Thomas Bonhoeffer


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Diese Datei ist (nach Nachtrag und Nachtrag­_2010) ein dritter Nachtrag zu meinem Buch “ Von Gottes Bescheidenheit. Zu Struktur und Dynamik der christlichen Existenzsymbolik“, Einzelnotizen, die ich nachträglich thematisch gruppiert habe.

Die nur schwach geordnete Fülle von verschiedenen Notizen ist eine kaum zumutbare Lektüre. Aber mit dem Such-Programm (auf meiner WebSite) können Sie ein Dokument (oder mehrere zugleich in einem Durchlauf) nach Absätzen durchsuchen, die mehreren Such-Kriterien genügen.


Inhalt

I. Existenzsymbolik

Lebewesen brauchen zur Anpassung an ihre Umwelt praktikable Typisierungen. Der Mensch braucht eine Symbolik, individuelle und kollektive, einander relativierende Vereinfachungen. Für seine vorfühlende, tastende Orientierung hat er eine Philosophie, eine Weltanschauung, ein flexibles System von Grundannahmen.
Dieses ist einerseits hoch idiosynkratisch; anderseits beruht es auf langer fremder und eigener Vorarbeit.
Die verschiedenen Existenzsymboliken erscheinen den verschiedenen Menschen zu verschiedenen Lebenszeiten verschieden erhellend. Oft kann ein kluger Kopf mit der letzten Weisheit eines andern nichts anfangen.

Unsere Selbstwahrnehmung ist dual: Ich bin einerseits ein Specimen, ein Exemplar von vielerlei, anderseits eine leidlich stabile, einmalige Kombination, ein Individuum, ja sogar eine besondere Quelle von Rekombinationen – physischen sowie Kopfgeburten (Memen und deren Realisierungen).

II. Hermeneutik

Das Instrumentarium der Kulturwissenschaften sind Symbole, das der exakten Wissenschaften sind scharf umrissene Begriffe und Zeichen.

Wissenschaft ist ein Prozess. Der Anfang aller Wissenschaft ist Forschung. Der Anfang aller Forschung[1] ist Verwunderung (θαυμάζειν). Unser Wissen betrifft Wunder.
[1] Bei Plato, Theait., 11, 155d3: φιλοσοφία.

Nur in beschränktem Horizont kann man einen Begriff schnell definieren. Ein Begriff ist auch schon eine Gebrauchsanweisung, eine Handlungsanweisung. Er hat also auch schon moralische und soziale Implikationen.

Schon mancher hat so etwas gedacht; es wird etwas Wahres daran sein: Unsere „Wirklichkeit“ ist eine Protuberanz aus der Wahrheit.

Luther hat, als Verständnishorizont für die Einsetzungsworte („Dies ist mein Leib, … dies ist mein Blut für euch …“) in der Abendmahlsfeier, die Ubiquität, göttliche Allgegenwart, des Leibes Christi gelehrt – für den Alltagsverstand (auf den sich die Reformierten berufen[1]) blühender Unsinn[2] (deshalb auch bei den Lutheranern halb vergessen). Erst durch die Einsetzungsworte im Abendmahl werde Jesu Allgegenwart zu Jesu Gegenwart für uns. (Luther hat wiederum Zwinglis Gegenvorstellung gegen diese „Realpräsenz“, dass nämlich der Körper Jesu nach seiner Himmelfahrt irgendwo im Raum[3] sitze, lächerlich gefunden und verspottet.)
Dieses Verständnis von Abendmahl[4] und Himmelfahrt ist hermeneutisch wegweisend! Es geht um Gottes reales Dasein für uns in unserer Welt. Es geht darum, wie mich das Reale (res) „anspricht“ (signum), um den gegenwärtigen Sinn des Realen; und dieser ist durch das „Wort“ vermittelt.
[1] In ihrer Sicht stiften die Einsetzungsworte nicht Realität, sondern „nur“ Bedeutung. Es geht aber „nur“ um das reale Dasein Gottes für uns in unserer Welt!
[2] Er nimmt es wörtlich, nach Lacan: Das imaginaire als réel statt als symbolique.
[3] Infinitum capax finiti ist selbstverständlich nur für die „schlechte Unendlichkeit“ (Hegel)! Das wahre infinitum ist nicht einfach größer als jedes finitum. Es ist qualitativ etwas anderes! Nach Hegel, hat auch die Mathematik Bemerkenswertes dazu gesagt. Hier geht es um unser Verstehen überhaupt.
[4] Der Lutherische Lehrsatz: Finitum capax infiniti gehört dazu.

In der abendländischen Frömmigkeit hat sich bei den Sakramenten ein Bedeutungswandel vollzogen. Der junge Luther hatte bezüglich der Trinitätslehre etwas Ähnliches bemerkt[1] und es als Bewegung zwischen Geist und Buchstabe verstanden. Dem lebendigen Christentum ist das klassische Christentum nicht einfach Norm (Gesetz / Buchstabe), sondern Paradigma, woran Weltverstehen zu lernen ist[2]. Wird das Neue Testament nicht „geistlich“ verstanden, so ist es Gesetz.
[1] Articulus trinitatis expressus tempore Arrii fuit spiritus et paucis datus, nunc autem est litera…nisi et nos addamus aliud, scil. vivam fidem ipsius. Dictata (1513-15, also aus der Zeit seiner reformatorischen Entdeckung), zu Ps 119, 125 (im Vers 124 war von iustificationes die Rede gewesen), WA 55 II, 974.
[2] Luther zu Ps 119, 121: Geistliches Verstehen ist immer in Bewegung (WA 55 II, S. 471), schöpferisch analogisch, hier (zu V. 125) konkret: der scholastische (literal / anagogisch / tropologisch / allegorisch) vierfache Schriftsinn.

Die Fraktaltheorie ist, nach Luthers und Kierkegaards Dialektik, eine moderne Formenlehre des Scheiterns konsequenten Denkens.

Skepsis, im Originalsinn von σκέψις, ist Interesse, Engagement; das Gegenteil von Resignation, von Besetzungsentzug[1] oder Rückzug in Egozentrik!
[1] Im Sinn der Psychoanalyse.

Seine Äußerungen über die Erkenntnis 1Kor 8,1f. erweisen Paulus als einen Skeptiker[1] im radikalen, ursprünglichen Sinne.
Es geht dort um die Erkenntnis der Nichtigkeit der heidnischen Götter[2] im Zusammenhang einer praktischen Frage. Paulus skizziert die Vielfalt der konkreten Bezüge, die es hierbei zu erkennen und anzuerkennen gälte; nur die Liebe nimmt sie wahr – und erlebt die Beschränktheit ihrer Erkenntnis[3].
[1] Εἶ τις δοκεῖ ἐγνωσκέναι τι, οὔπω ἔγνω καθὼς δεῖ γνῶναι.
[2] Ihnen wurden Tiere geopfert, von deren Fleisch dann in einem kultischen Gemeinschaftsmahl gegessen und der Rest auf dem Markt verkauft wurde. In der korinthischen Gemeinde war strittig, ob Christen solches Fleisch essen dürfen.
[3] Dazu 1Kor 13, 8-13!

Existenzsymbolik (also auch Religion) ist zunächst kulturelles Erbgut, übernommen von vertrauenswürdigen Menschen, das man sich mit der Zeit aneignet und weiterentwickelt.

Symbole zünden unvorhersehbar. Es entsteht eine lebendige Hoffnungsgemeinde.

Das „Hier und Jetzt“ ist uns immer Symbol für „das Ganze“. Die großen Perspektiven sind nur Abstraktionen, vereinfachende Verallgemeinerungen.

Der Satz μεταβάλλον ἀναπαύεται („Sich wandelnd ruht es.“) artikuliert die komplette Desorientierung. Heraklit bürstet damit die Satzstruktur Subjekt/Prädikat gegen den Strich. Er macht die Sprache von Alltagswissen frei – für symbolische Bilder.

Die Welt ist eine Menge autonom reaktiver Subjekte, trotz vieler Ähnlichkeiten und Gleichheiten („Gesetze“) uns viel zu kompliziert. Das Alltagswissen hat Vereinfachungen, die aber nicht befriedigen können. Poesie (und blühende Rhetorik) bringen empfundene Zusammenhänge außerhalb des Alltagswissens zur Geltung.

III. Skepsis

Individuen und Kollektive brauchen orientierende Symbolik.
Predigt entspricht diesem Bedürfnis in der Form globaler Orientierung. Aber dieser Anspruch ist illusionär; keine kann so viel Glauben finden, wie sie will. Es ist immer nur Symbolik mit vielfältig bedingter, begrenzter Tragkraft.
Jede Symbolik ist (im guten und im schlechten Sinne) Interessenvertretung, meint aber letztlich die globale Wahrheit – und dies ist ihre für (immer störende) Kommunikation offene Flanke.

