Thomas Bonhoeffer


Luther-Texte:
Die bekannten deutschen Schriften für breite Publikum zum Bauernkrieg von 1525 als
Hintergrund;
die Briefe aus der persönlichen Krise von Juli 1527 bis Ende 1528,
die Gerhard Ebeling in seinem Buch Luthers Seelsorge besprochen hat,
namentlich: [29.?] Nov. 1927 an Eberhard Brisger und 29.12. 1527 an Justus Jonas;
die Thesenreihe De fide von 1535 (WA 39 I, S. 44-48),
die Disputationsthesen gegen die Antinomer von 1537/38 (ebd. S. 334-358).
Für Luthers Drei-Stände-Lehre sind als Quellen in erste Linie zu nennen:
- das (an die große Schrift Vom Abendmahl Christi angehängte) Bekenntnis von 1528 (WA
26), sowie
- die Zirkulardisputation über Matth. 19,21
, De tribus hierarchiis vom 9. Mai 1539 (in WA
39 II überschrieben "über das Recht des Widerstands gegen den Kaiser"), hierzu Rudolf
Hermann im Luther-Jahrbuch 23 (1941);
aus Luthers Genesis-Vorlesung von 1535-45 (WA 42 I)
die Auslegung von 1
1f., 2 15-18, 22-25, 3 16-19, 6 3f., 8 21f., 9 6
(erhalten nur in einer Überarbeitung von Veit Dietrich!)
.
als Sekundärliteratur:
Oswald Bayers Vortrag Natur und Institution (ZThK 81, 1984), 1995 wieder abgedruckt in
O.B., Freiheit als Antwort
sowie
Luise Schorn-Schütte, Die Drei-Stände-Lehre im reformatorischen Umbruch. In: Hg. Bernd
Möller. Die frühe Reformation in Deutschland als Umbruch (Schriften des Vereins für
Reformationsgeschichte 199), Gütersloh 1998.
Deren traditionellen Hintergrund beleuchten zwei katholische Repliken von 1524
Notizen aus dem Zusammenhang dieser Arbeit
Gebet
Nach der Lektüre von G
ERHARD EBELING, Beten...(in: Lutherjahrbuch 66, 1999, S. 151-166)
spitze ich zu: "Luthers theologische Suche nach Ordnung" war vor allem sein Gebet.
Wohl alles was Luther schreibt, hat er vorher allein mit Gott in erregten Diskussionen
durchgesprochen.
Luthers vieles Beten ist Psychose-Abwehr: Er weiß: Er muß das Imaginäre, das ihn zerreißen
will (vgl. die Metaphorik in dem Brief vom 29.Dezember 1527 an Justus Jonas!), dialogisch
beieinanderhalten. So bedeuten ihm die Psalmen und die evangelischen Texte, die ähnliche
Probleme sprachlich gefaßt haben, eine Entlastung, eine Gottesgabe, Wort Gottes.
Die Gesellschaft war zerklüftet, die sozialen Normen ausgehöhlt. Die Kultur war höchst
religiös. Die Angst, die den Ablaß zum großen Geschäft gemacht hatte, führte zu
massenpsychologischem Bedürfnis nach Vereinfachung und Klischeebildung. So wurde Wort
schnell zu konfessioneller Lehre pervertiert. So entstandene apokalyptische Lehre aber wirkt
nur im Kollektiv angstlösend. Allein mußte Luther viel und laut mit Gott reden.
Zu De servo arbitrio
Luther konnte zwischen Gesetz und Evangelium, zwischen mündlichem Wort und Schrift,
aber nicht zwischen Wort und kirchlicher Lehre, Bekenntnis und Dogma unterscheiden. Die
antike Skepsis hätte ihm da weiterhelfen können; aber dafür fehlte ihm die humanistische
Bildung. Er verurteilte Skeptiker und Epikureer in einem ­ mittelalterlichen ­ Atem. In der
Auseinandersetzung mit Erasmus wollte er evangelisch, hat aber ideologisch argumentiert.
