Thomas Bonhoeffer


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Diese Datei ist ein vierter Nachtrag zu meinem Buch “ Von Gottes Bescheidenheit. Zu Struktur und Dynamik der christlichen Existenzsymbolik“, Einzelnotizen, die ich nachträglich thematisch gruppiert habe.

Die nur schwach geordnete Fülle von verschiedenen Notizen ist eine kaum zumutbare Lektüre. Aber mit meinem Such-Programm (auf meiner WebSite) können Sie ein Dokument (oder mehrere zugleich in einem Durchlauf) nach Absätzen durchsuchen, die mehreren Such-Kriterien genügen.


I. Sinn

Biblisch gesehen, ist das Weltgeschehen auf endgültige Durchsetzung idealer Gerechtigkeit zielgerichtet. Das ist wohl zu verstehen aus der Dynamik des Ursprungsmilieus der Bibel. Das alttestamentliche Denken war angetrieben von den nationalen Katastrophen Israels und das neutestamentliche vom Kreuz Jesu. Wo „die Ungerechtigkeit überhandnimmt“*, droht die Moral zusammenzubrechen; Vernunft will die Weltordnung verstehen und verantwortlich leben; sie verlangt deshalb ausgleichende Gerechtigkeit. Vernichtende Kränkungen rufen den Wunsch nach grandioser Wiedergutmachung hervor. Diesem Verlangen entspricht die biblische Finalität der Geschichte.
Der Verzicht auf dieses Weltbild ist zunächst demoralisierend. Aber die Vernunft kann Genüge darin finden, bescheiden schöpferisch, je hier und jetzt gute, realisierbare Ziele ins Auge zu fassen**.
* Matth 24, 12.
** Das entspricht in der Moral der Einstein’schen Relativitätstheorie in der Physik.

Auch wenn alles, was uns an uns bewusst ist, ruht, sind wir doch innerlich (körperlich und geistig) immer schon in Bewegung. Die natürlichen inneren Bewegungen haben ihren Sinn­horizont; diesen entwickeln wir – unbewusst und bewusst – weiter bis hinein in zielorientiertes Handeln. Subjektiv tun wir immer nur Gutes, verbessern etwas an der Welt, sind Weltverbesserer.
Die äußere Realität ist eine Herausforderung. Das meiste, was wir zu tun haben, versteht sich jeweils von selbst. Ist der Eigensinn unserer inneren Bewegungen noch zu wenig auf die äußere Realität bezogen, so besinnen wir uns – je nach Bedarf nur instrumentell oder auch tiefer.

Am besten, man versucht immer wieder und lernt das Ungeheure: das Weltgeschehen als Gottes Schöpfung zu verstehen, ein Geschehen, in das wir als Subjekte (!) einbezogen* sind.
* Joel 3,1 – von Lukas, Apg 2,17, in der Pfingsterzählung, zitiert – fasst als endzeitlich ins Auge die „Ausgießung“ des Geistes Gottes „über alles Fleisch“; neutestamentlicher Fluchtpunkt dieser Imagination ist, „dass Gott sei alles in allem“ (1Kor 15,28).

In christlicher Deutung ist Sinn unseres Weiterlebens und Sterbens die Einübung in die Wahrheit Gottes, Korrektur der imaginären – und Ausbreitung der wahren – gloria Dei. Diese Antwort auf unsere Sinnfrage ist immer neu enttäuschend, demütigend – und rettend.

I. Wahrheit

Die Logik der Predigt ist die Petitio principii. „Wir können den Gottesglauben nicht begründen; er ist eine Gottesgabe.“ Darauf hat Karl Barth insistiert.
Die Wahrheit der Predigt sitzt – wie in der Poesie – nicht in den Denotationen, sondern in deren Zusammenspiel mit den Konnotationen und den Assoziationen, die sie aktiviert. Sie stimmt in bestimmter Weise auf die Wirklichkeit ein.

Die (in Anbetracht der Jahreszeiten natürliche) Hoffnung gegen allen Augenschein personifi­zieren Naturreligionen in sterbenden und auferstehenden Gottheiten. An sie hält sich der An­gefochtene. Es sind stärkende personale Überhöhungen des realistischen, aber exis­tenzsym­bolisch bisweilen zu schwachen Erfahrungswissens.
Das christliche Wissen von der Auferstehung Jesu hingegen ist wahnhafte Verarbeitung eines einmaligen Traumas, des Verlustes Jesu, mit Hilfe traditioneller apokalyptischer Vorstellun­gen. Mit dem „geoffenbartem“ Wissen (gegenüber der Unzuverläs­sigkeit des menschlichen Erfahrungswissens) von Weltende und Auferstehung hatte man im zeitgenössischen Judentum die Traumata seiner Geschichte verwunden. Christlicherseits wurde die Geschichte nun ver­stan­den als persönliche Herausforderung zum Wunderglauben an den allein zuverlässigen Gott Jesu. Der Realismus des christlichen Glaubens steht allem Wissen skeptisch gegenüber.

Bereits unsere Sinneswahrnehmung ist ein vereinfachter Realitätsbezug, der aus vielen komplizierten Verarbeitungsschritten besteht. Im Interesse der Brauchbarkeit nimmt sie auch systematische Täuschungen* in Kauf.
Bestimmte illusionäre Vorstellungen haben sich als Hilfe zur körperlichen, seelischen und geistigen Leistungsverbesserung bewährt. Das sind keine Wahnprodukte, sondern bewusste Vereinfachungen.
* Außer den bekannten optischen gibt es auch (weniger bekannte) akustische Täuschungen.

Aporien im Alltagswissen führen zu Verwunderung und Befremden über das Reale und Wahre, zu φιλοσοφία (radikalem Orientierungsbedürfnis)*; aber jede Theorie führt wieder in Aporien; denn Theorien sind Vereinfachungen.
* Plato, Theaetet.

Wahrheit ist auch ein soziales Gut. Wahr nennen wir Aussagen, für die wir Einverständnis erhoffen dürfen.

Die Bipolarität Subjekt/Objekt reicht erkenntnistheoretisch nicht aus – auch nicht, wenn man von kollektiver Subjektivität spricht. Wahrheit ist eher vorzustellen als ein schwankendes trianguläres Gleichgewicht der Symbolik zwischen Ich, anderen und der (ungenügend verstanden uns angehenden) Wirklichkeit.

Man ist sich selbst ein unergründliches Rätsel, dessen Lösung man aber näher kommt.

I. Symbolik

Reden ist eine Folge von Vereinfachungen, die dem Erlebnis der Wirklichkeit entspre­chen soll.
Man redet (oder schreibt), um Zwischenergebnisse im Bemühen um Verstehen schon einmal sozial zu sichern und symbolisch festzuhalten.

Das Un-gefähr* der Symbolik, die große Chance, ist (ironischerweise) doch gefährlich! Je nach einer Weile merkt man, dass die Vereinfachungen, mit der man durchs Leben hat finden können**, zunehmend folgenreich irreführend waren und man sich neu orientieren muss. Diese Krise ruft ein Chaos von Neuordnungsansätzen hervor, das man schnellstmöglich, d.h. mit einem (neuen, hoffentlich glimpflichen) Gewaltstreich, beendet, der ungefähr „hinhaut“.
Menschliche Geschichte ist bedingt durch das Ungefähr zwischen der Realität und unserer (epochal und lokal approbierten, ewig stabil erscheinenden) symbolischen Repräsentation derselben.
* „Ohn‘ Gefähr“.
** „Wenn man‘s kann ungefähr, ist‘s nicht schwer.“

Im Kampf ums Dasein funktionalisieren die Leser auch Goethe symbolisch für sich selbst. Es ergeben sich „Positionen“; und solche sind vergleichsweise dumme, aber (pro und contra) brauchbare Gemeinplätze; die Parteien kämpfen für ihre Vereinfachungen.
Das gilt nicht nur für Juden und Goethe*.
* Wilfried Barner, Von Rahel Varnhagen bis Friedrich Gundolf. Juden als deutsche Goethe-Verehrer, 1992.

Viele Existenzsymboliken sind möglich, sind lebendig vertreten und – umständebedingt wechselnd überzeugend – einander Anfechtung und Herausforderung. Haltbare Existenz­symbolik ist kulturelles Erbgut*, individuell übernommen und weiterent­wickelt.
Existenzsymbolik soll nicht ideosynkratisch sein; Ideosynkrasie gefährdet die Realitätsanpas­sung. Religiöse Symbolik soll auch nicht konformistisch sein; aber außer Hörweite einer Glau­bens­gemeinschaft kann sie sich kaum tragfähig entwickeln. Nur persönliches Gespräch mit realen Partnern (oder fremden – auch erinnerten – Texten) über das, was einem wichtig ist, hält den Glauben des Einzelnen gesund.
* Darauf ist der Mensch angewiesen!

Meine Notizen sind homöopathische Antidepressiva.

I. Erkenntnistheorie

Die Einfachheit des Daseins, dank der wir einzelne und einzelnes natürlich abgrenzen, ist trügerisch. Es ist hyperkomplex.

