Thomas Bonhoeffer


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Vorwiegend säkulare Gedanken

Natur

Chaos

Der Wind spielt mit den Zweigen am dichten Tannenwaldrand – ein faszinierender Anblick, ein schönes Chaos.

Es fällt auf, dass Chaosforscher wie Mandelbrot und Taleb sehr formlos kolloquial schreiben. Das gehört zu der Eigentümlichkeit des Gegenstandes, in den sie einführen wollen!

Die Welt ist ein Chaos von sich ausdifferenzierenden Ordnungen.

Hitler, Stalin, Mao usw. waren fragilisierend* chaotisierende, blindwütige, aber begabte Ordnungspraktiker – bedrängender historischer Erfahrungshintergrund der Chaostheorie.
* Sensu N. N. Taleb.

Ch: Man lässt sich die gute Stimmung etwas kosten. Die veröffentlichte Meinung strukturiert die öffentliche Meinung so, dass unangenehme Wahrheiten, die doch jeder wahrnimmt, tabuiert bleiben. Man spielt mit einander allgemeines Glück. Dieses Glück ist allerdings zerbrechlich*.
* Allerlei hierzu bei Nassim N. Taleb, Antifragile (2012).

Das Chaos ist der Horizont unserer Erkenntnis. Die sogenannten „Inseln“ von Ordnung im Chaos sind eher Ausflockungen.

Der Spießer wundert sich über Chaos; der Weise über Ordnung.

Es gibt verschiedenerlei wiederholbare Erlebnisgestalten im Chaos des Menschseins:
– Das Diesseits (= was wir verstehen) mit seinen vielen Sachen, die wir meinen, wissen zu können. Das Diesseits ist eine Inselgruppe von Ordnungen im Chaos; wir verstehen wenig, sollen sie aber schützen und befestigen. Neu Ausgedachtes muss zum Vorhandenen passen.
– jenseits dessen, was wir klar verstehen können, gibt es
– – eigenartige Glaubensdinge (Existenzsymbole),
– – banale Tatsachen, die unserm Wissen widersprechen,
– – – paradoxe wissenschaftliche Befunde, die der wissenschaftliche Fortschritt einholen mag, und
– – – „spiritistische“ oder Wunder-Erlebnisse. Diese sind wohl etwa so unwahrscheinlich wie die Entstehung der Welt oder des Lebens; aber, wie man sieht, sind im Chaos vielerlei wiederholbare Gestalten möglich. Es gibt auch irreführende (und sogar systematisch irreführende) Zufälle.

Die mütterliche, wohnliche Umgebung ist umschlossen von der Übermacht des Ungewöhnlichen.

„Der Menschheit ganzer Jammer fasst mich an“, sagt Faust in der Kerkerszene. Da hat Goethe uns in der Tat die tragische Schuldverstrickung im Jammer der ganzen Menschheit überwältigend vor Augen gestellt.
„Ist gerettet!“ (Schluss von Faust I) und der Anfang von Faust II ist wohl ein „opernhafter Einfall“ (so Schiller über den Schluss des Egmont). Aber die Oper war nie nur ein höfisch-gesellschaftliches Ereignis. Auch Ostern ist ein „opernhafter Einfall“. Eine reine Tragödie ist auch nur die halbe Wahrheit!
Wir können die ganze Wahrheit nur in inkompatiblen Halbwahrheiten bezeugen.

Kampf ist auch Selbstzweck. Kampfspiele sind eine Attraktion.

Wir möchten gute Menschen sein, Freude machen und Freude sein. Aber was ist da Maß gebend?

Im Chaos entstehen auch stabile dynamische Systeme, mikrophysikalische, astronomische, lebendige, in einander greifende Einheiten, die einander teilweise brauchen und oberflächlich dominieren.

Vergotte ich das Chaos? – : Unsere Kenntnis des Chaos ist per definitionem sehr oberflächlich! Man muss im Chaos, um zu überleben, all seine Verstandeskräfte zusammennehmen und seine ganze eigene Person einbringen – wie in eine Beziehung zu einer Person, die man verstehen will. Man kann Prognose nicht Computern überlassen.
Ermutigt von der Bibel, nehme ich durch den Namen Gottes das sog. Chaos persönlich in Anspruch!

Was ist Ordnung? – : Ordnung ist handlicher als Unordnung. Ordnen ist: vereinfachen, überblickbar und handhabbarer machen.

Das zufällige Nebeneinander der Dinge regt mich leicht zu Kombinationen an, die mir die abgründige Unvorhersehbarkeit des Weltlaufs illustrieren.

Depressiv, sieht man sich in einer Nacht, wo alle Katzen grau sind, mit Lichtblicken für kleine Hoffnungen – also in einem Chaos. Mutiger gestimmt, können wir die Lichtblicke als Zeichen der Gottesherrschaft verstehen. Das Chaos ist eine Wundertüte!

Offenbarung (ἀποκάλυψις, Apokalypse!) des Gesetzes Gottes ist das Chaos von Ordnungen, das Jesus ans Kreuz brachte – uns zur Heilung vom Aberglauben durch den Geist Gottes.

Leben

Leb: Man will natürlicherweise dem Chaos Lebensraum abgewinnen.

Leben: Der Syrienkrieg sagt: Die Evolution sollte noch weitergehen.
Und ich muss da mitmachen und weiß die Richtung (nur die!) meines nächsten Schritts, – sei es Tat oder Besinnung.

Leben: Gespeicherte Energie ist begehrte Beute. Organisation ist gefestigtes Energiegefälle. Allenthalben, nicht nur in Staat und Wirtschaft, sondern auch in der lebendigen Natur und im Ofen droht gezielte, energische corruptio begrenzt stabiler Strukturen.

Leben ist nur in einer hochpotenziert unwahrscheinlichen Umwelt wahrscheinlich.

Leben: 4 Mrd. mal hat sich die Erde schon um die Sonne gedreht.
Die geologische Chronologie ist sehr umstritten, grob und unsicher, weil man auf punktuelle wenige Funde angewiesen ist.
Seit 2 Mrd. Jahren (dem Orosium/Paläoprotozoikum/Proterozoikum) gibt es Lebewesen, Prokaryoten in den Ozeanen. Sie können unter extremen Bedingungen existieren.
Nach knapp einer weiteren halben Milliarde Jahren (im Ectasium/Mesoproterozoikum), vor anderthalb Milliarden Jahren, entstanden die ersten Eukaryoten, Rotalgen.
Nach gut einer weiteren halben Milliarde Jahren (im Ediacarium/Neoproterozoikum), hatten Eukaryoten genetische Rekombination von Allelen durch Sexualität entwickelt.
Vielzeller bildeten sich im Proterozoikum wohl aus Cyanobakterien und Grünalgen. Nach der letzten ausgedehnten Vereisung, knapp einer weiteren halben Milliarde Jahren (vor gut einer halben Mrd. Jahren, im Ediacarium/Neoproterozoikum), gab es schon komplexere Vielzeller.
Vor 500 Mio. Jahren begann mit dem Kambrium*/Paläozoikum mit seinen vielen makroskopischen Fossilienresten (Leitfossil: Trichophycus pedum, Fraßspur eines Sedimentbewohners), das Phanerozoikum.
Vor 7 Mio. Jahren: Homo erectus.
Vor anderthalb Mio. Jahren: Homo habilis. Er richtet sich vorausschauend auf seine Umwelt ein (primitive Steinwerkzeuge) und richtet sich eine nähere Umwelt ein.
Sicher vor etwa einer halben Million Jahren hat man in England und Deutschland Feuer gemacht.
Vor gut 100 000 Jahren: Homo sapiens (Jäger und Sammler).
Vor ca. 12000 Jahren: Neolithikum: Domestikation von Pflanzen und Tieren (Ackerbau und Viehzucht), Siedlungen, Tempel(!). Beginn am Südrand des Taurus (Ost-Türkei) und Zagros-Gebirges (Süd-Iran).
* Wegen der typischen Felsen dort, nach dem britischen Wales (lat.: Cambria) benannt.

Leb: Die Spezies sowie sozietale Einheiten überleben auf Erden im milden Chaos des sogenannten Kosmos; Individuen fristen ihr Leben.

Leb: Unwahrscheinlich komplexe Strukturen vermehren sich durch Autokatalyse, Zellteilung, fehlertolerante Anpassung und viel Versuch und Irrtum.

Leb: Die Lebewesen sind nur sehr ungefähr und temporär an ihre Umwelt angepasst.

Tod: Die Gesellschaft ist zu Gottes Volk berufen. Die Welt ist zum Untergang bestimmt (nicht verdammt!). Jeder Einzelne muss aus dem individualisierten schließlich ins kollektive Selbstverständnis zurücktauchen. Jeder soll dankbar in dieser zum Untergang bestimmten Welt an seinem Untergang mitarbeiten können.

Zeit: Die Vergangenheit ist eine bedeutende Menge gestorbener Zukünfte. Die Gegenwart ist der Anfang der überlebenden Zukunft der Vergangenheit. Hier sind wir Mitwirkende!

Leben ist regulierter Stoffwechsel, ein Typ von stabilem Supersystem, individuelle und kollektive Selbsterhaltung durch Kreisprozesse von Expansion und Zerfall.

Leben heißt mitleben. „Das Leben ist ein Kampf,“ und das heißt in der Regel auch: beschädigt leben. Die Wirklichkeit stört die ideale Entwicklung jedes Lebens, häßlich, verletzend und traurig. Das Leben muss ständig neu konzipiert werden.
Aber auch wenn das Leben traurig ist, kann es doch schön sein. Schönheit ist von Störungen gezeichnet.

Leben ist Mitleben, Mitgefühl, Mitfreude, Mitleid; alloplastisch und autoplastisch identifikatorisch; aber auch unterscheidend zwischen Subjekt und Objekt.
Leben ist viel Zerstörung aber noch mehr Versöhnung.

Das Leben auf Erden ist eine für alle Beteiligten interessante Versuchsreihe.

Sogenannte „verlorene Zeit“ ist nie absolut, sondern immer nur unter dem Gesichtspunkt bestimmter Vorhaben, ins Unbestimmte verloren.

Wozu das alles? – : „Gott loben, das ist unser Amt“, singt die Kirche. „Die Himmel rühmen des Ewigen Ehre“. Wir sollen das Leben mit Gott miterleben und leben.
Das ist oft sehr traurig. Die Bibel ist ein trauriges Buch. Aber: „Selig sind, die da Leid tragen; denn sie sollen getröstet werden“, steht da auch – ein Wort des gottgeschaffenen Lebens!

„Es ist alles so traurig. Worauf kann ich mich heute freuen?“ – : Auf „Zeichen und Wunder“! (Dass die Natur nur ein gesetzmäßiger Ablauf sei, war die Arbeitshypothese der modernen Naturwissenschaft, aber keine wissenschaftliche Feststellung.)
Jesus sieht und sagt: Das Leben bietet Zeichen der Gottesherrschaft, Anregungen von Hoffnung.
Das Neue Testament bezeugt Erlebnisse von Zeichen und Wundern. Aber es presst sie in einen engen Deutungsrahmen und stilisiert sie entsprechend. Das beschränkt die Tragweite dieser Lebenszeugnisse. Wir leben hauptsächlich von den kleinen Anregungen! Diese regen die großen Imaginationen an, die uns motivieren.

Der Anblick eines Waldstücks nach einem Sturm – große Bäume, zu deren Füssen Bäume liegen, die der Sturm gebrochen hat – ist erhebend.

Sich auf die Zukunft freuen?
Sich an Kindern freuen. Was sieht man an ihnen; was sieht man in sie hinein?
Mit Kindern Interesse fassen, neugierig sein: Sich vom zuversichtlichen Interesse der Kinder erfassen und mitnehmen lassen.

Der Anblick einer Lichtung im Wald weitet unsern Horizont. Die Natur ist alt, älter als unsere Geschichte. Sie hat schon viele Katastrophen überlebt und ist immer noch der überraschungsvolle Text, in dem wir eine Zeile sind. Am Ort einer Katastrophe wuchert Erwartetes und Unerwartetes.

Man soll sich seine Wohnung nicht nur funktional, sondern schön einrichten. Man soll nicht nur Dinge um sich haben, die man benutzen kann, sondern die einem auch etwas sagen, etwas menschlich Anregendes zu erzählen haben, mit denen man sich unterhalten kann.
Deco-Artikel aus dem Warenhaus haben nichts zu erzählen. Und wäre es eine Kopie von Dürers Häschen, so wäre das doch keine Erzählung, sondern in den meisten Fällen nur ein Zeichen, ein Armutszeugnis.

Durch die Natur des Menschen betreibt die Natur Selbstzerstörung. Wir zerstören unsere eigenen Lebensgrundlagen.

Die Rechtfertigung des Sünders allein aus Gnaden wurde mit juristischem Kalkül ausgelegt und eingeschränkt. Sie ist aber eine Erfahrung des Glaubens an den Schöpfer, wie Jesus ihn in der Welt sehen gelehrt hat.

Alle gucken nur ein Bisschen mit dem Kopf aus dem Urschlamm und lächeln sich an.

Man fasst das ungern ins Auge, aber die meisten Individuen und Gesellschaften sind verletzt und mehr oder weniger behindert, verkrüppelt und verstümmelt. Das Unverletzte normativ zu verstehen, ist eine Naivität vitaler Vereinfachungstendenz.
In der Natur vernarben Katastrophen oft mit beeindruckender Schönheit. Kunst verarbeitet Verletzungen. Kunst ist Vernarbung. Kunstwerke dokumentieren die Lebenskunst des Künstlers. Lebenskunst ist eine Gottesgabe, Individuen und Gesellschaft haben sie bitter nötig.

Der von Daniel Kahneman thematisierte illusionäre Optimismus seines (schnell denkenden) „Systems 1“ hat bisher der Spezies mehr genützt als geschadet.
Auf individueller, additiv/subtraktiver Konkurrenz-Ebene ist dem Einzelnen Rationalität geboten; aber auf kollektiver, exponentieller Vermehrungsebene der (individuell illusionäre) Optimismus. Eine einzige unwahrscheinliche Erfolgskette, ein einziger großer Erfolg, kann sich (genetisch und memetisch) darwinistisch durchsetzen; ein Selektionsvorteil rechtfertigt dann auf die Länge alle Opfer, die er gekostet hat.

Der größte Teil des Lebendigen „scheitert“ (zersplittert in Scheite) zwar und bildet das Material, aus dem ganz Neues wird.
So funktioniert auch Lehre.

Das Leben ist eigentlich zum Heulen: Alles stößt sich an allem. Trotzdem ist Lebenswille natürlich normal.

Leben wächst wesentlich exponentiell*, an den Wachstumsgrenzen chaotisch. Es erhält sich, indem es sich selbst am Zügel hält (Generationswechsel, Vorsicht).
* Das gilt auch für die logistische Wachstumskurve.

Pessimismus entsteht immer wieder, wird aber genetisch und memetisch auch wieder ausgemendelt, Lebenslust wird gezüchtet, gepredigt und gelehrt. Leben will sich des Lebens freuen.

Tod

Dasein ist Interaktion, Fusion und sodann Zerfall der Einheit in neue Vereinfachungen.

Bauen und Zerstören sind komplementäre Ansichten desselben Vorgangs: Umordnen.

P lötzlich sind alle Finalitäten gegenstandslos wie bei einem Kinderspiel. Der ernste Hintergrund wird sichtbar. Das entlastet.

Diverses

Natur: Vereinfachung ist nicht erst ein kognitiver Vorgang! Sie ist Emergenz, Morphogenese.
Soweit wir heute sehen, ist Vereinfachung primär Entstehung von Masse in einem Chaos von Energie (eine Art Kondensation), sodann Entstehung von Form (εἶδος*) in Materie, also geformte Materie, d.h. reale Entitäten, daraus immer höhere Entitäten, endlich Meme** – und auch diese immer höher und abstrakter.
Von den Vereinfachungen geht jeweils auch Rückwirkung aus. („Es ist der Geist, der sich den Körper baut“, lässt Schiller Wallenstein sagen***.)
So wird die entstandene Ordnung durch noch eine Ordnung wieder chaotisiert. (Schillers Wallenstein ist eine Tragödie!) So ist das Leben.
* Auch der optische Eindruck ja ist eine Vereinfachung!
** Sie haben immer auch eine materielle Basis (Aristoteles gegen Plato).
*** Wallensteins Tod, III, 13.

