Thomas Bonhoeffer


Existenzsymbole II (2009)

Meditation/Gebet

Gebet ist sprachlich artikuliert und meist kurz. Meditation ist unartikuliert betrachend und meist länger.

Meditation dient der freien inneren Neuorganisation. Erst wenn Verfestigung dysfunktionaler Strukturen droht, bedürfen wir ihrer.
Wir brauchen zwar Selbstkontrolle; aber der Preis der Selbstkontrolle kann zu hoch werden. Da muß man etwas Selbstkontrolle aufgeben. Das gehört, wie das Atmen, zu den Rhythmen unseres Lebens. Ein Stück weit geschieht es immer, wenn man sich entspannt. In Zuständen zwischen Schlafen und Wachen kann eine Vermittlung zwischen Bewußtsein und unserem tiefer Unbewußten stattfinden. Da haben wir schöpferische Einfälle.
Für tiefer gehende innere Umorganisationen bedürfen wir der Absicherung, eines besonderen Schutzraums, einer Autorität, einer Tradition, eines institutionellen Rahmens.

Gebet ist ein persönliches sprachliches Wagnis. Der Beter wagt sich in die Sphäre des Irrsinns vor; deshalb braucht er das Amen von Mitmenschen.

Das bloße Wort "Gott" sagt assoziativ, jedem etwas verschieden, wo etwa wir uns sammeln können und sollen, wo wir Sinn (Orientierung, Gebot) suchen sollen, wenn wir Sinn suchen.

Warte (wie der Hauswart das Haus, der Wärter die Tiere) das Chaos (der Wünsche), harre auf Gott, vor dem du finden wirst, was du wollen kannst!

"Bittet, so wird euch gegeben!" (Mt 7,7) heißt: Anerkennt alle Widerfahrnisse als eine Auslegung eurer (per definitionem auf Realität zielenden) Herzenswünsche von Gott. Das Selbstprojekt Gott ist organisierendes Prinzip aller Erfahrung. "Denen, die Gott lieben müssen alle Dinge zum Besten dienen" (Rm 8,28).

Innere Sammlung ist immer wieder nötig. Sammlung ist Vereinfachung der inneren Landschaft, umsichtige Schwerpunktbildung, Bündelung der Kräfte, Willensbildung. Ein Vorbild, ein Ideal, sind Orientierungshilfen.
Wille ist Einverständnis. Manchmal muß man sich um Artikulation bemühen und kann sich nicht besser ausdrücken als mit der Gebetsanrede "Du". Das vielerlei uns Beanspruchende fügt sich im Gespräch, mit verteilten Rollen, allmählich zusammen. Gesammelte Besinnung hat unvorhersehbare Folgen.

Beten geschieht spontan. Sonst muß es aus gesammelter Besinnung hervorgehen.
Ein "Gebet" soll aus freiem Beten hervorgehen.
Nicht das Beten, aber ein Gebet soll, infolge der Liebe zur Gemeinde, schön sein.
Beten soll frei mit Gebeten umgehen.

Das Alleinsein im unheimlichen menschlichen Chaos, in der Welt, verlangt Sammlung der eigenen Kräfte im Willen zum totalen Wahrnehmen und dann wohlorganisierenden Entsprechen.
Der Wille zum totalen Wahrnehmen redet nicht, denn er will hören. Im „Gebet“ redet der Wille zum Guten. Das voreilige „Gebet“ gerät dann zur – meist ebenfalls voreiligen – Selbstverpflichtung.

Gebet ist Sammlung vor Gott. Gebet als Gepflogenheit wird leicht zur Gebetspflicht; und unter dieser werden die Herzensanliegen und ihre Artikulation stereotypiert.

Luther hat (nach einer brieflichen Mitteilung von Veit Dietrich von 30.6.1530 an Melanchthon, in WA Briefe, Bd. 5, S. 420) in kritischer Zeit seine Angst drei Stunden täglich betend ausartikuliert. Er hat sie damit auch sozial fruchtbar gemacht.

Regelmäßiges Privatgebet ist eine Art Selbsterziehung. Man muß Gott fragen, ob er es will. Sonst ist es Angstabwehr. Der Identitätsbehauptung dient es, auch wenn es geistlich leer bleibt. Das ist bedenklich.

Man soll nicht aufs Letzte gehen, wenn das Vorletzte brauchbar ist. Das Gebet gehört, trotz Dietrich Bonhoeffers spöttischer Bemerkung, in die "Apotheke". Für den Alltag ist allerdings wichtig, daß man eine Apotheke hat und weiß, daß man sie unversehens dringend brauchen könnte.

Fürbitte muß so formuliert sein, daß die Zielperson einstimmen könnte. Sonst wird diese als Person nicht ernstgenommen!
Zunächst gälte es, für den stumm Leidenden vor Gott zu klagen und mit dem Jammernden vor Gott zu jammern in der Hoffnung, daß sich etwas artikuliert, worin beide sich ausgedrückt und angenommen fühlen.
Fürbitte für den Hoffärtigen ist wohl nur möglich, wenn man seine Hoffart verstehen und mitempfinden kann.

Die Anrede Gottes ist ein grandioser Entwurf – über den täglichen Kampf hinaus. "Mein Gott" ist der Horizont einmal einer Magenverstimmung, einmal eines vergnügten Frühstücks. "Leib Christi" ist solche Inkongruenz!

Gebet ist gottbefohlene Kreativität. "Rufe mich an in der Not!" (Ps 50,15)

Wer um Regen betet, setzt sich zur Dürre, über das Machbare hinaus, in eine persönlichere, mitverantwortlich-aktive Beziehung. Der Glaube an die hörende, die Hoffnung auf die erhörende Gottheit vermittelt eine persönliche Akzeptanz für die Welt, wie sie ist. Der Gott ist nicht, unabhängig von mir, alleinverantwortlich. Ein Gefühl unergründlicher Verflochtenheit mit der Erde sowie mit der Gottheit und Mitverantwortung beseelt das Gebet. Gebet will Theurgie* sein, menschliche Einwirkung auf Gott.

Aus der Person des Nächsten blickt Gott mich an. Gott, als weiterer Gesprächspartner symbolisiert, ist als Beistand in bösen Zwischenzeiten gut. Normalerweise sollen menschliche Gesprächspartner, die Nächsten, Gottessymbol sein, – wie ja umgekehrt das Gottessymbol die anderen mit repräsentiert.

Konfuzius betete regelmäßig. Aber er wollte nicht über den reden, zu dem er betete.

Zum Gebet werden die Hände deaktiviert (erhoben, zusammengelegt oder gar gefaltet). Der Blick wird, gesenkt oder erhoben, abgewendet von den sozialen Kontakten. Der Körper wird gebeugt, knieend, niedergeworfen oder aber erhoben: innere Sammlung vor dem Höheren.

Gebet ist Selbsterklärung in Rufform.
So ein explizit appellatives Selbstsymbol läßt sich auch sozial funktionalisieren, – privat Matth 6,5, öffentlich die “Politischen Nachtgebete” und ihre Nachfolger. “Sie haben ihren Lohn dahin.”

Barak als neuer Premier in Israel war ein plötzlich wirkendes Symbol, das eine unbewußt ständig lastende Spannung löste. Mein nur sekundenlanges, spontanes Gebet für das Gelingen der Regierung war automatische Affektabfuhr.
Freudiger oder angstvoller Schreck löst offenbar unversehens den alltagsvernunft-bedingten Gebets-Rückstau. (So faltete sogar der militante Atheist Max Delbrück die Hände, als er plötzlich sein Kind zum Fenster hinausfallen sah; dann staunte er über sich selbst.)

Der Gottesname ist ein Übergangsobjekt, auf das sich zu verlassen man manchmal im Stande ist, so daß man angstfrei sich öffnet, sich der wahren Wirklichkeit anvertraut.

Durch seine Entzugskraft entspricht das Wort Gott der jüdisch-christlichen Tradition dem buddhistischen „Nichts“.

Das Gebet ist eine imaginäre Zuspitzung der Meditation, "Regression im Dienste des Ich" (Ernst Kris). Die kollektive Imagination wandert allmählich aus der Institution ab in schwächer institutionalisierte, seltener zusammenkommende, innigere Selbsterfahrungsgruppen. Auch die privaten Gebete bekommen experimentelleren Charakter.

Das Ganz-Andere, das gar nicht Angeeignete, "die Transzendenz", ist im anderen und in mir selbst. Ihr zu entsprechen, ist unser Grund-Bestreben, ihr gehören wir.
Weil wir uns ihr persönlich verpflichtet fühlen, können wir uns auch persönlich an sie wenden, d.h. uns fragend, bittend, dankend an Gott wenden und von ihm Orientierung empfangen.

Bei der Meditation geht alles in Gott unter, wie im Schlaf; und alles ersteht, verwandelt, in neuer, handlungsleitender Klarheit.

Im intensiven Gebet verfließen die Grenzen zur Theurgie, auch bei einem Luther.

Sinai: Es dröhnt aus dem Gottesnamen.

Der Name stabilisiert, macht das sonst Unheimliche repräsentabel, mental handhabbar. Um den Namen organisiert sich das Unheimliche und verliert seine Unheimlichkeit.

Die ostasiatische Meditation setzt Demut voraus.

Der Sünder hofft, als Schüler aus der Sündenverstrickung herausgeführt zu werden durch den Meister, dem er sich für den meditativen Prozeß der Reorganisation, die er selbst nicht kontrollieren kann, anvertraut und, bereit zu blindem Glauben, unterwirft. Des Schülers Demut vor Gott konkretisiert sich in Demut vor dem Meister.

Der Gottesname soll nicht zauberisch beschwörend, sondern als persönliches Wort wiederholt werden, als Antwort auf Gottes Aufforderung.
Gebet und Besinnung rufen Gott in unser Dasein und lassen es dann bei dieser Präsenz Gottes vertrauensvoll bewenden. Man lebt zuversichtlich weltlich weiter. Erst unter veränderten Bedingungen, bei einem neuen Anlaß, soll man den Ruf wiederholen.

Unbestritten muß der Mensch normalerweise dann und wann sich sammeln. Das ist eine seelische Automanipulation, wie etwa Sich-Waschen eine körperliche ist. Man sammelt sich, indem man sich auf etwas konzentriert, was sich als Selbstsymbol anbietet. Man versetzt sich in einen anderen Zustand.

Repetition und Rituale sparen zugunsten einer Fokussierung viel von der sonst für allseitige Umsicht gebrauchten Energie ein.

"Das begrifflich Wesentliche am biblischen Gottesverständnis zeigt sich, präzisiert durch die Theologiegeschichte, als seine theoretische Inhaltslosigkeit. Das Wort Gott ist das bloße Wort schlechthin, das reine Glaubenswort. ... die Entzugskraft des Wortes Gott als Kraft Gottes ...", schrieb ich in der RGG 3.Aufl., Bd. VI, Sp. 281.
Unser Gott-Verstehen bleibt symbolisch; fern von jeder Möglichkeit, Begriffe zu bilden, die man, unter auch nur zeitweiliger, methodischer Absehung von Gott, sicher handhaben könnte.

Das Diesseits, über das wir Bescheid wissen, bezeugt das Jenseits dadurch, daß wir immer wieder doch nicht Bescheid wissen. Der Name Gottes, als das bloße Wort, das nur durch seine Konnotationen bestimmt ist, ist dafür ein Memento.

Nur im Glauben ist Rettung. Normalerweise: im Glauben an die ungefähr verstandene Wirklichkeit als Existenzsymbolik; in der Krise aber, wenn alle Wirklichkeit ihre existentielle Tragfähigkeit verliert: im Glauben an den, auch als bloßes Wort doch festzuhaltenden, Namen Gottes.

Der deuterojesajanische "Gottesknecht" Israel und der neutestamentliche Jesus "Christus", zwei paradox interpretierte, historische Gestalten, sind die zentralen biblischen Konnotationen des Gottesnamens.

Gott

Man fürchtet, inmitten des Weltgetriebes, um seine Identität. Man braucht Gott zur Orientierung für die Wahrung der eigenen Integrität.

Wenn Gott nicht selbst dankbar wäre, hätte er keine Dankbarkeit schaffen können.

Gott kann böse sein; und er hat Wesen geschaffen, die böse sein können.

Der „Schöpfer“ ist das Ideal des menschlichen Subjekts.

Gotteshaß desintegriert die Person nachhaltig.

Nur on speaking terms mit Gott bleiben wir geborgen.

Die natura naturans ist auch der uns wieder verschlingende Chaos.

„Was soll ich?“ – : Das Gesetz antwortet: ‚Du sollst Gott denken!’. Das Evangelium sagt: ‚Du denkst Gott!’ – : „Äh, mein Denken ist Gott-Denken?!? Bist du sicher?“ – : Durch Jesus hat Gott uns diese Sicherheit zugesprochen!

Gott ist ein „Selbstobjekt“: Gott ist ein Geschöpf des Glaubens; der Glaube ist ein Geschöpf Gottes. Man möchte vielleicht glauben; aber es kommt darauf an, was man glauben kann(!), nämlich: was Gott einem sagt – und sei es, daß Gott einem nichts sagt! Wollen und verwirklichen kann man nur: erst Aufmerksamkeit und dann Zeugnis.

Gott ist sichtbar nicht nur als actuosus, als Täter: als fliegender Vogel, als Plünderer, sondern auch statisch, zB als Fensterrahmen.

Mein ausgedachter Gott ist das Beste, was zu denken ich im Stande bin. Entscheidend ist, was man denken und glauben kann!

Gottes Dankbarkeit bezieht sich nicht auf unsere Werke, sondern auf unser geschöpfliches Dasein als Kämpfer – in unsern Werken.

Ein Gottesglaube, der sich wissentlich am gekreuzigten Jesus vorbeidrückt, wird von der Wirklichkeit erdrückt.

Das Wort „Gott“ ist Platzhalter für Hoffnung in der Aussichtslosigkeit.

Unsre Zielvorstellung vom Guten greift zeitlich sehr kurz. Wir sind ein brodelndes Chaos. Die Evolution verschwendet für ihren gemächlichen Fortgang deprimierend viel kurzsichtig-guten Willen.
Wir bilden unser Ideal, den Fortschritt, in Nahzielen ab, die uns motivieren, – und scheitern damit. Denn die Evolution schreitet nicht ideal voran.
Wir können aber damit leben; wir leben sogar nur davon! Die reife Form des Idealismus ist bescheidener guter Wille.

Gott ist sichtbar. Pindar und Hölderlin haben ihn in schönen jungen Menschen gesehen. Die Auferstehungzeugen Jesu haben gelernt, Gott im Gekreuzigten zu sehen.

Zwischen all dem Einzelnen, das unsre Welt ausmacht, sehen wir den Abgrund des Zufalls, den unser Verstand nicht auslotet. Gott ereignet sich, indem sich alles Einzelne zu einem Wunder zusammenfügt und den Menschen persönlich anspricht. Derartiges ereignet sich so oft, dass man sich Gott einfach als konstantes Objekt vorstellt.

Man hat den Namen Gottes überliefert bekommen und pflegt ihn als Zitat zu brauchen. Man sollte aber beim Wort Gott dann und wann innehalten, bis man den Gott, von dem man gehört hat, in der hier und jetzt vor Augen liegenden Realität sich ereignen sieht und sich wundert. Dann kann man die Überlieferung auch in eigener Verantwortung fortführen.

Gott vs. Welt ist eine Vereinfachung. Die Welt ist die bekannte Erscheinung Gottes; Gott ist die Kreativität der Welt.
Gott als Person ist, integrativ ordnend, unser imaginäres Ideal von Kreativität.

„Allmacht“, ein imaginäres Konzept, gehört ins (gegenüber dem normalen) „veränderte Bewußtsein“, ins High, in die Religion.

Was „ist“ Gott? – : Eine Ereigniswolke.

Gott ist der Partner für Selbstgespräche.

Gott als Vater ist eine Vereinfachung, aber ein gute.

Die Fremdprophetie der Gottlosigkeit warnt vor Vergötzung Gottes.

Gott berät uns. Berät er uns gut? – : Er berät uns so, daß wir unsre fragmentarische Ganzheit in eine größere Ganzheit einbringen.

Alle Welt hält die Welt für die uns beschiedene Offenbarung Gottes, sozusagen: für Gottes Offenbarungseid.

Es gibt Natur; und Gott gibt es natürlich nicht! Aber manchmal wird einem bewußt, daß dieses Es, dem wir die Natur (aber nicht Gott) verdanken, abgründig ist.

Es gibt menschlich eindrucksvolle, historisch bezeugte Glaubensereignisse. Sie zeigen unsere Existenz als ernstes Rätsel. Gott gibt es als ein vielfältig überliefertes Traditionsstück – wie ein Musikstück, das es eigentlich nur gibt, wenn es aufgeführt (=„gegeben“) wird – und zwar immer wieder anders. So etwas will von jedem immer neu erfunden sein – ontologisch etwas Besonderes!
Angesichts alles Entsetzlichen, was geschieht (und sogar in Gottes Namen getan wird), kann es Gott für jeden nur geben, indem er Gott jedesmal neu erfindet! Das ist seelisch eine große Aufgabe – eine Selbstaufgabe. Aber „wer sein Leben behalten will, der wirds verlieren“ (Mt 16,25).

Der „bescheidene Gott“ hört auf, eine idyllische Vorstellung zu sein, wenn diese Einsicht konkret wird, indem – unbescheiden als gottgewollt vorgestellte – Erwartungen durch die Schlechtigkeit der Welt enttäuscht werden. Da muß man seinen Frieden in Gott neu suchen!

Gebet ist bescheiden Kreativität suchende Kreativität.

Kreativität ist per definitionem nicht definierbar; wer darüber mitreden will, muß so etwas wie Emergenz erlebt oder eine Aha-Erlebnis gehabt haben.
„Die Krone der Schöpfung“ ist die Persönlichkeit. „Der Schöpfer“ ist Gott.

Die Wiederholung in der Spiegelung zwischen Gott und Mensch filtert Struktur heraus, fördert die Charakterbildung. Die Gottesideen helfen dem Menschen, seine Identifikationen und Desidentifikationen zu revidieren, das Dasein anders zu konzipieren, vertiefen und stabilisieren. Sie sind Symbole für sein Rätsel des Daseins.

Der Gott reduziert Komplexität: Die gesammelte Erfahrung wird zu Zuspruch und Aufforderung.

Polytheismus entspricht der konfliktiven Verwobenheit des einzelnen in seine Umwelt.
Der eíne Gott ist das Selbstprojekt eines unsterblichen, souveränen, voll integrierten Individuums mit vollkommen sublimierter Sexualität. Der göttliche Heilsplan integriert alles; er ist das Ideal von Ideologie und macht Mut zu komplexer Rationalität. Sozial- und kulturgeschichtlich verschärft Monotheismus Konkurrenz naiv-aufklärerisch ideologisch. Gottes Sich-Einlassen auf geschichtliche Beziehungen beteiligt uns an seinem laufenden Projekt. Die christliche Dreieinigkeitslehre schillert zwischen Mono- und Polytheismus.
Das Projekt der Postmoderne ist wieder eher polytheistisch. Das unendliche fromme Projekt einer Einheitstiftung durch Rationalität wird relativiert.

Auch die Gottesideen sind im Kampf ums Dasein begriffen. Nur wenige pflanzen sich fort.

Hätte das Christentum sich nicht mit der (allerdings auch schon heidnischen) Banalisierung des Polytheismus zufrieden gegeben, sondern diesen – mindestens so liebevoll wie der Neuplatoniker Iamblich – verstanden, so hätte die Kirche sich gewiß anders entwickelt und litten die Kirchen heute nicht solche religiöse Sprachnot.
Der Mensch sieht sich umgeben von (teils gut identifizierbaren) Mächten, die ihn persönlich zu eigenster Kreativität herausfordern, je ganz (!), ohne Zeit zu Besinnung und Warten auf deren Ergebnisse; man lebt ohne den wünschenswerten Überblick. (Personalisierende Empathie ist die nächstliegende und ja auch ergiebige Strategie zum Verstehen der Mächte, führt aber nicht ganz zum Ziel.)
Der lebendige Polytheismus anerkennt das. Die Fülle der Gottheit ist mild chaotisch artikuliert.
Die apokalyptische Unterscheidung der Zeiten der Teufelsherrschaft und der Gottesherrschaft, dann die Paulinische zwischen Zeit des Gesetzes und Zeit der Gnade (Gal 3), endlich Luthers verallgemeinernde Unterscheidung zwischen tempus legis und tempus evangelii als alternierenden Zeiten des Gewissens tragen demselben Grundproblem Rechnung.
Konnte Iamblich die homerischen Götter als Erscheinungsformen des Einen erkennen, so konnte Luther von Gott unter der Maske des Teufels und dem Teufel unter der Maske Gottes sprechen.

"Gottes Sein ist im Werden"[1] ist ein tröstlicher Satz in einer spürbar beschleunigt sich verändernden Welt menschlicher patchwork identity ständigen Hinzufügens, notdürftigen Zusammenwachsens, Beschädigtwerdens und Abstoßens.

Wo die fromme Tradition von Zorn oder Verborgenheit Gottes redet, möchte man manchmal von Bosheit Gottes reden.

Gott fluchen: wir dürfen es nicht, um unser selbst willen. (Mephisto: "...und hüte mich, mit ihm zu brechen.") Nur klagen und anklagen. (Vgl. Faust, Prolog im Himmel.)
Gotteslästerung greift zu kurz: sie lästert meist Vorstellungen des Lästerers von Gottes­vorstellungen anderer Menschen, im ernstesten Fall die Gottes­idee des Lästerers selbst. Aber was hat er Besseres als seine nur allzu herrliche Gottes­idee? Er kämpft verzweifelt gegen seinen eigenen Starrsinn!
Und wer kann ihn mit ihm selbst versöhnen? Nur die Liebe – von außerhalb seiner[2]! Die Erfahrung von Liebe ist die Basis jedes Glaubens. Sie gibt Raum zur Reifung auch der Gottesvorstellungen.
Gotteslästerliche Gedanken sind die Kehrseite des Gotteslobs, das Draußen des Drinnen, Protest des Gewissens gegen den immer mitlaufenden Selbstbetrug, Wut über die Selbsttäuschung in jedem Glauben an den enttäuschenden wahren Gott.

