Thomas Bonhoeffer


Chaos

,,Kanzelrede" in der Reihe Chaos und Schöpfung der ,,Mittagskirche"
1 der Melanchthon-Gemeinde in Bochum, 19. Februar 2006 ,
von Thomas Bonhoeffer

Liebe Mittagskirchen-Gemeinde!

A. Zufall
Mit dem Wort Chaos bezeichnen wir recht verschiedene Sachen. Chaos ist ein griechisches
Fremdwort, und ist wörtlich am Besten mit ,,Abgrund" zu übersetzen. Man stellte sich dabei
einen ungeheuren, finsteren, gähnenden Rachen vor, der den Kosmos (die schön geordnete
Welt) zu verschlingen droht.
Der finster flackernde Höllenrachen der mittelalterlichen Ängste ist davon ein Widerschein.
Die ,,wüste und leere" Erde und die ,,finstere" ,,Urflut" der biblischen Schöpfungsgeschichte
sind andere Varianten.
Heute nennt man ,,Chaos" ein dynamisches System, in dem besonders unberechenbarer Zu-
fall herrscht. (Umgangssprachlich nennen wir auch den Zustand, der durch solch einen Vor-
gang entsteht, nämlich eine große Unordnung, ,,Chaos".)
Das deutsche Wort ,,Zu-fall" ist eine alte Lehnübersetzung des scholastischen Begriffs ac-
cidens. Dieser wiederum war eine Übersetzung aus dem Griechischen des klassischen Philo-
sophen ARISTOTELES. Aristoteles hatte die Grundunterscheidung von Wesentlich ()
und Unwesentlich () eingeführt, die die Lateiner dann als ,,essentiell" gegenüber
den ,,Akzidentellen" übersetzten. Das Akzidentelle ist wörtlich übersetzt: das ,,Hinzukom-
mende". Wenn zu einem Baum ein Auto hinzukommt, nennen wir diesen Zufall einen Unfall;
die Franzosen nennen ihn ,,accident".
Zufall ist ein Spiel von Koinzidenzen zwischen mehreren Dingen und Umständen, die eigent-
lich nichts mit einander zu tun haben.
Meist glauben wir noch heute (wie die klassischen Philosophen), im Wesentlichen sei die
Wirklichkeit so einfach, wie wir sie uns denken. Aber in unsern Kopf passen nur sehr verein-
fachte Modelle vom Wirklichen. (Und fürs praktische Leben reichen die ja auch meist.)
Am besten im Laborexperiment, kann man viele Zufälle, die eine erwartete Ereignisfolge
stören können, ausschließen. Da kann man Wahrscheinlichkeiten von Zufallsprozessen be-
rechnen. Es gibt hier Erfahrungwerte, d.h. Mittelwerte (und es gibt auch Mittelwerte der Ab-
weichungen von diesen Mittelwerten).
Auf freier Wildbahn aber kommt so viel Verschiedenartiges zusammen, daß Wahrschein-
lichkeiten nur sehr beschränkt berechenbar sind. Da finden wir manchmal keine mittleren
Abweichungen von den Mittelwerten ­ und manchmal nicht einmal Mittelwerte. Da spricht
man von chaotischen Prozessen.
Da sind die Wahrscheinlichkeiten für alternative Entwicklungen nur auf kurze Distanzen
mit einiger Sicherheit berechenbar. Im Chaos gibt es immerhin Inseln von Ordnung.
Der praktische Statistiker soll im Zufälligen Ordnung finden ­ und ist versucht, allzu stö-
rende Meßergebnisse als sog. ,,Ausreißer" bei seiner Berechnung unberücksichtigt zu lassen.
Er kann sich dafür auf den gesunden Menschenverstand berufen und die jeweiligen außeror-
dentlichen Umstände geltend machen, die mitgespielt haben.
1 Eine leicht überarbeitete Form dieses Textes ist 2007 im Druck erschienen in: KERSTIN
SCHIFFNER,, KLAUS WENGST, WERNER ZAGER (Hg.), Fragmentarisches Wörterbuch
..., Horst Balz zum 70. Geburtstag, S. 85-92.
So baut man denn Eissporthallen, die unversehens viel gesunden Menschenverstand unter
ihren Trümmern begraben.
B. Deterministisches Chaos
Man kann auch chaotische Prozesse experimentell untersuchen. Hier spielen Simulationen
auf dem Computer die Hauptrolle.
Das berühmteste Beispiel dafür ist das sogenannte ,,deterministische Chaos" (unterschieden
vom gewöhnlichen, ,,stochastischen" Chaos).
