Thomas Bonhoeffer


Diese Website ist ein Nachtrag zu meinem Buch “Von Gottes Bescheidenheit. Zu Struktur und Dynamik der christlichen Existenzsymbolik“, Einzelnotizen, die ich nachträglich thematisch gruppiert habe. Es sollte der einzige Nachtrag sein, aber es folgten weitere. Chronologisch geordnet geblieben ist nur die Abfolge der Nachtrags-Dateien.

Die nur schwach geordnete Fülle von verschiedenen Notizen ist eine kaum zumutbare Lektüre. Aber mit der Suchfunktion können Sie die komplette Homepage, mit mehreren Such-Kriterien genügen.

In der vorliegenden Website folgen Nachträge
I) zum gedruckten Text,
II) zur CD. (Diese enthält einen „Wühlkorb“; und hier wird nun noch ein „Wühlkorb II“ nachgeschoben.)


Zum gedruckten Text

Zur Hermeneutik:

Man kann sich viel, aber nicht alles einreden. In einigem, was man uns eingeredet hat, erkennen wir uns selbst wieder; dann wiederholen wir es uns und stilisieren uns selbst in diesem Sinne im Interesse einer sozialen Entwicklung der eigenen Identität.

Unsere Vereinfachungen der überkomplexen Wirklichkeit haben ihre eigenen Strukturen. Und diese werden ihrerseits kompliziert, wenn sie der Wirklichkeit besser angepasst werden.

Gottes Wort schafft uns Distanz zu uns selbst, verfremdet uns die Welt und weist uns über kurz oder lang zurück an die Welt als Seine Gegenwart.

Auch im Wahn steckt Wahrheit. Aber er bildet die Wirklichkeit in einer Weise ab, die für andere meist unbrauchbar ist.

Religion:

Der frühgriechische Philosoph Heraklit, „der Dunkle“, meinte[1], „soweit wir sehen[2]“, habe der herrschende Gott[3], Αἰών, Freude an der Welt wie ein spielendes Kind, ja, er sei ein Kind[4]. Für unsere (vereinfachend strukturierenden) Augen „herrscht“ das Chaos; Heraklit versteht es als ein Spiel[5]. Er transzendiert das Chaos metaphorisch[6], spielerisch personalisierend.
In der Bibel ist die Personalisierung als unverfügbare, als persönliches Risiko ernstgenommen. Auch die Vorstellung vom persönlichen Gott ist eine Vereinfachung unserer Lebenswelt. Wir sind gleichwohl durch Jesus eingeladen, bescheiden[7] schöpferisch an der Freude Gottes, des Schöpfers, teilzuhaben. Jesus hat sich persönlich hierfür eingesetzt.
[1] Diels/Kranz, B 52: αἰών παῖς ἐστι παίζων. παιδὸς ἡ βασιληίη.
[2] So kann man das zugehörige Adjektiv αἰώνιος übersetzen.
[3] „Gott“ ist in Heraklits Pantheismus eher der Logos, der aber, wie das Feuer flackernd, als jeweiliger Aion, die Zeit skandiert.
[4] Im Alten Testament lesen wir: „Wehe dir, Land, dessen König ein Kind ist...“ (Pred 10,16).
[5] Dem Ernst dieser Anfänge im Grunde nahe, spielt auch modernes Denken im Chaos. Ich erinnere an den provokanten Buchtitel Das Spiel (1. Aufl. 1975) von dem Nobelpreisträger Manfred Eigen.
[6] Sein Denken ist in Sprachnot; seine Sprache ist deshalb reich an Anspielungen und Ausdrucksweisen, die die Rhetorik später Tropen nannte.
[7] Vgl. das (verschieden überlieferte) Wort Jesu über den Kindersinn: Mt 18,3; Mk 10, 15; Lk 18,17; dazu Mt 11,25, Mk 10,21 (die Offenbarung an die Unmündigen)! Es geht um einen kindlich kreativen Neuansatz.

Mit „Animismus“ fängt das Weltverstehen an: Alles ist einfühlbar, wie belebt, geheimnisvoll, dämonisch. Und auch Religion erwächst aus dem Animismus.
Wir erleben unsere Welt als Vielheit und ahnen manchmal eine Einheit. Die Einheit unserer Welt aber fluktuiert – wie die Einheit unserer eigenen Person. Die Organisation der Welt wird meist poly-„theistisch“ erlebt (und vorgestellt*); monotheistische Momente aber finden sich in allen Kulturen. Im Weltgeschehen wirken Mächte, die man zu verstehen suchen sollte. Dies ist die Basis psychischer Normalität.
* Die bei uns landläufigen Vorstellungen von Polytheismus sind Erben der biblischen Polemik (etwa Jes 40, 12-26); man kann ihn nicht ernstnehmen.

Nach neueren Forschungsergebnissen* verdanken die biblischen Religionen ihre Eigenart dem jüdischen kollektiven, „kumulativen Trauma“**. Die „babylonische Gefangenschaft“ ist sein Symbol†. Eine tendenziell apokalyptische Vereinfachung setzte ein: Alles hat sich gegen uns verschworen; dahinter steht der strafende, eine Gott. Angstvoll starrt man auf ihn; er ist eifersüchtig.
In diesem Licht ist der naive Polytheismus lebensgefährliche Abgötterei, entsprechendes Verhalten ist Sünde. Die Gläubigen heben sich, als eine Selbstauswahl, aus dem Volk heraus. Sie erwarten Gottes gerechtes Gericht (Lohn für die Guten und Strafe für die Bösen) spätestens fürs Jenseits.
* Ich beziehe mich auf Christoph Levin und Reinhold G. Kratz, auf die ich erst kürzlich aufmerksam geworden bin.
** Masud Khan hat 1963 diesen Begriff aus der somatischen Medizin in die Psychoanalyse übernommen (wieder abgedruckt in: The Privacy of the Self, 1974).
† Die jüdische Geschichtsschreibung hat die vorausgehende Katastrophe des Nordreichs („Israel“) integriert; und weitere Katastrophen folgten.

In diesem Sinne ist das Alte Testament redigiert, der Hintergrund des Neuen – und des Koran. Aber die Verarbeitung des Traumas ging weiter. Das Trauma war ein Chaos-Erlebnis; und in einer chaotischen Welt braucht die differenzierende Verarbeitung viel Zeit. So lange aber beherrschen einfache Rahmenvorstellungen das religiöse Selbstverständnis: Der eine, allmächtige Gott hat im Chaos die nach seinen Gesetzen geordnete, aber ungehorsame Welt geschaffen – und seine Gerechtigkeit wird ihr ein Ende bereiten. Die Vorstellungen von der End-Ordnung bilden ihrerseits ein Chaos.

Die lebensnotwendige soziale Einbettung des Einzelnen wird prekär, wo immer Gesellschaft und religiöse Gemeinschaft sich kritisch unterscheiden.

Bürgerliche Normalität im Chaos ist immer nur auf den prekären Inseln von Ordnung möglich. Im Zentrum der biblischen Tradition steht die Trauma-Verarbeitung. Sie wird immer wieder unversehens aktuell. Sie unterstützt radikale Besinnung. Bei aller Problematik, hat sie sich als kulturelle Lebenskraft erwiesen und genießt in normalen Zeiten Respekt als Rückfallposition.

Zu: Fragen der Lebensfreundlichkeit (im Buch: XI E),

Der Schöpfer ist bescheiden; und seine Schöpfung wird nicht als vollkommen, sondern, bescheiden, als „kräftig brauchbar“* bezeugt durch den kräftigen Lebenswillen, der die Szene beherrscht.
* So die wörtliche Übersetzung der Qualifikation von 1Mos 1,31, die gewöhnlich übersetzt wird: „sehr gut“.

„Ich will sterben!“ ist viel zu ungenau. Das bewusste Ich ist nicht die ganze Person! Diese ist ein undurchschaubares System mit unübersehbar vielen leiblichen, seelischen und geistigen Komponenten, die jede ihre eigene Dynamik haben und (gerade bei dieser Aussage in der dazugehörigen Lebenslage!) in verschiedene Richtungen tendieren. Selbstmord ist deshalb praktisch immer eine Gewalttat, die Opfer fordert. Das gilt strukturell allerdings für vieles andere, was der Mensch machen soll, auch.

Der deutsche Nationalsozialismus dachte das Wort „Euthanasie“ allein vom nationalen Interesse her, so daß es Mord deckte, und hat es damit in Verruf der Unmenschlichkeit gebracht. Francis Bacon, 1605, hatte es allein vom Interesse des Patienten her gedacht.

Unser Lebenswille hängt ab von unserer Lebenslust, und die ist überaus vielfältig bedingt. Der Wunsch zu sterben ist Sache schwankender Stimmungen. Aber die öffentliche Moral kann, als ausschlaggebend für die Entscheidung zu sterben, nur überwältigende, rigide Umstände anerkennen.

Die längste Zeit war das Recht des Einzelnen von der Gesellschaft bestimmt. Das Recht auf Selbstbestimmung ist ein kulturgeschichtlich junges Konzept. Es kann mit Interessen von Mitmenschen (vereinfacht: der Gesellschaft) kollidieren und muß, Stück für Stück, sozial verantwortet werden – wie auch umgekehrt die Rechte des Staates gegenüber dem Einzelnen Stück für Stück verantwortet werden müssen. Bis auf weiteres aber gilt das herkömmliche Recht.
Wer unbedingt will, kann Selbstmord begehen; aber die legalen Möglichkeiten sind abschreckend. Beistand und Hilfe sind verboten. Das Verbot* der Beihilfe zum Selbstmord gerät allerdings zunehmend unter Rechtfertigungsdruck.
* Mittelbar durch das Arzneimittelgesetz, das die Verschreibung von Morphium regelt.

Stimmungsaufheller sind situationsbedingt indiziert. Überzeugungsarbeit fürs Leben mit der chemischen Keule kann aber kaum überzeugen.

Bilanzselbstmord fordert Respekt.

Volenti non fit iniuria , d.h. er kann nicht klagen. Gegen aktive Sterbehilfe klagt vielme hr die Rechtsgemeinschaft – aus undurchsichtigen Gründen.

Das Leben des Dementen hat für diesen selbst und für die Mitmenschen verschiedenartigen Wert.
Dem vaskulär Dementen (Beispiel: Walter Jens) zerfällt der Wille in wechselhafte Wünsche. Mag er als Gesunder für den Fall eigener Unzurechnungsfähigkeit aktive Sterbehilfe erbeten haben, so hat er jetzt andere Kriterien.
Der Gesunde hat die soziokulturell normalen Vereinfachungen als Kriterien für Wert eines Lebens und verhält sich entsprechend; als Kranker lernt man wohl noch andere Kriterien und gewichtet anders. Aber jeder kann nur für sich selbst sprechen.
Die Rechtsgemeinschaft urteilt konservativ, im Zweifel für das nackte Überleben.

Einem Menschen, der nicht nur wechselnde Wünsche, sondern einen verantwortungsbewußten Willen hat, darf man – nicht rechtlich, aber moralisch – aktive Sterbehilfe leisten.

Aktive Sterbehilfe wird selten in situ verlangt; aber das Recht, sie zu erbitten und zu leisten wird von allen gewünscht.

Selbstmord-Attentate sind transzendental überhöhtes Herostratentum – an der Elle der Normalität gemessen: Ausagieren einer narzisstischen Störung. Aber wie normal ist die Normalität? Suizidalität junger Leute ist heute zum weltpolitischen Problem angewachsen.
Hat Suizidalität im kriegerischen Risikoverhalten schon immer eine tragende Rolle gespielt? Gehört Anomalie unverzichtbar zur kulturellen Normalität?

Zu CD

Diese Dateien sind in „Word 2003“ geschrieben.
Sowohl das Suchprogramm (Makro in „AbsatzSuche“)
wie die „Flexible Konkordanz" der Nummerierungen der Pensées von Pascal
sind aber auch nach Konvertierung in „Word 2007“ (leider unter einer sehr anderen Benutzeroberfläche) voll funktionsfähig.

Wühlkorb II

Chaos

Ein deterministisches Chaos ist ein mathematisches Bild von realen chaotischen Prozessen.

Legitime Ansprüche konstituieren Schuld. Die Legitimation kommt aus der anerkannten Weltordnung. Sünde ist nicht nur Schuldigsein, sondern Nicht-Anerkennung dieser Weltordnung. Aber diese Alternative war zu einfach.
Sünde ist Thema aller Religionen. Der Zusammenbruch des kosmos-Glaubens bedeutet, entsprechend der jeweiligen Zentralität dieses Themas, eine Krise aller Religionen.
Sie haben global schon immer die Begrenztheit des kosmos anerkannt. Jetzt aber geht es um Anerkennung der gottgewollten Chaotik der Welt und um Bescheidung mit der unauslotbaren Bedingtheit von Ordnung auch im Kleinen.

Unsere natürliche Umgebung entwickelt sich ohne den Menschen so langsam, daß man sie die längste Zeit für konstant gehalten hat. Die Welt des Menschen wird aber von der menschlichen Intelligenz mitgestaltet; und diese entwickelt sich und unsere Umwelt in einem selbstverstärkenden, also sich beschleunigenden, endlich chaotischen und nun auch auch als solchen wahrgenommenen Prozeß. Der kosmos-Glaube geht in die Brüche.

Zuerst wird mir das Chaos durch die Eltern, dann durch mich selbst, durch ordnende Aktivität auf Abstand gehalten. Dann durchdringt es meine Welt, und endlich durchdringt es mich. „... und führen, wohin du nicht willst.“ (Joh 21, 18)

Schönheit erleben ist ein Ja zum Leben. Schönheit ist Harmonie im Chaos.

Man wünscht sich Einklang mit der Natur; aber die „schöne Ordnung“ (κόσμος) der Natur ist in sich dissonant!

Unglück erinnert uns an das Chaos, dessen Teil wir sind und in welchem temporäre, lokale Ordnung uns leben läßt.
Der Gott unserer Väter (Name und Vorstellungen) ist uns ein zurechtbringendes Symbol des Heils.

Deterministisch ist ein vereinfachendes Weltmodell. Von der Weltwirklichkeit wissen wir nur, daß sie mit unseren Modellen oft übereinstimmt; und das ist eine zu schmale Basis für den kosmos einer Ideologie.

Wir sind Mitwirkende in einem langsamen, meist milden Chaos. Wir möchten zwar, aber wir können wahrscheinlich nicht viel bewirken.

Man versteht die Menschheit manchmal als eine Art Gallerte – amorph, willenlos wackelnd. Man ahnt die einzelnen, in einander verhakelten Polymere. Aber diese sind fast nie wichtig für das Ganze. Aber wir sind nicht nur drei-, sondern unüberblickbar hoch-dimensional gegen einander abgegrenzt, mit einander verhakelt, verschmolzen und zerrissen!
Ein andermal versteht man sie als zusammengesetzt aus meinesgleichen. Jeder einzelne steht nicht nur in Wechselwirkung mit dem Nächsten, sondern hat seine Vorstellung vom Ganzen und verhält sich entsprechend. Auch das ist noch nicht einmal für dieses Subjekt so wichtig, wie es meint.
Aber wunderselten ist es doch, auch darüber hinaus, wichtig.
Ernst kann komisch sein. Man muß sich mit doppelbödigem Ernst, mit Humor, ernst nehmen.

Jeder lebt gefährdet als unscharf begrenzte Einheit in einem langsamen, meist milden Chaos. Man kann nur ungefähr und vorläufig sagen, wer was von wem erwarten kann.

„Die Elemente hassen das Gebild von Menschenhand“ (Schiller, Glocke). Immer wieder siegt die Barbarei. „Unsinn, du siegst, und ich muß untergehn“, klagt der englische General in Schillers Jungfrau von Orleans.
Wir müssen es lebenslang lernen: Ich bin nur Exempel der Kreativität Gottes.

Organismen sind höchst geordnet und (ver)brauchen Ordnung. Ordnung verleiht Dauer.
Kindern bringt man Ordnung bei, indem man ihnen mit erzieherischer Macht einen künstlichen Ordnungsrahmen vorgibt. Hausordnung und bürgerliche Ordnung werden, zur Orientierung, sprachlich einfach, personal organisiert, symbolisiert.
Unsere Welt ist aber in Wahrheit nicht ein kosmos in einem Chaos; sondern selbst chaotisch so zerfressen, daß man viel Glauben, „guten“ Willen, Umsicht und Weitblick aufbringen muß, um die Ordnung mitzutragen.
Im Zugriff auf die Realität wird die Symbolik abgenutzt. Sie kann unversehens bedeutungslos werden, der Glaube in staubige Trümmer zerfallen. Nicht mehr erwartet, kann dann aus dem Chaos neu Sinn aufleuchten.

Information bei Maschinenlärm; enervierend. Das ist Evolution, wie sie uns hervorgebracht hat, wie wir sie mitmachen, wie sie weiter über Leichen gehen und weitermachen wird.

Schon die Tiere müssen forschen und ständig zulernen. Aber auch wir werden nie genug wissen, um sicher zu sein.

Hermeneutik

„Leicht bei einander wohnen die Gedanken, doch hart im Raume stoßen sich die Sachen.“ (Schiller, Wallenstein) Aber Ideen organisieren auch harte Zusammenstöße! Ideen verbinden und sind verbindlich. Auch Illusionen können förderlich organisieren!

Bescheidwissen wird sich beim Zulernen immer tiefer seines Unwissens bewußt.

Wissen beruht auf Glauben.

Jeder Mensch ist etwas Materielles, Geistiges, Leibliches usw. Daß er nicht nur ein unaustauschbares, unverwechselbares Individuum, sondern auch ein austauschbares, verwechselbares Exemplar ist, ist die unverzichtbare Voraussetzung dafür, daß er überhaupt irgendetwas verstehen kann.

Trotz Harnack, gehört Dogmatik nicht in die „schöne Literatur“. Diese ist frei; Dogmatik ist gebunden.

Denken entwirft Relationengebilde, die uns Stücke der chaotischen Wirklichkeit vereinfachend abbilden können.
Eine Relation ist Stück eines Relationengebildes. Ein Relationengebilde kann widersprüchlich sein; und für kompliziertere Relationengebilde kann die Widerspruchsfreiheit nicht bewiesen werden (Kurt Gödel). Sie können lokal nützlich sein, müssen aber umsichtig benutzt werden.

Äußere und innere Wahrnehmungen ändern die Einstellung. Starke sinnliche Eindrücke deuten das Dasein primitiv und starr; Folter beschädigt die Seele. Nur andeutende Wahrnehmung läßt schöpferische Freiheit.

Attars* höllische Vereinfachung des Weltgeschehens als Korrektur der landläufigen kosmischen Vereinfachung (~ gestörtes Ideal) ist doch nur eine Radikalisierung der Störungs-/Sünden-Theorie. Das kosmos-Paradigma bleibt bei ihm in Geltung.
* Über Faridoddin Attar († 1230) siehe das aufregende, so menschliche Buch von Navid Kermani, Der Schrecken Gottes, 2005.

Das jeweilige „Reale“ repräsentiert uns vereinfacht das Unbekannte, das uns chaotisch erscheint. Wie wir vereinfachen, unsere „Voreinstellung“, ist Folge unserer lebenslang erworbenen Denkgewohnheiten.

Was Heidegger melodramatisch unsere „Geworfenheit“ nennt*, ist unsere Zufälligkeit, die alle Normalität dieser Welt plötzlich überrumpelt, und gehört damit in die Chaostheorie; die Grenze unseres Verstehens ist ein chaotischer Prozeß. Unser „Wissen“ ist, was wir glauben können, worauf wir uns verlassen. Anfechtung droht uns auch in unserem Wissen.
Luther betete; Heidegger verließ sich schließlich auf die Sprache.
* Hat da jemand geworfen?

Predigt glückt selten. Sie bietet Charaktermasken* an; alles kommt darauf an, wie dieses Angebot in Gebrauch genommen wird. Allein das freie Wort kann zu schöpferischer Liebe befreien.
* Etwa der Demut des Psalmisten.

Sowohl unsere Zeichen wie die Sachen sind vieldeutig. Symbolik kann sie situationell eindeutig verknüpfen.