Die Fernseh-Nachrichten waren wieder einmal scheußlich. Er: „Wenn ich Gott wäre, würde ich jetzt mal Urlaub nehmen.“ Sie: „Er ist schon in Urlaub!“ Für ihn nimmt Gott Teil am Weltgeschehen, für sie ist er ein enttäuschender Herrscher.

Gegen narzißtische* Überschwemmung des Ich mit Größenphantasien bleibt zur Entlastung der Gott – wie Hölderlin (und das Neue Testament) sich ausdrückte – als der allein Große, ganz andere, zur Verfügung[3].

Wenn schon das Ich gottgleich im Zentrum stehen soll, dann vor Gott! Sonst "wird dir gewiß einmal bei deiner Gottähnlichkeit bange" (Faust I, 2050) werden, wie es dem Gottlosen seit alters angedroht ist. Und was wirst du veranstalten müssen, um diese Bange unter Kontrolle zu bringen!

"Göttlich" ist Offenbarwerden, Gestaltgewinnen, Verständlichwerden. Und im Göttlichen erscheint uns wohl überraschend Gott, – überraschend, weil wir so viel über ihn gesagt bekommen haben (wir mögen es geglaubt haben oder nicht), daß es gar nicht mehr auffiel, daß wir nichts von ihm merken.
In der Bibel sind Engel manchmal einfach Gotteserscheinungen (z.B. vor Gideon Ri 6,11). Der himmlische Hofstaat ist spannungsvoll (Ps 82): Der Herr schilt die versammelten "Götter", die nicht für Recht sorgen, und verurteilt sie zum Tode. Gott ist nicht nur Mensch geworden; er kämpft auch als Macht unter Mächten. Ferner ist er auch "im Darm einer Laus"[4].
Gemeinhin wird Gottes Sein vorgestellt als auf ein paar gesellschaftlich (oder subkulturell) erwünschte Prädikate beschränkt. Dagegen protestierte Barths „Gott ist Gott!“ Man muß Barths berühmtes Diktum nur präzisieren: Gott ist unter anderem hauptsächlich Gott.

Die überlieferten Gottesvorstellungen sind uns oft zunächst fremde, fast leere Hülsen. Sie sind aber Gefäße für die Entwicklung von sehr Eigenem.

Ein Aussagesatz über Gott vermittelt eine Gottesvorstellung als Ort für eine Gottes-Begegnung, ein Heiligtum – mit Priestern und Putzkolonnen. Es gibt natürlich auch eine Geschichte und eine Geographie der Heiligtümer.

Sind die Menschen mit Gott oder ohne Gott verrückter?
Es gibt schlechte – und gute Gründe, die Gottestradition zu meiden. Sie ist ja voll Trugs und Gottlosigkeit.
Man kann die Gottesidee als eine Wahnbildung, in deren Namen schon viel Böses getan wurde, fürchten und vermeiden. Sie war ein verführerisch bequemes Konzept. Die Imago* eines Allmächtigen Gottes ist kognitiv ein energetisches Minimum, also sehr stabil*. (Man kann das Wort vermeiden und gleichwohl unbewußt das Konzept behalten!) Die uns in dieser Illusion überlieferte kulturelle Vorarbeit war nicht unsolide, aber doch nicht für die Ewigkeit; sie mußte einmal einstürzen und verlassen werden. Die Wiederbesiedelung dieses Geländes aber findet auch Brauchbares vor.

Es ist nicht verboten, aber jedesmal bedenklich, auf Gott mit einem Pronomen Bezug zu nehmen, als könnten wir eine uns faßbare Identität Gottes auch nur für die Länge eines einzigen Satzes bedenkenlos voraussetzen.

Das Wort Gott ist uns übergeben aus einer Tradition existenziellen Nichtverstehens (Über­­­­wältigung, Angst, Identitätskrise).

Geht Gott in der Wirklichkeit unter, so wird die Wirklichkeit anonyme Gottesepiphanie. Die Welt gottet.

Das realistische Gefühl von unvorhersehbarer Potentialität bildet sich ab in der Gottesvorstellung, symbolisch provokant im Glauben an den auferstandenen Gottessohn.

Der späte Beethoven schafft in seinen Kompositionen Gottesbilder.
Nicht nur sind wir als Gottesbilder beschaffen. Auch durch menschliche Wirksamkeit bildet sich Gott in der Welt ab. In unseren Werken stellen wir unseren Gott dar.

Es gibt zwei Wahrnehmungseinstellungen: die werktägliche Weltzeit (die Welt gottet) und die sabbatliche Gotteszeit (Gott weltet).

Denselben Gott haben heißt: symbolisch artikulierbar im Tiefsten mit einander einverstanden sein. Es ist Sache des Selbstverständnisses.

Für die eigenen Gottesvorstellungen ist man selbst mitverantwortlich.

Der monotheistische Archetyp* wirkt in uns, auch wenn wir nicht daran denken. Er beeinflußt unser Denken und Urteilen, Tun und Lassen. Wenn wir uns bewußt willentlich nach ihm richten, handeln wir zusammenhängender, konzentrierter.
Das bedingt allerdings eine Rücksichtslosigkeit gegen Störendes, die Gefahr einer theokratischen, ideologischen Verengung. Man muß seine Gottesidee immer wieder auch fahren lassen, sie von der Vielfalt des Lebens anfechten lassen können.

Das Projekt Gott ist allemal ein Wagnis, deshalb angstbesetzt, es individuiert, es führt in hoch narzißtische* Begegnungen. Diese können einerseits zu Feindschaften führen, anderseits lebendige Gemeinde bilden und fetischisierte Ideen relativieren.

Nicht nur der Mitleid erregende Nackte, Hungernde, Gefangene von Mt 25, sondern die ekelhafte Masse Mensch und der teuflisch unfair und ungerecht mich angreifende Mitmensch, sind auch Gottes Maske. Aber das kann ich immer erst hinterher sagen und bedenken.

Du kannst gucken, wohin du willst, Gott blickt dich an.
Auch aus Dr. X.! Der sieht mir, besonders auf der Folie seiner hohen Position, dafür allerdings zu nichtig aus. Teilnehmend an der Sippschaft des Seienden aber, guckt Gott manchmal sehr doof, kaum leidend, aber nichtig.

Bildungsgüter sind Treffpunkte der kollektiven Kommunikation. Der Name Gottes ist ein Bildungsgut, aber kein in der sozialen Welt sehr zentraler Treffpunkt mehr.

Der Sünder jubelt Gott hoch hinaus – aus dem Weg.

Nach Joachim Scharfenberg ist Gott Symbol der Integration aller Ambivalenzen. So aber wäre er Symbol für etwas, dessen Umrisse schon bekannt sind, etwas "Definiertes" (im wörtlichen Sinne). Gott als Existenzsymbol hingegen meint gerade das Unumreißbare.

Nach Gott fragen: die Flüchtigkeit der eigenen Person spüren, Verwahrung für sich selbst suchen in einem Symbol.

Nur eine göttliche Person kann urteilen: "Gott ist gerecht".

Gott verweist uns auf unsere Einzigkeit, die er ist.

Wenn, trotz anders lautender amtlicher oder wohlwollender Versicherungen, Gott sich nicht gibt – bzw. sich so gibt, als gäbe er sich nicht – , dann, in aufmerksamer Bescheidenheit vor der Tradition und mit Würde, zu tragen, daß "es" Gott nicht gibt, ist schwer. Aber es scheint, daß der Mensch es lernt. Erst haben es die Juden gelernt, jetzt lernen es die Christen. Karl Barth hat es laut sagen dürfen. Die Mohammedaner werden es auch noch lernen.

Das Projekt Persönlichkeit ist kulturell nicht mehr zentral. Es ist relativiert. So ist auch der eíne Gott als Symbol relativiert.

Der Eine Gott ist der einigende Gott. Der Eine Gott war eine strukturelle Innovation, ein verheißungsvolles und insofern verpflichtendes Symbol; von epochemachender, heute relativierter Bedeutung.

"Individuum und Gesellschaft" ist eine grobe Gegenüberstellung, gut für moralische Grundsätze. In moralischen Problemen ist man grundsätzlich auf die Gesellschaft bezogen. Für die konkreteren Probleme gehört dazwischen die Vielfalt der sozialen Gruppen, denen das Individuum angehört oder angehören möchte, und die Nächsten im engsten Sinn.
Auch der gesellschaftliche Bezug jedoch ist nicht das letzte: Der weitere Horizont des Individuums ist die Welt. Es selbst ist, mitsamt der Gesellschaft, in eine Umwelt eingebettet.
Unter den in verschiedene Richtungen zerrenden Anforderungen kommt einem Individuum mit unserem kulturellen Erbe dann und wann ein altes Suchbild in den Sinn, die Frage nach Gott, – eínem Willen, in dem alles zusammenläuft und dem es zu entsprechen gilt.

Wenn man sagt: "die Welt", weiß man so wenig, was man sagt, wie wenn man sagt: "Gott". Solche Begriffe transzendieren die menschenmögliche Erfahrung.

Luthers Präzisierung des Verhältnisses zwischen Mensch und Gott als Verhältnisses zwischen Sünder und rechtfertigendem Gott thematisiert das Chaos* der Welt, insbesondere der Menschenwelt. Mit dem Wort "Gott" ist uns die Beanspruchung des (wie man weiß: fern vom Gleichgewicht* schöpferischen) Chaos durch das Projekt allumfassender Integration überliefert. Wir selbst sind Teil des Chaos. Aus uns in dieser Tradition ruft Gott selbst zu Gott [5].

Gotteskindschaft, das uns zugesprochene schöpferische Geheimnis der Person, befreit uns von der Herrschaft des Schicksals, nicht von den Folgen, aber von dem Fluch der Vergangenheit.

Unser Projekt "Gott" ist eine historisch entwickelte Reaktion unserer bedrängten Natur auf die Wahrheit.

Das Grunderleben von Chaos ist desintegrative Bedrohung. Das Subjekt braucht ein personales organisierendes Zentrum seiner Welt. Dessen ältester Kern ist aufgebaut aus „Abbildern“ der Pflegepersonen, grundlegend meist der Mutter als frühesten Hilfs-Ichs, sodann, als Ausgangspunkt eines anspruchsvolleren, differenzierten Realismus, einer weiteren, meist der Vaterfigur (die das ödipale Dreieck vervollständigt).
Als solche hat das Abendland Gott konzipiert.

Gott liebt die menschliche Gemeinschaft, sozusagen als "Dritter", segnend, schöpferisch hoffnungsvoll. Gott liebt, vertieft und stärkt die Liebe.
Nie soll man, aber manchmal muß und darf man an Gott statt an den Mitmenschen denken.

Gott als Person ist unsre Sicht des Ganzen als Partners. Gott konstituiert die Einheit der Welt, nach deren Vorgabe sich die Persönlichkeit des Gläubigen dann bildet[6].

Gott ist meist vorgestellt als das Idealsubjekt (mit einer Konzeption von der Welt als ganzer, von der Menschheit als stabilem Relationengebilde!), dem als Vorbild nachzueifern jeder berufen ist.
Das Gottesgesetz ist somit das imaginäre Ideal jedes Sozialgesetzes.

Berufung zu göttlicher Vollkommenheit (Mt 5,48) ist schmeichelhaft. Sie bietet mir ein ideales Selbstbild an. Unter ständig neuen Bedingungen, also sehr bedingt, lebe ich nach seiner Anleitung.

Gotteserkenntnis ist Berufung zur Gottgleichheit[7]. Nach christlicher Überlieferung ist Gottheit Gottes Projekt mit uns[8]. Wir glauben es gern. Es spricht uns an als im Grunde unser Selbstprojekt – "in Furcht und Zittern" (Paulus), Projekt des freudigen Mitmachens.
Die Kirche ist eine Projektgruppe mit historisch angestoßenen und überlieferten Projekten.

Projekte sind zutiefst von Illusionen getragen. Die Bibel klingt, als hätte auch Gott sich von seiner Schöpfung etwas anderes erwartet.

Man meint, durch die Kirche hinreichend zu wissen, was "Gott" ist. Heute liegt das Ressentiment gegen diesen "Gott" bloß, das im monotheistischen Zeitalter verdrängt war. Und man ist auch dagegen gleichgültig geworden.
Die Kirchen aber reden von Gott mit der gleichen ahnungslosen Selbstverständlichkeit weiter wie bisher und haben nichts mehr zu sagen.

Gewiß war die früh-vorderorientalische Monarchie eine Bedingung kulturgeschichtlichen Fortschritts gegenüber den weniger differenzierten älteren Gruppen. Die Großorganisation menschlichen Potentials war schon der Bibel unheimlich, wie die Turmbaugeschichte (1Mose 11) zeigt; und ob sie der evolutionären* Stabilität der Spezies zuträglich ist, wird heute durch die Ökologie in Frage gestellt.
Mit der Bibel hat die Kirche solche Souveränität aber als Grundmodell der Gott-Mensch-Beziehung kanonisiert*.

Jahwe ist ursprünglich ein sensationell eingreifender Gott.
Jahwe ist, auch als Gott Abrahams und Isaaks, der von seinem Volk her definierte Gott, der Israel erwählt hat und liebt. („Gott Israels“)
Er kontrolliert das Leben des Volks und fordert eifersüchtig die Erhaltung der von ihm gestifteten, besonderen Identität*, wird unter den politischen Unbilden faktisch zunehmend lebensfeindlich, und – trotz aller gegenteiligen Versicherungen – nach dem Exil weitgehend reaktionär.
Erst im Christentum wird die personale Liebe wieder freigesetzt, die da immer identitätsstiftend im Hintergrund stand. Die weitgehend lebensfeindliche Exklusivität der Identität* lebt aber auch hier fort.
Allerdings, das Leben selbst ist weitgehend lebensfeindlich und oft stur konservativ, ja bisweilen reaktionär (etwa bei der Rückbildung von Zuchtpflanzen und -tieren)!

Für naiv christlichen Monotheismus ist die deuteronomistische* Geschichtsklitterung die Basis des Glaubens. Dazu gehört das – im Alten Testament zu göttlichem und menschlichem Überdruß wiederholte – deuteronomistische Klischee des Geschichtsverlaufs (es war im überlieferten Material nicht ganz durchzuführen): Abfall-Strafe-Buße-Neubeginn.

Worte sind Institutionen. Institutionen sind ein Stück gegenwärtige Geschichte. So auch das Wort Gott.

Wir konzipieren Gott mithilfe des überlieferten Nennwortes Gott.

Gott bedeutet nur dann und wann etwas. Umstände müssen uns direkt oder indirekt in die Gottestradition verweisen. Gottesideen sind Zustände, die kommen und gehen wie Gewitter. Das Wort "Gott" ergibt sich manchmal von selbst. Der Mensch findet sich manchmal vor Gott.
Die Rede von Gott aber kommt immer mehr außer Gebrauch. Und ohne religiöses Gespräch verfällt die von Generationen weittragend ausgearbeitete Bedeutung des Wortes Gott bis auf Rudimente.

Was ich Gott nenne, ist jeweils eine Illusion*, die ich jetzt nicht durch besser orientierendes Wissen ersetzen kann; die meiner biologischen Nötigung zur Kreativität entspricht und meine personalen Fähigkeiten mobilisiert; je meine Wahrheit, in der ich menschlich lebe, leben muß und leben möchte.

Man soll auch Gott nicht vergötzen.

Monotheismus ist die naive Form des Ideals der personalen Integration. Integration von dynamischen Systemen ist nur möglich unter gewissen Bedingungen, denen die Subsysteme genügen müssen. So bedingt das monotheistische Gesellschafts- und Persönlichkeitsideal Verbote. Von da geht die Entwicklung weiter zu Freuds Begriff des Überich*.

"Gott lenkt", Gott ist das Ideal personaler Integration der Natur.

Der "Geist" des radikalen Monotheismus (Zentralismus) kämpft natürlicherweise gegen den Geist des "Fleisches" als Dämonie (zB autonomes bis subcorticales Nervensystem).

In den biblischen Religionen gibt es einen Gott, aber unzählige Teufel.

Will man Gott im Auge behalten, so sieht man ihn sich durchkämpfen, – wie er in Jesus am Werk war.

Die Behauptung, die Welt sei Schöpfung des Allmächtigen, macht zunehmend böse.

Der "Herr der Welt" aus dem Bilderbuch, enttäuscht, wenn man das Buch schließt und um sich blickt. In der Phantasie einer Tochter aus frommem Hause wurde Gott ein alter Trottel, chronisch krank und, nicht ohne Grund, ständig gekränkt.

Wer sich darauf wirklich eingelassen hat, hat lernen können, daß das klassische Projekt Gottesherrschaft eine Vermessenheit des menschlichen guten Willens ist.

Ein "eifersüchtiger Gott" (אֵל קָנָא )[9] zentriert die Person seines Gegenübers, verlangt Zwiegespräch, nicht Fusion (wie bei Faszination durch ein Gottesbild), sondern Kommunikation.

Monotheismus "entmythologisiert", sagt man. Er konzentriert die narzißtische* Besetzung auf Gott.

Der Monotheismus ist mit der Vorstellung der einen Weltordnung und dem entsprechenden politischen Ideal und der Tendenz zur totalitären Ideologie verknüpft. Er ist radikal imperial. Das römische Imperium war zunächst noch ein Caesarenreich, für das der Kaiserkult wesentlich war, also polytheistisch. Kaiser Julian, der nach der konstantinischen Wende das Reich wieder entchristlichen wollte, mußte im Sonnenkult den Monotheismus doch weiterführen.
Der jüdisch-christliche Imperialismus ist apokalyptisch gebrochen: Durch Gottes wunderbares Eingreifen in die Geschichte erst wird er im kommenden Äon realisiert werden. Vorbereitungen in diesem Äon haben eine bescheidene, andere Qualität.

Der Monotheismus hat in der griechischen Philosophie, der Kulturgeschichte erst Israels, dann der Kirche und des Islam eine kulturgeschichtliche Leistung vollbracht, die man heute, bei seinem Zusammenbruch, dringend neu verstehen lernen sollte.
Die Menschheit wurde christlich-abendländisch kolonisiert, weitgehend uniformiert und endlich koordiniert. Wenn heute der Islam krude reaktionär sich anschickt, eine Großmacht zu werden, ist das nicht nur eine postmarxistische ideologische Koordination des revolutionären Potentials der Ausgebeuteten.

Schon die griechische Philosophie kritisiert die Unmoral des Polytheismus. Monotheismus ist wesentlich – und war auch historisch – ein moralisches Postulat. Seine Evidenz relativiert sich heute mit derjenigen der Moral.
Moral verlangt Pflege des ἦθος/ethos ("Wohnstatt", Brauch); dieser "Raum" ist personal (und im Zweifelsfall monarchisch) zu integrieren – in einer technisch unentwickelten Gesellschaft, wo physische Kraft das letzte Wort hat: patriarchalisch. Der Vater hatte in seinem Hause die Sitte der Gesellschaft zu vertreten.

Monotheismus ist ein Idealismus. Der konkret gehorsame Monotheist ist ein Heiliger. Die Kreativität des Chaos ist die Anfechtung des Heiligen.

In der klassischen christlichen Theologie spielt das, was die Psychoanalyse das sadistische Überich* (vgl. Luthers „tötendes Gesetz“) nennt, eine gewaltige Rolle. Der (immer als verwandt empfundene) moralische Sadismus des klassischen und des neuzeitlichen Stoizismus sind da hineingeflossen.

Im menschlichen Sprachspiel ist Gotteslehre eine Sprachregelung, die dem Sich-selbst-Wiederfinden, dem Zurückfinden und auch der Zielfindung dient.
Die Gotteslehre einer Gemeinschaft soll der tieferen verbalen Kommunikation und der inneren Bereicherung des einzelnen dienen.

Die Relativierung der Moral durch die Veränderungen der sozialen Lebensbedingungen ist ein globales Problem, und die daraus folgende Relativierung des Monotheismus ist ein gemeinsames Problem von Juden, Christen und Mohammedanern. Ihre Reaktion übersieht aber geflissentlich den moralischen Ernst hinter dieser Ernüchterung.

Die „Tücke des Objekts“ (Friedrich Theodor Vischer) ist eine teuflische Erscheinung der göttlichen Wahrheit, die unsere Unwahrheit ist.

Gott vermittelt, als Identitätspartner, mich mit mir selbst.

Gott – in diesem hohl klingenden Wort dröhnt die Hohlheit unserer Rede von Gott, die immer schon ununterscheidbar von Vergötzung einer Offenbarung ist.

In der biblischen, der jüdischen und der Kirchen-Geschichte ist viel wesentliche Erfahrung akkumuliert. An Gott kann man menschlicher leben lernen. Wer nicht "an Gott glaubt", kann immer noch an der Gottesgeschichte existenzsymbolische Hermeneutik lernen.

Die Frage einer Götterdämmerung taucht in verschiedenen Formen und an verschiedenen Orten auf. Ein Glaube ist eine kulturelle Leistung und ermüdet, vgl. Hebr. 12,12. Auch „unser“ Gott (den wir glauben) wird wohl einmal lebensmüde, des Lebens oder unseres Lebens müde. Glaube lebt aus dem Wort, das Wahrheit erschließt; und die lebendige Wahrheit will immer wieder neu zur Sprache kommen.

