Thomas Bonhoeffer


Individuum (2009)

Der Einzelne

Selbstverwirklichung ist Abbildung des imaginären moi (einer komplizierten Überlagerung von verschiedenen Abbildern!) in der gemeinsamen Wirklichkeit. Die pervasive Frage nach der adaequatio all dieser Abbildungen ist die Wahrheitsfrage des sujet (Lacan): „Bin ich das (oder das) wirklich?“ Ich setze mein Leben (die beste Kopie von mir) prokreativ ein in verfremdenden Selbst­abbildungen (z.B. in Staat und Kirche, Hausstand, Familie und Beruf.)

Die Freiheit des Individuums ist Raum der Kreativität, Quelle von Innovation und Fortschritt. Eine Gesellschaft wird sich schneller entwickeln, wenn sie die Freiheit des Individuums auch konstitutionell und rechtlich schützt. (Die schnellere ist allerdings nicht immer eine bessere Entwicklung.)

Jeder Einzelne ist schon anatomisch auf andere – Mutter (Nabel), Partner (Sex), Kinder (Brust) – bezogen, als Teil und Teilnehmer der Menschheit gestaltet.

In der Elternschaft wird das jugendlich-herrliche Individuum zum genetischen Epiphänomen, es vermenschlicht sich.

Ich bin meine Vergangenheit.

Dem modernen Menschen ist das Beständigste sein Leib, alles andere ist flüchtig.

Der Einzelne trägt das Milieu, das ihn trägt, mit.

Wilhelm Busch: "Im Durchschnitt ist man kummervoll und weiß nicht, was man machen soll." In stabilen Verhältnissen ist nach Winnicott milde Depression der menschliche Normalzustand. Das ist eine sozialverträgliche Form der Frustrationsaggression, Folge von Moral und Verantwortungsgefühl. (Freud empfahl, Aggression zur Arbeit einzusetzen.)

Der schöne Mensch wird bevorzugt und entsprechend beneidet. Damit muß er leben. Es prägt seinen Charakter.

Der Beitrag jedes Einzelnen ist höchst wahrscheinlich – aber eben doch nicht sicher – recht unwichtig. Er hat aber die Pflicht, seine Wichtigkeit ins Spiel zu bringen. Dem Einzelnen ist Assertiveness, Selbstbehauptung geboten. Sie führt in Schuld und leicht in Frevel. Jeder aber muß auch jedem andern dieselbe Pflicht zuzuerkennen.

Jeder Einzelne steht genetisch* (und memetisch*) für unberechenbare Möglichkeiten: Minimale Chance maximalen Erfolgs; bei sehr großer Streuung besagen empirische Durchschnittswerte praktisch nichts. Das berechtigt den Einzelnen im Kampf ums Dasein zu einer – an der gegenwärtigen sozialen Realität gemessen, illusionären – Selbstüberschätzung und einer entsprechenden Anspruchshaltung ("gesundes Selbstbewußtsein", wie man schmunzelnd sagt).
Diese wird sozioreligiös, nationalistisch, (männlich – und neuerdings auch weiblich) sexistisch, rassistisch und sonstwie elitistisch wahnhaft gestärkt. Das führt zu mild chaotischen bis explosiven Kämpfen.

Wir sind unsystematisch vielfältig bestimmt:
Stimmung erschließt, beleuchtet die Welt.
Lust belebt,
Gerechtigkeit wirkt Stabilität und Sicherheit, Voraussetzung aller höheren Kultur.
Moral orientiert den Einzelnen;
sein Milieu hält ihn.
Sein Wille organisiert ihn.
Man muß sich eine Ordnung finden, die der Vielfalt nicht Gewalt antut.

Im Schnittpunkt von Nahrungsfluß, Generationsfluß und Ideenfluß ist das sterbliche Individuum vielfach abhängig und prekär stabil, beschränkt ruhig, wesentlich zur Unruhe bestimmt.

Das Allel* einerseits, das Mem* andererseits spannen das Individuum in ihren Dienst ein.
Der Einzelne ist prinzipiell ebenso mündiger Repräsentant seiner Kultur, des Mem*-pools mit seinen Hoffnungen, wie fortpflanzungsfähiger Repräsentant des Gen-pools mit dessen Hoffnungen.

Jede menschliche Existenz ist, genau besehen, ein Wunder ständigen konstruktiven Kompromisses zwischen verschiedensten Ansprüchen.

Die unscharfe Naturforderung sozialverträglichen Verhaltens führt den Einzelnen unausweichlich in Verwirrungen und Schuldigbleiben.

Vegetatives und bewußtes Leben bilden ein mehr oder weniger harmonisches (und entsprechend erfolgreiches), spannungsvolles Verbundsystem. Die Einheit der Person ist ein multi-tasking-System von Teilsystemen, die nur partiell kompatibel sind. Die Person ist ein Verbundsystem unter wechselnder innerer Führung.

Im Chaos der Wirklichkeit ist ein Lebensziel des Individuums, zu leben ohne ein Gefühl der Zerflederung – im Extremfall: der gesammelte Wille zum eigenen Tod. Dafür aber muß man sich um ein Symbol der Wahrheit bemühen, vor dem man sich sammeln kann.

Meine Einsamkeit ist nicht deine Einsamkeit. Jeder scheitert an seinen besonderen Erwartungen. Ich sehne mich nach Gemeinschaft und habe zugleich Angst vor gemeinsamem Selbstbetrug. Jeden verbinden, schmal, verschiedene Gemeinsamkeiten mit einer Unzahl von Menschen. Es fehlt uns heute eine breiter verbindende Kultur, in deren Symbolik man sich vollständiger zusammenfinden kann.
Gemeinsam sind die unsymbolisierte, stumme haecceïtas[1], die Unzuverlässigkeit, der Irrtum, die Brüchigkeit, die Mißverständlichkeit der Gemeinsamkeit; das Chaos als Leiden und als je eigene Chance.

Individualität artikuliert sich in eigenen Vorhaben. Sie fängt an sich aufzulösen, wo Projekte zerkrümeln.

Gemeinsames Schicksal schafft kollektives Ich. Das "Wir" anstelle von "Ich" in der Erzählung von Schulerinnerungen mutet oft an wie eine Narbe.

Identität* ist ein laufendes Projekt. Man muß lebenslang immer wieder an die Arbeit und profitiert dabei allerdings von früher geleisteter – teils kulturell geerbter, teils eigener – Vorarbeit.

Zur Integration der Person, zu ständig wacher Arbeit an der eigenen Identität treibt an die natürliche Angst um die nie befriedigend ersetzbare Selbstbestimmung, – die ein möglichst integriertes Selbst ihrerseits bereits voraussetzt.

Mancher muß lange Zeit etwas mit schlechtem Gewissen tun, um die Legitimität des Unumgänglichen zu akzeptieren.

Freiheit ist vor allem Distanz zu sich selbst.

Einzigkeit ist eine wesentliche Erfahrung.

Unsre Zivilisation verlangt Optimismus. Deshalb müssen wir bedrückende Erlebnisse in der Regel im Verborgenen verarbeiten; so prägen diese uns unverhältnismäßig stark und belasten die Lebenspartnerschaft.

Wer nichts gut findet, ist nicht gut (zB Mephisto in Goethes Faust).

"Reife" ist eine Metapher aus der Botanik, die das chaotische Problem der kulturellen Ontogenese simplifiziert. Menschliche Reifung stellt eine umwelt­abhängige, ungeordnete Folge von Differenzierungen und Vereinfachungen, von Anreicherung mit Erfahrungen und Erwerb von Suchstrategien und Verlieren dar.
Man reift sektoriell in und für – konkreter oder abstrakter – bestimmte Umwelten.

Man kann einen vielfach enttäuschten, umsichtigen, nicht unbedingten, aber sehr tragfähigen Lebenswillen haben.

Not wird erträglich im Zeichen eines Projekts.

Klage enerviert und aktiviert die Umwelt. Sie kann aber, als Artikulation, Besinnung und damit gezieltes Handeln oder Unterlassen vorbereiten.

Schon die Entdeckung der Angewiesenheit auf Kommunikation kann eine Demütigung bedeuten; mehr noch ein seelsorgerlicher Besuch.

Hölderlin, in einem späten Brief an seinen Bruder: "...daß die höchste Kraft in ihrer Äußerung zugleich auch die bescheidenste ist ..."

Ohne Hoffnung kein Engagement, kein Arbeiten, keine Bestätigung der eigenen Kraft durch Selbstabbildung in der Tat, in das Material. Hoffnungslosigkeit ist ein Kreisprozeß. Oft kann ihn aber eine Kleinigkeit, die zu einem kleinen Eingreifen veranlaßt, unterbrechen.

Expressive need, das Ausdrucksbedürfnis, ist der Fortpflanzungstrieb des egoistischen Mem*. Es zielt auf Selbstverstärkung durch Selbstdarstellung im Werk.

"Ich habe mein Bestes getan, und es war nicht gut." Das ist zwar gewöhnlich, aber allein kann man sich damit nicht abfinden.

Scham ist Reaktion auf den Zusammenbruch einer bestimmten beruhigenden Vorstellung vom eigenen Selbst in der Welt. Man muß sich bücken und die Scherben auflesen, sehen, was nun noch zu machen ist, und bescheidener weiterleben.

Sich Schämen ist Arbeit am eigenen Selbstbild. Von den Mitmenschen ist hier Solidarität verlangt. Aber bezüglich der hier zu leistenden Arbeit sind viele selbst ziemlich ahnungslos.

Das Selbstwertgefühl: "Ich bin vollwertig" bedeutet zunächst: Ich bin mir vollwertig. Mir lohnt die Anstrengung, vollen Nutzen aus meinen Ressourcen zu ziehen. "Ich bin minderwertig" bedeutet: Die Anstrengung, meine beschränkten Ressourcen zu nutzen, lohnt sich nicht; niemand kann von mir verlangen, daß ich mit der Jämmerlichkeit meiner Ressourcen auftrete.
Grandiosität* ist Kreativitätspotential.

Der Mensch braucht, nach Heinz Kohut, "Bewunderung". Aber jedermanns Fähigkeit, anzuerkennen, ist begrenzt.

Manchmal wundert man sich über sich selber. Schwierigkeiten in der Selbstverständigung können verschiedenste (psychische, mitmenschliche oder symbolisch-ideologische) Ursachen haben. Der Einzelne, der seine ideologisch bedingten Schwierigkeiten bewältigt, erbringt damit eine Kulturleistung.
Wer an Problemen der Selbstverständigung arbeitet, muß aufmerken auf die Metaphorik seiner Sprache: Er ist im Gespräch störanfällig und wenig anpassungsfähig; anderseits können die Partner ihm mit ihrem Verhalten voranhelfen.

Sich Ärgern ist nicht Privatsache, sondern Motivation zu einer Problembearbeitung bei äußerer Hilflosigkeit. Es sollte zu sozial förderlichen Resultaten führen. (Das hängt aber auch von den Mitmenschen ab.)

Das Selbst ist ein Bezugssystem für die alltägliche Entscheidungsfolge des Ich. Es liefert Richtwerte für den ständigen Adaptationsprozeß eines Menschen, der in einer mild chaotischen Umwelt aufs Spiel gesetzt ist im Kampf uns Dasein. Es muß verteidigt und ständig angepaßt werden. Es verhilft zum Erfolg, indem es durch koordinierende Orientierung vor konfusem Handeln schützt.

Treue ist schöpferisch. Untreue braucht vergebende Treue.

Im Alter engt der Spielraum sich ein – zuletzt bleibt noch das Nein oder Ja zum Sterben.

Emotionen sind ein soziales Phänomen. Sie drücken sich unmittelbar körperlich aus und werden interpersonell unmittelbar übertragen und verstanden.

"Persönlichkeit" ist ein Gemeinschaftswerk.

Niemand ist nur der bekannte Vorfindliche. Man ist in jeder Rolle nur ein zufällig so Realisierter. Deshalb brauchen wir neben der Hauptrolle im Leben Freiheit und Freizeit für Nebenrollen, – mit denen wir aber auch noch nicht ausdefiniert sind.

Der Anblick eines Toten rührt die Grundsolidarität in der Seele auf. Die unweigerlich aufkommende hilflose Trauer kann nur überdeckt werden. Sie betrifft die exemplarisch endgültige Enttäuschung menschlicher Hoffnung.

Wir alle leben in der Gesellschaft wie einzelne Neuronen im Gehirn, jeder mit nur geringem Eigenbeitrag teilnehmend an kollektiven Prozessen; Anregungen aus der Vergangenheit und zeitgenössischer Kultur, transformiert, andersnorts ausagierend.

Die Zugehörigkeitsgruppe legitimiert Individualität durch ihre Heldensagen.
In gewissen Kulturen sendet oder begleitet der Ahnengeist den Initianden aus der Gruppe hinaus in die Wildnis.

Der Einzelne wird von der Gesellschaft stereotypiert wahrgenommen. Es ist ihm aber ein beschränktes Recht auf überraschende, ja störende Autoregulation zuerkannt.

Alles, jedes hat eine unergründliche Geschichte zu erzählen, alles ist ehrwürdig. Allem geschieht Unrecht.

Der Einzelne hat so maßlos viele Entwicklungsmöglichkeiten, daß er ohne äußere Einschränkung sich darin total verirren, und zu keiner Gestalt finden können würde.

Man weiß nicht, was zu fürchten ist; man weiß nicht, was man hoffen soll. Man weiß es nur im Nahbereich, also vielleicht total falsch.

Die Einzigkeit und die Kommunikation sind für einander Wunder.

Der einzelne Mensch wird, durch unsere explosive Vermehrung, der Allgemeinheit zu teuer. (Ein Problem von Grenzproduktivität und Grenzkosten*.)

In den verschiedenen Lebenssituationen hat der Einzelne verschiedene Funktionen. Er hat diese Rollen bei sich zu integrieren. Das gelingt desto weniger, je weiter die gesellschaftliche Differenzierung geht und je seltener man also ein geeignetes Vorbild für die erforderliche eigene Integrationsleistung zur Verfügung hat. Das führt zur polyvalent überangepaßten sog. patchwork identity.

Die große Polarisierung der Welt in Ost und West ist zerbrochen und zerbröselt in viele kleinen Polarisierungen.
Der Mensch braucht große Perspektiven (möglichst mit sozialem Rückhalt), die seinen Lebenssinn polarisieren zwischen "Erstrebenswert" und "Bekämpfenswert". Ohne diesen Tonus ist er, ohne Frustrationstoleranz, den primitivsten Verführungen und Drohungen ausgeliefert.

Langeweile entsteht, wenn die Spannung zwischen Innenwelt und Außenwelt, Wünschen und Realität, abreißt, das Wollen zusammenbricht.

Ein ideologisches System wird heute als Privatsache angesehen. Jeder möge glauben, was er will, wenn er nur gut funktioniert.
Jeder entwickelt, um seine gelungenen und mißlungenen Beziehungen herum, eine individuelle Weltanschauung. Nach Bedarf bringt er sie artikuliert ins Gespräch als offene, vorläufige Skizze, – tastend, dialogisch. (In großer Einsamkeit gerät sie provokant, hie und da sektiererisch.)
Die Weltanschauung vereinfacht die Welt. Sie mag starr und in einer sich wandelnden Welt todgeweiht sein; normalerweise ist sie, nach Maßgabe ihrer inneren Gesetze, ständig in einer zähen Bewegung der Anpassung begriffen.
Da unsere Ideologie unser Verhalten bestimmt, ist sie zwar Privatsache, aber sozial relevant.

Man möchte sich auswirken (expressive need im weitesten Sinn), noch ein Stück ins Unübersehbare hinein weiterleben in einer lebendigen Kette von Metamorphosen (Kindern, Gedanken, Worten und Werken).
Mein Werk (Kind, zu 50% ich) soll einwirken auf fremde Wirksamkeit (Enkel, nur noch zu 25% ich). So werde ich allmählich meiner vollen Verantwortung enthoben und sanft dem Nichts entgegen, weitergetragen.

Man kann im Chaos, auch ohne ständige äußere Resonanz, ein klein wenig Ordnung schaffen, so lange man eine Verstärkung hat durch Resonanz in der eigenen Seele und im eigenen Körper.

Man sucht all seine Fähigkeiten zu entfalten. Aber erstens ist das auch unter den glücklichsten Umständen nicht möglich. Man hat, von seinen ältesten animalischen Ahnen her, Fähigkeiten für mehr geerbt, als in einem Leben Platz hat. Und überdies sind der Selbstentfaltung die Umstände meist viel weniger günstig, als realistisch wenigstens denkbar wäre.
Für das nicht Realisierte muß ich die wesentliche komplementäre Fähigkeit haben, nutzen und entwickeln, das Bruchstück, das ich wirklich lebe, als Mikrokosmos zu sehen, als Beispiel; als Offenbarung, mit der ich individuell beehrt bin und die ich vertreten soll; als einen ganz persönlichen symbolischen Zugang zur ewigen Wahrheit.

Man muß in der Massengesellschaft, mit ihren vielen dünnen Kommunikationen, zunehmend sich selbst bestätigen können, im Verein mit andern oder allein. Das immer häufiger werdende Muster ist Genuß, – kein Ersatz für das, was fehlt: Segen.

Sind die müden, traurigen, kontaktlosen Blicke, die oft bösen, häßlichen Gesichter in der Bahn, auf der Straße in Wahrheit nur abgespannt? Die moderne Umwelt ist eine Signalwelt. Aus der (mit aggressiver Werbung gespickten) Reizüberflutung muß man die paar Signale herausfiltern, die man braucht. Man wird nur sehr partiell und oft sehr abrupt aktiviert. Danach muß man plötzlich zurück in auch wieder stressiges, weil sinnloses Abwarten. Man fühlt sich mißbraucht!

Man präsentiert sich fröhlich; anonym aber schaut man müde, traurig und böse drein.
Dazu paßt der offizielle Glaube an Gottes Gerechtigkeit und der inoffizielle Zweifel: Der alttestamentlich/kirchliche Gott entspricht der social desirability.

Unvereinbar komplementär: Ich-Sein und Noch-ein-weiterer-Mensch-Sein; Berufung zur Einzigkeit und Demütigung zum gemeinen Sterblichen.

Wir sind nicht nur verpflichtet, als Exemplar uns zu verstehen und zu handeln, sondern wir werden auch so behandelt – von Mensch und Natur.

Wer irreparables Unrecht erlitten hat, muß lebenslang der Neigung widerstehen, allenthalben unangemessen anspruchsvoll zu sein.

Lustsuche und Unlustflucht sind Lebenswünsche, aber noch nicht Lebenswillen.

In der Verlassenheit hast du unverdient teil an der Einzigkeit Gottes, des Schöpfers.

Der ungehört Schreiende wisse, daß er erleidet, wovon angstvoll auch diejenigen wissen, die ihn nicht hören; daß, in der Tabuzone des Todes, er die verschwiegene Wahrheit auch stellvertretend erleidet. Um den Anonymen herum bildet eine anonyme Menge eine Gemeinschaft in der Wahrheit. Er höre in seiner namenlosen Einsamkeit den Zuspruch der Gottesgemeinschaft.

Der Zuspruch von Gemeinschaft in der Wahrheit, die uns vereinzelt, ist der tiefste Sinn schon der Namensverleihung. Deshalb wird sie in allen Kulturen gefeiert.

Die große Toleranz des Subjekts für Aussichtslosigkeit ist immer wieder verwunderlich.

Die gehäuften Zufälle der äußeren Umstände haben in der hochmobilen Welt den Menschen auch innerlich in seinen eigenen Augen zu etwas Zufälligem gemacht.

Die Gesellschaft spricht dem Einzelnen, teils stereotypiert, teils individuell und aktuell moduliert, Menschenwürde zu und verlangt vom ihm Selbstachtung.

Nach Cicero bestand die Würde des Menschen in seiner Vernunft (die ihn zu einer sozial erwünschten Selbstbestimmung befähigte). Die Ganzheit des Willens bedarf eines Glaubens mit seinem illusionären Kern. Meist wollen wir nur halbherzig, weil wir schlechte Erfahrungen mit Illusionen gemacht haben. Und das ist besser als leichtfertige Entschiedenheit.

Wenn stärkere Mächte meine Tätigkeit überwältigen, kann mich das dazu anstoßen, den Blick zu weiten, über meine Tätigkeit hinaus, auf die störenden Prozesse; und mich diesen ergeben. Nicht als wäre meine Tätigkeit gewiß weniger wichtig; das kann man nie wissen, und ich bin für die Verwendung meiner Kraft voll verantwortlich. Aber ich kann im Augenblick nichts Besseres tun.

Das sog. „Selbst“ ist eine verschwommene Überlagerung von Rückspiegelungen aus der Umwelt.

Der Mensch paßt sich an immer andere – weithin an unsägliche – Lebensbedingungen, nicht nur quantitativ, sondern durch Schemawechsel an. Sein Selbstbild ändert sich.

Unsere Identität flackert zwischen aB und Ab; immer alles, aber in verschiedener Dominanzschaltung, – wie das dominante und das rezessive Erbgut. Die Möglichkeiten des Ich bilden kein Kontinuum, sondern eine diskrete Menge von Alternativen. Wenn eine Möglichkeit realisiert wird, dann mit (fast) aller Kraft diese, aber nicht die andere.

Skepsis gehört zu den Reserven, die den symbolorientierten Realismus vom Wahn unterscheiden.

Risse in Identitäten werden normalerweise symbolisch überspielt.

Der Tod ist tabu, nicht öffentlich (im Gegenteil: er sprudelt einem aus den Massenmedien entgegen!), sondern zwischenmenschlich. Gefürchtet ist der desillusionierende Kontinuitätsbruch im Persönlichsten, den der Tod für jeden bedeutet.

Eine kalte Dusche bekommt man lieber plötzlich; eh man sichs versieht, hat man sie schon überlebt. Ein langsamer Übergang führt symbolisch über einen Abgrund. Man kann das zwar – durch Desensibilisierung – abschwächen und den Abgrund vergessen machen, aber ihn nicht füllen.

