Thomas Bonhoeffer


Evolutionäre Ethik

Beiträge von Thomas Bonhoeffer
zu dem, zusammen mit Herrn Jähnichen, im Sommersemester 2003 abgehaltenen
Hauptseminar.

I. Literaturempfehlungen:

Richard Dawkins, The Selfish Gene, (1976) 2. Aufl. 1989 (deutsch: Das egoistische Gen). Es
ist ein flüssig lesbarer Text, der gleichwohl aufmerksam und genau kritisch gelesen werden
sollte. Die molekularbiologische Implementierung des hier benutzten, funktionalen Gen-
Begriffs steht noch heute (und wohl noch lange) aus! Auch der analog gebildete,
vielversprechende ,,Mem"-Begriff ist schwer zu operationalisieren.
Dawkins nennt, etwas gewaltsam, Gen und Mem Replikatoren und stellt diese dar als dämonisch-selbstsüchtige
(nämlich vermehrungssüchtige) Subjekte. Aber die Zelle repliziert das genetische Material; eigentlich wäre sie
,,Replikator" zu nennen!
Die immer gleiche, energetisch kleine, aber morphogenetisch entscheidende, jeweilige Kontribution des
genetischen Materials in der Replikation akkumuliert sich (unter Einbezug der seltenen Kopierfehler) über die
Generationen hinweg zu einer phylogenetischen Evolution des (Dawkins'schen) Replikators. Im Blick auf diesen
Makroprozeß kann man deshalb tatsächlich, mit DAWKINS, das genetische Material als Subjekt der Evolution
betrachten.
Im ontogenetischen Mikroprozeß hingegen ist Subjekt die stabile nähere Umwelt des Replikators (d.h. die Zelle,
sodann der Organismus) als Vermittler zwischen dem starren Gen und der autonom variablen, weiteren Umwelt.
Auf memetischer Ebene gilt Analoges. (Und selfishness ist ein Thema der Ethik. Diese aber redet über die
bedingte Freiheit nicht von Dawkins'schen Replikatoren, sondern der Person.)
hierzu: David Hull, The Naked Meme, in: H.C.P
LOTKIN (ed.), Learning, Development and
Culture. Essays in Evolutionary Epistemology, 1982 ("Living systems as knowledge systems"),
pp. 273-327.
Daniel C. Dennett, Darwin's Dangerous Idea, 1995, - der Schlußabschnitt ist überschrieben:
Handle with care! - hat sich Dawkins' Mem-Begriff voll angeeignet und sagt: ,,Any theory of
the birth of ethics is going to have to integrate culture with biology."
Kap. 16f., theoretisch (wohl begründet) sehr bescheiden, über morality.
Dennett erinnert an James Baldwins neo-darwinistisch korrekte Begründung des Phänomens
der Vererbung erworbener Eigenschaften:
1896 konzipiert dieser einen evolutionären Mechanismus, den W
ADDINGTON (1960, bei Plotkin S. 175f.) und
D
ENNETT (1995, p.77ff) aufgreifen: Waddington versteht in diesem Sinne Lamarcks "Willensakte" der einzelnen
Tiere als zielgerichtetes Verhalten, das die Umwelt des Tiers so verändert, daß die Fortpflanzungschancen
derjenigen Tiere, die das besonders gut können, erhöht werden. In diesem Sinne kann sogar pflanzliches
Verhalten "lamarckistisch" interpretiert werden. Umweltveränderung verändert die Selektionsbedingungen, und
das kann, über sehr viele Generationen hinweg durchaus eine erbliche Veränderung der Art zur Folge haben.
Im Rahmen der jeweiligen Anpassungsfähigkeit, sind (bei höheren Tieren) memetisch-kulturelleVarianten
möglich, die Selektionsvorteile bieten und genetisch entgegenkommende Änderungen begünstigen. Das Neue ist
hier zuerst phänotypisch, sodann memetisch und erst zuletzt genetisch neu gewesen! So ist die Grundstruktur der
Sprache endlich ein allgemeinmenschliche angeborene Vorgabe geworden.
