Thomas Bonhoeffer


Thesen
von Thomas Bonhoeffer
aus dem systematisch-theologischen Oberseminar
"Zufall und Ordnung" Jähnichen/Bonhoeffer, SS 2001

    Glaube und Wissenschaft

I. Diese beiden Begriffe sind vieldeutig und unscharf. Definitionen können sie
eindeutiger machen. Aber Definitionen zerschneiden Zusammenhänge, die in
der lebendigen Sprachtradition präsent sind und die man nicht gering achten
soll, wenn es um den lebendigen Menschen geht. Klarheit gibt es nur in
eingeschränkten Wahrnehmungsfeldern.
II. Die christliche, insbesondere die theologische Tradition hat den
Glaubensbegriff definiert als Christusglauben, unterschieden von Götzendienst
und Unglauben.
III. Die evangelische Tradition hat diesen Glauben durch die Lehre von der
Rechtfertigung des Menschen von Gott allein durch diesen Glauben noch
weiter definiert. Hört und sieht man sich in der Kirche um, so merkt man, daß
diese Definitionen (für und gegen die im 16. und 17. Jahrhundert in
Deutschand blutige Kämpfe stattfanden) nur noch künstlich am Leben gehalten
werden. Der Student hat Mühe, die entsprechenden Stücke der
Theologiegeschichte zu würdigen. Rechtsfragen spielen für das heutige
Existenzverständnis keine zentrale Rolle mehr.
Der theologische Sinn der Rechtfertigungslehre ist ein hermeneutischer.
IV. Nach evangelischer Lehre lebt der Glaube vom Wort. Auch dies ist heute eine
leere Formel geworden.
Festhalten läßt sich: Das Medium des Glaubens ist Symbolik.
V. Gewisse Symbole sind dem Menschen angeboren. Sie sind starr. Beweglich
lebendig ist nur die darauf aufbauende Symbolik. Dauerhafte religiöse
Symbolik entsteht sehr selten, und sie erstarrt schnell. Das Wortgeschehen, das
Medium des Glaubens, hingegen ist eine lebendige Symbolik.
VI. Die Bibel als Wort Gottes ist nicht nur ein erstarrtes, sondern ein in dem Sinne
dauerhaftes Symbol, daß sie nicht nur starre Repetition, sondern auch immer
wieder lebendiges, belebendes Wortgeschehen anregt.
VII. Die existenzielle Relevanz der Symbolik schwankt. Sie aber ist nach
evangelischem Verständnis für die religiöse Symbolik entscheidend.
VIII. Die Lebendigkeit einer Symbolik ist von vielen, nur teilweise offenkundigen
Faktoren abhängig, immer wieder überraschend und unverfügbar. Sie fluktuiert
auch zwischen unseren vielerlei Symbolsystemen. (Deshalb ist religiöser Ernst
von Komik umwittert.)
IX. Religiöse Symbolik ist prekär im eigentlichen, lateinischen Sinn des Wortes.
Das Wort Gott ist ein Symbol. Manchmal sagt es uns alles; manchmal gar
nichts. Propheten sagt dieses Wort unversehens, bedrängend, öffentlich
relevantes Neues. Mißbrauch des Namens Gottes kann uns existenziell
beschädigen. Prophetie und falsche Prophetie zu unterscheiden ist eine
prophetische, prekäre Gabe.
X. Unser Weltverstehen ist nicht nur im Ganzen, sondern auch im Einzelnen
Stückwerk. "Verstehen" ist bestenfalls Sich-auf-etwas-Verstehen, Verständnis
für etwas haben.
Wenn wir gar nichts verstünden, gäbe es uns nicht mehr.
XI. Am ehesten verstehen wir unsere Welt-Modelle - je formalisierter, desto
klarer. Da ist zentral die Mathematik; sodann zunächst die Physik, die sich
Gegenständen widmet, bei denen klare Verständlichkeit zu erhoffen ist.
Es ist eigentlich erstaunlich, daß man solche Gegenstände, auch nur bedingt,
isolieren kann.
XII. Auch die exakte Wissenschaft ist eine Symbolik. Für wen sie existenzielle
Bedeutung hat, den treibt sie zur Forschung an. (In diesem Sinne konnte
Goethe sagen: "Wer Kunst und Wissenschaft besitzt, der hat auch Religion.
Wer diese beiden nicht besitzt, der habe Religion.")
XIII. Gott ist kein Gegenstand des Wissens. Glaubenslehre, Theologie im Sinne
Luthers, ist eine prekär zugespitzte Religionswissenschaft.
XIV. Symbole raffen Verstehen. Sie vereinfachen - und also: entstellen das
unendlich komplexe, irgendwie verstandene, konkrete Erleben und Meinen mit
seinem Objekt. Diese Simplifikationen unterscheiden sich (in Stabilität, Starre
und Gelenkigkeit) und sind in verschiedenen Zusammenhängen verschieden
zweckdienlich.
XV. Das interdisziplinäre Gespräch ist deshalb Interaktion zwischen
interessebedingten Entstellungen der gelebten Wahrheit.