Luther maß lebenslang der Anfechtung (
tentatio) der eigenen Überzeugungen hohe Bedeutung
für die theologische Existenz bei
1. Das war seine, im Zeichen der persönlichen
1
Luther hat (in der Vorrede zum ersten Band der Wittenberger Ausgabe seiner
deutschen Schriften, 1539, WA 50, 658ff.) unter den drei Stichworten oratio, meditatio,
tentatio (1. Sammlung vor dem in Jesus offenbarten Gott, 2. biblische Textmeditation
und 3. Verunsicherung) kurz entfaltet, was er für das Wesentliche im Theologiestudium
hielt.

Verbindlichkeit
2 der jeweiligen3 Antwort des Glaubens auf die Wahrheitsfrage stehende,
Skepsis.
Paulus denkt die Praedestinatio ad malum (Rm 9-11) nur kollektiv-historisch und nur
zeitweilig. Eine geschlossene Ideologie wird daraus erst bei Augustin.
Augustins Gott, der schon prälapsarisch alles, inklusive Sündenfall und Verdammnis,
vorherbestimmt hat, ist ein selbstverliebter Künstler, dessen Werk nichts als ein schöner
Spiegel seiner selbst ist. Das ihm gegenüber Andere ist nichts als seine, allein durch ihn
definierte Welt. Das Wesen seiner Geschöpfe ist allein er selbst. Er kann sie nur als seinen
Spiegel lieben. Das ist perfekte Lieblosigkeit. Das entsprechende Weltbild ist ein paranoides
Wahnsystem. Die mittelalterliche Höllenangst war damit programmiert.
Luther aktivierte dagegen die Trinitätslehre und machte Jesus Christus als Schöpfungswort
Gottes geltend, ­ die zweite Person der Gottheit, in welcher Gott, in Liebe zu seinem
Geschöpf, nicht nur alle Strafe, sondern alle Schuld auf sich nahm. Sie ist die
Selbstoffenbarung Gottes an die Menschen, an die wir uns halten sollen. Damit wird,
evangelisch, die Wahrnehmung der Liebe Gottes dem Determinismus, als einem Geheimnis
des verborgenen Gottes, prinzipiell vorgeordnet. Hier geht es nicht um konsistente Theorie,
sondern um Symbolik, ums vom Geist des Lebens erfüllte Wort als Geschehen.
Luther geht es gar nicht um das arbitrium, sondern um das Gott-vertrauen-Können des
Menschen mit seinem vertrauensunwürdigen arbitrium.
Luthers Teufel ist sein Widerwille gegen den imaginären sadistischen, masochistische
Unterwerfung fordernden Gott. Der sich selbst dahingebende Christus hat für ihn vor diesem
Gott genug getan.
Paulus: Werke im Geist Christi sind Ruhm! Luther thematisiert die Dialektik des rühmlichen
Werks.
WA 18, 689 wird die Ambivalenz des Gottesbildes auf Vater und Sohn verteilt: Deus
incarnatus vs. voluntas maiestatis. Aber auch die voluntas Christi ist ab initio mundi im Spiel
(690).
Es gibt keine Sicherung gegen die Angst vor dem verborgenen Gott. Es gibt nur die Erfahrung
der Vergebung des Schöpfers und das daran erinnernde Wort.
Für den Deus absconditus, der uns unbekannt bleiben will, verlangt Luther nicht glauben,
sondern denken und wissen, ferner timere, adorare und reverentia (WA 18,690). Die absolute
Souveränität ist wesentliches Attribut Gottes und gehört zur der Gottesdefinition, die jeder
Heilsglaube voraussetzt.
