Thomas Bonhoeffer


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Erkenntnis

Alle Erkenntnis ist Vereinfachung, die die Wirklichkeit bestenfalls ungefähr erfasst.

Die Welt scheint uns immer einfacher zu sein, als sie wirklich ist. So können wir ent­scheiden, handeln und – strittig – leben.
Das ermöglichen die natürlichen Sprachen. Sie rëifizieren/verdinglichen* Erlebtes. Sie schaffen Selbstverständlichkeiten. Man kann einander verstehen und vernünftig zusam­menarbeiten.
Für jede Sprachge­meinschaft dogmatisch, definieren sie brauchbar jeden Menschen in seiner Umwelt. Psychoanalyse, Psychologie, Soziologie, sind rëifizierende Symbolsysteme, die, auf diesem Boden, uns unser konfliktträchtiges Leben strittig dogmatisch erklären.
* Vgl. 1Mose 2,19! Das wird durch 1Mose 11,7 nicht aufgehoben, sondern nach kollektiven Sprachsubjekten differenziert.

Wir strukturieren unser Leben mit vielen Vereinfachungen, die nicht recht zusammen­passen.

Das Réel* erkennen wir ungefähr. Seine prekäre Mischung mit dem Imaginaire im Symbolique motiviert uns. Sie ist Ort der menschlichen Kreativität!
* Sensu Jaques Lacan.

Man kann über die Welt nur immer wieder staunen.
Unser natürliches Weltverstehen ist ungefähr* richtig. Um noch besser zu verstehen, bauen wir es aus – mit ungefähr richtigen Abbildungen von ungefähr richtigen Abbil­dungen. Die Abstraktion setzt sich fort in der Wissenschaft. Diese sucht die great unifying theory; aber einstweilen produziert sie ihrerseits üppig wuchernde neue – aber ebenso un­verständliche – Welten. Was nur vermitteln sollte, steht dem gesunden Menschenverstand beirrend im Weg.
* Das ist nicht ein quantitatives Ungefähr, sondern qualitativ!

Die Bedeutung des Ungefähr wurde in der mikrophysikalischen* Forschung entdeckt. Es ist aber überhaupt in der menschlichen Erkenntnis wesentlich.
* „Unbestimmt“ (Heisenberg), „verschmiert“ (Physik).

Praktische Selbstverständlichkeiten bilden den jeweiligen Sinnhorizont unseres Handelns. Dieser aber zeichnet sich selbstverständlich ein in viele weitere Horizonte, in denen wir Denken und Phantasieren.
Die Hoffnung schwankt, abhängig von den jeweiligen Horizonten. Der engste ist meist der sicherste.

Umsicht macht bescheiden.

Geist/forma/εἶδος einerseits, Materie anderseits sind ein Begriffspaar für Wirkliches. Materielosen Geist und formlose Materie gibt es nicht – das nur Gedachte setzt doch unser Gehirn voraus. Denkbares/Gedachtes ist, transformiert, allerdings intermateriell (etwa zwischen Gehirn und Außenwelt) transportabel stabil.

„Denn es geht dem Menschen wie dem Vieh. ... Wer weiß ...?“ (Pred. 3, 19-21) Man weiß eben nicht; man „glaubt“! Man ahnt etwas entscheidend Wichtiges; man sucht Sicherheit und Klärung; man kann annähernd andeuten.

Im Grunde geht es uns um Ganzheit. Wir haben gelernt, uns mit Halbheiten begnügen zu müssen. Aber die Überbrückung des Gegensatzes zwischen Ganzheitsimaginationen und Realismus durch unsere Symbolik ist immer eine prekäre Balance zwischen Wahn und Banalität.

Alles Erdenkliche ist Element einer Glaubenswelt, in der der Einzelne mitlebt. Man glaubt auch, zu wissen. Jedes Wissen gehört in einen – unergründlichen – spezifischen Bedingungszusam­menhang, von dem man glaubt, ihn hinreichend zu kennen. Normalität ist uns, trotz der Chaotik der Wirklichkeit, mit dergestalt bedingter Wahrscheinlichkeit gewichtete Wissenssache; der Bedingungszusammenhang ist brauchbar kommunikabel definiert, und das ersetzt beruhigend die lebendig flackernde Subjektivität des Glaubens.

Das Berechnen soll der Sicherheit von Voraussagen dienen. Dafür sind vor allem realistische Modelle wichtig. Modelle aber vereinfachen die Realität.

Zählen setzt das Schema „Einheit“ voraus, an welches Concreta assimiliert werden; es setzt unterscheidende Besonderheiten des einzelnen voraus, abstrahiert aber von deren Inhalt.
Eine willkürlich gewählte Maß-Einheit dient dem Größenvergleich in einer bestimmten Hinsicht/Dimension und abstrahiert von der Struktur des Gemessenen.

Zur wissenschaftlichen Kompetenz gehört, dass dem Fachmann der Wirkungszusam­menhang seiner Wissenschaft mit der tragenden Kultur bewusst ist.

Ständig justieren!

Lineare Extrapolationen sind primäre kognitive Reaktionen. Unbeschränkt, prophe­zeien sie Himmel oder Hölle. Sie sind höchstens auf kurze Sicht ungefähr richtig.

Unser in brauchbarer Symbolik abgespeichertes Wissen ist begrenzt.
Forschung entwickelt gebräuchliche Symbolik an den (durch die Eigenstruktur der Realität ge­setzten) Grenzen ihrer Brauchbarkeit brauchbar weiter;
Lehre gibt gebräuchliche Symbolik brauchbar weiter.

Unklarheiten in einem Text können anregend sein.

Wem es zu gut geht, der bleibt doof. Und das geht erstaunlich lange gut.

Existenzsymbolik

Symbolik ist mehrdeutig, der Spielraum der Persönlichkeit. Witz ist symbolisches Spiel mit Ernstem; er schafft der Persönlichkeit Freiheit inmitten von Bedrängnis.
Man kämpft im Ernst um Freiräume der eigenen Entwicklung. „Nur Spiel“ ist Spiel, dem der Ernst fehlt.

