Thomas Bonhoeffer


Wühlkorb 8r

Vorwiegend Religiöse Gedanken

Vorbemerkung

Die in meinen „Wühlkörben“ gesammelten Bemerkungen sind nicht als Belehrung gemeint, sondern sind Beobachtungen, die Fragen aufwerfen, und Ansätze zu deren Beantwortung, – hier mitgeteilt in der Hoffnung, dass andere damit weiterkommen als ich. Nunmehr 81jährig, kann ich nicht mehr hoffen, damit allein zu Rand zukommen.

In den letzten zwei Jahren habe ich zur Selbstverständigung noch Intuitionen und Vermutungen festgehalten, ohne aber diese auch nur soweit auszuarbeiten wie die Stücke in den „Nachträgen“ zu meinem letzten Buch und den dann folgenden „Wühlkörben“ (bis Nr. 7).

Der Inhalt der vorliegenden Sammlung ist durch den Tod meiner Frau (Frühjahr 2012) geprägt. So sind ihr denn auch Gedanken vorangestellt, die direkt mit diesem Erlebnis zu tun haben.
Ich konnte erst nur notieren, nicht organisieren. So wurde die ungeordnete Sammlung zu groß.

Ich habe die Notizen nun, je nach ihrer mehr religiösen oder mehr säkularen Thematik, auf zwei Dateien verteilt. So folgt denn auf die vorliegende noch Korb IX mit dem Untertitel: Vorwiegend säkulare Gedanken. Aber eine säuberliche Trennung zwischen säkularen und religiösen Gedanken schien mir weder möglich noch erstrebenswert.

Hermeneutik

Vereinfachung/ Ungefähr

Der Kopf ist klein, die Welt ist groß. Wir brauchen Vereinfachungen.

Himmel, Reigen und Musik-Spiel vor Gott (der offenen Frage) sowie Hölle, Gott, Teufel, das sind letzte, zu Ewigkeiten kontrahierende Vereinfachungen. Aber Vereinfachungen sind immer nur zeitbedingt* gut!
* Vgl. Luther über Gottes Wort als Gesetz und Evangelium, zu Gal 2,6 (WA 40/I, S. 209)! Bei der Wahrheit fährt, nach Luther (ebd. S. 39, 6-10), der Teufel immer wieder dazwischen.

Auch „richtig“ und „falsch“ sind Vereinfachungen.

Parteien und Religionen führen einen Kampf der vereinfachenden Halbwahrheiten. Auch das animal rationale braucht nun einmal Vereinfachungen.

„Das Böse“, „das Gute“, „Gott“: das sind die – doch nie ganz – letzten Vereinfachungen der Wirklichkeit, mit denen wir zutiefst, jeder nach seinem Geschmack, lebenslang, ungefähr im Kreise gehen. (Hegel hat mit seiner Dialektik wohl etwas Ähnliches im Kopf gehabt.)

„Ungefähr“ bedeutet: mit unvorhersehbaren Folgen.

Der Kopf ist klein, die Welt ist groß. Wir brauchen Vereinfachungen.

Himmel, Reigen und Musik-Spiel vor Gott (der offenen Frage) sowie Hölle, Gott, Teufel, das sind letzte, zu Ewigkeiten kontrahierende Vereinfachungen. Aber Vereinfachungen sind immer nur zeitbedingt* gut!
* Vgl. Luther über Gottes Wort als Gesetz und Evangelium, zu Gal 2,6 (WA 40/I, S. 209)! Bei der Wahrheit fährt, nach Luther (ebd. S. 39, 6-10), der Teufel immer wieder dazwischen.

Auch „richtig“ und „falsch“ sind Vereinfachungen.

Parteien und Religionen führen einen Kampf der vereinfachenden Halbwahrheiten. Auch das animal rationale braucht nun einmal Vereinfachungen.

„Das Böse“, „das Gute“, „Gott“: das sind die – doch nie ganz – letzten Vereinfachungen der Wirklichkeit, mit denen wir zutiefst, jeder nach seinem Geschmack, lebenslang, ungefähr im Kreise gehen. (Hegel hat mit seiner Dialektik wohl etwas Ähnliches im Kopf gehabt.)

„Ungefähr“ bedeutet: mit unvorhersehbaren Folgen.

Wir nehmen nur sehr ungefähr und vereinfacht wahr. Unser Da-sein (im wörtlichen Sinne) ist entsprechend störanfällig.

Jeder passt nur ungefähr in seine Welt.

Wir sind lokale* Phänomene mit in einander verfließenden Grenzen.
* Im mathematischen Wortsinne, also nicht auf räumliche Bestimmungen eingeschränkt.

Der Raum des Suchens, des Versuchens und der Versuche (research, recherche) ist das Ungefähr.

Die Zusammenhänge zwischen mehreren Variablen sind meist so komplex, dass wir sie grob vereinfachen müssen.

Vereinfachung ist bedingt nützliche Vergröberung. Das führt zu Grobheiten und Brutalität.

Prinzipielles Denken entsteht inmitten des Chaos. Es schafft Ordnungsmodelle, die etwas begreifen und (mit einiger Grobheit) greifen.

Begriffe wie Gott, Chaos, Komplexität, sind gewaltige Vereinfachungen, deshalb auch sie zurückhaltend zu gebrauchen!

Vereinfachungen sind nur bedingt brauchbar. Aber die Bedingungen sind oft ungefähr dieselben. So entsteht ein Chaos interagierender Vereinfachungen.

Bei Vereinfachungen ist das Hauptproblem der rechte Gebrauch. Daher auch die Warnung vor Missbrauch des Namen Gottes.

Vereinfachungen bündeln die Kräfte.

„Einheiten“ sind (natürliche oder künstliche) Vereinfachungen.

Kollektiv gefundene Vereinfachungen (wie die Wörter und die Sprache) als Ausgangspunkte für eigene Vereinfachung erhöhen die Trefferwahrscheinlichkeit des gegenseitigen Verstehens und die Lebenschancen.
Leben ist, auf knappe Ressourcen angewiesen, gefährlich expansiv. Darum stehen (extrem: nationale und religiöse) Vereinfachungskollektive in vitaler Konkurrenz.

Identität ist hervorgebracht und getragen von Stabilität.
Der menschliche Geist vereinfacht: Er definiert, begründet axiomatisch und schafft klare Identitäten, die man nicht nur bedeutungsvoll symbolisieren, sondern auch seelenlos-objektiv einfach bezeichnen und formallogisch transitiv behandeln kann. Das entlastet.

Das Ungefähr ist gefährlich, wenn man sich darauf verlässt.

Es gibt allerlei mögliche, spontane, wohlbegründete, hoffnungsvolle, bereichernde alternative Ansichten. Gedichte, Dramen, Romane Musikstücke, sind Ansichten! Sie beruhen auf plausiblen, vernünftigen, überzeugenden, originellen, idiosynkratischen und kollektiven Einsichten. Es sind alles Vereinfachungen.

Vereinzelt, ist man verloren. Einigung ist zunächst ein selbstverstärkender Prozess der Vereinfachung. Die Welt ist aber so kompliziert, dass man anderseits kollektiven Wahn riskiert, wenn man sich auf bestimmte Vereinfachungen einigt.

Ungefähr “ bezeichnet ursprünglich nicht neutral eine quantitative Ungenauigkeit; denn „Gefahr“ zeichnet sich durch eine gefährliche Tendenz aus! Das Wort „Gefahr“ hat nichts mit „fahren“ zu tun! Es bezeichnet: Hinterlist, Betrug, böse Absicht, Nachstellung, Gefährdung! „Ungefähr“ ist dementsprechend: arglos, unbedacht. „Ungefähr“ ist (nach Grimm): sine dolo, arglos, ohne Absicht, ohne Grund, zufällig, unversehens, plötzlich, vielleicht, etwa, etwa einmal, irgendwie (-wo, -wann), wohl, beispielsweise, oberflächlich, unbedacht.

Gewiss sind die Folgen von Ungenauigkeit häufig schlecht; aber die moderne Evolutionstheorie lenkt die Aufmerksamkeit auf die winzigen gewaltigen Chancen des Ungefähr.

Kreativer Umgang mit dem Ungefähr ist auch der Humor.

Vereinf: Die buddhistische Weisheit „Nichts ganz ernst nehmen!“ ist zu präzisieren. Nicht: „Alles ist Schein“, sondern: Wir sehen nur Vereinfachungen; und diese Vereinfachungen sind nicht „Nichts“. Wir sollen sie in Bescheidenheit ernst nehmen!

Ähnlichkeiten trösten. Sie markieren einen Freiraum der Identifikation.

Symbolik

Ein σύμβολον war ein Bruchstück (etwa eines Rings), zu dem ein bestimmtes Gegenstück gehört, auch wenn es nicht verfügbar ist.

Symbole sind Übergriffe. Mit Symbolen greift man über ins Jenseits unseres Horizonts.

Durch Symbolik organisieren wir das Chaos der Ordnungen unserer Welt einigermaßen lebbar.

Der Einsame begleite sein Tun mit präzis formulierten Kommentaren; so erhält er sich seine Sozialkompetenz.

Reden – Bedenken – Weiterreden, Glauben und Zweifeln, das ist „Sprachgeschehen“.

In der Antwort: „Das ist mehr falsch als richtig!“ äußert sich ein symbolisches Mitdenken.

Information und Kommunikation streben heute auseinander.

Für Winnicott war „Symbol“ mehr Zeichen – im Unterschied zum Übergangsobjekt.
Ich unterscheide Zeichen einerseits von Symbol/Übergangsobjekt anderseits.

Wenn ich Probleme so, wie ich sie sehe, ausformuliere, kann ich sie hören, als ob ein anderer sie so sähe, also: sie von mindestens zwei Seiten zu betrachten.

Symbolik ist unser Medium der Integration. Die Sprache ist unsere dynamische Symbolik.

Ein Wir ist eine Symbolgemeinschaft; und das braucht jeder für realistische Skepsis gegenüber der eigenen Symbolik, – wie wir auch mehr als die Position eínes Auges brauchen, um uns räumlich zu orientieren.

Die Weltherrschaft der Menschheit beruht auf den besonderen Leistungen unseres Verstandes; und diese sind Produkt von weitestgespannter Kooperation. (Auch Feinde gucken sich viel voneinander ab.) Das bedeutet, dass das Denken jedes Einzelnen weitestgehend auf Gemeingut aufbaut.
Weder ist die Sprache reines Instrument der Übermittlung von selbständigen mentalen Gehalten, noch denkt man nur in der Sprache; sondern Sprache und Denken kooperieren. So kann der Einzelne, auf breiter Basis, sich viel ausdenken und Neues einbringen. Die Menschheit (אָדָם /Adam) ist ein eigenartiges Lebewesen.

Die Mehrdeutigkeit von Symbolen ist ein vorstrukturierter Freiraum für bereichernde Identifikationen.

Der Mensch ist ein soziales Tier. Als solches handelt er und hat allerlei vor. Der Einzelne hat Wünsche für sich und seine Mitmenschen und plant Arbeit, Zusammenarbeit (und Kampf). Er braucht Kommunikation; und dafür braucht er eine Symbolik, mit der er sich ungefähr verständlich machen und seine Umwelt verstehen kann. Symbolik stiftet gemeinsam handhabbare Identitäten.
In Familien entstehen Symboliken, dichte Netze von verschiedenartigen, gemeinsam verfügbaren Identitäten. Aus solchen Symboliken wachsen größere Symbolgemeinschaften: Nachbarschaften, Verwandtschaften, Dorfgemeinschaften und Völker und Religionsgemeinschaften.
Religionen vermitteln Gemeinschaft durch Tradition; Parteien durch Handlungsorientierung (wobei die orientierende Symbolik traditioneller oder aktueller sein kann).

Zeichen sind Auslöser von Reaktionen. Sie beruhen auf Automatismen oder auf Vereinbarung und setzen eine zuverlässige Lebensgemeinschaft voraus.

Man approximiert Reales durch Begriffe.

Symbol ist Anspielung. Denken, Sprechen und Schreiben sind Anspielungen auf menschliche Gemeinsamkeiten, ein Spiel von Identitäten.

Die „Verfertigung der Gedanken beim Reden“ (H. v. Kleist) ist eine Rückwirkung von der Symbolik auf das Chaos der Vorstellungen.

Existenzsymbolik

Warum werden in so vielen Sprachen neutrale Dinge „vergeschlechtlicht“ (der Mond; la lune)?

Alles Publizierte sollte auch zur Selbstverständigung geschrieben sein. Wenn ich eine Bemerkung gut finde, gebe ich ihr eine erhöhte Chance, auch für andere gut zu sein.

Der Verunsicherte braucht existenzielle Vereinfachung, wenigstens approximativen Anschluss an fertige, einfach handhabbare Symbolsysteme.

Meine Notizen sind Spuren meines Lebens, der ständigen Anpassung meiner Existenzsymbolik zwischen meinen inneren und den äußeren Lebensumständen.

In der Welt überwiegt der Kummer. „Einzig das Lied überm Land heiligt und feiert“ (Rilke, Sonnette an Orpheus, XIX).

Existenzsymbolisch = persönlich.

In einer Symbolik des ungefähren Verstehens kann man die beängstigenden Unsicherheiten des Lebens brüderlich gemeinsam tragen.

Ein Lied kann einem zum „Ohrwurm“ werden; es geht einem nicht aus dem Kopf. „Wandelt sich rasch auch die Welt wie Wolkengestalten“*, also instabil, sind Lieder und Gedichte stabile Strukturen, wiederholbar, prinzipiell unendlich, ewig.
„Alle Lust will Ewigkeit.“ Auch dieser Satz Nietzsches** steht zwar unter dem symbolhermeneutischen Vorzeichen des Ungefähr; aber es geht dem Menschen in der Tat um „so etwas wie“ Ewigkeit. Der Ohrwurm karikiert die „ewige Wiederkehr des Gleichen“**. Etwas in uns will verweilen, wiederholen können; aber doch nicht repetitiv, sondern mild chaotisch.
* Rilke, Sonette an Orpheus. In diesem Gedicht geht es um „das Lied“.
** Zarathustra.

Glaubensbekenntnisse sind nicht Bekenntnisse zu Ideologien, sondern zu Gemeinschaften, in denen jeder (selbstdefiniert) ungefähr glaubt, was da vorformuliert ist.
Die Lebensrelevanz der zentralen Existenzsymbolik der Gemeinschaft ist in verschiedenen Situationen sehr verschieden. Das meiste ist lange akut irrelevante Identitätssymbolik.

Das Weltbild, dass der Kosmos einerseits zu black holes „gerinnt“, anderseits aus einander fliegt, ist auch Ausdruck eines Lebensgefühls.

Wir Menschen brauchen, im großen Ungefähr, Vertrautheit, um uns zu orientieren. Diese ist symbolisch strukturiert. Die Symbolik artikuliert (mehr sachlich oder mehr existenziell) unseren Weltbezug – am menschlichsten in der Sprache.
Unsere Welt verändert sich ständig; symbolisch suchen wir, uns dauerhaft verlässliche Integrationen zu schaffen. Wir pflegen unsere Vertrautheit mit unserer Welt, indem wir mit Vertrauten Vertrauensprobleme besprechen. Damit revidieren wir auch unsere Symbolik, die ja ihren Orientierungswert behalten soll.
Man möchte glauben, was man sagt, und sagen, was man glaubt. Es ist bemerkenswert, wie stark das allgemein menschliche Bedürfnis und jedermanns Suche nach Grundorientierung heute die religiösen Institutionen meiden! Diese pflegen das Dauerhafte wohl am gelebten Vertrauensproblem vorbei. Die lebendige Existenzsymbolik aber geht dilettantisch, in philosophisch-religiösen Wildwuchs, ihre eigenen Wege.

Jean Paul hat, in einer vorbereitenden Notiz* zu seiner Selina (1827 posthum herausgegeben), den Begriff „Weltschmerz“ konzipiert. Gemeint ist der Schmerz der gesamten Welt, den Gott empfindet, der allein die ganze Welt sieht. Gott kann ihn aushalten nur im Vorblick auf „die Seligkeit, die nachher vergütet“.
Heinrich Heine hat in einer Besprechung eines Dalaroche-Bildes (Cromwell am Sarg des toten Königs Karl ) den Ausdruck 1831 ohne die religiöse Perspektive gebraucht, um das Gefühl des Malers (nicht Cromwells!) zu Ausdruck zu bringen.
* In der „historisch-kritischen Ausgabe“ von E. Berend, Sämtliche Werke, Böhlau, Weimar 1928, soviel ich sehe, nicht enthalten!

Ausgangspunkt theologischer Besinnung ist die subjektive Frage: „Was soll ich?“ Hat man die Antwort, dann sucht man diese kommunikabel zu objektivieren unter der Frage: „Warum? In welcher Existenzsymbolik/Poesie?“

„Poesie ist die Muttersprache des menschlichen Geschlechts.“ Auf diesen Satz Hamanns* baute J. G. Herder seine einflussreiche Sprachphilosophie auf.
* Johann Georg Hamann (1730-1788), Aesthetica in nuce. Eine Rhapsodie in kabbalistischer Prose (enthalten in der Sammlung Kreuzzüge des Philologen, 1762).

Wenn die Symbolik erstarrt, liegt die Brutalität des Menschen bloß.