Die genetische Evolution geht so langsam, daß wir von diesem Makroprozeß in erster Linie seine bereits
stabilisierten Ergebnisse zu sehen bekommen (und die sporadischen, natürlichen oder künstlichen Mutationen,
die selten evolutionär stabil herauskommen).
Der memetischen Evolution hingegen stehen wir so nahe, daß wir hauptsächlich die fluktuierenden
Mikroprozesse der Evolution erleben. Die Fluktuation wird durch geprägte Sprache und künstlich durch
schriftliche Fixierungen zentriert. Ihre übrigen stabilisierten Ergebnisse sind schwer von genetischen zu
unterscheiden.
Das weich umweltorientierte Verhalten höherer Tiere findet, im Erfolgsfall, flexible, stabile Nachahmung. Die
Memetik führt die ruckhaft sich bewegende starre Genetik.
II. Zur Ehrenrettung von
1. Lamarck
Jean-Baptiste Pierre Antoine de Monet, chevalier de Lamarck, * in der Picardie 1. 8. 1744, +
Paris 18. 12. 1829. 11. Kind einer verarmten Familie. Vom Vater zu den Jesuiten geschickt,
um Priester zu werden. Nach dem Tod des Vaters 17jährig zum Militär.
Nach Ende des Krieges in Garnison bei Toulon; Selbststudium der dortigen Pflanzen. 24jährig
nach Paris, hochgeschätzter wissenschaftlicher Mitarbeiter am Jardin du Roi, einem Zentrum
der damaligen Biologie, wo er die dort neu entwickelte Klassifikation der Pflanzen lernte.
Abfassung eines dreibändigen praktischen Bestimmungsbuchs über die Flore française
(1778). Erwählung zu einem der 42 Mitglieder der Academie française. Mitarbeit an der
Encyclopédie méthodique.
1794, fünfzigjährig, nach einjähriger Vorbereitung, Professor für Zoologie der wirbellosen
Tiere am neugegründeten Muséum d'histoire naturelle in Paris; führte ein neues System der
Wirbellosen ein. Er prägte 1802 den Begriff »Biologie«. Histoire naturelle des animaux sans
vertèbres, 7 Bände (1815-22). Für die Transformation von herkömmlichen
Raritätenkabinetten in wissenschaftlich lehrreiche Naturkunde-Museen sowie für die Zoologie
der Wirbellosen genießt Lamarck bis heute unbestrittene Anerkennung.
Verglichen mit den typischen Naturwissenschaftlern des 19.Jahrhunderts aber war er ein
veralteter Romantiker. Er kämpfte mit Schriften vom 1794 und 1796 gegen die quantitativ-
experimentelle Chemie von L
1
2
AVOISIER
. Er wollte, wie sein Zeitgenosse GOETHE , eine all-
umfassende für die Lebensorientierung relevante, allgemeinverständliche Naturwissenschaft
und fürchtete die Auflösung der Wissenschaft in ein Labyrinth von Détails.
Alle Wissenschaft will Prinzipien und einfache Gesetze in der verwirrenden Vielfalt des
Lebens erkennen. Daß die wissenschaftlichen Ergebnisse mit all ihrer rationalen
Durchsichtigkeit immer schwerer verständlich werden, ist die Tragik des abendländischen
Wissenschaftsbegriffs, der gemeinsamen Wurzel von Aufklärung und Romantik.
Lamarck bestritt die Unveränderlichkeit der Arten. Zoologische Philosophie, 2 Bände (1809).
"Der erhabene Urheber" hat die primitivsten, durch Urzeugung entstandenen Lebewesen, mit
1 Lavoisier war seit 1772 zunächst mit der quantitativen Analyse von Verbrennungsprozessen, sodann mit
einer Fülle wissenschaftlicher und politisch-administrativer Leistungen hervorgetreten und 1794, als
gemäßigter, von den radikalen Revolutionären guillotiniert worden.
