Thomas Bonhoeffer


Wühlkorb 11

September 2014

Leben

Nicht dieser oder jener politische Fehler, sondern die Struktur des heterotrophen (also alles höheren) Lebens ist, auch intraspezifisch, mörderisch.
Unser Augenmerk klebt an der Oberfläche, wo man urteilen und handeln kann. Wir können unser Zusammenleben letztlich nur punktuell durch Solidarität vermenschlichen.

Waghalsigkeit von Jungmännergruppen war nicht für die Beteiligten, aber für die Spezies ein Selektionsvorteil.

Der Frustrierte sucht im Grunde nach Schuldigen. Aber das Leben hat uns gelehrt, dass bescheidenere Ursachenforschung wohl oft nicht zum Ziel, jedoch weiter führt.
Im Kollektiv freilich sind wir regressionsgefährdet.

Jeder wünscht Wachstum, für sich, für die Seinen und das Seine; und das ist legitim. Es führt aber zur Konkurrenz mit den Mitmenschen und mit der Natur – bis zu Ausbeutung. Diese Infragestellung unserer Natur durch die Grenzen unserer Umwelt ist nicht neu. Auch Unheilsprophetie ist ein altes Phänomen; und die Gefahr ist gewachsen.
Der Erinnerung an die alten Unheilspropheten steht die Tatsache gegenüber, dass wir immer noch leben, und zwar besser als die Menschen damals! Aber wie lange noch?

Wir sollen solidarisch erleben, uns erinnern, weiterleben – und schließlich immer mehr vergessen; wie das Leben es gibt.
Leben wächst nach, und es wächst auch überraschend zusammen, spannend – und endlich ermüdend.

Die Gewohnheit verdeckt es uns auf weite Strecken, ja, Gepflogenheiten werden zur Pflicht. Aber das Lebe ist sehr seltsam – abenteuerlich!

Das Leben ist ein Abenteuer. Das genetische Programm der Spezies für den Einzelnen verlangt Weiterleben. Die alte Stoa erlaubte Selbstmord.

Leben muss „Spiel haben“.

Die Frage nach dem Sinn des Lebens ist zunächst die Frage nach dem Sinn meines Lebens, – dieses aber in seinem ungeklärten Zusammenhang mit dem Leben der Mitmenschen, überhaupt anderer Lebewesen und der unbelebten Natur.
Sinn ist hier final gedacht: „Wozu?“ Das ist es eine Frage persönlicher Besinnung. „Was ungefähr soll ich erreichen, was genau soll ich tun?“ Das ist meist eine Frage an den generalized other, manchmal aussichtsreicher an einen significant other, einen Mitmenschen oder an Gott.
Die allgemeinste, und sehr vieldeutige Antwort ist: „Weiterleben!“ Nicht: ewig eindeutig identisch leben; vielmehr ist, über das normale individuelle Weiterleben hinaus, zunächst an den Generationswechsel zu denken. Dieser wiederum ist nur das Paradebeispiel für die Menge von Realisierungen des Prinzips Weiterleben: Ein Künstler lebt in seinen Werken weiter; jeder Mensch bleibt andern Lebewesen, und besonders Mitmenschen, in mehr oder weniger prägender Erinnerung. Und das hat seinerseits unvorhersehbare Folgen für deren weiteres Leben.

Kampf ist eine wesentliche Komponente der Evolution des Lebens. Kampfspiele beleben Spieler und Zuschauer.
Die Zuchtwahl der heutigen Weltgesellschaft belohnt weniger die Brutalität als die Raffinesse.

Man kann das Leben als eine endlose Flickschusterei empfinden – und hat immer wieder über das Ergebnis zu staunen.

Stabile Identitäten haben per definitionem so etwas wie „Selbstserhaltungstrieb“.
Leben in chaotischer Umgebung ist ständig auf der Suche eines Weges der Selbsterhaltung.

Hyperzyklen sind temporäre, dynamische, geordnete Gruppen von Inseln von Ordnung im raumzeitlichen Chaos.

Neugier will Weiterleben.

Der Tod ist ein Anpassungsmechanismus der Spezies.

Leben ist Form, die ihre Identität behält, indem sie ihre Materie wechselt.
Gott „lebt“ – und belebt uns – als wechselvolles Geschöpf unserer Phantasie.

Erkenntnis

Einen Witz machen ist etwas anderes als Witze weitererzählen. Witz setzt Kreativität frei.

„Mein Blick ist beschränkt. Aber ich sehe dich. Was siehst du?“
Die Frage: „Was siehst Du?“ ist schöpferisch. Sie führt zu kommunikabler Identifikation* von Einzelheiten, zu gemeinsamer Sprache.
* 1Mose 2, 19-20a geht es um Benennung.

Sein eigenes, gefährlich beschränktes Denken muss der Mensch einbringen und aufheben in kommunikatives Mitdenken.

Wir reagieren als Subjekte nicht auf die Realität, sondern auf die Zwischenwelt unserer Vorstellungen von der Realität. Diese Zwischenwelt reagiert auf die Realität.
Diese Zwischenwelt wird mit uns alt und stirbt.

Unsere verwissenschaftliche Kultur objektiviert das Subjekt als hochentwickeltes Naturprodukt und sagt: Subjekt, Kultur und Wissenschaft sind Naturprodukte.

Die alten Griechen entdeckten beides, die Logik und die Tragik. Es gehört zusammen!

Menschliche Schwarm-Intelligenz entwickelt Sprache.

Horizonterweiterung: Es gibt kein Ganzes! Ganzheiten sind nur (approximierbar ungefähr realistische) Ideen.
Auch Identität ist nur eine Idee. Alles ist jedes Mal ein Bisschen anders. Wir kennen nur ein lebbares Ungefähr, nur Proben* aus größeren Proben. (Im Kleinsten verkrümelt sich unsere Realität in zufällige Ereignisse; und auch im Größten ist die Tragweite der Analogien zu unserer Lebenswelt begrenzt.)
Es gibt aber Proben/Erfahrungen, die uns begeistern.
* Probe – épreuve – proving; die Etymologie weist auf Zusammenhänge hin.

Wahrheit

Die Wirklichkeit ist vieldeutig.

Das vorherrschende Selbstbild der Menschheit im einzelnen und im ganzen führt zu bitteren Enttäuschungen.
Das Leben benutzt zur Motivation jedes Einzelnen illusionäre Erwartungen; er konzipiert und riskiert Neues. Auch was für ihn selbst und die Seinen wahrscheinlich Nachteile bringt, kann genetisch und memetisch, kraft der verschwenderischen Vermehrung und natürlichen Selektion, für die Spezies von Vorteil sein. Täuschungen trotz Enttäuschungen gehören zum Mechanismus unserer (bislang erfolgreichen) Phylogenese.

Mit der Bibel hat Gott uns Verwirrung verschrieben – und uns Solidarität in der Verwirrung geboten.

Sprache und Gemeinschaft sind zwei Seiten derselben Sache. Zur gemeinsamen Sprache gehört die soziale Bindung. Denn die Wahrheit der Sprache ist ihre Repräsentation des Wirklichen. Diese Repräsentation aber ist prekär; Rede kann nicht umhin, auch Wahrheit zu verdecken! Um ihres ersprießlichen Zusammenlebens willen aber tabuiert die Sprachgemeinschaft dies. Folgen sind nicht nur die Kriminalgeschichte des Christentums*, sondern Ähnliches in andern (besonders in großen) menschlichen Lebensgemeinschaften.
* Titel des zehnbändigen Werks (1986-2013) von Karlheinz Deschner.

Vereinfachung

Die Wahrheitsfähigkeit des Menschen ist sehr beschränkt; er braucht Vereinfachungen und bevorzugt die jeweils angenehmsten.

Ein Paradox ist ein Paar einander widersprechender Vereinfachungen einer menschlichen Wahrheit.

Wissenschaftliche Schulmeinungen (δόγματα) sind ungefähr richtige Einsichten, die einander teilweise widersprechen.

Jacob Burckhardt sah in der französischen Revolution einen ersten, in der deutschen Kaiserkrönung von 1871 einen weiteren Schritt zu einem weltweiten Cäsarismus. Er prägte 1889 (in einem Brief an einen Freund) den Ausdruck terribles simplificateurs , der die Träger dieser Entwicklung bezeichnete*.
Aber die Verbreitung dieses Ausdrucks (aufgrund der Veröffentlichung dieses Briefwechsels 1922 ) dokumentiert, dass er damit eine viel allgemeinere Erscheinung angesprochen hatte. Sie spielt, als Fanatismus, namentlich in der Religionsgeschichte eine schreckliche Rolle.
* Ich folge hier Georg G. Iggers, 1997.

Die praktische Vernunft lebt von Vereinfachungen; Vereinfachungen können ein Segen sein. Aber es gibt terribles simplificateurs und Vereinfachungen, die ein Fluch sind.

Aphorismus ist die natürliche Form von einzelnen Lehrsätzen aus der Erfahrung.
Seit alters berühmt sind die dem Arzt Hippokrates zugeschriebenen sog. Aphorismen*. Diese sind lateinisch (irreführend) „ Definitiones“ betitelt; aber es sind keine Definitionen im Sinne der Schulphilosophie**! (Der Arzt muss oft handeln, bevor er klar sieht, versteht und ordentlich definieren kann†; dem Milieu der antiken Medizin entstammt die theoretisch bescheidene, sog. skeptische Philosophie††.)
Auch Heideggers Aus der Erfahrung des Denkens (1947) ist aphoristisch.
* Ὄρος = Grenze, Trennung, ὁρίζειν = festlegen, ὁρισμός = Dekret, ἀφορίζω = bestimmen, ἀφορισμός = pithy sentence (Liddell/Scott), ein gehaltvoller Satz.
** Für die aristotelische Definition (ὅρος) ist das Entscheidende das genus proximum.
† Vgl. Hippokrates, Aph. I, 1.
†† Unsere Hauptquelle ist Sextus Empiricus.

Verstehen ist vereinfachen. Lügen werden geglaubt, wenn sie die Vereinfachung noch weiter treiben.

Putin will Europa durch Nationalismen schwächen. Aber ein differenziertes, spannungsvolles Gleichgewicht ist für intelligente Menschen attraktiver.
Totalitarismus ist gegen Intelligenz, für Psychopathie, Kriminalität und Dummheit.

Das Ungefähr der Symbolik ist auch ein Freiraum der Lüge, wo die Verzerrung (im Interesse der spannungsvoll lebensnotwendigen Egozentrik) geleugnet wird.

Inertialsysteme sind in dem Chaos, das unseren Horizont bildet, Approximationen und Abstraktionen.

Wir haben, zur verständigen Orientierung für unser Verhalten, jeder eine Fülle von verschiedenartigen sowohl totalen Weltbildern wie (einander überschneidenden) Vergrößerungen von Détails unter Gesichtswinkeln von verschiedenen Interessen.
In Orientierungskrisen arbeitet man unbeholfen daran weiter.

Alles Leben beruht auf zeitweiligen Identifikationen. Aber man kann nur ungefähr auf etwas zurückkommen.

Disputationen und Diskussionen sind auf Konklusionen angelegt und verführen zu Kurzschlüssen. Aber „mein Kind, es sind allhier die Dinge, gleichviel ob große, ob geringe, im wesentlichen so verpackt, dass man sie nicht wie Nüsse knackt!“ (Wilhelm Busch, Kritik des Herzens)

Information

Ein Signal muss aus einem Ge-„räusch“ herausgehört werden, und dieses Signal muss dann auch noch verstanden werden. Nicht jede Information ist für jedes System wertvoll.

In-formation ist eine „Form“-ergänzung*, eine Anpassungsverbesserung für ein stabiles System – oft wichtiger als jedes Stück des Materials, aus dem das System sich zusammensetzt. Form hat Macht über die Materie. Deshalb kann Information Macht vergrößern – nach innen und nach außen.
* Im Sinne des klassischen Schemas forma/materia.

Sinn

„Sinn“ ist Gefühlssache.

Sinn befriedigt.

Der Sinn des menschlichen Lebens ist solidarische Kreativität.
Die Solidarität regt sinnvolle Kreativität an.

„Sinn“ hat zwei Seiten: ­das manifest subjektive („sinnlich“ vermittelte) Hier und Jetzt des Individuums und die Ahnung eines objektiven Ganzen.

Die generalisierende Frage nach „dem“ Sinn „des“ Lebens kann förderlich sein, ist aber nicht allgemein zu beantworten. Lebt man, um zu staunen?

Inmitten aller Enttäuschungen überlebt eine Vielfalt von Hoffnungen.

Sinn ist kommunikable Orientierung.
Besinnung ist Sinnsuche. Ich suche dem Sinn der Interjektion „Gott“.
Seher, Grübler, Enthusiasten *, Dichter, Philosophen und Theologen erregen Aufmerksamkeit als Sinnfinder.
* Buchtitel von Kurt Hutten (1. Aufl. 1950).

Man kann seinem Leben synthetisch Sinn geben: Eine Folge zweckrationaler Tätigkeiten füllt das Leben aus, und es bleibt hohl. Das ist wohl die heute häufigste Form dessen, was Luther: „unter dem Gesetz leben“ nannte.

Existenzsymbolik

Friede beruht auf dem Ungefähr der Existenzsymbolik. Man billigt einander eine gewisse Beschränktheit und guten Willen zu.

Idealismus führt wohl auch zu einem stummen Selbstopfer: Bluthochdruck.

Symbole und Sprache sind Freundesgaben, Halbfertigprodukte, die sich als Hilfe zur Selbststabilisierung bewährt haben. Vermöge ihrer Mehrdeutigkeit dienen sie der kommunikativen Kooperation.
Durch Aneignung wird eine symbolische Anregung transformiert. Das ist für Dritte eine Einladung, es auch zu probieren.
Die christliche Tradition ist eine lange Kette von kühnen solchen Ermutigungen.

Witz ist eine belebende Störung.

Theologie (Interpretation und Hermeneutik) ist Vorübung fürs Leben – in Orientierungskrisen ein vitales Bedürfnis.

Ich führte den Begriff „Existenzsymbolik“ ein noch in der Meinung, jedermann habe eine und nur eíne. Genauer betrachtet aber, hat man vielleicht eine zentrale, und diese ist gut strukturiert, aber man hat nicht nur diese, sondern zu Zeiten auch andere, meist diffusere, in denen man sich verlieren kann.
Für Luther war das Evangelium die zentrale Existenzsymbolik. Daneben aber (und, wie er bekennt: meist*) lebte er unter „dem Gesetz“.
* Große Galater-Vorlesung von 1531, WA 40/I, 209, 6.

Das Wiederholen eines Satzes kann ein Fortschritt sein, wenn der Durchgang die Bedeutung der Worte verändert hat! Und genau dieses geschieht bei nachdenklichem Reden.
Nachdenken, réfléchir, Wiederholen, macht eine Bemerkung zum Existenzsymbol (vgl. Mantra!).

Poesie, Religion und Philosophie haben viel gemeinsam.
Sokrates hat zwar auf dem Markt junge Leute in philosophische Überlegungen verwickelt; aber Geschäft hat er damit nicht gemacht!

Man kann Frömmigkeit und auch ernste Theologie übertreiben. Wenn man eine Existenzsymbolik überlastet, versagt sie sich total.
Das ist dem Mönch Martin Luther passiert; und er hat solche Anfechtungen immer wieder erfahren. Später kann er, ruhig lehrend*, Zeit des Evangelium und Zeit des Gesetzes unterscheiden.
* Große Galater-Vorlesung von 1531, WA 40/I, 209, 6ff.

Existenzsymbole erleiden Glaubenszerstörung*; sie sind sterblich, weil sie lebendig sind, einem Generationswechsel unterworfen, unvoraussagbar variabel.
* Luther sprach, traditionell, von „Anfechtung“. Da blieb der Bezugsrahmen der christlichen Weltanschauung noch stehen.

Auch das Wort „Gottesherrschaft“ ist ein Existenzsymbol. Es erweckt eine von zwei Vorstellungen; ein glückliches Ende der Weltgeschichte oder das verborgene Walten des allmächtigen Schöpfers schon jetzt. Man könnte die „Gottesherrschaft“ paradox als die „ewige Vollendung“ paraphrasieren.

Wenn einem die Existenzsymbolik zusammenbricht, bleibt eine animalische Schicksalsgemeinschaft. Menschliche Kreativität überspielt dann solidarisch Resignation.

Auch „Kreativität“ ist ein sterbliches Existenzsymbol.
Dahinter tut sich ein Nihilismus auf, der (etwa im Buddhismus, aber auch in modern bereinigter Form) seine eigene Existenzsymbolik entwickelt. Diese ist dann vielleicht logisch unüberholbar, aber trotzdem auch nicht unsterblich – und sie hat auch nicht gewiß das letzte Wort.

