Thomas Bonhoeffer


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Diese Datei ist ein fünfter Nachtrag zu meinem Buch “ Von Gottes Bescheidenheit. Zu Struktur und Dynamik der christlichen Existenzsymbolik“, Einzelnotizen, die ich nachträglich thematisch gruppiert habe.

Die nur schwach geordnete Fülle von verschiedenen Notizen ist eine kaum zumutbare Lektüre. Aber mit meinem Such-Programm (auf meiner WebSite) können Sie ein Dokument (oder mehrere zugleich in einem Durchlauf) nach Absätzen durchsuchen, die mehreren Such-Kriterien genügen.

I. Leben

Leben ist expansiv und in diesem Sinnen aggressiv. Die Menschen können die Aggression von der eigenen Spezies ab- und als Arbeit auf die Umwelt leiten und damit ihren Lebensstandard heben.
Der Einzelne muss im Kampf ums Dasein tüchtig sein. Die Tüchtigkeit erhöht die Macht der Menschen auf der Erde; diese Übermacht aber zerstört die Lebensgrundlage aller.

Komplexe Strukturen sind unwahrscheinlich. Aber auch homogene Primitivität ist ja unwahrscheinlich. Irgendetwas strukturiert sich – schließlich sogar Autokatalyse. Für die noch komplexere, höhere, die Evolution des Lebens ist dann die Generationenfolge wesentlich.

Die klassische Schöpfungslehre ist ein großes Postulat. Die Evolutionslehre ist eine Theorie; bezüglich der zahllosen großen Leerstellen in unserer Kenntnis der tatsächlichen Entwicklung des Lebens impliziert sie eine Fülle von Postulaten.

Lebenwollen ist ein Atavismus.

Verbesserung der Lebensbedingungen führt zu demografischem Überdruck oder dessen (rationaler, widernatürlicher) Ausbremsung. Das führt zu Sublimierungen, die durch wissenschaftlich-technische Leistungen die Lebensbedingungen weiter verbessern und also endlich zu einer (explosiven) Stagnation führen.

„Wir haben keine Chance. Nutzen wir sie!“ Aussichtsloses Streben ist tierisch unvernünftig; aber Tiere haben den Menschen hervorgebracht, und Menschen sind auch immer noch Tiere, die Menschlichkeit hervorbringen.

Was jetzt in Libyen passiert, verlangt grauenvoll folgenschwere Entscheidungen unter Unsicherheit. Auch dies gehört zu dem Leben, das wir doch lieben sollten.
Die Gräuel sind nicht alles; aber die Gefühlslage eines jeden, der vor nichts die Augen verschließen will, schwankt jämmerlich. „Herr Mikrokosmos“, spottet Mephisto*.
* Goethe, Faust I, Studierzimmer II (Zeilen 1770-1802).

Der grundlegende Bezug eines menschlichen Individuums zum anderen ist die Liebe des Säuglings zur Mutter – zunächst fokussiert (Brust, object mother*), dann aber schrittweise verbreitert (environmental mother*, love affair with the world**), vervielfacht und neu fokussiert†.
* Begriff von Donald Winnicott.
** Phyllis Greenacre.
† „…doch widmet sich das edelste dem Einen.“ (Goethe, Urworte orphisch)

Bereitschaft zu leben und zu sterben ist selten. Bereitsein ist nicht Wollen. Normalerweise will man leben; endlich vielleicht auch sterben; aber beides nur halbherzig, willig/unwillig*.
* „Was kann schon aus einem Tag werden, der mit Aufstehen anfängt!“, hörte ich einen sehr tüchtigen Handwerker sagen.

II. Hermeneutik

Alle sprachlich fassbaren Dinge sind einigermaßen stabil und sind deshalb auch ungefähr verständlich. Mehr ist uns nicht beschieden.

„Wort“ (im prägnanten Sinn) ist Zeugnis: Man bezeugt Erlebnisse mitsamt ihrem existenzsymbolischen Sinn. Mehr als Wort kann Lehre nicht sein; man lehrt, was man als wahr erlebt, als Fakten und Theorien.

Die Imagination vom absolut Guten ist je symbolisiert durch etwas lokal Gutes.

Historisch bedingt, ist jüdisch: Nichts für selbstverständlich nehmen. Das geht von Montaigne’scher Skepsis bis zur Chuzpe.
Inzwischen hat die ganze Welt es lernen müssen.

A. Realität

Die Aufklärung war optimistisch; Kant glaubte, dass die Vernunft am längeren Hebel sitzt und deshalb die Menschen langsam immer friedlicher werden*. Inzwischen aber sind wir über die auch zeitlichen chaotischen Grenzen jeder vernünftigen Ordnung weiter aufgeklärt.
* Zum ewigen Frieden, 1795. Die Alternative war Verzweiflung (S. 90).

Je enger man sich vom Schicksal in die Zange genommen fühlt, desto mirakulöser sind die natürlichen Hoffnungsphantasien.

Die Vernunft, das Medium der für den Menschen brauchbaren, vereinfachenden Darstellung der Wirklichkeit, hat ihre eigenen Strukturen. Da gibt es Poesie, Religion, Alltagswissen und die exakten Wissenschaften. Faust, Gott und i (die Wurzel aus -1) „gibt es“ nicht.

Der „Diamantweg“-Buddhismus ist eine respektable Hilflosigkeit. Es geht um den unmittelbaren, nicht sozial vermittelten Realitätsbezug – und Ablehnung des distanziert beobachtenden und reflektierend identifizierenden Bezugs zu (sozial stabil ausgelegten) „Objekten“. Die Richtigkeit einer Vorstellung besteht nicht in ihrem Gegenstandsbezug, sondern in der menschlichen Haltung, die der Vorstellung entspricht.
Die erforderliche Haltung ist zunächst Verehrung für den Meister als einen Menschen, dessen Geist über die öffentliche Ausgelegtheit der Realität hinausragt. Die Idealisierung des erwählten Meisters kompensiert narzisstisch die Überwältigung durch die Größe der Welt, die der Buddhist erfährt. Die Verehrung des Meisters ersetzt anfangs und prägt allmählich den eigenen Realitätsbezug: Der Buddhist ist es zufrieden, lebenslang in einer schülerhaften Haltung gegenüber der Realität zu bleiben. Wer das erreicht hat, ist ein Buddha – ein Wunder.

B. Wahrheit

Monotheismus und Buddhismus sind zwei einander widersprechende Vereinfachungen, subjektive Objektivierungen der Subjektivität. Beide idealisieren und dogmatisieren ihren Meister als Vorbild und Vorabbildung der erhofften, nur interimistisch richtig vorstellbaren Integration.

Die „öffentliche Meinung“ kann nur einfach sein. Aber die Wahrheit ist nun einmal nicht so einfach. Deshalb muss die öffentliche Meinung von einer zur andern Vereinfachung wechseln. Jeder Einzelne muss, belebt durch private Gespräche und Lektüre, selber denken.

Es ist eine alte Idee, und jeder Wissenschaftler weiß es: Unsere Welt der allgemein anerkannten, griffigen Tatsachen ist nur die Oberfläche der Wirklichkeit. Ihre Wahrheit ist nur dann und wann charismatisch anzumelden, metaphorisch oder paradox, als ein „Jenseits“.

Der Glaube ist nicht Gleichmut; er freut sich und leidet. Er ist aller Welt gegenüber skeptisch; aber immer wieder findet er Grund, zu hoffen, die Schöpfung sei nicht überflüssig oder vergeblich, sie sei vielmehr im Ganzen – und sogar in allem Einzelnen – eine gute Gabe.

Auf den Schultern seines Ordensheiligen Augustin* stehend, schreibt Luther (gegen die Unverbindlichkeit des Erasmus bezüglich der Rechtfertigungslehre): Spiritus Sanctus non est scepticus. Das Gegenteil ist richtig! Es geht um die Bescheidenheit des Muts zur Wahrheit. Das hat Luther hier aus dem Auge verloren.
* Dieser hatte gegen die damalige Schule der Skeptiker sein Contra Academicos geschrieben.

C. Sinn

Eine Form der menschlichen Beschränktheit ist Zielorientierung.

Ein Bild ist ziellos, aber nicht sinnlos. Es hat nicht nur eine, sondern zwei Dimensionen. Es ist ein Raum, wo der Blick viele Wege gehen kann, die selbst Ziel sind. Es ist nicht ewig, aber überaus vielzeitig. So ist die Weltgeschichte wohl ziel-, aber nicht sinnlos. (Sie hat noch mehr als zwei Dimensionen!)
Der Blick kann viele Wege gehen. Wir selbst gehen mit der Weltgeschichte jeder seinen unergründlich, unerschöpflich sinnvollen Weg. Awareness makes sense.
Mein (immer irgendwie zielorientiertes) Leben ist ein kurzes Fädchen im Sinngeflecht der Welt. Zielorientierung ist Zukunftsorientierung; diese aber ist eine Engführung der Sinnfrage.

Die Frucht der Katastrophen kann sein: Nächstenliebe, d.h. Solidarität in der tiefsten Ratlosigkeit. Nächstenliebe ist elementar kreativ. En attendant Godot* zeigt lächerliche, kleine Ansätze von Kreativität; dabei muss es nicht bleiben. Viele ernste Menschen fühlten sich von diesem (zuerst jahrelang abgelehnten) Stück angesprochen und verstanden!
* Titel eines Theaterstücks von Samuel Beckett (1949; erst 1952 publiziert).