Wissenschaftliche historische Konstruktionen deuten ihr Material (Texte und Relikte) im Sinne unseres Alltagswissens. Zu diesem Alltagswissen gehört – außer den eigenen kulturspezifischen Selbstverständlichkeiten und dem Wissen, daß man zu andern Zeiten anderes „wußte“ – auch das Wissen, daß man nicht genug weiß, um irgendetwas ganz zu verstehen; daß gleichwohl aber unser Alltagswissen für uns verbindlich ist.
In diesem Sinne sind geschichtswissenschaftliche Behauptungen zwar nicht willkürlich, aber hypothetisch und, jedem begründeten Zweifel gegenüber, diskussionspflichtig.
Wo keine Hypothese hinreichend begründet werden kann, bleibt jedes Verstehen stark idiosynkratisch. (Und das ist bei Texten wie der Bibel der Normalfall.) Man ist da angewiesen auf Plausibilität der eignenen Weltanschauung und der darauf beruhenden eigenen Argumente. Texte mit persönlichem Anspruch halten die Leser und Interpreten dementsprechend zu persönlicherem Austausch an.

Der Anblick von fortgeschrittenem Hautkrebs – ecce homo!
Wir leben in weitgehend separaten Selbstverständlichkeiten. Beispiel: Einerseits ist Gesundheit selbstverständliche Norm. Anderseits erhebt sich, über dem Chaos, das Normale als (abgespalten: bekanntlich) gar nicht selbstverständliches Glück.

Wir haben zweierlei vereinfachende Zugänge zu unserer Welt: Sie ist (nach Heideggers Sein und Zeit) 1. „zuhanden“ (πρᾶξις), oder 2. zwecklos „vorhanden“, ein Anblick für den Maler, θεωρία, als Wunder zu ent­deckende Vielheit.
Der „freundlich lachende Gott“* nimmt mich und mein Tun nicht so ernst, wie ich mich selbst nehme, sondern immer wieder nur als ein Beispiel aus dem großen Spiel seiner Schöpfung. Er ist, hinter meinem im Vordergrund stehenden, „zuhandenen“ Gottesbild (der lex evangelica), die tragende, immer „vorhandene“ Wahrheit meines Eingelassenseins in die Welt.
* Von Gottes Bescheidenheit, S. 54.

Die „archaische Erbschaft“* des registre imaginaire (Lacan) ist auch schon ein Realitätsbezug.
* Ausdruck von S.Freud.

Wahnvorstellungen sind idiosynkratische, existenzsymbolisch zentrale Vereinfachungen. Außenstehende können durch sie auf Wichtiges aufmerksam werden. Für die Kranken selbst sind Wahnvorstellungen meist verhängnisvoll; existenzsymbolische Ansprechbarkeit ist lebenswichtig.

Das identitätsbegründende Trauma der Christenheit, die Kreuzigung Jesu, wurde relativiert – und bearbeitbar! – durch den wahnhaft freudigen Hinweis auf das summum bonum, den Schöpfer, der den Gekreuzigten „wieder auferweckt“ hat. Die Trauerarbeit konnte beginnen, das beschädigte gute Objekt* als Freudenquelle wahrzunehmen.
* Das „beschädigte gute Objekt“ ist ein Konzept der Psychoanalytikerin Melanie Klein.

„Der“ Sinn des Lebens ist eine überwältigende Vielfalt! Unsere Suche nach einem Sinn des Ganzen findet nur Unsinn.

Das Verwirklichte ist uns Symbol der geahnten Wirklichkeit, – traditionell vereinfacht gesagt: Selbstbezeugung des Schöpfers. Mit nackten Tatsachen haben wir zu tun nur, wenn wir alle Zusammenhänge von den Tatsachen abziehen, also nur („abs-trakt“) theoretisch.

Wir können immer nur theoretisch unterscheiden zwischen einer Sache und unsren Vorstellungen von dieser – und müssen uns praktisch entsprechend vorsichtig verhalten.

Alles, was wir machen, bleibt Andeutung des Gewünschten.

Im Kleinsten wie im Größten ist die Physik der Komplexität ihres Gegenstandes nicht mehr gewachsen. Wir verstehen das Wirkliche nur lokal, unsicher und ungefähr.

Das Ungefähr ist lebensnotwendig. Es ist auch das Medium lebendigen Denkens!

Der Schriftsteller findet seinen Gegenstand beim Schreiben*, – ein von der übergroßen Welt genommenes Übergangsobjekt, noch ein Abbild, eine neue Vereinfachung, ein Existenzsymbol.
* Adolf Muschg.

Der Malerblick sieht Neues, weil er bezüglich des Alltagswissens dekonstruktiv* ist. Er sieht neue Möglichkeiten. Er ist Teil des Schöpfungsprozesses. Und er ist Arbeit, ermüdende Anstrengung. (Das Alltagswissen spart Energie; aber es macht das Leben auch langweiliger.)
* Begriff von Jacques Derrida.

Manfred Eigen publizierte 1975 ein Buch mit dem erklärenden Untertitel „Naturgesetze steuern den Zufall“, unter dem Haupttitel Das Spiel. Die Natur-„gesetze“ spielen mit!
Zufall („ac-cidens“!) ist das Zusammentreffen (und Zusammenhalten) von Umständen und Ereignissen, die eigentlich nichts mit einander zu tun haben. In unserer Zufälligkeit können wir nicht umhin, an Naturgesetze zu glauben und zwischen der Realität und unserem Gehirn einen wesentlichen Zusammenhang anzunehmen; aber wir wissen nur in Umrissen, worin dieser besteht und wie weit er trägt.

Heraklits logos ist das Gemeinsame, das jeder nur fragmentiert wahrnimmt, gleichwohl das Medium der Kommunikation.

Gesellschaft

Es gibt kognitive und emotionale Strukturen der kollektiven Subjektivität, exemplarisch thematisiert von Mathematik und Massenpsychologie.

Feste vereinfachen das Leben kognitiv und emotional – nicht objektiv, sondern soziozentrisch. Sie entfesseln von der zerstückelnden Eingebundenheit in Praxisfelder. Die Dynamik ihrer Herrlichkeit kann als göttlich erlebt werden.

Der von Thomas Hobbes 1651 öffentlich zur Diskussion gestellte Begriff des social contract vereinfacht die Interessenlage der Individuen: Nicht in jedem einzelnen und nicht immer, aber in der Gesellschaft summiert, überwiegt das konvergierende Interesse an Kooperationsstrukturen bei weitem die divergierenden antisozialen Interessen. Kooperativität einer sozialen Einheit ist mit Vorteil existenzsymbolisch unterfuttert; religiös/zivilreligiöse Homogeneität liegt im allgemeinen Interesse.

Neben allem anderen bleiben auch Irren- und Altenpflege Menschenpflichten.

Bei den Eric Bernes Games people play gewinnt der eine weniger als der andere verliert. Es sind nicht einmal Nullsummenspiele.

Kultur setzt Freiheit und einen gewissen Wohlstand voraus. Sie lebt aus Erfahrung von gefährdeter Freiheit und Tradition. In Kultur ist Angst umgearbeitet in Furcht, Sorge, Respekt und Ehrfurcht. Kultur entfaltet sich in Angstfreiheit.

Die Technik und die dadurch ermöglichte weltweite Organisation von Macht führen zu globalkatastrophenträchtigen Machtakkumulationen. Die evolutionär vorteilhaften „Inseln“ wachsen zu einer Schicksalsgemeinschaft zusammen. Das Überlebensminimum bleibt etwa gleich, aber die Verteilungskurve der knappen Güter wird immer steiler und immer empörender. Die Lebensbedingungen verändern sich schneller als eine moralische Kultur sich entwickeln kann, die die Weltgesellschaft stabilisiert. Die sozialen Interaktionen werden zunehmend global und chaotisch.
Seit alters wurde immer wieder das baldige Ende der Biosphäre erwartet, und es ist bislang immer noch nicht eingetroffen; es wird aber immer wahrscheinlicher. Man lebt in den Tag hinein; aber die Frage nach dem Sinn des Lebens will, sehr persönlich, immer wieder neu beantwortet werden.

Die Gesellschaft ist eine Verschwörung zur Leugnung der Chaotik der menschlichen Existenz vermittels der Ideologie von der nur gestörten Ordnung.
Der Glaube an die gute Grundordnung der Welt ist eine angeborene, evolutionär erworbene, gesellschaftliche Verpflichtung jedes Einzelnen, lokal für lebbare Ordnung zu sorgen. Er bedeutet einen Selektionsvorteil der Species humana! Er wird aber infolge der Aufklärung zunehmend relativiert. Idealismus, durch die Aufklärung in Nichtwissen eingebettet, bleibt jedoch eine globalgesellschaftliche Pflicht.

Technik ordnet unpersönlich zusammen und ordnet unter. Von kleinen Punkten aus können mit immer kleinerem Einsatz immer größere Wirkungen erzielt werden. Die Verteilung der wachsenden Macht der Menschen wird unkontrollierbar – fatal – chaotisch!

Die fortschreitende Technik vervielfacht die Ungleichheit unter den Menschen; zunehmend beutet eine Minderheit die Mehrheit aus. Weltweites soziales Chaos, Unfrieden, Gewalttat, Massenmord, -verelendung und -empörung sind vorprogrammiert. Es ist kein Ende abzusehen.
Politik ist da hilflos; im Zeitalter globalgesellschaftlicher Ideologien muß sie, wider besseres Wissen, unverantwortliche Simplifikationen propagieren; unbefriedigend bescheidene Zielsetzungen sind nicht mehrheitsfähig. Der öffentliche Schwindel aber erhöht die Gefahr.

Das Weltgeschehen ist nun einmal chaotisch. Man muß immer wieder staunen über die menschliche Forderung nach göttlicher Gerechtigkeit. Sie ist Echo auf „Gottes Gebot“. Das Gebot aber ist Vereinfachung, soziale Stereotypierung von Gottes Rat; und die Gesellschaft bettet es ein in eine kosmos -Ideologie.

Sexualangst war, in der Not, die individuelle Seite eines evolutionären Selektionsvorteils: des demographischen Gleichgewichts. (Sie treibt auch zu Sublimierung, Kultur und sozialem Idealismus*.) Zu viele Kinder junger Eltern destabilisieren die Gesellschaft ökonomisch.
* Der Idealismus wird auch kriegerisch oder, aggresionsgehemmt, romantisch-melancholisch.

Mensch ist ein langfristiges Investitionsgut geworden. Bis Kinder sich bezahlt machen, sind sie heute etwa zwei Jahrzehnte lang ein hoher Kostenfaktor für die Eltern und für die Gesellschaft. Die Alten hingegen sind heute noch lang rüstig und machen sich gern nützlich – oft unentbehrlich, aber meist ohne Lohn. Die geistige Leistungsfähigkeit nimmt langsam und leicht ab; die körperliche nimmt stärker ab, aber diese ist heute nicht mehr so wichtig.

Feste ergeben sich natürlich wie Orgasmen. Sie werden dann nachträglich symbolisch stilisiert: Man feiert nicht nur; man feiert „etwas“! Erst Sonnenwende, Frühling, Ernte, nationale Entlastung; dann aber Weihnachten, Ostern, Pesach, Purim etc. Damit wird das Naturwüchsige in einen kulturellen Sinnzusammenhang eingebunden und manipulierbar.

In der Fremde mag man dieselbe Sprache sprechen; in einer fremden Welt aber hängen die Dinge unberechenbar anders zusammen; die Worte und Aussagen erwecken deshalb andere Assoziationen und haben etwas andere Konnotationen. Der Fremde redet befremdlich. Das ist eine unheimliche* Quelle von Mißverständnissen. Es demoralisiert**, insofern es der persönlichen Moral ihre Selbstverständlichkeit nimmt.
* Changer le sens des mots, c’est déranger les meubles dans la maison d’un aveugle. Man kann sich nicht ganz entspannen; „allein bei Freunden läßt man frei sich geh’n“ (Goethe, Tasso).
** Der kynische Popularphilosoph Teles argumentiert, in seiner Schrift Περὶ φυγῆς/Über die Verbannung, schulmeisterlich dagegen. (Er war von Beruf Lehrer.)

Starres in der Kultur, Institution, ist zunächst lebensnotwendig wie Knochenbildung, – aber weiteren – in der sich wandelnden Welt erforderlichen – Anpassungen endlich hinderlich. Es wird dann eingekapselt. Im Fortgang des Lebens wird es zum Symbol, das an gemachte Erfahrungen erinnert.

Die „Natur“ des Menschen ist immer schon kulturell geformt. Alle Kulturen sind Verformungen von Vorgegebenem: Verstümmelungen einerseits, Wucherungen und Innovationen anderseits.

Durch sein Geschlecht ist jeder Mensch als Mensch relativiert, partnerschaftlich und generationell. Zur Stabilisierung braucht er wohlgesonnene Vorbilder.

Die Überlieferung ist reich, aber ungereimt. Aus der gemeinsamen Tradition bricht sich jeder anderes heraus und kombiniert neu.

Individuum und Gesellschaft brauchen und formen einander möglichst nach ihren eigenen Bedürfnissen.

Kollektiver Aufstieg sowie nationalökonomische Rückschläge färben die Kultur; und diese färbt das Selbstverständnis jedes Einzelnen sowie die kollektiven und die individuellen zwischenmenschlichen Beziehungen.

Macht funktioniert durch Symbolik. Machtkampf ist Glaubenskonfrontation, nicht umgekehrt (wie die Soziologie glauben macht)!

Die in erster Annäherung so genannte „Geschichte“ ist eine grobe Vereinfachung. Sie ist Herrschaftsgeschichte, Geschichte von Umbrüchen kraft Drohung oder Anwendung von Gewalt. Die menschlich gelebte, wahre Geschichte ist unendlich vielfältiger.

Das Nebeneinander der Kreaturen bedingt gegenseitige Bedrängung. Um die Gesamtbedrängung zu mindern, muß es organisiert werden. Das bedingt Umverteilung der Bedrängnis. Der beschränkte Überblick aller bedingt – auch unbeabsichtigt – lokale unzumutbare Bedrängnisse, die zu global unzumutbaren Reaktionen verführen.
Um das zu verhüten, bedarf es sekundärer Strukturen, die mit Gewalt drohen. Der höhere Organisationsgrad erhöht das Ungleichgewicht der Machtverteilung, und verstärkt, auch unbeabsichtigt, die Unzumutbarkeiten. Die also wachsende Zahl der Bedrängten organisiert sich endlich ihrerseits.
Um größere Konflikte, die global die Bedrängnis erhöhen würden, zu verhindern, bedarf es tertiärer Strukturen, die mit erhöhter Gewalt drohen. Infolge des immer beschränkten Überblicks der Menschen entstehen größere Unzumutbarkeiten, die zu offener Gewalt und endlich zu Kriegen führen.
Diese Zusammenhänge machen fundamental mißtrauisch und böse. Um Schlimmeres zu verhüten, sind viele bedrägnismindernde Taten als vertrauenbildende Maßnahmen nötig; und Bosheit muß kultiviert werden*. Kultur ist ein prekäres Phänomen!
* Nach Sigmund Freud ist Arbeit eine sublimierte Form von Aggression.

Bettelvolk und grausame Kriminaljustiz kennzeichneten lange unsere Gesellschaft. Sowohl links wie rechts reden noch heute die sozial glücklich Integrierten von dem marginalen „Gesindel“*. Was für ein Gesindel die (aktuelle oder präsumptive) gute Gesellschaft ist, wird selten bewußt.
Kann der Glückliche in seinem Glück verweilen, den Marginalen in seinem Unglück lassen und ihm gerade ins Auge sehen? Es gibt da extemporierte, im Grunde stereotype Rollenspiele. Aber ist da ein Einverständnis möglich? Müßte man „eigentlich“ alles stehen- und liegenlassen und sich um Versöhnung bemühen (Mt 5, 23f.)? Darf der Glückliche davon ausgehen, daß der Unglückliche nichts gegen ihn hat? Er muß sein Bestes tun; und das ist ja nicht immer die (irreguläre) Bemühung um die verlorenen Schafe.
Man muß diese Bemühung integrieren in ein Bemühen um gesellschaftliche Verhältnisse, die eine allgemeine Verständigung erleichtern. Die Gesellschaft bedarf einer Ideologie, die soziale Ungleichheit erträglich macht.
* Marx über das Lumpenproletariat.

Zur Demographie

Zur herkömmlichen Idylle der Familie mit den vielen Kindern als Sinnbild der gesunden, stabilen Gesellschaft gehörte die hohe Sterblichkeit, – die niemand sich zurückwünscht.

Etwa 2 Kinder pro Frau (und Mann) halten (ohne Migration und ohne Katastrophen) eine Bevölkerung stabil. Höhere Lebenserwartung erhöht den Bestand, auf dem sie sich hält.

Die höhere Lebenserwartung erfordert höhere wirtschaftliche Leistung pro Lebenszeit. Die Arbeitsfähigen erbringen sie gutenteils durch die ständig verbesserten Produktionsmittel. Infolge der verbesserten Volksgesundheit ist auch eine längere Lebensarbeitszeit möglich.

Das Kapital wird gegenüber der Arbeitskraft immer wichtiger. Die in den Produktionsmitteln steckende gegenwärtige Technologie ist Ergebnis der Leistung der vorangehenden Generationen. Zur gerechten Umverteilung zugunsten der Alten wäre deshalb so etwas wie Kapitalertragssteuer das nächstliegende Instrument.

Das deutsche Sozialversicherungssystem ist unterkapitalisiert; es wirtschaftet von der Hand in den Mund. In diesem Sinne kann man von „Überalterung“ der Bevölkerung sprechen und und Kindermangel beklagen.
In England und Amerika ist der Kapitalstock, auf dem das Versicherungswesen aufruht, nicht staatlich und sozial, sondern, hoch konzentriertes Privateigentum.

Gelingt die Umverteilung zugunsten der vermindert arbeitsfähigen nicht, dann wird automatisch, meist sanft bedrückend und erdrückend, die Mortalität erhöht. Überdies führt dann die nackte Zukunftsangst zu Erhöhung der Kinderzahl.

Im europäischen Vergleich stellt die absolute Zahl der Einwanderer nach Deutschland eine einsame Spitze dar[1]. Seit Jahrzehnten erlebt Deutschland mehr Zuwanderungen als Geburten[2]! Der Sozialstaat[3] zieht Bedürftige an. Der Deutschland durchlaufende Migrationsstrom[4] ist wirtschaftlich besorglich. Hier droht ein selbstverstärkender Prozeß: Zuwanderung von weniger geschulten und Abwanderung von hoch geschulten Arbeitskräften. Das senkt den durchschnittlichen Bildungsstand ab; dessen Niveau hatte bislang einen Standortvorteil Deutschlands[5] bedeutet.
Hier ist Bildungsarbeit dringend nötig; und hier leisten die Deutschen zu wenig (PISA[6]). Es wäre eine gewaltige, langfristige, teuere Investition; denn Bildung setzt auch soziale Integration und sprachliche Kommunikationsfähigkeit voraus.
[1] Siehe das Schaubild der absoluten Zahlen bei Birg, a.a.O. S. 105: Zwischen 1991 und 2002 hatte Deutschland gut 1 Million Einwanderer jährlich, – gefolgt von England mit 370000. Man muß freilich für die politische Psychologie die absoluten Zahlen auch ins Verhältnis zur Einwohnerzahl setzen.
[2] H. Birg, Die ausgefallene Generation, 2005, S. 33.
[3] Seit Bismarcks Einführung der gesetzlichen Krankenversicherung 1883 ist Deutschland ein führender Sozialstaat. Die sozialstaatliche Gesetzgebung wurde, bis hin zur Pflegeversicherung, sukzessive ausgebaut.
[4] Zur wirtschaftlichen Bedeutung der Migrationsströme nach und von Deutschland für die deutsche Wirtschaft siehe Birg, ebd., Kapitel 11 und 12 (Seiten 103ff.)
[5] Das zentrale Produktionsmittel des Menschen ist seine Vernunft. Das macht Bildung (bis in ethische und religiöse Tiefe hinein), Allgemeinbildung und spezielle Ausbildung wirtschaftlich wichtig.
[6] „Programm for international student assessment“ der Organization for economic co-operation and development (OECD).

