Thomas Bonhoeffer


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Vorwiegend religiöse Gedanken

Trauer

Weinen kann Zugang zur Neuen Schöpfung sein.

Man lebt und man stirbt in einer Materialisierung. Man lebt aber in unzähligen (auch anonymen) Abdrücken und Eindrücken fort. Die zentrale Materialisieung (die Quelle all dieser Eindrücke) zerfällt und hinterläßt Trauernde. Die Trauer aber öffnet die Augen und das Herz für die weitere Umwelt und macht für den eigenen Tod bereit; sie vertieft unsere Menschlichkeit. Mitgefühl und Mitteilen – das ist die Basis der Moral.

Im selben Jahr 1832 dichtet Mörike Verborgenheit: „Laß o Welt, o laß mich sein… Immerdar durch Tränen sehe ich der Sonne liebes Licht“ und Zum neuen Jahr, den Aufruf zum Jauchzen: „Wie heimlicherweise ein Engelein leise …“. Vom Seufzen und Schluchzen zum Jauchzen ist der Weg gar nicht so weit!

Jedem ist sein Körper die Urerfahrung von „Kosmos“, (wie auch immer gestörter) schöner Ordnung, deshalb ein Reduit für Rückzug in der Trauer.

Für das Subjekt, in seiner prekär vertrauten Welt, ist das zeitliche Ende eines vertrauten „Objekts“* auch ein persönliches Identitätsproblem.
* Mensch oder Ding.

In der Trauer kocht die Emotionalität über, weil dem Innenleben die Art Umwelt fehlt, an die es angepasst gewesen war.

Der Tod eines nahestehenden Menschen zerreißt dem Hinterbliebenen eine Welt selbstverständlicher, unscheinbarer gemeinsamer Kreativität. Er muss sich eine neue Welt finden.

Der Tod ernüchtert. Die Erwartungen, die der Verstorbene dem Leidtragenden symbolisierte, waren Trug! Er heult wie ein Kind.
Hoffnung aber muss nicht naiv sein. Sie müsste der totalen Unsicherheit menschlicher Erwartung sicher sein und kann deo volente in einer überlieferten Gottesvorstellung Halt und Kraft für einen schöpferischen Realismus finden, der die allzu selbstverständlichen Erwartungen umarbeitet.
Solche Erlebnisse verändern auch das Gottesbild.

Der Trauernde braucht eine Symbolik, die, behutsam umstrukturierend, neu orientiert.

Der Witwer braucht das Selbstvertrauen, die Hoffnungen der Verstorbenen in liebender Erinnerung verwandelt weitertragen zu können.

Der Witwer braucht – gegen die (für Menschen unnatürliche) Beliebigkeit, in der er sich verloren fühlt – persönliche Ansprache und Beanspruchung.

Durchbruch zu neuer Erkenntnis geht meist durch ein Scheitern mit Verzweiflung in der alten Ordnung. Also ist Verzweiflung keine Indikation zum Suizid!

Gott, nimm zu dir die Toten, die, als unsere Nächsten, zu ihren Lebzeiten dich für uns zu vertreten hatten!

Derealisierung nimmt gespenstisch wahr und wird gespenstisch wahrgenommen. Man spürt zwei Realitätsbeziehungen, eine sozial abgesicherte und eine idiosynkratische.

Trauer ist eine verallgemeinernde Reaktion auf Zerstörung, ein regressives Kreativitätsdefizit.
Trost interpretiert dies verheißungsvoll als so etwas wie „Regression im Dienste des Ich“ (Ernst Kris), eine Depression (acedia), ein Intermezzo, – wie es von vielen Künstlern und religiosi als Ausgangslage für neue Kreativität bezeugt ist. Diese kann dann auch andere neu beleben.

Durchs Traurige werde ich in Pflicht genommen zu Mitgefühl und bescheidener Kreativität.

Das Leben bagatellisiert den Tod und fährt, ungerührt wie ein Omnibus, die Hinterbliebenen weiter.

Gegen Depression hilft manchmal schon eine als exemplarisch beschlossene Tat und ihr Erfolg.

Trauer ist zuerst Sprachlosigkeit und Leiden, dann Weinen, Trostbedürfnis und Klage. Die spontane Artikulation der Klagen weist dem Trostbedürfnis, zunächst aussichtslos, die Suchrichtung.
Der Verzicht auf die alten Orientierungen und die (wesentlich irrationale) Suche im Chaos nach Neuorientierung brauchen sehr viel Zeit.

Man trauert um geliebte Menschen; Trauer ist unerwiderte Liebe, Liebeskummer. Trauer überlappt sich hirnneurologisch mit Schmerz (Naomi Eisenberger).

Die Wahrnehmung der Wirklichkeit als Zuwendung Gottes selbst (den der Verstorbene dem Trauernden repräsentiert hatte) tröstet.

Die Welt des Trauernden ist zerschlissen.

Was macht mich heulen? – : Alles Traurige, Weltschmerz.
Was stoppt das Heulen? – : Aufmerksamkeit, Interessefassen, Wissenwollen.

Wo er hinguckt, sieht der Trauernde, unterbrochen von kurzen Lichtblicken, herrschende oder drohende Gewalt, Not und Betrug. Das schwächt, und die Gesellschaft pathologisiert es. (Und so wäre die Bibel eine therapeutisch kontraindizierte Lektüre.)

Trauer und Freude können zugleich erlebt werden.

„Hinaus in die Ferne“ ist angesagt, wenn man sich im Gewohnten beengt fühlt.
In Trauer hingegen fühlt man sich, drinnen und draußen, eher in einem Vakuum.

Jedes Individuum ist lebenslang mehr oder minder an der Wirklichkeit interessiert. Todesfälle aber sind – wie natürlich auch immer – unergründliche Risse in unserem unergründlichen Dasein; und hier fangen wir an zu phantasieren und zu dichten. Das hat seine Richtigkeit, solange wir wissen, dass wir hier nicht wissen, sondern glauben.

Ein Mensch und seine Welt sind unersetzbar.

Wir können das leidende Sterbliche nicht einfach in Gott verschwinden lassen. Der auferstandene Jesus zeigt sich mit den Nägelmalen (Joh 20, 27).

Heulen ist Rückzug in die Gefühlserinnerung an die verlorene Einheit.

Wenn mich jemand heulen hörte und käme, mich zu trösten, wäre das kein Ersatz.
Er müsste zusammen mit mir ein Pamphlet gegen die Schöpfung schreiben – die Welt auskotzen. Dies wäre hier der Anfang der Neuen Schöpfung, der καινὴ κτίσις! Aber wer schreibt mit mir? – : Die fromme Tradition springt brüderlich ein!

Gott nimmt das Leiden der Kreatur in sich auf.

Ich habe keine stark anziehenden Ziele. Ich muss, auf nächstliegende Ziele zu, einfach weitermachen.

In der Trauer lebt man, in den Grundfesten erschüttert, mit bescheidenster Kreativität von der Hand in den Mund.

Die klassische Freude aufs Jenseits verdinglichte das Jenseits wahnhaft – nach Vorbildern aus „dieser unserer“ Welt.
Im Diesseits hat der Tod das letzte Wort, und wir trauern. Aber langsam wächst die Hoffnung (und eine Freude) aufs Ende der Beschränktheit, eine Hoffnung, die einen Abschied (konkret: Öffnung zum Jenseits) möglich macht durch tragfähige Phantasien (institutionalisiert als Religion und Kunst).

Mit gebrochenem, zu wenig selbstverständlichem Engagement empfindet man sein Leben als ein Gastspiel.

Gram und Trauer gehören zur Schöpfungsordnung; denn alles passt nur ungefähr zu einander. Man möchte die Dinge ein Bisschen besser zusammenzubringen. Traurig ist, wenn man nichts in diesem Sinne Gutes zu tun weiß.

Mitmenschliche Verluste verunsichern die Existenzsymbolik.

In der Trauer muss man auf den Schöpfer warten, der uns schöpferisch macht.

Trauer ist Umorientierung, Verunsicherung, Angst, Symbolschwäche, elementare Suchbewegung zwischen Imagination und Realität.
Weinen und Schreien sind die uralten Signale, die nach mütterlicher Hilfe rufen. Trauer ist demütigend.
Trauerarbeit ist aus der Demütigung erwachsende, bescheidene Kreativität, Anpassung, Aufräumungsarbeit, Reparatur und Umbau.

Christentum ist institutionalisierte Trauerarbeit.

Die ganze Welt ist dem Trauernden wie ein Reifen, der unversehens ein Loch bekommen hat. Als wäre der ganze Reifen porös, ist die Luft, der Sinn, entwichen.

Der Todesfall stößt den Hinterbliebenen auf das Unverständnis, in dem man mit einander „normal“ gelebt hat. Die Abgründigkeit der Schöpfung tut sich auf.

Wo ist der Tote? – : Er ist in unserer (wenig bewussten) Geschichte, in uns, in unserer persönlichen Welt, in Gottes Welt.
Wer war er? – : Wir haben immer gemeint, das zu wissen. Plötzlich enthüllt sich dieses Wissen als oberflächlich.

Ich versuche zu ordnen, aussichtslos.
Heulen, Regression, Bewußtseinstrübung,
Idee, Lichtblick!
Eine chaotisch quasiperiodische Trajektorie.

Trauer bei Verlust und Gewissensqual von Schuld desorientieren und demütigen uns. Man muss sein Selbstbild und sein Weltbild umarbeiten.

Erinnerung an ungenügende Teilnahme, das unwiederbringlich Verlorene. „Zerquetscht – nächste Nummer!“ Das heißt Leben!

Man ist im Stich gelassen vom Du.

In der Verlassenheit repräsentieren Tränen Geborgenheit.

Gegenstände wegzuwerfen, die Gelebtes zu erzählen haben, ist wie Mord – manchmal Gnadenschuss.

Traurigkeit ist Hilflosigkeit. Man muss sich zurückfallen lassen, sich in seiner eigenen Zerrissenheit und Trägheit beobachten und bescheiden einen Neuanfang probieren.

Lieber Gott, nimm sie auf zu Dir! Sonst zerfetzt mich die Erinnerung.

„Was ist das alles?!“, fragt der Trauernde und klagt: „Es ist alles allzu vieldeutige Andeutung.“

Der Balkan brennt – und ich weine über Jetts Wohnzimmer, ein innenarchitektonisches Kunstwerk, das ich nun zerstören muss.

Weinen ist zuerst Hilferuf des in-fans*, später Regression. Das Gebet beruht auf Weinen.
* Kleinkind, das noch nicht sprechen kann.

Calderon hat zur Sprache gebracht, wie man das Erdenleben als „großes Welttheater“ erlebt. Jeder spielt seine (gesellschaftlich zugewiesene) Rolle mit fragwürdiger Selbstverständlichkeit.

Starken (auch depressiven) Gefühlen entsprechen Größenphantasien.

Rückschläge hinterlassen ein weinerliches Gefühl von Schwäche. (In diesem Zustand ist auch Lachen möglich.) Ist man auf Null, dann ist mitmenschlicher Zuspruch eine Liebesgabe des Schöpfers. Er läd ein zu geduldiger Kreativität, schöpferischer Geduld.

Belastende, belastete und sterbende oder gestorbene Mitmenschen soll und kann man nicht einfach fallen lassen. Die Gesellschaft lässt zwar trotzdem Mitmenschen fallen, respektiert aber und delegiert das Halten institutionell an die offiziell so genannten Leidtragenden.

Trauer ist ein Gefühl von aussichtsloser Unangepasstheit. Die Heimat ist zerstört; die Welt hat sich verändert; die Anleitung zu aller Anpassung, die Liebe, hat ihr Objekt verloren.

„Die Welt ist nicht mehr so, wie ich zu wissen meinte.“ Der Verlust eines Menschen reißt ein Loch in meine Welt und in meine Anpassung. Ich fühle mich in der Fremde* und muss mich neu zurechtfinden – ohne die alten profunden Selbstverständlichkeiten.
* D. h.: „im Elend“, wie der alte deutsche Ausdruck sagt.

Im Wort „Elend“ steckt die Erkenntnis, dass der Mensch Heimat braucht; sonst ist er eben elend dran. So auch der Witwer allein in der Wohnung.

Tränen kommen aus einem Überschuss von Emotion über die äußeren Möglichkeiten, innere Bewegung in Aktivität umzusetzen. Die Frustration der Aktivität macht traurig. Man kippt ab und lässt sich in eine Passivität fallen.
Es gibt Situationen, wo man nichts machen kann. Das muss man dann und wann wieder neu lernen; und man kann es lernen. (Manchmal braucht man dazu mitmenschliche Hilfe.) Und dies ist ein Neuanfang, ein schöpferischer Vorgang.

