Gesellschaft (2009)

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Inhaltsverzeichnis

I. Kampf 2

II. Kooperation 6

III. Die Gesellschaft 9

IV. Sitte 17

V. Der soziale Horizont der Ethik 19

VI. Institution 19

VII. Persönliche Beziehungen 20

VIII. Liebe 21

IX. Gruppen 23

X. Vertrauen 25

XI. Trug 26

XII. Loyalität 27

XIII. Wirtschaft 28

XIV. Politik 35

XV. Norm, Staat und Recht 40

XVI. Geschichte 52

XVII. Ungleichheit 54

XVIII. Arbeit 64

XIX. Arbeitslosigkeit 65

XX. Armut 68

XXI. Religion 71

XXII. Beschleunigter Wandel 71

XXIII. Gegenwart und Ausblick 73



  1. Kampf

Der Verteilungskampf fordert jedermanns Subjektivität zu Parteinahme heraus.
Den harten Kern des Problems bildet aber immer noch das von Thomas Malthus klar erkannte und thematisierte – nur übermäßig vereinfachte und deshalb falsch berechnete – objektive Problem der tödlichen Grenzen des natürlichen Wachstums der Menschheit.

Allfällige Gewaltanwendung ist zu rechtfertigen nur als Herausforderung zu persönlicher Verantwortung, Kommunikation und Partizipation. Gandhi forderte den gewaltbereiten Gegner durch persönlichen gewaltlosen Widerstand heraus. Wenn man, wie er, unter persönlichem Einsatz seinem Gegner die Anerkennung einer Rechtfertigung versagt, so ist das für beide Seiten zwischenmenschlich frustrierend. In diesem Sinne glaubte Gandhi an die Ansprechbarkeit, die Menschlichkeit des Menschen. Das ist die idealistische Komponente im moralischen Chaos.

Exponentielles Wachstum des Lebens bedingt konfligierende Ansprüche, Rechtfertigungen, Religionskriege.

Es geht zugleich um Gene und Meme, unüberschaubar kompliziert; hier müssen Vereinfachungen her. Und es gibt eine (schwach geordnete) Menge vorgefertigter, vererbter und überlieferter Vereinfachungen, um deren Geltung gestritten wird.

Die Gesellschaft ist ein Spiel, in welchem nicht nur um „Auszahlungen“, sondern auch um die Spielregeln selbst, die Moral, gespielt wird.

Durch Symbolisierung und Artikulation werden idiosynkratische und gemeinsame Wünsche einer Verwirklichung näher gebracht. Das braucht Zeit.
Gewalt – zur schnellen Verwirklichung kontroverser Wünsche – setzt der Freiheit, auf die die Wahrheit für ihr Einigungwerk angewiesen ist, der Kultur, durch naturwüchsige Barbarei eine Grenze. Sie blockiert kommunikative Artikulation und ist nur als Provisorium zu rechtfertigen.

Friede unter den Menschen ist labil, Friedensordnungen sind auf Sand gebaut.

Es kommt aufs rechte Maß an. Aber genau darum geht der (oft maßlos werdende) Kampf.

Jemand kann jemandem, oder auch allen, böse sein. Aber „das Böse“ gibt es nicht.

Es wäre lehrreich, mehr vom Innenleben, dem Menschenbild, dem Selbstbild und dem Weltbild der großen Tyrannen zu wissen. Sie haben den Erfolg vielleicht auch deshalb, weil sie anerkennen, was unsereins nicht sehen will.

Narzißtische Wut nimmt Gefahr und Selbstschädigung in Kauf. Das ist evolutionär vorteilhaft: Warnung vor Beleidigung, d.i. vor Beeinträchtigung autoregulativen Potentials. Der Beleidigte ist nachtragend; die Gefahr seiner irrationalen Rachsucht schützt warnend auch ihn als Einzelnen.

Der sog. Kriegsgott Ares, ist, wie der Name (Ἄρης) sagt, eigentlich "der Geist des Fluchs, der Rache, des Blutgerichts", er "geht auf in der Ekstase des Blutvergiessens", als Olympier unter den Olympiern verhaßt, wird Ares überwunden durch Athene, "die Göttin des echten, des sinnvollen Heldentums" (W.F. Otto). Vgl. Jeanne d’Arc, la pucelle, die Jungfrau von Orléans !
Ares ist (wie Eros) ein Attraktor. Man kann aktiv auf sein "Bassin" zu steuern und dann passiv weiter hineinrutschen: Leidenschaft setzt Kräfte frei durch Verengung des Gesichtskreises und entsprechende Enthemmungen.

Krieg zielt in einer spannungsvollen, komplexen Situation auf eine einfache dominante Struktur. Sie zu stabilisieren, bedarf es – nach des Generalfeldmarschalls v. Moltke Warnung – weiterer dreißig Jahre.

Edler Kampf ist ritualisierter Kampf, ein Regelspiel.
Der wirkliche Kampf ist sehr selten ein edler Kampf. Meist ist es Kampf zugleich um die Regeln; chaotisch, am Rande (und immer wieder jenseits) der selbstverständlichen Regeln, ein zerstörerischer, minimal auch schöpferischer Prozeß.

Das Leben verlangt: "Nimm deine Chance wahr", andern ihre Chancen zu schmälen!
Die eigenen Lebens­chancen sind, wegen der Vieldimensionalität und Komplexität schon der sozialen Umwelt, kaum berechenbar. Das gilt umso mehr von den Chancen anderer, und das nebelt mir meine Rücksichtslosigkeit ein. Mit einiger Sicherheit kann man aber doch für die nächsten Schritte von Verminderung und Erhöhung der Chancen sprechen.

Mit Konkurrenten, die man nicht unterdrücken kann, muß man sich verbünden. So wachsen in der Gesellschaft Machtblöcke bis zu einem Grad von Ausbeutung der Rechtsgemeinschaft, der das Vertrauen zerstört, das alle Kooperation (und Ausbeutungsmöglichkeit) trägt. Intern entstehen dieselben Probleme.
Gesamtgesellschaftliches Mißtrauen kann vor monolithischem Macht-Zusammenschluß schützen. Eine wachsame Opposition gegenüber den Mächtigsten genießt normalerweise latente, aber gelegentlich aktiv werdende, allgemeine Sympathien ("schweigende Mehrheit").
Da auch eine starke Opposition ihre eigenen Machtinteressen verfolgt, ist die Gesellschaft daran interessiert, daß auch diese wirksam kontrolliert wird. Es differenzieren sich also noch weitere Kräfte aus, ein unkontrollierbarer Wildwuchs kleiner und kleinster kritischer Elemente, um die Ausbeutung (immer mit Verspätung) wenigstens in Grenzen halten.

Macht erhöht die Sicherheit. Allgemeiner Machtkampf erhöht die Unsicherheit, d.h. das Sicherheitsbedürfnis – ein Teufelskreis.

Die "Friedensordnung" des "nackten Affen" (Desmond Morris) ist: Stellungskrieg um die Friedensordnung.

Der Kampf ums Dasein umgibt das Dasein, prägt das Dasein; aber das Dasein ist normalerweise (wie auch immer gefährdeter) Friede. Im Chaos gibt es Zonen zeitweiliger relativer Ruhe.
Man hält sich allerdings zufrieden dadurch, daß man – am liebsten ahnungslos – anderen Streß verursacht.

Kränken gehört zur intraspezifischen Konkurrenz.
Kränkungen, die aus einer Inkompatibilität stammen, können nicht durch Entschuldigungen gutgemacht werden, weil Wiederholungen zu befürchten sind.
Man muß sich zusammenraufen und die Beziehung klären – oder auf Distanz gehen.

In der Öffentlichkeit blickt man hierzuland möglichst unpersönlich, unempfindlich, unansprechbar, unverletzlich, götzenhaft alle Ansprüche abwehrend, aus der Wäsche. Wer kann, stilisiert sich als Idealtyp, dessen Allgemeingültigkeitsanspruch er, persönlich tretend, zu vertreten entschlossen ist, gerüstet für einen undeklarierten, deprimierenden, kalten Krieg aller gegen alle ums Dasein. Der "verallgemeinerte Andere" ist Feind. Die persönliche Frustration dahinter ist in der Öffentlichkeit tabu, ist Privatsache. Die Basis ist traditionellerweise Familie und Verein.

Neckereien dienen zunächst der Erkundung; sodann sind sie ein kreatives Gewinnspiel. Was darüber hinausgeht, ist Kampf.
Ständiges Gezänk ist der normale Preis des Friedens. Man darf es müde werden – lebensmüde.

Zwischen allen Individuen und allen sozialen Gruppen ist – in mit und unter aller Kooperation – mindestens ein Bißchen (mehr oder weniger schmutziger) Krieg der Normalfall.

Daß das Leben nicht Kampf sein solle, ist eine gute Kampfparole.

Gewaltverhinderung ist, ceteris paribus, zunächst einmal Begünstigung von Hinterlist, Verschiebung des Kampfs und der Verwüstungen von der genetischenauf die memetische Ebene.

Das Ja zum Kampf kann schnell gefährlich werden, das Nein langsam.

Bis ins zwanzigste Jahrhundert hinein sahen Ehrenmänner einander als potentielle Todfeinde. Man hatte duellieren gelernt, Säbel, Degen, Pistole. Der Kriegerstand genoß hohes Prestige.
Jeder Mensch ist jedes anderen potentieller Konkurrent. Aber heute erschießt man den anderen nicht; man drängt ihn wirtschaftlich von der Straße ab in den Graben.

Das Leben ist Kampf; das menschliche Leben ist ein Kampf für Illusionen.
Betrachtung entdeckt Liebe im Feind. Aber der Kampf duldet keine Betrachtung.

Ökologisch und territorial sind die Grenzen des Wachstums allgemein anerkannt. Wirtschaftlich und sozial hingegen ist der in Verteilungskämpfe führende Aufstiegsdrang allgemein anerkannt. Völkermord wird immer belastender. Aber die Dummen, die Armen und die Alten werden lautlos über den Rand gedrängt werden. Ihre Lage ist hoffnungslos, deshalb ist hier auch keine effiziente Selbstorganisation zu erwarten. Die Jüngeren aus den beiden ersten Gruppen sind als Desperados immerhin für Rebellionen zu mobilisieren.

Unter Tieren (und Tarifparteien) muß ritualisierte Drohung realisierbar bleiben, um Drohung zu bleiben. Hundertprozentig sicher ritualisierte Drohungen funktionieren nicht mehr.

Daß man an irgend etwas leidet, gehört in die normale Kompossibilität. Wenn man überhaupt Koexistenz relativ selbständiger Wesen will, will man Kampf. Die Kehrseite normaler, mehr oder weniger erfreulicher Interaktion ist Leiden – irgendwo zwischen vollkommener Harmonie und tödlicher Verletzung.

„Mit Bajonetten kann man alles machen; nur setzen kann man sich nicht darauf“ (Napoleon). Gewalt markiert den Rand einer Sicherheitszone.
Die Basis bestmöglicher kollektiver Sicherheit bilden wohlbegründetes Wohlwollen und Gewaltbereitschaft.

Moralische Kompromisse sind Kompromisse zwischen Prinzipien, unbefriedigende, harte, manchmal blutige Entscheidungen in einem chaotischen Grenzbereich.
In diesem Chaos spürt man die Gefahr, sich selbst zu verlieren.

Der Segen, mit dem der Schöpfer den Menschen ins Leben schickt (Gen 1,28), hat den Sinn einer Vollendung der Schöpfung durch segensreiche Herrschaft. Die Schöpfung ist komplex, die bewohnbare Erde als Lebensraum ist herrschaftlich strukturiert.
Wir sollen auch sozial nach unserem besten Wissen (alles ist kompliziert, wir werden irren) mit bestem Gewissen für segensreiche Herrschaftsverhältnisse kämpfen und dem Fluch gegebenenfalls leidensbereit tätig entgegentreten.
Kampflust gehört zur Naturausstattung. Wir sollen sie segensreich einsetzen.

Konkurrieren darf ich nicht, wenn ich weiß, daß es segensreicher ist, wenn der andere gewinnt. Sich unterwerfen aber darf man nur, wenn man das für sozial zuträglicher hält als Kampf.

Der Gute erkennt und anerkennt den Besseren, der ihn besiegt hat, kritisch, wachsam, bereit zu neuem Kampf, aber neidlos.
Es siegt aber nicht immer der Bessere. Der Gute muß das Gute (unter eigenen und fremden Opfern) durchsetzen. „Es gibt nichts Gutes, außer man tut es“ (Erich Kästner). Das reale Gute kann nur tragisch schön sein.

Man muß kämpfen und verletzen, ohne doch sicher sein zu können, daß es die gute Sache gewesen sein wird, wofür man gekämpft hat.

Gemeinhin soll man kompromißbereit sein. Das ist jedesmal eine symbolische Selbstpreisgabe, ein Ehrverzicht, dem nicht immer so viel Ehre widerfährt, wie ihm gebührt.
Manchmal aber kann man vorerst keine Kompromisse machen, ohne sich verloren zu geben, ohne sicheren Ehrverlust.

Der Weltgeist gleicht einem spielenden Jungen1, sagte Heraklit. Das Leben im ganzen ist zwecklos, aber sinnvoll. Darum gilt es ernst.
Ernst ist eine zuversichtlich, vorsichtig umsichtige Leidens-, Arbeits- und Kampfbereitschaft.
Man soll nicht das Gefühl dafür verlieren, daß man das eigene Leben verlebt. Ernst ist Balance über dem Abgrund.
Unernst (Spielen) wiederum kann davor bewahren, daß man sein Leben mit tierischem Ernst verspielt. Unser Leben ist ein Kampfspiel in der Arena der menschlichen Beschränktheiten. Deshalb soll der Mensch sich im Kampf nicht verbiestern.
Kämpfenkönnen und Verlierenkönnen: das ist die Freiheit dessen, der das Leben liebt, im Ernst mitspielt.

Doppelschichtigkeit der sozialen Beziehungen ist Gebot der Humanität: Machtkampf und Solidarität (Identifikation, recognition).

„Schau, wie ich leichthin allen Anforderungen des Lebens unserer Art genüge!“, ruft der Zaunkönig. Der Gesang ist objektiv Werbung, Rivalität, Kampf, subjektiv vielleicht wirklich Spiel.

Über kurz oder lang ist durch die Dynamik des Lebens jeder gezwungen, was er selber braucht, direkt oder indirekt einem andern wegzunehmen.
Das kleine Kind tut dies mit Selbstverständlichkeit. Es wächst mit der gleichen Selbstverständlichkeit in Kooperationsformen hinein.
Kreativität erweitert, per definitionem unvorhersehbar, den gemeinsamen Spielraum und lindert den Konkurrenzdruck, aber nur für eine begrenzte Zeit. Immer wieder entsteht deshalb an den sozialen Fronten eine moralisch und rechtlich chaotische Situation.

Essen ist archaisch sozial ambivalent – wie Sex. (Hochzeit wird gefeiert; zum Sex zieht man sich zurück.) Bis heute haben sich in Tischsitten archaische Tabus bei uns erhalten: Zu Beginn gemeinsamen Essens hält man sich zurück. Sozial disruptive Gier droht. Bevor man selber anfängt zu essen, sollte man sich umsehen, ob alle wohl versehen sind. Man bringt einander sogar rituell gute Wünsche zum Ausdruck. Der Beginn eines gemeinsamen Essen und Trinkens ist ein festlicher Moment.

Das Leben ist ein äußerst unwahrscheinliches – im Kosmos entsprechend seltenes – Zufallsphänomen. Harmonie ist nur lokal stabil. Krieg und Revolution gehören deshalb zur Gesellschaft wie der Zerfall zum Individuum.

Die verschiedenen Individuen kommen zu inkompatiblen lebensnotwendigen Vereinfachungen.

Alle Vorstellungen von Friedensordnung werden ständig gröblich verletzt. Mitleid wird schöpferisch, Keim von neuer Friedensordnung.

Sich-Durchsetzen und Sich-Vermehren gefährdet die soziale Ordnung. Zur Legitimation bedarf es göttlichen Befehls und göttlicher Mitverantwortung.

Um knappe Güter wird gekämpft. Prestige (darunter auch: Menschenwürde und Bürgerrecht) regelt den Machtkampf um die knappen Güter.

Die menschliche Gewaltbereitschaft ist eine ständige Bedrohung; aber sie schreitet fast nur im Kollektiv zur Tat (Krieg, Polizei). Sie ist sozial domestiziert. Aber auch als bloße Möglichkeit prägt sie die soziale Wirklichkeit. Mehr oder weniger profitieren fast alle davon. Das erhält das System. Jeder an seinem Ort trägt es mit. So ist jeder mitverantwortlich.

Die Geschichte ist ein Kampf der Vereinfachungen.

Mit Hetze breitet einer seine eigenen Aggressionen aus. In Ideologien stabilisiert er sie. Im Licht einer befriedigenden Ideologie geht man ganz sachlich zu Werke.
Haßprediger, Kriegshetzer wachsen auf wachsenden Frustrationen. Mit Vorteil rufen sie latente Wünsche ins Bewußtsein. Sie setzen sich für ein radikal (dualistisch) vereinfachtes Gesellschaftsmodell ein: „Wir Guten gegen die Bösen“. Nach diesem Modell organisieren sich ihre Gläubigen mit ihren Aggressionen – kraft der Ökonomie der sozialen Spannkraft – mental um und koordinieren sich, hoffend auf befriedigende Spannungsabfuhr in Systemzusammenbrüchen der sozialen Realität.
Solche ins Chaos führende Selbstverstärkung ist der – manchmal kreative – Rhythmus von Naturprozessen.

  1. Kooperation

Versöhung durch Fußball zwischen zwei Bevölkerungsgruppen in einem nordost-indischen Gliedstaat (Nagaland, ehemals Kopfjäger), die sich über der Strategiewahl zur nationalen Emazipation verfeindet haben: die Friedensaktivisten gegen eine gemischte Mannschaft aus den verfeindeten Lagern!

Die erste soziale Reaktion auf einen Lebensraum knapper Ressourcen ist Konkurrenz. Die zweite ist Kooperation. Die primäre Konkurrenz ist additiv, und zwar ein Konstant-Summen-Spiel (der Vorteil des einen ist der Nachteil des anderen). Bei Kooperation dagegen kann die Summe dessen, was der eine und was der andere bekommt, größer werden. Deshalb ist sie für das Ergebnis oft wichtiger als die Konkurrenz.

Mit Kooperation verwandte Strategien des Lebendigen im fundamentalen Konkurrenzkampf um Lebens-Chancen sind Liebe und Verstehen. Sie sind kleine Koordinationen im großen Verbrauch von Ordnung, marginaler Rückfluß im wirbelnden Strom des ausbeutenden Lebens.

Humanität ist eine besonders im christlichen Abendland kulturell ausgebaute Naturausstattung: kooperationswillige Identifikation im Gen-Pool, in instabilem Gleichgewicht mit Konkurrenzverhalten.

Unter den Begriffen Libido und Aggression wird – in spezieller Hinsicht – über Kooperation und Konkurrenz geredet.

Die verständigen Ideen des Menschen überschießen die Möglichkeiten des Einzelnen, so wünscht er sich Kooperation, so entstehen unter günstigen Umständen sog. Unternehmen. Sie schaffen neue Expansionsräume.

Kooperation ist lokal eine Alternative zu Konkurrenz. Sie stärkt jedoch auch den etwas Übervorteilten für seine Konkurrenz mit Nichtkooperiernden.

Die soziale Unübersichtlichkeit gebietet Mißtrauen. Sie wird durch die manipulative Information der professionalisierten Werbung global verstärkt. Profit hat seinen Preis. Mißtrauen bremst die Kooperation – und also die Entwicklung.

Entweder Kampf oder Innovation, lautet immer wieder die Frage des Überlebens in der Gesellschaft.
Die Friedenspflicht fordert zur Erweiterung des Lebensraums die Kreativität heraus. (Der in die Gläubigen ausgegossene Schöpfergeist gehört als Bedingung zur gebotenen Liebe.)

Handel – Übervorteilung – Drohung – Gewalt bilden ein Kontinuum. Die Dynamik ist chaotisch.

Je mehr Menschen, desto (weit überproportional) größere Koordinationsprobleme. Auch das schafft Arbeitsplätze.

Jedes koordinierte Handeln, auch barbarisches, enthält kulturelle Werte, – die in letzterem Falle auch bessere Unternehmen ermöglichen könnten.

Koordination stärkt; der Erfolg ist die Bestätigung. Die Koordination ist für den Erfolg wichtiger als der Wahrheitsgehalt der Repräsentanz, auf die man sich da pragmatisch geeinigt hat. Gemeinsamer Wahn hat nützliche Ordnungsfunktion.

Es ist eigentlich ein Wunder, wie viel Konkurrenz in Kooperation transformiert werden kann, wie viel frustrierende Koordination und Recht von einer überwältigenden Mehrheit bejaht und mitgetragen wird. Es ist kulturverstärkte Natur.

Mit Selbstverständlichkeit hilft man einander gern ein wenig, auf schlechtem Wege nicht auszurutschen und liegen zu bleiben, – aber selbstverständlich begrenzt durch die Verantwortung für das eigene Fortkommen.

Konfliktfreie Komplementarität zwischen dynamischen Systemen wurde von den Alten als „Schöpfungswunder“ empfunden, etwa die Harmonie eines lebendigen Körpers. Harmonische Ergänzung ist, als energetisches Minimum, ein Attraktor der Entwicklung.

Je wichtiger für die Zuchtwahl die Kooperationsfähigkeit wurde, desto unwichtiger wurden die körperlichen Qualitäten des Individuums.

Kommunikation stellt symbolische Kopien von Ideen her.

Die kollektive Energieersparnis durch geordnete Verfahren legitimiert Entscheidungen. Dieser energetisch begründete Formalismus legitimiert sogar Dezisionismus und Willkür. Im Extremfall des Krieges geht es um Tod und Leben; alle Symbolik wird, mit Emotion, Gewalt, Irreführung und Lüge, hierauf bezogen. Feindschaft zerstört gemeinsame Symbolik; diese wird chaotisch.

Rücksichtslosigkeit beruht oft auf echter Stumpfsinnigkeit.

Man ist von einander abhängig. Die Zusammenarbeit aber läßt zu wünschen übrig. Man muss seinen Mitmenschen ihre weitgehende Determiniertheit zugute halten; auf dieser Basis kann man sich dann doch auch an ihren kleinen Integrationsleistungen freuen.
Man erwartet zu viel von seinesgleichen; man hält sie für freier, als sie sind, für die wünschenswerte Bereicherung durch Integration.
Aber wenn man zu gut von den Menschen gedacht hat, man wird böse. Oft übt man, wohlmeinend in gemeinsamem Interesse, Druck aus, bedrückenderweise ohne den gewünschten Erfolg. Das Subjekt muss resignieren, sich an (fremde und eigene) Determiniertheit anpassen; es muss innerlich umbauen. Dann kann es mit neuen, vielleicht bescheideneren Ideen Erfolg haben.

Die menschliche Gesellschaft braucht Glauben an Gerechtigkeit und Moral für stabile Kooperation. Jede Glaubensstärkung ist willkommen, kultiviert opfermütiger Idealismus wird geschätzt.

Der Egoist sitzt, weil er nur kraft Kooperation Macht hat, auch nach Darwin, nicht per definitionem am längeren Hebel. Er braucht Bundesgenossen, und er muss Feindschaften fürchten. Er sowohl wie die andern muss möglichst umfassend wahrnehmen und verstehen. Alle Macht ist durch (mehr oder weniger breites und tiefes) Einverständnis konstituiert.
Auch von dieser Erfahrung ist durch den Selektionsprozeß viel in den Kulturen (und vermutlich auch genetisch etwas) festgehalten. Der höchst komplexe, stark chaotische, kaum voraussehbare Naturprozeß der Symbolik sichert weder dem Altruisten, noch dem Egoisten den Sieg zu.

Die Subjekte sind einander genetische und memetische Umwelt. Im (für unser Verstehen) chaotischen Weltgetriebe stabilisieren ungefähre Kooperationen zeitweise kleinere Identitäten in größeren – spannungsvoll und konfliktiv.
Auch menschliche Koordinationen entstehen durch zufällige Anstöße, meist durch Ideen, memetische Anregungen von außen, Traditionsstücke. Ganz neue Eingebungen sind sehr selten. Auch moralisches Wertgefühl wird mithilfe äußerer Vorgaben entwickelt. Verwandtes Verwendbares, „Väter“ und „Brüder“ sind wichtig.
Aber soziale Werte sind zunächst und zumeist „Angebote“ in dem Sinne, daß sie der Nachfrage nach integrierenden Forderungen entsprechen! Die genuin religiösen Herrschaftansprüche von Wertvorstellungen werden durch die Kultur symbolisch verwoben und dadurch gestärkt; dabei wird ihr religiöser Charakter abgeschwächt.

Eine Kultur der Bescheidenheit kann mittelfristig einen wohltemperierten Frieden erhalten. Unter dem Druck der exponentiellen Wachstumsstruktur des Lebens aber bleibt auch ein auf Bescheidenheit gegründeter Friede prekär.

Ein Kollektiv braucht eine gemeinsame Existenzsymbolik und gemeinsam erlebte Emotionen und Feiern, wo sich jeder mit seiner Symbolik und Emotion einbringen kann und Teilnahme findet: Im Zentrum festliche, laute und stille Freudensymbolik; aber auch gemeinsame Trauersymbolik und auch die laute Aggressionssymbolik (Gebrüll, Geschrei und Schlachtgetümmel), Beispiele: Nationalhymne, Trauerfeier und Fußball-Nachspiel.
Auch der Gottesdienst soll festlich sein.

  1. Die Gesellschaft

Die Globalisierung verunsichert die etablierten Kulturen und Subkulturen. Mancherorts muß in chaotischen Verhältnissen, von Grund (nämlich kleinsten und kurzlebigen sozialen Einheiten) auf, neu nach analogen Kompromissbereitschaften in weiteren Einheiten gesucht werden, um wieder tragfähige Ordnungen zu konstituieren.

Wir können die gesellschaftliche Entwicklung, wie jede „Evolution“, nur sehr beschränkt vorhersehen. Jeder hat viele (und immer auch neue) Methoden und Methodenkombinationen, um seine Macht auszuweiten; und deren Effizienz ist kontextabhängig. Darum ist es unmöglich, ein Regelwerk zu etablieren, das zuverlässig schlechte Kandidaten hindert, zu Macht zu kommen. Man kann höchstens (durch schnelles Eingreifen, Gesetze und Verfassungsänderungen) kurz- und mittelfristige Vorkehrungen treffen. Demokratie kann entarten; Volkswahl ist manipulierbar.

Demokratie stellte schon immer hohe Anforderungen an den Bürger. Es gibt in der Gesellschaft viel mehr praktikables Wissen als der einzelne im Kopf haben kann. Das Mißverhältnis ist nun aber überwältigend geworden. Der Mensch muß die Selbstorganisation der Spezies erleiden wie einen Naturprozeß und versucht, zu retten, was zu retten ist.

Die von den Menschen abgesonderte Entropie schlägt sich bereits am Rande der Gesellschaft als Elend, Verwahrlosung und Kriminalität nieder.

Geht es lange gut, neigt ein Volk zu Selbstsicherheit; geht es immer besser, neigt es zu Übermut; geht es lange besonders oder zunehmend schlecht, neigt es zu Räuberei. Am bekömmlichsten wäre ein immer rechtzeitiger Wechsel.

Die Menschheit ist den Schleimpilzen ähnlicher als ihrem veröffentlichten Selbstbild.

Das System Menschheit ist äußerst fern vom thermodynamischen Gleichgewicht. Die Elemente der soziologischen Statistik verhalten sich im Kleinen wie im Großen frustrierend unvorhersehbar. Jeder weiß es: Die Geschichte verläuft chaotisch. Alle soziologischen Berechnungen und längerfristigen wirtschaftlichen Voraussagen werden von den tatsächlichen Abläufen immer wieder über den Haufen geworfen.

Die Natur ist eine Rabenmutter. Die Gesellschaft ist eine animalisch wohlwollende, aber ziemlich verständnislose und unaufmerksame Mutter. Das belastet und prägt auch die einzelnen Mütter. Die Individuen haben ihren Lebensgeschichten entsprechende Sozialisationsschäden.

Das menschliche Leben ist auf wechselseitige Vergebung angewiesen.

Stereotypen im soziologischen Sinn sind das Material, aus dem Gesellschaftstruktur gemacht ist. Sie sind nötig wie die Knochen in unserem Leibe.

Emotionalität als lebendige Präsenz schafft soziale Identifikation und Abgrenzungen; gesteigert, verwandelt sie stabile Systeme in explosive Aggregate.
Rationalität ermöglicht stabile transitive Begriffsverknüpfungen zwischen Systemen und dadurch Aufbau stabiler komplexer symbolischer, also auch sozialer Strukturen.

Vielleicht ist eine praktisch hinreichend zuverlässige Kooperation in unübersehbaren Kollektiven nur auf dem Boden von hochattraktiven gemeinsamen Illusionen möglich.

Historische Bildung hat abnehmend praktischen, sie hat am ehesten kritischen Wert.
Bildung überhaupt ist letztlich Bescheidenheit2. "Die Furcht des Herrn ist der Weisheit Anfang."

Kulturen steilen sich auf. Die Zeit der Weltkriege war dann eine Kettenreaktion von Zusammenbrüchen. So etwas geschieht immer wieder und macht die Rede vom kulturellen Fortschritt problematisch.

Genau genommen, ändert sich der Zustand eines System durch jede Bewegung eines der Elemente; Überschreitung konkreter Grenzen (anschaulich: das Eindringen eines kritischen Elements durch die Haut oder die Kleidung, Zimmer-, Haustür, Landes-, Bündnisgrenzen), aber auch abstrakter kritischer Werte, ändert das System qualitativ und es muß künstlich durch starke Kräfte geregelt werden, um unübersehbare Konsequenzen zu verhüten. Länder werden eingebettet in ein Verbundsystem internationaler Kultur mit juristischen und polizeilichen Teilsystemen. Auch die Stabilität des Verbundsystems aber hat ihre Grenzen. (Unanschauliches Beispiel: Vertrauenskrise, die zum Bankenkrach führt.)

Institutionalisierte Kultur ist ein bedenkliches Symptom einer Zivilisation. Kultur sollte nicht isoliert, in allerlei Kunstgegenstände abgedrängt werden, sondern im gesamten Leben herrschen.

Kultur ist Lebensstil. Kultur besteht nicht in der Produktion von Kulturgütern. Es geht in der Kultur um den Übergang zwischen dem Unaustauschbaren und dem Austauschbaren. Der Markt lebt vom Tausch, deshalb ist der Kulturmarkt der Übergang von der Kultur in die Barbarei.

Man muß, um der gemeinsamen Sprache willen, dem selbst entsprechen, was man als allgemeingültig sagt. Sonst unterhöhlt man die Sprache; die Gesellschaft wird zur Heuchelgemeinschaft, brüchig.

Soziale Mobilität bringt Spannung zwischen die (biographisch geprägten) Individuen und die Gesellschaft.

Ein großes Gemeinschaftswerk stärkt den Glauben an das Gute im Menschen, – wie ein Tempel wirken soll.

Kleidungsmarken, Computersoftware, Weltfirma stiften instabile Zugehörigkeitsgruppen, Ersatz-Heimaten in der mobilen Gesellschaft.

Es gibt zwar eine (topologische) "Überdeckung" der Menschheit durch die sozialen Integrationsprojekte der Einzelnen. Diese jedoch sind untereinander nicht widerspruchsfrei. So schaffen sie nicht nur Kooperation, sondern auch Konkurrenz.

Autoritäre Regimes schaffen eine Gesellschaft der uniformierten Lüge.
In Demokratien herrscht eine Konkurrenz von Lügengesellschaften mit Freiraum dazwischen für öffentliche Besinnung auf die Wahrheit.

Danken ist die einfachste Form von Rechtspflege.
Ferner: Schuld zugeben, um den Geschädigten wenigstens durch Anerkennung seiner Gefühlsreaktionen zu entschädigen.
Schuld wirklich gutmachen, wäre oft ruinös; darum ist es sozial heute unrealistisch; gleichwohl ist es ein reales Gefühlsproblem. Der Gläubiger muß sich die Ehre geben, auf gewisse berechtigte Ansprüche zu verzichten.

Ähnlichkeit der Mem-Systeme verschieder Menschen (Glaubensbruderschaft) bedeutet Verwandtschaft der Selbstsymbole, Loyalitäten, Identifikation im Suchen der eigenen Wahrheit. Das "egoistische Mem" nimmt die Natur in seinen Dienst.

Wenn man auf einer Ebene keine hinreichende Chance sieht, mit Wahrheit mehr Gutes als Böses zu bewirken, muß man manchmal sein Gewissen belasten und die Macht der Lüge verstärken durch Heucheln, jedoch sofort darauf sinnen, auf anderer Ebene die Macht der Lüge zu bekämpfen, und später suchen, die Wahrheit zu sagen, ohne ein Unglück anzurichten.

Die Solidarität, die ein Mensch als solcher genießt, ist breit, aber seicht wie das Wasser am Nordseestrand. Die Anziehungskraft des Mondes, eine Brise kann unabsehbare Flächen trockenlegen. Je mehr Menschen es gibt, desto dünner wird die Decke. Und je größer die Machtmittel der unberechenbaren Menschen werden, desto stärker werden die Brisen.

Wie für den Einzelnen, gilt auch für das Kollektiv: Das Prestige ist Funktion nicht nur der Macht, sondern auch der Moral.

Verbrechen der Ehrenmänner werden erleichtert durch willige Mittelspersonen. Die Schuldgefühle werden durch deren Anzahl geteilt.

Die Interessengruppen (die Nächsten, Verwandte, Freunde und Kollegen) können als Evolutionsinseln fungieren, wo neue Ideen im Kommunikationsprozeß sich verdichten und ausgestalten können.
Diese Gruppen erwarten dann, daß sich ihre Ideen in der Gesellschaft – vielleicht auch nur minoritär – durchsetzen.

Es gibt eine stabile minoritäre Chance für friedfertige Strategien (J. Maynard Smith).
Die Gesellschaft verlangt ihre Heiligen; so wird sie, um ihrer selbst willen, denen, die danach aussehen, auch Überlebenshilfe gewähren.
Das funktioniert natürlich nur durch einen komplizierten Mechanismus, wo die nötigen Einzelnen einen Profit für ihre eigenen egoistischen Gene und Meme erwarten.

Im Chaos ist jeder virtuell gleich wichtig. In vereinfachten Umständen konzentriert sich die Wichtigkeit bei wenigen.

Ärger und Stress bedeuten nicht nur Energieverlust, sondern sind, etwa bei Divergenz zwischen Ideologie und Wirklichkeit, unverzichtbar, – wie die Reibung in der Mechanik bei der Übertragung kinetischer Energie.
Im sozialen Getriebe ist Reibungskupplung unentbehrlich. Sie wirkt durch Abnutzung. Aber sie mindert die Bruchgefahr.

Wenn Lüge und Unrecht so überhand nehmen, daß auch genügend Mächtige mehr Verlust als Gewinn davon haben, wird – nach einer Phase des Energieverlusts durch allerlei Reibung und Diskussion – ernsthaft versucht, etwas dagegen zu tun.

