Thomas Bonhoeffer


Geschlechtlichkeit in der Gotteslehre1

Wenn wir uns im Kreise der Kirchentags-Seelsorger für das Thema Männlichkeit und Weiblichkeit in der
antik-philosophischen und der christlichen Gotteslehre interessieren, so steht im Hintergrund das
Problemknäuel des Feminismus. Zur kirchlichen Lehre tritt die feministische Thematik in Beziehung in erster
Linie bei der Verkündigung unserer Annahme an Kindes Statt durch Gott als unsern Vater im Glauben an
seine Offenbarung in dem Manne Jesus.
In der Spätantike spielte der Isis-Kult eine bedeutende Rolle. Isis war eine weibliche Gottheit, die ihrem
männlichen Partner Osiris voll ebenbürtig war. Der Tod des Osiris in dieser Mythologie macht diese doppelt
interessant. Wir können dem aber jetzt nicht weiter nachgehen. Im Christentum lebte Isis in der Gestalt der
Himmelskönigin Maria weiter. Hier gehörte sie allerdings nicht auf die Seite der Gottheit, sondern auf die
Seite der Kreatur. Aber man kann a parte potiori sagen: Während Gott verehrt wurde, wurde Maria geliebt.
- Wir wollen uns jedoch hier weniger mit heidnischen Göttinnen als mit der philosophischen Theologie be-
schäftigen. Und da herrschte patriarchalisches Denken. Die Selbstverständlichkeit des patriarchalischen
Denkens in der Gotteslehre ist uns zerbrochen. Wir müssen versuchen, seinen Wahrheitsgehalt neu zu
bestimmen.
Das Stichwort ,,Patri-archat" macht darauf aufmerksam, daß wir es mit einer doppelten Frage zu tun haben:
Es geht nicht einfach um das Verhältnis von männlich und weiblich, sondern zugleich um so etwas wie eine
Herrschaftsfrage, eine Primatsfrage, eine Machtfrage. Wir befinden uns also in einem Diskussionsfeld, wo
das erkenntnisleitende Interesse besonders versucht ist, die Wahrheit zu notzüchtigen. Wir müssen
versuchen, zu präzisieren, was hier mit Herrschaft, Primat, Macht gemeint sein kann.
Hinter dem Problem von männlich/weiblich steht das Problem von Ordnung und Chaos. Der
Ordnungsbegriff hat mit dem Problem der Einheit zu tun; so kommt das Problem der Exklusivität hinein.
Hinter dem alten Patriarchat stand - genau wie hinter dem noch älteren Matriarchat - die Voraussetzung,
daß Ordnung nur monopolar denkbar ist. In diesem Sinne hat die antike Philosophie den materiellen
Kosmos als vom Logos organisiert gedacht, und hat der alte Israelit die Welt als von Jahwe geschaffen und
geordnet gedacht. Schemata wie Schöpfer/Geschöpf und Geist/Materie sind bipolare Schemata. Es handelt
sich gleichwohl nicht um undifferenziert symmetrische Prinzipien, sondern um eine hierarchisch geordnete
Bipolarität. Die Dialektik solcher Strukturen, oder, moderner ausgedrückt, ihr Rückkopplungsproblem,
bringt auf eine witzige Formel der Reim: ,Der Mann, der ist der Kopf, nach dem muß alles geh'n. Die Frau,
die ist der Hals, die weiß den Kopf zu dreh'n.' Die Klagen der griechischen Philosophen über die Unvernunft
der Menschen, des frommen Israeliten über den Ungehorsam des Volks zeigen, daß das einlinige
Verständnis von Ordnung in Aporien führte.
1 Referat vor dem Ständigen Ausschuß für Seelsorge und Beratung des Deutschen Ev. Kirchentages,
gehalten am 13. 12. 1984 in Meinertshagen. Gedruckt 1985 in: Wege zum Menschen, 37. Jg., S. 295 ­ 298.
Zur (nach zwanzig Jahren jetzt, 2007, leicht überarbeiteten) Wiedergabe dieser Bemerkungen hat mich
veranlasst die jüngst erschienene ,,Bibel in gerechter Sprache" ­ eine späte Frucht der Befreiungstheologie
und des damals auch mich beschäftigenden theologischen Feminismus.

