28

Thomas Bonhoeffer



(Diese Datei ist noch in Arbeit, 07.11.17)

Wühlkorb 20

Inhaltsverzeichnis

Wirklichkeit/Ereignis 2

Chaos, Form, Information 2

Leben 3

Erkenntnis 4

Vereinfachung 5

Symbolik 6

Existenzsymbolik 7

Sinn 9

Religion 9

Gott 11

Schöpfung 11

Christentum 12

Jesus 13

Gesellschaft 13

Staat 16

Recht 17

Geld 18

Wirtschaft 19

Solidarität 19

Kultur 20

Individuum 21

Moral 22

Trauer 23

Alter 23

Gegenwart 24

Ausblick 25

Rest 27



Wirklichkeit/Ereignis

Unser Leben ist eine Stichprobe, teilnehmende Beobachtung, beobachtende Teilnahme; ein συμβεβηκός/accidens, un accident (im weiten, alten Sinne des Worts), ein Ereignis. Auf dieser Basis phantasieren wir eine „ganze“ Wirklichkeit.

Stabilisierung fördert Wachstum – und führt auf diesem Wege zu Destabilisierung.
Das ist die Struktur von auch komplexen Ereignissen – dem (wesentlich im einzelnen unberechenbar zufälligen) Wellengang der Geschichte.

Wirkliche Stabilitätsbereiche sind mehrdimensional. Jedes Wachstum verändert die Proportionen darin und gefährdet damit Stabilität. Einfachstes Beispiel sind die Proportionen zwischen Durchmesser, Oberfläche und Rauminhalt einer Kugel. (Im Bierglas wachsen die Blasen, bis sie platzen.)

Nur unsere zeitweise nützlichen, immer vereinfachenden Vorstellungen und Weltbilder sind gewiss „abgeschlossene Systeme“.

Alles passt mit allem nur ungefähr zusammen. Das bedingt Spannungen und chaotische Bewegung. Symbolik bildet das ungefähr ab. Die Vernunft vereinfacht und ordnet die Symbolik.

Man wünscht sich nachhaltiges Wachstum. Aber jedes Wachstum gefährdet Stabilität; und Ziele, Zwecke und verlässliche Funktionen gibt es nur in stabilen Systemen.
In unserer chaotischen Welt ereignen sich stabile Systeme und auch beruhigender (stabilisierender) Glaube an eine Weltordnung.

Eine Form ist ein Bündel „In-form-ationen“, wie ein Molekül ein Bündel von Atomen ist.

Die Wirklichkeit ist eine Menge von Mengen von Ereignissen.

Wirkung (im physikalischen Sinn) ist gleich Energie mal Zeit. Nur in dieser Dimension gibt es die kleinste Einheit, aus der alles Reale zusammengesetzt ist.
Alles Wirkliche ist zeitlich begrenzt. Auf dieser Basis verstehen wir die Wirklichkeit wirklich. Zeit, Energie und Materie sind als leichter handhabbare Abstraktionen zu verstehen.

Chaos, Form, Information

Ordnung ist Form als Information in anderer Materie abbildbar.

Necken, Schabernack, Spass, Schalk, Schadenfreude und Wut stören. Hier droht Chaos; aber der Mensch mag darauf nicht ganz verzichten. Unsinn gehört zur Evolution.
Nach Goethe*, sagt der Schöpfer über Mephisto: „Von allen Geistern, die verneinen, ist mir der Schalk am wenigsten zur Last.“
*
Faust I, Z. 340.

Die Natur“ ist oft selbst widernatürlich! Sie ist eine vereinfachende Vorstellung von der Wirklichkeit, eine Verallgemeinerung von Regelmäßigkeiten; sie erlaubt (oft irrige*) Prognosen, die zu zweckwidrigen Regelungen und Planungen verführen.
Die Wirklichkeit ist für den menschlichen Verstand mehr oder weniger chaotisch.
* Die mathematische Wahrscheinlichkeit ist eine normalerweise mehrheitsfähige, aber trotzdem unsichere Handlungsorientierung. Auch wenn nicht die öffentliche Meinung, so doch
professionelles Verantwortungsbewusstsein behält das im Auge.

Identität von stabilen Strukturen/Formen verbraucht, durch „Stoff-wechsel“, Energie. Sie erhält Ordnung durch Chaotisierung der Umwelt.

Leben

Ein jeder Wunsch, wenn er erfüllt, kriegt augenblicklich Junge.“*
Die Erfahrung lehrt: Unser eigentliches Wunschziel ist nicht realisierbar, ist „jenseitig“, irrational.
*
Wilhelm Busch, Niemals (in: Schein und Sein).

Das Leben ist eine zeitlich beschränkte Abfolge von Verwandlungen.

Wir leben, zwischen Vergangenheit und Zukunft, in Trauer und Hoffnung.

Dem Himmel sei‘s geklagt: Wir müssen den Krieg nicht nur moralisch, sondern anthropologisch wieder ernster nehmen.

Nach Manfred Eigen ist Leben Spiel. Spiel und Arbeit gehen vielfach bruchlos in einander über.

Der Übergang/Umschlag von Quantität in Qualität ist ein Beispiel für Emergenz/Fulguration.
„Qualitätssteigerung“ ist ein Übergang von Qualität in Quanität.

Emergenzen chaotisieren die Welt.
Schiller* spottet: „Doch hat Genie und Herz vollbracht, was Lockund Des Cartes nie gedacht, sogleich wird auch von diesen die Möglichkeit bewiesen.“
*
Die Weltweisen.

Der Übergang/Umschlag von Quantität in Qualität ist ein Beispiel für Emergenz/Fulguration.
„Qualitätssteigerung“ ist ein Übergang von Qualität in Quanität.

Leben ist Spielen, παιζειν (~ Kindsein*!), Symbolisieren.
*„So ihr nicht werdet wie die Kinder, werdet ihr nicht ins Himmelreich kommen“ (Mt 18,3) – ob schon Jesus das so verstanden hatte wie dann Matthäus, ist mir nicht sicher. Der Ernst (etymol.: Kampf !) des Lebens ist das unverständige, kindliche, naive symbol-geleitete Suchen.

Wachsende Einheiten zerstören, vornehmlich vermittels ihrer Umwelt, sich selbst.

Der Übergang/Umschlag von Quantität in Qualität ist ein Beispiel für Emergenz/Fulguration.
„Qualitätssteigerung“ ist ein Übergang von Qualität in Quanität.

Emergenzen chaotisieren die Welt.
Schiller* spottet: „Doch hat Genie und Herz
vollbracht, was Lockund Des Cartes nie gedacht, sogleich wird auch von diesen die Möglichkeit bewiesen.“
*
Die Weltweisen.

Leben ist Form. In der Generationenfolge konserviert es nicht Materie, sondern modifikationsfähige Form.
In der Fortpflanzung kopiert identifizierbare Form sich in neue Materie.

Eine stabil erscheinende Einheit hat eine Sollbruchstelle zwischen der stabil übertragbaren, verständlichen Form und der Materie, die von dieser zusammengehalten wird. Im Leben ist dieser Bruch der Tod.

Philosophieren ist nicht sinnloser als das Leben.

Das Erlebnis eines Endes ist demütigend; denn es ist auch Ende eines Stücks vom erlebenden Subjekt, das sich bisher als unsterblich erlebt hatte.

Leben ist Sterben. Sterben ist chaotische Auflösung (Mitteilungen, Zerfall der Autonomie, des Körpers) des gottgewollten partikularen Ich zurück in Gott. Paulus artikuliert das 1. Kor. 15, in der Tradition der Ostervision des Petrus, apokalyptisch*. Wir sind eingeladen, zu meditieren: „… ἵνα ᾖ ὁ θεὸς πάντα ἐν πᾶσιν” / „auf dass Gott sei alles in allem(v. 28) mit der Paulinisch-apokalyptischen Vorgeschichte (vv. 20ff.).
* Paulinische, synoptische und „johanneische“ Apokalyptik deuten die Ostervision des Petrus. Diese sieht Jesus aufgenommen in die (später auch formell trinitarisch artikulierte) Identität Gottes, des Schöpfers.

Erkenntnis

Ich „fürchte mich weder vor Hölle noch Teufel“, sagt Faust (Z. 369ff.). Es folgt: „Dafür ist mir auch alle Freud entrissen… Es möchte kein Hund so länger leben.“ Diesem irdischen Elend entreißt ihn schlussendlich die Solidarität desjenigen Menschen, an dem er zutiefst schuldig geworden ist.

Ratlosigkeit ist oft Gespaltenheit, manchmal Zwiespältigkeit.

Wie das Nest zur Natur der Vögel, so gehört, im strengen Sinne des Worts: zur „Natur“ des heutigen Menschen die Technik.

„Natürlich“ nennt man, was einem selbstverständlich ist; und dieses ist tendenziell gemeinmenschlich selbstverständlich.

Man redet von Natur-„gesetzen“. Damit aber werden voraus-setzungs-volle, aber im Grunde unerklärte Wiederholungen im Verbundsystem Mensch-Umwelt anthropomorph gedeutet.

Wahrnehmen ist unscheinbar schöpferisch. Die Amerikaner haben das entdeckt und als aware­ness/mindfulness thematisiert.

Wir haben Teil an und sind Teil der Wahrheit.

Das Heisenberg‘sche Quanten-Ungefähr markiert subkulturell (nämlich exakt-wissenschaftlich) erkenntnistheoretisch die Grenze des menschlichen Verstehens, vulgo: zwischen „Diesseits“ und „Jenseits“.

Eine Gottesvorstellung integriert personal. Säkulares Denken differenziert und objektiviert.

Der Arzt soll, solidarisch mit dem Kranken, helfen wollen. Solidarität ist zunächst ratlos, skeptisch gegenüber Ratschlägen. In der Ratlosigkeit ist die Solidarität unscheinbar schöpferisch. Die Skepsis als Philosophie begann (Pyrrhon von Elis) nicht, aber wurde in ärztlichem Milieu (Sextus empiricus!) gepflegt und von hier aus verbreitet.

Osterbotschaft für skeptische Mäuse: Zwei Mäuse fallen in einen Milchtopf. Die eine sieht die Lage als hoffnungslos und geht unter. Die andere sagt: „Man kann nie wissen!“ und strampelt die ganz Nacht. Morgens sitzt sie auf einem Butterkloß und springt hinaus. (Das erzählte man sich im Widerstand gegen Hitler.)

Per definitionem ist Gottes Wille das wohlverstandene Gemeinwohl. Nur: Wer versteht „wohl“? Da kommen die Propheten, jeder mit seiner fulminanten Halbwahrheit.

Die ratio setzt setzt jeweils „data“ (= Vor-„gegebenes“), per definitionem Prärationales, Zufälliges („Schöpfung“) voraus. Sie versteht sich selbst als zufälliges Evolutionsprodukt.

Jeder (nicht nur der christliche) Glaube ereignet sich unverfügbar, ubi et quando visum est Deo*.
* Confessio Augustana, Art. 5)

Die menschliche Gesellschaft ist ein Naturprodukt. Die menschliche Vernunft spielt darin eine untergeordnete Rolle. Für die Vernunft ist die Wirklichkeit ein Chaos.
Lebendiger Glaube ist unbegründbar. Er hat immer das letzte Wort; Solidarität in der Ratlosigkeit hat Verständnis dafür.

Begriffe sind konsensual selbstverständliche Annahmen.
Begriffsdefinitionen sind Rückübersetzungen in natürliche Sprache.

