zur Freiheit der Kinder Gottes – nämlich zur Freiheit "des Menschen zwischen Gott und Welt" – zu vertun. Wir regredieren in Verantwortungslosigkeit. Dann muss die Welt unsre (mehr oder weniger symbolisch verarbeitete) Imago der allmächtigen Elternfigur tragen; wir verweiblichen oder neutralisieren Gott. Dann kommt die große Leere; wir müssen wieder neu beim Numinosen anfangen und tun gut daran, uns durch Bibel und kirchli­che Lehre weiterführen zu lassen. Die Er­wartung, quod ecclesia perpetuo mansu­ra sit (Confessio Augustana VII), ist in der Erbsünde nur allzu gut begründet.

e) Dogma

Die Übersetzung aus dem Hebräischen ins Griechische hat die Göttlichkeit[114], die (!) רוּחַ ruach, „den“ Geist, neutralisiert zu τὸ πνεῦμα; „die Geist“ wurde „das Geist“. Die christliche Lehre hat eine heilige Trinität ohne weibliches Ele­ment; dieser aber stand die θεοτόκος, die Gottesmutter Ma­ria als Vertreterin der Schöpfung gegenüber. Ich halte das für sachgemäß. Eine Götterfamilie würde die Konflikte unsrer realen Existenz zwar my­thologisch entlasten, aber doch auch des letzten Ernstes berauben – der in der christlichen Inkarnationslehre festge­schrieben ist.

f) Anfechtung

Wenn wir nun im Sinne neuzeitlichen[115] Den­kens und Empfindens Gott als unsern Vater und die Welt als unsre Mutter verstehen, so ist deutlich, dass das hier gedachte konjugale Verhältnis von einer lebensgefährlichen Dramatik ist. Ich meine aber, dass diese Vorstellung dem Ernst unsrer realen Existenz ent­spricht.

Sind nun durch diese Gotteslehre Män­ner gegenüber Frauen privilegiert? Soweit ich sehe, nicht. Aber es gibt Unterschiede zwischen Mutterschaft und Vaterschaft, die ihre Konsequenzen in der Gotteslehre haben. Im übrigen sind Männer und Frau­en zur Teilidentifikation sowohl mit Gott wie mit der Welt eingeladen.

Die mittelalterliche Allegorik sprach von „Frau Welt“. Entfällt die patriarchalische Selbstverständlichkeit, so bedeutet ein Verständnis der Welt als Mutter nicht eine Abwertung des Weiblichen, sondern eine Verschärfung der Gottesfrage – auf der Linie von Luthers Unterscheidung von Gesetz und Evangelium.
Es ist ja nicht ausgemacht: Hat Gott sich die Welt und/oder die Welt sich Gott ausgedacht?


VIII. Chaos [116]

1. Die Vokabel

Mit dem Wort „Chaos“ bezeichnet man recht verschiedene Sachen. Unser Fremdwort aus dem Altgriechischen spricht eine archetypische Vorstellung an und ist sinngemäß etwa mit „Abgrund“ zu übersetzen. Man stellte sich einen ungeheuren, finsteren, gähnenden Rachen vor, der den κόσμος, die schön geordnete Welt, zu verschlingen droht. Der finster flackernde Höllenrachen der mittelalterlichen Ängste ist davon ein Widerschein. Die „wüste und leere“ Erde und die „finstere“ „Urflut“ der biblischen Schöpfungsgeschichte sind andere Varianten.

Heute ist „Chaos“ ein Wort der exakten Wissenschaften und bezeichnet ein besonders unberechenbares, anscheinend stark zufallsbestimmtes dyna­misches System.

2. Zufall

Das deutsche Wort „Zu-fall“ ist eine alte Lehnübersetzung des scholastischen Begriffs ac-cidens. Dieser wiederum war eine Übersetzung aus dem Griechischen des Aristoteles. Dieser hatte die Grundunterscheidung von Wesentlich (οὐσία/usia) und Unwesentlich (συμβεβηκός/ sym­be­bēkos) eingeführt, die die Lateiner dann als „essentiell“ gegenüber den „Akzidentellen“ übersetzten. Das Ak-zidentelle ist, wörtlich übersetzt: das „Hinzukommende“. Wenn zu einem Baum ein Auto hinzukommt, nennen wir diesen Zufall einen Unfall; die Franzosen und die Engländer nennen ihn (je in ihrer Aussprache) accident. Zufall ist ein Spiel von Ko-inzidenzen zwischen mehreren Dingen und Umständen, die eigentlich nichts mit einander zu tun haben.

Zufälle, die eine erwartete Ereignisfolge ernsthaft stören können, kann man mit einigem Aufwand guten Teils ausschließen – am besten im Labor. Da kann man sehr hohe Wahrscheinlichkeiten von erwarteten Abläufen erreichen. Es gibt hier Erfahrungswerte, d.h. einen (bei einer prinzipiell unendlich langen Messreihe immer weniger schwankenden) Mittelwert; und es gibt auch Mittelwerte der Abweichungen von diesen Mittelwerten [117]. Auf freier Wildbahn aber kommt so viel Verschiedenartiges zusammen, dass Wahrscheinlichkeiten nur sehr beschränkt berechenbar sind. Da finden wir manchmal keine mittleren Abweichungen von den Mittelwerten [118] – und manchmal nicht einmal Mittelwerte[119]. Da führt der Zufall zu einem chaotischen Zustand, sog. „stochastischem Chaos“. Da sind die Wahrscheinlichkeiten für alternative Entwicklungen nur auf kurze Distanzen mit einiger Sicherheit berechenbar. Im Chaos gibt es immerhin Inseln von so etwas wie Ordnung.

Der praktische Statistiker soll im Zufälligen Ordnung finden – und ist versucht, allzu störende Mess-Ergebnisse als sog. „Ausreißer“ bei seiner Berechnung unberücksichtigt zu lassen. Er kann sich dafür auf den gesunden Menschenverstand berufen und die jeweiligen außerordentlichen Umstände geltend machen, die mitgespielt haben. – So baut man denn Eissporthallen, die unversehens viel gesunden Menschenverstand unter ihren Trümmern begraben.

Meist glauben wir noch heute (wie die klassischen Philosophen[120]), im Wesentlichen sei die Wirklichkeit so einfach, wie wir sie uns denken. Aber in unsern Kopf passen nur sehr vereinfachte Modelle [121] vom Wirklichen.

3. Deterministisches Chaos

Man kann chaotische Prozesse auch experimentell untersuchen. Hier spielen Simulationen auf dem Computer die Hauptrolle. Man kann Zufallsprozesse, man kann aber auch deterministische Dynamik simulieren. Das berühmteste Beispiel hierfür ist das so genannte „deterministische Chaos“ (unterschieden vom zufallsbestimmten, „stochastischen“ Chaos). Der Be­griff des deterministischen Chaos hat Aufmerksamkeit erregt, weil wir Determinismus eher mit Berechenbarkeit und Ordnung, Chaos dagegen mit Unvorhersehbarkeit zusammenbringen. Das deterministische Chaos ist weltanschaulich aufregend.

Die erste einschlägige Endeckung machte Ende des 19. Jh.s der große Mathematiker Henri Poincaré bei astronomischen Berechnungen. In den sechziger Jahren des vorigen Jahrhunderts ist Edward Lorenz in der Wetterforschung auf ein verwandtes mathematisches Phänomen gestoßen. Um dieselbe Zeit begann Benoît Mandelbrot solche Phänomene systematisch zu untersuchen und berühmt[122] zu machen.

Das deterministische Chaos ist die Dynamik eines eigenartigen deterministischen (in Differenzialgleichungen definierten) Systems. Ausgehend von irgendeinem Anfangszustand, entwickelt sich das System in Richtung auf einen sog. „seltsamen Attraktor“. Für ein normales Pendel ist die Ruhelage der „Attraktor“; unabhängig vom Anfangszustand, wird das Pendel sozusagen „angezogen“ vom Gleichgewichtspunkt. Die Dynamik ist nicht chaotisch, der Attraktor ist nicht seltsam. Das deterministische Chaos, das Lorenz im Wetter zu erkennen glaubte [123], hingegen ist höchst seltsam.

Man kann das Bild eines deterministischen Chaos, etwa des sog. Lorenz-Attraktors, auf dem Schirm eines Computers entstehen lassen. Man bildet da jeden Systemzustand durch einen Punkt ab, – wie man eindimensional eine Temperatur durch einen Punkt auf der Thermometer-Skala, eine Bergspitze durch einen Punkt auf der zweidimensionalen Landkarte und das Wetter als Luftfeuchtigkeit, Windrichtung und -stärke usw. in bestimmter Höhe an bestimmter Stelle über einer Landkarte unanschaulich, durch einen Punkt in einem mehrdimensionalen sog. „Zustandsraum“, darstellen kann. Eine Entwicklung in der Zeit erscheint dann als eine Raum-Kurve.

Lorenz hatte ein kompliziertes Wettermodell auf drei geeignet konzipierte Variable reduziert, die wir hier nicht konkret kennen lernen müssen. Der Attraktor seines Systems ist eine Verlaufskurve in einem dreidimensionalen Raum. Der Anfang der Kurve ist beliebig. Der nächste Schritt ist jeweils durch ein System von drei einfachen Differenzengleichungen[124] festgelegt. Durch diese kann man den weiteren Verlauf zwar nicht ganz, aber beliebig genau festlegen; doch ist immer nur der nächste Schritt sicher voraus berechenbar; eine analytische Lösung ist nicht möglich. Der sog. „seltsame Attraktor“, in den die Entwicklung dann schnell einbiegt, ist zwar eine Kurve; aber eine unendliche Kurve, eine schleifenziehende unendliche Folge von Punkten, die nach einer Weile ungefähr so aussieht wie eine verbogene Acht, die man aus einer Bandnudel geformt hat. In der Kreuzung geht es meist, aber nicht immer, weiter in einer Achterbahn, manchmal aber biegt es einfach zurück. Die Schleifen liegen dicht und immer dichter unregelmäßig bei einander. Die Schritte konvergieren nicht auf einen Punkt, auch nicht auf eine periodische Bahn, sondern auf eine unendliche Punktmenge, die weder ein-, noch zwei- oder dreidimensional, sondern eine sozusagen unendlich fein-schaumige, etwas verdickte Fläche ist. Der Lorenz-Attraktor hat die Dimension 2.06, eine sog. gebrochene, „fraktale“ Dimension.

Das Chaos des Weltgeschehens ist ein unermesslich hochdimensionaler Prozess. Die Bibel sieht das Weltgeschehen auf einen vorbestimmten Endzustand hinauslaufen. Der Attraktor dieses Geschehens ist ein Punkt in einem hochdimensionalen Zustandsraum. Die alte Stoa sah im Weltgeschehen eine ewige Wiederkehr des Gleichen. Auch dies ist ein einfacher Attraktor, geometrisch als (wohl verzerrter) Kreis in einem hochdimensionalen Raum darstellbar.

Für dreidimensionales Sehen:

Ich empfinde aber eher den Lorenz-Attraktor als Sinnbild des Zufalls-Chaos, in dem wir leben: Jede Situation ist neu. Es herrschen immer wieder ähnliche Umstände, jedoch immer wieder mit andern Perspektiven. Unsre Freiheit ist in einer Weise beschränkt, die für die Zukunft zwar Vermutungen erlaubt, die wir aber nur in Wahrscheinlichkeiten schärfer fassen können. Und jede Entscheidung bleibt, trotz der Determination, bis zuletzt unberechenbar. So kann die Frage nach einer ewigen Determination des Gesamtsystems uns gleichgültig sein. Wenn man die Frage nach dem Sinn des Lebens im Licht des seltsamen Attraktors sieht, kann man von der vergeblichen Suche nach dem Ziel ablassen. Der fernöstliche Satz: „Der Weg ist das Ziel“, hat einen rationalen Sinn.

4. Leben

Wenn wir etwas dem Zufall überlassen, geht es meist kaputt. Die menschlichen Dinge sind so kompliziert, die wertvollen Dinge so voraussetzungsvoll, dass sie umsichtiger und vorausschauender Pflege bedürfen. Nur sehr selten, unter selten günstigen Umständen, setzt ein Zufall einen neuartigen Prozess in Gang; es entsteht eine neue Gestalt. Der Zufall bringt da Stabiles, Identifizierbares, Wiedererkennbares, variabel Wiederholbares hervor, – wunderselten auch solches, das sich selbst reproduziert[125]. Entgegen sowohl der klassischen Philosophie wie dem Sprachgebrauch der Bibel, sagen wir spätromantisch: der Zufall sei hier „schöpferisch“.

Alle Kreativität kann freilich auch in Sackgassen führen, kann stören und zerstören. Die Evolution des Lebens auf dieser Erde ist kein garantierter Fortschritt vom Guten zum Besseren. Unübersehbar vielerlei Faktoren spielen hinein; sie ist ein chaotischer Prozess – mit längerfristig ungewissem Fortgang.

5. Kultur

Kurzsichtig, wie wir sind, gestalten wir doch möglichst weitblickend an unserm Teil die Geschichte mit. Wir lernen, schlecht und recht mit dem Zufall zusammenzuspielen.

Kultur verdankt sich der Evolution, die altes Material manchmal in neue Form bringt. Die Geschichte der Menschheit ist bisher zunehmend von der kulturellen Entwicklung bestimmt gewesen. Der englische Biologe Richard Dawkins hat darauf hingewiesen [126], dass unter Tieren und Menschen kulturelle Traditionsstücke sich ähnlich fortgepflanzt und immer weiterentwickelt haben wie Lebewesen. Er nannte die sich fortpflanzenden Kulturelemente „Meme“ (wie man bei der Fortpflanzung der Lebewesen von „Genen“ spricht).

Beim Stichwort „Chaos“ steht die Qualität der Bedrohlichkeit im Vordergrund. Chaos macht uns Angst um unser Leben – und um den Sinn unsres Lebens. Wir sind aufs chaotische Spiel der Koinzidenzen von Gegenständen und Ideen gesetzt. Wir sind (uns selbst nicht recht durchschaubare) Teilräume dieses Spielraums; und, zwischen verschiedenen Wünschen und Ängsten, treffen Herz und Verstand Entscheidungen.

6. Religion

Wünschen kann man immer viel; aber man kann jeweils nur eines wollen. Im Chaos stellt sich immer wieder die Frage: Was will ich jetzt? Die kulturelle Überlieferung spielt uns vielerlei (und viel umstrittene) Ideale und Gottesideen zu. Und diese haben immer wieder für viele Men­schen zu Wegweisungen im Chaos geführt. Es ist der gemeinsame Kern vieler christlicher, jüdischer und auch heidnischer Zeugnisse: Gott berät uns.

Gottes Weisungen haben je ihren Ort und je ihre Zeit. Man denke an die unerhörte Zuspitzung 1Sam 2,30, wo Gott ausdrücklich seine eigene Zusage an den Priester Eli widerruft. Oder an die Vision des Propheten Micha ben Jimla (1Kö 22, 19-22), wo Gott einen Lügengeist sendet, der den 400 Propheten des Königs Ahab eine Heilsweissagung eingibt, die zum Untergang Ahabs führt. Noch Luther meinte, dem Chaos steuern zu können mit Hilfe der Bibel als Gottes objektiv eindeutigen Wortes. Er irrte sich – und litt furchtbar darunter! Der Begriff „Gottes Wort“ meint kein „Wort“ im gewöhnlichen Sinn; er ist eine Metapher, und zwar eine besondere. Gottes Wort ist kommunikabel zu deuten nur wie Luther es tatsächlich gemacht hat: sich zu seinem Gewissen bekennend und an die Gewissen appellierend, d.h. unter Einsatz der eigenen Subjektivität.

Die prominentesten Beispiele für Religion sind heute ein amerikanischer Präsident, fanatische islamistische Prediger und Selbstmord-Attentäter. Es sind in aller Regel ihrem Gott gehorsame Überzeugungstäter. Die islamischen Terroristen greifen in gewisser Weise die Tradition der christlich-abend­län­dischen Kreuzritter wieder auf. Frömmigkeit ist friedliebend, aber chaotisch.

Ich glaube: Nicht nur Tod und Zerstörung, sondern auch Wertzerstörung und Glaubenszerstörung sind Teil der ewigen Vollendung, – der Gottesherrschaft, die wir immer neu phantasieren, aber nicht fassen können. „Wir leben im Glauben, nicht im Schauen.“

7. Christentum

Der Glaube an Gott in Jesus war – und ist – ein chaotischer Prozess der Selbst­entäußerung. Durch die Verknüpfung mit Jesus ist die traditionelle Idee von der Wunderherrlichkeit des Schöpfers vertieft worden. Hier ist Schöpfung nicht Vergangenheit, sondern man erlebt sie als gegenwärtiges Wirken des Geistes Gottes. Man sagt: Die Neue Schöpfung ist im Anbruch. Es gilt, in der chaotischen Gegenwart den ewigen Gott zu erkennen, und die Freiheit – ja Vollmacht! – wahrzunehmen, die Er uns hier und jetzt schenkt, nach eigenem Gut-dünken (also: Ge-„wissen“) zu leben und zu handeln.

Die Bibel redet nirgends von einem schöpferischen Chaos. Hier beanspruchen uns Personen persönlich, durch die Rede von einer schöpferischen Person, nämlich Gott. Die alte Kirche hat das noch akzentuiert, indem sie lehrte: Gott hat alles (auch das Chaos) aus dem Nichts geschaffen durch sein Schöpferwort – und dieses Wort ist der Gottessohn gewesen, der sich für uns dahingegeben hat! Wir sind vom Schöpfer [127] aller Dinge, vom Schöpfer unsrer Kreativität, dadurch zur Mitverantwortung aufgerufen.

Der neue Glaube an die Kreativität Gottes begann als extrem zugespitzter Wunderglaube. Die Auferstehung des gekreuzigten Jesus als Anfang der Neuen Schöpfung wurde das zentrale Symbol des Glaubens an die Gegenwart Gottes jetzt. Paulus hat den Auferstandenen gesehen; für ihn gab es ohne sinnenfällige Auferstehung keine Hoffnung. Aber die wundergläubige Zuspitzung ist gemildert im Verständnis der Gegenwart als „Endzeit“ mit ihren „Zeichen“, die uns an unsre Verantwortung vor unserm Schöpfer erinnern und Hoffnung auf immer neue Gotteserfahrung machen (2Kor 3,18).

Meine Gottesidee ist jeweils die Hilfsvorstellung, unter der ich mich sammeln und als ein mitverantwortliches Subjekt im Weltganzen verorten kann. Sie ist aus den religiösen Traditionen, die mich erreicht haben, in meiner Lebenserfahrung gewachsen. An kritischen, angstbesetzten Punkten des Lebens taucht in unserem Kulturkreis die Erinnerung an die christliche Rede von Gott auf – öffentlich sowie privat. Es gilt dann eigentlich nur, aufzumerken und sich zu besinnen. Im Chaos meiner Wünsche, Ängste, Ideen und Gedanken, stellt mich der ernsthaft gesprochene Name „Gott“ vor meinen Schöpfer, der mich wissen lässt, was ich jetzt und hier soll. Und das will ich dann auch.

8. Seewandel

Es ist einfach – wie, in der Geschichte vom Wandel auf dem See (Matth 14, 22-33), die Aufforderung Jesu an Petrus: „Komm!“ – im tobenden Chaos ein Ruf in die Eindeutigkeit Gottes. Diese Geschichte erzählt vom gläubigen Erleben des Chaos in einer Weise, die dieser Geschichte ihre typisch biblische Qualität verleiht. Sie folgt auf die Geschichte von der Speisung der Fünftausend. Interessant in unserm Zusammenhang sind aber nicht die besonderen Wunder, sondern: was, nach neutestamentlichem Zeugnis, dem Glauben passiert:

Der soeben noch als der große Ernährende Erlebte erscheint seinen Zeugen jetzt als Gespenst, ein unheimliches Wahngebilde. Dann aber hören sie ihn selbst: „Fürchtet euch nicht. Ich bin es.“ Es ist, wie der Leser weiß, der Führer durch den Tod zum Leben, von dessen Kraft sie soeben etwas erfahren haben. Petrus testet Jesus. Wenn es wirklich Jesus ist, dann verwirklicht er hier vor den Augen des Petrus eine Möglichkeit, zu der er jedermann ermutigen kann; und Petrus wagt es, ihn eben darum zu bitten. Jesus antwortet: „Komm!“; und Petrus kann es! Dann aber schnappt das Chaos nach ihm; er bekommt Angst, ruft Jesus um Hilfe an. Und der rettet ihn. Der Leser hat genug mitbekommen, um nun zu wissen: Auch nach der überwältigenden Erkenntnis und dem vollmundigen Bekenntnis, das diese Erzählung dann abschließt, wird der Glaube als chaotischer Prozess weitergehen.

Die Jünger sehen den Herrn kommen; aber sie erkennen ihn nicht, bevor sie seine Stimme hören. Wir meinen oft, Gottes Schweigen zu erfahren. Oft aber verkennen wir ihn vielleicht. Weil ich etwas ganz anderes erwarte, verkenne und übergehe ich die unscheinbare Antwort, die er mir sehr persönlich gibt.

9. Praktischer Schlu ss

Individuelle Symbolik ist labil. Zum menschlichen Dasein gehört Erfahrungsaustausch. Die Menschen sind deshalb auf den Austausch auch über Erfahrungen mit ihren Gottesüberlieferungen angewiesen; wir Christen sind in den Austausch über Erfahrungen mit dem Gott der Bibel eingewiesen. (Wie ein kirchengeschichtlicher Kollege mir sagte: „Ohne einen Schuss Pietismus läuft nichts in der Kirche!“) Solcher Austausch ist im Grunde eine sehr intime Vertrauenssache; Erfahrungen mit dem Schöpfer gehen bis in die chaotischen Tiefen von Körper und Seele. Erfahrungsaustausch verlangt hier Mut und Takt. Was ich von den Erfahrungen eines andern erfahre, kann mich warnen, bestärken, verändern. Vernunft muss die verschiedenen Erfahrungen jedes einzelnen konstruktiv zusammenbringen.

Wir kommen damit zwar nicht aus der Subjektivität, sondern nur aus der individuellen Subjektivität heraus – und in das chaotische Ungefähr einer gemeinsamen Subjektivität hinein. Aber darauf ist der angefochtene Glaube angewiesen. Ziel ist der Weg, auf den uns Gott, durch seine Menschwerdung in Jesus, gebracht hat, – nicht Nachahmung Jesu, aber selbstverantwortete Entsprechung.


IX. Rechtfertigungslehre heute[128]

(Die soziokulturelle Herausforderung) Nicht nur verliert die staatliche Identität für den Bürger an Bedeutung; die Steuermoral sagt genug über die Staatstreue. Alle großen ideologischen Gruppierungen, Parteien, Gewerkschaften und Kirchen, leiden unter Mitgliederschwund. Das nachchristliche Zeitalter ist schon länger ausgerufen; es wird von der Finanzmisere der Kirchen bestätigt. Auch die Kirchen stehen unter erhöhtem Legitimationsdruck.

Die Globalgesellschaft ist eine zerklüftete Einheit. Manch aufmerksamer Zeitgenosse fürchtet einen Weltbürgerkrieg. Ein Schwund allgemeinverbindlicher Moral wird vielstimmig beklagt. Hier sollen nun die Kirchen etwas bieten. In diesem Sinne täten sie gut daran, vorbildlich ihre ideologische und institutionelle Zerklüftung zu überwinden, die ohnehin vom modernen Kirchenvolk nicht mehr so ernst genommen wird.

(Institutionelle Reaktion) So haben denn evangelische und katholische hohe Repräsentanten kirchlicher Theologie jahrelang gearbeitet an einer Einigung über den nach reformatorischer Überzeugung zentralen, in beiden Kirchen aber inzwischen fast vergessenen Streitpunkt der großen abendländischen Kirchenspaltung. Endlich haben der Lutherische Weltbund und die katholische Kirche sich auf eine " Gemeinsame Erklärung zur Rechtfertigungslehre"[129] geeinigt. Sie stellt "einen Konsens in Grundwahrheiten der Rechtfertigungslehre" (leider fern der eingangs verheißenen "gebotenen Präzision") dar. Man findet in den Verschiedenheiten, wie sie hier einvernehmlich dargestellt sind, keinen Grund zur gegenseitigen Lehrverurteilung mehr.

Eine katholisch-lutherische gemeinsame Erklärung über die Rechtfertigungslehre stellt sicher einen Fortschritt in den interkonfessionellen Umgangsformen dar; inhaltlich aber ist gegenüber dem klassischen status controversiae kein Fortschritt festzustellen. Der Papst spricht von einem "Augenblick der Gnade": Der protestantischerseits immer angegebene alte Hauptpunkt scheint kein Grund mehr für eine Abspaltung zu sein. Die nächste römische Anfrage müsste logischerweise lauten: "Können die restlichen Differenzen euch nun noch hindern, heimzukehren?"

Mit dem Papst können auch die Lutheraner sich wenigstens freuen, dem Druck der öffentlichen Erwartung an die christlichen Kirchen entsprochen zu haben. Man würde jetzt als moralische Instanz öffentlich mit mehr Gewicht auftreten können.

(Die Relevanzfrage) Und das wäre wohl auch aus kompensatorischen Gründen zu wünschen. Den praktischen Theologen bedrängen nämlich bei der Lektüre der Erklärung ein paar Fragen: ob der Kern des Christentums je so langweilig gewesen sein kann oder diese prestigiöse Erklärung, trotz aller alten Kernvokabeln, am Kern vorbei geht (auch das wäre besorglich) – ob es wirklich nur an der Natur eines Konsenspapiers liegt oder ob denn doch das Christentum den Weg alles Fleisches gegangen und mit der Zeit langweilig geworden ist?

Kaum ein evangelischer, geschweige katholischer Christ fühlt sich ohne eine gute Portion Gelehrsamkeit heute von den bizarren "klassischen" Überlegungen und Argumentationen angesprochen, die einst unter dem Titel "Rechtfertigungslehre" verhandelt wurden. Diese alten Präzisierungen sind denn in der Gemeinsamen Erklärung auch beiseite gelassen worden. Wir haben andere Fragen, in welchen wir unsere Ängste artikulieren, und andere Antworten, die uns beglücken. Handelt es sich also hier um ein wohlverdientes ökumenisches Staatsbegräbnis für eine längst Verblichene?

(These) Es gibt evangelische Fachgelehrte, die entschieden nicht dieser Meinung sind. Ihre Gründe mögen verschieden sein. Den Grund, der auch mir besonders wichtig ist, möchte ich hier etwas näher darstellen: Die Rechtfertigungslehre ist nicht einer unter vielen Glaubensgegenständen der Kirche, sondern eine sachgemäße Erklärung des christlichen Sinns von Glauben überhaupt, – gegeben allerdings in der Sprache des christlichen Abendlandes sel., die wir immerhin (wenn auch mit zunehmender Mühe) noch gut verstehen lernen können. Die Rechtfertigungslehre ist, kurz gesagt, das klassische Modell christlicher Hermeneutik.