Wegen der Unsicherheit des menschlichen Urteils kann man für Reales sich unbedingt einsetzen nur in totaler Selbstrelativierung.

Der Glaube an die Güte Gottes beruht auf dem imaginären Fundus des menschlichen Weltbezugs.

Sophistik war die Kunst, zu überzeugen und damit vor Gericht zu siegen. Hieraus entwickelte sich unter anderem die Syllogistik.
Argumentativen Versimpelungen setzte Sokrates zu mit seinen bohrenden Fragen nach Begründung.
Plato erfand die Ideen als wahre Begründung. Philosophische Schulen mit ihren Lehrmeinungen (δόγματα) entstanden.
Die Skepsis insistierte auf der Mangelhaftigkeit der Begründung aller Überzeugungen.
Aristoteles, Begründer der formalen Logik, typisierte und untersuchte die Geltungsbedingungen der Syllogistik.
Montaigne fand, gegen den Dogmatismus seiner Zeit, Rückhalt an den großen undogmatischen antiken Texten.

IV. Sinn

Der Lebenssinn des ζῷον λόγον ἔχον[1] ist Elaboration der Existenzsymbolik „in Gedanken, Worten und Werken“.
[1] Die klassische Übersetzung als animal rationale ist zu eng. Λόγος ist eher „vernünftige Rede“.

Die Bibel sah die Finalität des Subjekts eingebettet in Gottes Plan, – der unsere Einsicht transzendiert. In einem zunehmend vieldimensionalen[1], unabsehbaren Geflecht von Tendenzen spielen wir eine Zeit lang[2], kreativ interessiert, jeder nach seinem Geschmack so schön wie möglich mit. Das kann allerdings sehr hässlich aussehen[3]; es kommt auch bei der Schönheit aufs Verstehen an (Apg 8,30).
[1] Es gibt, soweit wir sehen, immer komplexere Entitäten, immer mehr Kombinationen, Gesichtspunkte und Hinsichten, die gegen einander abzuwägen und ins Gleichgewicht zu bringen sind.
[2] Die Länge ist für die Schönheit unwesentlich.
[3] Jes 53: „Er hatte keine Gestalt noch Schönheit ...“ (v.2).

Jeder von uns ist ein anderes Symbol für dasselbe. Das verleiht unserem Zusammenleben Sinn.

Man soll gar nicht unter allen Umständen länger leben wollen! Gott berät uns immer wieder. Aber er lässt uns auch in ratlosem Gottvertrauen, verantwortungslos, sterben wollen.

Die „Sinnfrage“ wird meist extrem global gestellt, und so ist sie nur dichterisch zu beantworten. Aber es bleibt festzuhalten: Dasein hat Sinn und macht Sinn. Gefühlsmäßig weiß ich auch meist nach kurzer Besinnung, was ich jetzt soll.
Das ist ein beschränktes, lokales Wissen. Horizonterweiterung darüber hinaus ist Sache von Ahnung und Glauben; sie artikuliert sich oft metonymisch wie Wissen, ist aber hauptsächlich metaphorisch symbolisch. Hier spielt Sprachgemeinschaft in persönlicher Kommunikation eine wesentliche Rolle; ja, der Einsturz des metaphysischen Wissens intensiviert die persönliche Kommunikation!

Das Erdbeben von Lissabon (1755) brachte das metaphysische Wissen in Europa zum Einsturz. Es war eine Bußpredigt, ein Appell zu vertiefter, bescheidenerer Humanität. Wie alle Bußpredigt, konnte aber auch diese die Herzen verhärten – und hier Sinnlosigkeit zum Glaubensartikel werden.

„Sein und Zeit I“ war eine zu recht vielbeachtete Arbeit zu einem Thema, das an der Zeit war; eine Verarbeitung des Scheiterns des Rationalität, ein Vorschlag zur kognitiven Bescheidenheit.
Die (zweifellos wohlbegründete) Angst vor der Technik[1] aber machte Heidegger nicht bescheiden, sondern führte ihn zuerst zur Ideologisierung von „Blut und Boden“[2], machte ihn zum Sprachrohr nationalsozialistischen Größenwahnsinns und führt ihn dann, nach Erkenntnis des Irrtums, im Lichte des „Seyns“[3], über Holz- und Feldwege, durch „die Lichtung des Seins“. Der Alte vom Berge lebte von dem Bleibenden, das die Dichter stiften (frei nach Hölderlin), aller Verantwortung entzogen[4], mythologisierend als Mythos zu Ende[5].
Das „Seyn“, ein Stück des schwächlichen Sprachspiels des Blamierten, blieb wenig ansprechend. Eine erfahrungsgesättigte, lange lebendig überlieferte Existenzsymbolik wie die christliche, ja sogar die Symbolik der (nun auch in die Jahre gekommenen) exakten Wissenschaft[6], hat bessere Chancen, die Wahrheit über uns ernsthaft zum Ausdruck zu bringen, als eine selbstgemachte.
[1] Die reale Macht der Technik ist, nach den großen Kränkungen die Freud aufzählte, welche die Rationalität dem Menschen zufügte (dem Umsturz des geozentrischen Weltbilds, der Evolutionstheorie und der Psychoanalyse) die brutalste. Heidegger (von dem es, laut Hannah Arendt, schon in seinen Marburger Jahren hieß, dass er „die Sache, die Husserl proklamiert hatte, wirklich erreicht“) versuchte, ihr mit Wesensschau beizukommen. Mit dieser Vermessenheit aber führte er den Anspruch der Phänomenologie ad absurdum.
[2] August Winnig (seit 1926), R. W. Darré (1930).
[3] Seit 1936, GesAusg. Bde. 65f.; diese Bände wirken ähnlich wie „Das rote Buch“ von C.G.Jung.
[4] Heidegger brachte es dann fertig, durch Ontologisierung, Mythologisierung und notfalls groteske Bagatellisierung der Schuld sich zu entschuldigen. Aber verantwortlich Subjekt sein heißt: im Unberechenbaren kreativ sein; und das fordert vom Subjekt, die eigene Verantwortung eher zu überschätzen!
[5] Bis 1976. Aber er sorgte (Anaximander zum Trotz) für seine Unsterblichkeit. Seine noch von ihm selbst strukturierte und initiierte Gesamtausgabe soll 102 Bände umfassen!
[6] Ich denke an die Chaostheorie.

„Sinnlosigkeit“ ist ein uns überwältigendes Chaos von (zu viel) Sinn.

Man denkt voraus; man versucht, ein im Einzelnen und im Ganzen sinnvolles Leben zu führen. Welchen Sinn dieses „sinnvolle“ Leben gehabt haben wird, stellen wir uns zwar irgendwie vor (diese Vorstellung ist uns Symbol für den Sinn unseres Lebens sub specie aeternitatis), wir wissen es aber nicht.

V. Schöpfung

Dem Homo faber ist die Welt eine Baustelle[1], ein unvorhersehbares Aufbauen vergänglicher Schönheit.
Jeder arbeitet an seinem Ort – mit Zielvorstellungen, die sich nicht verwirklichen. Nicht Betrachtung, sondern nur eigenes Engagement (das die Hässlichkeit wahrnimmt) kann sich mit der wahren, herrlichen Schönheit trösten, die uns bisweilen im Kleinsten aufleuchtet.
[1] Rilke hat 1899 mit seinem Gedicht „Werkleute sind wir …“ wohl etwas Ähnliches sagen wollen.

Man sagt: „Kommt Zeit kommt Rat“; zunächst aber kommt meist Unrat. Die auf Sichtweite zielgerichtete Dynamik stabiler Subsysteme im Chaos ist ständig korrekturbedürftig – darüber hinaus vergebene Liebesmüh mit raren, ironischen Zufallstreffern. Die Ziele (Gleichgewichte) realer Systeme müssen sich dauernd verschieben.
Die Mittel und die Folgen (Ablagerungen) ersticken das zielgerichtete Subsystem. Nebeneffekte bekommen das Übergewicht. Die Blätter welken.
Im 2. Brief an die Korinther (5,20) bittet Paulus: „Lasset euch versöhnen mit Gott!“ Aber Gott gibt und vergibt Vergeblichkeit; und ich glaube, doch recht gut zu wissen, was gut wäre! Aus Eigenem kann ich dem Schöpfer die Vergeblichkeit nicht vergeben. Oft fehlt mir die schöpferische Kraft von Gott, mich zu bescheiden und zu sammeln.
Leben hofft – meist vergeblich; aber der Anblick von Leben belebt; Leben ist ein selbstverstärkendes Mitschwingen. Bescheidenheit hat die besten Chancen, im Chaos belebende Resonanzen zu erleben. Personalität schafft Resonanzen, neue Dimensionen. Natürliches Wachstum ist unbescheiden; derHomo sapiens, der seinem Namen Ehre macht, ist bescheiden. Sapientia = sagesse, Kultur, ist Bescheidenheit. Kulturgüter sind Humaniora, recht verstanden: menschliche Bitten um Versöhnung mit Gott.