Werden die Bezugssysteme unübersichtlich, so steigt der Bedarf nach Vereinfachungen.
Ideologische Komplexitätsreduktion führt zu explosiver Freisetzung der in Kulturform gebundenen Energien.

Supersysteme stabilisieren, aber verzerren auch, ihre Subsysteme.

Individualismus betont die Wichtigkeit der lokalen Prozesse auf der System­oberfläche des Gen-pools.

Kultur ist das Ziel der Erziehung. Selbstbeherrschung ist die Grundlage für Freiheit statt Fremdbestimmung, also für autonome Entwicklung. Erziehung bietet zumutbare Formen an.

Es ist ein alter, immer noch verbreiteter Fehler, über soziale Probleme nachzudenken als ob die Gesellschaft aus lauter Einzelkämpfern bestünde. Er hat die Suggestivkraft des Einfachen. Schon bei den Schimpansen aber sind soziale Intelligenz und Koalitionen wichtiger als die Kraft des Einzelnen. So entstehen in der menschlichen Gesellschaft auf jeder Ebene der Gruppenbildung neue, immer wieder andere Subjekte, Mächte und Interessen – mit ihren handlungsorganisierenden Ideologien.
Das macht die Aufgabe der Sozialwissenschaften fast hoffnungslos kompliziert.

"Ein Ding mit einander gedreht" zu haben, schweißt zusammen. Das gilt auch für die Oberschicht im Einzelnen, im Besonderen und im Ganzen.

Die Gesellschaft braucht für ihre Autoregulation Kommunikation; und für diese braucht sie Stereotypen. Für die Anpassung an die Außenwelt braucht sie Wahrheit.
Der alltägliche Kommunikationsfluß sorgt für Aneignung der aktuellen Stereotypen. Marginale (stereotypiert: Philosophen, Dichter, Propheten, Forscher) leisten, als Sensoren der Gesellschaft, gründlichere Revision.
Zu viele davon kann die Gesellschaft sich ohne Gefahr der Desintegration nicht leisten. Deshalb wird ideologische Marginalität zunächst negativ sanktioniert.
Hier herrscht eine Selektion, für die es keine befriedigenden Kriterien geben kann und bei der der Zufall eine enorme Rolle spielt. Was sich da durchsetzt, wird dann (besonders postmortalisch) gefeiert.

Die Ethik der nationalen Fußball-Mannschaft hat Vorbildfunktion.

Das Leben ist für eine Verlustquote ausgelegt, über deren Höhe der gesunde Einzelne sich Illusionen macht zum Vorteil des Gen-pools. Die Gesellschaft bestärkt ihn deshalb darin. Sie ehrt Mut prinzipiell.

Kontakte mit zu vielen Menschen werden zwangsläufig oberflächlich und partiell. Schwerpunktkontakte sind für die Persönlichkeitsbildung wichtig; hier wächst belastbare Treue. Von hier aus werden die partiellen Kontakte beleuchtet – und zwar etwas schmerzlich. Man bedauert dann, wenn man abbrechen muß. Das ist ermüdend, aber erträglich. Wer es zu oft leisten muß allerdings, leidet Schaden (bis zum Extrem des Burn out in den Dienstleistungen).
Ein glattes, schmerzloses, den Abbrechenden nicht anstrengendes Abbrechen ist für den andern leicht verletzend.

Ihre Gesellschaft muß den Menschen Opfer wert sein. Sie braucht Engagement; dieses braucht Perspektiven, und diese brauchen Symbole.

Das Gesellschaftsideal der Solidargemeinschaft ist noch lebendig; aber die heterogen zusammengewachsene internationale Gesellschaft, die hier auch legal operierende Asozialität und die Makrokriminalität schwächen es.

Krieg aller gegen alle, Chaos herrscht global, aber mit lokalen Stabilisierungsmechanismen. Jede Subgruppe und jede Supergruppe will intern Frieden; gruppeninterne Ausscheidungskämpfe stehen unter aufmerksamer Beobachtung und sind stark ritualisiert.

Die optimale Größe naturwüchsiger sozialer Einheiten liegt bei 150 Personen (Detlev Ploog, 1997). Darüber hinaus bedarf es artifizieller Strukturen, die mit wachsender Größe nur – immer unzuverlässiger – konsensual und rational zu kontrollieren sind. Emotionale Bindung gilt nicht mehr direkt den realen Mitgliedern, sondern ist durch besondere Symbole und Symbolfiguren vermittelt.

Das elementare menschliche Mitgefühl, das den Gen-pool beieinander hält, ist leicht lenkbar und ablenkbar. Fünf Millionen Juden konnten in Europa zur Vernichtung abgeholt werden, und kaum jemand erinnert sich, etwas gemerkt zu haben. Es bedurfte eines Führers, vieler gern Verführter und im Übrigen der Abgelenkten (Pflichtmenschen, Tierfreunde).
Hitler wirkt gekränkt, maßlos rachsüchtig. Er war der willkommene ablenkende Führer eines gekränkten Volks.

Die Menschheit ist eine Schicksalsgemeinschaft von Einzigen.

Wir räumen einander nur bedingt einen Stabilitätsbereich ein.

Der Herdentrieb hat seine individualistische Rationalität, zu Lasten der Herde!

Starke Gefühle begehren Gemeinschaft.

Für jeden wird etwas immer wichtiger allein dadurch, daß es von immer mehr Leuten wichtig genommen wird. Es ist nicht jedermanns Sache, diesen Faktor bei der eigenen Einschätzung wieder in Abzug zu bringen.

Je nach der bunt zufälligen Interessenlage in der vieldimensionalen Gesellschaft wächst plötzlich um irgend ein reales Problem herum eine Symbolik, die dann ein Stück Welt umorganisiert.

Traditionelle Gesellschaften sind Sprach-, Symbol- und Glaubensgemeinschaften. Instrumentelle Effizienz hat diese totale Einbettung des Einzelnen aufgebrochen. Es gibt nur noch partielle Gemeinschaften, die oberflächlicheren Formen von Kooperation und Geselligkeit neben den (nun auch partiell gewordenen) religiösen Gemeinschaften. Das Individuum ist prinzipiell vereinzelt.
Vor hier aus ist die moderne Gesellschaft konzipiert. Regressive Happenings, von harmlosen Gruppen-marathons bis zum „Ein Volk, ein Reich ein Führer“ des „Dritten Reichs“ zeigen, wie unbefriedigend auch die moderne Gesellschaft ist.

Der kleinfamiliäre Egoismus ist genetisch naheliegend.
Schon bei vielen Tieren aber wird die genetische Selbstvorsorge effizienter mit Hilfe von komplizierteren Gruppenstrukturen geleistet. Es gibt kollektive Nachwuchs-Fürsorge.
Vermutlich verliert die kollektive Kooperation für das individuelle Gen auf kurze Sicht an Selektionswert, wenn die Art in ihrem Biotop dominant geworden ist, wie der Mensch, und extraspezifische Bedrohungen an Bedeutung verloren haben. Der Egoismus wird verwandtschaftlich enger. Die innere Reibung in der Art wächst. Das jeden bedrängende Bevölkerungswachstum wird katastrophenträchtiger.
In der menschlichen Entwicklung ist die Memetik wichtiger als die Genetik. Die genetische Selbstvorsorge ist in verschiedenen menschlichen Gesellschaften sehr verschieden institutionell ausdifferenziert. In modernen Gesellschaften ist der Einzelne zu engerem Egoismus befreit dadurch, daß solche Aufgaben weitgehend an den Staat delegiert sind.

Höchste Fachkompetenz wird für den beruflichen Aufstieg immer wichtiger. Man erreicht sie durch Konzentration der Kräfte. Das bedeutet, daß immer mehr Leute mit verengtem Horizont das Wetter machen.

In Peking ist man im unmittelbaren persönlichen Verkehr liebenswürdig. Im Straßenverkehr, vermittels Fahrrad oder Auto, ist man rücksichtslos. Auch Abfall wirft man bedenkenlos hinter sich.
Masse Mensch ist fast Natur. Ihre Gesetze sind, formell oder informell zu Stande gekommen, fast unmenschlich primitiv.
Fußgängermasse ist je lokal virtuell menschlich.

Um in den Genuß fremden Altruismus’ zu kommen, müssen (in der Mechanik der alten Sozialstrukturen) Kinder gut erzogen sein; d.h. sie sollten ihrerseits den Eindruck von einer Art Fürsorglichkeit vermitteln. Allzu modern direkt egoistische Eltern allerdings können solche Erziehung nicht leisten.

Das wenigste von dem, was sie machen und denken, befriedigt die Menschen. Jeder aber trägt ein Modell des Friedens in sich, für das er arbeitet. So kann einer am anderen Freude haben.

Die soziale Ordnung (Pythagoras und Plato als Wortführer) verlangt im Grunde den Glauben an das Kosmos-Paradigma: daß die Welt im Grunde gut sei. Solchen Glauben wünscht man sich; er kann aber, angesichts aller Gekreuzigten, nur je und je ein Geschenk Gottes sein.

Migration und Akkulturation schafft multiple, zerrissene, in breiten Grenzbereichen chaotische Persönlichkeiten. Diese haben in der heutigen hochmobilen Weltgesellschaft eine paradigmatische Integrationsaufgabe!

Was wir Menschlichkeit nennen, spielt interindividuell.
Kollektive bilden den gröblich vereinfachend wahrgenommenen Rahmen. Die Vereinfachung ist für die praktische Koordination unverzichtbar. Die Vergröberung muß menschlich irgendwie verständlich sein. Handlungsorientierte Kollektive sind deshalb primär monarchisch organisiert, wobei der Monarch die strukturierende Befehlsmacht hat. Wer sich mit ihm identifiziert, hat ein brauchbar orientierendes Bild vom Kollektiv.
Anonyme Kollektive werden durch abstrakte Regelwerke wie Recht und Ökonomie organisiert. Sie sind von Menschen gemacht, um durch Koordination Kräfte zu sparen; sie werden aber als eher unmenschlich empfunden. "Im Namen des Gesetzes" darf viel Unmenschlichkeit geschehen. Und umgekehrt: Den armen Staat zu betrügen, ist weniger anstößig als arme Privatpersonen zu betrügen.

Für persönlichen Erfolg ist wichtig der Wille zu großem persönlichem Erfolg. Wem anderes wichtiger scheint, der ist sozial im Nachteil.

Wenn Pluralismus heute Voraussetzung kollektiver Existenz ist, was wird aus der persönlichen Identität derer, die keine umfassende soziale Einheit als Resonanzkörper mehr haben? Man empfindet sich, im Kampf ums Dasein, als vereinzelt. Man sucht soziale Resonanz für die Affekte, Begeisterungen und Aggressionen, die das Sinn-Erleben stärken. Dafür bedarf es der Kondensationskerne: Idole und Feindbilder, Großtaten und virtuelle Angriffsziele. All dieses bieten Kampfsport-Massenveranstaltungen. Man hat das im Niedergang Roms und im späten Byzanz gehabt.

Wenn man sich in der Welt hoffnungslos verloren fühlt, sucht man in sich selbst Orientierungshilfe – man besinnt sich. Wenn man auch in sich selbst nichts von Bedeutung findet, wird man Mitläufer, ein sog. „Massenmensch“.

Man ist verpflichtet, sich selbst treu zu bleiben. Die Pflicht, sich anzupassen, ist deshalb eine Verpflichtung zu einer sozialen Kreativität, die zugleich die Persönlichkeit weiterentwickelt.

Solidarität erhöht die Wandlungsfähigkeit der Gesellschaft.

In der Außenpolitik kommt das Grundproblem der Ethik am deutlichsten ans Licht: Hier kommt es fast nur noch auf den Erfolg an. Das ist, nach Piaget und Kohlberg, die primitivste Moral. Die entsprechende soziale Situation ist chaotisch. Piaget versteht geistige Entwicklung als Folge von Äquilibrationsprozessen, auf dem Wege zum Kantischen Idealismus.
Wäre auch die Gesellschaft ein geschlossenes System auf dem Wege zum Gleichgewicht, so wäre das realistisch. Aber allein schon der Generationswechsel ist eine Störungsquelle. Die gesellschaftliche Wirklichkeit ist ein chaotischer Prozeß.
Moral aber muß eine evolutionär (mindestens minoritär) stabile Strategie sein. Insofern muß sie dem Leben dienen.
Man mag dieses so geistig verstehen, wie man will. Trotz all seiner internen Bedürfnisse, dient der Geist doch auch dem Leib. Auch ein moralischer Idealismus kann immer nur lokal wirklichkeitsfeindlich sein. Auch er weist keinen Weg aus dem gesellschaftlichen Chaos.
Auch der Staat ist bestenfalls ein mildes, mit vereinten Kräften je und je knapp beherrschbares Chaos.

Die Automatisierung des Tötens im Ersten Weltkrieg war weltanschaulich epochemachend; die Ideologie folgte den Produktionsverhältnissen.
Nietzsche hatte den Geist des Abendlandes, aus dem dieses Morden erwuchs, als Nihilismus diagnostiziert. Nach diesem Krieg erkannte sich der Patient in dieser Diagnose. Kultivierten Menschen verschlug es die Sprache. Unreife Intelligenzbestien wurden zu Wortführern und führten praktisch die Konsequenzmacherei konsequent ad absurdum und zum zweiten Weltkrieg – eine rein praktische Kritik der Vernunft.
Die Vernunft hat Bescheidenheit lernen müssen und entwickelt sich in diesem Sinne weiter.

Karl Otto Hondrich (Frankfurt) stellt (NZZint, 20. Januar 2001, S. 50) fünf "Prinzipien", "moralische Grundgesetze des Zusammenlebens", heraus, – interessant als Versuch, mit je einem Paar von Gegensätzen die wesentlichen Dimensionen des normativen Chaos zu identifizieren:
1. "Reziprozität", beschränkt durch Vergebung und Mildtätigkeit,
2. "Präferenz" für das Vertraute, Familiäre, Nationale, beschränkt durch Gastrecht,
3. kollektive "Identität", vom Prinzip der Individualität aufgebrochen,
4. "Tabu", das das Eigenste und Heiligste der Berührung und der Einsicht entzieht, gegenüber dem Prinzip der Aufklärung,
5. "Schicksalhaftigkeit" – gegenüber "vita activa", Gestaltung der Zukunft aus der Herkunft.
Ebenda führt er die Überlegenheit von Marktwirtschaft, Demokratie und nationaler Kultur darauf zurück, daß sie "Mechanismen des kollektiven Lernens über Versuch und Irrtum" sind. Überraschende und anregende Zusammenstellungen!

Die Trägheit kultureller Normen ist ein wichtiger Schutz vor individuellen und kollektiven Kurzschlüssen.

Warum bringt unsere Gesellschaft ihr Alten, Siechen, Sozialfälle und Kriminellen nicht um? Überblickbare Nützlichkeit ist eben doch nur ein nachgeordneter Gesichtspunkt im menschlichen Sozialverhalten. Man hat hier ein numinoses Gefühl von Frevel, das sich bisher evolutionär bewährt zu haben scheint.
Ferner hat die Wohlstandsgesellschaft an ihnen ein Memento der Conditio humana. Zwar nimmt kaum jemand zur Kenntnis, was die Unglücklichen in ihrer besonderen Situation gelernt haben. Aber schon der Gedanke an solche aussichtslosen Existenzformen als eigene Möglichkeiten macht bescheiden und ein Bißchen menschlicher.

Die dem durchschnittlichen Einzelnen zukommende Wertschätzung hängt auch direkt ab von dem Größenverhältnis der Gesellschaft zu ihren Ressourcen.

Über die Verteilung der gesellschaftlich bedingten Lebensmöglichkeiten auf der Erde besteht kein globalgesellschaftlicher Konsens. Das natürliche Zusammenspiel der Mächtigen erhält einen explosiven Zustand aufrecht. Das geht gut, bis der nächste Volktribun, durch einen Gedankenfunken ins Pulverfaß, die akkumulierte potentielle in kinetische Energie umsetzt. (Seine revolutionären Ideen werden seine Ermordnung ein gutes Stück weit überleben.)

Schon Plato erkannte: Stabile Verhältnisse verderben sich selbst.

Für freie Entwicklung von Ideen und unverwechselbarer Individualität ist Kleinstaaterei ein Vorteil; wie auch für die Evolution der biologischen Arten Inseln3 vorteilhaft sind, auf denen sich, aus schwachen Anfängen, starkes Neues entwickeln kann. Die Streubreite von originellen Ansätzen und modischen Debatten, aus denen doch einige weiter tragen, ist größer.
Große Flächenstaaten wie Russland oder China sind von Natur rückständig. (Amerika verdankt seine Fortschrittlichkeit den europäischen Immigrationen.) Höherer Konformismus ist die Regel. Entwicklung von Individualität stellt hier höhere Anforderungen. Es bleibt eher bei vielen kleinen menschlichen Regungen einerseits und ganz seltenen großen Würfen, die aus langer, schweigender Meditation erwachsen sind, anderseits.

Fundament von Gemeinde, Ehe, Gesellschaft, Freundschaft ist eine „kollektive Subjektivität“.

Ein sozialer Prozess ist Handeln von reflektierenden Subjekten, somit unauslosbar rekursiv und kreativ. Äquilibrationen und Stabilitäten sind sehr voraussetzungsvoll.

Abstrakte soziologische Systeme sind zwar zeitweilig erhellende, niedrigdimensionale Modelle. Sie sind aber, globalisiert, zu makrosoziologischen Theorien extrapolierend aufgeblasen, durch übermäßige Verzerrung für längerfristige Prognosen unbrauchbar.

Gesellschaften sind Symbolgemeinschaften, also auf Halbwahrheiten gegründet. Deshalb gibt es Gesellschaften nur im Plural – und keine Solidargemeinschaft ohne Desolidarisierung!
Die Desolidarisierungen und der Umgang mit diesen definieren eine Kultur.

Wir sind Mitmenschen. Nur bei Einschränkung der Optik (zB medizinisch, psychologisch, ethisch) erscheinen wir als Einzelne. (Solche Einschränkung ermöglicht, manches besser zu sehen und einfacher sozial zu handhaben.) Wir sind gehalten, einander moralisch zu halten.

Bei der Menschenwürde denkt man heute nicht, wie Cicero, daran, die Chancen zur Zusammenarbeit optimal zu nutzen, sondern an mitmenschliche Identifikation. Der andere soll so tabu sein wie ich selbst, – kein relativer, sondern ein absoluter Wert.

Alle streben nach „dem Guten“. Und da gehören die andern ja irgendwie dazu. Aber jeder versteht etwas anderes darunter (und das bedeutet Kampf aller gegen alle). Allerdings doch nicht etwas ganz anderes! Und hier knüpfen Hoffnung und Kommunikation an.

Der Plural ist eine trügerische Vereinfachung! Die Elemente des Kollektivs sind dadurch zählbar, daß sie verschieden sind; von der konkreten Verschiedenheit aber wird hiermit abgesehen!
Das macht die Soziologie unzuverlässig; denn ihr Problem ist der Umgang mit der hochdimensionalen Verschiedenheit der unberechenbar vielfach organisiert mit einander interagierenden Menschen. (Die Physik hat es einfacher, weil die problematische Verschiedenheit der kleinsten Einheiten, je nach Fragestellung, praktisch meist gleichgültig sein darf.

Jede menschliche Gesellschaft produziert Randexistenzen und Kriminelle und exkommuniziert diese.
Dieses Modell liegt auch der Apokalyptik zugrunde: Nach diesem Äon (Augustin: schon vor diesem Äon prädestiniert) lebt die Gottesgemeinschaft im Himmel und die Exkommunizierten in der Hölle.
Wie gehen wir mit den Kriminellen um? ­– : Angstvoll! Sie sind gefährlich!
Die Gesellschaft sollte, schuldbewusst mutig, mit jedem Kriminellen nach bestem Wissen und Vermögen in dynamischem Kontakt bleiben.

Eine starke Gesellschaft ist eine starke Glaubensgemeinschaft.

Geld „regiert“ die Welt. Maschinen muß man „bedienen“. Ist das wörtlich zu verstehen? – Dasein ist Mit-Sein; jeder Mensch lebt in wechselseitiger Abhängigkeit von seiner Umwelt. Jedes Ding in seiner Umwelt hat seine Möglichkeiten und seine Tendenzen, die die Organisation auch anderer Dinge beeinflussen. Man kann deshalb von Dingen als gesellschaftlichen Subjekten sprechen (Bruno Latour). Und, je nach den Kräfteverhältnissen, wird die Geschichte dadurch einfacher verständlich.

  1. Sitte

Klatsch, mediales und parlamentarisches Palaver entwickeln die Sprache weiter. Sie produzieren das (teils harte, teils weichere) Faktum verbindlicher Sitte, kollektiver Evidenz, sozialer Wahrheit.

Ein Mensch ist eine Ordnung und braucht Ordnung. Reale Ordnungen haben ihre Dynamik, Attraktoren/Ideale und reale Störungen. Ordnungen können einander stören. Die Kooperation ist chaotisch. Leben ist struggle for life, immer wieder gewalttätig und mörderisch4.
Jeder Mensch hat seine Vorstellung von Ordnung und deren Dynamik, ihr entspricht seine Ethik und Moral. Der neuzeitlich beschleunigte gesellschaftliche Wandel macht opferbereite globale Kooperation zu einem hohen sozialen Wert und bricht zunehmend die alten kollektiven Selbstverständlichkeiten auf; jeder muß seine persönliche Form suchen und zu einem stabilen Selbst­bild finden. Gewalttätigkeit ist im Selbstbild des Menschen zunehmend5 eine quälende Komponente geworden.
Im Kampf der Ordnungen steht auch das Selbstbild der Akteure auf dem Spiel. Der Kampf ist Kommunikation; jeder spiegelt den andern. Je schlechter Gewalttätigkeit ins Selbstbild der Menschen paßt, desto wichtiger ist die Arbeit an einer gemeinmenschlich überzeugenden Sprache6.

In traditionellen Gesellschaften galt: Quod licet Iovi non licet bovi. Seit „jeder Soldat den Marschallstab im Tornister trägt“ (Napoleon), sind die Top dogs jedermanns Vorbild; das bedeutet konkret: maßlose Habgier und Machtgier als soziale Norm! Die Oberschicht trägt in einer nie dagewesenen Breite Verantwortung für die ganze Kultur. „Noblesse oblige“, schrieb P. M. G. Duc de Lévis 1808.
Der Fisch fängt am Kopf an zu stinken. Nachtrag: Jetzt, Oktober 2008, halten sich nicht mehr nur Marxisten die Nase zu.

Die vielen kleinen Zuversichtlichkeiten und Gutwilligkeiten der verschiedensten Leute – ja, in all ihrer Borniertheit! – laden ein zum Mitmachen mit eigener Borniertheit.

Die resignierte, globale „Weisheit“ hat eine hoffnungsvolle lokale Pointe: „Hier und jetzt wohlwollend teilnehmen!“
Ist die Menschheit massa perditionis, ein Müllhaufen. So kann doch der schöpferische Blick der Liebe Wunder tun, recycling: Wo Müll zu Müll paßt, kann aus zweimal Müll ein Brauchbares werden.

Alles steht dem ratenden Abwägen zur Disposition, auch alle Werte und Normen.

Ein sozialer Wert ist ein einfach symbolisierter kollektiver Wunsch. Eine soziale Norm ist ein einfach symbolisiertes kollektives Verbot. Beide verdanken ihre soziale Brauchbarkeit ihrer Einfachheit, und umgekehrt hält der soziale Gebrauch sie einfach.

Am Anfang des Menschenlebens war die intrauterine Harmonie. Es folgen die (teils spannungsvollen) Ausdifferenzierungen der Harmonie zu einem Sozialraum der Freude am Leben – in Mutter-Kind-Beziehung, Kleinfamilie, Klein- und Großgruppen mit je ihren Normen. In diesen Bezugsrahmen sind die meisten Menschen bereit, sich selbst einzuschränken, wenn alle andern die betreffenden Normen auch einhalten. (Deshalb bedroht jede Normabweichung schon als solche die betreffende Gruppe, und die Gruppe droht mit Sanktionen.) Normalerweise ist solche Normalität Glück – in kritischen Momenten ist sie das orientierende Ideal. (Das Über-Ich geht auf Bedrohungen zurück.)

Die Gesellschaft will von jedem Einzelnen ein Ja zum Leben. Notfalls verabfolgt sie ihm Gott als Droge7.

Mobilität bedroht das Ethos.
Ἦθος = (eigtl.: Wohnstatt ~ Biotop) Ge-„wohn“-heit (dieses deutsche Wort aber hat nichts mit „Wohnen“ zu tun!) ~ Stabilität, Integration, Vertrautheit.
Ähnlich: „Pflicht“ ist Ge-„pflog“-enheit, ein soziales εἶδος, Gestalt/bonne forme, nur in diesem Sinne ideal, erhaben, hehr (Kant).

  1. Der soziale Horizont der Ethik

Man muß zweischichtig aktiv sein: sowohl lokal sein Bestes tun wie auch dessen bewusst werden, dass auch das Beste nur Symbol ist und nur lokal Bedeutung hat.

Die Leibniz’sche Kompossibilität ist Grundlage für alle Beurteilung von Wirklichem.

„Das Gute“ ist abstrakt, aber seelisch konkret.

Philanthropie und Misanthropie sind zwei zusammengehörige Dummheiten. Die gegenwärtige „westliche“ öffentliche Moral ist eine Philanthropie, die durch ihren Radikalismus ihr Gegenteil hervorruft.

In großen Kooperationen fühlt man sich sicherer. Sie verlangen aber starke Stereotypierungen. Philanthropie ist ein sehr weitgehend konsensfähiges Stereotyp. Moralische Stereotypen aber verführen zu Heuchelei.

Die Weltbevölkerung wächst bedrohlich. Die Weltgesellschaft wünscht aber weltweit wenigstens gesicherte Grundversorgung für Pflanzen, Tiere und Menschen („Bewahrung der Schöpfung“).

Wachstum ist dem Subjekt angenehm. Und die meisten Völker (und Glaubensgemeinschaften) wünschen sich Wachstum.

Das unstrittig gemeinsam beabsichtigte sustainable development ist ein nur mittelfristig sinnvoller Begriff. Jede Entwicklung verzerrt Proportionen (zB Oberfläche und Volumen eines wachsenden Körpers) und ist deshalb unberechenbar und endlich.

Man bastelt gemeinsam an Bewertungen, sinngebenden Zielen. Tabuiert, werden sie Fetische gefährlichen Aberglaubens.

Das christliche Abendland ist soziologisch eine moralische Diskussionsgemeinschaft.

Gott lässt, auch durch uns, die Evolution arbeiten. Man soll sich, Schritt für Schritt, an Gottes Rat halten und sich nicht über jeden Kampf und Verschleiß extra ärgern.

  1. Institution

Schule formt Menschen um durch Information. Allgemeine Schulpflicht uniformiert die Menschheit und unterwirft dieser die Erde.

Wachsende Institutionsscheu und Institutionalisierung von Nicht-Institutionalisierung (etwa in Form von Projektgruppen und zeitlichen Limitierungen der Organisation bereits in der Konstitution) sind eine junge Erscheinung.

Neues Gutes kann sich auch aus eigner Kraft durchsetzen und institutionalisieren. Aber es bedeutet eine große Erleichterung, wenn es sich auf eine bestehende Institution aufpfropfen kann!
Institutionen können ihre Stärke beweisen, erhalten und vermehren, indem sie sich wandeln. Nicht beliebige, aber erstaunliche Wandlungsfähigkeit kann ausdrücklich in die Corporate Identity integriert werden.
Auf symbolstarke alte Institutionen wie die Kirchen kann sich symbiotisch gutes und schlechtes Neues setzen, wenn es nur eine gewisse partielle Ähnlichkeit hat mit dem Substrat.

Institutionen werden Selbstzweck. Trotzdem bedeuten sie für die Gesellschaft eine kräftesparende Komplexitätsreduktion; gewisse bewährte Dinge laufen in solcher Form von selber. Aber auch das lang Bewährte kann unter (von ihm mitbewirkten) veränderten Umständen seine Funktion ändern. Dann erst wird die Institution problematisch.

  1. Persönliche Beziehungen

Man bleibt, wegen der eigenen Beschränktheit, dem Marginalen Solidarität (ἀγάπη) schuldig und kann nur hoffen und vielleich für ihn beten, daß er selbst freundliches Verständnis für unfreundliche Verständnislosigkeit entwickelt.

Gegen die Masse der Artgenossen, die man fürchtet, braucht man Freunde und "Nächste".

Unter je bestimmten Umständen kann jeder Mensch erfreulich sein.

Das Miterleben mit anderen stärkt beide Seiten; es trainiert den einen und stützt den anderen.

"Ausdruck der Selbstachtung" ist für menschliches Handeln die zentrale Kategorie. Alles Handeln ist als Ausdruck der Selbstachtung wichtig, als Erhebung eines sozialen Anspruchs, den es sozial zu integrieren, also zu modifizieren und präzisieren gilt, menschlich, kreativ, kooperativ, in gegenseitigem persönlichem Respekt.
Traumhaft egozentrischer Ausdruck der Selbstachtung ist unkommunikativ, nicht zu Kooperation einladend, sondern begeisterte Unterwerfung erwartend, unverschämt.
Es gilt, den Anderen Stärkung ihrer Selbstachtung als Gegengabe für ihre nötige Anpassung zu bieten. Normales Handeln lädt zum irgendwie Mitmachen ein.
Antwort auf Unverschämtheit (a) akut: "Ich suche nach einem Ausdruck meiner Selbstachtung, der dir ermöglicht, deine Selbstachtung in einer Weise zum Ausdruck zu bringen, die meine Selbstachtung weniger in Frage stellt", (b) langfristig: "Wie könnte ein stabiles System umfassenden gegenseitigen Respekts zwischen uns entstehen?"

Wenn Menschen zu leicht einander ausweichen können, droht ein Bildungsfaktor auszufallen. Zu viel Freiheit verführt zu einer Unverbindlichkeit, die das (persönliche oder gegenständliche) Objekt nicht mehr als Spiegel des eigenen Selbst ernstnimmt.

Jeder braucht zur Entwicklung und Stärkung seiner eigenen Menschlichkeit persönliche Zuwendung von ein paar Individuen als Modellen für die Nacharbeit an eigenen Schwachstellen. Modelle kann man heute massenhaft vervielfältigen. Der Restbedarf an vermittelnder freundschaftlicher und väterlicher Zuwendung ist nicht leicht zu befriedigen und kostet den in Anspruch Genommenen Kraft, – die er selten voll erübrigt .

Der geduldig Zuhörende hält den Spielraum für Integrationsvorgänge offen.

Wir müssen der Toten gedenken, die den vor uns liegenden Weg der gern gemiedenen, gemeinsamen Wahrheit markieren; um mit den Lebenden zutiefst solidarisch leben zu können.

Zusammensein will ausschwingen, die Schwingung wird aber überlagert. Beim Wiedersehen kommt die überlagerte Schwingung wieder ins Spiel.

  1. Liebe

Narzißmus und Objektliebe laufen weitgehend nebeneinander her. Selbstobjekt und Objekt koinzidieren im Ereignis der Liebe; Liebe wird fruchtbar.

Barmherzigkeit hat Evidenz.

Liebe ist personal. Man begehrt oder wünscht „etwas“; man liebt „jemanden“. Wenn man „etwas liebt“, so ist dieses, als etwas Persönliches, persönlich verantwortlich verstanden. Vgl. Goethes Gedicht Gefunden mit seinem Heideröslein.

Die Gesellschaft ist ein Problem von Liebe und Angst.
Die „erogenen“ Zonen (oral, anal, genital) sind besonders empfindliche, verletzliche Kontaktzonen. Die zuletzt in Führung gehenden werden verhüllt; die Scham schützt vor der Chaotik von Begehren und Angst. Die Verhüllung umspielt, dämpft und integriert diese sozial.

Der Trieb, die alte Natur, infiltriert die Phantasie und das Denken. Das Ich braucht Hilfe vom Überich oder von der Gruppe, um das unter Kontrolle zu halten.

Das Schöne belebt; es aktiviert von innen heraus.

Liebe verdient man sich nicht. Sie ist ein durch eine Person übermitteltes Gottesgeschenk.

Das Begehren hat Objekt- und Zielvorstellungen, aber diese sind nur in pathologischen Fällen starr. Sie repräsentieren, mehr oder weniger flexibel, ein Zusammenpassen, Zusammenwachsen, Teilhaben an lustvoller, hoffnungsvoller Harmonie.

Lebendige persönliche Identität ist bedingt mischungsbereit; bereit, sich an die Geschichte der Liebe zu wagen.

Der Intimität als Lebensaufgabe des jungen Erwachsenen muß nach E.H.Erikson eine entwicklungsfähige Identitätsbildung des Adoleszenten vorausgehen. Denn Liebe führt konkret immer wieder in Selbstentfremdung und Selbstveränderung.
Eine Sublimation der solchem Bewußtsein entsprechenden Trauer ist der Humor.

Auch Interesse und Verantwortung sind Liebe zum Leben.

Ich darf mein Leben – und soll das Leben – lieben.
Wenn ich das Leben liebe, kann ich auch sterben wollen.

Der Einzelne muß seine Spezies lieben, um hoffnungsvoll sterben zu können.

Die romantisch hochgejubelte Liebe machte das Liebesobjekt zum Erlösergott, nachdem die Aufklärung den christlichen Gott wieder zum Gesetzgeber gemacht hatte.

Der normale Weg in die Zukunft ist das Geschlecht.
Lust „will tiefe, tiefe Ewigkeit“ (Nietzsche), prosaisch ausführlicher vielleicht besser: Lust hat eine passive Erlebnisqualität des Zeitlosen, Ewigen; aktiv aber erstrebt sie Zukunft. (Diese ging für Nietzsche in der ewigen Wiederkehr des Gleichen unter.)

Die Subsysteme der Liebe sind nicht fest mit einander verbunden. Für den Fortbestand des menschlichen Lebens im Zentrum stehen die Fortplanzung, die menschliche Solidarität und ein elementares Verstehen alles Lebendigen.

„Es ist alles eitel“, sagt desillusioniert, aber liebevoll der Prediger. Bescheidene Liebe hat genug daran. Alles ist ihr Gottes persönliche Gabe. Sie findet Sinn darin.
Liebe macht Sinn. Mit der Liebe verlöscht der Sinn – und die Hoffnung und der Wunsch nach Hoffnung.

Der soziale Druck auf den Einzelnen in Richtung einer angemessenen Kinderzahl ist erheblich. Die normative Kinderzahl ist freilich kulturell sehr variabel.

