Tagung: "Der Mensch im 21. Jahrhundert"
Ein medientheoretisches Statement zum "Menschen"
Kunsthallte Recklinghausen am 15. 11. 1998
Was der Mensch ist im 21. Jahrhundert, meine Damen und Herren, läßt sich schnell beantworten. Der Mensch wird auch im nächsten Jahrhundert sein, was er in den letzten Jahrzehntausenden immer war. Seit dem evolutionären Quantensprüngen, der den homo sapiens mit einer Greifhand, einem entwickelten Kleinhirn und einem sprachfähigen Kehlkopf ausgestattet hat, ist nicht mehr viel passiert. An der bewährten biologischen Grundausstattung wird sich wohl auch in Zukunft nichts ändern.
Was sich aber seit wenigen Jahrhunderten immer schneller und gravierender verändert, sind die Bedingungen der Einfügung des Menschen in das Leben, also seine Kultur oder seine gesellschaftlichen Rahmenbedingungen. Zu den möglichen Veränderungen dieser sozialen Umwelt des Menschen in 15 Minuten auch nur das Oberflächlichste anzudeuten, fällt erheblich schwerer. Offenbar hat die Entwicklung das Medium gewechselt und findet nicht mehr als biologische Evolution im Körper statt, sondern als soziokulturelle Evolution in der Gesellschaft. Um zur Identität des Menschen, deren Form ja wesentlich von dem abhängt, was von der Kultur einer Gesellschaft zu einem Zeitpunkt an Selbstbeschreibungen angeboten wird, überhaupt etwas zu sagen, möchte ich meine Überlegungen auf einen einzigen Ausschnitt der sozialen Rahmenbedingungen beschränken, dessen Wandel in nächster Zukunft diese Selbstbeschreibungen vermutlich betreffen wird.
Ich werde versuchen, eine medientechnologische Lagebeschreibung der Gegenwart anzufertigen, um von dieser Skizze auf eine mögliche Entwicklung zu schließen. Frau van Megern hatte die Devise ausgegeben, daß die Zukunft von Entscheidungen abhänge, woraus ja folgt, daß jeder Versuch einer Prognose darin bestehen muß, die aktuellen Rahmenbedingungen für Entscheidungen zu beschreiben. Die Zukunft ist zwar offen, gewiß, aber nicht für alles. Manches ist vorstellbar, vieles unmöglich, manches kaum denkbar, vieles hochwahrscheinlich. Meine Lagebeschreibung ist medientheoretisch, ihre Deutung hinsichtlich möglicher Entwicklungstrends wird soziologisch sein. Zunächst zur Lage:
An der telekommunikativen und verkehrsmäßigen Erschließung der Welt besteht kein Zweifel; sie hat mittlerweile einen Stand erreicht, der uns den Begriff der Globalisierung beschert hat. Der Begriff der Globalisierung zeigt an, daß große Teile der gesellschaftlichen Leistungsbezirke, allen voran die Wirtschaft, damit aufgehört hat, in nationalstaatlichen Zusammenhängen zu denken. Die Inter-Nationalität, ein Begriff der anzeigt, daß einst alles zwischen Nationen ausgemacht wurde, ist vom Begriff der Globalisierung abgelöst worden. Global player spielen ein Spiel ohne Grenzen: Wer Gewinne erzielen will, aber auch, wer Gläubige für die Weltreligionen, Rezipienten für seine Kunstwerke oder Mitarbeiter für ein Forschungsprogramm sucht, läßt sich von nationalen Grenzen nicht aufhalten. In jeder sozialen Sphäre gibt es mittlerweile Akteure, deren Spezialität es ist, einzelne Regionen weltweit zu sichten und untereinander zu vergleichen, um dann die geeigneteste als Standort auszuwählen. So verfährt nicht nur die Wirtschaft, die Silicon Valley mit Bangalore oder Bayern, Hamburg mit Rotterdam, den Elsaß mit Tschechien vergleicht und Standortvorteile und –nachteile abwägt, sondern Städte oder Regionen befinden sich auch in anderen Hinsichten in einem Zustand des permanenten Vergleichs. Die Regionen konkurrieren um Kunstbiennalen und Filmfestspiele, um Museumsbauten und Stiftungen, um Forschungsinstitute, Freizeitparks oder auch um gesunde Umwelt. Die weltumspannenden Verkehrs- und Telekommunikationstechniken lassen diesen Vergleich permanent und global stattfinden. Die Finanzplätze nehmen in diesem Prozeß der Globalisierung vielleicht eine Avantgarde-Stellung ein, denn dank des elektronischen Handels ist die eigene physikalische Anwesenheit des Börsianers völlig unerheblich für sein Agieren an den Börsen in London, New York oder Hongkong – er muß nur online sein, um mitzuspielen. Alle Vergleiche, die wie der Börsenhandel mit Beobachtungen und Operationen via Internet oder via Telephon auskommen, sind mithin potentiell globale Vergleiche; diejenigen, die sie anstellen, sind also global player. Im Umkehrschluß heißt dies zugleich: wer offline ist, muß schwerer Nachteile gegenwärtig sein.
