Thomas Bonhoeffer


Hermeneutische Problemdimensionen (2009)

Realität

Beobachtungen sind unscharf punktweise Koinzidenzen. Das kognitive Schema des „konstanten Objekts“ ist ein (bereits vereinfachendes) Interpretament (einer Beobachtungs­­reihe).

„Tatsachen“ sind Resonanzen zwischen der menschlichen Natur und der Umwelt. Neue Tatsachen müssen austariert werden.

Unsere Vorstellungen von der Wirklichkeit sind immer vereinfacht – und also Verzerrungen; das ist lebensnotwendig. In den verschiedenen Lebenszusammenhängen brauchen wir immer neue Vereinfachungen. Das macht die Bemühung um die Wahrheit zu einer endlosen Aufgabe. Neben dem Alltagswissen brauchen wir Dichtung und abbildende Kunst, die uns Distanz von unseren Selbstverständlichkeiten vermitteln, Musik und die sog. abstrakte Kunst, die uns verschiedene Aspekte unserer verzerrenden Subjektivität zu bedenken geben, und Wissenschaft, die an den Grenzen unseres Wissens lebt.

Ist in Wirklichkeit der Weg das Ziel, so ist Zerstörung Teil der Vollendung; aber hier und da sieht man etwas sich zusammenfinden und arrangieren. So sieht „die ewige Vollendung“ in der Zeit aus. Es ist Erfahrung der bescheidenen Herrlichkeit Gottes!

Das „Wesen“ einer Sache ist, modern verstanden, ihre (immer beschränkte) Identifizierbarkeit.

Unterwerfung unter nackte Tatsachen, an denen es nichts zu deuteln gibt, die feste Materie, die Dinge mit ihren Eigenschaften, ist von uns gefordert. Sie strukturieren objektiv den Raum unsrer subjektiven Freiheit, unserseits sie zu beherrschen.
Wir versuchen, die Tatsachen, denen wir unterworfen sind, zu verstehen, uns in sie einzufühlen [1], ein Stück weit uns mit ihnen zu identifizieren, und entdecken uns selbst mit unsern Eigenschaften als facta bruta. Wir untersuchen und analysieren sie, um über sie Bescheid zu wissen, sie zu beherrschen. Das Subjekt will, als freier Geist, über die Dinge herrschen.
Form und Materie bedingen einander.
Grundlegend versteht das Subjekt das tatsächliche Andere schematisch, zu einem Schemen vereinfacht, nur als „noch ein“ Subjekt, Verdoppelung seiner selbst; dann als ein Spiegelbild, seitenverkehrt – und hier hat die Dialektik von Herrschaft und Unterwerfung[2] ihren Ort. Auch in den folgenden Differenzierungen spielt die Beziehung weiterhin zwischen Identifikation und Andersheit, Narzißmus und Objektliebe.

Persönliche Beziehungen sind etwas anderes als soziale Strukturen. Die Gesellschaft braucht Strukturen, Gewaltordnung und Leute, die sie aufrechterhalten, „Obrigkeit“, Justiz, Polizei, Lehrer, Militär. Sie verlangt auch hart Anerkennung „harter“ Tatsachen[3]. All dieses verlangt Unterwerfung. Gibt es dafür eine triebdynamische Basis im Individuum? Freud thematisierte den Masochismus und erkannte ihm eine fundamentale Bedeutung zu.
Unentwickelt, dysfunktional (deshalb tabuiert) erscheint er als Perversion. Masochismus wird heute dem sog. „ Bondage-Dominance/Discipline-Sado-Maso (BDSM)“-Komplex zugerechnet, einer Gruppe von verbreiteten[4] Lüsten, die von der Norm abweichen. Das Vergnügen gipfelt in der empathisch polarisierten Gemeinsamkeit. Es geht 1. um das Ohnmachtsgefühl in willentlicher Unterwerfung beim einen und um das korrespondierende Machtgefühl beim andern; 2. um Schmerzlust. Das Phänomen hat also, psychoanalytisch [5] gesprochen, einen narzißtischen und einem Trieb­aspekt. In beiden Dimensionen hält die BDSM-Subkultur in einem mannigfach begrenzten Stabilitätsbereich eine prekäre Balance. Man spricht hier von Spiel und Kunst. Früher wurde mit Schlägen sozialisiert; Lehrer nannten das Gesäß Erziehungsfläche.
Entwickelt, sublimiert und neutralisiert[6] aber, scheint dieser Triebkomplex hierarchische Sozialstruktur[7] und harte Fakten zu beseelen. Damit würde „die gesellschaftliche Konstitution der Wirklichkeit“ [8] individuell implementiert.

Unsere „eine“ Wirklichkeit ist eine bunte Mischung von wirklichen, mehr oder weniger harten, vieldeutigen Tatsachen und geahnter Wahrheit.

„Das Kontinuum“ ist eine praktische, vereinfachende Vorstellung vom Raum unserer Handlungsmöglichkeiten.
Stetige Funktionen mit Instabilitäten bilden im Rahmen dieser Vorstellung Zusammenhänge ab.
„Naturgesetze“ u.dgl. sind Komponenten von vereinfachenden Vorstellungen von Zusammenhängen.

Ein Ereignis συμβαίνει, accidit, ist ein „Zufall“.

Darwin sah die mörderische Konkurrenz der Arten, die, von Exemplar zu Exemplar springend, sich erhalten, um die Wette exponentiell wachsen, nicht nur einander fressen, sondern auch einander alles wegzufressen drohen. Und dieses Wachstumsprinzip ist nicht auf Pflanzen und Tiere beschränkt; es gilt auch für die „Exemplare“ der Meme.

Die Kopenhagener Quantenphysik war eine philosophische Pionierleistung. Dasein ist sprunghaft! Ich bin jetzt zu diesem Thema gesprungen. Aussagen stehen neben einander; und tiefenpsychologisch bin ich selbst mit jedem Subjekt, von dem ich rede, identifiziert. Ich kann nur aus einer Identifikation in die nächste springen.

Die „veränderten Bewusstseinslagen“ ändern auch die Wahrnehmungseinstellungen und das Weltbild. Die Vernunft hütet den stabilsten Teil unsres gemeinmenschlichen Weltbildes. Aber schon etwa der öffentliche Kulturbetrieb mit seinen Übergängen ins Verrückte zeigt, daß unsre gemeinsame Welt reicher ist.

Jedes Ding, insbesondere jedes Lebewesen, hat erheblich mehr Möglichkeiten in sich, als realisiert werden. Eins aktualisiert und verstümmelt das andere.
Ein wirkliches Leben ist zuletzt doch immer nur ein „Fragment“ gewesen. Alles, im einzelnen und im ganzen, weist uns über sich hinaus.

Es ist ein Schöpfungswunder, wie viel und wie gut man nachempfinden, verstehen und voraussagen kann.

Alle Ereignisse sind Erlebnisse und auf diesen basierende Konstrukte.

Kommunikation – soziale und innerpsychische – stabilisiert das Weltbild. Alle Kommunikations-Medien vereinfachen – jedes anders. Die Kommunikations-Technik wird durch ihre (wachsende) multiplikative Kraft immer wichtiger.

Einstein vermißte in der neueren Quantenphysik vollständige Kausalität zwischen objektiven Daten. Aber man war an einer Grenze der natürlich objektivierenden Vernunft angekommen. Die objektivierte Lebenswelt des Homo sapiens zerfällt in relativ autonome Bereiche unvollständig verstandenden Lebens.

Die Realität ist unvorhersehbar kreativ, mindestens „mild“ chaotisch. Der – so suggestive – Realitätsbegriff ist deshalb unscharf. Das ist im Gottesbegriff festgehalten.

Gott läßt mehr geschehen, als uns je bewusst ist. Wenn uns die Zeit lang wird, müssen wir weiter um uns gucken, um seine Wundermacht und seine Geduld am Werke zu sehen.

Eine einfache Frage kann meist einfach beantwortet werden nur um den Preis einer Simplifikation, die dann auch ihre Tücken hat. Das Leben ist kompliziert; „ ... für dieses Leben ist der Mensch nicht klug genug“ (B. Brecht).

Gestalt, Form, Idee, Mem*

Eine Spezies ist nicht ein platonisches εἶδος, sondern die quasi-stabile Gleichheit in einem Gen-pool.

Die „Idee“ ist ein von unsrer Intelligenz erkanntes, stabiles Muster, das wir bei uns speichern können.

Information ist ein biologisches Phänomen. Sie setzt assimilierende, lernfähige Subjekte und gemeinsame Erfahrungen voraus. Ohne eine Einschränkung wären, in der Vielfalt der theoretisch denkbaren Erfahrungen, gleiche Erfahrungen praktisch ausgeschlossen. Wesentlich ist die starke Beschränktheit der Möglichkeiten evolutionär erfolgreicher Selbstorganisation (M. Eigen).
Information ist eine spezifische Modifikation eines Subjekts durch ein ähnliches Subjekt. Beide Subjekt müssen, aufgrund ihrer gemeinsamen Erfahrungen einen teilweise gleichen Schlüssel (Code) haben, nach dem sie die Information verstehen und sich aneignen können.
Meme entstanden als stabile spezifische Reaktionsbildungen in ähnlichen Subjekten.

Meme sind Attraktoren und setzen Attraktoren voraus. Sie bilden ein zweites System über dem physischen, mit Rückwirkung auf dieses.

Unsere Ideenwelt verdankt sich gelungenen Vereinfachungen. Sie ist ein praktisch vielfach bewährtes dynamisches System. Sie ist ein Gewoge von verschiedenartigen Halbwahrheiten.

In "Deutungskämpfen" (Bourdieu) geschieht memetische Selektion. Auch Meme müssen sich evolutionär bewähren.

Ideen bilden eine starke, aber nicht absolute Übermacht über die Menschen.

Selbstgespräch setzt Identifikation mit Ideen voraus.
Wohlintegrierte Ideen stabilisieren einander, dem Selbst einen Raum der Freiheit.

Ideen sind bedingt ewig, mögliche Strukturen von Wirklichem, u.a. von menschlichen Gehirnfunktionen.
Die Struktur kann um Größenordnungen stabiler sein als das Substrat; so etwa in der Generationenfolge des Lebendigen. Die den praktischen Horizont überschreitende Dauerhaftigkeit symbolisiert die imaginäre Zeitlosigkeit. Die Liebe hebt, im Interesse der Arterhaltung, Gestalt*, bonne forme ("gute Form") als Seiend, gut und schön, aus der Informationsflut heraus.

Operator : Operand = Form : Materie. Mit diesem Begriffspaar strukturiert das Programm Mathematica die ganze Mathematik. Der Operator tut etwas ( operatur) mit dem Operanden.
Auch der aristotelische Begriff der Form war dynamisch![9]

Als "real" anerkannt wird, was sich zurückmeldet; eine stabile Struktur in der Mensch/Umwelt-Beziehung.

Für die Erkenntnis einer Sache muß man sie kreuz und quer im einzelnen durchlaufen haben, bis man sich ein charakteristisches Bahnnetz, als Bild von der Sache im ganzen, entwickelt hat.

Zeugen – Töten – Sterben, Schmerz und Lust, das sind die Fußpunkte. Der Einzelne erhöht seine Chancen um ein Vielfaches durch Verstehen, die Spezies durch Verständigung; so daß das symbolische* Register für die biologische Basis um ein Vielfaches wichtiger wird als das Geschehen auf der biologischen Basis.

Phylogenese des Selbst: 1. Umwelt mit Regularitäten, 2. Reflex, 3. zunehmend komplexer bedingte Reaktion des Organismus, a. klassische Konditionierung (Iwan Pawlow), b. operantes Konditionieren (Burrhus Skinner), c. artspezifische, d. individuelle Reaktionseigentümlichkeiten des Organismus, e. Modell-Lernen (Albert Bandura), 4. Verwendung stabiler Selbstrepräsentanzen (Schimpansen), 5. Arbeit an Integration der Selbstrepräsentanzen (Mensch).

Nicht erst die selbst gebauten Maschinen beherrschen die Menschen, sondern vorab und gründlich die selbst entwickelten, eigenen Ideen!

Begriffe sind Gottheiten, zu denen man nicht beten kann; wissenschaftliche Gesetze sind Mythen. Der Fortschritt der Wissenschaft ist die Theogonie einer Sippe von sterblichen Göttern.
Es gibt nicht nur Wissenschafts-aberglauben; sondern Wissenschaftsglaube (mit der jedem lebendigen Glauben eigenen Skepsis) ist, in aller Vorläufigkeit, zu Zeiten geboten (vgl. Ps 82).

Warten gestaltet die Zwischenzeit irgendwie als Andeutung der Erfüllung. („Jetzt muß er gleich kommen; dieser eben sah schon beinahe so aus!“)

Die Ideen leben nicht nur symbiotisch auf dem leiblichen Substrat; sie organisieren es weitgehend.

Die exponentielle Entwicklung der Repräsentationenwelt (Ideen, Begriffe, Artefakte, Sprachen) droht in einer umweltzerstörenden Explosion zu enden.

Der Geist hat seine internen Probleme. Er kann auch streckenweise zum Widersacher der Seele (Klages) und des Leibes werden. Die partielle Autonomie des Geistes ist aber ein Selektionsvorteil der tragenden leiblichen Struktur. Es geht ja im Kampf ums Dasein um Ausbreitung nicht nur im Raum, sondern auch in der Zeit (sustainable development) über viele Generationen.

Selbstreplikation ist lustvoll.

Die bedrohlichen Nebenwirkungen des apparativen Fortschritts und des gesteigerten Konsums sind so offenbar, daß an der Börse sich Ökologiewerte etablieren konnten und sozial weltweit beachtliche Solidarität in Gang gekommen ist.
Wird das “egoistische Mem”* sich, in zunehmender Vergeistigung der Gesellschaft, gegen das fundamental Animalische durchsetzen? Nicht nur Wissen und Koordination werden immer wichtiger. Realistisch-resigniert ausgereifte Ideen für globales und nachhaltiges Handeln, die jetzt Opfer fordern, entwickeln motivierende Kraft.

Auch die Redundanz der langweiligen Billigwohnungen gebiert neue, starke Ideen – aber hauptsächlich kriminelle!

Es ist analytisch fruchtbar, Ideen als Meme*, d.h. als höhere Lebenwesen zu verstehen, die unsereins beherrschen können. (Auch der alte Geisterglaube ist nicht ganz unsinnig.) Sie sind in der Menschheit entstanden aus deren Interaktion mit der Umwelt. Es sind recht stabile Strukturen, realisierbar in sehr verschiedenem Material, – Strukturen, die man sowohl "von oben" wie "von unten" betrachten muß, um sie zu verstehen.

Unsere Kreativität ist memetische Evolution. Die Ergebnisse sind meist steril, in seltenen Fällen – diesen verdanken wir unsere Kultur – aber fruchtbar.

Form/Materie ist eine analytische Unterscheidung, abhängig von der Fragestellung. Materie erscheint immer schon geformt und formt sich um.

Meme sind, im Unterschied zu Genen, nicht eindimensional angeordnet; sie haben keinen festen locus und haben keine bestimmten Allele; ihre Replikation selten so präzis; sie können sich leichter verbinden und vermischen. Der Nutzen des Mem-Konzepts zeigt sich, bei aller Verschiedenheit zwischen Gen-pool und Mem-pool, in umsichtiger Verwendung genetischer Grundkonzepte zum Verständnis der geistigen Welt. (Der Autor des Konzepts, ein Biologe, will sich allerdings für dessen kulturtheoretische Brauchbarkeit nicht verbürgen.)

Symbiotische Meme (Gedanken, die die Fortpflanzungschance ihres Trägers erhöhen) wehren parasitäre (Gedanken, die die Fortpflanzungschance ihres Trägers vermindern) ab. Diese aber sind, als "emanzipierte" (Volker Sommer), evolutionär im Vorteil.

Quantifizierung setzt Struktur voraus.

Jede Idee erschließt in ihrer besonderen Weise Wirklichkeit, auch eine Gottesidee. Wir haben aber wenig Überblick über unsere Ideen und über unsere Wirklicheit.

Die Ausbildung einer Vorstellungs- und Ideenwelt hilft, aufgrund innerer Probehandlungen, sich in die reale Welt einzuordnen.
Die Phantasie muß immer wieder zum Leib zurückkehren.

„Gestalt“ ist ein nützlich vereinfachendes Assimilationsschema der Intelligenz.

Jede begriffene Ordnung, im Chaos nur lokal und ungefähr realisiert, weist, vereinfachend wie ein Tangentialraum, über sich hinaus ins Globale.
Das Transzendente, die Ideen, unsre vereinfachenden Vorstellungen sind imaginär. Es gilt, sie vernünftig, mit Augenmaß, symbolisch anzuwenden.

Die Vernunft bringt stabile Meme hervor, die sich vermehren und verbreiten wie Viren. Unterdrückung kann sie modifizieren und resistenter machen.

Unsre einfachen, durchsichtigen, handhabbaren linearen Modelle sind nur als lokale Approximationen an die Realiltät zu brauchen.

Die überkomplexe Realität überfordert uns. Sie lässt sich aber in unüberblickbar vielen Weisen vereinfachen. Die Vereinfachungen haben allerdings immer eine Tendenz und setzen (oft folgenreiche) Entscheidungen voraus. Es gibt eine Ethik der Formulierung.

Erst in der Romantik wurde deutlich, dass für die Wahrheit einer Idee ihr Ursprung und ihre Geschichte wesentlich bleibt.

„Reinheit“ meint „Gestalt“, bonne forme, die ideale Einfachheit eines Modells. Als Gottesgebot kultischer Reinheit gerät solcher Idealismus mit dem Realismus des Liebesgebots in Konflikt.

Form bedeutet (im jeweiligen dynamischen Bezugssystem) Kraftersparnis: stabiles Gleichgewicht zwischen außen und innen, eine Vereinfachung.
Die Materie hat ihre Geschichte und ist kompliziert vorgeformt; deshalb ist die Form nicht ganz beliebig.

„Lieber riskieren, betrogen zu werden, als Vertrauen missbrauchen“, das gilt nur für einen, der das καθόλου, die Idee, die Kultur liebt, d.h. einen Idealisten.

Die symbolische ist eine wesentlich menschliche Funktion. Jeder Mensch ist von Ideen beherrscht. Eine Idee ist das Zentrum von Symbolen.
Man möchte „selbst“ (also als Realisierung eines Mems!) weiterleben. Jeder möchte die eigene Mem-Kombination selbst weiter entwickeln und sie, von andern angeeignet und angepasst, weiter entwickeln lassen.
Es gibt freilich auch (indirekt und direkt) körperlich-suizidale Realisierung von Ideen.

Die empirische Basis des Platonischen Idealismus ist der „Stoff-wechsel“ lebendiger Organismen. „Es ist der Geist, der sich den Körper baut“ (Schiller, Wallensteins Tod). Die analytische Unterscheidung zwischen Form und Materie ist bedingt nützlich, aber nicht zu ontologisieren!

Symbol

Meine Symbolik macht mir das Gefühl, die Welt ungefähr zu verstehen. Ich habe sie im Leben ständig angepaßt und weiter entwickelt. Aber Entsprechendes gilt für jeden. Und jeder nimmt überall Fetzen fremder Symbolik auf und entwickelt damit die seine weiter.
Die Produktion ist hoch redundant; im Durchschnitt ist die persönliche Symbolik des einzelnen fast nur für ihn selbst wichtig.

Symbole sind Ausflockungen der menschlichen Kommunikation.

Im Humor und auch in der Religion wird die narzißtisch entlastende Akzeptation wahnhafter Symbolik als Kommunikationsmediums implizit durch präverbale symbolische Verständigung (im Humor durch Mimik, in der Religion durch soziale Rollenmuster), gegen psychotische Entgleisungen gesichert. In diesem Rahmen wird der Reifung des Narzißmus die Realität als Spielwiese zur Disposition gestellt. Die gemeinsame (notfalls in der ecclesia invisibilis) spielerische Realitätsverleugnung stärkt den Menschen für die narzißtischen Frustrationen der Anpassung. Danach kann man gefahrlos „irgendwie unheimlich konkret werden“.

Die Kulturgeschichte wird in Epochen unterteilt. Eine Symbolik dient der Komplexitätsreduktion. Kein kulturelles Assimilationsschema aber kann allen Aspekten des Lebens gleichermaßen gerecht werden. Die Leistungskraft jeder Symbolik erschöpft sich allmählich – zeitweise oder auf Dauer. Eine neue Symbolik muß den Erfahrungen anders gerecht werden. Ständig werden Neuansätze versucht; eine unberechenbare Fülle von Umständen entscheidet darüber, wann sich einer durchsetzen wird.
Manchmal auch bringt ein außerordentliches Ereignis eine Symbolik zu Fall und eine andere zur Vorherrschaft.

Symbole scheinen zu sterben. Jedenfalls aber ermüden sie; und sie können schlafen und eines neuen Tages erholt erwachen.

Die Sinnwelt ist soziokulturell gegliedert als ein Konfliktfeld von lokal angebundenen Extrapolationen (Tangentialräumen). Volk und Heimat sind wichtig.

Bei Generationswechsel wird symbolisiertes Erbe umfunktioniert. Umgekehrt werden wir durch die Symbolgeschichte umfunktioniert.

Schon das Wort „Eiche“ ruft jeweils eine recht eindeutige Vorstellung hervor; aber es ist keine einfache optische Vorstellung. Es ist ein undurchschaubar komplex hierarchisch organisiertes, aber sehr brauchbares Schema.
Um wieviel mehr unsere Gottesvorstellungen!

Symbolik vereinfacht die Entscheidung zu bestimmtem Verhalten.
Eine historisch-naturwüchsige Symbolik vereinfacht undurchsichtig und kaum revidierbar, eine künstliche hingegen klar und reversibel.

Menschliche Symbolik im Sinne der modernen Linguistik (Michael Tomasello) ist „triadisch“ strukturiert: die Sachlichkeit ist und bleibt wesentlich personal eingebettet. Dieser Einbettung verdankt die Sprache ihren Sinn.
Das verdinglichende Verstehen hat eine unauslotbare Tiefendimension. Es hat jeweils seinen (mindestens vorbewußten) strukturierten Bezugsrahmen, – der seinerseits seinen (nicht thematisierten) Bezugsrahmen hat: eine selbstähnliche Begründungsstruktur.

Wut lockert den symbolischen Boden unserer Existenz; er ist vulkanisch. Das Weltende ist uns nie fern.

Jedem Individuum haben wir von Gott den Auftrag zu übermitteln, bescheiden schöpferisch seinen eigenen Weg zu gehen.
Kollektive Symbolsysteme sind machtpolitisch durch Institutionalisierung sprachverderblich korrumpierbar.

Die Qualität „gut“ ist, nach George Edward Moore, undefinierbar, nur jeweils umständeabhängig „intuitiv“ erkennbar.
Dem ist so, weil sie ein Gleichgewicht in einem vieldimensionalen Raum kennzeichnet. Meist handelt es sich um ein partielles niedrigdimensionales Gleichgewicht als Symbol des ∞-dimensionalen Gleichgewichts.

Dawkins läßt die Baldwin(-Dennett-Wickler/Seibt)’sche Führungsrolle der Umweltorientierung (Führung der Umwelt, Gottes) in der Evolution des Stabilen und Erstarrenden unbeachtet: Kommunikation, Anpassung, kreativ-symbolische, weiche Stabilisierungen.

In Darwins struggle for existence/life, dem „Kampf ums Dasein“ ist das Dasein das Ziel. Aber der Kampf ums Dasein, als Prinzip des Lebens, ist eine Metapher! Darwin dachte noch naiv an die durchgängige Ähnlichkeit des Verhaltens der lebendigen Individuen.
Die Bäume „kämpfen“ ums Licht. In diesem Begriff ist eine Zielvorstellung impliziert. Der Heliotropismus ist ein evolutionär erfolgreiches Subsystem des Systems Baum.
Auch „Konkurrenz“ zwischen Naturobjekten ist eine heuristisch nützliche, zunächst aber auf projektiver Identifikation beruhende Modellvorstellung. Sie fördert unsere Identifikation mit Lebewesen ohne (zu memetischer Zentralsteuerung fähiges) „symbolisches Register“. Die Symbolisierung des Naturgeschehens in Alltagssprache führt, durch Empathie, den menschlichen Verstand auf die Vorgeschichte menschlicher Konkurrenz.
Der Neodarwinismus hingegen legt Wert auf die grundlegende Ziellosigkeit aller Naturprozesse und anerkennt Zielstrebigkeit nur als Aspekt stabiler zirkulärer Prozesse. Auch die biologische Replikation als neuartige Stabilität ist ziellos.
Was mit dieser Heuristik gefunden wird, müßte deshalb anders ausgedrückt werden! Es geht in der evolutionären Stabilität immer um die relativen Vorteile der einzelnen Spezies in der multiplikativen Rekursion aller Lebewesen.

Die sog. Höherentwicklung des (nach Piaget) "operativen Niveaus" geht in Richtung von der weichen zur starren Symbolik mit der einfachen Logik, die reversible Modelle komplexer Systeme zu bauen erlaubt.

Es gibt weiche, flexible und starre, harte Symbolik. Weiche Symbolik muß Schritt für Schritt persönlich kontrolliert werden. Harte Symbole kann man transitiv mechanisch durch ein Zeichen-Kalkül behandeln. Das macht die Wissenschaft so wertvoll. Das bedeutet einen enormen denk-ökonomischen Gewinn, den memetischen Selektionsvorteil der westlichen Kultur.

Es gibt genetische, prä-memetisch verständliche und kommunikable Strukturen. Solche selbstverständlichsten Konstanten können aber erst neolithisch (oder noch später) kognitiv repräsentiert, bewußt und symbolisiert werden.

Symbolisch verarmte, formalisierte Sprachen setzen sich durch. Ältere Sprachen sind ungenauer und verlieren im Konkurrenzkampf Terrain. Ein neues Gleichgewicht spielt sich ein.

Es ist reizvoll, über Kulturen als "memetische Species" nachzudenken. Memetische Systeme sind aber so schwach organisiert (Symbolsysteme!), so flexibel anpassungsorientiert, und der Mem-Austausch zwischen den Kulturen ist so groß, daß die Analogie mit Tierarten nicht weit trägt.

Hull unterscheidet zwei Manifestationen von Memen; 1. solche, die die Idee reversibel erhalten und weitergeben (zB gesprochene oder geschriebene Worte), und 2. Anwendungen, die aufgrund dieser Struktur als nicht-memetisches Verhalten entstehen, aber sie nicht reversibel erhalten (zB jeweilig angepaßtes Verhalten). Es handelt sich aber beidemale um Symbolik.

Memotyp ist eine reversible, stabile, symbolisch-gedanklich faßbare Struktur; sein Phänotyp entspricht der Gen-Expression, dem der Anleitung des Mem folgenden Produkt der Umwelt. (Das einfachste genetische Analogon zum memetischen Phänotyp ist das Eiweiß, – im größeren Zusammenhang eines Organismus: dessen Fortentwicklung.)

Memsysteme haben einen harten (begrifflichen) Kern und eine weiche (symbolische) Schale. Sie stabilisieren sich in dieser unbestimmteren und flexibleren Form um Größenordnungen schneller als Gen-Systeme.

Belief und faith können wahnhaft sein. Wahn und Wissen haben gleichartige Inhalte. Hier kann man nach richtig oder falsch fragen.
Glaube im Sinne Luthers hat prekäre Symbole; hier kann man nur nach Glaubenkönnen fragen.

Leben ist quasistabil. Moral ist lebensfreundlich; sie stabilisiert. Sie zerstört eínes immer nur im Interesse der Stabilisierung eines anderen.
Zur Stabilisierung gehört die identifizierende Symbolik, Kommunikation und, im Dienste längerfristiger Stabilisierung, der Diskurs. „Was ist objektiv lebensfreundlich?“ „Was macht, nach gegenwärtigem Urteil, unsere Memetik zukunftsfähig?“

Das menschliche Individuum, als quasi-stabiles Subsystem eines quasi-stabilen Systems, sucht, erinnernd und denkend (Freud: "probehandelnd"), sein Gleichgewicht, macht sich Vorstellungen von diesem und von dementsprechenden Zielen. Nun ist die Struktur des menschlichen Subjekts, das da sein Gleichgewicht sucht, unheimlich undurchsichtig! Man ist allenthalben (historisch, biographisch und umstände-bedingt) identifiziert. In allen Dimensionen strebt man sein Gleichgewicht an. Findet man es nicht, so muß man es erfinden. Hier ist mit rationalen Begriffen nichts anzufangen. Hier hat symbolisches Denken, Besinnung, Meditieren seinen Ort.

Das Subjekt muß subjektiv entscheiden.

„Gut“ ist: wesentlich aussichtsreich, ein Hoffnungssymbol.

Trauer ist Arbeit, mentale Restrukturierung von Grund auf.
Die Kreatürlichkeit im Rahmen der Kompossibilität ist, frei nach Malthus, zwangsläufig im Durchschnitt bedrückend. Menschliches Leben überhaupt, insbesondere aber höheres geistiges Leben und zivilisatorischer Aufbau (wo sie überhaupt zustande kommen) brechen immer wieder zusammen. Daher die kulturgeschichtliche Bedeutung primitiver Symbolik in den verschiedenen (meist auch machtgestützten) Formen von Religion (auch Ideologien sowie Mode, Reklame und Ähnliches blühen als funktionales Äquivalent auf anspruchslosestem Niveau).
Die Symbolik ist der grundlegende (mehr oder weniger tragfähige) Strukturierungsprozeß der Kultur. Immer wieder muß, durch Trauerarbeit, anderes neu entstehen.

Auch Existenzsymbolik repräsentiert die Existenz kontextabhängig. Dieser Modul ist allerdings nicht (wie bei instrumenteller Symbolik) als Ausschnitt aus der Realität zu definieren, sondern der „Kontext“ ist das hoffnungslos unüberblickbare „Ganze“.

An die Stelle der Chomsky’schen Universalgrammatik treten in der usage-based Linguistik Attraktoren höherer Ordnung im triadischen System der objektbezogenen Kommunikation, – die viel Energie sparen.
Der Prozeß der Grammatikalisierung ist eine spätere Weiterentwicklung der symbolischen Kommunikation.

Triangulation geschieht auf drei Ebenen: Zuerst wurde die ödipale entdeckt, dann Ernst Abelins „frühe“ (personale) mit 18 Monaten, jetzt die früheste: Michael Tomasellos präverbal-symbolische Koordination von dyadisch-personaler und Sachbeziehung (mit ziel-mittel-differenziertem intention reading ) gegen Ende des ersten Lebensjahres.

In Tomasello’s präverbal-symbolischer Triangulation gibt die personale Dyade einen Bezugsrahmen für die symbolische Eindeutigkeit vor, ein Modul für Äquivalenz.

Für eine solide Sozialstruktur sind Kultur und Symbole wichtig, weil sich in Symbolen Information anreichert, organisiert und damit so vereinfacht und stabilisiert, daß sie sozial wieder diffundieren kann.

Unsere Realität ist symbolisch organisiert; und die jedes Einzelnen ist wesentlich gesellschaftlich determiniert [10] – all dies aber in einem vorgegebenen Feld von natürlichen Möglichkeiten (zu denen eine gewisse Fehlertoleranz gehört). Allerdings sehen wir dieses Stück Natur nie ohne unsere soziale Prägung.

Die Verbilligung von Symbolen durch Vervielfältigungstechnik (vom Lied, das man nachsingen kann, über das Gedicht, den öffentlichen Vortrag, die Schrift, den Druck bis hin zur audiovisuellen Elektronik) hat heute endlich alle Symbole so entkräftet, daß erst in der Einmaligkeit der individuellen Begegnung Sprache – und zwar eine erstaunlich hilflose! – wieder die Bedeutung bekommt, die Sprache einmal hatte.
Predigt als Institution ist in der heutigen Kultur eine Überforderung.

Gut Reden ist Zaubern. Ritual ist Beschwörung eines Inhalts durch die passende Form.

Das Symbolisierte des Symbols ist zunächst nicht eine Sache, sondern ein Relationengebilde, ein Sachverhalt, in den das Subjekt involviert ist. In dem Maße, wie dieser Sachverhalt sich klärt, lassen sich dann Sachen und Relationen unterscheiden, bestimmen und bezeichnen.

Symbole sind Bündelungen von Zusammenhängen. Von alters überlieferte Symbole muß man auf sich wirken lassen, sich ihnen ein Stück weit anvertrauen – zur Inspiration oder auch zur Warnung.

Symbole sind Lebewesen, wie Ideen. Symbole schwimmen mit uns – wie Delphine.

Die Symbolik eines Symbols ist im Kern Selbstsymbolik; sie entfaltet sich in viele Dimensionen mit neuen Bedeutungsschwerpunkten und Präzisierungen.

"Symbolisches" Verstehen ist holistisches*, subjektives, kreatives Verstehen. Es unterliegt unberechenbaren Einflüssen und beeinflußt die zentrale Verhaltenssteuerung oft überraschend.

Symbolbildung ist "Komplexitätsreduktion" (mit Informationsverlust, manchmal -ver­ne­be­lung), Stereotypierung, die komplizierte Zusammenhänge einfach handhabbar macht.

Symbolik ist immer prekär. Jede Symbolik klemmt irgendwo. Sonst müßte sie so kompliziert sein wie die Realität, deren Komplexität sie gerade reduziert.

Symbol ist nicht Bild und nicht Erscheinung, sondern Repräsentation.

Signale sind Umweltereignisse, auf die das empfangende System derart eingerichtet ist, daß sie es nicht zerstören, sondern nur (meist oberflächliche) Strukturanpassungen (Umstellung auf bestimmte Umweltgegebenheiten) auslösen.

Zur Ökonomie lebendiger Systeme gehören Signale, die, wie die Biochemiker sagen: "pleiotrop" wirken: Dasselbe Signal eines Subsystems löst bei verschiedenen anderen Subsystemen Verschiedenes aus.

Signalstärke kann, redundant, die Übertragungssicherheit betreffen; sie kann aber auch selbst Information sein, und spezifische Effekte auslösen.

Das Spektrum der Symbolik reicht vom symbolisch intensivsten Allerheiligsten der Selbstsymbolik bis zum symbolisch dünnen technischen Zeichen. (Dieses kann allerdings unversehens als Selbstsymbol wahrgenommen werden – im Sinne von Hölderlins: "Ein Zeichen sind wir, deutungslos, ...") Und das einzelne Symbol kann mehr als nur eine Position auf dieser Skala einnehmen.

Symbole sind Attraktoren* in allen beliebigen Dimensionen. (Daher auch die Schwierigkeit, die Reize der Rhetorik zu systematisieren.)
Das Zeichen ist nur der besondere Falltyp, wo ein Abbildsystem (signifiant) und ein Urbildsystem (signifié) mit hoher Eindeutigkeit auf einander bezogen sind.
Symbollogik ähnelt der modernen "unscharfen* Logik" – die auch für viele praktische Probleme nützlicher ist als die klassisch exakte.

In wohlbestimmten Systemen verleiht der Stellenwert dem Symbol zusätzlichen Informationsgehalt.

Der Informationswert eines Signals ist sein Stellenwert in dem prinzipiell unendlich-dimensionalen Ereignisraum des Empfängers.

Der Bedeutungs-Hof eines Symbols ist Ansatz eines Symbolsystems.

Probleme können in Symbolen abgelegt werden.

Im Symbol ist die Realität vereinfacht faßbar.
Vom Symbol aus wird geahnt. Das Geahnte erweist sich allerdings oft als nicht Realität, sondern Illusion.

Für den Fortschritt braucht man seinesgleichen, Menschen, die Unausgegorenes förderlich verstehen.

Humanität ist Symbolspiel.

Symbolhierarchie ermöglicht eine Effizienz, die die Menschheit zu einem besonders schnell sich entwickelnden, instabilen System macht.

Die Hierarchie der Zeichensysteme wird immer höher und immer voraussetzungsvoller. Vor "Virtualisierung" und folgenschweren Zusammenbrüchen, Abstürzen auf die präsymbolische Ebene, wird gewarnt. Das Erleben der Gesamtperson wird angemahnt. (Auch der Finanzkrach ist Absturz eines Zeichensystems.)

In Symbolen muß sich Erfahrung ausdrücken. Je mehr Erfahrung in ihnen kondensiert ist, desto eher kann Symbolkombination zu neuen Einsichten führen.

Wer ein Gefühl für bestimmte Zusammenhänge hat, kann hier sprachschöpferisch werden, Symbole, Begriffe schaffen.

Idiosynkratische Symbolbildung bewirkt Insulierung und konstituiert, bei günstiger Gruppengröße, ein evolutives Testfeld.

Symbolisches Denken (im engeren Sinne, unterschieden vom begrifflichen) berücksichtigt einerseits mehr als logisches Denken; es ist aber anderseits unsystematisch, fehlerhaft, verlustreich.

Die Wirklichkeit ist komplexer als die symbolische Abbildung. Deren Verbesserung als Abbild führt deshalb zu immer komplexerer Symbolik. Das aber mindert deren Handhabbarkeit. Komplexitätsreduktion auch auf dieser Ebene wird lebensnotwendig. Komplexitäten sintern zusammen oder verrotten und werden Material für neue Komplexitäten.

Mythologie ist Artikulation dessen, was man aus der Geschichte gelernt hat. Eingebettet in den geschichtlichen Zusammenhang des gelebten Lebens, ist sogar das physikalische Gesetz primär Mythologie.

Die lutherische Reihenfolge Gesetz-Evangelium hat auch in der Wissenschaft ihre Entsprechung: freies Phantasieren über wissenschaftliche Symbole und Begriffe hat Verheißung nur, wenn man ihren exakten Sinn brav gelernt hat, – obwohl sich auch hier das Irreguläre ereignen kann, daß eine ungelehrte Intuition weiterführt.

„Auf Ideen kommen“ ist Resonanz in symbolischen Systemen.

Die neue denkpsychologische Kategorie des Prototyps, die den Zusammenhang einer abstrakter Regel mit einem konkretem Fall wahrnimmt, ist bahnbrechend[11]. Der Prototyp ist Symbol für die Regel und verleiht dieser Evidenz. Die Regel wird, auf andere Fälle angewandt, oft zweifelhaft und ist deshalb ihrerseits als Regel vom Prototyp abhängig.

Symbole können abgenutzt werden, von der Fülle ihrer Bedeutungen etwas verlieren und an Bestimmtheit gewinnen. Sie werden zu Zeichen. Man verliert dabei etwas von sich selbst; aber man gewinnt auch Freiheit, Probleme neu anzugehen.

Symbole definieren Einheiten. Solch eine Einheit ist ein Spielraum für die betrachtende Phantasie.

Lichtenbergs Ironie hält das Symbolische als Symbolisches in der Schwebe der mehrdimensionalen Mehrdeutigkeiten; das verhindert Verdinglichung.

Die symbolisch vereinfachende Fassung der Realität ist Voraussetzung bewußten Denkens.

Das Spiel der Symbolik ist der wahre, der tiefste Ernst. Die Symbolik vermittelt uns alles. Alles haben wir durch sie und in ihr. Auf einen plötzlichen Schmerz reagieren wir unvermittelt mit Zucken und Schrei. Es zuckt, es schreit; es reißt mich hinein. Ich zucke, ich schreie. Ich bin das Zucken, der Schrei. Es hat jetzt Bedeutung in einem unübersehbaren Bedeutungszusammenhang. Ich bin Symbolgeschehen, unauslotbar, im Spiel der Symbolik.
Wir sind gewohnt, Handlung vom Willen von Subjekten her zu denken – jedes Subjekt ein kleiner Gott. In diesem Sinne denkt man auch Spiel als Handlung. Es gibt Menschen, die können Klavier oder Tennis spielen. Es gibt Menschen, die können zwar solches, sie beherrschen ein Instrument, sie haben ein Repertoire, sie Verfügen über eine stupende Technik, aber sie können nicht spielen, sich dem Spiel einer Symbolik überlassen. Sie haben viel geübt und trainiert, aber nicht gespielt. Bei Kindern wird es eher bemerkt, wenn sie nicht spielen können; es ist ein besorgliches Zeichen.
Wille, Verantwortung, Konzentration sind Willkür eines Subjekts, heben sich als Gegensatz vom Spiel ab. Im Willen kommt es darauf an, was man wirklich wollen kann; bei der Verantwortung auf das In-Pflicht-genommen-Sein; beim Ernst kommt es darauf an, ob es Ernst gilt (sonst ist der Ernst ein Rollenspiel); bei der Konzentration darauf, ob wir uns einer Herausforderung stellen müssen: Wir sind aufs Spiel gesetzt, aufs Spiel der Symbolik, und zwar als Mitspieler.

Das Urvertrauen und das Ur-mißtrauen veranschaulichen sich in Illusionen. Diese tragen, umspielen und bearbeiten die körperlichen, imaginären und symbolischen Vorgaben.
Der einzelne Mensch ist ein (fast immer irgendwo unbefriedigtes) Subjekt im Spiel der Symbolik. Er hält dieses Spiel mit in Gang.

Die symbolische Welt ist ein Ozean. Das Spiel der Symbolik ist unendlich, unüberblickbar kompliziert und in vielfach hierarchisch geordnete Bereiche gegliedert, jedoch so weit strukturiert, daß immerhin einiges erkennbar und mit einer Sicherheit vorhersehbar ist, die dem Vertrauen eine Überlebenschance gibt.

Symbolischer Ausdruck ist gegenständlich unscharf, aber persönlich umso verbindlicher.

Weltanschauliche Grundorientierung müßte mindestens derjenige, der sie vorbringt, hier und jetzt in seinem ganzen Verhalten persönlich verantworten.
Unverbindlich vorgebrachte Deutungsangebote machen die angebotene Symbolik zur entfremdeten Ware.
Der Religionslehrer darf sowohl die eigene Konfession wie Fremdreligionen nur darstellen, wenn er etwas Wahres darin spürt.
Philosophie und Religion, für die man nicht persönlich einsteht, ist wertlos, Falschgeld, "naturidentische Aromastoffe". Sie verderben einem den Magen und den Appetit denn auch für die echten Früchte.

Hyperkomplexität macht seltsame Assimilationsschemata* nötig: Religiöses, Abgründiges, Wolkiges, Symbolisches, kurz: zur Komplexitätsreduktion sensibel zu gebrauchende Vereinfachungen.

Die Bedeutung jedes Symbols überragt die Erfahrung, auf der es gründet. (So funktionieren Sprichwörter.)

Ein Name ist äußerste Vereinfachung ins Symbol, gedankenlos handhabbar.

Symbolgemeinschaft vermittelt besseres Verstehen, besseres Kooperieren und infolgedessen mehr Vertrauen.

Symbole müssen die Wahrheit lebbar machen.

"Suche nach der Wahrheit" ist der chaotische Prozeß der Symbolbildung.

Symbole müssen sozial stabilisiert werden, um die benötigte Selbstverständlichkeit zu bekommen. Diese Abhängigkeit von der sozialen Bestätigung ist ein notwendiges Korrektiv der Symbolentwicklung.

Die Identität des Namens verpflichtet den Träger zu Identität. Sie ist Stütze. Jacob L. Moreno (der im Lauf seines Lebens verschiedene Namen getragen hat): “...und Plombe, Ersatz!”

Witz ist Symbolmanipulation, Manifestation zwar nicht von “Allmacht der Gedanken”, aber doch der Macht des Geistes in dem Sinne, daß durch geringe Anstrengung entscheidende Umstrukturierung eines Problems erreicht werden kann.

"Ernst" heißt: Mit dieser Repräsentation der Wahrheit bin ich identifiziert.

Die Symbolik hat Doppelstruktur: Oberflächlicheres symbolisiert hierarchisch Tieferes und Tiefstes (Metaphorik); an die oberflächliche chaîne des signifiants gliedert sich, unter Mitbestimmung aus der Tiefe, immer weiteres Oberflächliches an (Metonymik). Die Assoziationskette läßt die tieferen, epochalen Themen durchklingen.