Sexuelle Lust ist zunächst nicht nach dem Geschlecht des Objekts differenziert und verschiebt sich relativ leicht – bis hin zu sozial wertvoller Sublimation. Zölibat und Homosexualität* kommen auch bei vielen Tierarten vor. Sie sind also sicher nicht nur memetisch zu erklären. Sie sind genetisch suboptimal, keine direkt, aber doch eine oft auf dem Umwege über die Nächstverwandtschaft funktionale Strategie.
* Volker Sommer, Wider die Natur? Homosexualität und Evolution, 1990

Meme verhalten sich zunächst symbiotisch zum Gen, sie werden dann dominant und auch parasitär*. Speziell können sie, wie schon biologische Parasiten*, zu eigenen Gunsten ihren Wirtsorganismus "kastrieren". In diesen Zusammenhang gehört der Zölibat. Er ist eine evolutionär** minoritär stabile Strategie. Die Entlastung von biologischer Brutpflege setzt frei für ideelle Aktivität, die alle Chancen hat, biologische Nachkommen anderer durch Verbindung mit deren Memen für sich einzunehmen.
* Mario Baudoin, Host castration as a parasitic strategy, in: Evolution, 29 (1975), S. 335.
** John Ball, Memes as Replicators, in: Ethology and Sociobiology, 5 (1984), Ss. 145-161.

Wir sollen die Welt schöpferisch lieben. Dafür ist sie gut. Liebe hat einen schöpferischen Blick.
Wir müssen immer schauen, daß unsere Liebe nicht dadurch verkümmert, daß sie etwa nichts mehr wahrnimmt, woran sie sich halten könnte.

Liebe ist (zunächst naiv, später umsichtig) allumfassend, aber will fokussieren. Wilhelm Busch stellt zwar fest: „Im Durchschnitt ist man kummervoll und weiß nicht, was man machen soll.“ Was er gemacht hat aber, zeugt von fokussierter liebevoller Arbeit.

Frau und Mann passen nur sehr ungefähr zusammen. Das ist im einzelnen unökonomisch, hat aber die gottgegebene (1.Mose 11) Bremswirkung einer Sprachenverwirrung und für die Species vielleicht den Vorteil einer natürlichen Geburtenkontrolle.
Viele Frauen brauchen Männer, die es vertragen, daß sie sie auch hassen. Viele Männer brauchen Frauen, die es vertragen, daß sie sie auch verachten.

Wer selbst nicht mehr genug liebt, und nicht genug Liebe erfährt, um weiter leben zu wollen, kann doch Freude am Anblick oder Nachricht von Liebe haben, – Liebe unter Menschen, Liebe zu Tieren, zur Natur oder auch Liebe eines Menschen zu seiner Sache.
Liebe ist im Grunde zuversichtlich, ein Wunder anzusehen, belebend.
Die wenige Liebe rührt ans Herz; sie ist deshalb in aller Stille ein stärkerer Eindruck als die viele Lieblosigkeit.

Liebesglück im Chaos: „Ich höre aus der Gottheit nächt’ger Ferne die Quellen des Geschicks melodisch rauschen.“ (Mörike, Peregrina)

Lust, teilzunehmen und teilzugeben, ist körperlich in den "erogenen Zonen" konzentriert.

Bei der Unterscheidung von Selbstliebe (im engen oder auch im diffus sozial erweiterten Sinne) und "Objektliebe" kann es sich im Normalfall nur um Akzentverschiedenheit handeln.

Kinder soll man nur machen, wenn man ihnen Zuversicht mit auf den Weg geben kann.

In der Liebe transzendiert der Machtwille sich selbst. Selbstentfaltung führt zum Fortpflanzungswunsch in allen Dimensionen des Lebens, führt also in interessierte Teilnahme am anderen, Autonomieverzicht und Todesbereitschaft. Zu mehr als schöpferischer Liebe sind wir nicht fähig.

Liebe ist die individualisierte Aufhebung des sterblichen Individuums im größeren Ganzen. Sie zerstört nicht, sondern übermittelt Individualität. Die Angst kann darin untergehen.

Die Sexualität ist dem Ich mit gutem Grund unheimlich. Durch sie wird der Sterbliche nolens volens in den abenteuerlichen Dienst der Gattung abgeführt.

Eros motiviert zur Zusammenarbeit und er braucht Entsprechung.
Aber auch die Involution des Individuums gehört zum Zusammenleben, und Abschied vollendet die Zusammenarbeit.

Liebe idealisiert hoffnungsvoll ungefähr richtig.

Die menschliche Gesellschaft ist ein überkomplexes, sich ständig veränderndes Geflecht von teils synergetischen, teils antagonistischen, dynamischen Beziehungen.
Das christliche Liebesgebot bezieht sich auf den so verflochtenen „Nächsten“, und insofern auf das ganze Geflecht! Sonst wäre der gute Rat Gottes dümmer, als die Polizei erlaubt.

  1. Gruppen

Großfamilientag, Gottesdienst, Kirchentag sind „Wir-“feiern, Selbstbestätigung im Kollektiv. Das Zusammenkommen ist Wallfahrt, das Zusammensein ist Heiligtum.
Der Einzelne kann in mehreren Kollektiven als Mitglied Bestätigung erfahren. Als Einzelner lebt er dann in solchen ans Herz gewachsenen Bezügen weiter.

Man braucht Kooperation zum Überleben; und man braucht eine Subkultur, die sich auf ein Schema geeinigt hat, zur Kooperation.
Man braucht aber dann noch weitere Subkulturen, um den Verzerrungen durch einen Schematismus nicht hilflos ausgeliefert zu sein.

Im Quälen aus Heteronomie hat Stanley Milgram die Anpassungsbereitschaft des Menschen, seine Unsicherheit im eigenen Urteil gezeigt.
All dies beschämt den Individualismus. Es handelt sich um langbewährte Selektionsvorteile der Gruppe: Es hilft, Krieg zu organisieren.

Je größer ein System, desto dümmer (beschränkter), wenn es nicht in frei kooperierende Einheiten gegliedert wird.

Identifizierbare Gruppen-Sprache beruhigt. Die Oberflächenspannung des Systems, die sich Zu- und Abgängen widersetzt, wird durch Identitätsangst erhöht.

Verwandtschaft hat ihre diffuse, zufällige, tief verbindende Symbolik.

Jedes emphatische Wir impliziert als Projekt: „Wir sind besser!“ – gegebenenfalls: „...die besseren Büßer.“

Der Mensch braucht nicht nur ein paar kollektive Identitäten als Rückhalt, sondern eine integrierte kollektive Identität als sein fundamentales „Wir“.
Zeitweise – und notfalls länger – kann ein innerer Erfahrungsschatz von guter Gemeinschaft, kritisch benutzt, solchen Rückhalt bieten. Aber in einem realen Wir lebt sichs bequemer, stirbt sichs leichter.

Wir können nicht an uns selbst genug haben. Das Kind hält sich im Wir auch um den Preis der Falschheit und der Bildung eines false self (Winnicott).

Teilhabe an Religion ist wie Tätowierung, sie stiftet und stärkt eine kollektive Identität, die die immer prekäre Existenzsymbolik des Individuums stützt.

Ohne Teilhabe an kollektiver Identität mit ihren Selbstverständlichkeiten kann ein Mensch kaum psychisch gesund bleiben.
Das Kollektiv kann wohl auch phantasiert sein (zB die Ahnen oder die ecclesia invisibilis); notfalls reicht Gott als Identitätspartner; es kommt darauf an, ob dieses ideale Kollektiv auf reale Gemeinschaft ausgerichtet und für dahingehende Öffnung hinreichend belastungs- und anpassungsfähig ist.

Im Warenhaus der modernen Welt läuft man Gefahr, sich selbst zu verlieren; man kann sich auf irgendetwas einlassen nur im Schutz einer beständigeren Subkultur. Starr abgesichert aber, werden lebensnotwendige Subkulturen zu schwärmerischen Zirkeln.

Man erhöht das Gemeinschaftsgefühl, indem man gemeinsam einen Unsinn macht – einen Gottesdienst, ein Fest, eine Fête, einen Vandalenakt.

Das homiletische „Wir“ ist ähnlich unbestimmt wie die mathematische „Umgebung“.

Der Mensch ist Gruppenmitglied: nur bedingt ein einzelner, aber auch nur bedingt durch seine Gruppen bestimmt. Er ist auf Kommunikation und Teilhabe an den Symboliken seiner Gruppen angewiesen. Die Ungenauigkeit der Symbolik einer Gruppe entspricht der Ungenauigkeit der Gruppenidentifikation.

Das Ungefähr der Gemeinsamkeit ist ein Chaos von kleinen Neuansätzen, Raum der Hoffnung.

In der kollektiven Ekstase verschmelzen die Fans eines Fußball-Clubs zu einem Größenselbst mit magischen Fähigkeiten.
Vgl. die Kriegsbegeisterung des deutschen Gemüts 1914!

Menschenmassen sind wesentlich instabil, chaotisch. Der einzelne Kopf hat nichts mehr zu sagen. Die Masse bedarf eines Führers, sowohl um bei einander zu bleiben wie um sie vor sich selbst zu bewahren. Dieser aber ist in Gefahr, sich von der Erwartung der (auf kleinstem gemeinsamem Nenner kraftvoll geeinigten) Masse verführen zu lassen; eine rasante Selbstverstärkung droht, die schnell in einen Zusammenbruch führt.
Man darf „auf den Rummel gehen“, aber soll man sich nicht mitreißen lassen. „Masse“ ist unstrukturiert. Es gibt aber auch die festliche Menge, in der das Ideal, das festliche Wir und das festliche Selbst des Einzelnen unterschieden bleibt und strukturieren und differenzieren kann. Sie lässt das Leben symbolisch „hochleben“ (noch etwas „höher“ leben), – ein Quickborn, in dem man untertauchen darf.
Allerdings – die Übergänge sind fließend.

  1. Vertrauen

Gegenseitiges Vertrauen hat einen illusionären Hof.

Vertrauen setzt ein Milieu gemeinsamer Illusionen und gemeinsamen (Selbst)-Betrugs-Stils voraus.

Vertrauen ist ein Wagnis; aber Mißtrauen verarmt gewiß.

Kommunikation ist trotz Schwindels sinnvoll.
Überleben ist trotz Schmarotzer möglich.
Vertraue trotz Mißbrauch, – im Zweifelsfall etwas zu viel, nur nicht allzu viel!

Soziale Kultur beruht auf Vertrauensverhältnissen. Diese werden unweigerlich bald von Schmarotzern ausgenutzt und gestört. Sie muß deshalb schwanken und kann kippen.

Die Praxis des Zusammenlebens korrigiert Vorurteile. Das Vorurteil für die eigene Gruppe wiederum ist das illusionäre und doch erstaunlich tragfähige Fundament vertrauensvollen und erfolgreichen Zusammenlebens.

Vertrauensbeziehungen erlauben breitere Kooperation als Zwang und sind deshalb tendentiell erfolgreicher.

Wer Kinder macht, schafft sich eine natürliche Vertrauensbasis (Selbstobjekte). Kindliches Vertrauen tut wohl.
Kinder-haben-Wollen ist ein Ja zur Begrenztheit der eigenen Existenz, ein Akt der Selbstzufriedenheit und konkreten (Selbst-)Vertrauens.

Zur kommunikativen Entwicklung brauchen insbesondere Kinder das Glück vertrauenswürdiger Beziehungen. Die spätere Belastung durch Vertrauensmißbrauch ist ein Test auf die realistische Bescheidenheit der Gesunden in ihrem Glück.

Um sein Urvertrauen zu erhalten, muß man es ausüben (ἄσκειν) – aber nicht künstliche Übun­gen („Askese"), sondern Mut im Leben – ohne es zu überlasten, (nach Kohut: mit "optimaler Frustration").

Freud als Schönfärber seiner Krankengeschichten; der amerikanische Präsident bestochen vom chinesischen Militär; Tory-Funktionäre bestochen von einem arabischen Milliardär. Man kann sich auf nichts verlassen; man kann nur "davon ausgehen, daß ...", wie das moderne Deutsch sagt.

Teufel haben immer ihre Chance. Man täte den Anderen teuflisches Unrecht, würde man grundsätzlich immer Teufelei erwarten. Menschlichkeit impliziert eine gewisse Gutgläubigkeit, Großzügigkeit und Opferbereitschaft (wie man sie intraspezifisch ja auch bei Tieren findet).

Man vertraut, notgedrungen, ungeheuer! Das Vertrauen aber kann, wegen seiner hochkomplexen, schmalen Erfahrungsbasis, besonders in der Not, schnell großflächig zusammenbrechen. Männiglich sucht dann Schutz- und Schicksalgemeinschaft; kleinste Evidenzen werden zu entscheidend orientierenden Symbolen einer verheißungsvoll entlastenden, neuen Einfachheit. Wahn organisiert und polarisiert die Gesellschaft (katholisch/evangelisch, jüdisch/arisch, serbisch/albanisch usw.).

Der politische Repräsentant soll heute in einer notorisch komplizierten Situation, wo spezifische Programme selten ohne Schaden eingehalten werden können, seine Wähler persönlich und sachlich jeweils bestmöglich vertreten. Es kommt letztlich wieder auf das altertümlich holistische persönliches Vertrauen an, dessen Begründung man nicht allgemeingültig operationalisieren kann. (So wird auch das Sex life eines Präsidenten zum Politikum.)

Blindes Vertrauen ist gefährlich. Blindes Mißtrauen ist verheerend.

  1. Trug

Von Natur ist alle Kommunikation mit Schwindel untermischt. Aber auch der Kampf hiergegen ist natürlich.

Jede Lüge ist Umweltverschmutzung.
Im Chaos des Betrugs muß jeder betrügen – so umweltschonend wie möglich.
Auch Schiller lehrte: "Der Mann muß ... erlisten ..." (Lied von der Glocke).

Große Betrüger sind Menschenkenner. Die Möglichkeit des Beschwindeltwerdens nötigt jeden, die Natur des denkenden Menschen als ganze im Auge zu behalten.

Political correctness nennt die Dinge nicht mehr bei Namen. Der taktische Gewinn wird bezahlt mit einem Verlust an kommunikativer Kultur. Heuchelei verzichtet auf die Semantik als Feld zum Austrag von Konflikten zwischen den Borniertheiten – zu Gunsten der Pragmatik, zu Lasten des Kommunikationswerts der Sprache. Aber, wie Freud sagte, verdrängte Probleme drängen nach: Der neue sprachliche Ausdruck wird konnotativ angesteckt.

"Schwindel" heißt ursprünglich: Taumel, sodann: taumelhafte Begeisterung, ein naiv unsolides Geschäft, eine mit herrlichen Aussichten betörende Rede, endlich: Betrug in bester Stimmung. Die Grundbedeutung von "Schwindel" ist also: illusionärer Egoismus, der in ein Kooperationsangebot expandiert.
Wenn man von Kindern sagt, sie schwindeln, so billigt man ihnen ein Übergreifen der Phantasie in die Realität ohne bewußte Berechnung und böse Absicht zu.

Die Menschen wollen mit einander heile Welt/κσμος zur Not wenigstens spielen. Dafür soll der Einzelne auch schwindeln* (und dann die belastende Differenz zwischen Wort und Tatsachen mit eigenen Kräften zu mindern suchen).
Wer das Schwindeln erschwert, wird als Spielverderber bestraft, – z.B. als komische Figur (Hofnarr) stereotypiert.
* Früher waren die entsprechenden Formen und Formeln „bei Hofe“ so selbstverständlich, dass man das dann courtoisie/Höflichkeit nannte.

Es gibt verschiedene Kulturen, innerhalb deren spezifischer Schwindel zur anständigen Erziehung gehört. Außerhalb derselben ist er ekelerregend. Immer aber haben Einzelne auch an der Verlogenheit ihrer eigenen Kultur schwer gelitten.

Der normale Mensch ist, in grober Optik, ein schmieriges Subjekt, ein Wellenpaket mit „verschmierter“ Identität. (Ich greife einen Ausdruck der Quantenphysik auf.)
Aber auch schon Schleimpilze sind, genau betrachtet, höchst differenzierte Zellgruppen! Polymorph zum Kampf ums Dasein angepaßt an wechselhafte Umstände. Schlecht faßbar, als Konkurrenten unangenehm!

Trug, Übervorteilung durch Fehlinformation ist zwischen Tierarten eine häufige, in der menschlichen Gesellschaft evolutionär eine minoritär stabile Strategie. Genauer: Der Einzelne hat die besten Chancen, wenn er – nicht: nie, aber nur selten betrügt. Und der Betrug darf keine „halbe Sache“, er muß unvorhersehbar und perfekt sein.

Daß man seine Privatsphäre notfalls mit Lüge schützen darf, beruht auf der allgemeinen Anerkennung der Tatsache, daß jeder Probleme hat, in deren Komplikation jeder Fremde noch mehr sich fatal zu verirren droht als man selbst.

Lügen sind Vereinfachungen im Sinne einer subjektiv empfundenen sozialen Interessenlage.

Angst der Machthaber vor einem Zusammenbruch der öffentlichen Ordnung begünstigt Heuchelei.
Wie überlebt man seelisch in einem Milieu der Heuchelei? Unter Gewaltherrschaft von Symbolen wird zuviel an diese assimiliert – in Spannung (die sich in Fehlleistungen und Witz entläd) zur unterdrückten spontanen Symbolik.
Man muss die Macht anerkennen und die Anerkennung der Macht mit symbolisieren; sapienti sat!

Unter Zwang zur Heuchelei herrscht dumpfe Resignation. Man kann nicht sein Bestes einbringen. Das Kollektiv und der Einzelne halten einander im Suboptimalen: Alles drückt und klemmt und reibt und bremst ein Bißchen. Innerhalb der Macht-Elite müssen Rivalitäten zwischen Programmen ausbrechen – aus Angst vor Kippen der überspannten Zwangsordnung in Chaos.

Im Paradies hat die Schlange Adam mit Wahrheit betrogen. Trug und Lug gehören zur Schöpfungsordnung. In dieser sind wir berufen, jene in Grenzen zu halten. Wahrheitsliebe kann menschlich überzeugen.

  1. Loyalität

Die Rechtsordnung eines Landes wird von seiner Kultur nur halbherzig getragen. Die Rechtskulturen bestehen aus Subkulturen; die Überschneidungsmenge dieser Symboliken scheint heute allenthalben abzuschmelzen. Das kostbarste Gut einer Gesellschaft, das Grundsätzliche Vertrauen in die herrschende Rechtsordnung als – unter den gegebenen Machtverhältnissen – gute Annäherung an das Ideal der Gerechtigkeit, ist gefährdet. Jeden reifen Menschen ruft seine Menschlichkeit auf, opferbereit für die deprimierend prekäre Vertrauenswürdigkeit der herrschenden Ordnung zu kämpfen.

Die zunehmende Ungleichverteilung droht, die Loyalität aller Bürger zu einem Staat zu untergraben, der doch sein Machtmonopol für konsensfähiges Recht einsetzen soll. (Aber je stärker die Ungleichverteilung, desto weniger kann er dies; denn er ist auf die Kooperation der Privilegierten angewiesen.)

Mitmenschliche Solidarität hat sich immer erst mit der Aufklärung ausgebreitet. Vorher galten nur Gruppenloyalitäten.

Wir brauchen Wohlwollen für unser Dasein, Handeln, Reden und Schreiben. Denn all dieses ist symbolisch und vieldeutig; es wird eindeutig erst im persönlichen Verstehen.

Das Funktionieren der Gesellschaft verlangt ein großes Gesamtaufkommen von überschüssigem gutem Willen vonseiten der Einzelnen.

Die afrikanischen Sozialstrukturen tragen keine unpersönlichen Artefakte (z.B. Firmen). Artefakte müssen hier durch Tradition und Mythologie symbolisch fest in die Sozialstruktur eingebunden sein. Der Betrieb von Artefakten muß hier menschlich direkt so befriedigend sein, daß Versuchungen durch soziale Vorteile keine Chance haben. Sozialsymbolisch hat der Dienst an unpersönlichen Artefakten keinen Wert; so ist auch seine Wertschätzung aufgrund von Verstehen, Wissen und Gewissen zu schwach entwickelt.
Auch bei uns sind bürokratische Strukturen als "staatliche" aufgebaut worden, abgeleitet vom Hof-"staat" eines Monarchen, also personale Beziehungen. Persönliche Loyalität zu unpersönlichen Artefakten, z.B einer Firma, setzt viel persönlichen Gehalt der Firma voraus; viel Personal- und Besitzerwechsel untergraben die Loyalität.

  1. Wirtschaft

Übermäßige Macht verführt den Menschen zu übermütigen Innovationen und zu Luxus. Das mindert die Vorhersehbarkeit der Entwicklung der Realwirtschaft und erhöht den relativen Wert des Tauschmittels Geld als Reservemittel. Die Finanzwirtschaft dominiert die Realwirtschaft.

Wegen der wachsenden Ungleichheit der Machtverteilung büßt die Befriedigung der Grundbedürfnisse der Menschenmassen ihre zentrale wirtschaftliche Bedeutung ein. Ob irgendwo eine halbe Million Menschen verhungert, ist globalwirtschaftlich weniger wichtig als eine halbe Million weniger verkaufte teure Autos. Die Grundbedürfnisse sind berechenbar. Die darüber hinausgehenden Bedürfnisse (d.h. die heute wirtschaftlich gewichtigen!) hingegen entwickeln sich, wie aller Luxus, kaum berechenbar. Auf diesem wackeligen Boden der modernen Realwirtschaft steht die Finanzwirtschaft. Mit dieser, bricht denn auch die Realwirtschaft schnell ein.

Finanzakrobatik hat die amerikanisch geführte Globalgesellschaft zu naiver Selbstsicherheit, illusionären Erwartungen, entsprechenden Planungen und zu Fehlinvestitionen verführt. Auf Kosten der berechtigten Ansprüche ihrer loyalen Mitbüger, hat die Machtelite (Politik sowie Wirtschaft) wieder einmal verantwortungslos ihr Prestige verspielt. Natürlich!

Geld ist in einem Wirtschaftsraum mobile Macht, Wünsche zu erfüllen, die dem Geld realen* Wert verleihen. In einer modernen Wirtschaft sind die Wünsche volatil, nur zeitweise stellen sich Durchschnittswerte ein. Entsprechend volatil ist der Wert des Geldes.
Geld erleichtert entscheidend Austausch von Wunscherfüllungen, und es ermutigt zu Planungen, denen gemäß, unter Einsatz von realwirtschaftlichen Werten (Arbeit und Material), Kooperationsstrukturen aufgebaut und Abhängigkeiten geschaffen werden.
Die Finanzakrobaten haben, mit dem Angebot von intransparenten Krediten ohne vertrauenswürdige (letztlich realwirtschaftliche) Deckung, das breite Publikum ermutigt zur Investition realwirtschaftlicher Werte in Kooperationsstrukturen. (In der Hoffnung auf gutes Einkommen, wurden auf Pump massenhaft Häuser gebaut, teure Autos gekauft und Fabriken für teure Autos gebaut.) Die im betr. Wirtschaftsraum selbstverstärkt gewachsenen Hoffnungen, auf die diese Strukturen zugeschnitten waren, schrumpften dann selbstverstärkt. Mit dem Zusammenbruch der Hoffnungen brachen die Wünsche zusammen (die Häuser wurden versteigert, Autofakriken werden stillgelegt und Arbeiter entlassen); die Kooperationsstrukturen (Arbeit etc. für Bezahlung letztlich mit unverantwortbaren Versprechungen) mitsamt den hier getätigten Investitionen verloren ihren Wert.
Man darf globalgesellschaftlich wichtige Sachen nicht einer Zunft überlassen.
* Auf Geld und Macht beruht gutenteils auch das soziale Ansehen.

Gleichverteilung der Ressourcen ist nur künstlich aufrecht zu erhalten. Kleine Fluktuationen setzen ein schnell divergierendes, exponentielles Wachstum in Gang.
Allzu ungleiche Verteilung aber destabilisiert eine moderne Gesellschaft. Eine gleiche Geldmenge ist den reichen weniger wert als den armen Menschen. So werden jene zu Sozialfällen und diese gehen nicht angemessen mit ihrer übermäßigen Macht um. Kleine Störungen können da soziales Chaos auslösen.

Das mächtige Chaos der Wirtschaft "kontrollieren" viele.

Der zentrale Tauschwert Geld wird immer wichtiger, ein selbstverstärkender Prozeß. Man kann fast alles kaufen und verkaufen. Immer mehr vieldimensional kontextabhängige Werte werden ohne Wimpernzucken auf Geldwert abgebildet und eindimensional beziffert.
Allein auf einem wolkigen Konsens* über solche Abbildungen aber beruht der Wert des Geldes. Geld ist Tauschwert im Währungsverbund. Preise sind sehr unzuverlässige Wert-Indikatoren, aber untereinander exakt zuverlässig verrechenbar. Das gibt exakte, aber pseudo-zuverlässige Vorstellungen von den wirklichen Verhältnissen. Geldwert steht auf sehr wackeligen Füßen.
Der Zwang zur Handelsmobilität aber macht das Geld – trotz seiner wohlbegründeten Unbeständigkeit – zum unverzichtbaren zentralen, gesellschaftlichen Wert.
* Das Wort Geld kommt aus derselben Wurzel wie "gelten".

Der Markt kann der langfristigen Zukunft kaum aktuellen Wert zuerkennen. Entscheidend für die Weitsicht ist faktisch die jeweilige Kultur (bzw. Barbarei).

Die öffentliche Verarmung auch der Bundesrepublik zwingt auf breiter Front zu Verlagerung der undankbar gewordenen finanziellen Verantwortung und der Verteilungskämpfe auf die unteren Ebenen. (Das Wissenschaftsministerium hat kein Geld mehr, – die Fakultäten bekommen Anteil an der Finanzhoheit!)

Kapitalakkumulation wird nur begrenzt als gerecht empfunden.
Sie ist globalwirtschaftlich investitionsfördernd. Denn der Reiche mag der Wirtschaft Güter entziehen und er kann seinen Konsum steigern, aber nicht in gleichem Maß wie er sein Kapital vermehren kann.
Egalität dagegen ist global konsumfördernd.

Der Größte hätte die besten Wachstumschancen, wenn nicht in der Wirtschaft jeder zuerst für sich selbst sorgen müßte. Schmarotzende Substrukturen entstehen; sie zu kontrollieren wird mit der Größe immer schwieriger und aufwendiger. Auch die Kontrolle muß ja kontrolliert werden. Das drückt den Exponenten des Wachstums. (Enormes Wachstumspotential freilich, wie es Microsoft mit seinem technologischen Vorsprung hat, bleibt auch mit dieser wachsenden Schwierigkeit eine Gefahr für den Markt.)

Ein ganz freier Markt würde wegen der exponentiell wachsenden Ungleichheiten entarten. Sozioökonomische Krisen drohen; Politik und Recht sind gefordert.
An jede Regulierung des Marktes wiederum paßt sich die Wirtschaft innovativ an. Es ergibt sich ein schneller „kreativer“ Kreisprozeß, in welchem Entscheidungen, bevor sie theoretisch zureichend begründet werden könnten, aufgrund von Wissen und Erfahrung ad hoc getroffen werden.

Plötzliche hocheffiziente Koordinationen (zB Microsoft) können dem Gesamtsystem mehr Schaden als nützen.

Der Krieg ums Geld wird immer intensiver, und zwar desto rücksichtsloser, nicht nur: je größer die Not, sondern auch je größer das Geld. In der Globalgesellschaft steht die „Schere“ Reich/arm provokant sichtbar bedrohlich offen.

Je größer die sozialen Systeme werden, desto mehr setzen sich darin als Komplexitätsreduktion Marktstrukturen durch.

Die Auswahl im Überangebot wird von zunehmend unkontrollierbaren Faktoren abhängig.

Kooperationsangebot: "Komm zu uns! Wir helfen dir, Konkurrenten knappe Ressourcen legal wegzunehmen." Das ist sogar legitim, wenn du dabei anderen mehr nützt als du nimmst.

Die Unternehmen sind wie Söldnerarmeen. Sie führen gegen einander Eroberungskriege. Die Bevölkerung wird mit Reklame drangsaliert, zwangsrekrutiert und gebrandschatzt. Die Landesherren sind zunehmend machtlos.

Das "Honorar" ehrt, es hat Symbolwert. Es motiviert. Faulheit ist ein Motivationsdefizit.

Autonomie befreit den einzelnen zu vollem, kreativem Einsatz der eigenen Person. Legitimation von Macht des einen im Gemeinwesen ermöglicht autonomen Gehorsam des anderen.
Je bedrückender aber und gefährlicher die sozialen Verhältnisse werden, je hilfloser die Vernunft des einzelnen ist (der wüßte, wie "man" es "eigentlich" besser machen könnte), desto mehr muß das nackte Machtwort genügen; die offizielle Legitimation von Macht wird zum Accessoire, zu Progaganda, von niemandem ernstgenommen.
Zwang auszuüben aber ist aufwendig. Erzwungene Kooperation des Untertanen ist weit suboptimal. Deshalb kann die Wirtschaft in einer Zwangsherrschaft nicht optimal arbeiten.
Das ist bei schlechter Wirtschaftslage ein Teufelskreis. Die Gesellschaft zerfällt in kleine, oft destruktiv gegen einander arbeitende Interessengruppen.

In unserer schnellebigen Welt ist Profimaximierung immer nur kurzfristig zu sichern. Mittel- und langfristig bedarf es der Intuition. Diese setzt eine breitere als die ökonomische Optik voraus. Die Verarbeitung der dann ins Spiel kommenden enormen Informationsvielfalt setzt weitere und flexiblere Konzepte voraus. Für gute wirklich langfristige Planung müssen diese Assimilationsschemata unbewußt und spontan kreativ arbeiten. Die Hierarchie geht, zufolge moderner Unternehmensberatung, von unternehmerischer Vision über Phantasiespiel unter Anleitung wertvollen Kulturgutes bis hinauf zu sog. Spiritualität: Wahrnehmung des chaotischen Lebens der eigenen Selbstsymbolik.
Der langfristige Ausblick kann allein in realistischen Konzepten nicht angemessen artikuliert werden. Es bedarf da einer so hochkomplex strukturierten, analogiekräftigen Sprache, wie die sog. schöne Literatur und die Dichtung sie sprechen. Der Realismus muß eine Zeitlang zurückstehen, Er hat das zweite, das kontrollierende Wort.

Der hochbesteuerte Großverdiener ist sich selten dessen bewußt, daß er es der wohlunterhaltenen sozialen Struktur verdankt, zu viel Geld verdienen zu können. Der Profitant fühlt sich in der Regel vom Fiskus beraubt.

Egoismus als Kulturprinzip hat sich nun oft schon gerächt in Weltwirtschaftskrisen, vor deren Folgen auch die Großen nicht ganz sicher sind, – so oft, daß die herrschende Ordnungsvorstellung von der segensreichen „unsichtbaren Hand“ über der Egoistengesellschaft brüchig geworden ist. Man fühlt sich wie ein Ackerbauer am Vulkan.
Die öffentliche Werthierarchie ändert sich. Es kommt nun darauf an, wie sich das in Verhaltensänderungen der Wirtschaftssubjekte transformiert.

Wirtschaftlicher Erfolg scheint dem Währungsgebiet zu schaden. Wertsteigerung der Währung erschwert den Absatz. Der als Produzent Währungsgeschädigte ist aber als Konsument reichlich entschädigt. Es bleiben allerdings die Probleme der sozialen Verwerfungen in einem Währungsgebiet: man muß weniger arbeiten; ja man sollte weniger arbeiten, aber die Zukunftssorgen bei abnehmender Kompetitivität treiben zurück an die Arbeit.

Wirtschaftskrise ist Vertrauenskrise. – Vgl. die Wortbedeutung von Kredit (von lat. credo = ich glaube). Statt Geldes zirkuliert dann Vorsicht. Die Kooperation, die Hauptquelle des Mehrwerts, ist beschädigt.

Die Börse handelt mit Erwartungen von Erwartungen.

Der moderne Kapitalmarkt belohnt die Antizipation von Erwartungen, schnelle Anpassung an entstehende Erwartung von Erwartungen. Jene Anpassung aber verstärkt und bestätigt diese Erwartungen – unabhängig von der realwirtschaftlichen Basis. Das bedingt explosive Entwicklungen und entsprechende Zusammenbrüche. Chaotische Entwicklungen kann auch der Fachmann bestenfalls kurzfristig voraussagen.

Nach einer Phase selbstverstärkenden wirtschaftlichen Wachstums strebt die abflachende Wachstumskurve keineswegs einem stabilen Gleichgewicht, sondern, entsprechend den vielfältigen Wachstums- und Bremsfaktoren, zunächst einer Krise zu, deren Ausmaß und Auswirkungen offenkundig unberechenbar sind.

Der Markt kann nur künstlich als System isoliert werden; zum freien Spiel der Kräfte gehören nicht nur die Marktkräfte, sondern auch die Determinanten des Umfeldes, politische, sozialistische und dirigistische Strömungen (die ihrerseits großenteils Reaktionen auf den Markt sind). In erster Linie diejenigen wünschen sich freie Märkte, die in diesem System stark sind. Prägen sie das Geschehen zu ihren immer höheren Gunsten, so verstärken sie die sozialistischen Tendenzen, erhöhen die Spannungen und unterminieren das Vertrauen in die politischen Verhältnisse, das die Wirtschaft braucht.

Wettbewerb ist der Konsumentenschutz des Marktes. Aber wo ist der Markt so frei und transparent, daß dieser Schutz funktioniert?

Die Kreativität der Finanzartisten ist (kurzfristig) so erfolgreich, weil sie das Marktgeschehen intransparent macht und unbemerkt den „freien“ Markt mit Verbreitung falscher Erwartungen beherrscht.

Liberalismus bedeutet exponentielles Wachstum der sozialen Unterschiede.
Wer nicht mit aller Kraft an seinem Aufstieg arbeitet, fällt mit der Zeit zurück hinter denjenigen, die es tun. Diese bringen einen exponentiell wachsenden Anteil am gesamten Wohlstand an sich und fördern damit den Antiliberalismus.

Es geht immer zugleich um Allgemeines und Besonderes.

Der wirtschaftliche Konkurrenzkampf ist im Ergebnis (für die untersten Verlierer) zwar auch mörderisch. Aber er ist gewaltfrei (Johan Galtung sprach allerdings von "struktureller Gewalt"), Reklame statt Kanonen. Wer günstiger anbietet, hat überdies nicht nur Konkurrenten, sondern, unter den Abnehmern, auch sofort Verbündete.

Marktwirtschaft funktioniert desto eher im öffentlichen Interesse, wie die Marktmacht gleichmäßig verteilt ist. Der Markt ist aber eine labile Ordnung; er neigt zu exponentieller Entartung.

Klare Verteilung der Aufgaben zwischen Staat und Privat ist unerreichbares Ziel eines Prozesses, der mild chaotisch verlaufen sollte. Die Konkurrenz ist förderlich für die Dynamik.

Die Kapitalakkumulation überwältigt die soziale Kontrolle der Kreativität verselbständigter Omnipotenzwünsche, die sich unablässig weitere Organe schaffen. Sie transformiert die Kultur soweit möglich in einen Geldmarkt. Endlich widersetzt sich die Menschlichkeit chaotisch.
Utopische Omnipotenzphantasien erheben sich. Deren konkretes Fundament wiederum ist die Not der Massen, grob organisiert durch grobe Symbolik.

Die Vokabeln "Markt" und "Globalisierung" bezeichnen komplizierte, ja intrikate Phänomene, werden aber im politischen Machtkampf nur symbolisch verstanden, wie religiöse Vokabeln, als im Wesentlichen klar, und, als Schlagworte der erleuchteten Menschen guten Willens im Kampf gegen die Dummdreisten, mißbraucht.

