Thomas Bonhoeffer


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Vorwiegend säkulare Gedanken

Gesellschaft

Allgemein

Die Gesellschaft ist so kompliziert geworden, dass alle Veränderungen umsichtig vieldimensional vorbedacht werden müssen.

Die zweiwertige ist die einfachste, bequemste Logik. Die Politik tendiert zu Polarisierung, wo (aus Not oder Übermut) keine realen (also komplexeren) gesellschaftlichen Probleme respektiert werden.

Im Dorf hatte jeder eine hochdimensionale Identität. Die Globalgesellschaft hingegen besteht aus vielen niedrigdimensionalen riesigen Systemen; und in diesen muss man sich (möglichst universalistisch zertifizierte) Identitäten (Qualitäten = „Qualifikationen“) machen. So wird einer vertrauenswürdig; man kann ihm etwas anvertrauen. (Das ist die Basis für soziale Integration.)
Die Gesellschaft, in die man integriert ist, ändert sich schnell; deshalb haben die Qualifikationen kurze Halbwertszeiten. „Man meint zu schieben und wird geschoben.“

Die Leute auf der Straße und in der Untergrundbahn wirken nicht ängstlich, aber unsicher. Wes sind sie sich dabei bewusst? Ist es eine in kleinere Sorgen transformierte Zukunftsangst?

Einst, im Dorf, hatte jeder eine hochdimensionale Identität.
Die Globalgesellschaft aber besteht aus vielen niedrigdimensionalen riesigen Systemen; und in diesen muss man sich (möglichst universalistisch zertifizierte) spezifizierte Identitäten* (Qualitäten = „Qualifikationen“) machen. So wird einer vertrauenswürdig; man kann ihm etwas anvertrauen. (Das ist die Basis für soziale Integration.)
Die Gesellschaft, in die man integriert ist, ändert sich aber schnell; deshalb haben die Qualifikationen kurze Halbwertszeiten. „Man meint zu schieben und wird geschoben.“
*Ähnlich den PINs.

Die Familie ist der genetisch fundierte Hort des Altruismus.

Kriege zwischen Völkern sind altmodisch. Das neue globale Criss cross ist dafür zu kompliziert. In diesem Chaos hat ständig neu vereinfachende Kreativität die besseren Aussichten.

Die Menschen sind gemeinsam betroffen von Politik/Recht, Wirtschaft und Kultur (Rudolf Steiners Dreigliederung). Und darüber, was hier passiert, redet man; das ist Gesellschaft.

Die moderne Technik hat die Gesellschaft durch rapide Veränderung der Produktionsverhältnisse (und unzähliger weiterer Proportionen im Sozialgefüge) unversehens destabilisiert.

Macht ist Freiheit; also eine vielfältig umständebedingte Relation.

Vieldimensionale Lebensgemeinschaften lösen sich auf. Jede Dimension wird jetzt einzeln optimiert.

Die Menschheit gliedert sich neu. Die hochdimensionalen, langlebigen Einheiten zerfallen. Kurzlebige Aktionsgemeinschaften sind stärker und sprengen sie auf. Diese neuen sozialen Einheiten aber sind instabil. Jeder Einzelne ist wohl absturzgefährdeter denn je.
Wer ist schuld? Da ist kein Feind; man erfindet ihn. Fanatisch simplifizierende Gruppen sind soziale Auffangbecken für die neue Masse Vereinzelter. Paranoide Spaltungen strukturieren schließlich Mordlust.

Familie ist eine vieldimensionale kleine soziale Einheit, soziale Basis für ein solides Selbstbewusstsein, das dann über diesen Rahmen hinausdrängt.
In der heutigen Globalgesellschaft ist das Selbst nur zu schwachen und flüchtigen, programmatischer Verstärkung bedürftigen, realen Identifikationen fähig. Kurzlebige Aktionsgruppen setzen sich durch.

Die menschliche Gesellschaft verlor, „innengeleitet“* und individualisiert, ihre traditionellen* dauerhaften Strukturen und zerstäubt zur „außengeleiteten“* „einsamen Masse“.
Die globale Finanzwirtschaft ist – horribile dictu – die heute zentrale Kulturleistung der Menschheit. Mit der wachsenden Bedeutung des (immer flexibler werdenden) Geldes als Wert, funktioniert die Gesellschaft immer geldförmiger.
* David Riesman in seinem Bestseller The lonely crowd von 1950 (dt. 1956).

Neuer Gesellschaftstrukturtyp: Weniger Freundschaften – inmitten sehr vieler Beziehungen mit virtuellen (selten realisierten) freundlichen Absichten und undifferenzierter Mitmenschlichkeit.
Freundschaft ist eine mehrdimensionale Lebensgemeinschaft, sie muss Sympathie und Kooperation sein; Freundeskreise sind nicht mehr selbstverständlich. Sie müssen gewollt sein und haben (wie chapelles, coteries, Sekten) eine zentrale Symbolik. Streichquartette sind einfacher als Gesprächskreise. Die Meinungs- und Kompetenzvielfalt ist gewachsen und nur mit mehr Unverbindlichkeit zu handhaben.

Die Menschheit hat vielerlei Selbstbeschränkungs-Mechanismen, die zu Zeiten auch der Erhaltung der Art gedient haben; aber sie ist kein durch negative Rückkopplungen stabilisiertes System, kein Organismus.

Wie in Gasen und Flüssigkeiten bei Wirbelbildung, akkumuliert und organisiert sich chaotisch die Dynamik all des kleinen, aber massenhaften Unrechts, das alle Menschen von einander erleiden, und führt zu verheerendem, kollektivem Irrsinn.

Zu viele Verbindungen schwächen die Verbindlichkeit.

Allianz mit weiteren Mächten stärkt jede Macht. Wirtschaft und Staat müssen kooperieren. Mit Polizei, Militär und Geld wäre genügend Macht für eine stabile Ordnung akkumuliert, wie jede Gesellschaft sie braucht. Aber es gibt sehr verschiedene recht stabile soziale Ordnungen!
Welche Ordnung hier und jetzt besser oder schlechter wäre, das ist normalerweise strittig. Letztlich entscheidend ist die Streitkultur.

Das antike Schema „Rechtsgott gegen den Chaosdrachen“ ist ein bis heute kräftiger Archetyp.

Staat

„Tea party“ : Verkleidet als Ureinwohner (Indianer), rebelliert heute das private Kapital gegen die überschuldete amerikanische Demokratie.

Auch das Militär will (natürlich) nicht Krieg. Es will nur abschrecken, Respekt gebieten.

Wenn das Militär, die brutalste Macht, mit Geld (der raffiniertesten Form sozialer Macht) aus stabiler Kooperation mit der Wirtschaft, gegen die zivilgesellschaftliche politische Macht arbeitet und die Gesellschaft sich dann einer Militärdiktatur (der einfachen, nun doch allzu einfach gewordenen, alten Lösung) widersetzt, drohen Katastrophen.

Militär und Polizei gehören zur nationalen Friedensordnung. Auf Befehl seiner Regierung, dient das Militär seinem Volk mit geordneter Unmenschlichkeit.
Das Militär belügt, im Sinne seines Auftrags, das eigene Volk, wenn dieses menschlicher empfindet, als die militärische, nationalistisch versimpelte Rationalität erlaubt.

Recht ist eine Existenzsymbolik. So konnte es zu einem religiösen Thema werden.

Parteien

Eine Partei ist eine Interessengemeinschaft, die in einem Kollektiv ein Eigenleben entwickelt. Im Zentrum steht eine variable, vieldimensionale Menge von einander teilweise überschneidenden und teilweise sogar inkompatiblen Interessen.
Unsere politischen Parteien sind institutionalisiert und haben drin ihre Identität. Sie streben nach legislativer und exekutiver Macht. Die Institutionalisierung entspricht einem öffentlichen Interesse an geordneter, transparenter politischer Kommunikation mit dem Ziel konsensualer Handlungsfähigkeit. Die Parteien erarbeiten vereinfachend politische Optionen des Staates, die von ihren Mitgliedern gewünscht werden.

Zielkonflikte zwischen Parteiwohl und Staatswohl sind in politischen Parteien unvermeidlich; es sind auch Konflikte zwischen Nahzielen und Fernzielen.

„Meine Partei“ soll nicht meinen Egoismus, sondern meine politische Sittenlehre im Interesse von Stabilität vertreten, Raum für „das Gute“, humane Balance sichern.

Keine Kooperation ohne Spannungen. Es gilt, die Spannungen möglichst zweckentsprechend zu verteilen.
So muss man jetzt* in der SPD sich fragen, ob ihre Spannungen mit der CDU besser (wie die Parteispitze und das Volk meint) in einer Koalition abzuarbeiten sind oder (wie die Parteibasis meint) in der Opposition.
* Nach der Bundestagswahl 2013.

Macht

Nicht nur an Geld, sondern auch an Macht muss man glauben (credere); sonst muss, aus Macht (als Möglichkeit), wirkliche Gewalt werden.

Schopenhauer stellt den Willen ins Zentrum seines Weltbildes. Nietzsche präzierte: Wille zur Macht, Heidegger: Wille zum Willen.

In globalen Machtkartellen herrscht Konfliktvermeidung zwischen den Supermächten. Deren Spitzen können ungebremst die Massen ausbeuten und die kommenden Generationen berauben. Damit aber höhlen sie die Legitimität dieser Machtstruktur aus.

Auch illegitime Machtstrukturen sind getragen von
1. Treue, Überzeugung, „positive Religion“. Hier muss praktisch-theologische Überzeugungsarbeit geleistet werden,.
2. opferbereitem Ordnungswillen (das ist solide),
3. Bestechung (auch das ist solide),
4. Bedrohung (das ist unsolide).

Jede Gesellschaft hat Ungleichverteilung von Macht; sowohl verschiedene Dimensionen wie verschiedene Grade.
Standesunterschiede sind erblich - mit Pflichten,
„Schichten“ sind finanziell voneinander unterschieden;
Stellenmacht ist Befehlsmacht.

Die gesellschaftliche Toleranz gegenüber Ungleichverteilung ist variabel begrenzt und kulturgeschichtlich bedingt.

Macht braucht ein Minimum konsensgetragener Ordnung. Ist dieser Konsens zu schwach, können sich Gegenordnungen organisieren, die keine öffentliche Verantwortung tragen wollen und an der herrschenden Ordnung schmarotzen.

Aufsteilung der Verteilung legaler Macht führt zu Legitimitätsfragen.

Gewalt gegen Strolche – mit Augenmaß. Dafür stand Nelson Mandela.

Gewalt wird immer gefährlicher. Der Verteilungskampf wird deshalb immer raffinierter und aufwändiger.

Wirtschaft

Die Aufhebung des Goldstandards hat das Geld der chronischen Wert-Erosion preisgegeben und zu „Schwundgeld“ gemacht.

Steuerflucht entzieht dem Staat das Geld, das er (für Infrastruktur und Kompensation des Wachstums der Ungleichverteilung durch das exponentielle Wirtschaftswachstum) im Interesse des sozialen Friedens benötigt.

Übermacht wächst. Geld ist Macht. Je schneller man sie einsetzt, desto schneller wächst die Übermacht.
In dem Maß, wie Geld gehortet wird, verliert gespartes Geld seinen Wert.
Man muss investieren, um die Inflation aufzufangen. Das stimuliert die Produktivität; aber die Nachfrage entscheidet, ob das auch der Wirtschaft zuträglich ist.

Hinter dem sozialen Problem Arbeitslosigkeit steht das vieldimensionale Problem Arbeit, genauer: reguläre, Arbeit, mit der man in unserer Gesellschaft sein Leben „verdient“.
Infolge des technischen Fortschritts ist immer weniger menschliche Arbeit nötig. Es geht, genau besehen, nicht um mehr Arbeit oder mehr Arbeitsplätze, sondern um sozialverträgliche Verteilung bezahlter Arbeit.
Das Gesamtvolumen an Arbeit kann erhöht werden durch stärkeres Gegeneinander der Wirtschaftssubjekte, die einander „Arbeit machen“. Solche Arbeitsbeschaffung hat allerdings gesellschaftlich unterm Strich negativen Wert.
Produktion von eher Überflüssigem wiederum geht zu Lasten der Umwelt.
Der mächtigere Bevölkerungsanteil müßte bezahlte Arbeit abgeben! Er muss weniger arbeiten und kann nun an etwas arbeiten, was sich nicht direkt bezahlt macht.
Ohnehin ist die durchrationalisierte Arbeit dem animal rationale nicht natürlich; um Re-humanisierung der Arbeitswelt wird schon lange gerungen. Und der Rattenwettlauf der modernen Gesellschaft geht weltweit auf Kosten der sozialen Kohärenz und der Kultur.