Denken ist ein Spiel mit Symbolen.

Man braucht Menschen die mitdenken.

Im Welle-Teilchen-Dualismus geht die aristotelische Unterscheidung von Form von Materie unter.

Eine Form ist ein Bündel von Informationen.

Schallwellen sind eine wesentliche Dimension des menschlichen Daseins, konstitutiv für unser sprachliches Symbolisieren und Denken.

Verstehen ist kein Kontinuum, sondern eine Ereignisfolge.
Darauf beruht die Aphoristik – eine in der hippokratischen Medizin entwickelte Literaturform. (Als der erste Aphoristiker gilt Heraklit von Ephesus, σκοτεινς, “der Dunkle”.)

Wahrheit ist ein Projekt. (So verstehe ich Plato.)

Dem etymologischen Wortsinn nach, sind Spekulieren* und Reflektieren dasselbe in verschiedener Beleuchtung: Reflektieren ist transitiv, objektbezogen, kreatürlich; Spekulieren ist intransitiv, symbolbezogen, schöpferisch.
*
speculum = Spiegel, von spectare.

Vereinfachung

Alles hängt mit allem zusammen. Die ererbte Sprache ordnet unbemerkt vor – aber so ungefähr, dass, mit der Menge der Kommunikationspartner, der Bedarf nach Präzisierung, also nach gemeinsamer Einengung des jeweiligen Gesichtskreises, (anfangs schnell!) wächst.
Es gibt viele (kombinierbare) Strategien genauerer Verständigung: die ausführlichere verbale Erklärung; aber auch die zeit-räumliche Abbildung der Zusammenhänge als (2- oder 3-D-) Graph, Flussdiagramm (wegen des minimalen Zeichenvorrats täuschend einfach!) und als Film.

In verschiedenen Bereichen bewähren sich dieselben einfachen Methoden. Aber Vereinfachungen führen zu neuen Zusammenhängen und neuen Komplikationen.

Verdauung ist eine Vereinfachung zwecks neuer Zusammenhänge.

Vereinfachungen integrieren – und sie kollidieren entsprechend.

Aphoristik“, ist abgeleitet von ὁρισμὸς/ὁρίζειν/abgrenzen.
Die klassischen, unter dem Namen des Hippokrates bekannten Aphorismen (übersetzt als „Lehrsätze“) definieren ausgrenzbare, sich immer wieder zeigende Zusammenhänge in der medizinischen Praxis; sie unterscheiden hier Wesentliches von Unwesentlichem. (Warnend steht am Anfang diese kleinen Sammlung, was zum geflügelten Wort geworden ist:
Ars longa, vita brevis!) In diesem Sinne haben Platon* und Aristoteles** weitergearbeitet.
Die verschlungenen
Wege der Forschung führten vom Aphorismus weiter zu umfangreicheren, mehr theoretischen Vermutungen zu Gesellschaft Sitte und Moral und deren Zusammenhängen, formal zum Essai (Montaigne). Pascals Pensées sowie später Wittgensteins Philosophische Untersuchungen sind Vorarbeiten zu Buchprojekten.
* Unter seinem Namen war eine Sammlung
Definitiones im Umlauf.
** Das Buch
Δ seiner Metaphysik ist eine Sammlung von Definitionen.

Witz befreit, indem er die Vieldeutigkeit des bedrückenden Realen ins Spiel bringt.

Zwischen den vereinfachenden Halbwahrheiten, die je die ganze Wahrheit repräsentieren wollen, herrscht totaler Krieg.

Zeit ist, vereinfacht, ein Kontinuum, konkret aber eine unüberblickbare Menge von Reihen von Ereignissen.

Klar und genau sind nur Vereinfachungen.

Besserwisserei gehört in die Tragik, die Chaotik der Menschlichkeit.

Vereinfachungen sind zwar unauslotbar bedingt nützlich; aber unverzichtbar. Ideale sind radikale Vereinfachungen; deshalb chaotisieren Ideale. Auch das Gemeinwohl-Ideal chaotisiert.

Jede Genauigkeit ist eine willkürliche Vereinfachung unserer Symbolik für das wirkliche Ungefähr.

Symbolik

Das wesentliche Ungefähr der Sprache entpflichtet nicht von größtmöglicher Eindeutigkeit.

Liederliche Sprache setzt Gemeinschaft als selbstverständlich voraus, aber setzt sie aufs Spiel und nutzt sie ab. Verantwortungsvoller Sprachgebrauch integriert.

Durch Institutionalisierung verdinglichte und verselbständigte Symbolik vereint.

Kinder erwarten von uns Führung, Sprache, eine angstlösende, aussichtsreiche Symbolik.

„Erst denken, dann reden!“ lehrt man, zurechtweisend, die Kinder.
In der Psychoanalyse lernt man hinzu: „Erst reden lassen (auch sich selbst!), und dann bedenken!“

Unsere entscheidend wichtige Symbolik ist die Sprache.

Mit dem Machtzuwachs der menschlichen Vernunft in der Natur ist das Naturprodukt Symbolik immer wichtiger geworden. Zeichensysteme und Informatik sind daraus entstanden; der Roboter wird der Menschheit gefährlich.

Symbolik vermittelt all unsere Beziehungen (nicht nur die zwischenmenschlichen). Jeder hat seinen eigenartigen Anteil an der Symbolik. Sie ist die dem (hyperkomplexen) menschlichen Dasein natürliche (deshalb: komplizierte) Vereinfachung.

Denken ist Arbeit an der Symbolik, Anpassung der Vorstellungen ans eigene Gefühl einerseits und an dessen Gegenstände anderseits.

Wir erleben das Emergieren der Symbolik aus der „Wechselwirkung“ des Zusammenlebens, d.h. archaischer Information. Es ergeben sich immer neue Kohärenzen, Wechselwirkungen und Einheiten. In der Informatik hat die Symbolik eine neue Stufe erreicht.

Abbreviaturen (z.B. "ein BMW") beherrschen die heutige Entwicklung der Sprachen in Richtung eines Zerfalls der traditionellen, natürlichen Sprachgemeinschaften in sektorielle, kurzlebige, aber weltweite Subkulturen. Die Abbreviatur verdinglicht voraussetzungsvolle Relationen und verdeckt subkulturell diesen schwankenden Boden.
Rückübersetzung in natürliche Sprache dient der Überprüfung neuer Begriffe.

Ein Wort ruft Phantasien hervor. Es symbolisiert mehrdeutig (aber nicht beliebig). Es „hat Bedeutungen“; es bedeutet in verschiedenen – sämtlich unterbestimmten – Zusammenhängen verschiedenes.

Symbolik ist eine natürliche, die mütterliche Vorgabe für alle Verständigung und alles Verstehen.

Existenzsymbolik

Ernst Fuchs, nach einem Gastvortrag in Zürich zu Tisch mit Ebeling und einem (damaligen) Studenten (der diese Erinnerung in einem autobiographischen Text veröffentlicht hat) und mir, erzählte, aus seiner Marburger Studienzeit unter Heidegger und Bultmann, von einem ihn prägenden Erlebnis theologischer Erkenntnis und schloss: „Da hat es bei mir geknallt!“ Ich hatte seinen Vortrag (wie immer) nicht recht verstanden und sagte aus dieser Frustration heraus: „Und seitdem haben Sie einen Knall.“ Nach einem erschreckten Schweigen sagte Ebeling zu mir: „Hoffentlich knallt es auch bei Ihnen auch einmal!“
Was war das, wovon Fuchs erzählte; was wünschte Ebeling mir? – : Gott erleben!
Bei-Gott-Sein kann sich ereignen als Sprachlosigkeit angesichts der Welt. Gott ereignet sich auch als Pfingstwunder, als Anruf. Da ist das Reden verfremdet, wird zum Selbstzeugnis Gottes.
Unsere Sprache ist eine rissige Kruste über dem Magma. Wir stehen darauf; sie trennt uns von dem, was uns trägt.

Das Jenseits“ ist anthropologisch bemerkenswert; eine allenthalben mit erstaunlich vielerlei Phantasien aufgeladene, nur negativ bestimmte, existenzsymbolische Ortsangabe.

Ich glaube, als Skeptiker, mit Kant, an das Ding-an-sich, an „das Diesseits“ als Symbolik und an die Solidarität-in-der-Ratlosigkeit als an Gottes Rat.

Gegenüber unserem „Diesseits“ ist Skepsis angebracht.
Das Leben kreuzigt den Diesseitsglauben.

Der erste Schrei ist eine körperliche Reaktion im selbstverständlichen Mitleben. Wir sind aus dem Mitleben ins Mitleben hinein gezeugt und geboren.

Die Naturwissenschaften sind seit alters Zweige der Philosophie.

Theologie“ war ursprünglich Lehre von den Zusammenhängen zwischen den Göttern. In christlicher Zeit hat sie Philosophie als Fundamentalontologie integriert.

Sokrates, den Bildhauer, trieb eine ratlos suchende, die πόλις aufstörende Liebe zur Weisheit; er nannte sie sein δαιμόνιον. Er erlitt die Todesstrafe.Redundanz ist ein erstes Ungefähr.

Jeder schreibt sich, mit unvorhergesehenen Folgen, in die Geschichte ein.
In meinem Ich leben viele weiter, die längst gestorben sind. Meine Gedanken, Worte und Werke sind eine Folge von Folgen von Gedanken, Worten und Werken, mit denen diese Toten persönlich, an ihrem Teil, die Welt verändert haben.

Unser Leben ist Fressen und Gefressenwerden, im Einzelnen und im Ganzen ein kompliziertes Ereignis mit Anfang und Ende und – bedeutungsvollen Unendlichkeitsphantasien.

Symboliken und Symbole sind prärationale Vereinfachungen zwecks Verständigung über die Wirklichkeit – auch mit sich selbst. Sie sind konstitutiv für das Selbst; das Selbst ist durch (mehr oder weniger idiosynkratische) Symbolik mit sich selbst vermittelt.

Luther unterschied zwischen Zeit des Gesetzes und Zeit der Gnade sowie (Augustin umdeutend) zwischen Reich Gottes zur Rechten und Reich Gottes zur Linken.
Die Lutherische Zwei-Reiche-Lehre ist eine Unterscheidung zwischen Poesie und Prosa.
Auch zwischen Poesie und Prosa ist zu unterscheiden. Poesie war ja ursprünglich Religion*. Beides hat seine Zeit und seine Unzeit; keines von beiden ist uns jederzeit erlaubt!
* Homer, Anfang der Odyssee. Noch Goethe als Dichter im Tasso: "Und wenn der Mensch in seiner Qual verstummt, gab mir ein Gott zu sagen, was ich leide!"

Nachtgedanken dienen der Selbstverständigung.

Luthers Lehre von Gottes Wort als „Gesetz* und Evangelium ( = Botschaft von der Auferstehung des gekreuzigten Jesus)“ ist das m. W. erste Beispiel für das (modern-ontologisch bescheidene) „Verständnis“ des Lebens als nicht eines Stückchens Ewigkeit, sondern als wesentlich temporalen Ereignisses**. Diese Bescheidenheit ist heute Conditio sine qua non der Theologie.
* Im Geist der (idealistisch ideologisierten) abendländischen Schuldkultur, radikalisiert im usus theologicus (Gegenbegriff zu usus civilis) legis.
** In der Dimension der Quanten (Wirkung = Energie mal Zeit), die unser modernes Weltbild prägen.

