Thomas Bonhoeffer


Existenzsymbole I (2009)

Sinn

Symbolische Vereinfachung macht Sinn.

Wir haben dreierlei Orientierungen: das unmittelbar Anstehende, den weiteren praktischen und endlich den weltanschaulichen Ewigkeits-Horizont. Deren Dynamik spielt chaotisch ineinander. Meist macht eine die anderen vergessen; sie können auch einander relativieren, einander entwerten und sie können eine der anderen widersprechen.

Die Sinnfrage steht in Verruf. Sie möchte immer zu viel. Sie will das Subjekt global im Ganzen gründen; sie sucht "Existenzsymbolik".
Inzwischen ist die Absurdität selbst entlastendes Existenzsymbol geworden. Wir müssen uns mit lokalen* Evidenzen zufrieden geben.

Mit täglicher Konzeption von persönlich überzeugenden Zielen – wenn sie wieder gelingt – und entsprechender Tätigkeit beantwortet man sich die Grundfrage nach dem Sinn des eige­nen Lebens immer wieder kurzfristig. Aber ist sie mit dieser Strategie prinzipiell richtig beantwortet? Ist dem Menschen nicht doch mehr zugemutet?

"Was soll ich?" – : "1. Achte auf deine Gefühle! Was fürchtest (hassest), was hoffst (liebst) du? 2. Was kannst du wollen?"

Sisyphus, den raffinierten, welcher unablässig versucht, jenen Stein über die Höhe zu wälzen, der doch immer wieder zu Tal rollt, sieht Odysseus beim Besuch im Totenreich. Objektiv wird, wie Homer sagt, durch Sisyphus nur Staub aufgewirbelt. Subjektiv aber faßt er immer wieder Hoffnung – und ihm bleibt die „heil’ge Sympathie“[1] von menschlichen Menschen wie Albert Camus.

Es scheint, daß „die Krone der Schöpfung“, das höchstentwickelte Wesen, der Mensch, allem höherentwickelten Wesen ein Ende bereiten wird. Dialektisch vollendet.

Die wachsende Präponderanz der kognitiven Strukturen kann Abstraktes wichtiger machen als Konkretes. Aber bei Zusammenbruch der Motivationsstruktur erhebt sich die Sinnfrage, und das Sinnenfällige wird neu wichtig. Es gibt ein Chaos von leiblichen und geistigen Sinnkernen mit Intentionen und Erwartungen (Furcht und Hoffnung), das jeweils eine vorherrschende Richtung bekommen muß.

Es bedarf erstaunlich weniger erfreulicher Erlebnisse zur Festigung der Frustrationstoleranz. Sie bilden Sinnkerne des Lebens.

Langeweile entsteht durch fehlende oder zu enge Beanspruchung. Langeweile kann über sich hinausführen, wenn man äußerlich die Möglichkeit und innerlich das Zeug dazu hat, sich auf sie einzulassen.

Wenn das Leben enttäuschend repetitiv ist, muß man aktiv reflektieren, einen anderen Zugang zu entdecken suchen.

Den Sinn des Lebens muß man, mitlebend, je dem Leben selbst entnehmen.

Lebe! = Nimm wahr und gestalte mit!

Nothilfe vermittelt elementares Sinnerleben.

Der expressive need (ein Reproduktionstrieb!) sucht geeignetes, symbolisch zu formendes Material für sinnvolles Leben. Der Vereinzelte sucht Anschluß, lebendigen, auch widerständigen Austausch. Im Freiwilligenzentrum äußert sich Sinnsuche als Engagementswunsch. Der Einzelne will sich einbringen; er will ein Leben führen zwar in wechselnd mehrdimensionaler Kontinuität, in dem aber er sich selbst wiedererkennt.

Jedes Lebewesens Lebenssinn ist Formerhaltung im Stoffwechsel. Der Makroprozeß ist Fortpflanzung (Prokreation), der Mikroprozeß ist Selbsterhaltung (Rekreation).
Hiervon leiten sich als spezifische Aspekte des Lebenssinnes her
bei sexuellen Tieren: Liebe im Gen-pool;
bei intelligenten Tieren überdies: Funktions- und Objekt-Spiel, Phantasie, Symbolik, Besinnung, Sprache, Denken, Planen, Vorsorgen; Selbsthemmung, Reflektieren, Selbstbeherrschung (Fähigkeit zum Selbstwiderspruch), Selbstwerdung; endlich, all dieses einbegreifend: Weiterentwicklung der Menschlichkeit inmitten einer sich ändernden Welt.
Der evidente Sinn des Daseins bestimmt die Moral.

„Sinn“ muß als zutiefst selbstverständlich wahrgenommen sein, und er kann auch sprachlich nicht erschöpft werden.

Das selbstverständlich sinnvoll tätige Leben wird plötzlich unterbrochen durch ein Gefühl der Desillusionierung im Nichts.
Nietzsche formulierte: „Wir haben Gott getötet.“ Jedenfalls sind wir nicht nur zum Mitschöpfer-Sein genötigt, sondern immer wieder unerträglich zum alleine Schöpfer Sein. (Dies ist die moderne Form dessen, was Luther "tötendes Gesetz" nannte.)

Sinn braucht man zum Leben. Leben ist in der Regel leichter als sterben.
Zum Sterben braucht man Sinnlosigkeit, nicht die defiziente, sondern die ewige, sichere Sinnlosigkeit Gottes. Gott lebt in mir, auch wenn mir das sinnlos erscheint.

Der Sinn des Lebens ist die Lust in der Unlust.

Das Sinnen des Lebens ist Selbstreplikation, genetisch und memetisch in immer neuem Material, artikulierte Resonanz der in der Unlust lebenden Lust – und Symbolisierung.

„Wo es zappelt von Ziel“[2] , metonymisch* zugepflastert, wird ein Leben sinnlos.

Sinn ist Hoffnung für die übers Banale hinaus-, ins große Gewebe eingehenden losen Enden.

Das große Sinn-Gewebe, das uns hält, zerfällt plötzlich in lauter Banalitäten, manchmal durch einen bedeutungslosen Auslöser wie Zug-Verpassen oder Verlust des Portemonnaies.

Die Sinnfrage, bescheiden gestellt, fragt nach dem Gebot fürs Hier und Jetzt.

Das letzte Ziel ist unsagbar. Man lebt von den Zwischenzielen, die ihre Bedeutung als Repräsentanten des Unsagbaren haben.

Das einzelne Leben artikuliert sich in Zielstrebigkeiten: Zielen und – von dorther definierten, aber gestörten – Bewegungen, fraktal aus immer kleineren Einheiten sich zusammensetzend. Das Leben selbst ist das Ziel aller Ziele und deshalb auch das „letzte“ Ziel. Die Zielvorstellung reichert sich an.

Ultimus finis ist jeweils Sinnhorizont einer Handlung. Darüber hinaus ist es ein sinnleerer Begriff.

Bei der Frage nach dem Sinn eines Lebens muß man mindestens dreierlei unterscheiden: die Innenanssicht des Subjekts und bei der Außenansicht die Perspektive der Näher- und die der Fernstehenden.

Hinter der Sinnfrage tut sich das dunkle Nichts auf. Die Rückfrage: „Was liebst du?“, kann helfen: Sie lenkt den Blick neu auf die Einbindungen, in denen wir leben.
Die göttliche Sinnlosigkeit des hellen Nichts, die wir jetzt nur momentweise „sehen wie in einem Spiegel“ (1Kor 13,12), ist uns fürs Ende verheißen.

Suchen ist: in der Wirklichkeit um eine Vorstellung herum irren. Vielleicht findet man Wichtiges, Bedeutendes, hat größten Erfolg. Aber wenn man gefunden hat, sucht man das nächste. In allem sucht man etwas Imaginäres, eine bleibende Erfüllung, die es nicht gibt. Suchen, was es nicht gibt, ist irren.
Wer sich als Suchenden erkennt, hat sich selbst endlich gefunden – als letztlich armen Irren. Das beruhigt eigentümlich.

Lebenssinn, der der Vergeblickeit standhält: Zeuge der nicht fertig abgepackten Wahrheit sein.

Vom Vergeblichen wenden wir uns ab. Unser gemein-menschliches Gefühl für das Abgründige aber steht dem vergeblichen Leben bei. Wir sind im Tiefsten verschmolzen zu einer Ecclesia invisibilis, ein Chor ewiger Anbetung des verborgenen Gottes. Hinter allen Zwecken ist dies der Sinn unseres Lebens.

Lachen ist eine ansteckende affektgeladene Reaktion auf eine unsinnige Kollision zweier Sinnzusammenhänge.
Zusammen über etwas Lachen befestigt die Solidarität in der Konfliktverarbeitung. Auslachen hingegen ist Abwehr.
Paradigma ist der unanständige Witz: Im normalen Alltag stören sexuelle Zusammenhänge.

Für etwas leben, ein Lebenszweck im Singular, "die Kategorie seines Lebens" (die man, nach Kierkegaard, kennen sollte) ist eine Wahnidee.
Man muß sich immer ein Stück weit, illusionär, mit einer Aufgabe identifizieren. Aber keine Aufgabe überhebt einen der objektiven Sinnlosigkeit. Sinn bleibt immer – nicht selbstgemacht, nicht willkürlich, aber subjektiv, letztlich unbegründbar; ein freies, göttliches Geschenk, "Gnade". Illusion ist seine Form.

Gemeinschaft hat für jeden Einzelnen Sinn, und sie konstituiert überindividuellen Sinn. Sinnkrise ist Gemeinschaftskrise; sie vereinzelt. Sinnkrisen können Kollektive disintegrieren. Zu den Funktionen des Kollektivs gehört Sinnstiftung. Funktionäre arbeiten sinnstiftend und sprachbelebend durch ihre Werke, die Symbole der Gemeinschaft sind.
Wenn der Tod sich in den Kern der kollektiven Symbolik eingeschlichen hat, verrät sich das in redseliger Sprach-Erstarrung und Reduktion auf Lock- und Drohsymbolik bei nachlassender Überzeugungskraft. Die Sinnkrise wird überspielt.

Man denkt und forscht, um aus vielerlei Sinn einen Sinn zu machen; man sucht eine beglückende Koordination, die allgemein nützlich sein und deshalb auch noch Menschen mit einander koordinieren könnte.

Ich weiß meist, was ich zu tun habe; evt.: mich besinnen zwecks Konstitution von Sinn-Einheiten. Es ist ein Wunder, daß man fast immer weiß, was man zu tun hat!

Sinn ist ein lokales Phänomen mit symbolischem, also endlichem Horizont.

Ist letzter Sinnhorizont das Spiel (die tanzenden, musizierenden Engel auf der Paradieswiese)?

Sinn im Leben findet der Mensch, als animal sociale, nur in mitmenschlicher Bezogenheit – auch auf Gott.

Der „Sinn“ des Lebens ist wie eine Zwiebel: zu innerst Atem, Herz, Verdauung etc., sowie die körperliche, äußere Handlung, sodann immer größere (mehr oder weniger bewusst kontrollierte) symbolische Zusammenhänge – bis hinaus in den letzten Glaubenshorizont, – der meist gemeint ist, wenn von „Lebenssinn“ die Rede ist. Zwischen den äußeren und den inneren Sinnschichten aber besteht wechselseitig Abhängigkeit. Einzelne Informationen können das Weltbild verändern und sich auf den Magen legen; und eine Magenverstimmung kann eine Glaubenskrise zur Folge haben.

Kinder fordern. Mit Kindermachen erspart man sich Besinnung und Sinnkrisen. Man gibt sie an die Kinder weiter.

Ideologischer Zusammenbruch bedeutet Orientierungslosigkeit, Autonomieverlust, Depression, – rein passive Sinnfindung und endlich vielleicht Sich-gefunden-Finden!
Sinn = Entsprechungen (analoge oder komplementäre) zwischen der eigenen und fremden Identitäten (Selbsterhaltungen, Stabilitäten).

Sinn ist die Symbolwelt der Hoffnung – innerweltlicher Hoffnung oder Hoffnung auf Gott. Hoffnung trägt den guten Willen.

Burnout hat keine Hoffnung, keinen Sinn; motivierende Zusammenhänge sind zerfallen. Man vegetiert. Aber auf diesem Vegetieren liegt die Verheißung, Sinn zu finden! Zuspruch, auch nur schriftlicher, bezeugt hoffnungsvoll dem Hoffnungslosen die Begrenztheit des eigenen Gesichtskreises. Solcher Zuspruch ist der Name Gott.

Leben ist zum guten Teil wache Tätigkeit. Folgt sie mit Schritten, die nicht an sich befriedigen, einem (gemeinschaftlichen) größeren Plan, dann ist Leben sinnvolle Arbeit.
Der Sinn eines Lebens ohne Arbeit ist weniger faßbar. Man besinnt sich dann und macht sich nach Möglichkeit etwas zu schaffen.

„Es wuselt.“ Jeder hat etwas im Sinn, aber als (mitwuselnder) Betrachter sieht man nur die nächste Umgebung und (mit abnehmender Genauigkeit) den Gruppen- und den Massenprozeß, der sich zwar hieraus ergibt, aber seine eigenen Dynamik hat.
Wir erkennen einigermaßen als sinnvoll, was der Einzelne im Sinn hat; einen Sinn des Ganzen aber erkennen wir nicht. Einzelne Wahrnehmungen verschmelzen jeweils zu einer (mit uns sich entwickelnden) Symbolik, an die wir mehr oder weniger glauben können.
Es ist demütigend; aber wir müssen immer wieder neu bei den evidenten Sinnzusammenhängen unseres kleinen, unmittelbaren Wirkungsfeldes anfangen, aus denen dann die größeren zusammenwachsen.

Realistische Ahnungen geben dem Leben Sinn.
Die Kraft des Einzelnen, geahnte Möglichkeiten realistisch auszuarbeiten, schwindet mit dem Alter. Der glücklich gereifte Mensch kann sich damit zufrieden geben, dass das Leben unvorhersehbar weitergeht.

Vieles scheint uns notwendig, aber sinnlos. Jedoch wir wissen dabei, dass das Leben aus Unsinn Sinn machen kann.

Ein Leben ist eine Versuchsreihe in einer interessanten Versuchsbatterie. Wir finden immerhin so viel verpflichtenden Sinn darin, dass wir immer weiter Sinn darin suchen und viel guten Sinn finden.

Die menschliche Frage nach dem Sinn des Lebens verschwindet in der Fürsorge für die nächste Generation.

Was hat mein selbstverständliches augenblickliches Tun für einen Sinnhorizont?

Hochsommer. Eine Spinne wartet in ihrem Netz. Unheimlich. Die Welt ist eine Höllenmaschine.
Der letzte Sinn unsres Lebens ist die Geborgenheit in der Dankbarkeit Gottes.

Das Leben erfindet seinen Sinn – unmittelbar praktisch und mit nächster, naher, und (theoretischer) ferner und „letzter“ Zukunftsperspektive.

Im Psalter kommt viel Selbstgerechtigkeit, Selbstmitleid, Neid und ohnmächtige Rachsucht zur Sprache. Die Absonderung und Verfolgung sind Folgen des exklusiven Erwählungsglaubens.
Das Mönchtum schließt sich mit dem Psaltergebet eng ans pharisäische Judentum des zweiten Tempels an.
Luther hat sich da hinausgearbeitet:
In der Christologie kapselt Luther den frommen Verfolgungswahn (auch dies eine self fulfilling prophecy!) ein und hält ihn sich auf Abstand:
1. schon in der ersten Vorlesung über den (an Klagen des Selbstgerechten über seine Feinde so reichen) Psalter: durch die Rechtfertigungslehre (Rechtfertigung allein durch den Glauben an die Gerechtigkeit des für uns Gekreuzigten und Auferstandenen) und
2. dann durch die Unterscheidung zwischen der (imaginären) vollkommenen „Gerechtigkeit“ vor Gott und der unvollkommenen weltlichen Gerechtigkeit (Zwei-Reiche-Lehre).

Sinn vermittelt zwischen dem primären Narzißmus und dem Anderen.
Dem Narzißmus zunächst steht die Imagination, das körpernahe Bild-Chaos, ein ständiger Wandel. Dem Anderen steht die Abstraktion am nächsten, Realismus, Ordnung und Dauer. Dazwischen fließt vermittelnd die Symbolik.
Bricht dem vernünftigen Realismus der Sinn weg, muß man sich, zur Regeneration, der körpernahen Imagination überlassen, zurückstecken („Regression im Dienste des Ich“ Ernst Kris).

Kultur

Kultur ist im Fluß. Schon die kleinste Subkultur in Momentaufnahme ist ein patchwork von Weltanschauungen. Il faut de tout pour faire un monde, aber jeder hat da auch seinen kritischen Beitrag zu leisten.

Tendenziell stiftet Begeisterung Gemeinde. Diese hilft dann auch dabei, Enttäuschungen verarbeiten. Begeisterung wird mit der Zeit nüchtern und still. Hoffnungen werden normalerweise mit der Zeit immer realistischer. Unrealistische, einst begeisternde Hoffnungen werden jedoch oft dankbar als im grauen Alltag inspirierende Erzählungen (mit immer wieder hell begeisternden Wirkungen) bewahrt.

Geruch und Geschmack sind stark emotional (das Riechhirn gehört phylogenetisch zum ältesten Bestand). Geschmacksbildung muß die Individualität im Sinn einer Kultur entfalten, aber nicht übermalen!

Kulturphänomene sind sehr komplexe, dynamische Verbundsysteme. Begriffsbildung und Wissenschaft sind hier deshalb kaum imstande, etwas "festzustellen".

Ein Spötter nannte Gott ein „gasförmiges Wirbeltier“. In Wahrheit sind alle Kulturphänomene jedenfalls eher so etwas wie Wirbel als wie Tiere.

Die menschliche Kultur ist ein chaotisches System von Illusionen, das Fakten schafft.

Jede Kultur ist schon eine Überlagerung von Kulturen.

Die Kultur liegt im Sein so wenig wie im Besitzen; sie liegt in der Beweglichkeit des Habens.

Kultur ist das soziale System hochdimensionaler, den einzelnen schwach determinierender Koordinationen, aus welchem die einfacheren, stärker determinierenden Subsysteme (Religion, Rituale, Recht, Politik, Wirtschaft, Kunst, Wissenschaft u.a.) sich ausdifferenzieren.
Der Kulturbetrieb betrifft institutionalisierbare paradigmatische Koordinationsleistungen (Bildungs­güter).

Ein "Bildungsgut" ist ein sozial gültiges Sinnbild des Ewigen.

Kultur im prägnanten Sinn kostet viel, aber spart noch mehr. Sie absorbiert Störungen.

Ein wesentliches Stück der klassisch-abendländischen Wissenschaft, die holistisch-intuitive Arbeit an der weltanschaulichen Grundorientierung, ist aus der vom Ideal der exakten Wissenschaften beherrschten, modernen Universität fast restlos ausgewandert – in die schöne Literatur. (Harnack stellte bei sich zu Hause auch die theologische Dogmatik dorthin).

Die Moderne (i.e.S.) hatte in jedem Fach noch eine Klassik; die Postmoderne hat nur noch Klassiken.

In der Eile des modernen Lebens wird das Feuilleton zu einem wesentlichen Integrator der Kultur.

Freud sagte, in der Beherrschung unsrer Triebe seien wir alle "Sonntagsreiter": Die Grundleistung des Geistes ist eben nicht Herrschen, sondern Lernen; nicht Assimilation*, sondern Adaptation, zu welcher Akkomodation gehört; nicht Sicherheit, sondern Mut und Vertrauen.
Die Alten Griechen und die alte Synagoge schätzten das Lernen zuhöchst: Als ᾧ μανθάνομεν nennt Plato das höchste Seelenvermögen. Synagoge: dem lebenslang Lernenden gebührt das höchste Prestige.

Form braucht geeignete Materie. Frau und Mann prägen einander. Auch das Werk ist, wie Kinder, nur zum Teil Abbild des Subjekts. Zum andern Teil ist und bleibt es fremd – aus der Fremdheit der Materie.

Eheleute lieben einander nur teilweise, die Umwelt liebt sie nur teilweise, das Kind liebt sie nur teilweise, sie lieben das Kind nur teilweise. Lebenskunst ist erforderlich.

