Thomas Bonhoeffer


Israel (2009)

Zur Kulturgeschichte des Narzißmus

Die Geschichte Israels und des daraus erwachsenen Christentums sind spezifisch instruktiv für das allgemein menschliche Problem, das die heutige Psychoanalyse Narzißmus nennt.

Zur Zeit der Entstehung des Christentums befand sich Israel in einer seiner schwersten Krisen; im Jahre 71 wurde, nach einer quälenden Epoche, Jerusalem von den Römern zerstört. Apokalyptik und Magie[1], zwei[2] extreme Formen des Erwähltheitsglau­bens[3], charakterisieren die geistige Verfassung des unglücklichen Mili­eus, in dem die jüdische Sekte "Christentum" entstanden und von des­sen Geist sie bleibend ge­prägt ist.

Es handelt sich - aus gesicherter bürgerlicher Existenz heraus gesagt - um narzißtisch-pathologische Formen der Verarbeitung eines schreck­lichen Schicksals durch eine narzißtisch stark vorbelastete Kultur.

Das alttestamentliche Erbe

Vorangegangen war die durchs Alte Testament dokumentierte langsame Entwick­lung des israelischen Monotheismus. Die Eifersucht [4] Jahwes ge­hört zu den alten Traditionselementen. Man kann den universalge­schichtlich bedeutsamen Wahrheitsgehalt der naiven Reïfizierungen ("Unser Gott ist Herr der Geschichte") in der schrittweisen Ausarbei­tung des Subjekt-Schemas [5] sehen.

Jede persönliche, opferbereite Identifikation fordernde sozietale Einheit hat ihre mehr oder minder starren und, entsprechend, quasi wahnhaf­ten Selbstverständlichkeiten. So hatte Israel seinen Jahweglauben. Des­sen endgültige Ausgestaltung ist als kollektive Trotzreaktion gegen Be­drohungen der Identität zu verstehen.

Es folgte die schreckliche[6] Zeit bis zur Zerstörung Jerusa­lems, in der sich die, weiter bedrängte, religiöse Identität verhärtete.

Darauf folgte die Neukonstitution einer verengten jüdischen Orthodoxie, die u.a. Apokalyptik, Magie, Gnosis und Christentum entgültig zurück­drängte bzw. ausschloß.

Judentum

Realgeschichtlich

Die Juden in der Zerstreuung bildeten zunächst einen eigenen Rechtsverband mit völkerrechtlichen Beziehungen zum Gastland.

Als sie dann formalrechtlich emanzipiert wurden, wurden sie sozial marginal gehalten, entrechtet und asozialisiert.

Ideologisch

Das Judentum hat sich, aus den altisraelitischen, Anfängen den körper­lich-kollektiven Sinn des religiösen Narzißmus erhalten; Jahwes Segen gilt "Abrahams Samen". In die jüdische Geschichte als lehrreiches Stück Kulturgeschichte des Narzißmus gehören, außer dem (später zu besprechenden) Christentum, die folgenden nicht- bzw. antichristlichen, reichen Entwicklungen:

Das universalistisch-liberale hellenistische Judentum, wie es klassisch ein Philo repräsentiert, elaborierte den jüdischen Anspruch, das rich­tige Gesetz für alle Menschen[7] von Gott zu haben. Diese respektable Tradition lebte bis in unsre Tage immer wieder auf.

Ebenso beachtlich die Entwicklung einer zunehmend die jüdische Volksfrömmigkeit bestimmenden jüdischen Mystik [8]. Ich rede nicht von der ältesten, der sog. Merkaba-Mystik, wo es um den himmli­schen Palast des Gottes der unbehausten Nation geht. Der mittelalterli­che Chassidismus auf deutschem Bo­den aber - Reaktion auf die Verfol­gungen des 12. Jahrhunderts - trägt viele Züge, die man gemeinhin für gut christlich[9] hält. Besonders eindrucksvoll jedoch ist die als Verar­beitung der furchtbaren Verfolgung in Spanien von 1492 zu ver­stehende, im 16. Jahrhundert entstandene, im 17. sich ausbreitende Lu­rianische Mystik, - die vielleicht mehr von der ursprüng­lich christli­chen Verarbeitung von Enttäuschungen mitge­nommen hat als die Chri­sten, die das Unglück über das Volk gebracht hatten. Den Eindruck, den die Bubersche Interpretation der polnischen chassidischem Mystik in der christlichen Welt ge­macht hat, muß ich nur in Erinnerung rufen. Endlich verweise ich auf unsern Zeitgenossen Elie Wiesel, seine Person und sein Werk.

Auch der neue Staat Israel gehört, als Verwirklichung eines Traums, zu diesem Paradigma einer Kulturgeschichte des Narzißmus.

Humorlosigkeit der Sabres in Israel: Die Flucht ins gelobte Land, in die Heilige Sprache hat die Heilssymbole der Eltern banalisiert. Down to earth. Den Kindern bleibt nur ein dummer Nationalismus und Rassismus, garniert mit den Nobelpreisen der Onkel.
Die Banalisierung des "Nächstes Jahr in Jerusalem" durch die Realisierung aber beraubt natürlich auch die Juden in der Zerstreuung. Was bleibt ihnen?

Jedes menschliche Extrem bietet sich als natürlichen Kern einer sozialen Identität an. Das belastet die jüdische Identität. Dagegen empfiehlt sich: "low profile".

Magie

Allgemein

Der amerikanische Althistoriker Morton Smith hat vor gut 10 Jahren eine methodisch anfechtbare[10], maliziöse, aber kenntnisreiche und des­halb auch lehrreiche Darstellung der magischen Züge des Neuen Te­staments vorgelegt, deren Bedeutung in der Theologie m.E. doch noch nicht angemessen Rechnung getragen ist. Insbesondere pastoralpsycho­logisch scheint mir das Buch anregend.

Smith hat das frühe Chri­stentum auf seine Ähnlichkeit mit so­zialen Ste­reotypen von Zauberei hin abgeleuchtet. Man darf davon ausgehen, daß einer zum Zaubern begabt sein muß. Die Stereotypen von Begabung sind nun nicht das geeignetste Vehikel, sich dem Phänomen der Bega­bung zu nähern. Sie repräsentieren das Bild, das sich Unbegabte von Begabung machen[11]. Die Zauberpapyri, an denen sich Smith orientiert, machen mir, verglichen mit dem Neuen Te­stament, einen unbegabten Eindruck. Mas­senware, modischer Kitsch, den man nur armseligen Geschmacksunsiche­ren als Kunst verkaufen kann. Allerdings schärft das von Smith dem Neuen Testament gegenüberge­stellte Material auch das Auge für den stark zeitgebundenen Kitsch, der sich im Neuen Testa­ment vermischt mit dem bis heute Bedeutenden, - Aberglauben, dem gewisse Kreise noch heute nicht historischen Re­spekt, sondern blindes Vertrauen schuldig zu sein meinen[12].

Sich psychologisch zum Zauber zu äußern ist immer riskant, weil Psy­chologie, als Wissenschaft, der Rationalität verpflichtet ist, wo doch ge­rade beim Zauber die Tragweite der Rationalität zur Diskussion ge­stellt ist. Bekanntlich ist die Kant'sche Erkenntniskritik aus der Aus­einandersetzung mit diesem Problem erwachsen; auch Schopenhauer hat ihm eine längere Studie gewidmet. Die empirische Forschung in diesem Bereich hat bisher nichts Entscheidendes geleistet. Meiner Meinung nach muß man sich mit einem theoretischen "Ignoramus", einem prakti­schen "Etsi non daretur" und ästhetisch mit der eigenen Geschmacks­kultur begnügen.

Wissenschaft kann hier nur Randbemerkungen machen - je wissen­schaftlicher, desto marginaler. Immerhin sind Randbemerkungen oft er­hellend.

Soziologisch

Die Abgrenzung des Begriffs Magie ist immer sehr willkürlich. Es geht um Wunder, d.h. Ereignisse, bei denen man sich wundert, ja, bei denen das Wundern zur Hauptsache gehört. Das Alltagswissen er­scheint als unzureichend zum Verständnis einer Begebenheit, die in den Alltag eintritt. Es erscheint einfach wie ein falscher Schlüssel, - an dem ja auch nur ein Zahn falsch zu sein braucht[13].

Das alte Griechisch unterschied zwischen Magie (μαγεία) und Zauber (γοητεία). Das eine Wort hatte einen besseren Klang, das andere war eher negativ bewertet. Die Magie war von Hause aus ausländisch(-ira­nisch)-adlig und amalgamierte sich mit der prestigiösen Astrologie, die ihrerseits mit der Astronomie weitgehend identisch war. Die Zaubereien hingegen waren eingeboren-volkstümlich.

Komponenten beider Traditionstypen mischten sich, die Übergänge ver­flossen. Es war nicht etwa Magie gut und legal, Zauberei böse und kri­minalisiert. Magie hatte wohl mehr Verbindung zur eta­blierten Rationa­lität. Aber auch sie geriet nicht nur rational, sondern auch moralisch ins Zwielicht. Persönliche Sympathie und öffentliche Mei­nung spielten beim Urteil eine entschei­dende Rolle.

Die juristisch vorgesehenen Strafen[14] waren extrem: Kreuzigung, den Löwen im Zirkus Vorgeworfenwerden, Scheiterhaufen, Deportation, Zwangsarbeit in den Metallbergwerken, für Leute von Stand das Privi­leg, enthauptet zu werden; öffentliche Bücherverbrennung gehörte dazu.

Offenkundig ging es hier um höchste soziale Werte, um den sozialen "güldnen, edlen, werten Fried", den das deutsche Kirchenlied im 30-jährigen Religions-Bürgerkrieg besang. Aus den Erfahrungen unsres Jahrhunderts wissen wir, wie prekär ein sozialer Friede ist, der so barbarisch verteidigt wird. Magie berührt die Wurzeln der Soziabilität. Es ging hier, wie auch bei neuen Kulten, entscheidend um das Problem normativer Verunsicherung, um die Basis öffentlicher Ordnung.

Es geht beim Zauber um Macht und Beherrschung der Umstände. Am Wissen um Machtverhält­nisse orientiert sich auch das verhaltensnormie­rende Denken hinsicht­lich Sitte und Recht. So verunsichern Wunder die soziale Ordnung.