Selbstbeherrschung als Ideal setzt einen ideal weisen „Herrscher“ voraus! Das unweise Ich aber muß aus seinen Niederlagen lernen. Unser Leben schwingt zwischen Ich-Herrschaft und Triebherrschaft.

Man ist nolens volens stark eingebunden. Die einbindende Symbolik repräsentiert die Wahrheit – löcherig. Die Sinnfrage bricht durch die Löcher der Einbindung herein.

Die Phantasie vom letzten Menschen ist ein wichtiges Existenzsymbol. Jeder ist, bei aller Einbettung in den weitergehenden Fluß des Lebens, in für ihn wesentlicher Hinsicht der letzte Mensch.

Das Individuum hat seine Lust und seine Not an der Liebe und zerfällt. Lebenslang streut man seine Individualität aus durch sein gesamtes Verhalten. Die Rezeption des Individuellen geschieht identifikatorisch.

Die lebendig Vergessenen, allein zugrunde Gehenden sind ganz, was jeder zum Teil schon ist und ganz zu werden fürchtet. Sie repräsentieren, sich und anderen, ein gern vergessenes Stück der übergroßen Wahrheit.

Wir leben davon, daß andere durch den Beitrag ihrer Seelen zur menschlichen Kultur, namentlich durch ihre Trauerarbeit, uns die Welt beseelt haben.
So wird auch unsere Seele belebend weiterleben, über die Grenze unseres Interesses hinaus.

Man muß nicht für sich als abgeschlossene Einheit Hoffnung haben! Das „Individuum“ ist nicht abgeschlossen. Als recht stabiler Knoten in einem Generationennetz, ist es zusammengefügt – und teilt sich! Es differenziert sich aus, vermehrt sich und stirbt: erst zellulär, im Kleinen, dann im Großen. Ständig nimmt es und gibt ab. Unnachrechenbar und unvorhersehbar, erst direkt, dann indirekt, wirkt und prägt das Individuum – lebend und sterbend und tot. (Schon zu unseren Lebzeiten entwächst unsere Wirkung unserer Kontrolle!)

Wieviel Gutes habe ich erfahren, ohne zu danken! So wird auch Gutes, das ich getan habe, unverdankt und anonym weiterleben.

Das Publikum will Gestalten sehen, „und manchen hats das Herz verdreht, die weiland wacker waren“ (Matthias Claudius). Mancher zelebriert sich als „Gestalt“, statt sich als gottgeschaffene Ungestalt (eine unentwirrbar mit den Umständen verwachsene Möchtegern-Gestalt) zu akzeptieren.

Die Harmonisierung seiner Bestandteile ist eine lebenslange kreative Leistung des Individuums.

Meine Identität ist eine Gegenwart meiner Geschichte.

Kunst und Religion machen darauf aufmerksam: Normal oder marginal, muß jeder das Menschsein beispielhaft repräsentieren, entsprechend seiner Eingewobenheit in die Welt.

„Es hat seine Richtigkeit, daß ich jetzt nicht schlafen kann.“ Das ist eine Arbeitshypothese. Um diese Richtigkeit herauszufinden, muß ich den aktuellen Antagonismus, nicht unparteiisch und nicht unbesorgt, aber, selber friedlich, wohlwollend interessiert, gewähren lassen, als eine Lebenserscheinung, wie eine Rangelei unter Kindern.

Das Leiden daran, nichts vorzuhaben, ist unheimlich mit anzusehen.
Wir haben das Ideal der gesammelten Persönlichkeit; man gehört eben nicht zu einer der vom „Fortschritt“ besiegten Kulturen. Wer ihm einigermaßen entspricht, hält das zunächst für Verdienst; aber er kann von Glück reden! Die Motivation kann unversehens ausgehen und auch die instrumentellen Möglichkeiten, zu tun, was man eigentlich will. Dann hat man auf der Grundlinie der Conditio humana zu meditieren...

Unangepaßtheit von persönlichkeitsspezifischem Verhalten ist Teil der Diversifikation überlebensfähiger Arten.

Jedes Individuum ist eine neue Mischung und seine Umwelt auch.
Der Jugendliche muß sich ausprobieren, um seine Form zu „finden“, sagt man. Aber es gibt sie noch nicht; er muß sie erfinden! (Und lebenslang muß man sich dann, wenn auch in ruhigerem Tempo, kreativ weiterentwickeln.) Jugendliche brauchen deshalb viele und suchen immer neue Anregungen, objektiv: entgegenkommende Vorarbeit, subjektiv: „Unterhaltung“. Ständig bilden sie sich selbst. Die Form-Erprobungen erfordern Selbstbeherrschung und dazwischen wieder Spaß, d.i. Öffnung für zurückgestaute Bedürfnisse.

Ich bin ein Prozeß (frz.: je). Ich verstehe mich (moi) als stabiles System. In Wahrheit bin ich nur ein quasistabiles System.
(Das Recht nimmt jeden in erster Annäherung als für sein Verhalten haftbares, voll verantwortliches, identisches Subjekt. Erst in zweiter Linie wird mit Instabilitäten gerechnet.)

Der Einzelne ist in die erkannte und die unerkannte Umwelt verwoben. Wir sind so in die Welt eingelassen, daß wir mit unserem Verhalten auf Außen- und Innenreize ziemlich gleich reagieren; unsere eigenen Reaktionen laufen oft wie Vorgänge in der Außenwelt, ohne unser Zutun, wie von selbst, ab. (Eher würde unser Zutun nötig sein, damit sie nicht ablaufen.) Auch unsere Entscheidungen laufen normalerweise wie von selbst.
Das bewußt überlegende, entscheidende und nach seinem Willen handelnde Individuum ist in unserer Kultur ein klassisches Schema, in das wir unsere Wirklichkeit pressen müssen. Es scheint allerdings, daß unter dem Eindruck der wissenschaftlich gesammelten Erfahrungen seine Autorität schwächer wird.

Bibel: "Gesandt", Heidegger: "Geworfen".

Reife ist eine gesellschaftliche Norm. Man soll, "innerlich" reifend, mit seinem Alter schritthalten. Die Zielwerte sind da Durchschnittswerte.

Jeder geht seinen, niemandem im Voraus bekannten Weg. Rückblickend muß jeder den seinen sich aneignen. Dann erscheint uns der eigene Weg sogar vorherbestimmt.

Das "Selbst" kommt uns vor wie einfach vorgegeben. Es ist jedoch eine fragwürdig vereinfachende Abbildung eines hochdimensionalen quasistabilen Prozesses.

Innere Sammlung ist zunächst Privatsache. Aber gesammelte Persönlichkeiten wirken vorbildlich. Ihre Kraft und Stabilität verleihen soziales Gewicht.

Wir müssen bescheiden anerkennen: Der Kreatur ist Unbescheidenheit beschieden.

Symbolik ist nicht umkehrbar eindeutig. Jede Symbolik repräsentiert vieldeutig. Die Kommunikation bezieht ihre Sicherheit je aus der Gesamtsituation, die die Deutungsmöglichkeiten einschränkt.
In der Situation spielen Machtverhältnisse eine Rolle. Die soziale Struktur verzerrt die Symbolik entsprechend, und die normalisierte Sprache entfremdet den Einzelnen ein Stück weit sich selbst. Er hofft auf Umsturz. In der Kommunikation mit Gott kann er zu sich selbst, zu eigener Sprache finden. Dann kann er sein eigenes Zeugnis in die Alltagssprache einbringen, "Wortgeschehen", kleine integrative Umstürze von Gott her.

Sich Schämen ist ein kreativer Vorgang im Selbst, für den man menschlichen Rückhalt braucht.

Wille ist ein komplexes, sensibles System. „Willensfreiheit“ ist konkret die Unvorhersehbarkeit der Wirkung der mancherlei groben und subtilen Einflüsse (von außen und von innen) auf den Willen.

Die Aufklärung kämpfte für das Recht des Individuums, in kritischem Dialog sich immer klarer zu explizieren. Das war eine Stärkung auch der sozialen Kompetenz des Individuums. Von dieser Entfaltung des individuellen Potentials hat das Abendland enorm profitiert.

Die Spezies hat undifferenzierte prokreative Zentrallinien (das „Keimbahn“-Netz) je mit einer Umgebung von differenziert ausgestalteten Ästen.
Der Phänotyp bildet mit seinen sterilen Anteilen die Systemoberfläche der Spezies, die nötige Umgebung für den prokreativen Naturvorgang. Er fügt, umsichtig, die Spezies, so vorteilhaft, so schön wie möglich, in die Umwelt ein.
„Ich“ bin also eine Art Hirt unter Hirten der menschlichen Natur.

All unsere Verhaltensweisen sind phylogenetisch längst durch ähnliche vorgebahnt. Um bei Bedarf zur Verfügung zu stehen, werden tendenziell alle Organe „gängig“ gehalten; das ist Selbstzweck, prämiert mit „Funktionslust“. So ist auch das Individuum im Hyperzyklus, als ein Organ der Spezies, Selbstzweck.

Vernunft ist etwas Allgemeines. Am sichersten symbolisiert man seine Unverwechselbarkeit in Irrationalitäten – steril: in Marotten.

In unabweisbarem persönlichem Engagement unter schlechten Erfolgsaussichten wird man eingeweiht in das geheimnisvolle Schöpfungswunder Menschenwürde.

Dem Frustrierten kann die eigene Persönlichkeit vorkommen wie eine Staubflocke, ein Knäuel Putzwolle; abgerissene Fäden, die sich an einander festhalten.

Wir betrachten gewöhnlich jeden Menschen als verantwortlich für sich selbst. Das ist aber nicht mehr als ein praktikables Klischee. Die Rechtspflege ist auf so etwas angewiesen. Gleichwohl sind wir überall nur mitverantwortlich. Die Geboten vom Sinai (1.Mose 20), die von der Strafe für die "Sünden der Väter" sprechen, anerkennen das; auch Paulus, wenn er von Adam redet (Röm 5). Ezechiel (cp. 18) erhebt Einspruch. Aber die Individualisierung ist so falsch wie Kollektivierung oder Aufhebung aller Grenzen, Proklamation einer Nacht, in der alle Katzen grau sind.
Grenzen ermöglichen das Leben; aber alle Grenzziehungen tun wirklichen Zusammenhängen Gewalt an. Wir sind nicht erst kulturell, sondern schon leiblich nur bedingt abgrenzbare Einheiten.

Alles, was man besser nicht durch Computer machen läßt, erfordert spezifisch menschliche Kreativität. Bereits der Ton der Formeln für Gruß und Abschied kann aus der Situation sehr Verschiedenes machen.

Man kann die Folgen von Fehlentscheidungen in der Regel bestenfalls begrenzen. Etwas gut machen kann man oft; aber oft nicht an dem, dem man Übles getan hat. So verwirklichen wir uns sozial als verworren eingewoben.

Zum modernen Umgang mit einander gehört die gegenseitige Beanspruchung als Person. Wir glauben voraussetzen zu dürfen: Die Berufung zum Personsein gehört zum Menschen. Als Person beansprucht zu werden, gilt uns als Menschenrecht, das jeder von jedem beanspruchen kann.

Um seine Fähigkeiten zu sammeln, muß man symbolische Schwerpunkte sich bilden lassen.

Die dominante Weltkultur versteht die Menschheit individualistisch. Der Biologe Leo Buss, The Evolution of Individuality, 1987, hilft, diesen uns selbstverständlichen Blickpunkt relativieren.

Man redet im Singular vom Selbstverständnis und vom Selbstbild des Menschen. Das ist aber ein Postulat. Real ist immer ein stimmungsabhängiges Aggregat von Selbstverständnissen, die einzeln oder gemischt das Subjekt beherrschen. (Man ist zumeist in Alltagsstimmung, eingestellt auf Einfügung in Kooperationsstrukturen; es gibt aber auch Verschmelzungsstimmung; erotische Stimmung; oder man fühlt sich, vielleicht wütend, vereinzelt.)
Das Wort „Stimmung“ verweist auf Wellen und Schwingungen; und auch hier sind verschiedenste Überlagerungen die Regel.

Jeder Mensch ist Ebenbild Gottes, insofern der Mensch besonders schöpferisch ist. Dank seiner Vernunft hat er höhere Chancen, neues Bleibendes zu schaffen.

Die Informationsverarbeitungskapazität des Individuums ändert sich langsam; das Informationsangebot übersteigt sie bei weitem. Desto wichtiger wird die persönliche Entscheidung, welche Information man wie gut verarbeiten will. Jeder ist weitgehend sein eigener Gesetzgeber; die Verantwortung dieses Gesetzgebers ist mitgewachsen. Besinnung und Selbstzucht werden immer wichtiger.

Wer unbedingt leben will, mißachtet seine Seele (Plato, Nomoi 727 d 1). Die Seele ist Teilhabe an unendlich viel mehr als dem eigenen Körper.

Der Egoismus verlangt nicht nur nach Annehmlichkeiten, Freundlichkeiten, Macht und Ansehen, sondern auch nach Transzendenz! Gegenseitige Wertschätzung kann nur genügen, wenn die letzte Fraglichkeit darin repräsentiert ist. (Im Zustand der Verliebtheit gibt man sich verloren; aber dann muß man die Verantwortung für sich selbst doch wieder übernehmen.)
Man will etwas wert sein nicht nur diesem und jenem, sondern (unabhängig vom Wert, den dieser und jener hat) absolut. (Das verrät sich in den alltäglichen Schmeicheleien, in den Beweihräucherungen des Mächtigen durch die Umwelt und endlich in den Grabreden.) Die Frage: "Was soll ich?" transzendiert alle Antworten von Mitmenschen.

„Ich“ ist ein Begriff, eine Vereinfachung, ein Symbol. “Biochemischer Prozeß“ ist eine andere Vereinfachung, genauer betrachtet: eine (für unsern Verstand schnell viel zu komplizierte!) Modellvorstellung. Beide sind, je nach Verwendungszusammenhang, brauchbar. „Parallelismus“ herrscht nicht zwischen Körper und Seele, sondern zwischen unsern zweierlei Modellvorstellungen von der einen Wirklichkeit.

Um nicht nur zu vegetieren, sondern menschlich zu leben und zu handeln, muss man etwas erhoffen. Handeln ist gestaltende Selbstverwirklichung, memetische Fortpflanzung und Begün­stigung der Fortpflanzung verwandter Gene.

Man ist immer verwoben und insofern abhängig: Als junger Erwachsener ist der Mensch auf der Höhe seiner körperlichen Autonomie, eine schöne „Gestalt“. Aber auch die Sexualität ist hier auf ihrer Höhe, und sie bedeutet Heteronomie von innen und von außen. Die Heteronomie verdient, ansehnlich oder unansehnlich, in allen Altersstufen ebenso viel Achtung wie die Autonomie.
Aber die Gesellschaft braucht Vereinfachungen und verlangt vom Einzelnen Selbstbeherrschung. Und so kommt es zu Überschätzung der individuellen Verantwortung. Das breite Interesse an der neuen radikalen Bestreitung der Willensfreiheit beruht vielleicht auch auf dem natürlichen Bedürfnis nach moralischer Entlastung.

Die homerische Polydämonie war deutender Ausdruck der undurchsichtigen Abhängigkeiten des Menschen. Die persönliche Identität war noch nicht durch Autonomie so definiert, dass sie von diesen Abhängigkeiten beeinträchtigt wäre.

Verstehen kann mich immer nur als ein zufälliges Exemplar einer „Art“, als Repräsentanten (Element) jeweils einer Menge unter einander ähnlicher, durch ihre Gemeinsamkeit und Verschiedenheit wesentlich unscharf definierter (also kommunikationsbedürftiger) realer Elemente. Nur im Modell gibt es scharfe Definitionen. „Nur eine Nummer“ zu sein, ist die Klage des nach einem rationalen Modell verwalteten Menschen.

Da die verschiedenen Teilsysteme, aus denen wir bestehen, nur locker mit einander verkoppelt sind, ist unser Verhalten chaotisch. Subsystemare Konsequenz wird oft gestört, die Interaktion zweier sinnvoller Abläufe produziert oft Unsinn.

Rekursion des Selbstseins: 1. Jeweilige imaginäre „Einheit“, 2. Differenzierung und Desintegration in „Einheiten“, 3. selbstverständliche Identifikation mit einer Teilmenge dieser Einheiten.

Ein beseelter Leib beansprucht uns persönlich als mitverantwortlich. Eine Seele ist Teil einer Solidargemeinschaft; wie der Vektor Element eines (meist vorbewußt mitgedachten) Vektorraums ist.

Entlastung des Ich: „Ich bin nur ein Mitträger von Menschheit.“

Wir sind mit unsrer Umwelt so verwachsen, dass die Ausgrenzung von Eigenem (also auch von Verantwortungsbereichen) immer chaotisch bleibt. Vgl. die Ironie Goethes (im West-östlichen Divan) betr. der Persönlichkeit als des höchsten Glücks der Erdenkinder[2]. Goethe hat sie sofort relativiert!

Die unüberblickbar vielfältige (aktive und passive) Partizipation des Einzelnen bedeutet Bedingtheit der Persönlichkeitswerte Subjekt, Moral und Recht. Begriffe wie Verantwortung und Schuld wurden zwecks sozialer Handhabbarkeit juridifiziert, also vereinfacht und stereotypiert. Der Nationalsozialismus hat uns diese Vereinfachungen drastisch fragwürdig gemacht: Man wagte den unklaren Begriff „Kollektivschuld“.
Heute bekommen, namentlich angesichts der ökologischen Evidenzen, Worte wie Mitverantwortung und Kollektivschuld wieder beunruhigende Resonanz im Gewissen.

Man soll Zielvorstellungen entwickeln, ihnen folgen und im Licht der Folgen an den Zielen weiterarbeiten. Die Geschichte meiner Ziele ist ein wesentliches Stück meiner Identität.

Nicht die Verwirklichung schöner Ziele entscheidet über den Wert eines Lebens, sondern die Bewährung in der Perspektivelosigkeit.

Die klassische Antike hatte individualistisch freies Denken entwickelt.
Radikalisieren die abrahamitischen Religionen den Individualismus? Hier ist die persönliche Verantwortung zentral wichtig. Aber Einzigkeit und Auserwähltheit, Rivalität und Eifersucht, Glaubenskriege (und in den biblischen Religionen: Verfolgungen) spielen hier [3] eine große Rolle. Der christlich-abendländische, gewissenhaft frei denkende Individualismus wurde dann zum weltbeherrschenden Ego-Trip.

Der Kierkegaardsche „Einzelne“ ist nicht das isolierte Individuum, sondern das Gewissen als Zentrum des vielfach verwobenen Daseins.

Kreativität überwindet die Angst. (Vgl. Erikson: Initiative gegen Schuldgefühl)

Hauptsächlich muss man sich von der eigenen Natur und der Umwelt treiben lassen. Nur ein wenig Feinsteuerung ist uns freigestellt, und sie kann große Folgen haben.

Traurig oder böse zu sein, gehört wohl auch zu den menschlichen Fähigkeiten, die ihre begrenzte Überlebensfunktion für die Spezies haben.

Man muss nicht fröhlich sein! Aber man muss seinen Weg finden, am Bedrückenden immer wieder guten Mutes zu arbeiten.
Mild depression bringt Unsicherheit und Ansprechbarkeit mit sich. Winnicott betrachtet sie als Normalität.

Die Menschen sind viel mehr mit und ineinander verwachsen, als sie wissen.

Koinzidenzen schaffen Qualitäten und „Individualitäten“, und diese zerfallen auch wieder.

Montaigne (III, 2, Du repentir): Chaque homme porte la forme entière de l’humaine condition.

Grundvertrauen ist Lebenszuversicht. Diese betrifft nicht notwendig entscheidend die eigene Person.
Meine Individualität wird ständig stückweise und endlich total, sprunghaft umgestaltet in andere Individualitäten. Die Schönheit der Individualität bestand jeweils darin, dass sie über sich hinauswies.
Das Grundvertrauen betrifft die mir persönlich zugesprochene Welt, in der meine eigene Individualität stattfindet. Es betrifft, religiös-symbolisch gesprochen, die Schöpfung.

„Was aber schön ist, selig scheint es in ihm selbst“ (Mörike). Es ist nicht falsch, aber irreführend, zu sagen, es weise „über“ sich hinaus, es sei transzendent. Lieber möchte man, umgekehrt, von Inkarnation sprechen.

Der Mensch steht immer in Spannung zu seiner Vorfindlichkeit.

Unsre „Zugänge zum Absoluten“ sind vielfach bedingt. Die Menge bedeutender Erlebnisse markiert jedem seinen Zugang zu Gott. Andere Wege mögen mich beeindrucken; aber ich habe meinen eigenen Zickzackweg zu gehen.

Ehrfurcht ist Anerkennung des Segens einer Macht – und Furcht, sie zu verkennen.

Kreativität heißt nicht: „Immer etwas Neues!“ oder: „Hauptsache Selbstverwirklichung!“ Sie lässt sich vom Alten, gegebenenfalls zu Neuem, inspirieren.

Es geht dem Selbst um Zuverlässigkeit und Berechenbarkeit. „Bildung“ – in der Regel der bleibende Eindruck gesammelter (und schulisch tradierter) Erfahrung der Gesellschaft – formt das Selbst und stabilisiert, durch erhöhte Flexibilität, Identität.

Ein Individuum ist mit sich selbst nur ungefähr identisch.

Das Selbstbild des Individuums ist nicht beliebig plastisch. Es gibt Grenzen der Verhaltensmöglichkeiten, wo die Persönlichkeit entweder zerstört wird oder soziale Selbstverstümmelung, Martyrium oder Selbstmord wählt.

Wir sind bevollmächtigt, in einem gewaltigen, einmaligen Spiel als einmalige Mitspieler zu improvisieren. Diese erhebende und demütigende Einsicht kann uns mit dem Leben und Sterben versöhnen.