Die Kultur liegt im Kompromiß. Sie ist also in der Regel instabil.

Das Bildungsphilistertum wehrt die Angst des Einzelnen, auseinanderzufallen, ab mit Wiederholungszwang. Es ist ein Ersatz für die religiöse Autorität, die keine passende Form mehr gibt, – nicht der schlechteste!
Mit Religion und Bildung grenzt man sich aus dem halb geordneten Zufall, dem Chaos der Geschichte, aus und bewahrt kulturelles Potential, dessen Eigendynamik immer wieder hervorbrechen kann.
Kulturgüter entwickeln eine Eigendynamik, gegebenenfalls gegen ihre Patrone!

Mobile Mittelschicht: Neugier, Kombinieren, Kunst.

Der archetypische religiosus, der Anachoret, Eremit, lebt ungesichert auf der Grenze des Kulturlandes. Seine Funktion ist für die Kultur wesentlich.

Seit dem 11. September 2001 erlebt man, wie zerbrechlich humane Kultur ist.

Der expressive need verändert in einer Kultur, was gesellschaftlich selbstverständlich geworden und nicht mehr in persönlicher Verantwortung mitgetragen wird. Neue Romane etc. verdrängen die alten, bis einige alte neu entdeckt werden.

Wir haben Kultur und, als Lebewesen, Brutalität. Die entscheidende Frage an die Kultur ist die nach der Kultur der Brutalität.

Das Leben, ein maßloser rekursiver Prozeß in einer wesentlich unberechenbaren Natur, ist konstitutionell in Not. Immer wieder ergeben sich in der menschlichen Kultur legitime Ziele ohne legitime Mittel, „Anomie“. Daraus erwächst „das Unbehagen in der Kultur“, Bedrücktheit akkumuliert sich. Hunger nach Excitement (Hooliganism), Abenteuerlust entsteht.
An Schwachstellen des Netzes der Symbolik gerät durch kleinen Anlässe der Druck außer Kontrolle; Zerschlagung der beengenden Ordnung kommt in Fahrt. Das Einschlagen von Schaufensterscheiben (die den Zugang zu öffentlich empfohlenen Dingen verwehren) ist eine prägnante Symbolhandlung.
Charismatische und professionelle Symbolmanager konzentrieren die Kräfte von Lust und Frust effizient für größere Taten und Untaten.

Bildung ist die bewußte Entfaltung der inneren Vielfalt, die zu Solidarität mit Menschen außerhalb des eigenen Milieus führt.
Ein neuer Chef, der ein Unternehmen sanieren soll und damit anfängt, das dreifache Gehalt seines Vorgängers zu beziehen, ist ungebildet.

Das Leben bildet den Menschen je nach dem, wie er es lebt. Bildungsgüter sollten zu bildendem Erleben anregen. Aber sie verselbständigen sich; Bildungsautoritarismus ist die Folge. (Schulung in den sieben kanonischen Fächern zierte schon in der klassischen Antike das Besitzbürgertum. Man ließ seine Kinder für den Erwerb dieses Standessymbols in der Schule prügeln.)

Die Öffentlichkeit ist eine von Ideen und Ideenträgern heiß umkämpfte Machtsphäre. Auch in der Ideen- und Kulturgeschichte hängt das Kriegsglück wenig von der Qualität der Rivalen ab.

Die Sittlichkeit verlangt, daß man die Energie des Katastrophenpotentials an den sozialen Grenzflächen nicht zur Entladung führt in Form von Gewalt, sondern, durch aufreibende Prozesse im symbolischen sowie dem sozialen und in den psychischen Systemen, transformiert in höhere Systemenergie der sozialen Kultur.

Soziale (und auch psychische) Struktur verlangt symbolische Vereinfachungen, Stereotypen, also stabile Entstellungen der Wahrheit.
Die Humanität einer Gesellschaft bemißt sich danach, wie bewußt (oder doch bewußtseinsfähig) das ist. Diese Wunde konkret zu berühren, tut weh. Sie will zuwachsen; aber sie muß offen gehalten werden.

Klassische Bildung eignet sich als flache, snobische Art Tätowierung.
Echte Bildungsgüter sind aber vieldimensionale Symbole, – die klassischen sowie die Gegenstände des modernen Alltagswissens nur, wenn sie auch so respektiert und gebraucht werden.
Bildung in diesem Sinne schützt vor (nur sektoriell optimalen) Fehlentscheidungen.

Meßbare Optimierung der Ausbildung verflacht die Unterrichtsgegenstände.

Niedrigdimensionale Elemente sind einfacher organisierbar. In der Neuzeit wurde die Kreativität mit überzeugendem Erfolg zunehmend in den Dienst der kollektiv organisierten Praxisoptimierung gestellt.

Forschung ist getragen von persönlich strukturiertem Interesse. Soll sie öffentlich bezahlt werden, so muß sie von konsensfähig öffentlichem Interesse mitstrukturiert sein. Die Gesellschaft heute hat die Wissenschaft nicht dazu bestellt, sie zu bevormunden (etwa wie das Lehramt die Kirche).

Forschung ist existentiell bedeutsame Symbolgeschichte. Sie muß im Gang bleiben, ihr Nichtwissen leben, um nicht in Wissenschaftsaberglauben zu enden. Sie formuliert nie letzte Erkenntnisse, sondern sie präzisiert letzte Fragen.

Das innere Getöse der Wissenschaftsmaschine ist häßlich, wie die innere Reibung in Wirtschaft und Politik. Besonders in den Kulturwissenschaften ist ärgerlich, wie sie das Kulturgut verdecken und teure Wichtigtuerei, eine Barbarei, sich bezahlt macht.

Kultur ist gemeinsame erworbene und ausbaufähige Freiheit.

Das wissenschaftliche Studium übt besonnenes Urteilen in schwierigen Fragen ein. In Seminararbeiten als eigenem Einstieg in die Forschung, d.h. als exakte Aneignung von Bruchteilen des kollektiven Halbwissens, soll der Student aktuell strittige Fragen umsichtig und förderlich profiliert darstellen.
Um zur Führungskraft zu qualifizieren, muß das Studium exemplarische Weiterbildung sein auf der Grundlage jugendlicher Teilhabe an einer Kultur besonnenen Urteils in Familie, Freundeskreis, Arbeitswelt, Gemeinde oder Gesellschaft.

Kultur ist ein Raum der gemeinsamer Freiheit. Auch Kultur wächst exponentiell. Ohne Anregungen aus kultureller Vorarbeit können deshalb junge Menschen sich nicht befriedigend zu freien Menschen entwickeln.

Wir leben mit ständiger „Kanalüberlastung“, unter enormem Informationsverlust, in einem Kultur-Rauschen. Massenmediale Vorgaben relativieren einander und unterliegen basisdemokratischer Ironie. Der Volksmund produziert spontan, zufällig und unfachmännisch lebenskräftige Vereinfachungen.

Die Weltzivilisation wächst dem einzelnen über den Kopf. Er braucht ein überblickbares Bezugssystem; es wird, trotz aller Information, ein unverantwortbares, zufallsbedingtes sein, wie eh und je.

War die Weisheit, zu ahnen, wie wenig man weiß, früher mehr religiös begründet, so ist sie, beim heutigen Stand des kollektiven und des individuellen Wissens, Signatur moderner Weltlichkeit.

Menschliche Wärme – Erotik – Sexualität bilden eine Art fluktuierendes Kontinuum*. Wir sind auf kleiner Flamme zum Köcheln aufgesetzt, ein mildes Chaos. Wir sollen das schön gestalten; „Vernunft sei überall zugegen, wo Leben sich des Lebens freut“[3], – obwohl auch Vernunft sehr irren kann.

Luther als Theologe und Goethe als Dichter waren kulturwissenschaftliche Chaosforscher, die, trotz ihrer gewaltigen Ordnungsleistung, in ihrem Bemühen gescheitert sind.

Nicht nur Homunculus, der von Pulsen der Liebe gepackte, im Meer der Wirklichkeit zerschellende Geist (Ende des zweiten Akts von Faust II), sondern der ganze Faust hinterläßt eine chaotisches Glitzern. (Goethe hat den letzten Gang des Homunculus im Drama selbst (Z. 8274) als höchst bemerkenswert hervorgehoben.) Faust II scheitert zu guter Letzt in religiösem Kitsch.
Goethe hat die Fertigstellung seines Faust bis zuletzt hinausgezögert und das ganze nicht selbst veröffentlicht. Wie Proteus (8303ff.) über die Götterbilder und wie Mephisto (11544ff.) über Faustens Krönung seines Lebenswerkes urteilt, darin spricht Goethes Selbstironie.

Allgemeinbildung relativiert die Verbindlichkeit sozialer Subsysteme, auch des Staates. Dadurch befähigt sie, flexibel Konsequenzen zu ziehen aus kollektiv gesammelter Erfahrung.

Die moderne Zivilisation ist eine universal-menschliche Macht. Die Teilhabe der Zivilisationsträger aller Nationen an ihr machte Hoffnung auf weltweiten militärischen Frieden zwischen den großen Entscheidungsträgern. Man erwartete nicht einen weltweiter Bürgerkrieg, sondern Unruhen weltweit, die den Fortschritt stören. Aber lebendiges Wachstum ist exponentiell strukturiert und führt eben deshalb über kurz oder lang in Katastrophen.

Die zunächst (und wesentlich) individuell frei bewegliche öffentliche Kultur organisiert sich zwecks Einsparung von Reibungsverlusten institutionell.

Auch Kultur ist ein Geben und Nehmen. Besondere Kulturarbeit berechtigt moralisch zu Lohnforderungen. Das ist noch keine "Merkantilisierung" der Kultur. Verkauf von Kulturarbeit geht zu Lasten der Kultur erst, wenn die Verkäuflichkeit maximiert werden soll und so zum Gestaltungsprinzip der Kulturarbeit wird. Das nimmt ihr den "prophetischen", den elementar menschlichen Zeugnis-Charakter.
Das Konzert ist von der Schickeria ausgebucht – zum Leidwesen des ernsten Musikers sowohl wie des ausgeschlossenen Armen; die guten Lehrer unterrichten die Herrensöhne, der begabte Arme besucht die schlechte oder gar keine Schule – auch dies nicht im Sinne guter Lehrer.
Gute Vertreter besonders von Kulturberufen wollen in erster Linie gute Kulturarbeit leisten und davon und dafür leben können; aber nicht in erster Linie gut verdienen.

Kultur ist ein sich durch uns entwickelndes Symbolsystem. Man kann darin Teile mit ihrer je eigenen Entwicklung unterscheiden. Aber der Begriff des Kulturgutes ist verführerisch, – wie die Rede vom "Krankengut" eines Mediziners im Spital.
Das Menschliche, der Mensch sowie seine Kultur, hat seinen eigentümlichen (etwa: anregenden), hochdimensionalen und deshalb inkommensurablen Wert unmittelbar für den Einzelnen als Menschen (nicht als den Mediziner oder Auktionator). Menschen als Fälle, Gemälde als Stücke einer Sammlung sind addierbar. Aber der Wert von Menschen ist exemplarisch[4], der Wert von Gemälden die exemplarische Kulturleistung, die zu eigener Kulturleistung anregt. Solche Werte zu addieren, hat nur in beschränktem und gefährlich sachfremdem, eben kommerziellem Bezugsrahmen einen Sinn.

Kulturarbeit soll sich auch bezahlt machen. Aber die Merkantilisierung der Kultur im Sinne von Maximierung der Rentabilität geht zu Lasten der Kultur.

Wissenschaft ist Kulturarbeit, indem sie die Humanität des wissenden Menschen pflegt – hauptsächlich durch bescheidene Arbeit an der Grenze des Wissens.

Schlechte öffentliche Schulen und eine Tendenz zur Privatisierung des Unterrichts zeugen von kollektiver elterlicher Verantwortungslosigkeit, insbesondere der Oberschicht, und Kurzsichtigkeit seitens der staatlichen Legislative und Exekutive.

Zusammenarbeit setzt gemeinsame Kultur voraus. Es gibt die internationale Kultur der Zweckrationalität unpersönlicher Artefakte. Aber diese ist eingebettet in die verschiedenen Symbolwelten, in denen die Einzelnen sich entfalten; und von deren Verflechtung hängt die Qualität der Zusammenarbeit an den unpersönlichen Artefakten ab. Weil es immer mehr auf optimale Zusammenarbeit ankommt, wird auch für die unpersönlichen Funktionalitäten der kulturelle Hintergrund immer wichtiger. Das wirkt homogeneisierend auf die Kulturen zurück.

Koordination ist im Kampf ums Dasein oft entscheidend. Nicht, welche Vereinfachung sich als Vermittlungssystem durchsetzt, sondern daß sich überhaupt eine (wie auch immer verzerrende) durchsetzt, ist oft entscheidend. Das ist das Körnchen Wahrheit in dem politischen, religiösen und juristischen Dezisionismus, der sich in dem ideologischen Zusammenbruch, insbesondere Deutschlands, nach dem ersten Weltkrieg durchsetzte.
Aber es kann, wie sich (auch hier) zeigte, fatale Folgen haben, wenn die überlieferte Kultur (die, zutiefst unverstanden, das selbstverständlichste Verstehen vermittelt) gewaltsam uniformiert wird.

Wenn wesentliche Möglichkeiten der Seele durchs reale Leben nicht befriedigend symbolisiert werden können, entwickelt sie sich kulturelle Nebenwelten oder gar die "eigentliche" Realität eines Jenseits. In deren Symbolik ist dann auch wieder Kommunikation, gegenseitige Förderung und Kontrolle möglich.

De gustibus non est disputandum , weil es bei Geschmack ums Ganze geht, für die Diskussion das Ganze aber zergliedert sein muß. Das kollektive Alltagswissen hat diese Zergliederung immer schon schlecht und recht besorgt. Geschmack aber ist Sache der Individuen, die sich verständigen, aber nur begrenzt einander überzeugen können.

Die nach allem Wissenserwerb in glücklichen Fällen letztlich sich ergebende "Bildung" ist ein personspezifisches Chaos-Bewußtsein und eine darauf beruhende Vernunft.

Kultur ist das Symbolsystem, das die Entscheidungen des Einzelnen in sozial-normativen Grenzfällen normiert. So kann in neuen Situationen die Verschiedenheit von längst friedlich miteinander lebenden Kulturen und Religionen zu sozialen Konflikten führen.

Gott "ist" am siebenten Tag – nach sechs Tagen, an denen er nicht als "seiend" anzusprechen ist, sondern ins Sein ruft und uns schafft.

Die "ewigen" Dinge sind narzißtische Symbole, Abstraktionen. Sie enthalten nicht mehr, sondern weniger Information als das Zeitliche, – aber für die identitätsnahen Orientierungszwecke brauchbar resümiert.
Das "Wesentliche" ist ein virtuelles Bild des Realen, gespiegelt als Ewiges. Man kann, aufgrund von persönlicher Lebenserfahrung, sich darüber austauschen. Das vertieft die Gemeinschaft und mindert Kooperationshemmnisse. Und es ist autokatalytisch konkret orientierend.

Traum ist ein bestimmtes Erleben unserer ganzen Wahrheit. Im realen Austausch können wir es vergessen. Aber je tiefer wir es mit einander vergessen, desto flacher wird der Austausch. Man braucht dann zur menschlichen Komplettierung stereotypierte Kunstgegenstände.

Bildung ist symbolische Spannkraft, vieldimensionale Integrationsfähigkeit.

Menschlichkeit ist ein so unwahrscheinliches Ereignis, dass ihre Chancen ständig durch Überlieferung und Erfahrungsaustausch begünstigt werden müssen.
„Was du ererbt von deinen Vätern hast, erwirb es“ – nicht um es (etwa als humanistische Bildung) zu vergötzen, aber „um es zu besitzen“ [5]!

Wir haben ein Chaos von allerlei Zwecken, darunter entspannte Zweckfreiheit mit Spiel, Kultur und Religion.

Kultur kann der Lebensertüchtigung dienen. So spottete Emil Staiger.
Den Spott verdient der unerschütterliche Glaube an die „gesellschaftlich konstitutierte Wirklichkeit“, – die durch das Geschehen im „intermediären Raum“ (Winnicott) ihre Selbstverständlichkeit gerade verlieren sollte.

Kultur bewährt sich im Chaos.

Schlecht zusammenpassende Halbwahrheiten machen zusammen das Chaos der menschlichen Kultur aus.

Die kulturelle Tradition hat Vorauswahlen getroffen, aber die letzte Wahl muss der Einzelne selbst treffen. Und die Tradition selbst verlangt, dass die Kritikfähigkeit gegenüber der Tradition ständig wächst, um sie lebendig forzusetzen.

An die geeignetste symbolische Tradition Anschluß zu nehmen und sie verantwortlich weiterzuführen gibt den entscheidenden evolutionären Vorteil. Nur in Traditionen wird der Mensch lebensfähig. Man ist sich des Ungefähr der gelernten Anpassungsform heute bewusst. Moderne Menschen halten es einander zugute und haben damit Bewegungsraum für Verständigung zwischen den Vertretern verschiedener Traditionen.
Der Islam aber scheint keinen solchen Raum zu lassen.

Kultur ist die Formenwelt der menschlichen (sozial/körperlich/geistigen) Motilität. Die Menschlichkeit lebt in der Alltagskreativität. Deren Überkapazität bedarf ständig neuer sozialverträglicher Formung.
Kulturschaffende nehmen Alltags-Kreativität wahr, ergänzen, koordinieren und organisieren sie beglückend. Ohne die bescheidene Wahrnehmung wird Kulturbetrieb steril.

In der Solidarität mit Behinderten zeigt sich die Kraft unserer Symbolik. (Z.B.: Was bedeuten mir persönlich die allgemeinen Worte „Geschöpf“, „Mensch“, „Bein“?)
Sie bringt uns existentiell zurück auf dem Boden unsrer gemeinmenschlichen Natur und dient damit unsrer Kultur. Kultur ohne solchen Tiefgang ist ein klapperndes Zeichensystem ohne ökologisch, oder auch nur gesamtgesellschaftlich, integrative, symbolische Kraft.
Solidarität kann allerdings nicht nur autoplastische, sondern auch alloplastische Identifikation sein; Empathie kann irren. (Der Kampf gegen Euthanasie zum Beispiel geschieht oft aus alloplastischer Identifikation.)

Die uns heute so selbstverständliche menschliche Kultur ist das Produkt langer Ketten von Entscheidungen; und diese sind prinzipiell revisionsbedürftig. Ein wesentliches Stück dieser Entwicklung hat in der Gottestradition stattgefunden. Jeder sollte die Entwicklung der menschlicher Kultur kritisch nachvollziehen, um sie fortzusetzen.
Eine lebendige Beziehung zur den guten und bösen Erfahrungen, die die Menschen, insbesondere unsre Vorfahren, besonders mit der Religion, bereits gemacht haben, begünstigt eine nachhaltige Entwicklung der heutigen Kultur.

Kultur ist gesellschaftsspezifisch. In ihr symbolisiert sich die Gesellschaft die Welt und sich selbst – in der Außenperspektive mehr oder weniger barbarisch.
Primitiv nennt man Kulturen mit geringen technischen Möglichkeiten. Höher entwickelte Gesellschaften und soziale Gruppen (mit ihren entsprechend großen Möglichkeiten) haben entsprechend „hohe“ Kulturen.
Hierzu gehört dann ein ausdifferenziertes soziales Segment „Kultur“. Dieses kann allerdings, gemessen an der Kultur im grundlegenden Sinne, der Geschmacklosigkeit verfallen.

Kultur im weitesten Sinne, die Lebenskunst einer Gesellschaft, legitimiert Macht. Einst feierte das Volk sich selbst auch, indem es seinen gnädigen Herrn feierte.
In entwickelten Gesellschaften gibt es aber „Kultur“ als ein Servosegment mächtiger Gruppen. Hier spielt – ungeachtet der tragenden Alttagskultur – Stereotypierung einzelner kultureller Leistungen als „Kultur“ eine große Rolle. (Baukunst, Hofmaler, der Poeta laureatus, Hoftheater, Hofmusiker, Hofkapelle, Hofprediger und Akademien halfen einst, die Macht des hohen Adels zu legitimieren.) Diese pars pro toto dient in erster Linie zur Selbstbestätigung der Machtelite, kam aber in zweiter Linie auch dem Volk zugut. Noch die heutige Schulbildung zehrt weitgehend hiervon.

