Thomas Bonhoeffer


Korb 12

Chaos

Im Chaos ergeben sich auch Wiederholungen, Gleichheiten, Abbildungen und Abbildungen von Abbildungen (Identifikationen).

Kooperationen haben einen chaotischen Rand.

Für den menschlichen Verstand ist die Welt ein leidvolles Chaos von Aktivität und Passivität der einzelnen vergänglichen Einheiten. Wir sind berufen, mit Gott, dem Schöpfer, schöpferisch zu leiden.

Symbolik

Durch die Sprache machen sich die Menschen die Ähnlichkeit ihrer Informationsverarbeitung zunutze.

Sprache nützt – und, infolge des naturbedingten Ungefähr, nutzt sie sich dabei ab.

Ansprechende Texte sind – oft irreführend – einfach. Die Wirklichkeit ist – oft verwirrend – kompliziert. Meine Notizen suchen die goldene Mitte.

Im Ungefähr des Lebens mit seinen Wiederholungen hat der Mensch kommunikable Markierungen von Gleichheiten entwickelt: Symbole, Worte; Symbolik und Sprache.

Viele Symbole und Redensarten sind Deckerinnerungen für schmerzliche Verluste.

Unsere Symbolik sagt uns, was was sei und welche Bewandtnis es damit habe; und wir glauben es.

Paul Gerhard* dankt Gott: „Du hältst die Wacht an unserer Tür und lässt uns sicher ruh’n.“ Das heißt: Es ist gar nicht so wichtig, ob da nun jemand ins Haus einbricht, ob ich früher oder später sterbe, … ob Kinder leiden. Entscheidend ist für ihn die sichere, wohlbegründete Zuversicht, das schöpferische, göttlich unerschöpfliche Urvertrauen**, der Heilige Geist!
Der Grund dieser Zuversicht ist das Wunder der Schöpfung, – das auch alle uns selbstverständlich gewordenen, widerspruchsvollen Begründungen trägt***.
* Ich singe dir mit Herz und Mund.
** Neben dem Urvertrauen gibt es das Ur-misstrauen, neben dem Glauben den Zweifel. Glaube (im Unterschied zum Wahn) ist immer wieder „angefochten“. Luther fand allein beim gekreuzigten und auferstandenen Jesus Sicherheit. – Das (nicht nur chronologische) Nebeneinander der Widersprüche (das die Dialektik thematisiert, aber auch nicht befriedigend beheben konnte) ist aller Symbolik wesentlich.
*** In der Nacht sind alle Katzen grau. Aber zum Wunder der Schöpfung gehört auch jedermanns eigenster Glaube an handlungsrelevante Unterscheidungen und Verantwortung.

Symbolik ist ein Medium der Kompromisse. Das Ungefähr der Symbolik lässt Raum für Streit und Gewalt zwischen den natürlich konkurrierenden, doch auf Kooperation angewiesenen Menschen.
Wie die Menschen nun einmal sind, lässt sich ohne Polizei und Militär Friede nicht stabilisieren. Die Gewalt muss allerdings durch konsensfähige Symbolik im Zaum gehalten werden; und daran ist ständig zu arbeiten.

Symbole sind komplizierte Relationengebilde. Sie werden nicht gemacht; sie entstehen im Wildwuchs. (In diesem gibt es allerdings immer mehr kleine Bereiche, wo sehr vergängliche einfache Symbole gemacht werden.)

Egoismus benutzt Gewalt und Übermacht sowohl wie Koordination. Lüge und Betrug schwächen und entwerten die Symbolik, – die doch Ausbeutung und Gewalt durch Koordination und Kooperation ersetzen sollte.

Die Sprache ist Zauber.
Zauber ist an sich nichts Böses; aber er ist verführerisch. Zur Ernüchterung ist Gegenzauber nötig.

Die Symbolik wächst heute chaotisch, und die Menschheit entwickelt sich in ihrem Schlepptau. Immer häufiger brechen kleine und große Symboliken zusammen. Wir erleben Varianten einer Sequenz von Informationsüberflutung, Schwindel, Misstrauen, Orientierungslosigkeit, sozialem Chaos, Gewalttat, Mord und Verwüstung.
Neuansätze von Symbolik finden sich in Individuen und kleinsten sozialen Einheiten.

Erkenntnis

Mit Genugtuung lese ich in der Wikipedia: Jacob Burckhardt wusste die besondere Chance des Dilettantismus zu schätzen (vgl. Weltgeschichtliche Betrachtungen, S. 36).

Dauerndes Glück verblendet hauptsächlich die Glücklichen.

„Alles Vergängliche ist nur ein Gleichnis, … zieht uns …“* (stößt uns) weiter im chaotischen Ungefähr, im imaginierten Ur-Einen, traditionell: in der Schöpfung, in der der dreieinige Gott sich uns, verheißungsvoll ent-täuschend, zu erkennen gibt.
* Goethe, Faust II, Schluss.

Immer wieder, im Kleinen wie im Großen, hat die Menschheit erst vieldimensionales, selbstverstärkendes Wachstum erlebt, dann Zusammenbruch und dann „Grün aus Trümmern“.
Der Horizont all unserer Erkenntnis ist chaotisch. Zu Bescheidenheit gehört Bescheid-Wissen; über das Entscheidende aber wissen wir nicht Bescheid. So wäre denn Demut unsere höchste Weisheit.

Wir sind dumm dran: Jeder Mensch hat nicht ein Weltbild, sondern eine ganze Schachtel mit Weltbildern, und an allen ist etwas Wahres dran.

Artikulation (Gespräch, Tagebuch, Brief, Publikation) macht selbstverständliche Zusammenhänge bewusst.

Weisheit: Cicero überliefert*, dass, als erster der klassischen Weisen/sapientes**, Pythagoras sich nur einen „Philo“-sophen*** (= sapientiae studiosus) genannt habe, da er keine ars (~ métier) beherrsche. Weisheit ist, wie Cicero den pythagoreisch idealisierten Begriff erklärt: divinarum humanarumque rerum, tum initiorum causarumque cuiusque rei cognitio.
* Tusculanae Disputationes, V, 3 [7-9].
** σοφοί = wörtl: Könner!
*** Qui ceteris omnibus pro nihilo habitis rerum naturam studiose intuerentur; hos se appellare sapientiae studiosos – id est enim philosophos.

Die institutionalisierten Schulphilosophien und -theologien setzen die herrschende Signifikationshermeneutik* – und diese die gesellschaftlich konstruierte Wirklichkeit** –voraus. Sie arbeiten an ihren δόγματα und kämpfen für kollektive Richtigkeit.
Demgegenüber schreibt ein Montaigne (der Skeptiker) nur „Versuche“, berät aber Politiker praktisch.
* Unter dem Eindruck von Kierkegaards Wiederholung, habe ich (in meiner Inauguraldissertation Die Gotteslehre des Thomas von Aquin als Sprachproblem, 1961), als Gegenvorschlag zur Signifikationshermeneutik, eine „Wiederholungshermeneutik“ konzipiert (S. 8. Auf Zeile 8 ist hier ein sinnstörender Druckfehler stehengeblieben; als vorletztes Wort ist, statt „die“, zu lesen: „das“!)
** Th. Luckmann & P. Berger, The Social Construction of Reality, 1966, dt. 1969.

Alle Lebensregeln sind nur ungefähr richtig. (Auch diese!)
Es gibt unterbestimmt bedingte Sicherheit; aber keine Allgemeingültigkeit.

Ausgehend von einer nächstliegenden, bewährten Vereinfachung, schließt man, aufgrund von Ähnlichkeiten, analog. Oft aber hätte man, ausgehend von einer in einem andern Zusammenhang bewährten Vereinfachung, besser verstanden, was Sache ist.

Verstehen und Staunen sind zwei komplementäre Vereinfachungen der Wahrnehmung.

Schwarmintelligenz ist jeweils Funktion einer bestimmten Beziehung zwischen der Natur der betreffenden Individuen und ihrer Umwelt. Sie ist deshalb beschränkt; sie entdeckt aktuelle Nützlichkeiten und nutzt sie.

Zum Schwindler gehört der Verführbare. Dieser ist nicht nur getäuscht worden; er hat auch (mehr oder weniger aktiv) sich (selbst) getäuscht. Mundus vult decipi, die Welt will betrogen sein. Aber die dann enttäuschende Welt- und Selbst-Erfahrung deprimiert.

Wahrscheinlichkeiten gibt es nur in den prekären Inseln von Ordnung im Chaos.

Charismatiker (Jesus, Paulus, Steiner, Hitler) sind oft auch irre. Der Wahn füllt die argumentativen Lücken, überzeugt aber nicht jeden. Haben sie großen Erfolg, sind sie – wohin auch immer – „Bahnbrecher“.

Der Horizont unseres Verstehens ist chaotisch. Damit müssen und können wir uns abfinden.

Wir meinen zwar, aber ignoramus.
Wir können die Wahrheit nur ansagen.
Im Chaos der Meinungen gilt es, kommunikativ Solidarität zu üben.
Information ist immer eine auf einem (vereinfachenden) Konsens basierend persönlich zu verantwortende Vereinfachung.

Sinn

Primär will man nicht dies oder das, sondern alles. So will man auch schlechthin „dem“ Sinn des Lebens folgen. Wir müssen uns aber bescheiden mit der chaotischen Geschichte kurzen Aufleuchtens von Sinn-Kernen.

Das Chaos ist nicht sinnlos; es überwältigt unseren Verstand, indem es zu viel Sinn hat!

Sinn verleiht jeweils Frieden – einen meist etwas traurigen Frieden. Die Traurigkeit ist aber, chaotisch, unter Mitwirkung des sinnfindenden Subjekts, von wohlbegründeter Freude unterbrochen.

Der Wille zur Identität, zu Gestaltung und Erhaltung im Chaos, der Egoismus des Seins ist der Sinn des Lebens, und der gebietet Solidarität.

Jogging ist die einfachste Verwirklichung der Weisung: „Der Weg ist das Ziel!“

Leid beirrt. „Im Durchschnitt ist man kummervoll und weiß nicht was man machen soll.“ Das ist hier, bei Wilhelm Busch*, die Folie der dichterischen Freiheit.
Und es ist Antrieb zu religiöser und philosophischer Besinnung, zur Suche nach Halt in einem weiteren Zusammenhang.
* Balduin Bählamm, 1883.

Der natürliche Sinn meines Lebens ist Mitleben und Mitbestimmen mit den Nächsten, mit den fernerstehenden Menschen und mit der weiteren Natur. Die ernste Frage nach dem Willen Gottes verhilft zu eigener Kreativität.

„Evolution“ hat ursprünglich nichts mit Entwicklung im modernen Sinne zu tun; nicht einmal mit Veränderung! Das Wort kommt von lat. volvere, „wälzen“. Man öffnete eine Buchrolle, wickelte einen Wälzer (volumen) auf, um darin zu lesen.
In unseren Evolutionsbegriff ist um die Wende zum 19. Jahrhundert* die eschatologische Hoffnung eingegangen, die dem menschlichen Leben in jedem Schritt einen Sinn gibt.
Die Evolution als Fortschritt verlieh, seit dem 19. Jahrhundert, allem einzelnen einen Sinn. Aber dem Optimismus macht inzwischen auch Pessimismus Konkurrenz. Der Sinn hat der Unvorhersehbarkeit Platz gemacht.
Um uns mit Hoffnungen und Befürchtungen zu persönlichem Einsatz zu motivieren, geht die Evolution uns doch zu langsam. Langweiliger Alltag ist die langsame reale „Evolution“.
Apokalyptische Phantasie stellt Evolution im Zeitraffer vor.
Der Witz ist ein phantastischer Sprung hinaus aus der Realität.
Seltene kurze Highlights wiegen, fürs Weiterlebenwollen im Chaos, die (häufigeren) Schmerzen auf.
* J. B. Lamarck, Georges Cuvier.

Der Sinn unseres Lebens liegt im Mitleben und führt nicht über die Solidarität hinaus.

