Thomas Bonhoeffer


Zur Kirchenreform

Die Problemlage und ein Vorschlag

von
Thomas Bonhoeffer

I. Zwei Probleme

A. Das kirchliche Problem

1. Die Lage

Die evangelischen Landeskirchen haben in den alten Bundesländern, trotz ständig
nachlassender Attraktivität, bis vor Kurzem viel Geld zur Verfügung gehabt, mit großer
staatlicher Unterstützung wirken und an den Schulen unterrichten können. Das Ergebnis1
enttäuscht. Man kann von religiösem Analphabetismus sprechen2. Und die Landeskirchen
sind infolge des Mitgliederschwunds
3 auf dem Wege in einen finanziellen Kollaps, bei dem
die Form unsrer Kirchen in die Brüche geht.
Nun enttäuscht wahrlich nicht nur die Kirche! Wir erleben eine besorgliche
Politikverdrossenheit; die staatlichen Schulen, die Wirtschaft, und auch die
Interessenverbände enttäuschen und bekommen das zu spüren. Gleichwohl trägt und erträgt
man sie weiter ­ als das kleinere Übel. Ähnlich geht es den großen Kirchen.
Die Welle aktiver Kirchenaustritte ist jetzt zwar abgeebbt. Deutschland erlebt sogar eine
unverhoffte Welle religiösen Interesses. Aber von unsern Großkirchen verspricht sich dieses
1
Weltsicht, Kirchenbindung, Lebensstile. Vierte EKD-Erhebung über
Kirchenmitgliedschaft, hg. Kirchenamt der Evangelischen Kirche in Deutschland, 2003
2
Impulspapier des Rats der EKD (s.u.), S. 23.
3
Die Mitgliederzahl der evangelischen Landeskirchen in den alten Bundesländern ist ­
unter starken Schwankungen mit seit 100 Jahren deutlich steigendem Verlust ­ seit 30 Jahren
mit durchschnittlich -6.6 p.a., um 18 %, von 28 auf 23 Mio. gesunken!
Die Austrittszahlen auf katholischer Seite haben sich auf niedrigerem Niveau parallel entwickelt.
Interesse nicht viel. Immerhin: Die christlich-abendländischen Werte sollen lebendig gehalten
werden; und Eltern auf der Suche nach einer ordentlichen Schule stellen ihre eigenen
Vorbehalte zurück und wählen für ihre Kinder vermehrt eine konfessionelle Schule.

2. Der amtliche Impuls

Aus solchen Beobachtungen schöpfte der Rat der EKD Hoffnung und veröffentlichte am 5.
Juli 2006, unter dem Titel Kirche der Freiheit: Perspektiven für die Evangelische Kirche im
21. Jahrhundert, ein ,,Impulspapier" mit sowohl einer Bestandsaufnahme von
Deprimierendem und Ermutigendem als auch konkreten Zielvorgaben für das Jahr 2030.
Damit wurde eine öffentliche Diskussion angestoßen, die den ,,Zukunftskongreß" (25. - 27.
Januar 2007 in Wittenberg) vorbereitet hat, welcher eine ,,Aufwärtsagenda" für ,,die Dekade
bis zum Lutherjubiläum 2017" beschließen sollte.
Der beständige Niedergang wurde, etwas leichtfertig, wie eine Kleidermode, als ,,Trend"
apostrophiert. Man will das augenblickliche knappe Drittel der Bevölkerung halten, man will
sogar wachsen! Den sonntäglichen Gottesdienstbesuch will man bis zum Jahr 2030 von den
längst gewohnten 4% der Mitgliedschaft auf 10%, also auf das Zweieinhalbfache, steigern.
Und auf solcher Basis könnte man tatsächlich, mit kräftig vermehrtem ehrenamtlichem
Engagement, auch in allerlei der veränderten Nachfrage Entsprechendes die nötigen Mittel
investieren.
Pfarrer sind weithin ein Luxus geworden. Die EKD will bei der Pfarrerbesoldung sparen: dem
Bedeutungsschwund der Ortsgemeinden (gegenüber City-, Jugend- oder Kulturkirchen,
Akademiegemeinden, Tourismuskirchen und Passantengemeinden) Rechnung tragen und
deren Zahl von 80% auf 50% zurückfahren.
Das Impulspapier der EKD-Zentrale will besonders das Profil pflegen, das die EKD in der
Öffentlichkeit zeigt
4.
Über all dies wird jetzt in den Landeskirchen weiter diskutiert. Umstrukturierungen und gar
Redimensionierungen eines Betriebs gehören zu den anspruchsvollsten Management-
Aufgaben. Die EKD muß nicht nur die eigenen Leute (Spitzen, Mitarbeiter und das
Kirchenvolk) mitnehmen, sondern ist auch abhängiger von der öffentlichen Meinung als
andere Großunternehmen. Diese vielfachen Rücksichten minimieren den
Bewegungsspielraum. Noch ist der Leidensdruck erträglich ­ man hat noch Zeit, einige faule
Kompromisse
5 durchzuprobieren. ,,So gemächlich wie die Elbe in Dresden dahin fließt,
verläuft derzeit der Reformprozess im deutschen Protestantismus." (epd vom 8.11. 2007)
Ich persönlich rechne mit einer Stabilisierung der evangelischen Kirche in Deutschland auf
erheblich tieferem Niveau ­ nicht des geistlichen Lebens, aber der Mitgliederzahl und der
Finanzen.

B. Das akademische Problem

Europaweit ist, unter ökonomischem Druck, jetzt grundsätzlich
6 anerkannt, dass jede
Hochschulausbildung im Lauf von drei (bis vier?) Jahren eine Berufsqualifikation vermitteln
soll, die mit dem sog. Bachelor diplomiert wird. Wo noch keine entsprechenden Berufe
existieren, sollte demnach dem herkömmlichen Beruf (z.B. Arzt, Pfarrer, Ingenieur) ein Beruf
mit kleinerer Grundausbildung zur Seite gestellt werden. Und diese erste Ausbildung soll
beruflich zu weitgehend selbständiger Arbeit qualifizieren.
4
Die moralische Autorität der Großkirchen als Megaphon des gesunden Volksempfindens
ist zwar beschränkt, aber ungebrochen.
5
Wie den theologischen Bachelor of Arts, auf den sich Fakultäten und Kirchen geeinigt
haben, obwohl er beruflich zu nichts qualifiziert. (Jetzt bis 2010 auf Eis gelegt.)
6
Das verlangt allerdings in der Berufswelt Umstrukturierungen, die nicht nur in den
Kirchen auf erhebliche Schwierigkeiten stoßen.
Die ständig sich wandelnde Berufswelt bedingt, daß auf den möglichst standardisiert
institutionalisierten Bachelor in aller Regel eine ­ nur höchst variantenreich und flexibel
institutionalisierbare ­ Fortbildung folgt.

II. Ein Lösungsvorschlag für beide Probleme

A. Summarium

Ich schlage vor, das Ausbildungs- und das Pfarramtsproblem zusammen anzupacken,
nämlich neu an das neutestamentliche Bischofsamt
7 anzuknüpfen und den Beruf eines
Gemeindleiters
8 zu institutionalisieren, auf den ein Bachelor-Studiengang vorbereitet. Der
Theologe stünde neben
9 dem Gemeindeleiter wie in der Alten Kirche der
Lehrer
10/,,Katechet"11 neben dem ,,Bischof".
Das wäre, entsprechend dem gewaltigen Handlungsbedarf, ein sehr großes Vorhaben. Eine
wohlüberlegte Folge von Übergangsregelungen wären unerlässlich.
Das Gemeindeleben steht auf den eher Besinnlichen. Manche Junge, Alte und beruflich
Schwache veranlasst ihre verunsichernde, marginale Existenz zur Besinnung. Die im
Folgenden skizzierte Form kirchlichen Gemeindelebens als Ort aktueller gemeinsamer
Besinnung nun wäre vielleicht, über diese Kreise hinaus, offener für mitten im aktiven Leben
Stehende in deren Krisen-Zeiten; und zeitweilige aktive Teilnahme am Gemeindeleben schüfe
der Kirche einen Hof von vielleicht etwas lebendiger latenten Mitgliedern. Und das käme
allen zugute.
7
Der ,episkopos' = ,,Auf-seher" war ursprünglich nur Primus inter pares im Kollegium der
,,Älteren" (,presbyteroi' ,,Priester") ­ die Phil 1,1 auch noch ,episkopoi' heißen. Früh hat
sich dann der sog. monarchische Episkopat in den Gemeinden durchgesetzt. Gemeindeleiter
ist einer aber nicht als Schriftgelehrter, sondern als einer der Erfahrensten! (Heute wird sehr
viel Lebenserfahrung durch allgemeinbildende Schulen, spezielle Schulungen, Schrifttum und
Medien vermittelt, ­ was dem Alter bekanntlich seinen sozialen Wert nimmt.)
8
Nicht Pfarrer, nicht Pastor, nicht Prädikant!
9
Man muß dreierlei unterscheiden: Gemeindeleiter sind nicht Lektoren oder Akolythen;
aber sie bilden in einer evangelisch-landeskirchlichen ,,Hierarchie" (also unter Präses,
Superintendent u.dgl. als dem Clerus maior) den Clerus minor wie bisher die Ortspfarrer.
(,,Klerus" ist in der Kirche des allgemeinen Priestertums kein theologischer, sondern nur ein
soziologischer Begriff!) Ob die höheren akademischen Weihen aufgrund eines Volltheologie-
Studiums die beste Qualifikation für kirchliche Leitungsfunktionen darstellen, ist zweifelhaft!
(Der mittelalterliche Clerus maior war in der Regel nicht theologisch, sondern
kirchenrechtlich qualifiziert! Im Luthertum wurden christliche Landesherren ex officio zum
summus episcopus.) ­
Theologie war immer kirchenkritisch ­ wie umgekehrt die Kirchen theologiekritisch.
10
1Kor 12, 28 ist der Lehrer (nach dem Apostel und dem Propheten) als Dritter aufgezählt;
es folgen allerlei weitere Gnadengaben, am Ende (!) ,,Hilfeleistungen", ,,Leitungen" und
,,Zungenreden".
11
Die berühmtesten Beispiele für die freie christliche Lehr-Entwicklung in der Alten
Kirche, Klemens von Alexandrien (in Rom vom Heiligenkalender gestrichen) und Origenes
(553 ökumenisch-konziliar verdammt), zeigen, dass hier erhebliche Spannungen auftreten
können. In der bischöflichen Lehr-Entscheidungsgewalt wurden beide Funktionen um der
Ordnung willen zu einer Personalunion zusammengezwungen. Das hat die Begeisterung nicht
immer reifen lassen, sondern den Geist bisweilen ,,ausgelöscht" (Paulus hatte noch mehr
Toleranz: 1.Thess 5,19!), aber es hat sich in der Konstantinischen Wende ausgezahlt.

