Thomas Bonhoeffer

Wühlkorb 18

28. August 2016

Inhalt

Wirklichkeit 2

Leben 2

Erkenntnis 4

Vereinfachung 5

Chaos 5

Symbolik 6

Existenzsymbolik 6

Religion 7

Schöpfung 8

Gott 8

Jesus 10

Gesellschaft 10

Geld 11

Macht 12

Gewalt 12

Staat 12

Recht 13

Solidarität 13

Kultur 14

Individuum 15

Moral 15

Trauer 15

Alter 16

Gegenwart 16

Ausblick 18







Wirklichkeit

Was wir als „real“ objektivieren, ist nur eine Sammlung Skizzen von unserer Wirklichkeit.

Leopold von Ranke, der Klassiker des Historismus, fragte, angesichts der Vielfalt der Traditionen, einfach, „wie es gewesen“. Das ist zunächst zu ergänzen: „in unserer Perspektive“; und, im Blick auf die Überlieferung, genauer: „Wie wahrscheinlich ist es so gewesen?“

Fantasie ist unser grundlegender, angeborener Weltbezug, der erste Entwurf des Subjekts für einen Realitätsbezug. Mithilfe mütterlichen Entgegenkommens differenziert sie sich aus.
Die uns angeborene Hoffnung fantasiert in verschiedenen Horizonten: von einzelnen Handlungen mit offenem Horizont – über abnehmend aussichtsreiche, zunehmend vage Projekte – bis zu den sog. „letzten Dingen“ der Eschatologie.

Bescheidene Bewunderung der Vielfalt der Schöpfung ist wohl das dauerhafteste Glück.

Für Statistik gilt: garbage in – garbage out! Sie setzt bei jeder Anwendung einen wohldefinierten Ausschnitt aus der Wirklichkeit voraus; aber die Vollständigkeit der Definition des fraglichen Wirklichkeits-Ausschnitts (aus dem Chaos!) bleibt eine offene Frage! Da hat Vermutung (learned guess) das letzte Wort.

Das „Diesseits“ unseres Verstehens ist ein offenes* System.
Es ist eine aus triftigen Gründen spannungsvolle Interessengemeinschaft.
* Die Rede von der Menschwerdung Gottes markiert eine offene Stelle. Formal dasselbe gilt von Fr. Th. Vischers Reden von der „Tücke des Objekts“.

Die Dinge sind in Bewegung und passen immer nur ungefähr zusammen.
Das ist eine objektive Feststellung; der schöpferische Blick aber sieht darin anregende Schönheit.

Leben

Leben will weiterleben und spielt mit entsprechenden lang- und kurzfristigen Phantasien*. Es kann aber immer nur um Zeitgewinn gehen.
* Etwa: „Arbeiten, als ob der Tod im Vorzimmer säße; planen, als ob man ewig lebte!“

Zellteilung ist ein Mittelding zwischen Sterben und Weiterleben.
Zell-Spezialisierung ist verwandelndes Weiterleben.
Eine Kultur ist eine Strategie von Sterblichen, weiterzuleben.
Symbolik lebt symbiontisch.
Geist ist verwandeltes symbiontisches Weiterleben.

Das Leben ist ein mildes Chaos von Äquilibrations- und Stabilisierungsprozessen.

Wie alles Wirkliche, bin ich Ereignis, Produkt einer Verwandlung. Wir verwandeln und werden – schmerzlich, freudig, nolens volens, wachsend und schwindend, erwartend und enttäuscht – lebenslang verwunderlich verwandelt.

Weiterleben ist Verwandeltwerden.

Neu gegen alt gehört zum Leben. Das Langbewährte ist träger als das Neue; schon dies führt zu Spannungen.

Leben ist ständiges Verwandeln von Substraten.

Trost im Sterben: Ich bin nur ein Exemplar, eine Kopie, eine Skizze.

Leben ist spielen müssen.

Leben ist die hohe Kunst des Sterbens; ein Leben ist ein Ereignis (Energie mal Zeit*),
* Die Physik nennt das: „Wirkung“, die Dimension der kleinsten Einheit!

Die Habgier des Einzelnen war einst ein evolutionärer Vorteil unserer Spezies. Sie hat ausgedient! Heute zerstört sie unser Biotop und betreibt die Selbstvernichtung unserer Spezies.
Bescheidenheit kann sich nur subkulturell durchsetzen.

Für vermehrungsfähige Spezies ist große Vielfalt ein evolutionärer Vorteil.
Dies gilt wohl auch für symbiontische „Spezies“ wie Sprachen und überhaupt Symboliken. (Das hat auch politische Relevanz!)

Leben ist ein (unter verschieden dauerhaften, wechselnden Umständen) multistabiles System.

Schmerz ist ein phylogenetisch uraltes, für die bisherige Entwicklung wichtiges, grobes Warnzeichen für das einzelne Lebewesen. Unser Leben ist körperlich und seelisch schmerzlich. Sterben ist ein Aspekt des ganzen Lebens; und das Lebensende ist nicht das Schmerzlichste.
Die Evolution des menschlichen Lebens macht immer schnellere Fortschritte. Wir haben dabei Zielvorstellungen – nicht zuletzt: dem althergebrachten Schmerz künstlich zuvorzukommen; aber wir erleben ja allenthalben die Tücken des Fortschritts.

Leben ist Mitleben. Wirklich ganz allein leben wäre tödlich langweilig. Schon unser Organismus* ist ein Miteinanderleben von Zellen. Unser Seelenleben ist ein chaotisches Miteinander von – wirklichkeitsnahen und wirklichkeitsfernen, gemeinsamen und eigensten – Fantasien.
* Franz von Assisi nannte seinen Körper „Bruder Esel“.

Leben will nicht hauptsächlich glücklich sein, sondern, glücklich oder unglücklich, weitergehen.

Das Weltgeschehen im Ganzen ist für den menschlichen Verstand zu kompliziert; er sieht zwar in dem Ganzen keinen Sinn; aber es ist interessant (im vollen klassisch-lateinischen Sinne von inter­-esse).
Leben sinnt auf Weiter-Mitleben; der Sinn des sterblichen Lebens ist Weiterleben.
Jeder möchte natürlich nehmen und geben, also zunächst ganz naiv sich irgendwie einbringen. Das ist der jeweilige Sinn seines Lebens. (Wer sich umbringt, bringt sich ein als Schrei nach Solidarität in der Ratlosigkeit.)

Genauigkeit und Sicherheit sind Ideale; in aller Empirie aber müssen Ungefähr und Wahrscheinlichkeit genügen. In der Mikrophysik (einer "exakten Wissenschaft") ist die Wahrscheinlichkeitswelle ja seit ca. 100 Jahren sogar theoretisch als Grenze unseres Verstehens anerkannt. (In der Kosmologie läuft es wohl ähnlich.)
Das "Ungefähr" wird zu Unrecht meist negativ empfunden. Mann und Frau, Mensch und Umwelt, Wirklichkeit und Symbolik, passen ungefähr zusammen, aber nicht genau. Man irrt sich; und in bester Absicht baut jedermann viel Mist! (Die Sündenlehren der Religionen versimpeln das.)
Aber die Ungenauigkeit ermöglicht die Evolution. Das Ungefähr ist das Element des Lebens mit seinem Glück und Unglück!

Zum Lebenswillen gehört Hoffnung; Hoffnung (notfalls "Jenseits"*-Hoffnung) ist uns angeboren. Sie trägt die Spezies über evolutionäre Krisen hinweg – unter Umständen auch zur Entstehung neuer Gattungen.
Leben ist Suchen und Versuchen, search und research; und wir (alle Menschen, "gute" und "böse", und überhaupt alle Lebewesen) sind so etwas wie Versuche – interessant und faszinierend, aber nicht endlos interessant!
Natürlich hoffe auch ich auf weitere (von neuen Subjekten, belehrt durch unsere Erfahrungen, weiser/gewitzigt geplante) Versuche. Dann mag man mich vergessen und meine Arbeit wegwerfen wie ein altes Schulheft; „der Mohr hat seine Arbeit getan, der Mohr kann geh'n"**.
* "Jenseits" unseres bornierten Verstehens! „Das Jenseits“ ist in trüben Zeiten ein Refugium des Lebenswillens.
** Schiller, Fiesko.