Die Mächtigen stehen der Masse gegenüber. Wer viel Macht hat, gibt üblicherweise nur unter Druck einer Übermacht viel davon ab. Die soziale Ungleichheit wächst natürlicherweise exponentiell in Chaotik hinein; das soziale Gleichgewicht – und somit der Friede unter den (doch recht gleichen) Menschen – ist labil. Heute dient dem Frieden ein wirtschaftliches Wachstum, das natürlich hauptsächlich den Privilegierten zu Gute kommt, aber auch die Wünsche der Unterprivilegierten hinreichend befriedigt. Die kommenden Generationen können sich gegen unseren Raubbau an Bodenschätzen und Atmosphäre nicht wehren.
Nach geologischem Fachurteil ist die anthropogene Umweltschädigung erdgeschichtlich erheblich; für die Geschichte der Menschlichkeit, der Menschheit und des Lebens auf Erden ist sie katastrophenträchtig. Sie ist ein Naturprozess, den wir kaum modifizieren können. "Denn für dieses Leben ist der Mensch nicht klug genug; doch sein höh‘res Streben ist ein schöner Zug!" (Brecht*, Dreigroschenoper).
* Er wusste die Bibel zu schätzen!

Im Alten wie im Neuen Testament finden sich apokalyptische Stücke, an welche unsere heutigen Zukunftsängste erinnern. Die Bibel ist selbst ein „Zeichen und Wunder“, ein Buch trauernder Liebe, ein mitmenschlich verpflichtendes Dokument beirrend visionärer, irgendwie ansteckender Zuversicht.
„Dieweil die Ungerechtigkeit wird überhand nehmen, wird die Liebe in vielen erkalten. Wer aber beharret bis ans Ende, der wird selig.“ (Mt 24, 12f.)

Wirtschaft ist heute eine komplexe und deshalb geldvermittelte Kooperation.

Man spart an gegenwärtigem Konsum sinnvollerweise
entweder für dauerhafte Sachwerte oder gewinnträchtige Investition in Produktionsmittel (und baldigen höheren Konsum)
oder für späteren Konsum (bes. Altersvorsorge).

Die Wirtschaft dient grundlegend dem Konsum. Sie hilft, die Umwelt konsumieren.

Wird der Straßenverkehr stärker staatlich subventioniert als die Bahn, und der Flugverkehr stärker als der Straßenverkehr? Die Verkehrs-Realität ist erstaunlich.

„Arbeit“ als verselbständigtes Gut begann mit der natürlicherweise verzögerten „Belohnung“ im Ackerbau (Neolithicum) und wurde zu einer heiligen Norm in unserer Welt durch 2Thess 3, 10.
Heute ist für die Verteilung der knappen Güter nicht mehr Arbeit maßgebend, sondern Glück und Begabung. Die weniger Begabten müssen mehr Glück haben, um nicht Bettler zu werden. Der Graben zwischen der Masse und der Elite vertieft sich wieder.

Konkurrenzfähigkeit ist nur bedingt sozial wünschenswert. Bei knappen Ressourcen muss, zur Vermeidung sozialer Notstände, die Konkurrenzfähigkeit aller Wirtschaftssubjekte einigermaßen ausgeglichen sein.

Profitorientierung der Inverstoren könnte Arbeit aus Deutschland in Billiglohnländer verlegen und damit deren Konkurrenzfähigkeit verbessern – allerdings zu Lasten der hiesigen Beschäftigungslage.
Aber das ist politisch kaum zu machen. Dafür ist der individuelle und kollektive menschliche Altruismus gegenüber dem Egoismus zu klein – und das dementsprechende Misstrauen zu groß.

Systainability verlangt Entschleunigung der Evolution.

Dank Fortschritt der Technik fehlt es heute einerseits an qualifizierten Arbeitskräften und anderseits an Arbeitplätzen für schwach Begabte!
Arbeit als selbstverständliche Bedingung für Lebensunterhalt war früher ziemlich richtig, ist aber heute blühender Unsinn.

Die Kontrolle der Bedingungen für die Vergabe von Sozialleistungen ist teurer als die Faulheit wäre, die man durch bedingungsloses Grundeinkommen zu fördern fürchtet.

Arbeit wird seit alters als Plage verstanden und Spiel als Erholung. Aber das muss kein Gegensatz sein; zum Menschsein gehört wesentlich beides. Schöpferische Arbeit hat eine spielerische Komponente; und an spielenden Kindern kann man immer wieder beobachten, wie ihr Spielen zu beflissener, ernster, manchmal verbiesterter Arbeit wird. Der Mensch ist keineswegs von Natur faul. Wenn er seine Arbeit als sinnvoll empfindet, befriedigt sie ihn natürlicherweise mehr als Untätigkeit! Faulheit ist in aller Regel ein Artefakt unaufmerksamen Managements!
Damit entfällt das Hauptargument gegen das bedingungslose Grundeinkommen.

Fachkräfte sind rar. Aber Spitzenpositionen sind noch rarer – und verlangen deshalb vom derzeitigen Inhaber ständig vollen Einsatz.

Maschinen machen Massen arbeitslos; die „arbeitslose“ Masse wächst weltweit.
Abeit (Reparaturen und Anpassungen/customizing) wäre wohl da. Aber sie kommt zu teuer, weil der Erwerb (und die je erforderliche Aktualisierung) der Fähigkeiten (und der Ausrüstung) teurer sind als die Entsorgung und Neuanschaffung von Massenprodukten.
Aber nicht nur die Prognosen aus verschiedenen Fachwissenschaften, sondern auch die öffentliche Meinung wird wirtschaftspolitisch immer ungemütlicher.
Man wagt kaum noch, auf eine sanfte Landung der Überflußgesellschaft zu hoffen.

Die Politik wirft der Wirtschaft Geld nach, damit sie, bitte bitte, nicht schrumpft, sondern wächst. Denn schrumpfende Wirtschaft wird der Politik angelastet.
Geld ist billig, weil guter Rat teuer ist, da man angeblich zum Wachstum verpflichtet ist. Man druckt (und entwertet dadurch) Geld, und gewinnt damit nur Zeit vor dem Showdown. Bei uns wird die SPD jetzt, 2013, mitspielen, und PDS und Nationalisten werden in vier Jahren die (über die Massendemokratie lachenden) Gewinner sein.

Am Markt herrscht ein dauerhafter Angebotsüberhang über die Nachfrage. Die Armen haben weltweit auch für die billigste Ware am Markt kein Geld, das sie zu Marktteilnehmern machen könnte. Woher könnte das Geld kommen? Wenn auch diese Massen noch in die Weltwirtschaft eingegliedert würden, würde die verheerende Weltveränderung* noch schneller von statten gehen.
* Ich vermute, dass die Privilegierten in ihrem selbstverständlichen Übermut noch mehr ökologischen Schaden anrichten als die Unterprivilegierten in ihrer Not.

Auch geringes allzu lang aufrecht erhaltenes Wachstum kann in Abstürzen enden.

Sustainable development wäre konkret: Schrumpfung statt Wachstum! Es gälte, Produktionsanlagen und Überbevölkerung abzubauen und weniger je partiell output-orientiert durchrationalisiert zu arbeiten.

Nur eine ungeheuerliche Umstrukturierung der Wirtschaft im Sinne des Abschieds vom Überfluß (Niko Paech) kann diese Wirtschaftskrise bewältigen. So viel Vorsicht aber ist von den „real existierenden“ Menschen nicht zu erwarten. Also „amüsiert Euch!“ (Thornton Wilder, Wir sind noch einmal davon gekommen)

Die erweiterten Handelsbeziehungen schaffen das globale Transport- und Verpackungsmüll-Problem.

„Fairtrade“ bezieht sich auf ein Gefühl von Fairness bei möglicher direkter Konfrontation des Käufers mit dem Arbeiter. Durch die Vermittlung großer Firmen und langer Produktionsketten* geht die persönliche Verantwortung zwischen Arbeiter und Kunden verloren.
* Die supply chain ist die schrittweise Metamorphose des Materials, nicht eine menschliche Kette wie die der Arbeiter am Fließband (samt ihren Organistoren, Vorarbeitern etc.).

Arbeiter in Textilfabriken in Bangladesch oder Elektronikfabriken in China subsistieren dank Intransparenz. Auch der Käufer von Mode aus Bangladesch und Informationstechnik aus China möchte kein Ausbeuter sein. So wird denn hier im Interesse aller* Beteiligten jede mitmenschlich verantwortliche Beziehung zwischen Arbeiter und Konsument verhindert.
* Hans Magnus Enzensberger legte den Finger auf die Angst von Ausgebeuteten, nicht mehr ausgebeutet zu werden!

Ausbeutung ist eine Ausnutzung von Macht für formale Rechtsansprüche, die dem Rechtsempfinden widersprechen.

Die Konkurrenz zwischen Mensch und Maschine verschärft sich zunehmend. Die Produktionsmittel werden immer intelligenter.
Was Maschinen können, müssen die Menschen ihnen überlassen.
Bedarf herrscht bei individuellen Hilfen und persönlichen Dienstleistungen. Aber hier fehlt der maschinelle Multiplikator-Effekt, der für Löhne die Standards setzt; deshalb wird lohnender Lohn für Einzelanfertigung dem Kunden in der Regel zu teuer.

Übermacht wächst. Geld ist Macht. Je schneller man sie einsetzt, desto schneller wächst die Übermacht.
In dem Maß, wie Geld gehortet wird, verliert gespartes Geld seinen Wert.
Man muss investieren, um die Inflation aufzufangen. Das stimuliert die Realwirtschaft.

Die Konkurrenz auf dem Arbeitsmarkt zwischen Mensch und Maschine verschärft sich. Die Maschinen sitzen am längeren Hebel.

Homo oeconomicus kann man mit „Egoist“ übersetzen. Es ist das verführerisch einfache Bild der Schulökonomie vom Menschen, dessen Verhalten man einfach berechnen kann.
Für praktische Konsensbildung ist Berechenbarkeit viel wert und bleibt es, auch wenn deren Vorausetzungen sich als wirklichkeitsfern schon herausgestellt haben.
Die notorische Unmoral im modernen Bankwesen ist Folge der Suggestivität dieses Menschenbildes. Man darf auf ein postmodernes Bankwesen hoffen.

Erbe, Begabung, Fleiß, Arbeitsleistung, Gleichheit – das waren langezeit Kriterien für Verteilungsgerechtigkeit.
Gerechtigkeit legitimiert Macht. Aber Marktmacht entscheidet ohne Anspruch auf Gerechtigkeit.

Das deutsche Wort „Arbeit“ bezeichnet ursprünglich: Mühsal, Sklaverei, Leiden. (Die Etymologie könnte auf Ackerbau verweisen. Es geht um den Lebensunterhalt des Menschen in seiner Umwelt.) Ähnlich steht es in andern Sprachen. Es klingt auch nach in dem paulinischen Grundsatz zum Thema Brotverdienst, 2Thess 3,10.
Wortgeschichte ist Teil der Kulturgeschichte. Zum Thema Arbeit verrät sie, dass der Mensch noch nicht lang Arbeit als Selbstverwirklichung versteht und gar ein Menschenrecht auf Arbeit erdenken kann. Als Tätigkeit ist Arbeit Gegenbegriff zum Spiel, in welchem der Mensch sich frei entfaltet. (Das Regelspiel allerdings ist bereits ein Übergang zur Arbeit.)

Zwischen „Nachhaltig“ und schnell ergibt sich immer wieder ein Zielkonflikt.
Auch zwischen der Gesellschaft, dem (juristischem) Wirtschaftssubjekt (Firma u. dgl.) einerseits und dem einzelnen Akteur anderseits. Die Schnelligkeit ist eher das Anliegen des Akteurs, die Nachhaltigkeit das der juristischen Person.
Nach der großen Zeit der Schnelligkeit scheint jetzt wieder Nachhaltigkeit wichtiger zu werden. Wir sind noch einmal davongekommen.

Der Mensch als Egoist ist eine Vereinfachung, die, in Mediokristan, selbstverstärkend sich für Statistiken anbietet.

Mit Arbeitslosigkeit ist, genauer, „Arbeitsplatzlosigkeit“ gemeint.

