Thomas Bonhoeffer


Natur (2009)

Evolution

Lange Weile läßt uns die Zeit ahnen, die die Evolution für uns gebraucht hat.

Sich selbst verstärkende Entwicklungsunterschiede führen zu chaotischen Spaltungs-, Vernichtungs- und Assimilationsprozessen – auch noch in der Species humana.
Beispiele: Entstehung der Menschenrassen und der neuzeitliche Umgang der Weißen mit den Schwarzen und Rothäuten.
In anomischen Situationen schaffen alte Ideologien durch Erweckungsprediger Gottesvölker, Pseudospezies. Beispiele: Die Nationalsozialisten mit ihrem Mythos des zwanzigsten Jahrhunderts. Islamisten können heute gewalttätig Schließung moderner Schulen durchsetzen.

Kreativ nennt man Strukturen, die Emergenzen hervorbringen. Die „Natur“ ist kreativ. (Natur ist ein pragmatischer, unklarer, halbreligiöser Begriff.) Verschiedene Entwürfe verschiedener Wesen interagieren, creatio continua: Koordination von Projektstücken inmitten von Konkurrenz. Fortschritt ergibt sich auch bei überwiegend gegenläufiger Arbeitsteilung. Chaotische Interaktion setzt, unter viel Desorganisation, lokal* auch exponentielles Wachstum aus sich heraus. Das meiste geht sofort verloren; nur sehr Weniges entwickelt sich, pflanzt sich fort und geht erst nach langer Zeit verloren.

Verständigung bedeutet Selektionsvorteil im Kampf ums Dasein. Verständigung in einer komplizierten Welt ist voraussetzungsvoll. Tradierte, bereits geleistete Vorarbeit – vor allem: der Sprache – vereinfacht Verständigung. So bedeutet lebendige Tradition gemeinsamer Kultur einen Selektionsvorteil für die Gemeinschaft. Schriftliche Fixierung vereinfacht Tradition und bedeutet somit abermals einen Selektionsvorteil. Die Kreativität des Lebens probiert anderseits auch unablässig den Selektionsvorteil von Innovationen aus. Selektionsvorteile wahrzunehmen aber ist ein Überlebensgebot im Kampf ums Dasein.

Der Gang der Evolution ist random walk. Im menschlich-natürlich begrenzten Zeithorizont begründet er einmal Optimismus und einmal Pessimismus als letzte Vereinfachung.

Die Worte “Entwicklung” und “Entfaltung” rufen Vorstellungen von etwas Aufgewickeltem oder Zusammengefaltetem hervor. Im Sinne des biologischen Begriffs aber ist Derartiges etwas bereits Entwickeltes.
Die Biologie spricht von genetischen Bauplänen, nach denen die Dynamik einer geeigneten näheren Umwelt (Zellplasma) in einer geeigneten weiteren Umwelt (Organismus in seinem Biotop) aus geeignetem Material ein (nur ungefähr) bestimmtes Entwicklungsprodukt herstellt.
In diesem Sinne spricht man auch in der Informatik (die viele Analogien zur Biologie aufweist) von Programm-Entwicklung. Und in der Sequenz der Entscheidungen, die der Entwickler zu treffen hat, spürt er, daß die Dimensionalität des Raums der Möglichkeiten, in dem er seinem Ziel nahe zu kommen sucht, von kombinatorischer Größenordnung ist. „Viele Wege führen nach Rom“; aber die allermeisten führen nicht nach Rom!

Manfred Eigen schrieb unter dem Titel Das Spiel über das Leben in Hyperzyklen. Die Welt als deterministisches Chaos wäre ein ewiges „Spiel“ [1].

Bakterien sind oft anfangs tödlich; sie können sich aber weiterentwickeln bis zur Symbiose mit dem Wirtsorganismus – nicht individuell, sondern durch die natürliche genetische Selektion im Generationswechsel. Diese erfolgreiche Variation verbreitet sich durch Gen-Austausch zwischen verschiedenartigen Bakterien. (Sofort fallen einem dazu memetische Analogien ein.)

Begabungen sind in einer stabilen Umwelt Halbfertigprodukte; sie sind umweltabhängig realisierbare Möglichkeiten. Meist kann nur ein kleiner Teil davon entwickelt und direkt ausgelebt werden. In der Regel kommen sie nur indirekt, geschwächt und verbogen zur Wirkung, enttäuschend – aber für die Evolution immer noch genug.

Darwin (Origin, 1859) versteht die Entstehung der Arten aus dem Zufall („accidit“) der Interaktion von Dingen, die eigentlich ( essentialiter) nichts mit einander zu tun haben. Der Zufall generiert Wesentliches!

Ärgernisse sind Entwicklungsspannungen zwischen überzogener Vergeistigung und Rückständigkeit. (Analoges ereignet sich auf allen evolutionären Niveaus.)
Überzogene Geistigkeit wird gedemütigt; dann ist Demut entspannend.

Wo immer Identität durchgehalten wird, gibt es per definitionem eine entsprechende, selbsterhaltende Dynamik.

Invenire heißt: auf etwas (schon Vorhandenes) stoßen. „Erfinden“ ist auffinden. Die Suchbewegung hat sich in der Neuzeit als immer wichtiger erwiesen! Allererst die richtige Suche und Forschung muss gefunden werden. Die Kreativität der Erfindung beginnt mit der bescheidenen Einstellung auf das Vorgegebene.

Im Menschen hat die Natur ihre Kreativität auf die Spitze getrieben.
Unser praktisches Zurechtkommen impliziert Kreativität (Hans Joas).

Mathematik ist eine Spielart der Reflexion, die derzeit wohl des Menschen entscheidener Selektionsvorteil ist. Es ist allerdings schon abzusehen, dass der explodierende Erfolg der Menschheit den Garaus machen wird.

Evolution beansprucht die Ressourcen einer Spezies nicht nur stetig und vorhersehbar, sondern, zufallsbedingt, auch unvorhersehbar so beschleunigt, dass die Spezies sich nicht mehr auch daran anpassen kann. Das endet in Zerstörung der eigenen Voraussetzungen. Am unberechenbarsten ist die species humana, – und zwar gerade deshalb, weil sie rechnen kann!

Der Mensch hat eigene Ideen, er hofft auf Erfolg und hat damit meist Misserfolg. Denn Ideen sind Abweichungen vom praktisch Bewährten, Material der Evolution; und diese ist verschwenderisch.

Emergenz: Gelingen ist meist unwahrscheinlich, ein Wunder. Man muss elend lange darauf warten. (Und die Erfüllung von Hoffnungen sieht in der Regel sehr anders aus als erwartet.) Aber das genügt – zwar nicht zum Glücklichsein, aber (wie man sieht) zum Leben!
Jeder von uns ist ein Wunder. Und unsre ganze Welt ist, immer aufs Neue überraschend, ein unergründliches Wunder!

„Evolution“ ist ein Euphemismus.