Wir erleben das Ende des hoffnungsvoll verantwortungsfreudigen Glaubens an die Vernunft. Diese will, inmitten der Chaotik der natürlichen Evolution – auch der menschlichen Natur*! – , eine dauerhafte Ordnung; und diese kann bestenfalls ein komplexer Kompromiss sein.
Aber Kompromisse sind labil. Es kostet Energie, sie (durch weitere Komplikationen) aufrecht zu erhalten; und eine Kombination ungünstiger Umstände kann sie zu Fall bringen**.
Ratlos, leben wir, mit unserer angeborenen Hoffnung, in Hoffnung auf Hoffnung.
* Man kann vernünftigerweise nur versuchen, die natürliche Dynamik der Ungleichheit (über Ausbeutung zu Desintegration der Gesellschaft) durch Solidarität in Schranken zu halten.
** Ich erinnere an Hitlers Wut auf „das System“ (Weimarer Demokratie) der Kompromisse.

Die Sterblichkeit macht ein apokalyptisches Grundgefühl: Meine Welt geht zu Ende.
Diese ist aber so verwoben mit „der Welt“, dass unsere vitale Hoffnung unseren zeitlichen Horizont transzendiert.

Hoffnung ist phantastisch kreativ, ein selbstverstärkender Prozess; individuell (und für ganze Gruppen) riskant, aber phylogenetisch, evolutionär so lange vorteilhaft, wie das umfassende System nicht aus dem Gleichgewicht gebracht wird.

Ein Leben ist das Ergebnis einer sehr langen Entwicklung. Der unbegrenzte Wunsch nach Haltbarkeit gehört in diese Entwicklung und ist jedem Lebewesen angeboren.
Wir wissen allerdings: Leben ist Generationswechsel (dieses Wissen ist ein kulturell erblicher Selektionsvorteil). Man hofft und sorgt also für Kind und Kindeskinder – und, für diese, nach Kräften, für eine hoffnungsvolle Zukunft.

Lebenswille und Hoffnung im überraschungsvollen milden Chaos der Biosphäre sind uns angeboren! Wir können unsere individuelle Hoffnung prinzipiell nicht begründen. Es ist halt die Hoffnung, die bisher erfolgreich unsere Spezies beseelt hat.

Erkenntnis

Viele einzelne Aspekte der Wirklichkeit kann man weitgehend durchrationalisieren.

Eine Intuition ist die aufmerksamkeitserregende unbestimmte Wahrnehmung eines Zusammenhangs; für Praxisorientierung muss sie geprüft und näher qualifiziert werden.

Die Unsicherheit der Zukunft immunisiert Entscheidungen gegen die abwägende Vernunft.

Intelligenz ist autokatalytisch expansives Vereinfachen.

Eine Wahrnehmung ist normalerweise auch schon eine ungefähr verstandene Vorstellung.

Immer weitere Horizonte tun sich uns auf, und immer neue Symboliken verdecken uns, vereinfachend, die Wirklichkeit.

„Der Anfang aller Wissenschaft ist das θαυμάζειν/sich wundern.“ Ich habe leider vergessen, woher ich diesen schönen Satz habe.

An aller spontanen Rede „ist etwas Wahres daran“ (im Ungefähr der Symbolik: mehr oder weniger!). Ob sie irreführend oder richtig informiert, hängt von den Umständen ab. Das klassische Begriffspaar signum/res ist nur in hoch stereotypiertem Kontext brauchbar.

Philosophie und Theologie sind hervorgerufen durch die sperrige Ereignishaftigkeit der Erkenntnis. Auch sie wollen das Leben erleichtern, Vereinfachungen, Zusammenhänge finden, unsere Vorstellungen an die Gegebenheiten anpassen, Illusionen entmythologisieren.

Identifizierbare Vorstellungen sind Gleichgewichtspunkte in stabilen Systemen in den (ungefähr gleichen) menschlichen Gehirnen. Der Stabilitätsbereich kann mehrdimensional sein; und es kann darin – mehr oder weniger hervorragende – Gleichgewichtspunkte geben. (Der Gleichgewichtspunkt abstrakter Gegenstände ragt steiler hervor.)
Auch in der Mathematik ist die Fortentwicklung ermöglicht durch das Ungefähr der jeweils repräsentativen Realisierungen.

Einstein staunte über unser Natur-verstehen-Können. Man kann auch staunen über die (ungefähre) Brauchbarkeit des Naturbegriffs.
Dieser ist ein Derivat unserer Überlebensfähigkeit, unseres „Wir“, nämlich unserer Symbolik, namentlich unserer Sprache; diese unterscheidet in Wortart (Substantiv und Verb/„Zeitwort“ bzw. Eigenschaftswort) und Syntax (Subjekt und Prädikat) zwischen zeit-invarianter Konstante und Variable. „Natur“ ist jeweils eine hypothetische Konstante.

Neue Ideen soll man dankbar und hoffnungsvoll notieren, um sie einzubringen ins kritische Gespräch und Selbstgespräch.

Vereinfachung

Als „Wesen“ einer Sache hebt man eine ihrer Qualitäten* hervor.
* „Einstellige Relationen“ in einem mit Selbstverständlichkeit vorausgesetzten, vereinfachenden System.

Verallgemeinerung erlaubt Analogieschlüsse; und die sind nie sicher, werden aber im Ungefähr des Lebens gebraucht.

Was in der Psychotherapie „Wahrnehmungseinstellung“ heißt, ist ein „Assimilationsschema“ im Sinne Piagets.

Ein Symbol hat ein unscharf begrenztes, großes Netz von Konnotationen. Natürliche Sprachen sind Symbolsysteme.
Ein Zeichen vereinfacht; es hat wenige, starre Konnotationen. Menschliche Zeichensysteme sind künstlich.

Soziale Integration und Gesundheit sind Ideale, verführerisch vereinfachende Schema! Alle leiden an den Komplikationen des wirklichen Lebens, fast alle an irgendwelchen Gesundheitsproblemen!

Chaos

Normalerweise müssen wir unsere Wahrnehmung auf Ordnungen voreinstellen, die je ihren begrenzten Stabilitätsbereich mit normalverteilter Fehlertoleranz haben. (Unsere religiöse Tradition nannte die Menge solcher Ordnungen Schöpfungsordnung.)
Aber alle Ordnungen sind Inseln im unendlichen, wunderträchtigen Chaos; und auch das muss der Realismus immer wieder wahrnehmen – und sich wundern.
Dies erlebt die künstlerische und die religiöse Wahrnehmungseinstellung. Wirklicher Glaube ist nach Luther: angefochtener, durch Gott* (?) angefochtener Glaube.
* Goethe: Nemo contra deum nisi deus ipse.

Saubermachen verschmutzt die Umwelt, Ordnungmachen chaotisiert sie – und sei es nur durch den Verbrauch von Energiegefälle.
Leben ist und braucht Ordnung. Aber Leben ist Zusammenleben. Deshalb ist das „Saubermachen“ nicht immer ratsam. Diktaturen sind eher kurzlebig.
Gesellschaften exportieren gern ihre inneren Spannungen in Kolonien und zerstören die dort herkömmliche Ordnung dauerhaft.
Auf die Länge am lebensfreundlichsten ist ein mildes Chaos.

Symbolik

Mächte, die dauerhafte Menschenmengen zusammenbringen, (Militär, Staat, Wirtschaft, Werbung, Religionen) sind auch sprachgeschichtlich wegweisend.

Sprache mit ihrem vielfältigen Ungefähr stiftet eine Solidargemeinschaft mit Schwarmintelligenz.

