Dr. phil. Dr. theol. Michael Lütge, Pfarrer, Gestalttherapeut, Religionsphilosoph, Religionswissenschaftler
fußnotenloser Auszug aus:
"Wachstum der Gestalttherapie und Jesu Saat im Acker der Welt. Psychotherapie als Selbsthilfe"
Lang-Verlag Frankfurt, 1997 824 Seiten ISBN 3-631-32666-1

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    Seite 299-320

    1.2.3. Gestaltpsychologie der Berliner Schule 299

    1.2.3.1 Wertheimer: Das Ganze des Leibes und die Gestaltqualitäten 300

    1.2.3.2 Die Wahrnehmung als ganzheitliches Erfassen durchs Subjekt 305

    1.2.3.2.1 Wertheimer: Vitale Evidenz geht durch den Leib 305
    1.2.3.2.2 Köhler: Entsprechung der Wahrnehmung zum Gegenstand 306
    1.2.3.2.3 Koffka: Wahrnehmung als aktive Aneignung der Außenwelt 307

    1.2.3.3 Lewin: Wechselspiel des Organismus mit den Dingen in seinem Feld 308

    1.2.3.4 Gedächtnis motiviert von Prägnanztendenz zum Guten 309

    1.2.3.4.1 Sprache als Lerngeschehen auf dem Weg zur Befriedigung 309
    1.2.3.4.2 Prägnanz als Gestalteigenschaft 309
    1.2.3.4.3 Gedächtnis als Speicherung der Problemlösungsversuchsreihen 309

    1.2.3.5 Therapeutische Konsequenzen: Therapie lehrt Wünsche erfüllen 311

    1.2.4 Holistische Philosophie 311

    1.2.4.1 Salomon Friedlaenders »Schöpferische Indifferenz« 311

    1.2.4.2 Jan Christiaan Smuts' Holistische Kosmologie 314

    1.2.5 Lore Perls' körperdynamischer Therapie-Zugang 317

    1.2.3. Gestaltpsychologie der Berliner Schule

    Erstmals führten die wahrnehmungspsychologisch-neurologischen Experimente(1) der Berliner Schule Max Wertheimers, Kurt Lewins, Kurt Koffkas und Wolfgang Köhlers zu einem das mechanizistisch-atomistische Paradigma ersetzenden holistischen Paradigma eines psychischen Apparats, in dem nicht Einzelfunktionen modular blind nebeneinander betrieben arbeiten, sondern ein interdependentes Netz von Funktionen das Feld von Innen und Außen, Strukturen und Wesen, Formen und Inhalten miteinander verschränkt, wobei die Reizkonfigurationen intentional, mit Prägnanztendenzen, abgearbeitet werden. Diese sind von Trieb, Begehren, Repression, Gabe, Interesse bestimmt.

    Als Grundparadigma der Gestalttherapie gibt Perls seinen Frankfurter Lehrer Kurt Goldstein an, von dem er die gestaltpsychologische Betrachtung des Menschen als eines nach außen und intern durch Stoffwechsel wachsenden und lebenden biologischen Organismus übernommen hat.(2) Goldsteins Experimente mit Hirnverletzten ergaben, daß bei Teilausfall des Gehirns das ganze Zerebralsystems affiziert wurde. Statt des erwarteten Ausfalls einer Teilfunktion übernahm das zerebrale System diese Funktion, dafür gingen aber die gesamten Funktionen auf eine frühere Entwicklungsstufe zurück.(3)

    1.2.3.1 Wertheimer: Das Ganze des Leibes und die Gestaltqualitäten

    Das Ganze hat Vorrang vor einzelnen Funktionen seiner Teile.(4) Diese Erkenntnis ist mit Ernst Cassierers 'Philosophie der symbolischen Formen' und Niels Bohrs und Pascual Jordans Quantenphysik entwickelt.(5) Goldstein geht auf Goethe und das Lehrgedicht des Parmenides ein, das die Einheit im antagonistischen Wechsel von Zuständen als zugehörig zum Sein, zur Wahrheit beschreiben will.(6) »Das Ganze des Seins, von dem erst in das Lebendige Ordnung käme, ist auch für uns nicht als ein größeres Ganzes zu denken gegenüber dem kleineren Ganzen, dem Organismus, gegenüber den Gegenständen, die in dem großen Ganzen gewissermaßen enthalten wären und dadurch ihre Ordnung erführen; ebensowenig, wie unserer Meinung nach die Reflexe einfach im Organismus enthalten sind, sondern Erscheinungen des Organismus unter besonderen, ihm unnatürlichen, ihn gewissermaßen 'negierenden' Bedingungen.«(7) Schon Platons Charmides lobte die ganzheitliche Heilkunst der Ärzte des trakischen Zalmoxis.(8)

    Bedenkt man, daß die Lehre Freuds in der universitären Psychologie und Medizin damals immer noch, besonders wegen der Reduktion allen seelischen Konfliktpotentials auf die sexuelle Dimension, als unwissenschaftliche Irrlehre abgelehnt wurde(9), während die elitären Kreise der klassischen Psychoanalyse sie geradezu als Dogma zelebrierten(10), so scheint die Hinwendung zur Gestaltpsychologie als neurophysiologisch abgesicherter Theoriebildung motiviert vom Wunsch, die Hermeneutik der Psychoanalyse auf eine solidere naturwissenschaftliche Grundlage zu stellen, was sich ebenso in Reichs Orgonomie(11) wie auch in neurophysiologischen Forschungen der Primärtherapie Janovs zeigt.(12) Auch Freud hat mit seinem neuronalen Konstanzprinzip eine Ganzheit von Neuronen postuliert.(13)