Die sog. „Inseln von Ordnung im Chaos“ sind die uns einigermaßen verständlichen Bereiche. Ordnung ist Vereinfachung. Ordnung ist ein anthropozentrischer Begriff!

Die Symbolik leistet eine Voreinstellung der Wahrnehmungseinstellung.

Bewusstsein ist menschlich gespiegeltes, verdoppeltes, symbolisiertes Sein. Das Doppel ist mitteilbar.

Das Grund-datum des Lebens ist das uns „gegebene“ Dasein in seiner letztlich überwältigenden Vielfalt. Daraus picken wir uns Daten heraus, die wir uns zu einem Weltbild ergänzen.

„Imaginär“ sind natürliche, symbolisch nutzbar zu machende Grundmodelle des Weltverstehens.

„Zuversicht“ ist eine Wahrnehmungseinstellung.

Auch die „Wissensgesellschaft“ organisiert sich nach Welt-Modellen, an die man glaubt – oder doch sich darauf einigen kann, so zu tun, als glaubte man daran. Skepsis ist da Privatsache. Glaubenseinigkeit ist ein Machtfaktor; und schon im Kampf mit der Natur braucht man Macht.

Man kann in zwei (einander irgendwie ergänzenden) Weisen vereinfachen: Man kann sowohl direkt identifikatorisch (also personalisierend) wie modellbildend indirekt verstehen.

Jeder Aspekt der Welt – groß oder klein, dies oder das – hat seine Strukturen. Kommensurabilität ist nur teilweise gegeben.

Es gibt nichts Genaues. Ein mathematischer Punkt hat in der Realität die Ausdehnung null. Das genaueste Reale zittert (schwingt, oszilliert, fluktuiert). Modellvorstellungen werden nur ungefähr wirklich gedacht.

I. Inertialsysteme

Inertialsysteme sind (von der modernen Wissenschaft zwecks partiellen Verstehens bewusst eingesetzte) natürlich vereinfachende Vorstellungen, Koordinatensysteme für lineare Approximationen an die Realität.
Das einst gesuchte, göttliche, absolute Bezugssystem wird heute paradoxerweise von der allgemeinen Relativitätstheorie repräsentiert. (Die Relativitätstheorie bildet Gottes Bescheidenheit ab.)

Die Lichtgeschwindigkeit ist eine Naturkonstante, insofern die menschliche Subjektivität ein Naturphänomen und jeder Naturbegriff (kollektiv und/oder individuell) subjektiv ist. Die allen Bezugssystemen gemeinsame Lichtgeschwindigkeit ist ein natürliches Strukturelement der Subjektivität (die sich mit beliebigen Objekten und Inertialsystemen identifizieren kann).

Konfliktträchtig neben anderen, hat jedes Subjekt ein (je zeitweilig lebenspraktisch approximierend) vereinfachtes Weltbild, sein Inertialsystem, seinen kosmos. Der raumzeitliche Horizont des Weltbildes eines jeden Subjekts verschwimmt im Nebel. Bewusst ist mir immer nur, was den Punkt, den ich vertrete, jetzt erreicht.
Jedes Inertialsystem ist ein Weltbild, dessen Zeit- und Längenvermessung mit demjenigen keines anderen genau übereinstimmt und auch nur unter einfachen Bedingungen umrechenbar ist.
Wahrheit ist keineswegs arbiträr, aber letztlich subjektiv – sei es individuell oder kollektiv, sei es natürlich oder kulturell.

I. Religion

Wo der eigene Glaube nicht mehr als Glaube, sondern als Wissen verstanden wird, ist Religion zum Wahn geworden, fähig zu totaler Entsolidarisierung.

Die Seele ist von Imaginationen bewegt. In schmerzlicher Sehnsucht hofft sie, mehr oder weniger bewusst, zeitlebens auf so etwas wie das Reich Gottes.
Die Vernunft konzipiert Kompromisse, ποιήματα („Machwerke“, „Poesie“), angepaßte Erwartungen, Hoffnungssymbole, „Zeichen“ der Gottesherrschaft. Wir können aber vernünftigen Verzicht auf die Erwartung des Reich Gottes immer nur pro tempore, vorläufig leisten. Die Geschichte zeigt: Das Imaginäre bricht immer wieder durch; die Leist­ungs­fä­hig­keit ist beschränkt.

Alle Religionen haben einen wahnhaften Kern ­– einen institutionalisierten Anhaltspunkt auf einem „andern Schauplatz“ (Freud), von dem aus die Individuen die öffentliche Ausgelegtheit der Realität hinterfragen können.

Gott hat Mohammed gesagt, was er sollte, und sagt jedem von uns, was wir sollen. Gottes Schöpfung ist nicht sinnlos, sondern nur chaotisch*.
* Ursprünglich nur „mild“ und „wild“ (später dazwischen noch „langsam“) nannte Mandelbrot drei Typen von Zufallsprozessen (wie feste, flüssige und Gas-Form der Materie): normalverteilt bzw. langsam oder wild chaotisch. Die mittlere dieser Gruppen hat er dann noch in vier weitere unterteilt.

Das Chaos der Realität beängstigt; denn menschliches Leben setzt viel Ordnung voraus.
Monotheismus ist im Grunde eine Suchrichtung. Als Lehre aber beendet er die Suche und wird Krönung des Glaubens an eine Weltordnung; er lehrt einen kosmos als Bezugssystem, dessen Stabilität durch „Sünden“ belastet wird. Und alsbald bricht zwischen den Glaubensgemeinschaften (die den Einzelnen umfassend orientieren und in denen er sich geborgener fühlt) das Chaos aus als ein Glaubenskrieg über die richtige Weltordnung.
Natürlicher* ist es, die Welt polytheistisch** zu erleben – als ein Chaos zeitweiliger kosmoi. Es ist unheimlich, wie sich menschlichen Subjekten (und Kollektiven) das Chaos zeitweise zu einem wahnhaften kosmos ordnet – so wie in der physikalischen Welt sich größere Gebiete zu zeitweilig so etwas Ähnlichem wie Inertialsystemen ordnen können.
* Der Mensch strebt von Natur über die Natur hinaus.
** Die einzelnen Götter wirken zeitweise allein, zeitweise mit-, zeitweise gegeneinander. Der Neuplatonismus hat über die Problematik des Polytheismus nachgedacht; die christliche Trinitätstheologie hat hier gelernt. Auch Luthers Erleben von Gesetz und Evangelium stellt monotheistische Ideologie in Frage.

Paulus schreibt in seinem großen Lehrbrief: ἐπιμένωμεν τῇ ἁμαρτίᾳ …μὴ γένοιτο (Rm 6,1f.); Luther, im selben Geist* und ebenfalls christologisch begründet, aber wörtlich im Widerspruch hierzu, an Melanchthon (1. August 1521): Pecca fortiter!
* Wie er als junger Skrupulant seinen Seelorger Johann von Staupitz OP erlebt hatte.

Das Neue Testament ist von und für Menschen ohne politische Macht geschrieben. Für eine theologische Ethik institutioneller und politischer Entwicklungen muss die Basis durch gewagte Analogieschlüsse verbreitert werden.

Mit Theater, Konzert, Predigt und öffentlichem Gebet exponiert man sich durch eine aktuelle Stellungnahme. Man füllt eine öffentliche Ausdrucksform mit eigenem Persönlichstem, und braucht, als Orientierung in der gemeinmenschlichen Realität, Applaus* oder ein Amen.
* Bei Augustin wurde im Gottesdienst nach der Predigt geklatscht.

Sollen heilige Texte als Gotteswort interpretiert werden, so bekommt das Gottes-unverständnis des Interpreten entscheidende Bedeutung.

I. Gott

Es gibt nicht nur zwei, sondern drei Religionstypen: den Hiob und Frau Hiob – und den Spießer, der glaubt, was „man“ glaubt. Die gottgewollte Welt ist nicht so, wie der Spießer, sondern so, wie die Hiobs sie sehen. Hiob blickt weiter als seine Frau.

An Gott glauben ist eine schöpferische, eine göttliche Leistung des Heiligen Geistes, zu der wir Menschen berufen sind.

Der Ernst des Lebens verlangt Sammlung. Ernste Religion ist strikt jeweiliger* Monotheismus. Gott will, dass wir diese Jeweiligkeit bescheiden anerkennen.
Wir bezeugen Gottes Bescheidenheit auch durch unseren Polytheismus und unsere Gottlosigkeit.
* Jeweiligkeit hat einen offenen Horizont.

„Gott schreibt auch auf krummen Linien gerade“, ist auch so etwas wie ein Koan.

Im Vielerlei stört eins das andere und verführt es zu Höherstrukturierung, Kreativität, Vermehrung, Fortpflanzung und Leben. „ Eritis sicut Deus...*!“, sagt in der biblischen Paradiesgeschichte (1Mose 3,5) die Schlange zu Eva – und im Faust (I, 2047) Mephisto zum Schüler.
* „...scientes bonum et malum“ geht es weiter. Aber das ist keine Einschränkung, sondern ein Aspekt der Verheißung.