(Wort und Kirche) Der Prediger, der in der Nachfolge eines Jesus und Paulus den Menschen vor Gott rufen soll, muss, auch den kanonischen Schriften seiner Gemeinde gegenüber, etwas wagen. Unvergesslich ist Jesu: "Ich aber sage euch ..." Die neutestamentlichen Auslegungen des Alten Testaments haben weder seinerzeit jedermann überzeugt noch überzeugen sie heute jeden christlichen Alttestamentler. Luther nahm, wie auch Paulus, für seine evangelische Präzisierung der Kirchenlehre den Heiligen Geist in Anspruch. Ernst Fuchs forderte nur (mit Wilhelm Herrmanns Worten) den "sittlichen Ernst des Auslegers", und nannte seine Widersacher in solchen Fragen gelegentlich "Trottel", d.h. Ausleger des Wortes Gottes mit verschlafenem Gewissen. Das weckte einige, überzeugte aber auch nicht jeden.

In der Paulus-Interpretation haben tüchtige evangelische Fachleute gelegentlich bezweifelt, ob die Rechtfertigungslehre die zentrale Stellung habe, die die Reformatoren ihr zuerkannten. Umso mehr kann man im Blick auf das ganze Neue Testament (geschweige die weitere Kirchengeschichte!) die zentrale Bedeutung der Rechtfertigungslehre bezweifeln. Im Zweiten Petrusbrief (3,15) wird vor dieser "schwierigen" und gefährlich missverständlichen Paulinischen Sonderlehre ausdrücklich gewarnt, im Jakobusbrief (2,24) stracks widersprochen. Wenn man im Gefolge Luthers behauptet, die Lehre von der Rechtfertigung allein durch den Glauben an Jesus Christus sei die Sache, von der sonnenklar die ganze Bibel rede (wogegen unleugbare Verständnisprobleme im Détail nicht ins Gewicht fielen), so war und ist das eine Kühnheit, für die man überzeugend argumentieren kann. Aber man kann die Überzeugung nicht argumentativ erzwingen; und es sind nicht nur konfessionelle Scheuklappen, die an dieser Sicht der Dinge hindern. Auch Luther kann man sichtlich so und anders lesen.

(Paulus) Sehen wir, nach diesen Vorbemerkungen, nun den Grundtext an. "So halten wir nun dafür, dass der Mensch gerecht werde ohne des Gesetzes Werke, allein durch den Glauben" hat Luther Röm 3,28 übersetzt. (Das "Allein" hat er zur Verdeutlichung sachgemäß hinzugesetzt. Damit fällt ein stärkerer Akzent auf die Antithese zu den Werken. Paulus kommt selbstverständlicher an den Werken des Thora-Gehorsams als Luther an den "guten Werken" vorbei zur Hauptsache.) Es geht im Zusammenhang dieser Paulus-Stelle um Gottes Gericht, insbesondere um den Befund, dass die Juden das ihnen von Mose gegebene Gottesgesetz ebenso wenig halten wie die Heiden das ihnen ins Herz geschriebene Gesetz Gottes. Dieses Problem nun verliert durch den Glauben an Jesus Christus seine entscheidende Bedeutung: Unsere mit dem Gesetz sich aufdrängende Frage nach unserer Gerechtigkeit wird durch die Offenbarung Gottes in Jesus relativiert.

Mit der Kreuzigung Jesu hat sich für die Jünger im menschlichen Wissen von Gott ein Abgrund aufgetan. "Theologie nach Auschwitz?" fragte man in unsern Tagen. Man hätte schon die Frage "Theologie nach Golgatha?" stellen können. Was ist Gottes Wille, was ist mit Gott, wenn Jesus so endet? Man hat die Frage damals so nicht gestellt; aber man hat sie beantwortet mit einer total widersprüchlichen Gotteslehre, der Lehre von der Auferstehung, der Gottheit Jesu, von Gott dem Heiligen Geist, der in die Herzen der Gläubigen ausgegossen ist, – schließlich mit der Lehre von der einen Gottheit in drei Personen. Das Gesetz als Offenbarung des Willens Gottes ist durch Christus und seinen Heiligen Geist als Offenbarung Gottes verdrängt.

Die Juden, für die Paulus schrieb, hatten ihren Stolz als Gottes auserwähltes Volk im Gehorsam gegen die Thora; die "Werke" gehören in diesen Heilszusammenhang (vgl. z.B. Röm 2,25). Ihre Werke waren ihr Selbstsymbol. Alles, was der Mensch wirkt, ist Ausdruck seiner selbst und kann ihm als Selbstsymbol, als Stütze oder als Bedrohung seines Selbstgefühls wichtig werden. (Und jedes Werk des Menschen kann man letztlich als ein Bild seines Gottes ansehen.) Mit ihren Werken sollten die Juden Gottes treue Auserwählte sein. Paulus sah diese Partie als verloren an. Das gesetz-erfüllende "Werk", in dem sie ihr Heil finden sollten, war, nach Paulus, das ihnen zugeeignete Opfer Christi.
Die Nichtjuden, für die Paulus schrieb, hatten nicht alle ein vergleichbar identitätsstiftendes Selbstsymbol mitgebracht. Die Korinther, die Paulus 1Kor 12,2 anspricht, waren im Götzendienst identitätsspaltend Getriebene gewesen. Als ihr Selbstsymbol lassen die Paulustexte nur Christus erkennen, – der auch als der Geist in ihnen wohnt, dessen sie durch den Glauben teilhaftig wurden (Gal 3,2).

Nur als Jesu durch den Glauben vermittelte Wirkung haben die gebotenen Werke, für den Täter vor Gott, unvergänglichen Wert.

Darin, dass schon das Neue Testament einfach vom "Glauben" reden kann, wo doch der durch den gekreuzigten Jesus bestimmte Glaube gemeint ist, kommt die Überzeugung zum Ausdruck, dass unter dem Kreuz Jesu die Problematik von Glauben überhaupt deutlich geworden ist. Unter diesem Kreuz hat die Menschheit die zentrale Bedeutung des Glaubens erfahren und erkennen gelernt. (Die abgekürzte Redeweise einfach vom "Glauben" hat in unseren Tagen dazu geführt, dass statt von Glauben von Grundvertrauen gesprochen wird. Die fundamentale Problematik von Glauben und Vertrauen wird dann leichter wieder vergessen.)

(Hermeneutische Tragweite) Wenn dann aber der Glaube selbst geboten, als ein Werk, ja: das gute Werk in allen guten Werken, erscheint und zentrales Selbstsymbol der Kirche geworden ist, dann muss die Lehre von der "Rechtfertigung des Sünders ohne des Gesetzes Werke, allein durch den Glauben", auch auf den Glauben selbst angewandt werden! Auf dem Gehorsam gegen eine kirchliche Forderung (und sei sie ökumenisch) liegt keine Verheißung der Rechtfertigung. Der Glau­bensbegriff wird evangelisch präzisiert: Der Glaube ist die befriedende, "recht­fer­ti­gende" Wirkung Jesu auf uns. Wir bekennen ihn als "Werk", nämlich als Offenbarung, des verborgenen Gottes.

(Glaube) Unser Glaube hat als unser Werk so viel und so wenig Wert wie die anderen Werke, die uns geboten sind. Als gebotsgarantiert selbstverständlich gutes Werk wäre sogar der Glaube an Gott den all-liebenden Vater Jesu Christi Verkehrung des Glaubens in Götzendienst. So ist wohl manche Variante des Glaubens der Aufklärungszeit zu beurteilen. Aber das war kirchliches Erbe. Das Verdikt trifft auch manches katholische und evangelische Kirchentum.

(Öffentliche Verantwortung) Die befriedende Wirkung Jesu kann nach Gottes Willen auch ausbleiben. Auch dieses Selbstsymbol kann uns plötzlich leer lassen. Das Kreuz mahnt: Auch das sollen wir dann bekennen und bedenken. Selbstsymbole sind "mit Furcht und Zittern" zu gebrauchen, im wörtlichsten Sinne "prekär", Glaubenssache sensu stricto. Wir sind diese Ehrlichkeit auch unseren Mitmenschen schuldig.

Die Rechtfertigungslehre ist zunächst kritisch zu beziehen auf alle kirchlich definierten guten Werke. Auch mit der allgemeineren Anwendung der Rechtfertigungslehre auf die allerlei guten und schlechten Taten des Menschen bleibt man noch nahe am Paulinischen Text. An Werken sind heute noch besonders künstlerische Leistungen oder sonstige "Lebenswerke" Selbstsymbole.

Dem moralischen Menschen sind seine Werke natürlich die wichtigsten Selbstsymbole. Und die landläufige Rechtfertigungslehre scheint (mit einem viel gelesenen Autor[130] der ausgehenden Neuzeit) vorauszusetzen: "Das Moralische versteht sich von selbst." Gewiss, in der Bibel setzt das Neue das Alte Testament voraus mit seinem Gott, der besonders auf Recht achtet. Auch im Heidentum stand das Recht in göttlichem Ansehen. Unter christlicher Relativierung eroberte die jüdisch-stoische Moral die Welt!

(Kulturgeschichtliche Herausforderung) Wir haben nun aber im 20. Jahrhundert einen kulturgeschichtlichen Paradigmenwechsel durchgemacht vom Kosmos zum Chaos. Ich kann das hier nur mit ein paar Hinweisen andeuten.

Die christliche Symbolik hat die Krise der modernen Unendlichkeit der linearen Extrapolation vorausgesagt. Sie hat für das "Ende der Neuzeit" ein apokalyptisch und deuteronomistisch inspiriertes, nichtlineares und insofern unheimliches, weil realitätsnäheres, Schema, bereitgehalten [131]. Die Predigt pflegte die Sensibilität für die an den Rand geschobenen Probleme der Neuzeit. Erfinder der modernen Mathematik (Stochastik und Differentialrechnung) wie Pascal, Leibniz, Newton, Euler, waren kirchlich oder theologisch engagierte Christen.

Es kam dann aber doch ganz anders, als die Predigt gemeint hatte. Das wissenschaftlich konsequente, lineare Denken geriet allerdings auf allen Gebieten in Erfahrungen mit Kipp-Phänomenen; und das hat endlich das ganze Kosmos-Paradigma zum Kippen gebracht, dem sie in ihrer zähen Systematik selbst verhaftet war. Die Neuzeit hatte aber auch Ansätze entwickelt, die Krise adäquat zu bedenken. Schon die Romantik hatte mit der dialektischen Philosophie angefangen, das nichtlineare Verhalten komplexer Systeme rational zu thematisieren. Und die Auseinandersetzung mit der Apokalyptik des Dialektischen Materialismus hat endlich auch den Offenbarungscharakter des christlich tradierten, biblischen Schemas öffentlich relativiert.

Die grundstürzende astronomische Beobachtung machte Henri Poincaré Ende des letzten Jahrhunderts. Zwei Weltkriege christlich-abendländischen Ursprungs folgten. Die Berühmtheit des deterministischen Chaos in den letzten Jahren krönte diese Entwicklung. Die Erforschung dissipativer Systeme durch Ilya Prigogine hat das Verständnis der Unberechenbarkeit von Systemverhalten, auch Entstehung von Ordnung, in Natur und Kultur entscheidend vorangetrieben. Postmoderne Theoriebildung ist bescheiden; Karl Popper hatte das vorbereitet. Im Respekt vor der globalen Wahrheit anerkennt sie nurpro tempore lokale Richtigkeiten. Vollmundige Ideologien – es gibt auch sie noch und immer wieder – wirken naiv illusionär [132].

Die sog. Neuzeit, bzw. dann "die Moderne" war die letzte Epoche des Kosmos-Paradigmas gewesen. Und mit der Moderne endet auch – nicht das Christentum, aber das christliche Zeitalter. Aus kirchlicher Sicht und leicht apokalyptisch getönt, schrieb 1950 Romano Guardini über das "Ende der Neuzeit" (neunte unveränderte Auflage 1965). 1996 publizierte der Wirtschaftsethiker Rupert Lay S.J. unter demselben Titel.

Die "post-moderne" seelsorgerliche Landschaft und damit die Aufgabe der christlichen Lehre ist verändert. Die Moderne ist durch "die Postmoderne" nicht beendet, sondern relativiert (die postmoderne Mode verschleiert das). Die ernsthafte Assimilation unserer Probleme an das so lang bewährte Paradigma wird immer aufwendiger und der Erfolg wird immer schwächer. Zunehmend wird das griffige christliche Überlieferungsgut als spirituelles und kommerzielles Spielmaterial verwendet. Das blitzende Chaos reaktionärer Ordnungsrufe und wachsender begeistert autoritärer Bewegungen wiederum ist kein Lichtblick.

(Präzisierung der Relevanzfrage) Im Kosmos-Paradigma war Gerechtigkeit ein Name für die Gottheit Gottes. Selbstverständlich wurden chaotische Phänomene und herrschendes Unrecht schon immer wahrgenommen. Gerade die christliche Predigt hat dergleichen Verunsicherungen immer ernst genommen. Sie hat sie als Ruf zurück unter das Gesetz Gottes und das (meist gesetzlich verstandene) Evangelium verstanden. Der Verständnishintergrund für solche Wahrnehmung war die Heile Welt der Schöpfungsgeschichte, der Kosmos des Goldenen Zeitalters. Davon hoben sich Sünde und Verderben ab, wogegen das Gesetz des Bundesvolkes wieder Recht und Frieden hätte geben sollen, mit der sabbatlichen Gottesruhe als Schöpfungskrönung. Die Sünde wurde zunehmend zur Gewissenssache.
Dies ist der Verständnishintergrund des durch Jesus gebrachten Friedens als Rechtfertigung. Dass die Rechtfertigungslehre so in Vergessenheit geraten ist, hängt vielleicht damit zusammen, dass sie die Menschen vor allem auf klassische Gewissensprobleme anspricht.

Heute verstehen sich Menschen weniger von ihren Taten und Werken her. Die von selbstentfremdendem Tun, Machen und Leisten Gestressten sehnen sich nach Selbstverwirklichung. Sie ist die moderne Gewissensforderung! Sie geht auf Wahrnehmung seiner selbst, des eigenen Seins und Nichtseins, und auf Sich-entwickeln-Lassen statt Machen, auf die "Gelassenheit", die der späte Heidegger philosophisch vorbahnte. Der christliche Widerstand gegen das Projekt Neuzeit ist teilweise in die außerkirchliche Welt diffundiert. Man sucht Anleitung zu einer menschlicheren Moral bei Indianern und Indern. Der kirchliche Gottesdienst hingegen wird eher als "Gesetzeswerk" empfunden und gemieden,– ein dem Einfachen, um das es doch geht, unangemessener Apparat.

Unsere Werke sind uns eigentlich als unsere Abbilder, nicht als unsere Leistungen wichtig. Wir stellen uns in unseren Werken als "gut" dar, nach dem Bilde unseres Gottes gebildet. Häufiger aber als unser Tun, sind Dinge wie Kleidung und Konsum, Begabung, berufliche Position, Macht, formelle Titel und Zeichen informellen Prestiges die Symbole, auf die man stolz ist oder deren man sich schämt – ganz erstaunlich unabhängig von der Frage, die der Glückliche sich stellen könnte, ob er all dies denn wirklich mit guten Taten so viel mehr verdient hat als der Erfolglose (und umgekehrt). Die christliche Moralpredigt hat das bisweilen Götzendienst genannt. Für Kirchenleute sind Sakramente und sonstige Zeichen kirchlicher Zugehörigkeit Selbstsymbole.

(Relevanz) All dieses nun ist von der radikal verstandenen Rechtfertigungslehre mitbetroffen, und zwar unmittelbar; ohne Umweg über eine vorausgesetzte Moral! Sie stellt Gottes Werk nicht nur unserer Leistung, sondern unserer gesamten Selbstsymbolik gegenüber.

Nichts gegen schöne Kleidung, kultivierten Konsum, verdiente Titel, wohlausgefüllte berufliche Position und zu allgemeinem Nutz und Frommen gebrauchte Macht. Nichts gegen dankbare Gemeindezugehörigkeit. Nichts gegen die Frühlingsfreude um Pesach. Im Gegenteil! Die christliche Hermeneutik stellt nur all unser Glauben, Bescheidwissen, Sein, Tun und Lassen – nicht unablässig, aber immer wieder – unter das Kreuz Jesu als die Frage Gottes, die unerwartet verheißungsvolle Frage Gottes. Die Rechtfertigungslehre sagt auch hier: Entscheidend ist der Glaube, die Bescheidenheit, die dieser Bescheid über das Unsägliche bewirkt (das Unsägliche, das wir doch, jeder, wie er es je versteht, bezeugen sollen), dieser Letztentscheid über unsere Selbstsymbole.
Diese Frage Gottes zieht uns nicht nur zur Verantwortung, sondern ins Gespräch; wir haben mitzureden. Und diese Bescheidenheit hat immer einen eigenen moralischen Ausblick und macht mündig gegenüber dem Urteil der Welt.

Diese Grund-Einschätzung äußert sich in mancherlei Form. Sie ist, nach so langer und breiter Christusverkündigung, vermutlich auch kein kirchliches Sondergut mehr. Sie ist aus den Kirchen hinaus leise in die Welt diffundiert, – wo sich ihre Symbolik (in einer Lebendigkeit, wie sie schon das Neue Testament dokumentiert) mit ähnlichem Material aus anderen Quellen vermählt. (Auch hier gibt es zweifellos unfruchtbare Ehen und Scheidungen. Die Ehe des christlichen Glaubens mit dem Kosmos-Paradigma steckt in Schwierigkeiten.) Diese Welt ist nicht mehr christlich, sie ist auch nicht einfach unchristlich; sie ist christlich geprägt, aber postchristlich.

Ich denke, dass diese einfache Grundausrichtung auch das Kriterium ist, an dem die Kirchen von denen, die mit Ernst Menschen sein wollen, gemessen werden. Der Dienst der Kirchen als ethischer clearing-Stellen hat vielleicht einen gewissen globaldiakonischen Wert; aber hierin sind sie prinzipiell ersetzbar. Ihre Besonderheit ist, institutionalisierte Erinnerung an Jesus zu sein. Und diese ist jedenfalls eine Prise Salz in unserer oft faden Kultursuppe, eine unscheinbare Bereicherung, die hier und dort bewusst dankbar wahrgenommen wird. (Man hat allzu lange die Suppe leider prinzipiell versalzen.) Eine durch ihren Widerspruch zur Leistungsmoral gerechtfertigte Rechtfertigungslehre hingegen trägt Eulen nach Athen. Eine solche Verteidigung der lutherischen Fundamentallehre neutralisiert ihren theologischen Sinn und trivialisiert sie.

(Christlicher Glaube und Kirchen) Die Entwicklung des Glaubens in den lutherischen und katholischen Kirchen ist nicht, was die kirchenamtliche Lehr­entwicklung glauben macht. Es ist beeindruckend, wie hüben und drüben der gelebte Glaube quer zu den alten Fronten spricht. Die Christen sind in ökumenischer Bewegung in beiden Richtungen:
Vielen Protestanten ist, wie Katholiken, ihre Kirche die Heilsanstalt. Auch finden sie die katholische Rechtfertigungslehre nicht mehr schlimm. Die Himmelfahrt der Maria macht ihnen kaum mehr Schwierigkeiten als die Himmelfahrt Jesu.
Umgekehrt, gilt der Papst – gerade der jetzt so strenggläubig amtierende! – vielen Katholiken, gut lutherisch, als weltliche Ordnungsmacht, die man, nach eigenem, freiem Gewissen, um des Friedens willen, in Gottes Namen gewähren lassen kann, auch wenn man oft für falsch hält, was er sagt und macht. (Man hat dasselbe Problem mit anderen weltlichen Obrigkeiten. Auch hier widerspricht man selten.)

Der gelebte Glaube ist zunehmend unabhängig von den offiziellen Kirchenlehren. Texte wie diese Gemeinsame Erklärung können deshalb nicht mehr so wichtig werden wie Vergleichbares im 16. Jahrhundert. Theologie ist allerdings eine Funktion der Kirche, aber eine kirchenkritische.

Es wäre für die Kirche kein Gewinn und für die Weltgesellschaft ein Verlust, wenn die erstrebte allumfassende Ökumene sich endlich als eine dumme Riesensekte (noch eine!) entpuppte, die die Gnade verdinglicht und das freie Wort fürchten muss. Die "Gemeinsame Erklärung" ergeht sich in der Kirchensprache als fraglos verdinglichter Gnade und ist, mit dieser als solcher, mitgefährdet durch das freie Wort. Die Rechtfertigungslehre, ein evangelischer Denkanstoß, erscheint hier als ein hochrangiges Glaubensgesetz.

Man kann Wort und Glauben nur höchst irreführend, nämlich als "Gesetzeswerk", institutionalisieren. Jedes Dasein hat seine Gesetze, die an den Grenzen ihres Gültigkeitsbereichs zu Forderungen und Überforderungen werden. Das gilt auch für lebendige Institutionen und für Kirchen. Kirchen haben eine Tendenz, katholisch zu werden. Aber sie haben ihre wesentliche Grenze an Gott selbst (1Mose 11).


X. Luther [133]

A. Literatur zum Thema:
„Luthers theologische Suche nach Ordnung“

Luther-Texte:

Seine bekannten deutschen Schriften fürs breite Publikum zum Bauernkrieg von 1525 als Hintergrund;

die Briefe[134] aus Luthers persönlicher Krise von Juli 1527 bis Ende 1528,
die Gerhard Ebeling in seinem Buch Luthers Seelsorge besprochen hat,
namentlich: [29.?] Nov. 1927 an Eberhard Brisger und 29.12. 1527 an Justus Jonas;

die Thesenreihe De fide von 1535 (WA 39 I, S. 44-48),

die Disputationsthesen gegen die Antinomer von 1537/38 (ebd. S. 334-358).

Für Luthers Drei-Stände-Lehre sind als Quellen in erste Linie zu nennen:

das (an die große Schrift Vom Abendmahl Christi angehängte) Bekenntnis von 1528 (WA 26), sowie

die Zirkulardisputation über Matth. 19,21, De tribus hierarchiis vom 9. Mai 1539 (in WA 39 II überschrieben "Über das Recht des Widerstands gegen den Kaiser“).

(hierzu Rudolf Hermann im Luther-Jahrbuch 23, 1941);

aus Luthers Genesis-Vorlesung von 1535-45 (erhalten nur in der Überarbeitung von Veit Dietrich!), WA 42, die Auslegung von 1 1f., 2 15-18, 22-25, 3 16-19, 6 3f., 8 21f., 9 6.


Den traditionellen Hintergrund der Drei-Stände-Lehre beleuchten zwei katholische Texte [135] von 1524:
Leonhard Marstaller, 100 Thesen De vera libertate Christiana, Ingolstadt, sowie
Kaspar Schatzgeyer, Von der waren Christlichen und Evangelischen freyheit, lat. 1525).

Sekundärliteratur:

Oswald Bayers Vortrag Natur und Institution (Zeitschrift für Theologie und Kirche 81, 1984), 1995 wieder abgedruckt in O.B., Freiheit als Antwort, sowie

Luise Schorn-Schütte, Die Drei-Stände-Lehre im reformatorischen Umbruch. In: Hg. Bernd Möller. Die frühe Reformation in Deutschland als Umbruch (Schriften des Vereins für Reformationsgeschichte 199), Gütersloh 1998.

B. Gebet

Nach der Lektüre von Gerhard Ebeling, Beten...(in: Lutherjahrbuch 66, 1999, S. 151-166) spitze ich zu: "Luthers theologische Suche nach Ordnung" war vor allem sein Gebet. Wohl alles was Luther schreibt, hat er vorher allein mit Gott in erregten Diskussionen durchgesprochen.

Luthers vieles Beten ist Psychose-Abwehr: Er weiß: Er muss das Imaginäre, das ihn zerreißen will (vgl. die Metaphorik in dem Brief vom 29. Dezember 1527 an Justus Jonas!), dialogisch beieinanderhalten. So bedeuten ihm die Psalmen und die evangelischen Texte, die ähnliche Probleme sprachlich gefasst haben, eine Entlastung, eine Gottesgabe, Wort Gottes.

Die Gesellschaft war zerklüftet, die sozialen Normen ausgehöhlt. Die Kultur war höchst religiös. Die Angst, die den Ablass zum großen Geschäft gemacht hatte, führte zu massenpsychologischem Bedürfnis nach Vereinfachung und Klischeebildung. So wurde Wort schnell zu konfessioneller Lehre pervertiert. So entstandene, leicht apokalyptische Lehre aber wirkt nur im Kollektiv angst­lösend. Allein musste Luther viel und laut mit Gott reden.

C. Zu De servo arbitrio [136]

Luther konnte zwischen Gesetz und Evangelium, zwischen mündlichem Wort und Schrift, aber nicht zwischen Wort und kirchlicher Lehre, zwischen Bekenntnis und Dogma unterscheiden.
Die (damals langsam wiederentdeckte) antike Skepsis[137] hätte ihm da weiterhelfen können. Luther († 1546) aber verurteilte Skeptiker und Epikureer in einem – mittelalterlichen – Atem. In der Auseinandersetzung mit dem älteren Erasmus († 1536) wollte er evangelisch, hat aber ideologisch argumentiert. Noch der etwas jüngere Montaigne[138] († 1592) kannte zwar vermutlich Sextus Empiricus, hütete sich aber, ihn zu nennen.

Luther maß lebenslang der Anfechtung (tentatio) der eigenen Überzeugungen hohe Bedeutung für die theologische Existenz bei[139]. Das war seine, im Zeichen der persönlichen Verbindlichkeit der jeweiligen [140] Antwort des Glaubens auf die Wahrheitsfrage stehende, Skepsis.

Paulus denkt die Praedestinatio ad malum (Röm 9-11) nur kollektiv-historisch und nur zeitweilig. Eine geschlossene Ideologie wird daraus erst bei Augustin.

Augustins Gott, der schon prälapsarisch alles, inklusive Sündenfall und Verdammnis, vorherbestimmt hat, ist ein selbstverliebter Künstler, dessen Werk nichts als ein schöner Spiegel seiner selbst ist. Das Ihm gegenüber Andere ist nichts als Seine, allein durch Ihn definierte Welt. Das Wesen seiner Geschöpfe ist allein er selbst. Er kann sie nur als seinen Spiegel lieben. Das ist perfekte Lieblosigkeit. Das entsprechende Weltbild ist ein paranoides Wahnsystem. Die mittelalterliche Höllenangst war damit programmiert.

Luther aktivierte dagegen die Trinitätslehre und machte Jesus Christus als Schöpfungswort Gottes geltend, – die zweite Person der Gottheit, in welcher Gott, in Liebe zu seinem Geschöpf, nicht nur alle Strafe, sondern alle Schuld auf sich nahm. Sie ist die Selbstoffenbarung Gottes an die Menschen, an die wir uns halten sollen. Damit wird, evangelisch, die Wahrnehmung der Liebe Gottes dem Determinismus, als einem Geheimnis des verborgenen Gottes, prinzipiell vorgeordnet. Hier geht es nicht um konsistente Theorie, sondern um Symbolik, ums vom Geist des Lebens erfüllte Wort als Geschehen.