Wissenschaftler haben etwas Existenzielles, das Wahrheitsstreben, instrumentalisiert, indem sie es professionalisiert und Kulturgut zur Ware (für andere, für Geld oder Ansehen) entfremdet haben. Man sieht in einer ungelösten Frage für sich eine berufliche Chance. Das professionelle Selbstverständnis engt hier das Existenzverständnis des Sterblichen im glücklichsten Fall ein auf die Zugehörigkeit zur (als unsterblich erlebten) scientific community. Das Unverstandene ist hier als eine Aufgabe verstanden. Und das ist menschlich zu wenig!
Eine Unklarheit wird dem zur Frage, treibt den um, dem sie (meist unbewußt) ein Existenzproblem symbolisiert. Bildungswert hat die Forschung deshalb eher für den Dilettanten, der nur für sich selbst ein wenig an der Forschung Anteil nimmt, indem er sich, methodisch seinen subjektiven Interessen und geringen, aber langsam ein wenig wachsenden Kompetenzen nach, in Objekte der Forschung vertieft. Der Dilettant darf ruhig wahrnehmen und auf sich wirken lassen; er darf geraume Zeit damit verbringen, zu staunen. Und das braucht Zeit; denn alle Einsicht und alle Erkenntnis [12] ist auch Selbsterkenntnis. Einsicht führt den, der sie durchhält, von einem offenbaren Geheimnis in ein weiteres. Das ist erfüllte Freizeit mit humaniora, Gütern menschlicher Bildung – eine eigenartige “Aufgabe”.
So sind die Wissenschaften entstanden, und so etwas kommt , trotz institutionalisierter Geschäftlichkeit, in der Wissenschaft immer wieder vor. So konnte es aber auch immer wieder vorkommen, daß eine Profession von einem Außenseiter förderliche Anregungen bekommt.
Ähnliches gilt auch für Kunst und Literatur.

Symbolik ist keineswegs willkürlich, aber stark zufallsbedingt. Wird sie nicht sozial mitgetragen, so zerfällt sie. (Wer sich nur an die Archetypen halten will, hat bald nur noch Kitsch in der Hand.) Zeiten von Sinn und Sinnlosigkeit wechseln zwischen den Symbolismen. Wann diese greifen, ist unverfügbar.

Jede noch so wahre Aussage ist nur eine Umformung vorstrukturierter Eindrücke im Interesse der Stabilisierung einer kommunikablen guten Vereinfachung.

Alle Symbole – von den banalsten Alltagsbegriffen bis zu den frömmsten, auch die zentralen christlichen – sind zweideutig. Sie vermitteln zwischen dem Einen und dem Vielen. So vermitteln sie uns mit uns selbst.
Sie ermöglichen immer, über dem Vielen das Eine zu vergessen. Die frommen Symbole ermöglichen auch, das Viele über dem Einen zu vergessen.
Die verschiedenen Symbole laden zu jeweils verschiedenem Gebrauch ein. Höchstes Kriterium des Symbolgebrauchs ist der Tonus lebendiger Menschlichkeit. Man kann ihn Frömmigkeit nennen. Ohne Stimulierung durch so etwas Reales wie Hunger erschlafft sie. (Hunger gibt dem Menschen seine symbolisch nicht einholbare, reale Abhängigkeit zu spüren.)

Artikulierte Einsichten sintern zu Symbolen zusammen.

Die vereinsamende sprachliche Unterentwicklung des einzelnen heute beruht auch auf der verkürzten Halbwertzeit der Symbolik, – die ihrerseits durch den beschleunigten Wandel der symbolisch zu strukturierenden Lebenswelt bedingt ist.

Vergrößerter Markt verlangt mehr Werbungsaufwand (das gilt schon für die Duftstoffe von Tieren und Pflanzen). Die einzelne Botschaft muß immer noch gefällig, aber billiger sein. Das bedingt Entwertung des Wortes, insbesondere des gedruckten und des elektronischen Wortes.

Jedes bewährte Symbol wird durch Wiederholung institutionalisiert und bedeutet dann, zunehmend verengt und verpflichtend, seine eigene verbindend-verbindliche Tradition. “Wir verstehen das so ..!” Der ursprüngliche Reichtum der Anspielungen im Lebensraum aktueller Kommunikation wird geschwächt. Das ist im Fortgang des Lebens notwendige Komplexitätsreduktion.

Der Mensch lebt aufgehängt zwischen Lust und Angst. Dazwischen ist ihm eine Zone milder Affekte gegeben im symbolisch gepufferten, normierten, normalen Alltagsleben.

Wort beschwört Realität, immer prekär.

Symbolik ist Vereinfachung im Interesse der Zugriffs-Ökonomie.

Alle Symbole symbolisieren unser In-der-Welt-Sein, auch diejenigen, die Objekte symbolisieren.

Das Kind lernt Tatsachen als bedeutungsvoll und nicht als die "nackten Fakten" des erwachsenen Alltagswissens. Es versteht übertragenen Sprachgebrauch nicht, weil es keinen Sinn über den wörtlichen Sinn, der die Tatsache benennt, hinaus kennt.
Der Erwachsene muß später erkennen, daß auch noch seine nackten Tatsachen immer schon interpretierte Tatsachen sind.

Die neue “virtuelle Realität” ironisiert alle natürlichen Erscheinungen und Repräsentationen, ihre Bedeutung und Symbolik.

Im Prozeß der Bedeutungsverschiebung läuft die Übertragung über die spannungsvolle Harmonie von Form und Materie.

Bedeutungsveränderungen sind manchmal Verengungen. Meist sind es Bereicherungen und führen zu Differenzierungen. Verschiedene Bedeutungsbereiche bilden sich aus, die unter einander in Resonanz* stehen.

Die Christianisierung von Sprachen ist besonders genau untersucht. Aus der Anfangsgeschichte hebt sich heraus die Änderung des Messiasbegriffs unter dem Eindruck Jesu, dessen Bedeutung es zu fassen galt. Schon zu seinen Lebzeiten hatte der Eindruck Jesu das Gottesverständnis seiner Hörer modifiziert.
Wesentlich für den Bedeutungswandel war nicht der Vorstellungsinhalt von Jesu Lehre (die christliche Gotteslehre und Christologie weichen erheblich von der Lehre Jesu ab!), sondern der wirkliche Jesus – unter anderem als Lehrer seiner “Lehre”.

Was man spontan tut, ist, bei aller banalen Funktionalität, symbolische Wunscherfüllung, die die Erwartung unterhält, welche den Tonus des Lebens erhält. Wartend reden oder schreiben ist Entspannung: symbolische Wunscherfüllung.

Koordination vereinfacht die soziale Symbolik und bedroht jede alternative Symbolik.
Jede Symbolik aber verzerrt im (mehr oder weniger wohlverstandenen) Interesse des Lebens. Deshalb hat jeder gegenüber den anderen etwas Wahres zu repräsentieren.

Symbole sind selektive Verstärker.

Feste Umgangsformen haben für die Kommunikation den Vorteil, daß kleine Abweichnungen von diesen einen präzisen Informationswert haben. Man versteht sich leichter und zuverlässiger z.B. über die gewählte menschliche, zugleich freilassende und verbindliche Distanz.
Man möchte nicht immer als ganze Person dadurch in Anspruch genommen werden, daß der Code selbst dauernd mit zur Verhandlungsmasse gehört.

Die Vernunft insistiert auf der Vorläufigkeit unserer Symbolik.

“Menschlichkeit” ist symbolischer Tonus: die Spannung der Wahrheitsfrage zwischen Symbol und Wirklichkeit zu halten. Man neigt dazu, die Ungereimtheiten seiner Symbolik und seiner Wissensbestände zu „verleugnen“ (im Freud’schen Sinne: ihnen Bedeutung abzusprechen) und diese, ohne persönliche Mitverantwortung, als objektiv zu benutzen.
Nicht Kampf, auch nicht Kampf auf Leben und Tod ist unmenschlich. Eher ist Verleumdung ein “Verbrechen gegen die Menschlichkeit”, eine Symbolmanipulation, mit der auch die (juristisch so benannten) Gräuel professionell vorbereitet werden.

Die Metaphorik unserer Gegenwartssprache nährt sich mehr aus modernen wissenschaftlich/technischen Fachsprachen (bis hin zum Sport) als aus Religion (die man als altertümliche Fachsprachen ansehen kann) und Poesie. Einzelne Elemente der Umgangssprache erfahren in Fachsprachen eine Präzisierung, die sie der Umgangssprache dann wieder zu metaphorischem Gebrauch empfiehlt.

Erkenntnisprozesse sind störanfällig. Vorzeitige Kritik kann die Aufmerksamkeit ablenken von der ursprünglichen Einsicht.

Für die wissenschaftliche Deutung der Ergebnisse von Experimenten ist die Kontrolle über alle möglichen Einflußfaktoren nötig; so daß idealerweise alle bis auf einen variablen Faktor, konstant gehalten werden. Damit wird eine Ordnungs-Insel unbekannter Größe im chaotischen Meer symbolisch markiert. Verallgemeinerungen sind dann Sache des gesunden Menschenverstandes und also prekär.

Die symbolische Vermittlungen, etwa zwischen Egoismus und universeller Moral, auf lange Strecken praktisch voll befriedigend, zeigen sich, unter neuen Umständen, plötzlich als vieldimensional chaotisch, mit Sprüngen, Spalten und Löchern. Kleinste äußere Einflüsse können Assimilation nicht mehr an das eine, sondern an das andere Schema zur Folge haben. Einigermaßen tragfähiger moralischer Konsens läßt sich nur über einfache Modelle bilden. Oszillieren aber ist sozial unverträglich.

Symbole haben fraktalen Grenzen. Symbolik überdeckt die Realität!

Symbole sind praxisorientiert ökonomische kognitive Griffe.

Worte (Aussagen) können über ihre Ursprungssituation hinaus bedeutungvoll sein. Solche Worte können zum Kernbestand einer Lehrtradition werden.

Schon Gene sind nicht so einfache Dinge, wie man erst dachte; es sind (nur in groben Umrissen bekannte) Funktionskomplexe. Immerhin ist die Dynamik des genetischen Systems von Richard Dawkins und Norbert Bischof wohl im wesentlichen richtig dargestellt. Das genetische System ist konkret ein Subsystem des Systems einer Spezies.
Meme (Ideen) sind wohl noch erheblich komplexer. Die Dynamik des Mem-Systems aber ist wohl derjenigen des Gen-Systems analog. Freilich ist das Mem-System nur als Subsystem des genetisch/memetischen Verbundsystems zu verstehen.
Symbolik endlich ist das psychosoziale Medium des Systems Homo Sapiens, also ein weithin künstliches Subsystem, für dessen Dynamik Körperliches und Memetisches eine Rolle spielt, mit noch einmal anderer Struktur. Auch diese aber ist weitgehend darwinistisch zu verstehen. Ihre Eigenart beruht auf einem monistisches Selektionsprinzip: Alle einzelnen Symbole sowohl wie die Symbolik im ganzen sind im Grunde Existenzsymbole; von daher sind Aufkommen und Absterben von Symbolen zu verstehen.

Saussure führt anstelle des realistischen signum/res sein nominalistisches signifiant/signifié/référent ein.
Im Lichte dieser Unterscheidung ist die alte Unterscheidung unklar: Das signum hat einen willkürlichen materiellen und einen mentalen Teil. Die res ist zugleich ideell und materiell.
Umgekehrt ist die Saussure'sche Unterscheidung zwischen einerseits dem signifié (dem Begriff) und anderseits dem verständlichen "Anteil" des référent, der dieses überhaupt als référent identifizierbar macht, wohl für die linguistische Détailforschung entlastend, aber philosophisch bedenklich. Diese Linguistik schottet das Sprachgeschehen und die Realität des Lebens gegen einander ab. Sie setzt das Alltagswissen über die Dinge naiv als feststehend voraus.

Eine reelle konvergente Zahlenreihe, und schon ein Bruchstück von ihr, "bedeutet" einen "reellen" Punkt, den Grenzwert, auf den sie asymptotisch zuläuft. Er kann durch verschiedene Reihen oder Folgen bedeutet werden. Nur verschwindend wenige reelle Punkte sind auch anders bestimmbar, nämlich konzipierbar.

Symbolik ist mit Vorsicht zu gebrauchen; denn die Begriffe sind nur (unterbestimmt) bedingt transitiv. (Extremfall: "Alle gesunden Füchse haben vier Beine. Herodes ist ein Fuchs und er ist gesund. Also hat Herodes vier Beine.")
Das Diskrete (Herodes) ist hier Element einer unterbestimmten, in stetiger Entwicklung begriffenen Umgebung.

Die Mathematik arbeitet mit wohldefinierten Zeichen, Begriffen mit besonders harter Oberfläche.

Ein Begriff hat einen mehr oder weniger scharfen "Rand" in schwankend vielen Dimensionen. Es geht bei der Abgrenzung seiner Anwendbarkeit um seine Analogiefähigkeit (Metonymik). Man spricht von harten und weichen Begriffen. Den Umfang und die Qualität des Spielraums bestimmen sehr viele Parameter.

"Vielleicht bin ich ganz schief gewickelt?!" Das Wissen um diese Hintergrundsfraglichkeit ermöglicht die erstaunliche Kompromißfähigkeit des normalen Menschen, aber auch Traditionalismus, Autoritätsgehorsam und Religion.
Symbolische Vermittlungen zwischen dem Alltagswissen und diesem Hintergrundswissen sind wichtig für Menschlichkeit der Kommunikation.

Das Symbol ist ein ἀρραβών, ein Angeld, ein Vorgeschmack.

Das Symbol strukturiert sofort, ist aber Einflüssen aus Erfahrung, Kommunikation und Tradition zugänglich.

Das Ganze wird überdeckt durch eine Menge von Symbolen. Diese kann man auf niedrigdimensionale Begriffssysteme reduzieren, welche dann aber Zusammenhänge außer Acht lassen, die in unserer hyperkomplexen Wirklichkeit plötzlich entscheidend werden können.

Im Grunde geht es der Religion um das Wunder der symbolischen Funktion.
Nicht nur der Name Gottes, sondern jeder Name, jedes Wort ist grundlegend Verheißung, Symbol von Zuversicht, Grund von Hoffnung. Namengebung wirkt stabilisierend, sie strukturiert etwas in unserm Dasein; ist Schöpfung aus dem Tohuwabohu durch das Wort.
Der Gottesname, als das bloße Wort schlechthin, ist ein fundamentales Existenzsymbol.

Gott war eine der Erfindungen, die ihre Erfinder überwältigten – wie die Sprache oder das Geld. Man hat ein ambivalentes Verhältnis dazu. Man wird sie wohl nicht wieder los. Gott ist treu.
Geld, Sprache, insbesondere aber die Offenbarung, die Evidenz des Gottesnamens ist Verheißung. Auch als Gerichtsankündigung ist sein Name grundlegend Verheißung.

Besonders unsere geistige Entwicklung verläuft chaotisch. Unsere Zielstrebigkeit bewegt sich zwischen vielerlei Gravitationszentren.

In der Ungenauigkeit der Symbolik steckt die Zeit.

Indem man den Schüler in einer Symbolik festhält, nötigt man ihn, diese zu durchbohren, ihren Anspruch auf Wahrheit ernst zu nehmen und schließlich die Wahrheit gegen sie zurückzuwenden.

Man redet über Autoren, wo man mit der Sache, die sie präsentieren, überfordert ist. Der Autor ist Symbol für den lebendigen Zusammenhang, in dem die Sache steht.

Symbole greifen und gewinnen Bestimmtheit nur unter bestimmten Bedingungen, nur zeitweise, oft nur momentweise wie Worte im Gespräch. Die Vernunft entdeckt im Lauf der Zeit Regelmäßigkeiten und konzipiert daraus Begriffe.

Dinge haben Namen. Das ist uns selbstverständlich, aber es ist alles andere als selbstverständlich! Name dropping läßt Vertrautheit mit dem Genannten vermuten; aber diese ist meist oberflächlich. Der Name ist eine Handhabe.

Der Name ist Zeichen für etwas Stabiles. Er ist Element eines Zeichensystems, definierbar und handhabbar. Das Benannte aber ist durch das Zeichen nicht definiert. Definitionen machen Begriffe, die etwas vom Benannten greifen, und es durch Zeichen handhabbar machen. Das meiste aber von dem, was wir so handhaben können, verstehen wir nicht.

Zwischen Genauigkeit und Brauchbarkeit besteht ein Zielkonflikt.

Man kann nicht absolut sagen, wie etwas ist, sondern nur, wie es in einem bestimmten Zusammenhang ist. Weil man sich über diesen meist hinlänglich einig ist, darf die Aussage absolut klingen.

Ein Symbol ist eine Strukturskizze mit unscharfen, changierenden Rändern. Es ist uns überkommen (es überkommt einen), unergründlich; es enthält Erfahrung und ist deshalb kostbar und mit Respekt persönlich zu behandeln.

“Objektliebe“ setzt Subjekt-Objekt-Spannung voraus. Die Objektbeziehung hat narzißtische Abgründe.

Ein Symbol ist nicht nur ein Verweis, sondern eine in sich selbst informationshaltige Zusammenhangs-Skizze. Eine Symbolik ist eine lokale „Karte“, Sachordnungsskizze von einer Mannigfaltigkeit.
Ein Zeichensystem bildet, unter Voraussetzung einer wohldefinierenden Sachordnung, einzelne mögliche Sachen, unabhängig von deren Ordnung, um-geordnet ab.

Ist der Begriff der Wahrheit eine naive Extrapolation als dem Lokalen ins unendliche, imaginär Globale?

Expressive need: Der „authentische“ (vs. affektierte) Ausdruck, der in Herders Anthropologie eine Rolle spielt, ist memetisch (kulturell) fruchtbar.

Leben ist Suche. Symbolik ist Spur der Suche nach dem Imaginierten in der Realiltät.

Wir haben Beziehung zum Globalhorizont unsres Daseins nur in unsrer jeweiligen Symbolik. In dieser wird jener auch zu Handlungsrelevanz herunter transformiert.

Symbolik beruht auf Kaskaden von Selbstähnlichkeit. „Wie einer ist, so ist sein Gott“ (ein Existenzsymbol), bemerkte Goethe; und das zeichnet sich ein in die existenzielle Struktur all unsrer Symbolik. Wir sind durch (durch Störungen variiert) selbstähnliche Strukturen in unsre Welt verwoben (vgl. Platos Höhlengleichnis!) Man kann über die verschiedensten Dinge in ein- und derselben Sprache reden und auf den verschiedensten Abstraktionsstufen mit denselben Kategorien verstehen.
Sie sind das Medium unserer Transzendenz.

Das höchste Glück des Einzelnen ist Kommunikation, imaginär: vollkommen, ewig – aber real existierend (symbolisch, in einer Sequenz von Variationen): immer unvollkommen und vergänglich.
Symbole sind Variationen auf verschiedenen Abbildungsebenen.
Am Anfang war die Variation; das Thema stellt sich erst allmählich heraus.
Interaktion, Mit-einander-Reden, Klatsch, Spiel, Wissenschaft, Künste, Religion, sind Abbildungsebenen für die Symbolik, das unablässige „Probehandeln“ des lebendigen Menschengeistes.

Auch der klassisch-abendländische Glaube an das Wissen trägt nicht mehr. Wir müssen uns bescheiden mit der symbolischen Orientierung des Discours vivant (André Green), des Sprachgeschehens (Gerhard Ebeling), – in welchem unser (praktisch brauchbares, aber unergründlich bedingtes) Wissen nur eine untergeordnete Rolle spielt.

Aussagen sind mehr oder weniger wahr-scheinlich (εἰκός). Ereignisse sind in einem wohldefinierten Ereignisraum statistisch mehr oder weniger wahrscheinlich (probable).

Die Harmonie zwischen dem „Wesen“ der Dinge und meinem Wesen muss als subjektiv und prekär anerkannt werden; sonst entsteht Wesens-Mythologie des „Eigentlichen“.
Unsre Symbolik ist ein System von ersten Approximationen. Die Transitivität der Relationen zwischen Symbolen ist unsicher.

Für die sick rôle-Privilegien ist nicht der Praetor, sondern der Censor zuständig. Allein Anstand pflegt die Symbolik.

Alle Kommunikation setzt das chaotische Ungefähr von Symboliken voraus, die, im Konflikt der Interessen, Kooperation (ein energetisches Minimum) anstreben.

Symbole sind anfangs einfach und starr, sie können aber durch Lebenserfahrung immer lebendiger werden.

Die menschliche Intelligenz ist unter Selektionsdruck gewachsen. Das Streben nach Wahrheit, Klarheit und Horizonterweiterung entspricht dem Erfordernis ständiger Anpassung an veränderte Umstände. Horizonterweiterung ist geleitet durch Glauben an die Wahrheit der gelebten Symbolik. Credo ut intelligam. Das Verständnis ist oft Erweiterung nur in einer, und Einschränkung in anderer Richtung.
Forschung ist unpersönlich gemeinnützig, wohl eher männlich.

Reales, das uns etwas bedeutet, ist Symbol; Wirklichkeit, die uns etwas bedeutet, ist Symbolik. Symbolik eröffnet Möglichkeiten, ist Verheißung.

Zustimmung zu Symbolik ist nie ohne Vorbehalte. Aber in den letzten Dingen soll man sich – und sollte man andern – nichts vormachen: Man muß den vorläufigen Charakter der Symbolik spüren und ihre Dynamik weitertragen.

Im Symbol wird Ähnliches (metaphorisch) und auch Benachbartes (metonymisch) identifiziert.

Symbole integrieren sowohl gesellschaftlich wie persönlich.

Man „glaubt“ an Symbole, an welche man das Erlebte, in lebbarer Vereinfachung, assimilieren kann, – so auch etwa den Namen und die Selbstoffenbarung Gottes.

Im Ungefähr einer Symbolik ist die Dynamik der Anziehung (bzw. Abstoßung) wichtig.

Man kann eine Symbolik der (überkomplexen) Realität nur beschränkt anpassen, deshalb ist sie in mehrere Symboliken ausdifferenziert, z. B. Musik, Religion, Alltag, Wissenschaft. Diese sind mit einander verwoben. In den Grenzbereichen entsteht Komik und Tragik.

Wir können die Dinge einigermaßen brauchbar beurteilen nur in dem sehr beschränkten Umfeld unsres Handelns. Darüber hinaus sehen wir die Dinge nur in (wissenschaftlich, religiös, künstlerisch) versimpelnden (fokussierten und beschränkten) Verzerrungen.

Wegen des Ungefähr aller Symbolik ist Privatsymbolik zwar nötig fürs Träumen, aber fürs reale Leben zu unsicher; eines einzigen Menschen Schätzung ist eine zu kleine Stichprobe. Die Privatsymboliken und die kollektive Symbolik sollten ungefähr übereinstimmen, um einander als Korrektiv zur Verfügung zu stehen.
Der Wahnkranke mit seinen Identitäsproblemen hat seine Symbolik gegen die soziale Korrektur immunisiert und hat wahrscheinlich seltener Glück. Zum Hoffen braucht man Kraft, und dafür braucht man Ziel-Vorstellungen, die man sich erreichbar vorstellt. Die Spannung zwischen Subjekt und Ziel ist das Kraftpotential. Je weniger man ein Ziel erreichen kann, desto schwächer wird die Hoffnung. Man muß dann neue Zielvorstellungen entwickeln. Aber auch dafür braucht man Hoffnung auf Erreichbarkeit dieses Ziels. Diese Hoffnung des Enttäuschten beruht auf so etwas „Selbstvertrauen“, Zuversicht, wie religiöse Existenzsymbolik sie stabilisiert.

Unsre (fundamental ver­mutlich sowohl irgendwie "geschlecht­lich" als auch "ge­nerationell" struk­tu­rierte) symbolische Funktion [13] in­tegriert – zeitlich be­grenzt tragfähig – unsre Ima­gination mit der sog. äußeren Re­alität zu uns­rer Wirk­lichkeit.

Existenzsymbolik

Die meisten Symbole sind wenig stabil und haben keinen eindeutigen Gleichgewichtszustand. Ein Name (sowie Zeichen) aber setzt eine stabile Einheit voraus, die benannt werden kann.

Die Menschheit ist eine instabile Spezies. Ideologien sind lokale Stabilisatoren.

Echter Glaubenszweifel ist Selbstentfremdung.
Der Zweifelnde findet sich in keiner Existenzsymbolik aufgehoben.
In seinen „Versuchen“ suchte Montaigne nach einer Existenzsymbolik für sich selbst – und fand sie, horribile dictu, ausgerechnet bei den alten Skeptikern (Ἐπέχω).

Eine Symbolik glauben ist zuhören, bleibende Spannung, der kleine Andere (des grand Autre) sein. Das ist der Tonus des Lebendigen. Symbolik impliziert Andersheit, Triangulation, Labilität, Vorbeifliegen in einem Gravitationsfeld multipler Wechselwirkung (Chaotik des Dreikörper-Problems).

Religionen und Philosophien symbolisieren, „was der ganzen Menschheit zugeteilt ist“ (Faust I, 1770). Mephisto nennt das Selbstideal des Schwärmers, der sich mit dem Stückwerk der menschlichen Symboliken nicht zufrieden geben will, „Herrn Mikrokosmos“ (Z. 1802).

Existenzsymbole leuchten auf und erkalten; sie beleben, sterben ab und leben verändert wieder auf.

Je bedeutender ein Thema, desto weniger ist unsere Intelligenz ihm gewachsen.

Weihnachtsmann, Osterhase und Christkind sind Ideen des „präoperativen“ (Piaget) Denkens (der Anderthalb- bis Siebenjährigen). Daß es sie nicht gibt, ist der Erkenntnisfortschritt zu den „konkreten Operationen“ der sieben- bis zwölfjährigen Intelligenz.
Warum überliefern Eltern diese Ideen immer weiter? – : Weil sie immer wieder gern einmal mit dem Kind zusammen phantasieren. Sie entwickeln dabei das Kind und sich selbst, jeden in seiner Weise[14]. Sie schaffen einen Spielraum zwischen sich selbst und dem Kind und führen hier Vorstellungen ein, auf die das Kind etwas von seiner Elternbeziehung überträgt. Das entlastet die Eltern ein wenig von der Aufgabe, sich direkt in das Kind einzufühlen.
Auch den lieben Gott denken sich die Eltern für die Kinder aus. Das aber betrifft nicht nur ihre Beziehung zu ihren Kindern, sondern auch das, was von ihrer eigenen vitalen Abhängigkeit von ihren Eltern übrig geblieben ist. Hier sind deshalb sie selbst – für das Kind spürbar – stärker betroffen; hier phantasieren sie stärker mit dem Kind zusammen auf gleicher Ebene.

Meine Existenzsymbolik besteht hauptsächlich aus Erlebnisablauf-Modellen, die kein Weltbild ergeben. Sie laufen dialektisch auf eine Selbstaufhebung hinaus.

Existenzsymbolik ist vieldimensional: sachlich, sozial und existenziell.

Mit „Gott“ rufen wir uns immer auch die drohende Größe großen Unheils in Erinnerung. Schon die uns bekannte Welt ist uns eigentlich zu groß. Darum schirmen wir uns gegen Gott und auch gegen den geschlagenen Mitmenschen ab durch unsre Symbolik, die alles relativiert.
Wir sollen einerseits uns unser eigenes, stabil orientierendes Bild von der Welt machen, anderseits uns durch das Unglück anderer erinnern lassen, dass dieses eine gewagte Vereinfachung und also revisionsbedürftig ist und bleibt.
Die Christus-Botschaft will Mut zur Wahrheit machen.

Resignierend kann man das Zeitliche segnen. Der Desperado hingegen kann sich selbst nicht relativieren; er lebt in einer kriminell egozentrischen Existenzsymbolik.

Der fromme Maler Philipp Otto Runge spricht vom „Evangelium der Farben“; die Welt ist das wunderträchtige Nebeneinander.

Resignierend kann man das Zeitliche segnen. Der Desperado hingegen kann sich selbst nicht relativieren; er lebt in einer kriminell egozentrischen Existenzsymbolik.

Der Glaube des Paulus ist in einem (beschränkt haltbaren) Wahnsystem gegen die wetterwendische Wirklichkeit, alttestamentlich verpackt – darin die Naherwartung der offenbaren Gottesherrschaft und die Gerechtigkeit Gottes.
Wie ist 1Thess 4 (wie uns, steht auch den bereits verstorbenen Christen die Begegnung mit Jesus in Herrlichkeit bevor) ihm zum Herrenwort geworden? – : Dieser Ausblick schließt ein bedrohliches Loch in seiner Ideologie.
Das andere Loch, die Gerechtigkeitsideologie, muß er durch Mission unter Hochdruck selbst schließen: Vor dem Welt-Ende müssen alle Völker die Einladung in Gottes Friedensreich bekommen haben.

Semler sieht sich seiner Theorie der Anpassung des göttlichen Bibelworts an die beschränkten Menschen nicht auf der Seite der Menschen, sondern Gottes – als wahren Gnostiker. Lessing denkt den Fortschritt der Menschheit. Heute können wir den Fortschritt nicht mehr für so groß halten. Sehenden Auges bleiben auf gravierende Vereinfachungen der Wahrheit angewiesen; wir können deren Verzerrungen nur durch andere Verzerrungen ergänzen. Wahnhaft zu nennen ist nicht der Inhalt, sondern die Verpflichtung auf dessen Selbstverständlichkeit.

Ein durchschlagendes, aufschlußreiches Existenzsymbol wird als verheißungsvolle Offenbarung erlebt. Charakteristisch ist die Resonanz: "Ich werde erkennen, gleich wie ich erkannt bin." (1Kor 13, 12)

Die Wissenschaft artikuliert die Welt als eine persönliche Herausforderung: Wir müssen die menschlich orientierende Synthese aus den wissenschaftlich-artifiziellen Ausschnitten selbst leisten. Das ist für den normalen Menschen eine Überforderung. Die heroischen Ideologien sind ihren Heldentod gestorben; man ist bescheidener geworden. Wo es sozial nötig wird, bedient man sich dankbar unauffälliger (also meist traditioneller) Formen als unverbindlicher Symbolik. Im Übrigen entwickelt man naturwüchsig seine symbolischen Idiosynkrasien. In der modernen Welt ist auch Religion als Privatsache anerkannt. Die Ordnungsrufe, die dieses Chaos verschlimmert hatten, sind dadurch gedämpft.
Die private Unsicherheit ergibt kollektiv gleichwohl eine selbstendzündliche Mischung. Ein alle umfassendes, menschlich vieldimensionales Netz von leidlichen Vertrauensbeziehungen muß viel auffangen und in lebensvolle Sprache transformieren.

Künstlich große Gesellschaften nehmen Symbol-Ingenieure in Dienst, Philosophen, Theologen und Werbefachleute (Propaganda und Agitation). Man traut ihnen nicht ganz, aber man braucht, über die schwache Mitmenschlichkeit hinaus, ein narzißtisch befriedigendes und symbolisch notdürftig tragfähig integriertes Wir.

Die Mutter lebt als symbolisch strukturierter Lebensraum des Kindes weiter.
Die Symbole repräsentieren, wie die reale Mutter*, die environmental mother, sie garantieren einen Raum der interagierenden Selbstentfaltung.

Dem, der Problemen ausgesetzt ist, vermitteln Existenzsymbole eine Ahnung von Geborgenheit.

Die institutionalisierten religiösen Symbole sind heute juristisch noch tabu; aber, grob gesprochen: sie tragen nicht mehr so gut. Manchmal kann man sich in der Not daran halten. In der Meditation können sie nährende Früchte tragen.
Im ganzen aber scheint eine neue praktische Hermeneutik dem Erlebnis der alltäglichen Realität mehr Hintergründigkeit zuzugestehen. (Hier wirken sich so verschiedene Kulturfaktoren wie die Psychoanalyse und die “virtuelle* Realität” aus.)

Nicht-religiöse Existenzsymbolik ist meditations-, aber nicht gebetsfähig.

Das Ausdrucksbedürfnis, expresive need, ist auf Selbstverstärkung durch Resonanz in Replikationen aus.

Goethe ist offen und umsichtig; er hat verschiedene Projekte laufen. Aber immer "rafft” er “sich zusammen". Das befähigt ihn zu Größe. Jesus als Kind Gottes, Paulus als pharisäischer, Luther als mönchischer Eiferer, setzen alles auf eine Karte (die "köstliche Perle"), ein ihnen zentral gewordenes Symbol. Der Hochbegabte muß sich, als einem inmitten der gesellschaftlichen Zerstreuungen Einsamen, eine eigene Symbolik erarbeiten.

Der expressive need stößt auf das Ausdrucksmedium mit seinen Eigenarten. Ausdruck ist immer auch schon Begegnung mit dem anderen, nämlich dem Kommunikationsmittel, der gemeinsamen Sprache, also zunächst Ausdruck des aktuellen sozialen Befindens. Will eine reflektierte Existenz sich genau ausdrücken, muß sie sich mit dem Medium auseinandersetzen und dabei über sich selbst Neues lernen. Man kann nicht umhin, mehr zu sagen, als man sagen wollte.

Kreativität ist ein überraschendes Geschehen – mit Willen, aber sowohl passiv wie aktiv.

Einem grandiosen Symbol hält man nicht lange Stand. Der “furchtsam weggekrümmte Wurm” (Faust I, 499) braucht schützende Vermittlung. Gerinnt es und erstarrt in Lehrsätzen, kann man damit leben.
Das Leben geht in kleineren Horizonten weiter und blickt nur von Zeit zu Zeit auf und kehrt aus dem erweiterten Horizont in den leicht verfremdeten Alltag zurück.

Wozu Existenzsymbole? – : Zur Sammlung aus dem unkoordinierten Vielerlei der zerstreuenden, zerreißenden Kontingenz.

Das Symbol ist "Identitäts-Operator" (André Green 1977). Vor dem Existenzsymbol erlebe ich meine Identität.

Das Symbol läßt in seiner Unbestimmtheit dem Menschen freien Spielraum für Identifikation.

Der Mensch ist sich selbst ein symbolisches Wesen: Er braucht zur Organisation seines Lebens unter den Menschen eine Idee von sich selbst. Diese muß ein für andere übersetzbarer Begriff sein, den das Subjekt von sich selbst hat.

Lebendige Symbole sind ahnungsvoll, verheißungsvoll oder unheimlich warnend, richtungweisend.
Ahnung artikuliert sich in Symbolen. Durch Symbole wird sie stabilisiert.

Wohl dem, der keine besondere Ermutigung braucht. Wenn aber man diese braucht, ist man mit Existenzsymbolen selbständiger gegenüber den Umständen; – am stärksten mit Symbolen, die kulturell gesättigt sind mit ent-mutigenden Erfahrungen. Dazu gehören religiöse, insbesondere jüdische und christliche Symbole.

Das Symbol ist pars pro toto, ein Projekt (Konzept, Entwurf, Vorhaben, Modell).
Überwältigt von der Sinnfülle des Ganzen, muß man den Horizont aufs sinnvolle Lokale* beschränken – in Hoffnung auf sinnvollen Anschluß an weiteres Lokales.

Symbolik integriert. Den Kampf der Menschen ums Dasein aber organisiert die Symbolik der Gesellschaft chaotisch: in Widersprüchen, welche auf verschiedensten Niveaus erlebt, erlitten, angegangen, aber nur selten aufgehoben und erledigt werden. Immer wieder bricht, durch die gezielt zerstörte Symbolik, die mörderische Realität des Lebens durch.

Ein gemeinsames Selbstsymbol stiftet eine besondere zwischenmenschliche Beziehung. Vertiefung und Bemühung um Verstehen und Verantwortung nach außen entfalten es, können es überstrapazieren und die Gemeinschaft zeitweilig auseinander treiben.

Dialog ist Stereoskopie der Weltbilder. In existenzieller Kommunikation, wo – wegen Unkontrollierbarkeit – Ehrlichkeit entscheidend ist, ist Dialog eine Schönwetterperiode im atmosphärischen Chaos der Symbolik.

Bei der Entstehung von Symbolkraft ist die Summation[15] der involvierten Hoffnungen wichtig. Auch soziale Selbstverstärkung spielt eine Rolle.

Wenn die Sippe (Gemeinde/Nation/Firma/Verein) feiert, symbolisiert sie die vervielfachte Schlagkraft der vereinten kompatiblen Potentialität.
Die Kompatibilität Einzelner kann unsicher, ihre Potentialität kann der Gruppe gefährlich sein. Potentiell disruptive Selbstsymbolik wird sanft isoliert, sonst exkommuniziert.

Tabu heißt: Hier wurde, unter existentiellen Opfern, Komplexitätsreduktion im Symbol geleistet. Hier steht – auf der Folie von Angst – Hoffnung auf dem Spiel. (Deren Schutz dient oft ein höchst kompliziertes Symbolsystem.)

Das Prägnante ist intolerant; denn es ist verletzlich. Will man sehen, was es austragen könnte, muß man sich seiner annehmen.

Aus Ideen erwächst Moral – und auch Ideologie, die die Moral versteift. Nach dem Verfall der Ideologien leben wir provisorisch im Fragmentarischen. Wo die Spannkraft dazu fehlt, die Not zu groß ist, ist die Moral bedroht und brechen fundamentalistische Epidemien aus. Symbole werden fetischisiert.

Auch Symbolkraft verbraucht sich. Der im Interesse der Praktikabilität in Kauf genommene Wahrheitsmangel im Quid pro quo wirkt wie Vitaminmangel in der Ernährung. Wahrheit muß in strapazierte Symbolik immer wieder nachgeschoben werden, z.B. durch Witz, im Theater, in der Literatur.

Symbole dienen als Auslöser. Sie sprechen andere Systeme an, um deren Kraft für eigene Zwecke zu nutzen. Das genutzte System braucht Energie-Nachschub. Reine Ausbeutungssysteme nutzen sich schnell ab. Symbolisch kommunizierende Systeme jedoch sind meist Symbiosen und deshalb dauerhafter.
Symbole nutzen sich ab hauptsächlich durch Schmarotzer, die grob mit der Sprache umgehen, achtlos somit mehr Systeme anzapfen als nötig und Immunreaktionen nötig machen. (Man beachte, was es in uns auslöst, wenn einer im Gespräch uns ständig mit Namen anredet.) Schonender Umgang erhält die Sprache und damit die Sprachgemeinschaft.

Abgenutzte Symbolhandlungen werden zum Symbol für Nur-Symbol und führen zum Rückzug auf primitiveres Erleben.
Auf der "Suppenlogik mit Knödelargumenten" (Heinrich Heine) kann dann später einmal eine neue symbolische Kultur wachsen.

Symbole sind die (auf den äußeren Betrachter oft zufällig wirkenden) Auslöser starker, orientierender Erlebnisse. Die mächtigsten Symbole sind naturwüchsig, wie unsre "natürliche" Sprache.
Man kann - zu guten und unguten Zwecken - auch künstlich Symbole aufbauen und Menschen einprägen. Diese haben zunächst nur ihre beschränkte bezweckte Bedeutung. Diese kann dann aber dem manipulativen Zugriff weitgehend entzogen, in die Persönlichkeit hineinwachsen; sie wird sich dabei verändern. Notgedrungen im Laufe der Geschichte zunehmend lernfähig, wird der Mensch Störendes in der eigenen Persönlichkeit bemerken und zu eliminieren versuchen; er wird aber bleibende Spuren davontragen.
Welche Bedeutung eines Symbols wo im Weltbild eines Menschen eingebaut wird, ist unvorhersehbar.

Es ist gefährlich, wenn ein Symbolsystem die Wahrheit verzerrt; aber es ist auch gefährlich, wenn eine bessere Repräsentation schlecht in die Persönlichkeit eingebaut wird.

Das gute Wort ist so etwas wie die Balancierstange für den Seiltänzer über dem Abgrund. (Sie hat keinen Halt, aber er hat Halt daran. Sie hat ihre träge Masse, welche kleinere Fehler des Akrobaten aufwiegen kann.) Es ist ein Symbol; er muß angemessen damit umgehen.

Bei Cesare Pavese ist die Mythologie so faszinierend, daß einem beim Lesen der eigentümliche Sinn der Realität verblaßt.
Meine Mythologie soll Unsinn sein; zurückjagen in die Überraschungen des Lebens.

Wenn man Glaubensaussagen, über das, was sie sagen wollen, hinaus, mythologisch ausphantasiert, kommt an den Tag, was sie sagen, ohne es sagen zu wollen. Sie sagen jedem mehr, als was sie sagen sollen; sie lösen aus, was sie nicht sollen, – aber bei jedem etwas anderes. Man muß aufmerksam und wachsam damit umgehen; man wird undeklariert belehrt, gefördert und gewarnt.

Wer in einem Selbstsymbol Vollendung sucht, wird Opfer der Dialektik der Totalität. Die konkrete Repräsentanz des Ganzen ist partiell. Das überforderte Totalsymbol (manchmal die familiäre oder Berufs-Rolle) wird hohl.
Das muß einmal erfahren sein. Totalitäres Aufpumpen eines Selbstsymbols ist nur als jugendliches exercitium spirituale (mit einem fordernd-förderlichen Meditationsgegenstand und in Reichweite eines vertrauenswürdigen “Exerzitienmeisters”) allgemein zu empfehlen.

Selbstsymbolik soll man nur sparsam willentlich brauchen. Wenn sie nicht immer wieder unausdrücklich im Alltag wirkt und der Alltag auf sie wirkt, entleert man sie.

Am wenigsten die höchste Symbolik kann man privat haben. Zur Hauptsache ist sie uns über­liefert. Aber sie ist auf stabilisierende Kommunikation angewiesen, Geschichte und Schrift können diese nur unzureichend ersetzen. Die Wechselfälle des Lebens strapazieren das Assimilationsschema*, das viel symbolisieren soll.

Das Selbstsymbol des sich selbst als chaotisch bedroht erlebenden Subjekts ist immer nur lokal/temporär voll gültig. Es muß weiter wieder Neues gepredigt, weiter Neues komponiert werden.
Damit verliert das einzelne Symbol etwas von seiner Hauptfunktion, der Stabilisierung des Selbst. Es kann nicht mehr global ein Glaubenswissen stützen, sondern nur noch ein temporäres Selbstvertrauen, den Glauben sensu stricto!
Im Hintergrund bildet sich mit der Zeit ein Erlebens- und Kompositionsstil heraus, ein pattern, ein dynamisches, das abstrakte, moderne, eigentliche Selbstsymbol des Individuums. Glaube ist ein Stilphänomen.

Der diachronische Selbstbezug ist symbolisch vermittelt durch repräsentative Bilder der Erinnerung und der Erwartung.

Existenz ist die gefährdete Einheit der Person.

Faszinationsmomente bilden Kondensationskerne im zerstäubenden grauen Alltag. Das für die Organisation des eigenen Verhaltens nötige Selbstbild muß Sammlung und Zerstreung berücksichtigen. Die Bemühung um ein stabiles integrales Selbstbild muß mißlingen, da die Exi­s­tenz chaotisch ist. Es bedarf der Symbolik als Provisoriums, der mancherlei Selbstsymbole und deren provisorischer Kombinationen.

Wie mein Tod, bedeutet das Christentum mir selten etwas.
Das nimmt dem Tod und dem Christentum nicht seine Bedeutung für mich.
Die Selbstverständlichkeiten, die je die Aktualität strukturieren, haben nur lokale Bedeutung. Sie führen immmer wieder in Probleme und müssen deshalb immer wieder einmal von Grund auf bedacht werden.

Das Selbstsymbol hat seine unauslotbare Bedeutung aus narzißtischen Übertragungen. Es wird wahrgenommen als Ausdruck von etwas Belangvollem und als ureigenster Ausdruck verantwortet und gestaltet.

Die Symbolik, die den Lichtblick organisiert, möchte man halten. Sie kann aber bestenfalls, unter Mitwirklung des Subjekts, zu einer anderen glücklichen Symbolik überleiten.
Festgehalten, wird sie schal, und/oder zum Fetisch. Man muß sie dann, etwa meditativ, pressen, Neues eintragen; den alten Mantel mit neuen Flicken restaurieren. Symbolik hat eben ihre Zeit, die man respektieren muß.