Religion


Goethe, Iphigenie auf Tauris,
(IV, 5; 1726ff.)

Es fürchte die Götter
Das Menschengeschlecht!
Sie halten die Herrschaft
In ewigen Händen
Und können sie brauchen,
Wie's ihnen gefällt.

Der fürchte sie doppelt,
Den je sie erheben!
Auf Klippen und Wolken
Sind Stühle bereitet
Um goldene Tische.
Erhebet ein Zwist sich:
So stürzen die Gäste
Geschmäht und geschändet
In nächtliche Tiefen
Und harren vergebens,
Im Finstern gebunden,
Gerechten Gerichtes.

Sie aber, sie bleiben
In ewigen Festen
An goldenen Tischen.
Sie schreiten vom Berge
Zu Bergen hinüber:
Aus Schlünden der Tiefe
Dampft ihnen der Atem
Erstickter Titanen,
Gleich Opfergerüchen,
Ein leichtes Gewölke.

Es wenden die Herrscher
Ihr segnendes Auge
Von ganzen Geschlechtern
Und meiden, im Enkel
Die ehmals geliebten,
Still redenden Züge
Des Ahnherrn zu sehn.

So sangen die Parzen;
Es horcht der Verbannte
In nächtlichen Höhlen,
Der Alte, die Lieder,
Denkt Kinder und Enkel
Und schüttelt das Haupt.

Das ist ein Lied vom deus absconditus.


Die Juden bilden, wie die Christen oder die Deutschen, eine nicht scharf abgrenzbare und in sich spannungsvolle Menge. Der jüdische Witz ist besonders reich an Selbstironie – auch bezüglich der eigenen kollektiven Identität.
Durch die Verfolgungen aber wurden und werden sie immer wieder von außen zusammengeschweißt.

Polytheismus ist eine Vorstellung von den bereichsspezifischen Rationalitäten im Chaos unserer Lebenswelt.

Unsere militanten Islam-Konvertiten finden in der exotischen neuen Gemeinschaft vermutlich für ihre eigenste Identität Zuflucht vor der erstickend gewaltfreien Kultur ihrer Herkunftsgesellschaft.

Eine Apokalypse offenbart (symbolisch, aber meist in chronologischer Ordnung wie banales Wissen) die menschliche (von Freud schließlich so benannte) Destrudo sowie das menschliche Glücksstreben in ihrer elementaren, verpönten und deshalb gewöhnlich verhohlenen Maßlosigkeit.

Buddha lächelt.
Die christlichen Heiligen sehen auf den frommen Bildern ernst und traurig aus. Ist das die Kehrseite des europäischen Idealismus?

Jesus und in seinem Gefolge Petrus und Paulus haben den restaurativen Nationalismus in der Synagoge im Sinne der Offenheit für alle Menschen transzendiert; sie wurden aber hinausgedrängt.
Jetzt steht Israel islamistischen Reaktionären auf gleichem Niveau gegenüber – eine selbstverstärkende paranoide Symbiose.

Tragfähiger Wunderglaube beruht auf Verwunderung angesichts der Schöpfung, wie bei Jesus. Sonst ist es Aberglaube.

Islamismus, der mörderische Fanatismus, ist eine nostalgische Reaktion auf die Zwänge des kollabierenden Systems der Weltgesellschaft. Leider kontraproduktiv. Er verstärkt das System und seine Chaotik.

Ein Kanon Heiliger Schriften mit ihren Widersprüchen kann eine lebendige Gemeinde spannungsvoll einen.

Kult ist eine institutionalisierte gesellschaftliche Interjektion.

Wer menschlich zu leben wagt, wird auch immer wieder hilflos zurückgeworfen in Desorientierung und Desorganisierung. Religion ist Regressionskultur.
Andacht ist innere Sammlung vor Gott (den dem kleinen Kind das parentale Du vertrat).
Kultstätten (Kirchen u.dgl.) sind ausgegrenzte Schutzräume für durch Gemeinschaft bestärkte Andacht.
Heiligtümer sind kulturspezifische Orte der Gegenwart von Gottheiten, Halbgöttern (Heroengräber) und Heiligen (mit Reliquien).

Frömmigkeit kann eine gewollte Wahrnehmungseinstellung sein: Man bezieht, was man wahrnimmt, auf sich. („Was will Gott mir damit sagen?“)
Habituelle Frömmigkeit ist eine Art Beziehungswahn.

Institutionalisierte Religion ist konservativ; die Kirchen leiden an Realitätsverlust und Loquacitas senilis.

Gemeinde: Man kann sich zu einem guten Zweck zusammenschließen. Dieser Zweck kann einfach Menschlichkeit sein. Das fiel mir zuerst bei Anthroposophen auf; aber es spielt auch in den Kirchen eine Rolle.
Nur sind diese für ihren guten Zweck zu groß und versteinert. Kirchentage bilden, mit ihrer lockeren Struktur, ein Gegen­gewicht; aber ein Kirchentag ist ein recht volatiles Happening. Eine zentrale Symbolik stabilisiert die Gemeinschaft.
Für den Fan-Club ist seine Fußball-Mannschaft das zentrale Symbol. Auch er hat einen guten Zweck, aber hier treten andere Seiten der Menschlichkeit in den Vordergrund; der gute Zweck gerät hier, häufiger als bei den Kirchen, in den Schatten unguter Zwecke.

Gottesdienst ist symbolzentrierte Geselligkeit.
Gemeinde und Kirche sind mythos*-zentrierte Gemeinschaften.
* Existenzsymbolik.

Der Buddhismus beeindruckt den biblisch geprägten Westen als Kombination von Nihilismus und Mitleid.

Glaube

Kraft zur Kritik hat, wer es besser zu wissen meint. All meine Kritik setzt einen Glauben an Solidarität voraus.

Das (durch Paulus* berühmte) Wort des alttestamentlichen Propheten Habakuk (Luther: „Der Gerechte wird seines Glaubens leben“) redet nicht von einem „Glauben an ...“; es geht dort um Treue!
* Rm 1, 17, nach Hab 2, 4.

Glaube hat etwas mit Trotz zu tun, lebendige Frömmigkeit sogar mit Trotz gegen Gott – man denke an die biblische Erzählung von Hiob. Wie diese selbst, ist besonders ihr Schluss märchenhaft. Im Glauben an die Auferstehung zum Jüngsten Gericht und im Osterglauben aber bleibt ein Trotz lebendig.

„Christus-“Glaube ist, wie jede Religion, fides implicita , d.h. credere quod ecclesia credit, ein Ungefähr. Es geht um Zugehörigkeit.

Christentum

Das Gebot des dreieinigen Gottes ist: schöpferisch bescheidene Solidarität. (Vgl. Dietrich Bonhoeffer: Für andere dasein!)

Ist die Erbsünde (das „radikale Böse“) etwa das Begehren, der Trieb, der Egoismus, Rücksichtslosigkeit, oder die Ablehnung des Monotheismus bzw. seiner herrschenden Definition oder ist sie, ganz banal, die Kehrseite eines Idealismus, einer Gerechtigkeitsideologie, also einer Übervereinfachung des Überkomplexen?

Im auferstandenen Jesus erschien den Trauernden versöhnlich und tröstlich unser Jenseits*. Die Verkündigung dieser Erscheinungen im Sinne des Jesus-Verständnisses des Jüngers Simon war eine göttlich begeisternde Einladung, Ausrufung der (mit Jesus als von Gott eingesetztem König) öffentlich begonnenen Gottesherrschaft**.
* „Jenseits“ der Realität, auf die wir uns verstehen.
** Das Neue Testament dokumentiert dieses unverstandene Erlebnis größtenteils phantastisch. (Psychiatrische Klassifikation objektiviert entlastend; sie ist automatisierbares, nur partielles Verstehen. Viele Wissenschaftler brauchen Kunst als ein komplementäres Verständigungsmedium.)

Das „Himmelreich“ im Sinne des letzten Buchs der Bibel, der Johannes-Apokalypse, ist unversöhnt; da ist ewig der verdammte Teufel.
In Anbetracht aller Umstände wäre mein Lebensziel: Mit der Welt*, mit mir und mit Gott versöhnt sterben, das Zeitliche segnen zu können.
* Luthers gelegentliche Bezeichnung der Welt als „des Teufels Wirtshaus“ bleibt dabei unvergessen.

Das biblische Sündenverständnis redet primär von „Adam“, der „den“ Menschen personifiziert, kollektiv, und ist erst sekundär egozentriert.

Der eíne Gott ist das frühkindliche Wunschbild konsensualer elterlicher fürsorglicher auctoritas, sodann, unterscheidend personalisiert, der Herr im Haus über vielerlei Mächte, der Vater.
Israel hat paradigmatisch durchlebt und dokumentiert die Reifung dieses Schemas in der weiterem Realität. Die Verarbeitung der ersten Zusammenbrüche dieses Weltbildes führte zu Spaltung des Volks zwischen einem straff organisierten Radikalismus und Abfall.
Mit Jesus scheiterte die dogmatisch religiöse Naivität, aber nicht die Religion. Das Christentum entwickelte Dogmen; aber diese eignen sich nicht für Radikalismus.

In der Bibel spielen weltgeschichtliche Erwartungen keine tragende, aber eine große Rolle. Tragend ist die Zuversicht.

Die Welt ist Koexistenz. Der christliche Glaube anerkennt die Zumutbarkeit der Welt als eines Ortes kreativer Solidarität.

Die Trinitätslehre ist ungeeignet für Fanatismus. Sie ist das Ergebnis einer pragmatisch bescheidenen,­ humanen kaiserlichen Religionsfriedenspolitik in der Tradition des polytheistischen Augusteischen Reiches. Sie hält zu Besinnung an.

Jesus „Christus“/Messias heißt der Mythos, der die Kirche zusammenhält. Deshalb ist die Kirche ein zweideutiges Phänomen.

Mit Jesus hat schon zu seinen Lebzeiten eine Achtsamkeit angefangen, die, immer neu verwundert, den Schöpfer wahrnimmt.
Die unerwartete Kreuzigung erschütterte die Jesus-Leute zutiefst, so dass sie Jesus-Erscheinungen bekamen. Die Deutung dieser Erscheinungen als Anfang der erwarteten allgemeinen Auferstehung, nahm dann auch die Kreuzigung als Gottestat wahr.

„Jesus für unsere Sünden gestorben“?
Er war für viele Gottes Gegenwart gewesen. Diese bedeutete Gottes Vergebung der Sünden, für welche das Volk mit Fremdherrschaft bestraft war, und Hoffnung auf den nahen Anbruch der (prophetisch verheißenen) Gottesherrschaft über den Erdkreis. Nicht die Auferstehung, sondern die Kreuzigung war ihnen das eigentlich Unverständliche. Man erklärte sie sich als Sühne, die den Weg zur Gottesherrschaft freimachte.
Aber an Jesu Kreuzigung zeigt sich, wie borniert die juristische Interpretation des Schöpfers mit Begriffen wie Schuld und Sühne ist. Jesu Tod radikalisiert die Frage des Sünders nach Gott; nach Jesu Tod hat er es direkt mit Gott zu tun.
Gerechtigkeit ist das natürliche Ideal sich statisch verstehender Gesellschaften*. Die Kreuzigung Jesu war für die Jünger der Anfang vom Ende dieses Kosmos; man erlebte ein göttliches Chaos. Jesu Tod war der Anfang der (von vielen frommen Juden erwarteten**) allgemeinen Auferstehung (Mt 27, 51-53).
Der Gerechtigkeits-Idealismus war ad absurdum geführt; Solidaritäts-Realismus*** begann. „Am dritten Tag“ fand man das Grab leer, da und dort erschien Jesus in einem neuen Licht, die Gemeinde erlebte ein gott-unmittelbares Leben, wie es Paulus 1Kor 12-14 beschreibt.
* Paulus (mit breiter Nachwirkung im ganzen Neuen Testament) und Luther treiben den alten, natürlichen Gerechtigkeitsbegriff ad absurdum, um die Kreuzigung Jesu als Befreiung im Rahmen des herkömmlichen Glaubens an eine gerechte Schöpfungsordnung zu verstehen. (Luthers Zwei-Reiche-Lehre unterscheidet zwei Gerechtigkeiten.)
** Dank iranischer Einflüsse aus der Zeit der babylonischen Gefangenschaft.
*** In dem zentralen alttestamentlichen Gebot der „Nächstenliebe“ (3Mos 19, 18) war eigentlich von nachbarschaftlicher Solidarität die Rede gewesen. Es überzeugte, und auch seine Verallgemeinerungen und Vertiefungen überzeugten. Im Horizont der Gerechtigkeitsideologie erscheint Solidarität als Gnade.

Paulus glaubte an eine raumzeitlich umfassende Weltordnung als Manifestation der göttlichen Gnade. Sie wird komplett mit der allgemeinen Auferstehung (die mit den Osterereignissen begonnen hat), dem jüngsten Gericht und der schlussendlich offenbaren Gottesherrschaft.

Gott

Der Monotheismus („Unser Nationalgott ist der Herr der Welt“) war eine totalitäre Überreaktion des kollektiven Narzissmus der Juden in der babylonischen Gefangenschaft, eine geniale Idee, die sich, über Kirchen und Islam, bis in die neuzeitlichen totalitären Ideologien fortsetzte.
Das Judentum brach an Jesus entzwei. Aus dem Judentum heraus entwickelten sich christliche und postchristliche Totalitarismen – unhaltbare Übervereinfachungen.
Mit dem Untergang der Totalitarismen in immer groteskeren Lügen, erscheint in unsern Tagen auch die Gottesfrage noch einmal anders*.
* 1963 erschien die deutsche Übersetzung von John A. T. Robinson (einem englischen Bischof !), Honest to God (1963) deutsch – und wurde ein Bestseller unter dem Titel Gott ist anders.

„Glauben an Gott“ vergegenständlicht Gott.
Julian P. Barnes schrieb*: I don’t believe in God, but I miss him. Das ist ein frommer Satz!
Barnes stellt ihn an den Anfang seines Nothing to be frightened of (2008, dt. 2010). Was er hier dazu berichtet, gehört auch dazu!

Reden von Gott ist ein Mitwirken an Gottes Dasein.
Die Existenz Gottes ist eine nützliche gottgegebene Illusion. (Auch dieser Satz ist eine menschliche Illusion.)

Ratlosigkeit in der Welt wirft uns sprachlich zurück auf den Ein-Wort-Ruf.

Ich bin böse auf Gott, weil er nicht „gut“ ist. Ich schlage ihn ans Kreuz. (Ich darf das, – wie ein Baby, das gegen seine Mutter strampelt.) Er aufersteht und will mich in Sein Leben mitnehmen!

Die Anrede „Du“ stellt uns vor den significant other* ; sie stellt den Einsamen vor Gott.
Die Gemeinde überliefert Stärkung, vor Gott allein zu sein.
* H.S. Sullivan.

Lex /Gesetz ist immerhin Wort. Der Deus absconditus schweigt.

Gottesherrschaft ist eine Hilfsvorstellung der Sinnsuche.

Alle Gottesvorstellungen, -bilder, -begriffe sind abenteuerlich!

Herrscht Chaos oder Gott? – : Gottes Herrschaft erscheint uns chaotisch.

Die Schöpfung war und ist ein Abenteuer.
Unsere Gottesideen sind abenteuerlich.

Die Einzigkeit ist dem jüdischen, christlichen und islamischen Gottesverständnis wesentlich. Sie ist rational befriedigender als jeder Polytheismus – aber mehr Programm* als Erfahrung. Sie bleibt Israel, Jesus bzw. Mohammed, als jeweils einer besonders einzigartigen Tatsache, verhaftet.
Der poetische Rückgriff der Renaissance, hinter die Scholastik zurück, in den Polytheismus der klassischen Antike (dem auch die deutsche Klassik folgt**) geht mit der empirischen Wende der Wissenschaft einher.
Der monotheistische Gottesbegriff ist ein eigenartiger Erfahrungszusammenhang, der mit anderen Erfahrungszusammenhängen in lebendig spannungsvollem, auch kontradiktorischem, ungeklärtem Zusammenhang steht. Religionsgespräche haben, zur Orientierung inmitten der gegenwärtig herrschenden Ratlosigkeit, wohl in kleinstem Rahmen die besten Aussichten. In christlicher Tradition, scheint mir vor allem mitmenschliches Interesse sowie bescheidene Mitteilsamkeit ratsam;
* Auch politisches Programm.
** Hölderlin sah Jesus in einer Reihe mit den antiken Göttern.