Sprachentwicklung:
Latein → romanische Sprachen,
neuzeitliche Kolonisatorensprachen (englisch, französisch, spanisch, portugiesisch) → Pidgin- und Kreol-Sprachen,
weltweit → vergröbernde Vereinfachung der Alltagssprachen, kurzlebige globale Subkulturen präzis funktionsorientierter Fachsprachen mit ihren Abbreviaturen, Piktogramme.

Man sagt in der Küche: „eine Idee mehr Pfeffer“. Eine lebendige Vorstellung (ἰδέα) vom eigenen Körper hat eine winzige Innervation zur Folge!

„Denk dich schlank!“ Das wird vielfach empfohlen und wirkt scheint‘s auch immer ein Bisschen.

Das Ungefähr der Sprache ist Freiraum für Gutes und Böses.

Das Ungefähr des Zufalls, der Lebensraum, ist leider auch Raum für subliminalen* systematischen Irrtum sowie Irreführung und Salami-Taktik.
* Unter der Wahrnehmungs- bzw. Reaktionsschwelle.

Jedes Lebewesen nimmt seine Umwelt vereinfacht symbolisiert wahr.
Religion, Wissenschaft, Alltagssprache sind für unsere verschiedenen Lebensprobleme mehr oder weniger geeignete Symboliken.

Symbolik kann zu einem trügerischen Zeichensystem erstarren.

Ein Symbol ist eine stereotype Reaktion auf als ähnlich erlebte Erlebnisse. Es sammelt, intersubjektiv ungefähr verständlich, Erinnerungen an Ereignisse. Wiederholungen in immer neuen Situationen entwickeln seine Bedeutung weiter.

Lüge ist ein Verbrechen gegen die Menschlichkeit.

Kreativität findet zunächst in der Symbolik statt. Symbole sind im Grunde „Übergangsobjekte“ (Winnicott), handhabbarer Ersatz für Reales.

Existenzsymbolik

Man muss zwischen Schrei, Hilfeschrei und Ruf unterscheiden.

Alles passt mit allem nur ungefähr zusammen; und wir sind involviert.
Widersprüche im Selbstbild führen zu Spannungen, Spaltungen und Abspaltungen und zu stabilisierender Fusion der instabilen Spaltprodukte mit Bildern von bestimmten Mitmenschen und einem (ebenfalls mehr oder weniger gespalteten) Menschenbild („Adam“).

Wir haben jeweils nur ein Du. Ein Du ist eine selbstverständliche Einheit.

Paul Tillich insistierte darauf: „Was uns unbedingt angeht“ können wir nur symbolisch verstehen. All unsere Symbole sind letztlich Existenzsymbole, d.h. sie betreffen letztlich, „was uns unbedingt angeht“.

Kunst und Religion integrieren Erlebnisse.

Im Nachdenken über das Böse gerät unser Denken und Reden in Paradoxe.

Religion

Gebet ist Autosuggestion mittels traditioneller Hilfsvorstellungen. Christliches Gebet aktiviert die Wahrnehmungseinstellung der Solidarität.

Religionen sind Furcht- und Wunschdenken inmitten des Wunders des Lebens.

Juden haben aufgrund ihrer Geschichte ein anderes Weltbild.
Das Neue Testament und der Islam bauen auf dem Alten Testament auf. In allen diesen Traditionen zeigt sich, dass die Menschheit bescheiden weiter lernen sollte.

„Sünde“ nennt man einen Verstoß gegen ein Gebot, eine Heilsgabe Gottes an sein Volk.
Für das biblische Denken aber stehen nicht einzelne Sünden im Vordergrund, sondern die Sündhaftigkeit der Menschheit, d.h. die Beziehung der Menschheit zu Gott.
Und das Christentum sieht das Gottesgesetz durch die Offenbarung Gottes im Jesus-Ereignis relativiert. Sünde ist da irrgläubige Unmündigkeit (Gal 4, 1-7).

Die lebendige Person ist materia formata, identifizierbar als eine forma substantialis. Der Körper zerfällt zwar einmal; aber sie wirkt und hinterlässt Spuren, namentlich lebendige Erinnerungsbilder. Unsere Spuren entwickeln sich weiter. Wir werden schrittweise zur Unkenntlichkeit* verwandelt**.
Solidarisch mit jedem und all dem, was wunderbar zu Selbständigkeit entstand, dann mitleben will und endlich doch stirbt, können wir die Welt als Schöpfung, creatio continua, die wundervolle Gegenwart Gottes, erleben.
* Das beginnt schon zu unseren Lebzeiten in dem Weiterwirken unserer Worte und Werke.
** Solche Hoffnung bezeugt, in wahnhafter Form, auch der Osterglaube.

Auch religiöse Existenzsymbole sind Vereinfachungen – Beispiele: Offenbarung, Allmacht, Schöpfer, Du, Gottesnamen.
Religion ist spontane Existenzsymbolik, Ereignis.
Religiöse Lehre ist rationalisiert sozialisiertes, brüchig konfessionelles Kontinuum.
Theologie ist durch Gott angefochtene Religion.

Der Koran ist ein klassisch monotheistisches Gesetzbuch. Der Islam („Hingabe“) ist eine totalitäre Rechtskultur.

Real existierender Monotheismus neigt zu Ideologiebildung und damit zu Zersplitterung.

Emotionen neigen natürlicherweise zum Personalisieren und Personifizieren. Darauf beruht jeder Gottesglaube.

Die christliche Verheißung des Heiligen Geistes beruft uns zu Kreativität.

Für institutionalisierte Religion sind nicht Vertrauen, Hoffnung und Liebe das Wichtigste, sondern das organisierbare, organisierte Kognitive, die Weltanschauung: der Glaube.

Der Koran gibt sich, als Sammlung der Offenbarungen Allahs an Mohammed, als aus einem Guss. Die Bibel/τὰ βίβλια/Büchlein (~„schriftliche Unterlagen“) hingegen gibt sich, schon grammatisch, als Plural. Deshalb ist sie eine schlechtere Grundlage für Ideologiebildung; aber eine bessere für eine Ökumene.

„Das Wunder ist des Glaubens liebstes Kind“, sagt der zweifelnde Professor Faust (I, Nacht, 767). Aber er erlebt, ohne Glauben, das Wunder, dass die altvertraute Osterbotschaft („Freude dem Sterblichen“, 738) ihn „mit Gewalt“ (743) vom Selbstmord abbringt. Ubi et quando visum est Deo*, tut Verheißung Wunder und erweckt Glauben!
* Melanchthon 1530, Augsburgisches Bekenntnis, Art. 5.

Die einzigartige Geschichte des Judentums zeigt: Glaube* an Verheißung (Hoffnung) lohnt sich. Sie regt die Phantasie an. Diese trifft zwar selten die Realität; aber die wenigen Treffer sind (memetisch und infolgedessen genetisch) weit überproportional fruchtbar!
* Schiller, Sehnsucht: „Du musst glauben, du musst wagen; denn die Götter leih’n kein Pfand. Nur ein Wunder kann dich tragen in das schöne Wunderland.“

Gebet ist eine religiös reflektierte Interjektion.
Genuine Interjektionen sind unregelmäßig, hervorgerufen durch die Unregelmäßigkeiten des Lebens.
Kult ist integrativ wirksame, regelmäßige (meist gemeinsame) Reflexion der Interjektion. Regelmäßiges Gebet ist Kult.

Die Bibel ist ein hoffnungsvolles Buch trauernder Liebe.

Glaube ist überlieferungsbezogene Hör-Kultur. Skepsis ist, wie der Name σκέψις sagt, Seh-Kultur, überlieferungskritisch gegenwartsbezogen.
Den Schöpfer kann man nicht sehen. Aber wir können, im Licht des Gehörten, in der unerschöpflichen Vielfalt unserer Umwelt Gottes Gegenwart entdecken und immer genauer sehen; wir können die Schöpfung als Gottes Zuspruch wahrnehmen.