Schiller schrieb einerseits (Lied an die Freude): „ ... und wers nie gekonnt, der stehle weinend sich aus diesem Bund!“, anderseits ( Das Ideal und das Leben): „ ... und der Freude Wange werde bleich ...!“
Überwältigung etwa durch Freude oder durch Angst, aber auch schon Bewußtwerdung der Nicht-Selbstverständlichkeit des Alltäglichen verlangt seelisch-geistige Neuorganisation. Das sind die klassischen Situationen des spontanen Gebets.

Der Versuch, des gütigen Gottes Weisheit nachzudenken, schafft Distanz zu sich selbst, hält zur Umsicht an, bringt auf sozialverträgliche, in der Not rettende Gedanken.

Die klassische Gotteslehre kann objektivierend von Güte und Herablassung der Allmacht reden. Ich rede subjektivierend von Reifung des Narzißmus.

Eingebunden in die Welt, versuchen wir, mit Hilfe der Gottesidee immer wieder von ihr Abstand zu gewinnen.

Götter sind Mächte, die unversehens persönlich identifizierbar erscheinen, weil man man persönlich mit ihnen teil-identifiziert ist.

Die griechischen Götter sind symbolisch zusammegebackene Stücke von Erfahrung.
Undurchschaubare Schuld, Racheangst, Opfer und kultische Vergewisserung spielen eine Rolle.

Der Gott lebendiger Religion ist Person, also primär ein subjektives Phänomen, wie die Seele. Man kann das Subjektive objektivieren; aber nur in Selbstvergessenheit kann man darüber objektiv zu denken glauben. Und der Selbstvergessenheit bleibt von Gott nur ein kognitives Loch.

Es ist leichter, zu sagen, was Zeus oder Jahwe/Adonai ist, als was Gott ist.

Der Kern von Religion ist Gebet. Gebet ist formal Autosuggestion.
Jede konzentrierte geistige schöpferische Arbeit, ja alles disziplinierte, konsequente Denken beruht auf dem Vorurteil über Wichtigkeiten und ist in diesem Sinne autosuggestiv. Denken ist genuin schöpferisch, eine Kunst, die lebenslang gelernt werden will, ein Zusammenspiel von Rezeptivität und Spontaneität.

Man kann und darf nicht immer Gott denken – auch nicht die Bescheidenheit Gottes.

Die mythologische Kosmogonie wird philosophisch-analytisch durch symbolische Be­griffe, die ἀρχαὶ, ersetzt.

Dem Monotheismus entspricht das Ideal der verantwortlichen Persönlichkeit. Die Verantwortlichkeit der Person wurde dann durch dieselbe naiv objektivierende Weltkenntnis relativiert, durch die die personalisierte prima causa wieder entseelt wurde.

Gottheit ist ein (relativ neuer) Mem-pool in Koevolution mit der Umwelt. Ein Gott ist ein Geschöpf der Welt, in welchem sie ihren Mangel an Selbstverständnis darstellt. Die Welt ist ein Geschöpf Gottes, das dessen Gottheit in Frage stellt.

Gotteskonzepte entsprechen einem Bedürfnis des Menschen – freilich unbefriedigend; wie eine chemische Bindung ein partielles Ungleichgewicht eines Atoms spannungsvoll absättigt.

Hoffnung auf Gottes Gericht beruht auf Verzweiflung an der menschlichen Rechtspflege.

Gott ist ein Attraktor, die Gottesbegriffe und -verständnisse sind memetische Phänotypen.

In dieser Welt läßt sich ein Gott konzipieren, der noch andere Welten geschaffen hat. Es ist für den Gottesbegriff wichtig, daß Gottes Präsenz hier und jetzt ihre Unergründlichkeit behält.

„Bin ich selbst oder ist Gott in mir Subjekt?“ (Gal. 2,20) Die Antwort ist auch hier nicht so einfach wie die Frage. Beide Antworten haben nie die selbstverständliche Sicherheit, die wir fordern.
Die kirchliche Antwort: „Das Gute macht Gott, das Schlechte machen wir“, ist stereotyp und schon deshalb auch zu einfach.

Götter sind unbescheiden gegen einander. Der „heil’gen Sympathie“ erliege „das Unsterbliche“ in euch. Da liegen Idealich-Kerne mit einander im Kampf.

Aus Gott neu anfangen!

„Gott jetzt“ heißt: Ewigkeit jetzt.

Die Jenseitigkeit Gottes und die Bewußtseins-Spaltung in der Trance hängen wohl mit einander zusammen. Der Name Gottes (als sacrum) vermittelt Distanz zu all unseren Selbstverständlichkeiten, dem profanen Diesseits.
Religion wäre dann leichte, gemeinsame Trance.

"Die Transzendenz" ist der unser Verstehen transzendierende Teil unserer Welt und unseres Selbst. Sie wird als umfassende Einheit vorgestellt, in die wir wunderbar eingeschmolzen sind.

Die Zeitlichkeit seines Daseins ist keine Besonderheit unseres Gottes. Götter leben länger als Menschen; aber das bedeutet nicht in allen Religionen ewige Unsterblichkeit der Götter.

Der allmächtige Gott ist eine natürliche Imagination.

Es gibt Gottesideen, die man aufgrund der Überlieferung vor Gott meditativ wiederent­decken oder neu konzipieren kann und zunächst auch nur in entsprechender Form (wie die großen Vordenker Marc Aurel, Augustin und Descartes) weitergeben soll: als Gebot, Gebet oder Meditation.

Von Gott redet man, wenn man mit dem eigenen Witz am Ende ist.

Wie kann ich von "Gottes Leben" reden? – : Als von seinem Leben mit mir!

Die Gottesidee stabilisiert uns, indem sie bußfertig macht. Im zentralen Existenzsymbol ist unsere Unsicherheit repräsentiert. Der Mensch ist auf alles gefaßt.

Wir könnten es nicht ständig aushalten, zu erleben, daß Gott in uns und in allem lebt; aber dann und wann, in der einen oder anderen Form, müssen wir es wohl. Wir sollen es, uns zum Heil!

Schon die alttestamentlichen Propheten hatten Mühe, im Namen Gottes zu reden, und später wurde das Wort fast tabuiert.
Es ist enorm kontextabhängig.
Das Wort "Gott" (und auch der Name Christi) kommt heute meist quälend und gequält heraus. Warum? – : Es transzendiert die Welt, wo der Mensch sich praktisch auskennt, und spricht ihn darauf an, daß er sich mit all seinem Bescheidwissen in einer Krise befinde.
Gewohnheitsrechtlich hingenommen wird das in Übergangsriten, Gottesdiensten, Kondolenzbriefen, bedingt auch in der Einzelseelsorge. Im Übrigen nimmt man es noch Menschen ab, die man, wohlwollend distanziert, für ganz naiv vertrauensselig hält. Auch in theologischem Zusammenhang kann ich natürlich von Gott schreiben und reden.
Aber gerade, indem der Zusammenhang das Reden von Gott legitimiert, stellt er eine Kommunikationsbarriere dar: Die institutionelle Legitimation religiöser Rede reicht nicht weit.

Dies ist Gott und dies ist Gott und dies ist Gott und dies und dies zusammen ist Gott. Er sieht mich mit ganz verschiedenen Gesichtern an, vertraut und überraschend und ausdrucksvoll.
Wenn der Mitmensch mit seinem Reden mich beansprucht, ist er Gottes Mund. Gott kann sich so verfremden. Man muß immer gut zuhören!
Aber was der Mitmensch sagt, ist in der Regel nicht Gottes letztes Wort. (Sein letztes Wort ist seine Offenbarung in Jesus, dem gekreuzigten.

Wir reden von Gott, wir symbolisieren Gott weltlich. Gott selbst aber schwindet uns immer wieder dahin. Wohin? ­– Uns voraus, zurück in die Welt!

Der Gottesname wird, durch Erfahrung vertieft persönlicher Selbstverwirklichung, bestärkt als menschlich wertvoll.

Winnicotts environmental mother ist ein Modell für den Übergang zwischen Dinglichem und Persönlichem. In diesem Übergang ist die Religion als Welt- und als Gottesbezug zuhause.

Güte, Liebe und Gerechtigkeit sind menschliche Ideale, die wir im Vorbild Gottes ver­ankern möchten. Die maßlose Spannweite der Lebenswelt zwischen herrlich und scheußlich aber sprengt jeden Idealbegriff von Gott, dem allmächtigen Schöpfer. Ideale sind Stereo­typen, die nur für unsern menschlichen Tätigkeitsbereich Orientierungswert haben.
Gott hat die Welt frei gewollt, und er sagt uns, wie wir frei damit umgehen sollen. Er hat wohl auch Objekte, aber uns hat er als Subjekte geschaffen. Ein jedes stört das andere. Wir wünschen uns ein Haus mit vier Sonnenseiten; aber was für eine Welt wäre das? Als Teil des irdischen Chaos, können wir nicht einmal sagen, was ein ausgedachter Gott hätte wirklich anders machen können und sollen.

Wenn wir schon, bezüglich der letzten Wahrheit, in Illusionen leben müssen, ist eine persönliche Gottesbeziehung sicher am zuträglichsten. Wir verkleinern damit die Größe Gottes nicht mehr als mit der Vorstellung, er habe alle Dinge geschaffen. Im Gegenteil: Mit dem personalen Verständnis der Kreatürlichkeit bringen wir die Wahrheitsfrage in die Schwebe, die ihr angemessen ist.

Eine ἰδέα/Idee muß Wirklichkeit erschließen, ein εἴδωλον muß etwas „sehen“ lassen. Eine Gottesidee muß ein Machtverständnis vermitteln.
Jedes Mem muß, in der Auseinandersetzung mit anderen Ideen um den besseren Zugang zur Wirklichkeit, sich durchsetzen. Auch das Gottes-Mem muß sich im Leben bewähren. Nicht etwa Gott, die so erschlossene Wirklichkeit, sondern der erschließende Begriff ist ein Mem; nicht der Referent*, sondern die Bedeutung ist das Mem. Das sprachliche Zeichen ist der memetische Phänotyp.

„Natürlich“ nennen wir, noch immer im Schema der antiken Biologie (φύσις, nasci/natura), was stabil, auch nach Störungen unverändert, weitergeht. Diese Natur „macht keine Sprünge“, wie man sagte; und dies machte für alle Sprünge einen Gott nötig.
Wir verstehen zunehmend, daß die Natur Sprünge macht, unvorhersehbare, im – subjektiv ausgedrückt – bösen wie im guten Sinne. Die „Natur“ ist, immer noch, auch kreativ.

Am heutigen vorderen Orient, der Wiege der monotheistischen Hochreligionen, sieht man, zu welchen Radikalismen der Monotheismus endlich führen kann. Man hat es freilich schon früher sehen können.

Der Monogott ist ein ideales Projekt der Welteroberung.

Es steht uns nicht zu, Gott einfach gut zu nennen; Gott ist anders. Gott ist der große Andere, die beschneidend, beschädigend, bereichernd, menschlich herausfordernde, respektgebietende Andersheit jedes anderen.

Gott offenbart sich als Welt.
Wenn Welt nicht Offenbarung Gottes ist, gottet die Welt. Entweder ich darf mit Gott oder ich muß mit der Welt mitgotten.

Gott ist weder einfach Person, noch einfach unpersönlich.

Nietzsches Kampf mit seinem Gott, Morgensterns Ringen um die Neue Mystik, die Gottesgedichte des Expressionismus, bezeichnen ein Phase der Hilflosigkeit in der Symbolgeschichte des Narzißmus.
Die christliche Symbolik hatte die führende Rolle an die Vernunft abgegeben. Diese wurde schon von der Romantik als eher beengend empfunden. Aber die eindrucksvollen Erfolge brachten die exakte Wissenschaft in eine diktatorische Führungsrolle. Um die Wende vom 19. zum 20. Jahrhundert begann die irrationale Rebellion, die im Dritten Reich gipfelte.

Leben heißt hoffen. In guten Zeiten kann man sich zuversichtlich den Gegebenheiten anvertrauen und selbstvergessen in bestimmten Funktionen untergehen. Wer aber die Hoffnung verloren hat, muß, um seiner Lebendigkeit willen, Hoffnung wiederfinden.
In hoffnungslosen Zeiten muß man sich sammeln, um für die nähere Zukunft sowohl auf Zusammenbrüche wie auf Weiterlaufen gefaßt zu sein. Nicht ängstliche (soziale oder ontologische) self consciousness, sondern Selbstvergessenheit auch hier; gesammelt – man kann es nicht besser sagen: auf Gott merken!

Ein, so wie der neutetamentliche Jesus, als Gottessohn auftretender Mensch wäre, nach modernen Begriffen von menschlichen Möglichkeiten, verrückt. (Man kann allerdings gleich dazu sagen, daß es nach postmodernen Begriffen kein Menschsein gibt ohne Verrücktheit! „Ich bin kein ausgeklügelt Buch; ich bin ein Mensch mit seinem Widerspruch“, sagte schon Konrad Ferdinand Meyer.)
Die neutestamentlichen Autoren haben in einer Welt gelebt, wo die Unterscheidung zwischen Gott und Welt noch eher ein jüdisches Programm war als eine Selbstverständlichkeit; es gab Halbgötter und göttliche Menschen. So konnten sie Jesus mit ihren imaginären, „idealen“ Farben bemalen und damit einen Glauben erwecken, der den Mut zur Realität in gewissen Hinsichten stärkte.
Die Doketen haben richtig verstanden: Wenn man die Erscheinung Jesu im Horizont der jüdischen Unterscheidung von Gott und Welt auf den Begriff bringen will, sind die überlieferten Auftritte Jesu großenteils die eines Gottes, der zum Schein Mensch geworden ist und nur zum Schein an etwas leidet.
Die Orthodoxen, die auf der wahren Menschheit Jesu bestehen wollten, haben sich durchgesetzt. Sie sahen in Jesus einen schöpferischen Anfang – und verstanden auch sich selbst, als Kirche, unklar als Fortsetzung dieses gottmenschlichen Wunders.
Die alte Lehre von der Communicatio idiomatum zwischen beiden Naturen Jesu, und dann deren Weiterführung in der lutherischen Theologie, haben zunehmend die Gottheit und die Menschheit Jesu fraktal wieder in einander hineinreflektiert.

Aufbau und Zusammenbruch der personalen Resonanz mit dem Gottessymbol ereignen sich, mit B. Mandelbrot zu reden, in „wilder Zufälligkeit“. Die Tradition einer historischen Religion glättet die Kurve.

Die Vergessenen müssen wir als die Vergessenen erinnern, eine Leerstelle in uns! (Dem dient auch das Grabmal des unbekannten Soldaten.) Wir alle werden vergessen werden. Das gehört zur Gottesgemeinschaft, die wir uns immer wieder in Erinnerung rufen sollten, zur Vertiefung unserer Gemeinschaft mit Allen.

"Das All", "das Ganze", auch schon nur: "Alles", sind keine Begriffe, sondern Übergriffe, Ansprüche von Formalobjekten auf Realität. Oft zwar ist damit nur „alles Bekannte“ oder „alles möglicherweise Bekannte“ gemeint. Ist aber ein all dieses Umfassendes gemeint, so ist das bloße Wort Gott angemessener, dessen Vorstellungsinhalt ein Destillat aus Symbolen und notorischen Metaphern ist.
Wer heute Gott sagt, weiß, daß er subjektiv redet und für die Wahrheit seiner Aussage persönlich haftet. Das Wort Gott ist entweder (a) sehr öffentlich (rituell) oder (b) sehr intim oder (c) prophetisch zudringlich. In letzterem Falle provoziert es Abwehr, ironisch oder antithetisch banalisierend, in seltenen Fällen prophetische Konfrontation.

Wir können immer nur über den „offenbaren Gott“, d.h. über Gott als Erscheinung, als Phänomen, reden – ein per definitionem unerklärliches "Phänomen"! Man kann allerlei Erhellendes dazu erklären. Aus dem unerschöpflichen Jenseits unseres Horizonts können wir Einiges diesseitig machen. Das sind sozusagen Zuwendungen Gottes.
Mitsamt unseren lokalen Bestimmtheiten leben wir doch im Unendlichen, im Undefinierten; und das Definierte bleibt unauflöslich zusammenhängend mit dem Undefinierten.

„Gottes Angesicht“, das ist immer das Stück Welt, das uns persönlich beeindruckt – im Christentum zentral: Christus. „Der persönliche Gott“ ist die andere Seite eines persönlichen Eindrucks.
„Von Angesicht zu Angesicht reden“ können wir nicht mit der Sonne. Der Sonne ins Angesicht Schauen ist so gut wie in die Hölle Schauen. Ein strahlender Glanz, eine „Herrlichkeit“ muß leuchten „über uns“, damit wir etwas sehen.

Gott ist der beste Fokus radikal integrativer Besinnung; aber bald einmal gefährdet Radikalität die Integration.

Durch die Beweise der Existenz Gottes wird die betr. Gottesvorstellung verdinglicht. Die unendliche Rekursion in den Gottesbeweisen wird durch einen Sprung in die dingliche Banalität zum Stehen gebracht. Als Existenz zur göttlichen Essenz ist aber nur unsere Ausgesetztheit ins Unendliche aufweisbar.

Gottelehre: "Gott will das Böse nicht; aber er läßt es zu." – Wie bitte? Gott muß doch nach seinem Urteil handeln; es wäre böse, wenn der Allmächtige das Böse zuließe! Die Vertröstung auf ein jüngstes Gericht ist keine allgemein verantwortbare Antwort. Jeder von uns weiß nur, was Gott ihm rät.

Die Gottesidee inspiriert. Man darf fromm an ihr arbeiten, wie ein Bildhauer. Man steht in einem ständigen überraschungsvollen Austausch mit seiner Gottesidee.

Animismus ist die Rückfallposition unseres Verstehens. In allen Objekten – sowohl in einzelnen Dingen wie in der Welt im Ganzen – haben wir jeweils andeutungsweise ein Subjekt uns gegenüber, wie wir es selbst sind.

Ohne die Gottesidee ist es schwierig, die archaischen Größenphantasien zu symbolisieren und zu kultivieren.

Unterwerfung unter den (nicht offenbarten, sondern sich offenbarenden) Willen Gottes, der mich und den Nächsten berücksichtigt, ist ein Reifungsschritt, lebendige eigene Willensbildung.

Ein häufiger Atheismus läßt sich auf die Formel bringen: "Ich weiß schon, wie Gott ist, und daher weiß ich, daß es ihn nicht gibt!" Diese Auskunft kann doch wohl niemanden befriedigen.

Jede Gotteslehre gerät unter konsequentem Denken in Widersprüche.

Gottesoffenbarung ist ein subjektives Phänomen. "Gott ist ..." meint entweder: "Mein Gott ist ..." oder: "Unser ..." oder: "Ihr Gott ist ...". Das kann entweder polytheistisch oder perspektivistisch rationalisiert werden. Man sollte aber die Spannung aushalten, redend, hörend, schweigend und wieder redend; nicht dia-, sondern monologisch durchhalten im Leben vor Gott.

Mohammed machte den Hochgott zum einzigen Gott. Mangels Reflexion wurde nun er faktisch vergötzt.

Im Kampf für den einzigen Gott gegen den Bösen darf man, laut Koran, rauben und plündern. Natürlich. Aber die "Einflüsterungen Satans", denen (ebenfalls laut Koran) auch die Propheten unterliegen, beziehen sich hauptsächlich auf gut und böse; und sie machen unsere Religion ständig korrekturbedürftig.
Unreflektiert, realisiert sich Monotheismus als hybrider Totalitarismus. Die alte Christologie ist da, trotz ihres Sensus literalis historicus, wenigstens wegweisend.

Der höchste Gott, der die Welt regiert, ist konzipiert in Analogie zum eigenen Ich. Das Ich bekommt von klein auf immer mehr Verantwortung und Souveränität zugebilligt; und es gestaltet ständig seinen (wenn auch noch so kleinen und variablen) Verantwortungsbereich. Als Herrscher wird anerkannt, wer mit der höchsten Verantwortung betraut ist. Nach seinem Vorbild wird Gott vorgestellt.

Auch Phantasiefiguren wie Rübezahl, die Sennentuntschi, Herakles, Dionysos – oder "der gelbe Tomps", dessen Mythologie um 1990 in Bochumer Grafitti wucherte –, haben je ihren eigentümlichen sozialen Wert.

Durchdrungen vom Gefühl allgemeiner fundamentaler Unverantwortlichkeit, wählt der Trotz als Mündigkeit notfalls Unverantwortlichkeit. So entstehen radikale Kulte als Welt-Gegenentwurf.

Gottheit ist ein Grenzbegriff unseres Verstehens dessen, was es gibt. Die Grenze ist unscharf. Man kann sich auf etwas verstehen, und man kann Verständnis für etwas haben. Für "etwas" (also eine Teilmenge) ist das auch angemessen. Aber nichts ist ganz verständlich. Das liegt im Gottesverständnis bloß. Und es äußert sich darin, daß jeder Gottesbegriff nur ein Stück weit konstistent ist.

Gott denken, ein Existenzsymbol entwickeln können, das für die persönliche ganze Wahrheit steht; an das man glaubt; mit dessen Hilfe ich mich laufend auf die mich verpflichtende Wahrheit besinnen kann; "beten" können – das ist Gnade. Es ist im wörtlichen Sinne prekär. Es verbindet die Autonomie mit dem menschlich wesentlichen Gehorsam.

Wir können nie sagen, Gott sei abwesend; Gott ist, meist ent-täuschend, gegenwärtig. Diese Enttäuschung ist dann seine Offenbarung als Gesetzgebers.

Gott und Welt waren komplementäre, analytische Begriffe des modernen Existenzverständnisses. Die Postmoderne hat da Bedenken.

Gott ist der Zusammenhang von Allem, das ideale Selbst, die imaginäre Einheit, die der Mensch in allem und jedem symbolisiert.