Der Uhrzeiger-“sinn“ ist nur Richtung einer Bewegung.

Existenzsymbolik

Symbolik will gepflegt sein; sie ist und bleibt ein Wagnis. Dabei fühlt sich der Einzelne sozial abgesichert; aber auch Kollektive können irren.

Trost ist, wie Trauer, nur zeitweilig.

„Die Welt, die will betrogen sein“ schrieb 1494 Sebastian Brant* im Blick auf die (mit der neuen Technik des Buchdrucks vervielfältigten) Weissagungen des astrologischen Aberglaubens. Das wurde schnell zum geflügelten Wort, latinisiert und erweitert.
* Das Narrenschiff, LXV: Von Achtung des Gestirns.

Der Seufzer „Ach“ ist ein zivilisierter Schrei.

Jeder von uns lebt etwas verschieden und in seiner etwas anderen Welt. Jeder hat seine wechselnden mancherlei Lebensgefühle und hat Teil an den Lebensgefühlen der anderen. Und jeder sucht das Allgemeingültige als Symbolik der Solidarität im Leben und Sterben.

Kleinkinder kippen plötzlich vom Lachen in Heulen – und umgekehrt; die Bedeutung des Erlebten ist nicht stabil. Der undifferenzierten starken Lust-/Unlust-Symbolik steht ein schwacher Bezug zur differenzierteren, gesellschaftlich als „objektiv“ konstituierten* Wirklichkeit gegenüber. Die komplexere Alltagssymbolik der Erwachsenen ist hier gegenüber der holistischen Existenzsymbolik noch zu schwach.
Unter affektiver Überlastung kann auch der Erwachsene in diese Verfassung regredieren.
* Ich denke an Th. Luckmann & P. Berger, The Social Construction of Reality, 1966, dt. 1969.

Mathematik ist ideale Genauigkeit. Für den Platonischen Ideen-Realismus war das Konkrete nur symbolische Abbildung.
Die christliche Symbolik wurde durch kirchliche Gewalt überlastet. Seit der Renaissance ging die erforderliche Glaubwürdigkeit allmählich über an die Erfahrungen mit anderen Vereinfachungen, nämlich an mathematisch symbolisierte (zunächst naturwissenschaftliche) Empirie.

Wir Menschen kommen nicht ohne Gewalt gegen einander aus. Keine Symbolik ist sozial voll tragfähig.

Ideale sind Attraktoren in der Dynamik der Existenzsymbolik. Existenzsymbolik hat ihre eigene Dynamik.

Jenseits

Die mörderische Lebensfreude des Jägers und des Kriegers gehörte, bis in die Weltkriege hinein, auch hier zu Land zur menschlichen Normalität. Man lebte eingebettet in eine unerschöpfliche Fülle, in einem mörderischen Diesseits, das in ein unendliches Jenseits fest eingebettet ist.
Die stolze „Ewigkeit“ von einst ist aber, soweit wir heute sehen, – nicht unbedingt entmutigend, aber demütigend – umgriffen vom Chaos.

Das Diesseits bietet handhabbare Metaphern für das ungeheure* Jenseits, das wir, chaotisch, als göttlich und teuflisch ahnen.
* Goethe, Faust II, 1. Akt, Finstere Galerie, Z. 6272ff.: „Das Schaudern ist der Menschheit bestes Teil; wie auch die Welt ihm das Gefühl verteure, ergriffen, fühlt er tief das Ungeheure.“

Die Menschen ahnen ein Jenseits – aber natürlich sehr verschieden!

Am Sonntag als Tag der Auferstehung Jesu feiern die Christen das „Jenseits“ als Rettung.

Trauer sucht im „Jenseits“ der Täuschungen des Lebens nach Neuorientierung.

Spiel

Eine dünne Kruste über einer sehr heißen, zähen Flüssigkeit ist unser Spielplatz.

Musik und Tanz spielen Gelingen. Auf Misslingen wird hier nur angespielt.
Das „Paradies" der christlichen Hoffnung war eine Spielwiese für Gesang und Tanz.
Spiel ist das Medium der Kreativität.

Wir lieben das Spiel als Raum freier Entfaltung. Auch das Regelspiel ist entlastet von schweren Konsequenzen. Gewinnspiele sind Sozialspiele.

Vereinfachung

Die vereinfachenden Symbolsysteme sind zu verschieden; Einigung auf dieser Ebene (Koordination) ist nicht möglich. Also Chaos.

Das Bedürfnis nach Vereinfachung ist allgemein menschlich; aber die menschlichen Vereinfachungen sind sehr verschieden und variabel. Einschlägige Kreativität zeichnet den menschlichen Geist aus.

All unser Wahrnehmen und Verstehen ist Vereinfachung, auch – und besonders! – die Wahrnehmung der Welt als Schöpfung Gottes.

Leben

Auch unsere Spezies („das noch nicht definierte Tier“) ist nur bedingt friedensfähig.
Wir sind wohl viel zu innovativ, um wirklich friedensfähig zu sein. Es gibt uns erst seit Kurzem in der Biosphäre; wir haben uns enorm verändert, und es wird uns wohl auch nicht mehr lange geben.

Leben ist einer stabiler Systemtyp, auch gegen grobe Störungen tolerant, und weitgehend anpassungsfähig.
Vorsicht gehört zur Anpassungsfähigkeit höheren Lebens.

Leben ist die gemeinsame Eigenschaft einer autokatalytischen Gruppe von temporären Einheiten.

Die Menschheit ist ein mild chaotisches, stabiles, aber doch befristetes System im umgebenden Chaos.

Das Leben ist „langsam chaotisch“*. Die Menschheit mit ihrer Reflexionsfähigkeit ist schneller, wilder chaotisch!
* Benoît Mandelbrot unterschied zwischen mild, slow und wild randomness chaotischer Prozesse).

Gesunde Liebe gilt Ähnlichem, also Verschiedenem, nicht: Gleichem.
Das Medium des Lebens ist ein Ungefähr.

Das Erfolgsrezept der Menschheit ist die Kombination von Erfindungsgeist mit Egoismus.

Das Neben- und Gegeneinander der temporären Einheiten in der Welt führt zu den vielen unvorhersehbaren und den quälend vorhersehbaren Unglücken – und zu den wenigen Glücksfällen, die jenen doch etwa die Waage halten.

Das Leben ist durch die reichliche Fortpflanzung für eine chaotische Umwelt gerüstet, – so zwar, dass eben dieser Überfluss das Leben chaotisiert.

Die Regel „Survival oft the fittest“ ignoriert das Nachhaltigkeitsproblem.

Religion

In seinem schönen Gemeindelied Die güldne Sonne betete Pfarrer Paul Gerhard einst: „… hast niemals keinen zu sehr noch betrübt.“ Das ist eine typisch religiöse, kontrafaktische Beschwörung; eine Verpflichtung zum Glauben an die Allmacht des Guten. Es ist eine gewagte Zumutung, nicht immer an der Zeit! Voraussetzung ist aktuelle Aussichtslosigkeit und allgemein die unbestimmte Begrenztheit unserer Urteilsfähigkeit.

Wieder einmal schlägt Religion der Machtpolitik den Takt – wer hätte das gedacht ! – ; aber Religion ohne Demut!

Bedrängt, sucht und fürchtet man den mystischen Augenblick*, den Orientierungsverlust durch die fast totale Vereinfachung – für eine tragfähigere Neuorientierung.
* „Vor Gottes Angesicht treten“, sagt die Bibel.

Die Transzendenz Gottes ist eigentlich schrecklich; das Alte Testament redet vom Gottesschrecken, viele Offenbarungen beginnen mit: „Fürchtet euch nicht!“. Erschrecken ist auch theologisch eine erhellende Erfahrung.

Theologie ist, wie Kunst, menschlich breit, psychosomatisch fundiert. Das gilt es zu respektieren; sonst wird Theologie steril.
Sie ist, wie die Ostererscheinungen, Trauerreaktion auf eine besondere Vorgeschichte.

George W. Bush‘s Kreuzzug im Iraq hat dort die religiöse Widerstandsbewegung Ansar al-Sunna hervorgerufen; Abu Bakr a-Baghdadi war Mitbegründer. Seinem Kalifat IS haben sunnitische Petrodollars zu der Macht verholfen, mit der er jetzt die Welt das Fürchten lehrt. Zwei groteske Abweichungen von der menschlichen Normalität versuchen, mit im Wahn vereinten Kräften, die Normalität umzustürzen.

Die ISIS-Konvertiten haben vermutlich einen biografisch begründeten Hass auf die Gesellschaft und wollen den ausleben in dem Glauben: Wir vollziehen das Jüngste Gericht über die sündige Menschheit und schaffen das Reich Gottes.

Die Bibel ist ein sakramentale Gabe der Kirche. Wie zum Sakrament das Wort, gehört zum Text die Auslegung, und zu dieser die (bereits innerbiblische) Auslegungsgeschichte und die Hermeneutik.

„Mächte“ sind multivariable stabile Zusammenhänge, auf die man sich, unter Einsatz des eigenen kreativen Ahnungsvermögens, einigermaßen versteht und die man gern vereinfachend, personifiziert.
Götter und Dämonen sind Mächte im Chaos, von deren Gunst unsere normale Lebenswelt abhängt.

Ironie und Witz sind alte Konkurrenten von religiösen Gefühlen – weitgehend funktionale Äquivalente, oft ihrerseits Ausdruck frommer Scheu.

Es war Friedrich Heinrich Jacobi, der streitbar dialogische Glaubensphilosoph, der als erster (um die Wende vom 18. zum 19. Jahrhundert) sich zu dem (von ihm so genannten) Salto mortale vom (deterministisch verstandenen) Wissen in den Glauben bekannte*, – das dann, im 20. Jahrhundert, mit der sog. Dialektischen Theologie wieder Thema wurde.
* Gegen Spinozas Determinismus, auch gegen Moses Mendelssohn.

Religiöser Glaube ist reich an Vorstellungen, aber im Grunde ist Religion ein Gefühl*.
Bewährtes wird institutionalisiert; unter Druck versteinert es zu einem (meist kollektiven) Wahn; Religionen pflegen Glaubens-„gegenstände“ wie Reliquien; Edel-steine der Kultur. Deren Wert aber beruht letztlich auf ihrem Gebrauchswert, d.h. ihrer lebendigen, also wandelbaren, ja sterblichen Symbolik!
* „Gefühl der schlechthinigen Abhängigkeit“, D. F. E. Schleiermacher, Reden über die Religion an die gebildeten unter ihren Verächtern, 1799.

An etwas (auch: An die Existenz Gottes) Glauben heißt: Praktisch davon ausgehen. Was das jeweils konkret heißt, ist wesentlich traditionsbestimmt.
An eine Person (auch: An Gott) Glauben ist Vertrauen.

Die Überforderung der menschlichen Natur durch moralische Kultur führte zu dem Begriff der Erbsünde.

Das vergängliche Wirkliche ist reich an Anspielungen auf Dauerhafteres – vor allem: Fragen. Diese sind wichtig für unsere jeweilige Orientierung, aber ebenfalls vergänglich.

Die Gesellschaft braucht, für die Freiheit des Individuums, so etwas wie Kirchen als zum Staat alternative Vereinfachungen.
Totalitäre Ideologien sind höchstens ungefähr richtig. Obwohl sie nicht gut sind, können sie als alternative Deutungsmuster, Gutes anregen. Das gilt auch für Religionslehren.

Was als religiöse Erkenntnis richtig ist, soll man auch übersetzen in säkulare Sprache. So kommt Gott zur Welt.

Das Zeitliche auf dem Hintergrund des Ewigen entspricht der Grundstruktur des Aussagesatzes: dem Prädikat auf dem Hintergrund des Subjekts – ein fundamentales Schema der menschlichen Vernunft.
Auch die Zeit wird heute durch die Quantentheorie aufgebrochen.

