Thomas Bonhoeffer


Von Gottes Dankbarkeit und Bescheidenheit


A. Der schwankende Boden des Redens von Gott

1. Erkenntnistheorie
Wir wissen viel über die Welt, unüberblickbar viel, und deshalb doch, nach wie vor, enttäuschend wenig. Die Welt ist uns als größtenteils unbekannt bekannt. Wir leben am liebsten am Rande bekannter Bereiche (den Raum zwischen diesen überspringen wir allerdings so schnell wie möglich). Das (zunächst beängstigende) Allerunbekannteste strukturieren wir nach unsern angeborenen, tiefsten Selbstverständlichkeiten vor, also animistisch-personal ­ eine Heuristik, die unsre Kräfte sammelt. (Das ist der Kern unseres Gottesverständnisses.) Des Näheren orientieren wir uns in der Realität mit Hilfe von Symbolik (vornehmlich der Sprache). In dieser symbolisieren wir überall auch uns selbst. Die Selbstsymbolik ist unser zentrales organisierendes System. Unser Verstehen ist kontextabhängiges, zeitgebundenes Vereinfachen und in sofern
unaufhebbar illusionär1. Wir brauchen Vereinfachungen, um zu leben2. Wir sind nicht gefragt,
ob wir mit Illusionen leben wollen. Es kommt nur darauf an, an welche Illusionen wer sein
Leben wagen kann.
Es gibt schneller und langsamer sich ändernde Zusammenhänge; überlebte Illusionen aber
müssen durch besser angepaßte ersetzt werden. Historische Erinnerung stellt uns realisierte
Evolutionsschritte der Symbolik als partiell brauchbare Modelle für eigene
Anpassungsleistungen zur Verfügung.
Symbolsysteme sind vergleichbar mit Tierarten, die sich entwickeln und, direkt oder vermittelt,
Erbgut austauschen und einander verstehen können.
2. Religion
Der Mensch braucht für seine Gesundheit einige Selbstüberschätzung; damit trotzt er seinen
Demütigungen durch Gesellschaft und Natur. (Man kann darin eine psychische Entsprechung
zu unsrer Überproduktion von Gameten sehen. In kirchlicher Lehrtradition ist superbia /
praesumptio / Hochmut die allgemeinmenschliche Erbsünde des Seinwollens-wie-Gott nach
1.Mose 3 . Heinz Kohut hat die Erscheinungsweisen des ,,Narzißmus" psychoanalytisch
entfaltet.) Das Gefühl der Teilhabe an einem übergroßen Zusammenhang kann freilich auch
als Demut in Erscheinung treten.
Eine mögliche Form unserer Selbstüberschätzung ist Religion.
Die Bedeutung jedes Wortes interagiert, mehr oder weniger schillernd, mit dessen jeweiligem, engeren und
weiteren Zusammenhang. Je mehr dies der Fall ist, desto stärker ist der Hörer aufgefordert, verantwortlich
mitzudenken. Das gilt besonders auch für den Begriff der Religion.
Wir können Religion unter einem weiten (und ähnlich anspruchsvollen) Oberbegriff fassen
und sagen: Religion ist die Poesie des Alltags (ohne diese wäre er Unsinn). Die Geschmäcker
1
HANS VAIHINGERs (Philosophie des Als Ob, 1911) erkenntnistheoretische Würdigung der ,,Illusion" wäre
(im Sinne des dann erst von NIKLAS LUHMANN soziologisch thematisierten Begriffs der
,,Komplexitätsreduktion") mit dem Begriff der Vereinfachung zu präzisieren. Die Wirklichkeit ist überkomplex.
Sicherheit haben wir nicht in der Realität, sondern nur in gedachten Systemen. Da aber alle Menschen ähnlich
denken, gibt es ,,gesellschaftlich konstituierte Wirklichkeit", leidlich gesicherte, stabile ,,Tatsachen".
(Komplexität geht auf Kosten der kognitiven Stabilität.) Tatsachen sind denkbare Vereinfachungen der Realität,
bei denen die fluktuierenden mentalen Abbildungsprozesse mehr oder weniger glücklich bei einem oder dem
andern Assimilationsschema einrasten.
2
Die Vereinfachungen des Alltagswissens befriedigen uns nicht. Wir haben als ergänzende Projektionsebenen
Religion, Musik, Dichtung, Wissenschaft entwickelt.
sowie die jeweiligen Sensibilitäten und Bedürfnisse sind sehr verschieden. ,,Religion" wird
meist unausdrücklich erlebt. Unter Mutter- und Vater-Erfahrungen sowie der Kulturtradition
entwickelt sich das Gottesverständnis mehr oder weniger menschlich. Ausdrücklich geht
Religion vom Nichts über die ,,Tücke des Objekts", über die volatilen, kleinen Geister,
Mächte, großen Gottheiten, Ordnungen und Gesetze, bis hin zum Monotheismus. Sie findet
einen sprachlichen Ausdruck in Theologie. Dieser geht es gleichwohl um die Wahrheit und
Verantwortung der religiösen Überlieferung.
In der alttestamentlichen Selbstvorstellung Gottes, die wir herkömmlich übersetzen: ,,Ich bin, der ich
bin" (2. Mose 3
,14), übersetze ich die Relativpartikel lieber (wie sie 1.Kön. 8, 30 gebraucht wird)
temporal; also: ,,Ich bin, wann ich bin".
Inmitten aller anderen Ansprüche, spricht bisweilen die religiöse Tradition Menschen an, sie
können in Andeutungen mit Gott sprechen, und das tut ihnen nachhaltig gut. Reflexion auf die
eigenartige Seinsweise Gottes oder des Betens kann ­ und soll wohl manchmal ­ Religion
erheblich stören und zeitweise fehlleiten, aber schließlich doch nur reinigen und nicht
verhindern.