B. Kirche

Kirche ist wesentlich Erinnerung an die Offenbarung Gottes in Jesus, wie sie in der Bibel
bezeugt ist. Sie ist öffentlich repräsentiert durch eine Menge Institutionen, die auch für ihren
Selbsterhalt kämpfen in einer Weise, die das Wesentliche vernebelt
12.
Erinnerung an die Offenbarung Gottes in Jesus ist keineswegs allezeit am Platz. Gott offenbart sich
allenthalben. Von morgens bis morgens erfahren wir Gott. Nur verstehen wir es meist anders.
Christus-Meditation kann den Festgefahrenen deblockieren; sie setzt Heils-Phantasien gegen
angstvolle Desintegrations-Phantasien, setzt überhaupt Phantasie frei und macht nicht immer Freude,
aber guten Mut.
Das Gefühl, der eigentümliche Wert dieser Kultur-Tradition sei immer noch nicht recht
verstanden und nicht ausgeschöpft, führt zu einem ­ der empfundenen Wichtigkeit
entsprechenden ­ kirchlichem Engagement.
Zunächst allerdings isoliert diese Tradition die Menschen. Sie bringt den Einzelnen, in
seiner sterblichen Körperlichkeit und Angewiesenheit auf Gemeinschaft, vor seinen Schöpfer.
Die Sehnsucht nach stabilisierender und stabiler Gemeinschaft ist natürlich. Aber christliche
Gemeinschaft ist Gewissenssache, Gott kann sie bieten und verbieten. Vieles Wichtige lehrt
er uns in der Vereinzelung; erst nachträglich wird es in die Kirche eingebracht.
Kirche ist Schöpfung des Wortes Gottes. Und Schöpfung ist unberechenbares Ereignis.
Unsre Symbolik der kirchlichen Verkündigung stammt aus einer andern Kultur; dort war sie
lange Zeit wegweisend. Sie hat aber bei den typischen Repräsentanten unsrer eigenen,
heutigen Kultur nur schwache Resonanz. Wir müssen uns, im Vertrauen auf Gottes
Verheißung, genügen lassen an dem, was unser Überlieferungsgut in den wenigen andern
wirkt und anregt. Was daraus Neues erwächst, ist Gottes Sache.
Die Offenbarung Gottes in Jesus macht aufmerksam auf Gottes Offenbarung in der ganzen
Schöpfung und lässt Liebe wachsen. Sie hat immer unscheinbare praktische Folgen ­ und
unversehens immer wieder auch weitreichende gesellschaftliche Konsequenzen.
Durch die Kirche ist das Erbe Jesu auch an die soziale Umwelt weitergegeben worden.
Diese nahm dann aber, an der Kirche vorbei, auch autonom Beziehungen zu diesem Erbe
auf
13. In der Gesellschaft steht die Kirche für opferbereiten Glauben an das Gute14.
Sowohl soziokulturell, politisch und wissenschaftlich, wie in privater Frömmigkeit (hier
gesellschaftsbezogen, aber von der Kirche unabhängig) entwickelte das ,,christliche
Abendland" seine Beziehung zu diesem Erbe weiter.
In vielen Fort- und Rückschritten, setzt sich an allen Fronten die Erkenntnis durch, daß wir nur
oberflächlich wissen können, was wirklich ist. Evidenz und Konsens, individuelle und kollektive,
physisch und kulturell bedingte Subjektivität, bilden unseren Horizont. In diesem Sinne notiere ich:
,,Kirche ist die Sprachgemeinschaft der Christustradition"
15, Glaubenssache. Wer sie sakramental16
12
Viele Selbstempfehlungen der Kirche heute könnte man in den Slogan zusammenfassen:
,,Kirche macht Spaß!"
13
Man denke nur an das erstaunliche Engagement von Nicht-Kirchenmitgliedern in den
neuen Bundesländern für den Erhalt von Kirchengebäuden, auch etwa an SCHILLERs Lied
von der Glocke oder an Parteien wie CDU oder CSU.
14
Eine Mehrheit der Kirchen-Nichtmitglieder fühlt sich der Kirche verbunden. In
öffentlichen ethischen Kontroversen erwartet man von ,,der Kirche", dass sie, mit biblischer
Begründung, sich für das einsetzt, was man für das Gute hält. Die Kirchen geben dieser
Erwartung gern nach, auch wenn ihre Urteilsbegründung wackelig ausfällt. (Sie sollten wohl
besser, anstatt zu urteilen, öffentlich vorbildlich diskutieren.)
15
Siehe meinen Beitrag: Kirche, in: Theologie und Aufklärung. Festschrift für Gottfried
Hornig zum 65. Geburtstag, hg. Wolfgang Erich Müller und Hartmut H.R. Schulz, Verlag
Königshausen und Neumann, Würzburg 1992, Ss. 404-427 .
dingfest machen will, bekommt mit unheimlichen Konsequenzen zu tun (1Kor 11,27-30). Der
objektivierende Offenbarungsglaube aber sowie die Bibel als das kulturspezifisch selbstverständliche
Assimilationsschema für das eigene Erleben sind überholt.
An die Stelle der Frage nach der Gerechtigkeit Gottes tritt die Sinnfrage,
an die Stelle väterlicher Lehre ein brüderliches Angebot von Existenzsymbolik,
an die Stelle des Glaubens das (immer symbolisch vermittelte) Selbstverständnis,
an die Stelle der Frömmigkeit die Bescheidenheit.