Man weint die Enttäuschung hinaus und findet sich im eigenen Körper wieder.

Ein Todesfall verlangt Kreativität. Man phantasiert über das Jenseits, Fegfeuer, Hölle und Himmel. Man wendet sich an den Schöpfer.
Im defizienten Existenzmodus entdeckt man: Zuwendung zur realen Welt ist schöpferisch.

Nicht an gescheiterten Wunschphantasien von Geborgenheit festhängen, sondern entspannen, regredieren, eventuell weinen; neu ansetzen und übergehen zur allernächsten Wunschphantasie, die man nicht nur wünschen, sondern wollen kann!
„Geborgen“ sind wir in dem Geschöpf gewordenen, dreieinigen Schöpfer.

„Was soll ich? Was kann ich wollen?“, fragt der Traurige. „Das subjektiv Nächstliegende! Und dann, was dort sich nahelegt!“ (Das Nächstliegende hat kaum eine Perspektive, einen Erwartungshorizont, eine Wunschphantasie.)

Trauer ist Aussichtslosigkeit; die Hoffnung hat da keine verhaltensorientierende Vorstellungen.

Auch das Liebeswürdige muss, von der Umwelt ungenügend geliebt, sterben – aus Gottes Hand in Gottes Hand.

Auch das Liebeswürdige muss, von der Umwelt ungenügend geliebt, sterben – aus Gottes Hand in Gottes Hand.

Trauer ist ein unspezifisches Einknicken, eine Hilfsbedürftigkeit, die mitmenschliche Teilnahme auslöst; sogar Tiere bekommen es mit – und trösten.
Man soll lieber nicht einknicken, es belastet die andern; aber man darf. Man weiß den Auslöser; aber es geht um mehr, um „Weltschmerz“, wie die Romantik (Jean Paul) das benannte.

Der Witwer muss allein für sich aufpassen. Er muss alles neu aufmerksam angucken und verstehen. Man wird noch einmal jung und macht Entdeckungen. Das ist anstrengend und ermüdet.

Dem Trauernden fehlt die seelische Spannkraft, mit der man sich festhält an den wenigen nachhaltigen Siegen des Guten, die das (häufigere) Schlechte immer wieder aufwiegen.

Verlassenheit! Ein mitschöpferisches Geschöpf, ein beständiges, nachhaltiges Gut, ein Stück meiner Welt, meiner selbst, ist untergegangen. Trübe Aussichten; ich fühle mich der Zerstörung ausgesetzt.

In Dampfwolken bilden sich Schneeflocken. Zwischen Dampf und Kristall liegt ein chaotischer Grenzbereich (mit Tripelpunkt).
Im Nebel ratloser Trauer faszinieren den Desorientierten unverhofft Ausflockungen konkreter Interessen, die der Frustration eine Richtung geben und die Person reaktivieren.

Es gibt so grauenvoll viel bittere Not. (Jetzt lese ich in der Zeitung von den Massen chinesischen Landvolks, wo beide Eltern fern in der Stadt Geld verdienen und die Kinder bei den armen, alten, überforderten Großeltern zurückbleiben. Was werden das für Bürger werden?!)

Der ungeheuren Zerstörung und Lieblosigkeit steht die ungeheure liebevolle Kreativität gegenüber. In Gott selbst Gott, haben wir an beidem Teil – in Reue und Dankbarkeit.

„Auch ein Klaglied zu sein im Mund der Geliebten ist herrlich“ (Schiller), „Einzig das Lied überm Land heiligt und feiert“ (Rilke): Phantasien an der Grenze!

Wohlwollen möchte erkannt werden und als guter Wille weiterwirken. Aber viel guter Wille verunglückt unerkannt. Das ist traurig.

Trauer und Tränen gehören – wie schließlich das Sterben – zum menschlichen Leben. Man hängt immer noch eine Weile fest an den Leerstellen von Menschen und Dingen, mit denen man verwachsen war. Sie füllen sich mit Phantasien, die, von hier ausgehend, weiterführen sollen.

Phantasie der Trauer: Gott weint; er liegt vergessen in einem dämmrigen Verließ.
Ich erinnere mich an die Vision vom Jüngsten Gericht im Matthäusevangelium (dort das letzte Stück vor der Passionsgeschichte, Mt 24, 31-46*). Ich muss hingehen und – weinend mit ihm verschmelzen.
Er ist doch auch oft zu mir gekommen und hat mich besucht. Seine Teilnahme hat mir wohlgetan und mich gestärkt, mich wieder auf die Beine gebracht.
* Der „König“ (v. 34) ist dort allerdings nicht Gott, sondern „des Menschen Sohn“.

Die Trauer ist wie eine Kapelle, eine Gedenkstätte, wo das unwiederbringlich verlorene, unbedankte Gute geehrt wird. Die Klage symbolisiert es. In der Symbolik lebt es, nie ganz verstanden und nie ganz bewusst, mit uns fort. Es erweitert unser Dasein um eine Dimension von Menschlichkeit.

Ich gucke betrübt vor mich hin; ich sehe ein alltägliches Allerlei und sage: „Gott! So willst du jetzt für mich da sein, unergründlich, ansprechbar, beruhigend. Du lösest meine Trauer auf in deiner Gegenwart, der Vielfalt deiner Gaben. So kann ich hier, wo du mich hingestellt hast, in Verbundenheit mit deinen anderen Geschöpfen und – wie alle – doch auch vor dir allein leben.“

Ich weine im Gefühl, zu schwach zu sein zum Mitspielen.
Aber ich gucke interessiert und engagiert zu.

Die Erinnerung an das verlorene Gute und Schöne wird unter Tränen entlastend eingeschmolzen in das eigene Wesen: Durch allmähliche Stabilisierung wird die Liebesfähigkeit erweitert.

Chaos, Entropie und Ordnung

„Gesetz“ ist uns die (natürlich nie ergründete!) „Natur“ – inbegriffen die (auch widernatürliche) Natur der Menschen, die ja sich selbst immer wieder ein Rätsel sind.

Schuld → Tränen → Vergebung → Lachen → Spiel, in dem Fehler aufgefangen werden.

Nicht nur „der Kosmos“ ist eine Insel im Chaos der Wirklichkeit, wie wir sie uns denken; sondern er ist selbst ein Chaos von Ordnungen aller Größenordnungen.
Im Chaos keimt und zerfällt Ordnung und höhere Ordnung, die sich verbreitert und vermehrt, kooperiert und Hilfe herbeiruft.

Was wir als Chaos erleben, ist ein gottgeschaffenes Bild vom Schöpfer. Früher verstand man Gott als Gesetzgeber. Luther unterschied theologisch, mit allem Nachdruck, zwischen Gesetz und Evangelium.

Die lokale Steigerung von Ordnung erhöht die Chaotik ins Wilde.

Wir sind Inselchen von mehr Ordnung in Inseln von Ordnung im Chaos. Die Ordnungsstruktur ist: Zusammenspiel, ungefähr Zusammenpassen, einander stabilisieren.
Wir Lebewesen sind ungefähr ähnlich. Wir haben ungefähr ähnliche, voreingestellte Erwartungen, erhoffte und befürchtete, kooperative und konkurrierende.

Kinder hüpfen, spielen und tanzen auch im Chaos; Erwachsene räumen erst auf.
Ordnen beginnt mit Phantasiespiel. Ordnen ist ein Sich-Aneignen.

Wir leben in einem Chaos von κόσμοι.

„Ordnung“ ist keine Eigenschaft von Systemen. Ordnung ist eine vereinfachende Zuschreibung von seiten eines Beobachters, ein abstrakter Bezugsrahmen für Identifizierung von Elementen durch Verortung.

Ein Kosmos ist für unsern Verstand ein Ausschnitt aus dem Chaos. Wir sind Mikrokosmen im Chaos.

Die Welt ist ein Chaos von kleinen, unversehens stabilen Einheiten, minimalen raumzeitlichen „Wirkungsquanten“*, die immer wieder ungefähr soweit zusammenpassen, dass sie sich zu raumzeitlich beschränkten („ordentlichen“) Einheiten zusammenschließen, – die vielfach weitere Einheiten bilden können.
* Würde man sie nicht besser „minimale Wirklichkeitsquanten“ nennen?!

Bereits dreidimensionale Systeme können sich chaotisch entwickeln; höherdimensionale umso leichter.

Der altgriechische, klassisch gewordene Begriff κόσμος ist zu übersetzen als: schöne Ordnung, Schmuck.

Durch die Geburt von κόσμοι wird das Chaos als Chaos vollendet!

Für das Leben auf Erden ist Energie in Form von Wellen (also Schwingungen) konstanter Frequenzen, nämlich das Sonnenlicht (ein Bündel von Wellen) eine primäre Quelle von Ordnung.
Leben ist Ordnung, die nicht sehr stabil ist, aber sich dadurch erhält und vermehrt, dass sie sich von stabilen Koordinationen ernährt (sie frißt und abbaut) und (möglichst ordentlich) Unordnung (Entropie) produziert. (So schaufelt sich die mächtig gewordene Menschheit ihr eigenes Grab.)

Ordnung setzt eine Vielheit voraus; sie ist eine unwahrscheinliche Koordiniertheit in der Dynamik einer Vielheit.
Um bemerkt zu werden, muss Ordnung ein Minimum von Stabilität aufweisen (die wie bewegungsunfähige Statik aussehen kann).
Die Rede von Ordnung setzt bewegung-verstehende, variationen-phantasieren-könnende, vernünftige Subjekte voraus, die derzeit mit den gedachten und ansprochenen Objekten ein Gesamtsystem (eine koordinierte Vielheit) bilden.

Stabilisierung hängt von den Rahmenbedingungen des Stabilitätsbereichs ab, und die sind chaotisch.

Schönheit

Kunst vermenschlicht Dinge. Sie macht einen Gegenstand (auch Geräusch, Geruch oder Gedanken) persönlich ansprechend.

Alle Dinge beschränken einander. Das kann schön sein. Die Schönheit liegt im einander Beschränken; das ist ihre Beschränktheit, ihre Tragik.
Das Beschränkte hat sein unermessliches Jenseits.

Aus dem Chaos ist κόσμος entstanden, im κόσμος dann prokreatives Leben.
Für den lebendigen Blick ist schön: κόσμος auf dem Hintergrund des Chaos – „des Schrecklichen Anfang“ (Rilke, Duineser Elegien).

„… Schicksal, welches den Menschen erhebt, indem es den Menschen zermalmt“ (Schiller, Zahme Xenien).

Schönheit bewältigt Hässlichkeit.

Zum Ereignis von Schönheit gehören Objekt und Subjekt!
Schönheit ist ein Erlebnis, Zeit, die uns, unterschieden, die Ewigkeit repräsentiert. Sie hat einen Anfang und ein Ende.

Leben

Das Leben ist befriedigend genug, dass die allermeisten Lebewesen doch weiterleben möchten.

Im Herbst bereiten die Pflanzen, wie selbstverständlich, ihr Überleben im großen Sterben vor.

Für wirkliche Lebensprobleme gibt es keine „sauberen Lösungen“.

Hoffnung treibt das Leben an, beseelt und belebt es.

Interesse ist eine vitale Funktion. Im Interesse sind Narzissmus und Libido, als Ich-Kräfte neutralisiert, mit einander verschmolzen.

Nach der lange wachsenden, großen Selbstüberschätzung des Menschen, fangen wir an, uns wieder mehr als einen Naturprozess zu verstehen.

Die Vögel und die Insekten fliegen eilig im Garten herum, gierig und ängstlich wie Menschen.

Leben, auch geistiges Leben, ist ein ständiges überraschungsvolles partikuläres* Rekombinieren**, Wachsen und Zerfallen.
Auch Kopien sind Rekombinationen: dieselbe Form mit anderer Materie.
Zu den Zerfallsprodukten gehören auch die Erinnerungen – die ihrerseits zerfallen: Man erinnert sich dann vielleicht noch, dass man sich erinnert hat.
* Die geistigen „Partikel“ hat R. Dawkins „Meme“ genannt.
** Es ist eine Menge von zeitlichen Sequenzen in einem Ereignisraum von unermesslich vielen Möglichkeiten und hohem „Freiheitsgrad“!

Lebewesen begehren zu expandieren.

Die vielerlei Erhaltungsbedingungen für das Leben empfindet der Mensch als „Schöpfungsordnung“; Selbsterhaltung, Arterhaltung und Pflege der Umwelt als Gottesgebote. Aber die Schöpfungsordnung ist nicht starr; sie wandelt sich.