Interdisziplinarität

I. Am historischen Ursprung wird der Lebenszusammenhang, in welchem eine
Erkenntnis Sinn hat, exemplarisch deutlich. Im weiteren Verlauf wächst ihr
neue Bedeutung zu, die mit der ursprünglichen nicht viel gemein haben muß.
II. Schule überliefert; und sie überliefert, in reflektierter Weise, die Überlieferung
mit. Die Reflexionen der Überlieferungsgeschichte werden weiter reflektiert.
Diese wird deshalb nur selektiv tradiert, und die Selektion wird tendenziell
kanonisiert. Die Überlieferungsgeschichte legt sich, vermittelnd und
behindernd, in den Weg zu den Quellen.
III. Kontrolliert die Schule einen wichtigen Zugang zu Macht, so wird der
Überlieferungsprozeß dem ursprünglichen Interesse zunehmend entfremdet. So
wurde Scholastik zum Schimpfwort.
IV. Die Reformation hatte mit dem gleichzeitigen Humanismus gemein das
Ressentiment gegen die Scholastik und ein Gefühl für die grundlegenden Texte
als Lebensquelle. Das methodische Schlagwort hieß: Ad fontes!
V. Jede Wissenschaft entwickelt in ihrer Forschung ihre eigene Symbolik.
Interdisziplinäre Arbeit beginnt damit, daß Elemente eines Begriffssystems
über dessen Grenzen hinaus symbolisch interessant werden und in anderen
Zusammenhängen Resonanz finden. Dieser Effekt kann anregend sein.
VI. Von ihm lebt aber auch Charlatanerie. Sie produziert marktgängige
Schlagworte, mit denen die lebendigen, offenen Probleme, die zur Besinnung
anleiten, verdeckt werden.
VII. Jedes einem wohlumrissenen Zweck dienende Begriffs-Instrumentarium sollte
in sich stimmig sein. Man darf aber dem systematischen Interesse nur mit
Augenmaß nachgeben! Für die Systematisierung von Begriffen ist deren (oft
wesentlich unklare) Bedeutung entscheidend. Kriterium systematischer
Bemühungen ist das zu systematisierende Material. Man kann bedeutungsvolle
Begriffe auch zu bedeutungslosen Systemen verschmelzen. Der klassische
Weg, dies zu verhüten, ist Quellenstudium und Meditation. Sonst ist man der
Referat- und Sekundärliteratur, die ihren eigenen Gesetzes folgt, hilflos
ausgeliefert.
VIII. Phänomene wie Chaos, Ordnung, Werden und Vergehen, gut und ungut, sind
alte Themen von Mythologie und Religion. Sie begegnen also (mit
L.Wittgenstein zu reden) in drei Sprachspielen: Religion, Alltag und
Wissenschaft. Alle drei Sprachen vereinfachen ­ und also entstellen ­ in ihrer
Weise die überkomplexe Wirklichkeit, von der die Rede ist. Sie lassen sich
auch nur ungefähr zusammenfügen.
IX. Es ist aber dieselbe Menschheit, und oft sind es dieselben Individuen, die sich
in diesen Sprachen aussprechen. Jeder entwickelt seine eigene Sprache. Die
Selbständigkeit von neben einander existierenden Sprachspielen entspricht
unserer nur für bestimmte Lebensbereiche besonders ausgebildeten Intelligenz.
X. Die Sprachspiele regen einander förderlich an. Aber Kurzschlüsse zwischen
ihnen führen oft zu komischen Effekten.