Zuversichtlicher Gleichmut bedeutet einen Vorteil im Kampf ums Dasein. Der persönliche Gott, wie ihn grundlegend die Bibel bezeugt, ist ein Integrationssymbol von höchster Spannkraft für fundamentale Ambivalenzen. Die Symbolik reicht von gegensätzlichen Symbolen (wie Sinai-Donner vs. gelobtes Land, Kreuz vs. Auferstehung, von Kampf vs. Vergebung) hin zu Versöhnungssymbolen (wie dem „stillen sanften Sausen“ bei der Gottesbegegnung des Elia, 1Kö 19,12, zu „Frieden und Freude im Heiligen Geist“ und Bescheidenheit). Die Integrationskraft des Gottesglaubens bedeutet in den Zerreißproben des Lebens einen evolutionären Selektionsvorteil.
Die Zuchtwahl unter Menschen ist nicht mehr biologisch, sondern kulturell dominiert; der evolutionäre Vorteil liegt deshalb nicht einfach bei der biologischen Vermehrung. Gelebte Gottestradition, persönlicher Glaube an Gott (der sog. „Glaube an den persönlichen Gott“) beeindruckt immer wieder auch Kinder des Unglaubens und verändert sie. Allerdings faszinieren auch erstarrte Gottesvorstellungen und können dem im Wege stehen. Aber diese werden von der Wahrheit des bescheidenen und seinen Geschöpfen dankbaren Gottes auch wieder aufgebrochen, mit der der Mensch sich endlich bescheiden muß.

Zurückhaltung in Erwerbstätigkeit und sozialen (und sexuellen) Verkehr und mehr Betrachtung und Besinnung erhöhen die Weisheit. Dieses (genetisch direkt benachteiligte) Verhaltensmuster ist schon in prähistorischer Zeit auch institutionalisiert worden; es wird von der Gesellschaft heilig gehalten; und das allgemein verehrte Heilige integriert die Gesellschaft. Das setzt sich in historischer Zeit fort in der Askese der Wissenschaft. Religiöse Symbolik mobilisiert und organisiert Opferbereitschaft.
Weisheit ist mitteilbar. Und wenn genetisch eine Zufallsstreuung für minoritär stärkere und majoritär schwächere Tendenz zu Betrachtung und Besinnung sorgt, bedeutet das für die betreffende Kultur-Gruppe einen Selektionsvorteil.

In kleinen Kommunikationssystemen gibt es präzise Signale und Auslöse-Reize. In der menschlichen Kultur wurde dann auch das Ungefähr der Symbolik in zweckdienlicher Kooperation zu Zeichensystemen zurechtgeschliffen.
Dann wurden die Wirklichkeit einerseits und unsere Vorstellungen, die wir einander mitteilen können, anderseits, von einander unterschieden. Jetzt macht die Transitivität von Relationen (z. B. im Syllogismus) zwischen Modellvorstellungen das „Probehandeln“ gemeinsamen und individuellen Nachdenkens möglich – und die Wirklichkeit mit geringem Aufwand handhabbar; ihre Entdeckung war der wesentliche Selektionsvorteil des animal rationale.
Gehorsam bildet schon in Gruppen und Familien höherer Tiere einen wesentlichen kulturellen Vererbungsmechanismus. Die Menschen haben diese evolutionäre Strategie optimiert durch Fortentwicklung des autoritätsgesteuerten ethischen Ungefähr zu einer Kultur rational gesteuerten Autonomie des individuellen Gewissens.
Der Erfolg der Rationalität verblendete: der Heilsglaube an eine Weltordnung brachte das lebendige Subjekt in ein heilloses Legitimationsdefizit. In diesem Sinne aber wurde die antike Philosophie und darüber hinaus bis in die Neuzeit hinein das hellenisierte Christentum kulturell führend. Dann wurden die autonom sich entwickelnden exakten Wissenschaften führend. Die religiösen Institutionen sind gefährdet und reagieren verunsichert.
Gerade der Fortschritt von Wissenschaft und Technik aber lehrte die Rationalität Bescheidenheit. In Europa gewinnt eine unkirchlich fromme Säkularität an Boden. Sie ist zwar kognitiv unbeholfen. Die kirchlich finanzierten oder verpflichteten Institutionen aber tun sich, bei aller Sachkunde, schwer, das theologische Erbe hinreichend kritisch zu sichten und kulturell relevant weiter zu entwickeln. Man muß seine Hoffnungen wohl auch auf Wildwuchs setzen. (Das Urchristentum war jüdischer Wildwuchs.)

Wie das meiste, passen auch Männer und Frauen nur ungefähr zusammen.

Umwelt

Das Raumschiff Erde ist ein Vergnügungsdampfer ohne Kapitän.

Die Biosphäre ist schon von Natur – heute aber (rapide zunehmend) auch durch die kaum kontrollierbare Entwicklung der „Kultur“ (Wissenschaft und Technik) – ein überkomplexes, chaotisches System. Ökologie ist deshalb weniger eine Wissens- als eine Gewissensfrage. In Tun und Lassen, möchte man sich nicht mitschuldig machen an der Verschlechterung der Lebensbedingungen auf der Erde.

Unter Schöpfungsordnung stellt man sich ein vorgegebenes „ökologisches Gleichgewicht“ vor. Dieses kann aber nur zeitweise stabil sein. (Die Bibel trägt dem Rechnung mit den Weissagungen über das Ende dieser Welt.) Leben (mit all seinen positiven und negativen Rückkoppelungen) entwickelt sich schon an sich katastrophenträchtig exponentiell*; überdies aber sind die äußeren Voraussetzungen für Leben instabil.

Ein ökologisches „Gleichgewicht“ kann es, auch ohne Menschen, nicht geben. Die Erdgeschichte lehrt: Es gibt nur Zonen mit – durch Katastrophen getrennten – Epochen jeweils neuen Quasi-Gleichgewichts. So war und ist "die Schöpfung"; immer gestört!

Die Evolution des Lebens braucht ein vielfältiges Schwingen zwischen Gedeihen und Verderben – mit gelegentlichen Katastrophen. Immer wieder fährt sie sich trotzdem für eine Weile fest: "die Schöpfung", die zu bewahren wir heute aufgerufen werden.
Ob eine Evolution ihrem Endzustand nahe („die Schöpfung“ also fertig) ist, das hängt von den Umständen ab. Sind diese unvorhersehbar variabel, so ist kein Ende der Evolution in Sicht.

Katastrophen sind nötig zur Erhaltung der Artenvielfalt.
Umgekehrt braucht das Leben die Artenvielfalt zur Risikostreuung für die Katastrophenfälle. So wirkt ihr Reichtum auch auf uns profund beruhigend.

Das Leben ist ein spielend schöpferischer Versuch, ein Großversuch, weiterzuleben.
Die Feuerameisen machen Raum frei für neue Versuche des Lebens; so gehören sie zum Leben als Großversuch.
Die unnötigen Qualen des Lebens gehören zu den Redundanzen, wie jeder breit und solide angelegte Versuch sie braucht. Ob das unnötig Scheinende wirklich keine positive Funktion im Großversuch des Weiterlebens bekommt, kann man oft nicht sogleich wissen.
"Wir" sind ein Versuch des Lebens, beim Menschen weiterzumachen.

Jedes Lebewesen belastet die Umwelt, je lebendiger, desto mehr. Will der Mensch sich die Lebbarkeit seiner Umwelt erhalten, so muß er mit seiner Lebendigkeit in neue Dimensionen, d.h. geistige expandieren.

Jedes Leben, nicht nur menschliches!, schafft inmitten einer mittleren Unordnung lokal höhere Ordnung – um den Preis höherer Unordnung in der Umgebung. (Hauptsächlich die Sonne schafft in unserem Lebensraum das Energiegefälle, von dem die Regeneration von Ordnung in unserer Umwelt zehrt.)

Das höchst komplexe Wesen „menschliche Gesellschaft“ verbraucht zu seinem Unterhalt, als dissipative* Struktur, besonders viel Energie pro Masse.