Finanzielle Profitmaximierung ist ein natürliches Ziel. Sie kann aber das einzige Ziel sein nur für eigens dafür eingesetzte Agenturen (Geld ist nur hier ein Selbstzweck). In aller Regel gibt es milde bis scharfe Zielkonflikte, die sektoriell verschieden und oft diachronisch aufgelöst werden. Die Präferenzen sind meist umstritten.

Die Selbstidentifikation der Gesellschaft mit der Abbildung des gesellschaftlichen Lebens auf Geben und Nehmen von vergleichbaren Wertquanten zwischen Individuen (bzw. dergleichen Schuldverhältnisse) verführt zu Selbststilisierung in diesem Sinne und verändert die Gesellschaft. Sie ermöglicht kontrollierbare Planung vieldimensionaler gesellschaftlicher Prozesse, die dann durch erzwungene Anpassungen realisiert werden können. So dient diese Abbildung der Koordination und lohnt sich in hochkomplexen Kooperationsleistungen.
Diese koordinative Funktionalität gibt der Geldwirtschaft ihre zentrale soziale Bedeutung. Allein die Sprache hat eine sozial konstruktive Kraft, die der des Geldes auf die Länge Konkurrenz machen kann. Destruktiv haben Waffen eine ebenbürtige Gewalt.

Die unüberbotene Funktionalität der Geldwirtschaft zur flexiblen Koordinierung
menschlicher Arbeit in hochkomplexen Kooperationssystemen verleiht dem sog. Kapitalismus, trotz seiner brutalen Simplifikationen, seine unüberwindliche Evidenz.
Seine immer noch laufende Erfolgswelle wird nicht, wie Marx dachte, in einer großen Wende enden, aber, infolge einer Reihe weiterer, kleinerer und größerer Katastrophen, gedämpft werden. Der Markt bleibt, wenngleich ein seit langem wachsendes, doch ein Sub-System der Gesellschaft. Die Menschlichkeit wird, ihren Selbstwidersprüchen zuliebe, sich nicht ganz auffressen lassen.

Der Nutzen des Marktes für die Lebensqualität des Einzelnen nimmt mit dem Ausmaß des Reichtums bzw. der Armut exponentiell zu bzw. ab. Das ist natürlich. Und es destabilisiert natürlich den sozialen Frieden. Neuerdings auch im Weltmaßstab.

Es gibt keine gesellschaftlichen Stände mehr; die Hindernisse sozialer Auf- und Abwärtsmobilität schmelzen ab. Die öffentlichen Fallnetze können die Angst vor dem sozialen Abstieg in ferne Tiefen nicht bannen.

Durch die Öffnung der Schere arm/reich lohnt es geschäftlich immer weniger, durch Leistung um die Armen zu werben. Das Angebot für die Armen wird immer schlechter, das für die Reichen hingegen wird immer besser.

Wer das meiste Geld hat, hat die größte Macht. Er verknappt den andern das Geld und steigert die Zinsen. Aus der globalen Ökonomie wird eine Plutonomie.

Der Ökonomisierung und der Verrechtlichung sind in ihrem Milieu chaotische Grenzen gesetzt. Die Rechtspflege kann nicht umhin, allenthalben das Rechtsgefühl zu verletzen. Die Ökonomie hat offene Flanken; unversehens werden weltweit werden Banken zu Geldentwertungsmaschinen. Umsichtige Ökonomie betreibt deshalb, so gut sie kann, Milieupflege. Und das ist mehr als Public Relations und Marketing.

Die Spieltheorie rechnet mit Egoisten. Sie schiebt die Komplikationen des Menschen aus ihrem Modell hinaus in die Operationalisierung der „Nutzen“-funktion. Und hier sind, meist mit großer Selbstverständlichkeit, Voraussetzungen impliziert, die einen prekär engen Geltungsbereich haben, weil sie in der chaotischen Realität gründen.
Auf Massen von Selbstmord-Attentätern war der ökonomisch denkende Westen nicht gefaßt. Sie bedeuten jetzt eine Krise für seine Übermacht.
Der Ehrbegriff ist machtpolitisch mißbraucht worden. Der rein soziologische Prestige-Begriff aber kann ihn nicht ersetzen; denn Ehre betrifft auch die Selbstachtung und die Ehre bei Gott. In einer inhomogenen Kultur ist Ehre ein strittiger Begriff; in der Anonymität der kapitalistischen Kultur eines versimpelten Egoismus ist er eine Problemanzeige.
Im imperialistischen Europa florierten Ehrenhändel. Heute versteht der Westen die Massen von Selbstmordattentätern nicht mehr.

Die Neue Management-Theorie geht wieder davon aus, dass der Mensch (nicht nur für den Arbeitgeber) „gute Arbeit“ leisten – also „gut“ sein – will. Damit würde der Egoismus-Begriff des Ökonomie so erweitert, dass er nichtssagend wird.

Die „wissensbasierte Dienstleistungsgesellschaft“ ist sozial instabil.
Jede Geldwertbestimmung reiner Information ist willkürlich, extrem manipulierbar und unberechenbar.
Wissen (informelles und formelles) ist teuer in der Herstellung. Von formellem Wissen aber ist der Prototyp dann fast kostenlos kopierbar.
Das informelle Wissen kann man in einer ersten Phase als die Dienstleistung Support verkaufen. Es hat aber eine abnehmende Halbwertszeit, da Lohnendes schnell formalisiert wird und dann bald kopierbar ist.

In der Scientific community ist „geistiges Eigentum“ schnell Gemeingut.

Ein echter Marktpreis ist ein selten realisierbares, ideales Konstrukt.
Entdeckung, Erfindung und Entwicklung waren oft sehr teuer; Mitteilung und Kopie hingegen sind fast beliebig billig; die Preisbildung für Information ist im strikten Sinne chaotisch.
So kann der Preis von Information – im Schutz des allgemeinen Interesses an Rechtssicherheit und der öffentlichen Gewaltordnung (z.B. durch rechtlichen Kopierschutz) – nur mit großer Willkür irgendwo zwischen gratis und unbezahlbar festgesetzt werden. (Alter Witz: Panne, Mechaniker-Rechnung: „Schraube: 5 Pfennig, Gewusst wo: 4.95 Mark“.)

Die globalisierten Märkte lassen nationale Spielräume.
Der Weltmarkt hat seine übermächtige Dynamik. Er anonymisiert und vereinzelt die Menschen. Aber die Welt ist nie „durchökonomisiert“; es kommt auch darauf an, was der einzelne mit dem erworbenen Geld macht; und das ist kulturbestimmt.
Da alle Kultur Symbolik, ein umfassendes (lockeres) System von Halbwahrheiten ist, da also um der Wahrheit willen ein Nebeneinander von Kulturen nötig ist, kann eine Weltkultur die alten Kulturen nicht nur nicht ersetzen; sie ruft vielmehr Gegenkulturen hervor. Die Welt ist chaotisch durchwirkt von vielerlei, auch minoritär „evolutionär stabilen“ Systemen, Kulturen und kultur-bedingten Nationalökonomien. Diese sorgen immer wieder für weltwirtschaftlich irrationales Verhalten. Es besteht ein globalgesellschaftliches Interesse an einer Weltkultur, die die barbarische Weltwirtschaft ein wenig kultiviert. Diese aber muss aus den Kulturen erwachsen. Politische und ökonomische Institutionalisierung muss warten, bis dieses Fundament fest geworden ist.

Das Grundproblem hinter den Verteilungskämpfen ist die exponentielle Vermehrung des Lebendigen.
Weil das Kapital exponentiell wächst, sind Gleichgewichte in Verteilungskämpfen instabil. Alle Machtkämpfe sind chaotisch mit Inseln von Ordnung. Moral und Recht dämpfen die unvermeidliche Chaotik.

Der real existierende Glaube ist heute „Credit“. Dieser steht auf der Erwartung von wertvollen Leistungen von Unternehmen. Es geht letztlich um Lieferung von Gebrauchswerten; Gebrauchswert hat Lebenswert.
Es gab Irrglauben und gibt faule (und faulende) Kredite. Die heutige Weltgesellschaft steht auf dubiosen Krediten. Es ist unheimlich, wie die artifizielle Grundlage der physischen Existenz der heutigen Menschheit, das Geld, als Glaubensartikel, als Idealisierung des Menschen entlarvt wird.

Der „Steuerwettbewerb“ zwischen den Ländern ist weitgehend ein Wettbewerb in Asozialität.

Der Homo oeconomicus (Ingram 1888, Pareto 1906) ist eine Abstraktion, negativ definiert durch In-humanitäten!

Habgier heißt heute Aufstiegsstreben. Auf einer Zahlenskala läßt sich am leichtesten unterscheiden zwischen höheren und tieferen Werten; Geld ist der einfachste Indikator für Macht. Und Macht bietet sich an als der einfachste Indikator für Grandiosität.

Geld ist mobiler als alle andern Wirtschaftsgüter, deshalb optimal für kurzfristiges Kalkül.

Das Kapital und seine Hofschranzen ist heute als Ordnungsmacht stärker als der moderne Staat – und richtet als Nebenwirkung so viel Unheil an, wie früher die staatliche Gewalt.

Das globale Überangebot kann unter Konkurrenzdruck nur flüchtig gesichtet und längst nicht ausgewertet werden. Der Konkurrenzdruck im Konsum-Überfluß erzieht zu oberflächlicher Urteilsbildung; die Transparenz des Marktes geht in der Informationsflut unter.

„Ehre, wem Ehre gebührt!“ Aber es gibt da verschiedene Gebührenordnungen. „Honorar“ ist ein einfacher, aber grober und unzuverlässiger Indikator für Ehre. Wer verdient wieviel Ehre? Nicht alle Großverdiener haben große Verdienste. Geld hat weniger mit Prestige als mit Macht zu tun. Der moderne, chaotische Markt entscheidet darüber.

Geld ist die Bezugsgröße jedes Tauschwertes von Gebrauchsgütern geworden.
Der Marktwert eines Gutes ist ein Durchschnittswert von Bewertungen. Durchschnitt von was? Bewertungen sind umständebedingt aus vielen Variablen aggregierte Einschätzungen. Kollektiv rekursive Einschätzungen machen das Marktgeschehen chaotisch.

Globalisierung bedeutet Verlust von Arbeitsplätzen in hochentwickelten – zugunsten von unterentwickelten Ländern. Arbeitsplätze sind apparative – und deshalb relativ immobile – Multiplikatoren des Wertes von Arbeitszeit. Geld aber ist höchst mobil und kann die kleinen Schwankungen zwischen den ortsgebundeneren realen Werten und Arbeitskräften ausnutzen. Als Käufer billigerer Angebote profitieren auch diejenigen, die als Anbieter zu teuer waren.
Die großen Gewinner der Globalisierung sind die Kapitaleigner. Kapitalakkumulation verstärkt sich normalerweise exponentiell; und das wachsende Ungleichgewicht führt zwangsläufig zu Systemzusammenbrüchen. Revolutionen trachten diesen zuvorzukommen, um zu retten und zu stabilisieren, was zu retten ist. Sie sind von viel Idealismus getragen, richten aber ihrerseits abschreckend großen Schaden an.

„Wert“ wird gemeinhin als Tauschwert verstanden; damit ist der Begriff im Sinne einer bestimmten Sozialbeziehung (Handel) geprägt.
Zentral aber ist der Gemütswert, den der Handel zwar nur als Devianz, als „Liebhaberwert“ kennt, der aber die Basis aller Wertschätzung ist. Sogar der „Gebrauchswert“ der Ökonomie ist davon abgeleitet, daß man das als solchen Bewertete für etwas Wertgeschätztes brauchen kann.
Geld ist der Wertmaßstab schlechthin geworden, weil die vermehrte und globalisierte Menschheit immer stärker vom Austausch lebt. Die Lebenskraft des Einzelnen und sein Selbstwertgefühl hängen von seiner sozialen Macht ab. Das ist jedem „Gemüt“ bewusst; es passt sich an – und verstärkt nolens volens damit den allgemeinen Anpassungsdruck. Die soziale Spannung steigt. Nicht so sehr Hunger wie unmenschliche soziale Normen empören. Sogar die den Einzelnen ernst nehmende Religion kann revolutionär werden.

Der „funktionierende“ Markt ist ein chaotisches Geschehen von meist längeren Wachstumsphasen und kürzeren Zusammenbrüchen.

  1. Politik

Die Gesellschaft verlangt vom Einzelnen die Fähigkeit, Konflikte verbal auszutragen und mehrdimensional so zu strukturieren, daß jedem ein relatives Recht gemeinsam zugebilligt wird; das ist Konstruktion eines komplexen Symbolsystems.

Der Politiker manipuliert die Menschen durch Vereinfachung der Probleme. Er lügt nicht. Lügen ist ein Kunstfehler. Er betrügt, indem er mit der Annehmlichkeit einer verständlichen Darstellung die wahren Unannehmlichkeiten verdeckt.

Schöne Reden kann man sich machen lassen und einstudieren. Aussagewert hat hier höchstens die Geschmacksrichtung. Am aussagekräftigsten ist das Verhalten in unvorhergesehehen, unstereotypierten Situationen.

Entscheiden ist Abwägung zwischen Inkommensurablem. Das bedeutet aber nicht die Nacht, in der alle Katzen grau sind. Hier sind Worte wohlfeil; aber Rechtfertigung ist gefragt!

Wo einfache Kriterien fehlen, sind Fehlurteile häufig. Mehrheitsentscheidungen tendieren auf Durchschnittswerte; sie können deshalb nur extreme Urteile mäßigen, – was meistens, aber auch nicht immer, richtig ist.

Machtkoalitionen verlangen Komplexitätsreduktion.

Für eine Ordnung, die Reibung minimieren und Energie einsparen soll, ist eine gemeinsame symbolische Landschaft von Werten nützlich. Simplifikationen stellen, ob ordnend, ob störend, die häufigste Form politischer Manipulation dar; sie sind verführerisch.
Macht ist eine soziale Organisation mit kleinen symbolischen Auslösern großer Wirkungen. Störung der kollektiven Symbolik wird symbolisch, mit Stigmatisierung, bedroht.

Persönliche Beziehungen bedeuten Macht und laden ein zu persönlicher Machtausweitung und Bereicherung.
Parteienfilz ist demokratisch nur durch den Konkurrenzdruck anderer Parteien aufzubrechen. Wenn eine partitocrazia etabliert ist, haben neue Parteien eine Chance (Ulivo, gereifte Grüne, vielleicht sogar eine eines Tages gemauserte PDS).

Verfassungsgrundsätze machen den Staat zu einem "Tendenzbetrieb". Deshalb muß er Verfassungsfeinde nicht einstellen.

Der Mächtige erhöht seine Macht, indem er seinen Machtbereich rechtlich ordnet.

Die Wirtschaft kann rationaler organisiert sein als die Politik; denn für sie ist klar, worum sich alles dreht. Direkt betroffen sind jeweils relativ wenige. Das Problemfeld ist vergleichsweise eng und klar strukturiert.
In politische Entscheidungen dagegen fließen viele Bestimmungsgründe mit schwankenden Präferenzen ein. Es geht um das nicht austauschbare Land, mit dem sehr viele Menschen identifiziert sind, die auch noch mit allerlei anderem identifiziert sind. Sie sind u.a. mit Ideen identifiziert, darunter stimmungsrelevante Prognosen auf Zeiträume hinaus, die die – dank der Flüssigkeit des Geldes viel flüchtigere – Wirtschaft nicht berücksichtigen muß. Die Politik muß weit umsichtiger vorgehen als die Wirtschaft und kann zeitweise wesentliche wirtschaftliche Interessen vernachlässigen. Das wichtigste Machtmittel der Politik ist die Rhetorik*.
* Hier ist, mit Peter Ptassek, an die Rhetorik des Aristoteles zu erinnern! (Aristoteles sieht das menschliche Eigeninteresse an Einigkeit als Motor einer guten Rede.)

Die rivalisierenden Politiker müssen mehr versprechen als sie halten können. Der Wähler muß zwischen den Zeilen lesen – natürlich mit vielen Lesefehlern.

Die Sprache einer großen Partei bietet für alles eine Begründung, die einen umsichtigen Zuhörer durch ihre Einfachheit verblüfft, die auch nicht ganz falsch ist und die ihrerseits mit einer weiteren Schicht solcher Begründungen unterlegt ist, deren Tragfähigkeit in Frage zu stellen und genauer erkennen zu wollen, den Gesprächsrahmen etwa einer Vortragsdiskussion sprengen würde.

Dem Hörer das schöne Selbstbild als eines opferbereiten Kämpfers für die höchsten Werte vermitteln zu können, ist rhetorische, politische Macht.

Demokratie ist eine ständige Belastung der Effizienz, Demokratiemangel brüchige Effizienz.

Institution und Hierarchie sind komplizierter als das Organigramm! Eingreifen muß man am richtigen Punkt; zunächst aber aufmerksam und geduldig warten – und das Warten artikulieren, um die Moral aufrecht zu erhalten.

Wenn die divergierenden Wünsche einer Gesellschaft sich nicht mehr zu politischem Willen und organisiertem Handeln koordinieren lassen, entscheidet der Zufall. Verlockt durch Gewinnchancen oder bedroht von Einbußen, hofft jeder, die Gegner werden stärker als er selbst den ihnen oder dem Gemeinwesen drohenden Schaden fürchten, ängstlich oder verantwortungsbewußt sein, und noch rechtzeitig nachgeben.
Es entsteht eine Nachfrage nach Politikern, die das Widersprüchliche zu realisieren versprechen. Sie kann man dann für das zu befürchtende Scheitern haftbar machen. Es wird sozusagen ein Betrugsauftrag ausgeschrieben.

Öffentlichkeit ist grobkörniges Gemenge von Simplifikationen. Für kollektives Handeln ist weitere Simplifikation nötig. Das bedeutet Verzerrung. Das zwingt zu Heuchelei. Diese empört.

"An meiner Stelle würde sonst ein anderer der Verführung nachgeben!" Da ist ein Fehler im System! Freilich, es gibt nur fehlerbehaftete soziale Systeme. Man braucht Augenmaß.

Auch die Monarchie ist in der Regel von gesellschaftlichem Konsens getragen. Und auch in der modernen, in Parteien organisierten Demokratie regieren oft Leute, mit denen über die Hälfte der Bevölkerung nicht einverstanden ist.

Erzwungene Ordnung verbietet Rückmeldungen, die Kurskorrekturen erfordern könnten. Sie macht eine Institution blind und starr.

Ohne Perspektive für das Ganze mit eigenenen Geschäften die Allgemeinheit zu gefährden und zum Gewissenstrost auf die Kreativität anderer zu rechnen, ist eine bei Politikern wohl nicht seltene Verantwortungslosigkeit.

Herrschaftswissen heute ist die hohe Kunst der vielen kleinen und wenigen großen Unehrlichkeiten, durch die man auf Kosten anderer so Macht gewinnt, daß das damit gewonnene Prestige den durch die Unmoral bedingten Prestigeverlust mit Sicherheit überwiegt.

Die Spitzenpolitiker machen ein faszinierendes Theater. Es stellt unser Wir dar, gestaltet es, – wie ein Zerrspiegel, aber doch wenigstens sichtbar.

Autorität macht Sinn. Sie läßt ein Konzept ahnen. Gemeinde verlangt von ihrem Führer ein (am besten monotheistisches) Konzept, in dem man sich verorten, bestimmen, organisieren, sammeln, sinnvoll leben und effizient handeln kann.
Demokratie aber hat, wie der einzelne, Raum für mancherlei Autoritäten und Konzepte. Man fühlt sich hier nicht letztlich geborgen in einem Kosmos, sondern aufs Spiel eines milden Chaos gesetzt. Man muß seine Bürgerrechte wahrnehmen.

Es ist erstaunlich, daß trotz dubioser Selektionsmechanismen immer wieder auch anständige Leute an die Spitze kommen. Betrüger lernen schnell. Aber die Völker lernen heute die anspruchsvolle Kunst des Mißtrauens offenbar fast ebenso schnell.
Die hohe soziale Sichtbarkeit, der die Spitzen ausgesetzt sind, – es muß gar nicht erst zu Enthüllungen kommen! – ist wohl ein wichtiger Filter.

Für Dämpfung katastrophaler Kursschwankungen, für mittel- und langfristige Rationalität hätte die Politik zu sorgen. Aber auch die Politik ist ein Markt. Und hier hat der einzelne Akteur zunehmend dann bessere Chancen, wenn er schnelle Erfolge hat und späteren Niedergang riskiert; denn dieser fällt dann, längere Zeit nach der Entscheidung, nicht mehr so eindeutig ihm zur Last.

Kriegsbündnis-Partner sind im allgemeinen zu schwach motiviert, um sich einem konsistent handlungsfähigen Regiment so zu unterwerfen, wie das republikanische Rom auf Zeit einen Diktator einsetzte.

Haß führt zu Maximalleistungen im Kampf.
Für Frieden hingegen ist die solideste Grundlage eine Bevölkerung, die allen Extremen, guten und bösen, sowohl Emotionen wie Radikalismen und Leistungsaufforderungen, mehrheitlich abhold ist.
Das setzt beim Individuum voraus, daß es sich ernst nimmt und gewillt ist, aus sehr vielen, zT einander widersprechenden Erfahrungen, im Lande und außerhalb, umsichtig zu lernen, was, bei aller Unsicherheit, wahrscheinlich das Bessere ist.
Dies wiederum setzt eine Gesellschaft voraus, die die Keime spontaner Teilnahme jedes Einzelnen am politischen Leben (Interesse, Wachsamkeit sowie gelegentliche Tätigkeit) zu schätzen weiß.

Der demokratische Führer soll weniger entscheiden als tragfähige und aussichtsreiche Kompromisse formulieren und durchsetzen.
Er soll zu Verantwortung gegenüber der Zukunft neigen; aber in diesem Sinne zu arbeiten ist primär Sache der öffentlichen Meinungsbildung.

Politik lebt von Engagement, Begeisterung und also in der Regel von Illusionen und Betrug. Gute Politik lebt von glaubwürdigen Illusionen und kleinstmöglichem Betrug.

Die Interessen der Individuen sind komplex, ihre Artikulation ist immer vergröbernd. Sie sind nur teilweise und nur auf Zeit koordinierbar.
Verzerrte Darstellungen sind deshalb Bedingung der Möglichkeit von Politik. Es kann in der Politik nich um Wahrheit, sondern nur um Kooperationsfähigkeit gehen. Interesse an Wahrheit kann nicht direkt die Politik, sondern nur die öffentliche Meinungsbildung bestimmen.

„Macht korrumpiert“ – wieso? Soziale Macht muß einem von der betr. Gesellschaft zugebilligt sein. Die Einzelnen wollen durch Delegation von Macht vor Schaden behütet und womöglich besser gestellt werden. Die größeren guten Zwecke berechtigen dann den Ermächtigten zum Einsatz böserer Mittel. Das weicht seine moralischen Selbstverständlichkeiten auf.

Christlich-humane Einwanderungspolitik im Sinne der veröffentlichten Meinung hat arme Fremde – und damit mehr Chaos – ins Land gezogen. Das war ein Memento: „Wer sind wir als Menschen?“ Es hat aber die vorhandene Fremdenfeindlichkeit verstärkt. Die Identifikation mit jenen Menschen in ihrer Problematik überfordert die meisten.
Tagespolitik muß das in Rechnung stellen; sie darf nicht Krieg gegen Gegebenheiten führen, welche allenfalls, langfristig, Erziehung ändern kann.

Man muß „sein Gesicht wahren“ können. Dieses Gesicht ist ein sozialer Puffer. Man braucht ihn, um als einerseits ein idiosynkratisches Lebewesen und anderseits Glied der Gesellschaft hinreichend verläßlich zu funktionieren. Man darf ihn nicht überlasten.
Insbesondere Machthaber brauchen ihn. Man konzediert, ja verlangt das von ihnen. Es ist ihre Privatsache, wie sie es wahren. Erst wenn sie ihr Gesicht verlieren, sind sie delegitimiert.
Aber überhaupt jedem, dem man auch nur die geringste Verantwortung übertragen können möchte, muß man das Recht zubilligen, sein Gesicht zu wahren.
Die demokratische Kontrolle und freie Presse soll dafür sorgen, daß der Spielraum der Mächtigen nicht dem Gemeinwesen gefährlich groß wird; aber niemand soll in der Öffentlichkeit nackt ausgezogen und damit seiner persönlichen Autonomie beraubt werden. Es kann immer nur um Neudefinition seiner sozialen Kompetenz gehen.

Der Wähler bildet sich sein Urteil nach seinem eigenem, komplizierten Gefühl; darin geht sehr viel Verschiedenes ein! Die öffentliche Meinung ist viel komplizierter, als die Umfragen zeigen können. Das politische Wetter machen die wetterwendisch verstärkend versimpelnden Massenmedien.
Die unverzichtbare Stetigkeit kommt in die Politik am ehesten durch seriöse Vorarbeit von Kommentatoren und glaubhaft wirkende Politiker, in deren Person viel von dem Vielerlei, das das Urteil des Einzelnen bestimmt, integriert ist. (Es ist natürlich wichtig, daß sie glaubhaft bleiben, so lange sie an der Macht sind.)

Der große Mann wird als alter Mann endlich etwas pietätlos zur Seite gedrängt. Um Großes zu tun, hat er nolens volens auch Böses getan. Je länger desto mehr mußte vertuscht werden. Das läßt sich ein Volk nur begrenzt gefallen.

Bürger von funktionierenden Demokratien sind friedlicher, weil sie (infolge der günstigen Rahmenbedingungen) in aussichtsreicheren Verhältnissen leben.

Die Regulationsfähigkeit der Massendemokratie hängt ab von der Urteilsfähigkeit der Bürger und also der Freiheit der öffentlichen Information und Meinungsbildung gegenüber denen, deren Macht im Interesse der Gesellschaft zu kontrollieren wäre.

Allenthalben ist zu beobachten, daß der Archetyp des Königs die Politik beherrscht. Die Machthaber müssen väterlich/mütterlich, ruhig und sicher wirken. Sie müssen, wie Väter vor ihren Kindern, im Sinne des Friedens in der Gruppe "Fünf gerade sein lassen" können. Beschönigende Rhetorik, Halbwahrheiten und Unehrlichkeiten tun ihrer Ehre keinen Abbruch. Ihre Ehre ist das nachhaltige Wohl ihres Volkes.

Wer, in allgemein herrschender Unsicherheit, den Eindruck umsichtiger, sicherer Orientierung macht, wird beachtet. Das ist die Chance für Prediger – und Demagogen.

Kriegsmacht ist billiger und schneller aufzubauen als Wirtschaftsmacht. Aber Napoleon bemerkte: "Mit Bajonnetten kann man alles machen; nur setzen kann man sich nicht darauf."

In größeren Gesellschaften trägt der einzelne eine kleinere Mitschuld an größeren Untaten und Untätigkeiten. Der Aufwand für ganz persönliche politische Partizipation steht in einem immer ungünstigeren Verhältnis zum gesellschaftlichen Ergebnis. Man kommt nur in viel mehr Schritten zum größeren Ziel; man muss sich in kleinen Gruppen einbringen, die sich in größere Gruppen einbringen usw.

Richelieu fing an, die öffentliche Meinung medial zu manipulieren. Das ging gut – bis zur französischen Revolution.

Jede Gemeinschaft braucht – situationsbedingt mehr oder weniger dringend – persönliche Repräsentanten als wegweisende Wortführer auf ihrem Weg durch die Geschichte. Das kann monarchisch, es kann oligarchisch institutionalisiert sein.
Papst, Ratsvorsitzender der EKD, Bundespräsident sollen predigen. Sie sind, als personale Repräsentanten von großen, alten Gemeinschaften, moralische Autoritäten und werden, auch über deren Grenzen hinaus, gehört.
Der evangelische Pfarrer predigte einst, wie der altkirchliche Bischof, als Repräsentant seiner Gemeinde, und diese repräsentierte lokal die Menschheit unter dem Wort Gottes.
Die Macht der Hierarchie in den Großkirchen ist heute geschwächt. Die differenzierte Charismatik wird wieder wichtiger.

  1. Norm, Staat und Recht

Verwaltung ist kreative Anpassung.

Gewalt unter Menschen ist auf Legitimation angewiesen. Minimalvoraussetzung für die Anerkennung der Unterdrückung einer anerkennenswerten Alternative als legitim ist formaler Konsens über das Vorliegen einander ausschließender anerkennenswerter Alternativen (Dieter Conrad). Der inhaltliche Konsens ist per definitionem nicht gegeben. Die Durchsetzung einer Alternative mit Gewalt unterliegt ständiger prüfender Kritik. Sie muß unter ständig sich ändernden Umständen begleitet sein von der überzeugenden argumentativen und praktischen Bemühung um Legitimation. Andernfalls entwickelt sie eine Ideologie, die mit Lug und Trug propagiert werden muß.

Gesellschaft ist im Wesentlichen eine Kooperationsstruktur. Im Recht regelt eine Gesellschaft die Konkurrenz zwischen Subjekten, die einander nützen und schaden können. Nackte Gewalt und überhaupt Machtkämpfe verbrauchen gesellschaftliche Ressourcen und destabilisieren die Gesellschaft.
Stereotypierung von Konflikten (in Präzendenzfällen und Gesetzen) vereinfacht die Bemühung um Lösungen. Es geht um die energiesparende Regelung von Machtfragen. Jede Rechtsordnung ist ein evolutionäres Zwischenergebnis. Rechtsordnung stereotypiert Kompromißmöglichkeiten.
Es geht um die reale Gesellschaft mit ihren Machtverhältnissen. Deshalb unterscheidet sich eine rechtliche Ordnung von der nackten Gewalt nur durch die größere Stabilität der durch sie geschaffenen Lebensbedingungen.

Menschenrechte stereotypieren einen Konsens bezüglich Menschlichkeit, der Revolution und Kriminalität der Underdogs minimiert.

Menschenrechte wären Rechte, die zur sozialen Rolle jedes Menschen gehören. Die Definition „des“ Menschen als konkreten Rechtssubjekts hängt von seiner Macht ab; grundlegend kommt es auf die gesellschaftliche Ermächtigung des Menschen an, als Mensch etwas zu beanspruchen, – also auf die Menschlichkeit der Gesellschaft.
Hier geht es um kulturellen Konsens. Die heutige globalisierte Gesellschaft hat bislang nur Ansätze zu einer globalen Kultur entwickelt.

Solide soziale Grenzen sind Sache der persönlichen Identifikation*, Herzenssache. Für sein Land/Volk muß man sogar sein Leben einsetzen – der Staat muß sich entsprechend (auch außer Landes) für seine Bürger einsetzen.
Grenzüberschreitendes Engagement aber ist halbherzig bis feindselig. Kolonien werden ausgebeutet. Internationale Verträge sind nur selten Herzenssache. Internationale Gemeinschaften greifen nur halbherzig in innere Probleme eines Landes ein; sie schicken an diese besonders schwierigen Aufgaben Leute, die nicht in erster Linie nach ihrer Qualifikation ausgewählt sind und die die Lage denn auch oft nur verschlimmbessern.
* „Seid umschlungen, Millionen“, konnte man schon zu Schillers Zeiten nur im High singen; bei Milliarden von Menschen geht es gar nicht mehr.

Ohne ein handlungsrelevantes Rechtsempfinden der Bürger könnte keine Gesellschaft bestehen; dieses läßt aber zu wünschen übrig. Da sind Gesetze ein Notbehelf. Sie sind zwangsläufig grobe Daumenregeln; denn je engmaschiger die Gesetze dem Einzelfall gerecht werden, desto mehr Gesetze sind nötig – ad infinitum. Die Gesellschaft muß trotzdem für das Gesetz Gehorsam verlangen.
„Selbstjustiz“ – Rache oder Bestechung – ist verboten. Aber de minimis non curat praetor; und Selbstjustiz im Kleinen ist ein wesentliches Regulativ der Gesellschaft. Im Informellen ist Augenmaß entscheidend; und als Richter in eigener Sache sieht man die Dinge natürlicherweise parteiisch verzerrt. Luther hat deshalb auch im Kleinen Selbstjustiz, im Sinne prinzipieller Selbstverleugnung widerraten.

Die Kultur setzt die Bedrohtheit des Lebens präventiv in Androhung von Sanktionen um.

Moral ist erzieherische, hoffnungsvolle Überlieferung. Moralpredigt muß Lust zum eigenen Leben machen, Zukunft eröffnen, – nicht Zukunft statt Gegenwart, sondern Zukunft, die jetzt beginnt; Gegenwart, die Zukunft hat.

Recht muß als ein Symbol der Lebensgemeinschaft überzeugen. Eine Abkoppelung des positiven Rechts von der Moral schwächt beide und gibt ideologischen Pionierpflanzen, terribles simplificateurs mit dem Totalanspruch ihrer Primitivitäten, eine Chance.

Das primitive Rechtsdenken ist brutal. Die primitive Rechtsordnung ist scharfkantig. Aber so einfach liegen die menschlichen Dinge nicht.
Das "gesunde Volksempfinden" akzeptiert nur lineare Zusammenhänge zwischen Wohlergehen einerseits und Arbeit, Erbe, Begabung anderseits.
Das Rechtsempfinden weiter zu entwickeln ist, in der Tat, Sache der Rhetorik, die ja in Recht und Politik ihren Ursprung hat. (Sie schließt exaktes Denken ein, muß aber mehr bieten.) Nichtlineare Zusammenhänge sind oft paradox*. Nichtlinearität muss in ständig aktuellem, kritischem Diskurs (Resonanz mit bekannten Sprach-Gestalten) gerechtfertigt und menschlich in Griff genommen werden.
* Jay Forrester hat, mit seinen Computer-Simulationen gesellschaftlicher und ökologischer Probleme, die Öffentlichkeit auf das counterintuitive behaviour of systems aufmerksam gemacht.

Als die Menschen noch das Recht vergötzten, konnte nur Gott Unrecht vergeben.
Heute empfinden wir, in christlicher Tradition, Vergebenkönnen als Menschlichkeit.
Die klassische Moral- sowie Rechts-Idee haben ausgedient; das Recht ist, wie die Gesellschaft, mobilisiert, und es ist professionalisiert, seine moralische Verbindlichkeit ist funktional bedingt.

Konsensuale Artikulation von Gerechtigkeit muß per definitionem angestrebt werden, ist aber heutzutage unerreichbarer denn je.

Recht, Gerechtigkeit und Gleichheit unter den Menschen sind unscharfe Begriffe. Maßgebend ist Konsensfähigkeit in der Rechtsgemeinschaft, einem höchst komplexen System. Zustimmung und Duldung sind nicht immer erreichbar. Der Schutz des Systems erfordert auch Gewalt gegen offenen und subversiven Widerstand.

Gesellschaftsordnung: möglichst breiter Konsens wird mit (möglichst wenig) Zwang komplementiert. Der Konsens ist natürlich hauptsächlich von den Privilegierten getragen. Aber nicht nur gegen Unterprivilegierte, sondern auch gegen Mächtige ist Zwang nötig.
Die Rechtsordnung muß entwicklungsfähig sein. Widerstand gegen die Rechtsordnung sollte moralisch unnötig, unmoralischer Widerstand aussichtslos gemacht werden. Um des sozialen Friedens willen darf die Gerechtigkeitsdiskussion nicht abbrechen.
Die symbolische Bedeutung sozialer Leistungen ist wichtig.