Zurückhaltung in Erwerbstätigkeit und sozialen (und sexuellen) Verkehr und mehr Betrachtung und Besinnung erhöhen die Weisheit. Dieses (genetisch direkt benachteiligte) Verhaltensmuster ist schon in prähistorischer Zeit auch institutionalisiert worden; es wird von der Gesellschaft heilig gehalten; und das allgemein verehrte Heilige integriert die Gesellschaft. Das setzt sich in historischer Zeit fort in der Askese der Wissenschaft. Religiöse Symbolik mobilisiert und organisiert Opferbereitschaft.
Die Weisheit ist mitteilbar. Und wenn genetisch eine Zufallsstreuung auch nur für minoritär stärkere und majoritär schwächere Tendenz zu Betrachtung und Besinnung sorgt, bedeutet das für die betreffende Kultur-Gruppe doch einen Selektionsvorteil.

Humanität verstehen wir als integrativ. Kampf, Feier und Fest sind integrativ, Krieg und Orgien desintegrativ epochemachende Servomechanismen der Gesellschaft.

Wer darf den revoltierenden banlieusards und ähnlich unterprivilegierten jungen Menschen Bescheidenheit predigen? – : Wer ihnen mutig bescheidenen Kampf für Mitmenschlichkeit vorlebt!

Wo ist Weisheit, sapientia, sagesse[6], im alten Sinn:„Bescheidenheit“? Sie ist bei Gott, sagt der alte Weise.
Die im wörtlichen Sinne philo-sophierende, sich selbst so nennende „gebildete Oberschicht“ gibt es nicht mehr. Das – nach klassisch-athenischem Muster – in Muße (σχολή) allgemein Orientierung suchende, orientierende Gespräch (ὁμιλεῖν, διετριβεῖν) ist eine soziale Randerscheinung geworden.
Es gibt das Fachgespräch; es gibt „philosophische Forschung“. Es gibt think tanks für spezielle Probleme. Es gibt Gurus mit Jüngerkreisen und Zirkel ohne Gurus.

Das Zeitalter „hoher“ Bildung ist der Expansion (in allen Dimensionen) der Wissensgesellschaft zum Opfer gefallen. So ist auch der „hoch gebildete Pfarrerstand“ des evangelischen Deutschland ausgestorben.

Kulturen entstehen durch Einrasten in einer Sprache (vereinfachende Symbolik mit all ihren Bewertungen), in welcher man dann kommuniziert (zunächst mit andern, dann aber auch mit sich selbst). So werden sie zu sozialen Mächten.
Sprachen sind Erbgut (wie der Körper). Der Einzelne entwickelt daraus seine persönliche Symbolik und spannungsvolle Individualität.
Sprachen setzen sich durch und gehen unter. Die Sprachen zu Macht gekommener Subkulturen werden, kritisch, „Kirchensprache“, „Partei-Chinesisch“ und ähnlich genannt; sie werden damit relativiert.
Keine Kultur ohne kulturelle Vergewaltigung; aber Heuchelei verheißt ihren Profitanten nichts Gutes. Aus Angst müssen sie Angst verbreiten, und sie können kein ehrendes und dankbares Andenken erwarten. Machtverhältnisse sollen Angstfreiheit ermöglichen. Je aufdringlicher jedoch das tägliche Leben von Angst vor den Mitmenschen bestimmt ist, desto mehr Menschen hoffen auf gesellschaftlichen Wandel.

Schönheit

Alle Kunst ist abgeleitet von der Lebenskunst, – einer großen, entwicklungsfähigen Tradition.
Besonders die Jugend braucht Kunst als eine Vorform der Lebenskunst.
Jede Kunstform hat ihre Jugend, eine klassische Phase und ein Greisenalter.

Eiweisse – ihrerseits aus vielen Atomen zusammengebaut – sind wesentliche Bausteine des Lebens. Man könnte den Weltraum füllen mit verschiedenen Eiweißmolekülen.
Daß im höheren Leben überhaupt irgendetwas mit irgendetwas zusammenpaßt, ist so unwahrscheinlich, daß jedes Zusam­menpassen ein Wunder ist und uns überraschen und verwundern würde, wenn wir nicht einen so gnädig beschränkten Horizont hätten.
Jedes Wahrnehmen – und gar Vervollkommnen – von Zusammenpassen ist beglückend.

„Das Schöne ist nichts als des Schrecklichen Anfang“ (Rilke). Im spannungsvoll bewegten Nebeneinander der Dinge (vgl. Philipp Otto Runges „Evangelium der Farben“!) ahnen wir die Herrlichkeit Gottes (d.h. des Untergangs aller Herrlichkeit in der Wahrheit, der wahren Herrlichkeit des Schöpfers).

„Schön ist, Mutter natur, deiner Erfindungen Pracht auf die Fluren verstreut, schöner ein froh’ Gesicht, das den großen Gedanken deiner Schöpfung noch einmal denkt.“ (Klopstock) „Schön“ ist ein guter Lebensraum, abode, ἦθος.
Um schön zu sein, muß das künstlich Schöne zum wirklich geführten Leben passen. Da kann eine Idylle neben allerlei anderem auch Platz haben.

Für den Alten ist sein eigenes Leben oft nicht mehr schön; er nimmt Schönes aber intensiver wahr.

Der kosmische Heilsrahmen der Geschichte ist ein religiöses Kunst-Stück, wahr nur mit Realitätsbezug. Religion, die die realen Gestaltungsmöglichkeiten des Subjekts leugnet, ist eine Droge.

Musik und Tanz verändern das Bewusstsein. Durch Musik als Droge wird die Anomie erträglich, indem Harmonie-Mangel gemindert wird. Jede Droge allerdings muß richtig dosiert sein.

Kunst macht schöne Stücke im Chaos. Die Schönheit der Kunst und der Religion wird erlebt auf dem Hintergrund des Unschönen, manchmal erschütternd!

Die Welt ist scheußlich; das Häßliche überwiegt. Man muß nicht an allem etwas Gutes zu finden.
Aber da und dort entwächst dem Häßlichen Schönes. Und je tiefer man im Häßlichen versinkt, desto mehr erregt das Schöne, das aus dem Häßlichen gewachsen ist, Ehrfurcht[7]; und dadurch orientiert das Wahre, Schöne und Gute das Weiterleben.

Am Anfang eines jeden Lebens war die (jeweils kaum sichtbar differenzierte) Einheit. Diese Einheit differenziert sich und zerkrümelt dann allmählich. Da sieht man alle (einst so selbstverständliche) Harmonie als Wunder!

(Kollektiv-subjektiv) „gut“ und schön ist die immer neue, zeitweilige, wahrnehmbare Integration von evolvierenden, umstrukturierenden und sich auflösenden Subsystemen.

Gemildertes Chaos

Der alte griechische Symmetrie-Begriff war weiter; auch unsere „Selbst­ähn­lich­keit“ hätte darin Platz gehabt. Er spricht das Zusammen­stimmen von Maßen an. Es ging um „Angemessenheit“, Proportionen, „Ebenmaß“ (Hermann Weyl), Harmonie, und insofern um Schönheit.

Man erkennt die „Handschrift“ einer Persönlichkeit in allem, was sie tut, sagt und denkt. Selbstähnlichkeit* über mehrere Niveaus kennzeichnet die hierarchische Struktur des Selbst, ist Folge innerer Durchgestaltung und deshalb Zeichen des Ernstes von Religion und und Moral, nach außen: Kriterium von Kultur und Kunst.
Das Zufällige im Rahmen der Selbstähnlichkeit[8] unterscheidet die Ebenen und geht auf Rechnung des zu formenden Materials. Dem ästhetischen Formwillen ist die Eigenart des Materials wichtig.

Innere Selbstähnlichkeit eines größeren Ganzen findet sich zwischen Form und Inhalt; Gedanken, Worten und Werken; den inneren Objekten*; beim Sinn des Lebens im einzelnen und im ganzen; im Lebenslauf; zwischen Übergangsobjekt, Symbol und Arbeit. In all diesen Bereichen macht die materialgerechte [9] Selbstähnlichkeit die Schönheit aus.

Klassisch definiert, macht das Eindringen der Idee die Materie schön.
Das bedeutet auch: Selbstähnlichkeit eines Systems in seiner Interaktion mit verschiedenen anderen Systemen.
Es ist häßlich, beziehungslos hier so und dort ganz anders zu sein. Die Identität eines solchen häßlichen Charakters ist an den Grenzen zwischen seinen verschiedenen Bezugsbereichen total abhängig von der lokalen Kohärenz der global sehr inkohärenten Umwelt. Dieses Leben ist von keiner Idee durchdrungen. Allerdings „ist es unmöglich, unter falschen Verhältnissen richtig zu leben“, wie Adorno sagte.

Wer sich darüber ärgert, daß er sich ärgert, ist eine ästhetisch reizvolle Figur.
Reflexion ist ein Selbstähnlichkeitsphänomen, aber schön nur, wenn das Material von Stufe zu Stufe reich genug ist und genügend variiert.

Das Kunstwerk ist eine vielschichtige, durch Selbstähnlichkeit stabilisierte Struktur und als solche ein Exempel des Selbstseins. („Was aber schön ist, selig scheint es in ihm selbst.“ Mörike)
Die primitive Kunst der Postmoderne bietet Exempel der unstrukturierten (trivial selbstähnlichen) Zufälligkeit an, in der ich mich wiedererkennen soll.

Hegels Synthese im Dreischritt konstruiert eine durchgehende Selbstähnlichkeit der Wirklichkeit. Die Analyse artikuliert dann die Eigentümlichkeit des jeweiligen Materials.

All unser Verstehen beruht wohl letztlich auf Selbstähnlichkeit der „Erde, von der wir genommen sind“. (Goethe sagte, das Auge sei „sonnenhaft“, da es die Sonne erblicken kann.)

Das Prinzip der Selbstähnlichkeit ist ein rekursiver Algorithmus.
Besonderheiten des Schönen sind Störungen der unendlichen, rein deterministischen Selbstähnlichkeit. zB verschiedene Wahrscheinlichkeiten von rekurrenten Prozeduren, Wechsel von positiver zu negativer (komplementärer) Form.

Zum Material der Lebenskunst gehören: Herausforderung durch die Miterlebenden, Abbrüche, Erschöpfung, Repetition, fehlerhafte Replikationsketten.

Kunst ist animierend, spezifisch belebend.

Eine Vielzahl Gebäude ist, platonisch gesprochen, von schwachem Sein, keine feste Gestalt im Sinne der Wahrnehmungspsychologie, nicht strukturierte Einheit, sondern Chaos. Man sieht sie aus dem Eisenbahnfenster nur als irgendwie materialisierte abstrakte Funktion, häßlich.

Schönheit ist ein Resonanzphänomen.
Natur: Auf der einen Seite die Seele des Betrachters, auf der anderen das Stück Natur, welches aufmerken und verweilen läßt. Es gewinnt Bedeutung für den Betrachter, primär symbolisch; es steht für einen lebendigen, nicht festlegbaren Zusammenhang von Vielem: Empfundenem, Vorgestelltem, Gedachtem.
Kunst: Auf der einen Seite die Ausdruck suchende Kreativität des Künstlers (oder Betrachters); auf der anderen das Material des Kunstwerks (Sprache, Stein, Leinwand, Farbe etc. in Bearbeitung (bzw. das Kunstwerk, das sich der Betrachter erarbeitet).
Zwischen diesen Polen schwingt, zielstrebig, ein Reflexionsprozeß, den man selbstähnlich nennen möchte, – mit dem neugeschaffenen (verstandenen) Symbol als End-„gestalt“ (bonne forme). Das, wofür es steht, kann man nicht besser zum Ausdruck bringen. Dies gibt ihm seinen eigentümlichen Wert.

Alles ist in bestimmten Hinsichten mehr oder weniger schön, in anderer Hinsicht mehr oder weniger häßlich.

Der Eindruck von Schönheit macht bescheiden. Bescheidenheit sieht schöpferisch Schönheit.

„Schön“ ist aussichtsreich. Man finde einen hoffnungsvollen Gesichts- und Standpunkt, und die Welt ist schön.

Spiel ist Wechselwirkung.
Spiel-Raum ist bedingte Freiheit.
Das Schöne umspielt mit uns ein Gleichgewicht. Ähnlich Heraklits Αἰών, spielt Luthers Gott[10] mit uns ungleichgewichtig – wie ein Junge mit Dingen und Tieren.

Wie die Realität, so ist das Schöne chaotisch.

Rekursionen sind auch ästhetische Phänomene. Schöner als eine weitestgehende Realisierung ist eine Andeutung von Fortsetzbarkeit.

Nicht Ordnung, sondern mildes Chaos kann schön sein.

Sternhimmel (phantasieanregend: zufällig gruppiert, über viele Größenordnungen).

Ästhetisch ambivalent: Eisblumen: Tote Karikaturen auf Biotop. Gebirgszüge: der Horizont ist langweilig; aber die verschieden hohen, verschieden geformten Züge im Vorder- und Mittelgrund, geschweige der Blick ins Tal, bringen Spannung ins Bild.

Scaling allein ist öde Gleichförmigkeit über die Größenordnungen.

Was vornehmlich die Jugend schön macht, ist die natürliche Zuversicht. Sie unterscheidet auch den Idealisten vom Moralisten.

Natur

Es ist ein ernüchternder Gedanke, daß der erhabene Eindruck von Schönheit phylogenetisch ein erfreulicher, weil nämlich vielversprechender Eindruck ist: Naturschönheit – reiche Sammel- und Jagdgründe; Menschen – gesunde Partner; Berggipfel – weiter Überblick; die früheste Kunst machte (magisch) faßbar, etc.
Heute vermittelt das Schöne ein entspannendes Gefühl des Getragenseins und Sich-entfalten-Könnens.

„Naturschönheit“: Man hört und sieht das Lebensfrohe, kraftvoll Wachsende. Das Schwache ist überwachsen.
Caspar David Friedrich provoziert das Erlebnis der Kraft des Jenseits durch Darstellung des diesseitigen Gegenteils. (Komplementarität)

Schön für den Betrachter ist die Natur im dynamischen Gleichgewicht der kämpfenden Kräfte.
Frühling: Alles Lebendige kann nun, nach dem großen Tod, wachsen – mit kleinen Störungen, die die große Stabilität zeigen.

Was macht den Sternenhimmel schön? – : Die erhabene, doch faßbare Größe; das feine Schimmern vor der Hintergrundsfarbe; die phantasieanregende zufällige, aber nicht „normal“, sondern mild chaotisch gruppierte Verteilung.

Man liebt das Schöne, hoffnungsvolle, beglückende Kraft (auch wenn sie unglücklich ist und verunstaltet erscheint, aber man sie als im Grunde glücklich versteht). So legitimiert die schöne Erscheinung dem Volk die Majestät. Und so vererben die Alten den Jungen gern.

Eine Blüte ist so etwas wie ein Gebet in der Krise des Generationswechsels. Die Schönheit der Jugend ist ein Gebet der Menschheit.

Kooperation ist schön.

Schönheit geht zu Herzen kraft ihrer Vergänglichkeit!

Äste vor gestrichenen Häusern: Die Gnade, der Charme des Zufalls.

Kunst

Im Symbol interessiert sich die Kunst für den Signifikanten, die Religion für das Signifikat.

Bewährtes ist schön.
Rechtwinkligkeit ist an sich häßlich, nur als optimierte Beschränktheit schön. Und Optima halten nicht lang.

Die Integrationsleistung des Kunstwerks spricht den Menschen als ganzen an und unterstützt ihn als Person. Es entsteht in "Liebe zur Sache", und es ist eine persönliche Hilfe, ein Modell von Lebenskunst.

Kunst ist vornehmlich die Gestaltung des Chaos im Grenzbereich einer Ordnung.

Κόσμος = schöne Ordnung. Der Fries des Tempels von Ägina in der Münchner Glyptothek zeigt: Der "schöne" Körper "kann" (sichtbare δύναμις) es mit dem Chaos aufnehmen. Er ist "wohlgeordnet" zum Kampf gegen das Chaos. Das macht seine ernste Schönheit aus. Menschliche Schönheit drückt φρόνησις, Vernunft, aus, über die unmittelbare körperliche Auseinandersetzung hinaus erweiterte Kompetenz.

Unausgeglichen begabte Versager in der Lebenskunst werden manchmal Künstler.
Kunstwerke sind manchmal Wunder, und Künstler Zauberer. Kunstwerke sind relativ kontextunabhängige, mehrfach verwendbare, deshalb marktgängige Gegenstände. Ihre Marktgängigkeit ist für die Bildung kollektiver Symbolik wichtig; sie ist aber in ihrer Unspezifität begründet, und diese begrenzt ihren Wahrheitswert für den einzelnen.

Große Kunst ist überwältigende Ausarbeitung der Idee im Material in exemplarischer Liebe zum Wirklichen.

Malen ist kritisches Bejahen. Der Maler holt heraus und übergeht, hält fest, identifiziert, stabilisiert, segnet.

Musik ist Information, nicht über Objekte, sondern über subjektives Erleben; Abbild, das Rückwirkung auf das Erlebnis hat und ein Erlebnis durch Resonanz mit dem Abbild stabilisiert.
Musik ist ein animierendes Formangebot, Paradigma für die Seele. Musik ist exemplarische Erlebnisfolge. Fürchtet euch nicht! Alles kommt zu seiner Zeit zu seinem Recht. Alles fügt sich – ἁρμονία.

Im Kunstwerk wird der schöne Umgang mit dem Häßlichen angebahnt. Goethe vermißte in Lessings Emilia Galotti den Störfaktor Zufall.

Botschaft der Musik Haydns: Das Leben ist langweilig repetitiv; aber wir können es uns zusammen doch manchmal sehr schön machen.

Das große Kunstwerk ist ein wichtiger Ort menschlicher Begegnung. Wie an jedem Heiligtum können sich auch hier Kleine wichtig machen. Das ist störend, aber nicht so wichtig.

Die musikalische "Verzierung" muß immer Explikation (Erklärung durch "Entfaltung") sein, ein Blick durchs Vergrößerungsglas, der auch Überraschendes zeigen kann.

In der Musik des so schwerbehinderten Petrucciani ist kein Gott, kein Sollen. Da ist Wahrnehmen und Wollen.
Diachronie ist das Integrationsmedium: Wahrnehmen (Hören) und Weitermachen.

Das Individuum der klassischen griechischen Plastik ist eine "Gestalt", bonne forme, abstrakt.
Wie die Blitzlichtaufnahme eines Sprungs eine brauchbare Repräsentation nur zusammen mit dem Wissen vom Springen wird, welches im Betrachter durch den Anblick reaktiviert wird, so gehört zum Marmorjüngling in seiner "edlen Einfalt und stillen Größe" Kenntnis des ganzen Lebens, das hier repräsentiert wird. Sonst erwächst daraus eine Winckelmann'sche Illusion.
Die klassische griechische Plastik – nicht ganz falsch: "edle Einfalt, stille Größe"! – war Wunschbild im damaligen Chaos.

Als klassisch kann nur etwas Gemäßigtes klassiert werden. Ungezügeltes Denken bedroht jede Kultur, die überhaupt kanonisieren könnte. Der Klassiker selbst aber ist ein Nicht-nur-Klassiker, der sich zügelt.

Religion ist Lebensstil, global. Kunst ist métier (Handwerk, frz. von lat. ministerium), betrifft einen Lebensbereich. Lebenskunst betrifft den ganzen Lebenszusammenhang und ist die Erscheinungsform des reifen Glaubens. Freilich kann das Leben nur ein offenes Kunstwerk sein, meist fragmentarisch. Ein Leben als geschlossenes Kunstwerk wäre Kitsch.

Kunst ist Integration von Störungen. (Vgl. Louis Armstrong: „Jazz ist, wenn man einen Ton spielen will und nicht trifft.“)

Musikalische Variation ist Integration von Störfaktoren.