    Leider beläuft sich bei Perls die ausdrückliche Aufnahme der Gestaltpsychologie auf einige wenige Bemerkungen(14); eine detaillierte Auseinandersetzung findet nicht statt. Die zweite Auflage von »Ego, Hunger and Aggression« 1947 ist Max Wertheimer gewidmet. Perls zitiert Wertheimer in seiner Definition der Gestalttheorie: »Es gibt Ganzheiten, deren Verhalten nicht durch das ihrer einzelnen Elemente bestimmt wird, sondern bei denen die Teilprozesse selbst durch die dem Ganzen innewohnende Natur bestimmt werden.«(15) Solche Ganzheiten, von denen alle Momente bewegt werden, werden als Gestalt bezeichnet. Der Gestalt-Begriff taucht im ganzen Buch nur fünf Mal auf(16) und wird sonst durchgängig in dem Figur-Hintergrund-Effekt der Struktur von Wahrnehmung gefaßt. Figur ist das, was sich vom diffusen, amorphen Hintergrund meiner Wahrnehmung aufgrund der triebgesteuerten Selektivität meiner Apperzeption prägnant abhebt und sinnenfällig wird, z.B. der Harndrang, Hunger oder Zahnschmerz. Gestalt, wiewohl es sie auch als schlechte, defiziente gibt, meint im Sprachgebrauch der Gestalttheorie die gute, vollständige Gestalt eines Strukturganzen, während Figur eher die aufgrund ihrer Defizienz auffällig werdende unvollständige Gestalt meint, die zur Vervollständigung drängt. In solchen Figuren der Wahrnehmung sind Bedürfnisse implizit, die nach Erfüllung treiben.(17)

    Christian von Ehrenfels, Begründer der Grazer Schule der Gestalttheorie, entwickelte unter Aufnahme der Untersuchungen Ernst Machs über die Transponierbarkeit von Gestalten (z.B. in andere Tonarten, Farben) und der Differenz von gefühlsmäßigem Erfassen und exaktem Messen schon 1890 eine Hypothese von der Ganzheitlichkeit beim Sehen, Kontextualität der Wahrnehmung. Man sieht nicht eine Summe von Details, sondern immer Gestalten, Figuren, Muster, Formen der Anschauung.(18) Kants Unterschied von Ding an sich und seinem Korrelat im erkennenden Bewußtsein provozierte die Suche nach Mechanismen der Wahrnehmung in den Apriori von Raumerfassen, Zeiterfassen und Kausalitätserfassen.(19) Man sieht immer ein System, eine gestaltete Konfiguration von Elementen. Die Erfassung dieses Ganzen und das Wesen dieses Ganzen sind beide dialektischer Natur, mehrfach ineinander verschränkt. Die Gestaltqualitäten, "Ehrenfels-Qualitäten"(20), sind Konsistenz, Vernetzung gegliederter Teile zu einem System, Transponierbarkeit der Gestalt, phänomenaler Primat des Ganzen gegenüber der Funktion und Rolle einzelner Elemente.(21)

    Tachyskopische Studien führen Wertheimer zum Ergebnis, daß das Auge von einem Fokus(22) zum anderen »hinübergerissen« wird, ein »Aufmerksamkeitshinübergang« jagt den anderen, ein Oszillieren der Erfassungsvorgänge ist feststellbar.(23) Erinnerung fußt ebenfalls nicht auf einer Summe von Einzelerregungen, sondern auf dem »Zustandekommen der dagewesenen physiologischen Gesamtform des einheitlichen Prozesses«(24), in dem bestimmte Grundeinstellungen auf eine »Lage«, etwa eine Raumorientierungslage oder eine tonale Lage wie die Dur-Moll-Harmonik mit Tonica, Dominante und Subdominante(25) als Wahrnehmungshintergrund der fokalen Erfassung einzelner Sehdinge oder Hördinge orientiert. Dieses Grundniveau der sensorischen Oriertierung besteht in und durch Vernetzung aller Einzeleindrücke.(26)

    Das Zählen als Erscheinungsform abstraktiven Denkens wird von Naturvölkern dem Material angepaßt, welches zählend, berechnend erfaßt werden soll. In dieser Situationsbezogenheit des zählenden Erfassens findet Wertheimer mehr Adäquatheit an die Sache als im »Schulzahlendrill« europäischer Mathematiker.(27) Die Weltmachtstrebung Bismarcks mit den Kolonien Togo, Kamerun, Uganda, Tansania (Ostafrika), Namibia (Südwestafrika) und den Südsee-Kolonien (Samoa, Marshall-Inseln, Nord-Neu-Guinea) schaffen zwischen 1871 und 1914 ein gesteigertes Interesse der Wissenschaft an der Lebensweise von Naturvölkern; Freud nannte sie 1913 in "Totem und Tabu" noch primitive Wilde, deren Verhalten dem der Neurotiker ähnelt, weil sie tote Materie beseelen mit ihren Phantasmata. In dieser paternalistisch-missionarischen Atmosphäre antezipiert Wertheimer ethnologische Postmoderne, wenn er 1912 die innere Logik im abstraktiven Denken der Naturvölker aufspürt und die kulturelle und pragmatische Kompetenz von Völkern hervorhebt, die nicht durch europäische Paradigmata dressiert sind.

    Wertheimer setzt sich bis 1943, vor den Faschisten nach New York emigriert, mit der Frage auseinander, wie wir denken.(28) Deduzieren wir nach Art der formalen Logik per Klassifizierung, Universalisierung? Induzieren wir empiristisch im Trial-and-Error-Verfahren nach Art der Naturwissenschaften?(29) Lernen wir per Assoziation, nach Art der bedingten Reflexe, Unbekanntes durch Bekanntes zu erschließen und zu erfassen?(30) Das »Erfassen des Wesentlichen«(31), der »Struktur der Situation«(32) ist mehr als Deduktion, Induktion, Assoziation.