Jeder hält sich durch die eigenartige Mehrdeutigkeit seiner Symbolik beieinander. Dasselbe gilt für Gruppen.
Vermöge der eigenen Kohärenz erst kann man sich diversifizieren.

Der Mensch ist ein soziales Wesen. Er braucht einen gemeinsam geglaubten Kosmos, um einigermaßen normal zu leben, d.h. mitzuleben.
Chaos vereinzelt uns unlebbar. Es verlangt symbolische Kreativität; denn Symbolik ist das Medium der Kommunikation des Menschen mit seiner Umwelt.

Der Mensch ist immer schon in Bewegung und kann diese dann auch selbst orientie­ren. Was er macht oder sagt, ist seine aktuelle Antwort auf die Frage nach dem Sinn sei­nes Lebens, ein Existenzsymbol.
Ein persönliches Wort ist ein Glaubensbekenntnis, ein prägnantes Symbol.
Entfremdete Arbeit hingegen ist ein schwaches Existenzsymbol. Religiöse Glaubensbe­kenntnisse sind meist entfremdete Arbeit.

Der Blick von unten auf eine bewegte Wasserfläche sieht ein Gleichnis des Weltge­schehens!

Das existenziell unentbehrliche Wort „Wir“ (mit seiner emotionalen Ladung) bezeich­net meist recht Unbestimmtes und oft unbemerkt Verschiedenes!

Die existenzielle Tragkraft von Symboliken (und allen verifizierend mitschwingenden Bezugsgruppen) ist endlich.

Das Abendland glaubte an die Humanität. Man hatte ein orientierendes Ideal; man hat global kolonisiert und missioniert. Heute breitet sich mit der Globalisierung Ratlosigkeit aus. Vernünftigerweise kann man heute nicht einmal mehr – wie Nietzsche – Nihilismus predigen.

Hintergrundsmusik als Massenkommunikation gegen Vereinsamung hält bei der Arbeit Vereinzelten den Horizont offen.

Grafitti-Kunst auf Betonwänden: Deren monotone Ordnung (erstickende Vereinfachung) wird hier interpretiert, das Stumme zur Sprache gebracht als Stück Chaos.

Religion

Die Chinesen machen, seit Deng Xiaoping* († 1997), mit ihrem Kommunismus wohl eine Säkularisierung durch, wie sie das Abendland mit dem Christentum durchgemacht hat. Inmitten des gelebten Pragmatismus, ist der kommunistische Idealismus liturgisch konserviert und sakralisiert; seine Texte eignen sich immer noch als Bezugsgröße für moralische Predigten.
* Er sagte: „Weiße Katze, schwarze Katze – Hauptsache sie fängt Mäuse.“

Das ekstatische Moment spielt in der alt-israelischen Prophetie sowie im frühen (und wieder im heutigen) Christentum eine beachtliche Rolle. Paulus hatte zwar Mühe, diese Geistesgaben kommunikativ einzubinden (1Kor 12-14), warnte aber (1Thess 5,19), den Geist nicht etwa auszulöschen.
Die Möglichkeit der Ekstase (einmal paradiesisches Glück, ein andermal höllische Angst*) gehört zur menschlichen Natur. In Extremsituationen des Lebens kommen solche Traditionen wieder hoch.
* In der Drogenszene hieß das „a bad trip“.

Massenpsychologie ist primitiv und undifferenziert; so aber kann sie Autosuggestionen wie Gebet verstärken.
Das allein Beten (nicht nur im stillen Kämmerlein) verlangt vom Einzelnen mehr Aufmerksamkeit auf Gottes Gegenwart.

„Religion ist Privatsache.“ Das heißt, dass Religion persönliche Gewissenssache ist. Lebendige Religion kann aber zu öffentlichem und politischem Engagement führen. Auch diese sind Gewissenssache!

Was wäre Goethe ohne seinen Mephisto?! Gott hat ihn ihm eingegeben – frommen Spott über das fromme Denken!

Religion ist verrückt, weil sie dem menschlichen Erleben der Wirklichkeit gerecht werden will!

Religion ist eine stark polarisierende Form von Narzissmus*. Religionswissenschaft ist Morphologie des Narzissmus.
* Sensu Heinz Kohut.

Predigen? – : Gottes Bescheidenheit predigen!

Wahnideen sind unter Überlastung spontan produzierte, idiosynkratische Vereinfachungen. Sie sind pathologisch, aber sie haben ihre vitale Funktion – im Christentum wie in andern Religionen.
Jesus (von Johannes fürs nahe Gottesreich getauft!) und sein Kreis waren vermutlich von apokalyptischen Ideen nicht unbeeindruckt. Die Auferstehung Jesu war vermutlich zunächst eine Wahnidee des Petrus unter dem Schock der Kreuzigung; sie war für alle Hinterbliebenen Jesu hoch ansteckend und institutionalisierte sich schnell als Glaubensartikel einer jüdischen Sekte.

Religion repräsentiert ungefähr, was einem fehlt; sie symbolisiert dinglich, sie „verweltlicht“ Kern-Imaginationen des Selbst.

Durch Institutionalisierung wird ein kollektiver Wahn zunehmend verweltlicht. Er wird zu einer – bald kultisch realisierten und zur kompletten Ideologie ausgebauten – Symbolik. Gegenüber einer kollektiven Symbolik aber behält jeder psychisch gesunde Einzelne, bei aller Kommunikation, doch seine eigene Sprache (die seinen Glauben und seine Zweifel bekennt).

Für moderne Juden wie Lena Gorelik ist ihre Religion eine unverständliche Erbmasse, die ihnen immerhin ein Wir konstituiert, und zwar eines, das den Gott des Alten Testaments einbegreift.
Für mich als Heidenchristen ist es ernüchternd, unsere Gottesvorstellung derart soziologisch relativiert zu sehen.

„Glaubenswissen“ gehört in den Symbolvorrat eines Menschen. Glaube lebt von der Hand in den Mund.