„Natur“ nennen wir vielerlei, nicht Menschengemachtes, sondern uns Vorgegebenes mit Eigendynamik, wovon wir doch ein Bisschen verstehen. Das Wort symbolisiert viele einander überschneidende, ungefähr ähnliche Begriffe.
Es geht immer um etwas ungefähr Identifizierbares, Stabiles, das uns überdauert*, mit Selbstorganisation und system-inhärenten Finalitäten, denen wir uns anbequemen müssen, die also in uns Finalitäten induzieren. Die Natur gebietet; meist tun wir gut daran, zu gehorchen.
* Die lebendige Natur überdauert uns durch ständige, winzige Modifikationen.

Nat: Unsere Erkenntnis von Naturgesetzen ist Erkenntnis von Gottesgesetzen. Man soll sie nicht unterschätzen, aber auch nicht überschätzen. Sie ist unvollständig.

Individuum

Liebe

Narzissmus* und Objektliebe** gehören zusammen, können aber pathologisch aus dem Gleichgewicht geraten.
* Sensu Kohut.
** Sensu Freud.

Gott spricht uns menschlich an; er wendet sich uns vornehmlich in der Gestalt des Nächsten zu! Daher das Doppelgebot der Liebe in den synoptischen Evangelien.

Liebe ist ein Erleben von Vergänglichkeit.

Liebe weint viel. Sie ist fast immer frustriert.

Die Welt enttäuscht; unsere Sehnsucht gilt der Ureinheits-Phantasie. Die gebotene Antwort auf das reale Neben- und Gegeneinander ist Liebe.

Mitgefühl ist zwischen verschiedenen Sterblichen nur beschränkt lebbar. Lieblosigkeiten gehören zum milden Chaos der Schöpfungs-„ordnung“.

Liebe ist nicht eine per definitionem symmetrische Beziehung, sondern zunächst die Bezogenheit eines Subjekts (auf eines oder mehrere* Objekte), die eine Gegenseitigkeit anstrebt**.
Liebe kann in mehrere Interessen zerbröseln.
* “Gar manches Herz verschwebt im allgemeinen, doch widmet sich das edelste dem einen“ (Goethe, Urworte orphisch).
** „Lasset uns Ihn lieben; denn Er hat uns zuerst geliebt“ (1Joh 4, 19).

Liebe ist Solidarität mit den andern schuldigen.

Mitleid ist auch Suche nach Mitleid! Solamen miseris socios habuisse malorum.

Liebe hofft.

Lieben ist Harmonierenwollen.

Liebe: Mitmenschlichkeit ist schöpferisch aufmerksames Zutrauen.

L: Immer wieder ein Lichtblick: die Solidarität (= ἀγάπη).

L: Menschlicher guter Wille und gute Werke sind Geschenke Gottes an die Welt, Zeichen Seiner Güte. Ihr sollen wir uns, in der Nachfolge Jesu Christi mutig glaubend, anvertrauen.

Liebe glaubt und will harmonieren.

Moral

„Müssen“ ist immer bedingt. Sollen ist Existenzbedingung jeder Gesellschaft.

Ideale sind hauptsächlich imaginär, aber sie wirken Reales!

Ein Ideal ist ein Vorbild, es hat imaginäre und reale Seiten. Es ist nicht per definitionem moralisch; aber soziale Akzeptanz verstärkt es.

Ratlos zwischen Ordnungsphantasien und Idealen, sollen wir den lebendigen Gott um Rat fragen.

Rat im Geiste Jesu an den Verzweifelten: Frage dich: „Was kann ich, im Chaos der mich quälenden Ansprüche, hier und jetzt tun wollen?“ – und tu es! Damit kommst du dem Wunsch deines Schöpfers nach.

Soll ich alle Anpassungen leisten, die die Mächte der menschlichen Gesellschaft von mir wollen? Was von all diesen Ansinnen kann ich wollen? Zu was rät Gott, der Schöpfer, mir?

„Was kann ich wollen?“ – Ich kann wissen wollen, was ich soll. Aber ich soll gar nicht immer wissen, was ich soll!

Der Mensch soll wohl gar nicht immer wissen, was er soll. Zeitweise muss man orientierungslos vegetieren.

„Autonomie“ meint im Grunde Selbstorganisation jeder lebendigen Kreatur im Rahmen der Schöpfung.

Man möchte sich seinem Gott nachbilden*, ja, wir sollen es (Mt 5, 48)! Aber da der Mensch der List (1Mose 3,1.5) der paradiesischen Schlange nicht gewachsen ist, ist wohl auch hier vor allem Gottes Bescheidenheit vorbildlich.
* „Wie einer ist, so ist sein Gott. Darum ward Gott so oft zum Spott.“ (Goethe)

Die unglücklichen Behinderten zerren am Gewissen der Glücklichen, auch wenn sie nicht betteln.

Im sozialen Chaos kann das Gewissen des Einzelnen bei Entscheidungen (z.B. „Wieviel sollte ich spenden?“) oft nur labile Kompromisse schließen.
Die Streubreite möglicher, praktisch beruhigender Kompromisse ist erstaunlich groß.

Das selbstverantwortliche Individuum ist ein (im Sinne der körperlichen Evidenz vergröberndes, aber praktisch unentbehrliches) Schema der kollektiven Symbolik – leicht irreführend; deshalb umsichtig und rücksichtsvoll zu gebrauchen.

Die handlungsrelevanten Selbstverständlichkeiten haben in der Postmoderne ihre Sicherheit verloren. Normativ schwimmt man wie Treibgut.

Die Eltern finden Trost an den tierischen Glücksmomenten der Kinder; und es erhöht das Glück der Kinder, wenn sich die Eltern mitfreuen. Aber selbst diese Glücksmomente der Kurzsichtigkeit – können sie die langen Zeiten von Bedrückung im Kinderleben aufwiegen?! Das Naturprogramm mag das Kindermachen erklären; die Glücksbilanzen können es nicht rechtfertigen!
Es muss noch etwas ganz anderes hinzukommen. „Wahres“, erwachsenes, lebenserfahrenes, eigentlich menschliches Glück ist erst der Sieg des schöpferischen Geistes über das Unglück, errungen durch die Integration von Unglück in Verstehen, Sprache, Symbolik und Kunst – in Schillers Formulierung: durch „des Geistes tapf‘re Gegenwehr“, (der auch Tränen fließen)*.
* In: Das Ideal und das Leben.

Lebensbejahung im Leiden ist eine Gabe. Auch der Begabte muss sie pflegen, und das erfordert Lebenskunst und Kreativität. Unter ständiger Belastung ermüdet und erstarrt sie sonst zur Haltung und wird steril.

Die sog. „Vermeidung“ ist der vornehmste in der psychoanalytischen Liste der „Abwehrmechanismen“. Borniertheit ist ein lebensnotwendiger Schutz für den Menschen. Wir können uns nicht alles Leid der Welt zu Herzen nehmen! Um unsere Leistungsfähigkeit zu erhalten und, so viel uns möglich, Leid zu lindern, müssen wir vom meisten und Schlimmsten fast immer weggucken. Wir müssen darum wissen; aber moralische Bescheidenheit ist geboten!

Das menschliche Leben expandiert fröhlich, bis es an Grenzen stößt. Zum menschlich Leben gehört viel Trauer!

Ich soll nicht viel höher streben, sondern, in meiner Borniertheit, zufrieden sein als „Auch Einer“ (Fr. Th. Vischer).

Als Gottes Ebenbild soll der Mensch bescheiden schöpferisch sein.

Der sog. Tun-Ergehen-Zusammenhang der antiken Weisheit und unserer Sprichwörter ist eine nützliche Vereinfachung.

Das Leben baut die Entwicklung am aussichtsreichsten auf das Erfolgreiche auf; „nichts ist so erfolgreich wie der Erfolg.“ Freude signalisiert Erfolg, Trauer Misserfolg. Die Natur gebietet deshalb, Freude zu suchen und das Traurige zu meiden.
Die Moral fordert Solidarität und feiert diese kompensatorisch; denn diese ist für den Erfolg der Gruppe wichtig. Selbstopfer wird verherrlicht. Die Moral ist kein Widerspruch zum Grundgebot des Lebens.

Leben ist mörderisch. Wir, die Krone der Schöpfung, sollen das humanisieren.

Das Leben ist brutal. Der Mensch kann sich nur fragen, wie er seine Brutalität gestalten will. Wir leben relativ guter Dinge am Leiden unserer Mitmenschen vorbei.

Der Chauffeur eines voll besetzten Omnibusses auf einer Schweizer Passstraße merkt, dass sein Wagen langsam zurückrollt und die Bremsen versagen; er steigt aus und bringt ihn zu Stehen, indem er sich hinter ein Hinterrad klemmt – das ihn zerquetscht. (Zeitungsnotiz vor Jahrzehnten)
Er mag sofort dieses Ziel gehabt haben; er mag, in der schnellen Abfolge der Ereignisse zunächst unabsichtlich, schrittweise in diesen Tod geraten sein. In jedem Fall hat er sehenden Auges für seine Fahrgäste sein eigenes Leben eingesetzt.)

Alles Wichtige müssen wir unter Unsicherheit entscheiden.

Mit Aggression kann man sich lustvoll identifizieren, ohne Sadist zu sein.

Die Evolution ist meist: einfach Weitermachen – und sehr selten Emergenz.
Weitermachen“ ist so etwas wie in der Physik die Trägheit.

Die Gesellschaft will (natürlich), dass man nicht starr nach Gesetzen, sondern, auch im Detail kreativ, evolutionär verantwortlich lebt, ohne seine Verantwortung zu überschätzen.
Wir sollen Gott nicht imitieren, sondern müssen, selbst schöpferisch, ihm entsprechen.

Man muss da wohl wirklich aufpassen: Gesellschaftliche Anerkennung des Selbstmords führt zu Erhöhung des Drucks auf belastet/belastende Personen, dass sie sich selbst umbringen. Es sind nicht die Schlechtesten, die diesem Druck nachgeben.

Man kann nur auf kurze Sicht planen; Verantwortung ist meist unklar beschränkt. Sie ist einzubetten in Gottvertrauen.

Hoffnung hat reale, positive Folgen. (Self fulfilling prophecy!) Sogar unrealistische Hoffnung ist normalen Lebewesen angeboren – zur Erhaltung der Art.

In der Bochumer Untergrundbahn sagt ein Aushang: „Fahren ohne Fahrschein ist ungemütlich“ – ein pädagogisches Meisterstück!

Opfermütiges solidarisches Handeln dient der Erhaltung der Art; deswegen ist es allgemein geschätzt.
Asozialität muss sich bemänteln.
Gewalttat lohnt sich nur unter allgemein unerwünschten Umständen.

Für J. G. Fichte war die Welt das Material der Pflicht, für Jesus: Material der Hoffnung.

Pflicht ist zunächst Gepflogenheit, also was die Gesellschaft vom Einzelnen erwartet. Dieser Pflichtbegriff ist nahe am Begriff der Verantwortung; man ist den Mitmenschen gegebenenfalls Red‘ und Antwort schuldig.
Kant hat den Begriff rationalistisch mit strenger Allgemeingültigkeit präzisiert. Das hat die Bindung der Pflicht an Überlieferung und Sitten gelockert.

Man soll nicht allezeit beten; Gott beruft Beter zu Mitschöpfern! Und dies heißt konkret: Wir sollen bescheiden, liebevoll aufmerksam auf die Welt, im Sein mitwabern. Kreativität funktioniert wesentlich intuitiv!

Verschiedene Menschen haben weitgehend verschiedene Lebensaufgaben. Ich persönlich meinte es nicht verantworten zu können, Kinder in die Welt zu setzen.

Was gut und was schlecht ist, können wir nicht absolut, sondern höchstens in einem jeweils sehr bestimmtem Bezugsrahmen beurteilen.

Eine Wohnung muss wohnlich sein, ein idiosynkratischer symbolischer Resonanzkörper für ein Individuum und die Seinen.

Wir sollen in wechselndem Abstand an einander vorbei leben und an einander vorbei sterben. Wir sollen uns einander schuldig bleiben. Der im Jesus-Ereignis offenbarte Schöpfer nimmt unsere Schuld auf in die Offenbarung seiner Herrlichkeit, der bescheidenen Kreativität.

Bescheidenheit hat nichts mit Sozialangst zu tun. Sie ist kein Gesetz, sondern Autonomie, die Mündigkeit, zu der wir berufen sind.

Auch ein Egoist hätte gern ein möglichst unanfechtbar befriedigendes Selbstbild.

Der Segen des Schöpfers: Wir dürfen und sollen, jeder entsprechend seiner Natur, wahrnehmen, bedenken, wollen – und entsprechend uns verhalten. Das gilt auch für die Bösen – die sich allerdings auch mit Selbstbildproblemen herumschlagen müssen.

Wie ich lebe, betrifft, im unüberblickbaren Chaos des Lebens, normalerweise hauptsächlich mich selbst und meine nächste und nähere Umgebung. Das ist mein beschränkter praktischer Mitverantwortungsbereich. Darüber hinaus kann ich mir immer weniger ein Urteil bilden und muss die Wirkung meines Handelns bescheiden Gott anheimstellen.

Ich soll erfinden, was ich wollen kann.

Wie sieht im Chaos die gebotene Vorsicht und Verantwortung aus? Wir sind jedenfalls auf Mitgefühl, auf Nächstenliebe und immer wieder auf irreguläre Nachsicht angewiesen.

Der Lebenslehrer muss hin und her vorangehen zwischen Leben in Ratlosigkeit und Lehrentwicklung.

Wir sollen im Namen Gottes demütig die Welt als Seine Offenbarung ernstnehmen und darin unser Genüge finden; mitleben und, nach Seinem offenkundigen Schöpferwillen, auch stören und zerstören, verletzen und töten.

Sie waren nett zu mir und wollten mir wohl, aber sie interessierten mich nicht und ich mochte sie nicht. Sie waren fürsorglich, aber sie kannten mich nicht genug. Ich war für sie undankbar. Man konnte sich einander nicht erklären und verstand auch sich selbst nicht genügend. So etwas passiert allenthalben zwischen Menschen.
Wenn wir das einander zugutehalten, „vergeben“, grämt es uns nicht mehr so sehr. (Gleichwohl ist Vergeben ein Verzicht.)

Die Volonté générale verlangt vom Einzelnen Optimismus; das macht ihn opferbereit fürs Kollektiv.
Aber es war der Pessimist Schopenhauer, der die Ethik des Mitleids entwickelte!

Auch systematische Zerstörung von Gutem als Gottes Tat demütig respektieren! Desorientiert, müssen wir auf Gottes Werk merken und im Chaos ihm, in kognitiver Bescheidenheit, kreatürlich selbstverständlich folgen, noch ohne das Gute zu wissen.

Eine Welt, in der Unrecht nicht wieder gutgemacht wird, kann nicht befriedigen. Zu den zufälligen lokalen Ordnungsansätzen im Chaos zählen Gerechtigkeit, Moral, Ideale, Pflicht.
Das Ganze ist uns unverständlich, aber in Vereinfachungen strittig verbindlich abbildbar.

Die Menschheit ist einsam in der Welt. Wir müssen zusammenhalten, auf einander aufmerksam sein, einander ergänzen.

Wegen des Chaos (Schicksals) sind wir immer nur teilverantwortlich.

Was ich von ganzem Herzen wollen kann, das soll ich, – auch ohne erschöpfend zu wissen, warum.
Zeitweise soll ich zwischen Möglichkeiten schwanken.

Gute Stimmung steigert die Leistungsfähigkeit. Wir sollen zufrieden wirken und einander das Leben erfreulich machen.
Man braucht dafür einfache, klar machbare Vorhaben.

Das Leben ist, genau betrachtet, nicht sinnlos. Was wir „sinnlos“ nennen, ist das undurchschaubare Zusammenspiel einer Unmenge von Sinn und Widersinn.
Weiterleben ist nolens volens das Nächstliegende. Wir sollen demütig, besonnen, dankbar, wohlwollend mitplanend, weiter mitspielen.

Durch Handlungsorientierung verengt man die Optik. Man soll sich bisweilen konzentrieren, aber umsichtig bleiben und sich immer wieder der Überfülle der großen, der kleinen und der winzigen Gaben Gottes öffnen. Sonst wird unsere Aktivität (die gewiss auch eine Gottesgabe ist) steril.

Man sieht, „wie die Menschen sind“. Man wünschte sich, dass sie besser (moralischer) wären, und man selbst möchte besser sein.