In Texten und Kunstwerken vibrieren die Elemente gemäßigt chaotisch. Mehrdeutigkeiten sind konstitutiv.

Die Kunst stärkt uns zum Guten. Meisterung einer Gestaltungsaufgabe begeistert und inspiriert zur Nachfolge.

Kunst ist beispielhafter Umgang mit dem Material. Das Kunstwerk macht dankbar und inspiriert tendentiell zum gut machen, was man tut.

In der Musik sind Anspielungen die elementare Bautechnik. (Besonders deutlich die harmonischen und polyphonen Anspielungen in den Doubles von Bachs erster Violin-Solopartita.) Ähnlich arbeitet die menschliche Rede.

In einer Welt, wo es so große, gute und schöne Menschenwerke wie Bachs erste Partita (h-moll) für Violine solo gibt und wohl auch weiter geben wird, muß ich mich nicht mehr so ernst nehmen, kann ich mich mit meiner Berufung zu Großem, Gutem und Schönem zurücknehmen und Nebensache sein. (Kann man in diesem Sinne die klassisch-dogmatische Lehre von der stellvertretenden Genugtuung Christi verstehen?)

Gute, stark belastete Berufsleute zeigen doch oft eine solche Sehnsucht nach Teilhabe am sog. Kulturleben, daß sie sich selbst und anderen da gern auch etwas vormachen. Zum guten Teil hiervon leben die sog. Kulturschaffenden.

Kultur ist Spiel. Zwischen Schlaf und Arbeit braucht man einen Spielraum für kontrolliert, gefahrlos tätiges Träumen. Die Institution Kultur bietet einer tötend realistischen Gesellschaft sozialisierte Träume an.
Der kulturell Schöpferische muß, stellvertretend für die Gesellschaft, in sich selbst entdecken, was Ausdruck finden will. Wenn es zum Ausdruck kommt, ist es in unheimlicher Weise schön, nämlich im Grunde erschreckend und verstörend. Insbesondere für Kultur und Religion ist deshalb etwas Wahres an dem Wort aus der Reformationszeit: Die Welt will betrogen sein.
Die Ausnüchterung ist dann allerdings auch verstörend. Besser man nimmt das Kunstschöne auf wie einen befremdlichen eigenen Traum, den man sich, wach, im Spiel der Assoziationen dann langsam aneignet.

Klassisches Kulturgut soll bekannt gemacht, aber nicht aufgedrängt werden. Es stellt unsere höchsten Qualitätsmaßstäbe dar und man hat deshalb damit gesellschaftlichen Erfolg. Es sammelt deshalb unsere Suche nach eigenen Entwicklungsmöglichkeiten.
Sozialisierung durch verfrühte Schulung an klassischen Bildungsgütern als unbedingten Werten verbildet. Bildungsautoritarismus bewertet mit Absolutheitsanspruch; er prämiert Imitationen und behindert eine echte, entwicklungsfähige Aneignung.

Kitsch ist Fetischisierung eines erschöpften erstarrten Gefühlssymbols, – erstarrt, weil die Umgebung nicht hörte; eine fast unheilbare Krankheit; erstarrt in einer sozialverträglichen, für Sensible quälenden Pose.

Jedes Spiel hat seine Schönheit aus einer mild chaotischen Dynamik, die unsere eigene mild chaotische Dynamik anregt, uns lebendig hält, uns im volleren Sinne des Wortes „unterhält“, indem es uns Möglichkeiten zuspielt.

Die klassische Kunst gestaltet das Material zu neuer Herrlichkeit. Moderne Kunst macht eine eigene Aussage des Materials hörbar.
Abbildende Kunst vermittelt schöpferisch zwischen dem Material und einer Vision von Original.
Kunst ist Offenbarung zugleich von Material und Idee.

Kunstwerke sind Integrationsleistungen. Ihr Wert erweist sich in ihrer bildenden Wirkung für die Gestaltung des Alltags.

Musik vermittelt zwischen Gegensätzen. Ein "Thema" ist bereits Anti-these, causa formalis vs. causa materialis.

Maler zeigen ein paar Zusammenhänge, die man, wissend und zielstrebig, als unwesentlich zu übersehen pflegt.
Die Welt ist uns nicht schön genug. Das Ungenügen dirigiert die Dynamik unseres Lebens zunächst deprimierend diffus. Wir müssen immer wieder einmal, verfremdet, die Augen und alle Sinne weit genug (nach außen und nach innen) aufmachen für die (kombinatorisch unendlichen) Möglichkeiten, die da – nicht brauchbar jetzt, aber auf lange Sicht vielversprechend – belebend sich unsrer Ahnung andeuten und für unsere Gegenwart inspirieren zu "schönen Taten" (so der neutestamentliche Ausdruck für "gute Werke").

Das Kunstwerk faßt zusammen und zeigt das Viele im Licht der Liebe Gottes; es vermittelt eine Vorstellung von der Liebe Gottes, – vielleicht eine erschreckende. „Durchschlagend!“, muß man bisweilen bezeugen. Auch der Begriff „Offenbarung“ legt sich nahe. Aber ohne Wechsel mit anderen Vorstellungen ist die beste Vereinfachung verführerisch.

Im Lied haben nur die einzelnen Worte Bedeutung. Die Syntax ist aufgelöst in die Melodie.

„Kunstwerk“ ist ein schön gemachter, erfreulicher Gegenstand, Gelingen per aspera als Geschenk. Es verstärkt die in die Welt gesetzte menschliche Hoffnung paradigmatisch, es übt integrative Kraft auf den Betrachter aus. So ist auch die Bibel ein Kunstwerk.

Geschmacksbildung ist Ausbildung der analogischen Sensibilität.
Kitsch ist Scheinbeherrschung.

Kunst ist Pflege der Existenzsymbolik.

Musik kann, wie Religion[11], zum Zwang werden.

Ideal

Zwischen der ökologischen, menschheitlichen, ..., familiären, individuellen, triebhaften Optimierung herrscht Chaos. Jeder Bereich hat seinen zentralen Gesichtspunkt, von dem aus er anderen Dimensionen ihre Bedeutung zuweist. Auch hier ergibt sich das vom Leibniz thematisierte Problem der Kompossibilität. In der Koordination spielen unsachgemäße points of saliency[12] eine Rolle.

Ideale sind energetische Minima* (im Interesse der Konzipierbarkeit:) niedrigdimensionaler Subsysteme im memetischen* Chaos*; einfache Visionen von Schönheit einer lebensfreundlichen Welt.
Als Attraktoren* wirken Ideale belebend. Sie geben dem Leben in ihrem Bereich einen Sinn, Struktur, Ökonomie.

Begeisterung ist Idealisierung, Machtergreifung einer Idee im Leben als Vision. Sie macht fruchtbare Lust am Leben.
Die Wolkigkeit der Vision macht die jeweiligen Ideenträger für die Entwicklung der Idee wichtig. Ihre Idiosynkrasien konkretisieren die Idee.
Ideen begeistern auch andere; es entstehen Kooperationen und Koalitionen. Die Träger einer Idee haben bald mehr als nur diese Idee gemein. Der Glaubensbruder ist mir so förderungswürdig wie ein Bruder.
Machtverzicht um der Idee willen ist deshalb wohl eine evolutionär* stabile Strategie der Meme*. Ide­en können Opfer fordern, heilig sein.
Man kann deshalb auch seinen Kampf fürs eigene Dasein mit einer heiligen Aufgabe legitimieren.

Auch Selbstbeherrschung ist eine Quelle von Selbstwertgefühl; Willenskraft gegenüber Wünschen (Partial-Ichs) verleiht die Grandiosität eines Souveräns. Die (psychische) Macht des Subjekts nach Innen erhöht sein (soziales) Prestige. Ein klassisches Ideal.
Heute sind die äußeren und inneren Abhängigkeiten des Ich allgemein anerkannt; und man schätzt die Chancen, die in den Verflechtungen stecken, höher.

Man soll nicht nur an eigenen Idealen messen, sondern auch die eigenen Ideale an der Wirklichkeit messen. Ideale sollen allerdings Beständigkeit geben. Nicht Gesinnungslosigkeit, aber Offenheit ist zu wünschen. Konkret ist diese immer ein Wagnis.

Sein Ideal sollte dem Einzelnen eine gewisse Unabhängigkeit von augenblicklichen Pressionen geben, die ihm mehr Umsicht erlaubt und damit größere Urteilsfähigkeit verleiht.

Ciceros humanitas war eine Qualität des Individuums; Das Christentum hat sie als zwischenmenschliche Beziehung verstehen gelehrt.

Idealismus, wenn er nicht dumm ist, lädt verführerisch zu narzißtischem Konsens ein, manchmal segensreich.

"Brüderlichkeit" ist eine bezaubernde Idee! Brüder sind einig nur gegen außen. Ohne Außen herrscht die bekannte Geschwisterrivalität.

In unsrer Kultur herrscht das "Ideal überlegener Individualität" (S.Neckel). Es wirkt immer hohler, gespenstischer.

Idealismus der öffentlichen Meinung und Zynismus der privaten Meinung polarisieren einander.

Das überhöhte Ideal schwächt und macht abhängig von seiner Gemeinde.

Respekt ist eine profane Klugheit. Bescheidenheit ist verehrungswürdig.

Reifung kann nicht Ziel sein, aber ist Ergebnis eines aufmerksam gelebten Lebens.

Paradoxe stellen den kosmos in Frage. Die Pythagoreer, die diesen konzipierten, kannten da kein Pardon [13]; denn paradoxe Heilslehre enthält den Tod des Ideals.

Man kann nur Stücke – und diese nur in gewisser Hinsicht – vollenden. Man muß abbrechen und müßte Abschied nehmen von der Idee der Vollendung.

Trauerarbeit erreicht oft ihr Ziel – Einebnung des Verlusts – nicht; sie läuft aus.

Mäßigung des Idealismus führt zu weniger Liebesenttäuschungen und weniger religiösem Leben.
Es gibt dann auch nicht mehr "die Anständigen" als meine Bezugsgruppe, aus der ich mir meine Freunde wähle. Es gibt nur noch Sympathien und Wertschätzungen.

Ideen schmarotzen am Menschen. Der Idealist lebt äußerlich suboptimal. Aber er überlebt wahrscheinlich und kann nicht nur für seine Kinder sorgen, sondern sorgt für seine Kulturgemeinschaft.

Erwartung der Seligkeit nach dem Tode ist bei dem, der an das Gute glaubte, fast eine Tautologie.
Sie wird leicht rechtlich oder doch moralisch verengend interpretiert: Zunächst folgt man dann dem Ordnungsschema der Lebensführung: Arbeiten für Genuß. „Segen ist der Mühe Preis“ (Schiller). Das ist göttliche Gerechtigkeit (klassische Hochreligionen) oder moralische Schuldigkeit der Natur (Goethe).
Aber schon die chronologische Grundstruktur kann nur als Metapher gelten.

„Gut“ ist etwas für etwas – für mich, ihn, es, uns, sie. Wo über den Bezugsrahmen hinreichende Einigkeit besteht, muß man diesen nicht nennen. Das hier Gute ist dann Symbol für das imaginäre absolute Gute.

Identifikation wird symbolisch reifiziert (Tätowierung, Familien-, Volks-, Gattungname). Die vielfache, zusammenfassend im Symbol identifizierte Realität wird als soziale Einheit konzipiert und konsensfähig irgendwie kognitiv strukturiert; Kompromisse und Koordinationen werden erfunden. So wird das Symbol förderlich, und die Einheit in seinem Zeichen wird idealisiert.
Die diesem Ideal zuwiderlaufenden Autoregulationen der Untermengen und der Einzelnen, die Schuld, ist darin aufgehoben.

Wenn man doch schon sterben muß, und als Teil des Gen-pools animalisch definiert ist, will man nicht nur für die eigenen Nachkommen (das ist eine zu schmale Basis!), sondern im besten Sinne für die anderen gelebt haben. Das ist die Idee humanitas, eine memetisch, nicht unbedingt genetisch optimierende Verhaltenssteuerung!

Eine Utopie ist ein narzißtisches Assimilationsschema, Ausgangspunkt für die realistische Erarbeitung befriedigender Ziele und Ergebnisse.

Gegenüber der selbstgerechten Gesellschaft, ist das Ideal der erste herausfordernde Repräsentant der Transzendenz.

Ideale sind imaginär, einfache Suchbilder.

Jedermanns „heile Welt“ wird desto heiler, je besser sie mit den heilen Welten der andern zusammenpaßt.

Mein Ideal ist aus meiner „Wir“-Vergangenheit extrahiert.

Der Kampf ums Dasein ist ein schmutziger Krieg, status corruptus. Statt Buße ist Anerkenntnis der allgemeinen, schuldigen Todverfallenheit zu predigen! Symbole für Mitmenschlichkeit inmitten des Kampfs gegen einander, ins Spiel bringen, schöpferische Bescheidenheit, Wartenkönnen, „Ge-duld“ verherrlichen!

Europa setzt weiter auf soziale Gerechtigkeit. In den USA und im Islam tröstet man sich mit subkulturell getragener Hoffnung auf ausgleichende Gerechtigkeit im Jenseits. Beides fundamentalistische kollektive Illusionen.

Manchmal ist mir meine aktuelle Gottesvorstellung zuwider. Die Dialektik des Ideals ist eine Gotteslehre als Trinitätslehre: Unser Gott liebt offenbar, was wider ihn ist.

Freiheit und Sicherheit – Ideale liegen in einem chaotischen Konflikt.

Wir sind spannungsvolle einzelne Naturereignisse, angelegt auf soziale Selbstorganisation. Diese gelingt, mit Idealen als Attraktoren, nur lokal und zeitweilig, unter günstigen Bedingungen. Ideale können unversehens als Illusionen erscheinen und ihren Orientierungswert verlieren. Ideale sind gleichwohl für uns lebensnotwendige Naturprodukte.

Die Selbstmord-Terroristen sind junge Leute, die im Chaos der Orientierungen sich, mit vereinten Kräften, an der Großartigkeit einer radikalen Vereinfachung berauschen, die sie zu großen Taten befähigt.

Ein Ideal ist ein vieldimensionales Such-„bild“, ein Assimilationsschema. Seine Kraft verdankt es dem kognitionsökonomischen Vorteil seiner relativen Einfachheit.

Ideale bringen segensreiche Illusionen hervor. Gemeinsame Ideale bilden die Basis für vertrauensvolle Zusammenarbeit.

Gelebte Ideale sind auch lebenslang in Revision.

Wie sieht gelebte Seligkeit aus? – : Wir können sie uns nur als Spielen vorstellen. Im Spiel setzen wir (in „rollender Planung“) selber die Ziele.
Die freie Harmonie von Reigen, Tanz und Spiel der Seligen vor Gott auf den alten Paradies-Bildern ist Idealisierung des Weltgeschehens.

Innovation setzt Idealismus und Opferbereitschaft voraus.

Die Eigendynamik des Ideals entschädigt und bereichert den Idealisten, indem sie sein Selbst entgrenzt, so daß er sogar sein „irdisches“ Glück für die Realisierung seines Ideals einsetzt. (Da der Mensch ein genetisch-memetisches Verbundsystem ist, kann das sogar eine evolutionär stabile Strategie sein.)

Der Heros, an dessen Grab die Alten Griechen Kampfspiele aufführten, ist ein Halbgott. Der Wettkampf zeigt den Menschen an der Grenze des Menschlichen, begeisternd. Die Schönheit (bonne forme) des Athleten repräsentiert den Heros.
Das sind Gestalt-Wahrnehmungen vom Idealen.

Die „Ideen“ der Platonischen Betrachtung (etwa: „Gerechtigkeit“) sind ewig, radikal vereinfachende Assilimationsschemata, und deshalb nur bedingt zur Lebensorientierung geeignet.

Gut und Böse

„Das Gute“ und das Störende/Schlechte/Feindliche, Gestalt und Ungestalt, bilden zusammen eine binäre Ver-„ein“-fachung, in der das gestreßte Individuum wohl nicht die „letzte“ Wahrheit, aber doch wenigstens seine Einheit wiederfindet, wenn sie allzu „verschmiert“ ist.

„Gut“ für den Gestörten in seiner Dynamik ist nicht einfach „Harmonie“, sondern „Musik“ – als ebenfalls gestörte Harmonie, Harmonie höherer Ordnung.

Zeitgewinn für das beschädigte Gute ist der höchste Gewinn, den wir mit guten Werken erreichen können.

Bosheit ist ein Element des Kampfs ums Dasein zwischen verschiedenen Wesen, die jedes seinen Kooperationsentwurf haben und hierfür, als für das Gute, unter Umständen bitterböse gegen einander kämpfen.

Gute Taten beglücken auch unter häßlichen Umständen, weil sie schön sind (καλὰ ἔργα).

Wir haben Nachwirkungen, deren Nachwirkungen wird nicht überblicken können. In diesem Sinne sollen wir die Hoffnung nie aufgeben. Hoffnung mit langem Atem hat die größte Chance (mehr allerdings nicht!), etwas zu tun, was wir mit gutem Gewissen gutheißen können.

Massensterben und Massenmord sind im Chaos des Lebens unvermeidlich.
Wir können im Chaos des Lebens nichts sicher Gutes tun, sondern nur hoffen, die nächste Katastrophe durch glückliche Eingriffe noch einmal hinauszuschieben.

Integration stabilisiert und ist lokal gut, insofern sie stärkt. Global sind Koordinationsprozesse auch zerstörerisch. Paradebeispiel: Globalisierung der Wirtschaft. Die Nebeneffekte und deren Folgen sind unvorhersehbar. Das Tempo nimmt zu, der Fortschritt überflügelt die menschlichen Kontrollmöglichkeiten, die Entwicklung ist chaotisch.

Das real existierende Gute ist immer „beschädigt“ (Melanie Klein), nur bescheidenes Symbol, Verheißung, Hoffnungsträger. Das qualifizierende Subjekt gehört dazu!

Herkules war „tief erniedrigt zu des Feigen Knechte …“ (Schiller). Um des Guten willen muss man auch dem Schlechten dienen.

Der Tugend droht immer eine (schwer definierbar „ungute“) Selbstzufriedenheit; die Tugend wird ihr eigenes Opfer. Bei viel klarer Erkenntnis des Guten verliert man leicht das Gefühl für die Möglichkeit „unerkannter Sünde“.
Der eigenen Erkenntnis steht unvermittelt die ebenso klare Erkenntnis anderer gegenüber, die andere Lebenserfahrung haben. Die hier fällige Vermittlungsarbeit ist außerordentlich anstrengend; und der Erfolg ist ungewiß. Das moralische Urteilen ist eine chaotisches Unterfangen.

Ideologisierung einer Tugend führt geordnet ins Chaos.

Haß ist psychisch entlastend. Aber es gehört die Kraft eines blinden Glaubens dazu.

Vergötzung des Guten gebiert den Glauben an das Böse.

Unrechtleiden macht zunächst böse; aber der Mensch kann daran reifen.

Quälsucht, Rachsucht, Neid mögen ihre Wurzeln in den prähistorischen Zufällen haben, denen wir unsere Grundausstattung verdanken. Sie mögen jünger sein und in (historisch oder biographisch) früheren Zeiten einen Selektionsvorteil geboten haben. Sie können aber weiter existieren, auch wenn die Entstehungsbedingungen längst nicht mehr gegeben sind.
Sie können in den meisten Fällen memetisch zur Stabilisierung der Kultur instrumentalisiert werden. (Vgl. Freuds Verständnis von Arbeit als sublimierter Aggression.)

Das erlittene Böse macht böse. Dieses Böse in mir selbst will ich verarbeiten; ich will mir Verstehen erarbeiten. Ich will mich nicht anstecken lassen von Bosheit. Die Welt, in der ich leben mag, ist eine halbgeordnete, instabile Mischung. Da gehört es zu meiner Selbstachtung, etwas zur Erhaltung der bedrohten Welt beizutragen. Meine Selbstachtung ist also durch meine Bosheit bedroht.

Die Welt wird ein Feld der Bewährung bleiben; nicht nur "Material der Pflicht", sondern Raum meist unglücklicher, aber auch glücklicher Liebe. Der aufmerksame Blick wird inmitten alles Bedrückenden immer erfreuliche Regungen der Bewahrung und des Neubaus sehen.

