0.1
Diesseitigkeit und Jenseitigkeit.
Entweltlichung der Gnosis
0.2
Intellektuellenreligion
entwurzelter Individuen
0.3
Methode glaubensgeschichtlicher
Untersuchung
0.4 Jesu
Hingabe zum Kleinsten:
mikrologische Liebe
0.5 Kirche
mit magischer Mission als
Mobilmacherin
0.6
Esoterik als Suche nach der
inneren Kraft
0.7
Säkularisierung & Asiomanie
in der Pfarrerschaft
0.8 Auf
dem ökumenischen Weg zur
Gleichwertigkeit aller Religionen als Sprachformen Gottes
1
Indoeuropäische
schamanischer Himmelfahrt
1.1 Die
Götterstände Priester, Krieger
& Ernährer
1.2
Schamanismus und Halluzination
1.2.1
Glaube als Hoffnung der Liebe
über den Tod hinaus: Ahnen als Engel
1.2.2 Die
psychische Einschreibung
der Schattenseele im Schamanen
1.2.3
Trancetechniken und
Hirnfunktion
1.2.4
Schamanismus als Hirtenkult der
Indoeuropäer
1.2.5
Pferdeopfer und Himmelsreise
des Schamanen auf die Birke
1.2.6
Schamanische Vollmacht - Glaube
tötet oder vitalisiert über das ZNS
1.2.7
Göbekli Tepe - Ein riesiger
Jäger-Tempel vor der Seßhaftwerdung
1.2.8 Die
Expansion der Indoeuropäer.
Aratti, Paraši,
Danu, Haxa, Amardi
1.2.10 Die
Churriter und die
Kumarbi-Mythen
1.2.11
Phönizien und kanaanäischer
Baalskult
1.2.12
Studienreisen der
Vorsokratiker und Brahmanen
1.3
Welthandel im Hellenismus als
Missionschance
1.3.1
Königsstraßen im Perserreich
1.3.2
Handelsrouten von China bis
Tyrus und Karawanenstädte
1.3.3 Die
Skyten als Handelspartner
1.3.4 Die
Entdeckung der Turfan-Oase
und Kutschas
1.3.5 Das
Diasporajudentum als
synkretistischer Emulgator
1.3.6
Indische Himmelsreise aus der
Weltillusion zu Brahman/Ātmān
1.3.7 Die
Thomasakten als
Indienmission und die Ölsalbung für den Himmel
1.4 Zarathuštras Prophetentum und
die Geist-Welt
1.4.1
Mithra als arischer Kriegergott
der Feudalherren
1.4.1.1
Mithra als Stiertöter, Weltschöpfer, Vertrags- und
Sonnengott
1.4.1.2
Die Yazata als göttlich-engelhafte Heldenwesen
1.4.1.3
Der Gottesdienst der alten Mithras-Gemeinde,
Baresman und Haoma
1.4.1.4
Die Fravaši als Seelen der Verstorbenen und die
Genese der Erzengel
1.4.2
Zaraθuštra Spitāma
und der iranische Dualismus
1.4.2.1
Die soziale Situation im Ostiran &
Biographisches über Zarathuštra
1.4.2.2
Der Priesterdienst Zarathuštras
1.4.2.3
Feuerkult und Gottesdienst als Vorspiel des
Paradieses
1.4.2.4
Gegen Haomarausch und Rindermord der feudalen
Kriegerkaste
1.4.2.5
Die geistigen Wesen: Ameša Spenta als
personifizierte Tugenden
1.4.2.6
Die Urzwillinge der Wahrheit
und der Lüge
1.4.2.7
Die Daêna begrüßt den
„guten“ Toten mit
Delikatessen im Paradies
1.4.2.8
Der Große Gang über die Cinvat-Brücke
1.4.2.9
Die Eschatologie Zarathuštras
1.4.2.10
Die Saošyants als Messias-Prototypen
1.4.2.11
Vision der 4 Reiche: Mittelglied von Zarathuštra
zum Zervanismus
1.4.3
Mazdaistisches Staatskirchentum
und Feuerpriester
1.4.4 Die
fruchtbar-reine
Anāhītā und die Einführung der Feuertempel
1.4.5
Zurvan als Gott der unendlichen
Raumzeit bei medischen Magiern
1.4.5.1
Zur Geschichte des Zervanismus als Theologie der
Magier
1.4.5.2
Quellenschriften des Zervanismus
1.4.5.3
Der frühe Zervanismus vor dem Einfluß
babylonischer Astrologie
1.4.5.4
Bundahišn und Zadspram mit vorbabylonischem
9000-Jahre-Zyklus
1.4.5.5
Zurvans Geburt von Ôhrmazd und Ahriman und ihr
Zeit-Vertrag
1.4.5.6
Das „babylonische“ Große Jahr und die
apokalyptische Äonenwende
1.4.5.7
Die Auferstehung zum Weltgericht und ewigen Leben
1.4.5.8
Das Buch des Lebens als Beweismittel im Endgericht
1.4.5.9
Die endzeitliche Verwandlung der Welt
1.4.6 Die
Cinvat-Brücke und das
Schicksal der Seele nach dem Tod
1.4.7
Schamanische
Reinigungszeremonien der Vendidad als Taufprototypen
1.4.9
Leichenaussetzung zum Fraß der
Geier und Hunde
1.4.10
Himmelsvorstellungen und
Himmelsreisen
1.4.11 Zur
Anthropologie des
Zervanismus
1.5
Iranische Einflüsse auf Griechen
& Hellenismus
1.5.0
Überblick: Zeittafel von 640
bis 320 v.Chr.
1.5.1
Iranische Magierkolonien -
Einflüsse auf die hellenistische Kultur
1.5.1.1
Magierkolonien in Kleinasien, Armenien, Kappadozien
als Siedler
1.5.1.2
Kambyses Feldzug und die Magier in Ägypten
1.5.1.3
Magier, Schriften des Zoroaster und ägyptische
Zauberpapyri
1.5.1.4
Magier in Syrien als Verwaltungselite
1.5.2
Magier im Spiegel der
griechischen und lateinischen Literatur
1.5.2.1
Pherekydes (~600-525 v.Chr.)
1.5.2.2
Pythagoras (565-495 v.Chr.)
1.5.2.3
Hekataios (550-480 v.Chr.)
1.5.2.4
Heraklit (540-480 v.Chr.)
1.5.2.6
Aischylos (525 - ~480 v.Chr.)
1.5.2.7
Sophokles (496-406 v.Chr.)
1.5.2.8
Eurypides (485-406 v.Chr.)
1.5.2.9
Empedokles (495-435 v.Chr.)
1.5.2.10
Protagoras (485-410
v.Chr.)
1.5.2.11
Herodot (484-425 v.Chr.), Gorgias von Leontinoi
(480-380 v. Chr.)
1.5.2.12
Hippokrates (460 - 375/351 v.Chr.)
1.5.2.13
Demokrit (460-371 v.Chr.)
1.5.2.14
Ktesias (440-380 v.Chr.)
1.5.2.15
Xenophon (430-354 v.Chr.)
1.5.2.16
Platon (428-347 v.Chr.)
1.5.2.17
Aischines (397-322 v.Chr.)
1.5.2.18
Aristoteles (384-322 v.Chr.)
1.5.2.19
Eudoxos von Knidos (408-355 v.Chr.)
1.5.2.20
Theopomp (378-323 v.Chr.)
1.5.2.21
Aristoxenos von Tarent (370-322 v.Chr.)
1.5.2.22
Theoprast von Eresos (372-285 v.Chr.)
1.5.2.25
Chrysipp von Soloi (280-207 v.Chr.)
1.5.2.26
Polybius (203-121 v.Chr.)
1.5.2.27
Poseidonios von Apameia (135 - 51 v.Chr.)
1.5.2.29
Philo von Alexandrien (20/15 v. Chr. - 50 n.Chr.)
1.5.2.30
Diodorus Siculus (1.Jh.v.Chr.)
1.5.2.31
Strabo (~63 vor - 21 nach Chr.)
1.5.2.32
Cicero (106-43 v.Chr.)
1.5.2.33
Plinius der Ältere (23-79 n.Chr.)
1.5.2.34
Plutarch (46-125 n.Chr.)
1.5.2.35
Flavius Josephus (37-100 n.Chr.)
1.5.2.36
Appian von Alexandria (um 116 n.Chr.)
1.5.2.37
Apollonius von Tyana (~ 5-97 n.Chr.)
1.5.2.38
Apollodor, Alexander Aphrodisiensis
1.5.2.39
Flavius Arrian von Nikomedeia (» 180 n.Chr.)
1.5.2.40
Barnabasbrief (98 n.Chr.), Didache, Johannesakten
(2.Jh.)
1.5.2.41
Elkasais Täuferbewegung um 101 n.Chr. - Mani
(216-277)
1.5.2.42
Justin (100-150 n.Chr.): Roms Kampf gegen
Nekyomantie
1.5.2.43
Apuleius von Madaura (124-180 n.Chr.)
1.5.2.44
Nekyomantie-Hexen und kannibalische Unterwelt in
Zauberpapyri
1.5.2.45
Ägyptischer Totenkult als Hintergrund ägyptischer
Zauberei
1.5.2.46
Unterwelt & Fruchtbarkeit: Ištar, Tammuz,
Nergal, Ereškigal, Baal
1.5.2.47
Die Nekyomantie und Lucians Unterweltsreise des
Menippos
1.5.2.48
Pausanias (2. Jh.n.Chr.)
1.5.2.49
Clemens von Alexandria (150-215 n.Chr.)
1.5.2.50
Diogenes Laertius (185-250 n.Chr.)
1.5.2.51
Origenes (185-254 n.Chr.)
1.5.2.52
Plotin (204-269
n.Chr.)
1.5.2.53
Porphyrios (232-304
n.Chr.)
1.5.2.54
Iamblichos (275 - 330 n.Chr.)
1.5.2.55
Hippolyt (? - 235 n.Chr.)
1.5.2.56
Studienreisen als interkulturelles Lernen
griechischer Philosophie
1.5.3
Einheit der Gegensätze in der
Kosmogonie der Vorsokratiker
1.5.4
Indoeuropäischer Urmensch als
erste Materie und End-Gestalt der Welt
1.5.5
Parmenides' ungeteilte eine
Wahrheit
1.5.6
Griechischer Schamanismus,
Himmelsreise und unsterbliche Seele
1.5.7
Chaldäische Weltzeitrotation im
Zervanismus und Äonenlehre
1.6
Platons Ideenlehre: Schaltstelle
des Hellenismus
1.6.1
Himmlisches Urbild und
irdisches Abbild
1.6.2 Das
Gute, Schöne und Wahre und
der schöne Alkibiades als ihr Abbild
1.6.3 Die
Schau des Guten, Schönen
und Wahren im Phaidros
1.6.4
Unsterbliche Seele in Phaidon
109-15, Gorgias523ff, Phaidros 247-52
1.6.5
Richtiges Wissen hilft in der
Metempsychosis: die Himmelsreise des Er
1.6.6 Das
androgyne Kugelwesen und
die Liebe
1.6.7 Die
Weltseele im Timaios und
den Nomoi
1.6.8 Das
Nichtsein als Seinsform:
Sophistes 240b & 254d, Parmenides 162a
1.6.9
Geist und Materie als
theologisches Problem
1.7 Die
persische Religion im
Judentum & in Ägypten
1.7.1 Die
Mission persischer Magier
und die jüdische Apokalyptik
1.7.2 Der
geschichtliche Hintergrund
der apokalyptischen Sehnsucht
1.7.3
Heiratspolitische Kontakte der
Herodianer mit parthischen Königen
1.7.4
Zeittafel von der
Indoeuropäerzeit, Perserzeit bis zur Gnosis
1.7.5
Magier in Palästina zur Zeit
Jesu und in biblischen Texten
1.7.5.1
Orakel des Hystaspes und die Magier an Jesu Krippe
1.7.5.2
Theodor bar Konais Zarathustraerzählung
1.7.5.3
Die Chronik von Zuqnin: Magierwallfahrt, Stern und
Erlöserkönig
1.7.5.4
Die Sibyllinen als Zervanismuszeugnisse
1.7.5.5
Magadān am See Genezareth als parthische
Magierkolonie
1.7.5.6
Magier in Samaria und Zypern, Parther und Meder in
Jerusalem
1.7.6
Simon Magus - ein Magier in
Samaria
1.7.6.1
Irenaeus und der Helena-Mythos
1.7.6.2
Hippolyts Verkennung der Magie als Tricks der
Vergöttlichung
1.7.6.3
Der Jungfrauenkult der iranischen Anâhîtâ
als Vorlage
für Helena
1.7.6.4
Der historische Simon nach den Pseudoklementinen
1.7.6.5
Justin und Simons Götterstatue in Rom
1.7.6.6
Heilungswunder und magischer Flug über Rom in den
Acta Petri
1.7.6.7
Die simonianische „Gnosis“ als Frühform
der Barbelognosis
1.7.6.8
Simon als Große Kraft und Noema NHC VI,4
1.7.7 Das
iranische Erbgut der
Apokalyptiker von Qumran
1.7.9 Die
Mandäer als
jüdisch-persische Täufersekte
1.7.9.1
Mandäische Schriftrollen im Überblick
1.7.9.2
Jüdische, iranische und babylonische Einflüsse der
Nazoräerhistorie
1.7.9.3
Hibil, Šitil und Anoš: vollkommene
Adamsöhne und
Himmels-Mittler
1.7.9.4
Himmlische Lichtwelt und schwarzen Wasser als mênôk-gêtīk-Modell
1.7.9.5
Taufe, Priesterweihe & Sterbe-Aufstieg der
Seele als Inthronisation
1.7.10
Magiertheologie und -praxis
des Apokalyptikers Jesus
1.7.11
Griechische Einflüsse mit
indoiranischem Hintergrund
1.8
Persische Eschatologie in
jüdischer Apokalyptik
1.8.1 Der
Tag Jahwes und das
iranische Weltgericht des Sošyant
1.8.2 Die
Vernichtung des Drachens
Az-i Dahak in iranischen Schriften
1.8.3
Auferstehung und Auffahrt der
Seele in den Himmel
1.8.3.1
Die iranische Totenzeremonie, Cinvat-Brücke und
Garothman
1.8.3.2
Die Auferstehung des Gerechten in iranischen
Texten
1.8.3.3
Der sterbende Baal im Rehabilitationstraum
gefolterter Makkabäer
1.8.4 Die
Daniel-Tradition der
Endzeitpropheten Henoch und Elia
1.8.4.1
Die 2 Kriegsmessiasse aus Apk 11,3-14
1.8.4.2
Henoch und Elia in Vita Prophetarum, Ephream-Apk,
Elia-Apk
1.8.4.3
Die Auferstehung des Gerechten in SapSal 2-5
1.8.4.5
Die griechische Daniel-Apokalypse
1.8.5 Der
Menschensohn als
Himmelsfahrender Weltenrichter 4 Esra 13
1.8.6
Zervanistische Weltzeiten und
kosmologische Pendants in der Bibel
1.8.7
Lactantius zervanistische
Eschatologie als Chiliastischer Entwurf
1.8.8
Schaubild persisch-christlicher
Parallelen
1.9
Gnosis. Himmelsbeheimatung im
Weltgetümmel
1.9.1
Gnosis als unscharfer
Hilfsbegriff für eine polyvalente Bewegung
1.9.2 Das
Perlenlied als Indiz für
parthische Ursprungselemente in der Gnosis
1.9.3
Taufe und himmlisches Kleid als
Vergöttlichung
1.9.4
Göttlicher Ursprung als
narzißtisches Grandiositätsphantasma
1.9.5
Zaraθuštras
„Drug-Genossen“ und Welt als Täuschung und
Trug
1.9.6
Erlösung durch Wissen um die
wahre Realität hinter der Faktenwelt
1.9.7
Seele und All - Eine
kosmopolitane Weitung religiöser Idiosynkrasien
1.9.8 Die
Urmensch-Inkarnation als
Kern des gnostischen Erlöser-Dramas
1.10
Gnostische Elemente im Neuen
Testament
1.10.1
Geistbesitz in Glossolalie als
göttliche Präsenz im Christenmenschen
1.10.2 Die
Erlösungsidee durch den
inkarnierten Logos bei Johannes
1.10.3
Auferstehungs-Himmelfahrt und
Parusie als gnostischer Mythos
1.10.4
Weitere Spuren iranischer
Vorlagen im Neuen Testament
2
Himmelsreisen von
Babylon bis Nag Hammadi
2.1
Himmelsreisen in Sumer, Babylon
und Henocha
2.1.1 Der
Babylonische Seherpriester
Enmeduranki als Henoch-Vorlage
2.1.2 Der
babylonische Tempel als
Abbild des Himmels
2.1.2.1
Die assyrischen Götterflügel als Urform der
Flügel
der Engel
2.1.2.2
Die Hängenden Gärten der Semiramis in Babylon als
Himmelsstufen
2.1.3
Ezechiels Visionen im Land der
Chaldäer als Himmelsreisen-Prototyp
2.1.4 Die
Architektur des Himmels im
1. Henoch(-Pentateuch) [Hen(äth)]
2.1.4.1
Der Mythos der gefallenen Engel als früheste Ahriman-Paraphrase
2.1.4.2
Die babylonische Zikkurat als Aussichtspunkt der
Sehertrance
2.1.4.3
Die Thronvision des betagten weißglänzenden Gottes
in Hen(äth) 71
2.1.4.4
Der Menschensohn der Bilderreden:
Gerechtigkeitshoffnungsträger
2.1.4.5
Der Himmel als babylonische Käseglocke in Henocha
und AT
2.1.5 Das
Siebenhimmelmodell des 2.
Henoch [Hen(slav)]
2.1.6 Das
Testament der 12
Patriarchen und Levis Fahrt zum 3. Himmel
2.1.8 Die
griechische Baruchapokalypse
[ApkBar(gr)]
2.1.9 Das
Testament Abrahams
(TestAbr) und die Auffahrt durch 7 Flächen
2.1.10 Die
Ascensio Jesajae und die
Stereotypen der 7 Himmelsinitiationen
2.1.11 Das
Motiv des Himmelswagens -
Die Merkava im Rabbinentum
2.1.12 Die
Weiterentwicklung der
Extasetechnik in rabbinischer Hekhalot
2.2
Himmelsreise in Ägypten und
Corpus Hermeticum
2.2.1 Der
Himmelsaufstieg des Pharao
nach seinem Tod als Sohn des Re
2.2.2
Ägyptische Himmelsvorstellungen
2.2.3 Die
Hermetik als Fortsetzung
des Schreiber/Zaubergottes Thot
2.2.4 Der
Poimandres als inkarnierter
Logos und Urmensch
2.2.5 Die
mittelplatonische Tradition
der visionären Schau des Göttlichen
2.2.6 Die
Wiedergeburt in der
Schweige-Sing-Extase
2.2.7 Das
Emanationsprinzip als
Zwiebelschalen Gottes
2.2.8 Die
materielle Welt als
göttlich durchwalteter Teil Gottes
2.2.9 Die
persisch-babylonische Magie
Ägyptens in hermetischer Theurgie
2.2.10 Die
Dämonen als teils auch
gute stellare Wirkmächte
2.3
Himmelsreise im Mithraskult
2.3.1
Kommagene als Heimat des
hellenisierten Mithra
2.3.2 Die
Ausbreitung des
Mithrizismus im Römischen Reich
2.3.3 Die
Mithräen als Verkündigung
2.3.5
Kosmologie und Astrologie des
Mithrizismus
2.3.6 Der
Seelenaufstieg in den
Mithrasmysterien und Platons Timaios
2.3.6.2
Seelenaufstieg im Phaidros und Transitus mit
Leiter
2.3.7 Die
Mithrasliturgie aus PGM IV
als Unsterblichkeitsritual
2.3.7.1
Die drogengestützte Himmelsreise
2.3.7.2
Verbenaca als indoeuropäischer Vorläufer des
theophoren Haoma
2.3.7.3
Das Ritual-Setting: Reinigungen, Paredros,
Wiederholbarkeit
2.3.7.4
Reinigungen als Barašnom und mithrische Taufen
2.3.7.5
Aufbau des 7-stufigen Aufstiegs der Seele zu
Mithras
2.3.7.6
Vorstufe: Stierwerdung und Lobpreis der 4 Elemente
2.3.7.7
Stufe 1: Aufstieg & Vision der orphischen
Winde und Sonnenscheibe
2.3.7.8
Stufe 2: Die Bedrohung durch die polumwandelnden
Planetengötter
2.3.7.9
Stufe 3: Die Vision der Sonne
2.3.7.10
Stufe 4: Feueranbetung der Planeten und
Toröffnung zum Palast
2.3.7.11
Stufe 5: Audienz bei Helios
2.3.7.12
Stufe 6a: Die Schlangengesichtsjungfrauen &
mythische Schlangen
2.3.7.13
Stufe 6b: Die Polherrscher des Bärengestirns als
Himmelspolizei
2.3.7.14
Stufe 7: Die Audienz mit Mithra und sein
Vers-Orakel
2.3.7.15
Parallelen zur sethianischen Himmelsreise (Zostr)
2.3.8
Schamanische Elemente im
Mithraskult
2.4 Die
Himmelfahrt in der
Paulus-Tradition
2.4.1 Die
Himmelsreise-Erlebnisse im
paulinischen Schrifttum
2.4.2 Die
Apokalypse des Paulus in
NHC V,2
2.5.1 Seth
als
oberägyptisch-jüdischer Horusrivale und sein
Erlösungskampf
2.5.2 Die
Nazoräer als Ursprung der
Sethianer, Mandäer und Gnosis
2.5.3 Die
fünf Entwicklungsstadien
des Sethianismus
2.5.4 Die
ägyptische Ma'at als Göttin
guter Rechtsordnung und Tochter Re's
2.5.5 Die
Übernahme der Ma`at-Gestalt
in der jüdischen Chrokma
2.5.5.1
Die Weisheit als Gespielin des Schöpfers in
Proverbia 8f und Sir 24
2.5.5.2
Die Verschmelzung von Chrokma, Ma'at, Aša &
Anâhîtâ in Hen(äth)
2.5.5.3
Hekate, furchtbare Totengöttin, fruchtbare
Jungfrau: Barbelomodell
2.5.5.4
Die Vermännlichung der Weisheit in Pistis Sophia
2.5.6 Der
Funktionswandel Sophias von
der Liebesgöttin zur ersten Sünderin
2.5.6.1
Die Große Mutter und der Sieg des Phallus als
Primat des Spermas
2.5.6.2
Zurvans Zwillinge und Sophias böser Jaldabaoth und
guter Seth
2.5.6.3
Der Urdualismus von Jaldabaoth und Seth im AJ und
EvÄg
2.5.6.4
Die Paraphrase des Seem als Höhepunkt der
Sexualmetaphorik
2.5.6.5
Funktionswandel der Lüsternheit: vom Stimulus zur
Destimulation
2.5.7 Die
Ophiten: „Heilige Geistin“
und Prounikos-Sophia als Urmutter
2.5.8
Neupythagoreische Monaden als
Zeugungsakte des Urgott-Paares
2.5.8.1
Neupythagoreer als Vorbild der Täufergruppen
2.5.8.2
Alexander Polyhistor, Sextus Empiricus, Eudoros
2.5.8.3
Corpus Hermeticum und Simon Magus: Der Same Gottes
fließt
2.5.8.4
Moderatus von Gades: Die Einheit, die Formen und
die Sinnlichkeit
2.5.8.6
Julians Chaldäische Orakel und die Urmutter Hekate
als Feuergattin
2.5.8.8
Apuleius von Madaura und Alcinoos
2.5.8.9
Numenius von Apamea: Pappos, Demiurg und
Kosmoswelt
2.5.8.10
Amelios: Sein Haben Sehen
2.5.9 Der
Valentinianismus und seine
Einflüsse auf den Zostrianos
2.5.9.1
Bythos, Sige und das Pleroma der 30 Äonen als
Familien-Sekte
2.5.9.2
Der androgyne Urgott als Urzwillings-Syzygie
Bythos-Sige
2.5.9.3
Sophia und die Lust an Erkenntnis als Entdeckung
der Lust
2.5.9.4
Horus, Christus und die Vertreibung der Lust aus
dem Pleroma
2.5.9.5
Der Demiurg, die Hyliker, Psychiker und
Pneumatiker
2.5.9.6
Markus der Magier als göttlicher
Samenspender/Mutterschoß
2.5.9.7
Valentinianische Schriften im NHC
2.5.9.8
Einflüsse des Valentinianismus auf Sethianer und
Zostrianos
2.5.10 Die
göttliche Trinität von
Vater, Mutter und Sohn und die Weltzeiten
2.5.10.1
Arbeitsteilung: Vater Herrscher - Mutter Formerin
- Sohn Bauer
2.5.10.2
Gestirne als Seelen oder Heimat der Verstorbenen
2.5.10.3
Himmlische Triade als heilige Familie &
ProtEnnoia als Liebesblick
2.5.11.1
Die Barbeloiten und der Barbelo-Mythos nach
Irenaeus
2.5.11.2
Der Urmythos von Barbelo im AJ
2.5.12 Die
Aufweitung der Triade von
AJ und TrimProt zur Hexade/Pentade
2.5.13 Die
Christianisierung Ägyptens
und die ländlichen Kopten-Klöster
2.5.14
»Seth der Sohn Adams« im
Zauberpapyus P. Mich 593
2.5.15 Die
Funde von Medinet Madi und
der Manichäismus in Ägypten
3 Der
Zostrianos von Nag Hammadi
Codex VII.1
3.1 Zur
Geschichte des Nag Hammadi
Codex
3.1.0 Die
Funde von Nag Hammadi
(ehemals Chenoboskion)
3.1.1 Der
Zostrianos als Apokalypse
ohne Heilsgeschichtsrahmen
3.1.2 Zur
Datierung des Zostrianos
3.1.3 Die
»Schriften des Zoroaster«
als populäre Pseudepigraphien
3.1.4
»Zoroaster« und »Zostrianos«
als Zeichen persischer Magoi-Einflüsse
3.2 Die
desolate Textbeschaffenheit
des Zostrianos
3.3 Das
wortstatistische Material in
Content-Analyse
3.3.1
Griechische Wörter des
Zostrianos im klassischen Griechentum
3.3.2
Platonisches und
Aristotelisches Redegut im Zostrianos
3.3.3
Sethianische Himmelstermini und
Gottesprädikate
3.3.4
Negativ-Attribute Gottes im
Zostrianos als Parmenides-Erbgut
3.3.5
Gnostische
Allgemein-Terminologie, von Platon weniger benutzt
3.3.6
Unspezifische griechische
Wörter
3.4
Platonische Einflüsse im
Zostrianos/Sethianismus
3.4.1 Die
Himmelsreise des scheintoten
Kriegers Er (Politeia X,614-18)
3.4.2
Urbild-Abbild (Symposion
210-212 & Politeia VII 514-517)
3.4.3
Unsterbliche Seele (Phaidon
109-15, Phaidros 247-52, Gorgias523ff)
3.4.4
Demiurg oder Weltmutter
(Timaios 48a-52d) als Barbelo-Vorbild?
3.4.5
Nichtsein (Sophistes 240b &
254d, Parmenides 162a via Victorinus)
3.4.6
Negative Theologie (Parmenides 137d-142a via Marius Victorinus)
3.4.7 Die
Plotinsche Triade Existenz
(o)/n)
-Verstand (nou=j) -Leben (zwh/)
3.6
Narrationen und Themenkomplexe
des Zostrianos
3.6.1
Zostrianos Herkunft,
Rettungsabsicht und Gottesbild (1.1-10a)
3.6.2
Zostrianos' autobiographischer
Prolog (1,10b-4,20a)
3.6.3
Lichtwolken-Aufstieg durch
Antitypen-Äonen mit Taufen (4,20b-13,26)
3.6.4 Die
Antitypen als Abbilder
höherer existierender Götter (5; 8; 11-12)
3.6.5
Gerichtsorte als
Himmelfahrtsrisiken. Paroikesis und Metanoia
3.6.6
Plotins Enneade II,9 „Gegen die
Gnostiker“ als Kritik des Zostrianos
3.6.7 Die
»Herrlichkeiten« als
iranische Ritter-Engel
3.6.8 Die
Authrounios-Rede über den
Finsternis der Sophia (7,24 - 13,6)
3.6.9
Vollkommenheit und Reinheit in
der Joel-Tradition (12,19-13,6)
3.6.10 Die
interne Barbelo-Triade
Existenz, Seligkeit und Leben (13,27-17,5)
3.6.11 Der
unsichtbare Geist und das
Grenzenlose (16,2 - 17,5)
3.6.12
Protennoia: Phantasma als
frühe Form der Anschauung (17,6 - 18,10)
3.6.13
Äonen als Container für
Engel/Subäonen. Urmenschmythos (19+20)
3.6.14
Seelentypen und der Weg des
Aufstiegs in Sekte und Äonen (21 - 28)
3.6.15 Die
12 Erleuchter in
Autogenes, Protophanes und Kalyptos (29+30)
3.6.16
Adam als himmlischer Vater
Seths (6,21b-32; 30,4b-32,10)
3.6.17
Protophanes und der orphische
Urgott Phanes (13; 18f; 44; 124; 129)
3.6.18 Das
Schicksal der Seelen
selbstgezeugter Äonen (32,11 - 35,17)
3.6.19 Der
Dreikräftige und das
Dreifachmännliche Kind (35,18 - 42,6a)
3.6.20
Fünf Menschensorten und ihre
Erlösungschancen (42,6b-44,22a)
3.6.21 Die
Schutzengel befreien aus
der Erdverstricktheit (45,9b-47,27a)
3.6.22
Zostrianos` Vision der
selbstgezeugten Äonen (47,27b - 56,23)
3.6.23
Joel-Tradition: Joel tauft vor
dem Protophanes-Äon (56,24-63,20a)
3.6.24
Salbung, Eintritt in Protophanes
und Krönung (63,20b-129,16a)
3.6.25
Gott als nicht definierbarer
Einheit des All (64,13-66,14a)
3.6.26 Die
drei Kräfte des Ur-Geistes
(66,14b-68,13)
3.6.27 Der
Andere im EINEN und die
Rettung durch Teilhabe (67,23-75,11)
3.6.28
Attribute des Geistes (75,12-25 = Victorinus, Adv.Arium I,50,18-21)
3.6.29
Barbelo erwächst aus dem
Dreifachkräftigen Geist (76,2-88,23a)
3.6.30
Barbelo und ihr Sohn Kalyptos
als Liebesräume (81,21b-86,10a)
3.6.31
Kalyptos als Idealwelt
himmlischer Einheit (113,1-123,25)
3.6.32
Protophanes oder immer noch
Kalyptos? (123,26-127,l4a)
3.6.33 Der
Autogenes-Äon und seine
vier Subäonen (127,11b-128,7a)
3.6.34
Abschied und Abstieg zur Erde.
Weckruf (128,7b-132,5)
4
Phänomenologie des
Zostrianos
4.1
Himmelsreise - Entweltlichung -
Schizophrenie
4.1.1
Schizoide Dissoziation von
Körper und Seele als Trauma-Reaktion
4.1.2
Mutuelle Gratifikation
Schizoider in Mysterienkulten und Sekten
4.1.3
Himmelsreise als innere
Emigration aus der Weltverantwortung
4.2
Weiblichkeit und Männlichkeit in
der Jungfrau
4.2.1
Weiblichkeit als niedriger
Sozialstatus der geborenen Verführerin
4.2.2 Die
Schöpfungsonanie der
androgynen Urgöttin
4.2.3
Himmelsmutter Isis als Vorbild
Barbelos
4.3 Das
göttliche Kind: Inbegriff der
Vollkommenheit
4.4
Aufstieg der Seele in die
Geistwelt
4.4.1
Mystik als Überschreitung der
Leibgrenze und Weltskalierung
4.4.2
Mystagogische Erkenntnis als
Umkehrung der Emanationsordnung
4.4.3 Die
Lichtmetapher als Zeugnis
iranischer Traditionen
4.4.4
Hermetische Traditionen im
Zostrianos
4.5 Taufe
als Aufstiegsritual für die
Seelenreise
4.5.1
Indisch-Iranische Bäder als
Fruchtbarkeitsritus
4.5.2
Reinigungen im Iran als
Prototyp der Taufe
4.5.3
Taufe der Magier und lebendiges
Wasser mit Himmelsvisionen
4.5.4
Mithras- und Isistaufen als
aszendente Einweihung in göttliche Kraft
4.5.5
Taufreinigungen der Leviten
4.5.6
Taufe in Qumran: Reinigung und
Leben nach der Ordensregel
4.5.7
Versiegelung der Nazoräer gegen
Dämonen für den Himmelsaufstieg
4.5.7.1
Aramäische Siegel und Amulett-Zauber der Magier
mit Engelepiklesen
4.5.7.2
Taufe bei den Mandäern als Seelenreinigung zur
Unsterblichkeit
4.5.7.3
Versiegelung in ActaTh 26ff und das Schutzzeichen
des Kreuzes
4.5.8.1
Der ursprüngliche Grunderfordernis der Buße zum
Himmelsaufstieg
4.5.8.2
Die Siegel und die Weitergabe himmlischer
Aufstiegs-Geheimnisse
4.5.8.3
Die Pentade des Taufakts und die 5 Siegel als
Unsterblichkeitsritus
4.5.9.1
Wortstatistisches zur Taufe (Jwk~m)
4.5.9.2
Die 22 Taufen als Planetar-Zodiak-Aufstieg
4.5.9.3
Die erste Textschicht mit den 5 Taufen: der
Proto-Zostr
4.5.9.4
Die Kronen und Siegel als nazoräische Kraftgeber
4.6
Magischer Gesang als Herzöffner
der Himmelsreise
4.6.1
Vokalreihen in sethianischen
Texten
4.6.2
Magische Vokalpyramiden in
ägyptischen Zauberpapyri
4.6.3
Chakren und Körpervibrationen
des Singens
4.6.4
Musikextase der Mysterien und
das Unisono der Anbetung
4.6.5
Trance, Licht, Schweigen.
Metaphorik negativer Theologie
4.6.6 Der
Name als Re-Präsentation
des Genannten in der Invokation
4.6.7 Die
sethianische Tauf-Gemeinde
als Visionskonventikel Erwählter
4.7 Der
Barbelo-Äon und die
Himmelshierarchie
4.7.1
Barbelo im Zostrianos in Ambiguität
von Jungfrau und Orts-Raum
4.7.2 Die
Aufnahme des Gottes Aion in
den Sethianismus
4.7.3 Die
Grenzenlosigkeit des Äons
als Zeichen von Zurvans Unendlichkeit
4.7.4 Die
Metapher der Kraft als
Zeichen intentionaler Männlichkeit
4.7.5
Schaubild der
Himmelsarchitektur des Zostrianos
4.8
Persische Elemente im Zostrianos
4.8.2.Die
Tradition der Himmelsreise
4.8.3 Die
zervanistischen Weltzeiten
und der Kampf der Äonen
4.8.5 Die
Elemente Erde Wasser Luft
Licht Feuer Tiere Bäume Seelen
4.8.6 Das
heilige Feuer in der
Verwandlung der Welt (fraskart)
4.8.7
Zurvan akarana als
anfangsloser, ungewordener Lichtraum-Äon
4.8.8 Der
mondgereinigte Urstiersamen
und das Seth-Samen-Geschlecht
4.8.9
Personifizierte Tugenden als
Engelwesen oder Gotteshypostasen
4.8.10
Stufentaufe als
progredient-aszendentes Reinwerden
4.8.11
Lehrdialoge über die Wahrheit
0.1 Diesseitigkeit und Jenseitigkeit. Entweltlichung der Gnosis
In der christlichen Tradition gibt es zwei verschiedene Paradigmen, die unvereinbar miteinander ringen: Diesseitigkeit oder Jenseitigkeit. Auf diese Alternative und die Möglichkeit, ohne die Tröstungen des Jenseits ein getröstetes Diesseits »etsi deus non daretur« zu schaffen, hat Bonhoeffer hingewiesen, der sich dieser Weltverantwortung in gleich beeindruckender Weise gestellt hat wie Jesus.[1] »Später erfuhr ich und ich erfahre es bis zur Stunde, daß man erst in der vollen Diesseitigkeit des Lebens glauben lernt. Wenn man völlig darauf verzichtet hat, aus sich selbst etwas zu machen - sei es einen Heiligen oder einen bekehrten Sünder oder einen Kirchenmann (eine sogenannte priesterliche Gestalt!), einen Gerechten oder Ungerechten, einen Kranken oder einen Gesunden - und dies nenne ich Diesseitigkeit, nämlich in der Fülle der Aufgaben, Fragen, Erfolge und Mißerfolge, Erfahrungen und Ratlosigkeiten zu leben, - dann wirft man sich Gott ganz in die Arme, dann nimmt man nicht mehr die eigenen Leiden, sondern das Leiden Gottes in der Welt ernst, dann wacht man mit Christus in Gethsemane, und ich denke, das ist Glaube, das ist „Metanoia“; und so wird man ein Mensch, ein Christ (vgl. Jerem. 45!).«[2] Das Feld des in der Liebe tätigen Glaubens ist die Erde, auf der Gott selbst in den Kreaturen leidet, nicht der Himmel. Der Himmel, was nach dem Tod kommen mag, all das bleibt unausgemalt und unausgesprochen.
Das alttestamentliche Paradigma einer auf Gerechtigkeit und Bewahrung der Schöpfung zulaufenden Geschichte ist in der Gnosis abgelöst worden durch das platonische Paradigma des planmäßig zirkulierenden Weltlaufs, in dem die Seelen immer nur Gastvorstellungen im körperlichen Erdendasein geben und nach dem irdischen Durchgangslager postmortal in ihre himmlische Heimat zurückkehren, wobei im Totengericht die Reinheit, Schönheit, Güte und Wahrheit des Denkens und Handelns eines Wesens über seine nächste Verkörperung entscheidet. Böse Laster lassen soll den asketischen Gnostikern ihren Himmelsweg ebnen, nicht die Welt verbessern, für die jede Hoffnung aufgegeben ist.
Das Paradigma des alttestamentlichen Propheten erzählt Visionen und Träume von der kommenden Gottesherrschaft eines Vaters, der alle seine Kinder gut versorgt, der gerecht ist und die Schere von arm und reich zu einer gemeinschaftlichen Sättigung schließt, der dialektisch seine Schöpfung bewahrt durch Schaffung eines neuen Himmel und einer neuen Erde, auf der Gerechtigkeit wohnt. Diese Generationen übergreifende und Nationen integrierende Friedensutopie einer gereiften politischen Anwaltschaft wurde von Propheten entwickelt, die in besonderer Weise individualisiert waren und aus exzentrischer Perspektivität die Fähigkeit gewonnen hatten, auf das Ganze zu sehen, und dadurch eine globale Weitung der politischen und sozialen Hoffnungen im Fortgang einer als Geschichte begriffenen Zeit erlangten. Dabei kommt viel darauf an, eine gerechte und zukunftssichere universale Weltfriedensordnung zu entwickeln, die sogar Wolf und Lamm in den Versöhnungsprozeß Gottes einlädt.
Auch bei Zaraθuštra ist das Zentrum des Lebens auf aša, auf rechte Ordnung, auf Wahrheit gerichtet, die sich in der Fürsorge für das Rind, im friedvollen Miteinander erweist und nicht in den Kriegerattributen der Ehre und Macht. In der Nachhaltigkeit solider Agrarwirtschaft und Seßhaftigkeit, nicht in jägerhaften Beutefeldzügen der arischen Feudalaristokratrie liegt das Wohl der Welt. Der große Gang über die Cinvat-Brücke, das Gericht nach dem Tod, verlängert das iranische Ordal, überträgt irdische Gerechtigkeitsprüfung in die Seelenprüfung Verstorbener auf dem Weg in das Haus des Lobgesanges beim höchsten Gott. Das Ziel ist aber die gute und friedvolle Existenz vor dem Gericht, das einmalige irdische Leben. Dem sind die Gathas gewidmet. Die zervanistische Vision des durch Strafe reinigenden Weltgerichts nach Auferweckung aller Toten präludiert das große Versöhnungsfest aller, selbst der bösesten Menschen, zu einem künftig von Liebe zueinander erfüllten irdischen Leben.
Ebenso hat Jesus das Reich Gottes in radikaler Vorliebe für Lahme, Blinde und Arme als Fest der Verlorenen beschrieben und betrieben, als irdische Gerechtigkeit, die für die Unterdrückten Erlösung, für die Unterdrücker Feuer und Schwert ist.[3] Sein Selbsthilfekonzept der auf den Prinzipien von Gerechtigkeit, Gleichberechtigung, Vergebung, Frieden und gegenseitiger Liebe fuß[wasch]enden Gegenkultur lebt und aktualisiert er in diesseitiger apokalyptischer Naherwartung mitten in der ungerechten Gesellschaft, durch sie hindurchziehend und von ihr mit faszinierter Empörung an den Rand gedrängt: auf den Kreuzeshügel Golgatha.
0.2 Intellektuellenreligion entwurzelter Individuen
Das Hauptinteresse der Gnosis, die der Apokalyptik nazoräischer Täuferkreise entwuchs, ist das Heil der eigenen Seele. Individualisierung als Emanzipation des Einzelnen vom Familien- und Stammesverband konvergiert mit der Vergeistigung als reflexiver Distanzgewinnung von der eigenen Verfaßtheit als Körperding im Hautsack. Die Identifikation des urbanen, welthandelgeprägt interkulturellen Subjekts rückt ab von allen Identifizierungen durch soziale Rollen und körperliche Verfassung, vom Ideal des MOlf< als sozialem, leiblichem Wohlergehen, von Sattheit und Lachen, Spielen und Kinderglück, Reichtum und Ansehen, Gesundheit und Alter, die das dörfliche Gefüge übermittelt hatte.
Diesseitige Universalisierung des Erkennens führt notwendig zur Weltinnenpolitik und Fürsorge für Kindeskinder und die Verantwortung für die Gesamtweltbevölkerung, der wir uns heute stellen, weil unser Handeln sich global auswirkt. Jenseitige Universalisierung der Gnosis ist ein Rückzug aus dieser Verantwortung, bei dem die Ich-Grenzen so nach innen verlegt sind, daß der Körper als Teil der Außenwelt erlebt wird, der nicht mehr zum wahren Selbst gehört. Für die „schlechte“ Welt entfällt jede Verantwortung, nachdem man bei Missionsversuchen kaum mehr als Lächeln bewirkt hat. Diese Zurückweisung schlägt um in Arroganz: Nur Auserwählte können gerettet werden. Das gnostische Selbst wähnt sich grandios als Teil der sich in die Auserwählten hinein emanierenden Gotteskraft. Diese postembryonale Einheit mit der Großen Mutter Sophia oder Barbelo befriedigt alle narzißtischen Größenselbstphantasien. Die Geheimzirkel der Eingeweihten waren zwar soziale Verbände, aber die Grundstruktur ihres Zusammenhaltes war exkludierend, ein kollektiver Narzißmus auf Kosten der Mitmenschen, Verachtung gegenüber der Welt, die im Alten Testament als gute Schöpfung eines bewahrenden Gottes geheiligt wurde.
Je mehr intellektuelle Kompetenz eine Religion erwirbt, desto einflußreicher wird sie. Religiöse Intellektuelle sind eher selten auch Kultfunktionäre.[4] Gegenüber Tradition sind sie flexibel, kreativ, produktiv, innovativ. Sie sind populäre fundamentalistische oder utopistische Sinnsucher in Krisenzeiten: Propheten, Apokalyptiker, Gnostiker, Wissenschaftler, Politiker. Nach aufklärerischer Entzauberung der Welt suchen entpolitisierte Intellektuelle Erlösung »nicht von äußerer Not, sondern von 'innerer', wie sie privilegierten Schichten näher stand als den unteren Klassen. 'Esoterik', Dualismus, Erkenntnis als Heil sind nach Weber typische Produkte des 'spekulativ-hellenistisch-orientalischen Intellektuellentums'.«[5] Gnosis war damit auch Absage an Tradition, Welt, Macht und Politik durch »Radikalisierung der skeptischen Weisheitsüberlieferungen des hellenistischen Judentums«.[6] Nur Intellektuelle verfügten gleichermaßen über Kenntnis der klassischen Traditionen von Judentum, Hellenismus und persischer Magiertheologie. Statistiken bestätigen von der Unter- zur Oberschicht kontinuierlich ansteigende Werte von Religiosität, wobei eine diffuser Glaube auch in der Unterschicht hohe Werte zeigt.[7]
0.3 Methode glaubensgeschichtlicher Untersuchung
Die Methodologie dieser Arbeit ist interdisziplinär theologisch, philologisch, psychoanalytisch, sozialhistorisch. In der Psychotherapie ist man auf dem Weg zu einem Verfahren, in dem alle verfügbaren therapeutischen Techniken und Medien je nach Situation angewendet werden können.[8] Die Viationen der Therapie werden einzig bestimmt von dem, was ein Patient im Moment braucht, um einen höheren Grad von Gesundheit zu erlangen oder eine tiefere Erfahrung der freimachenden Wahrheit.[9] Wenn theologische Wissenschaft adaequatio intellectus ad rem sein soll und die res nicht nur Wortspiele; wenn die sprachlichen Zeiger ursprünglicher erlebter Erfahrung von Gott und der Welt auf die Fülle des Lebens in Gott selbst als Gott selbst verweisen, ist theologische Wahrheit nicht durch Stringenz schon garantiert. Jesu Vollmacht bestand nicht in der Schärfe seiner Logik, sondern im Schöpfen aus einer inneren Freiheit und in einer zweiten Naivität der Freude an dieser Welt. Die mikrologische Hingabe an die Fülle des Materials in all seinen Variationen im Sinne narrativer Lebensfülle und Glaubensfülle ist dem angemessen ist. Lücken[10] und Brüche des Denkens können sachgerechtere Näherungen sein als sich selbst bestätigende Systeme, die die Materialien passend stutzen.
Glaubensgeschichte schreibt sich auf dem Wege der Anfechtung: eine Krise labilisiert eine fragliche Gewohnheit und das Denken erfindet eine neue Lösung für den verunmöglichten Weg. Dieses Verhalten hat Hegel bestimmte Negation genannt. Punktuelle Aufhebung des Verblendungszusammenhanges, dem keiner von uns wird entrinnen können, wäre schon das höchste Ziel eines Glaubens, der Liebe braucht und will.[11]
Daß über die Indoeuropäer und die Iraner die Verbindung von Gnosis und Buddhismus sich als Zwillingsgeschwisterschaft entpuppt, die durch interkulturellen Austausch im Hellenismus aufgefrischt wurde, ist eine der Erkenntnisse. Unser Verständnis der hellenistischen Quellen der Gnosis ist seit dem Bekanntwerden, Entziffern und Verstehen des Avesta erweitert worden und nur durch das interdisziplinäre Auswerten der griechischen, lateinischen, syrischen und indischen Zeugnisse kann wiederum das Lesen des Avesta im Blick auf die Geschichte des Zoroastrismus geschärft werden. Eigentlich gehörten Teile des Avesta als Ursprungstexte in den biblischen Kanon mit dem gleichen Recht christologischer Propädeutik, mit dem auch das AT Teil des Kanons ist. Das Christentum ist eingebettet in einen großen interreligiösen Diskurs. Das Phänomen der Kanonbildung verweist auf einen Diskurs der Machtverhältnisse der alten Kirche, in dem die stärkere Fraktion ihre favorisierten Texte für Andersdenkende ebenfalls verbindlich gemacht hat und meist deren Texte und Denken mit direkter und kultureller Gewalt verfolgt hat. Sola Scriptura als exkommunizierender Kanon ist wider das Gnadenprinzip Gottes, dessen Haus viele Wohnungen hat. Die Bibel, soweit sie Christum treibet, muß die Bibeltexte kritisieren, die von Unheiligkeit[12], Gehässigkeit, Mordrausch und Polemik gegen Brüder kontaminiert sind.
0.4 Jesu Hingabe zum Kleinsten: mikrologische Liebe
Die Praxisfiguren Jesu in seiner Hingabe an die Verlorenen sind das einzige Heilige der Schrift, sei die Basis der echten Gleichnisse und ipsissima vox auch noch so schmal und kaum durch die Differenz zur Umwelt schon hinreichend ausgemacht. Gilt die Dialektik von Mikrokosmos und Makrokosmos, so zeigt sich im kleinsten Teil bereits die Struktur des Ganzen[13], so offenbart sich im kleinsten Jesus-Logion schon der ganze Gott, von dessen Liebe er sprach.[14] Die schmalste Basis von Jesusworten läßt schon den ganzen Jesus zur Sprache kommen und für seine Nachfolge ist nicht die gesicherte Textmenge richtungsweisend, sondern die Parole, im geringsten Bruder den Herrn allen Lebens und aller Liebe unmittelbar vor sich zu haben und ihn zu lieben wie sich selbst, also wie einen Gott. Und da, wo Gott gelebt wird, wo die Szenerie der Gleichnisse Jesu zur Wirklichkeit wird, wo die frohe Botschaft frohes Erleben wird, verblaßt die Frage nach der mythologischen Struktur der Orthodoxie der christlichen Kirchen. Christliche Orthopraxie ist ihrem Wesen nach unmythologisch, weil die gelebte Liebe keiner Mythen mehr bedarf; nur die ungelebte, ungestillte, unerfüllte Liebe sucht das Lied, das Bild, den Mythos, um sein Begehren hinauszuschreien und zu verbergen zugleich.[15]
Nur wo das Erleben der Liebe, die immer göttliche Liebe ist, unmöglich ist, wo die Orthopraxie verwehrt bleibt, drängt das Begehren seinen Schrei ins Symptom und Symbol, in Sprache und Erkenntnisse, in Wissen über das Göttliche und das Heilige. Für Jesus war das Wort situatives Logion: ein oft mißlungener Versuch, sein Handeln den Kritikern und Unverständigen verständlich zu machen. Aber es ist das Medium, um das Tun Gottes zu transportieren. Für Jesus gibt es keine Seins-Aussagen über Gott; er findet Beispiele für ein Tun, von dem er apodiktisch behauptet: so tut Gott. Gott ist ein Tun, ist ein Geflecht aus Praxisfiguren der Rettung und Heilung. Er ist da, wo er getan wird. Gott passiert, wo geliebt wird. Das Thema der Theologie ist die Abwesenheit Gottes. Es sind die Lieder, Mythen und Träume, die da entstehen, wo Liebe fehlt, wo das Begehren ins Leere läuft. In der Entzogenheit Jesu wird aus dem einstigen Sehen ein Glauben: Die empirische Nicht-Feststellbarkeit Gottes in seiner Entzogenheit von weltlicher Zur-Handen-heit zwingt zum Glauben über das empirisch gesicherte Wissen hinaus.[16] Die Hoffnung auf eine friedenserfüllte gerechte Welt muß über das resignative Wissen um die Machtverhältnisse hinaus an die unwahrscheinliche Möglichkeit einer Veränderung des Ganzen durch die Kraft der Schwachen glauben, nur dann ist entsprechendes Handeln kraftvoll und tragfähig, dann und nur dann wird die Welt eines Tages zur Heimat, aus der man nicht mehr in den Himmel fliehen muß.
Die bekenntnisstandwahrende Frage nach dem Proprium des Glaubens zeigt einen Verlust Gottes an. Jesus hielt wenig von Besitz, er hatte alles, dessen er bedurfte. Wer das Proprium, verkörpert in der/dem Geliebten, in seinen Armen hält, fragt nicht nach Proprien, er spürt es. Doch die Frage kursiert und indiziert die Aushöhlung einer wanderradikalen Liebesbewegung zur blutleeren vereinsamenden Restschar mit einem verrechtlichten Verwaltungsapparat. »Die Hauptmächte der Devitalisierung - Familie, Staat, Militär - haben seit dem 19. Jahrhundert starke eigene Revitalisierungsideologien (Konsumismus, Sexismus, Sport, Tourismus, Gewaltkult, Massenkultur) geschaffen, denen die konservativen klerikalen Gruppen nichts gleichermaßen Attraktives gegenüberzustellen haben. Die modernen Massenvitalismen haben einen großen Anteil daran, daß die heutigen Gesellschaften, wenigstens auf der Ebene der robusteren Vitalfunktionen, nicht mehr nach Religion dürsten. Sie sind, im Groben, religiös traumlos geworden«.[17]
Wo und wenn die Liebe beginnt, verstummt das Fragen, Suchen und Sinnieren, welches im Zentrum dieser Arbeit steht, die sich zu den vorletzten Dingen[18] zählt, zum Geplänkel des unerlösten Geistes. Wer in der Liebe Gottes pulsiert, dem sind die mythologischen Partikel wie die Wundergeschichten, die heute kaum einer mehr glauben kann und will, Beiwerk, was zur Zierde und Schönheit dient, aber vergessen werden kann, wenn es weder mehr ziert noch das Begehren deutlich ausdrückt. Ob Jesus übers Wasser laufen konnte, Tote erweckt hat oder samenlos gezeugt wurde, ob er Rekorde im Wunderheilen aufgestellt hat oder nach seinem Tod mit seinem gekreuzigten Körper nach schockierenden Schreckungen seiner Schüler gen Himmel gefahren ist, wie der mandäische Anoš auf einer Wolke zum Weltgericht wiederkommen wollte, dies aber um Jahrtausende aufgeschoben hat: diese unter Schamanen noch heute praktizierten, inzwischen technisch realisierbaren Kunststücke eines qei=oj a)nh/r machen nicht die Frage der Nachfolge[19] wett, die über die Realität Gottes entscheidet: Ob und wo Menschen einander lieben und damit die Welt umgestalten, die neue Schöpfung von Frieden und Gerechtigkeit im Kleinsten befördern, wodurch sie im Ganzen wächst. Die Wahrheit Gottes liegt nicht darin, ob und wie einer durch die Lüfte braust, sondern ob er den Willen des Abba, einer uneingeschränkt liebenden Schöpfermacht dieses Kosmos, tut in liebender und schöpferischer Entsprechung zu diesem Urgrund des Lebens.[20] Die Wahrheit Gottes verbürgt sich in keiner Weise daran, ob ein Mensch die Gerüchte spätantiker Wundergläubigkeit für wissenschaftlich exakten Tatbestand hält.
0.5 Kirche mit magischer Mission als Mobilmacherin
Die heutige Situation der Volkskirche und der Bevölkerung ist keineswegs entzauberter. Die meisten Nutzer kirchlicher Riten äußern in Vorbereitungsgesprächen als Motivation, daß sie das Sakrament oder die Segenshandlung begehren, weil damit ihre Zukunft besser gesichert sei, sie mehr Kraft zur Kindeserziehung besitzen, wenn der Segen eines geweihten Priesters ihre Ehe affiziert hat. Die Vorstellung von Gott reduziert sich darauf, daß es ihn im Himmel irgendwie gibt und er bei richtiger Behandlung gewisse Vorteile für das persönliche Leben verschafft, die durch die betreffenden Riten appliziert werden. Selbst hinter gedankenloser Konvention steht immer öfter diese magische Dimension des käuflichen Segens. Okkultistische Evangelikale mit Pissoir-großen Segenskabinen im Kirchenraum haben genau wie die Hexen-Hauskreise mit ihren Erntefesten unter Anrufung der Elemente einen erstaunlichen Zulauf, erstaunlich für ein säkulares, aufgeklärtes Zeitalter. Der Okkultismus der Esoteriker boomt, fast 10% aller Filme handeln von Fantasiewelten oder Teufeln, die von Mensch zu Mensch hüpfen und exorziert werden müssen, damit sie seltener morden, während die USA im Namen Gottes Angriffskriege gegen immer mehr verarmte islamische Nationen führt. Der Aberglaube an Magie hat nicht wesentlich abgenommen. Lourdes und Marienwallfahrten mit Behinderten sind ein fester Wirtschaftsfaktor. Sicherlich hat Magie Wirkungen auf das Unbewußte und kann über die seelisch-geistigen Dimensionen des Leibes bei gewisser Empfänglichkeit und Bereitschaft erhebliche körperliche oder auch seelische Veränderungen initiieren. Aber das tut Magie nicht, weil es Dämonen oder Götter gibt, die dies bewirken, sondern weil der Glaube an die Wirkung im Klienten einen Placeboeffekt zeitigt. Die Kunst des Schamanen ist ebenfalls, die Zuschauer hypnotisch zu bannen und vor ihren Augen dann bestimmte Illusionen entstehen zu machen.[21]
Wenn das Weltgericht von Zaraθuštras Großem Gang, der Cinvat-Brücke und dem zervanistischen Bundahišn 34 fundamental inspiriert wäre, wenn es eine Anleihe aus fremden religiösen Beständen wäre - was wäre für die Wahrheit der göttlichen Gerechtigkeit verloren? Wenn es eine Selbstoffenbarung des Göttlichen im menschlichen Geiste (Hegel, Tillich, Whitehead) gäbe, wenn die Intentionalität der Materie[22], wie sie prägnant im genetischen Code nachweisbar ist[23], über das Unbewußte der Menschen als Vision einer künftigen Weltgesellschaft allmählich mythologisch und pragmatisch Gestalt annimmt, dann gibt es keinen Anlaß, an eine Vorrangstellung der in den christlichen Kirchen akkreditierten dogmatischen Vorstellungen zu glauben, wenn sie sich zu ihrem größten Teil als Erbe aus den Mythen anderer Religionen erweisen. Erst heute ist Abschreiben von anderen die Verletzung geistiger Eigentumsrechte. Damals geschahen diese Adaptionen aus fremden Kult(ur)en in einer postmodern zu nennenden Vielfalt und Toleranz. In der Herausbildung des biblischen Kanons wurden sie einem Diskurs der Macht unterworfen, der schließlich die unterwerfungsträchtigste Form des christlichen Glaubens unter Constantin zur Staatsreligion umbog.
Mit biblischem Segen und Auftrag, die Erde untertan zu machen (Gen 1,28), haben die christlichen Industriegesellschaften diese und die untertanen Völker bis zum letzten Tropfen ausbluten lassen.[24] Das Christentum hat als politische Produktivkraft das Unterwerfen motiviert und im Wirtschaftsleben den Fleiß in der Produktion.[25] Dem Blick der Mobilmachung entging die fundamentale Störung des ökologischen Gleichgewichts bei der Plünderung des Planeten. Die dadurch angerichtete Hölle auf Erden beginnt sich allmählich abzuzeichnen. Angesichts wachsender Not, deren Prognose düsterer ist als die momentan erlebbare Vor-Gestalt ihrer Vollendung, wächst in der intellektuellen Szene zwar nicht eben das Rettende auch, wohl aber der Blick auf Alternativen zur panischen Selbstvernichtung der Menschheit. Sloterdijk spricht von der Moderne als der Benutzerin und Verbraucherin vormoderner Natur- und Kultur-Ressourcen, die sie in selbstdestruktiver Weise nur ausbeutet, aber nicht regeneriert. Metaphysisch ist die Neuzeit geprägt durch ein »Sein zur Bewegung«, »Produktion erweiterter Produktivität«, »Wille zum höhergreifenden Willen«. Ökonomisch motiviert ist diese Expansivität durch die Dynamik der Wirtschaft. »Als Sein-zur-Bewegung ist die Moderne als 'Mobilmachung überhaupt' ausgezeichnet, das heißt als Sein-zur-Selbstvernichtung.«[26]
0.6 Esoterik als Suche nach der inneren Kraft
Auf der Suche nach rettenden Alternativen werden die altasiatischen Kulturkonserven mit gesteigertem Appetit angebrochen. Eine postmoderne Renaissance formiert sich nach Schopenhauers und Goethes Interesse am Buddhismus und fernöstlichen Diwan zur zweiten Asiomanie. Hier wird »Sein als Sein-zur-Ruhe-in-der-Bewegung« erfaßbar.[27] »Wer heute nach einer Sprache der Demobilisierung sucht, der findet diese am ehesten im altöstlichen Raum, wo für die Kinetik des Lebenswillens andere Dramaturgien ausgebildet wurden als in der westlichen Mobilisierungszivilisation.«[28] Dieser Trend zeichnet sich auch in den Kirchen ab und läßt über die Ost-Erweiterung der Spiritualität eigene monastische Traditionen neu verständlich werden (Taizé). Der Trend zu einer schamanisch-esoterischen Medizin koppelt sich ebenfalls von den Ritualen der Risiken bagatellisierenden Schulmedizin ab. Diese Esoteriker halten seelische Faktoren für krankheitsrelevanter als biologische, lesen viel über alternative Heilmethoden, bauen ein soziales Netz mit Gleichgesinnten auf und wenden das in Heil-Kursen Gelernte selbsthilfeartig an.[29] Die universelle Machbarkeit erstarrt in den Ruinen ihrer ökologischen, medizinischen und politischen Zerstörungen.
0.7 Säkularisierung & Asiomanie in der Pfarrerschaft
Die Säkularisierung schreitet voran.[30] Säkularisierung als Zerfall der reformatorischen Standard-Mythologeme ist meßbar.[31] Neben Gottgläubigen alter Schule[32] ist der Anteil von Transzendenzgläubigen[33] unter der Pfarrerschaft auf nahezu 15 % gestiegen. Unentschiedene[34] und Atheisten[35] sind ebenfalls mehr geworden. Für das „Laienvolk“ wird die Rate Nichtgottgläubiger erheblich höher liegen. Die Beschwörung der wiederkehrenden Sinnsuche, der gestiegenen »Nachfrage nach Religion« hat zu »blühenden Sinn-Geschäften« geführt, »ohne viel Gefühl dafür, daß es die Sucht nach Sinn ist, die nun jedem Unsinn die Chance gibt, sich als die Straße zum Heil zu verkaufen.«[36] Die Theologie hat vereinzelt östliche Religionen im Visier, nachdem sie Jahrhunderte lang dort ihre Missionsbemühungen als den einzig wahren Heilsweg dargestellt hatte. Aus diesen Missionsbegegnungen erwuchs ein Hören auf das, woran die glauben, die man überzeugen will.[37]
0.8 Auf dem ökumenischen Weg zur Gleichwertigkeit aller Religionen als Sprachformen Gottes
Immerhin könnte das Wachsen der mythologischen Formationen, das Werden der Glaubensgeschichten von der Ahnenverehrung, den engrammierten Schattenseelen der Verstorbenen in den Seelen der Kinder und des ganzen Stammes-Gemeinwesens schamanistischer Kulturen über die elaborierten Stammesgottheiten und amphiktyonisch konsolidierten Staatsgötter zu einer gemeinsamen eurasischen und später die anderen Kontinente nach aller Kulturinvasion endlich gleichberechtigt einbeziehenden gemeinsamen Welt-Glaubensgeschichte die Anbahnung des erkennenden Echos auf das Raunen des in aller Materie wirkenden göttlichen Geistes sein. Die Beschränktheit der menschlichen Sensorien macht primitive Apparaturen erforderlich, die den Horizont weiten und später sensiblere Apparaturen hervorzubringen ermöglichen, die uns erleben lassen, wie unendlich Kleines im Elektronenmikroskop den Bildern des so unendlich Großen vom Planetarium zum Verwechseln entspricht; beide Tiefungen des Kosmos waren zuvor schlichtweg unvorstellbar. So läßt sich vorstellen, daß einmal die allzu primitiven religiösen Apparaturen, plumpe und teils auch bestialische Mythen, durch solche ersetzt werden, in denen nicht mehr gemordet wird. So läßt sich vorstellen, daß der Diskurs um die göttliche Macht eines Tages nicht mehr selbst ein Diskurs der Macht geblieben ist und die Gerechtigkeit Gottes als Macht in den Schwachen sich als größer erweist als die Macht des Stärkeren. Aufgabe der Starken in diesem ökumenischen Prozeß des Zusammenwachsens der Glaubensgeschichten und der Rehabilitation der vom Gang der Geschichte unterdrückten Texte und Mythen ist es, auf die Behauptung von angeblichen Unverzichtbarkeiten zu verzichten und alles zuzulassen als Glaubenszeugnis, was da geschrieben war und wird zur Ehre des noch unbekannten Gottes (Acta 17,23), von dem wir hoffen, daß er eines Tages denen, die Leid tragen, die Tränen abwischen wird. Dann werden gleichberechtigt nebeneinander Texte von Zaraθuštra und Jesus, von Buddha und Paulus, von Laotse und Sölle vernommen werden und es wird kein Text heiliger sein als der andere, mehr Gewicht haben oder als wahrer gelten können, wenn er sich nicht im eigenen Leben als wahr erweist aus eigener Kraft und ohne Einrede von oben. Alle Texte haben ein Daseinsrecht und sind Anfragen an unsere eigene Evidenz und an unser liebend-kämpfendes Tun Gottes, von dem zu singen oder zu schreiben bereits aus ihm selbst hinaus führt.
1
Indoeuropäische schamanischer Himmelfahrt
Die Kosmogonie der Gnosis sieht die Welt nicht als siebentägiges Schöpfungswerk des befehlenden Schöpfergottes, sondern als eine Art Auswuchs aus ihm.[38] Gott ist die güldene Sonne mit ihren atomaren Feuersgluten und die Logik ihrer Ausstrahlungen hat Leben entstehen lassen aus makromolekülaren Gebilden dieses Planeten. Das göttliche Licht, aus dem himmelsstufenhaft von oben nach unten die Materie hervorgeht bis zu ihren bösen Erkaltungen weltlicher Finsternis in Winterzeiten, dieses göttliche Licht ist die wärmende Sonne und das Feuer, ohne das Leben erfrieren würde und gar nicht hätte entstehen können. Es wärmt den Organismen primär Haut und Herz und leuchtet erst sekundär den Augen zur Orientierung. Gnosis ist mutierte, vergeistigte Sonnenanbetung. Durch Paulus und Johannes hat die Gnosis als Zeitgeist eine zentrale Rolle für die Konstitution des Christentums. Durch sie hat das Christentum fast all sein Material aus fremden Religionen aufgesogen. Es ist für uns ein verwirrendes Gefühl, uns vorzustellen, daß unser innigstes Zentrum des Glaubens, die Erlösungslehre, sich mehr vedischem Erbe[39] und dem Zoroastrismus verdankt als dem Wirken des historischen Jesus.[40]
1.1 Die Götterstände Priester, Krieger & Ernährer
Ausgangspunkt für die Forschung am Phänomen der Affinitäten der indoeuropäischen Sprach- und Religionsfamilie ist der in der Theologie völlig ignorierte strukturalistische Ansatz von Georges Dumézil. Er vertritt, über den Komparatismus religiöser Namen, Riten, Mythenketten hinausgehend, eine ganzheitliche Perspektive des Vergleichs, in dem als Parameter das Gesamt von Mythen, Pantheon und sakraler Lebensordnung als Funktionskonglomerat korrelieren. Dabei entsprechen sich von den Germanen über die Iraner bis zu den arischen Indien-Einwanderern die Trias von Herrschaft, Kriegertum und Wachstum, repräsentiert durch die sozialen Klassen Priester, Krieger und Bauern und ihre 'mythische Neuauflage' im Pantheon. Diese Trias ist das gemeinsame Erbe aus der indoeuropäischen Vorzeit, zentriert ca. 1500 v.Chr. im Iran, von wo aus die Arier aus dem Donez über den Kaschmir ins Industal weiter raubritterartig expandierten. Als Grundtypus hat es unzählige Metamorphosen erfahren. »A priori ist die Existenz... einer indoeuropäischen Literatur« als gemeinsames Erbe wahrscheinlicher Grund für »prosodische Übereinstimmungen zwischen Indien und Griechenland und formale zwischen dem Iran und Skandinavien«.[41] Von den indischen über die altiranischen, die thrakischen, skytischen und griechischen, die römischen und slavischen bis zu den germanischen Göttern zieht sich diese strukturelle Entsprechung. Die Germanengötter Ódinn, Pórr und Freyr sind nicht »Ergebnis eines Kompromisses zwischen verschiedenen Religionstypen oder den Religionen verschiedener Völker..., ihr Krieg und ihre Versöhnung sind keine Übertragung eines wirklichen Kampfes von Religionen, Kulturen oder Völkern in die Sprache des Mythos, sondern die Fortsetzung einer Unterscheidung göttlicher Funktionen und einer dramatischen Darstellung dieser Funktionen zugleich in ihrer Unterschiedenheit und ihrem Zusammenhalt, wozu Indien und Rom nahe Äquivalente bewahrt haben.«[42]
1.2 Schamanismus und Halluzination
1.2.1 Glaube als Hoffnung der Liebe über
den Tod hinaus: Ahnen als
Engel
Aus geliebten Verstorbenen macht die Liebe in ihrer über jeden Tod hinaus treuen und trauenden Hoffnung mit der ganzen Kraft der Engrammierung des Geliebten in die eigene Seele den Glauben an sein Fortleben als Geist, als Schutzgeist, als Schattenseele, als Fravaši, als Engel im Himmel, als Erzengel über allen Engeln, als Gott. Die Liebe vergöttert den Geliebten zum Gerechten, zum Hüter und Bewahrer der Gerechtigkeit und schließlich zum Schöpfer des Lebens überhaupt, weil wir durch Liebe erschaffen sind. Was bleibt, sind Glaube, Hoffnung, Liebe. Und die Liebe ist die Kraft, die am Grab die Solidarität zur Hoffnung verwandelt. Daraus erwächst der Glaube. Der Glaube glaubt an die Zukunft der unwiderruflich vergangenen direkten, körperlichen, wärmenden und bergenden Liebesbeziehung. Nur so kann die harte Realität des Todes mit der harten Realität der Sehnsucht vermittelt, ja vielleicht sogar versöhnt werden. Aus der Realität der unmittelbaren körperlichen Entzogenheit erkämpft die Liebe eine geistige Verbundenheit, die über Jahre und Jahrhunderte die Treue hält zu den großen Liebenden und Geliebten der Geschichte. Sie instauriert diese Geschichte neu als Heilsgeschichte und hält so an dem Heil fest, welches einmal die Glückserfahrungen der unmittelbaren Nähe, Lust, Leidenschaft und Vereintheit mit dem nun aber verlorenen Geliebten real erfahren ließ.
Wenn die Stimme, der Hauch und das Gesicht des geliebten Wesens entzogen werden durch den Tod, füllt sich diese Wunde durch ein Nachwachsen der Erinnerungsspuren zu einer inneren Repräsentanz, einer personalen Instanz, die Wesenselemente des geliebten Wesens zum fehlenden Dialog durchklingen läßt, der nicht mehr im unmittelbaren Austausch stattfindet, sondern sich verlagert in den inneren Dialog, in dem die erinnerten Gesten, Szenen, Gewohnheiten vom Trauernden, Liebenden quasi übernommen werden, inkorporiert und in die eigenseelischen Regungen eingefleischt. Diese inneren Sedimente des geliebten Wesens in ihrer Verdichtung zur personalen Instanz begegnen dem Trauernden immer wieder, im Schlaftraum, in Wachträumen, in den Situationen, die er zuvor mit dem geliebten Wesen geteilt hat.
Spiegel stellt unter Aufnahme von Freud und Abrahams Idee der Inkorporation ein Modell der Trauer in 4 Phasen heraus: Schock, Kontrolle/Ritual, Regression, Adaption/Neuorientierung. Narzißtische Bewältigung geschieht durch Abbau der Realitätskontrolle, Verleugnung, Suchen nach dem Toten/neuer Heimat und Manie als Befreiung von der Anklammerung an den Toten. Aggressive Bewältigung geschieht durch Protest, Klage, Suche nach Schuldigen und schließlich allversöhnlich als Identifikation mit dem Aggressor, der Macht des Schicksals oder Gottes. Objekt-libidinöse Bewältigungsaspekte sind Hilflosigkeit, Erinnerung (Evangelien), Inkorporation (Kohut: umwandelnde Verinnerlichung) und Substitution durch neue Lebensinhalte.[43]
Das geliebte Wesen verdichtet sich im Liebenden zur inneren Person. Diese innere Repräsentanz der Eltern ist in der Herausbildung stabiler Ich-Strukturen eine unerläßliche Entwicklungsaufgabe für das Kind. Je klarer diese innere Repräsentanz ausgebildet ist, desto handlungsfähiger wird ein Mensch.[44] Hier lagert sich quasi das ein, was die Instinkt-Ausstattung der Natur uns nicht mehr mitgeben konnte, weil die zivilisatorische Entwicklung der Menschengattung schneller ging als die Modifikationsfähigkeit der Instinkt-Vererbung. Das Vorbild der Eltern und aller weiteren Agenten der Enkulturation resoniert, personiert im seelischen Leben des Kindes als Verdichtung von Erinnerungsspuren zu inneren Instanzen, inneren Personen, deren Handeln eigenständig weitergespielt und imaginiert werden kann. So internalisieren wir nie nur nackte Fakten oder Informationen, sondern uranfänglich Beziehungsgeschehen in Fragmenten, die sich stückweise akkumulieren zu vollständigen Gestalten der Beziehungspartner. Alle künftige Erkenntnis schöpft aus den inneren Archiven dieser uranfänglich inkorporierten Wesen, die durch ihre Hilfe in der Aufzucht des Nesthockers Mensch dessen Überleben allererst ermöglicht haben.[45] Diesen Wesen verdankt der junge Mensch buchstäblich sein Leben und die Erhaltung seines Lebens in der langen Zeit, in der er noch nicht fähig war, für sich selbst Nahrung, Wohnung und soziale Vernetzung zu besorgen.
Diese Einleibungen geliebter Wesen in die eigene Person führt zur Übernahme ihrer Verhaltensmuster, ihrer Sprache, ihrer Gesten, ihrer Kompetenz und Performanz in der Bewältigung der Alltagsprobleme. Die Mimesis der Geliebten, die für das hilflose Kind vergleichsweise allmächtig wirken in ihrer Vielfalt der Bewältigungsstrategien, verleiht dem Kind selbst mehr Kompetenz und Überlebenstechniken. Die Adaption der allmächtigen Eltern verleiht Macht durch Kompetenzgewinne. Sie lernen essen, laufen, begreifen und zubereiten von Essen. Sie lernen, wie es besser im Verein mit anderen geht und welchen großen Reiz die Gemeinschaft der Heiligen hat.
Einen rituellen Versuch, die Trauer zu kontrollieren, stellt das Abendmahl dar, was wie Beerdigungen die drei Momente von Realisierung des Todes, Erinnerung an das Leben des Toten und im Leichenschmaus den ersten Schritt zu einem neuen sozialen Leben in der Tischgemeinschaft der Hinterbliebenen beinhaltet: Leben und Tod Jesu werden erinnert und realisiert, während das Essen des Toten, vergleichbar mit Totemmahlzeit als neues Passahmahl zugleich das - für Freud melancholische - Moment der Inkorporation des geliebten Meisters und das manische Moment der Euphorie eschatologischer Freudenmahlzeiten im Stile und so in der Erinnerung und Mimesis Jesu enthält, die sowohl an babymäßige Einsaugung der mütterlichen Brust als auch an den Exzeß kannibalistischer Totemtierzerfleischung (Robertson Smith) denken läßt.[46]
Die Einleibungen der verschiedenen liebenden und geliebten Wesen des ursprünglichen sozialen Lebenszusammenhanges zu quasi personal verdichteten inneren Repräsentanzen durch Erinnerung und Mimesis nennt Freud Über-Ich und Gewissen, wobei er deren Vielfalt in einer einzigen Instanz meint subsumieren zu können. Bei dieser Einleibung geliebter Wesen gilt als Gestaltprinzip, daß in jeder Geste, jeder Melodie, in jeder Szene das Ganze der Person personiert, Ganzheitsstrukturen wirken und wiedererkennbar sind.[47] Im Fragment, im kleinsten Teil, ist das Ganze der geliebten Person präsent, in jeder seiner Fugen der ganze Bach wiederzuerkennen.[48] Der Geliebte ist, indem ich ihn denke, lobpreise, mit ihm spreche, über den Tod hinaus.[49]
So auch mit den Engeln, von denen er singt. Engel sind innere Repräsentanzen der geliebten Wesen. Sie sind nicht fremd, sondern nah. Sie schützen wie es die Eltern in ihrer Fürsorge um ihre hilflosen Kinder tun und getan haben. Gute Geister sind sie. Der Geist eines Wesens ist die Gesamtheit seines Wesens in Sein und Tun, seine Person in der Form, in der sie sich anderen Wesen perzeptiv inkorporieren, einleiben lassen kann. Die Einleibung in die Seele hat nur eine Grenze: Der Körper dieses geliebten Wesens ist nicht einzuleiben. Man kann bestenfalls nah sein oder ein Fleisch mit ihm werden im Orgasmus, aber die Körpergrenze ist unüberwindbar. Der andere ist und bleibt immer ein eigen Fleisch und Blut und ist der Alterung und Vergänglichkeit unterworfen, Krankheit und Tod, genau wie ich selbst. Das Einzige, was ich werde hinüberretten können über den Tag seines Todes, ist seine innere Repräsentanz in mir, das Gesamt aller Erinnerungen, gespeichert in meinen mnestischen Archiven, in Tagebüchern, Erzählungen, Nachspielen seiner Szenen, Aufzeichnungen in Bild, Ton, Plastik, Totenmaske, Konzertmitschnitt, Werkverzeichnis, Nachlaß, seine künstlerische Hinterlassenschaft, seine Selbstvergegenständlichung in seinen Arbeiten. All dies dient als Medium für seinen Geist, der sich in allen diesen Weisen zu erkennen gibt, zum Erklingen bringt, personiert. So sind im sozialen Netz der Hinterbliebenen Fotoalben, Videos oder Erzählungen die Verlustbewältigung, in der der verstorbene und verlorene Geliebte in der gemeinsamen Erzählung aufs Neue repräsentiert wird, seine unersetzbare Leerstelle gefüllt wird mit den Erinnerungsspuren in den Seelen der Weiterlebenden. »Wie nah sind uns manche Tote und wie tot sind manche, die leben.«[50]
So setzt sich nach deren Tod die überlebenswichtige Einleibung der geliebten Wesen fort in der dankbaren Erinnerung, im gemeinsamen Nachhängen an dem, was sie für uns getan haben und gewesen sind und dies auch bleiben über ihren Tod hinaus durch die Kraft und Insistenz der Liebe, die nicht abläßt zu lieben, wenn der Körper des Geliebten erloschen ist.
Dies ist der innere Grund, weshalb aus der Liebe nach dem Tod die Verehrung der Ahnengeister werden muß. »Und vergiß nicht, was er dir Gutes getan hat.« In den Kurganen ist sicherlich nicht nur Liebe, sondern auch Furcht und alle Auswirkungen der Fürstenmacht in den Hofstaatseelen im Spiele gewesen, welches den Verstorbenen Königen eine ganze Totenstadt mitgab.[51] Aber wo alljährlich in einem Fest die Geister der Verstorbenen eingeladen, bewirtet und bekleidet werden und mit Gesängen verehrt, da ist im Lob ihrer vergangenen guten Taten ihre ganze Person zugegen, da wird diese erinnernde Wiederholung zur Vergegenwärtigung der vom Tod entzogenen geliebten Wesen und diese ihre Gegenwart wird durch den alljährlichen Ritus zu einem Traditionsarchiv, in dem sie nicht vergessen werden. Was sie Gutes getan haben, nimmt in den Seelen ihrer Kinder und Enkel seinen Lauf, wirkt weiter. Es nicht versiegen und vergessen zu lassen, helfen die Feste und Lieder von den Liebsten. Daß sie als Ahnengeister immer noch Schutzgeister bleiben, versteht sich von ihrem Ursprung her: Ohne sie wären die Kinder verhungert oder verdurstet. So sind die Fravaši eben auch mit dem Wasser und den Pflanzen, also mit der Ernährungsgrundlage in einem Atemzug genannt. Sie waren basale Garanten des eigenen Lebens. In gewisser Weise sind sie es immer noch ganz lebenspraktisch: Durch das, was sie lehrten, kann der Stamm sich am Leben halten, ob Ackerbau, Viehzucht oder Verteidigung und Kriegsführung. Der Dank und die Erinnerung formiert sich als eine dritte gesellschaftliche Gruppe: Die Priester sammeln und bewahren, strukturieren, verdichten und organisieren die gesellschaftliche Erinnerung und den Dank, heben ihn auf in Litanei, Gesetz und Feier, geben ihn weiter durch die Lehre ihrer Textsammlung. Ihr Wissen führt zu mehr Macht als das Kriegswissen des Kriegeradels.
Nun ruhen die Geisterseelen der Toten nach dem Gericht im Himmel, wenn sie die Prüfung der Gerechten auf der Cinvat-Brücke ohne Sturz in den Abgrund der Hölle überstanden haben. Sie weilen im Himmel, je nach ihren Verdiensten sogar im dritten Himmel, wo sie nahe bei Gott sind. Es ist ein Seelenhimmel, ein Haus des Gesanges (avestisch garōθmān bzw. garō-nmāna =Haus des Lobgesangs), des Duftes und der Freude, der gerechte Lohn für ein gerechtes Leben. Und immer noch können die Geister der Ahnen, die Fravaši der Aufrichtigen, der Wahren und Gerechten, der Aša-Gläubigen, zum Schutz und zur Hilfe ihrer Lieben im irdischen Leben werden. Sie sind Schutzengel, indem ihre Praxisfiguren zu Lebzeiten sich tief in den Seelen ihrer Mitgeschöpfe sedimentiert haben und so die Kompetenzen zu einem friedvollen und gedeihlichen Miteinander bilden.[52] Die ständige Erinnerung durch ritualisierten Lobpreis der Fravaši frischt zugleich diese Kompetenzen auf und restabilisiert sie.
Einige haben herausragende Rollen bekommen, sie sind die Erzengel mit zentralen Aufgaben und Funktionen geworden. Auch im Himmel gibt es die Hierarchie, die auf Erden die Stämme einte und stärkte. Damit läßt sich zur Genealogie der Engelwesen in ihrer himmlischen und schützenden irdischen Existenz sagen: Sie sind die Geisterseelen der geliebten Wesen, die durch ihre Entzogenheit des Todes zu einer veränderten Repräsentanz in den Seelen und Mythen ihrer Hinterbliebenen gefunden haben. Sie sind die Ausdrucksform ihres bleibenden Eindrucks innerhalb ihrer sozialen Gruppe. Die Götter sind aus ihnen entstanden. Wenn selbst Ahura Mazdā eine Fravaši hat, dann war auch er erst mal nur ein weiser Mann, ein religiöser Meister, dessen Seele und Geist in einem bleibenden fortwährenden Dialog stand mit Zaraθuštra. Die Lehre dieses Weisen hat sich so tief eingeprägt in Zaraθuštra, daß er sie gleichsinnig weitertreiben kann, daß sie sich von selbst weiterführt als Offenbarung. Die Botschaft der Engelsoffenbarung ist ursprünglich die Erinnerung ihrer Praxisfiguren zu Lebzeiten. Dann wird sie zur kongenialen Fortschreibung dieser Praxisfiguren über den Tod hinaus.
Schließlich können sie intersubjektiv innerhalb ihrer Religionsgemeinschaft fortgeschrieben werden und modifiziert werden im langen Verlauf der Geschichte des Glaubens, der immer neue Geschichten ausbrütet aus dem Fundus der alten. Sozialisierung und Vergeschichtlichung heben die Ahnengeister vom privaten Schutzengelstatus in den Status von Repräsentanten eines kulturellen Ideals, eines religiösen Vorbilds für alle.
Sicherlich ist die postmortale Verehrung von Stammesführern oder Fürsten im Stil der Kurgane mit dem erdrosselten Hofstaat kein reiner Liebesakt, sondern durchdrungen von Furcht und Angst, dieser Totengeist könne sich postmortal ebenso benehmen wie zu Lebzeiten. Vielleicht gilt Freuds Ansatz der ödipalen Triebmischung von Libido und Aggressionstrieb gegen den Vater in seiner Doppelfunktion von Beschützer und Bedroher des Kindes generell auch für jede Engrammierung der Eltern und Geliebten in die mnestischen Archive des Leibes. Dann ist in der fortlebenden Furcht vor den Ahnenseelen deren Herrschaft zugleich sedimentiert und potenziert. Das grausige Beerdigungsritual arischer Fürsten demonstriert diese Macht über den Tod hinaus.
Gab es im Jahwe-Himmel den Herrn der Heerscharen, den Kriegsherren, um dessen Thron bei Jes 6,7 der Seraphim, der Hofstaat-Engel mit glühenden Kohlen folternde Reinigungen vollzogen, so wird erst nach dem Exil unter Einfluß des persischen Dreierhimmels das Paradies des höchsten Himmels zum Haus des Gesangs, in dem die Fravaši der Gerechten zum Ausdruck ihrer Lebensfreude den Lobpreis anstimmen und ihr Ja singen zu dem, was lebt, was gelebt hat und was leben wird. Dieser Lobpreis der Engel in der Herrlichkeit Gottes als iranisches Erbe der jüdischen und christlichen Glaubensweisen ist auch ein Schutz des Lebens, ein Ja zum Leben, ein Ausdruck der Liebe zu denen, die anders nicht mehr kontaktet werden können, ein Ausdruck der Liebe über den Tod hinaus. Und das Einstimmen in diesen Lobpreis der Engel[53] und die Vorankündigung eines Friedens auf Erden ist die Solidarität der Lebenden mit den Toten, die seinerzeit für diesen Frieden gearbeitet und geliebt haben.[54] Ihr Erbe fällt nicht dem Vergessen anheim, sondern wird bewahrt mit Fleiß in den Visionen eines neuen Himmels und einer neuen Erde, auf der Gerechtigkeit wohnt und wo Gott unter den Menschen wohnt und ihnen die Tränen von ihren Augen abwischen wird. Dazu braucht er Menschen, die weinen und lieben können.
1.2.2 Die psychische Einschreibung der
Schattenseele im Schamanen
Zu den frühesten Zeugnissen der Religionsgeschichte gehört der Jagdzauber als eine Technik der antezipativen Jagdpropädeutik ähnlich der schulischen Brandschutzübung. Aber auch die Ahnenverehrung und die archäologisch rekonstruierbaren Bestattungsriten werfen ein Licht auf die Entstehung der Vätergottheiten aus der heimlichen Auferstehung des verstorbenen Stammesvaters in die Seelen der Gläubigen, Gehorsamen, Furchtsamen hinein. Der Schamane sucht die Schattenseelen der Verstorbenen auf, er begleitet sie in den Bereich des Todes hinein, in ewige Jagdgründe oder das Schattenreich des Hades, oder er versucht, sie aus ihrer Verirrung in die Weite der Steppe wiederzufinden und heimzugeleiten in den krank daniederliegenden Körper. Die dogmatische Prämisse des Schamanismus ist immer: Der Leib kann von der Seele verlassen werden. Daher wird das Leben der Seele unabhängig vom Leibsein denkbar. Freud hat in seiner ödipalen Philosophie die Einschreibung des Vaters in die psychischen Strukturen des Kindes beschrieben als ein Fortbestehen der Praxisfiguren des Vaters über seine physische Anwesenheit hinaus in der mnestischen Erinnerungsspur der Leibarchive. Die Einschreibung der Seele eines Menschen in die seelischen Archive der anderen durch Mimesis, die eine Urform von Liebe ist, vollzieht sich im Stammesverband in einer weitaus umfassenderen Form als in der Kleinfamilie des 19. Jh. Wiens.
Die Schattenseele des Verstorbenen existiert im Gesamt der Erinnerungen des Stammes an den Toten. Aus diesem Reservoir kann der Schamane schöpfen in seinen Ausflügen in die Gefilde des Unbewußten. Die Schattenseele des Toten als Paradigma des Schamanismus ist die in die Seelen der Hinterbliebenen engrammierte Gesamtheit der Praxisfiguren des Toten - verfremdet als ein extra nos Wahrgenommenes. Die Projektion der Einschreibung auf etwas äußeres, jenseits der Einzelleiber der Stammesmitglieder quasi autonom existierendes ist dabei der problematische Schritt des Überganges: wahr, daß die Repräsentanz des Toten als überindividuelle nicht im Einzelleib aufgeht; unwahr, daß sie ohne dieses nos, dessen extra sie zu sein scheint, würde leben können. So ist die Schattenseele ein Produkt nicht nur des kollektiven Unbewußten, sondern eine kulturbildende kollektive Bewußtheit zugleich. Ob überhaupt den Stammesmitgliedern die Vorstellung von einer unabhängig von den Hinterbliebenen agierenden Schattenseele vorschwebte, oder ob ihnen nicht selbstverständlich war, daß der Rahmen allen seelischen Weiterlebens das physische Weiterleben des Stammes selbst war, der in seinen mnestischen Archiven die Seelen der Verstorbenen ja tatsächlich mit sich trug, mag eine neuzeitliche Frage sein, die die Scheidung von Subjekt und Objekt im Erkennen voraussetzt und Erkenntnis als schrittweise Rücknahme von Projektionen versteht.
Für die Entstehung von Göttern ist die Schattenseele die wesentliche Vorstufe: Fortleben der Erinnerung und Repräsentanz des durch Tod der physischen Anwesenheit Entzogenen. Die Erinnerungsspuren im neuronalen Netzwerk und die Reaktivierung dieser Engramme in Vision, Gedächtnis und rituell inszenierter Tradition werden so zu den Grundfesten des Götterlebens. Erfolgt die Vergottung eines Menschen heute durch sein Manager-Jahresgehalt von 20 Millionen, Presserummel und die Macht über die Produktionsmittel oder den Staatshaushalt, so reichte damals die Macht der Erinnerung aus.
