Thomas Bonhoeffer


Kirchliche Existenzsymbolik (2009)

Einleitung

Ich rede über das Christentum tendenziös: teils predigend auslegend, teils (säkular „predigend“) das real Existierende im Kontrast zur Selbstdefinition beschreibend.

Wie alle Symboliken, vereinfacht (und also verzerrt) auch die christliche Symbolik die Wirklichkeit. Deshalb brauchen wir daneben manche andere Symbolik mit ihrer konkurrierenden Verzerrung.

Existenzsymbole sind prägnante Ausdrucksformen von Existenzverständnis. Um sie zu verstehen, muß man zunächst ihre – immer subjektive und personal beanspruchende – Selbstauslegung in der Objektsprache hören. Dann erst kann man hoffen, sie mit Gewinn philosophisch, psychologisch usw. metasprachlich zu erklären.
So redet auch die folgende Erklärung christlicher Existenzsymbole in der Regel zunächst christlich und versucht dann, zu objektivieren.

Existenzsymbolik dient Einzelnen und Kollektiven zur Sammlung. Sie ist aber kein Instrumentarium, sondern ein unberechenbares Geschehen.

Das Christentum ist eine Religion, d.h. eine Existenz-Symbolik. Es ist eine Menge hauptsächlich verbaler Symbole, die mehr oder weniger mit einander zusammenhängen; ein Symbolsystem schwankender Kohärenz, das sogar härteste Widersprüche enthält.

Die Bibel bildet den zentralen Bezugspunkt. Nicht ein bestimmtes konkretes Buchexemplar, aber doch eine recht bestimmte, quasi identisch auf Papier, in menschlichem Gedächtnis und in Schallwellen umkopierbare Informationsmenge. Zentraler Bezugspunkt individuell verschiedener Vorstellungen ist die historische Gestalt Jesu als Offenbarung Gottes.

Die Symbolik einer Religion ist im Normalfall getragen von einem Kollektiv. (Sogenannte Privatreligion ist nicht eine andere Art Religion, sondern eine moderne, prinzipiell selbstverantwortlich-kritische Art der Teilhabe an religiöser Tradition.) Das Kollektiv ist seinerseits beseelt durch die Symbolik. Kohärenz stärkt die Symbolik; deshalb tendiert das tragende Kollektiv zu Organisation, Verfassung und Lehrbildung.

Ein Symbol ist Quid pro quo. Über der Handlichkeit des Symbols gerät die existentielle Entsprechung, das eigentlich Gemeinte, das gesammelte Selbstprüfung verlangt, leicht aus dem Blick. Das Symbol bleibt dann im Schwang, wird aber unvermerkt immer sinnloser. Das passiert insbesondere dann, wenn sein Gebrauch institutionell abgesichert ist. Wenn nur noch Bruchstücke der institutionalisierten Symbolik lebendig sind, so machen sie sich selbständig.

Die Frühphase der Religion ist gesamtgesellschaftlicher Traditionalismus der Lebensregeln in Natur und Gesellschaft.

Die christliche Weiterentwicklung des Monotheismus ist Höhe- und Wendepunkt der Religionsgeschichte.

Das europäische Christentum wird nicht spurlos verschwinden. Es geht dreispurig in die Zukunft:
1. Die breiteste, längst befahrene Spur ist der Weg der Öffnung: Es wird, aus einer Religion, zu einer gruppen- und person-unabhängigen, jedoch chaotisch situationsabhängigen religiösen Symbolik als Ferment von Humanität.
2. Kirchlichkeit: traditionalistische Subkultur, der Residualzustand von Religion. Die Tradition allerdings hat es in sich; es können da immer wieder Funken herausfliegen.
3. Integrismus: aussichtslose kulturpolitische Rechristianisierungsbemühungen können nicht ausbleiben.

Die hier folgenden Notizen wollen christliches Traditionsgut im Sinne der erstgenannten Entwicklungslinie aufschließen.

Vertrauen in die göttliche Macht, die vor dem Tode errettet, ist uns, aufgrund von Zuchtwahl, angeboren und ist dem noch lebenden Subjekt durch seine Biographie bestätigt. Das Evangelium von Schöpfung und Vergebung ist dafür ein Repräsentant im symbolischen Register.

Der Schöpfer persönlich

Komm zu Gott und komm in Frieden zurück!

Die Aufforderung des Paulus an die Philipper (2, 12), die eigene Rettung/σωτηρία/Heil zu schaffen (κατεργάζεσθε), ist eine paradox zugespitzte Charakterisierung der Situation: Alle Kräfte sind im Einsatz; „denn Gott wirkt in euch“ (v.13)! Der Imperativ artikuliert die Dynamik des Schöpfers, der seine Gemeinde begeistert.

Der Anfang des Christentums war geprägt durch die (einer verbreiteten Zeitstimmung entsprechende) Naherwartung der geweissagten Schrecken des wohlverdienten Endes der alten Schöpfung, – welchem der neue Äon folgen sollte.
Bei Jesus hatte man den gottgeschenkten Neuanfang schon jetzt erlebt. Das Ende Jesu am Kreuz war für seine Anhänger überraschend gekommen. Sein Geist schöpferischen Neuanfangs wirkte weiter – nun als das Jenseits im Diesseits.
Die Naherwartung des Weltgerichts ist vergangen. Geblieben ist, auf der Basis einer gründlichen Skepsis gegen alle weltlichen Gewißheiten, Aufmerksamkeit auf das, was Gott mit uns anfängt. So wurde das Christentum die Religion des Fortschritts.

Das göttliche Vorauswissen ist ein Stück kindlicher Allmachtsphantasie im Rahmen des kosmos-Glaubens. Als ideologisches Konstrukt schafft es mehr Probleme, als es löst. Der christliche Glaube braucht es heute nicht mehr.

Die Idee der göttlichen Seligkeit ist dem "reinen Lust-Ich" nachempfunden, das Freud dem Säugling zuschrieb. (Vgl. Hölderlin, Hyperions Schicksalslied: "Schicksallos, wie der schlafende Säugling, atmen die Himmlischen...")

Die klassischen Ideale der griechischen Philosophie – nicht nur das Gerechtigkeitsideal, sondern auch die Güte – sind als Gottesprädikate irreführend. Sie geben keineswegs Auskunft über Gott. Vielmehr steht ihre göttliche Bedeutung vor dem lebendigen Gott ständig zur Disposition.
Wir können manchmal, in Augenblicken der Ergriffenheit, die Güte des Allmächtigen bezeugen. Wenn wir dies aber als Gotteserkenntnis in eine andere Zeit hinein festhalten wollen, wird uns deutlich: Daß Gott gut sei, kann man sich und anderen glauben. Man kann es als Glaubenslehre überliefern und lehren. Und man kann danach leben. Aber Gottes Sein bezeugen kann nur Gott selbst, der Geist Gottes.
Wir sollen glauben und lernen, daß wir auch in dem, was uns als böse entgegentritt, den wahren Gott erfahren. So lernen wir in Gott die Abgründigkeit unseres Alltagswortes "gut" kennen. (Nicht erst unsere Psychologie, sondern schon die Bibel redet von Reifung als Aufgabe.)

Lebt Gott? ­– : Der lebendige Gott belebt; der schweigende Gott macht schweigen, – wie nach Luther die in Christus offenbar gewordene (!) Gerechtigkeit Gottes darin besteht, daß er uns durch den Glauben gerecht macht[1]. Der "lebendige Gott" ist der Vorstellungshorizont, in welchem wir gegebenenfalls die eigene eigentümliche Belebung durch den Gottesnamen erleben.

Die Schöpfer-Idee ist unser Ja zum Leben. Lebenswille ist Gottähnlichkeit. Dabei wird uns, wie Mephistopheles (Faust, 2050) bemerkt, bange.

Gotteserkenntnis und Selbsterkenntnis gehören zusammen. Beide sind wesentlich subjektiv. Wir können Gott und Selbst nicht nur nicht trennen, sondern nicht einmal sauber unterscheiden[2]. Der Versuch führt in eine chaotische Denkbewegung. (Man kann wohl überhaupt ein Ding von anderen vielleicht mit beliebiger endlicher Genauigkeit, aber nicht ganz sauber unterscheiden.)

Wenn wir Unglück erleiden, fragen wir nach der Ursache. Diese ist oft komplex, und es ist schwierig, aus dem Schaden klüger zu werden und angemessen zu reagieren.
Es besteht ein übermäßiges Bedürfnis, eine persönliche Ursache, den Schuldigen festzustellen. Ein Mensch oder mehrere, ein böser Geist? Das geht bis in die Theodizee-Frage. Schickt Gott das Unglück? Wir brauchen die Gottesvorstellung zur Entwicklung einer persönlichen Einstellung zum Schicksal.
Jedenfalls gibt es Unglück, in das wir uns irgendwie schicken müssen, um nicht wesentlich zerstörerisch zu werden, sondern schöpferisch bleiben zu können.

Wer den Rat des Allmächtigen begehrt, öffnet die Ohren so gut er kann. Wer den Herrn alles Geschehens sucht, ist umsichtig.

Das Wort des Allmächtigen verwandelt die Angst vor dem Allmächtigen in Gottesfurcht.

Gott als alleiniger Schöpfer bedeutet für den Menschen inmitten aller Weltmächte eine allein von Gott beschränkte, jeweils im Grund allein mit ihm abzustimmende Autonomie.

Gott ist größer als wir und unsere Welt. Erst mit Gott ist diese Welt eine abgeschlossene Menge.

Gott rät manchmal gebieterisch.

Ich kann nicht bezeugen, daß Gott gerecht sei, aber daß er sich mir als gut erwiesen hat.

Die Tradition nennt Gottes Unscheinbarkeit seine Erhabenheit, in welcher er sich verberge.

Gott weitet dem Bedürftigen den Horizont weit über die eigene Bedürftigkeit und gibt ihm unscheinbare schöpferische Weisheit.

Der Erfahrung der Kreativität des göttlichen Rats liegt die Vorstellung von Gott als Schöpfer nahe. Man empfängt eine neue Liebe zur Kreatur wie ein stilles Wunder, eine Gabe des Schöpfergeistes.

Die Gnosis bezeugt gegen den gewalttätigen Schöpfer, Erhalter und Gesetzgeber das göttliche Schweigen. Sie denkt beides dynamisch in einem Schöpfungszyklus zusammen.
Der wahre, bescheidene Gott aber ist allenthalben ganz gegenwärtig.

Gott hat Freiheit geschaffen und erhält sie und wünscht – formal gesprochen – freie hohe Integrationsleistungen. Worin die bestehen, das hängt fallweise von den Umständen ab und ist nicht in Regeln zu fassen, die man in Stein meißeln könnte. In diesem Sinne spricht er uns immer wieder an und berät uns.

Der Hungernde, der Gefangene von Mt 25, 35-45 als der Gottessohn selbst; auch der Mensch als "Bild Gottes" (1Mose 1, 27) – das sind erschreckende Blickanweisungen. Wer an der Weltordnung interessiert ist, versucht, diese Identifikationen zu limitieren: Der Mensch als "Entsprechung", "Gegenüber", Vizekönig Gottes; zu behandeln wie Jesus selbst. Das aber sind die Prädikate, und das Subjekt bleibt, auf der unserem gewöhnlichen Blick abgekehrten Seite, sozusagen zu Gott hin unabgrenzbar offen.
Aus jedem der Gesichter, die mir da schweigend in der U-Bahn gegenüber sitzen, blickt mich Gott an. Er grimassiert; Gott verbirgt sich hinter der Grimasse. Ich habe ein Mit­leid mit ihm, das ich ohne diese Blickanweisung nicht hätte. Der Mensch ist eine Maske, die Gott für mich trägt. Ja, plötzlich ist der ganze nackte Mensch, der mir da in seinen Kleidern gegenübersitzt, Mann oder Frau, Erscheinung, authentische Repräsentation, Bild Gottes für mich.
Wenn der Mensch mich aber anredet und ich mit ihm spreche, so sehe ich ihn nicht mehr als Bild Gottes; er ist mein Mitmensch, ein Gebilde wie ich. Um die mich entwaffnende Empathie durchzuhalten, müßte ich selbst eine göttliche Person sein.

Micha ben Jimlah sieht einen Lügengeist in den Propheten, die dem König Ahab Jahwes* Hilfe verheißen, – einen Lügengeist, zur Vernichtung Ahabs von Jahwe gesandt! (1Kö 22). Das war ein geistlicher Gewaltstreich! Micha hat allerdings mit seiner Interpretation die intrapersonale Widersprüchlichkeit Gottes interpersonal (Unterscheidung zwischen Jahwe und seinem dienstbaren Lügengeist) etwas entschärft, – wie 2Sam 24,1 (Gott befiehlt David zu sündigen) durch 2Chron 21,1 (Es war der Satan!) dramatisch entschärft wird.

Luthers Rede von „Masken“ Gottes ist eigentlich scheußlich. Sie zeugt von Unvermittelbarkeit von verschiedenen Gottesoffenbarungen, hauptsächlich präambivalenten* Identitätsproblemen.
Ist auch „Persönlichkeit“ eine Maske Gottes? – : Ja, es ist die Maske, in der der Schöpfer uns als Personen anerkennt.

Die Bibel thematisiert exemplarisch das menschliche Existenzproblem der Einzigkeit.
Nennt man den Gott Israels den einzigen Gott, so redet man eindeutiger als die Bibel. Man redet um soviel falscher, wie man genauer redet. Der besondere Gott mit seiner fluktuierenden Symbolik steht für den wahren Gott, – mit Paulus zu reden: für den Gott der gesegneten „Torheit“, den auch wir, erzogen durch treue Zeugen, bezeugen sollen.

Klassische christliche Theologie ist monotheistisch. Die den Kirchenvätern noch bewußte poytheistische Seite der Trinität ist in der Kirche verniedlicht. Die orthodoxe Trinitätslehre ist in traditionellen Monotheismus abgerutscht. (Die Person Jesu [3] war in der Gottheit verborgen gewesen und ist wieder darin verschwunden. Alles hat wieder seine Ordnung.)
Die christologische Zweinaturenlehre von 451 rettet, was in einer Reichskirche zu retten war: Die Sperrigkeit der menschlichen Natur Christi im Monotheismus wird festgehalten. Will man die Zweinaturenlehre loswerden, muß man die Trinitätslehre in Ordnung bringen.

Daß Gott-Vater Gott den Sohn zeugt, der wiederum dem Vater gleicht, ist ein vollständiger Rekursionsschritt*. Die Orthodoxie sagt: "Eine göttliche Person ist in der anderen." Die Rekursion ist nach dem ersten Schritt zunächst angehalten. Die Entwicklung der altkirchlichen Lehre von der Communicatio idiomatum[4] – radikalisiert bei Luther – sowie die Rede von der Weltlichkeit Gottes bei Dietrich Bonhoeffer zeigen, daß sie darüber hinaustreibt. Die Dreieinigkeit von Gott Vater, Sohn und Heiligem Geist ist nur eine kirchlich fixierte Momentaufnahme von Gott. Wir können den Unterschied zwischen Gott und Welt nicht festlegen. Der Heilige Geist ist Kreativität.

Karl Barth hat das kirchenkritische Potential der Trinitätslehre entdeckt – und entschärft. Er hat sie als Bevollmächtigung einer kirchlichen Verkündigung verstanden, die die Kirche kritisiert und legitimiert. Die Radikalität blieb rhetorisch – mit fundamentalistischem Effekt auf der institutionellen Ebene.

Gott kämpft gegen Gott, der vergibt. Gott, der vergibt, kämpft gegen Gott. Gott ertrinkt im Chaos. Man kann den Namen Gottes vergessen. Aber nun "hat" das Chaos "es in sich"; es ist noch chaotischer geworden. Es ist Gott geworden, jüngstes Gericht, Gesetz*; unpersönlich, ungerechtes Gericht nach Werken. Chaos fern vom Gleichgewicht* ist morphogenetisch; plötzlich grimmt dem Chaos ein Gott im Magen. Er kommt ihm wieder hoch.

These – Antithese – Synthese. Ich – der andere – das System. Selbstliebe – Haß – Liebe. Im Grunde: Gott – Gott – Gott.
Die göttliche Trinität impliziert die Chaotik des Spiels, – mit der moralischen Verpflichtung des Menschen auf seine jeweilige Evidenz. Das Wesen ( substantia) Gottes ist nicht abstrakt, sondern konkret-personal präsent. Gott hat immer auch noch ganz andere Weisen, in denen er präsent sein kann. Die Kirche hat wohl daran getan, dies zu lehren. (Tres personae – una substantia.)

Gott für alles verantwortlich zu machen ist naiv; es sei denn im Glauben an den Gott, der uns durch den Gekreuzigten in mitverantwortliche Gottheit berufen hat. (Dies ist der Sinn der Lehre vom Heiligen Geist.)

Gott, sagt die Bibel, liebt, fordert, straft – auch stellvertretend, quält, und ist endlich selbst als gequältes, mitleidendes Geschöpf offenbar geworden. Er, der Schöpfer selbst, ist der gehaßte, verachtete Zerstörer. (Jer 45)
Wir, als selbst ebenfalls häßliche, verachtete Zerstörer, sollen mit Gott leiden und so an der seltsamen, göttlichen Herrlichkeit teilhaben. Das ist das christliche Projekt: Ehre sei dem Vater und dem Sohn und dem Heiligen Geist.

Zeitlos-positionslos ist trinitarischer Gottesglaube unmöglich. Im dreieinigen Gott ist mein jeweils bestimmtes Selbst aufgehoben. Lebendiger Glaube aber ist wie das kleine Schachspielen gegen sich selbst, das in jedem Schachspielen enthalten ist: Nur jeweilig klare Grundposition bewahrt vor Irrsinn, vor „Gott“ als einem wilden Durcheinander von Vergebung und Kampf.

Die göttliche Trinität ist, kraft instabiler, einander ausschließender Identifikations­angebote (personae), eine Art Umwälzpumpe für menschliche Identifikationen.

Die Trinitätstheologie ist eine Symbolik, überwältigende Probleme durch „projektive* Identifikation“ sich vorerst vom Leibe zu halten.

Der dreieinige Gott sammelt den Zerfetzten.

Im Chaos der Gefühle rufe den dreieinigen Gott an. Er will dir seinen Frieden geben. Gott ist geduldig. Gott anerkennt.

Den vielen Erwartungen, die an einen gestellt werden und die man auch gutheißt, die einen aber aufzufressen drohen, muß man auch widerstehen. Die Frage nach dem persönlichen Willen Gottes kann helfen, die Forderung zu vermenschlichen.

Leben ist eingerichtet für eine "durchschnittlich zu erwartende Umwelt" (Heinz Hartmann); menschlich Leben ist Vertrauen. Christlicher Glaube vertraut nicht in diesem Sinne auf die schöne Ordnung der Welt; er vertraut im Chaos auf die abgründige Schönheit, die Wahrheit als das schöpferische Handeln des dreieinigen, selbst menschgewordenen Gottes.

Gott relativiert unser Nicht-sich-relativieren-Können.

Des dreieinigen Gottes Gebot: Vergebt einander, gegeneinander kämpfende Vergebungsheilsbringer zu sein!

Man soll sich sagen: Gott kämpft in mir und durch mich.

Gottvertrauen macht Mut zu ehrlicher Halbwahrheit. Aber der fromme Betrug entspringt dem gottlosen Mut der Verzweiflung.

Wer überall auf Gott horcht (nicht nur in sich selbst hinein und nicht nur in die Bibel hinein), den führt er einen guten Weg.

Liebe schickt in selbstentfremdende Tätigkeit, ins Kampfgetümmel für das, was man liebt. In solchem Kampf pflegt, zusammen mit der Lebenslust, auch die Gottesbeziehung unterzugehen. Aber Gott hat sagen lassen, wir sollten uns um seine Treue keine Sorge machen.

Anfälle von Scham treiben zu Gott, in dessen Vergebung ich mein Selbstbild entsprechend bearbeiten kann. Menschen (Freunde, Therapeuten) können Gott vertreten. Kirchenvertreter und Glaubensbrüder als solche können es in der Regel nicht, weil sie es müssen.

Gott zieht uns in sein Vertrauen, indem er enttäuscht.

Jedes Gottesverständnis – als All, Liebe, Jahwe, Dreieinigkeit, Größenphantasie, Vater Jesu Christi – kann die Wahrheit Gottes verstellen. (Luther hat die Temporalität des Wort Gottes wahrgenommen und früh darauf aufmerksam gemacht, daß aus lebendigem Geisteswort tötender Buchstabe werden kann. Es komme auf ständiges geistliches Fortschreiten an.[5])

Ex 3,14, die Offenbarung des Gottesnamens יהוה an Moses (in der Lutherbibel: „Ich bin der ich bin“), wird von den Hebraisten gern übersetzt: „Ich werde dasein, als welcher ich dasein werde.“ Die vieldeutige hebräische Relativpartikel אַשֶׁר ist hier – wie meist auch richtig – mit dem eindeutig persönlichen, deutschen Relativpronomen übersetzt. Das betont die Verheißung als eine Zusage von Person zu Person, ganz im Oberflächensinn der Erzählung – auf Kosten des typisch biblischen, theologischen Hintersinnes des Textes, der den Gottesnamen dem sicher bescheidwissenden Verfügen des Gottesvolks gerade entzieht.
Näher am Sinn dieses Textes ist das Modell deutscher Dialekte, die sagen können: „Der Mann, wo gestern hier war.“ In diesem Sinn wäre zu übersetzen: „Ich bin, wo ich bin.“ oder (auch temporale Bedeutung der Partikel ist belegt, zB 2Chr 35,20), den Entzug noch stärker betonend: „Ich bin, wann ich bin“, im Sinne von: „Die Zusage meines Beistandes hat keinen objektivierbaren Inhalt; ich interpretiere die Zusage meiner Anwesenheit selbst.“ Vgl. 1Sam 2, 30, wo Gott als strafender Richter solch eine Zusage stracks zurücknimmt!
Das ist das Gegenteil der neuplatonischen[6] Erklärung zum gnostischen Mythos: „Dies alles hat sich nie ereignet, es ist aber ewig.“

Gott ist die Wahrheit des Gottesnamens. Bisweilen straft sie ihn Lügen.

Grafitto in Bern: "Machs wie Gott, werde Mensch!"
Grafitto in Bochum: "God isn't dead, he is alive and well and considering a less ambitious project."
Die kirchliche Sprachtradition ist ausgelaugt; auch religiöse Sprache lebt vom gesamtsprachlichen Austausch gelebten Lebens.

Mit dem Gottesgeist über den Wassern, Gott über dem Chaos, fing, nach biblischer Vorstellung, die Schöpfung an. Über Gott und das Chaos vor dem Anfang haben wir nichts zu sagen. Besser als von dem Schöpfer sollten wir deshalb von Gott, dem schaffenden, reden.

Unde malum , woher kommt das Böse, – die Frage der alten Gnostiker muß gestellt werden, wenn behauptet wird, Gott, der Allmächtige, habe nur das Gute geschaffen. In gesellschaftlichem Interesse am Glauben an das allmächtige Gute wurde die Frage tabuiert.
Die beiden göttlichen Eigenschaften der klassischen Lehre unterliegen in Wahrheit dem Chaos* der trinitarischen Gotteslehre.

Der Heilige Geist kann sich als Mitgefühl im Ekel[7] offenbaren.
Der Schöpfer sieht, was er getan hat. Es hat ihn schon einmal gereut[8]; er ließ die Sintflut kommen, nachspülen. Manchmal möchte man vermuten, Gott müsse Gott zum Ekel sein. "Unser Gott ist ein verzehrend Feuer" (Hebr 12, 29). Was verzehrt es? Es verzehrt, sagt die Bibel, alles "Unreine", diese ganze ekelhaft gewordene Schöpfung. Gott verzehrt aber hauptsächlich seinen Ekel. Sein Abscheu geht in seiner unfaßlichen Herrlichkeit unter.

Die christliche Ausdifferenzierung des Monotheismus bereitet sich vor im Alten Testament: נֶהְפַּךְ עָלַי לִבִּי, "mein Herz wendet sich gegen mich", sagt (Hos 11, 8) der zornige Jahwe im Mitleid. Sie hat auch bemerkenswerte Parallelen im späteren Judentum.

Der Tod als von Gottes Zorn verhängt – was kann diese biblische Überzeugung bedeuten für den, der zu wissen glaubt: Ohne Tod keine Evolution, kein höheres Leben, kein Mensch? – : Der Tod offenbart den Zorn Gottes, der, Deus ipse, gegen Gott kämpft.

Der biblische Gott ist ein lokaler Gott mit universalistischen Ansprüchen, die ihn in sich selbst widersprüchlich machen.

Luther durchlitt zwischen Gott und Teufel die Ambivalenz der biblischen Existenzsymbole extrem. Der öffentliche Legitimationsdruck und sein biblisches Wissen hielten ihn darin gefangen. Die – verheißungsvoll chaotische! – Grenze seiner theologischen Möglichkeiten wird besonders deutlich in der Krise der Jahre 1527/28[9]. Es stellt sowohl dem Luthertum wie seinen Gegnern ein schlechtes Zeugnis aus, daß die Dokumente dieser Zeit so wenig beachtet wurden!

Gerechtigkeit ist ein Aspekt von Gott als Ideal; nach biblischem Zeugnis hat Gott sich entidealisiert.

Katastrophen schalten meine Idealphantasie um: von der Schöpferidee zur Christusidee. Beide sind diskrete Ereignisse von Grandiosität.
Man denke an die Lehre von dem einen Gott in mehr als einer Person. Gott ereignet sich immer nur als je eine Person. Idealisiert wird immer nur je eine Person.

Gott schenkt uns – aus ihm selbst, in ihm selbst – unser Selbst.

Das Geschöpf ist die anstößige Erscheinungsform des Schöpfers.

Wir erleben Gott persönlich im Nebeneinander der Geschöpfe; nicht über oder unter ihnen, sondern im Zufall von Ordnung.

Gott trauert mit den Trauernden; das Mitleid tröstet sie.

In der Not, mit dem Selbstvertrauen und dem Bescheidwissen am Ende (Anomie), muß man, gedemütigt, neu hingucken, um verwundert Zeichen von Gottes Herrschaft zu sehen und bescheiden neu anzusetzen.

Lex ist Ordnung im Chaos.
Evangelium ist der persönlich sich uns zusprechende Gott, die verheißungsvolle Selbstoffenbarung des Schöpfers im Chaos.

Die Herrschaft Gottes ins Auge zu fassen und Gottes Wundermacht in der Welt gegenwärtig zu sehen, verlangt Energie.
Wenn wir uns gehen lassen, verfallen wir in Wiederholung; das Leben mit seinen ständigen (lustvollen oder lästigen) Herausforderungen wird langweilig – und weil es langweilig wird, lassen wir uns gehen. „Wachet und betet, daß ihr nicht in Anfechtung fallt!“

Das menschliche Verantwortungsgefühl erwächst aus idealisierter, von Größengefühlen getragener Gemeinschaft. Der „allmächtige Schöpfer“ (und Erhalter) des kirchlichen Bekenntnisses ist, als das ens realissimum verstanden, für alles verantwortlich. Eine alles umfassende Verantwortung ist eine archaische Imagination. Diese Imagination aber bleibt lebenslang ein Jungbrunnen zur höchst persönlichen Orientierung. Wir sollen teilhaben an der alles umfassenden Verantwortung; in jedem Anspruch sollen wir auf diesen göttlichen Anspruch hören. Es geht um unsre menschliche Ansprechbarkeit, unsern Glauben an die Sprache und unser, diesem entsprehendes, glaubwürdiges Reden.

Der Schöpfer, der „lebendige“ Gott „ist“ jeweils das Reale, dessen ganz persönliche Bedeutung wahrgenommen werden will, – das als ens erscheinende ens realissimum.

Für unsere Augen ist Gott nicht gerecht!
Der Streit um die Reformation krankt an dem klassischen „Wissen“ von der Gerechtigkeit Gottes. In dessen Vorurteile musste das Evangelium hineingepreßt werden. Dieser Ansatz wurde in unserer Glaubensgeschichte radikalisiert, und führte in systematischer Perfektion zu absurden Konstruktionen.
Es geht aber um Vertrauen, – das ja nicht in einer Mitteilung von Heilstatsachen, sondern in einer tragfähigen Existenzsymbolik gründet. Unter dem Kreuz Jesu wird unser Verlangen nach Gerechtigkeit ernüchtert.

Die Zufälle des Lebens erklären sich besser aus dem Vielerlei als direkt aus einem Willen. Gott will das Vielerlei.

Wo man etwas machen möchte, aber nichts machen kann, sollte man beten. Gott ist die richtige Speicheradresse für frustrierte Wünsche!

Die Anonymen Alkoholiker sprechen vor jedem Treffen: „Gott gebe mir die Gelassenheit, Dinge hinzunehmen, die ich nicht ändern kann, den Mut, Dinge zu ändern, die ich ändern kann, und die Weisheit, das eine vom anderen zu unterscheiden.“ Das ist kein Gebet, sondern ein frommer Vorsatz, ein gutes Programm, dem zuzustimmen Gott anständigerweise nicht umhin können wird. Aber Gott kann umhin! Erst, wenn man das anerkennt, kann ein Gebet daraus werden.

Man möchte, etwas leichtsinnig, sagen: „Die Schöpfung war ein Leichtsinn.“ (Das Wort schillert. Es war ursprünglich ein Gegenbegriff zu Schwermut und bezeichnete Frohsinn, hat aber im 17. Jh. den negativen Akzent von sträflicher Unbedachtheit bekommen.)
Wir sollten uns von Gottes Leichtsinn anstecken lassen. Gott ist nicht schwermütig, nicht vergrämt. Wer ihn kennt, kennt ihn als aufmunternd zu gemeinsamen Abenteuern, die das Leben ausmachen, an dem wir, mit all unsrer Vernunft, hängen.

Der Mensch braucht Begeisterung. Er organisiert sich ums Lust-Ich, seine Identität um Erlebnisse von Glück, später ausartikuliert, in Begriffen hoch entwickelter Zivilisationen, als Ehre, Ruhm und Herrlichkeit. Das Herrliche begeistert augenblicklich und motiviert auf die Länge.
Der Glaube an den Einen Gott findet sein Glück allein in Gott: Soli Deo sit gloria. Herrlichkeit, diese kulturbedingte Qualifikation, aber ist gerade durchs Christentum relativiert worden; mit ihr wird – wie wir heute sagen können: kindlich – auf Gott verwiesen, aber nicht Gott ausdefiniert. Gott begeistert und motiviert auf seine eigene Weise!

Herrlichkeit ist mit Schuld verknüpft. In der sexuellen Zuspitzung der Libido, aber auch im Kampf um „Herr“-schaft, spitzt sich die Ambivalenz zu. (Ohne Knecht kein Herr.) Herrlichkeit begeistert augenblicklich und motiviert nachhaltig. Es geht um Macht, Vermehrung.
Gottes Bescheidenheit überwindet Schuld und Herrlichkeit.

Das depersonalisierende tägliche Erleben lässt uns nach dem Schöpfer fragen, der uns als Personen in Anspruch nimmt.

Als Schöpfung Gottes ist die Welt, obschon für uns global uneinsichtig, ein Feld symbolisch sinnvollen Verhaltens.

Angesichts der Weltläufte kann man sich Gott oft nicht anders als betrübt denken (vgl. Eph 4,30!). Aber Paul Gerhard hat uns den Gott gepredigt, „der, ob wir ihn gleich hoch betrübt, doch bleibet guten Muts“.

Schöpfer und Geschöpf ist ein analytisches Begriffspaar. In Wahrheit können wir uns nur kreatürliche Kreativität vorstellen!

Aus Gott, dem Schöpfer, empfangen, ist alles (auch das Alte) jeweils jetzt neu!

Im Verzweifelten ist Gott selbst verzweifelt.

Die biblischen Religionen sind sensationelle Wege zur Wahrheit. Ostasien scheint unsensationell dahin gekommen zu sein.
Wir haben in der von Gott persönlich geführten Heilsgeschichte mit Israel und Christus eine sensationelle Symbolik für die persönliche Identifikation. Vielleicht hängt diese Sensationalität mit der expliziten Personalität der Existenzsymbolik zusammen.
In Ostasien ist die Personalität der Wahrheit wohl eher in der Beziehung zum selbstgewählten Meister impliziert, während der Lehrinhalt unpersönlich ist.

„Gottes Lohn“ ist Teilhabe an Gottes Leben.

Die zutiefst erschreckende Wirklichkeit wird uns unversehens zum persönlichen Anspruch.
Zumeist aber leben wir, in kleinen und größeren Handlungszusammenhängen, mit kleinen Variationen einfach immer so weiter. Dann und wann aber muß man sich, nicht nur in kleinen, sondern größeren Zusammenhängen, neu orientieren; und wir fragen nach dem umfassendsten Zusammenhang, um ihm zu entsprechen: „Was soll ich?“ Das ist eine anmaßende Frage; denn sie postuliert einen Schöpfer, der uns Orientierung schuldig wäre. Aber wir können nicht umhin, sie zu stellen.

Der Gottesbegriff repräsentiert das Leben als personale Herausforderung. Die Welt als personale Herausforderung begeistert zu Sammlung aller Kräfte und ermutigt zur Kreativität. (Der Mensch ist, nach verschiedenen Hinweisen des Neuen Testaments, zur Gottgleichheit bestimmt. Der Kirchenvater Athanasius sagte: „Gott wurde Mensch, damit wir vergottet werden.“)

Man möchte sagen: Die Idee eines persönlichen Schöpfers fördert die Evolution des Menschen. Sie gibt ihm einen Selektionsvorteil.
Aber wohin führt die Evolution? Die christliche Gotteslehre erinnert an die Bescheidenheit als den Boden, auf dem segensreiche Kreativität wächst. Ohne Bescheidenheit werden Kreativität und Fortschritt zur bösen Karikatur.

Ich traue mir nicht zu, immer wieder neuen Mißerfolgen und Enttäuschungen zum Trotz, Gott zu glauben. Ich muß meinen Gott sterben lassen. Da bleiben nur Wörter, Teilsysteme (körperliche, seelische und geistige Sinnbrocken) und die mönchische Todsünde ἀκηδία, die Gleichgültigkeit.
Aber die Teilsysteme reorganisieren sich – wie Hesekiels (Kap. 37) Knochenfeld. Das ist die göttliche Schöpferkraft, iustificatio sola gratia.

Die Trinitätslehre ist die Substantivierung des Wortgeschehens; Mysterium, als dynamisches Symbol vielleicht eine entlastende Hilfe gegen religiösen Wahn.

Der „eifersüchtige Gott“ bedeutet Kampf und Rivalität. Wir sollen versöhnt, ja neutestamentlich: „fröhlich“, für die Wahrheit Gottes kämpfen.

Gott will die Schöpfung autonom. Er wünscht sie harmonisch-„kosmisch“. Das können wir nicht verstehen, wie er es versteht; wir sollen es so gut verstehen, wie wir können. Dies ist die Thora für alle Welt.
Den (besonders autonomen) Menschen bittet er, von Person zu Person, um Versöhnung (2Kor 5, 20). Gottes Friedenswunsch erfüllt sich in dem Glauben, den Gott uns schenkt, als Hoffnung für das Chaos der autonomen Welt.

"Mein Gott" und "unser Gott" spezifizieren nicht einen Gott unter anderen, sondern bringen den Glauben an eine Zuwendung des einen, wahren Gottes zum Ausdruck. Reden die biblischen Religionen vom Gott aller Welt, dann ist unser Gott kein anderer als jeder Gott anderer Religionen, auch im Polytheismus, und kein anderer als der der Atheisten – wieviel falsche Vorstellungen hier immer im Spiel sein mögen. Wir haben mit unserem Gotteszeugnis zwar nur eine Stimme in der Polyphonie der Gotteszeugnisse; aber die dürfen und sollen auch wir ehrlich erheben.

Dysfunktionalitäten sind das Material für Innovation. (Wenn man bedenkt, wie unwahrscheinlich die vielen stabilen Formen sind, die uns umgeben, ahnt man, wie viele weniger stabile Formen bis hierhin zu durchlaufen waren.) Zur lebendigen Schönheit gehören Dysfunktionalitäten, die die Phantasie des Betrachters zu Kreativität stimulieren. Eine fertige Welt können wir uns nicht wünschen.
Damit hängt sicher auch die religiöse Phantasie vom weisen Schöpfer zusammen, dessen Gedanken nachzudenken man sich bemüht. Die Gottesidee ist ein entwicklungsförderndes, vielfach bewährtes Selbstprojekt.