Arbeitsüberlastung hier, Arbeitslosigkeit dort.

Will der Kunde „faire Preise“ zahlen? – : Nur wo er persönlich angerührt ist und sich identifiziert.

Anonymität und Intransparenz (Gyges und sein Ring!) sowie Schwindel zerstören Vertrauen, die Basis der Wirtschaft. Die société anonyme (Aktiengesellschaft) war eine fatale Erfindung!

Im Wettbewerb zwischen Volkswirtschaften entscheidend ist heute Innovation und ein flexibler Arbeitsmarkt. Diese Unruhe ist beunruhigend.

Ökonomisches „Wachstum“:
A) im Nullsummenspiel:
1. Ausbeutung natürlicher Resourcen, 2. sozial.
B) Wertschöpfung* (Neukombination).
* Wert ist: A) Gebrauchswert für 1. praktisch Jeden, 2. „Liebhaber“ a) Einzelne, b) besondere Gruppen. B) Marktwert.

Die kaum unter Kontrolle zu haltenden Möglichkeiten der Massenproduktion und -reproduktion hebeln die alte Marktlogik aus.
„Der Markt“ kann nicht zuverlässig funktionieren.

Finanz

“Geld” bezeichnet eine Dimension und ihren Inhalt. Es ist mit staatlich vorgegeber Maßeinheit quantifizierte, staatlich garantierte Macht am Markt.

Geldstücke und -scheine sind unpersönliche Ansprüche auf Marktmacht an den Staat.

Die erste Zweckbestimmung von Geld ist der Eintausch gegen Konsumgüter und Dienste.
Investieren übt Macht aus, indem es Geld in Eigentum transformiert. Eigentum ist eine weniger konvertible Form von Macht.
Sparen ist: Liquidität in Reserve halten. (Sparkassen zahlen für Einlagen Zinsen, die sie erwirtschaften, indem sie einen Teil der Einlagen eben doch nicht in Reserve halten, sondern möglichst sicher investieren.)

Die Ontologie von Geld ist nicht einfach. Geld ist ein materialisiertes Mem, das die Menschheit beherrscht; eine neue Spezies mit eigentümlichem Kooperationsstrukturen, vergleichbar mit Symbionten. Es beutet den Menschen aus, die Menschheit umorganisiert – bis zum Zerreißen in immer mehr Arme hier und immer Reichere dort, und sich vermehren will.

­­Walters Beispiel: Kain war ein Ackermann, Abel war Hirte und/oder Jäger. Im Vertrauen auf folgende Gegenleistung, ernährt, jeweils für ein halbes Jahr, einer den anderen. Einer schenkt dem andern Vertrauen, gibt ihm ”Kredit”.
Wie aber kommt es in solchem Zusammenhang nun zu Geld? Wenn sie einander Fremde unter vielen wären und einander nicht trauen könnte, müßte eine soziale Macht glaubhaft (!) drohen und versprechen können; denn ganz ohne Glauben und Vertrauen kann man keine Geschäfte mit einander machen. Es mag die Macht einer väterlichen Herrscherfigur sein, eine Institution oder eine Gruppennorm, die zur Vereinfachung des Lebens sich eingespielt hat.
In der Anonymität der Menschenmenge wird persönliche Verbindlichkeit durch sozial anerkannte Zeichen von (abgeleiteter) sozialer Macht ersetzt. Diese Zeichen kann man in Ware (oder Dienste) umtauschen. "Geld" sind diese Zeichen. ("Möglichkeiten" sind abstrakte Aspekte von realer Macht.)

Geld ist Macht/”Ver-mög-en", verdinglichte Macht, die konvertibelste Macht.

Der Markt braucht politischen und polizeilichen Schutz. Abgesehen hiervon aber ist der Staat, durch das von ihm garantierte Geld, auf dem Markt als Wirtschaftssubjekt präsent.
“Geld” heißen gewisse Rechtstitel (auf Metall, Papier oder elektronischen Datenträgern), verbriefte, übertragbare Ansprüche auf einen konvertiblen Anteil an der Staatsmacht auf dem Markt.

Geldentwertung ist allgemeine* Teuerung.
* Auch bei Devisenbeschaffung.

Selbstsicherheit einer staatlich verfassten Gesellschaft mit entsprechendem Vertrauen in ihr Geld kann zu groß sein und zu Geldentwertung führen.

Geld ist ein staatlich garantierter Anspruch – einst, grundlegend, dem Staat gegenüber: Anspruch auf Gold (das seinen jeweiligen Marktpreis hat), heute nur noch auf dem freien Markt Anspruch auf (durch aktuelle Preise bestimmte) Leistungen oder Sachwerte.
Ansprüche sind leichter übertragbar als Sachwerte. So hat sich Geld, ein staatlich garantierter Anspruch, als Tauschmittel durchgesetzt.
Im Vertrauen auf die staatliche Garantie, hortet man jeweils nicht benötigtes Geld als (später zu erhebenden) Anspruch. So ist Geld ein Wertaufbewahrungsmittel.

Das Kapital ist wichtig; entscheidend wichtig ist es in seiner flexibelsten Form, als Geld!

Man ist schließlich auch mit dem Glauben an das Geld auf die Nase gefallen.

Was mir lieb und teuer (engl.: dear, frz.: cher) ist, ist mir etwas wert. Dieser Wert ist aber nur verzerrend auf Geld abzubilden.

Geld anonymisiert den Handel. Die GLS-Bank und die Global Alliance for Banking of Values schränken die Konvertibilität des Geldes ein: Sie setzen realwirtschaftliche (wesentlich zu bestimmten, bekannten Personen und Personenkreisen gehörige) „values“ gegen anonymisierten Geldwert.

Geld ist höchst abstrakt; aber Geldgier gilt als Materialismus! Geldwert ist polymorph. Ein wenig Kreativität schon kann der materia eine bestimmte forma, Lebenswirklichkeit geben.

Das Geben und Nehmen zwischen den Menschen, abgebildet als eine Menge von Austäuschen eindimensionaler Werte zwischen je zwei Partnern, ist unheimlich kompliziert, aber gleichwohl eine brutale Vereinfachung.
Diese ist nun die Grundlage der geldvermittelten Wirtschaft, von der fast alle profitieren. Der Profit ist jedoch in einer Weise ungleich verteilt, die, als sozialpolitisch das kleinere Übel, durch die Rechtspflege geschützt wird, aber realwirtschaftlich nicht gerechtfertigt ist.

Geld ist die flexibelste (und sich ständig weiter raffinierende) Form von sozialer Macht. Auf den Flügeln der Globalisierung der Wirtschaft, ist es wichtiger geworden als militärische Macht.

Die Aufhebung des Goldstandards hat das Geld der chronischen Wert-Erosion preisgegeben und zu „Schwundgeld“ gemacht.

Die Wirtschaft braucht Geld in der Krise und kann kaum die Zinsen zahlen, weil sie für ihre stehenden Kosten zu wenig verdient.
Der Sparer bekommt also kaum Zinsen, das begünstigt sowohl Konsumneigung und häusliche Investionen wie langfristige Investitionen wie Landkauf.

Beschränkte Systeme mit exponentiellen Funktionen* sind nicht nur instabil, sondern tendenziell chaotisch. So die Geldwirtschaft. Sie tendiert im Frieden dazu, die stärkste Kraft der gesellschaftlichen Dynamik zu werden. Dieses Subsystem ist ein Sprengsatz für die ganze Gesellschaft. Aber auch Kriege und Revolutionen können diese Entwicklung nur stören, nicht beenden.
Die Erfindung des Geldes war wohl der Anfang vom Ende des Lebens auf dieser Erde – jedenfalls des menschlichen Lebens. Gewiss, alles hat aus irgendwelchen Gründen irgendwann ein Ende. Und deshalb setzt diese Sicht höchstens einer barbarischen Naivität gegenüber unserer Kultur ein Ende. Aber das könnte – auf dem Wege von (allerdings nicht zu erwartenden) Verhaltensänderungen – das Ende hinauszögern.
* Bekanntestes Beispiel: der Zinseszins.

Man leiht der Bank sein Geld und sie verleiht es weiter. Die Lebensbedeutung des Geldes ist umständebedingt und austauschbar. So ist denn auch das Geld austauschbar. Grundlegend ist das Geld ein Tauschmittel, wie man in der Finanzkrise erlebt: ein Glaubensartikel.

Metall ist vielfältig umformbar und bearbeitbar.
Edelmetall ist dauerhaft, und es ist rar. Es glänzt und „springt ins Auge“; als ein schönes Material ist es geeignet, zu Schmuck verarbeitet zu werden.
Schmuck macht ansehnlich, bedeutet sozialen Wert. Edelmetall ist begehrt und entsprechend knapp.
Besitz ist Macht; der Besitz von knappen Gütern bedeutet soziale Macht.
Menschliche Gesellschaft ist symbolisch strukturiert. Soziale Macht ist eine symbolische Struktur.
Geld ist ein Wertsymbol; entscheidend ist, was es gilt. Die Polymorphie der Gesellschaft bedingt, dass dasselbe Geld in verschiedenen Handlungszusammenhängen verschiedenen Wert hat.
Handel ist Tausch. Der zentrale Zusammenhang für Geld ist der Markt. Es gibt auch noch (und wieder) reine Tauschmärkte; aber in der Regel kommen auf dem Markt heute viel Ware und viel Geld zum Tausch zusammen.

Geld ist die konvertibelste Form sozialer Macht. Die Konvertibilität ist sein Mehrwert.
Mit dem Entwicklungstempo der Gesellschaft steigt seine Wichtigkeit.
Geld beschleunigt den sozialen Wandel seinerseits.

Der Mensch strebt nach Wertmaximierung. Das ist mehr und komplizierter als die vielthematisierte finanzielle Gewinnmaximierung!
Diese ist eindimensional. Das eigentlich Erstrebte aber, das für das Subjekt Lebenswert hat, ist vieldimensional; Geldmacht ist dem normalen Menschen nur zeitweise der zentrale Wert. Die beschleunigt sich wandelnde Kultur allerdings erzieht den Menschen um; die neue Norm ist: Geldorientierung!

Die Abstraktheit von Geld ermöglicht eine entfesselte menschliche Zusammenarbeit, die immer wieder der soziale Kontrolle entschlüpft und gemeingefährlich ist.
Der Ruf nach Transparenz wird immer lauter. Zur Vermenschlichung der Weltgesellschaft muss die Anonymität des Geldes beschränkt werden. Die Verlogenheit der Gesellschaft ist gefährlich.

Kultur

Sensible Verrückte wie die biblischen Propheten und Jesus, aber auch eine Blavatzky und Steiner, wagen Unsinn, der überraschenderweise auch gewaltigen Sinn macht.

Inmitten des niveaulosen Unsinns des heutigen Konfirmandenunterrichts merken doch ein paar Teenager die höhere Nachhaltigkeit im alten Überlieferungsgut, und versuchen bescheiden ernste Frömmigkeit, ja: Nachfolge Jesu.

Zeit, durch Wunsch- und Angstphantasien strukturiert, ist ein knapperes Gut geworden. Bei „Zeit“ denkt man heute meist an die Zeit-Nachfrage.
Wichtiger aber ist eigentlich das Zeit-Angebot (immerhin lebenslang 24 Stunden täglich). Es wird bisweilen als Zeit-Überangebot empfunden. (Da kommt es dann zum Zeit-Totschlagen.)
In der goldenen Mitte zwischen Hetze und langer Weile spielt Kultur, erwachsen aus Betrachtung, Spiel und Besinnung.

Man versteht sich selbst nur oberflächlich. Auch die eigene Beziehung zu religiösen Überlieferungen bleibt meist ungeklärt; und man kann auf weite Strecken, wie mit andern Unklarheiten, auch mit dieser Unklarheit leben. Aber kein menschliches Leben ohne Krisen; und jedenfalls in der Krise hätte man gern mehr Klarheit.
Ein religiöser Text ist ein sehr persönlicher Text. Er artikuliert eine wesentlich prekäre Beziehung: eine Gottesbeziehung. Er setzt Leser voraus, die ähnliche Erfahrungen haben und Erfahrungsaustausch suchen. Wie Kunstwerke, ist er ein Kulturgut. Auch er ist gemeint als Hilfe zur Weiterentwicklung der eigenen Menschlichkeit des Lesers. (Auch der Autor ist Leser seines Texts – zunächst sogar der einzige.)