Natürlicherweise wächst man heran und macht dann Kinder, für die man sorgen muss. Das macht, Schritt für Schritt, natürlich Sinn – mitten im Unsinn. Aber sinnvoll leben ist nicht nur natürliche Elternschaft. (Es hat aber – wie diese – die Hoffnung, langfristig fruchtbar zu sein.) Aufmerksames Leben macht mehr Sinn als wir fassen können. Aber man wird zu Zielorientierung erzogen; denn auf dieser Verengung des (sinnorientierten) Blicks liegt ein wenigstens kurzer, evolutionärer Vorteil.

Das Leben im Ganzen erscheint uns manchmal sinnlos; in Wahrheit aber ist es eine unüberblickbare Sinnfülle. Jeder Sinn freilich ist beschränkt – wie auch wir selber.

Das Subjekt nimmt allenthalben Sinn wahr. Das sind, in dem großen Wellensalat* der unsere Realität ausmacht**, so etwas wie Resonanzen mit seiner Umwelt.
Reale Resonanzen haben Anfang und Ende, sie sind beschränkt.
* In dieser vielfältig bewegten Welt ist alles mit allem direkt oder indirekt in Kontakt. In unserer Welt von einigermaßen stabilen Dingen ist alles in Schwingung, ein Wellensalat.
** Was uns als Korpuskel erscheint, kann bekanntlich auch als Welle erscheinen.
Alfred Fettweis, Electrical communications, fluid dynamics, and some fundamental issues in physics, 2010, zeigt auf, dass wegen der Überlagerung unkontrollierbarer störender Wellen die ontologische, zwischen Einstein und Bohr diskutierte Determinismus-Frage nicht entscheidbar ist. Ignoramus – ignorabimus?

Sinn ist in Bewegung; Bewegung ist in mindestens zwei-elementigen Einheiten. Die „Elemente“* haben Richtung und, bei Anziehung, sogar ein (im Gegensinn) bewegtes Ziel.
Der Lebenssinn eines Subjekts ist nur lokal und in Bezug auf die andern (anders „gesonnenen“) Elemente der fraglichen Einheit bestimmbar, als vielfältiges Mitleben. Der sensorische Sinn der Vokabel erinnert daran.
* Sie sind in der Regel selbst mehr-elementige Einheiten.

Kein Sinn ohne Widersinn. Kein Widersinn ohne Vielfalt.

Alle „Sinne“, Tastsinn, Geruchssinn und Geschmack, Sicht und Gehör repräsentieren dem Lebewesen das Zusammensein.

Gegen deprimierendes Sinnlosigkeitsgefühl ist zu empfehlen selbstvergessenes Achten auf den Sinn und das Sinnen anderer Wesen. Der Sinn des Lebens ist zu erleben. Er ist auch nur vergänglich symbolisch zu repräsentieren.

„These und Antithese“, „Sinn und Widersinn“ – die reale „Synthese“ ist: chaotische Veränderung.

Alles und jedes ist in Bewegung, hat Richtung, Sinn, ist – vom einen abgestoßen, vom andern angezogen – auf etwas (nämlich „das Gute“) aus; es hat, inmitten von widrigem Unsinn, seinen Sinn. „Das Ganze“ ist für unsere Augen Chaos.

D. Symbol

Kein Mensch kennt sich selbst ganz. Indem sie ihn sich selbst vermittelt, vereinfacht und verfremdet jede Symbolik den Menschen sich selbst. Idiosynkratisches Potenzial wird abgebaut, Kooperationspotenzial wird aufgebaut.
Gewaltherrschaft entfremdet die Untertanen sich selbst, indem sie ihnen eine Symbolik aufzwingt. Gehorsam setzt den Menschen unter Spannung und verformt ihn. Er kann das anerkennen und weiser werden als sein Herr. (Dieser täte dann wohl daran, auf seine Knechte zu hören.)

Bei aller Gleichheit, sind die Menschen einander doch gefährlich fremd. Sie kommunizieren in einer mehr oder weniger entfremdenden* Symbolik (Sprache).
So lange eine Diktatur über eine heterogene Bevölkerung kooperatives Verhalten erzwingen muss, muss der einzelne Untertan** die allgemeinverbindliche, hier jedoch besonders entfremdende Symbolik zur Kommunikation benutzen.
Aber das kann in sehr verschiedener Weise geschehen. Um besonders entstellende Symbolik endlich gemeinsam abzuwerfen, bedarf es vor allem sehr großer Geduld und Spannkraft. Es gilt, die Wahrheit solange in konventioneller Form zu sagen†, bis eine weniger entfremdende Symbolik sich entwickelt hat.
* „Warum kann der lebendige Geist dem Geist nicht erscheinen? Spricht die Seele, so spricht, ach, schon die Seele nicht mehr.“ (Schiller, Votivtafeln)
** Die Grundstruktur des antiken römischen Reichs (wo Paulus Rm 13,1ff. schreibt) ist vielleicht doch die Normalstruktur menschlicher Großgesellschaftsordnung, und echte Demokratie die Ausnahme.
† Das verlangt Kreativität! Im Epheserbrief (4,15) findet sich die schöne Formulierung: ἀληθεύοντες ἐν ἀγάπῃ („in Liebe die Wahrheit sagen“).

Kommunikation ist günstigstenfalls mild chaotisch, d.h. mehr oder minder: gegenseitiges Unverständnis.
Frömmigkeit anerkennt Fremdheit; sie lässt sein. Sie stellt sich bescheiden kreativ auf die Andersheit der Anderen ein.

Symbolik vereinfacht den Realitätsbezug subjekt-bezogen. Symbole sind Ergebnisse einer langen Vorgeschichte, meist kollektiv-subjektiv, und deshalb unscharf definiert. Ausnahmen sind die rationalen Assimilationsschemata, Symbolsysteme, deren Elemente einander zwar scharf definieren, die aber auf Realität nur unter schlecht definierten Bedingungen anwendbar sind.

Ohne Vertrauen kein menschliches Leben. Das Medium des Vertrauens ist Symbolik; Vertrauen schafft Symbole; man glaubt an Symbole. Um zu leben, muss man verhaltensrelevant daran glauben. (Banal: Man muss an einen Tauschwert des Wertsymbols Geld glauben.)
Eine Rechtsgemeinschaft muss, um der sozialen Ordnung willen, auch an staatliche Machtsymbole glauben. Die öffentliche Verschuldung der Staaten stellt den gelebten Glauben der Menschheit an sich selbst auf eine harte Probe.

Die Kreaturen sind lauter Symbole des Guten, – die aber mit einander im Konflikt liegen.

Symbolik ist Raum schöpferischer Freiheit gegenüber der Realität. Symbolik organisiert Macht. Zwischen konkurrierenden Symboliken kann man Freiheit wahrnehmen. Dabei dient die konkurrierende Symbolik gegenüber einer herrschenden Meinung als Alibi. Das freie Individuum braucht keine Symbolik im emphatischen Sinne zu „glauben“; aber es braucht die Trennung von „Kirche“ (im soziologischen Sinne) und Staat.

E. Erkenntnis

Vom Gefühl zur Rationalität: Fluss – Angst – Gefahr – un-gefähr – gleich – dasselbe – ich – Zeit – Bewegung – Tag, Atem, Puls, Rhythmus – natürliche Zahlen – Geschwindigkeiten, Frequenzen, Quotienten.

Die Wellen/Korpuskel-Dualität erscheint im Rahmen des Subjekt/Objekt-Schemas; sie ist ein Spezialfall der fundamentalen Unsicherheit bezüglich der jeweiligen Brauchbarkeit all unseres verständigen Vereinfachens.
Auch die Unschärferelation und die Wahrscheinlichkeitswellen sind rational unbefriedigend, aber intuitiv (kognitiv archaisch) plausibel, „wahr-scheinlich“ im Sinne von vraisemblable, likely.

Problemanalyse testet Konzepte an den fraglichen Phänomenen. Sie dient der endlichen Synthese vereinfachender Modelle.

Symbolik ist ungenau.
Sie braucht eine möglichst große Trägermenge von ähnlichen Subjekten zu deren genauerer individueller Selbstverständigung. Der konsensfähige alltägliche Sprachgebrauch ist die zentrale Vereinfachung des Weltverstehens.
Weitere, auch die (im weitesten Sinn) religiösen Vereinfachungen sind wesentlich für die Individualität des Menschen, für seine Gedankenfreiheit, also für seine Menschlichkeit. Lebenslang aber bleibt der Mensch zu Verständigung* (mit, im christlichen Sinne: dem Nächsten) verpflichtet**.
Religiöse Kreise sind, im Glauben an Gott, den Erlöser, in Gefahr, Gott, den Schöpfer sowohl jener geahnten wie dieser gewussten Welt (sowie die eigene Menschlichkeit), zu bagatellisieren – nicht nur nach Seinem Willen zeitweise, sondern ständig.
* Menschen können sich auf eine Symbolik des Kampfs verständigen.
** Luthers lex.

In offenen Fragen artikuliert sich Unruhe, die Basis unseres Lebens. Erkenntnis beruhigt. Aber sie führt zu neuen Fragen.

Genetisch oder ontogenetisch Gelerntes bleibt, auch wenn es keine evolutionären Vorteile mehr bringt, doch als Dummheit noch eine ganze Weile sitzen.

Durch konservatives Spielen mit dem Zufall lernt man zu.