Vergeblichkeit ist schmerzlich. Man kann von der Vergebung des Schöpfers lernen, damit zu leben.

Der Mensch kann Gott und Teufel nicht unterscheiden.

Gott, der Vater, ist: das große Andere, in Anspruch genommen, lebbar vermittelt von der Verheißung, die uns als Wort Gottes überliefert ist.

Die immer neue Frage: „Warum schickt Gott dieses Unglück?“ ist förderlich für kreativen Umgang mit dem Unglück. Man muß dabei allerdings, zum Schutz gegen Wahnbildung, die Lehre von der Unerforschlichkeit der Gedanken Gottes beherzigen.

Der gütige und weise persönliche Gott ist ein heuristisch wertvolles Konzept. Es fordert mich auf, angesichts der Realität, mich zu besinnen, um zutiefst darin guten Sinn für mich zu finden.

Fromme Überlieferung hat uns das mündig machende Wort „Gott“ anvertraut. Wer sich darauf einläßt, ist nicht verloren.

Gott ist das Chaos, in dem wir Ruhe finden.

Jeder muß sich als Mitschöpfer der Welt fühlen und ist berufen, als solcher lustvoll (im Sinne des expressive need) mitverantwortlich zu wirken.
Das „Wirken“ darf man nicht zu eng sehen: Es ist einfach Wirklichsein; mitwirken mit den Umständen, vor allem: Mitfühlen, sich Hineindenken. Daraus ergibt sich zu seiner Zeit auch ein Handeln.

Unter bösen Umständen gelebter Glaube an das Gute ist schön, ein erhebender Eindruck. Solcher Glaube findet Anhalt an der überlieferten Vorstellung vom persönlich gegenwärtigen Schöpfer.

Gott vereinzelt den Verschmolzenen und verschmilzt den Vereinzelten.

Was tut Gott? – : Er läßt bitten, er empfiehlt, er gibt Weisung, er spricht, ohne zu reden. Und er läßt gewähren.

Wenn, in einer verknoteten Situation, ich mich erinnere und sage: "Gott vergibt, daß Gott gegen Gott kämpft," so kann ich eine Lösung finden.

Gott vergibt, daß Gott gegen Gott kämpft. [10] Wenn in diesem Satz nicht von drei Offenbarungen Gottes die Rede wäre, könnte man ihn mit Reflexivpronomen eleganter formulieren.
Das Reflexivpronomen "sich" mit Bezug auf Gott (etwa: „Gott kämpft gegen sich selbst“), verdeckt einen unauslotbaren Abgrund: Wir können zwei Gottesoffenbarungen bezeugen, aber von der Beziehung Gottes zu sich selbst kann nur er selbst reden. Hier hilft kein Gesetz "A = A"; denn Gott ist nicht „gleich“ Gott, sondern ist Gott, der auch ungleich Gott sein kann!

Mein Symbol „Gott vergibt, daß Gott gegen Gott kämpft“ bezieht sich auf das Leben als Konfliktproblem. Das trinitarische Konfliktsymbol leistet in der Not seine Hilfe, „auf daß Gott sei alles in allem“, wie das Symbol des Letzten bei Paulus lautet (1Kor 15, 28). Auch dieses Symbol aber hat seine immer wieder begrenzte Zeit. Unser Leben ist bis zuletzt immer wieder Kampf.

„Gott vergibt, daß Gott gegen Gott kämpft“ (GLp*) zum Trost in Alltagsnöten – ist das nicht ein Bißchen hoch gegriffen?
Alltagsnöte haben eine bedrängende Kraft, die man früher dämonisch nannte. (Luther hat diese Bedrängnis erstaunlich großzügig dem Teufel zugeschrieben.) Angesichts dessen, daß wir alles Seiende im Grunde personal erleben (das kommt in der Gestalt­therapie schön heraus), muß man sagen, daß unsre Seele die Bedeutung unserer Erlebnisse ohne unser Zutun überhöht. Religiöse Sprachen sind Dialekte unserer Seele, ein Kulturerbe von unschätzbarem Wert. Man muß sie sehr gewissenhaft brauchen – wie vom Untergang bedrohte Dialekte.
Mit einander kämpfende Ich-Anteile werden symbolisch integriert, je wann[11] ich jenen Trost-Satz einzusetzen wagen kann. Er löst die Verspannung. Das Unheimliche wird in Gott verschlungen.
Das Grundgefühl, gefährdet zu sein, findet, auf dem Wege über selbstwidersprüchlichen symbolischen Ausdruck, zu Annahme des schmerzlich Widerlichen und endlich zu differenziertem Ausdruck in der Alltagssprache und Handlungsfähigkeit.

Meine trinitarische Formel (GLp*) ist, wie nolens volens schon die altkirchliche, ein Koan. Eine nicht paradoxe Gotteslehre wäre Ideologie.

Gott bekämpft, daß Gott integriert. Gott vergibt, daß Gott gegen Gott kämpft. (GLp*) Wir sind in dieser Bewegung inbegriffen, die wir nur als chaotisch begreifen können. Das ist der postchristliche Sinn des Wortes Gott. Der Name symbolisiert Integration.

Die mächtigen Eltern sind eine Vorstellung, mit der das Kind Angst überwinden kann, – wie der Patient mit dem Halbgott in Weiß und der Erwachsene mit Gott dem Vater.
Mein Koan ist das Gottesbild eines Kindes aus einer spannungsvollen Ehe.

Wir können Gott und Welt nicht sicher unterscheiden.

Die Prädestination, die Vorherbestimmung des Menschen, wurzelt nach lutherischer Lehre im Heilswillen Gottes, namentlich in Christus, der ewigen, an der Schöpfung beteiligten zweiten Person der Gottheit.
Angesichts der realen Geschichte wird, im Anschluß an Paulus (Rm 9-11), die Vorherbestimmung einiger Menschen zur Verdammnis gelehrt. Auch sie ist chri­stologisch zu begründen: Seine Treue führt Gott zu seiner eigenen Verdammnis! Nach Luther hat der Gekreuzigte nicht nur die Strafe, sondern die Sünde, auf sich genommen.

Subjekt der Prädestination ist der Deus exlex. Calvinistischer Stoizismus und lutherisch christologische Begründung stehen sich hier gegenüber im Spektrum des Wortgeschehens.

Was Gott von uns will, offenbart er uns, ob wir wollen oder nicht, durch seinen Namen, – der uns auch erinnert an das, was er unseren Müttern und Vorfahren im Glauben gesagt hat.

Die Trinität als seltsamer Attraktor ist, wie der Lorenz-Attraktor, parameterabhängig! Der Glaube an den dreieinigen Gott ist höchst umständebedingt!

Die Schöpfung ist ein Spiegel Gottes (Ps 19).

Auch ohne gegenwärtige Menschen, die mich als Person herausfordern, bin ich der Berufung zum Personsein ausgesetzt, die ich nicht besser kennzeichnen kann denn als Ruf meines Schöpfers: Ich bin dazu geschaffen, Person zu sein.

Gott verpflichtet persönlich, insofern „ist“ er Person.

Gottes "Ruf, Berufung, Anspruch, Rat" ist klarer als Gottes "Wort". Es ist immer eine persönliche Herausforderung!

Ohne Gott vergotten wir die Welt. Wir sollen auch Jesus nicht vergötzen; deshalb ist sogar die Kreatürlichkeit Jesu uns entzogen (2Kr 5, 16). Wir bleiben da, mit dürftigen und widersprüchlichen Informationen, auf selbstgemachte Rekonstruktionen angewiesen.

Gotteslehre ist Mythologie.

Mein "bescheidener Gott" ähnelt dem (nach vollbrachter Tat in den Hintergrund getretenen) Schöpfergott afrikanischer Religionen. Aber wir können bezeugen, daß er (im Unterschied zu diesem) durch sein Wort in die Geschichte eingreift.

Immer wieder meinen wir zu wissen, was gut ist, und sind dann bitter enttäuscht, daß es anders herauskommt. In der Freudlosigkeit ist uns immer überraschende Ruhe und Freude verheißen, wenn wir bescheiden, vorurteilslos den Schöpfer um Rat fragen.

Auch das Grundgefühl einer Teilhabe an der Allmacht in ihrer Bescheidenheit kann einem durch ein paar Erfahrungen von Vergeblichkeit entzogen werden. Es bleibt eine elende Sinnlosigkeit des Funktionierens – ohne eine Symbolik, die das „ozeanische* Gefühl“ artikulierte.
Diese Anfechtung müßte mitmenschlich aufgefangen werden, "einer des andern Christus sein" in der „Vergebung“ des Unglaubens. Da wird der Unglaube als Gottes Unglaube mitgetragen, als Gottes, des Schöpfers, Gegenwart hier und jetzt.

Unser Heil ist Gott selbst, sonst nichts!

Gott ist das kulturelle Du hinter dem mütterlichen Du der Natur.

Neben dem Götzen erscheint der wirkliche Gott als armer Teufel.

Die Christologie schließt weder Israelologie noch theologische Anthropologie aus. Die Pointe ist keine Exklusivität Jesu oder Israels oder der Menschheit, sondern Gottes Anweisung, ihn in dieser Welt zu erkennen, sein real existierendes Geschöpf (exemplarisch: Jesus, den gekreuzigten) als seine Offenbarung anzuerkennen. Finitum capax infiniti! Es geht um die gegenseitige Inklusivität des Schöpfers und des Geschöpfs.
Dieser persönliche Appell des Schöpfers steht im Zentrum des Christentums.

Die Lehre von Schöpfung und Weltherrschaft Gottes ist immer vom Hier und Jetzt aus zu nachzuvollziehen.

Gott berät uns individuell, und jeder muß in Freiheit seine Vergangenheit weiterleben, – was weitgehende Gemeinsamkeiten nicht ausschließt.

Meine Gottesidee ist mein Ideal-Ich. Der Monotheismus ist eine Ich-Idealisierung. Gottes rechtfertigendes Dasein extra me ist das stabile Ideal gegenüber dem Wirklichen. In der Rede von Gott organisiert der Mensch in seinen Orientierungsproblemen und „moralischen“ Spannungen seine Identität.

Eine Gottesvorstellung (-begriff oder –idee) ist immer zu verstehen als eine Gottes­gabe.

Wir können zwischen dem „Evangelium“ („Das Chaos hat in Gott seinen bleibenden Grund“) und dem „Gesetz“ („Gott hat seinen bleibenden Grund im Chaos“) nicht objektiv unterscheiden. Wir sind da aufs Spiel subjektiver Wahrheiten gesetzt.

In einem scheußlichen Milieu – wo ist hier Gott? Menschlichkeit beginnt mit Identifikation; und diese kann kreativ werden, von Gott hier und jetzt „zum Bilde Gottes“ geschaffen.

Ich bin „allein“, ja, aber allein in meiner Welt, und also nicht allein. Wenn ich mir meine Wahrnehmung der Welt zu Herzen gehen lasse, muß ich zugeben: Sie ist unübersehbar und unergründlich, nicht nichts und nicht niemand! Das Evangelium sagt: Was du hier siehst, aber nicht übersiehst, das ist die Gegenwart Gottes, dein Ort; nimm ihn ernst!

Man kann seine Wahrnehmungen an verschiedene Schemata assimilieren, die in verschiedener Weise vereinfachen und Verschiedenes hervorheben bzw. verdecken. Eines davon ist „Schöpfung“; und dieses stimuliert die (malerische, wissenschftliche, soziale oder andere) Kreativität der Wahrnehmung.

Empfindende Wesen sind auch sterblich. Auch unser Mitempfinden ist sterblich.
Der Gott, an den die Kirche glaubt, empfindet. Er ist für uns, uns voraus, gestorben; wir leben (und sterben ständig) mit ihm; und er, der Schöpfer, lebt in der Schöpferkraft des Glaubens (Luther).
Die Kirche glaubt, daß Gott die Welt liebt. Er ist den empfindenden Wesen „gnädig“, bescheiden dankbar.

Auch "der bescheidene Schöpfer der Freiheit" ist nur etwas, was wir verstehen können, ein Gottesbild, – nicht die göttliche Wahrheit, an welcher dieses nur irgendwie teilhat.

Bescheidenheit, eine perfectio Dei

Lange hoffte man auf eine Zukunft, wo Gottes Regiment zum Ziel kommt. Diese Zukunft hat aber mit der Ausgießung des Heiligen Geistes bereits angefangen; und das Wesen der Herrschaft Gottes ist als Gottes Brüderlichkeit in Jesus offenbart.
Man versucht, die eigene Person zu integrieren nach Vorbild der Herrschaft Gottes über die Welt. Gottes bescheidene Herrschaft ist Liebe. Selbstbeherrschung nach dem Vorbild der in Jesus offenbarten, bescheidenen Herrschaft Gottes befreit zur Kreativität.

„Gott lässt sich nicht spotten!“ (Gal 6,7). Das ist theologia gloriae gegen die Hoffärtigen. Aber Gott lässt sich spotten (Ps 22,7f., Mt 27,41), zB durch Tauf- und Bekenntnismißbrauch! Und Gott spottet (Ps 2,4); er macht Hoffart lächerlich.

Der Fromme soll, im Unglück, von Gottes Bescheidenheit lernen, seinen Gott zu entidealisieren.

Berhard von Clairvaux sagte, daß Gott sich nicht weiter erhöhen konnte als durch seine Erniedrigung in Jesus. Hier bleibt allerdings die Allmacht der Bezugsrahmen. Dieser muß aber relativiert werden.

Das Adjektiv omnipotens kommt schon bei Catull und Vergil vor.

Gott ist (am spürbarsten in mitmenschlicher Teilnahme) in seiner Schöpfung bescheiden anwesend. (Man ist damit nahe bei Hölderlin, dem Zögling des Tübinger Stifts!)
Auf dieser Linie wäre wohl ein theologischer Zugang zu allen Phänomenen des antiken Polytheismus, seinem eindrucksvollen Wiederaufleben in der Weimarer Klassik und auch zu dem religiösen Wildwuchs unserer Tage zu finden.

Die Lehre von den Vollkommenheiten Gottes wäre neu zu durchdenken.
Im Jahwismus war es um Macht und Herrschaft Jahwes gegangen. Im klassischen Monotheismus ging es um Allmacht Gottes.
In der Vertreibung Israels aus dem gelobten Land und angesichts der Zerstörung des Tempels ging es um die Offenbarung Gottes in der Ohnmacht. Zu jener Zeit hat sich der Allmächtige in der Ohnmacht Jesu offenbart. Zweitausend Jahre lang haben wir im Zeichen dieser Offenbarung leben gelernt, uns selbst und die Welt erlebt.
Ich möchte heute sagen: Alle Dinge bezeugen uns die Bescheidenheit Gottes.
Die Kirche hat ihre Aufgabe als mater et magistra schlecht und recht erfüllt. Die kirchliche Lehre von Jesus, dem Schöpferwort, relativiert die Kirchen und hat einer neuen, postchristlichen Frömmigkeit den Boden bereitet.

Gott lebt bescheiden im unbescheidenen Miteinander der Kreaturen.

Man ruft zu einem imaginären Gott und da ist niemand, der hört. Erschreckend. Aber bisweilen ist einer real da, Gott oder Mensch, der die Not des Rufenden hört, sich zu Herzen gehen läßt und entsprechend antwortet. So ist Gott rettend da; der Schreiende kommt zur Ruhe. Die Erfüllung überbietet die Gotteserwartung in befremdlicher Weise.

Wir sind aufgefordert, sein bescheidenes Leben mit Gott zu teilen. Dieses Leben und dieses Teilen ist ein chaotischer Prozeß.

Der Allmächtige hat aus Bescheidenheit die Welt geschaffen und erhält sie aus Bescheidenheit.

Gottes Bescheidenheit ist der Ermöglichungsgrund des Polytheismus (Expansion), der chaotischen Gegenbewegung zur monotheistischen Sammlung und Besinnung (Kontraktion). Aus gesammelter Betrachtung (speculatio) heraus aber erwächst wieder tendenziell polytheistisches Mythologisieren (das tadelten die meisten Juden und später die Mohammedaner am Christentum) und kreative Lehrbildung. Es gibt unfrommen Monotheismus und unfrommen Polytheismus. Einer der Großen Kappadozier sah in der Trinitätslehre die rechte Mitte zwischen dem jüdische Monotheismus und dem hellenischen Polytheismus.

"Gott, der Herr über Tod und Leben..." ­– Wie? – : Nicht in Allmacht, sondern in schöpferischer Bescheidenheit!

Gottes Selbstbescheidung durch die Schöpfung ist ein Verzicht auf Einzigkeit. Einzig Gott verzichtet auf Einzigkeit.
Von daher sind die Particulae exclusivae der Reformation zu relativieren!

Ist Gottes Bescheidenheit eine postchristliche Idee?

Der bescheidene Gott ist ein christliches Ideal für die ethische Grundorientierung.

In meinem Konzept der Bescheidenheit Gottes wirkt sich, ein halbes Jahrhundert nach dem Zweiten Weltkrieg, mein Jesusverständnis als Interpretament der Gotteslehre aus, – wie die Vertreibung der Juden aus Spanien sich 50 Jahre später in der Lehre vom Zimzum auswirkte (G. Scholem).

Gott als Schöpfer ist gegenwärtig.
Allein von hier, von seiner gegenwärtigen Dynamik, von seinem gegenwärtigen Anspruch aus, ist die Welt zu verstehen als sein Geschöpf.
Dieser uns heute treffende Anspruch ist in Jesus Fleisch geworden. Als Schöpfer der Welt ist also der Gott anzubeten, dessen Bescheidenheit uns in Jesu Kreuzigung offenbar geworden ist.

Der Schöpfer ist bescheiden. Gott hat sich beschieden. Die alte Kunde vom Allmächtigen hat enttäuscht und regt auf; aber man kommt immer wieder darauf zurück.

Die Schlange zischelte vom Baum der Erkenntnis herab etwas vom letzten Urteil über uns.
In vielen Kulturen und Religionen wartet man auf ein jüngstes Gericht. Aber der in Jesus offenbare Gott richtet nicht so, wie unser Hunger nach Gerechtigkeit es erwartet. Gottes letztes Urteil über uns ist die befreiende Offenbarung seiner Bescheidenheit am Kreuz Jesu.

Allmacht ist ein imaginärer Begriff. Gott ist mächtig. Er demütigt die Hoffärtigen, die sich an Gottes Stelle setzen wollen, durch die Offenbarung seiner Wahrheit: der göttlichen Bescheidenheit.
Er erschließt uns den Reichtum der Welt durch das Beispiel seiner Bescheidenheit.

Wir sollen das Recht und das Gute lieben; wir dürfen dafür leben und sterben als für „ein weltlich Ding“. Auch der Gottesglaube, der durch die Übermacht des Bösen zerschlagen wird, ist ein "weltlich Ding". Gott will, daß das Böse unseren Glauben an das Gute und an Recht und Gerechtigkeit, ja an Gott, erschlägt. Am Kreuz Jesu ist der wahre, der bescheidene Gott offenbar geworden! Hier entspringt die „Hoffnung, die nicht zu Schanden wird“.

Es gibt kein Heilsgebot, das wir halten könnten, auch nicht: Bescheidenheit! Das Mysterium iniquitatis, die "Sünde wider den Heiligen Geist", ist die Unbescheidenheit. Wir sind von Natur Übertreter.

Das Allmachts-Konzept gehört in unsre psychischen Grundlagen. Wir mögen diese lebenslang weiterentwickeln. Sie bleiben lebenslang grundlegend. Wir kommen auch als Erwachsene auf unser reifes Niveau nur dadurch, daß wir unseren psychischen Apparat immer wieder (vom Anfang an) „hochfahren“ wie einen Computer.
Bescheidenheit ist ein hohes Niveau der Äquilibration (sensu Piaget) von Macht-Vorstellungen. Allmacht ist alle Macht für einen Willen; dieser ist dann eine complexio oppositorum. Denn Äquilibration ist Integration von Subsystemen, Wünschen, inter- und intra-personell.

Gerade die eigentliche Rede vom ewigen Gott, Gottes Wort als Geschehen in der Zeit, ist metaphorisch.

Wie ich dazu komme, von Gottes Bescheidenheit zu reden? –: Im Hintergrund steht wohl das zimzum-Verständnis Isaak Lurias, das ich in Gershom Scholems Die jüdische Mystik kennen lernte.
Bescheidenheit ist mir in theologischem Zusammenhang zuerst bei Michael Servet begegnet, der von der modestia Jesu schreibt.
Ferner habe ich in pädagogischen Zusammenhang Bescheidenheit als Parole gegen Emanzipation vorgeschlagen. Mich hat an dem deutschen Wort die Verwandtschaft mit „Bescheidwissen“ gefreut. Luther noch übersetzt einmal das neutestamentliche γνῶσις mit Bescheidenheit! Ich schrieb darüber eine Miszelle in einer religionspädagogischen Zeitschrift.
Ich hatte mich auch schon ernsthaft gefragt, ob man nicht, statt von Gottes Lohn, von Gottes Dankbarkeit reden müßte.
Dann kam mir die Formulierung „Gottes Bescheidenheit“. Die beiden zentralen Sätze meines „Testaments“ habe ich dann in der Deutschen Gesellschaft für Pastoralpsychologie zur Diskussion gestellt. Das Echo war so enttäuschend, daß ich aus dieser Gesellschaft formell ausgetreten bin.
Verfestigt hat sich mir dieses Lehrstück in der Vorbereitung auf die Mitarbeit in einem Seminar über „Evolutionäre Ethik“. Ich war, via Richard Dawkins, auf Darwin gekommen.

Unter dem Eindruck der akkumulierten Evidenzen des Lebens verzichtet der moderne westliche Mensch auf den Gottesbegriff. Ich halte das für einen Kurzschluß, – zu dem man allerdings mit einem infantilen Gottesbegriff genötigt ist.

Subjekt der göttlichen Bescheidenheit ist die göttliche Herrlichkeit.

Sowohl im Christentum wie im Judentum hat die alttestamentliche Frömmigkeit Reifung erfahren. Dem folgen die theologischen Wege von der Allmacht zur Bescheidenheit.

In welchen praktischen Zusammenhang gehört die Bescheidenheit Gottes?
Die christliche Tradition denkt nur an das Vorbild von Demut, das Gott uns gegeben hat in Jesu Verzicht auf Ausübung seiner göttlichen Allmacht und seine Unterwerfung unter den Willen des Vaters.
Eine jüdische Tradition, die von Isaak Luria (16. Jh.) über den Chassidismus läuft, geht viel weiter. Sie konzipiert für die Schöpfung einen Rückzug ( zimzum) Gottes, der aller­erst den Raum geschaffen habe für die Welt. Hier deutet sich so etwas wie eine Selbstbescheidung Gottes als Schöpfers an! Gershom Scholem hat auf den praktischen seelsorgerlichen Zusammenhang hingewiesen. Er hat die Lurianische Mystik verstanden als eine theologische Verarbeitung der Glaubensanfechtung, die die Vernichtung des Judentums in Spanien (1492) darstellte.
In solchem Sinne sollte, unter den neuen Glaubensanfechtungen der Moderne, auch die christliche Gotteslehre weiter entwickelt werden.

„Gottes bescheidenes Leben teilen“, das ist: Hier und Jetzt, in Verantwortung für das Ganze, das Bestmögliche schaffen.

Wenn von frommen Menschen heute Zweifel an Gottes Allmacht geäußert werden, so ist das eine Wahrnehmung von Gottes Bescheidenheit.

Die Rede von der Bescheidenheit Gottes verliert ihre Aussagekraft, wenn sie nicht Prädikat des herrlichen imaginären Subjekts ist, das in der menschlichen Seele wohnt.

Wäre Gott nur der Allmächtige, so wäre Gott nur Subjekt. Aber Gott ist bescheiden; so ist er auch unser Objekt – und der Mensch ein Subjekt, das Bescheidenheit lernen muß.

Es steht uns zu, von Gott zu reden, nur wann und wo es ihm gefällt, – auch von seiner Bescheidenheit. Sie hält dazu an, manchmal nicht von ihm zu reden.

Der Allmächtige ist bescheiden, die Göttchen sind unbescheiden.

Wir sollen in dieser Welt uns, im Sinne der schöpferischen Bescheidenheit Gottes, der gemeinsamen begrenzten Freiheit freuen.

Der Allmachtsbegriff ist eine Abstraktion aus der konkreten Bescheidenheit des Schöpfers.

„Gott, unser Vater! Du hast auf Deine Allmacht verzichtet und die Welt geschaffen. Und wir sollen Dir gleich werden. Das soll auch uns helfen, das Zeitliche zu segnen.“

Gott ist bescheiden. Wer ihn deshalb ignoriert, ist, inmitten des Weltgeschehens, ori­entierungslos der eigenen Willkür ausgeliefert.

Als "Gottes Abwesenheit" in Not und Unrecht beklagt der Fromme, in Gottes Namen und unter Gottes Wort, die quälend bescheidene, aber immer schöpferische Anwesenheit des Allmächtigen.

Immer wieder stellt sich mir die Frage: Zu was ist die Gottesidee nütze, die Rede von dem bescheidenen Gott, der die Welt frei will und nur beratend eingreift? – : Sie soll den Weg des Lebens weisen; in der immer wieder anderen Situation immer wieder Bescheidenheit lehren.

Der zimzum, der Rückzug Gottes in der Lurianischen Schöpfungslehre, entspricht der κένωσις (der Selbstentäußerung Gottes von Phil 2,7) in der Paulinischen Christologie. Luria definiert im Schöpfungsakt einen Zeitraum der Selbstverneinung Gottes.

Daß Gott unschuldig und der Mensch vor ihm ein Sünder sei, ist wesentlich vorchristliche Theologie! Das unerklärliche Unglück wurde als Strafe für unwissentliche und angeborene Sünde erklärt.
Gott hat freie Geschöpfe gewollt. Zusammen mit den Geschöpfen (als Tätern und als Opfern) trägt hauptsächlich er in Christus die "Strafe" für ihren Gebrauch der Freiheit. Erst in seinem Leiden kommt unsere vermessene Suche nach den Schuldigen zur Ruhe.
Er hat uns in unserer Schuldverstrickung sein Wort als Anleitung zu Freiheit gegeben.

Um sich mit der eigenen Vergeblichkeit und Verlorenheit abzufinden, muß man nicht nur das eigene, sondern das Leben schlechthin, ja die Welt schlechthin, lieben – mit der in Christus offenbar gewordenen, unendlich bescheidenen Liebe des Schöpfers, der unscheinbaren Kraft des Heiligen Geistes.

Von Gottes Dankbarkeit kann man nur wie von der Konsubstanziation des Leibes Christi in usu, nämlich meditativ, reden. (Transsubstanziation ist eine naive Verdinglichung von Existenziellem.)

Gott erwartet mich. Das ist seine schöpferische Bescheidenheit.

Gott hat seine Bescheidenheit in einem scheiternden Heilbringer offenbart.

Der Glaube ist so exponiert wie Gott durch die Schöpfung.

Gottvertrauen lebt aus Gottes väterlicher vertrauensvoller Wundermacht, die auch Raum für unsre Gottlosigkeit hat.

Es ist eine „Regression im Dienste des Ich“ (Ernst Kris), eine angeborene menschliche Möglichkeit und tut uns gut, kindlich Gott als bescheidene Allmacht, als väterlichen Freund zu phantasieren. Es mobilisiert unsre besten Kräfte.

Wir müssen von Gott Geduld lernen.

Die Kirche bezeugt Gottes Ja zu Jesus; daß Gott Jesus dankbar war für sein Ja zu seinem Dasein. Ich verstehe, dass Gott all seinen Geschöpfen dankbar ist für ihr Ja zum Dasein[12], den Menschen für ihr Mitdenken und dafür, dass jeder nach seinem besten Wissen und Fühlen, oft mit unsicherem und schlechtem Gewissen weiter sein Bestes tut – trotz der Beschämung im Rückblick auf sein bisheriges Tun.
Nur Gott kann einen Menschen und sein Tun beurteilen. Aber – das ist die frohe Botschaft: Gott will das gar nicht!

Paulus sagt (Röm 8, 22): Die ganze Schöpfung liegt in Wehen und stöhnt.
Die Schöpfung ist die Ehre des Schöpfers. Gott ist dankbar für den Kampf der leidenden Kreatur.

Uns scheint der bescheidene Gott oft betrüblich, allzu bescheiden.
Wir haben ihm immer schon vorgegriffen und müssen uns umdrehen und uns nach seinem Vorbild bescheiden korrigieren.

Menschliche Dankbarkeit gegen den gnädigen Gott ohne Gegenseitigkeit setzt das ewige Summum bonum voraus, dem man die zeitliche, dem Bösen verfallene Welt gegenüberstellt.
„Gnade“ in diesem Sinne ist nicht schöpferisch, sondern ein „Ungeschehenmachen“. Sie hält sich im Rahmen des „Gesetzes“.

Der dankbare Schöpfer ist ein zwischen χάρις und χαρὰ schwingender Friedensgedanke.

Meine Bescheidenheits- und Dankbarkeitstheologie wirkt schwach (→ „Geborgenheit“!). Ist sie der Boden, in dem Kräftiges wachsen kann? Versetzt dieser Glaube Bäume und Berge?? Er gibt höchstens ἀταραξία. Motiviert er zum Kampf gegen oder für etwas? Zu Aktion? –­ : Er sammelt und macht aufmerksam, entlastet von Unfug und erleichtert damit die Organisation des Willens.

Im Zeichen der theologia gloriae (die man nie ganz loswird!) erlebte Luther den Christus praesens als den Teufel, als „larva Dei “, Maske des unfaßlich großen Gottes.

Gottes Bescheidenheit ist Selbstaufhebung in die Sichtbarkeit Verwechselbarkeit.

Die Rede von der „Herrlichkeit Gottes“ ist mir vergangen; sie scheint mir primitiv;
meine Symbolisierung der imaginären Herrlichkeit ist nivelliert. Mein Glaube an den wirklichen, den bescheidenen Gott in seiner Schwäche ist in mir aber selten aktuell, meist weniger begeisternd als andere Symbole.
Dem Sabbat-Gebot ist zu entnehmen, dass Gott die meiste Zeit (6:1) hinter seiner Schöpfung zurücktritt.

Gott, – „der die Welt unendlich sanft in seinen Händen hält“ (Rilke) – scheint uns schwach.
Auch die Gravitation ist schwach, die doch, mit langem Arm, die Welt zusammenhält!

Wir sind schuldig. Gott hat in Christus unsre Schuld auf sich genommen. Gott ist an allem Schuld. In Christus haben wir Anteil an Gottes Schuld.
Gott ist dir dankbar für deine Übernahme deiner Mitschuld.

Das Geschöpf ist frei; aber es ist nicht freiwillig in die Welt gekommen. Erst nachträglich kann es sein Dasein wollen und sogar dafür dankbar sein.
Jesus hat exemplarisch im Namen des Schöpfers der leidenden Kreatur für ihr Dasein gedankt. Das ändert das Gottesbild ein für alle mal und immer wieder! In Jesus wurde nicht Gottes Leid, sondern Gottes Mitleid Thema.

Die Tugend als, nach Aristoteles, Mitte zwischen Extremen, hat mit Bescheidenheit zu tun. Nach Eduard Mörike liegt "in der Mitten holdes Bescheiden". Aber der christliche Glaube hat Gottes Bescheidenheit nicht nur in der Mitte, sondern allenthalben erfahren.

Der Mensch muß – und angesichts Jesu kann er – in vielen Anläufen Bescheidenheit lernen, indem er lernt, daß der Allmächtige bescheiden ist.

Auf der Linie von Luthers Hiphil-Theologie[13] ("iustitia Dei" qua nos iustos facit) kann man sagen: modestia Dei, qua nos modestos facit. Das Christentum macht bescheiden; die klassische Form davon hieß Demut.

Wenn wir Gottes Aufforderung folgen, sein bescheidenes Leben mit ihm zu teilen, können wir leben ohne Absicherung in einem kosmos*-Glauben; und auch unsere Ideale von Gerechtigkeit, Voraussicht und Macht werden nicht vergötzt, sondern rücken bescheiden an ihren Ort.

"Was soll ich?", als Frage an Gott, muß ihn nicht als Herrn, sondern kann ihn auch als Berater ansprechen.

"Ich soll eingreifen, aber Gott greift nicht ein??" Gott, in der Bescheidenheit des Schöpfers, will die Geschöpfe, und auch uns als moralische Subjekte: frei, zu kämpfen und zusammen zu leben.
Gott selbst kämpft durch sein Wort. Er macht sich nicht die Hände schmutzig: Er läßt sich von Kopf bis Fuß besudeln!
Was er sonst noch tut, wissen wir nicht und brauchen wir nicht zu wissen.

Das Erlebnis nicht recht verständlicher Macht ist für Religion wesentlich. Zunächst werden verschiedene "Mächte" erlebt; Religion artikuliert sich poly­theistisch.
Durchgesetzt hat sich Monotheismus. Er ist zentriert um eine Allmachtsidee, die man heute primitiv nennen muß, – und bleibt meist darauf sitzen. (Demgegenüber ist Erinnerung an den (bescheideneren) Polytheismus ein Fortschritt.)
Entwicklungspsychologisch geht sie auf den "primären Narzißmus" (Freud) zurück. Heinz Kohut hat die Entwicklung des Narzißmus studiert (und die abstoßende Freud'sche Terminologie später geändert). In diesem Sinne wäre auch der religiöse Allmachtsbegriff zu neu durchdenken.
Kohut sprach von Einfühlung, Weisheit und Humor als reifen Formen von Narzißmus. In Anbetracht sowohl pädagogischer wie theologischer Problemfelder, möchte ich auch Bescheidenheit als Form eines reifen Narzißmus bezeichnen.

Die bescheidene Offenbarung ist unscheinbar.

Gottes Barmherzigkeit ist Gottes Bescheidenheit.

"Geh unter, schöne Sonne. Sie achteten wenig dein. Denn mühlos bist du über den Mühsamen aufgegangen." (Hölderlin)

Des Schöpfers Gerechtigkeit auch sich selbst gegenüber ist seine Bescheidenheit.

Unreife Menschen haben einen unbescheidenen Gott, sie mögen für oder gegen ihn sein.

Wie kämpft, straft Gott? – : Unscheinbar!

Man kann nicht unbescheiden für Gott kämpfen; auch nicht im Namen Gottes unbescheiden für irgend eine gute Sache.

Gott ist bescheiden, aber nicht gleichmütig.
Besinnung auf Gott ist dann und wann an der Zeit. Aber Besinnlichkeit ist Gott nicht näher als Tätigkeit.

Mit der herkömmlichen Rede von Gottes Allmacht wandelt man die Angst vor dem Weltgeschehen um in die Angst vor Gott. Die Angst ist nun personalisiert. Jetzt hängt alles davon ab, ob, über die Konvention hinaus, die gefürchtete Person menschlich mit einem spricht.
Sonst steht man den sog. unerforschlichen Ratschlüssen des Allmächtigen gegenüber mit der verschärften Angst, unter der Luther, der große Prophet der Allmacht Gottes, immer wieder so grauenvoll gelitten hat, von der aber schon das Alte sowie das Neue Testament zeugt und mit der auch Mohammeds Verkündigung begann.
Das lebendige Wort, das die Macht hat, die Angst und die Machtfrage zu redimensionieren, ist entscheidend wichtig. Dies hat Luther ins Zentrum gestellt. Er hat es im Kloster bei seinem Seelsorger Johann von Staupitz erfahren und bei Paulus verstehen gelernt. (Was ist das für eine Macht, die im Stil von 2Kor 5, 20 zu verkündigen ist!)

Des bescheidenen Gottes Wort macht aller Vergötzung ein Ende, es stellt die Götzen in Frage, auch jedermanns eigene Person.
Er stellt alles, das Ruhende und das Unruhige, in Frage. Diese Frage aus dem Jenseits bringt manche Selbstverständlichkeit zum Einsturz und ruft bei denen, die von der Lüge leben, Abwehr hervor.

Wir sollten uns, so gut wir können, mit Gott freuen an der schöpferischen Freiheit seiner Geschöpfe als Mitarbeiter an seinem Schöpfungswerk, – wenngleich es auch bei ihnen oft böse herauskommt. Hier sollen wir göttliche Bescheidenheit lernen (Matth 11, 29). Nach Hebr 5, 8 hat Gottes Sohn uns zum Heil Gehorsam gelernt. Im gleichen Geist dürfen wir sagen, daß Gott selbst täglich Bescheidenheit übt, indem er an sich hält und die Schöpfung nicht seinerseits zerstören will.

