Thomas Bonhoeffer


Gotteslehre (ThLZ 113, 1988, 865-872, corr.)

Eine pastoralpsychologische Zuspitzung

Die Besinnung auf Gott und auf sich selbst vor Gott ist eine unter andern1 Beschäftigungen. Sie
produziert temporäre Wahrheiten. Sie hat Folgen, diese aber sind unvorhersehbar.
Die Logik der Gotteslehre ist der (von JEAN PIAGET sogenannte) "Synkretismus" des präoperativen
Denkens mit Vorbegriffen, Präkausalität, Prärelationen und Transduktionen
2 . Der Gottesbegriff ist ein
préconcept.
Die rationalisierenden Bemühungen (zB: "Kann der liebe Gott einen Stein machen, der so schwer ist, daß er ihn
selber nicht heben kann?") können die Paradoxe nur an lebenswahrere Stellen verschieben (etwa: "Manchmal
scheint es, daß er so etwas probiert"), aber nicht beheben.

I. Zwei Propositionen

Mit den folgenden beiden Sätzen fasse ich verschiedene Aspekte der christlichen Gotteslehre zusammen.

A. Schöpfung

1. These

Daß die Welt Gottes sehr gute Schöpfung sei, ist für den Leidenden im Namen Christi zu präzisieren:
Die Welt ist Gottes Leiden.

2. Explikation

So formulieren wir den Gott/Welt-Bezug, nicht absolut, sondern doppelt situationsbezogen im Sinne der
Schleiermacherschen Dialektik. Im Sinne der Hegelschen (am Begriff orientierten) Dialektik wäre, unbedingt, zu
formulieren gewesen: "...Leiden an ihm selbst". - Hegel artikuliert unsre gesamte Wirklichkeit als Übergangsobjekt
3 (s.u.). Schleiermacher bleibt der anthropologisch universalen und deshalb erkenntniskritisch relevanten sprachlichen
Unterscheidung von Subjekt und Prädikat (die Hegel nicht beachtet) verpflichtet und versucht, das Übergangsobjekt in unsrer Wirklichkeit zu verantworten .
Nur Gott kann das Leben, wie es wirklich ist, wollen. Gott allein ist gerecht. Alle Menschen sind Sünder.
1
. 2.Mose 20, 9f.
2
. Für die Terminologie siehe A.BATTRO, Dictionnaire d'épistémologie génétique, Paris 1966, engl.:
Piaget. Dictionary of terms, 1973.
3
. Siehe etwa P.HOPPER & S.A.THOMPSON, The Iconicity of the Universal Categories "Noun" and
"Verb", in: JOHN HAIMAN (ed.), Iconicity in Syntax, 1985, SS. 151-187.
4
. Vgl. den II. Teil seiner Dialektik, Sämtl.Werke, 3. Reihe, IV/2 - verglichen mit dem o.a. Aufsatz
erstaunlich modern. Mit der Satz-Grundstruktur hängen wiederum die Begriffspaare wie / der
pythagoreisch-platonischen Tradition zusammen, die in der abendländischen philosophischen Theologie
eine Rolle spielen. Vgl. dazu KONRAD GAISER, Platons ungeschriebene Lehre, 1963.
5
. "Anstatt einer Durchdringung des Spekulativen und des Empirischen ist uns nur eine begleitende Bezie-
hung des einen auf das andere möglich, oder eine wissenschaftliche Kritik. ... Auf diese Weise ist das abso-
lute Wissen von der Vollendung des Realen uns nur zerteilt und abgebildet gegeben, und ist eigentlich nur
in dem nicht auszudrückenden Gedanken der Einheit des Zerteilten." (Ebd. § 210)
Gott leidet
6 mit uns und an uns. Er ist mit uns von Hoffnung, Lust und Ängsten beglückt und bedrückt.
Er hat die Kraft, die Bedrückung zu tragen, und in diesem Glauben bekommen wir Anteil an dieser Kraft.
Gott hat Vertrauen in uns gesetzt. In Anlehnung an die Paulinische Rede von der (Rm 3,3)
möchte man das Evangelium formulieren: Gott glaubt an dich!
Gott ist uns dankbar für Treue und Mitarbeit. In diesem Sinne ist auch die Rede vom Gotteslohn zu
verstehen. Gott ist bescheiden.
Ich bin auf diesen - für die Idealbildung des modernen, sich autonom verstehenden Menschen m.E. wichtigen -
Begriff in theologischem Zusammenhang nur bei Michael Servet gestoßen, dem unbescheiden auftretenden Renais-
sance-Typ und Blutzeugen seines Glaubens, der lobend etwa von Paulus spricht,"qui nihil agit quam Christi mo-
7 destiam(!) et humilitatem" .
Gott weltet, die Welt gottet. Sit venia verbis. Beides hat, je zu seiner Zeit, seine Wahrheit. Der Unter-
schied der Zeiten (tempus Evangelii und tempus legis) wahrt den Unterschied zwischen Gott und Welt.
Das lutherische Verständnis von Gesetz und Evangelium habe ich im Licht der Unterscheidung von Ichideal und
8 Überich skizziert in meinen Pastoralpsychiatrischen Überlegungen zur Gotteslehre . Über das dort Ausgeführte
hinaus, versuche ich hier, einen von modern unkirchlicher Welterfahrung ausgehenden, heutigen Überich-Inhalt, zu
welchem eine Relativierung der Überich-Thematik gehört, theologisch mitzuverarbeiten.
Die Welt bringt Gott sowohl Liebe wie Haß entgegen. Gott liebt die Welt und wird die Welt in der Liebe,
mit der er Jesus geliebt hat, unvorstellbar
9 zerstören und erneuern.
Wir sprechen von Jesus als dem Christus, wenn gleichzeitig zum Ausdruck gebracht werden soll, in wel-
cher Hinsicht wir von ihm reden, daß nämlich an seiner Liebe zu Jesus Gott den Menschen die
Eigentümlichkeit seiner Liebe zur Welt gezeigt hat.