Die Unterscheidung zwischen Gott und Welt spricht dem Menschen einen Freiheitsraum gegenüber der Welt zu – vergleichbar der ödipalen Triangulation.

Wir möchten guten Mut behalten – auch, wo das schwer ist. Dafür besinnen wir uns auf den Schöpfer. Das ist allemal, kraft Gottes, ein kreativer Akt.
Ich greife immer wieder dankbar die klassische Vorstellung vom Schöpfer auf. Das kann aber nicht jeder – nicht ein­mal ich selbst! – immer nachvollziehen. Man muss sich erinnern, dass diese Vorstellung je­weils eine Gottesgabe ist – mit Verstand zu benutzen!
Der Begriff Kreativität begreift Unberechenbarkeit hoffnungsvoll als Chance. „Der Schöpfer“ ist ein Begriff wohlbegründeter, freilich oft angefochtener Hoffnung, ein erhebender persönli­cher Zuspruch.

Man kann im Vielerlei sich selbst verlieren.
Persönliche Beziehungen, besonders in homogenen Gruppen, stützen eine (bornierte) Identi­tät. Das Christentum empfiehlt nicht nur innergemeindliche Bruderliebe, sondern Liebe zum andern, ja Liebe zu Gott, dem ganz anderen*. Man muss, im Vielerlei, Gott suchen. Vor Gott, dem Schöpfer aller Dinge, kann der zerstreute Mensch sich sammeln.
* Die Gottes-Vorstellungen weisen über sich hinaus.

Winnicotts environmental mother ist wohl die Grundstruktur des Gott-Erlebens. Die Mutter eignet dem Kind die Welt zu, zeigt und gibt ihm die Dinge.

Man wünscht; man will; man erlebt Vergeblichkeit, die schwächt und desorientiert (Zusam­men­­­bruch der Existenzsymbolik, Wut, Apathie, Gleichgültigkeit). Das Evangelium sagt: Auch in unserem Unglauben ist Gott mit uns, der Schöpfer – und er macht wieder und wieder auch uns kreativ.

In meiner Existenzsymbolik artikuliere ich, in Hoffnung auf mitmenschliches Verständnis, die persönliche Herausforderung des Lebens als „Anspruch Gottes“.

Das Wort „Gott“ ist eine Lautfolge irgendwo zwischen Schrei, Ausruf, Selbstgespräch, Ruf, Name, Kommunikation und Bezeichnung.

Überfallen von emotionsüberladenen Erinnerungen, ruft man laut etwas aus; man identifiziert sich mit dem Ausruf und distanziert sich symbolisch von der bedrängenden Erinnerung.
„Ach du liieber Gott!!“ ruft man – ratlos, beunruhigt – in Identifikation mit Menschen, die eben dies in gleicher Gefühlslage gerufen haben. Man flüchtet sprachlos, sensorimotorisch, in eine Sprachgemeinschaft, wo man sich verstanden fühlt. Religiöse Gefühle und Kult sind gesetzlich geschützt. „Um Gottes willen...“, „Großer Gott!“, ruft man, im Anklang an kultische Formeln, wenn etwas ganz schief gelaufen ist. Das sind, in primitivsten Imaginationen*, ratlose Appelle an die Umwelt. Der Gottesname ist – wie eine Reliquie – keine lebendige, sondern eine verdinglichte kollektive Erinnerung.
Der persönliche Zuspruch in biblischer Tradition macht aus diesem elementum ein sacramentum, Anlass zur Besinnung – mit dem Ernst von 1Kor 11! Man besinne sich auf die Weisheit und Erfahrung in der Sprache, die man da abnutzt. Man meditiere, was die schreckliche Begebenheit über die wirkliche Liebe Gottes gelehrt hat („So ist das Leben!“); man erinnere sich und bezeuge es zu seiner Zeit!
* „Ach du liebe Zeit!“, „Herrjeh!“ bittet (Imagiationen verwischend) hilflos um Hilfe.

Vor Gott sammelt man sich (seine Vergangenheit) mit der erwartungsvollen Frage: Was soll nun werden?

Beides ist wahr: Der Allmächtige ist furchtbar; und: In Ihm ist das Glück, das Zukunft hat.

Gott „ist“ die persönliche Fraglichkeit des „Seins“.

Die monarchistische Personalisierung der Umwelt im antiken Königtum warf ein versöhnliches Licht von Zuversicht auf das reale Elend. „Mein Schicksal liegt in menschlicher Hand.“ Das Modell ist Winnicotts „environmental* mother“. (Der patriarchalische Vater war deren Erbe.)
Die Person des Schöpfers ist Symbol der lebenslang erstrebten Integration.
* Gegenbegriff: object mother.

I. Herrlichkeit

Die Prophetie Jes 11, 6-9 ruft die – irrationale, aber segensreich Menschen verbindende – Hoffnung auf paradiesischen[1] Frieden ins Bewusstsein. Auf dieser Linie liegt auch das radikale Liebesgebot; und die Moral verlangt Begünstigen statt Schädigen, ist für Entstehen und gegen Vergehen, für Liebe und gegen Aggression, für Hoffnung und gegen Furcht, für Hervorbringen und gegen Zerstören von Gestalten.
Real aber gibt es nur verschiedene, instabile Mischungen der Komponenten in solchen (kon­trären, aber nicht kontradiktorischen) Gegensatzpaaren.
Etwa die alte Weisheit: Si vis pacem para bellum. Kriegsbereitschaft ist nicht friedlich; sie umspielt den Frieden mit blutigem Ernst.
Nach S. Freud gehören primärer Masochismus und Sadismus ebenso wie Libido in verschiedenen Mischungen zur Natur des Menschen.
Wie das Kampfspiel, arbeitet auch das friedliche Spiel mit Spannungen; und der Betrachter guckt – und man hört dem „concerto“ – gespannt zu.
Realer[2] שָׁלוֹם, Gottvertrauen in der Nachfolge Jesu[3], hat eine gedoppelte Kehrseite und umfasst nicht nur getroste Leidensbereitschaft, sondern auch getrostes Verletzen[4].
Paulus[5] sieht sich selbst, der Hebräerbrief[6] sieht seine Adressaten, mit ihrem „guten Kampf des Glaubens“[7] ein Schauspiel in der Arena des großen Welttheaters geben. Was dem Ver­stand als Chaos erscheint, vereinfacht sich dem Frommen zum großen, einmaligen Spiel der Welt vor Gottes Thron[8], – dem Wiederspiel[9] der imaginären ernsten himmlischen Harmonie, die einst bildlich als Chöre, Engelskonzert oder Reigen dargestellt wurde.
[1] „Der Löwe spielet mit dem Lamm“ (Max von Schenkendorf in seinem Weihnachtslied).
[2] Wir übersetzen שָׁלוֹם mit Friede. Die Wurzel שׁלם bedeutet Ganzheit. Die Intensivform (Piel) des Verbs bezeichnet im Sinne von Vollständigmachen auch: Vergelten, Heimzahlen!
[3] Die neutestamentliche Jesus-Tradition enthält auch die böse Anti-Pharisäer-Polemik.
[4] Das erinnert an Luthers berühmtes Wort an Melanchthon: Pecca fortiter, sed fortius fide et gaude in Christo (Brief von der Wartburg, 1. August 1521.).
[5] 1Kor 4, 9.
[6] Hebr 10,33; 12,1.
[7] 1Tim 6, 12; 2Tim 4, 7. Der Glaube in der Nachfolge Jesu verletzt den Glauben an das Gesetz der Gesellschaft als letzte Instanz, indem er es vermenschlicht.
[8] Gemessen an dem, was hier zu sagen wäre, ist der herkömmliche „Thron“ allerdings heute eine bedenklich idyllische Vereinfachung. Besser scheint mir die (ebenfalls vereinfachende) Vorstellung: Gott selbst führt das Spiel auf. (Ähnliches hat Heraklit gedacht, Diels/Kranz, B 52.)
[9] Biblisch: Vorspiel; platonisch Abbild.

Im Beginn jedes menschlichen Lebens liegt eine primärnarzisstische Verheißung. Sie ist der Kern der natürlichen – immer gestörten – Weiterentwicklung des Individuums.
Das Leben, mit seinem Reichtum im Nebeneinander, interpretiert dann diese Verheißung. Wohl dem, der die Vielstimmigkeit dieser Interpretation als concerto* hören (und hörend mitspielen**) kann, die Herrlichkeit im Vielerlei wahrnimmt, sich nicht den Blick verengen und fesseln lässt von den quälenden Dissonanzen im Vielerlei!
* Im schillernden, alten Sinn von Disputation, Kampfspiel, spannungsvoller Verständigung. Ein Konzert ist, als Kunstwerk, eine vereinfachende Darstellung des Lebens.
** Gut Mitspielen setzt langes Lernen und Üben voraus.