Das Leben ist ein Kampf ums Mitspielen.
(Ein concerto ist ein Kampf, der schön gespielt werden soll. Der Dirigent ist dabei, was beim Fußball der Schiedsrichter, der dafür sorgen soll, dass nicht hässlich gespielt wird.)

Zwischen Fressen und Gefressen-werden ereignet sich doch auch Liebe und Mitgefühl.

Die Liebe zum Leben ist zwar fruchtbar, aber eher unglücklich.

Die (unüblichen) Glücksfälle sind prokreativ; sie genügen, gegen die (sterilen) üblichen Enttäuschungen an, zur Ermunterung und Ermutigung für die nötige Lebenslust zur Arterhaltung.

Die Fanatikerkriege zeigen, dass den Menschen zeitweise eine Einfachheit der Symbolik, in der man Identifikation erleben und Feindschaft mörderisch ausleben kann, lieber ist als die vielfältige Verflochtenheit Lebens.
Es geht sogar ohne Fanatismus! Ein Beispiel aus unserer eigenen Kulturtradition ist das schöne Lied aus dem Jahrhundert des dreissigjährigen Krieges: „Ich habe Lust, im weiten Feld zu streiten mit dem Feind wohl als ein tapfrer Kriegesheld, der‘s treu und redlich meint.“

Höheres Leben ist neugierig.

Nahziele repräsentieren Fernziele; und diese sind meist Illusionen, Hoffnungen, die bestenfalls ungefähr irgendwie verwirklicht werden.

Ich halte mich nicht für besonders dumm; und wenn ich an die Unzahl von Dummheiten denke, die ich meinem Leben gemacht habe, so wundert es mich nicht mehr, dass der Weltlauf so enttäuschend ist.

Man denkt und urteilt über sich selbst, über die Welt und Gott viel zu simpel. Es steht uns nur ein „Ungefähr“, ein vraisemblable zu. Für Probabilitäten fehlt uns die sichere Kenntnis der Rahmenbedingungen. Die Wirklichkeit ist chaotisch.
Man möchte nicht einfach sterben und auch nicht einfach weiterleben. Wir können weder sicher voraussehen, für wen, noch bilanzieren, ob unser Weiterleben eher gut oder schlecht ist.
Man stolpert zunehmend passiv, ziemlich planlos aufs Grab zu. Und das ziemt sich so; ultra posse nemo obligatur. Wir müssen es Gott überlassen, durch Natur und Gesellschaft unserem Leben, wie einst einen Anfang, so einst ein Ende zu setzen.

Ich bin ein Experiment, das bald abgebrochen wird.

Tod

Man erhofft erst Struktur und dann Zerfall – vgl.: „Bildung ist das, was übrig bleibt, wenn man alles vergessen hat, was man gelernt hat“ – „gebildeten Zerfall“; den Zeugen eine Ermutigung („ars moriendi“).

Man fürchtet die Angst, Verlassenheit, Schmerzen (Zerreißen der eigenen Identität, auch eine Form des Zerfalls!).

Der Tod ist Übertritt in eine neue Obhut. Für den Hinterbliebenen ist er ein brutales Abreissen realen Mitlebens; es wird nun nur noch symbolisch weitergeführt – meist behutsam begleitet von Mitgeschöpfen.

Einiges wird, muss, soll bald untergehen; das andere als abgerissener Fetzen noch etwas weiterleben.

Die öffentliche Verweigerung* des Rechts alter Menschen auf den Tod ist unverantwortlich. Es wäre höchstens durch Behebung des Pflegenotstandes auszuhebeln (an dem die öffentliche Diskussion aber systematisch vorbeiredet).
„O Herr, gib jedem seinen eignen Tod!“ (Rilke)
* Auf diese Weise treibt man den Preis des Gifts Pentobarbital, mit dem man durch Injektion sehr human Hunde einschläfert, und das man als Getränk bei Dignitas bekommt, in schwindelnde Höhen. Das ist, ungewollt, staatliche Subvention für Drogenhandel.

Die meisten Pflegebedürftigen haben nicht das Geld, die wünschenswerten Pflegedienste zu bezahlen. So werden denn Pflegekräfte aus armen Ländern angeworben, die bei uns zu Preisen arbeiten sollen, für die kaum ein Deutscher diese Arbeiten verrichten will. Von Lohndumping oder Ausbeutung redet niemand, weil niemand eine bessere Lösung für dieses Problem weiß.
Wie wohl aber ist den (mental, akustisch, und in der Artikulation behinderten) Alten damit getan, dass man sie pflegen lässt von Menschen, mit denen sie ein paar gemeinsame Vokabeln, aber keine gemeinsame Sprache haben?
Man will nicht noch mehr zahlen, sondern lässt lieber Menschen gegen ihren Willen* elend weiterleben und zugrunde gehen. Wir haben es hier mit dem Tabu-Thema Sterbehilfe zu tun.
Da wird schnell vom hippokratischen Eid geredet. Aber steckt, außer verantwortungsscheu-passiver Lieblosigkeit, vielleicht auch Lobbyismus der Pharmaindustrie dahinter? Geschäft mit Menschen, die sich nicht wehren können, gibt es nicht nur hier.
* Mancher würde lieber früher, aber menschlich begleitet, in den Tod gehen! (Auch aus der Sterbebegleitung kann ein Geschäft werden. Aber abusus non tollit usum.)

Zerfall wird gefürchtet wie ein äußerer Feind. Auch der phyiologische* wird als pathologisch erlebt.
* Der Tod des Individuums ist für die nachhaltige Entwicklung der Spezies, ähnlich wie für den einzelnen Organismus die Apoptose, unabdingbar.

Das Selbstverständnis als sterblich bleibt praxisferne Theorie, oder es wird erträglich gemacht durch die Idee vom unsterblichen Kern der Person. Geburt und Tod sind umstürzende Ereignisse mit einer neuen Reihe kaum vorhersehbarer Konsequenzen.

Die Menschheit tut nach ihrem eigenem Urteil viel Dummes und Böses. Das sind partielle Selbstzerstörungen der Gesellschaft, – die doch, unbeabsichtigt, bislang* dem Erhalt des Ganzen auch gedient haben. Es ist reizvoll, das Böse zu vergleichen mit der Apoptose im Einzelorganismus, obgleich diese geordnet und jenes chaotisch ist. (Goethe hatte wohl Ähnliches gedacht bei seiner Formulierung der Selbstvorstellung des Mephisto im Faust: „Ich bin eine Teil von jener Kraft, die stets das Böse will und stets das Gute schafft.“)
* Die ökologischen Nebeneffekte steigen bedenklich.

„Alles Vollendete fällt heim zu Uralten.“ (Rilke) Bescheidener: „Alles Beendete“. Aber wir können vielleicht untergehen mit der Phantasie von Auflösung der eigenen Person in der weiten Umwelt, die in Gott ist.

Bewusstlosigkeit kann schließlich eine Erlösung sein.
Wir können erwarten, physisch in einem schwarzen Loch zu verschwinden, und unsere Seele Gott befehlen.
Unsere „Seele“ – das ist das Ich, das, erstaunlich unabhängig von seiner physischen Basis kreativ, sich selbst nicht versteht, aber von Anfang an schon ein hinreichend verständnisvolles „Du“ hatte, dem es entstammt.

Eigentlich wünscht man sich ja für das Gute Ewigkeit; aber konkret man denkt dabei an Nach­haltigkeit – und zwar recht kurzfristig; denn die Wahrscheinlichkeit von Prognosen nimmt auf die Länge ab.
Aber der individuelle Tod sowohl wie das Ende der Menschheit sind sicher – und unberechenbare Katastrophen dazwischen ebenfalls. Das aber sind für den Alltag zu schreckliche Themen; sie haben ihren Ort im Theater und in der Kirche.

Religion

Allgemein

Religiöse Symbolik ist Kultur. Sie spricht uns menschlich an wie Kunst. Auch sie leitet uns an zu Objektivierung von Subjektivem – „in Gedanken, Worten und Werken“.
Sie ist trügerisch wie alle Kultur.

Wegen der Vieldeutigkeit ihrer Symbolik ist Religion geeignet, Massen emotional zu einen.

Konflikte um staatliche und religionsgemeinschaftliche Loyalität sowie zwischen diesen können immer aufbrechen. Trotzdem sollten staatlich loyale Religionsgemeinschaften Lehrstühle an den staatlichen Fakultäten bekommen.

In seiner siebenten Epode sieht Horaz den Bürgerkrieg zwischen Pompeius und Octvian als Folge einer römischen Erbsünde: Romulus erschlug seine Bruder Remus (wie Kain den Abel)Kult: In der modernen, unkalkulierbar kalkulierenden Welt hält man sich natürlich, möglichst unverbindlich, alle Optionen offen. Zuverlässigkeit wird immer rarer.

Monotheismus, eine radikale Vereinfachung, zündet leichter als wolkiger Glaube und tendiert zu (oft gewaltsamen) Vereinfachungen der Gesellschaft (monarchischen Strukturen, Staatsreligion). Monotheistisch gestärkt, kann man leichter an Irritierendem vorbei leben.
Geist, spirit, νοῦς, πνεῦμα, רוּחַ sind pervasiv. Im Geist schwingt man sich auf die Gottestradition ein. Es „zündet“ nur selten; Wahrheit und Liebe gehören zusammen (1Kor 13,6; Eph 4, 15).

Vorstellungen des Kinderglaubens gehören, auch noch bei Erwachsenen, zum affektiven Extremistan.

Von Kindheit an, ist uns Vieles auf den Lebensweg mitgegeben. Später gilt dann: Use it or loose it!
Das gilt auch für den Kinderglauben; es gilt, ihn durch Gebrauch ins erwachsene Leben einzuschleifen und ihn in widerstandsfähigen Lebensmut zu verwandeln.

Paulus lebte in der Erwartung des nahen Jüngsten Gerichts; er sah das menschliche Leben unter der Alternative „Heil (Rettung) oder Unheil“. Für ihn war, schon für das Hier und Jetzt, entscheidend der „Glaube“ an den (ihm auferstanden erschienenen) Jesus als den (demnächst zu erwartenden) Heilskönig, auf den alle Welt schon immer gehofft hat. Dieser Glaube war vor aller Augen mit dem spürbar wundertätigen Heiligen Geist, als Pfand der ewigen Seligkeit, beschenkt; die Liebe war dessen beste Gnadengabe.
Für Luther war entscheidend der Glaube unter dem Kreuz Jesu an Gottes Vergebung.
Mein Christentum ist der Glaube, dass es sich lohnt, unsere kulturelle Tradition, kritisch und dankbar, ernst zu nehmen. Ich kann nicht allgemein (ohne aktuellen Kontextbezug) sagen, was ich „glaube“. Die Kirchen reden zwar so; und die Wissenschaft ist dankbar für vereinfachende Selbststilisierung, aber lacht dabei auf den Stockzähnen.

Traditionell, betrachtet man das Leben eher als eine Menge Variationen des Ewigen – was immer dieses sei. Aber vielleicht muss man das umdrehen: Religiöse Phantasiesysteme sind erhellende Variationen zum Thema Leben.

„Flamme empor!“ war ein Lied zum Jahrestag 1814 der Völkerschlacht bei Leipzig. Religionsphänomenologisch sehr instruktiv!

Die Psychoanalyse erklärt die Religion aus der Elternbeziehung; Ich erkläre die Elternbeziehung aus der religiösen Struktur des (einst von Freud so genannten und von Heinz Kohut thematisierten) Narzissmus.

Schöpfung

Kreativität ist bescheidene Herrlichkeit.

Wir sind zum Mitgott-Sein verdonnert.

„Gott würfelt nicht“ (Einstein)?? – Doch! Die Schöpfung war ein großer Wurf.

Wir müssen die jammervolle Welt schöpferisch sehen und im Sinne Gottes handeln.
Hölderlin schrieb: „An das Göttliche glauben die allein, die es selber sind.“ (Man hört den trinitätstheologischen Hintergrund.) Das ist christliche Anmaßung in der Nachfolge Jesu – von Synagoge, Staat und auch von der Kirche nach Möglichkeit gedeckelt.
Wilhelm Müller dichtete (und Schubert vertonte): „Will kein Gott auf Erden sein, sind wir selber Götter!“ (Winterreise).

Die Welt ist so vielfältig! Das blendet man ab, wenn man etwas will. Man muss das eigene Wollen auch einmal abblenden, um mehr von der Schöpfung Gottes zu sehen.

Gott hat die Schöpfung dazu bestimmt, schöpferisch zu sein.

Auch der Sünder soll bewundern können, was Gott durch ihn schafft!