Sollen wir zwar gegen einander kämpfen (so funktioniert das Leben), aber ohne böse zu sein? Man kann nicht kämpfen, ganz ohne böse zu sein. Wenn Gott, unter Gottes Vergebung, gegen Gott kämpft, ist er auch böse auf Gott, d.h. teuflisch. Wir dürfen böse sein – wie auch Gott böse ist, nämlich in aller Bescheidenheit des Schöpfers und Erhalters.

Der Mächtige ist natürlicherweise nicht bescheiden, sondern bestenfalls großmütig.
Gottes absolute Souveränität ist seine Schöpferkraft, und seine Schöpferkraft ist seine („all-mächtige“) Bescheidenheit.

Gottes Waffe gegen den Teufel ist Vergebung.

Bescheidenheit ist nicht Masochismus! Wo man nichts machen kann, soll man mit des Schöpfers Bescheidenheit über den Fortgang nachdenken.

"Er streut Reif wie Asche" (Ps 147). Wer ein Ereignis als ein Eingreifen Gottes erlebt, fügt prophetisch, d.h. befremdlich beschenkt und bevollmächtigt von seinem Gott, zu dem Ereignis den Namen Gottes hinzu. Das impliziert ein persönliches Gutheißen, ein Akzeptieren des Befremdlichen. Ein Gottesereignis ist ein Existenzsymbol.
Es wird dann oft fetischisiert. Es muß jedoch daran weitergearbeitet werden. Das Imaginäre muß ins symbolische Register eingearbeitet werden. Schrittweise kann so die ganze Welt zur bescheidenen Offenbarung des allmächtigen Gottes werden.

Gott, der auch beruhigende Lügen väterlich verantwortet, bei dem man sich sicher fühlt, – auch Gott weiß vielleicht nicht weiter und hat Angst; aber in seiner Bescheidenheit faßt er immer wieder Mut.

"Wir sollen Gott über alle Dinge fürchten ..." Was ist das? – : Wir haben Grund zur Angst in der Welt. Diese Angst unterscheidet uns von Gott, indem sie uns unbescheiden macht. (Die Grund-Angst ist bekanntlich auch nicht durch gute Werke wegzubringen. Sie verlangt nach Rettung aus der Welt.) Wenn wir uns aber bescheiden auf Gott besinnen, können sich unsere Kräfte sammeln und organisieren. Das ist Gnade, ein "Angeld" unseres Heils, Überwindung der Angst, Zuversicht. Und das ist das erste, was wir ernsthaft wollen können.

Wenn wir bei der theologia crucis/modestiae unsere naturwüchsigen Größenphantasien aus dem Sack verlieren, verlieren wir uns selbst! Der Mensch ist ein notdürftig vernünftiger Phantast!
Crux soll nicht als absconditas, sondern im Gegenteil: als revelatio Dei creatoris omnipotentis verstanden werden. Der offene "Himmel" war revelatio gloriae, ist aber absconditas Dei creatoris. Gottes gloria ist nicht unsere naive Kinder-Gloria, sondern unscheinbare Würde, die nur der Würdige sieht!

An Weihnachten feiert die Kirche die Offenbarung der Bescheidenheit Gottes im Krippenkind.

Das Christentum hat die Bedeutung der Gottesoffenbarung in Jesus bezogen auf die Sünde artikuliert, die ihrerseits auf das menschliche Gerechtigkeitsproblem bezogen war. Der Glaube an die durch Jesus geschenkte Vergebung steht im Zentrum. Auch in der Reformation blieb diese fokussierte Negativbestimmung noch zentral.
Der laut neutestamentlichem Zeugnis in Menschenherzen "ausgegossene" Geist Christi aber führt über diese Problematik hinaus. Man kann ihn als die Bescheidenheit Gottes verstehen.

Die Aufforderung Gottes, Sein bescheidenes Leben mit ihm zu teilen, meint nicht, daß wir die Hände in den Schoß legen sollen, sondern fordert uns vielmehr auf, mit Gott mit unseren Händen an unserm Platz in der Welt mitzuarbeiten.

Gott, in seiner Bescheidenheit als Schöpfer, will, um der Freiheit seiner Geschöpfe willen, auch das Widergöttliche und Böse, wenn sie es denn wollen, leiden. Aber er rät ihnen davon ab. Den Gequälten offenbart er sich in ihrer Qual, die auch ihn quält, und er ist ihnen dankbar für ihren Beistand.

Für den Schöpfer ("Ich und weiter nichts!" Jes 45 wie 47, 8.10) wurde die real existierende Welt nach der ersten Woche (1.Mose 3) eine unvorgesehene humiliatio. Schuld seiner Schöpfung, Fluch und Strafen korrumpierten Gottes Werk.
Gottes Sohn (filius Dei naturalis, die "Zweite Person der Gottheit") hat die Verderbnis auf sich genommen (Gal 3, 13).
Luther sprach von Christus als dem Deus humilis. Demut/humilitas aber gehört in ein autoritäres Bezugssystem und ist deshalb eine heute veraltete Tugend; Bescheidenheit hingegen ist Bezogenheit ohne Einengung durch bestimmte Systemvoraussetzungen.

Die klassische biblische Gotteslehre verteidigt die Herrlichkeit des Schöpfers gegen die Frage nach der Gerechtigkeit Gottes, in dem sie den Frager demütigt. Der Herr redet aus dem Gewitter; und Hiob tut Buße in Staub und Asche. Das ist die elementare Sprache der naiven, auf Gott projizierten superbia.
In Jesus offenbart sich Gott als der Deus humilis (Luther). Er lehrt Bescheidenheit bescheiden. Er demütigt uns, indem er sich von uns auch demütigen läßt.
So aber lehrt er uns auch sein Schöpfertum verstehen.

Im Rahmen der Dreieinigkeitslehre lag es in der Tat am nächsten, die humilitas auf die Zweite Person der Gottheit zu beschränken. Konsequente theologia crucis aber muß zur modestia Dei vorstoßen.

Demut

Wenn die christliche Tradition vom Deus humilis spricht, meint sie Jesus.

Die Kirche war nicht radikal genug. Sie hat unsere archaischen Größenphantasien von Gott nicht angetastet, sondern, durch ihr trinitarisches Verständnis der Erscheinung Jesu, in der Form von Demut konserviert. Vorsichtig sagt man da, der Allmächtige habe, uns zum Vorbild, sich in Demut gekleidet.
Die Lehren von der gegenseitigen Durchdringung (Perichorese) sowohl der göttlichen Personen wie der menschlichen und der göttlichen Natur Jesu gehen in die richtige Richtung. Sie fixieren ein frühes Stadium in dem wesentlich chaotischen* Prozeß theologischer Reflexion.

Götter sind mächtig. Sie können stumm-brutal handeln, und sie können sich ein Bißchen herablassen, zu erscheinen oder zu sprechen.
Der in Christus offenbare Schöpfer hat sich ganz herabgelassen (nicht nur seinen Sohn und den Heiligen Geist, die zweite und dritte Person der Gottheit, gesandt, wie die kirchliche Dogmatik will). Der wahre, der allmächtige Gott ist der in Bescheidenheit schöpferisch Mächtige.

Gottes Demut ist ein unendlicher Prozeß der Herablassung. Wie zeigt sich da Gottes Herrlichkeit? – : Im Rückblick, von der Offenbarung Gottes in Christus her gesehen, war die Schöpfung (einer weitgehend autonomen Welt) ein erster Akt göttlicher Selbstdemütigung: Die Welt kann, nach Gottes Willen, sich seinem Wunsch widersetzen, ihn lästern.
Die Menschwerdung und Schuldübernahme Gottes in Jesus war ein zweiter Akt göttlicher Selbstdemütigung. Hier offenbarte sich dem Glauben die schöpferische Demut als das Wesen der Gottheit.
Diesem Glauben schenkt sich Gott selbst (die "Ausgießung des Gottesgeistes in unsere Herzen"). Die Herrlichkeit Gottes ist kaum mehr zu erkennen.
Die vornehmste Wirkung dieses Geistes wiederum ist die "Nachfolge Christi", die zum "dienstbaren Knecht aller Dinge und jedermann untertan" (Luther 1520) macht.
Die Dienstbarkeit Gottes geht chaotisch ständig weiter, denn sie ist die Verwirklichung seiner Herrlichkeit.

Die gesamte biblische Demutstradition bezieht sich unverdrossen auf eine verborgene, schlussendlich banal "offenbar" werdende Herrlichkeit.

„Setzt denn Bescheidenheit nicht die Macht voraus, unbescheiden zu sein?“ – : Nein, auch der Machtlose kann bescheiden sein, etwa aus Dankbarkeit. – „Ist Gott machtlos?“ – : Das können wir nicht wissen. Wir können nur sagen, wie er uns begegnet, nämlich so, als ob er machtlos wäre. Er weist jedem von uns einen besonderen Weg, auf dem wir mit ihm gehen und ihn immer besser kennen lernen können.

Name und Wort Gottes

Man muß sich von Gott beraten lassen und dem eigenen Gewissen folgen. Das ist nicht dasselbe. Unser Gewissen bezeugt, daß unser Gottesverständnis immer eine Verzerrung ist, mit der wir in eigener Verantwortung umzugehen haben.

Auch das Wort Gott hat in verschiedenen Zusammenhängen mehr oder weniger Chance, Sinn zu machen. Es gibt für jedes Wort, neben stark vordefinierenden, hochfrequentierten und deshalb redundanten, ungewohnte, mehrdeutige (deshalb interessante) Zusammenhänge (und endlich auch steril-abwegige).

Ein Wort, das nicht überzeugt, kann nicht als Gottes Wort bezeugt werden.
Die naseweisen Fragen nach Gottes Wissen und Macht erheben sich, wo die Rede von Gott keine Evidenz hat.

Gott rät ad personam, hic et nunc. Ich weiß nicht, was Gott schlechthin will; ich kann jeweils nur wissen, was er von mir will, und mir dazu eine Vorstellung von Gott machen.
Sein Name stiftet über dem moralischen Dilemma zweier Schuldigkeiten jeweils eine neue Dimension der Vergebung, die dieses relativiert. In allen seinen Geboten fordert Gott nichts als Glauben. Die Werke schafft dann der Glaube.

Nach Gottes Willen sind wir manchmal nicht willens, auf Gott zu hören. Er verstockt uns; sein Name verschließt unser Herz.

Indem der Name Gottes nichts sagt, öffnet er uns, zu persönlicher Begegnung, alles, was uns betroffen hat, als Appell zur Kreativität. Durch diese unergründliche, unendlich gestaltende, zerstörende und erhaltende Manifestation (sensu Winnicott: als environmental mother) spricht uns als wahrer, ewiger Identitätspartner unser Schöpfer an.

Der Gott Israels heißt: „Ich bin da“ (2Mos 3, 14). Indem er genannt wird, ist er da.

„... da ich sah, wie es den Gottlosen so wohl ging.... Ich ward wie ein Tier vor dir.“ (Ps 73) Vgl. die sog. „Muselmanen“ im Konzentrationslager! Partieller Zusammenbruch der hoch organisierten memetischen Symbolwelt und jedes Idealismus; es herrscht die rudimentäre Symbolwelt. Sie hat ihre eigene Selbstverständlichkeit, weder religiös noch säkular, ohne zeitliche Struktur und nicht ewig, hoffnungslos und freudlos, mit ganz einfachen realistischen Perspektiven, gottverlassen.
Der Gottesname in Ps 22, 2 ist da bloßes Verbum externum, wie ein leeres Vogelhaus. Ohne Glaubenskraft hat man Gottes Worte als Reliquien, von denen man sich keine Wunder erhofft, als Fetisch.

Gott rät normalerweise zu Anpassung (nach Luther hat er die drei Ordnungen gestiftet).

Das Ideal ist eine Orientierung. Aber Gott orientiert nicht ideal.

Warum spielt in der Religion Schuld eine so große Rolle? Was hat der Gott, der uns berät, mit unserer Schuld zu tun? Schuld Vergessen ist sich selbst Vergessen und führt zu Fehlorientierung. Gott rät uns, unsere Angewiesenheit auf Vergebung nicht zu vergessen.

Orientierung im Raum der Schöpfungswunder bekommen wir von Gott. Sein Rat ist eine kreative Störung.

"Das Beste daraus machen!" – Ja, aber was ist in meiner Realität das Beste? Kein Geringerer kann antworten als Gott! Des frühen Schleiermachers "Universum" bleibt da ziemlich nichtssagend. Autoritäten und Freunde können auch nur aus ihrem beschränkten Horizont für unseren beschränkten Horizont raten. Was sie sagen, rückt vor Gott in ein neues Licht; aber auch Gott antwortet uns für unseren beschränkten Horizont.

Der Name Gottes ruft uns vor Gott. Und hier bekommen wir Klarheit darüber, was wir sollen.

"Gott" evoziert mir alles und meine eigene Person in spezifischer Weise, indem er nichts gesagt hat.

Gotteslehre ist Ergebnis von Erfahrung mit dem Gottesnamen. Gott rät, seinen Namen heilig zu halten, d.h. ihn als Symbol einer persönlichen Beziehung zu behandeln.

Gott wirkt wohl durch Handgreiflichkeiten; aber wir verstehen das nur durch sein Wort, das uns zur Mitwirkung beruft. (Die alte Frage nach demliberum arbitrium, Freiheit der Kreatur gegenüber Gott, setzte eine Verdinglichung Gottes voraus [14]!)

"Was soll ich jetzt und hier?" Die Antwort kommt sehr persönlich, unmittelbar, selbstverständlich aus derselben Quelle, aus der alles bisher Geschehene gekommen ist. Sie ist das Wort des Schöpfers.

Wir sollen nicht möglichst oft Gott im Munde führen; wir sollen auch nicht unablässig an ihn zu denken versuchen. Das läuft über kurz oder lang leer. Es werden andere Enttäuschungen kommen, die uns segensreich und verheißungsvoll wieder an ihn erinnern können.

Eine Übersetzung kann besser sein als das Original; aber jede Übersetzung eines menschlich ansprechenden Textes läßt auch zu wünschen übrig.
So kann auch der Gehalt von religiösen Begriffen wie Gott oder Sünde durch keine Über­setzung in nicht-religiöse Sprache ausgeschöpft werden. Darüber wird man sich heute auch im aufgeklärten ("postsäkularen") Europa einig.

Die Interpretation des Willens Gottes als Gesetzes gehörte in den Glauben an einen statischen kosmos*.
Das gesetzliche Verständnis des Willens Gottes hat sich, nach Paulus, selbst ad absurdum geführt. Es ist durch die Dynamik des Christusglaubens überholt. Es hatte die Weisung des Heilswillens Gottes zu einem Todesurteil gemacht, – das an Jesus vollstreckt worden und nun, für den Glauben an die Offenbarung des Heilswillens Gottes in Christus, spürbar (!) erledigt ist.

Die monotheistischen Religionen haben den Namen Gottes abgenutzt. Gleichwohl kann der Dankbare dankend den Namen für sich neu entdecken.

Handelt Gott allein durchs Wort? – : Der "lebendige Gott" belebt, der schweigende Gott macht schweigen. Der Schöpfer macht schöpferisch. Der gerechte Gott macht gerecht. (Vgl. Luther 1545, Vorrede zu den Opera latina!) Der urteilende Gott macht urteilen. Der bescheidene Gott macht bescheiden.

Theurgische Logik begegnet in der Bibel vielfach: Der Mensch, dem der Allmächtige Macht über den Allmächtigen gegeben hat.

„Der Mensch ist sich selbst entzogen“ (Ernst Fuchs). Gebet kann durchaus verstanden werden als Gespräch des Verunsicherten mit seinem eigenen, unbekannten (!) chaotischen Selbst.

Gott will gebraucht werden: "Rufe mich an in der Not! So will ich dich erretten, und du sollst mich preisen" (Ps 50, 15).

Gesundes oder Pathologisches (Halluzinationen), subjektiv evident mit Gottes Namen verbunden, ist Offenbarung.
Offenbarung nennen wir die Evidenz der Verbindung von Phänomenen (auch Worten, Schriften und Ideen) mit dem Gottesnamen.

"Sünde" nennen wir die menschliche Schuld gegenüber der durch unser Gottesverständnis ("Gottes Wort") gesetzten Norm.

"Der Wandrer von der Heimat weit, wenn rings die Gründe schweigen, der Schiffer in Meeres Einsamkeit, wenn die Stern' aus den Fluten steigen, sie beide schauen und lesen in stiller Nacht, was sie nicht gedacht, da es noch fröhlicher Tag gewesen." (Eichendorff)
Jean Paul hat mit der "Rede des toten Christus, vom Himmel herab, daß kein Gott sei," die Angst artikuliert, die der Anblick des stummen, nächtlichen Himmels zu erregen vermag.
Der eigentlich kühne, aber längst selbstverständlich gewordene Gedanke: "Gott ist größer; er hat den Himmel gemacht!" füllt die schauervoll bedrohliche Leere. Er beseelt das All, dessen volle Wahrnehmung uns vernichten würde.
Wir empfinden eine warnende, heilige Scheu schon bei der uns angemessenen Wahrnehmung des Alls. Kant hat sie in seinem berühmten Wort vom "gestirnten Himmel über mir und dem moralischen Gesetz in mir" zum Ausdruck gebracht.
Die Vorstellung des persönlichen, allmächtigen Schöpfers beruhigt. Allmachtsphantasien können vor Angst schützen. Wir haben seinen Namen, "Gott", wie einen Talisman in unserer Sprache zur Verfügung. Er wird immer noch viel, aber gedankenlos stereotypiert, mit konspirativ abwehrendem Lächeln, benutzt, wo es um unsere offenen Grenzen geht.

Gott schafft nur durch das Wort. Er macht nicht irgendetwas, sondern er schafft als Person für Personen Bedeutungsvolles. Personsein ist ein schöpferisch kommunikativer Prozeß. Eine Person erkennt eine Person daran, daß sie von ihr persönlich angesprochen wird. Der Schöpfer als Person spricht uns durch die Schöpfung an.
Gottes Name, als Gottes Wort, ist von Gott zu unterscheiden als Geschöpf, das frei den Schöpfer schaffen kann. Gott spricht uns an, von Person zu Person, er selbst ist in seinem Wort, seinem Geschöpf.
Gottes Wort schafft Glauben an den Schöpfer, die fides creatrix divinitatis, wie Luther sagen kann. Jesus heißt Gottes Wort, weil der angefochtene Glaube an ihm Halt findet.

Das göttliche Subjekt ist imaginär; das Prädikat, das Wort Gottes ist symbolisch.
Gott ist uns imaginär als der Allmächtige präsent; aber er berät uns symbolisch: Der Allmächtige berät uns.

Greift Gott ein? Aus unserer Selbsterfahrung heraus sagen wir: Gott handelt durch sein Wort – und das ist, vor allem anderen, sein Name. So handelt er menschlich an Menschen.
Aber handelt er analog auch an anderen Geschöpfen? Was sind Naturwunder? Bezeugen können wir wieder nur selbst Erfahrenes.
Da sind einerseits die Ereignisse, die wir spontan als Eingriffe einer höheren Macht erleben, rettend oder rächend im Sinne evidenter Gerechtigkeit oder begnadigend und schöpferisch den Sünder rechtfertigend.
Da sind anderseits die Schicksalsschläge, unter denen wir uns dumm wie Tiere fühlen (Ps 73,22).
Solche Ereignisse predigen Gottesfurcht.
Endlich macht die noch heute, über unübersehbar viele Größenordnungen hinweg, sich weiter entwickelnde Differenziertheit der Welt uns staunen. "Gottes Schöpfung", sagen wir.
All solches erinnert uns an Gott. Insofern hat Gott hier, bis zu unserem Herzen durch, eingegriffen. Eine Rede von Gottes Eingreifen darf nicht willkürlich, muß aber immer subjektiv sein.

Die Kirche redet zu schnell vom Wort Gottes. Das (in prophetischer Tradition) so genannte Wort Gottes, Predigt und Bibel, tragen oft wesentlich bei zum Verständnis des Namens Gottes. Aber das erste "Wort Gottes" ist das Wort "Gott". Es meint das göttliche Ich. Im Wort Gott geschieht jeden einzelnen Gottes bescheidene Offenbarung.

Vor dem Anspruch des Namens Gottes kann man nicht in eine Metasprache ausweichen, ohne in die Belanglosigkeit zu fallen.

Die häßliche Geschwulst ist kein Gotteslob; sie ist eine Herausforderung Gottes. Gott aber ist bescheiden. Er läßt sie und uns gewähren. Wie gehen wir im Namen Gottes mit der Geschwulst um? Er wird uns sagen, wie wir damit leben, damit umgehen und was wir bescheiden – vielleicht dagegen – tun sollen.

Nach Augustin, En. Ps 103,8, können wir von Gott vor Freude nicht reden und nicht schweigen, sondern nur jubilieren. Sermo 225,3 : Tantus est, talis est, ut nec eum loqui possimus, nec eum tacere debeamus. Der Affekt soll aber zur Sprache gebracht werden; wir sollen Gott bezeugen.
Die Wahrheit Gottes befiehlt zu reden, unangemessen zu reden, stammelnd, symbolisch, angewiesen auf gottgegebenes Entgegenkommen des Hörers.

Ein Gotteswort will mitreißen. Es artikuliert die Dynamik des Zeugen zwischen Wissen und Vertrauen.

Der Rufname für das große Andere, „Gott“, ruft die Phantasie einer persönlichen Beziehung hervor, die die Umwelt und meine Aussichten darin in ihrem Sinne gestaltet. So weist mir Gott einen Weg.

Evangelium ist Einladung zur individuell verantworteten Selbstverständlichkeit. (Vgl. Paulus ἀνάγκη, 1Kor 9, 17.)

Wort Gottes ist ein Ereignis, ein Emergenz-Phänomen; ein Wunder, das man immer tiefer erklären kann, aber nur ex post.

Orientierung durch den Namen Gottes ist nicht selbstverständlich. Er führt aber zu Evidenz und Selbstverständlichkeit.

Gottes Name spricht dem Menschen das Allerunbekannteste persönlich zu.

Das „Wort Gottes“ ist dem Christen kein Fetisch, kein vom Himmel gefallener Stein, sondern: in einem komplexen Vorgang menschlich überlieferte Existenzsymbolik.
Der Prediger des Wortes Gottes teilt das Beste mit, was er, in der sozial vorstrukturierten Situation, zu gemeinsamer Besinnung (Zu-sich-selbst-Kommen und Zueinander-Kommen) bieten kann: geschichtlich bescheidene, für ihn selbst verpflichtende Selbstsymbolik.

Die Paulinische „Predigt“, Urbild der evangelischen Predigt, war „Verkündigung“ (κήρυγμα) in der allbekannten Form der διατριβή, des popularphilosophisch diskutierenden Vortrags. Es war zwar erläuternde Proklamation eines Herrscherworts; aber als eine an Christi, des Herren, Statt vorgetragene Bitte (δεόμεθα!): „Lasset euch versöhnen mit Gott!“ (2.Kor. 5,20).

Gottes berät uns im Chaos jeweilig.

Gott will Freiheit für das weltliche Kräftespiel, in das er sich eingelassen hat. Deshalb setzt er der Wirksamkeit von Lüge und Gewalt nur seinen Rat entgegen.

Wir sollen uns treiben lassen und umsichtig steuern und selbst etwas betreiben. Gott nimmt uns als Personen wahr und leitet uns. Wir können bibellesend auf seinen Willen merken; keine noch so bewährte Gesetze oder Gebote können das ersetzen.

Symbole stiften Zusammenhänge. So wird der Name Gottes Wort Gottes.

Gott berät uns durch unsre vor ihm gesammelte Vernunft.

Der evangelische Prediger vertraut den Hörern sein Bestes an, er schenkt den Hörern Vertrauen: „Du tust Gottes Willen, und du willst Gottes Willen tun!“

Name

Juden und Christen ist Heiligung des Gottesnamens ein Anliegen. Das jüdische Namens-Tabu richtet sich ursprünglich gegen Verwendung des Gottesnamens in geheimen, privaten Zauberpraktiken. Aber der Regenzauber des Propheten Elia (1Kö 18, 41-45) gehört mit ins Bild. Jahwe ist ein öffentlicher Gott!

Der übliche Gebrauch des Wortes „Gott“ als Interjektion ist trotzig resigniert, begnügt sich mit dem eigenen Alltagswissen, erhofft sich nichts von tieferer Besinnung.

Existenzsymbole sind prekär. Mit dem Namen Gottes wurde gezaubert; das hat Gott verboten. Aber der Beter soll Schöpfungswunder erwarten.

Dann und wann legt es sich nahe, von Gott zu reden; jedoch widersprechen wir uns da dauernd selbst. Wir haben kein sicheres „Recht“, von Gott zu reden.

Gott nimmt sich unser an (Ps 8). Sein Name ruft uns stolzen Menschen in Erinnerung, daß wir, alle zusammen, sozusagen mit den Füßen im Sumpf stehen. Wir selbst, unsere kleine und die große Welt sind, in ständigem Wandel, Ausflockungen des Chaos.

Wort

Gebote im Namen des Schöpfers sind keine Maschinenbefehle, sie wenden sich an den gesunden Menschenverstand. (Vgl. die paränetische Bemühung des Deuteronomiums!)

Auch die nova lex, das kirchlich real „existierende“ Evangelium, wird, vom Schöpfer, durch sein lebendiges Wort, zusammen mit dem kosmos* -Paradigma relativiert, in welchem allein das Gesetz seinen Sinn hat.

Gottes Wort gibt uns Teil an Gottes Sicht der Dinge.

Das Neue Testament ist ein „neues Lied“ im Sinne des Psalters. Die Kirche nennt das Evangelium Offenbarung; rhetorisch ist es inventio [15]. Evangelische Predigt soll Schöpferwort sein, „gefunden“ in anfechtungsvoller, jedes Mal neuer Christus-Meditation. Die Topik (Loci communes) der kirchlichen Lehrtradition („Fundorte“) bietet Ansatzpunkte, aber ersetzt nicht die Meditiation! Im kirchlich-theologischen Betrieb unterbleibt diese oft. Ohne sie aber ist die Predigt tautologisch, schlechte Rhetorik.

Die Rede von „Verkündigung des Wortes Gottes“ ist heute eine traditionell-monarchistische Selbststilisierung. Aber, ob wir wollen oder nicht, wir bezeugen Gott.

Gottes Wort ist sozial ein marginales Phänomen mit öffentlichem Anspruch.
In Luthers Worttheologie geht es um verantwortliches Reden nach eigenem bestem Wissen und Gewissen, die Paulinische παρρησία, das freie Wort, – sei es für die Einhaltung sozialer Normen (lex), sei es das Wort von Christus (evangelium), das, von deren Herrschaft, zu schöpferischem Gehorsam aus Liebe befreit.
Vorbild waren die alttestamentlichen נְבִיאִים. Das waren zunächst marginale Typen, eine Art Derwische (vgl. 1Sam 10,11). Sie bildeten sozial (wie später die ausgestoßenen Aussätzigen – aber respektiert) Randgruppen mit Zulauf von Sonderlingen aus der Gesellschaft, die hier Respekt fanden und in Verzückung gerieten.
Der נָבִיא wurde zum „Prophet“, die Evidenz seines veränderten Bewußtseins war Gottes Angelegenheit, Gottes Wort, דָּבָר יְהוָה. Seine eindrucksvollen, in wahnhafter Evidenz vorgebrachten Mitteilungen werden in seinem Volk kollektiv festgehalten. Aber auch dieses ganze Volk war historisch marginal.

Jesus

Seit ich Gottes Bescheidenheit konzipiert habe, ist Jesus, an dem ich sie sehen gelernt habe, mir seltener wichtig. Aber wenn das Konzept mir verblaßt, kann ich sie an der Person Jesu wieder sehen.

Jesus lebte in böser Zeit. Man muß in solchen Zeiten ständig optieren zwischen Leben in der Lüge und Sterben in der Wahrheit. Er hatte gelebt in Erwartung des nahen Endes dieser verderbten Welt, in unbedingtem Vertrauen in Gottes Liebe tätig. Er war vielen damit ein menschliches Licht in der Finsternis. Jesus vermittelte Sicherheit. Er hat dieses Leben mit einem grausamen Tod bezahlt.
Das Erbe verpflichtete; die Trauerarbeit* in solchen Fällen ist besonders schwer. Das erste, Primitivste, ist Verleugnung [16] des Verlusts; sodann Imitation und Folgsamkeit. Das Ziel aber ist mündiges Weiterleben.

Israels Nein zu Jesus war eine menschliche Tragödie, in welcher der Glaube Israels bei den Jüngern einen Knacks bekam und, zunächst unbewußt, behielt. (Das erste Zeichen waren die Ostervisionen.)
Der Tod Jesu war nicht die erste Tragödie dieser Art in Israel gewesen (Mt 23, 30f), aber in der Tradition Jesu konnte erstmalig das Erlebte mit seiner voller Sprengkraft im Wesentlichen beieinander gehalten werden und artikulierte sich allmählich. Ἀυτὸς ὁ θεὸς ἀπέθανε, "Gott selbst ist gestorben," konnte Gregor von Nyssa später kurz formulieren – eine Formulierung aus hellenistisch-polytheistischer Umwelt, in biblischer Tradition eine Ungeheuerlichkeit. Jahwes* Unverständlichkeit wurde in guten Treuen[17] als Dreieinigkeit konzipiert.

Dem Judentum in seiner bedrängten Einzigkeit waren Gesetze, die ihre ursprüngliche Funktion verloren hatten, als Bundeszeichen wesentlich geworden. Jesus hat die alte Gottesverheißung direkt neu geglaubt, gelebt und allgemein-menschlich einleuchtend gemacht.

Erlösungshoffnung entsteht unter Bedrückung. Unter Berufung zu schöpferischer Freiheit glänzen auch Illusionen* auf.

Jesus hat in seinen Gleichnissen die Natürlichkeit[18] der Herrschaft Gottes, die ontologisch tabuiert gewesene Gegenwart Gottes, zu Ehren gebracht. Jesus hat die Herrschaft des Gottes, zu dem, als Ideal in sicherem Abstand, Israel in aller Drangsal dieser Welt sich retten konnte, in dieser Welt, ja in seinem eigenen verwunderlichen Wirken, hoffnungsvoll anbrechen gesehen. Das war destabilisierend. Deshalb wurde Jesus beseitigt. Von den Seinen wurde er religiös verehrt. In Form von Gleichnissen wurde seine Entdeckung Gottes in der Natur als übernatürliche Offenbarung konserviert.

Jesus der Magier, der "göttliche Mann"[19], der Schwärmer, der Demagoge, der Erfolgsmensch, war nötig, um den phantastischen Gottesbegriff einzufangen und – eine Leidensgeschichte – Gott ein für alle Mal ins Weltliche zurückzubringen, in die Welt der zufälligen Peinlichkeiten, der illusionären Symbolik, in die auch Jesus ganz hineingehörte.

Jesus wurde der Fetisch der Institution Kirche. Die Vergötzung schließt an eine Seite seines Auftretens an – zwar nicht gut (denn sie stereotypiert alles, und das tat er nicht), aber doch zur Not. Das muß alles immer wieder, in der Nachfolge Jesu, zurückgedreht werden – Trauerarbeit.

Man kann auch mit Glaubensformeln zaubern. Der irdische Jesus selbst hat gezaubert. (Auf dieser Linie liegen auch die Ostervisionen.) Aber das muß dann doch unter das Kreuz der gemeinsam zu erleidenden und zu gestaltenden Wirklichkeit.
Es ist vergleichbar mit den Analgetica und Psychopharmaka, die dem Betroffenen die Erfahrung von Unerträglichkeiten des Lebens zeitweilig ersparen; sie erhalten einen illusionären Glauben an die Tragfähigkeit der personalen Struktur des Menschen.

Jesus wurde, in schnell sich ausweitenden, verschiedenartigen Kreisen von religiösen Bedürfnissen in Anspruch genommen, an entsprechende Schemata assimiliert und erscheint schon im Neuen Testament von vielerlei Überlieferungsschichten übermalt. Der historische Jesus ist unter diesen Ikonen fast verschwunden. Auch das außerkirchliche Interesse an Jesus (einem seinerzeit außerhalb seiner Jüngerkreise bald vergessenen Mann!) hat als historisches Material fast nur diese kirchlichen Quellen. Jede noch so kirchenkritische Beziehung zu Jesus ist kirchlich vermittelt! Jedes neue Jesusbild setzt die Geschichte der Christologie, ja die Geschichte des Christentums fort. Die Kirche hat die christologische* Frage in die Welt gesetzt. Diese betrifft die Heilssuche jedes Menschen und hat ein der Kirche gegenüber selbständiges Leben entwickelt. Mancher läßt die Frage nach Jesus auf sich beruhen; für jede Umarbeitung des Jesusbildes aber bleibt die Heilssuche der Menschen wesentlich.

Die verheißungsvolle Wirkung des gekreuzigten Jesus ist überraschend und vielfältig.

Jesu Predigt der Königsherrschaft Gottes ist vielfältig anschaulich; selbstverantwortet, nicht angelernt; zentralgesteuert, frei, integral gehorsam der persönlich beanspruchenden Wahrheit, dem ins Dasein rufenden Schöpferwort.
In desintegrativ chaotischen Umständen, wie sie in Palästina damals herrschten[20], erwartet er Gutes für das Gute (das er allenthalben bemerkt) allein vom neuen Äon. In gesunden Zeiten wäre das pathologisch. Bei Jesus aber war es, wie auch die in der frühen Kirche aufblühenden Talente („Geistesbegabungen“) vermuten lassen, "Regression im Dienste des Ich"*.

Es ist verständlich, daß jemand, der das Neue Testament endlich tatsächlich gelesen hat, sagt, es sei ein scheußliches Buch. Man kann einwenden, es gehe hier im Grunde um die allgemeine Scheußlichkeit des Menschen, die nicht zu verschweigen, sondern zu bedenken sei. Schon Kinder haben damit zu tun und denken in ihrer Weise darüber nach. Kirche, Schule und Elternhaus neigen aber dazu, das Neue Testament zu einem idyllischen Märchenbuch zu machen. Die großen kirchlichen Feiertage tun das Ihre dazu. Es fehlt an Respekt vor dem hier in Rede stehenden Stück Geschichte.

Monotheismus ist eine kulturgeschichtlich wichtige Stufe. Das Christentum setzt ihn voraus. Es ist eine Selbstkorrektur des Monotheismus. Der von Jesus Christus ausgehende Geist der Paulinischen, zur gottgewirkten Gottlosigkeit (ἀνάθημα) bereiten (Rm 9, 3) Radikalität der Liebe war Ziel, Erfüllung und Ende des Monotheismus und damit das „Ende des Gesetzes“ (Rm 10, 4). Durch Christus ist der Bann des Monotheismus gebrochen. Es hat lang gebraucht, bis sich das ausgewirkt hat.

Die Jesusgeschichte macht der Idealisierung Gottes den Garaus.

Einen hoch idealisierten, ambivalent geliebten Menschen zu überleben, wird als Schuld erlebt. Jesus, den guten Meister, zu überleben, hat bei den Christen natürlicherweise das Schuldgefühl und Sündenverständnis radikalisiert.
Konkret kam es zu der Entschränkung des alttestamentlichen Liebesgebots nach dem Vorbild des idealisierten Meisters, die eine Überforderung bedeutet.

Man ist für seine Kinder verantwortlich. Dafür muß man reif sein. Der Zölibat kann in einem Gefühl der Unreife wohl begründet sein. Der neutestamentliche Jesus hatte keine Kinder.
Das hat Folgen für das Christentum: Es ist, mit seinen Radikalismen, wörtlich genommen, eine jugendliche Religion. Immer wieder versuchen sektenhafte Neuansätze, ungeschehen zu machen, daß es älter und (mit allen dazugehörigen Fehlentwicklungen) reifer wird. (Notabene: Es tut alten Menschen gut, sich an ihre Jugend und Kindheit zu erinnern!)

Jesus Christus ist bei uns zum Symbol für opferbereite Liebe als höchsten Lebenssinn geworden.

