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Thomas Bonhoeffer



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Inhaltsverzeichnis

Wirklichkeit 1

Leben 2

Erkenntnis 5

Vereinfachung 6

Symbolik 7

Existenzsymbolik 9

Religion 9

Gott 10

Schöpfung 12

Christentum 13

Gesellschaft 14

Gewalt, Herrschaft, Staat 16

Macht, Recht 17

Wirtschaft 18

Geld 18

Solidarität 20

Kultur 21

Individuum 23

Moral 24

Trauer 25

Alter 25

Gegenwart 26

Ausblick 27



Wirklichkeit

Wir heulen verlorener Einheit nach – aber wir dürfen uns auf neue, andere Einheit freuen.

Ein Ding/Objekt/Subjekt ist ein (mehr oder weniger) stabiles System von Funktionen, strukturierte Energie.

Alle Wahrscheinlichkeiten sind bedingt. Die Wirklichkeit ist beliebig unwahrscheinlich!

Alles passt mit allem nicht recht zusammen.

Trump, Hitler u. ä. sind typische Manifestationen des großen Chaos, in dem auch unsere kleinen Ordnungen sich ereignen.

Das Wirkliche ist beliebig unwahrscheinlich. Die Biosphäre, das Leben, die Menschheit, jeder Einzelne und alles, was er identifizieren kann, ist beschränkt stabil und unendlich gefährdet.
Jedes Ich ist besonders unwahrscheinlich, eine „Krone der Schöpfung“ und besonders gefährdet. Keine Vorsicht macht die im natürlichen Chaos natürliche Angst überflüssig.

Hitler sagte gegen Ende, die Deutschen seien seiner nicht wert gewesen. So sprachen die Christen nach der Zerstörung Jerusalems im Jahre 70 über die Juden – und schon die alten Propheten über Is­rael und Juda. Das waren alles Überlastungen eines Gerechtigkeitsglaubens.

Schon indem wir etwas wahrnehmen oder verstehen, verändern wir die Welt ein Bisschen. Ver­wandlung ist der Sinn alles Seins* und Bezugsrahmen unseres Planens.
* Hier ist an Heraklit zu erinnern.

Das sog. Diesseits ist der Ausschnitt aus der Wirklichkeit, auf den sich der Homo sapiens zufällig versteht; wo wir also darauf vertrauen können, dass nicht nur A º A gilt, sondern auch A=A.

Alles Vergängliche unterliegt Verwandlungen; und diese sind fast nie „eins zu eins“: Einiges teilt sich; einiges verbindet sich, einiges bildet sich ab; alles hinterlässt Spuren, die sich weiter verwandeln. Ein Tod ist immer nur eine weitere Verwandlung.

Das Diesseits“ ist je unscharf (individuell oder kollektiv subjektiv) definiert als objektiv.
„Das Jenseits“ ist bedenkenswert, aber indiskutabel. Es ist größer, höherdimensionaler als das Diesseits. Die Grenze ist fraktal.

Gutsein“ meint: stabilisieren.

Information kann Dinge diese umfunktionieren.

Materie hat immer auch schon Form, für den schöpferischen Blick: Vor-form, ungefähr die End-form.

Wie die Meere zwischen Erde und Mond, wie die Fische eingelassen im Wasser, so sind wir in unsere Umwelt eingelassen.
Unser Herzschlag ist von uns selbst und unserer Umwelt bestimmt. Und so ist Vieles, was wir selbstverständlich tun. Wir können uns manchmal fühlen, als ob ein Engel* uns führte. Paulus sprach so vom Heiligen Geist.
* Der Soziologe Peter Berger schrieb ein Buch (über das neue Interesse an der Transzendenz) unter dem Titel A Rumor of Angels (1969). „Engel“ sind wörtlich: „Boten“, – erinnernd an die Wechselwirkungsteilchen in der Quantenphysik. (Diese werden auch „Botenteilchen“ genannt und sind, als „virtuell“, nicht direkt beobachtbar.)

Symbolik organisiert unsere Wirklichkeit.

„Gibt es Gott?“ –: Gibt es Heinrich Faust? Ja – manchmal sogar wirklicher, als was es sonst noch gibt! Mehr können wir nicht bezeugen.

Leben

Lebendiges Interesse ist Hoffnung und Angst.

Leben ist Probieren, Erfahrungen machen und sammeln (subjektiv ordnen), Zufall manipulie­ren.

Leben vermehrt sich, die Ressourcen werden knapp, Ungleichverteilung der Lebensbedingungen ist nur begrenzt konsenfähig, Evolution ist struggle.

Leben kämpft gegen Leben fürs Leben. Elterliche Liebe ist opferbereit. Zum Generationenwechsel gehört unser Tod. Den Sinn des Lebens erleben wir als transzendent.

Leben kämpft gegen Leben fürs Leben. Elterliche Liebe ist opferbereit. Zum Generationenwechsel gehört unser Tod. Den Sinn des Lebens erleben wir als transzendent.

Leben vermehrt sich, die Ressourcen werden knapp, Ungleichverteilung der Lebensbedingungen ist nur begrenzt konsenfähig, Evolution ist struggle.

Leben ist Probieren, „Erfahrungen machen“ und sammeln (subjektiv ordnen), Zufall manipulie­ren.

Lebendiges Interesse ist Hoffnung und Angst.

Leben will weiterleben. Die Menschen wollen die Welt, einander und sich selbst verstehen, um weiter dazusein, mit zu erleben.

Das Leben ist ein laufender Versuch; die meisten wollen, an ihrem Teil, ihn noch ein Stückchen fortsetzen.
In all unserem Erleben steckt Hoffnung. In das positive Pauschalurteil kann man nicht einstimmen; aber das negative will man nicht anerkennen.

Man stirbt und wird vergessen. Aber man hinterlässt Spuren, die – unvorhersehbar – weitere Spuren hinterlassen.Leben: „Der Tod ist der Sünde Sold“ (Röm 6, 23); unser Tod ist das richtige Ende des mörderischen Le­bens.

Lebewesen beschenken und berauben einander.

„Ich“ will – natürlich, also: soll ­? – weiterleben. Das gehört zu der, meiner unverstandenen „Energie/Masse“ verliehenen Information.

Die Darwin‘sche fitness setzt Konstanz der „durchschnittlich zu erwartenden Umwelt“ (Heinz Hartmann) voraus. Eine solche trägt, mitten im Chaos, doch lokale Wahrscheinlichkeiten.

Handicaps sind normal.

Leben arbeitet und spielt. Der Mensch hat durch ökonomisch organisierte Arbeit seinen Wohl­stand und seine Macht, bis zur heutigen Selbstbedrohung der Spezies, erweitert.

Leben wächst, in seinen verschiedenen Komponenten, in positiver und negativer Richtung, expo­nentiell – bis zur nächsten Katastrophe.
Im Frieden wird Potential aufgebaut; individuelle und (partiell oder globale) kollektive Selbstbe­herrschung verhüten Katastrophen. Im Krieg betreibt die betr. Spezies Selbstverstümmelung.

Der körperliche Absturz in den Zerfall erlöst den Einzelnen von Schmerzen und Ängsten und ist ein Teil des wunderbaren Weltgeschehens der Verwandlung, – auf die auch das Evangelium von der Auferstehung des gekreuzigten Jesus verweist.

Amseln verjagen einander von den gewohnten Futterplätzen weg, hinaus in die große Gefahr des Hungers – mit kleinen Chancen auf großen Gewinn durch Neuentdeckungen und Ausbreitung der Spezies.

Servosysteme können sich verselbständigen und weiterentwickeln.

Materie ist träge; man lebt aus Trägheit weiter! Leben sucht, unter dem milden Zufall immer neuer Bedingungen, sich schöpferisch ungefähr zu wiederholen.

Variatio delectat, sagt man, frei nach Cicero.
Leben will spielen. Das Ziel ist Spiel, in Wahrheit wohl Maya, irre.
„Der Weg ist das Ziel“, soll Konfuzius gelehrt haben. Besser: „Ziel ist das Weitergehen.“

Leben ist ernstes Spiel. Leben „will“ nicht unbedingt, aber wünscht weiterzuspielen.

Stück für Stück verlieren wir alles. Man muss lernen, ein good looser zu werden, das heißt: lernen, dass das Leben, bei allem Ernst, nur als ein Spiel zu „verstehen“ ist. (Über diese Einsicht von Manfred Eigen habe ich mich früher geärgert.)

Leben ist Suchen.

Die Evolution des Lebens setzt sich fort auch in der menschlichen Symbolik und in der Evolution der menschlichen Artefakte. Diese haben sich von Servosystemen über Symbiose weiterentwickelt zu gefährliche Schmarotzern. Die augenblickliche Situation des Homo sapiens ist wesentlich geprägt (und gefährdet) von Technik und Geld.

Leben setzt komplizierte und deshalb eher unwahrscheinliche, stabile Strukturen voraus, die Information tragen und übertragen können.
Leben ist Kultur – langsam und mühsam entwickelt, aber schnell und leicht zerstört.

Leben ist Fressen und Gefressenwerden; komplette Lebenslust wäre demnach auch sadomasochistisch.

Alles hat Nebenwirkungen und unvorhergesehene Rückwirkungen; Erfahrung ist unverzichtbar. Die beschleunigte Abfolge und Ausbreitung von

Innovationen gefährdet den Fortschritt.

Leben sucht.

Welche sozialen Selbstverständlichkeiten sich wahrscheinlich durchsetzen, die fitness fürs survival, hängt von den Zufällen der Umwelt ab.
Streuung verschiedener Stile (mores) ist zwar lokal Schwächung, aber global oft Sicherung!

Die Sterblichkeit ist unsere gemeinsame Basis der Einfühlung, die offene Tür zum vielfältigen Reichtum der Welt.

Leben ist ein Kampf der Vereinfachungen.

Leben will weiterleben. Es ist error prone replication (Manfred Eigen). Sein Element ist das Un­gefähr.

Leben ist Verwandlung und Sterben ist Verwandlung. Man wird im Grunde ungefähr so sterben, wie man gelebt hat. Mit der Lebenskunst lernt man auch die ars moriendi.

Die überwältigende Menge und Vielfalt von Lebewesen (insbesondere Unseresgleichen) macht uns, inmitten der Menge, nach dem Sinn des Lebens fragen. Jeder lebt und stirbt; jeder hat etwas im Sinn. Aber für „den“ Sinn „des“ Lebens ist unser Kopf zu klein. Da kann es nur um gröbste Ver­einfachungen gehen.

Vorauseilende individuelle Anpassung an die Lebensbedingungen ist gefährlich für die (lang aus­getestete) kollektive Anpassung der Spezies. Das betrifft vor allem die Menschheit.

Eigenes Wachstum ist jugendlich und bedeutet Freude. Man wirkt und wächst und vermehrt sich gern*.
Leben ist Wagnis, stolz, verschwenderisch.
* Dieses Wort hängt übrigens mit „begehren“ zusammen.

Jede Gestalt (und man selbst) zerfällt in Trümmer und Fetzen – neues Material für kreativen Zu­griff, Chance für neues Leben.

Lebendige Identität ist konkret Metabolismus: Aussondern und Assimilieren.

Das Leben pulsiert zwischen Schönheit und Hässlichkeit.

Das erwünschte „Weiterleben in den Kindern“ ist Tradition von Information.

Leben ist immer auch schon Sterben; deshalb ist Lebenskunst von Anfang an eine ars moriendi.

Leben ist träge, möchte weiterleben. Auch schon Weiterleben ist Verwandeltwerden.

Ein Lebewesen ist ein spannungsvolles Aggregat von verschieden stabilen Subsystemen.

Qual drängt, auch gegen das Interesse am Leben, auf schnellen Umsturz.

Leben ist multistabil dank seiner mild chaotischen Mechanik von Zellteilung, Wachstum und Tod, in der Katastrophen als konstitutive Bestandteile eingebaut sind.

Jeder Tod ist ein etwas anderes Problem: der eigene, der eines Mitmenschen, Untergang einer Zu­gehörigkeitsgruppe, der Menschheit, der Biosphäre.
Immer ist es betrüblicher Zerfall einer empathisch wahrgenommenen, organischen Einheit.
Im Licht der Bibel – und auch im Lichte der modernen Naturwissenschaft – wäre zu sagen: Jeder Tod ist eine Verwandlung; und in diesem Sinne geht es bei jedem Tod um Glauben im Sinne von Zuversicht. (Wir wissen und verstehen allerlei; aber wieviel wir nicht wissen und nicht verstehen, das wissen wir nicht.)
Leben ist passiv und aktiv. Jede Aktivität bewirkt etwas, hinterlässt Spuren und ist in diesem Sinn eine Abbildung des Subjekts. Normalerweise pflanzt Leben sich fort; und lebenslang handeln und reden wir und hinterlassen Eindrücke – die sich dann bekanntlich selbständig weiterentwickeln und verwandeln.
Das ist das „ewige Leben“.

Wir leben in einer ständigen Verwandlung: Spaltungen und Vereinigungen.