Dann und wann, in Lichtblicken, in festlichen Momenten, können wir das Glück, das wir lebenslang suchen, einfach als Herrlichkeit erleben, ein voll befriedigendes Jenseits ahnen.
Im Kult wird ein Durchbruch des Imaginären ins Symbolische gefeiert.

Der Sieger ist eine „Gestalt“/bonne forme, der Verlierer eine Ungestalt (er hat seine Gestalt verloren). Man identifiziert sich mit dem Sieger, man feiert ihn. Der good looser feiert mit! Der eigentliche Gewinner ist die Idee des Kampfspiels.

I. Gesellschaft

Die Bildungspolitik lässt allenthalben zu wünschen übrig. Ausbildung ist eine langfristige Investition. Der Hauslehrer ist teuer und nur beschränkt kompetent; Schulen sind Investition von privaten oder öffentlichen Kollektiven. Öffentliche Bildungseinrichtungen werden schlecht, die raren privaten gut alimentiert.
Die Staaten werden zunehmend abhängig von der globalgesellschaftlichen Dynamik; die nationale Solidarität löst sich auf. Die Macht geht über an allerlei soziale Einheiten; Einzelne und Familien werden mächtiger. Geld, die disponibelste Form von Macht, wird immer wichtiger. Seine Ungleichverteilung wächst natürlich exponentiell, also katastrophenträchtig, – selbst wenn dieses Wachstum durch politische Vernunft gebremst werden sollte.
Die Verschlechterung des öffentlichen Schulwesens bremst die Volksbildung; der Wohlstand tendiert folglich zu Stagnation.
Da der menschliche Wohlstand, wie er sich ausbreitet, zu Lasten der Umwelt geht, verzögert einerseits die asoziale Entwicklung die ökologische Katastrophe. Anderseits droht die entfesselte Asozialität in einen Weltbürgerkrieg zu führen – mit seinerseits katastrophalen ökologischen Folgen.
Dass die Menschheit im ganzen daraus Weisheit lernen wird, ist nicht zu erwarten.

Solidarität und Identifikation verbinden mich mit meiner menschlichen, und überhaupt mit meiner lebendigen Umwelt. Aber auch Desidentifikation und Desolidarisierung sind natürli­che Lebensstrategien. Das Leben ist chaotisch, sittliche Regelungen sind unzuverlässig.

Menschliche Entscheidungen im Fluss des Lebens hängen immer ab von der akuten Bedräng­ung durch verschiedenartige Ansprüche – beständige und aktuelle, eigene und fremde. Moral orientiert sich vornehmlich an mores/Sitten (und entwickelt sie weiter), nicht an Prinzipien. Glaube an Prinzipien ist naiv; Prinzipien sind Hilfskonstruktionen.

Soziale Ordnungen (Sitten, Recht, Politik, Real- und Finanzwirtschaft) setzen unter gewissen Gesichtspunkten Ähnliches vereinfa­chend gleich. Durch Stereotypierung werden sie einfacher kommunikabel und damit mächtiger.

Menschliches Leben ist Beschenktwerden, Mitleben, Kämpfen, Schenken, Rauben und Beraubtwerden. Normalität, Recht und Gerechtigkeit sind (anonyme) Geschenke.

Soziale Schichtung der menschlichen Gesellschaft ist ein (prekär kultiviertes) Naturphänomen. Je schneller die Kultur sich wandelt, desto weniger konsensfähig wird die Schichtung.

Man soll zwar „in Liebe die Wahrheit sagen“ (Eph 4,15). Aber fürs Handeln befiehlt die christliche Moral jedermann unbedingte Unterordnung unter die etablierten Gewalthaber (Rm 13,1) und den Knechten, „auch den wunderlichen“ Herren gehorsam zu sein (1Pt 2,18) – wohl auch wider besseres Wissen. Das macht mitschuldig und missmutig. Aber man muss dem eigenen Verstand ebenso misstrauen wie dem der Obrigkeit; und halbherzig soll man ganz gewiss nicht Revolution* machen.
* Das klassische Christentum hoffte von ganzem Herzen auf die ganz große Revolution: 2Pt 3, 13.

Die Machtelite stabilisiert ihre privilegierte Lebenswelt durch Export der Entropie in die unteren Schichten.

Fleißig und begabt ist mancher. Aber nur starker und geschickter Egoismus mit etwas Glück führt hinauf in die (und in der) Oberschicht. Deshalb verdient diese Misstrauen.

Mit kaum bewussten, kleinen Irreführungen erreicht man viel. So sind wir Menschen, die andern – und ich auch!

Der Zwang zur konsensfähigen Vereinfachung macht simple Ehrlichkeit unmöglich*. Deshalb gehört zu einer Kultur immer ein Hof von kleinen Gegenkulturen, – in denen man dann doch auch nicht ohne Heuchelei auskommt.
* „Kinder und Narren sagen die Wahrheit.“

Bei Hof (und dergleichen) wird Lebensfreude zelebriert, und man will auch frohes Volk sehen. Missmut der Untertanen verführt die Herrschaft, Heuchelei zu erzwingen und damit sich selbst zu betören – und das kann sogar lange Zeit gut gehen.

Zwang zu Heuchelei ist Deckel auf einem Pulverfass. Besser ist die ehrlich halbherzige Einigung auf einen pflegebedürftigen Kompromiss.

A. Marginalität

„Marginalität“ bildet, in der Hydrodynamik, bei langsamer Hauptströmung (verlangsamte) laminare Strömung, bei schnellerer Hauptströmung aber Wirbel – also zur Hauptströmung gegenläufige Bewegung.
Das ist in der Gesellschaft: Kriminalität und, reaktiv dazu, Überanpassung. Kriminalität, aktive Marginalität, ist unter bestimmten sozialen Umständen eine naturnotwendige Erscheinung! Abscheu davor ist natürlich; Selbstgerechtigkeit der Gesellschaft aber ist nicht nur herzlos, sondern dumm.

Unmenschlich ist es, einen Menschen nicht als Menschen anzuerkennen.

Auch die Spannung einer erheblichen sozialen Ungleichheit ist erträglich, wo allgemein anerkannt ist, dass der Friede getragen wird insbesondere von den Unterprivilegierten, und auch der Arme seine Würde hat.
Er sollte nie in die Lage kommen, sich zudringlich, unwürdig benehmen, betteln zu müssen. Wenn er sein Gesicht nicht wahren kann, ist die (als selbstverständlich vorausgesetzte) Menschlichkeit der Beteiligten schmerzhaft in Frage gestellt und bedarf schmerzender Reparation! Immer wieder bleiben solche Wunden offen – Menetekel.

Ein Bettler in seiner sozialen Marginalität kann seine Würde mit einer Philosophie wahren, in welcher die Alltagsideologie der bürgerlichen Normalität überzeugend relativiert ist.
Die Existenz des Bettlers beirrt und macht nachdenklich – vor allem junge Leute, aber auch manchen Alten. Heute bilden die Grüppchen von Arbeitslosen mit Bierflaschen in der Hand am Bahnhof Gegenkulturen, in denen einer den andern als Menschen würdigt.

Manchmal stößt ein Land ganze Bevölkerungsgruppen aus, wenn eine durch eine Zwangssymbolik, Heuchelei und organisierten Betrug vorstrukturierte und zerklüftete Gesellschaft geeint werden soll.
Diese revolutionäre Gewalt führt im ersten Schritt selten zu mehr Ehrlichkeit; und die weitere Entwicklung ist kaum vorhersehbar.

Grausame Hinrichtung und Lynchjustiz kann wohl emotional befriedigen; versachlichte Hinrichtung* ist ein Offenbarungseid der Menschlichkeit. Haftstrafe bedeutet Zeitgewinn für die Gesellschaft und den Verurteilten.
* So auch Krieg.

Verrückte können viel Schaden anrichten. Man versucht, sie mit (möglichst wenig) Gewalt daran zu hindern.

Die Pflege hoffnungsloser Fälle kann bescheiden machen und Weisheit lehren.

A. Kultur

A parte potiori kann man zwei Persönlichkeitskulturen unterscheiden: die leibzentrierte und die geistzentrierte. Letztere ist evolutionär stabil minoritär.
Jene aber ist evolutionär stabil majoritär; denn das Körperliche bildet die stabile Basis auch des animal rationale. In dieser Kultur geht es natürlich zu: primär um Essen, Partnerschaft und Gesellschaft, sozialen Erfolg, Kinder, Kleidung, Wohnung, Geld.
In einer geistzentrierten Kultur hingegen gilt der Körper als Servomechanismus. Das geistige Leben wird auf Kosten des leiblichen maximiert.
Da das Geistige immer lebenswichtiger wird, hat die Majorität Interesse am Erhalt der darauf spezialisierten Kultur. Deren sozialer Erfolg ist deshalb immerhin stabil suboptimal.

A. Familie

Frauen und Männer passen nur ungefähr zusammen. Absolutes Matriarchat, absolutes Patriarchat und Abgrenzung von Kompetenzsphären vereinfachen die Familienstruktur. Aber nicht nur der Teufel steckt im Detail, sondern auch kreative Chancen. (Das gilt auch für Eltern und Kinder sowie Individuum und Gesellschaft.)