Man ermisst, so weit man halt kommt, die Schöpfung mit der Elle der Evolutionstheorie.
Der Mensch kann sich als Geschöpf ahnen, wenn er wenigstens schon einmal in den tierisch kreativen Abgrund seiner selbst guckt.
Die Involution bietet dem Betroffenen einen seltsamen Einblick in die Evolution, der Abbau in den Aufbau.

Das vielerlei eigensinnig nebeneinander Vorhandene bleibt nicht sinnlos. Hier findet Schöpfung statt.

Wünschen ist wesentlich maßlos. Realisierung ist aber Gestaltung, und diese greift über in den Bereich des Unerwünschten: Der schöpferische Geist muss sich mit seinem Material auseinandersetzen, sich mit ihm ins rechte Verhältnis setzen. Sonst wird der Wunsch zum maßlosen Willen zur Macht und führt in die Selbstzerstörung.

Im Chaos kann man nur – schöpferisch, im Geist Gottes – auf Schöpfung hoffen.

Dem Realisten ist alles einerseits erwünscht und anderseits unerwünscht. Aber, dies beieinander zu halten, verlangt seelische Spannkraft. Wir wünschen zunächst unrealistisch. Das Erwünschte schlechthin stellte Augustin sich vor als das schöpferisch Gute, den ewig einen, persönlich aufmerksamen Schöpfer; „Gott“ ist ihm das von der schlechten Welt abgespaltene Gute, das summum bonum der Platoniker, Melanchthons Deus optimus maximus.
Luther versteht die Güte des Schöpfers, modern gesprochen, als autokatalytisch[1].
Die fides creatrix divinitatis[2] ist in bösen Zeiten eine Lebenshilfe, evolutionär ein Selektionsvorteil. Je weniger einer seine Imaginationen realisieren kann, desto mehr kann er Gott als Hoffnungsträger brauchen[3].
Deshalb sind die Unterprivilegierten, die doch die Hoffnung nicht aufgegeben haben (also herkömmlich natürlicherweise die untere Mittelschicht), die Frömmsten.
Der Realismus der Glücksvorstellungen reift langsam. Die Jungen sind deshalb dramatischer frustriert als die Alten, die ihre weltliche Frömmigkeit entwickelt haben. Das mittlere Alter ist wohl am wenigsten religiös.
[1] Gerhard Ebeling sprach, im Blick auf Luthers Erklärung der Gerechtigkeit Gott als iustitia qua nos iustos facit (WA 54, 186), von Luthers „ Hiphil-Theologie“ (Luther war Alttestamentler!) – eine (über die von Luther selbst hier beigebrachten Analogien hinaus) fruchtbare Verallgemeinerung!
[2] Luther in der späten Vorlesung über den Galaterbrief (WA 40/I, S. 360, zu Gal 3,6): Fides est creatrix Divinitatis, non in persona, sed in nobis. Glaube und Unglaube sind unsere Wirklichkeit, aber Gottes Werk. (Vgl. die Paradoxie von Phil 2,12f.!)
[3] Diese Einsicht kann – und soll wohl bisweilen – den Glauben schwer anfechten! Sie nötigt zu der demütigenden Einsicht in die (individuelle und kollektive) Subjektivität all unserer Objektivität.

VI. Gott

Mit dem Schicksal hadern, tut noch nichts Böses. Höchstens phantasiert da der Unmut apokalyptischen Umsturz; und das kann in unkontrollierter Destruktion enden. Wer mit dem Schicksal hadert, sollte sich beizeiten an Gott wenden.

Das hoffungsvolle Ich ist (letztlich tödlich) von allen Seiten bedroht. Zwischen der bedrohlichen Umwelt und dem Ich entwickelt man eine ererbte Symbolwelt, die Verheißung und Bedrohung zu realistischen Erwartungen zusammenbindet, entsprechend den persönlichen Erlebnissen weiter.
Als zentrales, prekäres Vertrauenssymbol, „reines Glaubenswort“[1], gehört der Gottesname zu jener Erbmasse.
[1] Die Religion in Geschichte und Gegenwart, 3. Aufl., mein Artikel: Sprache, theologisch.

Der Monotheismus ist aus einer Weisheit eine hoffärtige Dummheit geworden, in seinen institutionalisierten Formen aus einem Heilmittel zu einer Krankheit.

Die jüdisch-christliche Erfahrung hat gelehrt: Der Allmächtige ist entsetzlich bescheiden. Der Narzissmus ist gereift.

Man kann Gott vertrauen. Kann man Gott auch lieben?
Das Gerücht von Gottes Freundschaft zum Menschen spricht mich an. Meine Welt ist die mir zugesprochene Freundesgabe Gottes. Gottesliebe ist Dankbarkeit für alles – das Einzelne sowie das Vielerlei, das ich vom Ganzen sehe.
Sie versteht sich nicht immer von selbst. Sie verlangt einen gewisse Vigilanz[1] und einen gewissen Tonus[2]; daher das Gebet um Beständigkeit und stärkenden Zuspruch.
[1] Sie ermüdet immer wieder.
[2] Tonus ist Frust. Aber Gleichgewicht halten gelingt am leichtesten in der Bewegung, vgl. Radfahren; und auch im Stehen hält man Gleichgewicht durch ständige minimale korrigierende Bewegung kraft eines gewissen Tonus (Grundspannung)! Kein Leben ohne Tonus. Tonus aufrecht zu erhalten, verbraucht Energie.

Gottes Dankbarkeit für unser Leben umfasst auch unser Tun.
(Die Werkgerechtigkeit vor Gott, gegen die die Reformation gekämpft hat, ist eine gottlos objektivierte Normenerfüllung.)

Alles hängt mir zum Halse heraus. – „Gott, du hängst mir zum Hals heraus! Sag mir: Was soll ich? Was kann ich machen?“

Sehen ist ein kreativer, immer wieder überraschender Prozess. Der sehende[1] Mensch ist ein Ebenbild Gottes.
[1] Auch der Hörende!

In der Lutherbibel stand, bis in die Mitte des 20. Jahrhunderts, Josua 1,9: „Siehe, ich habe dir geboten, dass du getrost und freudig,[1] seiest.“ Das hat mich nach dem Tod meines Vaters in meiner Traurigkeit aufgestöbert. Paulus schreibt bekanntlich in seinem Brief aus dem Gefängnis in Ephesus an die Gemeinde in Philippi wiederholt: „Freuet euch!“
Lust ist Interesse, ist Vorlust (auf Lust oder Ruhe); Freude ist Schwung bis Überschwang/Übermut. Da ist Zuversicht!
Schmerz zwar hat eine Zeit-Perspektive, aber Unlust und Trauer haben keine. „Im Durchschnitt ist man kummervoll und weiß nicht, was man machen soll“, meinte Wilhelm Busch[2]; Unlust beherrscht das Bild. Da ist kein strukturierender Gedanke, keine existenziell tragfähige Symbolik[3] zu sehen. Man mag sich da wundern über das semantisch ja sehr ernste, Leben verheißende Wort „Gott“ (sozusagen Gottes Wort) und es etwas komisch finden.
Es ist bekanntlich nur ein Schritt vom Erhabenen zum Lächerlichen; weniger bekannt ist das Umgekehrte, der Schritt vom Lächerlichen[4] zum Erhabenen: Das Evangelium lehrt, die Anfechtung ins Gottesverständnis aufzunehmen! Dann kann „Lust am Gesetz des Herrn“ (Ps 1,2) und neues Interesse am Leben aufkommen.
[1] Das hebräische Wort heißt:„stark sein“. In Luthers authentischer Übersetzung steht freidig (ein heute veraltetes Wort, zu dessen breitem Bedeutungsspektrum wohl „kühn“, aber nicht „freudig“ gehört!).
[2] Im Balduin Bählamm, Prolog.
[3] Bei Busch allerdings eine kraftvolle Selbstironie!
[4] In der Passionsgeschichte wird gelacht, Mk 15, 17-20.36!

VII. Vergebung

Vergebung ist ein seelischer Kraftakt. Vergeben ist (für sich selbst – und für andere!) auf etwas verzichten, worauf man ein Recht hätte. Mit Vergebung beginnt jedes Mal eine neue Rechtsordnung.

Vergebung kann Vergeblichkeit anerkennen; denn sie ist unscheinbar schöpferisch.

Mit der Erschaffung dieser Welt hat der Schöpfer sich etwas vergeben. Er hat sich kompromittiert.

Gott gibt und vergibt unser Tun und Lassen (Phil 2, 13) und unser Empfinden, Denken und Reden.

Gott vergibt uns unsere Trauer; Jesus hat sie mit der Verheißung der Tröstung (Mt 5,4) gesegnet.