Im klassischen Latein ist fanaticus, ohne Bewertung, der religiös Begeisterte. Fanatismus kann bis zur Raserei gehen.
Das Wort ist von fanum (Heiligtum), abgeleitet. Und das lässt vermuten, dass mit Fanatismus ein eigengesetzlich-kultisches Phänomen bezeichnet wurde.
Später verselbständigt sich die Eigengesetzlichkeit gegenüber ihrem soziologischen (religiösen) Ursprungsort, und eine sekundäre Verkultung rückt ins Zentrum der Wortbedeutung.

Christentum

Die Auferstehung Jesu war eine Wahnidee zunächst des Jüngers Simon mit dem Beinamenכֵּיפָא /Κηφᾶς/Πέτρος=Petrus/πέτρα = Fels*. Diese wurzelte in einer subkulturell** tradierten Hoffnung, der „Naherwartung“ der allgemeinen Auferstehung zum Gericht, – die nun, mit der Auferstehung Jesu als Messias (von Gott eingesetztem König und Richter) begonnen habe. Die Auferstehungs-„botschaft“ war eine Zeitansage für die „Gottesherrschaft“.
* Wegen seines wahnhaft felsenfesten Glaubens?
** Greifbar bei Johannes dem Täufer.

Nach der Kreuzigung Jesu machte die Vision: „Er ist auferstanden!“ mehr Sinn als die banale Feststellung: „Er ist tot“.

Der Glaube an Kreuz und Auferstehung ist traumatisierter Glaube.

Im Glauben geht es um die Erfahrung der liebevollen göttlichen Einladung zur Kreativität in der Nachfolge Jesu, – traditionell: um die Mitteilung des Heiligen Geistes durch das Evangelium.

Dualismus ist eine alte, sehr stabile Vereinfachung, – die freilich auch immer wieder an der Realität scheitert.
Trinitäten sind keine christliche, sondern waren eine neuplatonische Erfindung.
Die christlich-theologische Trinität war: in dynamischer Ordnung aufgehobene Tragik. Aber diese (bedenkenswerte, staatlich verordnete) Ordnung überzeugte auch nie ganz.

Die Kreuzigung Jesu konnte nicht (Apg. 2, 24!) das letzte Wort behalten. Die iranisch/pharisäische Ahnung von der Auferstehung brach sich Bahn in der christlichen Metaphorik der Menschlichkeit.

Im Christentum spielt das Schuldproblem eine zentrale Rolle. Aber in der modernen Gesellschaft mit ihren Normenkonflikten überzeugen die christlichen Fassungen des Problems und die dazugehörigen einst beglückenden Lösungen kaum noch. Wir wissen, dass die Dinge nicht so einfach sind.

Wir leben als Erben der christlichen Tradition im –trotz der sensationellen reaktionären Barbareien – nachreligiösen und nachchristlichen Zeitalter.

Gott

Das komplexere, sog. „höhere“ Leben integriert sich sensibler, differenzierter, umsichtiger und umfassender in die Welt.
In der unauslotbaren Vielfalt der Welt, können Name und Vorstellung von einem persönlichen, allumfassenden Gott uns Keim eines zunehmend integrierten Lebens werden.
Diese zunehmende Integration aber verläuft zunehmend chaotisch. Luther thematisierte die Anfechtung des Glaubens.

Der Heilige Geist ist Gottes Mut zur Vergänglichkeit.

Ich werde, nach Gottes Willen, wohl verenden, ohne an Gott zu denken.

Gott gibt es nicht. Das ist immer wieder sehr bitter.
Unser Gott „ist“ das früheste, prekär verdinglicht phantasierte Mutterschema, – das dann, distanzierter, später auch ein Vater ausfüllen kann*.
Unsere Lebensnotwendigkeit der Vereinfachungen kann eine theologia naturalis tragen. Ein göttliches Du „ist“ eine der menschlichen Seele natürliche, vereinfachende Komplettierung der überkomplexen, allenthalben quälend defekten Welt. Als immer wieder sich ereignende, schöpferische** Wahrnehmung gehört Gott zu unserem Dasein.
* In einer patriarchalischen Kultur hat die Mutter dann (wie auch die hochverehrte Jungfrau Maria) eine untergeordnete Rolle. (Soziale Ordnung mit einem personalen Machtzentrum ist einfacher, – sei dieses nun männlich oder, wie vielleicht in manchen älteren Kulturen, weiblich.)
** „Im Namen dessen, der sich selbst erschuf,…“ schrieb Goethe 1817 an hervorgehobener Stelle. Das konkretisiere ich durch die Erinnerung an die christliche Lehre von dem dreieinigen Gott, Vater, Sohn und dem (Menschen verliehenen) Heiligem Geist. Luther berührte das bei seiner kühnen Bemerkung der „fides creatrix divinitatis“! (WA 40/I, S. 360, zu Gal 3,6.)

Ein Gottes-Rufname ist eine Interjektion, die, leise oder auch laut, aus uns hervorbricht, – was auch immer wir uns dabei vorstellen. Theologie zitiert und interpretiert diese Interjektion – zunächst als Namen für überkommene Vorstellungen.
Auch das hilflose Lachen des Überraschten, auch ein Witz, ist theologisch ernst zu nehmen als ein Ruf nach Gott.

Herrschaft als Gottesattribut ist eine meditative, nicht zu rëifizierende Perspektive.
Der παντοκράτωρ, omnipotens, der „allmächtige Gott“ ist, als ontologische Radikalisierung, τύχη, fortuna, das Schicksal, personalisiert wie die Parzen, eine grässliche Idee!

Der biblische Gott ist ein alleinerziehender Vater. Die Kinder gucken sich nach Müttern um.

Gegen Objektverlustangst* wird ein göttliches Du (wie Winnicott’s environment mother) hinter der (unbelebten, unansprechbaren, teilnahmslos sterben lassenden) Umwelt fantasiert.
Im Heulen und Schreien ist die Mütterlichkeit der Mutter, die natürliche, phylogenetische und ontogenetische Urerfahrung von verheißungsvoll tröstender Liebe, gegenwärtig als das akut schmerzlich Fehlende.
* In der Psychoanalyse (wo „Liebesobjekt“ eine Person bezeichnet) von Liebesverlustangst unterschieden.

Als „dreieiniger“ ist Gott ontologisiert, verdinglicht. Aber „es“ gibt keine göttliche Dreieinigkeit, sondern die menschliche Phantasie gab und gibt sie – wie die Basis des natürlichen Logarithmus e, die imaginäre Einheit i oder den Faktor π, ja überhaupt die Zahlen, – mit denen die exakte Wissenschaft fortschreitend die Wirklichkeit erschließt.

Tatsächlich ist das Dasein Gottes keine Tatsache, sondern Sache „teilnehmender Beobachtung“*.
* Ein Begriff der soziologischen Feldforschung seit 1940.

Monotheismus ist eine unbescheidene, überspannte Vereinfachung. Er wird auch das Problem des Teufels nicht los.

Der Ruf nach Gott* ist monotheistisch. Die Antwort – sei sie nun trinitarisch, dualistisch, polytheistisch oder weltlich anekdotisch – ist** immer befremdend.
* Weder der Ruf noch die Antwort müssen sprachlich einer gewissen Form genügen. Ich verstehe Julian Barnes‘ Bekenntnis: “ I don’t believe in God, but I miss him,“ als Ruf nach Gott. (So hat denn auch sein analytisch-philosophischer Bruder den Satz als soppy abgelehnt.)
** Umständebedingt, nur ungefähr vorhersehbar und nur nachträglich verständlich.

„Ihr sollt vollkommen sein, gleich wie euer Vater im Himmel vollkommen ist“ (Mt 5, 48), in schöpferisch bescheidener Solidarität.

Allmacht war ein klassisches Ideal, eine naive Vision der Hoffnung. Jesus als Gottesoffenbarung wurde in diesem Sinne übermalt. Der nizänische Gottesbegriff idealisierte Jesu Scheitern. Aber man kann die Trinitätslehre auch modern, postidealistisch verstehen!

Die Solidarität Gottes ist Erfahrungssache.

Sowohl diesseitige wie jenseitige Vorstellungen von unserer Wirklichkeit (Mischvorstellungen ebenfalls) sind zeitweise brauchbare, aber immer wieder frustrierende Vereinfachungen.
Ernüchtert, schreien wir doch immer wieder nach dem solidarischen Gott. Wir phantasieren und gedankenlos rufen wir ihn immer wieder. Aber eben … ( Da capo).

Nicht unser Glaube ist Schöpfer der Gottheit*, sondern der „Heilige Geist“. Der dreieinige Gott schafft sich selbst. Circulus vitiosus?
Das Du schafft das Ich; das Ich sagt Du. Mit „Gott“ meinen wir mehr als eine menschliche Vorstellung.
* So hat Friedrich Gogarten (mündlich) den Luther des Großen Galaterkommentars (WA 40/I, S. 360, zu Gal 3,6) verstanden.

Schöpfung

Das Medium der Schöpfung ist Ähnlichkeit.
„Gott schuf den Menschen Ihm zum Bilde“ (1Mose 1, 26ff.*). Der Mensch denkt sich den Schöpfer als sein Urbild.
* Dass hier keine simple Gleichheit gemeint sein kann, erhellt schon daraus, dass hier vom Menschen als Mann und Frau die Rede ist. Als gleich ist hier nicht (wie mir nahe liegt) die Kreativität, sondern die Herrschaft über die andern lebendigen Kreaturen gedacht.

Freude ist kreativ. Kreativität ist froh. Wir sind zur Freude der Kreativität berufen.

Wir sind zur Kreativität berufen. Das ist ein Lichtblick, den wir nie vergessen sollten!

Immer wieder überwältigt uns die Wirklichkeit mit ratloser Trauer. Es ruft aus uns*: „Ach du lieber Gott, was ist denn das? Was hat es damit auf sich?“ Nahe dem Nullpunkt, dem Jesus in seiner Gottverlassenheit am Kreuz**, fragt man so.
Das ist die Stunde des Heiligen Geistes, der göttlich bescheidenen Kreativität.
Diese hat Jesus beseelt†, hat „am dritten Tag“ nach der Kreuzigung Jesu, in Petrus den Osterwahn††, sodann die Jesus-Erscheinungen weiterer Jünger hervorgebracht, dann die verheißene „Ausgießung des Heiligen Geistes“, – der eine Solidargemeinschaft beseelte, die sich, gegen brutalen Widerstand an, allmählich im ganzen römischen Reich ausbreitete.
Die Ergebnisse sind inzwischen in die abendländische Kultur eingegangen – mit Ausstrahlungen über die ganze bewohnte Erde – und säkularisiert. Aber diese Anfänge inspirieren noch heute zu göttlich bescheidener Kreativität.
* Rm 8, 26f.
** Mt 27, 46.
† Das ist der Sinn von Mk 1,10 parr.
†† „Das Ende der Welt ist gekommen, die geweissagte allgemeine Auferstehung zum jüngsten Gericht hat begonnen! Jesus ist auferstanden – als erster, als der verheißene Messias, der Richter, der König des verheißenen Reiches Gottes.“

Gott hat sich mit der Schöpfung aufs Spiel gesetzt.

Kreativität liebt die Welt – freilich oft unglücklich.

Neugier lässt nach; Kreativität bleibt von sich aus interessiert.

Das Ich ist (nur teilweise bewusst) kreativ.

Creatio continua ist gefährlich; Schöpfung einst und Erhaltung jetzt ist ein gesetzlich repressiver Vorstellungsrahmen. Glaube an das Evangelium vom auferstandenen Gekreuzigten ist schöpferisch.

Ein interessierter Blick ins Chaos ist schöpferisch.

Wir sind zu Kreativität verurteilt.

Das Werk trägt die Handschrift seines Schöpfers.

Ende des 18. Jahrhunderts wurde in Frankreich die Evolution einer Spezies zu einer neuen Spezies konzipiert. Aufklärung gegen die biblischen Schöpfungsgeschichten.

Besinnung ist nicht Rückzug aus der äußeren Realität. Aber sie relativiert die selbstverständlichen Ordnungen; sie setzt, im Spielraum einfühlender Phantasie, den eigenen Sinn dem äußeren aus. Sie kann zu neuen Einsichten führen.