Das Hauptproblem ist nicht die Rationalität, die immer praktisch be­grenzt ist. Rationalität dient nur der Verläßlichkeit. Und es geht um die Verläßlichkeit der sozialen Normen. Diese sind so prekär, daß sie mit Mitteln tabuiert werden, deren Grausamkeit gerechtfertigt erscheint durch das Grauen, das ihr - auch nur partieller - Zusammenbruch nach sich zu ziehen droht.

An der iranischen, ursprünglichen "Magie" sieht man: Ein allgemein anerkanntes Verunsicherungs-Monopol ist auch eine mögliche Lösung des hier auf­blitzenden Grundproblems jeder menschlichen Gesellschaft: der be­grenzten Tragfähigkeit des Alltagswissens. Aber auch sie bleibt prekär. Die Grenzen der Sicherheit sind chaotisch, sie sind aber auch der Ort kreativer Prozesse.

Psychologie

Es geht im besten Falle um die soziale Freiheit der (auch sozialen) Kreativität des einzelnen. Heinz Kohut [15] hat die Kreativität als reife Form des Narzißmus dargestellt. Der Wundertäter muß zuallererst be­gabt sein; im übrigen braucht er Tradition, normalerweise in Form von Schulung in der speziellen, per­sönlicher Vermittlung (nach besonderen Kriterien) bedürftigen Über­lieferung.

Gottesideen sind immer Ort von Größenphantasien. Sie haben mit Selbstgefühl und Selbstbild zu tun. Die natürlichen Größengefühle des Menschen suchen sozial Gestalt zu gewinnen. Sie sind zugleich ver­heißungsvoll und gefährlich chaotisch. Man kann sie - muß sie unter Umständen - zeitweilig unterdrücken. Auf die Länge solider ist es, ih­nen Raum zu geben. Hier tut sich die ganze Bandbreite auf von Bar­barei (Sache vieler) zur Kultur (Sache weniger [16]).

Sozialpsychologie hat es mit Stereotypen zu tun. Die (von der Psycho­analyse so genannten) "Mechanismen" der "Abwehr" von primitiven Triebregungen und Affekten, die die Ich-Organisation bedrohen, haben, eben als Mechanismen, gute Chancen, für sozialen Erfolg hinreichend klischeehafte Ideen zu produzieren. Wahn­bildungen und Zwangsvorstel­lungen, Bildungen des Aberglaubens, sind in Situationen der Bedräng­nis immer zu fürchten. Es kommt dann alles an auf den heilsamen Um­gang damit.

Das Idealbild des Magiers ist eine soziale Gestaltung der hungernden Größenphantasie. Es wird mehr oder weniger blind auf mehr oder weni­ger geeignete Personen übertragen. Deren Umgang mit dieser Übertra­gung ist wesentlich.

Heinz Kohut hat für die Therapie narzißtischer Störungen statt der klassisch psychoanalytischen Grundregel der schlechthinnigen Versa­gung der infantilen Wünsche das weichere Prinzip der optimalen Fru­stration empfohlen. Das Christentum will nicht unbedingt vernünftig beurteilt werden. Aber ich weiß kein besseres Kriterium, das frühe Chri­stentum vernünftig zu beurteilen.

Christentum

Wir beschäftigen uns mit dem Problem der Magie im Blick auf den An­fang des Christentums, wo die Wunder Jesu eine mitentscheidende Rolle gespielt haben. Für alle neutestamentliche Gemeinden gehörten Wunder zu den Zeichen des rechten Geistes.

Im Unterschied zur üblichen kulturgeschichtlichen Sterilität der Zaube­rei in ihrer üblichen sozialen Abgespaltenheit, springt die kulturelle Kreativität des frühen Christentums ins Auge. Hier wird, gegen die entfremdende herrschende gesellschaftliche Überangepaßtheit an, echte soziale und kulturelle Integration geleistet; die christliche Erbaulichkeit legt das neue Fundament des römischen Weltreichs.

Jesus

Wenn man einen genügend weiten Begriff von Magie zugrundelegt, kann man Jesus mit gleichem Recht einen Magier nennen, wie man ihn einen König, ja den Messias nennen kann. All dies sind Schemata, wo alles darauf ankommt, wie das betreffende Individuum in das Schema paßt. Die exklusive Beziehung auf den höchsten Gott und die Einigkeit mit diesem als Fundament der Wundertätigkeit charakterisieren den Magier sensu stricto. Der vollkommene Magier, der "göttliche Mann", ein Py­thagoras, Apollonius von Tyana, Jesus zeichnen sich darin durch eine staunenerregende Selbstsicherheit aus.

Jesus' Auftreten und Wandel ist besonders einfach, am wenigsten sa­kral, ritualisiert[17]. Jesus erfüllt die Erwartungen an einen Magier nicht immer, aber mehr als jeder andere - und mit weniger Magierver­halten als jeder andere.

Es sieht mir gar nicht so aus, als ob Jesus mit Magiern vertraut gewe­sen wäre und Magie gelernt hätte. Aber er war vertraut mit der gei­stig-seelischen Disposition des Volkes, und er entsprach dieser nach seiner sehr persönlichen Weise, - die, nach allem Vergleichsmaterial zu urteilen, in der Tat schlecht und recht an das Schema des Magiers as­similiert werden konnte.

Zu Jesu "persönlicher Weise" gehört: "es jammerte ihn des Volks" (Matth. passim) ebenso wie sein selbstverständliches, ansteckendes, wissenschaftlich [18] betrachtet: wahnhaftes, Vertrauen zu Gott als dem guten Va­ter. Jesus, ist man versucht, zu sagen, war naiv genug, die Erwählungs-"Botschaft"[19] des Alten Testaments von Gott einfach zu glauben. Das gibt eine gesammelte Persönlichkeit, die einen unerhört starken, faszinierenden Eindruck macht[20]. Bedenklichkeiten schwächen den Eindruck, denn auch sie stecken an. Jesus hatte nicht nur, wie jeder richtige Magier, einen Gott, der, nach Erfüllung gewisser Bedin­gungen, unbedingt Ja zu ihm sagt. Das wäre einfach naiv gewesen. Sondern er sagte so unbedingt, so vorbehaltlos Ja zu Gott, daß sein Fall, humanistisch gesehen, tragisch wurde. Er ist nicht zuletzt in dem Sinn uns zugut gestorben, daß wir an seinem Scheitern gelernt haben, was Gott nicht ist.

Im Übrigen waren all die genannten "göttlichen Männer" nicht nur Wundertäter, mehr noch waren sie Lehrer und Prediger. Im Zentrum aller Erscheinungen sahen sie die gute Kraft Gottes. Ihr gutes Wort deutete ihre gute Tat.

Osterglaube

Das historisch wesentliche Ereignis des Lebens Jesu ist sein Tod, der sein ganzes Leben in ein anderes Licht tauchte. Hier hätte sich norma­lerweise der Weg der Jünger gabeln müssen in vernünftige Resignation einerseits und hoffnungslose Wahnbildung anderseits. Das eigentliche Wunder Jesu ist, daß es - erst mehr enthusiastisch untermischt mit Wahnbildung, dann mehr mit resignierter Amtssäkularität - einen drit­ten Traditionsstrang gegeben hat. Ich nenne ihn, im Anschluß an Pau­lus: den geistgesegneten Glauben an die Offenbarung der Wahrheit Gottes über dem gekreuzigten Jesus.

Nachgeschichte

Kirchen und Synagoge

Apokalyptik, Magie und Gnosis beherrschten vorübergehende Phasen in der Verarbeitungsgeschichte des Erwählungsglaubens. Das Judentum sowohl wie die Kirchen haben, wie wir sahen, in einer unvermeidlichen Anpassungsleistung, einen Bruch der naiven Wunschvorstellungen in ihre Substanz aufgenommen. Gebrochen aber werden sie beihalten. Sie gehören zur Ausstattung der Gemeinden als Zufluchtsort für gebro­chene Menschen. Die Gemeinden sind heute nur zum kleineren Teil per­sonell beständig; für die meisten Menschen sind sie ein Ort, zu welchen man mit lebensgeschichtlichen Problemen immer wieder einmal kommt.

Säkularisierung

Judentum und Christentum sind zur Zeit noch im Begriff, sich mit wachsender Geschwindigkeit zu säkularisieren. Diese Entwicklung wird sich verlangsamen und die Zahl der (fluktuierenden) Mitgliedschaft wird dann um niedrigere Werte schwanken. Das kulturelle Erbe, das hier ver­waltet wird, ist von bleibendem Nutzwert, - wenn auch nicht für alles und nicht so immer für jeden, wie die Eigenwerbung konser­vativ und flott suggeriert.

Hier ist man mit narzißtischen Problemen nicht allein. Was die gegen­wärtige Gemeinde nicht auffängt, findet in ihrer reichen Geschichte verwandte Geister.

Zusatz zum Arbeitsblatt "Altes Testament".

Vom Scheitern des Alten Bundes spricht die allgemeinchristliche orthodoxe Tradition. Zuletzt haben als bedeutende Theologen der verstorbene Neutesta­mentler Rudolf Bultmann und der Dogmatiker Gerhard Ebeling davon gespro­chen. Unter dem Eindruck des Genocids, für den die Mörder sich auf jeden Sinn und Unsinn, und selbstverständlich auch auf auf die klassischen kirchli­chen Argumentationen gegenüber Israel, beriefen, hat die Kirche, statt die um­strittene Gottesvolkigkeit theologisch kritischer zu bedenken, begonnen, sich mit Israel zusammen als Gottesvolk im alten Sinne weiter zu behaupten. Die ra­dikale Revision der eigenen religiösen Tradition im jüdischen Volk nach dem Holokaust (ich nenne nur den Nobelpreisträger Isaak B. Singer) aber übertrifft an theologischer Lebendigkeit die neue christliche Bemühung bei weitem!

So wenig die neutestamentlich-jüdischen antijudaistischen Argumente durch den Genocid erledigt sind, so wenig ist Biblizismus dadurch gerechtfertigt, daß (auch!) er sich dem Verbrechen widersetzt hat.

Ich gebe noch folgende biblische Hinweise:

1.) Man pocht biblizistisch auf die Treue Gottes zu seinem Wort, den alttesta­mentlichen Verheißungen. Was aber heißt Gottes Verheißung? Eine ideologische Antwort wird unmöglich - Dank sei Gott für das Alte Testament! - durch die Kontradiktion in 1.Sam 2,30: "Ich habe geredet, dein Haus und deines Vaters Haus sollten wandeln vor mir ewiglich. Aber nun spricht der Herr: 'Es sei fern von mir!'" Gottes ist getreu. Aber man kann Gottes Treue nicht reïfizieren; sie wird weder unser, noch der Juden Besitz. Sie bleibt Eigentum Gottes im Sinne von 2Mose 3,14.

