Thomas Bonhoeffer


Ethos im Chaos

(Vortrag vor dem Arbeitskreis Recklinghausen der Evangelischen Akademie Westfalen am
29. November 1991)

  • 1. Die Vokabeln
    • a) Kosmos und Chaos
    • b) Ethos
  • 2. Das Problem
    • a) Geordnete Verhältnisse
    • b) Chaotische Verhältnisse
    • c) Symbolische Ordnungen
      • (1) allgemein
      • (2) Die religiöse Frage
      • (3) Die christliche Vertiefung der religiösen Frage
  • 3. Problemanalyse s
    • a) Zufall, Ordnung, Chaos
    • b) Die Hierarchie der Komplexität
      • (1) Natur
      • (2) Menschliche Kultur
  • 4. Resultat

1.Die Vokabeln

a) Kosmos und Chaos

Von dem altgriechischen Weisen Pythagoras wird berichtet, er habe das Weltganze als
kosmos gepriesen, d.h. als schöne Ordnung. 200 Jahre später hat der große Philosoph Plato
sich dafür interessiert und dem Abendland diese Idee geistmächtig beigebracht.
Die biblische Schöpfungslehre läßt eine geordnete Welt - die Welt, in der wir leben sollen -
, aus dem vorzeitlichen Tohuwabohu entstehen als eine vom Ozean umbrandete Insel. Wir
benennen das Tohuwabohu mit dem griechischen Wort chaos, das eigentlich Schlund,
Rachen, Abgrund bedeutet. Wir hören im Alten Testament vielleicht mehr Erinnerungen an
das Chaos als in der antiken griechischen Literatur. Der noachitische Bund verheißt Leben
ermöglichende Ordnung, "solange die Erde besteht". Das letzte Buch der Bibel allerdings
setzt dann einen furchtbaren Akzent auf diese zeitliche Näherbestimmung. Dies irae, dies illa
solvet saecla in favilla, ruft die mittelalterliche Sequenz: Der Tag des Zorns, jener Tag, wird
alle Welt in glühende Asche zerfallen lassen. Die Insel, die pflanzliches, tierisches und
menschliches Leben trägt, wird, wie sie aufgetaucht ist, auch wieder versinken. Noch einmal
Chaos, dieses Mal aber mit Ausblick auf endgültige Ordnung. Die Menschen können den
Zeitpunkt des Endes nicht bestimmen; aber er ist auch nicht unabhängig von ihrem Verhalten.

b) Ethos

Das griechische Wort êthos bedeutet so etwas wie Lebensraum; eigentlich "Lagerstatt"
oder "Jagdgründe". Von dort ist die Entwicklung zu der Bedeutung "Gepflogenheit"
weitergegangen1.
Der Sprachgebrauch des griechischen Worts êthos entwickelte sich über "Gepflogenheit"
weiter zu den Bedeutungen: "Charakter" und endlich: "Verhalten". Kollektiv heißt der Plural
êthê auch "Bräuche" und "Sitten".
Aristoteles, der große Schüler Platos, hat Vorlesungen über menschliche Verhaltenstypen
gehalten, weithin eine Charakterologie. Ein gewisser Nikomachos hat das Manuskript nach
Aristoteles' Tod veröffentlicht; das Buch trägt den Titel Ethika Nikomachéawir nennen es