Individuum

Die Technik macht die Menschen immer umfassender und undurchschaubarer voneinander abhängig. Individuelle Verantwortung ist ein veraltetes Ideal.
Früher war der Einzelne vor dem persönlichen Gott verantwortlich. Heute respektieren wir den animalischen Lebenssinn des animal rationale.

Das Interesse am öffentlichen Weltgeschehen kann von der beängstigenden persönlichen Realität ablenken. Man verlagert seinen Narzissmus auf größere Einheiten*, eingebettet in ein Streben nach Mitmachen, Verstehen und – immer mehr – verständnisvollem Geschehenlassen.
* Schiller: „Immer strebe zum Ganzen! Und kannst du selber kein Ganzes / bilden, als dienendes Glied schließ an ein Ganzes dich an.“

Angstvoll große Hoffnung kann zu Tränen rühren.

Glücklich-sein ist im Grunde: An das Gute glauben („Urvertrauen“).

Schreck unterbricht das normal menschliche Dasein.

Der „französische Garten“ dient der königlichen Selbstbespiegelung: Hier bin ich allein der Sensenmann. In meinem Garten lebt alles; nichts stirbt „seinen eigenen Tod“*. „Hier herrsche ich“, wie Ludwig XIV in Versailles und Friedrich der Große in Sanssouci – Vorbilder mit Nachwirkung bis heute.
* Vgl. Rilkes Gedicht.

Die Kirche wandelt sich mit der umgebenden Kultur, als eine (mehr oder weniger vielfältige) Subkultur (auch Gegenkultur). Sie setzt auch immer wieder Gegenkulturen aus sich heraus.
Ich bin versucht, aus meiner Kirche auszutreten wegen ihrer lieblosen (und entsprechend dummen) offiziellen Besserwisserei in der heutigen (!) Frage des Selbstmords.
Meines Erachtens sollte die Kirche heute Pfarrer auch zu bescheidener Begleitung von Selbstmördern ausbilden und anstellen*!
* Also, trotz Hermann Gröhe, heute ihrerseits Selbsttötungshilfe organisieren!

Leben will weiterleben. Aber Leben stirbt. Liebe zum Leben führt zu Trauer. Weiterlebenwollen führt zu Angst.

In unserer Symbolik leben wir über unsere körperlichen Grenzen hinaus. Unsere Identität hat sich im Laufe unseres Lebens, weit über unseren Körper hinaus, vielfach entfaltet. Der Körper ist zeitlebens ihr Zentrum, aber eine zunehmend verzerrende Vereinfachung unserer Identität, die unüberblickbar vielfach mit der Welt verwoben ist.

Der Mensch braucht das Gespräch zur Pflege seiner Symbolik. Eine Mehrzahl von Menschen schützt nicht vor Wahnbildung; aber wegen seiner Kreativität ist der Mensch, einsam, in noch größerer Gefahr, sich zu verirren.

Angst demütigt.

In Bescheidenheit sind Trauer und Angst gut aufgehoben. Die überwältigende Vielfalt der Welt kann uns bescheiden machen.

Durch besondere Interessen und Begabungen werden andere Anliegen ein Bisschen im wörtlichen Sinne „verrückt“.

Jeder wirkt mit bei der Gestaltung seiner Welt.

Dem Du gilt unsere wesentliche Suchbewegung. Es vermittelt zwischen dem Selbst und dem schlechthin Anderen. „Du“ ist ein Pro-nomen, zwischen dem „Ich“ und dem „Es“!

Kränkungen senken das operative Niveau des Subjekts. Aus Nationalgefühl wird Nationalismus.

Neugier tröstet, sie motiviert zum Weiterleben. Neugier im Chaos ist im Grunde Hoffnung auf Offenbarung.
Offenbarung ist Wahrnehmung der Ur-Einheit.

Man lernt die eigene Identität auch aufgrund von Zurückweisungen durch die Gesellschaft. (Kollektiv ist das den Juden passiert.)

Ein Menschenleben ist nur oberflächlich rekonstruierbar.

Das Leben ist ein Wagnis. Man irrt.
Wir sind liebesbedürftig, natürlich verführbar – und entsprechend soldaritätsbedürftig.

Unser Leben ist eine Brown’sche Bewegung, eine Irre.
Lebensweisheit ist demütig.

Eitelkeiten sind menschlich. Dies in aufmerksamer Wertschätzung zu respektieren, ist Kultur.
Entgegenkommen ist hier nicht Schwäche, sondern Solidarität.
Wechselseitige Respektierung von Eitelkeit ist allerdings eine (infolge von deren unzureichender Begründung) instabile Balance.

Moral

Gutmenschen können ein Lichtblick sein, Erinnerung an das Gute, das doch eigentlich jeder will. Jeder einzelne Mensch ist irgendwo gutwillig; die Menschheit aber ist ein unmenschlicher Naturvorgang; der gute Wille ist letztlich ratlos.

Die vielfachen Zusammenhänge zwischen den Menschen minimieren die Mitverantwortung jedes Einzelnen – ein Freipass für Egoismus.

Verantwortung ist Kommunikationsbereitschaft.

Strafen für unfaires Verhalten ist* (vornehmlich maskuline**) Triebbefriedigung. Gesteuert wird das von Symbolik. Das erklärt etwas von der früher verbreiteten öffentlichen Grausamkeit gegen „Feinde der Gesellschaft“.
* Tania Singer et al., Empathic neural responses are modulated by the perceived fairness of others, in: Nature, Vol. 439, 2006.
** Das erinnert an Schillers Blick auf die große Revolution in Frankreich: „Da werden Weiber zu Hyänen und treiben mit Entsetzen Scherz“ ( Lied von der Glocke). Ist Gerechtigkeit ein eher männliches Anliegen?

Heile Welt zu spielen kann, über das Spielfeld hinaus, Gutes wirken, das sich weiter fortpflanzt!

Menschlichkeit ist Solidarität in der Orientierungslosigkeit.Die brauchbar vereinfachende kollektive Selbstsymbolik wird, rationalisiert, unmenschlich. Aus dem Kommunikationsmittel wird ein Blendwerk, das die menschliche Gesellschaft spaltet. Man kann seine Hoffnung nur noch auf die Kreativität bescheidener Solidarität setzen.

Was ich tue, symbolisiert mir und anderen, was ich bin. Die soziale Identität gehört zum Glück.
So gehören Solidarität, Bürgersinn, citizenship zu jedermanns Glück – besonders, wenn ihnen glückt, auch andere beglücken.

„Ihr sollt vollkommen sein gleich wie euer Vater im Himmel vollkommen ist“ (Mt 5, 48) in schöpferisch bescheidener Solidarität.

Die Sprache bietet dem Denken Assimilationsschemata an. Beispiel: die verschiedenen Personalpronomina, deren Stelle jeweils mit einem Nomen gefüllt werden kann. In Sätzen stehen sie neben dem (konjugierten) identischen Verb.
Durch sie unterscheidet der Sprecher verschiedene Bezüge zu seiner Umwelt: Das Ich ist das Zentrum; das Ich ist mit dem Wir identifiziert; das Er/sie/es und das plurale Sie ist das Fremde. Mit dem Du und dem Ihr ist man vertraut; es bildet den Übergang zum Fremden. Das Fremde ist das gefährliche andere.
Gegen das Fremde muss man gewappnet sein. Hier kommt es natürlicherweise schnell zu Gewalt und Feindschaft.
Diese Vorgabe der Natur wurde in der Kulturgeschichte immer wieder durch Humanität* problematisiert. Sie ist, mit der Technik, das alles beherrschende Problem geworden.
* Unseren philanthropischen Begriff von Humanität verdanken wir der Rhetorica ad Herennium (die dann Cicero zugeschrieben wurde) und Cicero. Ferner spielt hier die christliche Ausweitung des alttestamentlichen Gebots der Nächstenliebe eine Rolle.

Wir müssen mit schlechtem Gewissen, vergebungsbedürftig, an einander vorbeileben.

Moral und guter Wille lassen sich, trotz Kant, nicht in Gesetzesform bringen.
Unsere Verhaltensnormen sind strittig. Es gibt ein undurchsichtiges Durcheinander verschiedener Bestimmungsgründe (darunter auch symbolischer, mehr oder weniger durchrationalisierter Konsens) des Willens, der subjektiv immer „das Beste“ will.

Es gibt keine bessere Prüfung unserer Moral, als unsere Entscheidung fragend vor Gott zu bringen.

Die multipolare Weltgesellschaft ist ein Chaos von Ordnungsansätzen für die ganze Welt.

Kants kategorischer Imperativ, die Forderung einer Identifikation des Einzelnen mit dem Interesse der Gesellschaft ist nur teilweise erfüllbar. Daher gehört seine Lehre vom radikalen Bösen dazu.

Um glücklich zu sein, braucht der Mensch kleine, aussichtsreiche Vorhaben und einen beschränkten Gesichtskreis.
Aber glücklich zu sein, ist nicht seine Hauptaufgabe. Solidarität soll seinen Gesichtskreis erweitern als Raum für verheißungsvolle Vorhaben.

Der Mensch ist, wie viele Tiere, ein Sucher.

„Was soll ich?“ – : Ich soll, was ich – nicht: wünschen, sondern: wollen kann!
Das fordert immer wieder Umsicht und Nachdenken.
Langeweile droht zu explodieren!

Solidarität

Jeder ist eine Insel von Ordnung im Chaos. Da hilft nur Solidarität*; die Buddhisten reden von Mitleid, die Christen von Liebe.
* Pierre-Henri Leroux, De L’humanité, Band I/1; 4. Buch: Solidarité mutuelle des hommes, 1. Kap.: Ce qu‘il faut entendre aujourd’hui par charité c’est la solidarité mutuelle des hommes (p.157), Paris 18452.

Solidarität ist, in psychoanalytischer Terminologie, autoplastische und alloplastische Teil*- oder Voll-Identifikation.
* Zu voller, gegenseitiger Solidarität gehört immer wieder auch ein bedauerndes Nein von der einen, und dessen solidarische Respektierung von der anderen Seite.

Kreativ bescheidene Solidarität auch mit den fast ganz Bösen ist geboten.

In direktem Kontakt: „Ich habe zwei Hemden, er hat keins. Geb ich ihm – Herzklopfen – geb ich ihm eins?“*
Aber: Good fences make good neighbours ! Gleichheit ist instabil.
* In: Die Gegenwart [?], einer der ersten Zeitungen kurz nach dem Zweiten Weltkrieg.

Die Solidarität verlangt: Jeder Mensch sollte sein eigenes Leben als sinnvoll empfinden können.

Solidarität hat Heilsverheißung.

Menschenwürde ist ein Konzept der Solidarität, überkomplex, zwar rationalisierbar und konsensual definierbar, aber nicht rational, sondern animalisch begründet.

Trauer

Verwandlungen mitzumachen, kostet Kraft – schlussendlich mehr, als man hat. Man heult verzweifelt, – wenn man dazu noch die Kraft hat.

Wenn das Engagement die eigenen Kräfte übersteigt, weint man.

Das „Ach“ ist Abbruch eines Luftholens (an der Grenze zum Weinkrampf) als Symbolhandlung.

Trauer ist die schmerzliche Empfindung eines Defektes. Der Geist komplettiert spontan das (komplizierte) Defekte vereinfachend im Sinne jeweils nächstliegender Schemata – im Extremfall: irreversibel*.
* Das ist vermutlich in der Trauer um den gekreuzigten Jesus geschehen. End- (und Auferstehungs-)erwartungen lagen in der Luft und waren plausibel.