In diesem kollektiven Prozeß der Extrapolation von Erinnerung in personifizierte lebende Wesenheiten scheinbar außerhalb der Seelen der real existierenden Stammesmitglieder bildet der Schamane mit seiner außergewöhnlichen Feinspürigkeit für unbewußte und vorsprachliche Mitteilungen ein katalysatorisch-seismographisches Moment. Er erspürt die Spuren des Kranken oder Toten oder Jagdtieres in den Bruchstücken, die ihn vom engeren Kreis der Angehörigen her anwehen - nicht anders als die Anamnese des Gemeindepfarrers beim Kondolenzbesuch, wo ebenfalls die Anmutungen und das Verschwiegene die größere Menge der verkündigungsrelevanten Informationen für die Vorbereitung der Grabrede ausmachen. Diese Feinspürigkeit, von Spitz coenästhetische Wahrnehmung genannt, macht den Schamanen dem Alltagsleben sperrig und verquer. Er ist ein Sonderling, nach heutigen psychiatrischen Kriterien verhaltensauffällig.[55] Die Grenze zwischen Psychopath und Gläubigem ist nur eine Frage, wieviele er mitreißen kann in seiner Reduktion von Weltkomplexität zu einer »Shared Psychotic Disorder«: »Es ist oft schwer, Glauben, oder Erlebnisse bei religiösen Mitmenschen oder anderen subkulturellen Gruppen von Halluzinationen und Delusionen zu unterscheiden. Wenn solche Erlebnisse von subkulturellen Gruppen geteilt und akzeptiert sind, sollen sie nicht als Evidenz von Psychose betrachtet werden.«[56]
1.2.3 Trancetechniken und Hirnfunktion
Das von Hanscarl Leuner 1985 gegründete Europäische Collegium für Bewußtseinsstudien (ECBS) ist ein multidisziplinäres Forum von europäischen Natur- und Geisteswissenschaftlern zur Erforschung von Bewußtseinszuständen. Die Halluzination, wie sie in einer Nah-Todes-Erfahrung oder auch unter dem Einfluß psychoaktiver Substanzen auftreten kann, beruht auf der Wechselwirkung von neuronaler Hemmung und Aktivierung. Dabei entstehen in der Hirnrinde im primären und sekundären visuellen Cortex labyrinthförmige Strukturen, die in der visuellen Wahrnehmung aufgrund der sogenannten »retinokortikalen Transformation« tunnelartige Bilder hervorrufen.[57] Die häufig nach Narkosen, Komata oder von kurzzeitig klinisch Toten[58] im Nachherein berichteten Nahtoderfahrungen (NDE: Near Dead Experience[59]) sprechen von einem Tunnel mit Ausgang in weißes Licht[60] und einem Halteband oder einer Brücke. Diese Nahtoderlebnisse reaktivieren also die frühesten Engramme des Cortex: die Geburt als Durchgleiten des Uterustunnels ins Tageslicht, bei der das Halteband die Nabelschnur ist.[61] »Die "kosmische Leere" ist auch die Leere der Beziehungslosigkeit am Beginn unserer psychischen Entwicklung. Die Bezogenheit zur Welt findet ihren Ursprung in Erfahrungen, die lange vor der Ausbildung des Ich-Komplexes geschehen: Pränatale und perinatale Engramme tönen das Welterleben grundlegend und sind in ihrer Gestaltungspotenz allgegenwärtig. Das Berühren dieser Engramme stellt sich dem Erwachsenen als ganzheitlich-sinnstiftende, religiöse oder auch mystische Erfahrung dar. Die vorgeburtliche und frühe nachgeburtliche Zeit ist der biologische Ort geworden, an dem sich die spätere spirituelle Erfahrung strukturiert.« Yoga- und Tantra-Praktiken sind von daher Reinszenierungen des prä- und perinatalen Erlebens.[62] Auch der Kundalini-Prozeß reaktiviert perinatale Engramme und physiologische Prozesse der postgeburtlichen Metamorphose.[63]
Die Out-of-Body-Experience (OBE), man sieht seinen Körper quasi von oben dort unten liegen, und die Tunnel-Licht-Erfahrung (TLE) sind relativ häufig vor oder nach Narkosen. Typische Muster für eine Nahtoderfahrung im Koma, bei Herzinfarkt oder Atemstillstand, Schock und Unfall sind außer der OBE und des TLE Schwebe-Erlebnisse sowie ein schneller Lebensrückblick und oft tiefe Traurigkeit über die Rückkehr in den Körper. Das ganze Erlebnis wird als realer empfunden als jede normale Realität.[64] Auch Tiefenmeditation oder Streß können Auslöser einer Nahtoderfahrung sein.[65] Bei Störungen durch Sauerstoffmangel sind wesentliche Gehirnregionen nicht mehr richtig verknüpft. Das Sehen findet keinen Körper und die perspektivische Mitte verschiebt sich. Die Illusion der OBE, man sieht sich von oben, resultiert aus der Mischung auditiver und visueller Restfunktionen mit mnestischen Vorstellungsbildern, die quasi den weitgehenden Ausfall der afferenten Sensorik intracortical kompensieren. Diese Heautoskopie nimmt den eigenen Körper unter völliger Inhibition der efferenten Motorik-Neuronen als etwas getrenntes, objektives wahr, wobei Gespräche, Szenarien oder Gegenstände dieser Situation korrekt wahrgenommen werden können. Das Fehlen motorischer Funktionen führt zugleich zu einem Verlust der neuronalen Afferenzen, die zum normalen Körpergefühl gehören. Da der Körper wie gelähmt daliegt, sendet die Peripherie keine Signale in den Cortex, der Körper ist taub und anästhetisch. Dies erlaubt, ihn als etwas getrenntes zu erleben. Das Schwebegefühl resultiert ebenfalls aus dem Fehlen aller Schwere- und Druckempfindungen in Haut und Muskeln. Das OBE kann durch Elektrostimulation der Hirnrinde im Bereich des rechten Scheitellappens (Gyrus angularis) induziert werden.[66] Dieses innere Sehen mit realitätsgerechten inneren Bildeindrücken basiert auf noch intakten Sinneseindrücken wie Riechen, Hören, Restfunktionen des Sehens (etwa beim Öffnen der Augen zur Prüfung des Pupillenreflexes), die mnestische Vorstellungsbilder abrufen, die neuronal assoziiert sind mit den wahrgenommenen realen Geräuschen. Auch normale Sinneswahrnehmung ist Resultat komplexer neuronaler Verrechnungsprozesse. Wenn wir da draußen die »Dinge an sich« sehen, erreichen Lichtwellen unsere Netzhaut, wo sie in neuronale Signale gewandelt werden, welche wiederum von Milliarden von Nervenzellen weiterverarbeitet werden, oft gekoppelt mit einer Vielzahl weiterer neuronaler Afferenzen. Das Gehirn lernt allmählich, diese gesamtsinnlichen Reize zu »Formen der Anschauung« zu strukturieren. Dann sind umgekehrt auch mnestische Bilder abrufbar bereits aufgrund von Teilen dieser gesamtsinnlichen Reize, also aufgrund von Gerüchen und Geräuschen. Ähnlich erinnern sich Turmspringer im Bad ihrer Sprünge oft ebenfalls aus einer virtuellen Vogelperspektive. Es ist die erlernte Fähigkeit zu einer exzentrischen Reflexivität, wie auch Humor die Kunst der Selbstdistanz erfordert und fördert.
Sowohl das Sehzentrum als auch die Netzhaut können durch den Mangel an Sauerstoff gestört werden. Minderdurchblutung der Netzhaut führt zu einem konzentrischen Erblinden vom Gesichtsfeldrand her (Tunnel) und zu einem sehr starken Lichterlebnis im Zentrum des Gesichtsfeldes (Licht). Kosmonauten im Zentrifugentraining haben regelmäßig kurze TLE vorm endgültigen Bewußtseinsverlust.[67]
Beim blitzartig ablaufenden Lebensfilm führt eine Störung im Hippocampus dazu, daß das Gehirn unkontrolliert Erinnerungen abruft. Der Hippocampus ist mit seiner Häufung von NMDA-Rezeptoren »eine Struktur in der Tiefe des Schläfenlappens, die von zentraler Bedeutung für die Gedächtnisbildung (Einprägen des Erlebnisses) und für den Abruf von Gedächtnisinhalten (Vorstellungsbilder, Lebensfilm, Auftreten bekannter Personen) ist. Die Schläfenlappen spielen allgemein beim Bewußtseinsverlust eine entscheidende Rolle, und der Hippocampus wird generell mit dem Auftreten von Halluzinationen, aber auch psychotischen Phänomenen in Verbindung gebracht. Durch Elektrostimulation im Bereich der Schläfenlappen können zum Teil längst verschüttet geglaubte Erinnerungen wieder zum Leben erweckt werden.«[68] Insgesamt erklären sich die Nahtod-Halluzinationen aus dem Wegfallen einzelner Hirnmodule beim Übergang vom Wachbewußtsein in die Bewußtlosigkeit. Beim OBE sind mehr Hirnfunktionen intakt als beim TLE.
Diese Nahtod-Halluzinationen sind Folge einer Dysinhibition, eines Filterversagens. Reize, die permanent strömen, werden für gewöhnlich im Bewußtsein weggefiltert. Es findet eine permanente latente Inhibition statt, um aus der riesigen Fülle der Außenreize nur das herauszufiltern, was für die Bedürfnislage des Lebewesens wichtig ist. So kann man einen Pawlovschen Hund z.B. nicht auf Futter bei Glöckchenklang konditionieren, wenn er vorher ständig Glöckenklänge gehört hat und diese wegen ihrer redundanten Bedeutungslosigkeit zu „ignorieren“ gelernt hat.[69] Diese Fähigkeit des Wegfilterns oder Hemmens von neuronalen afferenten Außenreizen, die erfahrungsgemäß bedeutungslos und irrelevant für die Lebensvollzüge des Wesens sind, kennzeichnet die fokale Aufmerksamkeit als eine gerichtete. Man ist konzentriert bei einer Sache. Genau diese Fähigkeit des Fokussierens ist im Hirn von Schizophrenen und (Prä-)Psychotikern gestört. Der Reizfilter ist defekt und läßt alles gleichwertig passieren. Bei unmedizierten, paranoid-halluzinatorischen Schizophrenen fand sich keine Latente Inhibition, während sie bei medizierten Patienten und gesunden Probanden vorhanden war. Es besteht ein Zusammenhang zwischen der Latenten Inhibition und dem striatalen und präfrontalen Dopamin-System (Nor-/Adrenalinvorstufe).[70] Bei 23stündiger Kopfsenklage von 6° im Laborbett mit Folge von cardiovaskulärer Dekonditionierung, Gefäßweitung, Tonussenkung und somit Blutdrucksenkung auch im Hirn steigen die Delta- und Theta-Wellenausschläge im EEG an. Die Personen reagieren langsamer. Die Körperflüssigkeit steigt in den Thorax hoch. Dies deutet auf eine cortikale Inhibition, die durch die Unterversorgung des Cortex ausgelöst ist.[71] Schizophrene sind dagegen den eindringenden Reizfluten von außen und von innen, vom Körper und von der Erinnerung hilflos ausgeliefert, werden von ihnen geradezu überschwemmt und können sie nicht eindämmen oder wegschalten. Das bestimmte Objekt, der Gegenstand, ist immer gewonnen durch Wegfiltern seines Drumherum, Erkenntnis ist geradezu Reduzieren von Reizfülle. Was Spitz beim Säugling „coenästhetische Wahrnehmung“ nannte, Reizrezeption auf allen Sinnesebenen, das verkümmert beim dressierten Menschen ins System, ob Sprache, Logik oder Befehlsstruktur. Der einstige Kommunikationsgigant wird zum Scheuklappenträger, der seiner Bildzeitung glaubt. Das Hauptparadigma des Vernünftigen wird wie bei Kant die Newtonsche Mechanik und mechanisch seine Bewegungen und Satzbauten. Nur dies sei wirkliche Realität, alle anderen Wahrnehmungen werden neuronal gehemmt, weil nicht sein kann, was nicht sein darf. Der Realist radiert die Reize der Realität rigoros aus.
Enthemmt wird bei der Dysinhibition die Erinnerung in der Schläfenlappen und die Außenwahrnehmung als Zustrom afferenter Reize. Die Unterscheidungsfähigkeit, von wo der Reiz kommt, ob von der engrammierten Vergangenheit der Schläfenlappen oder den Augen, basiert auf Reizhemmung. Wenn diese zusammenbricht, strömen Erinnerungsreize mit der Flut der Außenreize zusammen. Das heißt: Die Fähigkeit der Zeitzuordnung erlischt. Vergangenes strömt in den Erfahrungsstrom so ein wie Gegenwärtiges. Damit brechen die Kantschen Formen der Anschauung als Kategorien von Raum und Zeit zusammen. Gewöhnlich wird auch die efferente Reizleitung gehemmt und die Motilität verwandelt sich zu kataleptischer Starre, bei der Krämpfe oder Automatismen bis zum Stupor mit Tachykardie auftreten. Der Zusammenbruch der hemmenden Interneuronenfunktion beruht auf der Zellveränderung durch Unterversorgung des Cortex mit Sauerstoff und der Endorphin-Ausschüttung, die beim Sterben dafür sorgt, daß Schmerzen nicht mehr wahrgenommen werden. Man kennt dieses Phänomen von Kriegsverletzten: Viele berichteten, daß sie über dem Schlachtfeld schwebten, während unten das Getümmel weiterging. Daß die Art der Nah-Tod-Visionen bei so vielen Berichten von gleicher Art ist, beruht darauf, daß sich die Hirnfunktionen der Sterbenden gleichen. Die Natur hat uns so gnädig ausgestattet, daß unsere letzten Stunden oder Sekunden voller Glück und himmlischem Frieden verlaufen können. Auch im Dionysoskult und den schamanischen Leibesdurchbohrungen mit Pfeilen und Messern gibt es diese Anästhetisierung - bis hin zu Yogis, die ihren gesamten Stoffwechsel auf ein Minimum reduzieren können und quasi scheintot über Wochen daliegen.
Streß-Experimente in
Flugsimulator-Zentrifugen, wo mit
höchsten Geschwindigkeiten das Blut aus dem Fliegerhirn
fußwärts 'geschleudert'
wurde, ergaben, daß bei dem so entstandenen Sauerstoffmangel
im ZNS zuerst die
Sehrinde und die für Erinnerung und Emotion
zuständigen Schläfenlappen
reagieren. Während die Flieger mit verzerrten Gesichtern vor
laufender Kamera
an EEG angeschlossen in der Zentrifuge geschleudert werden und in
Bewußtlosigkeit fallen, haben sie Jenseitsvisionen, von denen
sie später
berichten können. Im Streß zieht sich der Geist von
der Außenwelt quasi auf
seine eigene Welt zurück, auf die in den
Schläfenlappen gespeicherten Szenen
und Bilder seines visuellen Cortex.[72]
Was
bei der Abschaltung der Außenrezeption in der vom Gehirn
aufrechterhaltenen
endogen gespeisten Bewußtheit wahrgenommen wird, wird als
ebenso real
erlebt wie z.B.
der afferente Tastreiz einer Ohrfeige. Die
Trancetechnik muß demnach für eine Sauerstoffarmut
im Gehirn sorgen, um
Visionen zu induzieren, sofern sie nicht die Drogenkrücke
wählt.
Selbstverstümmelung, Schlafmangel, Fasten, Beten, Singen,
Tanzen gehören in
diesen Bereich. In dieser schamanischen Branche kommt es auf die
handwerkliche
Fachlichkeit des Schamanen oder Visionärs an, während
der Drogen-Schamane auf
die automatische Wirkung der Neurochemie bauen darf.
Die
Sinneswahrnehmung wird im Hirn bei
Erhaltung aller muskulären Schutzreflexe lahmgelegt,
nachdem das Narkotikum
Ketamin[73]
im Hirn in die 5. Ebene des Neocortex gelangt und dort an den auf
Dedrit-Synapsen großer glutamatergener Pyramidenzellen
befindlichen postsynaptischen
NMDA-Rezeptoren (N-Methyl-D-aspartat) andockt und sie
veranlaßt, die von afferenten
Axonen angelieferten Reize der äußere Wahrnehmung
größtenteils zu blockieren.
Das vom Axon in den Spalt zwischen den Synapsen ausgestoßene
erregend wirkende
Glutamat wird als Neurotransmitter von NMDA-Rezeptoren nur aufgenommen,
wenn an
anderen Dedrit-Synapsen Spannung aufkommt. Gelangen auch Calcium-Ionen
mit
hinein, können sie für Tage bis Monate anschwellen.
Die Axon-Enden eines
bestimmten Neurons produzieren entweder alle erregendes Glutamat oder
hemmendes
Gamma-aminobutyric acid (GABA). 20% aller Neuronen hemmen.
LSD, Valium etc.
verstärken die GABA-Produktion.[74]
Ein
Vakuum entsteht, welches aufgefüllt wird mit Bildern aus dem
Gedächtnis. Diese
Auffüllung des Wahrnehmungsvakuums aus mnestischen
Engrammen wird subjektiv
als eine Art Reise erlebt, bei dem man sich oft außerhalb des
eigenen Körpers
zu befinden meint und diesen quasi wie von oben betrachtet
kann.
Besonders in der Aufwachphase nach
Ketamin-Narkosen kommt es
zu Halluzinationen und Alpträumen bei bestehender Amnesie
fürs Realgeschehen.[75]
In Leningrad arbeitet man hocheffizient mit Ketamin in der
Alkoholiker-Therapie. 65
% der
Behandelten waren ein Jahr lang abstinent, bei
konventioneller Therapie nur
24 %. »The data of biochemical
investigations have shown that the pharmacological action of KPT
effects both
monoaminergic and opioidergic neurotransmitter metabolism, i. e. those
neurochemical brain systems which are involved in the pathogenesis of
alcohol
dependence. The data of EEG computer-assisted analysis have shown that
ketamine
increases theta-activity in different regions of the brain cortex of
alcoholic
patients. This is evidence for the reinforcement of limbic-cortex
interaction
during KPT session. [...] Ketamine is a prescription drug used for
general
anesthesia. In subanesthetic doses, it induces profound psychedelic
experiences
and hallucinations. The subanesthetic effect of ketamine was the
hypothesized
therapeutic mechanism in the authors' use of ketamine-assisted
psychotherapy
for alcoholism.«[76]
Untersuchungen zur neurologischen
Disposition bei
Experimenten mit veränderten
Bewußtseinszuständen zeigen, daß
Trancetechniken
bei eher neurotischen Charakteren die Kontrollfunktionen des ventralen
Hirnlappens verstärken, während die für
mediale Erlebnisse Prädisponierten eine
Verstärkung der Funktionen der Sehrinde im dorsalen
Hirnbereich aufweisen und
zudem eine ausgeprägtere Phantasie und Kreativität
besitzen.[77]
Die EEG-Befunde bei LSD-Gabe im dunklen Raum an langjährige
LSD-User ergaben:
Bei geöffneten Augen nahmen die Aktivitäten in der
Sehrinde zusammen mit den
Halluzinationen und Alphawellen als den Merkmalen cortikaler
Dysinhibition ab.[78]
»We found
that active hallucinators exhibited increased coherence in adjacent
electrodes
with eyes closed, when hallucinations were increased, and showed
decreased coherence
in adjacent electrodes with eyes open... We also found
that cerebral
coherence in hallucinators correlates with shortened latency in
visually evoked
potentials and an increased alpha frequency over the occiput, two
measures of
cortical disinhibition. Finally, a strong canonical correlation between
occipital coherence and measures of cortical disinhibition was also
noted.«[79]
Der Jung-Schamane muß biologisch schon eine hohe Aktivierbarkeit der Sehrinde im Hinterkopf mitbringen. Als Trancetechniken sind approbiert: monastische Abgeschiedenheit mit sensorischer Deprivation, Fasten, Schlafentzug, Litaneien oder repetetive Verbalsuggestionen, Tanz mit dem Nebeneffekt der Hyperventilation, Drogen wie indisches Soma, iranisches Haoma[80], mongolisches Harmin, afrikanisches Iboga, mexikanisches Meskalin, Psilocybin im mexikanischen Pilz[81], Peyotekaktuskult der Navaho-Indianer[82], europäisches Bilsenkraut, Fliegenpilz, Haschisch, Alkohol und ostasiatische Opiate.[83] Die bewußtseinsverändernde Wirkung von Drogen wurden intensiv in der amerikanischen Hippiebewegung diskutiert und geprüft.[84] Nach 15-30 Stunden vorbereitender Psychotherapie mit Drogenabhängigen im Rahmen der "Psychedelic Peak Psychotherapy" im Maryland Psychiatric Research Center wurde den Patienten 200-400 mg LSD mit Musik verabreicht. Sie beschrieben übereinstimmend 6 Wirkungen: 1) Einheitsgefühl mit dem All bei Schwinden der Ich-Grenzen. 2) Schwinden der Raum/Zeit-Grenzen. 3) Tiefe Freude, Liebe und Frieden. 4) Sinn für Unermeßlichkeit, Ehrfurcht vor dem Wunder Welt. 5) Wichtigkeit von psychologischer/philosophischer Einsicht. 6) Unbeschreiblichkeit der Drogenerfahrung im Diskurs der Sprache.[85]
Auf der Basis der Reaktivierung archaischer mnestischer Engramme arbeiten auch psycholytische Therapien, die durch drogeninduzierte Kurzpsychosen harte Charakterpanzerungen anschmelzen. Mit Lysergsäure-diäthylamid (LSD) und Methylendioxymethamphetamin (MDMA) wurden von 1988-93 in der Schweiz psycholytische Psychotherapien durchgeführt, tiefenpsychologisch orientierte Gesprächstherapien, ergänzt durch Erfahrungen in verändertem Wachbewußtseinszustand. Evaluationsuntersuchungen ergaben 90% Besserungen. Desgleichen arbeitete in Kalifornien Stanislav Grof am Lebenspanorama mit LSD-Gabe. Reisen in die eigene Lebenshöhe/tiefpunkte eignen die eigene Vergangenheit noch einmal so intensiv und integrierend an, daß in der Fülle des Erlebten ein Mensch loslassend Ja und Amen sagen kann zum Tod.[86] Induzierte Züricher Modellpsychosen durch Mescalin-, Ketamin- oder Psilocybingabe zeigen, daß Schleiermachers „Ozeanisches Gefühl“ grenzenloser Weite mit Stoffwechselsteigerung im vorderen Hirnbereich einhergeht, visionäre Restrukturierung mit Hyperfunktion der occipitalen Sehrinde, angstvolle Ich-Auflösung mit Stoffwechselsteigerung im Thalamus und Hirnstamm.[87] Drogeninduzierte Kurzpsychosen ähneln Schizophrenien und erlauben Ätiologie- und Verlaufsstudien im neurophysiologischen Vergleich.[88] Nicht Unterfunktion des Vorderhirns (Hypofrontalität), sondern Überfunktion mit verstärkter Durchblutung, ein hyperfrontales Glucoseutilisationsmuster 4½ Std. nach Meskalineinnahme in SPECT meßbar. Positronenemissionstomographie (PET) mißt den Umsatz von Fluorodeoxyglucose (FDG) als Zeichen für neuronale Aktivität.[89]
Der Züricher Adolf Dittrich
entwickelte 1975 den elfsprachigen Fragebogen APZ (Abnorme Psychische
Zustände)
mit über 1800 Befragungen und 1989 dessen verbesserte
Neuauflage OAV zur
Evaluation endogener Psychosen und qualitativ verändertem
Wachbewußtsein ABZ.
Halluzinogene I. und II. Ordnung sowie Reizentzug und
-Überflutung sind die 4
Auslösefaktoren. Es gibt drei meßbare Effekte: 1.
Ozeanische Selbstentgrenzung
(OSE), 2. Angstvolle Ich-Auflösung (AIA), 3.
Visionäre Umstrukturierung (VUS).
4. Bewußtseinstrübung und 5. akustisch
halluzinatorische Phänomene müssen
ebenfalls ermittelt werden, um die ganze Bandbreite
Außergewöhnlicher
Bewußtseinszustände (ABZ) zu evaluieren, dazu neu
der Fragebogen BETA. Wenn
in allen dieser
5 Bereiche hohe Werte
sind, wäre ABZ nachweisbar als
quantitative Taxonomie
in einem
fünfdimensionalen Raum.[90] »Multiple
regression analysis
between the APZ scores and the current 5-factor solution indicates that
OSE
(oceanic boundlessness) is strongly related to metabolic hyperactivity
in the
frontal cortex, that VUS (visionary restructuralisation) is mainly
associated
with metabolic changes in the occipital cortex, and that AIA (dread of
egodissolution) is associated with changes in the thalamus and
subcortical
regions.«[91]
Auch bei den nichtpharmakologischen Trancetechniken werden durch Beta-Endorphin-Ausschüttungen im Cortex Veränderungen des EEG meßbar. So findet man in der Versenkungs-Meditation einen reduzierten Gesamtstoffwechsel, einen vagotonen Grundtonus mit sympathikotonen Komponenten (in Abhängigkeit vom Meditationserleben), entsprechend reduzierte Streß-Hormonspiegel, einen gleichmäßigen, nicht fokalen Hirnstoffwechsel, gesenkten Muskeltonus und verminderte phasische motorische Aktivität.[92] Für einen Bewußtseinsakt, besonders bei Figur-Grund-Unterscheidungen im Wahrnehmen oder bei komplexen sensomotorischen Tätigkeiten, feuern die mit ihm verbundenen Neuronen, umliegend oder aus anderen von einem zentralen thalamischen Kern bedienten cortikalen Arrealen, rhythmische Salven von spikes, die als Oszillationen meßbar sind.[93] Die Betawellen von 16-32 Hz beim Wachzustand werden heruntergefahren auf die trancetypischen Thetawellen mit 3-5 Hz. Diese Wellen gibt es auch in hypnotischen Verfahren und in diesem Zustand werden visuelle Halluzinationen erweckt.[94]
Horrortripmäßige Höllenvisionen haben besonders Menschen mit Schlafstörungen. Auch hier gleichen sich die Bilder: Du durchwanderst eine Moorlandschaft voller Körper, die sich qualvoll winden. Ein Mann mit drei Beinen versucht, dich in ein schwarzes Loch zu ziehen. Ähnlich auch der Teufel mit dem Dreizack. Schatten stoßen dich umher; blasse Gesichter beobachten dich. Es dauert eine Ewigkeit. Die Realitätsanmutung solcher Visionen führt zu Todesängsten. Vieles erinnert an psychotische Angstvisionen bei Schizophrenen. Es ist ein Dämmerzustand zwischen unruhigem Schlaf und Alpträumen, wobei soviel Wachheit vorhanden ist, daß Außenreiz mit Alptraum verwoben wird.[95] Auch hier wird oft Verlassen des Körpers subjektiv erlebt.
Der Schamanen-Novize durchlebt mit oder ohne Begleitung erfahrener anderer Schamanen eine Initiation, die sich oft in einsamer Wildnis und mit gefahrenvollen Abenteuern vollzieht. Es ist Absonderung und eine Reihe physischer Qualen, die das Verlassen des Körpers trainieren, die Autonomie der Seele gegenüber dem Körper. Diese Einsamkeit des Schamanen oder Propheten fördert zugleich auch seine Individuation.[96] Zu den schamanischen Techniken der e)/kstasij gehören neben Isolation, Fasten, Schlafentzug, Kälte durch Eiswasser, Reinigungsritualen, Drogen, Trommeln oder anderer Musik vorzugsweise auch Litaneien mit oft unsinnigen Wortfolgen in psychedelischen Rhythmen oder Klangfiguren (Glossolalie, Mantra). Daraus mögen Gebete und Akklamation von Hilfsgeistern an heiligen Orten (Berg oder Baum als Nabelpunkt zwischen Unterwelt, Erde und Himmel) entstanden sein, meist verbunden mit Tanz oder Schreiten, welches gerne Mimesis der akklamierten Geister ist.[97]
Eine wichtige Rolle spielen die nomina barbara. Dies sind Worte ohne Sinngehalt, deren litaneiartige Rezitation aufgrund der Klangstruktur und der somatischen Vibrationen Kraft vermitteln und die in Hymnen abrupt auftauchen können.[98] Die Wurzel könnte in der Mimesis von Tierstimmen liegen, vergleichbar mit dem Sprechenlernen des Kleinkindes durch glossolalische Mimesis der Sprechakte in der Mitwelt. In der Identifikation mit dem Tier[99] diffundiert quasi die spezifische Intentionalität dieses Tieres in den Imitator, die Rolle bemächtigt sich des Spielers und leiht ihm ihre Kraft, Geschicklichkeit und übermenschliche Fähigkeiten wie Vogelflug. Die Anrufung von Hilfsgeistern[100] wie Tierseelen oder Ahnenseelen wird in der Gnosis zur Anrufung der Engel, die in den drei oder sieben Himmeln dann in Kontakt treten zum Visionär und ihn in Geheimnisse einweihen, geleiten oder waschen. Die Engel sind aber phänomenal aus eben diesen Hilfsgeistern der Schamanen hervorgegangen, aus den Schattenseelen der ruhmreichen Verstorbenen, die ihren Stamm weiter begleiten. Neben der vitalen Atemseele kennen die obugrischen Völker die Freiseele oder Schattenseele (is), um die es beim Einfangen via schamanische Extase-Rituale geht. Die Schattenseele spukt herum als Totenseele (is-xor = Schemen, Spiegelung, Trugbild, Schatten), Tote, mit Grabspeisen beerdigt, erscheinen in massiv-körperlich geschilderter Menschengestalt, an christliche Auferstehungslegende erinnernd.[101] Nun sind die Tierlaute voller Vokale und so mag aus der einfühlsamen und natursubjekthaft dialogischen Tierimitation im Schamanengesang über das Murmeln der Magier vermittelt das Vokalsingen der gnostischen Mönche hervorgegangen sein; das gnostische Vokalsingen ist die Kunstform der Tierstimme. In der Identifikation des Orpheus mit den Tier-Gefährten liegt der schamanische Weg in die göttlichen Weiten oberhalb oder unterhalb der Erde. Im Hymnus der sethianischen Gnosis begegnet dieses Vokalsingen immer wieder und ist dort in auffälliger Ähnlichkeit mit den Vokalpyramiden in vielen Zauberpapyri, in denen der Einfluß persischer Magier die iranische Theologie kolportiert. Diese Gesänge ohne diskursiven Sinn aktivieren im Körper halluzinogene Prozesse, sind Stimuli der schamanischen Ekstasis, des Heraustretens aus körperlicher Raumzeit in andere Erfahrungsmodi. Wenn in der Himmelsreise drei oder sieben Himmel mit jeweils neuen Toren und Reinigungsritualen durchwandert oder durchfahren[102] werden, erinnert diese Praxis an die Totenbücher der Tibeter und Ägypter und orphische Totenbegleitung, an die stufenweise Entfernung des Toten aus den Bindungen dieser Welt.[103] Die Himmelsreise von den Schamanen über die Gnostiker bis zu den Kabbalisten ist der Sterbebegleitung entsprungen und noch in Bachs letztem Choralsatz nach dem abgebrochenen Contrapunctus XVIII (B-A-C-H) ist diese Vorstellung präsent: „Vor deinen Thron tret ich hiermit“.
Für diese Erfahrungsstruktur ist die heute vehement zu bestreitende Idee von der Lösbarkeit der Seele vom Körper eine fundamentale mentale Propädeutik. Nur wer an diese Art seelischer Mobilität glaubt, kann Trance-Erfahrungen als Wanderung der Seele erleben und beschreiben. Das Verlassen des Körpers ist eine Illusion. Bei einer Versuchsreihe mit narkotisierten Testpersonen[104] konnte kein einziger etwas erkennen, was außerhalb der Reichweite seines Körpers war. Was somit die Seele während des Schamanenflugs erlebt, erlebt sie vom Körper aus und mittels der Cerebralfunktionen des „umgeschalteten“ Gehirns. Jeder Trip und jede Himmelsreise basiert auf den noch intakten Funktionen des Körpers und seinen gnädigen Notprogrammen für den Vernichtungsfall. Ohne Körper kein Schamanenflug und keine Himmelsreise. Ohne Körper kein Platon und keine Idee der körperlosen Seele.
Qualia
sind subjektive Erlebniseigenschaften eines intersubjektiv definierten
Wahrnehmungsgeschehens,
das Wehtun des Schmerzes, das wohlige Rotstrahlen des Rots. Traum,
Trance, Halluzination
und Vision haben die Qualia cerebral gespeicherter, aber vergangener
Wahrnehmungen
amalgamiert mit Reizen aus der Gegenwart, wobei die Zuordnung der
Sinneseindrücke
zur Zeit ihres Erlebens nachhaltig gestört ist. Vergangenes
scheint gegenwärtig
zu passieren. Für alle Formen schizophrenen, schamanischen und
religiösen
Erlebens ist der partielle Verlust der Zeitordnung engrammierter
afferenter
neuronaler Reize signifikant.
Bedenkt man, daß alle Kontakte zur realen Außenwelt durch bereits engrammierte frühere Erfahrungen als den sedimentierten Formen der Anschauung rezipiert werden und Erkenntnis neuer Realität immer mit Übertragung alter Gestalten, Modelle und Muster arbeitet, bis die alten Begriffe an der neuen Sache zu tanzen beginnen zu neuen Konfigurationen, so erscheint die virtuelle Realität des Traums und der Halluzination von der neuronalen Arbeitsweise her der Übertragungstätigkeit im Erkenntnisakt sehr verwandt. Heilige Halluzination ist dann eine Erkenntnisweise, bei der die Zeitfolge und die Raumordnung auf eine dem Traum ähnliche Weise verändert dennoch einen hochgradigen Realitätsbezug haben können.
So reaktivieren sich in der Nah-Tod-Erfahrung uterinale Geborgenheits-Qualia und die erste Lichterfahrung bei der Geburt - am Ende des Tunnels. Die Lichtvision als spezifisches Nah-Tod-Qualium ist so eine neuronale Verbindung der frühesten mnestischen Engramme mit späteren Lichtwahrnehmungen und schließlich sogar die Einbindung der religiösen Traditionen, die suggerieren, es gebe einen Licht-Himmel voller weißer Engelsgestalten mit Frohlocken und Jauchzen. Gott als ewiges Licht ist somit nicht nur eine ägyptisch-babylonisch-römische Hommage an die Sonne als zarathuštrische Feuerquelle, sondern auch eine Reminiszenz an den allerersten Augenaufschlag. Der Himmelsreisende des Zostrianos und vieler anderer Schriften hat diesen göttlichen Augenaufschlag als Ursprung des Universums gefeiert, indem er dieses erste Licht im Auge des Neugeborenen als die Schöpferkraft des unsichtbaren Geistes identifiziert. Weltmaterie hat sich aus dem Higgsfeld bei der Inflation des Universums in Überlichtgeschwindigkeit bei einer Hitze von mehreren Millionen Grad gebildet, Heraklits Urfeuer ist der Big Bang und aus dieser Photonenstrahlung kommt die Energie, mit der sich Galaxien formieren, Tiere und Menschen entstehen, die Gott als Licht anbeten.
1.2.4 Schamanismus als Hirtenkult der
Indoeuropäer
Der veränderte Bewußtseinszustand, zunächst wild eruptiv und unkontrolliert beim werdenden, später bewußt hervorgerufen und kontrolliert beim fertigen Schamanen, ist ein grundlegendes Charakteristikum. Die Fähigkeit, auf Verlangen das Bewußtsein zu verändern, macht ihn zum Meister der Psyche. Er induziert willentlich neurophysiologische Prozesse, die sonst nur durch Intoxikation entstehen. Dabei durchdringt ein makrokosmischer Symbolismus die mikrokosmische Jetzterfahrung: oben und unten, groß und klein, werden austauschbar. Zeit und Raum verändern sich derart, daß der gewöhnliche Alltag zur heiligen Zeit und der beliebige Standort zum heiligen Ort, zum Manifestationspunkt der jenseitigen Ahnen-Geister werden kann.
Die Knochen sind in der Initiation des Schamanen ein wesentliches Moment, von der nord- und südamerikanischen Initiationszerstückelung mit Aufschneiden des Bauches, Abschneiden von Gliedern, Durchbohren mit einer Gerte oder Pfeilen und Messern bis zur zeremoniellen Neubefleischung des eigenen Skeletts bei den Iglulik-Eskimos in Thule.[105] Die Betrachtung des eigenen Skeletts unter Benennung jedes einzelnen Knochens als Entäußerung von Fleisch ist hier meditativ angeleitet, während sie den sibirischen Schamanen als Traum überfällt, von Geistern zerteilt zu werden, auch hier mit Benennung aller Knochen. Das Skelett ist die Quelle des Lebens, Symbol des Großen Lebens, welches alles Fleisch zusammenhält.
Es gibt signifikante Parallelen zwischen schamanistischen und avestischen Vorstellungen von der ontologischen Teilung der Welt in Geistwelt (mēnōk) und knochenhaftes Sein (astvant, gētīk). Die iranische und sibirische Leichenaussetzung zum Geierfraß[106] wird heute noch von den 100.000 Parsen in Bombay, in Yazd, Kermān, Gudscharat und Karatschi als Bestattungsform in einem breiten Steinturm, dem Dakhma, praktiziert.[107]
Colpe setzt in der Rekonstruktion der gnostischen Himmelsreise ebenfalls beim Phänomen des Schamanismus[108] ein, der von den sibirischen Völkern zu den indoeuropäischen vermutlich einen kurzen Weg einer archaischen Gleichursprünglichkeit von Totenkult und Krankenheilung hatte: Weltweit ist das Charakteristikum des Schamanismus bei der Grundannahme eines Jenseits gegenüber der physikalischen Welt und einer vom Körper löslichen Eigenständigkeit einer im Menschen befindlichen Seele die Ekstase als Heraustreten eben dieser Seele aus dem Körper zwecks Krankenheilung oder Jagdmagie. Beim Kranken gilt es für den Schamanen entweder, dessen entlaufene, verschwundene, in die Gewalt der Geister geratene Seele draußen wieder aufzuspüren und heimzuführen oder im Falle der Besessenheit des Körpers des Kranken von bösen Geistern eine Vertreibung derselben, oft mittels Herbeirufung von Hilfsgeistern zur Assistenz bei der exorzistischen Zeremonie. Jagdzauber soll die Seele des Tieres versöhnen.
Die russische Schamanismus-Forschung hat die nachweislichen Wundertaten der Schamanen in den verschiedensten Völkern der Sowjetrepublik lange unter psychiatrischen Kriterien als »arktische Hysterie« diskutiert.[109] Einsamkeit, Kälte und lange Nächte und Vitaminmangel begünstigen die schamanische Trance, zu der südlichere Schamanen Drogen applizieren müssen. Dennoch kam man nicht umhin, die öffentlich vorgeführten Wundertaten zu konstatieren.[110] Meisterliche Instrumentalbeherrschung scheint Voraussetzung der in Trance von Akteur und Zuschauern durchgeführten Akrobatik zu sein. Der Schamane ist z.B. imstande, ein Messer in den Mund bis zum Heft einzuführen, ohne starke Verwundungen zu erleiden. Überhaupt wird viel mit Messern und Gewalt gegen den eigenen Leib vorgeführt. Ist die heimliche Mitteilung des religiösen Einzelgängers: Ich kreuzige mein Fleisch? Es gibt durch die überregionale Bekanntheit einzelner großer Schamanen auch eine Art Leistungsdruck auf den Schamanen: Wer nicht außergewöhnliches vollbringt, wird von den Leuten seines Dorfes nicht anerkannt. »Bei seiner Vorbereitung auf die künftige Arbeit bemüht sich der Neophyt seinen Körper zu kräftigen und seine geistigen Eigenschaften zu vervollkommnen. Mytchyll, ein jakutischer Schamane, den Sieroszewski kannte, übertraf bei der Sitzung trotz seines Alters die Jüngeren durch die Höhe seiner Sprünge und die Energie seiner Bewegungen. "Er wurde lebhaft, er schäumte über von Geist und Schwung. Er durchbohrte sich mit dem Messer, schlang Stöcke hinunter und verzehrte glühende Kohlen".[111] Der vollkommene Schamane muß für die Jakuten "ernst sein, Takt haben, seine Umgebung zu überzeugen wissen; vor allem darf er sich nicht anmaßend, stolz und aufbrausend zeigen. Man muß in ihm eine innere Kraft spüren, die nicht erschreckt, gleichwohl sich ihrer Macht bewußt ist".[112] Man hat Mühe in einem solchen Porträt den Epileptoiden zu erkennen, den man sich nach anderen Beschreibungen vorgestellt hat... Die Schamanen halten ihren ekstatischen Tanz in einer Jurte voll Menschen, auf genau begrenztem Raum und in Kostümen mit mehr als 15 kg Eisen in Scheiben und anderer Form, und doch wird nie jemand getroffen". Und der kasak-kirgisische baqça wirft sich in der Trance "nach allen Seiten, die Augen geschlossen, und findet doch alles, was er braucht". Diese erstaunliche Beherrschung selbst der ekstatischen Bewegungen verrät eine bewundernswerte Nervenkonstitution. Ganz allgemein zeigt der sibirische und nordasiatische Schamane keinerlei Zeichen geistiger Zerrüttung. Gedächtnis und Selbstbeherrschung liegen klar über dem Durchschnitt.«[113] Einige Tricks sind wie Zauberkunststücke, teilweise nahezu weltweit verbreitet. Immer geht es darum, sich selbst so sehr der Verletzung und dem Tod auszusetzen, daß man dabei quasi die Todesgrenze wirklich überschreitet - ob dies der heimliche Sinn der Extasetechniken ist? Die Extasen, in denen der Schamane seinen Körper verläßt, um in der Umgebung nach Jagdbeute oder in der Unterwelt nach der Seele des Schwerkranken zu fahnden, verlangen ja die völlige Diastase zum eigenen Körper; diese wird quasi öffentlich demonstriert, um die innere Fähigkeit der Seelensuche und der transsomatischen Reise glaubhaft zu machen. Das Gehen über glühende Kohlen etwa war bis nach Rom verbreitet, indische Gurus machen ähnliche Experimente. Wichtig ist, daß die schamanische Extase vereinbar ist mit einer unglaublich starken Körperkontrolle. Man kann im heftigen Tanz trotzdem so viel Realitätskontrolle bewahren, daß man nicht rempelt.
Das Übergießen mit glühendem Metall oder heißem Wasser (Vendidad 4,46) war ebenfalls eine Extasetechnik, die auch im Iran üblich war und bei Zaraθuštra angedeutet wird: Der Große Gang als Ordal, Gottesurteil.[114] Im Mithraskult gehörte zur Weihe der glühende Brandzeichenstempel auf die Stirn des Adepten. Die Wundertaten sind teilweise so monströs, daß Jesus dagegen eher ein bescheidener qei=oj a)nh/r war im Stil anderer gräco-romanischer Magier seiner Zeit.[115]
Die entscheidende Phase in der Herausbildung der Extase-Fähigkeit des Schamanen ist ein Zustand der Dekompensation, den Eliade als Schamanenkrankheit schildert: psychotische Krankheitsberufung als Leiden, Tod und Auferstehung mit Erlebnissen wie Zerstückelung des Körpers oder Auffahrt zum Himmel.[116] Hier ist die Wurzel der Himmelsreise überhaupt. »Der Kandidat beginnt viel zu meditieren, sucht die Einsamkeit, schläft viel, zeigt sich geistesabwesend, hat prophetische Träume, manchmal auch Anfälle.«[117] Diese Anfälle werden später als das Besuchtwerden von den Hilfsgeistern gedeutet und erlebt. Der psychopathologische „Befund“ würde normalerweise auf schizoide Persönlichkeit oder schizophrenen Schub lauten. »In der Periode der Weihe geschieht das Werden des Schamanen; der Geweihte ist noch nicht Schamane und kann keine Rituale durchführen. Erst nachdem er zum Schamanen geworden ist, ist er fällig zu schamanisieren. Wenn er schamanisiert, besucht er andere Welten, die ihm von den Geistern während der "Schamanenkrankheit" gezeigt wurden, aber er macht das mit unterschiedlichen konkreten Zielen, die bei weitem nicht immer für den Schamanen krankhalte Empfindungen erfordern. Er kann Qualen erleiden und in Ekstase geraten, aber die Erklärung für diese Leiden ist eine andere, denn zu ihm kommen seine Geister, die ihn beherrschen. Selbst wenn man nach M. Eliade allgemeine Züge bei der "Schamanenkrankheit" und der Kamlanie sucht, so liegt hier die Hauptähnlichkeit in den Visionen der Geister, aber nicht in den leidensvollen Seelenzuständen. Das rituelle Schema, das die Logik der rituellen Handlungen widerspiegelt, ließ eine Vielfalt von Variationen zu. Die Veränderungen hingen davon ab, zu welchen Zwecken ein Ritual durchgeführt wurde, welche Hilfsgeister der Schamane zu sich rief, mit welchen Geistern er kämpfen oder in Verhandlungen treten mußte. Deshalb waren die Kamlanie ein und desselben Schamanen nicht in allem identisch, und die Kamlanie verschiedener Schamanen konnten sich erheblich voneinander unterscheiden; hier kamen auch Unterschiede in den lokalen Traditionen und verschiedene persönliche Eigenschaften der Schamanen zum Ausdruck.«[118]
Die Hilfsgeister werden meistens in langen Litaneien einzeln herbeigerufen, bis alle zum geplanten Vorhaben als Beistand versammelt sind. Noch in den Litaneien des Avesta mit den endlosen Einzelepiklsen der Yazata, Fravaši und Unterdämonen spiegelt sich diese Versammlung der Geister, die in der christlichen Paraklese des Heiligen Geistes ihre monokratische Verdichtung gefunden hat. Diese Hilfsgeister haben das gleiche Eigenleben wie die Stimmen Schizophrener, die sie innerlich, halluzinativ, hören und nicht zum Schweigen bringen können. »G. I. Andrejew teilte mit: Ein kasachischer Baksy rief seine "Teufel" herbei, die Geister "begannen, als sie sich angeblich versammelt hatten, ihn zu würgen, und er wurde dadurch wahnsinnig", schrie deshalb, "hüpfte und drehte sich abwechslungsreich" und fiel zu guter Letzt auf den Boden [Andrejew, 1796: 65], Ein anderer Schamane (der Derwisch diwana) floh "mit seiner Krücke" (d. h. dem Stab) aus der Jurte, und zog später auf einem Pferd in schnellem Ritt in die Steppe, das allein, weil er einen feindlich gesonnenen Geist in die Flucht jagte, der ihn durch Prophezeiungen belästigte. In späteren Arbeiten werden ausführliche Beschreibungen ritueller Handlungen von Schamanen geliefert. (...) Der gesamte erste Teil des Rituals verfolgt das Ziel, sowohl die Hilfsgeister der Schamanin wie auch alle übrigen Dämonen zu versammeln, die die Ursache der Krankheit sein können"; den Körper des Patienten schmierte man mit Blut ein, damit die Geister dieses Blut ablecken und sich sättigen; Knoten wurden in eine Leine geknüpft, um den schädlichen Geist zu "fesseln" [Sucharewa, 1975: 57].«[119] Der zentralasische Schamane ist Priester und opfert den Himmelsgöttern, ist Heiler und treibt Dämonen aus, ist Seelenbegleiter, auch in den Tod hinein.[120]
1.2.5 Pferdeopfer und Himmelsreise des Schamanen
auf die Birke
Ein wichtiger Prototyp für die im Hellenismus gepflegten Traditionen der Himmelsreisen ist die schamanische Reise in den Himmel auf einer Pferdeseele. Hier ist bereits das bis zu 12stufige Mehrschichten-Modell des Himmels ausgebildet. Die Brutalität des Opfers zeigt die archaische Stufe dieser Himmelsreise.
Bei den Altaiern gibt es das dreitägige Pferdeopfer, wo die Seele des Pferdes vom Schamanen (Kam) feinstofflich gefangen wird und anschließend dem armen Tier grausam mit vereinten Manneskräften die Wirbelsäule gebrochen wird, damit kein Blut fließt, was für die Reitbarkeit seiner Seele bei der anschließenden Himmelfahrt des Schamanen auf ihm entscheidend ist.[121] Diese erfolgt nach dem Zerlegen des Pferdes, Aufhängen der Knochen an einer langen Stange als Opfer für die Ahnen und Schutzgeister der Himmelfahrtsjurte und gemeinsamem feierlichem Verzehr des gegrillten Fleisches am Abend dieses Festtages. In der Jurte opfert der Kam den Geistern der Trommel, des dort brennenden Feuers, verteilt Pferdefleisch an die Anwesenden, beräuchert die 9 Kleider des Hausherrn für den Himmelsgott Bai Ülgän und seine Trommel, ruft in einer langen Litanei alle wichtigen Geister herbei und auch die Märküt, die Himmelsvögel, die er schreiend imitiert. Mit all diesen Geistern kreist der Kam nun um die Birke im Jurteninnern, bittet den Pförtnergeist um einen Führer, schlägt in der Mitte der Jurte wieder die Trommel und verfällt in Zuckungen mit unartikulierten Worten, reinigt durch Trommeln alle Anwesenden, vorweg den pater familias, bis er in Begeisterung gerät und mit dem Himmelsaufstieg beginnt. Er steigt auf den ersten der 7, 9 oder 12 Einschnitte (tapty) in der Birke, die jeweils eine Himmelsebene darstellen, trommelt heftig und schreit wie ein Vogel: Čok Čok! Er beginnt Flugbewegungen zu machen, umkreist Birke und Feuer, ahmt Donnergrollen nach, reitet auf einem Schemel mit einer Pferdehaut, der Seele des gemordeten Pferdes. Dabei singt er: »Hab erstiegen eine Stufe, Aihai, aihai! Eine Schicht hab ich erreicht! Šagarbata! Hab des tapty Kopf erklettert, Šagarbata! Bis zum Vollmond mich erhoben, Šagarbata!«[122] Er treibt den Pferdeführer (baš-tut-kan-kiski), der dem Pferd beim Mord den Kopf festhalten mußte, zur Eile und dieser fällt ebenfalls in Trance, klagt über die Mühe des Aufstiegswegs. Der Kam steigt auf den zweiten tapty der Birke und die Pferdeseele wird als Reittier von einer Gans-Attrappe abgelöst, auf der der Kam auf den 3. tapty reitet, also in den 3. Himmel, wo er eine Jause macht und über Wetteraussichten, drohende Krankheiten und Unglücksfälle und zu bringende Opfer verkündigt. Nun geht die Reise weiter von tapty zu tapty, Himmel zu Himmel, und in jedem Himmel gibt es eine Episode, vom schwarzen Vogel Karakuš übers Pferdetränken bis zur Hasenjagd im Mondhimmel. Im 5. Himmel trifft der Kam den Himmelsschöpfer Yayutschi, der ihm Geheimnisse über die Zukunft anvertraut, einige werden laut weitergegeben, andere nur arkan gemurmelt. Im 6. Himmel kommt der Mond, im 7. die Sonne, die der Kam verneigend begrüßt. Je mächtiger der Kam ist, um so mehr Himmelsstufen schafft er jetzt noch zu erreichen. Ist er ganz oben angekommen, ruft er Bai Ülgän an und preist ihn als Weltschöpfer und Bewahrer der Menschen, der nicht nach Sünden richten möge. Nach dieser Epiklese erfährt er brühwarm vom obersten Gott, ob das Opfer gnädig angenommen wurde, Wetterbericht, Ernteprognosen und nächste Opferwünsche. Damit erreicht die Extase des Kam, der immer das beste Fleisch bekommt, ihre Akme und er bricht erschöpft zusammen. Nach einem Schlaf kommt er allmählich wieder zu sich und begrüßt die Versammelten wie nach langer Abwesenheit.[123]
In dieser Himmelsreise innerhalb eines dreitägigen Opferfestes ist deutlich, wie zu jeder neuen Himmelserfahrung ein begleitendes Ritual gehört. Die Begegnung mit Gott, der die Zukunft orakelt und damit ein Frühwarnsystem für Katastrophen gibt, der so begleitend sagt, wie man sich am besten verhält im Kampf mit der Natur, steht hier im Mittelpunkt, die Himmelsreise ist ein Orakel für Wetter, Seuchen und alle Unwägbarkeiten des Stammeslebens. So ist auch in den gnostischen Himmelsreisen nach all den Aufsteige-Mühen und -zeremonien der Höhepunkt die Begegnung mit Gott und seine Belehrungen, die anschließend auf Erden zurückgekehrt den Mitseienden weitergegeben werden. Elemente wie der Phönix als Himmelsvogel oder Untergötter wie Cherubim und der Reiseführer sind hier schon angelegt. Auch die Siebenzahl der Himmel ist eine geläufige schamanische Tradition. Was der Schamane durch Tanz, Trommeln, Tierstimmenimitation, Schreie, Litaneien und Flugbewegungen an Trancetechnik entwickelt, entspricht dem Vokalgesang, den nomina barbara und Zauberworten der sethianischen Trance. Das Schamanentum hat sich über die arischen Ritter vom Donez bis in die indischen Versenkungstechniken fortgepflanzt.[124]
Im Iran sind Spuren des Schamanismus im Avesta zahlreich und haben sich über die Magier im ganzen Orient verbreitet. Nur einige wenige Erbstücke seien aufgezählt: der Haoma-Kult des Miθra-Opfers, das Ordal auf glühenden Kohlen oder Blei oder Heißwasser, alle Regeln der Vendidad, das Herbeirufen der Yazata und Fravaši, das Umschreiten von Feuer, die Rinderharnwaschungen, die Totenbegleitung, der Mythos vom Urrind und Urmensch, der geopfert wird, um aus ihm die Welt zu erschaffen, die Zwiesprache Zaraθuštras mit Ahura Mazdā in einer revelatorischen Extase, die Himmelsreise Ardā Vīrāfs mit klassisch-schamanischen Extasetechniken und ihre Theorie von der fundamentalontologischen Verschiedenheit von Geisteswelt und Sinnenwelt. Man wird unschwer weitere Momente erkennen und könnte geradezu sagen: Die Religion Irans ist eine schamanische Religion, die durch die Ethisierung Zaraθuštras zu einer starken Vergeistigung gefunden hat und durch die Bildung des achämenidischen Großreichs die Konsolidierung des Magiertums zu einer staatlichen Größe erfahren hat mit allen urbanen Diversifikationen und kulturellen Verfeinerungen einer metropolitanen Institutionalisierung.
1.2.6 Schamanische Vollmacht - Glaube
tötet oder vitalisiert über das
ZNS
So wichtig wie der Schamane ist der Glaubende. Ohne ihn kann er wenig. Wieviel er kann, zeigt der Fluch, das Schuldigsprechen, der Voodoo-Stich in die Puppe, die den Kandidaten töten kann, wenn er von ihm weiß.[125] Mittels der Bedeutungsverleihung haben Metaphern körperliche Wirkung. Ein intellektueller Akt, der Fluch, löst Angst aus und diese führt zum Tod. Der Vagus-Tod ist ein Selbstregulationsmechanismus des parasympathischen Nervensystems, der nicht panisch als Folge eines jähen Schreckens erfolgt wie der Tod des Spitzhörnchens beim Fang oder der Herzinfarkt der Ente beim Aufsetzen auf die glühende Herdplatte in China. Er ist ein langsames Siechen zum Tode aus Schuld-Angst heraus.[126] Diese Regelkreise reduzieren den gesamten Stoffwechsel immer stärker, bis der Tod eintritt. Es reicht, den Fluch eines Medizinmannes zu vernehmen, und schon beginnt dieser schleichende Tod. Ähnlich dürfte das „Nachsterben“ des Hinterbliebenen beim Tod seines Partners funktionieren. Ähnlich steigt statistisch das Infarktrisiko mit der Angst und dem Streß des Berufs. Bei den Iglulik-Eskimos beobachtete Rasmussen das massenhafte Sterben von Stammesgenossen, als die Rentiere ausblieben und die Angst vor dem Verhungern zu Apathie und tödlichen parasympathischen Regelkreisen führte.[127] Bilz zählt als Grundbedeutungen der Angst fünf ineinander verschränkte Dimensionen auf, die immer synergetisch auftreten: die Bedeutung des Hungers, der Verlassenheit, der Sünde, der Krankheit und der endgültigen Unwiederbringlichkeit.[128] Bleiben die Rentiere aus, hat die Herrin der Tiere, eine Art Eskimo-Diana/Artemis/Anāhītā, sie nicht losgeschickt, der Schamane reist nun auf den Meeresgrund zu ihr und sieht sie übersät mit Furunkeln an den Sünden ihres Volks leiden wie Jes 53 der Gottesknecht und am Kreuz der Gottessohn. Die Sünde hat zur gegenseitigen Trennung geführt, krank liegt die Göttin und kann die Versorgung der Menschen nicht sichern, so verhungern sie. Schuldangst beklemmt und fährt stärker noch als beim devitalisierten frommen Skrupel die Stoffwechselfunktionen auf den Minimum herunter zum Regelkreis des Vagus-Todes. Für die Klagepsalmen des AT gilt: »Schwachheit, Krankheit, Gefangenschaft, Feindesnot sind schon eine Art von Tod. Wer so krank ist, daß er in vielen tätigen Lebensfunktionen behindert ist, befindet sich schon in einem Zustand relativen Totseins.... Die Domäne des Todes lag also für Israel nicht draußen am äußersten Rand des Lebens, sondern war tief in den Bereich des Lebens vorgeschoben.«[129] Die vorgeschobene Todesgrenze hat als neurophysiologisches Defading des parasympathischen Systems ihre Wahrheit: Wer sich als Kranker bereits im Rachen des Todes sieht, der „gibt sich auf“, verlangsamt seinen Stoffwechsel und läßt die körperlichen Funktionen graduell absterben. Das Bewußtsein, gesündigt zu haben, ausgestoßen zu sein, geächtet, gestraft, ausweglos in der Schuldfalle zu sitzen, kann diesen Todesprozeß innerhalb weniger Tage vollenden. Augenscheinlich gleichen sich weltweit solche Konjunktionen der Angst und machen aus Schuldbewußtsein Krankheit, Siechtum und Tod. Die deuteronomistische Geschichtsversion vom sündigen Israel und strafenden Jahwe ist eins der vielen Beispiele dieser Angstkonjunktion der sozial-ontologischen Gefahren. Der Leib als in-der-Welt-Sein und sozialer Leib reagiert auf soziale Bedrohungen, auf Bedeutungen, mit schwersten und bisweilen tödlichen Prozessen. Dies nennt man den Nocebo-Effekt.[130]
Diese soziale Sensibilität des Parasympathicus kann umgekehrt auch den elan vital stimulieren und aktivieren, von der Beatmesse bis zum meditativen Glück dessen, der sich von Gott und seiner Welt geliebt fühlt. Hier steigert sich der Stoffwechsel, der Tonus, die Aktivität, Kraft - man könnte fast metaphorisch sagen: der göttliche Geist ist elan vital im direktesten physiologischen Sinne. Daß es mir gefällt, ist der Placebo-Effekt.[131] Das Prinzip Hoffnung macht Menschen selbst in Ausweglosigkeit aktiv und kreativ, läßt ihren Lebensmut validieren und macht ihre Phantasie wach für die Entdeckung von noch unbekannten Auswegen. Diese Kraft des Glaubens kann dann als militanter Optimismus Unmögliches möglich machen. Sie ist neben der Macht des Kapitals eine immense kulturelle Kraft der Veränderung und Produktivität.[132] Massenbegeisterungen zeigen, welche Auswirkungen dieses gemeinsame Verbundenheitsgefühl, der kollektive Narzißmus, haben kann - vom Fußball bis zum Faschismus. Hegels Volksgeist, der als Zeus, Jahwe oder Pantheon von Göttern ein Volk durch sein Gesetz zur sittlichen Vernunft, zur Moralität bringt,[133] ist intersubjektive Synergie dessen, was im Einzelsubjekt objektiv als vitalisierende Regelkreiskette des tonusstraffenden Parasympathicus meßbar ist.[134] Es sind nur Worte oder gedachte Zusammenhänge, die durch ihre neurophysiologischen Wirkungen töten können oder das Leben zum Fest machen.[135]
Mit diesem Mittel spielen Demagogen, Rhetoren und Showmaster, Medien und Pfarrer. Die aufmunternden Worte, Mahnung und Warnung laut Kirchenordnung, bis zum geradezu magischen preußischen „Anschiß“ als Depressionstherapie[136] steigern den Tonus in Sekunden: „Haltung annehmen“ setzt Adrenalin frei. Auch therapeutisch gilt: Gegen die Magie von Richtern und Gouvernanten, die in die Seele des Kindes ihre harten Urteile überichhaft einschreiben, hilft nur eine noch stärkere Magie des guten Wortes, welches die eingefleischten Selbstverurteilungen „überschreibt“. Das ist die Wahrheit des „Zuspruchs“ in den Seelsorgekonzepten der Barth-Schule. Der Boom an Segnungslust in der heutigen Gottesdienstlandschaft zeigt, wie sehr dieser Trost des guten Wortes, des Segens, als mitgehende und wirkmächtige self-fulfilling prophecy benötigt wird.[137] Nicht Erkenntnis allein tröstet, sondern deren intersubjektive Teilung und soziale Approbation. Die Aufhebung der Sünde ist Herstellung des gestörten Kontakts und die Therapie des Schamanen am Kranken die öffentliche Re-Integration seiner Seele in die um ihn sorgende Gemeinschaft des Stammes. Die „self-fulfilling prophecy“ löst im Hirn des gläubigen Patienten und Orakelnehmers die Prozesse aus, die dort die Situation flankieren würden, wenn die verheißenen Zuständen einträfen. Und damit treffen sie ein, soweit sie das subjektive Befinden betreffen. Darin haben die Flüche und Segnungen ihre physiologische und biochemische Wirkmacht und Wahrheit.
Tödliche Worte als Auslöser maligner Teufelskreise sind neben der Verdammung durch Schamane oder Klerus oder dem „Schuldig“ der Geschworenen auch die gefälschten und im TV vorgeführten Beweise der Schuld des Feindes, meist international geächtet und veraltete Waffen, bevor man gegen ihn ihm Namen Gottes mit größter und fortwährend propagierter Siegesgewißheit und den grausigsten modernsten Waffengattungen den international geächteten Angriffskrieg eröffnet, wie dies 2003 der Amerikaner Bush im Irakkrieg wiederholt hat - sie demoralisieren den Gegner und stärken den eigenen Kampfeswillen, genau wie die Reden der antiken Schlachtführer vor dem Gemetzel.
Alle diese Bedeutungsspiele funktionieren nach der Gleichung Im-Recht-Sein = Gutsein = Mit-Gott-Sein = Starksein = Siegen. Für Politik, Sport, Beruf und Film gilt fast ausnahmslos diese Verehrung des Starken und die Anbetung der Macht der Mächtigen. Dagegen ist aus der Not geboren die Verteidigung des Schwachen bei Paulus 2 Kor 12,9, die Kraft Gottes ist für ihn in den Schwachen mächtig. Hier könnte ein Weg liegen, Gott nicht mit Vitalität und Macht schlechthin zu identifizieren und so die Gleichung „krank = sündig = von Gott verlassen = todgeweiht“ zu überwinden, die in den schamanischen und jüdischen Glaubensweisen die tödlichen oder salutogenen Regelkreisläufe des Parasympathicus stimuliert.
Das Wort wirkt Wunder im Leib. Es kommt von Fleisch und wird Fleisch (Joh 1). Es tötet, es heilt. Das ist die Erfahrung des Todesfluchs im Voodoo und die der Psychotherapie als Umbenennungslerngeschehen. Die Mythen des Stammes schaffen das Setting, in dem das Handeln des Schamanen als Himmelfahrt, Heilung oder Regenmachen erlebt wird und die heilende Wirkung im Kranken ergibt sich aus der Stimulation des parasympathischen Regelkreise in Richtung auf Glückshoffnung und Vitalisierung. Diesen Effekt nutzt auch NLP. Es ist Suggestion, Ingangsetzen von Erwartungshorizonten und Hoffnungen, die durch ihren somatischen Streueffekt allererst ihre tiefe und tiefste Wirkung und Wirklichkeit erfahren. Wenn man es glaubt, wirkt es auch. Weil dem Schamanen geglaubt wird, daß er heilen kann, kann er heilen.
Mediziner haben die
Endorphinfreisetzung durch bloße
Placebogabe nachgewiesen.[138]
Studien
der Michigan-University von Ann Arbour ergaben: Allein das Szenario
Schmerzmittelinfusion wirkt bei realer Gabe von Kochsalzlösung
statt des angekündigten
Schmerzmittels analgetisierend, weil die Vorstellung von
Schmerzfreiheit im
Patientenhirn Endorphine freisetzt, die an den Barorezeptoren, einer
der drei
Opiat-Rezeptorenarten an den Synapsen andocken und die
Schmerzweiterleitung
blockieren. Positronenemissionstomographen
(PET) konnten die Endorphinfreisetzung in Thalamus, vorderem
cingulären Cortex,
Inselrinde und Nucleus accumbens registrieren. »Significant
placebo-induced
activation of m-opioid
receptor-mediated neurotransmission was observed in both higher-order
and
sub-cortical brain regions, which included the pregenual and subgenual
rostral
anterior cingulate, the dorsolateral prefrontal cortex, the insular
cortex, and
the nucleus accumbens.«[139]
Nach Placebogabe bei Zahnschmerzen, die tatsächlich aufhörten durch kortikale Endorphine, wurden Naloxon gegeben, was das Andocken der Endorphine an Barorezeptoren inhibiert, und die Schmerzen kamen wieder.[140] Auch euphorisierendes Dopamin als Glücksbotenstoff kann durch hoffnungsvolle ärztliche Prognosen erzeugt werden.[141]
Düstere Prognosen oder die Nebenwirkungskataloge der Beipackzettel können Schmerzen oder Depression und andere prophezeite Symptome hervorrufen als Nocebo-Effekt. Des Patienten Kummer, Angst und Streß steigert den Kortisol- und Katecholaminspiegel, der für gefahrabwehrende Anspannung zuständig langfristig Spannungsschmerzen und Immunschwächungen bewirkt. Tröstliche Heilungsaussichten durch ärztliche Interventionen senken ihn: entspannen und stärken die Immunabwehr. Entspannung wirkt salutogen. In der Depressionstherapie führen Plazebogaben neben Serotonin-Reuptake Inhibitoren (SSRI) wie Fluoxetin fast gleichstark zu regionaler Steigerung des Hirnstoffwechsels in der präfrontalen Region, im anterioren Cingulum, in der prämotorischen parietalen Rinde, in der posterioren Inselregion und im posterioren Cingulum und zur Abnahme des Hirnstoffwechsels im subgenualen Cingulum, Parahippocampus, und Thalamus.[142] Injektionen von Botulinumtoxin in Nacken- und Kopfmuskeln linderten chronischen Spannungskopfschmerz genau so stark wie Injektionen von physiologischer Kochsalzlösung.[143] 180 Kniearthrosepatienten in Houston/Texas wurden operiert, 90 konventionell, 90 bekamen in Halbnarkose Schnitte am Knie und das Geräusch von der Gelenksspülung zu hören; der Eingriff wurde simuliert und auch das Pflegepersonal wußte nichts vom fingierten Eingriff, halbwegs doppelblind also. 90 % beider Gruppen waren 2 Jahre später zufrieden, die Nicht-Operierten hatten sogar deutlich weniger Schmerzen.[144] Invasive Verfahren haben einen deutlich höheren Placeboeffekt als medikamentöse Therapien. Schon der Anblick einer Spritze wirkt im PET-Bild Wunder auf die Endorphinproduktion. Scheinoperationen am Schädel bringen Parkinsonpatienten auch ohne die angeblich implantierten Fötenzellen signifikante Besserung, wenn sie glaubten, zu der Gruppe der Fötenzellen-Verjüngten zu gehören.[145] Ähnlich ist die Wirkung von Akupunktur gegenüber Scheinmedikamenten ein Superplacebo mit unspezifischen Faktoren.[146] Selbst wo bewußt neben die Akupunkturpunkte auf den Meridianen gestochen oder sogar gar nicht gestochen wurde, weil Tricknadeln die Haut nur berührten (Sham-Akupunktur), gingen sogar Sehnenscheidenentzündungen, Knie- und Rückenschmerzen zurück. Das hohe Ansehen der Akupunktur verschafft der Heilung des Glaubenden Flügel. Die gerac-Studien (german acupuncture trials) ergeben: Akupunktur ist eine relativ sichere Behandlung ohne unerwünschten Wirkungen. 89,8 % der Patienten erfahren Linderung ihrer Beschwerden.[147] 27,4 % der schulmedizinisch behandelten Rückenpatienten verspürten Linderung gegenüber 47,6 % der Verum-Akupunktierten und 44,2 % der Scheinakupunktierten. Auch bei Gonarthrose wirkt Akupunktur deutlich besser als Standardtherapie. Die Akupunktur laut Traditioneller Chinesischer Medizin war nicht wirksamer als die Sham-Akupunktur. Hauptsache, man wird gestochen. Die Zuwendung, das Ritual, in dem der Patient eine überwältigende Aufmerksamkeit erfährt, ist ungleich wichtiger als der korrekte Stich oder ein Analgeticum.
Über die Cortexarreale, die den jeweiligen Organen zugeordnet sind, können auch Organfunktionen direkt beeinflußt werden durch Placebo, die im Hirn Botenstoffe oder Endorphine freisetzen, etwa Magen-Darmfunktionen. Sogar das Immunsystem läßt sich klassisch konditionieren: Schedlowskis Ratten bekamen den Immunsysteminhibitor Ciclosporin A mit Zuckerlösung. Später gab es nur noch Zuckerlösung. Ihr Körper reagierte, als sei dies Ciclosporin A, mit veränderten Zellfunktionen: Die Botenstoffe Interleukin und Interferon wurden vermindert hergestellt und ausgeschüttet; bestimmte weiße Blutkörperchen (T-Helferzellen) reiften nur noch verlangsamt heran. Allein der Geschmacksreiz inhibiert jetzt das Immunsystem, verschaltet über Inselcortex und die Amygdala des limbischen Systems. Dies wurde an 18 Probanden mit gleichem Ergebnis wiederholt. So lassen sich mit medikamentöser Anfangsgabe gekoppelte Reize später medikamentfrei applizieren und führen neurophysiologisch zu gleichen Erfolgen.[148]
Metastudien haben keine höhere Wirkung von Placebos gegenüber Nichtbehandlung ergeben.[149] Dann müssen Spontanremissionen als Selbsthilfe des Organismus ähnlich hohe Evidenzen haben, denn Nichtbehandlung kann ja nur ärztlich begründet werden mit Nichtnotwendigkeit einer Behandlung. Die Placebowirkung eines solchen Satzes ist Anregung körpereigener Heilung durch die Zuversicht, alle Symptome seien benigne selbstheilende Prozesse.
Wenn also schon hoffende Erwartung das Erhoffte somatisch induziert, kann die Medizin der Schamanen, der Magier und der frühen Ärzte aufgrund der hirnphysiologischen Stimuli, die durch Heilungshoffnung ausgelöst werden, wesentlich wirkungsvoller gewesen sein als es zunächst scheint und etwa von der Polemik des Hippolyt suggeriert wird. Damit waren auch die Drogen zur Himmelsreise nicht allein chemisch wirksam, sondern das gesamte Ritual hat eine Endorphine, Serotonin und Dopamin freisetzende Wirkung gehabt.
Ein weiterer somatischer Aspekt des Schamanismus ist die Schmerzunempfindlichkeit des Schamanen, wenn er über glühende Kohlen geht (Spr 6,28), sich Messer in seinen Körper bohrt oder sich ein durch die Dämonen des Kranken verseuchtes Körperteil mit glühenden Kohlen reinigen läßt (Jes 6,6, Ez 10,2). Diese Anästhesierung könnte durch die Endorphin-Ausschüttungen des Schamanen im Trancezustand zu erklären sein. Möglicherweise gibt es noch andere Hemmungen der Schmerz-Rezeptoren, die hier greifen.
1.2.7 Göbekli Tepe - Ein riesiger
Jäger-Tempel vor der Seßhaftwerdung
Wie alt die Tempelkultur im kleinasischen Raum ist, haben jüngste Ausgrabungen zeigen können: Göbekli Tepe ist ein frühneolithisches Bergheiligtum im südosttürkischen Taurusvorland. Der 15m mächtige und etwa 300m im Durchmesser messende Hügel liegt etwa 15km nordöstlich der Stadt Sanliurfa auf dem höchsten Punkt eines langgestreckten Bergzugs. Von hier reicht der Blick im Norden und Osten bis zum Taurusgebirge und zum Karaca Dag, im Süden öffnet sich die Harranebene bis nach Syrien. Westlich wird der Horizont durch Höhenzüge begrenzt, die sich zwischen Sanliurfa und das Euphrattal schieben.[150]
Der Göbekli Tepe wurde 1963 entdeckt. Die Hügelflanken sind mit zahllosen Steingeräten, aber auch mit großformatigen, regelmäßig geformten Werksteinen übersät. Die seit 1995 jährlichen Grabungen erbrachten monumentale, megalithische Kreisanlagen, an deren religiöser Funktion kaum Zweifel anzumelden sind. Tonnenschwere monolithische Pfeiler werden mit Mauerzügen, die Innen und Außen temenosartig abgrenzen, kreisförmig verbunden. Im Zentrum steht ein alles überragendes Pfeilerpaar. Auf den Pfeilern angebracht sind großformatigen Reliefs von Löwen und Stieren, Keilern, Füchsen und Schlangen. Sie sind vermutlich die Wächter des Heiligtums. Wenn sie zugleich eine frühe Form von Göttern sind - und in vielen Kulturen des Orients sind bestimmte Tiere heilig und Inkarnation eines Gottes -, dann ist der Jagdzauber, das Abbilden des Tieres, der erste Versuch der Signifikation, die in der Sprachwerden und Schriftwerdung aus dem Bild zum Buchstaben und dann zum Begriff, zum Namen wird. Und in dieser ersten monumentalen Signifikation findet zugleich das statt, was in der Benennung geschieht: Im Abbild versucht man Macht über das Original zu bekommen, über den bedrohlichen Löwen, den Wildstier und die giftige Schlange. Die Fesselung des Bedrohlichen in großen Stein macht dieses anschaubar, handhabbar, habhaft. Es ist die innerliche Beschäftigung mit dem drohenden Tier und sie bildet die Voraussetzung, es auch in der realen Konfrontation zu besiegen, indem der Instinkt des Fliehens gehemmt wird durch die Gedanken und Strategien seiner Tötung.
Diese frühesten Architekturformen erscheinen in monumentaler Ausgestaltung. Erst in den jüngeren Bauschichten des Göbekli Tepe wird eine Transformierung der Kreisanlagen zu miniaturhafteren Formen, auch zur rechteckigen Grundrißgestaltung, sichtbar. Die ältesten Schichten des Göbekli Tepe reichen bis in das 10. Jt. v.Chr., also zum Ende der letzten Eiszeit, zurück. Paläozoologische und paläobotanische Untersuchungen zeigen, daß die Menschen von Göbekli Tepe jagten. Das einzige domestizierte Tier war der Hund. In der offenen, locker mit Eichen, Pistazien- und Mandelbäumen bewachsenen Parklandschaft lebten zahlreiche Wildesel und Gazellen. Sie boten eine reiche Nahrungsgrundlage für umherziehende Gruppen von Jägern und Sammlern, aber nicht genug, um eine so große Zahl von Menschen, wie sie für die Steinbruch- und Bauarbeiten am Göbekli Tepe notwendig waren, auf Dauer an einem Ort zu ernähren. Das brachte sie auf die Idee, eßbare Pflanzen anzubauen und so verläßlicher satt zu werden beim Tempelbau. Aus einem Umkreis von mindestens 200 Kilometer kamen die Menschen zu bestimmten Zeiten an diesen Ort, um ihre religiösen Riten zu vollziehen. Gemeinsam wurden die monumentalen Bauwerke errichtet. Zuerst kam der Tempel, dann die Stadt. Die jüngsten Bauschichten des Göbekli Tepe datieren nach Ausweis archäologischer wie naturwissenschaftlicher Datierungen (C14) in die Zeit um 8000 v.Chr., die Hauptbauphase endet bereits um 9000 v.Chr. Das Alter der frühesten Besiedlung kann noch nicht bestimmt werden, doch läßt die mächtige Schichtenfolge eine mehrtausendjährige Geschichte des Platzes vermuten, die bis in die Altsteinzeit zurückreicht. Schleichend vollzog sich um diesen Kern der Übergang zur Seßhaftigkeit. Waren es zunächst nur einige Priester oder Schamanen, die sich auf Dauer im Heiligtum niederließen, so gesellten sich im Laufe der Zeit spezialisierte Handwerker, zum Beispiel zur Herstellung der feinen Steinmetzarbeiten, zu ihnen. Rituelles Verhalten wäre dann die primäre Ursache des Übergangs von der Jäger- und Sammler-Kultur zur bäuerlichen Lebensweise. Nicht ökologische und ökonomische Zwänge sondern die Versammlung der Jäger und die sie begleitenden Arbeitseinsätze wären somit der wesentliche Faktor für die Entwicklung des Ackerbaus gewesen. Zu Beginn des 8. Jt. v. Chr. endet die Nutzung des Göbekli Tepe; die Gesellschaft ist seßhaft geworden, der Beruf des Jägers hat an Bedeutung verloren. Mit dem Wegfall seiner religiösen Riten und Zwänge verschwinden die Tempelanlagen aus dem Gedächtnis.
1.2.8 Die Expansion der Indoeuropäer. Aratti,
Paraši, Danu, Haxa, Amardi

Von
600.000 - 100.000 rechnet man die
Alt-Steinzeit, von 100.000 bis 50.000 die Mittelalt-Steinzeit, von
50.000 bis
10.000 die Jung-Altsteinzeit. Bis 4.000 reicht die Mittelsteinzeit und
bis
1.700 das Neolithicum, die Jungsteinzeit. Ab 1.700 bis 800 ist die
Bronzezeit.
Zum Vergleich die hochkulturellen Blüte-Perioden
Ägyptens: 2800 - 2200 Altes
Reich, 2000 - 1780 Mittleres Reich und 1570 - 1200 Neues Reich. Die
proto-indoeuropäischen Stämme kamen aus der heutigen
Ukraine und dem
Donez-Becken. Ihre Tumuli- oder Kurgankultur datiert
vom 5. - 3. Jt. v.Chr.
Diese „Arier“ zogen über den Kaukasus in
die persischen Gebiete und bis nach Sumer.
Namenslisten in Mitanni enthalten 1700 v. Chr. Namen arischer
Söldner, die
sowohl indisch als auch iranisch klingen. Hier gab es wohl noch keine
Abspaltung
der Volksgruppen, die um 1200 nach Indien zogen.
Wie
in China finden wir auch in den 100 m breiten
Hügel-Grabanlagen ihrer Fürsten oft mehr als 50
Pferde, Krieger und Bedienstete
als Begleiter im Leben nach dem Tode geopfert und
können aus den Katakomben-Totendörfern
auf einen Glauben an ein Fortleben nach dem Tode schließen,
welches so wenig
ein rein seelisches war, daß Speisen und ganze
Küchen, Betten, Kissen, Polster,
Beleuchtung, Öfen, zu Bergen aufgeschichtete riesige
Weideflächen-Grasnaben und
kostbarste Ausstattung der Grabgewölbe mit
Luxusgegenständen auf eine körperliche
Art des postmortalen Fortlebens schließen lassen, wie es
ebenso die ägyptischen
Pyramidengräber dokumentieren, wobei hier wie dort die Toten
mumifiziert wurden.[151]
Zwischen 4000 und 3500 v.Chr. wandern sie nach Westen, dringen ca. 3000 v.Chr. in den Balkan, nach Mitteleuropa, Anatolien und den Nordiran vor, in einer weiteren Eroberungsbewegung im 3. Jt. nach Nordeuropa, in die Ägäis und den nahen Osten. Bekannt unter dem Namen Hethiter, Luwier und Mitanni machen sie zwischen 2300 und 1900 v.Chr. in Griechenland, Kleinasien und Mesopotamien Eroberungs- und Plünderungszüge, zerstören Städte, unterwerfen die dortigen Bewohner und assimilieren ihre Kultur mit der eigenen. Ihre patriarchalische, sehr hierarchisch strukturierte Kultur umfaßt Ackerbau, Rinder-, Schweine-, Schaf- und Pferdezucht. Eine Kriegerkaste besorgt die Eroberungen.[152] Graue Keramik, Reiterei und Pferdefuhrwerke gehören zu den arischen Eigenheiten. Man hat sich vermutlich gar keine massenhaften Völkerwanderungen vorzustellen, sondern eher eine relativ kleine Zahl feudaler Krieger, die auf ihren Invasionsbewegungen die autochthone Herrenschicht angriff, bekämpfte, liquidierte und sich an ihrer Stelle in die bereits etablierten feudalen Strukturen einsetzte.[153]
Ein Himmelsgott deiwos[154] ist Vaterschöpfer, der Donner[155] als Wettergott übernimmt allmählich seinen Rang. Daneben das vom Blitz erweckte Feuer: der vedische Agni[156] ist dort der Größte. Der Sonnengott, vedisch Surya[157] ermöglichte Homologien mit den orientalischen Kulturen. Wind wurde iranisch und indisch als Vayu divinisiert.[158] Eroberter Raum wurde rituell-schauspielmäßig kosmisiert, die Welt periodisch erneuert im rituellen Kampf zweier Darstellergruppen.[159] Den im Fest anwesenden Göttern wurden im Freien Brandopfer gebracht, Tempel gab es nicht. Neben einer ursprünglicheren hethitisch-slawisch-baltisch-armenisch-germanischen Dialektgruppe steht eine iranisch-griechisch-keltische. Um 1200 v.Chr. dringen infolge globalen Temperaturanstiegs und Ausdorrung indoeuropäische Arier auf der Suche nach fruchtbaren Böden vom Ostiran übers Hindukusch nach Kaschmir ins Industal ein, unterwerfen die Einheimischen zur vierten, versklavten Kaste neben Priestern, Kriegern und Ernährern. Die Religion und Kultur vom Iran und Indien hat daher tiefe Gemeinsamkeit.
Die Petroglyphen, Felsbilder sind das »Gästebuch der Seidenstraße«.[160] Sie wurden neben kaukasischen Petroglyphen jüngst entdeckt an den nördlichsten Nebenflüssen des Indus, der Paßhöhe vom Indus-Tal über den Hindukusch zum Pamir ins Pjandsch- und weiter ins Oxus-Tal und über das Karakorum ins Tarimbecken nach Khotan, dem Hauptumschlagsplatz der Seidenstraßen.[161] Felsbilder mit den bevorzugten Jagdobjekten befinden sich »fast überall in den Bergregionen, vom Kaukasus über die Bergketten des Elburs, des Hindukuš und Pamir bis hin zum Karakorum und Himalaya.«[162] »Der zeitliche Bogen dieser Bilder spannt sich von jüngerer bis in prähistorische Zeit und Bronzezeit. Sie lassen den Rückschluß zu, daß es schon seit sehr alter Zeit eine Vielfalt von genutzten Möglichkeiten zur Überwindung der Gebirgsbarrieren wie Pamir und Karakorum gab, ein kultureller Austausch, der auch in den Felsbildern der Region seinen Niederschlag gefunden hat.«[163]
Aber auch in der sumerischen und babylonischen Kultur lassen sich Spuren der Arier finden in Lehnwörtern und Eigennamen, was darauf schließen läßt, daß Arier schon zu Sumerer-Zeiten (Gilgameš ca. 2700 v.Chr.) Kontakt hatten mit diesen Kulturen. Große Gebiete des iranischen Hochlands waren zu Beginn des 3.Jt.v.Chr. Sitz der Arier, dafür sprechen sprachliche Evidenzen. Archäologische Funde führen bis in das 4. Jt.v.Chr. » Sind also gemeinsame Wörter und arisch zu deutende Namen öfter belegt - es handelt sich um einen Bestand von ca. 1000 arischen bzw. indogermanischen Wörtern in den Sprachen des Nahen Ostens sowie Hunderten von arisch zu deutenden Namen im selben Raum -, dann kann von einem Zufall gar keine Rede mehr sein.(...) Ist nämlich die Nachbarschaft zweier Völker geschichtlich möglich, was im Fall der Arier im Nahen Osten nunmehr glaubhaft ist, dann ist auch die Wahrscheinlichkeit der Präsenz eines gegenseitigen Lehnwortschatzes sehr groß.«[164]
In Aratta in der Gegend von Sistan und Kerman im Südosten Irans, lebte ein arisches Volk, das bereits im 4. Jahrtausend v.Chr. über eine entwickelte Kultur und Zivilisation verfügte.[165] Die Aratti hatten wirtschaftliche und politische Beziehungen mit Sumer: Arattisches Gold, Silber, Karneol und Lapislazuli (arsenhaltiges Kupfer) gegen Getreide. Sumer zog auch gegen Aratta zu Felde; später verschwindet der Name Aratta und im selben Gebiet wohnen dann die Paraši. Das südostiranische Kerman ist die Heimat der Ur-Perser vor ihrer West-Wanderung Richtung persischer Golf nach Anšan (Parsa = Fars) in Nachbarschaft der Elamiter, wo sich das Reich der Achämeniden konsolidiert, wo elamitische Keilschrift gemeißelt wurde. Das alte Aratta im heutigen Südostiran taucht als Paraši in sumerischen Texten auf. Später wurde Paraši in Keilschrift zu Marhaši.
Diese urpersischen Paraši spalten sich in verschiedene Stämme und verbreiteten sich in diverse Richtungen. Ein Teil nannte sich Parsa und blieb in seiner Urheimat; der andere Teil wanderte unter der Selbstbezeichnung Parathu nach Nord-Chorasan und Chorasmien und bildet den Stamm der Parther. Ein anderer Teil mischte sich mit den Danu- und Haxa-Stämmen und wanderte wegen der Globalerwärmung mit Dürrebildung im Iran westwärts nach Kleinasien, Griechenland und den Gebieten um das Schwarze Meer sowie nach Palästina und Ägypten. Die Haxa lebten nördlich von Paraši und war mit den ostiranischen Saka (aia. sákhay- `Freund, Genosse' = ved. sákha = iran. haxa-) ethnisch verbunden. Ein weiterer Teil der Paraši nannte sich (nach Transposition von `p' und `t') Tapuri, vertrieb die Amardi aus der südöstlichen Küste des Kaspischen Meeres in Richtung Westen und bezeichnete diese Gegend Tapuristan, später Tabaristan. Die Paratschi, eine Volksgruppe westlich von Kabul, sowie die Balutschi dürften ebenfalls von den Paraši, abgezweigt sein. Die Parrhasier Strabos können mit ihnen identisch sein, von welchen sich schon früh die Amardi abgespaltet hatten.[166]
Die Mardi und Amardi waren seit den frühesten Perioden zwei der wichtigsten arischen Stämme, die von Nordosten bis Nordwesten im Iranischen Hochland verbreitet waren. Die Amardi fallen zu Beginn der Stadtkultur in Mesopotamien ein, fanden dort in den ältesten Urkunden als Martu und Amurru Erwähnung. Ihre Rolle bei der Gestaltung der sumerischen Zivilisation ist aus den Texten ersichtlich. Sie und andere arische Stämme des iranischen Hochlands waren dafür bekannt, das Geheimnis der Unsterblichkeit zu kennen, was wohl auf eine entwickelte medizinischen Heilkunst verweist. Sie drangen immer wieder in Mesopotamien ein. So nannten sie die Gebiete im Westen des Iranischen Hochlands und im Norden Mesopotamiens nach der eigenen Tradition Erin, Āri bzw. Ūri, was wohl »Arier-Land« bedeutete. Die sumerischen Könige Enmerkar, Lugalbanda und Gilgameš (um 2800 v.Chr.), zogen mehrmals gegen die eindringenden arischen Kriegsvölker ins Iranische Hochland. Der Einfluß der Martu in Mesopotamien wurde allmählich bedeutsamer. Sie besetzten oft relativ hohe Stellungen in der Krieger- und Priesterkaste, waren Offizier, Priester oder hohe Verwaltungsbeamten. Viele verfügten über ein ansehnliches Kapital. Die Heirat eines Martu-Führers mit einer sumerischen Prinzessin sowie die Tatsache, daß die Mutter Shu-Sins von Ur (2038-2030 v.Chr.) eine amurritische Königin war[167], zeigt die Anerkennung, die die Martu genossen. Sie waren aber auch Diener, Soldaten und Bauern. Daß die Martu in Mesopotamien als Āri galten, arische Städtenamen wie Aria, Amarda, Marda =Marad, Lagaš und der beachtliche Bestand arischer Wörter im Sumerischen und Akkadischen zeugen von dieser Präsenz der Arier.[168]
Nach langjährigen kriegerischen Auseinandersetzungen gelang es den Martu zusammen mit den Guti, gegen 2230 v.Chr. die alte Akkad-Dynastie zu Fall zu bringen. Auch nach der Gründung der Ur-III-Dynastie im Süden Mesopotamiens 2113 v.Chr. setzten die Martu ihre Angriffe fort. Die Ur-III-Könige legten Verteidigungsmauern im Norden und Nordosten des Landes an. Aber schließlich gelang es den Martu, auch diese Mauern zu überwinden, und die Ur-III-Dynastie zerfiel 2006 v.Chr. Aus ihr gingen die Isin- und die Larsa-Dynastie hervor. Die Larsa-Dynastie (2025-1763 v.Chr.) wurde von Martu-Königen mit arische Namen geführt. Auch die altbabylonische Dynastie, deren berühmtester König Hammurapi (=Ammurapi 1792-1750 v.Chr.) war, wurde von den Martu/Amurru gegründet.[169] Bald nach Hammurapis Tod griffen die Kassiten von Nordosten das Land an und blieben dort über fünf Jahrhunderte. Bei ihnen ist die arische Tradition unverkennbar: Götternamen[170], einige Personennamen[171] und Pferdetermini sind arisch.