In der Tat: "Der Allmächtige" ist und bleibt uns imaginär latent präsent. Er ist ein religiöses
Apriori. Eine Theologie, die den Kontakt mit dieser Tiefe verloren hat, hat ihren Gegenstand
vergessen. Als unser "Selbstobjekt" (Kohut) berät der Allmächtige uns symbolisch, präverbal
oder verbal, durch Warnungen und verheißungsvolle Aufforderungen.
Gottes "absolute Souveränität" ist seine Schöpferkraft, und seine Schöpferkraft ist seine
Bescheidenheit.
2
In diesem Sinne kann man einen ,,Absolutheitsanspruch des Christentums" vertreten.
3
In diesem Sinne versteht Luther die glaubensgeschichtlichen Epochen tempus legis
und tempus gratiae existenziell (WA 39 I, 209).

Bescheidenheit
Vielleicht das erstaunlichste Stück zu diesem Thema ist Luthers Rede von der immundities
divina.
Gottes voluntas imperscrutabilis (WA 18, 685ff) ist seine Bescheidenheit. Er will die nur
gegenseitig beschränkte Freiheit der Geschöpfe, auch des Bösen.
Die beschränkten Möglichkeiten der Selbstorganisation begünstigen, nach Manfred Eigen, kooperative
Höherorganisation.
Gott, in seiner Bescheidenheit als Schöpfer, will, um der Freiheit seiner Geschöpfe willen,
auch das Widergöttliche und Böse, wenn sie es denn wollen. Aber er rät ihnen davon ab.
Praesumptio/superbia ist Sünde. In der Tradition der monarchischen Gottesvorstellung auf
Gott projiziert, führte sie Luther zu Gotteshaß. (Vgl. auch Goethes Gedicht Prometheus)
Zum unbescheiden, unreif vorgestellten Gott kann man nur ein ambivalentes Verhältnis, eine
Haßliebe haben, ­ die bei Luther im Glauben an Christi freiwilliges Opfer, Gottes
Akzeptation unseres Gotteshasses, zu Ruhe kommt.
Luthers theologia crucis dachte Gottes "absconditas sub contrario" von der gloria her und
verharrt dabei!
Einleitung zur Römerbrief-Vorlesung (1515): Unsere eigene Gerechtigkeit muß zerstört und
die Herrschaft der Sünde anerkannt werden. Dazu aber sind wir im Stande nur durch Christus
und seine Gerechtigkeit, die die göttliche, schöpferische Bescheidenheit ist, an welcher wir
Anteil bekommen können.
Luther fühlte sich (im Rahmen der herrschenden Weltanschauung selbstverständlich)
verpflichtet, etwas Kanonisierbares zu formulieren, um den katholischen Anspruch durch
einen Gegenanspruch auf derselben Ebene zu überbieten, ­ statt es bei der göttlichen Kraft der
Bescheidenheit des Wortes bewenden zu lassen.
In Luthers Angst vor der Hölle ging es um Gewißheit des persönlichen ewigen Heils. Mir
geht es um ein größeres Ganzes, in dem ich untergehen mag: Gottes bescheidenes Leben.
Anfechtungs-Briefe
besonders an E.Brisger vom 29.11.1527 und (einen Monat später) an J.Jonas
Luther klagt am 26.Okt.1526 (an N.Hausmann) über frigor und torpor, also, zwar ohne die
Vokabel, über akedia, Depression.
Luther lebt in einer Dramatik, die uns fast immer erspart ist. Zwischen Christus-Glauben und
Anfechtung, in ärgsten Zeiten einer teuflischen Heilandsgestalt gegenüberstehend, ist er
ständig von gefährlichen Ambivalenz-Problemen bedroht. Sein Gebet und seine Theologie
sind Weiterarbeit an der kirchlich überlieferten Symbolik der Integration der präambivalenten
Seelentiefen.