Traumatisiert, versteht man praktisch sein Dasein nicht und trauert.
Historisch gibt es epochenspezifische Traumatisierungen:
– Kindheit im zweiten Weltkrieg*: Zerreißungen der hochdimensionalen animalischen Umwelt in hochdimensionale Stücke.
– bezüglich unserer heutigen Zivilisation wäre wohl nachzudenken über verfrühten Zerfall der mütterlichen Umwelt in viele kurzlebige und niedrigdimensionale, aber globale Zusammenhänge.
* Der Psychanalytiker Hans Keilson hat 1979 über Sequenzielle Traumatisierung bei Kindern (jüdischen Waisen), die Journalistin Sabine Bode, Die vergessene Generation, 2004, hat über deutsche Kriegskinder berichtet.

Der gute Wille des Menschen meint letztlich Gott. Er hofft auf Verwirklichung seiner Zwischenziel-Vorstellungen und wird traurig enttäuscht, zurückgeworfen auf den unerwartet wirklichen Gott.

Trost in der Trauer: Nicht sich willentlich ablenken, sondern der sinnlichen Wahrnehmung freien Lauf lassen, spielend im Unbeachteten kleine Entdeckungen zu machen. Diese entlasten und leiten über ins alltägliche Leben zurück.

Bei Verlust eines nahestehenden Menschen trauert man. Er fehlt; die ganze soziale Einbettung des Trauernden ist rissig geworden.
Allgemein macht das Gefühl, gesellschaftlich schlecht integriert zu sein, traurig.

Man soll sich auch der Trauer überlassen; sie gibt dem Individuum kritische Distanz zu seinen bisherigen Selbstverständlichkeiten. Dann soll man Trost suchen und kann ihn finden durch neue Wahrnehmungseinstellung. Hierzu verhelfen auch Gespräche, Meditation und die Massenpsychologie von Feiern.

Die Vielfalt der Welt tröstet; sie regt zu Kombinationen an. Der Taufsegen bevollmächtigt und beauftragt uns zu göttlich bescheidener Kreativität.

Über einem unglücklichen Leben steht doch der ehrenvolle Trost: Das war ein reales Leben, ein einmaliges Stück von unserer gemeinsamen, einmaligen Wirklichkeit!

Leid muss man selbst tätig bewältigen. Andere können nur beistehen.
Mitleid kann man nicht bewältigen; und man soll es auch nicht weltanschaulich abheften. Man soll es durchleben; es soll uns erschüttern und das eigene Existenzverständnis vertiefen.

Solidarität belastet; sie führt leicht zu seelischer Überbelastung des einzelnen und Traurigkeit.

Paul Gerhard* dankte Gott: „Wenn unser Herze seufzt und schreit, bist du gar leicht erweicht und gibst uns, was uns hoch erfreut und dir zur Ehr gereicht.“ Dieser Vers war mir immer zuwider. Er setzt eine extrem regressive Gefühlslage voraus.
Unartikulierte Regression begehrt „weiche“ Umarmung; „hoch“ = schrankenlos undifferenzierte Entlastung; „gibst“ mit der Gabe Teil an dir selbst, erwählst uns zu Mitschöpfern.
* Ich singe dir mit Herz und Mund …

Abschied ist traurig; aber die bescheidene Solidarität des Schöpfers ersetzt das verlorene Gottesbild (den Abgeschiedenen).

Gesellschaft

Die natürliche Vermehrung der Menschheit wird durch intraspezifische Konkurrenz ausgebremst. Auch intraspezifische Mordlust gehört zu den Funktionen der chaotischen Selbstorganistion der Menschheit. Sie steigert sich in Massen und organisiert sich gewalttätig zu fürchterlicher Effizienz.

Der militante Islamismus lockt aus Deutschland marginalisierte junge Leute an – natürlich vornehmlich Kinder von Migranten aus islamischen Ländern, die ihre natürlichen Aspirationen auf soziale Anerkennung hier natürlich nicht voll realisieren können.
Sinnlosem Bemühen ziehen sie den Wechsel in einen ganz einfach vielversprechenden sozialen Kontext vor.
Das ist Manifestation eines globalgesellschaftlichen Problems.

Mehrgliedrige Wirkungsketten (insbesondere solche mit Geld als Zwischengliedern) schwächen die Verantwortlichkeit des Einzelnen.

Wenn ein gesellschaftliches Machtsystem zusammenbricht, bleibt seine obere Mittelschicht kompromittiert, aber meist erhalten. Das verhindert eine radikale Destrukturierung und dauerhafte Chaotisierung.

Geschichte ist ein chaotischer Prozess.
Demokratie ist ein voraussetzungsvolles*, labiles kollektives Konstrukt, eine Abfolge von kleinen, meist bald ausheilenden Katastrophen; ein mildes Chaos**. Sie soll, nach dem Willen der Mehrheit, dem friedlichen Zusammenleben des Volkes dienen.
Ausgegrenzte hingegen wünschen (meist dumm, aber verständlich) eher Umsturz, also ein wilderes Chaos – das doch nur Wenigen (und nicht den Besten) von ihnen nützt. Wer den (höchst ungleich verteilten) Wohlstand zwar (wie bei uns) aus nächster Nähe, aber nur von unten angucken kann, ist natürlich empört. Die Predigten der terribles simplificateurs fallen also in glücklichen Ländern bei den Ausgegrenzten auf besonders fruchtbaren Boden!
Davon lebt der ISIS***. Der massenhafte Zulauf hat „den Westen“ überrascht, – aber kaum aus seiner bornierten Selbstgerechtigkeit aufgeschreckt.
* Zu den Voraussetzungen gehören Transparenz der Problemstrukturen und ein umsichtiges, vorsichtiges und bescheidenes Volk.
** „Normalverteilt“ im Sinne der Statistik.
*** Es bedarf aber keiner Prediger. Auch die „Hooligans gegen Salafisten“ leben davon!

In reichen Gesellschaften vermehren sich die Reichen stärker als die Armen.

Wenn die sozialen Spannungen ins Chaotische wachsen, revoltiert das Rechtsempfinden des Homo sapiens, d.h. die Basis der geordneten Zusammenarbeit!

Die Menschheit ist kein stabiles System. Menschen versuchen, stabile Systeme zu bilden – wie auch Tiere Gruppen bilden. Und es gibt für bestimmte Umstände optimale und natürliche Lebenszeiten von Gruppen.
Der Mensch ist noch stark in Entwicklung begriffen; er hat besonders viele, ständig neue Existenzmöglichkeiten, – die mit einander konfligieren. Die Geschichte läuft deshalb chaotisch. (Umsicht und Solidarität begünstigen den evolutionären Erfolg.)

Barbarenherrschaft, überhaupt eine ungebildete Oberschicht, ist in der Regel ein Unglück für das Volk. Aber Herrschaftswissen und Kultur sind von einander weitgehend unabhängig. Selten zeichnet sich eine Person durch beide Qualitäten aus*. Der erfolgreiche Politiker oder Geschäftsmann muss nicht auch noch ein gebildeter Mensch sein. Macht und Prestige sind im Allgemeinen nur locker mit einander verbunden.
Zum Prestige des normalen Königs gehört allerdings ein Kreis von weisen Räten, – die sich die Bedenklichkeit leisten können, für die der Entscheidungsträger keine Zeit hat.
* Friedrich II von Preußen hatte eine besonders unglückliche Jugend unter einem strengen Vater hinter sich und wurde als mächtiger, gebildeter König zur berühmtesten Ausnahme.

Übermäßige Machtakkumulation als Entwicklungsbremse kann wohl auch ein Chaos verhüten, das noch schlimmer wäre.

Machtakkumulation ist für Organisation von Kooperation nötig. Sie geht aber weiter und belastet die Gesellschaft. Das führt immer wieder zu Aufstand der Massen* und sozialem Chaos.
* Buchtitel von José Ortega y Gasset, 1929 (dt. 1931).

Es gibt beschädigte Gesellschaften, die aus dem selbstschädigenden Verhalten nicht hinausfinden. Und das ist eine gefährliche Infektionskrankheit!

Menschen, die (im wolkigen, landläufigen Sinn) „an das Gute glauben“ und entsprechend leben und handeln, sind ein Licht in der Finsternis des sacro egoismo.

Macht: Verteidigung ist Ordnungsmacht, Angriff ist Störmacht. Beides ist immer gemischt, wenngleich mit verschiedenem Schwerpunkt.

Macht: Je ausgeprägter die Machtkonzentration, desto stärker das Wachstum und desto größer die Zusammenbrüche.

Alles Lebendige wünscht sich Nachhaltigkeit; und um, im großen Nebeneinander dieser Welt, sich diese zu sichern, bräuchte man Übermacht über alles, was einem gefährlich werden könnte.
Gesellschaftliche Macht setzt gesellschaftliche Struktur voraus. Aber die Gesellschaft ist in Bewegung; und diese ist sowohl verheißungsvoll wie gefährlich. Deshalb sträuben sich die Mächtigen, Macht abzugeben, – auch wenn das die Gesellschaft, in der sie unter den herrschenden Umständen ihre Macht haben, stabilisieren würde.

Der Nationalsozialismus, die Rote-Armee-Fraktion, das ISIS-Kalifat – sie alle haben angefangen als unausbleibliche selbstorganisierte Stücke am chaotischen Rand einer zufälligen, aber etablierten, Selbstverständlichkeit beanspruchenden sozialen Ordnung mit ihren sterilisierenden Verboten.

Die heutige Summe der Wünsche der Einzelnen destabilisiert das sozioökonomische System und seine Umgebung – zu Lasten der Mehrheit. Gleichmäßige Lastenverteilung ist nicht konsensual zu operationalisieren. Chaotisierende Verteilungskämpfe sind unvermeidlich. Sie können bestenfalls gemildert werden.

Alles Wirkliche passt nur schlecht zusammen. Der sogenannte Fortschritt ist angetrieben durch Inkompatibilitäten.

Sozialisierung ist oft nur teilweise oder gar konträr erfolgreich.
Sozialisationsprobleme fordern Kreativität. Das Ergebnis kann sich kulturell durchsetzen.
Großer konträrer Erfolg führt zu Selbstorganisation von – auch gewalttätigen – Gegenkulturen, z.B. RAF, IS(=„Islamischer Staat“).

Die menschliche Gesellschaft lebt von Vertrauen.

Herrschaft ist eine grobe Vereinfachung. Auch „Demokratie“ war schon immer eine grobe Vereinfachung.

Eine überwältigende Menge von guten Vorhaben, die einander durchkreuzen, bildet das Material der sog. Geschichte. Es lohnt, hier und da genau hinzugucken. Es ist, inmitten aller Traurigkeit, erhebend*!
* Goethe, Maximen und Reflexionen: „Das Beste, was wir von der Geschichte haben, ist der Enthusiasmus, den sie erregt.“

In ruhigen Zeiten stabilisiert man innovativ.

Die Gesellschaft ist ein Prozess von (durch Selbstsymbolisierung chaotisierter) Schwarmintelligenz. Selbst unzuverlässig, verpflichtet sie die Einzelnen zur Zuverlässigkeit als Stützen der Gesellschaft.

Die Selbstsymbolik vermittelt das Subjekt mit seiner Umwelt.
Subjekte sind, wie die Grammatik verrät, weitgehend Sache der frei objektivierenden Vernunft, Definitionssache.
Kollektive verhalten sich ähnlich wie Individuen. Sie sind schwächer organisiert, aber oft langlebiger.

Strukturelle Gewalt drückt einen Teil der Gesellschaft in eine unzumutbare Not und Hoffnungslosigkeit, die bei normalen Menschen asoziales Verhalten bis hin zu Gewalttat provoziert.

Leid erregt Mitleid und fordert Hilfe. Hilfeleistung lindert das Leid beider Beteiligten, auch wenn sie nicht Abhilfe schafft.

„Wir“ sind per definitionem das auserwählte Volk.

Die Geschichte verläuft weder linear noch zyklisch*; sondern chaotisch – so zwar, dass man sie sowohl linear wie zyklisch ein Stück weit ungefähr verstehen kann.
* Beides unbefriedigende Vorstellungen.

Die menschliche Gesellschaft vereinfacht und gliedert sich in Pseudospezies zu stabil kooperationsfähiger Struktur: Schichten und Klassen, die je die Macht ihres verschieden hohen Prestiges genießen.