Ares (Ἄρης, „der Verfluchte“) /Mars ist ein Gott! Es gibt „das Unbehagen in der Kultur“, Trotz, „Autonomie gegen Abhängigkeit“, Wut; den akuten Triebwunsch, sich „richtig“ auszutoben und die Weltordnung, die mich zum Heuchler machen will, zu zerstören, das wahre Leben zu wagen. („Ich habe Lust, im weiten Feld zu streiten mit dem Feind wohl als ein tapfrer Kriegesheld, der’s treu und ehrlich meint.“)

Wir sind genetisch und kulturell so programmiert, dass wir unsre Chancen in dieser Welt auch wahrnehmen möchten; die Schöpfung ist in erster Linie „sehr brauchbar“. Erst in zweiter Linie haben wir über die „gefallene Schöpfung“ zu klagen.

Nichts Definierbares ist schlechthin gut. Alles hat seinen Sinn in einem abgründigen Kontext.

Man muss sich das Bedürfnis, das Böse zu lokalisieren, systematisch ab-erziehen; es macht die Dinge nur noch schlimmer. Alles Identifizierbare kann das Böse nur bedingt repräsentieren – und wir durchschauen die Bedingungen nur sehr beschränkt. Man darf sich nicht moralistisch gehen lassen; man muss – mit Lacan zu reden – den symbolischen Charakter des Zugangs zum Imaginären (dem Bösen) wahren.

Der Mensch braucht für die Aufrechterhaltung seiner Kohärenz eine Symbolik des „Guten“.

Man soll nicht an das Gute glauben, aber ihm immer eine Chance geben.

Finde Gutes und entwickle es weiter!

Dass das lokal Gute auch global gut sei, ist eine angeborene Hoffnung.

Man dynamisiert sich selbst, indem man zwischen Gut und Böse polarisiert.

Der Sinn von Begriffen wie „das Gute“, „der Sinn des Lebens“ u.dgl. zerfällt, wenn man ihn globalisiert. Es handelt sich immer nur um den lokalen Sinnhorizont je meines Lebens in seiner Umgebung.
Plato verdinglicht, in bösen Zeiten, reaktiv „das Gute“. Er mythologisiert es, um es, institutionalisiert verbindlich gemacht, zu sichern und dann unter der Hand zu verwechseln mit seinen gewalttätigen dogmatischen Operationalisierungen.

Evolution ist sehr verschwenderisch. Mut des Individuums kommt ihr zu gute.
Es kommt ihr nicht auf Perfektionierung des Einzelnen an, sondern auf breite Streuung mit „gutem“ Durchschnitt.

Die Kehrseite der christlichen Liebesreligion war die apokalyptische göttliche Rache. Die Apokalyptik organisierte eine kosmische Desintegration: sublime Liebe ( ἀγάπη/caritas) neben teuflischem Sadomasochismus.

Gut ist, was im Chaos Chancen hat, stabilisierend zu etwas zu passen, was zu anderem passt … usw.

Warum reden nicht die Christen, sondern die Mohammedaner von dem „All-Barmherzigen“? – : Weil der Glaube an Gottes All-Barmherzigkeit nur wenn konkret gefaßt, wie im Christusglauben, machbar ist, sonst aber nur unbarmherziges Glaubensgesetz ist und Programm bleibt.

Unter günstigen Umständen lernt man, daß der Kampf für das imaginäre (gewusste, reine) Gute böse ist. Der „gute Kampf“ ist nicht ein Kampf des Wissens, sondern „des Glaubens“ (1Tim 6,12) an Symbole des Guten, also bescheiden aufmerksame Liebe.

Etwas Gutes zu tun, ist meist eine Illusion; aber auch dann war es eine gute Tat.

„Gesund“ ist soziabel; „man“ weiß, was gesund ist. Aber die Menschen leiden nicht nur an einander, sondern kranken auch an einander. Das befähigt sie zum Respekt vor dem „real existierenden“, Melanie Kleins „beschädigtem Guten“.

Die Intentionen der Einzelnen sind gut, aber weithin unverträglich. Man sucht nach hoffnungsvollen Kompatibilitäten.

Kosmos/Gerechtigkeit

Die klassische „Weltordnung“ ist φύσις, harmonische Dynamik, und entspricht der Vernunft.

Das Kind hält sich für gut, will Gutes für sich und hält sich für etwas Besonderes. Aber man versteht sich zunehmend als ein Mensch und wünscht sich Gutes für die Guten und Böses für die Bösen. Hunger nach der imaginären Gerechtigkeit gehört zum reifen Individuum.

Der kosmos-Glaube war evolutionär erfolgreich. Er hat Ordnungen geschaffen. Teilhabe an der ewigen Wahrheit (und der ihr entsprechenden Gerechtigkeit) rettete den Einzelnen vor der Vergänglichkeit. Dem Unglauben gebührte in dieser Ordnung Vernichtung; wer leben will, muss Ansteckung vermeiden und seine Lieben, notfalls mit Gewalt, vor dieser hoffnungslosen Krankheit schützen.
Das Leben braucht, im Interesse der Beweglichkeit, auch Versteifungen – neben Muskeln auch Knochen. (So hat auch die Symbolik der Sprache ihre Starrheiten. Die Sprache soll lebendige Elemente lebendig koordinieren.) Bewährung stärkt das System; die Beweglichkeit der einzelnen Elemente wird eingeengt. Die Lebendigkeit der Einzelnen sucht also Bewegungsfreiheit system-extern. Systemextern ergeben sich Koordinationen, die als systemgefährdend unterdrückt werden können. Wenn aber allzu viel Leben aus dem System ausgewandert ist, geht die Ordnung in die Brüche. Der kosmos-Glauben wird angefochten; chaotisch lösen sich revolutionäre und reaktionäre Phasen ab. Ursprünglich relativierte das Christentum die Weltordnung eschatologisch und wartete auf Gott als Revolutionär. Das ging aber bereits in der frühkatholisch geordneten Kirche wieder unter. Das ist verständliche kosmos-Dynamik.
Christlicher Glaube aber ist am kosmos resigniert; er ist Gottesglaube.

Luther: Iustitia ab extra. Immanente Rechtsrechnungen gehen nicht auf. Das hat Gott durch die Kreuzigung Jesu ein für allemal klargemacht. Auf jener Folie aber erschien Gottes Freundschaft als juristischer Gnadenakt.

Recht und Gerechtigkeit ist wesentlich ein lokales Phänomen. Die gerechte Weltordnung gehört in Lacans „imaginäres Register“.

Die Entwicklung des Gerechtigkeitsbegriffs war in der Evolution der Menschheit wesentlich. Er trug die Kooperation zu Zivilisation empor.
Bereits das klassische Griechentum aber entdeckte die Grenzen seiner Tragfähigkeit (Tragöden, Sophisten).

Gerechtigkeit, das alte Thema der Moralisten, Verteilungskonflikte, sind sekundär.
Das primäre Problem ist die natürliche Hypergenerativität bei Knappheit der Güter. Ein Gleichgewicht zwischen Kampf und Kooperation ist immer prekär.

Im Recht wird die Vox populi konsensfähig rational optimiert.
Gerechtigkeit ist ein Ideal.
In der Idee des göttlichen Gerichts wird die Rechtsidee vergötzt. Radikal gedacht, wird hier nach dem Maßstab der Göttlichkeit (Mt 5,48!) gerichtet.
Menschen sind nicht göttlich; sie bilden also zunächst eine massa perditionis, nur ein (Glauben schaffender) schöpferischer Eingriff kann im Gericht retten.
In der neutestamentlichen Idee der göttlichen Gerechtigkeit wurzelt der Individualismus.

Gottes Gerechtigkeit und Gottes Allmacht sind kindliche Ideen. Von Gottes Gerechtigkeit ist, als von der höchsten Gerechtigkeit, allenfalls im Sinne der Ciceronischen Warnung "Summum ius, summa iniuria" zu reden.
Und der Allmächtige ist in der Ohnmacht Jesu am Kreuz offenbar geworden.

Für Luther lebt noch die Sprache der Bibel; es war die Sprache seiner Kultur.
Die eigene Gerechtigkeit war ein religiöses Hauptproblem. Heute haben wir ernste neue Selbstverständlichkeiten und eine entsprechende Sprache, in die man den Ernst jener alten übersetzen kann. Zu den neuen Selbstverständlichkeiten gehört die unaufhebbare Unsicherheit der Begründung des Urteils über Menschen wegen der Beschränktheit des je zu Grunde gelegten, Wirklichkeitsausschnitts. Das Selbst ist immer nur bezogen auf bestimmte Fragestellungen sinnvoll abgrenzbar.

Die biblischen Vorstellungen vom Ende der Welt sind vielfach gezeichnet von Strafe und Rache. Das gehört zu ihrer Menschlichkeit und ist deshalb prinzipiell unverzichtbarer Bestandteil einer Glaubenslehre für Menschen von Fleisch und Blut. Je nach dem, wie das Leben ihnen mitgespielt hat, ist es den Menschen aber nicht immer gleich wichtig.
Gott wird unseren derartigen Wünschen und Ängsten wohl nicht so Gerechtigkeit widerfahren lassen, wie wir es phantasieren. Und wir dürfen hoffen, daß Rachewünsche uns zum Schluß ganz unwichtig werden.

Nach katholischer Lehre kann Gott auch de potentia absoluta nicht ungerecht sein.

Paulus sieht die Reflexionsprobleme mit dem Heil aus eigenen guten Werken, aber keine Reflexionsprobleme mit dem Rühmen der Werke des Geistes Christi in der Gemeinde.
Luther hat Reflexionsprobleme mit christlichem Liebestaten (vgl. aber schon den Bericht vom Tod des Abbas Sisoes [14]!); aber keine Reflexionsprobleme mit dem Glauben, der sich der Liebe Christi rühmt, als rühmlichem Wirken Gottes in uns.
Ich habe Reflexionsprobleme mit dem Glauben als gutem Werk.
Die Reflexionsprobleme haben eine chaotische Dynamik. Paulus berät richtig: "Ich bin mir keiner Schuld bewußt; aber nicht darin bin ich gerechtfertigt!" Die Frage nach der eigenen Gerechtigkeit muß ich immer wieder stellen, aber offen lassen.

Das "jüngste Gericht" ist wesentlich eine Phantasie unbefriedigten Rache- und Strafbedürfnisses.
Im alten Monotheismus ist das jüngste Gericht imaginär, primitiv simplifizierend: Le grand'Autre ist verdammender Richter, eine paranoide Angstvorstellung; im Christentum wird er symbolisch vermenschlicht: Christus ist Richter, katholisch dazu: die Mutter als Fürsprecherin beim Richter als ihrem Sohn mit seinen Schuldgefühlen.

Gericht Gottes nach Werken ist, ohne die Vermenschlichung (Symbolisierung) Gottes in Christus, Verdammung.
Rechtfertigung allein aus Glauben geschieht im „symbolischen Register“.

Der „Spruch des Anaximander“ artikuliert den kosmos-Glauben. Über der (chaotisch darüber hinausgehenden) Hybris liegt höllische Schuldangst.

Das Christentum hat Heraklit und die Skepsis beiseite gelassen. Erst gegen Ende des zweiten Jahrtausends haben die statistische Mechanik, die Quantenphysik, und die Chaostheorie dem kosmos-Glauben ein Ende (vor-)bereitet.

Das Thema Strafe ist ein kosmos-Thema. Selbstbestrafung ist Selbst-Einpassung in die Gerechtigkeit des kosmos.
Religiosität sucht Integration. Diese ist suboptimal, aber am einfachsten herstellbar durch kollektive kosmos-Imagination plus Selbstbestrafung.
Die hebräische Bibel steckt in der kosmos-Falle einer gewaltigen „Gestalt“ (bonne forme) kollektiver Imagination.
Das Neue Testament artikuliert den – mild chaotischen – Einbruch eines neuen kosmos in den alten.

Die Vorstellung von Gottes „Lohn“ ist ein Ausdruck einer naiven menschlichen Hoffnung.

Freiheit

Das Feld der Freude ist Freiheit. Freude kann gebieten nur wer Freiheit bietet.

Die Traurigkeit ist ein Gefühl der Ohnmacht, d.h. Geringschätzung der verbliebenen Freiheit.

Determinismus im Sinne des Principium rationis sufficientis ist ein Postulat der reinen theoretischen Vernunft. Die Wirklichkeit meldet ihr eigenes Recht als Zufall an.

Wer Freiheit bestreitet, trägt die Beweislast. Allerdings kennen wir nur bedingte Freiheit; und wir kennen dir Bedingungen nur teilweise.

Wir sollen, in der Unmenge der kombinatorischen Möglichkeiten, motivierende und symbolkräftige, Lebensräume stiftende Zwischenziele entdecken – und differenzierend aufmerksam, kommunikativ kreativ, einander neue Freiheitsgrade, der Schöpfung neue Dimensionen zuspielen!
"Der Welt Freiheit zuspielen", darunter fällt auch umsichtige Fortpflanzung.

Trotz und Stolz können gebrochen werden. Der freie Wille jedoch kann zwar zu Anpassung und Konzessionen genötigt werden, aber er kann nicht gebrochen werden; das bescheidene Selbstbewußtsein, das Ja oder Nein sagende Subjekt, kann untergehen nur in Apathie und Bewußtlosigkeit.

Der Sinn des menschlichen Lebens ist Freiheit.
Freiheit macht Angst vor Devianz, Abwegigkeit, Vereinsamung, Kierkegaards Vereinzelung, Durckheims Anomie. Scheuklappen machen glückliche Pferde.

Freiheit ist symbolik-getragen schöpferisch – oder sie ist, zwischen Zwängen und Beliebigkeit, ein Nichts und macht Angst.
Kierkegaards Angst, E. Durckheims Anomie und Nietzsches Nichts sind Folge des Symbol-Zerfalls in Entkirchlichung, Säkularisierung und politischer Freiheit und bilden zusammen einen modernen Themenkomplex.

Freiheit ist Göttlichkeit. (Das hat 1525 schon Luther gegen Erasmus geltend gemacht.)

Wir sind unzufrieden mit der Welt als unserm Freiheitsraum, wenn wir sie an unsern Wünschen messen. Aber wir sind in die Schöpfung einberufen. Wir sollen unsre Wünsche schöpferisch an die Wirklichkeit anpassen; dann können wir in Gottes Welt hineinwachsen und ihm für unsere immer neue Freiheit danken.

Das Subjekt der Willensfreiheit ist der Wille, das Prädikat ist Freiheit. Der Wille ist notorisch vielfach abhängig. Man hat (meist überraschend viele) Gründe, etwas zu wollen; und von diesen ist man per definitionem abhängig. Man kennt seine Gründe nur teilweise. Einige aber liegen am Tage – für das Subjekt und seine Mitmenschen. Man kann sie abwägen und muss (meist unter Unsicherheit) entscheiden. Der Entscheidungsspielraum mag gering sein; aber er konstituiert das liberum arbitrium, die menschliche Existenz.

Parapsychologie

Die sog. „Verschränkung“ von Elementarteilchen ist ein raumzeitliches Paradox, das die prinzipielle Leugnung von parapsychologischen Phänomenen in Beweisnot bringt.

Parapsychologische Phänomene sind zu unregelmäßig und zu selten, um daraus allgemeinverbindliche positive Erkenntnis zu ziehen. Aber sie lehren allgemeinverbindlich die negative Erkenntnis der wesentlichen Unvollständigkeit unserer Erkennnisse über die menschliche Seele. Und das ist auch viel wert.

Man versteht sich aufs häufig Begegnende und beruhigt sich dabei. Sehr seltene Ereignisse und Koinzidenzen (zB parapsychologische Phänomene) beunruhigen akut und lassen radikaler nach Ursachen fragen. Sie werden als numinos empfunden.
Man sieht die Tragfähigkeit der wissenschaftlichen Interpretationsschemata allenthalben nicht nur durch Unzulänglichkeiten, sondern hauptsächlich durch paradoxe Entdeckungen begrenzt. Der Aberglaube an die Wissenschaft hat seinen Höhepunkt überschritten; Hokuspokus hat wieder freie Fahrt.

Esoterik sucht individuell, am Rande der verstandenen, unbefriedigend kollektiv vereinfachten Welt, befriedigende „Einsicht“ durch Bewusstseinsveränderung.
Man erhofft sich Zugang durch eine alte, also lang bewährte (vielleicht auch in Misskredit geratene), schon vergessen gewesene Symbolik.

Religionen

Mündig, come of age, setzt man, zur Sammlung, nicht mit Gebet bei der überlieferten Gottesvorstellung an, sondern mit Besinnung auf die aktuelle Situation. Diese vertieft sich abgründig – und stößt auf das Grundwasser der religiösen Tradition.

Kollektiver Narzissmus stärkt auch die Einzelnen. Das kann gefährlich werden. Lebendig überlieferte, erfahrungsgesättigte Religion gestaltet das einigermaßen realistisch.

In der Moderne herrscht Mißtrauen gegen religiöse Lehre und Ideologie; das persönliche Wort, erlebte Stimmung und Bewußtseinsveränderung haben Gewicht bekommen.

Die heute offenkundige religiöse Unbeholfenheit der Sprache ist auch eine Chance!

Jesus hat eine neue Evidenz unter die Menschen gebracht, die schwer in Worte zu fasssen ist. Ich formuliere vereinfachend: Der Schöpfer ist dem lebendigen Geschöpf dankbar für sein Leben und Sterben.

Religion ist: (mit – manchmal sanfter – Gewalt und Meditation) forcierte Existenzsymbolik. Überfremdung durch Existenzsymbolik ist menschenfeindlich.

Eine große Religionsgemeinschaft behindert durch ihre spannungsvolle Vielfalt wahnhafte Entartungen von Religion.

Durch Instituierung emanzipiert sich Religion von Gott. Aber die Religionsgemeinschaften leisten vielerlei Kulturarbeit; ihre Institutionen sind unter diesem Gesichtspunkt zu schätzen.

Das augenblicklich Gedachte ist unsre jeweilige Existenzsymbolik. Religiöse Gedanken aber sind in doppeltem Sinne Existenzsymbolik; der religiöse Zeichenbestand hat ja überdies seinen alleinigen Sinn darin, Existenzsymbolik zu sein.
Existenzsymbolik hat ihr Eigenleben. So hat auch religiöse Symbolik eine Dynamik; aber sie ist kein Zwangssystem. Es ist sinnwidrig, religiöse Symbolik zu strapazieren, indem man sich mit Gewalt darauf konzentriert. Spontane störende Gedanken sind existenzsymbolisch ernstzunehmen; sie können in der Meditation des religiösen Symbols einen wesentlichen Schritt weiterhelfen.

Polytheismus hat mehr Raum für Irrationalität als Monotheismus.

Islam ist positives Recht als Gnadengabe.

Der Gerechtigkeitsgott ist abstoßend durch die von ihm ausgehende Rechthaberei.

Mitleid, als Verzicht auf göttlichen Frieden um der leidenden Kreatur zu helfen, ist zentral im Christentum und im Mahayana-Buddhismus.

Die Kuh blickt mich an. Ihr Blick hat Wirkung auf mich. Durch sie blickt mich alles an. Dem Hindu ist sie heilig. Durch sie blickt ihn das Leben an. Das Leben ist ihm heilig, Töten ist Frevel. Nur für die Gottheit durfte getötet werden; der Gott gab dem Hindu Teil am Opfer; nur Opferfleisch durfte gegessen werden.

Religion ist nicht Weltanschauung, Theorie, bricolage, Selbstgemachtes oder Zusammengestücktes, sondern Betroffenheit von einer Symbolik mit existenziell organisierender Eigendynamik.
Religionsgemeinschaften finden sich unter einem Symbol vor Gott zusammen (wie Kunstfreunde, die im Museum zufällig vor einem Bild zusammenstehen), meist um einen Charismatiker herum zwecks gemeinsamer Verarbeitung des Erlebnisses. Das kann sich institutionalisieren, zunächst lebendig selbstverstärkend, dann sich verselbständigend, schließlich erstarrend.

Nationalismus ist eine Religion; und Religion schafft „Pseudospezies“ (Lévy-Strauss), auch Völker.