„Jenseits“ ist eine extreme Vereinfachung, Abbildung von etwas zwei- bis vierdimensional (raumzeitlich) Vorgestelltem auf eine Dimension. (Plato redete von dem absolut Guten „jenseits des Seins“.)
Meist geht es um den Tod als Grenze zwischen Diesseits und Jenseits. So ist „das“ Jenseits zunächst ein nebulös leerer Raum der Phantasie, Teil des Imaginären. Aber eine Grundunterscheidung zweier Welten erscheint in Religion, Kunstverständnis und Philosophie nicht nur im Zusammenhang mit dem Tod.
Dann ginge es bei Diesseits und Jenseits um Welten, die nicht objektiv, durch eine Grenze getrennt, neben einander liegen, sondern je konstituiert sind durch verschiedenartige Assimilationsschemata – sozusagen kognitive Stammzellen – für dieselbe Lebenswelt. Das Imaginäre ist die subjektivste, das Symbolische die durch angepasstere Objektschemata konstituierte Welt, beide aber nicht einfach die Wirklichkeit.
In gelebter Religion geht es um das, „was mich unbedingt angeht“ (Tillich); und dieses wird meist, als „jenseitig“, objektiviert, symbolisch kommunikabel.

Beim Sprechenlernen assimiliert das Kind sein Selbstbild an die Schemata der Pflegepersonen.

Theologie ist eine Poetik. (Wenn, wie Hamann und Herder meinten, „Poesie“ die „Muttersprache des menschlichen Geschlechts“ ist, dann ist Poetik nicht auf „gebundene Sprache“ beschränkt.)

Nichts ist so erfolgreich wie Erfolg. Von strahlenden Lehrern verspricht man sich deshalb eher Erfolg als von griesgrämlichen. Auf letztere hört man erst aufgrund von Misserfolgen, aus denen man die rechte Lehre ziehen möchte.

Man wird als Mitmensch geboren. Aber alle entwickeln sich; immer wieder wird die Gemeinschaft zu eng, der Einzelne gerät in innere Emigration. Der Vereinsamte braucht eine Gemeinschaft, die Raum hat auch für das, was ihn vereinsamt hat; eine differenziertere, eine Gemeinschaft höherer Ordnung.
Die Kultur einer Gemeinschaft kann sich entwickeln; oder es finden sich neue Gemeinschaften zusammen. Wird Gemeinschaft zu kompliziert, kommt es zu kulturellen Regressionen in symbolische Vereinfachungen, die zu sozialer Fragmentierung führen.
Diese Gesellschaftsfragmente werden dann im Durchschnitt den Einzelnen noch schneller zu eng. Hier neu Vereinsamende suchen aufs Neue; und manche gewinnen jetzt älteren und uralten Traditionsfetzen neuen gemeinschaftstragenden Sinn ab.

Die Gesellschaft hat ihr einigermaßen befriedigendes, verständiges Alltagswissen. Aber zum Schutz gegen Massenwahn braucht sie warnende Repräsentanten ihres Nichtverstehens und Nichtwissens. Das sind die Grundlagenforscher, Philosophen und Theologen. (Gehört werden freilich mehr deren Antworten als ihre Fragen.) An dem Wort „Gott“ haben wir ein Wort, das wir brauchen, obwohl wir wissen, dass wir nicht wissen, was es sagt.

Die Zeugen Jehovas führen die Bibel im Munde und führen das Christentum unleugbar als Wahnsystem peinlich vor Augen.
Was Wahnsysteme von gewöhnlichen Weltanschauungen unterscheidet, ist die nicht nur praktische, sondern absolute Fraglosigkeit der Weltdeutung.

Luthers Glaube war lebendig, menschlich ansprechbar und anfechtbar (1527/28!). Luther versuchte vergeblich, seinen Glauben unanfechtbar zu machen. Aber lebendiger Glaube ist anfechtbar – und das bleibt er, auch nachdem er wieder eine Anfechtung in Wort und Widerwort überwunden hat.

Die wundergläubige Wahnidee von der Auferstehung Jesu war, in ihrer Prägnanz, unvergeßlicher Ausdruck der Zuversicht, ein irrwitziges Ja – ein Gegenschlag, wo man das irrwitzige Nein des Teufels am Werk sieht. Sie ist gewiß nicht einfach wahr im Sinne von objektiv richtig, aber sie ist subjektiv richtig, d.h. lebenswahr.
Für den grauen Alltag war sie wohl von Anfang an zu vollmundig. Schon im engsten Jüngerkreis gab es Ungenannte als Zweifler (Mt 28, 17b) nicht nur den Thomas (Joh 20, 25).
Die schon neutestamentlichen Bemühungen, die Auferstehung Jesu, ihrer Lebensbedeutung entkleidet, als nackte Tatsache, vor aller Subjektivität ihrer Bedeutung in Sicherheit zu bringen, sind Versuche der Selbstbegründung einer Institution, der Kirche. Hier spricht nicht der Glaube, sondern hier räsonniert der Wahn.

Dem Nihilismus ist unser menschliches Leben Fluktuation des Nichts, d.h. des Unverstandenen.

„Der“ Mensch ist nur in verteilten Rollen vollständig. Er ist wesentlich ein animal sociale.

Lebensqualität ist Mitgestaltungsvermögen.

Gesellschaftliche Kooperation beruht auf Vertrauen. Gemeinsame – auch religiöse – Existenzsymbolik ist eine Vertrauensbasis, aber gegen Manipulation sehr empfindlich. Machtpolitischer Einsatz von Religion schwächt deshalb diese und korrumpiert die Gesellschaft.

Die Mutter lebt in einer praktisch gegliederten Welt und bietet ihrem Säugling durch Wiederholungen akustische Assoziationen zu wiederkehrenden Erlebnissen an. Daraus werden sprachliche Symbole des Verstehens. Sie fragt dann manchmal ermunternd: „Was ist das?“ und das Kind antwortet vergnügt mit der Wiedergabe des assoziierten Wortes.
Die Frage des verzweifelt desorientierten Erwachsenen: „Was ist das alles?“, artikuliert den Rückfall in die chaotische, ungegliederte Welt, das Verlangen nach einer praktisch orientierenden Gliederung der Welt.
(Solche Anfänglichkeit war seinerzeit, in jener Krise der europäischen Kultur, der besondere Appeal der Heidegger‘schen Seinsphilosophie.

Der Mensch hat vitale Fragen, die er nicht realistisch beantworten kann, die er sich aber – wie auch immer phantastisch, flüchtig, nebelhaft bewusst, wankelmütig – trotzdem beantwortet.

Jedermanns Forschung gilt dem, was die religiöse (nicht nur die monotheistische) Tradition göttlichen Willen nennt.
Forschungsergebnisse haben für den Forscher, als Grenzphänomene des Banalen, existenzsymbolischen Wert.

Jeder muss seinen Glauben allein weiterdenken, bis er am Ende seiner Weisheit ist und die andern hören will, um vielleicht gemeinsam weiterzukommen.

Ich war theologischen Gegnern profund böse. Ich hielt sie für oberflächlich, wo doch darunter die Hölle brodelt. „Friede, Friede! – und ist doch kein Friede.“ (Jer 6, 4; 8,11)
Ich war meinerseits entschlossen, zu verteidigen, was ich meinte verteidigen zu müssen und zu sollen – ohne doch, so wie dieses war, voll dahinterzustehen. Das Glaubensbekenntnis war verpflichtendes Symbol der verlorenen Heilen Welt. Wo immer ich als Kind hinkam als Berliner Bombenflüchtling, hatte es Kindergottesdienst gegeben – Symbol der Heilen Welt.

Existenzsymbolische Kommunikation verlangt so etwas wie geistliche Verwandtschaft; sonst ist sie oft enttäuschend und unversehens verletzend.

Existenzsymbol-Gemeinschaften (Staaten, Kirchen u. dgl.) sind unvermeidlich so spannungsvoll, wie sie ernst gemeint sind. Um nicht zu faulen* und aus einander zu brechen, bedürfen sie einer Streitkultur.
* Failing und failed states.

Glaubensaussagen sind Symbole – wie performative Sprechakte: nicht falsifizierbar; Ansichtssache, im Extremfall: Segen oder Fluch.

Jede Symbolik vereinfacht. Sie verhilft triangulierter Kommunikation zu befriedigender Eindeutigkeit durch ein beträchtliches subjektives Engagement. Deshalb werden Missverständnisse in diesem Medium leicht, als Desidentifikation, persönlich genommen. Das geht bin zu Glaubenskriegen, die vom einzelnen Kämpfer vollen Einsatz fordern.

Glaubenssymbolgemeinschaft entwickelt Kontroversen. Das wirft immer wieder auf den Anfang zurück, sorgt für realistische Pluralität der Ansichten.

Ähnlichkeit der Situation begünstigt gemeinsame Symbolik. Man sieht in Schicksalsgemeinschaft am andern eigene Möglichkeiten, hat für einander Verständnis, Mitgefühl, Solidarität.
„Noch so einer wie ich“ – das ist ein Wunder, ein Geschenk.

ExSy: Kunst, Wissenschaft und Religion sind wesentliche menschliche Symboliken. Verdinglicht und institutionalisiert, verleiten sie zu kollektivem Wahn.

ExSy: Die „kognitive Stammzelle“ entfaltet sich bei allen verschieden, aber ähnlich. Man kann einander zutiefst verstehen, und zwar desto besser, je mehr jeder in seiner eigensten Sprache den andern so anspricht, dass dieser in seiner eigensten Sprache zu antworten sich aufgefordert fühlt.

ExSy: Archetypen sind heilig, sind sozusagen „kognitive Stammzellen“, unvollständig ausdifferenziert, aber auf symbolische Ausdifferenzierung angelegt. Hier herrscht archaische Logik: Piagets „synkretistisches Denken“ und Freuds „Verschiebung“ und „Verdichtung“.
Die „Regression im Dienste des Ich“ (Ernst Kris) greift darauf zurück. Kunst und Religion wollen mit Symbolen in die frustrierende Realität hineinwirken.

ExSy: Existenziell bedeutende Begriffe „symbolisieren“; die begrifflichen Ausdifferenzierungen werden „bezeichnet“.

Sprache

Die Mehrsprachigkeit ist der Menschlichkeit wesentlich: zum Beispiel: dichterisch/religiös und banal.

Die sprachliche Symbolik hat viel Spielraum für die erforderliche ständige Einarbeitung von Neuem.

Der Fortschritt verlangt eine Infantilisierung. Neuerfundene Systeme bedingen neue Sprachen und Subkulturen. Man lernt so etwas durch Regression wie ein infans*, nämlich durch Einfühlung in die situativen Selbstverständlichkeiten im neuen System.
* Wörtlich: Ein Kind, das noch nicht reden kann.

In der überwältigenden heute prinzipiell jedem zur Verfügung stehenden Informationsmenge zerfällt die Sprache in kleine, subkulturelle Sprachen. Sprache wird heute verstanden und gebraucht als (suboptimaler, immer noch mit Bedeutungsgeschichte überlasteter) Code für je eine kleine Menge von hinreichend wahrscheinlichen Informationen. Deshalb ist sachliches Sprechen heute schludriges Reden.

Spr: „Wortgeschehen“ (G. Ebeling) ist persönlich, die existenzsymbolische Seite des „Sprachgeschehens“ (M. Heidegger, E. Fuchs).

Spr: Normalerweise wird Rede als objektive, sozial verbindliche Faktenmitteilung interpretiert.
Mitteilungen wollen als Faktendarstellung geglaubt werden. (Dies ist der übliche Gebrauch der Vokabel „glauben“!)
Gedichte sind persönliche Rede zum wörtlich Weitergeben.
„Schöne Literatur“ ist auf menschliche Teilnahme aus.
Religiöse Rede ist persönliche Rede, die eine persönliche Antwort, eine Amplifikation erwartet, und (mindestens dem Sinne nach) ein Amen erhofft (nicht „Glauben“ im üblichen Sinn oder die Bestätigung einer Faktenmitteilung).

Spr: Religiöse Rede ist eine, oft durch Gott selbst angefochtene Behauptung von Fakten, eine auf Weiterführung angelegte Anspielung.

Spr: Der Römerbrief spricht uns an, jedoch wir müssen oft widersprechen.
Aber das vertragen gute Texte; sie vertragen Wirklichkeit. Sie stammen aus einer anderen, vergangenen Wirklichkeit; aber nicht nur vertragen sie auch unsere Wirklichkeit; sondern neue Wirklichkeit schlägt manchmal neue Funken aus alten Texten heraus!

Spr: Die Dinge haben nicht nur eine Eigenstruktur. In der Interaktion mit der Umwelt entwickeln sie auch eine überraschungsvolle Eigendynamik. Die Unterscheidung, den die Sprache mit Subjekt-Prädikat macht, ist eine Vereinfachung.

Spr: Eine ungefähre Vermittlung des Subjekts mit seinem Gegenstand stabilisiert sich in Triangulation – das ist „Muttersprache“.

Existenzsymbolik

ExSy: Die verschiedenen Künste (Dichtung, Musik, Malerei) realisieren Phantasien mit verschiedenen Bezügen zur „Realität“. Die „Realität“ ist die zentrale Phantasie des Menschen; sie wird freilich von jedem Einzelnen etwas anders vereinfacht. Und hier ist nicht vergessen: Auch Vereinfachungen sind Verzerrungen! Jeder ist engagiert; aber niemand hat Überblick, und so sind Kämpfe unvermeidlich.

ExSy: Symbolik stiftet Sinn, Identität, Pflichten und Sitten. Das Hic et nunc ist brutal sinnlos, aber chaotisch entscheidend.

ExSy: Jeder predigt gern seine Weltanschauung. Aber nicht jeder hört da gern zu. Wir brauchen Gesprächskultur.

ExSy: Arbeit an Existenzsymbolik (Kunst, Philosophie, Theologie) ist ein Liebeswerben. Man hofft auf reichere menschliche Kommunikation mittels der überarbeiteten Symbolik.

ExSy: Alle Hoffnungen täuschen. Hoffnung geht aufs Ganze.

ExSy: „Heimat als Illusion“ (Aglaja Veteranyi).

ExSy: Es gibt Spezies, Rassen, Völker; das Leben organisiert sich kollektiv lebbar. Zwischen Kollektiven ergeben sich Abgrenzungsprobleme.
Auch der Kampf ums Dasein organisiert sich kollektiv. Zwischen Menschen organisiert er sich durch Symbolik.

Erkenntnis

Wir müssen ernstnehmen, was wir wahrnehmen, obwohl wir wissen, dass, was wir wahrnehmen, nicht die ganze Wirklichkeit ist.

Die Subjekt-Objekt-Spaltung ist eine grundlegende zwar praktische, aber doch vereinfachende Symbolik.
Objektivierung gelingt nie ganz.
Verhärtung gelingt nie ganz.
Das Böse gelingt nie ganz – Gott sei Dank!

Aus einer Fülle von Einzelbeobachtungen erhebt sich tiefere Einsicht, θεωρία.

Kreativität, Emergenz, Morphogenese sind keine Begriffe sondern Symbole, die man (manchmal mit Vorteil) zu Begriffen zurechtstutzen (und sterilisieren) kann.
Ontologie und Erkenntnistheorie sind nur bei banalen Fragen sauber voneinander zu trennen. Alles Identifizierbare ist Objekt in einem stabilen dynamischen Subjekt-Objekt-System. Dieses hat im Gleichgewichtszustand ein lokales energetisches Minimum fern vom thermodynamischen Gleichgewicht.

Wir können nicht umhin, die Produkte unserer kollektiven Subjektivität* zu objektivieren.
* Die Quantenverschränkung ist wohl eine Objektivierung der wissenschaftlichen kollektiven menschlichen Subjektivität; Einstein nannte sie „Spuk“; er glaubte, staunend, an die Wissenschaft.
Aber schon „der Zufall“ ist eine uns selbstverständlich gewordene solche Objektivierung. (Hierzu sagte Einstein: „Gott würfelt nicht!“)

Wir können, in einem unscharf begrenzten Mittelbereich, Dinge und Zusammenhänge identifizieren und damit uns in unserer Welt orientieren, verständigen und koordinieren.
Darüber hinaus verirren wir uns in Paradoxien; wir können noch symbolisieren, aber nicht mehr sicher Identifizierbares bezeichnen.

Quantifizierung von Wahrscheinlichkeit* ist nur in identifizierten, also theoretisch abgegrenzten Systemen möglich. Bescheidenheit bezieht sich auf Wahrscheinliches, Demut auf das Chaotische, in welches das Wahrscheinliche eingebettet ist.
* Im modernen Sinn von Fermat und Pascal.

In der Stochastik der Quantenphysik artikuliert sich unsere Verblendung als Erleuchtung, ein Gipfel menschlicher Erkenntnis!
Auch die christliche Auferstehungsbotschaft war ein Gipfel menschlicher Erkenntnis.

Umkehrung führt auch mathematisch manchmal ins Imaginäre (z.B. √-1); denn die Wirklichkeit (ein Produkt der Zeit!) ist eine gerichtete Größe.

Erk: Sogenannt „prinzipielles Denken“ ist selbstprüfendes Modelldenken.

Erk: Subkultureller Konsens bezüglich der Deutung der Realität reifiziert Symbole zu Begriffen.
Zweifel an kollektiven Selbstverständlichkeiten suspendiert den Konsens und verwirrt die Kommunikation.

Unsere zwei Augen sehen möglichst genau ungefähr dasselbe. Was das Gehirn damit macht, ist wunderbar.

Das Ungefähr ist wohl auch die erkenntniskritische Kategorie für die Kreativität.
In jeder Skizze spukt chaotisch das Ungefähr.

Der Begriff „das Unendliche“ verendlicht dieses. Er sagt mehr, als wir prästieren können, er ist ein Übergriff. Das Modell hat sich uns gegenüber verselbständigt. Mit der Infinitesimalrechnung begann ein neues Zeitalter: die wissenschaftlich-technische Welt – wo ein Mem*-System die Menschheit beherrscht.
* Begriff von Richard Dawkins.