Ich hatte schon darauf aufmerksam gemacht, daß dieser Prozeß nicht auf die Wirtschaft beschränkt ist, sondern alle sozialen Sektoren der Gesellschaft von der Kunst bis zur Wissenschaft erfaßt. Es gibt Regionen, die im Bereich der Kunst miteinander konkurrieren, etwa Venedig, Salzburg oder Kassel, im Bereich des Tourismus, im Bereich der Wissenschaft, etwa Stanford gegen Harvard oder Berkeley, aber auch gegen die Ecole Normale Superieure in Paris oder die Fraunhofer- oder Max Planck Gesellschaften in Deutschland. Ein Forschungsinstitut beispielsweise sucht die Nähe zur Industrie, die ihre Patente verwertet, zu den Universitäten, an denen es seinen Nachwuchs rekrutiert, es sucht ein Rechtssystem, das Innovationen nicht blockiert, ein politisches Umfeld, das Grundlagenforschung subventioniert etc. Ich glaube nun, daß eine Region aus diesem globalen Wettbewerb, der ja in den verschiedensten Sektoren durchgeführt wird, dann als Gewinner hervorgeht, wenn sich mehrere Standortvorteile so addieren, daß alle Akteure dort maximal davon profitieren. Die hochbezahlten Angestellten der High-Tech-Industrie wollen nicht nur einen Arbeitsplatz, sondern verlangen auch nach angemessener kultureller Umgebung, wollen eine sichere und gesunde Umwelt, gute Schulen für ihren Nachwuchs. Unter dem eingetragenen Warenzeichen SmartCommunities werben in den USA Städte derart um Investoren und Bewohner. Die Konkurrenz der Regionen auf allen Bereichen – von der Kunst bis zur Umwelt, vom Immobilienpreis bis zum Schulniveau, von der Kriminalitätsrate bis zum Nahverkehrssystem, diese Konkurrenz hat in den USA bereits zu einer Polarisierung geführt: es gibt Regionen, die in den Massenmedien und im Internet damit werben, im Gegensatz zu anderen Gebieten eine gute Infrastruktur, guten kommunalen Service, hohe Sicherheit, saubere Umwelt, gute Schulen usw. anbieten zu können. Je mehr Firmen dieses Angebot wahrnehmen, um so mehr Geld in eine bestimmte Region fließt, um so höher dort die Lebensqualität steigt, um so attraktiver das kulturelle Umfeld wird, desto gravierender fallen die Unterschiede zwischen solchen Regionen aus, die derartige Standortvorteile akkumulieren, und denjenigen Regionen, in denen die Spirale negativ wirkt: weniger Hoch-Industrie, weniger Arbeitsplätze, weniger Steuereinnahmen, steigende Sozialkosten, schlechtere Infrastruktur, schlechtere Schulen, höhere Gewaltkriminalität, Abwandern der Spitzenverdiener und der Unternehmen, Verfall der Grundstückspreise etc. Die Globalisierung führt so zu einer scharfen Diskrepanz von Regionen, und am Ende dieser Entwicklung könnten sich wohlhabende Megacities und Slums gegenüberstehen.
