Die eine große Kraft namens Electricität

Magnetismus und Methode, Wahnsinn und Medium: Der Paranoiker 1850-1919 war wissend

Von Niels Werber

Ein diskurs- und mediengeschichtlicher Sammelband schreitet die Grenzen zwischen Wahn und Wissen ab - und dokumentiert den interessanten Grenzverkehr. Als Polonius dem dänischen Königspaar über Hamlets Zustand Bericht erstattet, fasst er sich kurz: "Euer Sohn ist irre." Doch der Aufgabe, "den Wahnsinn zu definieren", entzieht er sich: "das wollen wir jetzt einmal beiseite lassen..." Seine abschließende Diagnose lautet dann: "Ist es auch Wahnsinn, so hat es doch Methode." Die Äußerungen des Wahns sind nicht schlicht das chaotische, unerwartbare, regellose Andere énormaler' Kommunikation, sondern durchaus codiert. Ist der Code bekannt, kann der nüchterne Beobachter die irre Kommunikation verstehen. "Es hat Methode."

Die Beiträge des ausgezeichneten Bandes diskutieren vier Fälle, die von dämonischer Besessenheit über magnetische Vergiftung und Größenwahn bis zur Schizophrenie reichen. Die Analysen stützen sich großenteils auf Selbstzeugnisse, auf gleichsam "wahnsinnige" Texte, die in Auszügen mitgeliefert werden, und versuchen, die Regeln dieser Textproduktion anzugeben. Die "Methode darin", das wird sehr plausibel gezeigt, ist zunächst einmal abhängig vom medientechnischen und naturwissenschaftlichen Stand. Der "magnetisch vergiftete" Friedrich Krauß leidet seit 1815 unter einem Verfolgungswahn, dessen Logik Magnetismus, Mesmerismus und die Äther-Theorie voraussetzt. Feindselige Magnetiseure haben Krauß in "Rapport" gesetzt, lenken seinen "Willen" und seine "Bewegungen" nach Belieben, lassen ihn reden und handeln wie eine "Drahtpuppe" - und das weltweit, als sei er ein Cyber warrior der Zukunft. Krauß: "Gehen Sie nach Archangel, nach Lima in Peru, nach Peking, fahren Sie um die Welt herum, vergebens! es strömt immer auf Sie ein". Das Medium, das Krauß hier gleichsam imaginiert, ist die drahtlose Telegraphie, das Radio. Sobald es erfunden ist, wird man beginnen es für möglich zu halten, Menschen im Empfangsbereich nach Belieben zu manipulieren. Die zahlreichen Wechselwirkungen zwischen den sozialen Konstruktionen von Wahn und Normalität auf der einen und dem naturwissenschaftlichen und medientechnischen Wissen auf der anderen Seite werden spannend wie einleuchtend herausgearbeitet.

Krauß ist mit den neuesten Entdeckungen vertraut. "Der Akademiker Du Bois Reymond in Berlin hat durch vielfältige genaue Experimente entdeckt, dass Nervenkraft u. Electricität identisch sind. - Dieselbe Kraft, welche auf hunderte von Meilen mit Blitzesschnelle das Wort des Telegraphen leitet, pflanzt ebenfalls den Willen des Gehirns fort. Es gibt nur eine große Kraft: Electricität." Und wer diese Kraft beherrscht, wie die Verschwörung der Magnetiseure, der kann Menschen zu Empfängern unsichtbarer Kommandos degradieren. Krauß sieht sich als "Automat" - als sei er die Empfangsstation einer Telegraphenleitung. Noch zu Beginn des 20. Jahrhunderts plausibilisieren Paranoiker ihren Wahn durch ihr durchaus zeitgemäßes Wissen. Mit Verweis auf die lichtschnelle Telegraphie und im Vorgriff auf den Funk beklagt Ernst B., er werde "von unsichtbaren Drähten maltretiert". Dieses medientechnische Dispositiv des Wahns herauszuarbeiten, ist eines der Hauptleistungen des Sammelbandes.

Für Dr. Ludwig Staudenmaier, ordentlicher Professor in Freising, wäre Krauß nichts als ein Fall einer "wissenschaftlichen Experimentalmagie", die einfach von der technischen Weisheit ausgeht, das jeder Empfänger auch senden kann. Die Medien plausibilisieren bestimmte soziale Konstruktionen des Menschen: Wie ein "Telephon", dessen Membran als Mikrophon und als Lautsprecher funktionieren kann, bestehe auch "unser Körper" aus "optischen, akustischen, motorischen Apparaten", mit denen man nicht nur externe Eindrücke aufnehmen, sondern auch Imaginationen nach außen projizieren kann. Jedes "rezeptive Organ", so weiß laut Pethes der "medieninformierte Staudenmaier" im Jahre 1910, kann "potentiell auch produktiv werden". Einer "wissenschaftlichen Magie", die diese medialen Eigenschaften des Menschen erforscht und seine Kräfte technisch verstärkt, wäre es also durchaus möglich, genau jene "Fernwirkungen hervorzubringen", von denen sich Krauß vergiftet glaubt. Nur das richtige Medium ist nötig: Telephon oder Radio beispielsweise, um Fern- oder Massensuggestionen auf den Weg zu bringen. Den Eindruck, den der Paranoiker Krauß hat: nämlich von unsichtbaren magnetischen Banden wie eine Marionette gelenkt zu werden, teilen dann auch Medienkritiker wie Adorno und Horkheimer, wenn sie behaupten, die Zuschauer reagierten auf "Signale" wie Pawlowsche Hunde.

Was Konditionierung heißt, wissen die Wahnsinnigen schon Jahrzehnte vor Pawlow. Berühmte Verbrecher wie Dr. Mabuse greifen gleichfalls auf diese Gemengelage aus Wissen und Wahn zurück, um mit perfidem Technik- und Hypnoseeinsatz die Weltherrschaft zu erringen. In jedem Fall aber, so Stefan Rieger, interagieren die unterschiedlichen "Wahnsysteme" jeweils mit bestimmten "Medienlandschaften" und buchstabieren "deren Eigenlogik systematisch aus". Der Wahnsinn weiß also etwas, vor allem über Medien, und folgt zugleich einer medialen Logik. Darin läge also seine "Methode". Anders als Polonius, hat der vorliegende Band sie erfasst.

Torsten Hahn, Jutta Person, Nicolas Pethes (Hg.): Grenzgänge zwischen Wahn und Wissen. Zur Koevolution von Experiment und Paranoia 1850-1910. Frankfurt am Main 2001, Campus Verlag, 332 Seiten, 34,90 .

 

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Dokument erstellt am 30.08.2002 um 21:40:40 Uhr
Erscheinungsdatum 31.08.2002