2.) Amos 9,7 wird der Exodus in eben diesem Sinne relativiert. Vor Gott bleiben Germanen, Kuschiten, Christen und Juden gleich. Dem Volk Israel ist Gottes Wort anvertraut, daß es darin bleibe; aber keine metaphysische Erbmasse. Dazu vgl. im Neuen Testament Johannes den Täufer (Mt 3,9 / Lk 3,8) : Gott vermag dem Abraham aus irgendwelchen Steinen Kinder zu erwecken. Notabene: dem Abraham! Das ist Unsinn; aber das ist Gottes Wort!

3) Die Paulinische eschatologische Hoffnung für das "verstockte" Israel (Röm 11,7.25) bezieht sich auf einen Rest (11,5), von dem durch einen Rettungsakt Gottes (11,26) die Verstocktheit genommen werden wird. Sie steht neben 1.Thess 4,13ff. und allerlei andern eschatologisches Ausblicken in der Bibel, die nicht als ewiger Kalender, sondern als Wort Gottes zu ihrer Zeit und an ihrem Ort verstanden werden wollten und wollen.

Was die Bibel von Gottes Gericht über Israel erzählt, ist nach Paulus (1. Kor 10,1ff.) uns Christen zur Warnung geschrieben. Das jüdische Vorbild ist uns eine Warnung vor christlicher Verstockung, die wir nicht gern hören; eine Warnung vor kirchlicher Selbstsicherheit (vgl. Barths Auslegung von Röm 9-11!) und Hoffart im Besitz der Schrift (Rm 2,17ff.).

Das Alte Testament, Israel, Synagoge und Rabbinat, das Judentum und der Staat Israel sind verschiedene Fragen, die gesondert durchdacht werden müssen.

Das Erbe des eifersüchtigen Gottes

(Besinnung nach einem deutsch-christlichen Gedenkjahr)

Historisches Urteilen

Der fünfzigste Jahrestag der Reichskristallnacht erinnerte an eine der schlimmsten Schicksalsschläge, die das Volk Is­rael erlitten hat, und zwar von deutscher, christli­cher Seite.

Wenn danach ein Deutscher und Christ sich dazu äußerst, so tut er das als ein, in zwei Hinsichten seiner soziokulturel­len Identi­tät, Mitschuldiger an einem Massenmord. Die Frage nach Schuld in solchen Sachen ist im Grunde eine Frage des jüng­sten Gerichts. Wir sind aber irdisch schul­dig, die Frage nach den Ursachen, namentlich nach dem be­hebbaren Ur­sachen, zu verfolgen, und gut zu machen, was mensch­liche Ge­rechtigkeit und Billigkeit verlangt.

Wenn das Problem eines Schuld­spruchs mitspielt, liegt der Verdacht mangelnder Objektivi­tät ge­genüber Äuße­rungen von irgendwie Betroffenen nahe. Das gilt sowohl für aktiv wie für passiv Betroffene. Es ist psychisch kaum zu ertragen, keinen Adressaten zu haben, ge­gen den der hier natürlicher­weise sich erhebende Be­stra­fungswunsch sich richten kann; und es ist kaum zu er­tragen, hier mitschuldig zu sein.

Das Natürlichste ist deshalb eine intellektuelle Resigna­tion bei einer perennierenden[21] Erbfeindschaft [22]. Gegensei­ti­ger Ideologieverdacht bringt das Gespräch zum Erliegen. Meist erst, wenn weitere kata­strophale Folgen drohen oder gar ein­getreten sind, ist der erfor­derliche Ver­zicht auf die mo­ralische Selbstsicherheit [23], die existen­tielle Gefähr­dung durch das Gespräch, hin­länglich moti­viert. - Ein anderer Fluchtweg vor der schuldbe­ladenen ei­genen Identität führt in illusionäre Identifi­kation mit dem Opfer. Die Be­arbei­tung der we­sentlichen Kon­flikte zwischen Synagoge und Kir­che ist zu quälend. So aber werden diese nicht gelöst, son­dern verwischt. Das Ge­spräch er­setzt dann radikale, einsam zu leistende Be­sinnung und Ar­beit, an­statt diese zu befruchten. - Es kann anderseits kein Zweifel daran sein, daß die reli­giöse Besinnung unter dem Eindruck der Katastro­phe Juden und Christen in der Bemühung um je ihre Sache voran und einander nähergebracht hat[24].

Die Frage nach Ursachen geschichtlicher Ereignisse pflegt in aller Selbstverständlichkeit nach zu simplen Schemata vorzugehen. Am Be­friedigendsten ist immer die einfachste Lösung; daher die Tendenz zum monokausalen Denken.

Monokausales Denken ist eine pragmatisch oft angemessene Abbre­viatur. Im Geflecht historischer Zusammenhänge aber gibt es keine Monkausalität. Es kann nur darum gehen, ob die hi­storiographische Abbreviatur dem ge­gebenen Fragezusam­menhang angemessen ist.

Multikausalität aber entlastet den Schuldigen. Ranke hat zwar die Pro­blematik richtender Historiographie sehen ge­lehrt, hat ihr damit aber kein Ende setzen können. Ange­sichts krasser Phänomene ist es - je­denfalls bei einem ge­gebenen Reflexi­onsstand - einfach unnatürlich, nicht zu ur­teilen. Die Gerechtig­keit vor Gott und die Gerechtigkeit vor Menschen sind zu unterscheiden. Aus der gleich­mäßigen "Unmittelbar­keit zu Gott" darf nicht eine Nacht ge­macht werden, wo alle Katzen grau sind. Wir sollen gewiß unsre menschliche Gerechtigkeit in der Be­sinnung auf Gottes Ge­rechtigkeit zu vervollkommnen suchen und unser natürliches Urteil immer wieder revidie­ren. Zunächst aber müssen wir so lange zu unserm natürlichen, parteili­chen Urteil stehen, bis unsre pflichtgemäße Be­mühung um ein reiferes Urteil dazu geführt hat, daß uns ein solches natürlicher geworden ist. Das reife Urteil macht nicht etwa unfähig zu pragmatisch abbreviierender Schuldzu­weisung! Der Vorbehalt unsrer men­schlichen Irrtumsfähigkeit gilt allgemein und ist immer konkret ernstzunehmen, darf uns aber nicht hindern, zu le­ben, zu urteilen und zu han­deln.

Der religiöse Kern

Im Bemühen, die Ursachenfrage unter der Schuldfrage nicht ersticken zu lassen und gefährliche Ressentiments durch einen theologischen Beitrag abbauen zu helfen, als Fragezu­sammenhang, scheint es mir ange­messen, die Frage nach den Ursachen des Antisemi­tismus bei dem Lehrstück vom eifer­süchtigen Gott anzusetzen, das die Je­susleute aus der Syn­agoge, aus der sie herausge­brochen sind, mitgenommen ha­ben. Es ist ein ge­meinsames alttesta­mentliches Erbstück von Kir­che und Synagoge.

Gerhard von Rad[25] hat dieses Lehrstück im Rahmen des The­mas "Heilig­keit Jahwes" behandelt und darauf hingewiesen, daß religionsgeschicht­lich eine alttestamentliche Eigentümlich­keit darin besteht, daß Heiligkeit eng an die Person Jahwes gebunden ist, auch da, wo Jahwe Zeiten, Orte, Sachen gehei­ligt hat. Auf dieser Linie liegt auch die sog. Eiferheilig­keit. In der Lehre von der Eifersucht als einer zentralen Ei­genschaft Jahwes kommt die Personalität der Be­ziehung zu Jahwe dra­stisch zur Geltung.

Eine solche Gottesidee erwächst aus einer Kultur, wo der Mensch we­sentlich als auf Personen bezogene Person gesehen wird. Im kulturellen Um­feld Israels verstand sich der Mensch noch vielfältig ein­gewoben in den Widerstreit der Naturgewalten. Der Israelit aber war durch seine göttliche Bezugsperson in al­len Dingen in die immer selbe persönliche Verantwortung ge­rufen. Und die Beziehung zu einem solchen Gott sta­bilisiert und stärkt na­türlich die Ausbildung indi­vidueller Persona­lität. Der griechisch-philosophische Indi­vidualismus und Monotheismus ist, verglichen mit der Mono­latrie [26] des israelischen Poly­theismus, un­persönlich.

Die weltweite Reaktion auf die Gewalttätig­keiten des Staa­tes Israel in den letzten Jahren zeigt, daß Israel nicht mit gleicher Elle gemessen wird wie andere Völker. Die Be­sonderheit Israels ist besonderer als die Besonderheit je­des anderen Volks. Das mosaische Gesetz ist das Gesetz des eifersüchtigen Gottes, Artikulation persön­licher Verant­wortlichkeit in allen Lebensbereichen. Für Is­rael als Reli­gionsgemeinschaft und für den Staat Israel, der deren Erbe angetreten[27] hat, gehört deshalb Moral viel enger zu seiner sozialen Identität als für andere Völker. Der Holokaust hat das faktisch ver­stärkt. Er war ein säkularer Frevel. Die Christen können nicht umhin, ihn (nach Jes. 53) überdies an das Schema des unschuldigen Leidens Christi zu assimilie­ren[28]. So hat man Israel beim Aufbau im Land seiner Väter un­terstützt nicht nur aus Bil­ligkeitsgefühl (das pflegt nicht viel zu bringen), sondern in einem Umfang, der sich aus der Kon­notation von Frevel und Sühnung ei­nes Sakrilegs erklärt. So wurde der Aufbau des Staates Is­rael christli­cherseits und deutscherseits ein unter echten Opfern vollbrachter mo­derner Dombau. Mit dem reli­giösen Anspruch auf das alte Territorium hat der Staat Is­rael das Erbe die­ser religiösen Identität (des Volkes mit der vorbildlichen Moral) übernommen. Adel aber verpflich­tet, manchmal fast unerträglich; auch hier. Das wird, mit wie pöbelhaftem Ver­gnügen auch immer, von den andern Völ­kern, in ihrer bezüg­lich Is­raels weniger politi­schen als moralistischen Beurtei­lung staatlicher Ge­walttätigkeit, wahrgenommen [29].