die "Nikomachische Ethik". Ethika ist aber kein Singular, sondern ein Neutrum Plural
2; und
es ist kein Substantiv, sondern ein Adjektiv.
Nachdem Aristoteles schon viel über das Denken gelehrt hatte, sollte es in dieser weiteren
Vorlesung um das menschliche Verhalten gehen. Was er bietet aber, ist nicht wertfreie
Verhaltensforschung - was man heute Ethologie
3 nennt. Aristoteles lehrt, daß all unser
Verhalten zielgerichtet ist, und zwar auf das Gute. So ist diese Sittenlehre an der Frage ori-
entiert, was praktisch das "Gute" sei. Für die Antwort können wir uns auf ein Wort einigen:
Wir möchten "glücklich" sein. Es kommt aber darauf an, worin das Glücklichsein besteht.
Und dieser Frage geht Aristoteles in der Nikomachischen Ethik nach. Sie wurde grundlegend
für die europäische Sittenlehre.
Es geht hier darum, das beste Verhalten zu identifizieren, die arêtê êthikê. Arêtê hängt
etymologisch zusammen mit áriston, "das Beste". Es geht nicht nur um das Gute, es geht um
Idealbilder, das Beste, (allerdings auch deren abschreckende Gegenbilder). Früher übersetzte
man diearêtê mit "Tugend". In diesem Sinne ist die Ethik des Aristoteles eine Tugendlehre.
Das schöne Wort Tugend, das mit "taugen" und "tüchtig" zusammenhängt, ist aber durch die
Dummheit der Tugendprediger in Verruf gekommen. Man übersetzte deshalb dann lieber
"Vortrefflichkeit"; wir übersetzen: "Vollkommenheit".
Wenn wir von "Standesethos" reden, ist die Bedeutung noch nahe an dem antiken
Sprachgebrauch; es geht um Sitten. Wir reden aber auch vom "Ethos" des einzelnen und
meinen damit Sittlichkeit, Pflichtbewußtsein, Verantwortungsgefühl. Dieser moralische
Akzent auf dem Gewissen des einzelnen jedoch war dem alten griechischen Wort êthos noch
fremd.
In der Ethik geht es um die Vollkommenheit des Verhaltens. Wir könnten, im Sinne des
Vorgetragenen, nah an unsern Gegenwartsproblemen bleiben und konkreter sagen: Uns geht
es ethisch um die Frage, wie man sich die Erde am besten bewohnbar macht und erhält.
1
. Man könnte meinen, hier eine ähnliche Entwicklung wie bei dem deutschen Wort
"Gewohnheit" vorzufinden; aber "gewöhnen" hat wortgeschichtlich nichts mit "wohnen" zu
tun. "Gewöhnen" geht vielmehr auf eine Wurzel zurück, die bedeutet "auffüttern" und auch
unserm Wort "entwöhnen" zugrunde liegt. Unser Wort "wohnen" jedoch bedeutet ur-
sprünglich "zufrieden sein".
2
. Die Bedeutung von Ethik ging einen ähnlichen Weg wie die Bedeutung des Wortes
Bibel.bíblia ist eigentlich ein Plural Neutrum und bezeichnet eine Sammlung von Büchlein;
bei uns ist es zum Singular "die Bibel" geworden.
3
. Von einem ähnlichen, aber doch anderen griechischen Wort, éthos= Gewohnheit, Brauch,
abgeleitet.