Unser guter Wille unterliegt der Beschränktheit des menschlichen Urteilsvermögens. Wir erweitern unseren Horizont, indem wir von einander Symbolik lernen. Aber jede noch so komplizierte Symbolik beschränkt unseren Horizont, indem sie vereinfacht. Wir können aber unsere Beschränktheit, ein wenig über diese Vereinfachung hinaus, selbst skizzieren.

Hegels Dialektik ist Abbildung in Form eines Nachvollzugs, ein Modell. Auch sie ist eine ungefähr richtige, unter Umständen aufschlussreiche Vereinfachung.

Es gibt in der chaotischen Wirklichkeit zweierlei Schadenfreude: die gerechte und die ungerechte.
Letztere ist Reaktion auf „Tücke des Objekts“, wenn jemand trotz normaler Vorsicht etwas falsch gemacht hat und unverschuldet einen (kleinen) Schaden erlitten hat. Er ärgert sich; die andern freuen sich – jeder darüber, dass dieser seltene Fall (der doch jedem droht) nicht ihn getroffen hat. Überraschungen haben eine komische Seite, und die ungerechte Schadenfreude ist mit Gelächter verbunden. Die Klugheit, der Stolz des „homo sapiens “, ist lächerlich. Gelächter ist ansteckend, und der Pechvogel soll mitlachen und sich freuen, dass fortan auch er „wahrscheinlich“ heil davonkommt.

III. Gesellschaft

Jeder empfindet und weiß: Es gibt schon jetzt viel zu viele Menschen. Der wirtschaftliche Wert des Einzelnen sinkt. Das bedroht jeden.
Die Menschen sind einander immer weniger nützlich.
Den größten Teil der Arbeit, die früher die Menschenmassen leisteten, erledigen heute Maschinen. Weltweite Verteilungsprobleme drohen. Arbeitsleistung als Verteilungsschlüssel für die knappen Güter kann immer weniger befriedigen; aber ein neuer Schlüssel ist nicht in Sicht. Eine unhaltbare soziale Situation!

Good fences make good neighbours . Alle Kooperation muss, mit positiven und negativen Sanktionen gesichert, flexibel und begrenzt bleiben. Positive Sanktionen stabilisieren, negative versteifen die Kooperation. Zwangskooperation ist brüchig.

Nationalismus war einst eine erfolgreiche Kooperationsideologie.
In der Globalgesellschaft nimmt er wieder ab zugunsten vielerlei anderer (lokaler und transnationaler, mehr oder weniger offener) sozialer Einheiten, denen der Einzelne sich zugehörig fühlt.
Die intraspezifische Konkurrenz wandelt sich entsprechend: Die klassische ultima ratio, die geordnete und begrenzte Kriegführung zwischen nationalen Armeen unterliegt wieder chaotischen vieldimensionalen, bürgerkriegsähnlichen Strategien.

Der einzelne Mensch ist auf Kooperation angewiesen. In der Globalgesellschaft sind die Kooperationsstrukturen chaotisch geworden. Je komplizierter (und also für den Einzelnen unberechenbarer und unzuverlässiger) die Ordnung der Gesamtgesellschaft ist, desto wichtiger werden die kleinen naturwüchsigen Systeme Kleinfamilie und Verwandtschaft*
* Die Bedeutung der weiteren Verwandtschaft (Sippe und Stamm) ist in modernen Gesellschaften allmählich hinter Funktionsbeziehungen zurückgetreten.

Jeder Privathaushalt ist abhängig von seinem Land. Jedes Land ist heute abhängig von der Globalgesellschaft. Diese aber ist nicht kreditwürdig. Omnis homo mendax (Rm 3,4) – mehr oder weniger. Aber eine Kette ist nur so stark wie ihr schwächstes Glied – also je länger desto schwächer! In diesem Sinne sind wahrscheinlich überhaupt große Gesellschaften besonders vertrauens-unwürdig*. Auf dieser Kontrastfolie sind Familientage, Studentenverbindungen, Logen, Rotarier, Lions und dergleichen ein Gebot der Vernunft.
* Die optimale Größe von primitiven menschlichen Lebensgemeinschaften soll bei 140 Personen liegen.

Gewalt versimpelt die sozialen Beziehungen brutal. Aber Gewaltfreiheit ist nicht realisierbar. Gewaltminimierung wird durch die (von Johan Galtung thematisierte) „strukturelle Gewalt“ realisiert. Diese nötigt zu einem Dialog, – der allerdings oft sehr lange braucht, um Folgen zu zeitigen.

Berlusconi exponiert sich als Individuum, mit dem man sich identifizieren kann; er ist eine Art Wahlkönig, eine einfache Integrationsgestalt.
Seine politischen Rivalen hingegen sind Teilphänomene von nur halb sichtbaren sozialen Gruppen*, und diese sind zu tief in Probleme verstrickt, um Hoffnungsträger zu sein. Auch Prodi exponierte sich, auf dem Fahrrad durch die Lande fahrend, persönlich; er ging dann aber als Politiker in Sachproblemen unter.
* Der König ist als Einzelner ein pluralis maiestaticus, ein „Sie“ oder „Ihr“. Diese Anredeformen wurden dann demokratisch allgemein beansprucht.

Eine Herrschaft vereinfacht im Chaos des Weltgeschehens die Gesellschaft, entschieden gegen andere mögliche Vereinfachungen. Aber der Herr ist abhängig vom Knecht. (Das gilt auch für die Herrschaft des Menschen über die Natur.) Zur Sicherheit müssen die andern Möglichkeiten repräsentiert sein – gedanklich, symbolisch oder persönlich. Demokratie ist zwar chronisch gestört, aber relativ stabil.

Soziale Gleichverteilung ist nicht möglich; und der Kampf um die besten Plätze ist auch unter Menschen natürlich – und zwar desto härter, je krasser ungleich die knappen Güter verteilt sind. Das steigert sich; und deshalb gehören Systemzusammenbrüche zur Normalität der menschlichen Gesellschaft; mit Gewalt lassen sie sich nur hinauszögern. Und Zeitgewinn ist auch schon ein Gewinn.

Mehr oder weniger bedrängt jeder jeden*. Organisation leitet Druck nach außen ab. Gesellschaften organisieren und schichten sich zunehmend; „Filz“ entsteht. Das staatliche Gewaltmonopol stabilisiert das.
Auch Gesellschaften brauchen einen Kopf; aber mit der Zeit werden sie kopflastig.
Übermäßige Bedrückung deformiert empörend. Aber um des Landfriedens willen muss man lange Zeit geduldig mit Unrecht leben – symbolisch kreativ. Witz und Kunst sind wichtig.
Endlich entledigt sich die Gesellschaft ihres Kopfs – in der modernen Demokratie ist das rhythmisch normalisiert. Große Empörung aber verleitet zu vorzeitiger Revolution.
* „Leicht bei einander wohnen die Gedanken, doch hart im Raume stoßen sich die Sachen.“ (Schiller, Wallensteins Tod II, 1)

Der Staat ist organisierte Gewalt, die zu Staatsterrorismus entarten kann. Wie kann man organisierte Gewalt mindern? Durch lebenskluge symbolische Kreativität (Witz und Kunst) kann man sie behutsam und langsam – und endlich, durch genau gezielte Obstruktion ihrer Machtstruktur, plötzlich – auf ein ziviles Maß herunterfahren.

Keine demokratische Führung ohne Mehrheitsfähigkeit, und keine Mehrheit ohne Opportunismus. Aber Opportunismus als Prinzip (z.B. Angela Merkel) ist Egoismus; und der ist auf die Länge nicht mehrheitsfähig.

Die menschliche Kreativität, und umso mehr die Koordination menschlicher Aktivitäten, Wirtschaft und Politik, sind mild chaotisch. Soziale Ordnung ist Hoffnungs- und Glaubenssache und fordert Engagement. Jedes soziale System hat seine civil religion.

Staat sowie Kirche repräsentieren* die Gesellschaft als Institutionen. Die mehrfache** Repräsentation konstituiert für den Einzelnen den spannungsvollen Raum seiner persönlich verantwortlichen Freiheit.
* Vereinfachend und also entstellend.
** Es gibt ja auch noch Familie, Freundeskreis, Verein, Betrieb, Volk, Globalgesellschaft etc.

Soziale Ungleichheit war immer schwach legitimiert*. Je größer sie wird, desto explosiver.
* Calderon sah sie als eine Rollenverteilung auf dem Welttheater, die als solche gleichgültig ist und zufällig sein kann, da das Urteil über die Person allein davon abhängt, wie die zugeteilte Rolle gespielt wird.

Die alte Staatsmacht hat zwar noch das Gewaltmonopol, muss sich aber der neuen Finanzmacht fügen.
Jene war eine naturwüchsige Kooperationsstruktur, bodenständig, plump gewaltbereit, mehrfach gehalten, träge, langsam, personal symbolisiert und verantwortlich repräsentiert.
Finanzmacht hingegen ist rein memetisch, eine Kreation des Markts. Der Finanzmarkt ist, dank seiner unübertrefflichen Dienste als Vermittler, souverän geworden; schnell beweglich, anonym und verantwortungslos*. Jeder und niemand repräsentiert den Markt. Man kann diesen ein Bisschen manipulieren, wie früher die Schmeichler den dümmlichen Monarchen.
* „O fortuna, sicut luna statu variabilis.“

Die Chinesen sind die ostasiatischen (einst sprichwörtlichen) Deutschen: arbeitsam, strebsam, untertänig.
Der ganze Westen war als Kolonialmacht übermütig geworden; Deutschland wurde gedemütigt, wurde noch übermütiger, wurde abermals gedemütigt und ist nun wieder bescheiden.
China war gedemütigt; und wir bekommen nun Angst vor chinesischem Übermut.