Migranten sind im Allgemeinen aktive* Leute. Oft waren sie zuhause gute Bürger und qualifizierte Wirtschaftssubjekte, bedürfen aber für den Arbeitsmarkt des Gastlandes qualifizierter Umschulung im weitesten Sinne!
* Aktive junge Leute mit einfachen Rechtsvorstellungen werden leichter kriminell in unterprivilegierter Lage – sei es die des Immigranten, sei es die der eingeborenen Unterschicht.

Fremdenfeindliche Gewalttaten* werden gern diskutiert. Die deutsche Politik scheut sich aber (mit triftigen Gründen), das Immigrationsproblem zu thematisieren und öffentlich seiner großen Bedeutung entsprechend zur Diskussion zu stellen. Entsprechend schwierig ist es, die Mittel locker zu machen, die nötig wären, um der Belastung das Beste abzugewinnen.
* England hatte dieses Problem nach der massenweisen Einwanderung von Pakistanern infolge der politischen Neuorganisation des indischen Subkontinents nach dem Rückzug der Engländer.

Ein Nebenprodukt der Technologie sind die immer neuen Qualifikationsansprüche der Arbeitsplätze und die daraus folgende Arbeitslosigkeit. Die Gesellschaft braucht zunehmend spezialisierte Kooperation von Spezialisten.
Solange Arbeit der wesentliche Verteilungsschlüssel der knappen Güter ist, stellt das vor eine Alternative: entweder wohlbemessene Umverteilung oder soziale Unruhe, Gefährdung der Wirtschaftsordnung und der Produktionsmittel sowie erhöhten Aufwand für Polizei, Strafvollzug und Militär.

Zur Verhütung unheilvoller Entwicklungen bedarf es umsichtiger und einsichtiger Besinnung – und hierfür der Idealisten; denn Meme kann man massenhaft kopieren, und da profitieren vornehmlich Kopisten.
Idealismus ist eine Tugend von gestern. Er war immer nur minoritär stabil*; durch die undurchsichtigen neuen Suprastrukturen der Gesellschaft wird ihm aber zunehmend die Wertschätzung und die Existenzbasis entzogen.
* Im Sinne der „evolutionär stabilen Strategie“ des Biologen John Maynard Smith.

Die Evolution hat erst Gene und dann auch Meme hervorgebracht – und auch bei letzteren vital wichtige, neue Stufen erreicht: erst Geld und dann den Mem- pool des Kapitalismus. Dessen Entdeckung und Denunziation durch Marx und auch der gewalttätige Kommunismus haben ihn nicht zu besiegen vermocht. Entscheidende Subjekte der Geschichte sind heute weniger die Menschen als die Kapitalien*, die ihren eigenen Gesetzen gehorchen und hiernach lohnen und strafen.
* Ein schon älteres Sprichwort sagt: Geld regiert die Welt.

Das natürliche Wachstum der sozialen Ungleichgewichte ist chaotisch. Der wichtigste Umverteiler ist heute die (von unten nach oben umverteilende) Finanzwirtschaft. Sie chaotisiert die Gesellschaft.

Vorsorge für Krankheit und Alter kann in drei Formen geschehen: Die älteste sind eigene Kinder*; die zweite persönlicher Erwerb von Eigentum (Ersparnisse und Sachen, Versicherungen, seltener Kapital). Die dritte ist ein gesetzliches Sozialversicherungssystem. Nur dieses sichert die breiten Massen. In dem Maße, wie diese letztere Form etabliert ist, sinkt die Geburtenrate.
* Darauf bezieht sich das vierte Gebot.

Amerika ist ein unsozialer Staat mit sehr viel, aber immer noch nicht genug privater Wohltätigkeit; die Gesellschaft sorgt schlecht für ihre Alten, Armen und Kranken. Und sie sorgt nur elitär für Bildung. Sozialstaat und Bildung aber sind wichtige Dämpfer der Fertilität des Volkes. Deshalb ist in Amerika die Geburtenrate für eine weltwirtschaftliche Großmacht ungewöhnlich hoch.

Recht

Die Grenze zwischen Kosmos und Chaos fluktuiert. Der Kosmos ist in Chaos eingebettet und selbst chaotisch durchwachsen.
Recht ist ein ideales Assimilationsschema, ein Attraktor, eingebettet in Unrecht und selbst von Unrecht durchwachsen.

Mehr oder weniger zusammenpassend, hängen wir doch fest mit einander zusammen. Wir sind so verwickelt mit einander verbunden und verknotet, daß all unsere Urteile über unser Tun und Lassen Vergröberungen darstellen.

Eine Gerechtigkeitssymbolik organisiert selbstverstärkend eine ständig gestörte, aber beruhigende, stabile Ordnung. Sie lebt vom Glauben und guten Willen der Bürger und ihrer Beauftragten; Starre hingegen beängstigt und schafft dadurch Chaos statt Ordnung.

Recht ist ein historisch gewachsenes Konglomerat von sozialen Stereotypen. Als Vorgabe von Koordinationsmustern begünstigt es friedliches Zusammenleben von Menschen und Kooperationen. Seine Komponenten stehen in Spannung zu einander und zur Realität, und es bedarf ständig neuer kleiner Einigungsprozesse. Diese geschehen im Idealfall im Gespräch zwischen den Betroffenen. Für die vielen anderen Fälle bedarf die Rechtspflege einiger Zusatzinstitutionen, die auf einer starren Macht- und Gewalt-Organisation beruhen. Oft gegen gewichtige Bedenken, setzen sie strittige Entscheidungen mit Macht- und Gewaltmitteln durch.
Jeder weiß, daß juristisch einwandfreie Urteile in Einzelfall etwas tun können, was doch jedermann als Unrecht empfindet. Eine einigermaßen funktionierende Rechtspflege hat aber in aller Regel sozial überwältigende Vorteile. Die Rechtsordnung ist deshalb in der Regel von einem bereiten positiven Vorurteil getragen; wer formell korrektes Unrecht leidet, soll sich schämen.
Das ist das Material, aus dem Gegenkulturen entstehen. Dazu gehören vor allem die Kulturen der Kavaliersdelikte, – deren gewichtigste wohl Steuerbetrug, Schwarzarbeit und Versicherungsbetrug sind.

Wirtschaft

Wirtschaft als Naturprozeß

Kampf ums Dasein

Leben wächst selbstverstärkt sowohl stetig wie in Schritten.

Die Mächtigen haben im Kampf ums Dasein Fähigkeiten und Glück gehabt. Bei Gleichverteilung der knappen Güter sänke für die Glücklichen die Freude am Leben. Sie würden dieses Leben nicht mehr so lebenswert finden und verhindern deshalb Gleichverteilung.

Zu den glücklichen Fähigkeiten gehört Mut, und zum Mut gehören normalerweise Hoffnungen. (Aber auch ein Todesmut der Verzweiflung befähigt manchmal zu erfolgreichem Handeln.) Er riskiert in augenblicklichen Hochgefühlen mit imaginären Hoffnungen eine lebensfeindliche Zukunft.

Mit dem Gesamtvolumen der Wirtschaft wächst die soziale Ungleichheit. Marx erwartete eine Entwicklung der rechtlich geordneten Gesellschaft hin zur Konzentration des gesamten Kapitals in der Hand weniger und Gleichheit aller Übrigen als Habnichtse – und einen einmaligen revolutionären Umschlag von der extremen Ungleichheit zur totalen Gleichheit. In der Tat ist dem Wachstum eine Schranke gesetzt; aber das bewirkt eine chaotische Entwicklung.

Die Gesellschaft kommt der brutalen Natur zuvor und sichert dem Wachstum des Wohlstands durch Sitten und staatliche Gesetze, die das Wachstum etwas bremsen, die nötige soziale Umgebung. Einerseits wird Monopolbildung behindert. Anderseits stehen immer noch ein Eigenheim, ein Auto und Kinder nach Herzenslust, im Rahmen der sozialen Ordnung, nicht jedem Mündigen zu.

In stabilen Verhältnissen geben sich die Unterlegenen zufrieden mit einem reduzierten Leben – oft mit einem, das Glücklichen als lebensunwert erscheint. Aber arme Kinder und hungernd, obdachlos mittellose Eltern sind Alarmzeichen. Die wachsende Zahl der Marginalen ist, soweit sie handlungsfähig sind, um des lebenswerten Lebens willen, zur Kriminalität gezwungen. (Ein beträchtlicher Rest ist endlich günstigstenfalls zu lebenslänglicher Haft in Pflegeheimen verurteilt.)
Die Gesetze sind gegenüber dem Rand der Globalgesellschaft (formell oder faktisch) asozial und mörderisch*
Niemand weiß eine Lösung. Und mit dieser Erkenntnis beruhigt sich der Spießer.
* Johan Galtung sprach von „struktureller Gewalt“.

Aber die Verhältnisse bleiben nicht stabil. Sie sind chaotisch, deshalb auch mit Versicherungskalkül nicht sicher zu stabilisieren; und wenn die Versicherungen zusammenbrechen, verstärkt dies das Chaos.

Die Weltbevölkerung und die Technik, weltweite Arbeitslosigkeit und soziale Ungleichheit wachsen.

Aber auch dem Wachstum einer hochsozialen Gesellschaft setzen die äußeren Bedingungen eine obere Grenze, in deren Nähe unberechenbare Rückschläge drohen.

Der moralische Anspruch des positiven Rechts wird unhaltbar. Kriminalität und Krieg auf höchstem technologischem Niveau werden normal.

Einfache Modelle von selbstverstärktem Wachstum
Exponentielles Wachstum

Wachstum ohne obere Schranke. Ein einfaches abstraktes Modell ohne chaotische Entartung.

Logistisches Wachstum

Stetig: Das logistische Wachstum ist das einfachste Modell von selbstverstärktem Wachstum mit oberer Wachstumsschranke. Die Größe des Wachstums der fraglichen Population entspricht der Wahrscheinlichkeit, daß ein Element der wachsenden Menge in einem bestimmten Zeitintervall auf freien Raum stößt.

Diskret: Stetiges Wachstum ergibt eine glatte Wachstsumskurve. Wachstum in diskreten Schritten kann chaotisch entarten. Wenn der Abstand vom Maximum kleiner wird als die Schrittgröße, so wird das Wachstum von zunehmendem Widerstand äußerer Bedingungen konterkariert und zurückgeworfen.

Räuber-Beute-Modell

Hier geht es um das wechselseitig abhängige Wachstum zweier Populationen.
Auch hier ist Wachstum in diskreten Werten prinzipiell chaotisch.

Krisenanfälligkeit
Erwartung und Vertrauen in stabilen Interaktionsformen

Wirtschaft ist Kooperation. Aktion erwartet Reaktion der Partner. Diese wiederum hängt ab von deren Erwartungen. Man erwartet nicht nur reale Vorgänge, sondern auch (wechselseitig damit zusammenhängende) Erwartungen. Das ergibt einen (mit der Rekursion zunehmend unsicheren) rekursiven Abbildungsprozeß. Jeder orientiert sich an Tatsachen. Die Bedeutung der Tatsachen aber ist unsicher.

Geschäftsbeziehungen sind in gewissem Maß Vertrauensbeziehungen. Wirtschaft setzt konsensuale Äquivalenzen und stabile Interaktionsformen voraus. Aber einer kann gezielt den andern betrügen und man kann sich auch gemeinsam Illusionen machen.

Geld

Werte sind zunächst realwirtschaftlichen Güter und Anteile daran (Aktien). Geld ist ein Wert, der dem Handel als zentrale Bezugsgröße zur Definition des Wertes von Gütern und von Wertäquivalenzen dient. Der Wert des Geldes ist aber seinerseits von Wertäquivalenzen mit Gütern definiert. (Es gibt auch verschiedene Geldarten, und deren Wertverhältnisse schwanken. Gold, Silber, von verschiedenen Staaten garantiertes Münz- und Papiergeld, Schecks, staatliche und private Anleihen, Wandelanleihen, Anteile an Versicherungen, börslich und außerbörslich gehandelte Aktien, bis hin zu Derivaten.) Geldtheorie ist eine Relativitätstheorie.

Wertverlust ist nicht Gebrauchswert-, sondern Marktwertverlust.

Die Finanzkrise von 2008 war ein Zusammenbruch des Wertes der höher strukturierten Finanzprodukte.

Risikokalkül

Wenn alle langezeit nur kurzfristig und egozentrisch Gewinnoptimierung versuchen, ist, auch ohne besondere äußere Einwirkung, ein gemeinsamer Ruin vorprogrammiert.

Normalität

Moderne Wirtschaft ist eine weitestgehend anonyme Kooperationsstruktur. Kooperation setzt zwischenmenschliches Vertrauen voraus, in der globalisierten Wirtschaft: Glaube an die Menschheit, an die gemeinsame Vernunft des animal rationale. Die menschliche Kreativität hat die Wachstumsschranken bisher, nach allen bisherigen Rückschlägen, immer wieder sogar ein Stück weiter hinausgeschoben.

Die programmatische Anerkennung von Menschenrechten zeigt, was der Mensch vom Menschen erwartet, im Regelfall: mitmenschliche Verantwortung und Wertschätzung des Mitmenschen als solchen. Deshalb liegt die globale Geltung von Menschenrechten im Interesse der Globalwirtschaft. Wo die Menschenrechte nicht anerkannt sind, ist nur suboptimale Kooperation und Wirtschaft möglich.

Reichtum einer Minderheit ist volkswirtschaftlich hauptsächlich: Sparen, Konsumeinschränkung der Masse. Der Reiche schöpft allerdings hierbei Luxus für sich selbst ab. Der größte Luxus allerdings ist die Macht; und diese wächst nicht mit der Verschwendung, sondern mit Investitionen zugunsten der gemeinsamen Zukunft.

Die Wirtschaft kalkuliert die nähere Zukunft ein; der Wert (etwas eines Betriebs) ist der erwartete Wert. Dieser macht den Betrieb kreditwürdig. Es gehört zur wirtschaftlichen Normalität, diesen Kredit für die geschäftliche Beweglichkeit einzusetzen. Ohne Kredit/Glaubwürdigkeit ist kein Geschäft möglich.

Erfolgreiche Wirtschaft verschuldet sich an der Gegenwart und investiert in Zukunft. Das betrifft die innere Ökonomie (Sparen) sowie die Interaktionen mit bekannten, unbekannten und anonymen Partnern. Verschuldung beruht auf Voraussicht nicht nur von weiterem Wachstum, sondern von Stabilität, ist also eigentlich normal.

Es geht nicht lange gut, wenn die Mächtigen es an einer, ihrer Macht proportionalen, mitmenschlichen Verantwortung fehlen lassen. Ohne Standesmoral* ist die Gesellschaft gefährdet.
* Stiftungen u. dgl. sind oft nur pittoreske Maßnahmen zu Ablenkung.

Krise

Die Geldwirtschaft ist Vertrauenswirtschaft. Die entwickelte Wirtschaft ist zentral Geldwirtschaft. In der Realwirtschaft sind durch Nachfragezusammenbrüche die Luxusgüter am stärksten gefährdet; es folgen langlebige und kurzlebige Gebrauchsgüter und endlich Elementarkomponenten, zu denen die Nahrungsmittel gehören, deren Anschaffung man kaum hinausschieben kann, weil sie täglich verbraucht werden. Darauf kann man sich verlassen, – soweit die Hungernden noch das Geld haben, Nahrung zu kaufen. Was darüber hinausgeht, ist unsicher.

In der Nähe der jeweiligen oberen Schranke droht weiteres Wachstum der Wirtschaft zu (individuell unverschuldeten) Insolvenzen mit Kettenreaktionen zu führen.

Die Tiere haben im Lauf der Zeit immer höhere Intelligenz entwickelt. Memetik und Genetik bilden ein Verbundsystem. Evolutionär allein wichtig war vorher allein die genetische Überlegenheit; aber endlich wurde die memetische Überlegenheit evolutionär entscheidend.
Aus der Realwirtschaft erwuchs die Finanzwirtschaft; und wie Memetik und Genetik, bilden Realwirtschaft und Finanzwesen ein Verbundsystem. Hier lief es ähnlich; das Sekundärsystem wurde führend. Es ist neu, daß der Zusammenbruch des Finanzsystems die Realwirtschaft in eine Katastrophe führen konnte.

Weitere Notizen

Die Gesellschaft kann heute, kraft Ausrüstung und Vernetzung von Arbeitsplätzen, mehr standardisierte Leistung erbringen als sie braucht; und immer differenziertere Leistungen können heute standardisiert werden. Das Individuum als Leistungser­bringer wird in immer ersetzbarer. Das drückt die Löhne.
Das Individuum ist aber auch Konsument. Es braucht nicht so viel Standardisiertes, wie angeboten wird; aber es braucht mehr persönliche Dienstleistungen! (Hier gibt es sozusagen Lebensabschnitts-Bedarf*, fallweisen Bedarf und chronischen.) Diese aber kann es nicht so gut bezahlen wie die standardisierten. Deshalb herrscht hier sog. Arbeitskräfte-Mangel (in Wahrheit: Mangel an Arbeitsbereitschaft)!
* Dazu gehört auch qualifizierter Unterricht. Idealerweise wäre er vornehmlich Einzelunterricht.

Die („Überalterung“ genannte) Alterung der Gesellschaft (die ja auch eine Verlängerung der Leistungsfähigkeit bedeutet) ist wirtschaftlich ein Problem der Arbeitsplatz-Spezialisierung und der Arbeitsvermittlung.

Ethik

Man entwickelt sich entsprechend seinen Realitätsvorstellungen. Ideale sind nur Attraktoren. Dem überzeugend symbolisierten Guten gleicht man sich an.

Kosmos im Chaos“ ist das altbekannte „Glück im Unglück“. Wir sollen es wahrnehmen, wachsen lassen, hegen und pflegen.

Just live! Unser Leben ist Gottes Tat; und das Lebendige sucht Gottes Rat.

„Es ist unmöglich, unter falschen Voraussetzungen richtig zu leben“ (Adorno). Weil aber niemand weiß, was richtige Voraussetzungen sind, ist es überhaupt unmöglich, „richtig“ zu leben!

Trotzen kann man blind. Zum Wollen aber gehört Umsicht und die Kraft zur Resignation.

Die „sehr gute“* Welt des Ur- und des Endstandes ist eine Imagination, eine Idee, ein Ideal, ein Attraktor außerhalb des realen Zustandsraumes, als Vereinfachung nützlich zur Orientierung im Handlungsspielraum. Menschliches Handeln will verbessern. Aber wozu ist die Realität brauchbar? Sie ist kräftig; wir müssen mit all unseren Kräften zugreifen, um ihre Brauchbarkeit zu genießen.
* 1Mose 1, 31.

Zielloses just living ist manchmal nötig. Es generiert Ziele! Unsinn ist das Material, aus dem Sinn erwächst. Im Chaos entstehen Identitäten.

Die längste Zeit war der Landesherr Krieger. Das war der höchste Adel! Der vornehme Herr trug den Kavaliersdegen. Der junge Mann bekam – mit der Auflage, daß er sie nie mißbrauche – die Waffe in die Hand; er wurde damit zum Mitträger der öffentlichen Sicherheit befördert. In den anti-napoleonischen Befreiungskriegen lief auch Professor Schleiermacher in Berlin mit Degen am Gürtel durch die Straßen.
Heute hat der Staat das Gewaltmonopol. Hobbes nannte ihn „Leviathan“* (1651), – ein Ungeheuer, das wir brauchen gegen die Ungeheuerlichkeiten eines Krieges aller gegen alle (wie Hobbes sie vor Augen hatte). Polizei und Militär sind Gewalt als Handwerk.
* Das Krokodil von Hiob 40, 20ff.

Humane, vernünftige Planung von Gewalt ist bereits Ergebnis von zunächst planlosen soziokulturellen Selbstorganisationsprozessen, Vereinfachungen, die eine kommunikable Orientierung und ein konsistentes gemeinsames Handeln ermöglichen: An irgendein „Gut/Schlecht“ kristallisiert sich weiteres „Gut/Schlecht“ an, bis Gut und Schlecht so von einander getrennt sind, daß wir auf die Vertreter des Schlechten so böse werden, daß wir Gewalt anwenden wollen. So ent­steht auch Krieg.
Gewalt ist immer ein Offenbarungseid der Humanität. Spezifische Menschlichkeit des nackten Affen und seiner Gesellschaft ist zwar da und dort schon erkennbar, aber erst ein (?) Projekt in einem chaotischen Entstehungsprozeß. Zielbewußter Idealismus muß bescheiden auftreten!