B. Das trinitarische Wesen Gottes10

1. These

Gott vergibt, daß Gott gegen Gott kämpft.

2. Explikation

"Nemo contra Deum nisi Deus ipse", lautete der nach seinen eigenen Worten "sonderbare, aber ungeheure
Spruch" , den Goethe als Motto für seinen letzten großen Lebensrückblick wohl selbst , aber anonym,
formuliert hat.
6
. Die Spitze des Leidens ist das Gefühl der Gottverlassenheit, das Gefühl, im Kampf ums Dasein als Ver-
lierer zu leiden und als Ausschuß zu sterben.
7
. De trin. err., 1531, p.17v. - Für die doppelte Wurzel des deutschen Worts vgl. meine Glosse
"Bescheidenheit", in EvErz 36 (1984), S. 508.
8
. In: Verifikationen. Festschrift für Gerhard Ebeling zum 70. Geburtstag, hg. E.Jüngel u.a., Tübingen
1982, SS.436-442.
9
. 1.Kor 15, 35f.
10
. Mit dieser Formulierung greife ich das Problem wieder auf, das mich seit meinem Buch über die
Gotteslehre des Thomas von Aquin (1961) beschäftigt. Ich möchte deshalb bei dieser Gelegenheit einen
sinnentstellenden Druckfehler an strategischer Stelle in jenem Buch (S.8, Z.8) korrigieren: Es ist dort, statt
:"die sich", zu lesen: "das sich"!
11
. Goethe denkt dabei an das die moralische Weltordnung durchkreuzende Dämonische. Dichtung und
Wahrheit, Buch 20.
Gott, der die Liebe ist, vergibt, daß Gott, der die Liebe ist, - bis in die Gottverlassenheit
14 des langsamen
Erstikkens Jesu am Kreuz - gegen Gott kämpft, der die Liebe ist.
Vergeben scheint gegenüber Kämpfen ein schwaches Wort. Das Evangelium aber lehrt, daß Vergeben ein
schöpferischer Vorgang ist. Das zugehörige Substantiv ist nicht erst Vergebung, sondern Vergabe.
Damit ist unser Gottesbegriff nach der Hegel'schen Dialektik, und das heißt: als "Übergangsobjekt"
15
artikuliert.
Im Übergangsobjekt bildet sich unser Verständnis der Welt im ganzen ab.- H.KOHUT
hat seine
"Selbstobjekte" (dazu gehören die Ideale) ausdrücklich als etwa Winnicotts Übergangsobjekt entsprechend
bezeichnet. Nun gibt es, neben primitiven, höchst differenzierte Übergangsobjekte und Ideale, - nach Winnicott
alle eigentlichen Kulturgüter.
Ich meine, den christlichen Gottesbegriff als ein hoch entwickeltes Übergangsobjekt bestimmen zu
dürfen, das auch der reifen Persönlichkeit immer wieder Trost und Halt und einen Ansatz zur Neuori-
entierung gibt in ihrer ausdifferenzierten Lebenswelt.
Die Beziehungen zwischen Libido und Narzißmus sind bei KOHUT m.E. noch nicht genügend erhellt . Hier ist
für unsern Zusammenhang auch an Freuds Unterscheidung zwischen Liebe und (präambivalenter) Verliebtheit zu
erinnern. - Mir scheint psychoanalytisch die Trinitätslehre gerade den Übergang vom Narzißmus zur Objektlibido
zu betreffen.
Die Umkehrung: "Gott bekämpft, daß Gott Gott vergibt," müssen wir zu Zeiten ebenfalls ernst nehmen.
Man kann nicht Aggression und Destruktion verteufeln, ohne den Schöpfer zu verteufeln. EBERHARD
JÜNGEL hat dogmatisch mit seiner Einarbeitung der Christologie in die Gotteslehre hier stillschweigend
einen wesentlichen Schritt getan
19. Mir scheint aber die explizite Aufnahme der Destruktionsproblematik in
die Gotteslehre seelsorgerlich nötig, um einem narzißtischen
20 Gebrauch die Richtung in die Auseinander-