Die kultische Exklusivität war und blieb einerseits die Besonder­heit Jahwes. Undenkbar, daß der Jahwekult sich, auch in postexilisch-jü­disch oder christlich gewandelter Form, bis heute erhalten hätte, wenn man auf sie verzichtet hätte. So aber war es natür­lich, daß im sechsten vorchristlichen Jahrhundert die Mehrzahl der Exulanten in Babylon über Jahr­zehnte hin­weg, in Gewohnheit, Schuldgefühl und Hoff­nung, an Jahwe festhielten. Es war aber nicht selbstver­ständlich, daß die­ses Festhalten geschichtlich gerechtfer­tigt wurde durch eine Erfüllung der Hoffnung auf eine Rück­kehr nach Palä­stina - und endlich wieder Tempelkult beinahe wie gehabt. Das ge­schichtliche Modell dieser Rückkehr hat eschatologi­sche Kraft entwickelt und die sprachgewaltige Dokumentation dieser Hoffnung und Erfüllung in der Bibel hat zweifel­los später das Durch­halten des Jahwekultes in seiner Reinheit über unglaublich lange Zeiträume hinweg ge­tragen.

Die so bestärkte Exklusivität war anderseits ein Stein des Anstoßes, schon innerhalb des Alten Israel, wo es um die richtigen Konsequenzen aus dem Ersten Gebot ging. Bereits zwischen den Baals- und Jahwevereh­rern kam es zu Mord und Totschlag. Und es ging bis zu den prophetischen Verboten hinsicht­lich Rüstung und Bündnis­politik[30].

Umso mehr bedeutete es eine Provokation im Umgang mit an­dern Völ­kern. Théodore Reinach[31] faßt die auf dieser Linie laufende Ge­schichte im griechisch-römischen Bereich der An­tike zusam­men. Der antike Anti­semitismus - soweit er über das zwi­schen verschiedenen Kulturen übli­che Ressentiment und die dabei übliche Streubreite von Verleumdung hinaus­geht - ist Reak­tion auf die religiöse, kulturelle und so­ziale Abkapse­lung der Juden. Die Christen hatten ursprüng­lich weitgehend un­ter denselben Verleumdungen zu leiden. Die christliche Ju­denpolemik hat sich aber nicht entblödet, gleichwohl kri­tiklos heidnische Judenpo­lemik zu übernehmen.

Es ist ihr nicht viel Neues eingefallen - außer aller­dings der Be­schuldigung des Christus-Mordes, der un­erschöpflichen Legitimation raubmörderischer Begehren. Diese aber ist so unsinnig, daß auch sie nicht theo­logisch[32], sondern allein soziologisch interessant ist.

Schon um Jesus hat es in der Synagoge offenbar immer wie­der Krach gegeben. Das Todesurteil über Jesus wurde (mindestens nachträglich, jedenfalls konsequent) im Gehorsam gegen das Erste Gebot begründet. Die Christen sind dann endgültig aus dem kultisch-bürgerlich ver­faßten Judentum hinausgefoult, - auch sie in Treue gegen das Erste Gebot, wie sie es ver­standen.

Das theologische Kernproblem

Nach so viel Blutvergießen von Juden und Christen liegt die Frage nahe, ob nicht, nach (und vielleicht infolge) der rühmlichen kulturellen Frühreife, seit längerer Zeit im of­fiziellen Juden- und Christentum eine Störung der Entwick­lung der Identität, vergleichbar einer ungelösten Adoles­zenzkrise, konserviert wird. Hat die so glückliche alte Tradition eine so unglückliche Fortführung verdient?

Wo aber wäre der rechte Weg verfehlt worden? In der An­tike war todbereiter Heldenmut, in der Spätantike der Zeu­gentod für das Be­kenntnis zur erkannten Wahrheit, ein Ideal. Die Ausbildung und Bewäh­rung der autonomen Persönlichkeit stand auf der kulturgeschichtlichen Tagesordnung[33]. Das hat si­cher die altisraelitischen Traditionen ge­stützt [34].

Ich meine aber, daß der Kreuzestod Chri­sti auch dem Heils­wert solcher guten Werke ein Ende (vgl. Röm. 10,4) ge­setzt hat. Ich weiß, daß das Neue Testament da nicht so si­cher ist. Aber, wie Nietzsche[35] sagt: "Taten brauchen Zeit, auch nachdem sie getan sind, um gesehen und gehört zu werden," - große Ereig­nisse brau­chen Zeit, um anzukommen. Es scheint mir manchmal, daß die volle Bedeutung des Todes Jesu im Neuen Testament noch nicht überall an­gekommen ist[36]. Aufgehal­ten hat sie die Kultur, in welcher das Heilsereig­nis ankommen sollte. Die entschei­dende Frage lautet: Wel­ches Zeugnis dient dieser zum Heil?

Theologische Folgerungen

Heute gilt es, weil (und insofern!) wir eine verantwort­bare Festigung der Persönlichkeit erreicht haben, auch zu unsern Abhängigkeiten – unter anderm: von den widerstrei­tenden Ge­walten der Natur[37] – als mitverantwortliche Menschen, im Namen des Schöpfers und Erlösers, Ja zu sagen.

Ich empfehle also die (früher den Juden unnütz empfoh­lene) Assimi­lation nun auch den Christen. Ich empfehle sie aber nicht, um primär den Zeugen zu nützen, sondern im Interesse der Wahrheit, um ih­rem Wahrheitszeug­nis zu nützen. Dies ist der zentrale, we­sentliche Nutzen, den man dem Menschen wün­schen kann.

Nach allem Vorangegangenen kann Assimilation nicht bedeu­ten Charak­terlosigkeit und Selbstverleugnung. Es geht um leben­dige Treue zu sich selbst. "Prüfet alles, auch eure Ideale, im Lichte eurer Erfah­rungen, immer wieder, wie be­schämend und niederdrückend das auch werden kann - und das Beste be­haltet; allein darauf ruht Verheißung!", wäre 1.Thess.5,21 zu erweitern. Es geht um die Paulinische (Röm.9,3) Bereit­schaft, sich, um der Ausbreitung der göttli­chen Wahrheit willen, "enterben"[38] zu lassen.

Hier gilt allerdings wieder, was wir schon zur Aufgabe hi­storischen Urteilens feststellten: Auch Treuehalten ist ein Lebensvorgang, der sein eigenes, langsames Tempo hat[39]. As­similation braucht, wie jeder Wan­del kultureller Bezie­hun­gen, jeder Kulturwandel, Zeit. Gerade, wo, wie im Fall der Juden in Deutschland, eine in Schuld und Leid er­starrte Ge­schichte vorliegt, kommt alles auf eine ausgewo­gene Wei­terentwicklung an, wenn nicht die gesamte Reform in einer Katastrophe enden soll[40]. Im deutschen Judentum ist, ebenso wie im deutschen Christentum beider Konfessionen, die säku­lare Assimilation der reli­giösen Entwicklung (die doch einen wesentlichen Teil der kulturellen und damit auch per­sönlichen Identität ausmacht) davongelaufen.

Was die Juden betrifft, hat sich der Schwerpunkt des ural­ten Pro­blems der Anpassung (Mensch - Volk - Religion) nun nach Amerika [41] und nach Palästina verlagert.

Christliche Theologen pflegen zu übersehen, daß "Juden­tum", im Unterschied zum Christentum, in erster Linie Stolz und Last einer Volkszugehörigkeit, und als Reli­gion wesentlich eine Stammesreli­gion mit fluktuierenden universalistischen Ausweitungen, war und geblieben ist. Diese wird heute von den meisten Juden selbst nur noch in histori­schen Anführungsstrichen ernstgenommen - so aber wirklich ernstgenommen! -, und zwar ohne daß diese Juden deshalb weniger Juden wären! - Die Konzep­tion von Kirche in Analogie zum Volk Israel war fatal.

Was die Kirchen in Deutschland betrifft, so haben auch sie mit ei­ner ständigen Erosion ihres volkskirchlichen Bodens zu tun. Die besten kirchlichen Assimilationsleistungen be­treffen Diakonie und Politik. Die theologischen Assimilati­onsleistungen sind zum Teil intel­ligent und ha­ben viel mit Ethik, aber wenig - und selten intelligent - mit Religion zu tun. Man hat oft den Eindruck von Charakterlosigkeit und Untreue und merkt: Die Predigt des eifersüchtigen Gottes ist noch nicht veral­tet!

Eine Sprecherin[42] des European Value Sy­stems Study Group [43] hat, linear extrapolierend, emphatisch die Stüt­zung der Kirchen im In­teresse von dem empfohlen, was die Demoskopie als Religion und Moral zu fassen bekommen hat. Sollten wir die Schiiten beneiden? - Die Erosionen der Massenbasis in Judentum und Christentum sind einan­der ähnlich. Welche personelle Basis eine Tradition hat und was dann von ihr ausgeht, hängt von der Struktur ih­rer Lebens­bedeutung ab. Diese ist, wie die genannte Gruppen­ar­beit zeigt, zur Zeit in Stereotypen schwer zu fassen. Der Tradition wachsen einer­seits ständig neue Bedeutungen zu, ander­seits unterliegt sie stän­digen Ver­einfachungen. Sie schafft sich Versteifung durch reli­giöse Instituti­onen und Vorstellungen, aber - siehe Jesus - sprengt die­se auch wieder. Die Bedeutung, die Wahrheit des Chri­sten­tums ist m.E. historisch keineswegs erschöpft. Die Je­der­manns- und Fachmanns-Theologie, und deshalb auch die Kir­chen, haben quälende Gestaltungspro­bleme. Sie haben da­mit Teil an den Ordnungsproble­men einer hochmobilen Gesell­schaft. Um der Sichtbarkeit und der sozialen Macht des Christentums oder auch der her­kömmlichen Moral wil­len aber die Frage nach seiner Wahr­heit einzuklammern, wäre Verrat.