Die dogmatische Unterscheidung von Gott und Welt objektiviert Gott. Das stützt dem Verzweifelten die Hoffnung. Wir verdanken unsere Unterscheidung dem nachexilischen Judentum mit seiner Hoffnung auf ein neues davidisches Reich. Die altkirchliche Objektivierung hat dann die Gotteslehre in widersprüchliche Spitzfindigkeiten verwickelt und diese dogmatisiert – so dass sie (uns zur Warnung) als Lehre, als Grundgesetz* des Kirchenrechts, tradiert werden.
Aber Glaube, auch kollektiver, ist wesentlich subjektiv. Will man ihn stützen, dann durch solidarisches Wort, bescheidene, menschliche Rede von Gott und Welt, ehrliches Glaubenszeugnis. Das ist nicht sakrosankt, sondern schöpferisch.
Allerdings ermöglicht (in der Religion wie in der Poesie) die Grammatik objektivierende Missverständnisse von frommen Vorstellungen. Und unter den Trümmern solcher Fehlinterpretationen droht der Gottesglaube heute begraben zu werden.
* Hier ist an Luthers Unterscheidung von Gesetz und Evangelium zu erinnern.

„Ach, du lieber Gott! – Mein Dasein ist so schrecklich rissig!
Ach Gott – dein Wille geschehe!“
Das ist ein Stoßgebet – erst mehr Ausruf, „Stoß“; dann mehr Gebet.
Ein Wort, sagt man, bezeichnet einen Begriff; aber besser: es evoziert im Hörenden Zusammenhänge. Rede stellt uns in lebendige, nur ungefähr definierbare Zusammenhänge.
Der Gottesname evoziert die miterlebte Situation von Menschen, die sich mit ihrer Weisheit am Ende fühlten.

Gotteslehre ist symbolische Tradition; persönlich-kritische Übernahme ist vital.

Gott „ist“ eine – selbstverständlich chaotisch flackernde – Idee vom Umfassenden, schlechthin anderen.
Das göttliche Du ist nicht das Andere, aber es symbolisiert und repräsentiert das Andere.

Im Gefühl der Gottverlassenheit* in dieser Welt sollen wir in Gottes Namen an Gottes statt in göttlicher Bescheidenheit handeln.
In Schuberts Winterreise** singt der Verzweifelte trotzig: „Will kein Gott auf Erden sein, sind wir selber Götter!“
* Ps 22 auch als Jesu Gebet.
** 1827, Text von dem (wie Schubert gar nicht biedermeierlich, sondern „vormärz“-lich gesonnen) Freimaurer Wilhelm Müller.

Creatio continua : Gott-sein ist ein schrecklicher Beruf. Die Zuversicht kommt, mit der göttlichen Bescheidenheit und Geduld, so elend langsam voran.

Monotheismus neigt zu paranoider Polarisierung.

„Ach du lieber Gott, was ist denn das?!“ Das ist zunächst die hoffnungslos abgewetzte Sinnfrage; eine reine Gefühlsäußerung, eine Interjektion – meist ohne eigene Besinnung, ein Selbstbetrug, Missbrauch des Gottesnamens (der doch Besinnung anstoßen kann).

Sensory deprivation schafft täuschendes Neues aufgrund unserer Assimilationsschemata für Wahrnehmung äußerer Realität. Wir leben in einem bescheiden schöpferischen „Medium“.
Hat das mit der fürs Gebet erwünschten Ruhe zu tun? Spürt man in der sensorischen Deprivation Gott als Medium* unmittelbarer?
* „Wer in der Liebe bleibt, der bleibt in Gott und Gott in ihm“ (1Joh 4, 16).

Solidarische Kreativität kann man als Du ansprechen. 1Joh 4, 16: Gott ist solidarische Kreativität.

Gott weiß nicht voraus und er weist nicht voraus und rät auch nicht. All dies sind alte Vereinfachungen.
Gott ist Solidarität (1Joh 4, 16). Er ist als das Medium da, in welchem wir uns gern bewegen.

Das Unvorhersehbare, auf das wir uns doch besonnen, „von ganzem Herzen, von ganzer Seele und von ganzem Gemüte und von allen deinen Kräften“ (Mt 12, 30), also gesammelt, einstellen müssen, das personale Medium unseres Daeins, ist Gott.

Wo ist Gott? – : Nicht wo wir meinen, dass er hingehört, nicht an seinem Platz, nicht im Himmel, nicht zuhause; er ist (wie man im Handwerk sagt) „auf Montage“. Man trifft zufällig auf ihn.

Der Witz zerreißt ein Schon-Bescheid-Wissen. Man „weiß“ etwa: Nichts ist sicherer als der Tod; aber das Paulinische „Freuet euch!“ ging lange Zeit bis zum Osterlachen (darüber, „wie ein Tod den andern fraß“).
Das Osterlachen verebbte und kam im 19. Jahrhundert in den Kirchen endgültig außer Gebrauch; der Kreuzestod blieb zentral; die jährliche Interjektion der Osterbotschaft verlor in der Neuzeit an Emotionalität und war deshalb auch nicht mehr so witzig.
Aber Gott war und ist schöpferisch; das christliche Leben ist von Geistesblitzen gezeichnet, die das etablierte Wissen in ein anderes Licht stellen und Unerwartetes initiieren. Hans von Campenhausen (Fachgelehrter der alten Kirchengeschichte) bemerkte, dass sich, in der Antike, Witz (im Unterschied zu den alten Zoten*) erst im christlichen Mönchtum durchsetzte!
* Diese verletzen den etablierten Anstand.

Für den Saulus von Tarsus war der Gottesgehorsam zentral wichtig gewesen; und dabei blieb es auch, nach der Bekehrung (unter dem Eindruck der eschatologisch hoffenden Liebe, der er bei den Christen begegnete), für den Paulus. Dieser Akzent in der Christusverkündigung ist aber m.E. ein unzureichend verarbeitetes Stück pharisäischen Erbes; er verdunkelt die Neuartigkeit der christlichen Gottesbeziehung.

Die Stimme ist das wichtigste soziale Kontakt­instrument. Aus dem ersten Schrei* entwickeln sich differenziertere Kontaktlaute, natürliche Gefühlskommunikation; sodann in (leichter oder schwerer, positiver oder negativer) Bedrängnis, der Gefühlsausdruck in kulturgemeinschaftsfähiger Form, Interjektionen, Ausrufe, Rufnamen und schließlich weiter differenzierte sprachliche Symbole.
Auch der Gottesname ist im Grunde eine Interjektion**.
* Vermutungen zur Verwurzelung des Gottesnamens im ersten Schrei habe ich bereits 1965 vorgebracht in meiner (ungedruckten, nur auf meiner WebSite veröffentlichten) Habilitationsschrift Kirchliche Lehre – Ideologie. Skizzen zur theologischen Hermeneutik.
** In meinem Artikel Sprache, theologisch (RGG, 3.Auflage, Bd. VI, 1962), schrieb ich: „Das Wort Gott ist das bloße Wort schlechthin, das reine Glaubenswort.“

In der Geschichte von der „Ausgießung“ des Heiligen Geistes erzählt Lukas (Apg 2), wie Gott sich, Menschen zugut, selbst „liquidiert“. „Sie sind voll süßen Weins,“ sagen da die Umstehenden. Die Offenbarung Gottes provoziert Spott*. Sie ist bescheiden. Gott lehrt die Menschen göttliche Bescheidenheit. Die Offenbarung ist bescheide­ner als die Rede von Offenbarung Gottes.
* Vgl. auch die Passionsgeschichte!

Vom Erhabenen zum Lächerlichen ist nur ein Schritt. Rede von Gott ist persönlich anspruchsvoll. Man erwehrt sich des Anspruchs durch Spott.

Die Kirchen (Tempel und Institutionen) sind auf die Hypothese von der Existenz ihres Gottes gebaut.
Der Ruf zu Gott aber kommt nicht aus der Phantasie, sondern, mit und ohne Phantasie und Hypothesen, aus dem traditionsreichen* individuellen menschlichen Leben.
* Vor allem: die Sprache!

„Gott hat keine anderen Hände als unsere“ (D. Sölle) – das ist entweder eine Banalität oder es besagt: „Gott ist nur eine gute Idee.“
Diese gute Idee ist unsere. Gott hat uns befohlen, in aller Bescheidenheit selbst Gott zu sein. Das ist die Ausgießung des Heiligen Geistes! Der Gott in uns ist einig mit dem Gott außer uns.

„Man kann nicht überall den lieben Gott spielen!“ – : Gewiss! Das soll man auch gar nicht – weder „spielen“ noch „den lieben Gott“! Aber wir sollen, nach Gottes Willen, unscheinbar, schlecht und recht, in aller Bescheidenheit, selbst Gott sein*. Das ist der bleibende Sinn von Pfingsten.
* Gott hat sich bescheiden offenbart.

Auch im modernen Christentum gibt es Ansätze zu Polytheismus. Wir sprechen manchmal leicht selbstironisch, aber im Ernst, vom „lieben Gott“ (dem Kindergott), der das und das so gemacht habe, – wohl unterschieden von dem „Gott“, dessen Namen im Ernst des Gebets zu brauchen ist.

Zuweilen können wir erfahren und sagen: Wir erleben nichts, auch Verlassenheit* nicht, allein. Wir erleben mit Gott; Gott lebt und erlebt mit uns.
* Ps 22, 1.

„Von allen Seiten umgibst du mich“ (Ps 139, 5) – als die unerschöpfliche Vielfalt der Dinge, das gegenwärtige Wunder deiner Schöpfung.

Gott hat uns seine Namen gegeben wie Joker im Kartenspiel, zur Reintegration unseres Weltbezugs (und damit der eigenen Person) nach dem Verlust des parental allmächtigen Du.

Die Mutter vertritt dem Kinde Gott, und Gott vertritt dem reifen Menschen die frühkindliche Mutter*.
* Winnicott: sowohl environment wie object.

Im herkömmlichen christlichen Weltbild ist Gott der Gerechtigkeit unterworfen. „Strafe muss sein,“ darum wurde Jesus gekreuzigt.
Nicht zynisch, aber traurig, muss man feststellen: Diese Hochschätzung des Ideals Gerechtigkeit – überhaupt von Idealen – ist uns abhanden gekommen.
Damit ist die fromme Frage: „Gott, was soll ich?“ allerdings nicht erledigt, und auch nicht, was die Jesusgeschichte uns über Gott gelehrt hat.

In seinem Lied Nun freut euch, liebe Christen g’mein besingt Luther, wie Gott die in Sünde verlorenen Menschen erlöst hat. „Da jammert Gott in Ewigkeit mein Elend übermaßen*.“ „Er wandt zu mir das Vaterherz, es war für ihn fürwahr kein Scherz.“ Gott leidet an unserem Elend mit, „in Ewigkeit“, schon vor der Schöpfung! Die Schöpfung ist und war „für ihn fürwahr kein Scherz“!
* Auch dieses Wort ist wichtig!

Früher trug ein Glaube an die biblische Schöpfungsordnung (oder den κόσμος des Pythagoras* ) die Moral. Uns zerbröselt die Welt zunehmend in Dinge ohne evidenten Zusammenhang – ein Chaos.
Mit dem Ruf zu Gott aber transzendieren wir die evidenten Zusammenhänge; er setzt uns, schöpferisch, der Chaotik der Einzigkeit aus! (Einzigkeit ist ein chaotisch integrative ­Idee­.) Er lässt uns die Dinge anders sehen und bringt uns auf neue Ideen.
* Klassisch-idealistisch: Plato, – der dann auch in der Entwicklung der kirchlichen Lehre wichtig war.

Schöpfung

Kreativität ist wahrnehmend, bescheiden, grundlegend solidarisch-identifikatorisch, erst dann distanzierend-objektivierend.

Im Chaos bedürfen wir, für lebensfreundliche lokale Stabilität, der Kreativität.

Kreativität stellt Selbstverständlichkeiten in Frage.

Die natura naturans wird zuweilen religiös zerlegt in Schöpfer und Geschöpf.
Paulus zerlegte das christliche Subjekt in σάρξ/Fleisch(Geschöpf) und πνεῦμα/Geist(Schöpfer).

Ein starker Stoßseufzer ruft ins Jenseits unserer Realität, ruft ein (vital vorausgesetztes) Schöpfer-Du.
Eine Interjektion markiert eine Leerstelle in unserer Welt.

Nachdem die Schöpfung passiert ist (sie war doch wohl etwas anders geplant!), wurde, zum Kampf gegen die Trostlosigkeit, die Parole „Solidariät!“ ausgegeben. Ein guter Rat!

Gott Denken ist bildende Kunst, die Gott durch uns verrichtet, der Welt zum Heil. „Der Schöpfer“ ist ein versöhnlicher Begriff.

Kreativität und Solidarität sind zwei Seiten derselben Sache (vgl. 1Joh 4, 16!).

Wo wir helfen möchten, aber nicht können, am Ende mit unserer Weisheit, möchten und können wir Gott bitten, zu helfen (Fürbitte).

„Schöpfung aus dem Nichts“ ist eine Hilfsphantasie für einen Neuansatz; sie begünstigt Zuversicht – vergleichbar den in der Medizin* bewährten Hilfsphantasien.
* Die naturwissenschaftliche Medizin hat eine nur begrenzt nützliche Sprache.

Gott, der Heilige Geist, der spiritus creator, der sich uns Menschen mitteilt und durch uns Wunder tut, erinnert an die Genien (wörtlich: „Erzeuger“) des altrömischen Glaubens.
Dort „hat“ der Mensch einen Genius, in der Romantik „ist“ mancher Mensch ein Genie; das erinnert an Paulus (Gal 2,20).

Gott ist die schöpferische Solidarität.

Der Schöpfer hat die Kreuzigung Jesu durch Tat und Wort relativiert; er hat das uns überwältigende Entsetzliche gegeben und ein für alle Mal vergeben. Wir sollen Gott vergeben, miterleben, mitmachen und einstimmen können in das schöpferische „Sehr gut“ (1Mose 1, 31) über diese Welt.

Der Heilige Geist Jesu, der spiritus creator, wurde über die trostlos und aussichtslos, am Ende ihrer Weisheit Trauernden, ausgegossen. Jeder an seiner Stelle soll jetzt Schöpfer sein.

Die Erde ist „sehr gut“* für die Entfaltung von solidarischer Kreativität**.
* Ich denke an den Schluss der ersten biblischen Schöpfungsgeschichte 1Mos 1, 31.
** In der creatio continua (Augustinus) ist der dreieinige Gott als Schöpfer gegenwärtig; und im Heiligen Geist sollen auch wir Schöpfer sein.

Wir verdanken Jesus den Glauben, dass inmitten der alten, die neue Schöpfung angefangen hat.

Die Schöpfung geht so langsam wie unser Tagewerk; wir sind ein Stück Schöpfung – bei aller Wiederholung schließlich doch immer wieder überraschend.

Im vielen Entstellten und Vernichteten sieht der schöpferische Blick Neues sich abzeichnen. Das vielerlei Ungefähr ist instabil dynamisch; es gewinnt ungeahnte Gestalt.

Hässliches kann schön zusammenpassen, und Schönes kann hässlich zusammenpassen. Schönheit ist auch eine Frage der integrativen Kraft des Subjekts.

Gesellschaft

Perfektionierte Sozialtechnik führt zu einem chaotischen Nebeneinander von perfekten Ordnungen.

In schwierigen Zeiten scheut man Verantwortung. Egozentrische Machtmenschen übernehmen sie gern; und man überlässt sie ihnen gern – mit entsetzlichen Folgen.

Multikulti ist freundliche Koexistenz, aber instabil. Man kann nie, aber besonders hier nicht, sicher sein, ob man den andern richtig versteht!

Friede beruht auf einer sozialen Existenzsymbolik, die von allen, Privilegierten und Unterprivilegierten, als gerecht empfunden wird. Sie ermöglicht sogar Mitfreude der Untertanen am Glück des Herrscherhauses.

Gesellschaftliche Konflikte brauen sich zusammen aus vielerlei Unterschieden, massenhaften kleinen und photogenen großen, und führen, im Kielwasser bornierter Vereinfacher, zu vereinfachenden großen Ereignissen wie Gewittern und Kriegen.

Zu den Mechanismen, die heute den sozialen Frieden erhalten, gehört, dass die Menschen einander Arbeit machen.
Wie im Nervensystem des lebendigen Organismus, sind auch in der Gesellschaft Inhibitionen entscheiden wichtig.

Die Gesellschaft ist ein mild chaotisches Relationengebilde voller Rückkopplungen zwischen (nur stark vereinfacht fassbaren) temporären Einheiten.

Die „natürliche Selektion“ hat die meisten „Feinde“ des Menschen ausgerottet. So ist, auf der beschränkten Erdkruste, in historischer Zeit, „der Mensch“ „des Menschen“ gefährlichster Feind geworden. Homo homini lupus.