Freizeit ist dienstfrei, frei für Selbstentfaltung und Besinnung – institutionalisiert: Feste, Gottes-„dienste“ zu gemeinsamem Gebet und Andacht*.
* „Andacht“ meinte ursprünglich: Denken an etwas, hingegebene Aufmerksamkeit, etwas Bedenken. Vom 12. Jahrhundert an setzte sich der religiöse Wortgebrauch durch. Dadurch kam das Moment der „Besinnung auf sich selbst“ zur Wortbedeutung hinzu.

Die οἰκουμένη (die bewohnte Erde) ist zur neuen Wildnis geworden; der moderne Mensch ist wieder Jäger und Sammler. Sesshaftigkeit war gestern. Die schnelllebige Zivilisation mit ihren kurzen Ersatzzyklen hat die langlebigen Kulturen zerstört. Der einzelne Mensch, ein gejagter Jäger, durchlebt, ständig gefährdet, mehrere Welten.

Hintergrundsmusik schmilzt die Leute in eine einförmige Masse ein. Sie überhebt den Einzelnen der Zersplitterung in angepaßte Geschäftigkeiten.

Man bleibt lebenslang Schüler seines Lehrers; man ist von ihm geprägt. Was man bei ihm gelernt hat, muss man, im Licht eigener weiterer Erfahrung, meist umarbeiten. Zum Verständnis des Lehrers gehört, dass man ihn als Menschen mit seinen Beschränktheiten versteht. Wie man seinen Lehrer versteht, das gehört zum Selbstverständnis.

Wenn Egoismus, erfolggekrönt, in der Gesellschaft Schule macht und der Anteil Egoisten in der Gesellschaft steigt, sinkt der Erfolg der Gesellschaft und der Einzelnen. Jeder sieht das, und die öffentliche Anerkennung des Egoismus sinkt mit.
So erlebt man denn heute wieder öfter bescheidene Mitmenschlichkeit.

Der menschliche Geist ist überall ein Fragment; er hat ein Integrationsbedürfnis.
Aber das Ganze droht uns zu überwältigen; es macht Angst. Man braucht menschliche Ergänzung, Solidarität, Mitgefühl, Mitleid.

Bildung ist etwas ganz anderes als education im Sinne von Ausbildung. Sie ist eine vieldimensionale Qualität, und insofern allerdings eine gute Basis für weitere Qualifikationen.

Der frustriert sich zurückziehende Weisheitslehrer* hat gelernt, wie sehr Weisheit Rückzug ist aus dem Kampf der Klugheiten um die realistisch-zufallsbestimmten Nahziele.
* Ich denke an den alten Chinesen, den unser Christian Wolff so verehrte: Menzius.

Kultur ist Spiel.
Die drückende* Realität als Maja relativieren, ist eine indische Kulturleistung.
* „Hart im Raume stoßen sich die Sachen.“ (Schiller, Wallenstein)

Beängstigende Orientierungskrisen polarisieren: Fanatismus gegen Kompromissbereitschaft, Genau gegen Ungefähr, einfach gegen komplex, Begeisterung gegen Bescheidenheit.

Wie viele andere heutige Kulturen, ist auch die ägyptische durch ihre neuzeitlich-technisch übermächtigen Kolonisatoren nachhaltig korrumpiert worden. Die Befreiungskämpfe waren nur erst Ermöglichung einer Genesung. Etablierte Strukturen sozialer Macht ändern sich nur sehr langsam. Zunächst sind Befreiungshelden versucht, einfach in die Fußstapfen der verjagten Herren zu treten.

Shlomo Sand wird verschwiegen bzw. umschrieen. Sein berühmtes, in der Hitze des Gefechts schnell herausgebrachtes Buch über das Judentum ist so wichtig, dass es eine umsichtigere (allerdings zeitraubende) Redaktion verdient hätte.
Die öffentliche Meinungsbildung fürchtet (zu Recht) Kurzschlüsse und übereilte praktische Konsequenzmacherei. Am Weltbild unserer Kultur arbeiten wir alle mit, durch Reden und Schweigen, und verzerren die Wahrheit auch aus politischem Verantwortungsbewusstsein. Tief Beunruhigendes wird verschwiegen und überhört. Es anzusprechen ist nur bedingt erlaubt. (Der Unglücksbote wird, in anderer Weise, noch heute bestraft.

Höhere Ausbildung in langsameren, traditionsgeleiteten Kulturen war theoretischer („betrachtender“). In schnelleren, innovativen Kulturen ist sie unbedachter, praktischer.

Es gibt wohl viele gute initiative Gegenkulturen, (vor den meisten verborgene) Hoffnungspotenziale.

Im Iraq nimmt das Sektierertum zu.

Rahmenbedingung des Verstehens: Die Welt ist groß, der Kopf ist klein.

Es gibt „richtiges” Maß nur in begrenztem Horizont.

Orientierungsbedürfnis wird kreativ auch in absoluten Forderungen.
Die Berechtigung von absoluten Forderungen, die nicht erfüllt werden können, kann nicht falsifiziert werden.

Hinter dem sozialen Problem Arbeitslosigkeit steht das vieldimensionale Problem Arbeit, genauer: reguläre, Arbeit, mit der man in unserer Gesellschaft sein Leben „verdient“.
Infolge des technischen Fortschritts ist immer weniger menschliche Arbeit nötig. Es geht, genau besehen, nicht um mehr Arbeit oder mehr Arbeitsplätze, sondern um sozialverträgliche Verteilung bezahlter Arbeit.
Das Gesamtvolumen an Arbeit kann erhöht werden durch stärkeres Gegeneinander der Wirtschaftssubjekte, die einander „Arbeit machen“. Solche Arbeitsbeschaffung hat allerdings gesellschaftlich unterm Strich negativen Wert.
Produktion von eher Überflüssigem wiederum geht zu Lasten der Umwelt.
Der mächtigere Bevölkerungsanteil muss bezahlte Arbeit abgeben! Er muss weniger oder kann nun an etwas arbeiten, was sich nicht direkt bezahlt macht.
Ohnehin ist die durchrationalisierte Arbeit dem animal rationale nicht natürlich; um Re-humanisierung der Arbeitswelt wird schon lange gerungen. Und der Rattenwettlauf der modernen Gesellschaft geht weltweit auf Kosten der sozialen Kohärenz und der Kultur.

Reklame versucht, Menschen für eine Wirtschaftsmacht zu erobern. Sie spricht die Neugier an. Sie lebt vom Orientierungsbedürfnis des Menschen. Der eigene Verstand wird, subliminal, gefährlich, überschwemmt von Reklame.

Fachsprachen markieren nicht nur im menschlichen Eroberungskampf gegen die Natur, sondern auch in der Gesellschaft Machtbereiche.
„Leichte Sprachen“ erobern größere Massen von schwachen Wirtschaftssubjekten.

Wir halten unsere tiefe Ratlosigkeit durch oberflächliches Funktionieren auf Distanz.

Egoismus und Altruismus sind zwei Komponenten der menschlichen Natur, die mit einander in Spannung stehen. Die Ausgestaltung dieses Problems aber ist Sache der Kultur. Nutzenkalküle sind möglich; und solche Denkmodelle haben ihre kulturellen Auswirkungen. Aber die menschliche Natur ist nicht so einfach wie die Kalküle; und diese können eine nachhaltige Kultur pervertieren und zerstören.

Kunst ist eine Welt für sich; aber ihre Anspielungen auf die Wirklichkeit halten die alltäglich gebrauchte Phantasie mobil; und das kommt der Lebensführung zu gute.

Menschenwürde ist Wahrheit erkennen und vertreten.

Ruhe ist Nachklang, nachdenken und weiter phantasieren.

Wohl jeder normale Mensch ist doch, im Grunde etwas unsicher, immer auf der Suche.

Matthias Claudius‘ Gedicht Der Mensch ist ein Meisterstück, ein seelsorgerliches Geschenk!

Alle haben das Ziel, dass alles besser zusammenpasst; aber jeder wählt, aus seinem Gesichtswinkel, einen andern Weg und andere Zwischenziele, für die er lebt und auch kämpft. Die aber passen schlecht zusammen.
Neben dem Kampfgetümmel der Vita activa, ist ein weniger begangener, alter Weg zu dem gemeinsamen Ziel die Vita contemplativa/Besinnung. (Ursprünglich gehört die Wissenschaft in diese Tradition. Aber die Wissenschaft ist selbst zunehmend ein Getümmel geworden.)

Kunst ist Dank. Und Dank ist Kunst.

Menschenwürde ist: Wahrheit erkennen und vertreten.
Wer einen Menschen zur Lüge zwingt, mißachtet die Menschenwürde nicht nur dessen, den er zwingt, sondern auch die eigene!

Wir brauchen für die eigene Identität im Chaos Anknüpfungspunkte, Kondensationskerne, Strukturen, deren Wandel wir mit weiterentwickeln können.

Gemeindebildung ist Selbstverstärkung eines Meinungsbildungsprozesses.

Anthroposophie

In seinem Gespräch mit Johannes D. Falk am Tage des Begräbnisses von Chr. M. Wieland* artikuliert Goethe (in ausdrücklichem Anschluss an Leibniz) seine eigene Monadentheorie: die Vision einer, wie man heute sagen würde: allgemeinen Theorie dynamischer Systeme als eher Wissen denn Glaube, zu einer Kosmologie vervollständigt und abgerundet.
Hier schließt Steiner an.
* Johannes Falk, Goethe aus näherm persönlichen Umgange dargestellt, Leipzig 1832.

Steiners idiosynkratische Symbolik ist Widerspruch gegen das mechanistische Weltbild des technischen Zeitalters. Er hat Mut zur Antwort auf subjektive Fragen nach der Ganzheit; er wirkt „Eingeweiht“. Es bildet sich Gemeinde, Weltanschauung, Lehre.

Freiheit ist nach Steiner ein Hauptanliegen des Menschen. Er gehörte zu den wenigen seiner Epoche, die Mut zum Chaos der approaches und Identitäten hatten, und verstand sich auch als Anarchisten.

Er predigt die menschliche Gesellschaft als einen Organismus. Das ist zwar nur ungefähr richtig, aber eine unter Umständen förderliche Idee.

In der „Dreigliederung“ herrscht Bewegung, Ungefähr, Gemeinschaft. Mit seiner Triadik nötigt Steiner zur Umsicht!
Steiners triadische Modelle dynamischer Systeme sind viel toleranter für das Ungefähr als Hegel*. Aber auch bei Steiner wird unversehens eine Ahnung von Wahrheit zur bornierten Dogmatik; aus Wort und Glauben wurde Lehre und Wissen einer Institution.
* Die Tradition ist alt: von den Platonikern über die großkirchliche Trinitätslehre zu Hegel.

Die Anthroposophie kennt keine Selbstrelativierung durch das „hypothetisches Denken“ (sensu Piaget).

1899-1904 unterrichtete er an der Arbeiterbildungsschule in Berlin. Sein differenziertes Verständnis des Proletariats aufgrund dieser persönlichen Begegnungen ist eindrucksvoll belegt in seinem Text von 1919 Die Kernpunkte der sozialen Frage in den Lebensnotwendigkeiten der Gegenwart und der Zukunft.

Steiner versuchte sehr ernsthaft, sehr begabt, aber sehr idiosynkratisch, mit originellem patchwork, seine Epoche vielfachen Umbruchs zu verstehen und (viel redend und schreibend) zu erklären. Er war von sich sehr überzeugt und steckte viele damit an. Sein Schreib- und Redestil ist schlecht und redundant. Sein Erfolg ist umso bemerkenswerter.

Religionen und Ideologien stehen zu einander in einem gespannten Verhältnis*.
Solch eine Symbolik kann, mit ihrem manifesten Unsinn, Menschen aus den Selbstverständlichkeiten ihrer herrschenden Kultur herausreissen.
So ging es mit der christlichen Predigt vom gekreuzigten Jesus.
Und so ging es mit Rudolf Steiners theosophisch inspirierter Lehre vom ganzen Menschen im ganzen Kosmos – gegenüber der zeitgenössischen Zerteilung des Menschen in allerlei wissenschaftlich Erklärtes**.
* Sie sind als Existenzsymboliken schon jede in sich ein spannungsvolles Ungefähr.
** Steiners verehrter Goethe hatte formuliert: „… hat er die Teile in der Hand, fehlt leider nur das geistige Band“ (Faust I, Z. 1938f.)