Jesus hat im Glauben an Gottes Vergebung schöpferisch gelebt. Er hat Gottes schöpferische Vergebung weitergegeben.
Der κόσμος musste Jesus als Chaoten verstehen und zu eliminieren versuchen. Aber seine Freiheit gegenüber dem κόσμος war die Freiheit des Schöpfers für den κόσμος. Zwar muss der κόσμος den Schöpfer als Chaoten verstehen; aber er kann ihn nicht eliminieren.

Vergebene Liebesmüh gibt es nur, wo ein Ziel vorgegeben war.
Die Kirche hofft auf die Neue Schöpfung, in der die alte zum Ziel kommt.
Aber Zielstrebigkeit als Rahmen des Weltgeschehens ist vielleicht eine abendländisch-aktivistische Borniertheit.

VIII. Kirche

Jeder ist von seinem Schöpfer zum Freund „auserwählt*“; und mit seinem Gott wird er ein Einzelner. Im „Volk Gottes“, in der Kirche, wird das gemeinsam bedacht, sachbedingt kon­trovers besprochen und, mit entsprechenden Gewissensproblemen, gelebt. Kirche ist Ereignis – kaum zu institutionalisieren.
* Die Unterscheidung zwischen Berufung und Erwählung, die sich im matthäischen Sondergut (22,14) findet, ist eine unbefriedigende Rationalisierung des kirchlichen Chaos.

Die Kirchen sind Verknöcherungen, sie bilden das Skelett der Kirche.

In der Christus-Tradition ist die Offenbarung Gottes in der Person Jesu immer wieder zur einfachen Formel erstarrt. Just dies empfiehlt sie für (die triviale, heute wieder neue[1]) Massenreligiosität. Die alten kulturtragenden Kirchen sehen sich genötigt, das Leben anderswo zu suchen.
Kirchliche Marginalität hat größere Chancen, in der veränderten Welt Gott bei Jesus zu finden.

IX. Israel

In der grande révolution gegen das (als Sozialmodell nicht mehr überzeugende) ancien régime im französischen In- und Ausland wurde der vieldimensionale Begriff „Volk“ ideologisiert und extrem emotional akzentuiert. Hier entstand der moderne Begriff der Nation; und, auf den Flügeln der Freiheitskriege, setzte er sich, gewalttätig polarisierend, in Europa gegen die hierarchisch erstarrten Gesellschaftsordnungen durch. Die für die Umstrukturierung nötige Emotionalität wurde in Russland aus der religiösen Orthodoxie, in Polen aus dem Katholizismus, im kleinstaatlich zerteilten Deutschland aus der gemeinsamen Sprache und der großen gemeinsamen Vergangenheit[2] bezogen.
Das „jüdische Volk“ war, nach Shlomo Sand[3], eine Erfindung des zionistischen Nationalismus. Schon vor Christus hatten sich Juden außerhalb Palästinas, besonders im römischen Reich, stark ausgebreitet. Ihre Religion war im Altertum und frühen Mittelalter außerordentlich missionskräftig[4], und die Konvertiten, die bereit waren, das ganze Gesetz zu halten, wurden schnell in die Gemeinde integriert[5]. (Die Vertreibung des jüdischen Volks aus Palästina durch die Römer ist ein frühchristliches Konstrukt[6] und hat nie stattgefunden.) Das heutige Judentum ist keine ethnische Einheit, sondern eine Familie von Folge-Kulturen eines Monotheismus. Die in Palästina gebliebenen Juden sind im Lauf der Jahrhunderte unter äußerem Druck zum Christentum und zum Islam konvertiert und bilden den ältesten Teil der heute sogenannten „Palästinenser“. Die große Masse des „jüdischen Volks“ hingegen setzt sich – nach Sand – ethnisch zusammen aus Nachkommen südarabischer, nord­afrikanischer – und slawischer religiöser Nachkommen chasarischer [7] – Konvertiten.

X. Bibel

Sinn ist Zusammenhang, nur durch genaue Bestimmung des Kontexts (Definition) eindeutig. Tun, Reden und Denken sind sinnvolle Vorgänge.
Schriften sind Kopien von Denkvorgängen und Reden in ganz anderem Material, für Wiederholungen verfügbar gewordenes, verknöchertes Wortgeschehen.
Gesprochenes und Gedachtes kann man lernen. In jedem Gebrauch zieht man eine etwas andere Lehre aus dem Gelernten; es bekommt einen etwas anderen Sinn.
Schriften, welche Glaubensentscheidungen dokumentieren, die man immer wieder nachvollziehen können muss, werden heiliggehalten.

Erwählungsbewusstsein ist noch nicht exklusiv. Es sagt im Wesentlichen: „Der Schöpfer liebt uns. Er teilt uns seinen Geist mit; wir sind einbezogen in das Schöpfungsgeschehen; in uns steckt etwas!“ Es kann aber zu Exklusivität pervertiert werden.
Die Bibel ist dazu eine unerschöpflich lehrreiche Beispielerzählung.

Die Offenbarung Johannis ist ein scheußlicher Schrei unter politischer Bedrückung, kanonisiertes Wort des verborgenen Gottes; nicht Evangelium und nicht Gesetz, sondern Gebot, primitivste Anforderung menschlicher Solidarität mit gekreuzigte Menschen!

Die Rede von Wort Gottes ist ursprünglich prophetisch und im Grunde immer persönliches Bekenntnis. Das kirchliche Reden von Gottes Wort ist – von aktuellen Gläubigkeiten unabhängiger – Symbolgebrauch eines Kollektivs. Nicht die Bibel, die dicke Sammlung der heiligen Büchlein der Kirche, wohl aber persönliches Bekenntnis kann eine sakramentale Gabe, Gottes Wort sein.

Die Bibel ist kein Lehrbuch, sondern eine – die zentrale – Textsammlung jener höchst spannungsvollen Tradition, in deren Zentrum das Christus-Bekenntnis steht.
Luther hat als junger Mann sich, mit der ungewöhnlichen Intensität seines anfechtungsvollen Gebetslebens, in den genauen Sprachgebrauch[8] der Bibel hineingearbeitet und ist damit[9] zur sog. reformatorischen Entdeckung [10] durchgedrungen. Gott spricht sich uns in unserer Sprache zu – ein Offenbarungserlebnis! Damit ist uns auch eine reiche Sprache, nämlich die Sprache der Bibel, als Existenzsymbolik und Weltdeutung überantwortet.
Seine veröffentlichte Bibelübersetzung in die Sprache seines Volkes hat Luther im apokalyptischen[11] Sinne als endzeitliches[12] Ereignis verstanden. Er hat die einzelnen Teile der Bibel mit sehr [13] persönlichen, scharf urteilenden Einleitungen versehen, die die alten Texte kritisch und tröstend auf die Gegenwart beziehen. Er hat die Bibel „evangelisch“ gelesen und als Gottes Wort verkündigt. Das ist nicht jedermanns Sache; aber es hat (im guten und im schlechten Sinne) „Schule gemacht“.

Bilder sind starr. Die Holzschnitte in den ersten Drucken der Bibelübersetzung Luthers manifestieren die Selbstverständlichkeit, mit der seine – verbal so dynamische – Existenzsymbolik doch der biblischen Bilderwelt verhaftet blieb.
Ebenso blieb Luthers Evangeliumsverständnis seinem Gesetzesverständnis verhaftet. Er dachte über das Gesetz noch mittelalterlich konservativ; und er meinte, man könne das Evangelium akademisch lehren.

XI. Jesus

Für mich ist der historische Jesus – der Gekreuzigte, der dann Petrus erschienen ist – das mich beängstigend anblickende Gesicht Gottes. Der wundertätige Heiland ist mir immer eine Art Märchenfigur geblieben – wie das weihnachtliche Christkind.
Jesus ist mir in letzter Zeit fremder geworden. Die Personalität der Beziehung Jesu zu mir ist auf Gott, den Schöpfer, übergegangen.
Erst wenn diese zu selbstverständlich geworden ist, ruft mich Jesu reale Erscheinung auf den beängstigenden Boden der Tatsachen zurück und lehrt mich, „Gott über alle Dinge fürchten, lieben und vertrauen“.

XII. Religion

In meiner christlichen Sicht ist die Wahrheit des Buddhismus die persönliche Preisgabe der Persönlichkeit. Sie erinnert an die theologia crucis des jungen Luther, des von der Deutschen Mystik tief beeindruckten Mönchs[14]. Im Christentum ist Derartiges aber immer im Schatten der theologia gloriae geblieben.

Die heutigen Religionen spiegeln unsere Existenz in einer vermenschten, künstlichen Welt. Der Gott mit dem Wolfskopf gehört in eine Kultur, wo der Einzelne stärker der lebendigen Natur ausgesetzt ist.

Subjekt des Glaubens ist der einzelne als kultureller Erbe.