Menschliches Sein/esse verortet sich; Leben ist bewegtes Da-sein, Inter-esse. Interesse muss sich nicht durch potenzielle Nützlichkeit rechtfertigen!

Liebe, Vernunft und Moral – all dies ist tragisch und reißt die Gottesfrage auf.

Die Natur verlangt, dass wir als handlungsfähige Subjekte leben. Gewiss, auch Selbstmord kann Handlung sein; aber vorher hätten wir in der Regel nach dem Willen des Schöpfers noch einiges andere zu tun. Zunehmend sind wir allerdings von seniler Demenz, und das heißt: Handlungsunfähigkeit, bedroht.

„Gedenke des Sabbattages, dass du ihn heilig haltest!“, das impliziert: Du darfst und sollst zu Zeiten auch einfach vegetieren! Auch das ist eine Voraussetzung für Weisheit.

Verantwortung und Moral gehören zu den Lebensbedingungen des Menschen als animal sociale. Der Einzelne muss sein persönliches Wohlbefinden darin finden, – wie auch immer konfliktiv das sein mag.

Vor vielen Übelständen sagt man sich brutal: „Da kann ich nicht dagegen machen; da ist nichts zu wollen. Also die Stimmung nicht verderben lassen und weggucken!“

Zweifellos gut tut nur bescheidene Mitmenschlichkeit im persönlichen Gegenüber. Daran muss man sich immer wieder orientieren.

Die Biosphäre ist vergänglich, alles Leben ist vergänglich, die Menschheit beschleunigt ihre Vergänglichkeit. Wir Menschen sind mit einander, mit Gruppen und mit der Menschheit, ja mit allen Lebewesen chaotisch teilidentifiziert. Wir arbeiten an einem integrierten, integrierenden, normalisierenden Begriff von Menschlichkeit. Als Arbeitstitel schlage ich vor: Schöpferische Bescheidenheit als Operationalisierung von kreatürlicher Demut.

Principiis obsta ist keine pädagogische und keine politische Null-Toleranz-Regel; Ovid hat es Mittel gegen Liebe empfohlen!

Erzwungene Normalität hat verstärkte Chaotik zur Folge.

Stimmungen, die Basis des Verhaltens, sind kurzlebige, aus Interaktion von inneren und äußeren, persönlichen und einfacheren Vorgängen emergente Strukturen.

Jeder will gut sein und lebt in dem Spannungfeld von Gut und Schlecht, das ihn jeweils bewegt.

Mitleid ist Verständnis.

Mor: Man ist sich einig: „Wir“ wollen ewig sein. Das ist der Maßstab der Moral.
Aber wer ist das „Wir“ konkret? – : Natürlich nicht die Summe all der sterblichen Einzelnen, sondern „die Welt“, die Ökosphäre, die Menschheit, soweit wir uns mit ihr identifizieren.

Mor: Auch wo man nicht meint, helfen zu sollen, kann und soll man solidarisches Empfinden spüren lassen.

Mor: Das Gute funktioniert das Böse um – und umgekehrt. Das ist der Lauf der Welt, immer wieder überwältigend. Einmal findet man ihn schrecklich; ist man besser bei Kräften, findet man ihn herrlich schön.
Die Geschichte ist noch nicht zu Ende; wir sind mit von der Partie und sollen Gutes tun, – wie dubios auch immer es sein mag.

Mor: Der normale Erwachsene* liebt natürlicherweise** das Leben, aber (aus nachrechenbaren Gründen) mehr als das eigene Leben das Leben der nächsten, der näheren und der ferneren Umwelt.
Wenn wir, der ererbten Natur gehorsam, im Sinne der Generationenfolge***, „für andere dasein“ wollen, stellen wir demütig auch unsere Zielvorstellungen zur Disposition und leben, besten Willens, wie das liebe Vieh, selbstverständlich beschränkt.
* Das normale Kind ist natürlich egoistischer.
** Entscheidend ist Vererbung im Generationswechsel! Vermehrung ausbremsen liegt auch im Interesse der Lebensqualität der Nachkommen und ist auch natürlich.
*** Dietrich Bonhoeffer hat es anders begründet.

Mor: Verantwortung gibt es nicht absolut, sondern nur in Beziehungen; „vor Gott“ heißt: in der jeweiligen Beziehung zu Gott.
Sorget nicht, was ihr antworten werdet; der Heilige Geist wird es euch in den Mund legen! (Mt 10, 19f.) – das ist das persönliche Wort!

Mor: „Was soll ich?“ – : Nächst- und Naheliegendes!
Wirklich „gute“ Werke dienen einem innerweltlichen Zweck. So „verdienen“ nicht, sondern vergegenwärtigen sie das Ewige.

Mor: Welche Konsequenzen wären zu ziehen aus dem (seit einem halben Jahrhundert sich ausbreitenden) Gefühl, es gebe zu viele Menschen? Dass das Leben selbst auch lebensfeindlich ist, wird in dem Maße zunehmend tabuiert, wie die entsprechenden Möglichkeiten menschlichen Handelns gravierender geworden sind. So sehen wir tatenlos zu, wie der demographische Druck und die Bedrohung wachsen.

Bescheidenheit

Das deutsche Wort Demut (Gesinnung eines Dienenden, der sich kein eigenes letztes Urteil anmaßt) kommt aus der Missionssprache, ist also von Haus aus ein religiöses Wort.

Als Tugend verselbständigte Bescheidenheit ist ein Selbstwiderspruch und wird schnell komisch. Hans von Campenhausen hat die Ursprünge des christlichen Humors im Mönchtum vermutet.

Im Biedermeier wurde die staatlich erzwungene Bescheidenheit erfolgreich und unbe­scheiden: normativ normal. Dann aber wurde durch den Fortschritt, konkret: den Kapi­talismus, die biedermeierliche ideologische Immobilität allmählich marginalisiert.

Wille ist Allmachtswunsch mal Bescheidenheit.

Diverses

Bildung durch Lesen geschieht nur als Gespräch mit dem Text.

Der „Einzelne“ ist ein abstraktes Modell. Der wirkliche Mensch ist nur körperlich gut abgrenzbar. Im Übrigen ist er die Überschneidungsmenge unüberblickbar vieler Zusammenhänge.

Das „Ich“ ist eine höchst nützliche, temporäre Vereinfachung. Es ist ein teils festerer, teils lockerer Verbund von Systemen.

In Selbstgesprächen versucht man, sich zu stabilisieren.

Dem traditionellen Kollektivismus tritt seit der Renaissance gegenüber der rational kreative Individualismus. More geometrico zu denken, bedarf es keines Kollektivs.

Gewiss, „Vernunft sei überall zugegen, wo Leben sich des Lebens freut“*; in diesem Rahmen aber versucht man, auch kleinen Kindern Freude am Leben zu machen. Man macht ihnen so gut man kann, eine trügerisch verheißungsvolle Welt; man hat selbst Freude daran, ihre Naivität zu pflegen.
Das bildet freilich einen zwiespältigen Hintergrund für die spätere Lebenserfahrung: Im Vergleich zu der Freude der Kinder ist das folgende Leben enttäuschend. Doch sie haben erlebt, dass die Welt erfreulich sein kann; und die Hoffnung, dass sie wieder so werde, erwacht immer wieder.
* Goethe, Vermächtnis.

In der Verarbeitung von Enttäuschungen können Menschen reifen. Reife Freude gibt es wohl nur auf einem Hintergrund von Traurigkeit. Äpfel können reifen – oder faulen, bevor sie reif wurden. Wir auch.

Vor-sich-hin-Reden ist Kontaktpflege mit dem generalized other (G. H. Mead), ein Entgegenkommen, Aufgreifen der zugesprochenen Symbolik.

Die Eigengesetzlichkeit der Dinge verlangt oft rücksichtslos Rücksichtslosigkeit von uns, augenblickliche Anpassung statt Aneignung des Erlebten durch Besinnung.

Nach der Schöpfungsgeschichte hat Gott den Menschen nach seinem Bilde gemacht. Meine verstorbene Frau war für mich eine lebendige Gottesskizze.
Sie wirkt lebendig weiter durch alle, die sie beeindruckt hat, auch durch mich.

Wir sollen alle Ungereimte vor Gott bringen.
In der Einheit Gottes allein kann unser Leben (nicht nur: dies und jenes) einen Sinn haben. Und diesen können wir ahnen und nachbuchstabieren, aber nicht demonstrieren.

Jeder Mensch ist sich und seinen Mitmenschen ein unergründliches Rätsel. Es lohnt sich aber, immer wieder einmal zu versuchen, ihn gründlicher zu verstehen.

Der vom Unglück selbst Betroffene konzentriert sich auf seine Reaktion; das ist die natürliche Entlastung.
Der Zeuge bleibt dem belastenden Eindruck des Unglücks ausgesetzt.

Schmerz ist eine Zerreißprobe zwischen Lebenswillen und Todeswunsch.

Jeder steht, wo kein anderer steht; jeder sieht etwas, was kein anderer sieht. Das adelt auch den Elendesten.

Warum wird in allen Kulturen um den Tod so viel Wesens gemacht? Sterben ist banal. Aber das Leben vorher und hinterher tut nur banal: Der Todesfall macht darauf aufmerksam, wie stark und fein und vielfältig wir mit einander verwachsen sind.
Unsere Beziehungen sind doppelbödig: auf lange Strecken können wir sie für banal halten; aber plötzlich wird ein gemeinsames Wissen um das Unsägliche wach, das uns verbindet und auf einander lauschen lässt. Unsere Kommunikation leidet an unserer Symbolschwäche.

Weltschmerz* als ein Grundgefühl ist wohl einfach menschlich. Man kann ihn mit Humor überspielen und sensibel findig transformieren in gute Werke.
* Dieses Wort verdanken wir Jean Paul.

Gott will uns
langfristig: blind,
mittelfristig: bescheiden,
kurzfristig: selbstsicher,
gegenwärtig: selbstverständlich.

Im Kampf ums Dasein braucht man kohärente Strategien und, als deren Basis, eine kohärente Symbolik, Existenzsymbolik, Identität.

Jedes Individuum ist ein – mit vielen Bedürfnissen und Abhängigkeiten vielfach in seine Umwelt verwobenes – Beziehungszentrum, Element von vielen Mengen. Das führt zu inneren Koordinationsproblemen.

Der Mensch ist nur ungefähr eine Ganzheit. Er beherbergt (individuell und kollektiv!) ein Mikrobiom von Ideen und fluktuierenden Ansichten.

Die Menschen sind besonders vielfältig begabt; schon deshalb kann jeder nur einen Teil seiner Begabungen entwickeln. Die allermeisten Menschen aber müssen ein weit darüber hinaus verstümmelndes Leben führen.

Gute Stimmung: spielerisch, ein Bisschen aggressiv, persönlich ansprechend. Finalität ist eingebettet in das milde Chaos wohlwollender Mitmenschlichkeit.

Frömmigkeit vereinzelt: Jesus schickt zum Beten ins stille Kämmerlein; Kant sprach von der Scham, betend gesehen zu werden; der fromme Kierkegaard thematisierte den Einzelnen. In der Frömmigkeit steht jeder als Einzelner vor Gott. Es geht um unsere (je eigene) Ratlosigkeit.
Scham vereinzelt. (Toilettentüren sind von innen abschließbar, weil man hier profund Unangenehmes von sich gibt.)

Behinderungen werden lebenslang, wie selbstverständlich, leidlich kompensiert.
Im Mitleid verzichtet man teilnehmend auf die eigene Kompensation.

Wo ist Freude, an der ich teilhaben kann?

Ich will und soll (nicht nur additiv, sondern konstruktiv) mitbestimmen und „Ja“ sagen können – Wahrnehmen, Bedenken und Mitmachen.

Was kann ich wollen? – : Vor allem: vom Körpergefühl her nächstliegende, kleine Schritte ohne große Perspektiven. Manchmal bleibt es dabei.
Auch die großen Schritte sind zuerst klein, abstrakte und einfache Vorhaben; sie werden konkret groß erst wenn aufgegliedert in kleine Schritte.

Ind: Gemeinsame Hoffnung ist lebenswichtig; und Bekenntnisse zum eigensten, dem irrend hoffenden Menschsein sind nötig.

Ind: Häuslich geborgen, setzt das Kind aus seinen Erlebniswelten allmählich das Dasein zusammen.
Vielleicht trainiert die modern fragmentierte Häuslichkeit schon die Kinder für die moderne Chaotik des Daseins.
Im Alter craqueliert das Dasein und zerfällt wieder.

Ind: In unserer überkomplizierten Welt erleben wir allerorts noch heute gewalttätige Polarisierungen. Der frustrierte Mensch möchte etwas haben, wo er einfach dagegen kämpfen darf.

Ind: Ich schreibe viel vom „Wir“; damit ist konkret gemeint: Ich als Exemplar einer Menge.

Ind: Man bewegt nicht viel, aber man kann mit wenig Bewegung viel steuern.

Gesellschaft

Kultur

Wahrheit kann man nicht immer verlangen; aber wenigstens eine ehrbare Kultur des Schwindels.

Die Frage nach dem Sinn seines Lebens stellt sich jedem Menschen immer wieder neu. Kultur-Erlebnisse erweitern, indem sie in Ruhe nachschwingen, den Raum, in welchem wir, neu in Frage gestellt, bereichert zu uns kommen können. Bildung verlangt, um uns zukunftsfähiger machen zu können, σχολή/schola/Muße; sonst wird sie, ihres Sinns beraubt, zur Ware entfremdet.
Das Bildungsbürgertum hatte Muße für Kultur (diese Muße war allerdings von barbarischer Gewalt getragen und geschützt*).
Inzwischen ist die klare gesellschaftliche Schichtung weltweit stark in Bewegung geraten (allerdings hat die Ungleichverteilung nicht abgenommen). Die Aufstiegschancen der bislang Unterprivilegierten aber bedeuten für die Privilegierten erhöhten Konkurrenzdruck. Das moderne Bürgertum kann deshalb nur noch Kultur-Pflichten als gesellschaftlichen Verpflichtungen nacheilen. Diese kulturelle Kurzatmigkeit ist zwar Folge eines sozialen Fortschritts. Die neue Barbarei aber ist gefährlich**.
Allerdings hat das europäische Bildungsbürgertum den Weg über den Ersten Weltkrieg in die europäische Katastrophe wohl mit zu verantworten.
Welche Bildung die Zukunftsfähigkeit des Menschen verbessert, ist eine so entmutigende Frage, dass sie kaum thematisiert wird. Ich vermute die Antwort in Richtung Bescheidenheit und Demut.
* Das klassische Athen war eine Kolonialmacht!
** Hier ist auch an das Burn-out-Syndrom zu erinnern.

Es gibt eine Erweiterung des Spielraums der Selbstverwirklichung, der Identifikation ins Andere hinein, Erweiterung der Kultur: von Selbsterhaltung über Nachwuchs, den eigenen Kulturkreis, zu Menschheit, Lebenserhaltung, Ökosphäre.

Die Natur ist verschwenderisch. Das Leben kompensiert seine Sterblichkeit durch Expansion, übermäßige Vermehrung sowie Suche und Besiedlung neuer Lebensräume. Leben ist ständig gefährdet und braucht Spielräume zur Vorbereitung von Alternativen.
Kultur (Kunst, Religion und Forschung) ist ernstes Spiel überschüssigen Potentials mit Alternativen. Hier ist für das Leben viel zu gewinnen und viel zu verlieren.

Nach modernem Rechtsverständnis ist das Gesetz (im Unterschied zu einem Befehl in einem Computerprogramm) nur ein Richtwert, human zu interpretieren „im Sinne“ des Gesetzgebers. Hier waltet nicht Willkür, sondern die Rechtskultur.

Die Menschheit hat, nach der vulgarisierten Aufklärung, den Glauben an sich selbst in mehreren Phasen wieder gründlich verloren.
Heute äußert sich dies aufrüttelnd im Zusammenbruch des globalen „Kredit“-systems.

Persönliche Identität ist im heute gewöhnlichen Wechsel so vieler sozialer Identitäten, schwach und vielfältig. Anpassungsfähigkeit, Teamfähigkeit und Präsenz sind die entscheidenden Charakteristika moderner Identität. Jeder hat eine Menge von personal identity numbers (PINs). Man klagt längst nicht mehr darüber, irgendwo „nur eine Nummer“ zu sein; es ist die moderne Existenzform. „Die Gesellschaft“ ist heute weder Nation noch Schicht oder dergleichen, sondern die hyperkomplexe Globalgesellschaft.