Das Existenzsymbol sammelt und erinnert mich an meine bisherige Erfahrung und leuchtet mir voraus im immer neuen Rätsel des Daseins.

Das beglückende Symbol der Einigung mit dem Ganzen ist plötzlich nur noch ein Surrogat; die Verbindung zerfällt.

Das Endstadium kennen heißt noch nicht, den Weg kennen.
Das Existenzsymbol meint allerletztlich das Ununterschiedene (“Eine”), das Endstadium. Es spricht genau das Nichtwissen an. Es deutet den Weg nur an. Deshalb bricht die Orientierungsfähigkeit des Symbols unterwegs immer wieder ein.

Ist die eigene Kohärenz gefährdet, muß ich mich in einem Symbol der umfassendsten Einung spiegeln, – einer Vorstellung, die ich selbst mitgestalte aus dem, was mir gegeben ist (incl. ich selbst).

Die Tragweite von Existenzsymbolen ist begrenzt; sie sammeln irgendwann nicht mehr die Kräfte zu menschlichem Werk. Es bleibt ein passives, dummes Warten “auf Godot”, auf Selbstorganisation im Chaos, in die man sich dann wieder verantwortlich einbringen kann.

Die stabilen, mittleren Ideale: Mönchtum, Ehe, Beruf, Bekenntnis, Staatsbürgerschaft, auch die Autonomie der einzelnen Staaten, lösen sich auf und weichen mobileren, teils abstrakteren, teils konkreteren Formen. Verbindlichkeit, persönliche und kollektive Verantwortlichkeit werden weicher. Man weiß sich an schwächeren, aber viel mehr Fäden aufgehängt und angebunden. Moral bleibt attraktiv, aber entkrampft sich.
Die einst anschauliche, beständige, elementare Symbolik ist differenzierter, exakter, flexibler und für eine Zeit notwendiger hochkomplexer Massenkoordination brauchbarer geworden. Das kollektive Wissen ist enorm gewachsen und die (dadurch nötig gewordenen) rationalen Verfahren sind allgemein anerkannt.
Zeittypisch sind andrerseits wiederholte Treffen an entfernten Orten zu Gruppen, deren höchst spezialisierte Funktion darin besteht, den Menschen therapeutisch aus sektoriell beschränkten Funktionszusammenhängen zu befreien. Sie sind persönlich weniger verbindlich als Ehe und Familie; und das mit betont körperlicher Konkretheit angestrebte Ziel ist abstrakt (“Ganzheit” o.Ä.).

Das Übergangsobjekt* ist als äußerer Gegenstand selbst entscheidend wichtig. Dieser bedeutet nicht die abwesende Mutter, sondern ersetzt sie ohne Unterscheidung und semantische Beziehung zwischen beiden. Es gehört in den intermediären Raum, eine frühe, wenngleich lebenslang tragende Struktur.
Das Symbol dagegen gehört in die differenziertere Struktur der semiotischen Funktion. Es verweist auf etwas von ihm selbst Unterschiedenes als das eigentlich Wichtige.

Existenzsymbolik legt in jedermanns Gewissen sich selbst aus – sehr verschieden. Sich darüber zu verständigen, ist fast unmöglich – ein Pfingstwunder! Man kann es wünschen, versuchen, aber nicht wollen.

Augustin sagte: “Wir reden von Gott nicht um über ihn zu reden, sondern um nicht von ihm zu schweigen.” Man braucht immer eine Vision – oder doch Ahnung – von Harmonie. Um sie vernünftig gebrauchen und revidieren zu können, muß man sie manchmal in all ihrer Vorläufigkeit artikulieren.

Unsere Existenzsymbole (zentrale, globale und dauerhafte sowie ephemere) orientieren uns. Sie alle, nicht nur die religiösen, repräsentieren, “was uns unbedingt angeht”, unseren “ultimate concern” (Paul Tillich).

Soziokulturelle Absicherung trägt zu der fatalen Zweideutigkeit von Existenzsymbolen bei.
Plötzlich fällt unser Blick auf einen Riß in unserer Schöpfung, aus dem uns die Wahrheit des dunklen Nichts als schadenfroher Teufel angrinst.

Man wählt sich eine vorgegebene symbolische Stütze der eigenen Identität, Mose, Christus, Mohammed, Licht (Goethe), Lacoste, Birkenstock, ein Parfum, Gott, Welt (sie hat ihre eigenen Gesetze, z.B. Du sollst gut lügen), Erde.
Jede dieser Identitäten wird von einem angemessenen Teil der Menschheit realisiert.
Das bedeutet für jeden Selbststilisierung – mit einer Schattenseite, die andere zu einer gegenteiligen Stilisierung treibt.

Grandiosität ist Kreativitätspotential.

Grandiosität ist: in nachvollziehbaren Schritten[16] als unfaßbar ermeßliche Größe.
Ordnung wahrzunehmen ist ein Triumph[17]; höhere Ordnung wahrzunehmen ist Teilhabe an Grandiosität, erhobenes Erheben des Erhabenen, in Natur und Kunst. “Ahnest du den Schöpfer, Welt?” (Schiller)

Die “unähnlichen” Symbole Gottes verweisen (wie Dionysius Areopagita bemerkt) von sich weg; sie verführen nicht, wie die “ähnlichen”, zu Selbstgenügsamkeit im Bescheidwissen. Gleichwohl wurde der gott-unähnliche Gekreuzigte vergötzt. Um der Gefahr des Vergötzens zu entgehen, muß man auch die komplementäre Ähnlichkeit des Gegenteils meiden. (Das haben die Jesus-Romane wohl versucht, – vervollständigende Verlebendigungen der fragmentarischen Ergebnisse der kritischen Forschung.)

Die Platonische Lehre vom transzendenten Guten ist eine Anweisung, in allem das Gute zu suchen!

Wenn man jemandem sagt: “Es tut mir leid!”, so sagt man ihm, sein etwaiger natürlicher Rachewunsch sei bereits in Erfüllung gegangen. Das ist symbolisch; deshalb kommt es auf den Ton an, in dem es gesagt wird. Es muß glaubwürdig ein Bißchen leidend klingen.
Die Materie des Symbols (hier: der Ton) ist Resonanzkörper der Information.

Existenzsymbolik ist Bekenntnissprache, nicht beliebig, aber subjektiv. Die Glaubenslehre der Reformation insistierte auf dem pro me.

Nicht nur Diktaturen fürchten öffentliche Auseinandersetzung! Hitlers “Mein Kampf” ist immer noch nicht frei ausleihbar oder gar zum Nachdruck freigegeben. Die Behauptung, der Holokaust habe nicht stattgefunden oder sei nicht so schlimm gewesen, wird strafrechtlich verfolgt. Der “herrschaftsfreie Dialog” ist ein voraussetzungsvolles und instabiles Phänomen, – allzu prekär, wo starke Engagements in symbolischen, also nicht durchgeklärten und unsicheren Behauptungen zur Debatte stehen.

Mit meinen Existenzsymbolen muß ich, um meiner Identität willen, achtsam umgehen. Dann mögen andere damit umgehen wie sie können. Gehen sie unachtsam damit um, so kann die Verletzung mich sogar etwas lehren.

Existenzsymbolik wird von der Philosophie prinzipiell durchdacht, von der Religionswissenschaft topisch, von der Theologie konfessionell. (Das Konfessorische ist nicht institutionalisierbar.)

Goethe tabuierte gewisse Farberscheinungen als Urphänomene, über die man nur staunen solle. Aber auch er forschte, weil er staunte. Und man wird das Staunen durch die Ergebnisse der Forschung nicht los. In der Forschung lebt die Existenzsymbolik des Forschungsgegen­standes. Das Staunen ist Wahrnehmung der Kontingenz des Daseins, letztlich des eigenen.

Der menschliche expressive need ist ein Fortflanzungstrieb.

Existenzsymbole sind zentrale Bereiche im Geflecht der Symbolik. Kritische Bedrohung derselben führt zu totaler Verwirrung und wird entsprechend abgewehrt.
“Ich ward vor dir wie ein Tier”, betet der Pharisäer in der Krise seiner Existenzsymbolik der Rechtschaffenheit; dann aber kommt ihm eine Erleuchtung (Ps 73).
“Von Tiefen dann zu Tiefen stürzt mein Sinn”, beschreibt Mörike die Krise (Peregrina); über die Neuorganisation der Existenz durch das neue Existenzsymbol, die Geliebte, sagt er: “ich höre aus der Gottheit nächt’ger Ferne die Quellen des Geschicks melodisch rauschen.”

“Ein Mann ohne Überzeugungen” handelt inkohärent, weil er eine flache und entsprechend heteronome Existenzsymbolik hat.

Veränderung der körperlichen Befindlichkeit ändert die Weltanschauung; man gibt andere Weisheiten von sich – explizit oder implizit.

Symbolik muß mit Symbollogik verstanden und mit Symbol-Ethik gebraucht werden.

Widersprüche können zeitweise unverzichtbare Existenzsymbole sein! Es gilt, sie verständnisvoll zu entfalten in der Hoffnung auf ihre Auflösung – in tiefere Widersprüche.

“Nur symbolisch zu verstehen” = nicht wörtlich zu nehmen, nur als Verweisung anvertraut, personal sinnvoll, nur (im Goetheschen Sinne) “bedeutend”.

“Einheit der Natur”: Die Forschung erschöpft und faßt sie nicht, sie entwächst uns unter unseren Augen, die ein dem eigenen Assimilationsschema “Einheit” entsprechendes Gegenüber suchen.
Die natürliche Sprache drückt das gesuchte Glück jeweils aktuell symbolisch aus, die dichterisch-metaphorische einer- sowie die wissenschaftlich-metonymische Spezialsprache anderseits beanspruchen für ihre Einseitigkeiten dauerhafte Bedeutung.

Man pflegt sich aus der Wirklichkeit eine Normalität, praktisch bemessen, herauszuschneiden, säkular – und numinos umwittert.

Das “Biofeedback” war eine partielle Wieder-Entdeckung der Einheit von Geist und Leib (oder wie sonst man die komplizierte Organisation des Menschen grob gegliedert hat). Das bewußte Begleiten unbewußter Vorgänge (Denken, Riechen, Essen, Sexlife, Peristaltik, Atmung, Herzschlag und Durchblutung) mit Gedanken und Phantasien, ihre Wahrnehmung und Anerkennung als Existenzsymbolik, hat therapeutische Wirkung. Aromatherapie ist uralt; die existenzielle Wirkung der Empfindung möchte auch bewußt wahrgenommen werden.
Lebendige Symbolik vermittelt, heilend oder störend, das Zusammenwirken von Geist, Seele und Körper.

Glauben im religiös-institutionellen Sinne ist Fetischisieren von Symbolen.
Wissenschaft treibt Grundlagenforschung, um nicht in Fetischisierung ihres Wissens zu versinken, in einem Aberglauben an bestimmte Einsichten als letzte Wahrheiten zu versumpfen.
Unser Wissen hat einen sehr breiten, fraktalen Rand!

Symbolik suggeriert Sinn und Verhalten.

Sein Kind ist insofern ein Werk des Menschen, und ein Werk wie ein Kind, als man sich selbst darin verwirklicht und sich selbst verfremdet darin wiedererkennt.

Wir müssen, immer wieder neu, Verirrungen und Unbewältigtes als solches in unsere eigene, als eine defekte, Identität integrieren. Goethe, der große Prophet des Persönlichkeitsideals, hat diese Problematik immer gekannt und lebenslang vielfach bezeugt.
Für defekte Identität gibt es keine dauerhaft befriedigende Existenzsymbolik. (Darum mußte Goethe immer weiter dichten.)

Selbstsymbole stabilisieren das Selbst. Sie können Sinnlosigkeit und Abhängigkeit von Zufällen absorbieren.

Hoffnung ist existenzsymbolischer Tonus. Hoffnungslosigkeit ist Sinnlosigkeit, Symbollosigkeit.

Glaube steht auf der Tragfähigkeit von Symbolen.

Die sogenannten „Glaubenstatsachen“ sind durch eine eigenartige Handlungslogik ausgezeichnet, die sie von Wahnvorstellungen unterscheidet. (Vgl. Essenspielen im Sandkasten: Kein Kind ißt den Sand aus dem Förmchen; es spielt „essen“, und zwar mit intolerantem Ernst!) Die Glaubenstatsache ist kein factum brutum. Zur Glaubenstatsache gehört lebendig verständiger Glaube.

Die Existenzsymbolik erwächst, differenzierend, aus dem primären Narzißmus. Sie bildet ein entwicklungsfähiges System, das die einzelnen Symbole bearbeitet und stabilisiert.

„Deus sive natura“ ontologisiert und objektiviert Gott und ist deshalb nur halb wahr.

Ich weiß nicht; ich bin – und rede halt, ohne zu wissen. Unser Schöpfer wolle euch beim Verifizieren helfen.

Wenn ich das zweifelhaft gewordene Selbstverständliche analysiere, verschiebe ich (im Vertrauen auf die sowohl sozial verbindliche wie existenzielle Tragfähigkeit der Vernunft) nur dessen Selbstverständlichkeit auf die neu gefundenen „Gründe“, d.h. in Richtung auf mein selbstverständlichstes Selbstverständnis. Analytisches Denken zersetzt zwar; aber Vernunft ist auch selbstkritisch und relativiert unsre Teilwahrheiten gewissenhaft, d.h. mit Augenmaß. Existenzsymbolik ist deshalb, in den unausbleiblichen Kontroversen zwischen den lebensnotwendigen Vereinfachungen, in langsamen Schritten, ein endloser rekursiver Prozeß.

Das Leben ist verwirrend verworren, bedrohlich für das Selbstverständnis. In Krisen braucht man zur Aufrechterhaltung der Identität unabhängig von eigenen (auch kognitiven) Leistungen Übergangsobjekte. Wenn man als solche seine Nächsten braucht, läuft man Gefahr, sie zu überlasten. Das Übergangobjekt kann jedoch dinglich (als Zeichen institutionalisiert: Sakrament), sprachlich (Wort, Spruch), eine Vorstellung (Gott, Jesus Christus, „Gottes Hand“) und auch ein Kollektiv (Gemeinde) sein; es muß aktuelle narzißtische Bedeutung haben, d.h. es muß, wie Winnicotts object mother, unsere Eingelassenheit in die Welt repräsentieren.

Für Hegel sind die Begriffe Existenzsymbole; er identifiziert sich voll damit und treibt seine Symbolik dadurch voran.

Die Symbole, die unser Selbsterleben formen, sind Konglomerate der Erfahrung von Generationen.
Aus komplexen Symbolen werden oft einfache Schemata entnommen.

Wissenschaft und Technik arbeiten sich voran. Die jeweils neuen Erkenntnisse und praktischen Errungenschaften haben, auf dem Hintergrund des bereits banalisiert Angeeigneten, unmittelbar verheißungsvolle Bedeutung.

Weltanschauungen sind Vorvereinfachungen auf dem Weg zu konsistentem Verhaltensentscheidungen.

Früher wuchs man in eine christliche Weltanschauung hinein. Dann machte man sich (oder ergriff) eine Ideologie. Der moderne Mensch durchlebt, geduldiger, hoch idiosynkratisch, ein Kontinuum von Weltanschauungen, – immer in der vagen Hoffnung, gegen die Launen des Schicksals an, sich zu stabilisieren. Es geht da immer noch um unsere persönliche Antwort auf die Herausforderung der Person durch das Schicksal.
Das erinnert an die Spätantike; insbesondere an den Weg Augustins, den dieser selbst rückblickend als „Gottsuche“ verstanden hat. Man kann nicht zweifeln, daß Augustin seine Form und seine Antwort gefunden hat. Aber es hat sich eine abstoßende institutionalisierte Selbstsicherheit darauf gesattelt, die verdeckt, daß es bei Weltanschauungen um jedermanns persönliche Verantwortung für sich selbst geht, – die am angemessensten als personale göttliche Herausforderung verstanden wird.

Unsre globalen Ausblicke haben subjektiven, vitalen symbolischen Orientierungswert. Objektiviert aber sind sie verzerrend und führen in Widersprüche (Kant!).

Man feiert ein Symbol. Freude reichert es mit weiteren Verheißungen an.
Man arbeitet für Verheißungsvolles. Die Verheißung enttäuschte dann meist, führte aber doch weiter.

Das jüdische Tabu über dem Gottesnamen und auch die Arkandisziplin sind ernst zu nehmen. Die Rede von Gott verlangt einen gewissen Kontext.
In diesem Sinne ist auch zu erinnern an das Gebot der Bergpredigt, sich mit seinem Nächsten zu versöhnen, bevor man vor Gott tritt.

Das Alte Testament redet von Hunger nach Gottes Wort. Existenzsymbolisch leben wir von der Hand in den Mund. Gottesworte können zu Wörtern vertrocknen und, wie das Manna, ungenießbar werden (2Mose 16,20).

Symbole lernt und weiß man. Existenzsymbolik entwickelt sich individuell. Man lebt damit und lernt sich und die persönliche Bedeutung und Kraft des Symbols kennen wie einen Mitmenschen.

Die Hintergrundsmusik heute ist, im Unterschied zu den Arbeitsliedern der Vorzeit und der militärischen Marschmusik, Verbrauchsware – eine bedenkliche Existenzsymbolik.

Zur Lösung eigener, phantasiert Goethe fremde Probleme aus.

In der Symbolik "überlagern" sich Bedeutungen. Ein Existenzsymbol wie "Gott" kann den Menschen sammeln. Man muß sich nicht verlieren, wenn man, ohne an Gott zu denken, vorbewußt im Namen Gottes, im Segen Gottes seine weltlichen Ziele verfolgt. "Observabel" kann und darf auch sehr anderes als Existenzsymbol auftauchen. "Alles was ihr tut, das tut von Herzen als dem Herrn", – gesammelt, mit Ernst, präsent als ein Repräsentant Gottes.

Lösungen existenziell bedeutender Probleme tragen die Spur der Kontrolle vonseiten des Subjekts; das gilt auch für philosophische und religiöse Begriffe. Die Ausarbeitung ihrer de-finitio (ὁρισμός) ist ein chaotischer Prozeß, die herausgearbeiteten "Grenzen" sind fraktal.

Gespräche sind zur Ausarbeitung einer persönlichen und kommunikablen Symbolik anregend. Wichtiger aber ist die Integrationsarbeit, die jeder allein leisten muß.

Zuversicht und Sex sind für uns lebenswichtig und durch Zuchtwahl angeboren. Es gilt, sie symbolisch flexibel realitätsbezogen zu operationalisieren.

Existenzsymbole sind Lebensformen. Sie formen das Leben. Sie wurden vom Leben geformt; und, so lange sie lebendig sind, werden sie vom Leben geformt.

Die symbolische Landschaft bekommt markantes Profil durch Koagulation der Symbole und der Interessenten.

Das imaginäre Heil muß symbolisch Raum bekommen, nicht nur als Heiligtum, sondern auch ins Profane diffundierend.

Existenzsymbole sind bezogen auf Herrlichkeit, "Grandiosität" (Kohut). Durch sie ist der Mensch, inmitten des grauen Alltags, zu realistischem Handeln als Selbstverwirklichung motiviert.
Herrlichkeit ist absturzgefährdet. Symbole können aber reifen. Die Herrlichkeit verwandelt sich in Wärme und Beständigkeit.

Der ποιητὴς ist Schöpfer, inspirierter Erfinder von Gestalt=bonne forme, vornehmlich: geprägten Wortes. Der Dichter schafft stabile Gestalt durch Resonanz von Inhalt mit Rhythmus und Reim. Ein Gedicht symbolisiert die Welt.

Die Chaotik unseres Innenlebens ist uns weitgehend unverständlich und unbewußt. Das Unbewußte ist uns aber in symbolischer Verformung immer präsent und für verständig-ahnungsloses Reden handhabbar.

Man kann auch in einer durch sozialen Druck aufgenötigten Ideologie geistig wachsen: zunächst durch Erarbeitung und Durchdringung derselben, sodann durch deren zunehmend selbständige Weiterentwicklung und endlich, wenn das Eigene sich in den vorgegebenen Rahmen nicht mehr einfügen läßt, durch Hinauswachsen.
Das gilt auch für Religionen und totalitäre Parteien, die einen Anspruch auf Menschlichkeit behaupten.
Bei der Meditation des zudiktierten Koan sprengt das befreiende Durchbruchserlebnis, mit dem realistischen Sinn desselben, exemplarisch jede Heteronomie.

"Gott" ist ein Symbol. Ein lebendiges Symbol ist im Symbolsystem bedingt austauschbar.

Die Stunde der Depression geht vorbei. Aber auch die Stunde der Beseligung! Existenzsymbolik wahrt unsere Identität über die Spannweite, die unser Bewußtsein nicht fassen kann.

Das nicht mehr so neue Interesse an tiefenpsychologischer Therapie und das neue Interesse an Meditation beruht auf dem Bedürfnis nach Reorganisationsmöglichkeit.

Für Luther war Glaubensanfechtung ambivalentes Flackern der Existenzsymbolik. In der Neuzeit war Glaubensanfechtung Zweifel an institutionalisierten Vorstellungen; Gefahr pychischer Desintegration aber droht bei Verblassen der Existenzsymbolik.

Das Imaginäre sind die uraltbewährten, genetisch festgeschriebenen Suchbilder, die Basis aller Symbolik.

Stabile Gestalten waren früher heilige Anordnungen des Schöpfers. Heute artikuliert die Theorie dynamischer Systeme unser Verständnis von Stabilität. Das Wunderbare wird verständlicher; neue Einsichten führen zu neuen Verwunderungen ­– sowohl über das Eingesehene wie über das Einsehen [18].

Das "Existenzsymbol" ist nicht Zeichen, sondern Übergangsobjekt!

Aus der namenlosen, präambivalenten Tiefe führt der Schöpfer heraus in die symbolische Existenz.
Ambivalenz ist möglich nur auf symbolischer Ebene, wo im Ungefähr das Präambivalente zusammengebracht werden kann.

Existenzsymbolik braucht, gegen die Verwechslung von Symbolik und Realität, die chaotisch störende alltägliche Kommunikation.

„Das Unbewußte“ als Seelenteil zu definieren, ist widersinnig. Wie will man bewußt Seele abgrenzen und definieren, wenn sie doch Unbewußtes enthalten soll; ist doch auch, was außerhalb der Seele ist, uns größtenteils unbewußt! Wie steht es mit den Beziehungen zwischen diesem und jenem Unbewußten? Man macht sich da mehr oder minder nützliche Vorstellungen, sollte sich aber des Unterschiedes zwischen den gedachten und den realen hundert Talern bewußt bleiben, den in Erinnerung zu rufen schon Kant einmal für nicht überflüssig hielt.

"Das All" der Atheisten, "das Unbewußte" und "das Unterbewußte" der neueren Psychotherapie u.dgl. sind, was früher die Gottesnamen waren: einzelne Spitzen- und also Grenzsymbole des immer begrenzten, menschlichen Wissens. Sie werden bevorzugt, weil der Gottesname mit zuviel Pseudowissen belastet worden ist. Inzwischen sind sie selbst durch Pseudowissen kompromittiert. Auch das Alte Testament überliefert viele Gottesnamen, das Neue hat weitere hinzugefügt. Und über das All und über das Unbewußte weiß man nicht mehr als über Gott.
Verschiedene Namen einer Sache sind nur in bestimmten Verwendungszusammenhängen äquivalent. Die Alltagssprache ist da erstaunlich genau, Mißgriffe erregen sofort Aufmerksamkeit.
Ob man sagt: "Das Unbewußte berät uns" oder: "Gott berät uns", das ist Gewissenssache. Man kann seine Aufmerksamkeit auf sein Unbewußtes oder auf Gott einstellen. Einmal sieht man sein Problem mehr in einer inneren Ungereimtheit, das andere Mal mehr in einer Ungereimtheit der eigenen Person mit der Welt. Die gesuchte Antwort ist einmal mehr und einmal weniger persönlich und auch einmal mehr und einmal weniger prägnant.

Symbolische Neuansätze wachsen sich aus zu verfestigten Ideologien, deren Anspruch auf die Länge immer weniger überzeugt. Immer wieder versucht man, beim einst bewährten, alten Neuansatz anzuknüpfen. Im größeren Maßstab gibt es Reformbewegungen, die innerhalb der Großkirche bleiben, und endlich solche, die da herausbrechen. Die Geschichte verläuft chaotisch.

Wissenschaftliche "Wahrheit" ist Stimmigkeit! Dadurch ist sie hoch stabilisiert.
Die Stimmigkeit persönlicher Symbolsysteme wird oft, mit zerbrechlichem Hochmut, durch Abschottung gegen die Realität erkauft.

In Grenzsituationen geht es um letzte Vereinfachungen – und solche sind nur dort zu benutzen! Mitten im Leben, darf man letzte Vereinfachungen meditieren, apostrophieren, zitieren, und kultisch rezitieren. Solch ein Existenzsymbol soll einen in der Not tragen. Man soll seine Tragkraft also nicht schwächen durch Versuche, es sich anzueignen. (Das schärfte Luther ein mit seiner Lehre von der Externität unsrer Gerechtigkeit.) Gottes Name muß heilig gehalten werden.

Wenn die Symbole verstummen, haben wir einander nichts mehr zu sagen.

Man muß seine Existenzsymbolik pflegen. („Religiöse Gefühle“ genießen deshalb sogar Rechtsschutz!) Man muß das den Kindern als Ehrensache beibringen. In Krisen braucht man eine stabile Existenzsymbolik.

Ideologie ist systematisierte Symbolik.

Pascal (Die Wette), als moderner Denker, hat mit dem Glauben als habitus acquisitus die Selbstmanipulation als Wesenszug des Menschen entdeckt (vgl. Vaihingers „Als ob“!).

Die Natur hat uns schon eine primitive Grundausstattung von „Geschmack“ in die Wiege gelegt. Später ist unser Geschmack symbolisch geprägt. Jede Symbolik verzerrt.
Bildung äußert sich in (immer vielfach bedingter) Angemessenheit der symbolischen Verzerrungen; sie ist Geschmacksbildung im weitesten Sinne.

Wie der Einzelne seine Lebensform und eine konkurrenzfähige Sprache nicht neu erfinden kann, sondern das (wie auch immer irrige!) Überlieferte sich aneignen und weiterentwickeln muß, so hat er auch die besten Chancen, die Leistungsfähigkeit seiner Existenzsymbolik zu optimieren, wenn er das ihm (wie auch immer irreführende) Überlieferte kritisch weiterentwickelt.

Für die Nachhaltigkeit von Togetherness ist gemeinsame Symbolik wichtig. Die Karnevals-Masse ist fluid; die Symbolik ist da aktuell nur Material der emotionalen Form. Der Karnevals-Verein aber muß übers Jahr an der Symbolik, die die Emotion formen soll, arbeiten.

Menschen wünschen, mit selbstverständlichem Narzißmus, Gemeinschaft unter ihrer eigenen Symbolik. Manche ahnen die abgeblendete Kehrseite ihrer Vereinfachungen und suchen auch deshalb Kommunikation mit andern.
Mission, die mehr redet als hört und, selbst unaufmerksam, ihrerseits Aufmerksamkeit verlangt, hingegen ist naiv bis krankhaft und wird als Selbststabilisierungsversuch eines Wahns empfunden.

Eine Erfahrung der modernen Mission: Willkommensein in der Sprachgemeinschaft pflegt dem Glauben an deren Symbolik vorauszugehen. Der Sinn der Symbolik wird spürbar im gemeinsamen Leben.
Hiernach müßte auch der neutestamentliche Missionsprediger vor allem Bote einer einladenden Symbolgemeinschaft gewesen sein.
Wie sehr es bei einem stereotypierten Glauben um tragfähige Gemeinschaft geht, das zeigt sich auch darin, daß man eher zusammen mit (lockeren) Freunden als allein zu einer Glaubensgemeinschaft dazu zu stoßen wagt.

An den äußersten Rand unsrer Insel von Ordnung gedrängt in Desintegrationsgefahr, brauchen wir, über die harten Tatsachen hinaus, Symbole der eigenen Integration in die Welt, die einen Willen (statt Trotz bzw. Chaos der Wünsche) organisieren können, den harten Notwendigkeiten persönlich zu entsprechen.
In der Verlassenheit ist das Ich gerade kein Symbol der Integriertheit. (Deshalb insistiert Luther auf der Externität des Heils.)
Der Gottesname aber ist ein solches Symbol, das umfassend eigene und ererbte Lebenserfahrung integriert und daher den einzelnen anleiten kann, seinen eigenen Weg zu finden.

Unsere Träume zeigen immer wieder überraschend unsere Existenzsymbolik.

Man braucht für soziale Identitätsänderungen (wie Kircheneintritt oder Kirchenaustritt) mitmenschlichen Beistand.
Auch im geistigen Bereich gilt das Trägheitsgesetz: Veränderungen brauchen Energie. Im Fall eines Eingriffs in die Identität sind die geistigen Folgekosten und Gewinne schwer vorhersehbar. Und menschlicher Energie-Aufwand muß aktuell hinreichend motiviert sein (zum Beispiel durch die neue Kirchensteuer-Rechnung, oder durch ein Tun oder Lassen der Kirchenleitung, des Pfarrers oder der Gemeinde.)

„Es ist alles ganz eitel“, heißt: „Alles hat seine Zeit“.

Kommunikation: Jeder braucht symbolischen Austausch, damit der Realitätsanspruch seiner Symbolik in der Schwebe gehalten bleibt. Exklaven sind wahngefährdet. Aber am ehesten kann man von Glaubensbrüdern Hilfe annehmen.

Die soziale und die psychische Kraftersparnis durch emotionale und kognitive Vereinfachung, Koordination und Gleichschaltung ist unmittelbar spürbar. (Der Verlust hingegen wird in der Regel erst bewusst, wenn der Schaden groß geworden ist.)
Existenzsymboliken schließen manches Wißbare ein; sie sind aber insofern Wahnsysteme, als sie je ihre Vereinfachung für selbstverständlich und verpflichtend ausgeben.
Das „Alltagswissen“ ist die herrschende kollektive Existenzsymbolik in einer Kultur.
Kooperation, auch freiwillige, steigert den Anpassungsdruck. Unter Konkurrenz tendiert Wahn zu Gewalttat.
Die Evolution generiert immer wieder auch starre Ordnungen struktureller Gewalt, die, mit Glück und Verstand gehandhabt, auch eine Weile halten.
Multikulti hingegen ist ein chaos-tolerantere, schwächer strukturierte, emotional und kognitiv anspruchsvollere Kultur der Bescheidenheit mit mehr Energieverlust durch innere Reibung. Sie fordert nicht weniger Disziplin, aber eine differenzierte weltliche Frömmigkeit.
Beiden, der Starre wie der Toleranz, droht Regression in rohe Gewalt.
Aber im Multikulti ergeben sich viel mehr Chancen. Glaube ist immer in ein Wahnsystem verpackt. Aber die Toleranz setzt mehr Glauben voraus, und der Selbstverständlichkeitswahn ist hier kleiner.

Die naturwissenschaftliche Grundlagenforschung genießt den (bis ins Finanzielle hinein) hohen Respekt, den einst die Theologie genoss.

Die Ethik ruht auf der Ästhetik, wie die Moral auf dem Gemeinschaftsgefühl und die Rationalität auf der Symbolik.
Moral und Ethik bieten rationale Abbildungen von Bedeutsamkeit, also Vereinfachungen (mit Definitionen, wörtlich: „Begrenzungen“!), die transitives und invertierbares Weiterdenken und also die Konstruktion starrer kognitiver Modelle ermöglichen.
Da jede vereinfachende Darstellung auch Verzerrung ist, ist die Tragweite solch starrer Modelle begrenzt. Diese Erkenntnis hat sich gegen Ende des zweiten christlichen Jahrtausends weitgehend durchgesetzt.
Aber obwohl die starren Vereinfachungen nun entsprechend umstritten sind, kann die Gesellschaft nicht darauf verzichten.

Selbstvergessenheiten in Hingabe an eine Sache sind Reifungsschritte.

Langeweile ist eine hoffnungslose Einstellung der Aufmerksamkeit. Nicht nur Kinder und Jugendliche, sondern auch Erfahrung anderer und alte Überlieferung regen zu hoffungsvoller Umstellung der Aufmerksamkeit an.

Man muss immer einen Erlebnisraum der Hoffnung haben und pflegen.

Existenzsymbole sind auf soziale Zirkulation angewiesen, sonst fallen sie unversehens schnell in Bedeutungslosigkeit ab. Nicht nur das Selbst, sondern auch die Selbstsymbole sind lockere Gewebe – auch der Begriff „Selbst“. Sie halten vieles schwach zusammen.

Fragen sind Existenzsymbole. Sie symbolisieren, was mich umtreibt. Ich kann hoffen, es zu begreifen, Subjekt und Objekt im Prädikat zusammenzubringen, Freiheit und Beschränkung lebbar zu machen. Die Intelligenz bildet Assimilationsschemata, stabile Kompromisse.

Zu weiter Horizont deprimiert. Man braucht einen sowohl existenzsymbolisch kräftigen wie realistischen Bezugsrahmen fürs Handeln.
“Die Menschheit“, „die Evolution“ als Bezugsgröße wird immer wieder verdeckt durch ihre das Subjekt überwältigenden gegenwärtigen Realisierungen.
Handlungsleitende Existenzsymbolik bezieht uns direkt aufs Ewige und Ubiquitäre und setzt uns ein zu Mitgestaltern der Welt.

Früher religiöse Floskeln, dann Tabak, heute Hintergrundsmusik komplementieren eine existenzsymbolisch unbefriedigende Sprache.

Angeborene Begabung entwickelt sich, konkret als Existenzsymbolik, lebenslang, durch Empathie in die Objektwelt selbstverstärkend, zu einer besonderes leistungsfähigen Kreativität.

Ein (noch so rudimentär symbolisierter) Transzendenzbezug macht den Menschen menschlich ansprechbar und ist deshalb sozial erwünscht.

Ein Existenzsymbol hat einen imaginären Kern. Mit einem zentralen Existenzsymbol muss man respektvoll und liebevoll, aber frei umgehen; verkultet, wird diese Heilsgabe giftig.

Die Stimmung hängt mit dem aktuellen Existenzsymbol zusammen. Emotionalität und Existenzsymbolik sind zwei stark mit einander verkoppelte Systeme.

Der Mensch sammelt sich in Existenzsymbolen; das stärkt ihn.
Bei konzentrierter Arbeit ist das unfertige Stück, an dem man arbeitet, Existenzsymbol (vgl. Hemingway’s The Old Man and the Sea.)

Man glaubt fast immer irgend etwas, ohne in seinem Selbstverständnis von diesem jeweiligen Symbol des eigenen Realitätsbezugs bemerkenswert abhängig zu sein. Das ist das aktuelle Stück der Oberfläche der vieldimensionalen Existenzsymbolik. Diese hat, pulsierend, eine mehr oder weniger zentrierte Struktur, hat Kerne und manchmal ein Zentrum.

Existenzsymbol-Systeme wachsen zufällig. Auch das Christentum ist ein zufällig gewachsenes Existenzsymbol-System. Die Leistungsfähigkeit eines solchen Symbolsystems hängt an seiner Angemessenheit: Es bedarf eines Vertrauensvorschusses; diesen legt meist die Tradition nahe. Die nötige Differenziertheit setzt einerseits Vorarbeit, „Väter im Glauben“, voraus; und sie ist anderseits die bleibende Aufgabe eines besonnenen Lebens.
Jeder Gebrauch eines Existenzsymbol-Systems entwickelt dieses weiter. Da hat auch einer dem andern etwas zu geben. Das Medium für solche Kommunikation aber ist die – immer existenzsymbolisch gefärbte – Alltagssymbolik. Hiervon abgetrennt, droht ökumenischen, interkonfessionellen und interreligiösen Gespräche ideologische Sterilität.

Religion, Moral und Kunst sind idiosynkratische Geschmackssachen, subjektiv, aber unfrei: Niemand ist frei, sich seine Existenzsymbole auszusuchen!

De gustibus non est disputandum , insofern es hier keine maßgebende Objektivität gibt, sondern nur Subjektivität. Geschmack an etwas ist sehr abhängig von der Erwartung; diese aber ist intersubjektiv beeinflußbar. Man kann, probierend, „auf den Geschmack kommen“ und an etwas Geschmack finden; und einer kann den andern auf den Geschmack bringen. De gustibus est communicandum!
Das führt zu einer epochalen Stilbildung, die aber individuellen Stil so wenig beeinträchtigt wie Grammatik das individuelle Reden.

Man muss anerkennen, wenn die Symbolik nicht mehr greift; ohne Verantwortung im Chaos des Lebens versinken (Pred. 7, 16f.). Demoralisierende Erfahrung zwingt, in der Verzweiflung dem großen Ungeplanten seinen weiteren Lauf zu lassen, – der der Sinnlosigkeit schon manches Mal ein Ende gemacht hat.

Die Welt ist viel schlimmer, als wir zu bedenken aushalten. Wie alles Lebendige, müssen auch wir uns zufrieden geben mit Lichtblicken. Wir sehen den Alltag im Licht unserer Lichtblicke.
Diese muss man in Erinnerung behalten; davon leben wir. Deshalb feiert man sie. Feiern in Bescheidenheit und Dankbarkeit erhöht die Tragweite der Lichtblicke.

Um Existenzsymbolik herum wird stabilisierende Lehre gebaut. Die systematisierte Symbolik gerät dann in Widersprüche, und Schulen bilden sich. Der Kampf ums Dasein, nun auch in diesem Lebensbereich, kann nur durch kreative symbolische Lösungen immer wieder noch einmal entschärft werden.

„Offenbarung“ ist artikulierte Symbolisierung unsres Horizonts. Sie macht das Ganz-Andere so vorstellbar, dass man sich darauf einrichten kann.

Identitässymbole dienen, wie alle Symbole, zur Vororientierung. Durch sie halten wir vielversprechende Formen fest. Sie führen die mit hyperkomplexer Dynamik herumvagierenden Phantasien zu kommunikablen, stabilen Vereinfachugen zusammen. So verleihen sie der Besonnenheit Stärke.

Mit seinen Selbstähnlichkeiten im Ganzen und in seinen Teilen, in Synchronie und Diachronie, packt der Mythos ein zentrales, ungelöstes Problem immer neu symbolisch an.

Stereotypierte Bekenntnis-Ausdrücke wie „Begegnung mit Jesus“ bedrängen den Hörer mit der Zumutung, zu verstehen, was der Sprecher wohl selbst nicht versteht. Bekundung von Unverständnis aber bedroht die persönliche Beziehung!

Mein Gewissen spricht in meiner eigenen Sprache. Das Medium der Verantwortung und der Mitverantwortung aber ist die tastende Symbolik der Gesprächssprache.

Zwischen dem ewigen Chaos unsrer Imaginationen und demjenigen der äußeren Realität versuchen wir uns in einer symbolischen Identität zu integrieren.

Trost durch Wahn? Nein, Trost im intermediären Raum der Symbolik!

Heiligkeit ist unverfügbares Erlebnis, das in Erinnerung bleibt (2Mose 3,5). Wird Heiliges sakralisiert, entsteht Götzendienst.

In unübersichtlichen Verhältnissen wächst das Bedürfnis nach Gemeinschaft und der Wille zur Zusammenarbeit, zur Fortentwicklung der Macht durch Ordnung der Freiheit. Da sind assimilationskräftige Visionen willkommen.
Die Parteirede wie die Predigt ballt durch Symbolkraft die Macht der Einzelnen zusammen, indem sie, unter Einsatz der eigenen Person in gewagten Behauptungen, alles an das Parteiprogramm assimiliert.
Mit einem guten Prediger identifiziert man sich gern. Jeder will Übermacht für die idealisierte eigene Sache.

Ohne Kollektiv kann sich kein menschliches Individuum entwickeln. Soziale Einheiten ihrerseits beruhen auf lebendiger gemeinsamer Selbstsymbolik. Das mag die gemeinsame Sprache sein, starke gemeinsame Erlebnisse (charismatisch polarisierende Reden), gemeinsam überlieferte Geschichte, Gemeinsamkeiten des Selbstverständnises. Das kann in Aktualpsychosen übergehen (Massenpsychologie des Fußballs) und zu Bildung eines kollektiven Wahns führen, an dem dann auch normale Menschen teilhaben.
Massenpsychologie spielt in der Religionsgeschichte eine große Rolle.
Kirche ist entstanden aus kollektiver Begeisterung für einen Menschen.

Allein soll man an Gott denken, aber dann seine Gottesgedanken andern mitteilen und ihre (andern) Gottesgedanken dazu hören! Wer sich die sehr andern Gottesgedanken der andern nie nahe gehen läßt, läuft Gefahr, einen religiösen (oder antireligiösen) Wahn zu entwickeln.

Im symbolischen Ungefähr der Religion ist den Menschen die Zuversicht anderer Menschen zugänglich.

Statische, objektive Feststellung, die einen isoliert sieht und allein läßt: „Vitalität“. Geschichtlich-dynamisches, subjektives, persönlich beanspruchendes Glaubenswort: „Gott, der Schöpfer“.

Jeder muß sich mit der Evidenz seiner Existenzsymbolik hier und jetzt begnügen. Aber (fast) jeder findet stabilisierende Resonanz in einer Bezugsgruppe.

Ein Existenzsymbol braucht (benötigt und benutzt) vielfältige Resonanz.

Der vorreformatorische Volksmund sagte: „Ich … fahr und weiß nicht wohin. Mich wundert, dass ich fröhlich bin.“ (Genauer müßte es lauten: „Jetzt bin ich nicht fröhlich, und mich wundert, dass ich manchmal fröhlich bin.“) Solches Denken hat sich im Lauf der Neuzeit durchgesetzt. Kein „Glaubens“-Bekenntis, sondern ein vertrauliches Bekenntnis; nicht Skepsis als Weisheitslehre; kein Anti-fideismus, sondern Einladung zu Kommunikation, verschämte Bitte um eine freundschaftliche Antwort. Prekäres Wort, Bekenntnis statt Lehre!
Luther aber fühlte sich hierdurch, als durch die Stimme des Unglaubens, provoziert zu brutaler (seinerzeit hierzulande rechtlich und moralisch verbindlicher) Antwort (WA TR 5, 361) mit der Glaubenslehre, die – auch nicht unangefochten (siehe Luther!) – Fröhlichkeit begründet.

Wahrheit / Illusion

„Da lob ich mir die Höflichkeit, das zierliche Betrügen! Du weißt Bescheid, ich weiß Bescheid, und allen machts Vergnügen.“ [19] Höflichkeit ist im bellum omnium contra omnes ein Spiel mit der Wahrheit, eine Kunst, wo es Stümper und verehrungswürdige Künstler gibt.

„Wahrheit“ ist immer vereinfachende Illusion, die mit Selbstwidersprüchen über sich selbst hinausweist. Wahrheit für mich ist auch Wahrheit gegen mich; sie drängt aber auf Integration. Wahrheit kann nur in Freiheit leben.

In unsrer oft deprimierenden Welt suchen wir das Begeisternde und müssen die Erinnerung daran pflegen!
Man muß sich freilich vor Illusionen hüten. Sie haben, neben guten, meist böse Folgen.
Eine lebendige Glaubensgemeinschaft schützt davor, aber nur begrenzt.
Auch Vernunft schützt nicht sicher davor; besonders was die Zukunft betrifft, kann sie – wie wohlbegründet auch immer – nur vermuten.

Maya = Gaukelwerk ist ein abschätziger Ausdruck für ein Spiel, – abwertend gegenüber der Tendenz, an das Wissen zu glauben. (In anderen Zusammenhängen ist Spiel Inbegriff der Seligkeit!)

Die Symbolisierung der "letzten Wahrheit" geschieht direkt in jedem ehrlichen Wort. Symbole der letzten Wahrheit als solcher sind heute als solche relativiert.