Steiners eigene Zerteilungen des Menschen sind ihm nicht so wichtig wie die Einheit. Seine positive kulturgeschichtliche Auswirkung, die Aufmerkamkeit auf die Zusammenhänge zwischen allen Organisationsniveaus des Menschen (Körper, Leben, Seele, Geist), bestätigen das.

Unsere westliche Meditationstradition ist verbal. Die fernöstliche Meditation ist immer auch Körpererfahrung. Theo-* und Anthroposophie schöpften aus dieser Quelle. Auch das „autogene Training“** von Johannes H. Schultz vertieft die Erfahrung der eigenen Körperlichkeit.
Wissenschaft und Technik gestalten unsere Welt. Aber die Folgen erregen zunehmend Bedenken. Der Glaube an die Tragweite der Rationalität schrumpft.
Die Anthroposophie überzeugt hauptsächlich durch ihre „guten Werke“ als Ruf zur Besinnung. Es geht um Verständnis des „ganzen“ Menschen, der in die Welt verwoben ist, – und das ist natürlich transrational.
* R. Steiner fußt auf Helena P. Blavatsky‘s Vorarbeit.
** Eine nach dem Ersten Weltkrieg in Berlin aus der Hypnose entwickelte Autosuggestion – heute medizinisch allgemein anerkannt.

Steiners Beitrag zur Kulturgeschichte war wesentlich die Aufmerksamkeit auf den Menschen als ganzen. Er wagte, vom Menschen als ganzen zu sprechen mit Anspruch auf bessere Wissenschaftlichkeit.

Die nicht so begabten, aber sensiblen Jüngerinnen konnten nur, glühäugig Einverständnis heischend, nachbeten.

Anthroposophen sind Leute, die praktisch an das Gute glauben. Das ist mit ihrer Lehre institutionalisiert. Nicht nur Misstrauen, sondern auch Zutrauen ist ansteckend.

Geschichte

Die Dreieinigkeit, die Schöpfung und die Jungfrauengeburt werden kompostiert. Aber was haben sie repräsentiert; worin, in welcher jungen Pflanze findet das sich wieder? Fortschritt oder Semper idem? – : Von Schritt zu Schritt in wechselnden Richtungen semper ungefähr idem bis zur Unkenntlichkeit!

Alles Zeitliche enttäuscht schließlich. Es sind nur angepasste Wunschbilder von Intentionen, die in die Ewigkeit zielen.

Man skandiert die Zeit in kleinen und größeren Handlungszusammenhängen von Weg und Ziel. Fast immer hat man einen Zeithorizont, über den man nicht hinausdenkt. Das ἄπειρον / das Unendliche ist vieldimensional; aber es ist nicht handungsrelevant. Es ist vielmehr die Fraglichkeit der Relevanz des Handelns.

Vermehrung führt zu Versorgungsproblemen. Diese führen zunächst zu intraspezifischer Aggression. Kooperation hingegen stärkt die Versorgung, aber zunächst auch die Vermehrung; sie verschärft also auf die Länge die Versorgungsprobleme – und die intraspezifische Aggression.

Wir leben wieder mit einem Lebensgefühl von Jägern und Sammlern. Der mit Ackerbau und Viehzucht begonnene κόσμος der sicher Behausten ist bedroht durch die Wildnis der Globalgesellschaft.

Diverses

Hilfloses Mitleid macht traurig und böse. Helfen tröstet auch den Helfer.

Die Benachteiligten sehen anderes von der Welt als wir Bevorteilten und möchten es zur Sprache bringen.
Man möchte ihnen sagen dürfen: Gott ist euch dankbar für euer Leben, und wir brauchen euer Zeugnis.

Der Mensch braucht für seine Stabilität dauerhafte, vieldimensionale Lebensgemeinschaft; so etwas wie früher Familie, Sippe und Dorf war: Schicksalsgemeinschaft mit gemeinsamer Geschichte, wo man mitgestaltet und einer dem andern als Subjekt interessant ist.

Kooperation setzt voraus, dass man sich auf einander einstellen kann, eine gewisse Voraus­sagbarkeit der Reaktionen, ein vereinfachtes Bild vom andern; und dem dient eine stabile Selbststilisierung, ein vereinfachtes Bild für anderen. (Das geht in der Kleidung von der Konvention über die Mode bis zur Uniformierung.)
Man hängt in verschiedenen Kooperationsnetzen; und, überall etwas verschieden, muss man sich stilisieren. Das führt zu Inkompatibilitäten – bis hin zu dem (von Paulus verallgemeinerten) Wort der Verzweiflung: „Alle Menschen sind Lügner“ (Ps 116,11).

Vereinfachen und ordnen muss man mit Augenmaß. Sonst kompliziert man die Dinge; und so entstehen Streit und Krieg.

Subjektivität ist Chaotik. Die Gesellschaft braucht für Kooperation gemeinsames „Wissen“ und uniformiert, erzieht, bildet die vielerlei Subjekt damit.

Arbeitswelt und Marginalität sind soziale Zerfallsprodukte. Kultivierter wäre eine Zusammenarbeitswelt.

Man hat, im wachsenden Vielerlei der Funktionen, immer weniger Zeit, zu sich, zu integraler Besinnung, zu kommen. Die Menschheit ist auf der Erde übermächtig geworden. Aber unsere Welt wird überkomplex. Die Regenten sowohl wie der δῆμος der Demokratie sind weit überfordert.

„Gleichberechtigung aller“ klingt natürlich richtig, aber bedarf der Näherbestimmung. Volle Gleichberechtigung gilt für das demokratische Wahlrecht; darüber hinaus aber zeigt sich bald die Verschiedenheit der Sozialkulturen. (Wie viel Ungleichheit hat der Unterprivilegierte für natürlich zu halten?)
Soziale Spendenkultur ist schön; aber da haben allein die Privilegierten das Sagen, und liegt das Streben nach Egalität an kurzer Leine. Bill Gates, hört man*, spendet viel für die Krebsbekämpfung, – aber wenig, wenn man es mit einer (dringend nötigen) ernsthaft solidarischen Steuer vergleicht.
* „Wohlzutun und es mitzuteilen vergesset nicht“, parodiert man in kirchlichen Kreisen Luthers Übersetzung von Hebr 13, 16.

Man wolle nicht gleichmütig auf den Tod zugehen. Auch der anscheinend nur Belastende kann Lasten seiner Mitmenschen mittragen; und sein Mittragen kann diesen unersetzlich sein.
Trauer als normale Reaktion auf den Tod ist wohlbegründet! Jeder Mensch ist ein Ausschnitt aus einem überkomplex dynamischen Zusammenhang. (Das ist das Hauptproblem des sogenannten Freitodes.)
Wir sind mit einander verwachsene Subsysteme. Die Struktur des Menschseins erinnert an die schon enorme Komplexität der älteren Strukturen, die die Mikrobiologie untersucht.

Mit dem „Schuld“-Konstrukt erhält man sich den Glauben an die menschliche Autonomie. Es legitimiert eine Vereinfachung* der gesellschaftlichen Realität, wie sie für die großen menschlichen Kooperationen nötig ist.
*Deren konkrete Anwendung ist freilich gewöhnlich umstritten.

Freude eines Unglücklichen ist für den verunsicherten Glücklichen beruhigend.

Die Mitmenschlichkeit wird im Wirbel des Fortschritts zunehmend aufgespalten und zerfasert. Aber im Gegenzug dazu wird, wie mir scheint, eine undifferenzierte Grund-Identifikation mit andern Menschen, überraschend sensibel gepflegt.

Der Stabilitätsbereich jeder sozialen Einheit ist vieldimensional und jederzeit vielfach (und nur unzureichend berechenbar) begrenzt.
Immer wieder passieren schnelle Strukturzusammenbrüche, gewalttätige Vereinfachungen.
Schwach koordinierte Unmengen schwacher sozialer Ordnungen koagulieren plötzlich zu überorganisierten, mörderischen Einheiten.

Die politisch Radikalen fühlen sich der Komplexität der modernen Globalgesellschaft nicht gewachsen. Sie fürchten ein Chaos, in dem sie untergehen, und glauben, es verhüten zu können.

Man muss sich immer wieder daran erinnern: Wir sitzen nicht als Kritiker in einer Zuschauer-Loge der Schöpfung, sondern sind Mit-Akteure, ja Mit-Autoren, auf der Bühne.
Der Jammer der Unglücklichen ruft die Glücklichen zurück in die Wahrheit des Menschseins, zu Mitgefühl, das dem Unglücklichen die Welt verändert.

Die Makroprozesse reißen die Einzelnen mit. Hierüber informiert uns genauer die Statistik. Aber unvorgesehene Änderungen der Randbedingungen können einem wohlberechneten Prozess eine nicht vorausgesehene Richtung geben.

Wie lassen sich die Italiener einen Berlusconi, die Neapolitaner die Camorra so lange gefallen?! Aggression, Sadismus, Masochismus gehören zum sozialen Repertoire des Menschen. Glücklich das Opfer, das (unabhängig vom moralischen Urteil) sich mit dem Sadismus des Sadisten, der Rücksichtslosigkeit des Rücksichtslosen, der Ruchlosigkeit des Ruchlosen mitmenschlich identifizieren*, Verständnis haben kann!
* Vgl. Schillers Beschreibung der paradoxen seelischen Verfassung des Bauern, der nach vergeblichen Löschversuchen seinen Hof abbrennen sieht („ … müßig sieht er seine Werke, und bewundernd, untergehn“)!

Die Mächtigen stehen der Masse gegenüber. Wer viel Macht hat, gibt üblicherweise nur unter Druck einer Übermacht viel davon ab. Natürlicherweise wächst die soziale Ungleichheit exponentiell in Chaotik hinein; das soziale Gleichgewicht – und somit der Friede unter den (doch recht gleichen) Menschen – ist labil.
Heute dient dem Frieden ein wirtschaftliches Wachstum, das natürlich hauptsächlich den Privilegierten zu Gute kommt, aber auch die Wünsche der Unterprivilegierten hinreichend befriedigt. (Die kommenden Generationen können sich gegen unseren Raubbau an Bodenschätzen und Atmosphäre – zu unserm Glück – nicht wehren.)

Der technische Fortschritt kommt uns als Konsumenten zugute, also den starken Konsumenten mehr, den schwachen weniger. Er vergrößert die Ungleichheit in der Verteilung des Wohllebens in der Gesellschaft.

Die Umweltsünder wie die Koch Industries* könnten sich höchstens verteidigen mit dem Hinweis auf die naturgegebene erdgeschichtliche Beschränktheit des Lebens. Aber sie leugnen die Steigerung der Dringlichkeit dieser Bedrohung.
Das ist zwar inhaltlich dumm, aber für die heute lebenden Menschen bequemer als Sorge und Vorsicht – und deshalb unverantwortlich verführerisch.
Und niemand will als verantwortungslos dastehen.
* Sie stecken hinter der Tea Party.

Die Horizonterweiterung auf das ganze Volk und dann die Globalgesellschaft setzt sich fort in der ökologischen Perspektive. Und hier stößt sie auf noch schwierigere praktische Fragen, die aber wegen ihrer Größe nicht ignoriert werden können. Es sind modern apokalyptische Perspektiven.

Die wachsende Menschheit ist die Hauptbelastung der Umwelt – wie auch immer man das Wachsen gestalten mag.

Thomas Malthus* hat das Überbevölkerungsproblem zwar nicht quantitativ**, aber grob qualitativ richtig gesehen und mutig zu bedenken gegeben.
Hinsichtlich der moralischen Konsequenzen war er wohl gespalten: Einerseits setzte er sich für Schulung und Bildung der Unterschicht gegen den Pauperismus ein; anderseits hat er die Existenzberechtigung der Armen, die ihren Lebensunterhalt nicht verdienen, in Frage gestellt. (Welchen Geist er als Lehrer der politischen Ökonomie an der Ausbildungsstätte der britischen Ostindischen Kompanie ausgebreitet hat, muss man sich fragen!)
* Er schrieb seinen Essay on the Principle of Population 1798 als anglikanischer Pfarrer.
** Er schätzte das Bevölkerungswachstum als geometrische, das agrarische hingegen als höchstens arithmetische Reihe.

„Eigentum“ ist ein wohl nützlicher, aber problematischer Begriff. „La propriété, c`est le vol!“ („Das Eigentum ist der Diebstahl!“) schrieb Proudhon 1840. Man ist, aus berechtigter Angst vor unkontrollierbarem sozialem Chaos, damit wohl etwas zu schnell fertig geworden – unversehens mit wild chaotischen Folgen.