Grüppchen von Arbeitslosen am Bahnhof mit Bierflaschen in den Händen, betreiben gegenseitige Stützung des Selbstwertgefühls. Sokrates auf dem Markt regte zum Philosophieren an.
Das wäre ein Konzept für Arbeitslosen-Seelsorge! Street work könnte, für otium cum dignitate, mündlich brauchbaren symbolischen Input geben, wie Sokrates: gute Fragen stellen. Angesichts solcher, wieder moderner Probleme wie erzwungenen Müßiggangs, brauchen wir alle (auch die Arbeitenden) Weisheit bzw. Philosophie („Liebe zur Weisheit“).

Für persönliche Entscheidungen braucht man ein möglichst kohärentes Selbstverständnis. Selbstverständnis ist auch Selbstverortung. Der natürliche subjektive Lebensraum des Menschen hat hyperordinale* Distanzen.
Heute aber ist der subjektive Lebensraum nur noch ein Teil des chaotischen virtuellen Lebensraums, in welchem man kaum noch verlässlich zu verorten ist. (Die hohe Mobilität zerreißt Familien. Überhaupt verliert die Biographie an Bedeutung.) Das Individuum ist den Zufällen des Augenblicks hilfloser ausgeliefert.
Jeder weiß und empfindet das; und auf dieser chaotischen Basis entsteht eine neuartige, sozial unstrukturierte Solidarität der Kreatürlichkeit, – die sich langsam auf Ausländer und Fremdrassige, ja auch auf die Tiere (neuerdings auch auf die Fische) ausweitet.
* Es gibt da keine Metrik, aber strukturierende Distanzen, von denen man eine als größer als andere empfindet.

Die Wikipedia beweist: Intelligenz hat etwas mit mitmenschlicher Solidarität („Fernstenliebe“*) zu tun. Die weltweiten Bildungsanstrengungen sind zwar vornehmlich ausbildungsorientiert, haben aber, über die wirtschaftlichen hinaus, höchst erfreuliche kulturelle Nebeneffekte.
* Nietzsche.

Kult: Das Ja zum Generationswechsel bedeutet Resignation der Zielstrebigkeit. Erziehung schafft doch nicht einfach Kopien, sondern neue Generationen, die die überlieferten Ideale und Ziele unvorhersehbar umarbeiten. Der Erzieher muss selbst lebenslang zulernen.

Kult: Der Sinn des individuellen Lebens ist Fortpflanzung.
Schreiben dient der geistigen Fortpflanzung; redigieren ist so etwas wie Kindererziehung.

Kultur: Zur guten Erziehung gehören Halbwahrheiten, aber nicht so viel, wie die Erzieher meinen.

Kultur: Man lebt heutzutage länger; der Tod gehört nicht mehr wie früher zum Alltag.

Kultur: Schreiben bleibt der persönlichen Wahrheit leichter treu als Reden. Es führt nicht so schnell in Dispute. Ausgereift, kann es zu fruchtbarem Disput und zu Verständigung führen.

Kult: Für kollektive Verständigung und Kooperation unerlässlich, werden die Sachen immer genauer („digital“) definiert. Die Gesellschaft und unsere Welt wächst – und zerfällt. Die Fülle der neu erfundenen Entitäten verlangt ein Heer von Spezialisten, die nachvollziehen können und aktuell etwas verstehen von dem, was die andern, bitte schön, nicht verstehen.
Früher, in der gottgeschaffenen Welt, galt es als normal, dass der Mensch wenig versteht. Heute, in der menschengemachten Welt, ist Verstehen verpflichtende Norm – obwohl jeder weiß, dass jeder eigentlich beunruhigend wenig versteht.

Kult: Die Technik globalisiert die Menschheit und die Globalisierung chaotisiert sie. Sie relativiert Traditionen und Kulturen und schafft eine unberechenbare Normenunsicherheit. Die neue gewalttätige restaurative Religiosität ist eine natürliche Reaktion.

Kult: Die natürliche Zusammenhänge des bedingten und ungefähren, symbolischen Verstehens der näheren Umwelt werden durch Modellbildung – schöpferisch intellektualisierend, analytisch, im Interesse begrifflich kontrollierbarer Machbarkeit – zerstört. Man lebt ziemlich verloren in einem Chaos von schnell realisierten und schnell veraltenden Modellen.

Kult: Das Sprechen ist heute beschleunigt. Weder die bäuerische Wortkargheit noch die höflich ausartikulierende Hochsprache entsprechen den heutigen Erfordernissen. In der vielfach fragmentierten Globalgesellschaft kommt es meist auf aktuelle, kleine Informationspakete in einem dynamischen, aber jeweils eng stereotypierten Bezugsrahmen an.

Was die frommen Pilgerväter in Nordamerika, die Siegermächte in Versailles nach dem Ersten Weltkrieg in Deutschland und im nahen Osten, und was die Amerikaner nach dem Zweiten Weltkrieg im mittleren Osten angerichtet haben, hatte ich, unter der deutschen Schuldlast, nie wissen wollen. Erst jetzt merke ich, dass das schöne Bild vom christlichen Abendland als (trotz mancher Schmutzfleckchen) weltweitem Vorbild, das wir uns gemacht und bewahrt haben, ein großer Selbstbetrug ist.
Man ist vielfältig sozial verflochten, zuhöchst in die Globalgesellschaft. Schon als Stimmbürger ist man verpflichtet, sich ein Urteil zu bilden; aber die Welt ist zu kompliziert, und es gibt zu viele plausible, jedoch einander widersprechende Vereinfachungen.
Im Grunde ist jeder so dumm dran, wie früher der arme Bauer. Man wird belogen und übervorteilt; und bewußt oder unbewußt lügt man selber. Letzte Weisheit der Menschen war dieselbe wie heute: Demut. (Wir müssen sie neu entdecken.)

Recht

Recht: Eine Gesellschaft ist durch ihr Recht strukturiert und zusammengehalten. Rechtsordnungen sind naturwüchsig und doch sehr zufällig, wie Sprachen. Wichtig ist ihre gesellschaftliche Anerkennung und (gegebenenfalls gewalttätige) Verbindlichkeit. Ursprünglich bestand das geltende Recht in sehr einfachen Formulierungen und wurde mit abschreckender Brutalität durchgesetzt. Rechtsunsicherheiten sind für die gesamte Gesellschaft so belastend, dass für Sicherheit konsensual Unmenschlichkeiten in Kauf genommen werden.

Recht: In archaischen Gesellschaften ist der Initiand schuldig, in bestimmter Weise verletzt (auch beschnitten oder halb kastriert) zu werden; die Narbe ist dann das Stammeszugehörigkeitszeichen. Bei den alten Spartanern verlangte das Initiationsritual vom Jüngling einen Diebstahl!
Niemand ist als Rechtssubjekt ausdefiniert. Jede Rechtsgemeinschaft muss sich mit dem Ungefähr ihrer Symbolik begnügen und die (immer dubiose) Privatsphäre des Einzelnen respektieren.
Das trägt heute bei zu den ungeheuren strittigen Problemen der in jeder Hinsicht maßlos gewordenen Finanzwelt. Purismus könnte dieses Chaos nur perfektionieren*; der Umgang mit diesen neuen Problemen verlangt von unseren ungeübten Augen Augenmaß. Da ist „guter Rat teuer“!
* Summum ius summa iniuria ist wahrer denn je.

Staat: Demokratie ist ein Ideal; „das Volk“ im Singular ist eine wolkige Idee. Real ist da eine durch strukturelle Gewalt zusammengehaltene Menge. Demokratie ist bestenfalls Binnengewalt-Minimierung.

Da es sich bei der sozialen Ordnung, genau besehen, nicht um einen Zustand, sondern um einen Prozess handelt, bedarf es, neben den Gesetzen, der Rechtsprechung. Diese hält das stabile Ungefähr der angewandten Symbolik durch Auseinandersetzung mit aktuellen Fällen lebendig.

Staat, Recht

Die Wirtschaft sorgt mehr für die Reichen. (Das Geld vermehrt sich ordentlicher Weise, d.h. abgesehen von den Zusammenbrüchen und Umverteilungen, exponentiell.)
Der Staat sorgt, auch im Auftrag der Reichen, für alle, also mehr für die Armen.

Die Wirtschaftselite macht gegen die Staatsmacht geltend, die öffentliche Verwaltung (die die politischen Entscheidungen durchzuführen hat) sei aufgebläht, untüchtig und ökonomisch eine Belastung. Damit wird die übliche retentive Haltung gegenüber den staatlichen Zumutungen gerechtfertigt.
Aktivität ist in der Tat hauptsächlich Sache der Privatwirtschaft. Die Aufgabe der Verwaltung ist zügelnde Koordination im Sinne nachhaltigen gesellschaftlichen Friedens. Der Staat muss, analog zum Zentralnervensystem, hauptsächlich inhibitorisch arbeiten. Es geht um einen zwangsläufig spannungsvollen Ausgleich. Deshalb ist die landläufige Staatskritik ihrerseits kritisch genauer zu betrachten.

„Das Volk wünscht“ Widersprüchliches, – wie auch jeder Einzelne. Eine Regierung aber hat für ihr Volk viel weniger Integrationsmöglichkeiten als der Einzelne für seine eigene Person. Politische Spannungen sind deshalb normal – und politischer Unfug ist deshalb noch sehr viel wahrscheinlicher als privater.

Bürgergemeinde und Kultgemeinde tendieren dazu, identisch zu bleiben oder zu werden.
Bei Eroberungen und Fremdherrschaft führt das natürlich zu Spannungen – so für Juden und Christen im römischen Reich. Paulus konstruierte für dieses Problem (im Brief an die christliche Gemeinde in Rom, Kap. 13) den Gottesauftrag an die politische Obrigkeit, unter Androhung von Gewalt für Recht zu sorgen. Wie in der alttestamentlichen Schöpfungsgeschichte Sonne und Mond (sonst göttlich verehrt) als Beleuchtungskörper, wurde damit die (sonst numinose) politische Macht säkularisiert.
Wo das Christentum selbst politisch die Macht übernahm, entstand wieder ein Staatskult.
Unsere moderne westliche säkularisierte Staatauffassung ist ein rares Kulturgut und keineswegs natürlich!

Staatliche Geheimdienste sind nicht nur technisch bedingt geheim, sondern auch deshalb, weil sie zwar im öffentlichen Interesse, aber jenseits der öffentlichen Rechtskultur arbeiten*. In staatlichen Geheimdiensten konzentriert sich die sittliche Problematik des Staates.
* Da wird gefoltert und erpresst. Amerika hat gegen Mussolini die Mafia gefördert und in Afganistan die Taliban gegen die Russen unterstützt.

Politische Probleme sind mit der Globalisierung immer komplexer geworden, und die Entscheidungen setzen immer mehr Information voraus.
Der Normalbürger hat nicht genügend Zeit übrig, ständig sich so gründlich zu informieren und zu überlegen, wie es für eine verantwortliche politische Entscheidung nötig ist. Das Volk diskutiert, lückenhaft informiert, herkömmlich öffentlich in den Medien; und es äußert seine Meinung zwischen den Wahlen und Abstimmungen in allerlei Umfragen und, immer aktuell, in der elektronischen Kommunikation. Das Meinungsbild flimmert entsprechend. Das ist keine zureichende Basis für Politik. Es bedarf einer bevollmächtigten Regierung. Diese soll, nach Verfassung (im Sinne des Volkes, aber persönlich verantwortlich) entscheiden und handeln nach den formellen Beschlüssen der Volksvertretung. Um ihr für die nähere Zukunft die Entscheidung von immer neuen Fragen anvertrauen zu können, muss das Volk wissen, wie sie den Volkswillen als volonté générale* versteht; es bedarf eines Regierungsprogramms.
Der Bürger bleibt Souverän. Aber auch in Zeiten der absoluten Monarchie war es unverantwortlich, wenn der Minister einfach tat, was am besten zur Stimmung der Majestät** passte! Die Exekutive muss die Stimmung des Souveräns im Auge behalten; aber es wäre Volksbetrug, wenn sie ihre Entscheidungen allein daran orientierte.
Frau Merkel bleibt beliebt, weil sie auch in hochkomplexen aktuellen Fragen mit ihren Entscheidungen nahe an der Volksstimmung bleibt. Aber nur in Situationen wohlbegründeter Ratlosigkeit ist dies die beste Option. Sonst droht es zu Situationen zu führen, wo die Demokratie an sich selbst verzweifelt.
* Rousseau, Contrat social.
** Ich denke an Lessings Emilia Galotti, I, 8.

Wirtschaft

Wirtschaft ist geldvermittelter Austausch. Wirtschaftswachstum bedeutet: mehr geldvermittelter Austausch; und das ist ja an sich noch nichts Erstrebenswertes!

Wirt: Weder Wachstum noch Sparen kann prioritäres Ziel sein. Entscheidend ist die Frage der nachhaltigen Entwicklung. Und diese ist natürlich auch für verschiedene Zeithorizonte und verschiedene Wirtschaftszonen verschieden, und zunächst kontrovers, zu beantworten. Das muss aber explizit öffentlich diskutiert werden.

Wirt: Der Volkszorn richtet sich – dummer-, aber natürlicherweise – besonders gegen die aktuellen Machthaber. Diese schieben deshalb, gedeckt durch schnelle Erleichterungen, die längst nötig gewordenen, beschwerlichen Maßnahmen hinaus.

Wirt: Die Südeuropäer sind hauptsächlich von ihrer eigenen Oberschicht bestohlen. Im Bevölkerungsdurchschnitt sind sie reicher als wir; aber das private Kapital ist dort besonders asozial verteilt. Sie sollten nicht uns, sondern ihre eigenen Kapitalisten zur Kasse bitten! Warum wird das nicht laut gesagt?

Wirt: Wer Schulden hat, muss Konsumverzicht leisten. Eine überschuldete Wirtschaft muss auch auf Produktionsmittel (also Arbeitsplätze!) verzichten, die (allerdings nur unter günstigen Marktbedingungen) aus der Patsche helfen könnten.

Krise: Der Markt ist gesättigt. Der Kunde ist König – und wird umschmeichelt und betrogen wie ein König. Aber er ist nicht nur vorsichtig, sondern misstrauisch. Er begehrt viel, aber mag nicht viel ausgeben. Geld zu haben, wäre die breiteste Absicherung.
Aber in der Angst vor der drohenden Geldentwertung kauft er jetzt (Mai 2013) wieder Aktien, – deren Wert doch auf dem (unsicheren) Marktwert der Produkte beruht. Der nächste Zusammenbruch (Marktübersättigung) bereitet sich vor.

Wirt: Korruptionsbekämpfung muss oben anfangen. „Der Fisch fängt am Kopf an zu stinken“.
Das geht aber nur, wenn der Volkszorn genügend breit und stark geworden ist; charismatische Revolutionsführung auf schmaler Basis wird leicht zu Diktatur.
Jetzt erst bahnt sich ein ernsthafter Kampf gegen die Steuerflucht an. (Meist haben die formell berufenen Akteure wohl selbst keine ganz saubere Weste.)

Wirt: Economy of scale in der Güterproduktion ist lokal begrenzte Rationalisierung, Kostenverlagerung (Externalisierung). Sie verlangt Transport und Verpackung, verbraucht Treibstoff und schafft Müll.
Billige Ware hat relativ hohe Transportkosten.
Lebensmittel verderben schnell. Das Verfallsdatum ist ein grober Schätzwert. Im Massenhandel muss viel Essbares mit Verlust weiterverkauft, verschenkt („Tafel“) oder weggeworfen werden.

Wirt: Die moderne Wirtschaft rationalisiert jeweils mit beschränktem Horizont und deshalb gemeingefährlich chaotisch.

Finanz: Sachwerte als Geldanlage müssen einen etwa voraussehbaren Wert auf einem möglichst breiten Markt haben und leicht verkäuflich sein, wie z. B. Edelmetalle, Kunstwerke, Immobilien, Grundstücke.

Gleichverteilung begünstigt Konsum, Ungleichverteilung begünstigt Investitionen.
Konsum ist naturnahes Verhalten von Massen verändert sich langsam; Investitionen sind Sache von weniger Akteuren, und entsprechend volatil. Entscheidend sind nicht Tatsachen, sondern Erwartungen (von Erwartungen ... usw.).