Ohne genauer zu wissen wo und wie, verzerren wir, bei allem Gegeneinander, die Wahrheit gemeinsam.

Wahrheiten können die Wahrheit verstellen.

"Der Weisheit letzter Schluß" bei Goethe (Faust II, 11574) ist, wie die nächsten Zeilen zeigen, auf Irrtum gebaut. Der "Schluß" ist nicht nur Conclusio, sondern Ende der Weisheit.

Manchmal muß man an dem Ast sägen, auf dem man selbst sitzt, um Boden unter die Füße zu bekommen, Bewegungsfreiheit oder Sicht. Wenn man sich zu hoch verstiegen hatte, ist das gefährlich. Anderseits fällt man meist nur auf das nächsttiefere Astwerk.

Gott ist verzehrendes Feuer. Nicht jeder verträgt die gleiche Nähe.
Das Mitleid des Heiligen mit den Unheiligen entspringt dem Wissen um die Qual der Wahrheit, vor der der Sünder sich in Sicherheit zu bringen sucht und sich abwendet.

In jeder Lüge kommt Wahrheit zum Ausdruck.

Wahrheit ist die Spannung zwischen Realität und Vorstellung; adaequatio rei ac intellectus im Sinne nicht nur von Gleichheit, sondern auch von Unterschied, differentia inter rem et intellectum.

Der emphatische Wahrheitsbegriff gehört in die Phänomenlogie des Existenzsymbols.

"Wahr" ist jeweils die (in der selbstverständlichen Hinsicht) bestmögliche Repräsentanz.

Wir leben in biologisch, urgeschichtlich, geschichtlich, gesellschaftlich und biographisch bewährten und begründeten Illusionen.

Zwischen dem, was der einzelne weiß, und dem prinzipiell Wissbaren (früher: "Gottes Wissen"), das der einzelne jedoch nicht weiß, vermittelte früher die mündliche Tradition, das Wort der Ältesten, dann lange die (stets mehr oder weniger numinose) Schrift und die daran teilhabenden Gelehrten und Exegeten. Heute vermittelt die jedem einzelnen über den Kopf wachsende Wissenschaft. Wir sind nun, vor dem Bildschirm an unseren Datenbanken, sehr nüchtern, wieder in direktem Kontakt mit dem überwältigenden Geheimnis.

Durch die Stereoskopie des Dialogs wird ein Gegenstand unbefriedigend, aber meist realistischer repräsentiert.

Realität ist die stabilste Illusion, ein verpflichtender Attraktor*, ein Ideal.

Man hat in der modernen Wissenschaft zunächst unter naiver Voraussetzung der Stabilität der Strukturen, innerhalb deren man Regularitäten sucht, viel gefunden und praktisch genutzt – und zunehmend viel gefährdet. Das Interesse an den tragenden Strukturen ist nun zum Gebot der Nützlichkeit geworden. Es setzt die Ergebnisse der bisherigen Wissenschaft voraus. Es ist wissenschaftlich viel anspruchsvoller und wahrscheinlich wissenschaftlich desto weniger ordentlich zu befriedigen, je wichtiger die Fragen sind.

Denken und Reden ist umgestalten.

Popper vertritt die postmoderne Bescheidenheit der ordnenden Vernunft.
Marx und Barth gehörten zu den letzten modernen, systemgläubigen Denkern.

Die zwei Werte Richtig und Falsch sind einzubetten in ein n-dimensionales Verzerrungskontinuum mit unbekanntem n.

Entdeckung von Bekanntem:
1. In der U-Bahn die Leute sehen, als wären sie Schaupieler, die U-Bahn-Fahren spielen: Die Leute spielen hervorragend! Man sieht ihre Kreativität in Aktion.
2. Die Straßenszene sehen, als wäre sie ein Stück aus einem zukünftigen historischen Film über unsere Tage. Unterschwellige Wahrnehmung wird bewußt.
3. Umstrukturierung unserer Alltagswelt durch religiöse Symbolik (als Handlungsfeld Gottes). Selbstverständliches wird interessant.

Das Leben ist für Widrigkeiten ausgelegt, es konstituiert lokale quasistabile Harmonie in der großen Disharmonie: ein chaotisches Phänomen.
Das Gute ist deshalb, wie das Wahre, ein von Hause aus lokaler Begriff, der dialektisch wird, wenn man ihn globalisiert.

Mikroskopie, Teleskopie: die kleinen, von virtuellen optischen Erscheinungen vermittelten Informationen werden zunächst interpretiert im Zusammenhang des eigenen, durch wissenschaftliche Erfahrung etwas ausgeweiteten Erfahrungswissens. Das so entstehende Weltbild aber ist verzerrt, und das entsprechende Lebensgefühl ist unrealistisch, wie Identifikation mit einer Amöbe (Menschengroß wäre sie nicht lebensfähig, schon wegen des nichtlinearen Größenverhältnisses zwischen Oberfläche und Volumen).

Mit der allgemein praktisch verpflichtenden Illusion, das Konsensuale bilde ein widerspruchsfreies Ganzes, macht die Gesellschaft Störendes friedlich mundtot.

Humor ist die Selbstkritik des Ernstes.

Wahrheit ist die Transparenz des Symbols für das Überwältigende.

„Die Wahrheit ist schon längst gefunden, hat edle Geisterschaft verbunden. Das alte Wahre, faß es an!“, sagte Goethe.
Auch das neue Wahre kann man nicht als einzelner erarbeiten. Arbeitsgemeinschaft aber ist stark abhängig von verführerischen sozialen Voraussetzungen. Die Zunft verbiegt die Geister.

Wahrheit muß sich verkaufen; sonst gerät sie schnell wieder in Vergessenheit.

Die Wirklichkeit ist so viel komplexer als der menschliche Geist, daß alle Anpassung, jeder Realismus eine mögliche, aber enorme Versimpelung (neben vielen anderen Möglichkeiten mit etwa gleichem Anpassungswert) bedeutet.
Angesichts der im Grund verwirrenden Wirklichkeit ist Konsens zwar nicht das einzige, aber praktisch ein wesentliches Auswahlkriterium.

Man kann sich nur der Vorläufigkeit seiner Vorstellungen sicher sein.

Die Wissenschaft perfektioniert Ordnung in unserem Symbolismus lokal auf Kosten der Ordnung im weiteren Umfeld. Sie definiert zum Beispiel „Wahrheit“ handhabbar – und entläßt den weiteren Bedeutungsbereich des Worts in die Verantwortungslosigkeit. Das ist die Basis für die Technik der Erweiterung unseres Lebensraums.

Worte wie "Wahrheit" sind ein Gebet, ein Symbol, kein Begriff, sondern allenfalls ein Suchbegriff. "Das Gute" ist ein Hymnus.

Was wahr ist, wird zunächst als ewig gültig empfunden. Die Bedingungen werden nur in einem anstrengenden Prozeß allmählich erkannt.

Wahrheit ist ein nicht-religiöses Grandiositätssymbol. Hier kann man aktiv teilhaben.

Das indische maya-Gefühl nimmt die fraktale* Löcherigkeit des sozial etablierten Realismus, den Realgrund des revolutionären Potentials im Menschen wahr, ähnlich der jüdisch-apokalyptischen Unterscheidung zwischen "dieser" und der "kommenden Welt".

Der armselig Wissende ist betrogen, der nicht suchend wissen kann; der keine Fragen, keine Ahnung hat. Seine Symbole, und damit seine Wirklichkeit, sind klischiert.

Jedes Verstehen und Sagen verzerrt die Tatsachen. Wahrheit einer Aussage ist adaequatio rei ac intellectus nicht schlechthin, sondern modulo conscientiae.

Was der Mode das Schöne, ist der Illusion die Wahrheit.

Wahn konzentriert die Kräfte maßlos, oft erfolggekrönt, mit verheerenden Folgen.

Evidenz ist subjektiv verbindlich, obwohl sie nur δόξα, Anschein, Meinung ist und φαινόμενον, Erscheinung. Denn das Evidente steht für das Wahre.
Das Evidente wird immer wieder befremdlich überholt vom Wahreren. Wissen ist praktisch nur être prévenu, eine Vorankündigung, ein learned guess, eine wohlbegründete Vermutung.

Wenn ich etwas sehe, dann scheint das ein einfaches, elementares Geschehen. Es ist aber in Wahrheit ein höchst raffiniert, von einer speziell für menschliche Bedürfnisse konstruierten, lang geübten Apparatur täuschend zusammengestückeltes Erleben.

Illusionen leisten die lebensnotwendige Komplexitätsreduktion.

Unbeirrbarer Mut zur Wahrheit ist der beste Schutz vor unangenehmen Überraschungen.

Der redliche Kampf gegen falsche Religion führt zur Einsicht in die Zweideutigkeiten der eigenen Religion.

Hoffnung ist in der Regel illusionär, enthält aber auch eine weiterführende Wahrheit.

Wahrheit im Plural sind mehrere Ungereimtheiten. Es handelt sich nicht nur um mehrere in sich stimmige Perspektiven verschiedener Menschen, die man auf eine gemeinsame Wahrheit beziehen könnte; sondern jeder hat mit Selbstwidersprüchen zu tun. Diese sind schuldhaft nur, insofern der Mensch sich und den andern lebenslang schuldig ist, Widerspruchsfreiheit zu erstreben.
Ein ernsthafter religiöser Dialog kommt in erst Gang, wenn man einander die Schwierigkeiten mit der eigenen Symbolik bekennt.

Wahrheit trotz Vereinfachung? Was darf weggelassen, was abgerundet werden? Wichtig sind die Umstände.

Die absolute Wahrheit ebenso wie die Nacht, in der alle Katzen grau sind, sind theoretische Extreme; die Wahrheit liegt immer irgendwo dazwischen.

Offenbarung ist zunächst ein Aha-Erlebnis. Das Wort (ἀποκάλυψις = „Entschleierung“) ruft die Vorstellung von einer verborgen gewesenen, präexistenten Realität hervor. Solche Erlebnisse sind eindrucksvoll bezeugt; aber solche Vergegenständlichungen sind spontane (und dann oft elaborierte) Deutungen des Erlebens.
Eine kleine Fluktuation im Chaos der Geschichte, die Erscheinung eines gewissen Jesus, bewirkte Emergenz eines neuen Attraktors, eine historisch bahnbrechende Offenbarung, einen kulturgeschichtlich entscheidenen Schritt, der – immer wieder! – bisherige stabile Strukturen destabilisierte bzw. absorbierte.

Eine religiöse Einsicht befreit im Augenblick von der Last des Lebens. Aber man kann das nicht festhalten. Die Erde dreht sich weiter und man muß seinen Weg noch illusionsloser weiter gehen!

Die Wahrheit als adaequatio kann man auch dynamisch, als Gleichgewicht (rei ac intellectus) einer Anpassungsdynamik, auffassen!

Das Kontinuum erscheint uns, genau genommen, diskret. Es ist wohl ein intelligentes Assimilationsschema.

Illusionen führen und tragen uns durchs Leben. Unsere Vorstellungen von dem Gott, den es nicht gebe oder doch gebe, gehören dazu.
Es scheint wertvollere und wertlose Illusionen zu geben. Gott leitet uns dazu an, zusammen an unseren Illusionen zu arbeiten, sie vielleicht zur Unkenntlichkeit umzuarbeiten.
Dem dienen auch Unterricht und Seelsorge.

Illusionen wirken als Attraktoren der Wahrnehmung, es sind Gesamtentwürfe fürs weitere Dasein, Assimilationsschemata, mögliche Evolutionsschritte.
Ruhe bewahren, Hoffnung und Liebe erhöhen Replikationschancen und damit Chancen zur Entwicklung aussichtsreicheren Lebens.
Desillusionierung setzt aussichtslose Vorstellungen außer Funktion.

Wahrheit ist ein lokales* Phänomen in einem hochdimensionalen Prozeß, den wir uns immer nur stark vereinfacht vorstellen können.
Man kann mit Richtigkeiten sich etwas vormachen!

Die "letzten", "höchsten" Wahrheiten sind lokale* Wahrheiten. Sie werden Ideologie, wenn sie sich nicht mit der Zeitlichkeit des Wortes bescheiden.

Der eine braucht Drogen, um sich etwas vorzumachen; der andere muß sich weniger vormachen. Der normale Mensch nimmt sich und macht sich ohne Drogen etwas vor.

Evidenz ist keine hinreichende Bedingung für Wahrheit eines Ausdrucks. Das ist evident; wenigstens mit dieser Evidenz irrt man nicht.
Evidenz ist aber eine notwendige Bedingung dafür, daß man etwas wahr nennen darf. Sie mißt einen Ausdruck am Ganzen der eigenen Existenz. Ohne diese Transzendendierung aller Richtigkeit gibt es nur Richtigkeiten ohne Wahrheit.

Wenn alle Erkenntnis Umformung und Vereinfachung ist, kann nur in einem dynamischen Zusammenhang das Gemeinte wahr sein.
Statische Erkennnis ist nie ganz richtig: entweder ein Bißchen falsch oder ein Bißchen hohl. Nur als ein Prozeß erhält sich Erkenntnis in der Wahrheit.

Unruhige Geister sind in ihrer mißtrauischen, geringeren Angepaßtheit eher auf die unvorhergesehenen Katastrophen vorbereitet.
Aber trotz des illusionären Charakters der kosmos-Idee, ist, wegen des enormen Reproduktionspotentials des Lebens, im evolutionären Wettlauf die an der Stabilität der Normalverteilung orientierte, kurz- und mittelfristige Optimierung genetisch vorteilhaft.

Jeder hat seine Dringlichkeitsliste. Um darin weiterzukommen, braucht er die Gunst seiner sozialen Umgebung.
Jede Gesellschaft sucht Einigkeit in einer bestimmten (alle Probleme vereinfachenden) Symbolik. Wer sich dieser nicht anbequemt, stört. Wer eine alternative Vereinfachung begünstigt, kompliziert das Leben akut. Auch wenn diese „an sich“, „prinzipiell“, „auf die Dauer“ besser ist, bedeutete sie doch für die meisten akut eine Beeinträchtigung. Vielleicht wohlwollend, halten sie sich also doch, um der dringendsten eigenen Interessen willen, persönlich zurück und praktizieren political correctness. Persönlicher Einsatz für mehr Wahrheit ist Sache seltener, marginaler Typen, gehäuft Jugendlicher (sie, als privilegierte Marginale, riskieren nicht so viel).
Photogener als das Wahre kann das Gute sein; es findet als solches breitere Unterstützung. Einsatz hierfür findet sich deshalb eher.

Illusionen leiten das Lernen. Sie sollten bis dahin führen, daß man "weise" sterben kann.
Kindern macht man, um wahnhaften Glauben an die zufällig gewährende und einschränkende Realität zu verhüten, Illusionen, – wie sie sich auch selbst Illusionen machen.

Der uns verordnete Weg zur Wahrheit führt durch die störende Wirklichkeit.

Illusionen gehören zum Weiterleben-Wollen.

Das Gewußte ist Repräsentant des Unbekannten.

Mit Halbwahrheiten gegen Viertelswahrheiten, mit kleineren gegen größere Verzerrungen!

Nicht einmal die Desillusionierung sollte man ideologisieren; Illusionen gehören zur Menschlichkeit!

Wahrheit wird in der Irre gelebt; die Wahrheit erschließt Lebensaussichten, sie „offenbart sich“ als hoffnungsvoller Irrtum, als Illusion, eine unauslotbare Vereinfachung.

Kraft der Denkökonomie wird natürlicherweise die unergründliche Bedingtheit der Wahrheit einer Aussage immer wieder vergessen. Als Platzhalter für dieses (langfristig lebenswichtige) Bewusstsein fungieren (religiöse) Rituale, die – fast folgenlos – gepflegt werden.

Jede Weltsicht ist eine Vereinfachung und ist, von einem anderen Gesichtspunkt aus betrachtet, eine Verzerrung. Zwischen den verschiedenen Weltgesichtspunkten ist der Raum durch gewichtige Gegen­stände gekrümmt. Die Koordinatensysteme der Tangentialräume sind oft glatt in einander transformierbar.

Ein Bild von Picasso ist eine Bilderfolge. Die Verzerrungen des ruhenden Bildes gehen auf Ortswechsel des Maler-Auges zurück. Der Betrachter muss seinen Gesichtspunkt bei der Betrachtung der verschiedenen Teile des Bildes verschieben.

Kränkung begünstigt Wahn. Das gilt auch für Kollektive.

Was ich mit einem Blick sehe, integriere und als meine Welt, meinen κόσμος, empfinde, hat alles erstaunlich wenig mit einander ­– und auch mit mir – ­zu tun. Es klaffen Abgründe.
In der buddhistischen Meditation wird der Kosmos zunichte: als Schleier der unermeßlichen unbekannten Wahrheit, das Endliche im Unendlichen (vgl. Pascal).
Ich bin gleichwohl, als raumzeitlich metamorphotisch begrenztes, individuelles Subsystem, nicht nur Zuschauer, sondern actio in Interaktion mit der natürlichen und der kulturellen Umwelt.

Hoffnungen sind immer zwar gutenteils, aber selten ganz illusionär.

„Die Wahrheit kann warten, sie hat ein langes Leben vor sich“, sagte unvergeßlich Schopenhauer. Genauer wäre: „Der Glaube an das Wahrere ... hat wahrscheinlich ein längeres Leben vor sich als der an das weniger Wahre“.

Wir müssen an den Wahrheitsgehalt unserer Halbwahrheiten glauben.

„Wahr“ nennen wir eine Aussage, die wir – aus welchen Gründen auch immer – glauben. Alle Aussagen, die wir wahr nennen, sind letztlich begründet auf Glauben.

Die widerspruchsfreie Weiterentwicklung einer Modellvorstellung wird zunächst durch (oft bleibende) Realitätsferne erkauft; denn schon die als Basis dienende Modellvorstellung hat kognitive, aber nicht Realitäts-Struktur.

Wir müssen uns Illusionen machen als Umgebung unsrer Entscheidungen.

Illusionen sind besonders willkommene Vereinfachungen.

Halbwahrheiten können besonders erhellend sein; aber man sollte die andere Hälfte darüber nicht vergessen.

Der Gebildete sieht sein Weltmodell ständig auf den Prüfstand.

Auch der gesunde Menschenverstand schützt nicht vor verhängnisvollen Irrtümern.

Die Wahrheit wird uns in Portionen von Illusionen zuteil. Illusionen haben schon über manche Hürden geholfen.

Wir brauchen Vereinfachungen, um zu leben. Wir sind nicht gefragt, ob wir mit Illusionen leben wollen. Es kommt nur darauf an, mit welchen Illusionen wer das Leben wagen kann.

Der Begriff der Bewußtseinsveränderung relativiert das Wahrheitsverständnis und den Begriff der Illusion. Aber es gibt ein moralisch verbindliches, zentrales Realitätsbewußtsein, nämlich das allgemein-menschliche Alltagswissen, das zentral die höchst stabil zu Materie geronnene Energie im ersten Aggregatzustand, nämlich die „Dinge“ betrifft.

Erkenntnistheorie

Das labile Ungefähr des Objekts erfordert zur Stabilisierung ständige Aufmerksamkeit des Subjekts.

Auch gute Vereinfachungen verfälschen. Immer wieder erleben Individuen ihre Gesellschaft als (im einzelnen oder im ganzen) unverantwortlich, ihre Moral als klärungsbedürftig, ihre Religion als heuchlerisch, die Integrationen als trügerisch und brüchig. Das führt, von Mißtrauen und spontanen Verurteilungen über engagierte Diskussionen, oft zu Resignation und Zynismus. Es kann aber auch zu kleinen und größeren Innovationen führen – im Extremfall zu Reformationen, Revolutionen, Religionskriegen und dauerhaften Spaltungen.

Das handelnde Subjekt ist klein, das Handlungsfeld groß. Handlungsorientierung bedeutet Vereinfachung, also eine Verzerrung des Bildes von der Wirklichkeit. Schon die vier Augen zweier handelnder Subjekte sehen mehr als zwei. Richtungweisend, versimpelt auch der beste Artikel eines Zeitungskommentators die Probleme.

Wir denken polarisierend, vorzugsweise in binären, als den einfachsten Schemata.

Auch innere Wahrnehmung kann sprunghaft sein (Beispiel: Gefühlsambivalenz). In Träumen gibt es Überraschungen. Optische Wahrnehmung geschieht in Sakkaden.
Geschieht Wahrnehmung immer in Sprüngen, dann ist das erkenntnistheoretisch relevant.

Kants Erkenntniskritik thematisiert die menschlich-natürliche, kollektiv-subjektive Objektivität (Gegenstandsbezogenheit).

Die Skepsis hat gegenüber der von den Stoikern geltend gemachten Evidenz mit Recht auf deren unüberblickbare Bedingtheit hingewiesen. Aber die Stoa insistiert mit Recht darauf, dass das Gewissen gleichwohl seiner abgründig individuell bedingten Evidenz verpflichtet ist.

„Struktur“ ist der stabil im menschlichen Gehirn repräsentierbare Aspekt von Realem.

Der Unbegriff „Schöpfung“ steht für die Oberflächlichkeit all unseres Verstehens.

Materie“ ist die unverstandene Seite des Verstandenen.
Chaos steht für die Abgründigkeit des Nichtverstehens.

In der Diskussion um die „Interpretation“ der Quantentheorie (Einstein/Bohr), geht es Bohr um die Bedingtheit des Wissens.

Realität: „Gibt es“ Quanten, gibt es Gott? – : „Ja – definierbar bzw. undefinierbar bedingt!“

Die Evolution der Intelligenz, auch die Fortschritte der Wissenschaft sind zufällig, Koinzidenzen mit ihren Folgen.
Durch stabile Ergebnisse hypothesenbedingter Versuche entstehen stabile Verhakelungen neuer kognitiver mit physischen Strukturen, neue umständebedingte „Wesen“. Der Ort dieser neuen „Wesen“ ist bestimmt durch den Bezug ihrer Welt zu unsrer altbewährten Alltagswelt.

Spannungen zwischen Interpretationen von Erscheinungen am Rande unsrer Alltagswelt regen die Phantasie, sodann das Denken und Prüfen (Experimentieren) an.

Stabiles, Bewährtes, sich in Variationen Wiederholendes, halten wir für bestehend aus „wesentlich“ Zusammengehörigem.

„Permanente Objekte“ (Piaget) sind wiederholte, wiederholbar gedachte Koinzidenzen.

Lessings „notwendige Vernunftwahrheiten“[20] sind nur bedingt, und zwar (natur-)„ge­schichtlich“ bedingt, „notwendig“! Es geht da nicht um die Wahrheit (adaequatio eines intellectus mit einer res), sondern um die innere Stimmigkeit von Denkmodellen. Der „garstige Graben“ ist die Zufälligkeit von Wahrheit! Der Geist der Aufklärung war Glaube an Denkmodelle.

Lehre

Als Schulphilosophie (von hier übernahm die Theologie den Begriff δόγμα!) oder als kirchliche Lehre können sich nur grobe Vereinfachungen durchsetzen. („Das Bestes, das du wissen kannst, darfst du den Buben doch nicht sagen“, Goethe.)

"Lehre" überliefert verarbeitete Erfahrung.

Lehre ist getragen von der Ahnung, die der Lehrer von ihrer Bedeutung hat.

Lehre vermittelt Symbole der Hoffnung. Der Lehrer muß glauben, daß die Lehren, die er vermittelt, etwas Wahres enthalten, das man sich zu Nutze machen kann. Der Unterricht, und somit der Lehrer, ist aber auch abhängig vom Glauben der Schüler. Glaube setzt voraus persönlich bedeutungsvolle Erfolgs­erlebnisse direkt oder sogar sehr indirekt mit dem Glaubensgegenstand (Lehrinhalt oder Lehrer).

Solide Existenzsymbolik wird nicht gelehrt, sondern implizit tradiert. Institutionell gelehrt wird sie nur im Zusammenhang kulturgeschichtlicher Bildung.
Nur religiöse Symbolik wird bekenntnishaft gelehrt. Eine Glaubenslehre bietet auf der Basis der Alltagssprache die Symbolik für eine existenzielle Grundeinstellung an, aus der heraus eine bestimmte Lebensart sich von selbst versteht.

Nicht-religiöse Institutionen versuchen neuerdings auch eine Existenzsymbolik zu institutionalisieren! Lehre, δόγμα, corporate philosophy, ist als wesentlich entdeckt.
Die zentrale Koordination der verschiedenen Aktivitäten einer Institution läuft über dogmatisches Einverständnis.

Wenn man wirklich mit seinem Wissen am Ende ist, sucht man Lehren und Lehrer, denen man autonom wagen kann, sich heteronom anzuvertrauen. Es gibt Sinn, den ich (noch) nicht verstehe, - auf den ich mich aber schon einmal einlassen muß, um ihn vielleicht verstehen zu lernen.

Lehre ist vom Lehrer verantworteter "outlook", pars pro toto, Mikrokosmos als Abbild der Welt, wie Spiegelbild in Wassertropfen. Sie muß kein ausgeführtes Lehrgebäude sein. (Auch in einem Lehrgebäude kann man ja immer nur an einer Stelle sein!)

Lehre = Vorstrukturierung von Symbolik.
Glaubenslehre ist Vorstrukturierung des Glaubenslebens aufgrund von gesammelter Erfahrung.

Familiale Erziehung stellt Erfahrung zur Verfügung im Zusammenleben.
Professionalisierung abstrahiert, objektiviert und funktioniert Erfahrung um. Professionalisierte Beratung sowie Schule stellen ausschnittweise fremde Erfahrungen im Tauschhandel zur Verfügung. Schulwissen kann deshalb in der Gesellschaft ein Eigenleben entwickeln und unter Monopolbedingungen unbemerkt im Lauf der Zeit entarten.

Jahrelang hält man aufgeschnappte Brocken der Wahrheit schülerhaft ahnungsvoll fest, bis sie sich öffnen und zu eigen geben.

Lehre vs. Selbstverständlichkeit ist ein empfohlener Projektrahmen. Die mangelnde Evidenz wird durch Autorität substituiert. Das Evidente hat selbstverständlich einen Hof von nicht evidenten Hypothesen.
Lehrentwicklung ergibt Klarheiten und Evidenzen – und empfiehlt Halbverstandenes dem Respekt.

Der Lehrer lehrt, was er selbst nicht ganz verstanden hat, unter Berufung auf Autoritäten.

Bildungsstreben ist die natürliche Orientierungssuche auf ausgetretenen Wegen.

Jede Gemeinschaft hat so etwas wie eine Symbolik, Ansätze zu Riten und zu einer “Unternehmensphilosophie”, die in der Kommunikation sich manchmal überraschend manifestieren und für die Gemeinschaft wichtig sind. In der Spontaneität zeigt sich die Gesundheit einer festen Gemeinschaft.
Jeder Tendenzbetrieb hat Ansätze zu einer Glaubenslehre. In der Glaubenslehre verfestigt sich das Spontane.
Eine Glaubenslehre schafft Klarheit und Fronten; sie ist ein Machtfaktor.

An eindrücklichsten durch Trotz erfährt man die eigene Irrtumsfähigkeit.

A. Rest

Prognosen haben ihren Wert, obgleich sie unsicher sind; desgleichen Aperçus, obwohl sie Halbwahrheiten sind. Man muß sie selbstverantwortlich in Gebrauch nehmen.
Auch Rückblicke und Systeme sind nur Halbwahrheiten (nur ist hier nicht so deutlich, daß sie selbstverantwortlich zu benutzen sind). Doch beides ergänzt sich nicht zur ganzen Wahrheit.

Die Erforschung der ewigen Wahrheit stand am Anfang, Ausbildungsbedürfnis kam hinzu; die deutsche Romantik stellte dann die Wahrheitsfrage wieder ins Zentrum der Universität. Die überkommene Personalunion von Forschung und Lehre im lebenszeitlichen Beruf des Professors war gut für eine zivilisationsgeschichliche Epoche, wo auch Universitas litterarum noch eine sinnvolle Realität war.
Das Aufgabenfeld hat sich aber inzwischen so ausdifferenziert, daß das Humboldt’sche Leitbild in Fetzen geht. Forschung ist Leben an der Grenze des Wissens und lehrt wissenschaftliche Bescheidenheit. Aber Einführung in die Forschung von heute ist in unseren Tagen vielleicht noch ein Stück Einführung in die Berufswelt von morgen, aber schon nicht mehr in diejenige von übermorgen.
Zwischen spezialisierter Grundlagenforschung einer- und spezialisierter Praxis der modernen Arbeitswelt mit ihren Forschungsbedürfnissen anderseits muß die Universität heute hauptsächlich vermitteln – personell, sachlich und organisatorisch. Die universitätseigene Einführung muß kurz und stofflich so rudimentär und theoretisch so flach sein, wie es einem normalen Studenten, gerechtfertigt als Vorbereitung für pragmatische Einführung in die marktnahe Praxis (oder, in Ausnahmefällen: in die Forschung), zuzumuten ist.
Die Hochschullehrer-Karriere muß von der hoch spezialisierenden Anforderung, die Forschung durch eigene Ergebnisse voranzubringen, befreit werden. Viel wichtiger für die Lehre sind – nicht Unterrrichtserfahrung, sondern Augenmaß, d.h. breite Bildung sowie Fachbildung im Sinne von Verständnis. In diesem Sinne bleibt der überlieferte Bildungsauftrag unvermindert in Geltung.
Neben den lebenslänglich-hauptberuflichen Vermittlern (Einführung in eine Wissenschaft und Nachbereitung in Vorlesung und Gespräch), müssen die Fakultäten mehr temporäre Gäste aus der Arbeitswelt und (weniger) aus der Forschung für akademischen Unterricht gewinnen.
Das akademische Prüfungswesen müßte entlastet und differenziert werden; zweckorientierte eigene Prüfungen von Stellenbewerbern seitens der Arbeitgeber werden damit wichtiger.

"Lehre" im philosophischen und im theologischen Sinn ist mehr als Information. Die jeweilige Information ist ein weitgehend auswechselbares, möglichst zweckdienliches Vehikel. Und sie ist mehr als Glaubenslehre; der Glaube ist nur der Kern. Sie ist Lebenslehre im tiefsten Sinne und betrifft das ganze Leben.
Man breitet seine "Lehre" aus, indem man sie (bisweilen auch lebendig dozierend) lebt. Meine Philosophie oder Religion kann man nur aus meinem Leben erkennen. Lehre wird mit dem eigenen Leben bezahlt.

Eine kollektive Selbstsymbolik ist sanktioniert; es geht hier symbolisch um Tod und Leben.

Zu äußerer Anpassung an kollektive Selbstsymbolik kann man verpflichten. Aber dann muß man jedem Subjekt einen Freiraum des Empfindens, Denkens und des Gesprächs zugestehen, in welchem sein persönlicher Beitrag zur Symbolgeschichte reifen kann. Wird dieses Recht verweigert, so wird die Anpassung eine giftige Heuchelei; böse Umwälzungen bereiten sich vor, die Unrecht mit Unrecht vergelten.

Nicht erst die vitalen Interessen kommen mit einander ins Gehege, sondern auch schon die weiten Symbolzäune um jedermanns (zugleich bedrohte und expansive) vitale Bedürfnisse. Kultur ist ein ständiger kreativer Koordinationsprozeß.

Religiöse Lehre hält die Erfahrungen mit Gott fest. Sie ermöglicht, das Abenteuerliche zuhanden des Wissens und Denkens im Alltag zu banalisieren.

Der Kopf ist zu klein und das Leben zu kurz; "universale Bildung" bleibt zufällig und selektiv. So kommt es denn darauf an, wie der Gebildete mit seiner zufällig erworbenen Symbolik umgeht.

Der Schüler soll nach-erfinden.

Es waren Generationen von europäischen "Gebildeten", die die zwei Weltkriege gemacht haben. Die Bildungsspießer sind mittlerweile seltener geworden. Heute weiß man besser (und zwar ohne Sokrates), daß man nichts weiß.

Belief ist eine Aussage, die eine Verhaltensorientierung symbolisiert. Es muß sich dabei nicht um das eigene Verhalten des Sprechers handeln. Lehre ist objektivierbar, und für das Verhalten muß die Aussage nicht aktuell bewußt sein. Der verhaltenssteuernde Glaubensinhalt ist in der Regel vorbewußt*.

Kontradiktionen zwischen religiösen (metaphorischen) Bekenntnissätzen selbst eines einzigen Menschen können nicht ausbleiben. Harmonisierung ist Sache sozialer (metonymischer) Nacharbeit.

Interessante Lehre formuliert kommunikable Existenzsymbolik. Zur akademischen Lehre gehört Forschung, "daß ich nicht mehr mit saurem Schweiß sagen muß, was ich nicht weiß". Sie ist Einladung zur Mitarbeit an Entfaltung und Vereinfachung der kollektiven Existenzsymbolik.

Eigene Erfahrung sucht, von fremder Erfahrung zu lernen. Die eigene Erfahrung und die Überlieferung interpretieren sich gegenseitig.

Lehre ist traditionelle Vorformung von einfachen Gedächtnisspuren für komplexe eigene Erfahrungen.

Die Stoiker waren Modelldenker, die Pyrrhonisten Erfahrungsdenker.

Theorie hilft Ruhe bewahren.

Die Syntax der Erlebnis-Symbolik ist rhetorisch. Die lebendige Subjektivität ist engagiert.
Die Syntax der Begriffs-Zeichen ist logisch; die lebendige Subjektivität, die die Perennierung einer Momentaufnahme stören würde, wird hier ausgeklammert.

Bei einer richtigen Aussage muss man fragen: „Was ist daran falsch?“, bei einer falschen: „Was ist daran richtig?“

„Weisheit“ ist sustainable Existenzsymbolik.

Zum Lehren gehört Weisheit und zur Weisheit Besinnung, zum Reden gehören Pausen und zum Wort Schweigen. Zur guten Lehre gehört wenig Reden, viele Pausen und viel Schweigen.

Fundamentalismus sterilisiert heilige Texte. Kreative Auslegung muss als subjektiv anerkannt werden.

Eine Hypothese ist jeweils nur subjektiv „wahrscheinlich“ (auch wenn die scientific community das Subjekt ist, das sie glaubt). Sie hat ihre Wahrscheinlichkeit in der subjektiven Totalität all der hier einschlägigen Weltbilder, in welchen sich die Welt diesem Subjekt darstellen mag. Ihre Wahrscheinlichkeit ist nicht quantifizierbar, weil ein Abwägen innerhalb dieser höchstkomplexen Grundgesamtheit nicht direkt, sondern nur aufgrund einer (leidlich bewährten, aber nicht nachrechenbaren) enormen Vereinfachung möglich ist: als learned guess, also aufgrund eines Gefühlseindrucks.

Angesichts des Chaos sind alle Lehren prekär, unüberblickbar bedingt.

Identität

Identität flackert. Ist das anders gewordene Subjekt noch dasselbe? Die Unterscheidung zwischen Substanz und Akzidens ist für die meisten Fälle praktisch treffsicher genug.

Was ich einst schrieb, „Adam bleibt Adam, mit und ohne Eva“, stimmt nicht genau. Gott hat etwas von Adam genommen, um daraus Eva zu schaffen; jetzt ist Adam nur noch ungefähr derselbe wie vorher; seine neue Identität flackert.

Die Irrationalität des Mitleids ist in unserer unkontrollierbar flackernden Identität begründet.

Leibniz tritt für Selbstbestimmung und Wissenschaft ein, Identitätswahrung durch prüfende Identitätswahrnehmung.

Ordnung schränkt Möglichkeiten ein.
Eine Ordnung ist eine Bestimmtheit in einem Raum von Möglichkeiten, die eine Identität konstituiert. Von Interesse ist immer die Möglichkeit einer Ko-ordination, wo zwei bestimmte Ordnungen einander mitbestimmen und in ihrer Identität festhalten.

Identität ist vermittelt – oder tautologisch. Identität ist prekär.
Wenn “A=A” nicht eine Tautologie ist, ist es eine höchst voraussetzungsvolle Behauptung (wie bereits Heraklit zu bedenken gab!). Als Axiom setzt es die Hoffnung voraus, daß sich etwas Brauchbares darauf aufbauen läßt.

Das so selbstverständlich vorausgesetzte raum-zeitliche Kontinuum ist vielleicht gar keines. Es gibt Einzelereignisse, Beobachtungen, denen unter bestimmten Umständen auch eine angebbare Wahrscheinlichkeit mit Sicherheit zukommt. Wir fassen solche Einzelereignisse massenhaft zusammen; das Bild wird “verschmiert”, wie die Mikrophysiker sagen: ein identischer Gegenstand.

Im gemäßigten Chaos (auf freier Wildbahn die Normalsituation) gibt es zwischen den Einzugsbereichen von Attraktoren* (Spielräumen von Identitäten) chaotische* Zonen, wo für jedes noch so kleine Gebiet nur noch Wahrscheinlicheiten für die Zugehörigkeit zum einen oderer anderen Einzugsgebiet angegeben werden können.

Beobachtungen sind Identifikationen.

“Gott würfelt nicht.” Das mögen wir glauben; feststellen können wir nur, daß anscheinend „gewürfelt“ wird. Unsere Möglichkeiten, die Wirklichkeit mental zu simulieren, sind so begrenzt, so daß wir uns mit (praktisch meist genügenden) Identitätswahrscheinlichkeiten zwischen Erwartung und Beobachtung zufrieden geben müssen.

Die Grenzen unseres Verstehens gestalten sich verschieden: z.B. Exakt quantifizierbare Unsicherheit, Mathematisierbarkeit von unvorstellbaren Zusammenhängen zwischen banalen Realitäten, das betäubende Rauschen der Überflutung durch "an sich" klar verständliche Information.

Gleichzeitigkeit von Verschiedenem stellt nicht erst relativitätstheoretisch ein kognitives Problem. Man nimmt so lange in flackernder Identität wahr, bis es gelungen ist, Verschiedenes in einer Wahrnehmung zu integrieren.

Identifikation wäre tautologisch, wenn sie nicht etwas als etwas Variiertes identifizierte. Identifikation ist ein Sprung, Vermittlung zwischen Varianten. Indem ich etwas identifiziere, identifiziere ich mich selbst, als einen Vermittler dieser Identität, mit.

Identität des Einen ist konkret immer modifizierend vermittelt durch ein Anderes. Ich spiegele mich in jedem Seienden.
Identität ist ein Ideal, ein Assimilationsschema, ein Attraktor.

Die kleinen Unterschiede in der Wiederholung konstitutieren die Wiederholbarkeit, die Identifizierbarkeit des einzelnen. Identität und Differenz gehören zusammen wie Subjekt und Prädikat.

As"simil"ation an ein stabiles Schema ist die Konkretion von Identität. Identität ist Grenzwert von Ähnlichkeit.
Die Dynamik der Assimilation wird mathematisch durch Differentialrechnung "simul"­iert.

Einheit ist ein skalierendes Assimilationsschema. Man kann sich jeweils nur mit einer Einheit so weit identifizieren, daß man sie (im Horizont einer größeren Einheit) versteht. Das Denken ist ein chaotischer Prozeß.

Mit wird die Einheit – über die schon die älteste Philosophie gegrübelt hat – , das Selbstverständlichste (der Griff nach irgendeinem zu begreifenden, zu verstehenden etwas) als tiefes Problem bestätigt, erklärt und definiert.

Einheiten sind aus ihrem Zusammenhang definiert, primär dem Zusammenhang mit dem (sich damit identifizierenden) Definierenden.

Auch die Menge der Attraktoren der Intelligenz, zu denen zentral die Mathematik gehört, entwickelt sich ständig weiter – wie die dieses Teilsystem umgebende Natur, auf welche auch die mathematische Intelligenz immer ein Auge hat. Diese weist deshalb mit jener immer wieder überraschende Analogien auf – wie auch andere Naturentwicklungen unter einander.

Attraktoren bewirken stabile Vereinfachungen. Diese erhöhen die Nichtlinearität eines Gesamtsystems und chaotisieren es.
Identifikationen sind starke Vereinfachungen. Ideen und Identitäten sind stabile Vereinfachungen. In der Nachbarschaft von Resonanzen ist mit Chaos zu rechnen. Zwischen Identitäten herrscht Chaos.
Im Chaos sachhaltiger Vereinfachungen hüpft Dialektik, zwischen lokal optimalen Aussagen, in Widersprüchen.

Jeder muß sich in sein Schicksal schicken: Das Beste aus seinem Schicksal machen zu sollen, ist das Schicksal jedes Menschen. Das kann Anpassung an die bestehenden Umstände, kann aber auch einen Umsturzversuch bedeuten. Das Schicksal nötigt immer wieder zum Wagnis.
In allem Wechsel zeigt sich immer deutlicher ein identisches Gestaltungsprinzip, das gleichwohl prognostisch wenig austrägt.

A=A wird als banale Tatsache genommen. Es ist aber nur ein Ideal, ein Attraktor in einem kognitiven Raum; die entsprechende Realität ist gestört.

Das rhetorische „Wir“ markiert das Wagnis der Symbolik.

In jedem Ich-Ereignis schwingen viele andere Ich-Ereignisse nach. Das Selbst ist eine Wolke von Ich-Ereignissen, Identität ein Massenprozeß. Ständig muss Desintegration integriert werden. Erikson’s integrierte Persönlichkeit ist ein anziehendes Ideal.

Im Grunde sind dem menschlichen Subjekt nicht Objekte, sondern bedingte Beobachtungswahrscheinlichkeiten gegeben. Diese verstehen wir (unergründlich bedingt brauchbar) vereinfachend als Erscheinung von identifizierbaren, konstanten Objekten.

Identifikation ist immer bedingt, ein Wunder, – aber entweder abstrakt oder unscharf.

Menschen wollen, im spannungsvollen Nebeneinander der Dinge, sich damit erhöhen, dass sie mit vereinten Kräften etwas an sich feiern.

Selbstdarstellungen sind Vereinfachungen, die die Kräfte konzentrieren: Man feiert sich als gut, als Verherrlicher des Guten; man bekennt sich (gut) als Sünder.

Definition ist ein Ansatz, die chaotischen Grenzen eines Phänomens zu begradigen, – ein Gewaltakt im Interesse der Kooperation.

Wo wir gefordert sind, unsre Identität aufs Spiel zu setzen, begleitet und stärkt uns Schillers neuzeitlich christlicher Ruf in die Tragik: „Und der heil’gen Sympathie erliege das Unsterbliche in euch“[21] – ohne Verheißung, aber nicht ohne Hoffnung.

Unverwechselbarkeit ist abhängig von äußeren Umständen (raumzeitlicher Zuordnung) und identifizierbaren inneren Eigenschaften. Und auch diese Identifikation ist interaktionell fundiert. Identität ist eine zugeschriebene „Eigenschaft“.
Die Zählbarkeit des verwechselbaren Elements ist die 0-stellige Relation in einer Menge von (durch Definition von außen) einander gleich gesetzten Elementen.
Die 1-stellige Relation, die Eigenschaft, verleiht Unverwechselbarkeit.

Die Metapher ist unterbestimmte Teil-Identifikation; und Identifikation lebt vom Da-sein des identischen Subjekts im identischen Da – ist also gefährdet. Sie kommuniziert existenziell in der Gefahr.
Roman Jakobson’s „Metaphorik“ ist die (durch ihren Bezug auf den primären Narzißmus radikalisierte) „Semantik“ der Linguistik.

Hölderlin: „Ein Zeichen sind wir, deutungslos.“ Dietrich Bonhoeffer: Das menschliche Leben ist ein Fragment; wir können nur hoffen, dass unser Leben erkennbare Bedeutung hat.
Wie wir es definieren, hat es allenthalben Bruchflächen; es weist allenthalben über sich hinaus. Wir können (auch uns selbst) nur gewaltsam abgrenzen.
Unsre Selbstdefinitions-Ereignisse stehen, vergleichbar mit den Beobachtungs-Ereignissen der Mikrophysik, unter einer Unbestimmtheitsrelation.