Der mystische Blick lässt alles Schon-wissen und ­-verstehen hinter sich und lässt sich neu von dem unerschöpflichen, unverstandenen Vielerlei beeindrucken, das er vor Augen hat. Es ist der Kinderblick, „Regression im Dienste des Ich“*. Er erlebt Schöpfung, die Gegenwart des Schöpfers.
Unsere Gottesvorstellungen und -begriffe sind Verdinglichungen dieses Erlebnisses. Auf sie ist kein Verlass; sie lassen uns unversehens im Stich. Die trinitarische Lehre vom Schöpfer suspendiert die Verdinglichung durch das Bekenntnis zur Gottheit Jesu, zum Paradox der innertrinitarischen Gottferne.
* Psychoanalytisches Konzept des Kunsthistorikers Ernst W. Kris

Schöpfung

„Der Menschheit ganzer Jammer fasst mich an“, formulierte Goethe*.
„Finsternis über der Tiefe“, „tohuwabohu“, Chaos. „In einem Anfang“, erzählt die Bibel, schwebte der Geist Gottes über den Wassern. Und in den Jammer hinein ruft Gott: „Es werde Licht!“ (1Mose 1, 1-3).
Gottes Wort ruft aus dem Jammer Kreativität hervor. Gott heißt mich, im Gefühl meiner Schwachheit, an seine Stelle treten; darin findet das Jammern in der Finsternis sein Ende.
* Faust I, Anfang der Kerkerszene.

Trauernd kann man in Schwachheit Gottes Ruf und Führung, Schöpfung im Chaos erleben, verwandelt auferweckt werden.

Gott

Δόξα ist Ruhm und Glanz; der johanneische doxa-Begriff schillert; und "Herr-lichkeit" ist noch in einem sozialen Schema von Herr und Knecht gedacht.
Aber Herrlichkeit ist der Götze in „des Teufels Wirtshaus“*. Jesus hatte es da mit seinem Leben zu bezahlen, dass er den Glauben an die Solidarität brachte:
Gott ist mit uns in unserem Leiden solidarisch; und wir sollen solidarisch sein mit Gott in seinem Leiden**.
* So nannte Luther die Welt.
** Hierin klingt Dietrich Bonhoeffers Gedicht Christen und Heiden nach.

Der Eine Gott ereignet sich jeweils als eine persönliche Hilfsvorstellung zur Integration eines Subjekts in die Welt.

Gottesbegriffe sind selbstwidersprüchlich. Die Welt ist nicht gut und nicht schlecht. Sie ist nicht Gott, aber sie ist göttlich; sie ist zeitlich, was der ewige Gott gewollt hat.

Ein Schrei ist natürlich mitmenschlich verpflichtend, ein Ruf persönlich verbindlich.
Der Gottesname ist ein personal ausgerichteter Ruf; man scheut dessen Verbindlichkeit*.
Der Gottesbegriff ist jeweils ungefähr eindeutig, aber diachronisch widersprüchlich.
* Sogar die expliziten Ausweichmöglichkeiten („Ach Gottchen / du liebes Lottchen / meine Güte / mein Schreck“) sind außer Gebrauch gekommen.

Glaube an Gottes Liebe und Treue macht uns erfinderisch!

Gläubiger Gehorsam gegen die herrschende Macht beruhigt. Aber Glaube an die Macht vergrößert die Macht und verlangt, gegen Erstarrung, erhöhte Umsicht.
In Synagoge, Kirche und Moschee ist Gehorsam gegen den allmächtigen Gott zentral.
Aber Glaube an die Allmacht ist katastrophenträchtig*.
Der Glaube an Jesus in seiner Ohnmacht** als Gottesssohn ist ein Korrekturmechanismus. Das erste und das letzte Wort hat, nach Paulus, nicht das Gesetz, sondern das Evangelium – das Gesetz ist „zwischeneingekommen“ (Rm 5, 20).
* Im heutigen Islam scheint der Gehorsam gegen das Gesetz den Glauben an die Allbarmherzigkeit Allahs zu ersetzen.
** Dazu: 2Kor 12, 9!

Gottes „Allmacht“ ist kein Begriff, sondern ein Symbol des Erlebens seiner wundervollen Gegenwart in der verwunderlichen Welt.

Es ereignet sich immer wieder, dass wir die Welt als Gegenwart eines erhabenen Du empfinden. Die Schöpfung ist unaussprechlich erhaben.
Daran sollen wir teilhaben. Die Christenheit redet von der Ausgießung des Heiligen Geistes. Die Menschen sind von Gott zu Erhabenheit über die Welt berufen (1Mose 1, 26-30).

Gott ereignet sich uns als das Erlebnis einer unendlichen Einheit.

Was ist mit dem Wort „Gott“ gemeint? – : Das, was alle Menschen immer und überall eigentlich (im Grunde) meinen. Dem Baby ist seine Mutter Gott.
Das Siebentagewerk ist der biblische Mythos von einer ersten Vergabe Gottes. Gott vergibt auch die Mythologie. Alles andere kommt und geht; aber der Gott, den wir immer meinen, der das Kommen und das Gehen vergibt, ereignet sich als der Bleibende.

Sich identifizieren mit Gottes Solidarität, das ist der Heilige Geist.
Gott ist auch mit Stalin, Hitler, Putin, Erdogan, Assad und Trump und den Ihren solidarisch.

Der lebendige Gottesglaube (der dann in der Trinitätslehre paradoxe Gestalt annahm) führt immer wieder in Konflikte mit der Realität, in „Anfechtung“, zu seiner „Kreuzigung“, in einen Karsamstag – und muss ein Ostern, Anbruch einer Neuen Schöpfung, erleben. Er ist das Ende eines jeden Theismus.

Wir können Gott nennen und meinen, ohne zu wissen und zu verstehen, was wir meinen. Er hat uns seinen Namen anvertraut; ihn in Erregung gedankenlos anzurufen, ist vielleicht eine Unsitte, aber kein Missbrauch seines Namens im Sinne der Bibel.
Wir sollen Gott fantasieren – und immer wieder an unseren Fantasien zweifeln.

Man muss die Gotteserfahrung ernstnehmen und die (ontologisch harmonisierende) klassisch-kirchliche Lehre von Gott als tres personae – una substantia radikalisieren: Gotteslehre ist eine Anmaßung. Gott ereignet sich.

Beten-Können ist ein unverfügbares* Erlebnis; man fühlt sich beschenkt.
* Es ist traditionsbedingt, aber Glaubenssache, und die Predigt wirkt Glauben unverfügbar, „ubi et quando visum est Deo“ (Melanchthon 1530, Augsburgisches Bekenntnis, Art. 5).

Unser Verstehen ist beschränkt. In der Not helfen Jenseits- und Gottes-Fantasien der natürlichen Hoffnung. Auch im Glück aber erleben wir mehr, als wir verstehen; wir möchten jubeln – und Gott fantastisch lobpreisen.

Herkömmlicherweise lehrt die Mutter das Kind beten. Die Mutter ist auf ihren Mann – als Ersatz für ihren Vater – bezogen; das „Bild“ der Mutter von ihrem Vater ist, schlecht und recht, unser erstes Gottesbild.

Wohl alle drei monotheistischen Religionsstifter, Mose, Jesus und Mohammed, wuchsen als vaterlose Kinder auf.

Gott, ich bin dein. Du hast nicht nur Jesus dich vertreten lassen, sondern lässt uns Menschen alle, jeden an seinem Ort in der Welt, wirkend und ruhend, dich vertreten. Du hast uns, mit Deinem Geist ausgerüstet, weggeschickt* in diese Welt.
Im normalen Leben vergesse ich das – und erlebe nur dann und wann, wenn ich den Blick etwas erhebe, eine demütigende Sinnlosigkeit. Nur in Not erkenne ich mich als deinen Vertreter, in die Nachfolge Jesu gerufen.
* 'Gottferne' oder 'Abwesenheit Gottes' kann es nur als sozusagen innertrinitarische Gottferne geben.