Luther geht es gar nicht um das arbitrium, sondern um das Gott-vertrauen-Können des Menschen mit seinem vertrauensunwürdigen arbitrium.

Luthers Teufel ist sein Widerwille gegen den imaginären sadistischen, masochistische Unterwerfung fordernden Gott. Der sich selbst dahingebende Christus hat für ihn vor diesem Gott genug getan.

Paulus: Im Geist Christi getane Werke sind Ruhm! Luther thematisiert die Dialektik des rühmlichen Werks.

WA 18, 689 wird die Ambivalenz des Gottesbildes auf Vater und Sohn verteilt: Deus incarnatus vs. voluntas maiestatis. Aber auch die voluntas Christi ist ab initio mundi im Spiel (690).

Es gibt keine Sicherung gegen die Angst vor dem verborgenen Gott. Es gibt nur die Erfahrung der Vergebung des Schöpfers und das daran erinnernde Wort.

Für den Deus absconditus, der uns unbekannt bleiben will, verlangt Luther nicht glauben, sondern denken und wissen, ferner timere, adorare und reverentia (WA 18,690). Die absolute Souveränität ist wesentliches Attribut Gottes und gehört zur der Gottesdefinition, die jeder Heilsglaube voraussetzt.
In der Tat: "Der Allmächtige" ist und bleibt uns imaginär latent präsent. Er ist ein religiöses Apriori. Eine Theologie, die den Kontakt mit dieser Tiefe verloren hat, hat ihren Gegenstand vergessen. Als unser "Selbstobjekt" (Kohut) berät der Allmächtige uns symbolisch, präverbal oder verbal, durch Warnungen und verheißungsvolle Aufforderungen.

Gottes "absolute Souveränität" ist seine Schöpferkraft, und seine Schöpferkraft ist seine Bescheidenheit.

D. Ständelehre

1. Ecclesia

Das Verbot, das Nein Gottes gehört zum Paradies! Sabbat, arbor (lignum): Dieses persönliche Nein des Schöpfers ist Ort der Selbstfindung.

Luther interpretiert die Tabuierung des Baumes als Stiftung der Kirche des Evangeliums. Es ist kein stummes, sondern ein von Gott dem Menschen zugesprochenes Tabu. Der sich zur Respektierung des anderen bescheidende Schöpfer wendet sich dem Menschen zu und gibt ihm eine Form der Gottebenbildlichkeit in Bescheidenheit vor.

Die Kirche als Schöpfungsordnung rundet die von Gott, durch sein (Sabbat-)­Gebot und (Eß-)Verbot, heteronom begrenzte, paradiesische Schöpfung durch ein menschliches Ja zur heteronomen Begrenzung symbolisch ab.

Luther unterscheidet kategorial zwischen der paradisischen Institution der religio nudissima, purissima, simplicissima, in qua nihil laboriosum, nihil sumptuosum fuit[141] und der Kirche nach dem Sündenfall. Für diese ist das vom Gesetz unterschiedene[142] Evangelium (zuerst in der Form des "Protevangeliums" 1Mose 3,15) konstitutiv (Reinhard Schwarz).

Die Kirche als Kultgemeinschaft ist nach Luther die anzustrebende ordentliche Normalform der communio sanctorum (derer, "die mit Ernst Christen sein wollen"). Sie ist eine der drei Stände.

Kultgemeinschaft ist in der Regel eine institutionelle Form von Symbolgemeinschaft. Lebendige Symbolgemeinschaft aber kennt die Form der Institution nur für konservative Teilsyssteme. Tradition und konservative Teilsysteme gehören zwar zur Normalform einer lebendigen Symbol­gemeinschaft; Institution ist jedoch nicht selbst deren Normalform.

Allenfalls ist Institution ihre Dauerform. Symbolgemeinschaften sind normalerweise langlebig. Das Leben manifestiert sich nicht einförmig, sondern in Streuung; die Mittelwerte aber verschieben sich nur langsam. Das begünstigt Institutionalisierung von Konsensen, – die zwar gern als Gemeinschaftssymbol, aber nicht als persönliches Glaubensbekenntnis bejaht werden. Das steht gegen den Kirchen- und Bekenntnisbegriff etwa des Paulus. Aber, insofern eine Dauerform zur Normalität einer Symbolgemeinschaft gehört, ist Institution eine (!) anzustrebende Sozialform in (!) der communio sanctorum. Eine Selbst­auswahl von Christen verkörpert sie; sie wird von einer größeren Menge in tiefer Selbstverständlichkeit mitgetragen.

In seinem Kampf gegen die Papisten gerät Luther mit der gesetzlich-selbstgenügsamen Definition jeder Kirche in Konflikt. Kirche macht "das Evangelium" zu ihrem Grund-Gesetz. Die lutherischen Kirchen konnten nur melan­chthonisch-katholisch existieren.

2. Oeconomia

Die Geschlechtlichkeit überwältigt die Selbstkontrolle des Individuums. Dadurch bekommt sie in Religionen – positiv (als göttliche Macht) oder negativ (als sündig) – hohe Bedeutung.

In einem der Protokolle von der Disputation über die Thesen zu Matth 19,21 (WA 39 II, S. 87) wird von der Ehe (Z. 7f.) gesagt, sie sei immundities... divina, quae est a Deo ordinata, im anderen (Z. 19f.) ist notiert, sie sei eine munditia mundata per Christum. Die geschlechtliche Begierde bleibt zwar auch in der Ehe sündig. Aber Luther kann kühn von "immundities divina" reden, einer menschlichen Unreinheit, die Gott, in seinem Heilswillen für die Menschen ("in Christus", wie es heißt) auf sich genommen hat. In der Druckbearbeitung der Genesis-Vorlesung Luthers fehlen diese Zu­spitzungen. Hat der Bearbeiter, der Melanchthon-Schüler Veit Dietrich, sie weggebügelt?

3. Sündenfall

Bei allem Realismus, ist für Luther das Postlapsarische nur das Uneigentliche, nur reliquiae; das imaginäre Paradiesische ist das Eigentliche. Am imaginären Guten sind Gebet und Gottesdienst orientiert. Nicht etwa sind "Schöpfung" und "Fall" Symbole, sondern die Realität ist Symbol der reinen Schöpfung.

Die guten „Reste“ der Gottebenbildlichkeit des Menschen werden von Luther, zu höheren Ehren Gottes des Erlösers, wenig beachtet.

4. Politia

In Luthers Modell der gottgeschaffenen Friedensordnung, dem Paradies, gab es nur vier Personen: eine göttliche Vaterfigur, zwei Menschen und die Schlange. Die Politie des Paares nennt er, entsprechend dem alten Wortsinn, "Ökonomie". Die personale Quaternio im Paradies wird noch nicht als Politie verstanden, – obwohl schon hier die Gewalt ausbricht, die den paradiesischen Verhältnissen ein Ende setzt. Schon die Triangulation durch das Kind findet im Paradies nicht statt; mehr als zwei Menschen und erst recht Großgruppen und Völker, also im gewöhnlichen Sinne "politische" Probleme, sind, schon im Alten Testament, als postlapsarische Erscheinungen verstanden. (Ein einfaches dynamisches Dreikörpersystem kann chaotisch entarten – Ende des Paradieses.)

Nach Luther ist Tyrannis die real existierende Normalform von Obrigkeit. Trotzdem ist Selbstjustiz verboten; tradierte Rechtsformen müssen eingehalten werden, nur Fürsten sind handlungsbefugt. Sonst bricht Chaos aus. Das Milgram-Experiment[143] und seine zahlreichen Repliken zeigen, dass hier ein artspezifischer Autoritätsreflex vorliegt, der nur langsam und schwer unter Kontrolle zu bringen ist.

Die Kooperation in der Gesellschaft funktioniert aus guten Gründen nicht kampf- und reibungslos. Der Zufall muss zwischen gleich guten Alternativen, ihren Ansprüchen und ihren Vertretern entscheiden. Die magnanimitas in der sozialen Naturausstattung des Menschen ist unverzichtbar! Der Jurist Dieter Conrad las, für eine Grundlegung der politischen Ethik, Luthers "für/pro den anderen" als Repräsentation [144].

Es geht um Repräsentation des Gemeininteresses als Bedingung der Handlungsfähigkeit großer Kollektive. Gewalt ist hier wesentlich nötig nicht erst gegen böse Feinde, sondern gegen echte Alternativen, die das Kollektiv zwecks Handlungsfähigkeit zu opfern verlangt! Die soziale Kultur hält sich mehr oder weniger offen für Alternativen.

In Luthers Genesis-Vorlesung ist immer wieder von den "Resten" des status integritatis die Rede; aber diese sind (wie die Sünde), nicht sauber abzugrenzen. Die "politische" Gewaltordnung muss diese "restliche" natürliche Sozialität ergänzen, um die lebensnotwendige kollektive Handlungsfähigkeit zu erhalten.

Die sakrosankte Sozialordnung konnte 1525 nur mit göttlichem Anspruch angegriffen werden. Die reformatorische Alternative zum Bauernkrieg war: Aushöhlung der empörenden Dienstmoral durch das ehrliche Wort (Eph 4,15) einerseits und ordentlichen Dienst um Gottes und des Nächsten willen anderseits – sowie Hoffnung auf menschlich ansprechbarere einzelne Lan­des­herren.

5. Allgemein

Die "drei Stände", Stifte, Orden, ordinationes, "Hierarchien" (=heilige Ordnungen) sind keine Erfindung Luthers, sondern ein seinerzeit in Katechese und akademisch-philosophischem Unterricht überliefertes Schema. Allgemein empfand man die "drei Stände" als natürlich und gottgegeben, als "Schöpfungsordnung". (Luther freilich verband keinen der Allgemeinbegriffe für die drei Stände mit dem Begriff Schöpfung!)

Die traditionellen "drei Stände" haben, nach Luther, das testimonium Dei für sich. Sie sind "in Gottes Wort", Bibel und Gebot, zuhöchst also ins Liebesgebot, "gefasst" (Luther 1528). Im ersten Buch Mose (nicht beschränkt auf die "Schöpfungsgeschichte"!) findet er die Einsetzung der drei Stände. In der Exegese dieses Buchs, der er seine letzten zehn Jahre widmete, unterzieht er die herkömmliche Ständelehre einer Revision.

Die so genannte Drei-Stände-Lehre ist bei Luther eine locker und variabel organisierte, spannungsreiche Menge von beachtenswerten Bemerkungen. Wie alles, was Luther lehrte, ist sie nicht auf weitere Systematisierung, sondern auf selbstverantwortlichen Gebrauch angelegt. (Auch weitere Systemati­sie­rungs­versuche können allerdings lehrreich sein.)

Sakramente und Stände sind "von Gott gestiftet". Luther sagt damit: Gott sagt doch uns allen verständlich, sinnvoll und mitteilbar, "hier" können wir ihn wiederfinden. Zu seiner Zeit war man sich darüber weitgehend einig. Erst später wurde das zur begründungsbedürftigen und endlich grundlosen Behauptung.

Im dritten, letzten Teil der großen Schrift Von den Conciliis und Kirchen (1539) erklärt Luther, woran man wahre Kirche erkenne. Und hierunter führt er auch die traditionellen drei Stände auf und konkretisiert sie durch die Gebote der sog. "Zweiten Tafel" des Dekalogs. Sie haben allerdings nicht den ausdrücklichen Bezug auf Christus und sind deshalb für sich allein keine eindeutigen Zeichen von wahrer Kirche; ja auch Heiden ragen hier hervor.

An Stelle der herkömmlich als heilig angesehenen kirchlich-zölibatären Institutionen, nennt Luther "heilig" die drei Stände. Das ist wohl im Sinne von 1Tim 4,5 zu verstehen: Alles, was Gott geschaffen hat, ist durch Gottes Wort und des Menschen Dank "heilig".

Die drei Stände sind, in aristotelistischer Tradition grob umrissene, gesellschaftliche Bereiche, wo Liebe im usus civilis legis konkret wird. Es geht um die lebensnotwendige Stabilität von Sozialsystemen. Es geht nicht, wie im "theologischen Gebrauch" des Gesetzes, um die Person vor Gott, sondern um die Gesellschaft vor Gott, um die, der Person von Gott zur geordneten Mitverantwortung anbefohlene, Gesellschaft.

Später gilt die Drei-Stände-Lehre als lutherisch.

Gott verlangt soziale Anpassung, – es sei denn, es gehe um das Bekenntnis.

Das Gesetz dieser "Stifte" führt in Schuld und lässt uns Rückhalt beim Schöpfer suchen und Trost beim menschgewordenen Gott finden.
Die Welt ist geheiligt durch den Segen Christi, die Offenbarung der Bescheidenheit Gottes.

Auch für Kirche und Staat gilt sinngemäß, was Luther über die Ehe sagt: Der Schöpfer hat die durch diese bedingten Sünden auf sich genommen.

Zur Ordinatio divina gehört nach 1Tim 4,5 das Dankgebet. Nach Luther sind auch die sozialen Ordnungen – beschädigt, pflegebedürftig und gefährdet, wie sie sind, – den Christen heilig!

Die Sozialordnungen sind zwar in Gottes Rat und unserer Dankbarkeit geheiligt; aber nicht ihre Einhaltung rechtfertigt uns, sondern der Glaube, dass der Schöpfer in Christus die unter der „Amts“-pflicht (in sozialer Verantwortung) begangenen Sünden auf sich genommen hat.

Mit der Lehre von der "Heiligkeit" der Stände scheint die Sündenlehre dem Problem der Tragik sich zu öffnen.

Die drei Stände betreffen den – aus Menschenliebe anzustrebenden – ordentlichen Normalzustand der Gesellschaft. Nur in der Not soll der Bäcker Henkerdienste übernehmen.

Auch Luther artikuliert seine Soziallehre – wie die Tradition, die von potestates spricht (Leonard Marstaller sieht diese als begrenzt an!) – als Lehre von der Herrschaft in Haus, Kirche und Staat unter Gott als dem allmächtigen Herrscher.

Er hätte die Ordnungen aber von der freisetzenden Liebe des Schöpfers her im Sinne der Kompossibilität interpretieren können. Solche realistischen Ansätze finden sich in allen Hinweisen auf die Folgen von Gehorsam gegen diese Ordnungen und von Ungehorsam.

Luther hatte große Angst vor den Risiken sozialer Selbstorganisation. Er ahnte die Zustände, die bei Zusammenbruch der legalen Ordnung drohten. (Eindrucksvoll etwa der Schluss des Briefs vom 6. März 1530 an den Kurfürsten über das Recht zum Widerstand gegen den Kaiser.)

Nach Luther ist[145] der Mensch Repräsentant der göttlichen Ordnungsmacht vor der übrigen Kreatur; der magistratus Repräsentant der göttlichen Ordnungsmacht vor dem Volk; und wer in Notwehr einen Strauchräuber erschlägt, handelt als Repräsentant des magistratus.

Die patriarchale Herrschaftsordnung im "Hausstand" ist postlapsarisch, gehört also eher zur Gewaltordnung.

Die allgemein anerkannten drei Stände sind der vom Schöpfer und Erhalter geheiligte Ort des " esto peccator et pecca fortiter, sed fortius crede in Christum (die zweite Person der Gottheit, die die drei Stände eingesetzt hat)“. Mit dem Zuruf: "Esto peccator!" (in dem persönlichen Schluss eines professionell-theologischen Briefs vom 1. August 1521) verordnet Luther Melanchthon Weltlichkeit. In dieser Vocatio hat er die Grundlegung seiner Berufsethik und Ständelehre formuliert.

E. Anfechtungs-Briefe [146]

besonders an E. Brisger vom 29.11.1527 und (einen Monat später) an J. Jonas.

Luther klagt am 26. Okt. 1526 (an N.Hausmann) über frigor und torpor, also, zwar ohne die Vokabel, über die altbekannte mönchische Anfechtung ἀκηδία/acedia, d.h. Depression.

Luther lebt in einer Dramatik, die uns fast immer erspart ist. Zwischen Christus-Glauben und Anfechtung, in ärgsten Zeiten einer teuflischen Heilandsgestalt gegenüberstehend, ist er ständig von gefährlichen Ambivalenz-Problemen bedroht. Sein Gebet und seine Theologie sind Weiterarbeit an der kirchlich überlieferten Symbolik der Integration der präambivalenten Seelentiefen.

Auch Luthers Lehre ist nicht chaos-resistent. Symbole können nur bedingt repräsentieren, was sie repräsentieren sollen: Auch eine evangelische Lehre wie diejenige Luthers repräsentiert nur zeitweise die Wahrheit! Der mendacii pater redet (an E. Brisger, Joh 8,44), wenn die Lehre die Wahrheit irreführend repräsentiert.
In Bedrängnis, ideologisiert Luther den Glauben an Gottes Treue zu Jesus. Sein Sicherheitsbedürfnis macht aus dem Evangelium ein Gesetz – eine infernalis confusio[147] – , an welches sich superbia heften kann, die, wie er spürt, gedemütigt werden muss.

Die Ambivalenz Christus/Satan bedeutet konkret „agon“ (ἀγὼν) – Kampf gegen das doppeldeutige Wissen, um den Zugang zu dem lebendigen Gott. Luther schreibt an die Freunde: Durch Eure Gebete obsiegt Christus noch, oder kämpft jedenfalls tapfer ( per vestras orationes adhuc superat vel saltem pugnat fortiter). Die Freunde sollen weiter mit ihrer Fürbitte, im Glauben an Christus in seiner Schwäche, "jenen schwachen Christus" stärken.

Die unerträgliche Doppeldeutigkeit wird durch die Mitmenschlichkeit von Glaubensbrüdern gemildert. In der Gemeinschaft der Anfechtung kommt das Ideologische als Wort auf die Waage und die Dinge vermenschlichen sich wieder.
Luther kann dann auch einen Schritt zurücktreten und zeitweise in ganz anderer Symbolik (Musik, Geselligkeit, Familie) Entspannung finden.

Röm 8,26f. ringt Gott, der Geist, mit Gott, dem Vater.

F. Bescheidenheit

Vielleicht das erstaunlichste Stück zu diesem Thema ist Luthers Rede von der immundities divina [148].

Gottes voluntas imperscrutabilis (WA 18, 685ff) ist seine Bescheidenheit. Er will die nur gegenseitig beschränkte Freiheit der Geschöpfe, auch des Bösen. (Die beschränkten Möglichkeiten der Selbstorganisation begünstigen, nach Manfred Eigen, kooperative Höherorganisation.)

Gott, in seiner Bescheidenheit als Schöpfer, will, um der Freiheit seiner Geschöpfe willen, auch das Widergöttliche und Böse, wenn sie es denn wollen. Aber er rät ihnen davon ab.

Praesumptio/superbia ist Sünde. In der Tradition der monarchischen Gottesvorstellung auf Gott projiziert, führte sie Luther zu Gotteshass. (Vgl. auch Goethes Gedicht Prometheus.)

Zum unbescheiden, unreif vorgestellten Gott kann man nur ein ambivalentes Verhältnis, eine Hassliebe haben, – die bei Luther im Glauben an Christi freiwilliges Opfer, Gottes Akzeptation unseres Gotteshasses, zu Ruhe kommt.

Luthers theologia crucis dachte Gottes "absconditas sub contrario" von der gloria her und verharrt dabei!

Einleitung zur Römerbrief-Vorlesung (1515): Unsere eigene Gerechtigkeit muss zerstört und die Herrschaft der Sünde anerkannt werden. Dazu aber sind wir im Stande nur durch Christus und seine Gerechtigkeit, die die göttliche, schöpferische Bescheidenheit ist, an welcher wir Anteil bekommen können.

Luther fühlte sich (im Rahmen der herrschenden Weltanschauung selbstverständlich) verpflichtet, etwas Kanonisierbares zu formulieren, um den katholischen Anspruch durch einen Gegenanspruch auf derselben Ebene zu überbieten, – statt es bei der göttlichen Kraft der Bescheidenheit des Wortes bewenden zu lassen.

In Luthers Angst vor der Hölle ging es um Gewissheit des persönlichen ewigen Heils. Mir geht es um ein größeres Ganzes, in dem ich untergehen mag: Gottes bescheidenes Leben.

G. Verschiedenes

Luther genießt für seinen Kampf gegen Rom viele Sympathien, aber er hat keine symbolisch organisierte Macht außer der Autorität der Bibel. So muss er seinen Kampf gegen Rom als Bibelauslegung mit Rechtsanspruch führen. Er legt die Bibel als Gottes Wort aus; es geht immer um die Offenbarung Gottes in Christus. Die resultierende Auslegung tut dem (selten christologischen) sensus literalis historicus vieler einzelner Texte Gewalt an. Sie leistet theologisch Gewaltiges. Aber der Ernst des Gottesverständnisses eines Luther ist nicht juridifizierbar; die Auslegung leistet kirchenrechtlich nicht, was sie leisten müsste. In dieser negativen Banalität haben die Papisten gegen Luther Recht!

Kein Wohlverhalten rettet aus Schuldangst.

Man braucht Orientierung. Auch für Luther selbst war Lehre entscheidend wichtig. Er saugte und destillierte sie, mit dem persönlichem Mut des Glaubens an den Heilswillen Gottes, aus der höchsten Autorität, der schrecklich heiligen Schrift. Luther hat dem Volk den persönlichen Zugang zur Sacra Scriptura eröffnet. Er war dem erschrockenen Leser der "getreue Eckart" und Lehrer; für seine Schüler ein heilsnotwendiges Symbol des Bescheidwissens. In der Tradition der Schule wird aus prekärer certitudo/securitas des Lehrers eine wahnhafte, ahnungslose, unansprechbare, aggressive Besitzstandswahrung des Schülers, die sogar den Lehrer noch anstecken kann. Die Luther-Schüler schablonisieren.

Satan ist ein ideologisch-verführerischer Ordnungsbegriff. Mit "Satan" ist das Böse biblisch eingeordnet.

Luthers Bezugsrahmen der Sakramentslehre ist der allgegenwärtige Gott in seiner entsetzlichen Majestät [149]. Die Entsetzlichkeit ist in der Kreuzigung Jesu überwunden. Der dreieinige Gott ist für uns gegenwärtig im Sakrament!

Sakramente sind für Luther so etwas wie Reliquien der Gottesgemeinschaft Jesu.

Luthers dachte, im Sinne des gesellschaftlichen Konsenses, "objektivistisch" nicht nur über das Brot und Wein im Abendmahl, sondern über die ganze Welt als Ort des allgegenwärtigen, ewigen dreieinigen Gottes. Des Heils teilhaftig aber werden wir, nach Luther, nur durch den (subjektiven) Glauben an das "Für uns"! Ebenso vermittelt die "Taufe in den Tod Christi" (Röm 6) das Heil allein durch den Glauben an die Verheißung, die auf dem Taufwasser liegt.


XI. Ethik

A. Mephistos Herausforderung

Man sehe sich die meist verdrossenen Gesichter der Menschen an. Sie finden das Leben hässlich. Man kann es sich schöner machen; aber hauptsächlich auf Kosten anderer, und auch das ist hässlich. Man lebt weiter, weil Sterben noch hässlicher ist.

Leben ist Zusammenleben. Deshalb verbietet die Rücksicht auf die Näch­sten, so etwas zu sagen; denn solche Klage ist auch Klage über sie, und man will ihnen das Leben ja nicht noch zusätzlich vermiesen[150]. Klage heischt Mitleid und wäre eine Aufforderung, mit zu klagen. Aber Klage heischt auch aktive Hilfe.

Hiobs Frau ist empört. „Fluche Gott und stirb!“ sagt sie zu ihrem unschuldig gequälten Mann. Gott dankbar sein? Für dieses Leben? Für „die Welt als Material der Pflicht“ (Fichte)? Gott vergeben, dass er mich geschaffen hat?
Das biblische Hiob-Buch hat ein Ende, und zwar ein happy end; die Geschichte aber geht weiter und hat noch kein Ende. Neuerdings hat sich unser Gott in nichts aufgelöst, bevor wir ihm fluchen könnten. Gott ist auch nicht mehr, was er einmal war.

Um mit unsrer Empörung keine komische[151] Figur zu machen, suchen und finden wir uns einen Schuldigen (oder ein paar mehr) – das ist keine Kunst.
Etwas mehr Kunst ist nötig, um Ursachen auch nur eines Übelstands zu finden und zu beseitigen. Hier können die Frustrierten sich mit ihrer Intelligenz und mitsamt ihrer Aggressivität[152] einbringen und sollen Bescheidenheit lernen, indem sie sehen, wie weit sie mit ihrem Bescheidwissen und ihrer Kreativität kommen, – Bescheidenheit, eine göttliche Eigenschaft!


B. Ethos im Chaos [153]

1. Die Vokabeln

(Kosmos und Chaos) Von dem altgriechischen Weisen Pythagoras wird berichtet, er habe das Weltganze als κόσμος/kosmos gepriesen, d.h. als schöne Ordnung. 200 Jahre später hat der große Philosoph Plato sich dafür interessiert und dem Abendland diese Idee geist­mächtig beigebracht.

Die biblische Schöpfungslehre lässt eine geordnete Welt – die Welt, in der wir leben sollen –, aus dem vorzeitlichen תֹּהוּ וָבֹהוּ/ tohu wabohu der wüsten Leere, entstehen als eine vom Ozean umbrandete Insel. Wir übersetzen dieses „Tohuwabohu“ mit dem griechi­schen Wort χάος/chaos, das eigent­lich Schlund, Rachen, Abgrund bedeutet. Wir hören im Alten Testament vielleicht mehr Erinnerungen an das Chaos als in der antiken griechischen Literatur. Der noachitische Bund ver­heißt Leben ermöglichende Ordnung, "solange die Erde be­steht". Das letzte Buch der Bibel allerdings setzt dann einen furchtba­ren Akzent auf diese zeitliche Näherbestim­mung. Dies irae, dies illa solvet saecla in favilla, ruft die mittelalterliche Sequenz: Der Tag des Zorns, jener Tag, wird alle Welt in glühende Asche zerfallen lassen. Die In­sel, die pflanzliches, tierisches und menschliches Leben trägt, wird, wie sie aufgetaucht ist, auch wieder versin­ken. Noch einmal Chaos, die­ses Mal aber mit Ausblick auf endgültige Ordnung. Die Menschen kön­nen den Zeitpunkt des Endes nicht bestimmen; aber er ist auch nicht unabhän­gig von ihrem Verhalten.

(Ethos) Das griechische Wort ἦθος/êthos bedeutet so etwas wie Lebensraum; eigent­lich "Lagerstatt" oder "Jagdgründe". Von dort ist die Entwicklung zu der Bedeutung "Gepflogenheit" weitergegan­gen[154].