C. Kirchen

Die seit Langem anhaltende ,,Entkirchlichung" hat eine neue Wende genommen; sie
entwickelt sich heute spezifisch weiter als Entgroßkirchlichung. Die hierzulande frei
flottierende Religiosität, die in jüngerer Vergangenheit in Ostasien ihre Form suchte, wird
zuhause zunehmend in kongregationalistischen, kleineren religiösen Sozialformen fündig
17!
Das findet auch in den Großkirchen Resonanz. (Seit dem zweiten Weltkrieg bereits weisen in
dieselbe Richtung die Kirchentage als ,,Märkte der Möglichkeiten" ­ und ihr
zwischenzeitliches Fortleben in unzähligen ,,Kreisen".) Das Leben einer sozialen Einheit
besteht in den unscheinbaren persönlicheren Begegnungen und Beziehungen, in denen ihre
enthusiastischen Happenings nachklingen. Hierfür entscheidend ist die Kraft der Symbolik,
die die soziale Einheit trägt. Mit Rummel und Lautstärke ist einer schwächelnden Symbolik
nicht zu helfen
18; ,,auf Sein Werk musst du schauen, wenn dein Werk soll besteh'n."
Die europäischen Großkirchen stehen in konstantinischer Tradition. Sie bevormunden das
Wirken Jesu immer noch obrigkeitlich, und in unsrer heutigen Kultur fehlt der formalen
Legitimation der Leitungsorgane die Überzeugungskraft!
Auch Freikirchen können von Autoritarismus beseelt sein; aber meist sind sie doch weniger
belastet von Machttraditionen und können sich leichter schiedlich-friedlich aufgliedern.
Die Kirchen unterhalten viele gute und teure Werke (Schulen, Krankenhäuser etc.). Das
kann man mit der Zeit umstrukturieren.
Wo ein gesellschaftliches Interesse daran besteht, dass diese Anstalten in kirchlicher Regie
bleiben, kann man dafür auch zweckgebundene Mittel einwerben.
Unsre Kirchen könnten gesundschrumpfen. Für die bleibende Kern-Aufgabe der Kirche sind
ihre Größe
19 und auch ihr Wachstum nebensächlich.
Die Kirchbauten
20 der Staats- und Volkskirchen repräsentierten Herrlichkeit (in der Neuzeit
gehört die Orgel wesentlich dazu). Unsere Kirchen wurden in den meisten Fällen einst unter
gemeinsamem Einsatz der Bürgerschaft gebaut und sind lokalgeschichtliche Denkmäler der
bürgerlichen Gemeinde
21. Nach dem zweiten Weltkrieg ist die Volksreligion und ihr
Kirchenbau etwas bescheidener geworden.
Wenn, unter dem Druck ihrer heutigen Probleme, eine Gemeinde ihre Kirche auch für
bürgerliche Zwecke zur Verfügung stellt, entspricht das der ursprünglichen Vieldeutigkeit
dieses Gebäudes zwischen dem ganz unsakral hingerichteten Nazarener und der kommunalen
16
Auch zu den Sakramenten gehören Wort und Glaube.
17
Evangelikale Gemeinden gruppieren in Deutschland nur schätzungsweise 1.6 % der
Bevölkerung. Gesichert aber ist die wachsende Zahl der (kleinen!) Gemeinden; und mit
schätzungsweise 2.5% jährlich wächst deren Mitgliederzahl. (VOLKHARD KRECH)
18
Allerdings soll einmal ein Ghostwriter seinem Redner an einer Manuskript-Stelle an den
Rand geschrieben haben: ,,Schwaches Argument, schreien!"
19
Gemeinden allerdings sollten nicht zu groß bemessen sein!
20
Kirchen haben in der Regel ihren spezifischen Nutzwert, (in künstlerischen
Ausnahmefällen auch touristischen) Liebhaberwert, aber keinen Marktwert. (Geeignete ­
hauptsächlich bescheiden dimensionierte ­ Objekte können, über die eigentliche
Zweckbestimmung hinaus, als Kulturraum genutzt werden.)
21
Für sie haben ihre Kirchen soziokultuellen Symbolwert, ­ für den sie gegebenenfalls auch
zahlen muss.
Selbstbildpflege. Schon bei solchen Nutzungserweiterungen, viel mehr noch bei den weniger
glimpflichen Lösungen
22 ­ bis zum Abriss ­, kommen Pietätsprobleme ins Spiel, die nichts
mit Christentum zu tun haben und doch einfühlend berücksichtigt werden sollten.
Die besondere Funktion der Kirche ist sozusagen museal. Dem entspricht die stark
historisch ausgerichtete theologische Pfarrer-Ausbildung. In einer Gesellschaft schnellen
Wandels sind historische Museen wichtige Quellen der Anregung.
Unsre Erinnerung an die Offenbarung Gottes in Jesus wird konkret in (aus dem eigenen
Leben gespeisten) Phantasien, die wiederum zu bestimmtem Verhalten in der Gegenwart
motivieren.
In der Gemeinde koordiniert sich das, differenziert sich aus, organisiert sich und führt zu
allerlei konkreten Vorhaben verschiedener Gruppen oder der Gesamtgemeinde.
Unter den vielerlei Determinanten ihrer Existenz entwickeln höhere Lebewesen ­
Individuen wie Gruppen, und so auch Gemeinden und Kirchen ­ jedes ein eigenes Profil und
denken und handeln entsprechend.

D. Gemeinde

Es gibt in den Kerngemeinden und unter ,,Randsiedlern" der Kirche sehr viele, sehr
verschiedene Begabungen und Bereitschaft, sich bei sehr spezifischen Vorhaben
einzubringen, und auch entsprechende Bedürfnisse. Dieses Potenzial gilt es schärfer
wahrzunehmen und besser zusammenzubringen. Schon Paulus hatte davor zu warnen,
Dynamik und Fähigkeiten (Charismen) der Gemeindeglieder zu dämpfen (wörtlich:
,,auszulöschen", 1.Thess 5,19).
Eine christliche Gemeinde setzt Spontaneität frei. Gewisse Aktivitäten aber erfordern nun
einmal Dauerhaftigkeit ­ und hier mag man von (Ehren-)Ämtern
23 reden.
Soziologisch
24 sind Grundeinheiten des kirchlichen Lebens die kleinen (mehr oder weniger
offenen) Kreise mit je eigenen (befristeten oder ständigen, mehr praktischen, diakonischen
oder mehr besinnlichen) Vorhaben, deren Mitglieder in Kontakt stehen und sich in geeigneten
Abständen regelmäßig oder unregelmäßig treffen.
Solche bilden den Kern jeder Gemeinde. Sie verdanken sich der christlichen Tradition und
wollen sie, jeder in seiner Weise, fortführen. Sie können in lockere oder festere Verbindung
treten mit andern (auch außerkirchlichen) Kreisen oder Einzelnen am Ort.
Die Globalgesellschaft wird zutiefst und beunruhigend verändert. Die Kohärenz der
Gesellschaft ist durch lokale Mobilität und globale Kommunikation abstrakter geworden.
Stabilisierung durch neue Vernetzungen hat den einzelnen Menschen aber auch unabhängiger
gemacht. Dem entsprechen die neuen sog. Netzwerk- und Profil-,,Gemeinden". Das o.a.
,,Impulspapier" erhofft und prognostiziert diesen eine große Zukunft.
Als körperliches Wesen aber bleibt der Mensch auf eine hinreichend stabile physische
Umwelt angewiesen; und am ehesten in Fußweg-Nähe entstehen, um die kleinen
Kooperationen herum, von selbst reichere menschliche Beziehungen
25. Die Erosion der
Parochie ist nur ein Teil des allgemeinen Wandels. Dessen Folgen aber könnte die Kirche
begegnen, indem sie den Wandel mitgestaltet durch aufmerksame Pflege eines ernsthaften
Ortsgemeindelebens. Ortsgemeinden stellen zur Zeit noch 80% der ,,Gemeinden".
22
Umbauten für Umnutzungen sind ökonomisch suboptimale Kompromisslösungen.
23
Finanziell honoriert oder nicht ­ alle Ehren, ,,Dienste", Ministerien und ,,Ämter" stehen in
der Kirche unter dem ernüchternden Vorbehalt von Joh 5,44.
24
Zum theologischen Verständnis gehört die Dynamik der Kirche, die ­ unberechenbar ­
weitere ,,Kreise" schwingt. Da gehört auch ein Søren Kierkegaard dazu, der viel von der
Kirche empfangen, als Einzelgänger verarbeitet und ihr gegeben hat!
25
Allerdings ist die minimale selten die optimale Sozialdistanz! Dietrich Stollberg hat
einmal dazu angeregt, Klatsch und Tratsch als wilde Seelsorge ernst zu nehmen.
Im 19. Jahrhundert ist der evangelische Pfarrer wieder eine Art Priester geworden
26, ein
,,Geistlicher", ein Repräsentant Gottes. Das Kirchengebäude ist schon viel früher eine Art
Heiligtum geworden; der Raum repräsentiert das unergründlich Andere. Für Paulus aber ist ­
trotz bitterster Kritik, die er schonungslos äußert ­ die Gemeinde, als ,,Leib Christi", heilig.
Als Repräsentantin Jesu Christi ist sie Gegenwart des unergründlich Anderen.

E. Gottesdienst

Unter der Routine des Alltags akkumuliert sich ein Bedürfnis nach Besinnung. Wer seine
eigenen tiefsten Fragen in der christlichen Symbolik wiedererkennt, dem kann die
Gottesdienstgemeinde eine Unterstützung bedeuten.
Religiöse Symbolik ist nie nur Privatangelegenheit; sie lebt in prinzipiell unbeschränkter
Kommunikation. Gemeinsame regelmäßige Versammlungen der örtlichen Kerngemeinde
bilden dafür einen Übungsraum. Sie sind für jedermann offen. Ob sie jeden Sonntag oder in
größeren Abständen stattfinden, wird auch davon abhängen, wie voll diese
Vollversammlungen sind. Im Allgemeinen besitzen unsere Ortsgemeinden noch für die
Treffen geeignete Gebäude.
Die Kirchgebäude selbst sind fast nur noch für große Festversammlungen zweckmäßig.
Begeisternde Gottesdienste bilden allerdings ein wesentliches Stück kirchlichen Erlebens.
Aber mit einander feiern setzt eine gewisse geschmackliche Homogeneität voraus, in der die
kollektive Identität erlebbar wird.
Alle Gottesdienste sollen etwas Festliches haben und inspirierend sein; aber es muss nicht
jeder Gottesdienst auf Begeisterung angelegt sein. Festlich feiert man den Lebensquell
christlicher Symbolik alle paar Jahre auf dem Kirchentag, alle Jahre zu Weihnachten in der
Gemeinde, in geschmacklich homogenen Gottesdiensten der eigenen Parochie oder
Kirchenkonzerten.
Immer wären ein Wort des Gemeindeleiters sowie dann und wann kleine Berichte aus den
verschiedenen Kreisen natürlich.
Die gottesdienstlichen Zusammenkünfte
27 sollten in der Regel biblische28 und
nichtbiblische Lektionen sowie freies
29 Gespräch30 hierüber enthalten. Man wird gern dann
und wann einen Theologen zur Teilnahme am Gottesdienst einladen.
Außerhalb der Kirche wird kaum noch gesungen; das wirkt sich nachteilig auch auf den
Kirchengesang aus. Dieser sollte gepflegt oder unterlassen werden.
Gebet und Segen werden oft einen natürlichen Abschluss bilden.
Gemeinsames Essen und Trinken tut gut.
Formelle Agapen- oder Abendmahlsfeiern jedoch haben heute meist etwas Künstliches. Sie
wären eher Sache besonderer Kreise und Anlässe.
(Diese praktischen Vorschläge sind natürlich nur mit aller Sensibilität für die jeweiligen
Gegebenheiten auszuprobieren!)
26
OLIVER JANZ, Bürger besonderer Art: evangelische Pfarrer in Preußen 1850-1914,
Berlin 1994.
27
Der einstige Hauptgottesdienst hat sich langsam in Richtung Winkelmesse entwickelt.
28
Sie hierzu den Anhang: Bibellesen.
29
Hier ist auch kritische Freiheit gegenüber dem biblischen Text geboten. Nur so ist der
Text als brüderlicher Beistand Gottes zu erfahren.
30
Vielleicht könnten solche Gespräche gewinnen, wenn zwischen den einzelnen Beiträgen
jeweils eine Minute Schweigen die Regel wäre.