Das Leben ist beängstigend. Wir müssen uns unterwerfen – andern Menschen und der eigenen Natur, endlich dem Sterben. Wir müssen viel "mitmachen", allein und, in der Nachfolge Jesu, gottverlassen (Matth 27, 46). Das Christentum hat, unter solchen Anfechtungen des Glaubens an die Liebe Gottes, aus der Apokalyptik die Abkoppelung der "Gottesherrschaft", als "jener Welt", von "dieser Welt" fast ganz übernommen: Nur ein „Anbruch“ der Gottesherrschaft durch die Gabe des Geistes der Endzeit (des "Heiligen Geistes") in der Gemeinde Jesu wird gesehen.
Dieser Geist sieht die Herrschaft des Allmächtigen allgegenwärtig, auch im Bösen (Rm 8, 28). Im Licht der Passion Christi erscheint alles unter dem Anspruch der Herrschaft Gottes. Wir sollen diese erkennen.
Gott hat viel mitgemacht, alles. Auch das fürchterlichste Leben sollen wir verstehen als im Grunde Gottes, des Schöpfers, Leben; als je besondere Berufung, schöpferisch zu leben. Diese Aufforderung ist Gottes Beistand, wie die Tradition (im Anschluß an Joh 1,14) sagt: Gottes "Wort", in Jesus "Fleisch geworden". Durch die Gestalt Jesu hat der allmächtige Herr den Menschen bescheiden gebeten, sich mit ihm zu versöhnen (2Kor 5, 20).

Jesus repräsentiert für mich exemplarisch das Beste vom alttestamentlichen, dem besten real existierenden Gottesglauben. Unter dem Kreuz und immer wieder nur hier, angesichts des Scheiterns Jesu, kann und soll ich den Durchbruch zum wahren Glauben an den wahren Gott erwarten.
Aber das Heil kommt verwunderlich. Der Geist Gottes weht, wo er will. Er schenkt dem Wartenden den Glauben nicht, wo und wann und wie er ihn erwartet. (Es ist ähnlich wie mit den guten Werken, die uns geboten sind, aber nichts zu unsrer Rechtfertigung vor Gott beitragen.)

Ob Jesus im üblichen Sinne besonders bescheiden war, wissen wir nicht. In dieser Hinsicht weisen die Texte in verschiedene Richtungen.
Im Namen Gottes trat er anspruchsvoll auf. Die Überlieferung sieht Jesus ganz in der Funktion des Offenbarers Gottes aufgehen. Das kann man als Bescheidenheit interpretieren; aber es wurde auch als unerträgliche Anmaßung interpretiert.

Jesus, Offenbarung der Bescheidenheit Gottes, übermalt und fast ganz vergessen!

Das Christentum und die Schia manifestieren sich oft in Masochismus. (Auch Perversionen können Existenzsymbole sein.)
Das gläubige Mittelalter malte seine Kirchen mit Gräueln aus! Die Anfechtung des Glaubens durch die Qualen des Lebens war ein zentrales Problem; sie wurde in Martyrienlegenden meditiert. Diese phantastischen Problemlösungen sind aber nur Problemanzeigen.

Jesus ist das anspruchsvollste Gottes-Interpretament. Dem suchen die vielen Jesus-Interpretationen zu entsprechen.

An Jesus Christus glauben heißt: Gottes Vergebung und Gnade, die Dankbarkeit des Schöpfers glauben. Wir sollen unsre Mitmenschen die Treue des Schöpfers, Gottes Dankbarkeit spüren lassen!

Vor Jahren notierte ich: „Aus allem blickt Jesus mich an, als die Wahrheit und das Leben, als der Weg (Joh 14, 6) von einer Herrlichkeit zur andern (2Kor 3, 18).“ Es ging da um das Empfinden einer Doppelbödigkeit der Erscheinungswelt. Ich hatte viel über die alte Lehre von Christus als dem Schöpferwort Gottes nachgedacht.

Jesus erlebt den Anbruch der Gottesherrschaft. Die Massenbegeisterung wurde dann aber schon in neutestamentlicher Zeit radikal domestiziert.

Wir brauchen Gott und Jesus nicht immer. Aber immer wieder verhilft uns Gottes Name zu uns selbst, und Jesus hilft uns zu Gott.

Vergebung ist Kampf.

Im grau melierten Alltag ruft, wenn wir jeder schuldverstrickt undankbar zum Essen greifen, das Tischgebet „Komm, Herr Jesus, sei unser Gast und segne, was du uns bescheret hast!“ nach dem, der einst den ungerechten Zöllnern den Dank Gottes für ihr verworrenes Dasein an den Tisch und damit einen Sinneswandel zu Stande gebracht hat.

Jesus hatte sich von Johannes dem Täufer, zum Zeichen der Zugehörigkeit zur nahe bevorstehenden Neuen Welt, den Schmutz der gegenwärtigen Welt abwaschen und sich taufen lassen. Er ging dann durchs Land und lebte in Worten und Werken den Anbruch der Gottesherrschaft. Viel Volks sammelte sich um ihn.

Die vollmundig religiöse Rhetorik der altorientalischen Hofpoeten wurde auf die Davididen übertragen und dann von der christlichen Verherrlichung Jesu überboten.

Der Glaube Jesu war eine durchschlagende religiöse Vereinfachung, Berufung zur Gotteskindschaft. Er trug den Sieg über seine Leidensgeschichte davon.

Jesu herrisches Auftreten und auch sein Gottesverständnis gehört zu Jesu anstößiger menschlicher Eigenart. Das „Christus-Bekenntnis“ des Petrus und seine Ostervision nach seiner Exekution liegen auf dieser Linie. Sie waren fatal.

Jesus liebte die (um der sündigen Menschen willen gegebene) Thorah und die Sünder; und er haßte die Vergötzung des Gesetzes als inhumane Abgötterei.

Jesus war nicht der Idealmensch – der schönste, klügste, liebste (das waren altprotestantisch-orthodoxe Phantasien) – , sondern ein anstößiges Individuum, vielleicht sogar ein unangenehmer Knoten.

Jesus als charismatischer Führer ist der Kirche personalisiertes Gesetz, repräsentiert durch der Person des Predigers. Nova lex ist ἐντολή, nicht νόμος.

Die Erinnerung an Jesus stört jede soziale Selbstverständlichkeit und ruft in die Mitverantwortung der Gotteskinder: „Prüfet alles, und das Beste behaltet“, indem ihr es weiter entwickelt!

Die Anstößigkeit Jesu gereichte vielen zum Segen.

Christus

Die Naherwartung des Weltendes und der ganze Kreis dazugehöriger älterer Vorstellungen (Geist-Ausgießung und allgemeine Auferstehung) waren, vor Jesus, durch den Täufer Johannes frisch aktualisiert worden.
Die Botschaft von der Auferstehung des gekreuzigten Jesus überbot die etwas ältere jüdische Idee der Rettung der Überlebenden vor der ihnen gebührenden Strafe durch das stellvertretende Opfer der Märtyrer (2Makk 7,37, ausdrücklich 4Makk 6,28f.) überschwänglich mit dem Angebot der Gottessohnschaft (göttlicher Bevollmächtigung) als Frucht des Todes Jesu.

Die christliche Begei­sterung flackert zwischen heiliger Nüchterheit und Schwärmerei.

Jesus hat gegen die Fetischisierung der Tora gekämpft, wurde aber selbst fetischisiert; und hiergegen ist im Namen des in Jesus offenbaren Schöpfers zu kämpfen.

Der Psalm 87 besingt ein Wallfahrtsfest. Am Wallfahrtsort herrschen gemeinsame Hochstimmung und Größenphantasien, natürliche Ausgangspunkte tragfähiger Existenzsymbolik. Die Geschichte, gipfelnd in der Jesus-Geschichte, kommentierte und legte sie aus.
Das Jesus-Ereignis hat seinen ursprünglichen Sinn als Kommentar zur Geschichte Israels.

Wo kein Idealismus gebietet, kein Projekt, kein "Gesetz"* ist, fehlt dem Evangelium von Jesus als Christus*, dem Herrn, sein ursprünglicher Adressat. (Wer Idealismus auf Jesus als Ideal allererst aufbauen will, muß sowohl Jesus mit seinen Fragwürdigkeiten als auch sich selbst verzerren; und dann muß, in der Tat, der historische Jesus gegen diesen Christus in Erinnerung gerufen werden.)
Des späten Kohut* dreigliedriger Selbstobjekt*-Schematismus läßt jedoch noch auf folgendes aufmerken:
Gott ist in Jesus als unser Bruder erschienen. So wird Gott in diesem Jesus, als mit uns irrendem Menschen, zur Heilsgabe. Auf dieser Ebene ergibt sich auch eine natürliche Einbettung der Beziehung zu Jesus in unsre anderen Beziehungen.
Und: Gott traut uns zu, jeder in seiner Weise[21] neben Jesus zu bestehen.

Gott hat in Jesus unsre Sünde auf sich genommen (Gal 3, 13). Es hat eingeleuchtet. Das Christentum hat die Erlösung vom Fluch gebracht. Es ist nun im Begriff, zu einer Humanitätsreligion zu werden. Mutter Kirche konnte und mußte ihre Kinder in die Mündigkeit entlassen. Aus Töchtern sind selbst auch Mütter, aus Söhnen Väter geworden. Einige aber kommen erwachsen zurück in der Hoffnung, daß auch die Mutter Kirche würdig gealtert und gereift ist, so daß sie an erwachsenen Kindern die noch größere Freude hat.

Der "Sitz im Leben" des Evangeliums von Jesus ist die Not, in welche die opferbereite Liebe führt. (Luther: Verständnisvoraussetzung des Evangeliums ist das Gesetz*.)

An Jesus, dem Gekreuzigten, hat die Menschheit die prinzipielle Bedeutung der Erlebnisse schöpferischer Kraft des Leidens der Vergebung entdeckt.
Gott fordert nicht nur verantwortliches Leben; er bittet im Namen Jesu um Versöhnung[22].

Psalmist: „Gott, ich habe schlecht gemacht, ich kann nicht gutmachen. Ich muß schreien vor Scham und Schuld. Vergib!“
Gott hat durch Jesus Christus, unsern Herrn, geantwortet: „Was du als deine Schuld erkennst, habe ich vergeben. Ich habe es gegeben. Ich habe es getan [23]. Ich gebe euch mich selbst, nehmt mich an. Nehmt mir nicht meine Gottheit, indem ihr mich rechtfertigen, die Schuld auf euch nehmen wollt. Das ist für euch zu schwer.“
Dankpsalm: „Ja, Gott! Als Vater Jesu Christi hast Du Dich uns offenbart. Du Gott des Alten Israel, Du Gott der Psalmen, Du Gott der Kirche. Ich will Dir dankbar bleiben für Deine Antwort; die mir Ruhe gibt. Ich konnte zu Dir kommen, Dir gegenübertreten, zu dir reden, und kann nun, unter Deinem Segen gehen.“
Gott hat vergeben. Damit ist allen auch berechtigten Ansprüchen von Menschen die giftige Spitze[24] abgebrochen. Wir können uns auf sie einlassen.

Schreiendes Unrecht geschieht. Gott erscheint nicht nur als alter Trottel, sondern als Dämon, die Welt als Hölle. Christliche Botschaft: Christi Höllenfahrt (Eph 4,9), "die Befreiung ist im Gang!" göttlicher Neuanfang aus dem Tohuwabohu – jetzt!

Wie sieht er aus, der Sohn Gottes, der "Gehorsam gelernt hat" (Hebr 5,8)? Es ist unsre Sache, ihn zu imaginieren, wie er uns anblickt.

Jesu historische Bedeutung liegt darin, daß an seinem Leben im Licht seines Todes den Menschen etwas über Gott aufgegangen ist, was erst im Lauf der Zeit immer klarer wurde! (Zu den wichtigen klärenden späteren Kommentaren gehört, außer der altkirchlichen Trinitätslehre, Goethes Satz:Nemo contra Deum nisi Deus ipse[25], und Nietzsches Text: Der tolle Mensch [26]).
Das Evangelium ist die erschreckend überbietende Bestätigung der immer schon präsumierten (richtige Rasse, Glaube, Nation, Familie, Schule, Geschmack, Moral) Auserwähltheit: als Gotteskindschaft durch den Tod Gottes für uns.

Der Mensch lästert Gott. In Christus hat Gott unsre Lästerung vergebend auf sich genommen. Die Menschen haben Gott gemordet, sagt Nietzsche [27]. Gott hat ihnen Recht[28] gegeben.
Der Segen Gottes, der Geist Christi, macht von Gott frei für die Welt. In seinem Segen ist Gott göttlich gegenwärtig. Wir sind durch Gottes Offenbarung gezeichnet[29].

„Christus“ ist das Offenbarwerden des in der gegenwärtigen Welt verborgenen Gottes, Symbol der gesegneten Aussichtslosigkeit.

Das neutestamentliche Wort "Glaube" meint, auch wo es absolut gebraucht ist, immer Glaube an die Offenbarung Gottes in Jesus, nicht einfach psychologisch: "Urver­trauen"; das ist zu diffus.

Grund des Urvertrauens ist die gesamte Lebenserfahrung. Sie prägt auch den Christus-Glauben.

Mit der Rede vom Heiligen Geist wird oft etwas tabuiert, was man vor distanzierter Beurteilung schützen möchte.
Der Heilige Geist ist Gott als die Wahrheit des Christusglaubens. Der tut Wunder, meist allerdings das Wunder einer gelingenden, befriedigenden, Kreativität ermöglichenden Ernüchterung, die auch keiner kompensierenden Selbstgefälligkeit mehr bedarf.

Gott wurde als Großkönig vorgestellt. Dann erschien Gott in Jesus als verachteter, hilflos Sterbender. Gott ist der wahre Großkönig gewesen nur insofern er schon immer auch der sterbende Bettler gewesen ist. Das ist das andere Extrem. Wir fragen nach Gott besonders im Grenzbereich der Überwältigung, in extremis.

Die pura doctrina, die "reine" Lehre, ist reinigende Lehre – mit einer selten beachteten Pointe: Sie ist eine selbstreinigende Lehre; für den Glauben ein wahres "purgatorium" ("Feg"-feuer).

Jedes Quid pro quo, jedes Symbol ist kontextbestimmt und will verantwortungsvoll gebraucht werden.
Wer Christus als sacramentum haben will, für den ist Christus auch exemplum. Ohne Nachfolge, ohne imitatio kein Heil durch Christus. (Imitatio Christi im Sinn des Paulus ist nichts als Selbstauslegung Jesu, Wirkung Jesu in und an uns.)

Matth 25,31-46[30] läßt das erschreckend Überwältigende ahnen: Gott hat mich aus jedem menschlichen Gesicht angeblickt, Gott blickt mich aus jedem Menschen an, ja: aus jeder Kreatur.
Auf meiner Suche nach der Wahrheit, in die mein Leben eingebettet ist, blickt aus jedem Menschen Christus mich an, der Schöpfer als Mensch.
(Die Gestalttherapie lehrt drastisch: Jedes meiner Objekte, auch die objektiv unbelebten, sind mir, zunächst unbewußt, Bild meiner selbst. Man kann das als Andeutung einer "Spiegelübertragung" des Selbst* verstehen.)
Das belebt alle ungemein in meiner Wahrnehmung. Man ist bereiter, ihnen ihre oft zunächst unerfreuliche Eigentümlichkeit zu lassen und sich dafür naiv neugierig zu interessieren.
Diese Sicht kann ich nicht durchhalten. Sollte man diese Wahrnehmungseinstellung trainieren? Es wäre eine nicht ungefährliche Derealisierung, gewollte Selbstvergessenheit.

Gott bricht in Evangelium und Sakrament (Taufe und Abendmahl) seine Rechtsordnung. Indem er sich und uns in Jesus identifiziert, überholt er die ideale Forderung; er verzichtet nicht nur auf unsere Erfüllung (also nicht: Jesus als stellvertretendes Opfer!); Gott ändert seinen Sinn und kommt zu uns! Entsprechend eröffnet die Liebe dem Gegenwärtigen eine qualitativ neue Zukunft. Der Heilige Geist wird in unsre Herzen ausgegossen [31], oder umgekehrt: wir werden trinitarisch* in Gott, ins innergöttliche Geheimnis hineingeholt.

Das unchristliche Zeugnis ist neben der christlichen Tradition unverzichtbar. Das Nebeneinander fordert das Subjekt aus seinen fatalen Sicherungen heraus.

Das monarchische Gottesbild bekam seinen entscheidenden Knacks durch den Tod Jesu.
In der doppelten Vorgeschichte des hellenistischen Christentums waren bereits wichtige mit dem Monotheismus gemachte Erfahrungen verarbeitet. Einerseits der ins Christentum einfließende philosophische Monotheismus entwickelte sich zunächst noch selbständig weiter neben dem Christentum her.
Anderseits gehört ein Jeremia und sein Gedächtnis wesentlich hinein in die Geschichte des Volkes, das die Entwicklung der Gottesidee paradigmatisch vorangetrieben hat. Die Offenbarung der tieferen Wahrheit Gottes an einem gescheiterten Hoffnungsträger hatte in der Luft gelegen. Schüler Johannes' des Täufers schlossen sich, nach dem Märtyrertod ihres Meisters, Jesus an. Die Märtyrergestalt des, ungeachtet Jesu, 100 Jahre nach dessem Tod, erst an den aufständischen Bar Kochba als Messias glaubenden und dann unter den Händen römischer Folterknechte standhaft sterbenden Rabbi Aqiba war eine bedeutende Glaubensversteifung für die übrigen jüdischen Monotheisten. (Einem seiner Schüler war er Grund zum Abfall.)
Beiderlei Zeugen hätten in Christen, die Jesus nicht vergötzten, Brüder erkennen können.
Die Jesus-Vergötzung war eine Eierschale des Glaubens an die Offenbarung Gottes in Jesus gewesen. Sie brach auf.
Heute entdecken Christen in den säkularisierten Juden ältere Brüder. In deren Identität gehören viele Enttäuschungen, die sie immer wieder in die gleiche Richtung gewiesen haben wie jene ersten Juden, die der Schock der Kreuzigung Jesu aus dem synagogalen Konsens hinausstieß.
Die Christen bauten sich schnell ihrerseits so etwas wie eine Orthodoxie auf, die zwar der völkischen Basis entraten konnte (schon Johannes der Täufer soll nach evangelischer Überlieferung (Mt 3,9) gesagt haben, Gott könne dem Verheißungsträger Abraham auch aus Steinen Kinder erwecken!), bald aber eine zivilisatorische, gesellschaftliche und staatliche Basis bekam, die erst in der Neuzeit, Stück für Stück, spürbar enttäuschte.
Die Frucht jüdischer und christlicher Trauerarbeit (die von den orthodoxen Synagogen und Kirchen nicht geleistet werden kann), die eigenste Arbeit des Volkes Gottes, ist heute noch ein Segen, eine zivilisatorische Führungsmacht.

Gott hat am Kreuz Jesu sich als den größten Sünder, chaotisch identisch mit dem Teufel, offenbart und will, uns zum Heil, so bezeugt sein [32].

Lebensziel ist nach Schopenhauer ist das Sterben. Besser: das mutige, gute Lebenkönnen, das auch das rechte Sterbenkönnen ist.
Es ist immer neu weiter zu lernen – „unter dem Kreuz Jesu“ sagt die christliche Tradi­tion, – das heißt aber nicht nur: mit Maria und Johannes, sondern mit den Priestern und den Soldaten, die um seinen Mantel das Los werfen. Unter der Vergebung Gottes.

Der Christ darf alles als Offenbarung Gottes nehmen, – des Gottes, der ihn in Jesus Christus angesprochen hat.

Der Kirchenvater Gregor von Nyssa stellte, in seinem kanonisierten Brief, Ostern noch ungeniert in den Frühlingszusammenhang. „Grün aus Trümmern“ [33].
Die Auferstehung Jesu als heilvoller Beginn der allgemeinen Auferstehung zum gerechten Gericht ist eine prägnante Vorstellung für Ludwig Uhlands Radikalisierung des Frühlingsgefühls: „Jetzt muß sich alles, alles wenden!“
Daß die Sonne ihren verlorenen Schein (Luk 23,45) nach der Kreuzigung Jesu wiederfindet, ist das Erlebnis eines Gotteswunders. Auf dem Hintergrund der Scheußlichkeiten des Lebens, die mit dem Tode Jesu verkündigt werden, ist überwältigende Schönheit eine Auferstehungs-Metapher. (Schon der Begriff der Auferstehung ist eine Metapher!)

Der als Messias/Christus bekannt gemachte Jesus ist königlich-monotheistisches Gottessymbol, ein geschichtsmächtiges Existenzsymbol des Zeitalters der Persönlichkeit und ähnlicher Lebenssituationen. „Wahrer Mensch“? Man hat das bald nachdrücklich dazusagen müssen!

Goethes „Stirb und Werde“[34] ist eine Verallgemeinerung von „Kreuz und Auferstehung“, – was seinerseits eine Zusammenfassung der Jesusgeschichte als Appell an alle ist. Dieser von Jesus ausgegangene, persönlich weitergetragene Zuspruch hat immer noch an Jesus eine Symbolfigur, die im Sterben die Hoffnungskräfte des Lebens sammeln kann. Die Kraft einer Symbolik ist allerdings unverfügbar; und auch ganz anderes kann dies bewirken. Der historische Ursprung aber ist natürlich das solideste Symbol.

Das Scheitern Jesu öffnete den Jüngern das dunkle Nichts. Auf diesem Hintergrund wurde dann das eigene Leben als Schöpfungswunder entdeckt.
Es wurde als Teilnahme am neuen Leben Jesu verstanden. Dies wurde apokalyptisch verdinglicht und sogar halluziniert. Man lebte im Geist der Neuen Schöpfung, wovon man im Alten Testament schon hatte lesen können.
Das waren die vorübergehenden Erscheinungen, deren Zeugnis wir die Entdeckung der Abgründigkeit unseres Lebens und die Aufmerksamkeit auf die unerschöpfliche Neuigkeit des Lebens verdanken. Die Sprachgeschichte dokumentiert es.

Die neutestamentlichen Erzähler berichten von Jesus Weissagungen seines Endes. Das ist begründet nicht nur in dem oberflächlichen Bedürfnis der Gemeinde, seine Souvernänität zu zeigen, sondern, ernsthafter, darin, daß man in ihm die ewige Wahrheit erkannte. Die Erzählung will diese Erkenntnis darstellen.

Trauer über eigene Verfehlungen muß sowohl am Selbstbild wie am Ideal arbeiten. Descendit de coelis, „er ist uns zugut vom Himmel herabgestiegen“, sagt das Credo.

Der christliche Glaube lenkt durch das Liebesgebot im Namen Christi die Aufmerksamkeit auf transitorische Existenzsymbolik des Alltags. Unsere Identität ist bei dem „wiederkommenden Christus“ aufgehoben, – der uns in einem jedem begegnet, der unserer Zuwendung bedarf (Matth 25).

Ein kleines Ereignis von Mitmenschlichkeit in der Verzweiflung, – die erschütternde Freude, die es auslösen kann, ist richtungweisend zum Verständnis von Auferstehung (der katholische Pfarrer Heinrich Henkst mündlich), daß Gott wieder da ist, daß der Gekreuzigte in göttlich bescheidener Weise verherrlicht ist, daß wir für das Leid der ganzen Welt Hoffnung fassen können.
Die Osterbotschaft ist zweideutig. Der Psalter erinnert, gegen die Hoffnungslosigkeit, uns zur Ermutigung, an „die“ großen Rettungstaten des Allmächtigen. Die Grandiosität der herkömmlichen Auferstehungsvorstellungen ist geeignet, die Offenbarung Gottes in Jesus zu interpretieren im Sinne der herkömmlichen theologia gloriae als ein objektives Ereignis, – das dann bezeugen kann nur, wer dabei gewesen ist (Lessing!).
Der Osterglaube der Gemeinde aber bezeugt die selbst erfahrene Herrlichkeit Gottes. 1Joh 1,1, aus der Feder der zweiten Generation, insistiert pseudepigraphisch, aber eben damit entscheidungerhellend, auf der authentischen Zeugenschaft.

Man sehe und höre sich Leben und Lehre der Zeugen an! Das wenigste überzeugt; aber dieses wenige wiegt den Rest auf. Das ist Kirchengeschichte.

Der historische Jesus wurde den Christen zum Zeichen für das (präzis als zweinaturig erkannte) Ideal-Selbst.

Die zwei Naturen, die die orthodoxe Christologie Jesus zuschrieb, sind zwei Weisen, Jesus zu erleben: als Geschöpf und als den Schöpfer. Hat man in ihm den Schöpfer sehen gelernt, so kann man ihn auch in anderen Geschöpfen sehen.

Nach Johanneischer Tradition war Liebe der letzte Wille Jesu. Mitmenschlichkeit ist des für uns gestorbenen Gottes Segen: Mitgefühl der verlassenen Hinterbliebenen mit einander.

Höllenangst machte Jesus, den Heiland, zur Zwangsidee.

Ostern und ähnliche Wahnphantasien waren Implosionseffekte der plötzlich enttäuschten, auf Jesus gesetzten Hoffnungen. Sie bildeten einen phantastischen Schutzraum für die durch Verzweiflung bedrohte Menschlichkeit.

Nach Jesu Tod an dessen Gott glauben, der einst so genannte "Auferstehungsglaube", ist ein Schöpfungswunder, erschreckend, ein geistliches Ereignis, auch ohne die alten Vorstellungen.

Traumatische Erlebnisse haben dauernde seelische Störungen zur Folge. Sie werden vom Alltagsbewußtsein abgespalten und können mit der Normalität zusammenwachsen erst nach einer Latenzzeit (diesen Begriff braucht hier Judith Kestenberg; den Gedanken äußert schon bei Gershom Scholem betreffend die Lurianische Mystik als Reaktion auf die Vernichtung des spanischen Judentums). Es entsteht ein ungewöhnliches Weltbild, das den Menschen zu isolieren droht, aber auch neue Verständigungsmöglichkeiten bieten kann.
Von daher wäre auch über die Geschichte des Glaubens an die Auferstehung Jesu nachzudenken.

„Heil“ im Sinne des Evangeliums ist: Rettung aus der Verdammnis der gesamten Schöpfung, der unleugbar gerechtfertigten Vernichtung. Das war der Horizont des neutestamentlichen Missionseifers.
Die Heilsnotwendigkeit des Evangeliums wird in unsern Kirchen weiterhin behauptet; aber die unleugbare Verdammnis der Welt wird anders gesehen; und dementsprechend ist die Rede von der Rettung durch Christus nicht mehr in der herkömmlichen Weise zu verstehen. Unsere Rettung beginnt, wie das Neue Testament lehrt, mit der Mitteilung des Geistes, – ich verstehe: der in Christus offenbar gewordenen schöpferischen Bescheidenheit Gottes.

„Der gekreuzigte Gottessohn ist unser Beistand in unserer Not.“ Das kann man nur in der Not bezeugen.

Die Osterbotschaft ist Zeugnis vom unerwarteten Handeln des Schöpfers. Die Erinnerung an diese Existenzsymbolik wollen wir festhalten.

Kirche ist der Raum der Bibel. Sie bietet Raum für Austausch von Erkenntnis des Gottes, der heute in der Welt am Werk ist, in Jesus.
Das ist nur für wenige aktuell unmittelbar ansprechend. Diese wenigen aber lernen die andern als Manifestationen Gottes tiefer verstehen und vermitteln ihnen die Dankbarkeit Gottes.

Die trinitarischen und christologischen Streitigkeiten in der Alten Kirche zeigen, daß die Trennung zwischen Schöpfer und Geschöpf bei Jesus problematisch geworden ist. Hier wurde göttliche Kreativität menschlich erlebt. Der Realismus des Alltagswissens verlor seine Selbstverständlichkeit; Schwärmerei liegt da nahe und wurde kirchenamtlich eingedämmt.

Autoritäre Strukturen sind einfach. Autorität verleiht Sicherheit. Die Bibel hat ein obrigkeitliches Weltbild. Auch Jesus wird in diesem Sinne als Herr interpretiert.

Nach Paulus (1. Kor 12) haben Christen durch Christus „Charismen“, Gaben des Heiligen Geistes der Endzeit. Sie können kleine Wunder tun, die einen Vorgeschmack der ewigen Seligkeit, einen Blick in die Zukunft Gottes vermitteln. Man kennt das noch heute von den charismatischen Gemeinden. Das sind wahnhafte Interpretationen.
Man kann das aber normalisieren und verallgemeinern: Wer – von den unsäglichen Zerstörungen, mit denen die Evolution ihre strukturellen Gewinne bezahlt, indem sie den Zufall für sich arbeiten läßt, abgeschreckt und entsetzt wie die alten Apokalyptiker – sich fragt, wozu man lebt, muss sich von Christus als Gottes Schöpferwort, für diese Welt die Augen ganz öffnen lassen. Er bekommt, unverhofft, mit tiefer Selbstverständlichkeit Richtungweisendes, Beglückendes zu sehen, das hilft, das Entsetzliche persönlich zu verkraften!

Liest man die spät-alttestamentlich prophetischen Aufregungen um den Tempel, erscheint die neutestamentliche Abwendung und die Deutung des Leibes Christi als des wahren Tempels goldrichtig.

Die heilsame Wahrheit Gottes wurde in der Person Jesu erlebt und uns ausgelegt von einer breiten Kette von Zeugen.

Im Glauben an Jesus wird die Erfüllung der alttestamentlichen Hoffnungen der für Untreue Bestraften erlebt. Jesus, der vorbildliche, wundermächtige Moralprediger, ist, als Gekreuzigter, ihr Identifikationsobjekt und Friedensfürst insbesondere im Sinne des Buß-Bedürfnisses, allgemeiner: der Anaximandrischen Gerechtigkeit[35].

In der Leiche Jesu wurde der religiöse Wahn der Jünger geerdet und wurde auferweckt als Kern einer neuen, lebendigen Symbolik.

Die durch Christus eingeleitete Auferstehung zum Gericht ist Neue Schöpfung. Sie zeichnet sich nicht, wie etwa der Trost von Ps 73, in den Rahmen einer schon bekannten Gerechtigkeit ein, sondern ist Erscheinung der Wahrheit des wahren Gottes. Nur vorher hatte Gerechtigkeit dessen Güte abbilden sollen!

Im Gekreuzigten ist Gott down to earth (!) gekommen.

Sich zu einer Symbolik Bekennen heißt: sie (nach eigenen Kräften und Möglichkeiten) in Bearbeitung nehmen.

Nach Maleachi (1,3) und Paulus (Rm 9,13) haßt Jahwe den Esau. Auch diesen wirklichen Haß hat Gott auf Jesus geladen und erleidet ihn mit seinem Geschöpf – dem Geschöpf zum Heil.

Ist man mit eigener Schuld hilfsbedürftig und verächtlich geworden, so kann die Erinnerung an Jesus trösten, der zu den Sündern ging und ihnen Mut machte.

Wohl dem, der sich wundern kann! Infolge der individuellen und gesellschaftlichen Wissensakkumulation sieht man Wunder immer seltener. Lebendiger Glaube sieht, wie der Aberglaube, Wunder. Aber er beachtet das Ungewohnte, das noch nicht Gewusste, Überraschende und reflektiert es dann im Licht des Bekannten. So macht er Entdeckungen, die sich als, inmitten des Gewohnten, unvorhergesehen entwicklungsfähig erweisen.

Wir hätten die Welt gern ganz zu unsrer Verfügung. Man hat Angst, die Welt als Wunder Gottes zu sehen. Das Evangelium vom auferstandenen Jesus aber sagt: „Nur Mut!“

Lehre

Gotteslehre will Gottes Namen in unser Denken einweben. Der Mensch kann sich mit Gottes­lehre gegen Gott abdichten und sie zur Ideologie verwandeln, – ein Mißbrauch, der den Gottes­namen stinkend macht.

Die institutionalisierte Lehre einer Kirche ist jeweils eine Ansammlung der Ergebnisse einer langen Geschichte von Lehr-Streitigkeiten. Sie wurde, immer wieder anders, nie ganz befriedigend, von Einzelnen theologisch mehr oder weniger professionell, systematisch stabilisiert. Sie hat aber so viel von ihrem Kredit verloren, daß jetzt jeder sich seine eigene Weltanschauung erarbeitet.

Auch die Christustradition ist eine Reihe immer wieder korrekturbedürftiger Vereinfachung.

Christentum ist eine Sprache der Bescheidenheit, die dem Einzelnen ein unbegrenzt jeweils noch umfassenderes Eingebettetsein symbolisiert.

Die institutionalisierte Symbolik der Einheit, die regula fidei, ist ein vielversprechender Treffpunkt für viele menschliche Gemeinschaft Suchende.

Paulus ist ein geistlicher Familienvater. Unser Gewissen fühlt seine Autorität. Es muss versuchen, ihn besser zu verstehen, als er sich selbst verstand, sein Wort als Autorität selbst zu verantworten.

Luthers Lehre war in ihrer Pointierung hinreichend genau (ein goldner „Ring“, der das Kleinod Christus fasst), insofern sie die Chaotik respektierte und den Glauben als Anfechtungsgeschichte der Existenzsymbolik verstand.

Der Prediger ist nicht nur Kommantator, sondern – nolens volens – ein Kommentar zu seinem Text.

Den Horizont bilden immer phantastische Verzerrungen – man denke an die Geometrie durch Wolken brechender Sonnenstrahlen!
Nicht nur umrissene Verallgemeinerung von bestimmten Einsichten, sondern auch die (verzerrende) Globalisierung von solchen zu existenzsymbolischer Bedeutung ist lebenswichtig.
Christliche Rede von Gott ist Bekenntnis, d.h. persönlich in eigentümlicher Weise verbindlich, obschon zugegebenermaßen (1Kor 13,9!) illusionär. Dies ist die bescheidenste, verantwortlichste und verheißungsvollste Form der natürlichen Globalisierung partikulärer Einsichten.

Die Resonanz mit einer guten Formulierung, einem Spruch, kann in einer Krise den Menschen, der ihn sich wiederholt, wieder ins Gleichgewicht bringen. Das ist der Sinn auch von kirchlicher „Lehre“. Man muss sich für Krisen einen kleinen persönlichen Vorrat davon anlegen; der Gottesname gehört dazu.
Dogmatik ist die Pflege des derartigen Notvorrats einer Kirche.

Ich kann keine größeren Texte mehr schreiben, weil die Agenda solch eines Vorhabens die Agenda meines geistlichen Lebens mißachtet, nämlich im täglichen Leben gewissenhaft auf Gott zu achten, der mir ständig Anfechtungen schickt. Damit fertig zu werden, ist auf meine alten Tage meine zentrale Aufgabe. Aber was immer ich in diesem Sinne niedergeschrieben habe, erscheint mir bald zu unsolide, um es einfach fortzuschreiben.

Das Glaubenszeugnis ist jeweils ein metaphorischer Kern mit einer lokalen Metonymik, deren Sinn durch Globalisierung zu Unsinn verzerrt wird. Näherbestimmungen der Geltungsbereichs, sog. Distinktionen, werden nötig. Die hohe Dimensionalität der Glaubenszeugnisse ist immer nur für begrenzte Zwecke auf den niedrigdimensionalen Atlas einer Dogmatik abzubilden.

„Die kirchliche Lehre“ beansprucht Verbindlichkeit. Man kann sie deshalb darstellen nur entweder subjektiv, d.h. (pro oder contra) bekennend, genau, oder dann (objektivierend) nur ungefähr und denaturiert; denn der vielfache jeweilige Kontext gehört zum Verständnis wesentlich dazu.
Der Anspruch auf unbedingte, zeitlose Wahrheit ist besonders umstände- und zeitbedingt! Er entsteht in der Angst der Angewiesenheit auf das Zeitliche und Bedingte.

Die großen kontroversen Glaubenslehren der Reformationszeit setzten alle bedenkenswert an. Ihre Symbolik wurde, möglichst einfach, widerspruchsfrei weiter ausgearbeitet; und so wurden all diese Systeme doch immer komplizierter und endeten in Aporien. Sie werden aber trotzdem, gegen einander, als erste Stufen zur Gotteserkenntnis verteidigt; und in der Kontroverse demonstriert jeder den gegnerischen Ansatz, verzerrend, als unzumutbar wegen dessen eigentlich nicht intendierter (aber unleugbarer) skandalöser Implikationen. Damit aber ist nichts gewonnen; denn keine menschenmögliche rationale Systematisierung ist der Komplikation der Wahrheit gewachsen.
Gemeinsame, aber irrige Voraussetzung der ehrlichen Bemühungen und Kämpfe war: unbedingte Stimmigkeit zwischen wahren Aussagen. Aber alle Aussagen sind nur bedingt wahr; und um diese Bedingungen erkennen und respektieren zu können, ist man wohlberaten, die Vielstimmigkeit mit den Ansätzen der Andern ernstzunehmen. Das führt nicht zu Stimmigkeit, aber zu tieferer Einsicht.