2. Das Problem

Seit alters hören wir die Klage darüber, wie chaotisch es unter den Menschen auf der Erde,
wie chaotisch es also im sog. "Kosmos", zugeht. In der menschlichen Gesellschaft meint man
die Schuldigen zu kennen und, wenigstens im Prinzip, auch Abhilfe zu wissen. Die Menschen
sollten sich eben einigen, auf einander Rücksicht nehmen und sich vertragen, damit die Erde
wohnlich werden kann. Es fällt besonders der Vernunft schwer, zu verstehen, warum nicht
danach gehandelt wird. Mit (ganz unvernünftiger) Einfühlung kommen wir oft weiter: Wir
sind eben so, - jedenfalls in den gemischten Lebensbedingungen, denen wir unterworfen sind.
Daß das Unmoralische nicht nur dem Täter nützt, daß vielmehr in solcherlei Handeln oft
auch Zweckdienlichkeit für das Leben als Kollektivphänomen steckt, das fängt man erst in
unseren Tagen an, ernstzunehmen und denn auch genauer zu verstehen.

a) Geordnete Verhältnisse

Geordnet nenne ich solche Verhältnisse, wo man sich über gut und böse einig ist. Hier gibt
es unbestrittene Grundgebote. Oft finden sich in verschiedenen, von einander isolierten
Kulturen inhaltlich ähnliche, Grundsätze - sehr ähnlich unsern Geboten der Zweiten
mosaischen Gesetzestafel.
Auch weit über die Grundgebote hinaus aber ist man sich in geordneten Verhältnissen bis in
Einzelheiten hinein über die faktischen Verhaltensnormen bei all ihrer Zufälligkeit und
Ungereimtheit doch einig.
Erstaunlicherweise sind es nun nicht nur äußere Einflüsse, die geordnete Verhältnisse über
den Haufen werfen. Das Lebendige will wachsen. In gesund geordneten Verhältnissen kann
es lange Zeit ungestört wachsen. Es ist auch dafür gesorgt, daß die Bäume nicht in den
Himmel wachsen; zu den geordneten Verhältnissen gehören auch viele Wachstumsbremsen.
Mit der Versagung aber wächst das "Unbehagen in der Kultur
4". Das wiederum staut sich und
sucht einen Ausweg. Es ist zwar dafür gesorgt, daß der einzelne Baum immer langsamer auf
seine Maximalgröße wächst; aber schon bei der Konkurrenz verschiedener Baumsorten um
Standorte gibt es keine solche sanfte innere Bremse; da gibt es katastrophale Entwicklungen.
Wo Leben ist, da wächst etwas; da wächst eine Menge verschiedener Sachen zugleich, und
zwar nach verschiedenen Wachstumsgesetzen, raffiniert gemischt: linear, quadratisch,
kubisch, exponentiell. Alle Proportionen werden dadurch zunehmend verzerrt. Deshalb
sprengt jedes Wachstum über kurz oder lang die Ordnung, der es sich verdankt.
Bereits in der Antike wurde zum Beispiel viel nachgedacht und geschrieben über
Verfassungskrisen und Wechsel von aristokratischer zu plutokratischer, zu demokratischer und
endlich diktatorischer Verfassung. Am berühmtesten wurden die Darlegungen des klassischen
griechischen Philosophen Plato im VIII. Buch seines Werks über den Staat. Weil alles Gewordene
untergehen muß (VIII 3), treibt eine innere Logik der Staatsformen die politische Geschichte eines
Staates durch Verschleiß zu Krisen und von einer Staatsform zur andern. Das Wachstum bestimmter
Kenngrößen des jeweiligen Systems führt ins Übermaß. Und "das Übermaß bewirkt gerne einen
heftigen Umschwung in das Gegenteil", wie Plato sagt und jeder weiß (VIII 15). Dieser Umschwung
beruht jeweils darauf, daß das Übermaß einer Systemeigenschaft einen Systemzusammenbruch
herbeigeführt hat.
Plato zeichnet eine reine Verfallsgeschichte. Zur Zeit der Eroberung Griechenlands durch die
Römer entwarf Polybios dagegen die Theorie von einem geschlossenen Kreislauf der Verfassungen.
Der Kreislauf der Verfassungen ist ja aber nicht garantiert. Der jeweilige Strukturwandel kann gut
gehen; er kann sogar segensreich sein. Aber eine alte Ordnung wird nicht immer durch eine neue
4
. Buchtitel von Sigmund Freud (1930).
Ordnung abgelöst. Das Zerbrechen einer Staatsordnung kann auch unabsehbares Chaos zur Folge
haben.
Ähnliches gilt für alle andern Lebensbereiche. Verläßt ein System seinen augenblicklichen
Stabilitätsbereich, - und jedes lebendige System verläßt über kurz oder lang seinen
augenblicklichen Stabilitätsbereich - so kann man in der Regel nicht wissen, was passieren
wird. Es mag sehr viel glücklicher weitergehen, aber sicher ist das gar nicht.
Das gilt auch für die Biosphäre im
ganzenGanzen. Wir befürchten einen großen Kollaps
aufgrund der größeren Beanspruchung der Erde durch die Menschen. Wir müssen das rasante
kollektive Wachstum bremsen. Städte, Regionen und ganze Länder wie die Tschechoslowakei
sind bereits schwer geschädigt. Das wird schwere soziale und internationale Verteilungs-
kämpfe zur Folge haben. Es gibt riesige Elendsregionen, wo die Alternative für die Massen
lautet: Tod oder Verbrechen. So etwas wie Saddams Überfall auf Kuweit war unter den ge-
gebenen Umständen ein ganz natürlicher Vorgang. Nicht, daß es dem Iraq selbst so schlecht
gegangen wäre; aber Saddam hatte die arabischen und islamischen Massen Afrikas und
Asiens hinter sich, denen es sehr schlecht geht, und deshalb meinte er, es wagen zu können.
Die Ordnung der Weltgesellschaft, das Weltwirtschaftssystem in Verbindung mit
Informationstechnologie und Technologie überhaupt, ist in Gefahr, zu kippen. Je größer das
System, desto größer das Risiko eines irreparablen Totalschadens.