Jede Religion verkultet einen Wahn. In einer profanen Welt sozial verpflichtender Normalität der Erwartungen kann Kult ein Freiraum der Hoffnung sein.
Lebendige Religion braucht den Wahn auch analogisch in bildender Kunst und Dichtung, und sie symbolisiert ihn kreativ in der persönlichen Lebensführung. Die Kreativität fehlt, wenn eine Religion abstirbt.

Es liegt nahe, dass der Glaube unter Beschuss sich ideologisch verbunkert. Von Verfolgung und religiöser Institutionalisierung des Glaubens zeugt schon das Neue Testament (besonders Matthäus und der Hebräerbrief). Athanasius, soweit ich ihn gelesen habe, war ein frommer Betonkopf.

„Erhebet eure Herzen! – Wir erheben sie zum Herren“, sagt die Liturgie. Aber „Leiblichkeit ist das Ende aller Wege Gottes“, sagt der fromme Schwabenvater Oetinger († 1782). Sein Landsmann Hegel komplettierte das zu seinem in sich selbst zurücklaufenden Dreitakt. Das Hegel’sche Modell (bis hin zu Nietzsches „ewiger Wiederkehr des Gleichen“) wäre aber heute einzubetten in das paradoxe, neue Modell des „deterministischen Chaos“. Es geht um die nie vollständige, gehorsame Selbstaufhebung der (idealistischen) Religion*.
* Ich nähere mich damit wieder Dietrich Bonhoeffers Idee der „nichtreligiösen Interpretation biblischer Begriffe“.

Gott

Bibel

Christliche Theologie ist Pflege der biblischen Überlieferung einer Alternativsymbolik gegen die Weltmächte. Diese Symbolik ist eine Platzhalterin der Hoffnung im Chaos des Weltgeschehens.
Auch gedankenlose Ausrufe wie „Ach Herrjeh!“ sind solche Platzhalter; aber sie tragen nicht weit.

Nicht nur das Welt-bild, sondern: die Welt des Neuen Testaments war anders!

Das Evangelium ist ein gewagter, brüderlicher Zuspruch, der einfach als solcher beherzigt werden möchte, eine Bitte – wie 2Kor 5, 20!

Durch die christliche Überlieferung hat Gott mich herausfordernd angesprochen. Einzelne Bibelworte habe ich wörtlich im Gedächtnis; dort werden sie aber allmählich stereotyp. Um das im Gedächtnis Erstarrende zu beleben, gucke ich immer wieder einmal nach ihrem (wild lebendigen) Zusammenhang.
Bibellektüre kann von Klischees befreien, mit denen jedermann im Grunde allein ist. Die Bibel ist uralt; aber hier findet mancher in der Wildnis Einsame noch heute lebendige Brüder.

Die Bibel, von Sündern geschrieben , ist – wie jeder Gläubige mit seinem Zeugnis – auch eine Anfechtung des Glaubens. Der Glaube, den das Gotteszeugnis da und dort hervorruft, ist ein von Gott in die Welt gesetztes Schöpfungswunder.

Das Matthäusevangelium enthält in der Bergpredigt mörderische Vollkommenheitsforderungen – als durch die Kreuzigung des Gottessohnes stellvertretend doch erfüllt.
Das waren Rationalisierungen einer jüdischen Sekte, die auf ein baldiges Ende der Schöpfung eingestellt war. Der Schöpfer hat es aber anders kommen lassen.

Matthäus hört auch im (vielleicht schon von Jesus gepredigten) Perfektionismus (5,48) Gottes Anspruch! Mit Vollkommenheitsgebot, unendlicher Schuld und unendlicher Vergebung ist sein Evangelium eine „gewaltige“ (7,29*) Probe von Gottes Polyphonie, ein gottesfürchtiges Epitaph auf den Vollkommenheitswahn.
* Die Schriftgelehrten harmonisieren.

Ich lese in der Bibel nicht, um Weisung oder Trost zu finden. Hierfür dürfen wir uns direkt an Gott wenden.

Christentum

Jesus hatte Massen in Schwärmerei versetzt. Bei ihm hatten die Jünger in der Nah-Erwartung des Heils gelebt. Jesus wurde gekreuzigt. Der österlichen Reaktion der Jünger auf die Kreuzigung lag das sichere Gefühl zu Grunde: „Das kann‘s doch nicht gewesen sein!“ Die Kreuzigung forderte auf zum Protest gegen die triumphierende Banalität, zum (wie auch immer unbeholfenen) Zeugnis für Gottes Wahrheit über uns. Diese Sicherheit verdinglichte sich in den Ostervisionen, in den darin vorausgesetzten* und in den darauf aufbauenden Ideologien als kirchlich institutionalisiertem Glaubenswissen.
* Im Rahmen der Erwartung der allgemeinen Auferstehung am Ende der Zeiten war Jesus der erste Auferstandene.

Leute wie Petrus erlebten bei Jesus die väterliche Nähe des Gottes Israels. Die Kreuzigung konnte diese Erinnerung nicht auslöschen.
Diese setzte sich durch in den Ostererscheinungen, der Offenbarung der wahren Gottheit des Gottes Israels in Jesus – als dem verheißenen König, der Israel und aller Welt das Heil bringt, dem Messias, dem Christus.
Die Proklamation des Vaters Jesu Christi als des wahren Gottes überzeugte auch viele Heiden.
Das Christentum beginnt mit Kreuz und Auferstehung, also Extremen. Aber Paulus schließt die Lücke der Normalität: Wie sollte Gott, „der seines einzigen Sohnes nicht verschont, sondern ihn für uns alle dahingegeben hat, uns mit ihm nicht alles schenken“ (Rm 8, 32)!