Der Weg ist das Ziel“ – unsere symbolisch andeutend ahnungsvolle Teilhabe am imaginären Ziel.

Nachdenken ist Vorarbeit. (Epimetheus ist der Bruder des Prometheus.)

Dauerhafte Schicksalsgemeinschaften wie Völker entwickeln Systeme von Existenzsymbolik, die zu Wahnsystemen ausarten können.

Goethe hat bis zuletzt an seinem Faust-Tragödie als der Existenzsymbolik gearbeitet, mit deren Hilfe er, reifend, lebenslang seine eigenen alten Teufeleien abbüßte.
„Der Faust“ endet mit einer Art Apokalypse und ist ein heilsames Wahnsystem.

Im Aphorismus wird ein komplexes Beobachtungsereignis festgehalten.

Der Schrei wird sozialisiert zum Ruf nach einer Person (Mensch oder Gott) und endlich abgeflacht zur gedankenlosen Interjektion.

Der erste Schrei ist eine körperliche Reaktion im selbstverständlichen Mitleben. Wir sind aus dem Mitleben ins Mitleben hinein gezeugt und geboren.

Die Naturwissenschaften sind seit alters Zweige der Philosophie.

Theologie“ war ursprünglich Lehre von den Zusammenhängen zwischen den Göttern. In christlicher Zeit hat sie Philosophie als Fundamentalontologie integriert.

Sokrates, den Bildhauer, trieb eine ratlos suchende, die πόλις aufstörende Liebe zur Weisheit; er nannte sie sein δαιμόνιον. Er erlitt die Todesstrafe.

„Gott ist die Liebe/Solidarität“ (1Joh 4,8); „ihr sollt vollkommen sein, gleich wie euer Vater im Himmel vollkommen ist!“ (Mt 5,48). Solidarität in der Ratlosigkeit ist unscheinbar schöpferisch – wie Gott.

Sinn

Leben ist Weiterleben in einer wechselhaften Umwelt. In der Solidarität – besonders zwischen Erwachsenen und Kindern – erlebt man den Sinn des Lebens.

Handlungen haben Ziele; Leben hat Sinn.

Der Sinn des Lebens – im petit train train zwischen Trauer und Hoffnung – ist die Sinnsuche.

Spielend findet man allerlei Sinn im Dasein – erst im Kleinen, dann im Großen.
Die explizite sog. Sinnfrage taucht auf, beruft zur Kreativität und geht wieder unter.

Auch Solidarität mit den zukünftigen Generationen gehört zum Sinn des Lebens.

Religion

Δόγμα/Dogma ist kein genuin kirchlicher Begriff. Es bezeichnet ursprünglich die Lehrmeinung, mit der eine Philosophenschule der Wahrheit am Nächsten zu kommen glaubt. Dogma ist das schulbildende Zentrum einer Glaubensgemeinschaft, theologia viatorum*, sozusagen „Theologie unterwegs“.
Es gibt eine m. E. gute indische Veranschaulichung des Nebeneinanders von verschiedenen Theologien: Ein paar kleine Blinde streiten sich über die Gestalt eines großen Elefanten. Einige bekommen ein Bein, ein anderer der Rüssel zu fassen und jeder beschreibt das Tier dementsprechend. Pars pro toto. Wenn mit der Zeit jeder weiter ausgreift, konvergieren die Beschreibungen schließlich.
Zum Glauben gehört das Wissen um das Nichtwissen! Jeder
soll den Weg, auf dem er angetreten ist, lernbereit weitergehen. Auch den Relativismus müssen wir relativieren.
*
Auch das Wort „Theologie“ ist heidnischen Ursprungs!

Durch die Selbstmord-Attentate hält auch heute noch der Jenseitsglaube die Welt in Atem.

In den monotheistischen Religionen ist Schuld ein wesentliches, unter dem Kreuz Jesu ein zentrales Thema.
Jahwe war ein Rechtsgott. War nationales Unglück wie die Babylonische Gefangenschaft Strafe des Allmächtigen? Die Apokalyptik kreist um Schuld und Strafe. Auch der Islam steht in dieser Tradition.
Soziologie und Psychologie haben die meisten Schuldfragen unlösbar gemacht. Und mit den
Schuldfragen verliert heute die biblische Tradition viel von ihrer Bedeutung.

Gewisse jüdische Kreise im babylonischen Exil reagierten auf das Ende der Reiches der Davididen in Jerusalem paranoid. Es entstand die Apokalyptik, ein Wahnsystem, in dem die alten Gottesvolkstraditionen als Verheißungen konserviert wurden.
In Johannes‘ des Täufers Naherwartung des Endes (und im Neuen Testament) lebten sie wieder auf.
Jesus ließ sich von ihm taufen. Er glaubte an die Gegenwart Gottes und bei ihm und seinen Jüngern ahnte man ein friedenbringendes Jenseits im aussichtslosen Diesseits.

Große Zahlen, die wir aus unserer Lebenswelt extrapolieren, repräsentieren uns die unendlichkeit „des Jenseits“.

Glaube ist ein Ereignis von Existenzsymbolik. Institutionalisiert, ist „Glaube“ nur noch Symbol für ein Ereignis.

Das sog. Jenseits ist der Raum für Größenphantasien*. Hierfür bieten institutionalisierte Religionen eine fertige Symbolik.
* Salman Ramadan Abedi, the recent Manchester Arena suicide bomber, was
a regular party-goer who drank vodka and smoked marijuana, according to reports from his friends. You could argue that this helped him cope with a sense of cultural displacement as a disconnected, second generation, European immigrant; a feeling that he was not Libyan enough, nor British enough. You could also deduce that coming as he did from a religious family, drink and drugs paradoxically pacified and amplified his feelings of shame. (Leena Al Olaimy, in: World Economic Forum, 27 Juli 2017.

Auch alle religiösen Bekenntnisse und Gottesbilder sind Vereinfachungen.

Epikur entdeckte die psychotherapeutische Wirkung von Lehrsätzen als in der Angst beruhigenden Halt, Glaubenssymbole*.
Zu dieser Hilfe hinzu gehört die (bis zur Vergottung gehende!) Verehrung für den Meister, der einem geholfen hat, den eigenen existenziellen Lehrsatz zu finden.
Für Epikur selbst war Freundschaft (so etwas wie die christliche Liebe) das Lebenselement. Die ‚
hedonè‘, die Lust, war hier so etwas wie „Friede und Freude im Heiligen Geist“ (Röm 14,17).
* H. Weinstock erinnert dazu an den Apotheker Emile Coué, der beobachtet hatte, dass Medikamente besser halfen, wenn er sie dem Patienten persönlich empfohlen hatte, und, zur Autonomie berufend, mit ungeheurem Erfolg die Autosuggestion auf den Leuchter stellte.

Das Jenseits“ ist anthropologisch bemerkenswert; eine allenthalben mit erstaunlich vielerlei Phantasien aufgeladene, nur negativ bestimmte, existenzsymbolische Ortsangabe.

Das Heisenberg‘sche Quanten-Ungefähr markiert subkulturell (nämlich exakt-wissenschaftlich) erkenntnistheoretisch die Grenze des menschlichen Verstehens zwischen „Diesseits“ und „Jenseits“.

Ich glaube, als Skeptiker, mit Kant, an das Ding-an-sich, an „das Diesseits“ als Symbolik und an die Solidarität-in-der-Ratlosigkeit als an Gottes Rat.

Gegenüber unserem „Diesseits“ ist Skepsis angebracht.
Das Leben kreuzigt den Diesseitsglauben.

Auferstehung zu Abrechnung und ausgleichender Gerechtigkeit ist ursprünglich eine heidnische Vorstellung.
Der Glaube an die Auferstehung des gekreuzigten Jesus als Beginn der allgemeinen Auferstehung relativiert diese erbaulichen Gerichtsvorstellungen.

Wunschvorstellungen und Befürchtungen müssen als diesseitige Symbole des Jenseits relativiert werden.

Unter überlastendem „Diesseits“ entwickeln sich Jenseitsphantasien. Diese können dem Menschen wichtiger werden als das Diesseits.

Kult ist heiliges Spiel. Hier wird Offenbarung, Neuanfang, Neugeburt gespielt. Es gibt nichts Ernsteres.

Die Gesellschaft wird durch die Globalisierung für den Einzelnen überwältigend groß. Die Folge sind Resignation und, als Reaktion darauf, ein Wiederaufleben von Jenseitsphantasien.

Der Sündenbegriff setzt den Glauben an eine gute Weltordnung voraus. Wir aber leben im Zeitalter der bescheideneren Chaostheorie.

Leben ereignet sich; es spielt (M. Eigen/R.Winkler, 1978). Eine lebendige Religion ist ein symbolisches Spiel in der Welt mit der Welt.

Der Gebetsruf ist eine Beschwörung. Der Adressat wird oft als „lieb“ angesprochen. Wie „Lieber Gott“ auch: „Du liebe Zeit“ oder: „Der Vater, die Mutter, sie gehen vors Hauptmanns Haus: ‚Ach Hauptmann, lieber* (!) Hauptmann, gib unsern Sohn heraus!‘ “
* In allen Versionen des Liedes: O Straßburg, o Straßburg, du wunderschöne Stadt …)

Die Gesellschaft wird durch die Globalisierung für den Einzelnen überwältigend groß. Die Folge sind Resignation und, als Reaktion darauf, ein Wiederaufleben von Jenseitsphantasien.

Gott

Das Verständnis von „Gott“, Zeus, Apollon oder Jahwe als Namen ist eine Verdinglichung/Objektivierung („des“) Gottes! „Gott“ (und seine fremdsprachlichen Äquivalente) ist zunächst kein Substantiv, sondern ein Einwortsatz, ursprünglich eine Interjektion, oft mit einem Erschrecken* vorgebracht (im Alten Testament: ּּפַּחַד יהוה **!) – formal wie (sit venia verbo) „Scheiße!“***. Luther sagt von Gott, er sei numquam otiosus. „Gott“ ist fast ein verbum finitum, Gott ist ein Geschehen, ein Ereignis! Das Wort ist das Bekenntnis, dass einem gerade etwas widerfährt!
*
Das ist: subjektiv unergründet, unerklärlich; der Verstand ist aus dem Konzept geraten. Nach 1.Sam 11,7 und 2.Chron 14, 13 erfasst dieser Schrecken ganze Volksmassen. 2.Chron 19,7 werden die im Namen Jahwes eingesetzten Richter zu solcher Gottesfurcht ermahnt. Hiob (13,11) sieht seiner Freunde in ihrer frommen Weisheit von erschreckender Gotteserkenntnis bedroht.
**
Man verkriecht man sich davor (Jes 2). Der Schrecken Isaaks,
ּּּּפַּחַד יִצְחַק (1Mose 31, 42) ist (so Albrecht Alt) ein Gottesname! Panik/πανικόν hängt etymologisch mit dem Namen des Gottes Pan (Πάν, auch Πανικός, lat.: faunus) zusammen; ein Zusamenhang mit πᾶν (~ All) hingegen scheint mir nicht gegeben.
***
Hier ist, umgekehrt, der Name eines verstörenden Objekts als Interjektion gebraucht.

Das jeweilige „Dies“ (worauf man seine Aufmerksamkeit gerichtet hat) ist die unergründliche Gegenwart Gottes!

Gottes Hiersein ermutigt, Todessehnsucht zu vertiefen zu Gottessehnsucht.

