Thomas Bonhoeffer


Streit um die Rechtfertigungslehre ­ heute1?

von Thomas Bonhoeffer, Bochum

(Die soziologische Herausforderung) Nicht nur verliert die staatliche Identität für den Bür-
ger an Bedeutung; die Steuermoral sagt genug über die Staatstreue. Alle großen ideologischen
Gruppierungen, Parteien, Gewerkschaften und Kirchen, leiden unter Mitgliederschwund. Das
nachchristliche Zeitalter ist schon länger ausgerufen; es wird von der Finanzmisere der Kir-
chen bestätigt. Auch die Kirchen stehen unter erhöhtem Legitimationsdruck.
Die Globalgesellschaft ist eine zerklüftete Einheit. Manch aufmerksamer Zeitgenosse fürch-
tet einen Weltbürgerkrieg. Ein Schwund allgemeinverbindlicher Moral wird vielstimmig be-
klagt. Hier sollen nun die Kirchen etwas bieten. In diesem Sinne täten sie gut daran, vorbild-
lich ihre ideologische und institutionelle Zerklüftung zu überwinden, die ohnehin vom mo-
dernen Kirchenvolk nicht mehr so ernst genommen wird.
(Institutionelle Reaktion) So haben denn evangelische und katholische hohe Repräsentanten
kirchlicher Theologie jahrelang gearbeitet an einer Einigung über den nach reformatorischer
Überzeugung zentralen, in beiden Kirchen aber inzwischen fast vergessenen Streitpunkt der
großen abendländischen Kirchenspaltung. Endlich haben der Lutherische Weltbund und ein
päpstlicher Rat sich auf eine "Gemeinsame Erklärung zur Rechtfertigungslehre"2 geeinigt.
Sie stellt "einen Konsens in Grundwahrheiten der Rechtfertigungslehre" (leider fern der ein-
gangs verheißenen "gebotenen Präzision") dar. Man findet in den Verschiedenheiten, wie sie
hier einvernehmlich dargestellt sind, keinen Grund zur gegenseitigen Lehrverurteilung mehr.
Eine katholisch-lutherische gemeinsame Erklärung über die Rechtfertigungslehre stellt si-
cher einen Fortschritt in den interkonfessionellen Umgangsformen dar; inhaltlich aber ist ge-
genüber dem klassischen status controversiae kein Fortschritt festzustellen. Der Papst spricht
von einem "Augenblick der Gnade": Der protestantischerseits immer angegebene alte Haupt-
punkt scheint kein Grund mehr für eine Abspaltung zu sein. Die nächste römische Anfrage
müßte logischerweise lauten: "Können die restlichen Differenzen euch nun noch hindern,
heimzukehren?"
1
Das am 11. April 1998 abgeschlossene Ms. wurde im August 1999 leicht überarbeitet.
2
Datiert vom 18. Februar 1997, veröffentlicht z.B. in epd-Dokumentation Nr. 46/97 (27. Oktober 1997), S. 21-28
Mit dem Papst können auch die Lutheraner sich wenigstens freuen, dem Druck der öffentli-
chen Erwartung an die christlichen Kirchen entsprochen zu haben. Man würde jetzt als mora-
lische Instanz öffentlich mit mehr Gewicht auftreten können.
(Relevanzfrage) Und das wäre wohl auch aus kompensatorischen Gründen zu wünschen.
Den praktischen Theologen bedrängen nämlich bei der Lektüre der Erklärung ein paar Fra-
gen: ob es wirklich nur an der Natur eines Konsenspapiers liegt ­ ob der Kern des Christen-
tums je so langweilig gewesen sein kann; oder ob diese prestigiöse Erklärung, trotz aller alten
Kernvokabeln, am Kern vorbei geht (auch das wäre besorglich) ­ oder ob denn doch das
Christentum den Weg alles Fleisches gegangen und mit der Zeit langweilig geworden ist?