2 Goethe kämpfte vergeblich gegen die sich durchsetzende Erklärung Newtons, das weiße Licht sei aus
farbigem zusammengesetzt.
wunderbarer Fähigkeit begabt, an die ­ in geologischen Zeiträumen sich wandelnde ­ Umwelt
sich anzupassen und zu vervollkommnen. Auch hierin hat er ähnlich gedacht wie sein
Zeitgenosse Goethe, der die Urpflanze innerlich schaute und sogar zeichnete.
Lamarcks Evolutionstheorie wurde von der Fachwelt belächelt. Sein Hauptwidersacher war
Georges Cuvier (1769-1832), ein ebenfalls bedeutender Naturforscher3 in vergleichender
Anatomie und Paläontologie. Wissenschaftsgeschichtlich obsiegte zunächst Cuvier. Die
Öffentlichkeit hingegen war von der Lamarck'schen Vision beeindruckt.
Vater und Sohn G
EOFFROY SAINT-HILAIRE haben, wie Lamarck, gegen Cuvier, an der
Abstammung aller Tiere aus einem Typ festgehalten, jedoch die wesentliche Ursache für die
Evolution in der Umwelt gesehen, ­ nicht, wie Lamarck, in wiederholten Willensakten der
Tiere, die die entsprechenden Organe stärken.
L
APLACE hat 1812 in der Théorie des probabilités, p.223, über Wiederholung, Gewohnheit,
Vererbung in der Sittenbildung, Norm und sozialen Konflikt ähnliche Anschauungen
vorgebracht wie Lamarck.
Die letzten 10 Jahre war Lamarck blind, seine Tochter versorgte ihn, und er starb einsam und
arm.
2. Herbert Spencer
1820-1903, neun Jahre Ingenieur, sieben Jahre Journalist für den Economist; dann erst freier
Schriftsteller.
S
PENCER glaubte anfangs, Lamarckistisch, an die Evolution durch Vererbung erworbener
Eigenschaften, anerkannte aber später auch die natürliche Auslese (ohne die
neodarwinistische Einengung auf genetische Übertragung). "Survival of the fittest" war
Grundgesetz auch in der Gesellschaft.
Darwin schätzte ihn. Spencer war ein zunehmend gemäßigter ,,Sozialdarwinist".
Für S
PENCER war die Evolution mit dem Gesetz der natürlichen Zuchtwahl als solche ,,gut";
sie war Verbesserung gewesen und, als Verbesserung auch, ethisch verbindlich, in die
Zukunft zu extrapolieren.
S
PENCER, HERBERT, The Works of, 1904:
A System of Synthetic Philosophy (Bd. I-X)
- First Principles
-- Einleitung
--- The Unknowable
--- Laws of the Knowable
-- Biologie
-- Psychologie
-- Soziologie
3 Cuvier machte geltend, jede Species sei ein so hochoptimierter Organismus, daß schon kleine
Abweichungen seine Überlebensfähigkeit zerstören, und also eine stetige Evolution unvorstellbar sei; Gott
habe tatsächlich direkt alle Species geschaffen.
Ausgrabungen immer seltsamerer, ausgestorbener Tiere in immer älteren Schichten brachten ihn zur
Annahme immer neuer Schöpfungen und Katastrophen von der Art der biblischen Sintflut. Später insistierte
Cuvier auf vier neben einander stehenden grundverschiedenen Tierklassen.
Cuvier wurde unter Napoléon zum kaiserlichen Inspektor über den öffentlichen Unterricht und war an der
Einrichtung von Universitäten in den Provinzen beteiligt, wurde in den Staatsrat berufen und wurde
Vizepräsidant des Innenministeriums.