17.3.1989

Jüdische Traditionen

Apokalyptik

Die Apokalyptik ist in einer existenzbedrohenden Situation des Juden­tums entstanden zur Zeit der Makkabäeraufstände gegen Antiochus Epi­phanes, den Syrerkönig, der das Judentum kulturell und kultisch ver­einnahmen wollte. Wir kennen aus der Psychiatrie die Abwehr von Pa­nik durch wahnhaftes Wissen. Dieses ersetzt die Realitätsprüfung. Wahnhaftes Wissen zeichnet sich durch eine Sicherheit aus, die der ge­sunden Vernunft versagt bleibt. Der bedrohte gute Kern der Person und ein minimaler Realitätsbezug wird in einem Wahnsystem in Sicher­heit gebracht. Dieser Abwehrmechanismus kommt hier zum Zuge. Hier bekommt sektiererische Ideologie die seelsorgerliche Funktion eines Katastrophenschutzes. Wir finden dieselbe Struktur in der neutesta­mentlichen Johannesapokalypse. Die Kirche hat, in der Tradition der Synagoge, sich von Anfang an für weltliche Ordnung verantwortlich gefühlt. Sie hat zwar einen apokalyptischen Horizont ihres Weltbildes übernommen und bewahrt; sie ging aber sparsam mit dieser disruptiven Problemlösung um. Die Apokalyptik wurde, wie in der Synagoge, so in der Kirche an den Rand gedrängt.

Gnosis

Die Gnosis ist die religiöse Revolte gegen den Gott der Väter. Jahwe, der Schöpfer dieser scheußlichen Welt, wird degradiert; die unaus­sprechliche, wahre Gottheit steht weit über ihm. Ihr gilt die Sehnsucht des Gnostikers. In dieser Welt fühlt er sich in der Verbannung, in der Fremde. Aber er vernimmt den göttlichen Ruf, sich seiner eigentlichen Heimat jenseits dieser Welt zu erinnern und den göttlichen Funken in sich zu pflegen. Der seelsorgerliche Rat der Gnosis ist: innere Emigra­tion. Die Gnosis investiert keine Kraft in Aufbau oder Erhaltung weltli­cher Ordnung. Ihre Erbauung gilt dem inneren Menschen. Und hier wird ernsthaft meditiert, Wichtiges entdeckt, analysiert, kreativ kon­struiert und spekuliert. Manches erinnert an die moderne psychoanaly­tische Theoriebildung. Die Lebendigkeit des paulinischen Denkens (nicht nur diese oder jene ähnliche Idee) erinnert stark an die Gnosis und ist sicher von dorther beeinflußt.

Rabbinat

Der Aufruhr des religiösen Denkens in jenen leidvollen Jahrhunderten der jüdischen Geschichte, der zu so vielgestaltigen Neubildungen führte, blieb letztlich doch machtlos gegen die ruhige Kraft des Rabbi­nats. Die Nüchternheit, die Tradition praxisorientierten Nachdenkens über das Gesetz Jahwes für Israel behielt die Oberhand. Das Rabbinat versuchte, die Anfechtungen der Frommen sehr ernst zu nehmen. Hier wurde nicht im Sinne des römischen oder des modernen Rechts Ju­risprudenz betrieben. Das Gesetz wollte als Heilsgabe, nicht als leidlich zweckdienliches Regelwerk verstanden werden. Auch hier also wurde ernsthaft meditiert. Aber bei dem Bemühen, allem gerecht zu werden, wurde die Last der Tradition immer schwerer und bemühender. Das Er­gebnis war oft skurril. Auch hier mußte die Nüchternheit schwere Ein­bußen hinnehmen.

Rabbinat sowie Episkopat hatten in der Tradition Israels als eines nor­malen Staatsvolkes ein wirkliches Volk, wenn auch kein Staatsvolk, das Judentum in der Zerstreuung bzw. das Kirchenvolk, zu regieren, und zwar so, daß ihr Volk allen Völkern als Vorbild leuchten konnte. Auf beiden Seiten ist das Ergebnis im ganzen, trotz einiger Lichtblicke, nicht erhebend[44]. Zur Synagoge und Kirche gemeinsamen israelischen Tradition gehörte, daß Geschichtserfahrung religiös reflektiert wurde. Für Israel wurde das babylonische Exil im 6. vorchr. Jh. zum brennen­den Brennpunkt eigenster Besinnung. (Im Christentum nahm die Kreu­zigung Jesu diese Stelle ein.) Für beide wichtig wurde, wenn auch in verschiedener Deutung, das Ende Judäas und die Zerstörung des Tem­pels durch die Römer im Jahre 70. Auch das jüdische Gottesbild wan­delte sich. Das Schuldgefühl wurde immer stärker. Gleichzeitig aber wurde der Trost der Herablassung Gottes stärker empfunden. Es hatte einen seelsorgerlichen Wert, wenn - auch im Judentum - vom Leiden Gottes geredet wurde.

Echte religiöse Impulse machen nicht Halt an Institutionsgrenzen. Die Lektüre von Gershom Scholems Die jüdische Mystik in ihren Hauptströmungen (1957) hat mich zu der Vermutung gebracht, daß zwischen Judentum und Christentum in aller Stille immer wieder inoffizieller Austausch stattgefunden hat.

Die kaschrut wurde nötig als Talisman zur Angstabwehr der Besiegten in ihrer wahnhaften Sicherheit ihres Endsieges. Das ist die Struktur des im Jahre 71 von Jochanan ben Sakkai begründeten (der Symbolik der Legende zufolge: von den Toten auferstandenen) Judentums.

Notizen

Judenwahn, Hexenwahn u.dgl. machen das archetypische Angstschema „Reich des Bösen“ an Realitäten fest, deren man Herr werden kann.

Die Kirche ist stärker griechisch als jüdisch geprägt. Das hat seinen Grund in der Krise, die Jesus unter den Juden hervorgerufen hat. Die Kirche hat sich gleichwohl nach dem Vorbild Israels als Gottesvolk verstehen wollen, und kann deshalb auch nicht aufhören, von Israel zu lernen.

Nach Klaus Wengst besteht die historische Wirkung Jesu in der Möglichkeit für die Angehörigen anderer Völker, ohne Beschneidung teilhaftig zu werden des Bundes Gottes mit dem Volk Israel. Die jüdische Mission aber und der große Kreis der „gottesfürchtigen“ Nichtjuden, die sich zur Zeit Jesu zur Synagoge hielten, relativiert das: Ohne den Eklat um Jesus wäre es wohl mit der Zeit und durch ein paar andere, weisere Rabbiner ohne so viel Haß und Gewalt, wie die Entstehung des Christentums mit sich brachte, auch dahin gekommen.
Die Bedeutung Jesu für die folgende Geschichte läßt sich nicht schon in den Begriffen der neutestamentlichen Kontroversen erschöpfend fassen. Ihre Artikulation in jenen Begriffen ist heute nur höchst innerkirchlich noch diskutabel.
Dem modernen Durchschnittsmenschen geht es, nach Golgatha, nach dem Fall Jerusalems, nach Auschwitz, primär um die Möglichkeit einer Gotteslehre, einer Gottesbeziehung, ja von Gottvertrauen, nicht um Privilegien Israels, nicht um ethnische Probleme, nicht um religiöse Gesetze bezüglich kleiner Chirurgie. Da stehen alle Erzählungen von alten Verheißungen neu zur Disposition. (Das beginnt deutlich mit dem neutestamentlichen freien [45] Umgang mit dem Alten Testament.) Die über das Erbe jener Verheißungen sich heute noch streitenden Kirche und Synagoge sind in der heutigen Öffentlichkeit gleichermaßen tragikomisch. Welcher moderne Mensch kann glauben, daß es Gott um die richtige Zugehörigkeit zum richtigen Volk gehe?! So gerät die Verheißung unter das Vorzeichen eines Gesetzes! Es geht uns um Gott selbst sowohl für Juden wie für Nichtjuden in ihrer Gottlosigkeit!
Das ist das Ergebnis des Alten Bundes nach Golgatha, nach der Zerstörung des Tempels, – spätestens nach der Katastrophe des Bar-Kochba-Aufstandes. Nach diesen Katastrophen des Bundesvolkes hatte ja auch vielen Juden doch etwas von der (zunächst abgelehnten) christlichen Reaktion auf die Kreuzigung Jesu eingeleuchtet. Sie wurden Christen. Die anderen haben in antichristlicher Tradition eine doch so unverkennbar ähnliche jüdische Theologie entwickelt, daß man in beiden Traditionen ein komplementäres Bemühen, aus Gottes seltsamer Bundestreue den richtigen Schluß zu ziehen, erkennen muß. Die Banalisierung der Erlösung, die im Christentum Platz gegriffen hat, hat, Gott sei Dank, im Judentum ihr notwendiges Korrektiv, – wieviel immer auch hier im Namen Gottes einzuwenden bleibt.

Juden und Christen haben ein gebrochenes Verhältnis zur Normalität. Die Juden als sozial definierte Fremdlinge aber können das nicht vergessen wie die eingeborenen, platonisierten Christen.
Zutrauen zur Normalität setzt als Assimilationsschema eine Normalverteilung der Zufälle des Lebens voraus, mit Mittelwert und endlicher Streuung.
Nehmen die Extremwerte so zu, daß die Streuung unendlich wird, so verflacht die Glockenkurve der Gauß-Verteilung zur Cauchy-Verteilung! Wir haben es mit chaotischen Vorgängen zu tun, die (der Jude) Benoît Mandelbrot an der Pareto-Verteilung zu studieren begann.
Die jüdische Geschichte ist ein durch seine Chaotik selbstverstärkender Prozeß der Besonderung. Das von Tacitus und dann Luther behauptete jüdische odium generis humani ist die natürliche Reaktion des immer nur prekär assimilierten Volkes auf die immer neue Marginalisierung.
Diese hat auch eine besondere Einstellung zur Moral zur Folge. Die Thora ist nicht natürlich einsichtig; sie ist durch einen grundlosen Willensakt gegeben. Und das (nach Paulus auch den Heiden) ins Herz geschriebene Gesetz, das (mit Heinz Hartmann zu reden) auf "durchschnittlich zu erwartender Umwelt"-Erfahrung beruht, bezieht sich auf Mittelwerte, die aber, bei (wie für die Juden) gegen unendlich tendierender Streuung, praktisch keine Evidenz mehr haben. Alle Moral ist deshalb im Grunde willkürlich.
Diese Lebensgefühl greift in der Postmoderne allgemein um sich.

R. Rubenstein: Der Messias, der Erlöser, ist, entmythologisiert, der Tod.

Judentum ist Schicksalgemeinschaft – mit allen immer dazugehörigen Dissozialitäten und überdies den besonderen unter dem Schicksal sozialer Diskrimination. (Welcher Jude ist welches Juden Jude?)