Der Begriff des deterministischen Chaos hat Aufmerksamkeit erregt, weil wir Determinis-
mus eher mit Berechenbarkeit und Ordnung, Chaos dagegen mit Unvorhersehbarkeit zusam-
menbringen. Das deterministische Chaos ist weltanschaulich aufregend.
Die erste einschlägige Endeckung machte Ende des 19. Jh.s der große Mathematiker HEN-
RI POINCARÉ bei astronomischen Berechnungen.
In den sechziger Jahren des vorigen Jahrhunderts ist EDWARD LORENZ in der Wetterfor-
schung auf ein verwandtes mathematisches Phänomen gestoßen.
Um dieselbe Zeit begann BENOÎT MANDELBROT solche Phänomene systematisch zu un-
tersuchen und berühmt zu machen.
Das deterministische Chaos ist die konstante Struktur eines dynamischen Systems. Ausge-
hend von irgendeinem Anfangszustand, entwickelt sich das System in Richtung auf einen sog.
,,seltsamen Attraktor".
Für ein normales Pendel ist die Ruhelage der ,,Attraktor"; unabhängig vom Anfangszustand,
wird das Pendel sozusagen ,,angezogen" vom Gleichgewichtspunkt. Die Dynamik ist nicht
chaotisch, der Attraktor ist nicht seltsam.
Das deterministische Chaos, das LORENZ im Wetter zu erkennen glaubte, hingegen ist
höchst seltsam.
Man kann das Bild eínes deterministischen Chaos, des sog. Lorenz-Attraktors, auf dem
Schirm eines Computers entstehen lassen.
Man bildet da jeden Systemzustand durch einen Punkt ab, wie man
eine Temperatur durch einen Punkt eindimensional auf der Thermometerskala,
eine Bergspitze durch einen Punkt auf der zweidimensionalen Landkarte
und das Wetter als Luftfeuchtigkeit, Wind-richtung und -stärke usw. in bestimmter Höhe an
bestimmter Stelle über einer Landkarte unanschaulich, durch einen Punkt in einem mehrdi-
mensionalen sog. ,,Zustandsraum", darstellen kann.
Eine Entwicklung in der Zeit erscheint dann als eine Raum-Kurve.
Lorenz hatte ein kompliziertes Wettermodell auf drei geeignet konzipierte Variablen redu-
ziert, die wir hier nicht konkret kennen lernen müssen. Der Attraktor seines Systems ist eine
dreidimensionale Verlaufskurve.
Der Anfang der Kurve ist beliebig. Der nächste Schritt ist jeweils durch ein System von drei
einfachen Differenzengleichungen festgelegt. Durch dieselben ist der weitere Verlauf zwar
beliebig genau festgelegt; doch ist immer nur der nächste Schritt sicher voraus berechenbar.
(Eine analytische Lösung ist nicht möglich.)
Der sog. ,,seltsame Attraktor", in den die Entwicklung dann schnell einbiegt, ist zwar eine
Kurve; aber eine unendliche Kurve, eine schleifenziehende unendliche Folge von Punkten, die
nach einer Weile ungefähr so aussieht wie eine verbogene Acht, die man aus einer Bandnudel
geformt hat. In der Kreuzung geht es meist, aber nicht immer, weiter in einer Achterbahn,
manchmal aber geht es von hier spiralartig zurück. Die Schleifen liegen dicht und immer
dichter unregelmäßig bei einander. Die Schritte konvergieren nicht auf einen Punkt, auch
nicht auf eine periodische Bahn, sondern auf eine unendliche Punktmenge, die weder ein-,
noch zwei- oder dreidimensional, sondern eine sozusagen unendlich fein-schaumige, etwas
verdickte Fläche ist. Der Lorenz-Attraktor hat die Dimension 2.06, eine sog. gebrochene,
,,fraktale" Dimension.
Ein Stück aus dem Lorenz-Attraktor: (für dreidimensionales Sehen):
Das deterministische Chaos ist eine Provokation für den gesunden Menschenverstand!
Viele, auch höherdimensionale Fraktale sind entdeckt und untersucht worden. Die determi-
nierenden Regeln des Fortgangs von einem zum nächsten Zustand sind sehr verschieden.
Aber immer ist der weitere Fortgang nur unsicher, ungenau und kurzfristig vorhersehbar.
Das Chaos des Weltgeschehens ist ein unermeßlich hochdimensionaler Prozeß.