Heterotrophes, höheres Leben ist mörderisch, das menschliche auch intraspezifisch. Dazu paßt der – von Freud als Vertiefung der Aggressionstheorie konzipierte – Todestrieb. Das Triebleben ist chaotisch. Aggressionshemmung aber deprimiert*.
Im Christentum gilt sowohl das radikalisierte Liebesgebot wie – mit dem von unseresgleichen ans Kreuz geschlagenen Christus vor Augen – das radikale Aggressionsverbot der Bergpredigt (Mt 5, 21-26). Das Gebot der Nächstenliebe artikuliert das Begehren der Geschöpfe an einander als ideale, unlebbare Forderung. Es verlangt einen κόσμος, der diesen Namen verdient, einen neuen Himmel und eine neue Erde (2Pt 3,13)! Im „bürgerlichen Gebrauch des Gesetzes“ (Luther) wird das Liebesgebot, nach Art der Zehn Gebote, pragmatisch vermenschlicht.
Der usus theologicus legis (Luther) aber verurteilt jeden Menschen. Das letzte Wort hat allerdings die frohe Botschaft von der Auferweckung des Gekreuzigten in einer Herrlichkeit, an der die Gläubigen teilhaben sollen. Das war (wie bei Paulus, etwa in dessen Tauflehre, Rm 6, 3ff.) ein in den Auferstehungsglauben eingebettetes Selbstmordprogramm. Die großartige Radikalität von Gesetz und Evangelium zeugt von dem Entsetzen über den chaotischen Weltlauf, der in der Kreuzigung Jesu sichtbar geworden ist.
Paulus redet von der „neuen Kreatur“ (2Kor 5, 17) als alltäglichem Dasein in einer Welt auf Abruf. Sie ist getrieben (Röm 8, 14) vom Geist der „Endzeit“ – das ist der Geist Gottes (1Kor 12, 1ff.), des Christusglaubens (Gal 3 1ff.), der bescheiden schöpferische Geist der Liebe (1Kor 13). Der sieht im bösen Geschöpf den unbegreiflichen Schöpfer gegenwärtig – und nimmt dem Gesetz unseres Zusammenlebens, Tod und Teufel ihre Letztbedeutung (Rm 8, 38f.).
* Wilhelm II. hingegen rief auf zu einem „frischen, fröhlichen Krieg“ (dem Ersten Weltkrieg).

Nach Lukas (Apg 5,9f.) ist auch der Heilige Geist mörderisch lebendig!

Institutionalisierung geschieht in vielen winzigen und wenigen großen Schritten. Wiederholungen, Gewohnheiten, soziale Erwartungen, Sitten, Symbolisierungen, Sprachgebrauch und Begriffsbildung erstarren endlich in formeller Rechtssetzung.

Die Ergebnisse der Evolution befriedigen uns nicht; mehr oder weniger hoffnungsvoll, wünschen wir uns Verbesserungen.
Pädagogisch gemachte Illusionen bewirken Idealbildung. Eine alte Form von moralischer Erziehung durch Vorbilder ist Kult der Ahnen, – denen oft auch göttliche Abkunft nachgesagt wird. (Adam und Eva waren doch wenigstens von Gott eigenhändig „sehr gut“ geschaffen.)
Liegt das Ideal noch in der Nähe des Normalen*, so wird es zur Norm, nach welcher man sich und die anderen beurteilt. Mit überzogenen Ansprüchen aber vergällt man sich und andern das Leben; sie sind kontraproduktiv**.
* Normal ist das (mehr oder weniger all-gemeine) enttäuschende „Gemeine“ (wie das doppeldeutige Wort sagt).
** „Das Gesetz richtet Zorn an“, sagt Paulus (Rm 4, 15).

Überforderung macht den guten Willen kaputt; man wird böse und verzweifelt, wird selbst ein Tohuwabohu. Man soll auch sich selbst nicht überfordern.
Die biblischen Höllen- und Rachephantasien gehen wohl weitgehend auf die gesetzliche Überforderung zurück, die die trotzig-hoffnungsvolle religiöse Reaktion auf die Kata­strophen Israels und Judas war.

Im zeitlichen Rahmen eines menschlichen Lebens ist von Evolution nichts zu sehen. Immerhin wünscht jeder, wie schon Aristoteles an hervorgehobener Stelle* bemerkte, das Gute. Und auch dies ist ein Faktor mit Auswirkungen in der Evolution. Pessisimus ist, wie Optimismus, unrealistisch.
* Anfang der Nikomachischen Ethik.

Unglück bedeutet eine Identitätskrise, eine Krise des (aus dem Lust-Ich entwickelten) vereinfachten Selbstbildes. Es wirft die Schuldfrage auf. Man versucht, aus der Krise herauszufinden, indem man diese beantwortet. Aber das verführt zu weiteren (gefährdeten und gefährlichen) Vereinfachungen.

Undankbarkeit ist (im weiten Sinne: „religiöse“) Blindheit.

Der Mensch ist erfinderisch; und viele Konfrontationen in einer Konfliktdimension lassen sich auf dem Umweg über andere Dimensionen entschärfen. (Katzen lösen Revierprobleme durch zeitliche Arrangements.)

Wir sind einander die Ehrerbietung der Ehrlichkeit schuldig. Diese erwartet vom andern, daß er anständig mit der Wahrheit umgeht.

Im Dienste „natürlicher“ Pflichten, z.B. in gesellschaftlicher Verantwortung für die eigenen Kinder, (Luther: „im Amt“) müssen wir auch kämpfen und mit gutem Gewissen stören und zerstören.
Aber solche „Amts“-pflicht ist nicht statisch wie ein Befehl in einem Computerprogramm, sondern Gottes hier und jetzt gegebener Rat, immer nur in persönlicher Verantwortung zu handhaben. Die Gesellschaft hat Rechtsanspruch auf uns, aber keinen Totalanspruch.
Jede Rechtsordnung ist eine Vereinfachung, die in Grenzfällen als Recht nicht befriedigen kann.

Für unsere eigene Schuld büßen wir mit unserem Tod. Wir können nicht objektiv abgrenzen, was unsere eigene Schuld war; aber unser Gefühl von Freiheit spricht uns schuldig!
Für die Schuld des Schöpfers leidet Gott mit der Schöpfung; das bezeugt uns das Evangelium von Jesus.
Luthers Lehre, daß der Schöpfer selbst die Verantwortung für unsere Fehler „im Amt“ übernimmt, ist nicht auf die (traditionellen aristotelistischen) „drei Stände“ zu beschränken, – wie Luther meinte, lehren zu müssen, um dem Schuldgefühl gerecht zu werden.

Soziabilität ist angeboren: suchendes, werbendes Wohlwollen.

Wir sollen, im Sinne des alttestamentlichen Gebots der Nächstenliebe (3Mos 19, 18), brüderlich, nach dem neutestamentlichen Gebot der Feindesliebe (Mt 5, 44) schöpferisch, also eher väterlich, lieben.

Oft ist man gehindert, seine „eigentliche Aufgabe“ zu erfüllen, und muß anscheinend sinnlos leben. Dann gilt es, das Untermenschliche, das Leiden, das Gemeine, zu erleben als das Tohuwabohu, aus dem Gott das Menschliche geschaffen hat!

Menschen wollen nicht nur Nehmen, sondern auch Geben. Die Gesellschaft ist ein sehr kompliziertes Geflecht von Geben und Nehmen. In einer Kultur ehrt einer den andern als ein Subjekt, das nehmen und geben will.

Recht schlechthin ist eine Ordnung, auf die sich eine Gesellschaft faktisch ungefähr geeinigt hat.
„Menschenrechte“ sind Ansprüche, die das Recht anerkennt, des Individuums an die Gesellschaft.
Menschenwürde ist ein rechtsun­abhängiges Kulturgut, das rechtliche Anerkennung verlangt.

Der Schutz des menschlichen Lebens ist ein gesellschaftlicher „Wert“ neben – und gegebenenfalls gegen – andere gesellschaftliche Werte.
Die „Menschenrechte“ sind soziale Ideale und nur sehr eingeschränkt einklagbare Rechte.
Die reale Existenz des Militärs widerspricht dem Menschenrecht auf Selbstbestimmung des Einzelnen.

Demselben Pythagoras, auf den man den Begriff κόσμος (die Welt als „schöne Ordnung“) zurückführt*, schreibt man** auch eine Klage über die Schlechtigkeit der Menschen zu.
* Testimonia 21.2, AE+T. II 1, 1 (D. 327, 8) Π. πρῶτος ὠνόμασε τὴν τῶν ὅλων περιοχὴν <κόσμον> ἐκ τῆς ἐν αὐτῷ τάξεως.
** Diels/Kranz, Test. et Fragm. c 4.16.

„Probieren“ ist die Grundkategorie des Lebens.

Der Begriff Schuld setzt eine Symbolik voraus, die Subjekte vereinfachend definiert.

Gebenkönnen ist selbst der Lohn. Dem gilt der Neid*.
Dankesschuld mindert die Dankbarkeit.
* Darauf hat Melanie Klein (in: Envy and Gratitude) aufmerksam gemacht.

Moral bedarf keiner abgehobenen Religion. Es ist selbstverständlich, daß man ein Wir braucht; und daß das Wir Regeln braucht.

Der Mut der Verzweiflung von Menschen, die sozial hilflos überfordert sind, ist gefährlich. Das berechtigt die Nachbarn zu Einmischung in die Angelegenheiten einer fremden Person, Familie oder eines fremden Staates.

Der Mensch erstrebt Kooperation und Konsens, Normalität, auf die man sich mit einander einrichten kann, und also Normen.
Ideale sind einfache Zielvorstellungen. Idealistisches Verhalten ist „nobel“, gibt ein anregendes Exempel und bringt normalerweise Ehre ein.
Der missionarische Erfolg allerdings hängt von der Kombination mehrerer Faktoren ab: Das Verhalten muß als sozial wertvoll imponieren, aber das persönliche Opfer darf nicht zu groß sein.

Der Mensch braucht (passiv und aktiv) so etwas wie Bewunderung.
Eitelkeit aber und Geltungssucht beuten die andern aus, bringen das narzißtische Geben und Nehmen aus dem Gleichgewicht und sind steril.
Machtbedürfnis kann durchaus sozial befriedigend gestaltet werden; nicht aber Herrschsucht.

Heutige Entwicklungsländer könnten eines Tages, als Erben unserer Zivilisation, die Macht übernehmen, während den heute entwickelten Ländern die Option bliebe, weise und bescheiden zu werden. (Vgl. die antiken Griechen und Römer!)

Der Begriff „Herrschaft“ ist eine bedingt brauchbare Vereinfachung.

Den Männern wird Kriegslust nachgesagt; aber oft feuern Frauen die Männer zum Kampf an.

Statt „Recht auf Selbstbestimmung“ besser: Recht auf Selbst-Mitbestimmung. Der Mensch ist wesentlich Mitmensch.

Anaximander* hat die Todverfallenheit als natürliche Schuld in der Koexistenz verstanden.
Das einfache Wunschbild, das die Eltern** von ihm haben, ruft das Kind über seine Natur hinaus. So entsteht die besondere Schuld, dem von den Eltern vorgestellten, eigenen Ideal nicht zu entsprechen – ein nicht ganz auflösbarer, innerer Konflikt. Dieser artikuliert sich als (natürlich) nicht ganz erfülltes Gebot (Überich).
Die Wünsche der Eltern repräsentieren auch die Wünsche der weiteren sozialen Umgebung.
Die Erwartungen der Umwelt sind kritisch repräsentiert im Gebot des Schöpfers. Institutionell kultisch – ursprünglich staatlich, dann synagogal, kirchlich bzw. islamisch – ist dieses Gebot statisch verstanden, Gesetz.
Evangel isch verstandenen, ist Gottes Gebot schöpferisch, dynamisch, Gottes persönlicher Rat! Das Gesetz ist damit relativiert. Das Liebesgebot rät, sich von der Welt ansprechen zu lassen! Im Licht des Evangeliums, ist sie Offenbarung Gottes. Wir sehen allerdings immer nur Vereinfachungen†. Das Evangelium befreit die Gewissen, ihre Hoffnung auf Gott zu setzen, in der unreinen Welt unrein††, unheilig, mitzuspielen und an der Freude des Schöpfers teilzuhaben.
* In dem wörtlich überlieferten Fragment von ihm.
** Heute vielfach: Elternersatz.
† Auch die religiöse Weltsichten sind, real, immer Vereinfachungen und meist oberflächlich.
†† „Politik ist ein schmutziges Geschäft“, sagt der Volksmund. Er misst an den Gesetzen, die den sozialen Frieden stabilisieren und die der Gesellschaft heilig sind. Politik aber ist die Dynamik, in welcher Gesetze gemacht werden; und das ganze Leben ist ein Bisschen Politik und selten ganz friedlich.

Die Doppelbödigkeit des „Habens als hätte man nicht“* (1Kor 7, 29-31) meint das „innere“ Haben des immortal object**. Dieses „hat“ man in bereicherndem Austausch mit der äußeren Welt. Die Einstellung zur Freiheit, die Paulus den Sklaven empfiehlt (1Kor 7, 21), ist ähnlich!
* 1Kor 7,30 auf die Freude bezogen!
** Der Psycho­analytiker Roy Schafer hat das Paradox des "immortal object" diskutiert (Aspects of Internalization, 1968).

Der Einzelne

Die Person als Mikro-kosmos ist ein ideales Assimilationsschema.

Leide ich an zu viel Ich? Ich soll als Teil Seiner Schöpfung vor Gott kommen und seinen Rat hören.

Schicksal kann entrechten, Schmerz das Subjekt überwältigen. Angst ist natürlich; aber die kulturelle Überlieferung bietet durch bildende Erziehung und akuten Beistand Hilfe an.

Vereinzelung macht Angst. Mitleid bezeugt Zusammengehörigkeit. Des Leidenden Wunschphantasie von Mitleid ist nicht ohne Realgrund. Jeder von uns ist ein nur ungefähr bestimmtes Beispiel aus einer ungefähr bestimmten Menge von Möglichkeiten.

Freundliche Ironie von andern kann einem Distanz zu sich selbst vermitteln, zu Selbstironie anregen, zu Um­denken und zu Verhaltensänderung befreien.
Selbstironie schillert. Sie setzt Distanz zu sich selbst voraus. Man sieht sich selbst kritisch von „außen“; man wechselt aus dem naiven in ein mephistophelisches Ich, man identifiziert sich mit seinem Schatten und sieht nun das naive Ich als Schatten. Sie kann ein Kommunikationsversuch sein, ein Versuch, ein Unverständnis zu über­brücken.

Man kann sich selbst in verschiedenem Sinne verstehen und verschiedene eigene Identitäten vertreten. In gewissem Umfang kann man sogar zwischen Solidarität und Feindschaft frei wählen. Entscheidend ist die Kraft, welche die eine und die andere Symbolik augenblicklich ausübt. (Die Frage nach dem freien Willen legt sich hier nahe, ist aber unsachgemäß.)

Wir haben zweierlei Bilder vom Menschen: 1. die Persönlichkeit, 2. die lebende Partikel in einem chaotischen Prozeß. Das sind zwei Versimpelungen, die in unsern Kopf passen, die beide Wesentliches erfassen und beide das Wesentliche nicht erfassen.

Grundfrage bei der Identifikation mit einem Menschen: Wie geht der mit seiner Zufälligkeit um?

Leben ist Interaktion (Stoffwechsel, Organisation, Reorganisation).

Was ich gefunden und erfaßt habe, wird, ohne mich, auch manch ein anderer finden und – natürlich – auch anders fassen. Ich bin, mitsamt meinen Gedanken, im Spiel der Zufälle nur ein Beispiel.

Man muß sich nicht nur als Unikat verstehen, sondern, demütig, auch als ein Exemplar von vielerlei (körperlichen, seelischen und geistigen) Mengen, mit denen man sich ungefähr so identifizieren kann wie mit sich selbst. Dann hat man unüberblickbare Chancen und kann immer hoffen!

Die Welt ist nicht ganz trostlos. Man muß aber gut hingucken.

Beim Warten organisiert die Phantasie die Seele; aber sie kann ermüden.

Hoffnungslosigkeit bedeutet Spannungs­abfall. Meist haben wir noch partielle Hoffnungen, an die wir uns erinnern können; totale Hoffnungslosigkeit aber ist tödlich.

Leiden ist, als Mitleiden mit Gott, auch menschenwürdig, – selbst wenn Seele und Leib dabei kaputt gehen. (Das berechtigt natürlich niemanden zum Leidenmachen und Leidenlassen!)

Glück kann sehr groß sein. Aber die längste Zeit ist es klein, und, um es doch zu empfinden, muß man gezielt aufmerksam sein. Wenig großes Glück wiegt viel Unglück auf. Am größten ist Glück in der Liebe*. Liebe gilt vor allem Individuellem und Vergänglichem.
Das zeitlos Allgemeine ist eher bedrückend; wer hier Trost sucht, braucht eine besondere Optik: Man muß einen tragfähigen Bezugsrahmen für Hoffnung suchen und finden – notfalls erfinden. (Lange Zeit war die Hoffnung auf das Weltende ein tragfähiger Bezugs­rahmen für Hoffnung.)
* Diese im vollen Sinne: das Ineinander von Narzissmus und Objektliebe.

Behaglich räkelt man sich. Wellness ist spontane Bewegung mit Nahzielen, eingestellt auf eine behagliche Umgebung. Das ist Freud’s „Lust-Ich“, der ideale Kern des Selbst.
Nahziele werden meist erreicht. Fernziele selten. Vorausschauendes Handeln ist ein menschliches Vermögen und Bedürfnis; je stärker es ist, desto enttäuschender ist der Lauf der Welt. Die prekären großen Fernziele versprechen großen Erfolg, der den vielen Mißerfolg mit unseren Fernzielen aufwiegt.

Der Malerblick ist „Regression im Dienste des Ich“ (Ernst Kris), Neuanfang des Verstehens.
Mit malerischem Blick abstrahiert man von den praktischen Bedeutungszusammenhängen der Dinge. Man sieht sie als ein Stück Weltraum, als Gegenwart der Ewigkeit.

Unsere Identität ist und bleibt unverfügbar bedingt, Sache des Schöpfers!

Der Mensch braucht eine gewisse Planungssicherheit, und dafür braucht er ein soziale Identität und ein (damit zusammenhängendes) Selbstbild.

Einzigkeit und Identität sind vereinfachende Schemata.
Ich war gestern ungefähr dasselbe wie heute. Und so etwas Ähnliches wie mich wird es – und kann es bald – wieder geben. Dasselbe gilt auch für all meine verschiedenen Ideen. Vieles könnte sogar besser werden. Ich bin Teilnehmer in einem großen, im wörtlich­sten Sinne „inter-essanten“ Spiel, das die meisten lange fasziniert.

Individuum und Gesellschaft brauchen und formen sich gegenseitig möglichst nach ihren eigenen Bedürfnissen.

An eigenen Kindern erlebt man die unübersehbare Vielfalt der Variationen dessen, was man für Eigenstes hielt, gemischt mit Selbstgewähltem.
Aber wer keine eigenen Kinder hat, kann doch Ähnliches erleben! Jedes Gespräch kann ein Prozeß beglückenden und bereichernden Variierens von Persönlichstem sein.

Von Mitmenschen nicht wahrgenommen zu werden, ist wie eine Reifezeit; die Aussicht aber, nicht mehr wahrgenommen zu werden, ist beängstigend. Daß die eigene Kreativität nur noch der eigenen Person zugute kommt, ist widernatürlich; aber das passiert immer wieder; so ist die Natur.
Dies können und sollen wir wissen, uns zu Herzen nehmen – und an der Phantasie solcher Schicksale reifen*. Der Nicht-Wahrgenommene, Vernichtete wird darin fruchtbarer Humus echter Kreativität.
* Dem dienen Denkmäler wie „das Grab des unbekannten Soldaten“ (zuerst, nach dem Massenmord des ersten Weltkrieges, in Paris).