Der Holokaust hat die Menschen in ihrer Menschlichkeit verunsichert. Er darf um der Wahrheit der Menschlichkeit willen nicht vergessen werden.
Für die jüdische Religion ist er ein ähnliches Problem wie der Tod Jesu für dessen Jünger: Das Verständnis von Gott und Mensch ist gebrochen. Die Erwählung ist Berufung zur Bescheidenheit.

Der Schock des Holokaust ist Grund für eine vertiefte Theo-, Hamartio- und Anthropologie. Rubenstein hat gezeigt: Gerechtigkeit, Schuld und Strafe sind keine theologischen Begriffe. Stattdessen Chaos der Ordnungen; Berufung zu (in je seiner Vielfalt einmaligem) Exemplar-Sein und dessen Verantwortung. ("Exemplar" ist man neben anderen, "Repräsentant" ist einer für andere.)

Die Selektion im jüdischen Stetl geschah durch Heiratsgenehmigung. Wer erlangt sie? Der Clevere. Die Christen haben unter den Juden eine darwinistische Zuchtwahl getrieben, vor denen ihnen dann selbst Angst wurde.

Die rabbinische Orthodoxie stagnierte unter der ständigen Not. Innovation gab es nur als Auslegung heiliger Texte.

Nach R.Rubenstein war das orthodoxe Rabbinat ein zwischen Jochanan ben Zakkai und dem römischen Sieger nach dem Fall Jerusalems im Jahre 70 geschlossener Kompromiß, der dem Judentum ein Überleben ermöglichte, – ein Servitut, dem sich die Juden erst in der Neuzeit unter großen inneren und äußeren Widerständen und Rückschlägen entwinden konnten.

Das Reformjudentum (David Friedländer mit den Gedanken von Moses Mendelssohn) kam auf erst mit der Emanzipation.

Der Messias, der pünktlich weissagungsgetreu gekommen ist, aber als Bettler vor den Toren Roms an der Straße sitzt und für die Sünden seines Volkes büßt, ist eine antichristliche jüdische Parallelphantasie, aber ernste theologia crucis, möchte man sagen. Unbegreiflich, daß Luther (1543) sie für Hohn hielt.

Das Schicksal des jüdischen Volks muß nicht nur Angst, sondern unheilsschwangere jüdische Ressentiments hervorgebracht haben! Die jüdische Eschatologie wartet wie die christliche auf den Tag der Rache. Seit Tacitus redet die Judenpolemik von dem jüdischen odium generis humani. Ein so gewichtiges, echt tragisches Schuldproblem wird perenniert, wenn nicht offen darüber nachgedacht werden kann. Es ist aber wohl noch zu affektbesetzt – eine chronifizierte Sozialphathologie.

Die liberal-jüdische Transformation der Erwählung in die Berufung zur Vorbildlichkeit ist vermessen.
Rubenstein hingegen vermeidet mit dem Thema Erwählung ein anthropologisches Grundproblem.
Israel ist das größte Lehrstück der Weltgeschichte zum Thema Narzißmus.

Antisemitismus ist weltgeschichtlich ein selbstverstärkender Prozeß. Im Antisemitismus kann man, je länger desto besser, als Projektionsfigur für das verhaßte Böse, ein bereitliegendes Omega*-Klischee benutzen.
Das kann nicht ohne Folgen für die Eigenart der Juden bleiben.

Reichsbruderrat, Ein Wort zur Judenfrage, Darmstadt 1948: Holokaust göttliche Strafe.

Der normale Jude kann kaum normal sein. Er hat hauptsächlich lebensgefährlich trügerische Pseudo-Normalität kennengelernt.
Mitmenschlichkeit ist universell, aber wenig tragfähig und unverläßlich. Das kommt immer wieder erschreckend an den Tag an Stellen, wo keine zusätzlichen (nationalen, religiösen, familialen) Verbindlichkeiten bestehen.

Roosevelt rief für den 6.-15. Juli 1938 eine Konferenz zur Regelung von Einwandererquoten für Flüchtlinge in fremde Länder nach Evian zusammen. England verlangte Ausklammerung der Palästinafrage und Vorsitz des Flüchtlingskomitees für einen notorischen englischen Antisemiten. Nur Trujillo erklärte sich bereit, Flüchtlinge aufzunehmen.

Alle Menschen sind von früh an durch ihr Milieu geprägt – begünstigt und geschädigt. Verdienst und Schuld sind deshalb nur in verengtem Problemhorizont befriedigend zurechenbar.
Israel hat, in Bezug auf sein eigenes Schicksal, die Frage nach zurechenbarer Schuld vor Gott, also in weitestem Problemhorizont, in wohl einzigartiger Schärfe gestellt. Als fromme Juden haben die frühen Judenchristen mit Furcht un Zittern (später, weniger angefochten, auch die Heidenchristen) die Katastrophen Isaels der Jahre 70/71 und 135 als Strafe verstanden. Die Umwelt der meisten Juden wurde christlich; die Juden wurden entsprechend schlecht behandelt. Sie wurden natürlicherweise milieugeschädigt. Nur wenige konnten das Schicksal (nach dem berühmten Wort des Meisters Eckehart: „Das Leid ist das schnellste Tier, das den Menschen zur Vollkommenheit trägt“) zur eigenen Reifung verarbeiten, – unter Anleitung ihrer Heiligen Schriften vielleicht mehr als Heiden, die vergleichbares Unglück getroffen hat.
Das setzte sich fort in einer jahrtausendelangen Geschichte der Polarisierung.
Da man sich in der Not (und auch ohne Not) immer noch, zur Heiligung tierischen Verhaltens, gern auch der Religion erinnert, ist kein Ende abzusehen.

Unrecht produziert Ressentiments. Wo monströse Schuld vorliegt, ist der Wunsch nach Rache natürlich – wie unfein, wie inhuman das immer sein mag. (Was heißt in der Geschichte des jüdischen Volkes „menschlich“?! Die manifeste Inhumanität der Mächtigeren hat nach Kräften den Juden inhumane Gefühle eingebleut.) Chuzpe, Respektlosigkeit und die Vorurteilslosigkeit, welche so viele Juden zu Pionieren der Neuzeit gemacht hat, sind mehr oder weniger sublime Andeutungen des angesammelten zerstörerischen Potentials.
Das müssen die Christen den Juden zugute halten und das muß eines Tages offen ausgesprochen werden dürfen! Zwar haben schlechte Eltern kein Recht, ihre Kinder anzuklagen. Aber keine Sprachregelung und kein Verhaltenskodex kann Schuld und Ressentiment beheben. Die Heuchelei der political correctness ist ekelhaft und auf die Länge kontraproduktiv. Sie kann Konflikte bestenfalls hinausschieben in Hoffnung auf eine derzeit noch fehlende Kreativität – ratlos subjektiv ausgedrückt: Kreativität von Gott, Hoffnung auf Gott.
Das transzendiert die Größenordnung des Freudschen Therapieziels, Aggression in Arbeit zu sublimieren.

Nach ihrer völlig aus dem Rahmen der Normaltät fallenden Geschichte ist es schier ein Zeichen von Normalität, wenn Juden verrückt sind. [46]
Die Geschichte der Zigeuner ist m.W. nicht so chaotisch, aber ebenfalls unglücklich. Und manche Zigeuner empfinden ein Recht, gegenüber der alt eingesessenen Bevölkerung kriminell zu sein. Wenn sie es nicht sind, sind sie vermutlich wertvollere Menschen als die Normalbürger.

Das Judentum hat eine besonders eigenartige Geschichte. Einem Juden ist infolgedessen unter normalen Umständen seine Geschichte als Fremdkörper bewußt­seinsnäher als seinen nichtjüdischen Mitmenschen (diese waren davon nicht so stark betroffen). Das wirkt sich immer befremdend, zeitweise quälend aus, und es ruft Vermeidung und Abwehr wach – ein Teufelskreis.

Emigrantenkinder haben Eltern in chronischer Angst gehabt. Oft bestimmten dann die Geschlechterrollen das Verhalten am Scheidewege: Während die Söhne in der Fremde, sozusagen mit zusammengebissenen Zähnen, ein neues Leben anfingen, blieben die Töchter der Welt der Eltern verhaftet.

Wegen ihrer historisch bedingten, kritischen Distanz zur jeweiligen gesellschaftlich konstituierten Wirklichkeit ihre Gastvölker ("religiöse" Unterschiede) haben die Juden insgesamt, über die ganze Breite der Geschichte, mehr Unglück. Aber das gabelt sich außerordentlich: Es gibt ungewöhnlich viele sehr unglückliche und ungewöhnlich viele sehr glückliche Judenschicksale! Das Mittelfeld ist ausgedünnt.
Die beiden Extreme ziehen natürlicherweise die Aufmerksamkeit an und erregen Neid bzw. Mitleid. Beides wird pauschal allen Juden entgegengebracht, und zwar von Nichtjuden direkt in dieser Form, von Juden als identifikatorische Selbstgefälligkeit und Mitleid.

Jeder ist einzig, und jeder hofft, im Spiel der Zufälle nicht schließlich zu verlieren, sondern endlich zu gewinnen; die Erwählung [47] im biblischen Sinne ist eine Einengung des Problems der Einzigkeit in den Schematismus eines Konstantsummenspiels*.
Das Alte Testament ist eine Beispielerzählung zum Problem der Einzigkeit; Judentum einerseits, Neues Testament und Christentum andrerseits sind die beiden Zweige der weiteren Geschichte, die mit einander die Erwählungsidee relativieren und die Einzigkeit tiefer verstehen lehren. Eben dazu sind sie erwählt.

Daß das religiöse Erbe Israels (mit seiner Thematisierung und paradigmatischen Antwort auf die allgemeinmenschliche Frage How to be special) auch ethnisch anderen Menschen zugänglich wurde, war zur Zeit des Paulus, gewiß umstritten, aber schon im Gang [48] und konnte nicht ausbleiben. Das Christentum hat es nur beschleunigt und gestaltet.

Die Juden sind, wegen ihrer Geschichte und wegen der Geschichte der anderen mit ihnen, je länger desto weniger ein Volk wie jedes andere, – noch weniger als jedes andere! Die uralte Verheißung war verhängnisvoll verführerisch. Immer wieder nur um den Preis von so etwas wie der Kreuzigung Jesu kann (!) sie zum Segen werden.