Lebewesen, die individuell nicht lernen, sind an langsam veränderliche Umwelt angepasst. Die Lern-Unfähigkeit des Einzelnen hilft der Spezies über befristete Störungen der normalen Umwelt hinweg. Die Dummheit des Einzelnen ist da die Weisheit der Spezies.
Individuelle Lernfähigkeit erhöht die Chancen für die Spezies in einer schneller veränderlichen Um­welt.


Erkenntnis

Wir leben in Vermutungen.

Jeder rundet das Vielerlei, das er versteht, zu einem subjektiven, aber möglichst konsensfähigen Weltbild ab.
Die Wissenschaft arbeitet sich voran in dem, was man nicht versteht; aber da ist kein Ende in Sicht.

Optimierung führt oft unversehens in eine Katastrophe.

„Tatsächliche“ Ereignisse sind nie sicher; sie haben nur bedingte Wahrscheinlichkeit.
Auch schon die klassische Ontologie und Wissenschaft fußt auf Beobachtungsereignissen, und ihre Unbedingtheiten blieben Postulate des gesunden Menschenverstandes.

Der erste Schritt der Besinnung ist Assoziieren.

Information kann Sinn machen. Wir werden heute mit Information überschwemmt. Es kommt darauf an, ob und wie einer sie bei sich einarbeiten kann.Sch: Der Schöpfer nimmt Teil an Schuld und Strafe dieser Welt.
Ein Ja zur Schöpfung nimmt Teil an deren Schuld.

Etwas/Jemanden verstehen ist: Sich ungefähr identifizieren können. Das liegt jeder Kommunikation und Information zu Grunde.

„Die Wahrheit“ ist die fluktuierende Grenze unserer Erkenntis zum Irrsinn.

„Chaos“ ist, wie „Gott“, ein Wort, mit dem wir täuschend andeuten, was wir enttäuschenderweise bekanntlich nicht verstehen.

Der ideale Lehrer antwortet und gibt Teil an seinen offenen Fragen. Er eröffnet Zukunft, nicht Karriere.

Die Zusammenhänge in den Gehirnen sind, zur Orientierung für das Weiterleben, den Zusammenhängen in der äußeren Realität möglichst aussichtsreich nachgebildet.

Unsere Sicherheiten und Wahrscheinlichkeiten sind unüberblickbar vielfach bedingt.

Wie die klassische Physik, werden die Religionen relativiert. Man muss sich mit einzelnen Ereignissen in ihren bedingten Wahrscheinlichkeiten begnügen.

Wahrscheinlichkeit und Ereignis sind geeignet, philosophische Grundbegriffe zu werden.

Quantenphysik ist Erkenntnistheorie, Ontologie, Philosophie. Es geht um Objektivierung und Subjektivierung, Verwobenheit und Abgrenzung von Einheiten.

Die Menschheit siegt über die Umwelt – bis zum bitteren End-Sieg.

Wir leben unergründlich bedingt. Ratlos, sollen wir irrend suchen, bescheiden skeptisch, nicht Ewiges denken wollen, sondern kreatürlich, menschlich, nur relativ prinzipiell denken. Das verlangt reife Spannkraft, ist Weisheit, Frömmigkeit, Gott suchen.

Autonomie betrifft normalerweise zunächst den eigenen Körper. Vor hier aus organisiert das menschliche Subjekt mit unbewusster Selbstverständlichkeit sein Weltbild.

Man muss vom Ganzen ins Einzelne gehen, dann aber das Ganze noch einmal neu in den Blick fassen; sonst sieht man den Wald vor Bäumen nicht. (Deshalb wird Übersetzern geraten, zwischen Rohübersetzung und Endfassung mindestens zwei Tage Pause einzulegen!)

Jeder weiß, dass unser Bescheidwissen beschränkt ist; aber wir glauben doch ziemlich sicher daran.

Ohne Prädikat ist ein Subjekt eine abstrakte Vorstellung.

Wir verstehen die Natur als eine Menge von als (allerdings beschränkt) stabil verstehbaren Subsystemen.

Je mehr man versteht, desto ratloser wir man.

Weisheit erwächst aus Solidarität. Weisheitslehre ist wesentlich Gemeingut.

Der Begriff der Dimension hat seine befriedigende Eindeutigkeit in der Geometrie. Er hat sich aber zu einem allgemeinen analytischen Begriff erweitert. (Man redet von Temperatur als Dimen­sion und von Problemdimensionen.) So abstrakt aber, drängt er auf Bestimmung des jeweiligen kon­kreten Zusammenhangs.

Die sog. Normalverteilung ist die erste Ableitung des Gauss’schen Fehlerintegrals. Wesentlich für eine „Fehler“-kurve ist ein – reales oder vermutetes – Ziel.
Die Schönheit dieser Entdeckung war und ist bis heute bestechend; besonders die Ökonomie postu­liert, auch ohne Realgrund, ein Ziel.

Im Großen, im Kleinen, im Gemischten und in jeder Richtung ist unser Verstehen beschränkt.

Ich irre durch die Welt mit jeweils einem praktisch sinnvollen Weltbild. Aber zwischen diese Ori­entierungen tut sich plötzlich ein Abgrund auf: die Ewigkeit als Augenblick.

Raum und Zeit als unendliche Dimensionen, continua, sind Postulate eines selbstbewussten Ratio­nalismus.
An den Grenzen des menschlichen Bescheidwissens zerfällt das Kontinuum zu einer Ereignis­menge.

Die Imagination ist der subjektive Aspekt der menschlichen Wirklichkeit. Das Imaginäre ist ein sog. Vorverständnis; unsere Symbolik ist unser Verständnis, und Wissen ist ein partielles Vorver­ständnis (Lacan schlug es dem Imaginären zu).

Die letzte Wahrheit der Symbolik ist ihre (nur andeutungsweise bekannte) Unwahrheit.

Vereinfachung

Ordnung vereinfacht. Sie ist nur eine Zeit lang schön; dann wird sie langweilig.

Man versteht seine nähere Umgebung ungefähr und vereinfacht sich die weitere Umgebung.

Normalität ist die breiteste, aber oberflächlichste Verständnisbasis.
Mit der Häufigkeit wird Normalität normativ; Hass des konkreten Individuums auf die normativ werdende Masse wird allgemein.
Unnormale haben für wenigere Menschen Verständnis, aber tieferes.

Eine Ordnung (κόσμος) ist nur eine Zeit lang schön; dann wird sie langweilig.

Ordnung ist Identität.

Als Einheiten verstehen wir jeweils (mehr oder weniger) stabile Zusammenhänge.

„Substanz“ ist die vereinfachende Bezeichnung für ein Relationengebilde.

Hierarchie vereinfacht.

Vereinfachungen sammeln Kräfte und sind lebensnotwendig, – aber auch verführerisch.
Symbolik vereinfacht. Kultur ist Symbolik. Historische Bildung ist (wie schon die Geschichte selbst!) traditionskritisch und schützt vor naivem Symbolgebrauch.

In Krisen vereinfachen sich die Optionen. Zu den Krisenoptionen zählen Gewalt – und Selbstbeherrschung bis hin zum Denkverbot (und darauf kann man sogar stolz sein).
Der Mensch vor Gott ist in einer kritischen Situation; so spielen Denkverbote gerade in den höheren Religionen ein große Rolle.

Schon der Titel des letztes Buches von Manfred Eigen, From Strange Simplicity to Familiar Complexity, ist erhellend.
Diese exakt-wissenschaftliche Reihenfolge ist die Umkehrung der genetisch-epistemologischen nach Piaget: Vom Symbol zum Zeichen.

Das Element des Lebens ist das Ungefähr. Der Bibliotherapeut Markus Brüggenolte bemerkte: „Das Ähnliche ist manchmal besser als das Gleiche.“

Klare, große Perspektiven sind Vereinfachungen, die Koordinationen ermöglichen.

Inwiefern ist das Morgen von gestern gleich dem Gestern von morgen und gleich dem Heute?

Der wahre Meister/Guru ist kein Pedant. Er gibt persönlich dem Schüler Raum für dessen Unge­fähr.

„Ungefähr“ bezeichnet heute quantitative Ungenauigkeit. Das kommt aus der (früher im Rechts­verkehr an Zahl- und Maßangaben angefügten) Kautel, möglicherweise auftretende Ungenauigkei­ten seien unwillentlich, „ohne betrügerische Absicht“ erfolgt; damit wurde „Gefahr“* im alten Sin­ne von böser Absicht (ahd. fāra ‘Hinterhalt, Versuchung, Nachstellung, Aufstand, Hinterlist’) ver­neint.
Ich benutze das Wort auch für qualitative Ungenauigkeit.
* „Gefahr“ hat, in der etymologischen Fachliteratur, nichts mit „Fahren“ zu tun! (Es gibt da nur zwei gleichlautende indogermanische Wurzeln „per“ mit je eigener Bedeutungsgeschichte. Man könnte einen archaisch xenophoben gemeinsamen Bedeutungskern für Reisen und Hinterhalt ver­muten.)

Zweckdienliche Vereinfachungen werden nachgeahmt (kopiert).

Symbolik

Eine Symbolik ist Glaubenssache; ohne Glauben ist sie nur ein Zeichensystem.
Sie entwickelt sich, kann sich gegenüber dem Glauben verselbständigen und also den sozialen Bo­den verlieren. Dann herrscht Misstrauen; die Sprachgemeinschaft zerfällt*, und die (immer vom Überbau abhängige) Gesellschaft erleidet Zusammenbrüche.
Als rares Glaubensereignis von Menschlichkeit bleibt „das Wort“**.
* Hölderlin: „Ein Zeichen sind wir, deutungslos. Schmerzlos sind wir, und haben fast die Sprache in der Fremde verloren.“
** Im prägnanten Sinn, wie in der Formel „Ein Mann ein Wort“. So sprach auch Luther vom Wort und „Wort Gottes“; Gerhard Ebeling, der Lutheraner, hat über das „Wortgeschehen“ nachgedacht. (So etwas hatte wohl auch Jean-François Lyotard, der Denker der Postmoderne, mit seinen „kleinen Erzählungen“ im Auge.)

Symbolik trägt soziale Koordination. Symbole werden in einem chaotischen Prozess unversehens aufgeladen und auch wieder bedeutungslos.

Die kognitive Information wird nicht in Lunge und Stimmbändern kodiert, sondern im Mund: von Zunge und Lippen. Deshalb muss man zu Schwerhörigen nicht laut reden, aber viel deutlicher als gewöhnlich.

Menschlichkeit ist symbolisch organisiert.

Jede Tat ist auch ein Symbol. Als factum brutum hat sie Folgen, als Symbol hat sie Sinn. Die Fol­gen einer Tat mögen belanglos sein. Sie sind für deren Sinn wichtig; aber nicht entscheidend.

Alles Richtige ist auch ein Bisschen falsch, und alles Falsche ist auch ein Bisschen richtig.

Durch Anwendung wächst eine Symbolik zusammen mit anderen, neuen Zusammenhängen und sie führt zu neuen Unterscheidungen.
Die heutige Menschheit ist mir der Anwendung ererbter Symbolik auf die aktuellen Probleme über­fordert. Und die verleugnete Ratlosigkeit wird mörderisch.

Es gibt immer weniger tragfähige gemeinsame Selbstverständlichkeiten. Die „postmoderne“* Kommunikationssituation hat auf die Metaphorik all unseres Redens und Denkens aufmerksam gemacht und, statt Mythos und Dichtung, als Grundstruktur das Narrativ thematisiert.
* Der Begriff tauchte schon 1870 auf! Er wurde 1979 durch J.-F. Lyotard zu einem verbreiteten Diskussionsthema.

Integration der Immigranten zieht die Umgangssprache zunächst auf Pidgin-Niveau herab. Man fällt zurück auf nichtsprachliche Symbolik.

Sprache stabilisiert objektivierend Identifikationen, Gemeinschaft und Kooperation.

Kommunikation von Information setzt gemeinsame Selbstverständlichkeiten voraus, in deren Zusammenhang die Zeichen dieselbe Bedeutung haben.
Die Vermehrung der institutionalisierten Zeichen übersteigt zunehmend die Kapazität jedes Individuums; die Verständigungsbasis wird immer löcheriger. Für die erforderliche Präzision entstehen massenha.)ft Subkulturen; die gemeinsame Basis schrumpft auf primitivstes Niveau.

Natürliche Sprache übermittelt Vorstellungen mit Gebrauchsanweisung.

Symbole vereinfachen. Zu viele Vereinfachungen sind ein Chaos.

Symbolik sammelt aus Zufällen Ähnlichkeiten, erleichtert dadurch die Anpassung und verbessert Lebenschancen.

Unsere Sprache zerfleddert subkulturell. Das verbleibende, undifferenziert allgemeinmenschliche Ungefähr ist ein zu schwaches Fundament für die lebensnotwendige Kooperation.

Der tierische Schrei wird zum menschlichen Ruf(namen).
1.Mose 2, 19f.: Der Schöpfer lässt den Menschen die Sprache erfinden.