F. Gottes Wort

Eine Rede krönt eine Feier; aber sie sollte gut sein!
Das Leben der christlichen Gemeinde ist wirkliches Leben und deshalb streitbar. Es braucht
immer wieder kräftige Vorgaben zur Orientierung. Die erste Vorgabe ist der Gekreuzigte. Er
wird traditionellerweise durch die Predigt als der gegenwärtige Herr angemeldet. Dazu dient
die Institution des Predigers und dessen Erhöhung durch die Kanzel.
Die Predigt
31 ist in lutherischer Tradition: Verkündigung des Wortes Gottes, das eigentliche
Sakrament des Gottesdienstes; der Prediger ist da Priester. Das ist eine Überforderung. Sie
gehört der jetzt zu Ende gehenden Epoche der evangelischen Kirche in Deutschland an. Die
obligate Predigt wäre ­ immer noch im Sinne Luthers
32 ­ zu ersetzen durch (textbezogenes)
,,brüderliches Gespräch". Das gemeindliche Gespräch hat Profil.
Die Kanzel sollte aber nicht automatisch benutzt (und sollte, wenn Gott sich uns versagt,
gemieden) werden. Laienpredigten müssen nicht die traditionelle Form haben. Die Eingebung
aus dem rechten Geist ist dem Redner untertan (1Kor 14,32); so dürfen denn auch
Gesprächsvoten einmal zu kleinen Predigten ausarten.
Die Kunst der Gesprächsleitung lernt man nie aus. Meinungsverschiedenheiten dürfen auch
artikuliert werden. Die Gemeinde soll, in aller Unordnung, beharrlich von ihrem Gott Frieden
erwarten (1Kor 14,33).

G. Gemeindeleitung

Das Nervenzentrum höherer (d.h. mit der sich wandelnden Umwelt angepasst
interagierender) Lebewesen sitzt nicht in der Mitte, sondern, besonders umweltbezogen (nah
den Augen, Ohren, und der Zunge und Nase), in einer Extremität: dem Kopf.
So muss auch jede größere, komplexe, lebendige Gruppe ein Organisationszentrum
herausbilden, das sie durchs Leben führt.
Der ,,Pfarrer" ist eigentlich parochus, d.h. ein Kleriker, dem eine Ortsgemeinde anvertraut
ist. Die Reformation ersetzte den parochialen Klerikerstand durch den Theologenstand. Und
an diese Veränderung knüpft die neue Begriffserweiterung an: Ein Pfarrer ist
,,Volltheologe
33", aber er braucht jetzt keine Ortsgemeinde mehr (ja nicht einmal eine
,,Region"), ­ wenngleich er in der Regel auch zu bestimmten Lokalitäten in besonderer
Beziehung steht. Die theologische Kirchenleitung ist in der Pfarrerschaft personell vernetzt.
Damit stellt sich die Frage: ob denn eine mehrdimensional vernetzte Gemeinde noch in jedem
Fall von einem Volltheologen geleitet werden muß.
Weder unsre Gottesdienste noch der moderne kirchliche Unterricht noch die Gemeindearbeit
noch Amtshandlungen oder Verwaltung setzen die herkömmliche aufwändige akademisch-
theologische Bildung eines Pfarrers voraus.
All diese Aufgaben können hauptberuflich, aber notfalls auch als Teilzeitarbeit ­ früher
hatten arme Dorfpfarrer einen bäuerlichen Pfarrhof zu halten ­ und arbeitsteilig von einem
Kollegium von qualifizierten Presbytern geleistet werden.
Auch müssen nicht alle Netzwerk- und Profilgemeinden von Volltheologen geleitet werden.
31
Was ich 1983 über Probleme der Gottesdienstvorbereitung schrieb (ZThK 80, S. 486-
497; wieder abgedruckt in: hg. ALFRED BEUTEL u.., Homiletisches Lesebuch. Texte zur
heutigen Predigtlehre, Tübingen 1986, S. 341-350), ist m.E. immer noch bedenkenswert, aber
kulturgeschichtlich überholt.
32
Schmalkald.Art. III, IV.
33
Dieser Begriff hat sich eingebürgert als Gegensatz zum ,,Schmalspurtheologen", worunter
der Religionslehrer verstanden wurde, der neben der Theologie noch andere Fächer zu
vertreten hat. Heute geht es um den Gegensatz zum theologischen Bachelor.
Gemeindeleitung verlangt einen (möglichst mit einer gezielten Ausbildung) kultivierten
Bezug zur gemeinsamen Sache, überdies aber Fähigkeiten im Umgang mit Menschen und in
der Koordination eines komplizierten, flexiblen Netzwerks. Die höchsten Anforderungen
stellt das Leben mit innergemeindlichen Spannungen.
Der Gemeindeleiter sorgt für Kooperation und Konsens im Sinne lebendiger Tradition. In
diesem Sinne ist er theologisch interessiert; aber er muss kein Schriftgelehrter sein.
Er ist auch nicht der Seelsorger; aber er weiß, an wen in der Gemeinde (oder auch außerhalb
derselben) sich jemand mit seinen Problemen wenden könnte.
Wo eine Pfarrstelle zu teuer geworden ist, werden meist Gemeinden zusammengelegt. Das
gemeinsame Pfarramt aber macht noch nicht aus vielen Gemeinden eine Gemeinde; und die
Pflege der persönlichen Kontakte, die eine Gemeinde zusammenhalten, wird durch größere
Distanzen fast unmöglich. Personell oder räumlich zu große Gemeinden müssten
34 vielmehr
geteilt werden!
In einer lebendigen
35 Gemeinde kann die Pfarrstelle auf ihre zentrale urchristlich-episkopale
Funktion reduziert und, unter Verzicht auf eine große akademische Ausbildung des
Gemeindeleiters, kostengünstiger durch einen theologischen Bachelor neu besetzt werden.
Jeder Kirchenkreis wird sich einen oder mehrere voll ausgebildete Theologen (Masters,
Doktoren) halten wollen. Ihnen obliegt die Pflege der kirchlichen Lehre. Sie begleiten mit
fachlicher Beratung und Fortbildung einzelne und Gruppen und gastieren in den Gemeinden
als Prediger und Lehrer.
Die landeskirchliche Situation hat sich weithin so verändert, dass der Pfarrer unter den alten
und neuen, äußeren und inneren Anforderungen notorisch überfordert ist.

H. Amtshandlungen

Die volkskirchlich geforderten kirchlichen Amtshandlungen haben mit dem Gemeindeleben
kaum etwas zu tun. Hierfür sollte der Kirchenkreis christliche Ritualberater
36 und Liturgen
vermitteln.
Die Taufe
37 hat sich faktisch vom neutestamentlichen Sakramentsverständnis weg38, zum
individuell gespendeten Zeichen der Berufung aller Menschen zur Gotteskindschaft
entwickelt.
Als Beitritt zur Kirche sollte die Konfirmation von der betroffenen Gemeinde gefeiert und
wie bisher von ihrem Gemeindeleiter rechtsverbindlich vollzogen werden.
34
Im Rahmen des hier Vorgeschlagenen ist das auch kostenneutral möglich!
35
Eine Gemeinde, der es daran zu fehlen scheint, muss sich beizeiten auf die in ihr
brachliegenden Begabungen und Möglichkeiten besinnen!
36
Die rituelle Hilflosigkeit der Kirchen gegenüber den distanziert Kirchenfreundlichen
führte zu Gewissenskonflikten der Pfarrer und Unbehagen aller Betroffenen. Das hat den
Beruf des Ritualberaters neben der Kirche entstehen lassen. (In der Schweiz gibt es dafür
schon eine formelle dreijährige Ausbildung in einer Fachschule für Rituale, Sankt Gallen und
Worb/BE.) Das Problem wäre aber auch innerkirchlich einwandfrei lösbar.
37
Sie ist bei uns seit der Aufklärung (im Rationalismus auch theologisch anerkannt, PAUL
GRAFF, Geschichte der Auflösung der alten gottesdienstlichen Formen in der evangelischen
Kirche Deutschlands, II, 1939, S. 224) wesentlich ein Fest des Familienglücks. Noch 2002
(Vierte EKD-Erhebung über Kirchenmitgliedschaft) ist sie für weit über die Hälfte der
evangelischen Kirchenmitglieder ,,vor allem eine Familienfeier" ­ ein Übergangsritus nicht
für das Kind, sondern für die Eltern!
38
Deshalb haben vornehmlich Theologen der Kindertaufe eine Kindersegnung vorgezogen.
Man kann den Bedeutungswandel aber doch mit guten Gründen dankbar anerkennen. Die
institutionell-ökumenische Wichtigkeit der Taufe ist nun allerdings vieldeutig.
Der Unterricht kann aufgeteilt werden: Ein Presbyter kann ins Gemeindeleben einführen. In
allgemeineres kann ein Theologe in größeren Gruppen auf Kirchenkreis-Ebene einführen.
Die Beerdigung, die gemeindefernste Amtshandlung, wurde, in großen Städten mit weit
außerhalb liegenden Friedhöfen, schon lange von gemeindefernen Beerdigungspfarrern
vollzogen.