Jesus

Durch das Ereignis Jesus (Rm 10, 4) hat Gott uns mündig gesprochen (Gal 3, 25). Wir sind voll eingespannt in Gottes Schöpfungswerk. Wir sollen tun, was uns das Beste scheint, nach bestem Wissen und Gewissen Gutes fortsetzen und Schlechtes verbessern.
Hier gibt es keine Objektivität. Hier gibt es nur Teilnahme an ständiger, überwältigender Ver­wand­­lung.

Petrus und Paulus waren beide visionäre Apokalyptiker. In apokalyptischer Symbolik war die Bedeutung der Jesus-Geschichte am ehesten fassbar. Und in dieser Fassung versteinerte sie in weniges Jahrzehnten.

Jesus war ein Weckruf, präkognitive Erinnerung an unsere Kreativität: Wir machen bei der Schöpfung mit!

Gesellschaft

Die Nöte und politischen Unruhen weltweit und die entsprechenden Flüchtlingsströme führen zu Ausbeutung und stabilisieren Sklaverei als Alternative zum baldigen Tod.

Organisiertes Verbrechen ist eine unvermeidliche Komponente im sozialen Chaos der Menschheit.

Jeder als Erbe etwas anderer (ihm nur zum kleinsten Teil bewusster) Erfahrung mit entsprechenden Erwartungen und Verpflichtungen, wuseln wir mit großer Selbstverständlichkeit durcheinander.

Betrug bringt eine Chaotik ins Leben, die die Evolution beschleunigt, indem er kleine Zusammenbrüche bewirkt. Wohin die Evolution führt allerdings, wissen wir nicht.

Gewalttätige Vereinfacher wie Mohammed, Napoleon und Hitler haben sich durchgesetzt auf dem Boden gewaltbereiter Friedenssehnsucht in einem verworrenen Krieg.

In den Wahl-Siegen der AfD manifestiert sich Verunsicherung, ein in der unteren Mittelschicht* verbreitetes Gefühl, von der Oberschicht mit Wachs­tums­versprechen betrogen worden zu sein.
* „Der Nationalsozialismus“, sagte mir ein älterer Berliner Pfarrer, „das war der wildgewordene Spießer“.

Käufliche Intelligenz optimiert subsystemar, beschränkt, – und sägt, konsequent, an dem Zweig, auf dem auch der Käufer sitzt.

Arme Leute müssen den Reichen zudienen.
Die primitive exponentielle Dynamik der Machtverteilung überbewertet die Reichen und unterbewertet die Armen empörend.

Wenn Investition in Produktion wegen Angebotsüberhang nicht lohnt, kauft man etwas, das (vermutlich) seinen Marktwert (mindestens) behält. Markt ist (gewöhnlich geldvermittelt) transitiver Tausch; und der setzt Vertrauen voraus. Stabiler Markt setzt eine stabile Gesellschaft voraus.
Wenn der Staat zu schwach ist, um das zu garantieren, muss die Privatwirtschaft einen Produktionsumweg in Kauf nehmen und in den Staat investieren – in erster Linie durch Steuerzahlung. Rendite ist da die Marktstabilität, die allerdings für den einzelnen Steuerzahler keinen Wettbewerbsvorteil bringt, sondern nur für den jeweiligen Markt im Ganzen.
Der Staat kann die Stabilität der Gesellschaft nur dann garantieren, wenn er nicht nur Macht, sondern auch das Gewaltmonopol hat.

Geld

Geld hat, als Teil der menschlichen Kultur, Teil an der Dynamik der menschlichen Natur. Zu dieser gehört: „Ein jeder Wunsch, wenn er erfüllt, kriegt augenblicklich Junge.“*
Wunscherfüllungen markieren Generationen der Wirtschaftsgeschichte. Sie regen ihrerseits zu neuen Wünschen an, die zu ihrer Erfüllung geeignete Mittel verlangen. Das allgemeinste Mittel, spezifische Mittel zu bekommen, ist Geld. (Wer zu wenig Geld hat, heißt schlechthin „minderbemittelt“.)
Geld gehört jemandem, es gehört zu jemandem, wie Schmuck, Schuhe oder Füße; es ist Besitz und Eigentum, von der Dynamik seiner Person bewegt.
Es hat seine besonderen Qualitäten. Der Mensch wünscht, diese zu genießen; dafür aber muss er sich auf diese Besonderheiten verstehen.
Es ist Tauschmittel. Ein einfacher Tausch muß nicht vermittelt werden. Geld wird primär gebraucht für vital nötigen Austausch zwischen mehreren, vielen Menschen, ja Massen.
Die Dynamik des Tauschs beruht darauf, daß derselbe „Gegenstand“ für verschiedene Menschen und in verschiedenen Situationen verschiedenen Wert hat. (Auch Geld und Arbeit sind „Gegenstand“ von Tausch.) In größeren Gesellschaften wird, zur Sicherung wirtschaftlicher Kooperation, der Wert von Geld durch Staatsgewalt künstlich festgelegt (oder verändert).
Auch das Geld vermehrt sich, es trägt Zins (τόκος = Abkomme); und, wie der Mensch, vermehrt es sich nicht allein, sondern nur interaktiv. Geld will produktiv „angelegt“ sein. (Auch „zurückgelegtes“ Geld ist für Anlage vorgesehen.)
* Wilhelm Busch, Niemals, in: Schein und Sein.

Das Subsystem Geld ist wieder einmal aus einem Stabilitätsbereich der menschlichen Kultur hinausgewachsen. Das System Menschheit kippt wieder einmal ins Unbekannte.

Handel ist Vertrauenssache. Wo tragfähige persönliche Beziehungen fehlen, braucht man andere Sicherheiten. Hinter dem Geld steht formell die sichernde Staatsgewalt. Die Macht des Marktes aber ist in Krisenzeiten stärker als die Staatsgewalt.
Marktpreis heißt derjenige Preis, bei dem die höchsten Umsätze erzielt werden. Und das hängt von vielerlei Faktoren ab, die kein Herrscher beherrschen kann.

Geld ist ein Tauschmittel.
Tausch setzt Eigentum, sozial anerkannte Ansprüche, Verfügungsrecht voraus. Getauscht werden Anrechte, Spielräume des Lebens, Lebensmöglichkeiten. Tauschen ist Veränderung der Lebensmöglichkeiten.
Geld ist zwar längst der größte, aber es ist der niedrigst-dimensionale, und deshalb nicht der ganze Spielraum des Tauschs.

Je schneller die Gesellschaft sich verändert, desto flexibler/liquider muss man sein. So wird Geld immer wichtiger; die Wirtschaft kommt dadurch aus dem Gleichgewicht, und so verliert das Geld seine reale Basis und seine reale Sicherungsfunktion.

Wer ein Hundertfaches des Existenzminimums einnehmen will, ist verblendet.

Macht

Demokratische Politik sollte, durch periodische Wahlen in die Machtpositionen, für intraspezifische Verteilungsgerechtigkeit sorgen, hat ja aber, infolge ihrer natürlichen Trägheit, zwar noch nicht ganz* das Gewaltmonopol, aber ihre Macht weitgehend verloren an das höchst flexible, undurchsichtig globalisierte Finanzsystem.
* Die organisierte Kriminalität profitiert von globalen Finanzsystem und nimmt zu!

Was macht der Reiche mit seiner Macht? Natürlich vergrößert er sie.
In erster Option organisiert er günstigere Produktion von Gütern durch teurere, aber weniger Arbeitsplätze.
Massenarbeitslosigkeit von Minderqualifizierten verschärft sich. Es droht Revolution der nun entschieden unter ihrem Wert Verkauften; damit aber verpufft humane Energie. Um dem zuvorzukommen, braucht die Gesellschaft einen stabilen Staat.