Symbolgemeinschaft ist auch Solidargemeinschaft. Symbolik ist das menschliche Koordinations­medium, und das ist mehr als ein Zeichensystem.

Das Ungefähr setzt der Stabilität der Symbolik Grenzen.
Sowohl allerlei borniertes Fachwissen wie persönliches, interessegebundenes Gefühlsurteil haben zwar etwas (unbekannt bedingt) Wahres zu melden. Aber man versteht einander nur ungefähr; und wer sich ein Urteil bilden will, ist von der Gesamtproblematik überfordert.
Zum Entscheiden braucht man Vereinfachungen. Man muss lebenslang hier und jetzt entscheiden; man kann aber große Fragen nicht allein entscheiden. Man hört die zufällig Nächsten; und man hört, aus unklaren Gründen, mehr auf diesen als auf jenen, und man bestärkt sich und andere; Sym­bolgemeinschaften bilden sich, und endlich kann man mit bestem Gewissen für dieses und gegen je­nes kämpfen.


Existenzsymbolik

Wir sollen, auch ohne zu verstehen, Gott und Welt, Einheit und Vielheit, Unendlichkeit im Endlichen miterleben.

Inmitten der komplizierten Gesellschaft kondensieren pessimistische und optimistische Vereinfachungen, breiten sich aus, werden angepasst, mit der Zeit realistischer, komplizierter – und eingeebnet.

Der philosophische Wertbegriff ist eine Metapher und beruht auf dem ökonomischen Begriff. Für diesen ist Geld, gerade in seiner überwältigend multiplen Bedingtheit, das beste Beispiel. Nach Max Scheler ist Wert Gefühlssache. Schelers analytische Systematisierungsversuche waren gerade durch ihr Scheitern wegweisend. Wie bei dem alten Platonischen Begriff des Guten, ist seine Konkretisierung immer instabil, ein Balance-Akt. Instabile Zusammenhänge zwischen kollektiven und individuellen Vorteilen gehören zur Chaotik des Lebens.

Wort“ im prägnanten Sinn ist persönlich verantwortete Symbolik, Gewissenssache.

Nach dem grand récit der Moderne ist die Basis des „postmodernen Wissens“ im Sinne Lyotards das, was Ebeling „Wort“ nannte.

Ernst steigert die Chaotik: mehr Ordnung und mehr Katastrophen; Spiel mildert sie.

In verschiedensten Dimensionen leben wir chaotisch nach zwei Prinzipien:
subjektiv/objektiv, phantastisch/realistisch, autonom/angepasst, glaubend/wissend, übernatürlich/natürlich, schöpferisch/kreatürlich, aktiv/passiv, spontan/logisch, chaotisierend/ordnend, werdend/vergehend, holistisch/partiell, unbewusst/bewusst, sinnhaft/funktional, etc.

Du, Ratlosigkeit, Weisheit, Schöpfung und Solidarität gehören zusammen.Ähnlichkeiten und Komplementaritäten, Muster erkennen und wiedererkennen beglückt. Harmo­nie, Schönheit, Wahrheit (vs. Kitsch) sind Gemeinsamkeit, sind Andeutung, Skizze von unvergesse­ner, verlorener, vermisster Einheit, belebende, verheißungsvolle Lichtblicke.

Religion

Leben ist konservativ; Religion ist traditionelle Existenzsymbolik. Religiöse Lehre ist eine institutionalisierte Symbolik, ein stabiler, stabilisierender Ausschnitt aus einer bewegten Kulturtradition.

Macht und Herrschaft ergeben sich aus dem allgemeinen Interesse an irgendeiner Koordination, ge­meinsamen Vereinfachung, also Halbwahrheiten (die durch Psalterspiel und Geplärr* doch nicht ganz wahr werden). Kult verleugnet die Ratlosigkeit.
* Amos 5, 23 in der Lutherbibel.

Zu der Landnahme Israels, von der die Bibel erzählt, gehören Genozid-Befehle Jahwes.

Die Dinge, an die wir uns im Chaos halten können, sind selbst prekär. Menschen sind gesellige Tiere; sie brauchen Du-Ereignisse, α͗γάπη, Solidaritätserlebnisse. Das ist unsere natürliche Religion, die Wurzel alles Verstehens.

Heilige Schriften von Religionsgemeinschaften sind Stücke von deren Geschichte, die zu Identitätssymbolen geworden sind. Sie haben eigene Symbolkraft, – die aber durch Unterstützung institutioneller Gewalt sterilisiert wird.Gott will uns mit seinem Geist teilhaben lassen am Gottsein. So versteht ihn das Neue Testament. Der Heilige Geist im biblischen Sinne ist Gott selbst.

Der „Islamische Staat“ zieht, mit der mordlustigen Einstellung: „Die Welt mag uns nicht, und wir mögen die Welt nicht. Gott aber ist mit uns*“, unterprivilegierte Jugendliche verschiedenster nationaler und religiöser Herkunft an.
* „Gott mit uns“ stand auch noch auf den Koppelschlössern der deutschen Wehrmacht.

Die Bibel ist patchwork – nicht Lehre, sondern Wort!

Wo die Klassik von Hybris redete, spricht man heute von Narzissmus.

Die Globalgesellschaft setzt opferbereiten Glauben an die Menschlichkeit voraus – und diese Voraussetzung schwindet heute dahin.

Die Buchreligionen sollten weder sich selbst noch einander festlegen auf den Literalsinn ihrer alten Texte! Der Lebenssinn eines Wortes it unlösbar verbunden mit der jeweiligen kulturgeschichtlichen Situation – heute wie damals.

Rudolf Steiner war Visionär.
Er überzeugt heute hauptsächlich durch die von ihm angeregten sozialen Aktivitäten. Sein Konzept der „sozialen Dreigliederung“ erweist ihn als einen Meister der vereinfachenden Gestaltung im Un­gefähr der menschlichen Symbolik. Er konnte aber noch verdinglichen, was man heute nur noch als bedingt gute Approximation gelten lassen kann.
Seine redundante und schwammige Sprache war das Medium dieser Kreativität.

Gott

Gott will uns mit seinem Geist teilhaben lassen am Gottsein. So versteht ihn das Neue Testament. Der Heilige Geist im biblischen Sinne ist Gott selbst.

Als Christen sollen wir uns öffentlich zum Gottesmord bekennen; wir sollten, statt über Gott, nur über den Glauben reden; nur spontan (als Interjektion*) oder liturgisch öffentlich zu Gott sprechen.
* Dies wird allerdings vielfach als Missbrauch des Gottesnamens verurteilt. Interjektionen aber sind spontane, natürlicherweise „gedankenlose“ Ausrufe in der Ratlosigkeit und Anrufe, schneller als Gedanken!

Ein „Gott ist“ jeweils ein Phantasieprodukt, Produkt der menschlichen Bezogenheit, eine ungefähre Vorstellung. Diese Vorstellung kann sich ereignen, aber sie ist nicht dingfest zu machen. Dies wäre, an Stelle der klassischen theologis naturalis, heutige „natürliche Theologie“. Die klassische Substanz-Ontologie bedachte die Symbolik, die unserer Intelligenz (und Sprache) zugrunde liegt. Heute ist nicht mehr Substanz, sondern Relation der Zentralbegriff – einst als das minimum ens philosophisch marginalisiert. (Das heutige minimum ens ist das Planck‘sche Wirkungsquantum.)

Dietrich Bonhoeffers Schwester, Christel von Dohnanyi, sagte zu meiner Mutter: „Man kann nicht überall den lieben Gott spielen!“
Falsch! Den lieben Gott spielen ist das einzige, was man kann! (Allerdings nicht im Sinne der Allmachtsphantasien, die durch das Leben Jesu exemplarisch widerlegt sind.)
Goethe: „Alles Vergängliche ist nur ein Gleichnis“ (Schluss von Faust II).
Manfred Eigen hat mit Ruth Winkler ein Buch über das Leben geschrieben unter dem Titel: Das Spiel, 1975.

Der Schreckensruf „Ach Du lieber Gott!“ ist eigentlich Beschwörung, meist aber nur Zitat einer Beschwörung als Schrecksignal.

Diesseits unseres Verständnishorizonts ist Gott weder gut noch gerecht noch allmächtig.
Unser Diesseits ist aber ein Teil des Jenseits.

Gott lässt Ungnade und Gnade vor Recht ergehen; er erhebt unseren Geist, über Recht und Gerechtigkeit hinaus, zur Kreativität und gebietet uns Gerechtigkeit.

Gott zustimmen kann nur Gott der Heilige Geist.
Wir aber müssen unsere Beschränktheit anerkennen und können nur Gott um den Heiligen Geist bitten.

In der höllischen Qual Gott Recht geben (eine Idee Luthers*) könnte der Mensch nur kraft des Heiligen Geistes.
* „... so würde die Hölle mir zum Himmel.“ Ich weiß leider nicht mehr, wo das dokumentiert ist.

Naherwartung des Endes strukturierte die Zielstrebigkeit Jesu und des Paulus. Das Ende blieb aus und machte wieder Platz für diesseitige Dauerhaftigkeits-Phanasien.
Wir haben je selbstverständliche Nahziele und (zunehmend unsichere) Fernziele. Wir müssen uns verlassen auf Vergängliches – auf den offenbaren, wirklichen, nach Joh 1, 1-14: „fleischgeworde­nen“, Gott.
Wir haben das gottgewollte Ende aller vermeintlich so sicheren Identität erwarten.
In der Ratlosigkeit sollen wir Gottes Solidarität (ja: „Liebe“) erfahren.

Erinnerung an prägnante Erlebnisse hat sich immer wieder als Orientierung im Leben (Gotteserlebnisse als Zentrum ei­ner Kultur) sehr dauerhaft institutionalisiert.

Das natürliche Urvertrauen verdinglicht sich in Gottesvorstellungen. Diese Verdinglichungen werden sozial verstärkt und erstarren gesetzlich*.
Symbolik ist eine stabilisierende Vermittlungsschicht zwischen Subjekt und Objekt.
Das alte Israel sammelte Erfahrung mit (geographisch begründeter) generalisierter Unsicherheit und entwickelte einen generalisierten (monotheistischen) Gottesbegriff. Mit dem Christentum breitete dieser sich im römischen Reich aus (das unter ständiger Unsicherheit gebildet und zusammengehal­ten wurde).
* Das zeigt sich heute am aufdringlichsten im Islam.

Ps 104, 26 kann zwei Bedeutungen haben: „Im Meer spielt Gott mit dem Leviathan“ (im gleichen Sinne wie Hiob 40,29) oder: „Gott hat den Leviathan geschaffen, um im Meer zu spielen“. Da der Leviathan der alte Chaos-Drache ist, sind diese Phantasien in den (institutionell bedenklich vereinfachten) biblischen Religionen ähnlich abseitig. Gott spielt mit der Kreatur; sie soll mit ihm spielen. Lebendiger Glaube spielt mit Gott. In allem Schmerz ereignet sich Gott als das ganz Andere, als frohes Spiel!

Gott hat uns Mutter und Vater als seine ersten Vertreter eingesetzt. Sie entsprechen unserem archetypischen Suchbild: environment mother (Winnicott) und Vater; die parentale doppelte Repräsentation verhütet Verwechslung des Repräsentanten mit dem Suchbild. Wir suchen Gott; unser Leben ist ein Suchweg auf Gottes Spur. Die religiöse Sprache markiert diesen Suchweg.

In der Solidarität* nimmst du Gott, den Schöpfer, wahr.
* Schiller, An die Freude: „Seid umschlungen, Millionen! Diesen Kuss der ganzen Welt! Brüder – über‘m Sternenzelt muss ein lieber Vater wohnen.“ (Schiller spricht nicht, wie etwas später Pierre Henri Leroux, von Solidarität, sondern von „Sympathie“ und bleibt damit näher an der traditionell christlichen Rede vom Heiligen Geist und der Liebe.)

Schreck suspendiert die subjektive Ordnung. Der Schreckensruf „O Gott“ ist ein Hilferuf, ein Schritt zu neuer subjektiver Einordnung.
Zur überlieferten Symbolik des flehenden Hilferufs gehört Gott, der Herr der Welt. Herrschaft ist Ordnung.

Der Name Gottes, unseres eigentlichen Du, unseres summum ens, ist ein Pro-nomen!
Die Grammatik redet von Pronomina; die Nomina selbst stehen für die Dinge, die Wunder, die Vielfalt der Geschöpfe, die für Gott, unser archetypisches Du, stehen.
Auf diesen „Boden“ der „Tatsachen“ fallen wir immer wieder zurück.

Im Notenbüchlein der Anna Magdalena Bach findet sich (in dem Gebets-Lied von Benjamin Schmolck, Schaffs mit mir Gott nach Deinem Willen) die denkwürdige Zeile: „Du wirst mein Wünschen so erfüllen, wie‘s Deiner Weisheit wohlgefällt.“

Frieden mit Gott in dieser Welt gehört Gottes Solidarität.

„In letzter Ehrlichkeit“ geht es um die Wahrheit der Wirklichkeit, in der ich lebe, die Wahrheit, die Du zu mir sagt, um Gott.