Das einzelne Lebewesen ist vergängliches Stück einer Entwicklung. Es erinnert sich, lernt zu und passt sich an; so entstehen in ihm umstandsbedingte Zusammenhänge; die Altlasten nehmen zu. Das weitere Leben ist Desintegration und Neukombination quasi-stabiler Einheiten.
Ich selbst verändere mich und zerfalle. Aber verfremdete Bilder von mir entstehen in anderen Personen; überkommene Ideen, die sich in mir weiter entwickelt haben, entwickeln sich fort, wie sie es in mir nicht gekonnt hätten, unabsehbar.

Ich bin, bis zuletzt, ein Testlauf von vielerlei: Ich stehe unter vielerlei Einflüssen und habe unübersehbar vielerlei Auswirkungen – besonders in der memetischen Dimension.

Ich bin ein ungefähr ersetzbarer Versuch der Evolution.

Kreativität

Kreativität heißt nicht: „Immer etwas Neues!“ oder: „Hauptsache Selbstverwirklichung!“ Sie lässt sich vom Alten gegebenenfalls zu Neuem inspirieren.

Das allenthalben überraschende Miteinander des unübersehbaren Vielerlei repräsentiert dem Betrachter Gott. Freude wartet in den unzähligen kleinen Wundern des Zusammenspiels des Heterogenen mit dem Betrachter. Aber unversehens beängstigt dieses verlockende Chaos; Grauenvolles und Überwältigendes zeichnet sich ab, vor dem wir uns zurückziehen.
Die Christustradition hilft zu getrostem Blick in die Welt.

Sigmund Freud konzipierte, mit dem Begriff „Trauerarbeit“, Trauer als zielgerichtete, normale Aufgabe. Der Traurige hat diese Aufgabe von der eigenen Natur und von der Umwelt. Er soll sich wieder freuen können, ist aber hoffnungslos, freut sich auf nichts und ist zu nichts positiv motiviert. Im glücklichen Fall leistet die Seele unbewußt den erforderlichen seelischen Umbau aus eigenen Kräften.
Meist aber ist Hilfe wünschenswert, Trauerbegleitung, Hilfe zur Selbsthilfe, ja eine Kunstlehre, eine Technologie der Trauer. Mephisto versucht es bei Faust vergeblich mit Alkohol in Auerbachs Keller und in der Hexenküche mit einem Aphrodisiakum. Zerstreuung oder Psychopharmaka aber tragen nicht weit.
Willkommen jedoch sind Tricks, die den Zurückgezogenen aus seiner Beschränktheit heraus, zurück in die größere Wahrheit führen, eine Anleitung zur Meditation.

Ablenkung und Zerstreuung sind Vergröberungen einer Technik der alltäglichen Lebenskunst; die man Defokalisierung nennen könnte. Sieht man seinen Arbeitsplatz mit dem Blick eines Malers, so sieht man Zusammenhänge, die man beim Arbeiten nicht sieht.

Bewußtseinsveränderung , Meditation, Trance

Überwältigendes Glück sowie Unglück markieren unsre Grenzen. Sie verändern unser Bewußtsein, sie relativieren auch unsre Nüchternheit und symbolisieren ein Jenseits.

Unser Weltbild im normalern Wachbewußtsein ist eine konsensfähige Vereinfachung. Was da gar nicht oder verzerrt repräsentiert ist [4] , können wir per definitionem nicht wissen, sondern nur ahnen. Verändertes Bewußtsein relativiert das normale Bewußtsein und ergänzt es idiosynkratisch mit inkompatiblen Weltbildern mit unscharfer Grenze zu psychopathologischen Erscheinungen.

Insbesondere in Verbindung mit so etwas wie Ritual, induziert Mythologie Trance (im weiteren Sinne von Dennis R.Wier). Die Trance ist der "andere Schauplatz / l'autre scène" (Freud/Lacan), der Distanz verschafft gegenüber der "gesellschaftlich konstituierten Wirklichkeit", der "Realität". Sie löst "Verbiesterungen", ermöglicht Neuansatz. Gebet hilft in Not, insofern es neue Sicht der Dinge ermöglicht.

Bei rationaler Arbeit kann man sich verbiestern. Wechsel zwischen zwei Arbeitsfeldern entkrampft. Es geschieht auffallend häufig, daß einem die Erleuchtung für das renitente Problem im einen Feld mitten in der anderen Arbeit kommt. Offenbar hat das Denken, bei der Konzen­tration auf die zweite, die erste Aufgabe nicht vergessen, aber sie unbemerkt und von Willenskontrolle entlastet, sich neu organisieren lassen. Die Prägnanz der neuen Gestalt, hat das alte Problem, gelöst, dann wieder ins Bewußtsein vorgeschoben.

Die frühmorgendliche Lösung eines abends ungelösten Problems verdankt man dem Zwischenspiel auf der Traumebene.

Blick aufs Meer: "... am offenen Fenster gestanden, ohne einen Gedanken fassen zu können vor diesem niemals sich wiederholenden Schauspiel." (W.G.Sebald, Austerlitz, S. 138)
Das sind Zeiten, in denen, unbemerkt, sich gute Gedanken vorbereiten!

Die buddhistische Meditation kennt für jeden Menschentyp einen besonderen Gegenstand, den er meditieren soll.

Um den Meditationsgegenstand durchläuft das Denken quasi-periodische Trance-Rekurrenzen.

Autosuggestion ist Konzentration der eigenen Kräfte.

Das Kind wird manipuliert; und es lernt, sich selbst manipulieren. Darauf beruhen Selbsterziehung, Bildung und Kultur.
Suggestion und Hypnose setzen eine Art Autoritätsbeziehung voraus. Mit Autosuggestion manipuliert man sich selbst.

Der gelegentliche Wert veränderter Bewußtseinszustände liegt in einer erweiterten Öffnung des Bewußtseins für das Unbewußte.
Trance ist meist nur begrenzt wünschenswert; denn sie bedeutet eine Minderung der Leistung des Verstandes, der, kritisch gegen die akuten Ideen, die Breite des Wissens zur Geltung bringt.

In der Besinnung nehmen wir Abstand von den Aktualitäten der Umwelt. Besinnung erinnert, erfindet und erprobt dauerhafte Vergegenwärtigungsformen des eigenen als eines menschlichen Daseins. Dabei kann Orientierung und Lebenshilfe auch für andere herauskommen.

Gott "ist" ein Phänomen psychischer Dissoziation. Die Stimmung der Sammlung auf Gott ist, tendentiell wie in der Trance, "numinos", weird.

In gewissen veränderten Wachbewußtseinszuständen erlebt man Lacans corps morcelé. (Er selbst mag durch Drogen darauf gekommen sein.)

Ewigkeit: In gewissen veränderten Wachbewußtseinszuständen herrscht ein anderes Zeitgefühl.

Die Vorstellung von der Jenseitigkeit Gottes hat ihr emotionales Korrelat in dem veränderten Bewußtsein der Trance.

Trance im Schutz einer Autorität ist unreflektiert, unkritisch, problemlos, einfach, entlastend vom Unbehagen in der Kultur.

Adolf Dittrich, Ätiologie-unabhängige Strukturen veränderter Wachbewußtseinszutände, (1985) 19962: Pharmakologische und psychische Stimuli (Herabgesetzte oder erhöhte Variabilität, und/oder erhöhte Rhythmizität des Wahrnehmungsfeldes) führen zu einem (stimulusabhängig und individuell verschieden akzentuierten) Syndrom: einem "veränderten Wachbewußtseinszustand", der drei oblique Dimensionen hat: 1. "ozeanische Selbstentgrenzung, 2. "Angstvolle Ich-Auflösung", 3. "Visionäre Umstrukturierung".

Geistige Konzentration, Besinnung, ein charakteristisches Stück der Humanität, ist eine leichte Trance, eine Bewusstseinsveränderung. Diese kann autosuggestiv herbeigeführt werden.
Das bekannteste Beispiel für Autosuggestion ist das sog. „autogene Training“, wo mit kurzen Formeln einfache Vorstellungen evoziert werden, die unter geeigneten Umständen spezifische (hier: entspannende) Wirkungen auf die ganze Person haben.
Die indische Meditationskultur kennt kulturgeschichtlich angereicherte Vorstellungen mit vergleichbaren Funktionen.
Die für die Suggestion geeigneten Umstände können sakralisiert sein.

In der Kirche spielt herkömmlicherweise kollektive Autosuggestion, abgesichert durch rigide soziale Kontrolle des kirchlichen Raums, eine Rolle. In den evangelikalen Gemeinden spielt sie eine große Rolle. Pathogene Vergewaltigung der Gewissen ist da eine ständige Versuchung. Die christlich-abendländische Kultur sowohl der Sozialität wie der Individualität hat sich nicht von Jesus abgewendet, aber sich von der kirchlichen sozialen Kontrolle emanzipiert.

Die Bewusstseinsveränderung in der Meditation ist zu vergleichen mit der „Regression im Dienste des Ich“ (Ernst Kris). Es gibt Künstler und Schamanen, die sich zu ihren Zwecken chemisch berauschen. Monotheistische Religionen sind psychotropen Drogen ausgesprochen abhold, die die persönliche Verantwortlichkeit herabsetzen. Sie schätzen aber ich-gesteuerte Autosuggestion, die das Verantwortungsbewusstsein stärkt; namentlich das explizite Gebet.

Religion

Besinnung auf Gott ist reshuffling, neu Mischen, das Wissen sich umordnen lassen.

Ein artikuliertes Glaubenszeugnis ist ein sehr persönliches, gewagtes Geschenk. Zum Schenken gehört Takt. Sonst verlangt es viel Höflichkeit vom Empfänger!

Man muß jede Religion als wahr und als falsch bezeugen.

Der Mensch lebt immer von Illusionen. Religion ist deshalb nicht von vorn herein zu verachten.

Bertrand Russell erzählt, Kurt Gödels Entdeckung habe sein in der Mathematik untergebrachtes religiöses Sicherheitsverlangen entmutigt.

Lawrence Durrell war ein ungewöhlich liebevoller Schilderer menschlicher Ungereimtheiten. Seinen verachtungsvollen Haß auf das Christentum sollte man ernst nehmen.

Die religiöse Symbolik relativiert die Bedeutung der Symbolik des Alltags und umgekehrt. Sonst gibt es hier wahnhafte Religion und dort wahnhafte Säkularität.

Frömmigkeit ohne Gott ist die Religion der Regenerationsphase nach Fetischisierung einer Gotteslehre.

„Bleibt mir der Erde treu, meine Brüder!“ bittet Nietzsches deus humanus[5], Zarathustra [6]. „Mir“! Warum genügt nicht: „Bleibt der Erde treu!“? – : Es ist ein persönlich-menschlicher Anspruch in der Tradition christlicher Gotteslehre.

Religiöse Überlieferung nistet sich ein, wo wir uns selbst wenig kennen, nicht mögen, oder uns nicht auskennen.
Hier kann Religion als Mitteilung in einer anderen Sprache, einer nicht ganz unverständlichen Fremdsprache, die nur allmählich übersetzt (integriert) wird, vielfach vermitteln.

Ist das Dasein unbefriedigend, so kommt es darauf an, Frieden aus dem schöpferischen Grund des Daseins zu empfangen und ins Dasein einzubringen.

Es ist auch für die Religion eine entscheidende Entwicklungsbedingung, daß der Mensch im inneren und im äußeren Dialog, im Gespräch über sich selbst, über Gott und Welt auf dieselbe Sprache angewiesen ist.

„Glaube“ wird vererbt wie die Sprache. Man spricht seine persönliche Sprache als Dialekt seiner Muttersprache. Man kann auch an einer Fremdsprache Gefallen finden und sie lernen; auch hier spricht man dann sein persönliches Idiom in einer geerbten Sprache.

Die theologische Warnung vor der religiösen Illusion und religiösem Egoismus ("Befriedigung religiöser Bedürfnisse", Problemlösungserwartung) ist aussichtslos. Wie überall, kann man auch im Glauben sich nur um bessere, ehrlich lebbare Illusionen, umsichtiger bereichernden, opfermutigeren Egoismus und sozial wertvollere Problemlösung bemühen.

Religiöse Rede ist provisorische Rede vom Ewigen und Rede vom Zeitlichen sub specie aeternitatis.

Priester (und Theologen) repräsentieren die Fraglichkeit des Alltagswissens.

Glaubensgemeinschaft ist zunächst die Beziehung des Selbst zum Selbstobjekt*. Diese ist primär offen und mitteilsam. Sie kann aber bedroht sein und dann exklusiv gehalten werden.

Religion ist Sammlung der (prähistorisch, historisch und biographisch organisierten) inneren Kräfte, bzw. dazu geeignete Symbolik.

Man kann auch mit Wärme einer Ideologie, oder kühl einer Religion anhangen.

Nach der Welt mit Gott ist heute die Welt ohne Gott, die Welt als (mild chaotische) Gottheit, meist praktisch [7] polytheistisch verstanden. Anonyme Numina beherrschen Lebenssphären. Glücklich wäre, wem diese Säkularität dauerhaft genügte!

Suchen und Versuchen kennzeichnet die moderne Existenz auch in ihrer Teilnahme an sozialen Gruppierungen. Auch die moderne Religiosität will nicht mehr in erster Linie der eigenen Tradition auf den Grund gehen, sondern sucht in der Fülle der religiösen Angebote zu lernen, für den Augenblick ihre eigene Form frei zu finden und sie weiter zu entwickeln.

Man organisiert sein Leben unter sacht einander ablösenden Symbolen der Hoffnung.

Religionen, Nationalismen und dgl. sind gefährlich erfolgreiche Kooperativen des Narzißmus*. Aber die Ernüchterung wird bitter. Dann gilt es, umzulernen, nachzulernen und Schuld erkennen und Schulden anerkennen.

Lebendige Religion ist dem Imaginären* abgerungener Symbolismus, der unter Umständen wieder in wahnhaftes Verwirklichen des Imaginären abstürzen kann.

Religion vermittelt ein erhebendes Gefühl der Teilhabe an der Gesamtverantwortung.

Reifung wird, ausweislich der vielen biographisch immer umfassenderen Comics und ähnlicher Massenkulturgüter, die sie thematisieren, als problematische Aufgabe empfunden. Sie geht durch vielerlei kleine Tode hindurch und ist insofern Transzendenzerfahrung. Als letztlich „Bereitung zum Sterben“ [8] ist sie eine säkulare Form von Religion.

Das heilige "Wir" ist gefährlich. Wenn bedroht, droht es. Es fordert den Einzelnen. Die gemeinsame Symbolik wird dann strapaziert. Man soll sich zwischen Halbwahrheiten entscheiden. Die Situation wird chaotisch.

Die "Berufung", etwas Großes zu sein, trägt jeder als natürliche Anlage in sich. Sie ist real in den Wünschen von Mutter, Vater, Liebespartner, Kindern, Lehrern, Schülern; kurz eines Selbstobjekts*. Nach der biblischen Überlieferung ist es letztlich unser Schöpfer, der uns durch Menschen zur Herrlichkeit beruft.

Die sog. „Schöpfungsordnung“ ist ein verwirrendes Muster aus guten und bösen folgenschweren Überraschungen.

Schmerz und Verlust stoßen uns voran in eine neue Dimension.

Zugleich um Erfolg kämpfen und den Erfolg in Gottes Hand legen, heißt: zugleich auf beiden Seiten eines Abgrunds stehen. Kämpfen ist leben (und virtuell töten); auf den naiven Zugriff zu verzichten, ist jedesmal ein kleines Sterben.

Die religiöse Überlieferung fixiert auf ausgewählte Symbole der Besinnung.

Das christliche Abendland schielte vor der Jahrtausendwende nach Fernost und Fernwest, Indern und Indianern, um Meditation zu lernen, die bei uns erstickt war unter "Weltverantwortung". Man suchte disengagement, Entlastung von Verantwortung, wollte, weder aktiv noch auch passiv handlungsbezogen, erst einmal einfach "Sein". Statt, personal zu Göttlichkeit berufen, verantwortlich coram Deo, „vor Gott“ zu ek-sistieren, wollte man anspruchslos mit Gott, dem in seiner Schöpfung untergetauchten, leben.

Zwischen Wachen und Schlafen wogt chaotisch das Unfertige. Haben wir nach Gottes Willen gewacht und gearbeitet, so sollen wir zuletzt ihn und uns getrost dem Chaos überlassen.

Man nützt und schadet. Wieviel Gewinn für mich wiegt wieviel Schaden für die Gemeinschaft auf? Es geht darum, in der Realität eine Balance zu finden, die dem eigenen idealen Wunsch entspricht, – konkreter anregend: darum, Gott zu helfen, aus der real existierenden Welt zu machen, was er jetzt für das Beste hält.

Du sollst eine Niederlage anerkennen und kannst sie als Gotteskind tragen.

Den Grundbegriff von Erbsünde hat Augustin nicht nur als Non posse non peccare trefflich gefaßt, sondern leider im Horizont seiner Triebpsychologie so ausartikuliert, daß der ganze Begriff als Mißgriff erschien. In der Neuzeit wurde der Grundbegriff als Tragik wiederentdeckt.

Frevel ist unheimlich. Die Alten kannten auch den schuldlosen Frevel. ("Da wendet sich der Gast mit Grausen. 'So kann ich hier nicht länger hausen! Die Götter wollen dein Verderben. Fort eil' ich, nicht mit dir zu sterben.' " In Schillers Ring des Polykrates (einer alten pythagoreischen Erzählung) löst ein unerhörter Glücksfall archaisches Entsetzen aus.)
Das erschütternde Lied der Parzen in Goethes Iphigenie (IV, 5) verallgemeinert das Schicksal des Frevlers Tantalus als potentiell jedermanns Schicksal.
Frevel wird herkömmlicherweise als Verletzung des Rechts einer Gottheit verstanden. In dem Maße, wie die Grenze zwischen dem Heiligen und dem Profanen chaotisch wird, wird die Unterscheidung zwischen Schuld und Frevel, "läßlicher" und Todsünde unsicher.

Die klassische Antike warnt vor Hybris. Apoll mahnt: μηδὲν ἀγάν – nichts übertreiben. Die Grenze zwischen Mut und Übermut aber ist unklar!

Durch das immer wieder befremdliche Leben wird auch das Wort „Gott“ immer wieder befremdlich belebt.

Unser konsensuales Weltbild ist ein gewaltig vereinfachendes Orientierungsmodell: Es stellt Schemata zur Verfügung, an die in einem selbtverstärkenden Prozeß die Informationsmasse assimiliert wird. Sie wird reduktiv verarbeitet; der große Rest wird fallen gelassen.
Die Überblendung der Hauptmasse der Information, die wir aufnehmen, entspricht der sozialen Verpflichtung zu effizientem Realismus. Definitionen und Diskretisierung der Information in syntaktisch wohl organisierte, stabil transportable Einheiten dienen der Verständigung und der unverzichtbaren gegenseitigen Kontrolle.

Parapsychologische Phänomene sind zwar unleugbar, aber unkontrollierbar. Ihre Unheimlichkeit mahnt zu Gehorsam gegen die moralischen Evidenzen in aller Vorläufigkeit und weltanschaulicher Bescheidenheit.

Segen ist die Bedeutung einiger Dinge und Umstände, die verheißungsvoll, uns sehr persönlich dankbar machen, nachdenklich und fromm.

Es ist mir um fromme Säkularität im Chaos zu tun.

Die Idee der Gerechtigkeit ist Gleichgewichtspunkt im System einer stabilen moralischen Intelligenz, eine Denknotwendigkeit erster Ordnung. (Der Psalmist, 73,22, beschreibt sich, hilflos vor der Ungerechtigkeit, als verdummt „wie ein Tier“.) Irgend so etwas wie ein Jüngstes Gericht ist, roh oder sublim, eine unverzichtbare Denkmöglichkeit.
Rechtsempfinden ist nicht einzugrenzen. Reife Resignation geht nicht zu seinen Lasten! Lebenserfahrene Bescheidenheit kann die einzelnen Denknotwendigkeiten in einem unübersehbar weiteren Raum von Möglichkeiten ihren Weg finden lassen.

Gott denken ist beten. (Sonst denkt man ein Konstrukt, aber nicht Gott.)

Religion spricht metaphorisch, „Wort“. Metonymische Ausarbeitung scheint direkt unsere Gotteserkenntnis zu fördern. Es entsteht eine Gotteslehre, die unsere Gottesvorstellungen koordiniert. Das kann aber bestenfalls unsere Selbsterkenntnis fördern.

Der Einzelne ist überfordert mit der Aufgabe einer integrierten Weltanschauung; Religionsgemeinschaften bieten sie an.
Götter, Engel, Dämonen, Teufel bemächtigen sich des Menschen vorhersehbar und unvorhersehbar. All diese Objektivierungen von Subjektivem als Bestandteile eines Weltbilds können das Subjekt in jeweils einem Zustand eindrücklich an die anderen Zustände erinnern.
Aber es kann kein lebbar Ganzes daraus werden. Man kann, wie der jüdische Witz erinnert, nicht gut mehrere Kravatten zugleich tragen. Goethes Mephisto spottet über den „Herrn Mikrokosmos" (Faust I, Z. 1802).

In einem Chaos von Attraktoren (einer Welt voll offener dynamischer Systeme) sind wollende Gottheiten plausibel; und religiöser Voluntarismus ist ansprechender als zufällige (evt. deterministische) Sinnlosigkeit, die Vision der (von dem Psychoanalytiker Wolfgang Loch beschriebenen) „Angst vor Objektverlust“.
In christlicher Tradition hat man es zu tun mit drei göttlichen „Personen“ und dem Teufel. Daß deren Unterscheidung Schwierigkeiten macht, entspricht der Lebensproblematik, die hier symbolisiert wird.

Religion ist traditionsgeleitete, aber unverfügbare existienzielle Orientierung; eine Symbolik, die einem die eigene, unverstandene Wahrheit verständnisvoll repräsentiert.

Religiöse Symbole degenerieren, wenn sie allzu lange, ohne sozialen Austausch, allein der Selbstverständigung eines Subjekts dienen.