Das Christentum und die islamische Schia haben einen Märtyrer als zentralen Gottesrepräsentanten.

Das mütterliche wie das väterliche, auch auf Gott angewandte „Du“ sind menschlich-natürliche, „angeborene“, dynamische, jeweils integrative Schemata. Das göttliche Du ist vorzustellen als ein Geschenk unseres Schöpfers.

Indem wir Gott zu verstehen suchen, versuchen wir, uns selbst zu verstehen eine Kette von Überraschungen.

Nicht erst der persönliche Gott, sondern schon das „Du“ ist eine objektivierende Vereinfachung und zwar die erste, die grundlegende!

Nur Gott „sucht Gott“. Der Heilige Geist ist Gott selbst.

Die Solidarität Gottes ist die Wirklichkeit des Ideals.

Unberechenbar und uninstitutionalisierbar, erleben wir Gott als Ereignis.
Gott begleitet uns solidarisch durch die menschliche Verlassenheit in der Welt.
Die Trinitätslehre vergegenständlicht Gott, und Orthodoxie ist, als solche, nicht christlich.

Schöpfung

Das Postulat der „besten aller möglichen Welten“, die Antwort von Leibniz auf seine théodicée-Frage, befriedigt nicht. Der Glaube an eine gütige Allmacht ist, angesichts des Weltgeschehens, nicht plausibel.
Ein Ja zur Schöpfung ist keine Feststellung, sondern ein Wort des – unscheinbar schöpferischen – Glaubens, je ein Gottesgeschenk. Es ist ein Schöpfungswunder*, dem menschlichen Verstand ein Mysterium – wie die Entstehung des Menschen oder der Urknall der Physik.
Dem institutionalisierten** Glauben an die gütige Allmacht hingegen ist die Widergöttlichkeit der Welt ein Mysterium (2.Thess 2, 7***: τὸ ... μυστήριον ... τῆς ἀνομίας, mysterium iniquitatis“).
*
Es lohnt, sich da – auch wissenschaftlich – hineinzudenken!
** Die fortschreitende Marginalisierung der Gottesdienste hängt vermutlich mit der modernen Relativierung des Bösen zusammen.
*** Der Zweite Thessalonicherbrief ist deuteropaulinisch!

Nicht böse werden; sondern schöpferisch dafür kämpfen, dass sich Gutes ereignet!
Schöpfung nimmt allerdings ein Ende mit Schrecken. (Die Bibel spricht vom jüngsten Gericht.)

Vergib dem Schöpfer! Der Heilige Geist vergibt dem Schöpfer.

Die Vorstellung vom Schöpfer ist schöpferisch!

Bewahrung der Schöpfung“ meint: (C.F. v. Weizsäcker) sustainable development/„nachhaltiges Wachstum“.

Emergenz“ (G.H. Lewes*), Fulguration“ (Konrad Lorenz), ist unvorhersehbare Schöpfung.
Zu dieser Unberechenbarkeit der Natur muss nicht ein Macher hinzu phantasiert werden; es geht nur um die Grenze der Leistungsfähigkeit unserer Vernunft als Anpassungsorgan an die äußere Realität.
* 1875, bezüglich der Entstehung des Bewusstseins.

Unsere Unterscheidung zwischen Schöpfer und Geschöpf ist problematisch. Der Heilige Geist – spiritus creator – hat doch wohl etwas zu tun mit dem, laut Schöpfungsgeschichte (1Mose 2,7), von Gott selbst dem Menschen (creatura) eingeblasenen (!) Odem.
Die Beziehung Gottes zur Welt ist Liebe/Solidarität (Joh3,16), Gottes Solidarität konstituiert unsere Wirklichkeit. Scharfe Unterscheidungen aber sind Ideale der vereinfachenden Vernunft, die sich mit dem Ungefähr der Wirklichkeit nicht abfinden kann.

Christentum

„Nachfolge Jesu“ im Geist des Schöpfers ist Solidarität mit Gott.

Das Christentum ist, als Sprache der Solidarität in der Ratlosigkeit, natürlich ein chaotisches Wortgeschehen.

Christentum ist eine Sprache der Solidarität in der Ratlosigkeit.

Paulus warb vielerorts im römischen Reich in Synagogen für eine Verbrüderung zwischen Juden und Proselyten im Zeichen eines Paradoxes – für das herkömmliche Verständnis der Synagoge ein Skandal.
Sokrates hatte auf dem Athener Markt die
πόλις in Frage gestellt. Die christlichen Gemeinden sind neuartige πόλεις, organisiert kraft einer neuen Mythologie mit einem Exkommunizierten als Zentrum!

Das Evangelium rät: Vergib Gott und der Welt!

Das Christentum und die islamische Schia haben einen Märtyrer als zentralen Gottesrepräsentanten.

Das Christentum ist, als Sprache der Solidarität in der Ratlosigkeit, natürlich ein chaotisches Wortgeschehen.

Christentum ist eine Sprache der Solidarität in der Ratlosigkeit.

Paulus warb vielerorts im römischen Reich in Synagogen für eine Verbrüderung zwischen Juden und Proselyten im Zeichen eines Paradoxes – für das herkömmliche Verständnis der Synagoge ein Skandal.
Sokrates hatte auf dem Athener Markt die
πόλις in Frage gestellt. Die christlichen Gemeinden sind neuartige πόλεις, organisiert kraft einer neuen Mythologie mit einem Exkommunizierten als Zentrum!

Das Evangelium rät: Vergib Gott und der Welt!

Das Christentum und die islamische Schia haben einen Märtyrer als zentralen Gottesrepräsentanten.

Das Leben Jesu wurde von vielen als Anbruch der verheißenen Gottesherrschaft empfunden; aber er wurde als Gotteslästerer und Verbrecher exekutiert.
Die Kunde von der österlichen Vision des Petrus überzeugte erstaunlich viele. Der Glaube an Jesus als Sohn Gottes veränderte das Gottesverständnis und den Gottesbegriff und wurde als das Heil empfunden. Mit der Zeit wurde das Abendland christlich.
Das Christentum wurde schon in der Antike nicht nur von der Synagoge als gotteslästerlich empfunden. Luther empfahl im Namen des rechten Glaubens Säkularisierungen; die Bilderstürmer der Reformationszeit empfanden sich als die konsequenten Lutheraner. Aber das besondere an der christlichen Religion ist ihre säkularisierende Tendenz. Dietrich Bonhoeffer ist bekannt und anerkannt als hervorstechendes neues Beispiel.

Jesus war ein Radikalinski.
Im Scheitern des Radikalismus, in letzter Ratlosigkeit, offenbart sich der wahre Gott und leuchtet uns Solidarität auf*. Das ist der Sinn von Ostern.
* Heinrich Weinstock hat das, in Die Tragödie des Humanismus (1953), von Aischylos her beleuchtet.

Das Evangelium rät im Namen des Gottessohnes zu Solidarität in der Ratlosigkeit.

Jesus

Bei Jesus ist man bei Gott. Jesu Kreuzigung ist dem christlichen Gauben, als der paradigmatische Zusammenbruch des κόσμος (der „schönen Ordnung“ des „Diesseits“), der Zugang zum Jenseits (dem Himmel über der Hölle).

Ich bin, auf dem Weg über Pascal und seine Welt, spät auf die Skepsis gestoßen (zuerst Montaigne) und im Lauf der Jahre selbst ein Skeptiker geworden. Ich empfinde die Skepsis – trotz der groben christlichen Polemik – als christlich. Ich habe mein letztes Buch "Von der Bescheidenheit Gottes" genannt; und Bescheidenheit, auch kognitive, ist uns durch das Kreuz Jesu geboten.

Gesellschaft

Dem Volk ging der Fortschritt zu schnell; so wählte es Donald Trump.

Man kann Diebe und Einbrecher als Zwangsvollstrecker einer vereinfachten Mitmenschlichkeit ansehen.

Noblesse oblige, und auch Eigentum (guten Teils ebenfalls geerbt!) verpflichtet. Die alten Standespflichten allerdings sind in Vergessenheit geraten.

Dank und Ehre den rechtschaffenen Armen! Sie sind die Träger des sozialen Friedens.
Profit ist (meistens) mehr Glück* als Verdienst**.
* Fortuna schenkt
fortune!
** Von „Dienen“!

Die relativ natürliche Sozialform des Territorialstaates wird von den flexibleren Tauschstrukturen des sog. Kapitalismus zersetzt.

Mundus vult decipi, die Welt will betrogen sein (Sebastian Brant, in Das Narrenschiff) nach Ulpian*.
* Corpus Iuris Civilis, Digesta 50.16,49 (Ulpian) nach Plinius d.J., Briefe 7,9,15; "Mundus vult decipi, ergo decipiatur.“

Für den sozialen Frieden benötigt die menschliche Gesellschaft heute Arbeitsplätze. Lieber als sich jetzt schon gegenseitig totzuprügeln, steuert gute Politik einig, langsam und umsichtig in den Abgrund.

Nationalismus vs. Globalisierung ist Option für vielen, kleineren Unsinn gegen gemeingefährlich größeren Unsinn.

Wir haben uns beschleunigt vermehrt. Die meisten Menschen finden die meisten Menschen überflüssig.
Das ist für die jeweils anderen – also für alle – kränkend, produziert Hass auf die Globalgesellschaft und chaotisiert sie gefährlich.

Werte sind subjektiv bestimmt. Durch Preisaushandlung auf dem Markt wird ein Wert kollektiv-subjektiv quantifizierbar „objektiviert“ (Georg Simmel).
Kollektive Subjektivität urteilt realistisch und deshalb unscharf.

Der große Rhythmus der Geschichte ist keine harmonische Welle, sondern langsamer, sich beschleunigender Aufstieg und steiler Absturz.

Die menschliche Gesellschaft ist überkomplex und hat mehrere Machtstrukturen zugleich, die in mehreren Dimensionen konkurrieren. Klassisch: Priestertum und Königtum, Staat und Kirche; Legislative/Exekutive/Judikative (Montesquieu*); heute: Politik und Wirtschaft.
* De l‘esprit des lois, 1748 in Genf herausgebracht, 1751 auf den Index librorum prohibitorum der Inquisition gesetzt.

Die πόλις (archetypisch: Athen), gerade in ihrer Zerbrechlichkeit, war, nach Heinrich Weinstock, der Horizont der menschlichen Tragik im Sinne des Aischylos. Globalisierung überfordert die Menschlichkeit – schon im antiken Römischen Reich.
Kreuz und Auferstehung Jesu radikalisieren und globalisieren die Tragik. Der „Neue Bund“ Gottes mit den Menschen, „Evangelium gegen Gesetz“ (Paulus, Luther), sprengt, mit der jüdischen „Polis“, die Tragik als Grundstruktur der Menschlichkeit.
Luthers Fassung der (Augustinischen) Zwei-Reiche-Lehre ist im klassischen Sinne tragisch!

Die inoffizielle, „außerparlamentarische“ Opposition gegen die allzu selbstsichere (früher die politische, heute die wirtschaftliche ) Machtelite ist gleitender Übergang zum „Welt- Bürgerkrieg“* am Rande der Gesellschaft – bedenklich bis gefährlich.
* Hans Magnus Enzensberger.

Scharfmacher haben in Parteien Erfolg bei den Denkfaulen – auf Kosten nicht nur der Gegner, sondern der Umwelt.