Die Umweltschäden durch Konsumerhöhung dank Gleichverteilung sind übersehbar. Sie wären durch begleitende breitere zeitgemäße Allgemeinbildung wohl in Grenzen zu halten.

Hier Arbeitslosigkeit, dort Arbeitsüberlastung – das bedeutet schmerzlich empfundene Einbuße an Lebensqualität auf beiden Seiten. Wodurch wird diese Spannung aufrecht erhalten?
Der Arbeitsmarkt ist ein höchst kompliziertes System! Es gibt auf der einen Seite sehr verschiedene „Arbeitsplätze“ (Stellen, wo Arbeit, dank effizienter Ausstattung, lohnt), auf der anderen Seite sehr verschiedene Arbeitsnehmer. Die Beweglichkeit eines komplizierten Marktes, also auch des Arbeitsmarktes, setzt, für die nötigen Tauschprozess-Ketten, Liquidität eines Tauschmittels voraus, das allgemeines Vertrauen genießt. Der Arbeitsmarkt kann heute infolge der allgemeinen Kredit-(Vertrauens)krise nicht funktionieren.
Ein hochentwickelter Markt braucht Glauben an sein Geld.

Der nicht (normalisierend) funktionierende, sondern chaotisch bewegte Markt ist gleichwohl immer noch das herrschende System, stärker als die Politik. Er funktioniert wie ein launischer, unbeliebter und übellauniger Herrscher; man nennt ihn schon Mister Market.

„Arbeitslosigkeit“ ist ein dummes Wort. Es geht um organisierte Arbeit an einer Arbeitsstelle, die die Wertschöpfung der Arbeit durch Maschinen und Organisation so vervielfacht, dass die Arbeit gut bezahlt werden kann. Mit „Arbeitslosigkeit“ ist gemeint: Multiplikatorlosigkeit für die Wertschöpfung der Arbeit.

Die Realwirtschaft leidet an Überschuldung, d.i. Vertrauensmissbrauch, an „Kreditmangel“, zu Deutsch: an einer Vertrauenskrise.

Die großen Investitionen in Arbeitswert-Multiplikatoren werden immer riskanter.

Konkurrenz macht den Konkurrenten Arbeit und schafft, auch ohne weiteren sozialen Nutzen, doch immerhin Arbeitsplätze.

Hier Arbeitslosigkeit, dort Arbeitsüberlastung – das bedeutet schmerzlich empfundene Einbuße an Lebensqualität auf beiden Seiten. Wodurch wird diese Spannung aufrecht erhalten?
Der Arbeitsmarkt ist ein höchst kompliziertes System! Es gibt auf der einen Seite sehr verschiedene „Arbeitsplätze“ (Stellen, wo Arbeit, dank effizienter Ausstattung, lohnt), auf der anderen Seite sehr verschiedene Arbeitsnehmer. Die Beweglichkeit eines komplizierten Marktes, also auch des Arbeitsmarktes, setzt, für die nötigen Tauschprozess-Ketten, Liquidität eines Tauschmittels voraus, das allgemeines Vertrauen genießt. Der Arbeitsmarkt kann heute infolge der allgemeinen Kredit-(Vertrauens)krise nicht funktionieren.

Ein hochentwickelter Markt braucht Glauben an sein Geld.

Der nicht (normalisierend) funktionierende, sondern chaotisch bewegte Markt ist gleichwohl immer noch das herrschende System, stärker als die Politik. Er funktioniert wie ein launischer, unbeliebter und übellauniger Herrscher; man nennt ihn schon Mister Market.

Das Finanzsystem beherrscht das Politiksystem. Der (politisch verantwortete) öffentliche Dienst wird heruntergefahren.

Je höher entwickelt eine Wirtschaft, desto größer ist die Gefahr, am Bedarf vorbei zu produzieren.

Wirtschaftliche Aktivität setzt Vertrauen zu Fremden voraus (Geschäftspartner, Währungshüter/Staat, Politik, Gesellschaft).

Dass Ackerland nun weltweit zu einem „Finanzprodukt“ geworden ist, offenbart das Misstrauen gegenüber der Chaotik von Sekundär- und Tertiär-Sektor der Wirtschaft (höheren Konstrukten der menschlichen Intelligenz). Diese neue Stufe der wirtschaftlichen Intelligenz, wo der Primärsektor zum Quartärsektor umfunktioniert und „entfremdet“* wird, jedoch verdient das höchste Misstrauen!
* Terminus des Propheten Karl Marx, – der nicht falscher prophezeit hat als andere Propheten.

Den Bourgeois geht es weltweit so gut, dass sie auf noch höheren Konsum weniger Wert legen. Daneben gibt es die Massen bedürftiger Menschen, die nicht bezahlen können, was sie brauchen.
Die Nachfrage schwächelt also; Arbeitslosigkeit nimmt zu, Investitionen versprechen wenig Gewinn. Die Reichen legen deshalb ihr Geld weniger in Produktionsmittel an als in Sachwerten (Land, Immobilien, Edelmetalle, Kunst) – bis die Preise hierfür so gestiegen sind, dass auch diese Sachen an Interesse verlieren.
Verluste bei den Sachwerten treffen immerhin eher die wenigen Leute, die das verschmerzen können; die Alternative, Inflation, hingegen trifft am härtesten die breite untere Mittelschicht – von den Sozialfällen zu schweigen.
Die neue Supermobilität des Geldes erhöht die Übermacht des finanziellen Reichtums.
Die verlogene Ideologie der Mächtigen von der sozialen Gerechtigkeit* (kraft deren die Unterprivilegierten ihr Elend ihrer eigenen Untüchtigkeit zuzuschreiben haben) schafft die Atmosphäre, in der ein Misstrauen aller gegen alle gedeiht. Das ist die Vertrauenskrise, in der, unter den heutigen (weitgehend durch salonfähigen white collar crime verursachten) Verteilungsproblemen, die Kooperation einknickt; die Kreditkrise, die die Wirtschaft lähmt.
* Früher fühlte man sich immerhin noch genötigt, für einen postmortalischen Ausgleich an die himmlische Gerechtigkeit zu verweisen.

Die effizienteren Produktionsverhältnisse haben die Veränderung unserer Lebensbedingungen beschleunigt.

Weil wir kurz- und mittelfristig noch genug Ressourcen ausbeuten können werden, hat der Konkurrenzkampf sich nicht so schnell verschärft, wie die Zahl der Konkurrenten sich vermehrt hat.

Da die Weltwirtschaft so anders gelaufen ist, als unsere zünftigen Ökonomen gedacht hatten, müssen die Laien sich selbst auf Wirtschaft verstehen.

Wirtschaftliches Wachstum als Mittel gegen Ungleichverteilungs-Spannungen ist ein kurzsichtiges Versprechen.

Ein konstanter Wachstumsfaktor bedeutet exponentielles Wachstum – und das führt zu Chaos.

Das monotone Insistieren der Politik auf „Wachstum“ ist gemeingefährlich!

Die weltweite Jugendarbeitslosigkeit, die natürliche Folge des technischen Fortschritts, manifestiert ein sozioökonomisches Problem, für das noch nicht einmal konzeptuell eine realisierbare Lösung in Sicht ist.
Die wackelige Weltwirtschaftsordnung bedroht die Weltfriedensordnung. Der Weberaufstand von 1844 brachte das neue Problem ins Rampenlicht. Es ist bis heute ungelöst – eine Zeitbombe.

Die alte pythagoreische Erzählung, die Schiller in der Bürgschaft in Gedichtform gebracht hat, stellt ein Wunder dar. Eine „Wundermär“ bewirkt hier ein Wunder.

Religionsgemeinschaften gestalten große Emotionen zu sozialen Ereignissen.
Weihnachtsmarkt auf dem Platz vor der Kirche rundet das Bild ab.

Fanatismus ist ein kulturgeschichtlicher Atavismus, im Kampf ums Dasein eine Symbolik, die kollektive todbereite Aggressivität bereitstellt.

Gott der Herr hat uns in Liebe verpflichtet, Mitschöpfer zu sein. Er hat uns jeden persönlich zu Statthalterschaft als Obrigkeit berufen. Wir sollen in Liebe schöpferisch entscheiden und handeln.

Die qualifizierende Rede von hier primitiven und dort Hoch-Kulturen wird in der heutigen Zivilisation problematisch, wo die hohe Technik neue Primitivitäten schafft. Es wären Qualitäten in den verschiedenen Dimensionen einer Kultur zu unterscheiden, die sich keineswegs parallel entwickeln.
Wir alle sind, jeder an seinem Ort ziemlich zielsicher, aktiv beteiligt an einem vieldimensionalen, schnellen, ziellosen Wandel, der in einen letalen Kulturkollaps führen könnte. (Hier ist an Karl Kraus, Das Ende der Menschheit, zu erinnern.)

Finanz

Dem Menschen sind die verschiedenartigen Teile seiner Welt (qualitativ und quantitativ verschieden) lieb und wert. Bei finanziellen Entscheidungen aber werden sie auf eine einzige Wert-Dimension projiziert. „Ein Königreich für ein Pferd!“ schreit der flüchtige König Richard III. bei Shakespeare; Geld hingegen ist eine quantifizierbare Menge von gleichartigen „Werten“. Es hat seinen konstitutiven Wert als eindimensionales allgemein anerkanntes schnödes „Zwischentauschmittel“ zwischen Lebens-Werten. Geld ist Macht, verbal und substantivisch: „Vermögen“. „Geld regiert die Welt“, Mammon ist ein (Gegen-)Gott.
Geld ist Symbolmacht; seine Bedeutung beruht auf praktisch allgemeinem Vertrauen. Dieses wird wesentlich gestützt durch staatliche Macht, die sich für soziale Ordnung und den Geldwert verbürgt. Das Vertrauen überbrückt reale (namentlich zeitliche) Distanzen, etwa wenn jemand einen Kredit aufnimmt. (Der Geldgeber vertraut darauf, dass der Empfänger mit Zinsen zurückzahlen wird.)
Vornehmlich in einem Klima optimistischen Glaubens der Menschheit an sich selbst, kann kollektives Vertrauen sukzessive aufgebaut, ja professionell in schwindelnde Höhen aufgetürmt werden.
Das aufgetürmte Vertrauen bricht aber plötzlich zusammen. Die Sub-Prime-Krise von 2007 endet wie der Turmbau zu Babel. Das Geld verliert seinen Wert.

Geld ist heute eine staatliche Schuldverschreibung.

Fehlinvestitionen von Geld/Vertrauen führen zu realen Verlusten.

Die Kehrseite hoher Kapitalakkumulation ist Massenarmut. Das führt zu Anlageproblemen, und das heißt: tendenziell zu mehr Fehlinvestitionen, Unsicherheit, Wertverlusten und damit Schwächung der Wirtschaftsleistung. Und dies führt zu einer gemeingefährlichen Verengung der Planungshorizonte der Entscheidungsträger; und damit gerät die Umwelt und die weitere Zukunft aus ihrem Blickfeld.

Geld, das man nicht (durch Kauf von Konsumwaren) verbraucht, kann man entweder (ohne Gewinn) aus dem Verkehr ziehen („horten“) oder damit Handel treiben, d.h. es (möglichst gewinnbringend) gebrauchsnah in Sachwerten (Rohmaterial oder Produktionsmittel) oder, realitätsferner, in „Finanzprodukte“ investieren.

Spezialisierung, flexible Arbeitsteilung und Tausch gehören zu den Erfolgsrezepten des Animal rationale, alias Homo sapiens.
Eigentum hat persönliche Bedeutung. Tausch von Gütern fordert Trennung von Eigentum und ist phylogenetisch eine beachtliche Leistung. Bei starker persönlicher Beziehung zum Eigentum ist die – uns wegen des überwältigenden Erfolgs selbstverständlich gewordene – Umrechnung des Werts eines Gutes in Geld ein seelischer Kraftakt. Hier überwältigt Zweckrationalität die Beseeltheit – also eine jüngere Seite der Menschlichkeit eine ältere.
Geld ist die Dimension des klassischen Tauschwerts. Es ist gleichgültig, welche Determinanten für ein bestimmtes Tauschgeschäft in die Preisbildung eingehen; ein vermuteter Durchschnitt von „Liebhaber“-werten, der Marktwert, spielt hier aber eine große Rolle. Der Markt abstrahiert von der menschlichen Bedeutung der Güter, die jeweils getauscht werden.
Jüngst hat Michael J. Sandel, What money can’t buy, 2012, den bedenklichen sozialen Wert von Geld anhand von Problembeispielen thematisiert.

Kooperation war und ist entscheidend für den Erfolg der menschlichen Gesellschaft.
Aber das Geld führt sich selbst ad absurdum: Verdinglichter Glaube. Da wird Vertrauen nicht mehr persönlich genossen, sondern wie ein Gegenstand benutzt und als Besitz missbraucht. Diesem Götzen (Eph 5, 5) soll man nicht vertrauen.

Eine soziale Leistung ist vieldimensional. Die Abbildung ihrer Kosten und ihres Nutzens auf eine Geldskala ist immer ein Gewaltstreich.

Man redet zwar so; aber Geld „arbeitet“ nicht! Anonymi leisten mit Geld (mehr oder weniger saubere) Arbeit; die soziale Kontrolle ist außer Kraft gesetzt. Anstand aber hält sich nicht ohne soziale Kontrolle.

Finanzkrisen sind Vertrauenszusammenbrüche. Für Kreditwürdigkeit müssen vielerlei Umstände so gestaltet sein, dass sie Zuversicht begründen.

Der Markt ist anonym; alles ist ihm eindimensional vergleichbar/gleichgültig; der Markt ist gegenüber Besonderheiten rücksichtslos. Und das wird auf die Länge teuer; denn den Menschen ist ihre Identität zentral wichtig! Gerade der Erfolg der Marktwirtschaft droht, in Katastrophen zu führen. Der politische Charismatiker ist die Alternative – ein identifikatorischer Wunschtraum! (Die römischen Kaiser ließen sich verkulten!) Markt und Politik müssen im Gleichgewicht bleiben! Aber Politik ist käuflich.

Gegenüber einem naiven Fortschrittsglauben hat Thomas Malthus auf das ökonomische Grundproblem der Armut aufmerksam gemacht: das exponentielle* Wachstum als Prinzip des Lebens**. In der folgenden Diskussion wurden die Verteilungsprobleme in den Vordergrund gestellt, die man mit sozialen und technischen Fortschritten meistern zu können hoffte.
Das moralische Problem der Armut wächst mit der Intransparenz***, also mit der Größe des Wirtschaftsraums.
* Es endet, unter den Bedingungen der Endlichkeit, als solches schließlich in einer chaotischen Phase, – die man gewiss modern-technisch hinausschieben kann.
** Malthus hat nur die Vermehrung, aber noch nicht das Wachstum des Anspruchsniveaus thematisiert.
*** Der Ring des Gyges hat zu allen Zeiten fasziniert.

Die sog. „Vermögensvernichtung“ ist Anspruchsvernichtung.

Man redet mit gutem Grund von "Vertrauenskapital". Auch finanzielles Kapital ist Vertrauenssache.

Diverses

Die Menschen sind wohl die kreativsten Lebewesen – innovativ bis an den Rand der kollektiven Selbstzerstörung. Sie stoßen in verschiedensten Richtungen ständig in Neuland vor, und jeder macht sich und anderen natürlich dabei oft Illusionen. Wohl kaum anderswo spielen Betrug und Selbstbetrug eine so große Rolle wie unter Menschen.

Es gibt viel aktiven unerkannten guten Willen – und entsprechende Undankbarkeit.

Die menschliche Gesellschaft ist ständig in unvorhersehbarem Wandel begriffen, zwar zäh, aber nicht stabil!
Breit konsensfähige Symbolik stabilisiert.

Hass kristallisiert in der menschlichen Gesellschaft an zufälligen Stellen aus. Der Mensch möchte auch Nein sagen – wie schwierig* das immer sein mag!
* Klaus Heinrich hat 1964 unter dem vielversprechenden Titel Versuch über die Schwierigkeit nein zu sagen ein enttäuschendes Buch herausgebracht.

Jeder ist idiosynkratisch mitgeprägt von bösen Vorerfahrungen. Besonders Außenstehende können das kaum durchschauen, finden dumm; und jeder muss – gewiss am besten: kooperativ – selbst für sich sorgen.
Man findet sich zwar oft mit den andern inkompatibel. Das Individuum braucht aber Solidargemeinschaft mit gegenseitiger Opferbereitschaft. (In dieser geht es entsprechend chaotisch zu.)