Im 3. Jt.v.Chr. wanderte eine Westgruppe der Amardi, die sich erst Mantu/Martu und später Amu aus Djati nannte, in Syrien und Palästina ein und ließ sich dort nieder. Bereits vor der Gründung des Alten Reichs (ca. 3000 v.Chr.) wurde dieses Volk in den Wandmalereien und Reliefs Ägyptens dargestellt und in den frühesten Urkunden erwähnt. Ein Teil von ihnen drang von Norden über Palästina und den Sinai und ein anderer Teil von Süden über die Wasserstraße des Roten Meeres in Ägypten ein. Schließlich brachten die Amu die 6. Dynastie Ägyptens zu Fall, und die erste Zwischenzeit setzte ein (ca. 2180-2130 v.Chr.). Auch später spielten die Amu eine entscheidende Rolle in der Geschichte Ägyptens. Sie übernahmen als Hyksos zusammen mit den iranischen Haxa und kurz nach dem Einfall der Kassiten in Mesopotamien die politische Kontrolle über Ägypten, wodurch die zweite Zwischenzeit einsetzte (ca. 1660-1560 v.Chr.). Die Hyksos brachten Pferd, Streitwagen und Streitwagenkämpfer mit ihren arischen Bezeichnungen (ssm.t < asva-, wrr.t < vart-, mareyana < marya-) nach Ägypten. Nach der Vertreibung aus Ägypten bewohnten sie mit anderen arischen Stämmen (Amoriter =Amardi, Perisiter [Philister] =Perser) um 1500 v.Chr. fast ganz Palästina und Syrien und ein Teil von ihnen gründete in Syrien um 1400 v.Chr. das Reich Amurru. Die Einwanderung semitischer Nomaden von Süden in Palästina um 1000 v.Chr. führte zu kulturellen Begegnungen zwischen ihnen und den ansässigen Ariern.[172] Durch all dies ergeben sich arische Einflüsse der Amu auf Ägyptisch, Aramäisch, Hebräisch und Arabisch.
Die Meder im Westiran finden in mesopotamischen Texten des 3. Jt.v.Chr. oft Erwähnung. Sie paktieren in unterschiedlichen Perioden mit den Amardi (Martu) und den Guti zusammen gegen Mesopotamien. Die Guti saßen im Nordwesten, die Tugri im Norden bis Nordosten Irans. Beide Völker waren ethnisch und sprachlich verwandt. Die Guti stürzten um 2230 v.Chr. die Dynastie von Akkad. Von Persern aus dem Süden verdrängt, tauchten Guti und Tugri später im Osten auf. Die Guti waren mit den Kutschi identisch, welche die Dynastie von Kušan gründeten. Die Tugri waren mit den Turaniern identisch, die laut der traditionellen Überlieferungen Irans sich von den Iraniern trennten und gen Osten zogen.

Die Urheimat der Danu, die den ost-arischen Skythen angehörten, lag vermutlich in Zentralasien. Sie waren wohl mit den Tugri verwandt. Die Danu gerieten auf ihrer West-Wanderung 2000 v.Chr. mit den Ariern in Ost- und Zentraliran in kriegerische Auseinandersetzungen. Bereits während der Ur-III-Dynastie kommen arische Namen in den kappadozischen Tontafeln von Kültepe vor. Zu Beginn des 2. Jt.v.Chr. wanderten Teile der Paraši, der Danu- aus Zentralasien und der Haxa-Stämme aus Ostiran nach Kleinasien, Griechenland und in die Gebiete um das Schwarze Meer. Die Aufnahme des Gottes Perseus ins griechische Pantheon erinnert an diese Urzeiten und die Verwandtschaft der Perser mit den Griechen (Medea =Meder). Noch Xerxes wußte von dieser Verwandtschaft. Teile der Danu ließen sich in Kleinasien und um das Schwarze Meer nieder und nannten dieses Meer sowie Flüsse, Städte (Donau, Don, Tanais) und Berge nach arischer Tradition.
Die Zeit der assyrischen Handelskolonien war ca. 2000 - 1700 v.Chr. in Kleinasien, Hauptfundstelle ist Kültepe/Kanesch bei Kayseri.[173] In diesen Niederlassungen assyrischer Kaufleute finden sich die ersten schriftlichen Dokumente aus Anatolien[174] überhaupt: Hier lebten Vertreter von großen Handelshäusern, die in der Hauptstadt Assur niedergelassen waren. Es gab ein gut organisiertes Transportwesen durch Eselskaravanen, Import von Textilien und Zinn, bezahlt wohl mit Edelmetallen unter Aufsicht des assyrischen Staates. Hier findet man Einblicke in die ethnischen, politischen, kulturellen Verhältnisse Kleinasiens.
Die ostiranischen Haxa zählten zu den ältesten Ariern, die nach Kleinasien einwanderten und dort das Land Achiyawa gründeten und nach sich benannten, welches die Heimat der AkawAša bzw. der Achäer war. Ein Teil dieser Achäer wandte sich nach Griechenland und bildete das Urvolk der Griechen. Ein anderer Teil der arischen Völker zog von Kleinasien nach Palästina und Ägypten. Von Ägypten aus gingen die Haxa- und Danu-Völker nach Argos und den anderen Gebieten Griechenlands und schlossen sich den dort bereits ansässigen verwandten Stämmen an. Gegen Ende des 13. Jh.v.Chr., etwa zeitgleich mit der Einwanderung der Seeleute in Palästina, nahmen die luwisch sprechenden arischen Bewohner West-Kleinasiens am trojanischen Krieg teil. Die iranischen Kimmerer stießen von Osten kommend bereits zu dieser Zeit zu den Ariern.
Das 13. Jahrhundert war der Beginn neuer Umwälzungen im gesamten Nahen Osten. Zu Beginn dieses Jahrhunderts zog ein Teil der Perser, der als Prst (Peresets, Peresiten) in den Texten Erwähnung findet, zusammen mit dem Haxa (AkawAša = die guten Haxäer) und den Danu in Richtung Ägypten. Die Prst waren Teil der luwischen Seevölker, die gegen die Pharaonen Krieg führten. Die Peresiten ließen sich als Philister in Palästina nieder. Die Bezeichnung einiger ihrer Handels- und Kulturgüter wie Eisen und Pferd lehnt an die Volksbezeichnung der Perser an. Gleichzeitig unterhielt Ägypten enge Beziehungen mit Iran. Ramses II. (1290-1223 v.Chr.) nahm eine Prinzessin aus Baktrien in seinen Harem.
Gegen Ende des 2. Jt.v.Chr. gerieten die arischen Bewohner Palästinas, vor allem die Amu (Amoriter) und die Peresiter sowie die Hethiter, in dauerhafte kriegerische Auseinandersetzungen mit den einwandernden Südwestsemiten. Die Einwanderer übernahmen viele Kulturgüter der arischen Urbewohner, wie etwa die Jahu- , Amu- und Salm-Kulte, und sie nannten sich nach einem dort herrschenden arischen Stamm, den Habiru, nun Hebräer.[175] Die Semiten herrschten nach der vollzogenen Landnahme, deren Ausmaß durch außerbibliche Literatur bzw. durch archäologische Zeugnisse nicht festgelegt werden kann, über Teile Palästinas und ließen sich in der Arier-Stadt Jerusalem, welche sie ursprünglich Ariel nannten, zusammen mit deren Bewohnern nieder. Die Arier behielten in Palästina eine starke Stellung: zur Zeit Davids 1000 v.Chr. war Stadtfürst von Jerusalem ein Arier namens Aruna (Arwana).
Geographische Namen wie Aratta, Erin, Aria, Subartu, Paraši (Marhaši), Mada, Martu, Amurru, Mardaman, Dapara, die seit dem 3. Jt.v.Chr. in sumerischen, akkadischen und ägyptischen Texten auftauchen, und Völkernamen wie Martu, Amurru, Ari, Harri, Akia weisen auf eine arische Etymologie. Diese ältesten Völker des Vorderen Orients waren Arier. Ihre Könige trugen arische Namen. Ältere arische Elemente wie etwa mart-, amar-, amu-, ari-, kauui-, haxa-, sar-, tanu-, ap- kommen im 3. bis 2. Jt. v.Chr. in vielen nahöstlichen Namen vor. Auch viele Pflanzennamen, soziale Gruppen und Götterappellative haben arische Sprachwurzeln.
Die Hethiter[176] lebten vom 18.-12. Jh.v.Chr. mit ihrer Hauptstadt Hattuscha (Bogazköy, BoÏazkale) in Zentralanatolien. Die Proto-Hattier (Hatti-Leute) waren vorhethitische Bewohner mindestens Zentralanatoliens. Ihre Kultursprachen waren Sumerisch und Akkadisch. Von ihnen stammt der Name Hatti, während sich die „Hethiter“ selbst Nesili nennen. Das Hethitische ist die Sprache der herrschenden Schicht. Geschrieben ist es in einer aus Nordsyrien entlehnten Keilschriftart, die nach der Zerstörung des Hethiterreiches verschwunden ist.[177] Luwisch ist dagegen eine sehr lebendige Sprache, gesprochen vor allem im Süden Anatoliens. Aus dem 2.Jahrtausend sind fast nur religiöse Texte in Keilschrift bekannt. Die Sprache lebte nach der Zerstörung des Reiches weiter bis in die römische Kaiserzeit.
Die Dynastie von Kussara mit den Herrschern Pithana, Anitta und Pirwa leitet die Zeit der Hethiter ein. Hier gibt es ein erstes Auftreten einer hethitschen Herrscherfamilie, die aus dem nicht lokalisierten Ort Kussara stammt. Wichtiges Zentrum ist Nesa (=Kanes). Von da aus wurden größere Teile Mittelanatoliens erobert, unter anderem die spätere Hauptstadt Hattuscha, die dabei allerdings zerstört wurde. Nachrichten brechen danach wieder für längere Zeit ab. Es folgt dann das Alte Reich mit den Königen Hattusili I., Mursili I., Hantili Zidanta I., Ammuna, Huzzija I. und Telipinu. Hier ist die Eroberung von Babylon 1595 oder 1531 v.Chr. die größte Kriegstat.[178] Diese Dynastie leitet sich ebenfalls von Kussara ab, aber die Beziehungen zur frühen Periode völlig offen. König Labarna scheint Hattuscha zur Hauptstadt gemacht zu haben und dabei seinen Namen zu Hattusili geändert. Die Ausdehnung des Reiches reicht von Zentralanatolien bis zu den Küsten des Schwarzen und des Mitttelmeeres. Ein Durchbruch nach Nordsyrien wird gefolgt vom Zug des Mursili I. nach Babylon. Die Eroberung der Stadt bedeutet das Ende der Hammurapidynastie gekommen. Von Anfang an gibt es eine starke Stellung des Adels. Mursili wird nach der Rückkehr aus Babylon ermordet. In der Folge gibt es heftige Thronwirren, mehrere Herrscher werden ermordet. Von Süden bedrohen die Churriter mit ihrer Bildung des Mitannireiches in Nordsyrien das Alte Reich von Norden die Kaskäer.
Ein Mittleres Reich mit den Königen Tahurwaili, Alluwamna Hantili II., Zidanta II., Huzzija II., Muwatalli I., Tudhalija I., Arnuwanda I., Tudhalija II. und Tudhalija III. folgt. Es ist eine dunkle Periode. Die Chronologie im einzelnen ist sehr unsicher, die Liste der Könige nicht völlig gesichert. Bedrängnis gab es von allen Richtungen her. Kaskäer im Norden, Mitanni im Süden, im südwestlichen Anatolien Bildung des Arzawa-Reiches, das als konkurrierende Großmacht auftrat (diplomatischen Beziehungen zu Ägypten). Vasallen fielen ab und bedrohten das Reich. Dieses war zeitweise auf das engste Kerngebiet in Mittelanatolien beschränkt. In dieser Zeit kommt es welthistorisch erstmalig zur Herausbildung eines weltweiten internationalen Systems. In dieser ersten Phase konkurrieren Ägypten und Mitanni um Nordsyrien. Im Osten ist Babylon als Großmacht. Ägypten ist aus wirtschaftlichen Gründen stärkste Macht.
Das Neue Reich (Großreichszeit) mit den Königen Suppiluliuma I., Arnuwanda II., Mursili II., Muwatalli II., Mursili III. (=Urhi Tesub Hattusili III.), Tudhalija IV., Anrnuwanda III., Suppiluliuma II. und Amenophis IV. (Echnaton) 1364-1347 ist geprägt von intensiven Beziehungen zu Ägypten. Suppiluliuma gelingt die Konsolidierung durch Eroberung großer Teile von Anatolien und den Durchbruch nach Nordsyrien. Dies führt zur Schwächung und Zerstörung des Mitannireiches. Das Hethiterreich tritt in den Kreis der Großmächte ein. Durch Schwächung des Mitannireiches wachsen die bisher den Mitanni unterworfenen Assyrer zur Großmacht heran. Damit beginnt die zweite Phase des internationalen Systems. Immer wieder gibt es Versuche einer Gleichgewichtspolitik. Festgeregelte diplomatische Beziehungen zwischen den Großmächten. Mursili II. sieht sich allgemeiner Abfallbewegung gegenüber. Kraftvoll gewinnt er die frühere Macht wieder. Die Unterwerfung des Arzawa-Reiches ist in Annalen dokumentiert. Nach kurzer Herrschaft stirbt Arnuwanda II. Sein Sohn Muwatalli sieht die hethitische Position in Syrien durch energische Politik der Pharaonen der 19. Dynastie, Ramses II. (1290-1224) bedroht. Er verlegt die Hauptstadt nach Kilikien. Bei Qades kommt es im 5. Jahr des Ramses II. zur in ägyptischen Berichten erstmalig genau beschriebenen Schlacht mit Sieg der Hethiter. Nordsyrien bleibt in der Hand der Hethiter, der Süden ägyptisch. Auf Muwatalli folgt Sohn einer Nebenfrau Urbi-Tesub mit dem Thronnamen Mursili (III.), bald vom Onkel Hattusili III. gestürzt. Unter ihm wird die Hauptstadt nach Hattuscha zurückverlegt und groß ausgebaut, wovon heute noch Ruinen sichtbar sind. Ein friedlicher Ausgleich mit Ägypten führt im 21. Jahr Ramses II. zum Abschluß eines Staatsvertrags[179]: Nichtangriffspakt, gegenseitiges Hilfeversprechen, Sicherung der Nachfolge, Auslieferung von Flüchtlingen, die aber milde zu behandeln sind. Diese dauerhafte Friedensregelung begründet eine Periode echter Zusammenarbeit. Bekräftigt wird die Staatenfreundschaft durch Heirat einer Hattusili-Tochter mit Ramses II. nach jahrelangen Verhandlungen. Hattusilis Sohn Tudhalija IV. betreibt den Ausbau der Hauptstadt und die Reorganisation der Verwaltung und der Kulte. Es kommt zu außenpolitischen Differenz mit den Assyrern. Sein Sohn Arnuwanda III. stirbt offenbar bald, gefolgt von Bruder Suppiluliuma II. Unter ihm tritt die Katastrophe des Reiches ein. Eine große Völkerbewegung vom Balkan her nach Osten, der sog. Seevölkersturm, schwächt das Reich. Der hethitische König kämpft an der Südküste gegen Seevölker. Währenddessen kam es vielleicht zum Einfall der Kaskäer im Zentrum. Dazu kamen innere Unruhen, vielleicht bedingt durch Loyalitätskonflikt, der seit der Usurpation Hattusilis m. andauert. Sie waren entscheidend für Zerstörung des Reiches im Zentrum. Das Hethiterreich verschwindet spurlos aus der Geschichte.
Die König ist oberster Lenker des Staates. Er fühlt sich eng mit den Göttern verbunden; sein Titel ist »Liebling des Gottes XYZ«. Nach dem Tod ist er vergöttlicht. »Gott werden« = »sterben«, vom König gesagt. Neben ihm hat die Königin ein selbständiger Stellung. Sie bleibt auch nach dem Tod des Gatten Königin auf Lebenszeit, erst dann folgt die Frau des Nachfolgers. Die Korrespondenz mit Ägypten wird doppelt geführt. Die Hethiter sind patriarchalisch organisiert. Neben dem König ist der Adel an der Regierung beteiligt. Im Alten Reich hatte er eine sehr selbständige Stellung durch den Adelsrat (pankus). Es gab eine starke Feudalisierung: Der König entschädigte adelige Funktionäre mit Zuweisung eines Landgutes. Dies verstärkte sich bedeutend im neuen Reich. Streitwagenkorps wurden so finanziert, aber auch zivile Funktionäre mit Lehen entschädigt. Hoheitsträger wurden immer mehr zu echten Beamten gemacht. Ausführliche schriftliche Dienstanweisungen müssen beschworen werden. Adelige verleihen Güter weiter an Bauern und Handwerker. So sind auch die breiten Schichten in das Lehensystem einbezogen. Bauern arbeiten aber auf Gütern der adeligen Lehenträger. Handwerker haben Herrn, für den sie arbeiten. In direkter Abhängigkeit befinden sich die nach erfolgreichem Krieg deportierten Bevölkerungsgruppen, die Tempeln oder Adeligen zugewiesen. Daneben gibt es auch eigentliche Sklaven. Neben der Landwirtschaft ist Metallbearbeitung ein Wirtschaftsfaktor: Bronze und Eisen sind selten und teuer.
Um den Kern des Reiches ist ein System von innenpolitisch autonomen Vasallenstaaten angesiedelt, die durch Loyalitäts-Verträge wie Heeresfolge mit der Zentrale verbunden. Das Charisma des Königs gibt den Ausschlag über das Gelingen. Große Wertschätzung erfahren alle Rechtsbeziehungen. Es gibt eine Hethitische Gesetzessammlung in drei verschiedenen Fassungen. Die älteste stammt aus dem alten Reich. Sie verweist auf noch älteres Recht. Im Strafrecht ist die Tendenz zur Humanisierung auffallend. Nicht Talion steht im Vordergrund, sondern Wiedergutmachung. Im Zivilrecht finden sich orientalische Einflüsse.
Für Hethiter ist die Religion sehr wichtig. Zahlreiche Gebete, Rituale und Festbeschreibungen sind uns erhalten. Es muß eine große Zahl von Gottheiten gegeben haben: »Tausend Götter des Landes Hatti«. Manche davon sind lokale Formen umfassenderer Gestalten (Muttergottheit, Wettergottheit, Schutzgottheit). Alle Kulte, die einmal übernommen wurden, werden auch gesondert weitergeführt. Ansätze zu Synkretismus gibt es kaum. Die wichtigsten Götter der Großreichszeit sind hattisch: Reichsgöttin ist die Sonnengöttin von Arinna. In der Großreichszeit gibt es starke churritische Einflüsse. Dagegen sind altindogermanische religiöse Vorstellungen nur schwach zu fassen.[180]
Die Götter sind ähnlich wie in früher griechischer Überlieferung ins Große übertragene Menschen, der menschlichen Schwäche durch Unsterblichkeit und besondere Macht entrückt. Menschen sind die Sklaven der Götter. Begeht der Mensch Sünde, wird er bestraft, und Sünde wirkt auch bei den Nachkommen fort. Natürlich ist es für die Menschen wichtig, den Willen der Götter zu kennen. Deshalb spielt das Orakelwesens eine große Rolle. Starke Einflüsse kommen hierbei aus dem babylonischen Raum. Die Menschen müssen versuchen, durch Opfer und Feste ihre Herren gnädig zu stimmen. Der Wille der übergeordneten Macht ist zu beeinflussen durch Magie. Deshalb finden sich zahlreiche Rituale mit magischen Praktiken. Auch hier gibt es unverkennbare Einflüsse aus dem Osten. Man hat eine große Furcht vor feindlicher Magie. Dagegen stehen strenge Strafen. Die Götter werden in Tempeln verehrt. Es sind große Gebäude mit Magazinen, mit Wirtschaftseinheiten wie beim Palast. In der Mitte steht das Allerheiligste mit dem Götterbild. Heiligtümer gibt es aber auch in der Natur: In der Nähe der Hauptstadt steht das Felsheiligtum von Yazalakaya, das mindestens teilweise dem Totenkult dient. Berühmt wurde es durch die Darstellung des Götterzuges an den Wänden. Die Götter sind durch Beischriften in Hieroglyphen mit hurritischen Namen bezeichnet. In Südwestanatolien befindet sich das Quellheiligtum von Eflatun Panar. Die Gebete Mursilis II. und die Autobiographie Hattusilis zeigen neben dem Wissen um die Sündhaftigkeit des Menschen den Ausdruck des tiefen Vertrauens in Schutz durch Gottheit.
1.2.10 Die Churriter und die Kumarbi-Mythen
Über die Churriter wissen wir ebenfalls aus den Dokumenten von Bogazköy.[181] Das Churritische ist eine nichtindogermanische, noch nicht vollständig entzifferte Sprache, verwandt mit dem im l. Jt. in Ostanatolien bezeugten Urartäischen. Die Churriter infiltrieren seit dem Ende des 3.Jt.v.Chr. Nordsyrien, kommen offenbar aus dem Hochland von Armenien im Zagros-Gebirge, wie aus sumerischen Texten hervorgeht, in denen sie erstmals gegen Ende des 3.Jt.v.Chr. erwähnt werden. Um 1700 v.Chr. ziehen sie westwärts, angeschoben von der arischen Einwanderungswelle, die das Land um Wan-See und Zagros okkupieren. Die Churriter erobern Assyrien. Nuzu (Jorgan Tepe), eine Handelsstadt im Bergland östlich von Assur, gelangt unter den Churritern zur Blüte. Im 15. Jh.v.Chr. sind die Churriter die Träger des Mitannireiches in Nordsyrien und im Osten Kleinasiens, was sich bis zum Tigris nach Nord-Mesopotamien erstreckte. Es entstand Ende des 16. Jh.v.Chr. und die Könige haben arische Thronnamen und waren den Arier-Dynasten Syriens und Palästinas eng verbunden. Sie haben großen Einfluß auf hethitische religiöse Vorstellungen. Die Hethitische Dynastie der Großreichszeit ist möglicherweise ihrer Herkunft nach churritisch. Zur Zeit der 18. Pharaonendynastie unter Echnaton haben sie eine Allianz mit Ägypten, was jedoch tatenlos zusieht, als die Hethiter das Reich Mitanni stürzen und zu ihrem Vasallenstaat machen. In Kuzzwadna (= Kilikien) ist die churritische Kultur so stark, daß die Hethiter sie übernehmen mußten. Erhalten sind einige Götter- und Personennamen, sowie Termini der Pferdezucht und -dressur. Unter den Churritern Mitannis kämpften arische Ritter, die Maryanni (ind. marya = junger Held), so daß 1380 v.Chr. in einem Friedensvertrag mit den Hethitern Mitra-Varuna, Indra und die Nasatyas in der Liste der Götter beider Reiche auftauchen.[182] Dies ist ein wichtiges Zeugnis der frühvedischen Religion, die vor der Indien-Zeit auch in Mesopotamien, Nordsyrien, Armenien und Ost-Anatolien beheimatet war. So erklärt sich die Ähnlichkeit der Tempelgrundrisse in Mesopotamien und Indien.[183] Bei den Churritern ist Grundbesitz unverkäuflich und erblich. Sie hatten Pferdestreitwagen. Der Wettergott Teššup ist in seinen Tempeln in Arrapkha (Kirkuk) und Haleb (Aleppo) abgebildet in einem Streitwagen, der von den zwei Stieren Seris und Huris (Tag und Nacht) gezogen wird: auch hier eine Zeitstruktur. Daneben sind die Sonnengöttin Chepat und der Göttervater Kumarbi hier Favoriten.
Im der hethitischen Metropole Hattuscha (Bogazköy) in Zentralanatolien finden sich auf Keilschrift-Tontafeln um 1600 v.Chr. entstandene churritischen Mythen vom Zeit-Gott Kumarbi: »Einst in früheren Jahren war Alalu im Himmel König. Alalu sitzt auf dem Thron und der starke Anu, der erste unter den Göttern, steht vor ihm. Er neigt sich zu seinen Füßen nieder und reicht ihm die Becher zum Trinken in seine Hand. Neun gezählte Jahre war Alalu im Himmel König. Im 9. Jahr lieferte Anu gegen Alalu einen Kampf; er besiegte den Alalu und dieser entfloh vor ihm. Und er trieb ihn hinab auf die dunkle Erde. Hinab ging Alalu auf die dunkle Erde, auf den Thron aber setzt sich Anu. Anu sitzt auf seinem Thron und der starke Kumarbi gibt ihm zu essen. Er neigt sich zu seinen Füßen nieder und recht ihm die Becher zum Trinken in seine Hand. - Neun gezählte Jahre war Anu im Himmel König. Im 9. Jahr lieferte Anu gegen Kumarbi einen Kampf. Kumarbi lieferte an Stelle des Alalu gegen Anu einen Kampf. Den Augen des Kumarbi hielt Anu nicht mehr stand: dem Kumarbi aus seiner Hand entwand er sich und er floh. Anu flog als Vogel zum Himmel. Hinter ihm her stürzte sich Kumarbi und packte Anu an den Füßen und zog ihn vom Himmel herab. Er biß des Anu „Lenden“; da ergoß sich des Anu Mannheit in sein Inneres. Als er sich vereinte, als Kumarbi des Anu Mannheit herunterschluckte, da freute er sich und lachte. Zu ihm zurück wandte sich Anu, zu Kumarbi hub er an zu sprechen: „Du freust dich über dein Inneres, weil du meine Mannheit geschluckt hast. Freue dich nicht über dein Inneres! In dein Inneres habe ich eine Leibesfrucht gelegt...“«[184]
Anu, der babylonische Himmelsgott, kämpft mit Kumarbi, der ihm seine Genitalien abbeißt und sie verschluckt. Aber Anus Samen enthält drei schreckliche Götter: Kumarbi wird schwanger mit Wettergott, dem Tigrisfluß und Tašmišu, speit die beiden letzteren aus, verschluckt einen Stein (?) und gebiert schließlich den Wettergott Teššup, den Hauptgott der Churriter und Hethiter, der Kumarbi stürzt.[185]
Im Lied des Ullikummi wird Kumarbi's Rebellion gegen Sturmgott Teššup (Zeus) geschildert: Die Herrschaft Teššups wurmt Kumarbi und er verübt einen Anschlag auf den Wettergott mit Hilfe eines Giganten, den er durch Begatten eines Steins aus diesem zeugt. Der Stein gebiert ihm den Sohn, den er Ulli Kummi tauft und ihm den Auftrag absegnet, Teššup zu schlagen und selbst König zu werden. Er wächst rasant auf der rechten Schulter eines titanenhaften Gottes Upelluri, der Himmel und Erde tragen muß: im griechischen ist dies Atlas.[186] Ullikummi, das Riesenkind der Erdmutter, wächst aus dem Meer heraus und ist bald so groß, daß das Meer nur knapp noch seinen Schniepel bedeckt. Der Sonnengott erzählt dies dem Wettergott, der vom Berg Hazzi das Riesenbaby begutachtet und seine gesamte göttliche Ritterrunde gegen Ulli Kummi antreten läßt - ohne Erfolg. Der Steinriese wagt sich den besonderen Himmelstoren zu nähern durch sein wucherndes Wachstum, genau wie im Typhon-Mythos. Da schneidet der weise Gott Ea ihm die Füße mit einer Harpe (Sichel) ab und bricht so dessen Macht.[187] Er zertrennt im Zersägen des urmenschhaften Ullikummi Himmel und Erde: »Mein Wort vernehmet, ihr früheren Götter, wie ihr die früheren Worte kennt! Öffnet sie wieder, die uralten, väterzeitlichen, großväterzeitlichen Siegelhäuser! Und man soll der früheren Väter Siegel bringen und sie damit wieder siegeln! Und das uralte (kupferne) Messer soll man herauslegen, mit dem man Himmel und Erde auseinandergeschnitten hat.«[188] Die Zerstückelung des Ullikummi ist die Wiederholung des Schöpfungsaktes der Trennung von Himmel und Erde.
Dieser Zeitgott Kumarbi taucht nach 500 Jahren in Hesiods Theogonie mit einem identischen Mythos als Kronos wieder auf, vermittelt über die Phönizier:[189] Uranos und Gaia zeugen die Titanen. Uranos verhindert, daß seine Kinder von Gaia geboren werden, durch fortwährenden Geschlechtsverkehr, eine eher problematische Verhütungsmethode. Er kämpft mit seinem jüngsten Sohn Kronos, der ihm seine Genitalien mit einer Harpe[190] abschneidet und sie fortwirft, weil dieser seine Kinder im Erdschoß aus Haß eingesperrt hält. Von den frisch entsorgten Genitalien werden verschiedene Gottheiten geboren. Blut tropft auf der Erde: Erinnyen, Giganten und Nymphen entstehen daraus. Sperma tropft ins Meer: Aphrodite entsteht. Kronos zeugt nun mit Rhea die olympischen Götter, als letzten Zeus. Uranos prophezeit Kronos Vernichtung durch die Kinder. Präventiv verschluckt darauf Kronos seine eigenen Kinder gleich nach ihrer Geburt, doch getäuscht verschluckt er statt Zeus einen Stein, den Rhea ihm untergeschoben hatte. Zeus zwingt Kronos, alle wieder auszuspucken. Im Kampf gegen Kronos und seine Titanenbrüder siegt Zeus mit seinen olympischen Geschwistern.[191]
Der Grammatiker und Historiker Herennios Philon von Byblos (64-114 n.Chr.) reklamiert, gestützt auf den prätrojanischen Sanchunjaton von Beirut, die Urheberschaft diese Mythos für Phönizien, welches ungefähr südlich von Mitanni im Durchzugsgebiet zwischen Hethitern und Babyloniern prädestiniert war für eine kulturelle Vermittlerrolle. Im nordsyrischen Ugarit am nordwestlichen Mittelmeerzipfel zeugen ausgegrabene Tempel, Paläste und Bibliotheken von der langlebigen Kultur. Erste Aufzeichnungen gibt es von Verträgen mit Pharao Sesostris I.. Eine Stele und Statuette von Sesostris II. und Amemonhet III. erweisen die Ägypten-Beziehungen während der 13. Dynastie als dauerhaft. Nach dem Mittleren Reich waren im zweiten Interregium im 18. und 17. Jh.v.Chr. die Hyksos Herren in Ägypten und so auch in Ugarit. Die Blütezeit war um 1450-1200 v.Chr. zur Zeit der 18. und 19. Dynastie des Neuen Reichs in Ägypten. Auf einer Akropolis stand neben dem Tempel eine Bibliothek des Hohepriesters. Kellergewölbe unter Steinhäusern offenbaren wie die Töpferarbeiten mykenischen und zyprischen Einfluß. Obwohl Ugarit als Ras Schamra starke ägyptische Einflüsse hat, ist die Kunst syrisch geblieben. Die Tontafeln, in Brennöfen gebrannt, zeigen eine multikulturelle Vielfalt von 4 Sprachen: Ugarit, Akkadisch, Sumerisch oder Churritisch und 7 Schriften: Ägyptische und Hethitische Hieroglyphen, Cypro-Minoisch, Sumerisch, Akkadisch, Churritisch und Ugarit. In Ugarit verfaßt sind einige kanaanäische Mythen, darunter die Legende von Keret, das Aghat-Epos von Danel, der Mythos von Baal-Aliyan und der Tod des Baal. Im ugaritischen Pantheon finden sich als babylonische Götter-Äquivalente die Hauptgötter El, Ašera vom Meer und Baal.[192]
Sanchuniaton (= der Gott Sanchun hat gegeben) galt lange als Erfindung Philons, der so seinem Werk FOINIKIKAI HISTORIA durch hohes Alter gesicherte Autorität verschaffen wollte.[193] Durch die seit 1929 in Ras Schamra, dem alten Ugarit, aufgefundenen altphönikischen Tontafeltexte aus der Zeit von 1400-1200 v.Chr. wurden jedoch viele Angaben Philons über die Götter der alten Phöniker bestätigt.[194] Aufschlußreich ist eine churritische Tafel mit einem El-Kumarbi: Hier ist der phönizische El mit dem churritischen Kumarbi amalgamiert. Da Philon El und Kronos identifiziert, ist die Gleichsetzung von Kumarbi und Kronos auf ihrem Weg über die Phönizier zu Hesiod eine möglicherweise phönizische Pointe.[195]
Dies gilt auch für den phönikischen Mythos von der Sukzession der Götter, der auf dieselbe churritisch-hethitische Göttersage zurückgeht, die auch der »Theogonie« Hesiods zugrunde liegt. Hesiod hat diesen Mythos durch phönikische Vermittlung empfangen, woraus sich die Ähnlichkeit zwischen Philon und Hesiod erklärt.[196]
Rhodos, von Phöniziern früh besiedelt und »entscheidende() griechisch-phoinikische() Kontaktzone in den Jahrhunderten zwischen 1200 und Homer«, zeigt mit seiner Tradition der 7 Helios-Söhne[197] früheste Einflüsse des babylonischen Planetenkults. Der Kollos von Rhodos, eines der 7 Weltwunder, war Helios, der Sohn des Hyperion und der Theia, Gatte der Perseis und Vater der Kirke. Mit Rhode, der Tochter des Poseidon und der Amphitrite, hat er sieben Söhne, die Heliaden: Ochimos, Kerkaphos, Makara, Aktis, Phaeton/Tenages, Triopes und Kandalos.[198] Er fährt nach Art des Miθra auf einem von vier schneeweißen Pferden (Eoos, Aithiops, Bronte und Sterope) gezogenen Wagen über das Himmelsgewölbe und in einem goldenen Nachen über den Okeanos. Er sieht und hört alles genau wie der altarische Kriegsgott Miθra mit seinen 1000 Augen und Ohren. »Der kleinasiatische Apollon und die babylonische 7-Zahl haben sich, wie M.P. Nilsson überzeugend dargetan hat, zusammen nach dem Westen ausgebreitet. Doch bleibt es auch hier unsicher, wann Apollon zu den Griechen gekommen ist. Übrigens ist gerade auch auf Rhodos der orientalisierende Einfluß in der griechischen Kunst früher als sonstwo spürbar.«[199] Wenn der griechische Raupenhelm auf eine hethitische Urform zurückgeht wie zahllose andere Kulturgüter der Archäologie, ist dies nur ein weitere Beweis für eine hethitische Prägung der griechischen Mythologie.[200] Diogenes Laertius betont den Einfluß der Phönizier auf die Philosophie des Thales von Milet bei der Astrologie aus Babylon und dem Unsterblichkeitsmodell der Seele.[201]
Der altphönizische Mythos gemäß den Berichten des Sanchunjaton erinnert an die weltschaffenden Masturbation des Sonnengottes Re-Atum-Chepri im unterägyptischen Heliopolis nahe Memphis, aus dessen Saft Schu (Luft) und Tefnut hervorgehen, die sich paaren und Geb (Erdgott) und Nut (Himmelsgöttin) erzeugen, die Selbstbefruchtung der Luft als kosmogones Urprinzip. »Er hat mich nicht geboren mit seinem Mund, er hat mich nicht empfangen mit seiner Faust.«[202] Die Sequenz mit dem verschluckten Stein erinnert daran, daß in Phönizien Säulen angebetet wurden, die mit ägyptischen Obelisken verwandt waren. Auch der Hinkelstein des Obelix verdient hier seine Würdigung als Welt-Ei-mäßiger Urriese aus Himmelerde.
Es kann als gesichert gelten, daß Sanchunjaton wirklich im 2. Jt.v.Chr. gelebt und ein phönikisches Geschichtswerk verfaßt hat, das Philons FOINIKIKA\ zugrunde liegt.[203]
1.2.11 Phönizien und
kanaanäischer Baalskult
Von der Sumerern über die Mardukmythen Babylons bis zum zoroastrischen persischen Staatskirchentum haben die Israeliten im Machtvakuum und Schnittpunkt der Großreiche Ägypten, Mitanni, Assur und Babylonien oft unter großem Leid aus dem Orient Überformungen politischer, soziokultureller und religiöser Art erleben müssen. Nach der davidisch-salomonischen Rezeption ägyptischer Weisheit im späten Feudalismus des Neuen Reiches Ägyptens in der 24. Dynastie gab es durch die assyrische Eroberung des Nordreichs Israel 733/722 v.Chr. eine Überfremdung: Die Oberschicht der jetzt assyrischen Provinz Samaria wurde laut 2 Kön 17,4-7; 18,11f nach Mesopotamien und Medien deportiert, die neuangesiedelte samarische Hierarchie stammt 2 Kön 17,24 aus Babylon, Hamath usw. Im Jerusalemer Tempel steht Assurs Standbild, Jahwe ist Nebengott geworden, Ahas von Juda zahlt Tiglatpileser Tribut.[204] Die Omriden (881-845) pflegten kulturelle Weltoffenheit. Ahabs tyrischer Frau Isebel wurde um 870 ein Baalstempel gebaut und so die phönizische Kultur mit dem Jahwismus in friedlicher Koexistenz in Israels Nordreich gefördert.[205] Syrien und Israel waren Verbündete der Aramäer von Damaskus gegen die Assyrer unter Assurnasirpal II. (884-859) und Salamnassar III. (859-824). Bei Karkar im Orontestal kommt es 854 zur Feldschlacht. Salamnassar III. rühmt sich zwar des Sieges gegen Ahab[206], aber erst Jehu zahlt Assyrien Tribut.[207] Auf die phönizisch-baalistische Überfremdung reagiert 2 Kön 9f die jahwistische Palastrevolte Jehus (845-817) mit Ausrottung der Omriden.
Eine intensive phönizische Einflußnahme des Baalskultes ab 870 mit Ahabs Heirat der tyrischen Isebel wird 2 Kön 17,9-16 mit Höhenheiligtümern, Ascheren, Kindesverbrennungsopfern und dem Himmelsheer geschildert und durchzieht Israels Geschichte bis zu Simon Magus. 2 Kön 17,29-33: »Jedes Volk aber schuf sich seine eigenen Götter und stellte sie in den Höhentempeln auf, die von den Bewohnern Samariens erbaut worden waren. Jedes Volk tat dies in der Stadt, in der es wohnte. Die Leute aus Babel machten Bilder Sukkot Benots (= Hütten der Töchter). Die Ansiedler aus Kuta stellten Bilder Nergals her. Jene aus Hamat schufen Bilder Aschimas. Die Awiter fertigten Bilder des Nibhas und des Tartak an. Die, die aus Sefarwajim gekommen waren, verbrannten ihre Kinder zur Ehre Adrammelechs und Anammelechs, der Götter von Sefarwajim. Gleichzeitig verehrten sie aber auch den Herrn. Auch setzten sie aus ihren eigenen Reihen Priester für die Kulthöhen ein, die für sie in den Höhentempeln Dienst taten.« So sehr Marduk statt tOn:b tOKUs zu erwarten gewesen wäre[208] als babylonische Gottheit: deutlich hat die assyrische Umsiedlungspolitik in Israel ab 733 zu intensiven babylonischen Einflüssen geführt, die die Henochrezeption auf der Folie Enmedurankis und astrologische Einflüsse auf jüdische Theologie bereits in vorexilischer Zeit denkbar machen.
1.2.12 Studienreisen der Vorsokratiker und Brahmanen
Daneben gibt es die Beeinflussung der Griechen durch die ebenfalls durch persische Priester- und Magiermission geprägte babylonisch-chaldäische Frömmigkeit und Astrologie. Die Assimilation iranischer, babylonisch-chaldäischer und ägyptischer Religion im hellenistischen Zeitalter durch die Vorsokratiker, Platon und die Stoa findet ihren Niederschlag in der Popularphilosophie des hellenistischen Judentums, dessen hervorragender Repräsentant Philo von Alexandrien wurde. Als dritter Faktor kommt die durch Handel und Wirtschaft ermöglichte, auch für China seit Tschang K`ien großen West-Expeditionen 138-26 v.Chr. und den ersten Seidenkarawanen ab 114 v.Chr. bezeugte, brahmanische Missionstätigkeit via militärisch gegen räuberische Steppennomaden, die Hiung-nu, gesicherter Seidenstraßen hinzu. Die pythagoreisch-orphisch-platonische Lehre von der Metempsychosis hat im orientalischen Fundus keine andere Parallele als die indische Karma-Lehre.
Zwar gibt es israelische Scheol, griechischen Hades, avestische Paradies- und Höllenvorstellungen und komplexe Totenrituale, ebenso wie die ägyptischen Totenbegleitungen durch ihren postmortalen Parcours bis hin zur singulären Reinkarnation des Pharao als Verkörperung des Sonnengottes, die für die Orphik wesentlich sind.[209] Schon Thales war in Ägypten und Herodot war im ägyptischen Memphis, Theben und Sais, behauptet sogar, bis Elephantine gereist zu sein, und erwähnt des alten Solons Besuch bei Pharao Amasis (570-526) in Sais, der als Griechenfreund bekannt war. »Zum erstem Mal finden wir bei Herodot den Synkrektismus der Gottheiten, der auch die ganze hellinistische Zeit prägt. Ptah ist Hephaistos, Horus Apollo, Isis Demeter (aber später auch Hekate und Aphrodite), Neith Athena... [Es] ging von ihm in jedem Fall ein immenser Einfluß auf alle späteren Ägyptenreisenden aus.«[210] Platon war 393 in Ägypten, berichtet im Timaios 21e[211] und Kritias 113a ausführlich über Solons Ägyptenbesuch, den Neith-Tempel von Sais und seine Konfrontation mit der 9000jährigen Tradition der Priester, von denen der älteste den Griechen kulturelle Naivität und kindliche Traditionsfrische attestiert. Platon erzählt neben der Atlantis-Legende auch den Mythos von Theuth, Thot, als Erfinder der Schrift und Zahl. Theuth »habe zuerst Zahl und Rechnung erfunden, dann die Meßkunst und die Sternkunde, ferner das Brett- und Würfelspiel, und so auch die Buchstaben.«[212] Platon kennt Mumifizierung[213], Tierkult und Totengericht, den hundsköpfigen Anubis[214] und das große Ansehen der Priester.[215] Über die phönizische Schiffahrt verbreitet sich die ägyptische Kultur im Mittelmeerraum.[216] Laut Busiris des Isokrates war Pythagoras in Ägypten, nach Iamblichos sogar 22 Jahre bis 525 Kambyses das Land besetzte und ihn dann Kontakte zu mitgezogenen Magiern bewogen, nach Persien zu reisen.[217]
Aber von Wiedergeburt der Seele in einen neuen Körper, ob Tier, Pflanze oder Mensch, wie Pythagoras, Empedokles und Platon ausführen, ist nur in den indischen Lehren der missionierenden Brahmanen die Rede. An Platons Akademie in Athen hat es entsprechende Kontakte gegeben, wenn vom Gespräch des Sokrates mit einem indischen Nacktweisen berichtet wird.[218] Die signifikant hohe Population von Indern in Alexandria zeigt, daß im interreligiösen Reigen des Hellenismus brahmanische Philosophie höchstes Ansehen genoß.
Alle diese Einflüsse führen gleichermaßen auf ihre indoeuropäische Vorstufe zurück und bilden in der Zeit der entstehenden Gnosis ein nahezu homogenes gedankliches Milieu. Da viele Traditionen, etwa die Geheimlehren von persischen Magiern, vom Avesta, Mysterienkulten und brahmanischen Lehren nur mündlich weitergegeben wurden und oft nur mit Arkandisziplin, ist eine literarische Abhängigkeit durchweg kaum nachweisbar.[219] Ardā Vīrāf 1,5 läßt Alexander der Große Zand- und Avestahandschriften auf Leder mit Goldtinte einsammeln und verbrennen. Sollte das stimmen, wird im Diadochenreich ebenfalls vieles der Avesta-Texte unterdrückt fortgelebt haben, so daß literarische Abhängigkeit nicht nur aufgrund des Problems der unterschiedlichen Sprachen entfällt. Man wird sich auf motivgeschichtliche Phänomene einstellen müssen.
1.3 Welthandel im Hellenismus als Missionschance
Die Gnosis hat als sozialen Nährboden das Erstarken des Welthandels, die Karawanen bis nach Indien, einen wachsenden Kulturaustausch und die Entwurzelung der Händler oder politischen Gesandten von ihrer Stadt, ihrer Stammesgemeinschaft: erstmals sind hier Individuen ganz auf sich allein gestellt und müssen finstere Abenteuer in der Fremde bestehen. »Für die Gebildeten bedeutete die Entwicklung..., daß sie sich in gewissem Maße als Kosmopoliten fühlten; ihre Beschäftigung machte bisweilen Reisen oder Versetzungen notwendig, aber wohin sie kamen, konnten sie in der Regel kleinere Gruppen von Menschen mit gleicher Bildungsgrundlage finden... Dies bedeutete eine Loslösung von der traditionellen Gebundenheit an Stadtgemeinde und Geschlecht, eine Loslösung, die die ökonomische Entwicklung in Richtung auf größere persönliche Unabhängigkeit nur förderte. Zugleich nötigte die politische Entmündigung des einzelnen, die in der Tat eintrat, die Bürger, ihre Interessen zu begrenzen; nicht das Weh und Wohl der Gemeinschaft, sondern das des Individuums wurde zur Hauptsache, und in der materiellen Welt mußte der einzelne sich unwillkürlich als Fremder fühlen; sein eigenes inneres Ich, seine Seele, ihr Ursprung und Geschick nahmen ihn nun in Anspruch.«[220] Das Bewußtsein der Vereinzelung, »mitten im Kreise der andern stehend ihnen allen fremd«, erwacht nicht bei Odysseus, wohl aber bei Hesiod und Orpheus und gipfelt in Sokrates.[221] Zugleich führt der Zerfall der kleinen nationalen Verbände und ihre fortwährende Umorientierung zu Provinzen der verschiedensten Großreiche zu einer tiefen Skepsis gegenüber der Weltkonstanz. »Der Zusammenbruch aller umgreifenden Schutzmächte konnte aber auch zur totalen Verunsicherung und zu einem ebenso radikal pessimistischen Daseins- und Weltverständnis führen und die Erlösungsbedürftigkeit des Menschen in neuer Weise offenbar machen, wie sie sich in Gnosis und Apokalyptik späterhin manifestierte. Das war das geistige Klima, in dem aus dem Schoße des Judentums die christliche Botschaft vom Heil inmitten einer unheilvollen Welt geboren wurde.« [222] Qohelets Verzicht auf sinnhaftes Handeln eines gerechten Gottes, Hiobs zweifelnd-bohrender Individualismus und sein Universalismus zeigen: Gott wird menschlicher Einsicht unzugänglich, menschlicher Erfahrbarkeit als leibhaftiger Heilsmacht im Wohlergehen des Nomaden-Stammes bzw. Volkes Israel verstellt.
1.3.1 Königsstraßen im
Perserreich
Religiöser Synkretismus spiegelt den der ökonomischen Basis. Die Assyrer herrschten über den Orient von 722 - 612/586, gefolgt von den Babyloniern 586 - 538. In der Perserzeit (538 - 333) und im Hellenismus vollzog sich eine wachsende interkulturelle Vernetzung auf dem Boden fortschreitender wirtschaftlicher Vernetzung. Die Taktik berittener Bogenschützen verschaffte Kyros II. 539 v.Chr. und später Dareios I. 513 und Xerxes I. bis 465 einen durch Königsstraßen ausgebauten Einfluß von Mazedonien, Thrakien und Kleinasien bis Indien und China, Baktrien bis Babylon und Ägypten.[223] Zaraθuštra's ethischer Dualismus von Wahrheit versus Trug als Pointierung der mithrischen Vertragstreue zog in das iranische Denken ein. Seit Kyros waltete im persischen Großreich und seinen 20 Satrapien eine starke religiöse Toleranz. Dareios, Behištan (DB), Column 1,12-17: »König Dareios sagt: Dies sind die Länder, die zu mir kamen; durch Ahuramazdas Gnade war ich ihr König: Persien, Elam, Babylonien, Assyrien, Arabien, Ägypten am Meer, Sardis, Ionien, Medien, Armenien, Kappadozien, Parthien, Drangiana, Aria, Chorasmien, Baktrien, Sogdiana, Gandara, Skythien, Sattagydien, Arachosien, Maka: insgesamt 23 Provinzen.«[224] In dieser entspannten Situation konnte iranisch-zoroastrisches Erbe besonders effektiv in die jüdische Apokalyptik und später die Gnosis einfließen. Die Politik Alexanders des Großen (336-323) nach Issos und Gaugamela wollte griechische und persische Kultur amalgamieren. Sein Indienzug[225] 327-25, motiviert vom Weltherrschaftsgedanken, festigte die Infrastruktur des hellenistischen Imperiums. Die Einführung des attischen Münzfuß als Einheitswährung ermöglicht statt der orientalischen Hofschatzpolitik nun erstmals universale Weltwirtschaftsbeziehungen. Das koinh/-Griechisch als Weltsprache brachte Händler und Intellektuelle aller Kulturen ins Gespräch miteinander.
Die Diadochen-Zeit der Ptolemäer in Alexandria (Ptolemaios I. Soter: 311 - 283, Ptolemaios II. Philadelphos 283 - 246, Ptolemaios III. 246 - 221) und der Seleukiden in Seleukia bei Bagdad (Seleukos I. Nikator 304 - 264, Antiochos III. 223 - 187, Seleukos IV. 187 - 175, Antiochos IV. 175 - 164) und der griechisch-makedonischen Antigoniden mit gleichzeitigem Erstarken der Römer (171-168 Makedonischer Krieg mit Sieg der Römer) dehnte die Vernetzung aus. Von 304 - 220 bildet sich im Gleichgewicht der drei Großmächte die hellenistische Kultur aus, gefolgt von einer Phase orientalischer Vorherrschaft und ab 30 v.Chr. zunehmender Unterwerfung und Ausbeutung des Ostens durch die Römer. Unter Antiochos III. 223 - 187 kommt es noch einmal zu einem Großreich bis nach Indien, bevor die Römer durch seine Niederlage bei Magnesia 190 Kleinasien erringen. Pompeius zerschlägt 64 v.Chr. das Seleudikenreich.
Die skytischen Parther konsolidieren sich von 247 - 227 zu einem Feudalstaat unter Arsakes I. Unter Mithridates I. 171 - 138 gewinnen sie die Herrschaft über Mesopotamien und den Iran. Nach Wirren gewinnen sie unter Mithridates II. 124 - 87 noch einmal die Macht zurück, sie schlagen die Römer unter Crassus bei Karrhae 53 v.Chr., bis sie dann im Kampf um Armenien später schließlich doch unterliegen. Die Kelten brechen 279 v.Chr. in Kleinasien ein, Galatien wird ihre Region am Südrand des Schwarzen Meeres. Antiochos I. drängt sie zurück.
Der Welthandel im Ptolemäer- und Seleukidenreich reichte ab 300 v.Chr. vom phönizisch etablierten Seehandel im Mittelmeerraum bis zur Seeverbindung durchs rote Meer nach Indien, zugleich zogen in Persien die Karawanen der Seleukiden von Seleukia über Ekbatana, Baktra auf der Seidenstraße bis nach China und über Alexandreia am Indus bis nach Indien, was ja immer noch Teil des seleukidischen Großreiches war. »Dieser Karawanenhandel war so alt wie die babylonische Kultur, er hatte seine eigene Geschichte und seine wechselnden Schicksale... daß die großen Karawanenstraßen am Tigris und Euphrat mit ihren Verzweigungen nach dem Osten, nach dem Süden (Südarabien), in den Norden (die Schwarzmeerküste mit ihrem Reichtum an Metallen) und in den Westen (die phönikische und anatolische Küste) in persischer Zeit ebenso wichtig blieben, wie sie es vordem waren, wobei sich die Sicherheit des ausgedehnten Handels, dem sie dienten, noch beträchtlich erhöht hatte. Die großen Karawanenstädte... waren die Stapelplätze dieses Handels in Mesopotamien und Nordsyrien.«[226] Gandhara und Hindu waren lange persische Satrapien. Der China-Indien-Handel auf der Seidenstraße florierte: »Jedenfalls gab es zwischen den drei großen asiatischen Kulturen, der iranischen, der indischen und der chinesischen, keine scharf trennenden Grenzen.«[227]
»Ausgezeichnete 'Königsstraßen' verbanden die verschiedenen Teile des Persischen Reiches, neue Seewege (zum Beispiel von der Indusmündung zum Roten Meer und zum Nil) wurden erkundet, und eine völlig gesunde, unantastbare 'königliche' Gold- und Silberwährung erleichterte den Güteraustausch. Die schwere Besteuerung, der die Satrapien unterworfen wurden, war nicht übermäßig, wenn man sie mit den Vorteilen vergleicht, die sich daraus ergaben, daß sie nicht unabhängige Staaten, sondern integrierende Bestandteile eines Weltreiches waren.«[228] Persien mit seinen riesigen Waldungen, Metall-Gruben, Weinbau, Oliven und Luxusfrüchten sowie phönizischer, mesopotamischer und ägyptischer Handwerkskunst und Industrie war »das große Sammelbecken aller Kanäle des Karawanenhandels von Asien und Afrika«.[229]
Durch das Edelmetall- und Siegelschneidehandwerk wird die achämenidische Kleinkunst berühmt. Viele Elemente persischer Goldschmiedekunst stammen aus Elam, Medien, Urartu, Babylon, Assyrien, Ägypten, den skythischen Steppen und aus Griechenland. Um den Handel zu vereinfachen, wurde Münzgeld geprägt, welches sich von Persien aus überall verbreitete. Die achämenidische Architektur adaptiert assyrische und babylonische Vorläufer ebenso wie die aus Susa, Ekbatana und dem urartäischen Bastam. Der Palast in Pasargadae entstand unter Kyros II., die in Susa und Persepolis unter Dareios I.. Zentrum bildet die monumentale quadratische Empfangshalle, deren Dach auf hohen Steinsäulenreihen mit Kapitell-Figuren ruht. Verwaltungs- und Schatzhäuser grenzen an, dahinter Privatpaläste.[230]
Aus Indien werden Baumwolle, Wolle, Farben, Elfenbein, Perlen, und Reis importiert, aus China ab 114 v.Chr. Seidenstoffe.[231] Der Seehandel mit Indien unter den Seleukiden war mit Handelskontoren in Indien beträchtlich.[232]
1.3.2 Handelsrouten von China bis Tyrus und
Karawanenstädte
Für die Verpflegung der durchreisenden Karawanen müssen auf den Straßenrouten Karawansereien angelegt werden, da auf die örtlichen Dorfgemeinschaften nicht immer zu bauen ist; hierfür werden oft staatliche Felder bewirtschaftet. Zum Schutz der Handelsniederlassungen werden Militärkolonien angelegt, die ebenfalls von diesen Versorgung zehren.
Aus Annalen der Han-Dynastie geht hervor: Vom Yang-kuan-Tor der Großen Mauer bis Kaschgar, dem westlichen Knotenpunkt am Tarimbecken, brauchte man 7 Wochen für 1700 km Mittelstraße, 8 Wochen für 1900 km Südstraße und 9 Wochen für 2100 km Nordstraße.[233] Die nördliche Seidenstraße stand immer schon unter Gefahr von Hunnen-Raubzügen.[234] Daher war hier militärischer Schutz der Karawanen unabdingbar, nachdem einige Karawanen zugrunde gegangen waren, einerseits an der Durchquerung der Lop-Nor-Salzwüste[235], andererseits an der Unzuverlässigkeit der Einheimischen für die Verproviantierung der Karawanen und schließlich an den Raubnomaden. Die China-Kaiser ließen daher längs der Straßen Ackerbau- und Militärkolonien anlegen, die die Karawanen versorgen und schützen konnten.[236] Herodot beschreibt die 2400 km lange Königsstraße von Sardes nach Susa zum Memnonspalast mit 111 Tagesreisen Fußmarsch á 22 km und ebenso vielen Herbergen.[237]
Haleb, Damaskus, Hamath, Tadmor bildeten schon in der syrischen Satrapie des Perserreichs Handelszentren, Byblos, Ugarit (Ras Schamra) und Al-Mina[238] war phönizische Handelszentren mit jahrhundertealten Verbindungen der Karawanenstädte im Landesinnern zu Kreta (minoische Kultur als Schaltstelle der griechischen Kultur), Zypern, Ägypten und Arabien bis nach Kyrene und Karthago und Rom; allein schon die Münzfunde bestätigen diese internationalen Verbindungen.[239] »Jene Weltstädte waren durchaus hellenistisch... in ihrem Dasein getragen vom entwickelten Gewerbe und vom Handel. Karawanen von der chinesischen Grenze her erreichen durch Vorderasien die syrische Küste; Handelsflotten bringen von Indien und Ostafrika köstliche Seltenheiten.« [240]Dieser Handel war Luxusimport für die reiche Oberschicht dieser Ländern; über sie kam auch der kulturelle Austausch und die Rezeption iranischer, indischer und u.U. taoistischer Elemente. Daß von daher indische Einflüsse auf die jüdische und gnostische Kultur vorhanden sein werden, dürfte sich nahelegen. Der Hohepriester des Jerusalemer Tempels trägt indische Gewänder. Die Thomasakten spielen in Indien.[241]
Ebenfalls lag Baktrien an der nördlichen Seidenstraße der Karawanen und von daher hatten die zoroastrischen Traditionen, sowie sie noch in der Heimat Zaraθuštras vorhanden waren, gute Möglichkeit, über die missionierende Priesterschaft und Magier den jüdischen, gnostischen und christlichen Raum zu erreichen.[242] Kurganfunde aus dem 3.Jh.v.Chr. bestätigen die Existenz des Karawanenhandels mit den Skyten, ebenso Gold in Griechenland, was aus Asien stammte.[243] Die Skyten wohnen auf Wagen, haben reitende Bogenschützen und eine Herde Vieh zur Nährung dabei. Dann wurden weite Strecken der Nordroute von Karawanen mit Pferdewagen zurückgelegt.[244] »Die reichen griechischen wie chinesischen Fundbestände in den Grabhügeln zwischen Schwarzem Meer und Altai, daß heißt auf einer Strecke von weit mehr als der Hälfte der alten nördlichen Seidenstraße, verdeutlichen das frühe Handelsleben und die Bedeutung des Warenaustausches, vor allem auch mit den Griechen, schon lange vor der Zeit, die man gemeinhin für die Entstehung und früheste Benutzung der Seidenstraßen verbürgt glaubt. Auch führten die von den Hauptverbindungen abzweigenden Handelswege weiter, als man es sich vorstellte. Sie verbanden offenbar den ganzen damals besiedelten Raum Asiens, Nordafrikas sowie Europas weit über das Mittelmeergebiet hinaus.«[245] Mit China ist erst ab dem Kaiser Wu ti (140-87 v.Chr.)aus der Han-Dynastie Handel möglich, da vorher die Hiung-nu (Hunnen) mit Raubzügen jeden West-Handel Chinas verunmöglichten. Über Tarimbecken und Pamir, längs des Oxus und Jaxartes, durch Tschang K`ien initiiert, zieht 114 v.Chr. die erste Seidenkarawane Chinas gen Westen. 12 Karawanen ziehen jährlich bis nach Tyrus.[246] Die Einflüsse persischer Kunst unter den Achämeniden sieht man vom Petosiris-Grab in Ägypten[247] bis hin zur indischen und chinesischen Kunst. Lebhaften Handelsverkehr gab es zwischen Persien und Indien, vielleicht auch China und Südarabien. Bezahlt wurde vor allem mit Industrieprodukten.[248] Daher ergab sich künstlerischer Einfluß Babylons und Persiens auf Indien und China. Persische Malereien finden sich in der Kutscha-Klosterstadt Kyzil.[249] Parallele Architektur und Grundrisse von altbabylonischen und indischen Tempeln zeigen instruktiv den babylonischen Einfluß auf Indien.[250]
1.3.3 Die Skyten als Handelspartner
Herodot teilt im 4. Buch seiner Historien Mythen und Fakten über die Skyten mit, die neben Medern und Indoiranern einer der drei arischen Stämme sind.[251] Er berichtet über die kahlköpfigen Kirgisen jenseits des Tanai (Don). Budiner (Kap. 21), Thyssageten (22), pazifistische Argippaier (23f) und Issedonen[252] (26f) beschreibt er anläßlich von Dareios' Skytenfeldzug 512 v.Chr. Die Jagdtechnik der Thyssageten mit Pferd und Hund von Bäumen aus zeigt die Verwachsenheit der Steppenvölker mit ihren Pferden. Die Issedonen schlachten den verstorben Vater und verzehren ihn mit Opfertieren zusammen, verwenden Schädel als Trinkgefäße.(26) Frauen seien gleichberechtigt. Das »unüberschreitbare Gebirge« (25) dürfte das Tien-šan (Himmelsgebirge) in Kirgistan nördlich des Tarimbeckens sein, so daß die Issedonen Randsiedler der Chinesen im östlichen Tarimbecken sind. Das Skalpieren haben die Issedonen mit den Skyten gemeinsam, welche ihren Feinden die Schädelhaut abziehen und als Handtücher oder Kleidung verwenden und am Pferdezügel als Trophäe anbringen.(64) Das Blut des ersten Feindes wird getrunken(64,1f), die abgezogene Haut der rechten Hand als Pfeilköcher benutzt (64,3) und die Schädeldecke zur Trinkschale umfunktioniert.(65) Der Häuptling lädt jährlich die besten Killer des Gaues zum Weinumtrunk aus Schädelschalen zur Schmach derer, die keinen Feind haben töten können.(66) Die Kargheit der Steppe zwang die Skyten zur waidgerechten Verwertung aller Beute. Ausgrabungen aus skytischen Kurganen bis zum Altai bestätigen Herodots Angaben. Dort fand man auch goldschimmernde chinesische Seide mit Blütenzweigen und Stelzvögeln.[253]
Griechische Kaufleute sind offensichtlich im 6. und 5. Jh. v. Chr. schon bis jenseits des Aral-Sees vorgedrungen, wobei sie siebenmal den Dolmetscher haben wechseln müssen.[254]
1.3.4 Die Entdeckung der Turfan-Oase und Kutschas
5 Milliarden Francs französische Kriegsentschädigungen nach nationaler Einigung zum 2. deutschen Kaiserreich unter Wilhelm I. (1871), Bismarcks und Moltkes Sedan-Sieg (1.9.1870) und Frankfurter Frieden (10.5.1871) bringen Deutschland an die Weltspitze und die deutsche Wirtschaft in die Gründerjahre. Banken und Handel expandieren mit dem Kolonialverein 1882 und stacheln Bismarck 1884 zur Kongo-Konferenz an: Deutsche Schutzgebiete wie Südwestafrika, Kamerun, Togo, Südsee-Inseln, Ostafrika werden unter grausigen Bedingungen ausgeplündert. Wilhelm II. wünscht 1890 einen 'Platz an der Sonne' im kolonialen Wettlauf, unterstützt von deutscher Industrie und Handelskapital.[255] Auf diesem Boden rücken von der preußischen Akademie finanziert die Expeditionen nach Zentralasien aus.[256] Richthofens China-Forschungsreisen 1868-77, die 4 deutschen Turfan-Expeditionen der Berliner Preußischen Akademie ab 1902 bis zum 1. Weltkrieg von Albert Grünwedel[257], Albert von Le Coq[258] und Ernst Waldschmidt[259], die Erforschung von Tarimbecken und Lop Nor ab 1884 durch Sven Hedin[260] und des Ostiran bis nach Khotan durch den Engländer Sir Aurel Stein[261] haben eine Menge an Material über die Karawanenwege zwischen Dun Huang und dem Steinernen Turm, einem turmähnlichen Berg im Hohen Pamir, wo Nord- und Südroute sich vereinen, vermittelt.
Ergebnis der 4 Berliner Ost-Turkestan-Expeditionen war, daß die fruchtbare Turfan-Oase und Kutscha eine wesentliche Rolle in der Begegnung westlicher und östlicher Kulturen und Religionen waren. »Indische, persische und hellenistische Kunstformen und Glaubensinhalte bestimmten das vielfältige, zunächst rätselhaft erscheinende Bild in dem nach über tausendjähriger Vergessenheit um die letzte Jahrhundertwende entdeckten Städten und Höhlentempeln zwischen Dun Huang und Kaschgar.«[262] Die quadratischen Terassenstupas der buddhistischen Turfan-Tempel, etwa in Yarkhoto, stammen anders als die halbkugeligen indischen Stupas etwa in Gandhara wie die iranischen Feuerheiligtümer vermutlich von den sumerischen Zikkurat her.[263]
Chotscho (Kau-tsch'ang) ist eine quadratisch angelegte Metropole mit Palast und unzähligen Tempeln und Stupas buddhistischer, christlicher, manichäischer und ab 1469 islamischer Herkunft. Hier zeigt sich eindrücklich der synkretische Charakter der Seidenstraße. Grünwedel fand 1902 in Chotscho viele Tempelgüter, die kurze Zeit später schon von turkmenischen Bauern als Baumaterial und Dünger ausgebeutet wurden; kaum eine Buddha-Freske oder Skulptur hat die Kulturrevolution überstanden. Einzig seine feinen Skizzen sind noch Zeuge dieser Funde. Viele Funde des Berliner Museums für Indische Kunst rettete er aus Schutthaufen. Die Manuskriptenfunde zeigen nestorianische Christen, Buddhisten und Manichäer. Im Süden Turfans liegt eine Moschee, die einst nestorianische Kirche war. Aus Persien eingewanderte Manichäer waren Ärzte und Hofbeamte des uigurischen Herrschers, der selbst Buddhist war. Le Coq zeigten 1904 Bauern in einem Saal eines Hallenkomplexes ein manichäisches Wandgemälde eines Priesters (Mani selbst?), von Nonnen und Mönchen umgeben mit sogdischen Namen auf der Brust. Eine manichäische Bibliothek war 5 Jahre zuvor von Bauern ins Wasser geworfen worden, eine andere ist vom Grundwasser vernichtet. Im 9. Jh. verbot die Tang-Dynastie Chinas in ihrem Triumph über die Uiguren das Mönchstum in Chotscho und ließ hunderte von Mönchen ermorden, deren Leichen Le Coq auffand.[264]
Von Chotscho aus verbreitete sich der Buddhismus, Nestorianismus und Manichäismus auch in China. Für Inder, Perser und Syrer war die Seidenstraße neben dem Handelsweg zugleich Missionsroute, für China ist missionarisches Interesse nicht zu belegen.[265] Hier ist ein geistliches Zentrum des Buddhismus vom 1. bis 8. Jh. n.Chr. gewesen, von Fürsten und Kaufleuten finanziert; Stifterbilder aus Bāzāklik sind Zeichen ihres unglaublichen Reichtums, gepaart mit Religiosität. Handelsweg und Missionsweg vereinen sich in der Religiosität der Kaufleute.[266]
Kutscha, 109 v.Chr. in chinesischen Annalen als Vasallenstadt mit Geiselgabe an den Kaiser erwähnt, immer wieder von den Hiung-nu bedroht und aufgestiegen im 1. Jh. n.Chr., ist nördlichste Metropole der Nordroute am Fuß des Tien-šan, des Himmelsgebirges und war bis ins 8 Jh. eine reiche Produktions- und Handelsstadt. Kyzil war kilometerweit nördlicher in den Bergen klösterliches Zentrum mit vielen persischen Malereien, die die Nähe von Adel, Finanzleuten und Mönchstum zeigen.[267] Damals gab es 36 Staaten im Tarimbecken.[268] Sogder unterhielten hier eine Kaufmannskolonie. Die Bodhisattvas, buddhistische Erleuchtete aus Indien, propagieren um die Zeitwende nicht nur die individuelle Erlösung aus dem Rad der Geburten ins Nirvana, sondern die aller Lebewesen. Daher ist Ehelosigkeit als individueller Heilsweg nicht so wesentlich wie im frühen Buddhismus. Sie heiraten Kutschaner.[269] Es gibt 1000 Klöster und Stupas und 10.000 Mönche in Kutscha.[270] »Was uns auf den Wandgemälden der Höhlenklöster in Form himmlischer Orchester und Tänzergruppen begegnet, ist ein getreuer Spiegel der gesellschaftlichen Ereignisse am Rande der Seidenstraßen, vor allem in Städten wie Kutscha, wo der schnell gewonnene Reichtum auch schnell und mit vollen Händen wieder ausgegeben wurde.«[271] Laute, Flöte, Trommeln, wie sie dort zu sehen sind, sind baugleich mit altmesopothamischen Instrumenten, werden immer noch ähnlich im Tarim benutzt und haben sich von dort aus nach China, Korea und Japan verbreitet.[272]

1.3.5 Das Diasporajudentum als synkretistischer
Emulgator
Tobit 1,10ff nennt 722 v.Chr. als erstes assyrisches Exil, nach dem Deportierte von Niniveh bis Ekbatana umsiedelten und dort Kaufleute waren. Die Chaldäer unter Nebukadrezar erobern 598 Jerusalem und deportieren Oberschicht und König an die Wasserflüsse Babylons in eigenständige Wohngebiete mit Haus- und Erbrechten.[273] Durch das babylonische Exil 586-538 gab es einen Austausch der ideologischen Eliten, zu denen Ezechiel und Deuterojesaja gehörten. In der Exilszeit wurde die sumerische Kosmogonie und in der Zeit des Diasporajudentums die religiöse Individualisierung und Spiritualisierung des Heils übernommen. Das Diasporajudentum war durch seine ökonomisch erforderliche hohe kulturelle Assimilationsfähigkeit der ideale Träger religiöser Vermischung und der Aufnahme neuer religiöser Traditionen in den alten nomadischen Jahwismus. Daß Juden Söldner der Perser wurden und Kyros als Befreier feiern, zeigt den Einfluß der Perser, der sich nicht nur durch Esra und Nehemia, sondern durch das gesamte zervanistisch geprägte Weltzeitschema der Apokalyptik erweist.
In Elephantine nahe dem ägyptischen Assuan gab es im 5.Jh.v.Chr. schon eine eigenständige jüdische Gemeinde mit eigenem Tempel, in dem neben Jahu (Jahwe) eine Abwandlung von Isis und Osiris verehrt wurden - trotzdem hatte diese jüdische Söldnerkolonie im Dienste der persischen Könige gute Verbindungen nach Jerusalem.[274] »Die großen persischen Könige - Dareios und Xerxes - zeigten beachtlichen Respekt vor ägyptischer Religion und ägyptischen Überlieferungen.«[275] Mit Kambyses ziehen jüdische Söldner 525 in großer Schar in Elephantine ein und provozieren in ihrem dort gebauten Jahu-Tempel die Priester des widderköpfigen Chnum, indem sie den heiligen Widder als Passahlamm schächten und auf dem Altar abfackeln. Im Gesuch an den Satrapen von Transeuphratene Bagoas (407 v.Chr.) heißt es: »An unseren Herrn Bagohi, den Statthalter von Juda, Deine Knechte Jedonja und seine Genossen, die Priester in der Festung Jeb: Um das Wohlergehen unseres Herrn kümmere sich ganz besonders der Gott des Himmels zu jeder Zeit und er gewähre dir Gunst vor dem König Darius und den Söhnen des (Königs-) Hauses noch tausendmal mehr als schon jetzt! Und langes Leben gebe er Dir und sei Du zu jeder Zeit fröhlich und glücklich! Nun sagen Dein Knecht Jedonja und seine Genossen also: Im Monat Tammuz, im 14. Jahre des Königs Darius, als Arscham abgereist und zum König gegangen war, machten die Priester des Gottes Chnub in der Festung Jeb ein Komplott mit Widrang, der hier Gouverneur war: "Den Tempel Jahus, des Gottes in der Festung Jeb, soll man von dort verschwinden machen!" Darauf schickte jener Widrang, der Schuft, einen Brief an seinen Sohn Nephajan, der in der Festung Syene Oberst war, also: "Den Tempel in der Festung Jeb soll man zerstören!" Darauf führte Nephajan die Ägypter mit anderen Truppen heran. Als sie mit ihren Waffen zur Festung Jeb gekommen waren, drangen sie in jenen Tempel ein, zerstörten ihn bis auf den Grund und zerbrachen die steinernen Säulen, die dort waren. (...) Und (?) bereits in den Tagen der Könige Ägyptens haben unsere Väter jenen Tempel in der Festung Jeb erbaut, und als Kambyses nach Ägypten kam, fand er jenen Tempel erbaut vor. Die Tempel der Götter Ägyptens riß man ohne Ausnahme nieder, aber keiner tat jenem Tempel einen Schaden an. Und als dies geschehen war, legten wir mit unseren Frauen und Kindern Trauergewänder an, fasteten und beteten zu Jahu, dem Herrn des Himmels, der uns sehen ließ (unsere Lust) an jenem hündischen Vidranga (frataraka). Man entfernte die Fesseln von seinen Füßen und alle Reichtümer, die er (sich) erworben hatte, gingen (ihm) verloren. Alle Menschen, die Böses gegen jenen Tempel geplant hatten, wurden alle getötet und wir haben (unsere Lust) an ihnen gesehen. Schon vor diesem, damals als uns dies Böse zugefügt wurde, haben wir zu unserem Herrn und an den Hohenpriester Jehochanan und seine Genossen, die Priester in Jerusalem, und an Ostanes, den Bruder des Anani, und an die Vornehmen der Juden einen Brief geschickt. Einen (Antwort-) Brief sandte man uns nicht. Auch haben wir seit dem Monat Tammuz des 14. Jahres des Königs Darius bis heute Trauerkleider angelegt und fasten.«[276] Der Haß der Ägypter gegen die jüdischen Mit-Besatzer und „Religionsschänder“ formiert sich in Ausschreitungen gegen Seth, den Gott der Kraft und Gewalt, der mit dem biblischen Seth als Stammvater der Juden identifiziert wird und der zum plündernden Fremdherrscher mutiert.[277] Das Judenviertel Alexandrias, wo die Septuaginta entstand, die 3 Synagogen unter Ptolemäus III. (246-221) belegen, welche hohe Population das Diasporajudentum aufwies.[278]
Alexandria am Nil wurde das Welthandelszentrum: »Der große Hafen mit den für ihre Zeit riesigen Im- und Exporten sorgte dafür, daß die blühenden Alltags- und Luxusgewerbe oft in Wucher und Spekulation übergingen. Das nach außen glitzernde Leben zog immer mehr Menschen an... Das Leben muß, namentlich für die kleinen Leute, sehr mühselig gewesen sein... Sicher gab es oft Grund, auf der Straße zu demonstrieren... Mit dem Neben- und Durcheinander der Menschen mischte sich das, was sie dachten und glaubten. Die mit dem Austausch zwischen den genannten Bevölkerungsteilen gegebenen Möglichkeiten, daß jeder alles meinen und vertreten konnte und durfte, wurden noch alternativer, wenn Neger, Inder, Chinesen und Germanen hinzukamen, wie sie in Bühnenspielen auftreten und auf Terrakotten der Zeit erscheinen.«[279] »Diese Beweglichkeit, die der Fluktuation der hellenistischen Weltzivilisation entspricht, hat an die Stelle der alten statisch wirkenden Volksreligionen mit ihrer starken kollektiven Bindung an Herkommen und Tradition einen religiösen Individualismus gesetzt, der das Aufkommen von 'Bekenntnisreligionen' mit missionarischem Charakter ermöglichte.«[280]
Flavius Josephus ist mit der indischen Philosophie wohl vertraut und zollt ihr seinen Respekt, Zeichen für die interkulturelle Dialogfähigkeit der Nilmetropole, die typisch für die Rezeptionsfreude fremder Traditionen auch der Gnosis und des Judentums war: Eleazar will die Todesbereitschaft und Kampfkraft seiner Truppe stärken und betont mit platonischer Terminologie die Unsterblichkeit der Seele: »Denn der Tod gibt den Seelen die Freiheit und eröffnet ihnen den Zugang zu dem ihnen eigenen und reinen Ort, wo sie kein Leid mehr treffen soll. Solange sie aber noch in einem sterblichen Leib gefangen und von seinen Gebrechen angesteckt sind, muß man sie in Wahrheit als tot bezeichnen.«[281] Er beschließt: »So laßt uns auf die Inder schauen, die sich der Philosophie befleißigen. Diese edlen Männer ertragen das Leben nur widerwillig als einen notwendigen Dienst, den sie der Natur schulden, und beeilen sich, die Seele aus den Banden des Körpers zu lösen. Ohne daß ein Leid sie drückt oder quält, nur aus Sehnsucht nach dem unsterblichen Zustand, kündigen sie den anderen an, daß sie gesonnen sind, von der Welt zu scheiden.«[282] Hier kommen platonische und indische Philosophie bruchlos nebeneinander zu Wort.[283] Die Juden bewohnten in Alexandria ein ganzes Stadtviertel.[284] Dort entstand auch die Septuaginta. Literatur, Kunst und Naturwissenschaft entfalten sich hier. Alexanders Truppen hatten nach Eroberung Samarias dort eine makedonische Militärkolonie anlegen lassen, wodurch, trotz Tempelbau auf dem Garizim als Auflösung der Zentralfunktion Jerusalems, eine rapide Hellenisierung der Stadt einsetzte.[285]
Jüdische Gemeinden bestehen seit 586 in Babylonien. Nach Josephus hat Antiochos III. (223-187) 2000 jüdische Familien aus Babylon in Lydien und Phrygien angesiedelt.[286] Auf Delos gab es eine Synagoge, ebenso in griechischen Städten wie Sparta (1 Makk 12,5ff) und Sardes oder syrischen wie Damaskus und Antiochien. Die Beziehungen dieses beginnenden Weltjudentums zum Mutterland und die Söldnertruppen und Händler aus fremden Ländern förderten diese umfassende Vernetzung der Kulturen.[287] »Die Gestalt, die Zarathustra der parsischen Religion gegeben hat, greift entscheidend in die Erweckung des Orients ein, auch dann, wenn man nicht mit Eduard Meyer in ihr den Anfang der gesamten neuen Gedankenwelt sieht, sondern mit Oswald Spengler sie als ein Glied unter anderen einreiht. Um die Macht über die Welt kämpfen der gute Geist Ahuramazda und der böse Geist Ahriman in vorbestimmter Dauer. Der Entscheidung folgt das Weltgericht, die Auferstehung der Leiber, das ewige Reich des Lichten und Guten. Der Mensch muß wählen zwischen Ahuramazda und Ahriman und wird in das endliche Gericht hineinverflochten; daneben steht, nicht voll ausgeglichen, das Gericht über jeden einzelnen.«[288]
1.3.6 Indische Himmelsreise aus der Weltillusion zu
Brahman/Ātmān
Herodot erzählt, daß 490 v. Chr. im Feldzug gegen Griechenland indische Söldner unter Dareios (Dārayavauš) I. dienten. Aus erhaltenen Einwohnerlisten geht eine beachtliche Repräsentanz von Indern im achämenidischen Vielvölkerstaat hervor.[289] Durch den Welthandel kamen neben indischen Söldnern auch vedische Brahmanen in den Orient und ihre Gedanken und religiösen Mythen flossen mit dem zoroastrischen Dualismus bis in jüdische Apokalyptik ein. Hengel sieht im Hellenismus eine Wende zum Geheimnisvollen, zur Frage nach dem postmortalen Weg der Seele und ihrem Verhältnis zum Weltganzen, zum Kosmos. Dies spiegelt sich im wachsenden »Interesse an der geheimen, uralten Weisheit barbarischer Völker, insbesondere des Orients. Die 'Weisen des Ostens', einschließlich der indischen Brahmanen, der persischen 'Magoi', der babylonischen 'Chaldäer' und der ägyptischen Priester betrachtete man als eine besondere Art von 'Philosophen' und Trägern höherer Erkenntnis.«[290] »Es gehört zum sicheren Ergebnis religionsgeschichtlicher Forschung, daß die jüdische Apokalyptik nicht ohne den Beitrag iranisch-zoroastrischer Religionsvorstellungen entstanden sein kann. Dazu gehört vor allem die Idee des Endzeitgerichts, die Auferstehung der Toten, das Schema der Zeitalter und der Dualismus. Diese Ideen sind auch für die Gnosis wichtige Bausteine gewesen... Es ist aber nicht nur der kosmologische Dualismus, den der Iran letztlich zur Gnosis beisteuerte, sondern auch der anthropologische. Die Unterscheidung von Seele und Körper, verbunden mit der Vorstellung, daß erstere nach dem Tode in das himmlische Lichtreich eingeht, ist im Orient nur im Iran anzutreffen... Ihre Wurzeln liegen bereits in der alten indo-iranischen Religion.«[291] Megasthenes schreibt als Gesandter Seleukos I. am Hofe von Sandracottus in Indien zwischen 304 und 292 v.Chr. eine stoische Darstellung brahmanischer Philosophie: Indika. Clemens berichtet in seinen Stromata: »Megasthenes, der Sekretär von Seleukos Nikator, schreibt sehr klar im dritten Buch seiner Indika: 'Alles, was bei den Alten über die Natur gelehrt wurde, wird auch bei den Philosophen außerhalb Griechenlands, einmal bei den Indern von den Brahmanen, zum andern in Syrien von den sogenannten Juden gesagt.'«[292] Strabo schreibt über ihn: »Alle, die über Indien geschrieben haben, haben sich selbst bewiesen, denn der Großteil waren Aktivisten, herausragend dabei Deimachus; der nächste in der Reihe ist Megasthenes; gefolgt von Onesicritus und Nearchus und anderen solcher Schriftsteller, die anfangen, die Wahrheit zu sprechen, obwohl mit zögernder Stimme.«[293] »Der herrschende König muß genannt werden nach der Stadt Palibothrus zusätzlich zu seinem familiären Namen, zum Beispiel König Sandrocottus, zu dem Megasthenes als Botschafter geschickt wurde.«[294]
Arrian schreibt in seiner Anabasis Alexandri: »Über Indien schreibe ich noch ein eigenes Buch basierend auf Aussagen der Mitkämpfer Alexanders und Nearchos, der den Ozean bis zum Indus erforschte, dazu alles, was Megasthenes und Eratosthenes, reputierte Männer, zusammengeschrieben haben. Ich nenne alles, was in Indien ist, auch jedes fremde Tier, was dort lebt und die Rundfahrt um Indien auf dem Ozean.«[295] »Megasthenes war Gast bei Sibyrtios, dem Satrap von Arachosien, und traf häufig zusammen mit Sandrakottos, dem König Indiens.«[296]
Klearch von Soli, Schüler von Aristoteles und abhängig von Megasthenes, bezeichnet die Nacktweisen und Juden als Nachfahren der Magier. Josephus nennt die Juden »Nachfahren der Philosophen in Indien«.[297] So hat es sicherlich in Alexandria Dialoge des hellenistischen Judentums mit den dortigen Brahmanen der indischen Veda-Religion gegeben.
Die Vorstellung von einem 9stufigen Himmel im Buddhismus ist durch das vom Brahmanismus übernommene babylonische 7stufige Modell „tiefergelegt“ worden. »Die Vorstellung von den sieben Himmeln, auf welche die Majjimanikaya anspielt, geht auf den Brāhmanismus zurück - wahrscheinlich ein Einfluß der babylonischen Kosmologie, welche, wiewohl indirekt, sich auch in den kosmologischen Vorstellungen der Altaier und Sibirier abgezeichnet hat. Doch der Buddhismus kennt auch ein Schema mit neun Himmeln, das jedoch stark "verinnerlicht" ist.«[298] Der 9. Himmel ist das Nirvana. Man reist meditativ von Himmel zu Himmel, wo in jedem eine Gottheit wohnt. Sicher ist der indoeuropäische Ursprung von Awesta und Veda und iranischen Einflüsse auf die Juden.
Der Licht-Finsternis-Dualismus ist indoiranisch. Im Brahmanismus ist die Weltvielheit als Illusion (māyā) so negativ wie der Tod als Grundübel der Welt. Dagegen ist Ātmān Licht, Herrlichkeit und Seligkeit und göttlicher Geist/Seelen-Teil im Menschen und der Welt.[299] Im Brihad Āranyaka Upanišad I,3,28 heißt es: »Aus dem Dunkel führe mich zum Licht. Aus dem Tode führe mich zur Unsterblichkeit.« III,1,3: »Diese Welt ist ganz vom Tode erfaßt«. III,4,2: Ātmān »ist deine Seele, die in Allem ist. Was von ihm verschieden, ist leidvoll.«[300] Die einzelnen Seelen, die individuellen Ātmān, kehren zurück zum Großen Ātmān (Mahātman oder Braham), von dem sie ausgegangen sind.(II,4,12ff) Dieser hat ungeteilt und frei in seinem Reich Teile seines Selbst in die Welt gesandt.[301] Der Erlösungsweg (jŋāna mārga) dieser Seelen in der finsteren Todeswelt ist das Wissen der Einheit mit Brahman: tat tvan asi - ich bin ES, Ātmān.[302] Die Erlösung (mukti bzw. mokša) ist Befreiung vom Schleier der māyā als Nichtwissen (āvidiya). Durch Verlassen des Körpers betritt man die Lichtwelt Brahmas (brahmaloka) ein. Dieser Weg ist nicht gefahrlos, darum braucht man als Wegweiser Götter und als Begleiter himmlische Scharen und Essen für unterwegs.[303] Man vereinigt sich unterwegs mit dem Schatz seiner guten Taten und Opfer.[304] Prajāpati ist deren Schatzmeister.[305] Wenn dem Menschen Kenntnis davon fehlt, wird dieser Schatz seiner Werke verzehrt.[306] Im Brahmaloka angekommen, kommen der Seele die Himmelsmädchen (Apsaras) mit Früchten, Salben, Kränzen, Gewändern und Parfümpulver entgegen und schmücken sie so köstlich wie Brahman selbst, der in seiner Palast halle auf Thron oder Ruhelager weilt. Das Gewand ist der neue Körper wie die Welt Brahmans Körper ist.[307] Hier ist die Szene der himmlischen Daēna vom Hadōxt-Nask 2f, Vendidad 19,31f und die Thron-Kleid-Szene aus Ardā Vīrāf erkennbar, cf 1.4.2.7f und zum Taten-Schatz 1.4.5.8. Die weitreichenden Übereinstimmungen zwischen den indischen und iranischen Traditionen lassen auf eine sehr frühe indoeuropäische Vorstellung von der Himmelsreise schließen, was durch die schamanischen Himmelsreisetraditionen untermauert wird, cf 1.2.5. Diese Texte sind Sedimente eines Glaubens- und Lebenszusammenhanges mit primär mündlichem Austausch. Innerhalb eines solchen, von der Lagerfeuergeschichte in der Karawanserei bis zur Lehrstunde eines Brahmanen oder Magiers in Alexandria, ist auf dem Hintergrund platonischen Denkens diese Vorstellung von Indien und Iran bis in die Gnostischen Systeme gelangt. Günthert vermutet indischen Einfluß auf die Gnosis aufgrund der Affinitäten in Urmenschlehre und Himmelsreise der Seele: »Für alle iranischen Spekulationen von den Stationen der Seelenreise finden wir demnach altindische Analogien.«[308] Colpe ist vorsichtig: »Eindeutig belegt ist indischer Einfluß auf die Gnosis also bis heute nicht.«[309] Er ignoriert die Thomasakten.