I. Ausbildungsfragen

Die (herkömmlich philologisch zentrierten) Geisteswissenschaften interessieren sich
allgemein zunehmend für die soziale Wirklichkeit einst und heute und richten sich auf Praxis
aus. Die neuen deutschen Studienordnungen in den Geisteswissenschaften sollen den
europäischen Vorgaben nachkommen, indem sie ein berufsqualifizierendes Bakkalaureat
(Bachelor of Arts) nach drei Jahren ermöglichen
39. Damit diplomiert, sollen 75% der
Studierenden von der Universität in die Berufspraxis entlassen werden.
Wenn das sehr anders gefüllt würde als die erste Hälfte eines herkömmlichen
Theologiestudiums, könnte es zur Ausbildung eines Gemeindeleiters reichen.
Nicht nur in der Theologie, sondern in allen akademischen Berufszweigen wird, in der immer
spezialisierteren Berufswelt, viel mehr Supervision, Beratung und Fortbildung benötigt. Die
Weiterbildung des Gemeindeleiters zum Master muss allerdings keineswegs auf der
akademischen Schiene zum ,,Volltheologen" laufen
40. Unter den augenblicklichen
Umständen
41 ist wohl eher an praxisbegleitendes Coaching zu denken.
Im englischen Kirchen ist eine dreijährige initial ministerial education und ein continuing
ministerial development institutionalisiert.
Sehr verschiedene Kompetenzen müssten (in Verbindung mit Gemeinde-Praktika)
vermittelt werden: Umgang mit Computer, E-mail, Internet und was dergleichen noch
kommen wird; etwas Betriebswirtschaftslehre
42 (insbesondere das Kapitel Management43 ist
kirchlich von Interesse), moderne Rhetorik, Gesprächsführung, Gruppenleitung; Bibelkunde;
Überblick und punktuelle Kenntnisse der Kirchengeschichte, Orientierung über theologische
Literatur, Zeitschriften und Lexika, Benutzung von Bibliotheken und hauptsächlich:
biblischen Kommentaren
44.
39
Diese Vorgabe scheint festzustehen. Darüber hinaus besagt der neue Titel nur, daß einer
Geisteswissenschaften studiert hat.
40 CHRISTIAN A. SCHWARZ hat in einer Erhebung bei weltweit eintausend Gemeinden
negative Korrelationen zwischen dem akademischen Niveau der theologischen Pfarrer-
Ausbildung und sowohl der Qualität wie dem Wachstum einer Gemeinde gefunden (Die
natürliche Gemeindeentwicklung, 1996, S. 23).
41
Sowohl die kirchliche Praxis wie die Ausbildungssituation in der Theologie sind im Fluß.
Hierzu WOLFGANG NETHÖFEL, Pfarrberuf zwischen Selbststeuerung und Organisation,
in: Deutsches Pfarrerblatt 2005, Heft 10.
42
Sie ist eine praxisorientierte, spezifische Soziologie, von der für das Verständnis der
Dynamik von Kirche allerlei zu lernen ist!
43
Weil er m. E. in landeskirchlichem Milieu zu wenig bekannt ist, weise ich hier
namentlich hin auf Christian Schwarz (Gründer eines weltweit arbeitenden, privaten
Management-Beratungsunternehmens für Kirchgemeinden, hauptsächlich im freikirchlichen
Bereich) und empfehle seine empirisch-religionssoziologisch fundierten, einfachen
Erfahrungsregeln erfolgreicher Gemeindearbeit zum Studium.
44
Fremdsprachen entfalten ihren eigentümlichen Bildungswert erst, wenn man den
fremdsprachlichen Text (notfalls in einer zweisprachigen Ausgabe) gern abends mit ins Bett
nimmt ­ eine andere Welt auf dem Weg in die Traumwelt. Die herkömmliche, auf Kosten
anderer Bildungsgüter mit großen Kraft- und Zeitaufwand erworbene Kompetenz unserer
Theologen in drei alten Sprachen aber geht zwar weit über das zur Benutzung von guten
Kommentaren Nötige hinaus, hat jedoch schon seit Langem kaum noch eigenen Bildungswert
Hoch für pastorale Praxis motivierte Studienanfänger kommen überproportional aus der
Jugendarbeit missionarischer und freikirchlicher Gemeinden. Als Schulung im Aufs-Wort-
Achten in den Komplikationen eines lebendigen Kontexts kann das neue Bakkalaureat aber
auch nützlich sein für nicht-parochiale und nötigenfalls auch für außerkirchliche
Berufstätigkeit in leitender Funktion. Das würde auch anderen Interessenten die Entscheidung
zu diesem Studium erleichtern und Kirchen und Fakultäten in ihrer Mitverantwortung für die
Zukunft ihrer Studierenden entlasten.
Auf das Bachelor-Studium soll der theologisch näher Interessierte ein Magisterstudium
aufbauen können, das zum Master, also (knapp) so weit führt wie das herkömmliche
Theologiestudium ­ und ebenfalls auf lebenslanges Weiterlernen angelegt ist. (Theologie ist,
wie ihr Name zu verstehen gibt, im anspruchsvollsten
45 Sinne des Worts:
Grundlagenforschung
46.)
Die veränderte Berufswelt verlangt eine neue, stärker praxisorientierte Studienordnung ­
und stellt damit die Abfolge der alten, theorie-orientierten auf den Kopf.
Unsere theologischen Fakultäten dienen herkömmlicherweise vor allem der Ausbildung
zum kirchlichen und zum gymnasialen Lehramt. Dem steht, im neuen Konzept akademischer
Ausbildung, der Master nahe, aber der zum Gemeindeleiter qualifizierende Bachelor eher
fern!
Die ,,Volltheologen"/,,Pfarrer" vermitteln theoretisch zwischen der Kirche und der
jeweiligen säkularen Kultur. Zwischen einer theologischen Master-Ausbildung und der
Berufsqualifikation für Religionslehrer an höheren Schulen gibt es an den Universitäten
natürliche Synergien.
Der Beruf des Gemeindeleiters jedoch verlangt auch Fähigkeiten, die bislang nicht im
Theologiestudium, sondern im Vikariat (Predigerseminar), in Fachschulen und an
Hochschulen für angewandte Wissenschaften (,,Fachhochschulen") erworben werden. Neue
Kooperationen zwischen den verschiedenen Ausbildungsstätten und Umstrukturierungen
legen sich nahe.

J. Bildung

Man besinnt sich, auch außerhalb der Theologie, neu auf Bildung als menschliche Kultur ­
die mehr ist als Berufsausbildung. Bildung ist ein chancenreiches Geben-Können und
Nehmen-Können zwischen mehrfach verschieden qualifizierten Individuen.
An der neuen Elle der Ausbildungsfunktionalität gemessen, ergeben sich zwar in der
herkömmlichen akademischen Theologie beträchtliche Überkapazitäten. Und auch hier ist
Forschung mit nur sehr indirektem Lebens- oder Bildungswert dabei.
,,Unnütze"
47 Wissenschaft aber gab es auch in der großen monastischen Phase der
Theologiegeschichte; doch damals stellte das kein Problem dar. Es könnte sein, dass
Theologie, abgesehen von Wissensproduktion und beruflicher Qualifikation, als vita
und geht im Lauf der beruflichen Tätigkeit schnell wieder verloren. Man sollte die Kräfte
realistisch konzentrieren!
45
Diesem Anspruch entspricht ihre besondere Angewiesenheit auf die Überlieferung der
bereits geleisteten Vorarbeit ­ namentlich ,,das Buch der Bücher", die Bibel. LUTHER hat (in
der Vorrede zum ersten Band der Wittenberger Ausgabe seiner deutschen Schriften, 1539,
WA 50, 658ff.) unter den drei Stichworten oratio, meditatio, tentatio (1. Sammlung vor dem
in Jesus offenbarten Gott, 2. biblische Textmeditation und 3. Verunsicherung) kurz entfaltet,
was er für das Wesentliche im Theologiestudium hielt.
46
Hans Georg Gadamer, der viel beachtete philosophische Grundlagenforscher, soll
gelegentlich gesagt haben, er interessiere sich nur für Bücher, die mindestens zweitausend
Jahre alt sind.
47
Ich erinnere an AUGUSTINs Unterscheidung zwischen uti und frui.
contemplativa, als hohe Kultur der Besinnung
48 wiederentdeckt und geachtet wird und
breiteres Interesse findet.
Kontemplation/Betrachtung führt zu Einsicht. Diese kann zu Theorie führen, und, wie
KURT LEWIN sagte: ,,Nichts ist so praktisch wie eine gute Theorie". Plötzlich zündet ein
Gedanke
49. (Die Praxis sorgt dann für neue Verwirrung.)
In diesem Sinne sollte die Möglichkeit erhalten bleiben, nötigenfalls unter höherer eigener
Kostenbeteiligung (evt. mit Stipendien) von Anfang an im alten, engeren Sinne des Worts
,,Theologie" zu studieren.