Kaum ein evangelischer, geschweige katholischer Christ fühlt sich ohne eine gute Portion
Gelehrsamkeit heute von den bizarren "klassischen" Überlegungen und Argumentationen an-
gesprochen, die einst unter dem Titel "Rechtfertigungslehre" verhandelt wurden. Diese alten
Präzisierungen sind denn in der Gemeinsamen Erklärung auch beiseite gelassen worden. Wir
haben andere Fragen, in welchen wir unsere Ängste artikulieren, und andere Antworten, die
uns beglücken. Handelt es sich also hier um ein wohlverdientes ökumenisches Staatsbegräb-
nis für eine längst Verblichene?
(These) Es gibt evangelische Fachgelehrte, die entschieden dagegen sind. Ihre Gründe mö-
gen verschieden sein. Den Grund, der auch mir besonders wichtig ist, möchte ich hier etwas
näher darstellen: Die Rechtfertigungslehre ist nicht einer unter vielen Glaubensgegenständen
der Kirche, sondern eine sachgemäße Erklärung des christlichen Sinns von Glauben über-
haupt, ­ gegeben allerdings in der Sprache des christlichen Abendlandes sel., die wir immer-
hin (wenn auch mit zunehmender Mühe) noch gut verstehen lernen können. Die Rechtferti-
gungslehre ist, kurz gesagt, das klassische Modell christlicher Hermeneutik.
(Wort und Kirche) Der Prediger, der in der Nachfolge eines Jesus und Paulus den Menschen
vor Gott rufen soll, muß, auch den kanonischen Schriften seiner Gemeinde gegenüber, etwas
wagen. Unvergeßlich ist Jesu: "Ich aber sage euch ..." Die neutestamentlichen Auslegungen
des Alten Testaments haben weder seinerzeit jedermann überzeugt noch überzeugen sie heute
jeden christlichen Alttestamentler. Luther nahm, wie auch Paulus, für seine evangelische Prä-
zisierung der Kirchenlehre den Heiligen Geist in Anspruch. Ernst Fuchs forderte nur (mit
Wilhelm Herrmanns Worten) den "sittlichen Ernst des Auslegers", und nannte seine Widersa-
cher in solchen Fragen gelegentlich "Trottel", d.h. Ausleger des Wortes Gottes mit verschla-
fenem Gewissen. Das weckte einige, überzeugte aber auch nicht jeden.
In der Paulus-Interpretation haben tüchtige evangelische Fachleute gelegentlich bezweifelt,
ob die Rechtfertigungslehre die zentrale Stellung habe, die die Reformatoren ihr zuerkannten.
Umso mehr kann man im Blick auf das ganze Neue Testament (geschweige die weitere Kir-
chengeschichte!) die zentrale Bedeutung der Rechtfertigungslehre bezweifeln. Im Zweiten
Petrusbrief (3
15) wird vor dieser "schwierigen" und gefährlich mißverständlichen Paulinischen
Sonderlehre ausdrücklich gewarnt, im Jakobusbrief (2
24) stracks widersprochen. Wenn man
im Sinne Luthers behauptet, die Lehre von der Rechtfertigung allein durch den Glauben an
Jesus Christus sei die Sache, von der sonnenklar die ganze Bibel rede (wogegen unleugbare
Verständnisprobleme im Détail nicht ins Gewicht fielen), so war und ist das eine Kühnheit,
für die man überzeugend argumentieren kann. Aber man kann die Überzeugung nicht argu-
mentativ erzwingen; und es sind nicht nur konfessionelle Scheuklappen, die an dieser Sicht
der Dinge hindern. Auch Luther kann man sichtlich so und anders lesen.