Der Sprachgebrauch des griechischen Worts ἦθος entwickelte sich über "Gepflogenheit" weiter zu den Bedeutungen: "Cha­rakter" und endlich: "Verhalten". Kollektiv ist im Plu­ral (ἦθη/êthê) die Rede von "Bräuchen" und "Sitten".

Aristoteles, der große Schüler Platos, hat Vorlesungen über menschliche Verhaltenstypen gehalten, weithin eine Charak­terologie. Ein gewisser Nikomachos hat das Manuskript nach Aristoteles' Tod veröffentlicht; das Buch trägt den Titel Ἠθικὰ Νικομαχέα/Ethika Nikomachéa; wir nennen es die "Nikoma­chische Ethik". Ἠθικὰ ist aber kein Singular, sondern ein Neutrum Plural[155]; und es ist kein Substantiv, sondern ein substantiviertes Adjektiv, kaum ins Deutsche übersetzbar, deshalb als Fremdwort übernommen.

Nachdem Aristoteles schon viel über das Denken gelehrt hatte, sollte es in dieser weiteren Vorlesung um das men­schliche Verhalten gehen. Was er bietet aber, ist nicht wertfreie Verhaltensforschung – was man heute Etholo­gie[156] nennt. Aristote­les lehrt, dass all unser Verhalten zielgerichtet ist, und zwar auf das Gute. So ist diese Sittenlehre an der Frage ori­entiert, was praktisch das "Gute" sei. Für die Antwort können wir uns auf ein Wort ei­nigen: Wir möchten "glücklich" sein. Es kommt aber dar­auf an, worin das Glücklichsein besteht. Und dieser Frage geht Aristo­teles in der Nikomachischen Ethik nach. Sie wurde grundlegend für die euro­päische Sittenlehre.

Es geht hier darum, das beste Verhalten zu identifizieren, die ἀρετὴ ἠθική/ arêtê êthikê. Ἀρετὴ hängt etymologisch zusammen mit ἄριστον/ áriston, "das Be­ste". Es geht nicht nur um das Gute, es geht um Idealbilder, das Be­ste, (allerdings auch deren abschreckende Gegenbilder). Früher über­setzte man die aretê mit "Tugend". In die­sem Sinne ist die Ethik des Ari­stoteles eine Tugendlehre. Das schöne Wort Tugend, das mit "tau­gen" und "tüchtig" zu­sammenhängt, ist aber durch die Dummheit der Tu­gendprediger in Verruf gekommen. Man übersetzte deshalb dann lie­ber "Vortrefflichkeit"; wir übersetzen: "Voll­kommenheit".

Wenn wir von "Standesethos" reden, ist die Bedeutung noch nahe an dem antiken Sprachgebrauch; es geht um Sitten. Wir reden aber auch vom "Ethos" des einzelnen und meinen damit Sittlichkeit, Pflichtbewusst­sein, Verantwortungsgefühl. Dieser morali­sche Akzent auf dem Gewissen des einzelnen jedoch war dem alten griechischen Wort êthos noch fremd.

In der Ethik geht es um die Vollkommenheit des Verhaltens. Wir könn­ten, im Sinne des Vorgetragenen, nah an unsern Ge­genwartsproblemen bleiben und konkreter sagen: Uns geht es ethisch um die Frage, wie man sich die Erde am besten bewohnbar macht und erhält.

2. Das Problem

Seit alters hören wir die Klage darüber, wie chaotisch es unter den Menschen auf der Erde, wie chaotisch es also im sog. kosmos zugeht. In der menschlichen Gesellschaft meint man die Schuldigen zu kennen und, wenigstens im Prin­zip, auch Abhilfe zu wis­sen. Die Menschen soll­ten sich eben einigen, auf einander Rücksicht nehmen und sich vertra­gen, damit die Erde wohn­lich werden kann. Es fällt besonders der Ver­nunft schwer, zu verstehen, warum nicht danach gehandelt wird. Mit (ganz unvernünfti­ger) Einfühlung kommen wir oft weiter: Wir sind eben so, – jedenfalls in den gemischten Lebensbedingungen, denen wir un­terworfen sind.

Dass das Unmoralische nicht nur dem Täter nützt, dass viel­mehr in sol­cherlei Handeln oft auch Zweckdienlichkeit für das Leben eines Kollektivs steckt, das fängt man erst in unseren Tagen an, ernstzuneh­men und denn auch genauer zu verstehen.

a) Geordnete Verhältnisse

Geordnet nenne ich Verhältnisse, wo man sich über gut und böse einig ist. Hier gibt es unbestrittene Grundge­bote. Man findet in verschiedenen, von einander iso­lierten Kulturen inhaltlich ähnliche Grund­sätze – sehr ähnlich unsern Geboten der Zweiten mosaischen Ge­setzestafel.

Auch weit über die Grundgebote hinaus aber ist man sich in geordne­ten Verhältnissen bis in Einzelheiten hinein über die faktischen Ver­haltensnormen bei all ihrer Zufälligkeit und Ungereimtheit doch einig.

Erstaunlicherweise sind es nun nicht nur äußere Einflüsse, die geord­nete Verhältnisse über den Haufen werfen. Das Le­bendige will wachsen. In gesund geordneten Verhältnissen kann es lange Zeit ungestört wachsen. Es ist auch dafür ge­sorgt, dass die Bäume nicht in den Himmel wachsen; zu den geordneten Verhältnissen gehören auch viele Wachs­tumsbremsen. Mit der Versagung aber wächst „das Unbehagen in der Kul­tur [157]". Das wiederum staut sich und sucht einen Ausweg. Es ist zwar dafür gesorgt, dass der einzelne Baum immer langsamer auf seine Ma­ximalgröße wächst; aber schon bei der Konkurrenz verschiedener Baum­sorten um Standorte gibt es keine solche sanfte innere Bremse; da gibt es kata­strophale Entwicklungen. Wo Leben ist, da wächst etwas; da wächst eine Menge verschiedener Sachen zugleich, und zwar nach ver­schiedenen Wachstumsgesetzen, raffiniert gemischt: linear, quadratisch, kubisch[158], exponentiell. Alle Proportionen werden dadurch zunehmend verzerrt. Deshalb sprengt jedes Wachstum über kurz oder lang die Ordnung, der es sich verdankt.

Bereits in der Antike wurde zum Beispiel viel nachgedacht und ge­schrieben über Verfassungskrisen und Wechsel von aristokratischer zu plutokratischer, zu demokratischer und endlich diktatorischer Verfassung. Am berühmtesten wurden die Darlegungen des klassi­schen griechischen Phi­losophen Plato im VIII. Buch seines Werks über den Staat. Weil alles Gewordene untergehen muss (VIII 3), treibt eine innere Logik der Staatsformen die politische Geschichte eines Staates durch Verschleiß zu Krisen und von einer Staatsform zur andern. Das Wachstum bestimmter Kenngrößen des jeweiligen Systems führt ins Übermaß. Und "das Über­maß bewirkt gerne einen heftigen Umschwung in das Gegen­teil", wie Plato sagt und jeder weiß (VIII 15). Die­ser Umschwung beruht jeweils darauf, dass das Übermaß ei­ner Systemeigenschaft einen Systemzusammenbruch herbeige­führt hat.

Plato zeichnet eine reine Verfallsgeschichte. Zur Zeit der Eroberung Griechenlands durch die Römer entwarf Poly­bios dagegen die Theorie von einem geschlossenen Kreis­lauf der Verfassungen. Der Kreislauf der Verfassungen ist ja aber nicht garantiert. Der jeweilige Struk­turwandel kann gut gehen; er kann sogar segensreich sein. Aber eine alte Ordnung wird nicht immer durch eine neue Ordnung abge­löst. Das Zerbrechen einer Staatsordnung kann auch un­absehbares Chaos zur Folge haben.

Ähnliches gilt für alle andern Lebensbereiche. Verlässt ein System sei­nen augenblicklichen Stabilitätsbereich, - und jedes lebendige System verlässt über kurz oder lang seinen augenblicklichen Stabilitätsbereich - so kann man in der Regel nicht wissen, was passieren wird. Es mag sehr viel glücklicher weitergehen, aber sicher ist das gar nicht.

Das gilt auch für die Biosphäre im Ganzen. Wir befürchten einen großen Kollaps aufgrund der größeren Beanspruchung der Erde durch die Menschen. Wir müssen unser rasantes kollek­tives Wachstum bremsen. Städte, Regionen und ganze Länder sind bereits schwer geschädigt. Das wird schwere soziale und internationale Verteilungs­kämpfe zur Folge haben. Es gibt riesige Elendsregionen, wo die Alternative für die Massen lautet: Tod oder Verbrechen. So etwas wie Saddams Überfall auf Kuweit war unter den ge­gebenen Umständen ein ganz natürlicher Vorgang. Nicht, dass es dem Iraq selbst so schlecht gegangen wäre; aber Saddam hatte die notleidenden arabischen und islamischen Mas­sen Afrikas und Asiens hinter sich, denen es sehr schlecht geht, und des­halb meinte er, es wagen zu können. Die Ordnung der Weltgesell­schaft, das Weltwirtschaftssystem in Verbindung mit Informationstech­nologie und Technologie überhaupt, ist in Ge­fahr, zu kip­pen. Je größer das fragliche Teilsystem, desto größer das Ri­siko eines irreparablen Total­schadens.

b) Chaotische Verhältnisse

Ich deutete es schon an: Es gibt heute riesige Elendsregio­nen auf der Erde, wo der einzelne in einem Chaos lebt [159]. Un­sre eigenen Lebensver­hältnisse zur Zeit des Kriegsendes wa­ren gnädiger. Mag man sich auch in geordneten Verhältnissen nach Veränderung der Verhältnisse sehnen; ist das Chaos einmal ausgebrochen, sehnt man sich nach geordneten Ver­hältnissen zurück. Denn das Chaos bringt meist zuerst noch mehr Unglück als eine schlechte Ordnung. Eine neue Ordnung muss eine sein, auf die man sich hinreichend einigen kann. Wird sie ohne Aussicht auf Einigung durchgesetzt, kann sie nur ein Chaos durch ein anderes er­setzen. Man denke nur an die nationalen Explosionen nach der Aufhe­bung der sowjeti­schen Zwangsordnung.

In einer fundamentalen Orientierungskrise sucht man nach Anhalts­punkten. Es gibt da das sich Festkrallen an das Schwindende; es gibt den romantischen Rückgriff in die Ge­schichte; demgegenüber gibt es Zukunfts-Utopien; es gibt Resignation. Einer hält nun den Glauben des andern für ge­fährlich. Das Suchen geht oft in religiöse Tiefe, das Enga­gement ist stark und oft fanatisch. Welche Ideologie end­lich den Sieg davon tragen wird, hängt erschreckend vom Zu­fall der Umstände ab[160].

c) Symbolische Ordnungen

(Allgemein) Die Vernunft braucht Anhaltspunkte, um urteilen zu können. Anhalt versprechen dem Umhergetriebenen im Irrationalen verwurzelte, kräf­tige Symbole. (Diese können sehr rational aussehen; es kann das Auto sein – in der Schweiz gibt es eine Autopartei!) Was irgend Symbolkraft für mich hat, ist als Anhalts­punkt besser als nichts. Anerken­nung die­ses Symbols durch andere erhöht dann noch dessen Wirkung.

Es ist immer wieder erschreckend, wie dumme Texte in der Kulturge­schichte zu hoher Anerkennung und Verbreitung ge­kommen sind. Man denke etwa an Mao tse Tungs Rotes Büch­lein; es war auch bei uns für wenig Geld zu kaufen. Man be­nutzte es in China wie ein Symbol; man las es im Blick auf darin und dahinter verborgene Weisheit. Dabei legte man die ganze eigene Weisheit hinein.

Es gibt schwache und es gibt lebenskräftige Symbole. Für die erste Gruppe mag das Rote Büchlein als Beispiel stehen. Als die politische Macht nicht mehr dahinter stand, ist es schnell wieder in Vergessen­heit geraten. Für die zweite Gruppe mag die Bibel stehen. Sie ist, auch ohne und auch gegen die politische Macht, vielen eine Quelle von Kraft und Weisheit – allerdings auch von überheblicher Dumm­heit – gewesen.

Die Menschen leben in dynamischen Symbolsystemen. Es gibt Sittenge­schichte, Sprachgeschichte, Kulturgeschichte, Religionsgeschichte, Kir­chengeschichte. Wir müssen unsre Sprache lebendig halten, sonst ver­lieren wir den Bezug zur lebendigen Wahrheit. Um unsrer Menschlich­keit willen müssen wir uns der Sprache anvertrauen und, als legi­time Erben, sie weiter gestalten können. Eine Aussage bekommt ihre Eindeu­tigkeit durch die Dynamik des lebendigen Zusammenhangs. Die Sprache fasst etwas eigenwillig Erfahrung zusammen. Sie ver­mittelt auch immer etwas mehr, als was der Spre­cher weiß und will. Sie kann die Wahrheit nicht enthalten; aber dem verständigen Hö­rer kann sie Wahrheit erschließen. Sie muss unser Erleben zum Aus­druck und zum Austausch brin­gen. So können andere uns in unsrer Selbstbesinnung för­dern. – Suggestive Symbolisierungen können den Zu­gang zur Wahr­heit allerdings auch gerade versperren.

Wir brauchen als Individuen immer wieder Besinnung. Nur dann bleibt unsre Sprache le­bendig. Besinnung bringt uns in Berührung mit dem Chaos in uns. Auch Forschung braucht die menschli­che Gesellschaft in erster Linie dafür, dass unsre Sprache, unsre Symbolik und dadurch wir sel­ber geistig lebendig bleiben. Forschung muss das allzu selbstver­ständlich Gewor­dene hinterfragen, bis hinein ins philosophi­sche Nicht­wissen. Besinnung und Forschung bringen uns in persönliche Berüh­rung mit dem Chaos.

(Die religiöse Frage) Die religiöse Symbolik will die allumfassende Wahrheit er­schließen. Wie jedes Symbol, so kann ja aber auch das religiöse Symbol den Zugang zur Wahrheit wahnhaft versperren. Auch die religiöse Symbolik bedarf deshalb unsrer Be­sinnung, um lebendig zu bleiben und nicht zum Fe­tisch zu degenerieren.

(Die christliche Vertiefung) Es gibt Religionen, die die Geschichte nicht erst nehmen und solche, die sie ernst nehmen. Der ursprüngliche Buddhismus zählt zu den er­sten. Er will die Welt nicht ge­stalten, sondern durchschauen und hinter sich bringen. Zu den zweiten zählt man die sog. Hochreligionen. Sie sind be­wusst weltgestaltende Religionen. Bemerkenswerter Weise sind es monotheistische Religionen. Das Christentum wird mit Ju­dentum und Is­lam zu den Hochreligionen gezählt.

a) Dass diese Einordnung des Christentums nicht so problem­los ist, ver­rät sich etwa darin, dass das Christentum, der Dreieinigkeitslehre we­gen, von Juden und Mohammedanern als Abfall zur Vielgötterei abge­lehnt wird. Das war keine gleichgültige, rein spekulative Frage. Wo viele Götter herrschen, sind dem Chaos Tür und Tor geöffnet. Jesus war für das offizielle Judentum ein Chaot. Nach seinem Tod, bei der Ausgießung des Heiligen Geistes über die Jünger, hieß es dann: "Sie sind voll süßen Weins!" Später malt der Kirchenvater Gregor von Nazi­anz dann in einer berühmt gewordenen Rede den inneren Zustand der Kir­che in den Farben einer nächtlichen Seeschlacht. Die Frage, wie sehr der Gott des Alten Te­staments mit Jesus einig sein konnte, bricht, seit dem Urteil des Hohen Rates über ihn bis zum heutigen Tage, immer wieder quälend auf.

b) In Judentum, Christentum und Islam wird, wie in der klassischen Philosophie, ein einziger Gott als Weltherr­scher postuliert, und von ihm werden Grundregeln für das menschliche Verhalten abgeleitet, - die Ge­setze und Gebote. Das Christentum hat aber auch zum gottgegebenen Gesetz eine sonderbare Einstellung. Paulus kann an die Römer schrei­ben: "Christus ist des Gesetzes Ende" (10, 4). Der Fluch des ewi­gen To­des über den Gottlosen bleibt in Geltung, aber das Gesetz als Heilsweg soll entfallen. Das wurde, auch in der Kirche immer wieder, als eine Proklamation des Chaos emp­funden.

3. Problemanalyse

Die christliche Sitte hat sich, wie die Gesamtkultur, im Lauf der Zeit stark geändert, besonders in der letzten Zeit. Wir haben viel erlebt, was uns moralisch verunsichert hat. "Sollte Gott gesagt haben?", fragt verführerisch die Schlange Adam im Paradies. Anderseits mutet das Neue Testa­ment an mehreren Stellen dem Christen Unterscheidung zu: der reinen von den unreinen Geistern und der richtigen von der falschen Prophetie, - auch wenn diese im Namen Christi auftritt. Kriti­sche Rückfragen an religiöse Ansprüche sind weder auf alle Fälle dia­bolisch noch auf alle Fälle am Platz.

Wir haben ganze Weltordnungen zusammenbrechen sehen, in welchen wir uns selbst zu definieren und zu handeln hatten, zu entscheiden und uns zu orientieren. Die Ungerechtigkeit, die Willkür, die blinde Zwangsläufigkeit und der Zufall, mit einem Wort: das Chaos spottet uns­res Ethos. Wir haben den Ernst der Voraussage erlebt: "Dieweil die Ungerechtig­keit wird überhand nehmen, wird die Liebe in vielen erkal­ten." (Matth 24,12) Im Zusammenbruch aller höheren Ordnung bricht immer wieder die Frage auf: Was kann ich noch lieben? Im Sinne dieser Frage wollen wir versuchen, dem unmenschlichen, dem natürlichen Zufall ins Auge zu blicken.

a) Zufall, Ordnung, Chaos

Zufall nennen wir, was wir nicht verstehen. Es gehört zu den wesentli­chen Fortschritten der exakten Wissenschaft, dass sie den Zufall als konstitutives Element unsrer Wirk­lichkeit anerkennt und ihm eine grundlegende Bedeutung für die Wissenschaft beimisst. Die moderne Wis­senschaft erkennt sich, bei allen Erkenntnisfortschritten, als bleibend be­grenzt. Der Nobelpreisträger Ilya Prigogine konstatierte für die zweite Hälfte des 20. Jahrhunderts das Ende des Newton'schen Zeitalters. Der Glaube an eine uns erkennbare zeitlose Weltordnung ist unter den Wis­senschaftlern einem Glauben an prinzipiell begrenzte Erkenntnis gewi­chen. Die Physik hat sich damit abgefunden, dass der Mensch über die kleinsten Vorgänge, aus denen sich alles Weitere zusammen­setzt, nur Wahrscheinlichkeitsaussagen machen kann.

In letzter Zeit hat die sog. Chaos-Theorie von sich reden gemacht. Es handelt sich dabei nicht um das echte Zufalls-Chaos, sondern um das, was die Mathematik das deterministi­sche Chaos nennt. Es gibt in den verschiedensten Wirklich­keitsbereichen Vorgänge, die Schritt für Schritt streng de­terministisch nach bekannten, oft sehr einfachen Ge­setzen vonstatten gehen, die aber auf etwas längere Sicht einen völlig unvorhersehbaren Verlauf nehmen. Sie stellen ein faszinierendes kom­plexes Ineinander von Ordnung und Chaos dar. Unvorhersehbar entste­hen und verschwinden Inseln von Ordnung im Chaos. Das in der Computer-Simulation, nach sehr häufig wiederholter Anwendung einer sim­plen Verfahrensregel zum Setzen einzelner Punkte, sich ergebende Schirmbild zeigt eine zugleich höchst komplexe und simple Struktur. Sie zeichnet sich durch das Phänomen der sog. Selbstähnlichkeit aus; im kleinstem wie im größeren und größten Maßstab wiederholt sich im­mer dasselbe Muster. Der Gang, den, von Punkt zu Punkt, die Entste­hung des Bildes nimmt jedoch, ist nur je­weils von einem Schritt zum nächsten vorher­sagbar. In der Realität ist der Vorgang natürlich meist gestört. Aber es ist erstaunlich, eine wie breite Anwendung das Kon­zept des deterministischen Chaos heute findet.

Die ersten mathematisch präzisen Entdeckungen des determi­nistischen Chaos kamen aus der Astronomie und erschreckten zutiefst. Die Bewe­gung der Sterne war ein Urbild von Bere­chenbarkeit gewesen. Um die Wende vom 19. zum 20. Jahrhundert aber wurde klar, dass die Himmelskörper sich – wie man heute sagt – chaotisch bewegen. Jahrtausende lang kennzeichneten die beiden Begriffe Chaos und Determination zwei verschiedene Welten: hier die Materie und da der Geist, der zeitweilig die Materie formt. Heute wird die Zeit­lichkeit als Rahmen nicht nur des Körperlichen, sondern auch des Gei­stigen, ernst genommen. Dabei ist nicht in erster Linie an Vergänglich­keit, sondern an begrenzte Zeiträume gedacht, in welchen je eine be­stimmte Ordnung ihre Gültigkeit hat.

Eines der faszinierendsten Stichworte der modernen Wissen­schaft ist für mich der Begriff der Selbstorganisation [161]. Verwandt ist der Begriff der Morphogenese, zu Deutsch: Ge­staltentstehung. Traditionellerweise denken wir halb plato­nisch, halb biblisch, die Entstehung des Seienden als for­menden Eingriff von außen in die Welt der Materie. Nach der Bi­bel herrschte vor allem Anfang ein "Tohuwabohu". So lau­tet der he­bräische Ausdruck, den Luther übersetzt mit "wüst und leer". Dann kam der Eingriff des Schöpfers. Nach Plato müssen ideale Kräfte sich der Materie bemächtigen, um etwas Seiendes zustande zu bringen. Später lehrte das Christentum, Gott habe die Welt aus dem Nichts ge­schaffen. Damit wurden Materie und Form wieder näher zusammenge­rückt. Die Wissenschaft unsrer Tage hat nun Modelle entwickelt, die die Entstehung von Ordnung aus dem Chaos ohne formenden Eingriff von außen verständlich machen. Der Geist kann heute das Chaos als Mutter­boden lebendiger Ordnung erken­nen; er kann sich im Chaos erkennen.

Abstrakt mathematisch handelt es sich bei der Morphogenese um die (aus historischen Gründen sogenannten) "dissipativen Systeme" [162]. Das dissipative ist das Gegenstück zum konserva­tiven System, welches kei­nen Energieaustausch mit der Um­welt hat, sondern seinen Energienbe­trag unverändert erhält. Das konservative System ist natürlich ein ideales, ein abstraktes Modell, das nirgends perfekt realisiert ist. Dissipativ dagegen – d.h. wörtlich: (Energie) "verstreuend" – sind z.B. Maschinen, die beim Betrieb Wärme abstrahlen. Wenn man nicht Energie zuführt, kommen sie nach einer Weile zum Stillstand. Die Zahl ihrer möglicher Zustände schrumpft im Lauf der Zeit; das ist mathematisch das wesentliche Kennzeichen. Wenn nun dissipativen Systemen regel­mäßig En­ergie zugeführt wird, so können unter bestimmten Umständen neue Strukturen, sog. dissipative Strukturen entstehen. Das ist immer wieder überraschend und bildet ein neues For­schungsfeld der exakten Wissenschaften.

b) Die Hierarchie der Komplexität

(Natur) Bei den Maschinen können überraschend bestimmte Schwingungen ent­stehen. Weniger gefährlich ist der klare Ton der mit rauhem Pferdehaar gestrichenen Geigensaite. Ein physikali­sches Paradebeispiel für spontane Formentste­hung aus chaotischer Be­wegung in dissipativen Systemen sind die bienenwaben­artigen Muster, die in der Küche auf dem Topfboden entstehen, wenn man in bestimm­ter Weise Milch heiß macht. Dieses Muster ist Produkt, sozusagen die Fuß­spur einer dissipativen Struktur, nämlich der be­stimmten Art der heißen Milch, im Topf zu zirkulieren. Im ganzen Topf organisiert sich, unter angebbaren günstigen Bedingun­gen, die zunächst cha­otische Be­wegung der Milch nach einer Weile in sog. Kon­vektionszellen. Was hier vorgeht, ist sehr kompliziert; aber man kann es genau verstehen. Eine andere Erscheinung solcher spontan aus dem Chaos entstehenden Ord­nung sind die bekannten Lämmerwölkchen am Himmel.

Zu den erstaunlichen elementaren Konstruktionselementen des Lebens gehört die chemische Autokatalyse. Es gibt chemische Substanzen, die andere Substanzen in ihresgleichen umwan­deln, direkt oder indirekt. Ähnlich wie ein Bakterienkolo­nie wächst. Auch was hier vorgeht, kann man oft ganz genau im einzelnen verstehen.

Die Biologie kann auch die Entstehung der Arten und die Etablierung der sog. Strategien des Lebens immer besser verstehen [163]. Man kann die Entstehung evolutionär sta­biler Verhaltensstrategien von Tie­ren auf dem Computer si­mulieren. Man benutzt seit Jahren Grundideen aus der Evoluti­onstheorie in der Computersimulation zur Verbesserung der Form von Maschinenteilen. Man kann auch etwa relativ ein­fach nach­rechnen, dass Friedfertigkeit in einer aggressiven Umgebung eine solide, wenn auch minoritäre Überlebens-Chancen hat. Man hat überraschende Rationalität beim Altruismus im Tierreich entdeckt. Er widerspricht dem individuel­len Ego­ismus. Opfermut des Individuums für die Art müsste überdies schnell aussterben. Der Altruismus erklärt sich aber oft ganz präzis aus den Vermehrungschancen des Gens. Die Ver­haltensforschung hat Grund gefunden, den Begriff Kultur auch auf das Verhalten in be­stimmten Tiergruppen anzuwen­den.

(Menschliche Kultur) Ich selbst habe eine Reihe von Simulationsprogrammen zur Entstehung sozialer Ordnung und sozialer Normen entwickelt.

Ein berühmtes Buch[164] der letzten Jahre heißt Die Evolution der Koope­ration. Nachdem die für die Wirtschaftwissen­schaften entwickelte Spieltheorie die Gewinn- und Verlust­chancen verschiedener Verhaltens­strategien untersucht hatte, forderte ein findiger Kopf die Spieltheore­tiker auf, Verhaltensstrategien für ein bestimmtes Interaktionsproblem als Computerprogramm einzuschicken, um die Programme auf der Ma­schine gegen einander spielen zu lassen und die Er­folgskurven analy­sieren zu können. Es ging dabei um die Entscheidung zwischen Koope­ration und Verrat.

Man kann zu­sammenfassen: Moses hat gewonnen! Am erfolgreichsten war die Strategie, die kooperativ begann, aber jeden Verrat des andern mit einem einmaligen eigenen Verrat beantwortete. "Auge um Auge, Zahn um Zahn". Sogar also dieses Stück alt­testamentlicher Moral hat sein sehr irdisches Fundament. Im Chaos konkurrierender Strategien hat dieses Ethos langfristig die besten Gewinn­chancen.