Das numinose Erlebnis droht das Individuum zu isolieren. Das Göttliche ist eine Erlebnisqualität, die man sich bewußt machen und von der der Einzelne mit anderen reden kann und soll, wenn sie überwältigend wird. Der Sprachmodus ist dann verkündigend; das Gespräch ist "geistlich" – ein heikles Gespräch, das leicht narzißtisch entarten kann. Es kann zu schwärmerischer gemeinsamer Absonderung oder zu profunder Entzweiung kommen (die rabies theologorum).
Durch das numinose Erlebnis wird das Subjekt herausgehoben. Hier entstehen Gottesbegriffe, die die anvertraute Wahrheit schützen sollen. Sie repräsentieren das Überwältigende vereinfachend und mehrdeutig verzerrend.
Es ist kein Wunder, daß damit das Selbstverständnis des Menschen als Krone der Schöpfung und privilegierender Erwählungsglaube der Gruppe bzw. der eigenen Person Hand in Hand gehen. Und es ist kein Wunder, daß als Ursünde sich superbia / praesumptio bemerkbar macht.

Der Mensch kann seine Frage nach dem Heil verleugnen; er kann sie verschmerzen und lange Zeit vergessen. Aber, so dumm sie sein mag, er kann sie nicht loswerden. Er entwickelt inmitten seines Realismus irgendso etwas wie Religion.

Sich nicht verzetteln mit Heilshoffnung ohne Gott; und nicht Beten ohne Welt. Es geht um das Leben der Existenzsymbolik, beseelte Präsenz.

Die Lebensangst wird traditionell-symbolisch als Gottesfurcht gefaßt. Die mit dem (früher eher gewaltigen, heute eher unscheinbaren) Ritual angebotene Angstabwehr verleiht kollektiver religiöser Symbolik hohe Assimilationsgewalt über alle Gefahren. Aus der Gottesfurcht aber bricht immer wieder Gottesangst hervor.

Man assimiliert numinose Anwandlungen, leicht beunruhigt, gern etwas gewalttätig an überlieferte Schemata.

Das Gegebene ist nicht selbstverständlich. Die Metaphysik radikalisiert: "Warum ist überhaupt etwas und nicht vielmehr nichts?" (Heidegger) Ich bin eingelassen in ein großes Geheimnis. In numinoser Anwandlung wird das Gegebene Gottesgegenwart (nunc aeternum). Das kann sich dann ohne Emphase ausbreiten als ein vorbewußtes* Grundgefühl der Gegenwart des Allmächtigen in seiner Bescheidenheit.

Sprachlich artikuliert, tritt Gebet heraus aus der Privatheit, wird es wesentlich menschliches Gemeingut. Die Sprache ist für den Beter auch ein Medium der Stabilität.

Auf die Frage "Was soll ich?" ist die christliche Antwort die Rückfrage: "Was kannst du nicht nur wünschen, sondern wollen?" Auch mit dieser Frage greifen wir über uns hinaus. Sie geht aufs Ganze. Die Antwort ist subjektiv, aber unserer Willkür entzogen. Sie ist ein Gottesgeschenk.

Die Frage: "Was soll ich?" ist nicht nur eine Frage nach der Erwartung der Gesellschaft an mich! Sie geht, auch als Frage des aufgeklärten Menschen, aufs Absolute. Sie ist, aus volksreligiöser Tradition, eine Vorformulierung der Orientierungskrise, welcher das Subjekt (gerade in der postmodernen Überfülle der Deutungsangebote fast ohne persönlich verantwortete Anleitung) ausgeliefert[9] ist. Sie ist das "religiöse Apriori"!

Die Frage: "Was soll ich?" ist die Frage an Gott.
Ich werde Person im Insistieren auf dieser persönlichen Frage, die den persönlichen Gott beschwört. Sie bekommt als erste Antwort die Mahnung zur Bescheidenheit. Alles Weitere findet sich und organisiert sich.
Wer sich selbst nicht verlieren will, darf die Geduld nicht verlieren.
Wir sind mit unserer Einzigkeit in guter Gesellschaft.

Die kollektive Religion verlangt den Einzelnen; die individuelle verlangt nach dem Kollektiv.

Grenzerfahrungen machen kognitiv bescheiden. „Religion“ ist Leben, das einer Grenzerfahrung Rechnung trägt.
Verunsicherte Religion fürchtet, haltlos in Anomie abzustürzen, und wird zunächst aggressiv gesetzlich.
Endlich aber verfällt sie in den Residualzustand eines Rituals, das gedankenlos festgehalten wird als beruhigendes Zeichen einer sozialen Einbettung, der Zugehörigkeit zu einer bestimmten, im heutig frommen Alltag sich verlierenden, heiligen Tradition.
Neue Grenzerfahrungen suchen Rückhalt an alten Überlieferungen.

Die Wahrheit beansprucht uns chaotisch und doch persönlich.

Die Frage: „Was soll ich?“ ist die Kehrseite des Erlebens der eigenen Zufälligkeit.

Moral

Die sogenannten guten Werke dienen der Pflege der immer beschädigten Schönheit des Lebens.

In jedem Individuum bildet sich ein moralisches Weltmodell, das teilweise auch für andere und für Kollektive brauchbar ist. Zum (evolutionär bewährten) genetischen Erbe gehört die Entwicklung des Individuums als animal sociale; die nähere und weitere Zukunft der näheren und weiteren sozialen und natürlichen Umgebung ist ihm ein Anliegen; der Mensch hat ein Gewissen.
Daß „das Moralische sich von selbst versteht“, gilt allerdings höchstens für einen Grundstock von Moral. Eine sozial brauchbare, differenzierte Ausarbeitung der Moral ist auf Sprache angewiesen. Jeder einzelne arbeitet im diesem Sinne, so gut er kann, idiosynkratisch an seiner Moral, und er kämpft für sie.

Die klassische Sexualangst ist wohlbegründet: Die Geschlechtlichkeit belebt und chaotisiert die Gesellschaft und gefährdet das Individuum.

In der Not werden Probleme vereinfacht. Moral diskutiert, normiert und polarisiert; sie scheitert in Tragik.
Wo die Moral in Widersprüchen endet, trägt Ästhetik weiter. Sie ist bescheidener; nicht rational, sondern menschlich einfacher. Sie kennt nicht Normen, sondern Gesichtspunkte. Kαλὰ ἔργα, schöne, herzerwärmende, herzgewinnende, eigentlich schöpferische Taten sind geboten! Eritis sicut deus – nicht, wie der Teufel verhieß, scientes bonum et malum, sondern εἰρηνοποιοί, pacifici, friedfertig (Mt 5,9)!

Wir sollen bescheiden subjektiv, aber umsichtig leben, schön (nicht kitschig); Häßliches nach Gottes Eingebung in schönen Gebrauch nehmen. „Schön“ sind aufleuchtende Symbole der Hoffnung – oder real: sustainable development.

Nicht Reinheit ist gefordert, sondern: nach bestem Wissen, Gewissen und Vermögen mehr Gutes als Böses tun. Gut ist: auf Sichtweite integrativ, böse ist: auf Sichtweite desintegrativ; das (imaginäre) Ziel ist der eine Gott, alles in allem (1Kor 15,28).

Das Leben drohte schon immer (und im Lauf der Geschichte zunehmend) die Person zu zerfledern. Der natürliche Mensch schützt sich mit Macht. Andere Strategien sind „klassisch“ geworden:
Der antike Philosoph lebt in ἀπάθεια und ἀταραξία ein fatalistisch-weltordentlich verstümmeltes, oder in epikureischer Mäßigung glückliches Leben.
Der Zen-Buddhist lebt autoritär verstümmelt heiter.
Paulus lebt, im Vertrauen auf seinen gekreuzigten und auferstandenen Herrn zuversichtlich, ein persönliches, chaotisches Leben. Das „Haben, als hätten wir nicht“ (1Kor 7) ist paradox wie ein Koan.

Im bedrohlichen Chaos ist der kosmos der Hof von realen Analogien zu dem Weltmodell, in welchem wir Bescheid wissen, unserm Weltbild.
Chaos kann demoralisieren. Skepsis ist Weisheit im Chaos, die reife Frucht eines umsichtig gelebten Lebens. Wenige Menschen haben die erforderliche moralische Spannkraft für skeptische Aktivität.

Wir stehen ständig unter inkompatiblen Ansprüchen. Anomie im Sinne von Polynomie ist die conditio humana. Normalerweise verdeckt man sie mit der Normativität des Üblichen. Jean-Marie Guyau hat sie als Berufung zur Kreativität verstanden.

Das Gewissen spricht oft mehrstimmig – mit wechselnder Lautstärke der verschiedenen Stimmen.

Zur evolutionären Fitness der genetischen Variante gehört Risikobereitschaft des Individuums.

Moral ist, wie die Pracht gewisser Vögel in Gefieder und Gesang oder das Geweih von Hirschen, nicht nur biologischer Luxus; sie ist Signal: "Ich kanns mir leisten! Ich habe Mut! Ich gebe mir die Ehre, anständig zu sein." Ein Bißchen Moral, richtig exhibiert, macht sich auf individueller und genetischer Ebene bezahlt.

Moral gefährdet ihr biologisches Substrat. Aber manchmal sind auch Kinder von unmoralischen Familien, die etwas zuzusetzen haben, beeindruckt von der Schönheit der Idee des Moralischen. Die Kraft der Idee des Guten, gern durch historische Anschauung übertragen (etwa der "Gestalt"* eines Helden, der sein Leben und das Glück seiner Familie riskiert hat), bietet sich auch an zur Stärkung des Selbstbildes. (Besonders gern allerdings hat man es, wenn die andern besonders gut sind.) Die Gesellschaft hat ein gewisses Interesse an Legendenbildung.
Kraft des Baldwin-Effekts* kann Moral sich auch genetisch vermehren.

Man braucht ein persönliches quasi-stabiles Weltbild als Bezugssystem zur Vermeidung innerer Reibungsverluste. Mit einem erfreulichen Weltbild tut man auch vieles Gute zur Bestätigung seines Weltbilds, und das hat normalerweise erfreuliche Rückwirkungen.

Moralischer Relativismus wirft den Menschen zurück auf das eigene Selbst als Kriterium; aber nicht: "Was wünsche ich mir?", sondern: "Was kann ich, in Anbetracht aller Umstände, jetzt gutheißen?" Das ist nicht Beliebigkeit!
Wo noch kein Selbst (Charakter) entstanden ist, ist stattdessen die Bezugsgruppe bestimmend: "Was gilt für gut?" – Das kann lebenslang so bleiben.

"Was soll ich machen?" fragt man, wenn man nicht weiß, was man will.

Was ich nicht nur wünschen, sondern Wollen kann, das soll ich.
Das Sollen des Einzelnen ist eine Vision von, aber kein Teil einer natürlichen Ordnung. Die Visionen der Einzelnen können einander widersprechen. Dann stellt sich die Frage neu.

Wollen ist Sache des Selbstgefühls.
Auch Leiden und persönliche Opfer – nicht nur für sich selbst (Nasenring, Tätowierung, Training), sondern auch für andere – können das feeling des animal rationale verbessern.

Das immer gefährdete Lebendige will – primär maßlos – Übermacht über die Gefahren: Jede Spezies will Vermehrung, jedes Individuum Entwicklungsraum.
Höhere Evolution zur Erschließung komplexerer ökologischer Nischen ist weitgehend Hemmung in eigener Regie. (Das Gehirn hat gegenüber dem Körper hauptsächlich inhibitorische Funktionen.)

Selbstbeherrschung ist Selbstorganisation.

Wahrnehmung deutet schon und impliziert Zukunftsperspektiven. Der Betrachter des Gegenwärtigen hat Wünsche. Der Wille muß die spontanen Wahrnehmungen kritisch integrieren.

"Was kann ich wollen?" Ich kann auch abwarten wollen, daß mir klar wird, was ich wollen kann; und inzwischen tun, was von mir erwartet wird.

Gottes Gesetz, Forderung des Gen-pools, Projekt der Humanität: Jeder Mensch soll seine Chance wahrnehmen, dauerhaftes Glück des Gen-pools in der Umwelt zu fördern.

Gegen Lebensekel (la nausée, taedium vitae) ist Lebenskunst aufzubieten. Es gilt, der Krankheit, der Heuchelei, der Lüge, dem Betrug, der Beschämung, für dumm verkauft zu sein, auszuweichen; aus der Konfusion des primitiven Seins wieder heraus, all dieses kreativ zu beantworten; aus der negativen Selbstverstärkung ausbiegen; Freiheit in anderen Dimensionen ausnutzen mit korrektiven Rückwirkungen in den selbstschädigenden Prozeß hinein.

Erhaltung verlangt ständig Verbesserungen, die die ständige Verschlechterung aufwiegen; Tat, bis die Arme sinken, Denken, bis der Geist ermattet.

Die Menschen sind nicht so sehr das, was sie erreicht haben, wie das, was sie erreichen möchten. Das macht sie interessant und macht die Welt bunt.

Liebespflicht ist nicht eine Pflicht, einfach gut zu finden, sondern den guten Willen des anderen zu finden und damit Verbindung aufzunehmen.

Stolz auf den Mut zum Schuldigwerden ist ein Schritt vom Erhabenen zum Gelächter der Hölle. Der ernste Mut zum Schuldigwerden lebt allein von Vergebung.

Man soll sich die Ehre geben, der Wahrheit die Ehre zu geben.

Niemand würde sich selbst betrügen, wenn das moralische Selbstbewußtsein fürs Wohlbefinden unwichtig wäre. In Stereotypen des Kollektivs versichert man sich seines sozialen Werts.

Liebe zum Leben – ja, aber nicht nur zum eigenen! Das selfish meme* muß das selfish gene dominieren. (Vgl. erzwungene Schwingungen, im Dienst der Optimierung des Gesamtsystems gedämpfte Resonanz.)

Die Moral kommt nicht zum Leben hinzu, sondern ist Teil des menschlichen Lebens als selbstragenden Systems.

Jederman soll soweit für sich selbst sorgen, daß ihn nicht die Not dazu bringen kann, um allgemein anerkannter, elementarer eigener Menschenpflichten und -rechte willen Unrecht zu tun.

In der Moral geht es um Erhalt der Menschlichkeit. Individuum und Gesellschaft müssen einander dabei kontrollieren.

Das egoistische Mem* "Mensch" verlangt Rechenschaft von jedem; es ehrt hier und beschämt da.

Erfolgreiche rechtfertigen einander durch ideologische Zirkelschlüsse ("Wir sind die Besseren") in geschlossenen Zirkeln und lassen sich schmeicheln. Der Preis ist geistige Sterilität. Man sollte sich vor allen Menschen verantworten können.

Jede praktizierte Moral pflegt bestimmte Vertrauensbeziehungen.

Der Lebenspartner relativiert das eigene Gewissen des Menschen.

Gewissen und Geschmack bilden sich in bestimmten Kontexten und werden in neuen Kontexten fragwürdig.

Jedes Milieu hat eine spezifische Moral für den Umgang mit Normen.

Am Totenbett wird uns die durch den alltäglichen Umgang überdeckte Abgründigkeit unsrer Beziehung zu diesem Verstorbenen, eine archaische Mitmenschlichkeit spürbar.
Ähnlich empfinden wir gegenüber Invaliden – schon bei den Delphinen gibt es ja Fürsorge für Kranke –, hier allerdings verdeckt unter einem Fluchtimpuls vor dem impliziten Hilfsappell.

„Nähe“ ist maßgebend für moralische Verpflichtung. Aber die Geometrie der sozialen Welt ist komplex. In dem Gefühls­chaos angesichts eines Behinderten kann uns der unsichere Boden jeder moralischen Entscheidung besonders bewußt werden. Kirchenasyl ist ein Beispiel für das moralische Fundamentalchaos. Das Subjekt muß gefühlsmäßig entscheiden. Persönliche und kulturelle Stereotypen erleichtern das in vielen Fällen.

Moral und Verzicht müssen sich im statistischen Durchschnitt in nützlicher Frist lohnen. In unsicheren Zeiten ist diese Frist kurz, die Moral tief. Und ist die Moral tief, so werden die Zeiten unsicher.

Die immer besseren Produktionsmittel verstärken die Produktivität der Wirtschaftssubjekte ungeheuer differentiell. Das relativiert den Zusammenhang von persönlicher Leistung und Einkommen und schwächt den Verdienstbegriff als soziale Norm. Die Moral verliert ihre solide Basis im durchschnittlich zu erwartenden Tun-/Ergehen-Zusammenhang.

Der größte Teil unserer Moral ist kulturgeschichtliches Erbe. Sie ist nur zum kleinen Teil aus dem Augenblick zu rechtfertigen.
In dem, was "man" macht, ist das Erbe aus verschiedenen Zeitaltern in seiner Widersprüchlichkkeit repräsentiert.

Man kann fast nur Ererbtes – so oder anders – weitermachen.

Vergebenkönnen ist: sich selbst als Element einer chaotischen Menge wahrnehmen.

Wer mich zwingt, übernimmt Mitverantwortung für mich.

Schweigen zu herrschendem Unrecht ist beelendende Mitschuld.

Gutmachung ist nicht Ungeschehenmachen. Wer etwas (immer in irgendwie bester Absicht!) getan hat, was er nachträglich schlecht findet, muß schuldig, versöhnlich tätig, ansprechbarer, in vertiefter Mitmenschlichkeit weiterleben.

Weniger Schuldzuweisung, mehr Schuldbewußtsein, weniger Egozentrik! Mehr Dankbarkeit für die Gunst des Augenblicks! Das würde mehr Menschen glücklicher machen.

Höchstleistung ist manchmal Reaktion auf Kränkung, eine vornehme Rache.

Eine große oder verpflichtende Aufgabe (ja schon Geld-Ver-"dienst") verstärkt Rollenidentifikation. Rollenidentifikation wiederum führt zu spezifischer Organisation des Vorbewußten: Die Bewußtseinsfähigkeit der verschiedenen Erinnerungen und Gedanken wird systematisch verändert.

Zu jedem Selbstbild gehört ein Weltbild. In der Verteidigung des Selbstbildes kämpft man für eine Weltordnung. Der individuelle Vorteil soll zugleich Symbol für die dynamische Harmonie der Welt sein.

Ohne allgemein-menschliche Grundsätze ist der Einzelne der Gruppennorm ausgeliefert. Ihm fehlt die moralische Autonomie eines Vertreters des Allgemeingültigen; er ist kulturelles Treibgut.

Eine persönliche Moral braucht, vor neue Probleme gestellt, für Analogieschlüsse Verallgemeinerungen als tertium comparationis.

Wissen soll nur das Wollen und das Handeln zum Guten orientieren. Und schon dafür weiß man nie genug.

Kein „normaler“ Charakter wird um seiner Meinung willen soziale Isolation durchstehen.

Es gibt eine Selbsterweiterung durch Identifikation mit dem nächstgrößeren Ganzen. Das ist gefährlich, wird aber allgemein geschätzt – allerdings mehr an Toten als an lebendigen Mitmenschen.

Egoismus kann sinnvoll nur formal als Prinzip des Handelns gelten. Was der Egoismus inhaltlich verlangt, ist ideologie- und kulturbedingt.
Egoismus als inhaltliches Prinzip ist Beschränktheit.

Mit moralischen Fragen muß man sich an Gott wenden, ästhetische und Glaubensfragen muß man selbst beantworten.
Wenn man sich auf das abgründige Symbol Gott, das so viel Betrug und Selbstbetrug Raum gegeben hat, nicht einlassen mag, braucht man für die innere Sammlung als funktionales Äquivalent ein anderes (und in anderer Weise unzureichendes) Symbol.

Der Tun-Ergehen-Zusammenhang ist locker; Moral verlangt hohe Spannkraft. Sie bedarf eines irrationalen, animalischen Glaubens. Aber ohne sie fehlt der Selbstzufriedenheit und dem Wohlbefinden etwas.

In einem Konfliktfeld mehrerer Lebensräume mit verschiedenen mores, verschiedenen verpflichtenden allgemeinen Bräuchen, ist dem Einzelnen vernünftige Autonomie geboten. Hier herrscht schöpferisches moralisches Chaos. Jeder versucht für sich selbst, einen Raum für zumutbares Zusammenleben zu erhalten und zu erweitern. Viele Konsenssysteme bleiben erhalten, andere bilden sich neu und alle lösen sich auch wieder auf. Alle Rechtfertigungen sind unermeßlich relativ.
Das ist eine hochkomplexe Situation, in der verständiges Zusammenleben zwingend Vereinfachung durch Stereotype verlangt. Stereotype verzerren zwar die Wirklichkeit; aber sie bedeuten in aller Regel einen kollektiven Selektionsvorteil. Die durch sie konstituierte zweite, symbolische Wirklichkeit kompliziert jedoch die moralische Situation für den wahrnehmenden Einzelnen zusätzlich. Ständiges kreatives Krisenmanagement ist lebensnotwendig.

Man läßt sich „Sicherheit und Wohlbehagen“ ( = Narzißmus sensu Argelander) im eigenen Wirkungskreis – soziales Ansehen, Familie, Volk, Stadt, family of man, Glaube und freie Gemeinschaft, Haus und Garten, Heimat und umgebende Natur – etwas kosten. Das konkretisiert sich auch in guten Werken.

Die Gewissensformung geschieht in Gruppen – im Guten wie im Bösen.
Besonders ärgerlich, wenn eine Elite eine Ausbeuterideologie entwickelt.

Jede Moral ist ungereimte Interimsmoral, ein spannungsvolles idiosynkratisches Konglomerat aus Ältestem, Altem, Neuen und Neuestem (das auch nicht das letzte Wort behält).

Moral ist Gestaltungskraft zwischen Idealismus und Realismus.

Letztlich ist Moral persönliche Kultur – früher weitgehend identisch mit der Sitte, die man dann vor der allgemeinen Problematisierung zu retten versuchte in moralische Prinzipien.
Die „Frömmigkeit“ im alten, nicht religiös verengten Sinn des Worts, die Anfechtbarkeit, die man früher Demut nannte und als „Tugend“ verstand (etymologisch: Tüchtigkeit, Tauglichkeit), Weisheit als Frucht menschlicher Erfahrung, – liegt im Stil der Interaktion, in der menschlichen Aufmerksamkeit.