setzung mit der Ambivalenzproblematik zu weisen, - und wissenschaftlich legitim, wenn man ihren präope-
rativen Charakter anerkennt.
Post Christum mortuum ist nur noch eine trinitarische Gotteslehre "natürliche" Theologie. Die Natur ist
geschichtlich.
12
. Dichtung und Wahrheit IV.
13
. Wie CARL SCHMITT (Politische Theologie II. Die Legende von der Erledigung jeder politischen
Theologie, 1970, S.122f.) vermutet, nach J.M.R. Lenz, Katharina von Siena ("...Gott gegen Gott...", scil.
Jesus gegen den Übervater).
14
. Matth. 27,46.
15
. Begriff von D.WINNICOTT, Playing and Reality, 1971, dt.: Vom Spiel zur Kreativität, 1973. Dazu,
was die Wahrheitsfrage betrifft, A.LORENZER/P.ORBAN, Transitional Objects and Phenomena: Socia-
lization and Symbolization, in: S.A.GROLNICK (Hg.), Between Reality and Fantasy, 1978, S. 471-482.
16
. The Analysis of the Self, 1971, S.33, dt.: Narzißmus, 1973, S.52.
17
. A.a.O., Kp.7.
18
. Dazu OTTO KERNBERG, Borderline Conditions and Pathological Narcissism, N.Y. 1975, dt.:
Borderline-Störungen und pathologischer Narzißmus, 1978.
19
. Vgl. etwa: Gott als Geheimnis der Welt, 1977, SS. 451 und 496-98.
20
. Sensu KOHUT.
21 SCHALOM BEN CHORIN hat in seinem Gedicht "Und suchst du meine Sünde, flieh ich von dir zu dir ..."
22nach Salomo ibn Gabirol
("Und suchst du den Fehl an mir heim / Ich flieh vor dir - in deine Hut / Schirme mich
mit deinem Schatten vor Deiner Glut") als Jude die Widersprüchlichkeit der Gotteserfahrung in einer zugleich an
Ps. 139 und an Luthers Unterscheidung zwischen dem Evangelium von Christus und dem Gesetz Gottes
gemahnenden Art zum Ausdruck gebracht.
Der dreieinige Gott des christlichen Dogmas, von dem wir reden, ist in jeder der drei göttlichen Personen
in je deren eigenem Werk trinitarisch präsent
23.
In Gott leben und weben und sind wir (Apg.17,28).
Das Weltgeschehen ist Gottes des Vaters Werk.
Die Liebe der Welt zu Jesus war begrenzt. Jesu Vergebung war begrenzt. Die Besonderheit Jesu ist nicht
dogmatisch zu definieren, sondern erweist sich geschichtlich im Gebrauch der christlichen Tradition
24. Er
hat gegen das Weltgeschehen gekämpft. Er ist von der Welt ans Kreuz geschlagen worden und so ge-
storben. Es ist kein dogmatisches Postulat, daß Jesu Leiden das tiefste Leiden gewesen sei. Aber an Jesu
Leiden ist der Glaube entstanden, daß alles Leiden Gottes eigenes Tun und Leiden ist. Auch das gottver-
lassene Tun und Leiden des Selbstmörders Judas. Es geht darum, daß Gott sich in die Gottverlassenheit
begeben hat.
Der vergebende Gott ist Gott der Heilige Geist
25. Kraft des Heiligen Geistes wird die Welt zu Gottes
Freude. An Jesus, dem Gekreuzigten, hat die Menschheit die prinzipielle Bedeutung der Erlebnisse
schöpferischer Kraft des Leidens der Vergebung entdeckt
26.
In der Welt finden wir trinitarische Entsprechungen. Christus-Verständnis erweist sich als Verständnis in
seiner analogischen Kraft, als Gottesverständnis in deren Universalität.
Die Analogie unsres Gottesbegriffs z.B. zur integrierten Persönlichkeit liegt auf der Hand. Man erinnere sich an
Augustins Vestigia trinitatis. Man darf hier aber auch an alle Beobachtungen denken, die Hegel zusammen-
getragen hat.