1.3.7 Die Thomasakten als Indienmission und die
Ölsalbung für den
Himmel
Nach den syrischen, griechisch übersetzten Thomasakten hat der Apostel Thomas eine Missionsreise nach Indien unternommen, wo bis heute Thomas-Christen leben.[310] Erst weigerte er sich bei der Weltaufteilung auf einem Apostelkonzil aus Xenophobie, nach Indien zu gehen, trotz nächtlicher Segensverheißung des Erlösers, der ihm nochmal ins Gewissen redet (ActaTh 1), wird dann von Jesus als Zimmermann-Sklave an den indischen Kaufmann Abbanes verkauft (ActaTh 2), der vom Inder-König Gundaphorus beauftragt ist; er hatte seinen Namen (Hyndopheres) im 1. Jh. in Griechisch auf die Münzen prägen lassen. Per Schiff geht’s nach Andrapolis (ActaTh 3), wo gerade die Prinzessin Hochzeit hat (4f), auf der er fastend zur Flöte einer Hebräerin ein mystisches Brautlied von der dem Ewigen geweihten, asexuell-himmlischen Braut singt, nachdem ihm ein Wasserträger ob der Weigerung zum Mitfeiern gehauen hat.(6f) Thomas prophezeit seinen Tod; der Mann wird vom Löwen am Fluß zerrissen; Thomas wird als Gott bzw. dessen Apostel gefeiert, vom König genötigt, im Brautgemach für die Prinzessin zu beten.(9) Thomas betet zu Gott als dem Retter der Armen und Unterdrückten, der Jesus aus der Höhe in die Hölle schickt, die Tore zu öffnen und den Weg nach oben zu weisen.(10) Da erscheint Jesus Christus in Gestalt des Zwillingsbruders Thomas und informiert die Braut über die himmlische Reinheit des Leibes in einem unsterblichen und lichten Brautgemach, die Befreiung von Leid und Schmerz und Verantwortung für Leben, Leid und Sünde der gezeugten Kinder durch Verzicht auf schmutzige Lüsternheit (11f), worauf diese ihre Verschleierung schamlos ablegt zum Zeichen ihrer inneren Klärung. Von Lust als ekliger Krankheit war das Paar befreit, was den König zürnte. Thomas war aber schon per Schiff in andere indische Städte abgereist und wurde als Wunderguru bekannt. Der König Gundaphorus beauftragt ihn mit dem Bau eines Palastes und verreist (18), die Bausummen verteilt Thomas unter den Armen (19), die er auch heilt und exorziert.(20) Auf die Frage des zurückgekommenen Königs, wo denn der teure Palast stehe, sagt Thomas, er werde ihn nach seinem Tod sehen; dies bringt ihn ins Gefängnis.(21) Königsbruder Gad hat sich totgeärgert ob der caritativen Vergeudung des Königssäckels und stirbt; im Himmel sieht er den frischgebauten Palast des Thomas und darf nicht hinein. Reanimiert bei der Leichenwäsche begehrt er von Gundaphorus den himmlischen Palast.(23f) Thomas wird rehabilitiert, betet für die Königsfamilie und fortan bauen alle Paläste durch Almosen. Cf 4.5.7.2.
Nikolaus Notowitsch fand 1887 im tibetischen Kloster von Ladakh ein Manuskript betitelt 'Das Leben des heiligen Issa, des besten der Menschensöhne' mit Kurzabriß israelitischer Geschichte und einem Jesus-Evangelium, in dem von der Indienreise Jesu berichtet wird: »Damals geschah es, daß Issa [Jesus] heimlich das Haus seiner Eltern verließ, hinausging aus Jerusalem und sich nach dem Sindh begab mit Kaufleuten.«[311] Er wollte »sich vervollkommnen im göttlichen Wort und forschen in den Gesetzen des großen Buddha«. Es folgt eine Schilderung der Erlebnisse und Erfahrungen Jesu in Indien, wo er von den Brahmanen verfolgt wurde, ebenso wie er 29jährig auf der Rückreise in Persien von zoroastrischen Hohepriestern verhört wurde und nachts von Magiern vor der Stadt wilden Tieren ausgesetzt, was er wundersam überlebte und nach Israel zurückkehrte, dort lehrte und gekreuzigt wurde. Die Auferstehung wird als Gerücht erwähnt. Ob Jesus in Indien war oder sogar dort verstarb, ist spekulativ. Immerhin gibt es Parallelen zwischen Buddha und Jesus.[312]
1.4 Zarathuštras Prophetentum und die Geist-Welt
1.4.1 Mithra als arischer Kriegergott der
Feudalherren
Nyberg sieht die Miθra-Gemeinde als die indoeuropäische Vorstufe der zoroastrischen Gatha-Gemeinde.[313] Vom Mithrasdienst hat sich Zaraθuštra rigoros abgegrenzt. Miθra ist der Gott der Finsternis, des Nachthimmels und wurde gegenüber Ahura Mazdā zum Gegensatz des Lichtes, auch wenn er bisweilen in einem Sonnenwagen dargestellt wird.[314] Der Gegensatz von Licht und Finsternis ist der sozialer Gruppen, hat neben dem ethischen einen soziologischen Sinn, markiert die Zugehörigkeit zur gottwohlgefälligen Gruppe. Nur Reiche können sich ein Stieropfer leisten.
1.4.1.1 Mithra als Stiertöter, Weltschöpfer, Vertrags- und Sonnengott
Dabei ist der Miθra-Mythos vermutlich aus einer Zeit überliefert, in der noch Höhlenmalerei und Jagdzauber die wilden Rinder bannen sollten.[315] Für die Jäger, die noch keine Tiere hatten zähmen können, bedeutete die Rinderbeute die Fülle des Lebens. Der geschlachtete Stier ist die Welt, gibt alles zum In-der-Welt-Sein: Fleisch, Leder, Knochen, einfach alles war ein Grundstock für Nahrung und Wirtschaft. Darum war, vermutlich auch nicht gerade alltäglicherweise, die Büffelbeute die Neuschöpfung des Lebens der Jägergruppe. Der Mythos erzählt in mehrfachem Sinne also eine Initiation: die Mannbarkeit Miθras und die Schaffung von Überlebensgütern, von Weltfülle. Die Zerstückelung des Ur-Rinds erschafft der Jägerhorde die Welt und das Leben. Vermutlich sind alle Schöpfungsmythen, in denen ein Mensch oder Tier getötet und geschlachtet wird, eine mythische Erinnerung an die Jägerzeit, in der noch kein Ackerbau und keine Viehzucht die Garantie des Überlebens, also die Schöpfung und Regeneration des Seins sichern konnte.
Miθra wird aus einem Stein geboren (Fels war Synonym für Himmel), hat schon als Junge ein Messer und besiegt den Sonnengott, jagt und fängt und reitet einen Stier, zieht ihn lebend-ermattet in dessen Höhle hinein, dieser kann noch einmal entfliehen. Miθra bekommt vom Sonnengott den Befehl, den Stier zu töten, jagt ihn wieder und erwischt ihn, als dieser in seiner Höhle Zuflucht sucht. Er reißt ihm den Kopf hoch mit den Fingern in die Nase gekrallt und stößt ihm das Messer in die Flanke. Und nun beginnt aus dem sterbenden Stier die Welt zu wachsen.[316] Der Mythos erzählt also einen Stierkampf mit fast fairer Ebenbürtigkeit der Kontrahenten, keine grausame Schlachtung eines Rindes, welches keine Chance mehr hat, zu entkommen aus der Höhle, der Arena oder dem Taurobolium. Danach erst wird das erste Menschenpaar geschaffen und Miθra zu ihrem Beschützer berufen, gegen Ahriman, der Felder verwüstet durch Dürre, durch eine Sintflut, die nur ein göttergewarnter Mensch mit seiner Arche überlebt, und schließlich durch ein Feuer, welches auch nur die Geschöpfe Oromazdes überlebten. Danach begann eine friedliche Zeit und Miθra feiert das siegreiche Ende seiner Erdenmission in einem großen Festmahl mit den Göttern, bevor Miθra in seiner strahlenden Sonnen-Quadriga über den Ozean gen Himmel fliegt und dort fortan mit den Unsterblichen wohnt und als Gott auch ferner die Gläubigen, die ihn verehren, beschützt.[317] »Diese Abbildungen veranschaulichen, daß aus dem Leib des sterbenden Stieres Fruchtpflanzen, überhaupt neues Leben hervorgeht. Dieser Mythos ist nicht erst den hellenistischen Mithras-Mysterien eigen, sondern gehört uriranischer Religion an, hat fortgelebt und ist wieder aufgelebt in jener späten synkretistischen Religion. Dieser Stier ist eine Erscheinungsform des Lebens-Gottes Haoma, der sehr nahe dem altindischen Soma entspricht... Sogar in dem Mythos, daß Miθra den Soma in Gestalt eines Stieres getötet hat, besteht indo-iranische Übereinstimmung. Die von dem Gott vollzogene Tötung des himmlischen Urstiers Soma-Haoma ist also eine Heilstat: der Lebensgott muß getötet werden, damit neues Leben hervorgehe«.[318]
Über das Urgestein dieses Mythos hat sich allerdings dann die Erfahrung jüngerer Epochen der arischen Geschichte gelegt: Wenn das Mark des Stieres Körner macht, also den Getreideanbau involviert, wenn das Blut zum Weinstock wird, dann markiert sich mit der Jagd großer Tiere schon die zivilisatorische Wende zum Ackerbau und Weinanbau, zur schamanischen Medizin mit Heilkräutern. Wenn aus dem Sperma viele verschieden Nutztiere entstehen, so ist im Wissen um die Zeugungskraft des Samens das gezielte Züchten von Tierrassen angelegt und so eine differenzierte Viehzucht. Wenn auf den - freilich späteren und romanisierten - Reliefs Miθra als feudaler Krieger mit prunkvollster Rüstung dargestellt ist, so legt sich als dritte Schicht die Epoche der arischen Feudalherrschaft über den Jagdmythos. Das Aufspüren der Jagdbeute war eine wesentliche Aufgabe des Schamanen; daß dem Stier als erstes Heilkräuter - und vermutlich das rauschmachende Haoma[319] - entspringen, deutet ebenso auf schamanische Techniken hin, wobei die sibirischen Schamanen auch viel mit Messern und Dolchen ihre Macht demonstrieren. Man darf mit Vorsicht behaupten, daß sich im Miθra-Mythos eine uralte schamanische Jagdzauber-Erzählung in der Überlagerung durch Ackerbaukultur und feudalen Kriegeradel erhalten hat. Dadurch sind alle drei Stände der indoeuropäischen Kultur in diesen Mythos eingegangen: der Priester-Schamane, der Bauer-Ernährer und der Krieger. Miθra bildet eine Integrationsfigur für alle Stände, wenn auch mit dem Erstarken des Feudalismus im alten Iran und Indien immer mehr die Krieger-Seite in den Vordergrund getreten sein mag.
Die
Substanzen der Eucharistie, Brot und Wein, werden hier als
Transsubstantiation
des geschlachteten Urwesens gefeiert. Das christliche Abendmahl ist auf
der
Folie dieses mithrischen Abendmahls mit dem Stieropfer die auf Jesus
übertragene Variante des in den Mysterienkulten und im
Mithrizismus gepflegten
heiligen Mahles.
»Der Bundesgott Mithra ist eine uralte arische Gestalt.«[320] In der Yasna-Einleitung wird er friedlich neben Ahura Mazdā Gott des Landes genannt: »Den prächtigen hoheitsvollen Ahura Mazdā; die Aməša Spənta's; den weite Fluren besitzenden Miθra und den gute Weide bietenden Raman.«[321] Yasna 1 preist nacheinander Ahura Mazdā, die Aməša Spənta's, die Ašaheiligen Havanay und Savaŋhay, den weite Fluren besitzenden, tausendohrigen, zehntausendäugigen Miθra.[322] Danach kommt eine lange Heiligen- und Götterliste, in der auch die heiligen Schöpfungen Wasser, Erde, Luft, Wind (Vayu) und Feuer/Sonne nicht fehlen. Yasna 1,11; 2,11; 3,13; 4,16; 6,2.10; 7,13; 16,5; 22,23 und 25,4 nennt Ahura und Miθra in einem Zug, Miθra als Landesherrn der Länder. Ab 16,5 kommen Sraoša (Gehorsam) und Rašnu (Richter) hinzu, die auch Mitstreiter neben Miθras aristokratischem Nobel-Kampfwagen sind: Yašt 10,41.52.100. Im kleinen Avesta kommt Miθras Feudalismus vouru-gaoyaoiti 94mal vor.[323] Auch in Indien kommt er vor. »Der altindische Mitra und der iranische Mithra sind gleichen Namens... Sie sind herkunftsmäßig der gleiche indoiranische (urarische) Gott. Dieser hat jedoch in Indien und Iran eine sehr verschiedene Entwicklung genommen. Mithra ein ganz großer, vielleicht der größte iranische Gott, in Indien ist Mitra im Rigveda kaum mehr als ein Name, beinahe verschmolzen mit seinem größeren Bruder Varuna. Nur weniges läßt sich über ihn persönlich feststellen; das wichtigste davon ist, daß er Vertrag ist.«[324]
Er ist Landbesitzer mit dem Titel „Herr der weiten Weiden“, religiöser Spiegel einer feudalistischen Großgrundbesitz-Akkumulation in Adelshänden, der Gott des Vertrages.[325] Miθra heißt eben auch Vertrag, Bund. Er schützt die Beziehungen zwischen den Menschen und straft die Bundbrecher und Vertragsbrüchigen und die Feinde seiner Anhänger.[326] Bezeichnenderweise heißt miθra auch Bund, Übereinkunft, Versprechen, Vertrag, so daß, wer Verträge und Versprochenes bricht, Miθras betrügt, ihn beleidigt, ergrimmt und als avi-miθriš, Miθras-Feind (Yt 10,20f), seine Strafe und Rache auf sich zieht, die in Gestalt physischer Vernichtung, Kampfbehinderung und Mißerfolgen aller Art folgt.[327]
Dabei scheint der Vertrag unter den Kriegern als einzige verläßliche Instanz auf jeder Ebene eine heilige Verläßlichkeit zu haben; er gilt sowohl für den Drug-Gläubigen als auch für den Aša-Gläubigen. »Den Vertrag sollst du nicht brechen, o Spitama, nicht den du mit einem Druggläubigen, nicht den du mit einem aša-gläubigen Religionsgenossen verabredest; für beide gilt der Vertrag, für den Druggläubigen und für den Ašagläubigen.« [328] Auch die Herrscher, vom Hausherrn bis zum Kavi, dürfen Miθras nicht durch Vertragsbruch betrügen.[329] Mit dem Vertragsrecht ist eine basale soziale Konstante gegeben, die immerhin sogar über die ethnische Grenze hinaus gilt. Damit ist nichts über das Machtgefälle der Vertragsparteien gesagt, wer also wem die Konditionen diktieren kann. Aus der Sicht des siegreichen Kriegers ist dies kaum von Interesse.
Miθra ist Gott der Natur.[330] Sein Reich ist der sterngeschmückte Nachthimmel, wo er schlaflos ständig wacht mit seinen tausend Ohren, zehntausend Augen und Spähern und die Seinen in ihrem Schlaf vor Feinden beschützt. Miθra ist »Herr weiter Weiden, ein Wahrheit sagender Chef der Versammlungen... mit tausend Ohren, wohlgeformt, mit zehntausend Augen, edel, mit vollem Wissen, kräftig, schlaflos und immer wach.«[331] Diese Wachsamkeit gehört mit zu den Kriegertugenden: immer auf der Hut zu sein. Er ist der »schlaflose geheimnisvolle Herr«.[332] Im Mihr-Yašt werden diese Eigenschaften aristokratischer Männlichkeit 34 mal ostinat und litaneiartig eingepaukt. Damit übertragen sich die heroischen Praxisfiguren der Gottheit auf die Verehrerschar, prägen ihre Ich-Ideale und ihre handlungsleitenden Perspektiven. Er kommt den Ašagläubigen in der Not (āzaŋhat) zur Hilfe.[333] Er läßt wie Jahwe im Noah-Bund Regen fallen und fördert das Wachstum[334], gibt Überfluß und Fett, Vieh und Herrschaft, Söhne und Leben.[335] Yt 10,28 gibt er Reichtum an Vieh und Nachkommen; Wohlstand der Luxusklasse (10,30) und Erfolg, Vermögen, Kraft, Sieg, Seligkeit und Erwerb des höchsten Anrechts, guten Ruf, Seelenfrieden, heiliges Wissen (10,33), wo er mit Opfern und Gebeten geehrt wird. (10,31) Er waltet über die Aša, die rechte Ordnung und Wahrheit.[336]
Wie Yasna 28, die berühmte Klage der Seele des Stieres, finden sich im Mihr-Yašt einige Stellen, die von den Tränen des an den Wagen der Druggläubigen gebundenen und gefangenen Rindes reden.[337] Wagen deutet auf feudale Grundherrn hin, die den Bauern Rinder als Steuer wegnehmen. Im Blick auf das Stieropfer nimmt sich diese Verteidigung der Rinderfreiheit etwas doppelmoralisch aus. Auf die Tränen des Opfertieres achtet keiner gerne.[338]
Die Wohnung Miθras ist auf dem Hara-Gebirge.[339] Sie gehört zur irdischen Materie, ist geräumig, glänzend, weithin Unterkommen gewährend, von acht Gehilfen auf allen umliegenden Bergen als Späher abgesichert.[340] Dazu kommen 10,46 die zehntausend Späher, die 10.000 Augen Miθras, ein stattlicher Horch-und-Guck-VEB. Auch damals gab es ein großes Staatssicherheitsinteresse unter Priestern. Vom Hara aus zieht er täglich im Sonnenwagen am Himmel über sein Land.[341] Der Wagen ist mal Kampfwagen, mal Transportwagen für die Opfertiere, mal goldener Prunkwagen. Der Wagen mit 10 Pferden und Götterbild stammt vom Dienstwagen des assyrischen Gottes Assur.[342]
Miθra schützt die Seinen, straft die Feinde. Wer Freund, wer Feind ist, entscheidet sich nach Tempo des Gebets: Die Kriegspartei, die als erste ihn um Siegeshilfe anfleht, kann ihn für sich gewinnen.[343] Miθra bringt die Schlacht in Gang, zerbricht standhaltend die Schlachtreihen der Feinde.[344] Den Feinden werden die Köpfe abgeschnitten, ihre Wohnungen verwüstet.[345] In 10,48 fesselt Miθra die Hände der Gegner auf dem Rücken, reißt ihnen die Augen aus und zersticht die Ohren. Gerade der Tausendohrige und Zehntausendäugige zerstört die Sinne. Das ist schlimmer als eine Hinrichtung, weil es jede Orientierung in der Welt nimmt und alle Möglichkeiten der menschlichen Verständigung durch Sprache oder Gesten. Hier zeigt sich der abgefeimte Sadismus einer Kriegerkultur, die in keiner Weise von Barmherzigkeit, Vergebung oder Milde gekennzeichnet ist. Hier ist die Ambivalenz einer archaischen indoeuropäischen Gottheit präsent, wie sie sowohl in Zervan mit seinen polaren Söhnen Ahura Mazdā und Ahriman als auch im römischen Janus bifrons[346] manifestiert ist. Wer Freund, wer Feind, ist weniger eine Frage der Vertrags-Ethik als der Nationalität als Arier.[347] Denn diese oktroyieren im Zweifelsfall den anderen ethnischen Gruppen ihre Form von Vertraglichkeit auf, an die diese sich bei Strafe der Vernichtung dann zu halten haben. Die Drug-Anhänger sind denn auch schnell Daēvas, böse Geister, die man exorzieren muß durch den finalen Schlag auf den Kopf.[348] So wird der Krieg gegen die Feinde implizit zur Strafaktion Miθras: Wer sich nicht Miθras Dienst unterwirft, verstößt automatisch gegen die Vertragskonditionen und verdient die Ausrottung, die man nicht der Gottheit persönlich überlassen hat, sondern in ihrem Namen die Waffen gegen das Böse in der Welt geschwungen hat.
Insgesamt ist Miθra die Verkörperung des arischen Kriegeradeligen, der alle seine Eigenschaften und Tugenden nicht der Liebes- oder Arbeitsfähigkeit, sondern der Kampffähigkeit zuweist.[349] Er gibt zugleich diese Kampfkraft an seine Verehrer weiter.[350] Die Indogermanen waren kein großes Volk mit monumentalen Völkerwanderung aufgrund von Lebensraumverknappung, sondern eher eine kleine Gruppe. »Wenn das Protoindogermanische die Sprache des erobernden Kriegeradels war, erklärt sich auch seine verhältnismäßig große Einheitlichkeit.«[351] »Nur eine nomadische Bevölkerung vermag die Einheit ihrer Sprache auch über den ausgedehntesten Landstriche festzuhalten... Die sprachliche Einheit einer seßhaften Bevölkerung dagegen wird sich... nicht mit der gleichen Leichtigkeit innerhalb eines großen Raumes herstellen und behaupten.«[352] Durch ihre Kampftechnik[353] konnten sie fremde Gesellschaften schnell besiegen und überformen, indem sie gerade bei feudalen Strukturen sich an die Stelle der besiegten Adelsschichten setzten. Durch die schnelle Einnahme der politischen und sozialen Schlüsselpositionen gelang den Ariern dann auch eine zügige kulturelle Überformung der autochtonen Kulturen. Daß ein solcher Kriegsgott sich zum härtesten Konkurrenten des Christentums am römischen Caesarenhof hat entwickeln können, liegt auf der Hand: Nur eine in allen Momenten imperiale Eroberungshaltung eignet sich als Legitimationsfolie einer imperialen Macht und bildet in der Tat ihre geistliche Waffenrüstung durch die Bilder eines hochgerüsteten und streitbaren Gottes wie Miθra.
Das Kampfgespann Miθras ist ein Trio infernal der Totenrichter. »Miθra scheucht heran, Rašnav scheucht zurück, Sraoša ašafromm jagt sie von allen Seiten zusammen den schirmenden Yazata zu.«[354] »Herangefahren kommt der Landesherr, er der weite Fluren besitzende Miθra, zu dem rechten Ende dieser breiten runden fernbegrenzten Erde. (100) Auf seiner rechten Seite fährt er der gute ašafromme Sraoša, auf seiner linken Seite führt er der kraftvolle hochgewachsene Rašnav, rings auf allen Seiten fahren die Wasser und die Pflanzen und die Fravašays der Ašagläubigen.«[355] In der Mitte des Todeskommandos fährt Miθra. Yt 10,124-133 schildert den Sonnenkampfwagen mit vier weißen Pferden mit goldenen und hinten silbernen Hufen, rechts fährt Rašnu, links Čista (statt Sraoša?), als Eber kommt dāmōiš upamanō mit scharfen Hauern gefahren, dazu Feuergott Ātar. Im Wagen sind je 1000 Bögen und Pfeile mit Widerhaken, Speere, Wurfäxte, zweischneidige Dolche, Wurfkeulen und eine Schwingkeule mit 100 Buckeln aus Metall, alles soll gegen die Daēvas geschossen werden. Sraoša, identisch mit Airyaman, ist Yašt 11 gewidmet.[356] Rašnu, der dritte im Totenrichterbunde, ähnelt Indras Helfer Višŋu.[357]
1.4.1.2 Die Yazata als göttlich-engelhafte Heldenwesen
Miθra ist nur einer der Yazata, der anbetungswürdigen Götter, allerdings der »stärkste, heldenhafteste, rührigste, schnellste und siegreichste«.[358] »So hatte man Mithra in das theologische System des Zoroastrismus aufgenommen, man hatte ihm einen passenden Platz in der Götterhierarchie angewiesen... Aber seine starke Persönlichkeit hatte sich nur mit Mühe den strengen Regeln gefügt, welche ihr auferlegt worden waren, und in dem heiligen Texte findet man Spuren einer älteren Vorstellung, nach welcher er im iranischen Pantheon eine weit erhabenere Stellung einnahm... Mithra ist zwar ein Yazata, aber er ist der stärkste, der ruhmreichste der Yazatas.«[359]
Daneben gibt es ganze Listen weiterer Götter, die - wie die Aməša Spənta - Personifizierungen menschlicher Tugenden sind.[360] Deren Rang allerdings hat Miθra nie im Zoroastrismus erreichen können, was dem Kriegeradel sicherlich eine anhaltende Kränkung war; in den Texten spiegelt sich sowohl die Degradierung Miθras zum Geschöpf und Gehilfe Ahura Mazdās als auch die Gegentendenz, den Zoroastriern die Verehrung Miθras zur Auflage zu machen.[361]
Duchesne-Guillemin entwickelt Dumézils Theorie der drei Funktionen an den Aməša Spəntas: Vohu Mana (Gutes Denken = Juristische Macht, indisch: Mitra, Element: Rind) und Aša Vahišta (bestes Wahrsein = magische Herrschaft, indisch: Varuna, Element: Feuer) gehören zur Priesterfunktion. Xšatra Vairya (Kriegs-Herrschaft, indisch: Indra, Element: Metall) und Armaiti (Fügsamkeit, indisch: Sarasvati, Element: Erde) zur Kriegerfunktion. / Haurvatāt (Heilsein, indisch: Nasatya 1, Element: Wasser) und Aməretāt (Nichtsterben, indisch: Nasatya 2, Element: Pflanzen) zum Nährertum.[362] »Die kleineren Gottheiten bringen meistens bestimmte Aspekte ihres Führers zum Ausdruck.«[363]
Zaraθuštra ersetzt Miθra durch Vohumana. Die Wendung miθra ahura bərəzaŋta: »Miθra und der Herr, die beiden Hohen« läßt den Schluß zu, daß Ahura Mazdā als Gefährte Miθras die Stelle Varunas innehat und bereits vor Zaraθuštra als höchster Gott verehrt wurde.[364] Im Rigveda werden Mitra-Varuna als die beiden Asuras, die beiden Herren in einem Zug genannt wie im Mitanni-Vertrag in der großen Götterliste.[365] Im Avesta fehlt Varuna völlig. Daher nimmt man an, Varuna wurde nur noch als Herr, Ahura, bezeichnet und Ahura Mazdā ist seine Metonymie. Der Monismus Ahura Mazdās bei Zaraθuštra ist eine Mitra/Varuna-Sublimierung und wurde im späteren Zoroastrismus wieder aufgelöst.[366] Bei Göttersublimierungen gehen die Eigenschaften des eingesparten Gottes auf die angebeteten Götter über. Die Yašts des Khorda Avesta zeigen das Nebeneinander von Miθra und Ahura Mazdā, was vormals die alte Paarung Mitra-Varuna und nach Zaraθuštra Resultat eines historischen Kompromisses zwischen der starken Miθra-Anhängerschaft und den auf Kompromisse angewiesenen zahlenmäßig schwachen Mazdaisten war.
Wie Einschübe nehmen sich die Stellen aus, in denen im Mihr-Yašt der Name Ahura Mazdā fällt. Er ist Yt 10,0.6.73 oberster Schöpfergott und so auch 10,50 Schöpfer Miθras und seines Sonnenwagens 10,143. Er ist Schöpfer von Herrlichkeit und Sieg.[367] Yt 10,3 ist er Vater des Feuergottes Atar. Yt 10,89f ist er Schöpfer des Yazata Haoma, dem Stifter des Haoma-Rituals und der schönen Haomapflanze, die er sterngeschmückt, von Geistern gefertigt gleich dem Miθra-Sonnenwagen, auf den Hara pflanzte. Yt 10,137-39 ist er Stifter des Priestertums mit exakten Rezitationen der auswendig gelernten Texte, schnellen Gebetstempi und nicht zu voller Barəsma-Spreitung. Yt 10,121f ist Ahura Mazdā Stifter der 3tägigen Taufen, Kasteiungen und Rezitationen vor dem eigentlichen Opfermord. Yt 10,103 und 53f ist er der Obergott, zu dem Miθra mit ausgestreckten Händen betet und sich als Beschützer und Wächter aller Geschöpfe deklariert. Yt 10,54: »Ich bin der Beschützer aller Geschöpfe, o Wohlwirkender! Ich bin der Wächter aller Geschöpfe, o Wohlwirkender!«[368]
Unter dem Einfluß des Mazda scheint sich Miθra als Beschützer der Seinen, ja überhaupt aller Geschöpfe zu bessern; die kriegerische Schlachter-Attitüde tritt dabei in den Hintergrund.[369] Miθra belohnt seine Verehrer für deren Opferleistungen mit Reichtum, Herrlichkeit, Gesundheit, Vermögen, Nachkommenschaft, Herrschaft, schönem Gerät, zahlreichem Heer, Scharfrichtern, die Feinde töten lassen. Damit sind sämtliche Träume des Kriegeradels aufgezählt. Ganz ohne Schlächterphantasien kommt die Beschützerfunktion Miθras nicht aus.[370] Im Rigveda sind Mitra und Varuna Hüter der Rita, der Ordnung, im Avesta Aša.[371] Hier ist bereits der Gegensatz Wahrheit-Lüge vorhanden: rita-druh ist avestisch aša-druj.
Zugleich sind fast nur Stellen, in denen Ahura Mazdā erscheint, mit dem Begriff von stofflich-knochenhaftem (astvaŋt-) versus geistiges (aŋhu, mainyu) Sein verbunden. Yt 10,50f und 92f im Verbund mit den Aməša Spənta gibt es eine explizite Unterscheidung zweier Lebensformen, dem irdischen und dem geistigen. Diese Trennung von Geistigem Sein und Materie muß bereits vorzarathuštrisch sein und prägt ebenso das indische Denken wie das griechische. Yt 10,73: »O Ahura Mazdā, heiligster Geist, Schöpfer der stofflichen Welt, o ašaehrwürdiger!«[372] astvaite in 10,5 meint eher den Erdkreis alles von Miθra Beherrschbaren. Miθras Wohnung ist breit wie die Erde und stofflicher Natur.[373] Miθra ist erster geistiger Gott.[374] Miθras hochrädriger Sonnenwagen ist geistergezimmert[375] und 10,68 gezogen von geistigen, weißen, lichten, strahlenden, heiligen, kundigen, schattenlosen, durch die Luft fliegenden Rennern, die Geisternahrung fressen.[376] Vor ihm bekommen die geistigen Daēvas[377] und varenischen Druggenossen Angst, auch der vielverderbliche Ahriman[378], der arglistige Aēšmō und der langhändige Būšyãsta.[379] Die Haomapflanze ist geistergefertigt.[380] Die Waffen Miθras fliegen durch die Luft, auch hier die Wortwurzel für geistig.[381] Die Geister sind also entweder böse oder heilig: speŋtō mainyuš[382] und haben offensichtlich göttliche Schöpferfunktionen.[383]
1.4.1.3 Der Gottesdienst der alten Mithras-Gemeinde, Baresman und Haoma
Der Gottesdienst ist ein Gastmahl. Miθras wird mit dem Opfer (zaotrā[byō]) verehrt, mit dem Stier. Er wird zum Mahl herbeigerufen und feiert mit seiner Gemeinde.
Ein Barəsman ist ein fächerartiges Zweigbündel vom Granatapfelbaum oder Tamarisken. Es wird gespreizt als heiliges Zeichen der Verbindung von Göttlichem und Diesseitsleben. Er symbolisiert wie die Himmelsleiter und andere schamanische Kletterbäume die Verbindung von Himmel und Erde, geistiger Welt und körperlicher Welt, die in der Extase überschritten wird: als Kommen des Gottes zu den Opfernden und als Hinübergehen des Priesters in die geistige Welt.[384] Barsomzweige vertreten Pflanzennatur, das über sie gegossene Weihwasser vertritt die Gewässer, wobei diese Fruchtbarkeitssymbolik des phallischen Bündels durch den halbmondförmigen Ablageständer für die Ruten als Vaginasymbol verstärkt wird.[385] Die Stäbchenbündel waren im vedischen Opfer einst Grasaufschüttungen als Unterlage für das Opfertier.[386] Das Tamariskenbündel mit 35-21 Zweigen repräsentiert die gottgeschaffene Pflanzenwelt und verbindet Geisteswelt (mēnōk) und Materie (gētīk). Vohumana Yašt 2,57: »Möge Hoffnung sein für den, der dir wahrhaftig opfert mit Brennholz und Barəsman in der Hand... Denn wenn er dem Feuer richtiges Brennholz bringt oder den Barəsman richtig ausbreitet oder die Pflanze Hadhanaepata, daraufhin versöhnt sich mit ihm, in Erfüllung seines Wunsches, das Feuer Ahura Mazdās ohne Schaden und wird zum Segen.«[387]
Der Priester, (zaotar) ist der Stiertreiber. Der Zaotar ist der Hauptpriester, der die Yazata herbeiruft und das Libations-Opfer vollzieht. (Y 3,25; 68,12; Yt 10,89) In späterer Zeit des Feuerpriestertums assistieren ihm 7 Unterpriester, der Haomamörserer (Yt 10,90), der Feuerschürer (Y 15,4), ein Zuträger, ein Wasserträger, der Haoma-Wäscher, der Haoma-Mischer und gesetzeskundiger Zuchtbewahrer (Vd 5,26; 7,71; 18,14).[388] Der Rāspī (Priesterdiener) rezitiert als Vorbereitung (parsisch: paragna) der parahōm das nērangīhā ī arwēsgāh.[389] Das Haoma, genauer: drei jungen Rutenzweige der Ephedra pachyclada werden vorm Gottesdienst gewaschen und wieder getrocknet, mit einem Mörser aus Stein, später Metall, mit einem Granatapfelzweig pulverisiert, in Milch eingemischt und aufgekocht. Daß allein drei Priester der Haomabereitung dienten, zeigt den Stellenwert der Unsterblichkeits-Droge im gottesdienstlichen Leben.[390] Oft ist von der Trias Libation - Haoma - Heiliges Fleisch die Rede. (Yt 8,3.15.17.19; 15,5; Y 66,1; 68,1) Oft auch von Feuer, Barəsman, Schalen, Haoma und dem Mörser. (Vd 5,39f; 9,55; 13,54; 14,8) Vd 19,9 wird Haoma neben dem Wort als beste Waffe Ahura Mazdās bezeichnet. Im Sraoš-Yašt Y 57,19 ist Haoma als Gott personifiziert, der Sraoša auf den Höhen des Hara opfert, golden und hochgewachsen, der Lebendigmacher und Heiler, Schöne und Königliche, mit goldenen Augen, grazilen Worten, warnenden und beschützenden Worten, die Hymnen in jeder Art intonierend, Verständnis besitzend in jeder brillanten Weise, strotzend in vielen Darlegungen und Offenbarungen des Wortes. Dies ist nachgerade eine Tripbeschreibung. In Mēnōk ī Chrad 57,28 ist Haoma und das Barəsmanbündel Zaraθuštras Waffe gegen Ahriman, der fix in seiner Hölle flieht.
Sir Aurel Stein machte bei den Parsen Bombays als Haoma die getrockneten jungen Rutenzweige der Ephedra pachyclada (Meerträubel) aus, die als Strauch auf Felsgestein im kargen Hochland von Iran, Baluchistan und Nepal in Lagen von 2700 - 4100 m wächst und von den Parsen aus Yazd nach Indien exportiert wird.[391] Es ist ein 60 cm hoch wachsender Strauch mit langgestreckten, blaßgrünen Ruten, Nacktsamer mit gelben Strobili-Blüten. Nach Yt 10,11 wächst Haoma im Hindukusch. Im Hom-Yašt 20,1 wird er goldfarbig und hochgewachsen genannt, aber er ist sicherlich nicht dortiger Wildrababer.[392] In Yt 20,1 wird seine Rauschbegeisterung herabgerufen und er wird Todwehrer und Förderer der Aša gepriesen. Als Heilpflanze, Tod-Abwehr und Kraftverstärker wird er Y 9-11 und Yt 10,23 gelobt. Yasna 9,22 forciert Haoma Geschwindigkeit und Stärke der Krieger, gibt Gebärenden ausgezeichnete, rechtschaffene Söhne und denen, die sich dem Studium des nasks verschrieben haben, geistige Kraft und Wissen. Auch in extremen Trockengebieten des Mittelmeerraums (Sahara) kommen einige der 40 Ephedra-Arten vor. Bei den Chinesen schon 3000 v.Chr. unter dem Namen „Ma Huang“ als schweißtreibendes Broncholyticum und Asthmamittel bekannt, wird Ephedra fragilis schon von Dioskorides als Schleimlöser benutzt.[393] Wegen der psychoaktiven, herzanregenden, gefäßverengenden Wirkung wird die aus Nordwestindien stammende Ephedra pachyclada im Gebiet des Khyber-Passes in Afghanistan als Sexualstimulanz benutzt. Samenkörner in Tonvasen im weißen Raum des Gonur-Hügels in Bactria-Margiana (Merv-Grabungs-Projekt) erwiesen sich nicht als Cannabis, sondern als Panicum miliaceum (Hirse).[394]
Ephedrin ist als (1R,2S)-2-Methylamino-1-phenyl-1-propanol ein Sympathomimeticum aus der Gruppe der Amphetamine mit hervorragender oraler Wirksamkeit. Es steigert die Kreislauffunktionen, wirkt stimulierend, blutdrucksteigernd und krampflösend auf die Bronchien. Wegen der gefäßverengenden Wirkung wirkt es abschwellend auf die Nasenschleimhaut. Diese Wirkungen lassen bereits nach einigen Tagen nach (Tachyphylaxie). Anders als Adrenalin wirkt es mehr auf Gefäßtonus als auf Herztonus. Indiziert wird es bei Gefäßkollaps und Bronchialasthma als Broncholyticum.[395] Es reduziert Hungergefühl. Zur Steigerung kämpferischer Präsenz der Krieger ist es nachgerade ideal und aus diesem Doping dürfte seine gottesdienstliche Bedeutung erwachsen sein: Vor der Schlacht wurden die Krieger mit dem Zaubertrank unter Epiklese der Kriegsgottes aufgebrezelt und spürten die Kraft der Unsterblichkeit als Vitalitätssteigerung in sich, was sie dem Gegner durch wesentlich höhere Reaktionsgeschwindigkeit überlegen machte und ihre reale Überlebenschance erhöhte.
Auch im Mormonentee ist es als Trancemittel (ephedrae nevadensis) enthalten. Ein Erfahrungsbericht aus Wien 2 Stunden nach Trinken einer hochdosierten bitterschmeckenden Tasse, kochend aufgebrüht und lange ziehend, zeigt seine Wirkung: »Beim Tanzen bemerkte ich eine erhöhte körperliche Reizbarkeit (positiver Art). Mein naßgeschwitztes Shirt stimulierte meine Brustwarzen, sehr angenehm. Nach ca. ½ Stunde tanzen (ich muß anmerken, daß ich auch schon in den 2 Stunden seit der Einnahme lange und intensiv getanzt hatte) begannen sich meine Wahrnehmungen zu verstärken. Ich hörte, sah und roch alles intensiver. Sobald ich meine Augen schloß, wurde die Musik bloß noch unbewußt wahrgenommen, ich hatte Visionen einer fremden Welt, über deren Obenfläche ich flog. Nach einer Weile tauchten Buchstabenfolgen auf der Oberfläche auf, ähnlich dem 'Hollywood-Schriftzug'. Diese Wörter und Sätze waren in Sprachen, die ich nicht kannte, teils irdischer Herkunft, teils völlig fremd. Ich verstand, bzw. fühlte den Inhalt dieser Sätze, ich wußte, daß sie elementare Wahrheiten enthielten, aber ich konnte die Schrift nicht 'übersetzen'.«[396] Zumeist jedoch wird beim Tee nach 30 min. Kopfdruck und Zappeligkeit wahrgenommen und alle Gedanken bekommen das dreifache Tempo. Man sieht bei geschlossenen Augen farbige Muster, die Wahrnehmung ist verstärkt, auch das Fühlen von Liebe und Freude der Menschen ringsum, man erlebt einen Zustand des puren Glücklichseins.
Nach Flattery/Schwartz
wurde Peganum
harmala
(Steppenraute) als religiöse Droge angewandt als Haoma sowie
indisches Soma, im
Islam und auch in der minoischen Mantik und dem Astartekult von Harmala.[397]
Peganum harmala wächst in trockenen Gebieten von Spanien
über Marokko und
Ägypten und von Ungarn über die Türkei und
Rußland bis nach Indien und Tibet.
Sie hat sich auch in trockenen Gebieten der USA ausgebreitet. Die
Steppenrautensamen
stellen in ihren Herkunftsländern nach wie vor ein wichtiges
Heilmittel dar.
Sie werden unter anderem auch gegen den bösen Blick oder zur
Tranceinduktion
geräuchert. Harmala-Alkaloide wirken in niedriger Dosis (2 bis
4 gr.
Steppenrautensamen) hypnotisch-meditativ-beruhigend, auch
geistklärend und
mental-anregend. Hohe Harmala-Dosen bewirken Übelkeit,
Erbrechen und Defäkation.
Sie dämpfen den Kreislauf und erzeugen
Schwindelgefühle. Dabei nehmen
Halluzinationen zu, angefangen bei Lichtblitzen und Nachbildern mit
geöffneten
Augen bis zu farbigen mahlstromartigen Bildsequenzen mit geschlossenen
Augen
bei erhaltenem Ich-Gefühl. Ein niedergeschmettertes
Körpergefühl, Überwältigendes
Unwohlsein mit einem gedämpften Zustand im Kopf sind
häufig. Traditionell
werden aus dem Holz Wasserextrakte zubereitet: Man
läßt 2 Eßlöffel 20 Minuten
in einem halben Liter Wasser kochen. Naranjo beschrieb die Wirkung von
Harmala in Meditationen als »to be of a less
hallucinogenic nature...being more akin to a state of inspiration and
heightened introspection«.[398]
Die Rigveda enthalten ca. 120 Gebete an Soma, den hellgeborenen und im Bergland wohnenden. »Wir haben Soma getrunken und sind unsterblich geworden; wir haben das Licht erlangt, die Götter entdeckt. Was könnte die Bosheit des Feindes uns jetzt anhaben? Was, O Unsterbliche, der Betrug eines sterblichen Mannes?«[399] Das 9. Mandala enthält zahllose Hymnen an den reinen Soma Pavamana. Soma ist eine langstielige gelb-gelbbraune Bergpflanze. Später wurde auch Rhabarber verwendet, weil die Lieferungen aus dem Hindukusch einschliefen. Die Droge wurde vor Kämpfen den Kriegern als Dopingmittel eingeflößt, was auf Ephedra paßt. Die Somapflanzen werden mit Wasser übergossen, und von Männern mit den Händen durchgespült, geschüttelt und herausgezogen. Mit den Fingern werden die Stengel wie ein Pferd gestriegelt, um sie von dem anhängenden Wasser und den zufälligen Verunreinigungen zu befreien. Dann wurden die Pflanzen auf ein durchlöchertes Brett gebracht und mit Steinen ausgekeltert. Der so gewonnene Saft fließt durch einen Filter aus Schafswolle und der geklärte Saft träufelt herab in die hölzernen Kufen. Hier wurde er mit Milch, oft auch mit Gerstengebräu oder mit Honig vermischt.[400] Nach der Theorie von Wasson wird Soma nach alten Hindurezepten bereitet als Mixtur von Amanita muscaria, dem Fliegenpilz, der unter Koniferenbäumen mit einem blutroten Kopf gefleckt mit weißen dornähnlichen Krusten zu finden ist.[401] Sibirische Schamanen tranken Urin von Rentieren, die Amanita muscaria gefressen hatten, als Trancemittel. Wenn Rentiere gelegentlich Fliegenpilze verspeisen, torkeln sie umher und fallen schließlich in einen tiefen Schlaf. Das psychoaktive Muscimol bleibt im Urin bis zu 7 Reapplikationen. Allein schon die Somakelterung von ausgestrichenen Stengeln spricht gegen die Übertragung aztekischer Pilzkulte auf indoiranischen Drogenapplikation. Ob im Iran Koniferen oder Fliegenpilze wachsen, ist klimatisch höchst unwahrscheinlich. Alle botanischen Angaben zu Haoma passen auf die Ephedra, die in Indien aufgrund von Lieferproblemen substituiert wurde.
Im Harz der Cannabis sativa (assyr. Kunnapu, Qunnu-Bum 1700 v.Chr., arab. Kif, indisch Bhang), bekannt als Marihuana (griech. ka/nnabij) ist Delta1-Tetrahydrocannabinol (THC) psychoaktiv. Hanf wird in ägyptischen Tempeln 1700 v.Chr. abgebildet und findet sich in keltischen Rauchpfeifen. Assurbanipals Bibliothek gibt eine keilschriftliche Hanfbeschreibung. Herodot erwähnt neben den thrakischen Hanfkleidern die skytische Haschisch-Sauna.[402] Dioskorides gibt Wehenhemmung bei oraler Cannabis-Gabe in Honig und Wundschmerzstillung durch Sudextrakt frischer Blätter an. Die Ruten des wilden Hanf sind dunkler als die Weidenruten; aus ihnen macht man Seile.[403] Galenos von Pergamon (129-200) erwähnt neben der Blähungsreduktion die aphrodisierende Wirkung, die Ausgelassenheit und Vergnügen hervorruft.[404] Nach wie vor gehören Afghanistan und Iran zu den Hauptanbaugebieten von Cannabis. Es wäre von seiner halluzinogenen Wirkung her denkbar, erzeugt es doch starke Glücksempfindungen. Es bleibt aber zu bezweifeln, daß im Haschisch-Rausch ein Stier getötet werden kann, da hier auch eine intensive Abgeschlagenheit, ein stoned-Gefühl die Motilität und Körperbeherrschung stark einschränkt. Die Reduktion von REM-Phasen und folglich mangelhafte Schlaferholung bei hohem Melatoninspiegel durch häufige Intoxikation mindert die Valenz des Immunsystems, führt zu Lethargie und kurzzeitigen Gedächtnisverlusten bei untersuchten Dauerkonsumenten des „National Institute on Drug Abuse“.[405] Die gottesdienstliche, niederfrequente Anwendung bei buddhistischen Mönchen Indiens ist eine Entgrenzungserfahrung des komplexen Klar-Bewußtseins, die mit kiffenden Kindern nicht vergleichbar ist. Nicht nur die THC-Konzentration entscheidet über die Wirkung, sondern das Gesamtsetting. Kontrolliert genommen kann es die Gesundheit umfassend stabilisieren und ist in Honig und Milch ein „Unsterblichkeitstrank“.
Die erregenden Wirkung des Ephedrin und ihre Hypermotilitätseffekte stimmen präzise zu den orgienhaften Schlachtungen der Rinder in kriegerischer Raserei. Die vitalisierende Tonussteigerung geben ein Unsterblichkeitsgefühl. Boyce u.a. vermuten, Haoma sei Steppenraute. Demnach wäre nicht eine halluzinogene, sondern eine gesteigerte inspirative und introspektive Erfahrung die Gottesdienstwirkung des Haoma. Die hohe Reflektiertheit der Gathas spricht dafür.
Ob nun Ephedra oder Peganum harmala: Die Visionen der Haoma-Gemeinde waren von einer Glückseligkeit getragen, die anmutete wie das beste Leben, was man eigentlich erst nach dem Tod erhoffte. Der Haomagottesdienst bekam Vorscheincharakter für das Paradies. Dazu treten Huldigungen und Verehrung, lautes Gebet des Ahuna Vairya »mit Haoma und Fleisch, Barəsman, Weisheit der Zunge, mit den heiligen Worten, dem Sagen und Tun, mit Opfergaben und den richtig gesprochenen Worten.«[406] Es kommt auf die exakte Rezitation der auswendig gelernten Gebetstexte an, ja sogar auf Lautstärke und Rezitationsgeschwindigkeit, was hypnotischen Effekt hatte, vielleicht sogar aus Orphik und mandäischem Seelenaufstieg bekannten Paßwortcharakter: »Heil soll dem Manne werden, der zu dir wahrlich betet, Brennholz in der Hand, Barəsman in der Hand, Milch in der Hand, den Mörser in der Hand, mit gewaschenen Händen, mit gewaschenem Mörser, bei gespreitetem Barəsman, aufgesetztem Haoma, aufgesagtem Ahuna Vairya.«[407] Barəsman ist ein Zweigbündel vom Granatapfelbaum.[408] Nur beim richtigen liturgischen Stallgeruch des vom Priester (Zaotar) oder Sippenvater zelebrierten Opfers öffnet sich der Sesam des Götterherzens[409] und läßt Miθra sich nieder, nimmt Lob entgegen und nimmt das Opfer auf seinem hochrädrigen Streitwagen mit in sein Himmelshaus.[410]
Einige Stellen im Mihr-Yašt klingen, als haben die Mazda-Anhänger das Haoma-Ritual und den Miθra-Glauben als ursprüngliches und gemeinsames Bekenntnis weitergetragen.[411] Wenn Zaraθuštra Yt 10,119 von Ahura Mazdā aufgefordert wird, den Miθra zu verehren und seinen Schülern von ihm zu erzählen, so paßt dies nicht zu der deutlichen Absage, die Zaraθuštra dem orgiastischen Rinderschlachten erteilt hat, und die ihm auch Verfolgung durch mithrische Feudalherren eingetragen hat. »Wenn aber die Zendhymnen die charakteristische Physiognomie des alten Lichtgottes noch durchschimmern lassen, so hat das zoroastrische System, indem es seinen Kult übernahm, seine Bedeutung in einzigartiger Weise reduziert. Um in den avestischen Himmel einzugehen, mußte er sich seinen Gesetzen beugen. Die Theologie hatte Ahura Mazda an die Spitze der himmlischen Hierarchie gestellt, und seitdem konnte sie jenen nicht mehr als ebenbürtig anerkennen. Mithra wurde nicht einmal unter die sechs Amshaspands eingereiht, welche dem höchsten Gott die Welt regieren helfen. Man hat ihn mit der Mehrzahl der alten Naturgottheiten in die Schar der niederen Genien, der von Mazda geschaffenen Yazatas, verwiesen... Als Schirmherr der Krieger hat er zum Begleiter Verethraghna, den Sieg, erhalten; als Verteidiger der Wahrheit ist er verbunden mit dem frommen Sraosha, dem Gehorsam gegen das göttliche Gesetz, mit Rashnu, der Gerechtigkeit, Arshtāt, der Redlichkeit«.[412] Auch wird Miθra in den Gathas nicht erwähnt. Hier könnte also ein nachzarathuštrischer Einschub die Zoroastrier dazu bringen, dem durch Kriegeradel und Militär im Achämenidenreich wieder erstarkten Miθra-Dienst keinen Widerstand mehr entgegenzusetzen. Die Inschriften Artaxerxes II. markieren ca. 400 v.Chr. diese Wiedereinführung Miθras neben Ahura Mazdā als religionspolitisches Pat beider Anhängergruppen. Trifft zu, daß Miθra im Kriegeradel verwurzelt war, so war dies vermutlich eine politische Notwendigkeit für den Ernährerstand, um religiös kaschierten Übergriffen des Rittertums keinen Vorschub zu leisten. Wenn Miθra als weltbester Gott angebetet wird, ist dies Konkurrenz, keine Koexistenz.[413] Für die reinen Mazdaisten schwang darin die Drohung mit, zu den Druggenossen gezählt und als solche behandelt zu werden, wenn sie Miθra nicht die gebührende Verehrung erweisen sollten. Mit dem Etikett „Druggenossen“ aber sinken gegenüber dem Kriegeradel die Überlebenschancen rapide.[414]
1.4.1.4 Die Fravaši als Seelen der Verstorbenen und die Genese der Erzengel
Die kosmologisch aufgeweitete Schöpfungslehre Gen 1 (Kopie von Enūma Eliš) hat mit dem Machtzuwachs einer Monokratie Jahwes zugleich die anderen Götter von Ex 20,3 depotenziert zu teils freundlichen, teils feindlichen Engelwesen eines differenziert hierarchisierten, geradezu verbeamteten Himmels.[415] Auf der Bundeslade standen als Hüter Cherubim, Stiere mit Flügeln. Geflügelte Engelwesen tauchen vor dem Exil im AT nicht auf. Die Himmelsleiter am Jabbok kennt die Flugengel noch nicht. Woher stammen diese? Aus der Kuschan-Zeit im 3. Jh.v.Chr. findet sich in Tillya-tepe eine Goldstatue einer geflügelten Aphrodite-Anāhītā, cf 1.4.4.
Dem Wagen Miθras folgen auch die Fravaši, die Schattenseelen der Toten, Lebenden und Künftigen. Ihr Wohnsitz ist nicht nur die Erde, sondern der Himmel, in dem sie als Heerschar mit Speer und Roß den Himmel schützen.[416] Die Fravaši sind Schutzgeister, Schutzengel. Jeder Fromme hat einen Fravaši, der seine Seele in einem höheren geistigen Urwesen ist, also quasi die mēnōk-Version der eingefleischten Seele (urvan), die sich post mortem wieder mit ihrer Fravaši vereinigt. »Wir verehren daher die Seelen der Hingeschiedenen, die Fravašis der Ašagläubigen. Wir verehren nun die Fravaši aller verblichenen Nächstverwandten dieses Hauses, der PriesterLehrer und Schüler, der ašagläubigen Männer und Frauen.«[417] Sie werden oft zusammen mit Ahura Mazdā, Miθra, Pferd-Sonne, Rind-Mond und Sternen, Wasser und Pflanzen und Ahura Mazdās Sohn Atar (=Feuer) genannt.[418] Sie werden verehrt »mit den geistigen und stofflichen Yazatas, die starken, rings siegreichen Fravaši der Ašagläubigen, die Fravaši der ersten Glaubenslehrer, die Fravaši der Nächstverwandten«.[419] Selbst Ahura Mazdā, die Aməša Spənta und der Urmensch Gaya (Gayōmard) haben eine Fravaši, die angerufen werden und herbeikommen können und ihre Huldigung durch Gebet und Gesang genießen.[420] Lebende, Tote und Zukünftige haben eine Fravaši, auch die Saošyants (Yasna 45,11), die endzeitlichen Retter.[421] Nur das Urrind hat keine Fravaši, sondern eine urva, wie alle Tiere.[422]
Der Fravardīn-Yašt
13 ist den Fravaši
gewidmet und preist fast genealogisch in riesigen Listen die Ahnen
aller Stämme
und ihre Kriegs-Heldentaten. Die gesamte Natur und Zivilisation ist von
den Fravaši
durchdrungen, überwacht, gelenkt und geschützt. Das Hamaspatmaēdaya-Fest
wird alljährlich für 10 Nächte gefeiert, in
denen die Fravaši ihre Familien
heranfliegend besuchen und dort mit Gesang, Opferfleisch und Kleidung
verwöhnt
werden.[423]
Die Fravaši dürften zu den ältesten
indoeuropäischen Relikten gehören und
bieten einerseits die schamanische Stufe der in geistige und materielle
geteilten Seele und andererseits die Paradiesvorstellung von der
entgegenkommenden daēna
als Freude des Frommen.[424]
Die
Kurgane im Donezbecken illustrieren diesen Glauben, daß die
Seelen der
Verstorbenen in Luxus weiterleben; ihre Grabkammern werden prunkvoll
ausgestattet und mit erdrosseltem Hofstaat, Vieh und Pferden und selbst
Bergen
von Grasnaben als Weideland zu einer Residenz ausgebaut, in der es an
nichts
fehlt. Diese Ausstattung spricht auch dagegen, daß die
Schattenseelen der Ahnen
als etwas Unkörperliches verstanden wurden; daß sie
essen im Grab, zeigt, daß
sie ein quasi körperliches Dasein weiterführen wie
die Mumie des Pharao mit
seiner Ba-Seele verkoppelt ist.[425]
Wenn selbst Ahura
Mazdā eine Schattenseele hat, ist
diese die ältere Form
geistiger Wesenheiten und die Entstehung der großen
Hochgötter leitet sich aus
der Extrapolation dieser Schattenseelen ab. Die
Hochgötter sind Schattenseelen, in denen bestimmte
Qualitäten zu einer revolutionären
Prägnanz akkumuliert sind, die ebenfalls in neuen sozialen
Ordnungen ihren
Ausdruck finden.
Yasna 16,6f bieten ein Bild des Sonnenhimmels als anfangslosen ewigen Lichtraum, in dessen Licht die Seelen der Verstorbenen in den Wohnungen der Wahrheit ruhen: »den anfangslosen ewigen Lichtraum verehren wir. Die sonnigen Wohnungen des Aša verehren wir, in denen die Seelen der Verstorbenen ruhen, sie, die Fravaši der Ašagläubigen; das beste Dasein der Ašagläubigen, das lichte, alle Wonnen bietende verehren wir.«[426] Platons Seelenhimmel hat hier sein Vorbild. Erzengel sind die Yazata als verselbständigte Fravaši, die im Lauf der Tradition zu immer mehr Göttlichkeit gefunden haben. Engelwesen gab es als geistiges Ebenbild der irdischen Seelen, als Fravaši, die im Himmel leben. Die Aməša Spənta sind dabei das eigentliche Vorbild der Erzengel, Personifikationen göttlicher Eigenschaften, die im Menschenleben gestaltet werden. Aus dieser geistigen Verdopplung der irdischen Existenz haben sich durch Ruhm und Popularität bestimmte Schattenseelen zu herausragenden Figuren entwickelt: gute Yazata, die quasi vom Fravaši-Sein aufgestiegen sind zu kleinen Gottheiten und neben Ahura Mazdā weiterhin angebetet wurden wie die Heiligen im Katholizismus. Zahllose geistige Wesenheiten mit gestuftem göttlichen Status bevölkern die geistige Welt ebenso wie die materielle. Im Fravardīn-Yašt 13 werden endlose Listen von solchen Menschen aufgezählt, deren Taten und Aura in die Geschichte des Volkes und der Religion eingegangen sind und treu im Gedächtnis bewahrt bleiben in anamnetischer Solidarität.[427] Diese Listen von Helden und guten Menschen und ihren Taten sind präzise das Vorbild für das Buch des Lebens im Weltgericht geworden. Genauso gibt es die bösen Geister, die Daēvas, Dämonen im Gefolge Ahrimans. In Henocha und Gnosis lebt dies in der Lehre von den gefallenen Engeln, die Menschentöchter geschwängert haben und im 2. Himmel auf ihre Strafe warten, wieder auf.
1.4.2 Zaraθuštra
Spitāma und der iranische Dualismus
1.4.2.1 Die soziale Situation im Ostiran & Biographisches über Zarathuštra
Zaraθuštra Spitāmā lebte 77 Jahre und 40 Tage, geboren 630 v.Chr. im Stammland der Kamelzucht Baktrien, jetzt Nordwest-Afghanistan, pflanzte mit 42 Jahren 258 Jahre vor Alexanders Persepolis-Schleifung und Zerstörung des Achämenidenreichs, also 258 Jahre vor 330 = 588 v.Chr.[428] seine berühmte Zypresse vor seinem Feuertempel in Kešmar zu Ehren Goštāsps, seines Gönners, Kavi Vištāspa.[429] Zarat ist goldfarben, uštra heißt Kamel, Zaraθuštra ist der mit goldfarbenen Kamelen, nur Reiche konnten Kamele züchten oder Pferde, aspa, im Namen von Fürst Vištāspas zeugt schon der Namen vom Züchterwohlstand, während einfache Hirten Schafe, Ziegen und Rinder hatten.[430] Reliefs an der Audienzpalasttreppe von Dareios (Dārayavauš) in Persepolis zeigen Delegationen der 23 Achämeniden-Völkerschaften mit Ehrengeschenken beim jährlichen Frühlingsfest.[431] Dort führen fast nur die Baktrier und Chorasmier ein Kamel in der Tributprozession. Um 800 v.Chr. existierte im Ostiran ein Großreich mit acht Herrschern über fünf Generationen von Hyrkanien am Kaspischen Meer im Westen über Merv bis Baktrien im Osten, im Süden von Drangiana (heute Sistān) bis Arachosien. Westliche Nachbar waren die Meder im Westiran, südwestlich lebten die Elamiter mit Susa als Hafenmetropole am Golf. Dieses Reich ist gerade in mehrere Teilfürstentümer zerfallen, als Zaraθuštra aufwächst.[432] Kavi Vištāspa, an dessen Hof Zaraθuštra als Wanderpriester eine Anstellung findet, hat vermutlich Chorasmien regiert, heute Chorassān, vom westlichen Nišāpur bis Merv und südlich bis Herāt. Es liegt westlich von Baktrien, so daß Zaraθuštra nach zehn Jahren erfolgloser Überzeugungsarbeit in Baktrien über die Grenze gen Westen nach Chorasmien gezogen sein dürfte.[433]
In
den breit ausladenden Hochtälern zwischen
gewaltigen kahlen Bergzügen lebten die Bauern mit ihren
großen Schafs-, Ziegen-
und Rinderherden. Die Bauernhöfe bildeten
sippenmäßige Dörfer, die nach
Stammeszugehörigkeit zu Gauen verbunden das
Fürstentum mit einem Fürstenhof
gliederten, an dem der vermutlich mit Pferdezucht und sicher mit
Streitwagenrennen
und Löwenjagd beschäftigte Kriegeradel und die
Hof-Priester die feudale
Oberschicht bildeten.[434]
Eisige Winter mit tiefem Schnee folgen heißen Sommern. Wenn Zaraθuštra zweispännig gefahren ist (Yasna 51,12) wie die Kriegswagen, hat es auch befestigte Straßen gegeben.[435] Baktra lag direkt an der Seidenstraße nach China. Erst ab 114 v.Chr. Seidenkarawanen von China über die Lop-Nor-Salzwüste (Oase Lou-lan) im Tarimbecken, Nord- Mittel- und Südstrecken führen aber alle durch Baktra.

In Baktrien und Chorasmien muß es schon lange vor der Achämenidenzeit eine gute Infrastruktur gegeben haben.[436] Yašt 16,3 wünscht dem Reisenden »Landstraßen, gut befahrbare,/ Berge mit gebahnten Pfaden,/ Wälder mit guten Steigen,/ schiffbare Flüsse mit guten Brücken.«[437] Nach DSp preist Dareios sein Land: »Ahuramazda, der größte der Götter, er schuf Dareios den König, er gab ihm ein gutes Königreich, reich an Wagen, reich an Rossen, reich an Menschen«.[438]
Während Zaraθuštras Lebenszeit eroberte Kyros Babylonien und das Mederreich, ziehen die jüdischen Exulanten heim nach Jerusalem, macht Dareios (Dārayavauš) Persien zum Großreich. Zeitgleich mit Zaraθuštra leben Jeremia, Ezechiel, Daniel, Deuterojesaja, in China Konfuze und Lau-dse, in Indien Gautama Buddha.
1.4.2.2 Der Priesterdienst Zarathuštras
Zaraθuštra übte selbst den priesterlichen Opferdienst aus; seine 16 bzw. 17 Gathas als poetische, kaum den einfachen Leuten verständliche, zum Lobpreis allein der Gottheit verdichtete Ritualtexte stammen aus indogermanischer Tradition der Zaubersprüche.[439] Es sind hochkomplexe zauberformelartig verdichtete Gesänge, geschrieben vermutlich zur Rezitation bei der gottesdienstlichen Umschreitung des Feueraltars zur Anbetung des einzigen wahren Freundes, des einzigen Gottes: Ahura Mazdā, Weiser Herr.[440] In der Tradition weißer Schamanen hat er - so Nyberg - im Drogenrausch (xvamn) Gottesvisionen von Ahura Mazdā, deren gebetsartige hochpoetische Aufzeichnung zugleich Verkündigung ist.[441] Im Bahman Yašt 2,1ff empfängt er seine Vision vom Baum der Weltreiche durch einen Unsterblichkeitstrunk von Ahura Mazdā, womit dort zwar nur Wasser bezeichnet ist, was aber unschwer als Haoma-Trunk identifizierbar ist. Er bezeichnet sich als Seelengeleiter derer, die sich mit ihm in Ekstase der Anbetung und Anrufung (vahmāi) vereinigt haben, über die Cinvat-Brücke.[442] Y 46,10f »Wer mir (sei es) Mann oder Weib, o Weiser Herr, (das) gäbe, was du als das Beste des Daseins kennst, (dem gib) als Vergeltung für (sein) Wahrsein das Reich durch Gutes Denken. Die, welche ich zur Verehrung für euresgleichen geleite, mit denen allen will ich die Brücke des Cinvat (des Scheiders) überschreiten. 11 Durch (schlechte) Herrschaft verleiten die Opferpriester und Fürsten den Menschen, mit schlechten Taten das Dasein zu zerstören, (sie) welchen die eigene Seele und das eigene geistige Ich grollen wird, wenn sie dahin gelangen, wo die Brücke des Cinvat ist; für alle Zeit werden sie Genossen im Haus der Lüge sein.«[443] Das kann Totenbegleitung seiner Gottesdienstgemeindeglieder sein, aber auch durch Gesang und Umschreitung des Feuers induzierte kollektive Ekstase im Sinne einer gemeinsamen Himmelsreise. Genau diese Form der Himmelsreise mit Gesang als spiritualisierte Versenkung finden wir ebenso im Zostrianos wieder und von daher sind die Berufungen auf Zoroaster in dessen Umfeld stichhaltig. Eine klassische schamanische Extasetechnik bei Zaraθuštra fehlt allerdings. Eine Initiation durch Zerstückelung des Leibes und Erneuerung der Eingeweide wird zumindest nirgends berichtet.[444]
Rigveda X,136,7 ist ein Beleg für indische Trancetechniken mit Drogenhilfe.[445] Cannabis in Wein als Trancetrank bewirkt auch bei Vištāspa ein Schauen mit dem Auge der Seele (gyān čašm), was die himmlische Existenz offenbart. Ardā Vīraf beginnt seine Himmelsreise ebenfalls mit dem »Narkotikum des Vištāspa«, was ihn 7 Tage und Nächte in Schlafvisionen versetzt, während seine Seele den Körper verläßt und über die Cinvat-Brücke in den Himmel gelangt, dort die Folterung der Gottlosen und die Belohnung der Gerechten im Paradies miterlebt. [446]Auch im indischen Chāndogya Upanišad VIII 12,5 ist manas (avest. manah) das Göttliche Auge Ātmāns. »Vermutlich stehen wir hier vor indo-iranischen Theorien über das ekstatische Schauen, Theorien, die vielleicht schon in indo-europäischer Zeit ihren Ursprung haben und die in der Folgezeit sich eines langen Lebens erfreuten.«[447]
Wenn er gegen den Miθrasdienst des drogengestützten Rinderschlachtens eintritt, so hat er damit nicht grundsätzlich die Droge Haoma verurteilt, sondern ihren zum Mordrausch führenden Effekt in dem grausamen Opferritus des Miθra-Kults. Haoma ist unzweifelhaft eine stärkere Rauschdroge als Haschisch, cf oben 1.4.1.2. Hennig argumentiert ironisch gegen einen bang-Konsum Zaraθuštras, der zwingend zu physischem, geistigen und moralischem Verfall, zu Willensschwund und Kriminalität geführt hätte.[448] Er hat wohl die Opiumhöhle Shanghais im Blick, was uns heute polytoxikomanisch als harte Drogenszene begegnet: Ichschwache, sozial entwurzelte orale Charaktere, die aus Diebstahl und Prostitution ihre kostspielige Sucht finanzieren. Ähnlich wie die Sauf-Schlägereien bei Schützenfesten müssen wohl auch die Exzesse der iranischen Krieger beim Rinderopfer gewesen sein. Daß die Haschisch-Experimente Baudelaires und der Gruppe um Ernst Bloch und Walter Benjamin zu einer ganz unglaublichen Schärfung des Blicks geführt haben, ein Zusammenwachsen der coenästhetischen Wahrnehmungspotentiale freisetzten, ist ihm unbekannt. Kontrollierter und gezielt applizierter Drogengenuß führt zu einer Wahrnehmungserweiterung. Farben, Klänge und Strukturen aller Art, von der musikalischen Fuge über Mandalas und Teppiche bis hin zu biologischen, gesellschaftlichen oder historischen Strukturen, werden klarbewußt erkannt aufgrund der erhöhten Aktivität des visuellen Cortex.[449] So verbreitet, wie der Haoma-Kult im avestischen Kontext ist, wäre es unverständlich, wenn Zaraθuštra keine Drogenerfahrung gehabt hätte. Seine ausgefeilte poetische Technik der Verdichtung und die Tiefe seiner Einsicht spricht sehr für Drogenkonsum.
Er hatte einen Schülerkreis von Wanderradikalen um sich geschart, bettelarm in dunklen Lumpen mit Keule, die durch ihre Ausgelassenheit auffielen.[450] Zaraθuštra hat vermutlich an Fürstensitzen (Kavi = Gebieter) als Priester gearbeitet und so seinen Lebensunterhalt verdient. Nach Yasna 44,14 hat Zaraθuštra einmal 10 Stuten, einen Hengst und ein Kamel bekommen, er sagt selbst: 10 hengstversehene Stuten (arsanvatī), also befruchtet und quasi im Doppelpack. Und er fürchtet, dadurch in der Wahrheit korrumpierbar zu werden. Diese Priesterbesoldung wird auch von den Dānastutis des Rigveda häufig bekundet, wobei die unglaublich hohen Tiermengen eher eine Übertreibung zum Lobe des edlen Mäzen sein dürfte.[451] Yasna 51,12 berichtet von der Verweigerung des Gastrechtes, die Zaraθuštra am Hofe eines Kavi mitten im Winter bei klirrendem Frost, vor Kälte schauernden Zugtieren: »Der zu den Kavis gehörige Vaēpya (Kinderschänder), der breite Erde hat(?), war dem Zarathuštra Spitāmā nicht günstig, als er ihm Aufnahme bei ihm verwehrte, als seine beiden vor Kälte schaudernden Zugtiere zu ihm kamen.«[452] Er hatte eine kleine Rinder- und Schafherde dabei.[453] In seiner Karawane befand sich auch seine Tochter Purucistā und sein Vetter Nadyomanha, so daß wohl neben Anhängern auch die ganze Familie mitzog, was durch Wagen erleichtert wurde.[454]
1.4.2.3 Feuerkult und Gottesdienst als Vorspiel des Paradieses
Gottesdienst ist vor allem Gotteslob. Y 28,9: »Um dieser (erbetenen) Gnade willen wollen wir euch (dich), o Herr, und das Wahrsein und das Denken, welches das beste ist, nicht erzürnen, die wir eifrig sind zu Darbringung von Lobliedern für euch; ihr fördert am schnellsten die Wünsche und das Reich des Heils.« Y 34,2f: »Und dies alles gebt ihr (du) und dein Guter Geist für das Denken des verständigen Mannes und für sein Handeln, dessen Seele von Wahrsein begleitet ist beim Rundgang mit Gesang in der Verehrung für euresgleichen, o Weiser, mit Liedern der Lobpreisungen. Und dir, o Herr, und dem Wahrsein geben wir mit Verneigung die Opferspende, damit ihr alle Lebewesen im Reich durch Gutes Denken gedeihen lasset. Erlangt ist ja stets bei euresgleichen o Weiser, das Heil des Guthandelnden (? Wohlverständigen).« Die Frage nach dem richtigen Gottesdienst ist für ihn beantwortet mit dem richtigen Leben in Wahrheit und gutem Denken, gutem Handeln. Y 34,12.15: »Was ist das dir Gebührende? Was wünschst du, was an Lobpreisung, was an Verehrung? Verkündige, o Weiser, daß man es höre, was die Vergeltung an Gebührendem verteilen wird. Lehre uns durch Wahrsein die Pfade, die zu gehen gut sind. 15 0 Weiser, so sage mir denn die besten Lehren und Handlungen, diese nämlich (geschehen?) durch Gutes Denken und durch Wahrsein (und sage mir) das Gebet(?) des Lobes. Durch eure Herrschaft mache, o Herr, nach (deinem) Willen das Dasein wirklich herzlich.«
Das Haus des Lobes (garō dəmānē) kommt in den Gathas als Gegensatz zum Haus der Lüge (drūjō dəmānāi) vor und meint die beiden Orte, an denen die Verstorbenen Lohn und Vergeltung bekommen für ihr Handeln auf Erden: Paradies und Hölle. Als erster ist Ahura Mazdā ins Haus des Lobes gegangen, es ist quasi sein Wohnsitz. Y 51,15: »Welchen Lohn Zarathuštra vormals den Gemeindeangehörigen (in) verheißen hat: das Haus des Lobes, dahin ist der Herr, der Weise, als erster gegangen; das ist euch durch Gutes Denken und Wahrsein mit Vorteilen versprochen.« So ist das Sein im Haus des Lobes ein unmittelbares Sein bei Gott.
Die Lügenhaften dagegen werden im Haus der Lüge hart bestraft. Y 49,11: »Aber den Lügnern, die schlechte Herrschaft ausüben, schlecht handeln, schlecht reden, deren geistiges Ich (oder: deren Lehre) schlecht ist, die schlecht denken, gehen mit schlechten Speisen die Seelen entgegen; im Haus der Lüge werden sie wahrlich Hausgenossen sein.« Hier taucht wieder der Daēna-Mythos auf: Die eigene Seele kommt einem jeden nach dem Tod entgegen mit jeweils den Speisen, die seinem Handeln entsprechen. Y 46,11: »Durch (schlechte) Herrschaft verleiten die Opferpriester und Fürsten den Menschen, mit schlechten Taten das Dasein zu zerstören, (sie) welchen die eigene Seele und das eigene geistige Ich grollen wird, wenn sie dahin gelangen, wo die Brücke des Cinvat ist; für alle Zeit werden sie Genossen im Haus der Lüge sein.« Opferpriester und Fürsten, also die ersten beiden und wohl auch reichsten und mächtigen sozialen Kasten der indoeuropäischen Trias Priester-Krieger-Bauer, reiht Zaraθuštra unter die Druggenossen ein.
Was eigentlich mit „Nicht-Sterben“ gemeint ist, wird ein Mal präzisiert als das glückliche Leben der Ašagläubigen im paradiesischen Haus des Lobes nach dem Tod. Y 45,7f: »Nach dessen Heil werden streben die Erfolgreichen(?), nämlich die, welche leben und die waren und sein werden; in Nichtsterben wird die Seele des Wahrhaftigen glücklich sein, immerwährend aber werden die Leiden des lügnerischen Mannes sein. Dies hat durch seine Herrschermacht der Weise geschaffen. 8 Ihn nun will ich mit Lobliedern aus Ehrfurcht für mich erwählen (mich für ihn entscheiden); denn jetzt gerade habe ich ihn im Auge erblickt, durch Wahrsein Guten Geistes (= Denkens), Handelns und Redens ihn, den Weisen Herrn, kennend. Also wollen wir ihm Anbetungen im Hause des Lobes niederlegen.« Das Haus des Lobes ist hier der Ort des gegenwärtigen Gottesdienstes.
Gottesdienst ist ein Vorgeschmack, Vorspiel des Seins bei Gott nach dem Tod. Wenn Zaraθuštra selbst die Aša-Treuen über die Cinvat-Brücke geleiten will, dann ist dies eindeutig der postmortale Weg in das himmlische Haus des Lobes, welches die Gatha-Gemeinde im singend-betenden Umkreisen des Feuers quasi antezipiert: Y 50,4.8f: »Und euch will ich preisend verehren, o Weiser Herr, (dich) zusammen mit Wahrsein und Bestem Denken und mit Herrschaft... stehen wird am Wege zum Haus des Lobes für den Gehorsamen(?)... 8 Mit Versen, welche erhört werden um meines Eifers willen, will ich euch, o Weiser, umschreiten mit ausgebreiteten Händen, euch dann mit Wahrsein und Verehrung eines Getreuen, euch dann mit der Tüchtigkeit des Guten Denkens. 9 Mit diesen Verehrungen (Gebeten und Opfern) euch preisend will ich euch nahen, o Weiser, mit Wahrsein, mit Werken aus Gutem Denken. Wenn ich über meine Vergeltung (Verdienst) frei verfüge, dann möge ich als Wohlverständiger strebend ein (Voranschreitender?) sein.«[455] Gottesdienst ist ein irdisches Paradiesspiel.
Im Bundahišn 30,23ff SBE 5 wird nach der endzeitlichen Aburteilung der Bösen und Reinigung aller Auferstandenen im Fluß aus glühendem Metall ein großer Welt-Gottesdienst gefeiert, wo alle einmütig miteinander und den Engeln singen und der Urstier geschlachtet und aus seinem Fett mit Haoma der Unsterblichkeitstrunk bereitet wird, den alle eucharistisch trinken dürfen und damit auch im materiellen Sein unsterblich werden. Dann ist der Gottesdienst der zoroastrischen Gemeinde in der Tat ein Vorspiel der endzeitlichen Verwandlung der Welt.
Die erst später im Zusammenhang mit dem Anāhītā-Kult etwa ab 430 v.Chr. verbreiteten Feuerheiligtümer waren Türme mit einer Kammer, in denen ständig eine Glut gehalten wurde, von der per Trage-Altar das Feuer auf die Altäre unter freiem Himmel getragen wurde. Ursprünglich gab es nur Altäre unter freiem Himmel. Um sie herum wandelten mit erhobenen Händen die Anbeter Ahura Mazdās, der unsichtbar im ewigen Feuer, im ewigen Licht anwesend war. Bei dieser Umwandlung des Feuers sang Zaraθuštra seine Gathas. Das Feuer ist irdischer Abglanz des himmlischen Sonnenlichts, zu dem die Hände sich reckten. Das Feuer ist zugleich Mikrokosmos des göttlichen Lichts, welches die Himmelsanbeter in ihrer Mitte wärmend erfuhren. Feuer ist Energie, Lebenskraft, Prozeßwärme, Wachstumsprinzip, Körperwärme, Herdfeuerwärme, Sperma und Saat, ist der Motor des Lebens in den Dingen.[456]
In Vendidad 8,73-96 gibt es Gebote, das Feuer aus Leichenkochen, Mistverbrennung, Töpferöfen, Glasbrennöfen, Heizöfen, Gold-, Silber-, Eisen- und Stahlkochern, Backöfen, Herdfeuern und Lagerfeuern zum richtigen Ort (dāityō-gātuš) zu bringen. Dies wird im Himmel belohnt werden. Der richtige Ort dürfte das Altarfeuer sein und das Bringen von Brennholz aus allen diesen wirtschaftlichen Nutzungen des Feuers scheint eine Naturalien-Abgabe für den Feuerkult gewesen zu sein. Alle werden hier zur Unterhaltung dieses ewigen Feuers angehalten. Da Feuer heilig ist, sollte nichts unreines hineinkommen.
1.4.2.4 Gegen Haomarausch und Rindermord der feudalen Kriegerkaste
Fürsorge für das Rind und Leben in Wahrheit sind zwei zentrale Optionen, die immer wider in den Gathas begegnen. Y 29,1f: »Euch klagte die Seele des Stieres: Für wen habt ihr mich gebildet? Wer hat mich gestaltet? Mich haben Mordgrimm, Gewalttat, Blutdurst, Grausamkeit und rohe Kraft gebunden. Ich habe keinen anderen Wirt (Hirten) als euch; so verschafft mir gute Wartung (Weide). 2 Da fragte der Bildner des Rindes das Wahrsein: Hast du einen Obmann für das Rind, daß ihr, die ihr es vermögt, ihm mit der Wartung (Weide) rinderpflegenden Eifer gebet? Wen wünscht ihr ihm als Herm, der den von den Lügnern (ausgeübten) Mordgrimm abwehren möge? 3 Ihm antwortete (das Wahrsein): Für das Rind gibt es gemäß dem Wahrsein keinen Gefährten (?, Genossen?), der ihm nichts Schlimmes antut. Von jenen (den Menschen) kann man nicht wissen, wie gegen die Geringeren (niedriger Stehenden) die Hochstehenden vorgehen. Von den Seienden (= von allen) ist der Stärkste der, zu welchem ich auf seine Rufe mit Beistand (? Hilfe?) komme.«[457] Ziel des Weltprozesses ist die Ausrottung des orgiastischen Rinderschlachtens; in der Klage des geschundenen Rindes optiert Zaraθuštra für die gesamte niedergetretene Kreatur.[458] Dahinter verbirgt sich die Option für den niederen Hirtenstand gegen die schamanisch-ekstatischen, brutale Riten übenden Männerbünde des Kriegerstandes.[459] Er vertrat, selbst aus dem Priesterstand zum Priester ausgebildet, eine Weidewirtschaftskultur mit Rinder-, Pferde- und Kamelzucht, die vom Kriegerstand oder von räuberischen Nomaden, u.U. einer Abspaltung der arischen Viehzüchterkultur, bedroht wurde.[460] Y 29,5: »Sodann mit zum Herrn erhobenen Händen euch gnädig stimmend wollen wir beide, meine Seele und die der Mutterkuh, den Weisen zu Anordnungen bewegen, daß nicht dem Rechtlebenden Bedrückung geschehe noch dem Viehzüchter unter den Lügenhaften ringsum.«[461] Zaraθuštra wird zum Anwalt der lobbylosen Viehzüchter berufen (Y 29,6) und da er selbst ohne Lobby ist, soll Ahura Mazdā ihm die Macht und Lobby sein, um den Schutz der Rinder durchzusetzen (29,8ff) und die Nahrung soll Milch und Butter sein, sicher auch Käse, aber kein Fleisch. (Y 29,7)
Pater Wilhelm Schmidt prägte den Begriff des Weißen Schamanismus als eine Reaktion der Hirtenkultur mit ihrer Himmelsreligion auf das Eindringen des schwarzen Schamanismus mit Jagdzauber und Techniken der Bemächtigung des Opfertieres und seiner Lebenskraft.[462] Genau dieses Erstarken der seßhaften Viehzüchter gegenüber dem Kriegeradel spiegelt der Kampf Zaraθuštras. Daß sich der Priesteradel erstmalig nicht mit dem Kriegeradel verbunden fühlt, sondern mit der seßhaft werdenden Bauernkultur, markiert auch soziologisch einen Wendepunkt mit der Rebellion einer aufsteigenden sozialen Klasse, die ökonomisch so stark geworden ist, daß sie bei aller Angst vor den Repressionen der Kavis und ihrer Ritter ihrer Klage über deren Naturalbesteuerung in Form von Schlachtvieh Ausdruck verleiht. Es markiert zugleich eine ökonomische Wende im Priesterstand, der nicht mehr von Jagdbeute der Krieger unterhalten wird, sondern sich eine eigene Herde als Priesterlohn erarbeiten kann, von der er leben kann. Wenn die Seele des Rindes klagt auf einen guten Hirten, so will sie Weide, Milchprodukte und keine ausschließliche Fleischproduktion, wie wir es heute nennen bei einer ähnlich verkümmerten Einfühlung in Tierseelen wie die mithrischen Druggenossen. Daß es im Paradies Frühlingsbutter und keine Steaks zur Begrüßung gibt (Y 29,7; 49,5), zeigt den Beginn der Prävalenz der seßhaftem Weidewirtschaft vor dem Kriegeradel. Oft ist auch von Mais-Anbau die Rede.(Vd 3,4.23.26.30f; 5,5; 7,32; 9,53ff; 13,52ff; 14,10ff; Mēnōk-i Chrad 21,29; 62,21; Dadestan 49,1-10; 66,29ff; 81,17; 94,69; Dēnkard 7,1,11ff) Auch Wein wird angebaut (Dadestan 50). Einblick in die diversifizierte Agrarkultur, Heil-Pflanzennutzung, Handwerkszunft und Kunst geben Dēnkard 7,1 und Bundahišn 27 SBE 5. Das Ordal mit glühendem Messing und der Urstiermythos, aus dessen geschlachtetem Leib auch die sieben Metalle werden, zeigt, daß es eine Metallgewinnung und Schmiedekunst gegeben haben muß.
Der Kriegeradel frönte der Ernährung durch Fleisch, was der militärischen Mobilität dieser räuberischen Horden entsprach: es wurde gejagt oder geplündert und abgeschlachtet. Von diesem Erbeuten und dem Siegesrausch zeugen die orgiastischen Stieropfer. Man tötete nicht nach Bedarf in einer nachhaltigen und langfristigen Tierzucht, sondern nahm alles, dessen man habhaft werden konnte und schlachtete es im Fest der Sieger nach altem mithrischen Brauch mit dem halluzinogenen Pflanzensud Haoma berauscht. Haoma soll Unsterblichkeit verleihen, was wohl eher ein langes Leben in voller Kraft und Gesundheit meint und die Heilkraft nach kriegerischen Verwundungen. In einer Zeit fortgeschrittener Landwirtschaft mit Molkereiproduktion wird diese Ernährungsweise der plündernden Kriegerhorde von der Hand in den Mund zu einer Bedrohung der bäuerlichen Existenzen, die ihre Tiere auf Nachhaltigkeit hin züchten und Hüten und Bewahren als ethische Grundregeln ihrer Ökonomie entwickeln anstelle des Untertanmachens und Beherrschens des alten Kriegeradels. Y 44,20: »Waren denn, o Weiser, die Götter (Götzen) gute Herrscher? Das frage ich noch - welche (Götter) zusehen wie ihnen zuliebe der Opferpriester und der Usixš das Rind dem Mordgrimm übergeben und wie der Fürst (Kavi) es in seiner Seele weinen macht; nicht streben(?) sie durch Wahrsein die Weidewirtschaft zu fördern(?).« Offenbar wurde wie in schamanischen Pferdeopfern im Altai das gefesselte und geweihte Tier vom Priester den Kriegern übergeben, die es auf brutale Art zu Tode brachten, vielleicht durch Brechen der Wirbelsäule, um Blutfluß auf die Erde zu verhindern. Später - vielleicht unter dem Druck der Zoroastrier? - hatte der Bereiter des Haoma das Privileg, das gefesselte Tier zu töten und dies wäre nur mit einem langen Messer möglich wie bei den Basreliefs der Mithräen. Dies könnte eine altiranisch-mithrische Vorform des späteren Miθraskultopfers sein, die sogar noch in der indischen Yajur Veda bewahrt ist.[463] Das Stieropfer ist eine Wiederholung der mythischen Stiertötung Miθras und des Mahles, welches dieser sich danach aus dem getöteten Stier gebraten hat. Aus dem toten Stier entsteht alles Leben der Erde, Getreidesamen quillt aus seinem Schwanz, der auf dem Mond gereinigt und als Fruchtbarkeit an die Erde zurückgesandt wird: »Der Same des Stiers (gao) wurde hochgebracht zur Mondstation (gaociθra). Dort wurde er vollständig gereinigt und produzierte die mannigfaltigen Sorten von Tieren. Zuerst einen Stier und eine Kuh, später wurde ein Paar von jeder Rasse zur Erde entlassen... Er wurde doppelt geschaffen, einmal als Rind, einmal als Mannigfaltigkeit des Tierreichs. 1000 Tage und Nächte lebten sie ohne Essen, dann tranken sie Wasser und verschlangen Grünzeug.«[464] Die arische Miθra-Gemeinde hat mit ihrem Stieropfer die Widerholung des großen Schöpfungsakts gefeiert. Zaraθuštra nennt dieses 'Mordrausch' (aēšma), er lehnt jede Opfertötung als Verhöhnung des Lebens ab. Y 48,7: »Der Mordgrimm soll (gefesselt) niedergehalten werden; Gewalttat wehret ab, die ihr (die Ernte?; den Lohn?) des Guten Denkens durch Wahrsein festhalten wollt, dessen Genosse der verständige Mann ist; so werden seine Wohnstätten in deinem Hause sein, o Herr.« Die rauschhafte Tötung des Stieres soll den von seinem Blut begossenen Krieger mit seiner göttlichen Kraft vereinigen.[465] Die Einverleibung des göttlichen Himmelsstiers wird als selbstvergottende qeopoi/esij zelebriert, als heilige Mahlzeit der Partizipation an Kraft und Wesen der Gottheit. Die Männerbünde, in denen die Krieger durch Schlachtopferexzesse sich der Wildheit und Kraft der getöteten Tiere bemächtigen wollen, haben wenig mit schamanischer Initiation zu tun.[466] Bei den Germanen haben die berserkir eine analoge kriegerische Extasetechnik entwickelt.[467] Hier geht es um mystische Mimesis der Tierheit, wie sie urtümlich zu den Jagdriten paläosibirischer Völker gehört.
Zaraθuštra kritisiert sowohl Haoma-Ritual als auch Rindertötung. Die Fürsten hat er dabei nicht auf seiner Seite. Y 32,14: »Auf dessen (des Propheten) Hemmung haben der Grehma (?) und zumal die Fürsten (Kavi) schon längst ihre Absichten und Kräfte gerichtet, weil sie darangehen, dem Lügenhaften zu helfen und weil gesagt wurde, das Rind (der Stier) muß getötet werden (von dem) welcher den duraoša (Haoma) aufleuchten läßt.« Y 48,10: »Wann, o Weiser, werden des... (?) Männer sich einstellen(?), wann wirst du den Harn dieses Rauschtranks niederschlagen, mit welchem die Opferpriester böslich Leibweh verursachen und mit welchem sie mit Willen schlechte Herrscher der Länder sind« Er verbindet in schroffer Ablehnung dieses Mithrischen Kriegerkults den von ihm visionär generierten und anfangs wohl ziemlich erfolglos gepredigten Gottesglauben an Ahura Mazdā mit einem vorbildlichen sozialen Handeln zu einem bewahrenden Umgang mit Tieren und Umwelt.[468] Der Stier, mit dem Urmenschen erste Schöpfung, war die Lebensgrundlage der Bauern.