Je größer die Gesellschaft, desto abstrakter ist sie und desto wichtiger ist, für ihre Funktionieren, das Geld.

Für Untertanen ist es tröstlich, zu Elementen ihres eigenen Lebens Ähnlichkeiten in der Lebensgeschichte von Mächtigen zu finden.

Gleichverteilung ist wider die Natur. Sozialer Friede ist deshalb labil. Er beruht auf dem Willen zu einer (im Großen gemeinsamen und im Einzelnen ähnlichen) Symbolik, in der der unvermeidliche Streit zwischen Geiz und Neid förderlich ausgetragen werden kann. Nur wohlbegründete soziale Ungleichheit ist erträglich.

Friede ist immer spannungsvoll, labil, fluktuierend. Umsicht, Sensibilität, Aufmerksamkeit und Kreativität sind geboten.

Der vernünftige Mensch muss Ungleichverteilung als natürlich anerkennen. Aber jeder Konsens über ihre Realisierung ist labil in einer großen Streubreite.
Von der Friedensdividende profitieren alle. Deshalb werden Störenfriede mit Gewalt in Schach gehalten. Auch das kostet freilich Geld; und es lohnt sich, hier nicht allein Gewalt walten zu lassen.

Das Ende des Mittelalters, Renaissance und Reformation, war der Zerfall einer finsteren Ordnung. (Sebastian Franck war, wie Luther, sozial und politisch besorgt.)
Als Alternative zur herkömmlichen Ordnungsvorstellung (stabile Schöpfungsordnung, auch für die Sozialstruktur) gab es nur Apokalypse. Es galt nur, die gottgewollte Ordnung zu erkennen und einfach zu befolgen. Dieses gemeinsame, einfache Schema verpflichtet zu Intoleranz (mit wilder Chaotik).
Die heutige Toleranz ist orientierungslose, zähe, milde Chaotik.

Eine Gesellschaft ist bestenfalls ein mildes Chaos von Ordnungen.

Das marginale Problem des Drogenkonsums ist ein Indikator für zentrale Probleme der Gesellschaft.
Früher waren es wohl mehr verwöhnte Jugendliche, die in ihrer Anomie in die Drogen gerieten.
Heute leben wir in einem globalen Chaos von Ordnungsfragmenten. Die politische Willensbildung schwankt besorglich; es wird immer schwerer, sich über Ziele und Mittel ein Urteil zu bilden, die Globalgesellschaft lebt orientierungslos und peinlich verantwortungslos. Viele Jugendliche sehen sich mit der Zumutung verantwortlicher sozialer Partizipation überfordert und geraten in die Drogen und von dort manchmal in die Kriminalität.

Die Technik hat das Störpotenzial der Einzelnen so erhöht, dass die Rechtsordnung der Gesellschaft sich nur noch unzuverlässig sichern lässt. Die kürzlich noch so stolzen Demokratien „sehen etwas alt aus“; auch sie finden sich zu Lüge und Brutalitäten genötigt.

Das Volk ist nicht dumm, sondern es ist misstrauisch* gemacht worden. Es misstraut auch der eigenen und der kollektiven Urteilsfähigkeit.
Die deutsche Oberschicht misstraut der Regierung. Das Volk misstraut seiner Oberschicht.
Auf dieser Basis kann eine Regierung keine großen Projekte demokratisch durchfühen.
* Das Göttinger Institut für Demokratieforschung, redet (Januar 2013) von „Mißtrauensgesellschaft“.

Man unterstützt seine Lebensbejahung durch kollektive Autosuggestion.

Rousseau‘s volonté genérale konstruiert der politische Denker. Die volonté de tous ist ein (für die meisten erträglicher) Konsens, mit dem aber kaum jemand zufrieden ist.

Die einsame Masse * erscheint sich selbst als gierig, ein ungesundes, gefährdetes Kollektiv. Sie perfektioniert sich als einsame und als Masse. Wohin führt das?!
* Titel des Bestsellers von David Riesman u.a, 1950.

Man stilisiert sich heute weniger nach der Einkommensschicht als nach einer frei gewählten Bezugsgruppe.

Die kleinen sozietalen Einheiten sind kurzlebig und weniger fest als früher.

Faschismus und Bolschewismus sind Revolutionen gegen asoziale Herrschaftsverhältnisse.
Die Oberschicht hatte abstrakt im Horizont ihrer Standesethik gelebt, ohne die, in direkter Kommunikation sich anmeldenden, konkreten Ansinnen der Unterschicht ernstzunehmen.

Schon Plato hat sich über die damals marktgängige Rhetorik geärgert. Durch die Werbung wird die Sprache doppelt* zur Massenware. Das Individuum fühlt sich nicht mehr ernst genommen; und das korrumpiert die Gesellschaft.
* Geredet wird von Massenware; angesprochen wird der Massenmensch.

Herrschaft ist eine oft nützliche Vereinfachung der Interaktionsstruktur. Deshalb kann man sich auch mit Vorteil der Herrschaft der Eigengesetzlichkeit einer Maschine unterwerfen. Der Bauer bediente nicht den Dreschflegel, sondern bediente sich seiner. Heute bedient er die Dreschmaschine; er unterwirft sich ein Stück weit ihrer Herrschaft.

“Hier ist man nur eine Nummer“.
Wir leben in bedenklich vielen, bedenklich niedrigdimensionalen, unvermittelten Welten von Datenmassen.

Jeder ist ein Knoten in mehr als einem sozialen Beziehungsnetz.

Jedes Vereinfachungssystem hat seine Gemeinde. System und Gemeinde stabilisieren einander.

Noblesse oblige“ notierte ein Mann aus ältestem Adel*.
Das ist eine phylogenetisch plausible, moralische Tatsache, obwohl es dem vulgären Sozialdarwinismus widerspricht! Eine Spezies (oder Pseudospezies) profitiert davon, wenn die Führung dem Gruppeninteresse dient. Das ist der Grund dieser sozialen Verpflichtung.
Es ist auch psychologisch plausibel: Auch der sozial Privilegierte möchte einem befriedigenden Wir angehören.
Auch sozioökonomisch ist es plausibel. Machtgewinn stößt über kurz oder lang auf Ressourcen-Grenzen, Konkurrenz und soziale Probleme. Das hält zu Umsicht, Rücksicht und Verantwortung an.
Die heutige Beschleunigung der sozioökonomischen Veränderungen allerdings begünstigt notorisch die (dieser Maxime widersprechende) Heuschrecken-Strategie. Das ist bedrohlich für alle, und endlich auch für die Profitanten selbst. De Lévis hat la terreur erlebt, die über den französischen Adel hereinbrach! Gewiss, alle Gruppen und Schichten betreiben Selbstbestätigung; aber mit dem Adel (heute: dem Geldadel) verderben Schmeichler und Hofideologen effektiv die ganze Gesellschaft. (Die höchsten Machthaber sind noch am ehesten stärker am Gemeinwohl interessiert als am eigenen Aufstieg.)
* Pierre Marc Gaston Duc de Lévis, † 1830, der die Revolutionswirren (als Flüchtling in England) überstanden hatte, in seinen (1807/8 erstmals veröffentlichten) Maximes et réflexions sur différentes sujets de morale et de politique (in der Ausg. 1810: Nr. LXXI)

Demographie: Durch die Technik ist die Produktivität pro Arbeitskraft dermaßen erhöht, dass nicht mehr Arbeitskräftemangel*, sondern im Gegenteil die Arbeitslosigkeit besorglich geworden ist. Mit sozialer Altersvorsorge ist die Forderung nach mehr Fortpflanzung also nicht zu begründen. Im Gegenteil: Kleinere Lerngruppen wären für qualifizierende Ausbildung nötig!
Allerdings wird Bevölkerungsschrumpfung junge Migranten aus dem Ausland anziehen. (Wenn das gut gehen soll, darf es nicht zu schnell gehen.)
* Mangel wird beklagt an „qualifizierten“ Arbeitskräften! (Die unqualifizierten sind für die Arbeitslosigkeit qualifiziert.)

Ein öffentliches Wort ist aus guten Gründen in aller Regel kein offenes Wort. Das offene Wort ist immer ein Einzelfall; die Informationsflut, in der wir heute leben, unterwirft diesen aber, mit verschärfter Brutalität, den Gesetzen der Vereinfachung, konkret: der Statistik. Da kann ein Einzelfall keine angemessene Beachtung finden! Jeder Einzelfall kann tendenziös herausgepickt und, aus seinen Zusammenhängen herausgelöst, als für irgendetwas repräsentativ dargestellt werden.

Die maschinell simulierte Menschlichkeit, mit der man heute allenthalben konfrontiert ist, hat eine Kehreite: Sie gibt einem die Verlassenheit des Einzelnen in der Massengesellschaft zu spüren. Jeder ist heute Agent unmenschlicher Superstrukturen der Gesellschaft.

Die Immobilitätsontologie war eine nützliche Basis für gesellschaftlich stabilisierende Vereinfachungen.
Heute müssen wir unbefriedigend begründete zeitweilige Gesetze geben.
Gottes Verheißung liegt auf der Bescheidenheit.

Verfeinerte, differenziertere, komplexere Methoden des Kampfs ums Dasein haben sich durchgesetzt; rat race statt Gewalt, burn out statt Heldentod.

Oberschichtskinder haben genetisch und soziokulturell wahrscheinlich bessere Voraussetzungen für Schulerfolg und ein erfolgreiches Studium. In Notzeiten, wo die öffentlichen Kassen leer sind, mögen also Studiengebühren volkswirtschaftlich geboten sein.
Aber der Bedarf an akademisch gebildetem Nachwuchs ist erheblich höher, als dass er allein aus der Oberschicht gedeckt werden könnte. Die Wahrscheinlichkeit, dass ein Unterschichtskind qualifiziert ist für höhere Ausbildung, ist leicht unterdurchschnittlich, aber volkswirtschaftlich von beträchtlichem Interesse.

Venedig, Holland und jetzt auch Amerika sind heute Schulbeispiele für den Niedergang eines florierenden Staates infolge der zunehmenden sozialen Borniertheit seiner Oberschicht. Es scheint sich um eine natürliche Alterserscheinung einer Kultur zu handeln: Das exponentielle Wachstum der Ungleichverteilung führt zu Chaos und Umstrukturierung. Vorher gibt es prophetische Warnungen und einzelne Bekehrungen.

Man kann ein Ziel haben, das einen zu einem bestimmtem Handeln motiviert. Andere können dieses für unrealistisch oder anderes für dringlicher halten – und, mit ungefähr gleichem Recht, ein anderes Ziel ins Auge fassen. Der Horizont liegt für alle im Nebel.
Gleichwohl sind Hören und Mitdenken, und manchmal Mitsprache und Mitmachen geboten. Jeder muss Kreise finden, wo er, mit bescheidenem Selbstvertrauen, sich einbringen mag.

Glaube an die Menschenmenge, der man angehört, ist ein natürlicher Aberglaube.

„Sozialer Friede“ beruht auf einem Einverständnis über den Rahmen, in dem ungleiche Verteilung der menschlichen Lebensmöglichkeiten zumutbar ist.

Machtdifferenzen wachsen stochastisch chaotisch.

Die Wähler der amerikanischen Republikaner sind heute tendenziell gut Verdienende, ungebildete, sexualmoralisch und religiös Konservative, Wirtschaftsführer, Offiziere, Selbständige. Sie haben weltpolitisch eine besorgliche Hebelwirkung.

Es tut sich auch Gutes, immer wieder rührend und überraschend. Für den Nörgler beschämend; denn dem Guten Unrecht tun ist ärger als sich täuschen und selbst Unrecht leiden (Plato)!

Die Grundidee der Demokratie ist additiv, in der Gesellschaft aber sind Multiplikation und Potenzierung entscheidend.

Die Verlierer im Konkurrenzkampf sind nicht die Schlechtesten! Mehrheitlich sind sie die Rücksichtsvolleren, menschlich aufmerksamer und umsichtiger.
Flüchtlinge und Immigranten sind deshalb eine eher positive Selbstauswahl.

„Arbeitslosigkeit“ bezieht sich auf sozial definierte, bezahlte Arbeit. Solche Arbeit definiert den Marktwert eines Menschen. Arbeitslosigkeit bedeutet soziale Wertlosigkeit.
Das ist – besonders für junge Menschen, die noch nie in die Arbeitswelt integriert waren – eine schwere Kränkung. Und das kann für die Gesellschaft sehr teuer werden; asoziale Reaktionen mit ihren Folgen und Spätfolgen sind da ganz natürlich! Kreative, höchst qualifizierte Sozialarbeit ist hier von Nöten. Die Gesellschaft sollte sich diese beizeiten viel kosten lassen!
Ältere, in ihrer Selbstachtung stabilisierte Menschen können, mit echter Freiwilligkeit, die sog. „Arbeitslosigkeit“ eher ertragen.
Das weltweite Ausmaß des Problems ist allerdings entmutigend.

Die Vermehrung hauptsächlich der ärmeren Weltbevölkerung lässt weltweit Sozialexplosionen erwarten, die sich auch global organisieren.

Schuldfragen gehen von einem sozialen Ordnungsbedürfnis der Spezies aus. Jede Lebensgemeinschaft bedarf einer Ordnung, einer Symbolik, mit der sich jeder identifiziert. Störungen müssen identifiziert werden.

Immer wieder baut die Gesellschaft, wenn es ihr, trotz chaotischer Rahmenbedingungen, eine Weile gut gegangen ist, neues Vertrauen in „unsere“ Vernunft auf. Die 2007 begonnene Finanzkrise ist wieder ein Zusammenbruch naiven gesellschaftlichen Selbstvertrauens.

Mit der Entfernung wächst die Toleranz für Unrecht.

Wir dürfen uns nur mäßig auf einander verlassen. Maßgebend für das Vertrauen ist die – direkte, indirekte oder allzu unwahrscheinliche – Kooperationsmöglichkeit.

Auch in der Demokratie ist „der Souverän“ (das Volk) der ihm zugedachten Aufgabe nicht gewachsen.

Man kann sich mit einander täuschen und den Geist Gottes nach Kräften durch kollektive Selbstgefälligkeit ersetzen.

In der immer mobiler werdenden Welt mit ihren Migrationsströmen darf man einander immer weniger Vertrauen zumuten.
Besonders die Vertrauensinstitute, die „Credit“-Anstalten (Banken) missbrauchen das in sie gesetzte Vertrauen.

Die gesellschaftlichen Gewaltordnungen bilden ein vieldimensionales Kontinuum: von Maximalkonsens und Demokratie über failing und failed states bis zum organisierten Verbrechen.

Die Menschheit organisiert sich in sozialen Einheiten; diese dürfen, um des lieben Friedens willen, nicht zu groß und nicht zu heterogen sein. Zwischen den Einheiten gilt dann: „Good fences make good neighbours“.

Gewalt ist, frei nach Clausewitz, Fortsetzung der Kommunikation mit andern Mitteln.

Der Mensch will sein und will haben. Sein und Haben bilden ein Kontinuum*. Sein ist individueller; Haben ist sozialer bestimmt – es gibt (dimensional differenzierte) Teilhabe. Was man hat, darüber verfügt man. Was man ist, darüber verfügt man nicht. Man kann sich, oder auch sein Eigentum, zur Verfügung stellen. Jede Abgrenzung des Selbst ist nur ungefähr – und nur bedingt – befriedigend**.
Entsprechend leben wir zusammen in zwei Machtsystemen: Politik und Markt. Politik funktioniert wesentlich identifikatorisch; der Markt „entfremdet“ die Ware. Aber auch Politik und Markt bilden ein Kontinuum. Die Gewaltsysteme Militär und Polizei bilden den außen und den innen sichernden Rand unseres Zusammenlebens.
* Schon ihr verschiedener Gebrauch als Hilfsverben in den verschiedenen Sprachen verrät es.
** Manche Kinder heulen, wenn man ihnen zum ersten Mal die Fingernägel schneidet.

Für die optimale Größe von sozialen Systemen spielt Vertrauen eine entscheidende Rolle! Wenn das System zu groß wird, wird es undurchsichtig. (Es kann an zu vielen Stellen betrogen werden; man kann beim besten Willen nicht für alle Fälle und Fallkombinationen Kontrollen einbauen.) Man kann dem System nicht mehr trauen - die Funktionäre mögen noch so gutwillig sein.
"System" war in der frühen Nazi-Propaganda – und ist heute (2012) in Italien bei den Grillini – ein Schimpfwort. Analoges gilt weltweit für die Globalisierung – unser Schicksal.