Als Recht ist am ehesten konsensfähig das (1.) einfachstmögliche, (2.) im einzelnen aber noch hinreichend befriedigende, (3.) im Sinne langfristiger Stabilität der Gesellschaft vertretbare Bild der tatsächlichen Machtverhältnisse. Das Gleichheitsideal ist zu berücksichtigen in dem Maß, wie es die soziale Dynamik mitbestimmt.

Der Staat muß sozialpolitisch zwischen der Skrupellosigkeit der Reichen und derjenigen der Armen das Gleichgewicht halten, außenpolitisch zwischen den Skrupellosigkeiten der Staaten ausgleichen.
Ziel: Eine Zukunft, die man mitverursacht haben möchte. Sustainable development of peace. Oder doch wenigstens: Eine Zukunft verhüten, die man nicht mit verschuldet haben möchte.

Die gesellschaftliche Ordnung ist brüchig; wir merken manchmal, wie unverdient wir hier privilegiert und dort bestohlen wurden. Es ist zwar Moderneres, aber nichts Besseres in Sicht.

Soziale Normen sind stereotype Relationengebilde im Chaos, die, im Sinne (wenigstens partikularer) gemeinsamer Handlungsfähigkeit zu handhaben sind.

Am Rand des Skandals, ist Not ein rechtsschöpferisches Phänomen und sind Begriffe wie Notwehr und Notrecht entstanden. So können "notleidende Kredite" kraft der wirtschaftlichen Interessenverflechtung für rechtlich selbständige Partner Verpflichtungen bedeuten, die eher in den Bereich der Gnade als in den des Rechts gehören. Das Problem reicht aber tief in die Normalität des Rechts hinein.

Institutionalisierung ist Stereotypierung. Sie spart die sonst für ständiges Neuaushandeln verbrauchte Energie ein.

Die überwältigende Mehrheit verzichtet dafür, daß sie vor Gewalttat sicher ist, generell auf eigene Gewalttätigkeit. Das führt zur Kompromißbildung staatlicher Institutionen, die dies garantieren, wie das Recht. Institutionen können nicht umhin, immer wieder gegen das moralische Empfinden zu verstoßen!
Der moralische Freibrief macht Institutionen zu einem gefundenen Fressen für Schmarotzer. Sie wirtschaften das öffentliche Vertrauen in die Institutionen auf das Minimum herunter.

Institutionsmoral: Ein Professor sagt zu einem Fakultätskollegen: "Die Verwaltung hat sich zu unsren Gunsten verrechnet. Wir sagen nichts!" Dieses „Wir“ ist eine Institution.

Wiedergutmachung im eigentlichen Wortsinn gibt es nicht. Es gibt aber ewig schmerzenden, labilen Verzicht des Geschädigten kraft eines Neuanfangs, für welchen eine sog. Wiedergutmachung des Schuldigen ein Symbol ist.

Gute, wohlbegründete Normen sanktionieren ipso facto! Sie bringen den Ungehorsamen in Selbstwiderspruch.
In Harmonie verstärken Elemente einander, in Dissonanz schwächen sie einander. Insofern erhöht Normenkonformität die Erfolgs­chancen.

Nicht erst die juristische Klärung, sondern auch schon die Reduktion der Komplexität des sozialen Sachverhalts auf einen rechtlichen kann den Beteiligten selten ganz gerecht werden.

Obrigkeit kann familial-regressiv und funktional verstanden werden. Beides geht bei Paulus (Röm 13) durcheinander, und in unserem konkreten Erleben noch heute.

Es kann nicht mehr verantwortlich regiert werden. Es können nur noch Regelungen ohne Autorität, mit löcherigen Sanktionen, ausgehandelt werden, die der Unordnung Grenzen ziehen.

Böse Eindrücke bedrohen die Moral und müssen verarbeitet, ins normale Weltbild eingearbeitet, lokalisiert, sehr bestimmt relativiert, auf Distanz gebracht, durch Wiedergutmachungsperspektiven kompensiert werden.

Es gibt Verhaltensnormen, deren Wurzeln bis in die animalische Vorgeschichte der Menschheit hinabreichen. Andere sind historisch uraltes Erbe. Man kann nicht behaupten, daß sie sich besser bewährt haben als andere denkbare; aber daß sie zu den schwer durchschaubaren Bedingungen der Entstehung und Entwicklung der heutigen Menschheit gehören.
Man soll sie deshalb im Interesse der Erhaltung unsrer Art nicht bedenkenlos über Bord werfen, vielmehr, auch unter Opfern, sie zunächst einmal aufrechterhalten. Oft entdeckt man überraschend guten Sinn darin. Gewiß, "Vernunft wird Unsinn, Wohltat Plage", aber nicht so oft und nicht so endgültig, wie es im Augenblick erscheinen mag.

Sitte und Norm sollen kollektiv und individuell energiesparendes Gestalt-Angebot sein.

Bei lokalen Abbildungen stimmt gegen den Rand hin alles nicht mehr so ganz (zB Karten im Atlas)! Das betrifft auch die Abbildungen der Gesellschaft im Rechtssystem. Darunter leiden eben am meisten die an Rand der Gesellschaft, die "Marginalen".

Direkt, profitiert der Arme mehr von einer guten Rechtsordnung als der Mächtige, wenn die Rechtswirklichkeit ihr entspricht. Sie schützt ihn vor dessen Willkür. Und von dem sozialen Frieden profitiert auch der Mächtige.

Demokratie setzt stabile, maßvolle Resignation voraus. Das ist hohe soziale Kultur: Integration einer großen Menge guter und böser Erfahrungen in der kollektiven Symbolik.

Das Judentum erwartet die "Zeit des Messias". Sie ist Heilszeit – theoretisch eine Quadratur des Zirkels.
Der Messias repräsentiert darin als menschliche Person den personalen Grundsinn des Rechts als Billigkeit.

Die Mächtigen haben ein Interesse an einer Ideologie der Rechtsgleichheit. In ihrem Rahmen haben die legalen Wege findiger Ausbeutung den stärksten Anschein von Legitimität.

Ein Bißchen Macht hat jeder. Nach seinen Kräften ein Bißchen Ausbeuter ist fast jeder (man denke an den Absentismus der Arbeitnehmer).

Im Dienst der langfristigen gemeinsamen Interessen behindert das Recht Ausbeutung mittlerer Größenordnung.

Idealerweise schützt die staatliche Gewalt die Schwachen vor den Starken. Dafür muß der Staat stärker sein als die Starken. Wer aber schützt dann wen vor den Beamten des starken Staats?
Die Stärksten sind die chaotisierenden, anonym flottierenden Kapitalien, die multinationalen Unternehmen und zunehmend die internationalen gouvernementalen Organisationen. Dem Staat sind nur noch dürftig auf einander abgestimmte, zeitweilige Kompromisse möglich.

Das Gewaltmonopol des Staates beruht auf Angst vor Gewalt. Es ist meist erträglicher als die in einer hoch­organisierten Gesellschaft besonders gefährliche Gewalt einzelner Gruppen.

Das ungeschriebene Recht auf formales Unrecht, die sich ausbreitende Korruption, macht das formal geltende Recht zum öffentlichen Betrug. Das Prestige der formalen Autoritäten nimmt bedrohlich Schaden. Ist der Riß zwischen formellem Recht und Rechtswirklichkeit endlich so groß, daß der Handlungsbedarf allgemein empfunden wird, dann haben fast alle Akteure Dreck am Stecken und sind durch das formelle Recht bedroht.

Stabile Verhältnisse sind immer repressiv gegenüber dem Leben (mit seiner exponentiellen Wachstumstendenz). Fraglich ist nur, wer wen und was unterdrücken soll.

Das oberste israelische Gericht legitimiert Folter. Die Menge der Gesichtspunkte macht eine befriedigende rechtliche Regelung dieses Problems so unmöglich wie die des Krieges. Es gibt aber rechtlich total oder auch weniger unbefriedigende Lösungen. Nirgends wird das allgemeine öffentlich-rechtliche Dilemma der Folter so offen wie in Israel diskutiert.

Identifikation der Einzelnen mit der Gruppe nützt der ganzen Gruppe und ist deshalb Forderung der Gruppennorm – ein zunächst selbstverstärkender Prozeß. Es nützt aber nicht allen Einzelnen gleich. Entsprechend differenzieren sich das Fordern und die Identifikation zunehmend.

Verantwortlichkeit ist eine zur Vereinfachung des geltenden Rechts nötige, sonst schlecht begründete, schmeichelhafte Zuschreibung.

Mit der steigenden Gewaltkriminalität wird die Gegenwehr eines armen Staats immer gewalttätiger. Kurzfristig ist Gewalt die billigste Machtausübung.

Urteil über den Einzelnen ist eine nur in Extremfällen zulässige Vereinfachung. Wir sind jeder, locker aber fest verflochten, ein Stück Menschheit.

Die Rechtsordnung der postmodernen Gesellschaft klingt gut, leidet aber an strukturellem Vollzugsdefizit.

Alle großen Gebote sind auf ersten, beschränkten Blick, evident; globalisiert werden sie unsinnig.

„Hochtemperatur-Supraleiter vermeiden Reibungsverluste durch Verknotung elektromagnetischer Wirbelfäden.“ Ist die Ökonomie der sozialen Struktur weniger kompliziert?

Steuerunmoral und Mißwirtschaft der staatlichen Bürokratie verstärken einander so effizient, daß der notorische Steuervermeider schamlos soziale Verantwortung predigen kann – von den Hinterziehern zu schweigen.

Evolutionär konkurrieren nicht Einzelne und nicht Kollektive, auch nicht Gene bzw. Allele, sondern Verdichtungsbereiche, Konzentrationswolken identischer Allele, die sich mit den Diffusionsfeldern anderer Genome in ihren Rändern vermischen (Norbert Bischof), kins, "Sippen". Analoges gilt für die Ideenwelt der Meme. Eine Idee kommt nie allein.

Rechtskulturen hängen historisch mit Religionen zusammen. Wo Rechtskulturen (zwei herrschende oder eine herrschende und eine "zersetzende" subkulturelle) auf einander prallen, wird Religion wieder öffentlich interessant.

Im Recht geht es darum, was einer vom andern verlangen darf.

Zu den elementaren Verfahren der Komplexitätsreduktion gehört die Definition von Äquivalenzen. „Recht“ ist das (immer unbefriedigend erfüllte) gesellschaftliche Desiderat konsensfähiger Äquivalenz-Definitionen im sozialen Chaos. Recht definiert Äquivalenzklassen, notdürftig konsensfähige Stereotypen; (a) in der primitivsten Form: allgemeine Rechtsgleichheit.
Konkret ist "Gleichheit vor dem Gesetz" bei gleichen Taten ungleicher Täter ungerecht. Bei Ungleichheit der Rechtssubjekte gilt differenziell: (b) Jedem das (konsensfähige) "Seine" (das nun nicht mehr das "Gleiche" ist). Das Recht berücksichtigt, im Interesse der Durchsetzbarkeit, die ungleichen Machtverhältnisse, begünstigt also die Starken.
Proportionalität ist ein Gleichgewichtspunkt* möglicher Konsensbildung. Sie droht aber, wegen des zunehmend ungleichen Wachstums, das sie produziert, mit der Zeit das System zu sprengen. Im Interesse der Konsensfähigkeit begünstigt das Recht deshalb auch, (c) ausgleichend, bestimmte Stereotypen von Benachteiligten.
Konsensfähigen Kompromissen zwischen den Idealfiguren von Gleichheit, Ausgleich und Proportionalität aber fehlt die Evidenz eines stabilen Gleichgewichtspunktes.
* Thomas Schellings point of saliency.

Von Menschenwürde ist schon bei Cicero die Rede, der sie auf die Vernunft gründet, und die Menschenrechte wurden von Jefferson ganz unreligiös als Selbstverständlichkeit der Vernunft eingeführt.
Die Verknüpfung bei Thomas von Aquin der Menschenwürde mit der Gottesebenbildlichkeit war ein guter Griff, eine sachgemäße Vertiefung des Problems; aber man kann nicht behaupten, daß bei der Menschenwürde das Christentum Vordenker gewesen sei.
Menschenwürde ist heute aufgrund der mitmenschlichen Identifikation ein zugeschriebener Status. Wer sie antastet, definiert sich selbst als Unmenschen.

Die gewaltigste soziale Identität des Einzelnen ist die nationale. Sie betrifft das Leben und Sterben.
Der nationale Grundkonsens ist für alles Weitere von tragender Wichtigkeit. Nationale formelle Entscheidungen müssen deshalb ausgereift sein.

Gerechtigkeit ist soziale Ordnung der Ansprüche. Sie erspart Reibungsverluste, – die allerdings für einzelne Akteure durch den Gewinn aus Ungerechtigkeit u.U. hätten aufgewogen werden können.
Was in einer Kultur Geltung als „gerecht“ erlangt, hängt von der Einschätzung des erreichbaren kollektiven Nutzens ab.
Formale Kriterien (Wie Gleichheit, „Jedem das Seine“) sind Grammatik, und können die (historisch zufällig) leidlich stabilisierte Semantik nicht ersetzen.

Kolumbien lebt hauptsächlich von den mafiosen Gegenkulturen anderer Gesellschaften. Das Volk wird zwischen zwei Systemen, dem nationalen Glied der offiziellen Staatengemeinschaft und der internationalen inoffiziellen Gegenkultur, hoffnungslos zerrieben.

Im Islam ist Recht der universale Anspruch Gottes durch den Koran, das Tagebuch eines von seiner persönlichen wachsenden Rechtssymbolik Begeisterten.

Massenarbeitslosigkeit schwächt die Legitimation des Rechts.

Aktivität ist für die Freunde erfreulich, und sie vermitteln die soziale Wert­schätzung persönlich. Das motiviert auch.
Depression ist unerfreulich, geringgeschätzt, und das ist weiter deprinierend.

Lebenswille, Kinder machen ist geboten. Depression, Selbstmord ist sozial unerwünscht. Depression verbreitet Defaitismus. Sie ist für ein abgeschlossenes Kollektiv zunächst einmal evolutionär nachteilig, – „Wehrkraftzersetzung“ hieß das im Dritten Reich. Eine Gruppe erhöht ihre Lebenschancen, indem sie Depression ausscheidet und verurteilt, dadurch autoaggressive Tendenzen des Depressiven verstärkt und andere abschreckt.

„Stets wird die Welt in ihren schweren Tagen nach Deinen heil’gen Zehn Geboten fragen“ weissagt betend Dietrich Bonhoeffers Mose. Ja, denn sie sind Regeln ruhiger Zeiten; und solche hat das Leben auch immer wieder nötig.

Durch kleine systematische Regelverletzungen kommt man voran – zu Lasten der Gesellschaft, die angewiesen ist auf Toleranz für zufällige Störungen ihres unvermeidlich nur ungefähr gerechten Regelwerks und diese in ihre sittliche Kultur eingebaut hat.
Der Anstand verbietet systematische Regelverletzungen zu Lasten der sittlichen Kultur, die die Gesellschaft trägt.

Das moderne Instrumentarium für Störung und Zerstörung ist der Weltgesellschaft so gefährlich, daß Sicherheit (und also meist: Stabilität, Dämp­fung von Ausschlägen und Verlangsamung struktureller Veränderungen) praktisch oberstes Gebot der Weltpolitik geworden ist. Jede Regierung hat sich vor der Weltöffentlichkeit durch glaubhafte Bemühung um stabilen Konsens über Prinzipien und Lagebeurteilung in den verschiedensten Zusammenhängen zu legitimieren. Das wird dadurch erleichtert, daß Konsensbildung auch eine selbstverstärkende Komponente hat. Der Konsens ist aber nie einhellig.
Das verlangt eine nie dagewesene Bescheidenheit von den Völkern und dementsprechend ein noch einmal erhöhtes Potential an „Unbehagen in der Kultur“. Deshalb ist im Interesse der Stabilität große Toleranz erforderlich.

Unregierbarkeit der einzelnen Staaten ist heute Folge der weltweit wachsenden sozialen Ungleichheit. Leicht überdurchschnittliche Unverantwortlichkeit lohnt sich wie eh und je.

Eine gute Verfassung ist ein unermeßliches Glück für ein Land.

An sich sind Bewahrung und Veränderung, wie Verteidigung und Angriff, Geiz und Neid, wie Subjekt und Prädikat, gleichberechtigt.
Umstellungskosten sprechen gegen Veränderung, Anpassungsdruck spricht gegen Bewahrung.
So verteidigen Enkel von heldenhaften Eroberern ihr Land gegen neue Angreifer aus der Steppe.

Das staatliche Gewaltmonopol und der Kampf gegen seinen Mißbrauch sind sehr hohe Opfer wert.

Verantwortungslose Herrschaft verdirbt das Verantwortungsgefühl der Beherrschten. „Der Fisch fängt am Kopf an zu stinken.“

Die klassischen "stabilen Verhältnisse" – wie lang und wo auch immer es sie gegeben hat – sind stabilisiert durch Kindersterblichkeit, Export von Arbeitslosigkeit, Galgen, Kloster, Zwangsarbeitshaus (Zuchthaus), Armut und Krankheit. Darüber wacht, im Geist von Röm 13, die patriarchale Obrigkeit. In „Gottes Reich zur Linken“ herrscht in aller Regel Unrecht, aber wenigstens kleineres Unrecht als allgemeine Rechtlosigkeit.

Auch die beste Verfassung leidet einmal an Materialermüdung.

Die unantastbare Menschenwürde war einst ein begeisterndes Projekt, das auch Verbesserungen zur Folge hatte. Diese aber fanden an der Natur eben dieses würdigen Menschen ihre Grenze. Das Problem hat seine Abgründigkeit gezeigt.
Zu den idealistischen Bekenntnissen gehören nicht nur Schuldbekenntnisse, sondern dann auch bescheidene Besinnung! Die zutiefst beschämende Relativierung der Idee der Humanität ist aber immer noch tabuiert. Und das blockiert Fortschritte der Humanität.

„Die Kleinen hängt man, die Großen läßt man laufen.“ Die großen Mächte haben bereits als soziale Einheiten eine beträchtliche Ordnungsfunktion.
Sie können allerdings auch zu groß sein, um ihre Ordnungsfunktion erfüllen zu können („Rußland ist groß, der Zar ist weit!“). Es gibt kein unumstrittenes Optimum.

Einfache, niedrig-dimensionale* Modelle bilden jeweils eine Vorstellung vom Ideal der Gerechtigkeit. Im Recht geht es dann um Ähnlichkeit der komplexen sozialen Realität mit dem Ideal des unergründlich hochdimensional begründet urteilenden Gewissens.
* Man kann sich jeden relevanten Gesichtspunkt als eine Dimension denken.

Das Bedürfnis nach gesellschaftlicher Ordnung greift hilfesuchend auch nach der monotheistischen Tradition.

Im Bann linearer Modelle hat man gemeint, soziale Werte in besonderer Weise jenseitig, in Gottes Willen, verankern zu müssen. Um die Unmoral auf Null zu drücken, hat man Himmel und Hölle in Bewegung gesetzt – Begleitvorstellungen der Moral, die wohl nie so wünschenswert waren, wie Plato meinte.
Die menschliche Rechtswirklichkeit hat besseren Rückhalt in Gottes Bescheidenheit.

Nicht nur früh unglückliche Individuen, sondern ebenso auch lange unterdrückte Völker haben ein "moralisches Recht", verrückt und asozial zu sein. ("Wer über gewissen Dingen den Verstand nicht verliert, der hat keinen zu verlieren!" Lessing) Das aber problematisiert jede Rechtspflege.

Höchste moralische Instanz ist für jeden einzelnen sein Gewissen. Dieses aber spricht selten mit einer Stimme; es ist oft Gespräch, Diskussion oder stumme Ratlosigkeit. Hier reden uralte und neuere Stereotypen, Selbstbehauptung, vertrauensvoller oder ängstlicher Gehorsam und auch lebendige Eindrücke mit einander. Dies gilt es, bescheiden entscheidend, durchzustehen. Das ist Souveränität, Teilhabe an Gottes Einzigkeit.

Normen sind das „Gesicht“ der Gesellschaft, das diese nicht verlieren darf und, bei Strafe totaler Desintegration, unter allen Umständen wahren muß.

Individualisten reden oft ungenau von „menschenverachtenden“ Herrschaftssystemen. Meist geht es um die in einer Gesellschaft normative Mißachtung einer Besonderheit der Menschheit: der besonderen Unberechenbarkeit des Menschen. Voraussetzung ist eine große Angst vor dem „undefinierten Tier“ (Nietzsche) und entsprechend maßlose Wertschätzung sozialer Ordnung und tabuierter Gebote.
Die Frage des richtigen Maßes ist ein anthropologisch verwurzeltes Dauerproblem der Moral und je nach Umständen sehr verschieden zu beantworten. Bei uns dichtete Schiller 1799: „Wenn sich die Völker selbst befrein, so kann die Wohlfahrt nicht gedeihn.“ Luthers Angst um Deutschland im Bauernkrieg hatte die Lutherische Staatstreue zementiert. Er konnte sich auf Paulus und dessen gegebenenfalls sehr harten Kampf für Ordnung (in der Gemeinde und darüber hinaus) berufen. Die großen Freiheitspropheten also nahmen das Problem sehr ernst.
Zutrauen zu den kreativen Möglichkeiten der subsystemaren und individuellen Selbstorganisation, ja absichtliche Lockerung der Kontrolle, ist langsam gewachsen erst mit den (wenngleich opferreichen) Erfolgen dieser Einstellung in der Neuzeit, zunächst sektoriell in der Wirtschaft einiger Länder, dann aber entgrenzt und beschleunigt.

In der hochkomplexen hochdynamischen Gesellschaft wird das Rechtsempfinden immer weiter aufgespalten in geltendes Recht und moralisches Empfinden.

Die abendländische Kultur hat die Menschenwürde und (viel später artikuliert) Menschenrechte mit der besonderen Vernunft-Natur des Menschen begründet. In diesem Sinne wurde auch die Gottesebenbildlichkeit verstanden. All dies war anfechtbar, aber erfolgreich. In modernen Gesellschaften steht mit der Einhaltung der Menschenrechte die Loyalität des je betroffenen Bürgers gegenüber der Rechtsgemeinschaft auf dem Spiel, die Basis jeder Rechtsordnung.

Man kann Vieles am westlichen Einsatz im Kosovo kritisieren. Aber man wird nie ein Urteil fällen können. Es war nicht sicher, ob, aufs Ganze gesehen, gute Ergebnisse für die bösen Aktivitäten sprechen werden; aber auch der Inaktivität drohten böse Folgen. Er war im tiefsten Sinne tragisch.
Die Russen kämpfen in Tschetschenien gegen den weiteren Zerfall ihres Kolonialreiches. Auch der vorangegangene Zerfall der westlichen Kolonialreiche ging teilweise brutal blutig vor sich und hat vielerorts Wunden hinterlassen, die sich nicht schließen. Die Staatengemeinschaft ist natürlich konservativ – allenfalls mit evolutionären Tendenzen. Wo immer möglich, will sie blutige Unruhen vermeiden. Das nützt den Russen im Augenblick; aber es ist nicht zu erwarten, daß ihnen dies (und überhaupt der ganze Krieg) auf die Länge nützt (geschweige den Tschetschenen). Und das delegitimiert die ganze Invasion.
Wo sich die Völker selbst befrein, da kann die Wohlfahrt – trotz Schiller – eher gedeihn; aber man kann heute wissen: Garantiert ist das nicht, und schon gar nicht für sofort.

Der Glaube an den kosmos ist soziale Pflicht. Gott aber will kritischen Gehorsam gegen die gesellschaftliche Ordnung.

Demokratie ist nicht solide, solange eine breite Schicht unterprivilegiert gehalten ist und dadurch ein Menschenrecht auf Kriminalität hat. Weltweit aber ist dieser Hintergrund gegeben.

Im christlichen Zeitalter war Kirche die in der Gesellschaft institutionalisierte Symbolik des Absoluten. So hat noch ein Goethe sie politisch und pädagogisch gebraucht und verstanden.
Stattdessen gibt es heute auf allen Ebenen, von der Akademiesitzung bis zum Klatsch im Treppenhaus, eine polyzentrische „Grundwertediskussion“, ebenfalls immer unbefriedigend, aber unverzichtbar.

Der Staat ist eine stabile Machtballung mit weniger stabiler Legitimationsballung. Hier ist er auf kulturelle Ressourcen (und ihre Institutionen) angewiesen, zu denen auch Religion gehört.

Archaische Megalomanie findet sich in frühen Hochkulturen weltweit. Der überproportionale Erfolg der Koordination einer großen Menge menschlicher Kräfte legitimiert Strukturen, in welchen die zentralen Figuren übermenschliche Macht bekommen, unverstanden gewaltig wie numinose Naturmächte. Der Staat, der Souverän sind auf ewig heilig. Sie werden als solche, gegen alle Anfechtung solchen Glaubens, sinnenfällig symbolisiert durch Prachtbauten, machtvoll entmutigend für jeden Rebellen.

Utopien können die Moral und dadurch das persönliche Verhalten steuern. So können sie die Kultur beeinflussen und auf diesem Wege den Markt und sogar das Recht.
Utopische Gesetze aber verderben die Moral.

"Menschenrechte" werden jedem von den Mitmenschen zugebilligt mit der Verpflichtung, tendentiell verantwortlich zu leben. Verantwortlich seine Kräfte zu entfalten, muß die Gesellschaft ermöglichen.
Aus der Pflicht des Einzelnen, verantwortlich zu leben, ergibt sich ein Recht des Einzelnen auf ein menschenwürdiges Leben, und sei es als Sklave. (Hier wäre dann nicht der Praetor, sondern der Censor zuständig. Paulus „censiert“, besser sei Freiheit.)

Machtverschiebungen betreffen die Rechtswirklichkeit und können die Autorität des (mit Zeitverzögerung institutionalisierten) Rechts unterhöhlen.

Herrschaft muß sich mit Mehrheitszustimmung begnügen. Sie muß der Kriminalität die Sympathisanten abspenstig machen. Wenn Herrschaft nicht Maß hält, fusionieren Opposition und Kriminalität.

Es gehört zu den Eigentümlichkeiten von Ideen, daß man sie gratis kopieren kann. "Geistiges Eigentum" ist eine contradictio in adiecto. Das so benannte juristische Stereotyp sollte dafür sorgen, daß es auch dem Forscher und Erfinder nütze, wenn andere sich zu Nutze machen, was er erarbeitet hat. Der Erfinder kann zwar nicht seine Erfindung, sein "geistiges Eigentum", aber theoretisch das Recht verkaufen, sie nutzbringend zu kopieren. Das Patentrecht kann aber mit der durch die Technik chaotisierten kulturellen Entwicklung nicht Schritt halten. Es verteidigt einerseits für große Unternehmen unverhältnismäßige Gewinne, die dem Rechtsempfinden der Gesellschaft hohnsprechen. (In diesen Fällen mißachtet der Nutzer das Recht mit gutem Gewissen.) Anderseits sind etwa Software-Raubkopien zwar Raub geistigen Eigentums, aber in vielen Fällen kann die Rechtspflege sie kaum verhindern. Hier ersetzen Werbeeinnahmen – oder der Idealismus des Geistesarbeiters – den Arbeitslohn.
Die meisten älteren Erfindungen kann man sich mit Recht gratis aneignen.
Lehrer, Pianisten, Schauspieler usw. verkaufen ihre eigene Darstellung fremder Ergebnisse.

Ein im Sinne der gemeinsamen Rechtsidee unter veränderten Umständen begangener Bruch des geltenden Rechts stellt Legislative und Jurisdiktion vor unerwünschte Probleme.

Autoritarismus vergottet und diszipliniert. Als Vereinfachung, spart Autoritarismus Kraft.

Denkverbote sind auf die Länge gefährlicher sind als das verbotene Denken.

Es gibt so viele Menschen, dass jedermann nicht nur sich einschränken lassen, sondern, um seiner Menschenwürde willen, autonom sein Leben mitgestaltend, sich selbst einschränken muss.

Erfolge des Bösen infizieren die moralische Kultur mit Zynismus. Werden böse Mittel für einen guten Zweck erwogen, muss die Langsamkeit der Gesundungsprozesse in Rechnung gestellt werden.

Rechtsfragen müssen oft gewaltsam geregelt werden, weil das positive Recht zufällig ist und nur ungefähr gerecht.

Positives Recht minimiert zwischenmenschliche Gewalt und Zerstörung, es wird mit der geringstmöglichen Gewalt erzwungen. In diesem Interesse braucht es freiwillige Unterstützung und greift auf das Gerechtigkeitsgefühl zurück, das symbolisch flexibel, aber doch nicht beliebig manipulierbar ist.

Recht ist ein System von Vereinfachungen. Vereinfachungen setzen Ungleiches gleich. Das ist das Unrecht im Recht.

Gegen die Mächtigen ist das Recht oft nicht durchsetzbar. Sie ziehen sich zurück in ein moralisches Ghetto mit der Standesethik gegenseitiger moralischer Bestätigung.
Vor der allgemeinen Rechtsgleichheit gab es eine Standesgerichtsbarkeit und Ehrengerichte. Wo eine umfassendere Rechtsordnung fehlt, müssen, im Interesse des sozialen Friedens, die sozialen Untereinheiten durch (notfalls formalisierte) Ehrengerichtsbarkeit ihren Beitrag zu einer lebbaren sozialen Ordnung leisten.
Die Gesamtgesellschaft sanktioniert mit Prestigegewinn bzw.-verlust. Die „Stände“ (Berufsgruppen, Geschlechter, Altersgruppen, Schulen u.ä.) haben ihr Sozialprestige zu pflegen.

Unsere Kultur schützt einige Tabus durch Gewissensangst sowie Angst vor Zivilisationseinbrüchen. Man darf sie allenfalls diskutieren; aber keine Diskussion kann die Bestrafung von Tabu-Brüchen beenden. Die Tabus gehören zu den vielen Grauzonen der Ethik.

Mangelnde Transparenz der Wirtschaft unterminiert die öffentliche Moral.

Die Menschen bilden eine spannungsvolle Gesellschaft. Sowohl die Spannkraft des Individuums wie die der sozialen Einheiten schwankt. Überdehnte Toleranz führt gesellschaftlich zu Orientierungslosigkeit und von da aus zu fundamentalistischen Evidenz-Kontraktionen, Vereinfachungen mit mörderischen Intoleranzen.

Mugabe ist in Afrika noch nicht der Schlimmste; und die Außenministerin des Schöpfers von Guantanamo kann das nicht gut kritisieren. Luther hatte, unbeschadet Rm 13*, seine klare schlechte Meinung über die Obrigkeiten.
* Vgl. Darwin: Jede Regierung ist besser als gar keine.

Das Ideal der Demokratie ist der Kompromiß; aber ein guter Kompromiß ist Schluß einer Informations- und Verständigungsarbeit, zu der dem Normalbürger natürlich die Zeit fehlt. Real herrscht eine – vom Volk tolerierte – kleine Exekutive der „Mehrheit“. Die Fehlertoleranz ist groß, aber es gibt eine Ordnung auch für größere Korrekturen. Deshalb ist jede Demokratie zwar nur begrenzt stabil, aber zäh.
Gewaltherrschaft ist starr und brüchig. Weil größere Korrekturen hier Umsturz bedeuten, ist der politische Kompromiß hier eine Fehlertoleranz, die das Katastrophale streift.

Man vergleiche die politische vs. religiöse Gemeinschaft mit dem dominanten vs. rezessiven Erbgut: Kirche als Reserve-polis.
Religion bildet Gemeinschaft. Solche Gemeinschaften bilden, je nach gesellschaftlichen Umständen, ein sehr differenziertes Kirchenrecht aus. Differenzierte Gesellschaften aber unterscheiden zwischen Religion und Recht. Religion denkt metaphorisch; Recht ist metonymisch zu denken. Recht hat klar zu entscheiden; Religion hat existenziell zu bedeuten. So kann, im Zusammenbruch einer politischen Ordnung, aus ihr neue Ordnung erwachsen.

Politische und religiöse Gemeinschaft wollen das Gewissen des Individuums zu Zeiten beherrschen (sacramentum = Fahneneid. Plutarch billigt den Kaiserkult). Man muss sich der Übermacht – nicht immer, aber meist – mit schlechtem Gewissen, gedemütigt und zunächst ratlos, beugen. In der Trauerarbeit kann man dann die Situation in eigener Verantwortung neu sehen lernen.

Recht ist, als vereinfachende Repräsentation sozialer Beziehungen, ein Attraktor im sozialen System; als energiesparend ist es wohltätig.
Eben in diesem Sinne geht es nicht um summum ius, sondern um Recht als einen, infolge seiner Realitätsnähe, anziehungskräftigen Attraktor.

„Recht“ ist eine approximative Symbolik. Rechtspflege schafft marginales Unrecht. Wer das Recht liebt, muss auch dieses bejahen; das marginale Unrecht mag treffen, wen es will. Dies anzuerkennen, ist Würde.
Aber man lasse sich Einvernehmen etwas kosten und hüte sich, in die steinerne Mühle von Rechtsstreitigkeiten zu geraten!

Das geltende Recht muß auf dem Rechtsgefühl der Bürger sicher aufruhen. Diese aber urteilen nicht einstimmig. Das „gesunde Volksempfinden“ ist immer wolkig um einen Durchschnittswert gestreut. Die (im Interesse von Gleichbehandlung und Rechtssicherheit nötige) Uniformierung des Rechts durch Gesetze führt im Einzelfall selten direkt zu ganz überzeugenden Entscheidungen. Da ist persönlich verantwortete Rechtsprechung nötig. Diese aber muß sich im gesetzlichen Rahmen halten, auch in Fällen, wo dieser kein überzeugendes Urteil erlaubt.
In jedem Fall aber belasten Verstöße gegen geltendes Recht das Subjekt mit einem Legitimationsdefizit. Sie sind tendenziell beschämend. Sie können moralisch sehr einfach sein; in der Regel aber entspringen sie komplizierteren Situationen, die das Subjekt oft selbst moralisch nicht ganz durchschaut. Sie bedeuten Rechtfertigungsdruck und bringen oft in Argumentationsnotstand (daher die alte Institution des Rechtsanwalts).

Das Liebesgebot ist im Abendland idealer Orientierungspunkt einer „menschlicheren“, aber spannungsvollen und widersprüchlichen Gesellschaft.

Das Leben lehrt jeden die Tragik der Weltordnung: Um größeres Übel zu verhüten, tut man jemandem (vielleicht sogar heimlich) Unrecht. Man kann das abbüßen durch heimlich getanes, möglichst gezielt individualisiertes, positives Unrecht (Wohltätigkeit).
Jeder erleidet Unrecht. Deshalb soll jeder wissen, daß Recht nur eine praktikable Substruktur menschlicher Solidarität ist.
Recht ist immer nur ein (kollektiv brauchbares) Symbol, – ein Mittelwert, dem man (vergröbernd) verschiedene Fälle „gleich“ setzen kann. Wenn man das missachtet, wird Recht zum Abgott. Summum ius summa iniuria.

Ein Gesetz ist ein Symbol.