Gewalt

Gewalt ist eine unverzichtbare Randerscheinung auch von legitimer Macht. Minimierung von Gewalt legitimiert die Machtordnung.

Auch Drohung mit Gewalt ist Gewalt.

Macht ist ein vieldimensionales, stabiles soziales Konstrukt. Gewalt statt Macht ist eine Vereinfachung.

Überall bedeutet Macht gesellschaftliche Wirkung. An der Staatsspitze fusionieren öffentliche Gewalt und private Macht.
Hier kann pseudo-öffentliches Privatinteresse gewalttätig werden. Das ist destruktiv und, erfahrungsgemäß, über kurz oder lang autodestruktiv. (Solche nationalen Führungscliquen haben innen- und außenpolitisch mehr Feinde als unvermeidlich – und Konflikte kosten Kraft.)
Der Staat braucht für seine Stabilität eine dauerhaft echt konsensfähige öffentliche Kontrolle vonseiten seiner Bürger.

Staat

Die „öffentliche Meinung“ ist eine Diskussionslage.
Demagogen verführen durch populistische Forderungen.
Populismus artikuliert den elementaren Egoismus der Mehrzahl der Einzelnen, den eine solide Politik nur reflektiert und modifiziert in kollektive Aktivität umsetzen kann.

Staatliche Ordnungen sind „schwimmende Inseln“* im Chaos.
Man redet von politischen Krisen wie von Ausnahmezuständen eines Organismus; und der Begriff Krise stammt tatsächlich aus der Medizin. Aber diese beschäftigt sich mit längst stabilisierten Organismen, nicht mit staat-artigen Organisationen.
* Sie erinnern an Doktor Doolittles schwimmende Insel (Hugh Lofting 1922).

Der Mensch ist ein animal sociale. Es gibt ein jedem einzelnen angeborenes Bedürfnis nach einer Sozialordnung, mit der er sich ungefähr identifizieren kann. Da liegen nun vielerlei Kompromisse (und ihre Anhänger) in ehrlichem Streit um eine Friedensordnung – auch ohne Irrtum, Irreführung und Unehrlichkeit: Streit! Das gehört zur Conditio humana.

Recht

Stabile Stellenbesetzungen gehören zur sozialen Ordnung. Stabile soziale Ordnungen sind komplexe, oft undurchsichtige Strukturen, Raum auch für konsenswidrige Ausnutzung von Privilegien und für Missbrauch von Ermächtigungen.

Friedliche Einigungen sind konservativ. Neuerungen sind spannungsvoll.

Rechtsgemeinschaften sind Solidargemeinschaften.

Das „Recht des Stärkeren“ und die „normative Kraft des Faktischen“ gehören zur widerspruchsvollen Erbmasse des Menschen als animal sociale. Das „Recht“ des Stärkeren beruht auf dem praktischen Konsensbedürfnis; Symbolgemeinschaft ist Voraussetzung von Kooperation! Auch kleinste Weiterentwicklungen der Rechtskultur können das überlebensgefährliche Chaos jeweils wenigstens eindämmen.

Verantwortlich ist man nicht gegenüber einem Gesetz, sondern gegenüber einem Anspruch. Verantwortung ist persönliche Gewissenssache. Ein Gesetz ist in der sozialen Realität (oft eine nur ungefähr überzeugende) Vereinfachung. Deshalb ist letztlich die Rechtsprechung entscheidend.

Solidarität

Wahre Skepsis ist nicht unbedingt ratlos, aber demütig umsichtig. Die ältesten philosophischen Skeptiker waren Ärzte. Ärzte helfen Leidenden; das hat mit Solidarität zu tun.
Heute ist Solidarität in der Ratlosigkeit die letzte Weisheit.

Unsere technisch ermöglichte Vermehrung, multipliziert mit dem gestiegenem und medial gesteigerten Anspruchsniveau, erhöht den Raubbau und eine irreversible Umweltzerstörung.
Religion ist konservativ und oft reaktionär verblendet fortschrittsfeindlich. Es folgte ein Fortschrittsglaube – mit seiner Verblendung. Aber inzwischen ist auch er gedemütigt; und jetzt ist Solidarität in der Ratlosigkeit der letzte Hoffnungsträger.

Solidarität soll realistisch sein, sie bleibt aber ein Wagnis! Kalkulieren ist immer beschränkt.

Liebe, im biblischen Sinne von ἀγάπη, ist emotional Solidarität und kognitiv Interesse. Beides ist nicht voneinander zu trennen.

Gott rät der menschlichen Interessengemeinschaft zur Solidarität in der Ratlosigkeit. Dieser Rat hebt die Ratlosigkeit nicht auf, sondern funktioniert sie um zur Basis einer Solidargemeinschaft.

Die uns angeborene Solidarität ist verschieden mit Partner, Kind, Eltern, Nachbarschaft, Sprachgemeinschaft, Menschheit, höheren und niederen Tieren, und endlich sogar Pflanzen.

Kultur

Auch der anonymen Toten, als Basis des eigenen Lebens, zu gedenken, legitimiert die kulturelle Erbschaft.

In der Interaktion mit Vertrautem verwirklicht der Mensch seine Identität, – die auch zu Unvertrautem ihn ermutigt. Verlust von Vertrautem verstümmelt unsere Identität und nötigt zu Rückschritten.

Die Gesellschaft ist nicht so, wie wir sie gerne hätten; und ihr So-sein „hat System“ (allerdings ein fluktuierendes). Auf diesem Boden entstehen und stehen immer wieder neue Protestparteien gegen „das System“* und diejenigen, die sich hier (gewiß nicht immer mit konsensfähigen Methoden) in den Machtpositionen festgesetzt haben. Schimpfen, Zanken, An-einander-vorbei-Reden (statt mit einander zu reden) ist emotional befriedigend und deshalb bekanntlich massenpsychologisch erfolgreich. Sogar Gewalttat kann seelisch entlasten und gutgeheißen werden.
Kompromisse sind frustrierend; es ist mühselig, sie auszuhandeln, und eine Geduldsprobe, sie zu rechtfertigen. Aber sie sind, für die (technisch bedingt heute globalisierte) menschliche Gesellschaft als Schicksalsgemeinschaft, in aller Regel das kleinere Übel!
* So nannten in den 1920er Jahren anti-aufklärerisch versimpelnde, konservative und völkische Kreise (am lautesten die gewalttätig nach der Macht greifende Protestpartei NSDAP) die frustrierend komplizierte Weimarer Demokratie.

AfD und entsprechende xenophobe Parteien in andern Staaten sind kulturkonservativ.
In der Tat sind gemeinsame kulturelle Selbstverständlichkeiten für ein hinlänglich vertrauensvolles Zusammenleben nötig.
Die nationalen Probleme sind aber heute zunehmend Folgen von internationalen Problemen. Damit ist für die Lebenserwartung nationaler Kulturen entscheidend geworden die Entwicklung einer globalen Kultur differenzierten Zusammenlebens – ein beunruhigend großes Problem!

Nicht nur eine Aggressionskultur, sondern auch eine Misstrauenskultur ist für den sozialen Frieden erforderlich.

Eine Kultur verdankt ihre Stabilität ihrer Vieldimensionalität.
Die Handwerkskulturen sind den eindimensional optimierenden jeweiligen Industrien erlegen.

In einer Leistungsgesellschaft produziert das Gefühl, nicht gebraucht zu werden, die Aussicht auf ein sinnloses Leben, und damit: die von H.M. Enzensberger* thematisierten, teuflischen „radikalen Verlierer“.
* Schreckens Männer. Versuch über den radikalen Verlierer, 2006; wieder abgedruckt in Versuche über den Unfrieden, 2015.

Koinzidenz nur weniger Komponenten mit beschränkter Überschneidungsmenge genügt für den Übergang von einem kollektiven Spannungszustand in einen psychotischen Schub. Beispiele:
1. Der Hitlerismus war eine Komposition von kollektiver Gekränktheit, Führerpersönlichkeit, Rassismus und nationalem Sozialismus.
2. Der Islamismus ist ein Amalgam aus Gekränktheit von Marginalisierten aus allen Ländern und Religion.