Gott büßt, in der Trauer um seinen Sohn, für die Schöpfung dieser jammervollen Welt, die diesen gekreuzigt hat und ihn – mit den Worten des viel gebeteten (!) Psalms – fragen machte: „Mein Gott, warum hast du mich verlassen?“.
Nirgends ist von Gottes Trauer die Rede; aber von Erbarmen!

Wir sollen an Gottes Freude und Gottes Leid teilhaben.
Gott hat Freude am schöpferischen miteinander Weitermachen im Chaos.

Eltern müssen eines Tages ihr Kind fahren lassen. Der Schöpfer ist nicht lieblos, aber vielleicht fahrlässig.
Man ist an Heraklit erinnert: Αἴων παῖς παίζων. Sollten wir etwa, wie glückliche Eltern mit ihrem spielenden Kind, uns mit dem Schöpfer mitfreuen?

Dank verbindet. Im Dank wirkt der Eine Gott in der geteilten Welt – als Geist dem Geschöpf verliehen.

Gott hat sich mit der Schöpfung etwas Entsetzliches eingebrockt! Er ist darüber traurig und böse*, aber versöhnlich. Wir mit unserer Trauer nehmen nur an Seiner Trauer teil. Nicht wir sind, sondern Er ist der Hauptleidtragende.
Wir sollen aber auch teilhaben an Seiner tröstlichen Kreativität. Mit dem Leben Jesu ist das verheißene „Himmelreich“ (Gottesherrschaft) schon in „Mediocristan“** hereingebrochen; und wir sollen weiterhin viele kleine und große tröstliche Überraschungen („Zeichen und Wunder“) erwarten.
* Man erinnere sich an die Offenbarung des Johannes im Neuen Testament.
** So nennt Nassim N. Taleb in: Der schwarze Schwan (2008) die Welt der normalverteilten Wahrscheinlichkeiten.

Bleibt unser Leben ein „Fragment“, kann man (nach DB, WuE) nur hoffen, das doch erkennbar ist, „was gemeint war“, – genauer: was von Gott gemeint war. Man kann das Unvorstellbare flackernd phantasieren.

Ich stelle mir vorbewusst die Welt vor als so etwas wie eine Ausflockung in einem göttlichen Universum.

Liebe führt zu Rekombinationen, ist schöpferisch.

Verzweifle und verzage nicht! Lass den Schöpfer weitermachen – mit dir und durch dich! Nachklang aus der Bibel: „Du wirst ihm noch staunend danken für den Irrweg, den er dich geführt hat.“

Mit Zuversicht vereinfachen wir uns das Chaos. Schöpferisch hofft sie, wieder und wieder κόσμος, Voraussetzung des Lebens, aus dem Unverständlichen hervorgehen zu sehen.

Kriege gehören zur Chaotik des Schöpfungsplans.

Die Schöpfung der Welt war eine hoffnungsvolle „Fahrlässigkeit“. Gott lässt die Welt fahren; aber er bleibt ihr verbunden.
Gott sieht die Schöpfung manchmal* traurig an; – aber nicht hoffnungslos! Unter Seinem schöpferischen Interesse kann sie sich, bis zum Ende, auch da und dort Trübsal überwältigend, ermutigend, zutiefst erfreulich, weiter entwickeln.
* Jer. 45! (Der biblische Gott ändert seinen Sinn auch 1Sam 2, 20).

Gott

Die christliche Kirche bekennt sich zu einem Gott, der nicht in erster Linie Schöpfer ist, sondern ἀγάπη*. Er hat, nach christlichem Bekenntnis, seine Eindeutigkeit „liquidiert“: Er ist Geschöpf geworden, als Geschöpf gestorben und als Geschöpf auferstanden.
* Besser nicht mit „Liebe“ zu übersetzen, sondern mit „Solidarität“.

Es gehört viel guter Wille dazu, an den Schöpfer zu glauben, der Heilige Geist, der Spiritus Creator! Wir sehen uns vor mehreren Möglichkeiten, Gott zu phantasieren, und halten uns an diejenige, die uns am „besten“ dünkt.
Gott nicht zu phantasieren, gehört zu diesen Möglichkeiten; aber sie überzeugt nicht immer als die beste.

Der Gottesname ist Symbol für personale Integration.
Die erstrebte Ganzheit ist das Zusammenspiel! „Gott ist die Liebe“ (1Joh 4, 16).

Dem Gottlosen ist sein Gottesverständnis Grund genug, sich aufs Gestückelte zu beschränken.

Gott, Du formulierst mir die Fragen und die Antworten, in denen ich mich erkenne. Das ist ein Geschenk – „meines Unbewussten“, sagt Freud, „meines Schöpfers“, sage ich.

Die malerische Gegenwart Gottes* beglückt und demütigt. Aber was soll ich? – : Weitermachen und bescheiden Inspiration abwarten.
* Ich meine den eigenartigen, überraschenden Anblick, den das Vielerlei unsrer unmittelbaren Umgebung bietet, wenn wir all unser Verstehen von Zusammenhängen abschalten.

Die object mother (Winnicott) ist das Symbol für die environment mother. Gott ist uns von der religiösen Tradition als Du zugesprochen durch (weitgehend zufällige) Symbole. Durch diese spricht Gott uns an. „Rufe mich an in der Not“ ist Aufforderung zu einer Automanipulation, die uns sammelt – wie eine persönliche Begegnung mit dem significant other (G.H. Mead). Das Chaos wird, auf väterlichem Hintergrund, zur wundertätigen mütterlichen Umwelt.

Arthur Koestler schrieb eine Roman The Age of Longing, dt.: Gottes Thron steht leer (1951).

Unser Gottesbegriff ist zu anspruchsvoll, zu groß für unsere Köpfe; wir können ihn nicht implementieren. Die Implementierung ist nur jeweilig befriedigende, psychisch bedingte Phantasie.
„Gott“ ist jeweils als realitätsbezogenes Ideal implementiert. So glaube ich, dass er besonders den Unglücklichen für ihr Dasein dankbar ist; denn sie bilden den breiten Boden, auf dem das rare beglückende Glücken wahrscheinlich und Ereignis wird. In diesem Dank soll Gott unser Ideal sein.

Der Gottesname ist ein überliefertes Existenzsymbol. Jeder hat mehrere, auf- und abtauchende Gottesbegriffe. Die allgemeine Frage, was denn wirklich Gott sei, ist nicht sinnvoll zu beantworten; denn wirklich allgemein ist Gott gar nicht.

„Gott, du Chaos, das mich hervorgebracht hat und überwältigen kann; den Jesus als Vater erlebte und andernen Menschen, auch mir, nahe brachte, ...“

„Ich will euch trösten, wie einen seine Mutter tröstet“ (Jes 66, 13). Das steht in einem Kapitel, das die fürchterliche Ratlosigkeit des Menschen illustriert.

Im Alten Testament ist Gott/Jahwe eine Macht: der Herr; im Neuen persönlicher: der Vater, bei Buber noch elementarer: Du.

Man erfährt Gottes Liebe in der Behutsamkeit von Mitgeschöpfen, die den Segen von Gottes* Behutsamkeit** erfahren haben und weitergeben durch ihr Verhalten und symbolische Kreativität („Wort“).
* „… der die Welt unendlich sanft in seinen Händen hält“ (Rilke).
** „Ach, Hüter unsres Lebens …“, sang Paul Gerhard.

Die Mit-Kreativität ist die Nachfolge Jesu, auf der Verheißung liegt.

Das letztlich „Gemeinte“ ist das, worauf man sinnt, das Begehrte, das summum bonum*, das man sucht**. Alles, was wir lieben, ist uns Symbol für dieses, das uns letztlich anzieht und antreibt.
Man kann „das letztlich Gemeinte“ trinitarisch artikulieren: Gott in mir, Gott vor und über mir und um mich (Ps 139,5), erreichbar durch das irdische Leiden Gottes, an dem jeder Mensch physisch*** teilhat.
Die Romantik war Frömmigkeit ohne vorgegebene Lehre****.
* Das summum bonum ist αὐτὸ τὸ ἀγαθόν. Die sprachliche Hilflosigkeit verrät den Grenzbereich zwischen Realtät und Phantasie.
** Ich erinnere an das (in verschiedenen Versionen und unter verschiedenen Titeln überlieferte, von Schubert vertonte) Gedicht von Georg Philipp Schmidt von Lübeck († 1849): „Ich komme vom Gebirge her …“.
*** „Sakramental“ ist das, wenn zum körperlichen Substrat die verheißungsvollen Einsetzungsworte kommen.
**** Schleiermacher lehrte: Religion ist Gefühl – „Gefühl der schlechthinigen Abhängigkeit“.

Das Reale ist alles noch nicht das Gemeinte. Und das (empirisch) „Gemeinte“ ist auch noch nicht das Gemeinte; es ist nur eine Ansage des Gemeinten.
Was wir letztlich „meinen“, ist „jenseits“ alles Realen – und es war je auch schon da*.
Letztlich meinen wir Gott – der uns verbunden ist, uns sieht und anspricht.
* Diese mystische Aussage erinnert an Ps 139 und auch an Jer 23, 23 („Bin ich nur ein Gott, der nahe ist, und nicht auch ein Gott von ferne her?!“), diese in ihrem Kontext eine konkrete Drohung begründende Aussage, deren Inhalt weit über ihre kontextuelle Funktion hinausschießt.

Meine Mystik des „Gemeinten“ folgt der Lutherischen Kreuzestheologie; ist eine Art Auferstehungsglaube. Wie alle Mystik, kann man sie dauerhaft symbolisieren; aber das symbolisierte ist πνεῦμα-Ereignis, ein rares Geschenk.

Wie kann man das Leiden des Einzelnen relativieren? – : Durch Bezug auf das letztlich Gemeinte hinter dem Erwünschten, das summum bonum.

Gott und die Welt und darin das menschliche Leben sind für unseren Verstand ein Chaos. Da ist Demut angesagt. Unser Gott ist demütig; er lässt sich ignorieren und lästern – und im Blick auf Jesus rechtfertigt er uns mit alldem.
Wir sollen die Demut Gottes verkünden, die uns den Frieden schenkt, der höher ist als alle Vernunft.

Für unseren Verstand ist die Welt ein Chaos. Wir klagen Gott an, ignorieren ihn, fluchen ihm. Gott lässt das geschehen, ja, rechtfertigt uns. Gott ist demütig. Wer an die göttliche Rechtfertigung glaubt, hat den Frieden, der höher ist als alle Vernunft. Im Chaos gibt es kein Bescheidwissen; da ist Demut die letzte Weisheit. Wir sollen die Demut Gottes verkünden, die Frieden schenkt.

Der Mitmensch, das Du, ist Mutterersatz. Die Mutter, Gott – das sind erwachsene Verdinglichungen einer Primärerfahrung.

Gott selbst ist ein Experiment Gottes.

Ein Glaube an Gott stabilisiert durch seine Symbolik die Grundbefindlichkeit* eines Menschen, – über der sich Freude und Trauer abspielen können.
Glaubensgemeinschaft stützt den Glauben, indem sie die Existenzsymbolik, im Kern meditativ, in lebendiger Entwicklung hält.
* Wie die Geborgenheit eines kleinen Kindes auf dem Arm der Mutter.

„Gott” ist, was uns fehlt; die Ganzheit. „Selig sind die um Seinen Geist flehen; denn das Himmelreich ist ihr“ (Mt 5, 3). Die Ganzheit ist nicht ein neutrales Etwas. Sie ist der Jemand, in dem wir geborgen sind*. Das ist Gott; das bist Du, Gott!
* „Gott Vater”, analog zu D. Winnicotts environment mother.

Die Leute in der U-Bahn gucken alle sehr verschieden in die Welt. Jeder lebt in einer etwas anderen Welt. Das sind alles Blicke Gottes!

Der Schöpfer der Welt ist nicht zu groß, sich um uns zu kümmern. Er war ja auch nicht zu groß, uns zu erschaffen!

Man sagt: „Ach du liebes Lottchen!“, ohne „liebes Gottchen“ oder „Gott“ zu denken. Das Du bezeichnet lebenslang unsere Unvollständigkeit.
Mit dem Namen „Gott“ bietet uns die fromme Tradition Geborgenheit an.
Geborgenheit in Gott dem Schöpfer lässt uns den andern Geschöpfen uns zuwenden.

Wer „Gott“ sagt, versteht sich selbst nicht.

Das Wort „Gott“ ist abgenutzt.
Von der emotionalen Interjektion geht es zum Zwischenruf, Exklamation/Ausruf. Der Ruf ist die Substanz des Gottesnamens. Er kann sich, sozial gestützt, verselbständigen, als Symbol institutionalisieren und begrifflich normalisiert und verdinglicht werden. Das ist in unserer Kultur passiert.
Das paradoxe Ergebnis ist der Rückfall in die tiefste Subjektivität und ein Neuansatz auf dem kognitiven Nullpunkt der Interjektion.