Selbstvertrauen bezüglich innovativer Versuche ist sozial wertvoll. Es macht wagemutig. Wenn es zu Erfolg führt, hat nicht nur der Erfinder und Entwickler, sondern die Gesellschaft etwas davon; wenn nicht, so leidet hauptsächlich der Erfinder und Entwickler, nicht aber die Gesellschaft.

Alter

Fröhlich, mit unbewußter Selbstverständlichkeit, entstehen wir im Chaos und entwachsen ihm ein Stück weit. Was das gewesen ist, wird uns bewußter, wenn wir langsam wieder eingeschmolzen werden.

Kinder können immer wieder unbeschwert fröhlich sein. Das mitzuerleben, ist für die – durch Erinnerungen beschwerten – wohltemperierten Erwachsenen eine natürliche Aufmunterung. Diese wird aber, in der immer älter werdenden Gesellschaft, immer rarer.

Mit der notwendigen Erhöhung des Rentenalters wird qualifizierte Arbeit verlangt – trotz beginnenden geistigen Abbaus. Dieser bedeutet zwar sehr spezialisierte, jedoch eingeschränkte Arbeitsfähigkeit und verlangt sehr spezialisierte Arbeitsvermittlung, – wie sie im elektronischen Zeitalter aber möglich ist.

Altersschwachsinn ist Zerfall der Person – zunächst geistig, meist beginnend mit Gedächtnisstörungen, endlich auch körperlich.
Ich war immer nur ein lockeres Kompositum in Gottes Schöpfung. Aber auch wenn ich mich gar nicht mehr als Einheit erleben können werde, ruhe ich in Gottes Hand.

The more it’s different, the more it’s the same / Plus ça change, plus c’est la même chose , sagt man gelangweilt. Man vergißt die göttliche Identität im chaotischen Spiel des Lebens. Allerdings, unsere Kraft, Neues wahrzunehmen, ermüdet. Neugier sucht Stimulantien; diese aber hinterlassen Überdruß. Man wird lebensmüde; die Welt wird zum Gesetz.
Aber so lange man die Kraft dazu hat (oder doch Freunde, mit denen zusammen man die Kraft dazu hat), gucke man genauer hin! The more it’s the same, the more it’s different! – eine neue Herausforderung zu leben!

Das zufällige „Etwas mit etwas“ ist für jemanden, der den Sinn dafür hat, bisweilen hoffnungsvolle Wundererscheinung; ist sonst aber gewöhnlich bis sinnlos.
Der Sinn ermüdet. Wohl dem, der dann friedlich für die eigene Person resiginieren und sich von Gott die Verantwortung für seine Lebensführung allmählich abnehmen lassen kann! „... daß williger mein Herz, vom süßen Spiele* gesättiget, dann mir sterbe.“ (Hölderlin, An die Parzen)
* Es muß nicht Hölderlin’sches „Saitenspiel“ sein! Man kann das ganze Leben als (süß-saures) Spiel verstehen. (Deshalb ist auch das Saitenspiel nicht immer süß.)

Pubertät: Ungefähr gleichbleiben, aber anders werden; Vorbereitung aufs Elternwerden von – ungefähr gleichen – andern, den Kindern.

Liebe* ist Freude am (wirklich) anderen, zusammenstrebend bis zum Vermählungswunsch.
* Freud: „Objektliebe“ – im Unterschied zu Narzissmus in all seinen (auch sozialen) Spielarten.

Je älter man wird, desto besser kann man seine eigene Sache konzipieren. Aber die eigenen Kräfte lassen dann nach; die eigene Sache wird immer schwieriger.

Lebenslang identifiziert man sich mit anderen und anderem – und lernt, sich auch von außen, mit fremden Augen zu sehen. Wenn das eigene Leben abnimmt, kann man die Identifikation mit sich selbst entlasten, indem man den Schwerpunkt in jetzt hoffnungsvollere Identifikationen verschiebt.

Der einzelne Mensch hält sich nur mit Hilfe von Umwelt und Gesellschaft zusammen. Persönlichkeit, Selbst, Ich u. dgl. fluktuieren; es sind sehr unscharfe Begriffe! Das Erlebnis des Alterns ist langsame Desintegration. Man muß wieder lernen, was dem Kind selbstverständlich war: Abhängigkeit, – und neu lernen: Demut, weniger Neid, mehr Dankbarkeit.

In langem Vor und Zurück alternd, blickt man, von immer tiefer, aus dem neugebildeten Schlamm, bewundernd auf zu den Höhen der Evolution.

Sterben

Wenn jemand gegen Ende seines Lebens sagt: „Das wars!“, so ist doch dieses „Das“ das wesentlich* sich Wandelnde mit den unvorhersehbaren Folgen!
* Mit Heraklit, gegen Schillers: „Ewig still steht die Vergangenheit“!

Man muß nicht immer noch Lebens-Lust haben; aber man soll immer Lebensfreude haben und geben. Die Objekt-Libido läßt nach; aber man kann Interesse und Freude haben an den verinnerlichten (beschädigten und doch im Grunde guten) Objekten, den „Selbstobjekten“, den inneren Wahrnehmungen, den Phantasien im transitional space (Winnicott) – und andere daran teilhaben lassen. Schlußendlich kann man dankbar sein und sich freuen, daß man sich nicht immer freuen muß, sondern lebenssatt sterben darf.

Sterben nimmt seinen Lauf. Man sollte sich von seinen jeweiligen Erscheinungen als Krankheit nicht faszinieren*, nicht blenden lassen.
* „... einzig in der engen Höhle des Backenzahnes weilt die Seele.“ (Wilhelm Busch)

Die Einsicht, daß auch ich – als Gottes Geschöpf – das Gute bisher nur schlecht und recht symbolisiert habe, erleichtert mir den Verzicht auf eigene Aktivität.

Urteilsfreudigkeit steht der Jugend, Weisheit steht dem Alter zu. Beide, der Junge und der Alte, sind beschränkt; sie sollen ernsthaft auf einander hören.

Mein Tod wird anders sein, als ich erwarte.

Erinnere dich, was du in deiner Freiheit willentlich gemacht hast, an deine Schuld und Mitschuld. So wird der Tod Erlösung! Der Tod ist der Sünde Sold, Du bist quitt.

Luthers Satz: Morituri per mortem omnia solvunt (die dreizehnte in den 95 Thesen von 1517), sollte dem Handel mit Ablaß für Sünden von Toten den Boden entziehen. Er beschränkt die betreffende Jurisdiktion des Papstes auf die Buße Lebender für eigene Verstöße gegen – nicht Gottes Gebote (deren Übertretung zu vergeben Gottes Sache ist), sondern kirchliche Gesetze, zB Fastengebote. Mit diesem theologischen Randproblem begann die lutherische Reformation; und Luther hat sein Gesetzesverständnis hierüber hinaus weiterentwickelt. Die kirchlichen Gesetze verlieren an Bedeutung. Gottes Gesetz sind die zwei Tafeln des Dekalogs, deren Sinn das Doppelgebot der Liebe* (Liebe zum Schöpfer und zum Geschöpf) zusammenfaßt (ganz einfach: Matth 6,48). Gottes Gesetz soll einerseits die sündige Menschheit durch Ordnung vor dem Untergang bewahren (usus civilis, usus politicus legis), anderseits sollen die Menschen, an ihrem Widerwillen gegen das Gesetz, zur Einsicht (in ihre Sündhaftigkeit und Angewiesenheit auf Gottes Gnade) kommen ( usus theologicus legis). Ihr ganzes Leben soll Buße sein (These 1).
Man kann im Sinne Luthers seine 13. These entschränken: Was Menschen einander schuldig bleiben, sühnen sie mit dem Tod**. Und die im Evangelium gebotene Buße ist, modern ausgedrückt: Gottes Einladung folgen, sein bescheidenes Leben mit ihm zu teilen†.
* Mark 12, 29-31, parr.
** Hier ist auch an den Spruch des Anaximander zu erinnern.
† Siehe Buchtext, S. 53.

Der Todeskandidat braucht Kommunikation mit einem anderen Menschen, Reden und Hören als Hilfe, um nicht wahnhaft, sondern symbolisch das akut bedrohliche Andere aktuell zu integrieren.

Sterben ist ein Desintegrationsprozeß mit Verlust der Selbstorganisation des Individuums (zB Inkontinenz); im Zeichen der Autonomie des Individuums ist das entwürdigend und beschämend.
„Menschenwürde“ ist ein Ideal. Scham braucht verständnisvolle, einfühlende, mitfühlende Solidarität.
Die Mitmenschen können beim Sterbenden über Menschenwürde etwas lernen, was sie andern beibringen können. (Das ist ein Geschenk, das immer wertvoller wird).

Es geht nicht um Tod oder Leben, sondern um länger leben.

Kostendämpfung im Gesundheitswesen bei alten Leuten (zugunsten der Jungen) kann (auch ohne Euthanasie) mörderisch sein. Ethisch ist sie, was im Sanitätsdienst an der Front, triage ist.

Bis vor kurzem, war das Sterben wesentlich zufallsbedingtes Schicksal. Heute sind viele medizinische Entscheidungen zu treffen. Die Nützlichkeit und Erfreulichkeit eines Weiterlebens ist nur subjektiv und umständebedingt zu beurteilen; solche Erwägungen sind gleichwohl unvermeidlich. Menschen mit Lebenserfahrung und einschlägiger Fachkompetenz sollten, zusammen mit den Betroffenen, kommunikativ die richtungsweisenden Entscheide treffen. Ceteris paribus ist organisiertes Sterben besser als umständebedingte Zufallsentscheidungen. Die Hauptsache aber wäre überzeugende mitmenschliche Solidarität; nur – sie überzeugt nicht immer!

Sterbenlassen ist Mitleben, Mitsterben und Mitlebenlassen.

Existenzsymbolik

Sich wachsam Illusionen anzuvertrauen ist Glaube.

C.G. Jung, Das rote Buch: Jung träumt und imaginiert aktiv persönliche Bilder von der Schöpfung, Vorarbeiten für die Artikulation des Anspruchs, unter dem er steht. Er empfindet seine Persönlichkeit als gefährdet und integriert Widersprüche zwanghaft in Bildern – ein Privatkult.

Kultische Symbole sind Integrationszentren – von denen Kraft allerdings auch Zusammengehöriges auseinandergerissen wird.

Das Weltgeschehen als Spiel zu verstehen, erscheint mir immer richtiger. Das Spiel bekommt seinen Sinn nicht erst in der Zukunft, sondern hat ihn schon in der Gegenwart.

Ich war für ein Weilchen Mitspieler in Gottes großem Spiel.

Im Kern empfinden wir imaginativ. Deshalb brauchen wir, in aller Bescheidenheit, Symbole der Herrlichkeit, des imaginären All­-Guten. Dazu diente bis vor kurzem die auctoritas eines Herren* – mit Hof und Hofstaat, Glanz und Gloria, Pauken und Trompeten.
Wir brauchen irdisches Glück! Das gute Wort vermittelt, in Erinnerung und Hoffnung, Anteil daran; es ist nur eine Zwischenlösung.
* Das Symbol hat Teil und gibt Teil am Symbolisierten.

Der Jammer ist die fokussierte, aber vom Ziel abgelenkte, umgeformte Tatkraft.

Der Handlungsspielraum des Einzelnen ist, drohend und lockend, spannungsvoll vorstrukturiert durch soziale Symbolik und durch die eigene Existenzsymbolik, – die beide schon in sich spannungsvoll und ständig überarbeitungsbedürftig sind.
Wer an der sozialen Symbolik etwas ändern will, sollte mit einem kritischen Blick auf die eigene Existenzsymbolik anfangen.

Das Existenzsymbol meiner Zugehörigkeitsgruppe, das, narzißtisch aufgeladen, mich über mich selbst hinaushebt, verfremdet, ändert die Wahrnehmungseinstellung: Es bettet Funktionalität ein in das Unbekannte; es verleiht Sinn.

Familien brauchen als Haussegen gemeinsame Existenzsymbole. Das sind zunächst starre Gegenstände und Phänomene; es kann aber auch eine fluktuierende Symbolik, z.B. gewisse Spracheigentümlichkeiten, Umgangsformen oder ein Denkstil sein.
Bei Familiengründung bringen beide Partner eigene Einheitssymbole mit. Symbolische Gemeinsamkeiten haben aber bereits die Partnerwahl begründet.

Menschen sind Mitmenschen. Sie haben eine gemeinsame Welt mit teils gemeinsamen, teils divergierenden Möglichkeiten. Mitdenken und Mitfühlen ist symbolisch vermittelt.
Im Interesse des lebensnotwendigen Friedens, wird, durch Feiern gemeinsamer Symbolik, Engagement vom Verschiedenen zum Gemeinsamen verschoben. Das Allgemeinste, das höchste Gemeinsame bedarf, für die Kommunikabilität, einer minimalen konkreten, symbolischen Greifbarkeit: Ritual, Götzenbild, Sakrament, Wort, Name.
Umgekehrt, ist auch das Partikulärste in Gemeinsamkeit eingebunden und kann sie repräsentieren.

Religion

Die in der katholischen Dogmatik gewürdigte Fides implicita ist ein Attraktor. „Was alle glauben, kann doch nicht ganz falsch sein!“

Die „Verdammnis“ ist, gar nicht in Gottes Himmel kommen zu wollen, sondern ins Schlaraffenland.

„Zwei Seelen wohnen ach in meiner Brust“, klagt Faust. Die Einheit einer lebendigen Person ist uns immer wieder ein existenzielles Problem – auch die Person Gottes. All unser Reden von seiner Person ist mehr falsch als richtig*.
Er ist in seiner Schöpfung und in seinen Geschöpfen gegenwärtig und fühlt mit ihnen**. Mit einigen freut er sich an der Ordnung, mit andern am Chaos; in einigen empört sich Gott gegen Unrecht und sinnt auf Rache; in andern ist es ihm gleichgültig; in noch einmal anderen genießt er die Gewalttat; in wieder andern trauert er oder sinnt er auf Versöhnung. Deshalb können wir Gott in seiner eigenen Person so wenig verstehen. Wir sind bei ihm gleichwohl willkommen, – wie bei manchen anderen Personen, die wir kaum verstehen, denen wir aber mehr Verstehen zutrauen.
* Augustin sagte: Wir reden von Gott nicht, um von ihm zu reden, sondern um nicht von ihm zu schweigen. Confess. I 4,4: „Quid dicit aliquis, cum de te dicit? Et vae tacentibus de te, quoniam loquaces muti sunt“, De trin. 5,10: „ne taceretur“.
** Vgl. die Anweisung des Paulus für die Christen, Rm 12,15.

Die weltliche Vernunft blendet Extreme aus. Der Monotheismus faßt sie ins Auge als Himmel und Hölle; er muß aber nicht extremistisch sein. Extremismus ist beschränkt und unbescheiden; er blendet das Mittelfeld aus. Theologie muß, durch überzeugende Bescheidenheit, die Religion vom Extremismus abbringen.

Religion bedeutet Sprachnot, eine prekäre Kommunikationsschwierigkeit, sogar in der Selbstverständigung.

In Oberschichtsfamilien kann man in der Erziehung den wohlbedachten Aufbau einer Familien­­mythologie beobachten, die Kinder und Eltern in ihren höheren Ansprüchen stabilisiert. Ähnliches findet auf nationaler Ebene statt.
Ahnenkult, eine verbreitete, unreflektierte Vorform von Gottesglauben, bedeutet evolutionär zunächst einen Selektionsvorteil. Nüchterne Religionskritik sollte dann Einbildung und chaotische Entwicklungen bremsen.

Lebenswichtig ist entwicklungsfähige Symbolik. Die Entwicklungsfähigkeit unsrer Symbolik setzt ein Gefühl für die eigene Beschränktheit voraus. Die Gesellschaft schafft sich Heiligtümer, die dieses lebensfreundlich stützen sollen.
Religiöse Professionalität verdinglicht dann die Symbole – wie alle Wissenschaft und jede Kultur und Subkultur ihre Rëifikationen hat – aber unbescheiden.
Religion ist nicht immer frommer Betrug, aber immer eine Vereinfachung, die Leben weitgehend durch Festigkeit und Starre ersetzt – bisweilen durch Flatterhaftigkeit maskiert. Der gute Zweck der groben Vereinfachung verführt zu groben Verzerrungen auch in bester Absicht.

Keine Religion ohne Soziabilität.

Der Körper ist für Bewegung ausgelegt, die Seele bestimmt die Richtung – oft sicher, oft unsicher. Das Leben ist unheimlich.
Unheimliche Kräfte identifizieren und verstehen wir primär animistisch-identifikatorisch vereinfachend als Wirken von Mächten. Das ist (da auch der Mensch an der Natur teilhat) wenigstens doch ein (allerdings nur sehr approximatives) Verstehen. Religion ist elementarster Rationalismus, ständig korrekturbedürftig.
Man arrangiert sich mit den unheimlichen Mächten, indem man ihnen etwas von sich selbst zum Opfer bringt.
Dadurch beeinflußt man sich selbst und handelt dann in diesem Sinne, macht neue, bestätigende und enttäuschende Erfahrungen und lernt zu.

Ein Götzenbild repräsentiert die unstete Macht beständig. Man kann sich davor sammeln. Man kann es kultisch handhaben.
Ähnliches gilt auch für unsere Gottesbegriffe. Sie sind mit letztem Ernst zu handhaben; sie sind wertvollstes Erbe menschlicher Kulturarbeit.

Gottesdienst ist nicht ein Bemächtigungsversuch, aber ein Bemühen des gefährdeten, schwachen Subjekts um Ermächtigung zu mutigem Handeln.

In einer Herrlichkeitsreligion geht es um soziale Macht. Sie will in der Öffentlichkeit herrschen und ist ein besonderes Anliegen der Machthaber.
Aber Religion ist nicht nur dies. Religion ist allgemeiner: ein Selbsterleben in überlieferter Symbolik.
Bei Bestattungs-, Geburts- und Hochzeitskulten geht es um Wünsche auf dem Hintergrund von Befürchtungen. Der Statuswechsel wird durch gemeinschaft-stiftende Tradition symbolisch vorstrukturiert.
Die „Zeichenhaftigkeit“ des kultischen Vollzugs und des Erzählten ist seine Analogiefähigkeit mit unbestimmter Tragweite. Je nach Glauben, ist es für jeden in seiner Welt verschieden assimilationskräftig und stärkt das Subjekt.

Religionen sind selbsttragende Systeme. Auch bei einer Religion sind Entstehungs- und Erhaltungsbedingungen zu unterscheiden.
Der jüdische Glaube entstand – ebenso wie dann der christliche – als Reaktion auf ein Trauma. Das Trauma ruft Zwänge hervor.
Diese beiden Religionen erhielten sich dann als Formen der Verarbeitung auch normaler Frustrationen. Ein absolutes Gesetz verurteilte bedrohlich den (vielfach abhängigen) Menschen; das genügte, um diese religiöse Dynamik in Gang zu halten. Die Zwänge werden im Alltag etwas abgeschliffen, gehören dann aber in der betreffenden religiösen Kultur zum persönlichen Identitätskern; und das stabilisiert auch die kollektive Religion.
Die Entstehungsbedingungen des Islam sind andere. Immerhin begann auch Mohammeds Gesetzespredigt mit apokalyptischer Gerichtspredigt. Es scheint, daß er in Medina, der Stadt seines bahnbrechenden Erfolgs, in den dazumal üblichen – kumulativ traumatisierenden? – gewalttätigen Auseinandersetzungen als Friedensrichter überzeugt hat. Die Erhaltungsbedingungen des Islam waren dann ähnlich wie die der biblischen Religionen.

Friedrich Nietzsche wurde im Tertiärsstadium seiner Syphilis, ohne kommunikativ tragfähige Symbolik, psychotisch; Heinrich Heine, in derselben Situation, erkämpfte sich, stundenlang betend*, eine konfliktgeladene, aber kommunikativ tragfähige Symbolik** – wie einst Luther in seinen Anfechtungen.
* Zu einem „Gott, der zu helfen vermag“ (Nachwort zum »Romanzero«). An Heinrich Laube, 7. Februar 1850: „Gottlob, daß ich jetzt wieder einen Gott habe, da kann ich mir doch im Uebermaaße des Schmerzes einige fluchende Gotteslästerungen erlauben; dem Atheisten ist eine solche Labung nicht vergönnt.“
** Siehe etwa das monotheistisch orthodoxe, aber kirchenferne Nachwort in seinem Romanzero.