(Paulus) Sehen wir, nach diesen Vorbemerkungen, nun den Grundtext an. "So halten wir
nun dafür, daß der Mensch gerecht werde ohne des Gesetzes Werke, allein durch den Glau-
ben" hat Luther Rm 3
28 übersetzt. (Das "Allein" hat er zur Verdeutlichung sachgemäß hinzu-
gesetzt. Damit fällt ein stärkerer Akzent auf die Antithese zu den Werken. Paulus kommt
selbstverständlicher an den Werken des Thora-Gehorsams als Luther an den "guten Werken"
vorbei zur Hauptsache.) Es geht im Zusammenhang dieser Paulus-Stelle um Gottes Gericht,
insbesondere um den Befund, daß die Juden das ihnen von Mose gegebene Gottesgesetz
ebenso wenig halten wie die Heiden das ihnen ins Herz geschriebene Gesetz Gottes. Dieses
Problem nun verliert durch den Glauben an Jesus Christus seine entscheidende Bedeutung:
Unsere mit dem Gesetz sich aufdrängende Frage nach unserer Gerechtigkeit wird durch die
Offenbarung Gottes in Jesus relativiert.
Mit der Kreuzigung Jesu hat sich für die Jünger im menschlichen Wissen von Gott ein Ab-
grund aufgetan. "Theologie nach Auschwitz?" fragte man in unsern Tagen. Man hätte schon
die Frage "Theologie nach Golgatha?" stellen können. Was ist Gottes Wille, was ist mit Gott,
wenn Jesus so endet? Man hat die Frage damals so nicht gestellt; aber man hat sie beantwortet
mit einer total widersprüchlichen Gotteslehre, der Lehre von der Auferstehung, der Gottheit
Jesu, von Gott dem Heiligen Geist, der in die Herzen der Gläubigen ausgegossen ist, ­
schließlich mit der Lehre von der einen Gottheit in drei Personen. Das Gesetz als Offenbarung
des Willens Gottes ist durch Christus und seinen Heiligen Geist als Offenbarung Gottes ver-
drängt.
Die Juden, für die Paulus schrieb, hatten ihren Stolz als Gottes auserwähltes Volk im Ge-
horsam gegen die Thora; die "Werke" gehören in diesen Heilszusammenhang (vgl. z.B. Rm
2
25). Ihre Werke waren ihr Selbstsymbol. Alles, was der Mensch wirkt, ist Ausdruck seiner
selbst und kann ihm als Selbstsymbol, als Stütze oder als Bedrohung seines Selbstgefühls
wichtig werden. (Und jedes Werk des Menschen kann man letztlich als ein Bild seines Gottes
ansehen.) Mit ihren Werken sollten die Juden Gottes treue Auserwählte sein. Paulus sah diese
Partie als verloren an. Das gesetzerfüllende "Werk", in dem sie ihr Heil finden sollten, war,
nach Paulus, das ihnen zugeeignete Opfer Christi.
Die Nichtjuden, für die Paulus schrieb, hatten nicht alle ein vergleichbar identitätsstiftendes
Selbstsymbol mitgebracht. Die Korinther, die Paulus 1Kor 12
2 anspricht, waren im Götzen-
dienst identitätsspaltend Getriebene gewesen. Als ihr Selbstsymbol lassen die Paulustexte nur
Christus erkennen, ­ der auch als Geist in ihnen wohnt, dessen sie durch den Glauben teilhaf-
tig wurden (Gal 3
2).
Nur als Jesu durch den Glauben vermittelte Wirkung haben die gebotenen Werke, für den
Täter vor Gott, unvergänglichen Wert.
Darin, daß schon das Neue Testament einfach vom "Glauben" reden kann, wo doch der
durch den gekreuzigten Jesus bestimmte Glaube gemeint ist, kommt die Überzeugung zum
Ausdruck, daß unter dem Kreuz Jesu die Problematik von Glauben überhaupt deutlich gewor-
den ist. Unter diesem Kreuz hat die Menschheit die zentrale Bedeutung des Glaubens erfahren
und erkennen gelernt. (Die abgekürzte Redeweise einfach vom "Glauben" hat in unseren Ta-
gen dazu geführt, daß statt von Glauben von Grundvertrauen gesprochen wird. Die fundamen-
tale Problematik von Glauben und Vertrauen wird dann leichter wieder vergessen.)