Eltern identifizieren sich normalerweise altruistisch mit ihren Kindern. Das ist das Milieu von Wohlwollen, in dem das Kind seine Identität entwickelt und kindliches Vertrauen und Autorität* entstehen.
Trotz der Rivalitäten gehören Geschwister (und also auch die Großfamilie) zum parentalen Milieu.
* Auctoritas (von augere!) ist Wachstumsförderung!

A. Macht

Macht setzt Ordnung voraus. Krieg ist ein zunächst chaotisierender Zusammenstoß zweier Ordnungen.

Napoleon soll gesagt haben: „Mit Bajonetten kann man alles machen, nur setzen kann man sich nicht darauf.“ Jede Tyrannei hat zeitliche und räumliche Grenzen. Der glimpflichste Ausweg ist eine moderate Differenzierung (durch die Instabilitäten beim Generationwechsel) in der Oberschicht.

Gleichheit ist die Grundidee von Gerechtigkeit. Sie steckt auch im Suum quique. Das Gottesgnadentum und überhaupt die gottgewollte Ständeordnung waren realistische Relativierung des Gleichheitsideals, Versteifung der real existierenden Gesellschaft. Demokratie ist Stabilisierung.

Politische und wirtschaftliche Macht sind auf einander angewiesen. Wirtschaft braucht Frieden; aber wirtschaftliche Machtverteilung entwickelt sich exponentiell und also sozial katastrophenträchtig. Den Zugriff auf das Gewaltmonopol (das Bürgerkrieg verhütet) hat jedoch die politische Macht.
Staatliche Politik ist bodenständig und reagiert langsam, die Realwirtschaft reagiert schnell, am schnellsten die Finanzwelt. So sind die Staaten machtlos gegen die Kreativität des internationalen Kapitalismus.
Dieser ermöglicht es, gewinnbringendes Eigentum in einem Land zu haben, ohne sich durch Steuerzahlung angemessen an den Kosten der Infrastruktur zu beteiligen, die diesen Gewinn ermöglichen. Da die natürliche Ungleichheit der Gewinne die allgemeine und grundsätzliche Kooperationsbereitschaft in der Gesellschaft zunehmend beeinträchtigt, muss der Staat durch Umverteilung für die Kooperationskultur sorgen.

Macht ist eine konvertible Währung; die politische Führung ist bestechlich.

A. Wirtschaft

„Nichts ist so erfolgreich wie der Erfolg.“ Das gilt besonders in der Finanzwirtschaft. Hier müssen keine Werte geschaffen werden. Hier werden Werte umverteilt, und zwar exponentiell, also anti-egalitär.

Feudal: „Wir, Friedrich, von Gottes Gnaden König von Preußen“, mit klarer öffentlicher Verantwortung für öffentlich folgenreiches Handeln.
Heute: „Ich, dank Glück und Verstand erfolgreicher, weitgehend anonymer Spekulant“ habe mehr Macht als der König von Preußen, aber ohne öffentliche Verantwortung für die öffentlichen Folgen meines Handelns.

Unter normalen Umständen ist der kleine Tauschmarkt von Arbeitsergebnissen, wo der Herstellungszeitaufwand für den Wert der Ware der entscheidene Faktor ist, sozial einigermaßen gerecht, auch wenn der Tausch durch Geld vermittelt ist; denn jeder hat jeden Tag gleichviel Zeit zur Verfügung – für sich oder für andere.
Der Wert der aktuellen Waren aber hängt zunehmend* von anderen Faktoren ab. Die in den Waren steckende Arbeitszeit ist auf viele Menschen mit vielerlei Funktionen verteilt; die Wirtschaft steht auf Kooperation. Wesentlich sind die (immer voraussetzungsvolleren) Maschinen und Organisationen, die die Effizienz der Arbeitskräfte so vervielfachen können, dass mit „Arbeit haben“, meist selbstverständlich, zeitwertsteigernde Arbeitsplätze gemeint sind. Und dieser Faktor kann winzig und kann ungeheuer sein.
Von der hochentwickelten Marktwirtschaft kann die Gesellschaft deshalb keine soziale Gerechtigkeit erwarten. Der Marktmechanismus, die „unsichtbare Hand“, müsste politisch geführt werden – aber durch wen?!
* Für landwirtschaftliche Produkte war schon immer Grundeigentum ein wesentlicher Faktor.
Heute sind von den Bodenschätzen hauptsächlich Erdöl und Erdgas wichtig, weil von ihnen die Realisierung effizienter Erfindungen abhängt.

„Der Markt“ war eine ausgezeichnete Idee. Ein kleiner, übersichtlicher Markt stabilisiert einen Marktpreis entsprechend den Präferenzen der Mehrheit der Marktteilnehmer.
Aber je größer ein Markt, desto unübersichtlicher und instabiler. Die „unsichtbare Hand“ reguliert dann die Preise nach dem Willen von Ignoranten, und der freie Markt wird zum Paradies für Betrüger. Heute sind offenkundig auch die Ökonomen Ignoranten (auch hier ist man erst hinterher gescheiter).

Jede Berechnung setzt eine Entscheidung voraus darüber, welche Teilinformationen aus der überkomplexen Wirklichkeit berücksichtigt werden sollen; das Kalkül auch jedes Fachmanns ist deshalb subjektiv.

„Arbeitslosigkeit“: Zu tun gäbe es mehr als genug. Aber den, der die Arbeit leisten könnte, kostet sie oft mehr, als sie dem wert ist, der sie entgelten sollte. Denn schlecht entlöhnte Arbeit ist entwürdigend; sie bedeutet: Deine Lebenszeit ist wenig wert – und darüber kann man sich natürlich nur selten einigen. Man kann sich also auf keinen Lohn einigen*.
* Dasselbe Geld ist dem einen mehr wert als dem anderen.

Die Ökonomie der Bevölkerungsüberalterung empfiehlt Heraufsetzung der Lebensarbeitszeit. Das ist gut für die höher Qualifizierten. Aber Arbeitsplätze gerade für die (niedrig qualifizierten) Massen sind knapp; was man hier den Alten gibt, nimmt man den Jungen.

Teurer als die Überalterung sind die Instabilitäten des monetär vermittelten Handels und dessen Profitanten. Kollektiver Abstieg aber ist ein katastrophenträchtiger Prozess.

A. Recht

In der Antike war das Recht vergötzt; es gab das heilige Recht und den frevelhaften Rechtsbruch mit drakonischen Strafen. In der Postmoderne ist das Recht gemeinhin angesehen als ein – mehr oder weniger fauler – Kompromiss (die Strafen sind entsprechend humanisiert).

Recht ist Glaubenssache, imaginär, ein Ideal. Jedermann unterscheidet zwischen „geltendem Recht“ und dem, was er für Recht hielte*, wäre nicht als Recht etwas anderes gesellschaftlich geheiligt (also gewaltbereit „sanktioniert“). Wenn das Gemeininteresse es gebietet (also im Normalfall) fordert die Moral vom Einzelnen, sich an das geltende Recht zu halten, das jedermanns ideales Recht schlecht und recht repräsentiert.
* Geltung für alle gehört ja zum Begriff des Rechts!

Kollektiv-subjektiv wird die Chaotik des Lebens durch Ideologie geordnet; man weiß, was gut ist, wofür (und: was schlecht ist, wogegen) zu kämpfen gut ist.

Recht und Korruption bilden zusammen ein dynamisches System. Die symbolische soziale Ordnung wird, inmitten der Fülle kleiner und kleinster anders orientierter sozialer Systeme, fast reibungslos realisiert, indem – meist nur ein Bisschen – „geschmiert“* wird; nicht der Rede wert. In Kollision der Rechtsordnung mit großen anders orientierten Systemen kommt es zu den großen Bestechungen, die die Massen empören. Die Schmerzgrenze ist kulturspezifisch und hat sich wohl nach oben verschoben.
* Man kann z.B. so und anders grüßen, Trinkgeld geben, zum Essen oder zu Ferien einladen.

Humanisierung des Strafrechts verrät Skepsis der Gesellschaft gegenüber dem eige­nen Ur­teil.

Die Grundvorstellung von Gerechtigkeit ist eine Gleichheit; von ihr sind alle Gerechtigkeitsbegriffe abgeleitet.

Zu Ciceros Zeiten war „Summum ius summa iniuria“ ein geläufiger Kommentar der Volksweisheit zu juristischen Spitzfindigkeiten. Mit dieser Beobachtung schiebt Cicero (De officiis I, 10, 33), der Jurist, aber auch dieses Sprichwort beiseite. Er traut der Idee des Rechts; in seinen Augen tut jenes Sprichwort dem wohlverstandenen Recht Unrecht.
Aber das Problem liegt tiefer. Das Sprichwort stellt die Möglichkeit von „sauberen“ Lösungen echter Rechtsprobleme überhaupt in Frage. Es geht um die problematische Griffigkeit juristischer Begriffe – Recht ist immer einer grobe Vereinfachung* –, um die Unschärfe lebendiger Symbolik, um die prekäre Möglichkeit von Einverständnis überhaupt!
* Das Problem der Rechtspflege ist Frage nach der jeweils harmlosesten Vergröberung.