Die Bibel sieht das Weltgeschehen auf einen vorbestimmten Endzustand hinauslaufen. Der
Attraktor dieses Geschehens ist ein Punkt in einem hochdimensionalen Zustandsraum.
Die alte Stoa sah im Weltgeschehen eine ewige Wiederkehr des Gleichen. Auch dies ist ein
einfacher Attraktor, geometrisch als (wohl verzerrter) Kreis in einem hochdimensionalen
Raum darstellbar.
Ich empfinde aber eher den Lorenz-Attraktor als Sinnbild des Zufalls-Chaos, in dem wir le-
ben:
Jede Situation ist neu. Es herrschen immer wieder ähnliche Umstände, jedoch immer wieder
mit andern Perspektiven. Unsre Freiheit ist in einer Weise beschränkt, die für die Zukunft
zwar Vermutungen erlaubt, die wir aber nur in Wahrscheinlichkeiten schärfer fassen können.
Und jede Entscheidung bleibt, trotz der Determination, bis zum vorletzten Augenblick unbe-
rechenbar. So kann die Frage nach der Determination des Gesamtsystems uns gleichgültig
sein.
Wenn man die Frage nach dem Sinn des Lebens im Licht des seltsamen Attraktors sieht,
kann man von der vergeblichen Suche nach dem Ziel ablassen. Der fernöstliche Satz: ,,Der
Weg ist das Ziel," hat einen rationalen Sinn.
C. Leben
Wenn wir etwas dem Zufall überlassen, geht es meist kaputt. Die menschlichen Dinge sind
so kompliziert, die wertvollen Dinge so voraussetzungsvoll, daß sie umsichtiger und voraus-
schauender Pflege bedürfen.
Nur in seltenen Fällen, unter selten günstigen Umständen, setzt ein Zufall einen neuartigen
Prozeß in Gang, es entsteht eine neue Gestalt. Der Zufall bringt da Stabiles, Identifizierbares,
Wiedererkennbares, variabel Wiederholbares hervor, ­ auch solches, das sich selbst reprodu-
ziert. (Davon lebt die biologische Evolution.) Entgegen sowohl der klassischen Philosophie
wie dem Sprachgebrauch der Bibel, sagen wir spätromantisch: der Zufall sei hier ,,schöpfe-
risch".
Alle Kreativität kann freilich auch in Sackgassen führen, kann stören und zerstören. Die
Evolution des Lebens auf dieser Erde ist kein garantierter Fortschritt vom Guten zum Besse-
ren. Unübersehbar vielerlei Faktoren spielen hinein; sie ist ein chaotischer Prozeß ­ mit län-
gerfristig ungewissem Fortgang.
D. Kultur
Kurzssichtig, wie wir sind, gestalten wir doch möglichst weitblickend an unserm Teil die
Geschichte mit. Wir lernen schlecht und recht, mit dem Zufall zusammenzuspielen.
Kultur verdankt sich der Evolution, die altes Material manchmal in neue Form bringt. Die
Geschichte der Menschheit ist bisher zunehmend von der kulturellen Entwicklung bestimmt
gewesen.
Der englische Biologe RICHARD DAWKINS hat darauf hingewiesen, daß unter Tieren und
Menschen kulturelle Traditionsstücke sich ähnlich fortgepflanzt und immer weiterentwickelt
haben wie Lebewesen. Er nannte die sich fortpflanzenden Kulturelemente ,,Meme" (wie man
bei der Fortpflanzung der Lebewesen von ,,Genen" spricht).
Beim Stichwort ,,Chaos" steht die Qualität der bedrohlichen Unordnung im Vordergrund.
Chaos macht uns Angst um unser Leben ­ und um den Sinn unsres Lebens.
Wir sind aufs chaotische Spiel der Koinzidenzen von Gegenständen und Ideen gesetzt. Wir
sind (uns selbst nicht recht durchschaubare) Teilräume dieses Spielraums; und, zwischen ver-
schiedenen Wünschen und Ängsten, treffen Herz und Verstand Entscheidungen.
Wünschen kann man immer viel; aber man kann jeweils nur eínes wollen. Im Chaos stellt
sich immer wieder die Frage: Was will ich?
E. Religion
Die kulturelle Überlieferung spielt uns vielerlei (und viel umstrittene) Ideale und Gottes-
ideen zu. Und diese haben immer wieder für viele Menschen zu Wegweisungen im Chaos
geführt. Es ist der gemeinsame Kern vieler christlicher, jüdischer und auch heidnischer Zeug-
nisse: Gott berät uns.
Gottes Weisungen haben je ihren Ort und je ihre Zeit.