Ein Staatswesen befriedigt dann, wenn die Bürger sich so weit als Brüder fühlen, dass sie mit Naturnotwendigkeit in gemeinsamer Gefahr zusammenrücken und ihr eigenes Leben notfalls für einander einsetzen. Das geschieht in kleinen Staaten und Gemeinwesen leichter.

Soziale Schichtung, ein System von Privilegierungen und Unterprivilegierung, erhält den Frieden. Sie stabilisiert sich selbst, indem sie dafür sorgt, dass den Notleidenden die Macht fehlt, für sich zu kämpfen.
Der Stabilitätsbereich für die Ungleichverteilung ist aber nicht sehr groß und wird immer enger. Wenn die Selbstverstärkung der Ungleichverteilung außer Kontrolle gerät, kommt es zu Revolutionen mit illusionären Zielen.

Im Nachgang zu der Politologie, die Thomas Hobbes unter dem Eindruck der englischen Revolutionskriege entwickelt hatte, thematisierte, nach dem Ersten Weltkrieg, Carl Schmitt Todfeindschaft als dem real existierenden Menschen wesentlich.
Als Rahmentheorie für die politische Praxis konnte das nicht überzeugen; aber ebenso wenig die optimistische Anthropologie der Aufklärung*! Das Leben entwickelt sich je kreativer desto chaotischer.
* Deshalb kommt man jetzt auch wieder auf Carl Schmitt zurück.

Der (abstrakt klingende) Ruf nach Freiheit bekommt seinen Inhalt von seinem Kontext und bezieht aus diesem seine gesellschaftsspezifische Selbstrechtfertigung.

Zu Fuß durch ein hässliches Stadtviertel, erfährt man den grauen Alltag, aus dem nur selten Glück sich heraushebt. Die meisten Kinder wachsen so auf. Da gibt es Gewohnheiten, Anstand, ein paar formelle Normen, ein paar Hoffnungen, flackernde Glücksphantasien, aber keine Ideale. Man streckt sich nach der Decke; man ist selbst ein Stück Decke. Dann und wann reißt sie; es gibt Revolte.

A. Kultur

Schulbildung ist geordnete Information, ein Medium des Verstehens. Auf dieser Basis kann Zusammenarbeit Stück für Stück gewaltige Lehrgebäude errichten. Für ihren Bildungswert entscheidend ist aber, ob auch das Ordnen verstanden wird als ein Vereinfachen, bei dem viel Information als verwirrend ausgesiebt wird, die durch ein anderes Vereinfachen vielleicht als sogar bessere Strukturierungshilfe zu Tage käme. Die Bereitschaft umzudenken ist grundlegend wichtig! Sie fällt aber leicht dem Schul-Dogmatismus* zum Opfer.
* Die großen antiken Schulen hatten ihre δόγματα/Dogmen=Lehrmeinungen. Von hier kam der Begriff in die Kirche.

Ungeordneter Rückzug ist übel; ungeordneter Fortschritt aber ist noch gefährlicher, denn er spielt in unbekanntem Gelände. Die sektoriellen Fortschritte der Zivilisation in Wissenschaft und Technik müssen von kultureller Integration begleitet sein.

Jede Kulturepoche hat ihre Klassik. Diese Kulturgüter gehören zur Allgemeinbildung.

Musik, Dichtung und Religion sind, bei aller Komplexität, vereinfacht vergegenständlichte* Nachklänge von menschlichem Erleben.
* Wie Chladni‘sche Klangfiguren.

Institutionen sind lebensnotwendige Vereinfachungen. Mythen, Märchen, Fabeln und Gedichte sind mehr oder weniger institutionalisierte Phantasien.
Die institutionalisierten Gottesbilder sind bedingt brauchbare Vereinfachungen für allgemeine Probleme des menschlichen Lebens. Die Bedingungen sind Thema der praktischen Theologie.

Objektiv sind die herrschenden sozialen Werte und Normen stereotype Vereinfachungen, bedingt nützliche Illusionen. Glaube daran ist Bürgerpflicht in dem Sinne, dass man, kooperativ kreativ, die Werte der herrschenden Kultur als eigene Werte interpretiert sowie auch die Normen einhält.
Das geht eine Weile gut. Aber im Wandel der Lebensbedingungen erleiden Rechtsgemeinschaften fürchtenswerte Krisen und Zusammenbrüche. In vorrevolutionärer Spannung erwartet die Menge einen Zusammenbruch der korrumpierten Ordnung und setzt einen Hoffnungsträger aus sich heraus, der eine erlösende Umwertung aller Werte initiiert*. Katalysiert durch Propheten und Messiasse**, kippt das System, und neue Vereinfachungen setzen sich durch.
* Die paulinische Formulierung: „Als die Zeit erfüllt war“ (Gal 4,4), reduziert apokalyptisch eine unheimliche Stimmungsdynamik („So konnte es nicht weiter gehen!“) auf einen Sprung zwischen zwei Zeiten.
** Auch das Neue Testament warnt, wie alle andern, vor falschen Propheten und Messiassen.

Jeder vereinfacht sich die Welt und nutzt dabei die Vorarbeit anderer. So klumpt Gesellschaft kulturell zusammen; und so trägt sie den Einzelnen – durch (sanktionierte) Vereinfachungen fehlinformiert und im Grunde ratlos, wie er ist – irgendwie durchs Leben.

Judentum ist heute eher eine Familie von Kulturen als eine Religion oder ein Volk. Die Religion hat für die Bildung seiner Identität eine wesentliche Rolle gespielt; die völkische Identität ist fraglich*. Die an Extremen reiche Kultur ist ein Produkt der an Extremen reichen Geschichte. Auch solcher Reichtum ist, wie man sieht, selbstverstärkend. Und er hat zwangsläufig einen erhöhten Prozentsatz an individueller Unnormalität hervorgebracht; Heilige und Kriminelle, Genie und pathologische Dummheiten.
* Shlomo Sand, Die Erfindung des jüdischen Volkes, 2008.

B. Recht

Aus einem Krieg aller gegen alle entstehen – wie Wirbel – Ordnungen, Hierarchien und Zentren; man unterscheidet, zunächst polyzentrisch, zwischen Recht und Korruption. Man sakralisiert das jeweilige Recht („Heil‘ge“ Ordnung, segensreiche Himmelstochter“*) – notfalls mit Gewalt und Gesinnungsterror. Monopolisierung von Gewalt befriedet gespannte Machtverhältnisse.
* Schiller im Lied von der Glocke unter dem Eindruck der französischen Revolution.

Recht soll die sozialen Lebensbedingungen im Chaos stabilisieren.

Jegliche Gewalt bedingt in einer Gesellschaft nicht nur einfache, grobe, offenkundige, sondern auch komplizierte, feine, geheime Machtverhältnisse – bis zur Korruption.
Zuletzt Amerika beherrschte die Welt durch Unterstützung heimischer Diktaturen. Wir sehen und erleben heute die Kehrseite dieses Friedens.

Ein Staatsvolk muss tolerant sein; es braucht sein hyperkomplexes lebendiges Gewebe von Volksweisheiten. Im unerträglichen, empörenden Notfall allerdings bedarf die Rechtschaffenheit jener juristischen Versimpelungen, die geordnete Gewaltanwendung ermöglichen.

Wer zahlt, „befiehlt“ vielleicht nicht; aber er entscheidet mit.

Not mit Neid und Luxus mit Geiz charakterisieren die beiden Extreme einer geordneten Gesellschaft. Deren Stabilität hängt ab vom „sozialen Tonus“, will sagen: von der Konsensualität der verschieden hohen, aber in dieser Gesellschaft legitimen, Ansprüche. Als hoch empfundene Ungleichheit erhöht die soziale Spannung*.
Bei Explosion allerdings kann sich die verantwortliche Oberschicht am besten in Sicherheit bringen. Es gibt deshalb, nach einer für alle schrecklichen Übergangsphase mit symbolischen Exempeln rächender Gerechtigkeit, bestenfalls einen breiteren Konsens.
* Und dagegen hilft keine wohlfeile Wohltätigkeit. Diese kann sogar obszön sein – wie ein Kruzifixchen als Schmuckstück.

Recht ist immer strittig. (In glücklichen Zeiten vergisst man das.) Wenn in einer Rechtsgemeinschaft die gelebten Symboliken einander zunehmend widersprechen und die soziale Spannung steigt, bricht die Kultur der Symbolik zusammen und barbarische Gewalt übernimmt die Herrschaft. – Für Minimierung der Brutalität des Übergangs kommt es auf den Zeitpunkt des Umsturzes an.

Der einzelne Mensch ist – und umso mehr die Menschen sind – immer wieder verschieden; jeder Mensch und jede Menschengruppe haben jeweils ihre eigentümliche Ordnung. Was für Ordnung allgemein gilt, gilt auch für Rechtsordnung und konkret bestimmte Gerechtigkeit: Es sind subjektive Begriffe. (Subjektivitäten sind weitgehend kommunikabel; es gibt Verständigung.) Optimale Ordnungen in Verbundsystemen sind Kompromisse.