Nach Olivier Roy[15] emanzipiert sich seit einiger Zeit die Religion aus ihrer herkömmlichen, breiten kulturellen Einbettung und exhibiert ihre Selbständigkeit in neuen „Wirklichkeit konstituierenden“[16] Kollektiven. Nach Freud, stehen im Traum anonyme Menschenmassen für Einsamkeit des Einzelnen. The lonely crowd [17] erlebt in Massenveranstaltungen Seligkeit, Rettung aus der Einsamkeit.
In der Neuzeit verlieren immer mehr Einzelne die Sicherheit sozialer Einbettung. Was man „naturwüchsige“ Strukturen nennen konnte, zerfällt; die Gesellschaften organisieren sich um. Besonders religiöse Existenzsymbolik stiftet neue Gemeinschaften.

Fundamentalismus ist Wunderglaube (nach Freud: an die „Allmacht der Gedanken“), geeignet für kurzlebigen Massenwahn, Verkündigung einer (natürlich immer ungeeigneten, aber glattgebügelten) Bibel als norma normans, Befehl; statische Logik statt spannungsvoller Kommunikation; einfache Ordnung, Normalität.

Existenzsymboliken sind offen für Regression ins anarchisch automatische, unbedacht reflexhaft Tierische.
Eine Religion ist eine kollektive, auf individuelle Ausformung angelegte Existenzsymbolik.
Just der Totalanspruch der Religion ruft im zweiten Schritt zu σκέψις auf.

Der charismatische Fundamentalismus ist Folge soziokultureller Verunsicherung.

Tätowierung, Beschneidung, Piercing u. dgl. Selbstverstümmelung ist soziale Symbolisierung selbstgewählter Gemeinschaft. Sie markiert einen Raum gemeinsamer Freiheit, freiwilliger Gemeinsamkeit.
Das „Joch des Gesetzes“[18] wird getragen als Bundeszeichen und Teilhabe an der unergründlichen, Fakten „setzenden“ Freiheit des Schöpfers, „positive“ Religion (Schleiermachers Gegenbegriff zu Vernunftreligion).

Religion ist sozial lebendig, unabhängig von den fluktuierenden (diffusen oder gesammelten) Gläubigkeiten, als – vielleicht etwas hilfloser, verlegener, aber ernsthafter – Gebrauch eines Symbolsystems.

XIII. Hoffnung

Unser Wissen ist so beschränkt, dass es zwar bestimmte Erwartungen, aber nicht die Hoffnung verhindern kann; und diese umspielt die Zukunft mit konkreten Vorstellungen.

Jeder glaubt in seiner Symbolwelt, die gemeinmenschliche Realität zu erfassen. Die Gemeinsamkeiten sind groß, aber Symbolwelten stürzen trotzdem ein – und wir stürzen in Depression. Im Entzug trauert man – nicht nur im körperlichen, sondern auch im sozialen und mentalen „Entzug“. Es geht neu um glauben.
Wenn man sich, nach Gottes Zuspruch, in die Hand des Schöpfers fallen lassen kann, fällt man weich. Man kann danach zuversichtlich – gedämpft und gewitzigt, in gereifter, transzendentaler Hoffnung auf sustainable development – mit den harten Trümmern und der Ruine doch noch wieder etwas anfangen.

Die Hoffnungen der Jugend sind größtenteils Illusionen – für die eigene Person und für ihre Welt. Mit dem Alter wird jeder schwach mit dementsprechend betrüblichen Erwartungen und schon dadurch zu einer Belastung für die Mitmenschen. Auch der Alte neigt nun dazu, seine Erwartungen für seine eigene Person zu generalisieren. Aber auch das ist eine illusionäre Vereinfachung!
Der Alte kann sich zunehmend mitfreuen an der Lebensfreude, Kraft und den zuversichtlichen Erwartungen der Jugend; das relativiert seine Illusion der Desillusioniertheit.

Stimmungen vereinfachen uns die Realität radikal.
In guter Stimmung erwarten wir „normale“, abwechslungsreich lebbare Umstände.
In schlechter Stimmung hat die Möglichkeit glücklicher Schicksalswendungen keine Bedeutung. Das Leben in seiner Vielfalt ist Folge sehr seltener Sequenzen von „glücklichen“ Zufällen in der Entwicklung. Das Chaos ist nicht einfach. Wir vereinfachen es uns. So wird es manchmal auch langweilig.

Die klassischen Erwartungen eines Weiterlebens nach dem Tode sind natürlich imaginär. Sie beleuchten gleichwohl den Lebenden die Realität so, dass sie doch ein paar Schritte voraus einen guten Weg für sich sehen können.

Man setzt natürlicherweise Hoffnung auf die eigene biologische Zukunft, das eigene Leben und die eigenen Kinder.

Aus Selbstüberschätzung sollte Zuversicht werden!
Bescheidener als das naive „Mir kann nix passiern!“, das (als Beispiel für Narzissmus) Freud von Nestroy zitiert, ist Paulus (Rm 8,28): „Denen, die Gott lieben, müssen alle Dinge zum Besten dienen.“

Tun, Glauben und Reden gehen in einander über. Jedes Tun ist auch so etwas wie Beten – zu welchen kleinen oder großen Mächten auch immer.

XIV. Gesellschaft

Als stabile, „ewige“ Ordnung ist soziale Ungleichheit leichter zu ertragen denn als Zufall. Ideologisierter Konservatismus aber brütet Revolution aus, indem er Frieden hütet.

Jeder ist unüberblickbar vielfältig in die Gesellschaft verwoben.

Die Gesellschaft urteilt: Der Depressive ist einfach (sic!) zu passiv, also selber schuld. So stabilisiert sie sich selbst. Der Anstand verlangt gute Laune.

Die uns selbstverständliche Kultur gleicht ein Nachen auf dem sogenannten Stillen Ozean.

Den Kern aller Sorge bildet die Überlebensfrage des natürlichen Übermuts. Angst und Panik führen zu gewalttätigen, maximalen Vereinfachungen. Wahn vereinfacht bis zur Verdummung und erhöht dadurch die Tatkraft im Kampf ums Dasein; Vereinfachungen sind allerdings immer nur jeweils bedingt nützlich. Die Symbolik eines Wahns kann aber, als gesellschaftlich sanktioniertes Kommunikationsmedium, auch herrschen, ohne geglaubt zu werden.

Im Chaos schaukelt Misstrauen sich selbst auf – ein wesentlicher gesellschaftlicher Mechanismus.
Vertrauen ist irrational; es ist ein Wunder – auf das wir aber angewiesen sind. Wie klein auch immer es zufällig aufkeimt, man muss es pflegen! („Der Weg zum Freund, der nicht begangen wird, bewächst mit Dornen.“) Man kann es nicht „bilden“[19]. Damit es gedeiht, muss man es feiern. Eine „Maßnahme“ ist keine Feier. Allenfalls können, aufgrund der erfreulichen Entdeckung gemeinsamer Interessen, Maßnahmen beschlossen werden, die dem Wachstum von Vertrauen günstig sind.

Frei nach David Riesman, drei Epochen:
Traditionell (vormodern): Unterwerfung,
innengeleitet (modern): Optimismus,
außengeleitet (postmodern): Skepsis.

Sich unterwerfen ist ein Akt der Vernunft: Man schätzt die eigenen Chancen ab und minimiert die eigenen Kosten. Unterwerfung ist strukturelle Anpassung an die „herrschenden“ (nicht nur gesellschaftlichen) Umstände, Einstellung auf ein neues Gleichgewicht zwischen Ich und Nicht-Ich, so etwas wie ein Arbeitsvertrag, nur im Extremfall Sklaverei.

Mancher, der nicht egoistisch genug wäre, für sich selbst andere zu übervorteilen, ist es doch für die eigenen Kinder. Er will diesen eine Umgebung bieten, in der sie sich optimal entwickeln können, und das kostet meist viel Geld.
Reiche Kinder berechtigen deshalb oft zu den schönsten Hoffnungen. Allerdings sollten sie nicht auch den Egoismus erben, der in den meisten Fällen zu ihrem Reichtum geführt hat, sondern ein Lichtblick für die Mitmenschen werden.

Alle Völker haben aus ihrer Geschichte gelernt und sind durch ihre Geschichte geprägt. Wie die Menschen ihre Erfahrung verarbeitet haben freilich, ist oft revisionsbedürftig; der Einzelne verarbeitet seine Erfahrungen, ausweislich der Psychoanalyse, oft neurotisch.
Die besonderen deutschen Widerstände gegen die Atomenergie beruhen auf dem Misstrauen gegen die eigene Elite, das die beiden Weltkriege hinterlassen haben.
Die Vorwürfe, derenthalben Horst Köhler zurückgetreten ist, verraten die besonderen Schwierigkeiten, die die Deutschen, infolge der beiden Weltkriege und des Holocaust, mit der Aggression in der internationalen Kultur haben.