Historische Basis des Dualismus Licht-Finsternis war der soziale Antagonismus der Bauernkultur mit dem Kriegeradel des feudalistischen Altirans. Je krasser die soziale Bedrohung, um so schärfer die religiöse Scheidung des Guten und Bösen. Der Kampf des Guten gegen das Böse ist ja selten endgültig gewonnen, so daß sich eine eschatologische Perspektive von selbst aus der Hoffnung auf künftigen Sieg des Guten ergibt.[469] Die Saošyants sind für ihn noch nicht die endzeitlichen Retter, sondern konkret in naher Zukunft erhoffte Männer unter den Bauern, die Mut genug haben, eine Änderung der feudalen Ordnung politisch umzusetzen. Y 48,12: »Und die werden künftige Helfer der Länder sein, welche durch Gutes Denken und durch mit Wahrsein (verrichtete) Werke der Erfüllung deines Gebotes nachgehen, o Weiser; denn sie sind geschaffen als Unterdrücker (Bekämpfer) des Mordgrimms.«[470]
Für Zaraθuštra hatte der Gegensatz von Licht und Finsternis als ein ethischer von Gutsein und Bösesein einen präzisen sozialen Sinn: Finsternis herrschte in den Höhlen der Miθras-Krieger bei ihrem nächtlichen Rinderschlachten. Y 44,5 »Das frage ich dich, sage mir's recht, o Herr, welcher Werkmeister hat Licht und Finsternis erschaffen? Welcher Meister hat den Schlaf geschaffen und das Wachen? Wer ist's, durch den Morgen, Mittag und Nacht (geschaffen sind), welche den Verständigen an sein Tagewerk mahnen.« Der Fügsame erwirbt sich durch gutes Denken und gute Taten einen Platz im besten Leben, im Paradies hoch droben. (Y 44,6ff) Daß er fleißige Frühaufsteher lobt, die Schläfrigkeit als Dämonin mit langen Händen tadelt, finden wir wie die Verurteilung von Rausch und Trunkenheit als Insignien der finsteren Mächte später in der Gnosis wieder. Diese Diastase dürfte einer sozialen Diastase von Bauern versus Kriegeradel entsprochen haben, wobei analog zum mittelalterlichen Rittertum die Chance zum Feiern und Orgien-Organisieren sicherlich nicht aus eigenhändiger Arbeit stammt, sondern aus einer Ausplünderung der bäuerlichen Bevölkerung. Damit war die Stoßrichtung Zaraθuštras zugleich die gegen eine Ausbeuterklasse, die auf dem Rücken der Viehzüchter ihr Faulenzen zu genießen verstand. Alle Attribute des Dualismus haben lebenspraktische Bedeutung im signifikanten Handeln zweier antagonistischer sozialer Klassen und die Parteinahme für die Unterdrückte der beiden ist die Option für die Ernährer, ohne deren Fleiß die anderen nichts zum Schlachten hätten. Darum liegt die Zukunft des Sozialwesens und so dann auch die Wahrheit im fleißigen Bauernstand und seinem fürsorglichen Umgang mit der Natur und nicht in der Dekadenz des parasitären Miθras-Krieger-Adels.
Die Option Zaraθuštras für die Rinder und mit ihnen für alle Tiere stellt eine der frühesten Formen einer ökologisch bewahrenden Partnerschaft mit der Natur dar; allenfalls Jesajas Tierfriede von Wolf und Lamm, Bär und Kuh (11,6-9) und das in der Schöpfungsauftrag-Variante Gen 9,3f bei Noah schon wieder zurückgenommene vegetarische Fleischverbot Gen 1,29f fallen in der Sensibilität gegenüber der nährenden Umwelt radikaler aus; faktisch ist das Schächten der Tiere aber keineswegs Tierfriede. Das Rind hätte sich, bei freier Wahl, sicherlich eher für Zaraθuštra als guten Hirten entschieden als für israelitische Hirten.
1.4.2.5 Die geistigen Wesen: Ameša Spenta als personifizierte Tugenden
Die 'Rechte Ordnung' (aša
= Wahrsein) im
einfachen alltäglichen Lebensvollzug durchzuhalten ist schon
der ganze Gottesdienst.
Meditation, Versenkung in Zwiesprache mit dem Geist der Wahrheit - das
ist eine
einfache, praktische Religiosität, keineswegs metaphysische
Spekulation.
Weisheit war es in der Tat, tätig zu sein im
bäuerlichen Ackern und Hüten der
Herde, denn dies garantierte eine Zukunft des Gemeinwesens, des
Stammes, der
Nation, die sich immer mehr unter Kyros
II.
dann auch zu
konsolidieren begann. Aša
ist eine der
sechs Aməša
Spənta , der Klugen Unsterblichen,
die zugleich Himmelswesen
und Gotteseigenschaften und menschliche Tugenden sind und in denen sich
eine
ethische Brücke zwischen dem Göttlichen und dem
Menschlichen schlägt. Aša,
Wahrsein oder 'Rechte Ordnung', taucht meist zusammen mit dem guten
Denken auf,
mit Vohu
Manah. Das zweite Paar der Aməša
Spənta ist
Herrschaft und Fügsamkeit, das dritte Paar, am seltensten in
den Gathas:
Heilsein und Nichtsterben (aməretāt).
Nichtsterben wird Y
45,7 als Sein mit Ahura
Mazdā im Paradies nach dem Tod
präzisiert. Zwischen Ahura
Mazdā und den Menschen stehen sie als
heilwirkenden Kräfte,
die Spənta
Mainyu, die auch als Herren, Ahuras,
angerufen werden.[471]
Sie haben als Formen und Instrumente des Wirkens Gottes zugleich eine
eigenständige
Existenz, sind Hypostasen, Seinsweisen Gottes, teils als Geister
personifiziert
gesehen, teils als Kräfte abstrakt. Sie entsprechen weitgehend
altvedischen
Götterappellativen.[472]
Die Abstraktion der Geister zu
Kräften, zu
Begriffen moralischer oder
schicksalhafter
Qualität, ist nur die andere Form der Personifikation zu
Hypostasen oder
Instrumenten des einen Gottes.
|
Priesteradel |
Kriegeradel |
Ernährerstand |
|||
|
Rechtsordnung |
Magie |
Rittertum |
Kriegertum |
Medizin |
Bauerntum |
|
Rind |
Feuer |
Metall |
Erde |
Wasser |
Pflanzen |
|
Guter Sinn |
Wahrheit |
Herrschaft |
Gehorsam |
Gesundheit |
Unsterblichkeit |
|
Vohu Mana |
Aša |
Xšaθra |
Armaiti |
Haurvatāt |
Aməretāt |
|
Mitra |
Varuna |
Indra |
Sarasvati |
1. Nasatya |
2. Nasatya |
|
meeue |
me |
prognwsis |
|
m\n\tatteko |
wnH SaeneH |
Es gibt für die Lebewesen (gaēθā) primär das Geistige Sein (daēnā). Die Überführung ins Knochenhafte Sein (astvant) ist quasi zweiter Teil der Schöpfung.[473] Alle Beförderung irdischen Lebens durch Vohu Manah (= guter Sinn) mittels der Aša (= rechte Ordnung) wird immer protologisch und eschatologisch zugleich verstanden: als Abbild eines Urvorganges und als Urbild eines Endvorganges.[474] Hier ist wieder der Ideenhimmel Platons vorgezeichnet.
1.4.2.6 Die Urzwillinge der Wahrheit und der Lüge
Ahriman wurde Vorbild für den Satan. Satan als Gegner im Krieg oder vor Gericht auch vorexilisch, mit Artikel nf+f& in Hi 1-2 frühnachexilisch in der himmlischen Ratsversammlung der myihOlE)ah y"n:b von Hi 1,6. Auch Sach 3,1 (cf Ps 109,6) ist der Satan Gott untergeordnet. Erst 1 Chr 21,1 verselbständigt sich die Satansgestalt zum Eigennamen und Eigenwesen. Ab der Begegnung mit der persischen Religion also kommt es zur Ausprägung einer semigöttlichen Gegenmacht, die dann im NT als sa/tanaj oder dia/boloj hochfrequent vorkommt.[475]
Die beiden ersten Geister (mainyu) der Schöpfung, die Zwillinge Spənta Mainyu als Heilsbringer und Geist der Wahrheit versus Angra Mainyu (später: Ahriman) als Geist des Bösen, des Mordrausches und der Lüge (drug) haben prototypisch für alles göttliche oder menschliche Handeln eine Wahl getroffen, die in jedem menschlichen Verhalten nur mehr ihren Nachvollzug findet. Die beiden repräsentieren komplementär die Dualität allen Lebens.[476] Yasna 30,3-6 entwickelt Zaraθuštra die Vorstellung von den zwei gegensätzlichen ersten Zwillingsgeistern, die sich ihm als Vision offenbart haben. »3 Und diese beiden ersten Geister, welche als Zwillinge durch einen Traum vernommen wurden, sind ja im Denken, Reden und Händeln das Bessere und das Schlechte; zwischen diesen beiden haben die Rechthandelnden richtig entschieden, nicht die Schlechthandelnden. 4 Und als diese beiden Geister zuerst zusammenkamen, schufen sie Leben und Nichtleben, und daß zuletzt schlechtestes Dasein der Lügenhaften sei, aber für den Wahrhaftigen das Beste Denken. 5 Von diesen beiden Geistern wählte sich der Lügenhafte, das Schlechteste zu tun, das Wahrsein (Acc.) aber (erwählte sich) der sehr verständige Geist, der in den sehr festen Himmel gekleidet ist, und die, welche willig den Herrn durch richtige Taten befriedigen, den Weisen. 6 Zwischen diesen beiden haben sogar die Götter nicht richtig unterschieden, weil, als sie sich berieten, Betörung sie überkam, so daß sie sich das Schlechteste Denken erwählten. Da liefen sie zusammen zum Mordgrimm, durch welchen die Sterblichen das Dasein krank machen.« Die Daēvas entscheiden sich für den bösen Geist. In diesem Text ist bereits das gesamte Setting von Ahriman und seinen Daevas angelegt. »Any claim that the world was created by a good and benevolent god must provoke the question why the world, in the outcome, is so very far from good. Zoroaster's answer, that the world had been created by a good and an evil spirit of equal power, who set up to spoil the good work, is a complete answer: it is a logical answer, more satisfying to the thinking mind than the one given by the author of the Book of Job, who withdrew to the claim that it did not behove man to inquire into the ways of Omnipotence.«[477] Diese Zwillinge haben den Doppelcharakter des Göttlichen und des Mittlers zu den Menschen, den wir auch in der Zweinaturenlehre der Christologie wiederfinden.[478] Spənta Mainyu schafft als Gott das Rind, als Werkzeug Gottes teilt er den Wahrhaften (ašavan) die Unsterblichkeit (aməretāt) als Paradiesleben und den Lügenhaften (drəgvant) Finsternis, Klage und ekliges Essen zu.
Zaraθuštras Entscheidung zwischen aša und drug, Wahrheit und Lüge, wird bis in Rm 7 hinein auch als ein inneres Gerittenwerden des Einzelnen von den kosmischen Mächten geschildert, als Kampf der guten Mächte gegen die bösen, in welchem er gleichwohl sich zu entscheiden hat.[479] Zaraθuštras Scheidung von aša und drug war jedenfalls die vom Tun des Guten oder Bösen, Rinderhegens oder Rindermordens.[480] Sie hatte einen orthopraktischen Erkenntniswert. Dieser Dualismus ist bei Zaraθuštra ein ethischer, zwischen dem sich jeder selbst willentlich entscheiden kann. Es ist zugleich ein politischer, der durch Herstellung einer guten Sozialordnung verwirklicht werden kann. Er wird beschrieben in den paßgenauen Kontrasten von Wahrheit/Licht/Gott/Gutes versus Trug/Finsternis/Dämonen/ Böses.
Auch in der rein geistigen Mēnōk-Welt des Zervanismus gibt es Gut und Böse nebeneinander, ebenso wie in der Gnosis die Archonten böse Untergötter der Himmelswelt sind. Die Stoa machte sich ebenfalls den Dualismus von göttlichem Licht und verderblicher Finsternis zu eigen, vom Kampf des Lichtguten gegen das Dunkelböse im Kosmos wie dessen Klein-Entsprechung Mensch: es ging um die Heimholung der innermenschlichen göttlichen Lichtteile in den Vater hinein, womit das Licht über die Finsternis siegt.[481] In der sethianischen Gnosis ist arimanios kein Unbekannter.[482]
1.4.2.7 Die Daêna begrüßt den „guten“ Toten mit Delikatessen im Paradies
Eine vermutlich sogar vorzarathuštrische Originalquelle zur Himmelsreise der Seele nach dem Tode, wie sie etwa auch im ägyptischen und tibetanischen Totenbuch mit entsprechenden liturgischen Behandlungstechniken des Verstorbenen berichtet werden, dürfte uns im berühmten Hadōxt-Nask 2f (= Yašt 20) erhalten sein.[483] Zaraθuštra fragt Ahura Mazdā, wo die Seele (urva) des verstorbenen Guten in den drei ersten Nächte nach dem Tod weilt: Sie erlebt in jeder dieser drei Nächte soviel Glück wie im gesamten Leben zusammen (2,2.4.6) und zusätzlich Ende der dritten Nacht einen wohlriechenden Wind (2.7), in dem ihm seine Seele (daēna) als ein 15jähriges Mädchen begegnet. »2,8 Im Nahen dieses Windes erscheint seine eigene Daēna in Gestalt eines schönen Mädchens, eines strahlenden, weißarmigen, eines kräftigen, von schönem Aussehen, eines gerade aufgerichteten, eines hochgewachsenen, eines hochbusigen, von edlem Leib, eines edelgeborenen, von reicher Herkunft, eines fühfzehnjährigen, an Aussehen, an Gestalt so schön wie die schönsten Geschöpfe.«[484] All ihr Liebreiz sei, sagt sie ihm, Spiegel seines eigenen guten Denken und Handelns. Dann gelangt er vom stofflichen Dasein ins geistige, wo er mit Frühlingsbutter (2,18) festlich empfangen wird. Butter oder Käse als charakteristisches Produkt einer gut entwickelten Weidewirtschaft mit Molkereitechnologien zeugen von endlich erreichtem Wohlstand der bäuerlichen Ernährerklasse. So ist diese Delikatesse ein festlicher Luxuslohn der Gerechten. Butter kommt auch bei Zaraθuštra selbst vor: Y 49,5 »Aber der, o Weiser, welcher sein geistiges Ich mit dem Guten Denken vereinigt, ein jeder, der durch Wahrsein Stammesverwandter der Fügsamkeit ist - (dem soll) Labung und Butter (zuteil werden) - und er mit diesen allen in deinem Reich (sein), o Herr.« Ähnlich 49,10 mit Milchnahrung für die Seelen der Gerechten. Im Reich Ahura Mazdās sein (Y 28,9; 30,8; 31,4.6.19; 32,6; 33,5; 34,1.10; 43,13.16; 44,6.9; 45,10; 46,10.16; 48,8; 49,5; 51,1.2.4.18.21), im Haus des Lobgesanges (Y 45,8; 50,4; 51,15), das sind seine Bilder vom Paradies in Zaraθuštras typischer Ambiguität von prä- und postmortaler Eschatologie, irdischer Weltwende und den altiranischen Traditionen jenseitiger Gerechtigkeit.
Hadōxt-Nask 3 berichtet analog über das postmortale Leiden der bösen Seele mit Gestank, Gift und Verrecken. Auch dafür gibt es eine Parallele bei Zaraθuštra in Y 49,11: »Aber den Lügnern, die schlechte Herrschaft ausüben, schlecht handeln, schlecht reden, deren geistiges Ich schlecht ist, die schlecht denken, gehen mit schlechten Speisen die Seelen entgegen; im Haus der Lüge werden sie wahrlich Hausgenossen sein.« Offensichtlich ist dies ein altiranischer Mythos, den er hier aufgreift, denn seine eigene Theologie ist kaum je so konkret in Bezug auf postmortale Ereignisse. Die Hölle ist bei ihm Haus der Lüge. Mēnōk-i Chrad 2 paraphrasiert Hadōxt-Nask 2f ausführlich, cf auch Vd 19,19-32.
1.4.2.8 Der Große Gang über die Cinvat-Brücke
Im Gerichtsleben des Iran gab es den »Großen Gang« u.U. zwischen zwei Feuern oder über glühendes Metall oder Begießen mit geschmolzenem Metall als Strafe für den Lügenhaften oder Beweis der Unschuld des Rechtschaffenen. Dies ist erwachsen aus einer alten schamanischen Initiation, die noch heute von manchen sibirischen Schamanen gezeigt wird. Sie lassen sich öffentlich flüssiges Blei über die Brust gießen und erleiden scheinbar keine Verbrennungen. Tödlich kann dies dann nur in Ausnahmefällen gewesen sein und bei Blei ergeben sich normal wohl Verbrennungen, aber auch hier gibt es Techniken, zumal Fußsohlen mehr aushalten als die Brust. Aus der Wahrheitsprobe mit glühendem Metall[485] entwickelt sich die Vorstellung eines Weltgerichts, das die Guten (Ašavan) zur Herrschaft (Xšaθra), Gesundheit und Gemeinschaft mit den Unsterblichen führt und die Drug mit ihren Anhängern vernichtet.
Zaraθuštra spricht vom Großen Gang (yāh = Gang: Yašna 30,2; 46,14; 49,3. xvaēnā oder xšustā ayanhā Yašna 32,7; 51,9f; cf 30,7; 31,19) und dem gerichtlichen Ordal mit geschmolzenem Metall (Yašna 30,2; 43,12; 48,2). Er betont die ethische Entscheidung des Einzelnen vor der großen Krise.[486] Das postmortale Einzelgericht mit Absturz der Drug-Anhänger (çinvatō pərətu als Richterbrücke 46,10; 51,13) wird immer mehr modifiziert und ergänzt durch ein großes Götterordal am letzten Wendepunkt der Schöpfung (apəma 44,19; 53,8; 32,7; 31,13; 43,5f. urvaēsa apəma 34,13f; 49,10f; 51,6.13; 53,9 eigentlich Rennbahnwendepunkt). Dort wird ohne Vergebung oder Gnade vergolten. Die drug-mäßigen Daēva-Verehrer kommen in die Trug-Domäne (drūjō dəmāna 46,11; 49,11) oder in die Finsternis (temah 31,20) mit schlechtem Essen und Wehklagen (30,20; 45,3; 53,7). Aša-Anhänger kommen in die Herrlichkeit (divamna =Glanz 31,20), ins Paradies (vahišta aŋhēuš = bestes Leben, bihišt) der guten Gedanken (vahišta manah 28,8f; 30,4; 31,5f; 43,3; 44,2; 47,5; 49,9?; 51,6). Das Gericht ist Schicksalswende: 51,4: »Wo wird für Leiden Genuß, wo Erbarmen eintreten; wo möchten Herrlichkeit und Wahrheit sein wo die verständige Fügsamkeit, wo das Beste Denken, wo deine Reiche, o Weiser?« Später spricht man von drei Vorräumen zum ewigen Licht, dem guten Denken (Humata), guten Reden (Hūxta) und guten Handeln (Hvaršta). (Y 55,4; Yt 13,84; 19,17)
Im Hadōxt-Nask ist die Himmelsreise der Seele als schamanische Totenreise mit der Gerichtsvorstellung verbunden. Die Entscheidung über ihr Geschick fällt an der Lebensscheide, der Brücke der Entscheidung (Cinvat-Brücke), die sowohl in schamanischer Extase (Ardā Vīrāf 4) als auch nach dem Tode überschritten wird. Auch Zaraθuštra greift diese Vorstellung auf: Y 46,10f: »Wer mir (sei es) Mann oder Weib, o Weiser Herr, (das) gäbe, was du als das Beste des Daseins kennst, (dem gib) als Vergeltung für (sein) Wahrsein das Reich durch Gutes Denken. Die, welche ich zur Verehrung für euresgleichen geleiten will, mit denen allen will ich die Brücke des Cinvat (des Scheiders) überschreiten. 11 Durch (schlechte) Herrschaft verleiten die Opferpriester und Fürsten den Menschen, mit schlechten Taten das Dasein zu zerstören, (sie) welchen die eigene Seele und das eigene geistige Ich grollen wird, wenn sie dahin gelangen, wo die Brücke des Cinvat ist; für alle Zeit werden sie Genossen im Haus der Lüge sein.« Y 51,13: »So zerstört (verdirbt) sich des Lügners Geistpersönlichkeit das Wahre (? Wirkliche?) des geraden (Weges), dessen Seele schaudert beim (Gericht?) der Brücke des Scheiders; durch seine eigenen Taten und (die) seiner Zunge ist er vom Pfad des Wahrseins abgewichen«[487]
Y 31,20 gibt die Vorstellung von Himmel und Hölle recht irdisch, aber mit allen Eigenschaften der später erst postmortalen Zustände ausgleichender Gerechtigkeit: »Wer zum Wahrhaftigen sich gesellt, Herrlichkeit ist hernach sein Besitz; lange Dauer der Finsternis, üble Speise, Weheruf der Stimme, in solches Dasein wird euch, ihr Lügner, euer geistiges Ich durch seine (ihre) eigenen Taten führen.«
Y 43,5 spricht Zaraθuštra vom Gericht mit Machtfülle: »Als den Verständigen habe ich dich, o Weiser, da erkannt, o Herr, als ich dich zuerst erschaute bei der Erzeugung des Daseins, als du die Taten und die Worte mit Lohn (und Strafe) versehen machtest, Böses für Böses und gute Vergeltung für Gutes, durch deine Machtfülle bei der letzten Wendung der Schöpfung«. Was mit letzter Wendung der Schöpfung gemeint ist, schillert wieder zwischen einem irdischen und absehbar nahen Gericht und einer möglichen zervanistischen Deutung als Wendepunkt zum 4 Aion, der Heilszeit.[488] Man könnte auch von einer schillernden Ambiguität der Eschatologie Zaraθuštras sprechen.
Es gibt für die, die weder gut noch böse waren, ein Zwischendasein mit quasi irdischen Verhältnissen.[489] Auch die Osseten haben die archaische Totenbrücke noch in der Roß-Segner-Grabrede: Der Tote bekommt ein Pferd und Ausrüstung vom himmlischen Botschafter überbracht und sprengt davon zu den Narten, den Kriegshelden. Vor dem Fluß muß er den Wärtern Hirsekuchen geben als Maut. Die Brücke über den Fluß ist nur ein Balken, auf dem der göttliche Aminon den Reiter befragt. Hat der diese Prüfung bestanden, bekommt er noch einen Führer mit und darf passieren. Der Balken schwankt gefährlich, aber je mutiger er drauflosreitet, um so breiter und fester wird er. Drüben teilt sich der Weg zum Himmel, zur Hölle und geradeaus zu den Narten.[490]
Die Vorstellung von einer verbindend-scheidenden Brücke zum Jenseits ist nicht nur in den Pahlavi-Texten und bei den nordiranischen Osseten und in Indien zufinden.[491] Sie ist gemeinindoeuropäisch und von Lanzelots Säbelbrücke über orphische Traditionen bis zur islamischen sirāt ein Übergangssymbol zum Tod wie zur schamanischen Himmelsreise in nahezu allen Weltkulturen.[492] Hermod reitet auf Odins achtbeinigem Rennpferd durch finstere Täler zur Hel, dem unterirdischen Zentrum der Welt, muß dabei über die goldene Brücke Gjallar.[493]
1.4.2.9 Die Eschatologie Zarathuštras
Die bei Zaraθuštra (Klage der Rindseele Yasna 29) aufkeimende schamanische Erfahrung, daß auch Tiere und andere Naturgegenstände beseelt sind, hat nach Pythagoras und Empedokles im 19. Jh. Fechner aufgenommen.[494] Er nähert sich damit zugleich der Weltseelenkonzeption Platons. Gottes Geist schafft und eint die Welt, der Geist der Erde vermittelt daimonion-mäßig oder Barbelo-mäßig diesen reinen und ungeteilten Geist mit der Fülle der Einzelgeister der Lebewesen der Erde, deren Übersummation er wiederum ist.[495]
Ursprünglich ist bei Zaraθuštra das Leben in der geistigen Welt eine Sache der Gegenwart gewesen. Im Avesta ist noch keine babylonisch-astrologisch inspirierte Weltzeitlehre von Schöpfung (Bundahišn) zu finden. Hier gibt es nur die Mischung (gumēčišn) von Gut und Böse und ihre endliche Auflösung (vičārišn). Zaraθuštra spricht vom Großen Gang (yāh = Gang: Yašna 30,2; 46,14; 49,3. xvaēnā oder xšustā ayanhā Yašna 32,7; 51,9f; cf 30,7; 31,19) und dem gerichtlichen Ordal mit geschmolzenem Metall (Yašna 30,2; 43,4.12; 48,2). Er betont die ethische Entscheidung des Einzelnen vor der großen Krise.[496] Das postmortale Einzelgericht mit Absturz der Drug-Anhänger (çinvatō pərətu- als Richterbrücke 46,10; 51,13) wird immer mehr modifiziert und ergänzt durch ein großes Götterordal am letzten Wendepunkt der Schöpfung (apəma - 44,19; 53,8; 32,7; 31,13; 43,5f. urvaēsa- apəma - 34,13f; 49,10f; 51,6.13; 53,9 eigentlich Rennbahnwendepunkt). Dort wird ohne Vergebung oder Gnade vergolten. Die drug-mäßigen Daēva-Verehrer kommen in die Trug-Domäne (drūjō dəmāna- 46,11; 49,11) oder in die Finsternis (təmah- 31,20) mit schlechtem Essen und Wehklagen (30,20; 45,3; 53,7). Aša-Anhänger kommen in die Herrlichkeit (divamna- =Glanz 31,20), ins Paradies (vahišta / bihišt) der guten Gedanken (vahišta- manah- 28,8f; 30,4; 31,5f; 43,3; 44,2; 47,5; 49,9?; 51,6).
Zaraθuštra spricht vom bevorstehende Reich des Ahura Mazdā in ähnlicher Weise wie Jesus vom Reich Gottes. Es ist noch ohne medisch-zervanistisches Äonenschema, aber eschatologisch, als ideales friedfertiges Hirtendasein ohne äußere Angriffe mit Lebenskraft, Gesundheit, Lebensfülle und Wohlstand gedacht.[497] Yašna 43,13 entwickelt den späteren fundamentalen Unterschied von Knochensein und Geisteswelt, gētīk und mēnōk, aus der Unterschied der prophetischen Idee der Aša und der von Lüge geprägten Realität. Prophetische Vision und Wirklichkeit bilden den empirischen Grund für die später ins Kosmologische universalisierte Doppelheit einer Himmelswelt des geistigen und einer Knochenwelt des Sichtbaren. »Als den Verständigen habe ich dich, o Weiser, erkannt, o Herr, als er mit dem Guten Denken mich besuchte, die Ziele kennenzulernen meines Wunsches - gewährt mir den - nach der langen Dauer, - worum (noch) niemand euch anzugehen gewagt hat - des wünschenswerten Daseins, das, wie gesagt wurde, in deinem Reiche ist.« Er träumt 43,16 von der letzten Vollendung des Daseins: »So wählt denn, o Herr, dieser (hier), Zaraθuštra, den Geist, o Weiser, der dein ist, der allerverständigste. Mit Knochen versehen sei das Wahrsein, durch Lebenskraft machtvoll; im sonneblickenden Reich sei die Fügsamkeit, Vergeltung gebe sie wegen der Taten mit Gutem Denken.«[498] »Die Lehre, daß am Ende bzw. im Reich Gottes die Zweiheit von Geistigem und Leiblichem zur Einheit wird, ist hierin enthalten.«[499] Ursprünglich ist es der Wunsch, daß die Welt der Wünsche wahr werde: die Realität heil und gerecht. Nach Vendidad 9,53f ist die direkte Folge des korrekten Reinigens und Reinhaltens der Wohlstand und die Wohlfahrt der ganzen Nation: »Wenn Süße und Fettheit wieder zu diesem Land und jenen Feldern zu zurückgekommen sind, mit Gesundheit und Heilen, mit Fülle und Wachstum, Wachsen von Mais und Gras.« Hier sind die beiden Nasatya des Ernährerstandes Haurvatāt und Aməretāt, Repräsentanten von Medizinern und Bauern, in ihren großen Qualitäten verwirklicht, Gesundheit und Unsterblichkeit als Inbegriff des Heils.
1.4.2.10 Die Saošyants als Messias-Prototypen
Die endzeitlichen Saošyants prägten den kommenden Messias. Bei Zaraθuštra Y 48,9.12 noch sehr konkret und politisch saošyantō daliyunqm : Retter des Landes.[500] Das politische Wohl das Landes wird befördert, realhistorisch erkämpft durch die Saošyants, die Heil-Macher oder Kraftspender, die die Wahrheit, aša, gesellschaftlich etablieren als, so meine Ausdeutung, Integration von Geist und Leiblichkeit, mēnōk und gētīk, Authentizität des Selbst, was nicht mehr gewisse Anteile abspalten muß und dadurch trügerisch, unaufrichtig, unehrlich zu werden gezwungen ist mit der sozialen Folge aggressiven, devianten Verhaltens und der entsprechenden Neigung zu feudalistisch-kriegerischen Praktiken, zu denen Rinderschlachtorgien ebenso zu zählen sind wie Ausplünderung und Ausbeutung derer, die sich aufgrund einer eher pazifistischen Hirtenmoral nicht wehren können oder wollen. Die Saošyants kommen vor in Yašna 34,13; 45,11; 46,3; 48,9.12; 53,2.
Die Saošyants sind richtende geistige Urwesen in Y 34,13: »Den Weg, o Herr, welchen du mir als den des Guten Denkens nanntest, der vom Wahrsein selber gut gemacht ist, auf dem die geistigen Urpersönlichkeiten der künftigen Helfer hinschreiten werden zu dem Lohn, welcher den Guthandelnden (? Wohlverständigen) verheißen ist, (dem Lohn) den du, o Weiser, bestimmt hast.« Y 45,11 werden sie als Geistwesen geschildert: »Wer darum künftig sich den (falschen) Göttern und den Menschen widersetzt (ihnen Trotz bietet), die ihm (dem Weisen Herrn) sich widersetzen (Trotz bieten), den anderen als einem der ihm fügsam (ergeben gesinnt) ist, dem wird die verständige Geistpersönlichkeit des künftigen Helfers (Saošyants), des Hausherrn, ein Freund, Bruder oder Vater sein, o Weiser Herr.« Sie sind mitten in der Leidenszeit bereits anwesend, haben aber ihren Willen noch nicht erhoben. Y 46,3: »Wann, o Weiser, werden die Stiere der Tage sich erheben zur Erhaltung des Daseins der Wahrheit, (wann?) mit starken Sprüchen die Willenskräfte der künftigen Helfer? Welchen wird es (das Wahrsein) mit Gutem Denken zu Hilfe kommen? Für mich erwähle ich dich, o Herr, um es zu verkünden.«
Yašna 48 beschreibt das kommende Friedensreich als Sieg der Wahrheit über Trug (1f) durch gute Herrscher (5), gute Taten und gute Einsicht, Rinderaufzucht zur Nahrung, gute Wohnstätten, genug Pflanzennahrung (6.11), Kampf gegen Mordrausch, Gewalt (7) und die „Haoma-Jauche“, also den Drogenmißbrauch.[501] Miθras-Stieropfer in nächtlichen Höhlen sind hier gemeint. Wer dort den Rauschtrank bereitet hatte, durfte im Beisein des Fürsten den Stier erschlagen, wonach dann dessen Blut abgelassen und auf dem Altar verbrannt auch dem Ahriman geopfert wurde.[502] Der Ur-Stier wurde mit dem Lebens-Gott Haoma identifiziert. Aus dem sterbenden Stier geht das Leben hervor. Diesen indoiranischen Sinn des Miθras-Opfers läßt Zaraθuštra nicht gelten.[503] Er hofft Y 48 auf die Helfer: »9 Wann werde ich wissen, ob ihr Herr seid, o Weiser mit dem Wahrsein, über einen jeden, von welchem mir Gefahr droht; richtig werde mir gesagt die Bestimmung(?) des Guten Denkens. Der künftige Helfer möge wissen, wie seine Vergeltung sein wird. 10 Wann, o Weiser, werden des...(?) Männer sich einstellen(?), wann wirst du den Harn dieses Rauschtranks niederschlagen, mit welchem die Opferpriester böslich Leibweh verursachen und mit welchem sie mit Willen schlechte Herrscher der Länder sind? 11 Wann, o Weiser, wird Fügsamkeit zusammen mit Wahrsein kommen, durch Herrschaft eine nahrungsreiche Stätte guten Wohnens? Wer sind die, welche Frieden schaffen vor den grausamen Lügnern? Wer die, zu welchen die Einsicht Guten Denkens (aus Gutem Denken) kommen wird? 12 Und die werden künftige Helfer der Länder sein, welche durch Gutes Denken und durch mit Wahrsein (verrichtete) Werke der Erfüllung deines Gebotes nachgehen, o Weiser; denn sie sind geschaffen als Unterdrücker (Bekämpfer) des Mordgrimms.«[504] Das Richteramt der Saošyants ist verbunden mit der Einsicht, daß gutes Denken zu gutem Handeln führt und Frieden bringt. Die Saošyants regieren durch ansteckende Güte des Denkens und nicht durch Gewalt.
Nach Zaraθuštra wurde diese Idee verfeinert und schließlich in das zervanistische Schema des Weltgerichts periodisiert. Im 12., dem Sroš Yašt 4,17 und 5,22 werden die Saošyants angebetet. Im 13., dem Frawardin Yašt 1 und 9 sind sie hochgebildete Ritter. In 28 sind sie große Wohltäter, die der ganzen körperlichen Welt helfen. In 30,145 ist der eine Saošyant siegreicher letzten Fravaši wie Gayōmard deren erster ist. Im 17., dem Aši-Yašt, gilt Aši Vanguhi als Wohlergehen gebende Heilsmacht voll von Intellekt, Tochter von Ahura Mazdā, Schwester der Aməša Spəntas, die alle Saošyants mit der belebenden Intelligenz ausstattet. In 19., dem Zamyad Yašt 89ff werden die siegreichen Saošyants und ihre Helfer die Welt wiederherstellen und unsterblich machen. Vd 19,5 kommen am Ende die siegreichen Saošyants lebendig aus dem See Kasava, vom Gebiet der Morgendämmerung, herauf zum Gericht. Dadestan-i Denik 2,10ff ist Sošyan der Nachkomme Gayōmards und Zaraθuštras und 36,4ff ist Sošyan der 7. der Produzenten der Renovierung des Universums (Frašegird), deren erste Periode, das Heben der Toten, 57 Jahre dauert. Kap. 37,36-43 und 48,30ff und Dēnkard 5,2,15 und 5,3,3 werden der priesterliche Hušedar, der politisch-juristische Hušedar-mah und Sošans als die drei Helden der Endzeit beschrieben. Mēnōk-i Chrad 2,95ff hat jeder der drei ein Millennium. 27,63 ist er ein Restaurator von den Toten, der triumphierende Sošyant, der in der künftigen Existenz ist. Dēnkard 3,71 schafft Sošyant Unsterblichkeit und 87 besiegt er die Drujs. Dēnkard 7,1,42 werden Hušedar, Hušedar-mah und Sošans als Söhne Zaraθuštras bezeichnet. In 7,10f werden ihre Millennien beschrieben als die Blüte der Mazdayasnischen Religion. Es wird Sättigung und Frieden und Freundschaft überall geben. Jedes Jahrhundert schließt mit einer Sonnenfinsternis. Es wird vegetarisch gelebt. In Hušedar-mahs Millennium wird die 15jährige Jungfrau Gobak-abu durch den triumphierenden Wohltäter der körperlichen Existenz geschwängert, Tochter von Vohu-roko-i Frahanyan aus der Familie von Isadvastar, einem Sohn von Zartošt, der von Arang hervorgebracht wird. Sie wird den Sošyant zur Welt bringen. Im letzten Jahr von Hušedar-mah wird der Sošyant kommen, leuchtend wie die Sonne, nur geistige Nahrung nehmend, in seinen 57 Jahren nimmt der dem Satan die Macht und vernichtet ihn und erneuert die Welt. Dies wird in Bundahišn 30 SBE 5 detailliert beschrieben, cf 1.4.5.7-9 unten. In Bundahišn 33,36-38 (Anklesaria) wird die Jungfrauenschwängerung folgendermaßen beschrieben: »Über die 3 Söhne von Zartošt, Aušedar, Aušedar-mah und Sošyant sagt man: "Bevor Zartošt heiratete, hatten sie den Ruhm {khwarrah} von Zartošt zur Aufbewahrung ins Kayansische Meer übergeben zum Ruhm von den Wassern, als zur heiligen Anāhītā." Sie sagen: "Jetzt gerade kann man drei Lampen bei Nacht im Boden des Meeres glühen sehen. Und eine jede von ihnen wird hochkommen, wenn sie an der Reihe ist." Es wird deshalb passieren, daß eine Jungfrau zum Wasser von Kayansah gehen wird, in ihren Kopf zu waschen. Der Ruhm {khwarrah} wird in ihren Körper eindringen und sie wird schwanger. So werden sie einer nach dem anderen zu ihrer Epoche geboren werden.« Das Motiv der Jungfrauengeburt des Endzeit-Erlösers stammt somit aus der zervanistischen Tradition, wobei es in den Orakeln des Hystaspes noch verfeinert wird. Der Same Zaraθuštras weilt seit dessen Urlaubsmasturbationen in der Brandung des Kaspischen Meeres im Schoß der Fruchtbarkeitsgöttin Anāhītā, von dort steigt er als Lichtglanz in die Haarwäscherin, die ihre Scheide unter Wasser gebracht hat und quasi für Anāhītā stellvertretend den Heiland austrägt. Ähnlich ist der Mythos von der Wannenschwängerung der Mutter Jesu. Auch Zaraθuštra wurde später als Saošyant verehrt.[505] Dies mag zwar nicht eigene Identifikation gewesen sein, entspricht aber seinem Wirken für einen sozialen Frieden. Wir haben wie bei Jesu Menschensohntitel das Phänomen, daß die Kultgemeinde den Stifter nachträglich in die eschatologischen Funktionen eingesetzt hat, die selbst durchsetzen zu können er politisch zu schwach war. Zaraθuštra war bezüglich der friedlichen Einigung von Hirtenstand und Kriegeradel so skeptisch, wie es einer historischen Würdigung des Feudalismus geziemt: Erst die Bauernkriege haben der Tyrannei der Feudalherren Einhalt gebieten können. Das Gottesreich wird erstritten vom großen Endkampf.[506] Eben diese Endkampf-Idee ist in der Apokalypse in reichhaltigsten Variationen aufgegriffen worden.
Erst im späteren Zoroastrismus »erscheinen die Saošjant's oder Weltheilande, Zarathuštras Söhne, und führen die Gläubigen in den Kampf, der ausbricht, wenn das Böse sich zu einem letzten Aufgebot aller seiner Hilfskräfte sammelt. Dann kommt das Ende: der Tod und der Fürst des Todes werden vernichtet, die Welt wird in geschmolzenem Metall gereinigt, dessen Strom alles Böse zerstört, und eine neue, verklärte Welt entsteht, in der alles Böse beseitigt ist und die Guten, d. h. die Anhänger der guten mazdayasnischen Religion, Unsterblichkeit genießen.«[507]
1.4.2.11 Vision der 4 Reiche: Mittelglied von Zarathuštra zum Zervanismus
Aus
dem Orakel der Hofmagier über
Erfolgsaussichten politischer Entscheidungen ging die Eschatologie
hervor: Der
Blick in die Zukunft wurde durch chaldäische Astrologie zum
terminierbaren
Zeitlauf, wo Unbill einst universalem Glück weicht. Mit dieser
Hoffnung
erwirkten sie Durchhaltekraft in schlechten Zeiten: vohu mana, guten
Willen.
Im Bahman Yašt (Vohumana Yašt) liegt eine Vision der kommenden 4 Reiche vor, wie sie in Dan 2 offensichtlich übernommen ist: »Wie es aus Stūtkar (Nask) geoffenbart ist, erbat sich Zartušt von Ōhrmazd Unsterblichkeit; darauf zeigte Ōhrmazd dem Zartušt die allwissende Vernunft, durch welche er einen Baum mit einem solchen Stamm sah, daß vier Äste an ihm waren, einer aus Gold und einer aus Silber, einer aus Stahl und einer aus Eisen gemischt. 2 Nach diesem überlegte er sich, daß er im Schlafe eine Vision gehabt habe, und als er von dem Schlaf wach wurde, sagte Zartušt: "König der Himmlischen und irdischen! Es schien mir, daß ich den Stamm eines Baumes sah, an dem vier Äste waren". 3 Ōhrmazd sagte zu Spitāmān-Zartušt: "Jener Stamm des Baumes, den du gesehen hast, und jene vier Äste sind die vier Zeitalter, die kommen werden. 4 Jener aus Gold ist, wenn ich und du zusammen Rat pflegen, die Zeit, da König Vištāsp die Religion annimmt und die Gestalt der Dämonen zerstört, und da sie in die Verbannung und die Verborgenheit gehen. 5 Und jener aus Silber ist die Herrschaft des Artaxšēr, des kayanischen Königs, und jener aus Stahl ist die Herrschaft des Xosrau Anōšurvān, des Sohnes des Kavād, und jener, der aus Eisen gemischt war, ist die Mißregierung der Dämonen mit zerteiltem Haar von dem Geschlecht des Hēšm. 6 Und wenn das Ende des zehnten Hunderts von deinem Millennium gekommen ist, Spitāmān Zartušt, dann ist es geoffenbart in der Erklärung (Zand) zu Vohuman-Yasna und zu Hōrdat-Yasna und Ajtāt-Yasna, daß zu dieser Zeit der widerwärtige Mazdak, der Sohn des Bāmdāt, der Gegner der Religion, in Erscheinung treten und denen, die der Religion Gottes angehören, Gegnerschaft bereiten wird".«[508] Mazdak wird Bundahišn 33,19 als sassanidischer Reformer und Fürst zur Zeit Kavats erwähnt, der die Gottesdienste und ethischen Standards des Zoroastrismus abschaffte und eine Gütergemeinschaft mit Teilung der Frauen und Kinder propagierte, bis er von Khosrav Anoširvans (531-78) getötet und abgelöst wird. Dieser Text führt in Zaraθuštras Welt zurück, der Grundstock zeigt seinen Traum von 4 Imperien mit dramatischer Zuspitzung und einem endgültigen Sieg der Gerechtigkeit. Die Zeithorizonte sind dabei politisch realistisch auf Regierungsperioden und nicht auf Millennien bezogen, wie der spätere Einschub es umdeutet. Zugleich sieht man hier, daß Dämonen keineswegs geistige böse Wesen waren, sondern zunächst einmal Widersacher aus Fleisch und Blut, Krieger, die kommen, töten, vergewaltigen und verschwinden. Was Ahriman und seine Horden treiben, ist um 530 n.Chr. der widerwärtige Mazdak, der Sohn des Bāmdāt, der reformierende Gegner der Orthodoxie und wird bis zum Niedergang der Sassaniden immer wieder neu aktualisiert: »I,49. Und Königtum und Herrschaft wird an nicht-iranische Knechte kommen, wie Chioniten, Türken, Heftaliten und Tibetaner, wie andererseits Bergherrscher und Chinesen, Kabulistaner und Sogdier und Rhomäer und Rote Chioniten, Weiße Chioniten in den von mir, Ōhrmazd, geschaffenen Ländern von Iran die Herrschaft ausüben werden.« Immer wieder werden diese realpolitischen Größen entgeschichtlicht und mythisches aktualisiert. Parallel dazu weiten sich die Zeithorizonte unter dem Einfluß der Astrologie zum großen Welt-Jahr.
1.4.3 Mazdaistisches Staatskirchentum und
Feuerpriester
In der Zeit nach Zaraθuštra wurde Khwārezm Teil des Achämenidenreichs; Stadtkultur und Diversifikation des Ernährerstands von reiner Viehzucht auf nun auch Ackerbau, Weinanbau und Handwerk können vom auf das Rind focussierten Zoroastrismus nicht zu einer geweiteten ökologischen Ethik prophetisch assimiliert werden. Die Āθravan haben sogar Missionsreisen unternommen.[509] Die Priesterschaft (āθravan = Feuerpriester; 25mal im Avesta) zog sich später, hierarchisch gestuft als ursprünglich östliche und südliche (Fārs) Herbads und später westliche Mo(gu)bads, allmählich zurück in den Kultus der Feuerheiligtümer, die das Land überziehen.[510] Sie haben schon deshalb erbliche Funktionen, weil sie die mündliche Tradition der Avesta im Familienkreis durch Auswendiglernen bewahren.
Herodot I,101 konnte wie Ammian XXIII,6,32-36 die Magier als medischen Stamm schildern, so zahlreich waren die Familienverbände der im Westen ansässigen Magier, die wohl vor ihrer zoroastrischen Prägung ursprünglich schamanische Traditionen gelebt haben.[511] Der König/Fürst war zugleich höchster zoroastrischer Priester.[512] In parthischer Zeit dürfte Herbad mit ma/goj gleichbedeutend sein.
Die Avesta kennt eine Reihe verschiedener Priesterfunktionen, die unter dem Begriff Aθravan (Feuerpriester) zusammengefaßt sind. Der Zaotar ist der Hauptpriester, der die Yazata herbeiruft und das Libations-Opfer vollzieht. (Y 3,25; 68,12; Yt 10,89) Ihm assistieren 7 weitere Priester, die meist in folgender Reihenfolge aufgezählt werden: Hāvanān (Haomamörserer Yt 10,90), Aθravaxš (Feuerschürer Y 15,4), Frabərətar (Zuträger), Abərət (Wasserträger), Asnātar (Haoma-Wäscher), Raēθwiškara (Haoma-Mischer), Sraošāvarəzə (gesetzeskundiger Zuchtbewahrer Vd 5,26; 7,71; 18,14).[513] Daß allein drei Priester der Haomabereitung dienten, zeigt den Stellenwert dieser Unsterblichkeits-Droge im gottesdienstlichen Leben. Für die verehrten Elemente Feuer und Wasser gab es je einen, für die Pflanzenwelt und ihre Repräsentanz durch Haoma drei. Darin kommt auch die Relevanz des Ackerbaus und der Verarbeitung pflanzlicher Produkte als Kulturgut zum Ausdruck, für die im AT Abel gegen Kain steht. Daneben gab es einen speziellen Reinigungspriester, den Yaozhdātar, der von Ort zu Ort wanderte und wie ein Arzt entlohnt wurde (Vd 3,38f; 8,27; 9,2.37-52; 11,2; 19,12.21.33.41).
Es gab wohl immer ein Nebeneinander von Mazdaismus und Mithrizismus, dessen altarische Kampfmoral sich besonders im Kriegeradel gehalten haben wird und schließlich sich über das römische Imperium hinaus bis zu Donau verbreiten konnte. Zur Zeit der ersten Achämeniden war eindeutig der Mazdaismus führend. Bei Ariaramnes (Ariyāramna) und Arsames (Aršāma) erscheint ab 640 v.Chr. in Inschriften aus Ekbatana = Hamadan (AsH) lediglich AM, Ahuramazda.[514] Dareios (Dārayavauš) I. erwähnt um 480 v.Chr. in seiner großen fünfsäuligen historiographischen Inschrift in Behištan (DB) am Oberlauf des Kercha 80 km südwestlich von Ekbatana und in Inschriften von Persepolis (DPd, DPe, DPh) allein Ahuramazda als Garanten seines großen Reichs. Auf der Südseite des Steilfelsens von Naqš-i-Rustam nördlich von Persepolis ist ebenfalls nur „Auramazda“ ohne Miθra als Staatsgott von Dareios I. an dessen Grabstätte benannt (DNa, DNb), ebenso in Susa (DSa, DSd, DSe, DSf, DSi, DSj, DSk, DSl, DSm, DSn, DSo, DSp, DSs, DSt).[515] War Ahura Mazdā Hof- und Reichshüter, so wird er DSf explizit als Schöpfer des Königs und in DSf, DSp, DSs als Geber von Macht, Pferden und Vasallen und des politischen Erfolges bezeichnet.[516] Nah am 33. Kilometerstein des von Dareios I. eröffneten Suez-Kanals zwischen Rotem Meer und dem Nil steht auf einer Granitstele ebenfalls Auramazda (DZc). In einer Nische des Berges Elvend südwestlich von Hamadan ist von Dareios I. ebenfalls eine dreisprachige Inschrift mit Auramazda (DE) erhalten, auch eine in Hamadan selbst (DH).
Die Inschriften von Xerxes sind ebenfalls monotheistisch auf Auramazda bezogen (Persepolis: XPa,b,c,d,f,g,h; Susa: XSa,c; Elvend: XE; Van: XV), wobei die berühmte Daēvan-Inschrift XPh ihn zusammen mit Aša (Wahrheit, eine der 6 göttlichen Geisteshypostasen) als Wachablösung der früheren Dämonenverehrung und als den Beschützer betont.[517] Artaxerxes I. führt die alleinige Nennung Auramazdas in Persepolis fort (A1Pa). Dareios II. nennt erstmals Auramazda im Reigen anderer Götter.[518] Hier zeichnet sich bereits der Machtwechsel durch die Magier ab.
Die Monokratie Auramazdas ändert sich erst ab 404 v.Chr. mit Artaxerxes II., an dessen wiedererbautem Palast in Susa eine Inschrift Ahuramazda, Anāhītā und Miθra als Garanten des Staatswohles benennt. »Durch die Gunst von Ahuramazda, Anāhītā und Miθra habe ich diesen Palast erbaut. Mögen Ahuramazda, Anāhītā und Miθra mich schützen vor allem Übel und das, was ich gebaut habe, mögen sie nicht zerrütten oder schädigen.«[519] Es darf angenommen werden, daß sich hier die Einflüsse der Anāhītā- und der Miθra-Anhängerschaft so stark durchgesetzt haben, daß dies zu der Göttertriade in der Staatsreligion führte. Der staatliche Mazdaismus von 640 v.Chr. war noch nicht zarathuštrisch, wenn dieser um 588 seinen Durchbruch hatte.[520]
Feuer und Licht als Gleichnis Ahura Mazdās und Pol des Guten im Dualismus motivierten bald schon die Verehrung der Sonne als die himmlische Gestalt Ahura Mazdās.[521] Das Wasser wurde als seine Gattinnen und Töchter gesehen; hieraus entstand die Idee des kosmischen Inzests der Urzwillinge, den der kernfamiliale Inzest (hvaēθvadata) unter Geschwistern und zwischen Vater-Tochter und Mutter-Sohn[522] nurmehr nachvollzog, mit dem der Iran von ca. 150 - 1100 n.Chr. einzigartig die Universalität von Freuds Ödipuskomplex via Inzesttabu widerlegt.[523] Im Bahman Yašt 61 heißt es: »Der rechtfertigste der Rechtfertigen ist derjenige, der in der Guten Religion der Mazda-Verehrer (lebt) und in dessen Familie die zur Religion gehörende Verwandten-Ehe gehalten wird.«[524] Die Feindschilderung der ostiranischen Hēšm mit Gürtel und gescheiteltem Haar im Bahman Yašt dürfte auf die plündernden Raubnomaden weisen, gegen die Zaraθuštra opponiert, mindestens jedoch vor dem Töpferorakel 175 v.Chr. liegen, so daß auch die Verwandtenehe schon für die Achämenidenzeit anzusetzen sein könnte. Für die Abfassungszeit gegen Ende des Sassanidenreichs mit Türken-Einfälle gilt: »38 Bevorzugtes Leben wird ganz zu den Andersgläubigen kommen, zu Leuten mit anderen Sitten, und die Pflichteifrigsten, von den Familien der Adeligen bis zu den Magier-Männern, werden aufgelöst herumlaufen, und die kleinen Leute werden die Töchter der Adeligen, der Großen und der Magier-Männer zur Ehe nehmen. Die Adeligen und Großen und Magier werden zu Armut und Slaverei kommen.«[525] Hier sind die Magier sogar im Sassanidenreich verarmt wie der Adel und müssen sich verdingen. Vermutlich kam der Inzest im Priesterstand auf, 1. um ihre Gemeinschaft rein zu erhalten vom Ernährerstand, 2. um erbrechtlich die Besitztümer nicht zu zerstückeln und 3. um kultisches Herrschaftswissen zu potenzieren. »Bis der Islam ein neues Tabu durchsetzte, wird dieser Inzest als etwas gepriesen - und praktiziert -, durch das die menschliche Fruchtbarkeit insgesamt zunehmen wird, durch dessen Wunderkraft alle Feinde vergehen werden und durch dessen Ausübung beim Kommen des Saošyant die Menschheit das ihr Mögliche zur Zusammenhaltung von Reinheit und Wahrhaftigkeit getan haben soll.«[526]
Dynastischer Inzest ptolemäischer Königskinder, die einander so lieb hatten, färbte auf die Seleukiden ab. Im Königsbegräbnisritual wird der Pharao mit Osiris identifiziert angesprochen: »Sie beten dich an, sei nicht fern von ihnen in deinem Namen "Gottesbart". Sie vereinigen sich mit dir, damit du nicht zürnst in deinem Namen 'Sonnen-Barke'. 632 Deine Schwester Isis kommt zu dir, jauchzend aus Liebe zu dir. Sie setzt sich auf deinen Phallus, so daß dein Same eingeht in sie, scharf als Sothis. Horus-Sopdu ist aus dir herausgekommen als Horus, der in Sothis ist.«[527] Eine Vereinigung des Pharao mit seiner Mutter spiegelt die der Isis mit Horus: »sie jauchzten dieser Königin-Mutter zu und sprachen: Isis hat ihren Sohn Horus empfangen wie die Königin-Mutter sich nun mit ihrem Sohn vereinigt hat«.[528]
Ein Beispiel für diese zoroastrischen inzüchtigen Priesterfamilien ist Ardā Vīrāf. Ardā Vīrāf, der Frömmste der sieben Frömmsten der von Alexander dem Großen verfolgten zoroastrischen Gemeinden, hat sieben Schwestern, die zugleich seine Gattinnen sind und die Gathas auswendig gelernt haben. So haben selbst die Frauen zur Mundtradition des Avesta beigetragen und man darf vermuten, daß in den Magierkolonien alle Mitglieder theologische Bildung erfuhren, wie dies auch aus neuzeitlichen Sektenkommunen bekannt ist.[529] In dieser Pahlavischrift sind sowohl Herbads als auch Mobads (I,9; II,36) als auch Magūmart (I,19) als Priester aufgezählt. Ardā Vīrāf 1,5 läßt Alexander d.Gr. Zand- und Avestahandschriften auf Leder mit Goldtinte einsammeln und verbrennen. Alexander hatte Respekt vor den Kulturen unterworfener Völker und der Brand des Archivs von Ištachr in Persepolis kann das vorwiegend mündlich tradierte Avesta nicht gefährdet haben.[530] Hier fungieren yazīšnkarān als ritualrezitierende Theologen (Herbad-Funktion), arteštārān und in unterster Ordnung die Mobads, die schädliche Tiere töten, Wasser, Feuer, Pflanzen und Erde verehren.[531] Daß große Teile des Avesta fehlen, liegt nicht an Alexander d.Gr. und dem Brand von Persepolis, sondern an der Zensur der Orthodoxie, die Yašts mit Inhalten alter Volksreligion und auch den Anāhītā-Feuerkult dekanonisierten.[532]
Das
Ahunwar
mit dem eingebauten Ašem
vohu als wichtigstes Gebet wird appliziert wie unser
Vaterunser und
verheißt dem nach dem Gesetz lebenden, dem
Aša-Anhänger, die Erfüllung seines
Wunsches, nach dem Tod in das Paradies zu gelangen: »Der Wille des Herrn ist das Gesetz
der Rechtschaffenheit. Die Gabe des
heiligen Geistes zu den Taten in dieser Welt ist für Mazda. Er
läßt den Armen
Ahura zum König machen. Aša ist das beste Gut, es
ist eine Wunscherfüllung.
Selig ist der, der heilig ist in vollkommener Heiligkeit.«[533]
Wer hier nach Gottes Ordnungen lebt, kommt dort ins beste Nachtodleben,
das ist
der Kern des Mazdaglaubens.
(Feuertempel
von Tillya-tepe in Baktrien)
1.4.4 Die fruchtbar-reine Anāhītā und die
Einführung der
Feuertempel
Feuertempel sind nicht
zarathuštrisch (ursprünglich gab es
Feuer-Vasen), sondern von Artaxerxes
II. als Heiligtümer der
Fruchtbarkeitsgöttin Anāhītā
ca. 366 v.Chr. eingeführt worden. Vor Dareios
II. gab es kaum Belege für die Existenz von
Feuertempeln, so daß der
Angabe Herodots
I,131
vom Opfer auf Berghöhen als dem
originär-zarathuštrischen Gotteslob zu glauben
ist.[534]
Clemens
von Alexandria
zitiert aus Berossos
Babyloniaca,
daß Artaxerxes
II. (404-359)
erstmals der Aphrodite Anāhītā
Götterbilder in Babylon, Susa, Ekbatana, Persien, Baktrien,
Damaskus und Sardes
hat aufstellen lassen zur Anbetung.[535]
(Querschnitt, Baktrien, Kuschan)

Das
russisch-afghanische Grabungsteam von Viktor
Sarianidi
legte 1978
einen Feuertempel aus dem 12. Jh.v.Chr. in Tillya-tepe frei. An den
vier Ecken
des Bauwerks fanden sie Rundtürme aus Lehm. (Schichtungsbild
rechts) Das Zentrum des Feuertempels ist ein
U-förmiger Altar. Der Feuertempel
zeigt, wie alt der Feuerkult in Baktrien bereits lange vor Zaraθuštra gewesen
ist. Im 3.Jh.v.Chr. entstand unter den
Kuschan, Vorläufern der Hunnen, die Baktrien eroberten und ein
großes Städtebauprogramm
durchführten, auf dem Hügel eine kleine Siedlung.
Auch sie zerfiel. In einer 3.
Schichtung über dem Feuertempel liegen
Fürsten-Gräber, die 20.000 Goldbeilagen
enthielten. Makedonische Waffen, römische Münzen und
eine geflügelte Aphrodite
mit indischem Stirnzeichen zeigen die Verschmelzung griechischer,
indischer und
baktrischer Kultur im hellenistischen Baktrien zur Zeit der Kuschan.
Daß
die geflügelte Aphrodite-Anāhītā
aus dem 3. Jh.v.Chr. Vorbild der geflügelten Engel sein
könnte, legt sich nahe,
auch wenn es babylonische und phönizische Darstellungen
geflügelter Tiere und
Menschen schon wesentlich früher gibt. Die geflügelte
Göttin ist nicht mehr
ortsgebunden. Schnell kann sie fast überall erscheinen. Die
Gottheit wird ubiquitär.
Pausanias schildert im 2. Jh.n.Chr. in seiner Beschreibung Griechenlands den Feuerdienst der Magier und ihren Gottesdienst mit liturgischen Gesangbüchern in Feuertempeln persischer Einwanderer im lydischen Hierocaisareia und Hypaipa. Als Zeichen der Gegenwart Ahura Mazdās entzündet sich das Feuer von selbst. »Es gibt nämlich bei den Lydern mit persischen Beinamen Heiligtümer in der Stadt Hierocaisareia und in Hypaipa. In jedem Heiligtum ist eine Kammer, und in der Kammer sind Aschen auf einem Altar. Aber die Farbe dieser Aschen ist nicht die übliche Farbe von Aschen. Wenn er die Kammer betritt, bringt der Magier trockenes Holz herbei und stapelt es auf dem Altar; er setzt zuerst ein Diadem (Tiara) auf seinen Kopf und singt dann zu einem bestimmten Gott eine fremdsprachige Epiklese, die unverständlich ist für Griechen. Die Epiklesen liest er aus einem Buch. Ohne Feuer entzündet unter einem Zwang sich das ganze Holz und helle Flammen springen aus ihm hervor.«[536] Neben der Auswendiglerntradition der avestatreuen Herbads hat bei den Magubad in den Magierkreisen bereits früh eine Codifizierung der avestischen Hymnen stattgefunden. Strabo berichtet von Anāhītā-Tempeln, an denen auch Vohumana und andere „persische Dämonen“ verehrt wurden.[537] Es gab einen großen Tempel in Zela mit vielen Tempeldamen und Priestern.[538]
Anāhītā (die Reine, Unbefleckte, Makellose) ist beschrieben als Inbegriff von Gesundheit, Jugend, Fruchtbarkeit und Wohlstand: ein junges Mädchen mit straffen wohlgeformten Brüsten, die auf Druck warten, jungfräulich, ohne embryonale Verdickung. Ihre Dienerinnen entziehen sich dieser Verdickung durch Keuschheit und behalten damit die magische Wirkung, die junge Mädchen auf Männer auszuüben vermögen. Daß sie als Fruchtbarkeitsgöttin auftritt, verdeutlicht Yašt 5: »Ardvi Sura Anāhītā, die getragen stand in Gestalt eines Mädchens, ebenmäßig an Wuchs, äußerst ausdauernd, hochgewachsen, hochgegürtet, rein, edel geboren aus einem rühmlichen Geschlecht, sie trug an sich einen Mantel voll bestickt mit Gold. 127 Immer hält sie den Barəsman in ihrer Hand, gemäß den Gesetzen. Sie trägt viereckige Gold-Ohrringe an ihren gelangweilten Ohren und ein goldenes Halsband um ihren schönen Nacken, sie die adelige Ardvi Sura Anāhītā. Und sie gürtet ihre Taille enganliegend, so daß ihre Brüste wohlgeformt sein mögen, daß sie stramm gepreßt sein mögen. 128 Auf ihrem Kopf trägt Ardvi Sura Anāhītā eine goldene Krone mit 100 Sternen, 8 Strahlen, eine feine, wohlgefertigte Krone in Gestalt einer... mit niederstrahlenden Füllungen. 129 Sie ist bekleidet mit Bibernerz, Ardvi Sura Anāhītā.«[539] ahurāne [ahurānī] 12mal bezeichnet Herrinnen als die Frauen von Ahura Mazdā und ist Beiwort für Anāhītā. Sie ist zu höherem bestimmt: zur Herrschaft. Das zeigt ihre aristokratische Luxuskleidung: Bibernerz vom Oxus, den sie repräsentiert als Geber von Wohlstand, Nahrung, Fruchtbarkeit.[540] Yt 5,3-7 identifiziert das kraftvolle Strömen des Oxus vom Hukairya bis ins Meer Vourukaša mit dem Strömen des Spermas durch die Muttermünder und dem Strömen der Milch aus den Brüsten: »herrliche Dinge trägt Anāhītā zur Schau«. Vd 7,16 wird sie als Wasser namens Arədvī gelobt, welches vollkommen ist und das Sperma der Männer, die Uteri der Frauen und die Milch der Mammae fließend macht. In der Tat ist der sexuelle Reiz für physiologische Strömungen aller Art förderlich. Sie beschützt und behütet die wirtschaftliche Basis der Verehrer und verleiht ihren Bitten und ihrem Tun Erfolg. Yt 5,64.78 identifiziert Anāhītā mit dem fließenden[541] Oxus wie auch der silberschimmernde Bibernerz zeigt. Widengren rechnet Anāhītā zum dritten Stand nach Priester und Krieger, also dem Ernährertum der beiden Nasatyas, zu denen die beiden Aməša Spənta Haurvatāt (Gesundheit) mit seiner Wasserqualität und Aməretāt (Unsterblichkeit) mit seiner Pflanzenqualität korrespondieren.[542] Die Bitten an sie in Yt 5,130 sind nach zahllosen Siegesbitten tatsächlich vorwiegend Reichtum und Prosperität, volle Töpfe, viel zu essen, Wohlgerüche, volle Speicher. Sie ist verschwommen mit dem Wasser des Oxus, der eben durch seine Pflanzennährung die Sättigungen erzeugt. Es besteht ein Realzusammenhang von Wassern, Fruchtbarkeit, Sättigung und Prosperität und das Symbol ist das Weib mit milchtriefenden Brüsten.
Neben Isis, Ištar, Aštarte, Innana und der vielbrüstigen Artemis von Ephesus[543] mit dem größten Tempelbau der Antike ist sie Fruchtbarkeit im Stande reiner Möglichkeit. Anāhītā ist Fruchtbarkeits-Idol und kann es nur bleiben aufgrund ihrer Verweigerung als Gebärwerkzeug. Athenaios erwähnt baktrische Jungfrauen am Halys in Kappadozien.[544] Sie sind vermutlich wie die Jungfrauen im Anāhītā-Tempel Ekbatanas mit Keuschheitsgelübde geweiht. Hierher gehört auch der Wunsch der Anāhītā/Artemis nach grausamen Opfern. Das Opfer der Nonne ist ihre Sexualität. Dies erhebt sie, von anderen ähnlich grausiges zu verlangen und fundiert psychologisch ihren grausigen Sadismus und den ihrer Projektionsfolie: der Göttin, die sie dienend verkörpert wie Paulus den leidenden und auferstandenen Christus.[545] Jungfrauenkulte wie der katholische der Maria zehren von der Reinheit der Möglichkeit, vom Tabu über der Erfüllung. Die Nonne opfert sich auf wie ihre Göttin und Opfer verlangt sie auch von allen anderen. Es muß wehtun, damit keine Versuchung durch Wollust aufkommt.
Apuleius kann all diese Jungfrauen identifizieren mit der karthargischen Juno caelestis.[546] Foi/bh (die Reine) ist Oma von Apollo und Artemis. Beide haben diesen Beinamen übernommen: Artemis Phoibe ist die Schwester des Phoibos Apollo. Es gab immer wieder Identifizierung der Fruchtbarkeitsgöttinnen Venus, Artemis, Proserpina, Cybele, Aphrodite, Juno und Isis.[547] Es gab in diesem Rahmen eine rege Tempelprostitution in Phönizien: Die jungen Mädchen wurden vom Vater vor der Heirat als Leihgabe der Gottheit gegeben.[548] Daß ärmere Mädchen so ihre Mitgift aufstockten[549], wird wegen ebenfalls bestehende Prostitution reicher Mädchen nicht das einzige Motiv zur Selbst-Öffnung im Tempel gewesen sein: Diese Mädchen verstehen sich in heiliger Mission als Vorhut der fruchtbaren Schöpfung, als Wirtschaftwachstumsförderung und haben daraus ähnliche narzißtische Gratifikation gezogen wie heutige Politiker. Die sonnengekleidete Große Mutter Kleinasiens Cybele wird christlich zur Maria. Tierfiguren aus Brot, Opfergaben armer Leute, wurden nicht nur der Demeter, sondern unter den Kollyiaridianern auch der Maria geopfert.[550]
1.4.5 Zurvan als Gott der unendlichen Raumzeit bei
medischen Magiern
1.4.5.1 Zur Geschichte des Zervanismus als Theologie der Magier
In der zoroastrischen Orthodoxie vertieft sich der dogmatische Gegensatz von Gut und Böse, Wahrheit und Trug als der von Licht und Finsternis, rein und unrein, Ōhrmazd und Ahriman im Kampf zur Zeit der Materialisierung der präexistenten Mēnōk-Welt in den gētīk -Zustand. Durch die Missionsreisen der Ma=goi hat dieser Dualismus sowohl die griechischen und ägyptischen Philosophenschulen (Ostanes) als auch die jüdischen Theologen (Esra) nach ihrer babylonischen Exilierung affiziert. »Die Vorstellung von der Weltschöpfung und der Polarität zwischen Mēnōg und Gētīg in ihr wird in die Form des Großen Weltjahres gebracht. Das war wohl erst nach einer längeren Symbiose der Magier mit den babylonischen Chaldäern möglich, die seit dem 6. Jh. v.Chr. in der Lage waren, das kleinste gemeinsame Vielfache verschiedener Zyklen bis hin zu Planetenperioden zu berechnen.«[551]
Zaraθuštra kannte keinen obersten Gott Zrvan (Zurvan, Zərvan = Zeit).[552] Zurvan (zrvānahe [zrvan, zrvāna]) als Zeitgott tritt erstmals auf den churritischen Keilschrift-Täfelchen von Nuzi 8 km südwestlich von Kirkuk im Jorgan Tepe auf.[553] Nach einer Siedlungszeit im churritischen Urkeš-Reich des 4.-3.Jt.v.Chr. mit Gasur als Stadtname war Nuzi im 15.-14. Jh.v.Chr. ländliche Churriterstadt in Arrapha (=Kirkuk). 4000 Keilschrifttafeln aus Tempel, Palast und Privathäusern zeigen Erbrecht wie Gen 16,1-4; 25,31ff; 30,1-13; 49,3f und Num 21,17. Siegel aus Stein oder aufpolierter Quarzpaste sind machtverleihende Amtsurkunden, etwa von Mitannikönig Sauštatar, Arraphakönig Ithi-Teššup, und dem Beamten Ar-Šali. In Siegelhäusern wurde mit dem Siegel zugleich die Tradition der Siegel-Geber hochgehalten. Diese Amtssiegel und Amulette wurden noch über die Sassanidenzeit hinaus ausgiebig benutzt.[554] Der Tempel der assyrischen Jagd- und Kriegsgöttin Ištar-Šawuška von 2000 v.Chr., noch mit Pfeil und Bogen statt nackten Brüsten, wurde später erweitert um Hof und Teššup-Tempel, Zeichen churritischer Machtübernahme. Bei den Churritern in Hatussa 1600 v.Chr. bekommt Anu, der babylonische Himmelsgott, von Kumarbi seine Genitalien abgebissen und verschluckt. Kumarbi gebiert Wettergott Teššup, den Tigris und Tašmišu, cf 1.2.10. So entsteht die Sukzession Himmel - Zeit - WetterLuft - ErdeWasser. Zurvan dürfte Kumarbis Stelle eingenommen haben: Auch er gebiert das Himmelswesen und das Erdwesen, Taglicht und Nachtdunkel. Die vorastrologische Dualität Tag-Nacht wird zu Ahura Mazdā und Ahriman. In die Rolle von Teššup konnte Hesiod Zeus und die Iranier Ahura Mazdā einsetzen, der Tigris wird Gaia bzw. Ahriman. Die Struktur des Antagonismus, den Zurvan umklammert, ist indoeuropäisch: Die dunklen Erdhöhlen Ahrimans erinnern an die Kurgane im Donezbecken, die Verderbenstendenzen machen Ahriman als alt-arischen Todesgott kenntlich, während Ahura Mazdā als Himmelsfeuer Leben ist.
Auf einer Bronce-Tafel von Luristan im Sagrosgebirge östlich des Tigris ist ein Zeitgott mit Zwillingen dargestellt, wobei dies vielleicht die gegensätzlichen Zwillinge sind, von denen Zaraθuštra Yasna 30,3 spricht. Ihre Identifikation mit Ōhrmazd und Ahriman ist wesentlich später anzusetzen.[555]
Zurvān hat mit dem indischen Prajāpati eine große Gemeinsamkeit: beider Opferung zwecks Nachkommenschaft.[556] Hinter Zurvan stehen uralte indo-iranische Urmensch-Mythen. Ein Gott teilt sich in zwei Götter, gut und böse. Aus diesen entsteht die Welt. Der Zervanismus ist wohl ursprünglich der Mythos von den kontrahierenden Zwillingen gewesen und könnte in diesem Stadium schon eine eschatologische Komponente vom letztlichen Sieg des Guten gehabt haben. So ist er im 7.Jh.v.Chr. in Medien entstanden und dürfte die alte Religion der medischen Magier gewesen sein. Den Grundstock des Zervanismus (Gauš Urvan = Zurvān akarana als unendlicher Raumzeitgott) bildet also wieder der Urmensch-Mythos, der von der anatomischen Entsprechungsebene makrokosmischer Körperteilen mit Weltsubstanzen (Haare=Bäume) unter dem Eindruck primordialer planetarer, jahreszeitlicher und tageszeitlicher Zyklik auf die Ebene der Zeitfolge transformiert ist.
Wir müssen differenzieren zwischen der ostiranischen Miθra-Gemeinde, der sodgischen Zaraθuštra-Gemeinde und den medischen Magiern mit ihren Pahlavischriften. »Die Magier besaßen aber eine schriftliche Überlieferung, die zwar zoroastrische Traditionen enthielt, aber doch hauptsächlich zervanitischer Natur war. Diese schriftliche Überlieferung hieß zand, "Wissen". Die Herbade sind dagegen Hüter einer mündlichen zoroastrischen Überlieferung... apastāk, "Avesta".«[557] Diese auch regional verschiedenen Traditionen haben konträre Überlieferungsformen: Die Zarathuštrier mündlich und arkan durch ihre Herbade: »Nicht sollst du, o Zaraθuštra, einen anderen in diesem Zauberspruch unterweisen außer dem Vater oder dem Sohn oder dem lieblichen Bruder oder dem Priester (āθravan). Und das sind Worte, die stark und fest, stark sind und die Versammlung beraten, stark und siegreich sein, stark und heiltätig sind, und das sind Worte, die selbst den noch retten, des Haupt dem Gericht verfallen ist, die selbst den Schlag, zu dem schon ausgeholt ist, rückwärts ablenken.«[558] Sicher ist, daß sie ihr Wissen nur im geschützten Kreis weitergaben, wie sie über Jahrhunderte das Avesta mündlich durch das murmelnde Auswendiglernen und Rezitieren[559] völlig wortgetreu zu tradieren vermochten. Dadurch sind zugleich die faktischen Einflüsse der ostiranischen Zarathuštrier fast nie literarisch zu belegen. Einzig die Strukturen der Mythen zeigen die Verwandtschaft und Herkunft an. Dies bildet ein Grundproblem der Forschungsabsicht dieser Arbeit: Eine Abhängigkeit nachweisen zu wollen, die auf der Geheimhaltung ihres Bestehens fußt. Die Magier allerdings hatten Avesta-Texte schriftlich - nach Ardā Vīrāf 1,5 auf Leder mit Goldtinte - und waren missionarisch aktiv durch ihre Magubade. Sie hatten eine Orakeltradition und wurden am Königshof oft um Orakeln angefragt. Von da her waren sie an jeder Technik der Orakelerstellung interessiert und erkannten in der babylonischen Astrologie deren fortgeschrittenste Variante. Dies führte zu der starken Rezeption dieser Astrologie in die persische Theologie. Die Vendidad enthält 19,13.16 Invokationen Zrvan akaranas.[560]
In der Miθra-Gemeinde glaubte man an die Stammesseele Chwarēnah (= Machtglanz), die ein Aspekt Vərəθraghnas, des Kollektivgottes des Herrschergeschlechts, war und mit der Zurvan die Zwillinge zeugte. Beide gelten als mannbarmachend, glänzendmachend und gebrechlichmachend, also Herrscher über die Spanne des menschlichen Lebens von Jugend über Karriere bis zum Tod. Wenn also Zurvan Herr der Lebenszeit ist, so auch über die zeitstrukturierende Sonne, Mond und den Tierkreis der Sterne. Er gibt Ahriman Regierungszeit als Lebens- und Schaffenszeit.[561]
»Zurvāns enge Verknüpfung mit dem Tierkreis und dem Jahre und seine 'lange Herrschaft' konnten nicht umhin, Spekulationen über ein 'Weltjahr' anzuregen. Ein jedes Sternbild des Tierkreises vertritt ein Jahrtausend; der ganze Weltablauf umfaßt also 12000 Jahre, einen Aeon, die Zeit von Zurvāns Herrschgewalt. Vermutlich entstanden diese Spekulationen sehr frühzeitig; der babylonische Kulturkreis mit seiner Astrologie lag hinreichend nahe«.[562] Vom persischen Susa nach Ur in Chaldäa sind es 270 km. Ab dem 9. Jh. v.Chr. verdrängten dort die zunächst östlich des Urmia-Sees beheimateten Perser die Elamiter und siedelten sich nicht nur in der Persis, sondern auch in den Ausläufern der mesopotamischen Ebene, im Kercha-Tal an und gründeten den Staat Parsumaš und weiter östlich Parsa unter medischer Oberhoheit. Durch Handel mit den Nachbarn kam sicherlich auch religiöser Austausch und Astrologie war damals eine führende Wissenschaft zur Prognose der Überschwemmungen und war für die Perser auch lebenspraktisch relevant. Kyaxares hatte zur Eroberung Assurs und Ninivehs mit Babylon 614 ein Bündnis abgeschlossen und so diplomatische und vermutlich auch kulturelle Kontakte mit dem Verbündeten und Nachbarstaat aufgenommen, nachdem Assyrien persisches Gebiet war. Es werden mit Kyros II. auch Magier mitgezogen sein, die am persischen Hof erheblichen Einfluß hatten und nicht nur ein zuverlässiger Verwaltungsstab waren, sondern auch an einer Ausweitung ihrer Religion auf die eroberten Gebiete interessiert waren. So darf man bereits um 600, spätestens aber nach 539 v.Chr. in Babylon persischer Magier vermuten, die für ihre Verwaltungs-Mission viel Neues kennenzulernen gewillt waren und damit die Aufgeschlossenheit besitzen mußten, auch die Religion ihrer Vasallenstaaten kennenzulernen, die bereits seit Jahrhunderten ihre Nachbarn und sogar Verbündeten waren. Der Mazdayasnische Kalender ab 485 mit ägyptischem Skopus »enthüllt uns die religiöse Eigenart der Magier: sie waren die großen Synkretisten des Achämenidenreiches.«[563] So kam es in Babylon zu Kontakten mit der dort recht angesehenen und sicherlich auch lukrativen chaldäischen Astrologie. Die Magier werden die Exil-Israeliten kennengelernt haben, die Kyros II. als Befreier feiern. Mit den babylonischen Chaldäern muß ein intensiver gegenseitiger Austausch stattgefunden haben, denn Babylon war nach 539 v.Chr. die zweite persische Hauptstadt neben Ekbatana und hatte Weltstadtniveau. Hier wurden die astrologischen Kenntnisse des Zervanismus erworben, die Zyklik und die 12-Zahl der Millennien.[564] In der Astrologie ist das Jahr in 12 Monde geteilt, die jeweils einem Tierkreiszeichen unterliegen. Diese sind wiederum in 4 Jahreszeiten zu jeweils 3 Monaten geteilt. Dieses Jahresschema liegt dem Großen Jahr zugrunde, wo statt Monaten Millennien eingesetzt sind. Im Winter ist die Natur fast tot, aber in den Knospen ist schon alles angelegt und das Leben vorgeformt: Zeit der geistigen Schöpfung. Im Frühling materialisiert sich die Schöpfung zur vollen Blüte. Im Sommer streiten böse Mächte wie Dürre, Feinde, Hagel und Feuer um die Ernte als Lebensgrundlage. Im Herbst endlich ist der Sieg, die Früchte reif und geerntet und Zeit des Friedens. Diese Qualitäten der Jahreszeiten wurden einfach auf das Millenniums-Modell übertragen und schon hat man das zervanistische Schema der 4 Äonen im Großen Jahr. In der Theologie der Magier hat das Große Jahr[565] mit 12000 Jahren 4 Perioden: 3000 Jahre Mēnōk als geistige, in sich ruhende gute Schöpfung Ahura Mazdās, 3000 Jahre Gētīk als Materialisierung in paradiesischer Harmonie mit Urmensch Gayōmard[566] und Urrind, 3000 Jahre, in denen Ahriman aus seiner Betäubung erwacht und die gute Welt mit Bösem infiltriert, Urmensch und Urrind tötet, aus deren Samen das erste Menschenpaar und die Rinder erwachsen; darin leben wir. Die letzte 3000-Jahres-Periode ist geprägt durch Auflösung und Transfiguration mit Sukzession dreier endzeitlicher Saošyants, apokalyptischer Heilande, Totenauferstehung, Purgation in einem Metallstrom und Verklärung (fraškart = frašō-caretar = neue Strecke oder frisches Land) der Welt.[567] Wie Christus neuer Adam, Urmensch-Reinkarnation, ist auch Zaraθuštra Mitte dieser Weltzeit.[568] Schöpfung als Zeit-Gabe wird zur Prädestination von Kampf- und Heilszeit.
Dareios (Dārayavauš) I. ließ um 513 v.Chr. den Zervanismus als Irrlehre verbieten, 25 Jahre nach der Eroberung Babylons, wo dem Zervanismus die chaldäischen Zyklen des Großen Jahres quasi bestätigend und bekräftigend entgegenkamen und hier zu einer den Mazdaismus aufweichenden Fatalisierung führten. Solche Verbote sind nur dann zweckmäßig, wenn hier ein ernstzunehmend starkes Potential gewachsen ist, welches die Orthodoxie zu gefährden imstande ist. Eine solche Entwicklung kann sich aber nicht in 25 Jahren abspielen, sondern muß ab dem 9. Jh.v.Chr. durch Handelsbeziehungen Chaldäa-Susa und noch einmal intensiviert ab 614 während der Bündniszeit mit Babylon bereits einen synkretistischen Vorlauf gehabt haben, der angesichts der nationalen Anektion von Babylon und Chaldäa die Astrologie zum epistemischen Eroberungsgut der Siegerreligion machte.
Unter Xerxes zieht 480 v.Chr. ein großer Troß Magier mit Ostanes gegen Griechenland.[569] Ostanes ist mit Artaxerxes I. Sohn von Dareios I. und oberster Magier Persiens. Er residiert später im ägyptischen Memphis mit Haupttempel und iranischer Garnison über die ägyptischen Tempel und inauguriert dort eine theologisch-naturwissenschaftliche Akademie. Die Elephantine-Juden schreiben nach der Plünderung ihres Jahu-Tempels durch Chnum-Gläubige eine Petition an ihn, cf 1.3.5. Auch die spätere Plünderung des babylonischen Marduktempels mit dessen großem Standbild und großen Goldschätzen durch Xerxes werden die Magier forciert haben. Die Magier, die in den griechischen Städten Kleinasiens seit dem Sieg von Kyros II. über Lydien und die griechisch-ionischen Städte 546 missionierten, kannten Astrologie und nannten den obersten Gott Zurvan. Im Aramäischen, der persischen Amtssprache, sind eine große Zahl iranischer Lehnwörter als Zeichen des bedeutenden Einflusses der persischen Kultur des Achämenidenreichs. Die religiöse Amalgamierung wird von einer sprachlichen flankiert. Im Alexanderreich ist der Zervanismus wieder aufgeblüht als Antwort auf die Zerstörung des zoroastrischen Staatskirchentums.[570] In Vendidad 19 ist Zurvan Ahura Mazdā untergeordnet. Der Hellenismus stärkte die ostiranischen Widerstände in Gestalt des aufkommenden Partherreichs, militärisch durch Reiterarmeen nach feudalen Prinzipien gesichert. Jetzt erfolgte der größte iranische Einfluß auf die abendländische Kultur: Mesopotamien, Syrien, Palästina greifen die apokalyptischen Ideen auf; sie werden ins Griechische übertragen besonders in Kleinasien, wo hohe iranische Bevölkerungsanteile lebten. Der Syrer Mar Abas aus Nisibis verfaßte eine Geschichte Armeniens bis zur Arsakidenzeit, die Moses Xorenaçi I,9 als Quelle zitiert. Dort ist von Zeruan und Titan und Iapetos als Fürsten dieser Erde die Rede und I,7 davon, daß Mar Abas Chronos, Bel und Nimrod identifiziert, also die Hauptgottheiten der Parther, Griechen und Nordsyrer amalgamiert als Völkerverständigungsakt.[571]
Der Zervanismus steht im Einfluß des chaldäischen Fatalismus astrologischer Determination und die indische Lehre vom Rad der Geburten, die Platons Timaios aufgreift, kommt der Sternrotation der Astrologie mit den dortigen Perioden flankierend nahe: Geistschöpfung und Materieschöpfung, Unabwendbarkeit des Schicksals der Welt, die starke Macht des Bösen und die endgültige Verklärung der Welt.[572] Der Weltlauf wird von einen Gott unabänderlich prädestiniert gesehen und damit auch das Böse fatalistisch als Seinsmöglichkeit Gottes betrachtet.[573] Dies entsprach der Zeitgeschichte: Mit der Eroberung Persiens durch Alexander den Großen war die bisherige Superiorität Ahura Mazdās am Boden zerstört und die Frage nach seiner Macht mußte neu beantwortet werden. Das astrologische Schema der vier Zeitalter bot hier die Möglichkeit, die Schwäche des Guten als Stärke des Bösen, als lediglich zeitweilige Oberhand Ahrimans zu erleben, der schließlich ein Sieg des Guten und eine völlige Herrschaft Ahura Mazdās folgen werde. Die Katastrophe des Schleifens der Tempel Ahura Mazdās in Persepolis durch Alexander ließ ein unbedarftes Festhalten an der alten zarathuštrischen Monokratie Ahura Mazdās nicht länger mehr zu. »Später während der Herrschaft des Daraios, des Sohnes von Daraios, brach Kaiser Alexander von Rom ein, kam nach dem Reich von Iran, tötete den König Daraios, vernichtete alle Familien der Herrscher, die Magier, die hervorragenden Männer des Reiches von Iran, löschte eine große Anzahl der Feuer aus, nahm das Wissensgut der Religion der Mazda-Verehrer weg und sandte es nach Rom, verbrannte das Awesta, und verteilte das Reich von Iran auf 90 Herrscher der Häuser.«[574] Wie wir fragen, wie Gott Auschwitz zulassen kann, hatten die Magier zu fragen, wie Ahura Mazdā seine eigene Niederlage zulassen kann. Auf diese Frage antwortet der Dualismus von Ahriman und Ahura Mazdā.
Zervanistische Mobade {= Magubad mit dem medischen Šiz südlich des Urmia-Sees westlich von Ninive als Zentrum} gewinnen während der Partherzeit die Vorherrschaft über die zoroastrischen Herbade {mit Ištachr nördlich von Persepolis}.[575] In dieser Zeit dürfte die entscheidende Beeinflussung der jüdischen und christlichen Apokalyptik stattgefunden haben. Die persische Theologie der Hoffnung auf einen Sieg Ahura Mazdās und eine Zeit des Friedens und der Verwandlung der Welt zum Wohlbehagen dürfte aus der Katastrophe des Alexanderreiches geboren sein. In der politischen Katastrophe der Makkabäerzeit greift das Judentum diese Hoffnungsgehalte der einstigen Befreiernation auf. Hier ist das apokalyptische Schema des neuen Zeitalters entstanden, wo die Herrschaft der Teufelsmächte durch die Herrschaft des Guten, die Parusie Christi endgültig besiegt wird.[576] Die Endzeit ist das Ende des dritten zervanistischen Aions. Nach dem Weltgericht bricht dann die Zeit des Friedens an, des himmlischen Jerusalems, welches sich auf die Erde niederläßt und so aus rein geistiger Schöpfung zur einer knochenhaften wird. Die ersten 3000 Jahre Mēnōk als geistige, in sich ruhende gute Schöpfung Ahura Mazdās und die zweiten 3000 Jahre Gētīk als Materialisierung in paradiesischer Harmonie werden in der Apokalypse des Johannes transformiert zum himmlischen Jerusalem, welches visionär erkennbar ist, und dem neuen Jerusalem auf Erden. So haben auch die ersten beiden Äonen des großen Jahres Eingang in die Bibel gefunden. Auch der spätere Miθraskult stellt im Gefolge zervanistischer Magier Zrvan akarana (Ai)w/n, Saeculum, Kro/noj oder Saturnus) an die Spitze der Götter-Sukzession.[577] Die orphische Theogonie hat dann Kro/noj als ersten Gott, der aus sich selbst alles weitere Sein hervorbringt, wie Urmensch Puruša aus sich die Welt schafft.[578]
1.4.5.2 Quellenschriften des Zervanismus
Zurvan ist selten im ostiranischen Avesta zu finden, obwohl er als indoiranische Größe so alt ist wie Prajapati oder Miθra und seit dem 13. Jh.v.Chr dokumentiert. In den westiranischen Pahlavi-Schriften, die unter dem Einfluß der Chaldäer ab dem 9.Jh.v.Chr. astrologische Ausformung erhalten haben, bildet er den Schöpfungsgrund. Die Hauptquelle zervanistischer Schöpfungs-Texte ist das aus dem Damdad Nask entstandene iranische Große Bundahišn 1 -4, Dēnkard 7,11, Mēnōk i Chrat 8; 12; 22-28; 38; 47; 51 und Zātspram 1.[579] Die frühesten Handschriften TD1 vom Bundahišn datieren auf 881 n.Chr., Zusätze sind nach der Arabischen Eroberung des Sassanidenreiches 651 entstanden, aber die Hauptmasse der 33 Kapitel datiert wesentlich früher und basiert auf dem verschollenen Damdad Nask, was 32 Kapitel hatte.[580] Die Dēnkard ist die große Pahlavi-Kompilation der zoroastrischen Gelehrten[581] in Fars aus dem 9. Jh. Danach gliederte sich die Dēn, das von Priestern mündlich tradierte, erst unter dem Sassaniden Khosrav Anoširvan (531-78) mit einem eigens erfundenen Alphabet aufgeschriebene und vom Obermobad dem Konzil vorgelegte[582] Avesta, bestehend aus Abastāg (Heilige Texte zur Rezitation) und Zand (Exegetisches Kommentarwerk) in 3 Teilen: 7 Nasks der Gāthās, die Gāsānīg, enthält Wissen vom Mēnōk, dem geistig-unsichtbaren Weltgrund. 7 Nasks der Manthras, die Hādhag-Mānsrīg, ziehen die Konsequenzen des Mēnōk für Denken und Handeln, und die untersten 7 Nasks, die Dādīg, enthalten die Gesetze für die Gētīk, die sinnliche Welt. Die Priorität der Gāsānīg spiegelt wieder, »daß Ahura Mazdā die Schöpfung zunächst in geistigem Zustand (pahlawi mēnōg) hervorbrachte und sie dann in stoffliche, materielle Form überführte (pahlawi gētīg). Nach dem Dēnkard ist das geistige Dasein Wurzel, Ursache und Quelle des stofflichen. Das letztere verdankt dem geistigen Dasein seine Existenz, es ist von ihm herabgestiegen und wird sich wieder mit ihm vereinigen.«[583] Mani erwähnt in seiner Kephalaia 7,27-33: »Zarades kam zu König Hystaspes und erwählte gerechte und rechtschaffene Jünger und predigte in Persien... Aber er schrieb keine Bücher. Aber seine Schüler behielten nach seinem Tode seine Worte und schrieben die Bücher, die sie heute lesen.«[584] Šapur I. (241-72) hat nach Dēnkard 7,7 medizinische, astronomische und philosophische Schriften dem Avesta zufügen lassen. Zumindest einen Grundbestand liturgischer Texte hat es also um 200 n.Chr. gegeben. Nimmt man an, daß Alexander 330 v.Chr. das Avesta hat vernichten lassen, nimmt man eine auch von der Apokalyptik bekannte rigorose Buchstabentreue in der Überlieferungspraxis an, ob mündlich oder schriftlich, so reichen die Mythen in diesen relativ spät kompilierten Werken in die Frühzeiten des Zervanismus zurück, weit vor die Schriftenzerstörung Alexanders. Die Hypothese Bergers, das Bundahišn habe die Auferstehung und das Weltgericht aus dem Christentum übernommen, ist Apologetik, zumal seine Kenntnisse über das Bundahišn mangelhaft sind.[585] Die Referate über Magiertheologie in der frühen griechischen Literatur (1.5.2.1-23) zeigen, daß alle Essentials des Zervanismus vor 400 v.Chr. bekannt waren.