Der Mensch ist ein Verbundsystem; jedes Subsystem vereinfacht sich die Umwelt auf andere Weise. Wir machen uns aus alldem einen Reim: unser verwackeltes, jeweiliges Welt- und Selbstbild. „Reim dich oder ich fress dich!“
Aber „der Mensch versuche die Götter nicht und begehre nimmer und nimmer zu schauen, was sie gnädig bedecken mit Nacht und Grauen!“ (Schiller, Der Taucher)

Die „Natur“ einer Sache lernen wir durch variierende Wiederholung kennen. Die Sache gewinnt Bestimmtheit für uns durch Veränderungen der Umstände, unter denen wiederholt wird.
Ein Naturgesetz setzt bestimmte Sachen unter bestimmten Umständen zu einander in feste Beziehung. Die Bedingungen solch einer Beziehung aber, und deshalb: den Gültigkeitsbereich, können wir nie erschöpfend erkennen.

„Wissen“ etabliert sich durch Ausbleiben widersprechender Erfahrung.

Endgültige Antworten gibt es nicht. Ich glaube, dass Gott Zweifel als Aufträge vergibt.

Wir müssen leben, als ob wir genug verstünden. Aber es genügt, dieses undeutliche „Als ob“ im Kopf zu behalten.
Das „Als ob“ hat der Kantianer Hans Vaihinger thematisiert. Kant wiederum kannte die Bibel (mit 1Kor 13, 12).

Was ist maya/Schein? – : Dass das Verstandene die Realität sei! (In Wahrheit wird die Realität durch das Verstandene nur repräsentiert!)

Was ist das gewesen, was zunichtewerden konnte? War es maya/Schein? (Schopenhauer – nach Kants transzendentaler Ästhetik einerseits und Buddhismus anderseits?)

Die unbewusste Imagination ist der Kern der menschlichen Seele. Radikaler Realismus schafft ein Vakuum für Wahn.

Es gibt nicht „die Zeit“, sondern Bewegung von Dingen gegen einander. „Die Zeit“ ist eine vereinfachende Abstraktion.

Ein echtes Paradox artikuliert jeweils die Grenze unseres Verstehens. Deshalb ist das Paradox die angemessene Form jeder Gotteslehre.
In der Bibel kommt das Wort nur einmal, im Lukanischen Bericht von der Heilung eines Gelähmten (5, 26) vor und bezeichnet etwas „Unglaubliches“.

Mein Realitätsbezug wird schwach; die Realität scheint mir sehr vorläufig, transparent für eine finale Ratlosigkeit.

Erkenntnis ist ein Geschenk, Zeichen der Dankbarkeit des Schöpfers für unser Dasein.

Ordnung ist keine Eigenschaft eines Gegenstandes; sie muss nicht durchschaut, aber erkannt werden. Sie ist ein Koordinationsbegriff: Ordnung erlaubt, sich ein vereinfachtes Bild von einem Gegenstand zu machen.

Man muss „in nützlicher Frist“ verstehen. Je größer die Datenmenge, desto rigoroser die Vereinfachungen.

Wie es wirklich ist, weiß man nicht. Man macht sich jeweils eine ungefähre Vorstellung; man kann es je brauchbar symbolisieren und sich auch ein Bisschen korrigieren.

Das Urteil: „Unsinn!“ ist eine manchmal nötige, aber eigentlich immer voreilige und oberflächliche Vergröberung.

Wir erkennen und verstehen die Welt immer noch nur oberflächlich. Das Interesse am Jenseits dieser Oberfläche ist natürlich.

Die „gemeinsame Wirklichkeit“ ist eine nützliche Vorstellung, aber wahrscheinlich eine Vereinfachung.

Philosophische Erkenntniskritik verunsichert. Sie kann den Boden lockern für Verständigung und nützlich sein für das Zusammenleben von Glaubensgemeinschaften. Aber wer will schon verunsichert werden! Und wer will wen verunsichern?

Ein Gedanke ist die Struktur eines wiederholbaren neuronalen Ablaufs.

Für dyadische Kommunikation braucht man Signale, die in der Dyade stabil sind.
In Dreiecksbeziehungen braucht man Symbole die sich in Stabilität einschwingen.
Darüber hinaus braucht man ein logisches Begriffssystem. Und das kann sich gegenüber den Menschen verselbständigen.

Christliche Predigt entspringt einer Erschütterung. Sie begehrt Solidarität und will auch den Hörer erschüttern.

Achtzehn Millionen Arbeitslose allein in Europa – das paßt mit keiner Moral zusammen in den Rahmen eines Weltbilds!

Ich unterscheide zwei (locker mit einander verbundene) Welten: die Imagination als die (im Kern bei allen ähnliche, gemeinsame) Innenwelt (dazu gehören Glaube und Idealismus) der menschlichen Subjekte und die äußere Realität (dazu gehört die jeweilige Gesellschaftsstruktur).

Wir verstehen ungefähr, wollen uns einbringen und mitgestalten. Und das können wir besser, wenn wir mehr verstehen.

Abgründige Verständnisprobleme verschlagen* einem die Sprache, oder die Sprache wird (im Hamann/Herder’schen Sinne) poetisch.
* Wittgenstein schrieb im Schluss seines Tractatus logico-philosophicus (offizielle, zweite Fassung 1922): „Wovon man nicht sprechen kann, darüber muss man schweigen.“

Bei Bubers Unterscheidung von „Du“ und „Es“ geht es um zwei Einstellungen des Ich: Empathie* und Objektivierung. Sie sind nicht strikt alternativ, sondern komplementär.
Beispiele: Computer sind oft so programmiert, dass der Apparat (ein „Es“!), wie ein Du, Fehlermeldungen in der Ich-Form zurückgibt (etwa: „Ich kann diese Eingabe nicht verstehen!“).̣ Man singt: „Ihr dunkelblauen Wogen, wo kommt ihr hergezogen?“**
Um tiefer zu verstehen, personalisiert man; man identifiziert sich mit dem Objekt und aktiviert damit alle eigenen, auch unbewussten Verstehensmöglichkeiten. So inspiriert, wird man kreativ. So wird das Du bei Buber zum Schöpfer.
* Diese kommt (im Hamann/Herder’schen Sinn:) „poetisch“ zur Sprache.
** Aus dem Lied: „Das Schiff streicht durch die Wellen“.

Verstehen ist brauchbar vereinfachen.

Erklärungen erschließen Raum zur Selbstentfaltung.

Wissenschaft

Wiss: Schiller über die Wissenschaft:
„Einem ist sie die hohe, die himmlische Göttin, dem andern
eine tüchtige Kuh, die ihn mit Butter versorgt.“
Gegenstandsbedingt, sind Wirtschafts- und Finanzwissenschaft, im Unterschied zu den klassischen Wissenschaften, weniger von philosophischem als von finanziellen Interessen, von „Machern“ angetrieben. Gefragt ist schlagkräftige Borniertheit. Geld ist der zentrale Wert der Gesellschaft, eindimensional. Komplikationen werden also systematisch abgeblendet. Aber das rächt sich. Jetzt hat auch die Ökonomie ihren Ruf ruiniert.

Wiss: In wissenschaftlichen Kontroversen geht es um Vereinfachungen. Entscheidend für den wissenschaftlichen Wert einer Vereinfachung ist die doppelte Frage, wozu sie nützt und inwiefern sie irreführt.

Sinn

Es ist der Goethe’sche Teufel, der zum erblindeten Faust sagt: „In jeder Art seid ihr verloren. Die Elemente sind mit uns verschworen, und auf Vernichtung läuft‘s hinaus“ (Z. 11548ff.). Das ist aber nicht der Schluss. Das folgende Happy end freilich ist ein prekärer Balance-Akt; es ironisiert sich selbst und hat insofern nicht das letzte Wort. Was Goethe wirklich nicht bezweifelt hat und was wir ihm glauben sollen, ist nicht zu sagen. Eindeutig ist der Schluss dieser Tragödie nicht hoffnungslos. Aber der Dichter ist kein Prediger; sie endet als offene Glaubensfrage an den Zuschauer.
Der traditionellen Frage nach dem postmortalischen Leben geht aber voraus eine Bemerkung Mephistos über das Leben und Wirken vor dem Tod: „Du bist doch nur für uns bemüht mit deinen Dämmen, deinen Buhnen; denn du bereitest schon Neptunen, dem Wasserteufel, großen Schmaus“ (Z. 11544ff.). Im Text wird dem nichts entgegengesetzt; aber wir wissen, dass Goethe selbst trotzdem bis zuletzt sich „bemüht“ und gearbeitet hat. Die Sinnfrage hat ihn angefochten, aber nicht überwältigt. Vielleicht hat er sie, in der hier angebrachten Bescheidenheit, gerade mit seiner schöpferischen Arbeit unter Kontrolle gehalten.

Vergeblichkeit entmutigt und ist traurig. Wir sollen die Sinnfrage schöpferisch unter Kontrolle halten. Lass dich inspirieren von dem, was du Gott tun siehst, bzw. von dem Nebeneinander, das Er dir vor Augen stellt!

Die Suche nach Finalitäten ist die menschliche Kreativität; sie wird manchmal fündig!

„… sich den Jammer länger lassen treiben“ (Simon Dach, Oh wie selig seid ihr doch, ihr Frommen…).

Die Realität ist mehrdeutig; denn Bedeutung ist ein Kontextbezug; und der Kontext ist zufällig.

Immer wieder fragt man sich: „Was ist das alles?“ und meint: „Alles Unsinn!“

Nach dem Ersten Weltkrieg wurde in Frankreich, im Laufe des 20.Jahrhunderts in vielen weiteren Ländern ein „Grab des unbekannten Soldaten“ als Gedenkstätte eingerichtet.
Den alten Goethe hat offenkundig die Frage der Sinnlosigkeit des Lebens(endes) beschäftigt. Er spricht das, scheu, ironisch an: „… so dumm läuft es am Ende doch hinaus“ (Mephisto im Faust II). „Ich stolperte über Grabes Tür: Warum stand sie just offen!“ (Lemur, hier: Totengeist, ebd.)
Sinnloses Zu-Ende-Leben ist der Besinnung der Überlebenden würdig! Auch der einsam Gestorbene gibt zu denken*.
* Auch das wohl kann sich halluzinatorisch auswirken in „Erscheinen“ des Verstorbenen.

Wahrheit

Es gibt vielerlei vorteilhafte Borniertheiten. Und wer Erfolg hat, sieht keinen Grund, sich für borniert zu halten.

Ent-täuschung ist immer unerwünscht. Zeigt sich, dass man sich mit einer Befürchtung getäuscht hat, spricht man nicht von Enttäuschung, sondern von Überraschung. Unsere Sprache setzt voraus, dass der Mensch sich in der Regel gern täuscht. Ja, der praxisrelevante Glaube an das Gute gilt als liebenswert, selbst wenn er sich getäuscht hat. Wir müssen aber damit leben, dass wir nicht umhin können, uns selbst und einander zu enttäuschen.

Die (nach berger/luckmann) „gesellschaftlich konstituierte wirklichkeit“ ist eines, die persönlich erlebte Wirklichkeit etwas anderes. Eines kann vom andern her als Spuk wahrgenommen werden.

Wir müssen uns mit der Approximativität unserer unvereinbaren Wahrheiten zufrieden geben.

Autosuggestion

Natürlich sind Gebet und Meditation Autosuggestion! Es kann nur die Frage sein, unter welchen Umständen wer wem was einreden kann! Es hängt sehr von dem ab, was einer zu wissen glaubt und was er gut und schlecht findet. Und dies steht nicht in seinem Belieben!
Die christlichen Gottestraditionen sprechen verschiedene Menschen verschieden einladend oder abstoßend an. Der Name Gottes kann einem eine Offenbarung, ein Segen, eine Hilfe sein! Das ist vielfach bezeugt.
Für die Entwicklung der eigenen Existenzsymbolik kommt es darauf an, was für einen Eindruck man von den Zeugen hat.

„Sich Sammeln“ ist Automanipulation, ein Akt der Selbstbeherrschung im wörtlichen Sinn. Ebenso „Ich sollte jetzt schlafen“, „aufstehen“, „dies tun“, „jenes überlegen“.

Man kann Symbolik (empfundene Ähnlichkeiten) zur Selbstverstärkung des eigenen Willens und zur Beeinflussung anderer einsetzen.

Schon von kleinen Kindern wird Selbstbeherrschung verlangt. Sie müssen sich dafür jeweils eine lebendige Vorstellung von den Gedanken der wohlwollenden Autoritäten machen und sich in diesem Sinne dann selbst in den Griff nehmen, manipulieren.
Später sollen sie, mit diesen Hilfsvorstellungen als Leitseil, ihr Leben selbständig führen. Lebenslang helfen bei der autonomen Lebensführung als Beratung Vorstellungen von Gedanken von persönlichen Autoritäten. Man versucht, sich in die Gedanken der Autorität hinein zu phantasieren.
Hier schließt die Religion an – mit ihrer reichen Tradition von lebenspraktisch konfigurierten Gestaltungselementen, die illustrieren, was Menschen als Willen göttlicher Autorität verstanden haben. Die verschiedenen Gottesnamen meinen ungefähr dieselbe Idee. Gottesideen haben ihr Eigenleben wie Sprachen.
Der Christ besinnt sich in Ratlosigkeit mit aller Kraft auf seinen Schöpfer und fragt, gesammelt subjektiv, ihn um Rat (die Antwort ist meist überraschend einfach). Wenn er das kann, versteht er dies – subjektiv, aber kommunikabel plausibel – als Geschenk Gottes.
Solche Besinnung ist gewiss Automanipulation und Autosuggestion. Aber da ist kein Selbstbetrug. Objektive Erkenntnis erhofft Paulus (1Kor 13, 8-12) sich fürs Jenseits; bis dahin ist all solches – wie kollektiv auch immer – subjektiv, Glaubenssache!

Suggestion, Hypnose, Manipulation, Religion, Verführung sowie Autosuggestion, Selbstmanipulation, Einbildung, Glaube, Meditation, Selbstbetrug, beeinflussen interessebedingt unsere Wahrnehmung und die Realitätskontrolle unseres Denkens. Damit sind sie moralisch bedenklich, insofern die streng allgemeingültige Objektivität, die verpflichtende Basis menschlicher Zusammenarbeit, hier fraglich ist.
Bei Licht besehen allerdings, ist die objektive Realität kaum zu unterschieden von kollektiver Subjektivität (die ja durchaus auch ihre Strukturen hat). Jede Bemühung um Objektivität ist bereits eine Selbstmanipulation: Weil Objektivität ein Ideal ist, nähern wir uns diesem durch Aufteilung der da erforderlichen Arbeit mit jeweiliger Beschränkung des Horizonts.
Vor- und Nachteil der gewollt subjektiven Komponenten der Erkenntnis sind naturgemäß strittig.

Diverses

H: Verstehen ist ein schöpferischer Vorgang.

H: Eine Offenbarung muss je im Geist Gottes, schöpferisch, verstanden werden; sonst ist sie nach einer Weile nur noch ungefähr richtig, auslegungsbedürftig.

H: Wort ist Schöpfungsereignis. Wort wird Sprache; Sprache ersetzt Wort (Energieersparnis!).

Religion

Jenseits

„Das Jenseits“ ist ein irreführender Singular: Es geht da um alles, was jenseits unsres Verständnishorizontes liegt.

Ein Teil von der Welt und von uns selbst können wir einigermaßen verstehen. Den Rest nennen wir „das Jenseits“.
Unsere Toten sind nicht mehr im Diesseits. Aber vor Gott sind Diesseits und Jenseits eins – in Gott sind wir mit unseren Toten zusammen.

J: Die Objektivierung der Welt generierte eine „subjektive“ Restwelt, ein „Jenseits“ (unseres Verstehenshorizontes), das seinerseits objektiviert wurde.
D. Winnicott hat – auf dem Hintergrund des „Übergangsraums“ (mit dessen „Übergangsobjekten“) – die menschliche Bedingtheit dieser kollektiv subjektiven Distinktion* in der Ontogenese gezeigt.
* Schon neolithische (also über zehntausend Jahre alte) Tempelbauten scheinen sie zu bezeugen.

Man kann Hoffnung setzen auf das Jenseits unseres Verstehens, die Quelle der Chaotik unseres Lebens.

Das Konzept „Jenseits unseres Verstehens“ fordert Wahrnehmungseinstellung auf die Chaotik der „Wirklichkeit“ (des „Realen“, das wir wahrnehmen und worauf wir uns verstehen).

„Das Jenseits“ ist der Freiraum der Seele, formal negativ, unscharf begrenzt, bestimmt als das, was wir nicht verstehen*; materiell aber ist es eine von unserer Phantasie bestückte und komponierte Welt.
Phantasien bilden den Horizont des menschlichen Handelns. Sie können „Opium des Volkes“ sein, prägen aber ganze Kulturen. Endzeitgefühle und -erwartungen markieren den äußersten Grenzbereich.
* Die Quanten-Teleportation ist eine exemplarische, greifbare physikalische Objektivierung.

Sexualität treibt ins „Jenseits“ unseres Verstehens: zu Poesie, Philosophie (Plato!) und Kunst. „Liebe macht blind“ – und hellsichtig für neue Möglichkeiten.

Wir sind schuldig, unser Bestes zu tun, und stellen oft hinterher fest, dass es gar nicht gut war.
Unsere religiöse Pflicht ist, getrost aus dem Jenseits, der Fülle der unverstandenen Wirklichkeit, zu leben. Dazu fordert das Evangelium, das brüderliche Wort Gottes, auf – ursprünglich in Form der Botschaft von der Auferstehung Jesu „als erstgeborenem unter vielen Brüdern“.

Unser Dasein ist die Oberfläche des Jenseits.

Gott

Die klassische Gotteslehre (z.B. Paul Gerhard) idealisiert Gott.

Gott, der Schöpfer ist unser natürliches Ideal.

Die immer wieder tief beeindruckende, chaotische Schöpfung ist meine Gotteserscheinung.