Jeder Mensch ist eine Welt. Die Menschheit ist eine Welt von Welten.

Der Mensch soll für sich, seine Familie und die Gesellschaft sorgen – und also mit Zielkonflikten leben.
Soziale Ordnung unter (normal kreativen) Menschen ist instabil.
Intoleranz chaotisiert. Drakonische Strafen produzieren Empörung.

Zu viele Verlierer in der Gesellschaft bilden einen Zunder für Impulse, die Regeln des Spiels zu ändern.

Rahmenbedingungen des Lebens, als Koexistenz, sind Spannungen, Reibungsverluste und Zusammenstöße. Durch Koordination sucht man diese zu vermindern.
Aber die Welt ist dafür zu kompliziert; Demokratie überfordert den δῆμος, Herrschaft überfordert den Herrscher.

Vertrauenskapital kann man profitabel beleihen durch Versprechungen.

Eine Sprache (mit all ihren Ober- und Untertönen) ist der Mythos des κόσμος (der Ordnung) einer Gesellschaft.

Eine dauerhafte Lebensgemeinschaft* ist ein mildes soziales Chaos und braucht ihren Mythos.
* Auch jede Religionsgemeinschaft.

Das Erikson’sche Urvertrauen hat seinen sozialen Ort in kleinen Lebensgemeinschaften – mit Misstrauen gegen Fremde.
In der Weltgesellschaft herrscht, auf der Basis eines leichten Misstrauens, unverbindliche Freundlichkeit (kleinste massenhafte Investition).

Marx‘ „Reservearmee“, die die Löhne drückt, wirkt durch Absenkung des durchschnittlichen Sterbealters als negative Rückkopplung auf die Bevölkerungszahl.

Mem-Soziologie (analog zu Biologie): verschiedenartig interagierende, verschiedenartige Mem-Species in schnellem Wandel.

Erzieher sozialisieren zum Überleben. Die angeborene Natur des Einzelnen wird in die Gesellschaft eingepasst. Das ist einerseits Förderung und Entwicklung, anderseits Verstümmelung*.
* „Die russische Seele“ wirkt auf uns noch heute brutal vergewaltigt – mit Teilhabe an wahnhafter Größe, paranoid.

Beim Singen im Chor weiß man beglückend, was richtig ist.

Eine Menge unbekannter Menschen ist eher unangenehm.
Ein gemeinsames Symbol (Feier, Fest) ist schon ein Minimum von Bekanntheit.
Wenn man in der Masse einen Einzelnen anspricht, lächelt man „freund-“lich. Und Einander-zu-Arbeiten ist eine Freude.

Die parlamentarische Demokratie ist nicht sehr stabil*; denn man muss urteilen ohne die eigentlich erforderliche Urteilsfähigkeit. Das verlangt von allen große Bescheidenheit.
* „Das System“, das Hitler hasste, war ein instabiler Kompromiss.

Im Chaos ergibt sich Tragik.

Alle Großmächte tendieren zu Übervereinfachungen – an denen sie endlich auch sterben.

Zur Wirklichkeit auch einer stabilen Gesellschaft gehören soziale Spannungen, Bewegungen und Verschiebungen. Aber Friede ist der „,soziale Wert“ schlechthin.

Keine Gesellschaft ohne Ungleichheit. Aber der Unterprivilegierte sollte sich am Glück des Privilegierten mitfreuen können.

Die Ungleichverteilung der Lebens-chancen ist finanziell, aufdringlich eindimensional, und damit unerträglich provokant geworden. Die entsprechende Entwicklung der Konkurrenz- zur Geiz- und Neidgesellschaft ist gefährlich.

Alle Macht ist Übermacht, Macht über etwas anderes.
Macht ist immer beschränkt, aber muss Bescheidenheit lernen. Soziale Übermacht muss als wohltätig überzeugen, um konsensfähig, solide, beruhigend zu sein – und den Mächtigen freizusetzen für die Muße und Besinnung, die auch er, als ein Mensch, zur Reifung braucht. (Macht kann Reife nicht ersetzen.)

Man konkurriert, man misst sich an einander. Nachhaltiges Wachstum muss konsensfähige Proportionen finden.

Man wird heute älter. Das ist ein Teil des Überbevölkerungsproblems, welches alle Altersstufen gleichermaßen betrifft.
Man bleibt heute auch länger arbeitsfähig. Dass es zu wenig Leute im arbeitsfähigen Alter gebe, ist im Zeitalter der Roboter, angesichts der weltweiten Arbeitslosigkeit, nicht mehr zu befürchten. Der Marktwert der Arbeit fällt und fällt.
Gewöhnlich lebt, wer sich noch irgendwie nützlich machen kann, auch gern weiter. Und wer nicht mehr gern weiterlebt, den sollten wir in Frieden sterben lassen.
Die Angst vor Überalterung der Bevölkerung (der man kurzsichtigerweise höhere Vermehrungsraten entgegensetzen will !) ist schlecht begründet.

Die Ungleichverteilung der knappen Güter hielt schon immer vielerorts einen großen Teil der Menschheit am Existenzminimum; die Betroffenen starben dann gewöhnlich einen frühen Tod. Heute ist sie durch die Massenmedien vor aller Augen, und wir sind abgestumpft.
Die Ungleichverteilung wird wohl der wirkungsvollste sichere Bremsfaktor gegen Überbevölkerung bleiben – eine Leistung der Oberschicht, aber kein Ruhmesblatt.

Das auf individuell interessegeleiteten Tausch aufbauende Weltwirtschaftssystem hat eine unheimliche Eigendynamik. Die Schwarm-Intelligenz dieses Systems entwickelt lokal immer neue Strukturen mit kurzfristigen Zielen, aber keine handlungsrelevante gemeinsame Zukunftsorientierung.

Die Gesellschaft ist nicht rational, sondern wesentlich durch Symboliken* strukturiert und deshalb mit sauberer Begrifflichkeit nur ungefähr zu erfassen. Überdies sind Symboliken leicht manipulierbar.
* Vor allem: die natürlichen Sprachen.

Die Medien vereinfachen, und sie verbreiten Vereinfachungen; sie homogenisieren und polarisieren. Der gesunde Menschenverstand weiß, dass die Dinge nicht so einfach sind, wie jedes Medium glauben machen möchte. Aber man muss sich in nützlicher Frist entscheiden und lehnt sich an irgend eine vorgefertigte Vereinfachung an.

Friede beruht oft auf einem Gleichgewicht unberechenbarer Drohungen.

Lug und Trug gehören zur Politik. Das ist bitter; aber man sollte sich nicht erbittern lassen und friedfertig dagegen arbeiten!

Staat, Recht

Freiwillige aus russischen Minderheiten in (ihrerseits traumatisierten) ehemaligen Sowjetrepubliken kämpfen gegen Nationalismus jetzt in der Ukraine, die repressiv mit den Russen im Osten des Landes umgegangen war.
Den Kontext erhellt Peter Scholl-Latour, Der Fluch der bösen Tat. Das Scheitern des Westens im Orient, 2014.

Der Umgang des Westens mit den Russen nach dem Zusammenbruch der Sowjetrepublik war politisch naiv, effektiv kränkend. Das gipfelte in der (ökonomisch wohlbegründeten) Annäherung der Ukraine* an Europa.
Es geht nicht um juristische Schuld; aber der Westen hätte hier sich an die irrationalen eigenen Nationalgefühle erinnern und die entsprechenden russischen Gefühle ehren sollen. Diese Solidarität ist der Westen den Russen schuldig geblieben.
Anerkennung einer Schuld** und Bitte um Entschuldigung erweisen dem Gekränkten Ehre.
* Sie ist gewissermaßen Ur-Russland!
** Der Warschauer Kniefall Willi Brandts 1970 und die folgende Versöhnung mit Polen weisen in die richtige Richtung.

„Menschenrechte“ sind ein gesellschaftliches Koordinationsproblem. Es sind Ansprüche des Individuums an die Staatsgewalt, die für seinen Schutz verantwortlich sei.
Aber das Koordinationsproblem, das soziale und das ökologische überfordert heute die menschliche Intelligenz. Auch die Spezies des ζῷον λόγον ἔχον/ animal rationale ist ein Naturprozess. Die Urteilsfähigkeit, Mitbestimmung und Mitverantwortung jedes Individuums ist beschränkt. Als solche aber ist sie naturgegeben.

Ein Vertrag ist eine asymmetrische gegenseitige Verschuldung.

Die Politiker sind formell nur von den Wählern abhängig – tatsächlich aber ausgerechnet von den Leuten, die schon zu viel Geld haben.

Übervereinfachungen führen ins Chaos. Putin, die Tea Party, die kommunistische Partei in China, die Islamisten sind Feinde des Weltfriedens der Kompromisse, Übervereinfacher in einer überkompliziert gewordenen Welt.

Machtstreben polarisiert mit armseligen Lügen, Ideologie statt Mythos.

Die menschliche Egozentrik tendiert dazu, die natürliche soziale Ungleichheit zu verstärken. Exzessive Ungleichheit* aber schafft kognitive Probleme; sie fügt sich nicht mehr zu der natürlichen Gleichheit aller Menschen. Die Folge ist ein gespaltenes Weltbild** – mit einem breiten chaotischen Grenzbereich, in dem dann eine Ideologie (Mythologie, Religion, Parteidoktrin, Rassismus, Nationalismus) autoritär oder revolutionär, mit Gewalt friedliche Ordnung*** schaffen soll.
* Auch viele Herrschaftsverhältnisse.
** Die Bibel erzählt etwa vom Sündenfall (lapsus) und unterscheidet zwischen einer antelapsarischen und einer postlapsarischen Weltordnung; zwischen Gottesvolk und Welt; Augustin zwischen civitas terrena und civitas caelestis.
*** Vgl. auch Röm 13, 1-7.

Die politischen Probleme sind zu kompliziert geworden. Bevor öffentliche Proteste ernstzunehmende Alternativen repräsentieren können, müssen die Verhältnisse grob skandalös werden.

Der Mensch ist organisatorisch kreativ. Die Fehleranfälligkeit und Störanfälligkeit der sozialen Organisation definiert die Machtverteilung. Am Mächtigsten ist der, bei dem Störungen und Fehler am Folgenreichsten für die ganze Organisation sind.

Ein Polizeistaat ist eine Gesellschaft in schmerzhaftem Krampf. Das kreative Potenzial der Gesellschaft wird von Ordnungskräften blockiert – eine Bremse für die Entwicklung des Wohlstands.
Ein Krampf kann zu Rissen führen. Entkrampfung ist oft schwierig. Die Ordnungsmacht kann beweisen, dass sie diesen Namen verdient, indem sie für entkrampfenden Ausgleich zwischen den divergierenden Interessen sorgt*.
* Klassisches Beispiel: der aufgeklärte Absolutismus, der der Demokratisierung den Weg bahnte.

Unrecht hat Spätfolgen.

Im Konfliktfall muss man mit einander reden, in der Schicksalsgemeinschaft des Nebeneinander gemeinsame Symbole entwickeln, eine Symbolik, mit der jeder sich gern identifiziert, Rechtsgemeinschaft erarbeiten.

Soziale Ordnung ist instabil, auch wenn sie mehrheitlich gewollt ist.
Instabile Ordnung aufrecht zu erhalten, ihr Stabilität zu oktroyieren, kostet das ordnende Subjekt ständig Energie.
Als stabile Ordnung erkennen wir ein lokales energetisches Minimum, das wir auch mental stabil repräsentieren können.

Wirtschaft

Kleinere Unternehmen mit klarer persönlicher Haftung sind mit Wachstumsplänen vorsichtiger.

Konkurrenz nötigt zu Preissenkung. Die Kundschaft freut sich. Aber selten trägt letztlich das Unternehmen die Kosten. Wer trägt letztlich die Kosten?

Nicht Konsumrausch, sondern die Konkurrenz der Anbieter führt (kraft economy of scale) zu quantitativem Wirtschaftswachstum – und dieses, wenn ungebremst, zu Absturz. Aber schon die Reibungsverluste durch Bremsung (die nötigen Umstrukturierungen) sind abschreckend, politisch nicht durchzusetzen.

„Boko Haram“ = „das (lateinische) Alphabet ist verflucht“, ist der Wahlspruch des Islamismus, des heiligen Zorns einer von der Weltwirtschaft bestohlenen Volksgruppe in Nigeria.

Die weichen Faktoren spielen anerkanntermaßen eine wesentliche Rolle für das Change management in „evolutorischen Prozessen“, wie sie neuerdings das Bild beherrschen.

Wirtschaft ist ein kreativer Kompromiss zwischen Kooperation und Konkurrenz.
Die Konkurrenz kann sich zum Wirtschaftkrieg auswachsen; und im Krieg ist bekanntlich das erste Opfer die Wahrheit.

Das exakte Kalkül in der modernen Wirtschaft erinnert an den Mann, der seinen verlorenen Schlüssel im Dunkeln unter einer Laterne sucht, – nicht weil er ihn wohl dort verloren hätte, sondern weil er dort gut sehen kann.
Zum klugen Handeln gehört mehr als Rechnen.

Im Waffenexport geht es großen Mächten um großes Geld, das sind harte Fakten. Neuerdings wird zwar die öffentliche Meinung (ein weicher Faktor!) über die Bewaffnung gewisser Empfänger doch zum Störfaktor des Kalküls mit allein den harten Tatsachen. Auch die öffentliche Meinung aber ist bestechlich.

Mit den Metaphern „hart“ und „weich“ werden in der Wirtschaft Werte (Daten, Fakten, Faktoren und auch Fähigkeiten des Personals) bezeichnet, je nachdem, wie hoch- bzw. niedrig-dimensional sie sind.
Ein weiches Objekt ist komplexer; es muss höher-dimensional sein; wird es an einer Stelle eingedrückt, tendiert es dazu, an anderer Stelle (oft in einer anderen Dimenion) größer zu werden. Es ist schwieriger messbar.
Harte Objekte sind einfacher zu erfassen. Einfachheit wiederum ist wichtig für die Kommunikation – und also für die Kooperation – besonders in großen Kollektiven und auf großen Märkten.
Zur Einfachheit der harten Fakten gehört die direkte Determination des Marktwerts eines Unternehmens; die weichen Faktoren wirken sich indirekt darauf aus. Die credibility/Glaubwürdigkeit ist ein „weicher“ Wert. Und für sie spielt eine große Rolle, dass der globalisierte Markt immer unberechenbarer schwankt.
Für das aktuelle Kerngeschäft eines Unternehmens sind deshalb die harten Werte immer noch entscheidend.

„Der Markt“ sorgt heute weniger für Gerechtigkeit denn je! Der enorme Nutzwert der Informatik steht dem Publikum fast kostenfrei zur Verfügung; bezahlt wird hauptsächlich mit Werbung.
Einerseits wächst die Bedeutung von Information notorisch, anderseits lebt die große Masse ihrer Produzenten im Prekariat.
Die klassische Symmetrie von Nehmen und Geben ist noch am ehesten aufrecht zu erhalten in traditionellen Wirtschaftsbereichen.

Die klassische Vorstellung von Konjunktur-Zyklen wirkt heute, im Zeitalter der Chaostheorie, geradezu gemütlich.

Der Markt beruht auf den Wünschen der Marktteilnehmer. Diese sind kulturbedingt.
Kultur und öffentliche Meinung werden aber auch von mächtigen barbarischen Interessen manipuliert (Reklame, Propaganda).

Der Wachstumszwang beruht auf der Konkurrenz unter Produktionsbedingungen, die Größe überproportional belohnen. Diese begünstigen Verzerrungen im tragenden System, die zu partiellen und zu totalen Zusammenbrüchen führen, wenn ihre Dynamik nicht rechtzeitig gebremst wird.

Wirtschaft und Politik sind zwei verschiedene, aber auch vielfältig miteinander verwachsene, gesellschaftliche Systeme, vergleichbar mit Blut und Lymphe.

Arbeitsmoral ist im Zeitalter der Arbeitslosigkeit ein Atavismus.
Moral für die hochtechnisierte Welt wäre: Bescheidenheit.

Unter dem Druck der Überproduktion wird Ererbtes weggeworfen.

Das bekannte Wort von Keynes* wird oft in einem verkehrten Sinn (Verantwortungslosigkeit!) zitiert.
* J. M. Keynes, 1923: "In the long run we are all dead. Economists set themselves too easy, too useless a task if in tempestuous seasons they can only tell us that when the storm is long past the ocean is flat again" (A Tract on Monetary Reform. p. 80).

Das alte zentrale Tauschmittel, das Geld, ist in der heutigen Globalgesellschaft wichtiger geworden denn je. Es hat schließlich an Wert verloren, weil es die andern Werte überblendet hat. Die Gesellschaft erholt sich von dieser Blendung nur langsam und reagiert desorientiert.