Gott

Selbstverständlich hat Tun Folgen; aber „Ergehen“ ist mehr! Der „Tun-Ergehen-Zusammenhang“*, das Thema der antiken Weisheit, setzt einen gerechten kosmos voraus, in dem der Täter durch sein Tun sein Ergehen bestimmen kann. Das ist ein subjektzentriertes Welt­modell.
Es liegt auch dem Monotheismus zu Grunde. Und damit hat das Modell schon zwei Zentren. Das Hiob-Buch führt das Scheitern des Versuchs vor, das chaotische Weltgeschehen so zu vereinfachen.
* Begriff von dem Alttestamentler Klaus Koch (1955).

Der idealisierte Gott ist kognitiv und emotional ein mächtiger Attraktor der kollektiven Subjektivität, politisch relevant.

Den persönlich erlebten Gott zu objektivieren, ist eine Versimpelung**. Er ist ein Phänomen der kollektiven Subjektivität kultureller Tradition.
** Eine Vorstellung der „konkreten“ Logik sensu Piaget.

„Wissen“ ist Sache des objektivierenden, systematisch vereinfachenden, abstrahierenden, distanzierenden Ver­standes; Vermuten ist Sache des Gemüts. Der lebendige Gott „weiß“ nicht; Er vermutet.

Das Abendland hat sich gewöhnt, Abstraktionen zu vergotten. Der „Gott“ der Alltagssprache ist Metapher für das nur negativ bestimmte Abstractum: Die Abgründigkeit* des Selbstverständlichen.
Und diese Metapher ist tabu! „Man“ ist gegen jede Vermenschlichung Gottes. Diese nämlich tritt einem zu nahe! Sie provoziert – nicht neutral intellektuell, sondern sehr emotional! Überhaupt tritt man mit ernstgemeinter Rede von Gott den Menschen unanständig nahe.
Gerade die Hypostasierung der Negation unseres Verstehens aber ist Menschenwerk, nicht der wahre Gott, sondern ein Götze!
* Die idyllische Metapher Wilhelm Weischedels, Die Tiefe im Antlitz der Welt, war ein Korrektiv gegen fromme Sensationslust.

Der objektivierte Gott ist ein Residuum von Erlebnissen.

Jeder Mensch ist, als Teil der Welt, ein Teil von Gott und deshalb mit größter Selbstverständlichkeit in Fühlung mit Gott – wie auch immer er das verstehen mag. Jeder ist mit seiner Welt, und deshalb mit Gott, unergründlich zusammengewachsen.
Das wurde, inmitten einer als gottfern erlebten Welt, entdeckt als die dem Christus-Glauben geschenkte Teilhabe am missionarischen Geist Gottes.

Gott ist uns persönlich, mütterlich, väterlich, d.h. bescheiden fürsorglich, nahe. Das ist eine Einladung zu wechselseitiger Bescheidenheit.

Gott „verhöhnt“ nicht nur menschliche „Ansprüche auf Lebensglück“ (wie Heine sagt); sondern wir sehen unsern guten Willen, unsern moralischen Anspruch verhöhnt! Gott demütigt den Stolz. Er lehrt uns Seine Bescheidenheit.

Mystik, eine veränderte Wahrnehmungseinstellung, sieht, was vor Augen ist, in seiner „zufälligen“ Konfiguration, den gegenwärtigen Anblick, als Erscheinung des Ewigen. Das ist ein Entfremdungserlebnis. Es setzt Ruhe voraus. Bewegung hat leicht etwas Alarmierendes und ruft den Betrachter zurück zur Tatbereitschaft.

Hat nicht Gott, der lebendige Schöpfer des sterblichen Lebens, selbst den Tod verdient? Nietzsche empfand, daß es in den Kirchen nach Verwesung riecht; sie seien Gottes Grabmäler.
Die Kirche heißt der Leib des am Kreuz gestorbenen und auferstandenen Christus. Ist die Welt Gottes Leib – oder Gottes Leichnam? Hesekiels Knochenfeld (Kp. 37) lebt auf: Diese unergründliche Welt erweist sich als schöpferisch. Sie erdenkt sich Gott und die Welt neu!
Das erinnert an die altbekannten zyklisch sterbenden und auferstehenden Götter. Aber der Prozeß ist chaotisch; die Selbigkeit des Neuen ist ein vereinfachendes Postulat, eine Glaubensaussage!

Hiob 9, 23, „Seine“ Geissel: Was ist das? Er läßt allem seinen Lauf. Wir sollen es Ihm nachtun, allem seinen Lauf lassen, – auch uns selbst, also das nach seinem Rat uns Selbstverständliche tun!
Man lacht nur dann richtig, wenn man „lachen muß“. Lachen überwältigt – wie Niesen, Weinen oder Orgasmus. Es ist auch nicht unmenschlich, bei black humour mitzulachen; man kann identifikatorisch, voll Mitleid lachen! Das ist eine verunsichernde Grenzerfahrung, die bescheiden machen kann. Das Subjekt ist eine Einheit; aber es ist nur teilweise Herr seiner selbst.
Der todkranke Heinrich Heine spricht* von Spott Gottes und auf ihn herabgegossene Verhöhnung und** von der moralischen Heilung durch Verzweiflung. Das in seiner Selbstverständlichkeit verzweiflungsvoll scheiternde Gute ist komisch und erweckt Schadenfreude. Im Chaos dieser Welt ist Selbstzufriedenheit eine Gabe auf Zeit! Gottes Lachen kann als „sadistische“ Triebbefriedigung nachempfunden† werden. Entscheidend ist der Realitätsbezug.
* Geständnisse, Sämtl. Schr. VI/1, 499. (Hinweis von Jürgen Ebach.)
** In der „Späten Note“ von 1854. (In: Sämtl. Werke, hg. H. Kaufmann, 1964, Bd. XIV, 57f. Hinweis von Jürgen Ebach.)
† Heine verlor nie seinen Humor.

Man ist versucht, den Schluß des Hiob-Buchs als eine Heine’sche Parodie auf die „sehr gute“ Schöpfung nach 1Mose 1, 31 (bzw. den pythagoreischen kosmos) zu lesen.
Heine hat seinen galligen Humor nie verloren; und der hat ihm geholfen, in der Matratzengruft zum Gott seiner Väter zurückzufinden!

Lebendiger Glaube ist in chaotischer Bewegung coram Deo, mit dem Namen Gottes als dem offenbarten Zugang zu Gott (Wort Gottes) oder als (naturwüchsigem) Menschenwort, unter dem Evangelium oder unter dem Gesetz.

Hiob fragt. Gott läßt Freunde antworten, die so viel und so wenig wissen wie Hiob; und es ergibt sich ein Streit. Auch Gottes eigene Antwort sagt nichts Neues; aber sie eignet uns die Unergründlichkeit der Welt zu. Darauf ruht das happy end.
Resignation vor der Negation, „Furcht“, Knechtsein (einen „Herrn“ haben) und „Meiden“ (28,28), das ist Weisheit. Die Furcht des Herrn ist der Weisheit „Anfang“ (Ps 111,10), weil man nicht dabei bleibt und es immer wieder neu lernen muß.

Der allmächtige Allwissende ist eine verdinglichte Imagination, ein Götze. Mir liegt näher, zu sagen: „Gott vermutet“ als: „Gott weiß“. Wissen ist unpersönlich, Vermuten ist persönlich. Der lebendige Gott gibt uns, teilnehmend, an Seinen Vermutungen Anteil. Gottes Wissen spielt für meinen Glauben keine Rolle. Wegen meiner Probleme mit meiner Persönlichkeit, ist mir Gottes Persönlichkeit wichtig.

Früher hatte sogar Hiobs Weib doch noch einen Gott, dem sie fluchen konnte. Heute flackern wir im Chaos. Allerdings können wir uns nicht mehr an Gott halten, sondern nur an die Gottestradition. Aber durch sie spricht Gott uns als Person an, als ein Integrationskern* im Chaos. Mich hat die Tradition von der Offenbarung Gottes in Jesus angesprochen. Ich rate Chaotisierten, Gott um Hilfe anzugehen.
* Die Psychoanalyse spricht vom „Hilfs-Ich“.

Der Schöpfer ist bescheiden; und um ihn zu verstehen, muß ich mich mit dem bescheiden, was er mir jetzt und hier von sich offenbart.

„Bescheiden“ ist ein populärer Ausdruck für „beschissen“! „Gott ist besch...“ erinnert an den Schrei der Frau des Hiob „Fluche Gott und stirb!“ und an den Schrei: „... und, vor allem, der Geduld!“*, mit dem Faust sich in die Hände des Teufels gibt. Aber im Leben geht es nicht um den Bühnen-Herrn und Mephisto, sondern um den bescheidenen, wahren Gott.
* Faust I, Z.1606.

Gott ist dankbar für unser Leben, nicht nur für unser Leben als Sterben, sondern auch für unser Sterben als Leben.

Trübsal? Warte auf Gott!
Trübsinn ist Verschlossenheit. Auf Gott warten ist eine „freischwebende Aufmerksamkeit“* nach innen und nach außen.
Warten auf Godot** ist: spontanen Einfällen folgend, die Zeit mit Spielen füllen. Dieses Schauspiel spiegelt eindrucksvoll das Leben als beklemmend absurden Zeitvertreib; es drängt auf Widerlegung. Aber diese kann nur doppelbödig sein. Man kann die mitmenschlich sinnvolle Kommunikation, die hier vonstatten geht, nicht verleugnen – mit der das Stück seine eigene These aufs Spiel setzt. (Erst nachdem Beckett sich fünf Jahren lang vergeblich darum bemüht hatte, wurde es aufgeführt; diese Aufführung aber verhalf Beckett zum Durchbruch als Autor.) Das Stück verlangt eine neue Hermeneutik für das „Warten auf Gott“ – eine Hermeneutik der „Zeichen und Wunder“: Diese Kommunikation ist ein Zeichen des „Kommens“ Gottes in dieser absurden Welt.
* Ein Begriff, den S. Freud von J. F. Herbart übernommen hat.
** Samuel Beckett, En attendant Godot (1948/49 geschrieben, 1953 uraufgeführt). Beckett lebte als Ire in Frankreich. „Godot“ wird als männlicher Personenname eingeführt; er kann als französisches Diminutiv des englischen God gehört werden.

Der makaber erstarrte, soziokulturell rëifiziert vereinfachte Gott großer etablierter monotheistischer Religionsgemeinschaften ist ein Götze. Sufis und Zaddikim beleben ihn kreativ; aber ihre Auflehung gegen jenen Gott greift zu kurz. Ist die Gegenwart Gottes, auch in den Scheußlichkeiten der Schöpfung, selbstverständlich, so gibt es zu Gott keine Alternative. Auch in Sex und Schmaus ist ihnen Gott gegenwärtig. Solch ein Gläubiger kann, von seiten Gottes, (psychoanalytisch gesprochen:) die Erfahrung von Liebesverlust, aber nicht die schauerliche Erfahrung von Objektverlust machen: Für ihn existiert Gott – wer, wie und was auch immer er sei.
Jeder Atheismus setzt eine etablierte Gottesdefinition voraus. Auch er glaubt, etwas zu wissen, was gar kein möglicher Gegen­stand von Wissen ist.
Wesen und Existenz Gottes sind nicht zu trennen. Das Dasein Gottes ist prekär, ein Ereignis, das ausbleiben kann!

Meine Welt ist Gottes Sichtbarkeit für mich.

Gott ist da (ereignet sich / existiert) im Evidenzerlebnis bei der besonderen Vereinfachung unseres Welterlebens, die der Name Gott symbolisiert.
Richte, nach allem, was du von Gott gehört hast, deinen Gott suchenden Blick auf das Zeug vor deiner Nase! Das ist ein sichtbares Stück Gott für dich jetzt – bereits dies überwältigend vielfältig! Bei geschlossenen Augen: Gestaltetes und Ungestaltes. Gottes „Hand“ fühlbar: Vorgänge in deinem Körper.

Man kann und soll immer nur zeitweise an Gott denken. Sonst fängt man an, Gott mit den eigenen Gedanken zu verwechseln, und diese können nur zeitweise befriedigen.

Creatio ex nihilo ist Schöpfung aus etwas, worüber wir „nichts“ zu sagen wissen!

Gottes Gerechtigkeit ist ein Thema des kosmos-Glaubens.
Die Theodizee thematisiert nicht Gott, sondern Gottesbegriffe, Vereinfachungen der Wirklichkeit.

„Gar manches Herz verschwebt im Allgemeinen, doch widmet sich das edelste dem Einen “ (Goethe*). „Je l’adore / Ich bete sie an“, sagt der Verliebte. Das göttliche Eine ist lokal symbolisiert, ein Existenzsymbol, eine εἴδωλον, eine Gottesvorstellung. Lebendige Religion ist anfechtbar konkret, – wie alles Lebendige.
* Urworte orphisch.

Wie das Kind von den Eltern erwartet, daß sie ihm die Welt zurechtbiegen, so erwarten wir, daß Gott ins Kräftspiel der Welt eingreift. Gott aber will die Freiheit seiner Geschöpfe; und wir sollen in ihr seinen Schöpferwillen erkennen.

„Derjenige kommt Gott am nächsten, der Seinen Geschöpfen den meisten Spielraum gewährt“ (Bayezid Bestami, Sufi, † 874).

Gottes Güte ist eine Empfindung einzelner Menschen.

Trübsal? Warte auf Gott!
Trübsinn ist Verschlossenheit. Auf Gott warten ist eine „freischwebende Aufmerksamkeit“* nach innen und nach außen.
* Ein Begriff, den S. Freud von J. F. Herbart übernommen hat.

Der Sufismus redet erstaunlich viel von der „Arglist“ des Allmächtigen*. Auch angesichts des Schicksals Jesu liegt das nahe, wenn man Gottes offenkundigen bescheidenen Willen zur Freiheit seiner Kreatur nicht ernst nimmt. Aber dieser ist die Basis der Kreativität, zu der Er auch uns berufen hat.
* Kermani, Der Schrecken Gottes, 133ff.

Die Welt ist – nicht nur, aber auch – traurig und böse. Es ist menschlich, angesichts der Traurigkeit und Bosheit der Welt, traurig und böse und selbstgerecht zu werden, anstatt bescheiden Gott um Rat zu fragen, der uns zur Mitverantwortung beruft.

Der zoroastrische Monotheismus war eher Philosophie. Der biblische ist Erwählungsglaube, vermutlich eine schöpferische Reaktion auf die Katastrophe Judas.

Jesaja 6 ist eine Vision und bietet ein prägnantes Gottesbild, ein Kultbild. Dieses ist tabu.
Der 139. Psalm hat kein Gottesbild, das man sich vorstellen soll. Er redet in vielen Bildern von der göttlichen Gegenwart. Er will gehört und nacherlebt werden.

Der Glaube an unseren/meinen Gott wird angefochten durch die Wirklichkeit. Auf diese fällt der Anspruch alter Gottesworte: Sie ist Gottes Wirklichkeit! Damit ändert sich „unser/mein“ Gott.

Diese Welt ist die hier und jetzt existierende Ewigkeit.

Nicht erst in der Zukunft und auch nicht immer, aber zwischenzeitlich können wir, durch den Gekreuzigten schöpferisch belehrt, die Welt als „Reich Gottes“, des Schöpfers sehen.

„Jahwe“ (?) war wohl der Name erst eines Wettergottes, der dann in Israel und Juda als königlicher Hof- und Reichsgott und endlich, nach den staatlichen Zusammenbrüchen, als Geschichtsgott verehrt wurde. Man fürchtete ihn wie einen despotischen Psychopathen. Sein Name durfte nicht mehr genannt werden, er ist vergessen.
Mit Jesus erlebte man den Allmächtigen als lieben Vater. Und dieser Geist hat auch den Tod Jesu überdauert. Die alttestamentliche Tradition erzählt von dem Hintergrund dieses Wunders.

Jahwe lieben von „ganzem“ Herzen und „keine andern Götter neben“ ihm haben – das ist Radikalismus, faktisch Verdammnis durch das Gesetz Gottes, die lex ipsa im usus theologicus. Es verlangt Petrifikation des existenzsymbolischen Geschehens, Sicherheit statt prekären Glaubens, Genauigkeit statt Ungefähr, Starre statt Stabilität.
Es ist der Ursprung der particula exclusiva der reformatorischen Rechtfertigungslehre (Luther: sola fide, solo Christo iustificamur; Melan­chthon: propter Christum per fidem).
Anfangs wohl war auch der durch Christus eröffnete Glaube gutenteils ein wahnhafter Radikalismus. Aber die Existenzsymbolik einer Religion der Liebe konnte nicht so beschränkt bleiben. (Zum Beispiel kann man sich bei Röm 9,3 nicht beruhigen.)

Nur der Reumütige versteht es richtig: Gott nimmt unsre Schuld auf sich.

Jer 45, 4: „Siehe, was ich gebaut habe, das breche ich ab; und was ich gepflanzt habe, das reute ich aus, nämlich dieses mein ganzes Land.“ Der Schöpfer ist auch Vernichter der Schöpfung. Gott ist unser Inbegriff von personaler Integration.
Auch alle Kreatur ist Schöpfer und Vernichter.

Wenn sich eins aufs andere einläßt, ohne seine Identität preiszugeben, kann etwas beständiges Neuartiges entstehen. Das ist eine Voraussetzung von Kreativität.

Wichtig soll mir sein nicht, was ich mache, sondern was Gott macht aus der Welt, in der er mich gemacht hat.

Der Ungereimtheit meiner eigenen Person entspricht die Ungereimtheit der Vorstellungen, durch die mir Gott seine Wahrheit vermittelt.

Gottes Beratung ist chaotisch; denn er berät uns für unser Leben im Chaos.

„Mein Gott“ ist eine kollektiv-symbolisch stabilisierte, mich stabilisierende Idee.

Gott ist als Mensch aufgetreten; er will unsere schreckliche Wirklichkeit zwischen Hoffnungen und Ängsten. Daß er sie will, ist göttlich. Ein verständiges Ja zu unsrer Wirklichkeit ist unser höchstes Ideal.

Vor Gott sammelt sich der Mensch. Unser Selbst* ist (gebrochenes) Spiegelbild der Identität Gottes.
* Im Sinne von Lacan’s Moi.

Das Durcheinander, das ich sehe und spüre, hat für jeden eine Struktur mit einer persönlichen Spitze. Es beansprucht mich – manchmal allerdings so sehr, daß mir die Lebenslust vergeht. Gott aber stärkt mich als Subjekt.

Allmacht ist eine allgemeinmenschliche imaginäre Erlebnis-Grundstruktur – immun gegen rationale Kritik. Es ist eine wesentliche Funktion der Religion, eine Symbolik bereitzustellen, um dieses Erleben mit der Realitiät in Beziehung zu setzen.

„Von allen Seiten umgibst du mich.“ (Ps 139, 5 Luther) Wenn jemand sagt: „Gott war mir heute Nacht nicht sichtbar, aber ich fühlte ihn, an der Haut und in mir (1Kor 6,18f.)“, dann ist das ist religiöse Wahrnehmung, subjektiv, wie alle Wahrnehmung. (Betrifft es die Geschlechtlichkeit, so bekommt man praktisch mit dem angstumwittert verwirrenden Heidentum zu tun, aus dem die monotheistischen Religionen, legislatorisch ordnend, herausführen wollen.)
Aber auch die säkulare Interpretation, daß man nur „dies“ oder „das“ wahrnehme, die objektivierende Wahrnehmungseinstellung, ist subjektiv. Beides hat seine Zeit.

Wir wollen als Subjekte mit der Welt in Einklang leben; aber Zwänge und Dissonanzen sind die Regel.
Resonanz mit Gott (als dem personalen Inbegriff der realen Welt) ist Autonomie / παρρησία. „Gott“ aber ist eine schöpferische Idee, die nicht jedem immer gegeben ist.