Das Reden von Gott ist immer streng auf seinen konkreten Zusammenhang bezogen. (Alles Reden
von Gott ist Lehrfortbildung. Die Angesprochenen bezeugen, ob sie die Stimme ihres Schöpfers
erkennen, es also für sie ,,rechte Lehre" ist.) Ein (für institutionelle Zwecke) recht-gläubiger Text
am falschen Platz ist falsche Lehre.
Die ,,Wahrheit" einer Aussage ist ihr dauerhafter Orientierungswert in einer recht
chaotischen Wirklichkeit.
Wenn ein erfahrungsgegründet konstruiertes Konzept auch außerhalb seiner
Erfahrungsbasis sich im Umgang mit der Wirklichkeit bewährt, so bezeichnet es schlecht und
recht etwas Wirkliches, auch wenn man nicht versteht, warum es sich bewährt.
An der Weiterentwicklung des Gottesverständnisses aufgrund seiner Bewährung im Umgang
mit der Wirklichkeit arbeitet, nolens volens, jeder irgendwie mit.

B. Der imaginäre Gott

1. Die Frage
Allenthalben setzt man mehr voraus und sagt mehr, als wes man sich bewußt ist. Ein
zentrales Beispiel für Über-uns-selbst-hinaus-Greifen ist mir die immer wieder bloßliegende
Frage: ,,Was soll ich?" Sie begehrt eine lebbare Integration all der Anforderungen, unter
denen ich stehe. Es geht um eine einfache Verhaltensanweisung, die die Oberfläche einer
komplexen Sinnfülle wäre; um Emergenz eines Symbols, in dem ich mich selbst wiederfinden
kann. Gefragt ist der Schöpfer. Die Frage ist im Grunde ein Gebetsruf.
2. Gottesbegriff
Diese traditionelle Interpretation der Sinnfrage ist belastet durch die urtümlichen imaginären
Selbstverständlichkeiten des gängigen (Theismus und Atheismus beherrschenden)
Gottesbegriffs. Man meint, mit diesen genügend zu wissen, was mit ,,Schöpfung",
,,Allmacht", ,,Herrlichkeit", ,,göttlicher Gerechtigkeit, Lohn und Strafe" angesprochen ist.
3. Politik
So erscheint denn der Gottesglaube auch vielfach als böser Geist auf der politischen Bühne.
Seine Symbolik verortet den Menschen in seiner Welt. Gekränkte können ihren Stolz in einer
kollektiven Wahnwelt wahren. Bedrängte kämpfen in ihrer Ausssichtslosigkeit für Gott, das
orientierende Symbol ihrer Zuversicht, für ihren Glauben. Aber in einer symbolisch geeinten
Gemeinschaft kann der einzelne überhören, daß der lebendige Gott ihn hinausruft.
Bedrängt von Jesu erster Leidensankündigung, antwortet Petrus (der soeben als der Felsengrund
beanspruchte, auf dem die Kirche stehen soll) mit dem natürlichen, frommen Wunsch der ganzen
Jüngerschar. Aber Jesus herrscht ihn an: ,,Du Satan" (Matth. 16,
23) und ruft ihn neu in die Nachfolge.
Die elementare Logik der menschlichen Sprache versimpelt alle Wechselbeziehungen (für
praktische Probleme sehr geeignet) nach dem Schema: Subjekt/Prädikat/Objekt. So ist Gott
Subjekt, das Geschöpf Objekt; und Rücksichtslosigkeiten im Namen Gottes liegen nahe.
Mit christlicher Begleitung, hat die Menschheit zugelernt. Die urtümlichen Gottesbilder gehen
immer wieder zu Herzen, sind aber kulturgeschichtlich veraltete Symbolisierungen.
4. Schöpfungsbegriff
Der Anfang der Welt ist ein erkenntnistheoretisches Problem, damit auch ein Problem unseres
Selbstverständnisses ­ und als solches erst ein religiöses Problem. ,,Schöpfung" ist ein Grenzbegriff
der alten Kosmologie; es ging und geht zentral um das religiöse Erleben der gegenwärtigen Welt.
Der raumzeitliche Horizont kann unbestimmt bleiben.

C. Der wirkliche Gott

1. Jesus
In lebendiger biblischer Tradition kann man heute sagen: Jesus in all seiner Fragwürdigkeit
war die historisch bahnbrechende Offenbarung der Bescheidenheit Gottes. Nicht, daß Jesus
bescheiden aufgetreten wäre. Sondern Gott hat in Jesu Leben und Sterben seine
Bescheidenheit offenbart. Und das erlaubt, anders über die Allmacht, über Schöpfung und
über die Gerechtigkeit Gottes zu reden und die Sinnfrage in christlicher Tradition anders
aufzugreifen.
Was brachte Jesus? Seine Hinwendung zu den ,,verlorenen Schafen aus Israel" (Matth 10,6;
15,24; Luk 7,34: ,,der Zöllner und Sünder Freund", 15,2: ,,Dieser nimmt die Sünder an und ißt
mit ihnen"), seine mitmenschliche Anerkennung der leidenden und bösen Geschöpfe Gottes,
war Solidarität im Namen Gottes. Er kam im Namen Gottes zu den wegen ihres eigenen Tuns
und Lassens Beunruhigten und sprach zu ihnen von Vergebung und sogar von Lohn; und so
erwies Gott, wie ich verstehe, ihnen seine Dankbarkeit für ihren Kampf ums Dasein. So hat
Jesus ihnen die Gnade Gottes wiedergebracht, Umkehr der von Gott Abgewandten in Gang
gesetzt, die in Gewissensangst verschlossenen Herzen für Gott geöffnet und die Religion der
elenden Sünder entkrampft.