Soziale Gerechtigkeit ist nicht einfach Gleichheit. Der gesunde Menschenverstand berücksichtigt – nicht beliebig, aber erstaunlich weitgehend kompromissbereit – die sehr ungleichen Ausgangsgegebenheiten und die sich natürlicherweise ergebenden immer neuen, schweren Ungleichheiten.

Die Zigeuner gehen wahrscheinlich auf Auswanderergruppen aus einer unterprivilegierten indischen Kaste zurück. Großfamilialer Zusammenhalt und spezifische Gruppennormen gehören zur Identität. Ihre Integration in den Zuwanderungsländern war dementsprechend immer prekär; viele zogen weiter, das Integrationsproblem zog mit.
Fremdes ist bisweilen verheißungsvoller, aber auch gefährlicher als das Vertraute. Man misstraut diesen Fremden; man muss sie auf Distanz halten, „diskriminieren“. Stereotypen bilden sich. Man tut ihnen Unrecht. Ressentiments hinüber und herüber etablieren sich.
Die Milieugeschädigten entwickeln natürlich Zigeunermoral – oder werden Heilige.
Juden ergeht es ähnlich.
Die hier entwickelte, besonders gefährdete Minoritätskultur ist vielleicht Vorreiter der globalen Sozial-kultur/barbarei. Die Globalgesellschaft ist eine zu große Einheit, um das für eine tragfähige Rechtsgemeinschaft nötige Vertrauen zu entwickeln.

Mores (Sitten) und Recht sind Vereinfachungen, die Vertrauen ermöglichen.

In den Konflikten zwischen den normativen Vereinfachungen stärkt im Dionysos-Kult die antike Tragödie durch „Furcht und Mitleid“ die menschliche Basis für Landfrieden.
* So J. J. Winkelmann; dagegen W. Schadewaldt: „Schauder und Jammer“.

Archaische Symbolik sozialer Einheit (die Existenzsymbolik des „Wir“) differenziert sich aus. Stammeskultur wächst in Richtung Recht und in Richtung Religion und institutionalisiert sich Religion bildet Recht aus. Und das Rechtsempfinden* bleibt transzendental.
* Der Rechtspositivimus bagatellisiert das.

I. Liebe

Man muss dreierlei unterscheiden: empathisch-identifikatorisches, rational trianguliertes Verstehen und treue Solidarität.
Die biblische „Liebe“* ist wesentlich „Treue“!
„Also hat Gott der Welt die Treue gehalten, dass er seinen eingeborenen Sohn gab …“ (Joh 3,16). Durch den Glauben an Jesus als Gottes Sohn überbrückt der Heilige Geist die Abspaltung, den idealistischen Riss zwischen Gott und Welt.
* Auch die Gottesliebe!

Die biblische „Liebe“ ist wesentlich personal.
Auch Gott liebt die Welt, seine Schöpfung, personal. Die Menschheit ist אָדָם/Adam; der Kosmos ist eine Gott in allen Einzelheiten persönlich vertraute Menge. Ding und System hingegen sind menschlich rationale, depersonalisierende Vereinfachungen.

Erfüllung erleben wir am vollsten in der persönlichen Solidarität/ἀγάπη/אֲהָבָה. So ist „die Liebe des Gesetzes* Erfüllung“ (Rm 13, 10). (Der Gegensatz ist die Leere, orientierungslose Einsamkeit.)
Das ist am einfachsten in der Zwei-Personen-Beziehung. Es folgt die Kleingruppe von Kleinfamiliengröße, sodann die Großgruppe von Sippen- oder Dorfgröße. Was darüber hinausgeht, können wir nur noch gröblich vereinfacht, entdifferenziert wahrnehmen: als eine Masse fast ohne eigene Eigenschaften, armselig symbolisch strukturiert durch sog. Werte und Normen.
* Nόμος/תּוֹרָה/Weisung.

I. Individuum

Das sog. Individuum ist ein einigermaßen verständlicher, einigermaßen geordneter Ausschnitt aus der überkomplexen Wirklichkeit.

Lebewesen verstehen sich einigermaßen auf ihre Umwelt und können auch das Verstehen ähnlicher anderer einigermaßen verstehen.

Wir sagen: Wir verstehen etwas „im Wesentlichen“. Aber das „Wesentliche“ die οὐσία, ist ein anthropozentrischer Begriff! Die naive, konsensgestützte Beschränkung hierauf führt zu Definitionen, zu Digitalisierung und verführt zu Verwechslung der überkomplexen Wirklichkeit mit dem Verstandenen – und das hat allenthalben unversehens verheerende Folgen.

Wir müssen dauernd verantwortlich praktisch entscheiden. Unsere Entscheidungen sind – letztlich zwischen Lust und Unlust – pragmatische Vereinfachungen. Die Skepsis relativiert uns als lustvoll entscheidende Subjekte.

Das Selbst ist das Eine, das wir mit unseren jeweiligen Selbstbildern meinen, – ein für Verständigung brauchbar vereinfachendes, aber unscharfes Konzept.

Das Selbst lebt in seinen Selbstverständlichkeiten, vor allem in seinem Körper. Der lebt in seiner Umwelt. Und jeder Lebensbereich hat seine Selbstverständlichkeiten.
Inmitten der beschleunigt vermenschten Welt bleibt uns immer weniger Selbstverständliches. Der Wandel der Umwelt verlangt vom Individuum Flexibilität; die sozialen Voraussetzungen der einst so geschätzten „Persönlichkeit“ (bei der man weiß, woran man ist) schwinden dahin. Die Einheit der Person wird gelockert; mehr kreative Besinnung muss für die Kohärenz sorgen.

Ich bin ein gottgeschaffenes Nein zu Gottes Ja.

I. Moral

Man will im Chaos lebbare Ordnung ausbreiten. Das fängt im Kopf an. Man muss immer höher-dimensional koordinieren. Das erlebte Und-so-weiter führt vor eine Unendlichkeit, vor der wir unendlich klein werden.
Das Ja zur Zukunft ist Anerkennung der Unendlichkeit.

Die griechische Mythologie artikulierte Konflikt-Themen polytheistisch. Normenkonflikt wurde ein gesellschaftliches Thema durch die (dionysische) Tragödie; die dionysische Ausgelassenheit bot Raum, beim Ungereimten zu verweilen.

Von der Würde des Untertans (etwa Chr. F. Gellert, † 1769) wird man wieder etwas lernen müssen.

Man regt sich über Skandale auf, obwohl man weiß, dass es nicht ohne Skandale geht. Man soll sich aufregen und anregen lassen, etwas tun, um den Schaden zu begrenzen. Diese Moral gehört als evolutionäres Gesetz in unsere Phylogenese.

Moral ist, was bisher der Arterhaltung diente. Die individualisierte menschliche Intelligenz (der wir unsere immer stolzere Stellung in der Biosphäre verdanken) wird (wie die fromme Gesellschaft schon immer wieder dachte) tatsächlich gefährlich und ist insofern moralisch bedenklich. Eine Entdeckung ist sofort unabhängig vom Entdecker; die Einsicht des Forschers kann die Gesellschaft nicht vor den Gefahren der angewandten Wissenschaft schützen.

Wissen macht stolz, Wissenschaft macht bescheiden.
Eine theologische Fakultät in der Universität bestärkt, trotz der Fragwürdigkeit professionalisierter Frömmigkeit, allein durch ihr Dasein, viele Kollegen in ihrer (durch die starke Nachfrage gefährdeten) wissenschaftlichen Bescheidenheit.

Will man Katastrophen vermeiden, muss man sich mit dem einigermaßen Erträglichen begnügen.

Dasein ist bewegtes Zusammensein. Das Dasein muss dem Menschen vorartikuliert werden; nicht nur lebt jede kollektive Kultur von Tradition, sondern auch das Individuum bedarf der Kommunikation. Sprache motiviert, indem sie das Dasein symbolisch artikuliert.
Enttäuschungen demotivieren; der Gottesname ruft uns zurück vor Gott, d.h. zum Nächstliegenden. Und das führt, anhand der Symbolik, weiter – wieder hinein ins Mitleben (und Mitsterben).

Sollen ist unser (individuell oder kollektiv) subjektives Urteil, das wir immer revidieren müssen.

Es geht in der Regel nicht um Gut und Schlecht, sondern um ein vieldimensionales Besser und Schlechter.

Nach Gottes Willen im Respekt vor der Sitte zielorientierte Selbstbeherrschung ist die beste Moral.

Es ist entsetzlich, wie wenig man es merkt, wenn man einander falsch versteht. Man tut einander in guten Treuen Unrecht. Das ist eine bittere Lektion.

Im Chaos der Ordnungen muss man, ohne sicheren Rückhalt, seinem sittlichen Gefühl nach leben.