    Produktives Denken charakterisiert sich durch: Gruppieren, Umordnen, sinnvolles Strukturieren, Aufteilen in Unterganze, Erfassen der Interdependenz der Teile, ihres Ineinanderpassens, ihrer Verschränkung, Erfassen der eigentlichen Natur ihrer gegenseitigen Abhängigkeit, ihrer inneren Strukturiertheit, ihrer funktionellen Bedeutung und Rolle im Ganzen und ihrer vollständigen Figur, des Ganzen, welches vielleicht so noch gar nicht existiert, sondern aufgrund einer Störung, eines Defektes erst zu vervollständigen ist. Diese Einzelmomente des Erfassensprozesses eines Strukturganzen sind keine Sukzessionen von logischen Operationen, sondern erfolgen zeitlich ineinander verschaltet und oszillieren miteinander.(33) »Solch ein Prozeß ist nicht einfach eine Summe von verschiedenen Schritten, nicht eine Ansammlung von verschiedenen Operationen, sondern das Herauswachsen eines Gedankenzuges aus den Lücken in der Situation, aus den Störungen der Struktur und dem Bestreben, sie zu heilen, - in Ordnung zu bringen, was schlecht ist, - zur guten inneren Bezogenheit zu gelangen. Es ist nicht ein Vorgang, der von Stücken zu ihrer Summe fortschreitet, von unten nach oben, sondern von oben nach unten, von der Natur der strukturellen Störung zu den konkreten Schritten.«(34) Vektoren der strukturellen Züge einer Figur, »die Lücke, die Unvollständigkeit in der Situation« drängen »auf eine Konkretisierung der Störungsbereiche und auf die Änderungs-Operation« hin. So vollzieht sich »ein guter Übergang von einer schlechten Gestalt zu einer guten Gestalt.«(35)

    Ließen sich Ganzeigenschaften, Ganz-Qualitäten wie Transponierbarkeit(36) und Übersummativität(37) bei Wertheimers Experimenten erkennen, war es »ein erleuchtender Augenblick, als eine starke Tendenz gefunden wurde, einheitliche Ganz-Eigenschaften, 'vernünftige Zusammengefaßtheiten' wahrzunehmen, mit Zügen, die zu der inneren strukturellen Natur der Situation gehörten - der sogenannte Faktor der guten Gestalt.«(38)

    Die Würde des Menschen wird nicht durch sklavische Pedanterie des Denkens befördert, sondern durch eine »Willigkeit, den Problemen gerade ins Gesicht zu sehen, eine Bereitschaft, sie mutig und gewissenhaft zu verfolgen, ein Verlangen nach Verbesserung«, den Weg von parataktischen Stücksammlungen zur Erschließung des Strukturganzen.(39) Die Wahrheit ist, so zeigt Wertheimer an mathematischen Problemlösungsversuchen, nicht beliebig, ist nicht die Summe von Teilsachverhalten, sondern es gibt eine letztgültige Wahrheit des Ganzen. Sie kann und mußte bei Einstein zum Paradigmenwechsel führen.(40) »Aus dem Studium des Wahrheitsproblems ging das Schema einer vierwertigen Logik hervor, in welcher die Bezeichnungen 'wahr' und 'falsch' beide sowohl in einem atomistischen als auch in einem strukturellen Sinn auftreten können. Hier führt ein strukturblindes Vorgehen wiederum zu dem Sonderfall der nur zweiwertigen aristotelischen Logik.«(41) Die Wahrheit konstituiert sich durch das Ganze. Wahrheit faßt strukturell sinnvoll die Vernetzung eines Phänomens in den Blick. Alle traditionellen logischen Operationen sind doppeldeutig, können bei isolierter Betrachtung von Teilganzen zu gegenteiligen Aussagen über das Ganze führen. Der Fehler der traditionellen Logik ist ihre »Vernachlässigung der starken Gerichtetheit lebendiger Denkvorgänge, sofern sie eine gegebene Situation verbessern.«(42) Wenn Wahrnehmung die sinnliche Suche nach der Wahrheit ist, der Wunsch, das Wahre zu nehmen, muß sie aufs Ganze blicken.

    1.2.3.2 Die Wahrnehmung als ganzheitliches Erfassen durchs Subjekt

    1.2.3.2.1 Wertheimer: Vitale Evidenz geht durch den Leib

    Gefühle sind Vorstufen von Einsichten.(43) Produktives Denken geschieht selten in scharfer Deduktion. Es beruht auf eruptiven Einfallerlebnissen, auf atmosphärischen Anmutungsnebeln, in denen sich die Strukturen des Ganzen erst allmählich auskristallisieren.(44) Zuerst beginnt einem irgendetwas langsam zu dämmern.(45) Bei großen Denkern, er war mit Einstein befreundet(46), registriert Wertheimer das Brüten über der richtigen Lösung als oft monatelangem Tüftelprozeß.(47) Einsicht ist nie emotionsfreies Kombinieren, kühles Räsonnieren, sondern immer vitale Evidenz mit Betroffenheit. Der Aha-Effekt im Erkennen zeigt die erlöste Freude der Erleuchtung, das Siegesgefühl in der Anstrengung des Begriffs. Einsicht ist holistisch: zielgerichtete, sich durch Strukturkristallisationen zu immer stimmigeren Prägnanzstufen verdichtende Evidenz, in der Körpererleben, emotionale Betroffenheit und rationale Plausibilität koninzidieren. Damit wird sowohl Freuds Durcharbeiten als auch ein simpler Kognitivismus korrigiert um die Dimension des Agierens: Das Erkennen der Psychotherapie(48) ist wie jedes andere Erkennen ein vitaler Akt, welches nie von Max Webers Fiktion wissenschaftlicher Neutralität gekennzeichnet ist, die es prinzipiell sowenig gibt, wie sie lautstark gefordert wird von solchen Forschern, die sie eben besonders offensichtlich auch nicht bemeistern. Der therapeutische Prozeß und Progreß verlangt nach der Verbindung von Kognition und Emotion zur produktiven Wiederaneignung der eigenen, abgespaltenen Gefühls-Geschichte.