1.4.5.3 Der frühe Zervanismus vor dem Einfluß babylonischer Astrologie
Damascius (453-533 n.Chr.) berichtet, Eudemos von Rhodos habe Ende des 4. Jh.v.Chr. über die Magier gesagt, sie nennen das Weltganze teils Raum teils Zeit, woraus sie gut und böse, Licht und Finsternis herleiten, Ahura Mazda ist der gute Gott, Ahriman der böse Dämon. So auch Theopomp (378-323 v.Chr.).[586] Möglicherweise war zu Eudemos' Zeit die Vendidad bereits geschrieben, denn sie bestätigt diesen Doppelcharakter von Raum und Zeit Zurvans.
Es gibt eine Reihe von Texten, in denen Zurvān zusammen mit dem Himmel (Thwaša) und dem Wind (Vayu) bezeugt ist; er hat dort allerdings noch nicht die Schöpferrolle. Windluft ist quasi die unterste Schicht der Atmosphäre, darüber erstreckt sich das Himmelsfirmament und als letzte und höchste Schicht kommt Zrvan als Unendlichkeit. In dieser Verbindung scheint mir die Zeitdimension nicht ganz treffend, es geht vielmehr um den unendlichen Raum des Universums, in dem die Sterne unter der Führung von Sirius-Gott Tīštrya zeigen, wie grenzenlos der Kosmos nach oben hin ist. Daß hier die Trias Weltraum - Himmel - Wind als kosmologische Architektur zu einem liturgischen Segment geronnen ist, in der Vayu einen festen Platz hat, könnte auf ein Alter dieses Segments hindeuten, wo indische und avestische Arier noch zusammen waren.
Da Zurvān
in Niyayeš
1, in
der Sonnenlitanei, mit dem Sirius zusammen verehrt wird, ist eine
natürliche
Affinität zur Astrologie gegeben: »Tīštrya
verehren wir mit Klangaugen... Die Anhänger von
Tīštrya verehren wir.
Tīštrya den ruhmreichen Radianten, verehren wir. Den
mazdageschaffenen
Vanat-Stern verehren wir. Tīštrya den ruhmreichen Radianten,
verehren wir.
Den seinen eigenen Gesetzen folgenden Thwaša (Himmel)
verehren wir. Den
unendlichen Zrvan verehren wir. Zrvan, der seinen eigenen Gesetzen
für die
lange Periode folgt, verehren wir. Den heiligen und wohltuenden Vayu
verehren
wir. Die mazdageschaffene höchst gerechte Weisheit verehren
wir. Die gute
Mazdareligion verehren wir. Den Weg zum guten Staat verehren wir. Den
goldenen
Schacht verehren wir. Den mazdageschaffenen Berg Saokanta verehren wir.«[587]
Eingeleitet wird die Litanei von der Verehrung des Schöpfers Ahura
Mazdā und Miθras.
Zrvan
begegnet als eigengesetzlicher Himmelsgott, der zwischen Sonne,
Sternen, Himmel
und Wind und heiligem Berg genannt die unendliche Weite des
Himmelsraumes
verkörpert. Die „lange Periode“ zeigt ihn
zugleich als Weite der Zeit. Hier
dürfte das „Große Jahr“ seinen
Andockpunkt gefunden haben. Zeit ist bewegter
Raum. In
dieser vorbabylonischen
Himmelsverehrung ist Zurvan das
ozeanische Gefühl der
Raum- und Zeit-Weite auf dem Weg zur Hypostasierung als Gott.
Auch in Yasna 72,10 ist Zurvan mit dem Himmel und dem Wind Vayu verbunden, also als Himmelsgott gedacht: »Tag des gute Weide bietenden Raman und des überlegen wirkenden, über die andern Geschöpfe hinwegsehenden Vayav - jenes an dir, o Vayav, was an dir dem heiligen Geist entstammt ist, verehren wir - , des unvergänglichen Thwaša, des endlosen Zrvan, des ewigen Zrvan. Aša ist das beste Gut.«[588] Die Verbindung mit Himmel und Wind begegnet auch in den Invokationsanweisungen Ahura Mazdās im 19. Kapitel der Vendidad, dem Buch der medischen Magier: »Ruf herab, o Zaraθuštra den unvergänglichen wāša, den endlosen Zrvan, den überlegen wirkenden Vayav.«[589] Zaraθuštra ruft anschließend 19,15f herab den Weltschöpfer Ahura Mazdā, den weidenreichen Krieger Miθra, den schönen Dämonentöter Sraoša, den hochherrlichen Matra Spənta, den unvergänglichen wāša, den endlosen Zrvan, den überlegen wirkenden Vayav. Auch hier ist Zurvan hinter Ahura Mazdā und Miθra im Wind-Himmelssetting genannt. Man kann davon ausgehen, daß diese Konnotation Miθra-Vayu-Thwaša-Zurvan, also Sonne-Wind-Himmel-Raumzeit ein alter arischer Bestand ist. Eine Verbindung mit dem Kampf des guten gegen den bösen Zwilling besteht hier noch nicht.
Zurvān schuf nach Vendidad 19,29f die Wege der Seele nach dem Tod: »Der Daēvaj Vizareša mit Namen, o Spitama Zaraθuštra, führt die Seele der druggläubigen daēvaanbetenden Menschen gebunden fort. Er kommt zu dem von Zrvan geschaffenen Pfad, der für den Druggläubigen und der für den Ašagläubigen bestimmt ist, zu der mazdageschaffenen Cinvat-Brücke. Wahrnehmungskraft und Seele befragen sie nach dem Anteil an Hab und Gut, der dem Verstorbenen in dem stofflichen Dasein verliehen war. 30 Jenes schöngeschaffene tüchtige wohlgewachsene Mädchen stellt sich ein, mit den beiden Hunden, mit einem Strick versehen, die gewandte kunstfertige. Die zerrt der Druggläubigen schlechte Seele in die Finsternis hinab. Die bringt die Seelen der Ašagerechten - über die hohe Hara kommt sie heran - über die Cinvat-Brücke hinüber zum Uferdamm der geistigen Yazatas.«[590] Nachdem Vohu Manah im Himmel auf seinem goldenen Thron den Neuankömmling nach dem Grund seines Todes und Aufstiegs vom gefährlichen Erdleben zum gefahrlosen Himmelsleben fragt, gehen die Seelen der Gerechten zum Haus des Lobs, dem Wohnort Ahura Mazdās und der Aməša Spənta, der voller goldener Throne ist.[591] Die Vendidad bringt Zurvan mit der auch vom Tode nicht begrenzbaren Zeit und dem Fortleben der Seele in Verbindung als den, der Zeit und Wege gibt für das neue Leben nach dem Tod.
1.4.5.4 Bundahišn und Zadspram mit vorbabylonischem 9000-Jahre-Zyklus
Im mittelpersischen Bundahišn,
von dem die im 9.Jh. redigierte iranische Handschrift
größer ist als die
indische Version, geht es um Ōhrmazd' Schöpfung von Welt,
Sternen, Urstier
Gošorun, Planeten und die Entstehung des Bösen (1-5
SEB 5), den Kampf Ahrimans
gegen die Schöpfungen von Ōhrmazd: Himmel, Wasser, Erde,
Pflanzen und
Urrind (6-10), die Natur der Geschöpfe, Erde, Berge, Meere,
Tiere, Menschen,
Feuer, Bäumen, Flüsse, Seen, Affe und Bär
und Pflanzen (11-23+27), den religiösen
Kalender als Zeitordnung (25) und Maße als Raumordnung (26),
die sieben
kosmischen Kriege des Guten gegen das Böse mit Endsieg und
Auferstehung der
Toten zum neuen Sein (28-30) und die Genealogie und Heilsgeschichte der
Kayaniten (31-34). Avestische Syntaxspuren zeigen, daß viele
Passagen aus dem
Avesta übernommen sind, etwa Vendidad
1. - Im Bundahišn
1,20 (SBE 5) und Zadspram
1,10 ist von nur drei Trimillennien die Rede, die Ahura
Mazdā
mit Ahriman
vereinbart: 3000 Jahre herrscht Ahura
Mazdā allein,
3000 Jahre wirkt Ahriman
mit bösen Taten in Menschen und Welt, die letzten 3000 Jahre
ist er entmachtet
und alles ist gut.[592]
So
hat das Zwölfmillennien-Schema mit den ins Millennische
übertragenen
chaldäischen Monatszyklen iranische Vorläufer,
die noch keine babylonischen Einflüsse der 12 Weltzeit-Monate
erkennen lassen.
1.4.5.5 Zurvans Geburt von Ôhrmazd und Ahriman und ihr Zeit-Vertrag
Zurvān wird, so der westiranische Urmythos, wie ihn der armenischer Kirchenvater Eznik 550 n.Chr. aus der Überlieferung von Theodor von Mopsuestia wiedergibt, nach tausendjährigem Opfern und Warten endlich Vater von Ormizd (Ahura Mazdā) und Ahriman, den konträren Zwillingen. Im Mutterschoß hört Ahriman, wie Zurvan für den Erstgeborenen die Königswürde verspricht, sprengt den Mutterschoß und will von Zurvan gekrönt werden. Dieser findet den rechtzeitig geborenen Ormizd wohlriechend, während der dunkle Ahriman stinkt, muß dem aber sein Wort halten und krönt ihn für 9000 Jahre als Weltherrscher unter der Oberherrschaft von Ormizd. Danach soll endgültig Ormizd allein regieren. Beide beginnen erst mal, Wesen zu schaffen, Ormizd nur gute, Ahriman nur böse.[593]
Zadspram 1,1-4 hat den Mutterschoß durch Dunkelheit unten ersetzt und die Vagina ist die Grenze zwischen dem Dunkel-Reich und dem Licht-Reich. Zurvan ist zum Container (geöffneter Raum) geworden, der alles beinhaltet. »Es ist in der folgenden Schrift erklärt, daß Licht oben und Dunkelheit unten war, und zwischen jenen zwei war geöffneter Raum. 2 Ōhrmazd war im Licht und Ahriman in der Dunkelheit; Ōhrmazd sah Ahriman und sein Kommen zum Streit; Ahriman sah nicht das Sein des Lichtes und des Ōhrmazd. 3 Es geschah Ahriman, im Trübsinn und in der Dunkelheit, daß er bescheiden (fro-tanu) auf die Ränder ging, und im Nachdenken über andere Sachen kam er bis zur Oberseite und sah einen Lichtstrahl und wegen seiner ihm entgegengesetzten Natur bemühte sich er, ihn zu erreichen, um ihn in seine unbeschränkte Gewalt zu bringen. 4 Und während er weiter zur Grenze kam, begleitet von bestimmten anderen, kam Ōhrmazd näher zum Kampf, Ahriman von seiner Gegend wegzuhalten; und er tat es durch reine Wörter, verwirrende Zauberkraft und warf ihn zurück in den Trübsinn. 5 Als Schutz vor dem Teufel (druj) eilten die Geister hinein, der Geist des Himmels, Wasser, Erde, Pflanzen, Tiere, Menschheit und Feuer, die er ernannt hatte, und sie hielten ihn 3000 Jahre aufrecht. 6 Ahriman sammelte ständig Kriegsmittel im Trübsinn; und am Ende der 3000 Jahre kam er zur Grenze, tobte (patistad) und rief folgendes zurück: ich schlage dich, ich schlage die Geschöpfe, die du denkst zum Ruhm für dich produziert zu haben, der du bist der wohltätige Geist, ich zerstört sie alle. 7 Ōhrmazd antwortete: Du bist kannst nicht alles, O Teufel! 8 Und wieder erwiderte Ahriman folgendes: Ich verführe alles materielle Leben in Entfremdung zu dir und in Neigung zu mir. 9 Ōhrmazd erkannte weiserweise: Von Ahriman ist selbst das Toben wirkungsvoll, wenn ich nicht Entzweiung während einer Periode des Kampfes erlaube. 10 Und er verlangte von ihm eine Periode der Freundschaft, denn er sah, daß Ahriman nicht auf die Intervention von irgendwelchen Kräftigen baute und das Bestehen einer Periode gegenseitige Freundschaft und gerechte Anordnung für beide erreichte; und er bildete drei Perioden, jede drei Jahrtausende lang.«[594] Jetzt formuliert Ōhrmazd das Ahunwar, das Kerngebet der Zoroastrier, in dem die Belohnung für gute Taten an der Cinvat-Brücke und Strafe für Verbrechen die hohe Ethik der Armenfürsorge als Solidarische Mitmenschlichkeit konstituieren. Hier ist ein Grundmythos von Bruder-Rivalität um die Ressourcen des Lebens der Ursprung des Kampfes und Ahriman ist der minderbemittelte, der aus Armut und Neid nach dem luxuriösen Territorium des Bruders greift. Diese Version ist Königsperspektive und der Teufel ist ein Armer, den der Neid zum Übergriff treibt. Vielleicht ist hier auch das Eindringen von Raubnomaden wie Turk und Hunnen mythisch reflektiert. Über diesen Urmythos hat sich dann die soziale Ethik Zaraθuštras gelegt, die mit der Erinnerung an das Gericht nach dem Tod die Gerechtigkeit im Leben motiviert. Zadspram 1,10 erschafft hiernach Ōhrmazd die Welt und alles läuft 3000 Jahre prima. Dann darf Ahriman endlich mitmischen und alles in Verderben vergiften. Die Seele des Ur-Stiers ruft Ōhrmazd um Hilfe an - Yasna 29 ist hier aufgenommen und zeigt, wie alte avestische Texte hier zusammengeführt sind und theologisch in eine Heilsgeschichte eingearbeitet wurden. Währenddessen erschafft Ōhrmazd eine komplette zweite Welt als geistige noch einmal im Himmel. Derweil toben auf der Erde die sieben Kriege Ahrimans gegen Himmel, Erde, Wasser, Pflanzen, Tiere, Menschen und Feuer.(Kap 5-11) Eine Biographie Zaraθuštras als Mitte der Heilsgeschichte schließt sich an.
In Bundahišn 1,1f (SBE 5 ist hier fast gleich mit Anklesaria) ist die Region des höchsten unendlichen Lichts Wohnsitz des allwissenden Ōhrmazd, während Abgrund und unendliche Dunkelheit die des Gegengeistes Ahriman sind. Ōhrmazd schafft Endliches und Ewiges wie das künftige Sein, Ahriman nur Begrenztes, weil auch seine Zeit begrenzt ist. »Ōhrmazd war ewig, beim Höchsten im Licht, [für unendliche Zeit,] aufgrund von Allwissenheit und Güte. 2 Das Licht ist die Stelle und der Sitz von Ōhrmazd; manche nennen es "Endloses Licht". Die Allwissenheit und die Güte sind ewig von Ōhrmazd; man nennt sie auch "Offenbarung". Die Offenbarung enthält die Auslegung dieser beiden. Der eine ist ewig aus der Unendlichen ZEIT, wie Ōhrmazd Raum, Offenbarung und ZEIT von Ōhrmazd gewesen ist. 3 Ahriman war bei der abgrundtiefen Station in Dunkelheit, aufgrund von Witz und zerstörerischem Wunsch. 5 Zwischen ihnen war Leere. Einige nennen es "LUFT", worin ihr Verbinden gewesen ist. 6 Sie beide haben Endlichkeit und Unendlichkeit. 7 Denn die äußerste Höhe ist das, was man "Endloses Licht" nennt, und die abgrundtiefe Station ist die "Endlose Dunkelheit".« Hier ist Ōhrmazd noch mit unendlicher Zeit und unendlichem Raum, also Zurvan, identisch.[595] Zwischen dem Lichtreich von Ōhrmazd und der Unendlichen Dunkelheit Ahrimans ist als Pufferzone Windluft; Vayu ist quasi Mittler zwischen Gut und Böse. Ahriman ist neidisch auf die Lichtherrschaft und greift aus dem Dunkeln nach ihr und verdirbt die Welt mit seinem Dämon Az-i Dahak, während Ōhrmazd 3000 Jahre bewegungslos die ganze Schöpfung in der geistigen, unsichtbaren Mēnōk-Welt wiederholt. König Faridoon fordert Az-i Dahak zum Duell heraus und kann ihn am Demavand fesseln. Erst nach 3000 Jahren Kampfzeit kann dann der Haudegen Sam ihn mit seiner Keule töten, wonach die Erneuerung der Welt mit Auferstehung des Urstieres und der Menschheit und ein üppiges Leben beginnt. Im Bundahišn ist also Ōhrmazd noch identisch mit den Eigenschaften Zurvans, der Unendlichkeit von Zeit und Raum. Einen übergeordneten Zwillingsgebärer gibt es dort nicht.
Die dritte Variante dieser Geschichte
finden wir in Mēnōk-i
Chrat 8,8ff: »Der Schöpfer,
Ōhrmazd, produzierte diese Kreaturen und Geschöpfe, die
Erzengel und den
Geist der Weisheit von dem, der seine eigene Pracht ist, und mit dem
Segen
Zurvans (unbegrenzter Zeit). 9
Weil Zurvan
(unbegrenzte Zeit) unvergänglich und unsterblich ist,
schmerzlos und hungerlos,
durstlos und unbeirrbar, ist für immer und ewig niemand
fähig, ihn zu
übertreffen oder ihn in seinem Lebenszusammenhang nicht als
oberste
Schicksalsmacht anzuerkennen. 10
Der böse Ahriman schuf
als Mißgeburten die Dämonen und die Satane, und auch
die bleibend verdorben,
durch seinen eigenen unnatürlichen gesellschaftliche Umgang. 11
Er machte einen Vertrag von neuntausend Wintern in unbegrenzter Zeit
(daman;
gemeint: unter Beisein von Zurvan? ) mit Ōhrmazd. 12 Bis
dieser
nicht vollständig erfüllt worden ist, ist niemand
fähig, ihn zu ändern und
anders zu handeln. 13
Wenn die neuntausend Jahre um sind, hat Ahriman keine Macht mehr 14
und der rechtschaffene Sroš wird Ešm (Mordrausch)
schlagen. 15
Mihr und Zurvan (unbegrenzte Zeit) und der Geist der Gerechtigkeit, die
niemanden je betrügt, und das Schicksal und die
göttliche Vorsehung werden
Ahrimans Kreaturen und Geschöpfe jeder Art schlagen,
schließlich sogar den
Dämon Azho [Az]. 16
Und jede Kreatur und jedes von Ōhrmazd geschaffene
Geschöpf werden wieder so friedlich wie jene von ihm im Anfang
geschaffenen. 17
Alles Gute und auch Böse bei der Menschheit und den anderen
Kreaturen passiert
durch die sieben Planeten und die zwölf Konstellationen. 18
Und jene
zwölf Konstellationen sind wie in Offenbarung, sind die
zwölf Häuptlinge, die
auf der Seite von Ōhrmazd sind, 19
und jene sieben Planeten
werden die sieben Häuptlinge genannt, die auf Ahrimans Seite
sind. 20
Jene sieben Planeten entstellen jede Kreatur und jedes
Geschöpf und
liefern sie bis zu Tod an alles Böse aus. 21 Jene
zwölf Konstellationen
und sieben Planeten organisieren und leiten die Welt. 22
Ōhrmazd
wünscht gutes, und erlaubt noch nicht einmal den Gedanken an
Böses. 23
Ahriman wünscht böses, und weder denkt noch gar
erlaubt er etwas Gutes. 24
Wenn Ōhrmazd will, kann er die Kreaturen von Ahriman ändern;
und Ahriman
kann, wenn er will, dies mit den Kreaturen von Ōhrmazd, 25,
aber er ist nur fähig zu ändern, damit es letztlich
keine Verletzung von
Ōhrmazd gibt, 26
weil der letzte Sieg Ōhrmazds eigener ist. 27
Denn man erzählt, daß Yim [Jamšed] und
Faridoon und Kay Us von Ōhrmazd
unsterblich geschaffen werden.«
1.4.5.6 Das „babylonische“ Große Jahr und die apokalyptische Äonenwende
Nach Schaeder ist die iranische Eschatologie eine spätere Entwicklung.[596] »Zarathustra hatte die Verehrung der Zeit und des Schicksals abgeschafft. Für ihn war die Welt erfüllt von dem Kampf des Schöpfergeistes gegen den Zerstörer bis zur Vernichtung des letzteren und dem ewigen Triumph des ersteren. Nach dem Tode des Propheten muß sich der Glaube verbreitet haben, daß seine Ankunft eine neue Phase des kosmischen Kampfes eingeleitet hatte. Deshalb lesen wir in Y 9,15, daß die Dämonen, die bislang frei auf der Erde umhergingen, nun unter ihrer Oberfläche Schutz suchen mußten. Dann wurde angenommen, er habe drei Nachfolger im Heilswerk, von denen jeder am Ende eines Jahrtausends erscheinen würde, um das neue einzuleiten. Dies ergab eine Periode von 3000 Jahren von Zarathustra bis zur endgültigen Erlösung. Nun setzte man symmetrisch für den Kampf zwischen Ormazd und Ahriman den gleichen Zeitraum vor dem Erscheinen des Propheten an, so daß sich insgesamt 6000 Jahre ergaben. Jedoch scheinen nach der Aufstellung in Bundahišn 34 zwei weitere Perioden zu je 3000 Jahren hinzugefügt worden zu sein, ehe der Einfluß des Bösen begann. Diese beiden Perioden waren charakterisiert durch die unbestrittene Herrschaft des Ormazd, in der ersten als rein geistige Schöpfung, während die zweite, wie wir gerade gesehen haben, durch das Erscheinen des Gayōmard gekennzeichnet wird.«[597]
Der zur Untermauerung der Singularität jüdisch-christlicher Religiosität gern hervorgehobene Unterschied von zyklischem Geschichtsverständnis im iranischen großen Weltjahr und der Linearität des jüdischen Geschichtsdenkens scheint mir gerade im Blick auf die Apokalyptik eher konstruiert.[598] Die 3000-Jahres-Äonen des zervanistischen großen Jahres sind derartig lang, daß ihre Wiederholung im Vergleich zur ewigen Wiederkehr des Jahreszyklus faktisch nur eine Denkfigur war, die jeglicher konkreten Geschichtswahrnehmung entzogen war. Mit dem jüdischen Messianismus ist das iranische Motiv der endzeitlichen Saošyant radikal vereinbar. Die gegenwärtige Weltzeit, in der nach dem ersten rein geistigen Äon (apokalyptisch moduliert zum Himmel) und dem zweiten Materialisierungs-Äon (moduliert zur Schöpfungsgeschichte) nun Ahura Mazdā Ahriman am Ende besiegt, um im letzten 3000-Jahres-Äon das Gute allein wesen zu lassen, paßt wesentlich deutlicher zum Sinn und Zweck des Weltgerichts als die Vorstellung einer am Ende aller Geschichtszeit vollzogenen Rehabilitation der Gerechten, von der sie gar nicht haben, weil danach die Welt zuende ist. Dagegen ist das Weltgericht als Übergangsritual in den letzten Äon sinnvoll, um zu verhindern, daß dort noch die Gefolgsleute Ahrimans infiltriert werden. Zudem ist auch nur dann eine Auferweckung der Gerechten zum Gericht sinnvoll, wenn sie danach im letzten Äon zum Tun des Guten Lebensrecht erhalten.
1.4.5.7 Die Auferstehung zum Weltgericht und ewigen Leben
Die christliche Auferstehung wurde aus persischen Vorstellungen übernommen. Die zentrale Stelle ist im Bundahišn 30.7ff SBE5 (= 34,6ff Anklesaria) zu finden. Die Details zeigen, in welchem tiefgreifenden Ausmaß diese Gerichtsvorstellung die christliche Parusievorstellung präformiert hat: »Zuerst werden die Knochen von Gayōmard wachgerufen, dann die von Mašye und Mašyane, dann die des Restes der Menschheit; in den 75 Jahren des Sošyant bereiten sie alle Toten vor und alle Menschen stehen auf; wer gerecht ist und wer böse, jedes Menschengeschöpf, sie stehen auf vom dem Ort, wo es sein Leben beendete. 8 Danach, wenn alle materiell lebenden Wesen wieder ihre Körper und Formen annehmen, weisen sie (bara yehabund) ihnen eine einzelne Kategorie zu. 9 Vom Licht, welches (levatman) die Sonne begleitet, ist eine Hälfte für Gayōmard, und eine Hälfte gibt Aufklärung unter dem Rest der Menschen, damit die Seele und der Körper wissen, daß dieses mein Vater ist und dieses meine Mutter und dieses mein Bruder und dieses meine Frau und diese irgendeine andere meiner nächsten Verwandten. 10 Dann ist die Versammlung des Sadvastaran, in dem alle Menschheit zu dieser Zeit steht; in dieser Versammlung sieht jeder seine guten Taten und seine schlechten Taten; und in dieser Versammlung, wird ein böser Mensch wie ein weißes Schaf unter denen auffallen, die schwarz sind. 11 Wenn in dieser Versammlung ein gerechter Mensch Freund von einem bösen in der Welt war und der böse Mensch beschwert sich bei ihm: "Warum hat er mich nicht aufgeklärt, als wir noch in der Welt waren, mit den guten Taten, die er selbst übte? Wenn der Gerechte ihn nicht informierte, dann muß er Schande in dieser Versammlung erleiden. 12 Danach stellten sie den gerechten Menschen abseits von dem bösen ein; und dann ist der Gerechte für den Himmel (garothman), und sie werfen den Bösen zurück in die Hölle. 13 Drei Tage und Nächte fügen sie Bestrafung leibhaftig in der Hölle zu und dann erblickt ihn leibhaftiges Glück drei Tage im Himmel. 14 Man sagt, am Tag, wo der Gerechte vom Bösen getrennt wird, die Tränen von jedem rinnen runter bis an seine Beine. 15 Wenn sie einen Vater von seinem Gefährten (hambaz) trennen, einen Bruder von seinem Bruder und einen Freund von seinem Freund, leiden sie, jeder für seine eigenen Taten und weinen, der Gerechte für den Bösen und der Böse über sich selbst; so kann es einen Vater geben, der gerecht und sein Sohn böse ist, so kann ein Bruder gerecht und einer böse sein. 16 Für die mit eigenartigen Taten, die den Tod verdienen (marg-arjanan), werden Dahak [Zohak] und Frasiyav von Tur und andere dieser Art ernannt, eine Bestrafung durchzumachen, die keine anderen Menschen durchmachen; sie nennen sie die Bestrafung der drei Nächte. 17 Von den Produzenten der Erneuerung des Universums, kommen jene Gerechten, von denen es geschrieben wird, daß sie leben, fünfzehn Männer und fünfzehn Mädchen, zur Unterstützung vom Sošyant. 18 Während Gochihar aus dem himmlischen Bereich auf einem Mond-Lichtstrahl zur Erde fährt, wird die Bedrängnis der Erde wie die eines Schafs, wenn ein Wolf über es herfällt. 19 Danach schmelzen das Feuer und der Mondhof-Schein das Metall von šahrewar, in den Hügeln und in den Bergen, und es bleibt auf dieser Erde wie einem Fluß. 20 Dann gehen alle Menschen durch das geschmolzenes Metall und werden rein; dem Gerechten scheint es, als wenn er fortwährend in warme Milch geht; dem Bösen scheint es, als wenn er fortwährend in geschmolzenes Metall geht. 21 Danach kommen mit größter Zuneigung alle Menschen zusammen, bitten Vater und Sohn und Bruder und Freund einander: "Wo bist du diese vielen Jahre gewesen, und was war das Urteil nach deine Seele? Bist du gerecht oder böse gewesen?" 22 Die erste Seele, die der Körper sieht, erkundigt sich bei ihm mit jenen Worten (guft). 23 Alle Menschen werden zu einer Stimme und üben lautes Lob zu Ōhrmazd und zu den Erzengels aus. 24 Ōhrmazd führt seine Arbeit zu dieser Zeit durch, und die Geschöpfe werden so, daß man sich um sie nicht mehr sorgen muß, und auch unter denen, die auf Vergänglichkeit hin angelegt sind, ist keine Sorge nötig. 25 Sošyant führt mit seinen Assistenten eine Yazišn-Zeremonie durch, wenn er die Toten vorbereitet, und sie schlachten das Rind Hadhayoš in diesem Yazišn; vom Fett dieses Rindes und dem weißen Haoma bereiten sie Haschisch vor und geben es allen Menschen, und alle Menschen werden unsterblich für immer und ewig.«[599] Die Ähnlichkeit zur Apokalyptik läßt Berger Henne und Ei vertauschen: Das »Bundesheshn...[biete] eine Fülle von Material, das unzweifelhaft jüdische und christliche Apokalypsen mit der (an sich viel älteren) parsischen Auferstehungslehre (vgl. Yt 19,88ff) verbunden hat (die Übereinstimmungen sind passagenweise wörtlich; zu zeitgenössischen jüd. Apokalypsen in Persien vgl. die Pers Dan Apk I und II).«[600] So abwegig Bergers Verwechselung von Quelle und Abkömmling, so klar sind persische Dan-Apokalypsen voll persischer Tradition.
1.4.5.8 Das Buch des Lebens als Beweismittel im Endgericht
Das himmlische Buch des Lebens als Gerichtsbeweis der guten und bösen Taten eines jeden Menschen begegnet in Ex 32,32f(!!!); Dan 7,10; 12,1; Ps 69,29; 139,16; Ez 13,9 Phil 4,3; Apk 3,5; 5,1-9; 17,8; 20,12.15; 22,19; Hen(äth) 47,3. Es verzeichnet meist nur die Gerechten und ihre Taten. Wer nicht drinsteht, wird in den Höllenpfuhl geworfen. Hier könnte auch der ägyptische Gerichtsschreiber Thot im Totengericht als Protokollant der Herzwägung in Betracht kommen, doch ist dies ein Individualprozeß und nicht Thots Lügendetektor-Protokoll gibt den Ausschlag, sondern die Entscheidung des Osiris mit seinen 42 Beisitzern. Diese Idee der Geschichtsbücher aller guten Taten der Menschen wurde von der himmlischen Daēnā übernommen, die als hübsches Mädel Spiegelbild der Güte des irdischen Verstorbenen ist: je gütiger er war, desto hübscher ist sie. In den zervanistischen Schriften allerdings ist die Konfrontation mit den eigenen guten und bösen Taten an der Cinvat-Brücke vom postmortalen Einzelgericht aufgeweitet zum Massenprozeß aller Menschen in großer Versammlung.[601] So beschreibt das Bundahišn: »Dann findet der Aufbau des Sadvastaran statt, in dem alle Menschheit zugleich steht; in dieser Versammlung sieht jeder seine eigenen guten Taten und seine Missetaten; und dann, in dieser Versammlung, wird ein böser Mensch wie ein weißes Schaf unter denen so auffallen, die schwarz sind.«[602] Jesu Gleichnis Mt 25 von den Schafen und Böcken ist nicht weit hiervon entfernt. Im Ardā Vīrāf 4,2-7 heißt es: »In dieser ersten Nacht kam der fromme Sraoša und Adar der Engel, mich zu treffen. Sie beugten sich zu mir und sagten: „Sei willkommen, Ardā Vīrāf, obgleich du gekommen bist, auch wenn es noch nicht deine Zeit ist.“ Ich sagte: „Ich bin ein Kurier.“ Und dann nahmen der siegreiche fromme Sraoša und Adar der Engel, mich bei der Hand. Den ersten Schritt mit dem guten Gedanken und den zweiten Schritt mit dem guten Wort und den dritten Schritt mit der guten Tat nehmend, kam ich bis zur Cinwad-Brücke, die durch Ōhrmazd geschaffen sehr breit und stark war.« Dādestān i Dēnīk 24,4 sagt von der Ankunft im Himmel: »Der Schatzmeister der guten Werke, ein superhübsches Mädchen (kaniko), kommt heraus, ihn mit dem Sammlung seiner eigenen guten Werke zu begrüßen.« Dēnkard 3,81 schildert: »Um die Reiche der folgenden Welt durch gute Gedanken zu erreichen, bete ich mit guten Wörtern und guten Taten dich an, das ich dann für mich den Weg zum glänzenden Paradies öffnen kann: das heißt, daß mir die schwere Bestrafung der Hölle möglicherweise nicht zugefügt wird und ich über die Cinwad-Brücke schreite und die wohlriechenden luxuriös geschmückten und ewig glücklichen Villen des Paradieses erreiche.« Dēnkard 5,6: »Entsprechend unser Religion wird ein Zoroastrier in der Morgendämmerung des 4. Tages nach seinem Abgang in das Gericht göttlicher Gerechtigkeit gegeben, welchem vorsitzen Vohumana, die Amahraspand (aməšā spənta - die klugen Unsterblichen), der rechtsprechende Miθra, der heilige Rašnu und Sraoša, es erfolgt eine Belohnung für alle seine guten Taten in seiner Lebenszeit, und von all seinen guten Taten, die er begonnen hatte, die aber durch seinen Tod überholt wurden, wo er sie beenden kann, und die folgend ausgeführt werden aus der Erbmasse entsprechend seinem Testament für diesen Zweck, und für alle guten Taten, die ihm vorgeschrieben sind in seinen Willen, und die guten Taten, die im Einklang mit den Vorschriften der Religion nach seinem Tod seine Erben oder Verwandten oder Freunde in seinem Namen tun - alle diese Taten mit ihren Resultaten bis zum Tag der Auferstehung werden voll in der Zumessung der Belohnung angerechnet.« Vendidad 19,17: »Auf die drei wichtigsten Dinge sei immer bedacht, nämlich gute Gedanken, gute Worte und gute Taten. Auf die drei abscheulichen Dinge sei überhaupt nicht versessen, nämlich schlechte Gedanken, schlechte Wörter und schlechte Taten.« Mēnōk-i Chrad 2,110-95 beschreibt ausführlich das Seelengeschick an der Cinvat-Brücke und wie der böse Vizareš die schlechten Seelen mitnimmt zur Folterung in der Hölle.
Im Koran (69,19-37) schließlich ist das Buch des Lebens Grundlage des Gerichts, dort heißt es: »Was den anlangt, dem sein Buch (der Rechenschaft) in die Rechte gegeben wird, so wird er sprechen: „Wohlan, leset mein Buch. Wahrlich, ich wußte, daß ich meiner Rechenschaft begegnen würde.“ So wird er ein erfreuliches Leben haben, in einem hohen Garten, dessen Früchte leicht erreichbar sind. Esset und trinket in Gesundheit, zum Lohn für das, was ihr in den vergangenen Tagen gewirkt. Was aber den anlangt, dem sein Buch (der Rechenschaft) in die Linke gegeben wird, so wird er sprechen: „O wäre mir doch mein Buch nicht gegeben worden! Und hätte ich doch nie erfahren, was meine Rechenschaft ist! O hätte doch der Tod (mit mir) ein Ende gemacht! Mein Besitz hat mir nichts genützt. Meine Macht ist von mir gegangen.“ Ergreift ihn und fesselt ihn, dann werft ihn in die Hölle. Dann stoßt ihn in eine Kette, deren Länge siebzig Ellen ist; denn er glaubte nicht an Gott, den Großen, und forderte nicht auf zur Speisung der Armen. Keinen Freund hat er drum hier heute und keine Nahrung außer Blut, mit Wasser gemischt, das nur die Sünder essen.« Die göttliche Barmherzigkeit äußert sich im Islam, indem der Mensch im Koran für jede gute Tat die zehnfache Belohnung erhält, während ihm die böse nur einfach angerechnet wird.
1.4.5.9 Die endzeitliche Verwandlung der Welt
Die endzeitliche Verwandlung der Welt (fraškart = frašō-caretar = neue Strecke oder frisches Land) wurde ebenfalls ins Christentum und den Islam übernommen. Eine Vorstufe zur Idee der Weltverwandlung findet sich bei Zaraθuštra in seiner 13. Yasna 48,2 »Tu mir kund, was nur Du weißt, Herr! Überwindet, ehe denn das Strafgericht kommt, das Du im Sinne hegst, der Rechtgläubige den Lügenknecht? Ward jenes doch erkannt als des Daseins Verklärung.«[603] aŋhēuš vaŋuhī meint »gutgeschaffene Welt, gutes Leben«. Diese Wende zum Guten, zur Wahrheit und zum Recht ist hier keineswegs als uranfängliche Wohl-Tat (Karl Barth) gedacht, sondern als eine allererst zu erwirkende Verbesserung der persönlichen Lebensumstände Zaraθuštras und seiner Schützlinge, aller Wahrheitsliebenden, der Gerechten. Die Universalisierung scheint hier wohl durch, obgleich der Kontext konkret biographische Naherwartung dieser Verbesserung der Welt zur Gerechtigkeit hin meint. Auch Y 30,7-9 deutet auf eine biographische Eschatologie eines sehr irdischen Gerichtes mit glühendem Metall als Feuerprobe der Wahrheit: »Und zu uns kam mit Herrschaft, Gutem Denken und Wahrsein die immerwährende Fügsamkeit; sie schuf aber die Lebenshauche der Leiber, so daß sie bei deinen Vergeltungen durch das (geschmolzene) Erz die erste von diesen sein wird. 8 Und dann, wenn die Strafe dieser Frevler kommen wird, dann, o Weiser, findet sich für diese (dh die Wahrhaftigen) das Reich mit dem Guten Denken ein, denen zum Lobe, o Herr, welche dem Wahrsein in die Hände geben die Lüge. 9 Und dann wollen wir diejenigen sein, welche dieses Dasein herrlich machen; o Weiser und ihr Herren zusammen mit dem Wahrsein, gewähret euer Bündnis, damit das Denken einheitlich sei, wo die Einsicht schwankend ist.«[604] Dieses Strafgericht noch zu seinen Lebzeiten wurde genau wie die christliche Naherwartung der Parusie Christi aufgrund des Ausbleibens ver-endzeitlicht, von den folgenden Generationen eschatologisiert. »Zarathustra mag die Eschatologie im üblichen Sinne des Begriffs nicht gekannt haben, da für ihn das Ende in naher Zukunft bevorstand.«[605]
Im Zervanismus wird die fraškart
bzw. frašegird
u.a. beschrieben im Bundahišn,
im Mēnōk-i
Chrad, im Dadestan-i
Denik
und im Dēnkard.[606]
Mēnōk-i
Chrad
27 beschreibt nach einer langen Serie von Herrschaftsepochen mit der
Zerstörung
Jerusalems und Zerstreuung der Juden durch Kavi Lohraspes(27,67)
die Ankunft von Kavi Vištāspes
(27,68), seinem Sohn und Empfänger der Mazdayasnischen
Religion. Dann folgt
27,71ff das Weltende mit »der
Vernichtung und
Zerstörung der Körper der Dämonen und
Feinde, 72
die Freude
und das Wohlgefallen des Wassers, Feuers und aller Engel und Geister
der
weltlichen Existenz (gētīg). 73
Und er war voll
Hoffnung des Guten und Würdigen 74 durch
einen
tugendhaften Willen zu seiner eigenen Bestimmung: 75 die
Wiedergutmachung (nōš dašnō) und Danksagung an
Ōhrmazd, mit den
Erzengeln 76
und dem Leiden und der Zerstörung von Ahriman und seinen
Mißschöpfungen.«
In Dēnkard 3,319ff ist ein Endzeitdrama geschildert: Spenamino besiegt Ahriman final, der königliche Prinz wird geboren (322) und dann beginnt eine ewige Freude der Guten.(323)
In Dēnkard 7 wird eine komplette zervanistische Heilsgeschichte entfaltet. Sie beginnt in Kap 1 mit der Materialisierung der Welt durch die Erzengel im Himmel und in Kap 2 mit den Eltern Zartošts, in Kap 3 seiner Geburt, Kindheit, Jugend und Berufung, in Kap 4 seiner Mission bei den Karaps und Vištāspas Bekehrung. Kap 5 erzählt die letzten 35 Jahre Zaraθuštras, 6 die Ereignisse bis zu Vištāspas Tod, Kap 7 bis zum Ende des Sassanidenreichs und Kap 8 bis zum Ende von Zartošts Millennium. Kap 9 schildert Aušedars Millennium, 10 Aušedar-mahs Millennium mit blühendem Wohlstand. In Kap 11 kommt der Sošan und die Erneuerung der Welt beginnt: »1 Über das Wunderbare, das nach dem Ende des Jahrtausends von Aušedar-Mah und der Ankunft des triumphierenden Wohltäter, bis das Ende des 57. Jahres von Sošyant und der Produktion der Erneuerung unter den Lebewesen kommt. 2 Über die wunderbare Pracht und den Ruhm des Sošyants sagt man: wenn das Kommen der letzten Wende jener Wenden der Jahreszeiten von Aušedar-Mah auftritt, wird der Mensch geboren, der Sošyant, dessen Nahrung geistig ist und dessen Körper sonnig (das heißt, ist sein Körper leuchtend wie Sonne); er schaut auf allen Seiten mit sechsäugiger Macht und sieht die Hilfsmittel der feindlichen Verfolgung. 3 Mit ihm ist der triumphierende Fürstenruhm, den der mächtige Faridoon gewann, als er Az-i Zohak schlug; auch Fürst Khosraw trug ihn, als er Tur Frangrasiyak schlug; auch Frangrasiyak trug es, als er Drve Zenigak schlug, und Fürst Vištāsp wird ihn tragen, wenn du ihn völlig zum Gerechtigkeit ziehst, und durch ihn fegt er den Teufel aus der Welt der Gerechtigkeit. 4 Wenn er 57 Jahre alt ist, beginnt die Vernichtung der Feindschaft der zweibeinigen Rasse und anderer und das Bezwingen von Krankheit, Hinfälligkeit, Tod und Verfolgung und des ursprünglichen Übels von Tyrannei, von Abtrünnigkeit und Verdorbenheit; es entsteht ein unaufhörliches grünes Wachstum der Vegetation und des ursprünglichen Geschenks von Freude; und es gibt siebzehn Jahre des Gemüse-Essens, dreißig Jahre des Wasser-Trinkens und 10 Jahre geistige Nahrung. 5 Und alle Pracht, Ruhm und Macht, die in aller besessenen Pracht, Ruhm und Macht entstanden waren, sind in ihm und kommen auf ihm zusammen und auf den Seinigen, wenn viele minderwertige Menschen erweckt die Macht haben; durch ihre Macht werden alle Truppen des Teufels geschlagen. 6 Und alle Menschheit bleibt einmütig in der Religion von Ōhrmazd, hörend auf den Willen des Schöpfers, den Befehl dieses Apostels und die Charismen seiner Begleiter. 7 Am Ende der 57 Jahre werden der Teufel und Ahriman vernichtet, tritt die Erneuerung für das zukünftige Bestehen ein, und die ganze gute Schöpfung wird mit Reinheit und vollkommenem Pracht versehen. 8 Die Offenbarung schildert es so: Wenn dieses Jahrtausend völlig abgelaufen ist, das Dritte der Religion des Mazda-Anbeter, marschiert dieser Mazda-Anbeter, dessen Name so triumphierend ist, vorwärts vom Wasser Kanyisa mit tausend Begleitern und auch Frauen in der Nachhut und blindem Eifer. Er schlägt die gemeinen Leute, die tyrannisch sind, und vernichtet sie. 9 Dann werden jene Mazda-Anbeter siegen und keiner besiegt sie. 10 Dann produzieren jene Mazda Anbeter eine Sehnsucht für eine Erneuerung unter den Lebewesen, ein ewiges Leben, ewig-wohltuend, und immerfort den Herrn begehren. 11 Dann werde ich, Ōhrmazd, die Erneuerung entsprechend der Sehnsucht unter den Lebewesen produzieren, ein ewiges Leben, ewig-wohltuend, unter einem geliebten Herrn.«
Im Bahman Yašt III,43ff wird ebenfalls eine apokalyptische Weltverwandlung imaginiert: Im 7. Millennium kommt Vištāspas Sohn Pešjotanu und vernichtet Türken, Araber und Römer, alle die die Mazdayasnische Religion und den Feuerkult unterdrückt haben. (BY III,23-42) Mit einem Sonnenstillstandswunder (III,43-49) kommt Zarathustras Sohn Hušedar für das 8. Millennium und bringt den Lebewesen ihre ursprüngliche Gestalt zurück.
Im 9. Millennium regiert Hušedar-mah (BY III,52f) so gut, daß die Medizin die Menschen unsterblich macht. 54: Am Ende des 9. Weltjahrtausends steigt Ahriman auf den Berg Demavand und befreit der Dämondrachen, den dort Faridoon gefesselt hatte. Az-i-Dahak bringt wieder Verderben und Krankheit in die Welt, so daß Feuer, Wasser und Pflanzen vor Ahura Mazdā klagen und um Erlösung bitten.(III,58 cf Rm 8,22) Ōhrmazd befiehlt darauf den Engeln Sraoša und Neryosang, den Helden Keresaspes Sam wachzurütteln.(59) »60. Dann gehen Sroš und der Engel Neryosang zu Keresasp. Drei Male stoßen sie einen Schrei aus, und beim vierten Mal steht Sam auf mit Triumph, und geht, um Az-i Dahak zu treffen. 61. Und Sam hört nicht auf seinen Sprüche und die triumphierende Keule schlägt ihn auf das Haupt und erschlägt und tötet ihn. Danach gehen Verwüstung und Unglück fort von dieser Welt, während ich einen Anfang des Jahrtausends mache. 62. Dann macht Sošyans die Lebewesen wieder rein, und die Wiederbelebung und künftige Existenz beginnt.« Hinter dieser Drachentötung steht der indische Mythos von Indra, der mit seiner Keule (vajra) das Schlangen-Ungeheuer (ahi) Vritra erschlägt, die den im Urmeer Varunas schwimmenden Urberg besetzt hält.[607] Indra spaltet den Berg, aus dem Feuer und Wasser oder Sonne und Soma als Leben, Licht und Form herausplatzen und zu den himmlischen Göttern hochgebracht werden.[608]
So entsteht die obere Welt über der unteren, in der die Asuras Mitra-Varuna herrschen und fortan über die Rita, die gute Ordnung wachen.[609]
In der zervanistischen Eschatologie ist die Erneuerung der Welt nach langen Kämpfen und endgültigem Sieg über Ahriman durch eine Reihe von streitbaren Helden im Kampf gegen die Ungläubigen gedacht als Weltherrschaft des Mazdaismus in Frieden, Gerechtigkeit und üppig entfalteter Schöpfung. Das Böse ist vernichtet, die Geschöpfe sind gereinigt und gesund, und es gibt eine ewigwährende Versöhnung in der Anbetung Ahura Mazdās. Deutlich ist dieser Endkampf in der Kriegsrolle von Qumran und vielen jüdisch-christlichen Apokalypsen aufgenommen. Nur Gottesnamen wurden ausgetauscht.
Auch der Koran spricht von der Transformation der Welt. Der Jüngste Tag, an dem die Abrechnung stattfindet, ist zugleich der Tag, an dem Himmel und Erde transformiert werden: »Am Tag, an dem diese Erde verwandelt werden wird in eine andere Erde, und der Himmel (ebenfalls); und sie werden (alle) vor Gott hintreten, Den Einigen, Den Höchsten.« (14,48) »Und am Tage, da Wir die Berge vergehen lassen werden, wirst du die Erde kahl sehen.« (18,47) »Wenn der Himmel birst; und auf seinen Herrn horcht - und (das) ist ihm Pflicht -, und wenn die Erde sich dehnt, und auswirft, was in ihr ist, und leer wird, und auf ihren Herrn horcht und (das) ist ihr Pflicht.« (84,1-5) »Wenn die Sonne verhüllt ist, und wenn die Sterne verdunkelt sind und wenn die Berge fortgeblasen werden..., und wenn die Meere (ineinander) hineinfließen« (81,2-6) »Wenn der Himmel sich spaltet, und wenn die Sterne zerstreut sind und wenn die Flüsse entleert werden, und wenn die Gräber aufgerissen sind, dann wird jede Seele wissen, was sie getan und was sie unterlassen hat.« (82,1-5) So ist das irdische Leben mit dem für die letztendliche volle Gerechtigkeit unerläßlichen Jenseits der Prüfstand für Erfolg oder Verlust: »Und an dem Tage, an dem Er sie versammelt (wird es ihnen sein) als hätten sie nur eine Stunde eines Tages hienieden geweilt. Sie werden einander erkennen. Verloren fürwahr werden jene sein, die die Begegnung mit Gott leugnen und der Leitung nicht folgen wollten.« (10,45)
1.4.6 Die Cinvat-Brücke und das Schicksal
der Seele nach dem Tod
»Die iranische Eschatologie mit ihrer Lehre von dem Schicksal der Seele nach dem Tode, mit den Gedanken von Lohn und Strafe im Jenseits, mit der Hoffnung einer Auferstehung des Köpers, diese Eschatologie hat vor allem den Juden mächtig zugesagt und ist mit der Apokalyptik ihrem eigenen alttestamentlichen Erbe einverleibt worden.«[610] Der Große Gang auf der Cinvat-Brücke als postmortale Scheidung der Guten von den Bösen prägte das Weltgericht der jüdisch-christlichen Apokalyptik. Zaraθuštra selbst spricht vom großen Gang (yāh = Gang: Yašna 30,2; 46,14; 49,3. xvaēnā oder xšustā ayanhā Yašna 32,7; 51,9f; cf 30,7; 31,19), von der »Vergeltung, die du dem Lügner und dem Wahrhaftigen geben wirst durch die Hitze deines wahrheitskräftigen Feuers«(Y 43,4).[611]
Die Seele, daēnā, ist unsterblich, begegnet nach dem Tod sich selbst noch einmal in Gestalt eines jungen Mädchens, welches je nach Integrität des gelebten Lebens extrem anmutig oder extrem ekelerregend aussieht (Y 31,20; 46,10f; 51,13.21).[612] Die Schattenseelen, Fravaši, ziehen erdnah mit Miθras Sonnenwagen mit wie eine Geisterarmee. Das postmortale Seelengeschick ist vom Ordal im iranischen Gerichtswesen abgeschaut. Das cinvatō pərətu zwischen den beiden roten Feuern (Y 31,19) wird ausgestaltet zur Brücke des Vergelters nach dem Tod. Die Cinvat-Brücke, 9 Speere lang, breit und hoch, stürzt die Ungerechten in den Abgrund, die Guten gehen hinauf zum Alburz, dem Zentralberg der Welt. Davor alle Yazatas und Engel, die die Gerechten reinigen, auch Hunde dabei und die Waage des Totenrichters Rašnu. 3 Tage nach dem Tod sitzt die Seele am Kopfende des Leichenkörpers, vom Totenfeuer Varahrām in Gesellschaft mit dem Dämon Vizarš und seinem Gefolge gewärmt. Am dritten Morgen Wartens, ob der Leib noch einmal auflebt oder verwest, weht der zu Ahura Mazdā betenden Seele Wind entgegen mit Duft, der bösen Drug-Seele allerdings Gestank, davon werden die Seelen weggetragen, unterwegs begegnet der gerechten Seele erst ein üppige Milchkuh, dann das 15jährige Mädchen im weißen Kleid, dann ein Paradiesgarten. Die Seele fragt alle, wer sie sind und sie antworten, sie seien die Daēnā der Taten des erloschenen Lebens. Der Drug-Seele passiert dasselbe mit jeweils häßlichster Kuh, Jungfrau und Garten. So trägt die Seele Zeichen ihrer Taten mit sich wie in Platons Er-Mythos (Politeia X,614-18). Sie wird zum Fuß des Alburz-Bergs gebracht und muß zum höchsten Gipfel mit seiner scharfen Spitze. Ist sie eine gerechte, wird die spitze Brücke breit, ein Feuer leuchtet den Weg und in Feuergestalt geht die Seele über die Brücke. Sie wird von den Yazatas gereinigt und geht über eine zweite Brücke bis zum Gipfel. Dort ergreift sie der Gute Wind und bringt sie an einen ihr vertrauten Ort. Während unten die Leiche gereinigt wird, wird oben die Seele gereinigt. Die Drug-Seele aber muß mit drei Schritten über die messerscharfe Brücke laufen, je ein Schritt fürs böse Denken, Sagen und Tun, dann schneidet man ihr den Weg ab und sie stürzt kopfüber vom höchsten Punkt der Brücke in den Abgrund der Hölle.[613]
Nach einer anderen Variante, die unmittelbar der ersten im Bundahišn 30,11-13 SBE5 folgt, kömmt nach den 3 Wartenächten am Totenbett der Düftewind mit dem 15jährigen Mädchen, welches liebreizend die Seele zu den drei Stufen der Gerichtsbrücke hinaufführt. Dort muß die Seele wieder ihre drei Schritte machen fürs Gute Denken, Sagen und Tun, der erste Schritt bis zu den Sternen, der zweite bis zum Mond, der dritte bis zur Sonne, wo das Paradies (Garōθmān) liegt. Beim Bösewicht oder Geizhals kommt im Stinkewind die Horrorbraut und die Brücke ist scharf wie eine Schwertklinge. Die Drugseele bitte die Horrorbraut, sie lieber vor der Brücke zu zerschneiden als diese tödlichen Schritte über die Schwertbrücke selbst zu vollziehen. Auch die folgende Bitte um einen tödlichen Pfeil wird abgelehnt. Erst die dritte Bitte, ihr doch die Seele aus dem (geistigen) Körper zu reißen, läßt die Horrorbraut zum reißenden Raubtier mutieren und jetzt bleibt als Flucht vor dem Grauen nur noch die Brücke, von der sie, vermutlich in zwei Hälften zerschnitten, in die Hölle abstürzt.
Das zervanistische Totenritual beschreibt zunächst eine voreschatologische Stufe des individuellen Gerichts über die Seele nach dem Tod, wie sie im tibetischen Totenbuch, bei Platon und vielen anderen indoeuropäischen Sterberitualen zu finden ist. »Die Antwort ist diese, so wird es gesagt, daß die Seelen von denen, die weg geführt werden und den Toten drei Nächte auf Erden sind; die erste Nacht kommt Zufriedenheit zu ihnen durch ihre guten Gedanken und Lösung von ihren schlechten Gedanken, in der zweiten Nacht kommt Vergnügen durch ihre guten Worte und Unannehmlichkeit und Bestrafung durch ihre üblen Worte, die dritte Nacht kommen Exaltation durch ihre guten Taten und Bestrafung durch ihre schlechten Taten. 3 Und in dieser dritten Nacht, in der Dämmerung, gehen sie zum Ort des Zugangs zum Alburz; den gehuldigten Zugang gehen sie zur Brücke weiter und zu ihm, der Gerechte überschreitet die Brücke zum Aufstieg (lalaih) und wenn er zu den ständig Bleibenden (hamistagān) gehört [Reinigung], geht er jenseits, wo ihr Platz ist, wenn mit einem Überfluß guter Werke während seines Lebens sein Charakter geradeaus ist (frarun-dad), geht er sogar bis zum Himmel (vahišto), und wenn er mit einem Überfluß der guten Werke und dem geraden Charakter die heiligen Gesänge (gasano) gesungen hat, geht er sogar an den Obersten Himmel (Garōθmān). 4 Wer von den Bösen ist, fällt vom unteren Ende (tih) oder von der Mitte der Brücke; er fällt kopfüber zur Hölle und wird (nikuni-aito) an dem Grad ausgefällt, der für seine Bosheit zutrifft.«[614]
Im Islam ist die Technik der bösen Geister aus der Vendidad, über die Körperöffnungen in den Leib einzudringen und sich der Seele des Toten oder Lebenden zu bemächtigen, wesentlich deutlicher als in christlichen Traditionen übernommen: »Als aber Gott den Adam geschaffen hatte, setzte er den Todesengel Azrail zum Herrscher über ihn ein. Es sprach der Todesengel: ,Herr, was ist der Tod?' Da gab Gott den Scheidewänden den Befehl, zurückzuweichen. So wurde der Tod sichtbar, und der Todesengel sah ihn ... Dann sprach der Gepriesene und Erhabene: ,Azrail, ich habe dich bereits zum Herrscher über ihn gemacht.' Azrail sagte: ,Mein Gott, mit welcher Kraft soll ich ihn fassen, da er doch stärker ist als ich?' Da gab ihm Gott die Kraft der Himmel.« Fortan kommt der Todesengel zur festgesetzten Stunde auf die Menschen herab. Gläubigen Muslimen kann er nichts anhaben. Wenn er die Seele von der Seite des Mundes abberufen will, »tritt aus dem Mund das Lob Gottes hervor und spricht: ,Von mir aus ist dir kein Weg gestattet, denn von dieser Seite wurde Gott gepriesen.'« Auch von der Seite der Hand will es nicht gelingen, denn der Sterbende, so sagt die Hand, »hat mit mir viele milde Gaben gespendet«.[615]
1.4.7 Schamanische Reinigungszeremonien der
Vendidad als Taufprototypen
Nicht nur die postmortale Seele wird auf dem Weg zum Himmel gereinigt, auch das irdische Leben der Zoroastrier ist gekennzeichnet durch ein Bündel von Reinigungen.[616] Die Sorge um kultische Reinheit bestimmt das halbe Leben. Besonders Vendidad 5-12; 16-19 enthalten komplexe Reinigungsrituale zur Abwehr des von Norden heranfliegenden weiblichen Dämon Druj Nasu (druxš yā nasuš = hochinfektiöser Verderberin 149 mal in Vendidad). Dahinter steht sicherlich die Verhinderung von Seuchen, indem man alle ansteckenden Kontakte mit infiziertem Blut oder Leichenteilen vermeidet. Die harten Strafen bei Nichtbeachtung der Reinheitsgesetze offenbaren, wie groß das Seuchenrisiko gewesen ist und wie wichtig die Prophylaxe jeder nur möglichen Kontamination war. Drug meint als dualistischer Gegensatz von Aša die Lüge, das Schwarze, die Finsternis, Korruption, Sünde, das Böse und Todbringende. Die Daēvas der Druj-Welt hausen in Höhlen und können wie Fliegen oder Bakterien überall herumfliegen. Sie dringen durch die 9 Löcher Nase und Augen, Mund und Ohren, Geschlechtsorgane und After, Finger- und Fußnägel in den Körper ein, wenn er nicht durch Harn oder Wasser geschützt ist. (Vd 8,40-70) Wie die Yazata können sie sich versammeln und beratschlagen. (Vd 19,43-47) Vor der Versammlung aller guten Yazata haben sie Angst und fliehen. Darum ist das Ziel der Reinigung, mit Hilfe der Yazata die Daēvas zu vertreiben, die guten Geister als Verstärkung gegen die bösen herbeizurufen und mit Rinderharn-Waschungen die bösen Geister aus dem infizierten Leib zu exorzieren. Vorzugsweise dient Rinderharn (gēuš maēsmana bzw. gaomaēz) als desinfizierende Waschemulsion für rituelle Waschungen (frasnādhayən = waschen) nach Kontamination mit Krankheitserregern (Vd 5,57f; 7,13-15.74f; 8,11.13.40.98f; 9,15; 12,2; 16,12; 18,19.21f; 19,22; 21,6-15; 22,19 fast ständig frasnādhayən maēsmana gēuš). Erst danach kommt auch Wasser (Vd 5,54ff; 8,16-21.36; 8,103; 9,26.33f ape, apāca) zum Einsatz, selten nur ohne Rinderharn. Hier ist eine frühe Form medizinischer Therapie und Prophylaxe in kultischer Gestalt erkennbar. Das Rind als heiliges Urwesen liefert neben der Nahrung auch die Hygiene. Pro Tag pißt ein Rind 20 Liter. Damit ist eine brauchbare sakrale Ressource gegeben, die anders als Schafs- oder Ziegenpipi nicht so heftig aromatisiert ist, sondern fast neutral riecht und dennoch desinfizierend wirkt. Rinderhaltung setzt flaches gut bewachsenes Weideland voraus, keine sibirische Steppe oder israelitische karge Verhältnisse, in denen also auch die iranischen Reinigungsrituale nicht deckungsgleich übernommen werden konnten. Dabei gehen die medizinischen Desinfektionen immer einher mit der Anrufung der Hilfsgeister durch den Feuerpriester (āθravan Vd 5,57f; 7,41; 9,37; 13,44f; 14,18; 18,1-6) und ihr Beköstigung mit Libationsopfern (zaoθra Vd 5,57f; 7,77ff; 12,2; 14,4; 18,70ff; 19,24.40). Man unterscheidet zwischen direkter Ansteckung durch körperlichen Kontakt (hãm-raēθwəm) und indirekter durch Gegenübersein vom Unreinen (paiti-raēθwəm). (Vd 19,12 u.ö.) Entsprechend aufwendiger sind bei direktem Kontakt die Reinigungsprozeduren.
Aus dieser schamanischen Heilertradition ist schließlich die rituelle Taufe der Täufer geworden. Dabei gibt es verschieden intensive Waschungen je nach Höhe des Ansteckungsrisikos. So gibt es die prophylaktische Schutztaufe gegen Dämonen bei Ansteckungsgefahr durch Kontamination mit Blut, Kot, Urin oder Krankheitskeimen anderer Lebender oder Toter. Für bereits Erkrankte oder wahrscheinlich Infizierte gibt es die exorzistische Taufe zur Vertreibung der bereits im Körper hausenden Druj nasu. Ktesias lobt diese Taufbäder im 5.Jh.v.Chr. und weiß auch von indischer Kleiderwäsche.[617] Wenn Johannes ein Täglich-Täufer war, hat er die Schutztaufe praktiziert.[618] Wie es eine Palette von Waschungen mit genauen Indikationsstellungen in der Vendidad gibt, so gab eine ganze Reihe verschiedener Taufen bei den Täufern bis hin zur Totentaufe, iranischer Leichenwaschung entsprechend.
Die Leiche ist ansteckend: Krankheit, Fäulnis und Befleckung (axtica pivatica āhitica Vd 5,27ff; 6,30.33.36.39; 7,9f) ist unrein und auch Blut von der Schramme bis zur Menstruation (ciθra Vd 16,14ff). Wird neuer Boden urbar gemacht, müssen zuerst dort alle Knochen (astãm), Haare (varəsãm), Schleim (spāmãm), Urin, Kot (mūθrãm) und Blut (vaŋhutātãm) aufgesammelt und entsorgt werden, sonst drohen drastische 200 Hiebe mit der Pferdepeitsche.[619] An der Leiche des Ašagläubigen (ašaciθra) sammeln sich die Dämonen, um sofort nach Erlöschen seiner Wahrnehmungskraft in ihn einzudringen. Sie kommen von Norden in Gestalt von Schmeißfliegen. (Vd 7,1ff) Kleidung, die mit Samen, Blut, Kot oder Speichel Toter kontaminiert ist, muß zerschnitten verscharrt werden. Unbesudelte Totenkleidung darf gewaschen und wiederverwendet werden, bei Leder je 3 Waschgänge in Rinderharn, Erde und Wasser, bei Wolle doppelt so viel und 6 Monate Auslüftung im Fenster. (Vd 7,10-15) Leichenbrennholz kann ebenso wie Getreide oder Gräser für die Totenfeier nach Besprengung mit Wasser in quadratischer Anordnung gereinigt werden. (Vd 7,28-35)
Alle 9 Körperlöcher und die Finger/Fußnägel galten als speziell zu schützende Angriffspunkte für böse Geister. (Vd 8,40-70) Geschnittene Haare und Fingernägel sind unrein, von der Druj Nasu befallen, und müssen weitab von allem Heiligen, von Wohnung, Feuer, Wasser und Barəsman-Rutenbündel, in 24 cm tiefen mit Messern ausgehobenen Erdlöchern rituell begraben werden (Vd 17,4-6). Nach dreimaligem Umkreisen des Lochs mit einem Messer wird drei, sechs oder neun mal das Ahuna-Vairya oder Ahunwar gesungen. Nach dem Haareschneiden muß man baden: Man wird von oben bis unten mit Wasser übergossen. Dabei werden wichtige Gebete rezitiert und danach neue Kleider angezogen.
Hundeleichen nur anzublicken macht schon unrein; lebend sind sie die heiligsten Tiere nach dem Rind.[620] Vd 13 gibt Regeln für die ehrende Pflege von Haushund und Schäferhund. Ihre Verletzung oder Tötung wird hart bestraft, weil sie heilig sind. (13,3-15) Wenn sie allerdings Schafe anfallen, werden ihre Ohren ab- und bei 3. & 4. Widerholung Füße angeschnitten, beim 5. Mal der Schwanz abgeschnitten. (13,32-34) Hunde, die nicht bei Verstand sind und bei „Gefahr“ nicht bellen, bekommen ein Beißholz in den Mund geschoben, damit sie keine Schafe und Menschen anfallen können. (13,29-31) Es zeigt sich, wie unentbehrlich der Hund für die Sicherheit von Haus und Herde war; als Ordnungshüter wurde er verehrt und gut gefüttert, falls nicht, gab es eine harte Strafordnung. (13,20-28) Wölfe dagegen, die nachts vom Hof ein Schäfchen holen wie heute manch kleinasischer Mitbürger, soll man ausrotten. (13,40ff) Der Hund vereint von allen Ständen die besten Eigenschaften auf sich, von Priestern, Kriegern, Bauern, Knechten, Dieben, Hyänen, Huren und Kindern. (13,44-48) Verstorbene Hunde werden im nächsten Leben zu Ottern, die zu töten Dürre bewirkt und mit dem Tod bestraft wird. (13,50-56)
Speisen von Nichtzoroastriern dürfen nicht verzehrt werden; ein effektiver Schutz vor Seuchen. Auch Reisen kann verunreinigen. Der Blick eines Ungläubigen ist ebenfalls unrein, daher werden Kultstätten abgesperrt. Päderastie und Homosexualität sind unsühnbare Verbrechen, wer das tut, ist vor und nach dem Tod selbst ein Daēva. (Vd 8,26-32)
Nach einem Abortus ist der Uterus der Schwangeren wie ein Grab zu desinfizieren mit einem Mix aus Aschegemischtem und Rinderharn.[621] Davon soll sie 3, 6 oder 9 Schlucke essen, danach Milch trinken und gekocht-getrocknetes Fleisch essen für die nächsten drei Tage, danach soll sie sich und alle Kleider gründlich auswaschen und Rindsharn mit Wasser an allen 9 Körperlöchern applizieren. So geläutert darf sie wieder Fleisch, Getreide und Wein kosten. Nach weiteren 9 Tagen sind auch Lagerstätten, Speisen und Kleider wieder frei verfügbar. Die gereinigten Kleider aber sind nicht mehr benutzbar für die 7 verschiedenen Priesterdienste: Zaotar (Opfergießer und Götterrufer, Hauptpriester), Hāvanān (Haomamörserer), āθravaxš (Feuerdienst), frabərətar (Zuträger), Abərət (Wasserträger), āsnātar (Haoma-Wäscher), Raēθwiškara (Haoma-Mischer), Sraošāvarəzə (Zuchtbewahrer, Büttel) Aθravan (Feuerpriester, Oberbegriff der 7 Dienste).[622] Bei Blutungen sind Bett und Wohnung mit Stoffen abzudecken, so daß möglichst wenig kontaminiert wird.(Vd 5,59)
Es gibt einen speziellen Reinigungspriester (yaozhdātra Vd 3,38f; 8,27; 9,2.37-52; 11,2; 19,12.21.33.41), der die rechten Sprüche zu sprechen weiß und die heiligen Texte erforscht und deshalb weiß, wann welche Reinigungszeremonie erforderlich ist.
Die Reinigung der 9 Nächte war das größte Reinigungsritual. Sie erfordert einen rituellen Platz, eine maga: Im Abstand von 3 Schritt werden 3 Dreierreihen von Löcher in Schrittweite voneinander auf dürrem, von Pflanzen befreitem Boden im Sommer 15 cm, im Winter 30 cm tief ausgestochen, mit Wasser gefüllt und mit einem Raster von Furchen umzogen, so daß jede in einem Furchenquadrat ist. (9,3-11) Sechs bilden ein Arreal für die Grobreinigung, drei für die Feinreinigung. In dieses magische Feld werden Steine, ein Holzklotz oder Erdklumpen gesetzt, zu denen der zu Reinigende hineintritt, während der Priester draußen den Zauberspruch vorspricht, den der zu Reinigende wiederholt: »Und Gebet, Frommergebenheit und Glaubenseifer.« (9,12) Mit jedem dieser Worte wird die Druj zu Boden gestreckt, Ahriman und Aēšma (Blutrausch). Mit neun Knoten wird ein Bleigefäß an einem Rohrstock befestigt und mit Rinderharn gefüllt. Der Priester tritt ebenfalls ins magische Feld, wäscht seine Hände mit dem im Gefäß angereichten Harn, und vollzieht nun eine komplexe Harnwäsche am Verunreinigten, die schrittweise alle Angriffspunkte für die Druj nasu versiegelt: dreimal Haarwäsche, Stirn und Hinterkopf, dann Ohren, Schultern, Achselhöhlen, Nacken, Rücken, Brust, Rippen, Arschbacken, Oberschenkel vorn und hinten, Knie, Waden, Knöchel, Füße, Sohlen. Die Druj versucht es immer wieder und die letzte unversiegelte Stelle waren die Fußsohlen, so ist sie bis zu den Zehen vertrieben worden und fliegt bei deren Beharnung in abscheulicher Fliegengestalt geschlagen gen Norden davon. (9,13-26) Dann spricht der Priester das heiligste Gebet, das Ahunwar - der nach Gottes Ordnung lebende kommt ins Paradies - und fügt zur Druj gewandt hinzu: „Mach die stoffliche Aša-Welt nicht kaputt!“ So schreitet der Unreine die ersten 6 Wasserlöcher fürs Grobe betend ab, reibt sich bei den anderen 3 Löchern mit Erde ab, wird 15mal mit Erde überschüttet, dann wartet man, bis er getrocknet ist und der Staub herunterrieselt. Dann reibt er sich an jedem der 3 Feinwaschlöcher vollständig mit Wasser ab, am ersten einmal, dann zweimal am dritten dreimal. Danach wird er mit Sandelholz, Benzoe, Aloe, Granatapfel oder anderen Duftpflanzen beräuchert, zieht sich wieder an und darf wieder in seine Wohnung, muß dort aber 3 Tage abgesondert von den anderen, von Wasser, Feuer, Erde, Pflanzen und Rind still sitzen, danach ist eine weitere Waschung mit Rinderpipi und Wasser angesetzt, auf die eine weitere Hausarrestfrist von 6 Tagen mit dritter Waschung und drittem Hausarrest von 9 Tagen und Abschlußwaschung erfolgt. Erst dann ist er wieder kultisch rein und darf Feuer, Wasser, Erde, Rinder und Frauen anfassen. (9,27-36) Für diese Reinigungszeremonie gibt es wie für Ärzte eine feste Gebührenordnung in der Höhe einer gelungenen chirurgischen Operation. (9,37ff)
Wenn der Reinigungspriester gekränkt und unbefriedigt aufgrund mangelnder Bezahlung weiterzieht - er war also wie Zaraθuštra ein Wanderpriester - dann kommt die Druj auf der Stelle wieder und die Verunreinigung ist nun irreversibel, Sterne, Mond und Sonne werden von ihm nach seinem Tod angewidert sein, der Platz im Himmel ist verspielt. (9,40f) Umgekehrt, mißbraucht jemand das Amt des Reinigungspriesters und führt die Reinigung nicht fachgerecht durch, so daß die Ansteckung sich weiter und schlimmer ausbreitet als zuvor aufgrund von Resistenzbildungen, so soll er zur Strafe gefesselt, ausgezogen werden und dann soll man ihm den Kopf abschlagen (kamərədhəm vīnātayən), soweit das Haar geht, und seine Leiche den Geiern überantworten, womit alle bisherigen Sünden beglichen sind. (Vd 9,47-50) Diese Tötung vollzog man auch mit dem gebrechlichen Leichenträger (3,20). Ein Reiniger, der zwar die Zeremonien äußerlich vollzieht, aber mit dem Aša-Glauben nicht vertraut ist, ist ein ašafeindlicher Irrlehrer (ašəmaokhō anašava) und bringt dem Ort Unglück und Verderben, Mißernte und Krankheit. Er ist mit einem Schlag niederzustrecken, vorher kommt Glück, Gesundheit und Wohlstand nicht zurück, es sei denn, man verehrt drei Tage lang mit Feuer, Barəsman und Haoma den Sraoša. (9,51-57)
Es gibt auch die Möglichkeit, die direkte und indirekte Ansteckung an einer Leiche durch Hinüberwechseln der Druj nasu zu verhindern durch Rezitieren derjenigen Gatha-Verse, die 2-4mal zu sprechen sind, also aller wichtigen Gebete. Dabei wird in sieghaft-heilhaften Worten als Beschwörungsformel nach jeder Gebetsreihe die Absicht verkündet, erst Aŋra mainyū = Ahriman, dann dem Nasu, und schließlich dem Aēšma und dem Daēva Akataš zu Leibe zu rücken. Das ganze ist eine dreiteilige Zeremonie mit jeweils Gebetsketten und Abschlußbeschwörung. (10,1-20) Ursprünglich gehört das Reinigungsritual der 9 Löcher in das komplette Programm. (10,18)
Ebenfalls können durch Gebete die heiligen Elemente geläutert werden: Feuer, Wasser, Erde, Rind, Pflanze, Ašagläubige(r), Sterne, Mond, Sonne und anfangsloser Lichtraum (anakhra raocå). (11,1-17) Die Erwähnung des unendlichen Raumes als höchste himmlische Instanz dürfte als ein zervanistisches Einsprengsel in die alten rituellen Texte zu sehen sein, Zeichen einer behutsamen Redaktion der Vendidad in zervanistischer Zeit. Dabei werden 4 weitere Dämonenpaare indirekter Ansteckung genannt, die im Gefolge des Bösen speziell angesprochen werden: xrū und xrvikhni, būidhi und būidhizha, kuŋdi und kuŋdizha, būšyãsta und būšyãsta, mūidhi, kapastiš und pairikãm. (11,9.12) Das wichtigste Gebet ist dabei immer das Ahunwar, das Vaterunser der Zoroastrier. Die anderen Gebete schützen die Elemente durch verehrende Anbetung und wehren die Dämonen ab durch namentliche Beschwörung.
Die Reinigungszeremonien dienen allesamt dazu, die heiligen Elemente Feuer, Wasser, Erde, Rind, Pflanzen, ašagläubiger Mann und Aša-Frau zu schützen vor Affektion durch das Böse. Es ist Teil des Kampfes von Gut gegen Böse, Ahura Mazdā gegen Ahriman. »Nicht sollst du die stoffliche Welt zunichte machen.« (10,20) Darum wird dem Reinigungspriester nach dem Tod, »nach der Trennung des Leibes und Wahrnehmungsvermögens von der Seele(pasca astasca baodhaŋhasca vī-urvīštīm Vd 8,81f; 9,43)«, als Lohn (mizhdəm) in der größeren Welt (parō-asnāi) dauernde Glückseligkeit (aŋuhə vazdvarə) im besten Dasein (vahištahə aŋhēuš).(9,44) zuteil. Das ist der Grundsatz des Ahunwar: für die gute Tat auf Erden gibt es das ewige Leben im Himmel.
In späterer Zeit praktizieren die Parsen vorwiegend die beiden folgenden Reinigungen: Die „30 Waschungen“ mit Rinderharn (gōmēz = gēuš maēsmana), Sand und Wasser geschieht in 3 Zehneretappen unter Rezitation von Avestatexten durch einen Priester und dauert 30 Minuten.[623] Die „Reinigung der 9 Nächte“ (barašnom-i no-šabe = Vd 9) wird mindestens einmal im Leben als Körper und Geist erneuernde Einkehr zelebriert unter neuntägigem Rückzug in Einsamkeit bei ständigem Gebet, Waschungen und Trinken von geweihtem Ochsenpipi (nirang). Bei Berühren einer Leiche ist dies unabdingbar erforderlich.[624] Besonders Priester und Leichenträger können sich so rein halten und vollziehen die Barašnom viele Male in ihrem Leben. Gerade durch den besonderen Kontakt der Priester mit Toten waren sie erhöhter Ansteckung ausgesetzt und mußten besonders starke Sauberkeitsbedürfnisse entwickeln, zumal die Leiche als infektiöser Sondermüll galt, die Seele des Frischverstorbenen aber als Verlust eines Geliebten betrauert und das Aufstiegsgeleit im Dank für all das Gute, was dieser getan hat, über 3 Tage im engen Kontakt mit der Leiche stattfand. Aus dieser Dialektik der Leiche als geliebtes Wesen und verwesender Müll erwächst das verstärkte Reinheitsbedürfnis. Dieses wird ausgeweitet auf alles Widrige der Welt, was die eigene Würde und Gesundheit gefährden kann.
Zwischen 7 und 15 Jahren erhält der Heranwachsende das Sedre (Dadestan-i Denik 39f: pirāhan; Vendidad: šapik), ein knielanges weißes Hemd mit einer Halstasche (Gireh-bān als Beutel der Gerechtigkeit) zum Empfang guter Werke. Weiß symbolisiert Reinheit und Unschuld, Hemd-Vorderseite Zukunft und Rücken Vergangenheit. Dazu gibt es das Kūstī (avest. aiwyaonghana = Begrenzer), einen schlauchförmigen Gürtel aus zwei zusammengesponnenen Lammwollfäden, die 72 Mal im Handwebstuhlschiffchen von der Priestergattin durchgezogen werden, wonach ihr Ehemann sie unter Gebeten wie Ašem Vohu[625] und Ahunwar[626] und Zauberformeln (nirang) abschneidet und weiht. 72 ist die Zahl der Yasna-Kapitel, die Fäden sind in 6 Zwölfergruppen geordnet: 6 Pflichten und 12 Monate. Sechs Quasten aus je 24 Fäden werden angenäht, 24 Kapitel hat die Visparad und 6 Jahreszeiten-Feste (Gahambars) hat der zoroastrische Kalender. Kūstī meint Wegweiser oder Grenzgeber und soll den Weg der Gerechtigkeit weisen. Die Vertiefung des Fadens symbolisiert den Raum zwischen dieser Welt und der himmlischen; das Verdoppeln des Fadens am Anfang symbolisiert die Verbindung zwischen der gegenwärtigen körperlichen Welt und der künftigen geistigen Welt; die Umstülpung des Kūstī von innen nach außen nach dem Weben symbolisiert die Passage der Seele von der körperlichen zur geistigen Welt; das letzte Vereinigen aller Fäden symbolisiert universale Bruderschaft. Vor dieser Überreichung lernen die Kinder konfirmandenähnlich Gebete auswendig zur täglichen Rezitationsverpflichtung (farziyat) in jedem einzelnen der 5 Tagesfünftel (Gāhs).[627] Diese Naojote kommt unserer Konfirmation gleich. Wer mit 15 immer noch nicht Sedre und Kūstī trägt, gilt als verfallen an die Druj. Sedre und Kūstī nicht zu tragen ist Sünde. (Vd 18,31.54ff) Der Kūstī wird nur beim Baden, Defäzieren, Anziehen und vorm Beten und Essen abgelegt für kurze Zeit. Er ist Zeichen ständiger Dienstbereitschaft gegen Gott. Beim Knoten der beiden Knoten vorn und hinten denke man an Ahura Mazda und sein Wort und Tun und dessen Entsprechung im eigenen guten Denken, Sprechen und Handeln. Herodot I, 136 und Strabo XV,3,18 berichten über Unterrichtsbeginn mit 5 Jahren, während nach Platon Alkibiades 37, Vendidad 15,45 und Dēnkard IV,170 dieser mit 7 Jahren beginnt. Die Naojote bildet die Einleitung des Unterrichts.
Die Naojote beginnt mit dem Nahn (avest. snā- baden), einem rituellen Bad des gesamten Körpers am Vormittag, neuerdings erst abends.[628] Am Morgen wurde gefastet. Während des Bades rezitiert der Priester das Hošbami.[629] Ein Granatapfel-Blatt wird gegessen und geweihter Gomez (Ochsenpipi) getrunken. Dies ist eine symbolische Mahl-Gemeinschaft. Das Patet folgt als Bußgebet und dann das letzte Bad. Dann wird das Kind in einen Raum zu Eltern, Verwandten und Freunden gebracht. Die Priester legen ihm ein weißes Laken über. Es sitzt auf einem kleinen Holzhocker ostwärts vor dem Priester auf seinem Teppich, vor ihm auf Tabletts Sedre und Kūstī, Reis als Priesterhonorar, Blumen für jedes Gemeindeglied, eine Lampe mit gereinigtem Butteröl, eine Feuerschale mit Sandelholz und anderem Räucherwerk, Schlickerkram und ein Tablett mit einer Mischung aus Reis, Granatapfelkörnern, Rosinen, Mandeln und Kokusnußscheiben, die später dem Kind übergegossen Wohlstand verheißen sollen. Der Weihepriester gibt dem Kind die Sedre, worauf alle das Patet beten. Nun erheben sich alle. Das Kind rezitiert das Xšunuman von Yašt 16 und das Din-no Kalmo: »Gelobt sei das rechtschaffenste, weiseste, heiligste und beste Mazdayasnische Gesetz, Gabe Mazdas. Die gute, wahre und perfekte Religion, die Gott dieser Welt gesandt hat, ist, was Zoroaster gebracht hat. Diese Religion ist die Religion Zoroasters, die Religion von Ahura Mazda offenbart an den heiligen Zoroaster.« Nun kleidet der Oberpriester das Kind mit der Sedre an. Es folgt das von den Kindern auswendig gelernte Glaubensbekenntnis Nirang-i kusti: »Mit Huldigung Ahura Mazdas. Ašem Vohu.... Welchen Beschützer hast du, der gegeben wird,... Ōhrmazd ist Herr! Ahriman, den er in Schach hält, hält er zurück. Möge Ahriman geschlagen und besiegt werden mit devs und drujs, Zauberern und Sündern, kayags und karbs, Tyrannen, Übeltätern und Ketzern, Sündern, Feinden und Hexen! Sie alle mögen geschlagen und besiegt werden! Möge kein böser Herrscher leben, weit weg sei er! Mögen Feinde besiegt werden! Mögen Feinde gar nicht existieren oder weit weg sein! O Ōhrmazd, Herr! Ich bereue alle Sünden und lasse ab von allen schlechten Gedanken, Wörtern und Taten, die ich gedacht, gesprochen oder gemacht habe in der Welt oder die durch mich passierten oder mit mir entstanden. Alle Sünden von Denken, Sprechen und Handeln, vom Körper und der Seele, weltlich oder geistig, Ohrmahd, bereue ich und entsage ihnen. Mit drei Worten distanziere ich mich von ihnen: 1. mit Huldigung für Ahura Mazda, Hohn für Angra Mainyu! Das wahre Erringen dessen, was höchst wunderbar ist, wünsche ich. Ich lobe Aša! Ašem Vohu.... Yata Ahu Vairyo... (2). Ašem Vohu.... 2. Komm mir zu Hilfe, Mazda. Ich bin Mazda-Anbeter, Zoroastrier, das habe ich gelobt und erklärt. Ich verpflichte mich zum Guten Denken, zum wohlgemeinten Wort, zum Tun des Guten. Ich verpflichte mich zur Mazdayasnischen Religion, die vom Angriff abläßt und Waffen ruhen läßt und khvaetvadatha (Familie-Ehe) hochhält, die Aša besitzt; welcher von allen jetzigen und künftigen Religionen die größte, beste und schönste ist: die Ahurische, Zoroastrische. Ich schreibe alles Gute Ahura Mazda zu. Dies ist das Glaubensbekenntnis der Mazdayasnischen Religion. Ašem Vohu...!!« Unter Rezitation der Einleitung von Yašt 1 bekommt das Kind nun den Gürtel umgebunden. Yasna 12,8f und das Tan darosti als Schlußlobgesang runden die Weihe ab.
Das Nahn
als Taufritus
ist nur Vorbereitung zum Hauptteil der Neueinkleidung. Die
Mandäer haben die
Verbindung von Taufe und Neueinkleidung übernommen und die
Salbung hinzugefügt.
Die Wurzel christlicher Taufe liegt in dem bereits zur Partherzeit
praktizierten
Nahn.
Nāvar [nawar] und die Martab sind die zwei Stufen der Priesterweihe.[630]
Es hat sogar eine Chirurgie in der avestischen Medizin gegeben. Angehende Chirurgen sollen an Daēva-Anbetern ihre schnittigen Fähigkeiten erproben. Erst wer drei Daēva-Anbeter durch Kunstfehler liquidiert hat, ist durch die Prüfung gefallen und darf nicht bei Mazda-Anbetern praktizieren; wer hingegen drei Daēva-Anbeter so operiert hat, daß sie überlebten, darf unbefristet hinfort Mazda-Anbeter behandeln. (Vd 7,36-40) Das Honorar richte sich nach den Einkommensverhältnissen der Patienten, vom Segen des Priesters über den Preis eines Stiers beim Dorfherrn und eines Hengstes beim Gauherrn bis zum Vierspännigen Wagen beim Landesherrn. Deren Frauen zahlen die Preise für Eselin, Kuh, Pferdestute und Kamelstute. (Vd 7,41f) Kinder und Tiere haben noch niedrigere Tarife. (7,43) Neben dem Chirurgen gab es Ärzte mit Heilpflanzentherapie, also Medikamenten, und solche, die durch Besprechung mit dem heiligen Wort heilen. Diese können sogar Eingeweide heilen, weil das Wort über Sympathicus und Parasympathicus den inneren Stoffwechsel beeinflussen kann, und gelten darum als die besten Ärzte. Die schamanische Medizin hat also gegenüber Messer und Säften den ungleich höheren Stellenwert behalten. (7,44) Bei Fieber und Schüttelfrost soll Wasser getrunken werden, da es aber auf eine Daēva-Infektion und also ein Verstoß gegen die Reinheitsgebote schließen läßt, soll nach Genesung eine Strafe von 200 Peitschenhieben verabreicht werden. (7,60-72) Hier deutet sich bereits an, daß Krankheiten insofern Sünde sind, als man die Ansteckung hätte vermeiden können durch Meidung der infektiösen Orte und Lebewesen. Zur Hygiene gehört auch die 1-6malige Reinigung des mit Leichen kontaminierten Geschirrs durch die drei Waschgänge Rinderharn - Erde - Wasser, gestaffelt nach dem Material der Schalen von Gold über Silber, Eisen, Stahl bis Steingut, welches 6mal den Dreierdurchgang benötigt, ehe es rein geworden ist. (7,73-75) Mit Leichen kontaminierte Rinder dürfen ein Jahr lang nicht verwertet werden als Milch-/Fleischquelle für Opferzwecke oder als Nahrung. (7,76f) Nur wer schon von den Druj-Daēvas besessen ist, ist imstande, leichenkontaminiertes Wasser im Opfer zu verwenden. (7,78f)
Thrita war der erste Arzt nach dem Mythos von Vendidad 20. Er soll als erster die Stichwunde, also Wundenüberhaupt, und das Fieber geheilt haben. (20,2) »Er bat um eine Quelle von Mitteln; er erhielt sie von Khšathra-Vairya, Mittel gegen Krankheit und Tod, Schmerz und Fieber, Sarana und Sarastya, Azana und Azahva, Kurugha und. Azivaka, Duruka und Astairya, gegen das böse Auge, Fäule, und Infektion, die Angra Mainyu gegen die Körper von Sterblichen geschaffen hatte.«(20,3) Ahura Mazdā brachte die unzähligen Heilpflanzen, die überall wachsen.(4) Wesentlich sind die Gebete, ja Beschwörungen, mit denen die Krankheit beim Namen angesprochen wird und ihr ein „Verschwinde!“ entgegengeschleudert wird.(5+7) Denn sie sind ein Machwerk Ahrimans, der hinter jeder Krankheit steckt und somit selbst bekämpft wird durch die Heilung.(8) Der Heiler ist ein Dämonen-Terminator.(9f) So betet der Arzt sein Yatha ahu vairyo: »Wer ist siegreich und wer wird schützen die eingeweihten Deinen? Hilf mir aufzuräumen, daß ich der Führer für beide Welten bin. Möge Sraoša mit Vohumana zur Hilfe kommen, wem auch immer Du es wünschst, O Mazda! Schütze uns von unserem Hasser, O Mazda und Armaiti Spənta! Stirb, O teuflischer Druj! Stirb, O Brut des Satans! Stirb, O Welt des Satans! Stirb weg, O Druj! Stirb weg zu den Gebieten des Nordens, nie wieder sollst du die lebende Welt der Gerechtigkeit in den Tod geben!«(13) Der Mediziner versteht sich hier als Führer beider Welten, der materiellen und der geistigen. Die schamanische Herkunft dieses Zunftverständnisses liegt schlagend zutage.