Auch Luthers Lehre ist nicht chaos-resistent. Symbole können nur bedingt repräsentieren, was
sie repräsentieren sollen: Auch eine evangelische Lehre wie diejenige Luthers repräsentiert
nur zeitweise die Wahrheit! Der mendacii pater redet (an E.Brisger, Joh 8
44), wenn die Lehre

die Wahrheit irreführend repräsentiert.
In Bedrängnis, ideologisiert Luther den Glauben an Gottes Treue zu Jesus. Sein
Sicherheitsbedürfnis macht aus dem Evangelium ein Gesetz ­ eine (wie es andernorts heißt:)
confusio infernalis ­ , an welches sich superbia heften kann, die, wie er spürt, gedemütigt
werden muß.
Die Ambivalenz Christus/Satan bedeutet konkret agon ­ Kampf gegen das doppeldeutige
Wissen, um den Zugang zu dem lebendigen Gott. Luther schreibt an die Freunde, durch Eure
Gebete obsiegt Christus noch, oder kämpft jedenfalls tapfer (per vestras orationes adhuc
superat vel saltem pugnat fortiter). Die Freunde sollen weiter mit ihrer Fürbitte, im Glauben
an Christus in seiner Schwäche, "jenen schwachen Christus" stärken.
Die unerträgliche Doppeldeutigkeit wird durch die Mitmenschlichkeit von Glaubensbrüdern
gemildert. In der Gemeinschaft der Anfechtung kommt das Ideologische als Wort auf die
Waage und die Dinge vermenschlichen sich wieder.
Luther kann dann auch einen Schritt zurücktreten und zeitweise in ganz anderer Symbolik
(Musik, Geselligkeit, Familie) Entspannung finden.
Rm 8
26f. ringt Gott, der Geist, mit Gott, dem Vater.
Ständelehre
Ecclesia
Luther interpretiert ein Tabu als Stiftung der Kirche des Evangeliums. Es ist aber kein
stummes, sondern ein von Gott dem Menschen zugesprochenes Tabu. Der sich zur
Respektierung des anderen bescheidende Schöpfer wendet sich dem Menschen zu und gibt
ihm eine Form der Gottebenbildlichkeit in Bescheidenheit vor.
Das Verbot, das Nein Gottes gehört zum Paradies! Sabbat, arbor (lignum): Dieses persönliche
Nein (der vorbildlichen Bescheidenheit) des Schöpfers ist Ort der Selbstfindung.
Die Kirche als Schöpfungsordnung rundet die von Gott, durch sein (Sabbat-)Gebot und (Eß-
)Verbot, heteronom begrenzte, paradiesische Schöpfung durch ein menschliches Ja zur
heteronomen Begrenzung symbolisch ab.
Luther unterscheidet kategorial zwischen der paradisischen Institution der religio nudissima
und der Kirche nach dem Sündenfall. Für diese ist das vom Gesetz unterschiedene
Evangelium (zuerst in der Form des "Protevangeliums" Gen 3
15) konstitutiv (Reinhard
Schwarz).
Die Kirche als Kultgemeinschaft ist nach Luther die anzustrebende ordentliche Normalform
der communio sanctorum (derer, "die mit Ernst Christen sein wollen"). Sie ist eine der drei
Stände.
Kultgemeinschaft ist in der Regel eine institutionelle Form von Symbolgemeinschaft.
Lebendige Symbolgemeinschaft aber kennt die Form der Institution nur für konservative
Teilsyssteme. Tradition und konservative Teilsysteme gehören zwar zur Normalform einer
lebendigen Symbolgemeinschaft; Institution ist jedoch nicht selbst deren Normalform.