Der Mangel an objektiven Kriterien in Fragen der Sittlichkeit wurde die längste Zeit aus Angst vor dem Chaos schlicht geleugnet. Er verweist zurück an den persönlichen Geschmack. Und hier findet man, wenngleich oft mühsam, doch eine überraschende Konsensfähigkeit.

Zigeuner fühlen sich, nach allem was sie erlitten haben, zu Diebstahl moralisch berechtigt. Beispiel eines historischen circulus vitiosus.

Man will vor jedermann verantworten können, was man tut. Konkret aber ist man dafür immer auf entgegenkommendes Wohlwollen angewiesen.

Man sollte das menschliche Gewusel wohl gern haben. Aber man soll auch für sich selbst und seine Nächsten sorgen. Das ergibt mörderische Konflikte.

Gutes wird in schlechten Gebrauch genommen, und Schlechtes wird in guten Gebrauch genommen. Aber das Gute verführt zu gutem Gebrauch; drum soll man sich doch bemühen, Gutes zu wirken.

Wer nach der Bergpredigt[10] lebt, wird nie Weib und Kind ernähren können.

Die religiöse Emanzipation des Individuums von seiner Kirche und die moralische vom geltenden Recht war anfangs eine elitäre Sache. Diese Freiheit des individuellen Gewissens von der Institution ist inzwischen allgemeines Menschenrecht geworden. Im prinzipiellen Alleingang allerdings läuft die Gewissensbildung leichter schief, besonders in unserer komplizierten Welt.

Ehrlichkeit ist weniger eine Tugend als ein nobler Luxus, ein Symbol der Hoffnung. Nicht überall kann man und nicht jeder kann sie sich leisten. (Mancher wiederum könnte ihn sich leisten, verzichtet aber.)

Moralfragen sind zu Geschmacksfragen geworden.

Nicht allgemeingültig, aber verantwortbar, nicht theoretisch, aber moralisch verbindlich kann etwas als das eindeutig Gute, gegenüber dem eindeutig Schlechten, imponieren.

Ein guter Befehl sammelt die Kräfte. Der Bescheidene kann gut befehlen, vor allem sich selbst.

So weit man sich in der Hand halten kann, soll man es tun, zeitweise straffer, zeitweise nachgiebiger. Kann man nicht mehr, darf man loslassen. Eine bittere Korrektur am Selbstbild wird dann nötig.

Die globale Frage: "Was soll ich?", unsere Frage an Gott, könnte ja fehlangepaßt, ein kindlicher Rest sein und ins Leere gehen. Sie ist jedenfalls ein Nachhall aus unsrer Kindheit; vielleicht eine Autosuggestion, aber eine inspirierende! Es geht um die aktuelle Interpretation des Rufs ins Dasein. Im Sprachgebrauch der spätmittelalterlichen deutschen Mystiker um einen "Einfall". Man muß sich etwas einfallen lassen, – nicht irgendetwas, sondern was man am einfachsten "Gottes Willen", den Willen meines Schöpfers, nennt.

Jeder Mensch muß dafür Sorge zu tragen, daß nicht Menschlichkeit in Verzweiflung und desperates Verhalten degeneriert. Hoffnung auf Menschlichkeit und entsprechend förderliches Handeln sind uns von der Natur geboten. Der christliche Glaube setzt seine letzte Hoffnung auf die Menschlichkeit des Schöpfers. Und so erklärt sich das vorzügliche Interesse des Christentums für die Armen.

Als geselliges Lebewesen steckt der Mensch in Verbindlichkeiten, die er weder überblickt noch versteht, denen er aber in seinem Verhalten irgendwie entspricht. Man muß oft erst tun, dann verstehen.

Ich bin ein Repräsentant von vielen, mit einer kleinen Chance, die Anpassung der Menschheit an die Umwelt zu verbessern, auch, Fehlanpassung infolge kurzfristiger Selektionsvorteile zu bremsen.

Glückliche chaotische Verhältnisse (z.B. Zeiten rapiden Wachstums) haben eine schlechte erzieherische Wirkung und mindern die Überlebenschancen von Moral und der ganzen Gesellschaft.

Ein unmoralisches Leben ist häßlich. Seine Häßlichkeit muß überblendet werden mit Schmuck und Ehren.

Wir sollen einander "optimal frustrierende" (Heinz Kohut) Symbole Gottes sein.

Wir können Gott nicht stetig näher kommen; wir können uns auch nicht von ihm entfernen. Wir mögen uns ihm nah oder fern fühlen; er ist uns nahe – per definitionem, aber deus definiri nequit. „Der Herr ist nahe allen, die ihn anrufen, allen, die ihn mit Ernst anrufen“ (Ps 145, 18). Gottes Name ist erfahrungsgemäß ein nichtrepetitives Mantra.

Frömmigkeit ist zwar für die Evidenz einer religiösen Institution, und damit für ihre Stabilität, nötig; aber in ruhigen Zeiten und für den laufenden Betrieb der Institution ist sie überflüssig. Durch Institutionalisierung wird eine Religion von der Notwendigkeit geistlicher Ereignisse entlastet. Das führt zu einer immer klareren Trennung zwischen Sakralem und Profanem. Im Tempel steht der Götze. Von der vergötzten Gottheit kann sich der Mensch klar abgrenzen. Aber Gott lebt: "Der Vorhang im Tempel zerriß in zwei Stücke von obenan bis unten aus" (Mt 27,51). Und Frömmigkeit lebt in dem fraktalen* Übergangsbereich zwischen Gott und Mensch.

Normalen Menschen ist Gott der von Dietrich Bonhoeffer so genannte „Apothekengott“ für besondere Notfälle. Das andere Extrem waren die Akoimeten, die „schlaflosen“ Mönche der Alten Kirche, die gemeinsam pausenlos Gott lobten. Es ist nicht jedermann gegeben und auch nicht jedermanns Aufgabe, ständig (oder auch nur regelmäßig) an Gott zu denken; da würde das ein steriler Selbstläufer.
Religion muß sich ehrlich gesund schrumpfen – zu der bleibenden Irrationalität, ohne die der Mensch unmenschlich zu werden droht.

Objektivierende Rede und subjektivierende Rede gehören im religiösen Symbolisierungprozeß (mit seinen Konsensproblemen) zusammen.
In der gesellschaftlich konstituierten Wirklichkeit kommt man mit der objektivierenden Sprache aus. Bleibt die Frage, ob man mit dieser Wirklichkeit auskommt!

Gesetze kann man gottlos scheinbar befolgen. So ersparen die Menschen sich, auf Gott zu hören. Zur sinngemäßen Befolgung der „Gesetze Gottes“ muß man aber weiterhin auf Gottes Rat hören.
Wir dürfen, nach Empfang der Offenbarung, gottlos – anders können wir nicht – weiterleben. Wir sollen aber wissen, daß die Erde, auf der wir so sicher stehen, eine dünne Kruste ist!

Dank bestärkt im Guten und ist deshalb keineswegs nur das Abstatten einer Schuld, sondern selbst eine wichtige gute Tat.

Man möchte angstfrei sich sehen lassen können, Wohlwollen rechtfertigen, ein gutes Gewissen haben, d.h. nur Gutes von sich selbst wissen. Das erfordert entsprechende Lebensführung.

Niemand ist für seine Taten voll verantwortlich. Das ist eine Relativierung der Moral, aber nicht deren Ende. Am solidesten ist nicht eine starre, sondern eine aus der Gewohnheit solidarischen Denkens erwachsende Moral.

Verantwortung ist personale Präsenz im Gespräch schlechthin, nicht erst im Selbstgespräch oder im Gebet.

Eine demoralisierte Masse ist hoffnungslos verloren. Opferbereite Liebe zur nächsten und weiteren sozialen Umgebung und zur Natur ist die Basis der Moral, die die Welt vor den Menschen schützt.
Es ist eindrucksvoll, wie Moral neu entsteht. Eine Soziologie oder Anthropologie, die den banalen Egoismus als Grundlage wählt, redet von einer lebensunfähigen Species. Der menschliche Egoismus ist nicht banal, sondern besonders überraschungsvoll.

Gott ist uns zugut gestorben. Er hat uns diese Welt gesegnet, uns einander schuldig und für einander verantwortlich gemacht. Moral ist im Grunde die Solidarität von verwaisten Geschwistern; kein Sollen, nichts Partielles, sondern total, ein gemeinsames Sein.

Jedes Sollen ist ein Teil des chaotischen Seins, Dynamik eines Teilsystems gegen den Rest. Es gibt die autoritative, die majoritäre und die subkulturelle Moral.

Zwischen Wunsch und Angst, Wunsch nach Angstfreiheit und Angst vor der Macht des Wünschens, dämpft die Moral die Anpassungreaktionen zwischen Individuum und Gesellschaft.

Im Bezug auf die je aktuelle Entscheidung steht der Absolutheitsanspruch einer moralischen Norm immer neu in Frage.

Drohende Sanktionen vereinfachen das Leben, indem sie die Moral versteifen.

Die Stoa sagt: Die Integration der Gesellschaft muß durch die Vernunft der Individuen geleistet werden; deshalb vertraue dem, was du als vernünftig zu veranworten bereit bist!

Man ist nicht unmoralisch; aber die Moral ist schwächlich, weil sie, mangels klarer Normensituation, Sache eines fast orientierungslosen Gefühls geworden ist, das sich leicht umleiten läßt. Das geltende Recht kann noch Angst, aber keine Gewissensangt mehr machen. An die Stelle des Bewußtseins klarer Schuld ist ein diffuses Unbehagen getreten, das an die antiken Begriffe von unerkannter Sünde erinnert.

Indem die Sprache die Welt vereinfacht, verzerrt sie. Deshalb darf das neue, postmoderne Gebot empfehlen: „Betrüge mit Augenmaß!“ Die hier implizierte Verheißung von maximalem Wohlbefinden allerdings ist trügerisch. Woran soll man „messen“? Wenn man genauer hinschaut, flimmert es vor den „Augen“! Zu den vielen, unkoordinierten Determinanten des Wohlbefindens gehören immer noch auch das Selbstbild, das Gewissen und das Weltbild. Und wer möchte Mitschöpfer einer Betrugswelt sein!

Moral kann nicht aussterben, weil der Mensch im inneren und im äußeren Dialog, im Gespräch über sich selbst und über andere, auf dieselbe Sprache angewiesen ist. Ein "Hier denkt jeder nur an sich, nur ich denke an mich," bricht unter Gelächter zusammen.

Für sich selbst Sorgen und Mitverantwortung für andere sind zwei chaotisch in einander greifende Bestimmungsgründe des menschlichen Verhaltens.

Genießen und Leiden verengen den Horizont. Man vernachlässigt Zusammenhänge; das ist häßlich. Da man sich selbst nicht unschön finden möchte, muß man Maß halten.

Moral ist, womit "man sich sehen lassen kann". Das öffentlich sichtbare Normalverhalten der Mitmenschen aber genügt dem sittlichen Orientierungsbedarf nicht. Zunächst bedarf es menschlich kompletterer Information. Dem dienten früher Theater und Romane. Ein Exhibitionismus von seiten der Autoren und Akteure kommt dem Voyeurismus des Publikums entgegen.
Unsere Zivilisation der Vereinzelung erhöht den Bedarf. In den Big brother-Sendungen wird öffentlich ausprobiert, womit man sich sehen lassen kann.

Ist die naive Selbstzufriedenheit im Zusammenleben zerbrochen, erhebt sich die Grundfrage der Moral: "Was kann ich für meine Selbstzufriedenheit im Zusammenleben tun?" und öffnet uns den beängstigend weiten Raum der Verantwortung.

Sorgfalt ist oft etwas bekümmert. Schlamperei ist unbekümmert, aber von Panik bedroht.

Wenn es überhaupt moralische Aufgaben gibt, dann ist der wahre kategorische Imperativ: Integration. Das ist Dienst an der Spitze der Evolution, an der Differentia specifica des Menschen, des Homo sapiens bzw. Animal rationale, an der sog. Humanität, Menschlichkeit im ernsten, erfreulichen Sinne.
Tätigkeit ist Umordnen und schafft sowohl Ordnung wie Unordnung. Jeder Aufbau integrativer Strukturen verbraucht Energie, unter anderem durch viel Desintegration auf allen Niveaus.
Rechtfertigung durch den Erfolg ist zu erhoffen, aber nie sicher. Das chaotisiert die Ethik.

Die neue, reife Moral verlangt nicht Ehrlichkeit, sondern Betrug mit Maßen. Der einzelne soll, Maß gebend, die Gewissensspannung zwischen den Normen aushalten.

Man empfindet (lokal) eine Finalität der Systemdynamik als, ohne besondere Gegengründe, verpflichtend. Voreinstellung: Mitmachen. Globale Zielperspektiven verlieren sich in Scenarios, wenig vertrauenswürdigen Zerrbildern.

Die abendländische "Persönlichkeit" – griechische Philosophie und alttestamtentliche Moral, unter der Auferstehungsverheißung im christlichen Gottesgehorsam bis zum Tode auf die Spitze getrieben, – hat sich im Kampf ums Dasein bewährt. Sie hat die Welt erobert.
Sie hats in sich: Das zentrale Merkmal, die real existierende Selbstbeherrschung ist, psychoanalytisch gesprochen, eine unter Tabu triebverstärkte Ich-Stärke. Sie stellt in ihren Dienst Aggression, Destruktion, Libido in Form von Sadomasochismus, Autoerotik, Pädophilie, projektive Identifikation – eine Horde unreiner Geister, dazu primitive Grandiosität und Idealisierung.
"Nicht geschunden, nicht erzogen" sagte man im alten Griechenland. "Wer seinen Sohn liebt, der züchtigt ihn bald", sagt der alttestamentliche Spruch; auch Gott züchtigt den Frommen und sein ganzes Volk. Luther riet, dem Kind beizeiten den Willen zu brechen. In der pietitischen Erziehung hatte der Zögling nach der Züchtigung die Rute zu küssen. In Preußen bekämpfte man seinen "inneren Schweinehund".
Der (gegen das Elend hinreichend abgeschottenen) Überflußgesellschaft scheint Derartiges übertrieben und überflüssig. Wie aber wird restauriert werden, wenn der Überfluß abgeflossen ist?

Die Tradition als Gesetzgeber ist zurückgetreten. Jeder ist Teil der Legislative. Jeder muß leib-seelisch spielend, vorsichtig probieren, was als gute Sitte für heute und morgen in Frage kommen könnte.

Siegenwollen hilft siegen.

Wahre menschliche Größe wird selten photogen. Zum Vorbild aber gehört bildliche Prägnanz.

Man muß selbst wissen, was Ehre verdient.

Schuld fordert eigentlich – völlig unrealistisch – Ungeschehenmachen, so etwas wie Wiedergutmachung von Unrecht.
Sich selbst vergeben kann man nur Schuld gegen sich selbst, vornehmlich die Beeinträchtigung des Selbstwertgefühls durch Schuld. D.h. man kann demütig werden und sich die Scham vergeben, aber nicht Schuld!
Wiedergutmachungsversuche brauchen, um zum guten Ziel zu führen, das schöpferische Geschehen von Vergebung.

Der einzelne Mensch besteht aus Keimbahn ("Germa", Gustav Bally), Soma (Körper) und Seele. Krasser Egoismus bezieht sich nur auf das Soma.
Dawkins' moralischer Ausdruck "Selfish gene" war eine publikumswirksame Metapher für eine Systemdynamik, der Gene in ihrer Umwelt unterworfen sind. Der "genetische Egoismus" des menschlichen Individuums ist auch kulturell/seelisch ("memetisch", R. Dawkins) vermittelt. Die Koppelung des genetischen mit dem memetischen System ist kompliziert und m.W. nur im Baldwin-Effekt* thematisiert worden.

Der Wille muß weise herrschen; sonst wird er immer wieder vom Unbewußten betrogen oder einfach entthront.
Schamgefühl schützt die Selbstbeherrschung vor den Triebbedürfnissen. Die Gesellschaft weiß Willenskraft zu schätzen und respektiert das Schamgefühl.

Wenn man sich selbst nicht so wichtig nimmt, muß man nicht solche Angst haben.

Wozu bin ich da? – : „Zu schöpferischem Weitermachen!“

Jeder will gut sein. Aber „wer sich nicht selbst zum Besten haben kann, der ist gewiß nicht von den Besten“ (Goethe).
Habgier ist Kampf um Sicherheit und Macht. Sie kann komisch (Molière’s Harpagon) werden, aber fast nie zum Gegenstand der Selbstironie und der Selbstkritik.

„Du sollst nicht begehren ...“. Begehren ist bedrohlich, Begehrtwerden ist gefährlich, wenn es nicht in Liebe eingebettet ist.

Wir sollen verständnisvoll mitleben mit all den auf Godot Wartenden; und da und dort exemplarisch Freude finden am zähen freien Willen aller zum möglichst gemeinsamen Guten.

Der Mensch will nicht nur gut scheinen, sondern gut sein – und doch, wenigstens ein Bißchen, expandieren.

Ich bin mit natürlicher Selbstverständlichkeit eingespannt in die (nur beschränkt überblickbare) Dynamik der normativen sozialen Schemata.
Die Erinnerung an Gott schafft kritische, schöpferische Distanz zu den natürlichen Zumutungen.

Moralische Urteile sind Gefühlssache. Jeder hat seine ungeklärten Präferenzen. Aber man kann seine Gefühle ein Stück weit klären. Klärung der moralischen Gefühle stärkt die Konsistenz des Verhaltens, die wiederum für den Lebenserfolg wichtig ist. Sie muss von Zeit zu Zeit gründlich revidiert werden.

Moralische Urteile sind Gefühlssache. Jeder hat seine ungeklärten Präferenzen. Aber man kann seine Gefühle ein Stück weit klären.

Recht ist Notordnung im Chaos, bestenfalls das kleinere Übel. Das hat Luther richtig gesehen.
Moral befriedigt und stabilisiert einen Menschen im Chaos des Daseins; und das kann auch seinen Mitmenschen überzeugend beeindrucken. Moral respektiert das Recht kritisch.

Ich kann Dankbarkeit durch bewusste Wahrnehmungseinstellung empfinden; aber was nicht von selbst kommt, trägt nicht weit.

Man kann sich selbst vergeben. Aber das ist schwach; etwas anderes als Gottes Vergebung (1Kor 4,4)!

Bescheidenheit ist Frucht einer Trauerarbeit. Sie ermöglicht ersprießlichere Objektbeziehungen.

Allerdings braucht man auch exzessive Emotionen – aber selten! Sie geben uns ein Gefühl für die Grenzen unseres Ich; sie sind gefährlich.

Existenz in mehreren Bezugssystemen (etwa Staat und Kirche, Politik und Wirtschaft, Beruf und Familie, Individuum und Gesellschaft, Natur und Gesellschaft) fordert die moralische Kreativität des menschlichen Subjekts heraus.

Verallgemeinerung setzt Desengagement voraus.

Skepsis ist Gewissenssache. Sie respektiert den Komparativ.

Man muss allenthalben der Vernichtung hoffnungsvollen (eigenen und fremden) menschlichen Potentials tatenlos zusehen ohne Aussicht auf ein Besseres, das aus der Vernichtung hervorgehen könnte. Da gibt es nur entweder Fixierung oder Kreativität, innere Umstellung, Trauerarbeit. Rituelles Totengedenken stärkt meist die Fixierung. Aber die gescheiterte Erwartung muss verwandelt werden. Dann kann man, unbewusst und auch bewusst, im Sinne ihrer Hoffnung weiterleben.

Rezept für mein persönliches sustainable development: Nicht das Urteil der Welt, sondern Gottes Urteil (über mich und die Welt) fürchten – und ihm sich anvertrauen!

Wo es um Zukunft geht, bin ich – immer – noch bedeutungsloser, als ich mir vorstellen konnte! Für meine Gegenwart aber bin ich noch bedeutungsvoller, als ich dachte; denn ich kann nicht umhin, kreativ zu sein – mit Vorstellungen allerdings auch von dem, was die Zukunft aus meiner Gegenwart machen mag.

Wir sind moralisch, also konkret: kompromittiert.
Die Bescheidenheit des moralisch Kompromittierten aber ist überzeugende Menschlichkeit.

Ethos ist Symbolik der Gewissen.

Moral gründet in genetisch, kulturell und individuell akkumulierter Erfahrung. Dieses Chaos wird systematisiert und zu Maximen und Prinzipien vereinfacht.

Wir dürfen und sollen zu Zeiten auch verantwortungslos geschehen lassen, was geschieht! Gott schafft Sinn, wann er will. Wir können nicht Sinn finden, wann wir wollen, und müssen es nicht.

Das Individuum ist so (natürlich und sozial) milieu-abhängig, dass der verantwortungsethische Anspruch als unverantwortliche Vereinfachung erscheint. Er ist eine (allerdings evolutionär erfolgreiche) Vergewaltigung des Individuums durch die Gesellschaft.

„Was soll ich?“ Vgl. „shall I ? ” = destiny (αἱμαρμένη, vgl. Goethes Urworte orphisch). Es geht um Wahrung der Identität.

Das wache Gewissen sieht und hört die Welt und lauscht auf Gott, den Schöpfer, der auch uns bescheiden kreativ macht.

Wir können unser Tun und Lassen nur ein Stück weit begründen. Unsre Entscheidungen sind Gefühlssache, Geschmackssache, und nur unbefriedigend auf die Ebene von Werten und Normen abzubilden. Diese sind konsensfähige Symbole, obwohl sie jeden Einzelfall versimpeln. In Wahrheit handeln wir weitgehend unbewusst als genetisch/memetische Erben.

Durkheim thematisierte Sollen als empirisches Faktum. Quelle des Sollens ist die Gesellschaft.
Die Gesellschaft weist, mit den offenkundigen Halbwahrheiten ihres Alltagswissens, teils volens teils nolens über sich hinaus – auf die ganze Wahrheit, von der wir alle abhängen.