1.4.9 Leichenaussetzung zum Fraß der
Geier und Hunde
Der böse Ahriman bringt den Tod. Immer wieder ist vom todbringenden Ahriman die Rede. »aŋrō mainyuš pouru-mahrkō« (Vd 1,2.4.5.6.7.8.9.10.11.12.13.15.16.17.18.19; 19,1.43.44; 22,2.9 insgesamt 32mal Ahriman).[631] Aber auch astō vīdhōtuš (Knochen-Vīdhātu) kommt als Toten-Dämon vor, der die Toten fesselt, damit Vayu sie fortführen kann. (Vd 4,49; 5,8f; 13,49) Tod ist Trennung des Leibes und des Wahrnehmungsvermögens von der Seele (pasca astasca baodhaŋhasca vī-urvīštīm Vd 8,81f; 9,43). Die Seele geht ihren Gang zur Cinvat-Brücke, der Leib ist ohne die Seele nur noch Abfall, Dreck, infektiöses Material. Eine Totenverehrung wie auf unseren Friedhöfen gibt es nicht, die Gebeine sollen so steril wie möglich entsorgt werden. Die implizite Theologie dieser Praxis ist das Betonen der geistigen Welt. Die eigentliche Welt ist die Nach-Tod-Welt, bis dahin dient der Leib zur Anhäufung des Schatzes guter Gedanken, Worte und Taten für die himmlische Existenz, danach ist er als Wohnsitz der Seele nutzlos geworden. Die Totenwache dient dem guten Aufstieg der Seele aus dem Leib in den Himmel, danach ist er Müll. Mehr als alle Worte verkündigt das Ritual den Volksglauben an die völlige Prävalenz der Seele vor dem Leib, die Platon zum Thema machte.
Keiner soll allein einen Toten tragen, sonst dringt die Leichenhexe, die Druj Nasu, im durch Nase und Augen, Mund und Ohren, Geschlechtsorgane und After, Finger- und Fußnägel in den Körper ein und er ist nicht mehr zu reinigen.(Vd 3,14) Der von bösen Geistern durch alle 9 Körperöffnungen infiltrierte, infizierte, unreine Leichenträger (iristō-kašahə Vd 3,14-21) wurde in Aussätzigen-Status im Felsgebiet weitab von Feuer, Wasser, Barəsman und den Ašagläubigen mit Kleidung und Nahrung der Gemeinde versorgt. An einer abgelegenen Übergabestelle unter den Ärmsten speisend wird er die Toten zur Geier-Feier getragen haben und hat anschließend deren Knochenreste auf dem Friedhof, also an einem besonders gefürchteten und daāva-verseuchten Ort, verscharrt. Er lebte bis zum Versiegen des Samens als Indiz der Altersarbeitsunfähigkeit, dann schlug man ihm auf einem Felsvorsprung beim Haaransatz den Kopf ab (kamərədhəm vīnātayən), und ließ ihn den Geiern. Er galt als völlig von der Druj Nasu verunreinigt, weil er allein Tote trägt und dabei infiziert wird. Er und Priester unterziehen sich in parsischer Zeit dem barašnom-i no-šabe immer wieder, um die beruflich bedingte Befleckung einzudämmen. Damit war vermutlich ein Weg gefunden, diese Alters-Hinrichtungen zu vermeiden.
Wer Leichenteile von Menschen und Hunden ißt, Galle oder Herz herausschneidet oder Augen herausreißt, ist nicht mehr zu reinigen. (Vd 7,23f) Ebenso verbrannt ist, wer Leichen mit Verunreinigungen zum Wasser oder Feuer bringt und diese heiligen Elemente schändet. (Vd 7,25f) Man kann aus Vd 5,8f folgern, daß früher viele Leichen an Flüsse gelegt wurden, damit die Geier sie fraßen, während andere auch verbrannt wurden. Später legte man die Leichen auf hochgelegene Felsen, wo Hunde und Geier sie leicht entdeckten. Sie wurden an Haaren oder Füßen mit einem schweren Stein oder Eisenstück beschwert, damit die Tiere sie nicht an Wasser oder Pflanzen schleppen konnten und so diese und die Erde schänden. (Vd 6,44-48) Herodot I,140 schildert, daß persische Magier wachsüberzogen Leichen erst dann in der Erde bestatten, wenn Hund oder Vogel daran gefressen haben. (cf Vd 7,29f) Sie töten, sagt er, außer Hund und Mensch alle Tiere: Schlangen, Kriechtiere und Vögel. Sollte seine Beobachtung mit dem Wachsüberzug stimmen, wäre dies als Schutz der Erde vor Verunreinigung durch die daēva-verseuchten Knochen und Fleischreste zu verstehen.
Die Verwesung eines Körpers unter freiem Himmel dauert ein Jahr, in der Erde aber 50 Jahre. Erst dann ist der Tote zu Erde geworden und wieder rein. (Vd 7,45-48) In den Leichenstätten wird er erst zu Erde, wenn diese mit Staub vermengt ist, darum ist es eine schuldsühnende Tat, Leichenhügel abzutragen und mit Erdstaub zu vermengen. Dies reinigt die Gebeine der Verstorbenen und wegen dieses Wohltäters werden die zwei Geister nicht miteinander kämpfen, sondern er wird direkt durchgelassen in den Himmel, wo ihn zuerst die Sterne begrüßen, dann der Mond und die Sonne und zuletzt gelangt er ins Paradies, wo ihn Ahura Mazda begrüßt im unvergänglichen Leben und ihm die Erfüllung seiner Wünsche zusichert. (Vd 7,49-52) Das Totengericht ist hier als Streit zweier Geister wohl um die Strafe beschrieben, nach Vd 7,71 sind dies die Totenrichter Sraoša und Rašnu von Yašt 10,41.99f. Die Stationen Gericht - Sterne - Mond - Sonne - Paradies bilden bereits eine komplette Himmelsreise durch mehrere Himmelsebenen, wobei noch gar nicht auf eine bestimmte Zahl dieser Himmel Wert gelegt ist. Hier wird der Zusammenhang von Reinigungsakten und dem Leben nach dem Tod besonders deutlich. Zugleich wird der ungeheure Stellenwert des Daēva-Glaubens deutlich. Der aktive Schutz von Wasser, Feuer, Erde und allem Lebendigen vor der Verseuchung mit ihnen sichert einem das Paradies.
Das Vergraben von Leichen, bevor sie Geier oder Hund angefressen haben, oder das Belassen der Leiche über ein Jahr in der Erde ist ein unsühnbares Verbrechen. (Vd 1,12; 3,36ff) Nach der Höhle der Daēvas am Nacken des Arezura ist ein Friedhof, wo man Hundeleichen und Menschen (spānasca irista naraēca irista - irista, tot 67mal in Vd) vergraben hat, der zweitschlimmste Ort auf Erden, gefolgt vom Daxma uzdaēza, einem durch Erdaufschüttung gebauten Grab. (Vd 3,7-9) Demnach hat es also auch Klein-Kurgane bei den Persern gegeben, die wir aus dem Donezbecken von den frühen Indoeuropäern kennen. Bei den Parsen wurde aus dem Dakhma als Steinhügel der Steinturm, in dem Tote aufbewahrt wurden. Die Daēvas sammeln sich an den Leichenstätten und essen das Fleisch der Toten, solange es noch stinkt und fault. Dort entstehen Krankheit, Krätze, Fieber, Schüttelfrost, also Infektionskrankheiten. (Vd 7,53-57) Nach Sonnenuntergang versammeln sich hier die verderblichsten Menschen (7,58) - ein Hinweis auf die abgelehnte Totenverehrung anderer Völker?
Für die Erde ist es eine Befreiung, wenn man diese Leichenhügel wieder einebnet und die Gebeine ausgräbt.(Vd 3,12f) Ein drittes Stadium der Totenpflege bestand darin, die Knochen nach der völligen Verwesung auszugraben und in einem Beinhaus zu sammeln, was so hoch lag, daß kein Tier mehr an die Knochen herankam, was mit einem Dach das heilige Regenwasser abhielt, wo die Knochen auf Kalk, Lehm oder Stein übereinandergeschichtet von der Sonne weiter getrocknet werden konnten. (Vd 6,49-51) Wer eine Leiche über ein halbes Jahr in der Erde ließ, machte sich bereits mit 500 Peitschenschlägen strafbar, bei einem Jahr gab es 1000 als Strafe.(Vd 3,36ff) Zum Vergleich: Totschlag wird mit 90 Hieben bestraft, Körperverletzung mit Knochenbruch mit 100 Hieben.(Vd 4,37-43) Die richtige Behandlung der Toten war somit ein zentraler Mittelpunkt des religiösen Lebens. Ihre Seelen leben als Fravaši mit den Lebenden, aber ihre Leichen sind von Dämonen so sehr verunreinigt, daß man sie der Erde auf Dauer nicht zumuten kann.
Wer einen Otter, die Reinkarnation verstorbener Haushunde, schlägt und tötet, wird selbst getötet oder bekommt 10.000 Peitschenhiebe. (14,1ff) Zur Rettung seiner Seele im jüngsten Gericht allerdings muß er einen unvorstellbar langen Katalog an Sühneleistungen erbringen, vom der Belieferung der Priesterschaft mit Brennholz, Räucheressenzen, Barəsman-Pflanzenstengeln, Haoma und Äxten, Keilen, Feuerhaken, Strafpeitschen, Mischkrüge, Milchkübel, Haomaschalen und -mörser über die Vernichtung von Ungeziefer wie Schlangen, Schildkröten, Fröschen, Ameisen, Kotmaden, Schmeißfliegen bis zur Leerung der Jauchegruben. (14,2-8) Vermutlich alternativ kann er auch Sühne leisten durch Beschaffung von Kriegsausrüstung, Agrargerätschaften, Kamele oder ihren Wert in Silber, durch einen Rinderstallbau oder das kostenlose Herausgeben einer Jungfrau zur Ehe. (14,9-15) Verstorbene wurden selbst bei den Hunden um ein vielfaches höher verehrt als die Lebenden. Wer auf einen Toten Kleidung wirft von der Menge, wie eine Spinnerin Wollreste beiseite wirft, verwirkt sein Aša-Recht zu Lebzeiten und wird statt dem besten Leben nach dem Tod die Finsternis der Druggenossen teilen, statt Paradies also Hölle. (Vd 5,61f) Je nach Gewicht der Kleidung gibt es auch 400 bis 1000 Peitschenschläge. (Vd 8,23-25)
Das Grundstück, auf dem Hunde oder Menschen gestorben sind, darf ein Jahr nicht besät werden bei Strafe von 200 Peitschenhieben, weil Pflanzen und Wasser nicht mit Leichen kontaminiert werden sollen.(Vd 6,1-5) Ähnlich darf Erde nicht mit Leiche verunreinigt werden, daher eine Stufung von 90 bis 1000 Hieben für Fallenlassen von Leichenteilen, die noch fettig sind, vermutlich nach einem Geierfraß, je nach Größe des gefallenen Knochens vom Finger über den Schädel bis zum kompletten Skelett.(Vd 6,10-25) Trifft man auf eine Wasserleiche, ziehe man sich aus, schaffe den Toten aus dem heiligen Wasser, aber vorsichtig, daß der faulige Kadaver vollständig herausgebracht werden kann und keine Leichenteile im Wasser verbleiben. Stehendes Wasser soll danach zur Hälfte, wo möglich, ausgeschöpft werden und fortgegossen, um die Verseuchung der Quelle, des Sees oder Flusses oder der Eisschicht zu minimieren.(Vd 6,26-41) Dabei geht man von einer genau beschränkten Reichweite der Wirkkraft der Druj nasu und ihrer Ansteckungsgefahr aus. Wer auf eine von Geiern angefressene und nach Verwesung getrocknete Leiche stößt, kann sich mit Rindsharn und Wasser baden, um wieder rein zu werden. War die Leiche nicht angefressen, muß dreimal ein Loch gegraben werden, die obige Waschung wohl darüber erfolgen und ein Hund zur Daēva-Vertreibung an den Vorderpfoten herangezerrt werden. Das Loch dient zur Entsorgung der kontaminierten Harn-Wasser-Desinfektionsmischung. (8,33-40) Wer eine ausgesetzte Leiche berührt, muß sich 30mal mit Rinderharn ganz abwaschen, wenn diese angefressen war. Ist sie das nicht, muß er sich 15mal mit Rinderharn desinfizieren und zum nächsten Dorf laufen, von weitem schon dem Ersten zurufen, daß er gereinigt werden muß. So ist er von drei Menschen mit Rindsharn und Wasser zu reinigen, bevor er wieder rein geworden ist. (8,97-103) Auf seinem Weg sollten kein Wasser, keine Pflanzen und keine Bäume sein. (8,104-107)
Das Sterbehaus wird desinfiziert durch dreimalige Körperwäsche, dreimalige Kleiderwäsche, dreimaligen Gatha-Vortrag, Huldigung des Feuers, Barəsman-Spreitung und Libationsopfer an das gute Wasser. Dann werden Wasser, Pflanzen und die Aməša Spənta gern wieder ins Haus einkehren. (12,2.4.6.8.10.12.14.16.18.20)
Mit dem Tod beginnt die sedroš-Zeremonie. Der Leichnam eines Toten wird rituell gewaschen, bisweilen läßt man einen Hund die Leiche beschauen. Drei Tage brennt an der Sterbestelle ein Feuer und die Familie ißt kein Fleisch. Täglich wird Sraoša angerufen, für das Wohl der Seele zu sorgen. In der dritten Nacht ab Mitternacht beginnt das Yašt-i sevvom, der Dienst des 3. Tages, mit Rezitation der Gāh-Gebete, des Srōš-Yašt, des Hadōxt-Nask und des Patēt. Auch wird Yasna 26 als Anrufung der Fravaši aller im Hause Verstorbenen rezitiert. Weiße Kleider (sedra) werden der Seele als neues Outfit dargebracht. Der Priester darf sie behalten, mit der Familie teilen oder den Armen schenken. Ein Schaf oder eine Ziege wird im Morgengrauen geschlachtet, deren Fett im heiligen Feuer zugunsten der Seele geopfert wird. Im Nērangestān und späteren Werken wird dies als Hōm drōn bezeichnet, mit einem drōn-Ritus und einem Haoma-kš nūman. Ohne dies ist die ganze sedroš unwirksam. Danach versammeln sich alle zum Gebet, weil nun die Seele vom Daēva Vīzarəša gefesselt und abgeführt wird, die Erde verläßt und dem Gericht auf dem von Zurvan geschaffenen Pfad entgegengeht. (Vd 19,29) Der Sohn oder ein naher Verwandter des Toten wird zum Seelenführer (pul-gozar) über die Cinvat-Brücke bestimmt, auf der die Daēna als wohlgeformtes Mädchen mit zwei Hunden schon wartet und die Seelen der Druggläubigen mit einem Strick in den Abgrund zerrt, während die Ašagläuben-Seelen über den Hara und die Cinvat-Brücke zu Vohumana gelangen, der sie auf seinem Thron sitzend begrüßt und nach ihrem Schicksal befragt; danach gelangen sie dann in das Haus des Gesanges zu Ahura Mazdā persönlich. (Vd 19,28-32) Nach Bundahišn 26,29 (Anklesaria) nimmt der gute Vayu die Seele des Gerechten bei der Hand und bringt sie über die Brücke bis zu ihrem himmlischen Platz. In einem langen Läuterungsritual unter Herabrufung alles bedeutenden Yazata und Fravaši (Vd 19,33-39) und Anrufung des Feuers werden gekochte Opferspeisen und der Opferguß als Trankopfer den Geistern dargeboten (19,40), worauf Sraoša einzelne Daēvas vertreibt. Es versammeln sich hierauf alle Daēvas unter Führung Ahrimans und beschließen, in die Tiefe der Finsternis zur Hölle zu entfliehen.(19,43-47)
Die entseelte Leiche wird erst aus dem Haus getragen, nachdem alle heiligen Dinge wie Feuer, Barəsman, Schalen, Haoma und Kelterpresse hinausgetragen wurden. Dann bringt man ihn zum Freßplatz der Geier. Ursprünglich gab es die Leichenaussetzung am Fluß: Vd 5,1 »Es stirbt da ein Mann in den Tälern der Flüsse, da fliegt ein Vogel auf von den Höhen der Berge zu den Tälern der Flüsse, er frißt den Körper an, den des toten Menschen. Da fliegt der Vogel auf von den Tälern der Flüsse zu den Höhen der Berge, er fliegt auf einen Baum mit hartem oder weichem Holz, ihn zu bespeien, ihn zu bekacken, ihn zu bekoten. ... 3.... Weder der von Hunden noch der von Vögeln noch der von Wölfen noch der vom Wind noch der von Fliegen verschleppte Leichenteil macht jemanden sündig.«[632] Im Winter scheinen die Geier weggezogen zu sein, darum wird bis zu ihrer Wiederkunft im Frühling der Tote in der sargförmigen Kammer aufbewahrt und dann der Sonne ausgesetzt, ein ganzes Jahr lang oder bis es auf die Leichen geregnet hat und die Geier alles aufgefressen haben.(Vd 5,10-14) Die Knochen und Leichenreste treibt dann der frühjahrsüberschwemmte Fluß weg in den See Puitika, wo sie gereinigt werden.(Vd 5,15-19)
Holz- oder Reisighütten, in denen Mensch oder Tier starben, müssen mit Sandelholz oder anderen Düften ausgeräuchert werden. (Vd 8,1-3) Kann man einen Verstorbenen wegen Sturm, Regen oder Schneefrost nicht aus dem Haus tragen, soll man im Haus in einer unbelebten Ecke ein Grab ausheben, bei weichen Böden bis 1 m tief, wo der Tote auf Asche und Mist gelegt und mit Stein- und Ziegelschutt und trockener Erde bedeckt wird. Je nach Witterung darf er dort 2-3 Tage, einen Monat oder im Winter auch bis Frühlingsanfang verbleiben. Dann wird er von zwei nackten Männern durch ein Loch in der Wand auf Steine herausgezogen und auf Kalk den Hunden und Geiern zum Fraß ausgesetzt. (8,4-10) Diese beiden Leichenträger sind an Haut und Haar anschließend mit Viehharn oder dem Harn von in Sippenehe lebenden, also den Magierfamilien, zu reinigen. (8,11-13) Der Weg vom Haus bis zum Geierplatz ist unrein und muß von allen gemieden werden, bis ein gelblicher vieräugiger Hund die Strecke abgegangen ist und die Druj nasu nach Norden vertrieben hat. Hat man keine Hunde mit der entsprechenden Zeichnung des Fells im Gesicht, die Augen ähnelt, muß ein Priester betend die Strecke abgehen und die Daēvas zum Verschwinden nach Norden auffordern. Danach ist der Weg wieder freigegeben für den Verkehr des Heiligen. (8,14-22)
Trauerfristen für Eltern und Geschwister sind 1 Monat, für Hausherren 6 Monate, für Großeltern oder Enkel 25 Tage, je entfernter der Verwandtschaftsgrad, desto weniger Tage. (12,1-20) Um Verwandte anderen Glaubens wird getrauert wie um tote Frösche. (12,21) Also gar nicht. Die weiteren Gedenktage mit entsprechenden Gottesdiensten sind 30 Tage nach dem Todesfall und über eine Frist von 30 Jahren alljährlich zum Todestag.
Der Tote wird in späterer parsischer Zeit auf Steintürmen (dakhma) den Geiern zum Fraß ausgelegt. Links der Totenturm von Yazd im Iran. Dort brennt ein ständiges Dādgāh-Feuer, ein etwas weniger heiliges Feuer als das ātaš-Bahram-Feuer der Feuertempel. Erdbestattung und Verbrennung sind deshalb sündig, weil dadurch entweder die gute Erde oder das heilige Feuer verunreinigt werden.[633] Dennoch muß es auch das Auskochen von Leichen in Kesseln gegeben haben, wobei der Leichenkocher sofort zu töten ist und das Feuer sofort zu löschen. (Vd 8,73-78) Nach Asmussen ist der Dakhma (Brennstätte) mit einem Dādgāh-Feueraltar niederen Grades in Bombay, Yazd, Kermān, Gudscharat und Karatschi der ca. 20 m breite und 10 m hohe Turm des Schweigens, auf dem die Leiche in 8 Minuten von den Geiern bis auf die Knochen abgenagt wird. Der „Königsgeier“ hackt als erster in die Leiche und dann geht ein wüstes Tauziehen an den Gedärmen und Muskeln los. Hier bleiben nur die Knochen als Endprodukt und Grundsubstanz des menschlichen Seins übrig. Nach diesem Fraß schleppt ein Geier (?) die Knochen zu einem Schacht in der Mitte des Dakhma und läßt sie hineinfallen in ein Säurebecken, welches sie zersetzt, so daß weder Erde, Wasser noch Feuer verunreinigt worden sind.[634] Dies zeugt von der Wiederholung der Trennung in Geistseele und Knochen. Auch heute noch stehen die Totentürme inmitten der Wolkenkratzer und moderne Parsen lassen sich in Betonröhren bestatten, die auch Verunreinigung von Erde oder Wasser verhindern.
Der
Geier ist der erste geflügelte Engel der
iranischen Mythologie: Bundahišn
15 beschreibt das ineinander verschlungene Aufwachsen des Urpaares
Mašye und
Mašyane aus zwei Bäumchen. Sie entdecken die Welt,
die Viehzucht und bald auch
die Feindseligkeit. »13 Nach
weiteren 30 Tagen und Nächten kamen sie zu einem Schaf, fett
mit weißen Kinnbacken,
und sie schlachteten es. Sie machten Feuer aus dem Holz der
Lotuspflaume und
des Kastenbaums nach Anleitung der himmlischen Engel, da beides Holz
für sie am
besten zum Feuermachen war. Das Feuer fachten sie mit ihren
Mündern an. Der
erste Brennstoff, der durch sie angezündet wurde, war
trockenes Gras, kendar,
Lotus, Dattelpalmenblätter und Myrte. Sie machten einen
Schafsbraten. 14
Sie warfen drei Handvoll Fleisch ins Feuer und sagten: Dies ist der
Anteil des
Feuers. Einen Teil vom Rest warfen sie zum Himmel und sagten: Dies ist
der Anteil
der Engel. Ein Vogel, der Geier, rückte an und trug etwas
davon vor ihrer Nase
weg, wie ein Hund das erste Fleisch frißt.«
Hier wird das erste Opfer
beschrieben: Das Feuer als Gottheit bekommt zuerst. Die Engel als
zweite. Der
Geier holte den Braten für die Engel ab. Er ist in seinem Amt
als Aasvernichter
zugleich also selbst ein geflügelter Engel, der für
die anderen Engel die
Atzung abholt. So wird das Fleisch der Toten zum Leckerli der Engel -
eine
archaische Vorstellung, daß die Untoten sich vom Fleisch
frisch gestorbener ernähren.
So könnte die Quelle des geflügelten Engels der Geier
sein, der einen fundamentalen
Beitrag zur Aufnahme des Toten in den Himmel leistet, indem nicht nur
seine
Seele dorthin zurückkehrt nach der Zeit ihrer
Leibestätigkeit, sondern sogar
das Fleisch des Leibes selbst, in dem die Seele ihr Gutes getan hat.
Daß
geflügelte Engel den Toten in den Himmel tragen, hat am
Aasgeier seinen Archetyp.
Aus der Kuschan-Zeit im 3. Jh.v.Chr. findet sich in Tillya-tepe eine
Goldstatue
einer geflügelten Aphrodite-Anāhītā,
cf 1.4.4. Hier ist bereits der Geierflügel an der
Göttin angebracht.
Am 10. und 30. Tag nach dem Ableben und nach einem Jahr finden Zeremonien mit Avesta-Rezitationen statt und bis zum 30. Todestag gedenkt man alljährlich des Verstorbenen im Gebet, vergleichbar dem Messe-Lesen für tote Katholiken.[635] Dies wird noch heute in Bombay, Teheran und Yazd, wo jeweils 20.000 bis 100.000 Zoroastrier als einstige Oberschicht leben, fast unverändert praktiziert. Die Priesterausbildung besteht aus einem mechanischen Auswendiglernen des Avesta und dem gestural präzisen Beherrschen der Rituale.[636]
1.4.10 Himmelsvorstellungen und Himmelsreisen
Die christliche Vorstellung von Himmel und Hölle wurde aus dem Zervanismus übernommen.[637] Ursprünglich dürfte die Vorstellung eines mehrstufigen Himmels zum Alburzberg im Weltmittelpunkt gehören, also zum Sterbegericht mit der Cinvat-Brücke und dem Gang in den Himmel als Aufstieg auf den Alburz-Gipfel bzw. das Fallen von der Brücke in den Abgrund der Hölle. In Bundahišn 30,26 (Anklesaria) steigt die gerechte Seele nach der Cinvat-Brücke über den Alburz auf einer dreistufigen Leiter mit den Sprossen gute Gedanken, gute Worte und gute Werke zum Sternenreich, zur Mondstation und von da zur Sonne auf, wo sie bei Ahura Mazdā im Lichtreich wohnt, im Haus des Gesanges (garōθmān). Hier haben wir eine Himmelsleiter wie in Jakobs Traum Gen 28,12, wo oben Gott steht.
Im Bundahišn 12,1 begegnet eine sehr ursprüngliche Vorstellung von der Himmelswelt als Region der höchsten Berge: »Alburz wuchs 800 Jahre lang: 200 Jahre bis zur Sternstation (payak), 200 Jahre zur Mondstation, 200 Jahre zur Sonnestation und 200 Jahre zum endlosen Licht.« Das Paradies als Reich des endlosen Lichtes und Wohnsitz Ahura Mazdās ist also hier auf dem höchsten Berg gedacht, auf den auch die Cinvat-Brücke führt. Damit ist die archaischste Paradiesvorstellung mit dem heiligen Berg verknüpft, auf dessen Höhe die Verstorbenen im Haus des Gesanges und im Licht der Morgensonne froh sind.
Einen Siebenstufenhimmel findet man im Bundahišn 3,7 (Anklesaria): »Als Ōhrmazd seine eigene Schöpfung unter allen sechs Wohltätigen Unsterblichen vorbereitete, produzierte er die geistigen und materiellen Schöpfungen in der gleichen Art; ähnlich wie die geistigen, also Ōhrmazd und die sechs Wohltätigen Unsterblichen: Vorhuman, Ardwahišt, Šahrewar, Spandarmad, Hordad und Amurdad, sind deshalb auch der Himmel und die sechs Stationen: von denen ist die erste die Wolken-Station, die zweite die Sphäre der Konstellationen, die dritte die unvermischbaren Sterne, die vierte das Beste Sein (Paradies), der Mond ist auf dieser Station, die fünfte der Garothman, der Endloses Licht genannt wird, die Sonne ist auf dieser Station, der sechste der Thron der Wohltätig-Unsterblichen, der siebte das Endlose Licht, der Thron von Ōhrmazd; auch schuf er so sechs materielle Schöpfungen: zuerst der Himmel, zweitens das Wasser, drittens die Erde, viertens den Baum, fünftens das wohltätige Tier, sechstens die Menschheit und siebtens das Feuer, dessen Strahlen vom Endlosen Licht kommen, vom Ōhrmazd' Thron.« Die Tradition Sterne, Mond, Sonne und endloses Licht, die ja quasi bereits die zervanistische Unendlichkeit beinhaltet als den Sitz Gottes, wird hier der Siebenzahl zuliebe - vermutlich unter babylonischem Einfluß, auf die bekannten sieben Himmel aufgestockt, unten werden Wolken und Konstellationen, also die Tierkreis-Sternbilder eingefügt, oben wird über der Sonne der Thron der Aməša Spənta und der Ōhrmazd-Thron des unendlichen Lichts eingefügt, wobei der Garothman vom höchsten Himmel in den 5. herabgesetzt wird.
Die Vorstellung von drei gestuften Himmeln und Höllen findet sich in der zervanistischen Schrift Mēnōk-i Chrat 7,9-13, wo auch die Schöpfung der geistigen Welt ausführlichst beschrieben wird.[638] Die 3 Himmel reichen durch die Nacht hin zum Licht. Der erste von den Sternen bis zum Mond, der zweite vom Mond bis zur Sonne, der dritte von der Sonne bis zum höchsten Himmel mit Wohnsitz Ahura Mazdās (garōθmān bzw. garō-nmāna =Haus des Lobgesangs): »Der erste Himmel ist vom Ort der Sterne bis zum Mond; 10 der zweite vom Ort des Mondes bis zur Sonne 11 und der dritte von der Sonne bis zum Obersten Himmel (garōθmān), wo der Schöpfer Ōhrmazd sitzt. 12 Vom Himmel der erste Teil ist der der guten Gedanken (humato), der Zweite ist der der guten Worte (hukhto), und der Dritte ist der der guten Taten (huvaršto). 13 Die Gerechte im Himmel sind unvergänglich und unsterblich, unerschreckt, ungequält und unbeeinträchtigt.«[639] Die Gerechten im Himmel leben voller Ehre, Duft und Freude im Glück. Ein süßer Duft umgibt sie ständig, köstlicher als jeder andere Duft der Welt. So sitzen und gehen sie mit Engeln und Erzengeln und Ahura Mazdā, alles nur zur Freude.[640] Die Hölle mit Kälte oder Straffeuer ist stinkende Qualstation Ahrimans und seiner Dämonen.[641] Ohne Erlaubnis der Engel darf man nicht von einem Himmel zum nächsten übergehen. Der Himmel ist aus Diamant gemacht. »Ohne Erlaubnis der heiligen Wesen oder Erlaubnis der Dämonen, ist es nicht möglich, von Region zu Region zu gehen. 7. Der Himmel wird von der Substanz des Blut-Steins, wie sie auch Diamanten nennen, (almast) gebildet.«[642] In der ganzen Schrift findet ein Lehrgespräch zwischen dem Geist der Weisheit und dem Offenbarungsempfänger statt. Dies sind eine Reihe von signifikanten Struktur- und Inhaltsparallelen zum Zostrianos. Im folgenden wird geschildert, wie Ahura Mazdā das Universum erschafft, wie Ahriman es für 9000 Jahre durchgiftet, auch durch den bösen Einfluß der von ihm geschaffenen sieben Planeten, die seine sieben Häuptlinge werden, während die 12 Tierkreiszeichen des Zodiak als 12 Häuptlinge Ahura Mazdās gute Einflüsse ausstrahlen und so kämpfen die Mächte des Guten gegen die des Bösen.[643] Ursprünglich war die Schöpfung gut: »Der Schatz der materiellen Existenz war als einer der Wahrheit zugeteilt in der ursprünglichen Kreation für geistige Existenzen.«[644] Erst durch Ahriman und seinen unnatürlichen Geschlechtsverkehr ist Lüge in die Materie gekommen - dieses Thema der gefallenen Engel, die es mit Menschentöchtern treiben, ist in Henochkreis und Gnosis zentral geworden. Das Primat hat also die zunächst glückliche geistige Schöpfung durch Ahura Mazdā im Zeichen von Sonne, Mond und Tierkreiszeichen und ihre Krönung ist die Umsetzung in materielle Existenz. »Der Schöpfer Ōhrmazd produziert diese Geschöpfe, Erzengel und den Geist der Weisheit aus seiner eigenen Pracht und mit dem Segen Zurvans (der unbegrenzten Zeit). 9 Weil Zurvan unvergänglich und unsterblich ist, schmerzlos und ohne Hunger, ohne Durst und ewig ist, kann niemand ihn ergreifen. 10 Und Ahriman mißschaffte die Dämonen und die Unmenschen und auch die restlichen Verdorbenen durch seinen eigenen unnatürlichen Verkehr. 11 Ein Vertrag von 9000 Wintern in der unbegrenzten Zeit (daman) wurde dann von ihm mit Ōhrmazd gebildet. 12 Bis er völlig durchgeführt worden ist, kann niemand ihn ändern und anders fungieren. 13 Und wenn die 9000 Jahre vergangen sind, ist Ahriman ziemlich machtlos. 14 Sroš, der Gerechte, befällt dann Ešm (Mordrausch) 15 und Mihr (Miθras) und Zurvan und den Geist von Gerechtigkeit, die keine je betrügt, und Schicksal und göttliche Vorhersehung befällt die Geschöpfe von Ahriman jeglicher Art und schließlich sogar Azho [Az], den Dämon.«[645] Ahriman führt nach dem Cinvat-Brücken-Gericht die schlechten Seelen der Hölle zu.[646]
Dadestan-i
Denik 31,4-9 wird eben komplette Himmelsreise beschreiben:
»4. Die Antwort
ist diese, daß eine Seele der
rechtschaffenen Schritte zum Himmel fährt durch die Kraft des
Geist guter Werke
zusammen mit dem guten Geist, der Geleitschutz (parvanako) der Seele ist in der ihm
zugeteilten Station und der
Oberste (tayiko) über seine eigenen guten
Werke. Mit den geistigen
guten Werken, ohne jene für die Welt, mit einer Krone und
einem Krönchen, einer
Turban-Schärpe, einer vierfachen gefüllten
Umhängetasche, einer verzierten Robe
(jamako) und geeigneter
Ausrüstung fliegt sie geistig zu
hohen Himmel (vahišt) oder zum höchsten Himmel (Garōθmān), dort, wo ihr Platz ist. 5. Der
Erzengel [amahraspand] Vohumana macht sie zu einem
Haushalt-Aufseher (khavag-i-maninedo) von Ōhrmazd dem
Schöpfer, und verkündet auf
Befehl von Ōhrmazd ihren Rang (gas) und ihre Belohnung; und sie
bittet mit Freude um den
Rang des Haushalt-Aufseher von Ōhrmazd, nach allem was sie sieht und
weiß.
6. Ōhrmazd der Schöpfer guter Produzenten (dahakan) ist ein Geist unter Geistern, und
Geister haben einen
Anblick von ihm gesucht, denn Geister sind eindeutig über
weltlichen Existenzen.
7. Aber weil durch die Majestät des Schöpfers die
Geister weltliche Aussehen (venišnoiha) annahmen oder die Welt besuchten (sinayaniko) und ihr eigentliches Aussehen
ablegten (venišno-apadojend), ist sie, wenn ihr Schutzgeist (ahvo) in der Welt ist, fähig,
die besuchenden Geister zu
sehen, etwa so als würde sie einen Körper sehen, in
dem eine Seele ist, oder
ein Feuer sehen, in dem Warharan ist, oder sieht Wasser in dem ihr
eigener
Geist ist. 8. In dieser Haushalt-Aufsicht hat Ōhrmazd gesehen, die
Seele
ist verläßlich, denn Ōhrmazd sieht alle Dinge. Es
werden sogar viele
Seelen des Satans, die weg von jenen von Ōhrmazd in geistiges
Verständnis
gesetzt werden, vom Aussehen von jenen von Ōhrmazd erfreut (numudano).
9.
Und die Gerechten im Himmel, die seine Busen-Freunde gewesen sind mit
der
gleichen Religion und gleichen Gottheit, sprechen mit ihr mit allen
Zeichen der
Zuneigung, des höflichen Interesses und dem angemessenen hohen
Ansehen ihres
Kommens in den Himmel und ihrem ewigen Wohlergehen in Himmel.«
Ebenfalls in Dadestan-i Denik[647] werden Himmel und Hölle im Kontrast von Glückslust und Folter beschrieben. Hier ist das Hauptinteresse, das Schicksal der verstorbenen Seele wie im tibetischen Totenbuch oder orphischen Texten zu beschreiben.
Die Himmelsreise als schamanisches halluzinatorisches Betreten des Bereichs von Krankheit und Tod findet in den mittelpersischen Texten immer über die Cinvat-Brücke statt. Ardā Vīrāf ist Prototyp solcher Reisen in die Welt der Götter und Toten. Als frommer Gatte seiner sieben Schwestern wagt er in der Krise des Mazdaismus nach der Eroberung Alexanders des Großen eine mit Wein und Narkotika evozierte Himmelsreise zwecks Rückfindung zur originalen Religion Ahura Mazdās. In Ardā Vīrāf 4,1-7 holen ihn der fromme Sraoša und Adar der Engel ab und führen ihn über die Cinvat-Brücke in den Himmel, wo eine ausführliche Waschung und Neueinkleidung stattfindet.
Daß Zostrianos in der Himmelreise durch sieben Taufen selbst zum Engel wird und mit jeder Taufe eine Stufe aufsteigt in der Gottesnähe der siebenteiligen Himmelsarchitektur, wird zugleich wiederum von Tauf-Engeln begleitet und betreut.[648]
Die Scheidung von Himmel und Erde ist eine späte Ausformung eines viel grundlegenderen Dualismus, der nämlich von Geistiger Welt und Knochenwelt, Transzendenz und Materie. Auf dieser Unterscheidung fußen eigentlich alle Mythen und deistischen Religionen. Der Ursprung der Idee von einer dem Knochenhaften vorgängigen geistigen Welt könnte ontogenetisch dem Embryo abgeschaut sein, das noch keine Knochen hat und doch schon in allen Formen angelegt ist auf sein späteres knochenhaftes Sein in der Welt. Heute kann man gar auf diesem Weg noch weiter gehen zu den Chromosomen im Urstiersamen, man kann hinter dem fertigen Wesen seine DNA als seine vielleicht ja göttliche Vorherbestimmtheit bis in die Warzen und Erbkrankheiten hinein sehen und im letzten Schritt die Evolution von der Selbstorganisation makromolekularer Gebilde[649] zur Amöbe weiterverfolgen bis zum schrecklichsten Kampfhund ums Dasein, den homo sapiens, der besser töten als retten kann und der Amöbe moralisch nichts voraus hat. Die Erbinformation der Genstruktur ist gewissermaßen bereits so hochabstrakt, so ungeheuerlich verdichtetes Programm eines künftigen Wesens, daß dies einem rein geistigen Zustand vor seiner Ver-Körperung als Embryo und Tierwesen gleichkommt. Der Mythos vom Reinigen des Urstiersamens im Mond Bundahišn 10,1-4 und 14,3ff SBE 5 wird heute durch das Retortenbaby mit clonbaren Eigenschaften nachgerade in den Schatten gestellt. Will sagen: Vor dem Ins-Sein-Treten aller Lebewesen gab es bereits Strukturen, die seine gesamte Entwicklung prädestiniert haben und zu denen die Kontingenzen des klimatischen und soziokulturellen Lebenszusammenhanges hinzutreten. Wenn man will, kann man diese Strukturen der genetischen Prädisposition als ein geistiges Vormodell dieses sich allererst entwickelnden und materialisierenden Wesens auffassen und damit der schamanistischen Auffassung von der Doppelheit einer Geisteswelt und einer Knochenwelt Anhalt geben. Allerdings sind alle genetischen Codes und alle Naturgesetze, nach denen sich kosmische Prozesse abwickeln, nicht denkbar und gültig und auch nicht existent ohne die Materie, an und in der sie wirken. Ohne Zelle keine DNA. Die Geistwelt ist immer nur ein hochabstrahierter Teil der Materie und die Materie scheint diese Abstraktionen zu intendieren. Aber sie intendiert sie, um das knochenhafte Sein zu gestalten, zu erschaffen. So kann Geist, Erbinformation oder wissenschaftliche Planung, Schöpferkraft der Materie sein, die immer dieser Materie immanent bleiben wird und niemals ein völliges transzendentes Extra nos ist. Die Pointe Zaraθuštras liegt auf der Erde, nicht im Himmel. Yasna 43,16: »Mit Knochen versehen (d. h. bekörpert) sei das Wahrsein, durch Lebenskraft machtvoll; im sonneblickenden Reich sei die Fügsamkeit, Vergeltung gebe sie wegen der Taten mit Gutem Denken.«[650]
Zusammenfassend bleibt festzuhalten, daß die zunächst 3 Stufen des Himmels auf dem Aufstieg der Gerechten auf den Alburzberg fußen, einer außerordentlich alten iranischen Tradition. Der Alburz wächst später über die Sterne und den Mond bis zur Sonne hoch und so wurde das paradisische Haus des Lobgesangs in die Sonne extrapoliert und der windgeführte Weg über die Sterne und den Mond dorthin sogar auf einer Leiter vorgestellt. Die letzte Ausformung ist der siebenstufige Himmel, der auf babylonische Einflüsse schließen läßt, weil im 2. Himmel die Zodiakzeichen sind und die Siebenerteilung inhomogen und konstruiert wirkt. Diesen Himmel kann man drogengestützt bereisen nach den auch bei postmortalem Himmelsaufstieg vorgeschriebenen Tauf-Reinigungen durch die Totenrichter-Engel.
1.4.11 Zur Anthropologie des Zervanismus
Bundahišn 3,13 Anklesaria schildert die Schöpfung des Menschen durch Ōhrmazd: »Er brachte Menschen hervor in fünf Teilen: Körper, Leben, Seele, Prototyp und Geist (farohar). Der Körper ist aus Materie. Das Leben ist mit dem Wind verbunden und Arbeit und bringt Gesichtsbräune. Die Seele ist das, was zuhört, sieht, spricht, weiß mit dem Bewußtsein innerhalb des Körpers. Der Prototyp ist das, was auf der Sonnenstation bleibt. Der farohar ist das, was vor Ōhrmazd dem Herrn schon existierte. Darum schuf Er, wenn Menschen sterben während des Antagonismus von Ahriman, daß sich vereinigt der Körper mit der Erde, das Leben mit dem Wind, der Prototyp mit der Sonne und die Seele mit dem farohar, damit sie die Seele nicht zerstören können.« Die Grundelemente der Materie werden 1A,2 geschaffen: Ōhrmazd »schuf Feuer aus Endlosem Licht, Luft aus Feuer, Wasser aus Luft, und Erde und alle Körperlichkeit der Materie aus Wasser.« Die emanatorische Kette ist also: Endloses Licht - Feuer - Luft - Wasser - Erde - Pflanzen - Tiere - Menschen. Der Mensch ist aus Materie, Wind, Sonne, Seele und Geist geschaffen. Korreliert man die Elemente, so ist der Körper aus Erdmaterie, Leben aus Windluft Vayu, Prototyp aus Sonnenfeuer, Seele aus - und hier bricht die Entsprechung ab, weil es keinen Wasser-Teil im Menschen gibt, der doch zu über 90 % aus Wasser besteht - Geist und Geist aus präexistentem Lichtraum. 18,15 heißt es im Feuerkapitel: »Dem Körper von Menschen ähnelnd wenn er im Mutterleib der Mutter wird, sitzt eine Seele von der Geist-Welt über ihm, der genau den Körper regiert, während er lebt. Wenn dieser Körper stirbt, mischt der Körper sich mit der Erde, und die Seele fällt zur Geist-Welt zurück.« Diese Geistwelt ist das Endlose Licht, aus dem die materiellen Formen des Feuers hervorgehen. Der Geistanteil besteht also in einer Geist-Seele, die der Körper-Seele entspricht und ihr Pendant in der Geistwelt ist. Beide sind während des Erdlebens getrennt in mēnōk und gētīk aber empathisch verbunden. Postmortal vereinigen sich beide Seelen wieder: an der Cinvat-Brücke tritt der mēnōk-Teil dem verstorbenen Neuankömmling entgegen als 15jähriges Mädchen, welches kompletter Spiegel seines Erdlebens und so bereits Gericht hierüber ist.
1.5 Iranische Einflüsse auf Griechen & Hellenismus
1.5.0 Überblick: Zeittafel von 640 bis 320
v.Chr.
-640 -630
-620 -610 -600 -590
-580 -570 -560
-550 -540 -530
-520 -510 -500 -490
-480
<<<<<<<~1200
---------Mithrasgemeinde--------------------------------------------400
n.Chr.>>>>>>>>>>>>>>
630
-----------------Zaraθuštra---------------554 546:Kyros
II.
erobert Lydien & Ionische Küste
640------------------------------
Solon-------------------------560 560--546:
Lyderkönig Kroisos
640------------------------------Thales
von Milet-----------------------546
611-------------Anaximander-------------------546
600-------------Anaximenes------------------------------525
600---------------Pherekydes------------------------------525
565-----------------------Pythagoras--------------------495
540-------------------Heraklit------------------480
515-------Parmenides---450>>
Israel:639-Josia-609
586---Babylonisches Exil---538
520 Haggai/Sacharja
Dtn/Jeremia
Ezechiel/Dtjes
515 Einweih. 2. Tempel
Achämenes-675
559--333
Achämeniden>>>>>>>>>>>>
675-Teispes
I.-640 Ariaramnes
Arsames Vištāspa
529---522
Kambyses
485Xerxes>
Phraortes-625--Kyaxares--------------585
559---Kyros
II.----29
521-----Dareios I. --------485
Eroberung
von Kyaxares: 612 Assyrien; Bündnis mit
Babylon
Eroberungen von Kyros II.: Medien 550, Kleinasien
546, Babylon 539, Ostiran 529
Eroberungen von Dareios I.:Ägypten 518, Indus
513,
Skyten/Mazedonien 512, ZerstörMilet494
Eroberung
Thrakiens/Makedoniens: 512
Persisch-griechische
Kriege 500-479:
Jonischer
Aufstand: 500
Persereinfluß auf
Griechenland ab 546
Schlacht
bei Marathon:
490
Schlacht
bei Salamis: 480
Schlacht
bei Plataeae: 479
-480 -470
-460 -450 -440 -430
-420 -410 -400
-390 -380 -370
-360 -350 -340-330-320
<<<<<<
--------------- 529-333 ------ Achämeniden
------------------------------------->>>ISSOS 333
485Xerxes465
336Alexander323
480
Salamisniederlage
335-331:
479 Plataeae
423-Dareios II.-403
358Artax.III.338
Dareios III.
465--------Artaxerxes
I.-------424
404----Artaxerxes
II. -----358
338-335
Ares
470---Magier
Ostanes----------------420
<484---------------------Herodot--------------425
<<515-Parmenides-450
440--------------------Ktesias------------------380
<<495 -----Empedokles-------435
408------------Eudoxos------------355
<<500-----Anaxagoras------------428
378------------------Theopomp--------
323
<<490-------Leukipp---------------428
470--------------------------------------Demokrit--------------------------------370
470--------------------Sokrates------------------------400
470--------------------Prodikos--------------------------395
384--------------Aristoteles-------------------322
428
------------------------------ Platon -----------------------347
<<489-471:
Themistokles
461------Perikles-----429
359PhilippII.336
vMakedonien
462-58: Bildung der attischen Demokratie
338 Chaironeia:
431
-
404: Peleponesischer Krieg (PhilippII. besiegt
Griechen)
430---Xenophon---
401 Anabasis---------------------354 336Alexander323
1.5.1 Iranische Magierkolonien - Einflüsse
auf die hellenistische
Kultur
Die Magier waren seit Bestehen des Mederreiches als Orakelberater der Könige aktiv. 647-625 ist Phraortes Mederkönig und fällt im Kampf gegen Skyten und Kimmerier. Kyaxares (625-585) vertreibt diese und verbündet sich mit Babylon gegen die Assyrer. 614 fällt Assur, 612 Ninive. Das medische Großreich steht. Gegen den lydischen Alyattes endet der Vorstoß am Halys als Ostgrenze Mediens. Bereits in dieser Zeit dürften die ersten Kontakte der Magier mit Babylon als verbündeter Macht und Assyrien als zu verwaltender Besatzungszone entstanden sein. Hier entstanden die frühesten Magierkolonien durch den Verwaltungsbedarf. Die Magier waren hierfür prädestiniert durch ihre Bildung und Loyalität. Seit dieser Zeit kann der Zervanismus astrologische Elemente amalgamieren. Kyaxares Sohn Astyages (585-550) wird von einem Vasallenkönig aus Anschan besiegt: Kyros II. erobert 546 das Lyderreich mit Krösus und die ionische Küste mit den griechischen Städten, 539 Babylon mit Exilrückkehr der Israeliten, Kambyses II. erobert 525 Ägypten, Dareios I. unterwirft 512 Thrakien und Makedonien. Seit dem Tod von Thales und Anaximander hat es also bei den ionischen Philosophen notgedrungenen Kontakt mit der Religion ihrer Besatzer gegeben. Die Thraker mit ihrer orphischen Schamanentradition waren ebenfalls ab 512 direkt mit den Magiern konfrontiert als dem Verwaltungsstab der Besatzer. So sind die Affinitäten von Orphik und persischer Theologie alles andere als Zufall.
Der indo-iranische Einfluß ging neben direkten Einflüssen auf Exiljudentum und nach dem Exil bis in die Partherzeit über politische und wirtschaftliche Beziehungen auch über Pythagoras, Empedokles, Parmenides, Demokrit, Platon und die griechische Popularphilosophie in die Gnosis und das Christentum ein. Zum einen gibt es Belege für die Magier-Einflüsse auf Vorsokratiker, zum anderen gibt es, etwa bei Irenaeus und Hippolyt, Belege für Einflüsse griechischer Philosophie auf die Gnosis, die anders als direkte Einflüsse weniger durch Namensidentitäten (Oromasdes, Arimanios, Zoroaster) auffallen als mehr durch Übernahme von Denkstrukturen wie dem Dualismus von Licht und Finsternis, Geist und Materie. Gerade dies ist das Feld, auf dem der indirekte Einfluß iranischer Lehren am intensivsten Spätjudentum, Gnosis und Christentum geprägt hat. Dabei sind die eher neutralen Zeugen griechische Historiker wie Herodot, Strabo, Xenophon, Pausanias und auch Josephus, die engagierten Zeugen Philosophen oder Priester wie Eudoxos, Hermippos, Plutarch; schließlich die tendenziösen Zeugen mit der Römern eigenen antiparthischen Rançune wie Plinius, Irenaeus, Hippolyt. In den Zeugnissen über die persische Religion überlagern sich zutreffende Angaben mit mythischem Material, etwa die Datierung Zaraθuštras 5000 oder gar 6000 Jahre vor Troja oder Platon.[651] Daher muß die Verläßlichkeit der Angaben jeweils geprüft werden im Kontext der gesamten verfügbaren Zeugnisse des Orients.[652] Es gab »eine iranische Diaspora, die der jüdischen entsprach. Magiergemeinschaften hatten sich nicht nur im Osten Kleinasiens, sondern auch in Galatien, in Phrygien, in Lydien und sogar in Ägypten niedergelassen.«[653]
1.5.1.1 Magierkolonien in Kleinasien, Armenien, Kappadozien als Siedler
Informationen über die ursprünglichen Kolonisten sind dürftig, am Besten noch für Ägypten zum größten Teil von aramäischen Papyri und für Kleinasien aus Bemerkungen griechischer Schriftsteller, einer kleine Zahl von Grabmeißeleien, aramäischen Inschriften und Motive auf satrapischen Münzen. Es gibt auch den Nachweis durch Personen- und Ortsnamen.[654] Namen wie Mithridates wurden sogar von Griechen angenommen. Umgekehrt tragen unter makedonischer Herrschaft die Anāhītā-Priester im lydischen Hypaipa griechische Namen.[655] Die meisten achämenidischen Satrapien von 559 - 333 v.Chr. unterstanden Persern. Reiche Satrapien wurden von königlichen Prinzen geführt, ärmere wie Damaskus, Dascylium und Ostarmenien von adeligen Persern.[656] In nichtiranischen Satrapien bekommen Perser vom König auf Eroberungszügen konfiszierte Großgrundbesitze für militärische Dienste als Lehen. An wichtigen Höhenstraßen und Pässen in Kappadozien finden sich persische Ritterburgen.[657] Im flußreich-fruchtbaren Lydien beschreibt Xenophon ein persisches befestigtes Rittergut auf einer Besitzung mit Landarbeitersklaven und bewaffneten Gefolgsleuten; beim Angriff von Griechen wird per Leuchtturmfeuer der persische Nachbar zur Hilfe gerufen.[658] Dareios I. (550-486), seit 522 v.Chr. nach der Tötung des Magiers Smerdis in Susa Großkönig, hat ein ausgebautes Nachrichtensystem in seinem Reich unterhalten. Posten auf Bergen und Türmen schrieen nacheinander Nachrichten und Befehle weiter.[659] Solche Rittergüter mit gegenseitigen Verteidigungspakten muß es zahlreich bis nah an die ionische Küste hin gegeben haben. Die Iraner sind kaum Städter. Über die Königsstraße von Susa nach Sardes können sie bequem das fruchtbare Lydien erreichen und ihre Lehensgüter beziehen. Münzen aus der Satrapie Kilikien zeigen iranische Landwirte; Landwirtschaft war die ökonomische Basis der iranischen Kolonisten. Kyros II. unterstützt gutwirtschaftende persische Landeigner während seiner Jahre als lydischer Satrap mit Finanzen.[660] Er pflanzt auf seinen Plantagen eigenhändig Ostbäume an, Zeichen für die starke wirtschaftliche Präsenz der Perser in Kleinasien und Paradigma für die Form der landwirtschaftlichen Ziehkultur.[661]
Schon in achämenidischer Zeit siedelten sich Magier massenhaft in Armenien und Kappadozien an und drangen selbst nach Pontus, Galatien, Phrygien und Lydien ein.[662] In Kappadozien brannten noch zu Strabos Zeiten viele Feueraltäre. Die kappadizischen magousai=oi vererbten ihre Traditionen in aramäischer Sprache bis ins 5. nachchristliche Jahrhundert. Die Übernahme des Aramäischen zeigt die Stärke des chaldäischen Einflusses.[663] »Die Opfer, welche die in Kappadokien angesiedelten Magier zur Zeit Strabos darbrachten, erinnern in allen Einzelheiten an die avestische Liturgie.«[664]
Basilius der Große (329-79 n.Chr.) berichtet von einst aus Babylonien eingewanderten Magierkolonien (Magousai/oi sind die Priester in den Magierfamilien) verstreut über ganz Kappadozien, dessen volkskundiger Metropolit er war. »Die Magusäer sind, wie du mich in Deinem anderen Brief darauf hingewiesen hast, hier in beträchtlichen Zahlen, verstreut über das ganze Land, Siedler, die vor langer Zeit in diese Teile von Babylon eingeführt wurden. Ihre Manieren sind eigenartig, weil sie nicht mit anderen Menschen vermischen. Es ist ganz unmöglich, mit ihnen zu reden, denn so viele sie geworden sind, beten sie zum Teufel, um seinen Willen zu tun. Sie haben keine Bücher und keine theologischen Lehrer. Sie werden aufgezogen in sinnlichen Institutionen, ihre Frömmigkeit wird vom Vater an den Sohn weitergegeben. Zusätzlich zu den offensichtlichen Merkmalen widersetzen sie sich gegen das Erschlagen von Tieren als Verschmutzung, und sie lassen die Tiere, die sie essen wollen, von anderen Leuten schlachten. Sie sind wild nach verbotenen Ehen; sie halten Feuer für göttlich usw. Niemand hat mir bisher Fabeln von der Abstammung der Magier von Abraham erzählt: sie nennen einen bestimmten Zarnuas als Gründer ihres Geschlechtes.«[665] Sie müssen über 8 Jahrhunderte ihre zoroastrischen Tradition bewahrt haben.
In Memphis und Sardes gab es iranische Militärgarnisonen. Hyrkanien in Lydien war voll von solchen iranischen Militärkolonisten, denen auch Ländereien überlassen worden waren.[666] Sie waren stets begleitet durch zoroastrische Priester, die magousai=oi, die Offiziere und Mannschaften und auch die angesiedelten Ex-Soldaten betreuten.[667] In Adelsfamilien gab es aramäisch schreibende Sekretäre iranischer Abstammung.[668] Persische Botschaftskanzleien verfügten ebenfalls über iranische Schreiber; auch die Gerichte waren vielfach mit Iranern bestallt. In Lydiens Hauptstadt Xanthos wurden neben Inschriften auch aramäische Texte mit persischen Wörtern gefunden. Aramäisch war in ganz Persien Amtssprache.
Zoroastrische Texte wurden an Heiligtümern entdeckt.[669] In Zela in Pontos/Kappadozien wurde unter Kyros II. (also vor 529 v.Chr.) auf einem Hügel ein Feuertempel gegründet, der später zum berühmten Anāhītā-Heiligtum wurde.[670] Die meisten wiederentdeckten Feuertempel befinden sich in Lydien und Südwest-Phrygien. Hierocaesarea und Hypaipa[671] mit dem Anāhītā-Kult ( ÃArtemij Persikh/) sind von Dareios II. und Artaxerxes II. gegründet, Celenae-Apamea, Gölmermere, Kula, Philadelphia und Sariçam von persischen Adeligen.[672] Die von lydischen wie baktrischen Jungfrauen verehrte Göttin von Tmolia nahe Hypaipa und Philadelphia ist die persische Artemis: die baktrischen Mädchen kommen vom Anāhītā-Tempel aus Baktra und 400 v.Chr. war die Erinnerung an die ostiranische Herkunft noch lebendig.
Andere Tempel sind erst nach den Partherkriegen zur Römerzeit gebaut, haben griechische Inschriften und ihre Priesterschaft war hellenistisch; die Hohenpriester hatten in der Provinz Asia politischen Einfluß. Kartīr at Ka`ba-ye Zardošt, sassanidischer Hohepriester im 3. Jh.n.Chr. bestätigt in einer Inschrift (l. 8) die Existenz von Feuertempeln in Syrien, Kilikien, Armenien und Kappadozien zu seiner Zeit. Sie waren die kulturellen Zentren der iranischen Diaspora, zu denen an Festtagen die iranischen Siedler pilgerten. Im 3.Jh.n.Chr. wurden sie von christlichen Edikten unterdrückt, erst im 6. Jh. gelang es Khosrow I Anōšīravān in Verhandlungen mit Byzanz, Feuertempel in Kappadozien wieder aufzubauen.[673]
1.5.1.2 Kambyses Feldzug und die Magier in Ägypten
Was für die imperiale Strategie Babylons in Israel gilt, dürfte für fast jedes eroberte Land gelten: Deportation der herrschenden Administration und dessen staatstreuer Priesterschaft, ob Leviten oder Magier, Besetzung der Schaltstellen der Herrschaft des fremden Landes durch zuverlässige eigene Beamtenschaft, wobei die politische Beratung der Herrscher eben in Händen der Götter und ihrer Priesterschaft lag. So ist das starke Vorkommen von Magierkolonien in Babylonien keineswegs als missionarische Gelegenheit gemeint von Kyros II., sondern eine Sicherung der Vasallentreue des eroberten Landes. Der religiöse Part der Mission ist dabei wohl kaum mehr als ein Streueffekt gewesen. Bauten die Assyrer noch im Jerusalemer Tempel ihren Gott Assur auf als Ausdruck der universalen Macht über die Eroberten, die ihn anzubeten hatten wie später die Christen das Kaiserbild und die Deutschen 1933-45 ihren Führer, so lag den Persern wenig an solchen Erweisen der Gefolgschaft, weil Ahura Mazdā ein geistiger Gott ist, dessen Anbetung nur durchs rechte Tun möglich ist. Die Magierkolonien waren also im Troß des persischen Heeres dabei, um bei einem Sieg die administrativen Aufgaben zu übernehmen, die das Militär nicht bewältigen konnte, zumal wichtige strategische Entscheidungen nie nach Kalkül allein, sondern zur Bewältigung der Verantwortung für das „Restrisiko“ einer Niederlage immer von einer orakelmäßigen Befragung der Götter flankiert war. Was die gesamte griechische Literatur für die in Griechenland seit 546 einwandernden Magier beschreibt, wird nicht anders in Ägypten vonstatten gegangen sein. So darf man seit dem Feldzug des Kambyses (Kambuhiya) in Ägypten mit der Ansiedlung von iranischem Militär und Magierkolonien rechnen. 525 erobert Kambyses Ägypten, was vorher unter Assyrien militärisch organisiert und dominiert war.[674] Die Perser lassen die ägyptischen Tempel restaurieren und erweitern und fördern den Kultus, wie aus der Inschrift im Naophor des Oberarztes Udjahorresnet zur Neith-Tempel-Restitution des Kambyses hervorgeht.[675] Ägyptische Götterstatuen werden nach Susa gebracht mit Psammetich III. als Beute und „Kulturbesitz“, wie man in Berlin preußisch sagt.[676] Der Mazdayasnische Kalender ab 485 mit ägyptischem Skopus »enthüllt uns die religiöse Eigenart der Magier: sie waren die großen Synkretisten des Achämenidenreichs.«[677] Darios I. (522-486) läßt 519 v.Chr. die Gesetze der 26. Dynastie von einer Kommission verschriftlichen und wieder in Kraft treten und einen Tempel bauen.[678] Diese religiöse Toleranz der Perser in Ägypten dauert 65 Jahre. Möglicherweise hat gegen Ende dieser Ära bereits Ostanes sein Seminar am Tempel von Memphis begründet als Religionsminister Ägyptens bis 420 v.Chr. Seine Theologie zielt auf Dialog und Amalgamierung Ahura Mazdas mit Horos. Nach der Niederlage des Xerxes bei Marathon versucht der ägyptische Inaros (460-456) einen Aufstand gegen Xerxes Nachfolger Artaxerxes I. (465-424) und wird besiegt. Fortan verschwinden ägyptische Namen aus den höheren Rängen von Militär und Verwaltung Ägyptens. Ein massiver Zuzug persischer, phönizischer, jüdischer (Elephantine) und babylonischer Söldner und Siedler übernimmt die Regierungsgeschäfte.[679] In diesen 40 Jahren müssen auch viele Tempel der Ägypter zerstört worden sein. In dieser Zeit dürften besonders Magier aus Babylonien in Ägypten eingewandert sein und den Mazdaismus im Schutze Artaxerxes I. verbreitet haben. Wenn ein Magier Apollobeches in Koptos am Obernil, heute Quš, gewirkt hat, zeigt dies die Präsenz der Magier 450 v.Chr.[680]
Unter Artaxerxes II. (405-359) gründen sich die 28.-30. Dynastie ägyptischer Pharaonen ohne daß dieser interveniert: Amyrtaios, Neferites I. Psammuthis, Achoris, Neferites II., Nektanebos I., Tachos und Nektanebos II. Während dieser Zeit der kultischen Restauration werden besonders durch die beiden Nektanebos große Bauprojekte mit kostbarem roten Granit aus Assuan begonnen, die erst von den Ptolemäern vollendet werden. Die Gläubigen von Abydos nahmen Anstoß an den Steinbrüchen ringsum in den Bergen, mit denen die Fremdlinge ihre Bauten errichteten. Nektanebos I. verbietet 378 bei Strafe von Glieder-Abschlagen die Ausbeutung der Berge durch Steinbrüche. Nektanebos II. besteuert ab 361 die Fabrikate griechischer Kunsthandwerker aus dem ägyptischen Naukratis.[681]
Erst 343 erobert Artaxerxes III. für 10 Jahre Ägypten zurück unter persischer Hoheit, bevor Alexander es zum Teil seines Großreiches macht, indem er nach Issos 333 gleich zum Amun-Orakel in der Siwa-Oase zieht und sich als neuen Pharao designieren läßt, ebenso in Memphis. Er läßt die von Artaxerxes I. nach 456 verschleppten Götterstatuen wieder aufstellen, Tempel wieder aufbauen und die Tierkulte fördern. So verkörpert er den Ägyptern den Heilskönig, der nach einer Legende sogar von Pharao Nektanebos II. mit Olympia in Makedonien gezeugt und so leiblicher Sohn des Amun ist.[682]
Aus dieser Zeit stammt das Grabmal des Hohepriesters von Schmun-Hermopolis, Petosiris. Dessen Inschriften aus der Alexanderzeit erzählen seine Vita in den Schrecken der Perserherrschaft als Leiter des Thot-Tempels.[683] Die »Leute der Fremdländer«, die Perser, hatten alles verrückt, überall herrschte Krieg, die Tempelkulte waren ausgestorben und das heilige Wissen der Priester verschollen. Petosiris aber restituierte Tempeldienst, Anhängerschaft und Sozialversorgung der Armen durch den Tempelvorrat in Schmun im alten Glanz. Auch den nur noch als Schilfreservoir genutzten und sonst verwahrlosten Heiligen See, aus dem alle Götter entstanden sind und in dem noch eine Hälfte vom Ei liegt, aus dem Re geschlüpft ist, läßt er als heiligen Bezirk mit einem neuen Re-Tempel neu aufleben. Den von Nilhochwasser verwitterten Tempel der froschgestaltigen Urgöttin Heket nördlich von Schmun läßt er ummauern und ein neues Heket-Denkmal dort bauen. Als Lohn für seine Gottgefälligkeit machte Thot Petosiris reich mit Silber, Gold, Korn, Äckern, Herden, Wein und Obst und Schiffen. Neben einem fröhlichen Leben bekommt er ein Grab neben Vater und Bruder. All dies klingt wie aus dem Neuen Reich, aber die Bemalung des Grabes ist nicht mehr klassisch, sondern voller griechischer und persischer Elemente: Dreschpflegel, moderne Kleider, griechische Vasen, ein Eros.[684] Der »zweimal große Thot« habe sein Herz durchs Leben geleitet, daß er von klein auf, nachts und tags von morgens bis abends die Wahrheit getan und das Unrecht verabscheut habe, damit er im Gericht der Herren der Wahrheit besteht.[685] Hermes ist hier noch nicht der Trismegistos, der dreimalgrößte, aber die Hermetik als Religion der gebildeten Oberschicht zeichnet sich schon ab. Auch der Papyrus Insinger als moralischer Unterricht von einem ägyptischen Schreiber des 1.Jh.n.Chr. zeugt von dieser Vergeistigung.[686] Man solle sich hüten vor Zorn, Unzucht, Völlerei, soll in der Heimat bleiben, dort hat man die Seinen und seine Götter als Schutz. Auch der kleine Gott und das kleine Amulett kann helfen und schützen, nichts soll man geringschätzen. Gott ist es, der über Wohl und Wehe entscheidet und vor dem Starke und Schwache gleich sind. Zwar werden Thot, Hathor, Mut und Toeris erwähnt, aber gemeint ist hier der weltregierende Schöpfergott der alten Zeit.[687]
Nach dem Tod Alexanders 323 wird sein Satrap Ptolemaios I. sich 304 als Pharao weihen lassen, dessen Sohn Ptolemaios II. vollendet nur noch sein Museum und Bibliothek in Alexandria und Hekataios von Abdera forscht dort von 320-305 über die ägyptische Geschichte. Der hellenistische Satrap spielt die historische Rolle des Pharao, die Bauten der 30. Dynastie werden fortgeführt, Ägypten nach seinen religiösen Traditionen regiert und restauriert. Daß sich in Ägypten eine reichhaltige Tradition von Zauberpapyri hellenistischer Magier findet, erklärt sich damit, daß seit 522 v.Chr. die Magier in Ägypten sich kulturell assimiliert haben, wobei nach Wegfallen ihre politischen Beraterfunktion und der damit verbundenen Besoldung die Medizin und der Liebeszauber als Bewältigungshilfe für körperliches und seelisches Leiden eine tragfähige finanzielle Basis geworden ist. Bei dem Haß der Ägypter gegen die persische Besatzungsmacht in der 28.-30. Dynastie von 404-343 wurde die kulturelle Assimilation wohl auch notwendig, um Verfolgungen zu entgehen. In den Krypten des Hathor-Tempels in Dendara werden die genannt, die zum Geheimen, Heiligen, Reinen und Nationalen des Tempels keinen Zutritt haben, weil sie Verräter, Profane, Unreine, Fremde sind: Asiaten, Beduinen, Profane und Zauberer. Eine andere Inschrift listet auf: Asiaten, Phöniker, Ägäer, Sandläufer und Zauberer.[688] Die Asiaten sind deutlich die Meder und Perser, die Zauberer sind keine ägyptischen, da sie mit Ausländern auf einer Liste Hausverbot im Tempel haben.
1.5.1.3 Magier, Schriften des Zoroaster und ägyptische Zauberpapyri
So ist ab 404 v.Chr. mit der Wandlung der Magier von mazdaistischen Militärgeistlichen, politischen Beratern und Besatzungsverwaltern zu Ärzten zu rechnen, die wie in der Vendidad die Reinigungsrituale mit ihren avestischen Gebeten begleiten, die in Ägypten nicht verstanden werden und als Zaubersprüche gelten. Bundahišn 5,1; 21e,3.7.21; 26,48; 31,26f; 32,6.13.30.38 Anklesaria zeigt, wie auch im Zervanismus Zauberei, etwa die Verwandlung einer Kuh in eine Ziege, Erdbeben, Bau unterirdischer Häuser usw. prinzipiell dem Unheilswirken Ahrimans zugerechnet wurde. Es zeigt aber zugleich die Etablierung der Magier im antiken Gesundheitswesen, die durch das elaborierte pharmakologische Wissen in Bundahišn 6,1; 13; 33,31 Anklesaria illustriert wird. Die Zauberpapyri von PGM[689] zeigen allerdings auch, wie neben avestischer Medizin vieles vom ägyptischen Totenkult aufgegriffen wird. Dieser Funktionswandel bedeutet auch, daß die zahlreichen „Schriften des Zoroaster“[690] in Ägypten, die beim Bibliotheksbrand Alexandrias (im Museion) mit etwa 700.000 Buchrollen 47 v.Chr. zerstört wurden, keine avestische Tradition mehr enthielten, wie sie entwickelt werden kann in der privilegierten Situation einer staatlich protegierten und populären Religion im Stammland Persien und ebenfalls in Ägypten unter Artaxerxes II. Die avestische Liturgie hat sich hier vielmehr zur Formung von Zauberritualen modifiziert, die Kontakte nicht nur zu Yazata herstellen durch Lobgesang, sondern auch zu den Verstorbenen und den Mächten der babylonischen und ägyptischen Unterwelt.
Gerade die babylonische Totenbeschwörung, die Lucian dort von persischen Magiern berichtet, ist in den Zauberpapyri allgegenwärtig. Daher vermutet ich, daß die Magier Ägyptens nicht direkt aus Medien stammten, sondern von den in Babylonien eingesiedelten chaldäisch-zervanistischen Magierkolonien stammen. Aufgrund ihrer regionalen und kulturellen Entfernung vom avestischen Stammland hatten sie Mut und Neugier genug, um mit den achämenidischen Königen mitzuziehen und Ägypten zu verwalten. Ihr Interesse war schon bei ihrer Übersiedelung nach Babylonien nicht mehr die bescheidene Ašagläubigkeit im eigenen Land, sondern ein expansives, eroberndes Missionsdenken, wie man es bei Osthanes findet. Während im Iran das Avesta mündlich und arkan tradiert wird, haben sie ein Interesse an Verschriftlichung, weil sie erleben, daß gerade die lesenden Intellektuellen des Hellenismus so Zugang zu ihrem Glauben finden. So erklärt sich die Nachricht von den vielen »Schriften des Zoroaster«. In ihnen müssen die alexandrinischen Magier ihre Zaubereien wohl auch durch avestische Regeln begründet haben. Daß Plutarch um 100 n.Chr. gerade in De Iside et Osiride über die zervanistische Theologie so detailliert berichtet, zeigt wohl auch, daß er dieses Wissen von seiner Ägyptenreise hat.[691] Dann gab es in Alexandria trotz aller Zauberei auch Magierkreise, in denen die zervanistische Theologie entfaltet wurde.
Bardesanes berichtet im 2./3.Jh.n.Chr., die Nachkommen der Diaspora-Perser lebten zahlreich in Ägypten, Phrygien und Galatien und halten dort ihre traditionellen Sitten aufrecht.[692] Eigennamen weisen noch auf diese Präsenz hin. Es gab ein Mithräum in der ägyptischen Oase Fayum[693] und eine Mithrasliturgie PGM IV,475-820 in den Texten der Zaubererszene[694], cf unten 2.3.7. Gerade diese Präsenz vom Miθraskult in Ägypten ist ein Indiz dafür, daß der Zostrianos auf einem Hintergrund entstanden ist, in dem zervanistische Magier-Gruppen präsent und aktiv waren. Auch hier ist das Ziel ein ethisch flankierter Aufstieg der Seele in die Himmelsheimat, Hadōxt-Nask 2f ist in Bundahišn XXX,11-13 bereits zur zervanistischen Himmelfahrt der Seele geworden, die der Miθraskult mit platonischer Unterfütterung zelebriert. Sicherlich hat es Kontakte zwischen ihnen und gnostischen Mönchen gegeben; die Regel war dies nicht, da viele Magier abgeschlossen in ihren Gemeinschaften und nicht missionarisch extrovertiert gelebt haben. Schon gar nicht wird es hierüber Textmaterial gegeben haben, da das Avesta mündlich tradiert wurde und bei Bombays Parsen immer noch wird. Ardā Vīrāf 1,5 läßt Alexander Zand- und Avestahandschriften auf Leder mit Goldtinte einsammeln und verbrennen. Die ptolemäische Bibliothek von Alexandria ist 47 v.Chr. mit ihren 700.000 Buchrollen, darunter 800 »Schriften des Zoroaster«[695] verbrannt. Die kleinere im Serapeion wurde 391 n.Chr. vernichtet. Wir haben keine Zeugnisse mehr.
1.5.1.4 Magier in Syrien als Verwaltungselite
Die mesopotamischen Verkehrswege waren später auch die Karawanen- und Militärwege der Parther.[696] Ein Weg ging von Antiochia am Orontes über Zeugma am Euphrat nach Apameia, Daiara, Anthemusias, Koraia, Mannuorrha, Auyreth, Kommisimbela, Alagma, Ichnai bis Nikephorion am Euphrat und von dort bis Seleukia am Tigris, von wo man durch den persischen Golf bis Indien (Thomasakten 2f) kam, ein weiterer von Zeugma über Edessa-Nisibis, Hatra nach Assur, ein dritter von Palmyra über Dura und Hatra nach Assur. Der Seeweg von Seleukia ging auch bis Ägypten. Schiffbare Kanäle verbanden Euphrat und Tigris mehrfach, überall gab es Karawansereien, Häfen und Kais mit Lagerhäusern. Iranische Hochburgen waren außer Armenien, Kappadozien, Pontos und Kommagene im Zweistromland Städte wie Dura Europos, Palmyra, Hatra und Edessa, wo semitische und iranische Elemente sich in der Kunst und Architektur[697] mit Fresken, Reliefskulpturen, Schmuck, Münzen, Gemmen und Schnitzsteinen mischen. In der Synagoge von Dura ist ostiranischer Freskenstil nachweisbar bis zum Hohepriester im Outfit eines iranischen Fürsten.[698] Armenisch ist ein Gemisch aus parthischem und aramäischem Dialekt. Parthische Lehnwörter im Aramäischen sind zahlreich in Verwaltungstermini, Waffen, Utensilien und Abstrakta wie Rechnung, Gabe, Art, Schaden, Vergeltung, Geheimnis.[699] Die Thomasakten enthalten viele parthische Lehnwörter.[700] Im Mandäischen gibt es über 130 iranische Lehnwörter, mehr als akkadische.[701]
Im 4. Jh. lebte Basilios der Perser, dessen zoroastrische Kommunität sehr bekannt war.[702] Persische Minne-Dichter haben später die Form des sibyllinischen Orakels adaptiert, um zoroastrische Prophetie und Lehre in langen Gedichten zu Text zu bringen, wobei eine starke Hellenisierung zu erkennen ist.[703] Das untere Bild zeigt zwei Patres der Miθras-Gemeinde in Dura-Europos am Euphrat in Syrien von 168 n. Chr. in persischer Tracht auf einem Thron mit Buchrolle und Magierstab, die als Seitenwand-Fresken die Kultbildnische links und rechts zieren.[704] Links ist ein Magier mit Lyra und Geier/Falke und der Miθraskappe am musizieren, was darauf deutet, daß die Musik und das Singen ein wesentliches Zeichen dieser Magierzeremonien war.

1.5.2 Magier im Spiegel der griechischen und
lateinischen Literatur
Eine Statistik des Wortes ma/goj zeigt Relevanzkonjunkturen der antiken Magier:
6.
Jh. v.Chr. Aischylos 1
Äsop 3 Heraklit 1 Pherekydes 1 Pythagoras 1
7mal
5. Jh. v.Chr Eurypides 1 Sophokles 1 Herodot 56 Xenophon 8 Plato 3
Gorgias 1 Hippokrates 1 ... ... Ktesias 13 Demokrit 6
Empedokles 1 Protagoras 4
95mal
4. Jh. v.Chr Aischines 1 Aristoteles 4 Theophrast 1
Python 1 Theopomp 1 Anaxarchos 1 Eudoxos 1 Hecataeus 3 Aristodemus 1 Aristoxenos 4
18mal
3. Jh. v. Chr Polybius 1 Chrysippos 1 Bolus 5
7mal
2. Jh. v. Chr Posidonius 4 Oracula
Sibyllina 1
5mal
1. Jh. v. Chr Philo 5 Diodor 3 Strabo 11 19mal
1. Jh. n. Chr Plutarch 17 NT 6 Arrianus
2 Josephus 10 Appian 4 DioChrystomos 4
Apollonius 2 Cornutus 1 Barnabasbrief 1 Clemens
I.
Romanus
46 Herennius Philo 3 Ignatius 6
103mal
2. Jh. n. Chr Athenaeus 11 Lucianus 11 Herodian 1
Ps-Plutarch 1 Act Joh 7 CassiusDio 36 Act Pauli 3
Acta Petri 1 Pausanias 2 Achilles 1 Sextus Empirik 1
Aelianus 4 Clemens Alexandr 15 Hermogenes 3
Polyaenus 1 Philostrat 18 Justin 14 Irenaeus 2 Apk 1
Protevangelium Jacobi 6 Origenes 42
191mal
3. Jh. n. Chr Diogenes Laertius 11 Plotin 6
Iamblichos 4 Porphyrius 10 Hippolyt 10
41mal
4. Jh. n. Chr Oribasius 1 Martyr Pionii 1 Synesius
2 Gregor v
Nyssa 7 Euseb 53 Epiphanius 49 Gregor v Nanzia 15 Sopater 1 Athanasius 48 Basilius von Caesarea 11
Marcellus 1 Eunapius 1 Socrates Scholasticus 6 Asterius 1 Johannes Chrysostomus 157 Didymus 15 Ps-Macarius 3
Palladius 2 Amphilochius 2 Libanius 8 Eutropius 2 Theodoret 41 Severianus 2
430mal
5. Jh. n. Chr Stobaeus 5 Nonnus 4 Sozomenus 7 Joh Malalas 23 54mal
Wir sehen: Die erste Hochkonjunktur der Magier in Griechenland ist nach der von Xerxes und Ostanes veranlaßten Einwanderung persischer Magiergruppen in Griechenland nach 480 v.Chr. zu verzeichnen. Seit 546 war die ionische Küste in persischer Hand. Dies fällt zusammen mit der Blüte der demokratischen Kultur der Vorsokratiker in der Athener Akademie. Zur Zeit der Entstehung von Gnosis und Christentum hatten die Magier in der hellenistischen Geisteswelt eine besondere Popularität. Dabei ist eine Verschiebung der Funktion der Magier von den Feuerpriestern des Zoroastrismus bis zu Wunderheilern mit recht obskuren Praktiken der antiken Mediziner festzustellen, was durch spätantike Wundergläubigkeit forciert wurde. Mit der Eschatologie Zaraθuštras haben diese schamanisch-medizinischen Praktiken nur wenig noch zu tun. Bundahišn 5,1; 21e,3.7.21; 26,48; 31,26f; 32,6.13.30.38 Anklesaria zeigt, wie auch im Zervanismus Zauberei, etwa die Verwandlung einer Kuh in eine Ziege, Erdbeben, Bau unterirdischer Häuser usw. prinzipiell dem Unheilswirken Ahrimans zugerechnet wurde. Es zeigt aber zugleich die Etablierung der Magier im antiken Gesundheitswesen, die durch das elaborierte pharmakologische Wissen in Bundahišn 6,1; 13; 33,31 Anklesaria illustriert wird. Folgend sei ein Abriß dieser literarischen Niederschläge als Geschichte der Magier-Rezeption im griechischen Sprachraum von den ersten Kontakten bis in die Ketzerbekämpfung der Kirchenväter hinein gegeben.
1.5.2.1 Pherekydes (~600-525 v.Chr.)
Die frühesten persischen Einflüsse auf griechische Philosophie liegen im 6. Jh. wohl bei Pherekydes von Syros (~ 600-525 v.Chr.) hat iranische Magierweisheit rezipiert in seiner Kosmologie.[705]
1.5.2.2 Pythagoras (565-495 v.Chr.)
Pythagoras (565-495 v.Chr.) war Schüler des Pherekydes und beeinflußt von Anaximandros. Er verließ seine Heimat Samos, weil er die Regierung des Tyrannen Polykrates ablehnte. Nach dem Busiris des Isokrates war Pythagoras in Ägypten[706], nach Iamblichos sogar 22 Jahre bis 525 Kambyses das Land besetzte, und ihn nach Babylon verschleppte. »22 Jahre verbrachte er in Ägypten in den Tempeln, wurde eingeweiht von Astronomen und Geometrielehrer, nicht aus einer Touristenlaune oder aus Zufall lernte er alle Zeremonien der Götter, bis ihn Kambyses in Kriegsgefangenschaft nahm und nach Babylon verschleppte. Dort hat er bei den aufgeschlossenen Magiern gerne gelernt und wurde ausgebildet in ihren Zeichen und Gottesdienstformen, die er vollkommen beherrschte, in Mathematik und Musik in den anderen Wissenschaften, die bei ihnen auf der Höhe waren, dort lernte er 12 Jahre, bis er nach Samos zurückkehrte mit 56 Jahren.«[707] Im unteritalischen Kroton fand er eine zweite Heimat. Dort gründete er 530 v.Chr. eine religiös-ethische Gemeinschaft. Schon zu Lebzeiten wurde er fast wie ein Gott verehrt. Nach seinem Tode entstanden über ihn viele Legenden. Die Grenze zwischen dem geistigen Eigentum des Pythagoras und seiner Schüler - auf mathematischem und musiktheoretischem Gebiet - kann nicht mehr genau bestimmt werden. Pythagoras sieht die persische Magie als Hauptquelle der Theologie und Medizin. »Über seine Lehre sagen die meisten, das Mathematik genannte Wissen habe er bei den Ägyptern, Chaldäern und Phöniziern gelernt. Denn die Geometrie ist seit Alters her überliefert bei den Ägyptern, Zahlenlehre und Logik bei den Phöniziern, bei den Chaldäern die Theorien über den Himmel. Über das Heiligste der Götter und das übrige Wissen über das Leben hat er bei den Magiern gehört und aufgenommen.«[708] »Er ging nach Babylon und Persien und Ägypten und lernte von den Magiern und den Priestern. Zoroaster, dem Magier, dem Perser, eiferte der Pythagoras nach. Von den geheimen Büchern dieses Mannes, brachten die, die der Irrlehre von Prodicos folgten, welche in ihren Besitz.«[709] Der Dualismus des Zervanismus findet sich bei ihm wieder.[710] Nach Stobäus Anthologie hat Pythagoras auch den Mazdaismus gelehrt: »Über Pythagoras. Pythagoras liebte, was Menschen Göttern gleich machen: daß sie wahrhaftig sind, so sagt er. Die Magier offenbaren den Größten der Götter, den sie Oromagdes nennen, es wohne der Körper im Licht und die Seele in der Wahrheit.«[711]
1.5.2.3 Hekataios (550-480 v.Chr.)
Der griechische Logograph Hekataios von Milet und dem thrakischen Abdera (550-480) erwarb durch ausgedehnte Reisen eine genaue Kenntnis der fremden Völker und ihrer Sitten. Er verfaßte historische Werke. Am Ionischen Aufstand (500-493) gegen die zunehmende Unterdrückung von Dareios I. war er führend beteiligt. Hekataios schrieb eine Rundreise über die Länder Europas und Asiens sowie vier Bücher Genealogien, in denen er die Stammbäume adliger Geschlechter beschrieb. Er hält die Magier für die Vorläufer des Hinduismus und Judentums. »Hekataios meint auch, die Schöpfer seien die Götter nach ihnen. Klearch von Soli sagt in seinem Werk „Über Erziehung“, die Nacktweisen (= indische Brahmanen) seien die Nachfahren der Magier. Einige halten dafür, daß ebenfalls die Juden von diesen abstammen. Zu diesen bemerkt Herodot, sie hätten das über die Magier geschrieben. Aber die Schläge des Xerxes haben nicht in die Sonne getroffen, sondern die Füße ins Meer niedergezogen. Die Götter sind von den Magiern verbreitet worden. Die Kunstwerke allerdings sind natürlich zerstört.«[712]
1.5.2.4 Heraklit (540-480 v.Chr.)
Heraklit (540-480 v.Chr.) führte in Ephesos mit Magiern und dionysischen Bakchanten, Wein-Kelterern und Mysten über das Sein nach dem Tod und das Sonnen-Feuer Lehrgespräche. »Wem prophezeit Heraklit aus Ephesos? Den in der Nacht Umherwandernden, Magiern, Bakchen, Mänaden, Mysten droht er mit den Dingen nach dem Tode, prophezeit er das Feuer, denn die bei den Menschen geltenden Mysterien werden in unheiliger Weise begangen.«[713] Die Parallelen zu Zaraθuštras Kritik der Mithras-Orgien des berauschten Rinderschlachtens und der Zentralrolle des Feuers aus ewiger metrisch pulsierender Urstoff mit den Metamorphosen Meer, Erde, Heißluft deuten auf Adaption iranischer Lehren.[714] Das kleinasiatische Binnenland war im Umkreis von Sardes bereits mit Magiern bevölkert. Wenn das Feuer über alles Urteile spricht, ist man im iranischen Ordal, dem Gang über glühende Kohlen vor dem weltlichen Gericht und dem postmortalen Totengericht, cf 1.4.2.8. »Über alles wird das Feuer, sagt er, einmal herangekommen, urteilen und es verurteilen.«[715] Heraklits kosmischer Kampf der Gegensätze von Vernunft und Natur verdankt sich dem Dualismus Zaraθuštras.[716] Während aber Zaraθuštra heilsgeschichtlich denkt in Hoffnung auf den Sieg des Guten, ist bei Heraklit bereits die zervanistische Aufnahme der babylonischen Zeitzyklik eingewandert, nach der in langen Perioden der Kosmos erblüht von Glut zu Glut des ewigen Feuers: »Diesen Kosmos, denselben für alle, hat kein Gott und kein Mensch geschaffen, sondern immer war er und ist und wird sein ewig lebendes Feuer, erglimmend nach Maßen und verlöschend nach Maßen.«[717] Der Maßgedanke einer steten Periodizität ist ihm wichtig, erst die Stoa macht daraus den Weltbrand.[718] Das vernunftbegabte Feuer ist Ursache der ganzen Weltregierung. Aristoteles greift die Idee des Feuers als Quelle des Lebens zustimmend auf.[719] Jede Körperzelle mit ihrer Verbrennung von Sauerstoff bestätigt diese Theorie. Daß bereits bei Heraklit zervanistische Ideen in ihrer babylonischen Periodizität auftauchen, bestätigt, daß um 500 v.Chr. bereits eine Babylonisierung des Zervanismus in breiter Front stattgefunden hat, knapp 40 Jahre nach der Eroberung Babylons durch Kyros II. 539 v.Chr.
Äsop (620-560 v.Chr.) soll als befreiter Sklave aus Phrygia zahlreiche Fabeln geschrieben haben, die lange nur mündlich überliefert wurden. Er baut diese Fabeln in seine von ursprünglichem Witz geprägten Gespräche mit den Gelehrten und Machthabern ein. In zwei Fabeln arbeitet ein Magier als Orakelpriester mit weisem Verstand: »Eine Frau rief einen Magier an und wollte die Gründe der Ursache des göttlichen Zorns offenbart bekommen. Er beschied ihr, daß sie vieles wolle und deshalb nicht das Kleine vernachlässigen solle.«[720] »Eine Frau versprach einem Magier, die Ursache göttlichen Zorns abzuwenden. Sie vollendete viele Vorhaben und hatte von da an Erfolg. Es schrieben aber welche, sie ziehe Gottlosigkeit herbei und verurteilten sie zum Tode. Als der sah, wie sie zur Hinrichtung geführt wurde, sagte er: „Sie hat den Zorn der Götter versprochen abzuwenden, wie schwer ist nicht, der Menschen Wille umzustimmen.“ Der Mythos offenbart, daß viele Großes verkünden, aber das Kleine nicht können.«[721] Viele der Äsopfabeln sind auch erst später entstanden und ihm zugeschrieben worden; hier ist der Magier so etabliert im gesellschaftlichen Kontakt, daß dies entweder eine persische Fabel ist oder aus der Zeit nach Xerxes stammt, also nach 479, von wann an man mit einer Einwanderung persischer Magierverbände in Griechenland rechnen kann.