Gott als Person und als Du ist eine ungeheure Vereinfachung. Menschen bezeugen, daß Gott sie angesprochen hat; das heißt, daß Gott Ihnen ihr Erleben vereinfacht hat.

Um zu herauszufinden, was ich in dieser Welt wollen kann, muss ich mich, aus allen Anpassun­gen, auf den personalen Kern sammeln, coram Deo, vor Gott, – dem Vater, der hinter der „Mutter Natur“ steht.
Das ist unabhängig vom klassischen Familienmodell. Der Mensch erlebt zuerst Mütterlichkeit*. Aber die Mutter vermittelt den Vater. Für die Mutter repräsentiert das Kind ihre Beziehung zum Kindsvater, der ja für das Kleinkind eher im Hintergrund bleibt. Die mütterliche Welt ist die Gegen­wart einer schöpferischen Transzendenz.
* In Notfällen – von denen ich zu wenig Kenntnis habe ­– auch von Seiten des Vaters.

Gott hat gesprochen: Du sollst zuversichtlich liebevoll mit den Gegebenheiten umgehen!
Gottes verheißungsvolles Gebot ist Verweis an seine Präsenz in der Realität.
Die „Sünde“, das Versagen der Kreatur, Grund zur Verzweiflung, steht unter der Verheißung der Os­terbotschaft, der Verwandlung! Im Chaos der Gegebenheiten ist Glaube nicht ein habitus, sondern je ein Gottsereignis.

Auch unsere verpflichtende Gotteserkenntnis ist unauslotbar bedingt.

Der Vater „hinter“ der Mutter, mein Vater/ihr Vater, das ist biographisch das ursprüngliche perso­nale Jenseits, Gott.

Schöpfung

Wir sind von Gott, dem Schöpfer, zur Kreativität berufen. Unsere Ratlosigkeit ist, geistlich verstanden, Gottes Ruf.

Gott hat zum Propheten Joel gesagt: „Ich will meinen Geist ausgießen über alles Fleisch“ (Joel 3,1. Dort ist von allerlei Weltende-Mirakeln die Rede.)
Aber der Geist Gottes wirkt verschieden und widersprüchlich in den verschiedenen Menschen in verschiede­nen Charismen. Lukas hat, Apg 2,16, diese Weissagung auf das Pfingstwunder bezogen. Goethe sah „die ganze Kirchengeschichte“ als „Mischmasch von Irrum und Gewalt.“* Paulus wußte: Der Friede Gottes ist höher ist als alle Vernunft (Phil 4,7).
* Zahme Xenien, 9. Sag, was enthält die Kirchengeschichte...

Schelmenstreiche stören die soziale Ordnung. Zur Zeit des Glaubens an die Vernunft machte Wilhelm Busch, mit dem triebhaften Gelächter, das seine Lausbubengeschichten hervorriefen, die Deutschen auf ihr Ressentiment gegen die soziale Ordnung aufmerksam. Wissenschaftlichen Fortschritten stand Schopenhauers Pessimismus gegenüber. Friedrich Theodor Vischer ontologisierte die „Tücke des Objekts“; Sigmund Freud thematisierte dann das „Unbehagen in der Kultur“.
Schmerz stürzt Präferenzordnungen um und desorientiert das Subjekt. Der Mensch braucht Verunsicherung durch Störungen. Sie belebt unsre Kreativität.

„Kreativ“ sind diejenigen seltenen Übertragungsfehler im ungefähren Weiter-so, die in neue Stabilitäten führen.

„Will kein Gott auf Erden sein, sind wir selber Götter!“ dichtete J. L. Wilhelm Müller* 1824. Das ist so frevelhaft formuliert, wie das alte Heidentum den christlichen Glauben empfand.
*„Mut“ in der (von Franz Schubert vertont, berühmt gewordenen) Winterreise.

Mit „Schöpfung“ meint die traditionelle Religion nicht nur Umgestaltung vorhandenen Materials, sondern Entstehung auch des Materials. Materie ist eine Form von Energie. Schöpfung ist Emergenz (Konrad Lorenz präzisierte: „Fulguration“). Diese wurde als Moment einer Du-Beziehung verstanden.

Gott hat die Finsternis nicht abgeschafft, sondern er beschränkt sie; zur Schöpfungsordnung ge­hört die Nacht (1Mos 1, 3-5). Er hat gesagt: „Aus der Finsternis soll Licht leuchten“ (2Kor 4, 6); er hat die Finsternis berufen, Licht hervorzubringen.
So leuchtet, nach Paulus, die Erkenntnis der Herrlichkeit Gottes im Angesicht Christi, des Gekreu­zigten. Der Name des Gottes, den er predigt, ist ein Licht auf unserm Wege.

Der mystische Blick, der alles Schon-Wissen und ­-Verstehen abschaltet und sich neu vom unver­standenen Vielerlei beeindrucken lässt, das er vor Augen hat, ist Kinderblick, „Regression im Dienste des Ich“*. Er erlebt Schöpfung, die Gegenwart des Schöpfers.
* Psychoanalytischer Begriff des Kunsthistorikers Ernst W. Kris.

Es gibt himmelschreiendes, Gott herausforderndes Unrecht. Überwältigt, heulen wir erst; dann regt sich die Kreativität Gottes in uns.

Christentum

Jesus war vielleicht ein Spinner. Aber an ihm hat der allmächtige Gott sich denkwürdig offenbart.

Unsere christliche Mythologie ist eine chaotisch-dynamische Integrationssymbolik. Sie kann durchlebt werden*, sich ereig­nen.
* Man denke nur an die emotionale Spannweite der Lieder Paul Gerhardts.

Das Christentum ist eine Symbolik der Solidarität zwischen Gott und Mensch. (Nicaenum: "Et homo factus est... Crucifixus etiam pro nobis.")

Erwartung eines nahen Endes unserer Welt prägt die Bibel. Das ist nicht Chronologie, sondern eine Wahrnehmungseinstellung.

In Schmerz und Angst halte dich an Gott, den Vater Jesu Christi, an das schöpferische Ja des drei­einigen Gottes zu allem Nein der Welt!

Das Neue Testament sagt: Jesus hat geweint – am Grab des Lazarus (Joh 11, 35), und (nach Hebr 5,7 als Priester in voller Solidarität mit der Gemeinde in „Gebet und Flehen und starkem Geschrei und Tränen“) in Gethse­mane (?).
Heulen ist ein Reflex unter Überforderung, ein kreatürlicher Hilferuf.

Liebe kann man nicht gebieten. Das biblische sog. Liebesgebot spricht nicht von amor, sondern von Solidarität.
Auf der Solidarität liegt Gottes Verheißung sinnvollen Lebens. Das ist der Sinn des Evangeliums von Jesus als dem Messias, des Glaubens an die Solidarität Gottes mir seiner Schöpfung. Solidarität in der Ratlosigkeit macht Sinn.

War Jesus ein besonders guter Mensch? Er überzeugte als Offenbarung des verborgenen* Gottes, Offenbarung der Solidarität Gottes mit seinem Volk, über seinen schrecklichen Tod hinaus (das führte zu den Oster-Ereignissen) – und so auch über sein Volk hinaus.
* Jes 45, 15.

Unter den Eindruck der Person Jesu, wurde Petrus überfallen von einer visionären Identifikation: Jesus erschien ihm als der erhoffte Messias. Es war eine bahnbrechende Idee! Das Verständnis der alten Verheißung, ja das Gottesverständnis wurde vertieft.

Christlicher Glaube wahrt zu jeder Norm und Normalität gewissenhafte Distanz.

Johannes der Täufer, Jesus und Paulus lebten, wie viele Juden jener Zeit, in einem apokalyp­tischen Grundgefühl mit der Erwartung des nahen Anbruchs der „Gottesherrschaft“.
Bei Jesus erlebten die Menschen die Nähe Gottes! Das setzte sich dann, gegen das Scheitern der auf Jesus gesetzten politischen Erwartungen, im Osterglauben durch. Statt dieser erlebte man die Erfül­lung der Verheißungen der Ausgießung des Heiligen Gottesgeistes.

Paulus verkündet Gottes Solidarität und bittet die Korinther: „Lasset euch versöhnen mit Gott!“ (2Kor 5, 20)
Eine Bitte kann Hilfe für den Trauernden, ein Zumutung kann Ermutigung sein (παράκλησις, „Trost“!). „Das Anfängliche, τὰ ἀρχαῖα*, ist vergangen“ (Vers 17). Das ist ein Schöpfungswunder**.
* Nicht nur chronologisch: „das Alte“!
** Goethes Mephisto stellt sich dem Doktor Faust vor: „Ich bin ein Teil des Teils, der anfangs alles war.“ (Faust I, Z.1350)

Das Christentum scheint zu lehren: Nicht wüten, sondern weinen!

Die Basis der österlichen Hoffnung war verzweifelte Hoffnungslosigkeit.

Jesus begeisterte Massen. Bei ihm erlebte man nicht nur Naherwartung des Gottesreichs, sondern die Präsenz Gottes.
Er war ein „Schwärmer“*. Massenpsychologie suspendiert Selbstverständlichkeiten. Jesus entlas­tete von dem „falschen Selbst“** der herrschenden Heuchelei. Die Tempelreinigung (Mk 11,15) ge­hört wohl zu den zuverlässigsten Überlieferungsstücken von Jesus.
* Eine Begriffsbildung Luthers, abgeleitet von Schwarm, wie „Bienenschwarm“.
** Begriff des Psychoanalytikers D. Winnicott.

Die Welt ist ein Chaos von Verwandlungen, in dem eine solidarische Berufung zu Kreativität – wie, in der Nachfolge Jesu, die Verkündigung des Paulus – Glauben und Hoffnungen weckt und be­ten lehrt.

Gesellschaft

Für einen Kompromiss kann man keinen „Enthusiasmus“ (= göttliche Begeisterung) erwarten; er ist dafür zu irdisch.

Für einen Kompromiss kann man keinen „Enthusiasmus“ (= göttliche Begeisterung) erwarten; er ist dafür zu irdisch.

Jede Gruppenzugehörigkeit hat ihre mores und Moral (Gruppenidentifikation) und vielfach bedingte, begrenzte Stabilität.
Auch zur sozialen Dynamik gehören Spannungen. Diese organisieren ein Neben- und Gegeneinander von sozialen Einheiten, ein Chaos von Ordnungen.

Gewalt ist kinetische, Macht ist potenzielle Energie.
Ein „Gewalthaber“ hat Macht zu Gewalt.

Macht tendiert zu Agglomeration.

Man scheut die Institutionalisierung sozialer Schichtung als eine Fixierung. Der Unterprivilegierte bleibt lieber undefiniert und nimmt lieber garkeine als eine schlechte Arbeitsstelle an.

Jeder ist heute, mehr als früher, gekränkt, weil, bei dieser Menge von Menschen, der Einzelne in seiner Einzigkeit nicht mehr so wichtig ist. Das kann mit nationalen Hochgefühlen kompensiert werden.

Die menschliche Gesellschaft zerstört die Biosphäre. Es wird uns nichts nützen, zu wissen, wer maßgebend zum ausführenden Organ dieser Systemfunktion einer florierenden Wirtschaft geworden ist.

In der Massengesellschaft resiginiert der Bürger an seiner Mitverantwortung.

Auch der Fortschritt ist träge! Gravitation und Trägheit, schwere Masse und träge Masse sind äquivalent.

Der Fortschritt der Ungleichverteilung führt, sozial wie physikalisch, unaufhaltsam in Schwarze Löcher.

Solidargemeinschaften sind, formal, Interessengemeinschaften, die eine Menge gemeinsamer In­teressen haben. Sie funktionieren im wesentlichen identifikatorisch, als ein Groß-Ich, in dessen Schwarmintelligenz der Einzelne eingewoben ist.
Die meisten Tierarten kennen eine optimal funktionsfähige Gruppengröße.
Die Menschen haben vielerlei Sozialformen entwickelt; und im Lauf der Geschichte, besonders in­folge der technologischen Entwicklung, haben verschiedene Größen der Sozialformen sich ver­schieden bewährt. Machteliten sind kleine naturwüchsige Solidargemeinschaften, stärker als etwa die Solidarität der Unterschichtsmassen. Das Miteinander und Ineinander verschiedener Sozialfor­men läuft chaotisch.
Die heutige Globalgesellschaft ist höchst prekär.

Wenn „wir uns zanken“, ist das Wir eine Solidargemeinschaft; das unteilbare solidum ist der Zank.

Die Menschheit ist der uns besonders interessierende Teil eines unüberblickbaren Prozesses, den wir als chaotisch verstehen können.