Law and Order sind relativ wichtig, aber nicht absolut. Gott geht schöpferisch damit um. Das menschliche Leben, Leben überhaupt, die Schöpfung ist heilig; Töten ist Frevel; höheres Leben ist Frevel. Aber der in Jesus offenbare Gott hat Frevel vergeben.

C. Wirtschaft

Die größten Firmen machen ihre riskanten Geschäfte; im Schadensfall kann die Regierung Popularitätseinbrüche nur vermeiden, indem sie mit Subventionen wirtschaftliche Einbrüche verhindert oder doch hinauszögert. Die breite Masse muss dann die von der Machtelite geplünderten öffentlichen Kassen wieder auffüllen.

Die chaotische Dynamik der globalisierten Wirtschaft müsste einer machtvollen Selbstkontrolle unterworfen werden – unter den Augen der Weltöffentlichkeit, in einem (politisch gesetzten) globalen Rechtsrahmen, nach Urteil eines Rates der führenden Wirtschaftssubjekte*.
* Hier ist – in Nachfolge des Club of Rome – an das Welt-Wirtschaftsforum in Davos zu denken.

D. Geld

Die Urform von Geld sind Münzen; sie sind ein Tauschobjekt. Geld, ein standardisierter Tauschwert, erleichtert, als Zahlungsmittel, den Handel.
Courant -Münzen* wurden (zuerst im 7. Jh. vor Chr. bei den Lydern) aus Gold und Silber** geschlagen. Qualität und Quantität von Münzen war Vertrauenssache. Ihr Wert wurde deshalb meist hoheitlich, also durch Macht garantiert. Der Wert auch einer Edelmetall-Währung hängt vom Garanten ab.
Schon im Altertum wurde in staatlichen Notzeiten die Währung verschlechtert. Erst anfangs des Ersten Weltkriegs wurde allgemein der Geldwert, wie früher nur bei der „Scheidemünze“ (dem Kleingeld), prinzipiell vom Materialwert der Münze abgekoppelt; Geld wurde zum „reinen“ Symbol, zum Zeichen für macht-garantierte Ansprüche.
* Im Unterschied zum Kleingeld, den sog. Scheidemünzen, die von weniger zuverlässigem und garantiebedürftigem Wert sind.
** Der besondere Wert der Edelmetalle beruht auf ihrer Korrosions- und insofern Wert-beständigkeit.

Menschliche und Sachwerte* sind nur bedingt** mit einander zu vergleichen und zu verrechnen. Aber jeder Einzelne hat Geldwert für die Gesellschaft: einen allgemeinen Minimal†- und einen besonderen (unter anderem: bildungs- und alters††-abhängigen) Durchschnittswert.
* Als „Werte“ sind auch sie menschlich.
** Wir überblicken die Bedingungen nicht.
† Das ist Sache der öffentlichen Fürsorge.
†† Das schlägt bei den Krankenkassen zu Buch.

Creditum /Kredit = Darlehen; credere (aus: cor dare ?) = 1. vertrauen, 2. anvertrauen.
Bei Krediten geht es um Vertrauen. Bereits die Geltung von Geld ist Vertrauenssache. In der globalisierten Wirtschaft geht es um das Vertrauen in die Menschheit. Dieses schwankt; gemeinhin gilt sie für nicht sehr kreditwürdig. „Der Mensch denkt, Gott lenkt“, heißt es. Aber auch das Gottvertrauen schwankt.

Kreditvergabe ist, wie der Name sagt, ein Glaubens- und Vertrauensakt. Vergeben ist hier Glauben schenken und Vertrauen schenken.

Zahlungsmittel vermitteln Tausch. Der vieldimensionale Wert der Tauschobjekte wird dabei als eine Zahl, vereinfacht, jeweils auf die eine Dimension des Zahlungsmittels abgebildet. Das ist eine Symbolisierung, also stark kontextabhängig – auch, wo es nicht um einen Liebhaberwert geht. Der Kontext des Geschäfts wird für die praktischen Entscheidun­gen meist durch Faustregeln auf wenige Stereotype reduziert.

Geld ist, als zentrales Tauschmittel, der gesellschaftlich zentrale Wertmaßstab*. Mit der Größe der Gesellschaft und endlich der Globalisierung, wird das Geld für jeden Einzelnen immer wichtiger. Der Wert der einzelnen Objekte und Dienste für deren jeweils besonderen** Kontext ist für den Durchschnittswert, den Marktpreis, egal.
Kooperation ist lebenswichtig; und sie erfordert Koordination. Deshalb ist fast jede Währung besser als gar keine.
* Der Wert des Geldes seinerseits wird aufgrund des durchschnittlichen Preises eines (nur ungefähr repräsentativen) „Warenkorbes“ genau bestimmt.
** „Liebhaberwert“ hat den engsten Kontext.

E. Alter

Im Alter verliert das Gelernte wieder seine Selbstverständlichkeit; man staunt.

Vom Alten verlangt das Leben nicht mehr so sehr Zielstrebigkeit wie die hohe Kunst der Schadensbegrenzung.

Die Alten sollten gern sterben können angesichts der Jungen, die gern sich weiter durchs Leben vorankämpfen in eine unbekannte Zukunft.
Wenn sie aber Niedergang und Enttäuschung voraussehen, was kann sie trösten?

Der Junge darf naiv sein und soll sein großes Potential handlungsorientiert einfach organisieren, d.h. er soll wollen und kämpfen.
Auch der Alte darf wünschen; aber er soll wohlwollend weise sein und darf – entsprechend seinen reduzierten Kräften – weniger wollen wollen.

Alterung der Bevölkerung wird zur Überalterung nur durch Arbeitsunfähigkeit.

IV. Individuum

Je einfacher der relevante Kontext, desto sicherer ist unser Urteil. In komplexeren Zusammenhängen, im Größeren, im Großen und im Ganzen müssen wir uns mit Gefühlsurteilen begnügen. Jenes kommt als „Aussage“ zur Sprache, dieses als „Wort“* im prägnanten Sinn.
* Ein Terminus in Gerhard Ebelings Hermeneutik des christlichen Glaubens.

Nicht Autonomie, sondern Kreativität im Umgang mit den Lebensbedingungen braucht der Mensch.

Man braucht Zugehörigkeitsgruppen als Hilfsorgane der eigenen Identität. Familie, Freude, Nachbarn, Kollegen. In der Adoleszenz bilden sich, nach den Zufällen des Lebensweges, lebenslange Freundschaften und vertiefen sich. Manchmal ist eine Symbolik für die Vereinigung wichtig. Dass diese auf Außenstehende leicht kurios wirkt, ist die andere Seite ihrer identitätsstützenden Funktion. Beispiel hierfür sind etwa akademische Schulen. Es gilt aber besonders für Religionsgemeinschaften.

Der Mensch verarbeitet lebenslang Verluste – erst, im Arm der Mutter, holistisch, dann hauptsächlich futuristisch-hoffnungsvoll, später in mehrdimensionalem Daseinsverständnis und endlich mystisch-realistisch*.
* Verschult im Zen-Buddhismus etwa eines Willigis Jäger OSB.

Der Einzelne ist vom Kollektiv getragen und bedrängt.

Wir sind (nur willkürlich scharf abgrenzbare) Wellenberge auf bewegtem Meer.

Man beginnt sein Leben mit einem Chaos von Imaginationen und wird lebenslang ent-täuscht, d.h. durch eigene Erfahrungen eines Besseren belehrt, tief gedemütigt, selbstverantwortlich besser angepasst und, mit Gottes Hilfe, bescheiden.

Man lebt als Specimen in einer Species, Teil eines alten Netzwerks, in Unsicherheit mehr oder weniger zuversichtlich, kreativ auf der Suche nach dem Glück.

Wilde Phantasien stören das Einschlafen. In bis zur Mineralisierung* vorangetriebenen Todes-Phantasien stranden sie.
* Über die biotischen Transformationen hinausgehend. Begriff von Gisela Pankow, Psychiaterin (†1998).

Jeder hat an sich selbst eine Probe des Weltgeschehens, an der er viel lernen kann.

„Trieb“ ist ein praktischer, aber eher oberflächlicher Begriff. Man ist nicht getrieben, sondern man ist – selbst strukturiert und in einer strukturierten Umgebung – ein Körper in (höchst komplexer, vielfacher) Bewegung.

Man möchte mitsamt seinen eigenen Wünschen erwünscht sein; lieben und geliebt werden.

Die ererbten und die selbst erworbenen Anpassungsmuster des Individuums entsprechen vergangenen „durchschnittlich zu erwartenden“ Lebensumständen*. Sie müssten ständig ihrerseits an die individuell und kollektiv zu erwartende Umwelt angepasst werden; aber Infragestellung von Bewährtem ist ihrerseits gefährlich. Hier schützen (oft ihrerseits störend) die (von der Psychoanalyse so genannten) „Abwehrmechanismen“.
* Der Psychoanalytiker Heinz Hartmann sprach von der „durchschnittlich zu erwartenden Umwelt“.

Ulrich Mosers Zusammenfassung der psychoanalytischen Abwehrlehre ist ihrerseits einzubetten in eine Psychodynamik: Von spannungsvoller, chaotischer Unruhe, „Trieben“ im „Es“ und Missbehagen – über Selbstorganisation, zunächst in Wünschen (mit einem imaginären Endziel: Ruhe, Schalom), planendes „Ich“, Willen, zielgerichtete Bewegung – zu (temporärer) Befriedigung.