(Hermeneutische Tragweite) Wenn dann aber der Glaube selbst geboten, als ein Werk, ja:
das gute Werk in allen guten Werken, erscheint und zentrales Selbstsymbol der Kirche ge-
worden ist, dann muß die Lehre von der "Rechtfertigung des Sünders ohne des Gesetzes Wer-
ke, allein durch den Glauben", auch auf den Glauben selbst angewandt werden. Der Glaube
an Jesus Christus als Werk muß "allein" aus dem Glauben kommen. Der Glaubensbegriff
wird evangelisch präzisiert: Der Glaube ist die befriedende, "rechtfertigende" Wirkung
Jesu auf uns. Wir bekennen ihn als "Werk", nämlich als Offenbarung, des verborgenen
Gottes.
(Glaube) Unser Glaube hat als gottgebotenes Werk so viel und so wenig Wert wie die ande-
ren Werke, die Gott geboten hat. Als gebotsgarantiert selbstverständlich gutes Werk wäre so-
gar der Glaube an Gott den all-liebenden Vater Jesu Christi Verkehrung des Glaubens in Göt-
zendienst. So ist wohl manche Variante des Glaubens der Aufklärungszeit zu beurteilen. Aber
das war kirchliches Erbe. Das Verdikt trifft auch manches katholische und evangelische
Kirchentum.
(Öffentliche Verantwortung) Die befriedende Wirkung Jesu kann nach Gottes Willen auch
ausbleiben. Auch dieses Selbstsymbol kann uns plötzlich leer lassen. Das Kreuz mahnt: Auch
das sollen wir dann bekennen und bedenken. Selbstsymbole sind "mit Furcht und Zittern" zu
gebrauchen, im wörtlichsten Sinne "prekär", Glaubenssache. Wir sind diese Ehrlichkeit auch
unseren Mitmenschen schuldig.
Die Rechtfertigungslehre ist zunächst kritisch zu beziehen auf alle kirchlich definierten gu-
ten Werke. Auch mit der allgemeineren Anwendung der Rechtfertigungslehre auf die allerlei
guten und schlechten Taten des Menschen bleibt man noch nahe am Paulinischen Text. An
Werken sind heute noch besonders künstlerische Leistungen oder sonstige "Lebenswerke"
Selbstsymbole.
Dem moralischen Menschen sind seine Werke natürlich die wichtigsten Selbstsymbole. Und
die landläufige Rechtfertigungslehre scheint (mit einem vielgelesenen Autor der ausgehenden
Neuzeit) vorauszusetzen: "Das Moralische versteht sich von selbst." Gewiß, in der Bibel setzt
das Neue das Alte Testament voraus mit seinem Gott, der besonders auf Recht achtet. Auch
im Heidentum stand das Recht in göttlichem Ansehen. Unter christlicher Relativierung er-
oberte die jüdisch-stoische Moral die Welt!
(Kulturgeschichtliche Herausforderung) Wir haben nun aber im 20. Jahrhundert einen kul-
turgeschichtlichen Paradigmenwechel durchgemacht vom Kosmos zum Chaos. Ich kann das
hier nur mit ein paar Hinweisen andeuten.
Die christliche Symbolik hat die Krise der modernen Unendlichkeit der linearen Extrapola-
tion vorausgesagt. Sie hat für das "Ende der Neuzeit" das apokalyptisch-deuteronomistische,
d.i. ein nichtlineares und insofern unheimliches, weil realitätsnäheres, Schema, bereitgehalten.
(Singularitäten waren schon aus der Antike bekannt; aber sie blieben vereinzelte Kuriosa,
weltanschaulich ungefährlich und unbeachtet, fest eingelagert in den Kosmos.) Die Predigt
pflegte die Sensibilität für die an den Rand geschobenen Probleme der Neuzeit. Erfinder der
modernen Mathematik, Stochastik und Differentialrechnung, wie Pascal, Leibniz, Newton,
Euler, waren kirchlich oder theologisch engagierte Christen.
Es kam dann aber doch ganz anders, als die Predigt gemeint hatte. Das wissenschaftlich
konsequente, lineare Denken geriet allerdings auf allen Gebieten in Erfahrungen mit Kipp-
Phänomenen; und das hat endlich das ganze Kosmos-Paradigma zum Kippen gebracht, dem
sie in ihrer zähen Systematik selbst verhaftet war. Die Neuzeit hatte aber auch Ansätze entwi-
ckelt, die Krise adäquat zu bedenken. Schon die Romantik hatte mit der dialektischen Philo-
sophie angefangen, das nichtlineare Verhalten komplexer Systeme rational zu thematisieren.