Was sind „dumme Streiche“? Es sind Selbstbestätigungen Einzelner in einer als zu selbstsicher empfundenen Gesellschaft.
Vandalismus ist primitiver Protest gegen empfundene soziale Gleichgültigkeit, eigentlich eine Herausforderung zu entgegenkommender sozialer Kreativität! Aber „Soziale Arbeit“ ist ein Stiefkind der Gesellschaft.

Steuerflucht entzieht dem Staat das Geld, das er (für Infrastruktur und Kompensation des Wachstums der Ungleichverteilung durch das exponentielle Wirtschaftswachstum) im Interesse des sozialen Friedens benötigt.

Mit Gewalt heizt man Wahn zwar auf; aber gegen Wahn von Einzelnen hilft manchmal Gewalt (oder die chemische Keule). Gegen Massenwahn hingegen hilft nur Mäßigung.

Die Globalisierung ist eine funktionale, hauptsächlich geldvermittelte Rationalisierung. Die Geschäftsinteressen divergieren; aber die Vorteile der Kooperation geben endlich den Ausschlag.
Die globale wirtschaftliche Kooperation ist viel weiter entwickelt als die politische. Die Politik ist menschlicher, und deshalb irrationaler und träger als die finanz-gesteuerte Wirtschaft. In der Politik geht es um Pflege kollektiver Identität, um opferbereite kollektive Identifikationen, die in der Weltpolitik auf einander treffen. Die gemeinsame menschliche Identität ist ein Faktor in diesem Kräftespiel, aber ein schwacher.

Moral

In der auf vielen Wegen ererbten Symbolwelt findet jedermann idiosynkratische Evidenzen, ein verheißungsvolles Sollen.

Gott hat uns zu Weltlichkeit, zum Zusammenspiel verdonnert.

Das moralische Sollen hat mit dem Ausblick zu tun. Was kann ich wollen? Im Chaos ist der Ausblick zunächst verwirrend. Aber ein chaotischer Entscheidungsprozess führt uns zum Wollen, zum nächsten Schritt.

Normalerweise will jeder die Welt verbessern – im Kleinen oder auch im Großen – ; und sei es durch Destruktion. Das obiectum formale des Willens ist κόσμος (schöne Ordnung).

Ich weiß, bemerke und empfinde allerlei; und dementsprechend verhalte ich mich.
„Willensfreiheit“ ist ein praktikabel vereinfachendes, juristisches Konstrukt. Nur soweit die Theologie juristisch denkt, ist Willensfreiheit ein theologisches Problem.

Dem Unglücklichen, der nicht neidisch ist, muss man dankbar sein!

„Wenn ich dieses schmutzige Geschäft nicht mache, macht es ein anderer!“ Das ist Abdankung des menschlichen Subjekts zugunsten des Systems.

Gott, ich soll also mit Dir weitermachen, was Du mit mir angefangen hast. Und ich will es ja auch – was bleibt mir anderes übrig!

Kant schätzte den guten Willen als das Gute schlechthin. Guter Wille beansprucht, wie ein zutrauliches Kind, uns natürlich und inspiriert zu guten Taten.
Jedes Geschöpf ist, entsprechend seiner Natur*, voll guten Willens.
* Wir haben sehr verschiedene Naturen; deshalb wird das oft verkannt.

Alle brauchen Loyalitäten; aber alle passen nur ungefähr zusammen. Loyalitäten nötigen deshalb oft zu Halbwahrheiten und Lügen, zu Irreführungen wider besseres Wissen.
Man ist verpflichtet, für die eigene Funktionsfähigkeit zu sorgen. Auch Selbstachtung ist man seinen Eltern schuldig. (Das Über-Ich ist internalisierte Ablehnung, die man von den Eltern erfahren hat.)

Normal ist mildes Chaos; hier ist Bescheidenheit geboten.
Numinose Schuld einerseits und Hoffnung auf Auferstehung in Herrlichkeit anderseits gehören ins wilde Chaos, den Horizont unseres Lebens. Hier ist Demut geboten. (Hölle ist wildes Chaos ohne Gott.)

Es gibt noch Helden, zB Edward Snowden oder Pussy Riot, und Helden des Alltags, die ihr natürliches Glück altruistisch einsetzen. Ihre Vorbildlichkeit allerdings ist heute besonders kompromittiert durch die Selbstmordattentäter.

Der natürliche Egoismus des Menschen ist zu spezifizieren! Der homo oeconomicus ist eine schlechte Approximation an die meisten wirklichen Menschen und führt zu falschen Prognosen. Die meisten wollen nicht einfach ein Altruist sein, aber (im vollen, schwer definierbaren Sinne, also nicht wie eine Schaufensterpuppe) ein „guter“ Mensch!

Wofür lebt man? – : Für Erlebnisse von Solidarität zwischen den Verlassenen, Erfahrung von Liebe!

Es gibt niederschmetternde Entsetzlichkeiten. Der Mitmensch muss sie sich auf Abstand halten; wir sind ihnen nicht gewachsen!
Der direkt Betroffene muss Mitgefühl mit dem Zeugen haben, wenn dieser, feige realistisch*, sich ab- und andern Dingen zuwendet. Er muss ihm das vergeben – und das ist ein schöpferischer Akt.
* Idealismus kann niemand von einem andern verlangen.

Der Mensch hat einen natürlichen Anspruch auf etwas, das er als Recht anerkennen kann. In diesem Sinne lernt er sprechen; und in diesem Sinne hofft er auf Recht und ein Wiedersehen im „Jenseits“ seines Verständnishorizontes.

Man will nicht in einer Welt leben, in der Militär nötig ist. Also muss man entweder, hoffnungslos, die Welt verlassen oder sich nach Kräften (und wären sie noch so beschränkt) für Weltverbesserung einsetzen.

Auch was man unter „Moral“ zusammenfasst, gehört zu den

Zielstrebigkeit braucht Vorsicht. Vorsicht aber gebietet oft Selbstbeschränkung.

Die Ausrichtung auf perfekte Ordnung halten wir nicht durch. Um unseres Subjektseins willen darf Ordnung nicht selbstverständlich* verbindlich sein.
Man will identifizierbar Gutes schaffen, genauer: identifizierbar in der gegliederten Welt ein identifizierbares Teil zu ihrer Lebensfreundlichkeit beigetragen haben, geachtet werden als guter Schöpfer, der auch anders gekonnt hätte.
* Die Kobolde im geschnitzten Chorgestühl kanalisieren die andacht-störenden Impulse.

„Das Moralische versteht sich … von selbst“*. Wie auch immer der Einzelne den Begriff füllt – es ist eine anthropologische Grundausstattung, eine Selbstverständlichkeit der freien Entfaltung, eine Frage der Selbstachtung. Der Mensch ist ein animal sociale.
Eigene Unmoral versetzt den Menschen in eine unangenehme Spannung. Aber er steht unter so vielen weiteren Determinanten, dass er das oft in Kauf nimmt.
* Friedrich Theodor Vischer, Auch Einer, 1879.

Jede Problemlösung schafft Raum für neue Probleme. Und wir glauben, in immer neu verstellten Horizonten, leben zu sollen.

Menschlichkeit ist Kompromissfähigkeit.

Was wir tun, können wir nicht rechtfertigen, aber wir müssen es mitmenschlich verantworten.

Gebote sind Vereinfachung zur ungefähren Orientierung.

Wir müssen unser Mitleid demütig begrenzen* auf Aufmerksamkeit und unsere Möglichkeiten, durch Helfen uns selbst zu entlasten.
Der Leidende soll Mitgefühl haben mit denen, die sich abwenden. Er bleibt mit Gott allein, –der ihn zu Kreativität ermächtigt.
* Schiller, im Lied an die Freude: „… und wer’s nie gekonnt, der stehle weinend sich aus diesem Bund.“

Man steht immer unter mehreren unvereinbaren Ansprüchen. Die Entscheidung ist oft wahrscheinlich, meist verantwortbar, aber immer unergründlich mitbedingt durch Zufälle.

Zuspruch: Neugierig seinen eigenen Irrweg gehen; guten Mutes zusammenleben im Ungefähr inkompatibler Vereinfachungen!

Im Wort Neugier steckt „Gier“. Hierzu noch zwei inkompatible Vereinfachungen: Gott hat den Lebewesen die Gier anerschaffen. Die Mitmenschen sind dagegen. Man versucht, sie zu sublimieren.

Die christliche Moral predigt dem Egoismus Liebe; unsere Aufklärung erhoffte fortschreitende Humanität. Es kamen – unter Führung des christlichen Abendlandes – völlig unerwartete Zusammenbrüche der Humanität, unter deren Folgen wir noch heute leiden.
Besser als Liebesidealismus ist bescheidene Identifikation mit der Menschlichkeit, die, liebend, prokreativ, neugierig, ihren Irrweg geht.

Der einsame Pessimist Schopenhauer sah im Mitleid die Basis aller Moral.

Kultiviere deine Gier nachhaltig sozialverträglich, so dass man mit dir zufrieden sein kann.

Wir können und sollen die Welt verantwortlich mitregieren durch Pflege der Sprache im Licht der erlebten Wahrheit. Das ist der nachhaltigste Schutz der Menschheit vor Verführung und Gewalt.

Geschenk und Dank sind wesentlih persönliche Ereignisse. Der Begriff Dankesschuld beruht auf einer normierbaren Objektivierung, die den Dank pervertiert.

Idealismus ist eigentlich eine Geistesverfassung junger Männer, – die sie auch zu Kriegsfreiwilligen machen kann.

Wir leben, jeder einzeln und alle zusammen, unter einer infausten Prognose. Wir können uns nur einen schönen Abgang wünschen.

Die Sexualangst ist sicher auch eine Folge wohlbegründeter sozialer Kontrolle. Die ganze Gesellschaft hat die Kinder mitzutragen.

Unzuverlässigkeit ist ansteckend.

Bist du einverstanden, die Welt mitzutragen, d.h. daran mitzuarbeiten, dass die Dinge besser zusammenpassen?

Hoffnung? Worauf hofft Gott? „Gott, worauf hoffst du für mich? Was soll ich?“
Ich soll mich bescheiden, erst einmal weitermachen. Die fast selbstverständliche Aktivität aktiviert erfahrungsgemäß weitere Zusammenhänge, die uns revitalisieren. Das ist die nächstliegende Antwort.
Darüber hinaus: Gottvertrauen – das Kreativitätsexperiment läuft noch! Vieles, was wir wünschen, können wir nicht hoffen; aber das ist ja nicht alles. Punktuell erleben wir – nicht Mirakel, aber „Zeichen und Wunder“.

Bescheidenheit in Mediocristan, Demut in Extremistan!

Ein Aufleuchten selbstverständlicher Opferbereitschaft ist immer wieder überraschend und beglückend!

Wir sind familiär, sozial, human, ökologisch mitverantwortlich.
Aber individuelle, soziale und natürliche Einwirkung sind nicht sauber zu scheiden.

„Das Gute“, was auch immer es konkret sei, ist Ziel und Weg: Es soll geschehen, es motiviert; es macht Hoffnung und Freude; es belebt.
Was jeweils „das Gute“ sei, das ist strittig*; auch der Umsichtigste ist beschränkt. Wir sollen** hoffnungsvoll*** umsichtig leben.
* Ich erinnere nur an das Gewirr der Antworten in der Perikope vom reichen Jüngling (Mt 19, 16-26) mit den Anhängen (bis zum Vers 30!).
** Wie alle lebendige Natur!
*** Die Jesusgeschichte hält fest, über welchem Abgrund uns Hoffnung geboten ist!

Angriff ist im Grund Verteidigung.

„Man kann nicht überall den lieben Gott spielen“; aber um der eigenen Menschlichkeit willen muss man es andeutungsweise doch.

Wen das Unglück trifft, der soll sich klar machen, inwiefern er noch Glück hat.
Wer daneben steht, der soll Mitleid haben und beistehen.
Beide sollen dann zusammen nachdenken und gewitzigt weiterleben.

Die Schönheit unserer mild chaotischen Welt wahrnehmen und pflegen!
„In der Beschränkung zeigt sich erst der Meister“*.
* Goethe, Natur und Kunst.

„Gut“ ist nicht eine Qualität (und auch nicht eine Qualität einer Qualität), sondern eine (oft mehrstellige) Relation, eine Richtung.