Das Fürchterliche ist, wie das Heil, schon da – das Ewige – zusammen angesprochen mit dem Namen Gottes.

Grundvertrauen der Lebenden ist ein banales Ergebnis der Evolution: sie verdanken ihre Existenz den kleinen Anpassungsleistungen der menschlichen Natur an eine durchschnittlich zu erwartende Umwelt, – in der sich also leben läßt.
Das Christentum hält die Bedingtheit des Grundvertrauens bewußt.

Religion kommt auf in der Lebenskrise, in chaotischen Übergangsbereichen zwischen Selbstverständlichkeiten. Die Frage nach Gott ist die richtige Suchrichtung für umfassende Orientierung; man sucht Überblick: Wie sieht die Situation von oben aus? Die Antwort ist kollektiv vorformuliert und institutionalisiert in Übergangsriten, aber nicht ausformuliert. Letztlich steht der Einzelne allein vor Gott.

Die grundstürzende Frage nach Gott hat sich schon oft als schöpferisch erwiesen.
Isaac B. Singers Werk, voll segensreicher Menschlichkeit, verdankt sich seiner Frage nach Gott. Dieses Fragen ist eine brüderliche Gottesantwort auf die Kernfrage des Judentums.

Ein Gott, der nicht wirklich sterben kann, ist imaginär, ein Götze. Religiöse Institutionen (natürlich auch ein Dionysos-Kult) vergötzen Gott. Auch Kirchen. (Die eíne, wahre Kirche kann es als Institution nicht geben.)

Wenn man Angst hat, sich zu verlieren, besinnt man sich auf Gott, das überindividuelle Symbol, das einen persönlichen Platz für den Verlorenen hat, Strukturierung in Gang setzt und praktisch orientiert.

Gott ist nicht ein wolkiges Symbol für etwas, das man scharf wissen kann; man weiß über die Realität nicht so viel!
Man weiß über die Welt nicht einmal so viel, daß man ihr Gott (als "das ganz andere") gegenüberstellen könnte. Gott ist nur dem Gewußten gegenüber das ganz andere.

"Gott" ist eine menschenmögliche Idee, vor der die Persönlichkeit sich sammeln kann. Das ist keine innere Möglichkeit des Individuums. Die Kirche betont die entscheidende Wichtigkeit des äußeren Angebots. Man kann verallgemeinern: Die äußeren und inneren Umstände zusammen bilden, unberechenbar, den Ermöglichungsgrund. (Dies war das Anliegen der dialektischen Theologie: die "unverfügbare", "freie Gnade" Gottes.) Den mir möglichen Gottesbegriff erlebe ich als Gottesgeschenk, eine prekäre Leihgabe, die wie das Manna (2.Mose 16,20) verderben kann.

Jede Gottesidee kann auch Unheil anrichten durch die Form, in welche sie, sammelnd, die Persönlichkeit (oder gar eine Gemeinde) bringt.

"Vielleicht ist Gott gestorben, weil er sich zu sehr aufgeregt hat." Chaotische Störungen haben unseren Gottesbegriff aus seinem gewohnten Stabilitätsbereich gestoßen.

Gotteslehre ist Mythologie.

Der Atheismus verbietet der stammelnden Seele das Wort und blockiert an zentraler Stelle ihre Reifung.

Der unbescheidene Allmächtige ist ein schlechtes Vorbild. Diesen diabolischen Abgott haben die drei monotheistischen Religionen nie ganz überwunden. Sie sind ihm immer wieder gefolgt.

Erwählungsglaube ist: Sich von Gott gemeint Fühlen, Gott als fundamentales Selbstsymbol haben.

Autoritarismus war einmal das wenigst schlechte Sozialmodell; er stellt einen Übergang zwischen Traditionalismus und Progressismus dar. Die Autorität führt das Kollektiv in Umbruchszeiten in die Zukunft. Das in Augustins Prädestinationslehre vorausgesetzte Gottesbild gehört der Kulturstufe eines unbedingten Autoritarismus an.

"Gott" - das war eine gute Idee. Sie erwies sich sogar als überwältigend gut. Aber, wie alle Kultur, wurde auch diese Idee allmählich zum Opfer ihrer Geschichte, der Uninstitutionalisierbarkeit der gelebten Wahrheit. Das Überwältigende wurde – nicht durch Besseres, sondern durch Weiteres – wieder relativiert.

Wenn einem die Frage Sinn macht, wer die Welt gemacht habe, so ist die beste Antwort: Gott hat gemacht und macht; er fordert auf zum Mitmachen; wir haben mitgemacht und machen mit. Der Name Gott bekommt seinen konkreten Sinn erst durch diese persönliche Aufforderung, sein Wort.

Ein Gottesname ist im Kern ein Ausruf, sodann eine Interjektion[10], Reaktion auf eine Krise. Assoziativ bleiben dann an diesem Wort all die Erfahrungen hängen, bei denen es erklingt. Es sammelt sich darum ein besonderer Erinnerungsschatz an Erfahrung von Krisen, die man überlebt hat; eine Anekdotensammlung; Symbole der Hoffnung für zukünftige Krisen. Es entsteht eine Mythologie, die Gottheit differenziert sich (bis ins Polytheistische), es entsteht Theologie=Gotteslehre.
Jeder Gottesgedanke, auch und gerade der Jenseitigste, ist Erbe einer Geschichte Gottes mit den Menschen.

„Gibt es Gott?“ – : Unser Wissen und Verstehen hat immer spürbare Grenzen. Es gibt aber den Gottesnamen und die Bedeutungen, die er aus seiner Geschichte hat. Durch diese Bedeutungen suchen aber nicht nur, sondern finden wir auch, dann und wann, schlecht und recht, Kontakt zum geahnten, nur infinitesimal verstandenen Unbekannten. Insofern es gibt Gott. Und eine „fündige“ Bedeutung des Gottesnamens ist „gebig“ (schweiz.) verhaltensrelevant.

Auch Dankbarkeit sucht Gott.

Man kann die Erklärung des alttestamentlichen Gottesnamens in 2Mos 3,14 (mit der Relativpartikel temporal verstanden wie in 1Kön 8,30) auch übersetzen: "Ich bin, wann ich bin".
Gott ist frei. Er muß nicht immer Gott sein – nur necessitate consequentiae!

Gottes Antwort ist oft: "Das kannst du allein entscheiden!"

Gott gilt allgemein als der allmächtige Schöpfer. Nimmt man das wörtlich, so ist Gott an allem schuld, was uns ungut erscheint, und es ist nur konsequent, daß er dann (in Christus) die Strafe dafür und Schuld daran auf sich nahm. Dazu gehörte dann noch eine Gerechtigkeit im jüngsten Gericht, die alles Leiden auch auf individueller Ebene herrlich rechtfertigt. Da reimt sich alles verdächtig schön.

Gerechtigkeit Gottes: Im Gebet können die Leidenden zur Annahme unseres Schicksals kommen.
Die Wahrnehmung des öffentlichen Interesses an Ruhe und Ordnung hat freilich die Kirchen (wie übrigens schon Plato, von dem die Kirchenväter viel übernommen haben) dazu verführt, aus der Gebetserfahrung eine vermessene Ideologie zu machen.

Der Begriff Allmacht sowie die momentweise überwältigend erlebbare, "ewige Herrlichkeit" sind uns, in all ihrer Unsinnigkeit, vital wichtig.

Die christliche Tradition des Gottesnamens ruft vor Gott. Gottes Rat ist Ausdruck seiner Hoffnungen für uns. Unser Tun und Geschehenlassen ist Symbol unserer Teilhabe an Gottes Hoffnung.

Der uralt vertraute Gott verleiht auch Selbstvertrauen. Es ist Eriksons Urvertrauen. Aber was dem Kind wie selbstverständlich gegeben ist, bleibt im späteren, differenzierteren Leben nicht selbstverständich.
Das Urvertrauen ist nicht unerschütterlich! Nicht nur die memetische, sondern auch die physische, den nächsten kleinen Schritt tragende Zuversicht kann zusammenbrechen. Man soll sich nicht alles zutrauen! Gottvertrauen und Selbstvertrauen sind deutlich zu unterscheiden.

Die Gottesidee zielt direkt auf ihre eigene Abgründigkeit – nicht ihre Nichtigkeit, sondern auf unseren höchst persönlichen infinitesimalen Anteil an der allumfassenden Wahrheit.
Gott ist die personalisierte Wahrheit. „Gottes Hand“ ist die uns persönlich fassende Wahrheit.

Gibt es Gott? Existiert Gott? Ja, jedenfalls als eine für Viele zentral wichtige Idee, Gegenstand ernsten Nachdenkens ernstzunehmender Menschen! Gewiß gibt es Gott anders, als es die Sonne, die Zahl π oder Elementarteilchen gibt.
Aber auch in der Frage nach der Existenz Gottes geht es um die Wiederholbarkeit eines Geschehens, das man „Gotteserfahrung“ nennen kann, weil es bestätigt, daß die Idee (dieses Wort ist abgeleitet vom griechischen Wortstamm ιδ-, „sehen“) etwas gesehen hat. Von demselben Wortstamm ist auch das griechische Wort für Wissen abgeleitet; und für die Wiederholbarkeit der Gotteserfahrung ist auch unser Wissen wichtig. Die Gottesidee kann auch als „bloße Idee“ wiederholt werden, die nichts gesehen hat!

Ein mythologischer Schöpfer bedürfte der Vergebung und müßte dankbar sein.

Gott hat sich in der Bibel offenbart als allmächtiger Schöpfer. Als solcher bedarf er der Vergebung und ist dankbar.

Gott will freie Entfaltung, rät zu Bescheidenheit als Königsweg freier Entfaltung.
Als Schöpfer entfaltet Gott sich frei. Totus in qualibet parte.

Wir können unsere Gottesbilder nicht zu einem Ganzen zusammensetzen.

Existenz ist Kampf. Gott schenkt Kraft zum Kampf. Gott hat Hoffnung im Kampf.

Nicht so sehr die Gottesvorstellungen Jesu, sondern was Jesus im Namen Gottes tat, war bahnbrechend.

In der elementaren Frage: „Was soll ich?“ stecken die naiven Ideen von Allmacht, Allwissenheit und göttlicher Gerechtigkeit. In Gottes Antwort werden sie korrigiert.

Die Rede von der Bescheidenheit Gottes ist aus den biblischen Texten nicht strikt zu begründen; Jesu Gott war langmütig, aber nicht „bescheiden“. Sie ist eine Vergegenwärtigung des biblischen Erbes in unsrer wieder neuen Welt.

Das Boltzmann’sche Postulat maximaler initialer Unwahrscheinlichkeit suggeriert eine lokale Unwahrscheinlichkeitsakkumulation, wie wir sie nur vom lebendigen Individuum kennen: also einen Demiurgen.

Wieder ficht mich das Leid in der Welt an. „Ihr Menschen, eine Brust her, daß ich weine!“ (Heinrich von Kleist) – diese lächerliche Zeile drückt es am Besten aus.
Man braucht mehr Mitgefühl als man zu spüren bekommt. Man braucht einen Nächsten, den man, als „Bruder“, überhöhen kann zum Repräsentanten der Gemeinde eines umfassenden, göttlichen Mitgefühls. Man wendet sich flehend an Gott.
Gott ist der einschlägig bewährte, bescheiden erfassendene, Kreativität hervorrufende Helfer.

Die Spießbürger („die da so sicher stehen“ Ps 39,6) behaupten die „Existenz“ Gottes – oder auch: stellen sie in Frage – und wünschen keine Ahnung von dem, wovon sie reden.

Die Zeit setzt den (unkritischen Glauben fordernden) Mächten ein Ende. Das Evangelium von Jesus verlangt als solches kritischen Glauben. Gelebter Glaube ist „Zeichen der Endzeit“. Er macht uns Hoffnung auf immer weitere unvorhergesehene Erfahrung der befremdlichen Herrlichkeit Gottes, die sich durchsetzt.

Ohne Glauben an den uns verliehenen Geist Gottes können wir nicht an den wahren Gott glauben.

„Eine kühne theologische Behauptung!“ – : Banales Reden von Gott ist mindestens ebenso „kühn“!

„Die Welt“, „das Leben“ ist voll Überraschungen, Emergenz, Wolkenbildung out of the blue. Natura ist naturans.
Spinoza glaubte noch – wie damals jeder – zu wissen, was „Natur“ ist. Aber seither sieht man immer klarer, wie wenig man weiß. Unsere Welt ist ein Produkt weitgehend unbekannter Prozesse und wir arbeiten, von Illusionen beflügelt, trotz unserer Kurzsichtigkeit, daran mit. „Natura naturans“ war ein neuer Gottesname!

Zunehmend seit der Renaissance, stützten verschiedene Spielarten von Deismus (stark vereinfachtem, von viel Traditionsgut entlastetem Monotheismus) den biblischen Theismus (Glauben an einen persönlichen Gott).
Dem gegenüber offenbarte der lebendige Gott, zu seinen bisherigen Namen hinzu, dem Juden Spinoza für die Neuzeit seinen Namen “natura naturans“, der unsere Unterscheidung zwischen Gott und Welt in Frage stellt.

„Offenbarung“ ist gelingende Symbolisierung.

Gott als „nur“ Symbol der Kreativität der Welt zu definieren, würde Sinn machen, wenn wir besser wüßten, was „die Welt“ ist. Um „die Welt“ zu verstehen aber (und zwar subjektiv praktisch), muß man sich manchmal sammeln und besinnen; und das wird oft kritisch. Da helfen Gottesüberlieferungen.

Summum bonum“ ist, wie alle Gottesbegriffe, ein nur als Richtungsangabe brauchbarer Grenzbegriff.

Die abstrakte Frage nach der Existenz Gottes muß ersetzt werden durch die Frage, was denn da „Gott“ genannt wird.

Die Kreativität der chaotischen Natur ist, von Gerettenen, für Destabilisierte in ihren Vertrauenskrisen, symbolisiert als der Vater, der Jesus Christus von den Toten auferweckt hat.

Der Begriff „Gotteserfahrung“ wird gern gebraucht als Begriff der Metasprache. Er gehört aber eher in die Objektsprache (meist apokalyptisch-) gläubiger Subjekte.
Korrekterweise wäre metasprachlich entweder gar keine, oder jede Erfahrung „Gotteserfahung“ zu nennen.

Meditation des Zufalls ist ein möglicher Weg zu Gott.
Pascal vertiefte auf dem Umweg über das Glücksspiel mit de Méré sein Gottesverständnis.

„Gott ist gegenwärtig“. Das ist der Ausgangspunkt. „Der da ist und der da war und der da kommt.“
Dieser bescheidene, gegenwärtig offenbare Gott ist das Beste für uns; nicht die Vorstellungen vom verborgenen Herrlichen, dem gewesenen Schöpfer und dem zukünftigen Vollender!

Gottesglaube ist eo ipso Glaube an die eigene Erwähltheit (denn andere können nicht glauben) und deshalb provokant.

Ohne Gottes Einladung, sein bescheidenes Leben mit ihm zu teilen, kann Gottes Name nichtssagende Exklamation, abgöttisch oder schrecklich sein.

Schöpfung ist immer neue Schöpfung jetzt! Die abgetrennte „kommende Welt“ ist eine Idee der Hoffnungslosigkeit in der Realität.
Der ewige Gott ist jetzt für uns da.

Gott als Identitätspartner berät uns schöpferisch.

Unsere Sehnsucht nach der Seligkeit ist in der göttlichen Herrlichkeit des bescheiden gegenwärtigen Schöpfers beruhigend gut aufgehoben.

Das Leben ohne Gott kann eine hoffnungslos undankbare Aufgabe sein.
Gott aber „ist“ nur als der uns Zugesprochene. Man kann, aus der Erinnerung und aus der Heiligen Schrift, sich selbst Gott zusprechen: Aber das ist gegen die Hoffnungslosigkeit oft zu schwach; es kann beschämend und beunruhigend leer bleiben.

„Gottes Tod“ ist das Leerbleiben des Gottesnamens. Das kann uns zurechtbringen.
(Der Islam kann da nur von sträflichem Unglauben reden. Allah ist eine weltliche Institution. Für Unglauben besteht keine Hoffnung.)

Conservatio der Kreatur ist die schöpferische Dankbarkeit Gottes. Von ihr kann nur aus dankbarem Herzen richtig geredet werden.

In der Perikope vom Knechtslohn, Lukas 17,7-10, erscheint Gott als undankbarer Herr. (Rhetorische Frage Vers 9: „Weiß er etwa dem Knecht Dank dafür, daß er seine Pflicht tut?“)
Aber (1.) „Wer unter Euch“ wäre nicht (umso mehr!) froh und dankbar, den Knecht zu haben, der seine „Werke“ einfach tut, ohne daß einer von beiden über deren Verdienstlichkeit nachdächte! (2.) Gott selbst ist uns zugut „unnützer Knecht“ geworden!!

Man muß sich umgewöhnen: Bei „Schöpfung“ nicht an etwas Vergangenes, sondern an die Gegenwart denken!

„Gott“ ist persönlich; das narzißtisch überwältigende Naturerlebnis wird ehrfürchtig, also zutiefst animistisch, erlebt.

Gott will das unerwartete Zusammentreffen, den Zufall.

Ich kann „Gott an sich“ und „Gott für mich“ nicht unterscheiden.

Je metonymischer von Gott geredet wird, desto dubioser; je metaphorischer, desto sachgemäßer.

Zieht Gott sich zurück, bleiben Mächte übrig, die gotten möchten.

Heiligung des Namens Gottes: Man versucht von Gott so zu reden, daß hier nichts so festgelegt wird, wie es Götzen wohl ansteht.

Die Lehre von Gott dem Schöpfer gehört in die Lehre von Gott dem Erlöser. (Die christliche Schöpfungslehre ist der islamischen nicht gleich. Das Schöpferwort ist personal: der Erlöser!)

Gott „verbirgt“ nicht sich, sondern seine Gnade. Er offenbart sich da verkörpert als die Welt, die uns zum Kampf herausfordert.

Warum bemühe ich mich so stark, meine Gotteslehre in der Tradition zu verankern? Ich habe Angst, sie sei nur für mich richtig. Ich will mich aber an der allgemeinverbindenden Wirklichkeit orientieren. Für konkurrenzfähige Grundorientierung ist alte Tradition grundlegend.

Entscheidend über eine bestimmte Gottesvorstellung ist, wie stabil sie, bei ernsthafter Besinnung, sich vorstellen läßt. Wird sie von Erfahrung getragen, liegt sie beziehungsschwach neben aller Erfahrung – oder spricht unser Gewissen gar letztlich gegen sie?

Was läßt der Gott, der die Freiheit seiner Schöpfung will, in seiner Bescheidenheit sich gefallen? Was kann ich, geborgen in Gottes Dankbarkeit, mir gefallen lassen, und was nicht? Wo ruft er mich als sein Geschöpf zu freier Mitarbeit, zum Eingreifen auf? All diese Fragen sind, in der dritten Person, falsch gestellt. Aber man kann sich zuversichtlich in der zweiten Person stellen.

Gott „spielt“ mit uns anregend wie Eltern mit ihren Kindern. (Nach Luther spielt er auch wie kleine Jungen mit einem Wurm [11].)

Das selbstverständlich personal zu Beständigkeit beanspruchende Unbekannteste ist Gott.

Die Dankbarkeit Gottes ist gratia, die Antwort, in der die Gottesfrage zur Ruhe kommt.

Reformatorisch ist Gott definiert als das handelnde Subjekt, die Subjektität auch in uns. Die Selbstverständlichkeit unserer eigenen Subjektität ist verderblicher Schein. Substitution durch den unverfügbaren Geist Gottes rettet (Gal 2, 20).

Gott sammelt – ja, und er zerstreut!

Verantwortung im modernen Sinn ist ein höchst anspruchsvolles Abwägen. Denn es geschieht vor der Instanz des generalized other; und diesen gilt es erst einmal zu konzipieren; und zwar verantwortlich, bewußt, aus einer Überfülle von Material, zu konstruieren, also in einem irregulär fließenden Prozeß ständiger Selbstrechtfertigung. Explizite Verantwortung ist eine Überforderung. Möglich sind diffuses Verantwortungsgefühl und juristische Stereotypierung.

Der Vereinzelte erlebt die Verlorenheit, in die sich, voll Hoffnung und Liebe zur Freiheit, der Schöpfer begeben hat.

Die gesellschaftliche Konstitution Gottes (Durkheim) organisiert Götzen aus menschlichen Lebensmomenten, Assimilationsschemata als Koordinationsstellen narzißtischer Kommunikation.

Niemand weiß sich so dankbar an dir zu freuen wie dein Schöpfer.

Gott freut sich an der Freiheit der Schöpfung; wir sollen uns daran mit freuen.

„Pan-en-theismus“ ist Abbildung des Verhältnisses Gottes zur Welt in räumlicher Vorstellung. Die konstitutive Zeitlichkeit und Dynamik der Beziehung wird ausgeblendet.
Goethe zieht die Dynamik (als Wechselwirkung) mit in Betracht („Ihm ziemts,...Natur in sich, sich in Natur zu hegen“). Die Zeitlichkeit aber kann un-ziem-lich werden; sie bringt er nicht zur Sprache. Luther thematisiert den angefochtenen Glauben als zeitliches Ereignis.

Ich hätte nie die Zuversicht zu meiner Gottessymbolik ohne die Sprachgemeinschaft der Christus-Tradition.

Herrlichkeit ist der Kern unsres Gottesbegriffs, – angelegt auf ein Wachstum, das den Kern aufbricht.
Zunächst ist sie das Licht in der Finsternis. Aber an seinem „farb’gen Abglanz haben wird das Leben“ (Goethe); und auch die Herrlicheit Gottes wird nicht einfach mit der Zeit verdunkelt, sondern sie wird farbiger.

Wer genug zu verstehen meint, hat plötzlich über die „Tücke des Objekts“ (F.Th.Vischer) zu klagen.