Man wünscht einen schönen Zustand zu erhalten. Wir können aber nicht zur "Bewahrung der Schöpfung"[2], sondern höchstens zur Verlängerung eines bestimmten Zustandes der Schöpfung das Unsere tun. Können "wir" es wirklich?
Wir wollen menschlich-natürlich d.h. kreativ und innovativ leben. Selbstentfaltung erhöht die Entropie in der Umwelt. Nahe Verwandte fördert man mit natürlicher Egozentrik, ohne lähmende Rücksicht. Man freut sich und hofft mit ihnen – gegen unbestimmte andere, die soziale und weitere Umwelt. Und das ist gefährlich, unberechenbar, und wird fast mit Sicherheit dem Zustandsbereich ein Ende setzen, in welchem wir uns befinden, und den wir die (gestörte) "Schöpfung" nennen.

Kriege bringen zunehmend in der Regel auch eine schwere Umweltbelastung. Die Umwelt regenerierte sich zwar bisher immer irgendwie; Menschen aber (und ihr Destruktionsarsenal) wachsen meist noch schneller nach. Und in akuter Not belasten sie die Umwelt besonders rücksichtslos.

Wachstum und Stabilität sind nur epochal kompatibel. Das schöne Wort sustainable development ist eine Mogelpackung.

Die immer größer werdende menschliche Macht gibt dem allgemeinmenschlich-natürlichen, kurzsichtigen Egoismus immer größere Hebelwirkung.

Es gibt Tierarten mit eigener Kultur demographischer Selbstkontrolle, abhängig davon, wie sie die Umwelt, die sie brauchen, belasten.
Zahl und Ansprüche der Menschen sind selbstzerstörerisch geworden. Die Belastung der Umwelt durch die Menschen wird für Unterprivilegierte bis an die Grenze der Lebbarkeit (Th.Malthus), für die andern bis an die Grenze des (kulturell definiert) Zumutbaren – wenn nicht auch noch darüber hinaus – wachsen.
Viren sind in Entwicklung und Produktion "billig"; ihr Experimentierfeld, die hochmobile Globalgesellschaft ist riesig. Seuchen sind zu erwarten.
Die Menschen belasten die Umwelt sehr verschieden, und der Anspruch darauf ist hoffnungslos strittig. Die Macht der Ideen über die Menschen – ihre Möglichkeit, das Wohlbefinden der Menschen schon jetzt im Sinne ihrer langfristigen (also nicht als vordringlich erlebten) Interessen zu regulieren – ist begrenzt. Deshalb ist die Entstehung einer Kultur der kollektiven Selbstkontrolle, die den ökologischen Notwendigkeiten entspräche, nicht zu erwarten.
Im günstigsten Falle werden die Lebensbedingungen für die Menschen so ungesund werden, daß Anfälligkeit für Krankheiten dem Bevölkerungswachstum ein Ende setzt.

Die Belastung der Umwelt durch die Menschenbevölkerung wird, in einem selbstverstärkenden Prozeß, mit der Belastung der Menschen durch die Umwelt, zunehmen. (Lokal gesunde Umwelt verursacht immer höhere globale Umweltkosten.)

Klonen von sexuellen Lebewesen ist ein evolutionärer Rückschritt zur Mutation als einziger phylogenetischer Entwicklungsmöglichkeit. Diese liegt natürlich bei höheren Tieren kaum über Null. Es wird durch Epidemien bezahlt werden; denn die Infektionserreger mutieren auch, und zwar schneller erfolgreich. Gewinnchancen und Risiken müssen – bei aller Bemühung um Objektivität doch schlußendlich subjektiv – gegeneinander abgewogen werden.

Industriefeste Bäume kann man schon kaufen. Die absehbare Zukunft gehört dem industriefesten Menschen, – aus anderen manifesten Selektionsgründen vermutlich einer kurzfristig egozentrisch optimierende Bestie mit höchster instrumenteller Intelligenz. Das kann nicht lange gut gehen. Das bunte Leben könnte in einem blendenden Feuerwerk enden.

"Seid umschlungen, Millionen, diesen Kuß der ganzen Welt!" – das geht nicht mehr: Es sind nicht Millionen, sondern Milliarden, und das ist ein Umschlag von Quantität in Qualität. Die Menschheit wird sich selbst immer ekelhafter.
Von Urzeiten an war der Mensch fremdenfeindlich, – eine Regel mit wenigen Ausnahmen. Inseln mit schwachem Verkehr untereinander sind evolutionär vorteilhaft. Man liebt Einzelne; man liebt Ideen; man schwimmt auch einmal wohlig in "der" Masse (ein Teil steht für das Ganze); man liebt die Lust – aber man liebt die Menschheit nur als narzißtische Phantasie.

Die christliche Philanthropie hat der Menschheit zum ökologischen Pyrrhus-Sieg verholfen. Apoll hatte gesagt: „Μηδὲν ἀγάν, Nichts übertreiben!"

Die "milde Depression", die nach Winnicott normal ist, ist eine durch die Kultur erzwungene Dämpfung der Affektschwingungen (nach Freud: "Unbehagen") bei vernünftigen Lebewesen, deren natürliche Vermehrungsrate bis jetzt nicht einmal durch eine barbarische Sterberate voll ausbalanciert wird.

Psychische Depression ist eine Vermehrungsbremse.

Wenn das menschliche Leben in Reichtum, Lust und Hoffart "obszön"[3] wuchert, setzt sich vereinzelt (großes Beispiel: das Mönchtum mit Armut, Keuschheit und Gehorsam) die Idee einer lokalen Wachstumsbremse für die natürliche Ebene durch, damit menschliche Kultur nachwachsen kann. Es besteht aber keine Aussicht, daß so etwas global-ökologisch relevant werden könnte.

Die (kapitalistische) Wachstumswirtschaft folgte auf die Subsistenz-Wirtschaft. In dieser war Zufriedenheit traditionelles Ideal, in jener ist individuelle Strebsamkeit angesagt. Im Jahr 2009 darf man sich fragen: Wird die initiale Wirtschaftskrise des neuen Jahrtausends einer neuen Kultur den Weg ebnen?

Einem Ende des Experiments Leben kann man ins Auge sehen. Es wird, inklusive Ende seinen Wert gehabt haben in und für sich. Ende muß nicht: „Gescheitert!“ heißen.
Schiller, im Lied von der Glocke, über den Bauern, dem sein Hof abbrennt: "Hoffnungslos weicht der Mensch der Götterstärke. Müßig sieht er seine Werke, und bewundernd, untergehn."

Brutal hatte die Natur den Menschen ein Bißchen Naturschutz beigebracht. Er wurde Sitte und Gesetz. Die Explosion der Wissenschaft stellt das alles wieder in Frage. Die ökologischen Folgen des Krakatau-Ausbruchs 1883 sind idyllisch verglichen mit denen der Aufklärung.

Man kann die Entstehung der Welt hypothetisch verstehen als aus chaotischen Fluktuationen des "Nichts" sich ergebende Kaskade von irreversiblen Symmetriebrüchen*.


Leben

Höheres (heterotrophes) Leben ist Morden und Fortpflanzung, Destruktion und Konstruktion, ein Chaos lokaler Verbesserungen.
Das menschliche Leben zeichnet sich durch hohe Kreativität aus. Permanent werden lokal förderliche Kompromisse erfunden. Das ist Kultur, und das macht uns das menschliche Leben interessant und erfreulich.

Das Alltagswissen lässt uns in der durchschnittlich zu erwartenden Umwelt die Chaotik des Lebens vergessen; am konkreten Einzelnen aber wird uns die Hyperkomplexität des Lebens deutlich, der unser Alltagswissen nicht gewachsen ist.