Die menschlichen Wünsche definieren Werte; und diese werden, auf einem zunehmend chaotischen Markt, fluktuierend stereotypiert und gehandelt.

Es wird immer wahrer: „Der Arbeitsgesellschaft geht die Arbeit aus.“* Das natürliche** Arbeitsangebot hat seinen Markt*** weitgehend an die sich immer schneller weiterentwickelnde Industrie verloren, – die nun schon ihrerseits ihren Markt schrumpfen sieht. (Die Reklameüberschwemmung zeugt von diesem Fortschritt.)
* Hannah Arendt, Vita activa, 1960!
** Ohne viel Schulung. Es könnte sein, dass der Wiederaufbau in den osteuropäischen Überschwemmungsgebieten jetzt viel elementare Arbeit erfordert; aber das sind Ausnahmesituationen, und ein weltweiter ständiger Nothilfedienst kann doch dieses Strukturproblem der modernen Wirtschaft nicht lösen.
*** Zum Beispiel: Reparaturen im Haushalt verlangen immer neue Schulung; so wird denn nicht repariert, sondern in den Wohlstandsmüll geworfen und neu gekauft.

Der Markt belohnt nicht Dauerhaftigkeit der Produkte, sondern schnelle hohe Bedürfnisbefriedigung. Und Kurzlebigkeit der Produkte beschleunigt den Umsatz.

Eine Ausbildung zu ökologisch verantwortbarer produktiver Arbeit im Sinne der Nachhaltigkeit (etwa zu Reparieren) statt Neuanfertigung und Wohlstandsmüll beträfe wertvolle Fabrikationsgeheimnisse. Aber auch ältere Technologie würde erst preisgegeben, wenn sie angesichts der Marktlage hoffnungslos überholt ist.

Vorsorge wird immer schwieriger. Welche Investition lohnt sich?
Die klassische Vorsorge war die umfassende Fürsorge (Arbeit und Ausstattung) für die Kinder, die dann für die alten Eltern sorgten. Die Kinder als unmittelbare Empfänger der „Vorsorge“-Leistung wurden auch durch andere Jüngere ersetzt, die dann für die Alten sorgten. Hier konnten die Vorsorgeleistungen sich auf Ausstattung mit Sachmitteln und auch auf den reinen Tauschwert Geld beschränken, den die Empfänger dann nach Gutdünken, unmittelbar nützlich für ihre eigene Wertschöpfung, auch in Ausbildung, investieren konnten.
Heute ist das Investieren schwierig geworden. Produktion, und also Produktionsmittel, sind nicht mehr so wertvoll; für den Erfolg immer wichtiger geworden ist die Vermarktung der Produkte.
Der Handel ist allerdings auch abgeschwächt. Damit hat auch das Tauschmittel Geld als Wertaufbewahrungsmittel an Wert verloren; Sachwerte sind überteuert.
Die Entwicklung geht immer schneller, und langfristige Planung wird immer unsicherer; am besten über die Runden kommt deshalb der Handel mit dem volatilsten Wert in den Händen der Schnellsten, also der Hochfrequenz-Handel mit Geld. Aber auch das hat seinen Höhepunkt wohl überschritten.
Vorsorge gegen die menschliche Intelligenz überfordert die menschliche Intelligenz.

Statt der billigen Massenproduktion müsste die (teurere) Dauerhaftigkeit maximiert werden. Die ökologischen Gesamtkosten müssten, für den Verbraucher, in den Stückpreis bereits eingeflossen sein. Soweit aber trägt der Gemeinsinn nicht.

Immer wieder liest man, es sei genug da für alle Menschen zum Leben. Noch mag das richtig sein – aber wie lange noch?

Es ist verblüffend, wie fraglos noch immer Wirtschaftswachstum propagiert wird. Wirtschaftpolitik hat mit Ökologie noch immer so gut wie nichts zu tun. Statt Reinvestition und Wachstum ist „geordneter Rückzug“, sozialverträgliche Rezession fällig! Gewiß, Umweltrücksichten mindern der Marktwert der Produktionsmittel. Aber die Eigentümer der Produktionsmittel, die Reichen und Mächtigen, die haben, was alle sich wünschen, sind natürliche Vorbilder. Sie müssen, wie bisher den Hauptgewinn, jetzt die Hauptlast übernehmen.

Die natürliche Verwendung von Ersparnissen aus Überproduktion ist Investition (zunächst in die eigenen Kinder), reale Werte als Tauschmittel zwischen Tauschwert heute und Tauschwert später.
Geldsparen ist: Ansprüche verschieben statt sie zu realisieren oder zu tauschen.

Deflation: Wenn der Wirtschaft, durch ängstliches oder spekulatives Horten, das Tauschmittel Geld entzogen wird, wird sie gebremst. Die in einem Wirtschaftsraum ökonomisch organsierte Zusammenarbeit schrumpft. Die Produktionsmittel werden derzeit nicht ausgenutzt; die Aktien werfen weniger Dividende ab; die Kurse fallen; Unsicherheit und Spekulation beherrschen das Bild. Boden und Immobilien werden Geldersatz, Tauschmittel zwischen Geld heute und Geld später.

Deflation ist Abschwung der Weltveränderung durch (finanziell organisierte) Arbeit; Angebotsüberhang, wenig Tausch, mehr Rücklage. Sie beruht auf Erwartung.

Ein Sachwert ist ein Gebrauchswert (vs. Marktwert). „Wertgegenstände“ haben einen minimalen, aber konstanten Gebrauchswert.

Geld

Subjektiv hat man ein Wertgefühl. Aber je weiter unser Horizont, desto eindrücklicher sehen wir: Jeder „Wert“ ist vielfach kontextabhängig, nur unsicher und ungefähr vergleichbar berechenbar. Trotzdem brauchen wir diesen Begriff.

Geld ist der konvertibelste Wert; sein „Wert“ besteht in seiner Konvertibilität.

Ein Markt ist ein offenes System. Ein Marktwert ist, namentlich unter modernen Umständen, erheblich zufälliger als ein normaler Durchschnittswert, im Prinzip: chaotisch.

Sparen für Rücklagen ist Lebewesen natürlich; etwas Bauchspeck hat sich evolutionär bewährt. Aber der Volksmund weiß: „Allzu viel ist ungesund!“ Der ökonomische Fachidiot schlägt es in den Wind, und die Weltwirtschaft blamiert seine Borniertheit.

Sparen ist Akkumulation von Ansprüchen an die (natürliche und soziale) Umwelt. Diese Ansprüche sind in der Regel vermeintlich wohlerworben. Aber die Finanzpolitik, die auch dies ermöglicht hat, beruht auf kollektivem Selbstbetrug*, und dieser fliegt über kurz oder lang auf; die Ersparnisse verlieren durch Inflation langsam oder plötzlich ihren Marktwert.
* „Die Welt will betrogen sein“ und findet dafür eilfertige Diener – nicht etwa nur Spitzenverdiener und Staatsdiener!

Bei niedrigen Zinsen kommen die mitmenschlichen Aspekte des Geldverleihs wenigstens als fringe benefits in den Blick.

Die Mitmenschlichkeit ist elementar; man kann sie allerdings analysieren und projektbedingt reduzieren; Geld ist ein reduziertes, abstraktes Aktionsfeld. Es gewinnt menschliches Interesse als Feld von blutig ernsten Gesellschaftsspielen mit ernsten Machtphantasien.
Der menschliche Gewinn aus Geldverleih ist nicht hoch organisierbar.
Anonyme Investoren maximieren ihren finanziellen Gewinn, indem sie Mitmenschlichkeit meiden.

In Zeiten knapper Lohnarbeitsstellen („Arbeitslosigkeit“) hätte jeder persönliche Verzicht hierauf Anspruch auf Entschädigung.

Der normale Mensch will nicht nur für Geld arbeiten. Er ist nicht von Natur faul; er möchte sein Potenzial sozial einbringen – auch in Form koordinierter und konsensual (nicht gewinnmaximiert) organisierter Arbeit.

Arbeitslohn beweist soziale Wertschätzung. Eine „Arbeitsstelle“ verleiht in Deutschland grundlegendes Sozialprestige; und „Arbeitslosigkeit“ ist hier immer noch ein bedeutender, demoralisierender, persönlicher Makel – trotz des notorischen Scheiterns der staatlichen Arbeitsmarktpolitik.

Banken dürfen* noch immer, entsprechend einem normalen** Wahrscheinlichkeitskalkül, unzureichend (< 15 %! ) gedeckte Kredite vergeben und arbeiten damit prozyklisch chaotisierend.
* Trotz Der schwarze Schwan, des Bestsellers von Nassim Taleb!
** Im Sinne des Gauß’schen Fehlerintegrals.

Märkte sind Orte gehäuften Zusammenfindens von Angebotsminimalpreis und Nachfragemaximalpreis im sog. „Wert“ von Waren, genauer: ihrem Marktwert.

Geld ist ein Zahlungsmittel, genauer: ein Zahlungsversprechen, rechtlich (und zum kleineren Teil) ein staatliches, aber praktisch, und zum größeren Teil (als Giralgeld), heute ein privates von Geschäftsbanken.
Wo immer es um Geld geht, geht es um Glauben an Verheißungen. Heute zeigt die Finanzwelt, was bisher die Religionswelt und dann die Ideologien zeigten: das Problem des rechten Glaubens, der Norm im Chaos.
Glaube ist schöpferisch: Banken betreiben Geldschöpfung. Sie können Giralgeld schaffen – dem, der ihnen traut, so gut, wie das Geld, das die Zentralbank geschaffen hat (der man ja auch nicht unbedingt traut).

Geldumlauf maximiert den Nutzen der Güter, indem er sie dorthin vermittelt, wo sie am höchsten geschätzt werden.

In der Erwartung eines Niedergangs der Realwirtschaft haben Banken Geld bei der Europäischen Zentralbank geparkt, anstatt es der Realwirtschaft zur Verfügung zu stellen. Die EZB garantiert zwar (nach Maßgabe des gesamtwirtschaftlichen Interesses an Wachstum) den Geldwert; aber sie berechnet den hortenden Banken Negativzinsen.

Das Systemerhaltungsbestreben der aktuellen finanzpolitischen Wirtschaftförderung gefährdet die Nachhaltigkeit der Entwicklung: Sie fordert dazu auf, mehr zu kaufen.

Die Deflation verrät realwirtschaftlichen Pessimismus.

Persönliche Macht ist konkret und macht sozial verantwortlich.
Geld ist abstrakt, primär unpersönliche, mithin verantwortunglose Macht. Man muss es sekundär sozial einbinden.

Die universale Konvertibilität des Geldes im Sinne des augenblicklichen Marktwertes bedeutet einen unumkehrbaren Fortschritt der Wirtschaftsgeschichte. Sie begünstigt aber Verantwortungslosigkeit und globalgesellschaftlich-kollektiven Raubbau.

Geld ist Wert, – vermöge der Abstraktheit des Wertbegriffs und der (darauf beruhenden) unübertrefflichen Konvertibilität des Geldes: primär Tauschmittel.
Als Wertaufbewahrungsmittel ist es ein diachronisches Tauschmittel: Mittel zum Tausch eines heutigen Wertes gegen dessen (durch Staatsmacht garantierten) Wert zu einem späteren, vom Besitzer beliebig zu bestimmenden Termin.
Durch hortendes Sparen wird das Geld dem Handel entzogen, – dem es doch dienen soll.

Sprache, Symbolik und Recht sind die Grundwerte einer Gesellschaft. Ist ihr Wert von den gesellschaftliche Mächten* heruntergewirtschaftet, so dass sie kein Vertrauen mehr genießen, dann ist der Gemeinsinn nicht mehr funktionsfähig; die Gesellschaft desintegriert stückweise.
Geld, das alte Wert-Substitut, bleibt dann** als das glaubwürdigste Kommunikationsmedium dieser Kultur; der Wert eines Subjekts bemisst sich als seine Kreditwürdigkeit – obwohl auch diese vom Zustand der Gesellschaft abhängt. Der Name sagt es: „Credit“ ist Glaubenssache; Mammon ist der armselige Gott einer dürftig integrierten Gesellschaft*** (wie unserer Globalgesellschaft).
* Auch Technik ist ein mächtiges Machtinstrument.
** Heute gerade wegen seiner Volatilität!
*** Die Osthälfte des römischen Reichs, aus der das Neue Testament (und darin der „Mammon“) stammt, war zu jener Zeit eine solche.

Der Wert des Geldes ist seine Kaufkraft, die exemplarisch an einem (jeweils für einen bestimmten Markt repräsentativen) „Warenkorb“ gemessen wird. Der Wert desselben Geldes bewegt sich in den verschiedenen (nur schwach koordinierten) Märkten unterschiedlich.
Die moderne Weltgesellschaft ist so kompliziert, dass der Geldwert dazu tendiert, chaotisch zu fluktuieren, und – nach Möglichkeit – politisch stabil gehalten wird.

Das Tauschmittel Geld bietet sich, mit der Größe der Wirtschaft (und entsprechend erhöhter Irrtumswahrscheinlichkeit und Irreführungsmöglichkeit) zunehmend, als Täuschungsmittel an.

Allenthalben sind heute riesige Investitionen der öffentlichen Haushalte fällig. Aber das Geld ist in Händen von wenigen Reichen.
Wer das Geld am dringendsten braucht (die Staaten mit ihren Pflichten und die Obdachlosen), wird es nicht gewiß in nützlicher Frist zurückzahlen und kann es nur schlecht verzinsen.
In solcher Kapitalinflation verliert das Geld denn stillschweigend für alle seinen Wert.

Es gibt Menschen, die müssen guten Teils von ihrem Kapital (Erparnissen) leben, sind aber nicht reich. Sie sind von der Kapitalinflation am härtesten getroffen.

Das Geld ist, anderen Gütern gegenüber, überbewertet gewesen. Es hat, als zentraler Wert, zu einer zentralistischen kulturellen Verarmung der Welt geführt. Als abstraktes Tauschmittel machte das Geld Geschwindigkeit zum entscheidenden konkreten Wert. Es gibt zunehmend Probleme mit dem Konservatismus der Lebensvorgänge, von denen wir abhängen; der Handel macht die Wirtschaft zunehmend lebensfeindlich.
Das Geld ist nun ganz von selbst Schwundgeld geworden.

Auch der Mensch wünscht sich meist mehr, als er hat. Er wünscht sich Macht, all seine Wünsche zu erfüllen. Vieles, was man hat, kann man eintauschen in etwas, was man lieber hat. Geld ist ein vielfach verwendbarer Tauschwert. Je besser die Realwirtschaft die menschlichen Grundbedürfnisse befriedigt, desto interessanter werden die Finanzen. Indem man etwas verkauft, vermehrt man meist seine Macht*.
Es gibt vielerlei Geld; es hat immer einen vielfach, oft zeitlich, bedingten Tauschwert. Man kann auch Geld verkaufen; und so kann man seine Macht bekanntlich besonders vervielfachen.
* Natürlich kann man seine Macht auch vervielfachen, indem man etwas kauft. Ein gutes Geschäft ist für beide Seiten vorteilhaft. (Ob es für die Umwelt von Vorteil ist, steht auf einem anderen Blatt.)

Time is money ; der Zeitfaktor war im Geschäftsleben schon immer wichtig. Im elektronischen Hochfrequenz-Handel sind winzige Informationsvorsprünge zum entscheidenden Machtfaktor geworden; und diese sind Gegenstand von Trickdiebereien. In diesem Quasi-Nullsummen-Spiel von Automaten gegeneinander entwickelte die Schwarm-Intelligenz neue Strukturen, aber keine neue Ideen im Sinne eines gemeinsamen Ziels menschlicher Interessen. (Umsichtig menschliches Denken braucht seine Zeit.) Der Hochfrequenzhandel ist einträglich für die Finanzbranche, aber wurde realwirtschaftlich ein Störfaktor, ein sozioökonomischer Skandal. Die menschliche Gesellschaft wünscht sustainable development; die neue amerikanische Börse Investors Exchange schließt den Hochfrequenz-Handel aus und hat damit geschäftlichen Erfolg.

Die gespenstisch gewordene örtliche Unabhängigkeit der intransparent anonymisierten Macht des Geldes bleibt ein katastrophenträchtiges Problem.

Der klassische Bankier leiht und verleiht Macht. Er muss, wie ein König, ein Menschenkenner und selbst vertrauenswürdig sein.
Der moderne Banker ist etwas anderes.