Reklame ist moderner Bettel – zudringlich, ein sozialer Übelstand.

„Die Gesellschaft“ ist grau wie ein Dezemberhimmel. Man muss nicht erst zum Handeln, sondern schon zum differenzierten Wahrnehmen sich selbst mit einbringen!

Was ist in den Köpfen von Idealisten wie Usama bin Laden oder Beppo Grillo los? – : Pflicht zur Zerstörung einer als frevelhaft empfundenen Gesellschaftsordnung.

Die Öffentlichkeit ist überkomplex undurchsichtig geworden, der öffentliche Dienst überlastet. Ohne persönliche Beziehungen kommt man nicht durch.
In der hochmobilen Gesellschaft ist alles (unzuverlässig) funktional (d.h. faktisch: zufällig) in mehrstelligen Relationen definiert, nicht mehr durch Substanz und wenige Eigenschaften (einstellige Relationen).

Demogr: Überbevölkerung bemisst sich nach dem jeweiligen Stand der Agrartechnik – gegen Malthus. Auch die aber stößt jeweils und auch schlussendlich auf Rahmenbedingungen der Ressourcen – für Malthus!

Leben ist Kommunikation im Ungefähr. (Im Kampf um Lebensmöglichkeiten herrscht ein unberechenbares Ungefähr.) Die Urform von Kommunikation ist Spiel. Höheres tierisches Leben ist weitgehend Zusammenspiel. Hier sind stabile Symbolsysteme von Vorteil.
Spielend findet man zusammen. Menschliches Leben ist weitestgehend Zusammenspiel. Man spielt, man redet, man singt mit einander. Man spielt einfach zusammen, aber dann auch mit Spielzeug, – das seine Sachzwänge mit sich bringt. Im Spiel ergeben sich erfreuliche und unerfreuliche Wiederholungen und Regelmäßigkeiten und entwickeln sich Regeln, die das Spiel strukturieren und einfach fasslich und kommunikabel identifizieren. Aus dem Spiel wird Regelspiel. Die Regeln sind eine neue Art Spielzeug.
Plötzlich wird aus dem milden Chaos des heiteren Spiels Ernst*: Man streitet. Auch dafür entwickeln sich Regeln. Man erfindet sogar geregelte Kampfspiele, die in heiligem Ernst ausgetragen werden. Da gibt es Streit um Regeln. Das Regelwerk der menschlichen Gesellschaft ist noch weitgehend ernsthaft umstritten und also im Fluss. Meist bleibt der Spielcharakter der Kooperation erhalten. Aber das Kampfspiel kann entgleisen – bis hin zum totalen Krieg.
Unter den Sachzwängen des Kampfs ums Dasein wird die fundamentale Spielstruktur des Lebens vergessen.
Auch Theologie ist Spiel. Hier ist die religiöse Überlieferung das Spielzeug, das seine Sachzwänge und Freiheiten mit sich bringt.
* „Ernst“ ist etymologisch: Kampf!

Volk, Heimat, Vaterland, das sind bedeutungsschwere Einheiten. Damit war man noch vor hundert Jahren so identifiziert, dass man sein eigenes Leben und das seiner Söhne dafür opferte. Das ist bei uns vorbei. Mächtige neue Zusammenhänge verbinden uns zu neuen und neuartigen sozialen Einheiten.

Wie kann ich einem Bettler in die Augen gucken? Auch dies sind Gottes Augen!
Wenn jeder, der ihm so nahe kommt, auch nur so viel gäbe wie ich, wären wir zufrieden.

Kinder: Zusätzlich zu der Belastung der Elterngeneration durch die Kosten für die Großelterngeneration, belasten Kinder für die Dauer einer Generation. Dann aber zahlen sie. Und sie „zahlen“ auch unmittelbar zurück durch die (meist leicht zu erweckende) ansteckende Lebensfreude und Zuversicht.

Was dürfen die Alten (die ja schon vorausbezahlt haben) jetzt kosten? Ab wann nehmen sie mehr als sie geben? Sind Nehmen und Geben hier überhaupt auf eine und dieselbe Dimension sinnvoll abzubilden?

Die Alten werden zu schwach für vieles, was sie gern für sich selbst und andere tun möchten. Um damit fertig zu werden, muss der alte Mensch weise werden. Von fleischgewordener* Weisheit kann jeder etwas lernen, was er selbst zunehmend brauchen wird!
* Nicht: „wortgewordener“!

Der Steuerhinterzieher empfindet die Steuer nicht als Teil eines Gesellschaftsvertrags, dem er zugestimmt hätte, sondern als staatlichen Diebstahl, und wahrt seine Interessen auf diesem Niveau.
Die ungeheure (im April 2013 veröffentlichte) Entdeckung investigativer Journalisten von Steuerflucht zeigt, wie wenig die Reichen weltweit sich als citoyens verstehen. Da ist guter Rat teuer. Das animal rationale ist eben doch the naked ape.

Bereits in der Antike gab es Bedürfnislosigkeit als die soziale Institution der Philosophie. Man konnte das Mönchtum und sogar das Christentum so verstehen.

Die Weltgesellschaft ist ein failing state.

Institutionen sind Emergenzphänomene.

Aufsteilung macht Macht zerbrechlich.
Oligopole sind stabil. Daran hat man sich gewöhnt; man redet darüber nur noch im Fall von marktverzerrenden Kartellabsprachen.

Die Armen in den armen Ländern sind nicht als Wirtschaftssubjekte beachtlich, sondern als chaotisches, kriminelles und terroristisches Gefahrenpotenzial für die Wirtschaft.

Die Globalisierung verstärkt die Anonymisierung und Verantwortungslosigkeit.

Emergente Sozialstrukturen „versklaven“*, ehe wir sie verstehen, die älteren.
* Systemtheoretischer Begriff von Hermann Haken: Die Dynamik von Untersystemen wird durch Systemparameter bestimmt.

Eine Räuberbande entwertet oder verteufelt Konkurrenten.

Das Volk Israel, wie es die Bibel darstellt, war eine aus der Wüste ins Kulturland eingedrungene Räuberbande.
Jede soziale Einheit ist im Grunde eine Räuberbande. „Willst du nicht mein Bruder sein, so schlag ich dir den Schädel ein.“ Sie pflegt inneren Zusammenhalt gegebenenfalls mit Gewalt und schwankt nach außen jeweils zwischen schiedlich-friedlicher Kooperation und Konkurrenz; die Abgrenzung schwankt oft.
Der Begriff Kollektivschuld ist unmoralisch und juristisch unbefriedigend; aber als erste Annäherung für Schuldprobleme oft unentbehrlich. Er wäre zu kreatürlicher Demut auszuweiten.

Große soziokulturelle Bewegungen (z.B. IT) entwickeln Eigendynamik und haben Trägheitsfolgen. Sie bewegen sich aus Trägheit weiter; der Zauberlehrling ruft nach dem Hexenmeister!

Bei vieldimensionalen Zugehörigkeiten des Einzelnen verstricken sich Feindschaften in Realitätskomplikationen.
Attraktion ist wohl im Grunde stärker als Repulsion; im Grunde will man Gutes. Das führt zu symbolischer Kreativität.

Die soziale Vielfalt ist gewachsen.

Man wird von ehrbaren Fachleuten falsch beschieden oder versteht sie nicht ganz richtig. Winzig und bunt gedruckte, lange Texte, die notorisch niemand liest, schützen die kommerziellen Anbieter juristisch. Die Welt ändert sich so schnell, dass jeder nur noch unsicher bestimmte, kurzlebige Kompetenz aufbauen kann. Man kann sich praktisch auf nichts und niemanden mehr verlassen.
Das mindert die Belastbarkeit der Gesellschaft. Man lässt einander hängen; Unzuverlässigkeit war immer ein Ärgernis; unter den neuen sozioökonomischen Lebensbedingungen ist sie fast eine Überlebensbedingung. „Ein Mann ein Wort“ lohnt nicht mehr.

Wir leben von einem System mörderischen Raubbaus. Hegel wollte die Schönheit des Rechts retten durch die Idee, dass der Verbrecher seine Strafe als berechtigt anerkennen kann. So können wir nur unser unzureichendes Bestes tun und hoffen, dass unsere Opfer (spätere Generationen) nicht nur unsere, sondern, in Verbundenheit unserer Natur, auch ihre eigene, tragische Mitschuld anerkennen.

Ges: Identifikation mit einem Kollektiv bejaht eine abstrakte Gleichheit mit allen andern Individuen des Kollektivs in der Schicksals­ge­mein­schaft.

Ggw: Im römischen Reich gab es den Kaiserkult. Seit der neutestamentlichen Zeit ist die Anzahl der Menschen um Größenordnungen gewachsen, rasant beschleunigt in den letzten zweihundert Jahren, – eine Basis für die Emergenz von Superstrukturen. Wir (im „Westen“) verstehen Völker nicht mehr nach dem Modell von Individuen. Nicht mehr von Herrschern, sondern von Strukturen aller Art, sozialen und ideologischen, fühlen wir uns beherrscht. Man empfindet sich selbst weniger als Persönlichkeit denn als zufälliges Compositum aus Anteilen verschiedener Systeme.
Das Gottesverständnis ist im gleichen Sinne verändert. Die Vorstellung von so etwas wie einem Vater im Himmel ist nicht mehr die Basis des Glaubens. Man hat eine persönliche Beziehung zu Gott; aber das Gottesbild steht jetzt auf der Basis des Glaubens, der heute als grundlegend Urvertrauen verstanden wird. Dieses kann sich allerdings in den überlieferten, alten Vorstellungen wiedererkennen und in dieser transkulturellen Glaubensgemeinschaft Anregung und Belebung erfahren.

Ausblick

Chaotisch, aber mit wachsender Geschwindigkeit, strukturiert die Menschheit sich und ihre Umwelt um.

Die Weltbevölkerung ist zu einer ökologischen Gefahr erster Ordnung angewachsen. Abfallprobleme und Versorgungsprobleme, die nicht mehr einfach Verteilungsprobleme sind, zeichnen sich ab. Eine neue Art anthropogener Not droht über einen Großteil der Menschheit hereinzubrechen. Das wird die Verteilungsfragen aggressiv aufladen.

Ein Rückgang der Weltbevölkerung wird für eine friedliche Entwicklung spät kommen kommen.

Man soll mit beschränkter Orientierung zufrieden sein und weitere Ausblicke mit Skepsis ernst nehmen wie Poesie.

Im Zuge der Rationalisierung ging die Herrschaft von menschlichen Subjekten über auf „das Kapital“ und weiter auf die Informationstechnik (die neueren und neuesten Produkte der Evolution). Die Menschheit grast weiter wie das Vieh auf der Weide, um vom Kapital gemolken und geschlachtet zu werden. Die menschliche Gesellschaft ist zum Rohmaterial einer übermenschlich schnell arbeitenden automatisierten Intelligenz geworden. Der Fortschritt wächst mit wachsender Geschwindigkeit auf wachsende Zusammenbrüche zu.

Man misstraut heute der kollektiven Vernunft, auf die die Aufklärung ihre Hoffnung gesetzt hatte. Der Glaube an die Perfektibilität der Menschheit ist tot. Der sozialdarwinistische Fortschrittsglaube hält sich am Ehesten noch in der Borniertheit begüterter Kreise, wo man einander in dem Gefühl bestärkt, den neuen Wohlstand wohlverdient zu haben. Kollektiver Irrglaube aber ist instabil; er bricht schließlich als kollektive Heuchelei zusammen.

High speed -Handel setzt den klassisch normalisierenden Markt (der seitens der Marktteilnehmer Umsicht und Überblick voraussetzt) außer Funktion. Programmierte maschinelle Reaktionen auf Marktbewegungen sind standardisiert borniert, Elemente von hastigen Massenbewegungen ohne integrative Umsicht; als solche katastrophenträchtig.

Es gibt genug Lichtblicke, um doch, leicht verblendet, durch Täuschungen und Enttäuschungen gedemütigt, bescheiden weiterzumachen.

Wir verbessern nicht die Welt. Die Menschheit verschlechtert das Ökosystem, indem sie blindlings ihre Effizienz exponentiell und hyperbolisch steigert.

Die technische Entwicklung geht leichter als die sittliche. Deshalb ist die Gesamtentwicklung so bedrohlich chaotisch.

Wir Menschen sind uns stillschweigend einig: Wir sind zu viele! Aber wir können uns nicht einigen, wo reduziert werden soll.
Chinesen? Neger? Alte? Kinder? Arme? Asoziale? Perinatal Geschädigte? Chronisch Kranke? Lebensmüde? Die Fragen sind tabu.

Das ökologische Gebot der kollektiven Selbstbescheidung führt in ein Verteilungsproblem und stößt deshalb in großen Gesellschaften zu dem wohlbegründeten zwischenmenschlichen Misstrauen.
Die Unschärfe der Symbolik ist das Medium einerseits der spezifisch menschlichen Kreativität, anderseits des Betrugs. Und dieser ist eine evolutionär stabile Schmarotzerstrategie und kann den Wirtsorganismus, die Menschheit (wenn nicht gar alles Leben auf der Erde), auch zur Strecke bringen.

Die Anpassungsfähigkeit des homo sapiens ist enorm! Ziel der modernen Erziehung und Bildung sind immer weniger die (schnell veraltenden) Fertigkeiten und immer stärker die Anpassungsfähigkeit. Ständige Beschleunigung aber kann nicht lange gut gehen!

Die "einsame Masse" (David Riesman) perfektioniert sich als einsame und als Masse. Wohin führt das?!

Die zur Stabilisierung einer Gesellschaft nötigen Konzepte waren die längste Zeit sprachlich kommunikabel. Heute reicht die natürliche Sprache, auch angereichert mit Fachsprachen, längst nicht mehr zu Bewältigung der Komplikationen der Welt, die wir gestalten, aus. Diese Komplikationen fordern risikofreudige Oberflächlichkeit als Normalität. Das Risiko wird möglichst breit gestreut.

Wohlstandswachstum als Bremsfaktor der demografischen Explosion kann nicht ökologisch beruhigen!
Auch bescheidener Wohlstand einer Gesellschaft aber setzt Ausbildung und eine Flexibilität voraus, die in zeitgemäßer Allgemeinbildung wurzelt. Und diese könnte vielleicht die drohende demographisch-ökologische Katastrophe wenigstens mildern.

Der Schatz der phylogenetisch gesammelten Erfahrung wird scheinbar zunehmend entwertet durch die Erfolge des Fortschritts. Die Folge einer Folge von Erfolgen ist allerdings nicht immer ein Erfolg.

Die Menschheit hat die grandiose Aussicht, bald ein erdgeschichtliches Ereignis vom Rang einer Eiszeit gewesen zu sein.

Die mit der Finanzkrise ausgebrochene, allgemeine Vertrauenskrise hat ihre Gründe in den veränderten technischen Produktionsverhältnissen, die die Soziabilität des „nackten Affen“* vielleicht nun doch endgültig überfordern.
* Desmond Morris, 1967.

Spezialisierung der Arbeit war die längste Zeit ein sozio-ökonomisches Erfolgsrezept; der junge Mensch lernte, und der erwachsene übte vernünftiger- und normaler-weise seinen besonderen Beruf aus.
Auch hier aber scheint die Perfektionierung neue Probleme zu schaffen. Die zunehmende Spezialisierung wird als inhuman empfunden; bereits Marx träumte von einer endlichen Befreiung der Menschen aus ihrer Berufsrolle.
Heute lernt man, auch in seinem Beruf, nicht mehr aus. Die moderne Gesellschaft fordert aber, durch ihre rasenden Fortschritte, darüber hinaus von den Einzelnen lebenslanges Lernen verschiedenster Fertigkeiten. Die Individuen zerfallen in so viele Funktionen und sind dadurch in so viele Beziehungsnetze* verwoben, dass die Pflege individueller Beziehungen kaum noch möglich, ja kaum noch erlaubt ist. Jeder Einzelne ist ein Sonderfall und als Individuum sehr allein. Dies weiß man von einander, und auf dieser Basis entsteht eine ganz neue, gesichtslos mitmenschliche Solidarität.
* Man denke an die verschiedenen modernen Subkulturen und deren rasante Entwicklung von Spezialsprachen und Akronymen, mit denen man ständig konfrontiert ist.