In der Tat gibt es keine Ordnung in Natur oder Gesellschaft ohne Hierarchie, und ohne Ordnung gibt es kein
Leben. In Ordnung konkretisiert sich Identität. Das bleibende historische Verdienst der Spätantike ist der
Aufbau der autonomen Persönlichkeit. Die Leitfigur allerdings, sowohl des heidnischen Weisen wie des
christlichen Heiligen, ist eine mönchische Gestalt. Im Neuen Testament finden wir schon bei Paulus ­ und
später bei den Kirchenvätern immer wieder ­ die Warnung vor dem chaotischen Getriebe, in das man
durch eine Familiengründung hineingerissen wird. Auf heidnischer und christlicher Seite finden wir das
gesellschaftskritische Ideal des vergeistigten, bedürfnislosen Asketen.
Wir dürfen uns dazu an Anna Freud's Beobachtungen über die Askese in der Adoleszenz erinnern. Dort
handelt es sich um den individuellen Aufbau von Autonomie. Die Zeit der mediterranen Großreiche aber
war kulturgeschichtlich die Epoche der Durchsetzung eben dieses Ideals.
Wie nun auch der Adoleszent erwachsen werden soll, so konnte die Kulturgeschichte bei dem im Grunde
monopolaren physikotheologischen Modell nicht stehen bleiben. Dieses Ordnungsverständnis wurde den
chaotischen Bedürfnissen des lebendigen Menschen nicht gerecht.
Nun stellt sich die Frage, was Geist und Ordnung mit Männlichkeit, Materie und Chaos mit Weiblichkeit zu
tun haben. Die Antwort ist überraschend einfach. Man kann sie entwickeln aus dem berühmten alten Satz
im Corpus iuris: Mater semper certa est, pater est, quem nuptiae demonstrant - Wer Mutter ist, ist am
Tage; als Vater gilt, wer der Mutter ehelich verbunden ist. Der spottende akademische Volksmund hat
daraus gemacht: Pater semper incertus est. (Diesen Rückgriff aufs römische Recht übernehme ich von
JACQUES LACAN.) Die Beziehung des Kindes zur Mutter ist ein Naturphänomen; die Beziehung des Kindes
zum Vater ist ein Kulturphänomen. Vaterschaft gehört nach Lacan ins registre symbolique (bei PIAGET die
,symbolische', später genannt: ,semiotische Funktion'), welches die archaische Welt der Imagines zu
organisieren hat. Das registre symbolique stiftet die Zeitlichkeit; die Imagines hingegen sind wesentlich
zeitlos, ihre Abfolge ist chaotisch. Mit der symbolischen Funktion entsteht die Autonomie des Subjekts
gegenüber äußerer Realität und innerer Imagination. Der dualen Einheit mit der Mutter entwindet sich das
werdende Subjekt kraft einer Identifikation mit dem Vater in seiner Liebe zur Mutter. Für unser Dasein als
Naturwesen ist also die Mutter primär wichtig; für unser Dasein als zoon logon echon, sprach- und
vernunftfähiges Wesen, der Vater. (Ich muß mich hier auf das Grundmodell beschränken und alle Fragen
der Substitution von Vater oder Mutter beiseite lassen.)
Das Vater- und das Mutterbild in ihrer Verschiedenheit sind nun Ergebnisse eines dramatischen
Differenzierungsprozesses und keineswegs von vornherein gegeben. Am Anfang steht das Pandämonium
der undifferenzierten Eltern-Imagines, die sich bald an die Figur der realen Mutter ankristallisieren - zu
Zeiten gnadenvolle Allmacht, zu Zeiten schreckliche Höllenmacht. Die Ausdifferenzierung eines separaten
Vaterbildes stiftet allererst den Spielraum für die Entstehung eines autonomen Selbstverständnisses.
Vater- und Mutterimagines gehören also in die Grundlegung unsres Weltverständnisses. Keine Theologie,
keine Psychologie und auch keine Philosophie kann uns über diese bleibende Grundbedingtheit unsres
Weltverständnisses hinaushelfen. Unsrem Heimweh nach der Ur-Einheit steht entgegen die Angst,
verschlungen und als autonomes Subjekt zunichte zu werden. Wir können unser menschliches Heil nur in
der Triangulation kraft der symbolischen Funktion finden. Was die Psychoanalyse heute dazu artikuliert, hat
seine Vorläufer in der Dialektik der Beziehung des Menschen zum Ur-Einen in der Philosophie Platos. Als
denkende Triebwesen müssen wir unser Heil in einer geschlechtlich differenzierten Bipolarität suchen.