Kultur

Mit dem Ersten Weltkrieg brach eine Welt zusammen. Die rapiden Fortschritte von Wissenschaft, Industrie, Militär, Kapitalismus und Kolonialismus infolge der europäischen Aufklärung führten allenthalben unversehens zu einem Umschlag von Quantität in Qualität und überrumpelten mit vereinten Kräften die spannungsvolle, aber nach Napoleon leidlich wieder ausbalancierte Kultur. Die herkömmlichen sozialen Normen überzeugten nicht mehr. Man verstand die Welt nicht mehr. Erst nach dem Zweiten Weltkrieg lernte eine „skeptische Generation“ (Helmut Schelsky 1957) langsam, auf eine richtungweisende „große Erzählung“ (J.-F. Lyotard, 1979) zu verzichten.

Wir sind ideologisch, kulturell und religiös Erben, zunehmend mündig. Die Erbmasse ist richtungweisend, aber heterogen, ja widersprüchlich!

Für Dauerhaftes hat, im Konkurrenzkampf der Milliarden Mitmenschen, niemand Zeit. Es geht heute um die aktuellen, gewaltigen Multiplikationsfaktoren der Ungleichverteilung.

Man liest – wenn man denn überhaupt Zeit zum Lesen findet – Bestseller, ein Must. Der Buchmarkt ist entsprechend barbarisiert. Die Massengesellschaft braucht kulturelle Treffpunkte.

Selten haben wir heute Muße* mit einander.
In der sog. schönen Literatur treffe ich auf Leute, die meine tieferen Fragen schon durchlebt haben, ehe ich selbst mich darin fand. Ein Geschenk!! Man fühlt sich nicht mehr allein; man fühlt sich verstanden.
* Griechisch: σχολή. In der Muße, der ursprünglichen „Schule“, entwickelte sich Weisheit, „Philo-sophie“ und Wissenschaft.

Man ist in jedem Lebensbereich Repräsentant einer Symbolgemeinschaft (einer Kultur); und in Diskussionen versucht jeder, diese Identität lebendig zu halten.

Kunst ist ökonomisch primär eine Form von Arbeitslosigkeit und könnte in diesem Sinne innovative Bedeutung gewinnen.

Man erkennt einzelne Zusammenhänge, die dann auch mit einander zusammenhängen, und macht sich ein Bild, eine Theorie, eine Orientierung fürs eigene Verhalten.
Aber die Welt ist überkomplex. Andere Zusammenhänge fügen sich zu einem Bild, das das Verhalten anders orientiert. Bei einander widersprechenden Orientierungen sind weitere Zusammenhänge im Spiel, die oft mit vitalen Interessen der verschieden Orientierten zusammenhängen.
Kein heterotrophes Leben ohne Vernichtung, kein höheres Leben ohne Kampf. Aber oft kann Umsicht (Kultur) Kampf vermeiden und Konfrontation in Kooperation überführen. Kultur ist höheres Leben; es gibt höheres Sinnerleben nicht nur in Verständigung, sondern auch in Kulturkämpfen.

Die Mem-Welt besteht aus verschiedenartig interagierenden verschiedenartigen Spezies in schnellem Wandel.
Heute werden wir überschwemmt von neuen Begriffen (und entsprechend: Akronymen); die globalisierte Kultur ist schwach organisiert in kurzlebige Fächer / Disziplinen / Professionen.

„Wenn wir gehen müssen, dann werfen wir die Tür so hinter uns zu, dass die Weltgeschichte erzittert!“, soll Hitler gesagt haben. Und diese Einstellung haben viele Machthaber. Man muss mit ihnen vorsichtig umgehen wie mit Geisteskranken.
Solche Typen können zur Macht kommen in Gesellschaften, wo bittere Feindschaften herrschen. Mentale Sozialhygiene ist wichtig!

Je mehr Freiheit die Kultur und die besonderen Lebensumstände dem Individuum lassen, desto mehr muss man selbst entscheiden – nicht nur das einzelne Tun und Lassen, sondern überhaupt die Lebensführung. Der eigene Stil und implizit der Lebenssinn wird – erst nur unausdrücklich – zur persönlichen Frage. Moden entlasten da – aber nur wenig.

Warum greifen die Radikalismen so um sich? Sie vereinfachen, erleichtern damit Gemeinschaft, entlasten von Unsicherheit und stärken Selbstgefühl und Tatkraft. „Du hast‘s jut, du bist doof“, sagte man in Berlin.

Es kann keine menschliche Kultur geben ohne Kulturkritik.

Ein Bibel- oder Lutherzitat macht eine Aussage nicht wahr. Aber sie bekommt mehr Gewicht; denn in solchen Texten steckt viel einschlägige Erfahrung. Sie wollen reiflich erwogen sein.

Alter: Man will sich nützlich machen. Die Frage nach dem Lebenszweck möchte den Lebenswunsch zweckrational legitimieren.
Altersweisheit ist ein soziales Gut. Der Lebenswunsch bis ins hohe Alter ist ein (infolge natürlicher Zuchtwahl angeborener) Selektionsvorteil der Spezies.
Erst in unsern Tagen werden immer mehr Menschen so alt, dass die Erfahrungsweisheit der Demenz erliegt. Niemand wünscht sich das. Das ist ein neues ethisches Problem.

Solidarität

Weltweit über 50 Millionen Vertriebene und Flüchtlinge. Das ist noch nicht einmal 1% der heutigen Menschheit. Aber die menschliche Solidarität ist überfordert.

Die wechselseitige, kreatürlich beschränkte, bescheidene Solidarität ist für den (durch die neuen Lebensbedingungen so vereinzelten) Einzelnen ein beglückendes Wunder.

Solidarität mit den Mächtigen und den gewalttätig Irrenden in ihrer Beschränktheit ist heilsam.

„Gott schuf die Welt.“ Spaltung hat abenteuerliche Folgen. Die Antwort auf die Frage der Kreatur nach dem Heil lautet: Solidarität!
Allenthalben hoffen die Menschen auf Schönheit, die, inmitten von Häßlichkeit, die imaginäre Ur-Einheit vergegenwärtigt – und, in einem erhabenen Zusammensturz zur Ur-Einheit („Jüngstes Gericht“), enden mag.

Keine feste Solidargemeinschaft ohne Mythos. Der Mythos ist das solidum, die erforderliche Vereinfachung.

Soldarische Kreativität schafft den Toten ein Weiterleben!

Solidarität in der menschlichen Unsicherheit ist uns geboten.

Man darf niemandem unbedingt vertrauen. Nur mit dieser Voraussetzung ist Solidarität durchzuhalten. (Vgl. Rm 3,4!) Menschliche Gemeinschaft bedarf sowohl des Vertrauens wie der Kontrolle.

Solidarität wurzelt unmittelbar in der Emotionalität (Freude und Trauer). Diese ist die allgemein-menschlich verständlich sich mitteilende Basis unseres Welt-Erlebens, aus welcher alle realitätsangepassten Differenzierungen erwachsen.
Solidarisches Verhalten ist dann natürlich vielfach umständebe­dingt.

Unangepasste Regression ist beschämend. Gerade sie aber führt uns immer wieder zurück in die menschliche Solidarität. Schiller singt in seinem Lied an die Freude: „Deine Zauber binden wieder, was die Mode streng geteilt“; „Mode“ meint hier: soziale Anpassung, und das ist die jeweils kulturbedingte soziale Differenzierung.

Die Welt ist ein Raum der Koexistenz, nolens volens der Koordination, der Kooperation und der Konkurrenz. Nachbarschaftliche Solidarität, wie das Alte Testament (3Mos 19, 18) sie gebietet, wird immer wieder durch Dritte vor die Alternative gestellt, die Solidarität auf den Dritten auszuweiten (und gegebenen falls zu vermitteln) oder mit dem Zweiten gegen den Dritten zu kämpfen. Solidarität hat wesentlich zwei Seiten und ist beschränkt.
Es gibt aber darüber hinaus eine Solidarität in dieser Tragik. In diesem Sinne ist Gott mit uns Enttäuschenden* solidarisch.
* Die Tradition spricht von Sündern.

Der moderne Begriff der solidarité ist eine Verallgemeinerung des Begriffs der französischen Rechtssprache*. Ein Adverb solidairement (Ende des 15. Jh.s) sowie ein Adjektiv solidaire (Ende des 16. Jh.s) ist, anscheinend ohne klassisch-lateinisches Vorbild**, erst im Französischen, belegt.
Es geht um eine eigentümliche Struktur von Verbundenheit: Bei einer Gesamtforderung mehrerer Gläubiger kann jeder Gläubiger das Forderungsrecht auf die ganze Leistung (in solidum) geltend machen; der Schuldner aber ist nur einem sie zu leisten verpflichtet***. Es kann auch eine Gruppe von Schuldnern einem Gläubiger gegenüber in Solidarschuld† stehen: Der Gläubiger kann jeden einzeln zur Erstattung der gesamten Schuld belangen. Das ist eine hoch identifikatorische Sozialstruktur.
„Im Lauf des 18. Und zu Beginn des 19. Jhs. weitet sich die Bedeutung von solidarité langsam aus… Zu einem Zentralbegriff zur Begründung sozialer Reformprogramme wurde der Solidaritätsbegriff um 1840 bei Schülern von C.-H. de Saint-Simon und Ch. Fourier.“††
* Kaser/Knütel, Römisches Privatrecht, 2014, macht (S. 323) auf „Solidarität“ im deutschen „Gemeinen Recht“ aufmerksam.
** Es bliebe allerdings wohl der usus modernus pandectarum, die spätmittelalterlichen Glossatoren und Kommentatoren, auf eine Neubildung „ solidaritas“ abzusuchen.
*** Kaser/Knütel, ebd.
† So heißt es noch heute im österreichischen und schweizerischen Recht.
†† A. Wildt, Art. Solidarität im Historischen Wörterbuch der Philosophie, 1995.

Der Neugeborene soll sich egoistisch verhalten; Solidarität reift lebenslang.

Das Possessivpronomen bezeichnet eine Gegenseitigkeit („Mein“ Herr hat „seinen“ Knecht), – eine differenzierte Schicksalsgemeinschaft, der wir durch Solidarität entsprechen.

Nach dem Zeugnis der Bibel ist Gott solidarisch. ER trauert mit seinen Geschöpfen und freut sich mit ihnen; die gottesdienstliche Gemeinde will mit Gott trauern und sich mit Gott freuen. Solidarität mit Gott tröstet.

Solidarität tröstet, sie bringt Freude; sie erlöst den Solidarischen selbst aus der Einsamkeit der Egozentrik.

Solidarität einer Schicksalsgemeinschaft ist ein Gotteserlebnis – aber vieldeutig.

Leroux

Pierre-Henri Leroux (1797-1871) ist vielleicht das eindrücklichste, aber nicht das einzige Bindeglied zwischen dem römischen Recht und dem modernen Solidaritätsbegriff!

Pierre Leroux, De l’humanité*, 2. Aufl. 1845, benutzt den neuen Begriff Solidarität bereits wie selbstverständlich.
Unteilbar, unverrechenbar, sieht Leroux jeden einzelnen Menschen jedem Mitmenschen und der Umwelt in Gott verbunden.
* Ein dreibändiges Werk: I/1, I/2, II !

Pierre Leroux* sah in der christlichen charité/Liebe einen Schritt in die richtige Richtung, nämlich zur universellen solidarité mit den Menschen und der Umwelt in Gott.
* De l’humanité, 1840, 2. Aufl. 1845

Leroux vertritt mit religiösem Enthusiasmus ein optimistisches, hoch identifikatorisches Existenzverständnis. Von dieser Begeisterung ist auch sein Begriff der Solidarität getragen.
Er selbst hatte auch die Außenbeziehungen von sozialen Organisationen* daran orientieren wollen. Aber die Begeisterung ist an dem Begriff der Solidarität haften geblieben** auch dort, wo dieser in den Dienst des Klassenkampfes gestellt wurde.
* Famille, patrie, propriété.
** Das ging gut, bis innerhalb der organisierten Arbeiterklasse sich eine Oberschicht gebildet hatte, die, nach alter Weise, Idealismus ausbeutete.

Leroux reflektiert nicht darauf; aber das solidum, das Unteilbare, das die „Solidarität“ in seinen Ausführungen trägt, ist Gott, – der, als Schöpfer in seiner Schöpfung, uns, einzeln und zusammen, einbegreift.

Die traditionelle Anthropologie geht vom Einzelnen aus. Leroux macht aufmerksam darauf, wie stark das individuelle Leben Teilhabe ist – am Leben der Mitmenschen, an der Umwelt und an Gott.

Jeder will gut sein. Also müsste die Menschheit immer besser werden. Leroux hielt sich an die Fortschritte der Wissenschaft. Aber diese haben der Menschheit immer bessere Kanonen beschert, und damit kämpfte jedes Vaterland gegen seine Feinde. Leroux mahnte vergeblich den Willen, gut zu sein, an. Gut ist für ihn: solidarisches Partizipieren am Schöpfer.
Für die Anthropologie von Leroux spielen Vorhaben (aspirations) und perfectibilité eine wesentliche Rolle.

Individuum

Da und dort hat das Geblubber der Natur ein Gesicht, ein menschliches Gesicht, in dem man sich spiegelt und an dem man sich orientiert.

Man fürchtet das unbekannte eigene Sterben. Man klebt an der Oberfläche, den lebenslang ausgearbeiteten Vereinfachungen*, mittels derer wir identifizieren und uns orientieren.
* Deren Vorgabe hat Parmenides mit seinem berühmten Lehrsatz von der Identität des Seins mit dem Verstehen zu bedenken gegeben.

Man ist nicht rundherum gesund; man tut nur so. Praktisch jedermann ist beschädigt.

Wir sehen nicht wesentlich mehr von einander als von den islamischen Frauen unter dem Tschador, wo nur ein Paar Augen herausschauen und uns angucken.

Es gibt viel mehr guten Willen als bösen Willen!

„Selbsterhaltungstrieb“ ist die Dynamik eines stabilen Systems.

Je mehr wir gezwungen sind, wie Heimatvertriebene in unserer (zunehmend virtualisierten und ständig sich verändernden) Lebenswelt herum zu vagabundieren, desto größer wird das Bedürfnis nach einem vertrauten Raum, wo man seinen Selbstverständlichkeiten trauen kann.

Die Auflösung des voll verantwortlichen Individuums in ein (immer nur unscharf und strittig abgrenzbares) Relationengebilde ist eine Entlastung!
Wir sind animalia socialia – nur relativ genau abgrenzbar (die jeweils relevante* Relation muss reflektiert werden!).
* Etwa eine juristische oder medizinische oder psychologische.

Abenteuer (aventures) bilden den Stoff mittelalterlicher Erzählungen (gegenüber der lateinischen, gehobenen Literatur), in einer „romanischen“ Volkssprache, oft einprägsam gereimter Romanzen in handlichen Büchlein. (→ „Roman“)

Pause, just be! bequem, gesättigt, warm angezogen, besinnlich. Gedanken und Phantasie treiben lassen und verweilen lassen. In Bewegung kommen, ändern wollen, unterscheiden; handeln – und scheitern. Da capo al fine.

Man lebt sich aus einander, verliert einander aus den Augen. Aber man hat einander „verinnerlicht“. Im einen leben Erinnerungen an den andern und entwickeln sich weiter.

Angst ist unmittelbar, Zuversicht durch solidarischen Zuspruch ansteckend.
Das sog. „Glaubenszeugnis“ ist meist nur rückbezüglich solidarisch; es ist heute selten kommunikativ-solidarisch und deshalb selten kreativ („ansteckend“).

Wir brauchen soziale Resonanzkörper (Eltern, Geschwister, Freunde, Ehepartner, Kinder, Kollegen) zur kommunikativen Erprobung unserer Ideen. Auch ein Tagebuch ist ein soziales Gegenüber, es konfrontiert uns mit unserer eigenen Vergangenheit.
In der Sprache sind wir nicht mehr allein. Was wir gehört haben, lebt in uns weiter. Wir bleiben in einem Gespräch, das hoffnungsvoll andere einbezieht.

Zuversicht ist angenehm, aber gefährlich.

Das Leben ist ein Abenteuer, erfreulich hauptsächlich für junge Leute, die, wie Wanderburschen, geleitet von den Hoffnungen der noch lebenden Eltern, sich zuversichtlich der Möglichkeiten freuen, die ihnen die Welt in Aussicht stellt.
Die Alten haben mit den schönsten Hoffnungen schon viel Enttäuschungen erlebt; und die Möglichkeiten, die die Welt ihnen in Aussicht stellt, sind eher unerfreulich. Sie nehmen am Leben der Jungen teil mit Hoffnungen – aber heute auch wieder mit großen Sorgen.

Angst ist unmittelbar ansteckend; Zuversicht durch soldarischen Zuspruch („Glaubenszeugnis“).