--- (1.Teilband.) Data,
---- Inductions,
---- Institutions:
----- A. domestic (1904),
----- (2.Bd.) B. ceremonial
----- C. political (1902)
----- (3.Bd.) D. ecclesiastical
----- E. professional (1897)
-- Moral, The Principles of Ethics, 1879-93 (Bd. IX),
--- Data (1892)
--- Inductions,
--- Individual
--- Justice (Bd.X, 1893)
--- Beneficience (
!)
---- negative
---- positive
Social Statics (
11851) stark überarbeitet, (Bd. XI),
The Study of Sociology, 1873 (Bd. XII)
Essays (Bd. XIII-XV, 1891)
Education 1861 (Bd. XVI)
~ [August] Weismann, 1893, (Bd. XVII)
Fragments, 1897 (Bd. XVIII)
Facts and Comments, 1902 (Bd. XIX)
Autobiography, 1894 (Bd. XX+XXI).
Spencer verteidigt, gegen den Einspruch August Weismanns, die Erblichkeit erworbener
Eigenschaften.
Maßstab des Fortschritts ist Lebenslänge und Verbreitung einer Spezies.
The limit of evolution is ... not reached until, beyond avoidance of direct and indirect injuries
to others, there are spontaneous efforts to further the welfare of others (X 269).
Spencer unterscheidet justice und benefice (kindness, 270), als die zwei Arten von Altruismus
(X 271). Justice (needful for social equilibrium,270, normal connection between conduct and
consequence, ebd.) ist eine öffentliche, benefice aber rein private Aufgabe.
Für die unverdient Unglücklichen muß freiwillige beneficience sorgen, keine Umverteilung
durch staatliche Sozialgesetzgebung. Diese würde die Gerechtigkeit unterminieren, nach
welcher jedem die freie Verfügung über die Früchte seiner Arbeit zusteht.
Der einzelne muß sich im Sinne von beneficience in vieler Hinsicht zurückhalten und in vieler
Hinsicht in der engeren und weiteren Umgebung aktiv wohltätig sein (VII relief to the poor,
VIII social beneficience, IX political beneficience, X beneficience at large).
Falsche Konsequenzen: ,,... the law of murder is the law of growth"(273). Ravachol, 1892
wegen Raubmord und Bombenanschlag gegen Richter guillotinierter Anarchist.
Spencer macht gegen das Bild, das T
H. HUXLEY 1893 von ihm gibt, sofort geltend, daß er
gegen die "niedere Form des Kampfs ums Dasein" geschrieben, für Gerechtigkeit und Schutz
der Schwachen gekämpft und selbst darauf hingewiesen habe, daß die "Tauglichsten" nicht
immer die Besten seien.
Die aktive Wohltätigkeit aber sei private Aufgabe. Auch er endlich habe, wie Huxley (und
später auch Moore), gesagt, daß auf den Aufstieg auch ein Abstieg werde folgen müssen.
III. Abschließende Notiz zu ,,Evolutionäre Ethik"
1. Evolutionäre Ethik ?
1947 veröffentlichte J
ULIAN HUXLEY, ein Biologe, seine Evolutionary Ethics, das hochgemut
hoffnungsvolle Buch eines Mannes, der sich, nach der Bindung der guten Kräfte der
Menschheit in den Schrecken des Krieges, 1946-48 leitend in der UNESCO, für den Aufbau
einer Welt des Friedens einsetzte. Es war ein ethisch verpflichtendes Rahmenprogramm zur
Verwirklichung des Guten, das ,,alle" wünschten.
,,Evolution" ist hier so etwas wie die Creatio continua [neuzeitlicher Ausdruck für die, durch
C
LEMENS ALEXANDRINUS aus der Stoa in die christliche Theologie übernommene göttliche
ó / providentia (conservatio und gubernatio) / Vorsehung, die die Weltgeschichte gut
(christlich: zu gutem Ende) führt]. Den Rahmen bildet eine optimistische Ideologie. ­ Auch
L
UTHERs Schöpfungsverständnis könnte man als creatio continua bezeichnen, aber ohne
optimistischen Rahmen. Eine lutherische evolutionäre Ethik müßte sehr anders aussehen
(s.u.)!