II. Die Ambivalenz in Gott

A. Platon
Der Lehrsatz des Ersten Johannesbriefs (4
8.16), Gott sei Liebe, setzt die Sendung des Gottessohnes in die
Welt und die göttliche Überwindung des Kreuzestodes voraus. Im Unterschied zur Platonischen Tradition
vom Guten-an-sich, handelt es sich in der christlichen Lehre vom Wesen Gottes nicht einfach um das Gute
21
. Der unbekannte Gott, 1963, S.32. Von PAUL ERNST RUPPEL eindrucksvoll vertont, in einer andern
Vertonung für das neue Evangelische Kirchengesangbuch vorgesehen.
22
. Der Avencebrol der Scholastik; Königskrone Z.745f., Übersetzung F.P.BARGEBUHR.
23
. Auf der Linie der alten Lehre von der dann sogenannten 'perichoresis essentialis', "qua una persona
propter essentiae unitatem est in alia" (Quenstedt, Theologia... 1702, p. I, cp. VIII, s. I, th. 21) - in ähnliche
Schwierigkeiten verwickelt sich Plato im Timaios, 35a - und der Gotteslehre BARTHs. - Zu Ps.-Kyrills
(7./8.Jh.) Konzept der innertrinitarischen Perichorese s. PETER STEMMER, Perichorese, in: Archiv für
Begriffsgeschichte 27 (1983).
24
. Durch unsre erste Proposition haben wir die Zwei-Naturen-Lehre (bei Einschluß der Unio hypostatica
auch sie trinitarisch) aus der Christologie in die Schöpfungslehre vorverlegt .
25
. Die Mitteilung des Heiligen Geistes an die Jünger ist nach Johannes ein Osterereignis.
26
. Meine Arbeitsblätter für einen Einführungskurs, Theologische Zeitschrift Basel 43 (1987), S.39.
(bzw. die reine Liebe), sondern um Überwindung des Bösen
. Daß Gottes Wesen Liebe sei, ist eine
Verheißung, keine Feststellung.
B. Luther
Luther
27 hat viel vom Teufel als Widersacher Gottes geredet. Er hat deutlich gemacht, daß er dabei mit
einem Ambivalenzproblem in seinem Gottesverständnis zu tun hat
28. Er hat den Begriff der Maske zuhilfe
genommen, - göttliche Maske, die sich der Teufel vorhält, und Teufelsmaske, die sich Gott vorhält -, um
das Erlebte festzuhalten.
C. Wortgeschehen
Tatsächlich sind solche Erlebnisse nicht als Erlebnis, sondern nur als Zeugnis festzuhalten. Wir
deponieren in der Gotteslehre Erinnerungen an Erfahrungen, mit denen wir uns zu Zeiten nicht mehr iden-
tifizieren können, weil wir sie nicht beieinanderhalten können. Es handelt sich um Wortgeschehen in der
Tradition der Verkündigung des Todes Jesu (vgl. 1.Kor. 11, 26), das manchmal einen neuen Anfang mit
uns macht, wenn wir mit unsrer eigenen Weisheit am Ende sind.