Soziale Koordination von Menschen verlangt ein Instrumentarium verschiedenartiger Identitäten: starre und stabile gemeinsame Elemente viskos sich entwickelnder gemeinsamer Symbolsysteme.

Die Natur ist gewalttätig. Leben ist gewalttätig.
Höheres Leben ist sozial, ist opfermütiger[20] Übermut.
Jeder Mensch lebt in Handlungsentwürfen und handelt kohärent entsprechend seinem Weltbild – einer idiosynkratischen Vereinfachung.
Diese steht mit den Vereinfachungen anderer Menschen zunächst in Widerspruch. Aber man kann sich auf gemeinsame Vereinfachungen verständigen, – die wieder andernorts zu Konflikten führen.
Kulturen interpretieren und koordinieren, so gut es geht. Sie kanalisieren Naturgewalten.
Nur kohärentes Handeln (nach Bedarf symbolisch, auch um den Preis der Unehrlichkeit, abgestützt), sogar Starrsinn, hat Erfolg. Lügen haben zwar kurze Beine; aber sie können Tatsachen (und damit neue Dauerkonflikte) schaffen.
Hochreligionen integrieren Konflikte prekär in exzessiven symbolischen Entwürfen. Auch sie können opfermütig übermütig gewalttätig werden.

Ein Volk ist eine spannungsvolle, trotz strittiger Definition dauerhafte, je eigenartig strukturierte Schicksalsgemeinschaft.
Ein Staat ist eine Rechtsgemeinschaft, und er hat das Gewaltmonopol; er ist Schicksalsgemein­schaft auf Tod und Leben. Im Interesse des Staats wird gern völkische Verwandtschaft postuliert. In Familien herrscht natürlicherweise vernünftige Solidarität; so natürlich ist der Staat nicht, er braucht aber ein ähnlich tragfähiges Fundament.
Der Staat ist „übernatürlich[21]“, ein hohes Kulturgut. Er muss nicht religiös fundiert sein, ist aber natürlicherweise quasi-religiös[22] überhöht, z.B. in archaischen Volksstämmen mit ihren Häuptlingen [23] oder in Form einer Eidgenossenschaft.

Man hat so viel menschliche Kultur gelernt, dass man immer wieder für lange Zeit aus dem Auge verliert, eine wie seltsame Blüte am Baum der Natur die Menschheit ist.

Jeder fragt sich immer wieder: „Was bin ich?“ Ein Subjekt ist dem anderen ein umschmeichelter, gefürchteter, auch gemiedener Spiegel (den man manchmal zerschlagen möchte). Das ist die Menschenwürde, die wir einander zuerkennen.

Die Geschichte ist ein Feuerwerk. Die menschliche Gesellschaft ist ein Chaos, voller schwach stabiler Strukturen; die Entwicklungen sind kaum voraussehbar.
Die Stabilität der sozialen Strukturen wird durch glaubhafte Symbole verstärkt. Und der Glaube kann ideologisch weiter stabilisiert werden (Schulbeispiele: Gerechtigkeit, der wohlmeinende Schöpfer, der Große Vorsitzende/Führer, Ahnenkult, Familie, mores maiorum, „der Markt“, Vernunft). Solche ordnenden, mit Gewalt geschützten Vereinfachungen schaffen Ruhezonen, wo sich die Kräfte – für die nächste Katastrophe – sammeln.

In großen Gesellschaften organisieren sich, ausgehend von vereinzelten negativen Vorurteilen, aus ungleich verteiltem, diffusem Misstrauen und spärlicher Kenntnis, unversehens selbstverstärkend, Marginalisierung und Massen-Aggression.
Das kann jeden treffen.

Weder der Begriff „Vereinzelung“ noch „Vermassung“, noch „außengeleitet/other directed“ noch „oberflächliche Kontakte“ trifft die heutige Soziabilität. Es ist eine orientierungsschwache Disponibilität des Einzelnen in einer globalen, schwachen Solidargemeinschaft.

Geld ist Glaubenssache. Heute kommt es auf den „Credit“ an, den die Notenbank verdienen kann.

XV. Gegenwart

Je wichtiger einem die Mitmenschen sind, desto mehr ist er gefährdet, nicht einfach Neid, sondern Sozialneid zu entwickeln.
In den biblischen Religionen sind die Beziehungen zum Nächsten besonders persönlich. Darum schießt in der nachchristlichen Welt der Sozialneid ins Kraut.

Die globale Kultur hat die traditionellen Kulturen relativiert. Sie ist aber von Selbstzweifeln geplagt. Sie muss zu viel integrieren; ihre Integrationsleistung überzeugt nicht.

Man weiß immer mehr; aber die Halbwertszeit dieses Wissens wird immer kürzer.

Der sich beschleunigende „Aufstieg“ hat die Menschheit auf eine Höhe gebracht, auf welcher für die nähere Zukunft vernünftigerweise Pessimismus den Planungshintergrund bilden müsste. Das hält nun aber ein gesunder Mensch nicht durch; er erdenkt sich also eine lebbare nächste und nahe Zukunft und handelt entsprechend; so gesund sind die meisten. Man ist sich also einig; und Einigkeit macht stark.
Aber heute weiß jeder: Gegen Unvernunft ist sie nicht gefeit! Das fundamentale Unbehagen bei all unsern Selbstverständlichkeiten, eine angstvolle Unsicherheit, lässt, wie eh und je, in fürchterlicher Primitivität nach einem sicheren Jenseits unseres „Diesseits“ fragen.

XVI. Moral

Die neue Welt stellt neue Probleme. Das symbolische Regelwerk einer Moral ist weitgehend Geschmackssache [24] geworden.
Es hat durchaus Sinn, in großer Bescheidenheit und größter wechselseitiger Aufmerksamkeit indirekt, ja dann und wann auch direkt, über Geschmack zu sprechen und auch hier Verständigung über gut und schlecht, besser und schlechter zu suchen [25]. Das bildet den Menschen. Geschmack ist die Person selbst; Geschmacksbildung ist ein lebenslanger Prozess.

Piaget, Kohlberg und auch Carol Gilligan haben die Entwicklung einer demokratisch-bürgerlichen Moral studiert, die in einer hinreichend transparenten Gesellschaft das allgemeine Wohlbefinden fördert und sich darum normalerweise auch für jeden Einzelnen lohnt.
Eine erfahrungsgesättigte Regel, eine aufschlussreiche Vereinfachung, ist schön und anziehend, weil sie Kräfte freisetzt. Das verleiht ihr die ruhige Macht, ein Gegengewicht gegen verführerische Augenblickskonstellationen zu bilden.
Die bürgerliche Gesellschaftsordnung aber ist begrenzt; soziale Kontrolle, Justiz[26], Polizei und Militär als Grenzwächter müssen diese Ordnung vor Chaos schützen.
Heute ist jede Gesellschaft durchherrscht von dem globalen Chaos von politischen Einheiten, Justizen, Polizeien und (offiziellen sowie inoffiziellen) Armeen. Die immer wieder[27] plötzlich aufplatzenden, intransparenten globalen Probleme chaotisieren die Gesellschaften. Nicht mehr die Normalverteilung, sondern die Chaostheorie erklärt, was uns geschieht.
Moral war religiös begründet, bis Rationalität die Moral begründen zu können schien. Heute ist die Welt nicht mehr so normal, dass die Rationalität der Moral evident wäre.

Schuld ist ein Aspekt von mitmenschlicher Interaktion. Und diese ist eigentlich viel zu komplex, als dass Schuld konsensual gehandhabt werden könnte. Diese wird deshalb durch die herrschende Kultur, im Interesse praktikabler Zurechnungen, meist brutal monokausal vereinfachend konzeptualisiert.

Saubere Lösungen gibt es nur für Teilprobleme, – die sich nicht zu einem Ganzen fügen.

Der Ratlose handelt, nach Gottes Rat gedemütigt, aus dem Unbewussten.

Alles passt zu allem nur ungefähr. Recht ist bestenfalls ungefähr recht; die Norm (eine extreme Vereinfachung der Entscheidungssituation) ist bestenfalls ungefähr legitim. Normal ist individuelle Abweichung von der Norm!

Leben ist sterblich; Perfektion ist herrlich und begeistert, Perfektionismus ist mörderisch. (In Judentum und Christentum ist diese imaginäre Herrlichkeit, religiös konserviert, abgekapselt.)

Moralische Kultur lebt, als eine Sache des wesentlich irrationalen, unentwirrbar vieldimensional abhängigen Selbstgefühls, mit wohltemperiertem [28] Tonus irgendwo im Mittelfeld zwischen „Norm“ und Chaos.
Kants kategorischer Imperativ setzt die imaginäre Möglichkeit einer „allgemeinen Gesetzgebung“ voraus, die im Chaos moralisch befriedigen könnte.