b) Chaotische Verhältnisse

Ich deutete es schon an: Es gibt heute riesige Elendsregionen auf der Erde, wo der einzelne
in einem Chaos lebt
5. Unsre eigenen Lebensverhältnisse zur Zeit des Kriegsendes waren
gnädiger. Mag man sich auch in geordneten Verhältnissen nach Veränderung der Verhältnisse
sehnen; ist das Chaos einmal ausgebrochen, sehnt man sich nach geordneten Verhältnissen
zurück. Denn das Chaos bringt meist zuerst noch mehr Unglück als eine schlechte Ordnung.
Eine neue Ordnung muß eine sein, auf die man sich hinreichend einigen kann. Wird sie ohne
Aussicht auf Einigung durchgesetzt, kann sie nur ein Chaos durch ein anderes ersetzen. Man
denke nur an die nationalen Explosionen nach der Aufhebung der sowjetischen
Zwangsordnung.
In einer fundamentalen Orientierungskrise sucht man nach Anhaltspunkten. Es gibt da das
sich Festkrallen an das Schwindende; es gibt den romantischen Rückgriff in die Geschichte;
demgegenüber gibt es Zukunfts-Utopien; es gibt Resignation. Einer hält nun den Glauben des
andern für gefährlich. Das Suchen geht oft in religiöse Tiefe, das Engagement ist stark und oft
fanatisch. Welche Ideologie endlich den Sieg davon tragen wird, hängt erschreckend vom Zu-
fall der Umstände ab. Es ist wie beim Wetter, wo Fachleute versichern: Unter kritischen
Umständen kann der Flügelschlag eines Schmetterlings in Amerika einen Wetterumschlag in
Indien zur Folge haben. Aus den Turbulenzen baut sich aber doch wieder einmal eine stabile
Großwetterlage auf.

c) Symbolische Ordnungen

(1) allgemein Die Vernunft braucht Anhaltspunkte, um urteilen zu können. Anhalt versprechen dem
Umhergetriebenen im Irrationalen verwurzelte, kräftige Symbole. (Diese können sehr
rational aussehen; es kann das Auto sein - in der Schweiz gibt es eine Autopartei!) Was irgend
Symbolkraft für mich hat, ist als Anhaltspunkt besser als nichts. Anerkennung dieses Symbols
durch andere erhöht dann noch dessen Wirkung.
5
. Ich verweise zur Illustration auf das Büchlein von ALONSO SALAZAR, Totgeboren in
Medellin, deutsch Wuppertal 1991.
Es ist immer wieder erschreckend, wie dumme Texte in der Kulturgeschichte zu hoher
Anerkennung und Verbreitung gekommen sind. Man denke etwa an
MAO TSE TUNG's Rotes
Büchlein; es war auch bei uns für wenig Geld zu kaufen. Man benutzte es in China wie ein Symbol;
man las es im Blick auf darin und dahinter verborgene Weisheit. Dabei legte man die ganze eigene
Weisheit hinein.
Es gibt schwache und es gibt lebenskräftige Symbole. Für die erste Gruppe mag das Rote Büchlein
als Beispiel stehen. Als die politische Macht nicht mehr dahinter stand, ist es schnell wieder in
Vergessenheit geraten. Für die zweite Gruppe mag die Bibel stehen. Sie ist, auch ohne und auch
gegen die politische Macht, vielen eine Quelle von Kraft und Weisheit - allerdings auch von
überheblicher Dummheit - gewesen.
Die Menschen leben in dynamischen Symbolsystemen. Es gibt Sittengeschichte,
Sprachgeschichte, Kulturgeschichte, Religionsgeschichte, Kirchengeschichte. Wir müssen
unsre Sprache lebendig halten, sonst verlieren wir den Bezug zur lebendigen Wahrheit. Um
unsrer Menschlichkeit willen müssen wir uns der Sprache anvertrauen und, als legitime
Erben, sie weiter gestalten können. Eine Aussage bekommt ihre Eindeutigkeit durch die
Dynamik des lebendigen Zusammenhangs. Die Sprache faßt einerseits etwas eigenwillig
Erfahrung zusammen. Sie vermittelt anderseits immer etwas mehr, als was der Sprecher weiß
und will. Sie kann die Wahrheit nicht enthalten; aber dem verständigen Hörer kann sie
Wahrheit erschließen. Sie muß unser Erleben zum Ausdruck und zum Austausch bringen. So
können andere uns in unsrer Selbstbesinnung fördern. - Suggestive Symbolisierungen können
den Zugang zur Wahrheit allerdings auch gerade versperren.
Wir brauchen als Individuen immer wieder Besinnung. Nur dann bleibt unsre Sprache le-
bendig. Besinnung bringt uns in Berührung mit dem Chaos in uns. Auch Forschung braucht
die menschliche Gesellschaft in erster Linie dafür, daß unsre Sprache, unsre Symbolik und
dadurch wir selber geistig lebendig bleiben. Forschung muß das allzu selbstverständlich
Gewordene hinterfragen, bis hinein ins philosophische Nichtwissen. Besinnung und
Forschung bringen uns in persönliche Berührung mit dem Chaos.

(2) Die religiöse Frage

Die religiöse Symbolik will die allumfassende Wahrheit erschließen. Wie jedes Symbol, so
kann ja aber auch das religiöse Symbol den Zugang zur Wahrheit wahnhaft versperren. Auch
die religiöse Symbolik bedarf deshalb unsrer Besinnung, um lebendig zu bleiben und nicht
zum Fetisch zu degenerieren.