III. Der Mensch zwischen Gott und Welt29

Wir sind mit unsrer Welt Gott gegenüber nicht selbständig, - so wenig wie wir mit unserm Gott der Welt
gegenüber selbständig sind.
Unsre Welt ist, undefinierbar teilweise, Konstrukt unserer menschlichen Natur
30. Weltverantwortung ist
Glaubenssache, - menschliches Wortgeschehen zwischen Gott und Welt, Gesetz Gottes der Abhängigkeit
von der Welt oder evangelisches Zeugnis der Welt vom Sein in Gott.
Gott und Welt zusammen erst machen unsre Wirklichkeit aus. Zunächst handelt es sich um Totalfragen.
Aber die Gotteslehre kommt in unsrer Weltlichkeit zum Ziel, im usus politicus legis. Wohl uns, wenn wir,
im Segen
31 Gottes, unser Leiden allein tragen können, - ohne andere damit überlasten32.
Wir müssen leben zugleich ausgerichtet aufs Weiterleben und aufs Sterben. Auf den ersten Blick ist eins
das Gegenteil des andern, auf den zweiten Blick färbt eins das andere. Ausrichtung aufs Sterben sieht das
Leben sub specie aeternitatis. Ausrichtung aufs Leben heißt ums Ewig-weiter-so spielen
33. Werden und
Vergehen sind zwei Seiten derselben Sache. Das Problem liegt bei unserer begrenzten Fähigkeit zur
Sachlichkeit. Hier hat der Christusglaube seinen Ort.
27
. Hinter seine Arbeit an den Problemen der Ambivalenz und der Zeitlichkeit sollte Theologie nicht mehr
zurückfallen.
28
. Vgl. dazu meinen Aufsatz Hören - Carl Rogers und Martin Luther als Lehrer einer pastoralen
Tugend, WzM 39 (1987), 298-307.
29
. Buchtitel von FRIEDRICH GOGARTEN.
30
. Vgl. grundlegend Kants Kritiken, PIAGETs - biologisch inspirierte - genetische Erkenntnistheorie,
LACANs Registre symbolique.
31
. Gottes Segen ist, daß er uns zugut sich von uns hat umbringen lassen.
32
. Dies kann zum Beispiel auch passieren durch unsre Christuspredigt.
33
. Durch das Spiel des Zufalls und Zerstörung (Darwin) hat sich die hohe Ordnung des Lebens aus der
unerschöpflichen Redundanz der Ordnung der anorganischen Materie entwickelt. An die Verheißung der
Gesetze des Zufalls erinnert das Gleichnis vom vierfachen Acker.
Das Weltgeschehen, das lebendige und das unbelebte, braust in uns und um uns, füllt uns mit Kraft und
entkräftet uns. Im Sinne des Lebens, das wir lieben, sollen wir es uns getrost als von einem persönlichen
Gott verursacht vorstellen; - obwohl wir wissen, daß wir uns den "Grund der Welt" überhaupt nicht
vorstellen können, ja, daß wir schon mit einem solchen Ausdruck mehr sagen, als wir verantworten können.
Die Welt kann ihr gotten nicht durchhalten. Sie bricht uns in Stücke. Hier hat die Paulinische Grundaussage
christlicher Lehre vom Gebet, Rm 8
26, ihren Ort. Lebendiger Gottesglaube34 ist ein prekärer35 Prozeß des
Übernehmens und Gestaltens.
Gott hat viele Gesichter. Aus jedem Gesicht sieht er uns an. Christus ist das uns zugewandte Gesicht
Gottes. Er blickt uns, heißt es Mt. 25, an aus jedem Nackten, Gefangenen, Hungernden usw. Man wolle
nicht meinen, Nackte, Gefangene, Hungernde seien bessere Menschen, weil wir in ihnen Christus
begegnen. Der die Sünde der Welt trägt, sieht gewöhnlich
36 aus, böse, ängstlich, schlecht gelaunt, männ-
lich, weiblich, sächlich, falsch, verführerisch, leichtsinnig, vom Tod gezeichnet. Ich muß Gott lieben um
des lieben Lebens willen, und den Nächsten als Gottes Gesicht erkennen. Aber auch ich mit meiner Be-
schränktheit bin Gottes Gesicht. - Gott vergibt, daß Gott gegen Gott kämpft.
Gott begegnet mir nicht nur in Menschen, sondern in allem, im einzelnen und im ganzen. Auch davon