Nicht Macht, sondern Verzicht adelt den Menschen.

Wir verstehen das Weltgeschehen nur andeutungsweise, nur als Chaos. Diesem so etwa wie eine Rechtsordnung abzugewinnen, ist ein Gebot der menschlichen Natur.

Globalisierung ist auch Verödung. Die Syntax wird vereinfacht, soziokulturelle Strukturen werden zugunsten kurzlebiger neuer Zusammenhänge planiert, die Signifikate/Begriffe werden zur Potenzmenge vermehrt, Fachidiotie breitet sich aus, abstrakte Subkulturen entstehen; die Subjekte vereinzeln in unzusammenhängenden Zusammenhängen; ihre Identifikation mit der (niedrigdimensional und schwach strukturierten) Globalgesellschaft atrophiert.

Landflucht ist ein schon älteres, globales Problem. Nach dem ersten Weltkrieg gab es Stadtflucht. Stadtrand ist ein Kompromiss.

Institutionalisierung vereinfacht, aber führt zu verhängnisvoller Verwechslung der verselbständigten Symbolik mit der in Rede stehenden (immer umweltabhängigen) Realität.

Je komplizierter die Weltgesellschaft wird, desto beachtlicher wird das Störpotential der kleinen Mächte (Beispiele: Islamischer Staat, Nordkorea, Türkei). Die Chaotik nimmt zu.

David Riesman sah (um 1950) seine Kulturepoche – nach „traditionsgeleitet“ und „innengeleitet“ schließlich: die „außengeleitete“ – von einer lonely crowd, der „einsamen Masse“, bevölkert. Das Problem hat sich verstärkt.

Die Menschen sind – weil zunehmend intelligent: zunehmend chaotisch – beschränkt gut zu einander.

Politik erarbeitet Einigungen in Machtkonflikten zwischen Interessengruppen.

Die Problematik der Parteien (im weitesten Sinn) ist ein Vertretungsproblem. Sie vertreten die Interessen einer möglichst großen Zahl natürlich nur ungefähr; da ist eine Symbolik wichtig. Das Ungefähr verlangt solide Führung; das Vertreten geht also weiter und bringt eine innerparteiliche Führungsschicht hervor, – die denn auch ihre eigenen Interessen hat.
Die Gruppen können zur Wahrung und Förderung ihrer Interessen zu klein, aber auch zu groß sein. Das antike römische Reich, das Reich Karls des Großen, das deutsche „Dritte Reich“, und das britische Empire wurden zu groß. Die Vereinigung der Nord- und Südstaaten der USA ist bis heute ein Problem geblieben!

Heinrich Weinstock* plädiert christlich für Plato – gegen das aristotelische Medio tutissimus ibis (den gesunden Menschenverstand, den Glauben an die Gauss‘sche Normalverteilung). Unsere Wirklichkeit versteht er als im Wesentlichen tragisch im Sinne des Aischylos, chaotisch.
Er kämpft, um der Menschlichkeit willen, für Demut vor dem Heiligen, für Glauben an christos (den „Gesalbten“), das Heilige inmitten des saeculum, der Profanität; das Evangelium inmitten der Welt des Gesetzes.
Das Christentum lebt in einem Gott-Mensch-Chaos.
* Die Tragödie des Humanismus, 1953.

Tragik ist die Chaotik der Mitmenschlichkeit.

Den Begriff „Meritokratie“ stammt von Michael D. Young (1958 in seiner Satire The Rise Of The Meritocracy 1870–2033). Da stellen Schulen und Universitäten durch soziale Beziehungen die fürs weitere Leben entscheidenden Weichen in die Oberschicht, – die sich um die Gesellschaft „verdient“ macht, indem sie schlecht und recht regiert.
Der schülerhafte Stolz auf den Erfolg trägt den Glauben an eine invisible hand*, durch deren Fügung sein Egoismus der Allgemeinheit zugute komme. Auch hier ist man legitimiert und durch Schmeichler** betört*** – wie einst der „von Gottes Gnaden Kaiser“.
* Adam Smith hat diese Metapher je einmal in drei verschiedenen seiner Werke in verschiedenen Bedeutungen gebraucht (Emma Rothschild 1994), in ökonomischem Zusammenhang die unbeabsichtigte Nebenwirkung eines Verhaltens gemeint und diese Metapher ironisch gebraucht (E. R., 2001)!
** Höchst erfolgreich Ayn Rand († 1982). Ihre Philosophie des „Objektivismus“ war seinerzeit die amerikanische – ihrerseits vereinfachende – Antithese zur kommunistischen Vereinfachung.
*** „Schwindel“ im ursprünglichen Sinn.

Homo homini lupus“; „good fences make good neighbours“. Gute Abgrenzungen dienen dem Frieden. Liebe hat es nicht einfach; Solidarität muss kreativ sein!

Kooperationen sind spannungsvoll. Sie beruhen auf der vielfach bedingten, instabilen Koïnzidenz des gemeinsamen Interesses mit den Interessen der verschiedenen Akteure.

Herrschaft, und überhaupt Macht, ist, in der Dynamik der Gesellschaft, eine Glaubensfrage.

Es bedarf verschiedenartiger Individuen für eine überlebensfähige Gesellschaft von vermehrungslustigen Individuen in Auseinandersetzung mit einer wechselvollen, nährenden sowie tödlichen Umwelt. Der Kampf ums Dasein bedingt Spannungen und Koordinationsprobleme und diese schaffen Führungsprobleme.
Es bedarf auch dazu verschiedener Begabungen: zum Führen und zum Sich-fügen in allen Bereichen des Zusammenlebens – die denn auch untereinander ihre Koordinationsprobleme haben.

Auch kollektive Kränkungen führen zu bösen Dummheiten.
Ursprung des „Islamischen Staats“ war die Reaktion eines sunnitischen Widerstandskämpfers (Abu Bakr) gegen die „christliche“ Besatzungsarmee im Irak, – eine Reaktion auf Unrecht, das dieser in dem berüchtigten Gefängnis Abu Graib erlebt hatte.
Die psychische Struktur des unerwartet anwachsenden, von ihm beherrschten „Islamischen Staats“ erinnert an den deutschen „Sturm und Drang“, namentlich Schillers Räuber (geschrieben unter dem Eindruck eines Textes und des Schicksals des Christian F. D. Schubart*.
Auch der deutsche Nazismus war Reaktion auf ein Unrecht – auf den Friedensvertrag von Versailles 1919. (Versailles wiederum war Clemenceaus Reaktion auf Bismarcks Krieg gegen Frankreich 1970/71 mit der anschließenden Kaiserkrönung in Paris und Abtretung des Elsass und Lothringens.)
* Diesen hatte sein skrupelloser Landesherr (den er
beleidigt hatte), unter empörenden Umständen vier Jahre vorher inhaftieren lassen. (Erst sechs Jahre später gab dieser dem allgemeinen Druck nach und ließ Schubart frei.)

Soziologie ist eine Systemtheorie. Die theoretische Physik ist die höchstentwickelte Systemtheorie, eine Fundgrube für vereinfachende, klarer verständliche Vorstellungen, Modelle (Assimilationsschemata). Mathematik stellt einen Teil hiervon – hat aber ihre eigenen Probleme.

Koalitionen haben mehr oder weniger breiten, weichen, zerfallenden oder partikulären, harten, zerbrechenden Konsens (Merkel vs. Trump).Gesellschaft

Staat

Herr: Keyser Friderich [III.], Keyser Maximilianus‘ vatter, hatt ein Sprichwort gehabt, das einem Fürsten wol gezimpt: ‚Qui nescit dissimulare nescit imperare, Wer nit kan lassen für oren vnd augen geen vnd durch die finger sehen, der kann auch nit regiern.‘ “ (Luthers Sprichwörtersammlung, hg. Thiele, Weimar 1900.)

Staaten sollen für Gerechtigkeit sorgen und Gerechtigkeit soll dem Frieden dienen. Kriminalität eines Staates in einem fremden Land dispensiert dieses, zugunsten einer angemessenen Strafverfolgung, von der Friedenspflicht.

Politik ist vieldimensionaler als das Geschäftsleben.
Als Firmenchef konnte Trump Geschäftspartner und Mitarbeiter ziemlich frei wählen. Nicht so als Politiker.

Demokratische Politik ist angewandte Massenpsychologie; Verantwortung für die weiteren Folgen ist Ethos, Sache der Ethik.
Demoskopie ist zunächst Werbeberatung, Geschäft. Der Politiker muss der öffentlichen Meinung nicht folgen, aber sie persönlich verantwortlich* berücksichtigen.
Der Vollbürger einer Demokratie ist wesentlich persönlich verantwortlicher Souverän.
* Der Glaube an Gott, den Schöpfer als Person, garantiert dies.

Korea, auf der Grenze zwischen den benachbarten Blöcken, hat böse Erfahrungen mit deren Machtpolitik gemacht! Das gehört zur Erklärung der nordkoreanische Politik.

Recht

Stadtmauern dienten, wie die chinesische Mauer, zur Stabilisierung der Ungleichheiten in der Friedens-, Rechts- und Sozialordnung.

Recht: Sprichwort: Volenti non fit iniuria, original Ulpian*: „ … nulla iniuria est, quae in volentem fiat.“ In diesem Sinne schrieb Sebastian Brant in Das Narrenschiff: „Mundus vult decipi, ergo decipiatur.
*
Digesta 47.10.1.5.

Mit dem Fortschritt der Technik drohen zunehmend Unglücksfälle durch minime Fehlhandlungen, für die die Rechtsordnung ein fast schuldloses Subjekt haftbar macht*. Das Urteil muss dem Frieden dienen. Fahrerflucht wird bestraft.
* Die Technik chaotisiert: Kleine Ursachen – große Wirkungen!

So etwas wie eine Rechtsordnung ist ein kollektives Überlebensbedürfnis jeder Art von „animal sociale“. Aber die Rechtsgeschichte zeigt: ordentliches Recht versteift die Gesellschaft und kann umständebedingt verhängnisvoll sein. Zu Zeiten chaotisiert nicht so sehr Kriminalität wie, ausgerechnet, das Rechtsideal.

Recht und Unrecht werden in der Bibel radikalisiert*, von Epikur** relativiert.
* Bis zum stellvertretenden Kreuzestod des Gottessohnes!
** Heinrich Weinstock nimmt ihn gebührend ernst.

Jede „Gesellschaft“ hat ihre spannungsvolle Existenzsymbolik, – die „den Anderen“ nicht gerecht wird.
Armer Leute Kind ist zum unschuldigen Verlierer prädestiniert. Er soll dem verwöhnten Reichen vergeben; sonst wird er gefährlich und muss unschädlich gemacht werden. Früher dachte man: Am sichersten an den Galgen!
Aber damit macht sich die Gesellschaft weiter schuldig; es überzeugte als Justiz immer weniger.

Geld verschärft das Problem „Eigentum“.
Eigentum ist ein juristisch (also strittig) präzisierter Begriff. Er gehört aber eigentlich – wie Freiheit – zur tieferen Problemschicht des sittlichen, lebendigen Ungefährs. Die sittlichen Ansprüche, die Menschen, als Subjekte, an einander haben, sind überkomplex mit einander verwoben.