Und die Auseinandersetzung mit der Apokalyptik des Dialektischen Materialismus hat end-
lich auch den Offenbarungscharakter des christlich tradierten, biblischen Schemas öffentlich
relativiert.
Die grundstürzende astronomische Beobachtung machte Henri Poincaré Ende des letzten
Jahrhunderts. Zwei Weltkriege christlich-abendländischen Ursprungs folgten. Die Berühmt-
heit des deterministischen Chaos in den letzten Jahren krönte diese Entwicklung. Die Erfor-
schung dissipativer Systeme durch Ilya Prigogine hat das Verständnis der Unberechenbarkeit
von Systemverhalten, auch Entstehung von Ordnung, in Natur und Kultur entscheidend vo-
rangetrieben. Postmoderne Theoriebildung ist bescheiden. Man denke etwa an Karl Popper.
Im Respekt vor der globalen Wahrheit anerkennt sie nur pro tempore lokale Richtigkeiten.
Vollmundige Ideologien ­ es gibt auch sie noch und immer wieder ­ wirken naiv illusionär
(nicht nur islamische Fundamentalismen; auch das Christentum "der Amerikaner", jedenfalls
wie "der Europäer" es sieht).
Die sog. Neuzeit, bzw. dann "die Moderne" war die letzte Epoche des Kosmos-Paradigmas
gewesen. Und mit der Moderne endet auch ­ nicht das Christentum, aber das christliche Zeit-
alter. Aus kirchlicher Sicht und leicht apokalyptisch getönt, schrieb 1950 Romano Guardini
über das "Ende der Neuzeit" (neunte unveränderte Auflage 1965). 1996 publizierte der Wirt-
schaftsethiker Rupert Lay S.J. unter demselben Titel.
Die "post-moderne" seelsorgerliche Landschaft und damit die Aufgabe der christlichen Leh-
re ist verändert. Die Moderne ist durch "die Postmoderne" nicht beendet, sondern relativiert
(die postmoderne Mode verschleiert das). Die ernsthafte Assimilation unserer Probleme an
das so lang bewährte Paradigma wird immer aufwendiger und der Erfolg wird immer schwä-
cher. Zunehmend wird das griffige christliche Überlieferungsgut als spirituelles und kommer-
zielles Spielmaterial verwendet. Das blitzende Chaos reaktionärer Ordnungsrufe und wach-
sender begeistert autoritärer Bewegungen wiederum ist kein Lichtblick.
(Präzisierung der Relevanzfrage) Im Kosmos-Paradigma war Gerechtigkeit ein Name für
die Gottheit Gottes. Selbstverständlich wurden chaotische Phänomene und herrschendes Un-
recht schon immer wahrgenommen. Gerade die christliche Predigt hat dergleichen Verunsi-
cherungen immer ernstgenommen. Sie hat sie als Ruf zurück unter das Gesetz Gottes und das
(meist gesetzlich verstandene) Evangelium verstanden. Der Verständnishintergrund für solche
Wahrnehmung war die Heile Welt der Schöpfungsgeschichte, der Kosmos des Goldenen
Zeitalters. Davon hob sich Sünde und Verderben ab, wogegen das Gesetz des Bundesvolkes
wieder Recht und Frieden hätte geben sollen, mit der sabbatlichen Gottesruhe als Schöp-
fungskrönung. Die Sünde wurde zunehmend zur Gewissenssache. Dies ist der Verständnis-
hintergrund des durch Jesus gebrachten Friedens als Rechtfertigung. Daß die Rechtfertigungs-
lehre so in Vergessenheit geraten ist, hängt vielleicht damit zusammen, daß sie die Menschen
vor allem auf klassische Gewissensprobleme anspricht.