Glaube an eine gemeinsame Symbolik (im weitesten Sinne) ist Grundlage alles Vertrauens und aller Kooperation; deshalb ist Arbeit an einer gemeinsamen Symbolik und für sie – Kampf gegen Betrug – eine moralische Bürgerpflicht.

Zum Handeln gehört Vereinfachung, zu Friedensordnung Gewalt, zu Gewalt Verblendung; Verblendung bedarf der Vergebung.

Alle Kreatur muss stören und zerstören. Aber was sollen wir zerstören; was sollen wir bekämpfen? Nur in der Wahrheit kann der Friede Gottes* walten, in dem Er „tötet und lebendig macht“ (1Sam 2,6). Wir Menschen sollen bescheiden dem Ruf der Wahrheit folgen und Betrug – umsichtig, mutig (gegebenenfalls gewalttätig) bekämpfen.
* Er ist „höher als alle Vernunft“ (Phil 4,7). Eindrücklich der liebevoll kluge, alte Film (1962) La guerre des boutons (nach einem französischen Roman von 1912/13), besonders der Schluß! (Der Autor, ein Lehrer, fiel drei Jahre später im Ersten Weltkrieg.)

Wenn Gott für unser Leben dankbar ist, dürfen wir uns das Leben nehmen nur in lebendigem Einverständnis mit ihm.

Todesmut ist gewaltbereit.

Geist schafft Lebensräume; dadurch mindert er den natürlichen Konkurrenzdruck. Große, kleine und kleinste Verteilungskämpfe sind unvermeidlich; der Unkultivierte verbiestert sich darin.

Fast überall scheitert der gute Wille. Darüber vergisst man immer wieder das Erfolgsrezept des (doch immer wieder beglückenden) Lebens: Aktive Wahrnehmung der unscheinbaren Chancen. Nicht nur „der Teufel sitzt im Detail“, sondern auch Gott.

Betrug, Genuss und Verzweiflung sind wesentliche und demoralisierende Eigenschaften unseres Lebens.

Sexualangst ist archaische Erbschaft. Bei der naturgegebenen Reproduktionsüberkapazität muss die Gruppe sich durch Verbote stabilisieren.

XVII. Leben

Leben ist, unter bestimmten, näheren und weiteren Umständen stabil. Allerdings fordert die Stabilität der Spezies, über kurz oder lang, den Tod jedes Individuums.

Heterotrophes Leben ist mörderisch, höheres Leben ist schuldig. Luthers berühmtes Pecca fortiter setzt diese Erkenntnis voraus*. Das ist ein Thema vieler Religionen. Der Mensch lebt von Vergebung**.
* Brief vom 1. August 1521 an Melanchthon (WABr 2, 372, Z. 82ff., Nr. 424): Esto peccator et pecca fortiter, sed fortius fide et gaude in Christo… Peccandum est, quamdiu hic sumus.
** Diese Sicht des Menschen taucht im Alten Testament auf, sie ist radikalisiert im Christentum und klingt nach im islamischen Verständnis Gottes als Allerbarmers.

Leben ist Wollen. Und wir sollen leben* wollen.
Man will leben; aber man kann nicht schuldig sein wollen. Lebenwollen ist konkret: Mit Vergebung beschenkt werden Wollen!
* „Hier zeitlich und dort ewiglich“ ergänzt die Tradition – zugegebenermaßen (1Kor 15, 35ff., dazu 13, 9ff.!) ohne genau zu wissen, was sie damit sagt.

XVIII. Jugend

Der heranwachsende Mensch erkennt Idiosynkrasien seines Herkunftsmilieus und ist nicht sicher, dass er diese Zufälligkeiten einfach übernehmen sollte. Er muss Neues probieren.

XIX. Alter

Das vertraute Dasein verliert zusehends seine Selbstverständlichkeit; es wird mir immer verwunderlicher. Den Vorblick und den Fortschritt ins total Unvertraute aber scheut man.

Auf dem Weg in den Tod trauert man um sich selbst und braucht Zeit für die Umorientierung von der Aktivität zur Passivität, vom Geben zum Nehmen. Aber mancher kann nicht nur in Trauer, Grimm und Verzweiflung, sondern dann mutig, hoffnungsvoll und dankbar in den Todeskampf gehen!

Der senil Demente lebt ziemlich allein in einer idiosynkratisch vereinfachten Welt. Er empfindet den normalen Realismus als Bedrohung. Vorsorglich kann er den fürsorgenden Mitmenschen der Untreue und böser Absicht verdächtigen oder beschuldigen – paranoid.
Dieser muss – nach Kräften – vor allem das Vertrauensverhältnis pflegen.

Die Jungen haben ein chaotisches Bedürfnis nach Ordnung; für die nicht dementen Alten gehört Skepsis zu jeder Selbstverständlichkeit, Chaos zur Normalität.

Wenn die eigenen Kräfte unwiderruflich nachlassen, werden auch Liebe und Hass schwächer. Mit mildem, ernstem Interesse fürchtend und hoffend, lässt man den Dingen ihren Lauf.
Die Jungen sind im Durchschnitt lustiger mit stärkeren Stimmungsschwankungen, die Alten erscheinen lustloser und – soweit nicht von Affektinkontinenz überblendet – ausgeglichener. Beide können mit Gewinn sich von einander etwas abgucken und etwas an einander delegieren. (Auch die anderen Kreaturen mitzuerleben, bereichert unser Leben.)

XX. Sterben

Von dem Bauern, dem, nach allen vergeblichen Löschversuchen, der Hof abbrennt, dichtet Schiller*: „Müßig sieht er seine Werke, und bewundernd, untergehn“. Eine gesegnete Muße**. So möchte man sterben.
* Das Lied von der Glocke.
** Dann wendet er sich mit seinen Kindern „fröhlich“ (!) der Zukunft zu. Auch diesen zwar „ruhen noch im Zeitenschoße die schwarzen und die heitern Lose“; aber die Zuversicht überwiegt!

Jedes Sterben ist „schade“ = dommage. Der englische Ausdruck ist richtungsweisend: „a pity“; ein Fall für pietas = frommes Gedenken! Es geht um die Trauerarbeit, die die Erinnerungen – das „beschädigte Gute“ (Melanie Klein) – in uns fruchtbar werden lässt.

„Mehr vermag ich nicht; ich mag nicht mehr.“ Das Leben antwortet: „Das ist nicht die ganze Wahrheit! Begnüge dich mit dem, was du noch gut vermagst!“ Man stirbt im Selbstwiderspruch.

Abschied ist schmerzlich und verlangt Mut. Eigene Kinder sind gemäßigt fremde Rekombinationen. Kinder und Enkel zu segnen, ist eine Form, in der das lebensfrohe Individuum leichter von sich selbst Abschied nehmen kann. Das gilt auch für rein kulturelle Nachkommenschaft; aber der natürliche Trost ist der natürliche Nachwuchs.

XXI. Ausblick

Die Apokalyptik hat Recht, wenn sie den κόσμος – die leidlich geordnete Welt, als die wir unsere Wirklichkeit verstehen – katastrophal enden sieht. Unsere kleinen und großen, säkularen und religiösen Weltbilder, in denen wir Bescheid wissen, nehmen ein Ende mit Schrecken.

Dem Artensterben in der Biosphäre steht gegenüber die wachsende Vielfalt der Geisteswelt. Sie wächst in die Breite und in schwindelnde Höhe.

Der historisch plötzliche Machtzuwachs für jeden einzelnen Menschen destabilisiert die Gesellschaft. Es ist nicht zu erwarten, dass allgemeine Einsicht und Bescheidenheit eine Verlängerung der Zeit des Lebens auf der Erde ermöglichen.

Der Arbeiter bedient eine Maschine, der Beamte dient dem Staat. Unsere Ideen stellen uns zunehmend in ihren Dienst.
Idealismus adelt den Menschen; er befähigt ihn zur Selbstpreisgabe.

„Messer, Gabel, Schere, Licht sind für kleine Kinder nicht.“ Die Menschheit aber ist schneller mächtig geworden als reif.

Der Begriff des „geistigen Eigentums“ widerspricht sich selbst. Es handelt sich um Meme, und deren besonderer Wert liegt in ihrer Kopierbarkeit. Ihre Entwicklung ist teuer, das Kopieren aber ist einfach und billig geworden. Die Finanzierung der (höchst erwünschten) Entwicklung weiterer Meme könnte ein fatales Problem werden. Schnell und konzentriert anwendbare Ideen und Erfindungen rentieren am besten; ihre Integration aber bleibt auf der Strecke.