Der Grundmechanismus des Lebens, Vermehrung auf Gedeih und Verderb, produziert Elend und ist prinzipiell eine empörende Viecherei.
Womit wird das Leben humanisiert? Der Mensch ist unheimlich kreativ. Als solcher fragt er nach dem Sinn des Lebens und gibt jeden Augenblick praktische Antworten für hier und jetzt – und theoretische darüber hinaus. Wir Menschen identifizieren uns ein Stück weit, auch als (selbst leidende) Ausbeuter, mit den vermutlich leidenden „Viechern“.
Aber das Leben produziert ja nicht nur Elend. Und als beglückende Reaktion auf die Elendsproduktion der Natur kennen wir: bescheidenes Wort und sehr bescheidene Taten; Worte, die sehen machen; Symbole, die (allen fokussierten Aussichten zuvor) Hoffnung machen, tröstende Vertröstungen.

Die Evolution geht unkalkulierte Risiken bis zu Totalschäden ein. Das war ihr Erfolgsrezept. Die Krone der Evolution, der Mensch, ist der größte Risikofaktor.

Das Leben ist ein Kampf um Zeitgewinn.

Beim lebendigen Individuum kommt aus inneren Gründen das Wachstum zum Stillstand. Wachstum eines komplexen Systems bedingt immer innere Verzerrungen, die, je später, in desto gefährlichere Krisen führen.

Das Leben ist von gewaltiger Dynamik und feinster schöpferischer Anpassungsfähigkeit.

Leben verlangt ständige Anpassung und Umstellung, Zulernen und Neuorganisation des Gelernten.

Leben ist vieldimensionales Balancieren.

Leben ist eine Teil-Umleitung von Energie im Strom der Entropie, der Diffusion aus konzentrierter Energie (Sonne), in die Gegenbewegung einer Ordnung, wie der Rückfluß in den Wirbeln eines Stroms.

Morphogenese, Leben, ist eine Form der Energiedegradation, asymmetrisch: ein wenig zusätzliche Ordnung wird durch viel zusätzliche Unordnung erkauft.

Viszerale Solidarität, "misericordia", Mitleid ist ein Stück weit dienlich für den Erfolg der Spezies, indem es, um die augenblickliche Erfolgsvariante herum, die (unter dem Wechsel der Lebensbedingungen für die Erhaltung der Art wichtige) Streuung der Varianten, verbreitert.
Radikale mittelfristig kalkulierte Rationalisierungen (Eugenik) gefährden die Spezies. Religion, pietas, mores maiorum, mahnen zu magnanimitas, noblesse.

Freude ist zuversichtlich und gesund. Freude wirkt aussichtsreich und macht attraktiv – im biologischen Grunde wohl: als potentiellen Fortpflanzungspartner. Sie wird belohnt und ist also ein selbstverstärkender Prozeß.

Man weiß: Nichts ist so erfolgreich wie der Erfolg. Nichts ist so unglücksschwanger, wie der Mißerfolg; dem entspricht die Niedergeschlagenheit nach Mißerfolg. Beides sind exponentielle* Entwicklungen. Das ist biologische Ökonomie: Der Verlierer soll deprimiert, schnell ausgeschieden, der Gewinner mit erhöhten Chancen prämiert werden. Die bedrückt überlebenden Verlierer bilden anderseits das evolutionäre Reservoir, welches in den Wechselfällen der Natur die Überlebenschancen einer eng optimierten Spezies erhöht.

Jeder hat Grund zur Angst. Aber es gehört zur (evolutionär nützlichen) Naturausstattung des Einzelnen, die Gefahren zu unterschätzen.

Die vielerlei Einzelschicksale überblendet uns das Gesamtbild (wie dem Bewunderer von Naturschönheit) und „der Nächste“.

Sinn gibt es nur lokal. Die Zunft der Globalisten (Theologen, Philosophen) bildet eine eigene kleine Welt. Der einzelne aber auf der Suche nach Globalorientierung ist ernster dran. Die Natur hält ihn an seinem Körper als seinem ersten und letzten Standpunkt fest. Von hier aus hat er seine Chance.

Das Leben ist nicht nur chemisch ein autokatalytischer, sondern auf allen Ebenen ein selbstverstärkender, lange redundanter und dann immer wieder höher (Tiere, Menschen, Erfindungen) und voraussetzungsvoller sich organisierender, zunehmend selbstgefährdender Prozeß.

Leben ist Aufrechterhaltung und Konzentration von lokaler Ordnung im Chaos, von Unwahrscheinlichem im Chaos des Wahrscheinlichen. Erfolgreiches Leben ist deshalb weitgehend Suchen und Umordnen. Das Tier sucht. Die Chancen, beim Suchen etwas Brauchbares zu finden, sind entscheidend abhängig von den Suchstrategien. Das menschliche Individuum entwickelt Suchstrategien und Projekte im Dienst des besonderen Lebensprojekts, das seine Persönlichkeit charakterisiert und seine Kräfte organisiert. Zur Verbesserung der Suchstrategien gehört Untersuchen, re-search, Kennenlernen, Vertrautwerden mit der Umgebung auch im Einzelnen – nach Maßgabe der Wahrscheinlichkeit, daß man da etwas zu suchen hat.

Die Romantik feierte bis zum Überdruß die Klage der Liebes-Sehnsucht des Einzelnen. Zugrunde liegt das Leiden am Chaos an der Front des Lebens.

Das Leiden der einzelnen Kreatur beruht allgemein auf dem Mißverhältnis zwischen innerer und äußerer Möglichkeit. (Elementar, ohne bewußtes Leiden, erscheint dieses schon in dem Zahlenverhältnis zwischen Keimzellen und Nachkommen, das erst angesichts der äußeren Lebensbedingungen der ganzen Spezies rational ist.)
Die innere Möglichkeit gehört zu meinem Selbst; ich habe sie nicht, ich bin sie. Durch die wechselnden äußeren Möglichkeiten wird ein stabiles System ständig aus dem Gleichgewicht gebracht. Das Individuum wird, meist sub­optimal[4], frustriert, oft zum aktuellen Schutz seiner Gesellschaft vor dem überbordenden Potential des Individuums, und wohl auch zum langfristigen (schwer abzuschätzenden) Vorteil der Art.

Die klassische Vorstellung von den ideal angepaßten Spezies beruht auf guten Beobachtungen, ist aber ein antiker Rest von kosmos-Glauben, wie er teils im biblischen Schöpfungsglauben, teils in der griechischen Naturphilosophie Gestalt gewonnen hatte. Die Evolution als Geschichte ständiger, wenngleich sprunghafter Anpassungsarbeit profitiert von früheren Anpassungsformen, ist aber ebendadurch auch anpassungsbehindert!

Evolutionen, die große selektive Vorteile bieten, werden schließlich gesichert durch genetische Absonderung: eine neue Spezies.

Konrad Lorenz’ kollektivistische Interpretation des evolutionären Selektionsvorteils war rein biologisch falsch, war aber nicht ganz falsch: Die Bedeutung des Darwinismus für die „Meme“ verleiht der kollektivistischen Perspektive für die Gene wieder Bedeutung. Bereitschaft zum Selbstopfer kann, unabhängig von der genetischen Erbfolge, in einem Kollektiv, das Opfer wirklich ehrt, überleben.

Der Geist phantasiert. Er simuliert Alternativen zur Wirklichkeit; er setzt sie als Möglichkeiten zu dieser in Beziehung und erhöht damit die Lebenschancen des Subjekts.

Für symbolische (ideelle) Bestimmungsgründe muß das Subjekt von den animalischen her unterdeterminiert sein. Darauf bezieht sich das philosophisch ungeschickte Interesse an der „Willensfreiheit“.