Verfestigungsgrad von Symbolen:
Normative Selbstverständlichkeiten sind Gleichgewichtspunkte. Sie verschieben sich lange langsam, aber plötzlich schnell.
Recht und Gesetze sind unpersönlich, starr und entwickeln sich unstetig.
Strukturen und Institutionen sind unpersönlich und zäh.
Moral ist persönlich, stabil und entwickelt sich stetig.

Das Kollektiv ist definiert durch Gemeinsamkeit; diese ist sein Grundgesetz – mit der Kraft der Notwendigkeit des Kollektivs für des einzelnen.
Das Kollektiv spricht Gerechtigkeit zu.

Das Leben entwickelt menschliche Ordnungen, Gesetze, Institutionen; und für deren Entwicklung sind Symbole und Glaube richtungweisend.
Synagoge und Kirche sowie die staatstragenden antiken Philosophien verkämpfen sich sicherheitshalber für Ordnung als Assimilationsschema für die doch chaotische Lebenserfahrung. Die Skepsis wurde bekämpft; denn sie durchzustehen, verlangt Liebeskraft, Aufmerksamkeit* auf kleine Unterschiede; die Grobheit, mit der im sozialen Leben zu rechnen ist, führt zu amoralischen Reaktionen auf die anomische Frustration.
* Leuchtendes Beispiel: Montaigne!

Die Kriminalitätsrate der Unterschichtsjugend zeigt, daß weltweit die Rechtsordnungen nur andeutungsweise Recht und Ordnung sind.

Menschen schaffen Tatsachen. Institutionalisierung ist ein menschlicher Schöpfungsakt. Da ist tempus legis angesagt, geordnete Welt, Selbständigkeit in klaren Grenzen, prekär – wie Ein-„weih“-ungen und allerlei weiteres Ritual verraten – zwischen Chaos und Ruhe eines Kirchhofs.

Ohne die geplant ordnenden Korrekturen starker demokratisch gewählter Regierungen herrschen über eine Informationsgesellschaft militärische Gewalt oder wirtschaftliche Macht – auf die Länge total unberechenbar, wild chaotisch.
Eine ständig frei sich bildende öffentliche Meinung kann einer Regierung helfen, das Chaos zu mildern, weil sie das Sensorium aller Individuen nutzt für rechtzeitige Anpassung im Interesse aller Betroffenen.

Der mit positivem Recht herrschende Staat braucht Loyalität. Diese braucht Fundierung in einer soziablen Existenzsymbolik (civil religion).

Geordnete Umwelt konzentriert die Handlungsoptionen um den aussichtsreichsten Weg, die Rationalität beschränkt hier die Handlungsfreiheit. Gezielte Umweltzerstörung (Aggression) eröffnet nicht unbedingt bessere, aber neue Möglichkeiten und schafft Raum für Autonomie- und Allmachtsgefühle.

Viele amerikanische Kriegs-Heimkehrer machen nach langer Zeit zuhaus Selbstmord. Die normale Gesellschaft hat sie in den Krieg geschickt, wo ihnen die normalen Selbstverständlichkeiten genommen wurden. Zurück in den Grenzen der Normalität, sind sie, mit den Grenzerfahrungen (deren obsedierende Erinnerung sie selbst quält und die Umwelt bedroht) unintegrierbare Fremdlinge. Psychologische Fachkräfte sollen irgendwie die Integration erschaffen; sie können nur basteln!

  1. Geschichte

Serbien in der Erniedrigung bezog aus seiner Literatur eine historisch begründete, grandiose Identität jenseits der herrschenden Umstände – wie die Juden aus der Bibel. Als die realen Schranken fielen, brach das Imaginäre ins Diesseits ein. Ähnliches hat die Ludendorff’sche Glorifizierung der geschlagenen Macht über die Deutschen gebracht.

In jedem Leben liegt Gutes unter Trümmern begraben, das zu vergessen Selbstverlust war. Es kann, unerkannt, zu neuem Leben erwachen.

Die Welt wandelt sich im Wechsel von Entwicklungen und Zusammenbrüchen. Das ganze Geschehen „Entwicklung“ zu nennen, ist irreführend.

Am Anfang war die Symbolbildung. Das Gute wurde geschichtlich.
Die Gegenwart ist, ohne persönlichen Einsatz, schlecht, auf dem Abstieg. Personal verstanden, ist sie Einladung zur Mitverantwortung für die Zukunft.

In gespannten Situationen suchen die Einzelnen Rücksicherung auch in Koalitionsmöglichkeiten, Gemeinschaften. Dafür bieten sich alte Koalitionen an. Gemeinsame Wurzeln stärken die Einheit von Kollektiven. Abstammung und religiöse Verwurzelung sind existenzsymbolische Identitäten. Darüber hinaus manifestieren sie sich in vielen geringfügigen Unterschieden. Auch diese werden in gespannten Situationen plötzlich wichtig.

Die Deutschen 1945 waren korrumpiert und sind, durch die Besatzungsmächte am Zügel gehalten, moralisch bescheidener geworden, – oft freilich, mit den veralteten unbescheidenen Forderungen sprachlich hilflos, darüber hinaus zaghaft (z.B mit ihrer antiautoritären Erziehung).
Man fragt sich: "Wie habe ich (Spießgeselle), wie hätte ich (Erbe) mich bewährt? Was darf ich von Menschen erwarten und fordern, was dürfen sie von mir erwarten und fordern?“ Jeder Idealismus wird relativiert; jede Rechtschaffenheit ist objektiv radikal verunsichert.
So sind die kollektiven Verbrechen den Deutschen zum Segen geworden. Etwas Frömmigkeit ist in die Säkularität diffundiert.

Eine Wissenschaft von den Nationalcharakteren muß fragen: „Was hat dieses Volk durch seine Geschichte über Mensch und Welt gelernt?“ Dazu gehört die Frage: „Was haben seine Nachbarn ihm, absichtlich oder unabsichtlich, beigebracht?“
„Rasse“ – oder wie immer man das natürliche Substrat fassen mag – , ist immer schon längst überformt durch die menschliche Interaktionsgeschichte.

Heimkehr: Unglaublich, daß ich die Vergangenheit, die mir jetzt, zurück am alten Ort, so bedeutungsvoll wiedererscheint, einmal auch so platt gelebt habe wie jetzt die Gegenwart!
Was ist Eutin, was ist Lübeck? – : Für den Augenblick ist das schnell beantwortet; aber für zwei Augenblicke im Abstand von 50 Jahren? – : „Eine Portion zäher Masse, ein Stück Geschichte!“ Geschichte ist ein Kontinuum.

Alle historische Bildung hat Europa nicht an grotesker Verkennung der Gegenwart und den Weltkriegen gehindert.

Die Geisteswissenschaften als das institutionalisierte kollektive Gedächtnis sind wohlgelitten; als kritisches Erinnern sind sie eine ungeliebte, mehr schlecht als recht erfüllte Pflicht.

Als die menschliche Geschichte in Fahrt kam, entstand auch das Bedürfnis, wenigstens symbolisch festzuhalten: Bild und Schrift.
Eine Gesellschaft ist, wie ein Individuum, ohne Gedächtnis gefährdet. Aber auch das Vergessen ist lebenswichtig („... dann badet ihn im Tau aus Lethes Flut;“ Faust II, 4629).

Außergewöhnliche Welten, wie die des Widerstandes gegen Hitler oder die des Urchristentums, sind mit unserer Normalität kaum vermittelbar. Sie gehören aber zu unserem kulturellen Erbe und müssen, gegen den gefährlichen Übermut unserer Normalität, schlecht und recht präsentiert gehalten werden.

Ein „Umschlag von Quantität in Qualität“ kann lautlos geschehen und allzu lang unbemerkt bleiben.

Jakob Burckhardt empfiehlt, in der Geschichte nicht Identität, sondern Kontinuität zu erwarten. Diese ist darstellbar als eine Kette von lokalen Struktur-Identitäten. (Vgl. die „analytische Fortsetzung“ in der Funkionentheorie.)

Die Intentionen der abgebrochenen Leben unserer Toten und unserer Opfer strukturieren den Zusammenhang, aus dem wir Leben. Wenn wir ihrer nicht gedenken, verflacht unser Selbstverständnis und wir gehen tölpelhaft mit unserm Erbe um.

Die Ideologiekultur war absolutistische Rationalität, Übergang zwischen Traditions-Autoritarismus zum rationalen Relativismus.

Die prinzipielle Relativität der Standpunkte hat in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts zu Dezisionismus mit dummer Selbstmythologisierung verführt. Diese Konserquenzmacherei musste in Barbarei und Katastrophe enden.

Große Ereignisse unterliegen, bei zeitlichem Abstand, entweder der Einebnung, oder selektiver Mythologisierung. Nur im Kunstwerk können sie in historischer Zufälligkeit ihre Bedeutung wieder erlangen.

  1. Ungleichheit

Die Gesellschaft braucht Macht-Akkumulation zwecks Effizienzsteigerung; Macht­akkumulation aber steigt exponentiell, katastrophenschwanger. Die menschliche Evolution hat einen Ausweg gefunden: Großzügige Wohltätigkeit (persönlicher Macht-Verzicht) wird ad personam (nicht weiter verkäuflich) mit Prestige honoriert; unangemessene Macht- und Habgier wird mit Verachtung entgolten. Wohltätigkeit ist deshalb memetisch und genetisch eine evolutionär stabile Strategie. Prestige macht sich dann für die Kinder wieder in Macht in andern Lebensbereichen bezahlt.
Darüber hinaus ist zu hoffen, daß in den Höhenlagen der heutigen Möglichkeiten der Machthunger sich dem Sättigungspunkt des Grotesken nähert, und die öffentliche Wertschätzung sozialer Verantwortung, kraft Transparenz, auch für den Egoismus weiter an Wert gewinnt.
Reine Machtakkumulation wird schon jetzt möglichst geheim gehalten und, wo das nicht mehr möglich ist, gern mit billiger, photogener Wohltätigkeit als ein pudendum verschleiert. Der primitive Machtmensch muß fürchten, erkannt zu werden, heucheln und endlich, zur Wahrung seiner Selbstachtung, Lügengespinste glauben.

Die verschiedenen Kulturen und Subkulturen ermächtigen (mit aktivem Einsatz) die verschiedenen Rechtssubjekte zu sehr verschiedenen Ansprüchen.
Die Gründe für diese Ermächtigungen sind sehr verschieden. Die Angst vor Kriminalität und Revolte der Deklassierten bekommt immer mehr Gewicht, je größer deren Störpotential wird.

Die Verhandlungsmasse der Machtlosen im Streit um ihr Recht, mit der so etwas wie ein stereotypiertes Minimalbürgerrecht erkämpft werden kann, ist ihre Macht, die Ordnung zu stören.

Stolz ist die subjektive Seite von sozialem Prestige.
Prestige ist mit Macht im mittleren Bereich eng korreliert; aber übermäßige Macht wird nicht übermäßig geschätzt, und tiefe Armut gebietet Respekt.

Epochemachend war Rousseaus Traktat von 1755. Die soziale "Ungleichheit unter den Menschen" ist und bleibt eine offene Wunde. Man mag sie hier oder dort reduzieren; sie wächst schnell zu häßlicher Größe in allen Dimensionen nach. In dieser Grundsituation ist Kultur und Kommunikation gefragt.

Das "organisierte Verbrechen" ist – bei allem Profit seiner Unternehmer – meist auch eine Hilfsorganisation für Marginalisierte, ganze Völker! Die anständige Gesellschaft wehrt sich (wie Amerika gegen Kolumbien) rechtlich, polizeilich und notfalls militärisch gegen diese Form von Lastenausgleich.
Drogen haben einen Markt; weil die Anbieter Sympathisanten haben. Diese Szene kann man bekämpfen. Aber das hinter dem Drogenhandel stehende Massenelend kann man, wie die Menschen (in Amerika sowie in Kolumbien und anderswo) sind, nicht beheben.

Basis der sozialen Ordnung ist nicht eine faktische Gleichheit, sondern die Symbolik eines gemeinsamen ideologischen Bodens, die die faktische Ungleichheit legitimiert.

Gerecht ist: im Rahmen der vorgegebenen Tatsachen stabil, leidlich konsensual, irgendwie egalitär. So ist gerechte Ungleichverteilung möglich.

Bettler? Man guckt weg. Das ist Sünde! In der Tat, "wir mangeln des Ruhms, den wir vor Gott haben sollten" (Rm 3,23). Man hat kein gutes Wort. Das ist scheußlich.
Man soll nicht immer, aber immer wieder sich an die Elenden erinnern.

Die Privilegierten erleichtern sich den Glauben an ihre Vorrechte, die Auserwähltheit der „Elite“*, durch symbolische verdienstliche Werke und ein tragisches Mitgefühl.
* Vom lat. eligere.

In der Kastengesellschaft ermöglichte eine Reinkarnationslehre sozialen Frieden, in der Feudalgesellschaft die christliche Jenseitshoffnung. Das Jenseits hat zwar wieder Konjunktur, aber nicht mehr die gesamtgesellschaftlich stabilisierende Kraft einer Ideologie.
Bei der unvermeidlichen Nicht-Entwicklung menschlichen Potentials (hauptsächlich durch Hunger) gilt es, Menschlichkeit zu bewähren, obwohl der Satte den Hungrigen und auch der Hungrige den Satten nur mit besonderer Anstregung verstehen kann. Zur Wahrung von Hoffnung (Repräsentation der winzigen, aber realen unvorhersehbaren Chancen eines hochkomplexen Systems für jeden Einzelnen) und Geduld seitens der underdogs bedarf es einer lebendigen verbindenden Sprache. Sie bezieht ihre Verbindlichkeit aus der Opferbereitschaft seitens der topdogs.

Explizit müßte man sich selbst sehr klar zu machen versuchen, warum man für die Armen nicht mehr tut, als man tut. Man braucht dazu vielleicht das Gespräch mit einem Armen.
Die Hauptverantwortung für eine ehrlich konsensfähige Sprache in der Gesellschaft trägt jedenfalls die Oberschicht.

Die Hackordnung ist der erste und letzte soziale Bezugsrahmen der Selbstachtung des Individuums; die Eindimensionalität bietet aber keinen Raum für Kreativität. Für diese ist am meisten Spielraum, wo die Ressourcenknappheit nicht als bedrohlich erlebt wird. (Die Kultur eines Milieus ist ökonomisch bestimmt, aber nicht ökonomisch determiniert.)

Man sollte eine Arbeitsgemeinschaft für private Wohltätigkeit gründen als Non-profit-Center für Lastenausgleich durch Direkt-Vermittlung von vielen kleinen Investitionen in sozialen Frieden. Diese ändern nichts an der allgemeinen Weltlage, aber sie würden glaubwürdige Zeichen menschlicher Solidarität setzen, die für Einzelne die Weltlage ändern.

Konkret ist Macht immer brüchig legitimiert. Kaum irgend jemand kommt zu Macht allein wegen seiner Eignung für den erwarteten Dienst an der Gesellschaft. In aller Regel gäbe es Geeignetere. Um der erwünschten Stabilität willen aber muß der Amtsinhaber das Amt behalten. Das Legitimationsdefizit muß in öffentlichem Interesse mit Halbwahrheiten und Schwindel gedeckt werden; der Apostel Paulus (Röm 13) und der neutestamentliche Geschichtsschreiber Lukas gehen darin sogar recht weit!

Durch das Rauschmittel Schmeichelei läßt die Oberschicht sich vergiften. (Sie weiß, daß geheuchelt wird, aber glaubt Schmeicheleien eben doch gar zu gern.) Das geht nicht immer so glimpflich wie bei dem Fabeldichter Jean de La Fontaine* ( † 1695); es kann auch in einer französischen Revolution gegen eine Monarchie enden, die von La Fontaine nicht gelernt hatte.
* ... tout flatteur vit aux dépens de celui qui l'écoute, jeder Schmeichler lebt auf die Kosten dessen, der ihn hört (Der Fuchs und der Rabe).

Gewiß, die Reichen jagen auch einander die Beute ab; aber darauf beschränken sie sich nicht. In der Oberschicht herrscht Konkurrenz auf Kosten der Ärmeren.

Die Schwächsten sind die schwach organisierte Masse. Sie brauchen Anwälte.
Aber was für Typen übernehmen diese Aufgabe? Wie formt sie den Menschen? Und wie schnell werden ihnen unlautere Motive untergeschoben! Wer setzt sich dem aus?
Auch bedingungsloser Idealismus hat seine gefährlichen Schattenseiten. Aber für die Menschlichkeit noch gefährlicher ist es, wenn sich niemand ernsthaft der Elenden annimmt.

Je mehr Arme, je weniger Reiche, desto größere Verantwortung fällt auf den einzelnen Reichen.

Auch konsensuale Herrschaft verlangt von ihren Untertanen nicht nur funktionale Opfer, sondern auch die Übung symbolischer Opfer. (Schon die Selbstbeherrschung verlangt das!)
Demütigung des Beherrschten gehört zur Herrschaft. Sie dient der Identifikationsabwehr zwischen den Schichten. Indem sie die sozialen Schichten rituell auseinander hält, entlastet sie die Gesellschaft von ständigem Kampf um die Hackordnung.

Bettel ist ein chaotisches Grenzphänomen zwischen Arm und Reich: Beide Seiten schämen sich individuell – für einen Übelstand, den sie im Ganzen nicht zu verantworten haben, den sie aber, jeder an seinem kleinen Teil, mittragen.

Auch Herrschaftsvirtuosität ist oft eine Fachidiotie.

Auf die Länge ist nicht wichtig, wie einer zur Macht kommt, sondern wie er auf den Legitimationsdruck reagieren wird.

Befehlsketten sind Spezialfälle der von Rousseau verklagten inégalité parmi les hommes, der sozialen Ungleichheit.
Befehlsketten brechen, wie Salami-Taktik, kriminelle Asozialität in unscheinbare Stücke und unterlaufen moralische Hemmungen. Am Ende ist die Menschlichkeit abgetragen; es herrscht die blinde Natur.

Eine "recht und billig" bemessene Reichtumssteuer wäre eine gute Idee. Sie soll der allgemeinen, durch die aggravierte Nichtlinearität der wirtschaftlichen Mechanismen bedingten Demoralisierung gegensteuern. Die Konkurrenz der Standorte bedingt aber, daß der Reichtum einer Reichtumssteuer ausweichen kann.
Umso mehr muß im öffentlichen Bewußtsein lebendig bleiben, daß die Extremwerte in Armut und Reichtum, sowohl zu den Anstrengungen wie zu den effektiven Leistungen in keinem Verhältnis stehen. Unverdienter Reichtum müßte, im Interesse einer stabilen Rechtskultur, durch extrafiskale, besondere Leistungen (Stiftungen) für die Gesellschaft – und zwar nicht peanuts – , öffentlich legitimiert werden.
Das ist eine Frage der öffentlichen Moral bzw. der moralischen Resignation.

Man muß ungerechte Vorteile schnell ausnutzen. Sie haben oft sekundäre Vorteile zur Folge, die erhalten bleiben, nachdem man zurückgegeben hat, was man geraubt hat.

„Hierarchie“ meint ursprünglich*: Weitergeben von empfangenem göttlichen Segen an Untergeordnete. Der Begriff diente ursprünglich der Legitimation des realen Bischofsamts. Diese Lehre von der himmlischen und der kirchlichen Hierarchie war von Anfang an Ideologie. Im allgemeinen Sprachgebrauch ist die reale Machtstruktur der Sinn des Begriffs Hierarchie geblieben. Er erinnert aber daran, daß Macht und Legitimation zusammengehören.
* Beim Pseudo-Dionysius Areopagita.

Umwälzungen bereiten sich durch Delegitimation vor. Hier ist der blinde Fleck der Starken, einerseits Kraftersparnis durch Komplexitätsreduktion, anderseits ihr Schwachpunkt.

Das Ja zu einem Sieg des Schlechten ist mir erst erlaubt, wenn ich nichts mehr dagegen tun kann.

Statistisches Naturgesetz in einer dynamischen Gesellschaft (exponentielles Wachstum): Once you get behind you stay behind, fällst du zurück, bleibst du zurück. Man erstrebt überdies eine Machtposition in einer mächtigen Gruppe. Das führt zu exponentiellen Entwicklungen und Zusammenbrüchen. Das System ist chaotisch.

Das Gesetz exponentiellen Wachstums ist das Grundgesetz der kapitalistischen Ausbeutung: Vorsprung vergrößert sich. Es ist aber mehrfach dafür gesorgt, daß die Bäume nicht in den Himmel wachsen; und auch die logistische Wachstumskurve enthält einen exponentiellen Faktor, der ins Chaos führen kann.

Bescheidenheit als Statussymbol der Wohlsituierten könnte auf die Länge zwar nicht viel zur Linderung der Not, aber Entscheidendes zur Entgiftung der Kultur beitragen.

Der Glückliche ist dem Unglücklichen zur Entschädigung einen erfreulichen Anblick schuldig.

Die Abhängigkeit des Erfolges von der Leistung ist, wegen Multiplikation von Folgen des Erfolgs mit der Leistung, nichtlinear. Die naive soziale Wertschätzung aber schätzt das Verdienst aus dem sozialen Erfolg linear, beurteilt also den Erfolgreichen zu verdienstlich, den Erfolglosen zu schlecht.

Ideologien müssen einfach sein, um sich durchzusetzen. Der menschliche Verstand konstruiert zunächst linear. Wer im gesellschaftlichen Naturprozeß hochgekommen ist, legitimiert sich ideologisch am wirksamsten mit linearen Modellen („Je ... desto ...“). Natürliche Zusammenhänge sind aber in der Regel nichtlinear.

Die Qualität jeder Machtelite, die Funktionstüchtigkeit jeder Institution und das Verantwortungsgefühl in jeder Oberschicht tendiert hinab auf ein Niveau, wo sie Revolution fürchten muß*. Selbstreinigung ist zu erwarten nur unter starkem öffentlichem Druck.
* Auf diese Vermutung bin ich gekommen durch: Lawrence J. Peter & R. Hull, The Peter-Principle (1969): Jeder wird befördert, bis er sein level of incompetence erreicht hat.

Der Selbstmordterrorismus der Palästinenser und der Al Kaida wächst auf dem Boden kollektiver Kränkung.

Der unbeachtet Unrecht Leidende haßt die geschäftig mit sich zufriedene, im Vorbeigehen achtlos aufmunternde, gedankenlos mahnende Gesellschaft. Und das ist massenweise der Fall. Die Gesellschaft trägt ein unheimliches Zerstörungspotential in sich. Es taucht an die Oberfläche der Öffentlichkeit auf als Vandalismus junger Männer mit beschämenden Zukunftsaussichten in einer Welt voller Versprechungen.

Daß es auch Profitanten in der Unterschicht gibt, die ihr Unternehmen und den Wohlfahrtsstaat ausbeuten, ändert nicht die Ausbeutungs-Grundstruktur.
Ausbeutung seitens des Reichen ist ein größeres Vergehen als die seitens des Armen. Schon der Streitwert ist erheblich höher.

Die Mächtigsten legitimieren sich manchmal echt als Beschützer der Ärmsten.

Dem Elendsmilieu gegenüber, ist unser Mitgefühl von Abscheu überlagert und überwältigt, aber nicht ausgelöscht. Es bleibt ein soziales Schuldgefühl als Tonus der Menschlichkeit.

Die ganze Gesellschaft ist daran interessiert, daß niemand sich ein Leben in Ehren durch Unrechttun erkaufen muß. (Vgl. Spr 30,9).

Nicht Korruption der Führungsschicht und organisiertes Verbrechen, sondern deren Abwesenheit wäre erklärungsbedürftig.

Wenn es unausweichlich hart auf hart geht, im Kampf um lebensnotwendige Ressourcen, heißt die Alternative zu Vernichtung: Unterdrückung. Versklavung schützt Leben.

Recht ist nicht ein Vertrag zwischen Gleichen, sondern immer schon ein Vertrag zwischen Ungleichen. Den Schwächsten rettet es ihr Leben; die meisten profitieren von der Vermeidung von Reibungsverlusten; die Mächtigsten profitieren am meisten.

Was kauft man sich fürs überschüssige Geld? Wenn die Mächtigen sich mit Macht immer noch mehr Macht kaufen (zur Verbesserung der Lebens­chancen der eigenen Familie im gesamtgesellschaftlich immer unübersichtlicher werdenden Konkurrenzkampf), so muß endlich Macht wieder einmal zum negativen Prestigewert werden. Sie bekommen mit einer Gegenmacht von Ressentiments zu tun, geraten immer tiefer in Legitimationsnöte. Sie brauchen mehr Schwindel (Public-Relations-Pflege) und Gewalt (Polizei oder Selbstjustiz, Militär). Marx sah den globalen finalen Bürgerkrieg kommen. So einfach wurde es nicht. Die Grunddynamik, die ihn beschäftigte, ist aber noch aktiv.

Lebenswertes und lebensunwertes Leben bilden ein Kontinuum.
Menschen sind sozial desto wertvoller, je besser sie das Chaos beherrschen helfen. Irre, Strafgefangene, Greise, Arme, Ausländer werden deshalb tendentiell als minderwertig behandelt. Man läßt die Untersten als Wertlose leben, bis sie „von selber“ sterben. Der so christliche Berlusconi will einen Menschen gar länger als 17 Jahre im Wachkoma erhalten.
Die gequälten Untersten bilden in der Kultur wohl so etwas wie das rezessive biologische Erbgut, das die Natur nützlich gefunden hat. Aber auch sonst erhebt sich die Kultur ja über die Natur. Die verschiedenen Kulturen haben verschiedene feste Regeln, nach denen sie ihre Individuen sterben lassen. Hier wäre zunächst Gesprächskultur erforderlich; stattdessen wird hier tabuiert.

Die soziale Rangordnung verteilt Reproduktions­chancen ungleich. Auch psychisch: Selbstgefühl begünstigt Sex und Kreativität; Depression reduziert das. (Das deprimierende innere Chaos, das oft der Kreation einer neuen Idee vorausgeht, ist von dieser sozialen Bedrücktheit zu unterscheiden.)

Es ist eine Schande, der Oberschicht eines unsozialen Landes zuzugehören. Es ist eine Ehre, der Oberschicht eines sozialen Landes anzugehören. In der Weltgesellschaft ist es zunehmend eine Schande, einem Land der internationalen Oberschicht anzugehören. Diese schmarotzt von der Moral anderer.

Durch die Ideologie von der Gerechtigkeit der Gesellschaftsordnung, die die höheren Schichten mit heiligem Eifer verfechten, werden die Zurückbleibenden entehrt; und durch ihre Scham wird die bestehende Ordnung – vorläufig –stabilisiert (S.Neckel).

Die realisierbaren sozialen Gutmachungen werden nie genügen. Es geht nicht ohne Ressentiments ab. Man muß trotzdem tun, was man kann, – nicht um diese mundtot zu machen, sondern um sie klein zu halten.

Die Gesellschaft kann nicht umhin, die jeweils unterste Schicht in ein Elend zu drücken, in dem Hunger und Krankheit das Leben verkürzen und wenig Chance für den Nachwuchs bleibt.

Es ist geboten, Macht zu respektieren, den Geehrten zu ehren.
Es ist ein Gebot der Klugkeit, dem Mächtigen auch ungeschuldete Freude zu bereiten, die man Macht hat, ihm auch wieder zu entziehen; um ihn zu motivieren, seinerseits sich sozialer zu verhalten, als er muß.
Es ist eine Freude, Autorität anerkennen zu können und zu ehren.
Es ist verboten, dem Mächtigen zu schmeicheln, weil es ihn zum Schaden der Allgemeinheit verdirbt.

Im Wissen um das Elend anderer kann der Bescheidene sich doch des eigenen Wohlstands freuen, am bequemsten aber der Dummdreiste.

Das Leben in den Simplifikationen der Machtelite ist komfortabel, aber wenn einer nicht aufpaßt, bezahlt er es mit seiner Seele.

Die Mächtigen sind froh über redlich-verläßliche Unterschicht, aber lassen sichs möglichst wenig kosten.

"Große" Familien gehen oft auf einen reichen Ahn zurück. Er hat den Willen zur Familie und diese hat von ihm die Mittel für angenehme und nützliche Kommunikation. Später wird die Macht durch Legende legitimiert.

Die Oberschicht ist immer Vorbild, aber selten ein begrüßenswertes. Schein und Sein klaffen hier besonders aus einander.

Wichtig für das soziale Klima sind die Fragen: Wer läßt wen lieber wie sehr leiden, als auf was zu verzichten?

Man hat die Wahl zwischen mehr Gewalt-Kriminalität (USA) und teurerem Sozialstaat (Europa).

Verschwendung knapper Ressourcen ist empörend.
Sie ist Reichen eher möglich. Unter Umständen aber ist Ungleichverteilung ökologisch sparsamer als Gleichverteilung.

Man hat gesagt, es gebe überall zwei Parteien, die Geiz- und die Neid-Partei. Die Kulturschaffenden häufen sich bei letzterer. Liegt das an der Kultur?

Es war einmal ein gern gesehener, glücklicher Mensch. Er geriet in Not, verheimlichte, enttäuschte, blieb schuldig, vereinsamte, wurde krank, arm, notdürftig versorgt, und starb, in bald verblassender Erinnerung vergessen. Kannten Sie ihn nicht auch?

Der größte Leidensdruck liegt auf den am wenigsten Gebrauchten.

Andrew Carnegie (1835-1919): "Wer reich stirbt, stirbt unehrenhaft."

Die traditionelle Arbeitsgesellschaft verschwindet. Die Arbeitsplatzvernichtung durch effizienzsteigernde Strukturreformen in der Erwerbsarbeit delegitimiert den Wert der Arbeit als Verteilungsschlüssel für die knappen Güter.
Die Legitimität des Kapitals ist ebenfalls schwach. Chaotische Verteilungskämpfe stehen an.

Die Gefährdung der Konsensfähigkeit der schiefen Verteilung der Güter gefährdet in erster Linie die Massen.

Das legendäre patriarchalische Verantwortungsgefühl in konservativen Gesellschaften war familiäre Interessenwahrung.

Beamtenfamilien tradieren Interesse am Staat und insofern am Gemeinwohl.

Den Unglücklichen macht seine soziale Situation tendentiell physisch krank und sie ist kränkend. Den Protest soll der Betroffene verschlucken; er schont seine Gesundheit, indem er ihn – mehr oder weniger sozialverträglich – ideologisch oder religiös, symbolisch verarbeitet. Das Aggressionspotential wird verschoben.
Wer sozial Glück hatte, sollte destruktive und kränkende Protest-Äußerungen (im Medium der gemeinsamen Umwelt oder direkt ad personam) von Unglücklichen bescheiden verstehen und persönlich durch Übernahme von dann nötigen niedrigen, demütigenden Aufräumungs- und Reinigungsarbeiten (im übertragenen und im wörtlichen Sinne) als im Grunde berechtigt anerkennen. Die Instabilitäten zwischen Recht, Sitte, Mitgefühl und Frömmigkeit bedingen Konflikte und Reibungen. Sie sind nicht wegzurationalisieren.

Kaskaden gestufter Teilnahme zwischen den Schichten sind für die Gesellschaft wesentlich.

Jeder zusätzliche Konsum belastet die Umwelt. Höherer Lebensstandard ist deshalb – wie tiefster – in aller Regel auch größerer Verschmutzer der Umwelt.

Man kommt zu Macht, indem man sich mächtigen Koalitionen anschließt. Als Bezugsrahmen ist für den einzelnen Akteur seine Koalition der Gesamtgesellschaft vorgeordnet. Das bedeutet, daß der globalgesellschaftliche Wert der Koalition durch die Eigeninteressen der Akteure weiter heruntergewirtschaftet werden kann, während die entsprechende gesamtgesellschaftliche Reaktion sich erst noch vorbereitet. Meist sind es die Hauptverantwortlichen, die dann am ehesten ihr Schäflein ins Trockene bringen können. Machtelite ist ein zähes Phänomen.
Die Vertiefung der Welterkenntnis durch solche Einsichten ist den Wenigsten eine hinreichende Genugtuung, um nüchtern zu bleiben; Rachephantasien nehmen Zuflucht ins Jenseits und funken von dort immer wieder ins Diesseits hinein.

In allgemeiner Bedrängnis sucht der Hunger Opfer. Es gibt reichlich Anhaltspunkte zur Stigmatisierung von Minoritäten. Minoritäten bilden an sich noch keinen Konfliktstoff. Immer wieder aber kommt es durch Verkettung von Zufällen zu Komplexitätszusammenbrüchen im symbolischen Chaos, zu Wahnbildungen, in deren Namen die Mehrheit die Minorität überfallen darf.

Mundus vult decipi – die Welt will betrogen sein. Die moderne Demokratie leidet darunter, besonders im Wahlkampf.
Es ist eigentlich ein seelsorgerliches Problem: Wenigen geht es gut, vielen geht es nicht gut. Wie sollen die Verlierer im sozialen Verteilungskampf einer sich als egalitär erklärenden Gesellschaft ihre Niederlage mit Würde tragen?
Eine beliebte Möglichkeit bilden personalisierte Schuldzuweisungen.
Eine weitere ist, ungebrochen hoffnungsvoll weiter zu kämpfen. Hier sind die großen Wahlversprechungen willkommen.
Ferner sind verschiedene Formen von Resignation möglich – von edelster Philosophie (die „Seelsorge“ im ältesten Sinne!), "Liebe zur Weisheit", Wille, Mut und Kraft zur Wahrheit – bis ins andere Extrem: Tabak-, Alkoholmißbrauch, Verwahrlosung.

Die Sprache von Herrschaftsverhältnissen ist grob stereotypierend. Mitdenken der Untergebenen liegt im Gesamtinteresse, aber für die Herrschenden ist es eine unkontrollierbare Quelle möglicher Kritik. Die Unterworfenen passen sich an und entwickeln den „Autoritarismus der Unterschicht“.

Man hat eine numinose Angst vor dem Fluch der Armen. „Gott hört das Geschrei der Armen“, gibt ihnen eine geheimnisvolle Macht und Würde.
Bettel ist von Bettler und Angebetteltem zu respektieren als aufreibendes Schicksal. Die Teil-Identifikation beim Hineindenken in den Armen vertieft die Selbsterkenntnis. Von daher bemessen wir die Fürsorge.

Begegnung zwischen Arm und Reich verlangt von beiden Seiten Mut.

Die Arbeitswelt als ganze gehorcht dem Peter principle. Sie organisiert sich so lange immer ökonomischer, bis genügend entscheidende Subjekte ihr level of incompetence dadurch erreicht haben, daß sie ihre ganze Aufmerksamkeit darauf konzentriert haben, in die entscheidenden Positionen zu kommen und sich darin zu halten.

Ungebildete werden eher strategische Entscheidungen treffen, die (nicht für sich selbst und vielleicht nicht so sehr für die Firma wie gesamtgesellschaftlich) fatal sind.
Das Gefühl dafür fehlt nicht. Der Top manager muß sich heute meist vor ebenfalls Ungebildeten, mit Bildungsklischees (Buch gelesen, Museum besucht ...) als gebildet zu präsentieren wissen.

Es geschieht immer häufiger: Der besitzstandswahrende, seßhafte Europäer, in die Arbeitslosigkeit gestoßen, soll auf deutlich tieferem Niveau noch einmal neu anfangen. Das ist besonders bitter, so lange dies, im Licht der älteren Normen, beschämend gefunden wird.