Man denke an die unerhörte Zuspitzung 1Sam 2
30, wo Gott ausdrücklich seine eigene Zusage
an den Priester Eli widerruft.
Oder an die Vision des Propheten Micha ben Jimla 1Kö22
19-22, wo Gott einen Lügengeist
sendet, der den 400 Propheten des Königs Ahab eine Heilsweissagung eingibt, die zum Un-
tergang Ahabs führt.
Noch LUTHER meinte, dem Chaos steuern zu können mit Hilfe der Bibel als Gottes objek-
tiv eindeutigen Wortes. Er irrte sich ­ und litt furchtbar darunter!
Der Begriff ,,Gottes Wort" meint kein ,,Wort" im gewöhnlichen Sinn; er ist eine Metapher,
und zwar eine besondere. Gottes Wort ist kommunikabel zu deuten nur wie Luther es tatsäch-
lich gemacht hat: sich zu seinem Gewissen bekennend und an die Gewissen appellierend, d.h.
unter Einsatz der eigenen Subjektivität.
Die prominentesten Beispiele für Religion sind heute ein amerikanischer Präsident, fanati-
sche islamistische Prediger und Selbstmord-Attentäter. Es sind in aller Regel ihrem Gott ge-
horsame Überzeugungstäter.
Die islamischen Terroristen greifen in gewisser Weise die Tradition der christlich-abendlän-
dischen Kreuzritter wieder auf.
Frömmigkeit ist friedliebend, aber chaotisch.
Ich glaube: Nicht nur Tod und Zerstörung, sondern auch Wertzerstörung und Glaubenszer-
störung ist Teil der ewigen Vollendung, ­ der Gottesherrschaft, die wir immer neu phantasie-
ren, aber nicht fassen können.
,,Wir leben im Glauben, nicht im Schauen." Der Glaube an Gott in Jesus war ­ und ist ­ ein
chaotischer Prozeß der Selbstentäußerung.
F. Christentum
Durch die Verknüpfung mit Jesus ist die traditionelle Idee von der Wunderherrlichkeit des
Schöpfers vertieft worden. Hier ist Schöpfung nicht Vergangenheit, sondern man erlebt sie als
gegenwärtiges Wirken des Geistes Gottes. Man sagt: Die Neue Schöpfung ist im Anbruch. Es
gilt, in der chaotischen Gegenwart den ewigen Gott zu erkennen, und die Freiheit, ja Voll-
macht, wahrzunehmen, die Er uns hier und jetzt schenkt, nach eigenem Gut-dünken (also: Ge-
,,wissen") zu leben und zu handeln.
Die Bibel redet nirgends von einem schöpferischen Chaos. Hier beanspruchen uns Personen
persönlich, durch die Rede von einer schöpferischen Person, nämlich Gott.
Die alte Kirche hat das noch akzentuiert, indem sie lehrte: Gott hat alles (auch das Chaos) aus
dem Nichts geschaffen durch sein Schöpferwort ­ und dieses Wort ist der Gottessohn gewe-
sen, der sich für uns dahingegeben hat!
Wir sind vom Schöpfer aller Dinge, vom Schöpfer unsrer Kreativität, dadurch zur Mitverant-
wortung aufgerufen.
Fundamentalisten kämpfen mit der Schöpfungslehre gegen die Evolutionstheorie. Die Evolu-
tionstheorie aber artikuliert die objektive, persönlich unverbindliche Seite, die Schöpfungsleh-
re artikuliert die subjektive Seite derselben Sache.
Der neue Glaube an die Kreativität Gottes begann als extrem zugespitzter Wunderglaube. Die
Auferstehung des gekreuzigten Jesus als Anfang der Neuen Schöpfung wurde das zentrale
Symbol des Glaubens an die Gegenwart Gottes jetzt. Paulus hat den Auferstandenen gesehen;
für ihn gab es ohne sinnenfällige Auferstehung keine Hoffnung.
Aber die wundergläubige Zuspitzung ist gemildert im Verständnis der Gegenwart als ,,End-
zeit" mit ihren ,,Zeichen", die uns an unsre Verantwortung vor unserm Schöpfer erinnern und
Hoffnung auf immer neue Gotteserfahrung machen (2Kor 3
18).
Meine Gottesidee ist jeweils die Hilfsvorstellung, unter der ich mich sammeln und als ein
mitverantwortliches Subjekt im Weltganzen verorten kann. Sie ist aus den religiösen Traditi-
onen, die mich erreicht haben, in meiner Lebenserfahrung gewachsen.