Die großdeutsche Judenvernichtung geht, als Offenbarung dessen, was im Menschen steckt, alle an. Das Milgram-Experiment gehört dazu.

Der Mensch fragt bei großen Ereignissen nach Ursachen. Im Rahmen einer Gerechtigkeitskosmologie ist Unglück Strafe; man fragt nach Schuld. Im Rahmen einer streng monotheistisch-kosmologischen Gerechtigkeitstheologie war die Versuchung, den Fall Jerusalems im Jahre 70 als Strafe Gottes zu deuten, groß; auch die Juden sind ihr erlegen. Sie ist im Alten Testament (in größter Breite 5Mose 28,15-68, Schrecken von Holokaust-Dimensionen) vorgezeichnet. Den Christen galt er als Strafe für die Verurteilung Jesu durch die Juden.

Der Antisemitismus wuchs mit dem durch den modernen Kapitalismus beschleunigten gesellschaftlichen Wandel, – dem in der Tat vieles lang bewährte Gute zum Opfer fällt, bevor überzeugendes Neues dasteht.
Das Ressentiment konzentrierte sich auf "den Juden" als Symbol des Zersetzenden und wurde zu einer neuen dualistischen Religion. Gott und Teufel kann man nur fühlen, ihr Wesen prophetisch entschlüsseln und die Forderungen der „Vorsehung“ verkündigen. Ein blutiger Spuk.

Gott, der Allmächtige, ist Symbol für die unübersehbare Fülle der nächsten und weiteren Möglichkeiten – besonders der menschlichen Weiterentwicklung.
Israel kannte Gebote Gottes für alle Menschen (Gen-pool) und Gebote für die eigene partikulare Rechtsgemeinschaft. In Israels unglücklicher Geschichte entwickelten sich letztere teils zu einem Ritualgesetz. Das alttestamentliche Gesetz repräsentiert aber im Großen und Ganzen, den augenblicklichen realen Interessen des Individuums gegenüber, die wohlverstandene Forderung der Gesellschaft – und, dieser gegenüber, die Interessen des Gen-pools.

Das monarchische Gottesbild gehört zum Kostbarsten, was die Menschheit je hatte.
Es bekam, wie sich viel später zeigen sollte, seinen entscheidenden Knacks beim Tod Jesu. (Rabbi Elisa ben Abuja, ein persönlicher Freund der großen Rabbinen Aqiba und Mëir, fiel in der Hadrianischen Verfolgung, als Augenzeuge des Martyriums eines verehrten Kollegen, vom Glauben ab.) Die Nachwirkungen des Gotteszeugnisses Jesu überblendeten diese Krise nachhaltig zunächst mit Ostererlebnissen.
Es folgte die Umarbeitung des Gottesverständnisses in eine Trinitätslehre. Diese Konstruktion verlor seit der Reformationszeit zunehmend an Boden. Die Krise brach Mitte des vorigen Jahrhunderts aus und fand dann durch den lutherischen Pfarrerssohn Friedrich Nietzsche prophetischen Ausdruck mit wachsender Resonanz.
Im Judentum führen die breite messianische Bewegung des Sabbathai Zwi, dessen Konversion zum Islam, sodann die (an christlich-dogmatische Denkfiguren gemahnende) theologische Verarbeitung dieser Enttäuschung und endlich die manifeste moralische Entartung der Bewegung, zu einer breiten Säkularisierungswelle.
Die Erschütterung durch den Holokaust hat, vergleichbar mit der christlichen Reaktion auf den Tod Jesu, eher eine paradoxe Wirkung gehabt.
Heute entdecken Christen im jüdischen Volk so etwas wie ältere Brüder. In deren Glaubensgeschichte gehören ja schon mehrere Enttäuschungen. Und diese haben die meisten von ihnen in die gleiche Richtung weitergewiesen wie die ersten, die der Schock der Kreuzigung Jesu aus dem synagogalen Konsens hinausstieß.
Tragischerweise haben die Christen schnell ihrerseits eine anfechtungsfeste Orthodoxie aufgebaut, die zwar der völkischen Basis entraten konnte, aber eine zivilisatorische und gesellschaftliche Rolle und dann auch staatliche Basis bekam, die erst in der Neuzeit allmählich wegbrach.
Nicht die Synagogen und Kirchen, sondern die Frucht jüdischer und christlicher Trauerarbeit*, welche Kirchen und Synagogen nicht leisten können, ist heute noch ein Segen, der im Westen auch auf das kirchliche Denken vertiefend zurückgewirkt hat, – eine zivilisatorische Führungsmacht! (Die Ostkirchen haben in ihrer Rechtgläubigkeit die Trauerarbeit, die das Leben verlangt, als Kollektiv bislang strikt verweigert.)

Die Kirche erkennt sich in Israel als einem Symbol ihrer eigenen Existenz.

Die Geschichte des Judentums in der Family of men ist nur nach der Logik der systemischen Familientherapie zu verstehen.

Das Judentum hat seine Frustrationsaggressionen in der verheißungsvollen Selbstbestrafung des Gesetzesgehorsams untergebracht.

Das Christentum ist sensationeller als das Judentum, weil es durch die Verkündigung der Auferstehung Jesu die Apokalyptik integrierte, die das Rabbinat ausgeschieden hat.

Nach allem, was den Juden widerfahren ist, kann man bei ihnen nicht das soziale Urvertrauen voraussetzen, das eine „allgemeine Gesetzgebung“ ( sensu Kant) allererst verpflichtend machen könnte. Sie sind, als Marginale, geprägt durch die Erfahrung der chaotischen Randphänomene der real existierenden Rechtskulturen. Diese stimulieren die Entwicklung von einerseits Asozialität und anderseits höchster Kultur.

Was hat Gottes Volk aus allen Schicksalsschläge gelernt? – : Daß es sich Illusionen gemacht hat! Zum Kummer seines Lehramtes, ist es nüchtern und skeptisch geworden.

Das jüdisch-christliche Dilemma der Auslegung des Alten Testaments ist theologisch und religionsphilosophisch ernst. Es gibt heute christliche Exegeten, die die christologische Orthodoxie ersetzen durch fetischistische Inanspruchnahme des „Volkes Israel“ (was immer das wäre. Intern tobt auch hier ein Erbfolgestreit). Es geht aber, im Nebeneinander der beiden Zentralsymbole Volk bzw. Jesus, paradigmatisch um das Problem der Fetischisierung von Symbolen und damit um das Verhältnis von Wahrheit und Existenzsymbolik.

Nationale (entsprechend auch familiale) Selbst-Idealisierung sagt: Wir sind das auserwählte Volk.
Schon das Alte Testament setzt eine Menge Fragezeichen hinter das daraus folgende „Wir sind von Geburt OK“.

Das Schicksal des modernen Israel ist die Realisierung einer Illusion (Verheißung des Landes). Deren Rationalisierung hat zu Wahnbildung geführt. Das verheißt Unheil.
Zur Zeit Jesu fand Ähnliches statt.

Das Judentum ist ein wild chaotisches Phänomen sensu Mandelbrot: die Extremwerte überwiegen die mittleren bei weitem. (Das macht die "Judenfrage" in der Tat gemeingefährlich. Die andern Völker müßten mit den Juden umgehen wie mit einem marginalisierten Familienmitglied.)

Das Judentum ist, als berechtigte Trotzreaktion, aus Niederlagen einer humanitär fortschrittlichen, ja richtungweisenden Nationalreligion entstanden. In der Zerstreuung wurde der Kampf ums Dasein immer wieder verschärft; Solidarität wurde zum Überlebensgebot für alle. Abgrenzungsprobleme gegenüber den andern Völkern verstärkten sich selbst. Kulturelle Identität, ein unerläßliches Anliegen jeder Kultur, wurde verabsolutiert und zur überwertigen, lebensfeindlichen Idee.

Das Überlegenheitsgefühl der zu Höherem Berufenen, Auserwählten, hat das Christentum in allen seinen Spielarten aus dem Judentum, und der Amerikanismus und der Nationalsozialismus aus dem Christentum übernommen.

Das Christentum war die beste „real existierende“ religiöse Lösung des Judentums.
Auch die Emanzipierten verteidigen die Synagoge nach außen als eigenes Identitätssymbol, – gegen oberflächlichen Wechsel zu neuen (christlichen) Symbolen der Hoffart völlig zu Recht.

Nicht nur das alte Israel, nicht nur Jesus, sondern auch die heutigen Juden sind Zeugen dessen, wie es einem mit unserem Gott, dem Gott Israels, geht. So gehören sie in die Offenbarungsgeschichte unseres Gottes.
So hat Paulus ausdrücklich auch die Ungehorsamsgeschichten des Alten Testaments seinen Christen ins Stammbuch geschrieben (1Kor 10,1-13).

Das gesetzestreue Judentum hat, als Volk, Jesu Weg der Treue ins Chaos gehen müssen.

Der Begriff der "Banalität des Bösen" ist eine reife Frucht der Entwicklung der biblischen Religionen, konzipiert von einer Jüdin (Hannah Arendt).

Israel war ein geeigneter Nährboden des Christentums. Schon hier war die Erfahrung von Gottes Zurückhaltung bescheiden bedacht und zur Sprache gebracht worden.
Die christliche Lehre von Gottes Offenbarung in einem Gekreuzigten fand im Judentum aber erst nach dem Zusammenbruch des jüdischen Widerstands unter den Römern im Jahre 70 breitere Aufmerksamkeit.
Das Christentum triumphierte – und vergaß weithin den Sinn seiner Besonderheit. Stattdessen wurde die theologische Einsicht, die das Christentum ausgezeichnet hatte, im unterdrückten Judentum weiterentwickelt. Im Gefolge der Vernichtung des spanischen Judentums (so Gershom Scholem) entwickelt Isaak Luria die Lehre von der Schöpfung dank eines raumgebenden Rückzugs Gottes.
Heute, im Niedergang der institutionalisierten biblischen Frömmigkeit in Europa, bekommt der Lurianische Gedanke im Christentum Resonanz und hat mir die Idee von der Bescheidenheit Gottes nahegelegt.

Nahum Goldmann (Paradox) zufolge, erfanden die Juden, zur Sicherung ihres Selbstwertgefühls, die Rationalisierung: Unsre Peiniger sind „eine minderwertige Rasse“!

Judentum ist die Selbstsakralisierung eines Volkes,
säkularisiert: Berufung zur kulturellen Führung (so Fritz Strich, Nahum Goldmann).