(3) Die christliche Vertiefung der religiösen Frage

Es gibt Religionen, die die Geschichte nicht erst nehmen und solche, die sie ernst nehmen.
Der ursprüngliche Buddhismus zählt zu den ersten. Er will die Welt nicht gestalten, sondern
durchschauen und hinter sich bringen. Zu den zweiten zählt man die sog. Hochreligionen. Sie
sind bewußt weltgestaltende Religionen. Bemerkenswerter Weise sind es monotheistische
Religionen. Das Christentum wird mit Judentum und Islam zu den Hochreligionen gezählt.
a) Daß diese Einordnung des Christentums nicht so problemlos ist, verrät sich etwa darin,
daß das Christentum, der Dreieinigkeitslehre
6 wegen, von Juden und Mohammedanern als
Abfall zur Vielgötterei abgelehnt wird. Das war keine gleichgültige, rein spekulative Frage.
Wo viele Götter herrschen, sind dem Chaos Tür und Tor geöffnet. Jesus war für das offizielle
6
. Hierzu Näheres in meinem Aufsatz: Gotteslehre. Eine pastoralpsychologische Zuspitzung,
in: Theologische Literaturzeitung 113 (1988), 865-872; ferner, in: Loccumer Protokolle 8/90,
1991, (Narzißmus und Religion), meinen Vortrag: "...filium eius unicum... Ein Bekenntnis zur
Einzigkeit" (SS. 73-80 und 109f.).
Judentum ein Chaot. Nach seinem Tod, bei der Ausgießung des Heiligen Geistes über die
Jünger, hieß es dann: "Sie sind voll süßen Weins!" Später malt der Kirchenvater Gregor von
Nazianz dann in einer berühmt gewordenen Rede den inneren Zustand der Kirche in den
Farben einer nächtlichen Seeschlacht. Die Frage, wie sehr der Gott des Alten Testaments mit
Jesus einig sein konnte, bricht, seit dem Urteil des Hohen Rates über ihn bis zum heutigen
Tage, immer wieder quälend auf.
b) In Judentum, Christentum und Islam wird, wie in der klassischen Philosophie, ein
einziger Gott als Weltherrscher postuliert, und von ihm werden Grundregeln für das
menschliche Verhalten abgeleitet, - die Gesetze und Gebote. Das Christentum hat aber auch
zum gottgegebenen Gesetz eine sonderbare Einstellung. Paulus kann an die Römer schreiben:
"Christus ist des Gesetzes Ende" (10
4). Der Fluch des ewigen Todes über den Gottlosen bleibt
in Geltung, aber das Gesetz als Heilsweg soll entfallen. Das wurde, auch in der Kirche immer
wieder, als eine Proklamation des Chaos empfunden.

3. Problemanalyse

Die christliche Sitte hat sich, wie die Gesamtkultur, im Lauf der Zeit stark geändert,
besonders in der letzten Zeit. Wir haben viel erlebt, was uns moralisch verunsichert hat.
"Sollte Gott gesagt haben?", fragt verführerisch die Schlange Adam im Paradies. Anderseits
mutet das Neue Testament an mehreren Stellen dem Christen Unterscheidung zu: der reinen
von den unreinen Geistern und der richtigen von der falschen Prophetie, - auch wenn diese im
Namen Christi auftritt. Kritische Rückfragen an religiöse Ansprüche sind weder auf alle Fälle
diabolisch noch auf alle Fälle am Platz.
Wir haben ganze Weltordnungen zusammenbrechen sehen, in welchen wir uns selbst zu
definieren und zu handeln hatten, zu entscheiden und uns zu orientieren. Die Ungerechtigkeit,
die Willkür, die blinde Zwangsläufigkeit und der Zufall, mit einem Wort: das Chaos spottet
unsres Ethos. Wir haben den Ernst der Voraussage erlebt: "Dieweil die Ungerechtigkeit wird
überhand nehmen, wird die Liebe in vielen erkalten." (Mt 24
12) Im Zusammenbruch aller
höheren Ordnung bricht immer wieder die Frage auf: Was kann ich noch lieben? Im Sinne
dieser Frage wollen wir versuchen, dem unmenschlichen, dem natürlichen Zufall ins Auge zu
blicken.