III. Anhang: Die kritischen Voraussetzungen

A. Bibellesen

1. Der Text

Die Bibel (griechisch: ,ta biblia' = ,,die Büchlein") ist ein Vielerlei. Sie ist, wie wir selbst, in einem
geschichtlichen, also milde chaotischen Prozeß entstanden, notdürftig und auch gewaltsam
geordnet.
Kaum jemand mag sie lesen. Sie ist voller Wiederholungen. Auf weite Strecken ist sie
langweilig und bedeutungslos, wenn man nicht erheblich mehr weiß, als was man da gerade
vor Augen hat, ­ auch unsympathisch
50. In den Spätschriften des Alten Testaments (aus dem
nachexilischen Judentum des zweiten Tempels) erscheint die Religion des alten Israel
sektenhaft eng geworden. Das Neue Testament ist auf weite Strecken Unterschichtssprache
und -rhetorik. Paulus redet sogar von der Dummheit der real existierenden christlichen
Verkündigung (1Kor 1, 26-31)! Er beschreibt die Offenbarung der Bescheidenheit Gottes
schonungslos.
Die Bibel zeigt die Scheußlichkeit des Menschen ­ und die Welt im Licht eines Vatergottes,
der seinen Sohn aufs Scheußlichste umbringen läßt.
In Jesus
51 gipfelt die Offenbarung des Schöpfers als Wegweisung Gottes hinein in die
Wirklichkeit, wo Er, unser Heil, enttäuschend und ernüchternd zu sehen ist. Wir haben nichts
Besseres, uns daran zu halten, als den lebendigen, den schrecklichen, uns zugut
menschgewordenen Gott der Bibel.
Der hat immer wieder Zeugen aufgefordert, dem in seinem Namen überlieferten Wort in
seinem Namen zu widersprechen
52; und mit seinem Geist bevollmächtigt er uns zu offenem
Bekenntnis, zu dankbarem Nehmen und bescheidenem Geben. Der Widerspruch kann der
erste Schritt zu einer Vertiefung des Verständnisses sein.
Die Bibel ist, den sich stabilisierenden Gepflogenheiten des christlichen gottesdienstlichen
Gebrauchs folgend, auf der Basis der synagogalen Texte, in den verschiedenen Kirchen,
getrennt, doch ähnlich und immer ähnlicher, zusammengewachsen im zweiten
nachchristlichen Jahrhundert.
48
Heute redet man auch wieder von ,,Spiritualität".
49
So wurde ein provinzieller Augustiner-Observant zum Reformator.
50
Auch die lebendigen Christen sind ja nicht alle einander sympathisch.
51
Die Jesus-Bilder schon der Evangelisten sind verschieden; ihre verschiedenen Aspekte
sind auch nicht immer sympathisch. Aber der Mensch ist beschränkt, und wir müssen
zugeben: Manchmal lohnt sich die Anstrengung, einem Mitmenschen gut zuzuhören, auch
wenn er einem unsympathisch ist, besonders.
52
Schon wer die Bibel kennt, weiß Beispiele; etwa 1Sam 2,30; 1Chr 21,1 gegen 2Sam 24,1;
Mt 5,21ff.; Jak 2,24.
Die Idee, nach jüdischem Vorbild einen neutestamentlichen Kanon heiliger Schriften
aufzustellen, hat man dann von einem (seinerzeit sehr einflussreichen) Ketzer
53 übernommen.

2. Lesen

Schon dies zeigt, daß man biblische Texte sehr verschieden lesen kann. Lebendige Sprache
vermittelt immer viel mehr, als Sprecher oder Hörer bewusst ist; denn das gesprochene und
gehörte Wort hat seinen Sinn erst als Lebensvollzug von Menschen. Entsprechendes gilt für
Texte. Es kommt für das Text-Verständnis viel auf die Wahrnehmungseinstellung an. Oft ist
kaum zu entscheiden, was man aus dem Text heraus- und was man in den Text hineinliest.
Das gilt besonders für Texte, die den Leser persönlich beanspruchen wollen und ansprechen.
Und das sind in der Regel Texte, die menschlich offen sind, die durch gewisse
Unentschiedenheiten den Leser einladen, über den Sinn des Textes mit zu reden und zu
entscheiden. Solche Texte regen natürlich die Leser auch dazu an, mit einander zu reden und
in der hier angesprochenen, zunächst vieldeutigen Problemlage eine vorläufige Eindeutigkeit
zu suchen und vielleicht zu erreichen. (Das kann, durch Entzweiungen hindurch, in eine
reichere Einigkeit führen.)
Evangelisch gelesen, ist die Bibel kein Lehrbuch, sondern Wort, die sehr genaue
Einweisung in die augenblicklichen Gegebenheiten, wo Gott uns bereits erwartet.
Man kann in der Bibel allein lesen,
man kann sie in einer Gruppe lesen,
man kann sie mit einem Kommentar lesen,
man kann sie als Predigttext hören.
Die Meisten haben meist gar kein Interesse, die Bibel zu lesen.
Manchmal scheut man die Bibel; manchmal spürt man sogar Abneigung. Man fühlt sich
überfordert, zu Entscheidungen gedrängt, die noch nicht reif sind.
Man sucht aber auch Trost,
fundamentale
oder praktische Orientierung.
Man weiß ganz allgemein, daß die Bibel ein wichtiges Buch ist, und will eine Bildungslücke
stopfen,
oder man hat einen besonderen Grund, sich kundig zu machen,
vielleicht um sein Selbstverständnis als Christ ­
oder als Kirchenvertreter ­ kritisch zu prüfen.

a) Selbständige Bibellektüre

Unsere Gesellschaft verdankt die Bibel der Kirche; aber man liest sie längst auch außerhalb
der Kirche; und die Kirche hat von der außerkirchlichen Bibellektüre viel gelernt.
Es ist eine endlose Aufgabe, sich in die Bibel hineinzuarbeiten, weil sie auch Prüfung des
dort Gelernten in unserem eigenen Leben verlangt. Je weiter man im Verstehen der
befremdlichen alten Texte vorankommt, desto längere Bewährungsphasen in der Gegenwart
sind nötig. Sonst verdirbt man das historische Verstehen mit eigener Naivität und das eigene
Leben mit fremden Aufgaben.
Moderne Bibel-Übersetzungen sowie Modernisierungen des Gesangbuchs vertuschen, daß
sowohl die Bibel wie die besten unsrer Kirchenlieder einer anderen Kultur angehören.
Die biblischen Schriften sind auch da evangelisch als Glaubenszeugnis zu hören, wo sie
vielleicht einst Glaubensgesetz sein wollten. Das bedeutet für unsere Bibellektüre, daß man
respekt- und liebevoll hört, was unsere Väter im Glauben für richtig gehalten haben, nicht als
Sklave, sondern als mündiger Sohn.
53
Markion. Er kanonisierete Paulus und Lukas.
Wir müssen es als Gottes Wort anerkennen, wann immer Gott uns sein Wort, auch in der
Bibel, ver-sagt!

b) Gemeindliche Bibellektüre

Im Gottesdienst geht es um die Suche nach fundamentaler Orientierung.
In besonderen Kreisen kann es um praktische Orientierung gehen.
Beides gehört zusammen, wie in den Briefen des Paulus das zugesprochene Heil und die
Ermahnungen.
Zur kirchlichen Bibellektüre gehört das Gebet um das rechte Schriftverständnis,
gemeinsames Aufmerken auf die Wahrheit Gottes hier und jetzt.
(1) Fundamentale Orientierung
Die Bibel lehrt uns, schon jetzt den ,,Anfang der Neuen Schöpfung" sehen, das Bekannte als
Wunder erleben. Sie bringt uns Entdecken bei.
In gezielt beirrender Unwahrheit (z.B. der Poesie) kann uns Wahrheit aufleuchten.
Die Bibel ist unüberbietbar beirrend. "Wie heilig ist diese Stätte!" (Gen 28,17) ­
segensreicher, fruchtbarer, furchtbarer, vulkanischer Boden; hier stehen Tempel und wackeln.
Ein Kanon Heiliger Schriften verpflichtet nicht zum Nachbeten, sondern zur Kenntnisnahme
des Kanonisierten als Qualitätsmaßstabs. Der Kanon muß deshalb nicht alles Gute enthalten.
Die Bibel ist ein spannungsvolles und reizvolles Vielerlei.
Zu den Spannungen in der Bibel gehört das Nebeneinander von Indikativ und Imperativ,
von persönlichem Heilszuspruch
54 und der Mahnung, entsprechend zu leben.
(2) Praktische Orientierung
Das Leben ­ sowohl das individuelle wie das gemeinsame ­ stellt ständig praktische
Probleme. So auch das Gemeindeleben. Hier gilt es, sowohl allgemeine wie auch von Fall zu
Fall speziellere Richtlinien für gemeinsames Handeln zu finden und, versuchsweise oder
verbindlich, zu formulieren. Auch für solche gemeinsamen Entdeckungsreisen sind biblische
Texte als Ausgangspunkt bewährt.