Huxley dachte, in der Aufklärungstradition von LAMARCK über W
ILLIAM GOODWIN (1793)
und S
PENCER, Evolution als den Naturprozeß ständiger Verbesserung, der uns, von den
Anfängen des Lebens, schon auf unsere heutige Höhe getragen hat. Ihm gilt es weiter zu
folgen. Dieser naive, im Grunde vordarwinistische Begriff von ,,evolutionärer Ethik" hat sich
nicht durchgesetzt.
Es gab noch einen zweiten Ethik-Typ, den man ,,Evolutionäre Ethik" könnte nennen kann, der
aber unter dem Namen Sozialdarwinismus bekannt geworden ist (Hauptvertreter
W.G.Sumner, 1840-1910 und L.F.Ward, 1841-1913). Hier wirkt der Pessimismus von
Thomas Malthus (1766-1834) nach, der Darwin (1809-1882) auf den Gedanken der
natürlichen Zuchtwahl gebracht hatte. Hier wird die puritanische Ethik als der erfolggekrönte
Gipfel einer Evolution gefeiert, die zum größtmöglichen Glücke aller führen wird und
rücksichtslos durchgesetzt werden soll. Herbert Spencer (1820-1903) gilt auch als
Sozialdarwinist, war aber ethisch (ebenso wie Darwin selbst) erheblich umsichtiger.
Auch dieser finstere Typ evolutionärer Ethik war im Grunde zu naiv-optimistisch, um sich
durchzusetzen. Die Erfahrung bestätigte die optimistische Rahmenideologie von der zum
guten Ende strebenden Weltgeschichte nicht.
Die Orientierungsfrage nach dem Guten blieb offen. Ein Ziel der säkularen creatio continua
ist uns unbekannt, ­ es sei denn, man wollte hier an den Wärmetod erinnern, den die
Thermodynamik voraussagt. Für die ethische Orientierung bleibt zunächst nur die
unberechenbare Kreativität der Evolution. Was kann man in diesem Rahmen wollen und
sollen?
2. Ethik
,,Ethik" ist ein aristotelischer Begriff; bezeichnet so etwas wie ,,Lebensformkunde",
eine bewertende Betrachtung von menschlichen Lebensgewohnheiten.
Der Aristotelische Begriff der (,,Tugend") als eines mittleren () Lebensstils war
statisch; er kann aber dynamisch verstanden werden: Dann handelt es sich um ein wohl
störbares, aber stabiles Gleichgewicht.
Dieses Gleichgewicht bildet das Ziel, man kann sagen: den ,,Norm"-Zustand des idealen
Menschen. Dieser ist eine Vorstellung, die für jeden Menschen, trotz aller Störfaktoren, eine
Rolle spielt.
Leben, auch das menschliche, ist ein (quasi-)stabiler Kreisprozeß (mit Hyper- und Hypo-
zyklen). Zielstrebigkeit ist eine Eigenschaft eines stabilen S(ubs)ystems.
Die Norm ist hier als ein Gleichgewichtspunkt vorgestellt. Es kann sich aber auch um eine
bestimmte Menge von benachbarten Zuständen handeln, in welche das System nach jeder
Störung zurückstrebt, um sich dann (ruhig oder bewegt) in dieser Zustandsmenge
(,,Attraktor") aufzuhalten.
Das Optimum () ist im konkreten Fall von sehr vielen, persönlichen und externen
Variablen abhängig. Die Parameter der Subsysteme werden ständig verändert. Konkretes ist
in der Ethik immer nur bedingt gültig.