Trotz allem jeweils gebotenen Misstrauen, soll der Mensch vom Mitmenschen im Grunde Gutes erwarten wie von sich selbst, ihn hoffnungsvoll als kreativ, als gemeinsame Chance begreifen.

Jeder Mensch ist ein Heiligtum. Man darf ihn sterben lassen, und man darf ihm beim Sterben hel­fen. Aber ihn Töten ist allemal Frevel, und nur Gott kann zu Frevel bevollmächtigen.

Jeder hat – zunächst ganz naive – Weltverbesserungsideen. Für ihre Verwirklichung aber müsste er Mitmenschen dazu bekehren – notfalls zwangsbekehren. Man will Gutes tun, kann aber nicht umhin, anderen dabei unversehens übel mitzuspielen. Man wird schuldig.
Der Schöpfer hat unsere Schuld auf sich genommen. Er hat uns nicht berufen, die Welt zu be­urteilen, sondern hier, wo wir sind, und so, wie wir sind, Seine Mitschöpfer* zu sein.
* Paulus nennt 1Kor 3, 9 sich selbst (und 1Thess 3, 2 den Timotheus) σύνεργοι θεοῦ, Mitarbei­ter Gottes. Dort geht es um Gemeindeaufbau, die Ausbreitung und Festigung des schöpferisch rechtfertigenden Glaubens. (Der wird, nach Gal 5,6, als Liebe spürbar.) Man darf es verallgemeinern.

Das Leben ist eine persönliche Herausforderung, die wir am besten als Anspruch Gottes verstehen.
Diese Idee ist biblisch inspiriert, geht aber darüber etwas hinaus. Denn institutionalisierte Religionen sind weltliche Symbole für Gottes Anspruch und haben diesen festgeschrieben; mit der Welt aber ändert sich unser Leben und was Gott uns jeweils dazu sagt.
Jesus erlebte die Welt als verheißungsvoll, seine Zeit als „Anbruch der Gottesherrschaft“ und er begeisterte. Neutestamentliche Zeugen predigen: Der Schöpfer hat uns in die Nachfolge Jesu, zu Mitkönigen[1] Gottes berufen[2]! Gott aber war nicht nur früher einmal, sondern ist auch jetzt ein schöpferischer König. Wir sind also berufen, Mitschöpfer zu werden!
In unserer Welt erleben wir mit Schrecken die Folgen der menschlichen Kreativität. Wir sind aber dazu bestimmt, nicht erst später, sondern schon jetzt und weiterhin kleine Mitschöpfer zu sein. Ohne Gottes „Mit“ ist unsere Kreativität eine erdrückende Verantwortung; mit Gott ist sie Schöpfungswunder, trinitarische[3] Gottheit, die „Gottesherrschaft“ hier und jetzt[4]!
[1] Das βασιλεύειν muss von Gott her (nicht Gott vom Königsein her) verstanden werden.
[2] So, im Sinne von 1Kor 4,8 und 2Tim 2, 12, ist auch die kirchliche Lehre vom Heiligen Geist zu verstehen, der vorgestellt wird sowohl als die dritte Person der Gottheit wie als ausgegossen in die Herzen der Gläubigen.
[3] Zur Heiligen Trinität gehört der Heilige Geist.
[4] Nach Luther (WA 40/I, 209, 6), ist Gottes Wort meist „Gesetz“; aber manchmal „Evangelium“.

Trauerarbeit (Verzichten, Verstehen, Wegordnen) ist gesünder als Ärger.

Gern übernehme ich die Verantwortung für mich selbst – sowohl als einzelnen wie als Mitmenschen – und beanspruche, was ich dafür brauche. Einverständnis über die entsprechenden Ansprüche aller anderen muss gemeinsam erarbeitet werden.
Volles Einverständnis wird nie erreicht; Spannungen sind normal; Ringen und Schlagen gehören zum Leben. Voll befriedigend sind Rechtfertigungen selten, Rechtsordnungen nie. Ohne Verantwortung kein menschliches Leben; aber Verantwortung ist auf Wohlwollen angewiesen.

Höheres Leben ist gewalttätig. Menschlichkeit ist Verständigung. Somit ist der Mensch großenteils unmenschlich.

Dem Blasierten ist nur das Beste gut genug. Er repräsentiert, stets enttäuscht, Wunschphantasien, indem er ihre Erfüllung einfordert. Er ist ein soziales Epiphänomen.
Moralismus ist auch eine Blasiertheit.

Es ist erstaunlich, unter wie schlechten Bedingungen Menschen noch leben und menschlich bleiben können. Beinahe-Null-Summen-Spiele zwingen zwar zu harter Konkurrenz, können aber die mitmenschliche Identifikation nicht ganz aufheben.

Nur demütig kann man Moral und Recht recht vertreten.

Man ist Sünder nicht, weil man einem Ideal oder Gesetz nicht genügt, sondern insofern man unentwirrbar an allerlei Unglück mitschuldig ist. Das ist jedem, mitten in seinem Leben, ein buntes Symbol für seine schwarze Todverfallenheit.

Die (überall letztlich brutalen) Machtverhältnisse und selbstverständlichen Loyalitäten bedeuten Heteronomie und kompromittieren das Ideal der autonomen Persönlichkeit. Ist der Bürger wohlerzogen, so ist ihm Anpassungsfähigkeit zur zweiten Natur geworden, und seine Anpassungsleistungen sind nur teilweise rational verantwortet.

Verantwortung ist eigentlich ein juristischer Begriff. Mitmenschliches Verständnis und Wohlwollen des Richters sind Voraussetzung guter Rechtsprechung und jeglicher Verantwortung.
Die Bibel redet verschieden von Gott; in der dominanten Tradition von Gott dem Gesetzgeber und Richter aber kann man nur als Sünder an Seine Gnade appellieren.

Der jugendliche, etwas ansteckend zuversichtliche Idealismus lebt in einem unstrukturierten „Wir“.

„Auch Idealismus ist ein Egoismus.“ Egoismus realisiert sich als Verfolgung der eigenen Interessen. Diese hängen vom Weltverständnis ab, – das sich als Existenzsymbolik des Subjekts artikuliert. Die naturwüchsig selbstverständliche Existenzsymbolik gerät durch den Lauf der Dinge immer wieder in Krisen. Das „wohlverstandene“ Interesse ist eine immer wieder offene, philosophische Frage des Subjekts. Idealismus ist ein Antworttyp; Ideale sind Existenzsymbole, die die naturwüchsigen aus dem Zentrum des Interesses verdrängen.

„Immer strebe zum Ganzen! Und kannst du selber kein Ganzes / bilden, als dienendes Glied schließ an ein Ganzes dich an!“ (Schiller). „Gut“ ist das Streben zum Ganzen.

Die Kampfspiele höherer Tierarten machen aufmerksam auf den Kampf als wesentliche, aber kulturell* einzubindende Lebensfunktion.
Der Mensch mag im Ernst kämpfen nur gegen etwas, das er für hauptsächlich schädlich hält (bzw. für etwas, was er für hauptsächlich gut hält). Man mag für sich selbst kämpfen nur als für einen Kämpfer für das Gute. (Auch darum ist „im Krieg das erste Opfer immer die Wahrheit“.)
Über die Kampfmoral entscheiden die (ihrerseits immer häufiger strittigen) kulturellen Normen.
Der eigene Körper ist das erste anvertraute Gut. Aber die Mutter soll bereit sein, auch für ihr Kind, der wehrfähige Mann, für all das ihm anvertraute Gut** zu kämpfen.
* Höhere Tiere entwickeln Kultur.
** Weib und Kind, Vaterland etc. Seit der Französischen Revolution kann eine Nation auch überzeugt sein, ihr sei die Humanität anvertraut, und das rechtfertige auch Massenmord, Präventiv- und Angriffskrieg.

Da kein kollektives Wissen über die Wirklichkeit ganz sicher ist, müssen wir unsere Lebensentscheidungen unter Unsicherheit fällen. Jeder junge Mensch muss kritisch seinen eigenen Weg nehmen. Dabei sind Abwege nicht zu vermeiden. Die Gesellschaft muss solidarisch reagieren.

I. Alter

„Das kann‘s doch nicht gewesen sein!“, sagt sich mancher rückblickend, am Ende seines Lebens. Mit der Realisierung wurden die Wünsche eingebettet in eine unüberblickbare Wirklichkeit. Wer rückblickend sich ans Überblickbare hält, entdeckt enttäuscht, wie er sich getäuscht hat.
Trost: „Du kannst Dich nicht überblicken; Du bist unüberblickbar! Die überblickbare Realisierung ist eine Vereinfachung. Sie kann und soll die viel ältere Vereinfachung, die unendlich verheißungsvolle Imagination, nur um ein Endliches einschränken, aber nicht ersetzen. Sie wird interpretiert durch die Erfahrung der Unüberblickbarkeit!“

Engagement, wo die Kräfte reichen; im Übrigen ist disengagement angesagt. Die Abgrenzung ist unsicher.