Jesus redet wie ,,bevollmächtigt" von Gott. Die Basis der Gottesgewißheit Jesu ist seine
Wahrnehmung des Willens Gottes, der seinem Gewissen zugesprochenen Wirklichkeit, sein
Gehorsam.
Als der Gehorsame hat er Gott nicht zu fürchten; von Gottesfurcht Jesu ist keine Rede.
Ähnlich sehen die Muslime Mohammed, ­ wo wir aber von Wahn reden.
Ist Jesu Gottesgewißheit wahnhaft? Sein Gleichnis vom vierfachen Acker (Lukas 8,5-8 parr.,
in Gemeindekreisen dann katechetisch allegorisiert) beeindruckt durch seinen bescheidenen
und hoffnungsvollen Realismus. Aber der Gekreuzigte ist bald, als der erste Auferstandene, in
das etwas ältere apokalyptische Wahnsystem einer an dieser Welt verzweifelten Gruppe
integriert worden. Der Tod Jesu hat zu halluzinatorischen Erfüllungen auf ihn gesetzter
Hoffnung geführt, ­ die immerhin auch Jesu Zuversicht im Jüngerkreis wach gehalten haben.
Ist Gott Jesus treu geblieben? Die Kirche sagt: ,,Ja! Er hat ihn in Herrlichkeit auferweckt!"
,,Gottes Treue zu Jesus" klingt wie Hohn. Gott hat, auch hier, den Dingen ihren Lauf
gelassen! Es konnte kaum ausbleiben: Anstatt der Gottesherrschaft, wie Jesus sie erwartete,
kam die Kirche; und in den Kirchen ist ein Glaube an Jesu Auferstehung, der ursprünglich in
eine (ansatzweise ideologisierte, aber lebendige) Hoffnung eingebettet und vielfach belebend
war, versteinert.
Immer wieder aber findet ein ratlos gewordener Mensch, von dieser Christustradition im
Innersten angesprochen, einen segensreichen Neuansatz. Der christliche Auferstehungsglaube
ist exemplarisch ein solcher Neuansatz gewesen.
Auch Jesus stellte sich Gott monarchistisch vor. Aber in dieser Vorstellungsform erlebte er
ihn doch anders. Und sein Erleben (,,der Heilige Geist") sprengte nach seinem Tode
stückweise, langsam aber sicher diesen Rahmen.
2. Kirchliche Lehrfortbildung
Jesus glaubte an die Treue Gottes zu seinem Bundesvolk. Die kirchliche Lehrbildung hat
das ­ im Anschluß an Jesus (Syrophönizierin, Mark. 7,24-30 par.) ­ ausgeweitet. Sie redet
von Gottes Treue zu dem nach seinem Bilde geschaffenen Menschen. Mit der Gott-
Ebenbildlichkeit, heißt es später, sei eine verheißungsvolle Verbundenheit gegeben: Gott habe
sich den Menschen zum Freunde vorgesehen (JOHANNES COCCEIUS).
3. Die Dankbarkeit Gottes
Die Freundestreue des Schöpfers zu seinen Geschöpfen wäre zuerst Gottes Dankbarkeit für
ihre Übernahme ihrer beschränkten Freiheit ­ eine unsrer Treue vorausgehende gratia
praeveniens.
Gottes Dank ist aber keine menschliche Naturausstattung. Ich glaube zu verstehen: Jesus
brachte ihn unter die Menschen. Wir empfangen ihn als Segen einer vom andern und wir
dürfen ihn andern Menschen bezeugen. Nicht wir, die Zeugen, sind dem Geschöpf dankbar
für seinen Daseinskampf, sondern Gott, der Schöpfer. Die Menschen sind am ehesten ihren
Nächsten dankbar für deren Ja zum Leben. Aber alle Freundlichkeiten der Umwelt können
uns Gottes Dankbarkeit illustrieren. Unter ungünstigsten Umständen sind wir allein auf Jesus
angewiesen.
Im monarchistischen Kontext der Bibel war zwar von Abraham (Jakobusbrief 2,23) und
Moses (2.Mose 33,11) als ,,Freunden" Gottes, und konnte von Gottes im Sinne von

(Gnade im Sinne von Gemeinschaftstreue) die Rede sein, nicht jedoch ausdrücklich von
Dankbarkeit Gottes, ­ obgleich, ohne Dankbarkeit, Liebe ein Besitzenwollen und Gnade
sowie Barmherzigkeit Herablassung ist. Im Banne der Herrlichkeitstheologie (in dem auch
noch die Reformatoren blieben) war das erlösend Einfache, das Jesus brachte, nur sehr
umständlich verständlich.
In unserer post-monarchistischen Kultur aber muß man sich neu besinnen und darf wohl die
vereinfachende Erklärung wagen: Jesus kam zu den elenden Sündern mit der bescheidenen
Dankbarkeit des Schöpfers für ihren ständigen Daseinskampf.
Wir wünschen uns eine Weltordnung, die Gott durch gerechten Lohn und gerechte Strafe
abrundet. Davon redet auch die Bibel, und so preisen die Kirchen Gott als gnädigen Garanten
gerechter Ordnung. Aber durch die Offenbarung Gottes in Jesus ist das Interesse an göttlichen
Sanktionen eigentlich überholt.
Das Neue Testament hat Rechtschaffenheit geboten; es hat aber nicht das Gebot, sondern
Gottes ins Zentrum gestellt ­ ein Wort, das wir mit ,,Gnade" zu übersetzen pflegen. Es
hat aber drei Hauptbedeutungen: Lieblichkeit, Huld und (gegenüber einem handelnden
Subjekt) Dankbarkeit. (Ähnliches gilt für das lateinische gratia.)