Fiat iustitia, pereat mundus“ erklärte (laut einer Tagebuch-Aufzeichung des Marino Sanduno) der neugewählte Papst Hadrian IV (aus den burgundischen Niederlanden) im Jahr 1522 in seiner Ablehnung des Gnadengesuchs für einen Mörder aus der römischen Oberschicht. (Dies ist wohl der Ursprung dieses geflügelten Worts.) Mundus meint hier die Struktur der Gesellschaft; diese dürfe nicht zu Lasten der Gerechtigkeit geschützt werden.
Diesem
„… pereat mundusentspricht wohl am ehesten das deutsche: „Und wenn die Hölle platzt!“ – hier mit der konkreten Vorstellung: „… auch wo das eine Revolution auslösen kann!“ Das war aktuell! 1517 war die Reformation angebrochen, 1525 brach über Deutschland der Bauernkrieg herein; der Papst selbst starb, vielleicht vergiftet, ein Jahr nach seinem Verdikt, 1523.

Recht, sowohl als Ideal wie als geltendes Recht, ist eine grobe, aber unentbehrliche Vereinfachung.

Zuviel Ordnung erstarrt, führt zu Revolutionen und kollabiert.

Geld

Kapitalismus wurde und wird verschieden, meist kritisch definiert. Im Zentrum des allgemeinen Sprachgebrauchs steht zinstragendes Kapital. Es geht um das natürliche Wachstum des Geldwertes von Vermögen*.
Natürlicherweise wächst Kapital exponentiell, also: das größte am schnellsten. Damit wachsen natürlich auch die sozialen Spannungen exponentiell. Jedes** partielle Wachstum ändert die Proportionen und endet in einem Zusammenbruch des Subsystems, in dem es stattfand; und dieser Zusammenbruch führt zu Umstrukturierung des Gesamtsystems. Das Misstrauen gegenüber dem Kapital und das moralische Vorurteil gegen die Kapitalisten sind nicht unbegründet. Kapitalismus setzt dem entgegen, dass Kapital normalerweise Ergebnis von Tüchtigkeit sei. Aber die Erfahrung hat dem Wort „Geschäftstüchtigkeit“ einen ironischen Sinn eingetragen.
Die Abstraktheit des Geldes als "Wert" schützt dessen Eigendynamik vor der konkreten, lokalisierbaren Störung durch seine soziale Relevanz; seine Gesichtslosigkeit schützt vor der Störung durch persönliche*** Verantwortung.
* Abzüglich der Wertgegenstände, die (als Absicherung gegen Wertverlust des Geldes) zum Vermögen gehören.
** Lebendige Organismen sind in der Welt seltene, langsam entwickelte Systeme, die ihr Wachstum, lange vor dem Abbruch, stabilisierend zum Stehen bringen.
***„Werft ihn hinaus! Er bricht mir das Herz!“ ruft der Unternehmer, in dessen Zimmer ein um Hilfe flehender Ausgebeuteter vorgelassen wurde (in einem Dürrenmatt-Schauspiel?).

Es ist mehr Geld im Umlauf, denn als Tauschmittel gebraucht wird. Trotzdem wird von der Europäischen Zentralbank die Geldmenge vermehrt (und dadurch entwertet), um, durch Förderung des Handels, die Nachfrage und dadurch die Produktion (auch von nicht benötigten Produkten) zu fördern (die sich nur die Wohlsituierten leisten können) und dadurch mehr Arbeit zu beschaffen. Das verschärft Luxus und Ungleichverteilung.

Geld ist ein „Wert“; Wert ist ein Gut; ein Gut ist gut. Plato dachte darüber nach, was „das Gute“ sei. Das Gute ist eine Wunscherfüllung. Das verlangt nähere Bestimmung: „Gut“ für wen, unter welchen Umständen, für was?
Geld ist ein Tauschmittel, gut zum Tauschen von Besitz. Besitz ist Macht. Besitz ist ein rechtlich gesichertes Gut. Es beruhigt, weil berechtigte Macht durch staatliche Gewalt gesichert ist. Die staatliche Gewalt ist ein soziales Gut – allerdings, inmitten der verunsichernden Chaotik der Mitmenschlichkeit, ein unsicheres.

Die nackte Frage, was ein Mensch wert sei, ist unmenschlich, entwürdigend. Der Markt beantwortet sie – zwar praktisch, aber unbefriedigend – in der Regel mit dem Stunden-, Wochen- oder Monatslohn.

„Geld regiert die Welt“ und sogar die öffentlich-rechtlichen Regierungen. Die Oligarchie des Geldadels sorgt vornehmlich für sich selbst – bis zur nächsten Revolution.

Geld ist Credit-, also Glaubenssache. Lebendiger Glaube ist zwar vielfältig (etwa durch Machtverhältnisse) beeinflussbar, aber unregierbar.

Giralgeld beruht auf Bank-Macht, Bargeld auf staatlicher Gewalt. Geld beruht auf Vertrauen. Geldentwertung beruht auf Misstrauen gegen den Staat, dessen konsensual geregelte Macht von der Wirtschaft abhängig ist.

Wirtschaft

Das dominante Systemprinzip der modernen Gesellschaft ist: Ökonomie. Der νόμος der οἰκονομία ist eine Vereinfachung des menschlichen Zusammenlebens, die ihren Preis hat. Leben ist nicht so einfach!
Die Rationalisierung der Arbeitswelt (extrem: der Taylorismus) macht die (spontan vielseitig engagierten) Menschen zu zombie workers“, denen ihre Arbeit gleichgültig ist und die unter einem Gefühl der Sinn-Armut ihres Lebens leiden.

Klaus Schwab* fasst „Kreativität und Innovationskraft“ zusammen als Talent. Nach den Epochen von Handwerk, Industialisierung und Kapitalismus, ist in seinen Augen aktiviertes Talent der knappe Produktionsfaktor, der die heutigen Konkurrenzkämpfe entscheidet; und er nennt unsere Epoche „Talentismus“.
Kapital ist nur wesentlicher Multiplikator von allerlei Prototypen. Und beim heutigen Entwicklungstempo ist nicht mehr die Massenfertigung der Engpass, sondern die Entwicklung von Prototypen. Nicht mehr Kapital ist für die Wirtschaft das zentrale Problem, sondern die Entwicklung des menschlichen Potenzials**. (Auch dies wird nicht das letzteWort sein.)
*
Gründer des Welt-Wirtschafts-Forums in Davos.
**
Indikator ist der oft beklagte Fachkräftemangel. Eine Fachkraft muss, bei dem Tempo, in dem sich die Fächer verändern, intelligent und kreativ sein.

Die Weltwirtschaft prämiert heute Geschwindigkeit höher als solide Qualität.

Die Wirtschaft“ zieht ein einfaches autoritäres Regime der Chaotik einer Demokratie vor.

Der globale Markt hat Teil an der heutigen Hypertrophie des sozialen Subsystems Wirtschaft (einem Überangebot von Arbeitskraft, ihren Produkten und Geld) zu Lasten aller übrigen Lebensbereiche. Nicht alles, was der Mensch braucht, ist mit Geld zu regeln!

Die economy of scale (inklusive Versandhandel) chaotisiert den Arbeitsmarkt, erhöht die gefürchtete Arbeitslosigkeit und die Ungleichverteilung der knappen Güter.

Märkte sind Inseln milder Chaotik – im Meer der wilderen, die die Märkte „verzerrt“.

Chrystia Freeland warnt in ihrem Buch Plutocrats (2012), daß die neue weltweite Schicht der Superreichen (die auch die politische Macht an sich reißt) die Wirtschaft abwürgt. Der Niedergang Venedigs sei ein warnendes Beispiel für diesen „Erfolg“.

"Der Markt" ist ein theoretisches Modell, auf das man, verführerisch einfach, sich verständigen kann. Aber "Marktverzerrungen" sind nicht die Ausnahmen, sondern die Regel. Das ist die Tragik der Wirtschaftswissenschaften.

Solidarität

Manchem, der Überlastendes durchlebt hat, merkt man das nicht an*, wenn er davon erzählt. Er hat den Kern des Erlebten begabt verdrängt.
Für den Mitmenschen, der diese Begabung nicht hat, ist es gleichwohl eine Aufgabe, das Belastende ernstzunehmen, das der Betroffene wegschieben konnte.
* Darauf hat Alastair (
Hans-Henning von Voigt, 1969) mich aufmerksam gemacht,der wohl selbst ein Beispiel dafür war.

Manchem, der Überlastendes durchlebt hat, merkt man das nicht an*, wenn er davon erzählt. Er hat den Kern des Erlebten begabt verdrängt.
Für den Mitmenschen, der diese Begabung nicht hat, ist es gleichwohl eine Aufgabe, das Belastende ernstzunehmen, das der Betroffene wegschieben konnte.
* Darauf hat Alastair (
Hans-Henning von Voigt, 1969) mich aufmerksam gemacht,der wohl selbst ein Beispiel dafür war.

Solidarität vergibt.

Willst du glücklich sein im Leben, trage bei zu anderer Glück. Denn die Freude, die wir geben, kehrt ins eigne Herz zurück.“ (Goethe zugeschrieben.)

Man kann Sadismus und Tierquälerei als eine perverse Form von körperlicher Solidarität verstehen. Kinder sind, nach S. Freud, „polymorph pervers“.

Solidarität ist unterbestimmte Identifikation.

In göttlicher Bescheidenheit schafft Solidarität unscheinbar Rat inmitten aller menschlichen Ratlosigkeit.

Teilhabe an Freude und Kummer Gottes (den Jesus „Vater“ nannte), des Schöpfers, mit seiner geliebten Welt – das ist das Leben, der Geist, den Gott (laut 1Mose 2,7) dem Adam in die Nase blies, der Geist, den wir heilig halten sollten.

Kultur

Die Aggressionskultur und die Beziehung zur Umwelt haben sich geändert. „Gar lustig ist die Jägerei“ wird nicht mehr gesungen! Aber ein Rechtfertigungsbedürfnis zeigte sich schon in dem Rat an den Hasen: „Geh‘ dem Bau‘rn nicht mehr ins Kraut, sonst bezahlst‘s mit deiner Haut“; oder: Liebes Füchslein, lass dir raten, sei doch nur kein Dieb*!“
* Obwohl schon Rousseau Eigentum als Diebstahl ansah.

Öffentliche Meinung“ im Singular meint eine vorherrschende Meinung.

In den Vereinigten Staaten stemmt sich ideologischer Konservatismus gegen den chaotischen Fortschritt.

In der Ökonomisierung der Medizin geht es um den Marktwert von Menschenleben. Dessen Unterhaltskosten steigen mit dem Alter; der kollektive Liebhaberwert des Einzelnen sinkt mit seiner Rentabilität. Die mittlere Generation, die für sich selbst, ihre Eltern und für ihre Kinder zu sorgen hat, muss den Tauschwert abwägen.

Die Technik, als Multiplikator der Macht jedes Einzelnen, sprengt die bislang stabilisierenden Sozialformen.

Die Bohème hatte das Ende der Neuzeit eingeläutet.
Die „lost generation“* (Gertrude Stein) im Paris nach dem Ersten Weltkrieg waren marginale, aber für die Normenkrise jener Umbruchszeit charakteristische, junge amerikanische Schriftsteller. Sie halten uns, in unserer heutigen Ratlosigkeit, drogiert-prophetisch einen Spiegel vor.
* Es folgte die „beat [niedergeschlagene] generation“ (Selbstbezeichnung!) nach dem Zweiten Weltkrieg.