Gott nötigt den unbescheidenen Glauben zur Resignation.

Hat Gott Freude an der Welt? – : Ja, denn jeder tut unter den widrigen Umständen der Freiheit der Schöpfung sein Bestes! Gott sieht gewiß mehr Erfreuliches als ich.

Der Mensch als animal rationale und sociale braucht zur Erhaltung seines seelischen Gleichgewichts eine kommunikable Weltanschauung, eine kulturell integrierte Gesellschaft; eine Symbolik, die in der Anfechtung trägt (wenn wir sie mit andern teilen, kann deren Glaube uns mittragen). Wir glauben dann auch an diese andern, Väter und Brüder im Glauben, Gemeinde Gottes. Sie müssen dafür nicht heilig, aber des Heils teilhaftig sein.

Urvertrauen als Prinzip, „Glaube“ im christlichen Sinn, ist ausgelöst durch die Osterbotschaft, eine nur je und je von Gott zu rettende Anmaßung. Dahin gehört auch das glückliche Prädestinationsgefühl.

«Deus» sive «natura» – man versteht beim einen so wenig wie beim andern, was man sagt. Es handelt sich um zwei in verschiedenen Zusammenhängen bewährte Traditionskomplexe, die, im Rahmen der modernen, von Determinismus und Wesensschau befreiten Ontologie, dasselbe betreffen.

Gott und Welt, Schöpfer und Geschöpf, sind Spaltungsprodukte der Rationalität in unsrer Symbolik, Produkte der, in Flucht nach vorn begriffenen, analytischen Aggressivität der bedrängten Menschheit, die sich auf diese Weise, im Modus der Destruktivität selber kreativ, einen Teil der bedrohlichen Realität als „Welt“ unterwirft und nach eigenem Willen umgestaltet – mit Gott als Selbstideal. „Gott“ ist, was man gemeinhin pragmatisch oberflächlich, gleichgültig und unverbindlich Zufall[12] nennt, zu Herzen genommen und persönlich bedacht [13]. Der Zufall ist damit idealisiert und „Hoffnung wider alle Hoffnung“ gesichert; der Schöpfer ist geglaubt als der Erlöser.
Das Erstaunliche dabei ist, daß sich diese fundamentale Überlebensstrategie bewährt, den Menschen menschlicher macht, und also irgendwie der Realität zu entsprechen scheint. Es gibt Gott! Man kann, besser, paradox sagen: Gott gibt, daß es Gott gibt. Gott „gibt es“ als emergente Struktur. Große und langlebige Institutionen gehen darauf zurück.

Gott als Ordnungsmacht ist eine Wunschvorstellung. Wunschvorstellungen müssen durch Symbolik koordiniert werden.

In allen Dingen ist Gott verborgen. Einen jeden Augenblick kann man gottlos erleiden oder als Tatort des Gottes wahrnehmen, „der tötet und lebendig macht“ (1Sam 2,6).

Man kann mit spezifischem Vorteil und Nachteil an Gott denken; und man kann mit spezifischen Vorteilen und Nachteilen an anderes denken.

Im zugespitzen Monotheismus (Judentum, Christentum und Islam) gibt es den narzißtischen Überschwang mystischer Gottesliebe, visio beatifica, unio mystica.

Der Begriff „Gott“ hat, als Gattungsname und zugleich Eigenname, mindenstens zwei Gleichgewichtszustände und ist schwach stabil.

Global wird (Für-uns-)Gutes brutal zerstört; aber allenthalben wächst, als petite vie, für uns Gutes nach. „Gottesherrschaft“ ist weder das Ganze noch das Ende, sondern erhoffte emergente Struktur des Ganzen.

Gottes Kreativität macht die Welt zum Gottesreich. Sie erlöst von der Angst um das Gute.

Wir sehen mehr von Gott, als wir fassen können. Darum brauchen wir umfassende Symbole, Vorgaben, denen wir nachsinnen, um uns zu stabilisieren.

Gott fordert uns auf, mit ihm, aus dem entsetzlichen Chaos, an unserm Teil die Welt mitzugestalten.

Dietrich Bonhoeffer wollte aus religiösen Gründen biblische Begriffe „nicht-religiös interpretieren“.

Das verabsolutierte „Jenseits“ bezeichnet, was „jenseits“ des Verstandenen, Angeeigneten liegt.
Kultur ist Erbin auch von Religion. Religion ist er-innerte, angeeignete, kultur-gewordene, symbolisiert halb vergessene Konfrontation mit dem Jenseits.

Man muß über Gotteserfahrung nachdenken und Gottestraditionen kreativ weiterdenken. Aber man verliert da schnell die Bodenhaftung; man braucht immer weiter kritischen Rückhalt in der Tradition und im metaphorischen Gespräch. Sonst entwickelt man Kunst­welten.
Beispiel: Die Bibel redet nur von reaktivem Grimm Gottes, nicht etwa vom Bösen in Gott. Wer Gott verloren hat, mag aber verstehen: „Gott hat in seinem Grimm sich in die Welt zerschlagen“ und hoffen: „Gott arbeitet in seinem Grimm in der Welt an der Welt zum Heil der Welt.“ Das ist Spekulation des angefochtenen Glaubens.

Der appeal des Deismus war nicht die Beweisbarkeit Gottes, sondern die Erhebung zu Gott ohne die Vergegenständlichungen der kirchlichen Symbolik.

Das Wir reguliert die Sprache und das Denken. Es setzt einen „real existierenden“ Gott aus sich heraus.

Monotheismus gegen Polytheismus ist Intergrationswille, der, überspannt, leicht zusammenbricht und in präambivalenten Dualismus desintegriert.

Wir sind offenbar nicht geschaffen, um glücklich zu sein. Aber mit Gottes Hilfe haben wir jeden Augenblick das Glück, unserm Dasein, gottgleich, eine schöne Wendung zum Guten geben zu können. Mit diesem Glück sollten wir uns, nach Gottes Vorbild, bescheiden.

Polytheismus anerkennt die Gespaltenheit und Heteronomie eines Ich in der Besessenheit. Das Menschenbild des strikten Monotheismus ist der individuell verantwortliche, autonome Mensch.

Die Kehrseite eines naiven Monotheismus ist narzisstische Wut.
Diese schweißt frustrierte junge Männer zu gewalttätigen Horden zusammen – autoaggressiv in Klöstern.

In der Objektverlust-Angst im Chaos finden wir letzten Halt an der uns überlieferten, von uns gepflegten Gottesidee.

Nichts gefährlicher für die Religion als Unehrlichkeit!

In Gebetskreisen drängt die Gruppendynamik, sich selbst und die andern zu dem Versuch, Gott und die Wahrheit zu manipulieren.
Jugend bringt sich damit – etwas autoritär – in Form.

Talmud, Bava Metzia 59: Rabbi Elieser bekräftigt seine Thora-Auslegung mit gottgewirkten Wundern, bis hin zu Gottes ihm vom Himmel herab beipflichtender, hörbarer Stimme. Rabbi Josua wendet dagegen ein: „Das Gesetz ist nicht mehr im Himmel.“ Rabbi Jeremia erklärt: „Gott hat es am Sinai uns gegeben.“ Gott lacht und sagt: „Meine Söhne haben mich geschlagen.“ Auch er selbst ist nicht mehr einfach im Himmel!

Gottes Name ist Tempel, die repräsentative Leerstelle der Welt, wo er zur Welt kommt.

Das Weltgeschehen ist ein Spiel, das uns persönlich anspricht. Gott spricht uns die Welt zu.

Gott ist totus in toto, totus in qualibet parte sichtbar. Er ist in der Kreatur.

Die traditionelle Gotteslehre ist im wörtlichen Sinne apokalyptisch: Da ist ein verborgener Gott vorgestellt, der sich „ent-hüllen“ (ἀποκαλύπτειν), „ent-schleiern“, „offenbaren“ muss. In Wahrheit aber ist nur der vorgestellte Gott von der Realität verstellt und also „verborgen“!

Die Rede von „Abwesenheit“, „Schweigen“, „Verborgenheit“ Gottes objektiviert Subjektives, nämlich ein Gefühl der Verlassenheit, Liebesverlust, Zusammenbruch des Gottesglaubens. „Nimm Deinen Heiligen Geist nicht von mir“, bittet der Psalmist (51) im Glauben.
Man sollte sich für Notzeiten mit dem Gedanken vertraut machen, dass der Verlust meines Gottesglaubens nichts über Gottes Liebe und Treue zu mir besagt. Dies wäre ein katechetischer Lehrsatz! Skepsis gegen die evidenzgläubige Stoa.

Gott hat sich mir, uns Geschöpfen, anvertraut. Er kann frommen Gedanken seinen Geist entziehen und kann anderseits rein weltlich in uns wirken. Dann bin ich angewiesen allein auf meine Um- und Innenwelt.

Wenn wir trauern, trauert Gott mit uns. Das ist uns ein Trost.

Ist Gott nicht ein Münchhausen’scher Zopf, an dem ich mich gerade nicht aus dem Sumpf ziehen kann? Macht die Rede von Gottes Dankbarkeit dankbar, so ist sie wahr-scheinlich.

„Unverfügbarkeit Gottes“ (Bultmann). Die sog. „Offenbarung“ ist unüberblickbar zufällig bestimmt. Dies ist der Boden unseres niedrigdimensional, subjektiv modellierenden Redens von Gott.
Das Heilige ist ein Repräsentant des Zufalls. Das einzelne Zeichen hat eine hauptsächlich durchs Zeichensystem bestimmte, im Übrigen unüberblickbar zufällig bestimmte Beziehung zum Bezeichneten. Das System, in dem das Heilige heilig ist, ist bestimmt durch paradigmatische gute Gegebenheiten.

Für gewollte Verletzungen kann man höchstens nachträglich dankbar sein. Akute Bosheit des significant other verstellt den Blick auf Gott.

„Offenbarung“ ist: Gott als subjektiv bedeutendes Phänomen in einer Mikropsychose, das zunächst nicht verarbeitet werden kann, aber verarbeitet werden will.

Monotheismus ist, auch sozial, organisierend kreativ. Das hat ihn mächtig gemacht.

Rückzug zu Gott ist nicht immer gut.

Gott ist unermeßlich und immer überraschend konkret vorhanden. Durch alle Dinge spricht er mich an.

Gottesherrschaft erst nach „dieser“ Welt, in der „neuen Welt“? – : „Diese Welt“ erscheint uns einmal als die alte, ein anderes Mal als Beginn der neuen Welt. Die Christus-Botschaft redet von solchen „anderen“ Malen! Sie fordert exemplarisch auf, aus dem alten Trott zu erwachen und nüchtern Neuheit zu sehen.
Schon unser Alterungsprozeß schafft uns immer neue Lebensbedingungen und -auf­gaben!

Gott, ich sehe dich. Sag mir etwas! – „Fürchte dich nicht, ich bin bei dir, und ich war bei dir!“

Gottes Rat, sein Gebot und sein Lohn ist „Wohlwollendes Interesse“. Es kann zu leidenschaftlichem Engagement führen, und es ist nicht Kritiklosigkeit.
Einen Gott denken können, der seinerseits an uns wohlwollend interessiert ist, – das ist unser Heil.

„Mein Gott“, „unser Gott“, ist jeweils eine Hilfsvorstellung, in der sich unser Beanspruchtsein orientierend organisiert.
Und ernsthaft redet man von Gott nur dann, wenn man bewusst subjektiv, also von seinem eigenen Gott, redet, - an den man derzeit glauben mag oder nicht.

Wann immer ich mir meiner Freiheit bewusst werde, soll ich Gott fragen: „Was willst Du von mir?“
Eine Gewissensfrage ist nach innen gerichtet; die Gottesfrage aber ist umsichtig.

Der Mensch kann Gott und Welt nicht sauber unterscheiden. Man sollte das aber nicht zum Pantheismus ontologisieren; der ebnet das Ereignis der Gottesfrage ein.

Um in dieser vergänglichen Welt glücklich zu sein, muss man, umsichtig, seine immer neuen Möglichkeiten sehen. (Die Möglichkeit, etwas verloren und sich geschlagen zu geben, gehört auch dazu.) Die besten Chancen, wirklich Neues zu sehen, hat man, wenn man versucht, die eigene Welt mit Gottes Augen zu sehen!

Dass man an Gott glauben kann, ist kein Beweis für „die Existenz“ Gottes. Die hier entspringende Kreativität kann, nach Gottes Willen, in Aberglauben, aber auch in eine Gottlosigkeit führen, die ihrerseits weiter, durch sterile Zeiten hindurch, zu einem andern Glauben, führt. (Man denke an den Weg vom Alten zum Neuen Testament. Das alte und das neue Bundesvolk haben ihren Gott jedes beim zeitgenössischen andern nicht wieder­erkannt!)

Verdinglicht, ist jeder Gott ein Götze, ein Gottesbild! Monotheistischer Götzendienst ist geist-tötend.

Man spürt es selbst, wenn man anfängt, sich seinen Schöpfer selbst zu „machen“ (ποιεῖν). Aber auch Gottlosigkeit kann Dichtung („Poesie“) sein. Goethe konnte sein „Prometheus“-Gedicht machen und wohl auch immer wieder glauben, – aber nicht immer glauben. Aber auch, was uns als Gotteswort gesagt ist, soll und kann man nicht immer glauben.

Das große Andere zu personalisieren, heißt, es religiös verstehen. Also Deus, per definitionem, definiri nequitur.

Unsre Hoffnungen sind größtenteils Illusionen. Bei hoffnungsloser Aussichtslosigkeit im Chaos wird der Gehorsam gegen Gott, in dem wir Form behalten, defensiv und lustlos.
Aber Gottes Name verheißt dem Ent-täuschten den Frieden eines Lebens in der Wahrheit, des schöpferischen, unerschöpflich überraschenden „ewigem Lebens“!

Im 9. Jh. vor Christus läßt König Mesa von Moab auf eine Stele einmeißeln: Der Gott Kamos hatte seinem Volk (den Moabitern) gezürnt und sie von Israel besiegen lassen. Dieses nationale Unglück wurde nicht als Schwäche des Schutzgottes verstanden, sondern als dessen zeitlich begrenzte willentliche Zurückhaltung. Der Gottesglaube war stark genug für eine religiös-symbolische Verarbeitung von Gefühlsambivalenz.
Im 8. Jh predigen in Israel die ersten Schriftpropheten, dass Jahwe aktiv die Feinde Israels (Syrer, Assyrer) ins Land holt, um sein eigenstes Volk zu strafen. Gott ist nicht mehr nur Stammes- oder Volksgott, sondern Weltherrscher, der von allen Völkern Gerechtigkeit fordert. Der Glaube umspannt jetzt die Ambivalenz gegenüber allem Weltgeschehen.
Das ist ein Schritt in Richtung auf das christliche Gottesverständnis, wo Gott seinen eigenen ewigen (!) Sohn (durch welchen er die Welt geschaffen hat!) für unsere bestrafen läßt.

Man sollte zum Beten nicht Augen schließen oder weggucken, sondern in die Abgründigkeit der Dinge so hineingucken, dass sie sich öffnen als Zugang zu Gott!
Der Animismus wusste etwas davon; aber er verengte den Blick. Gott durchdringt alles!

Atheismus ist das Ende des Götzendienstes, eine Voraussetzung für den Glauben an Gott. Auch die christlichen Gottesvorstellungen sind keine Offenbarungen=Enthüllungen, sondern menschlich mitzuverantwortende, zeitliche Symbole.

Gott kommt zum Faktischen hinzu als die offene Zukunft; zunächst als elterlicher Trost, als Wort, dann als die vielfältige eigene Erfahrung von unerwarteter Öffnung, an die man später, in Aussichtslosigkeit, sich mithilfe des Gottesnamens erinnern kann. Das Faktische erscheint immer wieder in einem neuen Licht.

Wir können problemlos über Meditieren als selbstinduzierten Zustand leicht veränderten Bewusstseins reden. Aber man redet nicht über Beten.
Unsre Tradition stellt den Beter vor einen Gebieter, dem man etwas schuldig ist. Dabei gibt es durchaus auch Erfahrungen mit nicht autoritätsorientierten Gebetsversuchen; aber hier fehlt es an Erfahrungsaustausch.

„Du Gott“, im heutigen, monotheistischen Sinne, ist eine in langer Tradition ausgearbeitete, ungeheuerliche Vereinfachung. „Gott“ ist Verheißung über dem Beter. Sie verknüpft das Vielerei mit dem Einen.

Lebendige Gotteslehre ist immer auch Kosmologie und Ethik („transdisziplinär“).

Die Kreatur repräsentiert Gott. Die „Krone der Schöpfung“, der Mensch, ist nach der Schöpfungsgeschichte gegenüber der übrigen Kreatur Stellvertreter Gottes!
Immer wieder erschreckt uns das Geschaffene durch Desillusionierung unseres gottlosen Bescheidwissens.

Gott wird zunächst und zumeist vergötzt.
Gott ist die Wahrheit, die mich beansprucht und deren Anspruch ich zu folgen habe.

Im Chaos von Traditionen, Werten, Normen und Impulsen ist der lebendige Gott immer eine neue Erfindung.

Schon 1710 (45 Jahre vor dem Erdbeben von Lissabon) hatte Leibniz seine Essais de Théodicée veröffentlicht. Das Erdbeben von Lissabon, der missionarisch hochverdienten Stadt, an Allerheiligen 1755, (das zwei Drittel der Stadt vernichtete, aber das Rotlichtviertel verschonte) beschäftigte dann u.a. Voltaire, Kant und Lessing.

In der christlichen Tradition von Jesus als Offenbarung Gottes aufgewachsen, lerne ich Gott auch andernorts wahrnehmen – und auch anders, als diese Tradition ihn bezeugt.

Es geht bei unserm Gottesverständnis um die abgründige Bedingtheit unsres weltlich-selbstverständlichen Hantierens mit den „Identitäten“ von Menschen, Sachen und Sachverhalten, um unser Können und Wissen, – das, umfangreich, wie es ist, doch keine Sicherheit vermittelt und uns zustimmungsbedürftig läßt.

Ein Gottesbegriff ist bestenfalls eine schöpferische Ahnung vom Schöpfer.

Monotheismus: Das Neue Testament ist eine kirchliche Sammlung maßgebender Schriften. Die gelegentlichen Ähnlichkeiten mit dem Stil des militanten Islam sind beunruhigend. Der Ton ist oft zänkisch bis rachsüchtig.

Winnicotts environmental mother entspricht der pantheistischen Naturreligion wie seine object mother dem persönlichen Gott.

Symbole, Ideale und auch die monotheistische Gottesidee sind vereinfachende Assimilationsschemata für das Welterleben – nicht im rationalen, sondern im menschlich lebenspraktischen Sinne. (Auch Computerprogramme werden praktisch einfacher nur um den Preis, daß sie rational komplizierter werden. Das menschliche Leben ist noch erheblich komplizierter.)
Für den Glauben kommt es darauf an, wie befriedigend die möglichen Vereinfachungen für den Einzelnen sind, der seine (wie auch immer beschränkte) Selbstbestimmung in dieser Welt ernst nimmt.

Beten ist eine Möglichkeit des Menschen, seinen eigenen Weg zu finden. Sie ist selbst prekär; denn sie hängt vom Dasein Gottes ab, und dieses ist unverfügbar.

Wir können bezeugen, was Gottesgemeinschaft ist; aber davon, was Gott darüber hinaus ist, haben wir nur Ahnungen.

Mit dem Wort Gott setzt der Mensch Größenphantasien aus sich heraus. Die Unterscheidung zwischen Gott und Mensch (Welt) ist „theologisch“, durch „Gottes Wort“ befohlen, ermutigende Kritik (Thora). Die menschliche Selbstüberschätzung wird in prophetischer Selbsteinschätzung demütig abgeschöpft. Zurück bleiben soll kreatürliche Bescheidenheit, ein bescheidener Realismus mit unklaren Grenzen.

Gott will gar nicht immer „sein“!

Gottvertrauen ist Hoffnung auf Gott, – der auch uns zur Kreativität bestimmt hat.

„Von allen Seiten umgibst du mich“ (Ps 139,5), Gott = environmental mother.

Es gibt auch negative Existenzsymbole. So ist für manche Menschen „Gott“ ein negatives Existenzsymbol geworden. Es ist ihnen eine Art heiliger Pflicht, es zu bekämpfen und zu zerstören.

Gott verblendet; und Gott erleuchtet.
Am besten entsprechen wir unserer menschlichen Natur mit Vertrauen zu Gott, dem Vater Jesu Christi. Das ist das verheißene Heil (kein Zustand, sondern ein Anfangen).

Gott Anrufen ist: die eigenen Kräfte Zusammennehmen.

Offene Frage: Was ist „Ich“? Gott kocht in mir, was ich zur Zeit nicht weiß.

Gott ist entsetzlich. Wem Sein Name etwas bedeutet, der hört jeden Mißbrauch seines Namens als Selbstverdammung eines Hoffnungslosen.
Die persönlich verantwortete Überlieferung Seines Namens als Seines persönlichen Wortes an die Menschen symbolisiert menschlich, prekär, den Entsetzlichen als allumfassend mitfühlend.

Kann denn Gott jemanden in Verzweiflung sterben lassen? Wie kann ich mich mit so etwas abfinden? – : Durch beschämt einsichtsvolle Abwendung. Unser Tun und „unser Wissen ist Stückwerk“ (1Kor 13,9). Aber der Tonus des Glaubens an die christlichen Existenzsymbole und der Liebe (v.13) ist bei Paulus ungebrochen.
Der Verzweifelte soll, in seiner Verzweiflung, nicht an den Verzweiflungsschrei der Aussichtslosigkeit, sondern an das Schreien glauben; nicht an seine Verzweiflung, sondern an den Gott, der da tötet und lebendig macht.
Hier taucht das Phantasma der Allmacht wieder auf. Wo alle Menschenweisheit den Menschen im Stich läßt, retten uns Bewußtseinsveränderung, Regression ins Imaginäre, überlieferte Wahnvorstellungen! Der Mensch kann diese, je nach Bewußtseinslage, symbolisch oder wörtlich nehmen. Wir können die Gottesfrage nicht allgemeingültig beantworten, sondern nur hier und jetzt.