Wer kann leben, ohne über die reale Welt hinauszufragen? Wer kann Säkularität durchhalten? Unser
symbolisches Register ist brüchig. Die darauf aufruhende Realität des Realen ist immer wieder zutiefst
fragwürdig. Ich erinnere an HERDERs Zeilen (aus: Amor und Psyche auf einem Grabmal): "Ein Traum, ein
Traum ist unser Leben auf Erden hier. Wie Schatten auf den Wogen schweben und schwinden wir. Und
messen unsre trägen Tritte nach Raum und Zeit; und sind (und wissen's nicht) in Mitte der Ewigkeit." In-
mitten ewigen Lebens? Inmitten ewigen Todes zwischen Urknall und Wärmetod?

Das Wort des ewigen Lebens ist nach christlicher Lehre das Wort vom toten Jesus. Der tote Jesus ist,
verkürzt gesagt, das Wort Gottes. Wir wissen vom tödlichen Konflikt zwischen Gott und Welt, und wir
haben das Evangelium von der Versöhnung durch Gottes Selbstoffenbarung in Jesus. Das Eingehen Gottes
in die menschliche Natur, die Aufnahme der menschlichen Natur in die Gottheit, sind hieraus erwachsene
Visionen der Versöhnung.
Nachdem Jahrtausende lang von der Allmacht Gottes die Rede war, ist in unserm Jahrhundert viel von der
Ohnmacht Gottes die Rede. Auch die alte Theologie wußte von der Ohnmacht Gottes in seiner
Selbstentäußerung in Jesus zu reden. Das moderne Reden von der Ohnmacht Gottes jedoch hat diese
dogmatischen Absicherungen überschritten in einer Weise, die im Lichte der klassischen Theologie als
Blasphemie, wenn nicht: barer Unsinn, gelten muß. Kann der Gottesbegriff vom Allmachtsbegriff getrennt
werden? Ich meine, er muß davon getrennt werden. Unlösbar ist der christliche Gottesbegriff mit Segen
verbunden, aber nicht mit dem Begriff der Allmacht. Segen gehört (wie schon die Etymologie anzeigt!) ins
registre symbolique, Allmacht ins registre imaginaire. NIETZSCHEs Dichtung vom tollen Menschen (Fröhliche
Wiss. 125) geht DIETRICH BONHOEFFERs Reden vom Leiden Gottes voraus. "Das Heiligste und Mächtigste,
was bisher die Welt besaß, ist unter unsern Messern verblutet." Im Zarathustra heißt es wiederholt (II Von
den Mitleidigen; IV Außer Dienst), Gott sei an seinem Mitleid gestorben. So singt der tolle Mensch zum
Schluß "Requiem aeternam deo!" Fragt man auf der Linie Nietzsche's weiter: "Wer gab uns" "unsre Messer"
in die Hand?, muß man wohl antworten: Gott selbst, aus Mitleid mit uns. Gott starb uns zugut. Requiem
aeternam deo kann wohl nur singen, wer mit Paulus sagen kann: "So haben wir Frieden mit Gott" (Röm 5
1).
"Wer mich sieht, sieht den Vater", sagt der johanneische Jesus (14
9). Friede mit dem toten Vater - das ist
der Segen Gottes. Auferweckt hat Christus als seinen Sohn "der rechte Vater über alles, was da Kinder heißt
im Himmel und auf Erden" (Eph 3
14f.). Gerade durch sein Selbstopfer hat der Allmächtige sich als göttliche
Wahrheit realisiert. (Als Psychoanalytiker hat ROY SCHAFER, Aspects of Internalization, 1968, das Paradox
des "immortal object" diskutiert.) Wir sind hier in der Tat mehr in der Welt des Singens als des Redens. Es
geht um Gottes Schöpferwort. Mythologisiert und psychologisiert wird es gleichermaßen artikuliert und
verfehlt. Es geht um Unergründliches (Röm 11
33 ff.). Es geht um das Ende der Übermacht des Todes über
uns; es geht um unsre Möglichkeit der Versöhnung mit unsrer Welt der Geburten und der Tode, um das
Erleben der heilsnotwendigen Schöpferkraft der Liebe in Empfangen und Geben.