    Auch das Denken gehorcht 'Trieben': dem »Wunsch, zur Lösung eines Problems zu gelangen«.(49) Außerdem reicht es nicht aus, einen fertigen Lösungsweg eines anderen als Information präsentiert zu bekommen, um den Problemlösungswunsch nachhaltig zu befriedigen. »Zu einem wirklichen Verständnis muß man die Schritte, die strukturelle innere Bezogenheit, die Forderung der Sache, selbst nacherschaffen.«(50) Das Wesen der Einsicht ist, daß sie subjektiven Nachvollzuges, produktiver Aneignung der Wahrheit bedarf. Therapeutisch kommt alles darauf an, daß der Patient seine Not durcharbeitet. Assistierender Hermeneut, Dolmetscher der Sprache des Unbewußten, ist der Therapeut, wo er das szenische Feld des Patienten aufdeckt, seine Wahrheit vielsträhnig fundiert.

    1.2.3.2.2 Köhler: Entsprechung der Wahrnehmung zum Gegenstand

    Wolfgang Köhler arbeitete am Phänomen der Isomorphie: Es gibt Strukturentsprechungen von Neurophysiologischem und Seelischem.(51) Materielle, organische Vorgänge beim Vorgang sinnlicher Wahrnehmung, die »psychophysischen Prozesse«, haben zu dem subjektiv gefühlten »geistigen Leben« Ähnlichkeit, sind nicht assymetrisch oder inkompatibel zu ihnen.(52) Sinnesqualitäten wie Farben haben »kortikale Korrelate«, aber nur sekundäre physikalische.(53) Gefordertheit, Intentionalität, ist in jedem phänomenalen Akt, im Wahrnehmen, als selektives und Prägnanz erzeugendes Prinzip enthalten, wenn auch scheinbar nicht in den bloßen Tatsachen, den Dingen an sich.(54) Die Phänomene des geistigen Lebens haben kortikale Korrelate oder Abbilder in psychophysischen Prozessen, allerdings weniger in mikroskopischen, histologischen Prozessen der neuronalen Elementarvorgänge, als eher in makroskopischen Funktionszusammenhängen des neuronalen Netzwerkes, der stationären Selbstverteilung des elektrostatischen Potentials auf das Ganze.(55) Einzelne Zellgruppen stehen in funktionalen Interdependenzen. Die neuronale Stromleitung etwa bedarf des Umgebungsgewebes für den Gegenpol der Spannung.(56) »Kontinuität ist eine strukturelle Eigenschaft von Sehfeldern. Es ist ebenfalls ein struktureller Tatbestand, daß in diesem Feld besondere abgegrenzte Wahrnehmungen, wie Flecke, Figuren und Dinge zu finden sind. Diese beiden Befunde haben uns gezeigt, daß die makroskopische Beschaffenheit der kortikalen Vorgänge manchen Eigenschaften der optischen Wahrnehmung ähnelt. In diesem Sinne sind also das Sehen und sein kortikales Korrelat isomorph.«(57) Ebenso isomorph sind Sehfeld und gesehener physikalischer Raum.(58)

    Das Ich hat Macht über den Körper, in dem es lokalisiert ist.(59) »Ein gesehenes Ding berührt das optische Ich, wenn wenigstens in einem Punkte ein unmittelbarer funktioneller Kontakt zwischen dem kortikalen Korrelat des Sehdinges und dem Korrelat des gesehenen Ichs besteht.«(60) Man sieht nicht durch Einzelreize, sondern durch Gradienten, in denen verschiedene Reize und Sachverhalte verglichen und klassifiziert werden zu Funktionsbeziehungen im Wahrnehmungsakt.(61)

    1.2.3.2.3 Koffka: Wahrnehmung als aktive Aneignung der Außenwelt

    Kurt Koffka entwickelt in seiner Wahrnehmungspsychologie den Unterschied von objektiven Dingen der Außenwelt und den Reizen, die sie aussenden und die wir rezipieren.(62) Im Wahrnehmen rezipieren wir mit organismisch-subjektiver Intentionalität. Instinkte sind mehr als Thorndikes Ketten-Reflexe, sind dem Reiz angepaßtes Reaktions-Verhalten, in dem sich die Phänomene von Intentionen strukturiert einschreiben.(63) »Ein Ketten-Reflex müßte aus einer Anzahl einzelner Handlungsstücke bestehen, die rein äußerlich, durch die im Organismus fest angelegte Anordnung der Neuronen-Systeme bestimmt ist.«(64) Dabei ist ein unabgeschlossenes physiologisches Geschehen, Nicht-Befriedigung, Störung der organismischen Ruhe der Auslöser für die Aktivierung von Instinktverhalten, welches wie der intelligible Wille durch aktive »Gerichtetheit nach Vorwärts« und ständige Realitätskontrolle wesentlich komplexer ist als ein Reflex.(65) Er ist intentionale Aktivität, während Reflexe passives Reagieren auf Reize sind. Thorndikes Unterschied von abgeschlossenen Endsituationen und Durchgangssituationen, befriedigter Ruhe und der Not noch nicht erfolgter Problemlösung, führt auf den Drang nach Geschlossenheit als Movens von Reflex, Instinkt, Gewohnheit und Intellekt.(66) »Stationäre oder Ruhe-Zustände stellen unter einer unendlichen Mannigfaltigkeit von anderen Vorgängen ausgezeichnete Fälle dar, in sie mündet schließlich alles Geschehen.«(67)