Der Gewissenhafte kennt die Chaotik des Gewissensurteils.

Natürlicherweise bemüht man sich um Verstehen und Verständigung; aber wir wissen unsere moralischen Urteile und unser Verhalten nicht zureichend zu begründen.

Das Naturrecht verpflichtet zu Selbsterhaltung und Sorge für den Nachwuchs. Aber das Naturrecht seinerseits ist nur kulturell bedingt verpflichtend.

Konzepte wie Sollen, Verantwortung, und Personalität vor Gott, sind hoch gegriffen!
Zunächst und zumeist sind wir, materiell, vegetativ und animalisch, demütigend geschoben und getrieben durch kaum identifizierbare Mächte. Wir müssen diese anerkennen; und das schränkt die Verantwortung ein. Aber zu dieser eingeschränkten Verantwortung sind wir berufen.

Nur bescheidene moralische Ansprüche sind berechtigt.

Wille ist immer schöpferisch. Allenthalben wächst guter Wille nach; und wo man ihn erkennt, da spürt man auch: Die interessanten Möglichkeiten der Welt sind noch nicht ausgereizt. Sie möge noch eine Weile weiterlaufen.

Die Geschichte ist ein recht chaotischer und irreführender, größtenteils enttäuschender Prozess – mit Lichtblicken zwar, die uns freundlich zu mitverantwortlicher, bescheiden hoffnungsvoller Teilnahme einladen. Ohne die Lichtblicke könnte man die Mitverantwortung nur entrüstet ablehnen.

Das Urteil über eine Sache ist abhängig von dem Zusammenhang, in welchem sie beurteilt wird. Da unser Überblick beschränkt ist, ist uns auch keinerlei letztes Urteil möglich. Wir können nur vor Gott kommen, uns beraten lassen und dann unserm Gewissen folgen. Unser Urteil, auch unsre Selbstbeurteilung, darf schwanken.

Immer suche ich nach einem Soll, einer adulten Artikulation und Operationalisierung der narzißtischen Ureinheit. Dieses Suchen nach dem Gefundensein ist ein kreativer Prozeß.

Sommertag, die Wolken ziehen kräftig über den Himmel, die hohe Tanne schwingt, der Wind rauscht im Holunder. Das Gotteslob der Schöpfung. Lebensfroh beansprucht der Zilpzalp seinen Platz; „... die jungen Raben, die ihn anrufen ...“
Was sollen wir? – : Wir sollen das Leben leben! Streben, wollen, uns exponieren, versuchen. Wir sollen die Sollensfrage befriedigend überwinden durch Wollen.

Wir müssen die physische und kulturelle Unbescheidenheit, deren Ausgeburt wir sind, grundsätzlich annehmen und weiterentwickeln.

Daß Gott die Welt liebt, kann nur sagen, wer selbst die Welt liebt.
Und man muß das Leben lieben – bei Strafe der Verzweiflung.

Unter Tränen müssen wir das befremdende Leben lieben lernen.
Das klassische Paradigma hierfür war das „Leben in Christo“: Vertrauensvoll gehorsam Abschied nehmen vom erhofften, geliebten Leben.

Nicht gespielter Verzweiflung, aber echter Verzweiflung sind wir Respekt schuldig. Dieser Respekt gilt der Verzweiflung als Lebensäußerung. In ihm bewährt sich die Liebe zum Leben (Schillers „heil’ge Sympathie“[11]) manchmal überzeugend.

Autonomie ist Stabilität, im Ja zur Heteronomie ist sie optimiert. „Alles muß in [sein] Nichts zerfallen, wenn es [als dieses Etwas] im Sein beharren will.“ (Goethe[12])

Die Frage: „Was soll ich?“ richtet sich meist an einen Mitmenschen; bisweilen betrifft sie eine Kollektivnorm. Selten hat sie uneingeschränktes, existenzielles Gewicht. Dann aber ist sie naturwüchsig eine Frage an den Schöpfer, – womit der Verstand seine Probleme hat.

Auch die Bescheidenheit unterliegt der Dialektik der Tugend.

Wer da predigt: „Wir sollen ...“ legt doch in dieser Form nur sein eigenes augenblickliches Zeugnis, als seinen Beitrag zur Kulturgeschichte, ab.

Je schlechter die Verhältnisse sind, desto weniger Gutes kann man machen. Dieses Wenige wiederum kann sehr gut sein! Man muß sich an der Bescheidenheit Gottes ein Beispiel nehmen.

Verantworten kann sich der Mensch für seine Entscheidungen nur oberflächlich, bewußtseinsnah und inkohärent, weil er ein seiner selbst nur teilweise bewußtes Tier ist.
Welche Verantwortung befriedigt, hängt von der kommunikativen Situation ab.

Sich mit etwas abfinden ist eine schöpferische Leistung, wie Narbenbildung.

Soll auch Darwin sich mit seiner Raupe[13] in ihrem Leiden ihrer, mit den Schlupfwespenlarven gemeinsamen, Freiheit freuen? Nein! „Da empöre sich das Herz“ (Schiller, a.a.O.) und – werde kreativ (z.B. durch Entwicklung der Lehre von der natürlichen Zuchtwahl) und bescheiden (wie Charles Darwin war)!

Ein moralisches Prinzip ist Handlungsorientierung in einem vereinfachenden Weltmodell (einem Tangentialraum). „Ein Mann ohne Prinzipien“ war ein negatives Urteil über den Charakter: Er ist opportunistisch, anpasserisch; aus niedrigen Beweggründen übernimmt er fremde Prinzipien. Er hat eine schwache Symbolik, keine Religion.
Inzwischen aber ist die Gefährlichkeit von Vereinfachungen ins allgemeine Bewußtsein eingedrungen.

In erster Annäherung ist Moral eine individuelle Eigenschaft – und Sitte Eigenschaft eines Kollektivs. Zu den jeweiligen Näherbestimmungen aber gehört, daß die Moral verlangt, die Sitte zu respektieren; und die Sitte verlangt, die individuellen Moralen zu respektieren.
Die Moral ist Ergebnis der individuellen Lebenserfahrung, die Sitte Ergebnis der kollektiven Lebenserfahrung.

Als mir – bei einem Problem in der Arbeit an meinem Computer-Programm zur Erschließung meiner Notizen – die Hoffnung auf Erfolg zusammenbrach, fühlte ich die Entlastung einer Entpflichtung.

„Soll“ ist Inbegriff des Integrationswunsches des reifenden Narzißmus.

Anomie ist Koordinationsmangel, deshalb unökonomisch, stress, Leiden (klassisch und in diesem Sinne Durkheim), Herausforderung für Kreativität (Guyau)!

Tätige Solidarität kann eine Schule der Weisheit sein.

Soziale Ordnung ist natürliche Aufgabe jedes Einzelnen – wie auch immer er sie verstehen und dazu stehen mag. Jeder ist, im Maße seiner Möglichkeiten, mitverantwortlich.

Verantwortung, ernst genommen, ist ein unendlicher Diskurs, eine Überforderung des Individuums. Der klare Verantwortungsbegriff muß gesundschrumpfen zu dem unklaren Begriff der Mitverantwortung.

Man soll gar nicht immer Lust haben, selbst weiter zu leben! Man soll aber lebenslang schöpferisch Freude am Leben suchen und finden, indem man die eigene Kreativität einbringt.

Als soziales Wesen ist man Untertan des Gemeinwesens. Kann ein Untertan gewissenhaft handeln? Er ist nie allein verantwortlich, aber immer mitverantwortlich!

Der Verantwortungsbegriff ist im Interesse an Recht, Billigkeit und Moral entwickelt worden. In diesen Zusammenhängen setzt er geltende soziale Normen und damit eine Wert-Stereotypierung voraus. Das Grundmodell ist Verantwortung vor einem ordentlichen Gericht.
Die Bibel öffnet den Geltungsbereich dieses Begriffs für die Verantwortung vor Gott. Damit führt sie hinüber in die Dimension des unstereotypierten, freien Gebets. Hier geht es um die schöpferische Gottesgemeinschaft und um die von Gott uns – praktisch klar, theoretisch undurchdringlich – zugesprochene Mitverantwortung.

Reife Himbeeren – „das ißt sich so weg“, ça se mange: Das Objekt kommt als Subjekt zur Sprache (vgl. Bruno Latours Soziologie). Das essende Subjekt ist inbegriffen im Objekt, das „Subjekt“ der Alltags-Ontologie genießt Freispruch von aller Verantwortung.

Gegen moralischen Relativismus ist nichts zu sagen, so lange „besser“ und „schlechter“ zwar subjektiv, aber kommunikabel unterschieden werden.

Man soll an den Scheußlichkeiten des Lebens anderer nicht unbegrenzt Anteil nehmen.

Gewissen

Das monotheistische Gewissen setzt – nach dem Bilde des einzigen Gottes – auch den menschlichen Partner Gottes als ein in seiner menschlichen Umwelt isoliertes Individuum voraus.
Es sind dreierlei Gewissenserfahrungen zu unterscheiden:
- Zunächst und zumeist versteht sich der Mensch in seiner Welt als etwa gleichgewichtig zu empfangen berechtigt und zu geben verpflichtet.
‑ Aber unvermittelt tun sich dem Gewissen chaotische Abgründe auf.
‑ Und hier ist die vereinfachende monotheistische Wahrnehmungseinstellung eine Heilsoffenbarung; der Mensch steht als rein Empfangender vor dem rein gebenden Gott; ihm schuldet er alles – und fängt, in dieser Welt, ein neues soziales Leben an als Zeuge der Liebe Gottes.

Ich habe gewagt, geirrt und mit meinem Tun den Tod so redlich verdient wie alle andern. Mein Leben nach alledem ist ein Geschenk.

Schuld ruft Rache-Phantasien hervor; und Rache kann mit Strafe und Sühne und Reue befriedigt werden; aber damit ist nichts „wieder gut gemacht“. Von der Qual einer (Mit-)schuld können wir uns auch nicht durch gute Werke befreien. Schuldgefühl kann aber zu Korrektur des Selbstbildes und Vertiefung der Mitmenschlichkeit führen.

Opfer

Wird das Ideal des opferbereiten Wohltäters in Notzeiten, durch die allgemeine Sehnsucht danach, verstärkt? Es motiviert zu persönlichen vitalen Opfern.

Opfermut des Individuums muß sich beim Menschen nicht physisch lohnen, um in der Spezies zu überleben. Hier spielt das genetisch/memetische* Verbundsystem.
Es mag auch sein, daß Heldentum für die Gruppe so vorteilhaft ist, daß die überlebende Minderzahl der Helden überproportional vom Kollektiv begünstigt wird. Die Institution des Erbadels repräsentiert (und karikiert) das. Es bedürfte hinreichend treffsicherer Indizien.

Der Trauernde opfert dem Betrauerten Zeit des Nach-denkens, Sich-Widmens.
Man opfert auch aus dem Gefühl heraus, gegenüber dem Empfänger mehr zu haben, als einem gebührt.

Die Predigt von dem, der, uns zugut, sich von uns hat umbringen lassen, malt uns, wegweisend für unsre Humanitätsentwicklung, segensreichen Opfermut vor Augen (vgl. Gal 3,2), Hoffnung wider alle Hoffnung (vgl. Röm 4,18).

Opferbereite Ehrlichkeit, zu welcher besonders die Christuspredigt anregt, erregt menschliche Aufmerksamkeit. Das verführt zur Pose; die Ehrlichkeit wird dann zur theatralischen Charge.

Zivilcourage ist per definitionem rar, eine nur minoritär evolutionär* stabile Strategie.

In institutionalisiertem Liebesdienst überlastet, kann man sich vor Ausbrennen (burn out) bewahren durch Desidentifikation gegenüber den Bedürftigen und Routine in der diakonischen Rolle. Dadurch aber entsteht eine widersprüchliche Situation: die diakonische Handlung, deren Sinn mitmenschliche Teilnahme ist, bezieht sich gar nicht mehr auf den Empfänger als einen Menschen, sondern auf einen Symptomkomplex, von dem der handelnde sich menschlich distanziert. Das ist eine kommunikative Situation, in welcher beide Seiten die menschliche Orientierung verlieren. Unbedingt muß der Helfer, der nur noch ohne personale Teilnahme helfen kann, dies dem Empfänger noch teilnehmend und zumutbar sagen können!

Gelebte Liebe führt in ethische Konflikte: Man tut, angepaßt an die (chaotisierenden) Bedürfnisse anderer, mit gutem, aber bedrängtem Gewissen – nicht, was das eigene Überich und das Sitten-Stereotyp verlangen. Opferbereite Liebe gerät in burn-out-Gefahr. Die individuelle Existenzsymbolik wird, durch zu viele Störungen ihrer integrativen Eigendynamik, beschädigt. Ich muß mich sammeln, an meiner beschädigten Existenzsymbolik arbeiten, mich besinnen und handlungsrelevante Entscheidungen treffen, damit meine Symbolik im ganzen und im Einzelnen wieder meine Existenz im Ganzen und im Einzelnen einigermaßen repräsentiert. Ich brauche Zeit, um wieder zu mir zu kommen. Kommt Zeit, kommmt Rat und neue Klarheit. Die Zeit aber, die ich eigentlich brauchte, ist mir nicht immer vergönnt.
In der Bedrängnis erinnere ich mich, denke ich an Gott, ich frage ihn; ich denke vor Gott. Erleuchtungen haben eine geheimnisvolle Vorgeschichte; sie werden uns nicht nach unserem bewußten Zeit- und Arbeitsaufwand zugemessen. Wird das Gebet erhört, so lebt man – kompromittiert, rechtlos, in der Nachfolge Christi – mit ruhigem Gewissen weiter für vor Gott Erfreuliches, dem Vater Jesu Christi.

Eine staunende, dankbare Freude an Realem im göttlichen Licht der in Christus offenbar gewordenen, paradox evidenten Wahrheit führt zu opferbereiter Liebe.

Die Boddhisatva verzichtet auf ihre eigene Erlösung, um den Unerlösten zu helfen.

Die Bereitschaft zu Opfer und Risiko hat in dem Maße abgenommen, wie alles Wofür und Wogegen relativiert ist. Riskiert und geopfert wird im Rahmen der Vorstellung von einem mein Hier und Jetzt transzendierenden, größeren Zusammenhang. Das sind zunächst Vorstellungen von sehr weltlichen Dingen, die jedoch für das Subjekt eine höhere Bedeutung haben. Aus dergleichen können sich Heils- und Unheilsvorstellungen bilden, die auch zum realen Einsatz des eigenen Lebens motivieren. Riskieren und opfern ist symbolisch aktiver Umgang mit dem eigenen Tod.
Solche Vorstellungen sind meist Produkte einer kollektiven Kultur, die ihrer Gesellschaft erhöhte Schlagkraft verleihen und deshalb offiziell hoch geschätzt sind. Heute bedarf eine Gesellschaft weniger Schlagkraft als Bescheidenheit. Der Wert des photogenen Idealismus ist relativiert. Eine Bereitschaft zum Opfer für größere Zusammenhänge aber bleibt, als lebensnotwendig für die Gesellschaft, geschätzt.

Dem, der für uns gelebt hat, schulden wir Dankbarkeit. Durch seinen Tod beauftragt er uns: „Lebe du an meiner Stelle weiter!“ und: „Stirb du an meiner Stelle weiter!“

Heldenhafte Opferbereitschaft des Einzelnen bis zum Tode hilft seiner Gesellschaft zu einem Sieg. Aber dann sind die Helden weg; den Sieg tragen Heldenkult und, in seinem Schatten, Profiteure davon.

Wir pflegen eine fundamentale Stabilität unserer Umwelt vorauszusetzen. Wir können aber höchstens voraussetzen, daß sie quasistabil ist.
Am wichtigsten ist für uns die Lebenswelt. Konrad Lorenz glaubte, die Selbstopferung von Individuen aus der Ökonomie der Spezies heraus darwinistisch erklären zu können. Richard Dawkins machte dagegen geltend, daß Altruismus ausstirbt, wenn er sich nicht auf der Ebene der Gene des betreffenden Individuums bezahlt macht. Das mag für Tiere genügen. Für uns aber sind auch die Meme* entscheidend wichtig. Die Vermutung, daß das System der Meme der gleichen Ökonomie folgt wie die Gene, ist inzwischen gut begründet.
Durch die Interaktion des genetischen Systems mit dem memetischen bekommt beim Menschen der Altruismus eine spezifische Chance im Sinne der Lorenz'schen Plausibilität! In der menschlichen Gesellschaft nämlich hält sich Altruismus, weil der Anschein von Altruismus sozial belohnt wird. Zwischen Opfer und Lohn spielt die soziale Wahrnehmung die Rolle eines vermittelnden Störfaktors. Der Anschein ist mit tatsächlichem Altruismus nicht sehr eng, aber doch positiv korreliert. Heuchelei lohnt sich zwar; aber nur begrenzt; die Gesellschaft lernt, sie erkennen. Das Heucheln wird perfektioniert, aber auch der diagnostische Scharfblick. Und das Heucheln lebt von der fortdauernden Existenz eines echten Altruismus! Im quasi-stabilen System eines Wettlaufs ins Unbekannte behält der Altruismus seine prekäre Chance.
Der wirkliche Opfermut mag genetisch weder positiv noch negativ einen signifikanten Selektionswert haben. Der Schein, die Erscheinung des Mem, mag zu oft getrogen und damit die Überzeugungskraft der Meme, den Idealismus, den Glauben an das Gute, geschwächt haben. Wenn aber der Zynismus steigt, macht das Heucheln nicht mehr so positiven Eindruck; es lohnt sich weniger. Wenn der Idealismus überlebt hat, wird er wieder eher geglaubt und als vorbildlich geschätzt.

Opferbereitschaft – für die eigenen Kinder, Verwandtschaft, Verein, politische Einheiten, natürliche Umwelt – ist ein wesentliches Stück der Kultur, die zur Natur des Menschen gehört.

Opferbereitschaft und Opfermut von Umsturz-Demonstranten und Selbstmordattentätern paßt nicht ins heutige westliche Bild vom Menschen als Egoisten. Das „Ego“ ist nicht so isoliert und nicht so einfach; man kann es nur sehr beschränkt und approximativ berechnen.

Bescheidenheit

Bescheidenheit ist Bejahung der Selbständigkeit des anderen.

Nur Umwege führen zur Bescheidenheit.

Bescheidenheit heißt nicht Schüchternheit! Sie umgreift auch Sich-Exponieren, Kämpfen, sogar für sich selbst Kämpfen, Mut zum Irrtum und Sich-Korrigieren-Lassen. "Mächtig, selbst wenn eure Sehnen ruhten, reißt das Leben euch in seine Fluten, euch die Zeit in ihren Wirbeltanz." (Schiller, Das Ideal und das Leben) Bescheidenheit bewährt sich im Mut zum Chaos.

Selbstbescheidung ist gerade nicht Verzweiflung über Ohnmacht.

Im Schutzraum der Vergebung können Selbstironie, Bescheidenheit und Humor an die Stelle von Sündenbekenntnis, Buße und Demut treten.

„Durch Schaden wird man klug“ – in dem Maße, wie man klug ist. Man verortet dann seine Wünsche genauer in der Wahrheit. „Das Leiden ist das schnellste Tier, das uns zur Vollkommenheit trägt“ (Meister Eckart).
Bescheidenheit im Leiden vertieft das menschliche Zusammenleben.

Selbstentfremdung in der Gesellschaft ist demütigend. Sie führt nicht zu Bescheidenheit, sondern meist zu Resignation und bestenfalls in eine Besinnung, die zu Bescheidenheit führt.

Verbindung von Bescheidenheit und Verantwortungsgefühl ist Würde.

Bescheidenheit des einen zugunsten anderer kommt meist nicht den Verdienteren, sondern den Unbescheidenen zugute.

Bescheidenheit ist Weisheit, Demut ist Religion.

Auch Bescheidenheit ist ein mißbräuchliches Ideal. Nicht Tugend, nur Aufmerken auf Gottes Willen macht Gottes teilhaftig.

Der Weg von der naiven superbia zur modestia führt über die humilitas. Zu sehen, daß man das, was man liebt, (auch) beschädigt hat, ist zunächst demütigend. Man hat seinen naiven Anspruch auf Autonomie kompromittiert; aber die Welt ist nicht so einfach, daß Souveränität eine Lösung wäre.

Demokratie ist auf Bürger angewiesen, die eine Ahnung davon haben, wie wenig sie verstehen, und in Bescheidenheit doch diskutieren und entscheiden.
Deshalb überzeugt Demokratie oft nicht als bestmögliche Staatsform.

Der erste Schritt des "großen Mannes" in der Antike in Richtung Bescheidenheit war die (mit Selbstverständlichkeit überhebliche) antike Großmut. Schon die Antike lächelte gelegentlich darüber!
Dann wurde die christliche Demut erfunden.

Im Lauf der klassischen Kulturgeschichte lernt Herakles – ursprünglich so etwas wie bei uns "der starke Hans" – Bescheidenheit.

Mäßigung war eine Tugend in der statischen Phase der Wirtschaftsgeschichte (Konstantsummenspiele). Heute hat das Gewinnstreben des einen mehr Möglichkeiten, nicht auf Kosten des anderen zu gehen.
Im Zusammenhang damit hat auch die soziale Wertschätzung der Bescheidenheit abgenommen.
Die „Grenzen des Wachstums“ ziehen aber auch der bewunderten Unbescheidenheit Grenzen. Diese Grenzen sind, wenns drauf ankommt, in Natur und Zivilisation chaotisch.

Bescheidenheit ist ein ständig gelebter, etwas schmerzhaft erlittener, Selbstwiderspruch. Fixierung in einen Tugend-Begriff macht den Vorgang vergessen, von dem man redet. Über die eigene und über Gottes Bescheidenheit zu reden ist deshalb problematisch.

Bescheidenheit ist Teilnahme an der Regierungsverantwortung.