Staat

Recht ist ein Strukturelement der Kooperation, staatlich versteift.
Gerechtigkeit ist ein gesellschaftliches Ideal, eine verpflichtende Vereinfachung.
Pflicht, im (nach Kant) vertieften Sinne, ist im Grunde Geschmackssache.
Guter Geschmack ist bescheiden.

Recht: Unrecht macht böse. Aggressionspotenzial hütet das Recht, und das Recht hütet den Frieden.

Eigentum ist natürlicherweise ungleich verteilt. Exponentielles Wachstum vergleichbarer verschiedener Werte verstärkt deren Ungleichverteilung. Die Finanzpolitik muss im Interesse des sozialen Friedens gegensteuern. Politik muss für eine Verteilung der knappen Güter sorgen, die der maßvoll gestreuten, natürlichen Ungleichheit der Menschen einigermaßen konsensfähig angemessen ist.

Recht: Geltendes Recht kann immer nur eine Weiterentwicklung herkömmlichen Rechts sein.

Macht-Gleichverteilung zwischen vielen Subjekten ist überkomplex, unberechenbar und wäre extrem instabil.
Das allgemeine vitale Bedürfnis nach koordiniertem, kooperativem, ja konsensualem Handeln fordert differenzierte Ungleichverteilung der Macht. Das ist die Basis jeder Massendemokratie.
Demokratische Kontrolle der sozialen Gewalt (Staat) setzt eine von aktivem Bürgersinn (citizenship) getragene soziokulturelle Einheit voraus. Ohne diese Voraussetzung gibt es nur Gewaltherrschaften (offene oder verdeckte) und Untertanen.

Jeder Staat braucht auch Gewalt. Hier gibt es Reibungsflächen und Probleme, die der Bürger, auch im Interesse des Staates, ernstnehmen sollte. Jeder Staat braucht für seine Stabilität nicht nur Zustimmung, sondern Mitdenken.

Entwicklung von Bürgersinn wird von unbefriedigender Leistung des Machtsystems hervorgerufen (Ende der DDR).

Recht: Gerechtigkeit im Chaos – jeder muss soldarisch dafür einstehen.

Kultur

Friede setzt Bescheidenheit voraus.

Eine Kultur, genauer: die Interpretation der Natur durch die herrschende Kultur, ist ein lebendiges Ungefähr. Eine gemeinsame Kultur ist wesentlich für die gesellschaftliche Kooperation, von der alle leben; aber was für eine Kultur hier und jetzt herrscht, das ist vielfach und wechselnd bedingt.
Da jedermann die Grundlage des Wohlstands gesichert wissen möchte, fordert die Gesellschaft im Konfliktfall Heuchelei und Lüge. Die kleinen Kinder werden mit Ammenmärchen erzogen – mit gleitendem Übergang zu Kindergottesdienst , Religionsunterricht und deren neueren Äquivalenten – bis zu den offiziellen Geschichtsklitterungen (nützlichen Vereinfachungen) im staatlich verordneten Unterrichtsstoff.
Wirtschaftsunternehmen haben ihre Betriebskultur und ihre Philosophie (und ein Hidden curriculum*), die ihre Bürgerpflichten nach innen und nach außen bestimmen.
Kulturkritik gehört zu einer lebendigen Kultur. Natürlicherweise stellen die Pubertierenden die Interpretation der Natur durch die herrschende Kultur (und damit die Grundlage des Wohlstands) in Frage.
* Ein Begriff von Philip W. Jackson (Life in classrooms, 1968), der auch im deutschen Sprachbereich erhellend und anregend gewirkt hat.

Der Begriff «terrible simplificateur» wurde 1889 von Jacob Burckhardt (in einem Privatbrief an einen alten Freund) geprägt – pikanterweise im Geburtsjahr A. Hitlers!

Für „mehr Kultur im Alltag“ setzt sich ein Bochumer „Design und Handwerk“-Geschäft ein. Es bietet schöne und gute Gegenstände an. Handtaschen, Kämme, Schmuck – Kunsthandwerk. Wozu? Hat unser Alltag mehr Kunst nötig? Ist er kulturell verarmt? Oder ist Alltag immer kulturell arm?
Kultur ist die Einbettung der (so hochdimensionalen) Menschen in ihre Gesellschaft, eine naturwüchsige, nicht machbare, hochdimensionale Struktur. Im Alltag aber geht es hauptsächlich um Machen; und Machen ist möglichst niedrigdimensional.
Wir haben auch im Machen Fortschritte gemacht. Der menschliche Kontakt dient im Alltag einem gemeinsamen Machen. Aber man arbeitet heute mehr mit Maschinen als mit Menschen*; Maschinen mögen kompliziert sein; sie sind doch jedenfalls einfacher als Menschen.
In der niedrigdimensionalen Perfektion der Kooperation vereinsamt der Mensch als Ganzer; der Alltag verarmt menschlich. Ein Kunstwerk, auch ein handwerkliches, ist ein Modell von Ganzheit. Kunsthandwerk bereichert den Alltag menschlich, indem es im Alltag an für die Produktion überflüssige Dimensionen der Menschlichkeit erinnert.
* Schon als ich jung war, gab es einen Bestseller „Mit dem Auto auf Du“.

Eine Kultur ist eine hochdimensionale, traditionsdominierte, „naturwüchsige“ Sozialstruktur.
Eine Zivilisation ist ein gemeinsames Dach für mehrere ähnliche Kulturen; niedrigdimensional, künstlich, zweckrational nach spezifischen Normen und Werten zukunftsorientiert. Der Kulturschwund im Zuge des beschleunigten Fortschritts wächst sich zur Naturkatastrophe aus.

In der Arbeitsgesellschaft ist Arbeitslosigkeit entehrend; man ist exkommuniziert. Wer seine Exkommunikation akzeptiert, sucht Anschluss an eine Gegenkultur. Das macht den ISIS so attraktiv. Der Normalbürger ist überrascht.

Viele Eigenschaften sind umständebedingt über die verschiedenen Menschen normalverteilt*. So auch der Wille zum eigenen Nachwuchs. Das bedingt eine stärkere Vermehrung der Vermehrungsfreudigen gegenüber der Minderzahl der Sublimierer.
Beide Typen aber arbeiten als Teile einer Gesellschaft einander erfolgreich in die Hände.
Der zölibatäre katholische Klerus ist ideologisch sehr vermehrungsfreudig. Wissenschaft, einst in Klöstern, in Schulen bei Regular- und Säkularklerikern (→„clerks“!) zuhause, neigt – nolens volens – zur Kinderlosigkeit, arbeitet aber für sustainable development.
* Grundmodell: Glockenkurve.

Die Zahl der Marginalisierten wächst. Ein Teil vereinsamt. Es gibt spontane Selbsthilfegruppen. Man sieht Grüppchen, mit Bierflaschen in der Hand, am Bahnhof herumstehen; andere reisen zum IS-Kalifen und genießen dort eine mächtige Wichtigkeit. Selbstmordattentate und Himmelfahrtskommandos sind große Mode.
Unser kultiviertes Establishment hat es allzu lange belanglos gefunden, was für Subkulturen am Rande der Globalgesellschaft spontan wachsen.
Besserwisserische Fürsorge führt nicht weiter. Hier ist, vor allem anderen, bescheidene Solidarität in der profunden Ratlosigkeit nötig, – die in den verschiedenen Kulturen verschieden symbolisiert und verleugnet wird.

Allgemeines nachhaltiges Wohlbefinden könnte manchem langweilig werden* – und also sein Wohlbefinden schmälern. Es ist nur eine von mehreren Leitideen, die allenthalben um die Vorherrschaft kämpfen.
* Das ISIS-Kalifat erinnert überdies an die gesellschaftliche Wichtigkeit von Rachsucht und Schadenfreude.

Jeder weiß es: Werbung manipuliert professionell und verzerrt die Wahrheit. Sie stiehlt ihrem Adressaten Zeit und Aufmerksamkeit und verhindert nach Kräften Umsicht und Besinnung. In dem Maße, wie Werbung die Öffentlichkeit beherrscht, verflacht die Kultur zum Markt.

Eine Kultur ist ein gemeinschaftliches Unterfangen auch die Umwelt umfassender Integration.
Eine Subkultur kann dem, an ihrem Teil, zudienen oder sich als Gegenkultur versuchen.
Ein kultivierter Mensch lebt für nachhaltige Integration.

Ein Kunstwerk ist ein Integrationsmodell – wie eine Theorie oder ein Aperçu.

Jede Kultur passt jedem Einzelnen nur ungefähr, hat also eine gewalttätige Seite und ist ein instabiler Kompromiss.

Die technisch verselbständigte Gewalt macht umfassenden Kulturwandel erforderlich.
In der mediterranen klassischen Antike entstand, auf dem Boden reicher Kulturtechnik, das Ideal der Humanität.

Nationalismen (sacro egoismo) neigen, wie religiöse Überheblichkeiten von Gottesvölkern, zu Intoleranz und mörderischer Gewalt. Auch das ist menschlich; es kann in gewissem Umfang (instabil) kultiviert werden (Kriegsrecht).

Kreuzritter, Reisläufer und jetzt die europäischen Djihadisten; Bernhard von Clairvaux und heute die islamistischen Hassprediger ähneln einander – Liebe und Hass ohne Mäßigung durch mitmenschliche Aufmerksamkeit.

Die empfundene Verlogenheit der Zivilisation hat schon zur Kriegsbegeisterung des Ersten Weltkriegs beigetragen.

Eine Zivilisation ist eine kollektive Leugnung der gewaltsamen Verzerrungen der Wirklichkeit durch die herrschende Symbolik. Der kulturelle Generationswechsel schafft jeweils neue Verzerrungen.

Das Bewährte versteinert. Kultureller Generationswechsel mit Schwarmintelligenz bringt Aufbrüche.

Menschliche Schwarmintelligenz bringt Symbolik und Sprachen hervor, tradiert und entwickelt sie weiter, in welchen Sinnsysteme und orientierende Existenzsymbolik entstehen, – Vereinfachungen, die komplexe Kooperationen ermöglichen, aber immer wieder auch zu mörderischen Konfrontationen führen.

Fließende Übergänge zwischen Realität und Vorstellungen sind konstitutiv für das menschliche Dasein.
Alle Identitäten sind bedingt; und ein jedes passt mit einem andern nur bedingt zusammen. Deshalb verstehen wir alles nur bedingt. Diese fließenden Übergänge machen das menschliche Zusammenleben so labil. Die Bedingtheit ist unergründlich.
Der Solidarische lebt den fließenden Übergang.

Die russischen Nationalisten sind, wie unsere Nazis waren, gekränkt.

Eigentum ist natürliches gefährdetes Grenzgebiet des Selbst, ein Raum der Interaktion. Eigentum verpflichtet. Es ein Medium der Zivilisation.

Wiederholungen sind für das Leben wesentlich. In ihnen vollzieht sich Identität. An mild chaotische Umwelt werden sie ungefähr angepasst. Anpassungsfähigkeit ist ein oft entscheidender Selektionsvorteil. Antizipation und Verstehen des Umweltgeschehens dienen der Anpassung. Verständnis ist tradierbar.
Für viele Spezies ist Geselligkeit wichtig; diese regelt sich vermittels Symbolik.
Menschliche Gesellschaften haben ihre Regeln. Das jeweilige Regelwerk ist ihre Kultur. Der Mensch ist durch Kultur zur Herrschaft gekommen.
Der Verstand jedes Einzelnen verarbeitet seine Wahrnehmungen kreativ. Die Kreativität prägt die Individualität und verleiht dem Einzelnen seinen sozialen Wert. Er lernt und kann etwas.
Kunst ist hohes Können, das sich verselbständigt hat. Sie ist zum Inbegriff von Kultur geworden. Kunst inspiriert.
Jede Kultur, jede Zivilisation hat barbarische Seiten; und das Ausmaß der Barbarei schwankt.
Heute scheint die Kultur weltweit im Niedergang begriffen. Die Halbwertzeit des Könnens ist, infolge der menschlichen Kreativität, schnell geschrumpft; angstgetrieben hastet man durchs Leben. Unsere Kreativität ist den selbstgemachten neuen Problemen der Menschheit wohl doch nicht mehr gewachsen.