Das synoptische δεῖ, die göttliche Notwendigkeit der Passion Jesu, verlangt Anerkennung. Die Kirche anerkennt es als Heilsplan der Vorsehung. Aber ein Plan ist ein zu enger Rahmen für ein Verständnis der Passionsgeschichte. Die Passion Jesu war ein Ereignis der gottgewollten Freiheit der Schöpfung.

Die meisten naiven Individuen und Gruppen glauben praktisch an die eigene Unfehlbarkeit. Der Vatikan aber hat sich in die besorgliche Situation gebracht, an die eigene Unfehlbarkeit glauben zu müssen.

Die Offenbarung Gottes in Jesus ist objektiviert in paradoxen Worten. Sie geschieht, wo und wann und wie es Gott gefällt; und die christlichen Worte bleiben leer, wo und wann Gott dies, uns zum Heile, will.

Kirchliche Lehre ist ein unter den Wechselfällen der Geschichte fraktal, wie ein Baum, ausartikulierter Monotheismus, ein mildes stochastisches Chaos.

Auch die Pauschalurteile des Evangeliums sind Vereinfachungen, die nur zeitweise, in bestimmten Zusammenhängen, befriedigen. Deshalb hat der Glaube laufend weitere Bekenntnisse, Lieder, Predigten und erläuternde Glaubenslehren (allmählich ein Dickicht) aus sich herausgesetzt.

Die Leidensbereitschaft, für alle Wahrheit offen zu sein, kann die Preisgabe der eigenen Identität nicht ausschließen.

Wenn man möglichst prägnant redet, kommt man an die Grenze, daß man bekennen muß, seine Sache nicht besser sagen, Gott nicht besser bezeugen zu können. Wo es in diesem Sinne um Gottes Wort geht, muß der Stil der Theologie assertorisch werden (wie Luther es in seiner Auseinandersetzung mit Erasmus gefordert hat). Er setzt dann die Moral der Sensibilität voraus. Solches "Wortgeschehen" lebt in der Tragik der gelebten Vereinfachung, unvorhersehbar chaotisierend, klärend und ordnend.

Leben ist Sterben. Jesu Ruf in die Nachfolge ist Berufung zu Teilnahme am Leben des Schöpfers. Eritis sicut Deus, nun sei Gott! Nimm auch auf dich die Last der Welterhaltung.

Die tiefsinnige Symbolik der Lutherischen Orthodoxie hatte ihre Bedeutung in der Enge der deutschen Gesellschaft des Barock; in diesem Rahmen ist sie ein leuchtendes Beispiel guter Theologie. Aber als ihre Erben müssen wir heute eine christliche Glaubenslehre ganz anders strukturieren.

Hinter Lehrstreitigkeiten stecken immer konfligierende Lebenszusammenhänge.

In der Anfechtung des Glaubens an eine Lehre muß man zu deren Anfängen zurückfragen, – in der Glaubensanfechtung also zurück zu Jesus.

Ritual / Gottesdienst

Das Glaubensbekenntnis (σύμβολον) im Gottesdienst ist eine Art Tätowierung.

Schöne kirchliche Glaubenszeugnisse schaffen eine erstaunlich widerstandsfähige Welt selbstverständlichen Heils, – aus der einen Gott selbst vertreiben muß. Man relativiert sie (sich!) nur unter Druck.

Die Sakramente sind institutionalisierte Stücke der Wirkungsgeschichte Jesu.

Räume haben je ihren besonderen Charakter; sie deuten, was darin geschieht, Kirchengebäude: erhaben, erhoben, festlich, feierlich oder besinnlich, innig; manche drücken einen obrigkeitlichen Anspruch aus, mit dem man nichts zu tun haben möchte. Die Wirkung eines Raumes, in dem Besinnung stattfinden soll, muß immer wieder bewußt wahrgenommen und im Licht des heute wirklich gelebten Lebens bedacht werden. Dann kann man zur Not auch in Götzentempeln christlich meditieren.
Umgekehrt sind gute Kirchgebäude auch als Alibi gegen den Ruf Gottes brauchbar.

Im Gottesdienst stellt man Gott Dienen dar.

Die Grenze zwischen ehrwürdiger Liturgie und Magie ist fließend.

Gottesdienst ist gemeinsames Warten, daß Gottes Wort sich ereigne; meist geht man enttäuscht nach Hause.

Freie Rede im Gottesdienst öffnet das stereotyp überlieferte Sakrale exemplarisch in einer individuellen Äußerung zum profanen Heute hin.

Die meisten Gottesdienste imponieren als dröhnende Gottlosigkeit.

Auch die leidenschaftlichste Predigt sollte nüchtern enden.

Wie auch immer die herkömmliche Sozialform des allsonntäglichen Gemeindegottesdienstes heute gefüllt wird – und was wird nicht alles versucht! – diese Veranstaltungen der großen Kirchen bleiben schlecht besucht! Die Form ist ansprechend oder anspruchsvoll; der Inhalt, oft hörbar gedankenlos dahergesagt und -gesungen, bleibt in der Regel langweilig. The more it’s different the more it is the same: unendlich repetitiv die Bestätigung einer traditionellen Identität. Dabeisein ist alles.

Die Beerdigungsfeier ist Kommunikation, wo der Mensch nichts Befriedigendes zu sagen weiß. Aber kollektives Schweigen ist bald bedrückend und gibt dem Wort, das das Schweigen bricht, übermäßige Bedeutung. Man symbolisiert einander Mitgefühl nicht ganz ohne Worte. Ein Liturg und Wortführer ist notwendig. Die überlieferte kirchliche Symbolik ist ein bewährtes Medium, enorm anspruchsvoll, aber nicht jeder­manns Sache. Sie muß Stück für Stück in persönlicher Verantwortung eingesetzt werden.
Die individualisierte Beerdigungspredigt ist eine unmögliche Aufgabe. Als Christuspredigt fordert sie vom Prediger persönlich letzte Ehrlichkeit.

Im Gottesdienst soll man sich gemeinsam besinnen können. Das konkrete kultische Angebot ist ein gemeinsamer Anlaß zu jedermanns idiosynkratischer Besinnung auf die gemeinsame Grundlage. Der Kult, einschließlich Predigt, soll den Einzelnen, für die Weiterbesinnung über seine vielerlei offenen Fragen, geeignete Symbolik zur Horizonterweiterung bereitstellen.

Indem wir mit ihm beten, bevormunden wir das Kind.
Der Erwachsene kann allein einzelne Worte ohne Sätze beten, von Erinnerung geführt, Erinnerungen vor Gott bringen.
Gemeinsam geht das nur bei großer Intimität (die man niemandem aufdrängen soll). Besser betet man hier mit ganzen Sätzen, – obwohl das meist viel mehr Ordnung ist, als die wirkliche Gottesbeziehung des Einzelnen schon hat. Auch dies aber soll man niemandem aufdrängen!

Die Vermutung, daß das Credo im Gottesdienst zur Vertreibung der Ketzer eingeführt wurde, paßt zu dem, was man da in unsern Gottesdiensten spürt. Anders wirkt das gesungene Credo in der Messe!

„Mündigentaufe“ ist unter den obwaltenden Umständen ein öffentliches Bekenntnis nicht zur Offenbarung Gottes in Jesus, sondern zu einer Stereotypierung von Bekenntnis, die schlecht zu Jesus als Offenbarung Gottes paßt.

Kirchen sind zunächst Tabuzonen, Sakralräume, Gotteshäuser, wie Synagogen, Moscheen und Tempel, unabhängig davon, was hier etwa gepredigt wird. Ein Verständnis dafür liegt wohl in der menschlichen Natur.
Durch Prophetenwort (wie im Alten Testament) und Predigt mag der hier wohnende Gott sich als überall gleichermaßen wohnend erklären und den Tempel damit säkularisieren.

Auch im evangelischen Gottesdienst feiert die Kirchgemeinde sich selber.

Das Leben ist mörderisch; auch das menschliche. Der Staat ist eine Rechts-, Ordnungs- und Friedensmacht, aber als Lebensmacht mit Gewaltmonopol potentiell mörderisch. Staatskult – etwa im Fußball mit Fahnen, Hymne, König u. dgl. – ist ein menschliches Naturphänomen.
Kult ist eine staatsähnliche menschliche Lebenserscheinung[36], potentiell mörderisch. Im Kult wird Gott vergötzt; im Dienst menschlicher Selbstbehauptung wird seine kritische Dynamik, aufgefangen in sterilisierten Sündenbekenntnissen, gestoppt und kollektiv verleugnet. Im christlichen, kirchlichen Kult wird der Vater Jesu Christi vergötzt. Die kritische Dynamik seiner in Christus offenbarten Bescheidenheit wird gestoppt und lobend überholt.
Gleichwohl ist das Christentum auf diese Tradition angewiesen. Sie dringt allerdings darauf, erschlossen zu werden. Dementsprechend hat Luther im Gottesdienst der Predigt die entscheidende Rolle zugewiesen. (Vgl. schon Paulus über Moses, 2.Kor 3, 1-18.) Von hier aus konnte auch die Staatsbürgerlichkeit kultiviert werden.

Fest ist kollektive Autosuggestion, Induktion eines veränderten Bewusstseins.
Im Gottesdienst soll die Predigt Wasser in diesen Wein gießen: die (im Fest als selbstverständlich neutralisierte) Verweisung des im Zentrum stehenden Existenzsymbols auf die prekäre Existenz des (augenblicklich so grandiosen) Selbst, existenziell artikulieren!

Ritual markiert Schutzraum für sozial wertvolle Kommunikation kindlicher Gefühle, „Regression im Dienst des Ich“.

Man muss Zitate aus einer andern (etwa einer biblischen) Welt unserer Glaubenstradition in Hörweite, aber von der eigenen Welt unterschieden halten. Das geschieht (undeklariert) durch die liturgische Theatralik.

Kult ist Verschwörung: Mit vereint „verändertem Bewusstsein“ den Mund zu voll nehmen. Diese gemeinsame Erfahrung verpflichtet dann.

Ein Bestattungsritual überbrückt symbolisch den Riss in der Kommunikation mit dem Verstorbenen. Es muss vieldeutig und darf unverständlich sein. So symbolisiert es den Sterblichen eine Gemeinschaft im Nichtverstehen.
Das Ritual soll ein Segen über der Vergänglichkeit sein, eine Verheißung aus der Vergangenheit; jeder Bestattungsredner ist Tradent von Glauben.

Die Feststimmung in marginalen Kirchen ist theologisch bemerkenswert. Die Marginalen erleben hier die soziale Tragfähigkeit der Tradition, die sie marginalisiert.

Kirche

Die heutigen islamistischen Märtyrer sind als Beichtspiegel der Kirche in ihrer Märtyrerverehrung nützlich: Die gleiche eindrucksvolle, wahnhafte Kompromißlosigkeit.

Es ist anregend, die Geschichte des biblischen Erwählungsglaubens als eine paradigmatische Sozialgeschichte des Narzißmus zu lesen.

Jesus ist der Herr der Kirche. Diese begann als wahnhafte Abwehr einer posttraumatischen Depression. Ihre Symbolik bedeutete bis heute – erschreckend (anthropologisch bemerkenswert) vielen – eine Hilfe.
Diese Abwehrform verwuchs mit der Zeit, in vielen kleinen Entwicklungsschritten, enger mit der normalmenschlichen [37] Symbolik der Umwelt – vielfach zu beiderseitigem Gewinn. Die Kirche übernahm Funktionen, die zur Jesustradition paßten. Es entstanden um die Kirche herum christliche Kulturen. Zwischen christlicher Kultur und Kirche besteht lockerer Kontakt ohne klare Grenze.
Die Herrschaft Jesu Christi ist in der christlichen Kultur ein Problem, denn die Kirche ist durch das vinculum charitatis, das Band der Liebe, zusammengebunden; aber zieht der Herr der Liebe Grenzen? Schickt mit dem Liebesgebot der Herr die Seinen gar aus seinem Haus hinaus? Man erinnere sich an Paulus, der bereit ist, aus Liebe den Fluch Jesu auf sich zu nehmen (Rm 9, 3). Das kann man nicht Gehorsam gegenüber dem Herrn Jesus nennen; das ist Nachfolge Jesu! Es geht da nicht mehr nur um das Gefühl der Gottverlassenheit, sondern um Verfluchtsein. Hier hat – mit dem Johannesevangelium zu reden – der Heilige Geist ein größeres Werk getan als Jesus (Joh 14,12). Die Liebe Gottes kann Mut zur Gottlosigkeit machen.
In der Nachfolge Jesu sollen wir frei sein von dem Herrn. Das ist das Gebot des Herrn der Kirche an die christliche und post-christliche Kultur.
Den Traumatisierten hält der „Apothekengott“[38] die Kirchentür offen. Aber auch die andern sollen freien Zugang zur kirchlichen Symbolik haben. Sprachnot muß allerdings ehrlich zugegeben werden[39]; Heuchelei hilft da nicht heraus.

Kirchen sind Tummelplätze auch für krude Größenphantasien.

Die Zahl der zahlenden Kirchenmitglieder fällt; der institutionelle und bauliche Rahmen blieb bis jetzt stehen – und wird den Verbliebenen allzu teuer. Der katholische Bischof von Essen schließt Kirchen und entmündigt die Gemeinden finanziell, hofft aber auf – stärker episkopal gesteuertes – Weiterleben der (ihm bislang zu gemeindlich-selbstbezogenen) Laienaktivität. Die Laien aber sind von dem klerikalen Umgang mit dem Geld nicht überzeugt.
Der Glaube ist eine heute schärfer individualisierte Sache. Das klerikale Verständnis von Einheit ist zu einfach. Die verstärkte Zentralisierung erdrückt das Gemeindeleben.
Die EKD geht in dieselbe Richtung. Die Kirche wird zum hohlen Fass, auf dem der höchste Würdenträger steht und vor der Fernsehkamera predigt.

Ich möchte die christliche Überlieferung des Gottesnamens nicht missen; sie ist mitmenschlicher Beistand, eine wesentliche Lebenshilfe. Und es ist eine Aufgabe menschlicher Solidarität, sie weiterzugeben.

Die erste Aufgabe einer Institition ist Kontinuität. Die wesentliche Aufgabe einer Kirche ist die Pflege der Erinnerung an die Offenbarung Gottes in Jesus. Weitere Funktionen können ihr zuwachsen und absterben.

Die Zerstörung Jerusalems nach der Kreuzigung Jesu scheint für viele Jesusleute die reale Erfüllung eines (moralisch verbotenen) archaischen Rachewunsches gewesen zu sein. Die Sequenz dieser beiden Ereignisse, schließlich noch verstärkt durch die jüdische Katastrophe des Jahres 135, war ein kumulatives Trauma [40]. Systematisiertes, apokalyptisches* Wissen (Naherwartung des Endgerichts!), integrierend darstellende Evangelien, , das Heil reïfizierende Kirche, Einheitsideologie, wurden zur Panik-Abwehr nötig. Missionarisch boten sie sich an als starkes Orientierungssystem in dem Normenchaos unter einer (weithin als illegitim empfundenen, ausländischen) Staatsmacht. Damit begann die Erfolgsgeschichte des Christentums. Und für den Anfang gilt: Nichts ist so erfolgreich wie der Erfolg.

Kirche als Symbolwelt ist festgemacht an einem historischen Ereignis, dem Leben Jesu. Die Religionsgeschichte weiß von verschiedensten Offenbarungserlebnissen. Kirche ist die Geschichte des Verständnisses des gekreuzigten Jesus als Offenbarung Gottes, als des Schöpfers im Geschöpf. (In diesem grundlegenden Sinn ist Kirche nicht Institution, sondern eher Aufhebung von Institution, nämlich Aufhebung von Gott als Institution – durch Gott.)
Mit dem Verständnis Jesu als Messias/Christus begann die Institution Kirche. Sie ist selbst Subjekt mit mehr oder weniger formelhafter Reflexion auf Jesus als Christus.
Sie versteift die neue Sprache des Glaubens (gegenüber Störungen vonseiten Gottes und der Welt) – mit dem Risiko der Sinnentleerung. Die Weltgeschichte ist nicht das Weltgericht, aber die Kirchengeschichte ist das Gericht der Welt über Gottes Offenbarung in Jesus. Und diese menschenmögliche Kompromittierung Gottes gehört, im Sinn des Evangeliums, tatsächlich in voller Länge als Passionsgeschichte zur Offenbarungsgeschichte [41]. Wer sehenden Auges an Gottes Gegenwart – nicht nur in Jesus, sondern auch in der Kirche, glauben kann, der, vielleicht, tut größere Werke als Jesus (Joh 14,12) und " ist vom Tode zum Leben durchgedrungen" (Joh 5,24).

Institutionalisierung führt zu Fetischisierung der Symbole. Jesus ist der Fetisch der Kirchen. Die dialektische Theologie* hat das durch die Predigt zurückdrehen wollen, aber im Effekt wohl eher noch fester geschraubt.

Eine Kirche soll institutionell für Ordnung sorgen, soweit das für Verständigung erforderlich ist; aber nicht den Geist des Lebens ersticken, der etwas zu sagen hat. Sonst stirbt sie selbst ab.

Ein Buch ist eine Institution. Eine Kirche ist eine Institution. Besonders solide steht eine Institution auf einem guten Text.

Kirche hat einen natürlichen Hang zu Katholizität. Wenn der Papst institutionell Primas der Ökumene wird, ist das kirchliche Trugbild komplett. Dann müssen, als echte Alternativen zum schönen Schein, Freikirchen die Nicht-Institutio­nali­sier­bar­keit Gottes repräsentieren – und damit tun, was Aufgabe der Kirche ist: in die Wahrheit des Wortes Gottes einweisen.

Im allgemeinen, postmodernen Verfall der Ideologien sind kleinere Koordinationen gefragt. Die Macht der großen Kirchen verfällt. Der einzelne muß sich, statt mit der Macht einer ideologischen Institution, mit der "neuen Unübersichtlichkeit" (Habermas) auseinandersetzen.

Die Kirchen pflegen die Erinnerung an Christuszeugnisse institutionell. Aber die Christus-Tradition läuft an dieser Pflege auch vorbei. Die Kirchen versuchen, das einzufangen.

Die Deutschen waren zu Luthers Zeiten besonders kirchenfromm und deshalb dankbare Opfer römischer Ausbeutung gewesen. Luthers Rechtfertigungslehre, die Unterscheidung zwischen Gesetz und Evangelium, schnitt deren Angelschnur durch, an der die Volksfrömmigkeit hing. Das hinterließ ein normatives Vakuum, in welchem eine gefährlich chaotische Entwicklung einsetzte. Die sog. Reformatoren, nicht anders als die Altgläubigen, setzten dieser – und dem evangelischen Glauben – durch staatliche Gewalt brutal ein gesetzliches Ende. Sie selbst eröffneten das konfessionelle Zeitalter übermäßiger politischer Verantwortung der Theologie, einer entsprechend ängstlichen Bemühung um die schlechthin rechte Lehre, Verpflichtung zu allgemeingültiger Orthodoxie.
Die Reformation hatte Erfolg, weil Luther das wieder entdeckte Evangelium nicht seinen eigenen Weg nehmen ließ, sondern es gesetzlich predigte. Er verstrickte sich mit seiner Lehre in grauenhafte Selbstwidersprüche. Er spürte das auch; aber er fand nicht heraus. Er wollte die Kirche evangelisch machen. Das Zeitalter der Kirche als Institution aber war vorbei. So gründete er also unabsichtlich eine neue.
Die Evidenz der Reformation war nicht haltbar. Die Wahrheit aber bahnte sich, an den Kirchen vorbei, trotz Unterdrückung, langsam ihren Weg zu den Menschen.
An den Folgen des obrigkeitlichen Doping im 19. Jahrhundert aber leidet die Kirche bei uns noch heute.

Die größten Idealisten sind die lohnendste Gesellschaft für Betrüger. Deshalb sind Kirchen und Sozialistische Parteien auch reich an hochkaratigen Betrügern.

Kirchen wollen ihr eigenes Wort ins Gespräch zwischen dem lebendigen Gott und dem einzelnen Menschen einbringen. Sie sind verpflichtet, ihr Bestes zu tun gegen christlich unterfutterten Unfug, – wovon sie vielerlei in Erinnerung haben. Aber „ihr Bestes“ ist Lehre mit der geschwächten Autorität einer Institution, nicht aber das persönliche Wort in seiner mitmenschlichen, und deshalb verheißungsvollen Schwachheit.

Eine Kirche ist eine Institution symbolischen Fundamentkonsenses, eine religiöse Ordnungsmacht, die auf interne Verständigung dringt.
Indem sie interne Verständigung übt, trainiert sie die Fähigkeit zu Verständigung überhaupt. Erzwungene Monotonie allerdings erzieht im Gegenteil zu Zynismus und ängstlicher Heuchelei.

Nicht nur Staaten, auch Religionen entarten leicht. Es liegt im Interesse der Gesellschaft, wenn sie ein Auge auf einander haben und sich gegenseitig vor dem Fall bewahren – wie zwei Betrunkene.
Die Gesellschaft hat ein Interesse an kultivierter Religion. Deshalb zahlen die Staaten akademische Ausbildungsstätten, Departments of Religion bzw. theologische Fakultäten, begünstigen Religionsgemeinschaften und beaufsichtigen sie.
Theologie und Philosophie haben gesellschaftlich heute wenig beizutragen. Die letzte Weisheit der Bemühung um allumfassende Systematik lautet: Unser Wissen ist immer nur begrenzt gültig. Das berechtigt jedermann zu gezieltem Lerneifer einerseits, weltanschaulichem Eigenbau andrerseits.
Die Kirchen mahnen – und tun auch Nützliches, wo die staatliche Decke zu kurz, die Zivilisation barbarisch ist. Sie halten auch Gottesdienste. Daß aber für all Dienste solch ein großer Apparat nötig ist, leuchtet nicht ein. (Daß sehr viele soziale Einrichtungen noch unter kirchlicher Vormundschaft stehen, ist heute eher anstößig und nur historisch zu begründen.)

Die Kirchen spielen Gottesvolk.
Das (mehr oder weniger explizite) Selbstverständnis einer Gemeinschaft als Gottesvolks ist nicht selten. Bei schlechter Theologie (bzw. schlechter civil theology) kann dieses naive Selbstgefühl aber giftige Früchte tragen. Ein sich selbst fetischisierendes Volk lebt mit seinem Götzendienst verworfen und verdammt.

Schon Plutarch[42] dachte über das Absterben von Heiligtümern nach.

Kirchen, insbesondere die unsren, werden als überinstitutionalisiert empfunden. Die Mitgliederzahl der hochinstitutionalisierten Kirchen geht ständig zurück. Aber sie sind mit ihrer ererbten gesellschaftlichen Rolle und Sozialform identifiziert und können sich nur äußerst langsam ändern.

In den fortschrittlichen Gesellschaften sind die großen Kirchen Institutionen für Verständigung und menschliche Teilnahme. Nach beidem besteht gesellschaftlich dringender Bedarf.

Die Kirchen und was sie lehren zerfällt heute (Nietzsche: "verwest").

Wie jede Gemeinschaft, so entwickelt jede Kirche Lehren und kann Richtlinien definieren, wie man hier tun und reden soll. Diese fügen sich irgendwie zu einer Lehre zusammen, die dann auch noch, auf verschiedene Weise, mit leichten Verformungen, systematisiert werden kann.
Denkschriften von großen Kirchen (als wichtigen Schmelztiegeln zur Bildung einer öffentlichen Meinung) sind historisch im Christentum wurzelnde, durch Gremienbeschlüsse – niemals durch ihre biblischen Argumentationen! – autorisierte, politisch-rhetorische Handreichungen.

Kirche ist ideologischer Schmelztiegel (Liebe, Friede). Was sie sagt, kann kaum ganz abwegig sein. Hier geschieht ständig eine enorme Koordinations-Vorleistung für die Gesamtgesellschaft.

Die Landeskirche hat ihrem Pfarrer Hans Ehrenberg als Juden erst zeitgemäß im Stich gelassen – und post festum zeitgemäß ihre Schuld bekannt. Die Zeiten haben sich geändert. Alles ganz natürlich und in Ordnung; aber unheimlich.

Die Kirche operationalisierte ihre Heiligkeit durch das kanonische Recht, das ursprünglich schwere Sünder exkommunizierte und ihnen Vergebung und Wiederaufnahme erst nach einer langen Bußzeit gewährte. Bis ins 14. Jh. blieben die zum Tode Verurteilten aus der Kirche ausgeschlossen.
Erst die Bettelmönche im 14. Jh. haben mit Hilfe des Papstes von den weltlichen Gewalten erreicht, daß sie zum Tod Verurteilte bis zum Schafott begleiten durften!

Kirche als Vergebungs- und Liebes-Institution ist gesellschaftlich betraut mit der Erarbeitung und Pflege konsensfähiger moralischer Kompromisse.

Soziale Einheiten – Staat, Firma, Familie und so auch die Kirchen – nötigen den Einzelnen zu Verstößen gegen sein Gewissen.
In Kirchen und Wissenschaft allerdings, als Wahrheitsbetrieben, ist das doppelt korrumpierend.

Je mehr es um Verantwortung, Sprache, Wort und Wahrheit geht, sind Institutionen primär schädlich.
Man kann den Schaden infolge der Macht des institutionalisierten Schwindels durch Gegeninstitutionen (mit deren Schwindel) begrenzen. So wird der einzelne zwischen den Institutionen wieder zurück in die eigene Verantwortung genötigt. In dieser Funktion können Kirchen der Wahrheit dienen.
Der einzelne kann allerdings in der Flickenteppich-Gesellschaft auch eine Flickenteppich-Identität – statt einer differenzierten Persönlichkeit mit Spannkraft – entwickeln.

Der schweigenden Mehrheit ist die Existenz ihrer Kirche knapp die Kirchensteuer wert.

Die ideologische Aufweichung der großen Kirchen stellt der Gesellschaft eine Kommunikationsstruktur gemäßigt alternativen Denkens zur Verfügung. Unausgereifte Ideologien kleiner Gruppen finden erhöhte Beachtung. Dies ist eine diakonische Funktion der Kirchen.
Daneben sind fundamentalistische Kontraktionsbewegungen zu erwarten. Sie halten die herkömmliche Gottessymbolik steril präsent.
Aus jeder dieser Aktivitäten kann durch Berührung mit selbständig denkenden, ernsten Menschen neuartiges christliches Leben erwachsen.

Die Bekennende Kirche artikulierte sich gesetzlich-wahnhaft, um wertvolles Bedrohtes zu konservieren.
Es kam die folgende Generation aber teuer zu stehen, daß die Bekennende Kirche sich in der Angst religiös-gesetzlich, statt vernünftig, gegen schlechte Gesetze gewehrt hatte.

Für die Reformatoren war wichtig der öffentliche Anspruch auf kontrollierbar richtige Auslegung der anerkannten Lehrautorität (Bibel), nicht aber Gewissens- und Glaubensfreiheit.

Die Kirchen idealisieren die Kirche.

Pfarrer („Bischöfe“, Gemeindeaufseher) dürfen durchschnittlich ordentlich leben. Sie müssen nicht Vorbilder, keine religiosi sein (die sich um ihrer Existenzsymbolik willen außergewöhnlich einschränken).

Gewiß ist Kritik an der Kirche als Begründung für die Kirchenaustritte oft Vorwand für Geiz. Immerhin aber geizt man eher an den Dingen, die man weniger schätzt.

Das Christentum war lange ein ganz großes Geschäft. Es ist sehr heruntergewirtschaftet.

Das Verhalten der Kirchen angesichts des Holokaust war nicht besser als das der Staaten. Das paßt nicht ins christliche Selbstbild. Es paßt aber zur kanonischen christlichen Symbolik, und ist zu dieser ein später, notwendiger Kommentar, der dem Bewußtsein die Schattenseite des Christentums aufdrängt. Dieses verlegene Untätigbleiben als Zuschauer monströser Verbrechen gegen die Menschlichkeit gehört wesentlich in die Geschichte des Christentums als seine andere Selbstauslegung.
Neben dem "Herr, bin ichs?" (Mark 14,19, Matth 26,22) hat die Kirche in der Gestalt des Judas den Verräter symbolisiert, der von Gott verworfen ist, – und hat mit Matth v. 25 die schlechte Antwort auf die gute Frage erleichtert. Das Böse ist, entlastend symbolisiert, externalisiert. Im gleichen Sinn wirkt das nachpaulinische, im Neuen Testament dokumentierte Juden-Klischee.

Der technische Fortschritt hat die Gesellschaft umstrukturiert. Anfang hatte man Maschinen, deren man sich bediente. Die Menschen haben sich mithilfe der Maschinen so vermehrt, wie sie nur dank der Maschinerie weiterleben können. Schon seit gut hundert Jahren „bedient“ der Mensch die Maschinen. Das menschliche Subjekt ist zum Objekt der Maschine geworden. Die „Servo“-Systeme dominieren die Sozialstruktur.
Die Metonymik ist jetzt wichtiger als die Metaphorik. In dieser aber steckt der Glaube; hier schlägt das Herz der Menschlichkeit und der Religion. Die moderne Kultur ist pluralistisch, politisch und religiös ein Kompromiß.

Das Individuum ist polyzentrisch, mit wechselndem Schwerpunkt zugleich Glied verschiedener Symbolgemeinschaften. Die Kirchen sind Vereine zur Zentrierung der Persönlichkeit durch monarchische Symbolik.

Monotheismus tendiert zu Totalitarismus.
Die moderne Form des Polytheismus ist religiöser Pluralismus. Dieser steht und fällt mit der Kompromißfähigkeit der Menschen; er setzt zuversichtliche Spannungstoleranz, letztlich: Menschenliebe, voraus. Lebendiger Pluralismus kann den Monotheismus vor Totalitarismus bewahren.

Das (von den alten Kirchenvätern noch gesehene) polytheistische Strukturmoment in dem Begriff des dreieinigen Gottes – der Schöpfer (Vater) als ein Geschöpf (Jesus) und dann vielfach verleiblicht (1Kor 15,44, Geist) – bringt die anfechtungsvolle Zeitlichkeit des Glaubens zum Ausdruck, die später Luther (in Begriffen wie Gesetz und Evangelium) thematisiert hat und von der Goethes „ungeheurer Spruch“[43] zeugt.

Kirchen repräsentieren die Kirche, und wollen damit den desintegrationsbedrohten Menschen eine in Gott gegründete Einheit vermitteln.
Unsre alten und historisch bewußteren Kirchen repräsentieren allerdings auch, etwas ermüdet, ihre Streitgeschichte.

Eine Konfession ist ein Resonanzphänomen, das den einzelnen befähigt, relativ kraftvoll in (erzwungenen) Frequenzen eines Kollektivs mitzuschwingen.

Die "christliche Freude" in unseren Kirchen wirkt oft etwas programmatisch[44].

Kirchen fungieren in der Gesellschaft als sozialpsychiatrische Selbsthilfeorganisationen. Sie betreiben Seelsorge im katholischen Plural, cura animarum, – nicht nur ἐπιμέλεια τῆς ψυχῆς, Seelsorge im sokratisch-platonischen Singular. Durch das Wort ihres "verordneten Dieners" stützt die Kirche als institutierte Glaubensgemeinschaft den Einzelnen.
Die Alcoholics Anonymous sind eine relativ homogene Symptomgruppe. Die Kirchen sind erheblich vielfältiger, – was zu scharfen Konflikten führen würde, wäre nicht die Vergebung hier zentraler Wert. Hier herrscht – schon in dem Gegenüber von Hirten und Gemeinde – eher Komplementarität. Sie bilden, getragen von öffentlichen und privaten Zuwendungen, ein milieu d'accueil, Spielraum für allerlei marginales Leben bis hin zu theologischen Fakultäten.

Die ganze menschliche Gesellschaft ist kulturell gruppiert in Illusionsgemeinschaften und Wahn­institutionen.
Jeder Wahn, wie gefährlich auch immer, soll ein Schutzraum sein für gefährdete Mensch­lichkeit. Auch kirchlicher Wahn. Der moderne Mensch wohnt daneben und sucht ihn nach Bedarf auf.

Die kanonische* Repräsentation des christlichen Glaubens verliert an Plausibilität, wo der Glaube nicht von außen angefochten wird, – wie ohne Energiefluß eine dissipative* Struktur zerfällt. Das Christentum hat die Struktur einer Gegenbewegung. Es hat seinen Ort im Kampf gegen "die Sünde", die die Welt nicht nur dann und wann, sondern ständig beherrscht. Das hat in "bösen Zeiten" seine höchste Evidenz. Es ist dafür gesorgt, daß immer wieder böse Zeiten kommen. Und sie hinterlassen Erinnerungsspuren in der Kultur.
In den Zwischenzeiten wird in den jeweils glücklichen Regionen das Neue Testament mit Drum und Dran liberal als Kulturgut, konservativ als Mysterium distanziert bewahrt oder glanzvoll zelebriert.
"Und da ist keiner, der lacht", schrieb 1855 Kierkegaard[45]. Es war ihm ernst. Es ist ernst. Jesus, das Opfer der heute wie damals heuchlerischen Gesellschaft, von der wir profitieren, als Gewissensfrage, ist für den Besitzer von Kultur peinlich[46]. Das Evangelium vom Kreuz Jesu ist in keine real existierende Kultur zu integrieren. Los werden kann eine Kultur, die irgendwelche humanen Ideale hat, es auch nicht; sie muß also ihre Humanität in ihrer Auseinandersetzung damit bewähren.

Evangelium ist Befreiung vom Gesetz der Kirche aufgrund des Gesetzes der Kirche.

Man kann „auserwählt“ sein, ein tragfähiges Einzigkeitssymbol zu haben.
Will man die exklusive Auserwähltheit haben, muß man sich mit anderen um dieses "Erbe" streiten wie um Urgroßvaters Meerschaumpfeife.

Kooperation und also Kompromiß sind im Kampf ums Dasein wichtiger als individuelle Kräfte und entscheidend fürs historische Überleben. Es kommt darauf an, was stabil genug ist, sich in wenigstens einem Teil seiner Mischungen evolutionär eine Zeit lang durchzuhalten.
Ewige Identität ist eine sehr einfache, deshalb sehr stabile Idee. Aber auch sie – und sogar das Ideal der Kompromißlosigkeit – überlebt nur dank Kompromissen.
Auch das Christentum und seine Kirchen überlebt dank der ständigen Kompromisse, Fusionen und Anbindungen. Man begründet das mit der Zusammengehörigkeit von Glaube und Liebe. Die kirchliche Idee von „Glaube“ aber ist nicht der psychisch reale Glaube.
Es konnte nicht anders sein, als daß die Tradition des Christusbekenntnisses eine Geschichte der Fusionen, Institutionalisierungen, Spaltungen und des Veraltens von Spaltungen wurde.

Autorität wird persönlich repräsentiert. Der einzelne Mitmensch aber ist eine schwache Versicherung gegen die berechtigte Angst vor Fehlorientierung. Der Repräsentant einer geachteten Gemeinschaft hingegen, z.B. ein Priester, kann befreien von unpersönlichen Gewissensforderungen, „binden und lösen“.

Nicht nur war der Staat lange "weltlicher Arm" der Kirche, sondern auch der Staat braucht noch heute Kirchen gern als "geistlichen" Arm.

Für Gemeinschaften wie Kirchen wesentlich ist die Spannkraft ihrer Symbole, die die Einzelnen vereinen. Die Gemeinschaften können weit, jedoch bedeutungslos sein, aber auch lebendig, jedoch zu eng.
Lebendige Konventikel können unerwarteten Zulauf bekommen, und ihre Symbolik kann dann im umfänglicheren Gemeindeleben Monotonie – oder auch in Diffenzierung große Spannkraft beweisen (die für citizenship wichtig ist). Instituierte Großkirchen mit kulturgeschichtlich bedeutender Tradition wiederum können zu bedeutungslosen Konventikeln zusammenschrumpfen.

Der Staat hat, bei allem Interesse an einem vielfältigen (auch spannungsvollen) Ideenpotential, kein Interesse an ideologischer Dissoziation der Gesellschaft – etwa noch verschärft durch ideologische Vereine oder Kirchen. Der institutionelle Zwang zu breiter Konsensfähigkeit in einer Institution mit sehr breiter Basis (wie einer großen Kirche oder in einer staatlichen Universität) liegt im öffentlichen Interesse.

Man muß sich fragen, worauf die Fortführung der staatlichen Unterstützung der Kirchen bei uns beruht. Die großen Kirchen betreiben Diakonie* an der öffentlichen Meinungsbildung. Und keine politische Partei will, bei dem immer knappen Stimmenkalkül, sich frustrierte Kirchen zum Gegner machen.