V. Moral

Auch kollektiver Niedergang verlangt Trauerarbeit. Plötzliche kollektive tödliche Ereignisse sind schmerzlicher als ein langsames* Absinken wie das individuelle Altern und empörend. Und die Empörung lässt eine Folge von weiteren Gewaltausbrüchen befürchten.
* Gershom Scholem bemerkte, dass die Verarbeitung historischer Katastrophen eine Generation Zeit braucht.

Ich mag nicht morden – nicht Tiere und nicht Menschen. Aber den Gadaffi könnte ich wohl erschießen. Ich staune über beides.

Hass hat, wie Furcht, ein umrissenes Objekt, das die Lebenslust bedroht, und fordert das Subjekt zum Kampf oder (einstweiliger) Flucht. Hass, Kampf und Kampfspiel können lustvoll* sein. Hilflose Wut und Angst aber beengen, bedrücken, deprimieren. Das Subjekt braucht ein Hoffnungssymbol.
In guten Zeiten kommen wir gut mit einander aus. Kein Leben ist ganz ohne Hass, Kampf und Wut. Aber das kann man dann symbolisch handhaben.
* „Ich habe Lust, im weiten Feld zu streiten mit dem Feind“, sangen Landsknechte im 30-jährigen Krieg.

Wegen des natürlichen, exponentiellen Wachstums ist besonders die soziale Macht zunehmend ungleich verteilt – bis zur nächsten revolutionären Umverteilung.
Das ist, besonders für monotheistisch fundierte Moral, ein klassisches Problem.

Bei den wichtigsten Entscheidungen reicht unser Wissen nicht zur Begründung; Vermutetes, Geahntes und Geglaubtes gehört dazu.

Das Leben ist konservativ kreativ; Lebensfähigkeit wird angereichert – hereditär, kollektiv und individuell.
Jeder Mensch entwickelt seine Identität, und verlangt das auch von seinen Mitmenschen.
Sexuelle Partnerschaft setzt stabilisierte Identität voraus, gefährdet sie und kann sie erweitern. Bezüglich der Liebeswahl sagt Goethe: „Gar manches Herz verschwebt im Allgemeinen; doch widmet sich das edelste dem einen.“ Monogamie hat sich als der Lebensfähigkeit förderlich erwiesen.
Heirat ist ein vielfach bewährter Entschluss. Gelübde – Eheschluss, (in der Konfirmation nachgeholtes) Taufbekenntnis und Fahneneid – sind Selbstsymbole. Man braucht Selbstsymbole zur Entwicklung der eigenen Identität. Sie artikulieren ein Assimilationsschema, an welches man die Interpretation und Fortführung seines Lebens anschließen will. Man gelobt Treue. Treue ist kreativ konservativ.

Philanthropie und Selbstliebe sowie Misanthropie und Selbsthass erhellen und verfinstern den Horizont. Menschlichkeit ist aber wesentlich zwischenmenschlich konkret und farbig.

„Ich soll / I shall“ leben und sterben, hoffen und – vielfach abgestoßen und angezogen – streben.

Im Allgemeinen ist gegenüber jedem Urteil Skepsis angebracht.
Es gibt aber moralische Evidenzen, deren Drastik existenziell nicht relativiert werden kann*. Da gibt es nur Heldentum oder Schande. Vgl. Jak 4,17.
* Vater v. Kleist zu seinem Sohn, als der das Attentat auf Hitler machen sollte: „Es ist schwer, weiter zu leben, wenn man sich geweigert hat, eine Katastrophe zu verhindern.“ (Ich bin dieser eindrucksvollen Erzählung nicht nachgegangen.)

Moralische Orientierung ist mindestens so komplex wie räumliche. Man hat mehrere Anhaltspunkte; und die Orientierungen weisen oft nicht einmal ungefähr in dieselbe Richtung!

Von Natur setzen sich Tiere für Verwandte, vornehmlich für die eigenen Nachkommen – und Menschen auch für Ideen ein. (Ἰδέα, εἶδος = species! Es geht auch beim Idealismus um Fortpflanzung der eigenen „Art“.)

Unmenschliche Lebensbedingungen können die Menschlichkeit von Menschen schwer beeinträchtigen. Aber das ist kein befriedigender Grund, ihnen das Leben zu nehmen. Es gehört zu unserer Menschlichkeit, dass wir auch mit Tieren und sogar mit Pflanzen uns identifizieren! Hier gibt es kulturelle und juristische Stereotypen. Aber die für die Einzelnen maßgebenden Gründe sind zwar guten Teils dieselben, jedoch wesentlich sehr persönlich. Das Problem ist und bleibt unheimlich; wir wissen es nicht befriedigend zu lösen. Es ist archaisch religiös; es geht um Frevel und Vergebung.

Liebe: Goethe fühlte sich, ausweislich des Faust-Schlusses, durch Gretchens idealisierende Verliebtheit[1] „hinan“,[2] gezogen. Dieser „Zug“ ist das Ereignis[3] des „Unzulänglichen“ [4]. Zunächst mag man, im Licht der Worte des Doctor Marianus[5], bei dem „ewig Weiblichen“ allgemein an Winnicotts environmental mother denken. Für Goethe als Mann ist das Weibliche das konkrete geliebte und liebende Fremde.
[1] Faust II, Z. 12073: „Der früh Geliebte“.
[2] Z. 12111.
[3] Z. 12107. (Das 1883 hier vermutete „Erreichnis“ wurde 1928 durch einen Handschrift-Fund widerlegt.)
[4] Nach Th. Friedrich/L.J. Scheithauer, Kommentar: = das Unerlangbare.
[5] Z. 11985-12006.

Mit Strafen werden nicht nur die Kinder erzogen. Mit der Triebabfuhr durch kleine Strafen erhalten erboste Eltern sich ihr eigenes Wohlwollen für Ihre Kinder.

VI. Religiöses

Das Paulinische „Freuet Euch“ im Philipperbrief verbietet nicht Trauer – das wäre ungesund –, sondern ruft zu einer Unterbrechung der Trauer mit Hilfe von hoffnungsvollen, gemeinsamen Glücksphantasien, die die Trauerarbeit zu einem guten Ende führen kann.

Der Mensch ist ein animal sociale; er muss vertrauen können, am besten in Symbolgemeinschaft. Die Gesellschaft aber, von der der Einzelne abhängt, ist eine diffuse Gemeinschaft von Symbolgemeinschaften, für den Einzelnen zu unzuverlässig. Religionen springen in die Lücken.

Friede: שָׁלוֹם ist ein weiter Begriff. „Zufriedenheit“ ist auf den Einzelnen verengt. Die altgriechische ἀταραξία (Unerschütterlichkeit, Gleichmut) ist eine Tugend (ἀρετή), ein noch engerer Begriff. Es geht aber überall ums Gleiche: die All-Einheit.

Religionen sind Subkulturen, die, mit Hilfe eigentümlicher Vorstellungen, Menschen helfen, Ruhe in einem ganz persönlichen Glauben zu finden. Gebet ist eine Psychotechnik, eine prekäre Möglichkeit der Selbstberuhigung. Wenn man sie wahrnehmen kann, ist man dafür dankbar.

Monotheismen sammeln die Person in globalgesellschaftlicher Verantwortung. Das kann Friedfertigkeit, aber auch Konkurrenzen radikalisieren.

Begriffe sind hochgradige Versimpelungen – auch alle (bejahten oder verneinten) Gottesbegriffe. Luther hatte traditionelle Gottesbegriffe und entwickelte ein eigenes Gottesverständnis, das dann in der lutherischen Orthodoxie gipfelte. Aber sein persönlicher Glaube war angefochten; er musste immer wieder lange beten, d.h. neu sich sammeln, um seinen Weg zu wissen.

Jesus war Gottes exemplarische Offenbarung an ein gedemütigtes Volk, das von maximal artikulierten Herrlichkeitsideen beherrscht war.

Ein Glaube an den Sieg des Guten über das Böse beseelt jedes Leben; Verzweiflung demoralisiert. Angesichts des Verlaufs des Libyschen Aufstandes erinnere ich mich an das Judentum zur Zeit Jesu, insbesondere an die Erwartungen der Jünger an Jesus. Die Osterbotschaft sagt: Man muss sich demütigen unter den Lauf der Welt, aber man muss nicht verzweifeln!

Die Religiosität polarisiert sich heute. Die religiösen Symboliken werden weiter gebraucht – minoritär zunehmend rigide, majoritär zunehmend lax. Kollektive Symbolik bringt natürlich immer nur ungefähr zum Ausdruck, was der einzelne denkt.

In dieser chaotischen Welt enden Weltanschauungen ideologisch in Paradoxen. In den Hochreligionen stehen Paradoxe gemeindebildend im Zentrum als Mysterien.
Institutionen brauchen stabile, kohärente Meinungen (δόξαι); Para-doxe aber destabilisieren und lassen sich nur mit sanfter oder brutaler Gewalt institutionalisieren. Institutionalisierter Buddhismus ist ebenso paradox wie institutionalisiertes Christentum.

In guten Zeiten kann man mittelfristig und langfristig planen. In bösen Zeiten gibt es nur kurzfristige Planung einerseits und Ewigkeitsorientierung anderseits.