Der Mensch ist ein animal sociale. Physische Gemeinschaften (Familie, Stamm, Volk) bilden den ältesten Typ menschlicher Gemein­schaft und haben die meisten diesen wesentlichen Dimensionen. Aber die Menschen sind besonders vielfältig verschieden voneinander. Die physischen Gemein­schaften untergliedern sich seit alters in Interessengruppen: Geschlechter, Altersgruppen, Zentralität (Macht)/Marginalität, Kompetenzen, formelle (institutionalisierte) und informelle Gruppen. Staaten sind die mächtigsten Institutionen. Information gibt es auch zwischen nichtmenschlichen Lebewesen. Aber das animal rationale ver­dankt seine Macht der Entwicklung kreativer Rationalität, – die zwangsläufig in irgendeiner Mytho­logie gipfelt. Quer zur den physischen Gemeinschaften, haben sich (auch innerhalb von institutiona­lisierten Wissenschaften) Glaubensgemeinschaften gebildet und teils machtvoll institutionalisiert.

Aber je entwickelter die Wirtschaft und komplexer die erforderliche Kooperation geworden ist, desto größeren Schaden nimmt die Gesellschaft von allgemeinem Egoismus.

Bis zum jeweils nächsten Widerstand wächst Macht exponentiell.

Soziale Machtverteilung entwickelt sich meist im Wechsel zwischen (zunehmend institutionalisiert ungleichverteiltem) zunehmendem kollektivem Wohlstand und Systemzusammenbrüchen.

Je größer die Öffentlichkeit, desto gröber die Vereinfachungen. Dadurch werden kollektive Ent­scheidungen zufallsbedingt.

Statussymbole sind praxisleitend. Man „geht davon aus“, dass der Betreffende den betreffenden Status wirklich hat.

Menschen leben von Natur miteinander verwoben in sozialen Einheiten. (Verbannung und Ex­kommunikation waren einst so etwas wie Todesurteile.) Die kleinen Einheiten bildeten größere, jeweils zweckdienlichere, lockerere, einander überschneidende. Heute sind wir Globalgesell­schaft, eine schwach strukturierte, zerkrümelnde Masse.

Gleichverteilung kommt in der Wirklichkeit kaum vor.

Manche Tierarten betreiben effektiv Bevölkerungskontrolle.

Ordnung „herrscht“. Sie ist Macht, Interdependenz, eine dynamische, nicht starre, aber stabile Mengenstruktur, Koordination, κόσμος (d.i.: schön!).
Soziale Ordnung ist eine symbolische Struktur.

Empörende Zustände finden auch einen Revolutionsführer.

Im alten Straßburg wurden die Bettler abends aus der Stadt getrieben und die Stadttore ver­schlossen.

Der „Islamische Staat“ besteht hauptsächlich aus perspektivelosen jungen Männern. Sie bilden eine Gegenwelt. Nicht der Islam als Religion, sondern dessen Radikalismus ist der Kern. Die öko­nomisch Überflüssigen vernichten ihrerseits nach Kräften die – nach ihrem Gefühl – Überflüssigen.

Die Individuen stabilisieren sich auf Kosten der Umwelt; durch lokales Ordnen chaotisieren sie immer erfolgreicher umfassendere Systeme. Ratlosigkeit, apokalyptische Stimmung, Eschatologien flackern auf.

„Unterhaltung“, entretien ist Zusammenhalten.

Gemeinschaften externalisieren ihre inneren Spannungen. Die nationalen Unterschichten sind zwar die Verlierer der Globalisierung; das erhöht aber zuerst die Fremdenfeindlichkeit.

Ungleichverteilung ist natürlich. Sozialer Friede hängt vom Maß der Ungleichverteilung ab.

Die menschliche Gesellschaft ist ein Chaos. Immer wieder kommt unversehens irgendein verheerender Massenwahn zustande.

In verschiedenen Größenordnungen der Menge gleichartiger Elemente sind doch jeweils andere Zusammenhänge dominant. Menschenmengen wie die Globalgesellschaft, Europa, Deutschland, Bochum, Parteien, Freundschaften, die weitere und engere Familie, sind verschiedenartig strukturiert. Das ist Übergang von Quantität in Qualität.

Die Auflösung kollektiver Selbstverständlichkeiten hat diffuse, generalisierte Beunruhigung zur Folge. Die Reaktionen sind entsprechend irrational symbolisch.

Stärker als der Glaube, hält die Angst vor Orientierungslosigkeit Glaubensvölker* zusammen. Ohne Orientierung droht die Hölle.
* Sippen, Nationen, Kirchen, Religionsgemeinschaften.

Gewalt, Herrschaft, Staat

Soziale Entwicklung ist eine Folge von Versuch und Irrtum, unvorgesehenen, nur teilweise beab­sichtigten Umstrukturierungen.

Sigmund Freud verstand Denken als „Probehandeln“; das Medium des Probehandelns ist Symbo­lik.
In dem Riesenstaat China lässt die Symbolik der Kommunikation heute dem Einzelnen keinen Spielraum für soziales Probehandeln; sie ist (für den Einzelnen und für die Gesellschaft: pathogen) eingeengt. Wie gefährlich der denkende Einzelne für diesen Staat wirklich ist, weiß niemand.
Dem (verwöhnt-enttäuschten) westlichen „Wutbürger“ (Dirk Kurbjuweit, 2010) steht der (von der öffentlichen Ordnung ernsthaft bedrohte) chinesische Angstbürger gegenüber.

Wenn nach einer Wahl mit mehreren Kandidaten (etwa Trump, Clinton, Sanders u.a.) nur die zwei Spitzenkandidaten in die letzentscheidende Wahl kommen, bleibt offen, ob nicht die absolute Mehrheit der Wäh­ler sich lieber auf einen der übrigen Kandidaten als auf den mit der relativen Mehrheit geeinigt hätte. Die Skala allein der Spitzen-Favori­sierungen informiert nicht über die jeweiligen Chancen möglicher Kompromisse, Mit denen mehr Wähler zufrieden wären.

Parteien haben als soziale Einheiten je eigene Interessen; insbesondere haben Parteien Interesse an Polarisierungen. Sie mögen die je aktuelle Problematik kontrovers entfalten, dadurch zur Umsicht nötigen und nationale Entscheidungen vorbereiten. Aber sie dürfen der Bildung tragfähiger Kompromisse nicht im Wege stehen!

Vertrauenswürdige stabile Führung verlangt Kraft und verbraucht Energie.
Die Machtelite von (real oder would be) globalen Führungsmächten überfordert die eigene Bevölkerung; der backlash führt zu nationalistischem Egoismus (Paradebeispiel: Trump).

Selbstzerstörungen der Menschheit könnten die Ökosphäre retten.

Gewalttätig von außen erzwungene Koordination und Kooperation ist starr und zerbrechlich.

Die Nation, als Staat eine Schicksalsgemeinschaft, braucht „Solidarität“. Bismarck gründete nicht nur das Deutsch Reich, sondern auch die gesetzliche Krankenkasse.

Bereits im klassischen Athen zeigte sich die Schwäche des Konzepts Demokratie, die wir heute in gigantischer Vergrößerung sehen.
Churchill soll gesagt haben, die Demokratie sei „die schlechteste von allen Staatsformen – abgesehen von allen anderen“.

In Russland und China ist die (schon lange schwach legitimierte) Herrschaft durch wirtschaftliche Erfolge legitimiert, die jetzt schrump­fen.

Wenn nach einer Wahl mit mehreren Kandidaten (etwa Trump, Clinton, Sanders u.a.) nur die zwei Spitzenkandidaten in die letzentscheidende Wahl kommen, bleibt offen, ob nicht die absolute Mehrheit der Wäh­ler sich lieber auf einen der übrigen Kandidaten als auf den mit der relativen Mehrheit geeinigt hätte. Die Skala allein der Spitzen-Favori­sierungen informiert nicht über die jeweiligen Chancen der möglichen Kompromisse!
Ein Staat ist ein Kompromiss; deshalb muss eine Regierung belastungsfähige Kompromisse finden. Und das können am leichtesten Leute, die von der Mehrheit – nicht nur einer Partei, sondern der Gesamtbürgerschaft – getragen sind.
Parteien haben als soziale Einheiten je eigene Interessen; insbesondere haben Parteien Interesse an Polarisierungen. Sie mögen die je aktuelle Problematik kontrovers entfalten, dadurch zur Umsicht nötigen und nationale Entscheidungen vorbereiten. Aber sie dürfen der Bildung tragfähiger Kompromisse nicht im Wege stehen!
Bestehende politische Strukturen sind träge. Aber diese Selbstverständlicheit zu operationalisieren, ist keine übermäßig komplizierte Aufgabe!

Ein Staat ist ein Kompromiss; deshalb muß eine Regierung belastungsfähige Kompromisse finden. Und das können am leichtesten Leute, die von der Mehrheit - nicht nur einer Partei, sondern der Gesamtbürgerschaft - getragen sind.

Der Staat soll ein tragfähiger Kompromiss sein, also von einem möglichst breiten Konsens getragen sein – trotz der Erfahrungen, die in dem Seufzer: „Vox populi – vox Rindvieh“ zum Ausdruck kommen.

Der staatstragende Konsens ist labil. Der δ͠ημος kann auch Demokratie verachten und sich in der Masse ( ͗όχλος), mit der Einfachheit unter einen Autokraten, eine Zeit lang wohler fühlen.

Macht, Recht

Soziale Ungleichheit ist normal, und sie hat eine selbstverstärkende Dynamik: Die Mächtigeren können ihre Macht zur Erweiterung ihrer Macht brauchen; und die natürliche Expansion auch des menschlichen Lebens verschärft die Ungleichverteilung. Das geht – in einer zunehmend alarmierten sozialen Umwelt – zuerst zu Lasten der Schwächsten; dann nehmen Konflikte innerhalb der Oberschicht zu, bis diese scheitert. Das folgende Chaos führt sofort zu neuen exzessiven Ungleichheiten. (Diese Entwicklungsschritte können sowohl aufeinander folgen wie teilweise sich überlagern.)

Prestige ist mit Macht positiv, aber mit der Höhe abnehmend, korreliert.

Macht soll sichern. Aber reale soziale Macht ist vieldimensional und kompliziert; nur die einzelnen, verschiedenen Aspekte sind quantifizierbar und jeweils vergleichbar. Für die Sicherheit ist Umsicht wichtiger als Machtzuwächse.

Macht: Liberalismus ist auffallend mit Wohlstand verbunden. Macht wächst exponentiell.

Macht: In chaotischen Zeiten können auch Politiker ihre seriösen Versprechen nicht immer einhalten.

Der Mensch ist ein besonders kreatives Lebewesen, und jeder braucht dementsprechenden, verschiedenen Handlungsspielraum. Wenn die Gesellschaft ihm die hier erforderliche Macht nicht zugesteht, empört er sich natürlicherweise – unter Umständen gewaltbereit.

Eigentum ist abstrakt (ich-ferner), Besitz ist konkret* (ich-näher).
* Im Ich ist alles „zusammen­gewachsen“.

Recht“ ist, wie „Wahrheit“, eine grobe Vereinfachung.
Feldherren und Soldaten, Scharfrichter und Strafrichter, ja: jeder in seiner sozialen Verantwortung muss bereit sein, Unrecht zu begehen, Inkommensurables gegen einander abzuwägen; um Verge­bung beten! Die Gesellschaft, in deren Auftrag sie handeln, muss für sich und für die Amtsträger um Vergebung beten.
Der Schöpfer hat sich, in Jesus, mit uns solidarisiert. Gott büßt mit uns und sagt immer wieder schöp­ferisch Ja zu allem Nein.

Wirtschaft

Wachsende Ungleichverteilung ist der normale, katastrophenträchtige Naturzustand.

Mehr Investition in Produktionsmittel lohnt nicht; denn die Massen, die die Produkte bräuchten, können sie nicht bezahlen. Trost: Das bremst die Zerstörung unserer Umwelt.

Arbeit ist Weltveränderung. Ein immer größerer Teil davon ist innere Reibung der Globalgesell­schaft, die den (katastrophenträchtig sich beschleunigenden) Fortschritt bremst.

Auch wirtschaftliche Arbeitsverhältnisse sind „Dasein für andere“. Man gibt einen Teil seiner selbst: Lebenszeit mal Fähigkeit mal Anstrengung. Aber hier ist nicht Solidarität konstitutiv, son­dern ein Do ut des (wie das altlateinische Recht formuliert).

Von der Globalisierung profitieren die nationalen Oberschichten.

Der Markt wird künstlich stabilisiert durch externe starre soziale Mächte (vor allem: staatliche Gewalt), die ihrerseits Teilprozesse eines Chaos sind ­‒ der menschlichen Natur.

Arbeit und Ausbildung versprechen nicht mehr Linderung der globalgesellschaftlichen Probleme. Schon ganz wenig höchstqualifizierte Arbeit macht zunehmend Arbeit überflüssig und verschärft die Verteilungsprobleme. Das Trump‘sche Ressentiment gegen die Eierköpfe hat triftige Gründe.

Das Wirtschaftswachstum beschleunigt; die exzessive Ungleichverteilung aber bremst das Be­völkerungswachstum und den Konsum – zu (unbeabsichtigten) Gunsten der Nachhaltigkeit.

Auch Ökonomie ist nur ein Schematismus, der gewisse soziale Zusammenhänge ungefähr abbil­det. Der Glaube der Hauptprofitanten an die Ökonomie hat die Menschlichkeit des Menschen ver­gessen und die Globalgesellschaft irregeführt, nämlich zu Donald Trump, dem terrible simplifica­teur!