Das ekstatische Moment spielt in der alt-israelischen Prophetie sowie im frühen (und wieder im heutigen) Christentum eine beachtliche Rolle. Paulus hatte zwar Mühe, diese Geistesgaben kommunikativ einzubinden (1Kor 12-14), warnte aber (1Thess 5,19), den Geist nicht etwa auszulöschen.
Die Möglichkeit der Ekstase (einmal paradiesisches Glück, ein andermal höllische Angst*) gehört zur menschlichen Natur. In Extremsituationen des Lebens kommen solche Traditionen wieder hoch.
* In der Drogenszene hieß das „a bad trip“.

Der Mensch ist ein kompliziertes animal sociale. Die sozialen Modelle, die die Einzelnen in sich tragen, koordinieren sich in symbolischer Kommunikation. Mehr oder weniger paradiesische Utopien als gemeinsame Zielvorstellungen – mit der Kehrseite der Störung durch die Sündhaftigkeit des Menschen – spielen dabei eine wesentliche Rolle.
In den drei monotheistischen (auf dem Alten Testament basierenden) Religionen spielt die Thematik Recht und Gerechtigkeit eine zentrale Rolle; in Gott gipfelt die soziale Ordnung und die Weltordnung. Moses, der seinem Volk den Heilswillen Gottes in Gesetzesform überbringt, setzt – Paulus zufolge – Abraham als Urbild des Gottvertrauens, des Glaubens an Gottes Liebe, voraus.
Jesus hatte Menschen Gottes Liebe nahegebracht – sozusagen an Moses vorbei. Für die Anhänger Jesu war seine Kreuzigung schreiendes Unrecht; nicht Strafe, sondern Schuld; eine ungeheuerliche theologische Herausforderung.
Paulus (der gesetzestreue Christenverfolger, dem dann der Auferstandene erschienen ist) greift für das Verständnis der Gerechtigkeit Gottes zurück auf 1Mose 15,6, wo die Rede ist von Abrahams Glauben an die ungeheuerliche Verheißung Gottes (Vers 5), den Gott ihm „als Gerechtigkeit anrechnet*“; vor Gott ist Gerechtigkeit allein: Gottvertrauen. Paulus interpretiert die in Jesus offenbarte Liebe Gottes durch die Lehre von der Rechtfertigung des in Sünde verlorenen Menschen ohne des Gesetzes Werke, allein durch den Glauben an den stellvertretend für uns Gekreuzigten als den Messias. Das war ein kompliziertes Konstrukt, eine kulturgeschichtlich durch Gerechtigkeitswissen bedingte Engführung, – ein Wissen, an das wir heute nicht mehr glauben.
Der christliche Glaube an den Schöpfer ist, auch sozial, schöpferisch. Er macht die Evidenz opferbereit schenkender Liebe im Chaos geltend.
* Das ist Gesetzessprache!

Glaube gegen alle Evidenz (Rm 4,18) – eine verrückte Sprache hat sich als Existenzsymbolik durchgesetzt! Sie will die Gott gegenüber verselbständigt geordneten Dinge mit einem Ruck zurechtrücken. Es geht um die „Gerechtigkeit des Glaubens“, der Gott vertraut.
Das Evangelium ist eine Sprache für krisengeschüttelten, aber jedem Einzelnen biologisch eingebauten Optimismus.
Es ist heute altes Kulturgut. Es spricht uns nicht mehr direkt, sondern nur vermittelt an, und zwar verwandelt durch eine lebendige (von kritischer Geschichtswissenschaft begleitete) Tradition. In dieser Bestimmtheit nimmt es unsere Krisen ernst.
Es gibt auch andere Sprachen des Optimismus; aber sie vermitteln uns (= meinesgleichen) nicht so tief und weit reichenden menschlichen Beistand.

Die Naherwartung des Weltendes bzw. des Reiches Gottes – anfangs wörtlich-präpsychotisch, dann symbolisch – ist für das Christentum wesentlich.
Dasselbe gilt für den alten Glauben an die Überwindung des körperlichen Todes durch die Auferstehung Jesu als den Anfang der allgemeinen Auferstehung.
Das Christentum bleibt gegenüber aller Weltweisheit skeptisch!
Der apokalyptische Wahn wurde allerdings zur Grundlage einer kirchlichen Weltweisheit – die denn auch in der christlichen Welt gemeinhin „nur“ symbolisch genommen wird.

Die sogenannte „natürliche Theologie“ artikuliert, etwa in den sog. Gottesbeweisen, Grundfragen, die unser Wissen offenlässt. Die sog. „offenbarte Theologie“ ist ein symbolischer Vorgriff, nur ungefähr eine Antwort. Beides relativiert einander; schlecht und recht übersetzt der lebendige Glaube immer eins ins andere.

Die verschiedenen Oster-Erzählungen stehen im Neuen Testament unvermittelt neben einander. Im Ungefähr der deutenden Symbolik ist das allerdings kein Gegensatz; sie bedeuten alle ungefähr dasselbe.

Im Zentrum der christlichen Symbolik stehen Extreme; die apokalyptische, große Hoffnung war und ist Widerspruch zur Verzweiflung.
Normal hingegen (wie die Bilder der Gottesreichsgleichnisse Jesu) sind die „Zeichen [der Nähe Gottes] und Wunder“, reale Anspielungen auf das „ganz andere“, die den Absolutheitsanspruch der Verzweiflung relativieren.

Gesellschaft

Korruption ist ein Stellenbesetzungsproblem im Sinne der beiden Fragen: Wie versteht „man“ die betreffende Stelle, und: Wie versteht der Inhaber die Stelle?

Verantwortung ist verteilt, mit unscharfen Grenzen; man braucht Vereinfachungen. Für alles sucht man einen Hauptverantwortlichen.

Stereotypen sind für die soziale Koordination unentbehrlich als erste Approximation; sie können aber noch kein Urteil über wirkliche Personen rechtfertigen.

Die soziale Kapazität des Menschen ist durch die moderne Mobilität überfordert. Die Beziehungen werden oberflächlich.

Der Erste Weltkrieg war kulturgeschichtlich eine tiefe Zäsur. Das imperialistische christliche Abendland fand sich für seine globale Führungsrolle vor aller Augen disqualifiziert wieder. Kurzlebige Ideologien (Kommunismus und Nationalsozialismus, endlich nun der Ökonomismus) konnten die Orientierungslücke nicht füllen.