„Von ganzem Herzen“? Das ist ein allgemeinmenschliches Ideal; es kann ein mörderischer Perfektionismus daraus werden.
Luther hat das erlebt. Staupitz (Dominikaner!) stand ihm bei. Luther fand zu seiner Rechtfertigungslehre und bekannte*: „Ich hab all mein Ding von Doctor Staupiz“.
* Tischreden (Aufzeichnungen von Veit Dietrich) Nr. 173 (1532), dazu Nr. 526 (1533).

Der Buddhismus des Diamant-Sutra ist nicht atheistisch und nicht theistisch. Sein Gott ist Buddha, im Lauf der Zeit inkarniert in Unzähligen, hauptsächlich aber in Siddhartha Gautama* (vergleichbar mit der „Zweiten Person“ der altchristlichen, trinitarischen Gottheit).
* Irgendwann zwischen dem 6. und dem 4. vorchristlichen Jahrhundert gestorben.

Die Welt als Schöpfung ist Winnicotts environmental mother.

Ein Firmenname auf modischer Kleidung ist das fröhlich gewagte Bekenntnis des Trägers zu einer kollektiven Identität, ein sozialer Selbstentwurf.
Auch die kanonischen christlichen Glaubens-Bekenntnisse sind im Kern Bekenntnisse einer fides implicita* zu einem Namen als kollektivem Existenzsymbol, nicht zu einer Lehre!
* „Glaube an das, was die Kirche glaubt“.

Religionen sind (auch sprachlich gefasste) Symboliken, in denen der Gläubige mitsamt seinem halbverstandenen Existenzproblem, das ihn isoliert, Kommunikation erlebt und menschliche Gemeinschaft findet. Die sprachlich gefasste Symbolik ist immer eine paradoxe Lehre, die zu Meditation und eigenem Weiterdenken auffordert.
Dessen Konsequenzen sind unvorhersehbar und sozial gefährlich; deshalb ist man bemüht, die Paradoxe mit vereinten Kräften ideologisch zu sterilisieren. Wer das ernsthaft betreibt, merkt aber, dass das nicht gelingt; der religiöse Dogmatiker* wird „Theologe“ (im Sinne Luthers**).
* Δόγματα/dogmata waren in der Antike die spezifischen Grundüberzeugungen der verschiedenen Philosophenschulen, sodann der Kirchen. Dogmatik arbeitet an der Systematisierung der Dogmen. Auch die Jurisprudenz hat ihre Dogmatik.
** Was Luther für das Wesentliche im Theologiestudium hielt, hat er 1539 unter den drei Stichworten oratio, meditatio, tentatio kurz entfaltet. Als Luthers letztes Wort ist überliefert: „Wir sind Bettler, das ist wahr!“ – wohl eine Erinnerung an den Anfang der Bergpredigt (Mt 5,3).

VII. Gott

Bescheidenheit Gottes: Am Senfkorn und am Sauerteig (Mt 13 parr.) ist die Gottesherrschaft zu sehen! „Wachstumsgleichnisse“ und auch „Kontrast“ verfehlen wohl die Pointe. Besser: Wunder, Überraschung!
Nach Joachim Jeremias zwingen die Gleichnisse Jesu, zu Jesus Stellung zu nehmen (2. Aufl. S. 162). Es geht um das Paulinische „Jetzt“ (2Kor 6,2). Und in der Tat: Kein Hier und Jetzt ohne das Ich. Das ist der wahre Kern der Mystik. Jesus war ein wahrer Mystiker.
Das mystische Erlebnis ist unverfügbar; aber viele Zugänge dazu (wie die Christentümer) sind institutionalisiert, doppeldeutig – Wort oder Lehre? – wie die Glaubensbekenntnisse.

Man denkt selten an Gott. Man stellt sich Gott vor wie einen entfernten Onkel über den Wolken, der für alles verantwortlich ist, – und wendet sich unbefriedigt wieder ab.

An Gott glauben – trotz so etwas Widerlichem wie der Kreuzigung Jesu – kann nur der Schöpfer im Geschöpf, der Heilige Geist. Die „Ausgießung des Heiligen Geistes“ vollendet die Offenbarung Gottes in Jesus.

Gott liebt uns, seine Geschöpfe; er ist mit ihnen sehr traurig über ihren Jammer*. Aber, in unsere Nachtrauer hinein, zeigt Gott, wenn wir uns an ihn wenden, uns kleine Chancen, gibt Hoffnungen und eröffnet Vorfreude.
* In Goethes Theater-Märchen hingegen ist es Mephisto, der zu Gott dem Herrn sagt: „Die Menschen dauern mich in ihren Jammertagen.“ (Faust I, 397)

Unser Gott ist, ebenso wie unsere Welt, eine Hilfsvorstellung, eine illusionäre Vereinfachung – ungefähr komplementär zu dieser Welt, von der wir auch nur eine vereinfachte, ungefähre Vorstellung haben.

Alle Abgrenzungen von Einzelnem sind nur ungefähr richtig und bestenfalls praktisch brauchbar.
Nicht nur die Rede von Gott als Person, sondern auch schon, wenn ich irgendjemanden als verantwortliche Person anspreche, ist das eine enorme Vereinfachung.

Der institutionalisierte Monotheismus ist auf Rechtsfragen fixiert; und Rechtsfanatismus gipfelt in Monotheismus. Aber Gott geistert in und außerhalb von Institutionen herum. Luther hatte seine liebe Not mit der Gottesinstitution.

„Wenn der Menschheit Leiden euch umfangen, wenn Laokoon der Schlangen sich erwehrt in namenlosem Schmerz, da empöre sich der Mensch! Es schlage an des Himmels Wölbung seine Klage und erweiche euer fühlend Herz. Der Natur furchtbare Stimme siege, und der Freude Wange werde bleich; und der heil’gen Sympathie erliege das Unsterbliche in euch!
Der Liebe „erliege das Unsterbliche“ in uns. Immer wieder erliege der Theismus der Immanenz Gottes!

Das Wort Gott ist eine letzte Vereinfachung* in einem Symbol; ein Sakrament, Vermittlung einer „Anzahlung“ (ἀρραβών). Augustin† sagte: Accedit verbum ad elementum et fit sacramentum. Zum Wort-Laut kommt der Zuspruch der christlichen Tradition.
* 1Kor 15, 28.
** Im Neuen Testament (2Kor 1,21f. und Eph 1, 14) wird dieser Begriff für den Heiligen Geist gebraucht, mit dem der Täufling für die heilvolle Zukunft „versiegelt“ wird, indem der Name des dreieinigen Gottes auf ihn gelegt wird.
In Ioannis evangelium tractatus, zu Joh 15, wo es um die Reinigung des Weinstocks durch den Winzer geht. Die Christen hängen an Jesus wie die Reben am Weinstock. Vers 3: Iam vos mundi estis propter verbum quod locutus sum vobis. Die Reinigung von der Sünde geschieht, auch im Sakrament der Taufe, kraft des persönlich zugesprochenen Wortes.

Immer wieder macht man sich ein Gottesbild, blickt in die Welt, ist tief enttäuscht, und das Gottesbild geht in der Welt unter. Wie lebt man weiter? Ernüchtert. Man sucht Gott illusionslos in der Welt wiederzufinden.

Man schreckt auf: Beginnt in Fukushima, unglaublich banal, die biblische Apokalypse? Gott will, dass wir auch das Banale als seine Offenbarung ernstnehmen.

Gottes Wort verwandelt uns unsere Umwelt in Gottes Werk.

Ich empfinde spontan Dankbarkeit gegenüber allen Kämpfern für eine gute Sache; ich wünsche ihnen Lohn von Gott – und schließe, mit der logique du cœur*, von meiner frommen Dankbarkeit auf Gottes Dankbarkeit.
Darüber hinaus erkenne ich, bei ruhiger Besinnung mit Abstand vom Kampfgetümmel, an, dass jeder für das Gute kämpft, wie er es versteht, und glaube, dass auch der Schöpfer das anerkennt und dass er jedem seiner Geschöpfe dankbar ist für dessen Kampf.
* Geläufiger Begriff, nicht von, aber nach Blaise Pascal, vgl. Pensées [éd. Brunschwicg 277].

Faust, Mephistos „Herr Mikrokosmus“*, möchte selbst die allumfassende complexio oppositorum sein. Hiervon entlastet den Autor Goethe (und nicht nur ihn) immer wieder der Glaube an Gott.
* Faust I, Z. 1804.

Gott als Person nimmt sich immer wieder unheimlich zurück – aus seinem Namen – in die Welt!

Gottes χάρις (Freundlichkeit/Gnade) ist unser – mit einer handhabbaren Vielfalt bestückter – Raum schöpferisch-kämpferischen Lebens.

VIII. Kirchliches

Der soziale Druck, in den Gottesdienst zu gehen, ist weithin geschwunden.
Das Bedürfnis nach liturgischer Symbolik ist klein, aber erstaunlich konstant.
Mit Liturgie kann die Gemeinde jeden Erwachsenen beauftragen*.
Aber wer soll predigen? Was ist da gefragt? Lehre können Primusse am besten weitergeben; engagiertes „Glaubenszeugnis“ junge Leute; Bescheidenheit und Frömmigkeit können am ehesten Alte predigen. In Kirchen, wo fraglos Hochschulabsolventen Glauben und Moral predigen können, bleiben die auch die Predigt-Gottesdienste normalerweise heute ziemlich leer.
* Zu diesem priesterlichen Dienst kann als Voraussetzung eine formelle Ordination gehören.