Die Ethik muss die Distanz zwischen Subjekt und Prädikat, das chaotische Ungefähr der Identifikation, wahren. (Vgl. die physikalischen Austauschteilchen!)
Man soll alles „von ganzem Herzen“ tun. Das bedeutet nicht die fanatische Bestialität, dass das „Herz“ im Tun verschwindet, sondern zielt auf beseeltes Tun.

Gleichheit/Verwechselbarkeit ist mögliche Identität. Ungefähre Identität ist in bestimmten Zusammenhängen höchst wahrscheinlich.

Identität ist Gegenständlichkeit. Unser Selbst-Bild ist das zentrale Stück unseres Weltbilds, das Orientierung bietet und damit das Verhalten und die Autonomie des Subjekts stabilisiert.

Brauchbare Definitionen setzen solide Unterschiede in der Wirklichkeit voraus. Solche aber sind den Humanwissenschaften selten gegeben.

Gewohnheiten sind Anpassungsleistungen, zur „zweiten Natur“ gewordene Lebensgeschichte. Denkgewohnheiten sind Identitäten im Denken, idiosynkratische Zugangsweisen des Subjekts zur Wirklichkeit, Teile der persönlichen Identität. Umdenken ist Änderung der Identität. Man sucht auf oberflächlichen Änderungen weiterzubauen.

Sprache

Auferstehung, wird gesagt, ist nur ein Symbol. Was heißt da „Nur“? Symbol für etwas, das vielleicht anders besser zur Sprache zu bringen wäre? Symbolik dispensiert nicht von der Verpflichtung zum hier und jetzt bestmöglichen Ausdruck, zu eindeutigsten Bekenntnis! Religion ist nicht in dem Sinne Symbolik, daß im Dunkeln gut munkeln ist.

Der uneigentliche Sprachgebrauch von Anspielung, Witz, Dichtung und Religion bringt die kondensierte, verklumpte, verdinglichte Realität in die Schwebe und schafft Bewegungsraum für Menschlichkeit.

Sprachliche Meisterschaft, Sprachkraft, ist auch sublimierte Aggression. " Pourquoi les mots, cette précision brutale qui maltraite nos complications?" (Maurice Barrès, 1888) Sprache ist immer auch Vergewaltigung.

Mit klarem Ausdruck macht man seine Vorstellungen, aber nicht unbedingt die Wirklichkeit verständlicher. Unklarheit im Ausdruck muß an der Stelle sitzen, wo man die Sache nicht klar sieht.

Sprachen und Weltanschauungen sind naturwüchsige Vereinfachungsmedien. In winzigen Schritten wird in verschiedensten Richtungen daran weitergearbeitet.

Das Wort haben die Glücklichen. Die Unglücklichen sind gebeten zu schweigen. Nur durch den Mund Glücklicherer kommen sie zu Gehör.

Sprache bringt die Welten zusammen, in denen wir leben.

Ein Wort symbolisiert, als eine einfache, verfügbare Struktur, einen schwach stabilen Seelen- und Geisteszustand in seiner unverfügbaren Überkomplexität so, daß man darauf zurückkommen kann.

Nebenfunktionen von Systemen wurden in nützliche soziale Interaktionen involviert. Die Optimierung ihrer Dienlichkeit führt zu Verselbständigung und Materialisierung des Interaktionssubsystems.
Das ist auch der Symbolik passiert. Sie hat sich zu Sprachen perfektioniert; hierfür wurden, aus tierischen Vorformen, die eigentümlich menschlichen Sprechwerkzeuge ausgebildet.

In den Möglichkeiten unserer Sprache müssen wir manchmal entweder mehr sagen oder mehr verschweigen als wir verantworten können.

Sprache ist eine endlose Versuchsreihe von Stereotypierungen in einer Wirklichkeit, die unendlich viel komplizierter ist als alle menschlichen Vorstellungen. Alle machen mit. Die lebendige Sprache ist deshalb erfahrungsgesättigt und weiser als jeder Einzelne. Sprache soll dem gemeinsamen Verstehen dienen.
Jeder versucht, die Sprache in seinem Sinne zu beeinflussen. Aber monopolistische Sprachregelung bedeutet Schaden für die Allgemeinheit – ganz gleich, ob sie von politischer, ökonomischer, demokratischer oder Medienmacht ausgeht. Die Sprache rächt sich oft mit Ironie.

Sprache ist die Symbolik, die das Symbolisierte in Subjekt und Prädikat zerlegt.

Lebendig ständig weiterentwickelte, künstliche Sprachen (zum Beispiel Programmiersprachen), ursprünglich einfach zweckrationale Systeme von Assimilationsschemata*, sind (aus rationalen Gründen) immer weitergehend nur von ihrer Geschichte her zu verstehen.

Dialog ist Kompossibilität* im Chaos einander widersprechender Hoffnungen.
Sprachliche Mehrdeutigkeit ist Raum für Evolution: für friedliche Konkurrenz, Entstehung differenzierterer Strukturen und Raumgewinn durch weitere Dimensionen.

Sprachgeschehen ist eine Konkurrenz von Wahrheiten.

Sprache ist ein System, wo zwischen Variablen und Parametern* alle Übergänge existieren. Alles (Zeichensystem, Wortgeschehen) fließt, mit Scherströmung und Wirbelbildung – langsamer oder schneller.

Selten benutzte Worte verraten, artikulieren und erregen Affekte.

Worte büßen, wenn man sie übernutzt, ihre Bedeutung ein.

Sprache wird verbraucht durch:
1. Vergessen des Nichtwissens (securitas), des Quid pro quo; gesellschaftlich stabilisierte Verzerrung der Wirklichkeit [22].
2. Irreführung durch vermeintliche Eindeutigkeit. Der bewußte denotative Sinn repräsentiert den unbewußten, konnotativen nicht pragmatisch angemessen.
3. Lüge, denotative, pragmatisch und konnotativ geschickt eingebettete Fehlinformation.

Kooperation ist an sich nützlich. Aber zu Opfern für Kooperation mahnt meist am lautesten einer, der seinerseits nur Profit davon hat. Das ist Sprachmißbrauch. So macht man die Sprache kaputt.

Das Chaos* bildet, um den Preis enorm wachsender Unordnung in der Umwelt, Inseln von Ordnung.
Die Sprache, halb-chaotisch, ist unser mächtigstes Instrument zur Organisation im Chaos. Sie assimiliert Chaotisches, mehr oder weniger gewaltsam, an entwicklungsfähige Schemata. (Nur Kunstsprachen haben ausdefinierte Schemata; die aber auch immer wieder dem Druck der Geschichte nachgeben.) Ein gutes Plädoyer für die schlechte Partei macht für die gute Partei alles noch komplizierter; es macht sie sprachlos.

Der Mensch[23] ist selbst eine Insel der Ordnung, - nämlich das Stück Chaos, das organisiert wird direkt durch Sprache, ein (sich selbst ständig weiter organisierendes) Halbfertigprodukt. Er spielt im Chaos um sich herum und organisiert, mit Hilfe der Sprache, besonders viel. Er organisiert nicht nur schematisch, er erfindet auch Schemata.

Aussagen bilden im Medium der Sprache Resonanzkörper für Beziehungen zwischen Begriffen.

Das Mem entspricht dem Genotyp; das Wort, der Denkvollzug, die Niederschrift etc. dem Phänotyp.

"Harte Tatsachen" werden nicht durch den Zugriff des Verstehens verformt. Sie gehören in den Zusammenhang einer harten (evt. künstlichen) Sprache, die hochstabile Strukturen hochstabil abbilden kann.
"Weich" sind die unübersehbar mehrdimensionalen Tatsachen von unberechenbarer Stabilität. Sie müssen in einer natürlichen Sprache repräsentiert werden, die reich ist an Ausdrücken, die ihre Unbestimmtheit an bewährter Stelle haben.

Reden ist Selbstauslegung von Symbolen der Hoffnung. Sprache lebt von Symbolen der Hoffnung. (Nur in ihrem Licht kann man über Hoffnungslosigkeit reden.)

Worte leiten die Aufmerksamkeit bei der Suche nach stabilen Konzepten. Sie führen die Aufmerksamkeit in die Nähe eines kognitiven Attraktors*.

Sprachliche Artikulation ist konstruktiver Beitrag zu konsensualem Erkenntnisfortschritt, insofern sie verschiedene Gesichtspunkte zu einem komplexeren Ganzen integriert.

Sprachliche Gewaltsamkeiten können sich aufgrund von Machtverhältnissen unter Kraftaufwand durchsetzen, vergleichbar erzwungenen Schwingungen.

Rede regt hochspezifische Selbstorganisationsprozesse an, Aufbau unwahrscheinlicherer Strukturen unter Verbrauch externer Energie.

Zeichenerkennung ist vielfach systemabhängig; das lehren die Schwierigkeiten der Entwicklung von Computerprogrammen für optical character recognition (OCR, Erkennung von graphischen Befunden als Schriftzeichen) und die holistischen* Hilfen, die hier für leidliche Leistungen nötig sind (Welche Schrift?, Eigenheiten der Schreibmaschine?, Allgemeine Helligkeit?, Welche Sprache?, Wörterbuch?, Die nächste Umgebung des Zeichens?, Wie verkantet liegt das Blatt?)
Ebenso ist jegliche Information für einen Empfänger vielfach systemabhängig, namentlich von seiner Anpassung ans Sendersystem.

Lebendige Sprache, nicht nur Poesie, ist mehrdeutig. Mehrdeutigkeit hat auch Vorteile. Wenn sie holistisch*, rechtshemisphärisch* bearbeitet wird, reichert sie durch ihre Mehrdimensionalität die Wahrscheinlichkeit für rationale Evolution an (Sprachkraft). Man kann dabei auf Ideen kommen. Das "bei" ist wichtig! "Bei" den Worten findet man Sinn wieder, assoziativ. Es restrukturieren sich Sinn-Geflechte – wie Neuronensysteme.

Bei der Übersetzung deutscher Texte ins Französische merkt man, wie viel kategoriales Ungefähr die deutsche Sprache erlaubt, – das der Übersetzer präzisieren muß. (Schonungsloser noch: bei dem Versuch, ein einfaches, umgangssprachlich gefaßtes Problem in ein Computerprogramm zu übersetzen!) Es handelt sich da um eine Toleranz der Sprache, die vom Hörer mehr Aufmerksamkeit verlangt, aber der Aufmerksamkeit auf die Eigenarten der in Rede stehenden Sache förderlich ist. Diesen gegenüber ist die deutsche Sprache mit ihren Strukturierungen zurückhaltender.

Rede klingt immer globaler, als sie eigentlich ist. Sie arbeitet unter der selbstverständlichen Voraussetzung von Wann? und Wo? mit lokalen, linearen Approximationen und Extrapolationen. (Bereits ein aufmerksamer Umgang mit dem Komparativ ist eher selten.) Wörtlich genommen, wäre sie irreführend!

Es besteht eine Spannung zwischen dem (metonymischen*) Ideal der Klarheit und dem (metaphorischen*) Ideal der Tiefe.

Rede ist allein schon ihrer Diachronie wegen eine erhebliche Umorganisation des Inhaltes.
Menschliche Rede bildet erstens Vorstellungen von Vorgängen ab (bzw. geht Vorstellungen durch) und ist zweitens selbst ein Vorgang augenblicklichen Lebensvollzugs.

Der endlose Dialog des Redens und Schreibens ist im Interesse an der Sache auch notwendig wegen des Reduktionismus der Sprache. Diese ist wesentlich standpunktbedingt, subjektiv zu gebrauchen, immer nur lokal* objektiv, und das Quid pro quo darf sich nicht verfestigen. Sogar ein Schweigen als Antwort ruft zur Sachlichkeit und Neuartikulation auf.

Am metaphorischen* Ende des Kulturspektrums steht der Prophet[24], am metonymischen* der Schulmeister.

Jedes Sprachgeschehen assimiliert* Neuartiges und Fremdes, Äußeres sowie Inneres, an die Symbolik des Selbst (Existenzsymbolik); es gibt sich als Arbeit für das Projekt des "wahren" Selbst, des in der Wahrheit lebenden Selbst.

Wo Unehrlichkeit üblich ist, kann sich, hinter der Maske, die Individualität nicht voll entwickeln.
Nur besondere (hoch intelligente) Persönlichkeiten und Subkulturen können auf die Dauer nach innen ehrlich und nach außen verlogen sein, in Verstrickungen der Lüge verharren, im Trüben fischen, ohne selbst Schaden zu nehmen. (Vielleicht das Erfolgsmodell der Zukunft.)

Die Sprache stellt konsensfähige Qui-pro-quo´s zur Verfügung.

Frauen denken mehr von der Sprache her, Männer mehr von der Konfiguration her. Frauen reden deshalb konventioneller; männliches Denken bleibt eher in Sprachlosigkeit stecken und ist mehr zu Sprachschöpfung genötigt.

Worte sprechen Sachverhalten ein Vorverständnis einer Sprachgemeinschaft zu.

Spannungen zwischen den Worten und solche zwischen Semantik und Pragmatik halten das Reden, das Phantasieren und das Denken in Gang.

Man redet zusammen; man denkt allein.

Bedeutungs-"verschiebung" von Begriffen setzt ein Kontinuum voraus. Es ist mehrdimensional, die Akzente verschieben sich zwischen der De- und den Kon-notationen*.

Die menschliche Fähigkeit, komplexe Zusammenhänge in brauchbarer Vereinfachung auf den Rede­fluß abzubilden, ist erstaunlich.
Die Auswahl des zu Bedenkenden und zu Sagenden, Repräsentativen ist immer augenblicksbedingt, nie voll rekonstruierbar, weder für das Subjekt, noch für den Adressaten. Jede Rekonstruktion findet in einem neuen Kontext von unbewußten Selbstverständlichkeiten statt. Es gibt sog. sachliche "Inhalte" der Rede, die, relativ transportsicher, kontextunabhängig und stabil sind. Ist der neue Kontext dem ursprünglichen nicht ähnlich, so ergeben sich verschiedenerlei Mißverständnisse.
Der sog. Irre redet in einem fremdartigen Kontext.

Der Mensch ist im inneren und im äußeren Dialog, im Gespräch über andere und über sich selbst, auf dieselbe Sprache angewiesen.

Verantwortlicher Sprachgebrauch ist nützliche Vorarbeit für optimale Anpassungsleistungen. Er verlangt bisweilen auch philosophische Besinnung.

Die Grenzerfahrung ruft zunächst Schrei, Verstummen, Jammer bzw. Jubel hervor und kann sich dann, auch traditionell religiös, artikulieren. Die Artikulation ist die Brücke zurück zur Mitte normaler Existenz. Hier ist darauf zu achten, daß das Erlebte nicht unter falscher Sprache verschüttet wird, – sie sei religiös oder unreligiös.

Information ist vieldimensional. Eindimensionale Quantifizierung ist nur für eng umrissene technische Fragestellungen möglich und sinnvoll.

Leere Begriffe, wie "das wahre Wesen" sind Beschwörungsformeln. "... une certaine idée de la France" (de Gaulle) ist hypnotisierend, fixiert auf die Person des Sprechers.
Schlecht definierte Begriffe halten den Empfänger vom Autor abhängig. Deshalb ist besonders in religiöser Tradition die Person des Lehrers so unaufhebbar wichtig.

Mit Worten wie “tief”, “echt”, “Gespür” usw. wechselt man aus dem dialogisch-bekennenden Sprachmodus in den monologischen der Verkündigung. Ein Symbol (das durchaus Selbstsymbol sein mag) wird als Selbstsymbol nicht nur bekannt, sondern proklamiert und gegenüber allen Nachfragen entpflichtet.
Die Deutschen taten, als sie im Vergleich zu ihren westlichen Nachbarn noch recht immobil und unangefochten bodenständig waren, sich viel auf ihre Tiefe zugute. Entsprechend ihrem (auch kleinstaatlich verengten) engeren Horizont, hatte ihre Sprache mehr metaphorische Tiefe. Das Vaterland wurde gegen “vaterlandslose Gesellen” verteidigt, die einen weiteren Horizont hatten und deren Sprache metonymisch reicher war.
Nationalgefühl hat aber seinen Wert für die Humanität nicht verloren.

Verschiedene Sprachen symbolisieren und prägen verschiedene Erfahrungswelten. Jede glatte Übersetzung verführt zu der Illusion, auch das Bezugssystem des Urtextes sei unsere Erfahrungswelt. Das ist, manchmal folgenreich, irreführend.
Bei religiösen Texten ist wichtig, daß das leitende Interesse des Lesers kategorial mehr der Semantik oder mehr der Pragmatik (mehr den Vorstellungen oder mehr der Lebensfunktion) gelten kann.
Luthers Bibelübersetzung konnte noch gelingen, weil das klassische kosmos-Paradigma, wo fast alles seine stabile Bedeutung hatte, noch in Geltung stand. Heute braucht man mehrere Übersetzungen mit präzis angebbaren verschiedenen Leit­interessen.

Die widersprüchliche Aussage ist “Wort” im prägnanten Sinne, statische Abbildung von einem Moment eines Prozesses, nur verständlich unter Aufbietung eigener Phantasie. Die widersprüchliche Aussage ist eine Instabilität*.

Ein "guter Text" ist eine spannungsvolle Struktur, mit der es lohnt sich zusammenzusetzen.

Ein guter Text prägt den Leser. Er bleibt in ihm als Gesprächspartner. Er redet bei seinen Lesern auch in ihren Gesprächen mit.
Eine Diskussion aber über einen guten Text ist selten förderlich. Die Beiträge machen sich meist an Schwächen des Textes fest. Auch jeder gute Text hat ja Schwächen. Wenn Besseres durch diese tatsächlich verdeckt wird, muß in erster Linie dieses aufgedeckt werden. Die Beiträge müssen aus der gemeinsamen Sache des Autors und der Leser kommen.

Unklare Sprache ist unerlaubt, wenn sie Ausdruck einer Unaufmerksamkeit gegenüber der Wahrheit ist.

Den Selektionsvorteil in der Entwicklung zum Homo sapiens hatten die größeren Gruppen. Sie hatten zur Wahrung ihrer funktionalen Einheit ein entsprechend effizienteres Kommunikationssystem. Die (in verschiedensten Zusammenhängen verwendbare) Information über Sachverhalte gehörte dazu.

Die Semantik ist heute in einem lexikalisch nicht mehr nachzuhaltenden Maße kontextsensitiv geworden.

Mit Sprache nur als Arsenal von Zeichen für die gesellschaftlich bereits konstituierte Wirklichkeit, ist das immer in Konstitution begriffene Subjekt sprachlos.

Reden ist: einen Sachverhalt kommunikabel und diskutabel vereinfachend transformieren in gemeinsame Handlungsorientierung.

Nur dünne Schnitte, niedrigdimensionale und beschränkte Ausschnitte der Wirklichkeit lassen sich klar verstehen und brauchbar wissenschaftlich modellieren.
Für größere Zusammenhänge unsere Lebenswirklichkeit ist die natürliche Sprache brauchbarer, die aufgrund der ständig weiter gesammelten, zufälligen Erfahrung sich auch ständig weiterentwickelt. Ihre Unklarheit (Vieldimensionalität, Kontextabhängigkeit, spannungsvolle Vieldeutigkeit bis zur Widersprüchlichkeit) hält Sprecher und Hörer zur Umsicht an. Man weiß zwar, man kennt schon; die Stereotypen entlasten. Aber die dürftige Objektivität der Sprache entläßt die Subjekte nie aus dem persönlichen Engagement. Die Andeutungen der natürlichen Sprache machen aufmerksam.
Zuhören als solches verlangt Vigilanz; das macht Lüge zur läßlichen Sünde.

Die Menschheit weiß immer mehr. Und die Zahl der zu besprechenden Ereignistypen, die Größe und die Komplexität der Gesellschaft und die Syntax hängen zusammen. Die Mathematik ist gesellschaftlich unentbehrlich geworden als reflektierte Syntax, ein Instrument zur Bewältigung der zu bedenkenden kombinatorisch wachsenden Menge Ereignistypen.

“Der Druck der Erfahrung treibt die Sprache in die Dichtung”, hat man abkürzend gesagt. Die Erfahrung treibt jedenfalls immer wieder aus dem Bereich der Umgangssprache hinaus – in die Nähe der Dichtung.

Die Sprachentwicklung gabelt sich: Auf der einen Seite die Redundanz der natürlichen Rede und Schreibe, die nicht mehr mit Aufmerksamkeit des Adressaten rechnet; auf der anderen die immer wichtiger werdende mathematische Sprache, die allerhöchste Aufmerksamkeit voraussetzt.

Sprachverständnis verlangt auf Schritt und Tritt persönliche Aufmerksamkeit und Entscheidung. Das zeigen die Ergebnisse maschineller Übersetzung.

Das syntaktische Ideal der Aristotelischen Rhetorik (die zweigliedrige Periode, die nur die Länge eines Atemzuges haben soll) ist auch erkenntnistheoretisch interessant.

Der Sprachwandel muß mit dem Weltwandel irgendwie Schritt halten. Die Anpassung geschieht zunächst durch Assimilation der veränderten Gegebenheiten an alte Schemata. Das führt zu wachsenden Verzerrungen und endlich zu plötzlichen Paradigmenwechseln und neuen Schritten der Sprachgeschichte.

"Es gibt", "il y a", "there is"; »Je me suis fait une certaine idée de la France» (Charles de Gaulle), das sind Verweise auf unbestimmte Gründe – allgemein akzeptiert, weil jeder weiß, daß man das Wichtigste schlecht in Worte fassen kann.

"Tücke des Objekts" –­ eine Erfindung von Friedrich Theodor Vischer; es gibt sie nicht, aber jeder erlebt sie. Eine unverzichtbare, mitteilbare View of life. So auch die Gottesahnung.

Leben ist lebenssichernde Aktivität. Aussichtslosigkeit nötigt zu Rückwendung der Aktivität, Re-flexion: zum Innehalten, zu Symbolisierung, Betrachtung und Besinnung.

Umgangssprache in ihrer Mehrdeutigkeit ist angelegt auf Maximierung der Wahrscheinlichkeit einer befriedigenden Verständigung pro Aufwand (inclusive Antworten auf Nachfragen).

Die Verhaltensbiologie erklärt sich die Entstehung von Signalen aus dem Konflikt zwischen einem Handlungsimpuls und einer Hemmung: Es entsteht eine gehemmte Bewegung, die für empathisches Verständnis Gleicher ein Signal ist.
Begriffe bezeichnen kommunikable Stereotypen. Die Kommunikation etabliert sie.

Um sich auf die Umwelt zu verstehen, muß man schnell klassifizieren (identifizieren), Äqui­valenzen definieren. Dafür ist Kooperationsleistung erforderlich. Gemeinsame Überlieferung bewährter Stereotypen (Sprache) ermöglicht brauchbares Verstehen.

Sprechen ist Sache des Einzelnen. Singen, Schreien, Heulen, Lachen kann gemeinsame Sache sein.

Hölderlin sagte, daß "wir Dichter" (Sprachschöpfer) schutzlos das wahre Wort von Gott empfangen und weitergeben müssen. Der "Schutz" ist weltlich absichernde Metonymik; das Hölderlin'sche Gebot heißt "Mut zur Metaphorik".

Durch Formulierung werden Zusammenhänge zwischen Vorstellungen verhaltensrelevant verstärkt.
Alle Formulierungen transformieren die Tatsachen und entstellen sie. In jeder Formulierung steckt deshalb ein persönliches (nicht unbedingt positives) Engagement.

Die alte res (vs. signum) war durch die klassische statische Ontologie des Begriffs-Realismus bedingt. Ihre Aufteilung in référent und signifié stellt die objektive Existenz des signifié nominalistisch zur Disposition. Sie flexibilisiert die Linguistik für das Sprachgeschehen der gesellschaftlich dynamisch konstitutierten Wirklichkeit (Berger/Luckmann).

Sprache als Zeichensystem setzt voraus, dass die Begriffe von der Sprache nur akzidentiell betroffen sind. Diese sind aber keine ewigen Ideen, sondern nur Attraktoren in einem (mild) chaotischen dynamischen Symbol-System.

Dichtung ist „gebundene Sprache“. Anfangs ist Rede immer klangliche Verbindung zwischen Seele, Sprachtradition, Mitmensch und Sachen.
In der Dichtung wird die klangliche innersprachliche Bindung (Reim, Rhythmus) künstlich verstärkt; und diese Bindung lockert die Sachbindung. Dichterische Sprache ist freier subjektiv, emotionaler.

Auch ein Zeichen ist zuerst ein Symbol: Es aktiviert eine Wolke von Assoziationen. Erst der Kontext führt zur (meist eindeutigen) Bestimmung des Signifikats.

Das Sprachgeschehen ist ein mildes Chaos von Ordnungsrufen.

„Wort“ im prägnanten Sinne ist Kreativität. Es ist Bekenntnis (das wir einander schuldig sind) zum Ich, indem es, werbend, ein Wir anbietet. „Anfechtung“ ist Rückfall des Ich, unter der Gewalt des Faktischen, aus der Berufung zur Kreativität, in den Aberglauben an Stereotypen.

Worte haben ihre symbolische Bedeutung weitgehend verloren. Symbol ist vage Vor-orientierung. Man hat schon immer in vielen Modellvorstellungen gelebt.
Aber zunehmend macht man Modelle künstlich, und die Bedeutung der Worte wird zweckdienlich durch diesen objektivierten Bewandtniszusammenhang bestimmt.
Daneben lebt man subjektiv, unbeholfen, in einer fluktuierenden, gemeinschaft-suchenden Sprache.

„Nicht wörtlich, nur symbolisch“ heißt: „nur“ menschlich, nicht unpersönlich-sachlich.

Nominalistische Linguistik läßt den realistischen Lebenssinn der Sprache, also das um sein Leben kämpfende Subjekt, außer Betracht.

Mit unserm Wort sollen wir menschlich entsprechen, – und das ist sehr, sehr viel!

Wir haben damit angefangen, dass uns Wahrheit zugesprochen wird; und wir bleiben aufs Gespräch angewiesen.

Koexistenz und Begegnung sind gefährlich. Reden strukturiert sie symbolisch vieldimensional und stabilisiert sie damit. Das Gespräch sorgt für regelmäßige Rückmeldung.

Asymmetrischer Dialog symbolisiert Anerkennung von Machtansprüchen.

Das „Wort“ ist insofern schöpferisch, als es seinen Gegenstand allererst zu einem „Gegen­stand“ macht: Es grenzt ihn aus und macht ihn handhabbar und verplanbar.

Reden ist organisieren, persönlich gestalten, Ausdruck (expression) der eigenen Person für andere Personen.
Der expressive need, ein narzisstisches Bedürfnis, ist ein evolutionärer Selektionsvorteil des Menschen: Jeder muß, für andere weiterverwendbar, einbringen, was er als wichtig wahrnimmt. Dazu dient das Ungefähr der Sprache.

Der Rhetorik wurde im 19. Jahrhundert von dem Glauben an die harten und methodisch erhärteten Tatsachen das Wasser abgegraben. Der „eigentliche“ Wortgebrauch ist das stabile, Tatsachen identifizierende, zweifelsfrei deutende Wort. Solche Tatsachen-Bereiche sind zunächst die näheren Umstände des alltäglichen Lebens.
Dazu aber kommen die abgegrenzten, in Hypothesensystemen und Kunstsprachen abgebildeten (neuerdings auch programmierten) Bereiche der Wissenschaft und Technik. Diese bilden wachsende Realitätsbrocken, die wir aber nun ihrerseits nicht etwa wissenschaftlich sicher, sondern nur „rhetorisch“ (symbolisch) uns assimilieren und nur mit Plausibilitäten in unsere chaotische Lebenswelt einordnen können.
Nur in einer statischen Welt kann man sich auf den eigentlichen Wortgebrauch beschränken.

Alle Sprachen vereinfachen mit naivem Anspruch auf Allgemeingültigkeit.

Verstehen

Daß man einen Ansatz ad absurdum führen kann, heißt nicht, daß er absurd ist!
Bei der konsequenten Bemühung um vereinfachendes Verständnis bemerkenswerter Beobachtungen gerät man in Widersprüche.

Der Rationalismus, gegen den Blaise Pascal und Matthias Claudius kämpfen, ist linear extrapolierender Glaube an Modelle.

All unser Verstehen ist Vereinfachen.

Die Warum-Frage verlangt einen einfühlbaren Grund. Sie fragt letztlich naiv nach einem persönlichen allmächtigen Gott als prima causa.

Es geht beim Verstehen eines Gegenstandes um einen strukturierten Möglichkeitsraum für diesen, bzw. umgekehrt: um einen Realitätsbezug für die konsistenten Möglichkeiten unseres Denkens.

Unser Weltverstehen ist über mehrere Horizonte (~ Größenordnungen) fraktal: Kosmos (approximatives Alltags-Verstehen) – Chaos (Nichtverstehen, Fragen, Forschen) – Kosmos (approximatives Verstehen) – Chaos (Nichtverstehen) – Kosmos (approximatives Verstehen) – Chaos (Nichtverstehen) –...

Die exakten Wissenschaften leisten syntaktisch/metonymisch Komplexitätsreduktion.
Metaphorisch/symbolisch/semantische leisten Kunst, Philosophie, Religion, Theologie Komplexitätsreduktion. Komplexitätsreduktion dient der Stabilisierung der persönlichen Identität.

Der Begriff Zufall bildet das analytische Komplement zu Verstehen. Unser Verstand zerlegt Zusammenhänge in Muster und Störung, variable Daten und Strukturen, Prädikate und Subjekte, Realität und Modell.

Nichtverstehen ist demütigend. Demut ist ein Übergang, Bescheidenheit soll bleiben.

Es kommt einen schwer an, daß man alt wird ohne Aussicht, das, was man für wichtig hält, wenigstens im Groben noch verstehen zu lernen.

Die Vernunft hat philosophisch, empirisch und logisch-mathematisch die Grenzen unseres Verstehenkönnens wissenschaftlich vor Augen geführt.

Ich bin ein Teil des unsere Vorstellungskraft überwältigenden schöpferischen Weltprozesses. Ich weiß mit mir (und anderen und anderem) umzugehen. Ich verstehe mich auf die Dinge. Aber ich verstehe mich nicht, nichts und niemanden.

In allen Richtungen könnte „man“ eigentlich etwas mehr wissen und verstehen. Aber so bleibt es lebenslang! Nicht die absoluten Erkenntnisschranken, die sich eine absolutistische Philosophie beruhigend ausdenkt, sondern die konkreten, relativen, sind demütigend.

Die objektivierende Fähigkeit zum Interesse an den Eigenarten eines Gegenstandes baut unser Weltverstehen aus und liegt deshalb im Interesse jedes menschlichen Subjekts.

Man muß immer wieder mit Wucht gegen Widerstände anrennen. Wenn man sie nicht einrennen kann, zieht man sich innerliche Verletzungen zu; und das kostet Kraft. Daraus muß man etwas über sein Dasein lernen, und klüger und weiser weiterkämpfen.

Wir stellen uns das Unbekannte zunächst wie das Bekannte vor. Auch die Wissenschaft legt nahe, "Gesetze" des Bekannten ins Unbekannte – linear oder nichtlinear – zu extrapolieren, ungeachtet der Tatsache, daß diese Gesetze die Wirklichkeit immer nur für den uns bekannten Bereich approximieren. Welches allgemeinere Gesetz jeweils dabei vielleicht nur lokal approximiert wird, ist unbekannt.
In gleicher Weise extrapolieren wir auch andere unserer kognitiven Systeme. So strukturierte Einstein die Frage nach der Expansion des Weltalls mathematisch korrekt mit einem konstanten Faktor, der die Frage entschied, strich diesen aber, einer weltanschaulichen Stimmigkeit zuliebe, aus der Formel wieder heraus.

Die Kehrseite unserer hoch effizienten Kommunikationskultur ist die schnelle Klischeebildung.

Jeder ist mit dem Frust des sozusagen „naturidentischen“ Verstandenseins allein gelassen. Ein Individuum als Ganzes ist nur identifikatorisch erfassen.

Unser Verstehen ist ein chaotisches Gewoge von Vereinfachungen.

Neues Verstehen setzt, meist nach längerer Betrachtung, respektlos verwegen, wie ein Keil, mit einer punktuellen Einsicht an.

Μεταβάλλον ἀναπαύεται (Heraklit). Konstante/Variable, und, generalisiert: ewig/zeitlich, sind subjektiv angesetzte, analytische Begriffspaare.

Kontinuum und diskrete Menge sind ebenfalls keine Gegenstände, sondern Aspekte von Gegenständen, ein analytisches Paar von Begriffen (die man allerdings beide ihrerseits zum Gegenstand von Untersuchungen machen kann).

Analytische Begriffspaare sind selbstähnlich auf sich selbst anwendbar.

Zufall und Notwendigkeit sind, wie Unordnung und Ordnung, analytische Begriffe. Sie beschreiben das System Subjekt/Objekt, also das Objektsystem nicht objektiv, sondern interaktiv.

Die Beschränktheit der Möglichkeiten der Selbstorganisation läßt grundlegende Zufälligkeiten unserer Erkenntnismöglichkeiten befürchten. Keineswegs ist, wie Parmenides lehrte, Sein und Innesein dasselbe!
Die jeweilige Grenze unserer Erkennntis ist von Anfang an bis heute, vielleicht fraktal, Ergebnis einer Kettenreaktion historischer Zufälle.
Auch die gemeinmenschliche Satz-Grundstruktur (Subjekt/Prädikat) ist wohl zufällig bedingt. Auch die übrigen analytischen Begriffspaare und die zweiwertige Logik überhaupt.

Die Anwendung des Systembegriffs verspricht klares Verstehen. Das Versprechen wird selten gehalten. Wir können nur sehr weniges Wirkliches – am ehesten noch unsere selbstgemachten wissenschaftlichen Vorstellungen, d.h. Aspekte des Wirklichen – klar verstehen!

Eigentlich ist jeder Begriff, con-ceptus, Offenbarung. "L´esprit conçoit les idées", Begreifen ist geglücktes Greifen, Empfangen.

In dem unermeßlichen Raum der Möglichkeiten, den die Kombinatorik über dieser Welt aufspannt, ist die Entdeckung von festen Zusammenhängen lebenswichtig.

Die kognitive Verarbeitung statischer Gegenstände ist weniger aufwendig als die Berücksichtigung der Dynamik der Gegenstände. Daher auch die Neigung zu Klischee-Bildung.

Rationalität artikuliert jeweils, in einem scharf umrissenen Anspruch auf Allgemeingültigkeit, einen Anspruch auf Einzigkeit. Sie impliziert die strapaziöse Anerkennung jeder rationalen Kritik.

Je komplexer ein Objekt, desto mehr ist das Verstehen empathisch; je einfacher, desto sachlicher.

Entstellung der Tatsachen erreicht oft eine gewisse Plausibilität und Stabilität der Vorstellung. Das bildet ein ein suboptimales Gleichgewicht*. Wer richtigstellen will, muß erst diese Plausibilität überwinden, bevor eine besser fundierte sich etablieren kann.

Herz und Verstand sind im Wort zunächst beieinander. Das Wort wird aber im lebendigen Diskurs so geschüttelt, daß sie zeitweise auseinander und gegen einander fliegen.

Wenn Komplexitätsreduktion, eine nötige Vereinfachung in praktischer Absicht, schlecht gemacht ist, kann sie verheerend wirken.

Assimilationsschemata* sind Attraktoren*. Ihre Attraktivität beruht nicht nur auf ihrem Objektbezug, sondern auch auf sozialer Selbstverstärkung. Das Schema wird sowohl in der Selbstverständigung wie der sozialen Verständigung verstärkt.

Denken soll ganz richtig sein; es kann aber bestenfalls für einen begrenzten Zusammenhang richtig sein.

Ideen sollen etwas greifen und motivieren.

Unstimmigkeiten in einer Aussage stellen eine Herausforderung für alle dar. Wenn einer etwas zu melden hat, kann man nicht immer erwarten, daß er allein ihr gewachsen ist.

Lebendige Begriffe sind keine Menge, auf der transitive Relationen zu definieren sind - im Unterschied zum Begriffsapparat aus getöteten (wohldefinierten) Be-griffen, denen das “Greifen” akzidentell ist.

Aufklärung ersetzt aktuelle durch dauerhafte Illusionen.

Das natürlich-rationale Denken geht, repetitiv, ungebrochen linear, und rekursiv*, sozusagen narzißtisch, stracks ins Unendliche. Zu Nicht-Linearität haben wir keinen natürlich-rationalen Zugang, sondern höchstens einen empathischen (hier spielen Schwingung, Kreisbewegung und Einheit eine Rolle) - und heute (in der Infinitesimalrechnung) auch einen künstlich-rationalen.

Für bestimmte Zustände vereinfacht sich das Problem, das uns ein eigentlich komplexer Zusammenhang stellt, entscheidend. Das sind jeweils die Fußpunkte unsres praktischen Verstehens.

Wissen betrifft ausgegrenzte kommunikable Orientierung. Die Zusammenhänge – mit dem eigenen Leben und mit der Realität im ganzen –, die dem Wissen seine Bedeutung (nicht nur die wißbare, praktische Bedeutung) verleihen, bleiben Gefühlssache.

Die Umkehrung von Denkbewegungen kann zu Paradoxen führen, die sich nur in Horironten lösen, welche zu konzipieren ein Wagnis ist. (Beispiele: Subtraktion natürlicher Zahlen, Division ganzer Zahlen, Radizieren rationaler oder negativer Zahlen.) Das spielt auch in der Mystik eine Rolle [25]. Konsequentes Denken kann unserer Welt- und Gott-Verstehen sprengen. (Deshalb wird es immer wieder als gemeingefährlich gefürchtet!) Neue Horizonte tun sich auf, bislang unbekannte Gesetze werden konzipierbar.

Rationalität ist spezifisch menschlich: beginnend mit abstrakter additiver Rekursion (Zählen) und linearer Extrapolation. Realitätsbezogene Operationen werden zum Gegenstand von ursprünglich ebenfalls realitätsbezogenen Operationen. Das verführt zur wissenschaftlichen Überformung des Verstehens und zur technischen Überformung der Welt - ein ständig wachsender Wolkenkratzer.

Evidenz ist wohl eine Harmonie von Hirn-Wellen. Es geht dabei um Darstellung von Problemen, so daß sie einander nicht stören, und Ausgliederung von offenen Problemen.

Begriffe müssen, um etwas Konkretes zu greifen, zweckdienliche Unklarheiten haben.

Wir kennen keine objektive Entwicklung vom Einfachen zum Komplexen. Diese Entwicklung eignet nur unsrer Konstruktion von Modellen. Wir stellen uns ein anfängliches Chaos von Einfachstem vor. Zu beobachten ist nur ein ständiges Ineinander von Differenzierung und Entdifferenzierung. Willkürliche Ausschnitte davon mögen dann hauptsächlich durch komplexe Differenzierung gekennzeichnet sein. Schon das Neugeborene aber ist differenziert organisiert in einer Komplexität, die später zT wieder abgebaut wird.

Abbildung einer Struktur von einem auf ein anderes Material – so kann man unser Verstehen äußerer Realität fassen – ist eine (meist unscharfe) in der Regel nicht umkehrbar eindeutige Funktion. Immer ist Rückversicherung nötig. Auch die Transitivität* ist gestört. Es gibt aber Stabilitäten und Resonanzen* zwischen Analoga, die diese Störungen sehr gering halten. Das ist für unsere Möglichkeit, etwas zu verstehen, entscheidend.

Die Sicht der Welt als κόσμος ist Globalisierung eines lokalen* Modells. Κόσμος ist, was man prinzipiell verstehen kann, antizipierbar, stabil (mit "sublunaren"[26] Schwankungen und Störungen).
In Wahrheit jedoch herrscht in der ganzen Welt Chaos.

Zwischenmenschliches Verstehen ist, wie jedes Verstehen, nie rein rezeptiv; es ist immer auch produktiv. Das entstehende Bild ist etwas für beide Seiten mehr oder weniger Neues – sowohl Gewinn wie Entstellung und Verlust.

Ich weiß mit Sicherheit, daß ich mich vielleicht furchtbar irre. Aber ich glaube, daß das darf mich nicht hindern, – gewiß: umsichtig, aber doch: – meinem eigenen Kopf zu folgen.

Mathematische Strukturen sind stabil als kognitiv energetische Minima* des menschlichen Gehirns.

Sicher sind nur abstrakte Aussagen im Rahmen einfacher hypothetischer (z.B. Axiomen-)Systeme.

Was ich bin, kann ich fühlen, aber nicht wissen; ich kann nicht so viel, so komplex, wissen, wie ich vereinfachend fühle.
Das Gefühl orientiert das Fragen und lokalisiert das Erkannte.

Es gibt die exakt-wissenschaftliche partielle, aber prinzipiell allgemein menschliche, instrumentelle, (kraft transitiver* Relationen zwischen wohldefinierten Elementen) ausbaufähige Erkenntnis einerseits und die immer zeitbedingte, jedoch mehr oder weniger anregend bleibende, geisteswissenschaftliche Kulissenmalerei anderseits. Beides, Vordergrund und Hintergrund, kann zur überwertigen Idee werden.

C'est le provisoire qui dure. Aus der Praxis gewachsene Vereinfachungen und Konzepte haben zunächst einmal ihren Geltungsbereich und damit ihre Trägheit und Zähigkeit: Alles Weitere möge in verantworteter Kontinuität bleiben.
Das hypothetische (wissenschaftliche) Denken kann von der Bedingtheit seiner Konzepte absehen. Die Theorien werden damit "zeitlos", intentionell ungeschichtlich, und sind deshalb blind von Belanglosigkeit bedroht.

Der wissenschaftliche Fortschritt setzt Solidität voraus. In diesem Sinne muß immer möglichst klar sein, unter welchen Voraussetzungen ein Satz gültig ist. (Alle wissenschaftliche Erkenntnis ist nur sehr bedingt und beschränkt gültig.) Für die wissenschaftliche Praxis aber ist gewagte Komplexitätsreduktion nötig. Man kann, als "reiner Wissenschaftler", diese sogar dem Zufall augenblicklicher Machtinteressen überlassen. Der bestmöglichen praktischen Orientierung an der Wahrheit aber dient die Halbwahrheit des Essai.

Zu jedem Erlebnis, das einen beeindruckt, sollte man sich die betroffene Weltsicht ausartikulieren, um es vernünftig einzuarbeiten.

Eine Aussage (Hypothese) ist vraisemblable, ein Ereignis probable.

Die fleckenweise Ausarbeitung einer Intuition, die vieles verknüpft, muß erst zur Ruhe gekommen sein, bevor man auf kritische Distanz geht. Sonst zerfällt die gestaltende Dynamik.

Bei prägnanten Weisheiten kommt es darauf an, wer sie wem wann sagt; sie bedürfen weisen Gebrauchs.

Intuition betrifft die Organisation der unbewußten subconcepts (P. N. Johnson-Laird). Darum kann sie zunächst nur verzerrt bewußt artikuliert werden.

Daß ich etwas so und nicht anders verstehe, ist emotionsbestimmt subkonzeptuell begründet. P. Smolensky redet vom freezing einer Unschlüssigkeitswolke. Deren Kristallisation in diskrete Identifikationen ist Verteilung von Optimismus aufgrund subjektiv gewichteter bedingter Wahrscheinlichkeiten, Entscheidung in der Gefühlswelt (nicht im Ereignisraum)!

P.N. Johnson-Laird[27] zeigt, daß Rückkopplungen mit der äußeren Wirklichkeit die mentale Strukturierung der ererbten unbewußten Primitivbegriffe kontrollieren müssen, um die Wirklichkeit simulieren zu können. Denken ist zunächst Dasein, erst darauf aufbauend Repräsentieren.

Die sich anreichernden, sich klarer hervorhebenden Zusammenhänge im Diskurs einerseits und im fraglichen Sachverhalt anderseits vermitteln die Bedeutung eines Worts.
Eine Regel wird verständlich durch Beispiele und praktisch hinreichend eindeutig erst durch konkrete Übung.
Das prägt die heutige sog. Lerngesellschaft, wo sich aller Kontext und alle Sprache ständig verändern.