Überbevölkerung ohne inklusiven kollektiven Optimismus ist kränkend für jeden Einzelnen. Sie senkt die Erwartung für seinen Wert für die Gesellschaft.
Im Namen der Gerechtigkeit mörderische Massenbewegungen wie der
Islamische Staat rekrutieren sich aus Gekränkten. (Die Hitlerei war eine Frucht der Kränkung von Versailles.)

Der Verteilungskampf zwischen den Reichen ist nur ein Gesellschaftsspiel; aber er ist eine Anspielung auf den Kampf um die knappen Güter, den Kampf des Lebens ums Weiterleben, eine naturwüchsige Sozialstruktur.

Alternative Fakten“ haben in der menschlichen Gesellschaft schon immer eine große Rolle gespielt. Erst lehnte man sich gegen die heidnischen Götzen auf. Mose, Jesus und Mohammed wurde schon im Mittelalter, im Untergrund der Gesellschaft, als tres impostores gesehen. Der Vatikan richtete 1622 seine Sacra congregatio de propaganda fide ein, deren Tätigkeit der Vokabel ihre bleibende Färbung verlieh. Ludwig XIV. institutionalisierte der staatliche Propaganda. Die Informationstechnik macht dergleichen zunehmend gefährlich.

Auch P. Mishra konstatiert in seinem gründlichen Buch über unsere Gegenwart (Das Zeitalter des Zorns) eine apokalyptische Stimmung.
Es lohnt sich, die neutestamentliche Apokalypse, die Offenbarung des Johannes in diesem Licht wieder zu lesen! Sie bringt den prä-tragischen* Rachedurst der Märtyrer zur Sprache und malt das Jüngste Gericht über die Menschheit aus. Diese Wut gilt der ganzen Welt, die da vom Unrecht profitiert.
* Heinrich Weinstock, Die Tragödie des Humanismus, 1953, war für mich erhellend.
** Gericht natürlich nach ihren Werken! Nicht von Glauben (der das Gericht an Jesus vollzogen sieht – vergleichbar mit der Verwandlung der Erynnien in die Eumeniden bei Aischylos), aber von Götzendienst ist viel die Rede.

In einer erstarrten Hochkultur kommen Barbaren zu Macht – und führen in den Zusammenbruch.

Das heterotrophe (auch das menschliche) Leben ist brutal.
Kultur ist nur zeitweise und lokal stärker als Brutalität. Sie blickt über sich hinaus, entwickelt Religion und stärkt, indem sie integriert.

Die jüdische Intelligenz ist Ergebnis der 2000 Jahre Zuchtwahl seitens der antijudaistischen Gastvölker.

Neuere europäische Geschichte, grob:
Im 18. Jahrhundert erhob sich der Vernunftglaube gegen das
ancien régime.
Im 19. Jahrhundert beherrschte der Kampf der Ideologien die Szene.
Das 20. Jahrhundert war chaotisch.
Das 21. (vielleicht letzte) ist das Jahrhundert der Informatik.

Individuum

Das menschliche Leben ist besonders vielfältig verwoben in die Umwelt: nicht nur durch den Stoffwechsel, sondern durch die vielen (einseitigen und wechselseitigen) Identifikationen und Vorstellungen, die dann auch, ohne eigenes Zutun des Betroffenen, fusionieren und, in neuen Kontexten, selbstständig Neues bewirken. Das wohl eklatanteste Beispiel ist der „auferstandene“ Jesus:„Wir werden alle verwandelt werden“, schreibt Paulus (1Kor 15, 51)!

Das bevorstehende Irgendwie des Sterbens und der sichere Tod machen Angst. Aber der Tod hat vielleicht nicht das letzte Wort!

Auch in der menschlichen Gesellschaft gehören Machtkämpfe zur Natur. In einer normalen Gesellschaft gehört zum Rang ein entsprechendes soziales Selbstverständnis. Hier aber ist Vielfalt natürlich, z.B. verschiedene Mischungen aus heldenhafter Zielstrebigkeit und Vorsicht.

Ohne das genetisch und kulturell ererbte Weiterleben-Wollen gäbe es uns erst gar nicht.
Der Wille zum Wollen, nicht nur das Wünschen, ist uns angeboren, selbstverständlich.
Wir sind nicht zum
nur Zugucken da, sondern zum Mitleben und Mitsterben.

Wir Geschöpfe sind zur Weiterentwicklung der Schöpfung genötigt, und stehen also immer wieder im Grunde ratlos vor Entscheidungen.

Luther empfand alten und neuen Bund (testamentum) Gottes mit den Menschen, Gesetz als Wort Gottes und Evangelium als Wort Gottes, Zeit des Gesetzes vs. Zeit des Evangeliums, als existenzielle, theologische Grund-unterscheidung und appellierte dafür ans Gewissen. Der Autor von "Sein und Zeit" hat Luther gelesen.
Das Gewissen betrifft nicht nur unsere „Werke“, unsere Aktivität, sondern auch unsere Aktualität; unser Leben und Erleben ist eine Folge von Ereignissen*.
Gott hat uns zeitweise "gott-loses" Leben unter dem "Gesetz" verordnet.
* Für mich war der quantenphysikalische Begriff des Beobachtungsereignisses (Dimension: Wirkung = Energie mal Zeit) wegweisend.

Jeder muss primär für sich selbst sorgen.
Aber der natürliche
Egoismus des Menschen verlangt nicht nur maximales, sondern konsensfähiges Haben und Sein sowie Sicherheit in seiner Umwelt und dazu Selbstzufriedenheit. Da geht es um Symbolik.

Etwas Streitlust gehört zum normalen Menschen. (Man denke an den psychoanalytischen Begriff Todestrieb“ des späten Freud.)

Man weint über das Scheitern guten Willens, das verlorene Gute, wie ein hilfsbedürftiger Säugling.



Moral

Ein Toter ist tragisch, tausend Tote ist eine Statistik“; man erlebt es. Menschenmassen sind dem Einzelnen ein Stück Umwelt. Für den Umgang mit den einzelnen Mitmenschen gibt es eine natürliche Ethik. Wie aber wird man dem Gefühl gerecht, dass es zu viele Menschen gibt? Das ist eine politische Frage, die aber doch auch den einfachen Wähler beschäftigen muss.
Es ist eine Frage der Verantwortung. Aber nicht erst der Blick auf die erwartbaren Folgen unseres Handelns (und Nicht-Handelns) zieht uns zur Verantwortung. Die Verantwortung transzendiert unser Bescheidwissen und die oberflächlichen Machbarkeiten. Sie geht in die Tiefe der Problematik des
homo peccator*. All unsere Antworten sind, hieran gemessen, oberflächlich.
*
Quid sum miser tunc dicturus, quem patronem rogaturus, cum vix iustus sit securus? fragt die Sequenz Dies irae (aus dem 13. Jahrhundert, bis 1970 verpflichtend im Requiem). Das existenzielle Schuldproblem thematisiert Heideggers Sein und Zeit existenzial-philosophisch.

Der sog. „hippokratische Eid“, mit seiner Absage an Tötung (auch auf Verlangen!) durch Gift und Abtreibung, stammt aus dem Milieu der „Asklepiaden“ (priesterliche Ärzte), ist vor-hippokratisch und hat mit dem hippokratisch-protowissenschaftlichen Empirizismus nichts zu tun.

Umweltschutz verlangt des Einzelnen Selbstverständnis als Stütze der Gesellschaft. Dieses Selbstbild verlangt Anerkennung seiner Person als Vollbürger. Kraft seines (notfalls selbstschädigenden) Störpotenzials kann er diese sogar verlangen.

Einbruchdiebstahl ist Zwangsvollstreckung vereinfachter Menschlichkeit.

Noblesse oblige, und auch Eigentum (guten Teils ebenfalls geerbt!) verpflichtet. Die alten Standespflichten allerdings sind in Vergessenheit geraten.

Willst du glücklich sein im Leben, trage bei zu andrer Glück; denn die Freude, die wir geben, kehrt ins eigne Herz zurück.“ (Goethe zugeschrieben)

Darf man Mitempfinden unterdrücken, um selbst dankbar zu sein?

Umweltschutz verlangt des Einzelnen Selbstverständnis als Stütze der Gesellschaft. Dieses Selbstbild verlangt Anerkennung seiner Person als Vollbürger. Kraft seines (notfalls selbstschädigenden) Störpotenzials kann er diese sogar verlangen.



Willst du glücklich sein im Leben, trage bei zu andrer Glück; denn die Freude, die wir geben, kehrt ins eigne Herz zurück.“ (Goethe zugeschrieben)

Darf man Mitempfinden unterdrücken, um selbst dankbar zu sein?

Opportunismus chaotisiert die Gesellschaft.

Erst besinn‘s, dann beginn‘s!– nur ist es dann oft fürs Beginnen zu spät, und es bleibt beim „Probehandeln“ (wie S. Freud das Denken nannte).

Guter Rat: Zuversichtlich suchen, an allem etwas gut zu finden.

Für die Fortdauer einer lebendigen Struktur sind Hoffnung, Symbiose, Solidarität, Opferbereitschaft, Lebenswille, Anpassungsfähigkeit im Erbgut und Langsamkeit der Umweltveränderungen günstig.
„Tugend“
ist etymologisch „Tauglichkeit“. Beim Sollen geht es um die Zukunft; englisch: shall!

Die öffentliche Diskussion dreht sich noch heute, am „Ende der Fahnenstange“, ums Wachstum.
Wir brauchen aber immer weniger eine Ethik des Wachstums und immer mehr eine Ethik des Untergangs.

Bosheit kann man nicht ausrotten. Wie der Tod zum Leben, gehört sie zum höheren Leben. Wir können nur großes Böses mit kleinerem Bösen bekämpfen.
Schuld ist nicht einfach Ungehorsam gegen eine gute Weltordnung; alle Schuld ist tragisch. (Hierzu ist höchst beachtlich das wenig beachtete Buch von
Heinrich Weinstock, Die Tragödie des Humanismus, Heidelberg 1953.)

„Ethos im Chaos“* ist Solidarität.
* Thema eines Vortrags von mir (1991), zugänglich auf meiner WebSite.

Moral appelliert an den Einzelnen – auch an ihn als „Stütze der Gesellschaft“. Aber Hauptakteure der Geschichte sind fluktuierende soziale Einheiten. Der Einzelne wird für sein Verhalten in der Welt (der Gesellschaft der Gesellschaften und ihrer natürlichen Umwelt) „verantwortlich“ gemacht; er soll es rechtfertigen können. Aber er ist damit überfordert. Allerdings soll er, menschlich gefragt, menschlich antworten können.

Guter Wille ist, nach I. Kant, „ohne Einschränkung gut“. „Gut“ ist abstrakt ideal; aber auch der gute Wille ist einschränkend, wenn er konkret entscheidet.

Trauer

Unser Schmerz soll aufhören in Gott !

Ich glaube, dass ich sterblich bin, aufgrund dessen, dass ich mich mit andern Lebewesen identifiziere, deren Sterben ich erlebt habe.

Alter

Der Realismus wird im Alter wieder fadenscheinig. „Es könnte doch alles auch anders sein!“

Das Denken verändert sich mit dem Alter. Der soziale Kontext und die Thematik ändern sich. Neue Erfahrungen relativieren die früheren. Man erfährt sich als Teil der Geschichte; so wird die Chronologie immer wichtiger. (Deshalb belasse ich meine Notizen-Sammlungen möglichst in ihrer zeitlichen Reihenfolge.)