a) Zufall, Ordnung, Chaos

Zufall nennen wir, was wir nicht verstehen. Es gehört zu den wesentlichen Fortschritten der
exakten Wissenschaft, daß sie den Zufall als konstitutives Element unsrer Wirklichkeit
anerkennt und ihm eine grundlegende Bedeutung für die Wissenschaft beimißt. Die moderne
Wissenschaft erkennt sich, bei allen Erkenntnisfortschritten, als bleibend begrenzt. Der
Nobelpreisträger Ilya Prigogine konstatiert für die zweite Hälfte unsres Jahrhunderts das Ende
des Newton'schen Zeitalters. Der Glaube an eine uns erkennbare zeitlose Weltordnung ist
unter den Wissenschaftlern einem Glauben an prinzipiell begrenzte Erkenntnis gewichen. Die
Physik hat sich damit abgefunden, daß der Mensch über die kleinsten Vorgänge, aus denen
sich alles Weitere zusammensetzt, nur Wahrscheinlichkeitsaussagen machen kann.
In letzter Zeit hat die sog. Chaos-Theorie von sich reden gemacht. Es handelt sich dabei
nicht um das echte Zufalls-Chaos, sondern um das, was die Mathematik das deterministi-
sche Chaos nennt. Es gibt in den verschiedensten Wirklichkeitsbereichen Vorgänge, die
Schritt für Schritt streng deterministisch nach bekannten, oft sehr einfachen Gesetzen
vonstatten gehen, die aber auf etwas längere Sicht einen völlig unvorhersehbaren Verlauf
nehmen. Sie stellen ein faszinierendes komplexes Ineinander von Ordnung un Chaos dar.
Unvorhersehbar entstehen und verschwinden Inseln von Ordnung im Chaos. Das in der Com
-
puter-Simulation, nach sehr häufig wiederholter Anwendung einer simplen Verfahrensregel
zum Setzen einzelner Punkte, sich ergebende Schirmbild zeigt eine zugleich höchst komplexe
und simple Struktur. Sie zeichnet sich durch das Phänomen der sog. Selbstähnlichkeit aus; im
kleinstem wie im größeren und größten Maßstab wiederholt sich immer dasselbe Muster. Der
Gang, den, von Punkt zu Punkt, die Entstehung des Bildes nimmt jedoch, ist nur jeweils von
einem Schritt zum nächsten vorhersagbar. In der Realität ist der Vorgang natürlich meist
gestört. Aber es ist erstaunlich, eine wie breite Anwendung das Konzept des deterministischen
Chaos heute findet.
Die ersten mathematisch präzisen Entdeckungen des deterministischen Chaos kamen aus
der Astronomie und erschreckten zutiefst. Die Bewegung der Sterne war ein Urbild von Bere-
chenbarkeit gewesen. Um die Jahrhundertwende aber wurde klar, daß die Himmelskörper sich
- wie man heute sagt - chaotisch bewegen. Jahrtausende lang kennzeichneten die beiden
Begriffe Chaos und Determination zwei verschiedene Welten: hier Materie und da Geist, der
zeitweilig die Materie formt. Heute wird die Zeitlichkeit als Rahmen nicht nur des
Körperlichen, sondern auch des Geistigen, ernst genommen. Dabei ist nicht in erster Linie an
Vergänglichkeit, sondern an begrenzte Zeiträume gedacht, in welchen je eine bestimmte
Ordnung ihre Gültigkeit hat.
Eines der faszinierendsten Stichworte der modernen Wissenschaft ist für mich der Begriff
der Selbstorganisation
7. Verwandt ist der Begriff der Morphogenese, zu deutsch: Ge-
staltentstehung. Traditionellerweise denken wir halb platonisch, halb biblisch, die Entstehung
des Seienden als formenden Eingriff von außen in die Welt der Materie. Nach der Bibel
herrschte vor allem Anfang ein "Tohuwabohu". So lautet der hebräische Ausdruck, den
Luther übersetzt mit "wüst und leer". Dann kam der Eingriff des Schöpfers. Nach Plato
müssen ideale Kräfte sich der Materie bemächtigen, um etwas Seiendes zustande zu bringen.
Später lehrte das Christentum, Gott habe die Welt aus dem Nichts geschaffen. Damit wurden
Materie und Form wieder näher zusammengerückt. Die Wissenschaft unsrer Tage hat nun
Modelle entwickelt, die die Entstehung von Ordnung aus dem Chaos ohne formenden Eingriff
von außen verständlich machen. Der Geist kann heute das Chaos als Mutterboden lebendiger
Ordnung erkennen; er kann sich im Chaos erkennen.
Abstrakt mathematisch handelt es sich bei der Morphogenese um die (aus historischen
Gründen sogenannten) "dissipativen Systeme"
8. Das dissipative ist das Gegenstück zum
konservativen System, welches keinen Energieaustausch mit der Umwelt hat, sondern seinen
Energienbetrag unverändert erhält. Das konservative System ist natürlich ein ideales Modell,
ein abstraktes Modell, das nirgends perfekt realisiert ist. Dissipativ dagegen, d.h. wörtlich:
(Energie) "verstreuend" sind z.B. Maschinen, die beim Betrieb Wärme abstrahlen. Wenn man
nicht Energie zuführt, kommen sie nach einer Weile zum Stillstand. Die Zahl ihrer möglicher
Zustände schrumpft im Lauf der Zeit; das ist mathematisch das wesentliche Kennzeichen.
Wenn nun dissipativen Systemen regelmäßig Energie zugeführt wird, so können unter
bestimmten Umständen neue Strukturen, sog. dissipative Strukturen entstehen. Das ist immer
wieder überraschend und bildet ein neues Forschungsfeld der exakten Wissenschaften.
7
. Hierzu nenne ich den Sammelband für ein breiteres Publikum, BERND-OLAF KÜPPERS
(hg.), Ordnung aus dem Chaos 1988
2.
8
. Hierzu siehe die im Deutschen erschienenen Veröffentlichungen von ILYA PRIGOGINE:
zusammen mit ISABELLE STENGERS das gemeinverständliche Buch Dialog mit der Natur
1990
6, zusammen mit GRÉGOIRE NICOLIS das Buch für den mathematisch näher
Interessierten Leser Die Erforschung des Komplexen 1987.