Jesus wurde als der Gottes-Lehrer gekreuzigt. Nach seinem Tod ist nur noch menschliches, solidarisches Wort göttliches Wort.

Die höchste Gottheit ist für uns nicht (wie eine antike Gnosis lehrte) das Schweigen, sondern Ursprung des Logos, phantasieumspieltes* Jenseits unserer Verstehensgrenze.
* Es gibt segensreiche und unselige Phantasien.

Die „Mama“ wird zur scharf umrissenen object mother*; der environment parent* wird Gott**.
* Winnicott unterschied nur object mother und environment mother. Aber die „Männlichkeit“ des jüdischen (und klassisch-christlichen) Gottes ist heute, in der modernen Gender-Konfusion, nur historisch klar verständlich.

Das Unverständliche erscheint uns chaotisch. Wir können das Chaos letztlich nur vereinfachen als Gott oder als Hölle (die Hitze nahe der lieben Sonne). Die spätmittelalterliche Theologie sprach mit Furcht und Zittern von der potentia Dei absoluta (gegenüber der potentia Dei ordinata).

Gott hat Mitleid. Im Leiden an der Trennung sind wir mit Gott und Welt verbunden.

Man wünscht sich Gott. Wenn man weiß, dass auch unsere Gottesvorstellung eine Vereinfachung ist, kann man an Gott glauben, Ihn anrufen und auf Ihn hoffen. In diesem Glauben können wir all unsere Kräfte sammeln.
Wie die Religionsgeschichte bis zum heutigen Tage zeigt, kann das allerdings ein Fluch sein. Der Schöpfer spricht uns vornehmlich, aber nicht nur, durch eine religiöse Tradition an!

Gisela Pankows „Mineralisierung“ markiert das Ende unseres Vorauswissens. Darüber hinaus ist angesagt der Deus semper actuosus.

Jedem von uns bleibt in Seiner Weise allein Gott sicher. Eigentlich Er ist das Du*, das uns immer wieder, als fehlend**, präsent ist. Sein Name vermittelt uns Seinen eigenartigen, vitalen Beistand.
* Unter dem Eindruck des Ersten Weltkriegs hat Martin Buber darüber sehr ernsthaft nachgedacht.
** Klassisch Ps 42f.; dazu aus unsern Tagen: „I don’t believe in God, but I miss Him“ (Julian Barnes).

„Das Gute“ ist zunächst das Angenehme – genauer: dauerhaft Angenehmes. Das „Gute“ ist also primär auf Leben bezogen, also auf bereits Koordiniertes. „Gut“ ist: wachsende Koordination. Das muss freilich operationalisiert werden; und da tobt ein Kampf um den richtigen Weg. Der hat Jesus das Leben gekostet; aber das war nicht das Ende der Bemühung um das Gute, sondern Grund für einen radikal idealistischen Neuansatz, ein neues Leben! „Ideal“ ist: Re-integration des Einen; wie Paulus (1Kor 15, 28) schreibt: „Gott alles in allem“.

Lieber Gott! Lass mich, in Trauer oder in Freude, in deinem Frieden leben und sterben!

Gott guckt nicht nur von oben zu, wie sich die Geschöpfe einander fressen. Er ist selbst Geschöpf geworden. Und jeder schätzt sich als inkarnierten Gott, und guckt auch von oben zu.

Man kann das Göttliche nicht weltanschaulich gegen Subjektivität absichern und objektivieren – weder pro noch contra. Es gibt sich uns als eine Art Erfahrung der Wirklichkeit, die vom Subjekt begünstigt oder abgewiesen werden kann – je nach dem, ob einer Neues (und neue Begegnung mit dem Altbekannten) wagen oder das Vertraute stabilisieren möchte. Es geht um vorurteilsfreie Aufgeschlossenheit für die Eigenarten verschiedener Welterfahrungen. Und Erfahrung ist ein Zusammenwirken von Subjekt und Objekt.
Ist das „Objekt“ der dreieinige Gott, Vater, Sohn und Heiliger Geist (!), so liegt es am Tage, dass die Subjektivität nicht zu eliminieren ist. Und רוּחַ/πνεῦμα („Geist“, aber eher: Atmung!) ist ein Wiederfahrnis objektiver, „äußerer Realität“. (Die Trinitätslehre hat im antiken römischen Reich das hermeneutische Problem jedes Gottesverständnisses angepackt und, innerkirchlich einigermaßen konsensfähig, artikuliert.)

Gott und die eigene Seele sind für uns unergründlich. In unseren Ratlosigkeiten sind wir frei, ins Unergründliche hinein, Gott oder uns selbst, das Du oder das Ich, nach außen oder nach innen zu fragen. Wir müssen und sollen uns da nicht auf eine der beiden Möglichkeiten beschränken.

Faust, Rübezahl, der Mann am Jabbok (1Mose 12, 25ff.) – solche Phantasien sind nicht Teile des sog. Autors, sondern Teile seiner Teilhabe* an der Welt, die ihm viel zu schaffen gemacht haben und die er der Welt wieder mitteilen musste.
Ähnlich steht es mit all unseren Gottesphantasien.
* „Geistiges Eigentum“ ist ein problematischer Begriff.

Gott ist von seiner Schöpfung und von seinem Volk enttäuscht (Jer 45). Die Apokalyptik sieht mit dem Jüngsten Gericht eine Abwendung Gottes von der Welt kommen, die die Welt zur Hölle macht.
Aber noch hört Gott auf uns; wir sind nicht gottverlassen!

Neue Erkenntnis wurde schon immer als so etwas wie ein Gottesgeschenk erlebt*.
Die Göttertraditionen beruhen auf seltenen, eigenartigen Wahrnehmungen des Gegenwärtigen: Dieses wird erlebt in nicht nur seinem bekannten – sondern in einem unberechenbar, unüberblickbar weiten – Zusammenhang.
Götter tun, was síe wollen, und überzeugen Menschen damit persönlich.
Ein Gottesname evoziert eine Tradition solcher Erlebnisse. Ihn mit Lebensernst auszusprechen, befreit den Menschen radikal gegenüber seinem Schon-Wissen** und macht ihn in seiner Wahrnehmung der vermeintlichen Banalitäten kreativ.
Nach christlicher Tradition teilt sich der Geist des Schöpfers den Menschen mit, die ihn anrufen und darum bitten.
* Ludwig Boltzmann soll, angesichts der Maxwell-Gleichungen, Faust (Z. 434) zitiert haben: „War es ein Gott, der diese Zeichen schrieb?!“
** Religiöses Wissen allerdings immunisiert gegen solche Überraschungen. (Das Bemerkenswerteste an Luther ist, wie er die Anfechtung theologisch ernst genommen hat.)

„Ach Gott!“ ist ein mentaler Reflex ohne kognitiven Inhalt, eine Interjektion, ein Gefühlsausdruck*. Das Gefühl kommt hier sprachlich, also kommunikativ, zum Ausdruck; und dies setzt ein „Wir“ voraus, – das aber fehlt.
„Ach Gott“ ist wie der Ruf, das Wimmern eines Waisenkindes. Hier wird ein Wunsch laut, den bewusst zu machen schmerzhafte Arbeit bedeutet.
* Nach Schleiermacher ist Religion das „Gefühl der schlechthinnigen Abhängigkeit“.

„So etwas wie Gottvertrauen“ ist: biologisches, dummes, aber phylogenetisch funktionales Urvertrauen.

Gottesglaube ist eine kreative Hypostasierung der Kreativität. Diese erleben wir, aber per definitionem verstehen wir sie nicht. (All unser Verstehen ist oberflächlich.)

„Ein Wahn, der mich beglückt, ist eine Wahrheit wert, die mich zu Boden drückt.“*
Aber „Gott ist“ kein Wahn, er existiert nicht objektiv, sondern „ist“ eine Hilfsvorstellung für eine (je kulturbestimmte, strittige) menschliche Einstellung. „Es gibt“ Gott so wenig, wie es Rechts und Links gibt.
* Chr. M. Wieland, Idris (3. Gesang, Buch XI, 10). Dieser Satz wird immer wieder auch in Bezug auf Religion zitiert. In Wielands Feenmärchen aber geht es nicht um Gott, sondern um Liebesphantasien!

Sammlung vor Gott ist eine bewährte Weise der Orientierungssuche. Das „Du“ ist noch nicht Anrede, sondern suchende Blickrichtung.

Der gute Schöpfer und der schlechte Mensch – das ist eine Vereinfachung*, Priester- und Prophetenlehre an der Grenze des banalen Bescheidwissens.
* Schon die christliche Trinitätslehre ist nicht mehr so simpel.

Der Heilige Geist, das ist heute: das kreative Weiterleben der totgesagten christlichen Existenzsymbolik, göttliche Freiheit von Gott (die dritte trinitarische Person/ὑπόστασις „neben“ Gott-Vater, und Gott, dem Sohn)!
Das ist verwirrend – und dies ist sachgemäß!

Wir können uns den Lauf der menschlichen Geschichte nicht als von Einem gewollt vorstellen. Hier sind mehrere „freie“ Willen beteiligt. Aber im Interesse am integrierenden „Guten“ sollen wir es, mit Gottes Hilfe, immer wieder versuchen.

Nicht die Vergangenheit (von der wir nicht viel wissen) und nicht die Zukunft (von der wir noch weniger wissen), sondern die unverhüllte, alsbald entschwundene Gegenwart zwischen Vergangenheit und Zukunft repräsentiert uns die Ewigkeit. Immer unser Jetzt ist Gegenwart Gottes!

Gott, der einfach „da ist“*, ist ein Experiment Gottes, ein Geschöpf.
* Die berühmte Stelle 2Mose 3, 14 (eine volksetymologische Deutung des Gottesnamens) ist nicht eindeutig ins Deutsche zu übersetzen.

Freies Phantasieren über Gott* hat naturgemäß unüberblickbar weittragende Folgen; es wird deshalb, mit Selbstzensur und sozialer Kontrolle, aus triftigen Gründen ängstlich überwacht – Jesus wurde dafür gekreuzigt.
* Etwa: „Gott hat die Welt in einem Anfall von belebendem, pubertärem Übermut geschaffen.“ Damit wäre der Verpflichtung zu sozialer Ordnung und überhaupt der Weltverantwortung die altehrwürdige symbolische Basis entzogen.

Gewisse Ideen entstehen ungefähr identisch, aus heterogenen Komponenten, unabhängig voneinander, allenthalben; andere – vornehmlich grundlegende mathematische Erfindungen (natürliche Zahlen, π, e und i) – sind, einmal konzipiert, kaum wieder wegzudenken.
Gott „ist“ ein in verschiedenen Menschen sich immer wieder ähnlich konstellierendes Suchbild.
Die Suche nach Sinn ist eine vital sinnvolle Integrationsbemühung. Sie führt immer wieder in die irrationale subjektive Frage an Gott, den man sich dabei als das alles tragende Subjekt vorstellt – das große Vorbild, von dem ein kleines Abbild zu sein unserer Friede wäre.
Aber welchen Frieden hat der Dreieinige Gott (mit dem gekreuzigten Sohn!)? – "Frieden ..., der höher ist als alle Vernunft" (Phil 4, 7), bescheiden, unauffällig schöpferischer Friede.

Warum reden die Eltern nur vor dem Kind immer vom „lieben“ Gott? Ist das eine Art Beschwörung? Der Weltlauf spräche doch eher für einen lieblosen Gott!*
Soll das Kind, das sie zu Liebe hinzureißen, sie zu bezaubern vermag, ihnen und sich selbst auch einen „lieben Gott“ beschwören? Sie haben das Kind zu „machen“ gewagt, und es ist so weit gut gegangen; das erlaubt ihnen, mit ihm an die Liebe Gottes zu glauben.
* „Edel sei der Mensch … Heil den … höhern Mächten, die wir ahnen... Sein Beispiel lehr‘ uns jene glauben! Denn unfühlend ist die Natur“, dichtete Goethe ( Das Göttliche).

Man kann nicht die Liebe Gottes „verkündigen“, sondern allenfalls – horribile dictu – auf die „Offenbarung“ der „Liebe Gottes“ in Jesus hinweisen!