Herrschaft bedeutet immer Spannung. Gute Herrschaft beruht auf auctoritas*. Diese „lässt wachsen“ und „mehrt“ das Wohl – wie ein Bauer, gegebenenfalls durch Beschneiden, Jäten oder Umpflügen. Auch auctoritas kann kreativ sein.
* Von lateinisch: augere!

Böse Zeiten machen viele Menschen böse. Da sind viele Heilige (oder doch wenigstens Gelegenheitsheilige) vonnöten.

Ein Aspekt von Ordnung ist unterdrückende Macht. Soziale Macht ist mehr oder weniger persönlich zentriert bei Wenigen oder Einem. Die Gesellschaft billigt diesen Wenigen – bedingt oder unbedingt – Entscheidungsbefugnis zu, weil sie Ordnung braucht.

Stabilität in der Vielfalt des Zusammenlebens bedeutet auch gegenseitige Bremsung, Reibungsverluste und also, in jeweils bestimmter Hinsicht, Destruktion.

Survival of the fittest“* gilt jeweils für eine Epoche gleichbleibender Lebensbedingungen; die Umwelt ändert sich aber. Deshalb sind einerseits an frühere Umstände bestens Angepasste heute gefährdet; anderseits kann manches heute schlecht Angepasste später von Vorteil sein.
* Darwin sprach nicht von Individuen, sondern von Arten. Aber er hat 1869 den Begriff aus Spencers (1864) Sozialphilosophie übernommen.

Die Gesellschaft stereotypiert. Für symbolvermittelte Kooperation braucht man ungefähr gleiche Vereinfachungen. Auch wenn einer wesentlich sachgemäßer vereinfacht, stört er.

Gesellschaften sind Glaubensgemeinschaften. In allen Bereichen brauchen sie Vereinfachungen, die von der Mehrzahl der Bürger als brauchbare Approximation der Wahrheit geglaubt werden.

Große Frustrationen können eine schwach organisierte Masse zu schneller, primitiver, aber starker Selbstorganisation bringen.

Den großen Spendern bringt ihre Wohltätigkeit meist indirekt mehr ein, als sie kostet. Man kann surplus wealth durch gute Werke unbegrenzt in Prestige ­– d.h. informelle und endlich auch formelle Macht – konvertieren.

Nur der Bescheidene kann Bescheidenheit predigen.

Die Macht von Institutionen beruht auf dem Bedürfnis der Menschen nach Vereinfachung. Welche Vereinfachung, ist nicht so wichtig; hier spielt der Zufall eine große Rolle.

Elternschaft konzentriert natürlich – und sie beschränkt oft – die soziale Verantwortung auf die Sorge für den eigenen Nachwuchs.

Die menschliche Kultur ist ein Concerto von Vereinfachungen desselben, uns vorgegebenen überkomplexen Themas: Realität.

Der Markt ist nicht klüger als die Politik, aber stärker.

Wenigstens über eines ist man sich einig: Allenthalben fehlt es an Geld. Also wird das Denken über die Menschenmassen zunehmend ökonomisiert. Um der Berechenbarkeit willen wir das Bild von der Lebenswelt versimpelt und (oft unheilvoll) verzerrt; eng Zusammengehöriges wird getrennt. Die globalisierte, ökonomisch administrierte Welt ist kein Ort für Vertrauen mehr.
Die Menschen werden vom immer noch beschleunigten sozialen Wandel überrollt; die Menschlichkeit passt sich holterdiepolter an. Ergebnis sind soziale Brüche und, neben Inseln und Trümmern, künstliche, kurzlebige Zusammenschlüsse.

Gemeinheit

„Gemein“ (angelsächs. Gimēni): allgemein, gemeinsam; schlecht, (täuschend) falsch. Engl: mean = gemein, niedrig; gotisch: gemeinsam, unheilig. Vgl. frz.: bassesse. Gegenbegriff ist „edel“.
Hoch, edel, gut steht gegenüber: schofel*, base, schlecht, gemein, niederträchtig, infam, gewöhnlich (im Sinne von ordinär). Überblick haben die Wenigen „oben“. In einem stabilen Kosmos ist das Hohe gut; das Gemeine der Vielen, das Schlichte, schlecht.
In der Lutherbibel ist „gemein“ das Profane; der Gegenbegriff ist „heilig“.
* Dieses jiddische Wort geht auf einen hebräischen Wortstamm zurück, der Niedrigkeit und Demut zum Ausdruck bringt, und keineswegs moralisch abwertet!

„Der gemeine Mann“ kann sich nicht so gut leisten, nobel zu sein. Er ist dem Kampf ums Dasein ausgesetzt; er muss „erlisten, erraffen“ – wie auch der Tugendprediger Schiller* wohl weiß. Da ist schon Rechtschaffenheit eine bemerkenswerte konstruktive Leistung! Unten in der sozialen Rangordnung ist Asozialität oft ein Gebot des Überlebens. Gemeinheiten in diesem Sinne beruhen auf Entsolidarisierung; der von der Gesellschaft Fallengelassene fühlt sich entpflichtet.
Wenn sie sich zanken, finden Kinder einander „gemein“.
* Lied von der Glocke.

Zermürbende Schmerzen tun „gemein“ weh.
„Von allen Seiten umgibst du mich“ (Ps 139). Dem Frommen, der zermürbende Schmerzen hat, erscheint Gott als gemein. (So klagt Hiob über die erlittene Unbill. Die fromme Hiob-Erzählung führt deshalb den Teufel ein.)
In gemeinen Zerstörungen und Schmerzen spüren wir die Hand Gottes, des Schöpfers aller Dinge. (Luther*, allerdings eingeengt auf Gewissensqualen: Gott quält uns wie ein Bube, der Würmchen quält!) Auch in all den andern Gemeinheiten, die wir erdulden, können wir Gott, der sich selbst erniedrigt, Gottes bassesse/Niedrigkeit erleben.
Das Denken über Gott führt letztlich in die Banalität, in die Gemeinheit Gottes ein.
* In der späten Vorlesung über das erste Buch Mose, WA 44, 548, 5-11.