Kirche

Ehrlich bekennendes Wort findet meist Glauben. Institutionalisierter Glaube aber ist Wahn, dessen Subjekt die Institution ist. Die Individuen des Kollektivs sollen, aber können ihn nicht recht glauben; sie hoffen mehr oder weniger, in diesen Glauben hineinzuwachsen. Hier hat der leidige Zweifel seinen Ort.
Insbesondere bedrängte Kulturen entwickeln Wahnstrukturen. Die Sicherheit einer wahnhaft institutionalisierten Existenzsymbolik vertritt konkret die schwer erträgliche, wahre Unsicherheit der Existenz.
In einer lebendigen Kultur wird das Imaginäre nur zeitweise (kultisch) agiert, und es wirkt in kulturellem Austausch (also symbolisch) weiter.

Synagogen und Kirchen* dienen der kulturellen Entwicklung auch als Museen.
* Von Moscheen zu schweigen.

Aus der institutionalisierten μανία, der meschuggen Marginalität des alttestamentlichen ἐνθουσιασμός, ist die gesellschaftskritische Synagoge, die das wahre Volk Gottes sein will, entstanden. Und dieser ist die Kirche entsprungen.

Religiöse Institutionen sammeln Unzufriedenheit. Sie mildern das Chaos, indem sie die Unzufriedenheit organisieren. So leisten sie dem Staat sozialintegrative Vorarbeit.
Das erfordert spezielle Bildung: Sensibilität und Artikulationsfähigkeit für Existenzsymbolik. Existenzsymbolik entwickelt sich eigenwillig und in Sprüngen. Gleichwohl ist hier sinnvolle (theologische) Ausbildung möglich.

Die Geschichte Israels bis zu Jesus und den Aposteln ist, durch die Bibel, ein Identitätskern der Kirche. Das Alte Testament nun ist Produkt eines kollektiven Traumas, des staatlichen Zusammenbruch Judas.
Auch das Christentum hat also eine traumatisierte Identität. Mission setzt eo ipso bei andern eine ebenfalls traumatisierte Identität voraus. Sie spricht das Ebenbild Gottes, den Menschen/אָדָם an als den „Adam“, der aus dem Paradies vertrieben ist.

Der Pietismus hat Bibelstunden eingeführt, wo die Bibel nicht unter dem Vorzeichen einer amtlichen Predigt gehört wird. Mancherorts gibt es offene Treffen, wo man, vor dem Predigtgottesdienst, den Text mit einander bespricht. Hier kommt eine Selbstauswahl von kirchlich engagierten Menschen zusammen.
Jeder – auch der Kirchenferne – bringt sein Vorverständnis von der Bibel mit. Kirchliches Engagement kann dem Text im Wege stehen; Außenstehende fürchten hier herrschende, subkulturelle Selbstverständlichkeiten (Kompetenzgefälle und Urteile). In der Zusammenarbeit am Text aber kommen verschiedenartige Kompetenzen anregend ins Spiel; und so kann ansatzweise das Vorverständnis realistischer umgearbeitet werden.

Bibelarbeit in Gruppen hat eine Dynamik. Die Gruppe profiliert sich; einige treten aus, der Rest homogenisiert sich. Die Homogenisierung erleichtert die Zusammenarbeit; aber sie verengt auch den Blick. Auch Gruppen altern und müssen sterben; Zu- und Abgänge können das hinauszögern, wenn sie nicht zu bald und auch nicht zu spät kommen.

Bibel

Eine „Heilige Schrift“ ist ihrer Gemeinde ein prophetisches Paradigma, Weissagung.

Die „spiritualisiernde, vergeistigende“ allegorische Auslegung war eine stoische Erfindung. Die griechische Mythologie hatte vorgearbeitet: Die Götter und Dämonen hatten schon ihre Eigenschaften und Beziehungen zu einander.
Die Stoa war eine in transkultureller Begegnung gewachsene Weisheit. Sie erforschte und entdeckte Allgemeingültiges und entwickelte eine menschheitlich orientierte Ethik; das Staatverständnis wurde human reflektiert. Die allegorische Auslegung liest die aus einer stammesstaatlichen Zivilisation erhaltenen, alten Texte nicht distanziert im Sensus literalis historicus; sie deutet sie wie die Symbolik eines eigenen Traums, die einer Übersetzung ins Wachbewußtsein von der realen Umwelt bedarf. Ins Judentum und ins Christentum hat diese Hermeneutik Eingang gefunden.
Hingegen handeln der Staat Israel und die Islamisten, aufgrund ihrer Heiligen Schriften, heute wieder in Traumlogik.

Als vom Himmel gefallenes Gesetzbuch, wäre die Bibel von Gott abgefallen, ein Abgott, Luzifer. Aber sie ist Zeugnis der Kirche, das an den lebendigen Gott verweist, – meist langweilig wie eine Mantra-Übung, aber oft genug ein Segen.

Die Auslegung muß versuchen, die biblischen Geschichtsklitterungen, als väterliche Irrtümer, im vollen Bewußtsein unserer eigenen Beschränktheit zurechtzurücken.

Die (für uns) kontrafaktischen Aussagen der (nicht für uns geschriebenen!) biblischen Texte sind als „Wort Gottes“, des Schöpfers, nur (ermutigt durch Luther) gedoppelt zu verstehen: als Gesetz (Menschenwort, das den Sünder zur Selbsterkenntnis bringt) und als Evangelium (Offenbarung der brüderlichen Liebe Gottes).
Evangelische Predigt des Wortes Gottes muß ihren Text – auch einen sich als Gotteswort gebenden – als Wort von unsereinem, als fehlbares Menschenwort nahebringen! Das „reine“ (Jes 6, 5-7) Gotteswort wäre Gesetz; es verstockt (Jes 6, 9-11), es „richtet Zorn an“ (Rm 4,15)!
Auch Menschenwort wünscht ein Amen; es ist jedenfalls auf ehrliche Antwort angelegt.

Auch die evangelischen Christen leben weitgehend emanzipiert von der Bibel. Das ist zum guten Teil durch die sanfte Unehrlichkeit der kirchlichen Predigt verursacht, – eine sublime Form des frommen Betrugs*, wie er zu jeder real existierenden Religion gehört. Man könnte es aber getrost darauf ankommen lassen, wie groß ein ehrliches Interesse an der Bibel als brüderlichem Menschenwort ist!
* Unser Begriff pia fraus bezeichnet einen religiösen Betrug, ursprünglich (Ovid, Metamorphosen 9, 711) aber, säkular, einen Betrug in guter Absicht.

Heilige Schriften sind beachtliches Kulturerbe.
Aber soll jeder die Bibel lesen – mit ihrer Gesetz- und Sündenproblematik?
Um in unserer modernen Chaos- und Legislationsproblematik mit Gewinn die Bibel zu lesen, müssen wir die Schöpferkraft auf uns wirken zu lassen, die in der Bibel zu Wort kommt – auch Gesetze als Schöpferwort in seiner Jeweiligkeit. Man muß sich nach bestem Wissen und Gewissen eine Vorstellung von der Welt machen, in die es gesprochen ist. Denn diese ist nur in bestimmten Hinsichten unsere Welt. Es ist aber anregend über seinen historischen Horizont hinaus.
Auch im Koran ist gewaltige Schöpferkraft am Werk. Aber obwohl der Koran jünger ist, ist seine Welt mit ihren Problemen der unseren fremder als sogar das Alte Testament.

Die Besonderheit der Bibel beruht auf der prophetischen* Schrifttradition; diese wurde schließlich kanonisiert. Sie bedingt ein besonderes Geschichtsbewußtsein und damit eine eigenartige (starke, aber realitäts-offene) Über­ich-­Bildung.
Die Entstehung dieser radikal selbstkritischen, flexiblen und mehrdeutigen Traditionsbindung war begünstigt durch eine singuläre Verkettung von Umständen: die Unheilsprophetie zweier rivalisierender Staaten mit demselben Staatsgott, – deren einer (Israel) gut hundert Jahre vor dem Ende des anderen unterging und dann von dem andern (Juda) beansprucht wurde.
Das Neue Testament dokumentiert dann die neue (jüdische) Rede von Gott aufgrund des Lebens und Sterbens Jesu.
* In der hebräischen Bibel heißen die auf die Mose-Bücher folgenden Geschichtsbücher „die vorderen Propheten“. Mose war der ganz besondere Prophet (siehe den Schluß des 5. Buches Mose!)

Altes Testament

(Im Folgenden ist die zunehmend anerkannte Spätdatierung alttestamentlicher Texte vorausgesetzt, – von der ich leider erst nach Veröffentlichung meines letzten Buchs näher Kenntnis genommen habe.)

Die Besonderheit der biblischen Religionen ist nicht anders zu erklären als die Besonderheiten anderer Religionen. Die Ausgangshypothese eines besonderen Eingreifens Gottes, die alles Wesentliche erklären soll, muß operationalisiert werden. Alles Tatsächliche ist besonders! Um zu lernen, was aus der Besonderheit der Geschichte Israels zu lernen ist, muß man, umsichtig, so genau wie möglich hingucken und, kritisch gegenüber allem Schon-Wissen, so gut wie möglich zu verstehen suchen.
Anfänge solcher Bemühung sind schon in der Bibel selbst dokumentiert. Ihre Ergebnisse sind unbefriedigend; sie fordern zur Weiterarbeit auf.

Die alttestamentliche Darstellung der Geschichte Israels, auf weite Strecken eine Geschichtsklitterung, ist Reaktion auf eine Kata­strophe. Juden, deren Selbstverständnis an der kultischen Identität hing, hielten den Glauben an die Gerechtigkeit ihres Gottes in der Form fest, daß das besondere Unglück der Kultgemeinschaft Strafe für besonders schwere Schuld war. In der göttlich geordneten Schöpfung verleiht Gerechtigkeit Beständigkeit; und psychosoziale Stabilität erfordert Gerechtigkeit. In diesem Sinne wurde die Erinnerung an Gottes Handeln ideologisch korrigiert. Gott wurde vom kosmos her definiert.

Vor der Zeit der assyrischen Hegemonie war der israelische Jahwe des Nordreichs ein Landesgott. Der Jerusalemer Jahwe hingegen herrschte weltweit* (Konrad Schmid). Und diese alte judäische Theologie war dann eine geeignete Basis für das Verständnis der Zerstörung Samarias durch die Assyrer und Jerusalems durch die Babylonier als Taten, mit denen Jahwe seinen eigenen Kult zerschlug.
* Der (im Gebet des Salomo 1Kö 8,12f /1Kö 8,53 LXX überlieferte) Tempelweih-Spruch dokumentiert die vorassyrische (!) Übernahme des der Sonnengottheit geweihten Jerusalemer Tempels durch Jahwe.

Die israelische Prophetie war (bei Hof, als niedriges Amt im Tempel, im Dorf, in vagierenden Gruppen) eine Institution, – aber (wie in andern Kulturen die Orakel!) eine unberechenbare (מְשֻׁגָּע = rasend, „meschugge“, 2Kö 9,11; Jer 29,26; Hos 9,7).

Josias, des Königs von Juda, hoffnungsvoller religiös-rechtlicher und politischer Neuansatz[1] als jahwistisches Israel war 605 v.Chr. jäh abgebrochen durch seinen Tod in der Schlacht gegen die Ägypter bei Megiddo. Es folgte eine achtzehnjähige Kaskade von nationalem Unglück, – und dies im Licht des (gut hundert Jahre zurückliegenden) Zusammenbruchs des (ebenfalls jahwistischen) Nordreichs Israel.
Staatlicher Zusammenbruch, soziale Desintegration und Vertreibung bedeuten Orientierungslosigkeit, eine Krise der Kultur, des Wir-Gefühls und der Integrität jeder einzelnen Person, ein kollektives Trauma. Das Reale hat Hoffnungslosigkeiten entfesselt; Verwahrlo­sung (eine Form von Hoffnungslosigkeit, von Imaginationen umgetrieben) greift um sich.
Einige hingegen hielten sich, konservativ-hoffnungsvoll, fest an dem Heiligen Text[2], den vielleicht schon Josia als Verfassung des Gottesvolkes hinterlassen hatte, – dazu gehörte eine konfliktgeladene Menge von weiterem schriftlichem Überlieferungsgut. Sie wahrten und gestalteten jüdische Identität im Festhalten an der (sowohl höchst bedrohlichen wie höchst verheißungsvollen) schriftlichen Überlieferung[3]. Diese bildete den Identitätskern, zu dem sie sich bekannten. Sie verantworteten ihn, indem sie die überlieferten Texte kommentierten, um den ewigen (also auch prophetischen) Sinn der Quelle aktuell zu verdeutlichen. Die Gegenwart stand im Zeichen dieser Vergangenheit; in deren Zeichen erlebt man die Schechina[4], die Gegenwart Gottes.
Dies war die Kulturarbeit, die in ihrer Einzigartigkeit[5] das Judentum durch die Jahrtausende davor bewahrte, den Weg alles Fleisches[6] zu gehen.
[1] Wie weit er ging, ist umstritten.
[2] Vermutlich in 5Mose 5 -28 erhalten.
[3] Hier ist mit Melanie Klein vom „beschädigten Guten“ zu sprechen, mit dem wir zu leben haben.
[4] Von einem modernen Handlexikon wird שְׁכִינָה übersetzt als: der Heilige Geist
[5] Reinhard G. Kratz, Innerbiblische Exegese, in: M Oeming u.a. (hg.), Das Alte Testament und die Kultur der Moderne, 2004, Ss. 37-69, bes. Ss. 67-69.
[6] Mischehe mit Nichtjuden ist folgerichtig verboten.

Die schriftgelehrte Erinnerungskultur leistet aber nicht*, was Freud mit seiner therapeutischen Sequenz Wiederholen, Erinnern, Durcharbeiten empfahl.
Der Orthodoxe wähnt, daß die Heiligen Texte nicht Glauben, sondern Wissen dokumentieren. Zwänglichkeit verrät: Die Symbolisierung kann hier das Imaginäre nicht in den Griff bekommen. Allein im Befolgen der wissenden (allein dem menschlichen Unver­stand widersprüchlich erscheinenden) Heiligen Texte liegt Hoffnung. Posttraumatischer Wiederholungszwang bleibt, subkulturell** tabuiert, das Zentrum der Identität. Diese versteht sich als zur Unsterblichkeit berufen. Gleichwohl schafft die hier erlebte Gegenwart Gottes auch Leben, das die Grenzen solcher Milieus überschreitet.
* Das gilt auch für das (im Sinne Luthers weitgehend „gesetzliche“) kirchliche Selbstverständnis. Das evangelische Christentum hat eigentlich mehr Freiheit zum sterblichen Leben. Der Islam als Buchreligion ist – ohne fundamentales Trauma – wohl von noch einmal anderer Struktur.
** Diese Frömmigkeit ist immer nur von einem Teil des jüdischen Volks vertreten! Der Rest vermischt sich (wie andere Völker) allmählich mit der sozialen Umgebung.

Das Judentum erhielt sich als Schriftreligion. Die Schriftgelehrsamkeit wurde zur zentralen Orientierung des Volkes. Wir verdanken unsere Heiligen Schriften des Alten Testaments Schriftgelehrten, die, über viele Generationen, schriftliches Überlieferungs­gut überarbeitet und gestaltet haben.

Lebendig wachsende, schriftliche Überlieferung von Gottes Wort endet in Kanonbildung. Die auf dieser Basis fortlebende Diskussion führt zu weiteren Kanones: jüdischerseits zu Mischna und dann den beiden Talmudim, christlicherseits zum Neuen Testament, evangelischerseits zu den Bekenntnisschriften. In all dem geht es unvermindert weiter um integristische Arbeit an den Fundamenten der Kultur.
Im Luthertum war der Kanon der Heiligen Schrift norma normans. Aber für Luther war Schrift das Medium des Gesetzes, das Medium des Evangeliums hingegen das mündliche Wort!*
* Luthers Vorwort zur Reihenpredigt über 1.Pt, 1523, in: WA 12, S. 259, Z.3-19: Evangelion aber heysset nichts anders, denn ein predig und geschrey von der genad und barmhertzikeytt Gottis, durch den herrren Christum mit seynem todt verdienet und erworben, Und ist eygentlich nicht das, das ynn buechern stehet und ynn buchstaben verfasset wirtt, sondernn mehr eyn mundliche predig und lebendig wortt, und eyn stym, die da ynn die gantz wellt erschallet und offentlich wirt außgeschryen, das mans uberal hoeret. Szo ist es auch nicht eyn gesetz buch, das viel gutter lere ynn sich hatt, wie mans bißher gehalten hat. Denn es heyst uns nicht werck thun, da durch wir frum werden, sondern verkundigt uns die gnad Gottis, umb sonst gegeben unnd on unßer verdienst, und sagt, wie Christus fur uns getretten ist und fur unßer sund gnug than, und sie vertilget, und uns durch seyne werck frum und selig macht.

Prophetie ist meschugge (מְשֻׁגָּע = rasend), ἐνθουσιασμός (göttliche Begeisterung), θεῖα μανία (gottvoller Wahnsinn), gern kollektiv, vielfach ein (zweitrangiges) Amt am Heiligtum.
Inhaltlich dominiert Spaltung der Objektrepräsentanzen in extrem Gut und Böse, Tendenz zum Apokalyptischen*. Viel „falsche“ Prophetie ist natürlich die Regel; daß die Prophetie durch den Lauf der Dinge bestätigt wird, ist die Ausnahme, – die im Gedächtnis bleibt (wie in unserer Kultur telepathische Phänomene).
Das Negative prävaliert, auch in der Heilsprophetie: Das Gute für den bedrängten Frager ist meist das Böse für den Bedränger. An Hof und Tempel werden die alten Orakel archiviert. Es sind dann wohl oft verachtete, „demütige“, „arme“ Schreiber (mit ihren Ressentiments), die die archivierte Prophetie aufgrund der weiteren Geschichte fortschreiben und anreichern.
* „Offenbarung“ dualistischer Entdifferenzierung als Ende dieser Welt.

Man muß unterscheiden zwischen den namentlich bekannten, ursprünglichen Propheten, und den unbekannten „Schriftpropheten“, deren (uns überlieferte) Bücher im Lauf der Zeit als prophetischer Kommentar auf den alten Orakeln gewachsen sind.
Unser Altes Testament ist ein Werk pharisäischer Schriftgelehrsamkeit. Diese stand in der Tradition des prophetischen Offenbarungsanspruchs; mit diesem wurden die originalen Prophetentexte immer wieder aktualisiert und fortgeschrieben.

Haben die gelehrten Schriftpropheten Israels die Dialektik erfunden? In ihrem Gottesbegriff ist der Widerspruch inbegriffen.
Zwei Feinde (die Staaten Israel und Juda) sprechen im Namen desselben Gottes. Das Heil des Einen ist das Unheil des andern. Sie fluchen einander.
Dann geht der eine (Israel) unter.
Dann identifiziert sich der übriggebliebene (Juda) mit dem anderen (Israel).
Dann geht auch der zweite (Juda) unter.
Dann entdeckt man in Juda die eigenen, im Namen Jahwes vorgebrachten alten Flüche gegen Israel
und bezieht sie auf sich selbst.
Die Gehorsamsethik, die den Widerspruch auflösen soll, ist zu banal, um allgemein zu überzeugen. Gott redet verheißend und drohend widersprüchlich (rationale apokalyptische Chronologie tut dem Gewalt an), aber für seine Erwählten mit existenzieller, ir­ra­tionaler Kontinuität evident!
Gottes Segen und Fluch – les extrêmes* se touchent! Die Lösung liegt in der Tat in der Eschatologie (aber nicht, wenn diese chronologisch ebenfalls banalisiert wird!).
* Ἔσχατα.