Mit 26 Jahren hatte Goethe – wohl noch unter dem Eindruck eines Frankfurter Falles aus seiner Jugendzeit – die erschütternde Kerkerszene im Urfaust geschrieben; mit 34 rät er seinem Herzog zur Exekution einer Kindsmörderin. Der erklärende Text, den er dazu schrieb, ist verloren. (Die Alternative, die der Herzog für diese Magd vorgesehen hatte, war: jährlich mindestens einmalige öffentliche Auspeitschung und Pranger sowie lebenslanges Zuchthaus mit schwerer Arbeit.)
Die schließlich (mit Riemer’s Beistand) zurückgezogene*, scheußliche Walpurgisnacht im Faust I zeigt, wie abgrundtief ernst Goethe die Problematik lebenslang genommen hat. Albrecht Schöne sieht hier einen religiösen (letztlich Manichäischen) Dualismus**, der unseren monotheistischen Klassiker Goethe immer wieder anfocht***.
* Aus Angst vor dem Publikum im „Walpurgissack“ versteckt – und konserviert!
** Götterzeichen, Liebeszauber, Satanskult, 1993. Denselben Dualismus sah er auch als konstitutives Prinzip in der Goethe’schen Farbenlehre!
*** Man ist an die lebenslangen Anfechtungen unseres Glaubensklassikers Luther erinnert.

Wer von Gottes Regiment redet, muss ehrlicherweise auch sagen: Gott regiert brutal.
Klassisch redet man da von Strafe für die Ungeheuerlichkeit unserer Sünde und sagt, in Jesu Kreuzigung habe Gott sich mit uns solidarisiert und die Strafe auch auf sich genommen. Aber das ist doch recht künstlich und kann deshalb kaum überzeugen. Die Rede von Gottes Regiment verführt dazu, Gott zu verdinglichen; und das ist Götzendienst.
Die Brutalität des Weltlaufs macht uns unsere Hilflosigkeit erleben; sie lässt uns zu Gott rufen, in seinem Mitleid Trost suchen und in seinem Geist Mut fassen.

Ständig kommt Neues, und ständig verschwindet Gegenwart. Gott ist ständig neu gegenwärtig.

Unser Kopf ist zu klein – nicht nur für die ganze Welt, sondern auch für Gott. Mit der widersprüchlichen Dreieinigkeitslehre wird das wegweisend bezeugt.

Ich bin ein Geschöpf, in Liebe und Haß mit der Welt verklebt. Gott sorgt für Ganzheit.

Gebet

Unter Überlastung schreit man. Wird der gute Wille entmutigt, heult man.
Mit Gottes Hilfe kann der gute Wille Mut fassen. Der Name Gottes öffnet den Horizont und führt von der Überlastung in Kreativität.

Im Namen Gottes haben wir Frieden inmitten des natürlichen Kampfs des Lebens für seinen Sinn gegen den Unsinn.

Beten und Beschwören sind personal geschenktes Können.

Ich wende mich ernsthaft an Gott mit der Bitte um gute „Einfälle“*. Gebet um Dinge und äußere Vorgänge aber geht mir in aller Regel wider den Strich, ist mir zu unvernünftig.
Fürbitte habe ich immer nur in gottesdienstlicher Gemeinschaft geleistet; nie allein. Sie schien mir vermessen.
Jetzt aber habe ich, in Verzweiflung über mir neu bekannt gewordene, grausige Notstände in der Welt, an denen ich vorbeilebe, vorbeileben muss (!) – mein Herz ist zu eng, mein Kopf zu klein, meine Handlungsmöglichkeiten zu beschränkt – , Gott gebeten, sich darum zu kümmern.
Fürbitte ist natürliche Verzweiflungstat eines Menschen, der sich als Versager fühlt!
Ritualisierte Fürbitte sieht aus wie ein Akt der Demut – und mag das ja auch manchmal sein. Sonst ist sie nur ein Geplapper, wie Jesus es missbilligt hat (Mt 6, 7).
* Ein gutes Wort der deutschen Sprache!

Du

Das exklamatorische Du* ist meist eine hoffnungslose Repetition, ein leeres Wort, Nachhall einer überwältigenden Emotion. Überwältigt, werfen wir uns dem Du in die Arme (Fußballer nach dem Tor dem glücklichen, begnadeten Schützen). Umarmungen sind kurz. Gemeint war mehr.
* „Du liebe Zeit!“, „Ach, du mein Schreck!“ u. dgl.

„Ich, er, sie, es“ – das sind Fürworte, pro-nomina. Bei „Du“ aber ist es eigentlich umgekehrt: Der Name ist der Ersatz für das „Du“.

Ein „Du“ ist ein Nein zum Gefühl der Verlassenheit.

Ausrufe wie: „Komm, lieber Mai, und mache die Bäume wieder grün!“, auch, ohne das Pronomen, explizit etwa: „Ach du mein Schreck!“, „Ach du grüne Neun“, „Ach du meine Scheiße!“, zeigen, dass man, unter emotionaler Überforderung der Vernunft, natürlicherweise das Du ruft. Solche herabsetzenden Ausdrücke entlasten; man distanziert sich symbolisch von dem unangenehmen Gefühl der Hilflosigkeit; man ordnet weg.
Das ist wohl in allen Kulturen die Quelle, aus der „Götter“ auftauchen – eine Rubrik, in der man Beirrendes wegordnen kann.

Jedes Du ist so etwas wie ein mir nahestehender Mitmensch – da mag Gott, die Hauskatze oder der Frühling* angesprochen sein.
Goethe, Ganymed.

Das „Du“ ist nicht ein Einzelner, sondern Zentrum einer Welt, einer strukturierendes Zentrum auch in meiner Welt, eine Bereicherung meiner Welt.

Man merkt es erst, wenn es einem plötzlich genommen ist: Ein „Du“ ist ein chaotisches Phänomen, Produkt vieler unwahrscheinlicher Zufälle, „prekär“ ( ~ Gebetserhörung!).

Das Du ist eine Hilfe zur Identitätserhaltung im Chaos.

Dem Christen repräsentiert der Mitmensch den depotenzierten Gott Jesus.

Kirche

Niemand teilt heute die in der Bibel festgeschriebenen Glaubensvorstellungen – die sich ja teils auch schon gegenseitig ausschließen. Wenn wir uns trotzdem zur Bibel bekennen, so bezieht sich das auf den Anspruch Gottes, der uns hier trifft.

Christen sind hilfsbedürftige Helfer.

Christentum ohne Schuldthematik? Das Neue Testament steht doch auf dem Alten, das von Adam vor seinem Schöpfer erzählt!
Aber das Schöpferwort Jesus (Joh 1), ist Gottes Versöhnungswort – am Kreuz! Das ist die Glaubenserfahrung, derenthalben das Neue Testament so viel vom Glauben redet.

Im klassisch-dionysischen Athenischen Theater folgte auf drei Tragödien eine Komödie. In der etablierten Kirche folgte (zeit- und gebietsweise) auf die Passionszeit Ostern mit dem „Osterlachen“. Dieses verlor seinen Ernst und entartete – weshalb die Reformation ihm Einhalt gebot.

Jesus war der wundertätige Charismatiker, der die verheißene „messianische Zeit“ bringt. Die Kreuzigung als Ernüchterung brachte nur die halbe Wahrheit. Die andere Hälfte meldete sich in wahnhafter Form: die Erscheinungen des Auferstandenen als Anfang der Neuen Schöpfung, dann die Ausgießung des Geistes Gottes und das neuartige Leben im Zeichen des auferstandenen Gekreuzigten.

„Gemeinde“ ist Wahlfamilie wie Ehe, „Bund fürs Leben“*, besiegelt durch die Taufe, Selbstverpflichtung durch Idealisierung, horizontsetzendes Existenzsymbol.
* Vgl. Confessio Augustana VII: perpetuo mansura.

Jesus erlebte sich mit seinem wundertätigen Gottvertrauen als Anfang der offenbaren Gottesherrschaft.

Petrus hatte auf Jesus all seine Hoffnung gesetzt. Diese Hoffnung produzierte bei ihm, als Reaktion auf die Kreuzigung, eine apokalyptische Psychose: Es sah seinen gekreuzigten Hoffnungträger auferstanden als Anfang der allgemeinen Auferstehung.

Paulus verdinglicht seine Existenzsymbolik wahnhaft, juridifizierbar. Schon als Pharisäer hatte er da getan. Aber seine wache Menschlichkeit überwältigte und polte den Christenverfolger um. Die Christus-Erscheinung vor Damaskus war Jesus als das neue Existenzsymbol.

In christlichen Milieus ist immer eine Symbolik der Nächstenliebe lebendig, die dem jeweiligen Milieu entsprechende, stereotype Aktivität wahrscheinlich macht.

Die Gemeinde ist das natürliche Korrektiv gegen religiöse Wahnbildung des Einzelnen. Aber je besser sie ihm gegenüber den gesunden Menschenverstand verständnisvoll zur Sprache bringen kann, desto unangefochtener kann sie zu einer im Kern wahnhaften, weltlichen Institution zu werden.

Kirche – die Gemeinschaft, die Institution, der Bau – ist suggestive Stärkung für Autosuggestion.

Diverses

Die Anthroposophen, die Urgemeinde, die Evangelikalen haben kuriose esoterische Weltanschauungen, aber menschlich überzeugendes Verhalten. Die Weiterentwicklung ihrer idiosynkratischen Symbolik ist Sache gemeindeinterner Zusammenarbeit, wo man sich von einander verstanden fühlt. Die Heiligen Schriften bleiben Treffpunkt für die Suche nach gemeinsamem existenzsymbolischem Verständnis – die auch zu Konflikten führt.

Die Exklusivität der abrahamitischen Religionen wird gewöhnlich verkehrt herum in Frage gestellt. Die Frage muss sein: Wo, wenn überhaupt irgendwo, gehört anthropologisch Exklusivität hin.

Meditation ist Beschwörung: Das Symbol wird zum Übergangsobjekt*, der Name zur Gegenwart des Genannten.
Ein Gottesbote wenigstens kam in Gethsemane zum betenden Jesus und stärkte ihn (Lk 22, 43).
* Sensu Winnicott.

Ἀνάστασις/Auferstehung bezeichnete im klassischen Griechisch Wiederbelebung Scheintoter. In religiösem Zusammenhang ist oft so etwas wie Unsterblichkeit vorausgesetzt. In der Bibel ist eine neue Schöpfung gemeint. Petrus erlebte mit seiner österlichen Jesusvision den Beginn der Neuen Welt. Diese ist ein Freiraum sozial umsichtiger Wunschphantasie und Inspirationsquelle guter Absichten.
Der Boden, dem wir entstammen und auf dem wir stehen, ist ein Abgrund voll enttäuschter Hoffnung.
Wer und was hier gelebt hat, wurde – schon zu Lebzeiten und weiterhin – fast zur Unkenntlichkeit transformiert.
Man bleibt nur ungefähr mit sich selbst identisch. Das fängt im Kleinsten mit dem Stoffwechsel an. Die Persönlichkeit steht mit ihrer Umwelt in ständigem Austausch von Memen; auch das Selbstbild. Die Erinnerung der Umwelt an eine Person wandelt sich. Einiges lässt sie fallen. Verstreute Erinnerungsspuren fügen sich gewandelt zu neuen, lebendigen Gestalten* zusammen. Man muss manches aus der Hand, aber nichts verloren geben!
Das Weltgericht über jeden Einzelnen ist als Weltgeschichte eine Folge von Transformations­wundern, die mit Gerechtigkeit nicht viel zu tun hat! Das ist „Auferstehung“ als Verkettung realer Mikroprozesse.
* Man denke an die vier verschiedenen Evangelien, aber auch an Figuren wie Faust und Gretchen! Was ist da in diese zwei Figuren an wirklich gelebtem Leben eingeflossen!

Fanatischer Glaube emanzipiert von der natürlichen Wahrheitsfrage.
In der Christustradition (auf die der Fanatiker Saulus stieß) kann Fanatismus (der auch noch einen Paulus antrieb) nicht ganz gelingen. Christliches Gemeindeleben im Zeichen des Liebesgebots ist mildes Chaos; die „neue Schöpfung“ ist nicht sauber abzugrenzen.

Die religiösen Konzepte status corruptionis und Sünde sowie status integritatis waren immer nur eine vielfach chaotisierende Ordnungsphantasie.

Erfährt man die religiöse Überlieferung als kraftlos, so muss man sich erinnern, dass es sich da um eine Existenzsymbolik handelt, zu welcher zwar Poesie* und Gesang gehören, deren Kern aber das Gebet ist, dessen Dynamik die Dynamik des Schreies** ist! Und normalerweise sind wir nicht so bewegt.
* Kierkegaard sagte etwa: Ein Dichter ist ein Mensch, dessen Mund so unglücklich geformt ist, dass, wenn er schreit, ein Gedicht herauskommt.
** Ich habe das in meiner Habilitationsschrift („Kirchliche Lehre – Ideologie “, 1965) ausgeführt. – Man könnte ergänzen: Die Dynamik der Theologie ist Dynamik des Rufs.