GERHARD EBELING hat (1950) darauf aufmerksam gemacht, daß nach Luther der usus legis in renatis (den
,,Wiedergeborenen") der usus civilis legis, der weltliche Gebrauch des Gesetzes ist. Dieser aber ist nur
möglich im Segen des Gottes, der uns zugute von unsern Händen gestorben ist. So sind wir, aus Gott, frei
für die Welt. Das ist die Grundlegung echter Säkularität.
Diese aber stellt ein labiles Gleichgewicht dar. Wir pflegen die Berufung zur Freiheit der Kinder Gottes -
nämlich zur Freiheit "des Menschen zwischen Gott und Welt" - zu vertun. Wir spielen gern selber, mehr
oder weniger sublimiert, Götter. Dann muß die Welt unsre (mehr oder weniger symbolisch verarbeitete)
Imago der allmächtigen Elternfigur tragen; wir verweiblichen oder neutralisieren Gott. Dann kommt die
große Leere; wir müssen wieder neu beim Numinosen anfangen und tun gut daran, uns durch Bibel und
kirchliche Lehre weiterführen zu lassen. Die Erwartung, quod ecclesia perpetuo mansura sit (Confessio
Augustana VII), ist in der Erbsünde nur allzu gut begründet.
Die christliche Lehre hat das ursprünglich weibliche Element, die (!) ruach, ,,den" Geist, neutralisiert. Er
bedeutet: differenzierte Teilidentifikation. Sie hat dafür aber der heiligen Trinität die Gottesmutter Maria
als Vertreterin der Schöpfung unmittelbar gegenübergestellt. Ich halte das für sachgemäß. Eine
Götterfamilie würde die Konflikte unsrer realen Existenz zwar mythologisch entlasten, aber doch auch des
letzten Ernstes berauben - der in der christlichen Inkarnationslehre festgeschrieben ist.

Wenn wir nun im Sinne neuzeitlichen
2 Denkens und Empfindens Gott als unsern Vater und die Welt als
unsre Mutter verstehen
3, so ist deutlich, daß das hier gedachte konjugale4 Verhältnis von einer
lebensgefährlichen Dramatik ist. Ich meine aber, daß diese Vorstellung dem Ernst unsrer realen Existenz
entspricht.
Sind nun durch diese Gotteslehre Männer gegenüber Frauen privilegiert? Soweit ich sehe, nicht. Aber es
gibt Unterschiede zwischen Mutterschaft und Vaterschaft, die ihre Konsequenzen in der Gotteslehre
haben. Im übrigen sind Männer und Frauen zur Teilidentifikation sowohl mit Gott wie mit der Welt
eingeladen.
Dieser Text ist inzwischen, weiterbearbeitet, integriert in mein Buch:
Von Gottes Bescheidenheit. Zu Struktur und Dynamik der christlichen Existenzsymbolik. LIT-Verlag 2009, 150
S.2
Paradigmatisch KLOPSTOCKs Ode: ,,Schön ist, Mutter Natur, deiner Erfindungen Pracht auf die Fluren verstreut ... "
Dahinter steht SPINOZA, dahinter PETRARCA.
3
Alles Verstehen ist Vereinfachen! ALBERT EINSTEIN soll gesagt haben: ,,Man muß die Dinge so einfach wie möglich
sagen, aber nicht einfacher." Was unter welchen Umständen eine gute Vereinfachung ist, ist allerdings oft strittig.
4
Die mittelalterliche Allegorik sprach von ,,Frau Welt". Entfällt die patriarchalische Selbstverständlichkeit, so bedeutet
ein Verständnis der Welt als Mutter nicht eine Abwertung des Weiblichen, sondern eine Verschärfung der Gottesfrage
­ auf der Linie von Luthers Unterscheidung von Gesetz und Evangelium. Es ist ja nicht ausgemacht: Hat Gott sich die
Welt und/oder die Welt sich Gott ausgedacht?