Die jüdische Religion ist der Nationalismus, als dessen Erweiterung sich die Kirche versteht.

Der fluktuierende Kampf ums Dasein zwischen normalerweise friedliebenden Wesen organisiert sich um geeignete Symbole in mörderischen Kooperativen. Und das sind religiöse Symbole. In jedem Gott steckt ein Ares.

Religion gehört, uninstitutionalisiert, zum weltweiten mythologischen und märchenhaften Traditionsgut, einer traumhaften Vorstrukturierung unsres Erlebens. Unser Wachbewußtsein ist einem unbewußten unablässigen Träumen nur überlagert.

Die Wahrheit einer Religion setzt Widerspruch gegen sie aus sich heraus.

Religion ist psychologisch: umfassende, weil tiefe Besinnung; soziologisch: deren institutionalisierte Unterstützung durch Symbolik.

Man muß ehrlicherweise die political correctness verletzen können, und, bewußt subjektiv, bescheiden („Irrtum vorbehalten!“), aber entschieden, auch wertend über Religionen reden dürfen!

Schlechte Religionen begünstigen wenig Besinnung.

Nie hätte der aufgeklärte Europäer geahnt, daß Wahn, und gar religiöser, immer wieder neu kleine, größere und größte Kollektive ergreifen kann und eine soziale Gefahr bleiben wird.

„Neue Religionen“, lokale und missionierende, sind, nach Rainer Flasche, seit der Mitte des 19. Jh.s, vor allem in der Zweiten und Dritten Welt entstanden in der Begegnung mit dem spät- und nachchristlichen Abendland. Die homogene Gesellschaft ist zerbrochen. Sie rechnen mit dem nahen Weltende. Die gebrochene Gesellschaft wird wieder geeint werden. Es kommt an auf das Mitwirken für die kommende Welt. In diesem Sinne will das wirtschaftliche und politische Engagement gewisser neuer Religionen verstanden sein.
Die Glaubenslehre ist meist eine Auswahl aus religiösem Traditionsgut. Wissenschaftliche Unbedenklichkeit ist wichtig. Das Leben ist weitgehend (hauptsächlich durch Meidungen) ritualisiert. Der Kult ist rituell arm. Die Kulträumlichkeit spielt keine Rolle; aber in der Versammlung geschieht Heil.
In der Regel steht eine Person (später ein natürlicher Nachkomme von dieser) als Autorität im Zentrum. Die Vision des Gründers bringt diesem selbst oft Verfolgung ein bis zum Märtyrertod; dann wird seine baldige Wiederkunft erwartet.

Man kann den Religionsbegriff auch weiter fassen und sagen: Ökologie ist eine neue religiöse Bewegung. Vernünftig, wie sie ist, startete doch auch sie nicht ohne frommen Betrug (The Limits to Growth war absichtlich methodisch unsauber)!

Der Islam ist chronologisch ein späterer, aber kulturgeschichtlich ein früherer Zweig des Judentums als das Christentum. Das Christentum baut auf der vollen Erfahrung Israels mit dem Monotheismus auf. Der Islam geht, angeregt durch jüdische Einflüsse, auf der Basis des Polytheismus einen eigenen monotheistischen Weg. Die Krise der monotheistischen Frömmigkeit, die in seiner Weise das Christentum dokumentiert, ist noch nicht ernstgenommen.

Die sich ausbreitende Konfessionslosigkeit ist die Auflösung institutionalisierter* Existenzsymbolik, Abbruch einer steril gewordenen Tradition. Eine große Chance für neue Dummheiten; aber auch für die Wahrheit und neue Bescheidenheit in Glaubensdingen.

Erstaunlich weit verbreitete religiöse Ideen:
religiöse Begründung der Moral,
die binäre Wahl zwischen Gut und Böse,
postmortale Gerechtigkeit – oft ebenfalls mit binärem Ausgang,
wechselseitiges Geben und Nehmen zwischen Gottheit und Menschen,
Reinheitsforderungen,
Sündenbekenntnisse,
geschlechtliche Ängstlichkeit.

Die semitischen Hochreligionen bestehen mehr auf der Autorität der richtigen Lehre. Die ostasiatischen Religionen bestehen mehr auf der eigenen Erfahrung.

Auch im Polytheismus repräsentiert jeweils eine einzelne Gottheit das Ganze / die Allmacht. Auch die Unverantwortlichkeit von Loki bei den Germanen, der Teufel bei den Christen und der Sturmgott bei den Japanern ist von der Allmacht zeitweilig als vollgültiger Repräsentant zugelassen.
Hierin kommt ein Identitätsflackern zum Ausdruck.

Die hinduistische Gottheit spielt, in reiner Freude; der Fromme kann sie, in inniger Liebe, durch Flehen bewegen, ihm zu helfen.

Die japanischen Götter bleiben unsichtbar. Sie werden nur in Symbolen (Spiegel, Schwert, Edelstein), nicht in Göttesbildern, materiell repräsentiert.

Luthers theologischer Dynamismus steht Heraklit und den Alten Ägyptern[15] näher als der klassisch-abendländischen Philosophie.

Weitverbreitete kultische Erfordernisse:
Ahnenverehrung,
Befriedung der Toten durch eine angemessene Zeit ritueller Verehrung, auch derer, welche keine Nachkommen haben; insbesondere Befriedung gewaltsam Verstorbener.

Das Reuters-Bild "Premierminister Blair wird von Studenten der Ramat-Aviv-Universität begrüßt" in der NZZ vom 22. April 1998 zeigt Jungen, die dem Friedensstifter von Nordirland die Hand drücken wollen. Der Gesichtsausdruck aller Beteiligten ist fromm. Es geht um einen gemeinsamen frommen Wunsch. Eine modern religiöse Symbolhandlung. Ein erbauliches Bild!

Die großen religiösen Texte der Menschheit (die biblischen Texte vom lebendigen Gott, die christlichen von der Offenbarung Gottes in Jesus inbegriffen) scheinen in erstaunlichem Umfang dasselbe über dasselbe zu sagen. Sie haben – neu oder alt, wie sie sind – eine erstaunliche Kraft, meine Existenz zu erschließen. Ich muß davon ausgehen, daß hier, trotz aller Verständigungsschwierigkeiten, im Grunde wichtiges Allgemeinmenschliches irgendwie allgemeinverständlich zur Sprache kommt. Sogar die Intoleranz ist durchaus verständlich.

Kult muß bewegend, aber selbstverständlich sein. Deshalb ist Kult heute nur noch in abgeschlossenen Subkulturen nicht Theater.

Bachs Matthäuspassion verlieh den Gefühlen zur Passionsgeschichte gewaltigen Ausdruck. Als bildungsbürgerlicher Kultgegenstand aber beraubt sie die eigenen Gefühle des Ausdrucks und sterilisiert die Passionsgeschichte.

Den Sinn des alten orphischen Wortes θεολογία/theologia kann man vielleicht prägnant übersetzen mit: „Ordnung in das (gemeinhin diffuse) Gotteserleben bringen.“

Ein musikalisches Oratorium ist verführerische virtuelle Realität eines heiligen Kosmos. Es bezaubert durch Meisterschaft des musikalischen Gefühlsausdrucks.
Das Christentum tut sich schwer mit jedem Zauber. Es erinnert, geduldig ermutigend, an die eigene Wirklichkeit. Diese soll nicht, traurig-romantisch, als defizienter Kosmos wahrgenommen werden, sondern als Chance, daß etwas Gott vollgültig Entsprechendes sich hier ereignet.

Was haben die Archetypen mit Religion zu tun? – : Sie faszinieren. Jung warnt; Lacan warnt ("imaginaire"!). Sie blenden; sie überblenden, vereinfachen durch Gestalt-Prägnanz (mit leichter realistischer "sekundärer Bearbeitung") und klischieren das reale Chaos. Sie verführen zu Aberglauben. Lacan: Das moi verführt; das Gesetz verlangt: Vergänglich-, Fleisch-, Subjektwerdung: "je ...".
Der Archetyp des Selbst ist tragisch (Kohut); nach Jung ist Christus ein Selbstsymbol; auch er Zentrum mörderischer Fixierungen und vielfachen Aberglaubens.

Die Diaspora-Situation ist ein alter Sonderfall der Mobilität, der die – letztlich politische – Sehnsucht zur Sublimation zwingt. Sie hat die Juden betroffen, dann Christen, und ereilt jetzt die Mohammedaner.

Religion ist gescheiterte Politik. Der belebende Kern der Politik ist naive Religion.

Gesellschaftliche Stabilität erfordert, bei einer wachsen wollenden Population, Wunschfrustration (man muß das nicht triebpsychologisch verengen).
In kulturgeschichtlicher Arbeit vergesse man nie das ständige Sterben und Trauern in allen Kulturen ohne Geburtenregelung und die ständige sexuelle Frustration durch die "natürlichen" Formen der Geburtenregelung.
Die Askeseforderung der Religion war nicht die primäre Krankheit, sondern eher ein Diätkonzept.
Die kulturellen Kosten der künstlichen Geburtenregelung in unserer sexuell befreiten Gesellschaft sind noch nicht identifiziert.

Der Islamismus und ähnliche revolutionäre Bewegungen in anderen alten Religionen konnten nicht überraschen; sie sind sozial triftig begründete Wahnbildungen. Monotheistischer Terrorismus ist Rückschlag aus den Elendsvierteln: Der Recht schaffende Allgewaltige als letztes und einziges Ordnungsprinzip einer im Chaos nach Identität suchenden Jugend. (Die Propheten des Elendsviertels müssen nicht aus dem Elendsviertel stammen.)

Sekten und kriminelle Vereinigungen gewinnen, trotz öffentlicher Warnungen, weltweite Macht; vermutlich deshalb, weil hier eine einfache, die ganze Welt betreffende Zielsetzung alle Energien der zentralen Akteure sammelt und ordnet. Es muß nun nur eine kleine Selbstauswahl von Individuen sich ihnen anschließen deshalb, weil es ihnen in einer so vereinfachten Welt besser gelingt, ihr eigenes Leben zu organisieren und ein befriedigendes Selbstbild zu entwickeln. (Wer es fertig bringt, Umsicht und Rücksichten zu suspendieren, ist selten auf die Länge erfolgreich, aber meist im Augenblick schlagkräftiger.) Bei den heute zur Verfügung stehenden Machtmitteln, vermöge welcher geringste Kräfte, intelligent eingesetzt, überwältigende Wirkung haben können, kann die Tätigkeit solcher Gruppen in verunsicherten Kreisen überraschenden Erfolg haben.
Die alt und groß gewordenen Religionen haben eine reiche Tradition der Umsicht und Rücksicht, und werden deshalb nicht überraschend gefährlich (sie setzen Sekten aus sich heraus).

Die Gesellschaft hat ein Interesse an öffentlich verantwortlicher Kultur der Allmachts- und Größenphantasien.

Die Kirche und überhaupt religiöse Symbole sind langlebig bedeutsame Gegenstände. Sie sind durch besonders viele Tentakeln mit der Kultur verwachsen. Sie mögen an aktueller Dominanz verlieren. Für die Kohärenz der Gesellschaft spielen sie unterschwellig gleichwohl eine – gelegentlich überraschend an den Tag tretende – Rolle.
Postchristlich ist nicht einfach wieder unchristlich; und ähnlich steht es mit dem Judentum und dem Islam.

Bekenntnis ist Selbststilisierung aufgrund einer gefühlsmäßigen Selbstprüfung, ist Komplexitätsreduktion, eine Selbst-zuordnung, -sym­bo­lisie­rung, -definition, und eine öffentliche Selbstverpflichtung, sich entsprechend zu verhalten. Man ist darauf ansprechbar und dabei behaftbar.
Auch Kleidung ist ein Bekenntnis.

Es ist eine anspruchsvolle Übung der seelischen Spannkraft der Person, alles als Gabe Gottes zu betrachten.

Alle religiösen Gegenstände, Symbole, Worte, Begriffe wollen in bestimmter Weise, nämlich als Selbstobjekt*, meist: idealisiert*, gebraucht werden.
Sie können aber auch, mitsamt ihrer religiösen Intention, weltlich-kritisch betrachtet und objektiviert, entidealisiert, neutral betrachtet werden. Ja, um der Wahrheit der Illusion* willen müssen sie immer wieder auch so gebraucht werden! Ist die Idealisierung das Einatmen, so ist dies das Ausatmen lebendiger Religion, Säkularisierung.

Aufgrund der Lebensbewährung der Religion ist zu vermuten, daß an den religiösen Imaginationen etwas Wahres ist; aber dies sicher nicht so, wie wir es phantasieren.

„Das Christentum“ ist in Wahrheit ein Komplex von Christentümern. Kodifiziertes, aber auch gelebtes Christentum ist wesentlich einfacher.

Zur Zeit des Lukian (120-180) und des Flavius Philostrat (170-245) waren die klassischen Götter wohl zu klassisch geworden, um menschlich zu befriedigen. Der Anspruch der institutionalisierten Kulte der klassisch ausdefinierten Partialgötter war der Konkurrenz der unklaren, lebendigeren Frömmigkeit marginaler Kulturen im Reich nicht gewachsen.
Wichtig wurden göttliche Männer, auch Kaiser, für das Göttliche transparente Menschen. Asklepius war bei Homer noch ein Arzt gewesen, wurde dann heroisiert als Sohn des Apoll, und endlich ein menschlicher Gott. Isis war als trauernde Witwe und Wiedererweckerin des Osiris und verteidigende Mutter des Horus eine menschlich fühlende Göttin mit einer (dem Schöpfer Atum überlegenen) Zauberkraft. Auch Jesus war wahrer Mensch und wahrer Gott.
Wichtig war vielleicht gerade die chaotische Unklarheit der Grenze zwischen Gott und Mensch, Freiraum für einen lebendig sich entwickelnden Austausch. So auch ist wohl das geistliche Selbstbewußtsein der Christen endlich der mageren Frömmigkeit des Kaiserkults überlegen gewesen.

Äußerer Kult stabilisiert sozial den Kontext für ein bestimmtes Verständnis des Gottesnamens.

Wird das Weltbild maßgebend, so wird es an Gottes Stelle gesetzt. Gottes Wort ist Gesetz geworden.

Nur Glaube kann segnen. Nur Wahn kann fluchen.

Das eigenste Erleben des Einzelnen verschwindet fast spurlos im Gestalt-Angebot der Tradition. Religiöse Stereotypen haben eine gewaltige Assimilationskraft.

Religiöse Anwandlungen Einzelner können anonym, symbolisch unartikuliert und, als Fluktuationen ohne spezifische Tendenz, ohne Auswirkung auf das soziale System bleiben. Sie können allerdings, als echtere Religion empfunden, etablierten Symboliken Kraft entziehen. Dann dauert es nicht lange, bis diese Anwandlungen eine kommunikable Symbolik entwickeln.

Religion straft die Hoffnungen, die man auf sie als Friedensmacht gesetzt hatte, Lügen. Heute bringen die weltpolitisch provokanten religiösen Exzesse allenthalben eine primitive Antireligiosität hervor. Der Glaubenskrieg um einen ehemaligen Tempelberg in Palästina ist weltpolitisch gefährlich geworden. Bin Laden reaktiviert erfolgreich die Erinnerung an die christlichen Kreuzzüge und hält Gegenrecht. Das Ende ist nicht abzusehen; es könnte apokalyptisch werden. Der Hebelarm für unverhältnismäßige Racheakte, den Wissenschaft und Technik einer Allgemeinheit zur Verfügung gestellt haben, in der es an intelligenten Fanatikern nicht fehlt, ist lang genug.

Die Terrorabwehr nötigt zu Einschränkungen der persönlichen Freiheit. Die Gesellschaft verlangt von ihrem Staatswesen bei Unklarheiten und Unsicherheit mehr Grobheit und Härte.
Nicht nur die Revolutionäre, sonden auch die Reaktion stärkt sich religiös. Damit wird die Religion grob und die Grobheit geheiligt.

Die chalzedonensische Orthodoxie als Staatsdoktrin hat das Legitimationsdefizit geschaffen, das dem Islam die Tore öffnete. Auch er war eine totalitäre Ideologie; aber er war politisch etwas reifer; für Geld ließ er wenigstens die Buchgläubigen als Bürger zweiter Klasse religiös in Frieden.
In beiden Religionen handelte es sich um Schübe staatlicher Rationalisierung der menschlichen Gesellschaft.

Der Koran will nur erinnern an das Gesetz, das man eigentlich schon kennt.

Warum spielen in der Religion blutige Opfer eine so schrecklich große Rolle? Zunächst machen sie klar: Es geht hier, mörderisch, betäubend angsterregend, um die höchsten Gewalten der Welt, vor denen wir so gut wie nichts sind. Wir sind von ihnen schlechthin abhängig. Man kann sie sich nur als Personen denken. Aber der normale Mensch kann mit den Göttern in keine persönliche Beziehung kommen; er versteht sie nicht. Es sind unmenschliche Personen. Im Allgemeinen sorgen sie für eine lebensfreundliche Ordnung. Aber angesichts dessen, was sie doch auch immer wieder anrichten, muß der menschliche Verstand sie als unberechenbar und ungerecht ansehen.
Die Opfer sind eine Nebenwirkung der kognitiven Entwicklung: Das evolutionäre Erfolgsrezept des kausalen Denkens wird unterschiedlos auch auf Probleme angewandt, für die es noch nicht nicht genügend ausdifferenziert ist.
Bedroht, tut man etwas bestmöglich Vernünftiges; man versucht durch einen Tatbeweis der Unterwerfung, die Gunst einer launischen Person zu gewinnen, von der man abhängig ist.

Religionen sind rezessives kulturelles Erbgut, das in Notfällen aktiviert wird. So wird denn Religion von der Gesellschaft auch in glücklichen Tagen in weiser Voraussicht halbherzig konserviert.

Religion ist Symbolik. Symbollogik erlaubt mächtige Vereinfachungen. Solche sind für Kräfte-Koordination nötig. Deshalb eignet sich Religion (auch als Feindbild) zum Panier für soziale Kämpfe.

Mohammed war ein radikaler Denker. Aufgrund einer erschreckenden mystischen Erfahrung radikalisierte er die Hochgott-Tradition und assimilierte dann daran radikal auch viel Fremdes.

Zwei wenig beachtete, beachtliche Ideen von Mohammed:
1. Abraham sagt zu seinem Vater: Folge mir!
2. Der Teufel flüstert den Propheten Falsches ein, das vom Engel Gottes korrigiert werden muß.

Die alte Kirchengeschichte ist voll von dogmatischen Streitigkeiten. Respektiert man die Chaotik der Sache (Gotteslehre), um die es ging, kann man auch diese schmerzlichen sozialen Erscheinungen nicht verurteilen. Jede der Lehren, die hier vertreten wurden, bezeugte etwas Wahres!

In der Mangelgesellschaft herrscht oft der Kampf ums nackte Dasein schon zwischen Eltern und Kindern. Es gibt eine brutale Tradition elterlicher Gewalt. Sie setzt sich fort in der Aufstiegsgesellschaft.
Ohne Verhütungsmittel sind Kinder oft Sargnägel, personae non gratae; "der Teufel soll sie holen". Das ist eine Basis für Höllenangst.

Der strafrechtliche Schutz für religiöse Symbole beruht wohl, ähnlich wie das De mortuis nihil nisi bene, auf numinoser Angst – heute konkret: Angst vor der Reaktion von Menschen, deren religiös verfaßtes Ethos bedroht wird.

Religiöse Symbole entstehen aus zufälligem Zusammenfluß und Interaktion vieler verschiedenartiger Elemente. Phasen der Verfestigung wechseln mit der Aufnahme neuer Einflüsse – eine chaotische Geschichte.

Kulturen repräsentieren robust das Verletzliche, handlich das Unberührbare.

In der Gefahr, uns selbst zu verlieren, bietet uns eine religiöse Lehrtradition eine anpassungsfähige Form zu eigener Besinnung an.

Radikaler Monotheismus hat sich im Islam als Katalysator einer enormen Kraftkonzentration nicht nur der Person, sondern auch des Gemeinwesens erwiesen. Aber Überspanntheit ist destruktiv.