In Gottes Augen ist wohl auch das gemeinste Ende Vollendung.

Mein Leben und Werk könnte andern nützlich sein als ein Beispiel für das Gemeinmenschliche.

Betrug

Die Verschiedenheit der Menschen, mit der entsprechenden Vieldeutigkeit im Ungefähr symbolischer Interaktion, begünstigt Missverständnisse und Betrug. Das Tempo des sozialen Wandels verschärft dieses Problem.

Betrogenwerden zieht sämtliche menschlichen Beziehungen des Betroffenen in Mitleidenschaft. Er wird sich der Fremdheit des scheinbar Vertrauten bewusst.

Betrug gehört zum Leben – nicht nur zum menschlichen.

Gewiss, der Mensch sollte, opferbereit, dem Mitmenschen, mit leicht missionarischer Zuversicht, Vorschussvertrauen entgegen bringen. Aber wenn man betrogen wurde, muss man oft erkennen, dass man einfach naiv war. Man lernt beschämt, dass man zu leben nie auslernt, und muss, gedemütigt, nolens volens sich mit der „real existierenden“* Gesellschaft arrangieren.
* Eine Stilblüte, die Erich Honecker 1973 mit seiner Rede vom „real existierenden Sozialismus“ (im Gegensatz zur Utopie) berühmt gemacht hat. Die Komik beruht auf dem nachdrücklichen Verschweigen der Beschämung des missionarischen Anspruchs. Es handelte sich da um die (durch die Unruhen in Polen grell beleuchteten) Fehler des Kommunismus.

Wirtschaft

Soziale Macht ist Symbolmacht; sie wirkt durch Drohung und Verheißung. Militärische und polizeiliche Macht sind am schlechtesten konvertibel*, wirtschaftliche besser; finanzielle ist am konvertibelsten, am flexibelsten und anpassungsfähigsten.
Finanzielle Macht ist freilich auch am volatilsten. Das Vertrauen in Symbole für Symbole für Symbole kann plötzlich einbrechen; die Gefahr steigt mit der „Potenz“.
* Napoleon: „Mit Bajonetten kann man alles machen, nur setzen kann man sich nicht darauf.“

Je mehr Leute spitz kalkulieren, desto störanfälliger wird das System. Da gewinnt endlich, wer nicht so spitz kalkuliert hat.

Großes Geld sucht große Projekte. Die Kapitalakkumulation führt zu immer größeren, immer einsturzgefährdeteren Projekten. Und deren Einsturz hat immer schlimmere Nebenwirkungen.

Die Übermacht der Menschen über die Umwelt beruht zunehmend auf großen Unternehmungen. Große Pläne verlangen, für das besonders weitgreifend kohärente Handeln, große Macht, die auf viel Vertrauen in ihre Symbolik gründet. Geld ist das breitest fundierte Machtsymbol. Nicht höchste*, aber hohe Kapitalakkumulation gehört deshalb zu den evolutionären Vorteilen der heutigen Menschheit gegenüber den andern Lebewesen
* Das System kann „kippen“!

Moral

Leben ist organisierte Bewegung, wie Atmung, Herzschlag, Verdauung. Menschliche Aktivität ist zielgerichtete Bewegung.
Wir sollen unsere Bewegtheit integrativ, umsichtig und rücksichtsvoll organisieren.

Angst ist ein belastender generalisierter Alarmzustand. Die Vorstellung, geborgen zu sein, beruhigt; aber sie steht uns nicht beliebig zur Verfügung.

Die eigene Passivität selbst gestalten!

Die uns gebotene Kreativität ist: umsichtiger Umgang mit den Automatismen.

Kreativität ohne Bescheidenheit ist vom Teufel.

Im Chaos des Lebens bietet die Vernunft viele Möglichkeiten. Aber sie gebietet wenig.
Wir können auf Gottes Rat hören und ihm folgen, ihn aber nur sehr begrenzt verstehen.

Das Chaos des Weltgeschehens demütigt den guten Willen.

„Sind die erfreulichen Augenblicke des Lebens die unerfreulichen wert?“ So fragt man sich, getragen vom Leben, in einem unerfreulichen Augenblick. Uns fehlt der Überblick; unsere Antwort ist immer zeitbedingt.

Der Geist qui ex patre filioque procedit*, die Bescheidenheit, die Schöpfungswunder vollbringt, der Spiritus Creator hat uns zu Mitschöpfern berufen.
* Symbolum Nicaeno-Constantinopolitanum (z.B. im katholischen Messe-Text), das kurz sog. „nizänische Glaubensbekenntnis“.

Das jeweilige Gute ist jeweils Symbol des imaginären Guten: der unvorstellbaren schöpferischen Ur-Einheit, als welche wir uns Gott vorstellen.
„Gut“ sind glaubhafte Symbole des motivierenden, imaginären Guten.

Man sollte wohl daran glauben, dass jeder Mensch (nach seinem Verstande) im Grunde das Gute will und darauf auch ansprechbar ist.

Der „gute Wille“ hat auch schon manches Unheil angerichtet und schon manchen anderen, der auch voll guten Willens war, böse gemacht!

Das Böse macht dem Guten zu schaffen.

Lebenslust chaotisiert. Sie organisiert um – konstruktiv und destruktiv. Etwas Freude an der Destruktion, ja Bosheit, gehört zu ihrem Wesen.
Die Gesellschaft aber braucht Ordnung. Bosheit wird verurteilt*; die komplette Lebenslust ist gefährlich.
* Abgesehen von öffentlichen Kampfspielen (nicht ohne Schiedsrichter!).