Die alte kirchliche Hermeneutik anerkannte einen vierfachen Sinn eines Gotteswortes, darunter den sensus literalis historicus, das wörtliche Verständnis. Die Bibel war Wort Gottes, des Herrn. Das wörtliche Verständnis auch wahnhafter Texte war aber wohl doch eher der Bewußtseinslage der Märtyrerkirche eigentümlich. Origenes, der von Jugend an zu Allem bereite[14] Märtyrersohn und Confessor [15], einer der wichtigsten theologischen Lehrer der Alten Kirche, legte in reifen Jahren besonderen Wert auf die symbolischen Textinterpretationen, die dem Normalbewußtsein zugemutet werden können.

„Was die Welt ist und was ich bin, weiß ich schon so ungefähr. Aber was ist Gott?“ – : Warum fragst Du? – „Weil man davon redet.“ – : Gott „ist“, was sein Name evoziert, also für dich jetzt wohl: nichts!

Man bemerkt manchmal, daß man sich in Borniertheit verliert. Im Schreck erinnert man sich dann an Gott und denkt an ihn. Dann suche ich Ihn in der uferlosen Vielfalt des vor Augen Liegenden auf – und erkenne Ihn – und wundere mich.
„Verändertes Bewußtsein“, sagt die Psychiatrie. Mein Dasein strukturiert sich neu. Gottes Name markiert das ewige Schöpfungsereignis.

In Gott war alles integriert und wird alles integriert (1Kor 15, 28). Gott ist ein Selbstideal des Menschen, der sein will wie Gott, sich selbst mit allem integrieren will – und sei es um den Preis, selbst desintegriert zu werden (das wäre „seliges Sterben“).

Der gegenwärtige Gott setzt den vergangenen Gott in Anführungsstriche.
Der vorgestellte „Gott“ ist immer nur der je gottgewollte Verweis auf die unergründliche Wahrheit.

In der Qual kann man schreien, aber nicht beten.

Schöpfung und Weltende

Die Apokalyptik sah die Menschen sich den Weltuntergang verdienen. Das apokalyptische Ablaufschemata und die Bilder waren Vereinfachungen. Aber diese Sicht der Dinge scheint wieder einmal realistischer zu sein als die Sicherheit unserer „gesellschaftlich konstituierten Wirklichkeit“.

Eschatologie ist der Horizont eines Gefühls von Vorläufigkeit unsrer ganzen Welt.

Eschatologie bettet das Zeitliche ins Ewige ein. Hier artikuliert sich die Krise der Lebenslust des Individuums, die Begrenztheit seiner Spannkraft.

Der undifferenzierte Allmachtsbegriff gehört zum (problematischen) Begriff des Anfangs der Welt.

„Der allmächtige Schöpfer“ ist eine sehr stabile Idee, ein energetisches Minimum, maximale Komplexitätsreduktion, somit maximal verzerrend. Ein dynamischer Durchgangszustand der systematisierenden Phantasie, der nur mit Augustinischem Fanatismus, der biblischen Geschichte zum Trotz, festgeschrieben werden kann.

Das Denken fragt, hinter alle Sachen zurück, nach der Ur-sache, nach dem Anfänglichen; es ahnt – und gerät in die Mythologie.
Das muß nicht schlecht sein: Bleibt man seiner eigenen Subjektivität eingedenk, kann man verantwortlich, und manchmal förderlich, mythologisieren.

Die Schöpfung ist ein begrenzter, großer Versuch. Wir sind an dem Versuch beteiligt.

Mein Dasein ist Schauplatz der Schöpfung.
Schöpfung ist jetzt Gottes Selbsterniedrigung ins schon Geschaffene.

Gott wird, aus diesem Durcheinander von Halbfertig- und Zerfallsprodukten (Hes 37), auch wieder eine Menge unvorhersehbares Erfreuliches erstehen lassen, – die wir an unserem Ort zu entdecken und zu pflegen haben. In diesem Sinne sollen wir es gut sein lassen.
Der Verzweifelte kann Hoffnung aus der alten Vorstellung schöpfen: „Die Erde ist wüst und leer, und Finsternis liegt über der Tiefe; aber der Geist Gottes schwebt über den Wassern. Und Gott sprach ...“

Das Vielerlei in Freiheit bedingt Unstimmigkeiten. Die kleinste Unstimmigkeit bereits zeigt uns die Endlichkeit unsrer Welt an. Wir müssen über kurz oder lang untergehen.

Für die Herrlichkeit der Welt und des Lebens in ihrer Freiheit leiden Gott und die Kreatur. Wir sollen das Leben im ganzen und seine freie Entfaltung mehr lieben als nur unsern Anteil daran, unser Leben und unsere Freiheit.

Freiheit ist das Geschenk der Bescheidenheit Gottes. Jeder soll dem anderen Überbringer eines Gottesgeschenks sein.
Dankbarkeit ist die Vollendung der Freiheit.

Nach Tacitus waren die Juden von einem odium generis humani beseelt. Das äußere sich in ihrer Erwartung des Weltendes. Dasselbe vermutete man bei den Christen.
Aufgrund der Entstehungssituation der Apokalyptik, sowohl der jüdischen wie der christlichen, wird diese antike Diagnose historisch plausibel.

Noch immer werden in der populärwissenschaftlichen Literatur die uralten, überlieferten Vorstellungen von Gott und Schöpfung bekämpft. Aber nur konkretistisch, auf der Vorstellungs-Ebene, sind Evolution und Schöpfung Antithesen.

Jede Erscheinung hat eine Rückseite (so: Geschöpf und Schöpfer).

Die Kreativität der Realität ist beängstigend. Aber Gott hat sie gesegnet.

Gott schuf, nach 1Mose 1, verschiedene „Arten“. Alles ist bestimmt zu freier Ausdifferenzierung in Vielfalt. Diese Freiheit schließt Determinismus aus. Vielerlei spielt und kämpft mit einander – und wird „des Treibens müde“.

In der Not denken wir: Der Allmächtige soll eingreifen, etwa: dem Unhold einen Meteoriten aufs Haupt fallen lassen. Wir lachen. Aber sollte einem, der die ganze Welt hat machen können, dies nicht ein Leichtes sein? – : Eine so vorgestellte Idee vom allmächtigen Schöpfer ist zum Lachen!
Das erste auf dem Wege zur Rede vom Schöpfer ist ein Wort: der Gottesname, – ein Mem, das, wie ein Gen, als sog. „Replikator“ zwar selbst nichts macht, aber das Geschehen in einer geeigneten (menschlichen) Umwelt, historisch elaboriert, spezifisch bestimmt. Seine Spezifizität erweckt den Eindruck, es sei selbst schöpferisch tätig. Aber es bestimmt nur eine geeignete Umwelt zu einer sonst nicht zu erwartenden spezifischen Aktivität.
Dies ist, was im Alten Testament Gebot heißt. In Analogie hierzu ist dort auch die Schöpfung der Welt durch Gottes Wort verstanden.
Unser Gottesverständnis hat sich durch natürliche Zuchtwahl weiterentwickelt. So heißt denn „Schöpfung“ für uns: Im Namen Gottes, im Vertrauen auf seine Kreativität, können wir die Freiheit der Welt bejahen.

Gottes Schöpfung ist eine freie, eine erschreckend freie Welt.

Κόσμος, das Wort des Neuen Testaments für "Welt", hieß ursprünglich (pythagoreisch) "schöne Ordnung"; das ist auch nahe an der alttestamentlichen Schöpfungsidee. Die Schönheit des Kosmos ist das wesentliche, nur unwesentlich gestörte, bewegte Ruhen[16]. Damit ist es vorbei, wenn – wie man nun seit hundert Jahren weiß – winzige Störungen die große Bewegung aus der Bahn bringen können. Das Chaos herrscht – jetzt eine zeitlang lebensfreundlich ordentlich, jetzt tödlich.

Die Vernunft lernt Fehlverhalten ( ἁμαρτία) erkennen. Alles, was einem hinterher Leid tut, empfindet man als Fehlverhalten.
Das radikalisierte Verständnis des Fehlverhaltens als Sünde setzt einen kosmos* voraus, ein System, in dem „eigentlich“ alles zu einander paßt, – ein Zwangssystem im psychopathologischen Sinne. Durch das Verständnis des kosmos als Schöpfung des einzigen Gottes wird jedes Fehlverhalten als Sünde lebensbedrohlich personalisiert.
Die primitiv-monotheistische Schöpfunglehre braucht diesen Sündenbegriff.

"Wir sind allzumal Sünder." Die hierin zum Ausdruck kommende Lebenserfahrung setzt keinerlei Offenbarung oder Gesetz voraus. Pythagoras fand die Menschen schlecht; Kant hielt das Urteil, „daß die Welt im Argen liege“, für allgemein anerkannt. Der Mensch verurteilt und muß für sich ein Gleiches erwarten.

Als Sünde wird in vielen Religionen sozial unordentliche Geschlechtlichkeit empfunden, genauer, überhaupt eine lustvolle Identifikation mit den sozial gefährlichsten, den libidinösen und aggressiven Regungen. Als Sünde wird ferner empfunden Rücksichtslosigkeit, Übervorteilen, Eitelkeit. (Paulus glaubt sich hier einfach auf das natürliche Empfinden berufen zu können, Rm 2,15).
Die Identifikation mit der eigenen Natur ist aber „natürlich“ auch verpflichtend. Die Lust setzt diese Pflicht in Kraft, die doch der Ordnungspflicht entgegensteht.

Moralischer Radikalismus schafft zwanghafte Schuldgefühle, aber nicht christliches Sündenbewußtsein. Dieses ist nicht auf Normensysteme gegründet, sondern auf guten Willen.

Der biblische Gott hat durch sein Wort, ein irreguläres Ereignis, den Kosmos, in dem wir leben, räumlich und zeitlich aus dem Chaos etwas herausgehoben.

Gott als Gegenüber, der Ganz-Andere, ist evident* in den Extremen des verurteilenden Gesetzes und der überreichen Gnade (Paulus). Aber schon in der alttestamentlich gesetzesfrohen Weltlichkeit und wieder in Luthers usus civilis legis (etwa: was Gott durch das natürliche Gewissen verlangt) geht, mit den Extremen, die Unterschiedenheit Gottes in der Schöpfung unter.

"Schöpfung aus dem Nichts[17]" ist imaginäres Mirakel. Aber Schöpfung aus etwas – das ist wunderbar!

Voraussetzung der Schöpfung ist, nach Isaak Luria, ein Rückzug Gottes. Der zimzum*, als Vorbereitung der Schöpfung, lokalisiert die Welt in Gott. Das ist die Zärtlichkeit Gottes, "der die Welt unendlich sanft in seinen Händen hält" (R.M.Rilke). Der Rückzug Gottes, um Raum für das Geschöpf zu schaffen, ist ein Gedanke beiderseitiger Selbstbescheidung, auf den sich ein Kosmos, eine Thora, ein Gesetz, bauen läßt.
Das Gegenteil ist die Lutherische Allgegenwart des ("fleischgewordenen") Gottes. Hier endet Lehre im Widerspruch. Von der Gottes-„lehre“ bleibt nichts als das Schöpferwort, das Welt sich ereignen läßt – sei es, daß Gott weltet (tempus gratiae), sei es, daß die Welt gottet (tempus legis).

Die Schöpfung ist nicht unbedingt liebenswert; aber sie animiert zum schöpferischen Mitleben.

In jedem unserem – auch verbalen, auch religiösen – Verhalten kommt unsre Beziehung zum Ganzen mit zum Ausdruck. Religiöse Besinnung muß deshalb jeden Ausdruck als Gottesnamen interpretieren.
Wir sollen, einer im Tun und Reden des andern, Gott zu uns reden hören.

Schöpferisches Wortgeschehen ist Anstoß einer Morphogenese, trefflich sensible, energetisch minimale Formvorgabe in einen instabilen Zustand.

Die Botanik war in der Aufklärungsepoche das Hobby der Pfarrer. Botanisierend, sah er, wie der liebe Gott, affektiv wohltemperiert, von oben auf das Leben herab und genießt unangefochten den Anblick unerhört tragfähiger Ordnung: gute Schöpfung.

An sich könnte jede Kreatur uns Offenbarung Gottes sein. Tatsächlich aber ist Jesus besonders aufschlußreich gewesen.
Offenbarung ist eine Rücknahme der Trennung von Schöpfer und Geschöpf, Gott und Welt.

Psalm 73 freut sich auf das schreckliche Ende der Gottlosen, klagt über das eigene Leiden unter ihnen und gelobt Gott: "Dennoch bleibe ich stets an Dir" – christlich müßte man ergänzen: "... trotz Deines gottlosen Gesichts!" Gott blickt uns aus jedem Menschen an.

Man kann kaum von ganzem Herzen zum Schöpfer Ja sagen. Die Berufung zum Mitschöpfersein kann man von ganzem Herzen dankbar bejahen.

Schöpfung, als unpersönliche Emanation vorgestellt, berücksichtigt nicht Gottes persönliche Einladung zu voller menschlicher Präsenz [18], die die Welt für den Menschen darstellt.

Die Schöpfung war überflüssig; und wir sind persönlich berufen, Mitschöpfer in diesem unbegreiflichen Überfluß Gottes zu sein.

In ihren besten Stücken lehrt die Schöpfung: Sie ist in jedem Stück Gottes Überfluß.
In ihren schlechtesten Stücken lehrt sie, sie sei in jedem Stück des Teufels Überfluß. Ohne Segen wäre die Objektwelt wohl in der Tat des Teufels. Aber Subjektsein ist ja: zur Göttlichkeit, zum Segnen, zum Berufen berufen Sein. Ich bin durch meine Welt von Gott berufen. Ich soll das als teuflisch Empfundene – nicht allmächtig, aber schöpferisch, mit erkennender Liebe – zur Göttlichkeit berufen, – wie auch schon ich selbst berufen bin; und soll, gegebenenfalls (gewalt)tätig kritisch, mich als Mit-Berufener verhalten. Dieser Ruf ins Leben gibt dem Leben menschlichen Atem.

Gott lebt persönlich in uns, seinen Geschöpfen, weiter; wir leben als Repräsentanten des göttlichen Überflusses.

Man kann andere im Grunde so wenig beurteilen wie sich selbst.

Das Letzte wird nicht Rache, nicht Gerechtigkeit, nicht Liebe sein, sondern ein Zurücksinken in den göttlichen Überfluß.

Das Phänomen der Herausforderung wird mit dem lateinischen Fremdwort „Provokation“ deutlich als Anspruch von Person zu Person gefaßt. Eine herausfordernde Situation, das Dasein als Herausforderung, ist für eine (aus hinreichend guten persönlichen Beziehungen erwachsene) Person ein persönlicher Anspruch. Man kann das (auch im nachchristlichen Zeitalter noch) am besten prägnant symbolisch sagen: Es ist ein zu Kreativität [19] aufrufendes Gebot Gottes, des Schöpfers.

Der Schöpfer, der uns zu Mitschöpfern berufen hat, hat uns zu Konkurrenz und Kampf berufen. Er vergibt sie! Die Schöpfungsordnung ist für unser Verstehen unendlich löcherig.

Nur die Verzweiflung an der Welt fragt nach einer creatio ex nihilo, einem Mirakel. Was wir brauchen, ist Kreativität, die Vorhandenes aufnimmt. So ist biblisch die „neue Kreatur“ (2Kor 5,17) verstanden.

Der Glaube, daß Gott „die beste aller möglichen Welten“ geschaffen habe, wie Leibniz formulierte, findet und erfindet Möglichkeiten zum Leben. Leibniz meinte hier „Kompossibilität“, eine Beschränkung darauf, wie Dinge zusammen existieren können. (Er war auch konfessionspolitisch um Integration bemüht.)

Der Urknall, das Auseinandertreten des jetzigen Vielerlei, hat, von diesem aus gesehen, vor x Jahren stattgefunden. Die Frage nach einem Davor ist in sich selbst widersprüchlich: "Was war vor dem Anfang alles Wißbaren?" Antwort: "Nichts Wißbares!" Also Gott? Das wäre eine Phantasie des Glaubens.

Gott will eine freie, eine schrecklich freie Welt.
Die stereotypen Gebote sind paradigmatische Formen der Selbstbescheidung des Einzelnen zwecks höchster Freiheit in der Gemeinschaft, deren Teil er ist.

Gott will, schafft und erhält eine Welt weitgehend freier Geschöpfe.
Oft empfinden wir uns gar in die Freiheit "geworfen".

Gott schickt nicht das Unglück, aber Gottes Geschöpfe haben die Freiheit, einander und sich selbst unglücklich zu machen.

Die Menschheit läßt sich kosmogonische Forschung erstaunlich viel kosten. Das Bemühen, die Welt zu verstehen, führt unausweichlich zur Frage nach der Entstehung. Diese muß zurückschlagen in erkenntnistheoretische Reflexion, – eine Aufgabe, für die die Rede von Gott ein Euphemismus ist.

Der Allmächtige hat die Freiheit der Schöpfung „sehr gut“ gefunden.

"Geschöpfe" werden genannt Wesen, die als Wunder imponieren, – besonders Lebewesen, weil sie auch ihrerseits schöpferisch tätig sind.

Der Begriff Schöpfung setzt einen Schöpfer voraus. Ohne diese Voraussetzung nennt man das Phänomen heute "Emergenz". Es geht da um eine neue, stabile, erkennbare Struktur (nicht nur um Varianten, deren Unterschiede unwesentlich wären).

Ewigkeit

Die goldenen Blätter tanzen unbesorgt, sozusagen ewig heiter, durch den blauen Himmel herab in ihre Auflösung.

Hoffnung hat Symbole. Das kann das eigene Selbst sein, es können auch andere Menschen, es können aber auch Begriffe sein, die sich in uns entwickeln, conceptûs, wie das assoziationsreiche lateinische Wort sagt; Begriffe, die uns verbinden mit dem, was uns überdauert; oder konkretere Symbole des Urvertrauten, das wir Ewigkeit nennen, worauf wir bezogen sind und worin untergeht, was wir als Leben und was wir als Tod kennen.

Der Kampf um Macht ist Kampf um Replikationschancen, also für die eigene Verewigung.

Zeit und Ewigkeit, beide sind nur komplementäre Aspekte der Wirklichkeit, ein analytisches Begriffspaar, nicht zu verdinglichen, – wie die Wellen und die Frequenzen bei der Fourieranalyse.

Ewigkeit ist das unausgefüllte Schema der Dauer, das bloßgelegt wird, wenn der Sinnzusammenhang des konkreten Zeitlichen zerreißt.

Die "ewige Ruhe" als höchstes Glück läßt auf Leiden an übermäßiger Unruhe schließen. An sich ist der Mensch weniger für Ruhe als für Bewegung ausgelegt. In diesem Sinne waren "die ewigen Jagdgründe" oder die himmlischen Chöre mit Gesang und Choreographie menschenfreundlicher.
Unsere Zielvorstellungen wechseln umständebedingt zwischen Ruhe und Wandel, Ende und Neubeginn.

Gibt es die Ewigkeit? – : Unendlichkeit ist eine unvermeidliche Denkmöglichkeit, numerisch, zeitlich und räumlich. Sie ist unentbehrlich für die Berechnung der Wirklichkeit. Viele Punkte sind nur als Grenzwert konvergierender, unendlicher Reihen bestimmbar. Der Weg zum Kontinuum der endlichen reellen Zahlen führt über die Unendlichkeit.

Man kann Zeit kognitiv nur räumlich "re-präsentieren", etwa in Verlaufsgrafiken. Sie ist dann keine Zeit mehr; diese läßt sich gerade nicht "wieder"-geben. Man kann allerdings eine Zeitdauer im Gefühl haben und (später) wiederholen. Und man kann ein Erlebnis mitsamt seiner Zeit in Erinnerung rufen. Das ist aber nicht mehr dasselbe Erlebnis!

Ewigkeit und Zeit entsprechen Invariante/Variable, Subjekt und Prädikat.
Der Einwortsatz fluktuierte.

Die Ewigkeit stellen wir uns als eine besonders lange Zeit, also in die Zweit eingebettet vor. Die Zeit wird vorgestellt als eingebeettet in die Ewigkeit. Jeder Augenblick ist ewig.

Wir sind doppelschichtig orientiert, an "Zeitlichem" und an "Ewigem", durch die lebendige Existenzsymbolik. Zwischen Zeit und Ewigkeit braucht man eine flexibel akzentuierende Symbolik (registre symbolique).

Ich hier "inmitten der Ewigkeit" (Herder) – das ist Entfremdung, Derealisierung, Suspendierung des weltlichen, des metonymischen Zusammenhangs, Parataxe des Metaphorischen.
Suspendierung aller handlungsbezogenen Gedeutetheit ist Bereitung zum Sterben. Das einzelne kommt zu Wort, meldet seine eigene Geschichte an. Meine Welt, meine Syntax, die Struktur meiner Zeit zerfällt; es bleibt: die Ewigkeit in jedem Augenblick.

Das Leben zerfledert mich. Ich soll und kann nur Stücke zusammenhalten und neu zusammenzubringen versuchen. Es ist Gnade, wenn ich mich über meine Enttäuschung und Angst erheben und zuversichtlich sagen kann: „Gott zerfledert mich.“

Das Medium der Unsterblichkeit ist das Gewebe der Ähnlichkeiten.