Allenfalls ist Institution ihre Dauerform. Symbolgemeinschaften sind normalerweise
langlebig. Das Leben manifestiert sich nicht einförmig, sondern in Streuung; die Mittelwerte
aber verschieben sich nur langsam. Das begünstigt Institutionalisierung von Konsensen, ­ die
zwar gern als Gemeinschaftsymbol, aber nicht als persönliches Glaubensbekenntnis bejaht

werden. Das steht gegen den Kirchen- und Bekenntnisbegriff etwa des Paulus. Aber, insofern
eine Dauerform zur Normalität einer Symbolgemeinschaft gehört, ist Institution eine (!)
anzustrebende Sozialform in (!) der communio sanctorum. Eine Selbstauswahl von Christen
verkörpert sie; sie wird von einer größeren Menge in tiefer Selbstverständlichkeit
mitgetragen.
In seinem Kampf gegen die Papisten gerät Luther mit der gesetzlich-selbstgenügsamen
Definition jeder Kirche in Konflikt. Kirche macht "das Evangelium" zu ihrem Grund-Gesetz.
Die lutherischen Kirchen konnten nur melanchthonisch-katholisch existieren.
Oeconomia
Die Geschlechtlichkeit überwältigt die Selbstkontrolle des Individuums. Dadurch bekommt
sie in Religionen ­ positiv (als göttliche Macht) oder negativ (als sündig) ­ hohe Bedeutung.
In einem der Protokolle von der Disputation über die Thesen zu Mt 19
21 (WA 39 II, S. 87)
wird von der Ehe (Z.7f.) gesagt, sie sei immundities... divina, quae est a Deo ordinata, im
anderen (Z. 19f.) ist notiert, sie sei eine munditia mundata per Christum. Die geschlechtliche
Begierde bleibt zwar auch in der Ehe sündig. Aber Luther kann kühn von "immundities
divina" reden, einer menschlichen Unreinheit, die Gott, in seinem Heilswillen für die
Menschen ("in Christus", wie es heißt) auf sich genommen hat.
In der Druckbearbeitung der Genesisvorlesung Luthers fehlen diese Zuspitzungen. Hat der
Bearbeiter, der Melanchthon-Schüler Veit Dietrich, sie weggebügelt?
Sündenfall
Bei allem Realismus, ist für Luther das Postlapsarische nur das Uneigentliche, nur reliquiae;
das imaginäre Paradiesische ist das Eigentliche. Am imaginären Guten sind Gebet und
Gottesdienst orientiert. Nicht etwa sind "Schöpfung" und "Fall" Symbole, sondern die Realität
ist Symbol der reinen Schöpfung.
Die guten Reste der Gottebenbildlichkeit des Menschen werden von Luther, zu höheren Ehren
Gottes des Erlösers, wenig beachtet.
Wegen der menschlichen Kreativität scheint unter den Menschen mehr ataxia (Unordnung)
als irgend sonst in der Welt zu sein.
Politia
In Luthers Modell der gottgeschaffenen Friedensordnung, dem Paradies, gab es nur vier
Personen: eine göttliche Vaterfigur, zwei Menschen und die Schlange. Die Politie des Paares
nennt er, entsprechend dem alten Wortsinn, "Ökonomie". Die personale Quaternio im
Paradies wird noch nicht als Politie verstanden, ­ obwohl schon hier die Gewalt ausbricht, die
den paradiesischen Verhältnissen ein Ende setzt. Schon die Triangulation durch das Kind
findet im Paradies nicht statt; mehr als zwei Menschen und erst recht Großgruppen und
Völker, also im gewöhnlichen Sinne "politische" Probleme, sind, schon im Alten Testament,
als postlapsarische Erscheinungen verstanden. (Ein einfaches Dreikörpersystem kann
chaotisch entarten ­ Ende des Paradieses.)
Nach Luther ist Tyrannis die real existierende Normalform von Obrigkeit. Trotzdem ist
Selbstjustiz verboten; tradierte Rechtsformen müssen eingehalten werden, nur Fürsten sind

handlungsbefugt. Sonst bricht Chaos aus. Das Milgram-Experiment und seine zahlreichen
Repliken zeigen, daß hier ein artspezifischer Autoritätsreflex vorliegt, der nur langsam und
schwer unter Kontrolle zu bringen ist.