Mit der neodarwinistisch-antilamarckistischen (A
UGUST WEISSMANN), endlich
molekularbiologischen Präzisierung des genetischen Erbgangs stellte sich immer dringender
die Frage nach Entwicklungsgesetzen der Kultur ­ eines jungen Produkts der Evolution.
R
ICHARD DAWKINS prägte, in Analogie zum Begriff Gen, den Begriff ,,Mem" für tradierbare
Kulturelemente (Handlungsweisen, Symbole, Ideen, Vorstellungen). Der kulturell-
memetische Bereich ist weitgehend autonom und analog zum physisch-genetischen
strukturiert.
Raum der Ethik ist danach das genetisch-memetische Verbundsystem.
3. Evolutionäre Ethik !
Die Führung der Evolution liegt, bei den heutigen Machtmitteln der Menschen und der
dadurch bedingten Geschwindigkeit der Veränderung seiner Lebensbedingungen, nicht mehr
bei der genetischen, sondern bei seiner memetischen Anpassung. Die Evolution ist
beunruhigend kreativ geworden. Wie können wir dem ethisch Rechnung tragen?
Aristoteles hatte seine Gleichgewichtsethik unabhängig von seiner Politologie, seiner
Biologie und seiner ,,Theologie" entwickelt. Die Stoa verstand Ethik statisch normativ als
naturgemäßes Leben. Das ließ sich dann mit der biblischen Gottes-Tradition verbinden.
Die Natur wird aber zunehmend durch Menschen gemacht ­ nichts desto weniger durch
,,blinde Uhrmacher" (Dawkins): mit etwas Erinnerung, aber ohne den nötigen Überblick.
Wir müssen unsere Zielvorstellungen, als Anpassungsleistungen, ständig neu ins
Gleichgewicht bringen. Das ist ein wenig rationaler, symbolischer Prozeß des
,,Zusammenwissens" in der ,,con-scientia", dem Gewissen.
Hier ergibt sich eine unverstandene Selbstverständlichkeit, die das Gefühl von Geführtwerden
und ,,unfreiem Willen" machen kann, das Luther 1525 zur Anerkennung bringen wollte (und
das nichts mit Determinismus zu tun hat).
,,Gut" finden wir ein partielles, niedrigdimensionales Gleichgewicht, das uns hoffnungsvoll
das (imaginäre) unendlichdimensionale Gleichgewicht symbolisiert.
Immer wieder Besinnung, ja dann und wann so etwas wie Meditation, ist nötig. Die
moralische Anpassung muß kreativ sein.
Soll diese Kreativität nicht Schrott produzieren, sondern ein sustainable development erhoffen
lassen, so muß sie bescheiden den Gegebenheiten bestmöglich entsprechen.
Ohne sittliche Tradition als Ausgangspunkt der Urteilsbildung ist der Einzelne überfordert.
Die Seele der Ethik ist Kreativität. Die Seele der Kreativität ist Bescheidenheit.
Man hat immer wieder auch den Glauben an Gott für ein sittliches Erfordernis gehalten. In
der Tat könnte (durch den ,,Baldwin-Effekt") persönlicher Glaube an Gott, als integratives
Element, einen evolutionären Selektionsvorteil bedeuten.
Dies allerdings nur unter (bescheidener) Preisgabe jedes moralischen Perfektionismus. Die
Religionen haben hierfür verschiedene Begriffe von Sündenvergebung und
Wiedergutmachung entwickelt. Luther kann (im Blick auf die unbefriedigende kulturelle
Bewältigung der Sexualität) sogar von ,,immundities divina" sprechen.
Die physisch und kulturell alle umfassende Integration bleibt hinieden, auch für den Glauben,
imaginär. Das ist der wahre Kern der Erbsündenlehre.
Zuletzt überarbeitet: 15. September 2003
Dieser Text ist inzwischen, weiterbearbeitet, integriert in mein Buch:
Von Gottes Bescheidenheit. Zu Struktur und Dynamik der christlichen Existenzsymbolik.
LIT-Verlag 2009, 150 S.