Die Dynamik unsrer Wünsche macht uns verstehen und reden.

Betrachtung relativiert das Verstehen in freischwebender Aufmerksamkeit.
Besinnung sucht existentielle Orientierung und präzisiert das Verstehen.

Geglücktes Verstehen, objektbezogenes oder zwischenmenschliches, ist allemal ermutigendes Symbol der Zugehörigkeit und macht dankbar.

Die Seele öffnet sich (anderem), indem sie sich (selbst) entfaltet.

Man kann die Anpassungsleistung eines Ameisenstaates als unbewußte Intelligenz des Kollektivs erklären, die sich selbst organisiert aus minimalen Anpassungsmechanismen der Individuen. Diese wiederum sind durch den Selektionsdruck der Evolution über einer langen Generationenfolge vorangepaßte Eigenschaften der Individuen. Die Evolution baut kaum neu; sie versucht aber immer wieder kleine Umbauten, die manchmal auch höhere Organisation (zB Staatenbildung) tragen, die ihrerseits die Erfolgschancen ihrer Substrukturen erhöht.
Ähnlich funktioniert die unbewußte Intelligenz unseres Körpers, insbesondere des Gehirns.

Begriffsbildung ist Komplexitätsreduktion, provisorische Vereinfachung.

Die Sachverhalte ändern sich. (Zum Beispiel: Universität, Frühling, Sonne, Singen, Natur, Arbeit, Alter.) Für kleinere, fluktuierende Änderungen ist neben dem Substantiv der Satz mit Subjekt und Prädikat vorgesehen.
Auf die Länge aber entwinden sich die Sachverhalte den einst treffenden Worten unbemerkt. Man kann ja nicht alle gesammelte Erfahrung jedesmal neu überprüfen. Die hergebrachten Konnotationen* bleiben also, und man urteilt und entscheidet deshalb spontan falsch aufgrund veraltenden Sprachmaterials.

Darwin hat sich von der Ökonomie (Th. Malthus) inspirieren lassen.

Bewährte Voreinstellungen sind genetisch konserviert als Grundlage für das adaptive Lernen des Individuums. Unsere Natur hat unsere Realität, im Tiefsten sehr hart, immer schon vorverstanden. Das ergibt die “harten Tatsachen”, die man "wissen" kann.

Mit neuen griffigen Stereotypen kann man das Problembewußtsein übertölpeln: Die Energieersparnis durch Vereinfachung ist groß; Fehlerprüfung dagegen ist doppelt aufwendig.
Wer viele Kontakte pflegt, schnappt viel Aktuelles auf, was andere sich schon ein Bißchen überlegt haben, und kann in Debatten damit imponieren – für jeden, der die Komplexität des Problems kennt, schlicht verblüffend.

Lebendige Begriffe sind wolkig aufgrund ihrer Entstehung. Einen unscharfen Rand brauchen auch sie – ebenso wie die genetische Information einer Species. (Man kann sie allerdings definitorisch sterilisieren.) Ein Begriff beruht auf Erfahrung – auch Erfahrung des Denkens – , also auf einer unbestimmten Menge ähnlicher Ereignisse. Diese streuen statistisch in einer unbestimmten Anzahl von Dimensionen. Er ist anpassungsfähig. Er faßt Erfahrung zu einer in seinem Zusammenhang (hinreichend wahrscheinlich) nützlichen Orientierung zusammen.

Das Verhalten orientiert sich an Verdichtung von Wahrscheinlichkeiten sowohl von Ereignisklassen (probabilité, in diesem Sinne redet die Mathematik von Wahrscheinlichkeit) wie von Hypothesen.
Abwägungen zwischen Vermutungen, Ahnungen, Intuitionen spielen, trotz ihrer vorwissenschaftlichen Form, auch in der Wissenschaft die bestimmende Rolle. Ihre Bewertung als wahrscheinlich (i.S.v. vraisemblable) ist von allerlei angebbaren, aber letztlich unergründlich vielen Gründen bestimmt.

Die Innenwelt wird, aufgrund ererbter Erfahrung, vermittels der Außenwelt weiter ausgebaut.

Die hochmobile, moderne Menschheit lernt die Kontextabhängigkeit von Zeichen als Ausgangspunkt des Verstehens.

Nicht nur bekommt das Einzelne jeweils von einem Bezugsrahmen Bedeutung zugewiesen, sondern es kommt schon mit einem eigenen, ihm natürlichen Entwurf eines Bezugsrahmens ins Spiel. Finitum capax infiniti! Die Harmonie ist meist etwas gezwungen und gespannt.

Man strukturiert sein Erleben verschiedenster Sachgebiete erstaunlich ähnlich – das zeigt sich auch in gleichen mathematischen Formalisierungen für verschiedene Wirklichkeitsbereiche.
Die Naturgesetze sind Formen menschlicher Wahrnehmung der Natur. Insofern der Mensch selbst Natur ist, sind sie Naturphänomene.

Wissenschaftliches Verstehen ist ein modular* aufgebautes Relationengebilde aus Einheiten, mit denen man (ausweislich der Gestik beim Erklären) sich identifiziert.
Jeder Wissenschaftler versteht etwas und versteht sich auf die Handhabung benachbarter Module, die er nicht ganz versteht.
Wer etwas versteht, versteht vielleicht falsch, aber er steht dafür ein.

Weltverstehen ist immer auch angeeignete Tradition – auch wo wir Neues entdecken!

Erkenntnis ist zweierlei: Wissen ist statisch, abgegrenzt, Herrschen, Besitz; Verstehen ist offen, dynamisch, Empathie, Haben und Sein.

Naturwissenschaftliche Aloofness freut sich an der Macht des in reflexiver Kommunikation stabilisierten, objektivierten, objektivierbaren Teils der Subjektivität.

Finalität kennzeichnet das Individuum im Replikationszyklus. Sie setzt immer eine zyklische Struktur voraus.

Die Physiker haben uns ein gutes Gewissen dazu gemacht, daß die Koordinaten unseres Denkens nicht orthogonal auf einander stehen und nicht einmal gerade durch den Raum laufen.

Alle einfachen Erklärungen setzen ein stabiles System schlicht voraus, dessen Stabilität eigentlich auch erklärt werden müßte – in aller Regel eine Überforderung.

Exakte Wissenschaft ist Suche nach mathematischen Relationengebilden, mit denen man empirisch gefundene Einzelrelationen zu kohärenten größeren Systemen organisieren kann, auf deren Handhabung man sich versteht (unabhängig davon, ob man das Gehandhabte versteht).

Eingeschliffene Reaktionen können für wohlbestimmte Probleme nützlich sein. Aber erst Verstehen erlaubt nützliche Analogien.

Die Vorliebe des Denkens für Gleichgewichtsmodelle* sucht ausbeutbare Strukturen im fraktalen* Lebensraum; sie schafft solche durch geschickt gewählte Symbole und deren soziale Selbstverstärkung.

Man hat ein weltanschauliches Interesse an den Ergebnissen der Spitzenforschung, obwohl man weiß daß diese immer schnell wieder in andere Richtung weisen. Die Welt ist und bleibt ein offenliegendes Geheimnis.
Wir können den Orientierungshorizont für unser Leben erweitern und unsere Lebenschancen damit verbessern, – aber ohne Sicherheit bleibender Wahrheit; denn wir kennen nicht all die Bedingungen, unter denen allein unsere Erkenntnisse wahr sind.

Das Irrationale setzt sich in jedes rationale Interpretament hinab weiter fort.
(Vgl. etwa die mythische Abgründigkeit des Über-Ich bei Freud, dem passionierten Aufklärer!)

Das ganz Helle und das ganz Dunkle begrenzen unser Blickfeld, und wir sehen nur Oberflächen und nur Umrisse klar.

Die implizite Simplifikation des sog. “Erkennens” setzt der Objekterkenntnis Grenzen. Wir springen zwischen stabilen Assimilationsschemata*.

Man kann sich das Verstehen materiell als Resonanz* von Eindrücken vorstellen. Die Eindrücke treten in Resonanz zu allgemein-menschlichen (beim kleinen Kind statischen, dann dynamischen) Assimilationsschemata, die dabei auch ihrerseits umgeformt und zu sog. Repräsentanzen ausdifferenziert werden.

Gibt es das Kontinuum? Man hat Grund zu zweifeln. Es ist aber jedenfalls ein kognitiv sehr ökonomisches Assimilationsschema.

Auch unsere Ideologien sind Verbrauchsartikel. Sie nutzen sich ab.

Man erfindet Hypothesen und Hypothesensyteme (betr. Invarianten*), wie man Apparate erfindet. Wenn die Hypothese als Erweiterung des natürlichen Verstehens sich bewährt, hat man eine Lösung eines Problems gefunden.

Der menschliche Expansionsdrang geht in alle Richtungen, praktisch in die Breite und symbolisch in die Vertikale. Die Vernunft versucht, durch immer neue “Vertikale” (weitere Dimensionen), für den überschüssigen Expansionsdrang Räume zu schaffen und praktisch zu nutzen.

Will man auch nur eine Sache gründlich verstehen, gelingen nur kleine Schritte. Man gerät meist aus den Binsenwahrheiten schnell ins Dickicht. Wir leben auf engem Raum zwischen unseren Selbstverständlichkeiten und Verwirrung, in Wahr-scheinlichkeiten (im Sinne nicht von probable, sondern von vraisemblable).
Das Wahrscheinliche in diesem Sinne ist Wahrheitssymbol. Es hat mit unserer existenziellen Stimmigkeit zu tun. (Die Probabilität hingegen setzt einen wohldefinierten Rahmen von statistischen Möglichkeiten schon voraus.)

Man redet meist über Sachen, die man nicht ganz versteht. Es ist eine besondere Begabung, herauszufinden, was man trotzdem darüber sagen kann. Wer sich “auf” etwas versteht, vergißt allerdings auch leichter, daß er nicht versteht, worauf er sich versteht.

Auch erfolgreiches Suchen begann nicht immer damit, daß man wußte, was man sucht!
Man bleibt in einer Handlungsfolge stecken, man ist frustriert. Man begehrt, zunächst völlig orientierungslos, eine richtungweisende Anregung; man sucht sie assoziativ in der Nähe der steckengebliebenen Handlungsfolge. Und jetzt erst wird diese genauer auf ihren möglichen Fortgang hin analysiert – und entsprechend bestimmt, was, wo und in welcher Reihenfolge zu suchen ist.

Alternativmedizin oder Quacksalberei? Es gibt vieles, was dem gesunden Menschenverstand widerspricht; aber "celà n'empêche pas d'exister" – wie Jean-Martin Charcot über hysterische Phänomene sagte, die der neurologischen Zusammenhänge spotten. Gerade der gesunde Menschenverstand hält seine Grenzen offen. Der Glaube an das Schon-Wissen ist vom Fortschritt zunehmend eines Besseren belehrt worden; man gesteht sich ein, daß man sich meist vorläufig mit Plausibilitäten begnügen muß. Auch die Kant'sche Kritik war nur eine plausible saubere Konstruktion.

Manche Erkenntnis meldet sich in religiöser Sprache.

Am Rand des Verstehens verstrickt man sich in Widersprüche. Sie bilden den Horizont.

Mathematik ist ein evolutionärer memetisch morphogenetischer Prozeß.
Ein Formalismus ist ein Attraktor in der Memetik.

Wo es interessant wird, wirds erst einmal chaotisch.

“Zufall” ist der Name für die chaotische Grenze unseres Verstehens – “was der Fall ist” (L. Wittgenstein). (Erst nachträglich können wir es als möglich definieren und ihm Wahrscheinlichkeiten zumessen.)

Man nimmt wenig Information auf und ergänzt sie aus Eigenem nach den jeweils angesprochenen Schemata. Dies ist auch schon die Ökonomie der unbewußten Informationsverarbeitung.

Das große Nichtwissen zerlegt sich mit dem Fortschritt der Wissenschaft endlos in offene Einzelfragen.
Die Forschung hat immer mehr zu tun. Da prinzipiell alles mit allem zusammenhängt, vermehren sich die Fragen kombinatorisch!

Auch die mathematische Arbeit beginnt mit Vorverständnissen, die nicht recht zusammenpassen, analogiekräftigen Phänomenen, und arbeitet sich voran, reguliert durch ein Gefühl für die interessierenden Zusammenhänge.

Wir nehmen das Sein zeitlich wahr in Einheiten, umfassenden und umfaßten. Unser erstes Verstehen beseelt diese mit unserer Lust. Wir gehen von einem tiefsten Einverständnis zwischen allem Seienden aus.

Lebewesen müsen sich aufs Leben verstehen, etwas vom Leben verstehen. “Höhere” Lebewesen erforschen das Chaos, untersuchen Sachverhalte und isolieren Gegenstände. Verstehen und verständliche Mitteilung sind zwar strittig, haben aber immer noch hohen Selektionswert.
Verstehen ist Verstehen von Grenzen und ist immer begrenzt. Verstehen will wachsend selbst seine (je neuen) Grenzen finden.

Jedes Verstehen von Wirklichem ist auch deshalb gefährlich, weil es immer (wenngleich meist unbemerkt) nur teilweise versteht.

Das Leben will sich durchsetzen – wie im Sex, so im Verstehen (als einer Teilhabe an der Macht der alles durchflutenden Wahrheit) durch Vertiefung in die fremde Eigenstruktur einer bestimmten Sache. Der Forscher setzt sein Ansehen aufs Spiel im Verfolg einer persönlichen Ahnung im Raum des Wissensgemeingutes.

Die anfängliche neugierige Kenntnisnahme (Assimilation*) von immer neuen Einzeldaten wird bemühend; wenn man der Masse Herr werden und bleiben will, braucht man Ordnungsstrategien, die auch ihrerseits sich anlehnen an die Wirklichkeit. Man bemüht sich also, diese in ihrer Eigenlogik zu verstehen. Das ist die von Piaget* so genannte Akkomodation*. Die (im Grunde identifikatorisch) so entstehenden Objektrepräsentanzen bieten Selbsterweiterungsmöglichkeiten, die weiter führen als egozentrisch an das einzige Selbstschema assimilierte Einzelinformationen.

Erkennen identifiziert Stabiles, Quasistabiles, Dauerhaftes.
Erkennen ist Abstrahieren einer Struktur vom Realen und Symbolisieren.
Erkennen lebt in der Illusion beglückender Ewigkeit.
Erkennen von Dauerhaftem bestätigt das Subjekt als einen Kommunikationspartner, der etwas zu melden hat.

Begriffsbildung ist: Wiederkehr ähnlicher Vollzüge wahrnehmen (Aristoteles, Met. Θ 6, 1048a, 37 : τὸ ἀνάλογον συνορᾶν), schematisieren, symbolisieren, verfügbar machen.

Wenn man mehr verstehen will, als was man praktisch benötigt und theoretisch ahnt, verliert man sich im Unermeßlichen.

“Gesetze” entstehen durch stabile Zusammenhänge. Man versteht ein Gesetz, indem man diese Zusammenhänge versteht.

Naturwissenschaft steht auf brauchbaren Definitionen (wörtlich: Ausgrenzungen). Das sog. Naturgesetz betrifft, was der abendländische Geist in seiner natürlichen Entwicklung, zunehmend einmütig, als Natur aus der Wirklichkeit ausgegrenzt – und in der Neuzeit mit der Wirklichkeit auch verwechselt hat. Heraklit merkte an: φύσις κρύπτεσθαι φιλεῖ / Die Natur verbirgt sich gern (Diels B 123). Man sieht Strukturen, aber man weiß: Das sind nur Teilstrukturen.

Die Mathematik konstruiert widerspruchsfreie Formalismen, an welche sich immer wieder überraschend viel assimilieren läßt.
Die widerspruchsfreien Kerne in unserem Wissen sind mächtig eindrücklich. Sie optimieren die intellektuelle Ökonomie und setzen sich durch in Ausweitungen unseres Handlungsrepertiores. Der Machtzuwachs überblendet den Informationsverlust bei dieser Konzentration. Zunächst warnt nur ein leichtes Unbehagen. Ein unheimliches Gefühl der Verblendung kommt erst auf, wenn schon viel Kultur abgestorben ist. Das ist die Stunde des Obskurantismus, der heute aufblüht; neue Kultur wächst nur langsam nach.
Daß die Mathematik selbst die Augen öffnet für den Abgrund des menschlichen Nichtverstehens, fällt der Ökonomie unseres Ausbildungswesens zum Opfer.

Der Fortschritt der Erkenntnis führt in immer neuartige Bereiche. Forschung ist ein chaotischer Grenzprozeß. Je genauer wir messen, desto größer wird der Gegenstand. Je weiter wir die Forschung treiben, desto mehr Fragen tun sich auf.

Die Selbstdarstellung der Welt im menschlichen Weltbild ist (meist unbemerkt) widersprüchlich-fragmentarisch, zusammengehalten durch ein fundamentales Vorurteil der lebendig immer irgendwie verstehenden Einheit.

“Ich will gar nicht immer verstehen; ich will oft nur, daß etwas funktioniert.” Das ist die naive Rücksichtslosigkeit des Lebens. Das Vernunftwesen hält immer wieder inne und will sich – nicht nur mit den Verhaltensweisen, sondern mit der Eigenstruktur der Dinge vertraut machen, mit ihren Geistern einen Bund schließen. Das hat mit der animistsischen Frömmigkeit zu tun; so aber hat man immer wieder qualitativ Neues mit den Dingen anzufangen gelernt.

Die Humanwissenschaften sind in dem Maße chaotisch, wie sie mit hoch komplexer Symbolik zu tun haben. Das führt immer wieder in Kulturrevolutionen; Spekulationsblasen enden in Zusammenbrüchen.

Die Gesellschaft verlangt bezüglich gemeinsamer Gegenstände Alltagswissen: Man muß die Gegenstände nicht verstehen, man soll sich darauf verstehen.
Die Religion hielt fest, daß man im Grunde nicht ganz versteht. Das war verständig. Nur der Unverstand glaubt, die Grenzen des menschlichen Verstehens zu kennen.

Die Gewohnheit macht es vergessen; aber jeder soll es sich sagen: Ich habe mindestens ein gutes Wunder erlebt: das Wunder, das ich selbst bin. Und ich erlebe es noch! Das “gute Wunder” ist Gottes-Offenbarung, aber Offenbarung des Geheimnisses des Schöpfers im Geschöpf; kein blendendes Licht, sondern milder Schein.
Immer wieder allerdings ist auch eines dem anderen, und somit das Ganze, ein böses Wunder.
Lebenslang scheint das Ganze in uns hinein und bricht unsre eigenste Ganzheit fraktal auf.
Zuletzt wissen wir nichts mehr; der Mund bleibt uns offen. Das ist unser letztes Wort. Das soll man vorher wissen. Aber um entsprechend zu leben, muß man es in lebbares Wissen fassen.

Die Möglichkeit des Wirklichen müssen wir nacherfinden, um das Wirkliche nachzuempfinden.

Zwischen "Bild" (Vorstellung) und Urbild laufen Projektionsbahnen (analog sowohl optischer wie hirnneurologischer Projektion), oft durch “Knoten” tiefgreifend umorganisiert – ein Weg durch eine black box. Das Bild kann immer nur in bestimmter Hinsicht für das Urbild stehen. (Vgl. die Äquivalenz im mathematischen Sinn, die immer durch eine Angabe "modulo" präzisiert werden können muß.) Bilder muß man verstehen, um sie richtig zu brauchen. (Die Abbildung dient jeweils zunächst einem prototypischen Verwendungszusammenhang.)
Die Projektionsbahn, auf der die mentale Abbildung eines Gegenstandes läuft, ist Ergebnis einer langen Testserie, der biologischen Evolution, – zwar bewährt, aber ohne Garantie.
Als Evolutionserwerb, ist die Bahn vom Objekt über das Bild zum Subjekt wesentlich artspezifisch.
Die genetisch geerbte Realitätsorientierung wird ergänzt und korrigiert durch die (schneller anpassungsfähigen) kulturellen Traditionen, – sowohl die naturwüchsigen (hauptsächlich durch die Muttersprache) wie die institutionalisierteren Traditionen in Form von Lehre. Diese wiederum kennt langsamere – und zunehmend auch schnellere, auf wissenschaftlicher Forschung beruhende Anpassungsprozesse.

Aus Erinnerungsspuren von Eindrücken, die das Subjekt in verschiedenen Lebenszusammenhängen bekommen hat und die es zunächst nur mit – und in – jeweils ihrem Zusammenhang primitiv repräsentiert, konstituieren sich unscharf abgegrenzte mentale Repräsentanzen von Gegenständen.
Die Repräsentationen geraten in Verwirrung, wenn die zunächst unverbundenen phänomenalen Zusammenhänge, in denen sie ihre Eindeutigkeit hatten, fusionieren – wie identische Straßennamen in verschiedenen Gemeinden, wenn diese zu Teilen derselben Ortschaft gemacht werden. Erst nach einigen Fehlsteuerungen wird die Unklarheit bemerkt. Jetzt muß das Repräsentationensystem revidiert und präzisiert werden – ein voraussetzungsvoller, schöpferischer Vorgang, der oft erst nach mehreren Versuchen (die neue Schwierigkeiten zur Folge haben) zu einem stabilen Ergebnis führt.

Man muß auch Wahrnehmungen abblenden können; als zweite Natur aber wird das zur Fachidiotie (und in diesem Sinne ist auch der Generalist Fachmann). Dummheit hat auch Vorteile. Schematische Wahrnehmung dient tierischer Spezialisierung und Perfektionierung. Der Mensch aber verdankt seinen phylogenetischen* Erfolg keiner Perfektion, sondern der Vielseitigkeit und Flexibilität.

Man versteht nichts ganz. Man versteht sich auf etwas; man versteht etwas von einer Sache. Verstehen kann man eine Erklärung. Man versteht jemanden, heißt: Man kann sich in ihn einfühlen.

Komplexe oder große Systeme verstehen wir nur je partiell, mit wechselnder Identifikation. Das ist zunehmend gefordert; aber es strapaziert die Einheit der Person[28] und führt zu kompensierenden Bemühungen (Rauchen, Drogen, psychophysische Selbsterfahrung, Meditation alter Selbstsymbole).

Unklarheit ist oft quälend, aber erweist sich endlich als kreativ. Sie wird desto quälender, je näher man der Klarheit kommt.

Mathematik macht Ausschnitte der vieldimensionalen Realität verständlich, indem sie Wirklichkeitsverständnis vereinfachend simuliert. Auch Verstehen ist ein Realitätsausschnitt; auch Mathematik ist selbst Realität. Sie versteht auch sich selbst nicht restlos.

Alles Allgemeine evoziert doch konkrete Vorstellungen. Und alles Konkrete repräsentiert Allgemeines. Die Integration dieses sperrigen Materials ist von unzähligen Zufällen geprägt und deshalb von Mensch zu Mensch unverwechselbar individuell.

Menschliche Erkenntnis ist zunächst dadurch begrenzt, daß Lernen langsam geht und forciertes Lernen anstrengend ist.
Es ist seelisch anstrengend, weil man damit den spontanen Assoziationen, die die Integration des Gelernten in die Person leisten, Gewalt antut. So aber lernt man nicht gut, sondern man lernt sich etwas an. Gewiß, das Anlernen und Einpauken ist älteste schulische Tradition. Und je zahlreicher die Menschen werden, desto lebensnotwendiger wird angelerntes Wissen.
Heute ist Weisheit die Resignation an der Aufgabe, sein Vielwissen zu Erkenntnis und Weisheit zu verarbeiten.

Verstehenwollen ist an sich ein Gottgleich-sein-Wollen, und es wird auch idealisiert. Gleichwohl ist ein Verstehen-Wollen mit Augenmaß förderlich, ist moralische Pflicht und auch sozial geschätzt. Ich soll die Objekte meines Handelns genügend verstehen, um genügend vorauszusehen, was ich durch mein Tun oder Lassen anrichte. Wir verstehen allerdings immer zu wenig, um voll veranwortlich zu leben.

Intuition ist zunächst das Gefühl für reale Zusammenhänge, eine Affizierung des persönlichen Gefühlslebens, sodann deren Niederschlag in Vermutungen.

Wenn man sich mit jemandem identifizieren kann, sagt man: “Ich verstehe ihn.” Man versteht ihn bestenfalls wie sich selbst. Aber wie sehr versteht man sich selbst?

Man klärt, um das Verstehen zu verstehen.

Dankbar, beschenkt von der unendlichen Weite, anerkennen alte Wissenschaftler am äußersten Ufer unseres Wissens einmütig, ehrfürchtig, den sie beschränkenden Horizont.
Das Gewußte ist Symbol des Unendlichen.

Schon die Infinitesimalrechung – das haben ihre Erfinder gespürt und Kant hat es philosophisch zur Geltung gebracht –, spätestens aber die Chaosforschung ist geeignet, die platte Diesseitigkeit aufzulösen, indem sie Grenzen des Verstehens greifbar macht.

Entdeckungsgeschichte:
1. Überraschung: Etwas Unvorhergesehenes ereignet sich.
2. Man stellt fest: Ich hätte das Gegenteil vorausgesagt.
3. Man erfindet eine Erklärungsmöglichkeit (die auch noch Weiteres zu erklären verspricht).
4. Negative Testbefunde grenzen deren Geltungsbereich ein. Man braucht meist noch zusätzliche Erklärungen. Evt. muß man die ursprüngliche Erklärung für das anfängliche Problem ganz fallen lassen. (Für andere Probleme mag sie sich noch als erhellend erweisen.)
5. Für ein bestimmtes Anwendungsgebiet, das das ursprüngliche Problem umfaßt, besteht die neue Hypothese den Test. Man hat etwas verstehen gelernt, sich als vorausblickenden Mitschöpfer besser in die Wirklichkeit eingepaßt.

Warum immer weiter klären? –: Klarheit schafft Koordinierbarkeit und dient der Integration von kognitiven Systemen.

Erst erfindet man, aufgrund beobachteter Zusammenhänge, Beziehungen, mathematische Gegenstände; dann muß man sie studieren. Man studiert ihre Beziehungen im rapide wachsenden Kosmos der Kombinatorik mathematischer Gegenstände.

Um entschieden Handeln zu können muß man, zur Komplexitätsreduktion des Handlungsfeldes, urteilen. Über diesen guten Sinn hinaus, wird Urteilen leicht anmaßlicher Unsinn.

Erfahrung korrigiert. Sie führt durch eine chaotische Ideengeschichte zu dogmatischer Bescheidenheit.

Wenn ich etwas verstanden habe, erkenne ich bald: Das war es noch nicht, was ich eigentlich hatte wissen wollen! Es verliert seine existenzsymbolische Kraft.

Erkenntnis ist eine kleine Umstrukturierung mit erst später erkennbaren Folgen, jeweils ein Schritt in einem realen multiplikativ rekursiven, also chaotischen Prozeß.

Man kann zwei Typen von Begriffen unterscheiden:
natürliche – sowohl weiche, symbolische, wie schärfere, konkrete –, die wir aufgrund unserer Lebenserfahrung gebildet haben,
und formelle Begriffe, die wir durch Reflexion auf unsere Verfahren gebildet haben und die sich in der kognitiven Ökonomie kraft Einfachheit, Rigidität, Kombinierbarkeit durchsetzen. Auf sie baut die Mathematik auf.

Unser Verstehen und Wissen ist und bleibt endlich. Das unbekannte Unverstandene wird nicht weniger, indem man immer mehr Endliches davon subtrahiert. Jede neu entwickelte stabile Denkmöglichkeit ist ihrerseits ein neues Wunder, das mehr Seiten hat, als bei ihrer Entdeckung sichtbar wurden und erhellend wirkten. Sie vermehrt das Unbekannte mit kombinatorischer Gewalt!

Der Begriff "Verstehen" sagt von Hause aus nichts über objektive Erkenntnis. "Er versteht seine Sache", ist ursprünglich ein Rechtsausdruck und bedeutet: Er vertritt sie (vor dem Thing) in überlegener Weise, bis er obsiegt (Kluge/Goetze). Und das ist ein Exempel "gesellschaftlicher Konstitution der Wirklichkeit" (Luckmann/Berger).

Verstehen von Zusammenhängen hilft, sich auf bestimmte Abfolgen einrichten.

Einsichten sind stabile kognitive Gleichgewichtszustände; neue sind anfangs sehr partielle Gleichgewichte, betreffen zunächst einfache kognitive Subsysteme und sind entsprechend störanfällig. Allmählich erst artikulieren sich Bedenken so, daß sie ordentlich in Betracht gezogen werden können und helfen, den Geltungsbereich der neuen Erkenntnis näher zu bestimmen, sie auszubauen und zu stabilisieren.

Man versteht nicht. Man hat höchstens praktisch bewährte Modelle, die man versteht.

Verstehen ist in der Regel nur ein Sich-auf etwas-Verstehen – was man in der Wissenschaft ein Simulationsmodell nennt, mit dem man Möglichkeiten eines Gegenstandes aufgrund seiner Situation voraussehen, also sich mit ihm koordinieren kann. Dies setzt vermutlich Teilidentität zwischen Subjekt und Objekt voraus. Jedes Verstehen ist prekär, immer von plötzlichem Nichtverstehen bedrohtes Glück.

In erster Option sollte man, in allseitigem Interesse, seine Umwelt kooperativ behandeln, d.i. ihr nicht Un-recht tun: Dazu muß man sie verstehen. So wird Verstehen ein verpflichtender Wert. Es wird er idealisiert, Symbol für Harmonie, Einswerden mit der Umwelt. Kulturspezifisch wird der analytische oder der holistische Weg zum Verstehen bevorzugt – Wissen oder Weisheit. Beide sind fehlbar.

Im Interesse der Handlungsrelevanz muß Verstehen hinreichend schnell und einfach sein. Ein paar phylogenetisch ererbte Schemata werden linear extrapoliert. (Auch die Umgangssprache kennt nur "mehr" und "weniger". Schon das "mehr Mehr" der Beschleunigung ist aufgesetzt und angelernt; ein Aristoteles hatte Probleme damit.)

Um Muster (Schmetterlinge) und Laute (Musik) nicht nur wiedererkennen, sondern auch wiedergeben zu können, muß man hinreichend ähnliche eigene Assimilations-Schemata schon haben.
Lernen ist idiosynkratisches Wachstum und Ausdifferenzierung des eigenen Schematismus in dessen Gebrauch.

Die moderne Welt ist vielen zu kompliziert. Die Vereinfachungen der Aufklärung haben enttäuscht. Religion ist wieder modern; aber vor unsern Augen führen Heilslehren zu Kata­strophen. Gesucht: gute Vereinfachungen!

Für die Stochastik ist jedes Item einer kommensurablen Ereignismenge eine neue quasi-räumliche Dimension. Kreativität aber schafft neuartige Dimensionen (wie die Zeit gegenüber dem Raum).

Die vernünftige, lineare Extrapolation verliert sich im Unendlichen; die Suche nach dem Kleinsten muß sich mit Ereigniswahrscheinlichkeiten zufrieden geben; die Umsicht verliert sich in unberechenbarer Unsicherheit.
Heideggers „Lichtung des Seins“ liegt im Wald. Ihr Rand ist unscharf, und die Zivilisation hat auch ein paar Wäldchen darin stehen lassen.

Rationalität ist ein wesentliches Erfordernis der multikulturellen Gesellschaft (römisches Weltreich mít dem römischen Recht, arabisches Großreich, Richelieus französischer, der friederizianische oder Bayerische Staat, moderner Industriestaat, Globalgesellschaft) und hier deshalb auch moralisch gefordert.
Es ist aber schwierig, nicht nur das Leben vernünftig zu leben und zu symbolisieren, sondern es rational nach- und vorzuzeichnen. Der sozial verpflichtende Glaube an die Rationalität produzierte deshalb verheerende ideologische Simplifizierungen mit uniformierenden Gesetzen und alten Korporalen als Schulmeistern, unter denen die Kultur verödete.
Erst Darwin baute den Zufall in die Rationalität des Lebens ein. Heute (nach der bahnbrechenden Leistung des Darwinistsen Richard Dawkins) kann man sagen, daß er die Kreativität der Bescheidenheit entdeckte, die die Gegebenheiten wahrnimmt, sowie die Rationalität von Dankbarkeit und Respekt als Voraussetzungen des menschlichen Zusammenlebens.

Nur mittelbar verstehen wir das Unmittelbare; dieses transzendiert unser jeweiliges Verstehen.

Jeder Mensch hat seinen Vogel. Und den braucht er zum Verständnis für die Vögel der anderen.

Das astronomische Dreikörperproblem zeigt die (auch für die Humanwissenschaften geltende) Schwäche linear (etwa in statistischen Korrelationen) begründeter Prognosen.

In der Verständigung suchen Menschen hinreichend genaue gemeinsame Vereinfachungen für den fraglichen Sachverhalt. Moderne Menschen suchen gemeinsame logisch bearbeitbare Modelle. Das ist aber eine verengende Wahrnehmungseinstellung.
Jeder Sachverhalt ist unvorstellbar kompliziert und oft empathisch verzerrender Verständigung leichter zugänglich. Damit aber ist man logisch auf das präoperative Niveau verwiesen. Das hat freilich auch seine großen Gefahren.

Unsere Erkenntnis schreitet epochal, in einem Wechsel zwischen kosmos und Chaos fort.

Im interdisziplinären Gespräch ist der spezifische Beitrag eines Fachmannes Impuls für einen spezifischen Beitrag von seiten eines Vertreters eines andern Fachs. Die Einheit der Wissenschaften ist nicht auf der Ebene der Wissenschaft, sondern auf der Ebene der Persönlichkeit zu finden. (Richard Schaeffler)

Den Rahmen unseres Weltverständnisses bildet der mild chaotische Zufall, Emergenzen, Umstrukturierungen. Meme haben in der Evolution des Lebens die Führung übernommen; als nächste mögen Bakterien und Viren kommen. Man kann aus der Geschichte bestenfalls kurze Prognosen mit enttäuschend niedriger Wahrscheinlichkeit ableiten.

Man versteht etwas von etwas; aber man kennt dessen Tragfähigkeit nicht.

Das Erstaunlichste ist nach Einstein, dass wir überhaupt etwas verstehen. Aber wir verstehen ja gar nichts; wir verstehen uns nur (bedingt!) auf etwas! Verstehen ist, genau genommen, eine mindestens 4-stellige Relation (Subjekt, Objekt, Umwelt, Begriff), unüberblickbar!

Das Leben führt uns in Fragen, deren Beantwortungen uns neu fragen lassen. Das ist die schmerzliche Sterblichkeit des lebendigen Verstehens.

Das Schmerzliche an den Grenzen des gesunden Menschenverstandes ist, dass sie nicht kategorial, sondern zunächst quantitativ sind. Der Verstand läuft sich tot; „das Unendliche“ ist eine euphemistische Vergegenständlichung!
Einstein wollte sich mit der „Unvollständigkeit“ der Quantenphysik nicht abfinden. Aber er suchte bis zuletzt vergeblich.

Jede Erkenntnis erweitert den Lebensraum um neue Dimensionen.

Strukturen entstehen im Chaos unvorhersehbar. Im Verstehen „finden sich“ verstehende und verstandene Struktur.

Wir brauchen Unsresgleichen, um unsre Subjektivität zu relativieren und zu kontrollieren. Je weiter ins Unangenehme hinaus wir unsere Ähnlichkeiten wahrnehmen und bedenken, desto umsichtiger, weiser, gebildeter werden wir. So kam Freud auf seine Ideen, die das menschliche Selbstbewußtsein kränkten. (C. G. Jung sagte, den eigenen Schatten bekomme man von den Mitmenschen gespiegelt.) Es geht aber über die Menschheit hinaus; so kam Darwin auf seine den Menschen kränkenden Ideen.

Konkret bedeutet jede quantitative Änderung in einer Dimension eine qualitative Änderung in anderen – die wir gerade unwesentlich finden. Wir gliedern die Welt nach unsern Bedürfnissen.

Wie die klassisch-griechische σοφία, ist auch die hebräische חָכְמָה ursprünglich praktische Kompetenz. Diese aber wird – hier wie dort – dialektisch: „Ich weiß, daß ich nicht weiß“ (nach Plato, Apologie 21 b). Die „Liebe zur Weisheit“ (die Philosophie) sublimierte den Begriff; sie ist der Abstand zu der Praxis, in die man involviert ist, der zu umsichtiger, dauerhaft guter Praxis nötig ist.

Wir be-greifen und handhaben die Welt, ohne sie zu verstehen.

Wissen

Die Eleaten behaupteten die Identität als das wahre Sein gegenüber dem unwahren Schein.
Heraklit wurde dialektisch, weil er, wie die Eleaten, in der binären Logik verblieb. Ihm fehlte die Kategorie des Ungefähr. Die empirische Wissenschaft aber setzt diese voraus.

Wir leben sozusagen doppelschichtig: wissend (metonymisch) und (metaphorisch) weitere Dimensionen ahnend.

Genauigkeit, logische Transitivität, „Ewigkeit“ kennzeichnen die einfachsten, energetisch ökonomischsten, deshalb stabilsten Assimilationsschemata.

Halbbildung ist im Durchschnitt wohl ungefähr ebenso gefährlich wie Unbildung. Wir sollen trotzdem die uns beschiedenen Einsichten – wie beschränkt auch immer sie sein mögen – in Bescheidenheit dankbar genießen. Das wäre bildungsfähige Halbbildung, die Prestige verdient.

Nicht nur sehen wir beschränkt, sondern wir runden unsere beschränkten Wahrnehmungen spontan jeweils ab zu einem Ganzen. So wissen wir um unsre Beschränktheit nur abstrakt und phantastisch-symbolisch.

Wissen kann schaden, Weisheit nicht.

Das Prinzip des zureichenden Grundes ist ein idealer Rahmen für Forschung, den unendlichen Regress des „Warum?“.
Determinismus aber ist nur ein unerfülltes Versprechen. Das „naturwissenschaftliche Weltbild“ ist, genauer betrachtet, ein Rattenkönig von black boxes! Das Erkannte, sowohl causatum wie causa, ist immer ein willkürlicher Ausschnitt der Wirklichkeit.
Bei den relativ einfachen Gegenständen der Naturwissenschaften lag (und liegt noch heute) szientifischer Optimismus allerdings näher als in den Humanwissenschaften.

Heideggers Qualifizierung der empirischen Wissenschaft als „Fassadenkletterei“ zielt auf das zweckdienlich-beschränkte Manipulieren von Unverstandenem.

Zählen ist Identifizieren von gleichartigem Verschiedenem. Die Einheit wird durch Einheiten repräsentiert.
Die Besinnung auf das Gemeinsame in allem kultiviert, im Wechsel mit dem unterscheidenden Denken, den unverzichtbaren vereinenden narzißtischen Boden.

Ich soll, in Glück und Verzweiflung, wissen: Mein letztes Wort ist nicht das letzte Wort – nicht einmal für mich selbst.

Forschung formuliert Probleme um. Sie führt das Fragliche auf Selbstverständliches und neues Fragliches zurück. Erweiterung der Erkenntnis zeigt die Bedingtheiten des Selbstverständlichen.

Wer das Wesentliche zu wissen meint, betrügt sich selbst. Wollen wir uns nicht selbst aufgeben, müssen wir im Halbdunkel den Tonus, die gespannte Erwartung des menschlichen Lebens durchhalten. Paulus: "Wir sehen jetzt durch einen Spiegel in einem dunklen Wort." (1Kor 13,12)

Definieren ("Was ist ein Pferd?") ist Einordnen, also sinnvoll nur in einem gegebenen Zusammenhang. Wenn Kinder in der Schule definieren lernen, geben sie komische Antworten, weil sie naiv ihren subjektiven Zusammenhang voraussetzen, ­– so wie auch der Lehrer den seinen, nämlich den schulisch tradierten, meist undeklariert und ungeklärt für objektiv hält. Dieser ist aber "objektiv" nur im Sinne von: kommunikativ breit bewährt, sozusagen traditionsfest.

Das berechenbare Weltgeschehen ist bedingt durchs Unberechenbare.

Wie alle Forschung, ist auch Gotteslehre ein chaotischer Prozeß mit fraktalem Ergebnis; rekursives Transzendieren des jeweils schon Angeeigneten.

Hoffnung beläd Theorien mit einem Engagement, das deren Entwicklung zugute kommt; Angst überfordert sie.

In den empirischen Wissenschaften nennt man eine quantitative Analyse, die Rational-und Intervallskalen (unter Verzicht auf unvollständige, nicht sicher interpretierbare Informationen) nur ordinal ("größer, gleich oder kleiner") auswertet, gelegentlich "qualitativ". Hier sind von den quantitativen Relationen nur die dürftigsten eindimensionalen Ordnungsrelationen und Rangkorrelationen übrig gelassen. In diesem Sinne "qualitative" Feststellungen können zur Grob-Kontrolle von Vorverständnissen dienen.
In geisteswissenschaftlicher Terminologie ist eine "qualitative" Aussage informationsreicher als eine quantitative. Sie mag richtig oder falsch sein und es mag nur "etwas Wahres dran sein", – immer geht es hier um mehrdimensionale Strukturen dynamischer, oft hoch komplexer Systeme; ungenaue, aber höchst informationshaltige Aussagen. Ihr volles Verständnis allerdings, sowie verständiger Umgang damit, setzen Bildung und Intuition voraus. Flachköpfe können damit weniger anfangen als mit den präzisen, strukturell dürftigen sog. "qualitativen" Aussagen der empirischen Wissenschaften.

Suchen, recherche/research, Forschung ist ein Lebensvorgang, und zwar ein chaotischer: eine prinzipiell zwangsläufige, aber unberechenbare Folge von Ausdifferenzierungen und Vereinfachungen mit den Extremformen Scholastik (kollektive Wissensmasse, der immer weniger Einzelne gewachsen sind) und Versimpelung bis hin zu barbarischem Mißbrauch des Überlieferten.

Forschung ist auch Arbeit, aber hauptsächlich Besinnung. Didaktische Besinnung auf die Fachsymbolik stellt zentrale Fragen an die zünftige Forschung.

Je weniger man versteht, desto mehr muß man wissen.

Naturgesetze sind Aspekte des Weltbezugs der Menschheit. Solche relativ einfachen, stabilen Ordnungen entstehen aufgrund unserer hochkomplexen Einpassung in die Umwelt, als sehr eigenartige, mentale Abbildungen. Wir kennen aber natürlich keine Gründe, ihre Entstehung für wahrscheinlich genug zu halten.

Der Zeithorizont der Politik ist kürzer als der der Wissenschaft. Wissenschaftliche Leistung ist mit augenblicklicher Anerkennung gerade dann nicht hoch korreliert, wenn man die bahnbrechenden Leistungen gebührend hoch gewichtet.

Wissenschaft beantwortet nicht, sondern formuliert existenzielle Fragen um, indem sie diese mit neutralisierten Selbstverständlichkeiten in Zusammenhang bringt. Die Zusammenhänge sind möglichst selbstverständlich, existenzieller Verantwortung unbedürftig, niedrigdimensional, einfach, prägnant, stabil in der Kommunikation, diskutierbar und kontrollierbar. Darüber wird das selbstverständliche Erklärende selbst erstaunlich.

Bei aller Wissenschaft bleiben wir ungesichert, auf Ahnungen, Vermutungen und Traditionen angewiesen.

Um zu einer neuen Erkenntnis durchzubrechen, muß man oft lange mit der Belastung einer bewußten Unklarheit leben.

Die höhere Schule führt, auf dem Wege über anerkannte Ergebnisse, an die Wissenschaft heran. Die Vermittlung geschieht hier durch Nichtwissenschaftler, die ein – bezüglich solcher Ergebnisse standardisiertes – Examen bestanden haben. In Lehrerausbildung und Schule werden subkulturelle Konstrukte gesellschaftlich als Wirklichkeit konstitutiert.
Kritische Distanz des gesunden Menschenverstandes hierzu hat Rückhalt in der Wissenschaft selbst.