Mystik / Einzigkeit

Was wir „das Ganze“ nennen, ist wohl doch kein Ganzes.
„Das All“ ist die maximale Vereinfachung, ein dann und wann hilfreiches Meditationskonzept. Wir denken uns einen Gott, der sich das alles ausgedacht habe; das beansprucht jedenfalls immer alle Kraft, kommt aber nicht immer gut heraus.

Aus dem tragendem Wellengang des „ozeanischen Gefühls“ (Romain Rolland, = Narzißmus bei Freud) erhebt sich lebendiger Rhythmus, Stimm-Melodie, Musik. Die himmlische Seligkeit ist Lobgesang.

"Der Weg ist das Ziel" – das ist Spiel. Auf alten Bildern besteht das Lebensziel, die paradiesische Seligkeit, im Spiel, Tanz und Musizieren.

Auch das mystische Einheitsgefühl durchstößt nicht den Schleier der Maja, sondern ist ein Gaukelspiel – nur die Wirklichkeit, die für unser Verstehen immer zu groß ist, noch einmal anders erlebt.

Mystisches Erleben: Das Nebeneinander schon weniger von einander unabhängiger Prozesse können wir nur in flackernder eigener Identität mitvollziehen. Man kann unversehens das Überwältigende empfinden, das diese kleine Vielfalt markiert.
Man kann, umgekehrt, plötzlich in einem Wirklichen die Geschichte – nicht nur re-präsentiert, sondern präsent sehen.

Nach Paulus ist die Schöpfung der Nichtigkeit/Eitelkeit/Vergeblichkeit unterworfen (Rm 8,20). Die Inder reden von der Maja/Maya, der Göttin der Gaukelei.

Pierre Bayle[20] konnte für seinen Spott über Spinoza, daß, nach dessen Lehre von der einzigen Substanz, im Krieg Gott sich selbst totgeschlagen habe, auf vernichtendes Gelächter rechnen, – ein Gelächter, daß dem Frommen heute im Halse stecken bleibt [21]. Goethe[22] war da schon ernster.

Die überlieferten prägnanten Gottesworte, -erscheinungen und -symbole wollen zunächst und zumeist wörtlich genommen und nicht mystisch sozusagen rückwärts gelesen und transzendiert werden. Sie postulieren einen kosmos, eine Weltordnung.
Nur wenn diese fraglich wird, ist Neuorientierung in der radikalen, mystischen Rückfrage nach dem Einzigen zu suchen [23]. Mystische Meditation ist nur selten an der Zeit. Die mystische Transzendierung der Symbole in Richtung des Absoluten vereinsamt den Menschen.

„Sein im Schein“ ist zu wenig. Der Pantheismus muß relational ausartikuliert werden, nicht nur monistisch, auch nicht nur dualistisch, triadisch oder quaternionisch, sondern multisubjektiv, chaotisch; realistisch!

Identifikation mit anderen ist nur in der Einzigkeit wahr; auf anderen Ebenen ist sie illusionär.

Der Mystiker braucht Gemeinschaft als Absicherung gegen Wahn.

Paulus, Phil 2,12f.[24]: "Macht eure Sache in aller Unsicherheit zuversichtlich; denn Gott selbst macht es." Das ist, gewiß christologisch-pneumatologisch begründet und gegen Leichtfertigkeit abgesichert, gleichwohl Mystik.

Ärgerst du dich über NN, so wisse: „In NN ist Gott mit seiner Herrlichkeit,“ und bekenne: „Gott ist mir so abscheulich wie NN.“

Auch wenn man, im Blick auf die Fortpflanzung der Person durch ihre Wirkung und in ihren Werken und ihren Kindern, auf die klassische Unsterblichkeit verzichten kann, braucht man für den Rest (das, was nun einmal doch leider einfach stirbt) doch Trost durch menschlichen Beistand.

Für den, der seines Ins-Endlose-Laufens innegeworden ist, kann das umrissen Gegenwärtige unversehens den unendlichen Raum und die unendliche Zeit repräsentieren.

In der Erleuchtung erfährt man, daß das zunächst als Jenseits Vorgestellte diesseits ist.

„Gott schauen“ bezeichnet wörtlich ein seltenes exstatisches Erlebnis, „verändertes Bewusstsein“ im klinischen Sinn.
Man kann, im Blick auf den Gekreuzigten, aber auch den Glauben „Gott sehen“ nennen, einen metaphorischen Durchblick durch die Metonymik des Realen, der dieses als persönliche Ansprache versteht.
Dieser Durchblick bedeutet eine Relativierung der gesellschaftlich konstitutierten Wirklichkeit. Er ist eine, durch Erinnerung an Gott veranlaßte, mentale Anstrengung, zu der man nicht immer die Kraft hat (so dass man nicht mehr an den Glauben glaubt, – mit dem man doch bisher im Wesentlichen nur gute Erfahrungen gemacht hat). Der Glaube hat auch für die sozialen Beziehungen Folgen, die den Glauben anfechten. Der Hebräerbrief kämpft gegen solche Müdigkeit und Schlaffheit.

Glaube an Jesus ist Erkenntnis Jesu als Gottesoffenbarung.
Ich kann mich auch auf den Fensterrahmen als Gottesoffenbarung einstellen, aber das ist eine stumme, mystische Erfahrung von Zeitlosigkeit, die keine Zuversicht erweckt.

Vernunft geht vom Bekannten zum geahnten Unbekannten. Mystik kommt vom geahnten Unbekannten zum Bekannten.

In Anlehnung an Winnicott („environmental mother“) wäre auch der environmental father zu bedenken.

Man kann wohl im Augenblick die Ewigkeit erleben. Aber die Liebe hat einen im Augenblick verpflichtenden, raum-zeitlichen Kontext.

Einsamer Tod im Eis: Es ist für alle anderen gleichgültig, was du da denkst. Du denke dich als Teil des Göttlichen Ja zum göttlichen Nein.

„Ich bin das Licht der Welt“: Die persönliche Begegnung mit dem Licht ist das mystische Erlebnis!

Es ist erstaunlich und beruhigend, daß bei nachlassender Arbeitskraft auch das Forschungsinteresse nachläßt – und zwar nicht in Verzweiflung, sondern mit einem Gefühl, das Wesentliche in den rätselvollen Dingen komme mir geschenk­weise nahe. Ich möchte, was ich meine, „das helle Nichts“ nennen.
Wenn man Dummheit als Gegenteil von Gescheitheit versteht, also: Dumm und glücklich! Lebenslang analysieren wir Unklares, um zu verstehen und richtig zu brauchen. Aber je weniger man gebraucht wird und braucht (diese Einsicht wird immer wichtiger!), desto überflüssiger wird das Analysieren und die Gescheit­heit. Letztlich ist nicht Gescheitheit, sondern Weisheit erforderlich.

Richard Rubensteins „divine nothingness[25] erinnert an das „helle Nichts“. Dieses versinnlicht sich bekanntlich in Todesnähe-Erfahrungen. Das Leben zieht zurück ins Dunkle, das Licht am Ende der „Röhre“ ist faktisch der Tod [26].

Tod

Jedem droht ein schreckliches Sterben.

Unser Wissen um unbemerktes Leben und Sterben ist das Mem „Verlorenheit“, das der Mitmenschlichkeit Tiefgang verleiht.

Dass man zu Recht stirbt, ist ein betrüblicher, aber auch tröstlicher Gedanke – und wegweisend. Das Subjekt wird relativiert. Auch unser Wissen um Recht und Unrecht wird relativiert. Wir werden dazu angehalten, in Schuld, Angst und Leiden einander beizustehen.
Der Bezugsrahmen ist Gott selbst, also für unser Fassungsvermögen zu groß; aber wer Gott fragt, findet je und je Rat.

Schuldbewusstsein erleichtert es, gutwillig zu sterben. Man will nicht noch mehr beanspruchen und verzichtet autonom.
Todesschuld? Ja. – Höllenschuld? Nein.

„Das kann es doch nicht gewesen sein!“, denkt man bei manchem, auch beim eigenen Lebensende. Jeder Tod lässt vielerlei und sehr ernste Fragen offen. Man muss sich mit ihnen der unergründlichen Realität persönlich zuwenden.

Weitere Beispiele

Wer eine Schuld tragisch nennt, vergibt.

Der Mensch erstrebt „höheres“ Leben; „sich selbst Übertreffen“ ist ein Hochgenuß! Beispiel: Eine sublime Kombination beim Fußball, die gelingt. Schon in der Syntax zeigt dieses Beispiel, daß es sich um ein Grenz-Erlebnis handelt.
Training erhöht die Wahrscheinlichkeit glücklichen Gelingens. Aber gute Werke und Tugend, die persönliche Leistung, ist nur dessen eine Seite; die andere bilden die Umstände. Und das Ganze, das Gelingen, ist ein Schöpfungswunder, ein persönlich beanspruchendes Erlebnis, das einen „vom Stuhl reißt“. Darauf beruht die „Sportreligion“.

Wir treiben – Stück für Stück ein interessantes Individuum – wie ein Plankton-Teppich dahin, getragen von der Ursuppe. Wir würden gern wie ein Geist, wenigstens wie ein Nebel, etwas darüber schweben; aber wir sind doch wohl nur die derzeit oberste Schicht von ihrer Oberfläche.

Ein häufig dominantes Existenzsymbol ist der Phallus[27]. Als grandios erlebt, ist der erigierte Penis zentrales Symbol todesmutiger Lebenslust mit ihren Imaginationen. Biologisch ist er das anschauliche Brückenstück des Individuums zur Spezies; und als solches kann er die Selbsttranszendenz des Ich repräsentieren.

Die „Imagines“ der Tiefenpsychologie sind stark verzerrende, einfachste, angeborene mentale Assimilationsschemata. In der Psychose dominieren sie; die Zivilisation symbolisiert sie; die Religion kultiviert sie selektiv.

Mytho-biographische Comics faszinieren, insbesondere im Spiel (fantasy oder am Bildschirm) durch ihre Existenzsymbolik. Die Jugend ist behext. Die Sequenz kleiner, symbolischer Tode, wie sie den Weg der Hoffnung und der Liebe, den Weg lebendig gelebten Lebens kennzeichnen, bietet „Symbole der Wandlung“[28]. Der Held ist eindrucksvolles Modell.
Die Kirche ist gegen Zauber. Sie verkündigt in der Auferstehungsbotschaft die schöpferische Kraft des Leidens der Vergebung, die sie infolge des Todes Jesu erfahren und in ihrer prinzipiellen Bedeutung erkannt hat.
Das wirkliche Kreuz Jesu als Modell des Todes entzaubert die Faszinationen, indem es sie vertieft. Gott hat den Göttern ihre Chance gegeben (Ps 82); er läßt unserem Götzendienst Zeit – unter dem Ruf zu schöpferischem Leben in der eigenen Wirklichkeit.

Das buddhistische Selbst "sammelt sich", nimmt "aufmerksam" seine Abhängigkeit sowohl von seinen Komponenten wie von außen wahr. Das Subjekt betrachtet sich als Prädikat. („Meine Teile kommen zusammen, das bin ich.“)
In der Tat ist ja jedes Subjekt real auch Prädikat. Sowohl ist das Ganze Prädikat seiner Teile, wie die Teile Prädikat des Ganzen sind.

Projekte, Ziele und Regeln sind Symbole, in denen unsere Existenz mit erfaßt ist.

Die Interessen streben in verschiedenste Richtungen. Meine Interessen aber bin ich selbst, sie sind mein Weltbezug. Sie sind Ausdruck meiner selbst, Selbstsymbole, zum Leben auf Resonanz angewiesen.

Es läuft alles irgendwie weiter; größtenteils unerfreulich.
Hoffnung ist normalerweise ein evolutionär nützlicher Verhältnisblödsinn des Einzelnen. Ein Erfolg ist selten das, was man sich erhoffte.
Glück ist Erwartung von Glück. Das Erfreuliche ist rührend hoffnungsvoll, ein Bißchen ansteckend. Nicht, daß etwas gut sei, sondern daß es auf gutem Wege sei, ist wichtig: Dann ist das Seiende Unterpfand, Symbol des Glücks.

Junge Menschen können fast alles als Selbstsymbol mystisch aufladen. Es spielen da wohl auch "archaische Erbschaften [29]" eine Rolle.
In Gruppen hält man sich einander fest und kann deshalb einander dabei festhalten; da kann kultisches Rollenspiel entstehen.
Die Wahl des Symbols ist unberechenbar, ist bisweilen selbst schon Symbol der Unabhängigkeit.

Vom Crucifixus, der zum Klischee verkam, ging die malerische Thematik weiter zur nature morte, dem Stilleben, als einer Einladung zur meditatio mortis: appetitliche abgeschnittene Früchte und prächtiges blutiges Gefieder auf dem Küchensims. Das Stilleben wurde noch schneller zum Klischee.

Die Tradition des Glaubens an Christus hat uns gelehrt, nötigenfalls vertrauensvoll, aussichtslos hoffnungsvoll, Verzicht zu leisten.
Glaube gilt nicht nur Christus. Plötzlich eröffnet der Geruch eines Pfannekuchens eine neue Weltsicht (G. C. Lichtenberg); der spontane, dem Aufforderungscharakter des Dufts entsprechende Glaube macht dieses Symbol körperlicher Lebensfreude zum Selbstsymbol.
Verzicht ist Verzicht auf ein Stück der eigenen Person. Das kann das Subjekt in eine spezifische Aussichtslosigkeit tauchen. (Wer das nicht kennt, kann Kinder nicht verstehen.) Man sollte weder sich selbst, noch seine Kinder in solchen Fällen schnell ablenken. Es gilt die Desorientierung wahrzunehmen und vertrauensvoll durchzustehen an einer mütterlichen Hand oder nach dem Vorbild eines Hilfs-ichs*.

Der Segen des Sterbenden gibt Hoffnung weiter für die persönliche Entwicklung.

Schock-Erlebnisse können nur sehr langsam und auf symbolischen Umwegen eingearbeitet werden.

Literatur soll nur Hilfe sein zu Selbstrelativierung und symbolischer Verarbeitung schwerer Erlebnisse.

Der Anblick von Wohnhäusern als Massenware beelendet. Diese Umwelt sagt einem Kind, daß seine Individualität nur als Quelle der Verunreinigung, wenn nicht überhaupt der Zerstörung, in Frage kommt. Das ist in einer Welt, die anderseits Entfaltung von Individualität predigt, Erziehung zur Asozialität! Eltern haben den widersprüchlichen Mächten der Öffentlichkeit nur das Beispiel ihrer bescheidenen idiosynkratischen Vermittlung entgegenzusetzen.
Die Kinder arbeiten sich in kürzerlebigen Gruppen und Zweierbeziehungen aus der Anonymität heraus. Die so entstehende Existenzsymbolik ist kümmerlich und wenig entwicklungsfähig.
Sie überlassen sich deshalb bald der Symbolik der Massenkommunikation und begnügen sich mit dem konsensualen Vorbehalt, daß das alles nicht ganz das Wahre sei, sondern Spielmaterial, – mit dem man denn, aussichtslos, sein eigenes Leben verspielt. Auch eine individuelle Kreativität wie beim Warten auf Godot allerdings kann niemanden vor „seines Nichts durchbohrendem Gefühl“ (Schiller, Kabale und Liebe) schützen.
Beckett schaffte bei Nichtbetroffenen diesem Gefühl tief wirkenden Ausdruck. Seine finstere Kreativität war ein kommunikativer Lichtblick, wo die Kommunikation versagt.

Wenn man an seinen Existenzfragen nicht mit der ganzen Existenz arbeitet, muß man daran resignieren. Man muß die Verunsicherung seiner Existenzsymbolik aktiv durchleben.
Das ist auch der Nerv lebendiger Forschung. Es gibt nichts, was nicht jemandem zu Zeiten Existenzsymbol sein könnte. Forschertypen können in Détailproblemen der herrschenden Weltauslegung sehr viel existentielle Bedeutung unterbringen. (Das zeigt sich in den forschungsleitenden Intuitionen[30].) Sie können damit die herrschende Weltauslegung vor der stets drohenden Versteinerung [31] bewahren. Das ist der innere Wert der Forschung. (Goethe: „Wer Wissenschaft und Kunst besitzt, hat auch Religion...“) Deshalb ist Forschung mit gutem Grund endlos.
Die Versteinerungen der Erfahrung in Gesetzen, die die Wissenschaft formuliert, sind Steine für einen Bau, der über Fragen zu errichten ist, die jederzeit aufbrechen können! Wir brauchen Häuser; aber wir sollten darin nicht den Boden vergessen, auf dem sie stehen.

Kleine Verbesserungen haben für den konkret Engagierten beglückenden Symbolwert.
Für den alten Goethe war seine Tätigkeit Grund seiner Unvergänglichkeitshoffnung.

Die Symbolik des Lobens und Tadelns bedeutet Heil bzw. Unheil. Jemanden falsch loben und falsch tadeln ist Pseudoprophetie.

Die Idee der Seligkeit ist Symbol einer Zukunft des – mitsamt seiner Zukunft unter Trümmern lebendig verschütteten – Guten im Menschen.

Jeder hat seine mehr oder weniger fragmentierte Weltanschauung. Mancher reflektiert diese und kommt zu einer kohärenteren Ideologie – mittels Fehlschlüssen und Fehlurteilen, die nur eine einschlägige Interessengemeinschaft befriedigen können.
Propaganda vereinfacht das Leben märchenhaft; und sie macht glücklich, wen sie überzeugt. Er genießt den Luxus kollektiver, bedenkenlos starker Gefühle.

Unsere Welt wandelt sich, Hand in Hand mit der Entwicklung unserer Symbolik. Immer schneller sind Paradigmen-, Sprach- und Symbolwechsel nötig, um die Dinge einigermaßen im Griff zu behalten. Nichts bleibt sicher bestimmbar. Die Wissenschaft weiß fast alles; der Einzelne weiß heute, daß er fast nichts weiß, man muß dazu kein Sokrates mehr sein. Der augenblickliche Fortschritt selbst, der uns verschlingt, repräsentiert uns die schöpferische Ureinheit. In der treibenden Masse hält man sich an einander fest.

Der Tote sagt uns, wofür der Lebende keine Sprache hat. (T.S.Eliot)

Zur Armseligkeit dürftiger Aktionsmuster ist Hintergrundsmusik erwünschtes Komplement, – einst zu Tisch bei Hof, dann in Café und Bar, heute überall.
Die Hintergrundsmusik muß die nötige emotionale Vitalisierung bei der modernen, langweiligen Arbeit leisten, die Intelligenz und in Zeiten untätigen Wartens reaktionsbereite Aufmerksamkeit fordert. Im "digitalen"* Frust ständigen Entscheidenmüssens braucht man heute "analoge" Background-Music oder doch ein inneres Singen. (Früher war bei langweiliger Arbeit der Kopf noch so frei, daß man selbst dazu singen konnte.)

Die großen alten Bäume, ewig-scheinende Repräsentanten der Natur, stehen hier, wo eine Zeche war und wohl bald wieder ganz etwas anderes sein wird; irreführend auch sie, geheimnisvoll sinnlos.

Das moderne Grundschema des Erlebens ist nicht einfach unpersönliche Sachlichkeit; es ist meist menschliche Verlassenheit, "Geworfenheit" [32] (bis "Hinausgeworfenheit" und Angst hiervor). Das bedingt eine regressive Grundorientierung an der Eltern-Imago*.
Im besten Falle ist uns unsre Welt Ausdruck eines uns in die Mündigkeit entlassen habenden, persönlichen Schöpferwillens.

„Und in Poseidons Fichtenhain tritt er mit frommem Schauder ein.“ (Schiller, Die Kraniche des Ibykus) Er achtet auf jedes Knacken im Geäst, auf jeden Luftzug, jedes Rauschen. Es könnte etwas bedeuten! Der Hain ist ein zu beherzigendes, unergründetes Symbol.

Abgesehen von der Nützlichkeit der Erkenntnis von Strukturen der Wirklichkeit, sind solche Erkenntnisse uns Symbole dessen, was (mit einem anderen Symbol) die ewige Wahrheit genannt wird.

Nach dem religiösen wird in unsern Tagen nun auch der Wissenschaftsglaube ernüchtert.

Unsere herkömmlichen Übergangsriten (die Feier der von einem individuellen Phasenübergang betroffene Gruppe zu Geburt, Geschlechtsreife, Familiengründung und Todesfall) bedeuten Stereotypenwechsel der sozialen Erwartungen. Solch ein Wechsel macht die Bedingheit solcher Stereotypen bewußt, in denen wir leben, und macht besinnlich. Der normative Übergang wird sozial, und gern numinos, legitimiert.

Unser Leben ist ein erstaunlich stabiles Phänomen auf die Spitze getriebener Unwahrscheinlichkeit.

„Das Jenseits“ gehört zum Selbstverständnis des seiner Beschränktheit bewußten Menschen; es ist Gegenstand unserer Ahnungen und Phantasien. Aber schon seine Vergegen­ständlichung ist ein Widerspruch in sich. Diesbezügliche Beobachtungen sind, wegen ihrer Seltenheit und wild zufälliger Wahrscheinlichkeitsverteilung, nicht zuverlässig auszuwerten.
Die Grenze unserer fortschreitenden Erkenntnis bleibt chaotisch – gerade dann, wenn diese endlos fortschreitet!

Gegen hoffnungslos graue Résumés kommt es darauf an, ob es gelingt, konkrete Ziele zu konzipieren. Die prägnante Gestalt motiviert.

Man sucht Bedeutendes auf, einzelnes, das in seiner Zufälligkeit wichtige Zusammenhänge sinnenfällig macht.
Bedeutend sein wollen führt irre. Mancher wurde ein bedeutender Verführer.

Die Vereinfachungen eines entschiedenen Radikalismus bündeln die Kräfte und heben das Selbstgefühl.
Radikalismus begegnet auch im christlichen Verständnis des Liebesgebots und des Tötungsverbots.
Auch das Neue Testament ist von einem Radikalismus gezeichnet, der, wie in der damaligen Synagoge, heute in der Kirche sektiererisch wirkt.