4. Resultat

Das göttliche Gebot befiehlt, den Umständen in Liebe Rech­nung zu tra­gen. Liebensollen und Liebenkönnen sind zweier­lei. Es geht aber beim Liebesgebot um wirkliche herzliche Liebe. Verliebtheit ist Wün­schen; vor dem Wünschen wird ge­warnt. Man soll seine Wünsche gut kennen; aber man soll ih­nen nicht unbedingt folgen. Liebe jedoch ist nicht nur Wün­schen; Liebe ist Wollen. Ich soll mir umsichtig klar ma­chen: "Was kann ich wirklich wollen?" Meist wissen wir nicht, was wir wollen; es genügt uns, uns treiben zu lassen. Die Gebote sind bewährte Richtli­nien zur Selbstfindung. Die Kirche bietet das Evangelium von Jesus Christus an als die wesentliche Hilfe zur inneren Sammlung.

Taten haben mehr oder weniger sicher vor­aussehbare Folgen. Je ge­ordneter die Ver­hältnisse, desto mehr gibt es dafür Gesetzmäßigkeiten. Ist mir die Antwort geschenkt auf die Frage: "Was kann ich jetzt wirk­lich wollen?", so ist sie Gottes, meines Schöpfers, konkretes Gebot. Was ich wollen kann, das soll ich dann auch tun und vertreten.

Die Liebe weiß das Gesetz zu schätzen. Aber die Liebe führt erfah­rungsgemäß in Chaos und Anfechtung. In der Nachfolge des uns zugut gekreuzigten Jesus sollen wir bereit sein, in Gottes Namen Gottverlas­senheit zu leiden. Mit Paulus sollen wir kraft des Heiligen Geistes be­reit sein, Orientierungslosigkeit zu durchleiden. "Die Liebe Christi dringet uns also", sagt Paulus (2Kor 5,14).

Die Kirche ist die Sprachgemeinschaft der Christustradi­tion. Die Einheit der Kirche ist deshalb die chaotisch durchzogene Einheit einer Sprach­gemeinschaft. Wo man die Kirche nach dem Vorbild des Volkes Israel zu staatsförmiger Einheit bringen zu müssen meint und mehr kirchliche Einheit erzwungen hat, hat man ein Chaos von Spaltungen geschaffen, statt das Chaos abzuschaffen. Das christliche Ethos im Chaos verlangt in erster Linie Glauben. "Es ist aber der Glaube eine gewisse Zuver­sicht von Dingen, die man nicht sieht", sagt uns der Hebräerbrief (11,1); und Paulus predigt Hoffnung in der Aussichtslosigkeit (Röm 4,18) aus der Kraft der Auferstehung Christi von den Toten (Phil 3,10).

Wir formulierten als die ethische Frage: "Was können wir dazu beitra­gen, dass die Erde wohnlich sei?" Martin Heideg­ger formulierte: Die Sprache ist das Haus des Seins. In der Sprache wirken Ordnung und Chaos fruchtbar zusammen. Ethos im Chaos hat nach christlichem Ver­ständnis nicht Geset­zescharakter, sondern hat die zarte und starke Verbindlich­keit des Gesprächs. Das Gespräch zeitigt stabile Struktu­ren, die als ge­recht einleuchten. Sie können sich wandeln, sie können ganz unterge­hen. Das nimmt ihnen nichts von ih­rer prinzipiellen Verbind­lichkeit. Sie sind das Beste, was wir in der Welt haben: bewohnbare Inseln der Ordnung im Chaos.

C. Du sollst

Weil „sehr gut“ (1Mose 1,31) als Prädikat der Schöpfung auch statisch, als „perfekt“, verstanden werden kann, sollte man das טוֹב מְאֹד vielleicht besser – nahe an der Etymologie – dynamisch übersetzen: „kräftig brauchbar“. Wir sollen in schöpferischem Gebrauch der – mitsamt all ihren Aussichtslosigkeiten doch „sehr brauchbaren“ – Welt Grund zu tiefer Dankbarkeit finden. Das „Osterereignis“ war Ermutigung zu schöpferischem Gebrauch der Welt.

Wir sollen, in aller Beengung dieser Welt, kraft der uns beschiedenen Teilhabe an der Bescheidenheit Gottes, auch an Gottes Freude teilhaben in der Freude an unserer (höchstpersönlichen eigenen und der gemeinsamen) vielfältig bestimmten, schöpferischen Freiheit [165]. Das ist zuerst die Freiheit, in die Welt hineinzuwachsen, zu nehmen und zu geben; dann aber immer mehr auch wohl die Freiheit, von der Welt und irgendwie von uns selbst, schrittweise uns zu verabschieden und uns in des ewigen Gottes Ruhe und Arbeit hineinzuphantasieren.

Gott ist dankbar, dass das lebendige Geschöpf auch – wenn verlassen, an seiner Stelle – kreativ ist. „Mein Gott, warum hast du mich verlassen?“ schrie Jesus mit den Worten des Psalmisten. Auch dieser Schrei hat sich in vielen Nöten als Gottes tröstendes Wort bewährt.

Selber mitleidend, sollen wir des Schöpfers mitleidende Dankbarkeit für den Daseinskampf der leidenden Kreatur bezeugen – weniger durch Worte als durch unser, trotz Kampf ums Dasein, respektvolles Verhalten. Zusammen mit dem Beengten in seiner Unfreiheit schöpferisch, sollen wir seine gottgewollte Freiheit finden.
Wir können nicht beliebig jedermann für seinen Existenzkampf dankbar sein. Wir können es nur je und je, im Glauben an die durch Jesus repräsentierte Dankbarkeit des Schöpfers.

Dem Glauben an die Offenbarung Gottes in Jesus ist der Heilige Geist verliehen. Der in die Herzen der Gläubigen ausgegossene Heilige Geist ist Gottes Dankbarkeit.
Wenn Gott uns beschränkten Menschen teilgibt an seiner allwissenden Dankbarkeit, sollen wir diesen Segen weitergeben. Wem Gott an seiner Dankbarkeit teilgibt, der wird in seiner Weise zum Zeugen Seiner Güte.

Wir wünschen vieles, können aber immer nur eines Wollen. Und was wir ernsthaft wollen können, das sollen wir.
Die Ergebnisse unserer individuellen Neuorientierungen an Gott erscheinen zunächst interindividuell nicht befriedigend harmonisierbar, aber sie sind für das jeweilige Individuum hier und jetzt verbindlich. Statisch gesehen, ist das tragisch. Aber Tragik ist dynamisch zu verstehen: als Moment im kreativen Prozess der Geschichte; also weder als letztes Wort (das führt zur Pose[166]), noch auch (nach Äschylos) durch ein göttliches Machtwort vernünftig befriedigend zu beenden.

Wir sollen unsere gemeinsame Freiheit fürchten und lieben, und Gott vertrauen.

Leben ist Kampf; aber wir sollen versöhnt kämpfen.

„Sünde“ ist, wie „Gott“, ein unergründliches Existenzsymbol. Es bezeichnete dem kosmos-Glauben Schuld im Sinne von persönlich zu verantwortenden Verstößen gegen göttliche Gesetze. Die Erbsündenlehre radikalisierte das: Wir alle sind von Natur mit Leib und Seele „des Todes schuldig“. Im Glauben an die alle Vorstellungen von göttlicher Gerechtigkeit sprengende Offenbarung Gottes im gekreuzigten Jesus erfahren wir den Schöpfer, der uns vergibt, was kein Mensch uns vergeben kann.

Gerichts- und Auferstehungshoffnung sind Ausdruck verletzten archaischen Rechtsempfindens, unter Umständen tröstlicher Ersatz für den Glauben an den bescheidenen, gegenwärtigen Gott. Ein (durch bedenkenlosen Gebrauch geschwächtes) Symbol der Heilsmacht Gottes ist der auferstandene Gekreuzigte.


D. Evolutionäre Ethik

1. Das Problem

1947 veröffentlichte Julian Huxley, ein Biologe, seine Evolutionary Ethics, das hochgemut hoffnungsvolle Buch eines Mannes, der sich, nach der Bindung der guten Kräfte der Menschheit in den Schrecken des Krieges, 1946-48 leitend in der UNESCO, für den Aufbau einer Welt des Friedens einsetzte. Es war ein ethisch verpflichtendes Rahmenprogramm zur Verwirklichung des Guten, das „alle“ wünschten.

„Evolution“ ist hier so etwas wie die Creatio continua[167]. Den Rahmen bildet eine optimistische Ideologie. – Auch Luthers Schöpfungsverständnis könnte man als creatio continua bezeichnen, aber ohne optimistischen Rahmen. Eine lutherische evolutionäre Ethik müsste sehr anders aussehen (s. u.)!

Huxley dachte, in der Aufklärungstradition von Lamarck über William Goodwin (1793) und Spencer, Evolution als den Naturprozess ständiger Verbesserung, der uns, von den Anfängen des Lebens, schon auf unsere heutige Höhe getragen hat. Ihm gilt es weiter zu folgen. Dieser naive, im Grunde vordarwinistische Begriff von „evolutionärer Ethik“ hat sich nicht durchgesetzt.

Es gab noch einen zweiten Ethik-Typ, den man „Evolutionäre Ethik“ nennen könnte, der aber unter dem Namen Sozialdarwinismus bekannt geworden ist (Hauptvertreter W. G. Sumner, 1840-1910 und L. F. Ward, 1841-1913). Hier wirkt der Pessimismus von Thomas Malthus (1766-1834) nach, – der Darwin (1809-1882) auf den Gedanken der natürlichen Zuchtwahl gebracht hatte. Hier wird die puritanische Ethik als der erfolggekrönte Gipfel einer Evolution gefeiert, die zum größtmöglichen Glücke aller führen wird und rücksichtslos durchgesetzt werden soll. Herbert Spencer (1820-1903) gilt auch als Sozialdarwinist, war aber ethisch (ebenso wie Darwin selbst) erheblich umsichtiger.

Auch dieser finstere Typ evolutionärer Ethik war im Grunde zu naiv-optimistisch, um sich durchzusetzen. Die Erfahrung bestätigte die optimistische Rahmenideologie von der zum guten Ende strebenden Weltgeschichte nicht.

Die Orientierungsfrage nach dem Guten blieb offen. Ein Ziel der säkularen creatio continua ist uns unbekannt, – auch der Wärmetod, den die Thermodynamik voraussagt, ist wohl nicht das letzte Wort. Für die ethische Orientierung bleibt zunächst nur die unberechenbare Kreativität der Evolution. Was kann man in diesem Rahmen wollen und sollen?

2. Ethik

„Ethik“ ist ein aristotelischer Begriff; ἠθικὰ bezeichnet so etwas wie „Lebensformkunde“, eine bewertende Betrachtung von menschlichen Lebensgewohnheiten.

Der Aristotelische Begriff der ἀρετὴ („Tugend“) als eines mittleren (μέσον) Lebensstils war statisch; er kann aber dynamisch verstanden werden: Dann handelt es sich um ein wohl störbares, aber stabiles Gleichgewicht.
Dieses Gleichgewicht bildet das Ziel, man kann sagen: den „Norm“-Zustand des idealen Menschen. Dieser ist eine Vorstellung, die für jeden Menschen, trotz aller Störfaktoren, eine Rolle spielt.

Leben, auch das menschliche, ist ein (quasi-)stabiler Kreisprozess (mit Hyper- und Hypo-zyklen). Zielstrebigkeit ist eine Eigenschaft eines stabilen S(ubs)ystems.

Die Norm ist hier als ein Gleichgewichtspunkt vorgestellt. Es kann sich aber auch um eine bestimmte Menge von benachbarten Zuständen handeln, in welche das System nach jeder Störung zurückstrebt, um sich dann (ruhig oder bewegt) in dieser Zustandsmenge („Attraktor“) aufzuhalten.

Das Optimum (ἀρετὴ) ist im konkreten Fall von sehr vielen, persönlichen und externen Variablen abhängig. Die Parameter der Subsysteme werden ständig verändert. Konkretes ist in der Ethik immer nur bedingt gültig.

Mit der neodarwinistisch-antilamarckistischen (August Weissmann), endlich molekularbiologischen Präzisierung des genetischen Erbgangs stellte sich immer dringender die Frage nach Entwicklungsgesetzen der Kultur – eines jungen Produkts der Evolution.
Richard Dawkins prägte, in Analogie zum Begriff Gen, den Begriff „Mem“ für tradierbare Kulturelemente (Handlungsweisen, Symbole, Ideen, Vorstellungen). Der kulturell-memetische Bereich ist weitgehend autonom und analog zum physisch-genetischen strukturiert.
Raum der Ethik ist danach das genetisch-memetische Verbundsystem.

3. Evolutionäre Ethik !

Die Führung der Evolution des Lebens auf der Erde liegt, bei den heutigen Machtmitteln der Menschen und der dadurch bedingten Geschwindigkeit der Veränderung seiner Lebensbedingungen, nicht mehr bei der genetischen, sondern bei seiner memetischen Anpassung. Die Evolution ist beunruhigend kreativ geworden. Wie können wir dem ethisch Rechnung tragen?

Aristoteles hatte seine Gleichgewichtsethik unabhängig von seiner Politologie, seiner Biologie und seiner „Theologie“ entwickelt. Die Stoa verstand Ethik statisch normativ als naturgemäßes Leben. Das ließ sich dann mit der biblischen Gottes-Tradition verbinden.

Die Natur wird aber zunehmend durch Menschen gemacht – nichts desto weniger durch „blinde Uhrmacher“ [168]: mit etwas Erinnerung, aber ohne den nötigen Überblick.

Wir müssen unsere Zielvorstellungen, als Anpassungsleistungen, ständig neu ins Gleichgewicht bringen. Das ist ein wenig rationaler, symbolischer Prozess des „Zusammenwissens“ in der „con-scientia[169], dem Gewissen.
Hier ergibt sich eine unverstandene Selbstverständlichkeit, die das Gefühl von Geführtwerden und „unfreiem Willen“ machen kann, das Luther 1525 zur Anerkennung bringen wollte (und das nichts mit Determinismus zu tun hat).

„Gut“ finden wir ein partielles, niedrigdimensionales Gleichgewicht, das uns hoffnungsvoll das (imaginäre) unendlichdimensionale Gleichgewicht symbolisiert.

Immer wieder Besinnung, ja dann und wann so etwas wie Meditation, ist nötig. Die moralische Anpassung muss kreativ sein.

Soll diese Kreativität nicht Schrott produzieren, sondern ein sustainable development erhoffen lassen, so muss sie bescheiden den Gegebenheiten bestmöglich entsprechen.
Ohne sittliche Tradition als Ausgangspunkt der Urteilsbildung ist der Einzelne überfordert.

Die Seele der Ethik ist Kreativität. Die Seele der Kreativität ist Bescheidenheit.

Man hat immer wieder auch den Glauben an Gott für ein sittliches Erfordernis gehalten. In der Tat könnte (durch den „Baldwin [170]-Effekt“) persönlicher Glaube an Gott, als integratives Element, einen evolutionären Selektionsvorteil bedeuten. Dies allerdings nur unter (bescheidener) Preisgabe jedes moralischen Perfektionismus.

Die Religionen haben hierfür verschiedene Begriffe von Sündenvergebung und Wiedergutmachung entwickelt. Die physisch und kulturell alle umfassende Integration bleibt hinieden, auch für den Glauben, imaginär. (Das ist der wahre Kern der Erbsündenlehre.)


E. Fragen der Lebensfreundlichkeit

Der Tod gehört zum Leben; zum höheren Leben gehört Töten. Das Leben ist nur bedingt lebensfreundlich. Das erscheint in sehr vielen Formen.
Glücklich, wer in Dankbarkeit für das Vergängliche stirbt.

Es gibt heute mehr Menschen, als die Umwelt verträgt. Es gibt zu viele Alte und zu viele Junge, weil es für die natürlichen und zivilisatorischen Gegebenheiten zu viele Menschen gibt. Alle Menschen wollen die Gegebenheiten gern verbessern – aber jeder anders.

Die kirchliche Lebensfreundlichkeit reproduziert archaische, gesamtgesellschaftlich immer noch mehrheitsfähige Tabus. Diese aber konfligieren heute eklatant mit dem vitalen menschlichen Interesse an „Bewahrung der Schöpfung“. Das nimmt jeder wahr.

Hinzu kommt: Populationen vermehren (bzw. vermindern) sich wesentlich exponentiell und deshalb in der Wirklichkeit chaotisch [171]. Die Menschheit wird immer wieder von Seuchen heimgesucht; aber die Menschheitsgeschichte selbst scheint wie eine in der Biosphäre ausgebrochene Seuche zu verlaufen[172], und man muss mit kata­strophalen Selbstreinigungsphasen des Systems rechnen[173].

In vielen Ländern quellen die Gefängnisse über von – in der globalisierten Ge­sell­schaft voraussehbar lebenslang – unterprivilegierten Menschenkindern; und die Opferbereitschaft der Privi­legierten kennt Grenzen. Das ist gewiss auch ein Verteilungsproblem, grundlegend aber ein Problem der Anzahl Konsumenten, die sich in die knappen Ressourcen teilen müssen.

Chronisch Kranke und Alte[174] werden von der modernen Gesellschaft (gewiss manchmal auch von der Familie[175]), wenn sie zu nichts mehr nütze sind, sanft [176] oder (auch unsanft[177]!) über Bord gedrängt.
Die belastenden näheren und weiteren Umstände sind vielen von ihnen so bewusst, dass sie selbst nicht gut finden, noch weiter zu leben [178]. Sie werden aber von der Gesellschaft an Berater, Psychiater und Apotheker verwiesen, obwohl das althergebrachte Behandlungsziel nicht mehr unter allen Umständen über alle Zweifel erhaben ist.
Gefragt ist Altersweisheit; gefragt ist letztlich Kreativität[179].

Die Wiederentdeckung der Bescheidenheit[180] als Tugend könnte eine Entlastung bringen und der (im Chaos immer wieder notwendigen) politischen Feinsteuerung eine größere Chance geben. Aber ich wage nicht zu hoffen, dass sie sich in der globalen Kultur durchsetzt.

Hauptsächlich wäre der moderne Rückgang der menschlichen Reproduktion zu begünstigen. Auch die Abtreibung – eine in jedem Fall bedrückende Lösung – sollte nicht fundamentalistisch verurteilt, sondern abwägend beurteilt werden.

Die gegenwärtige reproduktionsfördernde christlich-abendländische Bevölkerungspolitik wird rein national [181]-ökonomisch begründet: Immer weniger Junge müssen mehr Alte ernähren.
Diese Alten haben jedoch den Jungen auch die (nie dagewesenen!) Produktionsmittel dafür bereitgestellt – und werden mit Hinweis auf die hohe Arbeitslosigkeit[182] (namentlich von Jugendlichen) in Rente schickt!

Es gibt zwischen normalem Tod und aktivem Selbstmord viele Formen der Bereitschaft zu sterben: in den eigenen Tod Einwilligen, kämpferischer Todesmut, Opfermut, Waghalsigkeit, Verzweiflung.

Todessehnsucht ist, besonders in der Romantik, ein gesellschaftsfähiges Thema der Kunst – auch unter den „Philistern“. Ungebrochen kam sie früher in der Religion zur Sprache[183].

Äußerung selbstmörderischer Gedanken ist für Freunde, Bekannte und alle Mitmenschen belastend. Selbstmord ist tabu [184]. Er wird deshalb fast immer einsam, in einem Gefühl der Verlassenheit ausgeführt. Aber lieber würde einer vergehen getragen von einem Einverständnis[185] der trauernden Zurückbleibenden.

Selbstmord-Absicht ist nicht in allen Fällen durch menschliche Solidarität zu erledigen[186]. Mitmenschliches Verständnis ist begrenzt, und menschliche Solidarität muß begrenzt bleiben. Nur wer das anerkennt, kann lebensfreundlich sterben.

Aber wenn der Lebensmüde Mitmenschen findet, mit denen er über sein Problem sprechen kann, sozusagen Repräsentanten der Solidarität Gottes, so könnte hier ein Einverständnis gefunden werden, das ihm das Gefühl letzter Verlassenheit in der letzten Entscheidung erspart, die er allein zu treffen hat. Hatte er vorher seinen Nächsten die Mitwisserschaft erspart, so läßt jenes fundamental-menschliche Einverständnis ihn auf deren nachträgliches Einverständnis hoffen.


XII. Zur Kirchenreform.
Die Problemlage und ein Vorschlag

A. Zwei Probleme

1. Das kirchliche Problem

a) Die Lage

Die evangelischen Landeskirchen haben in den alten Bundesländern, trotz ständig nachlassender Attraktivität, bis vor Kurzem viel Geld zur Verfügung gehabt, mit großer staatlicher Unterstützung wirken und an den Schulen unterrichten können. Das Ergebnis[187] enttäuscht. Man kann von religiösem Analphabetismus sprechen[188]. Und die Landeskirchen sind infolge des Mitgliederschwunds[189] auf dem Wege in einen finanziellen Kollaps, bei dem die Form unsrer Kirchen in die Brüche geht.

Nun enttäuscht wahrlich nicht nur die Kirche! Wir erleben eine besorgliche Politikverdrossenheit; die staatlichen Schulen, die Wirtschaft, und auch die Interessenverbände enttäuschen und bekommen das zu spüren. Gleichwohl trägt und erträgt man sie weiter – als das kleinere Übel. Ähnlich geht es den großen Kirchen.

Die Welle aktiver Kirchenaustritte ist jetzt zwar abgeebbt. Deutschland erlebt sogar eine unverhoffte Welle religiösen Interesses. Aber von unsern Großkirchen verspricht sich dieses Interesse nicht viel. Immerhin: Die christlich-abendländischen Werte sollen lebendig gehalten werden; und Eltern auf der Suche nach einer ordentlichen Schule stellen ihre eigenen Vorbehalte zurück und wählen für ihre Kinder vermehrt eine konfessionelle Schule.

b) Der amtliche Impuls

Aus solchen Beobachtungen schöpfte der Rat der EKD Hoffnung und veröffentlichte am 5. Juli 2006, unter dem Titel Kirche der Freiheit: Perspektiven für die Evangelische Kirche im 21. Jahrhundert, ein „Impulspapier“ mit sowohl einer Bestandsaufnahme von Deprimierendem und Ermutigendem als auch konkreten Zielvorgaben für das Jahr 2030. Damit wurde eine öffentliche Diskussion angestoßen, die den „Zukunftskongreß“ (25. bis 27. Januar 2007 in Wittenberg) vorbereitet hat, welcher eine „Aufwärtsagenda“ für „die Dekade bis zum Lutherjubiläum 2017“ beschließen sollte.

Der beständige Niedergang wurde, etwas leichtfertig, wie eine Kleidermode, als „Trend“ apostrophiert. Man will das augenblickliche knappe Drittel der Bevölkerung halten, man will sogar wachsen! Den sonntäglichen Gottesdienstbesuch will man bis zum Jahr 2030 von den längst gewohnten 4% der Mitgliedschaft auf 10%, also auf das Zweieinhalbfache, steigern. Und auf solcher Basis könnte man tatsächlich, mit kräftig vermehrtem ehrenamtlichem Engagement, auch in allerlei der veränderten Nachfrage Entsprechendes die nötigen Mittel investieren.
Pfarrer sind weithin ein Luxus geworden. Die EKD will bei der Pfarrerbesoldung sparen: dem Bedeutungsschwund der Ortsgemeinden (gegenüber City-, Jugend- oder Kulturkirchen, Akademiegemeinden, Tourismuskirchen und Passantengemeinden) Rechnung tragen und deren Zahl von 80% auf 50% zurückfahren.

Das Impulspapier der EKD-Zentrale will besonders das Profil pflegen, das die EKD in der Öffentlichkeit zeigt [190].

Über all dies wird jetzt in den Landeskirchen weiter diskutiert. Umstrukturierungen und gar Redimensionierungen eines Betriebs gehören zu den anspruchsvollsten Management-Aufgaben. Die EKD muss nicht nur die eigenen Leute (Spitzen, Mitarbeiter und das Kirchenvolk) mitnehmen, sondern ist auch abhängiger von der öffentlichen Meinung als andere Großunternehmen. Diese vielfachen Rücksichten minimieren den Bewegungsspielraum. Noch ist der Leidensdruck erträglich. „So gemächlich wie die Elbe in Dresden dahin fließt, verläuft derzeit der Reformprozess im deutschen Protestantismus.“ (epd vom 8. 11. 2007)

Ich persönlich rechne mit einer Stabilisierung der evangelischen Kirche in Deutschland auf erheblich tieferem Niveau – nicht des geistlichen Lebens, aber der Mitgliederzahl und der Finanzen.

2. Das akademische Problem

Europaweit ist, unter ökonomischem Druck, jetzt grundsätzlich[191] anerkannt, dass jede Hochschulausbildung im Lauf von drei (bis vier?) Jahren eine Berufsqualifikation vermitteln soll, die mit dem sog. Bachelor diplomiert wird. Wo noch keine entsprechenden Berufe existieren, sollte demnach dem herkömmlichen Beruf (z.B. Arzt, Pfarrer, Ingenieur) ein Beruf mit kleinerer Grundausbildung zur Seite gestellt werden. Und diese Ausbildung soll beruflich zu weitgehend selbständiger Arbeit qualifizieren.

Die ständig sich wandelnde Berufswelt bedingt, dass auf den möglichst standardisiert institutionalisierten Bachelor in aller Regel eine – nur höchst variantenreich und flexibel institutionalisierbare – Fortbildung folgt.

B. Ein Lösungsvorschlag für beide Probleme

1. Summarium

Ich schlage vor, das Ausbildungs- und das Pfarramtsproblem zusammen anzupacken, nämlich neu an das neutestamentliche Bischofsamt[192] anzuknüpfen und den Beruf eines Gemeindleiters [193] zu institutionalisieren, auf den ein Bachelor-Studiengang vorbereitet. Der Theologe stünde neben[194] dem Gemeindeleiter wie in der Alten Kirche der Lehrer [195]/„Katechet“[196] neben dem „Bischof“.

Das wäre, entsprechend dem gewaltigen Handlungsbedarf, ein sehr großes Vorhaben. Eine wohlüberlegte Folge von Übergangsregelungen wären unerlässlich.

Das Gemeindeleben steht auf den eher Besinnlichen. Manche Junge, Alte und beruflich Schwache veranlasst ihre verunsichernde, marginale Existenz zur Besinnung. Die im Folgenden skizzierte Form kirchlichen Gemeindelebens als Ortes aktueller gemeinsamer Besinnung nun wäre vielleicht, über diese Kreise hinaus, offener für mitten im aktiven Leben Stehende in deren Krisen-Zeiten; und zeitweilige aktive Teilnahme am Gemeindeleben schüfe der Kirche einen Hof von vielleicht etwas lebendiger „latenten“ Mitgliedern. Und das käme allen zugute.