Ein System (Individuum, Spezies), das sich an eine unberechenbare Umwelt anpassen muß, braucht für die Erfindung von Strategien eine gewisse interne Unberechenbarkeit.

Man gesellt sich und aus Lebensglück macht man Kinder.
Man kämpft für sie.
Man organisiert sich.
Gemeinsam weiß man auch immer besser, wogegen man kämpfen muß.
Der große Pudding schwingt chaotisch
und zerreißt in unregelmäßige Stücke.

Im Schwimmen – einer phylogenetisch wohlbegründeten Metapher des Lebens – sind Kampf gegen und Kooperation mit den Elementen vereinigt. Wir schwimmen in der Gesellschaft durchs Leben.

Zufällige Barrieren können, im inhomogenen Meer der Evolution, neue Varianten gegen (unter den gegebenen globalen Umständen) stärkere Varianten abschirmen, so daß lokal augenblicklich Schwächeres Zeit bekommt, sich zu Lebenstüchtigkeit zu entwickeln. Auch so begünstigen Zufälle systematisch die Morphogenese.

Für den Lebenswillen wiegt ein Bißchen Glück viel Pech auf.

Das Leben ist scheußlich und doch ansprechend, immer wieder rührend.

Die Vielfalt der lebendigen Natur illustriert dem Menschen ermutigend die überraschungsvolle Vielfalt von Lebensmöglichkeiten auch für ihn und die Seinen. Und wer sich dankbar mit dem Leben identifiziert, kann auch ohne Panik mit der Möglichkeit des eigenen Scheiterns leben.

Das Individuum ist eine Treuhandgesellschaft für viele Gene. Koalitionen sind auf allen System­ebenen wichtig.

Das Lebewesen liebt sein Leben. Um dessentwillen muß es auch etwas um sich herum lieben; das höhere Lebewesen muß zur Erhaltung der Art seine Umwelt pfleglich behandeln.
3 /4 der Zeit, die es Leben auf der Erde gibt, waren es blaugrüne Algen. Bildet man diese ganze Zeit auf die 24 Stunden eines Tages ab, so finden sich Menschen in der allerletzten Sekunde. Wir sind eine voraussetzungsvolle Spezies.

Das Leben fließt ruhig, aber unaufhaltsam durch uns hindurch. Wir fließen durch die Welt. Es fällt uns aber schwer, Subjekte als Prädikate zu verstehen und die Zeit in verschiedenen Größenordnungen zugleich (sich selbst als Teil des Ganzen) zu empfinden.

Im Leben spielt Sinn gegen Sinn. Es ist chaotische Vervielfachung sinnvollen Aufbaus. Zur Zerstörung durch die Umwelt hinzu tritt gegenseitige Zerstörung des sinnvollen Lebendigen.

Auch der Mensch ist ein Verbrauchsartikel. Es fragt sich nur, wer wen zu was gebraucht. Jeder sollte möglichst autonom, aber umsichtig, sich zuversichtlich verbrauchen (und verbrauchen lassen) können.

Wir sind zum Mitschöpfersein genötigt.

Es gibt eine Grund-Fürsorglichkeit im Gen-pool (ja über diesen hinaus) insbesondere für die Jungen, – die allerdings oft durch zuwiderlaufende Tendenzen überlagert ist.

Narzißmus ist in aller Regel unrealistisch. Er ist das psychische Korrelat nicht zum Realisierten, sondern zur winzigen Chance größten Gewinns im Lotto von Phylogenese, Kulturgeschichte und Biographie. Diese raren Treffer allerdings sind für die Geschichte des Lebens wesentlich!

Wir haben nicht nur Angst. Alles Lebendige ist wirklich verletzlich und ständig gefährdet!

Seine unglaubliche Anpassungsfähigkeit und Stabilität verdankt das Leben im ganzen und im einzelnen seiner hochdimensionalen mittleren Unbestimmtheit.
Das ist forschungsstrategisch lehrreich: Man muß nicht starr und nicht lax, sondern mit Umsicht und Augenmaß nach der adaequatio rei ac intellectus streben.

Leben ist konzentrierte Unvorhersehbarkeit.

Das real wachsende Mißverhältnis zwischen Vitalität der Massen und knappen Ressourcen droht immer wieder zu explodieren. Daran scheitert jeder Humanismus. Es bleiben uns Zynismus und tiefe Bescheidenheit.

Leben ist Mitspielenmüssen.

Überdifferenzierung bricht zusammen. Deshalb braucht das höhere Leben Fortpflanzung.

Die Rede von Zielorientierung der Evolution auf Selbstreplikation ist eine abkürzende Metapher: Subjekt ist der Gen-pool, ein unwahrscheinlich kompliziertes Wesen, das im Stande war, unter wechselnden Bedingungen in Konkurrenz mit den einen und in exaktem Verbund mit anderen sich zahllose Male zu replizieren. Selbstreplikation ist das stabile Ergebnis der nicht zielgerichteten Entwicklung eines Komplexes einfacherer Entwicklungen. Die scheinbare Zielstrebigkeit des einzelnen ist immer nur ein (die menschliche Empathie irreführender) Ausschnitt aus einem Kreisprozeß. (Daß dieser nicht ganz exakt ist, ermöglicht Evolution.)
Man erinnert sich an Aristoteles, der das Kreisen der Himmelskörper, zu denen wir bewundernd aufschauen, als beste Annäherung an die göttliche ewige Ruhe verstand.

Angesichts der genetischen Zufallsbasis und der undurchsichtigen Konkurrenz der Gene und Gengruppen untereinander, kann man nicht erwarten, für alles Phänotypische die Funktionalität zu finden.

Das einzelne Lebewesen hat ein unerhörtes Potential, das allermeiste aber verunglückt; ganz weniges glückt.

Das jüngste Gericht ist das Bild einer Katastrophe mit nur wenigen Überlebenden, die dann, im Paradies, von aller Konkurrenz befreit sind.
Wir alle sind Nachkommen von Geretteten aus einer Kette unzähliger Katastrophen der Erdgeschichte – mit entsprechender, angeborener, illusionärer Zuversicht gegenüber Katastrophen. Die Verunglückten sind verstummt.

Jugendmassengottesdienst (in Gütersloh) unter dem Motto Knocking on the Heavens Door. „Wir sind voll guten Willens; niemand wird wagen, das zu bestreiten. Petrus ist es seiner Reputation schuldig, uns aufzumachen.“ Wieder eine ahnungslose, von stabilen Verhältnissen verwöhnte Generation.

Leben ist konservative Ökonomie eines verschwenderisch dissipativen Systems.

Alles paßt mit allem nur ungefähr zusammen; alles tut allem Gewalt an. Darauf ist alles Lebendige eingerichtet.

Wir sind durch unauffällige Resonanzen mit einander verschmolzen. Wir verstehen einander erstaunlich gut, und wir verhalten uns immer wieder überraschend solidarisch.

Unsere Körperzellen arbeiten freiwillig zusammen. Jede trägt eine Vorstellung vom ganzen Körper in sich, wird ständig über den übrigen Körper hinreichend informiert und verhält sich entsprechend stabil angepaßt.
Diese Kooperation ist befristet, sie desintegriert.
Und sogar hat jede einzelne Zelle ein befristendes Lebensprogramm. Dieses körperliche Selbstmordprogramm bedeutet einen Selektionsvorteil. Es beschleunigt die Evolution, indem es Raum schafft für die nachrückende Zell-Generation im Organismus (und dann auch Organismus-Generation) mit ihren Entwicklungschancen.
Der Desintegrationsprozeß macht auf die gemeinhin übersehene Selbständigkeit aller Teile aufmerksam und auf den Organismus als Wunder.