Gott ist dankbar für das, was er, nach der Bibel, (nur) ,,belohnt".
Man kann orthodox formulieren und sagen: Gott der Vater und Gott der Sohn sind in
Dankbarkeit verbunden. Da auch unsere Werke Gottes Werk sind (Phil. 2,13), sind wir
einbezogen in die innertrinitarische Dankbarkeit des Schöpfers. Gott hat uns an Jesus Christus
seine Dankbarkeit offenbart. (Das ist so paradox wie das Wort vom Kreuz als frohe
Botschaft.) Davon zeugte die älteste Gemeinde unter anderem mit der Osterbotschaft; diese
aber war nicht ihrerseits konstitutiv, sondern getragen vom Heiligen Geist jener
Verbundenheit. Gott ist Jesus dankbar, der brüderlich uns, aus der Verlorenheit an die
chaotisch gesetzliche Welt heraus, in den Glauben zurückgebracht hat, in dem alle
Geschöpfe
3 Gottes leben sollen. (Laut der alten christlichen Spekulation hat Gott die ganze
Welt durch Sein Wort = Seinen Sohn geschaffen.)
Dankbarkeit ist eine segnende, eine göttliche Eigenschaft. Ich möchte sagen: Geborgenheit in
Gottes Dankbarkeit ist der Sinn unseres Lebens. Dank der Dankbarkeit des Schöpfers können
wir Gott dankbar sein. Ich habe das Gefühl, daß die Rede von Gottes Dankbarkeit das heutige
Zeugnis von der , der gratia Dei wäre.
Wenn Gott mich in Unsinn versinken läßt, so daß ich ihn aus dem Sinn verliere, so soll ich
mich an ihn erinnern und glauben, daß er mir treu bleibt ­ wie er Jesus treu geblieben ist, auch
als dieser nichts davon merkte ­ , mir für mein unsinniges Dasein dankbar ist und es segnet.
Ich soll unerwarteten Erweis der Dankbarkeit des Schöpfers erwarten.
4. Die Bescheidenheit Gottes
Herrlichkeit lockt, beglückt und demütigt; sie ist aber an sich keine besonders göttliche
Eigenschaft. Göttlich herrlich ist die schöpferische Bescheidenheit.
Darauf bin ich erst durch den Begriff zimzum (~ Rückzug) in ISAAK LURIAs Schöpfungslehre
aufmerksam geworden. Luria, dessen Denken als theologische Verarbeitung der Vernichtung des
spanischen Judentums zu verstehen ist, starb 26 Jahre nach Luther, - der, in seiner Heidelberger
Disputation 1518, im Blick auf den gekreuzigten Jesus eine theologia crucis an Stelle einer theologia
gloriae gefordert hatte.
Bescheidenheit ist mir in theologischem Zusammenhang nur bei Michael Servet ( 1553) begegnet,
der von nicht der humilitas, sondern der modestia Jesu sprach.
Die klassisch-biblische humilitas/Demut schlägt die Augen nieder. Modestia ist umsichtig
angemessenes Verhalten. Bescheidenheit ist von ,Bescheid' abgeleitet, und zwar in doppeltem Sinne:
von B.-geben, jemanden (abschlägig) bescheiden, und B.-wissen. Luther konnte gnosis
/, Kol.
2,
3, mit ,,Bescheidenheit" übersetzen!
Schöpfung bedeutet: sich gern auf anderes (!) Einlassen. (Wir können die Welt lausig
nennen ­ die Aussage, Gott habe auch die Läuse geschaffen, ist unbiblisch, aber muß nicht
unchristlich sein.) Durch sein Schöpfungswerk nimmt Gott die Welt auf sich ­ mit ihrer
3
Bis hin zu ,,den jungen Raben, die ihn anrufen" Ps 1479.
Schuld. (Ich ziehe damit die Linie der Paulus-Auslegung Luthers, WA 40/I, 432ff., zu Gal.
3,13, weiter aus.) Unser Dasein ist Schauplatz der Schöpfung. Gott hat die Welt offenkundig
zu freier Entfaltung bestimmt.
Meist wollen wir das Leben in der gottgeschaffenen, schöpferischen Freiheit, obwohl es ein
Kampf mit der freien Natur außen und in unserm Körper und auch beängstigendes
menschliches Zusammenleben ist. Unser Lebenswunsch ist in unsrer animalischen (und
,,vegetativen") Natur verwurzelt. (Auch auf den ,,natürlichen" Ebenen freilich gibt es Suizid;
die Möglichkeit des Selbstmords gehört zur Freiheit des Lebens.) Wir müssen im Leiden uns
besinnen auf den positiven Grund unseres Leidens: auf unser Leben Wollen, unser Erkennen-
und Wahrheit-bezeugen-Wollen. Gott hat in Jesus uns seinen Dank und Teilnahme an unserm
Leid bezeugt; und so oft wir auf ihn hören, teilt er uns seine tiefe, freundschaftliche
Verbundenheit mit. Paulus schreibt (2.Kor5,20): ,,So bitten wir nun an Christi statt: Lasset
euch versöhnen mit Gott!" Durch Christus bittet Gott uns, die wir mit dem Schöpfer hadern,
um Versöhnung, uns Sünder, daß wir ihm unsere Erschaffung vergeben.
Diese Paulinische Christus-Predigt setzt die alttestamentliche Predigttradition vom liebevoll
werbenden, nicht herrscherlich sprechenden Gott fort, ­ in der auch Jesu Gleichnis von den beiden
Söhnen steht, wo (Lukas 15,
28) der Vater den älteren Sohn um Versöhnung bittet.