    1.2.3.3 Lewin: Wechselspiel des Organismus mit den Dingen in seinem Feld

    Nach Albert Einstein ist jeder physikalische Vorgang immer in seinem Feld zu verstehen.(68) Diese Erkenntnis der Kontextualität wurde auch von Wertheimer aufgegriffen.(69) Sehr deutlich bei Perls ist die Aufnahme des Feld-Begriffs von Einstein, der in der Gestalt-Psychologie besonders adaptiert wurde von Kurt Lewin.(70) Der Organismus als ich-nahe Zentralität existiert nicht als isolierbare Monade(71), sondern bezogen und Stoffwechsel treibend mit dem Umfeld.(72) Ohne Kommunikation mit der Welt stirbt er.(73) Sein Verhalten und Wahrnehmen ist Austausch mit dem Umfeld.(74) Triebe gehen vom auffordernden Objekt aus und zielen auf Austausch, sei es Atmen, Essen, Defäkation, Ejakulation oder Verständnis und Zärtlichkeit geben/empfangen.(75) Der Sinn, die Bedeutung einer Aktion ergibt sich aus dem sinnlichen Kontakt zum Kontext der Mitwelt.(76)

    1.2.3.4 Gedächtnis motiviert von Prägnanztendenz zum Guten

    1.2.3.4.1 Sprache als Lerngeschehen auf dem Weg zur Befriedigung

    Damit ergibt sich die Funktion von Bewußtsein und Denken als Probehandeln möglicher Stoffwechselaktionen zwischen denkendem Organismus und Umfeld, aus dessen Hintergrund die mit den organismischen Bedürfnissen am stärksten kompatiblen Objekte in den Vordergrund denkender Wahrnehmung treten und auf einer besonders hohen Abstraktions- und Prägnanzstufe sprachlich werden, zu Wortsymbolen gerinnen. Diese Werkzeuge des Denkens, utible Statthalter komplexer Wahrnehmungs- oder Verhaltensabläufe sparen Energie, die ein reales Durchagieren auf dem Wege von Versuch und Irrtum mit all seinen lebensgefährlichen Risiken kosten würde.(77) Nicht nur antizipativ als Probehandeln sind Denkakte des Organismus vorhanden, sondern als cerebrale Engrammierung von Atmosphären, Situationen, Interaktionsformen, Sprachriten, um auf der Folie recognostizierender Erfahrung schnellere Zuordnungsraster zur Wahrnehmung und Bewältigung gegenwärtiger Situationen verfügbar zu haben.

    1.2.3.4.2 Prägnanz als Gestalteigenschaft

    Wertheimer hat intensiv mit dem Prägnanzbegriff gearbeitet.(78) Damit ist die Tendenz zu einer guten Gestalt gemeint.(79) »Meine These ist, daß nichts anderes als die strukturellen Eigentümlichkeiten in S1, mit ihrer besonderen konkreten Natur, es sind, die die Vektoren, samt ihrer Richtung, Qualität, Stärke hervorbringen, die ihrerseits zu den Schritten und Operationen führen, die dynamisch zu den Forderungen der Sache passen. Diese Entwicklung ist bestimmt durch das sogenannte Prägnanz-Prinzip, durch die Tendenz zur guten Gestalt, durch die verschiedenen Gestaltgesetze.«(80) Wenn sich S1 durch Lücken kennzeichnet, die nach Schließung der Gestalt verlangen, worin die Gefordertheit der Sache besteht, so ist der Vollendungszustand S2 »eine Sachlage, die als eine gute Gestalt, in der die gegenseitigen Forderungen sich im Einklang befinden, und in der die Teile von der Struktur des Ganzen ebenso bestimmt sind wie das Ganze von den Teilen, durch innere Kräfte zusammengehalten wird.«(81)

    1.2.3.4.3 Gedächtnis als Speicherung der Problemlösungsversuchsreihen

    Ebenso werden in der Erinnerung unbewältigte Situationen gespeichert und quasi einem unterhalb der Bewußtseinsschwelle verlaufenden Tüftelprozeß überstellt, den Freud als Wiederholungszwang interpretierte, der nach Auffassung von Lewin und Perls aber der Versuch ist, das damals gestörte Gleichgewicht des Organismus, die damals verhinderte Bedürfnisbefriedigung im Nachholverfahren doch noch zu einem erfüllten Ausgleich zu bringen. Diese Tendenz, ungelöste Probleme weiter zu bearbeiten und in der Erinnerung wesentlich prägnanter zu rezipieren als Glückserfahrung, Erlebnisse befriedigenden Austausches, bestätigen Gedächtnisversuche von Lewin: gelöste Probleme werden schnell vergessen, ungelöste Probleme beschäftigen das Bewußte und Unbewußte weiter, weil die psychische Spannung bis zur Lösung weiter anhält.(82)

    Die Gestaltpsychologie hat dieses Phänomen »Tendenz zur guten Gestalt« benannt.(83) Unerledigte Situationen hängen quasi im Gedächtnis fest und drängen bewußt oder unbewußt auf erneute Versuche einer Befriedigung der Bedürfniskonstellation des Organismus. Dieses Phänomen wird nach Lewins Schülerin als »Zeigarnik-Effekt« bezeichnet.(84) Das 'System in Spannung', die Person mit ihren (Quasi)-Bedürfnissen, tendiert, mehr oder weniger schnell und flüssig, zur Angleichung an den Zustand benachbarter Systeme.(85) Der Reproduktionsquotient unerledigter Handlungen nimmt am Folgetag von 1,9 schon auf 1,2 ab, die Spannung sinkt mit der Zeit oder auch bei Müdigkeit und bei irrealen oder uninteressanten Aufgaben (periphere Systeme).(86) Befriedigung stellt sich erst ein, wenn das Empfinden der Handlungsvollendung besteht.(87) Spontane Reproduktion unerledigter Handlungen sind häufiger und kraftvoller als vom Versuchsleiter induzierte.(88) Je mehr Ichnähe ein Tun hat, um so kraftvoller setzt sich psychische Spannung in Behalten um. Kinder behalten besser Unerledigtes und nehmen es wieder auf.(89)