Der Mensch ist ein bislang zunehmend erfolgreiches Naturprodukt. Das seit Jahrtausenden immer wieder vorausgesehene nahe Ende mit Schrecken verlief bisher doch immer wieder glimpflich.

Verschwendung gehört zur Ökonomie des Lebens. Leben ist ein Produkt der Verschwendung.

Das Suboptimale als Normalfall ist nötig für die Vielfalt und damit die Anpassungsfähigkeit und Stabilität des Lebens auf der Erde.

Jeder will μεταβάλλων ἀναπαύεσθαι.

Bezüglich der Evolution ist besser von Fortgang zu reden als von Fortschritt. Bezüglich der Geschichte hat das Leben um und in uns, – meist gefährlich, aber auch befristet stabilisierend und, dann und wann, herrliches, überwältigend Fruchtbares schaffend.

Der Mensch will auch selbst μεταβάλλων ἀναπαύεσθαι, sich weiter entfalten und also „im Wesentlichen“ (als Subjekt) erhalten bleiben.

Bezüglich der Evolution ist besser von Fortgang zu reden als von Fortschritt. Bezüglich der Geschichte hat Jacob Burckhardt das Fortschrittsschema durch die Kontinuität ersetzt. Das Neue schließt ans Alte an und macht es sich – ganz selten für einen Wechsel – zu Nutze.

Leben fließt geschützt in einer Landschaft voller Schwellen (C. H. Waddington).

Leben ist ein umfassender, hierarchisch hyperzyklischer Prozeß, eine Ausflockung des Chaos, eine Verdichtung von identitätsstiftenden, autokatalytischen Prozessen, auf allen Ebenen ein Versuch der Selbsterhaltung.

Das Leben ist ernst, ist Kampf. Verlauf und Erfolg sind in der Regel unsicher.
Als Spiel erscheint es nur aus sicherer Distanz. Die distanzierte Betrachtung kann allerdings nützliche Erkenntnisse einbringen.

Leben ist jedermanns eigener symbolischer Weg in sein Nichts, Grund zu Bescheidenheit als einer Anpassungs-Dauerform.
Alles ist Symbol der Aufgehobenheit meines Zu-nichts-Werdens im Sein.

„Böse“ Einschüsse gehören zum Leben. Es kommt drauf an, wie man sie verwindet. Das Beste ist ein „Ja“ zum Vielerlei!

Das Leben braucht Stabilitäten und Verknöcherungen und bricht sie immer wieder auf.

Manfred Eigen macht darauf aufmerksam, daß die Begrenztheit der Möglichkeiten der Selbstorganisation einer kooperativen Höherorganisation den Boden bereitet.
Bestimmte

Feste Parameter erst ermöglichen Selbstorganisation. "Das Gesetz erst [scil.: Die Beschränktheit der Möglichkeiten der Selbstorganisation] kann uns Freiheit geben." (Goethe)

Der Sinn des Lebens ist: In blindem Glauben Weitermachen. Wie die bisherige Geschichte lehrt, fordert gerade dies höchste Kreativität!

In historischer Zeit haben die kognitiven Fähigkeiten sich beschleunigt entfaltet und leistungsfähige kognitive Servosysteme entwickelt. Heute fragmentiert sich unsere Lebenskompetenz bedrohlich, und die Stücke passen nicht zusammen. Die Kulturgeschichte wächst sich aus zur Naturkatastrophe.

Das Wunder des Lebens beruht auf der Stabilität der Elemente, die die Akkumulation von Unwahrscheinlichkeit ermöglicht.

Der Stoff-Wechsel des Systems erhält die Identität des Lebewesens.

Offene dynamische Systeme erodieren die eigenen Grundlagen. Sie erhöhen die Entropie der Systeme, denen sie ihre quasi-stabilen Parameter verdanken. Das gilt auch für Individuen, Gesellschaften, Kulturen und Ökosysteme.

Das Leben schmückt ein kleines Stück des großen Weges der Entropie von maximaler Information zu maximaler Wahrscheinlichkeit. Aber das ästhetische Bedürfnis ist auch moralisch wegweisend: Wir sollen, für uns selbst und die andern, das kleine Wegstück zwischen Geburt und Tod, von der bedrängenden Evidenz ins entlastende Nichtwissen, schmücken.
Die Schönheit des Selbst und der Welt ist schadhaft und soll gepflegt werden. Auch wohl am häßlichen Leiden kann die wahrste Schönheit wachsen.

Nur selbstausbremsende Systeme sind stabil.

Man muß physisch manches mit sich geschehen lassen, wozu man seelisch nicht gerüstet ist. Manchmal wiederum muß man Hoffnungslosigkeiten aus rein physischen Ressourcen durchhalten.

Nicht jede immer wieder realisierte Möglichkeit in der unverzichtbaren Streubreite des Lebens muß funktional sein.

Die Erfolgswahrscheinlichkeiten für das einzelne Lebewesen sind bescheiden. Bei den höch­sten Tierarten aber können die einen aus Erfolgen und Mißerfolgen der anderen lernen, und so können hier auch Mißerfolge in einer Erfolgsgeschichte fortwirken.

Es gibt nicht nur träge Masse, sondern auch den Konservatismus stabiler Strukturen. Das Leben geht individuell und kollektiv, höchst lebendig selbstverstärkt weiter – aus Trägheit. Die Trägheit des Lebens ist das Weiterleben. Das kann unter den sich wandelnden Umständen allerdings kein linearer Prozeß sein; es muß immer weiter schöpferisch sein.

Kreativität ist ein nützliches, wenn nicht gar unerläßliches Epiphänomen in einem ungenauen selbstreproduzierenden Supersystem (Spezies).

Die zyklische Struktur des Lebens erscheint als Wille zum Leben.

Das Leben ist letztlich auch mörderisch; aber im Vorfeld ist es, im Interesse der Selbsterhaltung, auch inhibitorisch: Zur Natur – nicht erst des Menschen – gehören Moral und Kultur.

Die Evolution des Lebendigen wurde zunächst als schnelle Schöpfung einer – dann im Wesentlichen unveränderlichen – Welt vorgestellt.
Der Entstehungsprozeß war aber lang; ein Geflecht von unzähligen Prozessen, von denen jeder seine Epochen schneller und quasistabil-langsamer Veränderung durchlaufen hat.
Wir entdecken Perfektionen des Lebendigen nur in relativ einfachen Zusammenhängen. In der ungeheuren Vielfalt der Zusammenhänge ist der natürlichen Zuchtwahl* ein Optimieren nur bezüglich partieller Ziele möglich. Wie in den meisten Computerprogrammen, sind in den Organismen – so auch in Leib, Seele (und wohl auch Geist) des Menschen – viele funktionslos oder gar dysfunktional gewordene Elemente aus den Zufällen der bisherigen Entwicklungsgeschichte stehen geblieben. Irgendetwas davon kann unerwartet auch wieder nützlich werden.

In dieser Welt der Kompossibilität* ist nicht Gesundheit, sondern Krankheit normal.

Das Leben ist höchst voraussetzungsvoll und hat Anlagen in unzähligen Richtungen. Entsprechend hat es unergründlich reichen Sinn; aber es hat keinen Zweck. Es kennt nur allerlei Zwecke, sinnlose und sinnvolle.

Jeder Lebendige hat Rettungserfahrungen in seiner eigenen Geschichte und in der seiner Vorfahren. Wer Hoffnungslosigkeit vertreten könnte, ist nie geboren worden oder tot. Zuversicht ist uns also angeboren.
Aber dieDie Erinnerung an die Toten kann unserer Zuversicht realistischen Ernst vermitteln.