Alfred Jost thematisierte 1895, als er den Begriff „lebensunwertes Leben“ prägte, den Wert, den das Leben für den Leidenden hat. Später wurde er verallgemeinert.
Aber auch der Betroffene selbst kann sein Leben nicht bewerten. Für ihn selbst wie für andere sind Wirken und Nebenwirkungen eines menschlichen Lebens unüberblickbar.

Material ermüdet. Höhere Lebewesen sterben, aber machen vorher Junge. Menschen haben bis ins Alter Freude an den Jungen, werden aber ihres eigenen Lebens müde („lebenssatt“ wie Abraham).

Mein Leben war und ist eine viel zu kleine Stichprobe von Menschsein, um sich schon zu langweilen. Die Aufnahmefähigkeit nimmt zwar ab, aber das bedingt wieder andersartige Erlebnisse.

Die inneren und die Austäusche mit der äußeren Realität sowie das Interesse nehmen mit dem Alter ab. Die Verwunderung (die den jungen Menschen aktiv nachdenklich* macht) nimmt (in mehr rezeptiver, passiver Form) wieder zu.
* Plato, Theait., 11, 155d3: Die Philosophie erwächst aus der Verwunderung!

Man kann verschieden sehen. Man kann uninteressiert, schon wissend, geistesabwesend stumpf blicken; man kann mit einem bestimmten Interesse auf einzelnes fokussieren. Man kann aber, bis ins hohe Alter*, auch, wie ein spielendes Kind oder wie ein Maler, Einzelnes, wie man es vor Augen hat, ungeachtet seines notorischen Be­wand­nis­zu­sam­men­hangs, zusammensehen, überraschende Zusammenhänge wahrnehmen**, finden und erfinden.
Und das gilt nicht nur für das Sehen. Die Wirklichkeit ist unerschöpflich.
* Abgesehen von den verschiedenen Formen von Demenz.
** Das wird einerseits immer anspruchsvoller; anderseits hat man lebenslang zugelernt.

I. Sterben

Der Tod erschreckt. Keine Theorie, kein Glaube schafft das aus der Welt. Man muss sich auf eine Folge von Erschrecken gefasst machen.
Das Leben und unser Verständnis der Welt sind unbefriedigend. Das Verstandene und das Verstehen waren nie so sicher, wie sie schienen; sie zerbröseln.

Man stirbt so säkular – und so religiös – wie man Kartoffeln schält.

Gottes Segen hat mich oft in die gottlose Weltlichkeit entlassen. Wird Gott mich endlich in eine gesegnete Gottlosigkeit entlassen?

Leben ist Mitleben, ein Ja zum Nein; es relativiert schöpferisch beides.
In diesem Sinne lebend, kann man leben und sterben.

Der klassische* Begriff der docta ignorantia (Einsicht ins eigene Nichtwissen) bezieht sich auf die Gotteserkenntnis. In Sinne der antiken Skepsis wäre er, radikaler, ebenso auf unsere Welterkenntnis zu beziehen.
Nach Augustin ist sie auf Belehrung durch den Heiligen Geist zurückzuführen; und in diesem Sinne ist sie die Geistesverfassung für ein friedliches Sterben.
* Augustin, Bonaventura, Nicolaus Cusanus.

I. Gegenwart

Das Weltgeschehen war dem Menschen schon immer nur oberflächlich verständlich. Früher reagierte man auf die Überkomplexität menschlich ganzheitlich mit religiösen Praktiken (Opfer, Hexerei, Gottesdienst und Gebet).
Aber der Mensch hat zunehmend das rational-partielle Durchschauen vorangebracht und die Technik hervorgebracht – mit blendenden Ergebnissen auf einem umso schwärzeren Hintergrund. Was nun?

In der technisierten Welt der harten Rationalität wird Menschlichkeit simuliert. Diese Simulationsmodelle sind nicht in natürlichem Tempo gewachsen, sondern schnell konstruiert und nur entsprechend bedingt brauchbar.

Die Globalgesellschaft ist zu groß für Landfrieden. Aber auch früher konnten, ohne adäquate Integrationstechnologie, auch kleine Territorialstaaten nur mit viel brutaler Gewalt Landfrieden erzwingen.

Die Gesellschaft ist, globalisiert, mächtiger und wichtiger, aber unberechenbarer geworden. Jeder weiß viel Vereinzeltes, aber zu wenig über dessen Zusammenhänge, die diesem doch erst seine Bedeutung verleihen. So wird, gemessen an den neuen intellektuellen Anforderungen, die Menschheit praktisch immer dümmer.

Persönliche Identität realisiert sich in regelmäßiger Tätigkeit; sie stabilisierte sich bislang sozial in Berufs- und familialen Rollen. Die modern-wechselvolle Gesellschaft* bringt mit ihren kurzlebigen neuartigen Familienverhältnissen und Jobs eine Unzahl sehr verschiedener polyvalenter persönlicher Identitäten hervor, zwischen denen Verständigung schwieriger ist. Solche Identität ist zur Normalform, ja normativ, geworden. Notgedrungen auf dieser Ebene, identifiziert man sich mit den Mitmenschen wenigstens pauschal und oberflächlich. Kompensatorisch wird die Familie funktional überlastet.
Der Konkurrenzkampf absorbiert, in einem komplizierter gewordenen, volatil strukturierten, globalisierten Feld, mehr Energie und Zeit. Kreativität und Kultur sind stärker ökonomisch eingebunden. Innovationen sind gefragt. Spezialisierte Wissenschaften blühen. Kunst ist ein Wirtschaftszweig geworden; Religion ein politischer Machtfaktor, aber kulturell marginalisiert. Unter den verschärften Konkurrenzbedingungen ist σχολὴ, Muße, ο tium cum dignitate, kaum noch zu verantworten.
Aber ist Unbildung der Führungsschicht zu verantworten? Hatte die Bildung durch studia humaniora nicht gehalten, was der Humanismus versprochen hatte? Gebildete haben doch wohl tatsächlich, von bemerkenswerten Ausnahmen abgesehen, die Staaten besser geführt als Ungebildete.
Die Globalisierung ist aber ein Naturprozess, der menschlichen Kontrolle entglitten; und die Menschheit als Globalgesellschaft entwickelt sich zur doomsday machine.
* 1950 erschreckte David Riesman das soziologisch interessierte Publikum, indem er „die einsame Masse“ thematisierte.

Die Menschheit ist Opfer ihrer eigenen Kreativität. Wir machen die Welt immer unberechenbarer. Moral sorgt für Dauer, muss aber unter diesen Umständen verkümmern. Heute macht das schnelle Geld Geschichte.

I. Ausblick

Nicht nur Individuen altern. Alle realen Systeme altern; sie entstehen und verge­hen, und viele sterben an ihrem Erfolg. Das ist auch für den Erfolg der Menschheit in der Bio­sphäre zu erwarten.
Nicht nur Individuen pflanzen sich fort. Fortpflanzung bringt nicht immer Gleiches, aber meist Ähnliches hervor. Darauf muss die Liebe ihre Hoffnung verschieben. „Es wird gesät verweslich, es wird auferstehen unverweslich“ (1Kor 15, 42), sagt die Hoffnung; sie hat einen offenen Horizont.
Der christliche Glaube hat, trotz der schlimmen Aussichten, Hoffnung für die Welt. Und in dieser Hoffnung wird in Liebe die Wahrheit gesagt (Eph 4, 15) und beschei­den verantwortlich gehandelt.

Die Macht der Menschheit steigt vermöge ihrer eigenartigen, hochgradig individuell-subjektzentrierten und flexiblen Intelligenz. Dass die Mächtigen immer schneller immer mächtiger werden, ist ein Naturgesetz. Und so steigt vor unsern Augen die Macht der Mächtigsten ins Ungeheure. Auch dass dies, bei der natürlichen Knappheit der Güter, zu Revolutionen und immer größeren Katastrophen führt, ist ein Naturgesetz. Diese Dynamik wird durch das (weit verbreitete) intelligente Interesse am Gemeinwohl und Naturschutz leicht gebremst; und dies bedeutet für das Leben immerhin Zeitgewinn.

Nicht nur absichtlich, sondern schon mit arglosen Rücksichtslosigkeiten und Unbedachtsamkeiten können Durchschnittsmenschen, mit den nie dagewesenen, ihnen heute zur Verfügung stehenden Mitteln, verheerenden Schaden anrichten. Der natürliche Kampf ums Dasein (der desto härter wird, je mehr Menschen leben) wird damit immer katastrophenträchtiger.

Man vereinfacht sich seine Welt, indem man sie plausibel zerlegt in Teilprobleme, von denen man Teile weiter vereinfachen und verstehen kann. Das Gesamtergebnis ist zwar wieder hyperkomplex; aber man vereinfacht es sich zu leidlich praktikablen Weltbildern. Der Prozess beschleunigt sich, so dass man immer weniger mit einem Weltmodell Erfahrungen sammeln kann. Gefährlich! Thomas Bonhoeffer