Menschen sind einander gefährlich – hier hilfreich, dort schädlich. Jede Machtakkumulation, jeder Staat vervielfacht mit der koordinierten Effizienz auch die Gefährlichkeit.
Regieren verlangt Umsicht. Demokratie ist eine Form kollektiver Umsicht. Sie ist gut für einfache Probleme, wo sich jeder Abstimmungsberechtigte die für seine Mitverantwortung jeweils erforderliche Sachkompetenz erarbeiten kann. Sonst ist sie dem Zufall ausgeliefert.
Die Politiker mögen Fachleute beiziehen; aber es kommt auf die verständige Integration all der (dann irgendwie vorstrukturierten) Informationen an, und damit ist heute jedes Individuum überfordert.
In der Globalgesellschaft geht es ums Ganze; die Verantwortlichen mögen noch so gut und noch so klug sein, sie ist ein „russisches Roulette“.

Die Kombinatorik lehrt: Noch weit schneller als die Zahl der Einzelinformationen wird ihre Integration immer anspruchsvoller. Durchblick und Überblick zu gewinnen, ist so teuer geworden, dass Weitsicht der einzelnen Entscheidungsträger nicht mehr zu erwarten ist. Der Wagen wird immer schwerer und fährt immer schneller; aber die Sicht wird immer beschränkter.

Im Übermaß des literarischen und ideologischen Angebots ist auch die Kritik, die eine Öffentlichkeit gestalten soll, überfordert. Die allgemeine Desorientierung lässt chaotische Entwicklungen erwarten und verführt zu gewalttätiger Prophylaxe – die ihrerseits zu noch größeren Katastrophen führt.

Fanden die Alten schon immer, dass die Jungen zu schnell reden?* Beschleunigt sich diese Entwicklung? Wohin führt sie?
Reden hat seinen Sinn in näheren und weiteren Zusammenhängen. Aber niemand kann alles berücksichtigen; die Umsicht in der Kommunikation muss zweckdienlich bemessen sein, und Umsicht braucht Zeit**.
Es gibt Umstände, die den relevanten Zusammenhang so genau spezifizieren, dass ganz wenige sprachliche Zeichen für die erwünschte Kommunikation genügen würden. Die Umgangssprache ist aber so redundant, dass das Sprechtempo ohne Transportschäden für die erwünschte Information maximiert werden kann.
In der globalisierten Welt hat, auch in den Teilbereichen, Schnelligkeit einen hohen Wert bekommen. Einengung† des Gesichtskreises ist ihr günstig††.
Dieser Zusammenhang aber ist für das Gesamtsystem bedrohlich.
* „Schnell fertig ist die Jugend mit dem Wort“, antwortete Schillers Wallenstein in einer abgründigen Besinnung auf das Urteil des jungen Max Piccolomini ( Wallensteins Tod, II 2).
** Affen reagieren schneller als Menschen; sie müssen nicht so vielerlei zugleich berücksichtigen. Man erinnere sich auch an den Bären, von dem Heinrich von Kleist erzählt, dass er mit Tatzenschlägen Attacken von Fechtmeistern unfehlbar paradierte.
† Der mit dem Alter sich verengende Aktualitätsbezug verdeckt, dass sich der Gesichtskreis weitet, so dass Verständigung aufwendiger und langsamer wird.
†† Die virtual reality, die vielen kleinen, isolierten, meist trivialen, virtuellen Realitäten nehmen immer größeren Raum in unserer Lebenswirklichkeit ein. Sie sind höchst voraussetzungsvoll, aber umwerben uns wie voraussetzungslos. Es gilt, mit diesem Ereignisstrom sprachlich irgendwie Schritt zu halten. Auch dies mag beitragen zur allgemeinen Erhöhung des Sprechtempos.

Für den jungen Menschen ist es natürlich, Neues zu erleben. Kindliche Freude und jugendliche Zuversicht sind Lichtblicke, ansteckend. Gewiss, das Leben wird sie eintrüben. Aber sie sind wohlbegründet. Erfahrungsgemäß kann auch der Erwachsene hier und da doch unversehens etwas gelingen sehen, das ihn belebend anspricht, seinen Horizont erweitert, alles Scheitern in ein neues Licht rückt, Hoffnungen erweckt und geduldig macht – Schöpfung und Versöhnung. Der Gottesname erinnert an solche Überraschungen.



[1] Olivier Roy hat diese thematisiert. Wesentlich ist nicht die Teilnehmerzahl, sondern die einfache Struktur der Symbolik. Aus solchen Neuansätzen hat sich allerdings auch immer wieder eine reiche Kultur entwickelt.

[2] Mythologisch überhöht in der Kyffhäuser-Sage (1817 Gedicht von Friedrich Rückert).

[3] 2008 hebr. „Wann und wie wurde das jüdische Volk erfunden?“, 2010 deutsch unter dem Titel Die Erfindung des jüdischen Volkes.

[4] Das zur Herrschaft gekommene Christentum verbot dann diese Mission; und im Rabbinat verstärkten sich die Bedenken dagegen. Das lag auf der Linie von Esra und Nehemia zum Zionismus – die sich gegen den Geist des Buches Ruth durchgesetzt hat (das immerhin Lesung zum Wochenfest geblieben ist!).

[5] Ihrer heidnischen Herkunft wurde nicht mehr gedacht.

[6] Erstmals bei dem Apologeten Justin, dem Märtyrer. Tatsächlich hatte die Niederschlagung der jüdischen Aufstände gegen die Römer einen großen Teil der Bevölkerung das Leben gekostet, und schlussendlich wurde den Juden der Zugang zur neu erbauten Stadt Jerusalem verboten.

[7] Das (zum Judentum konvertierte) zeitweise mächtige Chasarenreich wurde 669 von dem slawischen Fürstentum Kiew schwer geschlagen und von Dschingis Khan zu Beginn des 13. Jh.s zerstört. Die in slawisches Gebiet auswandernden Chasaren entwickelten zunächst slawisch-chasarische (hebräisch geschriebene) Mischsprachen. Sie bildeten die Basis des Ostjudentums. Das Yiddische hatte sich im mittelalterlichen Deutschland entwickelt und hatte eine komplizierte weitere Geschichte. Im Zuge der deutschen Ostsiedlungsbewegung kamen auch Juden nach Osteuropa, wo sie sich freier entfalten konnten. Das Yiddische setzte sich dort aber erst danach, infolge des Zuzugs rheinländischer Rabbiner, durch.

[8] Zunächst den ihm (dem spätmittelalterlichen Theologieprofessor) nächstliegenden, den lateinischen der Vulgata.

[9] So der Rückblick von 1545 (WA 54, 186).

[10] Die sog. Rechtfertigung des Sünders im Glauben an die Offenbarung Gottes in Jesus.

[11] Man kann die biblischen Endzeit-Erwartungen verstehen im Sinne unserer geläufige Redensart: „Was kann man mehr wünschen?!“ (Luther, a.a.O.: Hic me prorsus renatum esse sensi, et apertis portis in ipsam paradisum intrasse.)

[12] Zum Beispiel im Schluss seiner Vorrede zum Buch Daniel.

[13] Der Vorrede von 1522 zu seiner Übersetzung des Neuen Testaments hat er später etwas von ihrer Schärfe genommen. Und etwa im Kampf gegen Zwingli hat er auch biblizistisch argumentiert.

[14] Er gab 1516 und 1518 die mystische Schrift eines Frankfurter Dominikaners unter dem Titel Ein deutsch Theologia im Druck heraus. Den Begriff der theologia crucis stellte er 1518 in Heidelberg bei seinen augustinischen Ordensbrüdern zur Diskussion.

[15] La Sainte Ignorance , 2008.

[16] Luckmann/Berger.

[17] Titel des Buchs von David Riesman (1950).

[18] Ein rabbinischer Ausdruck für das Gesetz des Mose.

[19] Der Ausdruck „vertrauensbildende Maßnahme“ war verführerisch, er insinuierte Machbarkeit.

[20] Man denke nur an Rivalenkämpfe bei der Partnerwahl und Aufzucht der Jungen.

[21] Die moderne Biologie hat gezeigt, wie die Natur in vielen Schritten nach vielen Seiten über sich selbst hinauswächst.

[22] Man denke an die Inbrunst, mit der bei Fußball-Weltmeisterschaften die Nationalhymnen gesungen wird!

[23] Bis hin zu der Obrigkeit, für die Paulus (Rm 13,1ff.) im Namen Gottes Gehorsam fordert.

[24] Damit ist man näher bei Gilligan‘s moralischer Dimension des caring als bei den klassischen Dimensionen Moral und Recht.

[25] De gustibus et coloribus non est disputandum , sagte eine mittelalterliche Sentenz.

[26] L. Kohlberg arbeitete allerdings mit Strafgefangenen im Sinne der bürgerlichen Ordnung – aber im sicheren Rahmen der Haftbedingungen!

[27] Etwa in ungeheuerlichen Korruptionsskandalen.

[28] Das „wohl“-temperierte Klavier – für das Bach zweimal Präludien und Fugen in 24 verschiedenen Tonarten schreiben konnte – ist gerade nicht ein ganz rein gestimmtes. Die wohltemperierte Stimmung ist ein unsauberer Kompromiss!