Verkaufte Arbeit ist „entfremdete“ Arbeit; der Arbeiter ist austauschbar. Zeitvertreib ist entfremdetes Spiel; da ist die Selbstverwirklichung steril.
Sinnvoll ist besonnene soziale Arbeit im weitesten Sinn, Rat und Tat, die beitragen zu einer Befreiung von Beengten; Sich-Einspeisen in die Geschichte, – die, vereinfachend, unserm Leben ihren gottgewollten Sinn verleiht.

Enttäuschung frustriert. Man sieht sich getäuscht (man hat etwas erwartet und sich getäuscht oder ist getäuscht worden). Frustration kann einerseits zu Trauer, anderseits zu Empörung/Aggression führen.
Empörung führt zu Aggression und unbesonnener Kurzschlusshandlung, ja Verzweiflungstat – mit neuen Enttäuschungen.
Trauer sucht Trost; Regression sucht psychosomatisch, weinend, Erinnerungsspuren an die tröstende Mutter als Ausgangspunkt neu benötigter Kreativität, – die zu besonnenem Handeln führt.
Aber auch Besonnenheit ist keine Erfolgsgarantie; auch besonnenes Handeln führt häufig in neue Enttäuschungen. Da capo.

Die Horizonterweiterung überfordert uns. Wir hasten an einander vorbei. Die mentalen Repräsentanzen von den Mitmenschen sind deshalb nur dürftig individualisiert. Die Wahrnehmungen sind flüchtig und deshalb ist das gegenseitige Verstehen nur grob.
Individuell differenzierte Entwicklung geschieht in dauerhafter, treuer zwischenmenschlicher Beziehung. Die kann man sich nicht mehr leisten. So wird das Leben langweilig und bedarf primitiver Sensationen und/oder anspruchsvoller Sublimation.

Ein Trost im Alter ist: Weitergeben.

Sterben ist ein lebenslanger Prozess. Man will nicht sterben. Das ist evolutionäres Erbe. Man „wird gestorben“, und man muss das irgendwie begleiten.

Das Alter ist ein sukzessives Absterben von Beziehungen zur Realität. Dieser Verlust bedeutet Trauer.
Neue Beziehungen sind zunächst beschränkter, „flacher“; sie bieten längst nicht so viele Freiheits- und Resonanzräume. Allenfalls wachsen einem neue, reiche Realitätsbezüge zu im Miterleben der Kindheit und Jugend von Kindern und Enkeln.
Man ist zunehmend auf sein Innenleben zurückgeworfen. Die Verarbeitung von Erinnerungen ist eine unendliche Folge von immer wieder überraschenden Aufgaben. Aber immer weniger kann man sich selbst aktiv einbringen.

Wir brauchen, im Wechsel und in einander verschränkt, beides: Extraversion (Anpassung ans Unüberblickbare) und die Introversion mit ihren vereinfachenden, allumfassenden Phantasien.

Mit einem Vorhaben fühlt man sich lebendig. Eingebungen, Ideen beleben uns, zünden, motivieren.
Vorhaben heben uns unversehens aus der Bequemlichkeit des Bettes.

Einschlafen: Auf den Wellen des Herzschlags und der Atmung im großen Strom des Lebens treiben in den Schlaf.

Menschliches Leben ist ein mildes Chaos der Teilnahme am Leben anderer, ein erwartungsvolles Nebeneinander. Interesse an einander ist natürlich. Wohlwollendes Interesse lohnt.
Man liebt das Leben nicht, aber man ist interessiert. Vieles spricht einen an; und ohne Ansprache verkümmert man.

Man strebt über die Grenzen, die uns gesetzt sind, hinaus; das Streben zeichnet sich in einen geahnten, weiteren Bezugsrahmen ein.
Mit dem Tod wird unser Streben – ausgeknipst, platt gemacht (wie soll man diesen vernichtend einfachen Vorgang ausdrücken?). Wir haben keine Verantwortung mehr. Gott übernimmt unsere Verantwortung.

Ist man lebenssatt wie Abraham (1Mos 25, 8) und die Neugier gesättigt, so bleibt doch oft mildes Interesse lebendig und freundliche Teilnahme.

Moral

Moral ist Stilgefühl. Es gibt Regeln; aber der Umgang mit den Regeln ist wichtiger als die Regeln. Jedes Gefühl hat einen weltanschaulichen Rahmen, z.B. religiöse Tradition. Die Logik der Gefühle ist teils Analogie, teils Gegensatz. Das rationale Denken ist hier nur ein ausführendes Organ.

Vertrauensmißbrauchs-Fälle sind seltener, aber mächtiger als Gutwilligkeitsfälle.

Dem Baby steht zu, was es braucht. Und wer da meint, was er bekommt, stehe ihn zu, ist für dieses auch nicht dankbar. Rechtsempfinden muss, von Kindheit an, durch Erzählungen kultiviert werden. Denn Dankbarkeit ist eine Gabe der Mitmenschlichkeit für Geber und Empfänger.

Gutes wollen ist auch schon etwas Gutes machen; aber Gutes bewirken ist etwas anderes. Das braucht oft viel Geduld und Hoffnung über das Grab hinaus.

Wir sind alle mehr oder weniger überflüssig. Aber Solidarität in der Überflüssigkeit ist geboten!

Im Chaos gibt es nur subjektiv zu verstehende symbolische Antworten auf die Frage, wann Durchsetzung von Ansprüchen und wann Demut geboten ist.

Ein evidentes Sollen ist ein Gotteserlebnis – auch im Polytheismus.

Die Ehre (Ps 8, 6) des Menschen* (ein Abglanz der Herrlichkeit des Schöpfers, die dieser Psalm bewundert), ist ein staunend verstehendes** Wahrnehmen und entsprechendes Mitwirken in der Welt.
* Vgl. „Menschenwürde“.
** Mit von Gott eingehauchtem Leben (1Mose 2, 7; dazu Hiob 32,8!).

Abenteurer sind im bürgerlichen Sinne verantwortungslos. – Aber es gibt die Solidarität der Wanderburschen, wo auch alte Regeln aus der Begegnung neu enstehen.

Lebensentscheidungen bedeuten Verantwortung. Verantwortung appelliert immer an solidarisches Verständnis.

Du, Gott, hast mich der Wirklichkeit ausgesetzt, dass ich, solidarisch wie Du, darin mit lebe, töte und sterbe.

In der ­­Überfülle der Schöpfung wird unendlich viel einzelnes Gutes verkannt und missbraucht. „Sehe jeder wie er‘s treibe, sehe jeder wo er bleibe!“ (Goethe)

Solidarisches Wohlwollen, das göttlich kreative Medium, an das uns das Evangelium erinnert, ermutigt uns zur lebensnotwendigen Entschiedenheit.

Man guckt gespannt, also hoch identifiziert, zu, wenn Tiere (oder Fußballmannschaften) mit einander kämpfen. Zu schweigen von den Kämpfen im antiken römischen Zirkus und den hispanischen Stierkämpfen! Auch der zivilisierteste Mensch, hauptsächlich jüngere Männer, haben so etwas im Blut! Im Krieg wird es sozial erwünscht und aktiviert.

Heterotrophes Leben ist Töten. Menschliches Leben ist Mitleben. Wir können unser Leben zwar nur zum kleinsten Teil verantworten. Aber Gott rät uns zur Solidarität („Liebesgebot“).

Für das kleinere Übel kämpfen!

Glücklich, wer sich selbst beschränken kann. Meist erleiden wir Beschränkung von außen.

Man möchte gut sein. Es ist nicht gleichgültig, was ich mache; aber es ist unüberblickbar, was ich anrichte! (Man erwartet, man sieht vor – aber alles unsicher.)

Wenn Kinder Tiere quälen, ist das vielleicht ein ähnliches Lernverhalten wie das Hörenwollen von Märchen und Mythen mit all deren Grausamkeiten.

In Demut vor Gott, sich begeistern lassen und sich engagieren!

Tragik: Vermutlich ist auch manch einer der ukrainischen Bürgerkrieger (auf beiden Seiten der Front) jetzt nach bestem Wissen und Gewissen für einen haltbaren, wirklichen Frieden engagiert.

Trauer

Im Weinen kommt das souveräne Subjekt wieder herunter auf die Erde.

Mit dem Verlust eines besonders nahestehenden Menschen verliert man eine Vereinfachung des Lebens.

Heulen (stoßweiser Atem, Tränen) ist ein alarmierender Hilferuf, Nötigung durch sozialen Reflex.
Trauerweinen ist erlaubt.

Die Trauer erlebt, biblisch gesprochen, das Chaos* vor dem ersten Schöpfungstag.
* 1Mose 1,2: tohuwabohu, „wüst und leer“.

Die Abgeschiedenen, um die wir trauern, sind nicht im Himmel und gucken herab. Aber sie haben uns an ihrem Wesen teilgegeben, und Fetzen* von ihnen leben in uns und entwickeln sich mit uns weiter.
* Kopierte Information, so etwas wie Code-snippets der Informatik.

Der Trauer-Anfall kommt und geht oft überraschend – wie die Apokalyptischen Reiter kommen sollen und wie, laut Schöpfungsgeschichte, „in einem Anfang“ es, einfach auf Gottes Wort hin, hell wurde. Von außen sieht es nicht so aus, aber das Leben des Trauernden ist abenteuerlich!

Die Vergangenheit „steht“ nicht „ewig still“ (wie Schiller* schrieb).
„Das Alte stirbt, es ändert sich die Zeit; und neues Leben wächst [nicht: aus dem Nichts, sondern] aus den Ruinen“ (wie er auch schrieb) – aus der Trauer, in der die Vergangenheit begraben ist!
* Sprüche des Konfucius.

Wir Menschen sind mit unserer Trauer an einander verwiesen, eine Solidargemeinschaft.

Ist man bedrückt, atmet man nicht frei. Man muss, um Mut zu schöpfen, statt zu weinen, kräftig einatmen! Tief atmen, bis in die Lungenspitzen, bricht die Trauer ab, change les idées.

In Rührungstränen fließt gestaute Emotion ab.

Wilhelm Busch setzte nicht einzelne Witze gegen seine Depression ein, sondern tröstete sich, indem er die Depression witzig und kommunikativ elaborierte.

Tod ist Zerreißung; sie hinterlässt Fetzen. Der Überlebende muss, durch solche Fetzen sozusagen befruchtet*, Eigenes damit machen. Er soll weiterleben.
* Die geschlechtliche Befruchtung ist eine Spezialisierung des älteren und allgemeineren Wunders, dass, aus dem Einfluss eines Lebewesens auf ein anderes, Neues entsteht.

Trauerarbeit ist „Umbesetzung“* auf etwas Neues, das schon angefangen hat**. Liebe zum eigenen Nachwuchs ist der natürliche Trost für den Sterbenden. Kommunikative Identifikation bringt Fetzen des Alten, umgearbeitet, als anregende σύμβολα, in das Neue ein.
* Im psychoanalytischen Sinn.
** Die kommende Gottesherrschaft, der Trost im Neuen Testament, hat (wie die „Zeichen und Wunder“ zeigen) mit dem Auftreten Jesu bereits angefangen.

Gott gebietet mir, weltlichen* Trost zu suchen und für den weltlichen Trost dem Schöpfer zu danken.
* Zu dem, was mich da tröstet, gehören nur zum kleinen Teil sinnliche Genüsse.
Fleisch und Geist sind ein paulinisches Begriffspaar; der gottgebotene Gebrauch von Fleischlichem ist nach Paulus geistlich.

Trost sucht man in der bewährten Symbolwelt.

Echte Pietät ist Achtsamkeit. Sie bezieht sich auf Elemente der Beziehung zum Verstorbenen und ist Voraussetzung der Trauerarbeit, die Vergangenes in die Zukunft einarbeitet.

Im Grunde ist alles sehr traurig. Im Lauf des Lebens vergeht einem das Lachen – nicht ganz, aber weitgehend.
Aber manches passt überraschend schön zusammen! Besonders Solidarität tröstet. Sie schafft gemeinsame Freude und schenkt Geduld.

Trauer sieht sich vor einem unlöslichen Paradox. Gott lebt vergänglich mit uns. Wir sollen mit Gott vergänglich leben, mit Gott Sterbliche lieben*, mit ihnen leben und, wie sie, mit dem lebendigen Gott allein, sterben.
* Luther dichtete: „ ... Da jammert‘ Gott in Ewigkeit mein Elend übermaßen.“ Und das Evangelium, das am ausdrücklichsten von der Gottheit Jesu redet, erzählt auch davon, dass Jesus um einem Freund weinte (Joh 11, 35f.).

Die Vielfalt der Schöpfung hat auch unseren Toten die Vielfalt* des Schöpfers repräsentiert, – wie auch immer sie es verstanden haben. An Ihn verweist uns, was die geliebt haben, die wir geliebt haben; an Ihn verweist uns ihre Liebe.
* Die Kirche redet von der Heiligen 3-faltigkeit. Diese kanonische Vielfalt ist aber nicht exklusiv, sondern eine kirchliche Hilfestellung zum Verständnis jeder Gotteserfahrung – notorisch selbst der Verständnishilfe bedürftig.

Das parentale Du ist eine ermutigende menschliche Umgebung, die von uns Kreativität erwartet.
Die Regression der Trauer sucht, mit dem Appell des Weinens, elterlichen Trost. Sie wartet – man kann es nicht besser ausdrücken – auf Gott.
Die „Trauerarbeit“ der „Umbesetzung“* ist auf überzeugende Einfälle angewiesen. Sie ist wesentlich schöpferisch.
* Abziehen der „Libido“ (und des „Narzissmus“) von dem belebend Lebendigen, das man verloren hat, und „Besetzung“ neuer „Objekt“- und „Selbstobjekt-Repräsentanzen“ damit (Termini der Psychoanalyse).

Viel Kreativität, die unsere Welt bereichert hat, ist aus tiefer Traurigkeit entsprungen. Viele kreative Menschen hatten Suchtprobleme*. Die „Eingebung“ ist ein Neuansatz ab ovo. „Regression im Dienste des Ich“, der schöne Ausdruck von Ernst Kris, ist ein Euphemismus: Er verschweigt den Untergang des Ich!
* Der weinende Säugling beruhigte sich beim Trinken. Der Alkohol lockert die „Realitätskontrolle“.

Wer sich weit vorwagt (wie es Menschen ziemt), muss zu seinen zwei Schritten vorwärts immer wieder auch einen Schritt rückwärts machen: regredieren, durch Tränen um Hilfe rufen, Anklage erheben ins Jenseits unseres Verstehens, wie ein Säugling*.
* Kanonisch: wie Hiob.

Gegenwart

Das Bild, das der Einzelne von der Gesellschaft hat, ist übervereinfacht und deshalb immer wieder irreführend. Durch die Informationstechnik wachsen die Möglichkeiten der Irreführung schneller als die Transparenz.

Die Technik übernimmt immer mehr die klassische „produktive“ Arbeit.
Mit der Masse Mensch wird Koordination zum wachsenden Problem und macht moderne Arbeit, Büroarbeit nötig – und zunehmend modernste Arbeit: Individualisierung/customizing der (durch die Ökonomie des Konkurrenzkampfs erzwungenen) immer neuen Massenware, Kundenservice.
Bildung wird durch Ausbildung verdrängt. Die interagierenden Individuen haben eine immer kleinere Überschneidungsmenge von „Qualifikationen“*. Die Kommunikation (nicht nur die sog. Massenkommunikation) wird entsprechend primitiv.
* So heißen die heute wichtigen Qualitäten eines Menschen.

Vielleicht darf man sagen: Die Kommunikation wird zwar primitiver, aber menschlich elementarer und echter. Die in der mechanisierten Sozialstruktur verlorenen Individuen identifizieren sich als verlorene mit einander.

Alan Greenspans greenspeak war die berühmteste Variante der Scheinkommunikation mit dem Publikum in dem Wirtschaftssektor der größten Betrügereien, der Finanzbranche. Jetzt hat Frank Brettschneider (Professor an der Universität Hohenheim), zusammen mit dem H&H Communication Lab in Ulm, eine Studie zur Verständlichkeit der Bankensprache herausgebracht – mit verheerendem Ergebnis.
Dieses wiederum ist nur ein Beispiel für die trügerische Verfassung der modernen, informationstechnisch getragene Massen-Wirtschaft. Die Firmen sichern sich, soweit es geht, ab durch „allgemeine Geschäftsbedingungen“, die der Kunde notorisch ungelesen unterschreibt – ein beunruhigender institutionalisierter, kaum vermeidbarer Massen-Betrug.

Moderne Automaten wünschen einen guten Tag, danken herzlich und bitten um Entschuldigung. Lebende Menschen eilen, jeder in seiner Welt, fremd an einander vorbei – sich selbst und einander ein dünner Nebelstreif mit entsprechendem Mitgefühl.
Das Sinnenfällige ist so rationalisiert, dass eine unsinnige Lebenswelt daraus geworden ist.