Heute verstehen sich Menschen weniger von ihren Taten und Werken her. Die von selbst-
entfremdendem Tun, Machen und Leisten Gestreßten sehnen sich nach Selbstverwirkli-
chung. Sie ist die moderne Gewissensforderung! Sie geht auf Wahrnehmung seiner selbst,
des eigenen Seins und Nichtseins, und auf Sich-entwickeln-Lassen statt Machen, auf die "Ge-
lassenheit", die der späte Heidegger philosophisch vorbahnte. Der christliche Widerstand ge-
gen das Projekt Neuzeit ist teilweise in die außerkirchliche Welt diffundiert. Man sucht Anlei-
tung zu einer menschlicheren Moral bei Indianern und Indern. Der kirchliche Gottesdienst
hingegen wird eher als "Gesetzeswerk" empfunden und gemieden,­ ein dem Einfachen, um
das es doch geht, unangemessener Apparat.
Unsere Werke sind uns eigentlich als unsere Abbilder, nicht als unsere Leistungen wichtig.
Wir stellen uns in unseren Werken als "gut" dar, nach dem Bilde unseres Gottes gebildet.
Häufiger aber als unser Tun, sind Dinge wie Kleidung und Konsum, Begabung, berufliche
Position, Macht, formelle Titel und Zeichen informellen Prestiges die Symbole, auf die man
stolz ist oder deren man sich schämt ­ ganz erstaunlich unabhängig von der Frage, die der
Glückliche sich stellen könnte, ob er all dies denn wirklich mit guten Taten so viel mehr ver-
dient hat als der Erfolglose (und umgekehrt). Die christliche Moralpredigt hat das bisweilen
Götzendienst genannt. Für Kirchenleute sind Sakramente und sonstige Zeichen kirchlicher
Zugehörigkeit Selbstsymbole.
(Relevanz) All dieses nun ist von der radikal verstandenen Rechtfertigungslehre
mitbetroffen, und zwar unmittelbar; ohne Umweg über eine vorausgesetzte Moral! Sie stellt
Gottes Werk nicht nur unserer Leistung, sondern unserer gesamten Selbstsymbolik gegen-
über.
Nichts gegen schöne Kleidung, kultivierten Konsum, verdiente Titel, wohlausgefüllte beruf-
liche Position und zu allgemeinem Nutz und Frommen gebrauchte Macht. Nichts gegen dank-
bare Gemeindezugehörigkeit. Nichts gegen die Frühlingsfreude um Pesach. Im Gegenteil! Die
christliche Hermeneutik stellt nur all unser Glauben, Bescheidwissen, Sein, Tun und Lassen ­
nicht unablässig, aber immer wieder ­ unter das Kreuz Jesu als die Frage Gottes, die uner-
wartet verheißungsvolle Frage Gottes. Die Rechtfertigungslehre sagt auch hier: Entscheidend
ist der Glaube, die Bescheidenheit, die dieser Bescheid über das Unsägliche bewirkt (das Un-
sägliche, das wir doch, jeder, wie er es je versteht, bezeugen sollen), dieser Letztentscheid
über unsere Selbstsymbole.
Diese Frage Gottes zieht uns nicht nur zur Verantwortung, sondern ins Gespräch; wir haben
mitzureden. Und diese Bescheidenheit hat immer einen eigenen moralischen Ausblick und
macht mündig gegenüber dem Urteil der Welt.
Diese Grund-Einschätzung äußert sich in mancherlei Form. Sie ist, nach so langer und brei-
ter Christusverkündigung, vermutlich auch kein kirchliches Sondergut mehr. Sie ist aus den
Kirchen hinaus leise in die Welt diffundiert, ­ wo sich ihre Symbolik (in einer Lebendigkeit,
wie sie schon das Neue Testament dokumentiert) mit ähnlichem Material aus anderen Quellen
vermählt. (Auch hier gibt es zweifellos unfruchtbare Ehen und Scheidungen. Die Ehe des
christlichen Glaubens mit dem Kosmos-Paradigma steckt in Schwierigkeiten.) Diese Welt ist
nicht mehr christlich, sie ist auch nicht einfach unchristlich; sie ist christlich geprägt, aber
postchristlich.