Reifung des primären Narzißmus: Rückkehr der would be auserwählten Gotteskinder in die Welt via Jesus (et homo factus est) und Heiligen Geist. Auch der christliche Glaube hofft in der prekären Allerwelts-Kette der kleinen Hoffnungen und versteht diese als Geschenk des Schöpfers. Immer wieder schmerzlicher Schluss mit der imaginären Herrlichkeit.


Inhalt

I. Zur Kulturgeschichte des Narzißmus 1

A. Das alttestamentliche Erbe 1

B. Judentum 2

1. Realgeschichtlich 2

2. Ideologisch 2

C. Magie 3

1. Allgemein 3

2. Soziologisch 5

3. Psychologie 6

D. Christentum 7

1. Jesus 8

2. Osterglaube 9

E. Nachgeschichte 9

1. Kirchen und Synagoge 9

2. Säkularisierung 9

II. Zusatz zum Arbeitsblatt "Altes Testament". 11

III. Das Erbe des eifersüchtigen Gottes 13

A. Historisches Urteilen 13

B. Der religiöse Kern 15

C. Das theologische Kernproblem 18

D. Theologische Folgerungen 18

IV. Jüdische Traditionen 22

A. Apokalyptik 22

B. Gnosis 22

C. Rabbinat 23

V. Notizen 25

VI. Inhalt 37



[1] . Siehe Morton Smith, Jesus the Magician, 1978. S. 114: "This suggests that magical deification may have been unu­sually prominent in Jewish tradition (as exorcism seems to have been)."

[2] . Etwas später und nicht in solcher Breite wichtig wer­dend, auch die Gnosis. - Zu Apokalyptik, Gnosis und heid­nischer Magie vgl. die entspr. Kapitel in meinem Buch Ur­sprung und Wesen der christlichen Seelsorge, München 1985.

[3] . Der Magier sowhl wie der Apokalyptiker hat eine spe­zielle Beziehung zum höchsten Gott.

[4] . Gerhard von Rad spricht von "Eiferheiligkeit".

[5] . Das Subjekt-Prädikat-Schema ist ein anthropologisches Universale!

[6] . Josephus, Der jüdische Krieg, sollte mehr gelesen wer­den.

[7] . Vgl. Röm 2,19.

[8] . Gershom Scholem, Die jüdische Mystik in ihren Haupt­strömungen, 1957.

[9] . "Hier wird der Chassid der wahre Herr der magischen Gewalten, der, weil er nichts für sich selber will, alles erlangen kann." Scholem S. 107f.

[10] . Trotz der auf dem Buchdeckel der Ausgabe von 1981 ab­gedruckten Empfehlung von Hugh Trevor-Roper!

[11] . Wer auf solcher Basis ein Buch schreibt, muß sich der engen Grenzen bewußt sein, die damit der Tragweite seiner Ergebnisse gezogen sind. Er begibt sich der Möglichkeit, Qualitätsunterschiede angemessen zu berücksichtigen!

[12] . Das Sacrificium intellectus dient der Identifikation (vorzüglich mit einem Toten), eine zunächst neurotische Denkhemmung, die dann, besonders unter sozialer Verstär­kung, zur Charakterformation werden kann.

[13] . In diesem Sinne ist auch jede Erfindung und jede wis­senschaftliche Entdeckung zunächst ein Wunder. Die Öffnung der Gesellschaft für wissenschaftliche Forschung (oder gar deren aktive öffentliche Förderung) ist riskant und ver­steht sich nicht von selbst. Die Moral der Wissenschaft ist bis heute ein beunruhigendes Thema.

[14] . Siehe die Äußerungen des berühmten klassisch-römi­schen Juristen Iulius Paulus aus dem 2. Jh.: Sententiae receptae Paulo attributae, XXI und XXIII,15-18 in: J.Baviera, Fontes iuris romani anteiustiniani, II: Aucto­res, Florenz 1940. Bei M.Smith S.75f.

[15] . The Analysis of the Self, 1971, dt. Narzißmus, 1973.

[16] . Kultur bedeutet unter anderm Umsicht. Wehe dem Volk, das Barbaren (auch barbierte) dazu bestellt, es zu führen (wenn auch nicht jeder kultivierte Mensch Führungsqualitä­ten hat).

[17] . Ein von Smith "um des Reimes willen" ignoriertes Cha­rakteristikum.

[18] . D.h. im Rahmen des sonst Bekannten und ohne ad-hoc-Hypothesen.

[19] . Schon dieser Ausdruck verführt zu wahnhafter Reïfi­zierung.

[20] . Man kennt so etwas von gewissen Paranoikern wie Hit­ler.

[21] . "Krieg hat Jahwe mit Amalek von Geschlecht zu Ge­schlecht" (2.Mose 17,16), ist eine aus dem ältesten Israel uns durch den bibli­schen Kanon erhaltene Formulierung. (Un­sre eigenen Vorfahren lebten zu jener Zeit noch im Dun­kel der Prähistorie.) - Die Erfeindschaft gegen die Franzo­sen, die im wilhelmini­schen Deutschland den Kindern beige­bracht wurde, ist ein jüngeres, uns näherlie­gendes Bei­spiel.

[22] . Eine perennierende moralische Unterwerfung ist weniger stabil.

[23] . Zu unterscheiden von moralischer Unterwerfung! Hier scheint mir in Deutschland oft eine Verwechslung stattzu­finden. Und diese führt dann unversehens zu antisemitischer Empö­rung.

[24] . Trotz ihrer theologischen Schwächen ist davon die 1980 erschienene, vom Präses herausgegebene "Handreichung für Mitglieder der Landessynode ... in der Evangelischen Kirche im Rheinland" Nr 39, "Zur Erneuerung des Verhältnisses von Christen und Juden", ein ernstes, sehr dankenswertes und nützliches Dokument. Es zwingt (wohl noch tiefer als beab­sichtigt!) zur Revision des Selbstverständnisses der Kir­che.

[25] . Theologie des Alten Testaments, Bd. I, 1957, S. 203ff.

[26] . Verehrung nur eines Gottes, - gegenüber der Überzeu­gung, daß es nur einen Gott gibt (Monotheismus).

[27] . Zur komplizierten Geschichte dieser Entscheidung siehe Dan Diner, Nach 40 Jahren: Israel in der Wüste, in: Babylon. Beiträge zur jüdischen Gegenwart, Heft 4, 1988, S. 7 -23.

[28] . Auch Juden ziehen immer wieder die Parallele zwischen der Passion ihres Volkes und derjenigen des Hauptes der Kirche. Ich nenne nur Emanuel Lévinas.

[29] . Die Verschärfung der Beurteilungsmaßstäbe gegen­über Christen ist gemäßigt infolge dessen, daß hier, über die Proklamation der menschlichen Verantwortlichkeit hinausge­hend, das menschliche Scheitern in der Verantwortlichkeit proklamiert wird.

[30] . G. v. Rad a.a.O.

[31] . Textes d'auteurs grecs et romains relatifs au juda­isme, Paris 1895, Hildesheim 1963.

[32] . Am Messias-Mord bekennen sich alle Glieder der christ­lichen Gemeinde schuldig, die glaubt, er sei "um uns­rer Sünden willen" gestorben. Die Abwälzung dieser Schuld und ihre Lokalisierung bei den nichtchristlichen Juden war al­lerdings eine, wenn auch unchristliche, so doch ur-eigene Idee der sich als neues Gottesvolk etablierenden Kirche. - Mag diese Beschuldigung immerhin ursprünglich ihren Ort in gutgemeinter Missionsrhetorik bußprophetischer Tradition gehabt haben; sie hat sich davon gründlich emanzipiert!

[33] . Vgl. mein: Ursprung und Wesen der christlichen Seel­sorge, 1985.

[34] . Ich erinnere an die Schauergeschichte vom Märtyrertod der sieben Söhne und ihrer Mutter 2.Makk.7.

[35] . Fröhliche Wisssenschaft (1882) Nr.125.

[36] . Gerade, was die Judenfrage betrifft, wird man mir kaum widersprechen.

[37] . Vgl. oben Teil II. - Über deren Begründung in Gott siehe meine Gottes­lehre. Eine pastorapsychologische Zu­spitzung, ThLZ 113 (1988), Sp. 865-872

[38] . Ich möchte mit der Aufnahme dieser Vokabel den Streit um die "Enterbung" Israels zugunsten der Kirche in ein pau­linisches Licht rücken.

[39] . Man erinnere sich hierbei an die Langsamkeit der Ent­wicklung Luthers als theologischen und kultischen Reforma­tors.

[40] . Heute zittern wir um die Revision des Verhältnisses des kommunistischen Machtapparats zu den Völkern des russi­schen Imperiums.

[41] . Dazu Nathan Glazer, American Judaism, Chicago 1957, bes. das Kapitel über The Religion of American Jews.

[42] . Renate Köcher, Religiös in einer säkularisierten Welt, in: E.Noelle-Neumann/R.Köcher, Die verletzte Nation, 1987, SS. 164-282.

[43] . Leitung Fr.J.Kerkhofs S.J., Louvain.

[44] . Daß uns heute, auf der Folie des Islam, die an biblischer Tradition orientierten Religionen auch als Momente politischer Moral wieder mehr Respekt zu verdienen scheinen, ist doch eher dem griechisch-philoso­phischen Erbe (es hat auch das Judentum tief beeinflußt) des Abend­landes als dem spezifisch biblischen zuzuschreiben.

[45] Diese Freiheit ist eine Variante der jüdischen Freiheit im Umgang mit dem Alten Testament.

[46] „Wer über gewissen Dingen den Verstand nicht verliert, der hat keinen zu verlieren.“ Lessing, Emilia Galotti, IV/7 und V/5

[47] Vgl. „Das Los ist (durch Gottes unerforschlichen Ratschluß) mir gefallen aufs Liebliche“ (Ps 16,6). Ohne den starren Rahmen einer Alternative zeugt doch von einer ähnlichen Zuversicht auch etwa das von Plutarch überlieferte Wort Caesars (noch im Kampf gegen Pompeius) an den auf stürmischer See verzagenden Bootsmann: „Du trägst (φέρεις) Caesar und sein Glück (τύχην)!“

[48] Der Status der „Gottesfürchtigen“ (welche Teile des mosaischen Gesetzes, oft die sog. „noachitischen Gebote“, halten) wurd im palästinensischen und hellenistischen Judentum und Christentum diskutiert.