Das Judentum zur Zeit Jesu war missionarisch in dem ganzen griechisch sprechenden „bewohnten Erdkreis“ (οἰκουμένη) erfolgreich. In den Synagogen fanden sich Juden (als „Abrahams Samen“ Verheißungsträger) und (oft in der Mehrzahl) „Judengenossen“ (Unbeschnittene und Beschnittene heidnischer Abstammung). Hier hatte man seine Heilige Schrift an der „Septuaginta“, der (wunderhaft zustande gekommenen!) griechischen Übersetzung des Alten Testaments. Dieser moralische Monotheismus war, trotz seiner Sonderbarkeiten, überzeugender als die heidnischen Kulte und ähnelte wichtigen Entwicklungen in der Philosophie. Auch in Palästina drang Hellenismus in die jüdische Religion ein.
Hier traten erst der Täufer Johannes und dann Jesus auf – ernste Herausforderungen der aramäisch-sprachigen Synagoge. Jesus mit seinen Leuten wurde aus der Synagoge hinausgedrängt und als Ruhestörer der römischen Justiz überantwortet.
Das Christentum mit seinem (hauptsächlich von Juden) geschriebenen Neuen Testament blühte hauptsächlich am hellenisierten Ast des Judentums*. Die heute noch herrschende jüdische Orthodoxie hingegen ist eine Reaktion auf die (als Aufweichung empfundene) hellenistische Entwicklung der jüdischen Tradition.
In ihren heutigen, schweren, sehr ähnlichen Problemen müssten Judentum, Christentum und Islam mit einander und voneinander lernen.

Theologie: Das klassische griechische Drama und der Platonische Dialog sind respektable Formen (!) theologischer Weisheit. Hier können Vermutungen angedeutet, formuliert und, ein unzureichendes Stück weit, bedacht werden. Goethes Faust führt diese Tradition fort. Überhaupt ist bemerkenswert, in welchem Umfang die Weimarer Klassik ihren Glauben in altgriechischer Form bedacht hat.

Auferstehung: Das Neue Testament bezeugt: Die Auferstehung bedeutet eine neue Reflexionsstufe* nach dem Scheitern; Jesu Scheitern ist (sensu Hegel) „aufgehoben“ – ein Lichtblick!
Nun** ist aber die apokalyptisch/neutestamentliche Auferstehung kulturgeschichtlich gescheitert. Folgerichtig ist abermals eine neue Reflexionsstufe zu erhoffen, eine Aufhebung dieses Scheiterns, eine Auferstehung der Auferstehung, ein neuer Lichtblick, eine „Wiederkunft Christi“, die allen die traurigen Augen öffnet für Gott.
* Man denke an die theologische Arbeit des Paulus – thematisch am breitesten in seinem (frühen) „Auferstehungskapitel“ 1Kor 15!
** Es zeichnete sich nach dem dreißigjährigen christlichen Konfessionskrieg, seit der Aufklärung immer deutlicher ab.

Friede: Alle Menschen haben ein mächtiges Interesse an sozialem Frieden. Die Gesellschaft braucht ihre Ideologen, ihre Priester, Prediger und Theologen, die eine tragende Symbolik der öffentlichen Moral pflegen – in friedlichen Zeiten ein flexibles, differenziertes System.
Ist der soziale Friede gefährdet, so radikalisiert, vereinfacht und spaltet sich auch die kollektive Existenzsymbolik mitsamt den „religiösen“ Positionen bis zu todesmutigem, mörderischem und selbstmörderischem Wahnsinn.

Krieg: Maximale Vereinfachungen erobern immer mehr Köpfe und organisieren Kollektive zu mörderischen Nullsummenspielen im Kampf ums Dasein. Das macht das Leben für immer mehr Leute immer komplizierter. Erst wenn dies sattsam erlebt und durchlitten sein wird, bekommt auch hier bescheidene Anerkennung der Verflechtungen des Lebens als Begrenzung unserer Weltverbesserungen wieder eine Chance.

Sadismus: In den grausamen Inquisitionen spielten auch selbstquälerische Mönchsorden eine Rolle. Aber die treibende Kraft war das gemeine Volk.

Psychopathologie: „Zeichen und Wunder“* gehören als Mirakel in die Psychopathologie; sie sind aber in der Kunst** zu erleben! Die Romantik redete in religiöser Sprache über die (gegenüber dem Handwerk sich verselbständigende) Kunst. Kunst (in diesem modernen Sinne) schafft Symbole, die uns über die Selbstverständlichkeiten unserer Alltagspraxis hinausheben.
Gewiss, Jesus war nicht normal. Er war aber ein großer Künstler. Er hat den Leuten kraftvolle Zeichen der Gottesherrschaft gesetzt und hat sie zu Künstlern gemacht, – die das Establishment verunsicherten.
Wenige Tage nach der Kreuzigung sah und verkündigte Petrus (1Kor 15, 5) im Licht der apokalyptischen Tradition seinen Hoffnungsträger Jesus begeisternd*** als auferstanden – ein schöpferischer Durchbruch, der eine neue Tradition, das Christentum, stiftete.
In der Bibel steht auch viel Unfug. Aber eine Grenzpsychose kann wohl verkrustete Selbstverständlichkeiten des gesunden Volksempfindens auflockern.
* Ein stehender, im Neuen Testament häufig begegnender, auch (Mk 13, 22 par; Joh 4, 48; 2Thess 2, 9) kritisch gebrauchter, Ausdruck für Erlebnisse von Gottesnähe.
** Es gibt Grenzfälle zwischen Psychopathie einer- und Kunst und Religion (auch Christentum) andererseits!
*** Lukas berichtet auch von Petrus als dem Pfingstprediger (Apg 2).

Zwang: In der Verlassenheitsangst (Kehrseite der Freiheit!) ist religiöser Zwang Ersatz für persönlichen Zuspruch.

Region: Cuius regio eius religio war monarchisch gedacht. Bei gewaltbereiten Parteien aber erscheint die Idee, schiedlich-friedlich auseinanderzugehen, heute – angesichts der Konflikte in der islamischen Welt – wieder eine diskutable Lösung. Die Flüchtlingsströme illustrieren diese Option; und so brachten schon die Hugenotten französische Kultur ins deutsche Kurfürstentum Brandenburg, und so kamen einst die Pilgerväter und dann vielen Juden nach Amerika.)

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Erkenntnis

Wahrheit

Wir Menschen spielen die Wahrheit mit verteilten Rollen.

Wissenschaft ist: Viel verstehen; aber weiterforschen. Wissen ohne Forschen ist Glaube, den man nicht mehr von Aberglauben/Wahn unterscheiden kann.

Ungefähr/Vereinfachung

Jenseits, Vater, Du, Ordnung, Recht – das ist alles nur Andeutung, ungefähr richtig/richtungweisend. Wie die Flugbahn eines künstlichen Satelliten, sind solche Begriffe ständig kontroll- bzw. korrekturbedürftig! Es geht um so etwas wie ein Gleichgewicht in einem vieldimensionalen Raum.

Identität ist eine Idee im Ungefähr der Realität.
Die Dynamik jeder Stabilität aber ist unergründlich bedingt.

Der Prediger braucht das Amen wie der Künstler den angemessenen Beifall.

Vereinfachungen sind Verzerrungen. Verschiedene Vereinfachungen desselben Gegenstandes widersprechen einander und lassen sich bestenfalls ungefähr brauchbar zusammenfügen.

Jede Gesellschaft braucht konsensuale Vereinfachungen, obwohl diese auch irreführen und ihrerseits gefährlich werden können.

Genauigkeit ist immer eine vereinfachende Modellvorstellung.

Die Realität ist nicht scharf umrandet.

In welchem Geist wird „vereinfacht“? – : Normalerweise grundlegend zuversichtlich ungefähr im Sinne des Glaubens an eine mütterliche Welt mit einem environment father*.
Früher war diese Geborgenheit bei uns grundlegend repräsentiert durch die Eltern. Das (schließlich biedermeierliche) Kleinfamilien-Muster löst sich aber heute auf. In anderen Kulturen (und in der bei uns jetzt neu entstehenden) ist die Geborgenheit in der Primärsozialisierung vielfältig anders repräsentiert. Die kulturspezifische Gotteslehre kommt mit ins Schleudern.
* Begriff gebildet in Anlehnung an D. Winnicott’s environment mother.

In dem Maß, wie wir unsere Vereinfachungen verbessern, werde sie inkompatibel.

„Das“ Vielerlei ist „das Eine“, das sind zwei Vereinfachungen.

Der Lebensweg des animal rationale (vereinfacht):

Es gibt viele verschiedene Vereinfachungen eines Problems, – in deren Licht man dann verschieden handelt. Den weitesten sinngebenden Horizont stellen jeweils die stärksten Vereinfachungen.
Man kann Probleme auch „einfach“ ignorieren. Die entsprechende Praxis führt allerdings in der Realität schnell zu weiteren Problemen.

Tiefere Einsicht: Ein Kind hat zählen gelernt. Es hat eine Rolle Toilettenpapier und zählt die Blätter. Beim einhundertunddreizehnten Blatt sagt es: „Und so weiter!“ und wendet sich, nach dieser Vereinfachung, befriedigt andern Dingen zu.

Wir können die Welt nur durch Vereinfachungen und Kombinationen von Vereinfachungen verstehen (noch am Besten in einem mittleren Größenbereich). Kein Wunder: Man vergleiche, wie groß raumzeitlich unser Kopf und wie groß die Welt ist, die wir verstehen wollen!
Es liegt nahe, die unangefochtenen, banalsten Vereinfachungen, die den Lebenstest bislang bestanden haben, für „die Wirklichkeit“ zu halten. Aber schon die möglichen Kombinationen aus diesen, bis hin zu den Weltanschauungen (ausgemalten Stimmungsbildern), sind vielfach inkompatibel – und vielleicht primitiv, aber sehr schnell nicht mehr banal.

Das Verhältnis des institutionalisierten Wissens zur Realität ist katastrophenträchtig illusionär.

Wir brauchen vereinfachende Illusionen. Jeder Erkenntnisfortschritt hat Umbau unserer inneren Welt zur Folge. Die ganze Wahrheit würde uns sprengen.

Marx, mit seiner endlosen Weiterarbeit an seinem „Kapital“, war vielleicht der bemerkenswerteste Mensch des neunzehnten Jahrhunderts.

Symbol

Die menschliche Kreativität ist von den Genen zu den Memen fortgeschritten, – die ihrerseits (teils autopoetische) Verwirklichungen zur Folge haben; soziale Institutionen, Werkzeuge, Kunstprodukte, Geld, „das Kapital“ sind Phänotypen davon.
Der Mammon wurde, als unübersetztes Fremdwort in der Lutherbibel (Mt 6, 24), Name einer Personifikation des Geldes; Marx hat das Kapital begrifflich als Akteur konzipiert und thematisiert. Es handelt sich um so etwas wie eine neue Spezies, deren Evolution unvorhergesehene, gravierende Rückwirkungen auf die Menschheit hat. Diese mußte sich anpassen und strukturiert sich um. Reich und Arm wurde eine für die Geschichte der Menschheit zunehmend wichtige Unterscheidung. Die Dominanz des Staates wurde allmählich durch die der Wirtschaft überlagert und diese in unseren Tagen durch die Dominanz des Geldes und seiner Subspezies („Derivate“).

Symbolik ist Spiel. Man spielt mit Symbolen, also Vorstrukturiertem. Man bringt seine Individualität ins Spiel der kollektiven Symbolik ein.

„Bedeutung“ ist lineare Extrapolation: Stabilisierung „bedeutet“: Ewigkeit!

Poesie ist ein persönlich genau* verantwortetes, unberechenbares Ungefähr, „die Muttersprache der Menschheit“ (Herder).
Auch die alltägliche Kommunikation hat ihre Genauigkeit im Ungefähr der Symbolik.
* Musil: „Genauigkeit und Seele!“.

Die Bedeutung eines Symbols ist nicht, wie die Bedeutung eines Zeichens, genau zu definieren. Ein Symbol hat aber, jeweils im Ungefähr, einen kommunikativ integrierenden Stabilitätsbereich.

Existenzsymbolik

Das Grundvertrauen ist in Krisen für den Erwachsenen symbolisch wieder auffindbar.

Absolut gesetztes Recht ist ein verhängnisvoller Justizirrtum.
Absolut gesetztes Dogma ist ein Götze.