b) Die Hierarchie der Komplexität

(1) Natur
Bei den Maschinen können überraschend bestimmte Schwingungen entstehen. Weniger
gefährlich ist der Ton der Geigensaite. Ein physikalisches Paradebeispiel für spontane
Formentstehung aus chaotischer Bewegung in dissipativen Systemen sind die bienenwaben-
artigen Muster, die in der Küche auf dem Topfboden entstehen, wenn man in bestimmter
Weise Milch heiß macht. Dieses Muster ist Produkt, sozusagen die Fußspur einer dissipativen
Struktur, nämlich der bestimmten Art der heißen Milch, im Topf zu zirkulieren. Im ganzen
Topf organisiert sich, unter angebbaren günstigen Bedingungen, die zunächst chaotische Be-
wegung der Milch nach einer Weile in sog. Konvektionszellen. Was hier vorgeht, ist sehr
kompliziert; aber man kann es genau verstehen. Eine andere Erscheinung solcher spontan aus
dem Chaos entstehenden Ordnung sind die bekannten Lämmerwölkchen am Himmel.
Zu den erstaunlichen elementaren Konstruktionselementen des Lebens gehört die
chemische Autokatalyse. Es gibt chemische Substanzen, die andere Substanzen in
ihresgleichen umwandeln, direkt oder indirekt. Ähnlich wie ein Bakterienkolonie wächst.
Auch was hier vorgeht, kann man oft ganz genau im einzelnen verstehen.
Die Biologie kann auch die Entstehung der Arten und die Etablierung der sog. Strategien
des Lebens immer besser verstehen
9. Man kann die Entstehung evolutionär stabiler
Verhaltensstrategien von Tieren auf dem Computer simulieren. Man benutzt seit Jahren
Grundideen aus der Evolutionstheorie in der Computersimulation zur Verbesserung der Form
von Maschinenteilen. Man kann auch etwa relativ einfach nachrechnen, daß Friedfertigkeit in
einer aggressiven Umgebung solide, wenn auch minoritäre Überlebens-Chancen hat. Man hat
überraschende Rationalität beim Altruismus im Tierreich entdeckt. Er widerspricht dem
individuellen Egoismus. Opfermut des Individuum für die Art müßte überdies schnell
aussterben. Der Altruismus erklärt sich aber oft ganz präzis aus den Vermehrungschancen des
Gens. Die Verhaltensforschung hat Grund gefunden, den Begriff Kultur auch auf das
Verhalten in bestimmten Tiergruppen anzuwenden.
(2) Menschliche Kultur
Ich selbst habe eine Reihe von Simulationsprogrammen zur Entstehung sozialer Ordnung
und sozialer Normen entwickelt.
Ein berühmtes Buch
10 der letzten Jahre heißt Die Evolution der Kooperation. Nachdem die
für die Wirtschaftwissenschaften entwickelte Spieltheorie die Gewinn- und Verlustchancen
verschiedener Verhaltensstrategien untersucht hatte, forderte ein findiger Kopf die
Spieltheoretiker auf, Verhaltensstrategien für ein bestimmtes Interaktionsproblem als
Computerprogramm einzuschicken, um die Programme auf der Maschine gegen einander
spielen zu lassen und die Erfolgskurven analysieren zu können. Es ging dabei um die
Entscheidung zwischen Kooperation und Verrat.
Man kann zusammenfassen: Moses hat gewonnen! Am erfolgreichsten war die Strategie,
die kooperativ begann, aber jeden Verrat des andern mit einem einmaligen eigenem Verrat
beantwortete. "Auge um Auge, Zahn um Zahn". Sogar also dieses Stück alttestamentlicher
Moral hat sein sehr irdisches Fundament. Im Chaos konkurrierender Strategien hat dieses
Ethos langfristig die besten Gewinnchancen.
9
. J.R.KREBS UND N.B.DAVIES, Einführung in die Verhaltensökologie, Thieme-Verlag
1984, dort weitere Literatur.
10
. Von ROBERT AXELROD (1987, engl. Orig. 1984).