Globalisierung begünstigt die Ungleichverteilung.

Das „Nullsummenspiel“ ist eine abstrakte Vereinfachung wirklicher Interaktionsstrukturen.Ausbeutung von stabilen Verhältnissen destabilisiert diese.

Geld

Geld ist ein durch die Schwarmintelligenz des Marktes ungefähr bestimmter Tauschwert.

Besitz und Eigentum sind Verfügungsrechte. Geld ist ein Tauschmittel für Rechte.

Geld ist ein Tauschmittel für als „Werte“ verdinglichte Wunscherfüllungen. (Darum muss man Konzertkarten bezahlen.)

Der Börsen-boom nach Trumps Wahlsieg ist ein hochenergetisches, kurzzeitiges Wirkungsquantum der hochfrequenten Finanzwelt.

Geld ist Macht. Auch starke Ungleichverteilung von Macht ist natürlich und nützt oft allen Beteiligten. Empörend ist Mangel an Solidarität: Unterversorgung der einen und Luxus der anderen.

Geld ist heute eine latente eine Forderung.

Mit der Geldmenge wächst die Menschheit aus ihrem Stabilitätsbereich hinaus.

Die Arbeitsteilung sowie die Wünschbarkeit des Tauschens und somit der Wert des Tauschmittels Geld hat sein Optimum erreicht. Die Trägheit des Systems führt jetzt zu Inflation und Fehlinvestitionen.

Geld ist Macht, und Macht ist Freiheit. Im Tausch gegen Geld kann man sich eine Menge Wünsche erfüllen lassen.

In der Wahl Donald Trumps zum Präsidenten der USA gipfelt die Vertrauenskrise, auf der die Plutokratie beruht, eine Krise der Humanität.

Tausch (und das Tauschmittel Geld) ist Vertrauenssache. Der Gebrauchswert von geprägten Mün­zen, Geldscheinen u. dgl. ist ein abgeleiteter, nur durch eine bedingt starke soziale Ordnungsmacht garantierter Wert; und der freie Gebrauch des Geldes kann die Ordnungsmacht überfordern.

Man kann von der Gesellschaft zu viel und zu wenig Geld (d.h. Macht-Anteil) haben. Es geht beim Geld um Machtverteilung.

Geld ist besonders konvertible Macht. Der jeweilige eigene Verbrauch von Macht ist dem Besitzer so wenig konvertibel wie er selbst.
Letztlich geht es jedem um die Inkonvertibilität des eigenen Lebens, um die Selbstbestimmung, die Menschenwürde!
Die Logik des Geldes (das ist die Logik der Macht, der Konvertibilität) bedroht die Menschen­würde, die im Austausch als personales Vertrauen gelebt wird.

Jeder ist von seiner Umwelt abhängig. Geld macht den Besitzer unabhängiger.

Zahlungsmittel sind Macht-Quanten.

Geld ist soziale Macht, also beschränkte potenzielle Energie.
Die menschliche Gesellschaft hat die Erde in Besitz genommen und billigt, um soziale Unruhe zu vermeiden, jedem Einzelnen ein Minimum an persönlichem Besitz zu.
„Besitz“ kommt von „Sitzen“, das ist: handlungsbereite Ruhe (zwischen Auf-“stand“ und „Lage“).

Die unüberbietbare Einfachheit des Austauschs verschiedener Werte in Geld ermöglicht komplexe Kooperation zu allgemeinem Nutzen; und diese Kooperation, d.i. die Wirtschaft, trägt die (heute so­genannten) „menschenwürdigen“ Lebensbedingungen.
Aber die geldvermittelte Macht überblendet die Komplexität unserer Werte und verführt zu verheerender Naivität.

Geld ist Macht; in Geld rechnet man Möglichkeiten um. Der eigentümliche Wert des Geldes ist die Konvertibilität. Geld ist quantifizierbar, umkehrbar abbildbar auf die Menge der reellen Zahlen. Die Einfachheit des Systems der reellen Zahlen optimiert die Konvertibilität.

Die Dynamik eines Geschäfts beruht auf der Verschiedenheit des Werts der Ware für die verschie­denen Marktteilnehmer. Der Warenwert für den jeweiligen Handelspartner ist auf das beliebig ge­naue System der reellen Zahlen nur ungefähr abgebildet.

Geld ist höchst konvertible Macht und beschleunigt Veränderungen der Machtstrukturen. Der soziale Zufall wird dadurch wilder.

Geld ist die konvertibelste Form von sozialer Macht und strukturiert deshalb die menschliche Gesellschaft souverän.

Wertvergleich setzt Vergleich der Umstände voraus. Der sog. „Wert“ des Geldes ist umständebedingter durchschnittlicher Tauschwert.

Geld verdankt seine eigentümliche Wertbeständigkeit seiner hohen Konvertibilität, also seiner eigentümlichen Abstraktheit.

Geld entstand als Servosystem der Zivilisation. Aber es hat sich die Zivilisation als sein Servosystem unterworfen und ist im Begriff, sie zugrunde zu richten.

Geld ist hoch voraussetzungsvoll: von Interaktion über Wechselseitigkeit, Symbolik, Analogie, Tausch zu Geld.

Die Globalisierung der Wirtschaft beschädigt alt-ehrwürdige soziale Identitäten.
Die bornierte Rationalität der globalen Finanzwelt ruft weltweit beunruhigende Reaktionen der hierdurch real Verunsicherten* hervor.
* In England die Alten; in den USA die abgehängte Mittelklasse; im IS die jungen Chancenlosen vor allem aus Muslim-Familien; bei uns AfD.

In der zunehmenden, massebedingten Anonymität, gewinnt der konvertibelste Wert, das Geld, ge­genüber sog. Sachwerten an Bedeutung.

Gewinnmaximierung ist keine Spezialität des Kapitalismus und auch nicht der Finanzwirtschaft. Aber hier erscheint sie in Reinkultur.

Geld ist die flexibelste Form von Macht.

Bürgergeld und bürgerschaftliches Engagement gewinnen an Bedeutung und Beachtung. Geld wird wohl die zentrale Weltmacht bleiben; aber es hat sich gezeigt, daß Geld in der menschlichen Gesellschaft nicht alles gut machen kann, und vieles schlecht macht.

Solidarität

Die inhaltliche Füllung des Menschenrechtsbegriffs ist Sache des menschlichen Selbstverständnisses, der mitmenschlichen Solidarität, der jeweiligen Kultur.

Die Solidarität der Armen mit den Reichen (sic!) ist wesentlich für eine soziale Kultur.

Solidarität setzt ein gemeinsames solidum voraus wie Blut und Boden, Volk und Heimat, gemeinsame selbstver­ständliche Präferenzen, „Werte“, Normen, soziale Symbolik, mores maiorum, Pietät, Tradition.

Liebe und Solidarität sind nicht Tugenden; es sind Befindlichkeiten.

Viele Tiere bilden Solidargemeinschaften, „Staaten, Rudel, Herden“.

In der sog. Nächstenliebe geht es um die Solidarität mit der Beschränktheit des anderen.

Caritas (die lateinische Übersetzung der neutestamentlichen ἀγάπη), die charité*, die Tugend der Christen**, gehört etymologisch mit carus = teuer, carere = entbehren (engl: care***, careful, careless; concern, distress) zusammen, nicht mit cura (Fürsorge)! Sie ist, dem Wortsinn nach: alles hochzuschätzen!
* Frz.: cher. Wo wir heute schreiben: „Lieber Freund“, schreibt man französisch: Cher ami (deutsch früher: „Teurer Freund“; Cher Monsieur → „Werther Herr“).
** Pierre-Henri Leroux, De l’humanité,1845, wollte sie durch solidarité ersetzen.
*** Hier haben die amerikanischen Care-Pakete wohl zu einer Akzentverschiebung geführt.

Solidarität vergibt und sie empfängt Vergebung. Auf der Solidarität („Liebe“) liegt Gottes schöp­ferische Verheißung.

Einfühlung und dergleichen ist auch nützlich für Machtentfaltung.

Soziale Selbstidentifikation ist eine entlastende Vereinfachung des Einzelnen in seiner Ratlosig­keit, notfalls aktiv radikal. Das „Wir“ ist im Bedarfsfall imaginär.

Solidarität chaotisiert die Identität; sie kann nur stückweise gelebt werden.
Sie ist nicht nur Mit-Leid, sondern auch Mit-Freude.

Solidarität chaotisiert Identität, Verantwortung und Selbstkontrolle.
Solidarität ist dem Menschen als animal sociale wesentlich.
Geselligkeit ist Spiel, mildes Chaos.

Schichtspezifische Moral kann von Solidarität dispensieren.

Die Menschheit und ihre Ansprüche wachsen; die Ökosphäre wird uns zu eng. Die Konkurrenz zwischen den Menschen mit ihren gewachsenen Machtmitteln, die Angst vor einander und die entsprechende Feindseligkeit verschärfen sich. Die natürliche Solidarität wird überlastet.

Auf der Solidarität in der Ratlosigkeit liegt die Verheißung von Kreativität. Gott rät uns in der Ratlosigkeit zu Solidarität.

Nicht nur Egoismus, sondern auch Solidarität ist ansteckend!

„Solidarität in der Ratlosigkeit“ ist qualitativ „ein Anfang“ im Sinne von 1Mos 1,1 (in der maso­retischen Punktation des hebräischen Textes).

Mit der äußerlichen Entfernung nimmt die Solidarität ab, vergleichbar mit der Tragweite der Gra­vitation.

„Denn für dieses Leben ist der Mensch nicht klug genug“, sang Bert Brecht*.
„Solidarität in der Ratlosigkeit“ ist: Solidarität in der menschlichen Dummheit.
* Dreigroschenoper.

Kultur

Die Stabilität eines bestimmten Wohlstandsgefälles hängt von der Kultur ab.

Der Humanismus idealisierte die Menschlichkeit.

In dem Gesicht von Rudolf Steiner sehe ich etwas Freches. Diese Frechheit hat ihm ermöglicht, seine sehr idiosynkratische Weltanschauung zu entwickeln und zu predigen. Es war ein verhei­ßungsvoller, ansteckend beglückender Narzissmus (sensu Heinz Kohut), der den (zweifellos hoch­begabten) Mann auch zu allerlei praktisch segensreichen Anregungen befähigte.

Wörter sind Fetzen der Kulturgeschichte.

Inmitten herumirrender Rationalität, ermutigte Rudolf Steiner zu diffuser Empathie, traumlogi­scher Wesensschau.

Revolution will Kulturrevolution sein. Es geht den Revolutionären nicht nur um Macht, sondern um Respekt (Prestige), um Menschenwürde. Diese Unterscheidung ist allerdings unscharf.
Jugend ist hierarchie-kritisch, deshalb tendenziell sozialistisch.

Die moderne Fürsorge ruft nach mehr education und meint Ausbildung. Weisheit und Bildung hingegen sind weder ego- noch soziozentrisch; deshalb gelten sie, im Horizont des Konkurrenzkampfs ums Dasein, als persönlicher Luxus. Horizonterweiterung stört; sie warnt vor größeren Katastrophen und beunru­higt.

Die sozialen Normen meinen im Grunde, wie die Zehn Gebote, den Willen des Schöpfers.

Wir leben, synchron und diachron, schwach geordnet zusammen in verschiedenen, miteinander vernetzten Vorstellungen von der Welt.

Man redet heute viel über „Bildung“; gemeint aber ist: Ausbildung für eine wirtschaftlich lohnende Arbeit.
Bildung im vollen, alten Sinne des Worts ist: kommunikabel artikulierte Information eines Menschen über sich selbst als Glied eines unüberblickbaren Ganzen.

Das Chaos der Selbstverständlichkeiten wird wilder sowohl durch Beschleunigung wie durch Bremsung der Entwicklung.

Wir haben uns jahrzehntelang an allgemeinen Aufstieg und ständige Verbesserung der Lebensbedingungen gewöhnt. Jetzt erleben wir das vergessene Unausbleibliche: Stagnation und allgemeinen Abstieg. Wir haben aber keine Kultur mehr, damit umzugehen. Die Politiker müssen ihr Glück mit kollektivem Selbstbetrug versuchen; und das ist gefährlich.

Die IS-Djihadisten repräsentieren das menschliche Nein zur Evolution des Lebens. Der „Kalif Ibrahim“ des „Islamischen Staates“, Abu Bakr (*1971) hat 2004 acht Monate in dem berüchtigten Gefängnis Abu Graib (unter der Oberhoheit des – vom Alkohol geheilt „wiedergeborenen“ – George W. Bush) in amerikanischer Gefangenschaft gesessen (Joshua Eaton in: The Intercept, 25. VIII. 2016).

Jeder verantwortet, was er sagt. In freier verbaler Kommunikation verantworten alle Beteiligten, was gesagt wird, als vorläufige Wahrheit; qui ne dit mot, consent. Wenn Lüge allgemein akzeptiert wird, ist keiner mit seiner Schuld allein; und „geteiltes Leid ist halbes Leid“. So lässt man Lüge manchmal unwidersprochen.