Gottes Freude an der Welt ist zeitlich begrenzt; unsere auch. Gott handelt danach; und wir
dürfen eines Tages unser kleines Ja zum großen Nein sagen.
Gott hat sich beschieden, die Welt zu schaffen, wo wir in Bescheidenheit ihm gleich werden
sollen. Gott läd uns ein, sein bescheidenes Leben mit ihm zu teilen.
Wir sollen, mit Gottes Hilfe, jeder selbst Gott sein.
Nach der biblischen Schöpfungsgeschichte ist schöpferische Bescheidenheit zeitweise auch:
Gutseinlassen. Gott ruhte von seinen Werken ­ Sabbat!
Gott ist die schöpferische Gegenwart, in die wir eingelassen sind. In allem begegnen wir Gott.
Jedes Gesicht ist ein Gesicht Gottes.
Der Teufel ist, was man von Gott nicht wissen will.
Betroffen von schrecklichen Ereignissen, fragen wir empört distanziert: ,,Was denkt Gott
sich dabei??!" So bekommen wir keine befriedigende Antwort. Aber hier zu insistieren und
Gott selbst zu fragen, bringt uns voran auf dem Weg des Ernstes und der Weisheit.
Wir sollen nicht fragen: ,,Was ..." oder ,,Wer ist besonders böse?", sondern: ,,Wie soll ich
leben mit der (nach Darwin: konstitutiven) Bosheit der Natur?" Ich soll bescheiden, meiner
eigenen ,,Natur" entsprechend, für das ­ in meinem Horizont ­ Gute kämpfen!
Gott ist sehr ernst. Freude und Schmerz sind in Gottes Ernst aufgehoben.
Wer ,,im Himmel wohnt", kann wohl böse lachen und spotten (Ps 2
4); und wenn wir, urteilend, uns
dorthin erheben wollen, trifft uns solcher Spott.
Der sehr ernste Allmächtige aber lacht freundlich über unsere Einfälle, Gedanken, Worte und Werke.
Er findet etwas Erfreuliches daran; er lacht freundlich über unsre Gotteslehre und alles, was wir daran
aufhängen, ­ dazu einladend, daß wir selbst mitlachen und, in getroster Distanz zu unserm Urteil, tun,
was er uns rät. (Schon der Psalm schließt mit der Einladung, bei Ihm Zuflucht zu suchen.)
Der Ernst des Lebens wurzelt im Ernst des Spiels. Gott nimmt den Tod ernst; aber Gottes Ernst ist
Lebensquell.
Mit einander Spielen ist die Urform der Kommunikation. Leben ist Kommunikation. Symbole spielen
sich ein; es sind Gewohnheiten des Lebens in einer gemeinsamen Welt, die für alle Beteiligten eine
etwas verschiedene Bedeutung haben.
Mit unserer Symbolik sind wir selbst aufs Spiel gesetzt. Nach einer Krise ist man mit seinen
Existenzsymbolen anders dran. Die Existenzsymbolik lebt wieder auf ­ aber verändert; denn die
Erinnerung an die Krise gehört jetzt dazu. Unsre Symbolik spielt menschlich mit uns.

D. Gottes Wille

1. Gottes Name
Unser Wort ,,Gott" ruft den Menschen zur Sammlung. Es ist eine Meditationshilfe, so etwas
wie ein Mantra, als solches umgeben von einer Lehrtradition. Die Rede vom ,,Namen Gottes"
scheint Gott zu objektivieren. Sie gehört zur Innenwelt der Meditation mit ihren
uneigentlichen Objekten. Die Ähnlichkeit der Menschen bedingt, daß ihr Innenleben auch
erstaunlich tragfähige Gemeinsamkeiten aufweist. (Daraus erwachsen auch mächtige
Religionsgemeinschaften, ­ die sich dann freilich gegenüber ihrem meditativen Ursprung
verselbständigen.)
Das Wort, durch das Gott in unser Dasein eingreift, ist zuerst und zuletzt sein Name. Gottes
Name ist durch die Tradition mit vielerlei Bedeutung gefüllt; es ist erstaunlich, welche
Eindeutigkeit sein Name jeweils für uns gewinnen kann. Manchmal stößt er uns zurück in
unsere Weltlichkeit und verweist uns auf unsre enttäuschende Weltweisheit; auch diese sollen
wir pflegen und bitter ernst nehmen. Aber Gott hat sich nicht aus der gemeinsamen
Verantwortung für unser Dasein gestohlen. Er berät uns. (Die biblischen Gesetze und Gebote
sind Stereotypen von guten Ratschlägen.)
2. Du sollst
Weil ,,sehr gut" (1.Mose 1,31) als Prädikat der Schöpfung auch statisch, als ,,perfekt",
verstanden werden kann, sollte man das vielleicht besser evolutionär übersetzen:
,,kräftig brauchbar".
Wir sollen Gott bescheiden vergeben, daß er uns geschaffen hat, durch schöpferischen
Gebrauch der mitsamt all ihren Aussichtslosigkeiten (,,Wozu?") doch ,,sehr brauchbaren"
Welt ­ und dabei Grund zu tiefer Dankbarkeit finden.
Das ,,Osterereignis" war Christusverkündigung und ist Christustradition, umschaffendes,
änderndes Wort der Versöhnung (), Predigt, Ermutigung zu illusionslos
gottesfürchtig schöpferischem Gebrauch der Welt.