B. Gebet

Unsre Wünsche und Ängste gehen über das hinaus, was wir selbst machen können. ,,Herr,
lehre uns beten," sagen da die Jünger (Lk 11,1) zu Jesus; wir möchten wohlbegründete
Hoffnungen haben. Eigentlich möchten wir ja sogar zaubern können. Jesu Antwort
55 lässt sich
zusammenfassen: ,,Sagt Gott eure Wünsche und Ängste, wo und wann sie euch bedrängen!"
Beten ist eine Möglichkeit des Menschen, seinen eigenen Weg zu finden. Sie
56 ist selbst
prekär, unberechenbar bedingt. Sie hängt vom Dasein Gottes ab, und dieses ist unverfügbar
57.
,,Gott" ist in den Zerreißproben des verantwortlichen Subjekts ein bewährtes, sehr
persönliches Integrationssymbol ­ objektiviert: eine unendlich vereinfachende
Hilfsvorstellung, im Wagnis des Gebrauchs: ein Helfer.
54
Der Kolosserbrief spricht (3,1) die Adressaten als die mit Christus bereits Auferstandenen
an!
55
Nirgends wird erzählt, daß Jesus mit den Jüngern zusammen gebetet habe. Er betet allein;
und die Bergpredigt schickt uns zum Beten ins stille Kämmerlein. Von gemeinsamem Gebet
der Jünger wird nur aus der Zeit nach dem Tode Jesu berichtet.
56
Im Unterschied zum ,,Plappern wie die Heiden" (Mt 7,1), was, nach Kalender und Uhr,
jederzeit möglich ist.
57
2.Mose 3,14: ,,Ich bin, wann ich bin." (Die hebräische Relativpartikel wie sie 2.Kön. 8,30
gebraucht wird.) Offenkundig will Gott gar nicht immer sein; Gott ereignet sich. Aber ,,Gott"
ist auch ein verbreiteter, zur Abwehr von Schuldgefühlen dienlicher Zwangsgedanke.
Die neutestamentlichen Vaterunser-Texte (Mt 6, Lk 11) sind formal unbefriedigende
Kompositionen. Sie sind wohl aus von Jesus überlieferten, einzelnen Ausrufen
zusammengesetzt, Katechismus-Stücke gemeindlicher Lehrtraditionen. Die natürliche Form
des Gebets ist der von Herzen kommende, kurze Ausruf, ­ der uns veranlasst, unser Anliegen
vor Gott auch selber neu zu bedenken.
Im Bittgebet sammeln wir uns hoffnungsvoll vor unserem imaginären
58 ,,himmlischen
Vater" und bedenken unsere Welt
59 in Bezug auf ihn60.
,,Dein Name" ist unser Heiligtum, wo wir immer wieder erfahren möchten, was wir jetzt
sollen.
,,Deine Herrschaft komme", jeder soll ihrer froh werden = ,,Dein Wille geschehe".
Gottes Herrschaft ist der Rahmen unserer Vorsorge. Mit der Bitte um das ,,tägliche Brot
heute" unterbreiten wir Gott unsre Vorstellung vom Lebensnotwendigen.
In der Kraft der ,,Vergebung" Gottes wollen wir unsre ,,Schuld" an unsern Mitgeschöpfen
anerkennen und ihnen vergeben, was sie uns schuldig geblieben sind.
Von Begehren, Hass und Angst geführt, entwickeln wir uns und lernen jeder seine höchst
persönliche Lektion aus seinen Erfahrungen. Wir wünschen uns auch Orientierung
(,,Glaube"), Selbstbeherrschung und Zuverlässigkeit. In unseren weltlichen Begegnungen
verlieren wir sie unversehens. Prüfungen (,,Versuchungen") unsrer Zuverlässigkeit müssen
wir fürchten. Sei Du, Gott, zur Stelle, wenn wir uns selbst verloren haben!
,,Erlöse uns" aus der gegenwärtigen ,,Schlechtigkeit" durch deine Gegenwart!
Im Gebet stehen wir vor dem Angesicht Gottes. Zentrale Bedeutung hat der geschundene
Jesus als Gottes Angesicht. Der Lobpreis, in dem unser Vaterunser gipfelt, steht in diesem
Licht.
Wo Hunger droht, ist ,,Dank für Speis' und Trank" natürlich ­ sonst nur bei besonders guter
Nahrung. Wenn wir aber selbstverständlich zu essen haben, kann der Dank, eher als unsre
Speisen, die Chancen
61 betreffen, die uns ­ im Unterschied zu den Notleidenden ­ gegeben
sind.
Das Wirkungsgefüge unsrer Umgebung scheint uns weitgehend selbstverständlich; viele
Zusammenhänge blenden wir ab oder haben sie nie gesehen. Den Namen Gottes mit Blick auf
die Außenwelt zu brauchen aber verfremdet diese ­ seltsam anregend
62. Wenn wir mit
offenen Augen beten, sehen wir etwas von der unermesslichen Vielfalt des Wirkens Gottes,
mit offenen Sinnen spüren wir sie außerhalb unser und in uns (Ps 139 ! ).