2. Kirchliche Praxis

a) Kirche

Kirche ist wesentlich Erinnerung an die Offenbarung Gottes in Jesus, wie sie in der Bibel bezeugt ist. Sie ist öffentlich repräsentiert durch eine Menge Institutionen, die auch für ihren Selbsterhalt kämpfen in einer Weise, die das Wesentliche vernebelt [197].

Erinnerung an die Offenbarung Gottes in Jesus ist keineswegs allezeit am Platz. Gott offenbart sich allenthalben. Von morgens bis morgens erfahren wir Gott. Nur verstehen wir es meist anders.

Christus-Meditation kann den Festgefahrenen deblockieren; sie setzt Heils-Phantasien gegen angstvolle Desintegrations-Phantasien, setzt überhaupt Phantasie frei und macht nicht immer Freude, aber guten Mut.

Das Gefühl, der eigentümliche Wert dieser Kultur-Tradition sei immer noch nicht recht verstanden und nicht ausgeschöpft, führt zu einem – der empfundenen Wichtigkeit entsprechenden – kirchlichen Engagement.

Zunächst allerdings isoliert diese Tradition die Menschen. Sie bringt den Einzelnen, in seiner sterblichen Körperlichkeit und Angewiesenheit auf Gemeinschaft, vor seinen Schöpfer.
Die Sehnsucht nach stabilisierender und stabiler Gemeinschaft ist natürlich. Aber christliche Gemeinschaft ist Gewissenssache, Gott kann sie bieten und verbieten. Vieles Wichtige lehrt er uns in der Vereinzelung; erst nachträglich wird es in die Kirche eingebracht.

Kirche ist Schöpfung des Wortes Gottes. Und Schöpfung ist unberechenbares Ereignis.
Unsre Symbolik der kirchlichen Verkündigung stammt aus einer andern Kultur; dort war sie lange Zeit wegweisend. Sie hat aber bei den typischen Repräsentanten unsrer eigenen, heutigen Kultur nur schwache Resonanz. Wir müssen uns, im Vertrauen auf Gottes Verheißung, genügen lassen an dem, was unser Überlieferungsgut in den wenigen andern wirkt und anregt. Was daraus Neues erwächst, ist Gottes Sache.

Die Offenbarung Gottes in Jesus macht aufmerksam auf Gottes Offenbarung in der ganzen Schöpfung und lässt Liebe wachsen. Sie hat immer unscheinbare praktische Folgen – und unversehens immer wieder auch weitreichende gesellschaftliche Konsequenzen.

Durch die Kirche ist das Erbe Jesu auch an die soziale Umwelt weitergegeben worden. Diese nahm dann aber, an der Kirche vorbei, auch autonom Beziehungen zu diesem Erbe auf[198]. In der Gesellschaft steht die Kirche für opferbereiten Glauben an das Gute[199].
Sowohl soziokulturell, politisch und wissenschaftlich, wie in privater Frömmigkeit (hier gesellschaftsbezogen, aber von der Kirche unabhängig) entwickelte das „christliche Abendland“ seine Beziehung zu diesem Erbe weiter.

„Kirche ist die Sprachgemeinschaft der Christustradition“[200], Glaubenssache. Wer sie sakramental [201] dingfest machen will, bekommt mit unheimlichen Konsequenzen zu tun (1Kor 11, 27-30).
Der objektivierende Offenbarungsglaube sowie die Bibel als das kulturspezifisch selbstverständliche Assimilationsschema für das eigene Erleben sind überholt.
An die Stelle der Frage nach der Gerechtigkeit Gottes tritt die Sinnfrage,
an die Stelle väterlicher Lehre ein brüderliches Angebot von Existenzsymbolik,
an die Stelle des Glaubens das immer symbolisch vermittelte Selbstverständnis,
an die Stelle der Frömmigkeit die Bescheidenheit.

b) Kirchen

Die seit Langem anhaltende „Entkirchlichung“ hat eine neue Wende genommen; sie entwickelt sich heute spezifisch weiter als Entgroßkirchlichung. Die hierzulande frei flottierende Religiosität, die in jüngerer Vergangenheit in Ostasien ihre Form suchte, wird zuhause zunehmend in kongregationalistischen, kleineren religiösen Sozialformen fündig[202]! Das findet auch in den Großkirchen Resonanz. (Seit dem zweiten Weltkrieg bereits weisen in dieselbe Richtung die Kirchentage als „Märkte der Möglichkeiten“ – und ihr zwischenzeitliches Fortleben in unzähligen „Kreisen“.) Das Leben einer sozialen Einheit besteht in den unscheinbaren persönlicheren Begegnungen und Beziehungen, in denen ihre enthusiastischen Happenings nachklingen. Hierfür entscheidend ist die Kraft der Symbolik, die die soziale Einheit trägt. Mit Rummel und Lautstärke ist einer schwächelnden Symbolik nicht zu helfen[203]; „auf Sein Werk musst du schauen, wenn dein Werk soll besteh’n.“

Die europäischen Großkirchen stehen in konstantinischer Tradition. Sie bevormunden das Wirken Jesu immer noch obrigkeitlich, und in unsrer heutigen Kultur fehlt der formalen Legitimation der kirchlichen Leitungsorgane die Überzeugungskraft!
Auch Freikirchen können von Autoritarismus beseelt sein; aber meist sind sie doch weniger belastet von Machttraditionen und können sich leichter schiedlich-friedlich aufgliedern.

Die Kirchen unterhalten viele gute und teure Werke (Schulen, Krankenhäuser etc.). Das kann man mit der Zeit umstrukturieren.
Wo ein gesellschaftliches Interesse daran besteht, dass diese Anstalten in kirchlicher Regie bleiben, können sie auch zweckgebundene, öffentliche und private Mittel einwerben.
Unsre Kirchen könnten gesundschrumpfen. Für die bleibende Kern-Aufgabe der Kirche sind ihre Größe [204] und auch ihr Wachstum nebensächlich.

Die Kirchbauten[205] der Staats- und Volkskirchen repräsentierten Herrlichkeit (in der Neuzeit gehört die Orgel wesentlich dazu). Unsere Kirchen wurden in den meisten Fällen einst unter gemeinsamem Einsatz der Bürgerschaft gebaut und sind lokalgeschichtliche Denkmäler der bürgerlichen Gemeinde[206]. Nach dem zweiten Weltkrieg ist die Volksreligion und ihr Kirchenbau etwas bescheidener geworden.

Wenn, unter dem Druck ihrer heutigen Probleme, eine Gemeinde ihre Kirche auch für bürgerliche Zwecke zur Verfügung stellt, entspricht das der ursprünglichen Vieldeutigkeit dieses Gebäudes zwischen dem ganz unsakral hingerichteten Nazarener und der kommunalen Selbstbildpflege. Schon bei solchen Nutzungserweiterungen, viel mehr noch bei den weniger glimpflichen Lösungen[207] – bis zum Abriss –, kommen Pietätsprobleme ins Spiel, die nichts mit Christentum zu tun haben und doch einfühlend berücksichtigt werden sollten.

Die besondere Funktion der Kirchen ist sozusagen museal. Dem entspricht die stark historisch ausgerichtete theologische Pfarrer-Ausbildung. In einer Gesellschaft schnellen Wandels sind historische Museen wichtige Quellen der Anregung.

Unsre Erinnerung an die Offenbarung Gottes in Jesus wird konkret in (aus dem eigenen Leben gespeisten) Phantasien, die wiederum zu bestimmtem Verhalten in der Gegenwart motivieren.
In der Gemeinde koordiniert sich das, differenziert sich aus, organisiert sich und führt zu allerlei konkreten Vorhaben verschiedener Gruppen oder der Gesamtgemeinde.

Unter den vielerlei Determinanten ihrer Existenz entwickeln höhere Lebewesen – Individuen wie Gruppen, und so auch Gemeinden und Kirchen – jedes ein eigenes Profil und denken und handeln entsprechend.

c) Gemeinde

Es gibt in den Kerngemeinden und unter „Randsiedlern“ der Kirche sehr viele, sehr verschiedene Begabungen und Bereitschaft, sich bei sehr spezifischen Vorhaben einzubringen, und auch entsprechende Bedürfnisse. Dieses Potenzial gilt es schärfer wahrzunehmen und besser zusammenzubringen. Schon Paulus hatte davor zu warnen, Dynamik und Fähigkeiten (Charismen) der Gemeindeglieder zu dämpfen (wörtlich: „auszulöschen“, 1Thess 5,19).

Eine christliche Gemeinde setzt Spontaneität frei. Gewisse Aktivitäten aber erfordern nun einmal Dauerhaftigkeit – und hier mag man von Ämtern und Ehrenämtern[208] reden.

Soziologisch[209] sind Grundeinheiten des kirchlichen Lebens die kleinen (mehr oder weniger offenen) Kreise mit je eigenen (befristeten oder ständigen, mehr praktischen, diakonischen oder mehr besinnlichen) Vorhaben, deren Mitglieder in Kontakt stehen und sich in geeigneten Abständen regelmäßig oder unregelmäßig treffen.
Solche bilden den Kern jeder Gemeinde. Sie verdanken sich der christlichen Tradition und wollen sie, jeder in seiner Weise, fortführen. Sie können in lockere oder festere Verbindung treten mit andern (auch außerkirchlichen) Kreisen oder Einzelnen am Ort.

Die Globalgesellschaft wird zutiefst und beunruhigend verändert. Die Kohärenz der Gesellschaft ist durch lokale Mobilität und globale Kommunikation abstrakter geworden. Stabilisierung durch neue Vernetzungen hat den einzelnen Menschen aber auch unabhängiger gemacht. Dem entsprechen die neuen sog. Netzwerk- und Profil-„Gemeinden“. Das o. a. „Impulspapier“ erhofft und prognostiziert diesen eine große Zukunft.

Als körperliches Wesen aber bleibt der Mensch auf eine hinreichend stabile physische Umwelt angewiesen; und am ehesten in Fußweg-Nähe entstehen, um die kleinen Kooperationen herum, von selbst reichere menschliche Beziehungen[210]. Die Erosion der Parochie ist nur ein Teil des allgemeinen Wandels. Dessen Folgen aber könnte die Kirche begegnen, indem sie den Wandel mitgestaltet durch aufmerksame Pflege eines ernsthaften Ortsgemeindelebens. Ortsgemeinden stellen zur Zeit noch 80% der „Gemeinden“.

Im 19. Jahrhundert ist der evangelische Pfarrer wieder eine Art Priester geworden [211] , ein „Geistlicher“, ein Repräsentant Gottes. Das Kirchengebäude ist schon viel früher eine Art Heiligtum geworden; der Raum repräsentiert das unergründlich Andere. Für Paulus aber ist – trotz bitterster Kritik, die er schonungslos äußert – die Gemeinde, als „Leib Christi“, heilig. Als Repräsentantin Jesu Christi ist sie Gegenwart des unergründlich Anderen.

d) Gottesdienst

Unter der Routine des Alltags akkumuliert sich ein Bedürfnis nach Besinnung. Wer seine eigenen tiefsten Fragen in der christlichen Symbolik wiedererkennt, dem kann die Gottesdienstgemeinde eine Unterstützung bedeuten.

Religiöse Symbolik ist nie nur Privatangelegenheit; sie lebt in prinzipiell unbeschränkter Kommunikation. Gemeinsame regelmäßige Versammlungen der örtlichen Kerngemeinde bilden dafür einen Übungsraum. Sie sind für jedermann offen. Ob sie jeden Sonntag oder in größeren Abständen stattfinden, wird auch davon abhängen, wie voll diese Vollversammlungen sind. Im Allgemeinen besitzen unsere Ortsgemeinden noch für die Treffen geeignete Gebäude.

Die Kirchgebäude selbst sind fast nur noch für große Festversammlungen zweckmäßig. Begeisternde Gottesdienste bilden allerdings ein wesentliches Stück kirchlichen Erlebens. Aber mit einander Feiern setzt eine gewisse geschmackliche Homogeneität voraus, in der die kollektive Identität erlebbar wird.

Alle Gottesdienste sollen etwas Festliches haben und inspirierend sein; aber es muss nicht jeder Gottesdienst auf Begeisterung angelegt sein. Festlich feiert man den Lebensquell christlicher Symbolik alle paar Jahre auf dem Kirchentag, alle Jahre zu Weihnachten in der Kirche, in geschmacklich homogenen Gottesdiensten der eigenen Parochie oder Kirchenkonzerten.

In jedem Gottesdienst wären ein Wort des Gemeindeleiters sowie dann und wann kleine Berichte aus den verschiedenen Kreisen natürlich.

Die gottesdienstlichen Zusammenkünfte[212] sollten in der Regel biblische[213] und nichtbiblische Lektionen sowie freies [214] Gespräch[215] hierüber enthalten. Man wird gern dann und wann einen Theologen zur Teilnahme am Gottesdienst einladen.

Außerhalb der Kirche wird kaum noch gesungen; das wirkt sich nachteilig auch auf den Kirchengesang aus. Dieser sollte gepflegt oder unterlassen werden.

Gebet und Segen werden oft einen natürlichen Abschluss bilden.

Gemeinsames Essen und Trinken tut gut.

Formelle Agapen- oder Abendmahlsfeiern haben heute meist etwas Künstliches. Sie wären eher Sache besonderer Kreise und Anlässe.

(Diese praktischen Vorschläge sind natürlich nur mit aller Sensibilität für die jeweiligen Gegebenheiten auszuprobieren!)

e) Gottes Wort

Eine Rede krönt eine Feier; aber sie sollte gut sein!

Das Leben der christlichen Gemeinde ist wirkliches Leben und deshalb streitbar. Es braucht immer wieder kräftige Vorgaben zur Orientierung. Die erste Vorgabe ist der Gekreuzigte. Er wird traditionellerweise durch die Predigt als der gegenwärtige Herr angemeldet. Dazu dient die Institution des Predigers und dessen Erhöhung durch die Kanzel.

Die Predigt[216] ist in lutherischer Tradition: regelmäßige Verkündigung des Wortes Gottes, das eigentliche Sakrament des Gottesdienstes; der Prediger ist da Priester. Das ist eine Überforderung. Sie gehört der jetzt zu Ende gehenden, staatkirchlich geprägten Epoche der evangelischen Kirche in Deutschland an. Die obligate Predigt wäre – immer noch im Sinne Luthers [217] – zu ersetzen durch (textbezogenes) „brüderliches Gespräch“.

Das gemeindliche Gespräch hat Profil. Die Kanzel sollte aber nicht automatisch benutzt werden.
Gesprächsvoten dürfen zu kleinen Predigten ausarten. Lai­en­predigten müssen nicht die traditionelle Form haben.
Meinungsverschiedenheiten dürfen artikuliert werden. Die Eingebung aus dem rechten Geist ist dem Redner untertan (1Kor 14,32). Die Gemeinde soll, in aller Unordnung, beharrlich von ihrem Gott Frieden erwarten (1Kor 14,33). Nicht immer ist ein Gesprächsleiter nötig. Die Kunst der Gesprächsführung lernt man nie aus.

f) Gemeindeleitung

Höhere (d.h. mit der sich wandelnden Umwelt angepasst interagierende) Lebewesen haben ein Nervensystem und ein Nervenzentrum. Das Nervenzentrum sitzt nicht in der Mitte, sondern, besonders umweltbezogen (nah den Augen, Ohren, und der Zunge und Nase), in einer Extremität: dem Kopf; und der ist mit der Peripherie, der Haut, vernetzt.
So muss auch jede größere, komplexe, lebendige Gruppe sich zweckdienlich organisieren und ein Organisationszentrum herausbilden, das sie durchs Leben führen kann.

Auf jeder Ebene ist Kirchenleitung eine sehr weltliche, praktische (professionell seit alters weniger eine theologische als eine juristische) Angelegenheit. Noch wichtiger als Professionalität ist gesunder Menschenverstand.

Der „Pfarrer“[218] ist eigentlich ein Kleriker, dem eine Ortsgemeinde anvertraut ist. Die Reformation ersetzte den Klerikerstand durch den Theologenstand. Und an diese Veränderung knüpft die neue Begriffserweiterung an: Ein Pfarrer ist „Volltheologe [219]“, aber er braucht jetzt keine Ortsgemeinde mehr (ja nicht einmal eine „Region“), – wenngleich er in der Regel auch zu bestimmten Lokalitäten in besonderer Beziehung steht.

Weder unsre Gottesdienste noch der moderne kirchliche Unterricht noch die Gemeindearbeit noch Amtshandlungen oder Verwaltung setzen die herkömmliche aufwändige akademisch-theologische Bildung eines Pfarrers voraus[220]. ­All diese Aufgaben können hauptberuflich, aber notfalls auch als Teilzeitarbeit[221] und arbeitsteilig von einem Kollegium von qualifizierten Presbytern geleistet werden.

Auch müssen nicht alle Netzwerk- und Profilgemeinden von Volltheologen geleitet werden.

Gemeindeleitung verlangt einen (möglichst mit einer gezielten Ausbildung) kultivierten Bezug zur gemeinsamen Sache, überdies aber Fähigkeiten im Umgang mit Menschen und in der Koordination eines komplizierten, flexiblen Netzwerks. Die höchsten Anforderungen stellt das Leben mit innergemeindlichen Spannungen.

Der Gemeindeleiter sorgt für Kooperation und Konsens im Sinne lebendiger Tradition. In diesem Sinne ist er theologisch interessiert; aber er muss kein Schriftgelehrter sein.

Er ist auch nicht der Seelsorger; aber er weiß, an wen in der Gemeinde (oder auch außerhalb derselben) sich jemand mit seinen Problemen wenden könnte.

Wo eine Pfarrstelle zu teuer geworden ist, werden meist Gemeinden zusammengelegt. Das gemeinsame Pfarramt aber macht noch nicht aus vielen Gemeinden eine Gemeinde; und die Pflege der persönlichen Kontakte, die eine Gemeinde zusammenhalten, wird durch größere Distanzen fast unmöglich. Personell oder räumlich zu große Gemeinden müssten[222] vielmehr geteilt werden!

In einer lebendigen[223] Gemeinde kann die Pfarrstelle auf ihre zentrale urchristlich-episkopale Funktion reduziert und, unter Verzicht auf eine große akademische Ausbildung des Gemeindeleiters, kostengünstiger durch einen theologischen Bachelor neu besetzt werden.

Jeder Kirchenkreis wird sich einen oder mehrere voll ausgebildete Theologen (Masters, Doktoren) halten wollen. Ihnen obliegt die Pflege der kirchlichen Lehre. Sie begleiten mit fachlicher Beratung und Fortbildung einzelne und Gruppen und gastieren in den Gemeinden als Prediger und Lehrer.

Die landeskirchliche Situation hat sich weithin so verändert, dass der Pfarrer unter den alten und neuen, äußeren und inneren Anforderungen notorisch überfordert ist.

g) Amtshandlungen

Die volkskirchlich geforderten kirchlichen Amtshandlungen haben mit dem Gemeindeleben kaum etwas zu tun. Hierfür sollte der Kirchenkreis christliche Ritualberater[224] und Liturgen vermitteln.

Die Taufe[225] hat sich faktisch vom neutestamentlichen Sakramentsverständnis weg [226], zum individuell gespendeten Zeichen der Berufung aller Menschen zur Gotteskindschaft entwickelt.

Als Beitritt zur Kirche sollte die Konfirmation von der betroffenen Gemeinde gefeiert und wie bisher von ihrem Gemeindeleiter rechtsverbindlich vollzogen werden.
Der Unterricht kann aufgeteilt werden: Ein Presbyter kann ins Gemeindeleben einführen. In allgemeineres kann ein Theologe in größeren Gruppen auf Kirchenkreis-Ebene einführen.

Die Beerdigung, die gemeindefernste Amtshandlung, wurde, in großen Städten mit weit außerhalb liegenden Friedhöfen, schon lange von gemeindefernen Beerdigungspfarrern vollzogen.

3. Ausbildungsfragen

a) Ausbildung

Die (herkömmlich philologisch zentrierten) Geisteswissenschaften interessieren sich allgemein zunehmend für die soziale Wirklichkeit einst und heute und richten sich auf Praxis aus. Die neuen deutschen Studienordnungen in den Geisteswissenschaften sollen den europäischen Vorgaben nachkommen, indem sie ein berufsqualifizierendes Bakkalaureat (Bachelor of Arts) nach drei bis vier Jahren ermöglichen [227]. Damit diplomiert, sollen 75% der Studierenden von der Universität nicht als „Lehrlinge“ in ein Praktikum, sondern als „Gesellen“ in eine Berufspraxis entlassen werden, die (nach einer Einarbeitungsphase) ihren Mann ernährt.

Wenn ein theologisches Bachelor-Studium sehr anders gefüllt würde als die erste Hälfte eines herkömmlichen Theologiestudiums, könnte es zur Ausbildung eines Gemeindeleiters reichen.
Nicht nur in der Theologie, sondern in allen akademischen Berufszweigen wird, in der immer spezialisierteren Berufswelt, viel mehr Supervision, Beratung und Fortbildung benötigt.

Im englischen Kirchen ist eine dreijährige initial ministerial education und ein continuing ministerial development institutionalisiert.

In der Ausbildung zum Gemeindeleiter müssten sehr verschiedene Kompetenzen (in Verbindung mit Gemeinde-Praktika) vermittelt werden: Umgang mit Computer, E-mail, Internet und was dergleichen noch kommen wird; etwas Betriebswirtschaftslehre[228] (insbesondere das Kapitel Management [229] ist kirchlich von Interesse), moderne Rhetorik, Gesprächsführung, Gruppenleitung; Bibelkunde; Überblick und punktuelle Kenntnisse der Kirchengeschichte, Orientierung über theologische Literatur, Zeitschriften und Lexika, Benutzung von Bibliotheken[230] und hauptsächlich: biblischen Kommentaren [231].

Hoch für pastorale Praxis motivierte Studienanfänger kommen überproportional aus der Jugendarbeit missionarischer und freikirchlicher Gemeinden. Als Schulung im Aufs-Wort-Achten in den Komplikationen eines lebendigen Kontexts kann das neue Bakkalaureat auch nützlich sein für nicht-parochiale und nötigenfalls auch für außerkirchliche Berufstätigkeit in leitender Funktion. Das würde auch anderen Interessenten das Wagnis einer Entscheidung zu diesem Studium erleichtern und Kirchen und Fakultäten in ihrer Mitverantwortung für die Zukunft ihrer Studierenden entlasten!

Auf das Bachelor-Studium soll der theologisch näher Interessierte ein Masterstudium aufbauen können, das (knapp) so weit führt wie das herkömmliche Theologiestudium – und ebenfalls auf lebenslanges Weiterlernen angelegt ist. (Theologie ist, wie ihr Name zu verstehen gibt, im anspruchsvollsten[232] Sinne des Worts: Grundlagenforschung [233].)

Die Weiterbildung des Gemeindeleiters zum Master muss allerdings keineswegs auf der akademischen Schiene zum „Volltheologen“ laufen[234]. Unter den augenblicklichen Umständen [235] ist auch an Coaching zu denken.

Die veränderte Berufswelt verlangt eine neue, stärker praxisorientierte Studienordnung – und stellt damit die Abfolge der alten, theorie-orientierten auf den Kopf.

Unsere theologischen Fakultäten dienen herkömmlicherweise vor allem der Ausbildung zum kirchlichen und zum gymnasialen Lehramt. Dem steht, im neuen Konzept akademischer Ausbildung, der Master nahe, aber der zum Gemeindeleiter qualifizierende Bachelor eher fern!

Die „Volltheologen“/„Pfarrer“ vermitteln theoretisch zwischen der Kirche und der jeweiligen säkularen Kultur. Zwischen einer theologischen Master-Ausbildung und der Berufsqualifikation für Religionslehrer an höheren Schulen gibt es an den Universitäten natürliche Synergien.

Der Beruf des Gemeindeleiters jedoch verlangt auch Fähigkeiten, die bislang nicht im Theologiestudium, sondern im Vikariat (Predigerseminar), in Fachschulen und an Hochschulen für angewandte Wissenschaften („Fachhochschulen“) erworben werden. Neue Kooperationen zwischen den verschiedenen Ausbildungsstätten und Umstrukturierungen legen sich nahe. Aber alle höheren Ausbildungsstätten sind mit der (unvorhergesehen langwierigen) Erfüllung der formalen Erfordernisse des sog. Bologna-Prozesses im Rahmen der bisherigen Gliederung der Hochschullandschaft bereits überfordert.

b) Bildung

In höheren Leitungsfunktionen mindert breite Bildung die Wahrscheinlichkeit von Fehlentscheidungen. Besonders erwünscht ist sie in kulturellen Institutionen, – in der Kir­chenleitung[236] natürlich insbesondere theologische Bildung.

Im Fortschritt der Wissensgesellschaft geht es freilich der Theologie wie den andern Wis­senschaften: Die akademische Ausbildung kann fast nur noch akademische Halbbildung produzieren.

Schon vor hundert Jahren quittierte eine wirklich gebildete alte Dame[237] ein­schlä­gige Komplimente mit dem Satz: „Ja, meine Unbildung hat Lük­ken.“ Ein Bildungskanon wird immer problematischer. Persönliche Bildung ist wesentlich Bescheidwissen über die eigenen Grenzen.

Man besinnt sich, auch außerhalb der Theologie, neu auf Bildung als menschliche Kultur – die mehr ist als Berufsausbildung. Bildung ist ein chancenreiches Geben-Können und Nehmen-Können zwischen mehrfach verschieden qualifizierten Individuen – in der komplexer werdenden Welt zunehmend wichtig und immer anspruchsvoller.

An der neuen Elle der Ausbildungsfunktionalität gemessen, ergeben sich in der herkömmlichen akademischen Theologie beträchtliche Überkapazitäten. „Unnütze“[238] Wissenschaft aber gab es auch in der großen monastischen Phase der Theologiegeschichte; doch damals stellte das kein Problem dar. Es könnte sein, dass Theologie, abgesehen von Wissensproduktion und beruflicher Qualifikation, als Vita contemplativa, als hohe Kultur ruhiger Betrachtung von Bemerkenswertem und Besinnung [239] wiederentdeckt und geachtet wird und breiteres Interesse findet.

Kontemplation/Betrachtung führt zu Einsicht. Diese kann zu Theorie führen – und, wie der große Psychologe Kurt Lewin sagte: „Nichts ist so praktisch wie eine gute Theorie“. Plötzlich zündet ein Gedanke[240]. (Die Praxis sorgt dann für neue Verwirrung.)

In diesem Sinne sollte da und dort die Möglichkeit erhalten bleiben, nötigenfalls unter höherer eigener Kostenbeteiligung (evt. mit Stipendien), von Anfang an „Theologie“ im alten, engeren Sinne des Worts zu studieren.