Geld

Geld ist funktional zu definieren. Es hat mehrere mit einander zusammenhängende Funktionen. Grundlegend ist es ein Tauschmittel.
Auch Sachen können Wert haben, Wert behalten, Wert produzieren und als Tauschmittel angeschafft werden.
Zur Vorsorge ist ein Tauschmittel aber nur bedingt nützlich. Die schnelle Weltveränderung und die entsprechenden, spekulativen Preisschwankungen verunsichern heute jede Vorsorge.
Wahl-abhängige Politiker müssen zwar kurzsichtig kalkulieren und (wenn sie keine charismatischen Führer sind), gegen ein wachsendes Misstrauen an, ein baldiges Wirtschaftswachstum in Aussicht stellen; aber die endemische Sorge mahnt zu einer Sparsamkeit, die die kurzsichtige Wachstumspolitik behindert.

Geld ist Staatsverschuldung.

Tauschwert (der fundamentale Wert) des Geldes steigt mit Tauschbedürfnis, Verknappung und Zirkulation.
Geld-Akkumukation („Horten“) verknappt Geld, und bremst die Wirtschaft jetzt – zugunsten späterer Nachfrage.

Schon wieder ist die Welt überschuldet; „die Welt, die will betrogen sein“*.
* Sebastian Brant, Das Narrenschiff (LXV: Von Achtung des Gestirns), 1494, im Blick auf die (mit der neuen Technik des Buchdrucks vervielfältigten) Weissagungen des astrologischen Aberglaubens. Ebenda: „Der ist ein Narr, der mehr verheißt, als er in sym Vermögen weißt.“ („Vermögen“ im Sinne von: Was einer vermag.)

Wenn jeder sich durch die sozioökonomische Entwicklung gefährdet weiß, entsteht eine Angstspirale, die just das Geld entwertet, das da als Wertaufbewahrungsmittel gehortet wird. Auch Sachen eignen sich nur bedingt als Wertaufbewahrungsmittel*.
* Am sichersten wäre Tauschwert zu erhalten, indem man ständig die kleinen Schwankungen zwischen den Kurswerten und Differenzen zum (umständebedingten) Realwert ausnutzt. Aber das kostet Arbeitszeit von Fachleuten und also wieder Geld.

Inflation trifft absolut am härtesten die wenigen, die das meiste Geld haben. Insofern ist die heutige europäische Inflationspolitik eine Sozialpolitik im Sinne der Schwundgeld-Theorie.
Relativ aber trifft die schleichende Inflation am härtesten die Menge derjenigen, die von ihren Ersparnissen leben müssen.

Geldmenschen nennt man „Materialisten“ („materiell“ = „finanziell“ ~ Macht = Verfügungsgewalt) vs. „Idealisten“. Für Geld kann man beliebige Güter kaufen; Geld ist somit im sozialen Selbstverständnis so etwas wie in der klassischen Ontologie die formlose Materie (= reine Möglichkeit ~ „Vermögen“).

Geld ist Tauschwert, für persönlicher Vorsorge im Blick auf unvorhersehbare Umstände die geeignete Form.
Deficit spending der öffentlichen Hand entwertet, langsam aber sicher, die Ersparnisse (Sicherung der Altersversorgung).
Wertgegenstände sind Gegenstände von vermutlich* bleibendem Tauschwert.
* Aufgrund bleibenden Gebrauchs- (d.h. Lebens-)werts.

Geld ist reifizierter Glaube (credit).

Die Staaten haben das Gewaltmonopol; aber die Finanzwirtschaft hat mehr Macht.*
Moderne** Staaten sind transparent und demokratisch kontrolliert, und das schränkt ihre je aktuelle Macht ein.
* Schon vor dem dreißigjährigen Krieg sagte man: „Geld regiert die Welt.“
** Das ist kein chronologischer, sondern ein qualitativer Begriff, an neuzeitlichen Idealen von Macht orientiert.

Geld ist ein kulturelles Artefakt, nicht essenziell definiert, sondern durch seine Funktionen.
Grundlegend ist es ein allgemein anerkannter Wert, ursprünglich Gold und Silber, möglichst durch die Staatsgewalt* garantiert (geprägte Münze, sodann Papiergeld). Die allgemeine Anerkennung seines Wertes macht es zum zentralen Tauschmittel und Maßstab für quantitativen Wertvergleich; sie ist allerdings (im Zuge des Fortschritts auch krimineller Möglichkeiten) brüchig geworden. Auch das Geld „ist nicht mehr, was es war“.
Seine Wichtigkeit beruht heute vornehmlich auf seinen sekundären Funktionen in der aktuellen Zivilisation. In der augenblicklichen globalen Überflussgesellschaft fällt weniger die allgemeinmenschliche Nachfrage nach Realien direkt ins Gewicht als die Nachfrage der Mächtigen nach noch mehr Macht. So sind, auf kurze Sicht, die Finanzen wichtiger als die Realwirtschaft geworden. Diese wachsende Kopflastigkeit der Weltwirtschaft destabilisiert natürlich die Globalgesellschaft.
* Heute können die Banken Geld schaffen, für das sie selbst (in der Regel: im Verbund) garantieren, das sog. Giralgeld.

Erhöhung der Geldmenge, die den wirtschaftlichen Fortschritt übersteigt, ist Betrug. Gegen die Rezessionsdrohung ist sie Diebstahl an der ferneren Zukunft zu Gunsten der näheren und im Interesse an gegenwärtigem Frieden.

Geld ist nicht nur geruchlos („Non olet“), sondern gesichtslos. Man kann dafür eintauschen, was immer man fürs Leben braucht. Aber die, die das Geld haben, können gar nicht so viel brauchen, wie sie haben. Für sie ist Geld Material fast schrankenloser Freiheit, abstrakte, bloße soziale Macht (incl. Sicherung).

Die Bibel warnt vor dem Mammon als dem Abgott, der die sozialen Beziehungen gegen Gottes Gebot der Solidarität („Liebe“) regelt. (In der Neuzeit wurde hierfür der Begriff atheismus practicus konzipiert.)

Geld ein Wert-Joker, Sicherung gegen Unvorhergesehenes.
Kollektive Angst ist ein selbstverstärkender Prozess. Je mehr Unsicherheit herrscht und alle vor allen Angst haben – homo homini lupus –, droht Panik auszubrechen.
Das allgemeine Sicherungsbedürfnis führt gebieterisch in eine Finanzkrise.

Wirtschaft

Finanzielle Machtakkumulation: Die meisten haben immer weniger Geld, konsumieren also weniger. Das schwächt die Nachfrage. Dies entwertet die Produktionsmittel und mindert die Verzinsung der Investitionen. Der Markt für Luxusgüter bleibt stark, aber wird eng. Der Reichtum bremst das Wachstum aus.

Die (Reiche wie Arme betreffende) allgemeine Verunsicherung bremst vernünftigerweise die Zirkulation des Geldes und damit die Wirtschaft.

Für allgemeinen Wohlstand ist eine „Mittelschicht“ nötig. Diese Leute organisieren, verglichen mit Ober- und Unterschicht, am kompetentesten nachhaltigen Nutzen – primär jeder für sich selbst*, sekundär für das Kapital, darüber hinaus aber: für alle.
Sie machen auch einander Arbeit, allerdings mit ihren Erfindungen auch viel (mühevoll erlernte) Arbeit – zum Schaden ihrer eigenen Schicht – überflüssig.

Geld ist Anrecht. Ungleichverteilung ist faktische Rechtsungleichheit, die, im Interesse der Kooperation, durch eine Rechtsordnung abgesichert ist.
An der Kooperation sind fast alle interessiert. Sie steigert aber, durch industriell multiplizierendes Wirtschaftswachstum, die Ungleichverteilung und führt, in einem chaotischen Prozess, durch Ausbeutung von Mensch und Natur, in die nächste Katastrophe.

Industrie im heutigen Sinn beruht auf Technik, d.h. (immer höherer) Multiplikation. Einzelanfertigung ist wirtschaftlich zur Randerscheinung geworden*.
Das prägt heute auch den Wissenschaftsbetrieb. Dass Wissenschaft aus der Muße erwächst, war gestern. Besinnung und Sammlung des einzelnen entzieht sich der sozialen Kontrolle. Der Markt verspricht sich mehr von kommunikativer Geschäftigkeit.
* Neuerdings gibt es auch Individualisierung des industriellen Angebots. Es ist Sinn: Jedes Leben ist eine dynamische Ordnung und braucht zu seiner Erhaltung eine Umwelt mit einer Ordnung, die ungefähr dazu passt. Es ist Aufbau und Erhaltung einer zeitweiligen Ordnung inmitten eines unvorhersehbaren, mild chaotischen Prozesses. Das ist sein inmitten aller Trauer belebend erfreulicher Sinn.

Industrie ist möglichst massenhaftes Klonen, unidirektionales Kopieren je einer Form auf Materie. Rück- und Wechselwirkung sind minimiert.

Small is beautiful , aber Macht liegt besser im Markt.

Gewaltige, global operierende Marktforschungsunternehmen beraten die Wirtschaftsorganisationen, wie diese den Umsatz steigern können. Es ist nicht zu erwarten, dass die unorganisierte Kundschaft den meisterhaft gezielten Verführungen ökologisch genügend widersteht.

Gegenwart

Unsicherheit ist das einzige, was man mit Sicherheit prognostizieren kann. Aber umsichtige Politik braucht sorgfältige Berechnungen, auch wo diese nicht mehr belastbar sind.

In der aktuellen Machtpolitik wird zu ungeduldig gedacht. Schlechtes Benehmen muss nicht sofort bestraft werden; es schafft in der Regel dem Rüpel dauerhafte Folgekosten. Vertrauen ist Gold wert; spätestens wenn es verspielt ist, merkt man es.

Erst wächst die Bevölkerung, dann die Ansprüche, zu deren Gunsten dann das Bevölkerungswachstum zurückgefahren wird, was aber die Umweltbelastung nicht wesentlich mindert.

Die Menschheit ist so groß und so kompliziert geworden (jede Vereinfachung schafft neue Komplikationen), dass nicht nur der Souverän der Demokratie (das Volk), sondern auch die Administration/Regierung als Entscheidungsträger eigentlich überfordert ist.

Abschied vom Überfluss * fällt Kultivierteren und Bessergestellten leichter.
Jeder ist verpflichtet, für sich selbst vorzusorgen; und das ist für die Ärmeren schwerer. Deshalb sind sie weniger geneigt, Arbeit und Lohn mit den Arbeitslosen zu teilen, und insistieren auf ausgleichende Gerechtigkeit zwischen Armen und Reichen.
* Buchtitel von Niko Paech.

Die Globalgesellschaft überfordert die Menschen moralisch. Wir sind für kriegerische, kleinere Gesellschaften ausgelegt. Der Homo sapiens ist nicht so schnell veränderbar wie die blindlings von ihm selbst gemachten Veränderungen seiner Lebensbedingungen.
Die Gescheiteren sind ratlos – und stellen sich schwerhörig; die Dümmeren reagieren, eigentlich uraltmodisch, mit rabiatem (nationalem und/oder religiösem) Partikularismus.

Bildung senkt heute die Vermehrungsrate eines Volkes im Interesse höheren Wohlstands.

Verloren in der Globalgesellschaft, leben wir wie einst die „Jäger und Sammler“, wie im Urwald.

Die neuen Jungen lesen nicht mehr kanonische Bücher mit klassischen Modellen. Sie reden eine eilige, ungepflegte, neue Mischsprache. Global orientiert, setzen sie sich mit Selbstverständlichkeit für den Naturschutz ein, der heute lebensnotwendig geworden ist. Wir durchleben einen gewaltigen Kulturbruch.