An kritischen, angstbesetzten Punkten des Lebens taucht in unserem Kulturkreis die Erinne-
rung an die christliche Rede von Gott auf ­ öffentlich sowie privat.
Es gilt dann eigentlich nur, aufzumerken und sich zu besinnen. Im Chaos meiner Wünsche,
Ängste, Ideen und Gedanken, stellt mich der ernsthaft gesprochene Name ,,Gott" vor meinen
Schöpfer, der mich wissen läßt, was ich jetzt und hier soll.
Und das will ich dann auch.
G. Seewandel
Es ist einfach ­ wie, in der Geschichte vom Wandel auf dem See (Mt 14
22-33), die Aufforde-
rung Jesu an Petrus: ,,Komm!" ­ im tobenden Chaos ein Ruf in die Eindeutigkeit Gottes.
Diese Geschichte erzählt vom gläubigen Erleben des Chaos in einer Weise, die dieser Ge-
schichte ihre typisch biblische Qualität verleiht. Sie folgt auf die Geschichte von der Speisung
der Fünftausend. Interessant in unserm Zusammenhang sind nicht die besonderen Wunder,
sondern: was, nach neutestamentlichem Zeugnis, dem Glauben passiert:
Der soeben noch als der große Ernährende Erlebte erscheint seinen Zeugen jetzt als Ge-
spenst, ein unheimliches Wahngebilde. Dann aber hören sie ihn selbst: ,,Fürchtet euch nicht.
Ich bin es." Es ist, wie der Leser weiß, der Führer durch den Tod zum Leben, von dessen
Kraft sie soeben etwas erfahren haben. Petrus testet Jesus. Wenn er es wirklich ist, dann ver-
wirklicht er hier vor seinen Augen eine Möglichkeit, zu der er jedermann ermutigen kann; und
Petrus wagt es, ihn eben darum zu bitten. Jesus antwortet: ,,Komm!"; und Petrus kann es!
Dann aber schnappt das Chaos nach ihm; er bekommt Angst, ruft Jesus um Hilfe an. Und der
rettet ihn.
Der Leser hat genug mitbekommen, um nun zu wissen: Auch nach der überwältigenden Er-
kenntnis und dem vollmundigen Bekenntnis, das diese Erzählung dann abschließt, wird der
Glaube als chaotischer Prozeß weitergehen.
Die Jünger sehen den Herrn kommen; aber sie erkennen ihn nicht, bevor sie seine Stimme
hören.
Wir meinen oft, Gottes Schweigen zu erfahren. Oft aber verkennen wir ihn vielleicht. Weil
ich etwas ganz anderes erwarte, verkenne und übergehe ich die unscheinbare Antwort, die er
mir sehr persönlich gibt.
H. Praktischer Schluß
Individuelle Symbolik ist labil. Zum menschlichen Dasein gehört Erfahrungsaustausch. Wir
Menschen sind deshalb auf den Austausch auch über Erfahrungen mit unseren Gottesüberlie-
ferungen angewiesen; wir Christen sind in den Austausch über Erfahrungen mit dem Gott der
Bibel eingewiesen. (Wie ein kirchengeschichtlicher Kollege mir sagte: ,,Ohne einen Schuß
Pietismus läuft nichts in der Kirche!") Solcher Austausch ist im Grunde eine sehr intime Ver-
trauenssache; Erfahrungen mit dem Schöpfer gehen bis in die chaotischen Tiefen von Körper
und Seele. Erfahrungsaustausch verlangt hier Mut und Takt.
Was ich von den Erfahrungen eines andern erfahre, kann mich warnen, bestärken, verän-
dern. Vernunft muß die verschiedenen Erfahrungen jedes einzelnen konstruktiv zusammen-
bringen.
Wir kommen damit zwar nicht aus der Subjektivität, sondern nur aus der individuellen Sub-
jektivität heraus ­ und in das chaotische Ungefähr einer gemeinsamen Subjektivität hinein.
Aber darauf ist der angefochtene Glaube angewiesen.
Ziel ist der Weg, den uns Gott, durch seine Menschwerdung in Jesus, gewiesen hat, ­ nicht
Nachahmung Jesu, aber selbstverantwortete Entsprechung.
Der Text wurde zuletzt am 9. Dezember 2007 leicht überarbeitet.
Dieser Text ist inzwischen, weiterbearbeitet, integriert in mein Buch:
Von Gottes Bescheidenheit. Zu Struktur und Dynamik der christlichen Existenzsymbolik. LIT-Verlag
2009, 150 S.