„Sich an Gott wenden“ ist zu hoch gegriffen, wenn ich nicht als Erscheinung Gottes für meine Augen meine kleine Welt hienieden (mit ihren Zehnerpotenzen aus Kreide, dünnen Stellen und abgründigen Spalten) ernstnehme.

Mit dem traditionsreichen Gottesnamen spannen wir den Raum (Winnicott: transitional space) der Freiheit für die schöpferische Phantasie ganz auf.

Der Neuzeit galten der Schöpfer und die Schöpfung als Vorvergangenheit der Welt. Schöpfung war einmal, jetzt aber erforschen wir die Welt ungestört, der Schöpfer stört nicht mehr. Aber als der Hinterlassenschaft des Schöpfers in ihrem „Geworfenheits“* -gefühl, fehlt er uns.
* Heidegger, Sein und Zeit, S. 135.

Für die Mutter ist das Kind auch Teil vom Vater. Er steht für sie im Hintergrund und unterscheidet das Kind von ihr; sie vermittelt das dem Kind. Und dies ist wohl der Grund für die Rede von Gott dem Vater.

Die Menschen sollen bei Jesus (der im Alltäglichen Gott wirken sah) lernen, wie Jesus* filius Dei naturalis** zu sein, und sich wie Jesus der Führung des ihnen verliehenen göttlichen spiritus creator anvertrauen.
* Gottesgehorsam lernend (Hebräerbrief 5,8!).
** Nicht nur: filius Dei adoptivus!

Jede Besinnung, auch die Besinnung auf Gott, hat ihre unberechenbare Eigendynamik.

Schöpfung einer Welt für uns ist Gottes Antwort auf das anfangs allgegenwärtige Tohuwabohu. Sie ist in der Bibel sensationell als einmalig vorgestellt, sie geht aber weiter. Das Tohuwabohu umgibt, bedrängt, durchdringt und beschädigt unsere Welt ständig.
„Im Durchschnitt ist man kummervoll und weiß nicht, was man machen soll“, notierte Wilhelm Busch. Dazu sagt Gott: „Aus der großen Trauer heraus werde Freude – und ihr sollt mitmachen!“ (Busch hat dem Folge geleistet.)

Gott repräsentiert persönlich das unpersönliche Chaos (inklusive unseren Kosmos). Sowohl Gott wie das Chaos sind für uns unergründlich.

Gott erscheint vor unseren Augen im Nebeneinander, zwischen den Dingen, als das Nichts, welches das Viele zur Einheit zusammenschließt. Zwischen all dem, was wir verstehen (etwa zwischen den Grenzflächen zweier sich berührender Körper), herrscht Chaos; für den weltlichen Verstand ist Gott jetzt hier.

Schon mit einem Blick aus dem Fenster sieht man Welten, die nichts mit einander zu tun haben. Das ist die Schöpfung. „Zwischen“ diesen Welten sieht man den Schöpfer.

Was soll ich? Das Sollen ist meine personale Verbindung zum All. Gott deutet uns das All; er sagt mir, was ich soll.
Manchmal hört man Gott schweigen. (Das Schweigen als selbst eine Gottheit ist in den verschiedenen mythologischen Hierarchien der antiken Gnosis verschieden verortet.)

Gott will die Freiheit seiner Schöpfung – sogar ihre Freiheit, sich selbst Gesetze zu entwickeln.
Ich bin eine Partikel im Evolutionsprozess. Mein „lieber Gott“ ist das mir zuteil gewordene, personal organisierte Bild vom Ganzen, „der Schöpfer“, der in seiner Schöpfung gegenwärtig ist. Wissend, dass es wahrscheinlich mehr falsch als richtig ist, muss ich dieses, mein Bild doch ganz ernst nehmen und weiter entwickeln – als das Beste, was ich haben (und weitergeben) kann.

Nach unserem Glaubensbekenntnis sind wir Geschöpfe Gottes. Nach unserer Wissenschaft ist Gott unser Geschöpf. Auf der Linie der christlichen Trinitätslehre, schließt meines Erachtens eines das andere nicht aus.
So konnte Luther in seiner großen Vorlesung über den Galaterbrief die Formulierung wagen: fides est creatrix divinitatis*. Er hat dort – es geht um den Glauben Abrahams nach 1Mos 15, 6 – längere erläuternde, begründende und doch wohl auch ihn selbst nicht recht befriedigende Ausführungen** zu diesem Satz vorgebracht, die mir den Eindruck machen, dass er selbst vor der Eingebung erschrocken war, die er da niedergeschrieben hatte.
* 1531, zu Gal 3, 6, WA 40/I, S. 360.
** Zunächst den Zusatz: non in persona, sed in nobis.

Der Name Gottes ist zunächst einmal Kontaktlaut, der Kontaktlaut als Name Gottes! Der Ruf nach Gott ist Ruf nach Kontakt. Er ruft das natürlich vorausgesetzte Du, nicht ein rechtgläubig vorgestelltes.

Gott legt uns die Welt ans Herz – die Welt schickt uns mit einer Gottesfrage zurück: ein chaotisches Hin und Her.

Wir sollten einander Mut machen zur Gottesfurcht. Nur Gott ist und bleibt „mein“.

Das Ich konstituiert sich, indem es sich von seinem unergründlichen Grunde, seinem großen Du, abhebt. Ich bin im Grunde das Gegenüber meines unhinterfragbaren, großen Du. Das ist mein Wesen. Das parentale Du ist der tragende Grund meines Daseins. Später kann der Ehepartner eine solche für das Ich wesentliche Person werden.
Das Du ist ein erkenntistheoretisches Apriori jedes Subjekts – wie die Raumzeit.

Als soziales Wesen braucht der Mensch Vertrauen.
Das späte römische Reich und das (ziemlich gewaltsam) christianisierte Abendland „glaubten“ und entwickelten eine verzwickte, mit Gewalt durchgesetzte Lehre des Gottvertrauens.
Der westliche Kulturkreis eroberte die Welt. In der Neuzeit herrschte großes Vertrauen in die Fähigkeit der Menschheit, ihre Probleme einfach vernünftig zu lösen.
Jetzt herrscht Kater-Stimmung. Man sucht, nach der (keineswegs überstandenen) Religionskrise, auch schon wieder nach für eine Vertrauenskultur Brauchbarem in der eigenen Glaubenstradition.

Die klassischen Gottesprädikate (Macht, Herrschaft, Herrlichkeit, Ehre, Würde, Erschaffen, Autorität) stammen aus der weltlichen Lebenserfahrung. Sie waren immer ambivalent; sie haben aber in der heutigen allgemeinen Vertrauenskrise auch außerhalb der Gotteslehre besonders schlechte Zeiten.
Der (mit augere = Mehren, Wachsenlassen, verwandte) Begriff auctoritas erscheint mir für die Gotteslehre zentral. Er steht dem Natur*-Begriff nahe.
* Vgl. natus = „von Natur“; nasci= „geboren (bzw. gezeugt) werden“. – Der sehr christliche Klopstock dichtete doch auch: „Schön ist, Mutter Natur, Deiner Erfindungen Pracht auf die Fluren verstreut“!

Wir sollen bei dem Gott, der in allem so Enttäuschenden am Werk ist, Bescheidenheit lernen.

In der Bibel geht es um Freundschaft mit Gott.
Ich wage den Gedanken: Aus Freundschaft lässt Gott uns sterben.

Der Schöpfer sagt Ja zum Nein des Geschöpfs.

Die Bescheidenheit Gottes, wie Jesus sie sah, hat sich gegen die Herrlichkeitsphantasien nicht durchgesetzt. Sie enttäuscht.

Weil Gott ihr hauptsächlich der allmächtige Herr war, redet die Tradition von Gottes Willen und Gottes Gebot, aber nicht von Gottes Wunsch oder Rat!

„Gott“ ist ein Text, der immer weiter mit uns spricht.

Ideale sind statisch und Gottesbilder sind statisch. Aber Gott ist dynamisch.

Wo ist Gottes Reich? – : Im offenen Nichts, klassisch anschaulich: im Himmel.

Meist erscheint Gott als bloße Vorstellung.

Die Rede von Gottes Abwesenheiten ist ein Euphemismus. Er demütigt den guten Willen!

Wenn ich Gott frage, was ich soll, höre ich nichts Artikuliertes; aber ich kann ein (primär körperliches*) ruhiges Ganzheitsgefühl bekommen und weiß dann, was ich soll; ich „weiß, was Sache** ist“. Das ist, ohne den ontologischen Anspruch: Offenbarung.
* Hauptsächlich in der Magengegend, meiner Problemzone.
** Ich brauche diesen Ausdruck in Erinnerung an die hebräische Vokabel für „Wort“: דָּבָר, die auch „Sache“ bedeutet.

Der alte Goethe rückt das traditionsgesicherte „Und dem alten Gott vertrau‘n“ des Philemon mit dem folgenden „greulichen Entsetzen“ des Lynkeus ( Faust II, V. Akt) ins rechte, ich möchte sagen: österliche Wunderlicht.

Psalm 139 sagt dem Gottsucher, dass Gott ihn schon gefunden hat.

Wenn es mir an weitergehender Orientierung über mein Sollen mangelt, soll ich einfach weitermachen – in dem zuversichtlichen Glauben, dass Gott weitermacht.
An der Zuversicht allerdings mangelt es oft. Dann gilt es, abzuwarten und auf den in der Banalität gegenwärtigen Schöpfer zu achten.

Ist der Glaube eine Münchhausiade? Der Lügenbaron sagte, er habe sich am eigenen Zopf selbst aus dem Sumpf gezogen. Denkt man sich den Gott selber aus, auf den man sich doch verlassen können möchte? Münchhausen erwartete keinen Glauben; in der Religion aber kommt es darauf an, wer was so glauben kann, dass er überzeugend danach lebt.
Man denkt sich Gott nicht aus. Man übernimmt – selbst aufs Spiel gesetzt – versuchsweise, aufgrund persönlicher Eindrücke und nach eigenem Vermögen, eine Interpretation der rätselhaften Wirklichkeit, und man macht eigene Erfahrungen damit.
Wie der Blitz aus einer großen Wolke kommt plötzlich, aus der Besinnung auf Gott, eine ganz banale konkrete Anweisung.

Die Gottestradition ist eine Herausforderung; „Berufung“. Sie ist ein Idealismus im Sinne von Integration.

Was der aufgeklärte Verstand beim Gottesglauben als irreführende Personifizierung des Schicksals beurteilt, das ist das primäre persönliche Verstehen, der Anfang jedes Verstehens, sozusagen eine „kognitive Stammzelle“.
Die Personifizierung schüchtert das Denken ein. Versachlichung anderseits reduziert das menschliche Erleben auf freies Verfügenkönnen über Denkmodelle. Entscheidend wichtig ist die Lebendigkeit der Symbolik: Sinn-Erleben und Kreativität, beseeltes Denken.

Die Normalität ist wasserdicht gegen Gott. Nur in unnormalen Zuständen – sie bleiben wohl keinem erspart – sagt Gott den Menschen etwas. Jesus, Paulus, Luther waren nicht normal.

Plötzlich Witwer – da lag es mir fern, zu beten. Nach einer Weile staunte ich darüber. Dann verstand ich: Ich konnte nicht zu Gott gehen, weil er schon zu mir gekommen war. Dieser Tod war seine Gegenwart.

Gottes Bescheidenheit duldet (Geduld: Rm 2,4; 3,26) Gottlosigkeit und Götzendienst.

Gottes Vollkommenheit (Mt 5, 48) ist seine Bescheidenheit. Sie ist das christliche Ideal.

Gottes Allmacht hinter seiner Toleranz gegenüber seiner Schöpfung glaube ich. Gottes Toleranz ist maßgebend und richtungweisend für unsre, seiner Geschöpfe, All­machtsphantasien.

Irreparable Zerstörung von Gutem dürfen wir getrost dem Schöpfer klagen.
Durch den Glauben haben wir Teil an Seinem Geist. Der will mit uns aus einem bösen Ende einen guten Anfang machen.

Jemand sagt mir, dem Theologen: “Lass Dir genügen an kleinen eigenen und fremden Freuden. Ich bekenne mich zur menschlichen Beschränktheit. Dieses Bekenntnis ist mein Stolz! Ich komme ohne Religion, ohne Grübeln, agnostisch prima aus.“ Das soll man nicht madig machen.
In bescheidener Arbeit wächst unsere Autonomie über sich selbst hinaus und wird Theonomie.

Am Namen Gottes hängen Traditionen der Sammlung.

Der eine, einzige Gott ist Inbegriff der Integration; dieser kann nur als personales Gegenüber der konfliktiven Welt, als „Herr“ gedacht werden.

In Christus nimmt der biblische Gott die Überforderung auf sich zurück. Das tut die göttliche Bescheidenheit.

Von „Gottes Welt“ zu reden, fällt mir morgens beim Aufstehen schwer. Gott bittet uns, mitzudenken und mitzumachen.

Ist unser Wollen letztlich von Belang? – : Ja, als Gottes Werk!

Vor-Gott-kommen heißt: Zur-Besinnung-kommen-Wollen.

Gotteserscheinungen sind als Gottesevidenzen erschreckend, und umgekehrt: Erschrocken, befinden wir uns coram Deo. Reales Erschreckendes wird durch das numinos Erschreckende überboten – und bagatellisiert.

Beten ist Grundorientierung der eigenen Kreativität. Oft findet deer Beter diese Orientierung nicht, weil er sie schon so weit hat, daß er weiß, was er (anstatt zu beten) jetzt tun soll.

Gott lässt Dinge im Raum stehen, die, statt Seiner, wir auf uns wirken lassen und frustriert-demütig, wie Zeichen, bescheiden bedenken sollen.

Das unbedachte „Auch du liebe Zeit!“ verhallt. Aus der Ferne kommt bestätigend die Ferne zurück: Es war ein hoffnungsloser, verschämter Ruf nach Gott!

Phylogenetisch und ontogenetisch zuerst erlebten wir Menschen in allem immer wieder, was wir dann „Gott“ nennen; dann eine Zoo von verschiedenen Gottheiten; dann suchten wir der lebensnotwendigen Einfachheit halber, den Gottvater, schließlich den Schöpfer der Schöpfung.
Dann offenbarte sich der Schöpfer in einem Geschöpf: Jesus geleitet uns als die Offenbarung Gottes im Chaos der Wirklichkeit.
Dann erschien uns Gottes Heiliger Geist (einer von drei mit einander kommunizierenden göttlichen „Personen“), in der da und dort (zuerst in der gegenseitigen Wahrnehmung in den christlichen Gemeinden) ins Auge springenden Kreativität des Chaos.

Die Gegenwart, die auch durch mich gestaltet wird, ist Gottes Schöpfung.

„So etwas wie“ Gott gehört zum animal rationale – eine „kognitive Stammzelle“/Archetyp.

Der Einsame stößt Kontaktlaute aus, die die Einsamkeit eben transzendieren wollen.

Gott herrscht nicht und befiehlt nicht. Wenn wir nicht wissen, was wir sollen, sollen wir ihn fragen: „Lieber Gott, was wünschst du dir von mir?“

Wer ist Gott? – : Wir können nur sagen, was er für uns ist. Er ist unser Du schlechthin.

Die Rede vom Schöpfer ist eine (noch immer erstaunlich gebräuchliche) kollektiv subjektive, bestechend einfache Vereinfachung.
Ihre Wahrheit und ihre Unwahrheit ist die Wahrheit Gottes; und diese können wir – wie wissenschaftlich ausgearbeitet auch immer – nur subjektiv bezeugen. Es geht darum, wie wir die Grenze unseres Verstehens persönlich verantwortlich verstehen.

Wir sind jeder Träger einer bestimmten lebendigen Kulturtradition. Über Gott an sich haben wir nichts zu sagen.
Der Mensch weiß sich immer wieder von Desintegration bedroht. Jedem ist sein Gott das Symbol, unter dem er zu Zeiten sich sammeln kann.

Martin Buber thematisierte das göttliche Du. Was aber bedeutet es, wenn der Mensch vom göttlichen „Ich“ spricht?
„Siehe, ich mache alles neu!“, lautet der Botenspruch* des Apokalyptikers Johannes. (Nicht der Vorstellungsinhalt, sondern das „Ich“ unterscheidet diese Aussage wesentlich von Heraklits Feststellungen: „Alles fließt“ oder: „Du kannst nicht zweimal in denselben Fluss gehen“.)
* Das ist die antike Rechtsform, in der die alttestamentlichen Propheten ihre Botschaft verkündeten. Auch der Apokalyptiker Johannes will wohl in diesem Sinne verstanden werden. – Ein Beobachter kann feststellen, ein Bote rede „im Namen Gottes“; der Bote selbst aber ist identifiziert mit dem, der ihn gesandt hat. (Daher die Neigung, den Unglücksboten zu bestrafen.)

Man kann wohl über Gottesvorstellungen, -ideen und -begriffe, aber per definitionem nicht von Gott (und auch nicht von „dem Göttlichen“) unbeteiligt reden. Denn das Wort „Gott“ bedeutet einen Anspruch; es weckt die Frage: „Was soll ich?“.

Wissenschaftliche Erklärung von Gotteserfahrungen klärt die betreffenden Fragen nach Gott, aber beantwortet sie natürlich nicht erschöpfend. Denn dazu gehörten die Normalitätsvoraussetzungen, die sie machen muss ungeachtet der Unabgeschlossenheit unseres Weltbilds und der Chaotik der Gottserfahrungen.

Das Du des Gebets ist kein Pronomen/Fürwort für irgendeinen Gegenstand; vielmehr stehen allerlei Vorstellungen zur Füllung dieser wesentlichen Leerstelle* in unserm Weltbild bereit.
* „Das Wort Gott ist das bloße Wort schlechthin, das reine Glaubenswort“, schrieb ich vor einem halben Jahrhundert in meinem RGG-Artikel.