Wir sollen, in aller Beengung dieser Welt, kraft der uns beschiedenen Teilhabe an der
Bescheidenheit Gottes, auch an Gottes Freude teilhaben in der Freude an unserer
(höchstpersönlichen eigenen und der gemeinsamen) vielfältig bestimmten, schöpferischen
Freiheit. (Determinismus ist eine Arbeitshypothese für die nie zu Ende kommende Forschung
und verbessert dadurch die Erkenntnis unserer Unfreiheiten.) Das ist zuerst die Freiheit, in die
Welt hineinzuwachsen, zu nehmen und zu geben; dann aber immer mehr auch wohl die
Freiheit, von der Welt und irgendwie von uns selbst, schrittweise uns zu verabschieden und
uns in des ewigen Gottes Ruhe und Arbeit hineinzuphantasieren.
Gott ist dankbar, daß das Geschöpf, auch gequält und allein gelassen, an seiner Stelle
kreativ ist. ,,Mein Gott, warum hast du mich verlassen?" schrie Jesus mit den Worten des
Psalmisten. Auch dieser Schrei hat sich in vielen Nöten als Gottes Wort bewährt.
Selber mitleidend, sollen wir des Schöpfers mitleidende Dankbarkeit für den Daseinskampf
der leidenden Kreatur bezeugen ­ weniger durch Worte als durch unser, trotz Kampf ums
Dasein respektvolles Verhalten. Zusammen mit dem Beengten in seiner Unfreiheit
schöpferisch, sollen wir seine gottgewollte Freiheit finden.
Wir können nicht beliebig jedermann für seinen Existenzkampf dankbar sein. Wir können es
nur je und je im Glauben an die durch Jesus repräsentierte Dankbarkeit des Schöpfers.
Dem Glauben an die Offenbarung Gottes in Jesus ist der Heilige Geist verliehen. Der in die
Herzen der Gläubigen ausgegossene Heilige Geist ist Gottes Dankbarkeit.
Wenn Gott uns beschränkten Menschen teilgibt an seiner allwissenden Dankbarkeit, sollen
wir diesen Segen weitergeben. Wem Gott an seiner Dankbarkeit teilgibt, der wird in seiner
Weise zum Zeugen Seiner Güte.
Wir wünschen vieles, können aber immer nur eines Wollen. Und was wir ernsthaft wollen
können, das sollen wir.
Die Ergebnisse unserer individuellen Neuorientierungen an Gott erscheinen zunächst
interindividuell nicht befriedigend harmonisierbar, aber sie sind für das jeweilige Individuum
hier und jetzt verbindlich. Statisch gesehen, ist das tragisch. Aber Tragik ist dynamisch zu
verstehen: als Moment im kreativen Prozeß der Geschichte; also weder als letztes Wort (das
führt zur Pose), noch auch (nach Äschylos) durch ein göttliches Machtwort vernünftig
befriedigend zu beenden. Wir sollen unsere gemeinsame Freiheit fürchten und lieben, und Gott vertrauen.
Leben ist Kampf; aber wir sollen versöhnt kämpfen.
Sünde bezeichnet nicht Schuld im Sinne von Verstoß gegen Gesetze, sondern das
Enttäuschen von Erwartungen, die wir selbst berechtigt finden. Wir alle sind von Natur des
Todes schuldig. Im Glauben an die alle Vorstellungen von göttlicher Gerechtigkeit
sprengende Offenbarung Gottes im gekreuzigten Jesus erfahren wir den Schöpfer, der uns
vergibt, was kein Mensch uns vergeben kann.
Gerichts- und Auferstehungshoffnung sind Ausdruck verletzten archaischen
Rechtsempfindens, unter Umständen tröstlicher Ersatz für den Glauben an den bescheidenen,
gegenwärtigen Gott. Ein (durch bedenkenlosen Gebrauch geschwächtes) Symbol der
Heilsmacht Gottes ist der auferstandene Gekreuzigte.
Make the best of it! ­ selbstverständlich. Aber was ist das Beste? Die Gottesfurcht hält die
Frage in ihrer Chaotik lebendig.
Sie hält sich an den Namen Gottes. Der ist heilig; aber ,,man" denkt sich dabei für den
persönlichen Glaubensgehorsam beirrend vielerlei. Religion braucht zu ihrer Entwicklung
konkretere Anhaltspunkte, ,,Sakramente" im weitesten Sinne.
Luther verstand Jesus als das eíne Sakrament (sacramentum = vor allem in 1.Tim
3,16) hinter allen ,,sakramentalen Zeichen" (wir können dabei auch an Worte der Bibel
denken) ­ nicht nur den 2 oder 3 oder 7 institutionalisierten Traditionsstücken. Meines
Erachtens soll jeder dazuzählen, was aus der gesamten Christustradition sein Gewissen
göttlich anspricht. So entwickelt sich das Christentum weiter und spricht das Gewissen
weiterer Menschen an.
E. Kirche
Die herrschenden Ausformungen der drei sog. Abrahamitischen Religionen sind nach
monarchistischem Vorbild gedacht. Das führt zu den bekannten Problemen mit den Begriffen
Gerechtigkeit und Barmherzigkeit. Es gibt hier zwar auch die andern, die ,,mystisch"
genannten Ansätze. Solche Traditionen aber verfallen leicht wieder der Verfälschung und
begründen neue Herrschaft ­ mit den alten Problemen.
Kirche ist Nachfolge Jesu, eines Outlaw. Sie ist eine kulturrevolutionäre Subkultur.
Kulturrevolution, die diesen Namen verdiente, wendet sich gegen eine machtgestützte Kultur,
die das Individuum in einem ungerechtfertigt erscheinenden Maße zur Heuchelei nötigt und,
durch Verderbnis der Sprache, die Gesellschaft zersetzt.
Lukas (der erste Kirchengeschichtler) hat (ähnlich wie kurz vorher Jochanan ben Zakkai für
das revoltierende Judentum, ein Outlaw des römischen Reiches) nachdrücklich allen
machtpolitischen revolutionären Interpretationen Jesu abgeschworen.