XIII. Inhalt

I. Einleitung 1

1. Der Titel 1

2. Die Sache 2

3. Religion 3

4. Die vorliegende Sammlung 4

5. Die beiliegende compact disc (CD) 6

II. Erkenntnistheorie 8

A. Allgemeines 8

B. Religion 9

C. Ansichten 10

D. Wahrnehmungseinstellung und Bewusstseinsveränderung 12

III. Theologische Thesenreihen zur Interdisziplinarität 14

A. Glaube und Wissenschaft 14

B. Interdisziplinarität 16

C. Gotteslehre 17

D. Gotteslehre im Licht der Chaostheorie 18

IV. Katechetisches 20

A. Bibellesen 20

1. Der Text 20

2. Lesen 21

a) Selbständige Bibellektüre 22

b) Gemeindliche Bibellektüre 22

B. Gebet 23

1. Zum Vaterunser 25

2. Dankgebet 25

C. Jesus 26

1. Gottvertrauen 26

2. Anstößigkeit 26

3. Ostern 29

D. Credo 30

V. Gotteslehre nach Goethe 32

1. Zwei Propositionen 32

a) Schöpfung 32

b) Das trinitarische Wesen Gottes 34

2. Die Ambivalenz in Gott 37

3. Der Mensch zwischen Gott und Welt 38

4. Ethik 40

VI. Zur Gotteslehre 42

A. Der Rufname „Gott“ 42

1. Mantra 42

2. Der Gottesname 43

3. Koan 46

B. Die Bescheidenheit des Allmächtigen 49

1. Allmacht 49

a) Begriff 49

b) Problem 49

2. Bescheidenheit 50

a) Demut 50

b) Bescheidenheit 50

3. Gotteslehre 51

a) Objektivierung 51

b) Die Bescheidenheit Gottes 52

C. Das Böse 54

D. Die Dankbarkeit des Schöpfers 56

1. Der imaginäre Gott 56

a) Die Frage 56

b) Gottesbegriff 56

c) Politik 56

d) Schöpfungsbegriff 57

2. Der wirkliche Gott 57

a) Jesus 57

b) Kirchliche Lehrfortbildung 59

c) Die Dankbarkeit Gottes 59

VII. Geschlechtlichkeit in der Gotteslehre 62

1. Die aktuelle Fragestellung 62

2. Antike Antworten 62

a) Mythologie 62

b) Philosophie 62

3. Bleibende Probleme 64

a) Mutterschaft und Vaterschaft 64

b) Christentum 65

c) Allmacht 65

d) Sünde 67

e) Dogma 67

f) Anfechtung 67

VIII. Chaos 69

1. Die Vokabel 69

2. Zufall 69

3. Deterministisches Chaos 71

4. Leben 74

5. Kultur 74

6. Religion 75

7. Christentum 76

8. Seewandel 77

9. Praktischer Schluss 78

IX. Rechtfertigungslehre heute 79

X. Luther 89

A. Literatur zum Thema: „Luthers theologische Suche nach Ordnung“ 89

B. Gebet 90

C. Zu De servo arbitrio 91

D. Ständelehre 93

1. Ecclesia 93

2. Oeconomia 94

3. Sündenfall 94

4. Politia 95

5. Allgemein 96

E. Anfechtungs-Briefe 98

F. Bescheidenheit 100

G. Verschiedenes 101

XI. Ethik 103

A. Mephistos Herausforderung 103

B. Ethos im Chaos 104

1. Die Vokabeln 104

2. Das Problem 106

a) Geordnete Verhältnisse 106

b) Chaotische Verhältnisse 108

c) Symbolische Ordnungen 109

3. Problemanalyse 111

a) Zufall, Ordnung, Chaos 111

b) Die Hierarchie der Komplexität 113

4. Resultat 115

C. Du sollst 117

D. Evolutionäre Ethik 119

1. Das Problem 119

2. Ethik 120

3. Evolutionäre Ethik ! 121

E. Fragen der Lebensfreundlichkeit 123

XII. Zur Kirchenreform. Die Problemlage und ein Vorschlag 127

A. Zwei Probleme 127

1. Das kirchliche Problem 127

a) Die Lage 127

b) Der amtliche Impuls 128

2. Das akademische Problem 129

B. Ein Lösungsvorschlag für beide Probleme 129

1. Summarium 129

2. Kirchliche Praxis 131

a) Kirche 131

b) Kirchen 133

c) Gemeinde 135

d) Gottesdienst 136

e) Gottes Wort 137

f) Gemeindeleitung 138

g) Amtshandlungen 141

3. Ausbildungsfragen 142

a) Ausbildung 142

b) Bildung 144

XIII. Inhalt 147



[1] Pastoralpsychiatrie im Rahmen der Praktischen Theologie an der Evangelisch-theologischen Fakultät der Ruhr-Universität Bochum.

[2] Die Ordnung von Vor- und Darstellungen ist, angesichts der chaotischen Realität, ja immer ein Problem.

[3] Explizit ist er thematisiert nur in einem Abschnitt des Kapitels zur Gotteslehre: VI B.

[4] Ein Begriff meines theologischen Lehrers Gerhard Ebeling. Ich betrachte meine „Existenzsymbolik“ als eine Fortführung seiner hermeneutischen Arbeit.

[5] Die Eigentümlichkeit von deren Struktur hat der Psychoanalytiker Heinz Kohut (besonders The Analysis of the Self, 1971, dt. Narzissmus, 1973) herausgearbeitet und „Selbstobjekte“ von der Objektwelt der klassischen Ontologie unterschieden.

[6] Bibel in gerechter Sprache.

[7] Es sucht in dem fraglichen Textmaterial die Absätze, die einer vom Benutzer gewünschten Kombination von (positiven und negativen) Suchkriterien (auch Alternativkriterien!) genügen, und stellt Kopien davon in einer neuen Datei zusammen.

[8] Ausgabe von 1595. Für solche Texte mit orthographischen Unsicherheiten ist ein Suchprogramm wie das oben genannte, mit alternativen Kriterien, notwendig!

[9] ... τὸ γὰρ αὐτὸ νοεῖν ἐστίν τε καὶ εἶναι (Diels/Kranz5 I B 1.3).

[10] Philosophie des Als Ob, 1911.

[11] Die Vereinfachungen des Alltagswissens befriedigen uns nicht. Wir haben als ergänzende Projektionsebenen Religion, Musik, Dichtung, Wissenschaft entwickelt.

[12] Vorlesung über den Galaterbrief (1531), WA 40, I, 209,6.

[13] Otto Kallscheuer bemerkt eine Affinität der Pfingstbewegung zu er­folgs­orientierten, mobilen Gruppen der Unter- und Mittelschichten in Um­bruchgesellschaften und Schwellenländern. Das regt zu dem Versuch an, die Umstände genauer zu bestimmen, unter welchen das Bedürfnis überhand nimmt, aus dem Alltagsbewußtsein auszusteigen und, mit vereinten Kräften, eine zweite Wirklichkeit zu institutieren.

[14] Dazu braucht er kein besser wissendes Zureden, aber persönlichen Beistand.

[15] Aus dem systematisch-theologischen Oberseminar Zufall und Ordnung, Jähnichen/Bonhoeffer, Sommersemester 2001

[16] S. u. Kapitel IX, Rechtfertigungslehre heute.

[17] So redete S. Freud von Symbolen.

[18] Precarius , von prex = Bitte

[19] Zahme Xenien, Buch 9.

[20] Sie unten Kapitel V: Gotteslehre nach Goethe.

[21] Auch die lebendigen Christen sind ja nicht alle einander sympathisch.

[22] Die Jesus-Bilder schon der Evangelisten sind verschieden; ihre verschiedenen Aspekte sind auch nicht immer sympathisch. Aber der Mensch ist beschränkt, und wir müssen zugeben: Manchmal lohnt sich die Anstrengung, einem Mitmenschen gut zuzuhören, auch wenn er einem unsympathisch ist, besonders.

[23] Schon wer die Bibel kennt, weiß Beispiele; etwa 1Sam 2,30, die Rücknahme einer Verheißung; Jes 38, 1-4, die Rücknahme einer Unglücksprophetie; 1Chr 21,1 gegen 2Sam 24,1; Matth 5,21ff.; Jak 2,24.

[24] Markion. Er kanonisierte Paulus und Lukas.

[25] Hierzu fällt mir ein, dass Ernst Fuchs erzählte, er habe als junger Mann einmal im freien Gebet einer pietistischen „Stunde“, als er den Erwartungsdruck spürte, dass er auch ein Gebetsanliegen laut werden lassen sollte, vorgebracht: „Lieber Gott, lass diese schreckliche Stunde bald ein Ende nehmen.“ Mir hat er, erwachsen, in einer von mir geleiteten Andacht einen ähnlichen Tort angetan, den ich ihm sehr übel genommen habe. Aber auch so etwas ist in einem christlichen Gottesdienst prinzipiell erlaubt.

[26] Darauf liegt im Neuen Testament, besonders bei Paulus, der Akzent.

[27] Der Kolosserbrief spricht (3,1) die Adressaten als die mit Christus bereits Auferstandenen an!

[28] Nirgends wird erzählt, dass Jesus mit den Jüngern zusammen gebetet habe. Er betet allein; und die Bergpredigt schickt uns zum Beten ins stille Kämmerlein. Von gemeinsamem Gebet der Jünger wird nur aus der Zeit nach dem Tode Jesu berichtet.

[29] Im Unterschied zu dem „Plappern wie die Heiden“ (Matth 7,1), das, auch nach Kalender und Uhrzeit, jederzeit möglich ist.

[30] 2Mose 3,14: „Ich bin, wann ich bin.“ (Die hebräische Relativpartikel wie sie 1Kön. 8,30 gebraucht wird.) Offenkundig will Gott gar nicht immer „sein“; Gott „ist“ eine Ereigniswolke. Aber „Gott“ ist auch ein verbreiteter, zur Abwehr von Schuldgefühlen dienlicher Zwangsgedanke.

[31] So konnte Paul Gerhard den Bedrängten trösten: „ER weiß viel tausend Weisen zu retten aus der Not“ in die Ewigkeit, – die nicht erst nach dem Tode anfängt; dann vorläufig: zurück in die Zeit, vielleicht: in die nächste Not.

[32] Mit diesem modernen Begriff kann man die mancherlei christlich-er­kennt­nis­kri­ti­schen Bemerkungen des Paulus im 1. Korintherbrief – am bekanntesten 13, 8-12 – ernst nehmen.

[33] Die Realität ist unvorhersehbar kreativ, mindestens „mild“ chaotisch. Der – so suggestive – Realitätsbegriff ist deshalb trügerisch. Das ist durch den Begriff von Gott als Schöpfer festgehalten.

[34] Wir können einerseits den Schöpfer nur aufgrund der Schöpfung imaginieren; wir sollen andrerseits unsre Welt im Licht des Schöpfers sehen und uns wundern – und beides zusammen mit Gott und Menschen besprechen.

[35] Chancen sind immer prekär.

[36] Wir können es nur subjektiv wohlbegründet von Irrglauben unterscheiden.

[37] Das ist das Evangelium. „Unter dem Gesetz“ ist Selbstvertrauen gefordert.

[38] Das gilt auch von der Schöpfung im Ganzen. Laut der biblischen Symbolik lebte schon im Paradies die Schlange; und zur ewigen Vollendung der Schöpfung gehört hier der feurige Pfuhl (Offb 21,8).

[39] Gegenwärtig setzt sich in der alttestamentlichen Wissenschaft eine Tendenz zur Spätdatierung durch, die auch sehr „evangelische“ Texte betrifft.

[40] Das ist die Erfahrung, die Sigmund Freuds Religionsverständnis zugrunde lag.

[41] Im Sinne des (jüdischen) Soziologen E. Durkheim.

[42] Nicht die Lehrinhalte Jesu sind entscheidend, sondern was Gott den Gewissen der einzelnen Menschen durch Jesus sagt. Durch das Leben Jesu beruft Gott das Subjekt zur Mündigkeit.

[43] In diesem Sinne ist etwa Mark 2,27 zu verstehen.

[44] Man muss die Gleichnis-Überlieferung vielleicht „gegen den Strich“ lesen, so dass nicht das Irdische Interpretament des Himmlischen, sondern die Gottesherrschaft, „das Himmelreich“ des Volksglaubens, als Interpretament des Irdischen erscheint, für welches die Augen geöffnet werden sollen – was dem Alltagswissen überflüssig erscheint.

[45] Schon der Johannes, von dem Jesus sich hatte taufen lassen, taufte für das nahe Weltende, von welchem im Volk apokalyptische Vorstellungen umgingen, die wir auch in der Jesus-Überlieferung finden.

[46] Pars pro toto : die Verschiebung des Sabbat auf den Sonntag (und darüber hinaus: Didache XII Apost. 8.1).

[47] Ähnliches geschah später mit Luthers Neuansatz.

[48] Mit „Evangelium“ meinen wir das Zeugnis von Gott in Jesus als ein unscheinbar kreatives Integrationssymbol. „Gesetz“ ist ein Modell von Integration. Das Evangelium lässt uns in den Abgrund blicken und eröffnet den Raum einer Kreativität in persönlicher Verantwortung. Habito … Christo, facile condemus leges… Imo novos Decalogos faciemus“ (Luther 1535, Disp. De fide, These 52f., WA 39 I, S. 44.). Diese „neuen Dekaloge“ sind zuerst eine Hilfe (Th. 58); alle Gesetze aber werden mit der Zeit zur Behinderung für das Leben. („Es erben sich Gesetz' und Rechte wie eine ew'ge Krankheit fort…Vernunft wird Unsinn, Wohltat Plage,“ sagt Mephisto im Faust I, Z.1972). Das treibt auch die Kirchen voran; aber Luther hat für die Geschichte nur statische Begriffe von Zuständen.

[49] Das Hauptbeispiel für gesellschaftliche Marginalität ist die Unterschicht. Aber die Zufälle des Lebens können jeden, in der einen oder andern Hinsicht, für kurz oder lang, an den Rand der Gesellschaft bringen, so dass diese für ihn anomisch wird.

[50] Paulus (1Kor 11,19) erwartet, dass bei den Auseinandersetzungen klar wird, wer „die Rechtschaffenen“ sind. Diese Scheidung wird aber selten entlang den Parteigrenzen laufen!

[51] Unter dem Titel Gotteslehre. Eine pastoralpsychologische Zuspitzung, erschienen in: Theologische Literaturzeitung 113 (1988), 865-872; mit kleinen Korrekturen.

[52] 2Mose 20, 9f.

[53] Für die Termino­logie siehe A.Battro, Dicti­onnaire d'épi­stémologie géné­tique, Paris 1966, engl.: Piaget. Dic­tionary of terms, 1973.

[54] Siehe etwa P. Hopper & S. A. Thompson, The Iconicity of the Universal Categories "Noun" and "Verb", in: John Haiman (ed.), Iconicity in Syntax, 1985, SS. 151-187.

[55] Vgl. den II. Teil seiner Dialektik, Sämtl.Werke, 3. Rei­he, IV/2 - verglichen mit dem o.a. Aufsatz erstaunlich modern. Mit der Satz-Grundstruktur hängen wiederum die Be­griffspaare wie ἕν/ἀόριστον der pythagoreisch-plato­nischen Tradition zusammen, die in der abendländischen phi­losophischen Theologie eine Rolle spielen. (Vgl. dazu Konrad Gaiser, Platons ungeschriebene Lehre, 1963.)

[56] "An­statt einer Durch­dringung des Spekula­tiven und des Empiri­schen ist uns nur eine begleitende Be­zie­hung des einen auf das andere mög­lich, oder eine wis­sen­schaftliche Kritik. ... Auf diese Weise ist das abso­lute Wis­sen von der Voll­endung des Re­alen uns nur zerteilt und ab­gebildet gege­ben, und ist eigent­lich nur in dem nicht aus­­zudrüc­kenden Ge­danken der Einheit des Zerteilten." (Ebd. § 210)

[57] Die Spitze unses Leidens ist das Gefühl der Ver­las­sen­heit, das Gefühl, im Kampf ums Dasein als Ver­lierer zu leiden und als Ausschuss zu sterben.

[58] Michael Servet, De trin. err., 1531, p.17v.

[59] In: Verifikationen. Festschrift für Gerhard Ebeling zum 70. Geburtstag, hg. E. Jüngel u.a., Tübingen 1982, SS.436-442.

[60] 1Kor 15, 35f.

[61] Mit dieser Formulierung greife ich das Problem wieder auf, das mich seit meinem Buch über die Gotteslehre des Thomas von Aquin (1961) beschäftigt. Ich möchte deshalb bei dieser Gelegenheit einen sinnentstellen­den Druckfehler an strategischer Stelle in jenem Buch (S.8, Z.8) korrigieren: Es ist dort, statt:"die sich", zu lesen: "das sich"!

[62] Goethe denkt dabei an das die mo­ralische Weltordnung durchkreuzende Dämonische. Dichtung und Wahrheit, Buch 20.

[63] Dichtung und Wahrheit IV.

[64] Wie Carl Schmitt (Politische Theologie II. Die Le­gende von der Erledigung jeder politischen Theologie, 1970, S.122f.) vermutet, nach J.M.R. Lenz, Katharina von Siena ("...Gott gegen Gott...", scil. Jesus gegen den Übervater).

[65] Matth 27,46.

[66] Begriff von D. Winnicott, Play­ing and Reality, 1971, dt.: Vom Spiel zur Kreativität, 1973. Dazu, was die Wahr­heitsfrage be­trifft, A. Lorenzer/P. Orban, Transi­tional Ob­jects and Pheno­mena: Socia­lization and Symbo­lization, in: S.A.Grolnick (Hg.), Bet­ween Re­ality and Fantasy, 1978, S. 471-482.

[67] The Analysis of the Self , 1971, S.33, dt.: Narzißmus, 1973, S.52.

[68] A.a.O., Kp.7.

[69] Dazu Otto Kernberg, Borderline Conditions and Patholo­gical Narcissism, N.Y. 1975, dt.: Borderline-Störun­gen und pathologischer Narzißmus, 1978.

[70] Vgl. etwa: Eberhard Jüngel, Gott als Geheimnis der Welt, 1977, SS. 451 und 496-98.

[71] Sensu Kohut.

[72] Schalom ben Chorin, Der unbekannte Gott, 1963, S.32. Von Paul Ernst Ruppel eindrucksvoll vertont, in einer andern Vertonung für das neue Evangelische Kirchengesangbuch vorgesehen.

[73] Der Avencebrol der Scholastik; Königskrone Z.745f., Übersetzung F.P.Bargebuhr.

[74] Auf der Linie der alten Lehre von der dann sogenannten peri­cho­resis essentialis, qua una persona propter essentiae unitatem est in alia (Quenstedt, Theologia... 1702, p. I, cp. VIII, s. I, th. 21) – in ähnliche Schwierigkeiten verwickelt sich Plato im Timaios, 35a – und der Gotteslehre Barths.
Zu Ps.-Kyrills (7./8.Jh.) Konzept der innertri­nitarischen Perichorese s. Peter Stemmer, Perichorese, in: Archiv für Begriffsgeschichte 27 (1983).

[75] Durch unsre erste Proposition haben wir die Zwei-Naturen-Lehre (bei Einschluss der Unio hy­po­sta­tica auch sie trinitarisch) aus der Chri­stologie in die Schöp­­fungslehre vorver­legt.

[76] Die Mitteilung des Heiligen Geistes an die Jün­ger ist nach Jo­hannes ein Osterereignis.

[77] Meine Arbeitsblätter für einen Einführungs­kurs, in: Theolo­gische Zeitschrift Basel 43 (1987), S.39.

[78] Hinter seine Arbeit an den Problemen der Ambi­valenz und der Zeitlichkeit sollte Theologie nicht mehr zu­rück­fallen.

[79] Vgl. dazu meinen Aufsatz Hören - Carl Rogers und Martin Lu­ther als Lehrer einer pastoralen Tugend, in: Wege zum Menschen 39 (1987), 298-307.

[80] Buchtitel von Friedrich Gogarten.

[81] Vgl. grundlegend Kants Kriti­ken, Piagets - biologisch inspirierte - genetische Erkenntnis­theorie, Jacques Lacans re­gistre symbo­lique.

[82] Durch das Spiel des Zufalls und Zerstörung (Darwin) hat sich die hohe Ordnung des Lebens aus der unerschöpfli­chen Redun­danz der Ordnung der an­or­ga­ni­schen Mate­rie ent­wickelt. An die Verheißung der Gesetze des Zufalls erinnert das Gleichnis vom vierfachen Acker.

[83] Institutionalisierter Glaube braucht Theologie, da­mit er lebendig bleibt.

[84] Mit seinen Varianten "gemein" und "ordinär".

[85] Identische Redu­plikation des Allels.

[86] Zarathustra III, Das andere Tanzlied, 3.

[87] Scil. wie jedes Übergangsobjekt.

[88] In diese Richtung zielte mein Satz: „Das Wort Gott ist das bloße Wort schlechthin, das reine Glaubenswort.“ In Die Religion in Geschichte und Gegenwart, 3. Aufl., Bd. VI, 1962, Artikel: Sprache, theologisch, Sp. 281.

[89] Siehe dazu unten, im Kapitel XI., Ethik, den Abschnitt C. Du sollst.

[90] Mit Heinz Kohut wäre von „Selbstobjekten“ zu sprechen.

[91] 2Mose 23,19 gehört in die Ablehnung des Dionysoskultes. Als „Zaun ums Gesetz“ wurde dann Milchiges und Fleischiges getrennt.

[92] Nach Oskar Pfister ist die christliche Religion sowohl institutionalisierte Fassung wie Auflösung der zwanghaften „Liebesblockade“.

[93] Chinesisch: Chan, jap.: Zen.

[94] Beispiel: „Wie kommt die Gans aus der Flasche und die Flasche bleibt ganz?“

[95] Sehr frei übertragen: Kreuzwege zur Auferstehung.

[96] „Gott vergibt, dass Gott gegen Gott kämpft“. Siehe oben, Kapitel: Gotteslehre nach Goethe.

[97] Hier war Paradoxie nicht beabsichtigt.

[98] Freud hatte die Provokation des bürgerlichen Selbstbewusstseins nicht gescheut.

[99] Nach Friedrich Kluge/A.Goetze, Etymologisches Wörterbuch der deutschen Sprache, 195115.

[100] Mit diesem hässlichen Wort hat Freud die libidiöse Beziehung zu geliebten Personen bezeichnet.

[101] Wir können die Welt lausig nennen – die Aussage, Gott habe auch die Läuse geschaffen, ist gewiss unbiblisch, aber nicht unchristlich.

[102] Ich ziehe damit die Linie der Paulus-Auslegung Luthers, WA 40/I, 432ff. (zu Gal 3,13), weiter aus.

[103] Auch auf den „natürlichen“ Ebenen freilich gibt es Suizid; die Möglichkeit des Selbstmords gehört zur Freiheit des Lebens. Näheres dazu unten im Kapitel XI, Ethik, Abschnitt E, Lebensfreundlichkeit.

[104] Die schrecklichen Aussagen Luthers (in seiner späten Genesisvorlesung, WA 44, S. 548,5ff) über Gottes Spielen mit seinen Heiligen gehören in den Zusammenhang der Auslegung der Geschichte von Josephs Verhalten gegen seine hungernden Brüder, – die in 1Mose 45 endet! Luther versteht Joseph als figura Christi (WA 44, 284,4) und Christus als Bild Gottes.

[105] Siehe Luthers Anfechtungsbriefe, auf die in hohem Alter G. Ebeling, Luthers Seelsorge¸ Kp. XII, aufmerksam gemacht hat (auf der beiliegenden CD).

[106] Es wurde dann in Gemeindekreisen katechetisch allegorisiert.

[107] Psychoanalytisch grundlegend ist Melanie Klein, Envy and gratitude (1957), 1975.

[108] Referat vor dem Ständigen Ausschuss für Seelsorge und Beratung des Deutschen Ev. Kirchentages, gehalten am 13. 12. 1984 in Mei­nertshagen. Gedruckt in: Wege zum Menschen, 37 (1985), S. 295 – 298.
Zur leicht überarbeiteten Wiedergabe dieser Bemerkungen hat mich veranlasst die 2006 erschienene „Bibel in gerechter Sprache“ – eine späte Frucht der Befreiungstheologie und des (seinerzeit auch mich beschäftigenden) theologischen Feminismus.

[109] So das mir gestellte Thema.

[110] Diesen Rückgriff aufs römische Recht übernehme ich von Jacques Lacan.

[111] Bei Piaget die „sym­bolische“, später genannt: „semiotische“ Funktion.

[112] Fröhliche Wissenschaft 125.

[113] Als Psycho­analytiker hat Roy Schafer, Aspects of Internalization, 1968, das Paradox des "immortal object" diskutiert.

[114] „Hauch, Wind, Atem, Geist, Gottesgeist“.

[115] Paradigmatisch Klopstocks Ode: „Schön ist, Mutter Natur, deiner Erfindungen Pracht auf die Fluren verstreut ... “ Dahinter steht Spinoza, dahinter Petrarca.

[116] Gemeindevortrag, gehalten 2006; gedruckt erschienen in der Festschrift für Horst Balz, Fragmentarisches Wörterbuch, 2007.

[117] Gauß hatte diese ("Normalverteilung" genannte) Grundstruktur mit Mittelwert und end­licher Streuung als Verteilungsgesetz von Meßfehlern gefunden. Die bekannte „Glocken­kurve“ zeigt die Verteilung der Wahrscheinlichkeitsdichte.

[118] Die Verteilung der Punkte einer Geraden, auf die, an zufallsbestimmten Zeitpunkten, eine rotie­rende Nadel zeigt, die „Cauchy-Verteilung“, hat einen Mittelwert; aber die Streuung ist unendlich, Erhöhung der Stichprobe (Verlängerung des Beobachtungszeitraums) ergibt hier keinen stabilen Durchschnittswert für die Abweichungen. Die Verteilungskurve der Wahrscheinlichkeitsdichte sieht aus wie eine leicht abgeschmolzene, etwas in die Breite verlaufene „Glockenkurve“.

[119] Keinen Mittelwert hat eine von Vilfredo Pareto für verschiedene ökonomische Größen vermutete (nach ihm benannte) Verteilung, wonach (grob gesprochen) Personenzahl und Vermögen zu einander in umgekehrtem Verhältnis stehen. Erhöhung der Zufallsstichprobe (Verlängerung des Beobachtungszeitraums) ergibt hier keinen stabilen Erwartungswert.

[120] Die Pyrrhonisten hingegen waren gegenüber herrschenden Meinungen und Kurzschlüssen skeptisch. Sie konnten aber damals ihrerseits vielfach nur kurzschlüssig dagegen argumentieren, und werden nicht zu den klassischen Philosophen gezählt.

[121] Fürs praktische Leben reichen diese ja auch meist, – weshalb sie für uns wesentlich sind.

[122] Die Literatur für das zünftige sowie für das breitere Publikum zu diesem Thema schwoll schnell so an, dass es schwerfällt, empfehlend eine Auswahl zu treffen. (Heute ist es wieder stiller geworden.) Ich nenne hier nur Heinz Georg Schuster, Deterministic Chaos. An Introduction (1.Auflage 1987).