The selfish Gene“* war 1976 eine bestechende Formulierung. Das ist jetzt fast ein halbes Jahrhundert her.
Das neoliberale Evangelium ist überwunden. Die ökonomische Maschinerie ist zwar immer noch auf die versimpelnde Anthropologie des Egoismus angewiesen. Aber als der Weisheit letzter Schluss überzeugt sie nicht mehr. Der Macht kommt das Prestige abhanden.
* Buchtitel von Richard Dawkins.

Die Menschheit hat sich durch Machtkonzentration zunächst höhere Sicherheit und Berechenbarkeit erkauft. Das Optimum aber ist überschritten; und kein Zurück ist konsensfähig.

In unserer globalen Informationsgesellschaft ist erhöhtes Misstrauen geboten.
In einer Gesellschaft aber, wo Misstrauen herrscht, ist man eher geneigt, sich vor Unrecht zu schützen, indem man selbst Unrecht tut. Eine kaputte Gesellschaft sehnt sich nach Heiligen, die das nicht versuchen.­

Die Globalgesellschaft ist oberflächlich homogenisiert, zerfällt aber rapide vieldimensional in ein explosives Chaos von Subkulturen mit kurzlebigen Insider-Sprachen.

Der Homo faber hat, kraft seiner Kreativität, die Arbeitsgesellschaft als verpflichtendes Modell überwunden. Wir leben in einer künstlichen Welt – unter immer drückender werdender Konkurrenz seitens unserer Maschinen. Ein konsensfähiger Ersatz für die verlorene Normenwelt der Arbeitsgesellschaft ist noch nicht gefunden*. Deshalb ist die (hauptsächlich wirtschaftlich fundierte) Ordnung der Globalgesellschaft so labil.
* Kulturarbeit als funktionales Äquivalent für materielle Produktivität (Adrienne Goehler mit Götz Werner, 1000 € für jeden. Freiheit. Gleichheit. Grundeinkommen) ist sympathisch, aber zu schwach.

Nicht nur physisch, sondern auch kulturell setzt Gelingen höheren Lebens eine lange Selektionsgeschichte voraus.
Kulturelle Überlieferung ist Lebenserfahrung, die in einer bestimmten Umwelt gesammelt wurde. Ihre Brauchbarkeit hängt von der Konstanz dieser Umwelt ab. Veränderungen des Milieus sind gefährlich: sie bedingen kulturelle Innovationen und Traditionsabbrüche. Überrascht, überwältigt und ratlos erleben wir das heute weltweit.

Die wirklich Bedürftigen können nicht genug zahlen; die Märkte sind gesättigt; das Marketing wird immer aufdringlicher und steriler.
Der effizienteste Motor der lahmenden Weltwirtschaft wäre die Rüstungsindustrie. Sie ermöglicht schnellste und gründliche Zerstörung und belebt die Nachfrage entsprechend. Nach dem zweiten Weltkrieg hatten wir das deutsche Wirtschaftswunder. Wir waren bedürftig; aber es lohnte sich, bei uns zu investieren! Niemand kann sich öffentlich so etwas noch einmal wünschen. Aber auch die massenhaften kleinen Zerstörungen infolge des technischen Fortschritts*, die wir geschehen lassen, steigern das Bruttosozialprodukt.
Die Technik nimmt den Menschen Arbeit ab; und sie macht die Reicheren schneller reicher. Weltweit aber richtet sie, sozial und ökologisch, zunehmend Schaden an.
Die Reichen wissen heute nicht mehr, wohin mit ihrem Geld. Es zirkuliert nicht mehr, wie es sollte. Entwertung droht – wieder am bedrohlichsten für die Armen.
Herkömmliche wirtschaftsethische Selbstverständlichkeiten sind kontraproduktiv geworden. Das in der Politik immer noch dominierende Ziel "Wachstum!" sowie die Produktion gehen zunehmend zu Lasten der Nachhaltigkeit
* Der größte Feind des Guten ist das Bessere.

Bei der allgemeinen Verunsicherung durch das globale Innovationstempo, erscheint das Tauschmittel Geld als die sicherste Sicherung. Allzu ungleich verteilt aber, chaotisiert es das System, anstatt zu sichern.

Früher gab es Heilige Schriften und Klassiker. Heute gibt es das Internet, kurzatmige Vermassung. Und die chaotisiert.

In einer hektischen Weltgesellschaft gedeiht eine korrupte Oberschicht.

Verglichen mit den andern Weltmächten, hat Europa Bescheidenheit gelernt.

Medizin soll Leiden mindern. Gesetze sollen der allgemeinen Wohlfahrt dienen.
Ein Todesfall hinterlässt Leidtragende. Ein Selbstmord schockiert überdies; er wirft die Frage nach der erlebten Mitmenschlichkeit der Mitmenschen auf.
Weder Gesetzgeber noch Arzt sind berufen, diese Frage zu verhindern. Hier geht es, vor allem andern, um ehrliche Anerkennung nicht nur von individuellen, sondern auch von kollektiven Notlagen, – zu denen heute der demographische Wandel und die entsprechenden Zustände in den Pflegeheimen gehören. Hier ist wohl eine Kulturrevolution an der Zeit.

Es gibt mehr empörte Opfer der sozialen Ungleichheit als der brave Bürger für möglich gehalten hätte! Inmitten des privilegierten Westens konvertieren sie vom Rand der Gesellschaft zum militanten Islam!
Besonders unterprivilegierte junge Männer empfinden die Heteronomie der sozialen Selbstverständlichkeiten, die sie nun in eigener Verantwortung übernehmen sollen, als Missachtung der Chaotik der gebotenen Kreativität (des Wagnisses, ein menschliches Subjekt zu sein) und schließen sich einer international erfolgreich blutig kämpfenden Protestbewegung an.

Mit der Zahl der Mitmenschen ist die Komplexität unserer Lebenswelt enorm gewachsenen. Die Globalgesellschaft ihr nicht gewachsen.
Den meisten Menschen dienen verblüffend einfache Weltbilder symbolisch zur Verhaltensorientierung. Befriedigen diese nicht mehr, so ersetzen die überforderten Individuen sie gern unverbindlich durch noch einfachere (und unverträgli­chere); denn Desorientierung ist schwer erträglich.
Die Operationalisierung im konkreten Verhalten hingegen ist recht differenziert und oft borniert gut geschult durch „Ausbildung“, die vielfältige neue Massenware. Die Unbildung der so gut Ausgebildeten wird gefährlich für die ganze Biosphäre!
Das hat jeder im Gefühl; und Bildung vollzieht sich unbeholfen in persönlichen Fühlungnahmen und Gesprächen.

Die Menschheit wuchert – und zerstört ihre eigene Existenzbasis.
Die Memetik/Informatik wuchert und zerstört die Menschheit – vielleicht bevor diese die Biosphäre zerstört hat.

Noch immer riskieren Politiker öffentliche Ablehnung, wenn sie sich nicht dumm stellen und für Wachstum kämpfen.

Ausblick

Nach klassischem Verständnis ist die Welt durch (gestörte) Normalitäten strukturiert.
Die Entwicklung unserer Produktionsverhältnisse aber – von den ersten Faustkeilen, deren sich der Mensch bediente, über die Maschinen (die nun umgekehrt der Mensch bedient) und die heutige Produktion von Produktionsmitteln – schwächt sich nicht ab in ein normales sustainable development, sondern wächst exponenziell in eine global lebensgefährliche Chaotik hinein*.
Das kommt von der menschlichen Kreativität, – einer schon immer gefürchteten, verteufelten Gottgleichheit. (Nach der biblischen Schöpfungsgeschichte, 1Mose 2,7, blies der Schöpfer** dem Menschen Lebensatem*** in die Nase.)
* Ausgreifende Zukunftsphantasien sind prognostisch wertlos. Es sind Existenzsymbole; sie haben ihren Markt und sind kulturpsychologisch interessant.
** Scil.: „aus Seinem Mund“! *** Scil.: „zum menschlichen Leben“!

Die Zukunft ist Zeit; die Ewigkeit erfahren wir jetzt.

Sustainable development? – Entschleunigung – Ruhe – im Grunde: Demut!
Demut hat Mut, nicht den Mut der Verzweiflung, sondern etwas von dem Mut des Schöpfers.

Bei den obwaltenden Produktionsverhältnissen deckt die globale Versorgung den globalen Bedarf nicht. Umstrukturierung der Verhältnisse und Umverteilung sind ständig im Gang. Machtakkumulationen und -zusammenbrüche werden immer gewaltiger. Die eigene Macht wächst der Menschheit über den Kopf.
Mit vereinfachenden, einander widersprechenden Schuldzuweisungen überlagern Verteilungskämpfe das gemeinsame Interesse, erschweren die Kooperation. und drohen das Anthropozän abzukürzen.

Der 121 Zentimeter große und 28 Kilogramm schwere Roboter „Pepper“, den der japanische Telekommunikationskonzern Softbank im Februar 2015 auf den Markt bringen will, kann Stimmlagen, Gesichtsausdrücke und Gesten erkennen und soll Emotionen deuten. "Was wir anstreben, ist ein Roboter mit Persönlichkeit, der zum Glück einer Familie beitragen kann", sagte Softbank-Chef Masayoshi Son.
Elon Musk, der Chef von Autobauer Tesla und Gründer der privaten Raumfahrtagentur SpaceX, ist der Überzeugung, dass künstliche Intelligenz die größte existenzielle Bedrohung für die Menschheit darstellt.

Die Menschheit verlangt „Wachstum!“; und dieses verlangt heute weltweiten Raubbau. Im Großen und Ganzen weiß das heute jeder.
Aber auf der niedereren, der operativen Ebene (wo es, mit Blick auf die nächsten Generationen, gälte, heute Verzicht zu leisten) bestärken die Völker und ihre Machthaber einander im Selbstbetrug. Und die Probleme sind tatsächlich abschreckend groß!
In der Verschwendung lässt die Gesellschaft sich Ungleichheit und das übliche Unrecht eher gefallen als im Verzicht. Wir müssen uns gefasst machen auf Konflikte von nie dagewesener Gewalt. Das sind kollektive Prozesse, die niemand steuern kann.
Uraltmodische Demut ist an der Zeit, – und mir scheint, dass diese Tradition unter den verunsicherten jungen Leuten heute wieder mehr Resonanz findet. (Der Mut der Verzweiflung bei den Selbstmordattentätern und den Konvertiten des IS-Kalifen beleuchtet die Szene von der andern Seite.)

Je schnelllebiger die Zivilisation, desto stärker nimmt die gegenwärtige Opferbereitschaft für die Zukunft mit der zeitlichen Ferne ab.

Machtgier ist sicher genetisch ein intraspezifischer Selektionsvorteil, aber nicht sicher ein evolutionärer Vorteil für die Spezies. Sie kann den Gen- pool interspezifisch benachteiligen. Sie könnte, gerade wegen des intraspezifischen Vorteils, für die Menschheit fatal werden!

Die Globalisierung hat den Raum geschaffen für weiter aufgesteilte Kapital-Akkumulation, also Machtakkumulation. Die extreme Macht der wenigen führt zu extremer Machtlosigkeit der vielen. Das aber ist kein stabiler Zustand; es führt in ein Chaos mit erhöhtem Katastrophenpotenzial, gefährlich nicht nur für die Menschen, sondern auch für ihre Umwelt.

Wir wissen: Unsre Welt ist „unten“ offen zum Höllischen. Und wir ahnen momentweise, dass sie auch nach oben, himmelwärts, beglückend offen ist.
Im großen Ganzen (Evolution) sind wir gestiegen, und auch individuell gewachsen und gereift.
Aber Absturz geht schneller als Aufstieg.

Der Welthandel mit seinen Umweltbeschädigungen wächst etwa exponentiell. Die Aussichten sind entsprechend chaotisch und endlich katastrophal.

Die dem Untergang geweihte Gegenwart solidarisch zu leben macht Sinn.

Ende der Prognose: Selbstschädigung des Systems mit ungewissem Ausgang.

Januar 2015