Individuum

Dem Einsamen fehlt die menschlich kontrollierte affektive Resonanz. Das macht ihn emotional wackelig.

Der Mensch ist das wesentlich maßlose Tier.

Die chaotische Grenzschicht zwischen Außen- und Innenwelt bilden die (kollektiven und idiosynkratischen) Illusionen.

Nicht „begrabene Hoffnungen“, sondern die begrabene Hoffnung soll auferstehen!

Eine Weile mitspielen. Jede Rolle bedeutet jederzeit vieldeutig Einziges. Einzigkeit ist Gottes Geheimnis, das jeder von uns repräsentiert.

Die Welt ist ein Meer von Enttäuschungen, fürs Urvertrauen ein Reinigungsbad von den Illusionen. Es klärt den Blick für das Wunder der Schöpfung.

Entscheidungsfindung braucht Unsicherheitstoleranz, entspannte Umsicht.

Begeisterung erhöht die Willenskraft, die Frustrationstoleranz.

Begeisterung soll gut gegen Alzheimer sein.

Seine spontanen Taten definieren den Täter.

Äußere Störungen können akute Gemütszustände schlagartig abstellen.

Das Selbstgefühl wandert zwischen Selbstsymbolen. Es ruht auf leiblicher Selbstwahrnehmung (Atmung, Herzschlag, Blutkreislauf, Magen, Gedärm, Blase, Geschlecht); aber auch Geistiges und Soziales kann Selbstsymbol sein.

Zu Zeiten schützt man sich gegen Affekt-Überwältigung durch Lieblosigkeiten und verletzende Achtlosigkeit.

Luther sagte: Wenn mich Gott in die Hölle verdammt hat und ich in der Hölle Ihm Recht gebe, so wird mir die Hölle zum Himmel.
Alle suchen hoffend ihren nächsten Schritt auf dem Weg zum Ja. Das gilt auch für die Verzweiflungstaten.

Wenn man, vielleicht quer zum Mainstream, seinen eigenen Weg sucht, ist einem Geschichte im Großen und im Kleinen, die menschliche Verarbeitung des Zufalls gestern und heute, immer interessant.

Liebe ist Ende der Verlassenheit, Integration in diese überraschungsvolle Welt, die Schöpfung Gottes.

Die menschliche Seele ist so kompliziert, dass alle Psychologien mit ihren Terminologien gewagte Vereinfachungen sind, die jeweils verschiedene Zusammenhänge brauchbarer repräsentieren.

Liebe ist ein Bedürfnis, Wohlbefinden zu unterstützen.

Nicht, was sich objektiv ereignet hat, ist entscheidend für ein Erlebnis, sondern: wie es verstanden wird (und werden wird)!

Auch mental sind wir offene quasi-stabile Systeme. Das Material, das hier ausgetauscht wird, ist memetisch.

Freiheit ist traditionellerweise Gegenbegriff zu Beherrschtwerden. Herrschaft ist eine unter vielen Bedingtheiten des Subjekts; heute wird der Freiheitsbegriff deshalb kontextbezogen, differenzierter gebraucht.

Das klassische Thema Willensfreiheit ist, für heutiges Denken, eingeschmolzen in die unüberblickbar vieldimensionale Wirklichkeit; und die simplen herkömmlichen Fragestellungen* sind irrelevant geworden.
„Freiheit“ ist ein zu allgemeiner, abstrakter, negativer Begriff, „Wille“ ein zu komplexes Phänomen, als dass „Willensfreiheit schlechthin“ ein praktisch relevantes Thema sein könnte.
* Das gilt auch für die klassisch-theologischen Diskussionen dieses Themas.

Wir sind vielfach beschränkt stabile und vielfach mit einander verwachsene Einheiten, einander verschieden verantwortlich, jeder sich selbst und den andern Identität schuldig.

Die moderne Datenauswertung zeigt, dass man ein menschliches Subjekt aufgrund einiger weniger seiner Beziehungen (Internetbenutzung), bereits praktisch brauchbar identifizieren kann.

Wir sind, jeder Einzelne, wohl ziemlich überflüssig. Wir sind Variationen eines gewaltigen Themas, Nachklang – und, vielleicht, Anregung für neue Variationen.

Enttäuschte Hoffnung macht traurig. Unerwartete Wunscherfüllung macht Erwachsenen Freudentränen (im Rückblick auf die Resignation), aber Kinder jauchzen.

Alter

Man erkennt Bekannte manchmal nicht wieder, wenn man ihnen in einem neuen Kontext begegnet.
So zerfällt einem im Alter zunehmend die Identität eines vertrauten Gegenstandes, wenn man in verschiedenen Kontexten mit ihm zu tun hat. Ich finde den Kalender, den ich eben noch für einen bestimmten Eintrag brauchte und auf dem Tisch liegen ließ, nicht, wenn ich ihn zwei Minuten später brauche, um mich über einen anderen Termin zu vergewissern.
Umgekehrt staune ich immer häufiger mit schier religiösen Gefühlen über das überwältigend bunte Nebeneinander, vor meinen Augen, von Dingen, die nichts mit einander zu tun haben.

Auch bei eingeschränkter Autonomie und notgedrungen unsicherer Zielsetzung soll man immer wieder neu Mut fassen, sein Leben umsichtig, aufmerksam und kreativ zu „führen“.

Lebensmüdigkeit des Alters (bisweilen mit „Angstfruktifikation“*) ist natürlich.
* Bis hin zur segnenden Handauflegung des Sterbenden auf die Häupter seiner Enkel.

Das Leben des Einzelnen zerbröselt.

Altern ist Zerfall
– des Weltbildes in je gelebte Aktualitäten und Erinnerungen, einfache Desorganisation.
– des Gottesbildes. Aber blindes Gottvertrauen kann bleiben, „Gott der Vater“, als ein unbetontes Du, ruhig im Hintergrund, als Person, die man seit langem kennt! Man wird sich verlassen müssen; und auf Gott kann man sich verlassen.

Man meidet die Alten aus Angst vor eigener Hilflosigkeit gegenüber Hoffnungslosigkeiten.

Die Zeit treibt uns aus einander. Die Symbolik wird immer wichtiger. Sie ehrt die Vergangenheit – nicht nur in Grabmälern, sondern in lebendiger Sprache.

Die Alten sollten, aufgrund der eigenen Lebenserfahrung, die Hoffnungen von Kindern und Enkeln (und deren Generationen) so wetterfest ausarbeiten, dass sie selbst daran glauben können. Den Horizont solcher Ausblicke bilden Philosophie und Religion.

Adoleszenz ist Anomie, Konfrontation, Nachhaltigkeitsbedürfnis; mit eigenen Kompromissen Ausbau einer eigenen Welt.
Die Jungen suchen selbstsichere Alte. Die Besorgnis der Erwachsenen und Mächtigen macht auch die Jugend bescheidener.

Ich habe mich wieder überschätzt; das Alter erzwingt Abschied von der lieben Gewohnheit. Ich kann nicht mehr, was ich zu sollen meinte. Ich soll machen, was ich kann.

Gegenwart

Jugend mit mobiler Vernetzung zieht sich aus der überkomplexen Umwelt zurück in eine selbst mitgestaltete Welt.

Der Supermarkt bietet „Klosterfrau-“ und „Abtei-“ Medikamente an. Man denkt: Alte Tradition von Ruhe, freundlicher, kreativer Aufmerkamkeit auf Mensch und Natur – für die Natur des Kranken vertrauenerweckender als moderne Pharmaindustrie.

Die Weltwirtschaft betreibt Raubbau.
Aber die wachsende Macht der Menschheit ist nicht zu bremsen. In allen Ländern wünscht die öffentliche Meinung immer noch Wirtschaftswachstum.
Das wird allen zum Verhängnis.

Die Menschheit bedroht sich selbst durch Überreproduktion. Der Einzelne sieht, dass er überflüssig ist – und protestiert notgedrungen irrational.

Mittelfristiges Kalkül hat für den Einzelnen die besten Erfolgschancen. Unterschwellig hat man Angst; aber die langfristigen Sorgen werden mit vereinten Kräften überblendet.

Unsere intraspezifische Aggression wird, mit dem wissenschaftlich-technischen Fortschritt, immer gewaltiger destruktiv. Ältere kulturelle Errungenschaften (Kriegsrecht) sind dem nicht gewachsen.

Der eigene Gesichtskreis (Äon) wird als Einheit empfunden. Die Apokalyptik erwartet den folgenden als Antithese.

Die Spaßgesellschaft ist im rat race zur Fluchtgesellschaft geworden. Was auch immer wir machen, es kann nicht schnell genug gehen. Die Globalgesellschaft ist irrsinnig verunsichert.

Durch den technischen Machtzuwachs ändert sich die soziale Identität jedes Individuums: Man lebt in einer Unzahl von niedrigdimensionalen Beziehungen mit schwachem Engagement.

Die Hintergrundsmusik bei unserem Altersturnen ist zerbröselnde Klassik, traurig.

Was jetzt mit Macht und Sanktionsgewalt sich jetzt aufdrängt, das ist die Aktualität.
Die menschliche Informationskapazität ist (historisch ziemlich konstant) begrenzt.
Die Ereignisdichte aber hat zugenommen. (Dementsprechend ist die Kapazität für Historisches vermindert.)
Die Schnittmenge dessen, was für verschiede Subjekte aktuell ist, wird in einer ausdifferenzierten Gesellschaft mit der größeren Anzahl der Subjekte kleiner.

Große Blitzschach-Meister denken bei Normalpartien oft über einen Zug lange nach.
Buchtitel wie „Lob der Langsamkeit“ und „Die Entdeckung der Langsamkeit“ interessieren.

Die heutige Jugend träumt von Eigenheim mit Gärtchen, empfindet aber unsere Welt als brüchig, zerrissen und unzuverlässig; im Hintergrund stehen die instabilen modernen Familienverhältnisse.

Unsichere Orientierung ist die gemeinsame Basis der modernen Weltgesellschaft.

Ausblick

Weiterleben ist die Norm, um die herum wir Menschen unseren κόσμος, d.i. eine Symbolwelt, bauen, in der wir uns verstehen, zeitlich unbegrenzt oder mit Fortsetzung im Jenseits. Ein Ende der Menschheit ist normwidrig.

Eine Naherwartung des Endes der Menschheit liegt in der Luft. Wofür also arbeiten wir? – :
1. Für den augenblicklichen („Rast‘ ich, so rost‘ ich“) und mittelfristigen Erhalt der eigenen Person
2. Für die andern – wie ja auch andere für mich gearbeitet haben. Ich bin nur Auch einer*, אָדָם. Liebesmüh – auch wenn vielleicht vergebens, wohltuendes Hoffnungssymbol. Früher: für Kinder und Enkel. Heute (unausgesprochen kollektive Praxis): Die sind ohnehin verloren; also „lasset uns essen und fröhlich sein; denn morgen sind wir tot“ (1Kor 15, 32).
* Buchtitel von Friedrich Theodor Vischer.

Es wird immer unvorhersehbarer, was sich durchsetzten wird.
Die Modelle der Vorausberechnung sind (natürlich) abgelesen von bisherigen Verläufen. Dass die Dinge weiterlaufen wie bisher, ist die beliebteste Annahme, und man weiß es wirklich nicht besser. Man ahnt.

Man hat heut mehr Probleme mit Apparaten als mit Menschen. Die Menschen müssen sich an die Fachidiotie, die Dummschlauheit der Apparate anpassen, die die Verbindungen und Verbindlichkeiten herstellen. Mehrstellige Relationen präzisieren die Eigenschaften, die die unbewaffnete Vernunft praktischerweise den „Substanzen“ zuschreibt.
Die Menschheit ist durch die neuen Probleme vielleicht stärker gefährdet als durch die alten.

Die Überproduktion wird gemeingefährlich (Autos, Bau, Reklame u.a.). Massenhafte „Arbeitslosigkeit“ droht. Zukunft liegt in Richtung Einzelanfertigung mit wenig Multiplikationsinstrumenten.

Vertrauen in die entstehende Weltgesellschaft?

In Frieden auf den eigenen Tod zu gehen ist leichter als in Frieden auf das Ende unseres Äons (unseren äußersten Sinnhorizont) zuzugehen und dem Unsinn* den Sieg zuzuerkennen.
* Die Menschheit arbeitet, im „Sinne“ des Fortschritts, kräftig mit an der Zerstörung ihrer Lebensgrundlage.)