Wenn ein Symbol der Hoffnung enttäuscht, wendet man sich davon ab* und sucht eines, das sich besser zu bewähren verspricht.
Die alttestamentlichen Prophetenbücher hingegen verstanden das Unglück als göttliche Zurechtweisung. Sie verstanden das nationale Unglück nicht als Versagen des Nationalgottes, sondern als sein Strafgericht.
Aber was war die Schuld? Das Volk fragte: „Warum?“
Die prophetische Erklärung war das (nun erst formulierte!) Bundesgesetz. Dieses war also a limine durch den Ungehorsam definiert, – eine unbefriedigende Rationalisierung des Grundgefühls, daß in der Gottesbeziehung irgendetwas nicht stimmt.
Das Gesetz ermöglichte illusionäre menschliche Selbstsicherheit. (Paulus sah das heilige Gesetz durch die lebendige Offenbarung Gottes in Jesus relativiert.)
* Plutarch schrieb De defectu oraculorum und erklärte den „Defekt“ durch ein Altern der zuständigen Dämonen.

In der Hoffnung auf herrliche Restauration der Macht von Gott, trotzt, um den Zweiten Tempel herum, ein machtloser „Rest“ des Volkes Israel (hauptsächlich die „demütigen“ „Armen“) den gewandelten Umständen – und pflegt existenzsymbolischen Konservatismus. Symbolische Tugend verträgt sich allerdings gut mit realistischer Untugend*. (Die Kirche hat dieses Problem mit übernommen.)
* Siehe schon die christliche Polemik gegen pharisäische Heuchelei bei den Synoptikern!

Gegenseitige Erwählung zwischen Gott und den Frommen machte aus der jüdischen Volksreligion eine Entscheidungreligion.
Das judäische Staatsvolk schrumpft zur jüdischen Kultgemeinde. Die Synagoge ist ein Schrumpf-Volk; und auch die Kirche versteht sich als das wahre „Volk“ Gottes.

Die Urform des kirchlichen Gotteswortes ist das höfische Heilsorakel von Israel und Juda.
Heilsorakel kommen, durch Institution (Heiligtum/Amt) und Mitmenschen (Priester/Prophet/Apostel), als frohe Botschaft von Gott. Die bedrohte Macht (des Königs) unter Entscheidungszwang braucht Orientierung. Die Macht braucht Prestige, der König einen Kultpropheten. Den Kult und den Propheten trägt, wie den König, ein handlungsrelevanter Glaube einerseits, ein demütiges Akzeptieren des eigenen Nichtwissens und Nichtverstehens andererseits.
Solcher Glaube lebt aus der kulturellen Tradition. Reifes Weltvertrauen beruht auf überliefertem Wissen in sozialer Kompetenzverteilung. Man hat die besten Chancen, wenn man sich, nach einer kritischen Phase, gutwillig in die Faktizität der überlieferten Ordnung fügt, bei unglücklichen Überraschungen – die für das Alte Testament eine wesentliche Rolle gespielt haben – demütig lernbereit.

Radikalismus ist ein simplifizierender Idealismus, ein blind konsequenter Hinweis auf die Gottesfrage, gelegentlich mörderisch – wie das ganze Leben in seiner Chaotik.
Der biblische (gesetzliche oder evangelistische*) Radikalismus hat sich entwickelt** unter dem Eindruck des Massenmords der Assyrer und Babylonier in den Kriegen, die zum Fall Samarias und Jerusalems führten.
* So etwas findet sich auch schon im Alten Testament.
** Psychologisch wurzelt er in der kriegerischen Extase. Jahwe war ein Gott der (irdischen und himmlischen) Heerscharen!

Die göttlichen Gebote leiten an zur Überführung des Idealismus in Liebe zur Wirklichkeit.

Resonanz zwischen Lehrer und Schüler stabilisiert beide, indem sie die Lehre stabilisiert. Das gilt für alle Symbolik, und ist für die Religionslehre entscheidend.
Die jüdische Gesetzlichkeit ist Tradition als Identitäts- und Moralstütze in der Fremde*. (Ähnliche Kompensationen haben bei uns die islamischen Immigranten.) Viele können später darauf verzichten. Wenn man aber dem Menschen diese Stütze vorzeitig wegnimmt, gefährdet man ihn.
* In der Fremde droht dem Menschen Verwahrlosung. Der antike Philosoph Teles (Exil, p. 21,2 Hense) zitiert das als eine verbreitete Meinung und versucht, es zu widerlegen. Identität ist eine prekäre, sozialer Stützung bedürftige, menschliche Lebensaufgabe.

Nach dem Zusammenbruch Judäas entstehen jüdische „Heilige Schriften“ zu frommem Gebrauch. Hier überliefern Schriftkundige, nach Zerstörung der Hof- und Tempelarchive, alte Orakel als erfüllte Gerichtsprophetie mit Gesetz als Urteilsbegründung, als Drohung für die Davongekommenen.

Der personale Monotheismus wurde in der Trauer über den nationalen Zusammenbruch Judäas konzipiert – an Zentren der Kulturüberlieferung, Archiven politischer Dokumente und prophetischer Orakel. Hier wurde Altes gelesen, in der neuen Situation meditiert, interpretiert und qualitativ Neues geschrieben. Es war ein evolutionärer Sprung, die Emergenz eines radikalen Monotheismus*.
Die ursprünglich pagane Jahwe-Tradition und das Schicksal kamen in einer neuen Einsicht zusammen: Unser Gott Jahwe ist allmächtig; durch die Hand der Babylonier hat er selbst seinen Kult zerschlagen! Damit wurde Jahwe zu einem unüberbietbaren Integrationssymbol. Dieser Gott war persönlich integrativ beanspruchend und ansprechbar in der überlieferten Symbolik einer erfahrungsreichen Kultur. Vor Gott organisieren sich alle Ansprüche der Welt zu Seinem Rat.
Die Geborgenheit beim Allmächtigen – die neue, eine verwegene Idee! – wurde aber (gegen die posttraumatische Angst**) durch institutionalisierte Zwänge gesichert und als „auserwählte“ Identität ideologisch ausgestaltet.
Kirche und Islam sind diesen Weg weitergegangen; das Vertrauen auf den allmächtigen Schöpfer ist institutionalisiert. Aber im Gehäuse dieser Institutionen mit ihren reifizierten Imaginationen findet sich auch der Glaube, der im lebendigen Wort lebt, – das nicht planbar ist.
* Den altägyptischen Monotheismus Echnatons nennt Jan Assmann impliziten Monotheismus.
** Man denke nur an die Flüche 5Mose 28, 15-68! Und man denke an die Ängste des jungen Luther.

Die heutige Situation in Palästina illustriert das penibelste Problem unserer religiösen Traditionen: Die Destruktionsbefehle Jahwes und die unmittelbar damit verknüpften Glücksver­heißungen für Israel, z.B. 5Mose 12ff, sind abstoßend. Sie haben ihre Ensprechungen dann im Koran. Die christlichen Entsprechungen bleiben in der Regel auf der Ebene des Wünschens und Urteilens; der Vollzug ist vertagt auf die (doch nicht so baldige) Vollendung durch das Ende dieser unvollkommenen Welt. All dieses ist utopisch-konservative kosmos-Logik. Aber alle drei Religionen überliefern auch Elemente, die darüber hinausweisen – in die Chaotik der Liebe.
Die gnostisch-mythologische Kritik an dem alttestamentlichen Jahwe sowie die (stoisch inspirierte) philonische und die origenistische Spiritualisierung stammen aus der mediterran globalisierten Kultur und sind früher humaner Protest.

Der biblische Weg vom Götzen zur Transzendenz beginnt mit der Niederlage.

Das Rache- und Strafthema steht im Zentrum der Bibel. Eine Weltordnungsrationalität von Gesetz, Schuld und rächende Strafe erklärt den Sieg des Feindes.
Dieses Gesetz aber geht auf den Heilswillen Gottes zurück. Es gilt, sich Gottes Willen zu unterwerfen, der unsere Welt geschaffen und geordnet hat und gegen Störungen, strafend und vergebend, als Herr sich durchsetzt. Dies war die Form für personal integrative Verarbeitung von enttäuschenden Welterfahrungen.

Die Katastrophe Judas 586 v. Chr. war eine narzißtische Provokation; sie wurde von den einen als Strafe verstanden; diese Deutung wurde aber schon damals von anderen bezweifelt. In denselben Kreisen, die die Kata­strophe Judas als Strafe verstehen lehrten, wurde die alte Heilsprophetie weiter überliefert. Sie war ein Stimulus für den verletzten Narzißmus; und auf dieser Linie wurde der Auserwählungsglaube entwickelt. Er war die unverzichtbar tragende Hintergrundsidee für den Gehorsam unter dem Joch des Gesetzes, – der seinerseits Pfand der Erwählung war, wodurch aber dieses Volk isoliert blieb.
Die Erwartung des Heils richtete sich zunehmend auf ein (zeitliches, psychisches, ontologisches) Jenseits. Und dieser Glaube war natürlich durch Selbstzweifel der Auserwählten angefochten.

Navid Kermani* sieht im Hiob-Buch als Heiliger Schrift eine qualitative Besonderheit des biblischen Kanons.
* Der Schrecken Gottes, 2005.

Judentum

Das Judentum begann, in Reaktion auf die traumatische Katastrophe Judas 587 v.Chr., als ein größenwahnsinniger Nationalismus. Dieser institutionalisierte sich und bildete bald mit seiner Umwelt ein selbsttragendes paranoides System*. Die Ausarbeitung dieser Verteidigung des Selbstwertgefühls war gleichwohl eine welthistorisch epochemachende Kulturleistung.
Nach der Katastrophe von Golgatha haben die Jünger Jesu mit derselben Logik reagiert und sich als das wahre „Volk“ des göttlichen Herrn (κυριακή / Kirche) verstanden. Auch das Christentum hat kulturgeschichtlich Epochemachendes geleistet.
Endlich entstand der muslimische Größenwahn mit seinen Kulturleistungen.
Reifer Narzißmus aber ist bescheiden.
* Quiconque est soupçonneux invite à le trahir. Verfolgung und Verfolgungswahn vervollständigten das Bild der verkannten Größe.

Israel war „auserwählt“[1] für den Durchbruch zur Erkenntnis der alles Verstehen überwältigenden Banalität[2] des „erhabenen“ Gottes (am Beispiel der babylonischen Soldadeska[3]). Les extrèmes se touchent. Das ist nicht weit von einem[4] theoretischen Nihilismus[5].
Der Erdkreis hat davon gelernt; aber alle vergessen das Gelernte so schnell wie möglich und vergötzen ihren kleinen kosmos.
[1] Der Kontext verweist solche Aussagen in die Zeit nach der Katastrophe Judas.
[2] So redet dann Paulus im Ersten Korintherbrief von der Torheit. Dazu gehört Phil 4,7.
[3] Die Kreuzigung Jesu stellt noch einmal dasselbe Problem, τὸ μωρὸν τοῦ θεοῦ, die Torheit Gottes (1Kor 1,25).
[4] Dieses im 18. Jh. aufgekommene Wort ist – natürlich – vieldeutig.
[5] Als Pfarrerssohn steht der (tödlich erkrankte) Zarathustra-Prediger am Rande des Wahnsinns, Friedrich Nietzsche, in derselben Tradition; er will das Christentum zuende denken. Der Sabbatianismus führte (nach G. Scholem) viele Juden in den Nihilismus. Elie Wiesel (in La nuit und in seinen weiteren Werken) und (sehr anders) Richard L. Rubenstein, After Auschwitz, dokumentieren die neuere Auseinandersetzung mit demselbem Problem.

Für die gesamte Judenschaft war der Massenmord bei der Verfolgung durch die Kosaken 1648 auffwühlend. Eine jüdische Flüchtlingswelle ergoß sich über Westeuropa. Der (wohl geisteskranke) fromme Sabbatai Zwi (1626-76) löst eine radikale Krise in der gesamten jüdischen Diaspora, den Sabbatismus aus (G. Scholem).
Es kam dann zu einer folgenreichen Ernüchterung. (Ähnlich hatten unter den Christen die Konfessionskriege sich ausgewirkt.) Ein frommes In-sich-Gehen (Chassidismus* hier, Pietismus dort) leitete über zur Aufklärung. Da und dort erleichterte Emanzipation schrittweise das jüdische Schicksal so weit, daß neue Hoffnungen realisierbar wurden. Das Judentum entwickelte eine eigenartig säkularisierte Frömmigkeit. Die neue Frucht des jüdischen Selbstzweifels, die jüdische Skepsis, wurde, in einer abnehmend vergangenheits- und zunehmend fortschrittsorientierten Welt, zum Selektionsvorteil**. Zwischen Orthopraxie und Denken entwickelte sich der selbstironische, typisch jüdische Witz†. Die jüdische Kultur wurde zunehmend mit Verwunderung anerkannt als für den Fortschritt der mündigen Zivilisation wertvoll. Die Juden blieben allerdings nun auf diese neue Weise, bon gré mal gré, etwas Besonderes. Sie wurden sogar beneidet und deshalb verfolgt.
Der Holokaust war für das Judentum eine Katastrophe von der Größenordnung der babylonischen Gefangenschaft; aber die Welt sowohl wie die Juden waren nicht mehr dieselben. Die von Juden hier gezogenen Konsequenzen sind teils die alten, großenteils aber neue. Heute gilt, relativitätstheoretisch: Prinzipiell ist jeder Mensch, jedes Volk einzigartig, zu etwas Besonderem auserwählt.
* Der osteuropäische Chassidismus (seit 1725), ein gemäßigter Erbe des Sabbatismus, entwickelte noch die Figur des Wunderrabbis.
** Radikale Skepsis ist eine Voraussetzung wissenschaftlichen Fortschritts. Einstein erzählte, er habe schon als Halbwüchsiger, mit dem Gefühl, nicht recht zu verstehen, was doch für selbstverständlich galt, über Raum und Zeit gegrübelt.
† Humor ist, nach Heinz Kohut, eine Form von gereiftem Narzißmus.

Anomi sche Lebensbedingungen destabilisieren die soziale Identität und führen Einzelne und Gruppen in gefährliche Verwahrlosung. Idiosynkratische Zwänge können die hier beeinträchtigte Selbstsicherheit, die mit sozialer Integration einhergeht, soweit ersetzen, daß eine gewisse Anpassung möglich wird.
Das Schulbeispiel ist die jüdische Kultur nach der Zerstörung Jerusalems durch die Babylonier. Hier ist das Problem verschärft durch die nationale Katastrophe eines stolzen Staates; das Trauma der Unterwerfung behinderte bescheidene Anpassung.
Zu vergleichen wären die Christen (erst als Sekte unter den Juden, sodann als Religion im römischen Reich), sodann Armenier, Zigeuner, Indios, Indianer, „Neger“. All diesen Gruppen und Völkern stand zur Verfügung das im Alten Testament dokumentierte, jüdische Vorbild der Verarbeitung eines solchen Schicksals. Auch sie haben, durch Christianisierung in verschiedenen Formen, davon profitiert.

Christentum

Christentum ist längst nicht mehr identisch mit Kirchlichkeit. Ist Christentum bescheiden gewordene Kirchlichkeit, – fromme Weltlichkeit auch in der Kirche?

Wenn im monotheistischen Erwählungsglauben tatsächlich eine narzißtische Störung institutionalisiert ist, für was kann man dann die Kirche noch weiterempfehlen? Ist sie eine spezifische Selbsthilfegruppe für Gekränkte, so etwas wie Alcoholics Anonymous oder das Blaue Kreuz? Kränkung wird hier biblisch verarbeitet. Ist Kirche eine Schule der Bescheidenheit?

Ich meine: Gott ist seinen Geschöpfen dankbar für ihr Dasein und für ihr Da-gewesen-sein.
In der Bibel klingt es anders. Das Alte Testament flackert zwischen Verdammung und Heil; das Neue Testament endet eindeutig dualistisch. Wenn wir uns Gottes Frieden ordentlich vorstellen wollen, bricht er uns entzwei in Gutes für die Guten und Böses für die Bösen, Himmel und Hölle. Aber das vergebende Leiden Gottes in Jesus lehrt, daß diese Vorstellungen vorläufige Antworten sind. Der göttliche Friede ist eine Geschichte, die wir uns nicht vorstellen, sondern an der wir teilhaben sollen.

„Das vergebende Leiden Gottes in Jesus“ ist eine unter dem Eindruck Jesu entstandene Vorstellung des menschlichen Glaubens an das sterbliche Leben. Dieser Glaube ist natürlich, aber natürlich prekär. Und wem diese Vorstellung Sinn macht, der entwickelt und trägt sie weiter.

Sünde ist Schuld gegen Gott, den Schöpfer, und seine Kreatur. Ihm schulde ich mich ganz. Er ist mir dankbar für mein schuldiges Leben.
In meinem Buch über die christliche Seelsorge (1985) ist das Zentralproblem noch, traditionell, als Sünde und Vergebung gefaßt. Im Licht der Bescheidenheit Gottes, ist mir diese Thematik inzwischen (2009) im Chaos untergegangen (sie taucht also auch immer wieder auf).

Die Kapitel Gen 20 - 22 sind eine offene theologische Herausforderung; die Gottesbeziehung ist chaotisch. Gott begründet seine Verheißung für Abrahams Nachkommen mit der gehorsamen Bereitschaft Abrahams, Ihm seinen einzigen Sohn zu opfern.
Man muß die eigenen Nachkommen, wie Paulus 1Kor7 sagt, „haben, als hätte man nicht“. Es geht nicht um eine mittelalterlich-mönchische resignatio ad infernum; aber Gottes Verheißung liegt auf einer doppelbödigen Beziehung zur Welt.

Ihr seid Gottes Tempel; ihr habt den Heiligen Geist von Gott in euch! Das ist bei Paulus eine Sache des sicheren Wissens (1Kor 7, 19), ein christlich verstandenes Getriebenwerden (Rm 8, 14). Der Mensch gehört nicht sich selbst, von Natur ist er besessen*. Der Christ ist teuer erkauft (1Kor 7, 20); er ist vom Christuszeugnis ergriffen; er gehört dem allmächtigen Vater Jesu Christi. Also „macht dem Gott in eurem Leibe Ehre!“ „... ἐν τῷ σώματι ὑμῶν“ kann nicht auf den adverbialen Bezug beschränkt werden; Paulus denkt es adjektivisch!
* Freud schrieb, in der Beherrschung unserer Triebe „sind wir alle Sonntagsreiter“.

Gott liebt uns; er ist dankbar, daß wir leben. Diese Dankbarkeit Gottes, diese allezeit unvorhersehbar schöpferische Liebe treibt uns um.

Paulus und seine Gemeinden haben viel Betrübliches erlebt; und er fordert auf: „Weinet mit den Weinenden“ (Rm 12, 15). Nun liest man aber seinen Philipper­brief als Freudengebot. So stilisieren sich denn manche Christen folgsam als freudig, auch wenn sie den Boden unter den Füßen verloren haben; aber ohne einen brüderlichen Zuspruch wird das zur Charaktermaske.
Paulus sagt mit Wort und Tat: „Freut euch“ an dem Göttlichen, das Gott euch erleben läßt. Er führt die Mehrdeutigkeit des betrüblichen Erlebten vor (2Kor 6, 4-10)! Er fordert auf, in allem Unerfreulichen das Erfreuliche zu erwarten!
Die wiederholte Parole des paulinischen Philipperbriefes: „Freut euch!“ ist keine christliche Anstandsregel. Paulus ist der Apostel der Gnade, der Dankbarkeit Gottes, die den Bedrückten entlastet wie den Astronauten die Aufhebung der Erdanziehung.

Lange Not kann apathisch und lieblos machen (Mt 24, 12). Die Auferstehungsbotschaft gehört auch in die abgestorbene Objektwelt – als wahnhaftes Zeichen. Der Auferstandene sagt: „Gott leidet mit. Du bist nicht allein mit deiner Verlassenheit!“ Das kann plötzlich belebend aufleuchten.

Diverses

Determinismus ist Glaubenssache (Alfred Fettweis).

Wie redet der Engländer über die Zukunft? Sollen hängt etymologisch mit Schuld zusammen. I shall do something („ich werde etwas tun“) hieße dann ursprünglich: „Ich bekenne mich schuldig, etwas zu tun (und will und werde es tun)“. You/He will do something spricht die anderen nur als autonome (aktive oder passive) Subjekte auf ihren Willen an, dem sie folgen werden.

Inhaltlich zuletzt überarbeitet am 9. November 2009.
Ende 2013 habe ich (im Blick auf das Absatz-such-Progamm)
die Fußnoten unmittelbar an die Absätze gehängt.