„An mir und meinem Leben ist nichts auf dieser Erd. Was Christus mir gegeben*, das ist der Liebe wert.“** Ich bin einer von denen, die die christliche Gottesüberlieferung weitergetragen haben als ihr Bekenntnis. In dieser Symbolik konnte ich immer wieder schöpferische Menschlichkeit finden.
Wir haben diese Tradition von andern als ihr wertvollstes Geschenk empfangen; diese Tradition der Liebe „ist der Liebe wert“.
* Was Luther vom Taufwasser sagt (es sei „Wasser, in Gottes Wort gefasset und mit Gottes Wort verbunden“), ist auch exemplarisch zu verstehen und von der ganzen Schöpfung zu sagen. Christus hat mir die ganze Schöpfung gegeben „in Gottes Wort gefasset und mit Gottes Wort verbunden“.
** Paul Gerhardt in seinem Lied: Ist Gott für mich, so trete gleich alles wider mich ...

Auch „Gerecht“ und „Sünder“ sind Vereinfachungen. Ganze Kulturen sind damit entstanden – und haben sich zunehmend damit gequält. Vergebung linderte diese Quälerei. In modernen Kulturen ist das archaische Grundschema endlich verblasst.

Paulus (aus dem Gefängnis in Ephesus an die Gemeinde in Philippi): Will der Schmerz überhand nehmen, so soll gemeinsame Freude an religiösen Imaginationen den Schmerz überwiegen, – Vorstellungen von Gott (von dem wir bekanntlich auch sonst nur Vereinfachungen denken können), die wir zwar bei ruhiger Besinnung als bedenklich erkennen. Aber auch bei ruhiger Besinnung ist Gott Grund zu Zuversicht!

Die soziale Realität in Palästina war, geopolitisch bedingt, meist instabil. Wechselnde aufgezwungene Normen ersetzten naturwüchsige Normalität. Angepasster Realismus konnte nicht befriedigen. Die tiefsten Sehnsüchte entwickeln sich unter solchen Umständen zu apokalyptischen Wunsch- und Rache-Phantasien, wie wir sie bei Pharisäern und auch in der frühen Jesus-Tradition finden.

Jesus nahm Gott wahr. So war es sein Schicksal, Gott zu repräsentieren, ja Gottes Wort zu sein und weitere Repräsentanten Gottes zu berufen: Nehmt Gott in der Welt wahr, den Schöpfer in der Schöpfung, im Geschöpf!

Steril oder kreativ, ist jeder Einzelne Untertan seiner Lebensbedingungen. Die Civitas Dei ist Gemeinschaft in der Knechtschaft als Gottesknechtschaft, im Leben nach Gottes Vorbild. Gott hat sich in Jesus offenbart als bescheidener Untertan seiner Schöpfung.
Kirche im soziologischen Sinne ist Institution; im theologischen Sinn ist Kirche Ereignis, Schöpfung des – je und je als Wort Gottes offenbarten – Namens Gottes.

IX. Bibel

Die Bibel ist eine Folge von Texten aus einer Geschichte menschlicher Erfahrungen mit Gottvertrauen. Sie wurden, als für uns festgehaltenes Schöpferwort empfunden, von der frühen Kirchengemeinschaft kanonisiert* zur gemeinsamen Orientierung des Lebens, als ob die Welt so wäre. Die Welt galt als ein gestörter κόσμος; das ist relativ einfach.
* Sowohl beim Alten wie beim Neuen Testament gab es Abgrenzungsprobleme mit den (dann so genannten) „Apokryphen“ und „Pseudepigraphen“.

Heute ist das κόσμος-Paradigma vom komplexere Chaos-Paradigma abgelöst. In diesem haben κόσμοι ihren bestimmten Platz. Die biblischen Texte in ihrer Einfachheit gehen uns zu Herzen; aber sie wahren ihre Fremdheit. Im Rahmen unseres Weltbildes artikuliert sich unser eigenes Gottvertrauen vielleicht direkt aufgrund biblischer Texte, jedoch in anderen Vereinfachungen.

Die Bibel ist, wie der Faust, wie Goethe, wie die Erde und wie wir selbst, real. Und das heißt: sie ist für unsern Verstand ein Zufallsprodukt, dessen Entstehen im unergründlichen Chaos unserer Welt wir in verschiedenen Richtungen ein Stück weit ungefähr verstehen können.
Aber die ganze Verstehensgeschichte des Gottvertrauens ist eine reale, zufällige Folge von verzerrenden Vereinfachungen. Sie ist menschlich selbstkritisch zu lesen.

Das Matthäus-Evangelium ist ein symbolischer Kosmos.
Der Anfang spannt über dem Leser ein großes, aber nicht unendliches Himmelszelt als Gegenwart der Ewigkeit auf. Zum ideologischen Rahmen gehören das Mosaische Gesetz und die Buße.
Die Naherwartung der Gottesherrschaft ist hier chronologisch gedacht; es geht dabei um die Nähe des „Zeichens“ zur Sache, des Wunders zu Gottes Wirken, um Ahnung, um die Gegenwart der ewigen Güte, die verheißungsvolle Gegenwart Gottes.
Die Standespredigt des Täufers und dann die Bergpredigt Jesu markieren dem Menschen den Weg zur Gottesherrschaft für die eigene Lebensführung.
Von Jesus (dem Richter im Jüngsten Gericht) werden die Menschen „mit dem Heiligen Geist und mit Feuer getauft“ (Mt 3, 11f.) – ich präzisiere modern: „die Menschen mitsamt ihren eschatologischen Phantasien“!
Im Schluss des Evangeliums (28, 17) steht – kaum beachtet, die Idylle störend, bewundernswert ehrlich: „Etliche aber zweifelten.“ Die herrschende Ideologie hält ein Fenster offen.

X. Gegenwart

Unsere Welt bildet in rasender Geschwindigkeit künstliche Entitäten aus. Die Globalgesellschaft zerbricht in zahllose kleine Funktionswelten und entsprechende, von ständig neuen Akronymen geprägte Sprachgemeinschaften. (Habermas sprach von der „neuen Unübersichtlichkeit“.)

Die zunehmende Knappheit der materiellen Ressourcen verteuert Neuanschaffungen. Die Technologie in Industrie und Dienstleistungen vervielfacht den Wert der Arbeit und setzt Arbeitskräfte frei. Sie verschärft die soziale Ungleichheit.

Wir leben in der Endphase der Hegemonie des Westens (erst Europas, dann Amerikas). Diese war nicht Friede, sondern eine pax, „Befriedung“, Ordnung, die von den Machthabern als Rechtsordnung verstanden wurde. Sie wurde mit Unrecht und Gewalt aufgebaut und erhalten – und wird jetzt mit Gewalt abgeprotzt.

Auch schwere Ungleichverteilung wurde früher als natürlich toleriert. Die vitale Globalisierung hat sie unerträglich gemacht und verschärft sie weiter. Das (verantwortungslose) Kapital ist die herrschende Weltmacht geworden; aber Marx‘ Hoffnung auf ein Happy End des Kapitalismus ist dahin. Am 11. September 2001 wurde der Weltbürgerkrieg offiziell eröffnet.

XI. Ausblick

Die alten Kolonialmächte des Westens fallen zurück. Die hungernden Massen des Ostens fangen an, tüchtig mitzuessen. Für eine lange Übergangszeit sind mörderische Verteilungskämpfe zu erwarten. Egalité und fraternité, die Parolen der französischen Revolution, noch heute der Stolz „des Westens“, stehen immer noch auf dem Spiel.

„Sustainable development“ , eine Parole des (unverzichtbaren!) guten Willens, kann nicht mehr bezeichnen als ein mittelfristiges Ziel. Die Entwicklung des Animal rationale ist nicht zu stabilisieren. Im Ganzen ist chaotisches Wachstum mit katastrophalen Zusammenbrüchen zu erwarten.
Die moralische Lektion lautet: Bescheidene Skepsis!

Die Summe der Bedürfnisse und als legitim anerkannten Wünsche aller Menschen übertrifft heute bei weitem, was die Umwelt hergeben kann. Verteilungskämpfe, für viele auf Tod und Leben, sind unvermeidlich.

Geist ist wesentlich Gemeingut. „Geistiges Eigentum“ eines Menschen ist nur sein individueller Geist. Das juristisch so genannte „geistige Eigentum“ lässt sich kaum schützen.
Mit dem Fortschritt der Zivilisation wird Ideenverwertung immer wichtiger. Ideen müssen erarbeitet und ausgearbeitet werden*; aber erst die daraus resultierenden Produkte bringen Geld ­– und in der Regel nicht dem, der die entscheidende Idee erarbeitet hat, sondern der Machtelite.
Im Zeitalter des Kopierens lohnt genuine Kulturarbeit und Forschung nur noch für einen immer kleineren Anteil der Gesellschaft. Es droht ein weltweiter Kulturzusammenbruch.
* Edison: "Genius is one per cent inspiration, ninety-nine per cent perspiration."

Wenn man allgemeinen Niedergang der materiellen Lebensbedingungen voraussieht, muss man die Hoffnung setzen auf genuine Kreativität. Diese kann beglücken, indem sie unscheinbare, bislang missachtete Seiten unserer Welt wahrnimmt.
Auch in dieser Sache hätten Osten und Westen voneinander zu lernen.

Die Kreativität der kleinen Nettigkeiten im Alltag wird immer wichtiger werden.


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15. Mai 2011