„Ach du liebes Bisschen“ ist ein ironisierender Ausdruck des Erschreckens und Erstaunens. Es ist (1) nicht nur eine neutrale Interjektion, ein Kontaktlaut, (2) nicht nur (wie ein „Ach!“) eine Affektäußerung ohne semantischen Gehalt, sondern (3) es verwischt gezielt den semantischen, den situativen und den affektiven Gehalt, beirrend Beirrung mitteilend.
Die Gebetsanrede „Du“ ist noch komplizierter! Das Wort „Gott“ steht für eine reiche Tradition von Vorstellungen, die zu tiefer Besinnung anleiten. Elementarer aber ist das Suchbild „Du“. Mit „Du“ spricht man eine vertraute Person* an. Wo die Vertrauensfrage ernst ist, kann die Gebetsanrede rücksichtslos umsichtig machen.
* Oder ein funktionales Äquivalent – etwa in Wanderers Nachtlied, wo Goethe als der Wanderer den Frieden herbeiruft!

Bei „Gott“ denkt man zuerst an die Entstehung des Weltalls – über die (und über das) man jedoch nicht viel weiß. Hier herrschen Phantasien, Modellrechnungen und Gefühle vor. Aber gibt es Gott wirklich? Der (abstrakten) Existenzfrage (nach einer nullstelligen Relation) – und auch der Frage nach den Eigenschaften Gottes (also nach einer einstelligen Relation) – vorgeordnet ist unsere (konkrete) Frage nach dem schöpferischen Wirken (einer mindestens zweistelligen Relation)!
Es gibt Gott gewiss nicht so, wie es Religionen und Kirchen gibt*. Eher „gibt es Gott“ so, wie es (auch ungefähr wiederholbare) Gotteserlebnisse des Denkens gibt. Dank der sehr menschlichen Gottestraditionen sind dies (eigenartig frustrierende und gratifizierende) Erlebnisse, die das Subjekt verändern konnten und – gewiss in unserer veränderten Kultur anders – heute verändern können.
Und dieses subjektive Phänomen ist die empirische Basis für die Frage; „Gibt es Gott?“ Von hier aus wäre über die Schöpfung unserer Welt, über Eigenschaften und endlich über die Existenz unseres Gottes neu nachzudenken.
* Deshalb gibt es diese!

Vereinfachend, können wir die Unabgeschlossenheit unseres Weltbildes ein Loch nennen. Es ist wirkt eigenartig auf uns!
Aufgrund einer – in widersprüchlicher, reicher symbolischer Tradition (die dieses Nichtseiende (!) als „Du“ versteht und gar als „Ich“ zitiert) gesammelten – langen Erfahrung arrangieren wir uns mit diesem Loch und deuten es andeutungsweise, ungefähr in diesem Sinne, als „Gott“. So findet man auch nichts dabei, in aller Unbestimmtheit, als Kontaktlaut, „Ach Gott!“ zu rufen.

Mein Leben war nicht schön, aber fast immer interessant. Das verstehe ich als Gottes Dank dafür, dass ich lebe; und dafür bin ich Ihm dankbar.

Reden über Gott ist ein poetischer Übergriff, selten ganz überzeugend, und außerhalb bestimmter Rahmenbedingungen peinlich, deshalb meist leicht selbstironisch.

Der Ruf nach Gott ist peinlich natürlich. Er steht in einer breiten Tradition von unbefriedigenden Phantasien.

Gott ist eine Hilfe, sich zu sammeln und inneren Frieden zu finden.

Wer Gott gefunden hat, kann warten.
Gottes Offenbarung an jenem Jesus demütigt und macht uns bescheiden menschlich unsern Weg suchen.

Frömmigkeit regrediert zum Gut und Böse integrierenden, parentalen Du – vorurteilsfrei offen für alles aus Gottes Hand. Sie stellt die symbolisch zum Verzweifeln artikulierte Welt vor Gott und stellt die Symbolik zur Disposition.

Sch: „Der dich [durch dick und dünn] erhält, wie es dir selber [im Grunde] gefällt“, singt die Kirche.

Gott leidet und hofft mit und bleibt engagiert und interessiert. „Ihr habt noch eine Zukunft!“

Die Hoffnung der Jünger auf Sieg der Gottesherrschaft scheitert an der Freiheit der Geschöpfe. Das Kreuz widerlegt die Siegeshoffnung. Die christliche Hoffnung geht auf neue Chancen. Gott demütigt sich, Schöpfer und Erhalter dieser Welt zu sein.

Atheisten-Treffen am Sonntagmorgen in einer ehemaligen Kirche in London unter kirchlichem Wohlwollen! Atheisten bilden hier eine Solidargemeinschaft. Sie haben eine Botschaft an die Religionsgemeinschaften, wie die Christen an die Synagoge – eine Kreuzespredigt von Gottes Tod*. Ein zweifellos instruktiver Versuch mit der Ehrlichkeit! Vielerlei sonntägliche Versammlungen sind als Gottesdienste institutionalisiert – und werden als Gotteslästerung empfunden. (Bekanntes literarisches Beispiel: Im Dom zu Kopenhagen predigte der Oberhofprediger Mynster vor einem erlauchten Publikum über das von ihm selbst gewählte Wort: „Gott hat ausgewählt das Geringe und Verachtete vor der Welt“. S. Kierkegaard erzählt das und schließt: „Und niemand lacht.“)
* Ich erinnere an Nietzsches „Der tolle Mensch“.

Ein Spötter sagte: „Atheisten langweilen mich, sie reden immer von Gott.“ Das Leben geht hin und her. Die Zeiten konfligieren in Nachklang und Erwartung, in jedem Subjekt. Es gibt da nicht nur kollektive Koordinationsprobleme, sondern es geht um eine Symbolik, die unser Ungefähr integriert.

Von Gott abfallen ist etwas anderes als mit Gottes Segen in die Welt hinausgehen.

Auch „Gott oder Chaos“ ist Ansichtssache. Das χάος gebiert und verschlingt κόσμοι.
Der Name Gottes nimmt das Chaos persönlich in Anspruch. Er zeugt Schöpfung.

Gottes Gegenwart sind zu Zeiten die „lieblichen Wohnungen des Herrn Zebaoth“ (Ps 84, 2), meist die gewohnte Umwelt, aber plötzlich: Kreuz.
Der dem Glauben geschenkte Heilige Geist nimmt, mit persönlichem Mut, das Chaos hinter dem einen wie dem anderen als das parentale Du in Anspruch. Wir beten als Erben dieser Tradition.

Auf einsamer Wanderung in Gletscherspalte gefallen. Mit Irren zusammen eingesperrt. Schlechte Hintergrundsmusik. Auch solches ist Gegenwart des Schöpfers.

Alles Vergängliche ist Verweis auf Gott. All unsere guten Absichten sind Verweise auf Gott, aber nur ungefähr.

Gotteslob versteht sich nicht von selbst. Die Gesellschaft hat es an Kirchen und deren Funktionäre delegiert. Dort sieht man Heuchelei und Priesterbetrug; es überzeugt selten.
Die reiche Tradition steckt größtenteils in toten Sprachen und – schon bald unbemerkt unverständlich gewordenen – Vokabeln*.
Die Gesellschaft hat ihr allgemeines Verstehensproblem bei der Religion untergebracht. Man hat Symboliken, in denen man sich ungefähr verständigt über das, was man ungefähr versteht. Aber man muss vereinfachen; mit vereinten Kräften setzt man das Relative (das plausible Modell) absolut und bringt ein fundamentales sacrificium intellectus!
* Zum Beispiel der Gott „Zebaoth“ (wörtlich: „der Heerscharen“; es geht, nach von Rad, hier ursprünglich um den Heiligen Krieg im Alten Israel)!

Wenn wir den „lieben Gott“ anrufen, möchten wir das Geschehen als Liebeserweis verstehen. Dieses Wortgeschehen ist kreativ; es sieht aus wie self fulfilling prophecy. Und in der Tat: Die Botschaft von der Liebe Gottes ist nach evangelischer Lehre im striktesten Sinne Gottes Wort; und die biblische Tradition sagt: Gottes Wort tut Wunder.

Das Gebet ist so etwas wie ein bewährter psychotechnischer Handgriff, der aber nicht automatisch funktioniert, sondern – c’est le cas de le dire! – prekär! Nur umsichtig gesammelt, kann der Beter Fühlung erlangen mit der Liebe Gottes, der uns in diese Welt gestellt hat!

Gottes Liebe weist den Beter bisweilen zurück – in die Welt.
Ginge es um objektivierende Aussagen, die richtig oder falsch sein können, so wäre dieser Satz ein apologetischer Trick. Aber in abgründigen Verständnisproblemen geht es ja um religiöse, also poetische Aussagen, wo es nicht auf Nachrechenbarkeit, sondern auf tiefstmögliches Verstehen ankommt.

„O du fröhliche, o du selige, gnadenbringende Weihnachtszeit“, „Ach du liebe Zeit“ – da steht (nach Buber) die Zeit für Gott! (Für Heraklit war der αἴων/Äon ein kindlich spielender Gott.)

Im altrömischen Taufsymbol und dem (darauf beruhenden) sog. Apostolikum bekennt der Täufling im ersten Artikel, vor seinem Glauben an den Allmächtigen (und den „Schöpfer Himmels und der Erde“*), seinen Glauben an Gott als den Vater!
Das erscheint uns, im Licht der (erst Jahrhunderte später artikulierten) Trinitätslehre, neutralisiert durch den trinitarischen Aufbau des gesamten Bekenntnisses. Aber es ist hier nicht an die personifizierte innergöttliche „Relation“, sondern an den Vater zu denken, der kindlich zutraulich (אַבָּה) in der ersten Bitte des Gebets angerufen wird, das, nach neutestamentlicher Überlieferung, Jesus seine Jünger gelehrt hat.
Es geht da nicht um klassisch-griechische Ontologie, sondern eher um eine „Ontologie“ des Du (wie sie Martin Buber** thematisiert hat), – nicht zentral um „Gotteslehre“, sondern um unsere Gottesbeziehung! Sie ist im Glaubensbekenntnis dem Lehrinhalt vorgeordnet.
Aber auch eine Lehre von der Beziehung zwischen Gott und Menschen gerät zum Selbstwiderspruch, indem sie diese Beziehung als ein „Es“ thematisiert. (Dies ist zwar auch ein Lehrsatz, aber wenigstens ein paradoxer, für verdinglichenden Aberglauben ungeeignet.)
* Dieser Zusatz findet sich noch nicht in den ältesten Varianten.
** Ich und Du (1922), Er unterschied die Ich-Du-Beziehung von der Ich-Es-Beziehung. In beiden handele es sich um verschiedene Ich; es gibt kein Ich an sich. Das väterliche „ewige Du“, Gott, sei der Fluchtpunkt all unserer Es- und aller Du-Beziehungen.

Innerhalb einer Spezies sind die Profitanten/Ausbeuter im Vorteil. Damit sorgen sie für Niedergang der eigenen und verbesserte Chancen für konkurrierende Spezies.
Für normale narzisstische Bedürfnisse ist solch eine Feststellung verletzend. Welches Selbstbild, welches Weltbild haben Ausbeuter?

Objekt-Mutter und Umweltmutter*, überhaupt die Eltern, sind, als parentales Du, für das Kind einander ungefähr ähnlich. Zu Personen gehört überdies ihr Eigentum und Besitz**; sie sind nicht scharf abzugrenzen und zu unterscheiden.
Das ist der Hintergrund für unser personales Gottesverständnis.
* Winnicotts Unterscheidung.
** Zu Jahwe der himmlische Hofstaat.

Das Wort Gottes ist die Mitteilung seines Namens „lieber Gott“ (im Urchristentum das auf Jesus zurückgehende Abba/„lieber Vater“).
Ich habe keine Ruhe, bis ich Grund gefunden habe, an Gottes Liebe zu glauben.

Die Schöpfung ist hier und jetzt die Gotteserscheinung schlechthin! Jesus macht durch seine Gleichnisse darauf aufmerksam.

Die göttliche Herrlichkeit ist bescheiden.

Wir können, dürfen und sollen uns das chaotisch wabernde Sein vereinfachen lassen durch den zuerst nichtssagenden, aber andeutungweise strukturierenden Schöpferglauben.

Der Geist Gottes in uns stöhnt (Rm 8,26).

Die Unterscheidung von Gott und Welt ist theoretisch einfach, aber nicht selbstverständlich im Erleben. Sie ist auch in der Bibel nicht strikt durchgehalten.

In der Desorientierung wird spontan nach einem Du gerufen. („Ach!“, „O jeh!“, „Ach du liebe Zeit!“, „Du liebes Bißchen!“ „Mamma mia!“, „Ach Gott!“)

Nach Martin Buber ist Gott unser eigentliches Du. „Du“ ist ein Pronomen; das Nomen „Gott“ (das insinuiert, man wisse wovon man redet) ist mehr oder weniger tabuiert bzw. zum bloßen Kontaktlaut geworden.

Bei „Ach Gott!“ weiß man nur im Ernstfall (an den man nicht gern denkt), wovon man redet. Man will auch niemandem emotional zur Last fallen. Gilt es im Schreck doch nicht ganz ernst, so weicht man aus auf Anspielungen, auf unbelastete Deckwörter: „Ach, du liebe Zeit!“, „Ach du liebe Güte!“, oder man bagatellisiert: „Ach Gottchen!“ – und versteht sich (und ist) in der soziokulturellen Normalität integriert.

Gottesideen sind verschieden nützliche Integrationssymbole und deshalb strittig.

Institutionalisierte Doxologie verkleinert Gott.

Existiert ein Schöpfer? Die Schöpfung existiert und – die endlose Forschung beweist es – wir verstehen sie nur unbefriedigend (angesichts der Komplexität der Welt und der Kleinheit des menschlichen Gehirns nicht überraschend).
Es hat sich aber bewährt, dass der Mensch nach dem Willen seines Schöpfers fragt (nach „Naturgesetzen“ und speziell: „Was soll ich?“*). Und in dieser Frage existiert der Schöpfer – und wird sehr konkret verhaltensrelevant.
* Nicht nur: „Was soll ich tun?“, sondern, im Anklang an das englische „shall“: „Was wird mit mir, aus mir werden? Was hat Gott sich dabei gedacht, als er mich schuf?“

In meiner Habilitationsschrift leitete ich den Ruf nach Gott vom frühkindlichen (ersten) Schrei ab. Das Heulen kann man als lebenslang immer wieder durchlebte Variante davon verstehen, Zusammenbruch der Symbolik unter Überlastung; das Weinen stellt eine mildere Form hiervon dar.

Der Gottesbegriff diffundiert in die Welt und kristallisiert wieder aus.
Goethe*: „Im Atemholen sind zweierlei Gnaden: / Die Luft einziehen, sich ihrer entladen; / Jenes bedrängt, dieses erfrischt; / So wunderbar ist das Leben gemischt. / Du danke Gott, wenn er dich presst, / Und dank ihm, wenn er dich wieder entlässt.“
Westöstlicher Divan , Buch des Sängers.

Man kann kraft des Heiligen Geistes, demütig sich lebenslang von Gott immer weiter neu definieren lassen.

Einmalig ist Gott. Er verleiht jedem seiner Geschöpfe Anteil an Seiner Einmaligkeit.

War Bernhard von Clairvaux mit seiner Kreuzzugspredigt* ein „Haßprediger“ – oder einfach ein radikaler Monotheist?
* Gipfel: Brief 457 (aus dem Jahr 1147).

„Gott ist dein Retter, – so wie Er Jesus, als einen Retter aus der Verzweiflung an der Welt, gerettet hat.“ Was er aus deiner Not machen will, wissen wir nicht.

Man kann schlussendlich allmählich fallengelassen werden; das macht Angst.
Von Menschen fallengelassen, steht man vor Gott – und dort ist man nicht allein.

„Gott“ ist meist eine gedankenlose Interjektion, im Übrigen ein sinnreiches Hilfssymbol für Besinnung. Man muss die Interjektion nicht verbieten und das Symbol niemandem aufdrängen.

Die Gottesvorstellung ist eine Analogie zum Ich, ein Ich-Ideal.
Das Ich ist ein Emergenzphänomen, das auf seine Herkunftsmasse, Emergenzen organisierend, zurückwirkt.

Mit Rede von Gott tritt man andern leicht zu nahe. Vor Gott ist Demut geboten.

Man kann nicht von Gott reden, ohne sich persönlich zu kompromittieren.

Gott antwortet nicht. Wann* Er will, ist Er einfach da, und alles hat seine Selbstverständlichkeit, – die man in Worte fassen kann.
* Man kann 2Mose 3,14 auch übersetzen: „Ich bin, wann ich bin“!

In der Verzweiflung nicht sagen: „Was ist das alles? Was soll das alles?!“ Das ist vermessen; dafür ist unser Kopf zu klein!
Eher: „Was soll mir das alles? Gott, berate mich! Was kann ich jetzt wollen?“

Wir brauchen mehr von einander, als wir einander geben können. So sind wir, schuldig, dem Tod verfallen. So hat unser Schöpfer sich beschieden; Er steht ein für unsere Schuld.

Im Psalter gehen die Anrede an Gott und die an die Gemeinde durcheinander. Gott wird nicht scharf unterschieden vom „Geist der Gemeinden“ – auch heute nicht.

Der primäre Erkenntnisakt personifiziert; er erlebt etwas ganz selbstverständlich (nicht irritiert durch adulte Gottesbegriffe) als eine Gotteserscheinung (später: als „Geschöpf“ Gottes); er ist Emergenz einer unterscheidbaren Einheit.
Du und Schöpfung im Gottesbegriff gehören zusammen.

Im Du-Ereignis werden die Grenzen des Ich schöpferisch transzendiert; Gott macht Mut.