Die behagliche Zuversicht (oder Grandiosität) des primären Narzißmus repräsentiert im Individuum die offenen Möglichkeiten der Evolution.

Oft möchte ich Calderon präzisieren: Ich muß ein schlechtes, demoralisierendes Theaterstück mitspielen! Aber wenn ich mich erholt habe, bekomme ich Lust, in diesem Stück zu extemporieren.

Das Leben beruht auf Kooperation und Konkurrenz, ein mittleres Chaos im großen Chaos. An welchen Punkten Konkurrenz, an welchen Kooperation sich durchsetzt, entscheiden oft zufällige, winzige Nebenumstände.

Ich bin dem Leben meinen Tod schuldig.

Nicht Objektivität, sondern nur Begeisterung, Objektivität mit einem illusionären, vital-narzißtischen Hof, versteht das Leben. Nur Begeisterung für irgendetwas kann über die Entsetzlichkeiten hinwegtrösten. (Man kann sich auch für Objektivität begeistern.)
Nur Begeisterung kann mit dem Leben lebendig umgehen, nicht Heteronomie.

Das Lebendige liebt das Leben. Leben konzentriert Ordnung. Je höher die Konzentration, desto instabiler. Die innere Organisation der immer zahlreicher immer fester, immer energieaufwendiger eingebundenen Elemente, zusammen mit der System-Umwelt, kann, in exponentiellen Prozessen, das gewaltigste, komplexeste System immer wahrscheinlicher unversehens zum Einsturz bringen, d.h. vereinfachen.

Der außenstehende Beobachter verliert leicht aus dem Auge, daß die Leidenden oft in ihrer Not besser leben, als er es könnte, und daß in jedem Leidenden zutiefst Hoffnung lebt. Lebewesen (und Menschen) sind so eingerichtet. In den Überlebenden ist diese Hoffnung naturgeschichtlich (und geschichtlich) begründet. Sie erklärt auch den rätselhaften Überschuß an gutem Willen.

Man muß sich durch einen Freund ein Stück vom "eigenen" Wege abbringen lassen.
Das gilt insbesondere zwischen Mann und Frau. Wo soll sonst das Kind zwischen Mutter und Vater sich abgucken, was lebendige Identität ist?
„Geprägte Form“ entwickelt sich nicht gefahrlos "lebend".In den Überlebenden ist Hoffnung naturgeschichtlich (und geschichtlich) begründet. Ihre lange Vorgeschichte erklärt auch den rätselhaften Überschuß an gutem Willen.

Man muß sich durch einen Freund ein Stück vom "eigenen" Wege abbringen lassen.
Das gilt insbesondere zwischen Mann und Frau. Wo soll sonst das Kind zwischen Mutter und Vater sich abgucken, was lebendige Identität ist?
“Geprägte Form entwickelt sich“, trotz Goethe, nicht gefahrlos „lebend“. Wenn der andere sehr anders ist, wird es abenteuerlich; aber vielleicht kommt etwas besonders Gutes dabei heraus.

Darwins Selektion setzt nicht nur einfachen Zufall voraus (wie noch Jacques L. Monod dachte), sondern Selbstorganisation.

Was die Sexualität, die große Evolutionsfördererin, begonnen hat, systematisch zu tun, nämlich Bewährtes zufällig zu rekombinieren, tut der Geist im Großen: Angeregt durch die Umwelt, namentlich durch andere Geister, rekombiniert er ständig. Der Geist führt die Entwicklung der Person in einem Wechselspiel von Expansion und Kontraktion, Versuch und Selektion. (Freud nannte das Denken ein Probehandeln.)
Das meiste geht bald wieder unter; aber ein hinreichender Bruchteil ist so weit entwicklungsfähig, daß unter den Produkten (usw.) immer wieder einmal eine Variante von Kopien enorm durchsetzungsfähig ist.

Das Individuum ist ein kurzlebiges und kurzfristig ein entscheidendes Subsystem, seinerseits eine dynamische Mischfigur aus Systemen verschiedener, teils längerer, teils kürzerer Lebensdauer.

Das Leben ist ein höchst voraussetzungsvolles Grenzphänomen; und unsereins gibt es wohl nur auf der Erde. Aber die morphogenetische Dynamik des Universums, an der wir wahrnehmend und denkend teilhaben, tröstet. Der Biologe Stuart Kauffman schrieb in diesem Sinn sein Buch: At home in the Universe (1995).

Unvorhersehbarkeit schützt das Lebewesen in seinem Kampf um sein Dasein vor Ausbeutung.

Die junge Drossel irrt herum, ängstlich-wagemutig – das Leben. Yearning.

Besinnung auf Gott kann ein folgenschwerer Eingriff in die chaotische Automatik unserer Lebensabläufe sein, der aber die Chaotik nicht aufhebt.

Leben ist inter-esse.

Qual stimuliert zu Durchbrüchen, meist regressiven Sprüngen (Vereinfachung, Störung der Autoregulation), die manchmal im zweiten Schritt Fortschritte ermöglichen.

Die Überzahl der Unglücke erinnert daran, wie unwahrscheinlich das Glück ist, das wir begehren. Man muss bedenken, aus welch furchtbaren Tiefen und wie langsam gewachsen ist, was uns erfreut!
Zum Handeln aber müssen wir Chancen sehen; darum verengen wir unsern Horizont.

Die Erkenntnis von „Strukturen“ im Zuge des Fortschritts der Wissenschaft ist Anpassung an die Umwelt; Evolution unserer Spezies, Selektionsvorteil.

Die Unterschätzung der eigenen Risiken ist statistisch nachgewiesen. Sie gehört zusammen mit der übermäßigen Reproduktionsrate. Sie macht wagemutig bis tollkühn und beschleunigt, auf Kosten des Individuums, die Evolution der Spezies.

Lebensfreude tendiert zum Übermut; und der ist lebensgefährlich. Darum wird erzieherisch so viel Lebensfreude zerstört.

Der Sinn des Lebens ist Schönheitspflege. (Man besinne sich, was Schönheit ist!) Die Geschmäcker sind verschieden; das macht die Aufgabe zu einer anspruchsvollen Herausforderung. Es geht um die komplexe Schönheit eines „guten“ Umgangs mit den (mehr oder weniger unschönen) Gegebenheiten, – biblisch: eines „schönen Werks“ (καλὸν ἔργον)!

Leben ist ein ständiger Austauschvorgang – mit Unähnlichem (Atem, Stoffwechsel) und Ähnlichem (Sexualität, Signale, Geselligkeit). Das Ungefähr ist das Medium des ständigen, zart schöpferischen Prozesses der wechselseitigen Anpassung des Lebendigen. Dieser setzt Sensibilität voraus. Intimität wiederum ist gefährlich; sie ist Austausch von Innerstem. Deshalb geschieht sie nur mit Ähnlichen.

Gezielte Bosheit ist nicht nur Reaktion auf vergangene und gegenwärtige Umwelt! Die Evolution bringt auch spontane Bosheit, sowohl chronische wie aktuelle, hervor. Denn diese kann der memetischen wie der genetischen Spezies nützen.

Wir kämpfen nicht nur gegen einander; wir kranken an einander!

Lebensfreude muß natürlicherweise nur fürs Weiterleben reichen.

Man kann kein Lebewesen teilnahmslos sterben lassen.

Das höhere Leben entwickelt auch nützliche starre Strukturen (Knochen, Institutionen).

Leben ist Wellenreiten.

Destruktion

Man kann drohende Katastrophen nur verschieben – zeitlich oder „seitlich“ (in ein anderes Subsystem).