Die allgemeine Ratlosigkeit ist mit dem Menschenmöglichen gewachsen.

Selbstachtung pflegt den Zugang zu den eigenen Lebenserfahrungen, und deshalb gebührt ihr Respekt; denn darauf beruht Kultur.

Brutale Sexualmoral, Mönchtum und zölibatärer Klerus sind die alten soziokulturellen Formen von Bevölkerungsstabilisierung.

Individualisierung und Individualismus vervielfältigen unsere Spezies in Pseudospezies und Sub­spezies und beschleunigen die Entwicklung der bereits hoch komplizierten, prekär stabilen Struktur sowohl vielversprechend wie zunehmend gefährlich.
Religionen bremsen, verlieren aber durch Erfolge des Individualismus zunehmend an Evidenz und werden ihrerseits individualisiert. Hiergegen erhebt sich gewalttätiger Kollektivismus.

Der Nerd ist der moderne Wanderbursche, ein Auswanderertyp, ein Selbstverwirklicher, der in der großen, weiten Welt der Informatik etwas Eigenes gestalten will.

Die Kultur entwickelt sich unabsehbar, ähnlich der Natur, in Schritten der Umstrukturierung: viel­fältigem, langsamem Aufbau stabiler, höherer Strukturen* – und Zusammenbrüchen, die der geleb­ten familiarity ein beängstigendes Ende setzen.
Der Optimismus ist heute wieder zunehmend von Apokalyptik durchzogen. Solche Reaktionen wir­ken als Notbremsen gradliniger Weiterentwicklung.
* From strange simplicity to familiar complexity (Manfred Eigen).

Werbung ist eine Droge, die in allen Ländern angebaut und an Händler fast aller Waren zur Beimi­schung verkauft werden darf. Der Kaufrausch ist ein allgemein bekannter Zustand mit üblen Fol­gen.

Das Geistige ist nicht mehr das Ewige; es hat seine Würde verloren. Es ist „Information“ und hat eine empörend kurze Halbwertszeit. Geschwindigkeit entscheidet verschwenderisch darüber, was sich durchsetzt. Life long learning und unlearning ist das Gebot der Stunde.

Die „gute alte Zeit“ gibt es schon sehr, sehr lange! Sie war und ist jeweils kulturell bedingt imagi­när. Jetzt hat unser Tempo des Fortschritts weltweit solchen historischen Phantasien zu politischer Aktualität verholfen.

Menschen haben schon immer in Zeiten des Wohlergehens böse Zeiten auch sich selbst einge­brockt.

Identifizierbares ist ein stabiles Subsystem. Stabiles Wirkliches altert. Leben ist multistabil. Aber auch lang bewährte Lebensformen altern. Überlieferungen sind ernstzunehmen, aber auch ihre Wahrheit ist bedingt – wie all unsere verpflichtende Erkenntnis (und wir selbst) unauslotbar be­dingt.

In Zeiten verstärkten Misstrauens gilt es, das Misstrauen zu zivilisieren.

Eine gekränkte Nation ist ansteckend krank, – wie ein gekränktes Individuum, durchs ius talionis legitim gefährlich*. Auch „das eben ist der Fluch der bösen Tat“**.
*... Bismarck → Clemenceau → Hitler ... .
** In Schillers Wallenstein, Die Piccolomini V,1.

Kulturen unterscheiden sich durch die verschiedene Dominanz derselben Tendenzen.

Moderne Marktforschung (z. B. durch Google) sucht Zusammenhänge von Interessen im Dienst wirtschaftlicher Interessen. Sie beeinflusst das Menschenbild und bringt, kraft Marktmacht, es so „aktualisiert“, zu Herrschaft.

Das Zentrum des kulturspezifischen menschlichen Selbstverständnisses, hat sich langsam ver­schoben:
von einem „Wir“ (Kollektiv, „Groß-Ich“)
über das „Individuum“
zu einem vielfach bedingten, beschränkt stabilen Funktionsbündel, einem Relationengebilde.

Das Wort „modern“ geht auf ein vulgärlateinisches „modernus“ zurück, das seinerseits abgeleitet ist von dem (sehr vieldeutigen) klassisch-lateinischen Adverb modo in seiner Bedeutung von „aktu­ell“*.
Es begegnet im Spätmittelalter in der Bezeichnung des (gegen den herrschenden thomistischen „Realismus“ kritischen) „Nominalismus“, der Philosophie des William von Ockham – auf der Ga­briel Biel aufbaut, dessen Philosophie Luther studiert hatte ­–, als „Via moderna“.
Dass dieses Wort – in aller Relativität seines Zeitbezuges (und unbeschadet dessen, daß man inzwi­schen auch schon von der eigenen Gegenwart als „Postmoderne“ sprach**) – bis heute in Gebrauch ist, scheint mir bemerkenswert. Mit Ockham (man bedenke dessen Biographie!) beginnt „die Mo­derne“ als das kulturgeschichtliche Ende des natürlichen Realismus (gegen den die antike Skepsis noch nicht aufgekommen war, weil er auch die sozialen Strukturen stabilisiert hatte).
* K. E. Georges, Handwörterbuch9, 1909: „Zur Beschränkung der Zeit auf den der Gegenwart des Sprechenden unmittelbar vorhergehenden oder folgenden Zeitpunkt.“
** Jean-François Lyotard, La Condition Postmoderne, 1979, über „Wissen“ in der „postindus­triellen“ (Alain Touraine 1969, Daniel Bell 1973) Gesellschaft. (Schon 1963 spricht der Japaner Ta­dao Umesano von der „Informationsgesellschaft“).

Erinnerung wiederholt Ereignisse als Information ungefähr. Das ist Historie.

Individuum

Ich erlebte im Traum eine chaotisch glitzernde Menge von Sternen; eine kleine (beschränkt stabile) Untermenge davon war ich selbst.
Paulus (Phil 1, 23) sagt nicht (was mir näherliegt), dass er aufgelöst werden (αναλυθηναι) möchte; er möchte sich von der Welt lösen (αναλυσαι).

Wir sind das Ergebnis unserer Geschichte. Diese hat Spuren in uns hinterlassen. Das Individuum ist ein stabiles Bündel Information.

Zum Sichersten gehört der eigene Tod. Man sollte darauf vorbereitet sein; aber man versteht ihn lebenslang natürlich nur oberflächlich.

Ziele und Zwecke sind (durch Probehandeln in der denkenden Phantasie operationalisierte) Wünsche.

Ich kann mir kaum vorstellen, daß ein Anderer sich so allein fühlt, wie ich momentweise mich fühle; es ist ein Gefühl von Einzigkeit.

Zu jedem Ich gehört mindestens ein Wir. (Die Interessensphären überschneiden sich.)

Ich“ und „Wir“, „das Ganze und die Teile“, das sind nützliche Assimilationsschemata. Aber die Abgrenzung von Teilen ist nur zweckbedingt und ungefähr richtig.Ind: Selbstverständliche Pflichten in einer Gemeinschaft und ihre Erfüllung beeinflussen das Wohlbe­finden des Einzelnen ebenso wie die Annehmlichkeiten, zu deren Lasten die Pflichterfüllung geht.

Der eigentümliche Sinn des menschlichen Lebens ist wohl das Sinnen.

Wie der Bauer die Saat ausbringt, sind wir ausgebracht. (Heidegger sagte: „geworfen“.) Wie meine Mitgeschöpfe, möchte ich, ständig verwandelt, ständig mich einbringen.

Jeder und jedes ist als unscharf abgegrenzte Funktionseinheit zu verstehen. „Individuum“ ist eine vergröbernde Vereinfachung. Aber es gibt irreversible Veränderungen.

In unserer geschäftigen Gesellschaft sind Gefängniszellen und Krankenzimmer gemiedene Orte der Vereinzelung und der (gemiedenen) Besinnung*.
Krankenbesuch hat eine altruistische Seite; aber er kann auch dem Besucher etwas geben; daran er­innert Mt 25, 36.
Einst wurden Einsiedler als Orakel aufgesucht. (Berühmtes Beispiel: Nikolaus von der Flühe.)
* Manche schriftlichen Dokumente solch einsamer Besinnung sind berühmt geworden; ich nenne nur die sog. Gefangenschaftsbriefe des Apostels Paulus.

In meinem Körper ist mir Gott nah.

Wir sind nur in erster Annäherung ἄτομα („Individuen“). Genauer betrachtet, sind wir Geschöpfe alle mit einander verwachsen.
Im strengsten Sinnen „ἄτομα” haben die Dimension Wirkung; sie sind miteinander verwachsene Erkentnis-Ereignisse.

Eitelkeit ist dumm.

Man möchte, als Individuum in der unruhigen Gesellschaft von Gemeinschaften, mit sich selbst zufrieden sein können.

Der Mensch erfindet laufend Sinnstückchen und versucht, handelnd, sie zu ergänzen. Sein Leben im Ganzen aber bleibt ihm ein Rätsel.

Man möchte den Kopf frei haben vom Nächstliegenden, möchte erfinden („erdichten“).
Not ist monoton, langweilig, macht neugierig – an Stelle der Kreativität des freien Spielens mit Aussichten.

Die Ziele all unserer kleinen irrenden Schritte in der unabsehbar großen Verwandlung erweisen sich, wenn erreicht, jedes Mal als wieder ein Hoffnungssymbol.

Immer wieder lässt man sich von der Aktualität den zeitlichen Horizont verengen.

In Worten und Werken streut man partielle Kopien von sich in die Gesellschaft aus. Diese ver­mählen und pflanzen sich unvorhersehbar fort.

Moral

Solidarität in der Ratlosigkeit.

Die menschliche Natur ist mörderisch asozial, weil (wie alles Leben) überreproduktiv.

In der Moral geht es um das zukünftige Selbstverständnis des Subjekts: „Was soll ich? – What shall I do/be?“ Was liegt am Nächsten? – : Der natürliche Wunsch und seine natürlichen Folgen. Was „kommt“ da auf mich „zu“? – : Der Fortgang der Schöpfung, bei dem auch ich, nach meinem Gutdünken mitspielen „soll“.

Tiefste Ratlosigkeit verunsichert nicht sozial, sondern demütigt.

Ratlos, wie wir sein mögen, sollen wir uns einbringen in das große Miteinander.

Glück sowie Unglück demütigen den vernünftigen Menschen und machen ihn für den Alltag be­scheiden.

Good fences make good neighbours.“ Das ist nicht ganz falsch und nicht ganz richtig; eine heute, im Licht der Flüchtlingsmisere, schreckliche, alte Weisheit, bei der man sich nicht beruhigen kann! Der Abweisende kann nur auf Vergebung des Zurückgewiesenen hoffen.

In der großen Verwandlung des Weltgeschehens will ich, wie jeder Mensch, nehmen und geben! Ich bin, wie jeder Mensch, beehrt mit Verantwortung für die Gaben, die ich empfangen habe. Ich kann es meist nicht selbst beurteilen; aber es ist, bei Gott, nicht letztlich gleichgültig, was ich tue!

Man will nicht nur nutznießen, sondern nützen können.

So einer möchte ich nicht sein.“

Jede Gesellschaft braucht wider-natürliche Regeln für die natürliche, arteigene Triebhaftigkeit des Menschen*. Die Regeln (Kultur, Symbolik) vermitteln zwischen Natur und Individuum.
* Im Römischen Katholizismus soll ein Club von Zölibatären die Sexualmoral regeln!

Verantwortung ist solidarische Kommunikationsbereitschaft.

Schuld, Vergebung, Verdienst setzen κόσμος, verbindliche Weltordnung, voraus.
Koordination ist evolutionär vorteilhaft. Perfekte Koordination ist κόσμος. Pythagoras (von dem der κόσμος-Begriff stammt) war Perfektionist* und Politiker.
* Man denke an den Fluch der Pythagoreer über den Entdecker der transzendenten Zahl √2.

„Das Gute“ ist immer nur zeitweilig in Erlebnissen repräsentiert.

Für Verantwortung ist die Instanz unwesentlich. Es geht um Sinnstücke, Koordination, Solidarität.

Dezisionismus entspringt der Ratlosigkeit.

Trauer

Wir müssen alles, was wir liebhaben, Gott zur Vernichtung anvertrauen.

Sich Ausheulen ist ein „von Neuem Geborenwerden“.

Weinen ist Schwäche dessen, der keine Hoffnung, keine Perspektive, kein Ziel hat; Regression; den Kopf im Mutterschoß bergen wollen; nicht sehen wollen, nicht gesehen, sondern umarmt wer­den wollen; in das Meer, die Ur-Einheit zurück wollen – aus dem die Entwicklungsgeschichte uns mit unseren Körperflüssigkeiten (Lymphe, Fruchtwasser, Tränen) entwickelt hat – , um dort Trost und neue Zuversicht zu finden.