Seit der Aufklärung ist die Halt gebende Ordnung nicht mehr nur sündig gestört, auch nicht einfach apokalyptisch terminiert, sondern mit deutlicher, aber nur auf kurze Sicht berechenbarer, eigener Dynamik ins Rutschen geraten. Vergangenheit wird, gegenüber Gegenwart und Zukunft, immer unwichtiger. Der freundliche Jean Paul hatte Angst; Nietzsche, der dionysische Altphilologe, freute sich.
Verfaßte Kirche, wesentlich autoritäre Ordnungsmacht, eine ungeheure, träge Masse abendländischen Kulturgutes, wird langsam aber sicher zur Randerscheinung. Die politisch besorgten Konservativen versuchten zunächst, die alten Symbole mit Macht verstärkt ins Spiel zu bringen. Das Ergebnis dieser Überstrapazierung war eine Musealisierung. Die großen Kirchen verlieren an Evidenz zugunsten von Sekten, Freikirchen, christlichen Vereinen, Bewegungen und kontaktscheuen Eigenbröteleien. (Aus diesen Letzteren könnte noch soziokulturell Tragfähiges erwachsen!)

Kirche ist, wie ein Gen-pool, zu Entwicklung in vielen Richtungen fähig, vieldeutig. Heute steht ihre sozial-diakonische Funktion im Vordergrund. Daneben aber ist sie eine traditionelle Identität, welche Marginalen (Alten und Jugendlichen) als Stütze dient; darüber hinaus hat sie für allgemeinmenschliche Sonderfälle des Lebens Formen der gemeinsamen Bewältigung. Endlich ist sie heute ein Sammelbecken für jugendlich-idealistische Größengefühle („Ihr seid das Salz der Erde“), die andernorts belächelt werden.

In den charismatischen Bewegungen sucht und entdeckt man Begabungen und genießt gemeinsam Grandiosität jedes Einzelnen. Sie sind ein spezifisch christliches Phänomen.
Schon Paulus aber hatte seine liebe Not mit chaotischen Entwicklungen der enthusiastischen Liebesgemeinschaft, die das Evangelium hervorrief.
Der Enthusiasmus wurde durch geistesmächtige Lehrentwicklung und Autorität gebändigt und dann, in Anlehnung an einerseits die alttestamentlich-kanonischen Ordnungen und anderseits die Ordnung der umgebenden Gesellschaft, trotz der frühen Warnung des Paulus (1Thess 5,19), kirchlich fast erstickt. Er war nie ganz verschwunden; und heute schwinden die Kirchen, er aber breitet sich wieder aus.

Die christlichen Sozialformen sind nicht mehr einfach zu typisieren. Grob gesprochen, sind sowohl Kirchen (konstantinisch staatsfreundlich, politisch interessiert) wie (vom Staat freie) Freikirchen und Sekten (mehr privat, aber normativ starr) eher autoritär; „Bewegungen“ (vielfach quer zu diesen festen Formen) riskieren eher das Chaos.
Die Ähnlichkeiten mit Sozialformen anderer Religionen (bis hin zu Psychoanalyse, „Ökologie“ usw.) sind lehrreich.

Theologie ist Museumsdidaktik. Die Bibel is ein Museumsstück. Eine Kirche ist ein (vielleicht modernes) Museum. Was an ihrem Rande geschieht, ist wichtig ("An ihren Früchten sollt ihr sie erkennen")!

Mit der Aufklärung entglitt der Kirche die kulturelle Führung der Gesellschaft. Die Romantik war ein Restaurationsversuch; die alte Naivität war dahin.
Im 19. Jahrhundert wurde der evangelische Pfarrer zur priesterlichen Gestalt stilisiert; die Kirche marginalisierte sich selbst. In der bekennenden Kirche wurden die Pfarrer heilige Opfer[47]. Heute sind unsere Pfarrer wesentlich geschätzt als Hauptverantwortliche eines vielfach wohltätigen Vereins.

Das Feindbild der Reformation sind die zynischen Schmarotzer. Diese aber sind vielleicht so fett geworden, weil sie auf einer edlen Pflanze saßen, – einem Katholizismus mutiger ernster Menschlichkeit. Die Portraits aus der Renaissance sind oft mit frommem, beeindruckendem Ernst gemalt.

Die kirchliche Moral hat, auch im Luthertum, autoritäre Züge. „Gott der Herr“ dient der Institution auch hier als Gesetzgeber.
Den richtigen Herrn zu haben, berechtigt zu großen Ansprüchen. Fromme und Unfromme aber haben immer wieder gefragt, ob so Gott richtig verstanden wird und nicht vielmehr vergessen ist.

„In der Welt habt ihr Angst“, übersetzt Luther; und das ist wahr!
Johannes (16,33) schrieb nur: In der Welt habt ihr Bedrängnis (θλῖψιν). Nach Johannes ist in der Liebe keine Furcht (1Joh 4,16). Die Angst ist „draußen“ in der „Nacht“ (Joh 13,30). Das ist Schwärmerei eines vom eigenen Licht geblendeten Konventikels, narzißtische, blinde „Liebe“.

Kirchen sind Museen des Christusglaubens. Es ist nicht verwunderlich, daß sich darum herum auch geistliches Leben entwickelt.

Die Kirche ist eine besondere Spur Gottes.

„Unser christlicher Glaube“ hat Gott gefaßt in Bibel, Lieder und Kirchen. Aber auch in dieser Form kann Gott sich unseren Zugriff verbitten und Nein sagen.

Die Christen hätten als anständige Bürger gegen die Judenverfolgung protestieren müssen, nicht als Kirche!
Die Kirchen hätten gegen den staatlichen Mißbrauch des Namens Gottes protestieren müssen; und das konnten sie nicht, ohne daß ein Kampf in der Kirche ausbricht. Deshalb wollten sie es nicht.

Kirche ist sozial ein polymorphes Aggregat, dessen Einheit letztlich im symbolischen Rückbezug auf Jesus besteht. Durch Regelung wird Symbolik in größeren Gesellschaften brauchbarer. Man kann sie aber nur beschränkt und muß sie flexibel reglementieren.
Die christliche Symbolik wurde die längste Zeit strengstens reglementiert. In der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts explodierte ein Wildwuchs; und das war nötig und heilsam. Man kann den Kräften, die der sozialen Auflösung entgegenwirken, vertrauen. Heute wächst wieder das Interesse an Dauerhaftem, Bewährtem und sozial Tragfähigem.

Zur Stabilisierung der Identität eines Kollektivs machen religiöse Institutionen einen Zaun gegen Vernutzung um ihre Symbole. Christlicher Glaubensgehorsam hingegen setzt seine Identität auf Spiel im Wagnis der Liebe. Das Christentum ist die Religion, um die man keine Angst haben soll und deren („fleischgewordene“, jeweils zeit- und umständebedingte) Symbolik man getrost für sich selbst sprechen, beanspruchen und sorgen lassen darf. Sie fordert auch selbst zum Widerspruch gegen Mißbrauch auf. Sie bewegt uns, wie es Gott gefällt.

Glaube sucht Gemeinschaft; und Gemeinschaft symbolisiert sich tendentiell religiös, mag sie sich Gottesvolk nennen oder nicht. Völker und Staaten sind schon Gemeinschaften, Magnete für Religion, Kerne von Volksreligion.
Das Luthertum ist nun auch in die Jahre gekommen und eine von der Gottesfrage emanzipierte Gemeinschaftsreligion geworden, wo es nicht auf Gott, sondern auf institutionalisiertes Glauben und Verhalten des Menschen ankommt.

Kirchliche Lehre ist Existenzsymbolik einer Institution, Sprachregelung für existenziellen Austausch.
Kirche ist gegenseitige Bestätigung in der gemeinsam symbolisierten Hoffnung. In der gemeinsamen Wiederholung erlebt man das Imaginäre als soziale Realität.

Paulus der Prediger der evangelischen Freiheit gegenüber dem Gesetz, machte selbst aus dem Evangelium das Gesetz einer Institution.
Das Christentum wurde dann unter Konstantin de Großen verpflichtende Staatsreligion zur Gleichschaltung der verhaltensbestimmenden Existenzsymbolik aufgrund der langen Bewährung der Institution Kirche als Ordnungsmacht.

Christentum im kultursoziologischen Sinn ist eine bestimmte Tradition vorbehaltloser menschlicher Ansprechbarkeit und entsprechenden Verantwortungsgefühls.
Kirchen pflegen entsprechende Symboltraditionen. Die Lebensbedeutung von Exi­s­tenzsymbolen allerdings ist unverfügbar; sie können leer und wirkungslos bleiben. Kirchen sind nicht besonders christlich, aber, als eine Art Gedenksteine, gleichwohl für die Erhaltung des Christentums wichtig.

Die klassische Sozialform des Christentums hat, wie die der politischen Partei, ihre beste Zeit hinter sich. Die klassische Kirchenmusik (auch der erhabene Katzenjammer aus dem Psalter) und die klassischen ekklesiologischen Texte artikulieren kirchliche Hochgefühle; sie stimmen heute weniger hoffnungsfroh als nostalgisch. Zuversicht herrscht vielmehr in kleinen, christlich untermischten Aktionsgruppen.

Das Existenzsymbol Christus spricht Menschen stark an. Es hat sich, schon früh und heute wieder in vielen Hinsichten stark verändert, weltweit verbeitet. Identisch geblieben ist nur der religiöse Bezug auf den historischen, im Neuen Testament bezeugten, aber nicht scharf erkennbaren Jesus. Im damit gesetzten Rahmen ist die Kirche ein Chaos.

Eine alte Institution en mal de cause ist, für verwandte innovative Projekte eine gute Basis, obwohl solche Umstrukturierungen wesentliche Opfer fordern.
Es ist gleichwohl nicht zu erwarten, daß unsere Kirchen mit ihrem heilsanstaltlichen Selbstgefühl durch ihre neuen Aktivitäten einen erheblichen Schrumpfungsprozeß verhindern können.

Wie Museen Herausforderungen zu eigener Kreativität sind, so sind Kirchen eine Herausforderung zu Christentum. Dieses kann Institutionen beleben und befruchten, kann aber nie institutionalisiert werden.

"Ist er nun auferstanden oder nicht??", fragte mich streng mein Vikariatsvater. Ich antwortete ängstlich: "Ja! Aber was heißt das?!" Ich hätte antworten sollen: "Ich glaube: Nein. Aber was heißt das?" Mit dem "Nein" bricht für den Christen die Forderung auf, selbst zu bezeugen, was ihm an Jesus aufgegangen ist!
Alte Glaubensformeln zu wiederholen, ist bestenfalls ein Zeugnis des Glaubens an die Väter im Glauben, eine historische und soziale Selbstidentifikation. Im Unterschied aber zu andern Religionsgemeinschaften, ist kirchliche Identität immer Gottes Neuschöpfung, vermittelt durch Identitätsbruch (vgl. Matth 3,9!). Jedes überlieferte Gotteswort kann uns eine Weile tragen; es setzt uns dann aber wieder auf die eigenen Füße ab. Wir sollen selbst schöpferisch leben und reden, bekennen und beten, wieder Gottes Wort hören und dem Gotteswort, das uns getragen hat, neu begegnen.

Die Rede von "Gottes Wort" ist in kirchlichen Kreisen zu einer gottvergessenen Selbstverständlichkeit geworden

Unsere Fähigkeit zu der Orientierungsfrage an Gott verdanken wir unserer christlichen Tradition – ausgedünnt, wie sie, durch kirchliche Institutionen und an ihnen vorbei, vermittelt sein mag.

Jede Menschengruppe braucht für Stabilität eine konsensual symbolisierte, umweltbezogene Identität.

Der Idealbegriff „Kirche“ hat sich ent-apokalyptisiert. Ich habe 1992 in diesem Sinne Kirche weich als „Sprachgemeinschaft der Christustradition“ definiert. Ich möchte das zurechtrücken: Aus der (von Anfang an sich als Institution verstehenden) Kirche heraus hat sich das (nicht institutionalisierte) Christentum entwickelt, das über die Grenzen der musealen Institutionen hinausgeht. „Die Sprachgemeinschaft der Christustradition“ ist eher dieses kulturelle „Ganze“, das die Kirchen (i.e.S.) einbegreift.

Im ordentlichen (1Kor 14, 32!) Ablauf der gottesdienstlichen Versammlung ist auch vorgesehen, dass, wer möchte, hier Gott laut anrufen darf, von Mitmenschen aufmerksam gehört wird und Antwort (evt. ein „Amen“) bekommt.

Konflikt in der Gemeinde kann zu kontroversen Gebetsrufen führen. Der Christusglaube führt zu einem Pfingstwunder: polyglott versteht man sich doch als eine Gemeinde von Zeugen des Christus, dessen Friede höher ist als alle Vernunft.

Heute sind Festhallen-events nicht mehr Zentrum der Gesellschaft, sondern nur noch Zentren in einer multikulturell gewordenen Gesellschaft. (Schon das Wort „Leitkultur“ wurde als „retro“ empfunden!)
Wie die Christen in der Antike in der öffentlichen Mehrzweckhalle (Basilika) Gottesdienst feierten, können wir es auch wieder tun.

Eine Kirche hat keinen wirtschaftlichen Vereinszweck, sie ist ein sog. „Idealverein“, insofern sie ein Freizeit-Verein ist zur Pflege der Erinnerung an die Offenbarung Gottes in Jesus. Aber zu den Formen, in welchen sie ihren Vereinszweck erfüllt, (Hauptbeispiel Diakonie) gehören einige, teils gewichtige, wirtschaftliche Funktionen in der Gesellschaft.

In der Programmschrift „Kirche der Freiheit“ fehlte jegliche Begründung der Vision und der Ziele. Diskussionen auf dem Zukunftskongress waren nur betreffs der Operationalisierung der Ziele vorgesehen.

Betriebswirtschaftliche Ziel-Bestimmung ist Kompromiß zwischen heterogenen Stake­holder-Zielen.

„Die Kirche“ ist kein Betrieb, sie wird institutionell repräsentiert durch Betriebe.
Betriebe sind die Kirchen. Sie betreiben das übliche Marketing nach dem Lustprinzip, und das endet natürlich in Enttäuschungen.

Respekt vor der Ratlosigkeit ist die nichtreligiöse Form von Ehrfurcht vor dem Heiligen.

Das Christentum wird in verschiedenen Kirchen mit verschiedenen Zielbestimmungen tradiert.

Religionen sind Kooperativen zur individuellen Selbst-Stabilisierung. Institutionalisierung gibt einer Unternehmung einen wahnartigen Kern; der soziale Wert einer Religion aber liegt in der hier verankerten Symbolik. Die verschiedenen Religionsgemeinschaften können die je eigentümliche Symbolik verschiedener Menschentypen moderieren – Bruderschaft sozialisiert –, und damit die Gefahr von individueller Wahnbildung mindern.

Langsame innere Änderungen eines Menschen sind normal, irgendwann werden auch äußere Einschnitte fällig; Bekehrungen aber sind meist prekäre Notlösungsversuche. Zwangskonversionen destabilisieren moralisch oder fanatisieren und machen autoritär abhängig.

Radikalisierung ist Verengung der Hoffnung, Kräftekonzentration (jihad), umständebedingte apokalyptische Versimpelung, Ver-jenseitigung, seelische Verarmung.
Der Heilige Geist dagegen ist Ver-diesseitigung mit dem Leitsymptom ἀγάπη (menschliche Solidarität, „Liebe“).

Leitbilder und „Visionen“ der Kommissionen, Präsides und Bischöfe können selten inspirieren und dadurch Realitäten schaffen; deshalb können sie auch nicht bestmöglich rationale Abschätzung von Wahrscheinlichkeiten und Chancen ersetzen!

Es gilt, die faktische langsame Redimensionierung der Kirche verantwortlich zu ge­stalten.

Die Machtstrukturen der Kirche sind rigide; Innovationen sind erst unter erheblichem äußerem Druck zu erwarten.

Religiöse Symbole sind Vororientierung für die Nutzung der Widrigkeiten des Lebens zur Reifung der Persönlichkeit. Dieter Wittmann redet (1998) im Blick auf die Arbeitsfelder der Kirche „vom Verstummen der Symbole“. Vereinzelt kann man das eine oder andere Symbol plötzlich neu hören in der Auseinandersetzung mit den eigenen Ängsten.

Der Missionar muß seinen Adressaten mit Interesse als seinerseits einen Gotteszeugen hören.

Paulus predigt, besonders im Philipperbrief, Freude am „beschädigten Guten“ (Melanie Klein), dem in Jesus offenbaren Gott!

„Persönliche Beziehung zu Jesus“ ist grundlegend nichts anderes als: zu Dietrich Bonhoeffer, Sokrates (vgl. Höderlins Gedicht), Heine, Paulus, Luther, Zwingli, Schiller, Karl Moor, Le père Goriot, Charles Bovary. Da ist keine Mystik und kein Biblizismus nötig, nur eine andere Wahrnehmungseinstellung, verstärkte Empathie und Phantasie.

Sinn stellt in Dienst. Dem rechten Herrn dienen verleiht einem Leben Sinn.

Zu Kreativität vgl. Eriksons überraschende Gegenüberstellung „Initiative vs. Schuldgefühl“. Neutestsamentlich geht es um ἄφεσις/Vergebung vom Schöpfer.

Wir sind bestenfalls – mit fraktionierter und limitierter Annäherung an einander, taktvoll, respektvoll, liebevoll – unterwegs zur „ganzheitlichen Gemeinde“, wo Individuen in ihrer Abgründigkeit als Gottes Geschöpfe beachtet werden.

Eine christliche Gemeinde ist Symbol für das Himmelreich.

Luther wollte die Relevanz der äußeren Realität für das innere Heil festhalten: Gott, der sich als den Schöpfer der Welt offenbart, den Fleischgewordenen.

Kirche versteht sich von Hause aus apokalyptisch; sie ist, wie die ganze Apokalyptik, ein Angstprodukt.

Das Erleiden von Gewalttätigkeit spielt im Judentum eine große, aber akzidentelle Rolle, im Christentum eine wesentliche. Das hat mit dem apokalyptischen Erbe im Christentum zu tun.

Der christlich/jüdisch/islamische „Blutzeuge“ bezeugt die Kraft seines Glaubens. Es geht aber zentral nicht hierum, sondern um die Wahrheit Gottes, unseres Schöpfers; sie gilt es menschlich überzeugend zu bezeugen!

Wo die Christen nicht nur für nur für Menschen kämpfen (wie sie etwa als Eltern oder Staatsbürger sollen), sondern für die Gottesherrschaft (auch: Demokratie als Theokratie). Da kämpfen sie nur für ihre Selbstsymbole, für sich selbst! Gottes herrscht allein durch seine Bescheidenheit!
Diese kann uns nicht Vorbild sein; denn sie sieht oft brutal und gleichgültig aus. Sie wird erst eindeutig durch den Heiligen Geist, der vom Vater und dem Sohne ausgeht.

Man hat im Gottesdienst dieselben Szenen im Kopf wie draußen, aber anders ausgeleuchtet, – zwecks Besinnung verfremdet: eine andere, möglichst aufschlußreiche, Vereinfachung.

„Evangelikal“ scheint oft eine Abwehr von gottgesandter Anfechtung des Glaubens; eine unreif trotzige, kollektive Begeisterung, hypomanische Depressionsabwehr zu sein. Und das ist eine legitime Lesart des Christentums; aber nur eine!

Dienen in höheren Kulturen ausdifferenzierte Existenzsymbol-Gemeinschaften (Glaubensgemeinschaften/Kirchen) – analog erbbiologisch „rezessiven“ Strukturen gegenüber den „dominanten“ (staatlichen) Strukturen – als Sicherheitsstrukturen für Fälle des Zusammenbruchs der staatlichen Ordnung?

Erst mit der Neuzeit verloren in Europa Angst und Religion ihre kulturbeherrschende Bedeutung. Damit wurden auch die Kirchen allmählich marginal.

Das Christentum ist aus einer Religion zu einer Kultur geworden; es hat nur situationsabhängig religiöse Anwandlungen.

Der westliche wie der östliche Katholizismus sind an der Institutionalisierung der Gnade, der Protestantismus ist an der Institutionalisierung des Glaubens erstickt.

„Dieweil die Ungerechtigkeit wird überhandnehmen, wird die Liebe in vielen erkalten. Wer aber beharrt bis ans Ende, der wird selig.“ (Mt 24,12f.) Die Liebe kann nämlich, auch nach Erschöpfung und De-realisation, durch neue Wahrnehmungen immer wieder neu entzündet werden. In der Gemeinde wird eine Technik überliefert, die Wahrnehmung neu aufs Neue einzustellen: Erinnerung an die Offenbarung Gottes in der Jesus-Geschichte.

Wirkliche Liebe ist begrenzt. (Auf das: „Seid umschlungen, Millionen,“ folgt: „... der stehle weinend sich aus diesem Bund.“ [48]) Die Eingrenzung der biblischen Heils-Zusagen auf die Gemeinde ist jeweils bedingt durch die Begrenztheit der Liebe in der Symbolik des Zeugen. (Der Erste Korintherbrief ist voll von Beispielen, wo, in der Symbolik des Apostels, die Unverträglichkeit zwischen Glauben und Verhalten in der Gemeinde entschieden zu weit ging.)
Aber Abgrenzungen waren in der Kirche immer nur teilweise konsensual und wurden auch revidiert. Wie die Rechtskultur, ist auch die moralische Kultur inzwischen differenzierter geworden. Die Kirchgemeinden sind nur noch ein wichtiger Teil der Sprachgemeinschaft der Christustradition, die die wahre Kirche ist.

Paulus entwickelt seine Ethik der Christusknechtschaft als Liebesethik aus der heidnisch (Phil 4,8!), jüdisch und christlich (durch παραδόσεις, ἐντολαί, γνῶμαι, κλήσεις u. dgl.), mild chaotisch symbolisch vorstrukturierten Wirklichkeit. Diese Gemeindeethik hat auch scharfe Ränder, ist aber „interimistisch“ (Albert Schweitzer), kulturabhängig, instabil strukturiert.
Es geht um unsere angesichts Christi bestimmte Freiheit, dieses wollen und jenes nicht wollen zu können. Der Blick auf Jesus bestimmt nicht jeden gleich; da gibt es auch Streit (z.B. zwischen Peter und Paul).

Die Kirchen werden geschätzt als Institution für Humanität.

Die kirchliche Symbolik hat mit ihren Vereinfachungen einerseits den Menschen etwas von ihnen selbst erschlossen, anderseits aber manche andern guten, wahren und schönen Vereinfachungen zur Seite gedrängt.
Dann haben, im brutalen Spiel der historischen Zufälle, andere Symboliken (große Beispiele: Islam, Kommunismus und allerlei Säkularismen) mit ihren Vereinfachungen da und dort wiederum die christliche als Existenzsymbolik ersetzt. Gottes Wege sind wunderlich. Das christliche Abendland, „der Westen“, entwickelt sich, nach der Erholung vom Zweiten Weltkrieg, zum postchristlichen Abendland. Das großkirchliche, aber auch das unkirchliche individualisierte und soziokulturelle Christentum stirbt ab. Die christliche Symbolik greift kaum noch.
Wie alle Symboliken und jede Sprache, so vereinfacht (und also verzerrt) auch die christliche die Wirklichkeit. Christliche Mission, die das nicht anerkennt, wirkt borniert bis hoffärtig. Zunächst wäre hier die hoffärtige Kirche zu missionieren (sozusagen: „Innerste Mission“). Gottes Bescheidenheit läßt sie als Zeugen der Wahrheit wirken – in welcher Sprache auch immer.
Jeder einzelne muss sich fragen: Was habe ich, als Christ im nachchristlichen Zeitalter, in Erinnerung zu bringen? (Harnack formulierte: den unendlichen Wert der menschlichen Seele.) Wie kann ich, mit Paulus zu reden: den „Ruf“ Gottes artikulieren? (Nach 1Kor 7, 20, wo man κλῆσις mit „Beruf“ übersetzen darf, kann das ganz weltlich sein!)
Friedrich Lückes „innere Mission“ hat sich zu Diakonie entwickelt. Und es gilt nicht nur, die Bedürfnisse des Adressaten, sondern auch sein Denken ernst zu nehmen!

Die Definition von Kirche ist ein allenthalben chaotischer Prozeß. Der Begriff Kirche ist nicht verlässlich operationalisierbar.

Kirche ist ursprünglich apokalyptischer Ersatz des gescheiterten Gottesvolks („Rest“ mit Erweiterung), dann gegenseitige Bestärkung, Bereicherung und Bearbeitung der Existenzsymbolik.

Die neue Selbst-Identifikation der Kirche mit der Synagoge läuft parallel mit der Versteinerung der Kirchen.

In dem Maß, wie die Kirche selbstverständlich wird, wird sie gottlos. (Für junge Leute ist auch eine alte Kirche noch nicht selbstverständlich.)

Sollte ich aus der Kirche austreten? ­– : Sie ist meine Großfamilie; man kann nicht aus seiner Familie austreten.
Aber ich soll die Kirche in meiner eigenen Person gegebenenfalls in Auseinandersetzungen geraten lassen – wie der heranwachsende Jugendliche Konflikte zwischen verschiedenen Familientraditionen in ihrer Auseinandersetzung mit der Umwelt durchleben muß.
Man läßt für die gute Gemeinschaft vorläufig Fünf gerade sein. Man setzt sich dafür ein, die Dinge noch zurechtzubiegen. Man bekennt sich zu dieser Gemeinschaft, die man, durch Weiterarbeit an ihrer Symbolik, sogar ausweiten möchte.

Durch die gemeinsame Existenzsymbolik ist auch aus dem Christentum ein Volk mit einer Stammesreligion geworden wie das Judentum.

Der globalisierte Konkurrenzkampf macht Zusammenschlüsse nicht mehr nur von Individuen, sondern zunehmend auch riesige Zusammenschlüsse von sozialen Einheiten zur Überlebensbedingung. Damit werden die menschlichen Beziehungen oberflächlicher. Im Christentum aber geht es um Menschlichkeit; deshalb verlieren heute die Großkirchen Mitglieder, während kleinere Kirchen wachsen.
Mission im bereits christianisierten Abendland hat es schwer. Die in Verruf geratene, alte päpstliche Inquisition wechselte ihren Namen zu Congregatio de propaganda fide. So entstand das (denn auch in Verruf geratene!) Wort „Propaganda“. Unsre Landeskirchen modernisieren sich heute nach Kräften und sind zu geschäftigen Werbeagenturen für Glaubensartikel geworden; aus dem kalten Gemäuer weht ein geistloser Wind. Geschäftigkeit ist kein taugliches Heilmittel, wo es um menschliche Beziehungen geht.

Die Strukturen der westeuropäischen Großkirchen sind allzu starr, um dem Zerfließenwollenden Halt zu geben.

Politik und Kirchen sind demoskopisch interessiert. Die Kirchenleitungen sind für große Unternehmen verantwortlich, die außerordentlich abhängig von der öffentlichen Meinung sind. Demoskopie liefert ihnen praktisch griffige Vereinfachungen.

Der biblische Kanon verankert die Kirche in einem hoffnungsvollen Stück Kulturgeschichte. Kirche überliefert Ansätze für die individuelle Entwicklung eines Selbstverständnisses, d.h. einer organisierenden „Identität“. Predigt im Auftrag der Gemeinde unterstützt und stärkt diese Entwicklungen und hält sie bei einander.

Idealismus interessiert sich in unserer Kultur natürlicherweise auch für das Christentum und seine Heilige Schrift. Die Bibel artikuliert die Dialektik der Ideale historisch.

Kirche ist Nachfolge Jesu, eines Outlaw. Sie ist eine kulturrevolutionäre Subkultur.
Kulturrevolution, die diesen Namen verdiente, wendet sich gegen eine machtgestützte Kultur, die das Individuum in einem ungerechtfertigt erscheinenden Maße zur Heuchelei nötigt und, durch Verderbnis der Sprache, die Gesellschaft zersetzt.
Lukas (der erste Kirchengeschichtler) hat (ähnlich wie kurz vorher Jochanan ben Zakkai für das revoltierende Judentum, ein Outlaw des römischen Reiches) nachdrücklich allen machtpolitischen revolutionären Interpretationen Jesu abgeschworen.
Synagoge und Kirche haben Kräfte sammeln, sich organisieren und instututionalisieren können. Die Kirche ist damit zu Macht gekommen und in offenen Selbstwiderspruch geraten. Die Kirchengeschichte ist deshalb eine Geschichte instabiler Kompromisse.
Das betrachtende Individuum ist durch die faktische Existenz der Kirche ständig nach seiner eigenen Kultur gefragt.

Die Gesamtheit der Kirchen bildet den zentralen (durch die Taufe gekennzeichneten) Teil des Christentums, – das ich als Sprachgemeinschaft der Christustradition verstehe. Der Begriff Christentum würde sich als Bezeichnung für das Wesentliche empfehlen gerade durch seine Unschärfe (die nötigt, auf das Wortgeschehen zu achten!) gegenüber dem verführerisch scharfen Begriff „Kirche“.

Gemeinde

Die kirchliche Gemeinschaft stützt den einzelnen im Schmerz der Selbstrelativierung, im Verzicht auf Rechtsansprüche, im Leiden der Vergebung, und stärkt zu Neubeginn inmitten des Alten.

Gemeinde verleiht Sicherheit und Wohlbehagen (Hermann Argelanders Definition des Narzißmus*).

Die heutige Weltgesellschaft macht glauben, daß das Christentum eine besondere Affinität zu Egalität, Humanität und Aufklärung habe. Die Geschichte relativiert das.

Natürlich ist die Kirche magistra betreffs der Zugehörigkeit zur Symbolgemeinschaft. Es ist aber die Gemeinschaft der von Gott selbst Belehrten (1Thess 4,9), der Christen und deshalb magistri, die da einander belehren können, weil sie auch auf einander hören. Die Zugehörigkeit zur Symbolgemeinschaft reguliert sich in einem chaotischen Sprachgeschehen, in welchem marginale und zentrale Stimmen wichtig sind. Die Stimme einer institutionellen Zentralstelle ist immer nur eine – aus soziologischen (und gegebenenfalls rechtlichen) Gründen besonders beachtliche – unter anderen Stimmen.

Die katholische Skepsis gegenüber der doktrinalen Engführung der Ekklesiologie (auf protestantischer Seite) hat sich als realistisch erwiesen, – ebenso wie der evangelische Protest gegen die institutionslogische Engführung auf katholischer Seite.

Die Christustradition wird dünn. Stattdessen quellen neue primitive Symboliken auf, bestehend aus primitivisierten Resten alter Symboliken. Statt von christlichen Tradition muß man vom Schutt christlicher Vergangenheit reden. (In Athen fand man im Perserschutt an der Akropolis schöne Fragmente – kein Grund für Restitution des alten Kults.)
Schlußendlich verstehen nur noch historische Spezialisten die – im Laufe der Zeit im Dienste des Verständnisses der je realen Existenz überkomplex gewordenen – Symboliken. Tradition wird zu Priesterwissen und stirbt endlich ab. Der landläufige Gebrauch der Tradition ist – naiv oder hilflos – barbarisch.

Die christliche Tradition mit ihrem Vor- und Nachleben ist die lehrreiche Geschichte eines Falles von Narzißmus*.

Das Wort Ökumene ist mit guten Gründen vieldeutig. Man muß das im Auge behalten und es bei der Vieldeutigkeit belassen.
Die institutionelle Ökumene von oben ist eine träge gemeinsame Anpassungsbewegung der kirchlichen Bürokratien. Die mutigste Vorwärtsstrategie hinkt weit hinter den Basisproblemen her. Dort herrscht primitiver, kraftvoller symbolischer Wildwuchs auf der Basis allzu lange mißachteter elementarer Mitmenschlichkeit.

Menschen in hoffnungslosem Unheil finden in Heilslehren eine Sprache der Hoffnung. Der nur unter grotesken sozialen Verhältnissen hinreichend eindeutigen, diakonisch wirkungsvollen Reich-Gottes-Schwärmerei der Basis-Ökumene steht, mit dem zu erhoffenden, wachsenden Erfolg, Klärung und Institutionalisierung noch bevor.

Causes célèbres , aufsehenerregende Streitigkeiten, bringen heilige Empörungen und Begeisterungen in die Kirchen.

Die Gesellschaft braucht Stereotypen, und Recht ist stereotypierte Moral. Vereinzelte Kirchenasyle bei sozialpolitisch streitbaren Gemeinden erzwingen öffentliche Aufmerksamkeit durch Rechtsbruch. Das ist ein grobes Mittel. Wenn man Vergröberung des moralischen Empfindens, Denkens und Urteilens gerade bekämpfen will, darf es nur sehr sparsam eingesetzt werden.

Dialog ist die Situation der Theologie. Das Streben nach Wahrheit bewegt sie.

Die Kirche als Sprachgemeinschaft der Christustradition hat aus sich herausgesetzt ein Verbundsystem von verschieden langlebigen Organisationen. Deren aktive Teilnehmerschaft verteilt sich auf verschiedene Teilnehmerkreise. Sie verschiebt sich immer mehr von den endlos regelmäßigen (zB Hauptgottesdienst) auf die befristet regelmäßigen oder einmaligen Gruppenaktivitäten. Die Hauptgottesdienst-Gemeinde als Repräsentation der Menschheit vor Gott bildet das schrumpfende Zentrum.
Bei einigen der (für das kirchliche Leben immer wichtiger werdenden) spontan entstehenden Projektgruppen machen oft auch Außenstehende mit. Umgekehrt muß ein gutes Projekt nicht christlichen Ursprungs sein; der christliche Einschlag, das Ereignis Kirche kann hinzukommen.
In zeitlich beschränkt konzipierten kirchennahen Projektgruppen und Gruppen mit Bricolage[49] -Interesse an verschiedenen Stücken christlicher Tradition, aber ohne besonders nachdrückliche Ansprüche für die Identitätsbildung, finden sich Einzelne für kurz oder lang, vielleicht nur zu zweit, dritt oder viert, angemessen zwanglos zusammen. Hier geht Kirche unter und taucht verwandelt wieder auf. Man entdeckt, daß man sich gut und tiefergehend versteht. Hier können aus der gemeinsamen Arbeit auch zwecklose, dauerhafte weltliche Freundschaften entstehen. Gerade dieser Beziehungstyp ist verwandt mit der Struktur von Sprachgemeinschaft, die der Kirche wesentlich ist.
Man muß damit rechnen, daß Kirchen zwischen den zentrifugalen Tendenzen und zentripetalen Reaktionen zerreißen.

Die bezeichnenderweise kaum bekannten Briefe Luthers aus dem bösen Jahr 1527 zeigen eindrücklich, wie wichtig ihm in schwerster Anfechtung die befreundeten Familien gewesen sind[50]. Er war ein lebendiger Christ, aber nicht der bekannte Kirchenmann.

"Tiefe" (höher-dimensionale, weil menschlich lebendige) Texte artikulieren gute Gruppenkommunikation vor. Jeder Einzelne reflektiert jeweils selbständig den Text und das in der Gruppe bereits dazu Gesagte; und das Gespräch wird immer wieder zum Text zurückkommen.
Auch falsche Aussagen des Textes oder der Gesprächsteilnehmer regen an. Gruppengesprächslogik ist symbolisch.
Die Kommunikation in festen Lesekreisen ist durch weitere (oft ungeklärte) Zwecke der Gruppe ­bestimmt.
Die Bibelgruppe betreibt gemeinsame Revision ihrer christlichen Symbolik. Die Autorität des Textes zieht das Interesse stärker von der Gruppe ab, hin auf Bibel, Kirche und Gemeinde.

Eine Gruppe bedeutet gemeinsam getragene symbolische Geborgenheit. In einer kirchlichen Gruppe ist jeder virtuell zugleich Vater und Mutter und Kind, in wechselnder Aktualisierung[51].

Gebets- und Bibelkreise übernehmen und entwickeln Gruppennormen. Wegen der Autorität des Kerns, wird die Gruppe, die der freien gemeinsamen Besinnung dienen sollte, leicht wahnhaft sakralisiert und zwänglich.

Der europäische Mitgliederschwund der ehemaligen Staatskirchen entspricht dem (in Europa unter staatlicher Fürsorge gediehenen) stärkeren Individualismus. Die amerikanische Kirchlichkeit hingegen entspricht dem (in Amerika unter unzureichender staatlicher Fürsorge stärker gediehenen) amerikanischen Gruppenleben. Europäischer Episkopalismus steht einem amerikanischem Gemeindeprinzip (Kongregationalismus/Presbyterianismus) gegenüber.
Die schwindende staatliche Fürsorge in Europa macht auch hier stärkeres Gruppenleben nötig.