Was bedeutet dies für den Menschen im nächsten Jahrhundert? Ich vermute zum einen, daß der Ort der Geburt wieder entscheidend dafür wird, welche soziale Karriere jemand durchläuft: so entscheidend, wie dies im Europa der Vormoderne schon einmal gewesen ist. Damals, in Alteuropa, hing die Laufbahn eines Menschen von seinem Stand und seiner Familie ab, in die er hineingeboren wurde: Bäckerssöhne wurden Bäcker, Prinzen wurden Könige. In jedem sozialen Stand herrschte quasi Erbfolge, soziale Mobilität war selten. In der Moderne änderte sich dies radikal: jede Generation wählt nun ihre Ausbildung, ihren Beruf, ihre Lebenspartner selbst. Persönliche Leistung ist nun verantwortlich für die Karriere, nicht mehr der Stand des Vaters. Wenn es nun aber zutrifft, daß die Globalisierung zu einer Verschärfung der Unterschiede zwischen den Regionen führt, die soweit gehen könnte, daß man Bereiche mit hohen, sich gleichsam akkumulierenden Chancen von Bereichen unterscheiden muß, die an der globalisierte Gesellschaft in keiner Weise partizipieren, dann kommt die Gnade der Geburt wieder zum Zuge. Nicht nur in Südamerika, Afrika und Asien, auch mitten in den USA gibt es Bezirke, die von allen sozialen Institutionen evakuiert worden sind. In solchen Bereichen gibt es kein Recht, keine medizinische Versorgung, keine Polizei, kein Arbeitslosengeld, keine Sozialfürsorge, keine Bildungseinrichtungen, keine Wissenschaft. In diesen Exklaven leben die Ausgeschlossenen: Menschen, die an der Weltgesellschaft nicht teilnehmen. Wer hier geboren wird, wird in keinen sozialen Leistungsbezirk der Gesellschaft integriert: er erhält keine Schulbildung und deshalb keine Arbeit, er verdient nicht genug, um sich zu versichern, er erhält keine medizinische Versorgung und keine Rente. Es gibt Favelas und Slums, die von keinen Vertretern der Weltgesellschaft mehr betreten werden: weder von Missionaren, noch von Polizisten, weder von Entwicklungshelfern, noch von Ärzten. Dies sind gewiß extreme Einzelfälle, doch die Logik der Globalisierung läßt erwarten, daß diese Exklusionsbereiche sich ausbreiten. Je mehr die Weltgesellschaft auf Verkehrs- und Telekommunikationstechniken angewiesen ist, je mehr nicht die Produktion von Gütern, sondern der Fluß der Informationen ihr Wesen ausmacht, desto effektiver werden jene Bereiche erst marginalisiert, dann exkludiert, die an die global information infrastructure nicht angeschlossen sind. Die Mediensoziologie hat daher immer wieder betont, welche schwerwiegenden Folgen die zunehmende Bedeutung der neuen Medien in allen Diskursen der Gesellschaft noch zeitigen werden, da nur diejenigen mit access an der sozialen Entwicklung teilhaben werden, während diejenigen ohne Zugang zu den aktuellen Verkehrs- und Telekommunikationstechniken an den Operationen der Weltgesellschaft gar nicht mehr teilnehmen werden. Die Globalisierung könnte so zu einer sich wechselseitig verstärkenden Spirale von Inklusion und Exklusion führen. Die Globalisierungsgewinner, die in den Inklusionszonen der Weltgesellschaft wohnen, partizipieren an den akkumulierten Standortvorteilen ihrer Region – die Globalisierungsverlierer bevölkern die Exklusionszonen. In den USA sind die Grenzen zwischen solchen Zonen der Inklusion und Exklusion deutlich zu erkennen – etwa an Sicherheitszäunen, Sicherheitskameras und Sicherheitspersonal.
Was der Mensch ist, wird dann davon abhängen, auf welcher Seite des Zauns er sich befindet. Er nimmt entweder an den Errungenschaften der Moderne teil und damit auch an ihren Selbstbeschreibungsangeboten – oder er nimmt nicht teil. Was die Inkludierten tun, hat dann soziale Folgen, denn sie handeln in ihren Rollen als Konsumenten oder Produzenten, Wissenschaftler oder Priester, Künstler oder Mediziner im Zusammenhang global operierender Systeme wie Wirtschaft, Wissenschaft, Religion und Kunst. Was die letzteren tun, die Exkludierten, bleibt dagegen für die Weltgesellschaft folgenlos. Während eine Entscheidung bei VW weltweite Folgen hat, bleibt ein Ereignis in den "schwarzen Löchern" der Weltgesellschaft ohne Konsequenzen. Die Menschen in den Exklusionsbereichen nehmen an Gesellschaft nicht mehr teil, kein Mord führt hier zu einem Haftbefehl, keine Krankheit zur Untersuchung, kein Werk zur ästhetischen Beachtung. Die Menschen dort werden zurückgeworfen auf den Naturzustand eines Krieges aller gegen aller. Eine Folge der Globalisierung könnte es also sein, daß es im nächsten Jahrhundert Menschen geben wird, die ihren Funktionen und Aufgaben wie gewohnt arbeitsteilig und hochspezialisiert in einer modernen Gesellschaft nachgehen, und Menschen, denen es die Ungnade ihrer Geburt verwehrt, an der Weltgesellschaft teilzunehmen. Die einen werden sich gegen die anderen abzuschotten wissen. Das Stichwort "Festung Europa" kursiert bereits. Unsere Frage nach der Identität des Menschen im 21. Jahrhundert wird von diesen Millionen Exkludierten weder gestellt noch beantwortet werden.