[123] Der berühmte „Schmetterlingseffekt“ war wohl meteorologisch ein Irrtum (2001, Raoul Robert, Grenoble). Der dem Schlagwort zugrunde liegende Lorenz-Attraktor war gleichwohl eine beachtliche mathematische Entdeckung.

[124] Damit approximiert der Computer beliebig genau Differenzialgleichungen.

[125] Davon lebt die biologische Evolution.

[126] The Selfish Gene , 1.Aufl. 1976.

[127] Fundamentalisten kämpfen mit der Schöpfungslehre gegen die Evolutionstheorie. Die Evolutionstheorie aber artikuliert die objektive, persönlich unverbindliche Seite, die Schöpfungslehre artikuliert die subjektive Seite derselben Sache.

[128] Unter dem Titel „Streit um die Rechtfertigungslehre – heute?“ am 11. April 1998 ins Netz gestellt, hier leicht überarbeitet.

[129] Datiert vom 18. Februar 1997, veröffentlicht z.B. in epd-Dokumentation Nr. 46/97 (27. Oktober 1997), S. 21-28

[130] Friedrich Theodor Vischer.

[131] In aristotelischer Tradition hat man formuliert: Natura non facit saltus. „Singularitäten“ (im mathematischen Sinne) waren schon aus der Antike bekannt; aber sie blieben vereinzelte Kuriosa, weltanschaulich ungefährlich und unbeachtet, fest eingelagert in den κόσμος.)

[132] Nicht nur islamische Fundamentalismen; auch das Christentum "der Amerikaner" (jedenfalls wie "der Europäer" es sieht).

[133] Notizen zu einem Seminar: Jähnichen/Bonhoeffer, „Luthers theologische Suche nach Ordnung“ (Sommer 2002)

[134] Die vollständigen Briefe, auf denen Ebelings Darstellung fußt, sind auf der beiliegenden CD wiedergegeben.

[135] Ich verdanke diese Hinweis sowie die Kopie auf der beiliegenden CD Reinhard Schwarz.

[136] WA 18, 600-787.

[137] Ich habe auf diese in meinem Pascal-Seminar (siehe auf der beiliegenden CD) hingewiesen.

[138] Seine Essais (nach der Ausgabe von 1595) sind, in drei Word-Dateien, auf die beiliegende CD kopiert.

[139] Luther hat (in der Vorrede zum ersten Band der Wittenberger Ausgabe seiner deutschen Schriften, 1539, WA 50, 658ff.) unter den drei Stichworten oratio, meditatio, tentatio (1. Sammlung vor dem in Jesus offenbarten Gott, 2. biblische Textmeditation und 3. Verunsicherung) kurz entfaltet, was er für das Wesentliche im Theologiestudium hielt.

[140] In diesem Sinne versteht Luther die glaubensgeschichtlichen Epochen tempus legis und tempus gratiae existenziell (WA 40 I, 209).

[141] Genesis-Vorlesung, WA 42, S. 80, Z. 41ff. Hoc tantum vult, ut laudet Deum, ut gratias ei agat, ut laetetur in Domino et ei in hoc obediat, ne ex vetita arbore comedat.

[142] Jede Vermischung von Gesetz und Evangelium nach dem Sündenfall wäre demnach eine paradiesische Illusion.

[143] Stanley Milgram, Obedience to Authority, 1969.

[144] Der Begriff des Politischen ..., (1988) in: Dieter Conrad, Zwischen den Traditionen, 1999, S. 466.

[145] Disp. über Matth 19,21, WA 39 II, 80ff.

[146] Auf der beiliegenden CD.

[147] Große Galater-Vorlesung, zu Gal 2,14, WA 40/I, 209,3. S. 208, 26ff: Petrus ... sicut Papa ex Evangelio fecit leges, miscuit politica cum Ecclesia, legem cum Evangelio et ex eo nihil fecit nisi leges; fuit infernalis confusio.

[148] WA 39 II, S. 87 (s. o. unter Oeconomia).

[149] Von den Conciliis und Kirchen, gegen Ende.

[150] Mephisto (Faust, Prolog im Himmel, Z. 297f.) sagt zu Gott dem Herrn: „Die Menschen dauern mich in ihren Jammertagen. Ich mag sogar die armen selbst nicht plagen.“

[151] Um Größenphantasien liegt Spott in der Luft. Ernst Haeckel († 1919) sprach von Gott als einem „gasförmigen Wirbeltier“. Das war die Empörung eines grandiosen Optimisten gegen den sicher herrschenden Monotheismus. Gegen militanten Atheismus sagte ein anderer: „Atheisten langweilen mich; sie reden immer von Gott.“

[152] Freud sah in Arbeit sublimierte Aggression.

[153] Vortrag vor dem Arbeitskreis Recklinghausen der Evangelischen Akademie Westfalen am 29. November 1991.

[154] Man könnte meinen, hier eine ähnliche Entwicklung wie bei dem deutschen Wort "Gewohnheit" vorzufinden; aber "gewöh­nen" hat wort­geschichtlich nichts mit "wohnen" zu tun. "Gewöhnen" geht viel­mehr auf eine Wurzel zurück, die be­deutet "auffüttern" und auch unserm Wort "entwöhnen" zu­grunde liegt. Unser Wort "wohnen" je­doch bedeu­tet ur­sprünglich "zufrieden sein".

[155] Die Bedeutung von ἠθικὰ/Ethik ging einen ähnlichen Weg wie die Bedeu­tung des Wortes Bibel. Auch βίβλια/biblia ist ja eigentlich ein Plural Neutrum und bezeichnet eine Sammlung von Büchlein; bei uns ist es zum Singular "die Bibel" geworden.

[156] Von einem ähnlichen, aber doch anderen griechischen Wort, ἔθος/éthos= Gewohnheit, Brauch, abgeleitet.

[157] Buchtitel von Sigmund Freud (1930).

[158] Die Oberfläche eines Körpers wächst mit dem Quadrat des Durchmessers, das Volumen mit der dritten Potenz. Das spielt im Leben für den Stoffwechsel eine entscheidende Rolle!

[159] Ich verweise zur Illustration auf das Büchlein von Alonso Salazar, Totgeboren in Medellin, deutsch Wuppertal 1991.

[160] Der „Schmetterlingseffekt“, den 1972 Edward Lorenz konzipierte, war wohl ein meteorologischer Irrtum (Raoul Robert, Grenoble, 2001). Aber in hochkomplexen dynamischen Systemen ist prinzipiell mit punktuellen Instabilitäten zu rechnen, wo winzige quantitative Abweichungen unvorhersehbare Umstrukturierungen zur Folge haben.

[161] Hierzu nenne ich den Sammelband für ein breiteres Pu­blikum, Bernd-Olaf
Küppers (hg.), Ordnung aus dem Chaos 19882.

[162] Hierzu siehe die im Deutschen erschienenen Veröffent­lichungen von Ilya Prigogine: zusammen mit Isabelle Sten­gers das gemeinver­ständliche BuchDialog mit der Natur 19906, zusammen mit Grégoire Nicolis das Buch für den ma­thematisch näher Interessierten Leser Die Erforschung des Komplexen 1987.

[163] J.R.Krebs und N.B.Davies, Einführung in die Verhaltensökologie, Thieme-Verlag 1984, dort weitere Literatur.

[164] Von Robert Axelrod (1987, engl. Orig. 1984).

[165] Determinismus ist eine Arbeitshypothese für die nie zu Ende kommende Forschung und verbessert dadurch die Erkenntnis unserer Unfreiheiten. Grob gesprochen, sind alle Kreaturen Sklaven der Natur (ihrer eigenen und der Umwelt). Ein Minimum an Freiheit haben auch Sklaven.

[166] War hiergegen im alten Athen die abschließende Komödie das Korrektiv?

[167] Ein neuzeitlicher Ausdruck für die, durch Clemens Alexandrinus aus der Stoa in die christliche Theologie übernommene göttliche πρόνοια / providentia (conservatio und gubernatio) / Vorsehung, die die Weltgeschichte gut (christlich: zu gutem Ende) führt.

[168] Ein Ausdruck, den Dawkins – polemisch gegen William Paley’s Natural Theology (1802) – 1986 in einem eigenen Buch in Umlauf gebracht hat.

[169] Dieses Wort meint (ebenso wie seine griechische Entsprechung) eigentlich Mitwisserschaft, auch: mit sich selbst; Bewusstsein.

[170] James Baldwin begründete schon 1896 neo-darwinistisch korrekt das Phänomen der Vererbung erworbener Eigenschaften.

[171] Natur wird klassisch, nahe dem natürlichen Erfahrungshorizont des einzelnen Men­schen, als ewig stabil vorgestellt. Heute aber sollte die beängstigende Bedingtheit aller Stabilität jedem mündigen Bürger bewusst sein. Weiche Landungen sind nicht selbstverständlich!

[172] Die Ausbreitungsgeschwindigkeit beträgt zur Zeit >6% jährlich. (Dem entspräche, hochgerechnet, eine Verdoppelung in knapp 12 Jahren. Aber für exponentielles Wachs­tum sind Prognosen eben besonders unsicher.)

[173] Die ökologischen Nebenwirkungen der laufenden und bevorstehenden intraspezifisch-menschlichen Aggressionen verschlimmern das Problem.

[174] Die (zunehmend apparativ gestützte) Wissensakkumulation hat den Wandel der Gesellschaft beschleunigt. Das Erfahrungswissen der alten Leute hat entsprechend an Wert verloren.

[175] Sie hat noch mancherlei andere Bedürfnisse, Wünsche und Bedrängnisse, für welche die Alten oft volles Verständnis und Mitgefühl haben.

[176] Die Kraft des einzelnen zu persönlicher Zuwendung ist begrenzt; und die von der Gesellschaft zur Verfügung gestellte Personaldecke ist viel zu kurz.

[177] Es gibt clevere Nachwuchspolitiker, die sich Chancen ausgerechnet haben, als Wortführer solcher Tendenzen ihr Glück zu machen. Aber mit nacktem Egoismus ist gegen die Heuchelei in unsrer Gesellschaft nicht anzukommen.

[178] Jeder würde gern vorbildlich leben und sterben und den Dank der Nachwelt verdienen. Hier liegt der Gedanke an bescheidenen Verzicht aufs Weiterleben nahe. Aber auch gerade unserm Stolz kann es schwer fallen, auf Hilfe angewiesen zu sein.

[179] Die abendländische Kirche bekennt den Glauben an den Geist des Schöpfers, vivificantem, qui ex patre filioque procedit. Es geht um die Frage jedes Einzelnen: Was ist mir von meinem Schöpfer beschieden? Die wahre Antwort ist immer im tiefsten Sinne kreativ.

[180] Die Reklame allerdings lässt vermuten, dass Bescheidenheit wirtschaftlich eher unerwünscht ist.

[181] Die Hauptprobleme der Zukunftssicherung aber sind heute global: Migration und Integration sowie internationale Solidarität.

[182] Marx sprach von der „industriellen Reservearmee“ des Kapitals.

[183] Etwa Paulus, in seinem Brief aus dem Kerker in Ephesus an die Gemeinde in Philippi (1, 23).

[184] Er wirft Schuldfragen auf, die das individuelle und das kollektive Selbst­bewusstsein schwer belasten. Man muss sich von ihnen niederdrücken lassen in eine noch tiefere Erkenntnis der eigenen Beschränktheit!

[185] Dies scheinen die Schweizer Sterbehilfe-Organisationen Exit und Dignitas praktisch ernst zu nehmen.

[186] Auch Schreiben ist ein kommunikativer Akt menschlicher Solidarität. Man kann damit aus der individuellen Enge herausfinden und herausführen. Der chronisch kranke, aber glücklich verheiratete Robert L. Stevenson (1850-94) schrieb sich mit seinem The Suicide Club (1882) wohl ein eigenes Lebensproblem glücklich von der Seele. (Dieser Buchtitel formuliert keine Contradictio in adiecto!) – Bei Jean Améry (1912-78), der auch Einschlägiges geschrieben hat, lief es anders.

[187] Weltsicht, Kirchenbindung, Lebensstile. Vierte EKD-Erhebung über Kirchenmitgliedschaft, hg. Kirchenamt der Evangelischen Kirche in Deutschland, 2003.

[188] Impulspapier des Rats der EKD (s. u.), S. 23.

[189] Die Mitgliederzahl der evangelischen Landeskirchen in den alten Bundesländern ist (unter starken Schwankungen mit seit 100 Jahren deutlich steigendem Verlust) seit 30 Jahren mit durchschnittlich -6.6 ‰ p. a., um 18 %, von 28 auf 23 Mio. gesunken!
Die Austrittszahlen auf katholischer Seite haben sich auf niedrigerem Niveau parallel entwickelt.

[190] Die moralische Autorität der Großkirchen als Megaphon des gesunden Volksempfindens ist zwar beschränkt, aber ungebrochen.

[191] Das verlangt allerdings in der Berufswelt Umstrukturierungen, die nicht nur in den Kirchen auf erhebliche Schwierigkeiten stoßen.

[192] Der ἐπίσκοπος = „Aufseher“ war ursprünglich nur Primus inter pares im Kollegium der „Älteren“ (πρεσβύτεροι → „Priester“) – die Phil 1,1 auch noch ἐπίσκοποι heißen. Früh hat sich dann der sog. monarchische Episkopat in den Gemeinden durchgesetzt. Gemeindeleiter ist einer aber nicht als Schriftgelehrter, sondern als einer der Erfahren­sten! (Heute wird sehr viel Lebenserfahrung durch allgemeinbildende Schulen, spezielle Schulungen, Schrifttum und Medien vermittelt, – was dem Alter bekanntlich seinen sozialen Wert nimmt.)

[193] Nicht Pastor, nicht Prädikant, nicht Pfarrer (es sei denn, man verstünde den „Pfarrer“ wieder wörtlich, nämlich nicht persönlich qualifizierend, sondern funktional, als soziale Rolle: Leiter einer Parochie)!

[194] Man muss dreierlei unterscheiden: Gemeindeleiter sind nicht Lektoren oder Akolythen; aber sie bilden in einer evangelisch-landeskirchlichen „Hierarchie“ (also unter Präses, Superintendent u. dgl. als dem Clerus maior) den Clerus minor – wie bisher die Ortspfarrer! („Klerus“ ist in der Kirche des allgemeinen Priestertums kein theologischer, sondern nur ein soziologischer Begriff!) Ob die höheren akademischen Weihen aufgrund eines Volltheologie-Studiums die beste Qualifikation für kirchliche Leitungsfunktionen darstellen, ist zweifelhaft! (Der mittelalterliche Clerus maior war in der Regel nicht theologisch, sondern kirchenrechtlich qualifiziert! Im Luthertum wurde der christliche Landesherr ex officio zum summus episcopus.)

[195] 1Kor 12, 28 ist der Lehrer (nach dem Apostel und dem Propheten) als Dritter aufgezählt; es folgen allerlei weitere Gnadengaben, am Ende (!) „Hilfeleistungen“, „Leitungen“ und „Zungenreden“ – ein vieldimensionales Nebeneinander.

[196] Theologie war immer kirchenkritisch – wie umgekehrt die Kirchen theologiekritisch. Die berühmtesten Beispiele für die freie christliche Lehr-Entwicklung in der Alten Kirche, Klemens von Alexandrien (in Rom vom Heiligenkalender gestrichen) und Origenes (553 ökumenisch-konziliar verdammt), zeigen, dass hier erhebliche Spannungen auftreten können. In der bischöflichen Lehr-Entscheidungsgewalt wurden beide Funktionen um der Ordnung willen zu einer Personalunion zusammengezwungen. Das hat die Begeisterung nicht immer reifen lassen, sondern den Geist bisweilen „ausgelöscht“ (Paulus hatte noch mehr Toleranz: 1Thess 5,19!), aber es hat sich in der konstantinischen Wende ausgezahlt.

[197] Viele Selbstempfehlungen der Kirchen heute könnte man in den Slogan zusammenfassen: „Kirche macht Spaß!“

[198] Man denke nur an das erstaunliche Engagement von Nicht-Kirchenmitgliedern in den neuen Bundesländern für den Erhalt von Kirchengebäuden, auch etwa an Schillers Lied von der Glocke oder an Parteien wie CDU oder CSU.

[199] Eine Mehrheit der Kirchen-Nichtmitglieder fühlt sich der Kirche verbunden. In öffentlichen ethischen Kontroversen erwartet man von „der Kirche“, dass sie, mit biblischer Begründung, sich für das einsetzt, was man für das Gute hält. Die Kirchen geben dieser Erwartung gern nach, auch wenn ihre Urteilsbegründung wackelig ausfällt. (Sie sollten wohl besser, anstatt zu urteilen, öffentlich vorbildlich diskutieren.)

[200] Siehe meinen Beitrag: Kirche, in: Theologie und Aufklärung. Festschrift für Gottfried Hornig zum 65. Geburtstag, hg. Wolfgang Erich Müller und Hartmut H. R. Schulz, Verlag Königshausen und Neumann, Würzburg 1992, Ss. 404-427 .

[201] Auch zu den Sakramenten gehören Wort und Glaube.

[202] Evangelikale Gemeinden gruppieren in Deutschland nur schätzungsweise 1.6 % der Bevölkerung. Gesichert aber ist die wachsende Zahl der (kleinen!) Gemeinden; und deren Mitgliederzahl wächst mit schätzungsweise 2.5% jährlich. (Auskunft von Volkhard Krech)

[203] Allerdings soll einmal ein Ghostwriter seinem Redner an einer Manuskript-Stelle an den Rand geschrieben haben: „Schwaches Argument, schreien!“

[204] Gemeinden sollten allerdings nicht zu groß bemessen sein!

[205] Kirchengebäude haben in der Regel ihren spezifischen Nutzwert, (in künstlerischen Ausnahmefällen auch touristischen) Liebhaberwert, aber keinen Marktwert. (Geeignete – hauptsächlich bescheiden dimensionierte – Objekte können, über die eigentliche Zweckbestimmung hinaus, als Kulturraum genutzt werden.)

[206] Für sie haben ihre Kirchen soziokultuellen Symbolwert, – für den sie gegebenenfalls auch zahlen muss.

[207] Umbauten für Umnutzungen sind ökonomisch suboptimale Kompromisslösungen.

[208] Finanziell honoriert oder nicht – alle Ehren, „Dienste“, Ministerien und „Ämter“ stehen in der Kirche unter dem ernüchternden Vorbehalt von Joh 5,44.

[209] Zum theologischen Verständnis gehört die Dynamik der Kirche, die – unberechenbar – weitere „Kreise“ schwingt. Da gehört auch ein Søren Kierkegaard dazu, der viel von der Kirche empfangen, als Einzelgänger verarbeitet und ihr gegeben hat!

[210] Allerdings ist die minimale selten die optimale Sozialdistanz! Dietrich Stollberg hat einmal dazu angeregt, Klatsch und Tratsch als wilde Seelsorge ernst zu nehmen.

[211] Oliver Janz, Bürger besonderer Art: evangelische Pfarrer in Preußen 1850-1914, Berlin 1994.

[212] Der einstige Hauptgottesdienst hat sich langsam in Richtung Winkelmesse entwickelt.

[213] Sie hierzu oben Kapitel IV. Katechetisches, A. Bibellesen.

[214] Hier ist auch kritische Freiheit gegenüber dem biblischen Text geboten. Nur so ist der Text als brüderlicher Beistand Gottes zu erfahren.

[215] Vielleicht könnten solche Gespräche gewinnen, wenn zwischen den einzelnen Beiträgen jeweils eine Minute Schweigen die Regel wäre.

[216] Was ich 1983 über Probleme der Gottesdienstvorbereitung schrieb (Zeitschrift für Theologie und Kirche 80, S. 486-497; wieder abgedruckt in: hg. Alfred Beutel u.a, Homiletisches Lesebuch. Texte zur heutigen Predigtlehre, Tübingen 1986, S. 341-350), ist m. E. immer noch bedenkenswert, aber kulturgeschichtlich überholt.

[217] Schmalkald. Art. III, IV.

[218] Dieser Begriff hat zwei Wurzeln; die Geschichte ist nicht ganz klar.
Πάροικος bezeichnete im Altertum den Beisassen ohne volles Bürgerrecht. Die Christen verstanden sich als Himmelsbürger in der Fremde, auf Erden als Ausländer. Der frühe christliche Sprachgebrauch bezog das Abstraktum παροικία auf sowohl die ganze Kirche wie die einzelnen Gemeinden und die einzelnen Christen. Bald aber verengte sich der Sinn auf die Einzelgemeinde, und die Urbedeutung verlor sich mir der Verbürgerlichung der Kirche. Daraus wurden lateinisch erst paroecia sodann (unter dem Einfluss von parochus?) parochia, endlich deutsch „Pfarre“ und hieraus „Pfarrer“ abgeleitet.
Πάροχος/parochus – abgeleitet von παρέχειν = zur Verfügung stellen, darreichen – hatte in Altertum und Mittelalter einen Lieferanten oder Gastwirt bezeichnet. (Ein griechischer Begriff πάροχος = Pfarrer ist nicht belegt!) Der späte lateinische parochus = Pfarrer (ein humanistisch-kreativer Graezismus im Anklang an paroecia?) wird deshalb als „Darreicher“ des Sakraments in einer „Parochie“ verstanden.

[219] Dieser Begriff hat sich eingebürgert als Gegensatz zum „Schmalspurtheologen“, worunter der Religionslehrer verstanden wurde, der neben der Theologie noch andere Fächer zu studieren und zu vertreten hat. Heute geht es um den Gegensatz zum theo­logischen Bachelor.

[220] Manchem, der Gemeindeleiter werden will und deshalb „Theologie studieren“ muss, ist das sehr bewusst.

[221] Früher hatten arme Dorfpfarrer einen bäuerlichen Pfarrhof zu halten.

[222] Im Rahmen des hier Vorgeschlagenen ist das auch kostenneutral möglich!

[223] Eine Gemeinde, der es daran zu fehlen scheint, muss sich beizeiten auf die in ihr brachliegenden Begabungen und Möglichkeiten besinnen!

[224] Die rituelle Hilflosigkeit der Kirchen gegenüber den distanziert Kirchenfreundlichen führte zu Gewissenskonflikten der Pfarrer und Unbehagen aller Betroffenen. Das hat den Beruf des Ritualberaters neben der Kirche entstehen lassen. (In der Schweiz gibt es dafür schon eine formelle dreijährige Ausbildung in einer Fachschule für Rituale, Sankt Gallen und Worb/BE.) Das Problem wäre aber auch innerkirchlich einwandfrei lösbar.

[225] Sie ist bei uns seit der Aufklärung (im Rationalismus auch theologisch anerkannt, Paul Graff, Geschichte der Auflösung der alten gottesdienstlichen Formen in der evangelischen Kirche Deutschlands, II, 1939, S. 224) wesentlich ein Fest des Familienglücks. Noch 2002 (Vierte EKD-Erhebung über Kirchenmitgliedschaft) ist sie für weit über die Hälfte der evangelischen Kirchenmitglieder „vor allem eine Familienfeier“ – ein Übergangsritus nicht für das Kind, sondern für die Eltern!

[226] Deshalb haben vornehmlich Theologen der Kindertaufe eine Kindersegnung vorgezogen. Man kann den Bedeutungswandel aber doch mit guten Gründen dankbar anerkennen. Die institutionell-ökumenische Wichtigkeit der Taufe ist nun allerdings vieldeutig!

[227] Diese Vorgabe scheint festzustehen. Darüber hinaus besagt der neue Titel nur, dass einer Geisteswissenschaften studiert hat.

[228] Sie ist eine praxisorientierte, spezifische Soziologie, von der für das Verständnis der Dynamik von Kirche allerlei zu lernen ist!

[229] Weil er m. E. in landeskirchlichem Milieu zu wenig bekannt ist, weise ich hier na­mentlich hin auf Christian A. Schwarz (Gründer eines weltweit arbeitenden, privaten Management-Beratungs­unternehmens für Kirchgemeinden, hauptsächlich im freikirchlichen Bereich) und empfehle seine empirisch-religionssoziologisch fundierten, ein­fachen Erfahrungsregeln erfolgreicher Gemeindearbeit zum Studium.

[230] Übergemeindliche kirchliche Bibliotheken müßten gepflegt werden.

[231] Fremdsprachen entfalten ihren eigentümlichen Bildungswert erst, wenn man den fremdsprachlichen Text (notfalls in einer zweisprachigen Ausgabe) gern abends mit ins Bett nimmt – eine andere Welt auf dem Weg in die Traumwelt. Die herkömmliche, auf Kosten anderer Bildungsgüter mit großen Kraft- und Zeitaufwand erworbene Kompetenz unserer Theologen in drei alten Sprachen aber geht zwar weit über das zur Benutzung von guten Kommentaren Nötige hinaus, hat jedoch schon seit Langem kaum noch eigenen Bildungswert und geht im Lauf der beruflichen Tätigkeit schnell wieder verloren. Man sollte die Kräfte realistisch konzentrieren!

[232] Diesem Anspruch entspricht ihre besondere Angewiesenheit auf die Überlieferung der bereits geleisteten Vorarbeit – namentlich „das Buch der Bücher“, die Bibel. Luther hat (in der Vorrede zum ersten Band der Wittenberger Ausgabe seiner deutschen Schriften, 1539, WA 50, 658ff.) unter den drei Stichworten oratio, meditatio, tentatio (1. Sammlung vor dem in Jesus offenbarten Gott, 2. biblische Textmeditation und 3. Verunsicherung) kurz entfaltet, was er für das Wesentliche im Theologiestudium hielt.

[233] Hans Georg Gadamer, der viel beachtete philosophische Grundlagenforscher, soll gelegentlich gesagt haben, er interessiere sich nur für Bücher, die mindestens zweitausend Jahre alt sind.

[234] Christian A. Schwarz berichtet, er habe in einer Erhebung bei weltweit eintausend Gemeinden negative Korrelationen zwischen dem akademischen Niveau der theologischen Pfarrer-Ausbildung und sowohl der Qualität wie dem Wachstum einer Gemeinde gefunden (Die natürliche Gemeindeentwicklung, 1996, S. 23).

[235] Sowohl die kirchliche Praxis wie die Ausbildungssituation in der Theologie sind im Fluss. Hierzu Wolfgang Nethöfel, Pfarrberuf zwischen Selbststeuerung und Orga­ni­sa­tion, in: Deutsches Pfarrerblatt 2005, Heft 10.

[236] Hier ist an Schleiermachers „Idee eines Kirchenfürsten“ (Kurze Darstellung des theologischen Studiums, § 9) zu erinnern.

[237] Marie Ebner-Eschenbach.

[238] Ich erinnere an Augustins Unterscheidung zwischen uti und frui.

[239] Heute redet man auch wieder von „Spiritualität“.

[240] So wurde ein provinzieller Augustiner-Observant zum Reformator.