lebe ich und habe andern mitzuteilen.
Ich soll ein zeitlicher Spiegel der "ewigen Wahrheit" sein. Was das ist, ist theoretisch nie klar, aber klar
genug, um damit zu leben.
"Liebst du dieses Leben noch? - Ach, man liebt es schließlich doch," dichtete Friederike Kempner. Man lächelte,
eine Banalität war adäquat zum Ausdruck gebracht; man war als banal erkannt, man war geniert, man tabuierte
ästhetisch. Ein kleines Tabu steckt aber auch schon im Text: Konsequent müßte der zweite Satz lauten: "Ach, ich
lieb' es schließlich doch!" oder: "... du liebst es schließlich doch!" Das Untertauchen im "man", ausgerechnet bei
diesem Problem, war ein verräterischer poetischer Schwächeanfall. Das Kamel wollte nicht durchs Nadelöhr. Ich
muß und soll damit rechnen, daß die zweite Aussage nicht für jeden und nicht immer "schließlich" gilt. Die Tür in
den Selbstmord steht offen, - wenngleich es Gründe gibt, nicht hindurchzugehen. Man sollte sich diese
Perspektive nicht mit einem moralischen Vorhang verdecken. Die Menschenwürde hängt an dieser Perspektive.
Wenn wir am Leben bleiben wollen, dann aus gottgewollter Gier, insbesondere gottgewollter Neugier. Das gilt es
ernstzunehmen im Licht der Menschwerdung Gottes. Ewigkeit zu begehren, ist uns genetisch einprogrammiert .
"Alle Lust will Ewigkeit", formulierte Nietzsche
treffend. Auch die Selbstmordwahl will Ewigkeit. Man muß
unterscheiden zwischen integrierter und desintegrierter Selbstzerstörung. Zielgerichtetes Leben integriert Selbstzer-
störung; aber auch desintegrierte Selbstzerstörung ist Gottes Selbstzerstörung. Wir können (und wollen ja auch)
dem nicht entgehen, ein Gesicht Gottes zu sein. Gott, der in begrenztem Umfang, aber weitgehend, Schöpfer sein
will, vergibt, daß Gott gegen Gott kämpft.
"Gott hat seinen Sohn in die Welt gesandt nicht, daß er die Welt richte, sondern daß die Welt durch ihn
gerettet werde," lesen wir im Evangelium (Joh. 3
19). - Die Tendenz, die Welt im Namen Gottes zu richten,
kennen wir alle. Es ist aber unser ideales Gottesbild, nicht der dreieinige Gott, der uns nach Jesu Tod übrig
gelassen ist, in wessen Namen wir das tun. "Universa creatura eius est larva", sagt Luther (WA 40/I, 174).
Ordnung und Chaos, Bauen und Zerstören sind Gesichter, `prosopa`, `personae`, aus denen der lebendige
Gott, der Vater Jesu Christi, der Schöpfer, uns begehrenswert und entsetzlich anblickt. Die Christustradi-
tion läßt uns, inmitten von Entsetzen und Begehren, innehalten, uns nicht verschließen, sondern aufmerken
34
. Institutionalisierter Glaube braucht Theologie, damit er lebendig bleibt.
35
. Man höre die etymologische Verwandtschaft zwischen precarius und preces.
36
. Mit seinen Varianten "gemein" und "ordinär".
37
. Identitsche Reduplikation des Allels.
38
. Zarathustra III, Das andere Tanzlied, 3.
und von diesem wieder Neuen anfangen, - in Furcht und Zittern; in der Hoffnung, von einer Klarheit zur
andern geführt, Gott von Angesicht zu Angesicht zu sehen; zu erkennen, gleich wie wir uns vom
Evangelium erkannt fühlen.
Unsre Weltlichkeit kommt in der Welt an ihr Ende, aber wir können kraft der Vergebung Gottes neu auf
die Gotteslehre hören.
Unsre (fundamental vermutlich sowohl irgendwie "geschlechtlich" als auch "generationell" strukturierte)
39 symbolische Funktion
integriert - zeitlich begrenzt tragfähig - unsre Imagination mit der sog. äußeren Realität zu
40 unsrer Wirklichkeit. In diesem Sinne sprachen wir
metaphorisch von Gott als unserm Vater und der Welt als unsrer Mutter .