Die Liebe Gottes ist eine punktuelle Erfahrung. Man sieht Gott* im Nächsten; eine Einladung, als Geschöpf, hier und jetzt, für ein anderes Geschöpf, die Liebe des Schöpfers zu vertreten; ein trinitarisches Ereignis.
* Gottes Bild (1Mos 1, 27), Christus (Kol 1,15)!

Mit seinem Namen schenkt Gott sich uns, den offenen Himmel, die ganze Wahrheit zu atmen.
Aber die ganze Wahrheit ist so furchtbar enttäuschend! Altes (Jes 65, 17) und Neues (2Pt 3, 13) Testament „warten auf einen neuen Himmel und eine neue Erde, worin Gerechtigkeit wohnt“.
War die Schöpfung eine Katastrophe? Die Bibel schränkt ein: Adams Fall war eine Katastrophe, an der die ganze Schöpfung leidet; aber das letzte Wort ist noch nicht gesprochen.
Und wir können nicht darüber reden, als wären wir nur Zuschauer; die Apostelgeschichte (2, 17) zitiert den Propheten Joel (3, 1-5) mit der Verheißung der Ausgießung des Gottesgeistes „über alles Fleisch“! Die Kirche hat mit der Trinitätslehre festgeschrieben, dass wir, jeder durch seine Begabung mit Gottes Geist, am Schöpfungswerk beteiligt sind.

Einzigkeit im Ungefähr ist ein Problem jedes menschlichen Individuums. Im Monotheismus ist es paradigmatisch ausartikuliert. (Der Jugend-Psychoanalytiker E. H. Erikson formulierte das: „How to be special?“)
Die christliche Antwort verweist auf die göttliche trinitarische Liebe. („Geistlich“ ist zugleich narzisstisch und objektlibidinös.)

Bedrängt, ruft man aus: „Ach du lieber Gott!“, ohne dabei Gott zu denken; es ist nur ein imitatives Verhalten, wie man im Gottesdienst mitsingt. Man ist dann nicht so allein in seiner Bedrängnis; hier bin ich nicht mehr verantwortliches Ich, sondern Massenmensch. Hier darf ich‘s sein; man sollte sich allerdings wohl an den verantwortlungslos gedankenlosen Gebrauch des Gottesnamens später gelegentlich erinnern.

Zu der umgangssprachlichen Umgebung des Rufnamens Gott gehören die Worte: lieb, Güte, mein, ach, du – und, als Alternativen: Gottchen, Lottchen, Schreck, Zeit, Bisschen.
Bedrohte Traulichkeit findet sich geborgen in der Sprachgemeinschaft, wie diese verschämt nach einem Hilfs-Ich ruft.
Die Alternative „Scheiße!“ darf auch nicht verschwiegen werden.

Gott hat Mitleid mit uns, aber er hat er nicht mit uns Angst, sondern Schaffenskraft, die er uns mitteilt.

G: Der Fromme hat Mitleid mit dem Schöpfer.

Gott, erlaubt uns, uns Bilder von ihm zu machen. Sie passen alle nicht recht zusammen.
So sorgt er dafür, dass ich, wenn ich ehrlich bin, nicht einer Abgötterei verfallen kann, sondern bei ihm bleibe.

G: Wer etwas predigen möchte, der predige es bescheiden, als sein Bekenntnis. Zu „verkündigen“ haben wir nur den Namen Gottes. Der ist in unserem Gewissen das Kriterium für alles, was als Wort Gottes unser Aufmerken beansprucht.

„Du, mein Gott, …“ kennzeichnet eine Wahrnehmungseinstellung, eine ererbte, statthafte Vereinfachung des Daseins, ist ein orientierendes Symbol, – mein Handgepäck für die Reise durchs Leben.

Gott , der große Macher und Regent, ist eine Grundgestalt unserer religiösen Phantasie, die sich im Lauf der Kulturgeschichte vielfältig weiterentwickelt hat.

Gl: Leben für was? – : Für den Glauben an die Liebe des Schöpfers!
Glaube ist im Grunde: schöpferische Liebe, der spiritus creator, also der dreieinige Gott, der Schöpfer selbst! Ohne das Paradox der göttlichen Trinität (das uns persönlich in Anspruch nimmt!) wäre Gott nur eine Wunschphantasie.

Gl: Den Glauben als menschliche Existenzbedingung hat Jesaja (7,9) aufgrund der hebräischen Wortwurzel אמן entdeckt, – die uns aus dem Wort „Amen“ geläufig ist. Sie bedeutet: fest / zuverlässig / sicher / wahr / glauben.

Theol: Der Mensch braucht symbolische Vereinfachungen und in Identitätskrisen radikale Vereinfachung. Gotteslehre vereinfacht die Wirklichkeit radikal. Über diese Möglichkeit radikaler Vereinfachung denkt Theologie nach.

Schöpfung

In der biblischen Tradition lebendiger Gebete, wage ich, zu denken: Die Schöpfung war Gottes Sündenfall. Er hat Schuld und Strafe auf sich genommen; die Welt macht ihm genug Kummer – pars pro toto: der Tod Jesu, wie ihn das Evangelium verkündet!
Die Welt hat Grund sowohl zu klagen wie zu danken. Ihr Lobpreis mit seinen höllischen Resonanzen (extrem: die Offenbarung Johannis) klingt schrill.

Kreativität ist zunächst und zumeist schlicht Sache des Leben-weiter-Führens. Dem dient auch Modellschöpfung wie Dichtung, bildende Kunst, Musik.
Die apokalyptische Kreativität modelliert ein Weiterleben als Gottesherrschaft. Aber hier ist die heitere Klarheit grundlegend der Kontrast zwischen oben (Reich Gottes) und unten (Hölle).

Man bildet, schlecht und recht, mit seiner Wohnung das Reich Gottes ab und mit seinem Leben die Gottesherrschaft.

Die Kreativität der Bescheidenheit kommt aus der Liebe*.
* Zu unterscheiden von Begehren.

Irre, Sünde und Buße sind Aspekte der Schöpfung.

Ich bin mitverantwortlich für meine Welt. Ich bin, institutionalisiert durch meine Taufe, zum Mitschöpfer berufen durch den Heiligen Geist, den spiritus creator.

Im Hässlichen Schönes, im Schlechten Gutes finden, das ist Kreativität.

Bescheidene Kreativität – das ist der heilende Heilige Geist Gottes.

Ich bin ein laufendes Projekt Gottes. Sagt man: „Geschöpf“; so beschränkt man sich auf den Anfang. Alles, was danach lief, war dann Schuld (oder Verdienst) des Geschöpfs.

Ein Ideal ist ein Naturprodukt.
Das Weltgeschehen hat die Gottesidee hervorgebracht, die Vorstellung von dem Gott, der unbegreiflich die Welt hervorgebracht hat und regiert.

Die Creatio ex nihilo war ein frühchristlich apologetisches Theorem. Es impliziert eine Spekulation über Gott vor der Schöpfung. Es geht um die Allmacht, ein Phantasma.
Paulus hatte gesprochen vom Glauben Abrahams an die ihm gegebene Verheißung wunderbarer Nachkommenschaft, – verheißen von dem Gott, „der das Nichtseiende ruft, dass es sei“, Rm 4,17. Abrahams Glaubenssicherheit ist, wie die Paulinische, nicht theoretisch, sondern persönlich fundiert.
Kreativität wurzelt in Bescheidenheit*. Liebe ist bescheiden mitschöpferisch. Der Erste Johannesbrief sagt: „Gott ist die Liebe“. Der Glaube an die schöpferische Liebe Gottes kann kosmogonische Phantasien hervorbringen.
* Hier ist auch an das zimzum der Schöpfungslehre des Isaak Luria zu erinnern!

Die Idee, in den Lauf der Dinge noch auf einer ganz anderen Ebene einzugreifen, nämlich magisch-religiös vom großen Du her, ist alt und scheint sich bewährt zu haben. Man phantasiert sich in das große Du und dessen Phantasien hinein. Das weitet den Horizont und bringt auf neue Gedanken.

„Die Natur ist verschwenderisch“, schrieb, als Todeskandidat im Gefängnis der GeStaPo, mein Vater. Das ist wahr; die Evolution ist eine streckenweise unsägliche Leidensgeschichte. Auf diesem hässlichen Hintergrund, wo das Leiden die Freuden überwiegt, können wir aber immer wieder plötzlich ergreifend Schönes sehen und, mitten in der Trauer, (auch aus der Zeitung) überrascht und beschämt, erschütternd Gutes und wahrhaft Großes erfahren.
Unsere Welt ist ein Chaos. Wir stecken, aktiv und passiv, mitten darin. Auch unsere Urteile über die Schöpfung sind chaotisch.
Man kann noch heute von der Jesus-Tradition sich aufscheuchen lassen und den Schöpfer im alltäglichen Geschehen erleben.

Die natürliche Konkurrenz gesund expansiver Lebewesen führt natürlicherweise zu Bosheit und Hass. Die Bibel redet von Gottes Vergebung und gebietet Kooperation („Liebe“). Zum Glauben an den Schöpfer der Natur gehört der Glaube an seine Bescheidenheit, ja an seine Dankbarkeit.

Indem ein Volk, wie die Juden, sich durch seine besonders intime Beziehung zum Schöpfer definiert, lebt es eine Kultur der umfassenden Integration; sein Gesetzesgehorsam muss dann allerdings auch schöpferisch sein. So ging aus dem Alten das so schöpferische Judentum und Neue Testament hervor.

Ich möchte mit meiner theologischen Arbeit Gutes tun; aber ob und wie sehr sie Gutes tun wird, darüber – so hat Gott entschieden – entscheidet der Zufall.

Menschliche Kreativität ist primär Lebenskunst.

An das Gute im Menschen zu glauben, ist ein Menschenrecht, – wenn nicht gar eine moralische Pflicht. Dazu gehört allerdings: liebevoll schöpferische Aufmerksamkeit!

Emergenz ist Organisation einer Menge zu einem dynamischen System mit neuem stabilem Gleichgewichtszustand (lokalem energetischem Minimum).

Bescheidenheit, die unser Wissen und dessen Grenzen demütig anerkennt, ist kreativ.

Die Schöpfung im mythologischen Sinn ist eine traurige Plattform. Ich soll mich hier bewähren: nach selbstvergessenem Betrachten und Urteilen erfreulich mitwirken.

„Lachen ist gesund.“
Plötzliche Erkenntnis von partiell wichtigen Zusammenhängen kann lachen machen.

Man empfindet sowohl Mitleid und Mit-Angst wie Mitfreude.
Meist ist man mehr von Angst als von Lust motiviert.
Aber durch Christus sind wir nicht nur zu Mitleid und Mit-Angst, sondern von Gott zu Mit-Kreativität berufen.

Ohne Kreativität ist die Welt traurig. Mit bescheiden geduldiger Kreativität ist sie hoffnungsvoll.
Zukunft ist eine Abstraktion von Hoffnung.

„Lachen ist gesund.“ Witz* ist Kreativität. Kreativität hat Hoffnung.
In der Kirche ist Lachen eher ungehörig. Kirche predigt im Namen des (einzigen) Schöpfers**, was sich gehört. Man soll das ernstnehmen, aber das Wort der Kirche nicht mit dem Wort Gottes*** verwechseln.
* Es gibt „unanständige“ Witze, die sexuellen Reiz haben. Gewiss, es gibt unanständige Sexualität. Aber Sexualität ist zwar chaotisch, jedoch vital kreativ.
** In ihrer Lehre vom Schöpfer aber verheddert sie sich trinitarisch – Dei providentia et hominum confusione.
*** Selbstmitteilung Gottes.

Monokausalität ist eine (oft unverzichtbar) praktisch nützlich vereinfachende Vorstellung von unserer Lebenswelt.
Die Monokausalität des mediterranen („abrahamitischen“) Monotheismus, der Schöpferglaube, ist ein Postulat vereinfachenden Denkens.
Aber die praxis pietatis stößt an Grenzen der Vereinfachung. Die Lehre von der Ausgießung des Heiligen Geistes ist, im Rahmen der Trinitätstheologie, eine Aufforderung zur Kreativität des Glaubens. (Luther konnte von der fides creatrix divinitatis reden. Die Trinitätslehre ist nicht ein Wissens- sondern ein Glaubensartikel!)

Planung planiert kreativ, jugendlich vereinfachend.

Menschliche Kreativität beginnt mit einer „Regression im Dienste des Ich“ (Ernst Kris); Innen und Außen sind dann wieder mit einander verschmolzen; Wahrnehmen und Konzipieren fangen neu an.
„Der Schöpfer“ begegnet uns als Geschöpf – auch als Geschöpf unseres Denkens und Phantasierens (und nicht nur in Jesus).
Luther sprach (WA 40 I, 360) von der fides (nicht von menschlichem Denken und Phantasieren) als creatrix divinitatis; und divinitas sind da die klassischen „göttlichen Eigenschaften“, nicht die Kreativität.
Das Adjektiv „schöpferisch“ taucht im 18. Jahrhundert auf (wohl durch den vielgelesenen Herder verbreitet); infolge der romantischen Abkehr von der klassischen Ontologie, konnte dann „Kreativität“ von Gott abstrahiert thematisiert werden.

Kreativität vollzieht sich verdeckt unter Ratlosigkeit.

Luthers servum arbitrium ist die Kehrseite der Lehre vom in uns ausgegossenen Schöpfer-Geist.

Du

„Du“ ist eine ungeheure Vereinfachung, ein pro-nomen, ein „persönliches Fürwort“. Alle Vereinfachungen haben ihre bestimmten Vor- und Nachteile; es sind Wahrnehmungseinstellungen. (Es macht auch einen Unterschied, ob man zu seinem Gegenüber „Du“ oder „Er“ oder „Sie“ sagt.) Personalisierung des Objekts aktiviert auch das Subjekt als ganze Person. Das ist manchmal höchst nützlich.

Zu der Wahrnehmungseinstellung „Du, Gott“, einer ungeheuren Konzentration, sind wir nicht immer fähig; sie muss uns je verliehen sein. Wirklich Beten ist ein geistlicher, ein Akt des spiritus creator (Rm 8, 26). Es ist Kreativität – uns selbst, den Mitmenschen und der Umwelt zugut!

Jesus

Die aus dem Alltag gegriffenen Stoffe der Gleichnisse sind der Jesus-Tradition eigentümlich. Diese Beobachtungen werden im Evangelium als wegweisend hingestellt.
Die herrschaftlichen Gleichnis-Stoffe setzen das primitive Ideal des Unterdrückten voraus. Die stereotypen Einleitungen der Gleichnisse versprechen immer noch eine Belehrung über den bereits etablierten Grundbegriff von Gottes Herrschaft. Jesus aber holt die religiöse Phantasie herunter in die Lebenswirklichkeit als Gotteserscheinung.

Das Geschöpf ist als solches Bild Gottes. Jesus sagt: „Guck dir das einmal an! Was will Gott damit sagen?“ Jesu Gotteslehre ist Rede von Weltlichem, in welchem Gott als Schöpfer in actu zu erleben ist.

Die Anfänge des Christentums im Judentum waren lebensgefährliche persönliche Entscheidungen von Einzelnen. Das Neue Testament predigt Jesusnachfolge im Sinne von Kreuzesnachfolge und Selbstverleugnung. Das hoffnungsvolle Leben Jesu und seine Gotteslehre* – die Voraussetzungen der neutestamentlichen Christologien ! – sind, fast bis zur Unkenntlichkeit überblendet von der Verherrlichung seines entsetzlichen Endes.
* Seinen sog. „Gleichnissen“ zu entnehmen.

Nach kirchlicher Lehre ist Gott Mensch geworden, sterblich geworden in Jesus; die Zwei-Naturen-Lehre (Jesus vere Deus, vere homo) vergegenständlicht zwei Wahrnehmungen. An Jesus ist einigen Menschen etwas über Gott klar geworden.

Jesus sah allenthalben Gott bescheiden am Werk. Dieser Anblick hat ihn bescheiden sicher gemacht. Er sah das Schöpfungswunder, er wurde Mitschöpfer und wirkte Wunder, Sensationen. Aber die „größeren Werke“ (Joh 14, 12), die wir tun sollen, sind nicht sensationell, sondern bescheiden.

Jesus rief zur Buße wie Johannes, der die Bekehrten durch seine Taufe im Jordan für die nahegekommene Gottesherrschaft „versiegelte“.
Jesus aber sieht schon jetzt den wundertätigen Gott im irdischen Geschehen am Werk. Seine Gottesherrschafts-„Gleichnisse“ sind Beobachtungen aus dem Alltag; und er tut (was damals nicht für unmöglich galt:) Wunder, die (was auch damals einmalig war) den Zeugen besagten: Mit ihm bricht die Gottesherrschaft an!
Das Neue Testament redet von Jesu Lehre manchmal, als ob da Geheimnisse ausgeplaudert würden. Die Meinung Jesu aber war: Was er sieht, nämlich Gott am Werk, können eigentlich alle sehen. Nicht nur er ist Gottes Kind, sondern alle. „Suchet, so werdet ihr finden; bittet, so wird euch gegeben; klopfet an, so wird euch aufgetan!“ (Mt 7,7)
Seine Kreuzigung setzte seiner Wirksamkeit ein von seinen Zeugen unerwartetes Ende; und die genuine Jesus-Tradition wurde, mit Hilfe allerlei anderer Traditionen, umgearbeitet. (Der Unterschied zwischen den drei ersten und dem vierten Evangelium gibt eine Vorstellung davon, wie tief die Veränderungen eingriffen!)

Die Idee, dass Jesu sog. „Gleichnisse“ ursprünglich gar nicht Gleichnisse waren, sondern Hinweise auf reales Geschehen als Gottes Wirken, glaube ich von Ernst Fuchs zu haben.