    1.2.3.5 Therapeutische Konsequenzen: Therapie lehrt Wünsche erfüllen

    Gegenüber Freuds Verständnis der Zwangshandlungen als todestriebmäßige Erstarrung im Widerstand differenziert Perls mehr oder weniger gute Gewohnheiten, einfache oder bedingte Reflexe, die durch Automation Bewußtseinsenergie sparen, oder eben den erneuten Anlauf, unerledigte Situationen zu einem endlich befriedigenden Ausgang zu bringen.(90) Dies ist Grundlage gestalttherapeutischer Diagnostik: Unerledigte Situationen verstellen die Aufmerksamkeit für die tatsächliche Gegenwart und blockieren das Handeln. Sie werden im Therapieprozeß aufgespürt und reinszeniert mit dem Ziel, eine befriedigende Problemlösung zu finden, die in ähnlichen Situationen Pate steht fürs Erfinden befriedigender Verhaltensweisen.

    1.2.4 Holistische Philosophie

    Im Vorwort von »Ego, Hunger and Aggression« nicht genannt werden zwei Hauptquellen des Perlsschen Denkens, nämlich Jan Christiaan Smuts »Holismus«(91) und die Theorie der »schöpferischen Indifferenz« von Salomon Friedlaender, nach der sich alles Leben in einem beständigen Pendelprozeß um ein Gleichgewicht auf allen möglichen Ebenen vollzieht.

    1.2.4.1 Salomon Friedlaenders »Schöpferische Indifferenz«

    »In seinem Buch Schöpferische Indifferenz stellt Friedlaender die Theorie auf, jedes Ereignis stehe in Beziehung zu einem Nullpunkt, von dem aus eine Differenzierung in Gegensätze stattfinde. Diese Gegensätze zeigen in ihrem spezifischen Zusammenhang eine große Affinität zueinander.«(92) Perls bringt Beispiele wie Ebene als Nullpunkt von Erdloch und Erdhügel: je größer das Loch, um so höher die ausgehobene Erde. Andere Gegensätze sind: weiß-schwarz, plus-minus, klug-dumm, gesund-krank, heiß-kalt. Der Nullpunkt, das Weder-noch, die prädifferente oder postdifferente Ausgewogenheit, wird im menschlichen Lebenszusammenhang bemessen an der Befindlichkeit des Organismus in einem angenommenen Normalzustand.(93) Die Wahl des Nullpunktes ist bestimmt von der normativen Kraft biologischer Evolution, gesellschaftlicher Zweckmäßigkeit oder politischer Machtinteressen.(94) Die Wahrnehmung der Welt in Gegensätzen, mehr oder weniger differenzierten Polaritäten, dient nicht nur pragmatisch der Orientierung vermöge der Reduktion von angetroffener Weltkomplexität. »Die Situation, das 'Feld', ist ein entscheidender Faktor bei der Wahl des Nullpunkts.«(95)

    Friedlaender steht als Autor der Frühmoderne zwischen Schopenhauer und Kant.(96) Nietzsches Wille zur Macht als Über-Individuelles umfaßt die menschlichen Einzelwillen übersummativ.(97) Schöpferische Indifferenz meint die göttliche Ur-Einheit des Ganzen als In-Dividualität, Un-Trennbarkeit, wie das Sein in Parmenides' Lehrgedicht.(98) Die Welt ist taoistisch polarisiert in Yin und Yang. Urmenschmythen erzählen Schöpfung der Welt als Scheidung der Gegensätze, die einst im Urchaos vermischt waren.(99) Der sich materialisierende und polarisierende Wille ist »nur scheinbar menschlich, er ist göttlich, Individuum«, wenn er, exakt verleiblicht, »ganz und gar auf das Ganze gerichtet« ist.(100) »Ohne Differenz kann nichts erscheinen.... Die Faktoren, Extreme, Pole, Parteien des harmonischen Zwiespalts respektieren einander gegenseitig, ohne daß der Differenzcharakter im Mindesten verwischt würde«.(101) So sehr Friedlaender Bloch auch attackiert, er rezipiert dessen Tendenz-Latenz des experimentum mundi: »erst zuletzt lüftet sich das eigenste Inkognito und damit die echte Initiative, das wirklich unabhängige Ich, welchem alles Einzelne, auch die einzelnen Menschen, gleichsam automatisch anhangen muß, der echte freie Wille, der eben nicht mehr einzeln, sondern ganz, sondern individual ist. Und nur dieser Vollwille, nicht bereits der einzelmenschliche, bewirkt auch das Wunder der Welt-Harmonie.«(102) Menschen sind Teile des Weltganzen: »Die Einzelnen sind nur die Leibeigenen des Individuums, des innersten Gottes.«(103) In der Besinnung auf diese Welt- und Gottzugehörigkeit wird privater Egoismus als Verblendung überwunden, wie Friede Krieg als dessen innerstes Ziel aufhebt.(104) »Die Welt zeigt in der Form der Differenz..., was ungeteilt bereits in "uns" ist... Eigentlich ist das Individuum in sich selber weder dunkel noch unbewußt, sondern übersonnenhell, überbewußt, aber gänzlich undifferenziert.«(105) Der Mensch als »das ausgezeichnetste Werkzeug der Spontaneität... ist nur noch der Exzenter des eigenen Willens, der Planet dieser Sonne... Laßt auf Planeten Tag und Nacht sein, laßt Leiber aufblühen und abwelken: das Selbst aber ist Sonne alles Sonnen, schöpferischer Mittler der Welt.«(106) Im Wissen um die Kongruenz, innerste Zusammengehörigkeit und All-Einsamkeit des Zerstrittenen liegt der Motor, die 'krampfhaft disproportionierte' Erdkultur harmonisch zu runden.(107) Wir alle sind peripherer Teil der unteilbaren göttlichen Weltwirklichkeit, sind »automatische Äußerung der innersten Freiheit«.(108) Seine Verlarvung, sein Inkognito, legt der Mensch durch Befreiung aus Selbstvergessenheit und Utilitätsfixierung ab: »Um sein Inneres schöpferisch äußern zu können, halte man es absolut ungeteilt, weltidentisch, individual, 'dionysisch'... Um sich restlos äußern zu können, muß es restlos rein von allem Äußerlichen, das heißt Unterschiedenen, halten, indifferent sein, integer, individual, ganz, vollwesentlich.«(109) Die Konseqenz ist Entäußerung durch mystische Verinnerlichung: »Erst die vollendete Unäußerlichkeit äußert sich schöpferisch. Erst die vollendete Verarmung des Innern an allem unterschiedlichen Äußeren vollzieht den Reichtum des Innern, ohne welchen der äußerliche Reichtum Chimäre ist.«(110)