Prinzipielles denken ist unbescheiden, wenn es nicht hypothetisches Denken ist.

Auch Bescheidenheit kann Ansprüche erheben.

Der archaische Narzißmus ist unbescheiden. Unbescheidenheit ist Unreife.

Bescheidenheit ist in der Tat Selbstbeeinträchtigung; ein Ja zum Nein.

Höchste Integrationskraft manifestiert sich bescheiden.

Die imaginäre Herrlichkeit realisiert sich am Besten in Bescheidenheit. Diese folgt der Berufung zur Gleichheit mit dem Schöpfer (Mt 5, 48). Sie kann lieben, sie kann geben, sie lernt verstehen und teilnehmen. Sie kann mit keiner Gewalt besiegt werden.

Die gottgeschaffene Kompossibilität* nötigt zur Bescheidenheit.

Die in allen Kulturen gepriesene Harmonie zwischen den Naturen in der Natur ist eine soziale Utopie: die ideologische Globalisierung einer lokalen Leistung der Bescheidenheit. Sie wird als politisch unverzichtbar empfunden; deshalb ist solcher Glaube vielfach strafrechtlich privilegiert.

Bescheidenheit ist zwar, negativ: Verzicht; positiv aber ist sie: zuversichtlicher Wille zur Autonomie der anderen. Sie ist eine "Tugend" im alten Sinne von Tüchtigkeit, Tauglichkeit; eine kommunikative, eine schöpferische Kraft. Sie gehört auch in den Schöpferbegriff hinein.

Bescheidenheit ist, nach Grimm, 1. discretio, 2. modestia. Das Adjektiv "bescheiden" ist ein Partizip präsens passiv, das korrekt "beschieden" lauten müßte.

Bescheidenheit ermöglicht beständige Kooperation und ist insofern eine Tugend.

Die herkömmliche Bescheidenheit bedeutete für die meisten Menschen bis in die Neuzeit hinein einen Selektionsvorteil. In der Wachstumsgesellschaft wurde sie zunehmend zum Nachteil.

Wir müssen uns damit bescheiden, daß uns viel Unbescheidenheit und nur ein bescheidener Anteil an Gottes Bescheidenheit beschieden ist. Man muß sich für sein Heil immer wieder neu an Gott wenden.

Den Weltkindern in ihrem Leid sollen wir in Gottes Bescheidenheit hoffend beistehen.

„Schöpferische Bescheidenheit“ als Ideal ist verführerisch.
Von Gott verheißungsvoll geboten und geraten ist uns die Bescheidenheit; sie ist unsere Sache. Die Kreativität ist ihr verheißen; sie ist Gottes Sache.
Dem bescheiden Gewordenen ist seine Bescheidenheit aufgrund seiner Lebenserfahrung selbstverständlich.

Bescheidenheit sieht mehr Erfreuliches als die Unbescheidenheit. Wer das entdeckt hat, gerät in einen selbstverstärkenden Prozeß voller Entdeckerfreude.

Bescheidenheit ~ sagesse, sapientia, Weisheit.

Jeder weiß im Grunde genug, um bescheiden zu werden. Aber die christliche Tradition ermutigt, entsprechend zu leben.

Heteronomie trifft den Einzelnen immer „zufällig“. Der naive Stolz wird auch durch verantwortbare Heteronomie gedemütigt.
Leben muss sich immer bescheiden den profund unverständlichen, zufälligen Gegebenheiten schöpferisch anbequemen.

Dankbarkeit muss nicht symmetrisch sein, ist aber wesentlich gegenseitig.

Nach dem Vorbild des Gottes, der bescheidene Ansprüche stellt, stellt man immer bescheidenere Ansprüche an sich selbst und seine Mit-Kreaturen.

Die – unbeschadet aller Verdienste – grundlegende Zufälligkeit seines Glücks ist für jeden Grund zu Bescheidenheit und zu Solidarität mit dem Unglücklichen. Dessen Anblick vertieft das Selbstverständnis jedes vernunftbegabten Menschen.

Der Fromme ist bereit, Demütigungen einzustecken, d.h. seine angeborene Selbstüberschätzung korrigieren zu lassen.

Zu Zeiten können wir nicht langfristig planen. Das soll uns nicht bedrücken; wir sollen dann geduldig das im Horizont der sehr beschränkten Aussicht Sinnvolle tun.

Entwicklung der Menschlichkeit: 1. Idealbildung, 2. Klage und Anklage, 3. Resignation, 4. schöpferische Bescheidenheit.

Wir sollen, des Todes schuldig, doch noch weiter leben.

Durch den Lauf der Welt demütigt Gott unser Bescheidwissen und Urteilen. Der Trost des sterbenden Luther („Wir sind Bettler, das ist wahr!“) ist Jesu Seligpreisung der Bettler (Lk 6,20)!

Demut

Demut ist vertikal-eindimensional, Bescheidenheit vieldimensional.

Die Kirche hat nicht Bescheidenheit gelehrt, sondern Demut als perfektible, quantifizierbare Tugend. So konnte alle Demut den Größenphantasien nichts anhaben.

Die biblische Demut erwächst in der Spätzeit des Alten Testaments unter demütigender Bedrängnis, Mangel und Unzulänglichkeit, als Form gewahrter Moral und Menschenwürde unter dem Gott, vor dem alle gleich sind.

"Leiblichkeit ist das Ende aller Wege Gottes", sagte Oetinger. Das Ziel des Gottesgeistes ist bescheiden.

Bescheidenheit ist liebenswürdig und damit von Natur kommunikativ schöpferisch.

Der Körper mit seinen pudenda und seinem unbescheidenen Trieb ist Gegenstand natürlicher Angst und Scham (Letzteres wegen der unzuverlässigen Autonomie des Subjekts). Damit ist die Sexualität ein Grund, Bescheidenheit zu entwickeln.

Bescheidenheit ist nicht immer im üblichen Sinne kreativ; manchmal nur als eine Anpassungsleistung der Selbstüberwindung.
Wir können aber in uns selbst feststellen: Bescheidenheit ist immer wieder überraschend schöpferisch.

Die soziale Norm: "Sei glücklich!" ist eine Wurzel von Betrug und Selbstbetrug.

Böser Zufall kann demütigend sein. Bescheidenheit unterzieht sich dem. Nach dem Hebräerbrief hat Christus „Gehorsam gelernt“, – auch gegen den „wunderlichen“ Herrn (wie Luther 1Pt 2,18 übersetzt).

Die Kreativität der Bescheidenheit ist bescheiden.

Gemeinsames Glück gegenseitiger Dankbarkeit macht uns lebensfreundlich. Dank kann geschuldet sein, nicht aber Dankbarkeit.

Jung und Alt

Eine Hilfe, die unter Kummer begrabene, angeborene eigene Freude am Leben wiederzuentdecken, ist manchmal der Anblick der Lebenslust von Kindern.
Der Anblick der Verzweiflung eines Kindes wiederum kann die eigene Freude am Leben auslöschen.

Die natürliche Gier von Kindern ist unmoralischerweise für die Eltern moralisch zwar nicht maßgebend, aber doch richtungweisend.
Die Sorge für die eigenen Kinder deckt viel Egoismus und legitimiert unanständiges Sozialverhalten.

Wer in der Adoleszenz ein gleichgeschlechtliches Elternteil als sichere Autorität hat, kann sich freier selbst ausprobieren.

Familienordnung paßt niemandem so ganz. Aber indirekt ist sie für fast alle das kleinste Übel.
Weil es nicht genügend natürliche Anhaltspunkte gibt, setzt die herrschende Kultur Maßstäbe.

In der Emigrantenfamilie ist die Heimatkultur zunächst grundlegend wichtig für den familiären Frieden. Die Religion spielt hier oft eine sogar gesteigerte Rolle. Hier, unter der Drohung totalen sozialen Ruins, muß Intoleranz herrschen.
Und diese subkulturelle Intoleranz muß, um des bürgerlichen Friedens willen, von der sozialen Umwelt als Notlage respektiert werden.
Religionsgemeinschaften haben jede ihre eigene identitätsstärkende religiöse Unterweisung. Die öffentliche Schule dagegen relativiert jeden und erzieht zur Selbstrelativierung. Schulischer Religionsunterricht darf aber die familiäre Verpflichtung als Gewissensbindung des einzelnen Kindes nicht verfrüht auf der theoretischen Ebene relativieren. Er darf nur darauf halten, daß jeder Einzelne die Gewissensbindung des anderen respektiert. Wo die Religion Bedeutung hat, wird es zu Reibungen kommen. Diese müssen dann als praktische Abgrenzungsprobleme gefaßt und unter den Betroffenen selbst, im Schutz der schulischen Ordnungsmacht, ausgehandelt werden. Ideologische Dialogfähigkeit dagegen setzt Reife voraus; die wiederum Freiheit von sozialer Überlastung voraussetzt. Diese fehlt.
Bedrohte friedenserhaltende Subkulturen bedürfen deshalb, als einer Nothilfe zur sozialen Integration, ihres eigenen konfessionellen Religionsunterrichts in der Schule. Der schulisch ermächtigte konfessionelle Religionslehrer muß etwa vorhandene, religiös gestützte Intoleranz als soziales Problem erkennen, mitverantwortlich für den sozialen wie den häuslichen Frieden, in kollegialer Gemeinschaft praktisch in kontrollierte Bahnen lenken und nach Bedarf geduldig mit den Kindern besprechen.
Ein Lehrer kann Kinder über fremde Religionen informieren und mit ihnen identifikatorisch oder doch empathisch über ihre eigene Religion reden. Mit voller Kraft und doch bescheiden über fremde Religionen reden kann man erst nach Emanzipation von den Stereotypen der eigenen Konfession durch Lebenserfahrung.

Die erinnernde Arbeit am Selbstbild gehört oft zu den entscheidenden Aufgaben einer Umschulung. Der Erwachsene muß seine Selbstbildprobleme ernster nehmen als das Kind, dessen Identität ja von den Erziehern verantwortlich mitgetragen wird. In der Erwachsenenbildung spielen die aufkommenden Erinnerungen an das unpersönliche Beurteiltwerden in der Jugend eine belastende Rolle. Der Kursteilnehmer muß sich zutrauen, aus einem Schülerverhältnis ohne Ehrverlust Gewinn zu ziehen.

Unterricht muß den Schülern Zeit und sogar Artikulationshilfe geben, sich zu wundern (z.B. über die Symmetrie von Ellipse und Hyperbel trotz des schiefen Schnitts durch den Doppelkegel). Schule (und Universität) verführen sonst die Schüler, mit Kulturgut als Nutzwissen, zu Barbarei.

Kinder entdecken im sachlichen Gespräch mit einander eine allgemeinverbindliche Wirklichkeit, auf deren Boden sie Fuß fassen und über sich selbst hinauswachsen.

Die Jungen sollen in Kooperation und Konkurrenz "sich selbst verwirklichen". Die Alten möchten aus zunehmender Distanz, mit Spannung, manchmal auch besorgt, dem Kampf, als schönem, zum Miterleben einladendem Spiel, zuschauen dürfen. Aber das Schauspiel ist nur milde spannend, weil es recht chaotisch und die schönen Augenblicke selten sind. Der Tonus des Lebens und des Miterlebens läßt nach.

Die Jungen wollen eigentlich nicht gedenken; aber sie brauchen Vorarbeit für die eigene Gestaltung ihres Lebens. Besinnung auf die eigenen Voraussetzungen kommt erst, wenn diese zweifelhaft werden.
Wir werden zwar vergessen; aber die lebenden Spuren von unserm Leben werden vom Leben bis zur Unkenntlichkeit immer weiter umgearbeitet. Und schlußendlich wird alles Leben zur Unkenntlichkeit umgearbeitet.

"Mourir, la belle affaire, – mais vieillir!"

Wir sind zu Größe nach dem Bilde Gottes berufen!
Größe erweist sich im Altern in der Rückzugsstrategie der Ich-Integrität; Terrain aufgeben.

Das Altern erschließt jedem exemplarisch die andere Seite der Wahrheit.

Man kann unter einem altbekannten Baum sich selbst wiederfinden.

"Gebrechen des Alters als vorgeburtliche Bedrängnisse eines zukünftigen Lebens" (Herbert Bontz). Solche Phantasien leiten die Energie, statt in hilflose Wut über die Versagungen, auf die Wahrnehmung von verheißungsvollen Vorgängen.

Rückblickend glaube ich: Alles, was ich erlebte, war meine Zeit wert (worthwhile).

Die heutigen Jungen haben nie dagewesenen Direktzugang zu weitgehend vorverarbeiteter Information. Auch die Weisheit, die das häufige Scheitern der Klugkeit dem Menschen beibringt, kann man heute schon in jungen Jahren haben. Die Alten müssen heute noch weiser und noch bescheidener sein.

In vielen Notfällen zahlt die Gesellschaft Liebhaberpreise für Lebenszeit mit negativem Marktwert.
Den Nächsten des Notfalls stehen wieder andere nahe usw., eine Kaskade zufälliger persönlicher Betroffenheit, die die Belastung in verwandelter Form – als Mitteilung, exemplarische Bedrohung und Anspruch – in die Gesellschaft hineinträgt und nach allgemeiner Lastenverteilung für solche Fälle ruft.

Sollen die Jungen unbegrenzt für die Alten sorgen, die ihnen so günstige Startbedingungen erarbeitet haben? Sollen die Alten selbst ihrem Leben eine Grenze setzen? Was kann man hier wollen? Auch dies ist eine Frage der Gerechtigkeit, nach dem erreichbaren menschlichen Gesamtnutzen.
Zur Entwicklung einer Kultur des Umgangs mit dem Alter muß hierüber nicht viel, aber ehrlich hilflos mit- und gegeneinander geredet und geschrieben werden. Im Augenblick herrscht noch barbarische Unehrlichkeit in der Öffentlichkeit und die verheimlichte Barbarei in den Altersheimen.

Das Alter hält, gierig-neidisch oder friedlich-freundlich, Rückblick auf das Menschsein. Nicht nur die geistige Durcharbeitung, sondern auch die Alterung des Gehirns führt zu neuer Einfachheit.

Man wird im Alter nicht nur oberflächlich auch dümmer. (Manchem wird unter dieser Erfahrung Weisheit zuteil, ein Segen für ihn und seine Nächsten.) Das Denken, ein Probehandeln (Freud), verliert seine im Arbeitsalter so große Wichtigkeit. Die Grundfunktionen des Lebens erben die Bedeutung des Gedachten.
Mit dem Schwinden der Mitwirkungsmöglichkeiten im Alter schwindet nicht, aber vereinfacht sich das Interesse an der Welt überhaupt in einer den Jüngeren nicht direkt zugänglichen, aber wohltuend spürbaren Weise.

Der Umgang mit der Umwelt wird, entsprechend den Regelmäßigkeiten im zufälligen Lebenslauf, zuerst im Kleinen automatisiert, routiniert, und langsam zunehmend auch in der Zentralsteuerung. Der Mensch verholzt. Er wird immer mehr eine Chiffre, Denkmal seiner Geschichte, irgendwie großartig, auch in Jämmerlichkeit, wie ein absterbender Baum.

Das längst Angeeignete wird wieder seltsam. Gegenüber der Metonymie* wird die Metaphorik* des Handelns und Denkens wieder wichtiger. Das zur Konstitution des Lebens gehörige, ständige kleine Sterben macht langsam mit der eigenen Nichtigkeit vertraut; und wenn die (im aktiven Alter separiert abgesicherte) Religion allmählich in die ganze Realität diffundiert, baut es die Angst ab. Der Glaube an das erfolgreiche Selbstverständliche der Gemeinschaft wird nicht mehr gebraucht. In der Jugend hat man eine narzißtische* Besetzung der kollektiv vordefinierten Realität aufgebaut. Jetzt scheint bisweilen eine große, helle Nichtigkeit das Wirkliche zu umfassen und zu durchdringen.

Mit der Befreiung von der beruflichen Einschränkung steht man vor einer Fülle von interessanten Möglichkeiten. Das wenige, das man sich noch aneignen kann, muß man exemplarisch pro toto nehmen. Sonst ist die Endlichkeit zum Verzweifeln.

Die Gesichter werden mit dem Alter nicht nur lebensgeprägter, sondern endlich auch sterbensgeprägter. Die besondere Prägung verblaßt wieder.

In jugendlichem Narzißmus unterschätzt man seine allgemeine Verletzlichkeit. Man hat begrenzte Ängste und weiß deren Auslösung zu vermeiden. Man ist praktisch unsterblich.
Später nimmt man seine Sterblichkeit als praktische Grundbestimmung wahr. Ich bin eine Welle auf dem Wasser, ein Übergang. Wohl dem, der sich mit einem größeren Ganzen identifizieren kann!

Fortschritt ist ein Sieg für die Jungen zu Lasten der Alten. Diesen wird ihre Welt entwunden, jene eignen sie sich, verändert, an.

Altern ist Zunahme von Störungen, Mühsal, Frustration guter Absichten, Behinderung, Schmerz, Trauer – eine Prüfung, für die man ein Menschenalter lang gelernt haben muß.

Erst reift die genetische, dann die memetische Produktivität. Erst ermüdet jene, dann auch diese.

Dem Wachstum steht, von Anfang des Lebens an, das Altern und Sterben gegenüber. Beginnt der Mensch auch als his majesty the baby, ist sein Weg doch von Anfang an von Tränen gezeichnet, und er wird bis ans Lebensende immer mehr resignieren und verzichten lernen müssen. Wir wachsen um den Preis von Verzicht.
Für die Trauerarbeit brauchen wir Kraft. Womit wir uns trösten und neuen Mut fassen können, sind in der Entwickungsphase vornehmlich Anregungen von außen. Mit dem Alter wächst unser Reichtum an Resignationserfahrungen, ernsten Symbolen der Hoffnung – wie das Kreuz Symbol der Auferstehungshoffnung geworden ist. Haben wir uns auch eine einigermaßen wetterfeste Existenzsymbolik erarbeitet, die in uns lebt und uns mit Gott und Welt in Verbindung hält, bleiben doch individuelle Kommunikation und zwischenmenschliche Resonanz wichtig.

Jugendliche Vitalität ist Lust zu leben. Dem Alter bleibt die Liebe zum Leben.

Am Ende wird man, als hilfsbedürftiges, jämmerliches Häufchen Elend, dem Gott am Kreuz immer ähnlicher.

Der Weise kann hoffen, hoffnungslos, wunschlos friedlich zu sterben.

Alter bedeutet Schwund von Kraft und Lust zum Kampf ums Dasein.
Oft werden Äußerungen der Altersweisheit als Altersdepression abgetan.
Entscheidend für ein seliges Ende ist fundamentales Wohlwollen. Dieses lebt von einer überkommenen und in lebenslangem Gebrauch persönlich weiter bearbeiteten Symbolik, die, bis zuletzt, auch die verbliebenen und immer wieder aufbrechenden Ressentiments auffangen kann.

Die Jungen sind in ihren Kraftwallungen idealistisch und aggressiv optimistisch, – fruchtbar und mörderisch.
Die Alten dämpfen die Ausschläge.

Der junge Mensch packt die Dinge mit undifferenziertem Narzißmus, mit Idealismus (einfachen Projekten und Optimismus) an. Er wird vielfach enttäuscht. Man lernt, lebenslang immer wieder neu, sich als Teil des Chaos kennen, von dem man sich abzuheben sucht. Der Idealismus wird zu wachsendem Realismus transformiert.
Das anfangs Selbstverständliche wird immer erstaunlicher. Man hat von immer weniger Dingen immer mehr Gewinn. Altersweisheit ist prekär; sie ist die dankbare Bescheidenheit des Erfahrenen. Sie zu erfahren, ist für die Jungen ein Segen.

Jeder tut sein Bestes, wie er es derzeit „versteht“. Daran freut sich Gott. Daran können auch wir uns ein wenig freuen.
Die Jugend ist über Störendes böse und kämpft dagegen; sie lernt allmählich, immer umsichtiger kämpfen. Man muss lebenslang kämpfen, aber sich immer weniger ärgern.
Altersweisheit ist die gewachsene Fähigkeit, sich mit Gott an der Kreativität der ganzen Welt zu freuen und sich daran genügen zu lassen. Weisheit macht Alte zum Segen.

Jung, soll man vor allem sich selbst wichtig nehmen. Man wird von außen freundlich eingeordnet.
Erwachsen, soll man Verantwortung tragen.
Alt, soll man jeden als einen sogar für sich selbst nur beschränkt verantwortlichen Menschen anerkennen.

Auch die Jungen sind schon oft mit bestimmten Vorhaben gescheitert und waren verzweifelt; aber sie lernen, dass das unfaßbar große Lebensvorhaben damit noch nicht gescheitert ist.
Mit der Erkenntnis zu leben, dass auch dieses scheitern wird, lernen die Alten. Und sie leben den Jungen vor, dass und wie das möglich ist.

Die Jugend sollte etwas glauben können. Dem Alter ziemt Skepsis.
In mittleren Jahren ist man kompetent; vorher und nachher wundert man sich.

Schwäche macht Angst vor Abhängigkeit und Unfreiheit. Wenn sie unüberwindbar erscheint, deprimiert sie.
Depression ist ein selbstverstärkender autodestruktiver Prozeß. So gesehen, ist Altersdepression eine genetisch nützliche Erscheinung.
Memetisch bedeutet die Altersdepression ein Versagen von Kultur, ein Fragezeichen hinter aller Kultur. Es liegt nahe, dass der Niedergedrückte, wegen deren Selbstüberschätzung, die Kultur auch der andern zerstören will; er mag aber auch, als Vermächtnis seiner schwindenden Kultur, den andern durch seinen Abschied eher Mut zu Vertiefung ihrer Kultur in Bescheidenheit, vermitteln.

Effizienz erfordert Konzentration aufs aktuelle Handlungsfeld. Die aus dem Berufsleben ausgeschiedenen Alten kennen die Aktualitäten weniger, haben aber mehr Erfahrung. Weil sie nicht mehr effizient sein müssen, dürfen sie sich Umsicht leisten. Deshalb können sie bisweilen wertvollen Rat geben.