Gottes Gnade ist nicht objektivierbar. Mein „Objekt“ ist da der Mitmensch, der mir die Dankbarkeit Gottes bezeugt.

Kirchen vermitteln, durch ihre Existenzsymbolik, verunsicherten Marginalen Hoffnung. Gibt es Gemeinden, wo die christliche Symbolik in der gemeindlichen Kommunikation, auch ohne das Amts-Charisma eines Predigers, dafür stark genug ist? Unter Unsicherheit verlangen Gruppen Führung. Der Gruppenleiter sollte dann die Teilnehmer zu sich selbst ermutigen.

Gemeinde = Teilnahme; Hoffnung im Ungefähr des Glaubens; Stabilisierung angesichts des Chaos.

In den USA existiert „Gott als klientelfixierter Spezialgott im Plural“; Kirchlichkeit ist hier, aggregierter dezisionistischer Wellness-Individualismus (F.W.Graf). Die spezialisierten Kirchgemeinden nehmen Marginale in ihrer spezifischen Identität im Namen Gottes ernst und dienen als spezialisierte Intergrationshelfer.

Der Prediger exponiert sich und braucht ein Amen der Gemeinde.

Die lehrende Kirche leidet in der Neuzeit in Europa an einem langsam wachsenden Legitimationsdefizit. Nach dem Zusammenbruch einer modernen Diktatur bekommen unterdrückte Normensyssteme zwar jeweils wieder Oberwasser, auch wenn die Autorität der Institution kompromittiert ist. Sie enttäuschen dann aber schnell.
Zunächst versuchen sie dann, sich durch Verankerung in „Gottes Wort“ autoritativ zu legitimieren. In gewissen Zusammenhängen sind Bibelworte tatsächlich evidente Wegweiser; und dann kann der „Schriftbeweis“ jedenfalls weiterführen. In der Regel aber verlangt die Institution von der Exegese, was diese nicht leisten kann.
Als Kulturzentrum hat die Kirche im Abendland eine große Zeit gehabt; den Problemen der kulturellen Entwicklung der Neuzeit aber war sie nicht mehr gewachsen.
Nach dem zweiten Weltkrieg bewährte sie sich, bescheidener, als moralisches Diskussionsforum. Heute liegt ihre Stärke in den Kreisen der kirchlich sog. „Randsiedler“, die, im lockeren Anschluß an die kirchliche Tradition, konkrete soziale Aufgaben anpacken.

Die Kirche erscheint, als solche identifizierbar, in Kirchen und Gemeinden. Die Gemeinde war ein stabiler Gottesdienstkreis. Sie teilt sich aber immer stärker auf in verschiedenen Bedürfnissen nachkommende, überlappende Arbeitskreise mit gottesdienstlichen Sammelpunkten.

Der "Geistliche" (Rabbiner, Priester, Imam, Pfarrer, Pastor) ist Repräsentant der Gemeinde vor Gott und Gottes vor der Gemeinde. In den Vieldeutigkeiten und Widersprüchlichkeiten von Gemeinden dient er stabilisierend als personale Integrationsfigur.

Diakonie

Ἀγάπη (die christliche „Liebe“) ist zunächst Solidarität, die viszerale mitmenschliche Identifikation – auch ohne individuelle Zuneigung. Sie gehört zur menschlichen Erbmasse, kann – wie im Christentum – gepflegt und zu persönlicher Beziehung entwickelt werden.

Der Christ versteht Jesus als Inbegriff des eigenen Todes (Röm 6,3) und des eigenen Lebens (Joh 14,6, Gal 2,20). Die Kirchengeschichte ist im Kern Verarbeitung der – in der Kreuzigung Jesu symbolisierten – Katastrophe eigener Größenphantasien.
Trauerarbeit kann schöpferische Liebe freisetzen. Aus der Kirche stammen gute soziale Ideen.

Diakonie ist: bewußt in christlicher Tradition geübte Menschlichkeit.

Der Klingelbeutel ist nur noch Liturgie. Die vorausgehende Abkündigung ist keine Informationsbasis für nennenswerte Engagements, (die doch eigentlich gefordert sind!).
Die Wohltätigkeit von Leuten, die Geld haben, wird durch gute Information über gut geplante Vorhaben angeregt.

Ein kirchliches Unternehmen wird, auch von Nicht-Christen, oft eher unterstützt als ein weltliches, weil hier noch mehr freiwillig geleistete Arbeit dem guten Zweck zugute kommt.

Kirchen sollten in der Gesellschaft in erster Linie als Anreger tätig sein. Kirchliche "Werke" sollten, nach einer Experimentierphase als Projekt einer Gemeinde, so schnell wie möglich verselbständigt und säkularisiert werden. (Christen dürfen ja auch in weltlichen Unternehmen christlich mitarbeiten!) Sind es "gute" Werke, die auf guten Ideen beruhen, so sind sie in sich selbst befriedigend und bedürfen keiner religiösen Überhöhung.

Unabhängig von aller Religion, muß jeder, durch größere Zusammenhänge gezwungen, immer wieder etwas tun, was in sich selbst nicht befriedigend ist. Religiöse Überhöhung von Werken aber macht aus dieser natürlichen Gesetzlichkeit eine übernatürliche. Und das stärkt eine starre Tüchtigkeit, schwächt aber die selbstkritische Vernunft, die doch als ständige Begleiterin gebraucht wird, sowohl um der menschlichen Präsenz und Ansprechbarkeit willen als auch im Interesse der aufgabenbezogenen Weiterentwicklung des Unternehmens. (Wenn etwa, auf der Suche nach einem christlichen Markenzeichen der Diakonie, der unbedingte Schutz des Lebens herausgestellt wird, so ist das eine religiös-gesetzlich überhöhte, verhängnisvolle Verblendung!)

"Kirche als Seele der Polis" (πόλις = Stadt/Staat) im Sinne des Diognetbriefes[52] ist eine schöne Idee. Die Sprachgemeinschaft der Christustradition nimmt sich natürlicherweise die ganze Stadt zu Herzen. Sie wird dadurch nicht zum Herzen, könnte aber die Stadt beseelen und (lateinisch:) animieren.

Christlicher Wahn motiviert auch zum Guten; aber dadurch wird das Gute in verzerrter Form gestärkt.

Diakonie ist ein selbsttragend sinnhaftes System. Die Dankbarkeit der Empfänger gibt dem diakonischen Tun die natürliche Evidenz; sie ist eine persönliche Beziehung. Diese ist aber durch Effizienz-Maximierung bedroht.

Ehrenamtliche Tätigkeit ist eine schon leicht institutionalisierte Form von Freiwilligkeit. So hat schon Paulus gewisse Formen des Dienstes als „Ämter“ der Gemeinde institutionalisiert. Gegenüber der ganz informellen Hilfe bedeutet das zusätzliches Sozialprestige; es gibt hier eine Sprache, ehrenvoll über Dienstbarkeit zu reden.
Informelle Hilfe dagegen ist Teilname an einer auch symbolischen Hilflosigkeit.
Dienstbereitschaft ist wichtig für die Gesellschaft; aber nicht erst, wenn sie publizitätsfähig ist!

Diakonie am hoffnungslosen Fall ist überflüssig und sinnvoll – wie ein Kunstwerk. Die Evidenz einer Tat des Mitgefühls und Mitleids ist ein Geschenk für den Täter.

Diakonie in ihrer Radikalität ist aus der angesichts des gekreuzigten Jesus vertieften, mitmenschlichen Solidarität erwachsen.

Die Kirche gibt symbolisch, opfert etwas, hilft dem Elenden etwas auf. Sie tut das einfache, kleine, undialektische Gute. Das große Gute ist nicht so einfach. Das weiß peinlicherweise die Welt besser als die Kirche, die es predigt.

Luther hat die Welt "des Teufels Wirtshaus" genannt. Mitfühlen ist oft entsetzlich. Man darf sich aber davon nicht unterkriegen lassen, sondern soll geduldig seinem Wunsch folgen, Abhilfe zu schaffen; auf Trost und Abhilfe sinnen. Man soll mitfühlenden Trost selbst annehmen. Wir sollen Trost und Hilfe für uns und andere finden und erfinden.
Man muß gewiß sich auch immer wieder fragen, ob hier und jetzt schon der Tod die Abhilfe sei. Meist wird man nach ruhiger Besinnung aber doch noch etwas anderes versuchen wollen. (Paradoxerweise gewinnt die Lust, zu wirken, an Kraft, indem sie zunehmend von Unlust durchwirkt ist.)

Christentum ist wesentlich Glaube an die in Jesus offenbar gewordene Bescheidenheit Gottes. Es äußert sich, individuell und kollektiv, signifikant in diakonischem Avantgardismus und Engagement.

Wir sollen mitfühlen. Das schmerzt, und wir können es nur ein Stück weit. Aber auf diesem Gebot liegt Verheißung; und daran muss immer wieder erinnert werden.

Die Kasualien und die Ritualberatung gehören in die Diakonie.
Welches missionarische und Verkündigungspotential in der Diakonie steckt, kann man einerseits an den islamischen Wohltätigkeitsorganisationen ablesen, die einen selbstmörderischen Glauben auf die Beine stellen, anderseits an den wütenden islamistischen Angriffen auf humanitäre Helfer aus christlichen Ländern.

Glauben

Der Glaube an Gottes Offenbarung in dem konkreten, deshalb anstößigen Jesus, ist durch Erfahrung beschädigtes [53] Urvertrauen, angeschlagene Zuversicht, wesentlich angefochtene Wegweisung im Kampf ums Dasein.
Im Glauben steht man „vor Gott“, d.h. in bewußtseinsverändernder Wahrnehmungseinstellung, unter seiner Zusage, dem Evangelium, hörend auf seinen Rat und achtend auf sein Werk, gesammelt auf Gottes Willen. Man kann glauben wollen; aber ob man glauben kann, das bleibt Gottes Sache. Glaube ist angefochtener Glaube.
Dazu soll man sich bekennen, wo es die Mitmenschlichkeit gebietet.

Gottvertrauen ist Wille zur Realität.

Glaube ist ein Lebensvorgang; er lebt aus Gottes Hand, von der Hand in den Mund. Immer wieder muß er selbst in Frage stellen, wes er doch gewiß geworden war.

Mein Glaube ist nicht etwas „in“ mir, sondern mein Dasein als Person in der Welt, mein Eingelassensein in die Welt. (Luther lehrte, daß wir unser Glaube sei unsere „Gerechtigkeit, die vor Gott gilt“, die wahre, „von außen“, ab extra haben; Melanchthon sagte mit Paulus, diese sei iustitia imputata, die uns zugerechnete Gerechtigkeit Jesu.)

Der Geist des Auferstehungsglaubens hat die naturhafte Liebe des Menschen zur äußeren Realität wohl kreativer gemacht.

Der Glaube wird angefochten durch das vernichtende große Niemand, das Gott selbst ist.

Der Christ versteht sich ganz konkret hier und jetzt als Geschöpf des befremdlichen Anderen. Wir wissen nicht, wie uns geschieht. Gott verbietet uns, ein Gottesbild zu fixieren; er hat uns geschaffen, selbst Gottes Bild zu sein, Gottes Repräsentanten auf Erden, der bescheidenen Liebe des Allmächtigen teilhaftig.

Es hat die Selbstverständlichkeit eines echten Wunders, ist ein Geschenk: Man kann an Gottes Treue zu Jesus glauben.

Der neutestamentliche Glaubensbegriff ist auf weite Strecken apokalyptisch* totalitär, d.h. er meint absolute Sicherheit und geht aufs Ganze.
Aber Sicherheit bedeutet Stillstand. Sie ist eine trügerische Beruhigung. Sie mag manchmal in der Not ein Unterschlupf sein für die Zuversicht, die wir auf dem Wege brauchen; danach ist aber Ernüchterung wünschenswert, um einem Zusammenbruch zuvorzukommen. (Echter Wahn allerdings bringt eher die Mitmenschen zum Zusammenbruch.)

Christlicher Glaube wurde früher lehrhaft institutionell definiert durch Konzilien. Heute wird christlicher Glaube lehrhaft, in individueller theologischer Verantwortung der Tradition, artikuliert. Keine Institution hat heute noch die Autorität, über wahr und unwahr zu urteilen. Auch die Autorität von Individuen ist meist nur noch informierend und beratend.

Luther 1527, in einer schweren Krise, an einen Freund[54]: "Ich bin körperlich gesund – und auch psychisch, soweit Christus hilft. Wir hängen, er an einem dünnen Faden an mir, und ich an ihm. Satan aber hängt mit mächtigen Seilen an mir und zieht in die Tiefe. Aber der schwache Christus ist, durch eure Gebete, bis jetzt überlegen oder wenigstens kämpft er doch tapfer. Also bleibt dran, und macht den schwachen Christus durch Eure Gebete stark, daß er mit seiner Machtlosigkeit die Macht, die wilde Gewalt des Satans breche!"
Christus angewiesen auf die, die, angesichts seiner, an Gott glauben! Ein stärkender Bund derer, die – um der zarten, verbindlichen guten Sache willen, in deren Sinne – schwach sind; die mit Ernst* Christen sein wollen.
In der äußersten Not flieht Luther gerade nicht in eine objektivistisch-wahnhafte Dogmatik, sondern geht den Weg in die Wahrheit immer tiefer voran in den Relativismus, der Glauben von Wahn unterscheidet.

Nicht einmal die hohen Repräsentanten des verfaßten Luthertums verstehen den Unterschied zwischen Luthers Rechtfertigungslehre und der tridentinisch-katholischen. Die juridische ist als religiöse Sprache tot.
Das „Gesetz“ war der klassische Verständnishorizont des Evangeliums. Die Thora war das jüdische Selbstsymbol. Aber der altertümliche Glaube an das Recht ist heute dahin. Wir sind nicht mehr primär durch Recht, sondern durch andere Selbstsymbole* in die Welt eingebunden – und immer wieder erlösungsbedürftig, wie der Christusglaube einst Freiheit gegenüber dem Gesetz brachte.

„Wir glauben“ – obzwar kleingläubig – immer ein Bißchen mehr als "ich glaube".
Kleinglaube ist die schwache Teilhabe des kommunikationsfähigen Einzelnen am Dogma des Kollektivs. Der lebendige Glaube an Gott ist da oder ist nicht da.

Unser Credo, "der Glaube", ist ein zunehmend verzerrendes Assimilationsschema* für den wirklich gelebten Glauben.

"Glaube" im kirchlichen Sinne ist symbolfixiert.

Glaube ist Selbstrelativierung, Leben von der Vergebung, aus Gnade. Seine prinzipielle Bedeutung wurde im Blick auf den gekreuzigten Jesus entdeckt.
"Glaube an Jesus" heißt: Selbstrelativierung kraft Jesu, Bescheidenheit durch Jesus.

Ich „habe“ keinen Gott, aber ich habe Erfahrung mit Gott.
Ich „habe“ keinen Glauben, aber ich habe Erfahrung mit dem Glauben.

Unser Gottesbewußtsein, unser Glaube ist (und soll sein) aller Anfechtung ausgesetzt und von realer Erfahrung abhängig – zu welcher das überlieferte Wort gehört. Für Luther waren das geschriebene Evangelium sowie das Sakrament Zeugnisse des Wohlwollens Gottes, die sich bei ihm, wenngleich oft erst nach stundenlangen, lauten Gesprächen mit Gott, gegen jede Anfechtung durchsetzen können.

Bei Luther kann die fiducia zusammenbrechen; sie kann sich aber an notitia und assensus wieder aufrichten. Melanchthon [55] hat wohl besser verstanden, wie Luther die Dinge verstanden wissen wollte, als uns in den Kram paßt: Die Lehre ist nach dieser Theorie unanfechtbar, und das ist im Grunde katholisch!
Faktisch haben aber gerade seine Anfechtungen Luther zu seiner reformatorischen Entwicklung der Rechtfertigungslehre (und 1528 darüber hinaus!) vorangetrieben! Er kam immer nur zeitweise zur Ruhe. Daß er dies als Gottes Willen akzeptieren lernte und lehrte, war das Neue.

Wo der Mensch über das Wichtigste ein positives Wissen zu haben glaubt, spricht Gerechtigkeit, nicht Vergebung, das letzte Wort über diese Welt. Vergebung ist Sache des Glaubens – nicht an ein Wissen, sondern an die prekäre Bedeutung personalen Erlebens, wie sie in guten Worten symbolisch (also immer noch prekär) festgehalten sein kann.

„Die Wund-Entzündung ist in Ordnung“, sagt der Arzt – ein beruhigendes Assimilations­schema* für die eigentlich beunruhigenden, eigenen Wahrnehmungen, stabilisiert durch Glauben, begründet durch Autorität, in der Vorstellung, diese habe mehr Erfahrung und Überblick.
Auch kirchlicher Glaube ist soziokulturelle Vergewisserung.

Beim in letzter Not aufgesuchten Wunderdoktor wird deutlich, wie Verzweiflung, Irrationalität, Vertrauen, Glaubensvorstellung und Autorität zusammengehören und subjektiv heilsam wirken können.

Christliche Bescheidenheit beruht auf einem gotteskindlichen Gefühl.

Luthers "Glaube, der die Gottheit erschafft"[56] hebt das Schöpferische in dem hebräischen Wort [57] („wahr sein lassen“) für Glauben hervor. (Luther war Alttestamentler.)

Glaube vermittelt Gottes Segen.

Bekennen und gewissenhaftes sich Relativieren sind zwei Seiten derselben Sache: lebendigen Glaubens.
Auch ein Glaube lebt nur, so lang er sterben kann.

Der Glaube ist in der Regel nur halb lebendig; und so hat man oft weniger mit Glaube und Liebe als mit Trotz und Opportunismus zu tun.

Glaube ist: Sich in seine Materialität zurückfallen lassen Können – trotz Angstphantasien.

Als Rechtgläubigkeit macht der Glaube sich selbst zum Gesetzesinhalt und das Evangelium zum Gesetz. Das führt zu christlichem Auf-der Stelle-Treten und nebenbei zu Galilei-Prozessen.
Der Tod Christi bedeutet, daß Christus in die Welt diffundiert. Nicht nur jeder Mensch kann des andern Christus sein (Mt 25, 35-45). In Christus hat sich der Gott offenbart, den alle Dinge bezeugen!
Wer nicht wahr haben will, daß Christus gestorben ist, kann ihn auch nirgends erleben.

Die Bekenntnispflicht entspricht dem jeweiligen Glauben. Jesus als König (Messias/Christus) will proklamiert sein, zu seinem Ruhm und zur Bekehrung der Völker. Die klassischen Christen der Antike waren apokalyptische Objektivisten, die die menschliche Macht und die göttliche Übermacht auf derselben Ebene kämpfend sich vorstellten.
Worin aber bestand die göttliche Übermacht, die sie erfahren hatten? – : In der Kraft der Auferstehung Jesu (Phil 3,10), im Heiligen Geist des Lebens, der in ihre Herzen ausgegossen (Röm 5,5) war, wie sie, in Anlehnung an alttestamentliche Stereotypen, sagten. Ich verstehe: Sie kämpften für die unter ihnen aufgekommene lebendigere Sprache gegen die Kommunikationsverbote der geistlosen Macht jüdischer und römischer kultischer Halbherzigkeit.
Man wird aber den guten Geist der christlichen Tradition oft eher gerade durch geduldigen Verzicht auf das Christusbekenntnis ausbreiten. Der Glaube kann und muß zu seiner eigenen Vieldeutigkeit stehen.

Das letzte Nein zur Spekulation ist die "Offenbarung" Gottes in Jesus. Das Christus-Bekenntnis ist der Offenbarungseid des Gottesglaubens. Der Glaube lebt von der Hand in den Mund. Die Tragfähigkeit all seines (eigenen und überlieferten) Erfahrungswissens ist unberechenbar.

Die Gottesidee in mir ist nicht mein Werk, aber das Werk des Glaubens in mir. Menschen können keinen Glauben machen; Glaube ist ein Gottesgeschenk. Gott und der Glaube erschaffen sich gegenseitig.

Die Kirche lehrt, die Welt liege so im Argen, daß jeder allein im Glauben an den Anbruch der Heilen Welt in der Auferstehung des für unsere Sünden Gekreuzigten den in Gott gründenden Frieden finden kann. Das ist eine veraltete Vorstellungswelt, aber der Sinn dieser Lehre ist nicht veraltet.

Der Glaube lebt in Gott und entäußert sich (Phil 2,7) in der Liebe.

Man kann Glauben haben, man kann ihn sogar besitzen; aber nicht als Eigentum. Er kann uns jederzeit genommen werden, und wir bleiben auf Symbolen sitzen, die auf einander verweisen und insgesamt im Leeren hängen.
Lebendiger Glaube aber wirkt Liebe. Und in der mitmenschlichen wechselseitigen Teilnahme, in die wir dadurch hineinkommen, finden wir beschränkten Sinn, der doch über sich hinausweist. Die mitmenschliche Teilnahme spannt einen unermeßlichen Raum auf. Unversehens ist das vergessene Wort Gott wieder da - mit ganz unerwartetem Sinn.
Die Lehre hatte das vorausgesagt, aber man hatte es anders verstanden.

Gottesfurcht ist die natürliche Furcht, in Gottlosigkeit von Gott der Welt überlassen zu werden, der man nicht vertrauen kann.

Der uns zugemessene Anteil am Frieden Gottes ist der Glaube.

Glaube ist die Selbstverständlichkeit der Existenzsymbolik.
Die Tragfähigkeit der Existenzsymbolik ist große Opfer wert.

Erfahrungen werden in persönlicher Symbolik erinnert und weiter entwickelt. Davon lebt das Urvertrauen.

Wir sollen auch in der Angst Gott vertrauen. Und wir sollen glauben, daß wir das können!

Der Glaube ist Sache von Bewusstseinsveränderungen; er durchlebt verschiedene Zeiten, zum Beispiel: Zeit der Qual (eigener und fremder) und Zeit des Danks; Idealisierung des Daseins und Desillusionierung. Luther resümiert: tempus legis und tempus gratiae.
Man kann diese in der Erinnerung oberflächlich zusammenhalten und, zwischen den Zeiten, sich besinnen; aber man kann sie nicht gleichzeitig erleben oder auch nur sie zusammendenken. (Der gequälte Gott ist eine neben zwei „andern“ göttlichen „Personen“; Gott ist nicht masochistisch, sondern „dreieinig“!) Der Glaube ist Identitätssuche[58] im Zeichen von Selbstsymbolen.

Leben ist Bewegung. Wirkliche Bewegung ist immer durch die (letztlich unberechenbare) Umwelt vom geraden Weg abgelenkt. Symbole helfen Identität stabilisieren. Sie sind Glaubenssache.
Die Symbolik der zeitlichen Existenz des eigenen Selbst will gepflegt sein; lebendiger Glaube sucht seine heute schon nicht mehr ganz befriedigende Symbolik von gestern für morgen tragfähig zu erhalten und notfalls umzuarbeiten. Er ist also zwangsläufig ein „quest“ (C. Daniel Batson), ein immer nur pro tempore Finden. (Man denke an Luthers Qualifikation der Anfechtung als Ingrediens des Glaubens!)
Items einer aussagekräftigeren „Quest-Skala“ (Batson) könnten etwa sein:
„Die Auferstehung des gekreuzigten Jesus [bzw. ein anderer Glaubenslehr-„Inhalt“] kam mir in einer bestimmten Situation in den Sinn, und das hat mich diese Situation anders wahrnehmen lassen. Das hat mich stutzig gemacht; ich habe öfter daran denken müssen, und dabei hat mein Glaubensverständnis sich verändert.“ (Antwort: „Nie“ bis: „Immer wieder“.)

Lebendiger Glaube ist etwas anderes als eine fixe Idee.
C. Daniel Batson’s Quest-Skala ist kein Maß für kreative Dynamik der traditionellen religiösen Symbolik im Lebenszusammenhang (Religion als quest ), sondern (in unsachgemäßer Antithese!) für quest als (noch eine weitere) „Religion“.

Das Christentum ist ein Stil, mit Widersprüchen umzugehen, der in der Überlieferung vom auferweckten Gekreuzigten wurzelt. Das Neue Testament nennt ihn: Liebe.

„Glaube“ im konfessionellen Sinne bezieht sich auf Symbolsysteme als Assimilationsschemata.
Kraft Solidarisierung in drohender „Ortlosigkeit“ (Martin Buber) / vanité (Pascal), hilft Symbolgemeinschaft bei der existenzsymbolischen Anpassung.

Unser sogenanntes Glaubensbekenntnis ist eigentlich ein Taufsymbol, also Symbol der Zugehörigkeit zu einer Gemeinschaft.
Jede Gemeinschaft ist eine Glaubensgemeinschaft; aber nur Kirchen definieren sich als solche. Hier ist die Naivität unserer Orientierung in der Welt gebrochen; man weiß im Grunde, dass das gemeinsame symbolische Verstehen kein Faktenwissen, sondern ein prekäres Glauben ist. Die gesellschaftlich garantierte Orientierung bleibt immer prekär, – wie sehr die gesellschaftlichen Ordnungsmächte das auch praktisch verleugnen mögen.
Eine Glaubensgemeinschaft aber hilft dem Einzelnen in der Orientierungskrise solidarisch bei der Erarbeitung einer persönlich brauchbaren Symbolik. „Ich glaube ...“ heißt: In dieser Aussage ist etwas lebenswichtiges Wahres festgehalten, das ich besser verstehen lernen und mir aneignen sollte; und allein kann ich es nicht.
Als zu Beginn der Neuzeit das christliche Abendland zerbrach, stritten in Europa die Massen, um wenige alternative Bekenntnisse solidarisiert, wie in Notwehr. In dem Maße, wie dann (auch durch viele neue, durchschlagend rationale Partialevidenzen) die Existenzsymbolik wieder zur Frage an den Einzelnen wurde und die groben Alternativen sich ausdifferenzierten, wurden die großen Glaubensgemeinschaften als Orientierungshilfe relativiert.

„Anfechtung“ des Glaubens ist die Ambivalenz des Friedens-Symbols (das Selbst, Gott), die Spannung in der Repräsentanz. Gegen den Willen zur Integration (das Gute) kämpft die Desintegration (das Böse).

Die religiöse Metonymik (theoretische und liturgische Systematik) stabilisiert die religiöse Sprache. Deren Kern ist Metaphorik, diese erscheint hier aber nur als Störung.

Anfechtung ist Gottes ernstgemeinter, freundlicher Spott (Ps 2,4 im Licht des Evangeliums).

Dankbarkeit ist das Gottesgeschenk, die Wirklichkeit nicht an fertigen Wunschvorstellungen und Zielen zu messen, sondern: die Wünsche und Ziele, im schöpferisch bescheidenen Blick auf die aktuelle Wirklichkeit, als deren Möglichkeit entstehen zu lassen.
Aber das alterniert mit bitterster Klage – im Klage-Psalm als Gebet des menschgewordenen Gottessohnes.

Paulus lebt dynamisch ἐκ δόξης εἰς δόξαν (2Kor 3,18); er lebt aus verheißungsvoller Realität als Material der Schöpfung. Die Gegenwart ist Zwischenzeit der Hoffnung.

Die Lebenseinstellung des christlichen Glaubens beruht auf Demütigungen: dem Ende Israels und dem Ende des Messias Jesus. (Melanie Klein hat den Begriff des „beschädigten Guten“ ins Zentrum ihrer Psychotherapie gestellt.) Die narzisstische Besetzung der Ich-Funktionen ist geschwächt.

Der christliche Glaube ist ein Bewusstseinszustand, eine Art des Erlebens, eine Lebenseinstellung: durch Demütigung der eigenen Gerechtigkeit bescheiden geworden, in Gottes Wahrheit gegründet.

Die Kreativität transzendiert unser Ich. Das halten wir fest, indem wir unseren Glauben als „Gottes Werk“ anerkennen.

Wir glauben; aber das Glauben-Können machen wir nicht selber. Es ist ein unberechenbares Zusammenwirken aller Umstände; der Gottesglaube wird erlebt als persönliche Selbstoffenbarung des Schöpfers.

Der Wahrheitsanspruch des Glaubens stört den (nicht lebenswichtigen) Glauben an den (lebenswichtigen) mittelfristigen Konsens. Er droht mit einem „jüngsten Tag“ als dem Tag des Gerichts.

Das Formalobjekt des Glaubens ist verheißungsvolle Einsicht. Einsicht enttäuscht; sie verlangt Geduld; sie ist schöpferisch.

Der kosmologische Bezugsrahmen des Glaubens ist eine Vereinfachung, auf die man sich – zunächst mit sich selbst – hat einigen können.

Der Forscher glaubt an seinen Forschungsansatz; er wagt seine Zeit daran. Er hat etwas Wahres wahrgenommen und verstanden (d.h. vereinfacht). Er muß aber für möglich halten, daß er durch das Wahrgenommene sich hat irreführen lassen.
Der Fromme glaubt an seinen Gott als Assimilationsschema für das Schicksal, obwohl er weiß, daß er irrt (1.Kor 13, 9-13).

Die kirchlichen Illusionen entlasten den Glauben von der Angewiesenheit auf Gott.

Subjekt des Glaubens ist ein undefiniertes „Wir“, das sich im Ungefähr einer Gemeinschaft konkretisiert.

Theologie

Luthers Forderung assertorischer Theologie verführt zu apodiktischem Stil, – der zum Wissen paßt, aber nicht zum Glauben.

Wenn eine Religion „dumm wird“ (Mt 5,13), so zerfällt sie in einerseits einen zum Fetisch erstarrten dogmatischen Kern und oberflächlich-anpasserische Beweglichkeit andrerseits.

Kirche ist der Raum für die Durcharbeitung der eigenen Größenphantasien in einer klassischen Form. Theologie ist ein Teil dieser Arbeit.

Es gibt schwer angeschlagene Menschen, Dichter und Theologen, die haben Seltsames, Überwältigendes zu sagen, und empfinden die Pflicht, den Mund zu voll zu nehmen. "Theologische Existenz" war ein stolzes Schlagwort, – gegen Eitelkeit nicht gefeit.

Religiös denken, eine immer nur verliehene, nie anzueignende Sprache weiterentwickeln, kann man nur in einer bestimmten Verfassung (leicht hysterisch?). Sie gehört zum theologischen Denken, macht dieses aber nicht aus.

Die vorchristliche Theologie[59] war Teil der Philosophie, und diese war persönliches Bekenntnis.
Luther konnte von guter und schlechter Theologie reden. Sein Kriterium war nicht die wissenschaftliche Denkform, sondern der Zusammenhang, der die Existenz zum Störfaktor der Wissenschaft macht.
Theologie im prägnanten Sinne ist: von der Kreuzigung Jesu umgetriebenes Denken über Gott. Theologie ist nur teilweise wissenschaftlich ordentliche, religiöse Rede. Will man methodisch nur akademisch von Gotteserlebnissen und deren Dokumentation reden, so hat man dem nach Luther eigentümlichen Anspruch der Theologie entsagt und betreibt Religionswissenschaft. Die Beschäftigung mit christlichen Gegenständen ist noch nicht Theologie, sondern Religionswissenschaft vom Christentum. Man sollte die akademische Theologie vielleicht ehrlicherweise heute so definieren.

Das Bedürfnis nach Kommunikation als Realitätsprüfung gegen Wahnbildung bei religiösen Phantasien ist gesund. Zunächst provoziert ungebetener Monolog grobe Antwort. Der Missionar kann sich dadurch in seinem Monolog bestätigt fühlen; er kann sich aber auch mitmenschlich beansprucht fühlen, zu tieferer Besinnung kommen und evt. im Gespräch Förderung erfahren.

Die Liebe betrachtet die Äußerungen des eigenen Glaubens nicht nur von innen, sondern auch von außen – verständnisvoll kritisch, wie man auch anderer Leute Glauben betrachten soll – auf die Gefahr hin, daß die Liebe auch hier tut, was sie tun soll: daß sie nämlich den Menschen und seine Überzeugungen wandelt.

Man soll theologisch in Worten reden und schreiben, die einem persönlich etwas bedeuten.

Theologie redet vom mitwandernden Horizont des Lebens.

Wie jede Offenbarung Gottes sich in die Welt auflöst, so muß sich Theologie immer wieder in Leben auflösen.

Offenbarungserlebnisse haben einen psychotischen – also nicht symbolisch, sondern imaginär strukturierten – Kern.
Dichtung ist idiosynkratische Symbolik.
Religionswissenschaft objektiviert; um fruchtbar zu sein muß das empathisch sein.
Theologie ist identifikatorische, konfessorische, subjektiv urteilende Interpretation überlieferter Symbolik. Theologie erklärt die christlichen Symbole immer aus objektivem Wissen und subjektiver Identifikation heraus.

Paul Gerhards Dichtung artikulierte sein beglückendes Projekt. Wen sie anspricht, der ist ihr doch heutzutage schuldig, sie sich neu zu erarbeiten, nicht nur ihr, sondern auch sich selbst und seinen Mitmenschen.

Es gibt keine allgemeingültige Gotteslehre. Aber Bekenntnisse zum jeweils eigenen Glauben und deren kritische Ausarbeitung liegen im Interesse einer tragfähigen sozialen Ordnung.
Theologie war eine Disziplin der klassischen Philosophie, – die ihrerseits Bemühung um Weisheit war, die befähigt, Verantwortung zu tragen.

Der Lutherisch verstandene Theologe (meditatio, oratio, tentatio) steht in der Tradition des Einsiedlers, den man in der Wüste oder im Wald aufsucht (wie den heiligen Nikolaus von der Flühe) und der aus dem Walde kommt, unbestochen an die Wahrheit zu erinnern, wenn die Gesellschaft sich in ihren Halbwahrheiten heillos verfangen hat. (Luther war Augustinereremit.)

Theologen sind keine Propheten; sie müssen in der heutigen Welt viel zu früh und viel zu viel öffentlich von Gott reden und lehren.

Theologie umfaßt durchaus auch religionswissenschaftliche Arbeit. Persönlich verpflichtende Weltanschauungen, die sich nicht als wissenschaftlich begründet ausgeben, also Religionen, können objektivierend oberflächlich verstanden werden, – was zum vollen Verständnis gewiß dazugehört.

Man kann die christliche Symbolik auf verschiedene theologische und anthropologische Ebenen abbilden. Der Gewinn an Einfachheit und Klarheit wird dabei mit spezifischen Verlusten von (irrationalem, aber nicht irrelevantem) Inhalt erkauft.

Die Unsicherheit, die den Menschen menschlich und ansprechbar macht, wird in Psychologie, Soziologie, Theologie und Philosophie gelindert durch ideologische Gemeinschaft (Glauben, was die „Kirche“ glaubt, und Zünftigkeit des Wissens und Denkens).

Kirchliche Dogmatik redet vom kirchlich stabilisierten Gott.

Eine Dogmatik elaboriert je konsequent ideologisch eine Gottesvorstellung. Ein Igel soll frisiert werden.

Professionalisierung differenziert und spezialisiert nicht nur, sondern fragmentiert die Gesellschaft in Subkulturen. Das betrifft, wie die Ärzte und die Juristen, auch die professionellen Theologen. Das zünftige Gespräch kann erstaunlich gut an Problemen vorbei laufen.

Fachtheologie redet, wie Religionswissenschaft, über Religiöses "wie der Schuster übers Leder" (Luther). Das Außerordentliche des Religiösen gegenüber dem Profanen kann gewöhnlich werden. Innerhalb des Gewöhnlichen können allerdings hier und dort Einzelne immer noch unversehens aufmerken, staunen und innehalten.

Kirchen und Theologie spielen, wie die Putten auf barocken Fresken, mit Christi Marterwerkzeugen.

Matth 23,11, die Anklage Jesu gegen die jüdischen Theologen, daß sie, die selbst nicht hineinkommen, auch andern die Gottesherrschaft verschließen, ist auch der christlichen Theologie ins Stammbuch geschrieben – "uns zur Warnung", wie es 1Kor 10,11 heißt!

Gott wird in der theologischen Institution zur Denksportaufgabe.

Das Medium der Theologie ist das menschliche Gespräch. Theologische Diskussion aber ist meist steril; denn man kann Metaphorik nicht metonymisch* erzwingen.

Kommunikationsloser Pluralismus der Verkündigungen herrscht bei uns, wie in der Werbung, nun auch in der Theologie! Periphere, sinnlose Diskussion verdeckt den hoffnungslosen und aussichtslosen Mangel an Kommunikation. Die Theologie ist in Auflösung begriffen. Die engen konfessionellen Institutionen sind obsolete Interessengemeinschaften.