Stanley Milgram, Obedience to Authority, 1969.
Die Kooperation in der Gesellschaft funktioniert aus guten Gründen nicht kampf- und
reibungslos. Der Zufall muß zwischen gleich guten Alternativen, ihren Ansprüchen und ihren
Vertretern entscheiden. Die magnanimitas in der sozialen Naturausstattung des Menschen ist
unverzichtbar! Der Jurist Dieter Conrad las, für eine Grundlegung der politischen Ethik,
Luthers "für/pro den anderen" als Repräsentation.
Der Begriff des Politischen ..., (1988) in: D.C., Zwischen den Traditionen, 1999, S. 466
Es geht um Repräsention des Gemeininteresses als Bedingung der Handlungsfähigkeit großer
Kollektive. Gewalt ist hier wesentlich nötig nicht gegen Feinde, sondern gegen echte
Alternativen, die das Kollektiv zwecks Handlungsfähigkeit zu opfern verlangt! Die soziale
Kultur hält sich mehr oder weniger offen für Alternativen.
In Luthers Genesisvorlesung ist immer wieder von den "Resten" des status integritatis die
Rede; aber diese sind (wie die Sünde), nicht sauber abzugrenzen. Die "politische"
Gewaltordnung muß diese "restliche" natürliche Sozialität ergänzen, um die
lebensnotwendige kollektive Handlungsfähigkeit zu erhalten.
Die sakrosankte Sozialordnung konnte 1525 nur mit göttlichem Anspruch angegriffen
werden. Die reformatorische Alternative zum Bauernkrieg war: Aushöhlung der empörenden
Dienstmoral durch das ehrliche Wort (Eph 4
15) einerseits und ordentlichen Dienst um Gottes
und des Nächsten willen anderseits ­ sowie Hoffnung auf menschlichere einzelne
Landesherren.
Allgemein
Die "drei Stände", Stifte, Orden, "Hierarchien" (=heilige Ordnungen) sind keine Erfindung
Luthers, sondern ein seinerzeit in Katechese und akademisch-philosophischem Unterricht
überliefertes Schema. Allgemein empfand man die "drei Stände" als natürlich und
gottgegeben, als "Schöpfungsordnung".
(Luther freilich verband keinen der Allgemeinbegriffe für die drei Stände mit dem Begriff
Schöpfung!)
Die traditionellen "drei Stände" haben, nach Luther, das testimonium Dei für sich. Sie sind "in
Gottes Wort", Bibel und Gebot, zuhöchst also ins Liebesgebot, "gefaßt" (Luther 1528). Im
ersten Buch Mose (nicht beschränkt auf die "Schöpfungsgeschichte"!) findet er die
Einsetzung der drei Stände. In der Exegese dieses Buchs, der er seine letzten zehn Jahre
widmete, unterzieht er die herkömmliche Ständelehre einer Revision.
Die sogenannte Drei-Stände-Lehre ist bei Luther eine locker und variabel organisierte,
spannungsreiche Menge von beachtenswerten Bemerkungen. Wie alles, was Luther lehrte, ist
sie nicht auf weitere Systematisierung, sondern auf selbstverantwortlichen Gebrauch angelegt.
(Auch weitere Systematisierungsversuche können allerdings lehrreich sein.)
Sakramente und Stände sind "von Gott gestiftet". Luther sagt damit: Gott sagt doch uns allen
verständlich, sinnvoll und mitteilbar, "hier" können wir ihn wiederfinden. Zu seiner Zeit war
man sich darüber weitgehend einig. Erst später wurde das zur begründungsbedürftigen und
endlich grundlosen Behauptung.