Der Mensch tut und lässt – und vor allem: nimmt wahr – in einem symbolischen Prozess, der ihn mit der Welt und mit andern Menschen verbindet. Im Austausch mit andern Menschen und mit sich selbst als einem anderen, verantwortet er, direkt oder indirekt, was er tut.
Der innere Andere* ist unergründlich; er repräsentiert nur. Was? Wie wollen wir es nennen? Das All?! Besser persönlich: Er repräsentiert Gott!
* Das Gewissen. Das „Überich“ sind die moralischen Stereotypen der Person.

„Was soll ich?“ – Das ist, konkreter, die Frage: „Wie weiter?“

Das Ideal ist die κλῆσις, der gnostische Ruf aus dem Jenseits, imaginär. Schiller* präzisiert: Das Ideal wird mit Wehmut wahrgenommen; „keine Träne fließt hier mehr dem Leiden, nur des Geistes tapfrer Gegenwehr**.
* Das Ideal und das Leben.
** Ich denke hier an des tauben Beethoven „Froh wie seine Sonnen fliegen“, – wie denn der ganze letzte Satz von seiner Neunten Symphonie zu Tränen erschüttern kann.

Zielstrebigkeit ist hoffnungsvolle Borniertheit. Sie vereinfacht das aktuelle Weltbild. Man zentriert seine Aufmerksamkeit um eine Zielvision. Diese bestimmt die Borniertheit. Gewiss ist Zielstrebigkeit kurz- und mittelfristig lebenstüchtig, aber mit der Zeit wahrscheinlich verheerend.

Man wird seinen Mitmenschen eher gerecht, wenn man sich erinnert, dass der Mensch ein Tier ist.

Wir leben vielfältig sinnvoll, verstehen uns aber nur wenig und können unsere Lebensführung kaum verantworten.

Wie Materialismus und Idealismus sind auch Egoismus und Altruismus ideologisierte Halbwahrheiten. Die psychische „Identifikation“ hat eine körperliche Entsprechung in den Spiegelneuronen.

Für sich selbst kämpfen soll jeder nur, insoweit er von sich Gutes für die Gemeinschaft erwartet.

Zum christlichen Glaubenswissen gehört das Liebesgebot. Es verlangt auch – nicht blinden Gehorsam, wohl aber Respekt vor den gesellschaftlichen Erwartungen.

Auch Ratlosigkeit kommt von Gott. Seine eindeutige Antwort auf meine Frage: „Was soll ich?“ ist zuweilen: „In Ratlosigkeit und peniblen Halbheiten Demut lernen!“ Das heißt nicht: „Passivität“, sondern auch: „Schuldbereit kämpfen“!

Depression

Gott relativiert die absoluten Ansprüche sowohl der Depression wie des „positiven Denkens“. Er ruft den Bedrückten sowie den Zufriedenen zur Umsicht.

Der evangelische Aufruf an den Bedrückten zur Kreativität schlägt ein Loch in das bedrückende Weltbild. Ein Blick ins Chaos tut sich auf – eine kalte Dusche, die zu schöpferischer Besinnung bringen kann.

Depression ist eine je gottgegebene Wahrnehmungseinstellung; unsere Möglichkeiten euphorisierender Selbstmanipulation sind beschränkt.

Einen Ausweg aus der Schwermut findet oft die willentliche Wendung der Aufmerksamkeit ab von dem vermeintlich begriffenen Allgemeinen hin zum (unbegriffenen) einzelnen Geschöpf. Hier dürfen wir ein Licht aus dem Jenseits des Verstandenen erwarten, Schöpfung, Regeneration.

Die depressive Stimmung meint: „Ich weiß genug;“ eben dies aber können wir nicht wissen! Jeder Augenblick ist neu und seine persönliche Bedeutung unberechenbar; denn die Person, wie auch immer biologisch und kulturell erbbestimmt, reflektiert, auch unter dem Einfluss äußerer und innerer Zufälle, weiter.

Trauerarbeit kann nie ganz erledigt werden; sie hinterlässt mindestens eine Spur von Pietät, aus der die Trauer plötzlich wieder hervorbrechen kann.

Betrübt, trägt der einsame Psalmist (42,5) Gott sein Begehren nach froher Gemeinschaft auf der Wallfahrt vor. Aber nicht nur gegen Depression hilft die mancherlei Verstärkung hoffnungsfroher Symbolik durch Resonanz. Im Ungefähr der alltäglichen Verständigung entwickelt sich Symbolik allenthalben variierend, anregend und belebend.
Religion ist Existenzsymbolik. Sie betrifft eigentlich das Innerste des Menschen, das Privateste, Hoffnung und Verzweiflung; aber meist ist sie hoch stereotypiert.
Lebendige Religionsgemeinschaft, nicht ohne ihren breiten profanen Rand, ist immer auch schon Seelsorge. Man kann sie erfahren im Gemeindeleben, in der Bibellektüre, im Zwiegespräch, im kleinen Kreis. Sie kann den Gefährdeten ermutigen und ermuntern.
Der direkte Zugriff kann abschreckend wirken; die religiöse Symbolik kann aber, gerade kraft ihrer notorischen Stereotypie, einen Schutzraum darstellen für die Privatheit und Freiheit, die der Einzelne jeweils braucht.

Alter

Im Alter ist der Einzelne zunehmend überfordert. Die Wirklichkeit motiviert immer weniger durch Einladung denn durch Drohung. Er braucht Hilfe, physische und kognitive. Seine Autonomie wird eingeschränkt und bedroht von Fürsorge einer Gesellschaft, die ihre eigenen Interessen hat.

Reale Beziehungen entstehen, ändern sich und vergehen; deshalb altern alle realen Einheiten.

Von Kindheit an hat jedes Alter seine eigenartige Weisheit. Man sammelt Erfahrung, nicht indem man Erfahrungen einfach anhäuft, sondern indem man sichtet, selektiv übersieht und vieles fast restlos vergisst.

Das vitale Ja zu einer Sache ist ein – meist ahnungs- und bedenkenloses – Nein zu anderen Sachen. Mit dem Alter wächst die Umsicht, die Bedenken wachsen, die Vitalität lässt nach.