Kultur ist brauchbar und stabil geordnet gesammelte Erfahrung.

Ein neuer Glaube* kann einem vertrauten, bekannten und bewährten sozialen System seine Selbstverständlichkeit nehmen und es zum Einsturz bringen.
* Auch ein Glaube an das Wissen!

Individuum

Das sog. Chaos ist der Horizont unseres Daseins. Die Störungen unseres jeweiligen Weltverständnisses sind Horizonterweiterungen, die uns belebend ins Sterben einführen.
Wir weinen und erleben die enttäuschende Erhörung unseres Rufs nach Gott: die Welt, demütigend verheißungsvoll, als Seine (wörtlich:) wunder-volle Gegenwart.

Nicht als scharf unterschiedene Individuen, sondern als Repräsentanten der Menschheit sind wir אָדָם, Mensch, Gottesbild (1Mose 1, 26f.).

Moral

Glück und „Pech“ trotzen allem Wahrscheinlichkeitskalkül. Man will es nicht wahrhaben, der Alltagsverstand versucht, es vom Tisch zu wischen; aber er weiß: Wir leben in einem Chaos.

Man soll sich für Recht und Moral einsetzen; aber Glaube an Recht und Moral ist naiv.
Der Erwachsene versteht sich und die Seinen, zunehmend ratlos, als chaotische Elemente eines Chaos von Ordnungen.
„Alter schützt vor Torheit nicht.“ Weisheit ist Solidarität in der Ratlosigkeit – eine Gottesgabe, die schöpferisch und dankbar macht.

Mit Selbstverständlichkeit helfe ich einem Flüchtling auf seinem Weg zu seinem Ziel, – das mir doch gleichgültig ist. Das mitmenschlich Naheliegende* hat die Dynamik der natürlichen Evidenz.
* Das passt zu dem „Nächsten“ als Bezugspunkt des biblischen Gebots.

Eine menschliche Gesellschaft entwickelt sich in kleinsten Schritten ständig weiter; und ohne genügenden Überblick und Durchblick zu haben, wurstelt man, unter allen Ansprüchen und zwischen den Interessenkonflikten sich durch, so gut man kann. Das betrifft das Rechtsempfinden: „Allen Menschen recht getan, ist eine Kunst, die niemand kann“; und ultra posse nemo obligatur*.
Aber, im Widerspruch zu aller juristischer Vernunft, hat der moralisch sensible Mensch selten ein ganz ruhiges Gewissen. Der Kirchenvater Augustin lehrte das Non posse non peccare**! Das ruhige Gewissen ist Friede mit Gott***, ein Gnadengeschenk von dem wahren, dem unbegreiflichen Gott des gekreuzigten Jesus, Glaubenssache. In Anlehnung an die kirchliche Tradition, wage ich zu sagen: In Jesus hat Gott alle Schuld und Strafe auf sich genommen. Gott ist mit seinem Geschöpf solidarisch; in dieser Solidargemeinschaft wir haben Teil an seiner Schuld und Strafe.
* In dieser Form ist der altrömische Rechtsgrundsatz Impossibilium nulla obligatio est (Digesten, Buch L, 17, 185) zum geflügelten Wort geworden.
** Contra Julianum, opus imperfectum, V 38.
*** Der Mensch in der „gefallenen Schöpfung“ hadert mit Gott!

Egoismus ist ein schnell überalterter Infantilismus.

Bedrängt von der Flüchtlingsmasse, sind wir von starken und eindeutigen, aber konfligie­ren­den Gefühlen zerrissen. Das Ergebnis ist ein Kompromiss und ein schlechtes Gewissen.

Trauer

Trauer ist Regression, Rückfall aus der Realität in Ratlosigkeit, in unvoreingenommenes Wahrnehmen der Enttäuschung.
Diese Regression sollte den Abschied erleichtern: Sich-fallen-Lassen in die Verwandlung als Erlösung, verwunderliche Entpflichtung. Leben steht unter Pflichten; aber morituri omnia solvunt.

Abschied vom eigenen kleinen Leben: Durch Trauer hindurch, untergehen in die unaussprechliche Erhabenheit der Schöpfung.

Wenn man nicht weiß, wo man anpacken soll, muss man einen Schritt zurücktreten. Depression und Trauer sind natürliche „Regressionen“.
Nach einer Weile tut man dann etwas – und hat manchmal, wie selbstverständlich, eine Idee, die im Rückblick als Eingebung imponiert.

Trauer ist tiefe*, naturgesteuerte „Regression im Dienst des Ich“**. Sie provoziert Solidarität und ist Chance für ein neues Wir.
* Psalm 130, De profundis.
** Begriff von Ernst Kris.

Trauer gehört zu den normalen Funktionen einer Lebensgemeinschaft. Im Rückzug vom gewöhnlichen Zusammenleben muss und kann der Trauernde zu einem Neuansatz finden, der für alle einen Gewinn bedeutet.

Trauer ist Regression, zu überwinden durch eine Art Wiedergeburt. Man muss abtauchen, dann neu hingucken, das Altbekannte verwandelt finden und damit weiterleben.

Alter

Das mittlere Lebensalter genießt meist, sozial integriert, Selbstüberschätzung seines „Realismus“.
Kinder und Alte sind öfter verwundert.

Interesse lässt nach; „the more it’s different, the more it’s the same.“ Es ermüdet, die Zeit wird ihm lang; und es vergreist.

Als junger Mensch sieht man noch nicht so viele Zusammenhänge, die Welt ist relativ einfach. Gut und schlecht, gut und böse sind sauber unterschieden. Man kann mit vollem Einsatz freudig gezielt handeln.

Im Alter stößt man die überwältigende Zusammenhangslosigkeit zwischen den Ereignissen des Lebens. Die Welt, die man lebenslang integriert hatte, löst sich auf.
Das erinnert an den Alzheimer; aber in unsern Tagen erleichtert es den politischen Realismus.

Gegenwart

Bedürfnisse und Wünsche, auch Machtverhältnisse, ändern sich. Immer wieder wollen auch „alte Rechnungen beglichen“ werden.
Staaten lebten lange Zeit normalerweise schiedlich-friedlich neben einander in der Völkergemeinschaft, die durch eine Art „Völkerrecht“ geordnet ist. Man wusste: Good fences make good neighbours. Im Konflikt grenzüberschreitender Ansprüche sicherte Grenzschutz einen minimalen Konsens internationalen Handelns.
Durch die moderne Technik aber sind die traditionellen geographischen Grenzen als Hilfskonstruktionen für eine internationale Friedensordnung ersatzlos entwertet. Die Menschheit ist aussichtslos chaotisiert.

Das Chaos, dem wir entstammen, war die Wildnis; darin hatten sich unsre Vorfahren allmählich häuslich eingerichtet. Die Evolution der menschlichen Natur nun ist nicht so schnell wie die Veränderung der technisierten Lebenswelt. Immer weniger Menschen sind den – beschleunigt immer neuen, sehr verschiedenartigen, aber mit einander zusammenhängenden – Anforderungen der heutigen Lebensbedingungen gewachsen*.
Die Zahl der Versager wächst; eigenes Versagen ist kränkend, und das bedingt zunehmenden Dauer-stress für die meisten.
Wir müssen uns sagen: „So ist das Leben.“ Aber das mindert den Stress nur unwesentlich; und übermäßige Kränkung führt den Stolzen in Krankheit oder zu blinder Wut**.
* Das ist einer der Gründe der wachsenden sozialen Ungleichheit.
** Die Menge der Freiwilligen aus fremden Ländern bei den militanten Muslimen ist erschreckend. Großenteils sind es Migrantenkinder, – die ihre besonderen Orientierungsprobleme hatten, besonders bei islamischer Herkunft mit ihrem Stolz!