Den Glauben an Gott, den Jesus geweckt hat, den hat auch Jesu Tod nicht auslöschen können. Nach Jesu Tod waren die Ostervisionen den ersten Christen wegweisende Zeichen.

Jesus sah in seinem Leben Gott als Herrn offenbar werden; das war seine öffentlich wundertätige Zuversicht. Diese Sicht war auch unter seinen Jüngern nicht für jedermann so natürlich; aber sie suchten, an Jesu Zuversicht Teil zu gewinnen.

Zuversicht hat historisch mit Jesus und mit der Kirche zu tun.
Die einzigartige Zuversicht Jesu lebte nach seinem gewaltsamen Tode weiter als Glaube an seine Auferstehung als an den Anfang der allgemeinen Auferstehung, der Manifestation Gottes als des Herrn.

Jesus erlebte Gottes Nähe in allem. Nach seinem Tod erlebten die Jünger in Erinnerung an ihn allenthalben Gottes Nähe.
Daran wollen sie (und die neutestamentlichen Autoren) jedem Anteil vermitteln. Aber als Mittler stehen sie auch im Wege.
Mit Jesus, dem gescheiterten Gotteskind, ist der gloriose Gott gescheitert; er teilt demütig unser Scheitern.

Jesu Wirken hatte auch üble Folgen – eine Geschichte, deren Problematik man nicht monokausal interpretieren kann, aber gewiss auch nicht systematisch überblenden sollte.

„Das Himmelreich ist nahe herbeigekommen“, sagte Jesus. Er verstand das als Einblick in eine Bewegung, die er spürte. Er sah, in ansteckender Zuversicht, Vorzeichen einer Weltwende und Wunder geschehen.
Davon zeugen seine sog. „Gleichnisse“ aus Natur, Geschichte und einzelnen Ereignissen. Die Gleichheit mit dem Himmelreich beruht, scheint mir, nicht nur (wie die Bibel betont) bezüglich des Menschen, auf der Schöpfung als Selbstabbildung Gottes. Bei Jesu „Naherwartung“ des Endes allen Unheils ging es nicht um Zeit oder Raum, sondern um die wesentliche Nähe des Heils.

Jesus sah Gott am Werk.
Nach seinem Tod sahen seine Anhänger erstaunlicherweise Gott am Werk.
In Ihrer Nachfolge bemühe auch ich mich, Gott am Werk zu sehen.
Ich lese in der Zeitung, wie die Menschheit an dem Ast sägt, auf dem sie sitzt. Ich frage Gott: „Was soll das alles, und was soll ich in alledem?“ Ich bekomme Antwort nur für kleinen Horizont, hier und jetzt. (Vielleicht wegen meiner jetzt so eingeschränkten Handlungsmöglichkeiten.)

Was hat Jesus gesehen? – : Er hat Gott am Werk gesehen! Das war Zuversicht, Gegensatz zu der Hoffnungslosigkeit unter dem Gott gegenüber verselbständigten Gesetz.

Jesus lehrte, in der Natur und im menschlichen Geschehen Gott wirken zu sehen; das ist die Bedeutung seiner sog. Gleichnisse von Gottes Herrschaft. Er lehrte, als wäre er Gottes Sohn; und wer von ihm sehen gelernt hat, der glaubt an ihn als Gottes Sohn und bekennt: Gott ist in Jesus als wirklicher Mensch offenbar geworden.
Die Syrophönizierin weitete Jesu Horizont (Mk 7, 24-30). Als ein wirklicher Mensch, war auch er beschränkt. Das Christentum hat, seinerseits sehr menschlich, das nicht ertragen und ihn idealisiert bis zum Kitsch.

Jesus war Zeichen der Endzeit. Auf ihm lag der Geist der Endzeit (Taufe laut allen vier Evangelien), des Anbruchs der Gottesherrschaft, der Spiritus creator. D.h.: mit ihm begann Gott Neues, zeigte sich als der Schöpfer.

Auch ich wäre wohl gegen Jesus gewesen. Aber ich hätte erkannt, dass er das Ungeheure ins Spiel bringt, das die taktschlagende Normalität bagatellisiert: den Anruf Gottes.
Das aber kann man nur falsch machen. (Adorno: „Es ist unmöglich, unter falschen Verhältnissen richtig zu leben.“) Das Christentum war und ist nicht, was er gewollt hatte! (Schon auf den kurzen Wegen von Jesus bis zum Neuen Testament ist vieles schief gelaufen.)

„Euer Leben ist mit Christus verborgen in Gott“, sagt der Kolosserbrief (3, 3) zu seinen christlichen Adressaten. Das gilt für alles, was wir nicht verstehen.

Kirche

Die Lebenshilfe kirchlich überlieferter Existenzsymbolik schwächelt. Gemeinde als Glaubensstütze kommt kaum noch zu Stande.

Das Christentum begann als jüdische Sekte und interpretierte deshalb die neue Offenbarung Gottes in der Begrifflichkeit des Alten Testaments – eine zunehmend ihrerseits interpretationsbedürftige Komplikation.

Die Kirche ist das mit Jesus auf Gottes Zuspruch hörende Volk Gottes. Sie hat Gott gehört und sucht gemeinsam eine Gott jetzt entsprechende Sprache.

Christentum ist eine institutionalisierte Verarbeitung von Enttäuschungen, „Trauerarbeit“.

Das Christentum ist institutionalisierte, massenpsychologisch gestützte manische Depressionsabwehr. Weder muss die Depression psychotisch noch die Abwehr wahnhaft sein; aber der normale Realismus ist in Frage gestellt, die Symbolik prekär.

Die Kreuzigung als Ende der Geschichte Jesu? – Menschliche Reaktion: „Das kann‘s doch nicht gewesen sein!“
So etwas wie die Auferstehungsschwärmerei konnte nicht ausbleiben. Man erlebt „Zeichen und Wunder“ – namentlich ἀγάπη-Wunder: Man entdeckt die Gemeinsamkeit inmitten von Widersprüchen!
Das Neue Testament ist ein Sektenbuch, pfingstlerisch bewegt, autoritär, doktrinär, intellektuell oft enttäuschend.
Luther hat es zu merken gewagt: Das geistliche Wort ist vielfach zur Sektenlehre geronnen; das Evangelium wurde Gesetz.

Incarnatus ... homo factus est – das ist noch nicht alles! Dazu kommt das Corpus Christi, das vom spiritus creator beseelt ist: Jesus beruft zu Gottes Vollkommenheit (Mt 5,48), d.h. zu bescheidener Kreativität!

Ki: Geistliche wie gymnastische Übungen, macht man, auch wenn man weiß, dass es einem gut tun würde, allein oft nicht. Man vertraut sich dafür gern einen Trainer an, notfalls einer nicht vermessenen, „maß-gebenden“ Gemeinschaft.

Glaube

Die Definition des rechten Glaubens als Glaubens an den gekreuzigten und auferstandenen Jesus wird zum Evangelium erst in der vernichtenden Anfechtung – nicht Anfechtung des so definierten, sondern des menschlichen Glaubens überhaupt, des „Urvertrauens“!

Die Menschheit sieht es oft selbst: Sie ist verrückt.
Nur in einer verrückten Welt konnte so etwas wie die Jesus-Bewegung entstehen. Man spürte den Geist der Endzeit.
Nach der Kreuzigung Jesu hat der österliche Glaube des Petrus ein gut Teil der Hinterbliebenen schnell – und dann auch immer weitere Menschen – überzeugt. Der Glaube hat hier – gewiss: in einer schwärmerischen Form – die Menschlichkeit, Liebe und Hoffnung gerettet vor Verzweiflung und Zynismus. (Der Volksmund sagt: Auf einen groben Klotz gehört ein grober Keil.)

Glaube an etwas oder jemanden Bestimmten ist eine (oft sozial stabilisierte) Angstabwehr!

Ich heule, im Glauben angefochten. Hat Gott mich, wie Jesus und alle Frommen, herab von den Höhen einer Selbsttäuschung, „am Seil heruntergelassen“*? Warum? – : Damit wir, am Boden unten, Menschlichkeit, Solidarität, ἀγάπη lernen**. Das ist dann ein Schöpfungswunder, Werk Gottes an uns, des Heiligen Geistes, qui ex patre filioque procedit.
(Es zementiert sich dann als eine Kirche, – aus der man auch wieder am Seil heruntergelassen wird.)
* Am Seil heruntergelassen, hängt man hilflos als Blickfänger in der Luft. „Wer den Schaden hat, braucht für den Spott nicht zu sorgen“, sagt der Volksmund; und in der alemannischen Redensart „Am Seil abe lo“ scheint das Augenmerk mehr auf dem Spott als auf dem Schaden zu liegen. Nach neutestamentlicher Überlieferung wurde der am Kreuz hängende Jesus auch verspottet.
** Jesus musste, nach Hebr 5,8, Gehorsam lernen.

Um hoffnungsvoll glauben zu können, muss man Gutes tun.

Der „Glaube“ ist erstmals von Jesaja (7, 9) thematisiert worden. Er griff die Tradition des Heiligen Krieges auf, wo Jahwe mit gewaltigen Wundern in das Kampfgeschehen eingreift* und sein Volk zum Sieg führt. In diesem Sinne „gläubig“, soll der kriegerisch bedrohte König Ahas von Juda auf Jahwe vertrauen. (Er tut es nicht; Jesaja sieht Verheerung voraus; aber es geht glimpflich ab.)
Paulus versteht den Glauben in einer andern Tradition, im Sinne der Abraham-Geschichte (1Mos 15, 6), als Gerechtigkeit, die vor Gott gilt.
Die kaiserlich-machtpolitische bestimmte Entwicklung der Kirche als Rechtsinstitution im Raum der griechisch geprägten Kultur machte aus dem Glauben zunehmend ein doktrinales Problem.
Luther knüpfte wieder bei Paulus an. Der „rechte Glauben“ aber blieb eine dogmatische Frage.
* Im Krieg spielen Zufälle eine größere Rolle; und auch in andern Religionen greifen Götter in der Schlacht ein.

„Glaube“ im engeren Sinne bezieht sich auf ein zentrales Existenzsymbol.

Glauben: Urvertrauen gehört zum menschlichen Leben. Hoffnung gehört zum Urvertrauen. Sie gehört zur praktischen Intelligenz. Und zu dieser gehören Enttäuschungen.

Lee Kirkpatrick: Defizitäre Vaterbeziehung führt zu starkem „Glauben“ (Christian Schüle in ZeitWissen 2011/2012) – vermutlich: „Gottesglauben“!

Es gibt (für Kinder: natürlich) Familienkult, ferner Religionskult, Musikkult, Kaiserkult, Führerkult, Vaterlandskult. Das sichert die persönliche Identität sozial ab.
Die Kultgemeinde hat ihre verpflichtende Symbolik. Die confessio beruht auf persönlichstem Angeprochensein, „Berufung“, und ist eine Art professio, Beruf. Das lebendige „Bekenntnis“ zu einem instituierten Glauben ist vor allem ein Bekenntnis zur eigenen Unfertigkeit, sozusagen Bekenntnis zur eigenen Berufswahl. Kirche ist eine Kooperative der Weiterarbeit* im Glauben** an das Evangelium von Jesus Christus.
Die Grenze zwischen Glaube und Wahn ist unscharf. Lebendiger Glaube kann Institutionen stören; im Wahn erstarren sie.
* Daniel Kahnemans „System 2“ in: Thinking fast and slow.
** Kahnemans „System 1“. Nach Daniel Gilbert (zitiert bei Kahneman) ist der Anfang allen Verstehens der Versuch zu glauben! (Anselm von Canterbury: Credo ut intelli­gam!)

Theologie

Ich muss klar unterscheiden zwischen meinem Dasein vor Gott und meinem theologischen Werk. Dieses will ein Selbstläufer werden; aber es liegt an der kurzen Line der Gottesfrage: „Was soll das alles?“

Theologie ist jederzeit ehrliches Bekenntnis des eigenen augenblicklichen Standpunktes im Umfeld der christlichen Tradition.

Das Leben geht immer weiter. Deshalb geht auch lebendige Religion und die Theologie immer weiter, über sich selbst hinaus, ins Unbekannte.
Kitsch ist Religion, die nicht weitergeht. (Auch im Wechsel von Glaube und Anfechtung kann man rechtgläubig auf der Stelle treten.)

Jesus

Jesus: Der Glaube Jesu manifestierte sich als ansteckend kreativ hoffnungsfrohe Mitmenschlichkeit und fürsorgliche Liebe.
Der Glaube an Jesus ist nach Golgatha im Zeichen der Ostervisionen auch so geblieben.
Die apokalyptische Vorstellungswelt, in deren Zusammenhang dies zuerst Gestalt annahm – Taufe für den kommenden Äon (Johannes), Jesus als der erste Auferstandene –, ist inzwischen hinter anderen Vorstellungen zurückgetreten.

In Jesus wurde, für einen Petrus, Gott von der Welt gekreuzigt. Das konnte der Fischer nicht sagen; er halluzinierte stattdessen – und man verstand ihn.

Jesus ist allgemein bekannt als der umstrittene Wundertäter, der Schmerzensmann und die apokalyptisch-mythologische Figur: ein heißes Eisen, das man lieber links liegen lässt.

Diverses

Religion gestaltet große tragende Emotionen, wie sie am gewaltigsten in Menschenmassen sich erheben – heute Gottesdienste oder Wallfahrten seltener als Konzerte und diese seltener als Fußball.
Der sog. Fan ist fanaticus eines fanum/Heiligtums*. Draußen, in der „Pro-fanität“ (vor dem Heiligtum), ist er bekanntlich ein Problem.
Bereits in der Antike aber gab es die Anachoreten, die, umgekehrt, um ihrer Religion willen sich, aus Famlie und Beruf in die Einsamkeit, zurückzogen.
Es geht in der Religion also um Ausstieg aus dem alltäglichen Erleben, Distanz und Vertiefung.
Hier folgt man dem Ruf eines Existenzsymbols.
Und das führt zu Konflikten.
* Nach Julius Wellhausen (Israelitische und jüdische Geschichte, 3.Aufl., S. 26, zitiert bei Gerhard von Rad, Der Heilige Krieg im Alten Israel, 1965, 4.Aufl., S. 14) ist das Kriegslager das Heiligtum des ältesten Israel.

Auch Religionen und Kirchen altern, ermüden, beeindrucken, kränkeln, gesunden, sterben und zerfallen mit unvorhersehbarer Zukunft.

Religionsgemeinschaften sind soziale Auffangbecken für Asozialität.
Das kommt auch symbolisch zum Ausdruck, etwa in der Wichtigkeit von Sündenbekenntnissen; ferner in den Hoffnungen der Eschatologie (durch totale Zerstörung hindurch zur Herrlichkeit).

Die Dynamik von Religion, die sich heutzutage so überraschend im Islam manifestiert, ist gewaltig. Auch Christentum konnte so intolerant werden; es hat sich aber mehrheitlich von solcher Gewalttätigkeit entfernt. Auch fromme Juden und Muslime aber sind mehrheitlich von Gewalt im Namen des Allbarmherzigen nicht überzeugt.

Der 90. Psalm ist ein menschlich überzeugendes Durcheinander.

Religiöse Rede ist Poesie. Poesie ist Existenzsymbolik eines sozialen Lebewesens, also ungefähr gleichbedeutend auch für andere Menschen. Ohne soziales Echo wird die Existenzsymbolik schwach; sie hält Körper und Geist nicht mehr zusammen.

Religiöse Floskeln („Herrjeh!“) fließen – auch mir – von selbst aus dem Mund. Das sind Kontaktlaute aus der Religionssprache, gedankenlos hervorgebracht, durch die wir Mitgefühl heischen. Erst das Geheul nähert sich dann wieder dem Gebet.

Rel: Wie kamen Menschen darauf, alles Gute von sich abzuspalten und Gott zuzuschreiben, sich selbst aber den bösen Rest? Eine Voraussetzung waren böse Zeiten. Wir brauchen den Glauben an das Gute. In einer als übermäßig böse empfundenen Lebenswelt brachte der radikale Monotheismus – die Abspaltung des einen Gottes von der vielfältigen Welt, des Schöpfers von den Geschöpfen – das Gute in einem imaginären Jenseits in Sicherheit. Als integrales Stück einer übermäßig bösen Menschheit (אָדָם) trägt jeder mit an einer übermäßigen Kollektivschuld.
Die Wirkung Jesu (der Heilige Geist) war ein Ansatz zur Rehumanisierung des radikal-idealistisch vereinfachenden Dualismus.

Rel: Nach dem alten, klassischen Verständnis von Herrschaft herrscht ein Absolutist über Knechte, Sklaven oder Untertanen – freier als der Leitwolf in einem Wolfsrudel (denn dieser herrscht unter der natürlichen „Konstitution“ der Wolfsnatur). Dieser Begriff ist von Herrschaft ist auch in der Bibel als selbstverständlich vorausgesetzt.
Dieses Sozialmodell hat sich aber im Lauf der „westlichen“ Kulturgeschichte weiter entwickelt und zum Begriff der demokratischen Verwaltung ( stewardship) humanisiert.
Das bedingt auch eine neue Interpretation der Bibel.

Rel: Bibel, Glaubensbekenntnisse und Bekenntnisschriften, dazu eine institutionell definierte Gemeinde, bildeten eine mehrschichtige Vereinfachung der Wirklichkeit; es war eine monotheistische Symbolik, die im alten Orbis terrarum einschlug und bis in die neuzeitlichen Weltveränderungen hinein soziokulturell anerkannt blieb. (Noch in unserem frühen Mittelalter allerdings brach der Islam einen Teil weg.)
Wir bedürfen aber einer Existenzsymbolik, die in der heutigen Welt als Vereinfachung individuell und global-kollektiv tragfähig ist.

Rel: Der Psalter kann paranoide Tendenzen verstärken.