4. Resultat

Das göttliche Gebot befiehlt, den Umständen in Liebe Rechnung zu tragen. Liebensollen
und Liebenkönnen sind zweierlei. Es geht aber beim Liebesgebot um wirkliche herzliche
Liebe. Verliebtheit ist Wünschen; vor dem Wünschen wird gewarnt. Man soll seine Wünsche
gut kennen; aber man soll ihnen nicht unbedingt folgen. Liebe jedoch ist nicht nur Wünschen;
Liebe ist Wollen. Ich soll mir umsichtig klar machen: "Was kann ich wirklich wollen?" Meist
wissen wir nicht, was wir wollen; es genügt uns, uns treiben zu lassen. Die Gebote sind
bewährte Richtlinien zur Selbstfindung. Die Kirche bietet das Evangelium von Jesus Christus
an als die wesentliche Hilfe zur inneren Sammlung.
Taten haben mehr oder weniger sicher voraussehbare Folgen. Je geordneter die Ver-
hältnisse, desto mehr gibt es dafür Gesetzmäßigkeiten. Ist mir die Antwort geschenkt auf die
Frage: "Was kann ich jetzt wirklich wollen?", so ist sie Gottes, meines Schöpfers, konkretes
Gebot. Was ich wollen kann, das soll ich dann auch tun und vertreten.
Die Liebe weiß das Gesetz zu schätzen. Aber die Liebe führt erfahrungsgemäß in Chaos und
Anfechtung. In der Nachfolge des uns zugut gekreuzigten Jesus sollen wir bereit sein, in
Gottes Namen Gottverlassenheit zu leiden. Mit Paulus sollen wir kraft des Heiligen Geistes
bereit sein, Orientierungslosigkeit zu durchleiden. "Die Liebe Christi dringet uns also," sagt
Paulus (2.Kor. 5
14).
Die Kirche ist die Sprachgemeinschaft der Christustradition. Die Einheit der Kirche ist
deshalb die chaotisch durchzogene Einheit einer Sprachgemeinschaft. Wo man die Kirche
nach dem Vorbild des Volkes Israel zu staatförmiger Einheit bringen zu müssen meint und
mehr kirchliche Einheit erzwungen hat, hat man ein Chaos von Spaltungen geschaffen, statt
das Chaos abzuschaffen. Das christliche Ethos im Chaos verlangt in erster Linie Glauben. "Es
ist aber der Glaube eine gewisse Zuversicht von Dingen, die man nicht sieht", sagt uns der
Hebräerbrief(11
1); und Paulus predigt Hoffnung in der Aussichtslosigkeit (Röm 418) aus der
Kraft der Auferstehung Christi von den Toten (Phil 3
10).
Wir formulierten als die ethische Frage: "Was können wir dazu beitragen, daß die Erde
wohnlich sei?" Martin Heidegger formulierte: Die Sprache ist das Haus des Seins. In der
Sprache wirken Ordnung und Chaos fruchtbar zusammen. Ethos im Chaos hat nach
christlichem Verständnis nicht Gesetzescharakter, sondern hat die zarte und starke
Verbindlichkeit des Gesprächs. Das Gespräch zeitigt stabile Strukturen, die als gerecht
einleuchten. Sie können sich wandeln, sie können ganz untergehen. Das nimmt ihnen nichts
von ihrer prinzipiellen Verbindlichkeit. Sie sind das Beste, was wir in der Welt haben:
bewohnbare Inseln der Ordnung im Chaos.
Dieser Text ist inzwischen, weiterbearbeitet, integriert in mein Buch:
Von Gottes Bescheidenheit. Zu Struktur und Dynamik der christlichen Existenzsymbolik. LIT-Verlag
2009, 150 S.