Arbeitsplätze haben heute weniger mit Arbeit zu tun; wesentlich ist der Platz, die (lebensnotwendig gewordene) Vervielfachung der Effizienz des Arbeitens.

Machtakkumulation, die größer ist als die für das beherrschte Gebiet erforderliche Kompetenz, bedeutet ein erhöhtes Risiko für die Beherrschten und endlich für das gesamte System. Wenn legale Gewalt (Staat) und soziale, insbesondere wirtschaftliche Macht mit einander verschmelzen, wachsen die Anforderungen an die Machthaber, und ihre Fähigkeiten drohen hinter diesen zurückzubleiben; denn die Lage bleibt stabil, so lange ihre Fähigkeiten noch zu ihrer Machterhaltung genügen.

Leidende Massen gönnen einer Elite das Bessere nur im Namen einer hehren gemeinsamen Aufgabe, deren Lösung Führung verlangt, – am Besten in kollektiver Einzigkeit.
So funktioniert Rußland: Die extrem ungleiche Verteilung der Güter stärkt im Volk das Bedürfnis nach Glaubensgemeinschaft; und diese relativiert die sozialen Unterschiede.
In China fürchtet die Machtelite die Falun Gong, weil sie eine Alternative zur staatstragenden Glaubensgemeinschaft darstellt. Die Privilegien kommen in Gefahr.

Égalité, das Schlagwort der französischen Revolution, hatte in seinem Lebenszusammenhang seinen guten Sinn. Als Attraktor der sozialen Symbolik hat Gleichheit bleibende Bedeutung. Gleichheit vor dem Gesetz ist eine Überforderung schon der Legislative. Als absolute Forderung ist sogar Chancengleichheit Unsinn.

Parteilichkeit für die Glücklichen ist natürlich. Parteilichkeit für die Unglücklichen wurde als Christenpflicht ausgegeben. Sie schafft aber neue, unlösbare Probleme. Gefordert hingegen ist eine aufmerksame, gegebenenfalls aktive Anteilnahme.

Die Unglücklichen können glücklich sein durch Freude am hoffnungsvollen Glück anderer. (Das ist kein überzogenes Christentum, sondern hat seine Vorformen schon im Tierreich.)
Die Glücklichen können das begünstigen durch tätige Dankbarkeit. Bauen sie aber auf dem gegebenen sozialen Fundament nur ihr individuelles und familiäres Glück aus, so ist das kein hoffnungsvolles Glück mehr, sondern besorglicher Raubbau.

Je größer die Ungleichheit, desto schwächer ist das Recht legitimiert. Es ruht schließlich nur noch auf der zivilen Friedensdividende.
Diese kann angesichts der Bürgerkriegsländer freilich kaum jemand unterschätzen; aber es genügen breite Unzufriedenheit und ein paar talentierte Revoluzzer, um eine Katastrophe ins Rollen zu bringen.

Bürgerliche Freiheit gibt es nur unter instabilen Bedingungen; sie muß ständig durch viele Interventionen opferbereiter Einzelner aufrechterhalten werden.

Spannungslose Ausgeglichenheit wäre der Tod. Spannung (und Drohung) gehört zum (sozialen) Fließgleichgewicht.

Schon Mitgefühl und Hilfsversuche trösten!

Der Übermut der Machtelite ist verheerend vorbildlich.

Die Reichen mußten früher, unter Einsatz des eigenen Leibs und Lebens, ihren Reichtum gegen Gewalt Armer und anderer Reicher mit Waffengewalt verteidigen. Heute kommen sie in prosperierenden Ländern mit erhöhten Steuern davon und klagen darüber.

Die Ungleichheit unter den Menschen ist naturgegeben; aber die Gleichgültigkeit dagegen ist ein Skandal.

Technologie, insbesondere Waffentechnologie erhöht die Ungleichheit unter den Menschen.

Man wünscht sich Verwöhnung. Reichtum verwöhnt. Die ihm entsprechenden Denkgewohnheiten und Verblendungen werden zur zweiten Natur. Es entsteht eine sich selbst stabilisierende Pseudo-Species (Adel, Kaste). Deren Erhaltungsbedingungen sind unabhängig von den Entstehungsbedingungen.

Das Bevölkerungs- und das Produktivitätswachstum zusammen schaffen wachsende soziale Ungleichheit der Lebensqualität: Die gut bezahlten Arbeitsplätze mit hoher Produktivität werden knapp; von den persönlichen Dienstleistungen können nur die spezialisiertesten (Ärzte, Rechsanwälte, Firmenberater mit Beziehungen) gut bezahlt werden. Die Marx’sche „Reservearmee“ der Arbeitskräfte wächst; die Reallöhne fallen.
Unter notorisch instabilen Lebensbedingungen setzt solide soziale Friedfertigkeit der unterprivilegierten Massen bei diesen eine Weisheit voraus, die man nicht von ihnen erwarten kann.

Alle Kombinationen sind neue, ihrerseits kombinierbare Entitäten. Die Machtmittel der meisten Menschen sind gewaltig gestiegen.
Die menschliche Intelligenz vergrößert ständig die Arena, legt die Latte für den Konkurrenzkampf aber auch immer höher. Was wird aus den Dümmeren und weniger Informierten? Sie können, von Demagogen primitiv organisiert, beängstigend viel – immer mehr, vielleicht alles – kaputt machen!

Frustrierte suchen Objekte legitimer Empörung.

„Obszöner“ Reichtum ist, dem Wortsinn nach: elementar menschlich ekelhaft, physisch abstoßend, unanständige Aufreizung zu tätlichen Eingriffen (Mitmachen oder Verhindern), eine Revolte gegen die Kultur. Es handelt sich ja aber nicht um physische Ausscheidungen, die entsprechenden Körperteile, deren Exhibition, Anspielungen darauf oder Nennung; sondern in dieser Metapher bildet sich eine Übersprungsreaktion ab. Dieser Reichtum wird als eine Bedrohung der Grundlagen des menschlichen Zusammenlebens in großem Maßstab erlebt und ruft Empörung mit körperlichen Reflexen hervor.
Der soziale Friede ist gefährdet!

Legitimationsdefizit erhöht den Bedarf an Leibwächtern.

Schon in naturwüchsigen sozialen Gruppen ist die Macht ungleich verteilt. Die Ungleichverteilung steigt absolut mit der Gruppengröße. Die Technik steilt die Ungleichheit dann besonders auf.

Ungleichverteilung der knappen Güter empört kulturspezifisch. Kultur kann ein Entgleisen der Instabilität verhüten.

Auch vom Transfer zugunsten der Armen profitieren am meisten Reiche. Unter dem zwangsläufigen Systemzusammenbruch der Struktur leiden dann wieder die Ärmsten am meisten.

Die Entwicklungsgesetze des Lebens führen zwangsläufig zu der aller Gerechtigkeit spottenden, chaotischen Verteilung der knappen Güter.
Die Personalisierung dieses Problems setzt Horizontverengung voraus, hat aber kulturbedingt Reaktionen zur Folge, die lokal das Chaos durch Rechtspflege mildern.

Sich dem Stärkeren ergeben soll man, wenn man damit das anvertraute Gut, das man weitergeben soll, besser schützt.

Auch die Forderung nach gleichen Chancen für gleiche Intelligenz und Bildung ist nur in einem verengten Horizont gerecht.

Dummheit, Faulheit, Verantwortungslosigkeit, Armut, Aussichtslosigkeit und Unzufriedenheit treten auch isoliert auf, hängen aber mit einander zusammen. Das ist ein Potential kleinerer (krimineller) und größerer (revolutionärer) Katastrophen, das mit der Hochtechnologie und der Ungleichverteilung der knappen Güter wächst.
Der gesellschaftliche Wandel als neue Normalität läßt nicht erwarten, daß sich eine stabile Ungleichheit und wieder ein Feudalismus einspielen wird, wo fast jeder nach seinem Stande leidlich zufrieden leben könnte. Zwischen Geiz und Neid gibt es immer weniger ein stabiles Gleichgewicht.

Das allgemeine Interesse an stabilen Verhältnissen verträgt erhebliche Dysfunktionalität der Führungsschicht.

Die Geselligkeit der Oberschicht in ihren „großen Häusern“ und Schlössern diente und dient dem Machterhalt.

  1. Arbeit

Nicht einfach Arbeit, sondern wesentlich werterhöhend sozial organisierte Arbeit, entgolten in öffentlich anerkanntem Wert (Geld), in fester Stellung verleiht sozialen Status.

Ein gut bezahlter Arbeitsplatz will erkämpft sein, und zwar nicht nur durch Qualifikation und Leistung. Man muß in den Mächtigen die Erwartung wecken, daß man der Ausweitung ihrer Macht besonders nützlich sein werde.

Sind die Arbeitnehmer selbst Eigentümer eines großen Betriebs, altert dieser so sympathische Betrieb zusammen mit dem Personal. Trennung von Kapital und Arbeit flexibilisiert den Betrieb.

Die Wirtschaftsführer appellieren an den Staat, die Arbeitsmoral zu heben. Die Gewerkschaften appellieren, er solle die Ausbeutung bändigen. Der Staat muß zwischen unzufriedenen vielen Armen und unzufriedenen wenigen Reichen lavieren.

Der Computer ist Sklavenersatz und führt in dem Maß zu Arbeitslosigkeit, wie Arbeit Routine war.

Der Wert des Menschen für den Menschen liegt zum großen Teil in der Zusammenarbeit. Feste Arbeitsverhältnisse stabilisieren den gesellschaftlichen Wert und die Identität eines Menschen.

Die Mittelstands-Arbeitswelt verliert gegenwärtig Terrain an gegliederte Größt-Organisationen einerseits und an die Kleinstformen der Parallelwirtschaft (Schwarzarbeit und Tausch) andrerseits.

Die sieben Artes liberales (Grammatica, Rhetorica, Dialectica; Arithmetica, Geometria, Astronomia, Musica), die Lehre erfordernden Kompetenzen, die den freien Bürger und seine Kinder zieren, betrafen symbolisches Material – verglichen mit dem (körperliche Anstrengung verlangenden) Handwerk: einen „Frei“-raum.
Wenigstens Freizeit muß, nach der Selbstentfremdung durch die Lohnarbeit, Raum geben, wo die Individualität willkommen ist, zu Selbstfindung in freier Betätigung.

Als "unterbezahlt" wird empfunden auch Bezahlung nach Marktwert der Arbeit, wenn dieser, infolge neuerlicher Verzerrung, unterhalb des kulturell jedermann zugebilligten subjektiven Wertes der Zeit eines Menschen liegt.

Der Betrieb ist eine Kooperationsstruktur, die gegenüber den Eigenschaften der Mitarbeiter sehr stabil ist.

Entfremdete Arbeit muß bezahlt werden. Persönlicher Einsatz kann nicht dinglich/finanziell abgegolten, bezahlt werden, ihm gebührt Dank und Ehre. Der Empfänger kann sich durch ein „Honorar“ erkenntlich zeigen.

Der moderne Arbeitsplatz ist ein Geschenk unserer Kulturgeschichte. Er adelt hoch und – noblesse oblige – verpflichtet höher als je.

Hetze gebietet, um gewisser Dinge willen alle anderen Dinge achtlos zu behandeln. Das führt zu Raubbau an sich selbst und an den Dingen und ist nur in Not erlaubt.
Ruhige Arbeit hingegen macht den Menschen mit der Eigenart der Dinge vertraut.

Kompetenz muß ständig erneuert werden. Auf dem Höchststand sie möglichst pausenlos einzusetzen, bringt den höchsten Gewinn.
Deshalb hat man die Überarbeiteten neben den Arbeitslosen, deren Chancen ohne gute Fortbildung weiter sinken.

Das Erleiden entfremdender Arbeit ist eine für die Reifung des Selbst unabdingbare Erfahrung.

Die aufgesteilte Verteilung der Befähigungen durch die moderne Technologie hat zur Folge gehäufte Überarbeitung auf der einen und Arbeitslosigkeit auf der anderen Seite der Bevölkerung.

Umsicht bei der Arbeit setzt Identifikation mit dem Betriebsziel voraus. Sonst wird nur maschinenhaft work to rule geleistet, und das ist für den Arbeiter entwürdigend und für den Betrieb gefährlich.

Im Zeitalter der Technik kann man weniger ungelernte und auch immer weniger gut geschulte Arbeitskräfte brauchen.

  1. Arbeitslosigkeit

Früher konnten die wenigen Menschen weniger machen. Gemessen an den Bedürfnissen der Menschen und der Knappheit der Güter, gab es also schon damals zu viele Menschen. Aber die Arbeit des einen war dem andern etwas wert. In dieser Welt hatte die klassische Arbeitsmoral („Wer nicht arbeiten will, soll auch nicht essen“, 2Thess 3,10) ihren Ort.
Seit der industriellen Revolution aber haben die Menschen teure Produktionsmittel entwickelt, die wertvoller sind als die (unschwer ersetzbare) unqualifizierte Arbeitskraft, und sie haben sich enorm vermehrt. Die Nachfrage nach höher qualifizierten Arbeitskräften ist nicht stark genug, um hinreichende Ausbildung zu finanzieren. Ausweislich der Arbeitslosigkeit gibt es zu viele wirtschaftlich wertlose Menschen. Von leuchtenden Ausnahmen abgesehen, ist heute ein Mensch den andern weniger wert.

Unterprivilegierung kränkt.
Kränkung betrifft die ganze Person; sie wird archaisch durch Tötung des Beleidigers gesühnt. Diese bringt dem Mörder den Triumph der Genugtuung.
In unserer heutigen Kultur ist Arbeitslosigkeit entehrend und deshalb (!) Massenarbeitslosigkeit hoch gefährlich.
Die Empörung der Entehrten gegen das Establishment pflegt sich ideologisch, nationalistisch und religiös, zu verkleiden.
Keine Evolution ohne Revolutionen; große gesellschaftliche Prozesse sind nicht kontrollierbar. Auch vom Establishment her möchte man Blutvergießen und Zerstörung verhüten.

Das Marx’sche Ressentiment ist respektabel, die Sublimation seiner Aggression in wissenschaftlicher Arbeit höchst respektabel. Er hat enorm viel – Schlimmes – bewirkt. Ohne seine Leistung wäre die Geschichte anders schlimm gelaufen.
Jedenfalls ist man seinem Gefühl, seiner Moral und seinen heute, nach anderthalb Jahrhunderten, wieder zur Diskussion stehenden Thesen Respekt schuldig.

Durch Frustration ihres Gestaltungswillens, ihrer eigenen Aktivität, werden expansiv geltungsbedürftige junge Männer, als im sozialen Konkurrenzsystem hoffnungslos überflüssig, gedemütigt. Von der Außenwelt werden sie nicht hinreichend positiv anerkannt.
Der arbeitslosen Reservearmee liegen passive Angst, Selbstmitleid und Depression nahe. Sie aber wollen solche Gefühle in sich möglichst nicht aufkommen lassen, sondern in aktive Aggressivität verkehren.
Sie finden sich an Treffpunkten ihres Milieus und schließen sich zunächst wechselnden Kleingruppen an und organisieren sich dann fester in großen Wir-Gruppen. Die Gruppe steht unter hoher aggressiver Spannung und ist eine spröde Einheit. Sie ist – auch um den Preis schwerer Selbstschädigung – glücklich in öffentlich wichtig genommenen, ausdrucksstarken Taten. Sie beschäftigt immer wieder die Polizei und wird wenigstens in den kleinen Meldungen der Lokalzeitung offentlich bemerkt. Mit kaum einer denkbaren sozial wertvollen Tätigkeit haben sie eine Chance, in nützlicher Frist so wichtig genommen zu werden. Selbstzerstörung ist nicht Ziel, wird aber für eine Erhöhung des Selbstgefühls in Kauf genommen. ("Nehmen sie den Leib, Gut Ehr Kind und Weib, laß fahren dahin.") Haß und Angst breiten sich aus.
Wer kann, wird Diktator. Diktatoren organisieren die Gruppen. Die Unorganisierten stehen schutzlos zwischen den Fronten.
Großtaten wie Reichsautobahn bauen verfangen nicht mehr. Sie werden kränkenderweise heute von gut eingesetzten, anspruchsvollen Maschinen mit persönlichem Einsatz von nur ganz wenigen Menschen, ebenso gut gemacht.
Der gestern noch normale Mensch ist im Zeitalter der Robotik ein veraltetes Modell.

Angesichts der Wichtigkeit der Arbeit in der Ordnung unsres Zusammenlebens ist man, um der Legitimität dieser Ordnung willen, verpflichtet, Arbeit Suchenden zu helfen.

Beim heutigen Stand der Technik nützen Lohnsenkungen den Arbeitgebern deutlich mehr als den Arbeitslosen.

Der Grenznutzen der Kooperation unter den Menschen in Form organisierter Arbeit ist in manchen Bereichen unseres politisch-ökonomischen Systems wieder unter die Grenzkosten gesunken. Die Wochenarbeitszeit wird verkürzt, die Schattenwirtschaft floriert.
Es gibt aber auch Grenzrisiken. Mit jedem weiteren "Arbeitslosen" wächst das Chaos.

Die durchschnittlichen Kapitalerträge sind ebenso unverdient gestiegen, wie der Stundenlohn moderner Arbeitsstellen.
Immer mehr Menschen, die daran nicht teilhaben, sollen es zufrieden sein, wenn dieses Glück anderer ihnen als verdient präsentiert wird.

Punktuell richtig eingesetzter Unanstand lohnt heute deutlich mehr als Anstand.

Die Arbeitslosen entwickeln eigene Kulturen. Später mögen aus diesem Milieu sogar Impulse in die gesamtgesellschaftliche Kultur ausgehen.

Einkommen wird öffentlich verehrt, Arbeitslosigkeit verachtet – von photogenen Ausnahmen abgesehen. Beides muß durch Aufklärung entmythologisiert werden!

Der Grenznutzen der Arbeitskraft ist weithin durch die Technik unter das Überlebensminimum gesunken. Gewerkschaftlicher und nationaler Protektionismus verdecken das.
Die Ärmsten sind für den zentralen, monetarisierten Markt so wertlos, daß rein marktwirtschaftlich kein Grund besteht, für sie auch nur so viel auszugeben, daß sie davon überleben können.

Arbeitsplatzsuche zermürbt; man kämpft aus einer schwachen Position. Das ist die Kehrseite des survival of the fittest, – selbstverstärkte Elimination der Schwachen, der sich aber die menschliche Solidarität widersetzt.

Der demoralisierte Arbeitslose ist einer, der sich für seine Person mit Dauerarbeitslosigkeit, also einer sozial sehr schwachen Position, abgefunden hat.
Leben ohne Arbeitseinkommen war ein mönchisches Programm. Man wollte da, sozial stellvertretend, in Auseinandersetzung mit dem Geist der Gesellschaft, den inneren Menschen kultivieren. Das ist für wenige Einzelne und kleine Gruppen ein hoffnungsvolles, für die meisten aber pathogenes Programm. Schon früh bedurfte die Grenze zwischen Mönchtum und Verwahrlosung besonderer Aufmerksamkeit.

Arbeitslosigkeit ist der Beruf der Zukunft. Die Zahl derjenigen Arbeitslosen wächst, die sich mit diesem Status abfinden. Angesichts der offiziellen Ratlosigkeit/Verlogenheit sollte man die spontanen Strukturierungen hier mit Interesse beachten. Vielleicht wäre da etwas zu lernen.

Arbeit, Geld und soziale Anerkennung sind durch eine alte, von den Wohlsituierten gestützte Symbolik stärker verkoppelt, als es der heutigen Wirtschaftsstruktur entspricht.

Die Wirtschaft ist kompliziert geworden. Man kann ihre Dynamik nicht mehr voraussehen. Fehlinvestitionen jeder Größenordnung werden zahlreich. Der Einzelne investiert in seine berufliche Qualifiktion, und plötzlich ist diese nicht mehr gefragt. Qualifizierte Arbeit ist ehrenvoll; minder qualifizierte Arbeit entehrt. Wer sie annimmt, riskiert, sich auf dem Arbeitsmarkt für seinen eigentlichen Beruf zu disqualifizieren.

Von jedem verlangt die Einfügung in geordnete Arbeitsverhältnisse Opfer; und hier wacht die soziale Kontrolle über ein erstaunlich undifferenziert egalitäres Gesetz. Man geht davon aus: Der Arbeitslose ist faul, er verlangt keine Opfer von sich; und wir sollen für ihn opfern!
Aber Faulheit ist ein Aspekt von Depression; und Depression ist oft normale Reaktion auf deprimierende Umstände.

Von Arbeitslosigkeit spricht man, wo Zusammenarbeit keine institutionalisierte Form hat. Eine Arbeitsstelle verleiht dem Leben die übliche Legitimation.
Arbeitslosigkeit ist herkömmlicherweise ein Makel. Aber es gibt immer weniger, weil immer effizientere, Arbeitsplätze. Und so zerfällt die undifferenzierte, uralte Legitimationsbasis: Am untersten Ende der Skala steigt der Prestigewert der Arbeit (notabene bei sinkendem Lohn); der Arbeitslose aber bleibt sozioökonomisch wertlos – ungeachtet seiner Moral! Für die Entwicklung und Aufrechterhaltung der Moral jedoch ist die soziale Anerkennung wesentlich! Diese unklare Situation moralisch durchzustehen verlangt deshalb außergewöhnliche Reserven.
Die einst wohlbegründete Prestigeordnung ist noch nicht ersetzt, aber relativiert. Dies ist keine Zeit für Urteilsfreudigkeit, sondern für Bescheidenheit.

Die mit einander fröhlich saufenden Arbeitslosen „lassen gut sein“, so lang sie nichts Besseres tun können.

Der Unterschicht sind viele, an sich legitime Lebensoptionen verwehrt. Fernsehen und Alkohol bieten heute vital wichtige Räume der geistigen Freiheit gegenüber der Realität. Typische Unterschichtsreligionen verheißen Teilhabe an der Herrlichkeit der Gottheit. Diese ist, im Maße der empfundenen Unterdrücktheit, autoritär, als Herrschaft vorgestellt.
Die Bibel ist reich an Herrlichkeitsvorstellungen. Je größer die reale Not, desto realistischer werden sie verstanden.

Eine Solidargemeinschaft, in die auch die manifest Nutzlosen eingebunden sind, ist menschlich kompletter, eine Schule des Lebensernstes. Hier ist Gelegenheit, über den „Nutzen“ des ganzen menschlichen Lebens nachzudenken.

Was man „Arbeitslosigkeit“ nennt, ist ein Aspekt der extremen ökonomischen Ungleichheit der Arbeitsplätze, nämlich Mangel an Plätzen, wo der Marktwert der Arbeitszeit durch die Faktoren Kompetenz, Ausstattung und wirtschaftliche Verflechtung erhöht wird.
So lange Arbeit als Maßstab für die legitime Verteilung der knappen Güter nicht ersetzt ist, bedingt Arbeitslosigkeit soziale Spannung.

  1. Armut

Man läßt Obdach- und Arbeitslose durchs Alkohol-Loch ins frühe Grab rutschen.

Für den Armen sieht schon das Alte Testament gelegentlich Alkohol vor (Wein), "damit er seines Elends vergesse" – und möglichst im Rausch sterbe (Spr 31, 6f.). Das Neue Testament (Eph 5, 18) empfiehlt stattdessen den Heiligen Geist.

Ein Erfrorener unter der Brücke ist dem normalen Ehrenmann nicht gleichgültig. Ein Minimum mitmenschlicher Identifikation bleibt immer (und liegt ja auch dem Sadismus zugrunde).

Die Armen sind Zeugen, was vom geltenden Recht zu halten ist. Auch die Etablierten sind Zeugen, aber auch nicht unbefangene Richter.

Der Bettler flößt dem Bürger Angst ein vor berechtigtem Neid.
Er repräsentiert eine fremde, bedrohliche Welt. Man wünscht dieser eine Ideologie der Zufriedenheit. Das aber ist wohl nur in Ordensgemeinschaften möglich. Ein stabiles traditionelles Armutsmilieu kann eine vergleichbare Funktion entwickeln. Aber derartiges wird heute durch die Verführung der Medien unterminiert.

Wo Armut herrscht, erstickt und ertrinkt der Mensch tendentiell in seinem eigenen Dreck, für Mensch und Umwelt ungesund. Sie ist für alle potentiell infektiös und natürlicherweise ekelhaft und bedrückend.
Manche Slums werden physisch saniert. Die psycho-soziale Sanierung gelingt selten; das sanierte Slum bleibt eine Brutstätte der Kriminalität, Reduit des Ressentiments im schmutzigen Krieg gegen die marginalisierende, von Weißkragen-Kriminalität durchzogene, allzu chaotische soziale Ordnung.

Die erste normale Reaktion des Armen, dessen redliche Bemühungen nicht honoriert werden, ist Empörung. (Wohl deswegen hat man ein Bißchen Angst vor ihm.) Diese zu verarbeiten in Weisheit etc. ist allemal eine Leistung von ihm, für die man sehr dankbar sein, die man aber nicht verlangen kann.
Wem es gut geht, der schmarotzt an der Moral der Armen, die keine zumutbare Arbeit finden, wenn er verlangt, daß sie trotzdem nicht kriminell werden sollen. Sie sollen, um des Friedens im Lande willen, moralisch mehr leisten als er! Es ist Pflicht des Bessergestellten, sich die brüchige Legitimation seines Wohlstandes so klar zu machen, daß es jederzeit bewußtseinfähig ist (was Freud "das Vorbewußte" nannte). In diesem Sinne soll er leben und handeln, reden und schweigen.
Er ist dem Armen ein Bemühen um mitmenschliche Verständigung inmitten des sozialen Chaos schuldig; wenn möglich explizit, sonst symbolisch. Substantiell impliziert das ein Schuldbekenntnis und Bitte um Vergebung – vielleicht aus Takt gerade nicht auszusprechen. (An dieser Stelle wird mir am ehesten deutlich, was Sündersein und was Vergebungsbedürftigkeit ist.) Man kommt nicht darüber hinaus, das Problem chaotisch zu leben, immer nur sozusagen von der Hand in den Mund.

In einer Zivilisation wie der unsrigen, wo nicht jeder Arbeitswillige eine zumutbare Arbeit finden kann, muß man Geld geben, wenn man angebettelt wird; eine symbolische Anerkennung des Bettlers als Mitmenschen. Wieviel? Wem? Das hängt von der Gesamtsituation in der Straße ab. Sollte man immer ein paar 50-Pf.-Stücke in der Manteltasche haben? – : Nein; das wäre gerade ein Symbol menschlicher Achtlosigkeit.
Auch die strukturellen sozialpolitischen Bemühungen um sozialen Ausgleich bleiben natürlich, am Gleichheitsideal gemessen, symbolisch. Aber sie sind, über den Hilfswert hinaus, als aussagekräftige Symbolhandlungen wichtig.







In Notzeiten, wo die soziale Ordnung versagt, muß man das (von der Reformation abgeschaffte) "Handwerk" des Bettlers, wieder ehren; wie man im 18. Jh. anfing, die bis anhin "unehrlichen Gewerbe" zu respektieren, die, ohne bürgerliche Zunft-"ehre", doch gesellschaftlich gebraucht wurden. Man muß Bettlern – wenn auch (mit schmerzend schlechtem Gewissen) dem einen zu viel (unsere Pflicht wird von Schlawinern ausgebeutet), anderen zu wenig – geben. Die biblische Weisheit warnt vor dem Fluch des Armen, den man vergeblich betteln läßt (zB Spr 28, 27). Wichtig ist die symbolische Mitteilung mitmenschlichen Respekts – auch den Schlawinern gegenüber. Es geht dabei direkt um die eigene Menschlichkeit.

Die meisten Armen müssen neben hoffärtigen Reichen arm sein, ohne auf Änderung hoffen zu können. Gebührt ihre Unehre nicht eigentlich dem, der ihnen diesen irdischen Platz geschaffen hat, und jedem, der das gutheißt; und sollte Gott nicht sie ehren? Denn die Realität ehrt diese Menschen zu wenig. Man möchte sie freisprechen zu schöpferischer Aktivität, ebenso zu emanzipatorischer Tat wie zu äußerer Passivität und innerer aufstörender Produktivität, – sei es der Welt zum Heil, sei es der Welt zum Gericht.

Organisierte Kriminalität hat desto bessere Lebensbedingungen, je mehr Elenden als Alternative zur Hehlerei nur der Weg tiefer ins Elend bleibt.

Man will auch etwas fürs Gemeinwohl tun und hat dabei bestimmte Vorstellungen und Ziele. Nur ein Teil der Wohltätigkeit aber erreicht diese Ziele. Das gilt schon für die Einzelhilfe von Mensch zu Mensch; und es gilt umso mehr für organisierte Hilfe. Gute Organisation hat ihren Preis. Die Grenzen zwischen unvermeidlichem und vermeidbarem Verwaltungsaufwand sind fließend.
Die Konkurrenz von staatlicher, kirchlicher und privat organisierter sozialer Arbeit muß für Disziplin sorgen.

In der Not darf man lügen; so gelten Notleidende für ehrlos.

Wer dem Notleidenden nahe kommt, ist in Pflicht genommen.

Die ökonomisch dringende Einschränkung der technisch möglichen Gesundheitsleistungen bedeutet einen öffentlichen Bankrott der herrschenden humanitären Ideologie. Sie wird deshalb ordentlich diskutiert werden erst, nachdem sie sich ungeordnet, als skandalös dysfunktionale Qualitätsminderung, von selbst durchgesetzt hat.

Nothilfeleistung lohnt sich durch elementares Sinnerleben.

Von großer Not wendet man sich ab. Aber wo es an Nahrung, Kleidung, Obdach und Heizung fehlt, kann man meist etwas lindern, und persönliche Zuwendung, sowohl gegenseitig wie von freiwilligen Helfern (auch Überbringern von Sachspenden) muß nicht fehlen und dürfte nie fehlen.

Die Ärmsten können nur unter einander einen marginalen Handel pflegen von Leistungen und Waren ohne Wert am zentralen Markt.

Der Non-profit-Sektor umfaßt einseitige Wohltätigkeit sowie gegenseitige, einen naturgemäß kleinen Tauschhandel.

Die Masse wird von den höheren Schichten mäßig aber regelmäßig ausgebeutet. Sie lebt gefährdet, in Angst und Stress. (Man redet viel vom gestreßten Manager, aber zu wenig vom stärker gestreßten Arbeiter oder Arbeitslosen.) Für die gesundheitlich wünschenswerte Existenzsicherheit braucht man sozialen Status und für Anpassung und Umstellung auf andere Verhältnisse disponibles Geld.

Marginale (Alte, Jugendliche, Arme) denken anders – für die Behinderten hat es schon Lichtenberg, der behinderte Pfarrerssohn, bemerkt –, vielfach ernster als die oberflächlichen Gedanken der schnellen Mitläufer im rat race. Das ist ein gesellschaftliches Reservoir alternativer Gedanken, das in Notzeiten interessant wird.

Die Innenansicht des Elends ist, dank einer spontanen Aneignung der bedrängenden Umwelt (wie der Luft bei der Atmung) durch das Subjekt, oft nicht so schlimm wie die Außenansicht.

Ich hasse es, angebettelt zu werden. Ich fühle mich genötigt. Die Prägnanz der Szene ist zwingend (die „zwei Hemden“ der Bergpredigt, der Hl. Martin), partiell evident und beirrend. Ich weiß ja nicht, ob eine unabwendbare Not vorliegt. Liegt keine Not vor, so riskiere ich, Trug zu belohnen. Liegt Not vor, so riskiere ich, zu wenig zu geben.
Ich gebe also reichlich; aber ohne die von Goethe (Faust II, 5300) angemahnte Anmut, vielmehr beleidigend unmutig. "Zu essen sollst du haben; aber nicht betteln!" Ich muß in einer meinem Charakter, meinen Fähigkeiten und Möglichkeiten angemessener Weise für die Armen etwas tun, um dem Armen mit Anmut etwas geben zu können.

Von der Not anderer wegdenken ist schuldhaft, - auch wenn man nichts machen könnte. Sich versagen ist Versagen, – ein Riß in der gemeinsamen und in der eigenen Menschlichkeit. Es muß Bescheidenheit zur Folge haben. Sonst muß es Ressentiment erregen.

Der Arme repräsentiert die Transzendenz. Sein Fluch ist gefährlich.

  1. Religion

Der Pfarrer war bei uns lange, neben der Obrigkeit und dem Richter, etwa das, was im Alten Rom der Censor neben dem Praetor war.

Jede Moral ist ein Integrationsentwurf; sie nimmt Frieden und Heil symbolisch vorweg. Die obersten Moralbegriffe müssen die größten Lebensbereiche integrieren; sie sind (implizit oder explizit) religiös. Da es in der Religion um nichts Geringeres als Frieden, Heil und Zusammenlebenkönnen geht, ist lebendige Religion immer mehr oder weniger missionarisch und intolerant. Primitive Religion ist starr; höhere religiöse Kultur besteht aber nicht in symbolischer Unverbindlichkeit, sondern in weiterentwickelter sozialer Spannkraft und Tragfähigkeit ihrer Symbolik.

Die Trennung von Staat und Kirche war zunächst die Ersetzung der Religion durch Nationalismus. (Die Nation darf jeden Mann zum Einsatz seines Lebens im Krieg einziehen.) Im Gefolge Platos, erfand Rousseau für den vernünftigen Staat die vernünftige religion civile. Die Konstitution des Nationalstaats führte zu einem kalten Krieg zwischen Staat und Kirche. Auch der Nationalismus mußte als Heilslehre sich erst ad absurdum führen, bevor die Skepsis echter Säkularität möglich war.

Man wächst in eine überkommene Religion durch praxis pietatis hinein kraft Rollenidentifikation.

Religion hat sich als anpassungsfähiger, überraschend dauerhafter, gewaltiger sozialer Machtfaktor erwiesen. Keine neuere Existenzsymbolik hat sie ersetzen können. Die andern Mächte, Politik und Kapital, suchen deshalb hier Kooperation.

Die in den Religionen liegende Hoffnung macht sie, nach Sarkozy, politisch wertvoll.
Sie machen aus verletztem Narzißmus distinkte, handlungsorientierende kollektive Identität. Taktvolle Einbettung in säkulare Gesellschaft kann kollektive Destruktivität bändigen. Der Einzelne will ja Frieden zwischen Sakralem (Schutzraum für Unintegriertes) und Profanem.
Religion trägt den Einzelnen bei sozialem Engagement über persönlichen Verzicht hinweg. Buddhismus, Synagoge, Christentum, Islam, schätzen Barmherzigkeit und Opferbereitschaft. Diese Tugenden sind symbolische Blicke auf dem Grund der eigenen Existenz.

  1. Beschleunigter Wandel

Aufs Ganze gesehen, ist die Kulturgeschichte eine Geschichte beschleunigten Wandels. Deshalb ist die Klage über den zeitgenössischen Sittenverfall zwar uralt, aber damit nicht widerlegt.

Je fluktuierender Symbolik und Sprache werden, desto wichtiger wird, als über­individuelle Basis persönlicher Ansprüche, wieder die nächste Verwandtschaft.