Religion ist alte, hoffnungsvoll suchende, kollektiv vororientierende Form von Ratlosigkeit.

Rel: Spott ist verletzende Reaktion auf narzisstische Verletzung oder auf Bedrohung durch narzisstische Ansprüche. Kunst und Religion provozieren leicht Spott.

Das Heilige wird von bildenden Künstlern in Varianten des Wirklichen (z.B. Ikonen) repräsentiert. Dabei ist, nach Malraux, gerade die stilisierende Abweichung von der Wirklichkeit das Wesentliche dieser Repräsentation. Der Archetyp funktioniert in der Symbolik wie in der Ontogenese eine unvollständig ausdifferenzierte, verschiedener Ausgestaltung fähige, fötale Stammzelle. Die sakrale Kunst ist gegenüber der alltäglichen Wirklichkeit befremdlich.
Religiöse Sprache greift zurück auf unvollständig ausdifferenzierte überlieferte Symbolik und entwickelt sie befremdlich.

Der Schamane/Mönch/Denker als Respektsperson gehört zur menschlichen Gesellschaft. Er repräsentiert etwas für die Menschlichkeit Wichtiges.

Mystisch wird das Ganze als das Ur-Eine verstanden.

Rel: Institutionalisierte Glaubensgemeinschaften verdinglichen Gott.

Ein Zitat, ein Stück Liturgie kann persönliches Bekenntnis zur Glaubensgemeinschaft sein, ohne schon ein persönliches Glaubenszeugnis zu sein (was doch die eigentliche Form der Rede von Gott wäre).

Zeugnisse der klassischen Jenseits-Hoffnung können uns immer noch ansprechen und auf gute Ideen bringen.

Religion erscheint heute wieder in erster Linie als ein politisches Phänomen, eine besondere Art kollektiven Wahns. Die christliche Innerlichkeit war und ist vielleicht zurückgestautes, indirekt aktives, politisches Leben.

Angst vor Chaos begünstigt Monotheismus als (monokausale) Vereinfachung. Monotheismus ist ein Horizont für stimmiges Handeln.

Rel: Unsterblichkeit ist eine sterbliche Phantasie von Sterblichen. Aber es ist etwas Wahres damit angesprochen.

Rel: Eschatologie, „Lehre von den letzten Dingen“, ist Symbolik, Ansage von Irrealem, Imaginärem, - aber stabiler Ausdruck von realer Zuversicht, an dem man sich mit Vorteil orientieren kann!

In der Togetherness kann die – in der Alltagskonkurrenz oft aus dem Blick geratene – gemeinsame Conditio humana wieder und weiter entdeckt werden. Das regt an zu sozialer Kreativität, Kooperation und zu stabilisierender Form- und Gesetzgebung. Schwärmerei kann sozial fruchtbar werden! (Schon die Anregung des Paulus, 1Kor 14, bei „Zungenreden“ im Gottesdienst Hilfestellung von Interpreten in Anspruch zu nehmen, weist darauf hin.)

Die apokalyptisch-eschatologische Vorstellung einer einzigen großen Wende der Geschichte entspringt einer Überschätzung der eigenen Gegenwart als objektiv besonderer Krisenzeit.

Die apokalyptische Chronologie besagt vor allem: Erst das Vorletzte (Reale), dann das Letzte (was wir nur imaginieren können)!

Die Sprachen der Religion vereinfachen die Wirklichkeit radikal.

Rel: Zeus weinte bitterlich über den Tod des Herakles.
Der biblische Gott weint nicht; nichts überwältigt ihm. Er klagt; aber was immer geschieht – er will es. Es ist schwer, das anzuerkennen. Jesus weint.

Religion ist von Natur ein auch soziales und politisches Phänomen. Es geht um die Stellung des Menschen in seiner Welt.
Religiöse Symbolik kann vereinzelten Desorientierten als ein Medium fundamentaler, hoffnungsvoller und entwicklungsfähiger Verständigung dienen.
Diese gruppenbildende Kraft ist dann auch zu machtpolitischem Einsatz brauchbar. Religion erscheint heute in der Öffentlichkeit mäßig religiös, aber übermäßig politisiert. Nicht ihre sozial primär integrative, sondern ihre desintegrative Funktion beeindruckt die Weltöffentlichkeit. Sie wird als höchst gefährlicher sozialer „Spaltpilz“ wahrgenommen und bezeichnet. Aber man sollte sich nicht ablenken lassen! (Selbst wenn Jahwe in früh-israelischer Zeit der „Herr der Heerscharen“ war, so steht das nach dem Ende Judäas in den biblischen Religionen nicht mehr im Zentrum.)

Rel: Konfessionen, Psychoanalyse, theologische und philosophische Schulen sind Sekten, „Häresien“. Es sind Subkulturen, wo gemeinsam an einer als vielversprechend empfundenen Existenzsymbolik weitergearbeitet wird.
Von außen betrachtet, „wählen“ Häretiker selbstherrlich aktiv aus der überlieferten Symbolik einzelne Stücke aus. Wesentlich aber ist die passiv (bisweilen als Er-wählung) erlebte Betroffenheit durch diese einzelnen Stücke. Eine Sekte ist eine Pseudospezies*; man empfindet sich als ein Volk (oder Völkchen). Der soziologische Gegenbegriff ist Großkirche. Auch diese aber funktioniert in der Not wie ein wehrhaftes Volk, eine Pseudospezies.
* Erik H. Erikson prägte 1968 den Terminus Pseudospezies.

In der Religion geht es um die (nie vollkommene) Integration des Menschen in seine (auch soziale) Welt. Ein Blick in die Zeitung illustriert: Dass Religion Privatsache sei, war ein Irrtum.
Wohl dem Staat, wo diese Integrationsbemühung keine öffentlich-rechtlichen Probleme schafft oder verstärkt, sondern dabei hilft, gesellschaftliche Probleme zu lösen!

Die „Taliban“ (Koranschüler) waren gegen Musik, Film, Theater und bildende Kunst. Kunst ist kommunikabler Ausdruck idiosynkratischer Phantasie, und diese kann jedem Konformismus gefährlich werden.

Könnte der Glaube an die bescheidene Kreativität Gottes in unserer gegenwärtigen Auseinandersetzung mit dem Islam eine versöhnende Rolle spielen?

Der Islam ist wesentlich eine Gesetzesreligion – wie das Judentum, die Alte Kirche, der Katholizismus, viele christliche Sekten und auch manches Luthertum und mancher Calvinismus.
In Bedrängnis, ist zuverlässige Kooperation Überlebensbedingung. So treibt die Not zu Gesetzlichkeit und verlangt Eindeutigkeit. Ein umsichtiges, persönlich verantwortetes, handlungsrelevantes Verständnis der Heiligen Schriften eröffnet zwar einen Spielraum neuer, tieferer Verständigung; aber man weiß nicht im Vorhinein, was dabei herauskommt; es ist zu gefährlich. Die Bedrängnis macht die Gemeinschaft gesetzlich, und die Gesetzlichkeit macht bedrängt und ängstlich. Das ist ein sehr stabiles, selbsttragendes System. Wer darin gefangen ist, kann nur durch bescheidene Kreativität daraus befreit werden. Man erinnere sich an die Rücksichtnahme, die Paulus der Gemeinde in Korinth gebietet (1Kor 8, 1-13) für den Umgang mit den bezüglich des Götzenopferfleischs ängstlichen Gemeindegliedern.

Religion , Recht und Poesie (Sprichwörter, Lieder) haben viel mit einander zu tun.
In der klassischen Epoche des westlichen Christentums war Religion stark rechtlich verstanden. Die Romantik verstand Religion dann eher wie Poesie.

Rel: Zunehmend seit dem 18. Jahrhundert, hat sich in Europa das Gefühl durchgesetzt, Aufklärung werde die Religion ersetzen. Seit der Jahrtausendwende erleben wir Religion wieder als gewaltigen politischen Faktor – und zwar nicht nur als Institution, sondern durchaus auch als sozialen Wildwuchs.

Rel: Man kann grob vier Strukturschichten unterscheiden, die mit einander interagieren:
– Leblose Materie,
– lebendig organisierte (pflanzliche und tierische) Körper (mit Körperteilen und Körperfunktionen)
– Seele (mit Geistern und Symbolen)
– Geist (mit Begriffen und Zeichen).
Religion ist in der leibnahen Tiefe der Seele zuhause. Der zerstörerische Kampf der Religionen stärkt das Bedürfnis der Seele nach Geist, nach koordinierender Aufklärung; diese ist vergleichsweise oberflächlich. Der Geist sucht aber, findet und begünstigt Ordnung; und mit diesem Selektionsvorteil kann er sich Oberflächlichkeit bezüglich der Eigentendenzen in den Tiefen der Seelen leisten und sich ganz banal durchsetzen.

Rel: Im Religionsunterricht mache der Lehrer die Schüler bekannt mit dem existenzsymbolischen „Angebot“ (Wilhelm Gräb), mit dem die Religionsgemeinschaften, auf die sie stoßen, sich selbst stereotypieren. Darüber hinaus artikuliere er sein persönliches Verständnis dieses Unterrichtsstoffes; denn in unserem Kulturkreis kommt es bei Religion schlussendlich hierauf an.

Religion war lange evolutionär erfolgreich. Die Menschen haben in ihrer Umwelt gesiegt; die Tradition redet von Gnadenerweisen des Schöpfers.
Jetzt sind wir selbst Opfer unseres Erfolgs. Wir stecken (mit dem: „Herrschet!“ aus der Schöpfungsgeschichte) in der ökologischen Krise, und (mit der Nächstenliebe) in der demographischen Krise der globalen Massengesellschaft, Zauberlehrlinge, beherrscht von artifiziellen Superstrukturen.
Religion ist heute ein Atavismus; sie hat sich darüber hinaus als Infantilismus erhalten. Unser religiöses Erbe verlangt wieder einmal radikale Neubesinnung!

Rel: Durch vielen Gebrauch wird ein Symbol begrifflich ausdefiniert. Das macht es zunehmend unabhängig von seiner existenziellen Bedeutung; es wird bedeutungslos.
Das kann das Gebet scheitern lassen, den Beter sprachlos machen und in die Säkularität hinausweisen. Das passiert dem Einzelnen, und es geschieht kulturgeschichtlich. Das Ende ist offen.

Rel: Schleiermachers „religiöses Apriori“ (das „Gefühl schlechthiniger Abhängigkeit“) bezeichnet schon eine erste Differenzierung, eine kindliche, im Grunde vertrauensvolle, persönliche Beziehung – wie sie in Romantik und Biedermeier immer wieder als normal begegnet.
Das ist zwar nicht mehr sicher („apriorisch“) allgemein menschlich; aber an Panik, erschöpfte Resignation oder Wahnsinn, so etwas wie einen nihilistisch subjektlosen Fatalismus (wie sie in der Postmoderne erlebt und bedacht werden dürfen), ist beim „Gefühl schlechthinniger Abhängigkeit“ nicht gedacht! Solche Bedeutungen des Erlebens sind wohl in mitmenschlicher Hörweite des religiösen Apriori, aber davon unterschieden.

Lebendiger Glaube ist eine Grundeinstellung, ein Lebensstil. Das Bekenntnis ist ein unscharf abgegrenztes, leicht handhabbares kommunikatives Identitätssymbol. Jede Tat ist ein Glaubensbekenntnis, und das Bekenntnis ist Werk des Glaubens.
Auch Gymnastik ist Glaubenssache: Allein praktiziert man sie nur in der Überzeugung, dass es jetzt nützlicher ist als alles andere, was man tun könnte. Eine Turngruppe ist eine Glaubensgemeinschaft mit regelmäßigen Versammlungen. Je schwächer der Glaube, desto wichtiger für die Praxis ist die Gemeinschaft.

Auserwähltheit im Judentum und Gotteskindschaft im Christentum bedeuten Ruhe inmitten aller Unruhe, eine wunderbare Erfahrung.

An Weihnachten spielt man miteinander Glück und Freude. Kinder sind eine Last für die Eltern, – wie das Krippenkind für Maria und Joseph. Die Eltern beleben durch die Feier des Christkinds ihre eigenen (kindlichen) Hoffnungen bezüglich ihrer Kinder; und diese sind beglückte Hoffnungsträger.

Religion bietet kollektive Assimilationsschemata, Attraktoren die (per definitionem) vom Bösen zum Guten ziehen und repulsive Assimilationsschemata (Hölle und Teufel).

Religionsgespräche greifen in der Regel zu kurz. Die Basis für Interaktion auf existenzsymbolischer Ebene muss der persönliche Eindruck sein, den man von einander hat.

Verbindlichkeit ist religiös.
In unterprivilegierten, symbolisch schwachen Massengesellschaften bedarf der Einzelne verbindlicher Gemeinschaft. Das ist die Situation für Erweckungsbewegungen.

Rel: Die sog. Transzendenz-Erfahrungen gehören wohl irgendwie zu der Gruppe veränderter Bewusstseinszustände, die die Psychologen und Psychiater Derealisierung nennen.

Rel: Religiöses Denken ist allerdings zirkulär, nämlich ein Kreisprozess mit Nebenwirkungen, die auf diesen Prozess zurückwirken.

Rel: Transzendenz ist leichte Derealisation.

Rel: Die deutschsprachige „schöne Literatur“ des 20. Jahrhunderts* ist gutenteils explodierte Religion. Schreiende Prediger sind umjubelte Stimmführer legitimer Empörung kulturell Belogener in ratloser Verzweiflung.
* Im Spiegel des Hörbuchs „Anna Blume trifft Zuckmayer. Lesungen, Reden, Gespräche. 60 legendäre Dichter in Originalaufnahmen 1901-2004, auf 2 CDs. Der Hörverlag, München 2005.“

Sich an den historischen Grundlagen von großen religiösen Institutionen (an Religionsstiftern, Heiligen Schriften und Bekenntnissen) genügen zu lassen, ist kindisch. Sie einfach als veraltet links liegen zu lassen, ist pubertär. Es gilt, ohne wahnhafte Sicherheit, menschlich ansprechbar, als mündiger Erbe einer reichen Tradition weiterzuleben.
* „Gestalt“ im psychologisch-terminologischen Sinne von bonne forme.

Schönheit

Kulturgüter sind Skizzen des von jedem Einzelnen ersehnten, imaginären Guten. Die Skizze wird, besonders im Kollektiv, leicht zum Ersatz des Ersehnten; dazu aber ist sind Kulturgüter nicht da! Sie sind Verweise, Aufforderungen zur Lebenskunst in der vollen Breite des Lebens.

Es passiert allzu leicht, dass Schönes zum Fetisch wird!
Die Kulturbourgeoisie hat für solche Kulte Museen, Theater und Konzerte. Das ist ein pool von „Gemeinden“, der politisch relevant ist. Und wenn Schönes dabei im Zentrum steht, ist das sicher auch für die politische Kultur gut.
Aber die Fetischisierung bringt auch eine gefährliche Verabsolutierung der eigenen Normen und Ansprüche mit sich.

Kunst ist Andeutung von Versöhnung. Hier lernen wir, die Realität als Andeutung sehen.

Die meisten Verletzungen vernarben.
In der Landschaft sehen wir manchmal vernarbte Verletzungen von erhabener Schönheit! Die Vernarbung eines Sturmschadens im Wald kann ergreifend schön sein.
Menschen müssen reifen, immer realistischer demütig werden, von Gott Bescheidenheit, tröstende Solidarität, lernen.

Das klassische Griechentum verehrte die Schönheit.
Dem Christentum ist, zwischen einfachem Ideal und Chaos, die gebrochene Schönheit heilig. Seine Heilige Schrift ist ein Doppelkanon, Christus ist der auferstandene Gekreuzigte.

Im Schönen wirken Kräfte spannungsvoll zusammen. Das Schöne rührt uns als Vorbild an.

Ein Einzelgegenstand kann schön sein, wenn der Betrachter von der Umwelt absieht. Entscheidend aber ist immer ein Ganzes, in dessen Zusammenhang das Schöne steht, und zu welchem der Betrachter gehört.

Schön leben heißt: Alles lebendig, frei gegenüber Gewohnheiten, erleben. Über Vieles als banal hinweggehen; aber immer wieder einmal neu hingucken, nichts als banal stereotypieren.

Es gibt schöne Golgatha-Gemälde, die eine letzte Harmonie repräsentieren wollen. Die Geschichte nagelt auch sie ans Kreuz und spottet ihrer.

Jeder von uns ist aus Fetzen zusammengesetzt. Als (manchmal sehr schöner) Flickenteppich können wir eine Weile „wachsen“. Dies ist so von Zufällen mitbedingt wie die Gestalt eines Baums an seinem zufälligen Ort.
Einer kopiert Fetzen vom andern. „Das Individuum“ ist eine unentbehrliche, temporäre Approximation an die Struktur der wirklichen Zusammenhänge. Der Tod zerreißt unsere Verbundenheit und reißt uns, einen nach dem andern, in Fetzen.

Jedes Lebewesen zerfällt nach einiger Zeit; höheres Leben ist sogar mörderisch. Das ist hässlich. Hässlichkeit hasst man; aber sie gehört zur Schönheit, die ja immer ein komplexes emotionales Erlebnis ist. Es kommt auf die rechten Maße, die spannungsvolle Harmonie, den Tonus an.
Schönheit scheint einmalig-ewig, ist aber ein zeitliches Ereignis. Es geht ums Mitschwingen. Das zeigt sich in der Musik; Musizieren will ein schöner Umgang mit der Zeit sein. Musik ist immer begrenzt; man spielt Musik-„Stücke“!

Leid ist hässlich. Mitgefühl tröstet; Mitleid und Dankbarkeit sind schön.

Gesundheit jedes Einzelnen ist ein Ideal; aber wäre nicht schön, sondern Kitsch.