Freude und Trauer sind natürlicherweise selbstverständlich gemeinschaftliche Erlebnisse. Man kann allein gut „bei der Sache sein“; aber mit starken elementaren Gefühlen will man nicht allein sein. Der Neugeborene wird mütterlich in eine Gefühlsgemeinschaft aufgenommen, die sich all­mählich differenziert. Das Gebot der אהבה/ἀγάπη/Solidarität(das sog. „Liebesgebot“) ist Ermuti­gung in Form einer Zumutung; Erinnerung an einen selbstverständlichen Trost.

Die Trauernden sollen sagen: „Es werde österliches Licht, mit Gottes Hilfe!“ Darauf liegt die Ver­heißung, dass es Licht wird. Der Apostel hat verheißungsvolle eigene Erfahrungen zu bezeugen.

Trauerarbeit verwandelt das Verlorene.

Alter

Noch mehr Nachwuchs wird die Altersversorgung bald nicht mehr sichern, sondern – durchs eige­ne Altern – verunsichern.

Aktivität nach eigenem Willen steht unter Pflichten. Sie wird vom Lauf der Natur zunehmend ein­geschränkt. Es bleibt als letzter Wunsch: Entpflichtung (nicht nur Absolution, sondern Fürsorge) und Sterben.

In der Jugend ist man mehr für sich selbst, mit zunehmendem Alter mehr für andere verantwort­lich.

Gegenwart

Unsere heutige Lebenswelt entwickelt sich verselbständigt gegenüber ihrem Ursprung, der menschlichen Intelligenz.

Material wird immer teurer; Form immer billiger.

Die Beschleunigung des Wandels hat das Zeiterleben geändert. Wir haben gelernt uns mit unserer Kurzsichtigkeit abzufinden.

So viele einzelne Selbstmordmörder wie heute hat es noch nie gegeben. Manifestiert dieser Wahnsinn die Verzweiflung unserer Gegenwart?

Die Emergenz/Fulguration erst des Tauschs und dan des Geldes führt in eine neue Krise. Im heutigen Zusammenbruch ist eine neue Fulguration fällig.

Wir erleben, im heutigen Zeitalter bedrohlich beschleunigten Wachstums, Schlag auf Schlag, den – von Hegel identifizierten, von Engels bekannt gemachten, nicht immer „schlag“-artigen – „Umschlag von Quantität in Qualität“.

Vor dem Ertrinken in der Informationsüberflutung bewahrt uns das Entgegenkommen der großen Informationsanbieter, die persönliche Daten ihrer Kunden sammeln und intransparent verarbeiten.

Die Spezialisierung ist unüberblickbar geworden. Die Informationstechnik überfordert die menschliche Informationsverarbeitungskapazität.

Der Kampf der Indianer unter einander um die knappen Ressourcen war einst (als wir Kolonisatoren von höher entwickelten Kooperationsstrukturen profitierten) schon so brutal wie heute der welt­weite Verteilungskampf. Aber, entsprechend unserer höheren Zivilsation, spielt heute die Lüge eine größere Rolle.

Material für Form und Information wird wieder teurer; Information muss neu sein; sie wird schnell kopiert und weiterentwickelt. Mit der Information verlieren In­formationsträger schnell an Wert und behalten Wert nur als Rohmaterial.

Leben ist Form; im Lebenskampf ums Dasein sind Form und Information entscheidend.
Das heutige Entwicklungstempo der menschlichen Informationstechnik, verglichen mit dem In­formationsaustausch einer biologischen Spezies im Zuge von deren natürlicher Entwicklung, ist le­bensgefährlich!

Makrokriminalität greift um sich. Die technischen Möglichkeiten übersteigen die sittlichen Kontrollmöglichkeiten.

Die Gesellschaft brodelt. Ständig neue, kurzlebige Strukturen. Ein Chaos von Ordnungsrufen. Übergangsepoche. Zusammenbruch des Glaubens an die Menschheit und die Menschlichkeit.
Man hatte sich zu viel versprochen.

Das biblische Weltbild mit den Vorstellungen von ewiger Freude und ewiger Qual, Lohn und Strafe, sind heute relativiert; aber auch der Triumph menschlicher Unbescheidenheit liegt nun wohl schon hinter uns. Uns ist die Welt ein Chaos, das letztlich ratlos macht – und bescheiden machen kann.

In unserem Zeitalter der Informatik gewinnt vornehmlich die absichtliche Desinformation an Macht. Die Resonanz von Ralph Keyes, The Post-Truth Era: Dishonesty and Deception in Contemporary Life (2004) zeigt, dass die Symbolik (die symbolische Vermittlungsschicht zwischen Subjekt und Objekt) als immer undurchdringlicher empfunden wird. Man nennt unsere kulturgeschichtliche Situation, mit einen lachenden und einem weinenden Auge, „postfaktisch“. (Im White House ist neuerdings die Rede von „alternativen Fakten“.)

Die Menschheit wird immer zahlreicher, die Interessenlage immer komplizierter und intransparenter, die Demokratie deshalb immer irrtums- und betrugsanfälliger und die Legitimation von Macht immer strittiger. Jedermanns Urteilsfähigkeit ist überfordert.

Auch unser Gefühlsleben wird industrialisiert. Hintergrundsmusik pflegt die Stimmung; man fühlt sich verarscht.

Die industriellen Automatisierungen verdünnen die Symbolik unserer Lebenswelt zu kurzlebigen, subkulturellen Zeichensystemen.
Sie führen zu Stellenabbau, obwohl sie viel zu primitiv sind, um menschliche Kommunikation zu ersetzen.

Wir leben heute in einer vielfach logisch durchstrukturierten, symbolisch aber primitiven, gefähr­lich armseligen, übermächtigen Zeichenwelt.

Unsere Lebenswelt verändert sich so schnell, dass die gesammelten Erfahrungen der Menschheit ihren Wert und ihre Wertschätzung weitgehend verlieren.

Überfordert durch die Masse von Menschen, streicht man teilnahmslos an einander vorbei.
Man singt weder allein noch mit einander. Der armselig durch Smartphone und eine kontextab­hängige personal identification number, PIN, individualisierte Massenmensch lässt sich mit Hinter­grundsmusik beschallen.
Dauerhafte Gruppierung ist Luxus. Abstrakte Massenstrukturen überwältigen die Beziehungen zwi­schen Individuen.

Ausblick

Die Erfolgsstory unserer Spezies droht in Autoaggression zu enden.

In einer beschleunigt maschinell sich weiterentwickelnden Lebenswelt braucht man zur Orientie­rung immer neue, immer unausgereiftere Suchmaschinen. Verhängnisvolle Fehlentscheidungen wer­den immer wahrscheinlicher.

Im uns selbstverständlich Nächstliegenden erleben wir das Folgende immer schon angedeutet.

Eine Zeitdiagnose ist eine Vereinfachung zur Orientierung der selbstbe­stimmten eigenen Lebens­praxis, des Mitlebens „inmitten der Ewigkeit“ (Herder). Der „Ausblick“ ist das Ende (ἔσχατον) unseres Weltbildes.

Die immer noch unbeherrschbar wachsende Macht der Menschheit ist zur größten Gefahr für die Menschheit geworden. Wissenschaft ist käuflich und dient der Macht. Also „Boko haram!“* – oder Hoffnung auf eine Sequenz kleiner Wunder.
* Wikipedia: Boko Haram (aus der Sprache Hausa) ... kann übersetzt werden mit „Bücher sind Sün­de“, „Westliche Bildung verboten“, „Vorspiegelung falscher Tatsachen ist Schande“.

Seit 1973 sind die Limits to growth dem Homo „sapiens“ bekannt; aber der schiebt das wachsen­de Problem bis heute vor sich her. Die Welt will betrogen sein.

Mit dem Niedergang des Wachstums und des Investitionsmuts wächst das (irreführend ge­schrumpfte) Problem der Vorsorge wieder.

Mit der Menschenmenge steigt die Bedürftigkeit der Menschheit. Aber wegen der Ungleichvertei­lung der Macht ist das effektive Tauschbedürfnis abgesättigt: Der Geldwert steigt nicht mehr und die Produk­tivität wächst langsamer. Dies steigert die Resourcenverschwendung durch Produktion billiger, kurzlebiger Massenware. Die intraspezifische Konkurrenz funktioniert wie in einem Heuschrecken­schwarm und hinterlässt verbrannte Erde; nur kann die Menschheit nicht so einfach weiterfliegen wie die Heuschrecken.

Änderungen der Umwelt verlangen Änderung der Sitten und Normen. Immer wieder gab es Kulturzusammenbrüche, die als Anfang des göttlichen Gerichts über die Welt, als Vorspiel des Wel­t­endes erlebt wurden. Dieses Erlebnis wurde dann in der nächsten stabilen Epoche bagatellisiert.

Die Zukunftsaussichten sind unsicher. Der Anteil von der Erfüllung gegenwärtiger Bedürfnisse, auf den ich für zukünftige zu verzichten bereit bin, sinkt mit der steigenden Unsicherheit, also mit der zeitlichen Entfernung.
Mit der Dauerhaftigkeit unserer Umwelt verkürzt sich die handlungsrelevante Zukunft und die Ver­antwortungslosigkeit steigt.
Die Expansion der Menschheit ist ein Naturprozess, der heute, mit steigender intraspezifischer Ag­gression, seinem natürlichen Ende entgegeneilt. Rechtzeitige Entstehung eines homo sapientior ist kaum zu erwarten.

Drei Faktoren bestimmen das Ende unserer Zivilisation: Die Größe der Menschenmenge im Ver­hältnis zu den Ressourcen, ihr Anspruchsniveau und die chaotisierende Ungleichverteilung.

Auch in Weltuntergangsstimmung soll man sich besinnen, sich umgucken, um etwas doch Vielversprechen­des aufzugreifen. Im Weltuntergang zeichnet sich eine „neue Welt“ ab.

Das Leben ist voller Hoffnungen und Enttäuschungen – wenig Erfolge und viel Misserfolge. Ei­nige der wenigen Erfolge haben sichtlich exponentiell wachsenden Erfolg. Erfolglosigkeit ver­schwindet schneller unter unseren Horizont. Aussichtslosigkeit kann Zuversicht betrüben, aber widerlegt sie nicht!

Ärzte arbeiten hauptsächlich an einzelnen Menschenkörpern; und deren Struktur ist, verglichen mit Kulturellem, sehr konstant. So macht ihnen die demographische Entwicklung weniger Sorgen.

Überbevölkerung, kombiniert mit ständigem technischem Fortschritt, führt uns in weltweite Ar­beitslosigkeit und – weil noch heute vor allem Arbeit zur Existenz berechtigt – mörderische Ungleichverteilung.

Nach der verhängnisvollen Globalisierung, hat nun eine globale Re-partikularisierung begonnen. Diese aber verlangt, um zu gelingen, einen kulturgeschichtlichen Fortschritt: eine Moral der kollektiven Selbstbeschränkung – hoffnungslos! Zu erwarten ist – bestenfalls – eine lange, chaotische , Übergangsphase.

Der globale Cyber-Krieg und die Wahl Trumps geben ein Vorgeschmack vom – voraussehbaren – Zusammenbruch der Informationsgesellschaft. Der Homo sapiens hat mit der tollen Entwicklung der symbolischen Funktion einen irreversiblen, vielversprechenden, aber verhängnisvollen Fortschritt gemacht.

Die Evolution hat die Gattung Homo, und diese hat ein Dutzend Spezies, darunter den Homo sapiens, hervorgebracht. Bis heute überlebt hat hiervon nur dieser – vermutlich wegen der (ihm eigentümlichen) symbolischen Funktion, seiner Fähigkeit des Denkens. Dieses hat Sigmund Freud als „Probehandeln“ verstanden. Im Kampf ums Dasein beschleunigt die Intelligenz noch immer den evolutionären Erfolg des Menschen. Sie bringt neuerdings künstliche Intelligenz hervor – der nun er selbst zum Opfer zu fallen droht.

Die bisherige Evolution des Homo sapiens ist noch nicht befriedigend geklärt, und sie hat wohl auch noch nicht ihr Ende gefunden. Ihre Geschwindigkeit aber hat rapide zugenommen; man muss mit der Möglichkeit rechnen, dass unsere (zunehmend kreativ gewordene) Spezies sich bald selbst auslöscht – und bestenfalls eine neue Variante dieses Ende überlebt.

Wir haben als Hoffnungsträger angefangen, als Träger weitergemacht und kommen schließlich selbst nicht mehr mit. Die Geschichte überholt uns.

„Es ist dafür gesorgt, daß die Bäume nicht in den Himmel wachsen.“ Es gibt natürliche Wider­stände gegen unser Wachstum von drei Seiten: 1. extraspezifisch, 2. intraspezifisch-gesellschaftlich, 3. intraindividuell-moralisch.
Moral verhütet viele interpersonelle und soziale Konflikte; gesellschaftliche Normen können Um­weltproblemen vorbeugen; letztlich aber setzt auch der Menschheit die Natur ständig, regelmäßig und katastrophal Grenzen, – was soziale und moralische (ebenfalls manchmal katastrophale) Rück­wirkungen hat. Unsere Zukunft ist offen; jeder ist mitverantwortlich.

2. Mai 2017