Der Fortschritt schiebt uns heute schneller aufs Altenteil.

Ich kann immer weniger mitwirken; man wird mit dem Alter immer abhängiger. Das macht Angst.
Aber ich soll getrost sterben. Auch mein Fortleben in der Vielfalt der Welt, die ich persönlich mitgestaltet habe, liegt in Gottes Hand.

Man lernt die Welt kennen; man baut sie im Gehirn nach – und glaubt, dass das so ungefähr stimmt. Im Alter wird die Selbstverständlichkeit brüchig. Weisheit staunt.

Die Erfindung der Schrift hat den Wert der älteren, erfahreneren Menschen für die Jüngeren gemindert, – wenn sie belesen waren allerdings: gesteigert.
Heute, im Zeitalter der Informatik, ist die Erfahrung der Älteren weiter entwertet.

Gegenwart

Die Milliardäre sind die heutigen Fürsten. Auch diese wissen, dass sie nicht „ihr Haupt ruhig legen können jedem Untertan in‘n Schoß“*; und sie genießen ihre Herr-lichkeit möglichst unbemerkt; denn sie haben kein Volk hinter sich, das ihnen, wegen durch sie garantierter öffentlicher Ordnung, Glück wünscht. Im Gegenteil: Sie werden eher für Ausbeuter gehalten, die den sozialen Frieden gefährden.
*
Ich denke an die Landeshymne Württembergs (Text von Justinus Kerner): „Preisend mit viel schönen Reden ...“.

In der wachsenden Komplikation unserer Lebenswelt durch Vermehrung der Bevölkerung und künstlicher Entitäten, sind wir zu Vereinfachungen gezwungen, – denen man aber weniger traut. Die Kommunikation wird immer flüchtiger – und wir vereinzeln*.
* David Riesman
veröffentlichte 1950 sein vielbeachtetes Buch The lonely crowd.

Trump redet den Verlierern des schnellen Fortschritts (der Basis der Republikaner) nach dem Munde und legitimiert ihre Biertisch-Sprache. Er investiert in Organisation der reaktionären Masse. Diese müsste jetzt, anno 2017, schnell lernen, das sozial spaltende Tempo des Fortschritts zu bremsen – anstatt es trumpisch zu blockieren.

Seit es den Kommunismus nicht mehr gibt, gibt es auch den Westen“ nicht mehr.
Es gibt konkurrierende Ordnungsmächte, Staaten, Konzerne und fluktuierende Bündnisse, die gewaltbereit mit Halbwahrheiten gegen immer neue Halbwahrheiten wüten. Das Chaos ist überwältigend erfinderisch und ordnet sich um.

Die leibliche Nähe wird immer unwichtiger; elektronische Kontakte werden immer wichtiger. Das schwächt auch die kirchliche Ortsgemeinde.

Wir leben in einerseits immer zahlreicheren, anderseits immer dünneren, zusammenhangslosen Kontakten. Soziale und psychische Kohärenzen werden durch Informations-Kohärenzen verdrängt.

Die Ausschreitungen habe die G20, 2017 in Hamburg, überblendet.
Der Boden, auf dem diese „neue Qualität von Gewalt“ wachsen konnten, war gedüngt mit der neuen Qualität von Betrug seitens der Oberschicht wie die Abgasmanipulationen bei VW. Diese hat dem Ruf Deutschlands viel mehr geschadet als die Krawalle! Darum hätten sich die „
Stützen der Gesellschaft“* in CDU und FDP, die jetzt (Juli 2017) nach härterer Bestrafung für Randalierer rufen, in erster Linie kümmern sollen. Die blendende Publizität der Zerstörung ruft zur Besinnung**.
*
Henrik Ibsen 1877.
** Richtungweisend
Pankaj Mishra, Age of Anger. A history of the present (dt. Das Zeitalter des Zorns. Eine Geschichte der Gegenwart), 2017.

Pankaj Mishra, Age of Anger. A history of the present (dt. Das Zeitalter des Zorns. Eine Geschichte der Gegenwart), 2017, ist eine breit fundierter*, apokalyptisch gestimmter Aufruf zum Umdenken. Das Buch führt die gefährliche heutige globalgesellschaftliche Situation zurück auf den Zusammenbruch der euphorischen** Säkularisierung der mancherlei Hoffnungen auf das Reich Gottes***. Es artikuliert die herrschende, aber allgemein verleugnete und vielfältig maskierte Ratlosigkeit.
* 32 Seiten „Weiterführende Literatur“!
** Es erinnert an das, was die Psychiatrie manisch-depressives Irresein nennt. Die moderne Gewalttätigkeit (etwa des „Islamischen Staats“ weltweit und der Chaoten vom G20-Gipfel 2017 in Hamburg) ist ein Depressionssymptom.
*** Genauer: auf das 1000jährige Reich des millenarism/Chiliasmus (nach Offb 20, 1ff).

Das Wirtschaftswachstum ist tückisch: Es produziert zuerst Wohlstand, aber zunehmend Müll, in welchem es die affluent society sachte erstickt.

Bei Informationsüberflutung entsteht Rauschen und unterlaufen mehr Fehler. Hiergegen schützt man sich mit Redundanz, die ihrerseits zu Flüchtigkeit nötigt – ein selbstverstärkender Prozess. Es droht Zusammenbruch der Symbolik der Gesellschaft. Lüge, „alternative Fakten“ werden zur lokalen Rettung eingesetzt – zu Lasten der Kohärenz der globalisierten Gesellschaft.
Das ist heute die Tragik der Gesellschaft. Propheten und Heilige* werden als Hoffnungsträger wieder benötigt und führen in heilige Kriege.
* „Hände falten, Köpfchen senken und an Adolf Hitler denken!“ ersetzte im Dritten Reich in einem Kindergarten die Aufforderung zum Morgengebet.

Die industrielle Fortentwicklung auch der Informatik wächst schneller als die Nachfrage. Die Endverbraucher brauchen jetzt individualisierte Hilfe! Aus ihrer Sicht, liefert die Industrie Halbfertig- und unausgereifte Produkte. Darum wird, statt Kauf, das Abonnement zur üblichen Handelsform. Das ausgereifte Produkt blockiert dann den Markt.
Gratisangebote finanzieren sich mit unwillkommener Werbung – und zunehmend mit freiwilligen Spenden.

Ausblick

Die öffentliche Diskussion nimmt die heutige Ungleichverteilung der Güter ernst. Sowohl Not wie Superreichtum empören. Die demographische Explosion hingegen wird zwar dann und wann erwähnt, aber nicht ernst genommen. Was die Befriedigung aller heutigen Bedürfnisse für die Umwelt, und also für die folgenden Generationen, bedeuten würde, das wird monoton abgetan mit der Versicherung, es reiche für alle.

...Gott sei alles in Allem“ (1.Kor 15,28), das kommt bei Paulus zu allerletzt! Das Vorangehende hofft* darauf. Für Pantheismus als unser letztes Wort aber verstehen wir noch zu wenig. Der Weg des Paulus dorthin ist konkret ein Martyrium!
*
Röm 8,19.

Natürlicherweise gestaltet die wachsende Menschheit ihre Umwelt, namentlich die Erdoberfläche, bedenklich um. Wir sind eine hoch innovative, marktwirtschaftlich organisierte Spezies*. Der Markt verlangt Produkte; das Rohmaterial von Produkten entnimmt die Gesellschaft der Umwelt.
Das Ausmaß der Reklame verrät die Sättigung des Marktes. Viel Reklame ist
deshalb ein Alarmsignal für den Umweltschutz!
*
Nach Nietzsche (?): „das noch nicht definierte Tier“.

Nicht nur jeder Einzelne, sondern auch die Menschheit im ganzen geht sichtlich auf ihr Ende zu. Hat das nicht doch jedem Einzelnen etwas zu bedeuten?

Die nahe und die ferne Zukunft scheinen uns sicher. Unsicher ist die „nähere“ Zukunft.

Man verlangt Zukunftsaussichten für Kinder und Enkel. Mehr als sustainable development will man gar nicht. Die Zeiten/Ereignisse greifen in einander; wir erleben es. Die Zukunft hat schon begonnen. Die weitere Zukunft ist gefühlsmäßig unbegrenzt, ewig wie einst עֺולָם und αἰών, heute Freiraum für praktisch irrelevante Fantasien, neue Ereignisse, die eine neue Einstellung erfordern.

Vor hundert Jahren witzelte man über den „Viertopfzerknalltreibling“ der Deutschtümler und meinte eine 4-Zylinder-Motor, der Explosionen nutzbar machte. In unseren Tagen redet man von der Bevölkerungsexplosion, die man – wie die meisten Explosionen – nicht nutzbar machen kann.
Aber Explosionen haben bei der Entstehung der Arten, auch des Menschen, ihre wesentliche Funktion: In der Unmenge von Möglichkeiten einer Spezies entsteht immer wieder, durch eine Kombination kleiner Variationen, ein neuer Typ, der die
herkömmlichen Typen besiegt.
Heute droht die Explosion der Informationstechnologie, durch eine unglückliche Kombination kleiner Variationen (zum Beispiel egozentrische Machthaber), die Menschheit zu besiegen.

Die Menschheit hat sich so zunehmend innovativ* entwickelt, dass sie sich wahrscheinlich durch vielfach partielles, unausgewogenes Wachstum selbst zugrunde richten wird**.
Die Apokalyptik setzt starre Ordnung als gottgewollt voraus, versteht also solches Wachstum als Sünde, und symbolisiert sein Ende prägnant im Bilde des „jüngsten Gerichts“.
* „Der Mensch ist das noch nicht definierte Tier.“ (Nietzsche?)
** Robert Merton‘s Anomie-Theorie (1938) weist in diese Richtung.

Fortschritt, Innovation und zeitlicher Vorsprung werden für die Konkurrenzfähigkeit immer wichtiger. Unter der Konkurrenz der Technik verlieren menschliche Arbeitszeit und Arbeitskraft ständig an Marktwert.

Angriff ist die beste Verteidigung“? Nicht Begehrlichkeit Stimulieren ist besser!

Die heutige Vermehrung der Weltbevölkerung durch die ererbte natürliche Fruchtbarkeit müssen wir solidarisch mittragen und mäßigen.

Dem beängstigenden natürlichen Chaos des Zufalls müssen wir mehr konsensfähige Normalverteilung abgewinnen!

Phantasien von sustainable development – Vorstellungen von einer Abfolge von Folgen unseres Daseins, Ausblicke auf den Rückblick kommender Generationen auf uns – haben die alten Zukunftsphantasien von Himmel und Hölle ersetzt.

Natürlicherweise will Leben weiterleben. Der Übergang von unserer Phase zunehmenden Raubbaus zu sustainable development aber verlangt Umstellung; und Umstellung verlangt besonders große Opferhier und jetzt.
Früher war die einfache Stabilität der Lebensbedingungen, der κόσμος, die Weltordnung, für jeden Einzelnen verbindlich; man lebte im letzten, dem „eisernen Zeitalter“*. Zuwiderhandlungen waren göttlich sanktionierter Frevel – und entsprechend selten.
Heute ist zwar nicht mehr einfache Stabilität geboten, aber doch Multistabilität: Es gibt verschiedene stabile Welten; und unsere Welt wird sich weiter verändern – oder zugrunde gehen.
Die für die nötige Umstellung nötige Opferbereitschaft ist für die heutige Menschheit wohl zu groß.
*
Nach Hesiod.

Rest