Die kollektiven Symboliken werden fadenscheinig und zerbröseln in Glaubenskrisen. Es bleibe Privatsymboliken kleiner Kommunikationsereignisse und Begegnungen.

Existenzsymbolik gehört in den Zusammenhang der Lebensführung – eines interpretiert das andere. Deshalb ist für existenziell bedeutsame Kommunikation Lebensgemeinschaft, Gemeindeleben und persönliche Bekanntschaft wichtig.

Die Epikureische Seelsorge setzte Merksätze zur Selbsthilfe ein; Symbole, an denen man sich festhalten kann, wenn man in Gefahr ist, sich zu verlieren.

Ein Symbol soll Wahrheit repräsentieren. Es stammt aus einem bestimmten Kontext und bekommt seine bestimmte Bedeutung durch seinen Kontext. Änderung des Kontexts kann die Bedeutung des Symbols ändern; es wird umfunktioniert und kann jetzt Unwahrheit repräsentieren.
Das ist auch theologisch wichtig, denn Theologie soll Symbolmissbrauch vorbeugen. Der Missbrauch kann Symbole unbrauchbar, ja gefährlich irreführend machen.

Sünde, Schuld, Strafe und Gnade sind normalisierend-verzerrende Begriffe zur groben Orientierung im interpersonellen Chaos unseres Lebens. Aus ihnen erwachsen Institutionen.

Das „Bedeutende“ deutet über unseren Horizont hinaus.

Mein wohltemperiertes Interesse schlägt, im Mitgefühl mit dem, was mich interessiert, ganz schnell um in Freude und Trauer. Die latente Gefühlsintensität zeigt: Interesse ist die prekäre Normalform meiner Liebe.

Nicht nur religiöse Symbolik kann so etwas wie Sektenbildung hervorrufen. Eine Sekte (im besten Sinne) ist eine Art Arbeitsgruppe zur konzentrierten Ausarbeitung – und empirischen Belastung – einer Existenzsymbolik. Die Grenzen des Vorhabens sind durch Identitätskrisen markiert.

Die letzte Zeile* von Hölderlins Andenken (1803) sagt, dass die treueste Form des Gedenkens das Gedicht sei. Hier sind das Idiosynkratische und das Gemeinsame eins.
* „Was bleibet aber, stiften die Dichter.“

Es gibt Worte, mit deren Hilfe man seine Kräfte sammeln und die man als Leitfaden weiterspinnen kann.

Es gibt keine zeitlos verbotenen, sondern nur zur Unzeit gestellte Fragen. Oft muss Spannung ausgehalten und Wartezeit artikuliert werden.

Es dauert zwei Generationen, bis eine Katastrophe wie für Deutschland die Nazi-Zeit stabil in die kollektive Symbolik eingearbeitet ist.

Sinn

Spiel braucht Spielraum, ein Ungefähr, das „Spiel hat“.

Leben ist Spiel. Höheres Leben ist höhere Kunst. Wir sollen so mit einander spielen, dass das Spiel „in die Verlängerung geht“.

Eine Tat ist ein „factum“. Die Geschichte aber geht weiter; und sie entfaltet die vielfältige Bedeutung der Tat. Die menschliche Geschichte ist ein Spiel von Bedeutungen. Wir sollen schön mitspielen, müssen Fehler aufzufangen versuchen.

Wir können heiter mit einander spielen nur auf der Basis der stillschweigenden Anerkennung der allen gemeinsamen, fundamentalen Trauer – ohne dass doch das Verlorene gemeinsam benannt werden könnte.

Manfred Eigen machte das Spiel (1988) zu einer zentralen ontologischen Kategorie. Das ging mir damals gegen den Strich; aber er hatte Recht. Spiel und Ernst schießen sich nicht aus!

Wozu leben wir weiter? – : Jeder an seinem Teil soll verarbeiten, was wir Menschen erlebt haben.

Der Sinn des Lebens ist: ernsthaft Mitspielen, das Sterben überspielen durch Symbolik. Symbolik kann Generationswechsel überleben.

Ein Irrweg ist nicht sinnlos; nur hat er nicht den Sinn, den man dachte. In einem Irrweg steck übermäßig viel Sinn!

Der Mensch als Spezies ist in der Biosphäre so erfolgreich geworden durch außerordentlich ausgreifende, selten unterbrochene Unzufriedenheit.

Ich liebe das Leben nicht; aber irgendetwas interessiert mich immer. Ich hänge am Leben in immer neuen Varianten von Interesse.
Am stärksten ist allerdings wohl eine negative Variante: die unterschwellige Angst vor Verlassenheit in den letzten Naturprozessen meines Lebens.

„Ach! Was soll ich?“ Ich suche. Wir sollen weiterleben, weitersuchen, Versuche und Erfahrungen machen.
Ich bin ein Experiment. Das Leben, die Erde, das Sonnensystem, unsere Milchstraße usw. sind Experimente. Das interessanteste Experiment ist der Experimentator selbst. Die forschende Menschheit ist ein Experiment Gottes.
Experientia* facit theologum, soll Luther** gesagt haben. (Das erklärt den Duktus seiner Theologie.)
* Ex-per-ire, ausführlich durchlaufen.
** WA, Tischreden, Bd. 1, S. 16, Z. 13.

All meine Mitmenschen, mein Leib und meine Seele – mit allem, was ich für alle zu denken meine und sage, wird vergehen.
Was hat das dann alles für einen Sinn gehabt? „Alles Vergängliche ist nur ein Gleichnis“, schrieb der alte Goethe*. Es hat zunächst den Sinn, den es an seinem Ort und zu seiner Zeit gehabt hat. Aber Sinn (war und) ist (und wird sein) offen**, konkrete Aufgeschlossenheit, Leben.
* Ende von Faust II.
** „Transzendent“, wie es auch „transzendente Zahlen“ gibt.

Für historisches Interesse gibt es zwei Gründe:
Man will die Bedingtheit der heutigen Symbolik verstehen;
man muss das Rad nicht neu erfinden.

„Was soll das alles?“

Diese Frage kann kein Mensch beantworten und doch wird sie laut – in dieser oder einer anderen Form, und zwar, wie mir scheint, immer häufiger. Und immer triftiger begründet. Die Informationsflut strukturiert die Massengesellschaft immer schneller um – und vertieft die Orientierungslosigkeit.

Man fühlt sich zunehmend von Chaos und Vereinzelung* bedroht. Die Nah-erwartung einer entsetzlichen „Endzeit“ liegt auch heute wieder in der Luft – und nicht mehr nur in frommen Zirkeln.
* David Riesman, The lonely crowd, 1950, wurde ein Bestseller.

Im überwältigenden modernen Stimmengewirr muss jeder einzelne selbst zur Besinnung kommen.

Es geht bei der Frage „Was soll das alles?“ um den Sinn des Lebens. Sie konkretisiert sich als ein bescheidenes: „Was soll ich?“

Oft liegt eine ganz banale praktische Antwort auf der Hand, der man auch mit dem Grundgefühl eigentlicher Sinnlosigkeit Folge leisten kann.

Jeder Einzelne braucht Orientierung als Vorgabe, um sein Leben organisieren zu können und zu wissen, was er machen und was er lassen soll. Solche Grundorientierung ist jedem moralischen Sollen und jeder Einzelentscheidung über Tun und Lassen vorgeordnet.

Hier hilft so etwas wie ein Freundeskreis. Früher allerdings kam man mit vergleichsweise wenigen Stereotypen aus, um einander zu verstehen und einander beizustehen. Aber einen Kreis zu finden, der mit solchen Ansprüchen belastbar ist, (auch Zweierbeziehungen), ist auch schwieriger geworden.
In der mit immer mehr Virtualitäten angereicherten, modernen Zivilisation ist jedes Subjekt ein Knotenpunkt so vieler so dünner Beziehungen, dass man kaum noch zu einer mitmenschlich tragfähigen Symbolik finden kann. Neben der Unzahl von subkulturellen Sprachen gibt es eine verarmte, allzu einfache, undifferenzierte, kraftlose Sprache menschheitlicher Solidarität.

Gegen die Sinnlosigkeit brauchen wir ein „Du“, einen (leicht verzerrenden*) Spiegel zur Selbstverstärkung und als Anregung zur Selbstkritik. Der Mensch ist ein animal sociale. Er ist in eine Welt hineingewachsen, die in elterlicher Fürsorge so für ihn bereitet war, dass er als Mitmensch darin aufwachsen konnte. Die Eltern repräsentieren „den Schöpfer“. Und in jedem „Du“ lebt das parentale Du weiter.
* Man soll ihm nicht unbedingt glauben!

Wer Distanz von seiner Befindlichkeit, wer Neuorientierung braucht, ist wohlberaten, wenn er sich persönlich an den Schöpfer wendet.

Von Gott hat man wohl Vorstellungen, aber weiß doch nicht recht, wovon die Rede ist.

Die Frage nach Gott weitet den Gesichtkreis und erleichtert praktische Entscheidungen.

Naturwissenschaft

Materie/Energie mal Zeit ist Wirklichkeit* (die Dimension der kleinsten physikalischen Einheit). Also: doppelte Zeit bedeutet doppelt so viel Wirklichkeit!
* Die Physik spricht von Wirkung/action.

Die kleinsten Materie/Energie-Partikel sind die dauerhaftesten Wirklichkeitsminima; größere sind kurzlebiger.

Der Determinismus ist ein Erbe des alten Schöpfungsglaubens; die Schöpfungsordnung – das waren nun Gesetze der Natur. Aber dieser Naturbegriff ist eine menschliche Vereinfachung der Natur.

Stabile Struktur ist ein Energiespeicher, ein lokales energetisches Minimum.

Höhere chemische Bindungen (lokale energetische Minima auf höherem energetischem Niveau) werden in Lebewesen unter ständiger Energiezufuhr aufrecht erhalten. Bei Zerfall wird Energie frei; Kompost wird warm.

Diverses

In ernsten Kontroversen ist die erste Option des Widerspruchs: „In gewissem Sinne: Ja! Aber…“ Zur Meinung eines anderen Nein sagen darf nur, wer auch zur eigenen Meinung Nein sagen kann.

Umsicht macht demütig, und Einsicht macht bescheiden.

Wissen ist persönlich; man glaubt zu wissen. Schulwissen ist stereotyp, institutionalisierte Erfahrung.

Begreifen führt zu handhabbarem Vergegenständlichen, Wiedererkennen, „to be at even“, maîtrise, und erweckt Begeisterung.

Weisheit ist persönlich verarbeitete Erfahrung; Konklusionen und Sentenzen zwar anspruchsvollen Inhalts, aber bescheiden, situationsbedingt entschieden geglaubt und gelebt.

Wenige Systeme sind uns hinreichend verständlich. Alle einzelnen Veränderungen ändern Proportionen, und das hat oft unvorhersehbare Veränderungen des Systemverhaltens zur Folge – selten kreative, häufiger zerstörerische.

Der Sündenbegriff hat seine Eindeutigkeit verloren. Früher wusste man besser, was gut ist und was böse; man hatte ein Gottesgesetz und war demütig als Sünder. Heute ist man orientierungslos demütig.

Ein Wort evoziert einen strukturierten Phänomenbereich. Eine Definition vereinfacht dessen Strukturen zu einem Begriff. So kann die Bedeutung desselben Worts verschieden definiert werden.

Der Glaube an die Aussagbarkeit des Daseins in Existenzsymbolen ist streitbar. Falsifizierbarkeit wird beansprucht für die Aussage und für den Widerspruch.

Letzte Weisheit ist immer noch die Demut.

Speculari = Ausschau halten, philosophisch, in der platonischen (Evidenz, εἶδος und ἰδέα suchenden) θεωρία-Tradition, auf (beständig, ja statisch erscheinendes) Stabiles, ja Ewiges gerichtet, an dem man sich orientieren muss. (Mathematische, besonders geometrische Phänomene genießen bei Platon besonderes Interesse.)
Spekulation verdient nicht Vertrauen, aber solidarisch-kritische Aufmerksamkeit.

Paradoxe können einen ansprechen und beschäftigen, wie Gedichte. Sie sind keine Behauptungen, an denen man zweifeln könnte; sie ziehen ihrerseits Behauptungen in Zweifel.
Glaubensaussagen sind paradox. Allerdings hat bereits Paulus versucht, das Paradox als Behauptung zu institutionalisieren.

Jeder weiß von sich, dass er über alles Wirkliche nur so ungefähr Bescheid weiß.

Alles, was man lernt, hat eine endliche (und zwar immer kürzer werdende) Halbwertszeit.
Der Geist ist nicht ewig. (Das ist alles, was er über die Ewigkeit zu sagen weiß.)