Im dritten, letzten Teil der großen Schrift Von den Conciliis und Kirchen (1539) erklärt
Luther, woran man wahre Kirche erkenne. Und hierunter führt er auch die traditionellen drei
Stände auf und konkretisiert sie durch die Gebote der sog. "Zweiten Tafel" des Dekalogs. Sie
haben allerdings nicht den ausdrücklichen Bezug auf Christus und sind deshalb für sich allein
keine eindeutigen Zeichen von wahrer Kirche; ja auch Heiden ragen hier hervor.
An Stelle der herkömmlich als heilig angesehenen kirchlich-zölibatären Institutionen, nennt
Luther "heilig" die drei Stände. Das ist wohl im Sinne von 1.Tim. 4
5 zu verstehen: Alles, was
Gott geschaffen hat, ist durch Gottes Wort und des Menschen Dank "heilig".
Die drei Stände sind, in aristotelistischer Tradition grob umrissene, gesellschaftliche
Bereiche, wo Liebe im usus civilis legis konkret wird. Es geht um die lebensnotwendige
Stabilität von Sozialsystemen. Es geht nicht, wie im "theologischen Gebrauch" des Gesetzes,
um die Person vor Gott, sondern um die Gesellschaft vor Gott, um die, der Person von Gott
zur geordneten Mitverantwortung anbefohlene, Gesellschaft.
Später gilt die Drei-Stände-Lehre als lutherisch.
Gott verlangt soziale Anpassung, ­ es sei denn, es gehe um das Bekenntnis.
Das Gesetz dieser "Stifte" führt in Schuld und läßt uns Rückhalt beim Schöpfer suchen und
Trost beim menschgewordenen Gott finden.
Die Welt ist geheiligt durch den Segen Christi, die Offenbarung der Bescheidenheit Gottes.
Auch für Kirche und Staat gilt sinngemäß, was Luther über die Ehe sagt: Der Schöpfer hat die
durch diese bedingten Sünden auf sich genommen.
Zur Ordinatio divina gehört nach 1.Tim 4
5 das Dankgebet. Nach Luther sind auch die
sozialen Ordnungen ­ beschädigt, pflegebedürftig und gefährdet, wie sie sind, ­ den Christen
heilig!
Die Sozialordnungen sind zwar in Gottes Rat und unserer Dankbarkeit geheiligt; aber nicht
ihre Einhaltung rechtfertigt uns, sondern der Glaube, daß der Schöpfer in Christus die unter
der Amtspflicht begangenen Sünden auf sich genommen hat.
Mit der Lehre von der "Heiligkeit" der Stände scheint die Sündenlehre dem Problem der
Tragik sich zu öffnen.
Die drei Stände (ordinationes) betreffen den aus Menschenliebe anzustrebenden, ordentlichen
Normalzustand der Gesellschaft. Nur in der Not soll der Bäcker Henkerdienste übernehmen.
Auch Luther artikuliert seine Soziallehre, wie die Tradition, die von potestates spricht
(Leonard Marstaller, 1524, sieht diese als begrenzt an!), als Herrschaftslehre (von der
Herrschaft in Haus, Kirche und Staat) unter Gott als dem allmächtigen Herrscher.
Er hätte die Ordnungen aber, im Sinne der Kompossibilität, von der freisetzenden Liebe des
Schöpfers her interpretieren können. Solche realistischen Ansätze finden sich in allen
Hinweisen auf die Folgen von Gehorsam gegen diese Ordnungen und von Ungehorsam.
Luther hatte große Angst vor den Risiken sozialer Selbstorganisation. Er ahnte die Zustände,
die bei Zusammenbruch der legalen Ordnung drohten. (Eindrucksvoll etwa der Schluß des
Briefs vom 6.März 1530 an den Kurfürsten über das Recht zum Widerstand gegen den
Kaiser.)

Nach Luther ist der Mensch Repräsentant der göttlichen Ordnungsmacht vor der übrigen
Kreatur; der magistratus vor dem Volk; und wer in Notwehr einen Strauchräuber erschlägt,
handelt als Repräsentant des magistratus.
Disp. über Mt 19
21, WA 39 II, 80ff.