"Der Barmherzige" konnte im Islam zum zentralen Gottesnamen werden auf dem Hintergrund eines Gerechtigkeitsgefühls, das alle Welt zur Hölle verdammt.

Schon Jupiter kann pater omnipotens heißen. Erst die Verbindung mit der radikalisierten, imaginären Schöpfungsidee macht Gott zum radikal Allmächtigen.

Paulus lehrt (Röm 9-11) nicht eine doppelte Prädestination (zu Heil oder Unheil), sondern eine gedoppelte Heilsgeschichte. Schon dies war eine apokalyptische Spekulation, die mehr Probleme schuf, als sie löste. Paulus selbst versuchte dem sofort einen Riegel vorzuschieben (11,33).
Die Individualisierung der Lehre von der praedestinatio ad malum durch Augustin verlangt dann die groteske Behauptung, das Böse und seine höllische Strafe sei bei der Schöpfung bereits vorgesehen gewesen und und zur Verherrlichung Gottes eingeplant.
Die klassische Prädestinationslehre ist ein theoretisches Konstrukt, Postulat eines kosmos-Glaubens. Der christliche Glaube braucht sie nicht mehr.

Die Säkularisierung in Europa reduzierte die materielle und geistige Macht der Kirchen. Die Kirchen haben das überlebt; denn die Grundfrage, die die Religion beantwortet hatte, war damit nicht beantwortet. Der Mensch blieb also interessiert an religiösen Überlieferungen; und Kirchen sind die Institutionen, die diese pflegen.

Habermas nennt unsere Kultur "postsäkular". Von der prä-säkularen Kultur unterscheidet sich diese durch den prinzipiellen Kreditverlust institutionalisierter Wahrheiten.
Die Wahrheit von Lehren ist "gesellschaftlich konstituiert", und Kirchen und Schulen bemühen sich nicht einfach um Wahrheit, sondern immer auch um Macht über die (immer störende) Wahrheit. Die Gesellschaft aber hat gelernt, Glaubensgemeinschaften zu mißtrauen, der scientific community und auch den Kirchen.

Religion dient auch der Angstabwehr.
Institutionalisierte Religion und ihre funktionalen Äquivalente dämpfen theologisch das Orientierungs-Chaos und schützen dadurch vor kollektiver Panik.

Im Kult wird aus der Sprachnot der kontingenten menschlichen Existenz eine Tugend gemacht. Konsens schützt vor der Wahrheitsfrage.

Interreligiöser Dialog ist ein Kurzschluß, wenn es nicht Gespräch über Weltliches ist. Religiöse Rede über Religiöses ist nicht interkonfessionelles, sondern interpersonales Bekenntnis.

Die Naturwissenschaft schafft heute die zentrale kollektive Existenzsymbolik. Der Übergang von Jacques Monods kaltem Zufallsfatalismus zu Stuart Kauffmans warmer Heimatliebe zum Kosmos bezeichnet einen religionsgeschichtlichen Paradigmenwechsel. Das maßlose, wissenschaftsgläubige, industrielle weicht dem vor der Komplexität der Welt bescheiden gewordenen ökologischen Zeitalter.

Religionen strukturieren normalisierend unser Chaos zwischen des Gottes Anspruch und menschlichem Widerspruch.

Die Rolle der Religionen in den kollektiven Gewalttätigkeiten hat, nach dem dreißigjährigen Krieg, zur Frage nach einer guten Religion geführt – einer Bemühung um Aufklärung, die auch leichtfertig radikal und manchmal lächerlich wurde. Seit Romantik und Restauration hält man sie für erledigt. Heute hat der Zeitungsleser Grund genug, sich wieder dafür zu interessieren.
Es bedarf nicht nur wissenschaftlich-deskriptiver Religionswissenschaft, sondern einer um sittliche Allgemeinverbindlichkeit bemühten, individuell verantworteten, nicht kirchlich angebundenen Theologie.

Tischgebet, auch freies, ist ritualisierte gemeinsame Besinnung. Es findet meist nur vor dem Essen statt. Da geht es um "re-ligiöse" Verstärkung der Zurückbindung. Nach Tische denkt man seltener an Gott.
Im freien Tischgebet artikuliert man kreativ-integrativ Gemeinsamkeit der Wünsche nach altbewährten Topoi.

Keine Institution verzichtet freiwillig auf Macht. Unsere Kirchen versuchen ihre, nach langer Krise jetzt plötzlich akut bedrohte, herkömmliche Machtposition zu legitimieren durch hastig zu Faden geschlagene, neue Aktionen, die oft begrüßenswert sind, aber dem gewaltigen kulturgeschichtlichen Einbruch nicht standhalten können.
Wie primitiv der Wildwuchs neuer Religionen auch sein mag; institutionalisierte Religion spielt heute ihre größte Rolle unter primitiven Menschen.
Auf dem Niveau höherer Bildung geht Religion heute gemeinhin in die Anonymität.

Die großen Religionen und Philosophien haben als gesellschaftsbildende Kräfte ihr Bestes geleistet. Es gilt jetzt, dieses klassische Erbe, ohne ubiquitären Ewigkeitsanspruch, örtlich-zeitlich umständebedingt weiterzuentwickeln. (Unsere verbal noch immer anspruchsvollen Kirchen sind darunter faktisch bis zur Banalität anspruchslos geworden.)
Jeder muß seine Symbolik finden, entwickeln und pflegen. (Es wird in der Regel eine kleine Symbolwelt mit unbeherrschbarem Eigenleben.) Dabei sind Synergien mit anderen Menschen unausbleiblich und wünschenswert und führen hier und da zu festeren Sozialformen.

"Religiöse" Bindekräfte leben auch in der modernen Gesellschaft:
Unter Einwirkung des Bedürfnisses nach Gemeinschaft koaguliert Begeisterung Einzelner für konkrete Hoffnungssymbole (Symbole persönlicher Entwicklung) zu werbenden (missionierenden) kollektiven Glaubensgemeinschaften. Diese bleiben meist rudimentär und werden bald durch andere abgelöst, stiften aber zu ihrer Zeit soziale Kohärenz. Das geht von modischen Hosen über Hitler zu Jesus.

Auserwähltheit ist ein Menschheitswunsch. Die Institutionalisierung der Idee und ihre Festschreibung in der Kirche führten zu Verfolgungsproblemen in der Umwelt (passiv und aktiv). Dadurch wurden die Gottesvölker zu besonders strengen Schulen der Selbstbesinnung.

Man kann in einer ideologischen Gemeinschaft (institutionalisiert: einem "Gesinnungsbetrieb") begeistert engagiert wachsen; man hat hier ein reale, hoffnungsvolle Selbstsymbolik. Und man kann ihm endlich entwachsen. Beispiele: Synagogen und Kirchen, nationalistische Gemeinschaften und eitle Familien.
Wenn der Betrieb starr geworden ist und zu plötzlich zusammenbricht, also kaum symbolischen Übergänge bereitliegen, verarbeitet das der Einzelne schlecht. Statt zu reifen, verharrt er in Heimweh; die Trauerzeit nimmt kein Ende. Er geht, als ein ausgebrannter Ideologe, nur äußerlich mit seiner Zeit weiter. (Beispiele: Nationalsozialismus und real existierender Kommunismus.)
Schadenfrohe Hoffart der Umwelt bedeutet eine weitere Erschwerung.

Symbolisierungen sind Vereinfachungen. In Religionsdingen nötigt die Moral der Sensibilität zu ständigen Korrekturen. So bezeugt sich Religion in Lehre als Wortgeschehen. Dessen institutionelle Domestizierung verschärft, wie die Religionsgeschichte zeigt, seinen chaotischen, unversehens vulkanischen Charakter.

Vox populi harmonisiert sich weitgehend in Klischees, und diese prägen machtvoll, als vox Dei, mit tabuierter Widersprüchlichkeit, tragisch, den Einzelnen.

Religion ist eine chaotische Erscheinung, nur kurzfristig voraussehbar.

Als Teil der hochmobilen Gesellschaft der Vereinigten Staaten im eroberten Amerika ist, gegenüber dem alten Europa, der einzelne ein Körnchen Flugsand. Viele brauchen da das Christentum als festen Boden unter den Füßen.
Europa, die Nachfolgestaaten des christianisierten römischen Reiches und ihre Nachbarn, sind vergleichsweise entchristlicht. Hier hat man mehr irdische Heimat.

Die scientific community ist eine Kommunität, die, wie die Kirche, durch eine lebendige, stimulierende Symbolik der Wahrheit konstitutiert ist. Goethe ließ das als Religion gelten.

Religion kann vitalen Interessen erhabene Bedeutung zusprechen. Das wird oft naiv, und oft verantwortungslos mißbraucht.

Blutige Opfer sind Befriedungen als Befriedigungen chaotischer Bedürfnisse. Sie enden oft im Versöhnungsmahl mit der Gottheit. Das glückliche Überleben des Albtraums wird zum Symbol.

Religion ist symbolische Suspendierung aller Orientierungen des Alltagswissens, Sammlung und zentrierte Neuorientierung. Das macht Religion sowohl für individuelle biographische Übergänge wie für kollektive Aktivierung interessant.

Die Stereotypie des Lebens der meisten Menschen ist deprimierend – mehr noch ihre hilflos stereotypen Versuche, sich zu belustigen. Ihre Religion ist nicht weniger stereotyp.

Theologische Spekulation/Betrachtung, Mythologisieren, ist persönliches Zeugnis des Einzelnen, Symbolisierung des eigenen Ideals, Arbeit am eigenen Ideal, Einarbeitung der Erfahrung, um es tragfähiger zu machen.

In der Statik der Gesetzeswelt kann der Mensch nur verzweifeln oder sich über sich selbst täuschen.

In Form der Religion kommt Tierisches zur Sprache, eine Chance zu dessen weiterer Vermenschlichung, die nur wirklich Fromme nutzen können – zu allgemeinem Nutz und Frommen.

Die großen monotheistischen Religionen nennt man „Hochreligionen“ im Blick auf ihre (trotz der partikularistischen Basis deutliche) tendentiell individualistisch-universalistische Moral. Solche symbolischen Amalgame wachsen an zu sozialen Mächten, die dann – in der Heuchelei ihrer, wie in Europa, allzu lang festgehaltenen öffentlichen Privilegierung – sich selbst überleben.
In der veränderten religiösen Kultur kann die alte Symbolik gedemütigt, vertieft und bereichert um die Erfahrung ihrer eigensten Korruptibilität, weiterleben – vielleicht zu späterer Auferstehung in neuer Herrlichkeit.

Die von Halley vorausberechnete Erscheinung des Kometen im Winter 1758/59 ist ein religionsgeschichtlich wichtiges Datum. Man sah: Auch außerordentliche Ereignisse haben ratio sufficiens in den Naturgesetzen. Das war der Hintergrund für die Publizität des weltanschaulichen Paradigmas eines Laplace, der Himmelsmechanik. Erst mit der Quantenphysik änderte sich die Szene.

Der Flüchtling fetischisiert ein Stückchen der verlassenen Heimat. Das können auch Stücke der „Religion der Väter“ sein.

Mönche, Priester und (soweit sie mehr sind als Religionswissenschaftler:) Theologen, sind Vertreter einer Komplementärsymbolik. Freie (wesentlich juvenile) Wahl seitens des Subjekts und Delegation vonseiten der Gläubigen wirken zusammen in diesen Berufsrollen einer Religion, die ihre schwärmerische Phase hinter sich hat.

Je größer die (tatsächliche oder erwartete) Menge oder Macht einer Vereinigung gegen „das Schlechte“ und „das Böse“ ist (was auch immer dies gerade sei!), desto befriedigender ist die Zugehörigkeit. Das erklärt Missioneifer und die Konzentration der Definitionsmacht bei einem Charismatiker.

Mit dem Altern einer Religion verteilt die religiöse Symbolik ihre existentielle Bedeutung aufs Alltägliche und wird ihrerseits – nicht bedeutungslos, aber alltäglich.

Das zerquetschende Elend – wir können es nur symbolisch ins Auge fassen. Wir können die Angst nur durch Symbole bannen.
Bachs Matthäus-Passion ist das Produkt einer traditionsreichen Gemeinde. Als Teil einer öffentlichen Dankesfeier für die Offenbarung Gottes in Jesus, dem Gekreuzigten, schlägt sie die Angst in den Bann ihrer großen Schönheit. Hier hat Gott dem Einzelnen durch treue Zeugen entscheidende Vorarbeit geleistet. Hier ist christliche Kultur, heiliger Boden. Das heilige Land aber kann uns ausspeien (3.Mose 18,28 und 20,22) – wenn wir es uns dort zu wohl sein lassen, uns in die Fremde schicken, Gott dort zu suchen.

Segen suchen, nicht direkt Gott suchen! Wo denn uns Segen erwartet, das ahnen wir, Segen inmitten der Scheußlichkeiten. Der Dankbare ist gesegnet, ist ein Segen.

Kunstreligion hat leicht etwas Snobisches. Die Analogie macht immerhin aufmerksam darauf, daß eine gute Symbolik (und auch eine gute Religion) viel entfremdenden Gebrauch – als Fetisch, als Zugehörigkeitsmerkmal, Prestigeobjekt und endlich auch als Ware – verträgt.

Mythologie ist Existenzsymbolik, aber nicht immer in personal-integrativem Sinne „religiös“.

Zu Marx’ Zeiten wurde Religion tatsächlich als „Opium des Volkes“ verbreitet.
Daß aber Religion und Ideen mehr sind, sieht auch der Ahnungslose daran, daß sie nicht nur beruhigen, sondern auch zu guten Taten (und Untaten) antreiben können.

Religionen sind extrem konservativ, weil sie den ruhenden Pol in der Erscheinungen Flucht repräsentieren.

Eine religiöse Symbolik mit ihren reichen bedeutungsvollen Vorgaben bietet sich an als Zentrum einer Lebensstruktur. Um sie herum haben im Lauf der Zeit verschiedenste Typen und Individualisierungen von Lebensstrukturen wachsen können. Das unendlich komplizierte Geäder einer persönlichen Symbolik kann sich, ohne folgenreiche Verletzungen, nur langsam umstrukturieren. Deshalb bleiben Religionen, noch lange über ihre Blütezeit hinaus, soziologisch wichtig.

Sakral ist Totenkult, Kult des anwesend gewesenen, als abwesend Anwesenden. Nietzsche empfand die christlichen Sakralräume als Grabmäler Gottes. Im Sakralraum herrscht äußere Ruhe, keine Ablenkung vom leisen Segen der guten „inneren Objekte“*. Die Christen sollen sich sammeln vor dem Gott, der für sie gestorben ist.
Architektur, Innenausstattung, Musik und Wort sollen nicht ablenken, sondern, als Resonanzkörper des Innerseelischen, das Erleben selektiv verstärken und lenken. Totale Stille und Leere wäre kein Segenssymbol; und man braucht Segenssymbolik.
Die historische Veränderung der Lebensumstände bedingt aber auch Bedeutungsverschiebungen und beirrende Sinnveränderungen der religiösen Symbolik. Archetypisches wird professionell manipulativ eingesetzt und ist Kitsch geworden; anderes ruft in unserer so ausdifferenzierten Kultur unberechenbare Reaktionen hervor. (Meinungsumfragen bringen immer wieder Überraschungen.)

Die jeweilige Außenwelt einer Religionsgemeinschaft weiß, daß religiöse Normenquellen in aller Regel, wenn auch nur als Narrenkappe, zu respektieren sind – Narren sind zu allem fähig.

Religionen sind traditionelle Formen von Demut.

Daß ein Gesetzeskorpus Werke definiert, die den Menschen in Gottes Urteil gerecht machen, kann man nur so lange glauben, wie dieses Gesetz als Gottes Gesetz verstanden wird. Dieser Glaube aber gehört in den klassischen kosmos-Glauben.

Der am Kreuz gestorbene Gottessohn ist ein paradoxes Existenzsymbol. Es hat eine chaotische Geschichte vor sich (Jes 53 aus der babylonischen Gefangenschaft!) und nach sich (die innovationsfreudige Geschichte des christlichen Abendlandes), mit besonders unberechenbarer Wirkung.

Der Islam ist durch die rücksichtslose weltpolitische Übermacht des Westens in eine Krise geraten, die nicht nur seine Gläubigen zu Revisionen ihres persönlichen Selbstverständnisses gezwungen hat. Sie hat auch zu gemeinschaftsbildenden persönlichen Reaktionen geführt, die der Symbolik des Islam zunächst eine reaktionäre Bedeutung gaben. Die Frage nach einem innovativen Potential des Islam ist dadurch neu aufgebrochen.

Das religiöse Verstehen hält Distanz zu den religiösen Vorstellungen (Bilderverbot).
Entwickeln sich die religiösen Vorstellungen von einem kindlichen Polytheismus über einen jugendlichen Monotheismus zu einem Panentheismus des Alters?
In der Entspannung fällt man religiös zurück in die klassischen Vorstellungen (Archetypen). So beugt man sich vor Gott, der vom Himmel auf uns herabsieht. Man muß dann aber auch wieder aufblicken, in den Tonus des Alltags zurückfinden und sich, immer besser, aufs Leben verstehen.

Das Leben ist ein chaotischer Prozeß. Das wird aber nur manchmal bewußt und beunruhigend und nur selten beängstigend. Dies sind die unheimlichen sog. "kritischen" Augenblicke, wo sich etwas entscheidet – ob zum Bösen oder zum Guten, kann man noch nicht wissen. Im Unheimlichen spukt unser Wissen um das "Andere" unseres sexuell[16] und sterblich konstituierten Lebens, das wir in uns tragen: den eigenen Tod.
Das Numinose ist das persönlich akzentuierte Unheimliche. Für rational nicht zu bewältigende, kritische Situationen (oft Übergänge) gibt die kulturelle Tradition Hilfestellungen, kleine (etwa Gebete) und große Rituale. Rituale fassen das Hier und Jetzt (gegebenenfalls eine alltägliche Situation) als kritisch ins Auge und vermitteln die Distanz, die nötig ist, um seine Kräfte zu sammeln.

Veranstaltungen wie Kult oder Konzert sollen den einzelnen Teilnehmer bestärken in seiner Identifikation mit der gebotenen Symbolik. Jeder ist gehalten, sich in diesem Sinne angepaßt zu benehmen; sie sind insofern Theater mit Rollendistanz. (Das athenische Kulttheater leistete theologische Bildungsarbeit.)
Ohne Rollendistanz verfällt man in einen veränderten Bewußtseinszustand, der jedoch zunächst beherrschbar ist – vergleichbar mit dem (aufrufbar unbewußten) Vorbewußten.
Die Anpassung kannn sich aber zur „Massenpsychose“ totalisieren. Dann gerät jeder Teilnehmer in einen unbeherrschbaren „veränderten Bewußteinszustand“. Das Hochgefühl, das dabei aufkommt, idealisiert die Symbolik nachhaltig.
Es kommt zu Bekehrungserlebnissen; die Person kann umstrukturiert werden.

Religion ist zunächst und zumeist „Diätetik (= Lehre der geregelten Lebensführung)“ (Jochen Teuffel). Diese schließt viele traditionell festgelegte, nur bestimmte Lebensbereiche betreffende Handlungen ein, die wir nicht als religiös, sondern als abergläubisch empfinden, weil sie nicht die ganze Person betreffen. Eine Person kann die Lehren mehrerer „Religionen“ befolgen. Die Theologie solcher Riten ist (polytheistische) Mythologie.
Gelebter christlicher Glaube hingegen geht frei mit den rituellen Traditionen um. Christliche Theologie ist personale Verantwortung der Überlieferung, deshalb monotheistisch.

Welchem Bedürfnis entsprechen Religionsgemeinschaften?
Gottesglaube stärkt den Einzelnen im Kampf ums Dasein. Und symbolische Kommunikation organisiert das Imaginäre kollektiv praktikabel realitätsbezogen.

Religionen sind starr und explosiv.

Religion floriert im Unglück.

Die religiösen Symbole können „schweigen“; und ihr Verblassen im normalen Alltag ist Gottes Wille!
Forcierte Frömmigkeit bekommt mit den Tücken der Ambivalenz zu tun. Die negative Seite der Ambivalenz kann hervorbrechen und die Oberhand bekommen. Dann erscheint Gott zynisch – das ist der Teufel. (Vgl. Luthers Anfechtung durch den Teufel als Christus.)