    Leider beschränkt sich die Aufnahme Friedlaenders bei Perls auf die Homöostase. Organismische Existenz pendelt in einer homöostatischen Balance, die permanent intern wie extern gestört wird und durch ausgleichende organismische Gegenbewegungen im Austausch von innerer und äußerer Natur wiedererlangt werden muß.(111) Allerdings geht auch die Gestalttheorie von einem Nullpunkt der Wahrnehmung aus.(112) Erst später wird Perls mit der Entdeckung des 'Satori', des überwältigenden vitalen Erlebens aus grenzenloser Ausweglosigkeit und völliger Leere im 'Impass'-Erlebnis der Therapie die religiöse Dimension dieser schöpferischen Nihilität entdecken.(113)

    1.2.4.2 Jan Christiaan Smuts' Holistische Kosmologie

    Der südafrikanische Premier- und Justizminister, Gründungsmitglied von Völkerbund und UNO, Jan Christiaan Smuts schrieb mit »Holism and Evolution« eine Ökologiegeschichte der Welt, beeinflußt von Darwins Evolutionslehre, Einsteins Feldbegriff, Bergsons vitalistischer Intuition und der Organismus-Biologie von De Vries.(114) Demnach vollziehen sich Selbstregulationsprozesse auf ökologischer Ebene in der Naturgeschichte, phylogenetisch im Heranreifen der belebten Natur und ontogenetisch im Einzelorganismus als Stoffwechselpartner mit der Umwelt. Symbiosen, wechselseitige Unterstützungen innerhalb vom Organismus zwischen den Organen und als Sozialität im Gattungszusammenhang sind weitere Grundbedingung koexistenten Lebens. Schließlich gehört die Zeitlichkeit als vierte Dimension ökologischer Koordination organismischer Existenz zum Wesen des Menschen: als durch Vergangenes Gewordener steht er in der Gegenwart vor den Möglichkeiten der Zukunft.(115)

    Smuts geht von dem raumzeitlichen Feld-Begriff der Relativitätstheorie aus.(116) Während für Newton Raum und Zeit objektive Apriori, für Leibnitz prästabilierte ewige Universalordnungen, für Kant sinnliche Formen der Begriffsvorstellung der menschlichen Vernunft sind, die den Dingen aufgepreßt werden, sind sie für Einstein etwas sowohl den Dingen als auch der erkennenden Vernunft Inhärentes.(117) Materie ist kein toter Klotz, sondern dynamisch, schöpferisch strukturiert, individuierte Formen aus sich entlassend, im kolloidalen Zustand der Fusion von Elementen bis an die Schwelle des Lebens heranreichend.(118) Die Kolloide markieren den Übergang zur belebten Natur. Die Zelle, zweites Grundgefüge des Universums, betreibt, bestehend aus Kern, Wand und gallertartiger Zellmasse, im kleinen alle Funktionen der entwickelten Organismen: Geburt, Wachstum, Atmung, Ernährung, Verdauung, Heilung, Vermehrung.(119) Der Metabolismus(120)der Zelle, die alle Nahrungsmittel durch Enzyme völlig ändert und umformt, bevor sie sie assimiliert, wird Perls' Paradigma für Wachstum schlechthin. Der Organismus ist ein »System organischer Ordnungen und Zuordnungen«, so wie es der Geist auf einer höheren Stufe als drittes Grundgefüge des Universums, aus den organismischen Ordnungen hervorgegangen und auf ihnen basierend, ist.(121)