Synagoge und Kirche haben Kräfte sammeln, sich organisieren und instututionalisieren
können. Die Kirche ist damit zu Macht gekommen und in offenen Selbstwiderspruch geraten.
Die Kirchengeschichte ist deshalb eine Geschichte instabiler Kompromisse.
Das betrachtende Individuum ist durch die faktische Existenz der Kirche ständig nach seiner
eigenen Kultur gefragt.
Wirkliche Liebe ist begrenzt. (Auf das: ,,Seid umschlungen, Millionen", folgt auch bei
Schiller: ,,... der stehle weinend sich aus diesem Bund.") Die Eingrenzung der biblischen
Heils-Zusagen auf die Gemeinde ist jeweils bedingt durch die Begrenztheit der Liebe in der
Symbolik des Zeugen. (Der Erste Korintherbrief ist voll von Beispielen, wo, in der Symbolik
des Apostels, die Unverträglichkeit zwischen Glauben und Verhalten der Gemeinde
entschieden zu weit ging.) Aber Abgrenzungen waren in der Kirche immer nur teilweise
konsensual und wurden auch revidiert. Wie die Rechtskultur, ist auch die moralische Kultur
seit Paulus differenzierter geworden.
Die Gesamtheit der Kirchen bildet den zentralen (durch die Taufe gekennzeichneten) Teil
des Christentums, ­ das ich als Sprachgemeinschaft der Christustradition verstehe. Der
Begriff Christentum würde sich als Bezeichnung für das Wesentliche empfehlen gerade durch
seine Unschärfe (die nötigt, auf das Wortgeschehen zu achten!) gegenüber dem verführerisch
scharfen Begriff ,,Kirche".
F. Die Überlebenschancen des Glaubens
Man ist (insbesondere wohl in religiösen Kreisen) gewohnt, die Gegenwart, die nahe
Zukunft und die Ewigkeit, aber nicht die lang- und die sehr lang-fristigen
Entwicklungsmöglichkeiten ernst zu nehmen. Wir als Individuen sterben zwar mittelfristig;
aber wir haben Nachwirkungen, deren Nachwirkungen wird nicht übersehen können. In
diesem Sinne sollen wir die Hoffnung nie aufgeben. Sie hat die größte Chance, etwas zu tun,
was wir mit gutem Gewissen gutheißen können.
Zuversichtlicher Gleichmut bedeutet einen Vorteil im Kampf ums Dasein. Der persönliche
Gott, wie ihn grundlegend die Bibel bezeugt, ist ein Integrationssymbol von höchster
Spannkraft für fundamentale Ambivalenzen. Der Spannungsbogen reicht von gegensätzlichen
Symbolen wie Sinai-Donner vs. gelobtes Land, Kreuz vs. Auferstehung, von Kampf vs.
Vergebung hin zu Versöhnungssymbolen wie dem ,,stillen sanften Sausen" bei der
Gottesbegegnung des Elia, 1Kö19 , zu ,,Frieden und Freude im Heiligen Geist" und
Bescheidenheit. Die Integrationskraft des Gottesglaubens bedeutet in den Zerreißproben des
Lebens einen evolutionären Selektionsvorteil.
Die Zuchtwahl unter Menschen ist nicht mehr biologisch, sondern kulturell dominiert; der
evolutionäre Vorteil liegt deshalb nicht einfach bei der biologischen Vermehrung. Gelebte
Gottestradition, persönlicher Glaube an Gott (der sog. ,,Glaube an den persönlichen Gott")
beeindruckt immer wieder auch Kinder des Unglaubens, verändert und segnet sie. Allerdings
faszinieren auch erstarrte Gottesvorstellungen und können dem im Wege stehen. Aber diese
werden von der Wahrheit des bescheidenen und seinen Geschöpfen dankbaren Gottes auch
wieder aufgebrochen, mit der der Mensch sich endlich bescheiden muß.
Zurückhaltung in Erwerbstätigkeit und sozialen (und sexuellen) Verkehr und mehr
Betrachtung und Besinnung erhöhen die Weisheit. Dieses (genetisch direkt benachteiligte)
Verhaltensmuster ist schon in prähistorischer Zeit auch institutionalisiert worden; es wird von
der Gesellschaft heilig gehalten; und das allgemein verehrte Heilige integriert die
Gesellschaft. Das setzt sich in historischer Zeit fort in der Askese der Wissenschaft. Religiöse
Symbolik mobilisiert und organisiert Opferbereitschaft.
Weisheit ist mitteilbar. Und wenn genetisch eine Zufallsstreuung für minoritär stärkere und
majoritär schwächere Tendenz zu Betrachtung und Besinnung sorgt, bedeutet das für die
betreffende Kultur-Gruppe einen Selektionsvorteil.
In kleinen Kommunikationssystemen gibt es präzise Signale und Auslöse-Reize. In der
menschlichen Kultur wurde dann auch das Ungefähr der Symbolik in zweckdienlicher
Kooperation zu Zeichensystemen zurechtgeschliffen.
Dann wurden die Wirklichkeit einerseits und unsere Vorstellungen, die wir einander mitteilen
können, anderseits, von einander unterschieden. Jetzt macht die Transitivität von Relationen
(zB im Syllogismus) zwischen Modellvorstellungen das ,,Probehandeln" gemeinsamen und
individuellen Nachdenkens möglich ­ und die Wirklichkeit mit geringem Aufwand
handhabbar; ihre Entdeckung war der wesentliche Selektionsvorteil des animal rationale.