Aggressiv intrusive Werbung und Propaganda missachtet und depotenziert die Person; sie überfremdet sie durch infrapersonale Mechanismen der Fernsinne (Lautstärke, Wiederholung, Vordrängen, Bewegung, grelle Farben). Sie beherrscht zunehmend unsere Kultur und fördert die Dummheit – auf die Länge gemeingefährlich.

Ohne befriedigende Aufgabe wird das Leben langweilig stressig. Die Menschen fressen und trinken und werden immer dicker.

Die menschliche Gesellschaft differenziert sich heute, infolge der digital potenzierten Kommunikation, in einem Raum von stark sich erhöhender Dimensionalität. Das trifft alle, und es individualisiert uns zwangsläufig. In der überwältigenden Vielsprachigkeit der modernen Zivilisation versteht man einander, trotz der globalen Kommunikationsmittel, nur noch in vielerlei kleinen (und oft kurzlebigen) Zirkeln*; darüber hinaus nur ungefähr. Die soziale Einbettung und Wertschätzung** des Einzelnen ist destabilisiert. Die Zwangsindividualisierten finden einander am sichersten auf dem Niveau echter Massenkommunikation***. Das moderne Reden ist nur ungefähr richtig, das Zuhören entsprechend ungenau, das Lesen flüchtig, das Schreiben flott, aber kaum lesbar geworden.
Konzentration auf wenige Dimensionen des menschlichen Lebens kann individuelle Höchstleistungen hervorbringen. Aber für die Masse ist guter Rat teuer!
* Man denke nur an die wachsende Unmenge von Akronymen!
** Maschinen können immer mehr, und ihre Arbeitszeit hat immer höheren, die Lebens- und Arbeitszeit von Menschen hingegen immer tieferen Marktwert.
*** The Lonely Crowd / Die einsame Masse war der Titel des Bestsellers der neunzehnhundertfünfziger Jahre von David Riesman.

„Aus den Augen, aus dem Sinn“; Apartheit entlastet sozialpsychologisch beide Seiten.
Die weltweite elektronische Öffentlichkeit aber problematisiert die globalen Ungleichheiten. Tendenziell transformiert sie Machtprobleme in Kulturprobleme.

Die Kultur ertrinkt in der Informationsflut. Es wird flüchtig gehört und geredet, gelesen und geschrieben.
Man hat knapp für die Komplikationen in der engsten Familie die erforderliche Zeit; und ernsthafte Kommunikation über diesen Rahmen hinaus wäre zu kompliziert, Stereotypen sind schnell bei der Hand.

Der Orientierungswert von Information wird immer unsicherer.

Wir erleben eine Überproduktion auch von neuen Begriffen und deshalb Akronymen.

Ausblick

Unsere Lebenswelt wächst, in immer neuen Dimensionen, schneller als unsere dafür erforderlichen Fähigkeiten.

Der Kreativität der Informationstechnologie steht nichts Äquilibrierendes gegenüber, das einem Nachwachsen der Kultur die nötige Zeit gäbe. Immer größere Zusammenbrüche sind wahrscheinlich.

Das Aristotelische Begriffspaar „εἶδος und ὕλη“, die Gestalt (wörtlich: das „Aussehen“) und das „Bauholz“, war verallgemeinerungsfähig zu „Form und Materie“, analytischen Begriffen, mit denen ein Gegenstand betrachtet werden kann. Information ist Teil der Form, Informatik die Wissenschaft von der Information. In der Informatik sind Form und Materie eines Computers Software und Hardware. Die Form beherrscht die Materie (schon Plato sah das so); genauer wäre wohl von einer Koevolution zwischen Form und Materie zu reden.
Die Evolution türmte auf die primitivste Materie (Energie) immer komplexere Koordinationsformen (Mineralien, Leben, Tiere, Menschen mit immer voraussetzungsvollerer Intelligenz* und vielfältigeren Sozialformen), endlich immer besser informierte Maschinen, die der Mensch „bedient“, und die für die menschlichen Sozialstrukturen eine immer größere (immer häufiger: eine beherrschende) Rolle spielen. Schon jetzt können viele Maschinen nur noch von Maschinen „verstanden“ werden.
Es steht zu erwarten, dass, im Kampf ums Dasein in Konkurrenz mit ihnen, in der species humana eine natürliche Selektion abläuft, in der zunächst die Intelligenz siegt. Die Ungleichheit unter den Menschen verstärkt sich**. Pseudospezies entstehen. Die Solidarität verliert dabei; die Masse resigniert.
* Intelligenz ist gestaltende Gestalt.
** Der verzweifelte Ruf des Millionärs, zu dem ein Bettler vorgedrungen ist, „Werft ihn hinaus; er bricht mir das Herz!“, war ein prophetischer Witz (im Simplicissimus um 1900?)!

Es ist nicht zu erwarten; aber man kann nicht umhin es zu wünschen: Möge die Menschheit solidarisch getrost zu Ende leben!

Der Geist der Endzeit, von dem die Bibel redet, das ist die am Horizont unseres Verstehens aufblitzende göttliche Wahrheit.

Der Bürger spart, obwohl das Geld voraussehbar an Wert verliert. Er spürt: Wirtschaft und Politik sind machtlos gegenüber der Bevölkerungs- und der Anspruchsexplosion (die vor allem in der Finanzwelt wahrgenommen wird). Die Verteilungsge­rech­tigkeit verlangt von den vergleichsweise reichen Gesellschaften (wie der deutschen) eine Absenkung des Lebensstandards, um die Not andernorts zu lindern.
Schuldfragen sind diesen elementaren moralischen Erfordernissen der Weltgesellschaft nachgeordnet! Sie sind wichtig, um zu lernen, was fortan zu vermeiden und was zu tun wäre – gewiss auch: eine Weiterentwicklung des Rechts in Norm und Vollzug.

Die nationale Vorsorge ins Bildungswesen ist dem Steuerzahler zu unsicher. Das Niveau der staatlich finanzierten Hochschulen wird auch in Deutschland weiter absinken und private Hochschulen mit teuren Studiengeldern werden daneben entstehen.

Arbeit ist Weltveränderung; und die gehört zur menschlichen Natur. Aber, wie natürlich auch immer sie für das Individuum sein mag, hat sie heute nicht mehr unbedingt auch sozialen Sinn.

Wir hatten uns auf die Übermacht des (heute notgedrungen allgemein-menschlichen) Willens zu Frieden und Verständigung verlassen. Aber Krim und Ost-Ukraine – Gewalttat und die dazugehörigen schamlosen Lügen schrecken uns auf.

Die Menschen sind individuell anspruchsvoller und sind zahlreicher geworden. Das ökologische Gleichgewicht ist nicht mehr sustainable/„nachhaltig“.
Um Katastrophen vorzubeugen, müssten wir beides: schleunigst unsere Ansprüche herunterschrauben und beschleunigt die Vermehrung zurückfahren. Aber beides steht nicht zu erwarten.

Machtunterschiede wachsen und führen zu immer mächtigeren Revolutionen – nicht rhythmisch, sondern chaotisch, also mit ungewissem Ausgang.

Wie wir Menschen sind, kann Korruption nicht eliminiert, sondern bestenfalls minimiert werden. Gelegenheit macht Diebe.
In der Undurchsichtigkeit der hochtechnisierten Gesellschaft gedeiht Korruption mit ihren sozial und ökologisch bedrohlichen Folgen prächtig. Korruptions­bekämpfung verlangt größere Anstrengungen!

„Wo aber Gefahr ist, wächst das Rettende auch“, konnte Hölderlin* noch versichern in der Zeit, wo die „Normalverteilung“ anfing, Karriere zu machen. Bei dieser geht es um das „Fehlerintegral“, das ein vorgegebenes Richtiges voraussetzt. Dieses Vorgegebene war nach damaligem Lebensgefühl noch die Schöpfungsordnung, – die wir Menschen zwar stören, aber nicht außer Kraft setzen können**.
Heute aber hat die Mathematik eine Chaostheorie hervorgebracht; es herrscht ein anderes Lebensgefühl. Gewiss, langsam wachsende Bedrohungen alarmieren; und man versucht – meist verspätet, aber oft noch erfolgreich – gegenzusteuern. Jedoch die Zuversicht schrumpft.
* Freilich in sehr anderem Kontext, Patmos (1802)!
** Für die Apokalyptiker gehörte der wohlverdiente Weltuntergang zur Schöpfungsordnung der Gottesherrschaft.

Wenn Menschen Menschen nach dem Leben trachten, so gefährden sie das Leben auch über die Zielgruppe hinaus. Das macht soziale Konflikte zu ökologischen Gefahren.

Eine Spezies passt sich an die wechselnden Umwelten an und schleppt immer mehr funktionslos* oder dysfunktional Gewordenes** (was auch immer wieder, unter Umständen tödlich, mit einander konfligiert) in ihrem (genetischen und gegebenenfalls memetischen***) Erbgut mit. Die Flexibilität nimmt ab; die Anpassung an die veränderten Umstände gelingt immer schlechter. Also nicht nur die einzelnen Lebewesen teilen sich oder sterben. Auch ganze Spezies altern und treiben auf ihr Ende zu.
Immer wieder haben Menschen ein baldiges und wohlverdientes Ende der Menschheit erwartet. Das menschliche Leben ist zu allen Zeiten voller Widersinn. Aber wir sind Teil einer – wir möchten doch sagen: lebenswerten Geschichte.
* Jef D. Boeke und sein Team in Baltimore haben mit dieser Vermutung jüngst erfolgreich mehrere Teile aus dem Chromosom III der Bierhefe herausgeschnitten (Bericht von E. Pennisi, Building the ultimate yeast genome, in: Science, 28. März 2014).
** Differenzierungen bilden sich hier nicht einfach zurück, sondern werden, entsprechend den neuen Umständen, etwas verändert.
*** Sensu Richard Dawkins.

Leben ist Identitätswahrung, jeweils ein Kreislauf im Chaos. Identitäten können von einander profitieren,

Wir kurzlebigen Individuen empfinden mit tiefster Selbstverständlichkeit Spezies von Lebewesen (und überhaupt: unsere Welt) als eigentlich ewig. Aber die Menschheit ist beängstigend gealtert.*
Individuen sind Teile des Lebens-Hyperzyklus einer Spezies, die auf eine bestimmte Art Umwelt eingespielt ist. Sie sind eng darauf spezialisiert, eine gewaltige Menge mit winziger Variabilität; ihr Altern gehört zu ihrer eigensten Struktur. (Diese wiederum beruht auf den noch enger spezialisierten Zellen mit ihrem endogenen Altern.)
Aber auch biologische Spezies altern, allerdings anders als Individuen; sie haben ja (in der Anzahl ihrer von einander weitgehend unabhängigen Individuen) zur Weiterentwicklung viel mehr Optionen als Individuen; winzige Wahrscheinlichkeiten für jede genügen zur Weiterentwicklung in einer neuen Richtung. Es gibt keine Zyklen von Generationswechsel von Spezies. Gleichwohl ist auch ihre Anpassungsfähigkeit (aus inneren Gründen zunehmend) begrenzt; schon manche Spezies ist ausgestorben. Die Anpassungsfähigkeit der Menschheit stößt jetzt an ihre natürlichen Grenzen.
* Ich meine hier nicht die gestiegene Lebenserwartung der einzelnen Individuen, sondern die Lebenserwartung unserer Spezies!

Die Rahmenvorstellung eines natürlichen Alterns auch unserer Spezies könnte unsere ökologische Debatte entkrampfen. Man muss die apokalyptische Panik entmythologisier­en. Jeder muss demütig mit profunder Unsicherheit bezüglich der Realität leben lernen, bescheiden urteilen – errare humanum est – und doch entschieden handeln. Es geht um Solidarität im selbst mitverschuldeten Untergang.

Die extraspezifische Konkurrenz haben wir besiegt; Agrikultur ersetzt Natur.
Die intraspezifische Konkurrenz sorgt nicht mehr vornehmlich für Verbreitung der Menschen über die Erde (diese ist ja jetzt fast total von Menschen besiedelt und beherrscht). Wir können einander aber weiter verdrängen und schädigen als wir nötig haben. Und: Zerstören ist leichter als aufbauen. Das verunsichert alle und macht den Vorsorglichen vorsichtig und den Sicherheitsbedürftigen ängstlich. Die allgemeine Angst wiederum ist ihrerseits beängstigend gefährlich, ein selbstverstärkender Prozess!

Carl-Friedrich von Weizsäcker mahnte 1985 „Bewahrung der Schöpfung“ an. Gemeint war die Biosphäre. Das wurde gehört und weit verbreitet. Vom apokalyptischen Horizont der Bibel aber war da m.W. nicht die Rede.

Die Bibel ist eine Textsammlung; sie will gelesen werden und das Lesen soll ein Erlebnis sein. Mit der Offenbarung des Johannes gipfelt sie in Phantasien von rächender Gerechtigkeit, Befriedigung der Wut – und also vitaler Versöhnung mit der Wirklichkeit.
Tatsächlich treibt, ohne es zu wollen, die Menschheit aktiv auf ihr Ende zu. Und man kann das gutheißen und gerecht nennen – im Sinne des berühmten Spruches des Anaximander*. Aber die Johannesoffenbarung geht darüber hinaus: Sie ist symbolische Katharsis, Affektabfuhr.
Entscheidend ist, wie das christliche Leben nach der Lektüre weitergeht! Wilhelm Busch hat es in der Predigt des Kandidaten Jobs (Jobsiade) karikiert: „Verdammet sie, verdammet sie! Nicht eher wird es anders hie!“ mit folgendem: „Geduld jedoch, geliebte Freunde! Sanftmütigkeit ziert die Gemeinde.“
* „Woraus aber die Dinge das Entstehen haben, dahin geht auch ihr Vergehen nach der Notwendigkeit. Denn sie zahlen einander Strafe und Buße für ihr Ruchlosigkeit nach der festgesetzten Zeit.“ (Übersetzung von Hermann Diels)

Zum Ende des achtzehnten Jahrhunderts hatte Hoffnung geherrscht*.
Hoffnungsvoll, wagte man im 19. Jahrhundert viel Neues.
Heute, um die Jahrtausendwende, herrscht Ratlosigkeit, beredte Sprachlosigkeit.
* Schillers großes Gedicht von 1789 Die Künstler („Wie schön, o Mensch, mit deinem Palmenzweige stehst du an des Jahrhunderts Neige…“) hat allerdings einen Unterton kulturgeschichtlicher Beunruhigung!

Der Optimismus der Moderne ist dem postmodernen Pessimismus gewichen.

Leben ist Arbeiten. Schon Schlucken und Kauen, sodann Kochen, Jagen, Ackerbau und Viehzucht ist Arbeit.
Gewiss, je mehr Menschen zu versorgen sind, desto mehr Arbeit ist erforderlich. Im Extremfall ließ man früher dem unterlegenen Feind sein Leben als einem Sklaven. Von da aus gibt es ein Kontinuum über zivilisierte Lohnarbeit zur gleichberechtigten Zusammenarbeit (die die beste Arbeitsmotivation gibt).
Umgekehrt aber: Je mehr Maschinen es gibt, desto weniger Arbeit ist erforderlich. Der Marktwert der Arbeit verfällt allgemein.
Darüber hinaus jedoch divergieren die vielfältigen Multiplikationsfaktoren des sozialen Wertes der individuellen Anstrengung zunehmend. Wenn Arbeit der konsensfähigste Verteilungsschlüssel für die knappen Güter bleibt, so ist der soziale Friede gefährdet – rapide zunehmend! Das betrifft alle, aber niemand ist dafür zuständig; jeder hat dringendere Probleme.

„Hoffnungslos / weicht der Mensch der Götterstärke. / Müßig sieht er seine Werke, / und bewundernd, untergehn“, schreibt Schiller im Lied von der Glocke (Ende des Großbrandes). So können wir heute empfinden angesichts unserer fatalen Zerstörung des eigenen Lebensraums. Es ist ein fast religiöses Gefühl.

Die Macht der Menschheit wächst bedrohlich. Eine globale Kultur solidarischen Sich-Bescheidens wird immer nötiger. Jeder müsste mitmachen; aber das ist nicht zu erwarten.

„Dieweil die Ungerechtigkeit wird überhandnehmen, wird die Liebe in vielen erkalten. Wer aber beharret bis ans Ende, der wird selig,“ lesen wir in der Lutherbibel; Mt 24, 12f. wörtlich: „wird gerettet werden“. Das fußt zwar auf den apokalyptischen Vorstellungen, die damals verbreitet waren und sich mit dem Christentum weiter verbreiteten; es spricht uns aber noch heute unmittelbar an, was auch immer wir uns dabei vorstellen.