Das Postulat, das die romantischen Philosophen noch in Form irriger Behauptungen vorbrachten, erwies sich erst im zwanzigsten Jahrhundert als richtig: Die exakte Wissenschaft wurde paradox!
1. Relativierung des naiven Bezugsrahmens durch Einsteins Interpretation der Maximalgeschwindigkeit des Lichts.
2. Relativierung der Tatsachen als Beobachtungswahrscheinlichkeiten (Max Born). (Zwei Juden!)

Formeln mit wohlunterschiedenen Konstanten und Variablen können wirkliches Geschehen nur approximativ abbilden. Sie folgen unserer natürlichen Sprachlogik, und diese entspricht weitgehend dem, was wir lebenspraktisch als „Natur“ der „Dinge“ verstehen.

Das Kontinuum ist, wie die Linearität, ein – Information komprimierendes – Modell.
Unsere Welt ist kein Kontinuum, sondern eine Folge kontingenter Ereignisse, die wir uns als Kontinuum vorstellen. Das ist ein denk-ökonomischer Kunstgriff – trotz der vorprogrammierten Fehlprognosen evolutionär bestechend erfolgreich!
Bei Fehlinformation infolge der Kompression muss dann “Kontingenzbewältigung“ geleistet werden. Der naturwüchsige Glaube an das Modell wird durch einen religiösen Glauben korrigiert. Wahre Skepsis bedarf dieser Korrektur nicht; sie erlebt alles – religiös oder nicht – als kontingent.

Wissenschaft entdeckt und entwickelt rationale Strukturen unsrer kollektiven Subjektivität.

Wir sind umgeben von anderem, das uns letztlich überwältigen wird. Dieses Andere (in Teilen oder als Ganzes) zu personalisieren (sich ein wenig damit identifizieren), war und ist heuristisch erfolgreich; denn unsresgleichen ist weitgehend aus denselben Materialien und Mechanismen aufgebaut wie die Umwelt. (Weiteren Erkenntnisfortschritt bringt dann die Desidentifikation.)
Wir verstehen zwar mit der Zeit immer mehr vom unendlich großen Anderen. Aber das so erarbeitete Modell, das wir verstehen, ist eo ipso nicht mehr das große Andere. Der Wirklichkeitsbezug auch der Wissenschaft ist und bleibt prekär.

Das Gewusste ist, existenziell pars pro toto, als Sicherheit wichtig! Unabhängig von der offenen erkenntnistheoretischen Frage, bestimmt unser objektivierendes Wissen das „Hier“ unsres Daseins.

Wir müssen uns bescheiden, zu glauben statt zu wissen. Glaube ist hellhörig und nachdenklich.
Die terminologische Einengung des „Glaubens“ auf separat institutierte Religion ist unweise.

Der in Jesus offenbarte Gott wird als Wundermacht erlebt, die das vergöttlichte Gesetz überbietet.

„Strukturenrealismus“ ist Platonismus (Unsterblichkeit eines Seelenteils).
„Wesentlich“ nennen wir die Strukturgleichheiten zwischen unsrer Vorstellung und der äußeren Realität, auf denen beruht, was wir als Notwendigkeit empfinden.

Der Ereignis-Charakter unsrer Erkenntnis, der in der Quantenphysik so wichtig ist, ist auch für unsre Existenz-Symbolik entscheidend.

Dass der menschliche Geist in seiner eigenartigen Evolution immer wieder noch etwas von der Natur fassen und partiell brauchbar nachbilden kann, ist vom Zufall gezeichnet.

Spezifische Bedingungen stabiler Wiederholbarkeit zeichnen besondere Erlebniswelten aus. Man bringt diese praktisch zusammen, auch wenn man erst wenig von ihrem Zusammenhang versteht.

Die exakten Wissenschaften werden instrumentell banalisiert und kommerzialisiert. Sie führen aber, durch (gewiß nützliches) Modellwissen, schrittweise an die Grenzen der „gesellschaftlich konstituierten Wirklichkeit“ (Berger/Luckmann) und haben dadurch Bildungswert als Schule der „Weisheit“ im höchsten Sinne! (Sowohl für die hebräische wie für die griechische Antike war „Weisheit“ zuhöchst resignativ, aber zunächst: praktische Kompetenz!)

„Wir sehen jetzt durch einen Spiegel in einem dunklen Wort“ (Kor 13,12).
Relativierung der φαινόμενα schaffte den Pyrrhonisten Seelenruhe.

Alltagswissen besteht aus sozialen und memetischen Verklumpungen. Sie bilden lokale energetische Minima in der Geschichte der Symbolik.

Berechenbarkeit ist ein Wunder.

Baumstruktur ist Hierarchie, Herrschaftsstruktur. Das klassisch disponierte wissenschaftliche Buch bietet Herrschaftswissen. Wer es gelesen hat, sieht klar und beherrscht ein Gebiet, auch wenn dieses zunächst nur gedacht – und real so klar gar nicht ist.

Das Bewußtsein ist eine schwimmende Insel von Ordnung auf dem Chaos.

Zwangsläufigkeiten Verstehen ist Zufall.
Evolution: Unverstandenes → Zufall → Leben → Sprache → Logik → scientia vom Faktischen.

Die staatliche Gewalt soll Integrationshilfe leisten, Kooperationsmöglichkeiten, Koordination und Orientierung optimieren. In diesem Sinne sucht sie, die Berufsbilder und Ausbildungsgänge, die sich in der Gesellschaft entwickeln, justiziabel zu stereotypieren.
Angesichts der mancherlei insbesondere von der Jugend als fragwürdig empfundenen, augenblicklichen Gegebenheiten, ist Wissenschaft ein Hinterfragen, gewagtes Forschen und Erfinden, Konzeption und Entwickeln von allerlei alternativen Möglichkeiten. Sie ist ein mild chaotischer Prozess.
Eingriffe von außen haben da oft paradoxe Wirkung; denn die Chaotik von Wirtschaft und Politik ist wilder.

In die fluktuierende „Meinung“ über das fluktuierende Sein fließt mehr lebenswichtige Information ein als in das Wissen (Peter Ptassek nach Aristoteles’ Rhetorik).

Es gibt, neben sicherem Modellwissen, ein sozial stabilisiertes, bestmögliches, den handelnden Menschen sittlich verpflichtendes Wissen. Gleichgültigkeit hiergegen kann unverantwortlich und sträflich sein!
Skepsis aber weiß von der Wirklichkeit, die auch von diesem bestmöglichen Wissen verdeckt wird. Sie ermöglicht oft wertvolle und schwer mitteilbare Entdeckungen. Sie enthebt das selbständig denkende Subjekt nicht der Rechenschaft; sie ist Gewissenssache, existenziell verbindlich zu verantworten.

Ordnung, Wahrscheinlichkeit, Kosmos und Chaos

„Es sind die einmaligen Gelegenheiten, denen wir nicht widerstehen können, bei allen andern wären wir vorsichtig.“ (Dirk Baecker, in Erinnerung an Herman Melvilles Confidence-Man, 1857)

Der Mensch mitsamt seiner Kultur ist ein Naturphänomen, deshalb chaotisch. Früher sprach man – im Horizont des Glaubens an die schöne Ordnung eines status integritatis – von natura corrupta und Erbsünde.

Leben braucht und schafft sich immer wieder langen Frieden (wenig Gewalt) und kurzen Krieg (viel Gewalt), Wachstum und Katastrophe.
Friede ist unbefriedigende Verständigung; Krieg ist unbefriedigende Gewalt.

"Kosmos*", schöne, faßliche, vorgegebene Ordnung als Rahmen, war eine naiv reifizierende* pythagoreische Komplexitätsreduktion. Ordnungswidrigkeit ist danach ein Akzidens.
Ordnung ist aber nur dadurch ausgezeichnet, daß wir nur sie verstehen können!

Die Welt der Lutherbibel war unser letzter göttlicher, parentaler* Kosmos. Es folgte eine Reihe säkularer Objektwelten der Vernunft des menschlichen Subjekts. Heute herrscht das Paradigma eines parentalen Chaos.

Das Wetter beruht auf erheblich gleichförmigeren Elementen als Kultur und Gesellschaft. Diese sind deshalb chaotischere Prozesse.

Das deterministische Chaos ist nur erkenntniskritisch, nur kategorial interessant. Empirisch ist nur das stochastische Chaos interessant.

Im Chaos bilden sich Attraktoren. Qualitativ Neues, Unvorhersehbares entsteht.

Zufall ist per definitionem „was der Fall ist“ auch ohne, daß wir es verstünden.

Der Zufall macht das Leben zu einem Feld des Ärgers und des Humors. Die Notwendigkeit ist der Ort des Ernstes. Hier ist die Streubreite des Zufalls eingeengt; es gibt nur noch eine Alterntive: Volentem fata ducunt, nolentem trahunt. Wer sich einer Notwendigkeit fügt, mag sich ärgern, kann aber seinen Humor behalten, der frei mit der Notwendigkeit spielt.

Schon Gott hatte die Schöpfung postmodern organisiert.

Zufall ist eine Ordnungswidrigkeit. Ordnung ist ein Zufallsergebnis.

Selten trifft das Wahrscheinlichste ein; aber all die anderen Möglichkeiten eben noch seltener!

Das Chaos ist eine Menge in verschiedener Weise ordnender Einheiten.

Nach dem Strukturalismus wurde René Thoms Katastrophentheorie Mode. Auf derselben Linie lag das öffentliche Interesse an der Chaos-Theorie.

Wo es Goethe ernst* ist, findet man bei ihm eine Selbstironie ohne alles Kichern.
– Schon das frühe Gedicht mit seinem Hohn auf Gott und Frömmigkeit artikuliert Hochmut vor dem Fall[29] (überschrieben "Prometheus"!);
– das Ideal der autonomen Persönlichkeit[30] mit dem folgenden: "Kann wohl sein! so wird gemeinet...";
– das herrliche Ja zum Leben im Türmerlied (Faust II, 11288ff.) mit dem folgenden "greulichen Entsetzen" (das der Zuschauer nur teilen kann);
– der Faust, der mit Blindheit bezahlt, daß er die Sorge in den Wind schlägt (11493ff);
– der höchste Augenblick (11586) auf dem Boden eines Irrtums (11541ff)!
Das ist klassische Distanz-Balance[31].

Nur demütigende Enttäuschung führt zu Ermäßigung des geistigen Anspruchs auf die globale Wahrheit hinunter zur körperlichen Bedingtheit des Denkens und Phantasierens.

Jeder hat seinen eigenen kosmos-Entwurf, in dessen Bezugsrahmen er auch schuldig werden kann. Er wird dies nicht wollen, aber durch die Teilnahme am Leben in der gemeinsamen Welt wird er auch in seinem eigenen kosmos schuldig werden.
Schuldigsein war das Zentralproblem des Subjekts, als die Welt eine Ordnung hatte, der man einfach gehorchen sollte.

Das Glück ist nicht, wie die bürgerliche Ideologie will, normalverteilt*. Die Größe des Glücks ist umgekehrt proportional zur Häufigkeit der Betroffenen, “1/f-verteilt”, wirklich „Glückssache“.
Auf Normalverteilung kann man sich einstellen; man kann sich und andere sogar hierzu verpflichten. Sie ist lebenswichtig, aber überall nur eine voraussetzungsvolle, lokale Erscheinung.
Die bürgerliche Moral weiß das. Sie entspricht diesem Wissen in der Religion. Aber sie leugnet es im Interesse der bürgerlichen Ordnung, so weit es geht. (Die Massenarbeitslosigkeit allerdings weicht die herrschende Ideologie und Moral auf.)

Nicht nur frißt das Leben Löcher lokaler Ordnung ins Chaos; das Chaos seinerseits frißt Löcher in die Ordnungen.

Aperiodische Zyklen (ruhige vs. unruhige, ereignisarme vs. “große Zeiten”) sind nach Mandelbrot typisch chaotisch.

In φύσις und κόσμος, klassisch-griechisch (und überhaupt im Sinne der meisten Kulturen) verstanden, herrscht die Normalverteilung. Alles hat seine Normalgestalt mit geringen Abweichungen. Medio tutissimus ibis.
Große, seltene Abweichungen sind numinos, apokalyptisch, chaotisch. Es gab Götter, die mehr Ordnungsgötter, und solche, die mehr Eingreifgötter waren.
Man sucht in der globalen unendlichen Streuung* der “wilden Zufälligkeit” eine lokal endlich gestreute, eine lebbare Normalität. Das heißt ἦθος = Sitte (wörtlich: Wohnstatt!) – Aristoteles (Eud. Eth. B 2, 1220a/b) leitet es von ἔθος = Gewohnheit ab.

Chaos ist ebenso wenig objektive Realität wie kosmos. Auch Chaos ist ein Assimilationsschema, ein Paradigma, ein „Ordnungs“-schema, an das begrenzte Beobachtung assimiliert wird.

In der traditionellen pauschalen Antithese zwischen Kosmos und Chaos bezeichnet “Kosmos”: Normalität im Sinn der Normalverteilung mit endlichem Mittelwert und endlicher Streuung.

Ausgerechnet in dem, was die Menschen machen, wird das Chaos am wildesten (wie Mandelbrot festgestellt hat): in den Kursbewegungen an der Börse!

Keine Sozialordnung, überhaupt keine reale Ordnung ohne Unterdrückung. Beschämung ist ein Instrument der Unterdrückung. Unterdrückung provoziert Wut und Rachephantasien – zunächst nur subliminal, aber unberechenbar. Kränkungsgeschichten laufen oft aus in einen wild chaotischen Schlagabtausch, der sich in Schüben über Jahrhunderte erstrecken kann.

Vorsicht schützt Gleichgewicht gegen kurz- und mittelfristig drohende mittlere Störungen. Das führt zu Epochenbildung und selteneren, aber schneller sich zusammenbrauenden Katastrophen. Paradoxer-, tragischerweise steilt sie die “Wildheit” der Verteilung auf!
In Epochen mit gleichförmigen Störungen entwickeln sich Hochkulturen, große übersichtliche Systeme von Kooperation und Identifikation.

Im Chaos gibt es Hoffnung auf Rettung nur aus jenem imaginären Jenseits, auf das die Existenzsymbolik verweist.

Jede Weiterentwicklung bringt zunächst unübersehbare Risiken; glückliche flankierende Maßnahmen aber können die Stabilität der Höheren Stufe gegenüber vielerlei Störungen sogar erhöhen. Das System muß komplexer werden.

Schon Platos chaotische ὕλη=materia war schlicht überkomplex.

"Tiere quälen, ... das ist freilich angenehmer..." (Wilhelm Busch, Max und Moritz). Das mörderische Potential des "Unbehagens in der Kultur" manifestiert sich. Es geht um Vernichtung fremden Autonomie-Potentials oder dessen Beherrschung.
Der Sadismus will es höchstens miniaturisiert als sein Spielmaterial "nutzen" und daran seine Lust haben. In natürlicher Größe bedeutet es allerdings eine unberechenbare Gefahr; aber man kann, in realitätsangepaßten Kompromissen, normalerweise damit leben. Hinter dem Sadismus steht die Angst vor dem eigenen Autonomie-Potential, vor einem Chaos, in dem man unterzugehen droht. In äußeren Handlungen unterwirft man sich symbolisch das innere Chaos.

Auch das "Chaos" der Philosophen ist schon (im defizienten Modus) verstandene Wirklichkeit; kein factum brutum, sondern bereits an das Schema Ordnung assimiliert. Erst recht gilt das vom skalierenden, mathematischen „Chaos“.

Der κόσμος des klassisch abendländischen Weltbildes ist, als unser „Kosmos“, heute zum Inbegriff des Chaos geworden.

Ordnung ist zu verstehen von der Koordination her, deren Ergebnis sie ist.

Die Emergenz von Strukturen setzt jeweils ein (ex post bestimmbares) bestimmtes vorstrukturiertes Material voraus.

Unabsehbar alternierende weltanschauliche Einbettungen: Chaos – Ordnung – Chaos ..., Erde im mörderischen Weltall; unbekannter schöpferischer Hintergrund.

Die Natur ist chaotisch sowohl im Rahmen des Geordneten (im Platonischen Sinne: "Normalen"), also im überformten Kleinen, wie darüber hinaus im größeren Umfeld. Man darf eine unabsehbar alternierende Reihe vermuten.

Mit der Suspendierung des kosmos-Paradigmas wird der Bezugsrahmen des Norm-, Schuld- und Sündenverständnisses suspendiert.

Chaos ist Rahmenbedingung, nicht nur Störung wirklicher Ordnung.

Die Gerechtigkeitsfrage gehört ins kosmos-Paradigma, das keine Kreativität kennt.

Zufall ist äußerer Einfluß ohne vorherige Abstimmung.

Die statistische Mechanik bezieht sich auf strukturell einfache Systeme und kann hier Äquivalenzklassen gleichwahrscheinlicher Mikro-Zustände voraussetzen. Wendet man sie auf andere, unergründet komplexe Systeme an, so hat sie nicht mehr die Stringenz der Wahrscheinlichkeitstheorie für sich. In Biologie, Soziologie und Kosmologie kann sie für angemessene Fragestellungen nur Teilaspekte und Gesichtspunkte liefern.

Das Skalieren chaotischer Verteilungen ist Folge der Informationsarmut der Rekursion.

Als “Zufall” bezeichnen wir, was wir nicht begründen können.

Hegels System ist auch fraktal; aber zu deterministisch, um realistisch zu sein. Gotteslehre ist per definitionem für uns unvorhersehbar.

Die Evolution der Welt findet am Rand des Chaos statt.

Auch Gerechtigkeit und Güte sind chaotische Begriffsbildungen, endend in der Unendlichkeit Gottes, wie alle Tugenden und Laster. Sie werden nur eindeutig, wenn der gesunde Menschenverstand den Reflexionsprozeß anhält.
Der gesunde Menschenverstand bremst den n-dimensional modellierten Reflexionsprozeß aus. Das ist ein kontrollierender (störender) Eingriff aus höherer Dimension. Aus noch höherer Dimension aber wird die so gewonnene Normalität zurück ins Chaos gerissen.

Realisierung eines Ideals ist ein chaotischer Prozeß.

Chaos heißt: vorhersehbar nur mit exponentiell wachsender Unsicherheit.

Strukturen sparen Energie, indem sie Entscheidungen vereinfachen. Auch Zeichensysteme sind solche Strukturen. Sie bilden die Wirklichkeit ab. Modelle dürfen verzerren, wenn sie wenigstens mehr richtig sind als falsch. Die (etwas chaotische) Arbeit mit mehreren Modellen erhöht die Erfolgsquote.

Wahrscheinlichkeit ist gefühlsmäßig ordinal quantifiziert, und das Gefühl verrechnet Daten aus vielen Dimensionen.
Sie ist nur unter künstlichen Umständen „quantifizierbar“ im Sinne einer Verhältnisskala. Der Ereignisraum, dem in der wissenschaftlichen Praxis die Wahrscheinlichkeit p = 1 zugemessen wird, ist in der Regel ein ausgegrenzter Modellraum vollständiger Disjunktionen. Das verlangt meist eine gewalttätige Simplifikation der Problemlage!

Im Chaos wird man immer wieder überrascht und ist aufgefordert zu eigener Kreativität.

Der „Bruch“, die „Gebrochenheit“, das Thema der dialektischen Theologie, ist eine Manifestation der Chaotik zwischen dem Imaginären und der Symbolischen, – der Anfang vom Ende des kosmos-Denkens in der Theologie (mit Rückfall in „Die Kirchliche Dogmatik“).

Näher am Rande herrscht zunehmend Zufall.

Im Unendlichen semper proficisci ist – das ist unser (­milde enttäuschendes) Bewegungsgesetz.

Organisieren und In-den-Tag-hinein-Leben sind zwei komplementäre Daseinsweisen. Sie müssen alternieren und können in Rollenverteilung gelebt werden.

Ich habe den Krieg als Kind miterlebt. Ich gehörte dann aber zu den „weißen Jahrgängen“, die nie beim Militär waren. So habe ich an der mörderischen Seite der eigenen Gesellschaft als eigener Existenzbedingung vorbei leben können.
Das Phänomen der massenhaften Selbstmordattentate fordert neue Aufmerksamkeit für die mörderische Seite der Menschlichkeit.
Ich denke so viel thematisch über Chaotik nach, weil ich im Grunde wohl zu normalitätszentriert denke.

Je mehr man sein Gesichtsfeld auf die eigene Insel von Ordnung einengt, desto weniger lebt man. Man lebt borniert „fleischlich“ (wie das Mittelalter sagte).
Das Evangelium ermutigt uns, unter uns zu blicken in das Zurückgebliebene, Steckengebliebene, Absterbende und Ausgestorbene, die Aussichtslosigkeiten, aus denen wir hervorgegangen sind. In der Nachfolge Jesu sollen wir mehr sehen von der bescheiden raumgebenden Wundermacht Gottes, die uns hervorgebracht hat und weiter arbeitet. Hier sollen wir Vertrauen, Hoffnung auf den ewigen Grund des gegenwärtigen Geschehens und Geduld lernen. Diese Verheißung liegt auch auf der Arbeit mit Behinderten – und endlich auch auf dem Weg unseres eigenen Verfalls.
Unsere Symbolik kultiviert auch unser Imaginäres. Schmerz und Angst können uns überwältigen; die religiöse Überlieferung verheißt uns für diesen Fall letzte Zuflucht im imaginären Ewigen. (Von Wahn ist erst zu reden, wenn es hier zu Fixierungen kommt.)

Der Begriff kosmos (als creatum, creatura, das Gegebene, allgemein erkennbare, anzuerkennende) globalisiert eine lokale Stabilität. Dieses Assimila­tionsschema hat durch den beschleunigten Wandel unsrer Lebenswelt seine Evidenz eingebüßt. In der creatio continua hat der deus semper actuosus uns schon als mitverantwortliche Subjekte eingesetzt.

Zielorientierung strukturiert. Sie ordnet mehr oder weniger rücksichtslos – und schafft damit systemexterne Unordnung.

Die Dynamik der Assimilation schafft Ordnung; sie begnügt sich mit dem Ungefähr; sie nimmt Ähnlichkeiten wahr.

Wilhelm Busch stellte fest: „Im Durchschnitt ist man kummervoll und weiß nicht, was man machen soll.“ In Gleichnis vom vierfachen Ackerfeld beträgt die durchschnittliche Erfolgsaussicht in erster Annäherung nur ¼, ist also tatsächlich kümmerlich.
Man soll eben genauer auf die besonderen neuen Chancen achten, die der jeweilige Erfolg eröffnet („Etliches hundertfältig“)! Aber dazu bedarf es guten Mutes.

Denken

Wir denken in erster Annäherung monokausal, also imaginär. Die eine Ursache, prima causa, ist Gott. Die logische Grundstruktur der menschlichen Rede mit Subjekt und Prädikat vergottet in jedem Satz das Subjekt.

Alle Aufklärung endet in Dialektik und vollendet sich in erweiterter Kommuni­ka­tions­fähigkeit.

Ein Denkverbot ist die Kehrseite eines Denkgebots. Es geht um Konzentration auf die Ausarbeitung und Anwendung von Denkansätzen, die dem gebietenden Willen verheißungsvoll scheinen.

Narzißmus ist μέθεξις, immer schon Voraussetzung unseres Denkens.

Dialektische Fertigkeit simuliert Wortgeschehen.

Geistige Überforderung führt zu einem psychischen Phasenübergang: Man verfällt vom Denken ins Dösen. Das kann über Um- und Irrwege zu einem Neuansatz führen.

Häufige Probleme verlangen eine weniger umsichtige als speziell vereinfachte Behandlung. Diese wird phylogenetisch vererbt. Das ergibt eine sehr heterogene Grundausstattung mit praktischen und theoretischen Strategien.

Frauen denken wohl eher gegenstandsorientiert, "konkret"; Männer eher verfahrensorientiert, "abstrakt".

Das Halbverstandene intrigiert. Man wird, wahrnehmend und nachdenkend, in einen schöpferischen Prozeß hineingezogen.

Die Widerspruchsfreiheit bildet einen enormen Selektionsvorteil rationaler Systeme.

Widerspruchsfreiheit läßt sich durch Trennung erreichen: Für zwei Aussagen gelten verschiedene Voraussetzungen. So zwingt die Logik zu tieferem Eindringen in die Sachzusammenhänge.

Rationalität ist ein interkulturelles Phänomen. Sie entstand in der Halbinselkultur Europa auf den Marktplätzen zwischen verschiedenen Kulturen.

Rationalität und Berechenbarkeit des Geschehens ist nicht das Wahrscheinlichste. Aber gefährdet, wie wir inmitten so vieler unberechenbarer Möglichkeiten nun einmal sind, haben wir immer noch etwas größere Chancen, wenn wir aufgrund unsres unklar beschränkten Wissens so handeln, als ob.

Höhere oder geringere Qualität ist ein ordinaler Wert, eine attribuierte Eigenschaft im Rahmen eines Bewertungssystems, das bei Qualitätsanalysen meist selbstverständlich unanalysiert bleibt.

Auch Begriffe sind, dank ihrer mannigfachen Unbestimmtheiten, offen für Evolution.

Symbolsysteme mit transitiven* Relationen sind "formell", synthetisch, aus "einfachsten", nämlich abstrakten, künstlichen Elementen gebaut. (Beispiel: Fachterminologien.) Sie können, als komplexe Assimilationsschemata*, also als Attraktoren* für größere Erfahrungsbereiche, (mehr oder weniger gewaltsam [32]) integrativ wirken.

Wenn das Ziel der Ziele nicht statisch sein soll, muß es ein Spiel sein – wie das unendliche Spiel eines seltsamen Attraktors.

"Seelsorge" meint ursprünglich (beim Platonischen Sokrates) Pflege der eigenen Seele. Beim sokratischen Suchen kommen zusammen: konkret die ethische Beunruhigung, formal die logische Nötigung.

Das Methodenpaar unscharfes[33] / scharfes Denken hat (wie das mikrophysikalische Modellpaar Welle / Korpuskel) komplementären Erkenntniswert.

Wissenschaft teilt die Wirklichkeit in Reguläres und Irreguläres, Gesetz und Zufall. Deshalb: Je mehr Gesetz, desto mehr Zufall.

Das Denken kommt aus dem Sein und dankt ab ins Sein.

Wir sollen es ernst nehmen und zu verstehen suchen, wenn uns etwas beeindruckt.

"Konkret" und "abstrakt" sind nicht ontologische Eigenschaften von Gegenständen, sondern relationale Begriffe wie links und rechts; sie bilden ein analytisches Begriffspaar. Eindeutigen Sinn verleiht ihnen erst die Normaloptik des jeweiligen Diskussionsstandes.

Mit Übertreibungen, Vergröberungen, ja Grobheiten fängt auch das Nachdenken an.

Verselbständigung eines Begriffs gegenüber dem Sachverhalt, auf den er sich bezieht, ist für die unerläßliche Kohärenzprüfung des Verstehens, für die Anwendung grammatischer und logischer Regeln, nötig. Das ist methodische Verdinglichung, "Reifizierung". Das Ergebnis ist dann semantischer Realitätskontrolle bedürftig.

Ein Verfahren kann vielleicht auch auf andere Gegenstände sinnvoll und aufschlußreich angewandt, es kann verallgemeinert werden.
Vom Verfahren her entworfene Gegenstände sind “abstrakt”, Formalobjekte.

Schleiermacher weiß (im Unterschied zu Hegel), daß er mit Denken nicht ins Reine kommt.

Auch selbständiges Denken ist Weiterdenken, immer noch abhängiges Denken.

Schöpferisch kann man nachdenken nur über Dinge, in denen man einen Teil seiner Identität untergebracht hat. Das ist lebendige Existenzsymbolik.

Reflektieren verweigert sich dem persönlichen Anspruch der Symbolik und nimmt sie objektivierend beim Wort. Das ist bei hypertrophischer, phantastischer Symbolik nötig.

Es ist erstaunlich, wie die Bemühung um künstliche Intelligenz das Verständnis der natürlichen gefördert hat!

Zweckfrei spielend, untersuchen viele höhere Tiere Gegenstände! Forschung ist von Hause aus kindlich. Sie wird erst in der Neuzeit idealisiert.

Die Entfaltung der (hoch-rekursiv gewordenen) symbolischen Funktion in Vernunft und Sprache war die neue Komponente im Homo sapiens. Das war Ciceros humanitas.
Heute müssen wir betonen, daß erst die Erkenntnis der eigenen Grenzen die Vernunft menschlich macht.

Klarheit ist ein mögliches Ergebnis, nicht Voraussetzung des Denkens. Intoleranz gegen Unklarheit macht Denken unmöglich.

Die Gedanken wachsen aus dem Körper. Man muß geistig arbeiten – und immer wieder warten, was in unserm Unbewußten daraus wird.

Das Imaginäre ist chaotisch je ewig. Das entwickelte symbolische Denken sagt: “Ja, aber ich weiß ...” Es hat ständig die eigenwillige Dynamik des Imaginären mit dem Realen zu integrieren.

Koinzidenzen, Assoziationen und Ähnlichkeiten lassen Einheiten erahnen, zunächst nur wolkig symbolisiert, sodann zu präzisieren und vielleicht zu bestätigen.

Wir wissen zu wenig, um die Grenze möglicher Erkenntnis zu bestimmen.

Es denkt in uns, schlecht und recht; wir können das schlecht und recht kontrollieren und leben davon, schlecht und recht.

Starrsinn schützt vor Verwirrung. Geistige Beweglichkeit wird von psychischer Beweglichkeit (gleichzeitige und wechselnde Teilidentifikationen) reguliert. Sie verlangt zuverlässige tiefe hierarchische „Speicherorganisation“. Starrsinn tritt deshalb gehäuft beim Kleinkind und im Alter auf.

Mündliche und besonders schriftliche Selbstgespräche schaffen Distanz zu sich selbst und verlangen neue Ideen.

Innere und äußere Realität sind zwei Felder in Wechselwirkung.
Denken ist doppelschichtig, zugleich objektiv und subjektiv. Reifem Denken ist seine Doppelschichtigkeit präsent. Darauf beruht das freie Spiel mit der Metaphorik, das dem Kinde noch nicht möglich ist.

Die teleologische Sprache in Evolutionstheorie und Genetik ist deshalb erlaubt, weil tatsächlich (Replikationschancen erhöhende) Anpassung an die Umstände zwar nicht im memetischen Probehandeln (mit seinen vielen, alsbald verworfenen Einfällen), sondern, elementarer, in massenhafter genetischer Replikation und Selektion, tatsächlich stattfindet.
Es liegt nahe, umgekehrt, Denken analog zu biologischen Mechanismen zu verstehen.

Denken ist Mitrutschen mit dem Dasein und Vorausrutschen.

Die Entwicklung von Gedanken wird von der Sprache gelockt, zu neuen Wahrnehmungen geführt, in die Irre geführt und manchmal darin festgehalten.
Hat man sich verrannt, versuche man seine Gedanken in eine andere Sprache (evt. eine Programmiersprache) zu übersetzen; oder auch nur, einem anderen zu sagen, was man denkt.

Theoriebildung: 1. Symbolsammlung von mit einander zusammenhängenden Phänomenen, 2. Präzisierung der Zusammenhänge (Relationen), 3. Definition von Begriffen als Äquivalenzklassen für die zusammenhängenden Phänomene. 4. Erkundung der Tragweite in Anwendungen.

“Humor ist, wenn man trotzdem lacht.” Definitionen gehören je in einen Kontext; und dieser ist selten ganz klar.

Koordination bedeutet einen Selektionsvorteil für dynamische Systeme – sowohl Systeme der äußeren Realität wie des Verstandes.

Geist ist eine der integrativen Komponenten des Weltgeschehens, die tendenziell dieses, in Gegenbewegung zur Desintegration, schöpferisch weiterlaufen machen.

"Radikales Zuende-Denken" ist möglichst informationsarm, stur, oft einfach rekursiv. Einfachstes Beispiel: unbegrenzt fortgesetztes lineares Extrapolieren. Es muß zunehmend mit der Wirklichkeit in Konflikt kommen, die nun einmal in aller Regel nichtlinearen Zusammenhängen folgt.
Allerdings entdecken wir die wirklichen Zusammenhänge oft gerade durch klar gedachte Fehlprognosen.

Discursus bezeichnet 1. (kindliches) Hin- und Herlaufen, 2. in der silbernen Latinität: Durcheilen und 3. Durchdenken, Gedankengang, Nachdenken.
Dieser übertragene Wortgebrauch stellt ein Ganzes, einen Raum vor, der erforscht wird, indem er von verschiedenen Punkten aus betrachtet wird. Das ist, in der Tat, die zwangsläufig zunächst ganz ungeordnete, kindliche Strategie der Welteroberung, die nur allmählich genauer zielgerichtet werden kann – wie das "diskursive" Denken.

Der Energieverbrauch der Gehirnmasse ist zehnmal so hoch wie derjenige der durchschnittlichen Körpermasse. Denk-Ökonomie ist also ein sehr plausibles Prinzip!

Die einzelnen Gehirne sind sehr gestört, aber – insbesondere im sprachlichen Verbund – denkökonomisch stabilisiert.

Dualität der Zugänge kennzeichnet die Vernunft. Beispiele: Subjekt/Prädikat, Container/Contained, Konstante/Variable, Subjekt/Objekt, Metapher/Metonymie, Symbol/ratio, Gesetz/Evangelium, covariante und contravariante Basis, Elektromagnetismus.
Das ist das Thema der fernöstlichen Yin/Yang-Philosophie, des antiken mittelöstlichen Dualismus, der abendländischen Dialektik.

Determinismus ist eine Denknotwendigkeit. Aber der Wirklichkeit können unsere Denknotwendigkeiten ziemlich gleichgültig sein; nicht aber umgekehrt dem Denken die Wirklichkeit. Das verunsichert.
Aber Unsicherheit ist schwer zu ertragen. So wurde die „Willensfreiheit“ immer wieder, auch mit kühner Generalisierung empirischer Befunde, deterministisch bestritten. So mit dem stoischen fatum, so das Kant-Laplace’sche mechanistische Weltbild, Wolf Singers Hirn, Susan Blackmoore’s Meme, die augustinische Prädestination (Luther redet vom servum arbitrium im Bezug auf das zentrale Anliegen, das An-Christus-glauben-Können).
Determinanten, die die Freiheitsgrade vermindern, waren natürlich immer bekannt. Dieser (immer lokale) Mechanismus aber wird, kraft Allmacht der Gedanken, zu einer Ohnmachts­ideologie globalisiert. Durch diese Verleugnung bekommt man das Gefühl der Unsicherheit in den Griff.

Charakteristisch für das Abendland war gewesen maximale Vereinfachung durch Rationalität, Glaube an klare und distinkte Ideen und entsprechende, allgemeinverbindlich durchsichtige, praktische Konsequenzmacherei.
Dieser Glaube war die Basis für welterobernd effiziente sowohl Koordination (intuitiv unübersehbar vieler) einzeln sinnvoller Handlungsabläufe wie soziale Kooperation im Sinne klarer beschränkter Zielsetzungen. Er imprägnierte auch die abendländische Religiosität; deren Symbole wurden rational als Zielvorgaben funktionalisiert.
Inzwischen ist die Beschränktheit dieses Glaubens weiterhin bewusst geworden. Die Handlungsrelevanz von Wissenschaft und Religion ist nicht mehr stringent allgemeingültig, sondern Gewissenssache geworden.

Kant hat gezeigt: Naive Rationalität gerät in Dialektik. Sie muss ihre Grenzen erfahren, um zu Weisheit heranzureifen. Vernunft ist Symbolik und muss auf Grund laufen in Ungenauigkeiten, Wahrscheinlichkeiten, Halbwahrheiten, Vermutungen und Zirkelstrukturen.

Erst eine prinzipielle Abschließung des Modells gegen die Wirklichkeit ermöglicht das Leibniz’sche Principium exclusi tertii.

Beim Computer-Programmieren wird einem klar: Wegen der Menge der Beziehungen zwischen den Hypothesen und deren Beziehungen zur Menge der Anwendungen und deren Beziehungen untereinander ist es kaum möglich, etwas „zu Ende zu denken“. Man muß die Kombinatorik des Problems subjektiv reduzieren und probieren.

Binäre Logik (gut/böse, ja/nein usw.) hat, als maximale Vereinfachung, einen enormen gefühls- und denkökonomischen Vorteil – um den Preis extremer Realitätsferne.

Satz

Nach Tomasello entsprechen S/P in Satz- und Wortform auf der Symbolebene so gut den Lebensproblemen auf der Ebene der Sensumotorik, daß jedermann diese Symbolformen durch allgemeine Muster-„(an)erkennung“ (pattern recognition) erlernen kann. Diese Muster sind universal gegeben; es seien also keine grammatischen Universalien zu postulieren.

Die Artikulation in Reden und Denken im Schema Subjekt/Prädikat/Objekt stellt Wechselwirkungen jeweils menschlich-natürlich asymmetrisch dar. Wir identifizieren uns mit dem Subjekt, das an einem Gegenüber handelt; wir erleben Aktivität entweder aktiv oder passiv.

Das Subjekt/Prädikat-Schema ist eine bewährte praktische Vereinfachung.

"System" und "Umgebung" sind wechselweise als Subjekt bzw. Objekt eines Prozesses verstanden. Für diese Modellierung werden sie, jeweils möglichst passend, gegen einander abgegrenzt und konkret definiert.

Wir sind quasistabile Prozesse. Wir stellen kognitive in unserer realen Kontinuität her, indem wir uns gedoppelt abbilden: als Subjekt mit dessen Prädikat oder als stabiles dynamisches System in jeweiligen Zuständen oder als Substanz mit offenem Umweltbezug.

Die allgemein-menschliche Unterscheidung von Subjekt und Prädikat zerlegt den Gegenstand der Aufmerksamkeit in mehr und weniger Dauerhaftes: Substanz und Akzidens, Sein und Werden, Struktur und Funktion, Invariante und Transformation oder Ähnliches.
Natürlich kann man auch auf rekurrente Prozesse reflektieren, sie zunächst verbal, sodann substantivisch benennen und zum Gegenstand (Subjekt) von Aussagen (Prädikaten) machen.
Die Sicht eines Gegenstandes als Prozesses hingegen ist verunsichernd und deshalb innerlich anspruchsvoller.

Sprache setzt immer – zu Recht oder Unrecht – stabile Gegenstände (Referenten* und Signifikate*) voraus.

Die aristotelische Metaphysik ist sehr natürlich, weil sprachnah:
Von Subjekt/Prädikat abgelesen ist Substanz/Akzidens.
Als Form kommt jeweils in Betracht, was wir vom Gegenstand aktuell verstehen, als Materie, was wir im Augenblick unverstanden lassen.

Durch den Begriff werden Erinnerungen stabilisiert.
Deklaratorisches versus prozedurales Gedächtnis entspricht Lexikon versus Syntax.
Die Satzstruktur gehört ins prozedurale Gedächtnis, das seinen Sitz im Broca-Areal im Frontallappen und den Basalganglien des Gehirns hat. Schädigungen in dieser Regionen beeinträchtigen die Bewegungsschemata (Parkinson) und die Syntax. Hier instrumentalisiert Syntax die Semantik: Das im Begriff Zusammengefaßte wird vergegenständlicht. Begriffe werden im Satz zu Elementen eines Zeichensystems, – der nun seinerseits komplexes Verstehen zusammenfasen kann.

Grammatik steht mit Logik in Resonanz. Beide tendieren dazu, sich gegenseitig zu korrigieren. Dabei beruht die Sprache auf Erfahrung; die Logik ist ein selbständigeres System.

Institutionalisierung erscheint stilistisch in Substantivierung von Prädikaten. Die Zeitlichkeit des Zeitworts verschwindet in der Form des Hauptworts, allgemein brauchbare, inhaltslose Hilfszeitworte rücken nach.

Die Symbolisierung in Sätzen mit ihrer Unterscheidung zwischen Subjekt und Prädikat entscheidet Unentschiedenes!

Animistische Theologie ist die erste Form forschender Intelligenz. Wo Rekurrenzen wahrgenommen werden, werden stabile dynamische Strukturen vermutet und, analog zum eigenen Handeln, als handelnde Subjekte im Weltgeschehen verstanden. In der sprachlichen Symbolik entspricht dem die Grundform des Satzes mit Subjekt und Prädikat.
So begann die Kausalanalyse, eine Form der Vereinfachung unseres Weltverstehens, die dem Menschen in der Biosphäre einen entscheidenden Selektionsvorteil einbrachte.

Der kindliche Einwortsatz ist fluktuierende Zeitansage. Im kindlichen Zweiwortsatz erscheint das Invariante als Subjekt, von unbegrenzter Dauer; das Prädikat variiert mit der Zeit.

Substantiv/Subjekt: Ruhe, stabiles Assimilationsschema, bonne forme, Attraktor, εἶδος. Verb/Prädikat: Bewegung, Ungleichgewicht, Heteronomie, funktionale Spezialisierung, Differenzierung.
Die Grammatik ist ökonomisch, sie kommt mit einem einfachen Raster aus.

Ein pathologisches Syndrom: Systematische Ersetzung von Substantiva und Subjekten durch Demonstrativa; schwache Unterscheidung zwischen Substantiven und Verben, Subjekt und Prädikat. Die Relativierung von Prädikationen durch Angabe des Geltungsbereichs des Prädikats wird vermieden. Hinzu kommt eine Schwäche des hypothetischen Denkens, des hypotaktischen Redens und starke Identifikation mit den Gegenständen.
Zugrunde liegt wohl eine Angst, bei Selbstrelativierung unterzugehen, eine Triangulations­angst.

Information setzt (nicht materialiter, aber formaliter) Vorinformation voraus. Eine kurze Antwort macht nur im Licht einer Frage Sinn. (In einer ausführlichen Antwort repräsentieren die Satzsubjekte die Frage, die Prädikate die Antwort.)

Analogie zu Reflexion: Die Drehungen des Einheitsvektors in der komplexen Zahlenebene zählen Reflexionen: Abwendung vom Reellen ins Imaginäre, Umkehrung im Reellen, Abwendung von der Umkehrung, reflektierte Zuwendung zum Reellen.
Wo der realisierende Koeffizient der totalen Reflexion (Umlauf) die „Wirkung“/action [m.s2/t] ist, stiftet er (multipliziert mit der Frequenz) die (frequenzspezifische) energetische Einheit.

Sind Korpuskel und Welle analytische Begriffe wie Subjekt und Prädikat?
Dieses alte analytische Begriffspaar zeichnet, unabhängig vom Realitätsanspruch der sprachlichen Repräsentation, ein naturwüchsiges Schema nach.
Das mikrophysikalische Begriffspaar artikuliert den Rand der Modells der naturwüchsigen Ontologie, die zwischen dem diskreten Gegenstand und dem stetigen Handlungs-Spielraum unterscheidet.
Ins Zentrum der Ontologie rückt nun der Begriff des Beobachtungsereignisses (besser wohl: „Begegnungsereignisses“; nämlich des Ereignisses einer Begegnung zwischen dem imaginären Kontinuum und der äußeren Realität).

Durch Umstandsbestimmungen (Adjektive, Adverbien etc.) wird die klare Grundmodell-Vorstellung des Satzes (Subjekt/Prädikat/Objekt) ins Chaos des Lebens eingebettet.

Die verschiedenen Exemplare (Kirche, Synagoge) erhellen verschiedene Seiten des Allgemeinen (Religion). Der Allgemeinbegriff erhellt eine Seite jedes Exemplars.
Man kann eine Aussage deshalb sowohl als Erhellung einer Seite eines Besonderen unter diesem Besonderen verbuchen wie als Erhellung einer Seite des Allgemeinen unter dem Allgemeinen.

Die Sätze des allgemeinen Wissens, die meine Fragen beantworten sollen, skizzieren, aber tragen nicht. Ich muß zwischen den Allgemeinheiten und meiner besonderen Frage die „Zwischenbestimmungen“ (Ernst Fuchs) finden.