Unsere Sexualität ist von der Natur auf hohe Sterblichkeit abgestimmt! Die Fortschritte der Medizin haben sie aus einem individuell moralischen Problem zu einem katastrophenträchtig global-sozialen gemacht.

Die Fahrgäste in der Untergrundbahn zu Universität, die nicht mit ihrem IT-Tablet beschäftigt sind, gucken, derzeit entpflichtet, „offen (für die Umwelt)“; – eine einsame*, aber, wie mir scheint, solidaritätsbereite** Masse!
* D. Riesman: The Lonely Crowd.
** Vielleicht deshalb besonders!

Ökologische Bescheidenheit kann sich politisch nicht durchsetzen; sie setzt Solidarität mit künftigen Generationen voraus; zu großen Opfern bereite Solidarität geht aber höchstens bis zu den eigenen Urenkeln und den Nachbarskindern.
Wo sie darüber hinausgeht, ist sie heroisch/heilig symbolisch; die Gesellschaft nimmt daran nur als massa perditionis, sozusagen kultisch teil, mit einerseits schlechtem Gewissen und anderseits der etablierten Rhetorik wundergläubigen Laufenlassens*, mit kurzsichtiger Zuversicht als erster Bürgerpflicht und mit der Unsicherheit der Unheilsprophetie als Freibrief für kurzsichtiges Handeln.
* „Da wird man sich etwas einfallen lassen müssen!“

Sprache und Schrift verraten es durch ihre Erweiterungen (neue Worte, neue Akronyme): Wir sind von immer mehr verschiedenartigen, uns kaum bekannten Dingen umgeben, von denen wir abhängen. Unsere jeweiligen Objektbeziehungen sind dementsprechend niedrigdimensional strukturiert, oberflächlich und flüchtig. Wir haben zu wenig Zeit für die allzu vielen bedrohlichen Wirklichkeitssplitter, um ihre Bedeutung für uns zu verstehen.

Der Teufel ist los. Irrsinn herrscht. Die Weltgesellschaft ist durch die Informatik chaotisiert. Immer weniger Menschen werden durch hyperkomplexe, immer undurchsichtigere Zusammenhänge immer mächtiger.
Der souveräne Stimmbürger ist seiner Aufgabe ebenso wenig gewachsen wie die vordemokratischen Souveräne. Diese hatten Geheimräte, wir haben Computer, die partiellen Durchblick vermitteln; aber das ganze Problemfeld überfordert alle.
Das geltende Recht überzeugt nicht mehr; der Glaube an die göttliche Gerechtigkeit prägte eine vergangene Kulturepoche.
Statt sozialer Regeln, ist Solidarität in der Ratlosigkeit der einzige Hoffnungsträger.

Die moderne Intelligenz löst die (dem klassischen Weltverständnis „zugrundeliegende“) „Substanz“ wissenschaftlich in Relationen auf.
Die wachsende Menge unserer niedrigdimensionalen („dünnen“) Beziehungen (und die unüberschaubaren Zusammenhänge zwischen diesen) macht unser Dasein immer unberechenbarer. Die zunehmende Verunsicherung durch die reale Umwelt verstärkt das Bedürfnis nach Vereinfachungen deletär.
Aber mir scheint, die so vereinzelten Individuen seien freundlicher zu einander; so etwas wie Schützengraben-Kameradschaft, elementare Solidarität in der Ratlosigkeit entwickelt sich.

Die zunehmende Ratlosigkeit ist schwer erträglich. Die Chaoten von heute sind weder fortschrittlich noch konservativ oder restaurativ, sondern, höchst einfach (und wohl sehr dumm): reaktionär.

Chris Hedges* hat 2002 darauf aufmerksam gemacht: Krieg ist ein kollektives Engagement, das auf jeden Einzelnen Zwang ausübt und seinem Leben sozial anerkannten Sinn verleiht.
Diese Anerkennung ist allerdings durch die neue, sog. „hybride“ Kriegskunst inzwischen fraglich geworden.
* War is a force that gives us meaning.

Wie seinerzeit Hitler, hat der Kim-Clan in Nordkorea so viel Schuld auf sich geladen, dass ein friedliches Zurück nicht mehr möglich ist. Sie sind endlich selbst Geiseln der Profitanten ihres rechtlosen Gewalt-Apparats geworden. Ähnlich wird es wohl auf die Länge mit Assad in Syrien und dem „Islamischen Staat“ laufen.

Wir Menschen haben unsere Welt verändert; aber für diese neue Welt sind wir nicht ausgelegt.
Wir erleben soziokulturelle Desintegration von Religion und Kultur; die integrative Kraft der Symbolik ist zersplittert. Die verblüffende Kraft der weltweiten restaurativen Aggression in beiden Bereichen entspringt der Angst: Die allgemeine Ratlosigkeit ist schwer erträglich.
Und sie wird verhängnisvollerweise gemeinhin geleugnet und überspielt. So aber wird einfach­ster Radikalismus für Individuen, die aus der normal-menschlichen Solidargemeinschaft herausgefallen sind, zum Zentrum einer neuen Solidaritätsgemeinschaft.
Wir sind, gemeinsam und jeder für sich, zu gründlicher Besinnung herausgefordert!

Wir sind an der Entscheidung beteiligt, ob die Menschheit schon vor dem umständebedingten Ende sich selbst ausrottet.

Verantwortliche Lebensführung setzt eine persönliche „Identität“ voraus. Diese entsteht aus vielerlei identifizierbaren, stabilen sozialen Bezügen. Unser heutiger sozialer Kontext aber ist notorisch vieldimensional instabil. Man muß „auf alles gefasst“ sein. Ein Gefühl von Ratlosigkeit breitet sich aus.

Ausblick

Das erdgeschichtliche Ereignis Anthropozän geht zu Ende. Wir können nur noch subkulturell modifizieren, wie es zu Ende geht. Aber auch das „ist des Schweißes der Edlen wert“ (ohne Klopstock’schen Überschwang)!

Wir sind gewarnt; aber mit der Wucht der trägen Masse fahren wir ins Verderben.

Von Luther wird überliefert: Wenn Gott mich zur Hölle verdammte und ich dort Gottes Urteil zustimmte, würde mir die Hölle zum Himmel.
Wohl dem, der das verallgemeinern und es auf das eigene Sterben (und auch auf die letzten Tage der Menschheit*) beziehen und sich beruhigen kann mit der Feststellung: „Es hat seine Richtigkeit“!
* Titel eines aus dem Ruder gelaufenen (800-seitigen!) verzweiflungsvollen Drama-Entwurfs (1915-1922) von Karl Kraus.

Neue Spezies entstehen dadurch, dass einzelne Mutanten sich gegen die andern Vertreter ihrer Spezies durchsetzen. In der Symbiose mit den Menschen hat sich das Instrumentarium des Menschen vom Faustkeil zum Computer fortentwickelt. Wir waren bis vor Kurzem die Intelligentesten. Jetzt ist die für uns Menschen wichtigste neue Spezies der Computer. Er wird den Verdrängungswettbewerb gegen den Menschen wohl gewinnen – wie einst der Mensch gegen das liebe Vieh (das, immerhin, im Stall ja noch überlebt). Das Anthropozän wird wohl kurz, und das Computerozän noch erheblich kürzer sein.

Wir sind Erben hoffnungsvoller Vorarbeit, und wir wirken unsererseits, über unsern Tod hinaus, zunehmend anonym, weiter.

Die kulturgeschichtliche Zeitstimmung artikuliert sich in: „Es geht bergauf“, „Es geht bergab“, „Es stagniert“, „Es steht auf der Kippe“. Das entspricht der „ersten Ableitung (der gefühlten aktuellen Lebensbedingungen) nach der Zeit“.
Apokalyptische Stimmung entspricht höheren Ableitungen. Man fühlt sich in einem Gravitationsfeld, „ ... in freiem Fall“, „immer schneller bergab“; das sind „Wehen der Endzeit“.