Theologie soll, an bewährten Beispielen aus ihrer Tradition, uns üben im Verständnis unserer Vorstellungen als Metaphern des Überwältigenden.

Theologie ist Auslegung der christlichen Tradition. Als „Kulturhermeneutik“ (W.Gräb) setzt sie diese Tradition ein zur Interpretation aller kulturellen Interpretationen der menschlichen Existenz, – vergleichbar psychoanalytischer Deutung spontaner Äußerungen.

Theologische Besinnung verhütet Fixierung der Metapher durch Erinnerung an ganz andere beeindruckende Metaphern. So dient die Lehre der Reinheit des Glaubens.

Das Wir der klassischen Bekenntnisse ist immer weniger wahr; und es ist auch durch neue Bekenntnisformulierungen nicht wieder herzustellen. Wir müssen auf einander hören; aber jeder mit seinem Kopf und seiner Zunge, und also verschieden, reden.
Wo es um Übernahme einer Überlieferung mit einer verführerisch reichen Sprachtradition geht, ist unverfälschte Bezeugung des eigenen Glaubens und Unglaubens gar nicht so leicht – und die Hilfe zur Falschmünzerei sehr angenehm.

In armen, traditionellen Gesellschaften ist der Märchenerzähler eine wichtige Figur. In hoffnungslosen und ungebildeten Massen werden sich immer wieder, um geeignete Menschen und primitive Symbole herum, mehr oder weniger religiöse, charismatische Gemeinden bilden.
Theologie erwächst aus eigener Betroffenheit von deren Symbolik. Aber sie setzt gute Erfahrungen mit den Chancen hypothetischen Denkens voraus. Sie ist deshalb eher ein Mittelschichtsphänomen, setzt aber tragfähiges Mitgefühl voraus.

Wo die Gesellschaft mit ihrer Weisheit am Ende ist, überläßt sie sich rituellen Vorgaben der Überlieferung, die ihr über die Runden helfen sollen. Da kommt es auf die Kraft der Symbolik an.
Symbolik will angemessen gepflegt sein. Das ist hier eine priesterliche Aufgabe; diese kann auch von Rabbinern und Theologen wahrgenommen werden. Sie bilden eine Schicht, die die Gesellschaft gegen das Unheimliche abzuschirmen hat. Ihre fachinterne Diskussion ist bizarr, vergleichbar mit der Glossolalie, – die ja aber (nach Paulus) übersetzbar sein soll.

Unser Reden ist immer nur bedingt richtig und verantwortbar; immer auf wohlwollendes Mitdenken angewiesen.
Eigentliche religiöse Rede ist besonders prekär; sie ist prophetisch, sie will hier und jetzt unmittelbar verstanden werden. Sie ist wesentlich metaphorisch. Theologie will bleibende Zusammenhänge artikulieren; aber sie wird zwangsläufig desto lückenhafter, je wesentlicher sie wird.
Der Theologe kann sich mit der Analogie zur Unschärferelation in der Physik der Elementarteilchen trösten. Religiöse Einsichten sind die Elementarteilchen der Theologie. Sie erscheinen nur mit statistischer Wahrscheinlichkeit. Objektiv greifbar sind von ihnen nur Erscheinungen, deren Zusammenhang man zwar modellieren, aber nicht verstehen kann. Die Vorstellungen, die wir uns von diesen „Gegenständen“ an den Grenzen unsres Weltverstehens machen können, sind paradox. Paradoxien aber können sich an überraschenden Stellen als erhellend erweisen.

„Evangelikal“ ist Abwehr von gottgesandter Anfechtung des Glaubens; eine unreif trotzige, kollektive Begeisterung, hypomanische Depressionsabwehr. Das ist eine legitime Lesart des Christentums; aber nur eíne!

In der Theologie herrscht Institutionslogik.

Theologie gehört in Winnicotts „intermediären Raum“.

Religion ist immer ein Symbol-Dickicht. (Die Kirchen kämpfen gegen aktive Sterbehilfe, Abtreibung, Homosexualität, in Deutschland für den Friedhofszwang!)
Theologie ist keine scientia, sondern eine ars, zu welcher allerdings theoretische und wissenschaftliche Elemente gehören.

Man darf sich nicht in Theologie verbiestern.
Gotteslehre hat ihre Zeit; Anfechtung hat ihre Zeit. Unangefochtene Weltlichkeit hat ihre Zeit und Urmißtrauen hat seine Zeit.

Im theologischen Thema Prädestination überlagern sich ganz verschiedene Probleme. Hier geht es
um (die erste und letzte) Vereinfachung (gut oder schlecht),
um Gottes Güte,
um Gerechtigkeit (Verdienst),
um Allmacht,
um den Zusammenhang zwischen göttlichem Wollen und Wissen (Providenz),
um Zusammenwirken,
um Verantwortung,
dreifach um Zeit: 1. Vorherbestimmung,
2. Akkumulation von Verdiensten und Schulden,
3. Das „letzte Stündlein“.

Jean Duvergier (der von Pascal verehrte Jansenist „Saint Cyran“) predigte die bienheureuse incertitude. Sie bezieht sich auf die göttliche Beurteilung unserer Werke, die der christliche Glaube (mit 1Kor 4,4) vertrauensvoll im Dunkel der Prädestination liegen lassen kann.

Theologie ist auf alle Fälle anspruchsvoll, – auch wenn sie sich als reine Darlegung der Lehre eines Textes versteht, für den sie göttlichen Anspruch erhebt. Theologie ist immer persönliches Zeugnis.

Luthers Theologie war religiös-exegetische Mythologie. Das Gewissen im Freud’schen Sinne spielt für ihn auch eine große Rolle; aber seine Theologie lebte von einem weitergehendem „Mit-wissen“ der „con-scientia“.

Der eigentliche Gebrauch von Existenzsymbole ist der existentielle. Kirchlich objektiviert, liturgisiert, reduziert sich ihr eigenster Sinn auf eine soziale Integration. Und wenn man wissenschaftlich objektivierend, „wie der Schuster übers Leder“ (Luther), wie ein Bakteriologe über seine Kulturen reden können will, muß man Übersetzungen in wissenschaftliche Sprachen wagen – und wahrnehmen, wie weit das jeweils trägt.

Ich biete in diesen meinen eigenen Texten einesteils Mythologie, wie es mir gegeben ist; andernteils wissenschaftliche Erklärungsansätze.

Theologie ist eine Kunst der Doppeldeutigkeit: Alles Christliche soll übersetzbar sein ins Allgemeinmenschliche.

Die Chaos-Theorie macht ein gutes Gewissen bei gewissenhafter Theologie, die eben auch chaotisch ist.

Die Lehren von Schöpfer und Geschöpf, Gott und Mensch, Schöpfung und Fall kann man nur fraktal ausartikulieren. Diese Grenzen sind chaotisch.

Die Kultur ist gelockert und die Kirchen haben ihre Einbindung in die Kultur gelockert. Moralische Blauäugigkeiten für Kirchentage oder die Predigt von kulturell selbstverständlichen Normen für alle, moderne Bilderausstellungen in der Kirche, Aktionen und Happenings, von denen die Zeitungen berichten, lenken das Augenmerk auf das Problem, aber beheben es nicht. Sie haben jedoch (profitierend von nachlassendem öffentlichem Interesse) an Autonomie gewonnen.
So hat sich auch die Einbindung der von den Kirchen kontrollierten theologischen Bildung in die Allgemeinbildung gelockert.
Die wissenschaftlich-kritische Beschäftigung mit der christlichen Überlieferung ist praktisch von Kirchen monopolisiert, auch wo diese kulturell immer abseitiger geworden sind. So aber wird auch die Theologie steril.

Als lebendige Institution muß die Theologie sehr häßlich teilhaben an der religiösen Chaotik ihrer Zeit. Das verlangt vom einzelnen Theologen hohe charakterliche und intellektuelle Spannkraft.

Theologie ist Arbeit an der eigenen Existenzsymbolik.

Beim symbolischen Einweben des bedrängenden Imaginären in die Realität wurde Luther zu einem der gewaltigsten deutschen Sprachschöpfer. In seinen Anfechtungen leistete er psychotherapeutisch bahnbrechende Arbeit.
Diese Sprache nimmt uns in unseren Ungereimtheiten sehr ernst.

Theologie macht langsame Fortschritte. Es geht um Auswertung seltener Ereignisse! Da sorgen nur voreilige Schlüsse für viel Bewegung.

Theologie ist erlaubt dank Gottes Bescheidenheit.

Auch im reifen Menschen bleiben primitive Allmachtsphantasien die imaginäre Grundlage des Denkens und Empfindens. Man muß mit Gotteslehre den Weg markieren und gangbar halten für Regression im Dienste des Ich.

Theologische Ethik ist der Versuch, die spontan sich einstellende Bedeutung der religiösen Symbole solide verhaltensrelevant zu organisieren.

Religiöse Erbschleicherei verrät sich in ihren sprachlichen Leerstellen, heute z.B. "Evangelium", "Wort Gottes". Man will mit der reichen religiösen Überlieferung beeindrucken. Tragfähig aber ist nur die sprachliche Dürftigkeit eigener Besinnung.

Die theologische Metonymik als theoretische Forschung kann nur Fragen für die empirische Metaphorik umformulieren. Der Test auf die Dogmatik ist die Lebenspraxis.

Der Theologe verkauft seine lebendige Seele auf dem Arbeitsmarkt. Theologie macht die persönliche Identität zum Beruf; damit sind aber die Krisen, die ja zur lebendigen Identität gehören, professionell verboten. In anderen Berufen ist Person und Amt besser unterschieden.

Luther denkt widersprüchlich; denn er denkt über Gott nach.
Er bekennt seine existenziellen Ambivalenzen im christlichen Glaubens und versucht, mit Hilfe der Bibel und im Gebet, im Hin und Her von Hören und Verantworten, zu klären und zu lehren, was Aufgabe des Menschen und was Gottes Sache ist, und kommt zu neuen, höchst kontroversen, praktischen Konsequenzen. Im Interesse der letzten Vereinfachung, welche Praxis immer bedeutet, kommt es, im Kampf für das gefühlte letztlich Richtige, zu Spitzfindigkeiten sowie überrissenen Behauptungen und Antithesen in der Lehre, weil er zwischen Lehre und Wort nicht unterscheiden konnte.

Wie die Synagoge, sakralisiert die Kirche sich selbst so sehr, daß auch radikale Selbstkritik sie nicht umstoßen kann.

Bibel

Beim Bibelwort hat man oft das Gefühl, da sei etwas Wahres dran. Man soll dann nachdenken: Was?

Wieviel Bibellektüre ist für die Erinnerung an die Offenbarung Gottes in Jesus förderlich? Leicht entsteht eine Sakralisierung, die der Offenbarung Gottes durch Jesus just diese Texte in den Weg stellt.
Für die Frage nach Gott finden wir Hilfe in der Jesusgeschichte. Die Dokumentation der Jesusgeschichte finden wir in der Bibel. Die real existierende Selbstauslegung der Jesusgeschichte ist die Kirchengeschichte; und deren Fortsetzung sind wir.

Die Qualifikation der Bibel als Gotteswortes ist die hermeneutische Anweisung, sie als Gotteswort zu verstehen, d.h. sie nach bestem Wissen und Gewissen in optimam partem zu interpretieren. Das kann in staunende Ehrfurcht umschlagen.
Die Transparenz der Schöpfung für den Schöpfer, wie man sie an religiösen Symbolen lernt, ist für das Verstehen jedes Sachverhalts vorbildlich.

Wo existenzielles Interesse an der Bibel Menschen ins Gespräch bringt, da entsteht christliche Gemeinde.

In der Bibel (besonders dem Alten Testament) hatte auch das chaotische, wirkliche Leben Platz; aber sie endet glücklich. Die Bibel ist, im Glauben an den auferstandenen Jesus, aufbauend auf den Sammlungen der Synagoge, zusammengestellt von der Kirche; und Kirche ist eben auch, so gut es geht, ein verführerischer Kosmos mit seinen Illusionen.
Auf die klassisch-griechische Tragödie folgte schließlich eine Komödie. Das war kein happy end, aber ein lachendes Ende, eine dionysische Dramatisierung des Lebens.

Weitere Symbole

So wenig wie die Anwesenheit Christi im Sakrament, so wenig ist Gottes Wort in der Bibel objektiv eine Heilsgabe (1Kor 11,29). Nach Luther ist der dreieinige Gott zwar überall anwesend, im Sakrament ist er aber dem Gläubigen zum Heil anwesend.

Die "christliche Freiheit" ist vor Anomie* geschützt nicht durch irgendwelche Gebote, nicht einmal durch das Liebesgebot, sondern durch die persönliche Verantwortung vor Christus. Allerdings gibt es eine in ihrer Stereotypie starke, gesetzliche Auslegungstradition.

Heil für das beschädigte Gute ist in apokalyptischer Tradition Entmischung und Abspaltung. Bei Paulus aber ist sie nicht das Letzte. Das letzte Wort hat die Erwartung der vollen Integration (1Kor 15,28).

Hoffnung auf "den lieben jüngsten Tag" (Luther) ist Entmischungserwartung des durch Liebesdienst überanstrengten Ich. Die Unterhaltskosten für die realitätsangepaßten mentalen Repräsentanzen sind zu hoch. Man möchte einerseits fluchen und anderseits störungsfrei genießen können.

Was auch immer man sich unter "dem Bösen" vorstellen mag, Neid, Herrschsucht , Betrug, Wut, fixiert als Haß, – es ist Außenseite und setzt einen positiven Kern voraus, der da verteidigt wird. L'enfer, c'est les autres (Sartre)! Es ist nicht Substanz, sondern Relation.
Diese Distinktion ist jeweils abhängig davon, wie weit man in das Problem eingedrungen ist. Das zunächst substantiell böse Erscheinde zeigt sich bei näherer Betrachtung als relational.

Für Paulus, den Visionär, war sein Heiland sinnliche Erfahrung. So hatte er seinen Wahn aufs Trockene gebracht; er mußte ihn nicht ständig schützen und stützen und konnte sich für die Mitmenschen öffnen. Die gleiche Funktion hatte für Luther die Bibel und das Sakrament. Für andere ist es die Kirche. Wohl nur unter günstigen Umständen kommt christliche Leben auch ohne Fetische aus.

Durch Christi Himmelfahrt ist den Christen zu ihrem Heil ihr Heiligtum entzogen. Die Himmelfahrt symbolisiert den befreienden Entzug des Sakralen.

Sakramente sind zunächst und zumeist fetischisierte Symbole der Gottesgemeinschaft.

Das Sakrament verleiht dem Einzelnen einen kirchlichen Status, eine sozialgestützte Ortsbestimmung in der Welt vor Gott.

Die religiöse Symbolik wirkt auf das übrige Leben (und vice versa), aber ziemlich regellos, von Fall zu Fall sehr verschieden.

Nach dem Ende des wilhelminischen Reiches standen Latifundien nach preußisch-oberkirchenrätlicher Theologie unter dem Schutz des siebenten Gebots (Du sollst nicht stehlen).
Dann: „Schwerter zu Pflugscharen“ in den 70er Jahren (nach Micha 4,3 bzw. Jes 2)
Ähnlich: „Bewahrung der Schöpfung“ – auf welchem Stand? Auf dem heutigen? Auf dem Stand der Abfassungszeit der priesterschriftlichen Schöpfungsberichts (also vor vielleicht 2500 Jahren) oder nach Abschmelzen der letzten Eiszeit oder, ganz sauber, gleich nach dem Urknall? Oder wie als wir Kinder waren?
Heute das fünfte Gebot (Du sollst nicht töten) gegen Schwangerschaftsabbruch und Euthanasie.
Es ist unfaßlich, wie korrupt die Vernunft im Dienst treuherziger Wünsche, und wie publikumswirksam Dummheiten in kirchlichen Kreisen noch heute sind!

In finsteren Zeiten leuchten Bibel, Sakrament und die Sozialform der gottesdienstlichen Gemeinde direkt; es sind Zeugen der Hoffnung aus finsteren Zeiten. In helleren Zeiten ist Vermittlung nötig.

Die Kirche tabuiert sich selbst als Gottesvolk durch die Identifikation mit dem durch den Holokaust tabuierten Judentum.

Die "neue Schöpfung"[60] bedeutet: Mir ist vergeben; infolge der Offenbarung Gottes in Christus kann ich vergeben. Letztlich: Jetzt kann ich Gott vergeben (2Kor 5,20: καταλλάγητε).

Die biblischen Ostervorstellungen stehen heute der Osterbotschaft im Licht.

Nietzsche nahm den kleinbürgerlichen[61] Charakter wahr, den das Christentum in unserem Kulturkreis in der zweiten Hälfte des 19. Jh. deutlich angenommen hatte.

Christlich (d.h. dem im gekreuzigten Jesus offenbar gewordenen Gott entsprechend) sind weniger Symbole und Gedanken als die Gedankenführung, weniger die Gedankenführung als die Gesprächsführung, weniger die Gesprächsführung als das Gesamtverhalten.

Wichtiger als der Lehrinhalt ist der Stil.

„Wir sind die Erwählten, die Erben“ sagten die Israeliten zu den Edomitern, die Juden zu den Samaritanern und dann die Christen zu den Juden. Lessing machte im Nathan auf die Frage aufmerksam, worin denn die Erwählung besteht, um die es geht, – und gab eine beachtliche Antwort.

Im „Vorletzten“ sieht der Glaube Zeichen des Letzten. Das sollte aber nicht chronologisch verstanden werden; es sind symbolische Wunscherfüllungen, Symbole des Imaginären, das unsere tiefsten Wünsche repräsentiert.

Die biblischen Verheißungen in Zeiten des Wartens auf Erlösung sind spezielle Ermutigungen. Für den Fortgang des Lebens reichen allgemein sehr wenige Erfolge auf sehr viele Mißerfolge.

Das „Freuet Euch!“ des Philipperbriefs kann sehr oberflächlich verstanden werden. Derselbe Apostel schreibt auch: „Weinet mit den Weinenden!“ (Röm 12,15). Paulus ruft den Beistand des Schöpfers in Erinnerung, der teilnehmend zu uns gekommen ist.

„Ewige Höllenstrafe“ ist, extrapunitiv oder intropunitiv, eine Idee der Rachsucht.

Die Überwertigkeit der Zukunft und die entsprechende Zielstrebigkeit zeichnet das klassisch christliche gegenüber dem vorchristlich-abendländischen und den fernöstlichen Denken aus, welches die Welt, wie auch immer sie sei, versteht als Gegenwart eines stabilen Systems.

Alle drei großen Erfinder des Christentums – Jesus (der die Gottesherrschaft nahe brachte), Petrus (der reuige Verleugner, dem der gekreuzigte Jesus als Messias auferstanden erschien) und Paulus (der bekehrte Verfolger, Theologe und Weltmissionar) – waren Visionäre auf der Linie der alten Propheten, nach heutigen Begriffen Verrückte. Sie nahmen Symbolisches von grundlegender Wichtigkeit verdinglicht wahr. Diese Verdinglichungen, sogenannte Heilstatsachen, waren aber symbolisch verständlich und analogiekräftig mitteilbar wie andere uns vorgegebene historische Tatsachen – etwa die Überlieferungen und Institutionen, von denen und in denen wir, ohne uns zu wundern, mit größter Selbstverständlichkeit leben. Die Institutionalisierung der Kirche lag auf der Linie diesen Visionen.
Skepsis gegenüber unsrer Wahrnehmung und deren Deutung, die Fähigkeit, unsre Überzeugungen in Zweifel zu ziehen, heute eine Voraussetzung des Zusammenlebens, war im Altertum noch eine kulturelle Randerscheinung.
Die Symbolik etwa der Taufe Jesu, der Ostervision des Petrus, und des Damaskus-Erlebnisses sprengten den Rahmen des Menschenmöglichen. Aber auch so etwas wie die Vision von 1Thess 4,15ff. war ein „Herrenwort“. (Bei den Montanisten blieb diese Tradition noch länger lebendig.) Wir aber müssen dergleichen (Erlebnisse und auch Worte!) in Beziehung zu dem setzen, was wir heute zu wissen meinen. Wenn wir es auf uns selbst beziehen wollen, müssen wir es mitverantwortlich kritisch relativieren.
Was bleibt uns dann vom Christentum? – : Jesus, als Anfang der „Neuen Welt“ bezeugt, fordert uns auf, inmitten des uns scheinbar hinlänglich Bekannten, auf Gott zu achten, der Neues geschaffen hat und zu unsern Lebzeiten schafft.

Das prophetische „Wort Gottes“ sowie das Paulinische „Herrenwort“ verdinglichen und tabuieren eine Ant-„wort“ auf eine dringende Frage.

Paulus (1Kor 15) verdinglicht die Auferstehung Jesu. Der Kolosserbrief redet die Adressanten schwärmerisch als Auferstandene an; dazu gehört aber auch hier noch (wie im 1Kor) die Paränese. Das ist, posttraumatisch charismatisches Flickwerk.

Es kam den biblischen Wunder-Erzählern so vor, „als ob…“. Das unwahrscheinliche Erlebnis wird da aber nicht als unerklärt respektiert, sondern als göttlich erklärt und wahnhaft ausgegrenzt.

Das Verständnis des Todes Jesu als Sühnopfers setzt Gottes Verdammung des Menschen zu ewiger Höllenstrafe voraus. Diese setzt den Perfektionismus eines lebensfeindlichen Rationalismus aus der Frühzeit der Logos-Kultur voraus. Dieser Gott hasst die Menschen, hat aber seinen natürlichen Sohn so lieb, dass er, um dessentwillen, wenigstens für dessen Freunde, mit einem kleinen Trick, auf die Perfektion seiner Gerechtigkeit scheinbar nicht verzichtet.
Seit Kant weiß man Genaueres von den Grenzen der Vernunft. Die alte Lehre ist heute nur unter verzweifelt erhöhtem Einsatz von eigenem Sadismus aufrecht zu erhalten.
Was für ein Weltbild hat, wer das glauben kann[62]? Welche Erfahrungen mit der Schöpfung stehen hinter solch einem Bild vom Schöpfer? – : Hier fehlt jedes Grundvertrauen, eine Lehre ist vonnöten, die keine große und keine kleine Frage offen lässt. Diese Lehre wird, mit vereinten Kräften, in Gebetskreisen, ständig auf den neuesten Stand gebracht.

Frettlöh: Segen ist Segen Abrahams. Nach Paulus ist der Segen Abrahams der Segen des Glaubens – und Segen des Glaubens ist Segen des in Jesus offenbarten Gottes. Ihn sollen wir weitergeben.

Welt etsi Deus non daretur und Gott verhalten sich – ebenso wie Gesetz und Evangelium – dual zu einander.

Jemanden segnen ist: den fleischgewordenen Gott in ihm anerkennen.
Segnend kann der Sterbende die Welt in Frieden verlassen.
Segnenkönnen ist unser höchstes Gut.

Auferstehung: Auf die, „menschlicher Nüchternheit“ überlegenen, konstruktiven Leistungen des „göttlichen Wahns“ hatte schon Plato im Philebos aufmerksam gemacht. Der gesunde antike Mensch ließ sich in seiner eigenen Weltsicht durch die Unheimlichkeit des Wahns verunsichern. In unsern Tagen fand die Theorie von der pandemischen Schizophrenie der Gesellschaft Beachtung.
Die Vision des auferstandenen Jesus hatte das mörderische Schuldgefühl des Paulus (man beachte die ὀργὴ in seiner Apokalyptik!) aufgehoben. Es liegt nahe, den hypomanischen Glauben an die Auferstehung Jesu zu verstehen als Abwehr eines depressiv-zwanghaften Wahns, einen – weitgehend (!) ernüchterten – Residualzustand. Wie dem auch sei – dieser Glaube entband χαρίσματα, ungeahnte Kräfte in den Menschen.

Gesetz: Die Gemeinde des Zweiten Tempels (die Juden gegen die Samaritaner) kultivierte verängstigte Restauration.
Jesus, Petrus und Paulus führten einen schwärmerischen Ausbruch an: aus dieser Angstwelt hinaus in das Wagnis der radikal neuen Welt, das Gottesreich der Erwählten. Nur mit dieser Radikalität war dem religiösen Zwang Paroli zu bieten.
Heute ist die urchristliche Apokalyptik für die Freiheit vom Gesetz nicht mehr vonnöten. Wir stehen vielmehr in legislativer [63] Mitverantwortung.

Die Hellenisierung des alttestamentlichen Erbes hat Gott idealisiert und das Ideal vergottet.

Der biblische Wunderglaube umspielt sowohl das Wunder der Schöpfung wie den ungeheuerlichen Begriff einer „Offenbarung Gottes“.

Die christliche Apokalyptik ist auf den eínen radikalen Wandel ausgerichtet. Aber der „Geist der Endzeit“ lässt „Zeichen und Wunder“ erleben, die den kosmos-Glauben verunsichern.

Die Lehre vom Heiligen Geist etabliert eine christliche Identitätskrise: „Ich lebe, doch nun nicht ich, sondern Christus in mir.“ (Gal 2, 20) Nicht ein gottfernes „Sei kreativ!“, sondern: „Du bist kreativ!“

Masochismus ist, wie Sadismus, „sexualisierte“ Aggression, triebhaft. Arbeit/labor/עֲבֹדָה hingegen ist sublimierte Aggression; die lustvolle Vorstellung vom begehrten Ziel ist in den Kampf mit dem Material und die Selbstüberwindung integriert. Das ist die normale Einstellung auf die „durchschnittlich zu erwartende Umwelt“.
Die christliche Leidensbereitschaft im Zeichen des Gekreuzigten ist kein Masochismus; unter anormalem Triebverzicht in Bedrängnis kann sie aber sexualisiert werden.

Gott ist dankbar für unser Dasein.

Die Zukunft, von der die christliche Predigt redet, hat schon angefangen!

Gegenstand der Liebe ist das Verheißungsvolle. Das Liebesgebot verweist an die Einsicht, die wir von unsrer Wahrnehmung des Mitmenschen erwarten dürfen.

Freude ist auf Gemeinsamkeit aus; und sie findet ihre Vollendung in schlechthiniger Dankbarkeit.

Die Bewusstseinsveränderung zur gottesdienstlichen Wahrnehmungseinstellung „Sursum corda[64] /Erhebet eure Herzen!“ äußert sich am Natürlichsten in Gesang.

Kummer in Ehren; aber Gott will ihm heilen. In Christus sollen wir wieder guten Mut fassen.

Paulus zeichnet alles ein in die Chaotik des Anbruchs der Gottesherrschaft. In solcher Vorfreude trägt er seine Leiden und seine Trauer und fordert die mit leidenden Philipper zur Mitfreude auf.
Er war aber Apokalyptiker; und das ist heute kaum noch nachzuvollziehen. So hat sein „Freuet euch!“ vielfach zu aufgesetzter Freudigkeit verführt. (Und Nietzsche hat nachgeholfen: „Erlöster müssten mir die Christen aussehen, wenn ich an ihre Erlösung glauben sollte.“)


Inhalt

I. Einleitung 1

II. Der Schöpfer persönlich 2

III. Bescheidenheit, eine perfectio Dei 23

IV. Name und Wort Gottes 38

V. Jesus 47

VI. Christus 54

VII. Lehre 66

VIII. Ritual / Gottesdienst 70

IX. Kirche 73

X. Gemeinde 98

XI. Diakonie 103

XII. Glauben 106

XIII. Theologie 116

XIV. Bibel 125

XV. Weitere Symbole 125

XVI. Inhalt 133



[1] Analog: Gottes Werk, Macht, Kraft, Heil, Weisheit, Herrlichkeit usw. (Luthers Vorrede zu Band I seiner Opera Latina 1545, WA 54,186.

[2] Paulus redet Rm 8 vom Heiligen Geist so, daß man von der Mystik des Apostels Paulus gesprochen hat.

[3] 325 Nicaea und 381 Konstantinopel: ἐνανθρωπήσαντα, lat.: homo factus.

[4] Mitteilung göttlicher Eigenschaften von der göttlichen auf die menschliche Natur Christi.

[5] Frühes Beispiel in seiner ersten Vorlesung über den Psalter, Scholion zu Psalm 119,125 (WA 4, 365): Die Trinitätslehre sei zur Zeit des Athanasius dem Arianismus gegenüber "Geist" gewesen; jetzt sei sie "Buchstabe".

[6] Salloustios, De diis et mundo, c.4

[7] Luther am 13.9.1526 an Nikolas Hausmann: Es ekelt Christus vor der Welt. Christum coepit taedere mundani huius cursus ... affore diem illum extremum.

[8] Gen 6, 6.

[9] Dazu in Gerhard Ebelings Buch Luthers Seelsorge (1997), Kap.XII. Der volle Wortlaut der einschlägigen Lutherbriefe findet sich, als Word-Dokument, auf dieser CD.

[10] Mein Aufsatz GLp*.

[11] „Wann“ als Konjunktion, statt des korrekten „Wenn“, vermeidet den abgeflachten Sinn eines kausalen Mechanismus (oder gar einer logischen Implikation) und insistiert auf der persönlichen, zeitlich-existenziellen Beteiligung als Bedingung. Das ist Pascals logique du cœur, die Logik religiöser Glaubenslehre.

[12] Dasein ist Ja zum Dasein, wenngleich nicht immer Ja zum eigenen Dasein.

[13] Ausdruck Gerhard Ebelings für die charakteristische Denkfigur des Alttestamentlers Luther.

[14] Luther ist mit De servo arbitrio Erasmus auf den philosophischen Leim gegangen. Seine neue theologische Hermeneutik war gegen dessen Skepsis noch nicht genug entwickelt.

[15] Da wird nicht etwas erfunden, sondern zustimmungsfähig Orientierendes gefunden.

[16] Am radikalsten durch Halluzination.

[17] Man denke etwa an die alte kirchliche Interpretation der „drei Männer“, die Abraham in Mamre besuchen (1Mose 18), als der göttlichen Dreieinigkeit.

[18] Meteorlogie: Wettervorhersage, Mikrobiologie: Sauerteig; viel Botanik: Vierfacher Acker (hier, Matth 13,1-9 und Parall., wird bewußt gemacht, daß ganz wenige Erfolge im Leben eine Überzahl von Mißerfolgen aufwiegen, weil das Leben mit Erfolg wuchert); Senfkorn; Zoologie auffallend wenig: Adler und Aas; Mikrosoziologie: Vater mit verlorenem Sohn, Herr mit Knecht, Richter mit Witwe, Haushalter zwischen Herr und Knechten etc.; Makrosoziologie wenig: Turmbauer, Kriegsrat; Alltagserfahrung: gärender Most in alten Schläuchen, Flicken auf alten Mantel.

[19] Θεῖος ἀνήρ, paradigmatisch Pythagoras, Apollonius von Tyana.

[20] Hiervon gibt einen Eindruck Flavius Josephus, sowohl sein Leben wie sein Buch Der jüdische Krieg.

[21] Entsprechend den mancherlei Gnadengaben, von denen Paulus 1Kor 12-14 einige bespricht.

[22] Paulus, 2Kor 5,20: "So bitten wir nun an Christi Statt: Lasset euch versöhnen mit Gott."

[23] Ich verweise noch einmal auf Luthers Auslegung von Gal 3,13 ("Christus ... ward ein Fluch für uns") WA 40/I, S.433ff.

[24] Die Wünsche der Mitmenschen sind nicht an sich giftig. Sie bekommen eine teuflische Spitze, wenn "die Welt gottet" (GLp).

[25] Dichtung und Wahrheit, Motto zum 4. Buch; dazu Kap. 20.

[26] Fröhliche Wissenschaft, Nr. 125.

[27] Fröhliche Wissenschaft, Nr. 125: Der tolle Mensch.

[28] Vgl. Rm 4,5: Glaube an Gott, "der den Gottlosen gerecht macht..."

[29] Das Wort "Segen" kommt vom lateinischen signare.

[30] Jesu Weissagung vom Jüngsten Gericht, wo der Richter sagt, er sei nackt, krank, gefangen Mensch unter Menschen gewesen, und danach urteilt, wie man sich da zu ihm verhalten hat.

[31] Die alte biblische Metapher.

[32] So ist Luthers Paulusverständnis in der großen Galater-Vorlesung, namentlich seine Auslegung von Gal 3,13 ("Christus ... ward ein Fluch für uns") WA 40/I, S.433ff. zugespitzt zusammenzufassen.

[33] Ein schöner Buchtitel von Paul Ernst.

[34] Die zum geflügelten Wort gewordene Formel hat die spezielle Konkretisierung im West-östlichen Diwan hinter sich zurückgelassen.

[35] Von Anaximander, dem vorsokratischen Weisen, ist ein diesbezüglicher Spruch überliefert, auf den Heidegger mit seiner Interpretation wieder aufmerksam gemacht hat.

[36] Die Hauptbedeutung von λειτουργία ist Staatsdienst.

[37] Die chaotischen Bedingungen des Lebens produzieren eine gesellschaftliche Normalität, die nur bedingt gesund zu nennen ist.

[38] Dietrich Bonhoeffer in einem Brief an Eberhard Bethge.

[39] Das fehlt in den Kasualliturgien.

[40] Begriff von Masud R. Khan.

[41] "Offenbarung als Geschichte" (W. Pannenberg) ist in Wahrheit dies!

[42] (Um 100 n.Chr.) De defectu oraculorum.

[43] Nemo contra Deum nisi Deus ipse . Ich habe ihn 1988 (GLp*) trinitätstheologisch interpretiert.

[44] Häufig eine hysterisch gefärbte, manische Depressionsabwehr.

[45] Der Augenblick Nr. 6, 23. August 1855.

[46] Den Ausdruck " Furcht und Zittern" von Paulus hat Kierkegaard zum Titel eines seiner Bücher gewählt.

[47] Ich denke an Dietrich Bonhoeffer, Gemeinsames Leben und Nachfolge.

[48] Diesem Impuls im Lied an die Freude stellt Schiller selbst (in Das Ideal und das Leben) entgegen: „... der heil’gen Sympathie erliege das Unsterbliche in euch!“

[49] "Bastelei" (frz.). Mit diesem Wort charakterisiert die Wissenssoziologie die weltanschauliche Orientierung der modernen Jugend, die ohne Systemzwang alles, was anspricht, aufgreift und ohne professionelle Vormünder zusammenzufügen versucht.

[50] Vgl die singuläre Struktur des Christus-Vertrauens in dem Brief an Justus Jonas vom 29. Dezember WA Briefe 4, S. 307. Ich verdanke diesen Hinweis Gerhard Ebeling und verweise auf sein Buch Luthers Seelsorge an seinen Briefen dargestellt, 1997, sowie die von mir zusammengestellte elektronische Sammlung der einschlägigen Briefe aus dieser Zeit auf dieser CD.

[51] Vergleiche das Überlagerungsprinzip in der Quantenmechanik.

[52] An einen (sonst unbekannten) Diognet adressierter Brief eines unbekannten frühen christlichen Apologeten.

[53] Ich erinnere an Melanie Kleins psychoanalytischen Begriff des „beschädigten Guten“.

[54] Lateinischer Brief an Justus Jonas vom 29. Dezember, WA Briefe 4, S. 307.

[55] Von ihm stammt diese Näherbestimmung des Glaubens als notitia, assensus und fiducia, Kenntnis, Zustimmung und Vertrauen.

[56] Fides est creatrix Divinitatis, non in persona, sed in nobis WA 40/I, S. 360, zu Gal 3,6. Man soll sich wohl bei der "Schaffung der Gottheit in uns durch den Glauben" vorstellen Gott den Heiligen Geist, der dem Glauben verliehen wird. Dessen Unterscheidung von der "Gottheit in Person" ist aber theologisch bedenkliche, institutionalisierte Tradition.

[57] Hiphil: הֶאֱמִין

[58] Quest – gegen C. D. Batson!

[59] Theologie ist ein altgriechisches Wort! (Siehe meine Studie: Die Wurzeln des Begriffs Theologie, in: Archiv für Begriffsgeschichte 34 (1991), S. 7-26).

[60] "Ist jemand in Christus, so ist er (ein Stück der verheißenen) neue(n) Schöpfung", sagt Paulus 2Kor 5,17.

[61] Zwischen Großbürgertum und Arbeiterschaft.

[62] Es liegt heute nahe, hier an George W. Bush zu denken.

[63] Siehe Luther 1535, Disp. De fide, These 52f. (novos decalogos scribamus)

[64] So hieß dann auch das alte Gesangbuch der Diözese Paderborn.