Die patriarchale Herrschaftsordnung im "Hausstand" ist postlapsarisch, gehört also eher zur
Gewaltordnung.
Die allgemein anerkannten drei Stände sind der vom Schöpfer und Erhalter geheiligte Ort des
"esto peccator et pecca fortiter, sed fortius crede in Christum (die zweite Person der Gottheit,
die die drei Stände eingesetzt hat)". Mit dem Zuruf: "Esto peccator!" (in dem persönlichen
Schluß eines professionell-theologischen Briefs an Melanchthon vom 1.Aug.1521) verordnet
Luther Melanchthon Weltlichkeit. In dieser Vocatio hat er die Grundlegung seiner Berufsethik
und Ständelehre formuliert.
Verschiedenes
Luther genießt für seinen Kampf gegen Rom viele Sympathien, aber er hat keine symbolisch
organisierte Macht außer der Autorität der Bibel. So muß er seinen Kampf gegen Rom als
Bibelauslegung mit Rechtsanspruch führen. Er legt die Bibel als Gottes Wort aus; es geht
immer um die Offenbarung Gottes in Christus. Die resultierende Auslegung tut dem (selten
christologischen) sensus literalis historicus vieler einzelner Texte Gewalt an. Sie leistet
theologisch Gewaltiges. Aber der Ernst des Gottesverständnisses eines Luther ist nicht
juridifizierbar; die Auslegung leistet kirchenrechtlich nicht, was sie leisten müßte. In dieser
negativen Banalität haben die Papisten gegen Luther Recht!
Kein Wohlverhalten rettet aus Schuldangst.
Man braucht Orientierung. Auch für Luther selbst war Lehre entscheidend wichtig. Er saugte
und destillierte sie, mit dem persönlichem Mut des Glaubens an den Heilswillen Gottes, aus
der höchsten Autorität, der schrecklich heiligen Schrift. Luther hat dem Volk den
persönlichen Zugang zur Sacra Scriptura eröffnet. Er war dem erschrockenen Leser der
"getreue Eckart" und Lehrer; für seine Schüler ein heilsnotwendiges Symbol des
Bescheidwissens. In der Tradition der Schule wird aus prekärer certitudo/securitas des
Lehrers eine wahnhafte, ahnungslose, unansprechbare, aggressive Besitzstandswahrung des
Schülers, die sogar den Lehrer noch anstecken kann. Die Luther-Schüler schablonisieren.
Satan ist ein ideologisch-verführerischer Ordnungsbegriff. Mit "Satan" ist das Böse biblisch
eingeordnet.
Luthers Bezugsrahmen der Sakramentslehre ist der allgegenwärtige Gott in seiner
entsetzlichen Majestät
(Von den Conciliis und Kirchen, gegen Ende). Die Entsetzlichkeit ist in der
Kreuzigung Jesu überwunden. Der dreieinige Gott ist für uns gegenwärtig im Sakrament!
Sakramente sind für Luther so etwas wie Reliquien der Gottesgemeinschaft Jesu.
Luthers dachte, im Sinne des gesellschaftlichen Konsenses, "objektivistisch" nicht nur über
das Brot und Wein im Abendmahl, sondern über die ganze Welt als Ort des allgegenwärtigen,
ewigen dreieinigen Gottes. Des Heils teilhaftig aber werden wir, nach Luther, nur durch den
(subjektiven) Glauben an das "Für uns"! Ebenso vermittelt die "Taufe in den Tod Christi"
(Rm 6) das Heil durch den Glauben an die Verheißung, die auf dem Taufwasser liegt.

17. September 2003, ergänzt am 18. Januar 2008.
Dieser Text ist inzwischen, weiterbearbeitet, integriert in mein Buch:
Von Gottes Bescheidenheit. Zu Struktur und Dynamik der christlichen Existenzsymbolik. LIT-Verlag
2009, 150 S.