Handlung

Macht braucht modellierbare, transitive Relationen. Modelle brauchen scharfe Konturen für die transitiven Operationen, sind aber immer nur ungefähr realistisch. Handeln braucht Modelle und dazu Umsicht!
In der Realität verlaufen alle Konturen immer wieder – die Dinge strukturieren sich um.
Die Unterscheidung zwischen Substanz (Wesen) und Akzidens ist nur analytisch, also nur voraussetzungsvoll praktisch.

Subjekt/Objekt ist ein vereinfachendes Schema für einer Wechselwirkung – für menschliche Subjekte zunächst selbstverständlich; aber etwa in der Chemie mit ihren elektromagnetischen, oder der Astronomie mit ihren gravitationellen Wechselwirkungen nur in Fällen ausgeprägten Ungleichgewichts selbstverständlich. (Auch der sog. systemische Ansatz in der sozialen Interaktionsanalyse geht von der gleichgewichtigen Wechselwirkung aus.)

Als handelndes Subjekt überschätzt man die Gegenwart.

Gute vita activa setzt als Hintergrundsarbeit, gute vita contemplativa voraus.

Sichere Aussagen über die äußere Realität, in sich stimmige Repräsentanzen der Welt, bilden eine Grundlage für Zuversicht im Handeln. So sind auch manche naturwissenschaftlichen und mathematischen Erkenntnisse seelsorgerlich wertvoll.

Vor dem Handeln liegt Wahrnehmen, differenzierendes Integrieren und schließlich extremes Vereinfachen bis hin zu der Alternative von gut und schlecht.

Man muß die Hintergründe im Unklaren lassen. Im Handlungsfeld braucht man Klarheit.

Der Mensch koordiniert selbstverständlich seine Reaktionen bewußt als Handlungen, d.h. nach Ideen.

Jedes kleine Gelingen ist Symbol für das imaginäre große Gelingen des Lebens überhaupt.
Ebenso ist kleines Mißlingen Symbol für das Scheitern des Lebens überhaupt.
Unter starken Affekten brauchen wir Mitgefühl. Besonders ist, in dieser Welt der langen Leiden und kurzen Freuden, tätiges Mitleid, als Partizipation, ein Glück des Individuums, ein Gelingen. Vielleicht ist das reichste real mögliche Glück umfassend Gebrauchtwerden!

Leben heißt gewiß Vorsicht, aber auch vertrauen, - Vertrauen in andere, in die Welt, in sich selbst setzen.
Wir können uns nicht allein auf Statisches, Stabiles und Rhythmisches, auf Wissen abstützen. Ohne auch Schwankendes und Unregelmäßiges (Stimmungen, Gefühle, Ahnungen) einzubeziehen, sind unsre Selbstverständlichkeiten eine zu schmale Basis für Orientierung im Leben.

Das Martyrium ist eine konfrontative Extremform des Wahrheitszeugnisses. (Es ist übrigens keine jüdische und keine christliche Erfindung. Es gibt ähnliche Geschichten aus dem Kreis der Eleaten und der Pythagoreer.)
Der Möglichkeiten aber, die Wahrheit zu bezeugen, sind viele. Oft kann man weder vorher wissen, mit welcher Äußerung man den geringsten Schaden anrichten wird, noch auch hinterher sicher beurteilen, was man getan hat; - schon deshalb, weil ganz verschiedenartige Gesichtspunkte in die Rechnung eingehen.
Die psychotherapeutische und die politische Erfahrung sollten jedenfalls sehr ernst genommen werden.

Man braucht zur Handlungsorientierung eine kohärente Weltanschauung – incl. Selbstbild, d.h. Vorstellungen von den eigenen Bedürfnissen, die man im Auge behalten muß.

Resümieren ist Weitermachen. Weitermachen ist auch Resümieren.

Menschliches Leben ist bis zum letzten Atemzug Vorspiel.

Das Bemühen um ein orientierungskräftiges Selbstbild führt zunächst zu einem statischen, starren Ideal. Dieses ist brüchig. (Hier lockt dann der Fluchtweg in die Armseligkeit des Zynismus. Dieser ist eine Verleugnung schmerzlicher Spannung.) Wiederholte Akkomodation* an entsprechende Selbsterfahrungen führt zu einem entwicklungsbereiten, assimilationskräftigen Selbst.

Richtigkeit impliziert Konsistenz. Wahrheit habe ich, konsistent oder inkonsistent, im Interesse der Menschlichkeit (gesprächsweise oder öffentlich), jeweils als im Grunde: Wahrheit-über-mich-für-dich, zu bezeugen.
Auch umsichtig, rücksichtsvoll, zurückhaltend, ist man verantwortlicher Zeuge.

Ein Erfolg ermutigt mehr als ein Mißerfolg entmutigt. Illusionen haben auch ihr Gutes.

Ohne Illusionen kann der Homo sapiens die ständige Frustration seiner Verbesserungsideen nicht ertragen. Er transformiert also seine realistischen, aber unrealisierbaren Ideen in realitätsfernere Ideen, ohne akuten Realisierungsdruck. Diese sind dauerhafter, stabilisieren das Selbstgefühl und befruchten das Denken nachhaltig.

Gründliche Reflexion ist Sache der Jugend und des Alters. Im aktiven Alter wird wenig reflektiert. Man lebt viel von wenigen – erstaunlich tragfähigen, aber auf die Länge doch öden – Klischees und Kampfparolen.

Beim Programmieren sind die Bedingungen jeweils klare Ja/Nein-Alternativen. So unbedingt denkt der gesunde Menschenverstand nicht; er gewichtet die Wichtigkeit von unübersehbar vielen Gesichtspunkten. Dieses Chaos von Bedingungen beeinträchtigt die Voraussagbarkeit der Ergebnisse, hält aber die Fehlerrate pragmatisch niedrig.
Dem Konsequenzmacher fehlt die Umsicht.

Auf der Schallplatte ist eine "Abbildung" der Symphonie.
Die Tat ist eine Projektion des Täters auf das aktuelle Material.

Motivation setzt einen symbolischen Bezugsrahmen voraus, Beschränktheit, dank deren man die Kehrseite des eigenen Handelns nur schwächer sieht.

Du lebst weiter und kannst das irgendwie mitgestalten, – und sei es als Selbstmord. Du bist vom Schöpfer zum Mitschöpfer berufen.
Es beginnt mit der göttlichen Berufung (schlecht und recht vertreten durch unsere ersten Pflegepersonen) zu selbständiger Mitarbeit. Das ist eine Einladung zum Einverständnis, zum menschlich-kritischen Lernen, Verstehen und Mittun. Solches Einverständnis gilt es fortzusetzen. Nichts anderes sind die “guten Werke”, die man tun soll!

Symboliken vereinfachen das Leben, indem sie die Tatsachen verzerrt repräsentieren. Sie fügen sich nicht zu einem ganz eindeutigen Bild zusammen. Das entsprechende Verhalten ist deshalb immer ein vielfach determinierter, chaotischer Prozeß mit zielorientiert steuernden Eingriffen des Subjekts.

Die hierarchische Ordnung von Handlungsabläufen, als Einheiten im Kontinuum des Geschehens, ist lebensnotwendige Komplexitätsreduktion, weitgehend artspezifisch vorgegeben.
Dysfunktionalitäten erst nötigen den kritischen Verstand zu Analyse und dem Versuch von Neukonstruktion.

Chaos-Kontrolle ist kurzfristiges Eingreifen in der Nähe bekannter kritischer Punkte.

Bestimmte chaotische Entwicklungen können auch "kontrolliert", d.h. durch kleine Eingriffe beherrscht, verhindert, hinlänglich genau vorausgesehen und sogar benutzt werden.

Ich kann Gott für meine Freiheit danken. Aber von den vielen im Unglück gefangenen Menschen, mit denen ich identifiziert bin und die für mich ein Menetekel sind, kann ich das nicht erwarten. Ich kann für sie phantasieren, meist nur höchstens sehr indirekt für sie arbeiten und mit sehr wenigen von ihnen in diesem Sinne sprechen. Aber die Phantasie bereitet solidarische Handlung vor.

In Taten vergegenwärtigen sich Ziele – Zwischenziele und Endziele.
Zielstrebigkeit verengt den Blick; Ziele verstellen den Ausblick.
Es sind Repräsentanten Gottes, denen wir folgen sollen. Vergötzung der eigenen Ziele aber verstümmelt die Menschlichkeit – geistig, seelisch und körperlich.

Beobachten ist eine restringierte Form von Mitmachen.

Totaler Einsatz ist unmenschlich.

Die lebensnotwendige Ordnung engt den Einzelnen ein. Bei eingeengtem Handlungsspielraum verbleibt ein Gutteil der menschlichen Kreativität im Brutkasten der Phantasie. Da entstehen Umsturz-Träume (Götterdämmerung, Jüngstes Gericht), Mythen, Lieder, Sprüche, Begriffe, Philosophie und Theologie.
Der christliche Monotheismus sieht die lebensnotwendige Kreativität bei Gott in Sicherheit, der unsre gemeinsame Freiheit will; und er findet auch immer wieder Handlungsspielraum.

Wir sind Betrachter und Beurteiler nur als handelnde Subjekte!

Selten ist der Ausblick in allen Richtungen rosig. Man darf traurig sein, aber man soll sich nicht darin einnisten. Hoffnungslosigkeit macht die Arme sinken. Man muß sich besinnen, sich umsehen, dort ans Werk gehen, wo Erfolg zu erwarten ist, und offen bleiben für unerwartete, neue Aussichten.

Ethik

Aristoteles thematisierte in seiner Ethik „Tugenden“.
Am griffigsten (und frühesten) aber erscheinen die normativen Existenzsymbole als Gesetze der Rechtsordnung einer Gesellschaft.
Auf dieser Linie verstand Kant die Moral.
Jean-Marie Guyau (1888 jung gestorben und halb vergessen) hingegen sah die moderne Welt anomisch, befreite die Ethik vom Gesetzes-Schema und verstand die moderne Moral als ideengeleitete Kreativität des Einzelnen.
Durkheim griff Guyaus Thema Anomie auf, versteht diese aber wieder klassisch als Übelstand.

Die Aristotelische Ethik empfiehlt, die stoisch-biblisch-kantische verlangt.

Tugend = ἀρετὴ, das Beste, ist bei Aristoteles, statisch, das μέσον; dynamisch ist es das Gleichgewicht.

Man kann mit moralischen Grundsätzen seine Selbstsicherheit stärken. Ihre Falschheiten sind manchmal das kleinere Übel gegenüber der totalen Orientierungslosigkeit.

Das Zusammenleben der Menschen ist so kompliziert, daß Vereinfachungen auf mehreren Ebenen nötig sind. Auf der untersten Ebene der sozialen Handlungen gibt es universelle Stereotypen. Das Individuum bedarf der griffigen Integration seiner Handlungstendenzen unter moralischen Grundsätzen. Dazu wiederum bedarf es einer stützenden Kultur mit ihren Prinzipien. Das können verschiedene Traditionen leisten. Da all diese Vereinfachungen nicht hundertprozentig greifen, schaffen sie auch neue Komplikationen, die immer wieder unaufhaltsam zu Explosionen des Zusammenlebens führen.

Es ist für die Grundlegung der Moral entscheidend wichtig, daß der Mensch im inneren und im äußeren Dialog, im Gespräch über andere und über sich selbst, auf dieselbe Sprache angewiesen ist.

Der Begriff "der Mensch" führt in der Ethik zu häufigen Fehlschlüssen. Er ist nicht mehr nur mehrdeutig (Individuum?, Menschheit?), sondern selbstwidersprüchlich geworden: Je mächtiger die Menschheit wird, desto ohnmächtiger fühlt sich das Individuum.

Menschliche Rede hat immer eine ethische Dynamik. Ein Begriff ist ein Assimilationsschema*. Wenn man etwas (x) mit einem Begriff (B) bezeichnet, heißt das etwa: "Ich schlage vor, wir brauchen x schon einmal als B!". x wird als B beansprucht; x „soll“ praktisch B sein.

Vom Christentum wurden biologische Verlierer als gleichwohl Imago Dei geschützt. Sie erhöhen ihre Chancen durch ihre sozial wichtigeren, die memetischen* Fähigkeiten. Der klassisch-griechische Respekt vor dem menschlichen Geist wurde erhöht. In Verbindung mit der totalitären Religion, hat sich das dann bezahlt gemacht im globalen Siegeslauf des europäischen Christentums.
Inzwischen hat das monotheistisch motivierte Projekt der rationalen Koordination der Menschenkräfte zu einem Babylonischen Turmbau auf schmaler Basis geführt. Die Welt wird durch Menschen, und die Menschheit wird memetisch überfrachtet und ist nun auf solchen Fortschritt angewiesen. In der Ökonomie des Gesamtsystems verdrängen Maschinen unzählige Menschen, künstliche neuronale Netze ersetzen mit gewissen Leistungen manche tüchtigen lebendigen Gehirne. Der Einsatz und das Risiko werden immer größer; die Menschenliebe beschleunigt das Ende der Menschheit. Man ist hilflos beunruhigt. Postchristliche Ethik ist schwierig.

Menschen und überhaupt Lebewesen sind (selbstverständlich um den Preis erhöhter Unordnung in der niedriger organisierten Umwelt) höher organisierende, integrative Wesen; als solche sind sie bevorzugte Liebesobjekte und legitimierende Empfänger guter Werke.

Man kann in den Humanwissenschaften nicht so leicht wie in den Naturwissenschaften stabile Systeme ausgrenzen und darin stabile Zusammenhänge zwischen stabilen Elementen identifizieren. Wir haben viel Erfahrung mit dem Menschen, aber zu wenig brauchbares Wissen.

Die Begeisterung für die Idee der Weltgesellschaft ist einer Ernüchterung gewichen. Der Glaube an soziale Strukturen ist geschwächt. Aller Bemühungen spottend, scheint die Ordnung der Gesellschaft zwischen Institution und Chaos hoffnungslos unvorhersehbar zu schwanken.
Die Zeit der einfachen, begeisternden Ideen, der ideologischen Großorganisationen und der prinzipiellen Ethiken ist vorbei. In allen Schichten hat sich Asozialismus (Enzensberger: „Autismus“) ausgebreitet. Aussichtsreiche Ideen fehlen.
Anderseits erhebt sich soziales Engagement wieder deutlicher über den Nullpunkt; eine neue, bescheidene Ethik könnte sich konsolidieren.

Humanwissenschaft konzipiert Relationengebilde von Hypostasen*, vergleichbar den mittelalterlichen allegorischen, "Moralitäten" genannten, Schauspielen. Humanwissenschaft artikuliert die Struktur der Tragik des menschlichen Daseins.
Sie ist Ethik in dem Maße, wie das persönliche Engagement des Wissenschaftlers werbend als Moral darin zum Ausdruck kommt.
Die ethische Bemühung kann aber die Tragik nicht überwinden.

Die Ethiken der Einzelnen konfligieren, aber dieses Chaos ähnlich vorstrukturierter Elemente hat, analog zur genetischen Rekombination*, angereicherte Chance zu Kreativität.

Stereotypen sind Erwartungshaltungen. Stereotypenbildung ist ein bewährter phylogenetischer Erwerb, dessen Selektionswert* erst verstanden werden müßte, ehe man dagegen kämpft.

Gerechtigkeit, gleiches Recht für alle, ist ein kognitiv energetisches Minimum* und eine (realitätsferne, meist illusionär verstärkte) gesellschaftlich nützliche Idee. Sie spiegelt die Gleichheit im Gen-pool. Es gibt allerlei Vorschläge, die Gerechtigkeitsidee mit Realismus zu legieren, die sie mit einer gewissen Beliebigkeit belasten.

Die Gegenstände der Kultur- bzw. Humanwissenschaften sind proteushaft. Sie, in der Tat, sind so etwas wie "gasförmige Wirbeltiere" (als ein solches hat jemand Gott bezeichnet): Sie verhalten sich teils nach der morphogenetischen Gesetzen von Luftmassen (Meteorologie), teils nach denen von Lebewesen (Biologie), teils noch anders.
Die diesen Gegenständen angemessenste Begrifflichkeit ist die der natürlichen Sprache. Die zutreffende Rede über jeden Gegenstand muß aus einem erfahrungsreichen Gedächtnis schöpfen und von Empathie geleitet sein. Für bestimmte Zwecke kann man die humanwissenschaftliche Sprache begrifflich einengen, grammatisch kanalisieren, und künstlich ausbauen. Aber ein armseliger Forscher wird in diesem Bereich auch armselige (oder falsche) Ergebnisse zu Tage fördern.
Es wird, im immer schnelleren Wandel der Zeit, immer aussichtsloser, eine humanwissenschaftliche oder philosophische Begrifflichkeit für die Dauer erarbeiten zu wollen.

Ethik ist eine ehrbare Bemühung der Selbstgefälligkeit.
Eine moderne Ethik muß auf einen vernünftigen Stolz[34], auf das Selbstwertgefühl abstellen. Daß man "sich sehen lassen kann", ist ein normales Bedürfnis.
Dem Menschen als Ich ist sein Ge-wissen (con-scientia nicht nur, aber auch, moralis), seine Selbstachtung heilig; ihm als Menschen ist die Wahrheit heilig, im Grunde heilig, – wie überzeugt er auch immer sein mag von der Unwahrheit dessen, was als wahr gilt!

Alles Gute hat schlechte Nebeneffekte, ist also nur relativ gut – trotzdem besser als schlecht.

Goethe hatte zwar ein Walpurgisheft, in welchem er sich Verbotenes von der Seele (wo er es hatte!) schrieb. Er veröffentlichte aber nur sozial Integriertes. Das macht Klassiker als Bildungsgut geeignet in der Erziehung zu öffentlicher Verantwortung; sie bilden Attraktoren*, die ein weites Einzugsgebiet von asozialen Empfindungen und Gedanken soziabel organisieren.

Soziale Normen werden sprachlich gefaßt. Sie repräsentieren Harmonie. Rhetorik muß, reich an guten Argumenten, in Moralpredigten aller Art (auch kleinen Bemerkungen), die tatsächlichen Wohltaten der Gesetze der Tugend feiern. Das bindet den Einzelnen, mehr oder weniger stark, an die Normen als wichtige Quelle der Selbstzufriedenheit. Er hat keine ganz saubere Weste, aber er hätte gern eine (die ambition des Selbst* nach Kohut). (Deshalb geben sich die Leute mit schlechtem Gewissen in ihrem eigenen Milieu gegenseitig – und holen sich aus dem Untergebenen-Milieu – immer wieder Bestätigung ihrer Rechtschaffenheit.)

Die gegenseitige Bestätigung in Gruppen ist für die Bildung legitimierender Ideologien von höchster Wichtigkeit. Jede solche Gruppe reduziert zunächst die Loyalität gegenüber der Gesamtgesellschaft. Eine gesunde Ideologie setzt sich dann aber zuversichtlich dem öffentlichen Diskurs aus.

Kein Ethos, keine Moral ohne ein Verstehen, eine elementare Ethik.

Ethik wird gelehrt, indem man sie vorlebt. Sie ist gleichermaßen Sache von artikulierten Prinzipien wie des Umgangs mit den artikulierten Prinzipien, des Stils. (Auch diesen kann man theoretisch analysieren; aber das ist eine – endlose – Aufgabe für sich.)
Den Umgang mit Prinzipien lebt man, wenngleich sehr eingeschränkt, auch als Lehrer, und, wenngleich viel blasser, sogar literarisch vor.

"Medizinische Ethik", "naturwissenschaftliche Ethik " usw. wird gelehrt, indem der Fachmann sie an einem Ort der Entscheidung vorlebt.
Der Fachmann selbst entwickelt seine Berufsmoral nicht ohne Reflexion. Und die ethische Reflexion ist weicher als die fachwissenschaftliche. Diese ist an begrenzt komplexen, lösbaren Problemen interessiert. Ethik aber ist keine harte Wissenschaft. Sie muß umsichtig sein und bleiben, Sensibilität und Bildung, nicht Exaktheit, sind maßgebend. Die Ausbildung dieser Fähigkeiten geht eigene Wege. Das Medium der Bildung ist der Dialog; in diesem Fall auch der Dialog mit einem theoretisch beschlagenen Fach-Ethiker. Aber "wenn dich jemand will Weisheit lehren; da siehe in sein Angesicht. Dünkt er sich noch; und sei er noch so gelehrt und noch so berühmt, laß ihn, gehe seiner Kundschaft müßig."[35]

Wer die weichen Menschen zu hart verurteilt, jagt sie noch tiefer in ihre Feigheit zurück, statt sie zu stärken und zu festigen.

Menschen höher entwickeln zu wollen, tut ihnen oft Unrecht.

Paulus befiehlt im Philipperbrief („Freuet euch!“) nicht gute Laune, sondern, mit dem Verweis auf den auferstandenen Herrn, guten Mut.

Überraschende situationelle kräftige moralische (negative sowie positive) Evidenzen muß man beachten, bedenken und bezeugen. Sie sprechen, in ethisch verdünnter Zeit, exemplarisch menschliche Gemeinsamkeiten an und können Gemeinschaft stiften und die Menschlichkeit stärken.

Ethik muß Strategien zu konstruieren versuchen, die unter den sich wandelnden Umständen "evolutionär* stabil" sind (ESS).
Heldentum ist auf allein der genetischen Ebene kaum eine evolutionär stabile Strategie. Es hat Chancen, wenn man die memetische* mit einbezieht.

Die Zehn Gebote u.ä. empfehlen der Gesellschaft (im gemeinsamen Interesse) langfristige, bewährte Überlebensstrategien, – entgegen den kurzfristigen Erfolgsrezepten des Einzelnen auf Kosten der Gesellschaft, mit der er steht und fällt. Das Gesetz schützt auch ihn!

Leben ist Kampf (Darwin), Nehmen und Zurückgeben (Anaximander), Spiel (Heraklit); Trug, Wünschen, Leiden, Läuterung (Hinduismus, Buddhismus), Lieben (Plato), persönliches Geschenk (jüdisch-christlich), Individualität (Protestantismus).

Schuld betrifft Tun und Besitz. Scham betrifft Sein und Haben.

Die Menge der Möglichkeiten und die verschiedenerlei Bedürfnisse ändern sich zusehens; die Kultur im Ganzen ändert sich. Mit dem sich verwandelnden Bezugssystem aber werden alle Bewertungskriterien für einzelne Veränderungen fragwürdig.

Marx' Thematisierung des Kapitals war eine systemtheoretische Pioniertat im Raum der Humanwissenschaften, wie rudimentär auch immer seine eigene Ausarbeitung seiner Einsicht war.

Gutes zu tun, kann den Bedrückten aus seiner Depression reißen. Das "gute Werk" ist ein beglückendes Symbol des tätigen Willens.

Den Gültigkeitsbereich von kulturwissenschaftlichen Aussagen muß der Forscher von seinen menschlichen Erlebnissen her intuitiv abtasten. Seine Idealtypen (Assimilationsschemata) vereinfachen, verzerren immer, sind aber grobe Orientierungshilfen.
Kulturen sind instabile Systeme. Man kann sich auf sie, man kann sie verstehen. Aber sie tragen keine stabilen Aussagen und keine nomothetische Wissenschaft.

Ethik ist eine Kunstlehre des Kompromisses.

Prinzipien sind Symbole für das Gute und dienen zur hierarchisch symbolischen Regulation auch komplexer sozialer Systeme.

Eine Moral, die den Kampf ums Dasein verurteilt, ist keine.
Der Mensch kann gewiß gutenteils expandieren in erfundene Räume (Jenseits, Ideen, Forschung und Technik). Eine Basis von letztlich mörderischer Konkurrenz um nötige Lebensmittel bleibt.

Survival of the fittest . Auf kurze Sicht gilt das, in einfacher Analogie zur Biologie, auch in Wirtschaft und Gesellschaft. The fittest ist der, unter den bewegten Umständen, faktisch gerade am passendsten Qualifizierte. Je labiler die Umstände werden, desto weniger allerdings ist Angepaßtheit, über die augenblickliche Konstellation hinaus, eine Eigenschaft, eine besondere Fähigkeit des Subjekts.
Superlative Anpassungsfähigkeit ist keine im Interesse der Gesellschaft oder gar der Menschheit wünschbare Qualität, deshalb auch verdächtig und damit ein auf die Länge nachteiliger Charakterzug.
Darwinismus ist ethisch eine Leerform, ein Materialprinzip, gewiß eine notwendige Bedingung jeder Ethik. Als Ethik aber wäre er eine Ideologie hoffnungsloser Geistlosigkeit.

“Tu, was du nicht lassen kannst!” ist ein seltsamer Befehl – eine Verzichterklärung der Vernunft und eine Zusicherung von resignierter Solidarität.

In der mobilen Gesellschaft kann die Kultur die Frage nach dem Sollen nicht mehr zureichend beantworten. Die Kreativität des Einzelnen ist gefordert; die Sollensfrage erhebt sich über die Kultur und wird zur Frage allein an Gott.

Auch hoffnungslos Hilfsbedürftige läßt man sich spontan etwas kosten. Das erscheint gut aber unvernünftig; ein ethisches Chaos, auch rechtlich nicht befriedigend prinzipiell zu regeln.
Menschlichkeit im Sinne von viszeral natürlicher Mit-Menschlichkeit gehört zu unserer artspezifischen Kultur. Man möchte wenigstens nachrechnen können, wie es sich bisher phylogenetisch bezahlt gemacht hat; aber auch damit könnte man die ethische Frage nicht beantworten. Die Pointe der Ethik ist die Einweisung in die Gemeinsamkeit der Ratlosigkeiten.

Geschicht lichkeit

Die Klassik[36] meinte, statisch in Alternativen denken zu sollen. Auch wir denken meist noch so, aber im Gefühl, undefinierbar „dynamisch“, in Übergängen zu leben.

Die Tradition lebt und arbeitet in uns symbiotisch ständig weiter.

Man kann "das Wesen des Christentums" - subjektiv - verkündigen, aber nicht feststellen. "Wesen" ist in den historischen und Gesellschaftswissenschaften ein Relationsbegriff; der jeweils (mehr oder weniger glücklich) gewählte Blickpunkt gehört dazu.

Das Identische in historischer Identität ist zunächst das Festhalten an einem Symbol, etwa einem Namen. Dieses Symbol kann seinerseits mehr oder weniger solide in Kontinuitäten der Geschichte begründet sein, etwa durch das Festhalten eines Staates an einer Selbstbezeichnung trotz erheblicher territorialer Veränderungen.

Die Berufung auf den Anfang ist immer ambivalent: Der Anfang war revolutionär, der Rückgriff ist konservativ.

Die Tragfähigkeit der Analogie zwischen kollektiven Abläufen und individuellen Krankengeschichten ist ungesichert. Man könnte evt. von Ergebnissen der familientherapeutischen Forschung profitieren.

Der objektive Erkenntnisgewinn historischer Forschung für die heutige Praxis ist gering. Wichtig ist der Gewinn an Einsicht in die Problematik des geschichtlichen Wissens, auf welchem unser Selbstverständnis aufruht.

Zum Verständnis von Gegenwärtigem bringen Kenntnise über die Vergangenheit einen oft auf Ideen, – wobei allerdings weder die Kenntnisse noch die Ideen richtig sein müssen.

Geschichte ist eine Kaskade von historischen Entscheidungen, die zu ἀρχή, Anfang und Prinzip, Archetyp, geworden sind, richtungweisend, insofern man, nach gefallener Entscheidung, sich nicht mehr beliebig zwischen den vorher noch offenstehenden Möglichkeiten hin und her bewegen kann, sondern wohl beraten ist, konsequent weiter zu machen. Solch ein Anfang wird idealisiert und mythologisiert. Man soll tapfer in dem neu entstandenen "Bassin*" von Möglichkeiten bleiben.

Die "gute alte Zeit" ist die mythische Welt der zentralen Symbole des Selbst.

Mythen werden je selbstverantwortet überliefert, neu gefaßt oder zurückgelassen. In der sich verändernden Welt verändert sich unweigerlich ihre Funktion.

"Ad fontes!" , Quellenstudium ist nötig, um in unklarer Problemlage den Sinn anerkannt grundlegender, historischer Entscheidungen kritisch nachzuvollziehen oder um allzu einfache Ursprungsmythen zu revidieren.

Auf Trümmern gedeiht Orthodoxie.

"C'est le provisoire qui dure." Das Provisorische ist das Reale; das Beabsichtigt-gewesene ist nur ideell. Alles Reale ist provisorisch. Das Reale "dauert" in geschichtlicher Weise; es zieht seine unordentliche Spur. Aus der Praxis gewachsene Vereinfachungen und Konzepte haben zunächst einmal ihren Geltungsbereich und ihre Trägheit und Zähigkeit. Es möge sich in verantworteter Kontinuität weiter entwickeln.
Das hypothetische (wissenschaftliche) Denken bringt Konzepte hervor und sieht dann von der Bedingtheit seiner Konzepte ab. Die entstehenden Theorien sind "zeitlos", intentionell ungeschichtlich, und sind deshalb blind von Belanglosigkeit bedroht.

Jede lebendige Entwicklung verändert irgendwelche Proportionen und bedroht damit die Stabilität der Verhältnisse im gesamten Relationengebilde.

Ein Stück Geschichte, in dem man sich auskennt, ist eine Heimat, wo man, gemeinsam mit anderen, ein Stück von sich selbst auffinden kann.

Ich werde morgen nur ungefähr der sein, der ich heute bin; ständig laufen in mir Substitutionen ab. Ständig bilde ich mich selbst ab, in mir, in andern und anderem. (Der Faustkeil vermittelt ein Bild des Steinzeitmenschen.) Der Lehrer prägt den Schüler. Jeder Mensch ist von seinem Umgang geprägt; er ist Nachgeschichte.

Unrealisiertes, erfolglos Gebliebenes bildet einen Fragment-Vorrat von überwältigendem Wert im Schutt der Geschichte. Zwei fast gelungene Unternehmen sind für den Fortschritt oft ergiebiger als ein gelungenes.

Die Geschichte des lebendigen (eminent kontextbezogenen) Wortes ist chaotisch. Der Kontextbezug überlieferten Wortes wird im lebendigen Sprachgeschehen stark und unvorhersehbar vereinfacht.

Aus der Geschichte, aus der Erfahrung "Lernen" ist Veränderung der Schemata, in denen man seine bisherigen Erfahrungen analogiekräftig für kommende ähnliche Probleme gesammelt hat – ein höchst komplexer Vorgang.

Finalität der Geschichte ist eine Assimilation des Weltgeschehens an das Schema der Einzelbiographie, ursprünglich charakterisiert sie eine Episode aus dem Leben Jahwes.

Symbole interpretieren uns und wir interpretieren die Symbole. Beides hat ein Stück weit seine Selbstverständlichkeit. Das ergibt kulturgeschichtliche Epochen.

"Vorbei! ein dummes Wort!" So Goethe (als Mephisto nach Fausts Tod, Z. 11596). In der Tat: Der Weisheit Anfang ist die Erinnerung, für die eben nicht alles einfach vorbeigeht. Von allem Realen bleiben reale Spuren; das Reale geschieht irreversibel. Auch die Erinnerungen sind solche Spuren. Manchmal kann man das Reale weitgehend rekonstruieren – wissend, daß es nicht ganz so gewesen ist, wie man es sich jetzt vorstellt. Auch diese Vorstellung aber ist, umgearbeitet, noch solch eine reale Spur.

Es gibt nur einen Weg in die Zukunft, den kurvenreichen Weg der Geschichte. Wir können da nichts überspringen; man kann nur, mit wenig Wahrscheinlichkeit, Ausschnitte aus der Zukunft voraussehen.

Geschichte, auch die Geistesgeschichte, ist multiplikative Rekursion.

Erinnerungen transformieren sich in ihre vielerlei Auswirkungen. Der Handelnde läßt das Alte neu in sich wirken.
Wir werden, in vielen Durchgängen, immer wieder in Erinnerung gerufen, transformiert und endlich ganz vergessen.

Neugier ist eine (dumme) Form, hoffnungsvolle Symbole zu suchen; sie ist Lebenswille, vitaler Wille zur Zukunft. Hoffnung braucht Anhalt in der Wirklichkeit. Wer von „dieser“ Welt nichts mehr erwartet, giert nach neuem, ganz anderem Leben. Das „Neue Testament“, Jeremia’s „Neuer Bund“, ist: neue Struktur.

Philosophie

Wir kennen heute zu viele „große Entwürfe“. Die große Zeit der großen Entwürfe ist vorbei.
Bricolage , selbstgebastelte Weltanschauung ist heute normal.

Religion kann sich auch in förderlicher Reflexion abarbeiten.

Die offizielle abendländische Philosophiegeschichte ist eine Geschichte naiv-optimistischer Reflexion. Die Skepsis läuft geschichtslos als Schatten nebenher.

Jeder Mensch steht vor demselben, ihn überfordernden Rätsel.

Der Mensch setzt naiv die Einheit der Welt voraus, - im Grund als environmental mother (Winnicott), eine personale Einheit. Aber diese Naivität kann schauerlich zusammenbrechen. Wir reden von der Welt im Singular. Die Einheit der Welt – das wäre Gott; aber den gibt es nicht so selbstverständlich. (Das Hebräische kennt, außer dem Plural der Vielzahl, den Abstraktionsplural, den der Ausdehung, den der Steigerung und den der Hoheit.)

Philosophie als Seelsorge (ἐπιμέλεια ψυχῆς, Ps.-Plato, Defin.) erscheint bei Cicero (Tusc.) wieder, in “Philosophie” als nicht „cura“, sondern cultura animae.

Denken ist eine wechselseitige Anpassung von Super- und Subsystemen, Makro- und Mikro-Theorie über viele Systemniveaus.
Die Denkmodelle der Geisteswissenschaften erweisen sich – auch wenn sie kompliziert sind – schnell als zu einfach – oder sie sind verschwommen.

Viel zu häufig werden. um der Taxonomie willen, Unterschiede zwischen den Theorien verschiedener Autoren zu Gegensätzen versimpelt, statt daß die Erhellung des Gegenstandes durch den einen und den anderen ausgewertet würde – die uns nämlich vor Abgründe stellen könnte.
Ein guter Autor will durch die Modelle mit einer Sache konfrontieren; nicht die Modelle oder die Taxonomie interessant machen.

Alle Kulturwissenschaften brauchen als Arbeitsmedium grundlegend eine Kultursprache. Indem sie damit arbeiten, entwickeln sie sie weiter. Nur die wenigsten Weiterentwicklungen allerdings überleben ihre Kindheit. Die doppelte (subjektive und objektive) Historizität der Aufgabe macht jede Identifikation von Gegenständen in diesen Wissenschaften höchst voraussetzungsvoll.
Man entwickelt Terminologien und künstliche Schulsprachen und konstruiert komplexe, doch immer simplifizierende Modelle, die die Möglichkeit natürlicher Sprache überfordern. Das lohnt sich zunächst nur institutionsintern; es sollte sich aber schließlich, ohne Glanz und Klirren, in kultursprachlichem Gewinn, in existenzerhellenden Konzepten niederschlagen.

Die moderne Hirnforschung entdeckt die synchronen elektrischen Wellen als Substrat der Objekt-Repräsentanzen. Das macht den intuitiven Begriff der Resonanz erkenntnistheoretisch interessant.

Der metaphorische Gebrauch von wissenschaftlichen Begriffen ist nicht nur ein Murmelnspielen mit echten Perlen. Er ist ein ahnungsvolles Gedankenspiel, das Zusammenhänge entdecken kann.
Für ein handlungsrelevantes Weltbild sind wir angewiesen auf Einarbeitung von Informationen aller Art, so gut es eben geht.
Der spontane Zugriff auf sich nahe legende, fremde Vokabeln muß gewiß kritisch revidiert werden. Ihn zu verbieten aber ist snobisch.

Reflexion (Philosophie, Hermenmeutik), gemeint als Korrektiv des Lebens, ist doch zugleich auch schon wieder Leben. Die erstrebte Desillusionierung ist wieder eine Täuschung, wieder nur von lokalem Interesse, umgeben von einer Wolke der Illusion globaler Bedeutung.

Ideologie versteift Symbolik rational.

Hermeneutik

Gewaltsame Vereinfachungen sind oft vorläufig lebensnotwendig, sowohl psychisch wie sozial.

Auch Irrtümer schaffen Wirklichkeit!

Die soziale Ordnung ist ein großer Kompromiß. Überlebte Kompromisse werden durch Provokationen über den Haufen geworfen.

Verängstigt im Chaos der Realität (das bestenfalls lokal Strukturen erkennen lässt), schützt man sich natürlicherweise durch naiven Begriffsrealismus gegen demoralisierenden Relativismus.

J. Lacan interpretiert R. Jakobson: Freuds Verdichtung ist Metapher, Freuds Verschiebung ist Metonymie.

Unsere geistige Entwicklung ähnelt dem körperlichen Generationswechsel: Man wächst zuversichtlich in die Welt hinein, man bildet eine Symbolik aus, man scheitert mit diesem Ansatz von Ordnung im Chaos, und fängt, etwas weiser geworden, von vorn an. Memetischer Generationswechsel im Individuum.

  • Inhalt
  • I. Realität 1
  • II. Gestalt, Form, Idee, Mem* 4
  • III. Symbol 9
  • IV. Existenzsymbolik 31
  • V. Wahrheit / Illusion 57
  • VI. Erkenntnistheorie 66
  • VII. Lehre 68
  • VIII. Identität 73
  • IX. Sprache 78
  • X. Verstehen 90
  • XI. Wissen 113
  • XII. Ordnung, Wahrscheinlichkeit, Kosmos und Chaos 119
  • XIII. Denken 126
  • XIV. Satz 132
  • XV. Handlung 136
  • XVI. Ethik 140
  • XVII. Geschichtlichkeit 147
  • XVIII. Philosophie 150
  • XIX. Hermeneutik 151
  • XX. Inhalt 153


[1] Softwareentwickler gehen davon aus, daß wir unsern Computer animistisch erleben: Bei Bedienungsfehlern bekommen wir die Rückmeldung oft in der Ich-Form.

[2] Das ist das zentrale Thema der infantilen („analen“) Trotzphase.

[3] Ihre (wie auch immer begründeten) Regeln und Gesetze, Alphabet, Orthographie, Einmaleins, Geographie usw. usf.

[4] Man schätzt 5 – 25 % der Bevölkerung. Im Internet zeigt Google 34 Millionen Einträge.

[5] Freud hatte Narzißmus und Libido unterschieden und versucht, diese Phänomene individualistisch zu verstehen; die soziale Beziehung ist hiernach zunächst durch den Begriff des (Triebwunsch)-Objekts vermittelt. (Auch Adler begriff das soziale Interesse noch individuali­stisch vom Machtstreben her.) – Das „ozeanische Gefühl“ und die Massenpsychologie, die Freud dann als Narzißmus verstand, hat Kohut dann weiter analysiert und das Gemeinschaftsgefühl zweier und mehrer Subjekte abseits von der Triebpsychologie thematisiert.

[6] Begriff der psychoanalytischen Ich-Psychologie. Triebe können desexualisiert zu Energien des autonomen Ich werden, und Ich-Funktionen können sexualisiert sein.

[7] In diese Richtung weist schon das Wort discipline in der Bezeichnung des Syndroms.

[8] Buchtitel von Peter Berger und Thomas Luckmann.

[9] Vgl. die Definition der Seele: De Anima B 1, 412a19sqq.

[10] Th. Luckmann und P. Berger, Die gesellschaftliche Konstruktion der Wirklichkeit.

[11] Schleiermacher hatte sie in seiner Dialektik mit seiner Verknüpfung von Begriff und Anschauung berücksichtigt. Die Informatik hat den default mode konzipiert.

[12] Nicht nur, wie die theologische Tradition sagt, Gotteserkenntnis!

[13] . Den Zusammenhang zwischen "früher Triangula­tion" und symboli­scher Funktion studiert, im Anschluss an Jac­ques Lacan, Ernst Abe­lin, zuletzt in:Die Theorie der früh­kindli­chen Triangu­lation. Von der Psychologie zur Psy­choanalyse (in: J. Stork, Hg., Das Vaterbild in Kon­tinuität und Wand­lung, Stutt­gart 1986, S.45-72) . Neben dem Freud'­schen Triangulationsmodell diskutiert er ein in der Tat nicht-se­xuelles, die Ma­donna con­stellation von Kind, Mut­ter und jüngerem Geschwister auf dem Arm der Mutter. Von daher könnte sich La­cans Verknüpfung von Vater und Symbol rela­tivieren.

[14] Die „formellen Operationen“ geben präoperativem und operativem Denken neben einander Raum in einem voll erwachsenen menschlichen Dasein.

[15] Vgl. das Sich-Aufrollen von Wirbeln.

[16] Als grandios wird auch die Tiefe des Raums erlebt. (Blick hinab, Rundblick und Aufblick vom Gipfel des Berges.) Die Grandiosität des Raums zieht uns über unsre als eigen erlebten Möglichkeiten empor. Die optische Umstellung beim Versuch der Aneignung, der Verinnerlichung, vollzieht sich (in einer kleinen Übergangszeit) in kleinen unsicheren Schrittchen.

[17] Beispiel: das plötzlich jubelnde Sehen der Gestalten im Chaos der graphischen Elemente der 3D-Bilder.

[18] Ludwig Boltzmann soll, angesichts der Maxwell'schen Gleichungen, mit den Worten des Faust, gesagt haben: "War es ein Gott, der diese Zeichen schrieb?" Man kann es ihm nachfühlen!

[19] Wilhelm Busch, Kritik des Herzens.

[20] Erziehung des Menschengeschlechts.

[21] Das Ideal und das Leben .

[22] Thomas Luckmann verschleiert diese Möglichkeit, indem er die Möglichkeit einer kritischen Wirklichkeit nicht vorsieht.

[23] Im Griechischen bringt ungeklärt den Zusammenhang von Wort, Denken und Begriff zum Ausdruck das Wort λόγος, das Aristoteles in die Definition des Menschen als ζῷον λόγον ἔχον (“animal rationale”) aufgenommen hat.

[24] Für die alttestamentlichen Propheten waren Ereignisse Gottes-Metaphern.

[25] Man denke an Angelus Silesius: "Ich weiß, daß ohne mich Gott nicht ein Nu kann leben. Wenn ich nicht wär, er müßt vor Not den Geist aufgeben." Das hat mit der Reversibilität der logischen Operationen zu tun, die Piaget thematisierte.

[26] Die alte Astrologie unterschied die obere, vollkommen geordnete Welt von der chaotischen erdnahen Sphäre innerhalb der Mondbahn.

[27] Human and machine thinking , 1993

[28] Ich erinnere an Stefan Zweigs Schachnovelle.

[29] Vom alten Goethe dann stattdessen (dem Mephisto in den Mund gelegt): "... und hüte mich, mit ihm zu brechen" (352). Man beachte überhaupt die Ironie in der ganzen, für Goethes Tragödie so wesentlichen Gestalt des Mephistopheles!

[30] "Höchstes Glück der Erdenkinder sei nur die Persönlichkeit. ... Alles könne man verlieren, wenn man bliebe, was man ist." (Suleika) mit Hatems Erwiderung im Westöstlichen Divan.

[31] Dagegen der andere Klassiker: "Wenn der Menschheit Leiden euch umfangen ... da empöre sich das Herz ... der heil'gen Sympathie erliege das Unsterbliche in euch!" (Schiller, Das Ideal und das Leben)

[32] Das erbost die Fachleute. Aber, skeptisch angewandt, können interdisziplinäre Analogien erste Erkenntnisfortschritte bringen.

[33] Im aristotelischen Sinne: „rhetorisches“; dazu Peter Ptassek, Rhetorische Rationalität (1993).

[34] Man erinnere sich, daß sogar Paulus immer wieder auch im positiven Sinne vom sich Rühmen (καυχᾶσθαι) redet.

[35] Matthias Claudius, An meinen Sohn Johannes, 1799.

[36] Heraklit war kein Klassiker.