Gotteslehre

I. Das Wort Gott gehört in die religiöse Sprache. Die religiöse Sprache gehört in
den Lebenszusammenhang der existenziellen Besinnung. Und solche
Besinnung ist am Platz in Orientierungskrisen, wo Sinn und Bedeutung
unseres Wissens fraglich geworden sind.
II. Von Gott wird auch alltäglich und auch wissenschaftlich geredet. Das kann
leicht unangemessen sein. Aber alle drei Sprach-Modi stehen in je besonderer
Weise in Gefahr des Mißbrauchs des Namens Gottes.
III. Religiöse Rede ist höchst persönliches Bekenntnis; man tritt seinen
Mitmenschen persönlich nahe. Der Respekt vor der Andersheit des anderen
aber gebietet Einhaltung von Distanz. Takt ist ein Gebot der Menschlichkeit.
All unser Tun und Reden ist Bekenntnis, normalerweise aber indirekt. Direktes
Bekenntnis fordert vom Hörer menschliche Solidarität. Fordert der Sprecher
den Hörer in einen persönlichen Sprachmodus, der bei ihm nicht an der Zeit
ist, so verführt er ihn zu unverantwortlichen Aussagen. Alle Rede von Gott
unterliegt der prüfenden existenziellen Besinnung.
IV. In der Theologie läßt sich religiöse, und das heißt: höchst persönliche,
subjektive Rede nicht vermeiden. (Persönliches muß nicht privat sein. Hier ist
es sogar öffentlich!)
V. Die Bibel beginnt mit zwei sehr verschiedenen Schöpfungsgeschichten. In der
ersten sind wiederum verschiedene Traditionsschichten zu erkennen. Die Bibel
präzisiert die älteren, mythologischeren Texte: Gott schafft durch sein Wort.
VI. Um das zu verstehen, gehe ich davon aus: Das Wort Gottes ist zunächst das
Wort "Gott" selbst, der Name Gottes. (Die Bibel hat darauf aufmerksam
gemacht: Gott nennen Können setzt die Offenbarung seines Namens durch
Gott selbst voraus.) Die erste Frage nach der Schöpfermacht lautet deshalb:
Was tut, was "schafft" dieses Wort? Die Antwort lautet zunächst und zumeist:
Nichts! Diese erste ist aber nicht die letzte Antwort.
VII. Mit diesem Wort werden wir auf unsere Beschränktheit angesprochen. Das ist
nicht immer an der Zeit; und manchmal dürfen wir das zurückweisen. Ein
andermal aber macht es uns besinnlich. Und da kommt uns allerlei in den Sinn,
Überliefertes und Eigenes, Phantastisches und Reales. Das bringt uns ein
wenig durch einander. Und es ändert uns immer wieder ein wenig.
VIII. Es kann schrecklich sein.
Das Scheitern Jesu wirft ein entsetzliches Licht auf den Namen Gottes. Der
Gekreuzigte wird als Offenbarung Gottes erkannt.
IX. Und es kann schöpferisch sein. Ein neues Gottesverständnis ändert unser In-
der-Welt-Sein.
Die Alte Kirche bekannte, der Schöpfer sei der Dreieinige Gott, Vater, Sohn
und Heiliger Geist.
X. Unser Wissen über Gut und Böse, auch unser christliches Wissen, erscheint im
Licht der Offenbarung Gottes in Jesus immer wieder als fragwürdig.
Eine christliche Ethik wird "chaotisch" herauskommen.

Gotteslehre im Licht der Chaostheorie

I. Zu den theologischen Anregungen der Chaostheorie gehört die mögliche
Einbettung einiger paradoxer Hauptstücke der christlichen Dogmatik in die
Chaos-Phänomenologie.
Dadurch wird die christliche Dogmatik von dem Odium eines besonderen
Unsinns befreit. In ihrer Paradoxie könnte sie ihre Menschlichkeit bezeugen.
II. Ich interpretiere die Trinitätslehre: "Gott vergibt, daß Gott gegen Gott kämpft."
Das weist unserer kreatürlichen Tragik ihren Ort zu in der trinitarisch
verstandenen Bewegung Gottes; die Dreieinigkeit symbolisiert unser
Umgetriebensein.
Sie ist zu vergleichen mit den koan genannten, paradoxen zen-buddhistischen
Meditationstexten.
III. Zu denken ist aber auch an die trinitarische sowie die christologische Lehre
von der Perichorese, die christologische Zwei-Naturen-Lehre, die Lehre von
der Communicatio idiomatum und die Unterscheidung von Gesetz und
Evangelium. Überall geht es hier um eine, im Vollzug chaotische, prinzipiell
unendliche multiplikative Rekursion, die nur je durch einen Lehrentscheid des
gesunden Menschenverstandes gestoppt wird.
20. Sept. 2002, ThB.
Dieser Text ist inzwischen, weiterbearbeitet, integriert in mein Buch:
Von Gottes Bescheidenheit. Zu Struktur und Dynamik der christlichen
Existenzsymbolik. LIT-Verlag 2009, 150 S.