„Trostlos“ nennt die alte Dame ihr Leben im Altersheim; sie hat kein Fortwirken tröstend vor Augen.
Aber jede noch so kleine Interaktion ist ein Fortwirken!
Sterbebegleitung ist Ermöglichung solchen Fortwirkens bis zuletzt.

Je älter der Mensch wird, desto schwerer ist all sein Tun und Lassen belastet als Gegenwart von Vergangenem.

Die letzte Aufgabe des alten Menschen ist segnen – aus der Trauer des Alters heraus! Man kann das nur in der Form lernen, dass man sich gewöhnt, immer Verheißungsvolles als Zentrum seiner Umsicht zu wählen, in letzter Resignation: Gott!

„Lebenssatt“: Die Kraft, sich etwas anzueignen, und damit der appetitus, schwindet.

Im Kampf der Spezies ums Dasein werden Kinder eingeschliffen; die Alten werden abgeschliffen.

Ein wachsendes Gefühl allgemeiner Zufälligkeit zeigt wohl auch Desintegration des Gedächtnisses an. In der Assimilation der Erlebnisse an das Bisherige geht es um die persönliche Identität. Und indem deren Selbstverständlichkeit schwindet, kommt es zu sog. „Derealisierung“; die wohlbegründet herausgehobene Sicherheit erhebt sich nur noch als bloßer Zufall über die Möglichkeit.

Der Junge hat Phantasie und konstruktive Kraft, gefährdet durch Unbesonnenheit. Der Alte kann Abstand vermitteln, entkrampfen, zur Besinnung bringen, Durchhalten stützen und Neuanfänge begünstigen.

Man erlebt zwar auch das Nachwachsen von Neuem; aber das Absterben von Altem geht dem Alten natürlich näher. Die Verschiebung des Interesses aufs Neue erfährt wenig Entgegenkommen.

Die unbrauchbaren Menschen, die gleichwohl menschlich genug sind, daß man sich mit ihnen identifiziert, will man nicht im Groll „in die Ewigkeit eingehen“ lassen. Die Erinnerung an sie droht, einen unkorrigierbar zu verfolgen.

Die Alten haben mehr Erfahrung. Das Lebensrecht der Alten ist vermutlich eine dysfunktional gewordene soziale Norm aus illiterater, prähistorischer Kultur.

Noch immer ist belastbare und irrational verläßliche Solidarität (wechselseitige Identifikation) Voraussetzung guter sozialer Kooperation.

Kinder müssen ihren eigenen Zugang zu den Dingen erfinden, die uns längst selbstverständlich geworden sind; es macht ihnen selbst Spaß, und ihren Versuchen zuzusehen und -hören, ist für die Alten vergnüglich (das wiederum freut die Kinder) und sogar anregend. Die Weltgeschichte läuft kreativ weiter.

Senium

Man wird des Teilnehmens müde. Plus ça change plus c’est la même chose. Dauernder, unergründlicher Wechsel. Teilnahme ist dauernde Nötigung, sich an Unvorhergesehenes anzupassen.

Die Demütigungen des Alterns lässt die Schöpfermacht tiefer ermessen, die uns vordem hat naiv wachsen lassen und die nicht nachläßt. „Denen, die Gott lieben, müssen alle Dinge zum Besten dienen.“

Nach der Zeit des Kampfs ums Dasein ist, im Alter, gegenläufig zur (hauptsächlich instrumentellen) Verarmung, seelische Bereicherung durch Mitempfinden möglich.

Gegen Ende des Lebens dominiert die Erinnerung. Ich kann nur noch sehr wenig tun; ich soll mehr betrachten. Es ist nicht auszuschließen, daß ich dann Wertvolleres zu geben habe.

Der Übergang ins Greisenalter ist mit der Pubertät vergleichbar. Bei jeder großen Veränderung der Lebensumstände durchläuft die Persönlichkeit Krisen der Anpassung, Abbruch von Liebgewonnenem, und Neubau. Bei jedem Schritt brechen auch alte Narben wieder auf.

Scheitern

Der Osterglaube ist bereits an manchem Kreuz gestorben. So kann auch der Glaube an Jesus scheitern, wie vielleicht auch Jesus in Verzweiflung gestorben ist (Bultmann).
Es gibt durch Glaubenskatastrophen ausgelöste Wahnentwicklungen, die sich auch wieder zurückbilden und verwandeln können in vertiefte Selbsterkenntnis – ein Wissen um den Abgrund (über dem die menschliche Gesellschaft so sicher wohnt), getragen vom verwandelt auferstandenen Glauben.

Mission: Die andern Religionen könnten bei uns das mitverantwortliche Scheitern (Anerkennung der Anfechtung des Glaubens, des Zusammenbruchs der Existenzsymbolik) lernen!

Der Generationswechsel („Weizenkorn“, Joh 12, 24) ist tröstliches Symbol unsres Scheiterns und Aufgehens in der ewigen Vollendung.

Es lebe die Ursuppe!

Luther: Sünde im Amt ist Gottes Schuld.

Man soll die Welt wichtig nehmen, scheitern lernen, Gott tiefer kennen lernen. Das ist der beste Weg zur endlichen Entspannung.

Es gibt Vergeblichkeit des Individuellen. Das färbt alles Leben.

Der letzte Kommentar zu allen guten Werken ist Untergang in Anonymität.

Auch Scheitern muss man lernen; differenziertes Gefühl für Chaos entwickeln.

Hoffnung

Dankbarkeit ist prekär und immer neu. Dankbarkeit ist zuversichtlich. Sie kann auf Emer­genz neuer Strukturen hoffen, endlich auf dankbar sterben Können.
Die Zuversicht der Dankbarkleit ist eine weiterentwickelte Form von Urvertrauen, stabilisiert durch symbolisierte Erfahrung.

Zu Handeln braucht man Hoffnung.

Aufmerksamkeit auf das Umfeld des Fokus merkt, wie viele Ansätze zu unverhofften Entwicklungen im Gang sind. Das hilft aus der Hoffnungslosigkeit heraus.

Hoffnungen sind Zukunft approximierende lebensnotwendige Illusionen.

Die Welt ist ein Chaos von kosmoi. Der Unglückliche, vom zerstörerischen Chaos Niedergeschlagene, soll sich bescheiden. Meist kann er etwas für kurze Zeit Gutes tun, kleine Inseln von Ordnung schaffen. Das tröstet und beruhigt; es sind Hoffnungssymbole. Hoffnung ist Leben Tradieren; sie lebt von der Hand in den Mund; sie geht von Mund zu Mund und zu Herzen.

„Hoffnungsvoll“ ist vor allem: fortpflanzungsfähiger Nachwuchs.
So ist man eingebunden in die Spezies.
Wir gehen, sozusagen, auch hinter unserem Horizont stückweise weiter – nicht nur genetisch, sondern auch memetisch.

Frustrationstoleranz von Kindesbeinen an befähigt zu erfolgreichem Leben. Sie setzt Zuversicht voraus. Zuversicht setzt die Gegenwart unter Spannung und animiert zu eigener Tätigkeit.

Jede erfüllte Hoffnung ist ein Hoffnungssymbol.

In der Depression kann die Seele sich von der spürbaren Dynamik des Körpers (Atem, Herzschlag, Durchblutung) inspirieren und regenerieren lassen.

Hoffnung in der Aussichtslosigkeit gibt es als tierisches, steinzeitliches, genetisches und memetisches Durchhalteprogramm.

Sterben

Verschiebung der Selbstliebe auf Überlebende (am leichtesten auf leibliche und geistige Kinder und Kindeskinder) ist dem Einzelnen Trost im Sterben.

Das Schwinden der eigenen Kräften gefährdet das Vertrauen und das Selbstvertrauen schwindet. Man braucht so etwas wie Gottvertrauen.

Man fürchtet einen "bösen, schnellen Tod". Da stürbe man ohne Ja.

Gesamtgesellschaftlich ist man leise aufgefordert, abzukratzen. Aber die Rücksicht auf die Nächsten kann dagegensprechen; hier hat das Dasein des einen für andere einen unverrechenbaren Wert; und die Globalgesellschaft respektiert das.

Es gibt Existenzen, deren Anblick quälend ist. Man hofft auf baldige Erlösung des Unglücklichen durch den Tod. Nur helfende Teilnahme lindert diese Qual. Die ständige Anforderung wird oft zur Überforderung.
Dieses Problem ist mit dem Begriff des "lebensunwerten Lebens" angesprochen. In dem quälend hoffärtigen Stil der Prinzipiendebatte wird die Qual des Problems nach außen weitergegeben.

Auch viele sehr Unglückliche wollen weiterleben. Hier gibt es kein Besser­wissen.

Fast jedes Lebenwesen ist so programmiert, daß es auch unter sehr geringen Chancen weiterkämpft.

Lebenslust und Lebenskraft wachsen und schwinden glücklicherweise ungefähr zusammen.

Es kann der Moment kommen, wo ich sagen muß: Es gibt so viele Menschen, die mit den Ressourcen, die ich verbrauche, mehr Freude haben und mehr Freude machen können als ich, daß ich dankbar bin, ihnen meinen Platz räumen zu können, anstatt zu bleiben, bis ich allen zu viel bin.

Suizidalität kann dem gesellschaftlich empfundenen Wert eines Individuums entsprechen. Sui­­zi­dalität kann Zeugnis eines gesunden Realismus sein.
Pathologisch ist jedenfalls die Unehrlichkeit der Gesellschaft.

Alkohol und Tabak entlasten die Rentenkassen mehr, als sie die Krankenkassen belasten. Sie holen die unbezahlbar gestiegene Lebenserwartung zurück in die klassische Größenordnung.

Es gibt schwer depressive Pflegefälle. Aber erfahrene Pfleger sagen: „Wenn einem der Kampf ums Dasein wirklich nicht mehr lohnt, stirbt man.“

Man muß ständig und immer mehr von sich selbst Abschied nehmen, um sich selbst trauern.

Was sich sammelt, organisiert sich um und zerstreut sich wieder. Wir wirken persönlich; aber auch unser unpersönliches Werk ist unsere persönliche Leistung. Wir leben in unsern Wirkungen verwandelt und verstreut weiter.
Wir nehmen das meiste ohne Dank; so leben wir auch, letztlich ins Anonyme uns verausgabend, ver-geb-lich, Dank ist noch spärlicher als guter Erfolg. Gedenken ist immer selektiv, vereinfachend und zunehmend nur noch implizit.
Man soll seine Hoffnung nicht auf die Zukunft, sondern auf die Ewigkeit setzen, – die schon da ist.

Wenn „nichts mehr zu wollen ist“, an meinem Ende, werde ich auch nicht mehr wollen müssen.

Hoffnungslos und allein zu sterben, ist eine allgemeinmenschliche Angstvorstellung.
Als Verwirklichung einer allgemeinmenschlichen Angstvorstellung, als stellevertretend Erlebender, jedem anderen ein Pionier, kann jeder äußerlich allein Sterbende des Mitgefühls Vieler gewiß sein.

Im Gen-pool gehört rechtzeitiges Sterben zur Brutpflege. Man hat die Kindersterblichkeit herabgesetzt. Die Bevölkerung wächst an sich grenzenlos, der Lebensraum wächst weniger; die dem einzelnen Erwachsenen von den andern gern zugemessene und bezahlte Lebenszeit wächst nicht mit.
Wer sich das Leben nimmt, sollte es im Wohlwollen für die Überlebenden tun können.

Natürlicherweise kommen Kinder aus einem Überschwang von Lebensfreude schicksalhaft zustande. Die allgemein-menschliche Mortalität, insbesondere aber die Kindersterblichkeit bildete schicksalhaft das Gegengewicht. An beiden Enden haben die Menschen ein Stück weit ihr Schicksal selbst in die Hand genommen.

Die Evolution, der wir unsere Existenz verdanken, beruht auf massenhaftem Sterben anderer, ebenso hoffnungsvoller Individuen und totalem Aussterben von Spielarten und Arten. Diese schreckliche Sicht unsrer Herkunft nimmt dem Gedanken an den eigenen Abgang etwas von seinem Schrecken: So, wie es zu uns weitergegangen ist, so wird es wohl auch noch eine ganze Weile weitergehen.

Sterbenkönnen und Sterbenlassen-Können ist erstrebenswert. Aber der Glaube kann getrost sagen: Es schadet nichts, wenn ich ungekonnt sterbe.

Jede neue Beeinträchtigung macht aufmerksam und dankbar für das, was heute noch geht und bald auch nicht mehr gehen wird.

Tödlich werden wir sozusagen von der Seite[14] angefallen. Aufmerksamkeit und Wille nützen nichts. Wir müssen unsere Überschätzung des Ich, auf das wir stolz waren, anerkennen.

Unsere Väter und Mütter haben uns auch das Sterben schon vorgemacht.

Warum im Allgemeinen nicht töten? – : Wegen des allgemeinen Lebenswillens und der entsprechenden allgemeinen Angst vor allgemeiner Angst mit dazugehöriger latenter Aggressivität; also zum Schutz der Lebensqualität.

Wir sind auf Vergebung angewiesen, was auch immer wir tun.

Resignation ist ein Vorgefühl des eigenen Nicht-Seins: durch Trauer zu Entlastung.

Es fluktuiert: Einer muß sterben, bevor er will; ein anderer will sterben, bevor er kann. Im statistischen Mittel aber sollte, aufgrund der natürlichen Selektion, man willig sterben können.

Man muß sein letztes Stündlein vorbereiten wie jedes andere. Das Ende der Autonomie eines Individuums (auch sein Tod) ist nicht das Ende seines Wirkens.

Mit Naturnotwendigkeit möchte die Person persönliche Spuren hinterlassen. Man bringt, hoffend und bangend, sich persönlich ein in einen unabsehbaren Umwandlungsprozeß. Dieser läßt nicht alles erst einmal zu Erde werden. Er nimmt zwar Persönliches (ja endlich uns selbst!) uns aus der Hand, kann es aber in unvorhersehbar neues Persönliches verwandeln.

Wer die Kraft zu glauben, zu entdecken, zu erfinden, zu hoffen, zu kämpfen hat, soll leben. Wer sie nicht hat, darf leben, darf aber auch den Kampf aufgeben.

Nicht nur meine Nachwirkungen, sondern auch mein vorauslaufendes Interesse an diesen, nehmen mit der zeitlichen Entfernung ab.

Der eigene Tod und das Weltende sind beängstigende Vorstellungen von einem Eingehen in die Ewigkeit, – in welcher ich doch hier und jetzt schon bin! Von jener letzten Ohnmacht und Passivität kann ich mir eine bessere Vorstellung machen, indem ich die vordergründige und die abgründige Bedingtheit all meines gegenwärtigen Habens und Seins mir bewußt mache; eine sinnvolle Übung. Überwältigtwerden muß man erlebt haben und sich daran erinnern.

Alles Lernen ist Wachsen und Sterben.

Bereitschaft zum Leben im vollen Sinne ist auch Todesbereitschaft. Der Entschluß zum Sterben als Akt des Lebens im vollen Sinne aber ist selten. Die Scheu, hier zu helfen, bestätigt das. Aber die von der Natur nicht vorgesehenen Fortschritte der ärztlichen Kunst haben unsere Kultur auch darin verändert, daß ein respektgebietender Entschluß zu Sterben häufiger geworden ist.

Seliges Sterben ist Eingehen in Gottes Bescheidenheit.

Die sog. "christliche Auferstehunghoffnung" ist ein Rückfall von der Bescheidenheit (und dem Reichtum, den diese erschließt) in armselige Herrlichkeitsphantasien.

Unter der überwältigenden Menge von Erfahrung altert man zwangsläufig.

Nicht nur müssen wir sterben, sondern wir pflanzen uns auch in vielen Dimensionen fort.

Man kann in Frieden, aber nicht in Sicherheit, leben und sterben. Man weiß: Es droht ein Todeskampf.

Nicht das Sterbenwollen, aber ins Sterben Einwilligen, ist schlussendlich wünschenswert. Aber betrüblich.

Jeder nimmt viele Halbfertigprodukte mit ins Grab.
Es scheint, dass wie vor dem Morgen, manch einem vor dem Tod unklare Dinge klar werden. „Letzte Worte“ und die Perspektiven, die sie öffnen, werden also aus guten Gründen besonders ernst genommen; die Nächststehenden kommen ans Sterbebett.

Der Reichtum der Transformationen alles Endlichen tröstet über jeden lokalen Abbruch.

Das Leben ist selten schön, aber meist interessant. Menschliches Leben impliziert Interesse am Leben; schwindendes Interesse zeigt schwindendes Leben an.

Der einzige Grund unseres Lebenswillens ist die Tatsache, dass wir leben!
Mit der Lebenskraft schwindet auch der Lebenswille.

„Seliges Sterben“ ist: verdämmern lassen.

Wir können bis zuletzt andern Gutes tun, indem wir dankbar Gutes empfangen.

Neugier ist eine notwendige Lebensäußerung. Sie greift alles auf, was das Altern aufzuwiegen verspricht. (Böswillige Neugier will sich als Sieger erleben.)

Aufwachsend lernen wir leben. Den eigenen Verfall erlebend, lernen wir vertieft, was Leben ist.

Leben ist Auseinandersetzung mit der Macht des anderen, – zu guter Letzt: der Übermacht des und der anderen im eigenen Sterben. Das eigene Altern vollendet die Lebenserfahrung in vielen Fällen, indem es diese schon vor dem Tode, durch Demenz, zerbricht.
Damit aber sind die andern in aller Regel überfordert: Burn-out droht; Desolidarisierung und Unmenschlichkeit übernehmen die Herrschaft über das Pflegepersonal. Wir Zeitgenossen leben daran vorbei wie einst an den Konzentrationslagern. Und jeder lebt darauf zu. Kollektive Heuchelei kann den Einzelnen beschämen und muß ihn bescheiden machen.

Für ein moralisches Urteil über den Selbstmord fehlen uns die nötigen Kriterien. Beihilfe zum Selbstmord steht unter demselben Vorbehalt: Wir können nicht umhin, zwar zu urteilen, aber inkompetent zu urteilen.

In allen Altersstufen steht das Lebensrecht neben Pflichten. Kindermachen ist genau so rechtfertigungsbedürftig wie uralt zu werden. Sorge- und Erziehungspflicht, Arbeitspflicht und Bereitschaft zu sterben gehören grundsätzlich zum Gesellschaftsvertag einer Kultur. Nur die Abgrenzungen sind immer strittig.

Der alte Mensch fürchtet weniger das Sterben als die Heuchelei, die die menschliche Kommunikation mit ihm zerstört und die Erarbeitung eines einverständigen Sterbens unmöglich macht.

Die legitimen Wünsche passen nicht zusammen.

Bereitschaft sowohl zum Leben wie zum Sterben ist die wesentliche Doppelschichtigkeit der menschlichen Reife.

Sterben ist eine vernichtende Banalität.

Sterben ist zunächst Platzmachen – eine Aufgabe im Sinne unserer Lust am Dasein, an der Evolution von Information, von immer Unwahrscheinlicherem, immer Seienderem (Stabilerem, Identifizierbarerem), immer Bedrohterem, Umsichtigerem und Einsichtigerem, Erfahrenerem, Bescheidenerem.

Auch fürs Sterben noch heißt es: stets umsichtig selbstorganisiert Wollen, nicht Sich-treiben-Lassen, sondern nach bestem Vermögen geordneter Rückzug, umsichtig Abgeben, Fahrenlassen, Übergeben, neues Selbstverständnis aufgrund der neuen Beschränktheiten, mehr Bitten und Danken, in Abhängigkeit Einwilligen, entsprechend der eigenen Unfähigkeit sich in die soziale Belanglosigkeit fallen Lassen, in der wir Gott begegnen.

Eine Religion muß zum Sterben befreien.

Resignare (wörtlich: „Siegel öffnen“) hat die Bedeutung: „zurückgeben, verzichten“ entwickelt. Etwas von sich selbst an das Chaos zurückgeben, aus welchem erhoben und über das man sich erhaben gefühlt hatte, mit einem Gefühl für die Prekarität unsrer Selbstverständlichkeiten.

Das Ja zum Tod kann ein Ja zum Leben sein, für das Gott uns dankbar ist.


Inhalt

I. Der Einzelne 1

II. Kreativität 21

III. Bewußtseinsveränderung, Meditation, Trance 21

IV. Religion 24

V. Moral 32

VI. Gewissen 54

VII. Opfer 55

VIII. Bescheidenheit 58

IX. Jung und Alt 63

X. Senium 72

XI. Scheitern 73

XII. Hoffnung 74

XIII. Sterben 75



[1] Die nackte Dies-heit der spätmittelalterlichen Philosophie.

[2] Westöstlicher Divan, Buch Suleika. Hier kommentiert der Verliebte das Ideal der „Persönlichkeit“. Sein Zustand aber ist ein herausragendes Beispiel für die Sozialität des Menschen überhaupt.

[3] Aber auch im indischen Nationalismus (der die Feindschaft der Muslime hervorrief und die religiös bestimmte Teilung des Subkontinents in zwei einander feindliche Staaten zur Folge hatte), wo der Individualismus meine Rolle spielte.

[4] Hierhin gehört auch die Parapsychologie.

[5] Christus-Prädikat Luthers.

[6] I, Von der schenkenden Tugend, 2.

[7] In dem Sinne, wie man von „praktischem Atheismus“ gesprochen hat.

[8] Unter diesem Titel schrieb Luther einen Sermon.

[9] Unser schulischer Religionsunterricht ist, persönlich verunklarend, konfessionskirchlich verantwortet.

[10] Mt 5-7.

[11] Das Ideal und das Leben .

[12] West-östlicher Diwan, Eins und Alles.

[13] Brief an Asa Gray vom 22. Mai 1860.

[14] Vgl. in dynamischen Systemen die „Sattelpunkte“ in stabilen Bahnen, wo kleine Querschläger ein totales Abrutschen der Entwicklung in andere Bahnen bewirken können.