Die chinesische KP nimmt Falun Gong überraschend ernst. Man kämpft um Symbole. Wir kennen dergleichen auch aus der eigenen Neuzeit.
Die Regierung hat mit ihren Machtmitteln ihre eigene Symbolik überstrapaziert. Die Mächtigen handeln längst nicht mehr nach der propagierten Symbolik. Die Kommunikation und zunehmend die Sprache ist doppelbödig geworden. Moral infiltriert den Kreis der Insider der veröffentlichten Moral! Da kann eine alternative Existenzsymbolik der herrschenden Gewaltsymbolik gefährlich werden. Symbolik ist Machterweiterung. Gewaltsymbolik aber ist dürftig und brüchig.

Den jüdischen Witz entwickelte die Menschlichkeit als sublime Aggressionsabfuhr in den Konflikten einerseits mit der orthodoxen synagogalen Tradition und anderseits mit der Sprache der verständnislosen Umwelt als gebotenem Verständigungsmittel.

Stabile Zusammenhänge weniger Variabler bilden „harte Fakten“. Sie setzen sich als Existenzsymbole, als Machtsymbole („Gesetze“) durch. Das Instrumentelle wird zentral wichtig; es vermittelt ein spezifisches Selbstverständnis.

Schicksal ist die Verwobenheit des Subjekts in kaum zu kontrollierendes, schwer identifizierbares, selten rechtzeitig erkennbares, übermächtiges Geschehen, – die denn auch jede klare Ausgrenzung des Subjekts und seiner Verantwortlichkeit problematisch macht.

Das Kleinste und das Größte sind weltanschaulich bedeutsam. Sie definieren die Tragweite unserer Weltanschauung und artikulieren ihre Bedingtheit. Aber wir können hier nur über Verzerrungen nachdenken: über Vergrößerungen kleiner bzw. Verkleinerungen großer (forschungsgeschichtlich bedingt) isolierter Ausschnitte aus der sonst unbekannten Wirklichkeit, Gegenstände, die nur in ihrer Größenordnung möglich sind!

Ein Traum ist eine Zukunft vergessener Vergangenheit.

Lebenschancen (probabilités) sind abschätzbar und vergleichbar nur in einem bekannten System von Möglichkeiten. In der Breite des Lebens steht aber kein solches System zur Verfügung. Man muß sich deshalb mit eng begrenzter Plausibilität (vraisemblance), wie von Sprichworten, begnügen.

In Familien mit Kindern, guten Unternehmen, Arbeitskreisen gemeinsamer Wohltätigkeit, Religionsgemeinschaften bestärkt man sich gegenseitig in hoffnungsvoller Selbstsymbolik.

Fehlurteile verdummen den Urteilenden kraft der Treue zu sich selbst. Denn auch sie sind Selbstsymbole.

Mit der Größe der Gesellschaft werden neu konzipierte, abstrakte Superstrukturen immer lebenswichtiger. Sie etablieren sich in einem selbstverstärkenden sozialen Prozeß. Sie werden, als „Werte“, neue Selbstsymbole. (Beispiele: „Verfassungspatriotismus“, der Euro.)

Auch wenn man es sich nicht erklären kann: Man empfindet einen Segen als mehr denn einen guten Wunsch und auch als mehr denn einen Segenswunsch.
Wenn ein Geistlicher, im Vertrauen auf den äußeren Vollzug und sein Amt, den Segen ohne besonderes, bewußtes Engagement spendet, so steckt ein Teil seines Selbstverständnisses in eben diesem Vertrauen. Seine persönliche Zuwendung gibt nur Teil an einer größeren, gesellschaftlich konstituierten Wirklichkeit.
Den Eltern, die ihr Kind taufen lassen, gibt eine Handauflegung Teil an der gesellschaftlich konstituierten Wirklichkeit, die sie für das Kind gewünscht hatten.

Seinen "Wert" hat ein "Gut" in einem schönen Ganzen; hier ist es uns "lieb und teuer". Nur von Gnaden "des Ganzen", nur hiervon abgeleitet, gibt es Werte. Sozial anerkannte Werte beruhen auf einer sozialen Übereinstimmung bezüglich des Ganzen. (Diese mag in dem Einverständnis darüber bestehen, daß schon ungefähre Teilübereinstimmungen einen Gewinn darstellen.)

Für Plato war das Gute "jenseits" des Seins. "Das Jenseits" hingegen ist die Welt der unberechenbar sich bemerkbar machenden "Mächte" über "unserem", mit unscharfen Grenzen irgendwie angeeigneten Dasein: die Welt der Archetypen, Ideen, der Ideale (und deren Gegenbilder), die Welt der Bedeutungen, der Attraktoren des menschlichen Geistes – Grenzwerte, die dieser nur ungefähr, symbolisch, oder nur momentweise erreicht.

Im Traum sieht man seine Probleme. Lösen muß man sie bei Tag. Da kann man auch die Lösungsansätze erkennen, die im Traum selbst schon enthalten waren.

Die Kultursensibilität der modernen Wirtschaft, der chinesische Kampf gegen Falun Gong und der militante Islamismus zeigen die heutige gesellschaftliche Wichtigkeit der Existenzsymbolik.

Immer gefährdet, muß man Angst mutig erleiden d.h. nach Möglichkeit Ermutigendes wissen.

Die angst- und scham-geschützten Geschlechtsmerkmale sind die – für die lustvoll unbekannte, unkontrollierbare Zukunft offenen – Stellen, durch die der Mensch körperlich seine Individualität transzendiert und in der menschlichen Naturgeschichte untergeht.

Wir sollten die Nicht-Wahrgenommenen nicht ganz vergessen! (Grab des unbekannten Soldaten.)

Gepflegte Feindschaften vereinfachen das Leben bis auf weiteres.

Es kann uns über augenblickliche Bedrängnisse hinwegheben, wenn wir unsern Zeithorizont erweitern. Das aber führt oft seinerseits zu bedrückenden Aussichten. Dann sind begrenzte Vorhaben und Hoffnungen die entscheidende Entlastung.

Über seinen Lebensstil und seine Geselligkeit entwickelt und festigt man seine Weltanschauung.

Der Mensch ist und bleibt mit seinen Taten identifiziert, auch wenn er sie bereut. Sie gehören zu seinem Selbstbild, das als Regulativ, auch beschädigt, doch lebensnotwendig bleibt.

Liebenswürdige Liebestaten sind Symbole für eine gemeinsame Hoffnung.

Summarisch (vermessen) gesehen, erscheint die menschliche Geschichte als eine Schlammwalze, eine ökologische Katastrophe. Dieser „Schlamm“ besteht aber aus winzigen, respektablen, individuellen Entscheidungen, – für das betrachtende Subjekt oft erfreulich, manchmal beglückend, ja begeisternd.

Apokalyptik stammt aus einer kollektiven Entscheidungssituation. Sie begeistert und konzentiert Energie. Sie ist eine motivierende Symbolik geblieben, die in kollektiven Krisen wieder aufflackert.

Humor ist auch sublimierte Destruktion.

Hintergrundsmusik wird wohl nötig bei Verflachung der Symbolik, Verarmung der Metaphorik und Dominanz der Metonymik.

Sexualität bedeutet Expansion ins Unbekannte, ins große Du hinein.
Eltern sollten ihr Kind, die Gesellschaft sollte das Individuum hier nicht (wie gewöhnlich) im Stich lassen bei seiner notwendig kreativen, immer riskanten Kulturleistung, auch hier das Reale mit dem Imaginären menschlich zu vermitteln.

Das johanneische Jesuswort: „Ich bin der Weg“, weist, wegen der Gottheit Jesu, personalisiert, in dieselbe Richtung wie: „Der Weg ist das Ziel“.
Das statische vorgestellte Ziel ist in Wahrheit seinerseits dynamisch.
Der Lebensweg, das Ich, ist eine Ereignisfolge in einer ahnungsvollen Ereigniswolke.

Das Aufblühen der Natur im Frühling ist erquickende Gnade; leise spricht uns Gott, der Schöpfer an.

Israel, Hamas und Al-Kaida leben und sterben für eine heilige Sache. Das kann man als tragisches Glück genießen, besingen und feiern. Dahin gehören auch viele (jetzt dem Schweigen verfallene) deutsche Lieder und überhaupt der sacro egoismo jedes Nationalismus.

„Seine Heiligkeit“, der Dalai Lama wirkt banal.
Heilige Texte, auch Bibeltexte, sind oft typische Sektentexte: hemmungslos wundergläubig, hohl, dumm, asozial. Sie wollen schöpferisch
[33] gelesen sein (wie ein Paulus das Alte Testament las). Meist enthalten sie selbst Stücke, die dazu inspirieren.

Die Welt ist viel schlimmer, als wir zu bedenken aushalten. Wie alles Lebendige, müssen auch wir uns zufrieden geben mit Lichtblicken. Wir sehen den Alltag im Licht unserer Lichtblicke.
Diese muss man in Erinnerung behalten; davon leben wir. Deshalb feiert man sie. Feiern in Bescheidenheit und Dankbarkeit erhöht die Tragweite der Lichtblicke.

Die Seele ist eine locker zusammenhängende und offene Einheit von verformt in einander gespiegelten Einheiten. Und so lebt sie in andern Seelen weiter.

Der „Natur“ gehorchen, ist nicht Beschränkung auf Triebhaftigkeit. Zur menschlichen „Natur“ gehört die moralische Kultur. (Die Neue Management-Lehre setzt das Gut-sein-Wollen anthropologisch voraus!)

Ein guter Witz spielt dem Bedrückten belebende Allmachtsphantasien zu. Er kann erleichtern, indem er die Möglichkeit einer unerwarteten Wendung der Dinge bewusst macht. Er erinnert an die Kreativität bescheidenen Grundvertrauens. Er gemahnt an den Schöpfer. Unter solchen Erfahrungen entwickelt sich Humor.

Lebendiger Schöpfungsglaube ist Wunderglaube.

Das jenseits des Irdischen auf uns wartende „Himmelreich“ ist ein Symbol an „dieser“ Welt verzweifelnder Hoffnung (die sich an ein verlorenes Paradies erinnert), ein menschlich-natürliches Komplement dieser Verzweiflung.

Die existenzielle Symbolik ist heute flacher und fluktuierend verteilt. Man kommt dem Poly-theismus und -dämonismus wieder näher. Das religiöse Herumprobieren mit verschiedenen Ansätzen gehört dazu.
Dem entspricht wahrscheinlich eine Flexibilisierung der Persönlichkeit und ihrer Beziehung zur Umwelt, – wie der beschleunigte gesellschaftliche Wandel sie verlangt. (Traditionelle Festlegungen sind auch gefährlich geworden.) Treue ist anerkannt bedingt.

Religion opfert Besitz und Zeit für Hoffnung, Wirklichkeit für Wahrheit.

Heute gilt in der theologischen Ethik der praktische Polytheismus der staatlichen Religionsfreiheit gegenüber der Staatsreligion als das entschieden kleinere Übel.

Trauerritual: Es ist eine Schwäche unserer Kultur, daß sie für die großen Gelegenheiten immer noch keine besseren Alternativen zu den kirchlichen Kasualien entwickelt hat.
Zweckdienlicher für die Leidtragenden als der kirchliche Beerdigungsritus wäre heutzutage wohl ein (evt. seelsorgerlich begleiteter) langsamer, persönlicher Abschied von dem Leichnam (dessen allmählicher Übergang in Verwesung auch eine Hilfe sein könnte). Mit der Zeit könnten sich da aus bewährten Vorgängen auch Rituale entwickeln.
Die Beerdigung könnte dann völlig entritualisiert werden. (In Zürich hatte der Reformator Zwingli nur ein Ehrengeleit zum Grabe und ein entsprechendes Dankeswort an die Mitgekommenen übrig gelassen).
Bei einem Gedenktreffen (in einem leicht unterteibaren größeren Raum) könnte manch einer mit eigenen Erinnerungen den andern Anwesenden zum besseren Verständnis ihrer Erinnerungen beitragen.

Wunder stechen aus dem Gewohnten hervor. Ein Wunder ist die Emergenz eines Existenzsymbols. Es macht den Menschen sich in einer eigentümlichen Weise wundern. Ein Wunder hat Nachhall in den Menschen. Das Geschehen eines Wunders ist ein eigentümliches, besinnlich machendes Sichwundern.
Das kleine Kind erlebt dauernd Wunder, besinnt sich und macht sich schnell seinen Vers darauf. Etwas später fragt es immer: Warum? Allmählich kennt es sich immer besser aus; es weiß schon und versteht und ist stolz darauf. Statt Wunder gibt es nur noch Überraschungen; und diese tun der Zuversicht, verstehen zu können, keinen Abbruch.
Dann doch (wie der beachtliche Experimentalphysiker Blaise Pascal in der Heilung seiner Nichte durch den „Heiligen Dorn“) noch Wunder zu erleben, demütigt, und macht deshalb anfällig für schnelle (wissenschaftliche oder religiöse) Erklärungen.
Besinnt man sich aber richtig, so wird einem bewußt, wie oberflächlich alles Verstehen ist. Man erkennt momentweise die unverstandene Abgründigkeit des wirklich Vorhandenen, gegen die man durch sein etabliertes Alltagswissen abgestumpft ist. Dann wird alles Wunder. (Auch dieses Erleben hat sich Pascal erarbeitet.)

Der Begriff der „ewigen Vollendung“ ist eine radikale Vereinfachung des – uns als Subjekte (!) einbegreifenden (Phil 2,12f.!) – Weltgeschehens, ein gelebtes Existenzsymbol.
In seinem Licht erscheint all unser Tun als selbstverständlich. Das entlastet von der Wichtigtuerei der Welt! Hier trifft man sich mit Buddhisten und Muslimen.

Das Christentum war eine Schöpfung junger Leute. Frohe Hoffnung des Subjekts auf die (chronologisch vorgestellte) Vollendung ist die jugendliche Erscheinung der Seelenruhe in der Zeit.
Der Alte, der als Subjekt bereits stärker in die Welt integriert ist, kann zufrieden sein mit der Selbstverständlichkeit, die das Symbol der ewigen Vollendung seinem Dasein verleiht.

Der Sinn des Lachens ist oft: „So kann man sich irren.“ Es ist Ausdruck (meist Abwehr) von Mitgefühl.
Der alttestamentiche Gott lacht schadenfroh. Die ganze Antike lacht triebhaft.
Jesus lacht gar nicht.
Hans von Campenhausen hat die Entstehung kultivierten Humors im christlichen Mönchtum gefunden.
In der Neuzeit entwickelten die europäischen Juden ihren eigenartigen Witz. Solidarität in einer überzogenen kollektiven Selbststilisierung war wohl das Frühbeet für die hier wesentliche Selbstironie.
Aus der Distanz zu sich selbst in diesem Judentum wiederum erwuchs die Tiefenpsychologie.

Das Leben ist ein Spiel (Manfred Eigen) nicht mit Spielzeug, sondern vor allem Zusammenspiel, – das ernste Zusammenspiel, auch: ein Kampf. Wir sind dazu geschaffen, für ein Weilchen als Gespielen Gottes uns des tiefen Ernstes des Lebens zu freuen.

Unerwarteter Erfolg verunsichert den Hoffnungslosen in seiner Hoffnungslosigkeit.

Das Aufgehen der Tür zum Weihnachtszimmer ist eine kurze, sehr besondere Zeit: Hier geschieht das imaginäre Glück. „Himmel auf Erden“ ist per definitionem kein Zustand, sondern ein Anfangen.

Gemeinsame Klage stiftet Symbolgemeinschaft, einen Raum der Hoffnung. Die Zukunft hat schon begonnen!

Der Sündenbegriff ist ein naives Produkt der Suche nach einer ratio sufficiens bei Missgeschick. Man will es verstehen, sich darauf verstehen, sich gegen dergleichen zu schützen. Und man versteht es zunächst als göttliche Rache (bei höherer Moral: gerechte Strafe). Der Sündenbegriff ist im Grunde naiv rationalistisch.

Kosmologie ist subjektive Abrundung des kollektiven Wissens.
Das Multiversum der möglichen Universen ist eine (mathematisch befriedigende) Menge von mathematischen Strukturen. Ein Universum kann – muß aber nicht – die Dimension Zeit enthalten. (Max Tegemark)

Man soll für die Zukunft arbeiten, aber so, daß man dankbar auf sein Leben zurückblicken kann, auch wenn diese Zukunft nicht stattfindet.


Inhalt

I. Meditation/Gebet 1

II. Gott 6

III. Schöpfung und Weltende 56

IV. Ewigkeit 64

V. Mystik / Einzigkeit 66

VI. Tod 70

VII. Weitere Beispiele 70

Inhalt 86



[1] Buchtitel von Eberhard Jüngel

[2] Luther betonte es immer wieder: Wir empfangen das Heil ab extra.

[3] Mündliche Äußerung des verstorbenen Zürcher Psychoanalytikers Fritz Meerwein.

[4] Luther-Zitat Hanns Rückerts (nicht nachweisbar).

[5] Vgl Rm 8, 26f.: "Denn wir wissen nicht, wie wir beten sollen, wie sichs gebührt; sondern der Geist selbst vertritt uns aufs beste mit unaussprechlichem Seufzen. Der aber die Herzen erforscht, der weiß, was des Geistes Sinn sei..."

[6] Vgl. D. Winnicott's "Umwelt-Mutter*".

[7] "Gott gleichen" im Alten Testament: 1Mose 1,27צֶלֶם , parallel 1,26 דְּמוּת (Bild, Gestalt). Ferner 3Mose 19,2 קָדוֹשׁ (heilig) und Dt 13,5 הָלַך אַחֲרֵי (nachfolgen). "Ihr sollt heilig sein; denn ich bin heilig!" hieß es im Alten (3Mose 19,2); im Neuen Testament (Mt 5,48): "Ihr sollt vollkommen sein, gleich wie euer Vater im Himmel vollkommen ist. – Vgl. das ideale Streben im "bipolaren Selbst*".

[8] Der Vater der trinitarischen Orthodoxie, Athanasius, war enthusiastischer Leichtfertigkeit abhold. Er verliert die Begründungsfrage des Glaubens nie aus dem Auge und sagt, Gott (der Sohn) sei Mensch geworden, damit wir vergottet werden (θεοποιηθώμεν).

[9] Hier gibt es keinen Unterschied zwischen den biblischen Testamenten.

[10] Gretchen: "Doch – alles, was dazu mich trieb, Gott! war so gut! ach, war so lieb!" (Faust 3585)

[11] WA 44, S. 548,5ff

[12] In der Antike personifiziert als Τύχη bzw. Fortuna.

[13] Apuleius hat sich sein böses Schicksal zu Herzen genommen und erkennt nun Isis, seine geliebte Göttin, als seine gute Fortuna.

[14] Unter dem Eindruck von Matth. 19,12 hatte er sich selbst kastriert.

[15] Ein Märtyrer, der mit dem Leben davongenommen ist.

[16] Beruhend auf dem Kreisen der Himmelskörper.

[17] Das Paulinische (Röm 4,17) und das Platonische μὴ ὄν ist "mehr" als das moderne Nichts.

[18] 1Mose 1,28 wird Adam zum Herrschen, 2,19 zum Namengeben gefordert.

[19] Nach dem ersten Weltkrieg gab es viele Bettler. In einer Vortragsdiskussion sagte ein Pfarrer, er könne nicht jedem Bettler, der da am Pfarrhaus klingelt, etwas geben; aber er könne doch nie wissen, ob nicht diesen Mann ihm Gott geschickt habe. Adolf Schlatter antwortete: „Wenn bei mir einer klingelt, so weiß ich: Den hat mir Gott geschickt, damit ich ihn wieder wegschicke.“ Auch das ist möglich.

[20] Art. Spinoza im 3. Band seines Dictionnaire, 17022, zitiert bei W. Bartuschat, Baruch de Spinoza.

[21] Ich erinnere an Elie Wiesel, La Nuit.

[22] Vermutlich hat er selbst formuliert: „Nemo contra Deum nisi Deus ipse“, in: Dichtung und Wahrheit, Motto zu Bd. IV (dazu Kap.20).

[23] Dieses hermeneutische Problem tauchte überall auf, wo wache Geister von großen alten Texten nicht lassen wollten. Man kann auch Rudolf Bultmanns „existentiale Interpretation“ als einen (schulmäßig engen) solchen Versuch verstehen.

[24] Lutherbibel: "Schaffet, daß ihr selig werdet, mit Furcht und Zittern. Denn Gott ists, der in euch wirkt beides, das Wollen und das Vollbringen, nach seinem Wohlgefallen."

[25] In: After Auschwitz, 19922.

[26] Ein Kipp-Phänomen? Oder der psychische Abwehrmechanismus der „Ersetzung durchs Gegenteil“? (Rubenstein erkennt im Messias den Tod.)

[27] Es wird hauptsächlich in der Psychoanalyse thematisiert, insbesondere bei Jacques Lacan. Das Problem ist komplex, verschiedene Vereinfachungen werden vorgeschlagen, die Diskussionslage ist entsprechend verwirrend.

[28] Titel einer Monographie von C.G. Jung.

[29] Von S.Freud bevorzugter Ausdruck für die von C.G.Jung vermuteten Archetypen.

[30] Das ist mehr als die „erkenntnisleitenden Interessen“.

[31] Das orthodoxe Rabbinat enthält eine jüdische Tradition der Belebung der Gesetzestafeln, deren Reichtum sich, neben der christlichen, sehen lassen kann!

[32] Heideggers berühmte Begriffsbildung aus Sein und Zeit I.

[33] „Kein Buch ist so dumm, daß nicht ein kluger Mensch etwas daraus lernen könnte“ (Heinrich Heine ?).