Unter dem Konkurrenzdruck der Denksimulationstechnik werden Arbeitsstellenzahl und Lohn in allen Bereichen herkömmlicher Schreibtischarbeit sinken. Was erst den Arbeitern passierte, passiert jetzt den Angestellten: Für den Erfolg auf dem Markt entscheidend wichtig sind nicht die produzierenden Menschen (die sich meist nach der Decke strecken), sondern wieder die Produktionsmittel – also Kapital („Sachkapital“).
Der Druck wird steigen und auf die Löhne drücken. Dies wiederum gefährdet den sozialen Frieden* – im Kleinen, im Großen und im Größten.
* Nach dem ersten Weltkrieg war das akademische Proletariat ein Sumpf, in dem der Nationalsozialismus gedieh. Heute ist das akademische Prekariat Thema.

Die krisensichersten Jobs sind nicht-automatisierbare Tätigkeiten – also vor allem: persönliche Dienstleistungen. Diese aber sind, im Vergleich zu den Massenprodukten, heute noch teuer; das Lohnanspruchsniveau ist immer noch hoch. Es wird sich aber nicht halten können. (Die staatliche Sozialleistungsfähigkeit für Arbeitslose schrumpft; das Kapital hat den Staat im Griff.) Und dann ist auch hier mit einer Marx’schen „Reservearmee“ von Unterbeschäftigten zu rechnen.
Lokale Verankerung wird, gegenüber der Globalität, wieder wichtiger* werden.
* Niko Paech hat in seinem Abschied vom Überfluss darauf hingewiesen.

In der neuen Leistungsgesellschaft werden die großen Strukturen der Arbeitswelt immer zerbrechlicher; mittelmäßige und unqualifizierte Arbeitsnehmer werden immer weniger gebraucht. Massenarmut, allgemeines Prekariat, gewaltfreier Kampf aller gegen alle, überlastet die Familien und führt zu Stress und destabilisiert den sozialen Frieden.
Bedingungsloses Grundeinkommen für jedermann könnte gesellschaftspolitisch das kleinste Übel werden.

Ökologie

Für die Grundorientierung des gemeinsamen Lebens geht es nicht zuerst darum, was wir wünschen und wollen können, sondern darum, was wir zu fürchten haben und vermeiden möchten!

Die größte Bedrohung der Menschheit sind ökologische Katastrophen in näherer Zukunft.
In ferner Zukunft ist das Ende der Menschheit sicher; das weiß jeder, und es regt niemanden auf. Die nähere Zukunft aber ist unsicher; die Menschen selbst spielen da, beschleunigend und verzögernd, eine aktive Rolle. Das in Bälde Wahrscheinlichste ist nicht das Ende der Menschheit, sondern eine unerträgliche Verschlechterung der Lebensbedingungen, entsprechende Explosionen intraspezifischer Aggression und Reduktion der Weltbevölkerung auf genetisch begünstigte Restbestände. Und solche Aussichten beunruhigen seit einem halben Jahrhundert immer mehr Menschen.

Man fragt: Was haben wir selbst zu erwarten, was unsere Kinder? Darüber hinaus, bei Enkeln und Urenkeln, wird die Betroffenheit schon deutlich schwächer; und hundert Jahre im Voraus beunruhigt sich kaum noch jemand. (Aber auch noch die Enkel werden zuversichtlich in die Zukunft blicken können wollen!)

Es fragt sich also vor allem: Kann man (und gegebenenfalls: Wie könnte man) die menschliche Umweltbelastung so weit unter Kontrolle bringen, dass für die nächsten hundert Jahre noch mit wenigstens so „erträglichen“ Lebensumständen zu rechnen ist, wie sie heute auf der Erde herrschen?

Hält man dies für unwahrscheinlich, wie soll man sich dann auf das Wahrscheinliche vorbereiten? Die jetzt herrschende Zivilisation ist immer noch auf Wachstum eingestellt. Die Alternative wäre Bescheidenheit; und es gibt schon jetzt da und dort stolze Bescheidenheit. Aber ohne Demütigung jedes menschlichen Stolzes wird es nicht abgehen.

Wie wollen wir, wie sollen unsere Kinder und Enkel abtreten? Demut kann man nicht üben; Demut kann man nur durch demütigende Erfahrungen lernen. Dies können und müssen wir demütig anerkennen.

Unter diesem Vorzeichen können wir aber Bescheidenheit üben und damit wahrscheinlich eine kleine Fristverlängerung erreichen.

Bessere Ausbildung führt zu Aufsteilung der Technik, also Beanspruchung der Umwelt.

Anhang: Ökologische Ökonomie

(Eine Problemskizze von Thomas Bonhoeffer, angeregt durch einen Artikel von Niko Paech und eine OnLine-Publikation einer Arbeitsgruppe der Vereinigung für Ökologische Ökonomie, Mai 2013)

Zeit

Die Biosphäre ist allmählich entstanden und wird natürlich irgendwie ein Ende nehmen.
Die Menschheit ist allmählich entstanden und wird natürlich irgendwie ein Enden nehmen.
In der europäischen Neuzeit begann das Anthropozän; und es steht zu erwarten, dass dieses der Anfang vom Ende der Biosphäre und damit der Menschheit ist.

Das ist zwar eine allgemein unerwünschte Aussicht. Es betrifft aber eine Zukunft, die zu fern ist, um eine relevante Anzahl von Menschen zu größeren persönlichen Opfern zu motivieren. (Je weiter entfernt eine Zukunft ist, desto unsicherer ist die Prognose; das Gegenwärtige hingegen ist sicher.) Will man gleichwohl jetzt schon persönliche Einschränkungen in Kauf nehmen, um düsteren Aussichten vorzubeugen, kann es doch nur um Zeitgewinn gehen.

Memetik

Die Größe des Gegenstandes der ökologischen Ökonomie und seiner Dynamik verlangt eine Mobilisierung gewaltiger Kräfte, zunächst die Überzeugung einer beträchtlichen Mehrheit der Menschheit von der hohen Wichtigkeit des Problems. Diese Mehrheit ist noch nicht gegeben. Daraus ergibt sich die Frage: Wie kann sich eine solche Überzeugung durchsetzen?

Eine Überzeugung ist ein Mem (Richard Dawkins). Für die Geschichte von Überzeugungen, überhaupt des geistigen Lebens, gelten ähnliche Gesetze wie für die Entwicklungsgeschichte des physischen Lebens. Die Durchsetzung von Überzeugungen entspricht der Entstehung der Arten von Lebewesen.

Für die Entwicklung des Lebens spielt die spezifizierende und lokale Gliederung des Lebens eine Rolle. Soziale Tugenden, mit denen der Einzelne auf persönliche Vorteile verzichtet, können sich als Variante im Dasein halten und durchsetzen, wenn sie der betreffenden sozialen Einheit/Spezies einen evolutionären Vorteil gegenüber den anderen sozialen Einheiten verschaffen. In einer schwach gegliederten Globalgesellschaft jedoch entfällt dieser Selektionsvorteil; in unserer Weltwirtschaft mit ihrer Finanzwelt lohnt sich für den einzelnen Akteur krassester Egoismus! Nur kleine und relativ instabile (auch kriminelle) Einheiten (Familien und Freundeskreise) können da gegenhalten.

Die Memetik nun bildet mit der „Genetik“ ein höchst kompliziertes, spannungsvolles Verbundsystem, sowohl im Kollektiv wie im Einzelnen. Schulbeispiel ist der Idealismus und die eng damit verbundene Tragik. Schon immer galt die Jugend als idealistisch; „die Grünen“ begannen als Idealisten – die hoffnungsvolle Jugend einer Überflussgesellschaft.

Immerhin gehört die ökologische Angst seit 1972 zu unserer Kultur; die wissenschaftliche Studie des Club of Rome war ein kulturgeschichtlich wichtiges Ereignis. Sie wurde zwar auch wissenschaftlich kritisiert; aber sie entsprach einem realistischen, aufkommenden, neuen Lebensgefühl.

Die Ökologie könnte mehr als ein Schäferspiel von Privilegierten werden. Aber soll sie zu einer ökologische Wende der Erdgeschichte werden, müssten die Verdammten dieser Erde, die Mehrheit, Milliarden Menschen, mitziehen! Das ist nicht zu erwarten.

Man darf aber hoffen, dass die immer sinnenfälliger werdende Bedrohung doch zu höherer Opferbereitschaft führt.

Die öffentliche Meinung ist ein Machtfaktor, auch die öffentliche Moral, – obwohl diese immer auch durch Heuchelei unterlaufen wird.

In Staaten (und kriminellen Vereinigungen) wird, im Interesse des Kollektivs, Loyalität durch Angst gestärkt. Aber mit Strafen ist den moralischen Folgen von Massenelend nicht beizukommen. Es gibt da immer Profitanten, die Verbrechen organisieren.

Reklame

Propaganda und Reklame sind Faktoren der Machtakkumulation. Sie strukturieren Egoismus nach Maßgabe der gegenwärtig herrschenden Machtverteilung.

Werbung ist ein ökonomisch wichtiger, aber ökologisch verheerender Wirtschaftszweig.

Informatik

Das Internet ist, nach kürzester Zeit fast unkontrollierten Wachstums, schon eine unverzichtbare und machtpolitisch wichtige Komponente unserer Zivilisation geworden. Dieser steile Aufstieg lässt einen sozioökonomisch katastrophalen Absturz befürchten.

Gewalt

Wo die Memetik aufhört, liegen die rohen Gewalten der Natur bloß. Staatlich ist Gewalt geordnet als Polizei nach innen und Militär nach außen. Die Staatsmacht beruht auf dem allgemein menschlichen Bedürfnis nach geordneter Kooperation.

Die Ordnung größerer Gesellschaften bedingt ungleiche Machtverteilung. So gibt es im Staat mächtigere Gruppen, Spitzenpolitiker und höhere Beamte, und, umgekehrt, Gruppen (Massen oder Wirtschaftmächte), die im Staat und über den Staat Macht zu gewinnen suchen.

Das kann zu Konflikten führen, wo der Staat kriminalisiert wird. Da entsteht Widersetzlichkeit gegen die Staatsgewalt, gewaltfreie und gewalttätige Obstruktion.

Wachstum ist eine Gewalt der lebendigen Natur. Das führt zwangsläufig zu Konflikten. Diese können oft versöhnlich memetisch abgefangen werden – was freilich eine natürliche Wachstumsbremse beseitigt. Für eine erfreuliche Entwicklung wird viel darauf ankommen, wieviel Wachstumsimpuls zu Kultur (dazu gehört konsensfähige Ungleichverteilung) sublimiert werden kann.

Wirtschaft

Die Perfektionierung der Arbeitsteilung ist für den Einzelnen als einen leib-seelischen Organismus schwer erträglich; die Organisation des individuellen Lebens wird weitestgehend in eine autopoietische ökonomische Mechanik ausgelagert.

Geld

Geld ist für alle Marktteilnehmer der zentrale, eindimensionale Wertmaßstab; aber das menschliche Leben ist vieldimensional und die Menschen sind verschieden! In welchem Sinn ist dieses Vielerlei sinnvoll auf eine Dimension abzubilden?

Geld ist das zentrale Tauschmittel. Tauschmittel werden nicht unbegrenzt gebraucht.
Durch das Tauschmittel Geld wird die Perfektionierung der Arbeitsteilung begünstigt.

Als Wertaufbewahrungsmittel dient Geld dem menschlichen Sicherheitsbedürfnis. Aber wenn alle mit dem zentralen Tauschmittel hauptsächlich ihre Sicherheit maximieren, verliert dieses an Wert, weil die kollektive Sicherheit so nicht zu maximieren, sondern nur zu untergraben ist.
Die Unsicherheit des Geldes gehört zum neuen Alltagswissen. So kauft man denn zu steigenden Preisen als noch sicherere Geldanlage Sachwerte (nicht Produktionsanlagen, sondern Kunst, Häuser, Boden), sozusagen als Supergeld – das allerdings demselben Wertverfallsmechanismus unterliegt.

Die finanzielle Unsicherheit ist wirtschaftlich, und die wirtschaftliche Unsicherheit ist gesellschaftlich begründet. Die Zentralität des Geldes muss soziokulturell relativiert werden! Damit werden auch die Rahmenbedingungen der Ökonomie verändert.

Schluss

Vielleicht wird, durch einen Abbau der Irrationalität einer überforderten Geldwirtschaft, auch der Raubbau gemindert, den wir an der Ökosphäre betreiben.