C. Jesus

Gottvertrauen in einer Angst erregenden Welt ist nicht selbstverständlich. Es ist ein
heilender Segen
63. Es Gottes Segen.
Jesu Gottvertrauen teilte sich Menschen in seiner Umgebung mit; und das ging (und geht)
nach dem Scheitern Jesu segensreich weiter. Immer wieder kehren Menschen zu Jesus zurück
empfangen hier neues Gottvertrauen. Insofern ist Jesus nicht gescheitert.
58
Mit diesem modernen Begriff kann man die mancherlei christlich-erkenntniskritischen
Bemerkungen des Paulus im 1. Korintherbrief ­ am bekanntesten 13,8-12 ­ ernst nehmen.
59
Die Realität ist unvorhersehbar kreativ, mindestens ,,mild" chaotisch. Der ­ so suggestive
­ Realitätsbegriff ist deshalb unscharf. Das ist im Gottesbegriff festgehalten.
60
Wir können einerseits den Schöpfer nur aufgrund der Schöpfung imaginieren; wir sollen
andrerseits unsre Welt im Licht des Schöpfers sehen und uns wundern ­ und beides
zusammen mit Gott und Menschen besprechen.
61
Chancen sind immer prekär.
62
So konnte Paul Gerhard den Bedrängten trösten: ,,ER weiß viel tausend Weisen zu retten
aus der Not" in die Ewigkeit, ­ die nicht erst nach dem Tode anfängt; also vorläufig: zurück
in die Zeit, vielleicht: in die nächste Not.
63
Wir können es nur subjektiv wohlbegründet von Irrglauben unterscheiden.
Dem unverfügbaren Gott vertrauen, das ist: mit dem schreienden (Mt 27,50) Gekreuzigten
sich an Gottes Wort
64 (Ps 22) halten (Mt 27,46), ­ das für unsre Gottlosigkeit Raum hat.
Jesus war so überzeugend beeindruckt von der väterlichen Wundermacht Gottes, daß sein
Scheitern unter den Jüngern Visionen von dieser Wundermacht hervorrief, in deren Licht Jesu
Sterben als Heilsereignis erschien.
Der unvoreingenommene heutige Leser der Evangelien kann nicht umhin, sich zu fragen: War
Jesus ein Magier, nach heutigen Begriffen ein Geisteskranker, ein größenwahnsinniger
Prediger, suizidal, ein respektloser Sohn, ein unbrüderlicher Bruder, ein unzumutbarer
Gesprächspartner?
Bestand und besteht seine Gemeinde vornehmlich aus jener Art Leute, die gerade solch ein
autoritärer Typ in seinen Bann schlägt?
Jesus war ein wirklicher Mensch ­ und die Kirche lehrt: genau darin war er der wirkliche
Gott! Alles Wirkliche ist anstößig
65, und wirkliche Menschen sind anstößig. In Jesus wurde
das zum Zentralthema. Jesus war besonders anstößig.
Die babylonische Gefangenschaft hatte die Juden in ihrer Religion verunsichert. Die Religion
Israels war, ausweislich der späteren Schriften des Alten Testaments, durch das Trauma der
babylonischen Gefangenschaft weitgehend zur zwanghaften Angst-Symptomatik
66 geworden.
Die ,,Freude am Gesetz" wurde durch einen ,,Zaun ums Gesetz" geschützt. Abwehr von
Anomie
67 kennzeichnet die nachexilische Frömmigkeit. Die Restauration des zweiten
Tempels unter den Persern ist scheußlich starr. Mit den steigenden neuen Schwierigkeiten
wurden, aus iranischen Traditionen stammende, apokalyptische Vorstellungen
weiterentwickelt.
Jesus kämpfte gegen den herrschenden religiösen Zwang. Er kämpfte als wirklicher Mensch
mit seinen außerordentlichen Begabungen und seinen höchstpersönlichen Anstößigkeiten
68.
Er brach die ängstliche Gesetzlichkeit der jüdischen Gemeinde durch mutige Ermutigungen
auf (nicht gegen das Gesetz, sondern Ermutigungen zu einem mündig menschlichen
69
Umgang damit). Er hat die Legalisten nicht nur durch irreguläre Wohltaten, sondern auch
durch Renitenz und schließlich wohl auch durch spontane Aggressionen provoziert.
Was wir von Gott nicht wissen wollen, weil es uns überlasten würde, das nennen wir
teuflisch. Deswegen haben alle Menschen ein ungereimtes Bild von Gott, das uns nur
symbolisch (und immer nur für begrenzte Zeit) trägt. Man stellt sich herkömmlicherweise
Gottes Herrlichkeit als märchenhaft königlich vor. Aber Gott ,,herrscht" auf seine Weise,
bescheidener, als die monotheistischen Religionen es darstellen.
Als wirklicher Mensch hatte auch Jesus ein ungereimtes Gottesbild; und er erwartete eine
Herrschaft Gottes, wie sie nicht kam. Das ,,Nicht erst später in Herrlichkeit, sondern schon
hier und jetzt!" spielt aber im Neuen Testament eine zentrale Rolle.
64
Das ist das Evangelium. ,,Unter dem Gesetz" ist Selbstvertrauen gefordert.
65
Das gilt auch von der Schöpfung im Ganzen. Laut der biblischen Symbolik lebte schon
im Paradies die Schlange; und zur ewigen Vollendung der Schöpfung gehört hier der feurige
Pfuhl (Offb 21,8).
66
Das ist die Erfahrung, die SIGMUND FREUDS Religionsverständnis zugrunde lag.
67
Im Sinne des (jüdischen) Soziologen E. DURKHEIM.
68
Nicht die Lehrinhalte Jesu sind entscheidend, sondern was Gott den Gewissen der
einzelnen Menschen durch Jesus sagt. Durch das Leben Jesu beruft Gott das Subjekt zur
Mündigkeit.
69
In diesem Sinne ist etwa Mk 2,27 zu verstehen.
Jesus sah mit dem Blick der Liebe und zeigte in seinen Gleichnissen Gottes Herrschaft ganz
unspektakulär
70, wirkte aber als spektakulärer Wundertäter.
Die Gemeinde erlebt Zeichen und Wunder der ,,anbrechenden" Gottesherrschaft. Jesus hatte
gelehrt, sie anbrechen zu sehen.
Er nahm Gottes Herrschaft wahr, er erwartete das baldige Gottesreich
71. Aber als Reaktion
auf die Kreuzigung entstand die Kirche ­ mit den höllischen apokalyptischen
Hintergrundsängsten und ihren neuen Radikalismen. Jesus hat nicht nur radikales
Gottvertrauen gebracht, sondern auch eine Symptomverschiebung
72 bewirkt. Die Christen
kämpfen gegen den alten Ungeist für das neue Gottvertrauen in der alten Rüstung
73; der
Glaube an Jesus wird zentrales Gesetz! Die Kirche ist ein widersprüchliches Gebilde mit einer
chaotischen Geschichte.
Die Ausgangssituation des Osterglaubens war die (trotz aller Vorankündigungen)
überraschende Kreuzigung und Beerdigung Jesu gewesen; also Trauer und Trauma der
Jünger. Die Depression wurde überwunden durch die sog. Osterereignisse. Die Erscheinung
des Auferstandenen vor Petrus war Anbruch der von den Frommen ersehnten allgemeinen
Auferstehung, der Durchbruch einer Imagination in die gelebte Wirklichkeit ­ wie man ihn
(in der heutigen, möglichst rational organisierten Welt) der Psychiatrie zuweist.
Geisteskrankheit ist grundlegend konsensual, kollektiv-subjektiv definiert; erst auf dieser Basis kann
sie ,,objektiv" diagnostiziert werden. Die ernsthafte Begegnung mit einem Geisteskranken kann
unseren selbstsicheren Realismus profund anfechten. Und auf dieser Verunsicherung kann Segen
liegen! Sie lehrt uns den Unterschied zwischen Glauben und Wissen.
Das apokalyptische Zeitzeichen Ostern regte viele Niedergeschlagene, mit ihrem
Lebensentwurf Gescheiterte, zu überraschenden erfreulichen Wahrnehmungen in ihrer
sattsam bekannt gewesenen ,,alten Welt" an. Man erlebt ,,Zeichen und Wunder", ein
Hereinbrechen der ewigen Neuen Welt.
Das Christentum wurde schnell eine multinationale Religion ­ vornehmlich der (im Kampf
ums Dasein besonders bedrängten) Unterschicht. Jede Kirche macht aus dem Evangelium
74
einen neuen Gesetzeskomplex, der vielerlei Marginalisierte
75 aus der deprimierenden Anomie
70
Man muß die Gleichnis-Überlieferung vielleicht ,,gegen den Strich" lesen, so daß nicht
das Irdische Interpretament des Himmlischen, sondern ,,das Himmelreich" des Volksglaubens
als Interpretament des Irdischen erscheint, für welches die Augen geöffnet werden sollen ­
was dem Alltagswissen überflüssig erscheint.
71
Schon der Johannes, von dem Jesus sich hatte taufen lassen, taufte für das nahe Weltende,
von welchem im Volk apokalyptische Vorstellungen umgingen, die wir auch in der Jesus-
Überlieferung finden.
72
Pars pro toto: die Verschiebung des Sabbat auf den Sonntag (und darüber hinaus:
Didache XII Apost. 8.1).
73
Ähnliches geschah später mit Luthers Neuansatz.
74
Mit ,,Evangelium" meinen wir das Zeugnis von Gott in Jesus als ein unscheinbar kreatives
Integrationssymbol. ,,Gesetz" ist ein Modell von Integration. Das Evangelium lässt uns in den
Abgrund blicken und eröffnet den Raum einer Kreativität in persönlicher Verantwortung.
Habito ... Christo, facile condemus leges... Imo novos Decalogos faciemus." (LUTHER 1535,
Disp. De fide, These 52f.) Diese ,,neuen Dekaloge" sind zuerst eine Hilfe (Th. 58); alle
Gesetze aber werden mit der Zeit zur Behinderung für das Leben. (,,Es erben sich Gesetz' und
Rechte wie eine ew'ge Krankheit fort...Vernunft wird Unsinn, Wohltat Plage," sagt Mephisto
im Faust I, Z.1972). Das treibt auch die Kirchen voran; aber Luther hat für die Geschichte nur
statische Begriffe von Zuständen.
75
Das Hauptbeispiel für gesellschaftliche Marginalität ist die Unterschicht. Aber die Zufälle
des Lebens können jeden, in der einen oder andern Hinsicht, für kurz oder lang, an den Rand
der Gesellschaft bringen, so daß diese für ihn anomisch wird.
rettet und ein beglückendes Zusammenleben ermöglicht, auf andere aber abstoßend wirkt.
Noch heute ist dies die vitalste Funktion des Christentums (und wohl der Religionen
überhaupt). Die radikalen apokalyptischen Vereinfachungen verstärken die Abwehr gegen die
Anomie.
Die österliche freudige Erregung wurde als der verheißene Heilige Geist der Endzeit erlebt.
Aber die ,,Gerechtigkeit" der radikal neuen sozialen Form für ,,Friede und Freude im Heiligen
Geist" (Rm 14, 17) wird immer wieder strittig und führt zu Sektenbildung
76. Schon als
internationale Glaubensgemeinschaft hat das Christentum Normenkonflikte und
Anomieprobleme, die nur menschlich im höchsten Sinn, nämlich immer wieder kreativ, im
Geist des Vaters Jesu Christi, zu bestehen sind. Es geht um von bescheidenem Gottvertrauen
getragene Humanität; aber die kirchliche Symbolik hat in die Menschheitsgeschichte auch
finstere Schatten geworfen! Die kulturelle Einarbeitung des Ereignisses Jesus, eine
entsprechende Vertiefung der Menschlichkeit und der Kommunikationskultur sowohl der
Kirche wie ihrer Umwelt, ist eine immer wieder neue Aufgabe. So bleibt die Kirche als
Platzhalter Jesu, als corpus Christi, ein problematisches, aber wesentliches Kulturgut der
Menschheit.
Immer wieder scheint es Gott gleichgültig zu sein, was aus der Kirche und was aus der
Menschheit wird. (Er konnte aus Erde Menschen machen und kann Abraham auch aus
Steinen Kinder erwecken ­ Mt 3,9, Lk 3,8). Letztlich darf es auch jedem von uns einmal
gleichgültig werden ­ aber eben: nur ,,letztlich"! Gott berät uns; und jeder soll sich für das
nach Gottes Rat Gute einsetzen, so lange er kann.

D. Credo

Die sog. Glaubensbekenntnisse sind zentrale Symbole der kirchlichen Vorstellungswelt aus
vergangenen, weniger individualisierten, sich epochal-statisch, nicht dynamisch verstehenden
Zeiten.
Mit dem Bekenntnis des altkirchlichen Taufsymbols (unseres Apostolicum) gliederte man
sich einst in ,,das Volk Gottes" ein.
Das Nicaeno-constantinopolitanum war als reichskirchliches Recht konzipiert.
In den christlichen Hauptgottesdienst wurde ein Glaubensbekenntnis eingeführt erstmals 476
in Antiochien, vermutlich um Ketzer von der Teilnahme fernzuhalten.
Subjekt des Glaubens war da die Gemeinde, als eine Versammlung des Gottesvolks.
Heute ist die Glaubenssymbolik primär Gewissenssache des Einzelnen77. Nicht nur
politisch, sondern auch theologisch hat der Volksbegriff seine Selbstverständlichkeit verloren.
Jeder Christ soll im Anschluss an die Tradition seinen Glauben auf seine Weise mitteilen, und
damit die religiöse Kultur weiterentwickeln.
Bochum, den 23. Juli 2008
Dieser Text ist inzwischen, weiterbearbeitet, integriert in mein Buch:
Von Gottes Bescheidenheit. Zu Struktur und Dynamik der christlichen Existenzsymbolik.
LIT-Verlag 2009, 150 S.
76
Paulus (1Kor 11,19) erwartet, daß bei den Auseinandersetzungen klar wird, wer ,,die
Rechtschaffenen" sind. Diese Scheidung wird aber selten entlang den Parteigrenzen laufen!
77
Dieser kann allerdings glauben, glauben zu müssen, was die Kirche glaubt.