Man stabilisiert seinen Weltbezug symbolisch.
Soziale Verstärkung des Glaubens stärkt rückwirkend die Gesellschaft.
Divergente Weltbezüge jedoch destabilisieren die Gesellschaft und gefährden den sozialen Frieden. Eine Gesellschaft bedarf einer kollektiven Existenzsymbolik (zB „Deutschland“, “Weltgesellschaft“, „Ökosphäre“). “Christus“, „Gott“ sind kompromittierte Symbole. Sie sind Mantras, die schon immer einer besonderen Schulung, Bildung und eines Trainings (Gebet, Kult) bedurften, nicht mehr gesellschaftlich zentrales Allgemeingut sind und am lebendigsten noch in idiosynkratischer Bastelei aufgegriffen werden.
Allenfalls das recht wolkige Symbol „Christentum“ könnte gesellschaftlich wichtig werden. Es bezeichnet den kirchenunabhängig gewordenen Bezug einer Kultur zur christlichen Tradition.

Wahn realisiert Imaginäres, zunächst selbstverstärkend und, um sich greifend, selbststabilisierend. Zuerst setzt er durch Vereinfachung Energien frei. Allmählich aber macht der wachsende Energieaufwand für ideologische Unterhaltsarbeiten das System unhaltbar. Es wird zur façon de parler.

Im Religionsunterricht werden Typen (also Vereinfachungen) menschlicher Selbstverständnisse (die ja ihrerseits Vereinfachungen sind) vorgestellt. Das ist zunächst eine Reihe von Ideologien; diese bekommt Sinn erst dadurch, dass der Einzelne diese als Interpretationen seines eigenen Lebens erprobt.

Symboliken sind vieldimensionale Netze. Religiöse Symbole sind Knotenpunkte in einem Fallnetz des Grundvertrauens, das unter dem Gewebe der Alltagssymbolik ausgespannt ist, um den Menschen aufzufangen, der in ein abgründiges Loch seiner Alltagssymbolik gefallen ist.
(Andere Metapher: Das Grundvertrauen durchblutet das Gewebe ernährend und stärkend. Wo das Geflecht von Blutgefäßen verletzt oder gar zerstört ist, wird von Symbolen einer lebendigen Religion Blut gespendet, was manchmal zu Heilung und Vernarbung führt.)
Theologie ist die hier erforderte Sicherheitstechnologie. Sie prüft, kontrolliert, warnt und bittet Gott und Menschen um Hilfe.

Die Extase der sog. Visio beatifica sieht das Imaginäre unvermittelt als factum brutum im Reellen statt im Symbolischen.

Religion ist ein Armutszeugnis. Glaubenszeugnis klingt missionarisch, ist aber im Grunde eine Bitte (2Kor 5,20!) des gefährdeten Subjekts um menschliche Solidarität, eine Zumutung, auf Wohlwollen angewiesen. Es setzt eine ähnliche Bedürftigkeit beim Hörer voraus.
So ist es auch ein Angebot von menschlicher Gemeinschaft im Raum der religiösen Symbolik. Wenn sich diese stabilisiert hat, z.B. in der Kirche, gerät die zugrunde liegende Bedürftigkeit in gefährliche Vergessenheit.

Fußball ist der moderne Kult. Die alten Heilige Spiele (zu Ehren der Heroen an deren Gräbern) sind abgestorben. Die monotheistischen Gottesdienste seit Langem (und auch die Konzerte als Ersatzkult) verlieren an Bedeutung.
Es geht beim Fußball im künstlichen Schutzraum eines naturwüchsigen Kults um Vorbildlichkeit als Repräsentation von kollektiven Idealen. Im Fußball ist es vor allem: kooperativer Umgang mit dem Zufall.

Die Institution des Beerdigungsrituals garantiert, dass die gemeinsame Hilflosigkeit – im Anschluß an einschlägige Klagen und Wunschphantasien aus dem Schatz der kulturellen Überlieferung – tröstend kollektiv zum Ausdruck gebracht wird. Zum Zitieren des fremden Worts gehört aber unerläßlich das Bekenntnis zu der Fremdheit[17]!

Religiosität der Sklaven und Armen ist oft das Glück gedanklicher Freiheit.

Religion ist, wie Poesie, Kreativität. Stabilisierende „Regression im Dienste des Ich“ (Ernst Kris)? (Dem Wissen gegenüber freie) Illusion persönlicher Geborgenheit im Weltgeschehen?
Beim (naturnotwendigen!) Einschlafen geben wir Selbstbestimmung selbstbestimmt auf.

Lebendige Frömmigkeit verbraucht Wahnphantasien als Hoffnungssymbole.

Religiöse Symbole sind sacra, gefährdet; sie brauchen für gewöhnlich einen Sakralraum. Sie sind Stabilisatoren für den Gefährdeten, – die aber plötzlich ihrerseits akut gefährlich werden können.

Enttäuschung und Herrlichkeitsphantasien verstärken einander.

Religionen stereotypieren. Die christliche Symbolik ist aber chaotisch; sie muss mit wachem Gewissen gebraucht werden. Dann hält sie auch das Gewissen wach, macht umsichtig und gibt das Gewissen frei für andere Ansprüche.

Religion ist nicht beliebige Symbolik, sondern schicksalhafte Existenzsymbolik, „die Stimme meines Herrn“. Glaube ist Betroffenheit.

Religion bedeutet erhöhte Vorsicht, Umsicht und Gewissenhaftigkeit im Umgang mit Symbolen. Sie sollen aber auch nicht fetischisiert werden. Institutionen tendieren zu Denkverboten.

Religiöser Fundamentalismus ist zwanghafte Abwehr von Angst vor der kulturellen Dynamik der menschlichen Gesellschaft. Symbole werden Fetische. Die Orientierungslosigkeit kondensiert in Ideologien und gefriert in Wahn.

Religiöse Existenzsymbolik beeindruckt am stärksten im Massenereignis; das bedarf dann aber noch der persönlichen Integration. Die wichtigste Form der Aneignung einer religiösen Existenzsymbolik ist das Zweiergespräch (nicht das asymmetrische, professionell so genannte „Einzelgespräch“ mit einem Seelsorger).

Ohne das Korrektiv einer erfahrungsreichen Religion entwickelt man mehr oder weniger schrullige Privatkulte (Musik, Gastronomie, Sport, Karriere, meine Ahnen, meine Kinder), die selten besser sind.

Der Islamismus ist ein Antimodernismus, Heiliger Krieg für das unbeschädigte Gute, gegen die verführerischen Schuldverstrickungen im Chaos des Lebens. (Der christliche, freie Westen bietet der Welt heute das abschreckende Bild entfesselter Begehrlichkeit.) Es ist nicht lange her, dass wir im christlichen Abendland dergleichen selbst praktiziert haben.

Auch unsre religiöse Phantasie ist Erbin vieler Traditionen.
Wir können an allem riechen, vieles kosten, manches essen, aber unser Körper kann sich nur weniges aneignen. Mit der Religion ist es ähnlich.

„Kann man zusammen beten?“ –: Was heißt „zusammen beten“? Ist Verstärkung gemeint? Oder kann das Gebet des andern das eigene Gebet stören? Ist an gemeinsame Formulierung eines lauten Gebets gedacht, von der jedem störend bewusst ist, dass der andere sie mit andern Vorstellungen füllt?
In der Tat können Menschen am ehesten lautlos oder in verschiedenen Sprachen zusammen beten.

Es scheint, dass in Ost-Asien seit alters ein bescheidenes, systemisches Denken zuhause ist:
China konzipierte das stabile System von Yin und Yang (mit seiner ökologischen und politologischen Anwendung durch Mencius) und lebt in der großen Totentrauer (als „Hinterbliebene“; der unersetzliche ursprüngliche personale Zusammenhalt der Welt ist beschädigt).
Indien lebt global zielgerichtet mit Gerechtigkeit im Lauf der Zeit durch Identifikation von Verbrecher und Opfer (Seelenwanderung) und Buddhismus.

Bewährte Symbolik stabilisiert sich. Als Religion greifbar ist nur persönlich und sozial etablierte Symbolik. Religion erschafft (nicht nur religiöse) Symbolik, vollzieht sich also am Rande der Symbolik. Deshalb kann man nicht ihr Wirken, sondern nur ihre Wirkungen identifizieren.

Die moderne Wissenschaft (weitgehend auch die akademische Theologie) traktiert christliche Weltanschauungen wie Wahnsysteme. (Schöpfungsgeschichte und Galilei sind ja beides nur Hypothesen.) Nur Laien fragen hier nach dem Realitätsbezug.

Verschiedene Religionen sind zur Integration von Individuum und Gesellschaft unter gegebenen Umständen verschieden dienlich.

Die heiteren Gebete eines unangefochtenen Ausbeuters sind den Ausgebeuteten eine Anfechtung.

Götter sind kollektive Symbole; ihre Stabilität ist pflegebedürftig. Kult ist Pflege eines Symbols.

Frömmigkeit pflegt die Möglichkeit, sich vor Gott zu sammeln.

Religion ist ein Réduit des Subjekts, ein Rückzugsgebiet für seelische Dynamik auf eng­stem Raum. (Individualität wie ein hochfrequentes Wirkungsquantum? Stark gekrümmte Bahn? Erhöhung der Spannung?)
Lange Bedrückung schafft Ressentiments, – wie man schon im Alten und im Neuen Testament sehen kann. Wenn die Eingeschlossenen einen Ausfall machen oder gar freikommen, droht Gewaltherrschaft von Primitivismus, Barbarei.
Sogar in Form von Liebe und Wohltätigkeit (Al Kaida) ohne Bildung ist Religion gemeingefährlich.

Sünde ist die Teilhabe und Teilnahme an der Unverträglichkeit zwischen den Geschöpfen.

Das All als ständige persönliche Herausforderung ist uns vor-artikuliert durch die religiöse Tradition.

Religion ist, wie Verkehrsregeln, ein kollektiver Kompromiß, der im Einzelfall selten ganz befriedigt. Die Einzelnen sind sich einig im pietätvollen Respekt vor der sie im Grund (wenngleich aus Distanz) ansprechenden Tradition.

Das Sakralisierte wird mit narzißtischer Wut verteidigt. Es ist (vorbewußt) als Selbstobjekt* in Gebrauch.

In der Moderne brauchen Religionsgemeinschaften Gestaltungskraft. Lebendiger Monotheismus braucht Führer. Das waren bislang Prediger; aber in der differenzierten modernen Welt muß dieser mehr Hören und weniger Reden.

Religionskritik gehört so wesentlich zur Religion wie Vernunft zum Menschen gehört.

Durch Zwang hält der Verängstigte seine gefährdete Identität an einem Zipfel fest. Vielleicht die tiefste Angst des Menschen ist: sich selbst zu verlieren. Hier geht es um so etwas wie Gottvertrauen. Wo der Zwang gebrochen wird, da wird die Angst bewusst und erscheint in Katastrophenphantasien; der Zwang wird aggressiv.
Freud meinte, Religion sei im Grunde immer zwanghaft. In der Tat entspricht ein institutionalisierter Gott einer Zwangsvorstellung.

Das „Gesetz“ des Kollektivs ist dem Gewissen des Einzelnen zur situationsgerechten Operationalisierung anvertraut. Der Marginale aber ist in anomischer Situation (sensu Merton): Er hat keine legitimen Mittel, legitime Ziele zu erreichen. Mit freiwilliger Radikalisierung der gesellschaftlichen Forderung aber kann er die vetus lex überbieten: Machtlos, handelt er autonom und wechselt in der Phantasie an den oberen Rand einer idealen Gesellschaft.

Chronisch oder akut Marginalisierte suchen Gemeinschaft.
Um Charismatiker herum bilden sich Gemeinschaften, die sie als Autoritäten verehren. Stabile Gemeinschaften haben Amtsträger. In religiösen Gemeinschaften gibt es höchste Autorität. Durch ihre Existenzsymbolik vermitteln sie Marginalen Hoffnung. Ihre Amtsträger genießen das – „Amts-Charisma“ genannte – Vorschußvertrauen, das ihrer Existenzsymbolik Nachdruck verleiht.

Warum bleiben die Leute an ihren Religionsgemeinschaften hängen? – : Weil das Leben und unser Wissen „prekär [18]“ ist! Man hat Grund, seine Kräfte zusammenzunehmen, am besten im „Gebet“.

Religion hat den Wahrheitswert von Kunst. Sie bietet lehrreiche Beispiele bedeutungsschwerer Symbolisierung. Religion ist persönlicher als Kunst.

Standardisierte Umfragen über Religion fragen methodisch objektivierte Existenzsymbolik ab und lassen die je einmaligen Umstände der lebendigen Symbolik und den verantworteten genauen Wortlaut außer Acht.
Objektivierung von Existenzsymbolik aber transformiert das (im prägnanten Sinne) lebendige Wort in eine Vorstellung!
Setzt der Interpret die Antwort des Interviewee nicht mit seiner eigenen Existenzsymbolik in Beziehung, so versteht er die erfragte Symbolik nicht als Existenzsymbolik, sondern als opinion/belief. Er hat sie also nicht als religiös verstanden und kann dementsprechend nur über religiöse Vorstellungen reden, – verständnislos für deren eigentümliche Dynamik.
Da in der gesellschaftlichen Dynamik der Religion die Gemeinde- und Klischeebildung eine enorme Rolle spielt, genügt für die Politikberatung das humanwissenschaftliche Verständnis von Religion. Theologie im Sinne Luthers, von Gott gestörte Wissenschaft, hätte das dann schöpferisch an seinen Ort im Chaos zu rücken.

Theismus, Atheismus, Pantheismus sind Vorstellungswelten, zwischen denen der lebendige Glaube hin und her getrieben ist, Momentaufnahmen aus dem Wortgeschehen[19] des Glaubens, statische Vereinfachungen.

Für die entscheidenden, letzten Vereinfachungen sichern sich die Menschen gewöhnlich mit kollektiven Vorstellungen gegen die unheimliche Wahrheit ab und halten sich an einander fest.

Lebendige Religion ist statistisch zu vernachlässigen. Die für politische Planung relevanten und soziologisch greifbaren Religionen sind Religionssedimente!

Religion ist Extremsymbolik. Jeder Gott ist eigentümlich unendlich, ein Extremum. Andere Symboliken können ins Religiöse hinüberspielen.

Beten ist – laut oder leise, schnell, langsam oder stockend – ein individueller psychosomatischer Vorgang! Gebet im Sprechchor hingegen ist synchronisiert, die kultische Aufführung eines Textes.
Man kann zusammen dasselbe wünschen und erhoffen. Jeder kann seinem Gott dankbar sein, daß er mit seinen Gefühlen und Gedanken nicht allein ist. Man kann in ein Lied, einen Psalm einstimmen. Was einer vorbetet, kann ich nachbeten. Man kann nach einem Gebetsruf zusammen „Amen!“ sagen. Man kann lautlos zusammen beten. Aber man kann in aller Regel nicht laut zusammen beten.

Religiöses Denken spielt zwischen institutionalisiertem Wahn und Wirklichkeit, ein Übergangsphänomen sensu Winnicott.

Für Religion charakteristisch ist der Zusammenhang zwischen flexibler Symbolik und starrem Wahn. Da ist etwas dem Subjekt persönlich Wesentliches sakralisiert; Verlust droht, zu seelischem Zusammenbruch zu führen. Auch die vorgegebene Faktizität der eigenen Person und der Welt ist starr; und auch eine gesunde weltliche Überzeugung kann zu Zeiten so starr sein und als unaufgebbar erlebt werden. Aber sie bleibt freiwillig dem lebenslangen Lernen im intersubjektiven Geben und Nehmen ausgesetzt. Der religiöse Wahn hingegen will nur Unwesentliches lernen und das Wesentliche nur Lehren. Lebendige Religionsgemeinschaft stabilisiert die Religion des Einzelnen. Diese Sicherung kann sie fixieren. Das Gefühl sicherer Geborgenheit kann die Religion aber auch sozusagen aufwärmen und flexiblisieren.
Der Islam hat große Zeiten gesicherter Flexibilität gekannt. Heute klammert man sich da eher, verunsichert, fest.

Auch Privatreligion ist in Gemeinschaftstraditionen verwurzelt.

In Religion sakralisiert die Gesellschaft bestimmte psychopathologische Ereignisse [20]. Sie hütet sich davor, orientiert sich aber daran. Diese instabile Lage regulieren Priester und Theologen; sie müssen von beidem, der profanen Realität sowie von der Psychose, etwas verstehen.

Auch der Gottsname etc. wird in der Kirche (pagan) sakralisiert.
Aber Heiligkeit ist nicht Substanz, sondern Ereignis[21]: Das tremendum erleuchtet die Herzen und erweckt den Glauben, der die eigensten Imaginationen mit der Realität symbolisch integriert. So wird Heiliges kultivierendes Kulturgut.

Man muß wohl froh sein, wenn Menschen Stabilität finden in der Ordnung einer leidlich sozialverträglichen Ideologie, – und sei diese institutionalisiert (starr, aber nicht ungefährlich). Hierzu zählen die (um einen wahnhaften Kern kristallisierten) Religionsgemeinschaften. Ihr Kern wird aktiv in Prophetien aller Art, eruptiv – normalerweise segensreich, manchmal disruptiv. Wir sollen ihnen – sehend, hörend, antwortend – menschlich gerecht werden. Eine unendliche Aufgabe.


Inhalt

I. Sinn 1

II. Kultur 9

III. Schönheit 22

IV. Ideal 34

V. Gut und Böse 40

VI. Kosmos/Gerechtigkeit 44

VII. Freiheit 48

VIII. Parapsychologie 49

IX. Religionen 50

X. Inhalt 81



[1] Schiller, Das Ideal und das Leben.

[2] Rilke, 10. Duineser Elegie.

[3] Goethe, Vermächtnis.

[4] Deshalb konnte man vom „unendlichen Wert der menschlichen Seele“ (Harnack) sprechen.

[5] Faust I 682f.

[6]Un enfant sage“ ist ein bescheidenes, braves Kind.

[7] Morgensterns Taschentuch-Gedicht hat mich darauf gebracht.

[8] Positive und negative Form gelten einander ähnlich.

[9] Den einfachen rein mathematischen Beispielen von Selbstähnlichkeit fehlt die Widerständigkeit der auf den verschiedenen Niveaus verschieden vorstrukturierten Materie.

[10] Seine schrecklichen Aussagen (in der späten Genesisvorlesung, WA 44, S. 548,5ff) über Gottes Spielen mit seinen Heiligen gehören in den Zusammenhang der Auslegung der Geschichte von Josephs Verhalten gegen seine hungernden Brüder.

[11] Auch „Gott“ als Zwangsidee.

[12] So nennt Thomas Schelling Kompromißformeln wie „halbe/halbe“, auf die man sich in Verhandlungen einigt. Bemerkenswert ist, daß im Chaos zwischen den Ordnungsbereichen kleine Zufälligkeiten zwischen großen Alternativen entscheiden.

[13] Der Entdecker der irrationalen Zahlen ertrank, nach dieser Tradition, zur Strafe bei einem Schiffbruch.

[14] In den Apophthegmata Patrum.

[15] Siehe Jan Assmann, Ma´at. Gerechtigkeit und Unsterblichkeit im Alten Ägypten, München 1990.

[16] Asexuelle Lebewesen teilen sich, statt zu sterben; sie sind nur akzidentell sterblich.

[17] Harnack leitete das gottesdienstliche Credo ein mit den Worten: „Wir bekennen mit den Worten der Väter unsern christlichen Glauben.“

[18] Von lat. prex = Wunsch, Gebet.

[19] Ein Begriff, zu dem Gerhard Ebeling im Lutherstudium gekommen ist. Für Luther ist die Anfechtung, das Angesprochen- und Umgetriebensein zwischen Widersprüchen (zentral: Gesetz und Evangelium), ein Wesensmerkmal des Glaubens.

[20] Mancherlei „verändertes Bewußtsein“ gehört dazu; die Epilepsie galt als morbus sacer.

[21] Vgl. das Lutherische „in usu“, gegen die Transsubstantiationslehre.