Ich vermute, dass wir eine längere Periode der Vorherrschaft übertriebenen Selbstvertrauens des animal rationale hinter uns haben. Und ich vermute, dass dies nicht nur meine Vermutung ist.

Nur gemeinsam sind wir zukunftsfähig. Dafür brauchen wir eine gemeinsame Existenzsymbolik als Bezugsrahmen. Unbescheidenheit, insbesondere religiöse, gehört – bescheiden – bestraft!

Es kann nicht jeder jeden kennen; aber man sollte eine Menge Leute gut und möglichst lange kennen.
Eine Vorauswahl ergibt sich, weitgehend von selber, aus dem sozialen Kontext, in den man hineingeboren wird. Dann aber spielt der Zufall eine kaum berechenbare Rolle.
In der hochmobilen Gesellschaft wird die Dauerhaftigkeit der Beziehung ein zunehmendes Problem. Die Beziehungen werden zahlreicher und oberflächlicher. Betrug wird immer leichter und verlockender.
Der Einzelne wird zunehmend unsicher und generell misstrauisch, und er bekommt immer weniger Vertrauen geschenkt. Mechanische Kontrollen breiten sich aus. (Man denke nur an die allgegenwärtigen PINs!)
Das wirkt sich psychologisch und politisch aus. Populismus wird unverzichtbar. Und das destabilisiert die Sozialstruktur.

Die Erde ist zu vermenscht. Das bislang Zweckdienliche ist global zweckwidrig geworden.
Die Zukunftsunsicherheit erinnert an Jes 6, 13, die beiden Zusätze zu Jesajas Berufungsvision.

Die Ökosphäre (und darin die menschliche Kultur mit ihrem Selbstzerstörungspotenzial) ist ein empfindliches System. Die steigende Wichtigkeit der Meme, die Technikabhängigkeit, die wachsende Geschwindigkeit der Veränderungen und die neuartige Oberflächlichkeit kann kaum schnell genug körperlich-genetisch mitgetragen werden.

Die Zukunft gehört der Fähigkeit, sich zu bescheiden.

Der Mensch lebt immer länger – aber in immer kürzeren Zeithorizonten.

Die hochmobile, globale Massengesellschaft zerreißt soziale Einheiten. Der Einzelne braucht immer wieder schnell Ersatzgruppen. Und diese sind natürlich (im Unterschied zu traditionellen Gesellschaften) eher niedrigdimensional, also armselig.

Höheres Leben ist heterotroph/mörderisch und entsprechend bedrohlich.
Mit der Menschenmacht zunehmend, bedroht unsere intraspezifische Aggression alles Leben.

Schon immer gab es Weise und Macher. Der Macher sollte nicht voreilig handeln und der Weise nicht zu lange überlegen.
Mit der Evolution der Technik und der gewachsenen Macht des lebendigen, also expansionslustigen Menschen aber haben sich die Maßstäbe geändert.
Der soziale Machtkampf verlangt heute: Schneller muss man sein, und also rücksichtslos oberflächlicher.
Das führt zu immer schnellerem Wachstum – und zu immer größeren kollektiven Katastrophen (unter denen notorisch die Mächtigen am wenigsten leiden).
Jeder Einzelne weiß: Umsicht und Besinnung sind Überlebensbedingung für die Gesellschaft. Aber das Ganze ist mehr als die Summe seiner Teile; die Dummheit der Weltgesellschaft ist mächtiger als die Einsicht aller Einzelnen. Die Zeit der Alten, Erfahrenen und Weisen in entscheidenden Positionen ist vorbei, – und dies nicht nur, weil die Halbwertszeit des Wissens geschrumpft ist.

Die gesellschaftlich konstruierte Wirklichkeit* gab früher Sicherheit und organisierte den Einsatz der Kräfte.
Heute herrscht Unsicherheit. Man glaubt nicht mehr an die Fähigkeit der Menschheit, für ihr Glück zu sorgen. Man sieht sich angewiesen auf kleine Lichtblicke, individuelles Mitgefühl, Mitleid und Nachsicht – wie Kinder ohne Eltern in der Fremde.
* Buchtitel von Peter L. Berger und Thomas Luckmann, 1966.

Die neue Mobilität setzt die soziale Kontrolle weitgehend außer Kraft. Diese wird durch sture Technik ersetzt, – der man mit bestem Gewissen eine Nase dreht.

Der Einzelne müsste mehr verstehen, lernen und kohärentes Wissen erwerben können; stattdessen aber zerfledern heute seine Erfahrungen. Die von uns selbst gemachte Weltveränderung überholt uns.

Jes: Bei „Jesu Geburt“ denkt man gleich an die Passionsgeschichte, – aber nicht auf dem Weihnachtsmarkt.

Tr:Die Trauer ahnt den Trost jenseits des Verstehens, sie erinnert daran.

Das Ende des zweiten Jahrtausends n.Chr. verlief in Optimismus, das dritte beginnt in Pessimismus. Die Menschheit ist den selbstgeschaffenen, schnellen Veränderungen ihrer Lebensbedingungen nicht mehr gewachsen.
Die Ratlosigkeit erinnert an die kognitive Bescheidenheit alter Zeiten.

Im lauten, kritischen Stimmengewirr herrscht heute allgemeine Ratlosigkeit:
– Man fürchtet einerseits Bevölkerungsvermehrung und Anspruchsexplosion. Anderseits sorgt sich unsere Gesellschaft wegen weniger Nachwuchs und fördert und fordert im Zweifelsfall Lebensverlängerung.
– Man leidet unter Arbeitslosigkeit und fördert die Technik, die wirtschaftlich bislang sinnvolle Arbeitsplätze vernichtet.
– Die Technik entwickelt sich schneller als die Menschen, die zunehmend von ihr abhängig sind; sie zerreißt menschliche Verbindungen und Bindungen, die das Individuum braucht. Neue, artifizielle Sozialstrukturen entwickeln sich und schaffen eine vielfach fraktionierte Mitmenschlichkeit.

Die Zeiten des neuzeitlichen Fortschrittsglaubens sind vorüber. Die opinion leaders mögen noch vom eigenen Glück geblendet sein. Die Masse der postmodernen Menschheit lernt, unter dem Druck der Folgen des Fortschritts, wieder uraltmodische Bescheidenheit.

Pess: Mit der industriellen Revolution ist (gegen Ende des 18.Jahrhunderts) das „Anthropozän“ angebrochen. Unser Ökosystem ist nicht einmal mehr quasi-stabil. Die Entwicklung des menschlichen Geistes ist aus dem Gleichgewicht geraten, und die Menschheit erstickt in den Folgen ihrer Macht.
Hier wird wohl weder Demuts- noch Bescheidenheitspredigt systemrelevant werden. Es kann nur noch darum gehen, dass Einzelne sich bekehren und gedemütigt, aber versöhnt zu Ende leben.

Rel: Wer dazu steht, dass er nicht genug versteht, für den repräsentieren alle Zeiten die Ewigkeit; jede Zeit ist Gottes Offenbarung. Er muss nicht seine Hoffnung auf die Zukunft der Welt setzen, um zuversichtlich zu sein.

Pess: Zehn Milliarden Kreative – da kann kein Fachmann mehr mithalten! Die Geschichte wird wild chaotisch werden.

Rl: Im engen wie im weiteren und weitesten Horizont sieht man gefährliche Probleme auf die Menschheit zukommen.
Dazu aber weiß man (aus der Chaostheorie), dass wir mit völlig unvorhersehbaren, neuen Möglichkeiten rechnen müssen!

Pess: Eltern im Westen haben ungewöhnlich große Sorgen für die Zukunft ihrer Kinder und überfrachten diese mit Leistungsdruck.

?: Die Weltbevölkerung beträgt 2013 über 7 Milliarden.

Rl: Wir haben Probleme, die wir nicht genügend durchschauen, und müssen dennoch entscheiden. Wir suchen Orientierung in symbolischen Vorgaben, die wenigstens ungefähr richtig zu sein versprechen.
Bislang hat sich das bewährt. Aber mit der Macht der Menschen sind ihre Gefährlichkeit und ihre Gefährdung gewachsen.

Verlage wie New Society Publishers und Leute wie Richard Heinberg in Amerika oder Niko Paech in Deutschland versuchen, unsere Gesellschaft beim globalen und lokalen Raubbau, der vorzeitigen Verwüstung des Erdballs zu stören.
Um eine beschleunigte Folge von ökologischen, sozialen und politischen Katastrophen zu vermeiden, wäre aber eine so tiefgreifende, globale und schnelle Umorientierung nötig, wie sie von keiner Spezies zu erwarten ist – auch nicht von dem so siegesgewohnten animal rationale.
Es gab immer schon Heilspropheten und Unheilspropheten, hellsichtige und verrückte, und auch self destroying prophecy. Bisher hat der Mensch sie überlebt …
Das weise Jona-Büchlein ist ein Bußruf höherer Ordnung.

Form mal Materie ist Substanz, lehrte der Aristotelismus. Einstein sagte: Materie ist eine Form von Energie.
Unsere Wirtschaft sagt: Information mal Energie/Materie ist Produkt. Die Meme (Substanz gewordene Information) treiben heute Raubbau an den Energiedifferenzen, in deren Spannungsfeld Leben stattfindet.

Die Selbstvergiftung der Menschheit ist ein Naturprozeß.

Wir leben die Entropie, einen Naturprozess. Immer nur eine winzige Minderheit sucht, eine dieser Erkenntnis entsprechende, also verantwortbare Lebensform zu erfinden.
Desertec* wird der erste Schritt, die Wärme der tropischen Wüsten gleichmäßiger über die Erde zu verteilen.
* Projekt: Gewinnung von elektrischem Strom aus der Strahlungsenergie der Sonne in der tropischen Wüste und Export an (europäische) Konsumenten.

In dem Maße, wie die Menschheit ihre Welt beherrschen lernt, muss sie Selbstbeschränkung lernen. Sonst führt das Herrschaftswissen zur Selbstvergiftung der Menschheit.

Überangebote bestimmen unsere Welt. Wie lange noch?
Noch nie waren die Menschen so mächtig.
Immer wahrer wird: Ihr gefährlichster Feind sind sie selbst! „Die Hölle, das sind die anderen“ (Sarte), – die doch gar nicht so anders sind.
Wir jagen, beunruhigt, nach dem nächsten Glück und fahren sehenden Auges, aber zunehmend ratlos, zusammen in die nächste mittlere Katastrophe!

Das heute herrschende Lebensgefühl ähnelt dem der alten Apokalyptik, die eine Reihe von Katastrophen, danach allerdings ein Paradies (!), erwartete, – die auch das Christentum geprägt hat.

Als Bücher noch teuer waren, vertiefte man sich in einen Text.
Die „neuen Lesegewohnheiten“, flüchtiges Suchen (mit einfach bedienbaren Maschinen), sind Reaktion auf die Überforderung durch Überangebote.

Wenn Menschen denken: Es gibt zu viele Menschen, dann wird es gefährlich. Deshalb denken sie es selten – unabhängig davon, wie wahr es ist.

Allenthalben sympathische Regungen, Vorhaben, sogar Planungen! Aber gemeinsam trottelt man fatalistisch in die nächste mittlere Katastrophe. Einen Plan gibt es nicht, es gibt deren nur allzu viele; in der „neuen Unübersichtlichkeit“ (Habermas) natürlicherweise mehr überrollte Planung als rollende Planung.

Das Inertialsystem in gleichförmiger Bewegung ist eine von Materie und Gravitation abstrahierende Idee. Schon nur der träge, lineare, rein quantitative Fortschritt führt in der Realität zu qualitativen Umstrukturierungen, Emergenzen* und Überraschungen! Wo das Wachstum prozentual stetig ist (also zunimmt), wird die Prognose noch ungemütlicher.
* Wie die sog. Phasenübergänge in der Physik.

Das Weltende, die Endlichkeit der Biosphäre, ist ein uraltes Thema mit veränderlicher Handlungsrelevanz für verschiedene Individuen und soziale Gruppen. Es gehört heute zum Alltag. Die Weltgesellschaft reagiert mit vereinzelten photogenen Maßnahmen.

Die Arbeitslosigkeit gilt der Sozialpolitik als das Böse schlechthin. Mit „Arbeitslosigkeit“ gemeint ist der Mangel an solchen Arbeitsplätzen, die den Wert der Arbeit gewaltig* multiplizieren. Diese sind nötig, weil die heutige Menschenmenge ohne solche Effizienzsteigerung lebensbedrohlich unterversorgt wäre. Die Grenzkosten steigen; aber das – notorisch zunehmend zerbrechliche – Wachstum wird heute als moralische Pflicht empfunden. Das ist tragisch; denn der Zusammenbruch wird fürchterlich!
* Seit der Steinzeit hat der Mensch Werkzeug zur Effizienzsteigerung gebraucht und gemeinschaftlich produziert. Inzwischen sind unsere Fähigkeiten gewachsen!

Die Umweltbelastung durch die menschliche Produktion wendet sich zunehmend bedrohlich gegen die Menschen selbst.
Für die Kultur- und Bildungsarbeit aber ist das Material der Mensch selbst. Und dem Tatendurstigen sei laut gesagt, was im Stillen jeder weiß: Hier wäre sehr viel zu tun! Wachsen muss nicht die Produktion, sondern das Bescheidwissen über unsere Lebensbedingungen und die entsprechende Bescheidenheit!

In dem Maße, wie unsere Naturbeherrschung zunahm, ist uns die Menschheit immer wichtiger und die Natur immer unwichtiger geworden.
Jetzt drohen gewaltige Rückschläge. Man hat genug wirtschaftspolitische Erfahrung in Wachstums- und Vorwärtsstrategie, aber noch viel zu wenig in Rückzugsstrategie.

In der Finanzwelt kann „langfristig“ bedeuten: über 1, über 4, über 7 Jahre.
Der Begriff „Nachhaltige Entwicklung“ taucht 1713 in der deutschen Forstwirtschaft auf. Er ist seit 1952 auch ein Begriff der allgemeinen Wirtschaftspolitik, seit 1980 in einem Strategie-Papier des UNEP veröffentlicht.
Seither hat der Begriff sich als utopisch erwiesen; den Menschen ist doch „der Spatz in der Hand lieber als die Taube auf dem Dach“. „Kommt Zeit, kommt Rat“, sagt die Volksweisheit.
Wir sind viel interessierter an unseren nächsten Jahren als daran, ob es in zweihundert Jahren noch so etwas wie Menschen geben wird.
Die Zukunft ist so ungewiss, dass der Mensch allerdings für seine unmittelbare Zukunft sorgen muss; darüber hinaus aber kann er nur vorsichtig sein. Die fernere Zukunft behandelt man besser poetisch und mythologisch als planend; hier geht es um Gefühle und Ahnungen.

Jeder weiß es: Wir sägen an dem Ast, auf dem wir sitzen – nicht erst durch Sägen (das könnte man reduzieren), sondern schon durch unser irreduzibles Sitzen!

Plastik und Elektronik sind für jeden Einzelnen ein ganz billiger, großer Gewinn; und die Summe schlägt zu spät zu Buch, um das persönliche Kalkül zu ändern. So ersticken wir in Plastic- und Elektroschrott.
Analoges gilt für Rindfleisch, Geschirrspülmaschine und vieles andere.

Die Menschheit setzt sich aus Menschen zusammen, und die sind besonders kreative Lebewesen. So entwickelt sich die Menschheit chaotisch. Schon manche Apokalypse traf nicht ein; aber wieder einmal kommt Naherwartung endzeitlicher Katastrophen auf. Darf man auf den Jona-Effekt ( self destroying prophecy) hoffen?

Das löbliche Vorhaben angemessener Mülltrennung ist in aller Stille beerdigt; die Kommunen können das nötige Personal nicht bezahlen. Besonders effizient hinterziehen ausgerechnet die Reichen die nötigen Steuern und lassen es sich wohl sein – zu Lasten der kommenden Generationen.

Ausbl: Die entfesselte Kreativität des menschlichen Geistes erfindet heute Massen von massenhaft kopierbaren Machtmitteln, die die Verteilungskurve der Macht besorglich instabil aufsteilen.
Man kann sich fragen, ob die Ängstlichkeit traditionsgeleiteter* Barbarei die Gefahr nicht realistischer eingeschätzt hat als unsere außengeleitete*.
* Termini von David Riesman.

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