Gehorsam bildet schon in Gruppen und Familien höherer Tiere einen wesentlichen kulturellen
Vererbungsmechanismus. Die Menschen haben diese evolutionäre Strategie optimiert durch
Fortentwicklung des autoritätsgesteuerten ethischen Ungefähr zu einer Kultur rational
gesteuerter Autonomie des individuellen Gewissens. Der Erfolg der Rationalität verblendete:
der Heilsglaube an eine Weltordnung brachte das lebendige Subjekt in ein heilloses
Legitimationsdefizit. In diesem Sinne aber wurde die antike Philosophie und darüber hinaus
bis in die Neuzeit hinein das hellenisierte Christentum kulturell führend. Dann wurden die
autonom sich entwickelnden exakten Wissenschaften führend. Die religiösen Institutionen
sind gefährdet und reagieren verunsichert.
Gerade der Fortschritt von Wissenschaft und Technik aber lehrte die Rationalität
Bescheidenheit. In Europa gewinnt eine unkirchlich fromme Säkularität an Boden. Sie ist
zwar kognitiv unbeholfen. Die kirchlich finanzierten oder verpflichteten Institutionen aber tun
sich, bei aller Sachkunde, schwer, das theologische Erbe hinreichend kritisch zu sichten und
kulturell relevant weiter zu entwickeln. Man muß seine Hoffnungen wohl auch auf
Wildwuchs setzen. (Das Urchristentum war jüdischer Wildwuchs.)
G. Mission und Intoleranz
Das Zentralproblem der Moral ist Kooperation. Moderne Ethik wäre eine Theorie der
Systeme wechselnder Koalitionen in einer asozialen Globalgesellschaft. Das sieht aus wie ein
Problem der Spieltheorie. Aber hier geht es um ein System, in welchem nicht nur um
,,Auszahlungen", sondern auch um die Spielregeln selbst, die Moral, gespielt wird.
Es geht zugleich um Gene und Meme, unüberschaubar kompliziert; hier müssen
Vereinfachungen her. Und es gibt eine (schwach geordnete) Menge vorgefertigter, vererbter
und überlieferter Vereinfachungen, um deren Geltung gestritten wird.
In jedem Individuum bildet sich ein moralisches Weltmodell, das teilweise auch für andere
und für Kollektive brauchbar ist. Zum (evolutionär bewährten) genetischen Erbe gehört die
Entwicklung des Individuums als animal sociale; die nähere und weitere Zukunft der näheren
und weiteren sozialen und natürlichen Umgebung ist ihm ein Anliegen; der Mensch hat ein
Gewissen. Daß ,,das Moralische sich von selbst versteht", gilt allerdings höchstens für einen
Grundstock von Moral. Eine sozial brauchbare, differenzierte Ausarbeitung der Moral ist auf
Sprache angewiesen. Jeder einzelne arbeitet im diesem Sinne, so gut er kann, idiosynkratisch
an seiner Moral, und er kämpft für sie.
Jede Moral ist ein Integrationsentwurf; sie nimmt Frieden und Heil symbolisch vorweg. Die
obersten Moralbegriffe müssen die größten Lebensbereiche integrieren; sie sind (implizit oder
explizit) religiös. Da es in der Religion um nichts Geringeres als Frieden, Heil und
Zusammenlebenkönnen geht, ist lebendige Religion immer mehr oder weniger missionarisch
und intolerant. Primitive Religion ist starr; höhere religiöse Kultur besteht aber nicht in
symbolischer Unverbindlichkeit, sondern in weiterentwickelter sozialer Spannkraft und
Tragfähigkeit ihrer Symbolik.
Auch gute Vereinfachungen verfälschen. Immer wieder erleben Individuen ihre Gesellschaft
als (im einzelnen oder im ganzen) unverantwortlich, ihre Moral als klärungsbedürftig, ihre
Religion als heuchlerisch, die Integrationen als trügerisch und brüchig. Das führt, von
Mißtrauen und spontanen Verurteilungen über engagierte Diskussionen, oft zu Resignation
und Zynismus. Es kann aber auch zu kleinen und größeren Innovationen führen ­ im
Extremfall zu Reformationen, Revolutionen, Religionskriegen und dauerhaften Spaltungen.
H. Schluß
Gott ist sichtbar. Pindar und Hölderlin haben ihn in schönen jungen Menschen gesehen. Die
Auferstehungzeugen Jesu haben gelernt, Gott im Gekreuzigten zu sehen.
Zwischen all dem Einzelnen, das unsre Welt ausmacht, sehen wir den Abgrund des Zufalls,
den unser Verstand nicht auslotet. Gott ereignet sich, indem sich alles Einzelne zu einem
Wunder zusammenfügt und den Menschen persönlich anspricht. Derartiges ereignet sich so
oft, dass man sich Gott einfach als konstantes Objekt vorstellt.
Man hat den Namen Gottes überliefert bekommen und pflegt ihn als Zitat zu brauchen. Man
sollte aber beim Wort Gott dann und wann innehalten, bis man den Gott, von dem man gehört
hat, in der hier und jetzt vor Augen liegenden Realität sich ereignen sieht und sich wundert.
Dann kann man die Überlieferung auch in eigener Verantwortung fortführen.
Bemühung um persönliche Ehrlichkeit ist in Glaubensdingen wohl oberstes Gebot. Ein
förderlicher Wahrheitstest für eine bedenkliche Aussage über Gott ist ihre Rückübersetzung in
die natürliche Sprache der Religion, die Gebetsform.
Bochum, den 17. Juni 2008
Thomas Bonhoeffer
Dieser Text ist inzwischen, weiterbearbeitet, integriert in mein Buch:
Von Gottes Bescheidenheit. Zu Struktur und Dynamik der christlichen Existenzsymbolik. LIT-Verlag
2009, 150 S.