Ich denke, daß diese einfache Grundausrichtung auch das Kriterium ist, an dem die Kirchen
von denen, die mit Ernst Menschen sein wollen, gemessen werden. Der Dienst der Kirchen als
ethischer clearing-Stellen hat vielleicht einen gewissen globaldiakonischen Wert; aber hierin
sind sie prinzipiell ersetzbar. Ihre Besonderheit ist, institutionalisierte Erinnerung an Jesus zu
sein. Und diese ist jedenfalls eine Prise Salz in unserer oft faden Kultursuppe, eine unschein-
bare Bereicherung, die hier und dort bewußt dankbar wahrgenommen wird. (Man hat allzu
lange die Suppe leider prinzipiell versalzen.) Eine durch ihren Widerspruch zur Leistungsmo-
ral gerechtfertigte Rechtfertigungslehre hingegen trägt Eulen nach Athen. Eine solche Vertei-
digung der lutherischen Fundamentallehre neutralisiert ihren theologischen Sinn und triviali-
siert sie.
(Christlicher Glaube und Kirchen) Die Entwicklung des Glaubens in den lutherischen und
katholischen Kirchen ist nicht, was die kirchenamtliche Lehrentwicklung glauben macht. Es
ist beeindruckend, wie hüben und drüben der gelebte Glaube quer zu den alten Fronten
spricht. Die Christen sind in ökumenischer Bewegung in beiden Richtungen:
Vielen Protestanten ist, wie Katholiken, ihre Kirche die Heilsanstalt. Auch finden sie die ka-
tholische Rechtfertigungslehre nicht mehr schlimm. Die Himmelfahrt der Maria macht ihnen
kaum mehr Schwierigkeiten als die Himmelfahrt Jesu.
Umgekehrt, gilt der Papst ­ gerade der jetzt so strenggläubig amtierende
3! ­ vielen Katholi-
ken, gut lutherisch, als weltliche Ordnungsmacht, die man, nach eigenem, freiem Gewissen,
um des Friedens willen, in Gottes Namen gewähren lassen kann, auch wenn man oft für falsch
hält, was er sagt und macht. (Man hat dasselbe Problem mit anderen weltlichen Obrigkeiten.
Auch hier widerspricht man selten.)
Der gelebte Glaube ist zunehmend unabhängig von den offiziellen Kirchenlehren. Texte wie
diese Gemeinsame Erklärung können deshalb nicht mehr so wichtig werden wie Vergleichba-
res im 16. Jahrhundert. Theologie ist allerdings eine Funktion der Kirche, aber eine kirchen-
kritische.
Es wäre für die Kirche kein Gewinn und für die Weltgesellschaft ein Verlust, wenn die er-
strebte allumfassende Ökumene sich endlich als eine dumme Riesensekte (noch eine!) ent-
puppte, die die Gnade verdinglicht und das freie Wort fürchten muß. Die "Gemeinsame Erklä-
rung" ergeht sich in der Kirchensprache als fraglos verdinglichter Gnade und ist, mit dieser
als solcher, mitgefährdet durch das freie Wort. Die Rechtfertigungslehre, ein evangelischer
Denkanstoß, erscheint hier als ein hochrangiges Glaubensgesetz.
Man kann Wort und Glauben nur höchst irreführend, nämlich als "Gesetzeswerk", instituti-
onalisieren. Jedes Dasein hat seine Gesetze, die an den Grenzen ihres Gültigkeitsbereichs zu
Forderungen und Überforderungen werden. Das gilt auch für lebendige Institutionen und für
Kirchen. Kirchen haben eine Tendenz, katholisch zu werden. Aber sie haben ihre wesentliche
Grenze an Gott selbst (1Mose 11).
Dieser Text ist inzwischen, weiterbearbeitet, integriert in mein Buch:
Von Gottes Bescheidenheit. Zu Struktur und Dynamik der christlichen Existenzsymbolik. LIT-Verlag
2009, 150 S.
3
Johannes Paul II.