IV. Ethik

Welche Folgen hat solche Gotteslehre für das Handeln? Sie ist ein Integrationsangebot
42 von höchster
Spannweite. Wer es annimmt, wird ihm - nach der Logik des Herzens - durch integratives Handeln zu ent-
sprechen suchen. Das wird im Sinne dieser Theologie auch kämpferische Parteinahme in christlichem
Geiste sein.
Im gleichen Sinne hat diese Gotteslehre Folgen für das Urteilen. Das Leiden in der Welt abschaffen
wollen hieße die Welt abschaffen wollen. Der Christ muß in täglicher Buße von einem harmonistischen zu
einem bescheidenen trinitarischen Radikalismus sich bekehren; nicht den Kampf aller gegen alle in Gottes
Schöpfung verurteilen, sondern umgekehrt jedes Gelingen von Harmonie dankbar als sichtbares Ereignis
von Vergebung erkennen.
22.10.1988
Dieser Text ist inzwischen, weiterbearbeitet, integriert in mein Buch:
Von Gottes Bescheidenheit. Zu Struktur und Dynamik der christlichen Existenzsymbolik. LIT-Verlag 2009, 150 S.
39
. Den Zusammenhang zwischen "früher Triangulation" und symbolischer Funktion studiert, im
Anschluß an JACQUES LACAN, ERNST ABELIN, zuletzt in: Die Theorie der frühkindlichen Triangu-
lation. Von der Psychologie zur Psychoanalyse (in: J.STORK, Hg., Das Vaterbild in Kontinuität und
Wandlung, Stuttgart 1986, S.45-72) . Neben dem Freud'schen Triangulationsmodell diskutiert er ein in der
Tat nicht-sexuelles, die "Madonna constellation" von Kind, Mutter und jüngerem Geschwister auf dem
Arm der Mutter. Von daher könnte sich LACANs Verknüpfung von Vater und Symbol relativieren.
40
. Geschlechtlichkeit in der Gotteslehre, WzM 37 (1985), 295-298. - Treten wir aus dem narzißtischen
Kernbereich in die triangulierte Realität hinaus, so treten Gott und Welt auseinander - in Hoffnung darauf,
daß Gott wieder alles in allem werde.
41
. Es scheint hier also eine Sicht der Mutter als Maske des Vaters im Hintergrund zu stehen. Der Sinn
dieser Kombination ist eine Sicht der Mutter nicht mehr als nur Natur-, sondern als Kulturphänomen. (Vgl.
meinen in der vorigen Anm. angegebenen Aufsatz.)
42
. Scil. wie jedes Übergangsobjekt.