Man kann, im Sinne der herrschenden Definition von „böse“, böse sein wollen in dem Gefühl: „Es tut mir gut, böse zu sein und Böses zu tun.“ Im Augenblick mag dieses Bösesein total glücklich machen; aber soweit einer offene Sinne hat, merkt er bald: Es ist nicht so komfortabel, böse gewesen zu sein.

Ein stabiles dynamisches System enthält negative Rückkoppelungen; und das ist oft: Zerstörung.

Sorge: Man reibt sich grübelnd an einer Gefahr, der man noch nichts Wirkungsvolles entgegenzusetzen weiß. Ärger: Man reibt sich an Widerständen. Reibung ist ein auch konstruktiv wichtiges Phänomen; sonst liefe alles wie auf Eis.

In hochmobilen Zeiten wird jeder Einzelne stärker vereinzelt, gefährdet und geängstigt. Die Angst konzentriert die Kräfte der Einzelnen mithilfe von Versimpelungen und Rücksichtslosigkeit. Lassen sich die Versimpelungen gleichrichten, kommt es zu totalitären Explosionen.

Es ist erstaunlich, wie viel Gekränktheit latent verbreitet ist. Und Kränkung verlangt nach kränkender Vergeltung.

Die lang bewährten Ideologien sind die elaboriertesten und trägsten Vereinfachungen. Aber jede Vereinfachung kommt einmal an die Grenze ihrer Tragfähigkeit; und dann stellen sich Primitivismen ein.

Die konkurrierenden Massenmedien kommen den Wünschen des Publikums möglichst weit entgegen. Enzensberger nannte das Fernsehen das korrupteste aller Medien. Indem es illusionäre Erfüllung primitiver Wünsche[5], Schwindel bietet, nimmt es den Leuten die Präzisierung ihrer Wünsche, und damit die realistische Reflexion ab.
Die Massenmedien machen die Illusionen zu sozialen Tatsachen. Ohne zu wissen, wieso, fühlt sich der darauf angewiesene Konsument auf die Länge "beschissen" und "verarscht"; er wendet sich mit diffuser Wut ab – hinaus in die Öffentlichkeit (aus welcher die Sendung kommt), – wo er sich entsprechend destruktiv benimmt. (Bierflasche auf die Straße, Vandalismus an öffentlichen Telephonen, Automaten, Bänken; Mißhandlung von Hilflosen und irgendwie Fremden, etc.).

Wenn die soziale Symbolik verbraucht ist, droht Kulturrevolution.

Das Freud'sche "Unbehagen in der Kultur" (die immer ihrerseits verschwiegen barbarische Seiten hat), äußert sich als Bürgerkriegssehnsucht in der Provokation von Zusammestößen mit der Polizei.

Äußere Umstände können uns innerlich beschädigen. Die Schadensfolgen sind abschätzbar; aber wie es wirklich weitergeht, ist voller auch positiver Überraschungen. Zum Beispiel scheint künstlerische Leistung oft Verarbeitung von seelischen Verletzungen zu sein.

Menschlichkeit ist ein schwacher Begriff. Es gehört wesentlich zum Menschsein, sich von Menschen desidentifizieren zu können, als wären sie keine Menschen, wie auch, sich mit nicht-menschlichen Lebewesen und sogar Dingen identifizieren zu können. Die zufälligen Impulse der Selbstentfaltung in diesem Freiheitsraum werden einigermaßen reguliert durch Konvention, Tradition, Kommunikation und Vernunft.

Soldatentod steht ursprünglich nur für den Kreuzzug unter kirchlicher Vergebung. So folgen fast alle Kriege der Kreuzzugslogik.

Die meisten empfinden die meisten als überzählig, surplus people (Richard Rubenstein), – ein instabiler Zustand!

Man soll Zerstörung nicht wünschen; aber wenn andere lustig bauen und einem selbst in aller Unschuld der Weg verbaut wird (was in der Enge der Verhältnisse leicht passiert), wünscht man sie doch.

In Erziehung, Strafe und Geburtenregelung ist Destruktion zu intraspezifischer Aggression kulturell umgestaltet.

Bereitschaft zum Töten setzt, zum Abbau von Hemmungen, vielerlei voraus:
A. staatlich (Militär, Polizei, Strafvollzug): eine Kaskade von Gefahren, Verführungen und Zwängen vom eigentlichen Anlaß über viele hierarchische Stufen, Schreibtische und Kommandostellen bis zum ausführenden (nur noch:) „Organ“.
B. allgemein:
1. indirekte Methoden (längere Wirkungskette),
2. Legitimierende Ideologie,
3. Kampfspiele und -übungen,
4. aufgeputschte Stimmung.

Ungesunde Umwelt und Krankheiten werden schließlich die – zivilisiert und leise effizienten – Exekutionsmechanismen sein, die immer wieder irgendwo und endlich überall das katastrophenträchtige Bevölkerungswachstum zurückschneiden.

Zwischen Selbst und Nichtselbst gibt es das breite Spektrum der Zugehörigkeit, des Teilhabens, von der primärnarzißtischen Identität bis hin zur fast totalen Desidentifikation und Affektneutralität, wo Töten und Zerstören schmerzfrei und moralisch irrelevant wird.
Dieses letztere Extrem ist gefährlich, aber in begrenztem Umfang unerläßlich. Tierschutz ist keine bäuerische, sondern eine städtische Bewegung, nicht von Armen, sondern von Besser­gestellten. Das Restproblem wird in gewissen Jägerkulturen animistisch-religiös bewußt gehalten.

In modernen Wetternachrichten kann vom „Tief Heinrich“ gesprochen werden. Es ist ein diffus begrenztes, aber zentriert organisiertes, organisierendes Wesen, Individuum einer Spezies, die allerdings immer neu (sozusagen durch Urzeugung) entsteht.
Das postmoderne Individuum versteht sich offenbar wieder stärker als Naturerscheinung.

Wo Neues gebaut werden soll, wird vorbereitend normalerweise mehr kaputt gemacht als nötig. Junge Männer machen viel kaputt, was ihnen später Leid tut.

Der „Heilige Krieg“ ist ein biblisches Konzept. Bei den alten Griechen war Ares ein olympischer Gott, wenngleich ein verhaßter!

Immer fällt Sand ins Getriebe. Im technischen Zeitalter kommt es zunächst darauf an, anzuerkennen, daß das normal ist!

Höhere Lebewesen leben unverzichtbar auch von Gewalttätigkeit; auch der friedlichste Mensch – er indirekt. Hier droht moralischer Selbstbetrug.

Das Nein der Gesellschaft und das Überich sind Kulturformen der biologischen Selektion.


Inhalt

I. Evolution 1

II. Umwelt 5

III. Leben 10

IV. Destruktion 23

V. Inhalt 28



[1] Von Heraklit wird überliefert: Αἰὼν παῖς ἐστιν παίζων („die Weltzeit ist ein Knabe, der spielt“; die Tradition denkt an ein Brettspiel), παιδὸς ἡ βασιληίη („ein Kind ist König“; unausgereifte Pläne beherrschen die Weltgeschichte).

[2] "Bewahrung der Schöpfung" ist ein grandioser Ausdruck für Naturschutz.

[3] Baudelaire über Vegetation!

[4] Ich erinnere an Kohuts therapeutisches Prinzip der „optimalen Frustration“.

[5] Die Grandiosität wird auch durch Mobilisierung des globalen Verantwortungsgefühls befriedigt mit Darstellungen des Leidens fremder Menschen allenthalben. Hier werden Illusionen über die realen Handlungsmöglichkeiten gefördert.