    Organismen selektieren. »Das Leben hat eine Fähigkeit zur Selbstausrichtung, auszuwählen, in dieser Richtung statt in jener zu gehen, den Weg einzuschlagen, der zum Erreichen seines unbewußt oder bewußt wahrgenommenen Objektes führt.«(122) Aus der Basis von chemophysikalischen Energie-Gefügen gründet sich das auslesende Lebensgefüge und aus diesem entwickelt sich das ausrichtende Geist-Gefüge.(123) In diesem ist Hans Drieschs mechanizistische Entelechie nicht viel plausibler als Maxwells hypothetischer Geist: eine Selbstordnungsfunktion des Lebens.(124) »So ist das Leben ein Gefüge wie die Materie; und ein Gefüge in einem ähnlichen Zustand unbeständigen Gleichgewichts... Das rhythmische Schwingen wird zum kennzeichnenden Merkmal der Funktionen der Lebensstrukturen.«(125) Höhere Gefügeordnungen hängen zwar von der materiellen Basis ab, haben zu ihr aber eine relative Unabhängigkeit durch deren komplexe Steuerung. »So gibt es eine beständige Richtung in der Entwicklung der Gefüge, Formen und Typen des Daseins. Anwachsender, sich entwickelnder Holismus ist ein fundamentaler durchdringender Wesenszug dieser Welt.«(126) Der Übergang zu komplexeren und noch mehr einfache Strukturen miteinander verbindenden Welt-Gesamt-Strukturen ist die schöpferische Dimension der Evolution.(127) Die Gesamtmenge Welt vernetzt ihre Teilmengen fortwährend intensiver, ist ein freundliches Universum voller gegenseitiger Hilfen.(128) Die Welt tendiert zur »Durchdringung und Berührung des gemeinsamen Feldes«, zur gegenseitigen Verschränkung von Ganzheiten »mit ineinandergreifenden, sich überschneidenden Feldern; wir meinen eine schöpferische Situation, die weit mehr als nur Ansammlung von Individuen einschließlich ihrer Felder ist.«(129) - Die Persönlichkeit ist »die höchste Form des Holismus«.(130) Sie »heilt nicht nur sich selbst, sie ist auch die höchste geistige Gegebenheit, die metabolisiert; sie nimmt zu ihrem Wachstum viele und mannigfaltige Erfahrungen auf, die sie zu ihrer eigenen geistigen Nahrung schöpferisch umwandelt und assimiliert. Da Metabolismus und Assimilation Grundfunktionen aller organischen Ganzen sind, nimmt die Persönlichkeit alle gesellschaftlichen und anderen Einflüsse, die sie umgeben, auf und assimiliert sie und läßt sie alle zu ihrer holistischen Selbstverwirklichung beitragen.«(131) Persönlichkeit ist individualisierende Kraft, Kants Synthesis der Apperzeption, Ich-Verwirklichung mit Willensfreiheit im Prozeß des den homo absconditus in Prägnanztendenz offenbarenden Wachsens.(132)

    Das biologische Bild vom Feld, das dem Organismus Nahrung bereitstellt, die er entweder verwerten, assimilieren kann, oder nicht verwerten kann und schleunigst wieder ausscheiden muß, will er nicht Leid tragen, wird zum Idiom der Persönlichkeitstheorie von Smuts und Perls. »Die Persönlichkeit hängt wie der Organismus für ihr Fortbestehen von einer Versorgung mit den aus der Umwelt gelieferten Nahrungsstoffen verstandesmäßiger, sozialer und ähnlicher Art ab. Aber dieser fremde Stoff kann, wenn er nicht durch die Persönlichkeit entsprechend metabolisiert und assimiliert wird, die Persönlichkeit verletzen und für sie sogar schädlich sein. So wie die organische Assimilation für das tierische Wachstum wesentlich ist, so wird die geistige, sittliche und soziale Assimilation auf seiten der Persönlichkeit zu der bei ihrer Entwicklung und Ichverwirklichung zentralen Tatsache.«(133) Mit diesem Gedanken der Assimilation von Nahrung aller Art ist das Zentrum der Perlsschen Betrachtung innerviert: Die Frage von psychophysischer Validität oder Deliquenz ist vor allem die Frage der richtigen Kost, ihrer Auswahl, Zubereitung und Internalisierung.(134)

    Ich-Verwirklichung als amoralische Boshaftigkeit, als Pflege der eigenen Wollüste auf Kosten der hungernden Anderen - so lautet die gängige Diffamierung des Subjekts, welches mehr will als Sterben fürs Vaterland. Apriori konfligieren in diesem Denkmodell des Bürgertums die Privatinteressen mit Solidarinteressen, welche es auch nur als Diktatur triebrepressiver Herrschereliten gegeben hat. Preußische Selbstdisziplinierung als Staatsräson identifizierte soziale Verantwortung mit dem Verzicht auf das Erleben der eigenen leiblichen Impulse. In diesem faschistischen Klima, was noch Freuds Ideologie vom an sich asozialen Menschenwesen durchzieht, ist Smuts' Begriff der Selbstverwirklichung gar nicht hoch genug zu veranschlagen: Weil das Wesen des Menschen hier zutiefst ein für andere daseiendes ist, verwirklicht sich das Ich oder Selbst nie gegen die Interesse der Anderen, sondern die Interessen aller Menschen entsprechen sich aufgrund ihrer Wesensaffinität zutiefst und sind auf brüderliche Freiheit in und mit ihrer Welt hin angelegt. Wer zu diesem seinem zutiefst sozialen Wesen vordringt, entzieht sich nicht der Gemeinschaft, sondern bereichert sie, erneuert sie, bringt etwas vom noch nicht aufgedeckten Angesicht des sozialen Kosmos ins Licht der kollektiven Erkenntnis.

    1.2.5 Lore Perls' körperdynamischer Therapie-Zugang

    Fritz verdankt seine therapeutischen Inspirationen namentlich seiner Frau Lore, die durch ihre Ausbildung in Ausdruckstanz (Mary Wigman), Eurhytmie (Rudolf Steiner) und Bewegungstherapie(135) gestural-habituellen Körperausdruck als leibliche Sprachform emotionaler, oft nicht vom Ich-Bewußtsein erfaßter Aktion oder Reaktion zu verstehen gelernt hat. Lore beklagt sich später, daß Fritz das Ausmaß ihrer Mitarbeit an diesem Buch nicht hinreichend erwähnt hat.(136) Sie schrieb die Kapitel über den »Schnuller-Komplex« und »die Bedeutung der Schlaflosigkeit«. Die Hinwendung zur Konzentrationstherapie, zur Entdeckung des Körpers als unmittelbarem Ausdruck seelischer Befindlichkeit noch vor der oft rationalisierenden verbalen Interaktionsform, darf als einer der wesentlichen Einflüsse von Lore Perls bewertet werden, die schon in Südafrika intensiv in ihrer eigenen Praxis mit der Einbeziehung des Körpers arbeitete.(137)