Um einen Menschen zu verstehen, muß man sein Beziehungsfeld kennen. Mit je mehr Menschen man zu tun hat, desto mehr entwickelt sich Pseudovertraulichkeit und breitet sich aus, während wirkliche Vertrautheit sich auf einen immer kleineren Kreis einengt.

Die anthropogenen Veränderungen unserer Welt beschleunigen sich. Die Tradition alter Erfahrungen bietet immer weniger verläßliche Orientierungshilfe für Handeln und Verstehen. Das zunehmend Komplizierte muß handhabbar vereinfacht werden. Der Einzelne muß sich eilig von andern erstellter Schemata bedienen und selbst vereinfachen. Für die Griffigkeit wird mit so viel Mißgriffen bezahlt, daß Fehlertoleranz, (ihrerseits fehlerhafte) automatische Fehlermeldung und -korrektur immer wichtiger werden. So wächst ein unabschätzbares Gefahrenpotential.

123000 Patentanmeldungen in einem Jahr (1998) in Deutschland! – Der auf allen lastende Innovationsdruck in Äußerlichkeiten wird zu inneren Veränderungen des Menschen führen.

Modernisierung ist raumzeitliche Zuspitzung von Ordnung, ein sich beschleunigender Transformationsprozeß unterwegs auf die Müllhalde.

Weltbevölkerungsexplosion mal Anspruchsexplosion – apokalyptische Aussischten! Es gilt nicht, die Menschheit vor dem Untergang zu retten, sondern das tätige Mitleid bis dahin zu erhalten (Mt 24, 12).

Lebenslanges Lernen ist eigentlich ein selbstverständliches Bedürfnis. Indem man mit der Welt immer vertrauter wird, entwickelt man sich selbst. Das ist, was man Bildung nennt.
Die Nötigung, für die Konkurrenzfähigkeit im Erwerbsleben immer wieder neue Techniken zu lernen, ist das Gegenteil. In der sog. Fort- und Weiterbildung hetzt man hinter Aktualitäten her. Diese ökonomische Schmalspurigkeit bildet sich im Schulsystem ab, das dem Erwerb marktgängiger Kompetenzen dient. Hierzu motiviert Hoffnung auf Erfolg (in der Regel aufgrund früherer Lernerfolge).
Wo diese Hoffnung zu Wünschen übrig läßt – d.h. bei den Massen – ist lebenslanges Lernen selbstverständlich kein Bedürfnis. Bildung der Massen bleibt deren freier Benutzung des massenmedialen Angebots überlassen.

Wenn der Einzelne zu wenig von guten „inneren Objekten“ gehalten ist, bleibt er stärker auf äußere angewiesen. Für das Gedeihen der inneren Objekte ist eine gewisse Stabilität der Verhältnisse nötig. Stabilität nun findet sich immer weniger in konkreten und immer mehr in abstrakten Dingen. So lange aber er lebt, bleibt der Mensch, mit vielen seiner Bedürfnisse, konkret. Wir werden deshalb intellektuell immer selbständiger, aber menschlich immer unselbständiger.

Kurzlebige kollektive Existenzsymbole drängen zunehmend die dauerhaften zur Seite.

Totalitarismen sterben endlich daran, daß auch deren Profitanten auf menschliche Sprache angewiesen bleiben. Sie selbst (oder wenigstens ihre Erben) wollen ja schließlich nicht nur Macht haben, sie wollen menschlich leben und frei mit einander reden und denken können. Lügen aber haben – zwar leider keine kurzen, aber doch auch nicht so lange Beine, wie die Gewaltherrscher es gern sähen.

Der beschleunigte Fortschritt besteht in der frisch-fröhlichen Benutzung von Ergebnissen ungeachtet deren Vorarbeiten. Er führt beschleunigt in neue Probleme.

Menschenzüchtung wurde, weniger gezielt, schon immer betrieben. Die jetzt sich abzeichnende verspricht steileren Aufstieg und schrofferen Absturz der Menschheit.

Komprimierte Information in künstlichen, hochgradigen Metasprachen ist wichtig geworden. Die diesen zugrunde liegende Geschichte ist nur noch rudimentär bekannt. Der Realitätsbezug der Information, immer voraussetzungsvoll, wird dadurch weitgehend unkontrollierbar.
Das historische Wissen war bislang kollektive Mythologie der Gebildeten; jetzt ist es massenhaft individuelle Bastelarbeit. Man denkt sozial angepaßt, aber heute weiß man: Niemand weiß so recht, worüber. Man fährt, "ohne Bremse, ohne Licht", zusammen durchs Dunkle. Allen wird dabei unbehaglich; desahlb fahren wir immer schneller; alle geben Gas.

Früher hatte man zu viele Kinder und behandelte sie schlecht. Heute hat man zu viele Alte und behandelt diese schlecht.

Soziologie artikuliert, in stabilisierender Absicht – gegebenenfalls um suboptimale Stabilitäten zu überwinden – , wissenschaftlich unser vielfältiges, prekäres „Wir“.
Verstehend, betrachtet sie das Wirkliche als eín Mögliches unter anderen. Abstrakt verfremdend, provoziert sie neue Ideen.

Schöpferische Bescheidenheit kann hoffen. Aber oft fehlt uns die Kraft dafür. Religiöse Tradition will dazu den Weg weisen.

Schnell rentierende Investitionen (Berufsbildung statt Bildung für den Einzelnen, wissenschaftliche Entdeckung und Besetzung neuer Gebiete für die eigene Gesellschaft) sind im Konkurrenzkampf der globalisierten Menschheit entscheidend – oft auf Kosten der Nachhaltigkeit.

  1. Gegenwart und Ausblick

Die Klage über die Gegenwart ist eine alte, ja klassische Literaturgattung. Da man über die Zukunft und auch über die Vergangenheit, ja sogar über die Gegenwart, immer zu wenig weiß, kann die Behauptung gegenwärtigen Niedergangs immer nur auf Beobachtungen beruhen, deren Wichtigkeit niemand objektiv beurteilen kann.
Sie hat hauptsächlich den pragmatischen Wert einer besorgten, mehr oder weniger ausführlich begründeten und spezifizierten, allgemeinen Mahnung.

Immer häufiger verlangen wirtschaftliche Rücksichten vom Einzelnen Wechsel und Trennung. Prinzipiell befristete Beziehungen werden aber nur wenig differenziert und haben innere Verödung zur Folge. Psychologisches Wissen auf dieser Basis ist makaber.

Die Sozialkontakte der Schüler sind stressig, die Gefühle entsprechend undifferenziert. So auch ihre Sprache. Im Bereich leicht nachprüfbarer Kurzinformationen hingegen findet Entwicklung statt. Beispiel: Technologie.

Die Feinheiten der Sprache richtig zu benutzen, lohnt nicht. Es liest ja niemand mehr genau, und niemand hört genau zu. Wir haben zu viel Sprache vor Augen und um die Ohren. Die menschliche Kommunikation wird grobschlächtig.

Der kollektive Zeichenvorrat ist unermeßlich, aber der Vorrat an sowohl persönlich bedeutungsvollen wie auch für andere zuverlässig verständlichen Zeichen ist geschrumpft und primitiv. Wir sind dumm dran. Die geforderte quantitative Kommunikationsleistung hat die Sprache als Persönlichkeitsausdruck abgenutzt. Als Zeichensystem verselbständigt sie sich immer weiter gegenüber der Person; die Metaphorik hat sich zugunsten der Metonymik zurückgezogen.
Man kennt sich kaum. Differenziertes zwischenmenschliches Verstehen verlangt vom Einzelnen in nie dagewesem Maße Kombinationsleistungen und Kreativität in der jeweiligen Situation. Die Gefahr von Mißverständnissen und Täuschung ist damit gewachsen. Man muß vorsichtiger und glatt sein.

Nicht mehr nur das einzelne Leben, sondern die ganze, von der Technik getragene, vorangejagte Welt von heute wird nicht mehr nur von Randgruppen, sondern allgemein als Provisorium erlebt und, Gewesenes in Fetzen bewahrend und Gewünschtes schnell probierend, auf Abbruch gestaltet.

Die ökologische Weltuntergangserwartung schwankt. Aber die globalen Probleme haben alle Ideologien angefressen. Nicht die klassische Unmoral, sondern eine allgemeine radikale Orientierungskrise greift um sich. "Rette sich, wer kann!" Die einen retten sich in Oberflächlichkeit ("Lasset uns essen und trinken; denn morgen sind wir tot" und dergleichen), die andern in makabren Fundamentalismus.

Die klassische Erziehung war intolerant gegen Lügen und Betrug. Semantische Unwahrheit durfte nicht gesagt werden. Man durfte nur mit semantischer Wahrheit pragmatisch irreführen. Dieser Moral bequemte sich sogar der orakelnde Gott an. Wahrheit wurde, als objektive Richtigkeit, von der personalen Kommunikation unterschieden, der persönlichen Verantwortlichkeit entzogen und neutralisiert. Objektivität war höchstrangiger sozialer Wert. So bewährte der Mensch auch sein Selbst als objektive harte Tatsache. Er konnte sein Ehrenwort geben. Mit Lüge gab man seine Ehre, seine Identität preis. Der Ehrlose war ein niemand. Ehre war nicht nur eine soziale, sondern ebenso eine psychologische Tatsache. Um seine Ehre kämpfte man deshalb unter Einsatz des Lebens.
Das hat sich geändert. Der Übergang zum dritten nachchristlichen Jahrtausend ist das Ende einer Kultur der Persönlichkeit. Ehre ist ein altmodisches Konzept. Der postmoderne Mensch ist Pragmatiker. Er hat eine ästhetische, ironische Distanz zur Moral. Um sich und seinen Kindern Lebens­chancen zu sichern, braucht man weniger denn je eine lebenslange Identität, stattdessen Genüge an mittelfristigen Projekten und strahlende Zuversicht im Chaos eines bösartigen Konkurrenzkampfs ohne verbindliche moralische Konventionen.

Man muß im Wandel der Umstände fast täglich neu die eigene Richtung überprüfen.

Wir müssen ständig zielstrebig geschäftig sein, lernen, uns Bildungsgüter aneignen, um nicht überrundet zu werden. Das Ergebnis ist Unbildung. Als Inkompetenz der Machtelite wird sie immer gefährlicher.
Handlungsrelevant sind vor allem Aktualitäten und höchstens mittelfristige Perspektiven.
Auf lange Sicht empfiehlt es sich noch, viele inhaltslose Beziehungen lebendig zu halten für eventuelle gegenseitige kleine Hilfestellungen. Im übrigen sind die langfristigen Perspektiven röhrenförmig unrealistisch und dürfen nicht maßgebend werden.

Zu Besinnung, nicht in Verantwortung vor anderen, sondern vor dem eigensten Gewissen und Geschmack, ermutigt sog. schöne Literatur. Sie wird wiederentdeckt.
Aber es bedarf einer weiteren moralischen Stütze: Da ist die Managerschulung, die versichert, daß die Lektüre dem langfristigen Geschäftserfolg zugute kommen werde. Und da ist das Lesekränzchen, wo man seinen Platz behaupten muß. Und damit ist die rare Hauptsache doch wieder preisgegeben.

Verantwortungsträger (Ärzte, Politiker) greifen immer häufiger zu Psychopharmaka. Gefährlich!

Die Ideologie, die in der Doppeldeutigkeit des Wortes "Verdienst" erscheint, war in der guten alten Zeit nicht so falsch; sie ist auch heute nicht ganz falsch; aber als Vorurteil wirkt sie heute sozial verheerend.

Schwindel ist schon ein Naturphänomen. Er ist aber viel mehr ein Kulturphänomen. Das Zeitalter der Kommunikation ist die große Zeit des Schwindels.

Der Einzelne steht der sozialen Normalität ambivalent gegenüber:
In traditionellen Gesellschaften galt das Übliche als das Verbindliche, mores (die Sitten), als moralisch. Die Ungereimtheiten konnten das Paradigma "Kosmos, schöne Ordnung mit gerechtem Ausgleich im Jenseits" zweifelhaft machen, aber nicht umstürzen. Seit nicht mehr Stabilität, sondern Wandel das soziale Grundmuster ist, kann die Tradition nicht mehr normativ sein.
Die Eigendynamik der Selbstideologisierung der jeweils neuen Normalität läuft immer kraftvoller auf Katastrophen zu. Demgegenüber müßte der Einzelne sich selbst ein Urteil bilden und danach handeln. Die Verantwortung des Einzelnen – und damit seine Überforderung – sind gestiegen.
Heute erstarkt stattdessen – neben der immer hilfloser wirkenden Weltverantwortungsdiskussion – der Fundamentalismus, eine kommunikationsunwillige Festungsmentalität, welche unbedenklich aufgegriffene Normen vergötzt – eine gemeingefährliche Verantwortungskultur.

Sicherheit verlangte einen unvorstellbaren Grad weltweiter Solidarität.

In Kontexten, wo man sich nicht auskennt, wird man am ehesten betrogen. Und man gerät immer häufiger in einen Kontext, wo man sich nicht auskennt.

Je komplizierter und unübersichtlicher die Welt wird, desto kürzerfristige Optimierung ist längerfristig lohnend, desto eher lohnt sich verantwortungsloses Verhalten.

Der Rand der Ordnung ist chaotisch. In einer sich schnell entwickelnden Gesellschaft leben die meisten jeweils im chaotischen Grenzbereich zwischen einer (kaum etablierten) alten und einer (sich gerade etablierenden) neuen "Ordnung".

Eine Vielfalt der Lebens­chancen bedeutet Freiheit für den Einzelnen. Am meisten können sich die Starken davon versprechen. Zu viel Freiheit jedoch bedingt Unübersichtlichkeit, Unsicherheit, Gefahr für die Schwächeren und ein entsprechend wachsendes Bedürfnis nach mächtiger Vereinfachung, – die Szene für ruinösen Populismus.

Kapital ist noch beweglicher geworden. Es sind eigentlich ja nur Ansprüche (auf Sachwerte oder Rückzahlung von Schulden, letztlich an eine Notenbank), die letztlich durch staatliche Gewalt durchsetzbar sein müssen. Grundsätzlich sitzen also die rechtsetzenden Staaten am längeren Hebel. Aber das zwischenstaatliche Recht ist schwach und Rechtspflege ist langsam, white collar crime ist flink. Kapitalbewegungen können viel zerstören.

Mit dem Wachstum der Menschheit wird die Auseinandersetzung mit einander, also die Gesellschaft, immer wichtiger gegenüber der Auseinandersetzung mit der außermenschlichen Wirklichkeit (vor allem gegenüber der von Marx thematisierte Arbeit).

Die sinkende individuelle Moral ist Folge der Anonymität in der mobilen Massengesellschaft: Man kann sich nicht mehr so leicht einen guten oder einen schlechten Namen machen; der "Ruf" verhallt.

Besonders die jungen Erwachsenen sind gejagt von der Angst, etwas zu verpassen*, weil sie mit der globalen Innovationsflut mithalten müssen.
* Studie der British-American Tobacco, 1999.

Das heutige Kampfgetümmel der anonymen weltweiten Konkurrenz läßt die alte "goldene Mitte" zwischen Wachstum und Niedergang, den soliden Erhalt, kaum noch zu. So wird Expansion zum Überlebensgebot aller Wirtschaftssubjekte. Eine globale Explosion ist im Gang! Wachstum als Existenzsicherung ist ein wesentlicher Lebensinhalt.
Da hierfür Geld zentral wichtig ist und immer nötiger wird, so wird der Narzißmus immer kahler, und das Grundmuster der Gesellschaft immer barbarischer. Auch Kultur wird funktionalisiert. Definierte Kulturgüter dienen als Aushängeschild.

Das Alte Ägypten, scheint es*, hat das weltgestaltende verantwortliche Subjekt konzipiert und im Königtum institutionalisiert. Dieses Ideal hatte eine große Geschichte. In der Postmoderne geht es wieder unter.
* Siehe Jan Assmann, Ma´at. Gerechtigkeit und Unsterblichkeit im Alten Ägypten, München 1990.

Wegen der wachsenden Masse des kollektiven Wissens wird der Inhalt der sog. Allgemeinbildung immer zufälliger. Der Einzelne muß sich immer entschiedener mit einer handgestrickten kulturellen Integration begnügen.

Die Normen sind in Fluß. Das bedeutet Wirbel, viel Reibungsverlust, weniger Kooperation. Kleinere soziale Einheiten aber und weitgespannte, dünne Kooperationsnetze bilden sich auch neu.

In der postmodernen Unübersichtlichkeit der Verhältnisse meldet sich der Einzelne prinzipiell aus aller Mitverantwortung ab, in expliziter Übernahme primär der Verantwortung fürs eigene Wohl ("Erlebnisgesellschaft"). Im Selbsterleben aber stößt er doch wieder auf die ererbten Rudimente des sozialen Gewissens als einen Faktor seines Wohlbefindens.

Mitverantwortung wächst und schrumpft mit der Mitwirkung. Diese nimmt, wie die Lautstärke, etwa in der dritten Potenz mit der sozialen Entfernung ab.
Das System wächst; der Anteil, den das unmittelbare Wirkungsfeld des Einzelnen bildet, wird immer kleiner. Dank der Chaotik der Gesellschaft bleibt ihm in der veränderten Welt eine kleinere Chance, Größeres mitzubewirken.

"Weltverantwortung", die ethisch-religiöse Parole der sechziger und siebziger Jahre, ist soziologisiert. Es geht heute um weltpolitische Klugkeit im Interesse an quasi-stabilen, lebbaren Verhältnissen.

Kranksein wird aus ökologischen, biologischen und demographischen Gründen wieder der Normalfall werden. Medizin bleibt eine Wachstumsbranche.

Sowohl der Einzelne ist globalgesellschaftlich entwertet, wie auch die Globalgesellschaft für die meisten einen stärker negativen Wert bekommen hat.

Stabile Individualität ist Luxus geworden. Aber der Druck, sich speziell auszuzeichnen, wächst.

Ausbeutung der Öffentlichkeit ist Kavaliersdelikt.

Der Mensch hat heute größere Wahlfreiheit – vor allem in einer Unzahl von Belanglosigkeiten.

Bestenfalls ein winziger Teil der menschlichen Erbgänge kann in der Veränderung des Erbgutes schritthalten mit der zu erwartenden anthropogenen Umweltveränderung. Die Überzahl wird Opfer der Entwicklung.

Man muß heute so viel vergeblich für sich werben, daß man deprimiert zurückbleibt. Es höhlt die kommunikative Aktivität aus, schwächt das Zutrauen und infolgedessen die Kooperation. Es demoralisiert.

Zufriedenheit (wie, Mitte 19. Jh., bei den armen Eltern des frommen Schweden Carl Larsson*, wo der Vater mit allem Glück und Unglück zufrieden und die Mutter untertänig war) stirbt ab in einer Welt, wo von jedem verlangt wird, daß er den aktuellen "Fortschritt" und die allgemeine Unrast mit voranträgt.
* Das Haus in der Sonne, 1909.

Kindergarten bedeutet Mietmütter und äußerlich plötzlich aufgedrückte Zwangsgemeinschaft mit meist viel zu vielen fremden Kindern. (Man denke an das Problem schon nur eínes neuen Geschwisters!) Das ist eine harte Vorschule für eine Gesellschaft der oberflächlichen Kontakte.

In der allgemeinen Vereinzelung lastet der Entscheidungszwang mit dem selbstgewählten ernsthaften Partner besonders schwer auf der Jugend. Unendliche "Beziehungskisten" waren die Folge – bis zur Etablierung der Lebensabschnittspartnerschaft.

Man lernt oberflächlichen, stark fatalistischen Optimismus im Umgang mit der Informatik.

Wir leben heute in enorm vermehrter Kommunikation durch sinnliche Wahrnehmung von kontrolliert illusionärer Realität. Wir leben immer mehr virtuell lokalisiert. Telephon, Auto, Fernsehen haben das angebahnt. Die reale Nachbarschaft ist abstrakt geworden.
Man lebt heute mehr zeitlich als örtlich bestimmt, abstrakter.

Die Kombinatorik über den heutigen Lebensmöglichkeiten des Einzelnen führt ins Astronomische und läßt die Menschen explosionsartig in unzählige Richtungen auseinanderfahren. (Ein Sforzato auf Heideggers "Geworfenheit".) Die verbleibende Gemeinsamkeit ist frustrierend. Ein Kreisprozeß.

Neue Apokalypse: Nicht das Ende der Menschheit oder des Lebens steht zu erwarten, sondern zunächst: der Übergang zur nächsten Menschheit.

In einer modernen, stark chaotischen Gesellschaft ist große Toleranz für viel Mißerfolg Sache der regulären Kultur.

Nur in stabilen Verhältnissen hat Bescheidenheit eine faire Chance. Heute hat man nicht bescheiden zu sein, sondern nur bei bestimmten Gelegenheiten trägt man, wie einen schwarzen Anzug, Bescheidenheit und Solidarität.

Die Diversifizierung hat die Vermehrung der Menschheit ermöglicht. Das hochgepeitschte Ich aber sehnt sich zurück ins Wir. Die Hypermobilität behindert die Bildung tragfähiger Gruppen. Vermassung und größere Systemzusammenbrüche drohen.

Situations- und zweckgebunden, bindet man sich unvermindert, wenn auch lockerer, an einander. Auch diese neuen, enger realitätsbezogenen Zusammenschlüsse können für das Selbstgefühl hoch befriedigend sein. Sie feiern sich selbst und ihre Aktivität, z.T. unter religiöser Symbolik.

Die Wissenschaften machen uns böse Zukunftsaussichten. Wir müssen eine Kultur entwickeln, damit liebenswert zu leben.

Die Globalisierung bewirkt Fragmentierung lokaler Gesellschaften.

Die Religion der Egozentrik ist auch eine Reaktion auf die Entfremdung in der kühlen Gesellschaft.

Der postmoderne Mensch hat den Glauben des modernen Menschen an die menschliche Urteilsfähigkeit verloren.

Man hat keine Zeit zu eigener Besinnung. Man übernimmt in der Hitze des Gefechts ständig neue Begriffe zunehmend aus der spezialisierten Produktion anderer.

Die heutige Sprache ist schnell zusammengestückte, spitz kalkulierte Konsumware.

Früher machte einen ein reiches Innenleben zu einem wertvollen Menschen. Andere Individuen gewannen immer deutlichere Gestalt darin. Er lebte mit ihnen und trauerte um ihren Verlust. Sie waren wichtig für seine eigene innere Gestalt und seine eigensten Möglichkeiten.
Heute gewinnt und verliert man so viele Bekanntschaften, daß solche Menschlichkeit psychisch nicht mehr zu leisten ist. Man muß bis ins hohe Alter hinein zu sozialen Umstellungen fähig sein, die man sich kurz vorher noch nicht einmal vorstellen konnte.

Besinnung wird gesellschaftlich delegiert an eine machtlose Minderheit. Für Wahrnehmung öffentlicher Interessen bezahlt man den Staat.
Totale Delegation von Besinnung und Verantwortung fürs Gemeinswohl aber ist wie Kolonnenfahren ohne Sicherheitsabstand. Die Massenkarambolage ist programmiert.

In der hochdifferenzierten, hochmobilen modernen Gesellschaft wird die Urform des In-der-Welt-Seins, primitivste, undifferenzierte Togetherness zum Ausgleich immer nötiger.

Durch Krisen wird man älter, und man möchte dabei wenigstens reifen. Das ist in vielen Formen eines der großen Themen in der daheim konsumierten öffentlichen Unterhaltung geworden.
Die Massenmedien verstärken die Massenmoral. Auch moralische Unsicherheit ist respektabel, und Reifung zu versöhntem Sterbenkönnen ist ein Grundthema.
Die Infragestellung der eigenen Optik durch die des Mitmenschen wird zunehmend in der Massenkultur thematisiert (Comics etc.).

Der evolutionsbiologische sacro egoismo ist, vom künstlich sakralisierten großen Gemeinwesen (das Vaterland, an das A. Salandra 1914 bei der Konzeption dieses Begriffs dachte), wieder ins Familiale zurückgesunken.

Die Reklame zeigt unsere öffentliche Kultur. Sie ist – mitsamt dem sprachlosen Mißbehagen und der Ironie – ein zentrales Stück der Sprachgeschichte, der wir für unsere Selbstauslegung überantwortet sind.

Die Idealisierung der Menschlichkeit relativiert sich in dem Maße, wie die Welt vermenscht. Man war ein Naturphänomen, und, nach einer langen Aufstiegsphase, kommt man wieder bescheiden dahin zurück.

Bereits die frühe griechische Philosophie erkannte den Zusammenhang zwischen vernünftiger Wahrnehmung (νοεῖν) und dem, was man Sein nennt.
Die natürlich-mathematische Verständlichkeit von Phänomenen, wie sie das pythagoreische Quadrivium* darstellte, wurde, in pythagoreischer Tradition, von Platon essentialisiert. Die neuzeitliche artifizielle Mathematik und ihre Erfolge in der Naturerklärung blieben noch bis in unser Jahrhundert hinein, der traditionellen Wesenschau gegenüber, ein Kuriosum.
Erst im Laufe dieses Jahrhunderts (in der Breite des Zeitgeistes wohl erst infolge der virtuellen* Realität mit ihrer sinnenfällig trügerischen Evidenz) konnte die artifizielle Verständlichkeit das „natürliche“ Verständnis von Sein in Frage stellen.
* Arithmetik, Geometrie, Musik, Astronomie.

Mißtraute man im klassischen Abendland den Trieben, so mißtraut man heute eher zielstrebiger Vernunft.

Konstruktive, kooperative Lösungen globaler Probleme (eine Forderung der Menschlichkeit) schieben, wie mit der Schneeschaufel, das biologische Grundproblem des Zusammenlebens vor uns her und vergrößern es; denn die physische Basis menschlichen Lebens ist nicht beliebig erweiterbar.

Das Überleben der Menschlichkeit, die den Einzelnen, lebend oder sterbend, solidarisch begleitet, ist wichtiger als das Überleben der Menschheit.

Staat und Kirche werden bei uns als stabil erlebt, – aber emontional entleert. Familie, Nachbarschaft, religiöse Gemeinde, Kommune, Betrieb wiederum bieten Geborgenheit meist nur auf Zeit.

Mit der Zahl der Menschen steigen die Grenzkosten des Lebensunterhalts.

Immer „bessere“, erfolgreichere Meme schaffen den Lebensraum für immer mehr schlechte Meme und Gene. Nur wenige müssen verstehen; und in deren näherer Umgebung werden die animalischen Lebensbedingungen vorläufig für alle immer besser.

Die Menschheit steht vor einem Selbstorganisationsproblem, dessen Lösung eine veränderte kollektive Existenzsymbolik voraussetzte. Dafür wiederum muß die jetzt herrschende noch rechtzeitig gründlichst (wahrscheinlich durch beängstigende Übelstände) diskreditiert werden, auch für Machtzentren (die reichen Länder, die großen Firmen, die Superreichen).
Gegen unsere Existenzsymbolik hat sich die der islamischen Selbstmordkommandos erhoben. Irgendwo zwischen unserem Individualismus und jenem Opfermut müßte sich eine überzeugende (und deshalb belastbare) Existenzsymbolik entwickeln.

Individualisierung ist Deregulierung der Kooperation und führt, im ersten Entwicklungsschub, zu kollektiver Entfesselung von Fähigkeiten, von Wirtschaftswachstum und neuen sozialen Ungleichheiten. Das bedeutet Zerreißproben für die Kultur.

Die Menge von prinzipiell stabilen, erkennbaren, mitteilbaren Strukturen wächst uns über den Kopf, – ein wildes intellektuelles Chaos droht.

Die Macht und die Artenvielfalt unserer Instrumente explodiert. Sie überformen die Erdoberfläche wie zuvor die Pflanzen, die Tiere und die Menschen.

Der „schnelle Wechsel der Realitäten“, von dem man heut reden hört, macht, daß das Reale und das Leben wieder gespenstisch werden. Das ferne „Jenseits“ von ehedem taucht wieder auf im Diesseits – als Unheimlichkeit des Diesseits!

Die die Realitäten, die wir erleben, leben immer kürzer. So gesehen, wird man heutzutage früh alt und erfahren – und könnte schon früh weise geworden sein.

Zahlen sind zunächst eine Reihe von reinen additiven Rekursionsstufen. Es stellt sich dann heraus, daß sie ein unüberblickbar formenreiches, unendliches System bilden.
Die Rekursion ist das Rückgrat der Geschichte. Kant machte auf den Zusammenhang zwischen Zeit und Zahl aufmerksam.
Zahlen, reine "Form", Verfahrensschritte, sehen ab von dem Gehalt an äußerer Realität und sind deshalb, sowohl interindividuell wie bezüglich der Gegenstände, extrem allgemein verwendbar. Sie bilden deshalb den (immer größer und wichtiger werdenden) harten Kern der die Gesellschaft strukturierenden Symbolik.

Aufmerksamkeit (Publizität) genießt heut hohe Aufmerksamkeit, – ein selbsttragender, aber manipulierbarer Prozeß, der an jedem beliebigen Kondensationskern ansetzen kann.

Der Fortschritt der Wissenschaft banalisiert unsere Lebenswelt. Die Wissenschaft selbst ist das neue Naturwunder. Es übersteigt jedes einzelnen Wissenschaftlers Verstand bei weitem. Aber nur Wissenschaftler können dies wissen – funktionale Äquivalente der früheren Priester.
So lebt man denn heute verunsichert in einer banalen Rätselhaftigkeit.
Schon Goethe schrieb: „Wer Wissenschaft und Kunst besitzt, der hat Religion.“ (Zahme Xenien, Buch 9.)

Die Extreme Arm und Reich driften immer schneller aus einander. Für jeden einzelnen wird die kurzfristige ökonomische Rationalität obligatorisch. Das treibt aber natürlich auf kollektive Katastrophen zu. Das ahnt jeder und lebt auf diesem unheimlichen Hintergrund, je nach mittelfristigen Aussichten, wohlorganisiert oder in den Tag hinein.
Und, mangels langfristiger Perspektive, wird Irrationalismus und Interesse an religiösen Überlieferungen ganz unverbindlich wieder gesellschaftsfähig.
Wenn die allgemeine Unsicherheit öffentlich beunruhigt, schlägt die Stunde des Dezisionismus und einer beruhigenden Gleichschaltung, die einem beliebigen Inhalt die Weihe eines ab omnibus creditum verpassen kann und will.

Die alten, reichen Symbolsysteme stabilisierten das Individuum – erst Religionen, sodann Philosophien, ecclesiolae, Ideologien und Parteien.
An ihre Stelle getreten sind kurzlebige Aktionsgemeinschaften einerseits und ein Bewusstsein globaler Schicksalsgemeinschaft, das nur schwach verhaltensrelevant werden kann, anderseits. Die Existenzsymbolik der meisten modernen Menschen ist inkohärent, haltlos, modisch; die Identität entsprechend schwach, das Verhalten unzuverlässig. Lebensabschnittspartnerschaft sowie Geld und wenige, aber erfolgreiche eigene Kinder, als Offenheit für alle Möglichkeiten, sind charakteristische zentrale Werte.
Für den Aufbau einer Weltgesellschaft ist das kein vertrauenerweckendes Material.

Die wirtschaftlich erzwungene Globalisierung bedeutet für die Gesellschaften eine kulturelle Überforderung.

Werbung verbraucht Symbolik und Kultur; so schwächt sie die Moral, die die Gesellschaft belastungsfähig zusammenhält.
Proletarisierung der Massenmedien durch Werbung ist Folge öffentlicher Armut und bedeutet Niedergang der Landeskultur.

Die weltweit zum Rattenwettlauf verschärfte Konkurrenz belohnt kurzfristige Kalküle und wirkt deshalb barbarisierend und längerfristig gemeingefährlich.

Erschreckend große Übelstände gehören zur Gesellschafts-„ordnung“. Nur selten hat man die Kraft, sie ins Auge zu fassen. „Werft ihn hinaus, er bricht mir das Herz!“
Die „Stützen der Gesellschaft“ konsumieren Ordnung; sie „grasen über den Haag“ und treiben, bei wechselseitiger Selbstbestätigung, Raubbau an eben der öffentlichen Moral, die sie schützt. So servieren Eliten – und ganze Gesellschaften! – sich selbst ab.

Auch im globalisierten Kapitalismus gilt: Noblesse oblige (zuerst belegt bei Pierre Marc Gaston Duc de Lévis, 1764-1830) und: „Der Fisch fängt am Kopf an zu stinken.“

Eine Standesethik der Mächtigen findet in einer hochmobilen Gesellschaft keine Zeit, sich zu etablieren.

Auch die Professionalisierung der Geldvermehrung ist von Fachidiotie bedroht – mit den nun bekannten Folgen.

Die Menschen sind Kooperations-Weltmeister; und gerade dadurch ist diese Spezies sich selbst zur größten Gefahr geworden. Die Macht der Menschen wächst exponentiell. (Ihre Vermehrung ist nur ein Teil dieser Entwicklung.) So etwas endet zunächst, in welchen Modalitäten auch immer, katastrophal.
Erst bei sehr vielen verschiedenen, aber ähnlichen Versuchen (wie im Generationswechsel mit seinen Mutanten oder in der Konkurrenz vieler Gesellschaften) können sich in einigen Proben rettende Bremsen entwickeln.
Das zunehmende Zusammenwachsen der menschlichen Gesellschaften zu einer Weltgesellschaft aber hat dem Lernen durch Versuch und Irrtum ein Ende gesetzt; der gegenwärtig laufende ist der letzte Versuch dieser Menschheit.

Apokalyptisches Lebensgefühl ist wieder realistisch. Die hemmungslose Selbstbereicherung der Reichen für sich und die eigenen Nachkommen mag einer realistischen Zukunftsangst entspringen. Solche Vorsorge erhöht aber die kollektive Gefahr.

Wenn es, nach dem Gefühl der meisten Menschen, zu viele Menschen geben wird, ist eine nie da gewesene Toleranz für Massensterben und Massentötungen zu erwarten.

Die Ausbreitung der Atomrüstung droht mit massenhaften genetischen Schäden, aus denen bestenfalls eine sehr andere, primitivere, resistente Lebenswelt mit kurzlebigeren Individuen hervorgehen wird.



1Αἰὼν παῖς ἐστι παίζων. Manfred Eigen hat diesen Ansatz in seiner Forschung zur Selbstorganisation der Materie und zur Evolution des Lebens weiterverfolgt.

2In der Etymologie von "Bescheidenheit" fließen die Bedeutungen zweier verschiedener Wurzeln zusammen: "Bescheidwissen" und "Genüge am Zugeteilten", zusammen.

3Auch eine bessere Variante ist anfangs durch die natürlichen Zufallsschwankungen im Lebensraum gefährdet. Die Paarungs-Chancen der neuen Variante sind in kleineren Populationen höher.

4Daran erinnern uns, schon vor Darwin, Paulus (Röm 13, 1-5) und Luther (Zwei-Reiche-Lehre).

5Von Jesus bis Gandhi. (Siehe dazu die Analysen des Juristen Dieter Conrad, Gandhi ..., 2006.)

6Gandhi: Satyagraha = Festhalten an der Wahrheit. Seine Aktionen wollten zu Verantwortung nötigen.

7Marx (1843/44): „Opium des Volks“ (Zur Kritik der Hegel’schen Rechtsphilosophie, Einleitung).

Gesellschaft.odt, 3.12.14