Man weiß jeweils einigermaßen, was man hier und jetzt anzustreben und zu tun hat und was man wünschen kann. Aber jede Horizonterweiterung macht das Urteil unsicherer; man weiß immer besser, wie wenig man weiß.

Von Kindheit an sieht und versteht man, zunehmend sozial angepasst, die Dinge so wie alle andern. Das Alter marginalisiert den Einzelnen wieder; er wird zunehmend einsam. Er muss neu mit eigenen Augen sehen lernen und staunen, wie ein Kind. Er sieht andere Zusammenhänge.

Mit dem Alter bekommt man Distanz und staunt über die Selbstverständlichkeit des kollektiv Selbstverständlichen. Senil endlich, staunt man über das kollektiv Selbstverständliche.

Every year at least 4 million older people in the WHO European Region are estimated to suffer physical abuse: being slapped, punched, kicked, burned, wounded with a knife or locked in their rooms. Research also indicates that as many as 2500 older people may die at the hands of family members.
These are the main findings of the new European report on preventing elder maltreatment, released today* by WHO/Europe at the 3rd European Conference on Injury Prevention and Safety Promotion, in Budapest, Hungary.
Das soziale Problem des Seniums wird durch das vielfach angstbesetzte Tabu verschlimmert!
* Budapest, Copenhagen and Rome, 16 June 2011.

Innovationen sind gefährlich. Sie entwerten Erfahrung bedrohlich. Die Alten sind eine Innovationsbremse.

Ausblick

Immer weniger strukturieren persönliche Beziehungen unseren Realitätsbezug. Die Kultur kommt ohne den persönlichen Gott aus, und die Gesellschaft wird immer undurchsichtiger, anonymer – und pseudonymer.

Deprimierende Zeiten weltweit sind zu erwarten. Die menschliche Fähigkeit zu Mitleid aber ist sehr begrenzt.

Die wachsende Übermacht der Menschen über ihre Umwelt gefährdet die Struktur des Ökosystems. Die Dynamik des Aufstiegs setzt, kraft Trägheit, sich fort als Dynamik des Niedergangs.

„To know, where the world goes and to be there first“ , war Bill Gates’ Antwort auf die Frage nach seinem Erfolgsrezept. Das ist soziale Norm geworden. Und so realisieren denn Menschen den legendären Zug der Lemminge.
Dagegen ruft der Name Gottes, wie die christliche Tradition (vor allem durch die Bibel repräsentiert) ihn uns zuspricht, schöpferisch den Einzelnen zur Besinnung. Der Name Gottes fordert den einzelnen Menschen, obschon animal sociale, zu eigenster Verantwortung, zu bescheidener Kreativität auf.

Die spezifisch christliche Lehre überzeugt nicht mehr. Die Predigten und Denkschriften gegen den Egoismus können mit Sicherheit auf etwas Resonanz rechnen*; aber ihre Wirkung versandet im Kampf ums Dasein, der allem Leben einprogrammiert ist.
Dass eine ursprünglich sehr gute Schöpfung durch Schuld des Menschen schlecht geworden sei, gehört in die zweite (die jahwistische) biblische Schöpfungsgeschichte, auf die die weitere Bibel baut. Das war eine Deutung unseres Daseins, die wir nicht mehr oberflächlich wörtlich, aber als immer wieder ernste Anfrage, beim Wort nehmen.
Das Neue Testament markiert den nächsten Schritt. Jesus brachte Menschen, die sich in Sünde verlorenen fühlten, Gott nahe. Unter dem Eindruck seiner Kreuzigung durch eine böse Welt und der darauf folgenden Zeugnisse von seiner Auferstehung aber, hat das Christentum, im Zeichen der Vergebung, die jahwistische Deutung des menschlichen Daseins noch radikalisieren können. Diese Lehre von der Menschenfreundlichkeit (Tit 3,4) Gottes motivierte die Einzelnen zu Höchstleistungen; aber das hatte seinen Preis. Die Christianisierung des Abendlandes und die Kolonisierung der Erde durch das christliche Abendland waren nur sehr bedingt eine Ausbreitung von Menschenfreundlichkeit und Humanität. Die dazugehörige Kulturgeschichte war erfolgreich, aber nicht unproblematisch. Doch fühlen wir: An jener Lehre ist etwas Wahres.
Menschlichkeit hat, je nach Wetterlage, gute und ungute Seiten; das Zeitalter der gepriesenen Humanität ist immer noch nicht angebrochen. Für das kirchlich institutionalisierte Christentum blieb und bleibt, für gute und böse Zeiten, eine sakramentale Absicherung gegen die Verdammnis wesentlich.
Das christliche Abendland aber hat sich (weitgehend kraft des Christentums) entkirchlicht, und das Christentum lebt auch ohne feste Form weiter. Da ist Bemühung um nicht starre, sondern stabile Glaubenslehre an der Zeit! Es geht darum, den gegenwärtigen Gott wahrzunehmen. Die christliche Tradition lehrt: Das geschieht oft gerade dort, wo man es am wenigsten erwartet hatte!
* Ich erinnere an den Kehrreim in Bert Brechts Dreigroschenoper, III. Akt, das Lied von der Unzulänglichkeit des Menschen: „ ... doch sein höh‘res Streben ist ein schöner Zug.“

Naturgemäß lebt man für – und freut sich am – eigenen Nachwuchs; man erkennt sich selbst wieder in dem, was doch die Grenzen der eigenen Person gesprengt hat. Ferner lebt man für gute Lebensbedingungen für den Nachwuchs; dazu gehören Gesellschaft und Umwelt.
Schlussendlich aber wird das Fortleben auf der Erde ein Ende nehmen; alles Vergängliche war nur ein Gleichnis.
Zu was lebe ich hier und jetzt und letztlich? Wir antworten: Zur Ehre Gottes, der sich mit uns gemein gemacht hat.

Ich erwarte für die kommenden Generationen schwere Zeiten – auf diesem Hintergrund aber auch wieder tröstende und ermutigende Ereignisse von Menschlichkeit.

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Februar 2012