1.5.2.6 Aischylos (525 - ~480 v.Chr.)
Aischylos, der 525 in Eleusis geboren wurde, als Kambyses II. (530-22) gerade Ägypten erobert hatte, erste der drei großen Tragödiendichter vor Sophokles und Euripides und starb 456 in Gela/Sizilien. Er wird als Schöpfer der Tragödie angesehen: er führte den 2. Schauspieler ein. Vorher gab es außer dem Chor mit 12 Sängern nur einen Schauspieler auf der Bühne. Von seinen 90 Tragödien sind nur 7 erhalten. Er schrieb PERSAI zur Zeit von Dareios I. (522-486), der das Achämenidenreich durch Eroberung Kleinasiens, Thrakiens, Makedoniens und dem Indusgebiet und Bau von Persepolis als Residenz ausbaut. Der hat den Pythagoreer Demokedes als Leibarzt, Zeichen der Wahlverwandtschaft von Pythagoreern und Magiern. Xerxes (485-460) unternimmt einen Feldzug gegen das aufständische Griechenland. Diesen setzt Aischylos mit Kenntnis der persischen Verhältnisse als Drama um. In Susa kommt Königin-Mutter Atossa aus dem Palast. Bald naht der Bote mit der Unheilsnachricht. Unter den Gefallenen der Perser in der Seeschlacht von Salamis 480 v.Chr. ist auch ein bedeutender Magier, den die Perser beklagen: »Der Magier Arabos und der Baktrier Artames liegt dort im rauhen Boden ärmlich eingewohnt«.[722] Später gibt es 607-99 eine Nekyomantie in Susa, wo Atossa in Trauerkleid mit Milch, Honig, Weihwasser, Wein und Öl fürs Libationsopfer und einem Kranz aus dem Palast zum Grab ihres Mannes Dareios I. schreitet, dort die Libation vollzieht und den Kranz niederlegt. Der Chor singt Lobhymnen auf den göttlichen Dareios, der in der Unterwelt Freigang zur Gattin auf Urlaub bekommt und aus seiner Gruft in seinen Leichengewändern mit Krone und Sandalen herauswankt. Er gibt Xerxes die Schuld an der Niederlage und warnt vor weiteren Angriffen auf Griechenland. Das komische ist nicht, daß die iranischen Greise Angst vor dem Freigänger bekommen, sondern daß persische Tote auf den Höhen des Alburz oder auf der Sonne weilen im Garōθmān, aber nicht im Hades.
1.5.2.7 Sophokles (496-406 v.Chr.)
Im 5. Jh. rücken die Magier in Herodots Persergeschichten (56mal) und Xenophons Cyropaideia (8mal) in ein intensives beginnendes historisches Interesse, zeitgleich mit dem Einwandern von Magiergruppen in Griechenland. Auch eine Anzahl anderer Autoren erwähnen sie: Die Tragiker Sophokles, Euripides, die Philosophen Empedokles und Protagoras (4mal), die beiden Mediziner Hippokrates und Ktesias (13mal), Demokrit (6mal), Sokrates und Plato (3mal).
Sophokles lebte 496 bis 406 in Athen als Sohn eines reichen Waffenfabrikanten und wurde Stratege und Schatzmeister des Seebundes. Zudem war er Priester des Asklepios. 468 v. Chr. siegte er zum ersten Mal als Tragödiendichter, in der Folge noch 18 Mal. Er führte den dritten Schauspieler ein und erhöhte die Zahl der Chormitglieder von 12 auf 15. Dem Chor übertrug er die Funktion zu deuten und zu kommentieren und läßt Bühnenmalereien anfertigen. Seine „analytische Tragödie“ rollt das Geschehen von rückwärts auf und stellte das nach Wahrheit und Selbsterkenntnis suchende Individuum heraus.
7 Tragödien sind erhalten: Antigone, König Ödipus, Elektra, Ödipus auf Kolonos, Ajax, Die Trachinierinnen und Philoktet. Ödipus klagt im gleichnamigen Drama: »Kreon, der Treue, Kreon, der alte Freund, ist heimlich zu mir gekrochen, erpicht mich zu stürzen, und hat so einen abgezockten Magier wie diesen hier gekauft, einen trickreichen Kurpfuscher, der Augen hat nur für seinen Profit, aber eine Niete in seinem Fach ist. Komm, sag, wo hast du dich je als Seher gezeigt? Warum, wo doch dieser Wachhund seine dunklen Gesang gewoben hat, hast du nichts gesagt, die Leute zu befreien? Aber das Rätsel war schließlich für den ersten Kandidaten nicht zu lösen, weder vom Vogel noch dem Wissen irgendwelcher Götter.«[723]
Dies zeigt, wie schon zur Zeit Platons die Magier für ihre Orakel-Dienste wie Vogelflugmantik oder Befragung eines Gottes Honorare nahmen und gemessen wurden an den Erfolgen ihrer Prognosen. Sie wurden gelegentlich auch liquidiert, wenn sie dem König durch ihre Weissagung eine böse Niederlage eingefahren hatten. Nach I,128 läßt beim Sieg des Kambyses-Sohns Kyros II. über den Mederkönig Astyages dieser als erstes die Traumdeuter kreuzigen, die ihm die Schonung von Kyros geraten hatten, als dieser noch als Kind an seinem Hof lebte.[724] Astyages hatte zuvor seinem Oberfeldherrn Harpagos dessen Sohn geschlachtet als Festbraten serviert, als kleiner Scherz unter Freunden; der Vater des Bratens hatte ihm dies verübelt und Kyros geholfen, das persische Heer gegen die Meder zu verschwören. So entstand das Achämenidenreich. Der Beruf des Hofmagiers war mithin vielseitig und nicht ungefährlich.
1.5.2.8 Eurypides (485-406 v.Chr.)
Eurypides (485-406) von Salamis führte den Deus ex Machina ein, der am Schluß zur Lösung der Probleme beiträgt. Er übte Kritik an der Unterdrückung der Frau, der Diskriminierung außerehelicher Kinder und der Glorifizierung des Krieges. 17 Tragödien sind erhalten: Alkestis, Medea, Die Herakliden, Andromache, Hippolytos, Hekabe, Die Schutzflehenden, Elektra, Helena, Iphigenie bei den Taurern, Ion, Die Phönikerinnen, Orest, Iphigenie in Aulis, Die Bakchen.[725] Im Orest werden Techniken der Magier mit den Tricks der Götter auf einer Ebene genannt: »Was aus dem Bett entsteht, ist im ganzen Haus unsichtbar, o Zeus und Gaia und Licht und Nacht, fürwahr weder mit Drogen noch Magierkünsten noch Götterlisten.«[726]
1.5.2.9 Empedokles (495-435 v.Chr.)
Von Empedokles (495-435) wird ebenfalls berichtet, daß er weite Studienreisen unternahm und dabei auch bei Magiern gelernt hat.[727] Apuleius zeichnet die Linie Orpheus - Pythagoras - Ostanes - Empedokles.[728] In Peri\ fu/sewj weitet Empedokles den zweiteiligen Licht-Nacht-Zyklus von Hesiod (*700 v. Chr. Askra/Böotien) und Parmenides zu einem Zyklus der Trennungen und Wiedervereinigungen der Grundelemente Feuer, Luft, Wasser und Erde aus. Zwei Kräfte bewegen das in ewiger Periodizität lebende All: Liebe vereint die Elemente, Zwietracht (Nei=koj DK 31 B 36) trennt sie. Beide kommen im Wechsel an die Macht. Herrscht Liebe (Ahura Mazda), so ist das All (sfai=roj DK 31 B 27-29 = ind. Ātmān) in Ruhe und alle Elemente gleichmäßig verteilt.[729] Tritt Haß (Ahriman) wirbelnd ins All ein, fegt er das Feuer in die oberste Luftschicht am Himmel und scheidet unten Erde und Wasser.[730] Durch Trennung von Feuersonne und Luft in zwei Halbkugeln verliert das All seine Balance und der Himmel umkreist immer schneller die Erde. (DK 31 A 67) Schließlich sorgt die Liebe wieder für Rückmischung der Elemente: Ahura Mazda behält den Sieg. Empedokles wird als Schamane[731] und Orphiker gewertet und hat die zervanistische Lehre vom Großen Jahr mit seinen 4 Weltzeiten aufgenommen.[732]
1.5.2.10 Protagoras (485-410
v.Chr.)
Protagoras (485-410) stammte aus Abdera in Thrakien. Er war einer der frühesten und bekanntesten Sophisten. Als Wanderlehrer der Redekunst und der Kunst des richtigen Lebens - gegen gute Bezahlung - zog er von Ort zu Ort. In Athen hielt er sich längere Zeit auf und beeindruckte die Athener sehr. Er war ein Freund des Perikles. Die Nachricht, er sei durch eine Anklage wegen Asebie aus Athen vertrieben worden, ist nicht hinreichend beglaubigt.[733] Platons "Protagoras" tritt als Gegenspieler des Sokrates auf. Im Jahre 444 v. Chr. erhielt Protagoras den ehrenvollen Auftrag, der neugegründeten Kolonie Thurioi eine Verfassung und Gesetze zu geben. Er habe als Schüler Demokrits auch mit den persischen Magiern übereingestimmt, die mit Xerxes nach Griechenland gekommen seien, sagt Philostrat im Leben der Sophisten. »Reich versorgt ist er vom Vater Mäander neben den reichhaltigen Traditionen Thrakiens und dem Hause des Xerxes und den Gemeinwesen (cunousi/a tw=n ma/gwn) der Magier, die Mäander seinem Sohn entdeckte. Die persischen Magier erziehen keine Normalperser, nur den König, sagt Protagoras: Was sie sagen, ist aporetisch, denn weder sind sie Götter noch sind sie es nicht. Damit setzt er sich über die persischen Erziehungsprinzipien hinweg. Die Magier beschwören die Götter und tun unsichtbare Dinge, die sichtbare Erscheinung des Gottes lösen sie auf und wollen nicht sprechen von dem, was sie können.«[734] Hier wird auf die Arkandisziplin und den internen Zusammenhalt der Magierfamilien auch in Griechenland hingewiesen.
1.5.2.11 Herodot (484-425 v.Chr.), Gorgias von Leontinoi (480-380 v. Chr.)
Herodot (484-425 v.Chr.) erwähnt zur Zeit der Perserkriege (500 Jonischer Aufstand / 490 Schlacht bei Marathon / 480 Schlacht von Salamis / 479 Schlacht bei Plataeae) die Magier 75 Mal.[735] »Bei Herodot läßt sich bemerken, wie zunehmend, je mehr die asiatischen und griechischen Erinnerungsmassen ineinanderströmen, auch die Anekdoten- und Novellenformen sich zusammenschließen und zuletzt zu einer... Geschichtsdarstellung einander ergänzen.«[736]
Die Mager hält er für einen von 6 Mederstämmen; dies zeigt die Clan-Gebundenheit der Magier, die nur ausnahmsweise einzeln auftraten und sogar zur Reinerhaltung ihrer avestischen Überlieferung Inzest pflegten; so sollte eine möglichste Bündelung der Lernenden und Wissenden gewahrt bleiben.[737] Am Hofe des medischen Königs Astyages gibt es unter den Magiern eigens solche zur Traumdeutung.[738] Die Magier sind ähnlich israelitschen Propheten Berater am Königshof.[739]
Herodot teilt auch die mazdaistischen Opferpraktiken der Iraner mit, Zeichen griechischen Interesses an der iranischen Religion, ja geradezu erster Religionsgeschichte, wenn er die Verehrung der Ou)rani/a als von den Assyrern übernommenes Lerngut bezeichnet. »Sie pflegen dem Zeus, auf die höchsten Stellen der Berge hinaufsteigend, Opfer darzubringen, indem sie den ganzen Himmelskreis Zeus nennen. Sie opfern der Sonne, dem Mond, der Erde, dem Feuer, dem Wasser, den Winden.«[740] Strabo bestätigt diese Liste, wobei er Sonne und Miθra und Mond und Anāhītā zusammenbringt.[741] All die Elemente sind unmittelbare Existenzgrundlage der Bevölkerung, wie ebenfalls die Aməša Spənta .[742] »Ebenso wie der Wind und das Feuer sind natürlich die Himmelskörper, die Erde und die Wasser göttlich. Sonne und Mond werden sowohl im Awesta als auch im Rigveda in Hymnen geehrt. Die Erde ist die heilige Muttergöttin. Die lebenspendenden Wasser werden im Awesta zusammen mit dem Feuer oder vor ihm angerufen... Bei dem indischen Somaopfer werden so gut wie alle Gottheiten ganz nach ihrem Rang und ihrer Tätigkeit eingeladen.«[743] »Das Volk der Rigvedazeit führte dasselbe Leben - als Viehzüchter und Ackerbauern - wie die Arier, die sie zurückließen. Familie und Sippe sind sowohl bei den Iranern als auch bei den Indern die natürlichen Einheiten. Wirkliche Städte... gab es nicht. Mehrere Sippen bildeten einen Stamm. Ihre Leitung war patriarchalisch... Wir finden bei Indern und Iranern in großem Umfange dieselben Götter, dieselben Mythen und dieselben Kultbräuche.«[744] Für jede dieser Naturelement-Gottheiten gibt es in der Tat einen Yašt (Hymnus) und eine Niyayeš (Litanei) im Khorda Avesta.[745] Soweit ist Herodot nachgerade historisch exakt.
Götterbilder, Tempel und Altäre hat Herodot nicht bei den Persern gesehen. Seine Gleichung in I,131 Aphrodite = Miθra aufgrund des Themas Fruchtbarkeit dürfte etwas gewagt sein, trifft aber die Tatsache, daß Anāhītā und Miθra an vielen kleinasiatischen Heiligtümern als Paar gemeinsam verehrt wurden und auch in den königlichen Inschriften von Persepolis, Susa und Ekbatana mit Ahura Mazdā als oberste Göttertriade zu finden ist.[746] Die Opferschlachtung findet ohne Altar auf einem reinen Platz durch den Besitzer des Tieres statt, wobei nicht persönliches Wohl erfleht wird, sondern das des ganzen Volkes und des Königs. Das gekochte Opferfleisch wird auf frischen Klee angeordnet, wonach ein Magier dann die Kosmogonie rezitiert. Dann wird das Fleisch weggetragen und gegessen.(I,132) Während Reiche Rind, Pferd, Kamel oder Esel zum Geburtstag als Festschmaus schlachten, reicht es bei Armen gerade zu Stücken von Kleintieren.(I,133) Betrunken vom Wein fällen sie die wesentlichsten Entscheidungen.[747] Die feudalistischen Standesunterschiede drücken sich in der Begrüßung vom Kuß zu Gleichen bis zum Kniefall des Proleten.(I,134) Päderastie, von Griechen gelernt, und Polygamie mit Haremshaltung ist üblich; viele Kinder gelten als Segen.(I,135f) Die Magier bestatten die wachsüberzogenen Leichen in der Erde, nachdem sie von Hunden oder Vögeln (Geiern) angefressen worden sind.[748] Die Parsen Bombays hatte bis vor wenigen Jahrzehnten ein Totengebäude mit Hochterrasse, auf der die Leichen abgelegt wurden. Geier fallen dann über die Leichen her, die innerhalb von Minuten bis aufs Skelett abgefressen waren und später in einen Schacht mit einem Säurebecken geworfen wurden. Die heiligen Elemente Erde, Wasser und Feuer dürfen nicht von Leichen verunreinigt werden. Daß die Magier außer dem heiligen Hund alle anderen Tiere opfern, besonders Schlangen, Kriechtiere und Vögel, entspricht der Sühne für Hundetötung Vd 14,5. Schlangen sind Gifttiere: Vd 1,2; 18,65.73; Mēnōk-i Chrad 2,191; Mēnōk-i Chrad 27,49 und Dēnkard 7,1,32. Mittels Stock mit Lederschlinge töten Ašagläubige Schlangen: Bundahišn 28,21ff SBE5/ 22 Ankl. Dēnkard 7,2,24-62 übervölkern Schlange, Skorpion, Frosch und Eidechse als giftige Satanstiere die Erde.
Kyros II. hatte zwei Söhne, Kambyses (Kambuhiya) und Bardiya - bei Herodot Smerdis. Schon wenige Jahre nach Regierungsantritt bereitet Kambyses einen umfangreichen Feldzug mit zahlreichen fremdvölkischen Hilfstruppen vor. Der Darstellung des Ktesias und der Behištan-Inschrift zufolge läßt Kambyses vor seinem Aufbruch nach Ägypten seinen jüngeren Bruder Bardiya, der die östlichen Satrapien verwaltet, sicherheitshalber heimlich töten. Nach anderen Quellen erhob sich dieser während Kambyses' Abwesenheit und riß die Macht an sich. Ob dieser Bardiya mit dem Kyrossohn identisch war oder aber als »falscher Bardiya/Smerdis« zu entlarven bzw. mit dem aufständischen Magier Gaumata zu identifizieren ist, kann aufgrund der kontroversen Quellenlage kaum sicher entschieden werden.[749] Begleitet von seiner jüngeren Schwester und Frau Roxane und seinem Lanzenträger Dareios zieht Kambyses 525 v. Chr. gegen Ägypten. In der Schlacht vor Pelusium 525 schlägt Kambyses den Nachfolger des Amasis, Psammetich III., entscheidend. Psammetich flieht nach Memphis, aber zwei Monate später ergibt sich die Hauptstadt, womit das Schicksal des tausendjährigen ägyptischen Reiches entschieden ist: ganz Ägypten kapituliert. Der Pharao wird gefangengenommen, freiwillig ergeben sich die Libyer und die Griechen der Kyrenaika, griechische Söldner gehen zu Kambyses über. Ende Mai 525 wird er zum König von Ober- und Unterägypten ausgerufen und gilt als Begründer der neuen 27. Dynastie der ägyptischen Pharaonen. Er heiratet zur Legitimation die ägyptische Königstochter Nitetis, fördert die Verschwägerung der Herrscherhäuser und betreibt insgesamt ägyptenfreundliche Politik. [750] Während Kambyses erfolglos unterstützt von jüdischen Söldnern aus Elephantine versucht, Nubien zu erobern[751], probt Psammetich den Aufstand. Kambyses kehrt Herbst 523 nach Ägypten zurück, schlägt die Revolte nieder und exekutiert den Pharao und regiert verbitterter. Im April 522 erhält Kambyses Meldung über die Usurpation des Magiers Gaumata in Persien. Um diesen zu vertreiben, bricht er unverzüglich auf, nachdem er Ägypten als Satrapie Aryanders übergeben hat. Er stirbt im Juli 522 v. Chr. auf der Reise nach Syrien, in der Nähe des heutigen Hama, südlich von Aleppo, an Blutvergiftung.[752] Damit ist die ältere Linie der Achämeniden beendet: Achämenes, Teispes I, Kambyses, Kyros. Dareios entstammt der jüngeren achämenidischen Linie: Teispes II, Ariaramnes, Arsames, Hystaspes, Dareios und Xerxes. Er wird Kambyses' Nachfolger und bringt von 522-486 v.Chr. Persien zur Großmacht.
Herodot schildert die Sache so: Nachdem Kambyses im Ägyptenfeldzug träumte, Smerdis werde während seiner Abwesenheit den Thron in Susa besteigen, ließ er durch seinen Vertrauten Prexaspes den eigenen Bruder heimlich ermorden und verscharren. Die Magier Patzeithes und Smerdis nutzten in Susa während des Feldzugs von Kyros II. in Ägypten 522 v.Chr. die Stundengunst und die Ähnlichkeit des Magiers Smerdis mit dem Kyrossohn und Patzeithes rief seinen Bruder als neuen König aus. Die Nachricht davon erhielt Kambyses im syrischen Ekbatana und durchschaute, daß hier der falsche Smerdis an der Macht war. Er wollte nach Susa aufbrechen, die Magier dort zu vertreiben. Beim Aufsitzen geht sein Schwertknauf ab und die Klinge in seinen Schenkel. Die Wunde entzündet sich tödlich und Kambyses stirbt mit dem Wunsch, man möge die verlogenen Magier vom Thron zerren.[753] Herodot erzählt von der Verschwörung des Ostanes, der durch seine Tochter im Hofharem herausbekommt, daß nicht der Kyrossohn Smerdis deren Begatter ist. Dem Siebenerkreis gehörte auch der Hystaspes-Sohn Dareios an, der beim Eindringen in den Palast die Magier töten kann. Zur Machtübernahme gehörte, daß ihre Köpfe abgeschlagen und in Susa herumgetragen wurden. Alle Magier, derer man hat habhaft werden können, wurden am selben Tag noch getötet. Dieser Tag wird jährlich als Magafonia festlich begangen, ist dies doch der Tag, an dem Dareios die Herrschaft über die 20 Satrapien erstritt.[754]
In der Inschrift von Behištan (DB), Kolumne 1 wird über diesen Staatsstreich berichtet:[755] Da es eine der ältesten persischen Texte ist, will ich ihn im Urtext hier geben mit anschließend deutscher Übersetzung: »I,26-80 hamadārayaiy vašnā Auramazdāha ima xšaçam dārayāmiy tātiy Dārayavauš xšāyatiya ima tya manā kartam pasāva yatā xšāyatiya abavam Kabūjiya nāma Kūrauš puça amāxam taumāyā hauvam idā xšāyatiya āha avahyā Kabūjiyahyā brātā Bardiya nāmaha hamātā hamapitā Kabūjiyahyā pasāva Kabūjiya avam Bardiyam avāja yatā Kabūjiya Bardiyam avāja kārahyā naiy azdā abava tya Bardiya avajata pasāva Kabūjiya Mudrāyam ašiyava yatā Kabūjiya Mudrāyam ašiyava pasāva kāra arika abavapasāva drauga dahyauvā vasiy abava utā Pārsaiy utā Mādaiy utā aniyāuvā dahyušuvā tātiy Dārayavauš xšāyatiya pasāva I martiya maguš āha Gaumāta nāma hauv udapatatā hacā Paiši yāuvādāyā Arakadriš nāma kaufa hacā avadaša Viyaxnahya māhyā XIV raucabiš takatā āha yadiy udapatatā hauv kārahyā avatā adurujiya adam Bardiya amiy hya Kūrauš puça Kabūjiyahyā brātā pasāva kāra haruva hamiçiya abava hacā Kabūjiyā abiy avam. ašiyava utā Pārsa utā Māda utā aniyā dahyāva xšaçam hauvagarbāyatā Garmapadahya māhyā IX raucabiš takatā āha avatā xšaçam agarbāyatā pasāva Kabūjiya uvāmaršiyuš amariyatā tātiy Dārayavauš xšāyatiya aita xšaçam tya Gaumāta hya maguš adīnā Kabūjiyam aita xšaçam hacā paruviyata amāxam taumāyā āha pasāva Gaumāta hya adīnā Kabūjiyam utā Pārsam utā Mādam utā aniyā dahyāva hauv āyasatā uvāpašiyam akutā hauv xšāyatiya abava tātiy Dārayavauš xšāyatiya naiy āha martiya. naiy Pārsa naiy Māda naiy amāxam taumāyā kašciy hya avam Gaumātam tyam magum xšaçam dītam caxriyā kārašim hacā daršam atarsa kāram vasiy avājaniyā hya paranam Bardiyam adānā avahyarādiy kāram avājaniyā mātyamām xšnāsātiy tya adam naiy Bardiya amiy hya Kūrauš puça kašciy naiy adaršnauš cišciy tastanaiy pariy Gaumātam tyam magum yātā adam arasam pasāva adam Auramaz(d)ām patiyāvahyaiy Auramazdāmaiy upastām abara Bāgayādaiš. māhyā X raucabiš takatā āha avatā. adam hadā kamnaibiš martiyaibiš avam Gaumātam tyam magum avājanam utā tyaišaiy fratamā martiyā anušiyā āhatā Sikayauvatiš nāmā didā Nisāya nāmā dahyāuš Mādaiy avadašim avājanam xšaçamšim adam adīnam vašnā Auramazdāha adam xšāyatiya abavam Auramazdā xšaçam manā frābara tātiy Dārayavauš xšāyatiya xšaçam tya hacā amāxam tamāyā parābartam āha ava adam patipadam akunavam adamšim gāta vā avāstāyam yatā paruvamciy avayjā adam akuravam āyadanā tyā Gaumāta hya maguš viyaka adam niyaçārayam kārahyā abicariš gaitāmcā māniyamcā vitbišcā tyādiš Gaumāta hya. maguš adīnā adam kāram gātavā avāstāyam Pārsamcā Mādamcā utā aniyā dahyāva yatā paruvamciy avatā adam tya parābartam patiyabaram vašnā Auramazdāha ima adam akunavam adam hamataxšaiy. yātā vitam tyām amāxam gātavā avāstāyam yatā paruvamciy. avatā adam hamataxšaiy vašnā Auramazdāha yatā Gaumāta hya maguš vitam tyām amāxam naiy parābara tātiy Dārayavauš xšāyatiya ima tya adam akunavam pasāva yatā xšāyatiya abavam tātiy. Dārayavauš xšāyatiya yatā adam Gaumātam tyam magum avājanam pasāva I martiya „çina nāma Upadarmahyā puça hauv udapatatā vjaiy kārahyā avatā ataha adam vjaiy xšāyatiya amiy pasāva vjiyā hamiçiyā abava abiy avam „çinam ašiyava hauv xšāyatiya abava vjaiy utā I martiya Bābiruviya Naditabaira nāma Ainairahyā puça hauv udapatati Bibirauv kiram avafi adurujiya adam Nabukudracara amiy hya Nabunaitahyā puça pasāva kāra hya Bābiruviya haruva abiy avam Naditabairam ašiyava Bābiruš hamiçiya abavax.« Der Begriff maguš ist hervorgehoben, um zu beweisen, daß diese Bezeichnung für das persische Priestertum bereits in den Anfangszeiten des Achämenidenstaats um 522 v.Chr. geläufig war. Zu Deutsch: »10 (1,26-35) Dareios der König sagt: Dieses ist, was von mir getan wurde, nachdem ich König wurde. Ein Sohn von Kyrus, Kambyses genannt, aus unserer Familie war König hier. Von diesem Kambyses dort war ein Bruder namens Smerdis. Er hatte die gleichen Eltern wie Kambyses. Danach ermordete Kambyses den Smerdis. Als Kambyses Smerdis ermordete, wurde es den Leuten verschwiegen, daß Smerdis gemordet war. Danach ging Kambyses nach Ägypten. Als Kambyses nach Ägypten gegangen war, ging es den Leuten schlecht. Später wuchs die Lüge groß im Land, in Persien und Medien und in den anderen Provinzen. 11 Da gab es einen Mann, einen Magier, genannt Gaumata; er stieg in Paišiyauvada auf einen Berg genannt Arakadri. Es waren 14 Tage des Monats Viyakhna vorüber, als er nach oben stieg. Er sprach zu den Leuten: "Ich bin Smerdis, der Sohn von Kyrus, Bruder von Kambyses." Nach der Rede wurden alle Leute von Kambyses abtrünnig und liefen über zu ihm, gingen über Persien und Medien und die anderen Provinzen hinaus. Er ergriff das Königreich; vom Monat Garmapada waren 9 Tage vorüber, da ergriff er das Königreich. Dann starb Kambyses durch seine eigene Hand. 12 Dieses Königreich, das der Magier Gaumata von Kambyses wegnahm, dieses Königreich gehört seit langer Zeit schon unserer Familie. Gaumata übernahm auch die Macht über die Magier von Kambyses und übernahm Persien und Medien und die anderen Provinzen, machte sie zu seinem eigenen Besitz, er wurde König. 13 Es gab nicht einen Mann, weder ein Perser noch ein Meder noch irgend jemand unserer Familie, der bewirken konnte, daß dem Magier Gaumata das Königreich wieder entzogen wurde. Die Leute fürchteten ihn sehr, weil sie wußten, daß er die Zahl die Leute, die vorher Smerdis gekannt hatten, ermordete. Er ermordete die Leute mit der Begründung: "Aus Furcht daß sie mich kennen, daß ich nicht Smerdis der Sohn von Kyrus bin." Niemand wagte dies alles zu sagen über den Magier Gaumata, bis ich kam. Dann suchte ich Hilfe von Ahuramazda. Ahuramazda gewährte mir Hilfe; vom Monat Bagayadi waren 10 Tage vorüber, dann schlachtete ich mit einigen Männern diesen Magier Gaumata ab und die um ihn herum, die seine vordersten Nachfolger waren. Auf einer Festung namens Sikayauvati im medischen Nisaya schlachtete ich ihn ab. Ich nahm das Königreich von ihm. Durch die Gnade von Ahuramazda wurde ich König; Ahuramazda schenkte das Königreich mir. 14 Das Königreich, das unserer Familie genommen worden war, das ich wieder einsetzte. Ich stellte es auf seiner Grundlage wieder her. Ich stellte die Schongebiete wieder her, die der Magier Gaumata zerstörte. Ich stellte den Leuten die Weiden und die Herden, die Haussklaven und die Häuser wieder her, die der Magier Gaumata ihnen wegnahm. Ich stellte die Traditionen der Leute in Persien und Medien und den anderen Provinzen wieder her. Wie es vorher war, so ich holte zurück, was weggenommen worden war. Durch die Gnade von Ahuramazda bemühte ich mich, bis ich unser königliches Haus auf seiner ursprünglichen Grundlage wieder hergestellt hatte. So bemühte mich ich, durch die Gnade von Ahuramazda, damit den Magier Gaumata nicht unser königliches Haus entfernte. 15 Folgendes tat ich, nachdem ich König wurde: 16 Nachdem ich den Magier Gaumata schlachtete, stieg Asina, der Sohn von Upadarma in Elam auf den Thron. Zu den Leuten sagte er: "Ich bin König in Elam." Danach wurden die Elamiter abtrünnig und liefen über zu diesem Asina, er wurde König in Elam. Und ein Babylonier namens Nidintu-Nidintu-Bel, Sohn von Ainaira stieg nach oben in Babylon. Er betrog die Leute so: "Ich bin Nebuchadrezzar der Sohn von Nabonidus." Danach alle gingen Babylonier über zu diesem Nidintu-Bel. Babylonia wurde rebellisch; er ergriff das Königreich in Babylon.«[756]
Der Sophist Gorgias von Leontinoi (480-380 v. Chr.) gilt als Begründer der rhetorischen Stilistik. Skeptisch ist er der Meinung, es gibt keine objektive Erkenntnis, keine Wahrheit und kein Recht. Politiker setzen sich durch, weil sie sich mittels ihrer Reden Recht verschaffen. Rhetorik ist Kunst der Überredung, es gilt die Macht des Listigeren und keine universalisierbare Ethik, so erlebten es Sophisten, die von Stadtstaat zu Stadtstaat zogen, um ihre Fähigkeiten zu verkaufen. Gorgias soll riesige Honorare gefordert und erhalten haben. Er stellt Rhythmus und Klang in den Dienst der Überredung. Grenze für die rhetorischen Mittel ist das Gewaltverbot; Täuschung und Betörung sind erlaubt. Als Gesandter seiner Heimatstadt Leontinoi kam er 427 v. Chr. nach Athen[757] und bat um Hilfe gegen Syrakus. Die Prunkreden, die er in Athen gehalten hat, begeisterten die Griechen wegen des brillanten neuen Stils. Er hielt Festreden in Delphi und Olympia und unterwies Jüngere im Reden. Über Magier hat er ein vernichtendes Urteil: » Denn es vereinigt sich die Kraft der Seele nach ihrer Meinung, indem sie bereit ist zum beschwörenden Ansingen der Götter und dann haben sie diese Anrufung auch noch zur reinen Showdarbietung umgemodelt. Die Künste der Gaukelei und Magie finden sie zweispaltig: sie sind Fehltritte der Seele und Fehltritte des Denkens.«[758]
1.5.2.12 Hippokrates (460 - 375/351 v.Chr.)
Hippokrates (460-375/351) berichtet 420 v.Chr. in De morbo sacro, wo er die Heilung durchs Gleiche entwickelt, Magier, Reinigungspriester, Gaukler und Aufschneider, die sich für gottesfürchtig und hochgebildet halten, haben Epilepsie als erste als heilig erklärt und mit Reinigungsbädern und Diäten kuriert.[759] Gott machen sie zum Deckmantel ihrer Hilflosigkeit. Epilepsie ist aber vererblich, abhängig von Kälte, Sonne, Feuchtklima und Wind und durch eine Diät ist das Gleichgewicht der Körpersäfte restituierbar (trocken-feucht, kalt-warm).
1.5.2.13 Demokrit (460-371 v.Chr.)
Pythagoras, Orpheus, Ostanes, Epimenides, Anaxagoras, Leukipp, Empedokles, Demokrit und sogar Platon galten als Magier und hatten offensichtlich die Lehren der persischen Magier und babylonischen Chaldäer teils durch eigene Studienreisen aufgenommen.[760] Dabei ist Ostanes der eigentliche Vermittler persischer Magie an die Griechen. Er hat die Magie in Griechenland populär gemacht.
Demokrit (460-371) als Schüler Leukipps ist der Hauptvertreter der antiken Atomistik und der Philosophenschule von Abdera, damals eine reiche Handelsstadt mit hoher Kultur. Die Götter waren für ihn im Sinne der iranischen Gotteshypostasen Verkörperung von Naturerscheinungen oder menschlichen Eigenschaften: Zeus verkörpert die Sonne, Athena die menschlichen Vernunft. Suidas schreibt, Demokrit war Schüler von Anaxagoras und Leukipp, wie jene daher auch Schüler der Magier und persischen Chaldäer, reiste nach Persien, Indien, Ägypten zum Studium bei den Weisen.[761] Aelian berichtet, Demokrit ging zu den Chaldäern nach Babylon, zu persischen Magiern und indischen Weisen.[762] Philostrat schildert, welchen Einfluß auf die griechische Philosophie die mit Xerxes nach Griechenland gelangten Magier dort ausübten. »Protagoras der Sophist von Abdera wurde Hörer im Hause Demokrits. Er stimmte überein auch mit den Magiern aus Persien, die auf Befehl des Xerxes nach Griechenland gekommen sind.«[763] Hippolyt verweist auf Demokrits Studium bei Leukipp und Damasippos von Abdera und einer Zusammenwürfelung von indischen Nacktweisen, ägyptischen Heiligen und babylonischen Astrologen und Magiern.[764] Man darf schließen, daß Demokrit die Magier sowohl in Babylonien als auch in Griechenland selbst als Zeitgenosse von Sokrates kennengelernt hat. Daß zwischen Astrologen und Magiern unterschieden wird, zeigt noch, wie hier in Babylonien zwei religiöse Strömungen koexistieren. Clemens von Alexandrien bestätigt, daß Demokrit ein Buch über die Theologie Babyloniens geschrieben hat. Er zitiert daraus: »Ich bin von meinen Zeitgenossen am meisten auf der Erde herumgekommen, wobei ich am weitgehendsten forschte, und habe die meisten Himmelsstriche und Länder gesehen und die meisten gelehrten Männer gehört. Und in der Zusammensetzung der Linien mit Beweis hat mich noch keiner übertroffen, auch nicht die sogenannten Seilknüpfer (Landvermesser, Geometrie) der Ägypter. Mit diesen bin ich nach allen andern 5 Jahre auf fremdem Boden zusammengewesen.«[765] Demokrit habe Babylonien, Persien und Ägypten bereist und bei Magiern und Priestern studiert. Philo von Byblos meint, Zaraθuštra als Magier in den „Synagogen“ der Perser habe gesagt, der erste Gott habe einen Falkenkopf (Horus), sei ungeworden, von den Guten der Beste, Vater der guten Gesetze und der Gerechtigkeit (aša) und des guten Sinnes (Vohumana) physisch und unendlich und weise. Ostanes habe dies in seinen achtbändigen Schriften bestätigt.[766] Bis auf den Falkenkopf läßt sich unschwer Ahura Mazdā wiedererkennen. Hier wird die zentrale Rolle des obersten persischen Magiers Ostanes deutlich, der in Memphis als Religionsminister Ägyptens bis 420 v.Chr. ein interdisziplinär-interreligiöses theologisch-naturwissenschaftliches Forschungszentrum leitete und entgegen der Annahme, die Magier haben bis ins Sassanidenreich das Avesta nur mündlich tradiert, eine opulentes Opus hinterließ.
Demokrit sei neben Pythagoras der gelehrteste Magier, berichtet Plinius in seine Naturalis Historia. »Von Demokrit stammen nachweislich die Xeiro/kmhta [= Handgriffe; so Demokrits Buchtitel] ab. Allein wie weit abenteuerliche Dinge berichtet dieser hier, er, nach Pythagoras der gelehrteste/eifrigste unter den Magiern. So nennt er eine Pflanze Aglaophotis, welche diesen Namen von der Bewunderung der Menschen wegen ihrer wundervollen Farbe bekommen habe und auf den Marmorfelsen Arabiens an der Persischen Seite wachse, weshalb sie auch Maramaritis heißt. Dieser bedienten sich die Magier, sobald sie Götter her bescheiden wollten.«[767] Demokrit rezipierte persische, arabische, äthiopische und ägyptische Magier in seiner Pharmakologie: »Als erster aber von allen, die die Geschichte kennt, hat Orpheus über Pflanzen genauer verschiedenes gesagt. Wie sehr nach ihm Musaios und Hesiod das Kraut Polium bewundert haben, sagten wir schon. Orpheus selbst und Hesiod empfahlen Räucherungen damit. Homer preist auch noch andere Pflanzen namentlich, die wir an ihrem Ort nennen wollen. Nach ihm schrieb der durch seine Weisheit berühmte Pythagoras zuerst ein Buch über die Wirkungen der Pflanzen, deren Entdeckung und Ursprung er Apollo, Asklepios und überhaupt den unsterblichen Göttern zuerkennt. Auch Demokrit schrieb eines, beide aber erst, nachdem sie die Weisen von Persien, Arabien, Äthiopien und Ägypten durchstöbert hatten.«[768] Diogenes Laertius bestätigt diese Studienreisen und den Unterricht des noch jugendlichen Demokrit bei Xerxes' Magiern.[769] Boles von Mendes ( 250 - 150 v. Chr.) hat viele teils pseudepigraphische Schriften unter Demokrits Namen veröffentlicht. Seneca (4 v.- 65 n.Chr.) bewundert Demokrits Alchemie: »Dieser Demokrit war ungemein kunstfertig, denn er erfand die Kunst, Steine zu schmelzen, den Smaragd zu imitieren und in jeder beliebigen Farbe darzustellen. Er wußte das Elfenbein zu erweichen und viele anderen Dinge.«[770]
1.5.2.14 Ktesias (440-380 v.Chr.)
Ktesias (440-380 v.Chr.) schrieb nicht nur medizinisches, sondern auch die persische Geschichte.[771] Er lebte von 405-385 als Leibarzt am Hof des Artaxerxes II. Mnemon in Persepolis. Ktesias berichtet eine Geschichte über den Magier Svendadates am Hofe von Kyrossohn Kambyses II. (529-522) zu Beginn der archämenidischen Herrschaft einige Jahre nach Eroberung Babylons.[772] Es dürfte sich um den aufständischen Magier Smerdis und Patzeithes von Herodot handeln, dessen persischen Namen Ktesias benutzt. Hier findet eine öffentliche Teufelsbeschwörung statt. Der Magier arrangiert die heimliche Hinrichtung seines Bruders Tanyoxarkes und übernimmt unerkannt an seiner Stelle dessen Protektorat. Die Mutter schweigt lange und fordert endlich von Kambyses Gerechtigkeit, der dies ablehnt, verwünscht wird und nach Geburt einer kopflosen Tochter wahnsinnig wird und von den Hofmagiern aus Bildern das Ende seiner Dynastie geweissagt bekommt.[773] Er soll an einer Wunde beim Aufsteigen aufs Pferd gestorben sein.[774] Die Magier bestimmten die Hofpolitik von Susa.
1.5.2.15 Xenophon (430-354 v.Chr.)
Xenophon (430-354 v.Chr.) ist mit seiner Anabasis Kriegsberichterstatter vom Feldzug des Kyrus, dem Zug der Zehntausend 401 v.Chr. gegen Babylon. Als privilegierter Offizier hat er intime Einblicke und die Sitten der Perser gewinnen können. In der Cyropaideia, der Kindheitsbiographie des Kyros, schildert die Magier als Orakelpriester, die den Königen die Bescheide der Götter übermitteln. Damit ist ein massiver politischer Einfluß der Magier gegeben.[775] Er erwähnt auch, daß sie täglich in der Frühe gemeinsam singen und dem höchsten Gott Stiere opfern und der Sonne sogar Pferde mit goldverzierten Wagen.[776] Dies klingt nach zoroastrischer Mazdaverehrung, mithrischem Haoma-Ritual und arischem Pferdeopfer und dem Sonnenwagen des Miθra.
1.5.2.16 Platon (428-347 v.Chr.)
Platon (428-347 v.Chr.) kritisiert die Magier als Feudalaristokraten, die durch Feste und Bestechung redliche Demokraten aus ihrer einstigen Verantwortung in Begierden korrumpieren.[777] Die Magier, die den kleinen Prinzen am persischen Königshof Ahura Mazdās Lehren an Zaraθuštra nahebringen, »gehören 40jährig zu den weisesten, gerechtesten, besonnensten und männlichsten. Von diesen lehrt der Weisheitslehrer, daß die Magie Zaraθuštras die Lehre Ahura Mazdas ist, diese ist Gottesverehrung; er lehrt aber auch Königliche Belange.«[778] Wenn Platon von Ahura Mazdās Lehren an Zaraθuštra spricht, so muß er über die Struktur der Gathas als Dialogen informiert sein. Wenn er dieses detaillierte Wissen hat, wird er auch weitere Inhalte der Gathas gekannt haben. Besonders die zarathuštrische Ethik eines Lebens in Wahrheit und rechter Ordnung und das Streben nach Erkenntnis des Göttlichen finden sich bei Platons Mäßigkeitsregel wieder. Sokrates (470-400 v.Chr.) hat von einem Magier die Lehre über das Leben nach dem Tod im Kontext orphischer Beziehungen gelernt. »Gobryes, ein Magier, habe Sokrates die folgende Geschichte erzählt: Nach dem Durchmarsch des Xerxes schickt dieser seinen Opa nach Delos, wo er die Insel bewachen soll ohne Gewalt, dort sind ja die beiden Götter geworden, von denen die Kupfertafeln stammen, die Opis und Hekaerga von Hyperborea aus eskortierten. Sie hatten gelernt, daß nach der Lösung vom Leib die Seele zurückkehrt zu dem unbekannten Ort, an dem sie unterirdisch wohnt, in welchem die Herrschaft Plutos nicht die Höfe des Zeus berührt.«[779] Das hadesmäßige Totengericht mit Fährmann Kokytos, Richtern Minos und Rhadamanthys und dem Gefilde der Wahrheit erinnert stark an die Cinvat-Brücke, wo auch nach der Lebensart im Leibleben ein jeglicher beurteilt wird.[780] Das zentrale Thema der Orphik, der Verbleib der Seele des Toten, Totengericht und Weiterleben der Gerechten, bildete den idealen Anknüpfungspunkt zur persischen Theologie hin. Die Nekyomantie baut auf der Vorstellung eines Totenreichs auf, aus dem einzelne auf Zeit heraufgerufen werden können.
1.5.2.17 Aischines (397-322 v.Chr.)
Im 4. Jh. werden die Magier wesentlich weniger genannt, statt 95mal nur noch 21mal, Perser/Persien finden statt 694mal nur noch 93mal Erwähnung. Aischines (397-322 v.Chr.) ist in Athen Redner und Staatsmann und als Mazedonienfreund Kontrahent von Demosthenes. Er berichtet, daß viele Menschen vom Magier die Wahrheit hören wollen über Welt, Götter und Dämonen - der Magier ist hier wohl weniger als Orakelpriester gefragt denn als philosophischer Lehrer, wiewohl der Übergang fließend sein dürfte, ist doch die Eschatologie sowohl zervanistisches Zentralthema als auch universalgeschichtliches Orakel. »Ich weiß, weder Phrynondas noch Eurybatos noch ein anderer, niemand von den einst Verwerflichen außer diesem ist Magier und Zauberer geworden, der, von dem Erde und Götter und Dämonen und so viele Menschen die Wahrheit hören wollen.«[781] Daß neben Göttern Dämonen und Erde existieren, ist eine persische Vorstellung, die offensichtlich das griechische Denken bereits durchwirkt hat.
1.5.2.18 Aristoteles (384-322 v.Chr.)
Aristoteles (384-322) trat mit 17 Jahren in die platon. Akademie ein, wo er 20 Jahre lernte, lehrte und forschte. Nach Platons Tod 347 verließ er aus politischen Gründen Athen, machte Studienreisen und war Lehrer Alexanders d. Gr. Um 335 gründete Aristoteles eine Studienanstalt im Gymnasium Lykeion zu Athen, die nach der dortigen Promenade (Peripatos) benannt wurde. - Er setzt sich auch mit dem höchsten Schöpfergott Ahura Mazdā als persischem Äquivalent zu Zeus auseinander. In seiner Metaphysik 1091b diskutiert Aristoteles die Lehre von der Schöpfung des ersten als des höchsten Gottes, wie sie neben den frühen Dichtern und Vorsokratikern auch die Magier vertreten.[782] »Dabei sagen die Gemischten von ihnen auch alles nicht-mythisch, wie Pherekydes und andere. Das Erste, was geschaffen wurde, bestimmen sie als den Höchsten (Gott). So auch die Magier und einige spätere Philosophen wie Empedokles und Anaxagoras. Der eine setzt die Liebe als Grundsubstanz, der andere den Geist. Und von denen, die das Unbewegte für real halten, meinen die einen, es sei das EINE und das GUTE selbst«.[783] Hier zeigt sich, daß die griechische Philosophie ein starkes Interesse an der Kosmologie der Magier entwickelten und die Magier offenbar auch sehr gefragt waren, hierüber den Griechen Auskunft zu geben. »Aristoteles erzählte, ein Magier sei von Syrien nach Athen gekommen, um unter anderem Sokrates kennenzulernen, und was geboten ist und was lebendig bleiben wird an seinem Ende.«[784] Gut und wahr zu leben läßt die Seele weiterleben in Würde, das ist hier der Konvergenzpunkt von Magierglaube und Orphik. Neben der Wertschätzung der bescheiden-asketischen Gotteszentriertheit der Magier hört man eine deutliche Kritik an der Zauberei, die auf Effekte aus ist und nicht zur Erkenntnis der letzten Dinge führt: »Die zaubermäßige Magie kannten sie [die Magier] nicht, sagt Aristoteles in seinem Buch über das Magische und Dino im 5. Buch seiner "Historien". Dino deutet Zoroaster um zu einem, der Sternen Räucheropfer bringt. Das sagt auch Hermodor.«[785] Das iranische Feuer wurde als Lichtsymbol der Sonne angebetet, für die Miθra, aber auch Ahura Mazdā stehen. Im Avesta werden tatsächlich Mond und Sonne und bestimmte Sterne ebenfalls mit eigenen Hymnen und Litaneien verehrt, etwa der Hundsstern; dies könnte allerdings schon babylonischer Einfluß sein. Die Räucheropfer sind die zoroastrischen Feueraltäre, die im 2.Jh.n.Chr. bei Diogenes Laertius so verbreitet sind wie die Zauberer. Zur Zeit der Akademie hatten die Magier mit Zauberei nichts am Start. Plinius schreibt, Aristoteles habegenau wie Eudoxos Zaraθuštra auf 6000 Jahre vor Platons Tod datiert, wobei Eudoxos die Magie als glänzendste und nützlichste aller Wissenschaften feiert.[786]
1.5.2.19 Eudoxos von Knidos (408-355 v.Chr.)
Eudoxos von Knidos (408-355 v.Chr.) war Mathematiker, Astronom, Geograph und Arzt, Schüler des Archytas, mit Platon in engem Kontakt. Er entwickelte eine auch irrationale Zahlen umfassenden Größenlehre sowie Rauminhaltsberechnungen nicht eben begrenzter Körper. Als Astronom versuchte er, die Bewegung der Himmelskörper durch ein System von rotierenden Sphären darzustellen, was sich vermutlich in Platons Timaios niedergeschlagen hat. Als Geograph soll er den Umfang der kugelförmig gedachten Erde berechnet haben. Diogenes Laertius berichtet, er habe in seinem Periodo/j über den persischen Dualismus von gutem und bösem Geist geschrieben: Zeus als Ahura Mazda, Hades als Ahriman.[787]
1.5.2.20 Theopomp (378-323 v.Chr.)
Theopomp (378-323 oder später) war Zervanist und hat die Lehre der Magier über das Gericht und den Weg der Seele nach dem Tod detailliert gekannt. Diogenes Laertius berichtet: »Aristoteles sagt im 1. Band „Über Philosophie“, daß die ältesten Magier die der Ägypter seien. Zwei Uranfänge gebe es nach ihnen, einen guten Dämon und einen schlechten. Der gute heißt Zeus und Oromasdes, der böse Hades und Areimanios. Das sagt auch Hermippos in seinem 1. Band „Über Magier“ und Eudoxos in der Enzyklopädie und Theopomp im 8. Band der „Philippika“. Dieser sagt auch, daß nach den Magiern die Menschen wieder auferstehen und unsterblich seien, und ihre Taten von ihnen bei der Vorladung (des Totengerichts) bestehen. Das berichtet auch Eudemos von Rhodos.«[788] Nach Aineias von Gaza hat Theopomp auch die endzeitliche allgemeine Totenauferstehung als »Lehre des Zoroaster« verkündet.[789] Plutarch zitiert Theopomps Referat über das zervanistische Große Jahr und die Vorherbestimmung der Weltzeiten: »Theopomp sagt mit den Magiern, für einen Teil von 3000 Jahren herrscht der eine Gott, der andere wird unterdrückt, aber weitere 3000 Jahre kämpfen und bekriegen sie sich und löste jeder das Reich des anderen auf. Am Ende gehen sie zugrund in den Hades. Dann werden die Menschen glücklich sein; sie werden keiner Nahrung mehr bedürfen noch Schatten werfen. Gott, der dies konstruiert hat, wird eine Zeit lang schön in der Stille ruhen, nicht für eine lange Götterzeit, nur soviel wie ein schlafender Mensch.«[790] Demnach waren im 4. Jahrhundert in Griechenland die Zervanistischen Lehren der Magier recht geläufig und auch im Detail bekannt. Wenn oft der Eindruck besteht, die Magier hätten ihre avestische Tradition als internes Geheimwissen gepflegt, so ist zumindest für Griechenland mit einer weiträumigen Öffnung zu rechnen, wenn wohl auch kaum von einer dedizierten Missionsabsicht der Magier zu sprechen ist.
1.5.2.21 Aristoxenos von Tarent (370-322 v.Chr.)
Aristoxenos von Tarent (370-322) stellt nicht nur Pythagoras als Zoroaster-Schüler dar, sondern schreibt von der Zusammenkunft des Sokrates mit einem indischen Weisen, »der ihm durch seine Kenntnis göttlicher Dinge weit überlegen war.«[791] Aristoxenos nennt neben der vom 15-Sänger-Chor und 3 Schauspielern vorgetragenen Komödie und Tragöde die Magödie, den magischen Gesang als musikalische-dramatische Gattung. Diese Art zu Singen hat beschwörende Intensität und erzielt massive Gefühlswirkung bei den Hörern, sie ist wie der Gesang des Schamanen eine Extasetechnik und wirkt wie eine Rauschdroge. »Aristoxenos sagt, der gefällige Gesang (Komödie) ist pompös im Vergleich zum Trauerspiel, der Magiergesang pompös im Vergleich zur Komödie. Häufig nehmen Beschwörend-Sänger und Komiker Grundgedanken und verstellen sich gemäß der Leitidee und dem Dramaaufbau. Der Name Magodie stammt aus dem gleichsam magischen Vortragen und wirkt wie eine Droge.«[792] »Aristoxenos sagt, das schauspielerische Darstellen von männlichen und weiblichen Rollen wird Magodie genannt, das von weiblichen anstatt männlichen Erlösungsgesang. Beim einen schwingen sie in Taktspannung und beim anderen ist alles homophon ebenmäßig.«[793] Wenn diese Gattung des musikalischen Theaters von diesem Musiker aus der Schule des Aristoteles nach den Magiern benannt ist, so dürften die Magier in Griechenland allgemein bekannt gewesen sein für ihre Gesänge, deren beschwörender Charakter nachgerade hypnotisierende Wirkung auf die Hörer gehabt hatte.
1.5.2.22 Theoprast von Eresos (372-285 v.Chr.)
Theoprast von Eresos (372-285) sagt in seiner Historia Plantarum über eine Pflanze namens Panakeia: »Es heißt, wie auch Homer ähnlich befand, die Wurzel, die eine Rundung hat, ist ähnlich einer Zwiebel, das Blatt aber ähnlich einer Meereszwiebel. Sie wird gebraucht für abwehrende Heilmittel (Gegengifte) und die Magie.«[794] Das heißt aber auch: Im 4. Jh.v.Chr. war die Magie als Arbeitsfeld der persischen Magier bereits befaßt mit der Pflanzenheilkunde; der Magier war auch Arzt. Pythagoras und Demokrit forschten pharmakologisch.
Der Tragiker Python spricht spöttisch über die Totenbegleitung der Magier. »Darauf sahen ihn einige Magier der Barbaren erbärmlich daniederliegen und berieten, wie sie die Seele des Pythonikes nach oben führten.«[795] Nach oben und nicht in den Hades, dies entspricht dem Aufstieg der Seele auf den Alburz Vd 19 und der Totenzeremonie von 3 Tagen, cf 1.4.6 & 1.4.9.
Aristodemos erwähnt die Magier als politische Berater des persischen Königs, deren Einfluß nicht groß genug eingeschätzt werden kann: »Mardonios floh vor Xerxes, der Sohn des Gobryes, der den Magiern auftrug, Xerxes zu veranlassen, persönlich gegen Griechenland zu Felde zu ziehen.«[796]
1.5.2.25 Chrysipp von Soloi (280-207 v.Chr.)
Im schriftstellerisch kargen 3. Jh. [Magie/r 7mal; Perser/Persien 54mal] setzen sich Chrysipp und Polybius mit persischer Religion auseinandersetzten.
Chrysippos von Soloi (280-207 v.Chr.) zählt noch zur alten Stoa. Unter ihm wurde die Stoa für Jahrhunderte die einflußreichste Richtung im griechisch-römischen Raum. Er soll über 700 Schriften, darunter 311 zur Logik verfaßt haben. Er sagt aphoristisch, daß Freude, die durch Magie gemacht wurde, eine Mogelpackung ist.[797] Dies kann sich nur auf Liebeszauber beziehen. So dürfen wir schließen, daß die in den ägyptischen Zauberpapyri belegten Tendenzen zur voodoo-mäßigen Beeinflussung anderer als heimliche und kostspielige Nachhilfe im Liebesgefühl schon im 3. Jh.v.Chr. begann.
1.5.2.26 Polybius (203-121 v.Chr.)
Der Peloponnesier Polybius (203-121 v.Chr.) schrieb die Historiai, eine 40 Bücher umfassende Universalgeschichte Roms vom Beginn des 1. Punischen Krieges bis zur Zerstörung Karthagos und Korinths (264-146 v. Chr.). Erhalten blieb ein Drittel dieser entmythologisierenden Darstellung der Techniken der Macht.[798] Er erwähnt 18mal einen Heerführer im Raum Kappadoziens namens Magon. Einmal berichtet er von einem Magier am Hofe des Mithridates (178-131) von Kommagene. »Mithridates bat sterbend den Magier, daß einer der sieben Perser zurückkehre; der bewahre die Dynastie, die sie teilten von den Anfängen der Herrschaft von Dareios am euxenischen Meer. Antiochos erwartete die Jungfrau beim Treffen der Befehlshaber und begehrte in schönzuschauender Pose die Heirat.«[799] Dies zeigt die Macht der Magier als graue Eminenzen in der höfischen Regierungspolitik, wie es auch vom Klerus zur Zeit des Sonnenkönigs bekannt ist.
Im 2. Jh. [Magie/r 5mal; Perser/Persien 34mal] geht das Interesse an der Magie und den Persern in der spärlichen Autorenszene zurück. Nur Poseidonios (4mal) und ein sibyllinisches Orakel widmen sich hier der Magie.
1.5.2.27 Poseidonios von Apameia (135 - 51 v.Chr.)
Poseidonios von Apameia (135 - 51 v.Chr.) in Syrien war hellenistischer Philosoph, Historiker, Geograph und Astronom. Er zählt zur mittleren Stoa und wirkte ab 97 v.Chr. auf Rhodos, wo ihn auch Cicero, Pompeius und Varro hörten. Seine universale Gelehrsamkeit verband die Lehren der älteren Stoa mit Erkenntnissen Platons und Aristoteles. Sein Geschichtswerk in 52 Bänden (nur in Fragmenten[800] erhalten) setzt die Weltgeschichte des Polybios für die Jahre 144-86 v.Chr. fort. Wie Polybios bewunderte er die wachsende Macht Roms, die Geschichte der hellenistischen Staaten sah er als Verfallsprozeß. Auch seine Erforschung der Kulturgeschichte fremder Völker verstand er als Beleg für den fortschreitenden Abfall der Menschen vom Logos, der ursprünglich Kosmos und Menschheit durchwaltet hatte. Mit der altstoischen Theorie vom zyklischen Weltbrand denkt er an ein katastrophales Ende. Philosophie soll die Verbindung des Menschen mit dem Logos festhalten, der der Natur nicht mehr innewohnt. Da der Körper die Seele am Kontakt mit dem Logos hindert, muß sie unsterblich gedacht werden. Poseidonios sah den Menschen als Teil der Natur an, der keinesfalls anderen Gesetzen unterliegt als der gesamte Kosmos. Bei ihm finden wir eine komplette Darstellung der Welt als Organismus. Als Astrologe war er von dem Einfluß der Planeten und Sterne auf das menschliche Fatum überzeugt. Die Ideen des von göttlicher Lebenswärme durchatmeten Weltlaufes findet man später bei Seneca wieder. Über Magier schreibt er bewundernd und fast religionsphänomenologisch. » Herakleides von Pontos sagt in einem Dialog, es habe ihn neben dem Magier Geloni etwas rundum Erfüllendes überkommen.«[801] Wie die Priester und Propheten anderer Religionen dienen auch die Magier auf ihre Weise nur dem einen Gott, der einen göttlichen Kraft, die in den verschiedenen Weltreligionen und Kulten nur auf je andere Weise erfahren wird. »Denselben Gott haben Amphiares und Trophonios, Orpheus und Mousaios und die Geten, ferner ist vormals Zamolxis der des Pythagoras, der nach uns den Byrebisten die Zehnfacherneuerung offenbarte. Von den Bosporusanwohnern Achaikaros, von den Indern die Nacktweisen, von den Persern die Magier und Totenbeschwörer und ferner die ausgewählten Schalenbeschauer und Wasserbeschauer, von den Assyrern die Chaldäer, von den Römern die tyrrhenischen Sternschauer. Dieser ist auch der Gott des Mose und derer, die ihn übernommen haben, die Anfänge haben sie nicht schlecht genommen, aber sie weichen von der Hand.«[802] Die von Menippos bekannte Totenbeschwörung der persischen Magier in Babylonien wird hier bestätigt.[803] Offenbar sagten die Magier im 2. Jh.v.Chr. auch aus den Strukturen des Inhalts einer Schale oder einer Wasseroberfläche das Schicksal voraus. Strabo berichtet, Poseidonios habe »viel über die Gebräuche der Parther im 6. Buch der „Historischen Memoiren“ überliefert... Dasselbe allein sagt man, daß das Parlament (Synhedrium) der Parther doppelt sei, so Poseidonios, das eine bestehend aus der Königsfamilie, das andere aus Weisen und Magiern, von beiden werden die Könige beraten.«[804] Die politische Macht der Magier scheint sich im Parther-Reich von der orakelmäßigen Betreuung der königlichen Entscheidungen zur Sitz und Stimme im Regierungskabinett etabliert und ausgeweitet zu haben. Dies stimmt zum Bahman Yašt, in dem Magier und Adelige in einem Atemzug genannt werden und wo beider Verarmung am Ende der Sassanidenzeit beklagt wird.
In den sibyllinischen Orakeln wird ein Mal auf die Magier in Bethlehem bei der Geburt Jesu angespielt, was auf eine christliche Interpolation deutet. »Neuerschienen ist aber der göttlich verheißene Stern, der von den Magiern verehrt wurde, ein Baby wurde mit Sperma erzeugt und in göttlichem Gehorsam eine Krippe genommen, wo Rinder sich aufhalten und Ziegen bestimmen und die Hütung der Hammel.«[805] Daß der Stern der Magier göttlich verheißen die Geburt des Endzeit-Königs ankündigt, der den letzten heiligen Krieg gegen die Mächte der Finsternis siegreich anführt, stammt aus der Tradition der Orakel des Hystaspes des 2. Jh.v.Chr., cf unten 1.7.3.1 Hier spiegelt sich der Konflikt der Parther mit den Römern wieder, die als Scharen Ahrimans gesehen wurden. Der zervanistische große Endsieg über das Böse vor dem Weltgericht und der Erneuerung der Welt findet im Stern seine chaldäisch-astrologische Vorankündigung.
1.5.2.29 Philo von Alexandrien (20/15 v. Chr. - 50 n.Chr.)
Im 1. Jh. v.Chr. schreiben Philo von Alexandria, Diodor und Strabo über Magier. Das Interesse am Orient erwacht von neuem [Magie/r 36mal; Perser/Persien 420mal].
Dr jüdische Schriftsteller Philo von Alexandria (20/15 v. Chr. - 50 n.Chr.) gilt als jüdischer Religionsphilosoph aus wohlhabender Familie mit gründlicher Kenntnis der klassischen griechischen Literatur. Er führt erfolglos eine Petitionsdelegation 39/40 n. Chr. bei Caligula, die der Wiederherstellung jüdischer Bürgerrechte in Alexandrien forderte.[806] Seine Brüder und Neffen machen glänzende politische Karrieren. Philo versteht sich primär als Ausleger der jüdischen Thora, die er als Septuaginta rezipiert und allegorisch als philosophische Wahrheit auslegt. Dabei ist er von der Stoa des Poseidonios und dem mittleren Platonismus geprägt. Sein Werk umfaßt neben dem großen Genesiskommentar eine Geschichtsdarstellung der mosaischen Gesetzgebung, katechetische Schriften und philosophische Traktate. Hauptthema ist der Aufstieg der von allem Sinnlichen gereinigten Seele zu Gott, dessen Transzendenz der Schöpfung durch verselbständigte göttliche Kräfte (»Hypostasen«), insbesondere den Logos, vermittelt wird. Der Logos ist Stellvertreter, Statthalter und Dolmetscher Gottes, ist Deuter des göttlichen Willens; Abbild, Schatten, erstgeborener Sohn Gottes. Er ist ein Zweiter Gott, Mensch Gottes und Gottmensch. Der Logos ist Körper, die Welt sein Gewand, er ist Idee und die Welt ihre Erscheinung, er ist Plan und die Welt seine Ausführung, er ist Inneres und die Welt Äußeres, er ist Gedanke und die Welt das Wort. Er ist Wort Gottes in der Welt. Für die Menschen ist er Mittler, Hoherpriester, Geber von Weisheit und Tugend, Sachwalter und Fürsprecher bei Gott, Tröster (Paraklet) der Menschen.
Autobiographische Passagen zeigen weltabgeschiedene Kontemplation, enthusiastische Inspiration in der Meditation der Schrift, Handeln für die jüdischen Belange und kritische Partizipation am hellenistischen Lebensstil. Der pythagoreischen Platoniker Numenius hat vermutlich einige seiner Schriften gelesen und das EINE über allem Sein als alles durchdringenden Logos entfaltet, cf 2.5.8.9. Dies wiederum floß in Zostr 66-84 ein, cf 3.4.5 und 3.4.6 und 3.6.10.
Philo schildert in De vita Mosis diesen als Priester, Prophet und König, Gesetzgeber und qei=oj a)nh/r. Dabei erwähnt er Magier als unfähige Spezies. »Viele Sophisten und Magier sind zufällig nah bei dem, was ihr verworfen habt. Wir haben nichts von diesen Ungeübten, sondern wir wenden die Technik des Ähnlichen auf den Weltschöpfer an.«[807] In der Geschichte des aramäischen Sehers Bileam von Num 24 nennt Philo diesen auch Magier, kommt der doch vom Euphrat, was als Zweitheimat der Magier gelten kann: »In der Verwirrung nahm Balak zugleich mit ihm den Seher mit sich und ging auf einen Erdhügel, wo auch die Säule stand zum Wohnen für irgendeinen Dämon. Die Einheimischen fielen vor ihr auf die Knie. Ein Teil schaute von hier aus nieder auf das Heerlager der Hebräer, das genau von einer Bergspitze sich dem Magier darbot.«[808] Bileam wird vom Euphrat geholt und soll für den Moabiterkönig Balak die Israeliten verfluchen, die Zeremonie scheint in der Tat mesopotamische Züge zu haben mit 7 Opferaltären, auf jedem Widder und Stier. Philo schildert das Tun des Sehers als eine prophetische Technik. »Als er nach draußen ging wurde er sofort gottesinnig, der Prophetengeist bewohnte ihn, der alle seine eingeübte fremdländische Seherkunst in seiner Seele blindmachte.«[809] In De specialibus legibus sagt er: »Es gibt aber andere noch Schlechtere, die es mit Hand und Kopf treiben, die Magier und Pharmazeuten, die sich Muße und Zuflucht gönnen für das Handeln im rechten Augenblick und approbierte Techniken und Methoden herausfinden bei den Zufallserfolgen der Kollegen.«[810] Läßt man die Bewertung außer Acht, so teilt Philo mit, daß die Magier und Pharmakologen eine regelrechte Forschungsarbeit betrieben haben und in Experimenten die Drogenwirkungen ausprobiert haben. Die Magier haben zur Zeitenwende als Ärzte somit regelrechte Forschung betrieben. Auch über die schamanischen Extasetechniken berichtet Philo sehr detailliert, wo oft Tiertänze einen Übergang ins Reich des vorsprachlichen Unbewußten induzieren und damit auch die komplexen und feinspürigen Sensorien unserer präzivilisatorischen Tiernatur reaktivieren. Körperliche Qual kann den Schamanen in der Trance zum Verlassen des Körpers führen. Für Philo als Verfechter der Kraft der Vernunft ist dies schwer nachzuvollziehen. Erst Foucault sieht Wahn als die andere, von der Gesellschaft abgespaltene Seite der Vernunft und erst Lacan weist auf die Sprachlichkeit des Unbewußten und so die Logik des Wahns hin. »Sie erforschen die Extasen und Verrücktheiten und unerträglichen Wahnsinnsrasereien, durch welche der Verstand als größtes Geschenk Gottes an die Menschheit, gepeinigt werden soll mit allen Mißhandlungen, bis er die Rettung erkennt und übergeht und umsiedelt und das schlimmere Bild der Seele im Körper zurückläßt. Am Unsprachlichen und Tierischen gewinnen sie Anteil, nachdem ein jeder den verstandesmäßigen und besseren Teil der Seele verödet hat, verwandelte er sich in Tiernatur. Übrig bleiben gerade noch die menschgestaltigen Eigenschaften des Körpers. Die wahre Magie aber nutzt sichtbares Wissen, welches das Wirken der Natur erkennt in den Erscheinungen sicherer göttlicher Zeichen. Sie sagen, sie seien ehrwürdig und vielbegehrt und mit Eifer nicht allein für Privatleute tätig werden, sondern auch für Könige. Die größten und besten der Könige aber sind die der Perser. So gründlich seien sie, daß in der Regierung nichts an ihnen vorbei auf den Weg gebracht werden kann, wenn nicht das alte Geschlecht der Magier zur Überzeugung gekommen ist, daß es wohlgelinge.«[811] Das Ansehen der Magier wirkte auch noch in Alexandria, und die Autorität, auf die sie ihre Arbeit bei ägyptischen Privatkunden stützen, ist ihr großer politischer Einfluß in der parthischen Regierung. »Bei den Barbaren in ihren alten Worten und Werken gibt es eine vielgestaltige Menge von schönen und guten Menschen: Bei den Perser gibt es die Magier, die das Wirken der Natur verflüssigen für die Erkenntnis der Wahrheit. Mit Ruhe machen sie die göttlichen Fähigkeiten sicherer Zeichen sichtbar und erscheinen heilig und offenbaren das Heilige. In Indien gibt es die Nacktweisen, die eifrig arbeiten für die Philosophie der Natur und des Verhaltens und ihr ganzes Leben zum Erweis ihrer Kunst machen.«[812] Mehrfach betont Philo die Ruhe, Muße und Gründlichkeit der Naturerforschung, durch welche die Magier zu einer Erkenntnis des Göttlichen kommen. Und er betont, daß ihre Forschung dann und deshalb gut ist, weil die Natur als Vermittlungsinstanz des Göttlichen interpretiert wird. Die Logik des Logos erkennt in der Logik der Natur die Wirkkraft Gottes wieder, so und dann ist Magie für Philo Kunst.
1.5.2.30 Diodorus Siculus (1.Jh.v.Chr.)
Diodor (80-20 v.Chr.) lebte auf Sizilien. Kurz nach 60 v.Chr. war er in Ägypten und schöpft dort vieles aus dem verlorenen Werk des alexandrinischen Bibliotheksleiters Hekataios von Abdera (300 v.Chr.). Nach ihm sind Orpheus, Musaios, Homer, Lykurg, Solon, Platon, Pythagoras, Eudoxos, Demokrit und Oinopides von Chios in Ägyptengewesen.[813] Pythagoras habe seine Seelenwanderungstheorie aus Ägypten wie Demokrit und Eudoxos die Astrologie.[814] Diodor beschreibt die Feldzüge der Syrakuser, in denen ein Admiral namens Magon die Flotte des Tyrannen Dionysios befehligt im Krieg mit Karthago.[815] Die korinthische Kolonie Syrakus auf Sizilien geriet gegen Ende der archaischen Epoche unter Tyrannen, die zeitweilig auch den Königstitel führten. Sie entfalteten eine prunkvolle Hofhaltung (Schwert des Damokles) und waren an den Perserkriegen, dem Peleponnesischen Krieg und den Punischen Kriegen beteiligt. Sizilien und Unteritalien waren wie die ionischen Küste Kleinasiens Brutstätten der griechischen Philosophie. Platon versuchte zeitweilig auf Sizilien in Zusammenarbeit mit den Tyrannen seine Idee vom idealen Staat zu verwirklichen. Diodor erzählt wie Herodot die Geschichte vom Magierregiment in Susa und dem Königssohn Smerdis. »Die Könige Kappadoziens haben zu Kyros dieses Geschlecht in Persien hochgebracht. Sie schritten aus auch gegen die sieben Perser, die gegen den Magier gehetzt hatten, eines Nachfahren der Herrscher. Und diese sind von Kyros seiner Sippe abgefallen. Kambyses, der Vater des Kyros, hatte eine rechtmäßige Schwester Atossa. Dieser und dem kappadozischen König Pharnakos entschlüpfte ein Sohn Gallos, und von ihr stammt Smerdis, nicht Artamnes der Sohn von Anaphan, den Männlichkeit und Mut durchwalteten, daß er einer von den sieben Persern wurde.«[816] Mit diesen 7 Perserfamilien erkämpfte Dareios schließlich den Thron zurück.
Diodor ist fasziniert von Ägypten, dort seien die Götter entstanden.[817] Isis und Osiris sind die Hauptgötter in seiner Darstellung. Hermes (= Thot) ist der Erfinder der Schrift, der Künste und der Gesetze.[818] Er wird zusammen mit Zaraθuštra und Zalmoxis und Mose genannt als großer Religionsstifter. »Bei den Arianern berichtet man, dem Zaraθuštra habe der zuerstgeschaffene gute Dämon die Gesetze gegeben, bei den sogenannten Geten sei von den Unsterblichen Zalmoxis der gemeinsame Mittelpunkt, bei den Juden habe Mose den Jahwe als Gott angerufen.«[819]
1.5.2.31 Strabo (~63 vor - 21 nach Chr.)
Der in Amasis in Pontos aufgewachsene und mit iranischen Magiern vertraute Strabo (~ 63 v.- 21 n.Chr.) berichtet in seiner Geographica in Buch 10-16 über Asia und im 15. Buch über Indien und Perser in Kleinasien, Armenien und Kappadozien. Er beschreibt, wie iranische Priester dem Feuer und dem Wasser opfern, indem sie für das Feuer dürre Hölzer ohne Rinde verwenden und auf sie Fett legen, dann anzünden, Olivenöl drübergießen und statt pusten fächeln. Wer bläst oder Totes oder Mist aufs Feuer legt, wird getötet. Wasseropfer finden in Seen, Flüssen, einer Quelle oder Grube statt, wobei Kontamination mit Blut vermieden wird. Opferfleisch wird auf Myrten oder Lorbeer gelegt und mit feinen Ästen unter Gesang berührt. Olivenöl mit Milch und Honig wird auf dem Boden ausgegossen. Mit feinen Tamariskenästen-Bündeln in den Händen singen die Magier lange weiter.[820] Damit ist das Barəsman beschrieben. In Kappadozien, reich an Magiern (auch pu/raiqoi genannt) und Heiligtümern persischer Götter, opfern sie nicht mit Messern, sondern mit einer Keule mörserstößelmäßig. Es gibt auch Feuertempel, puraiqei=a, große Einfriedungen mit einem Altar mittendrin, auf dem die Magier ein ewiges Feuer unterhalten. Jeden Tag singen sie eine Stunde lang einen Gesang vor dem Feuer, das Bündel der Äste haltend und Filztiaren tragend, deren beide Seiten nach unten gestreckt die Lippen bedecken. Ebenso geht es auf den Anāhītā- und Omanos-Heiligtümern zu; Omanos-Holzbilder werden in Prozessionen geführt.[821] Die Anbetung von Vohumana verweist auf originäre Zaraθuštra-Tradition, die sich bis zur Kultbildproduktion verflacht hat, wie sie leider auch im Kreuz des Nazareners erfolgte.
Im 1. Jh.v.Chr. ist also der Feuerkult der Anāhītā fest mit den Magiern und mit zarathuštrischen Traditionen verschmolzen. Es muß aber eine Vielzahl lokaler Gottheiten gegeben haben, die von den Parthern toleriert wurden. Die Magier mit farbenprächtigen Tiaren[822] sind eine regelrechte Volksgruppe.[823] Der Kyros-Sohn Kambyses II. wurde von Magiern vernichtet.[824] Wenn Strabo diese detaillierte Schilderung des lebendigen zoroastrischen Feuerkultes aus eigener Anschauung berichtet, so bedeutet dies, daß zur Zeit Jesu die zarathuštrische Religion in Persien fest verankert und lebendig war. Wenn Meder und Parther in Jerusalem waren (Apg 2), dann bestand auch in Judäa die Möglichkeit, die Theologie der Magier in ihrer noch kaum verfälschten zarathuštrischen Form kennenzulernen. Besonders Jesu Rede vom richtenden Feuer erinnert an den großen Gang Zaraθuštras.
1.5.2.32 Cicero (106-43 v.Chr.)
Cicero (106-43 v.Chr.) war Schüler von Poseidonios (135 - ~50 v. Chr.) aus Apameia in Syrien, einem stoischen Panaitios-Schüler, der nach verschiedenen wissenschaftlichen Forschungsreisen auf Rhodos eine eigene Philosophenschule gründete. Hier hörte ihn Cicero. Cicero erwähnt in De Divinatione, l.46f die Königsschule der Perser. Es gebe Weise und Gelehrte bei den Persern, die Sorge tragen, daß keiner König werden kann, der nicht die Kenntnisse und das Wissen der persischen Magier erworben hat.[825]
1.5.2.33 Plinius der Ältere (23-79 n.Chr.)
Plinius der Ältere[826] (23-79 n.Chr.) hat in seiner Naturalis Historiae teils sehr okkultes Wissen über die Natur zusammengetragen, dabei hunderte spätantiker Autoren eingearbeitet, von Kosmologie (Buch 2), Geographie (3-6), Biologie (7-11), Botanik (12-22), Heilpflanzen-Medizin (23-27) und Heilmittel organischer Herkunft (28-32) bis zu Metallurgie (33-37) und Kunstgeschichte.[827] Zu Beginn des 30. Buches schreibt er über die Genese der Medizin und die auf Einbildung (vanitas) basierende, überaus populäre und weitverbreitete Magie als 'betrügerischste aller Künste'. »Im vorhergehenden Teil dieses Werkes haben wir zwar, wo immer Gegenstand und Ort es forderten, schon öfters die Lügenhaftigkeit der Magier aufgedeckt, und wir wollen sie auch weiterhin enthüllen. Doch verdient dieser Gegenstand wie wenige, daß man noch mehr darüber sagt, schon deshalb, weil diese betrügerischste aller Künste auf dem ganzen Erdkreis und in den meisten Jahrhunderten große Bedeutung hatte. Niemand wird sich darüber wundern, daß sie größtes Ansehen hatte, weil ja sie als einzige unter den Künsten drei andere, die den menschlichen Geist beherrschen, zusammen gefaßt und sich so zu einer einzigen gemacht hat.«[828] Die Magier waren Ärzte, Priester und Astrologen, was neben dem iranischen auf chaldäischen Einfluß schließen läßt. Empedokles, Pythagoras, Demokrit nennt er Magier. Ostanes war Magier beim Perserkönig Xerxes (485-465 v.Chr.): »Der erste, der, soweit ich dies feststellen kann, noch vorhandene Schriften über die Magie verfaßt hat, war Osthanes, der den Perserkönig Xerxes im Krieg, mit dem er Griechenland überzog, begleitete; er streute gleichsam die Samen dieser abenteuerlichen Kunst aus, indem er überall, wohin er kam, die Welt vergiftete. Genauere Sachkenner setzen kurz vor diesem einen anderen Zoroaster an, den aus Prokonnesos. Gewiß ist jedenfalls, daß dieser Osthanes vor allem die griechischen Völker zum Wahnsinn, nicht nur zur Begierde nach dieser Wissenschaft trieb. Indessen stelle ich fest, daß man in schon alter Zeit, ja beinahe immer, höchsten Glanz und Gelehrsamkeit aus dieser Wissenschaft gewinnen wollte. Jedenfalls sind, um sie zu erlernen, Pythagoras, Empedokles, Demokrit und Platon zu See gereist, wobei sie mehr eine Verbannung auf sich nahmen als eine Reise; nach ihrer Heimkehr rühmten sie diese, hielten sie aber geheim. Demokrit erläuterte den Apollobeches aus Koptos und den Dardanos von Phönikien«.[829] Wenn ein Magier Apollobeches in Koptos am Obernil, heute Quš, gewirkt hat, dann ist dies ein Beleg für die Präsenz der persischen Zoroastrier auch noch in Oberägypten. Seit dem Kambysesfeldzug 525 bis 333 haben Magier in Ägypten als persische Besatzungsverwalter gelebt und nach Entmachtung des persischen Verwaltungsstabs im Hellenismus unter Aufnahme babylonischer und ägyptischer Totenkultelemente ihren Lebensunterhalt als Mediziner, Nekyomanten und Zauberer verdient, cf 1.5.1.2.
Offenbar hat Plinius die acht Bücher[830] des Ostanes vorliegen, aus denen er z.B. die Eigenurintherapie herleitet: »Die Magier verbieten es sich der Sonne und dem Monde gegenüber zum Zweck des Pinkelns zu entblößen oder seinen eigenen Schatten damit zu benetzen. Hesiod rät, den Harn gegen irgend etwas Gegenüberstehendes zu lassen, damit die Entblößung nicht irgend einen Gott beleidige. Osthanes versichert, daß es gegen den Einfluß aller Zaubermittel sichere, wenn man in den Morgenstunden seinen eigenen Harn auf den Fuß träufele.«[831] Wie die Magier der Achämeniden Medizin betrieben haben, zeigt die avestische Vendidad mit ihren Reinheitsregeln 5-8, Bestattungsregeln 9-12, Hundegesetzen[832] 13, Menstruationsregeln 16, Entsorgungsanleitungen für Fingernägel[833] 17, Mythen vom ersten Arzt Thrita 20 und Heilungsmantras 21f. Hygiene ist das Leitmotiv, Krankheiten vom bösen Ahriman geschaffen. Daß ihre medizinische Werke in Erinnerung sind, zeigt die große Verbreitung und das Ansehen, welches die Magier um die Zeitenwende gehabt haben.
Ostanes hat in Griechenland und Ägypten wesentlich zur Verbreitung der persischen Theologie beigetragen. Als Vater von Arsanes und Bruder von Artaxerxes[834] hatte er die beste Ausbildung am Königshof der Achämeniden genossen. Als oberster Magier der Perser hatte er zugleich die Bildung zum Schreiben seiner 8 Bücher und das religionspolitische Interesse, die zoroastrische Theologie in der griechischen und ägyptischen Kultur zu verbreiten und damit die politische Konsolidierung der Satrapien zu beschleunigen. Als Berater von Xerxes zog er 480 mit nach Salamis und wurde später bis 420 oberster ägyptischer Religionsminister in Memphis mit iranischer Militärgarnison und dort auch Lehrer des Atomisten Demokrit, der zur Verbreitung der Magie in Griechenland beitrug.[835]
Als Religionsverwalter der Satrapie Ägypten residierte er im Tempel von Memphis und wurde beraten von dessen Priestern. Er muß zugleich ein Seminar aufgebaut haben, in dem das Wissen Persiens und Ägyptens in einem interkulturellen Austausch von Theologie und Naturwissen bis hin zur Alchemie amalgamiert wurde, wobei es zu einer Begegnung avestischer mit der ägyptischen Medizin kommen mußte. Dort forschten auch die hebräische Philosophin Maria und Demokrit, der in seinen verschollenen Schriften Peri\ xrusou=, Peri\ a)rgu/rou, Peri\ li/qwn, Peri\ porfu=raj und Pro/j Leu/kippon dieses Wissen weitergab. »Demokrit aus Abdera war auf dem Höhepunkt seiner Karriere Naturwissenschaftler. In Ägypten wurde über den Meder Ostanes erzählt, er habe, durch die damaligen Könige der Perser in Ägypten eingeschleust, im Tempel von Memphis mit anderen Priestern und Philosophen die ägyptischen Tempel geleitet. Bei diesen war auch eine weise Hebräerin Maria und Pammenes, der geschrieben hat über Gold, Silber, Steine und Purpurschnecken, ähnlich auch Maria. Diese lobten Demokrit und Maria neben Ostanes, wie viele und weise Rätsel sie in ihrer Kunst bargen. Pammenos war bekannt als Unmengen Schreibender.«[836] Ostanes hat Ahura Mazda mit Horos assimiliert: »Auch Zarathustra der Magier sagt in der heiligen Synagoge der Perser wörtlich: Gott hat einen Falkenkopf. Er ist uranfänglich, unsterblich, ewig, ungeboren, unteilbar, unvergleichbar, Wagenlenker von allem Schönen, unbestechlich, der Beste der Besten, der Klügste der Klugen. Er ist auch Vater der guten Gesetze und Gerechtigkeit, selbstgelehrt, natürlich, vollkommenen, weise und alleiniger Erfinder der heiligen Natur. Das gleiche sagt auch Ostanes über ihn in seinem achtbändigen Werk.«[837] Ostanes hat den Mazdaismus in Ägypten eingeführt und Feuerheiligtümer instauriert.[838] Medizin und Ethik vom gerechten Lebenswandel sind verkoppelt wie in der Vendidad. Wie einflußreich er war, zeigt, daß unter Alexander d.Gr. ebenfalls ein Magier Ostanes mitzog.[839]
Plinius datiert Zaraθuštra 6000 Jahre vor Platon als Begründer der Magie: »Ohne Zweifel hat sie, wie die Schriftsteller übereinstimmend behaupten, dort in Persien durch Zoroaster ihren Ausgang genommen; es ist aber nicht genügend bekannt, ob es nur diesen einzigen gab oder später noch einen anderen. Eudoxos, der die Magie als berühmteste und nützlichste unter den Weisheitslehren verstanden wissen wollte, berichtete, daß dieser Zoroaster 6000 Jahre vor dem Todes Platons gelebt habe; dieselbe Auffassung vertrat auch Aristoteles. Hermippos, der über diese ganze Kunst am genauesten gehandelt und die von Zoroaster verfaßten zwei Millionen Verse auch durch die seinen Bänden vorangestellten Inhaltsangaben zugänglich gemacht hat, berichtete, der Lehrer, von dem seiner Angabe zufolge Zoroaster unterwiesen wurde, sei Agonakes gewesen; Zoroaster selbst aber habe 5000 Jahre vor dem Trojanischen Krieg gelebt.«[840] »Besonders merkwürdig ist, daß sich die Erinnerung an ihn und seine Kunst in einem so langen Zeitraum erhalten hat, obwohl die Aufzeichnungen verlorengegangen sind und die Kunst zudem weder durch berühmte noch durch ununterbrochen aufeinanderfolgende Schulhäupter bewahrt wurde. Wo gibt es noch einen Menschen, der nicht wenigstens vom Hörensagen Kenntnis von den nur dem Namen nach bekannten Männern hat: den Medern Apusoros und Zaratos, den Babyloniern Marmaros und Arabantikphokos oder dem Assyrer Tarmoindas, von denen keine Werke vorhanden sind?«[841] Der Verlust der medizinischen Schriften bekannter Magier könnte neben dem Brand der Bibliothek von Alexandria auch durch die Verfolgung der Zauberei als maleficium im imperium romanum bedingt sein.
Die Angabe, kurz vor Ostanes habe ein zweiter Zoroaster aus Prokonnesos gelebt, scheint dann doch die treffendere Datierung, wenn Zaraθuštra von 630-553 gelebt hat, also 73 Jahre vor der persischer Verwüstung Athens, wenn auch das Marmarameer nicht in Reichweite Baktriens lag.[842] Zoroaster habe auch diverse medizinische Ratschläge gegeben.[843] Entweder hat es unter dem Pseudonym Zaraθuštras medizinische Bücher gegeben, oder es ist die Vendidad gemeint, dialogisch gerahmt in Zaraθuštras Fragen und Ahura Mazdās Antworten zur Ethik, Medizin und Eschatologie. Sein Name steht in der Zeitenwende nicht mehr für seine Gatha-Botschaft, sondern für eine Plinius dubios erscheinende Medizin, die sich aber kaum von sonstigen Verfahren damaliger hippokratischer Schulmedizin unterschied. Zaraθuštra wird auch mit der Astrologie in Verbindung gebracht. Dies dürfte auf pseudepigraphische Astrologiebücher chaldäisch geprägter Magier hindeuten, die ihre Lehrmeinungen mit einem wunderwirkenden Namen autorisieren. Zaraθuštra sei als Sterndeuter berühmt gewesen und habe die Sonne im Skorpion in 12 Teilen durchschritten, als der Mond im Stier war.[844] Bundahišn 10,1-4 und 14,3ff SBE 5 wird der Same des Stiers im Mond gereinigt und zum Samen für alles Leben auf Erden.
Zum Kaiser Nero, der an magischen Praktiken sehr interessiert war, sei eine Magierdelegation unter Tiridates, dem Bruder des Partherkönigs Vologaises I. (51-79 n.Chr.) gekommen. Diese Magier sollen Nero die Kunst der Magie lehren. Dafür bekommt Tiridates Armenien. »Nicht einmal seine Liebe zur Leier und zu den Gesängen der Tragödien war größer [als seine Versessenheit auf Magie]. Als er sich von dem höchsten menschlichen Glück in die tiefsten Laster des Geistes stürzte, entwickelte er vor allem anderen ein Verlangen, die Götter zu beherrschen... Keine Kunst wurde jemals von irgendwem leidenschaftlicher gefördert. Dafür fehlte es ihm nie an Mitteln, Kraft, noch an Geisteskraft zu lernen... Der Magus Tiridates kam zu ihm, brachte genügend Gefolge für die Herrschaft über Armenien mit und war daher eine schwere Last für die (durchreisten) Provinzen. Er war nicht willens, zur See zu reisen, weil sie es für unangebracht halten, ins Meer zu spucken oder sein Wesen durch andere menschliche Notdurft zu verunreinigen. Er brachte Magi mit und weihte Nero sogar in magische Mahlzeiten ein; obwohl Nero ihm ein Königreich gab, war er nicht imstande, diese Kunst von ihm zu lernen. Demzufolge können wir sicher sein, daß sie außerstande ist, Beweise zu zeitigen, daß sie wirkungslos und leer ist, aber nichtsdestoweniger gewisse Anflüge von Wahrheit hat. Darin freilich sind die vergiftenden Künste wirksam, nicht die magischen.«[845] Daß die Magier Seereisen verweigern wegen ihrer Verehrung des Wassers als heiliges Element, zeigt, wie deutlich diese Delegation in der Tradition des Zoroastrismus beheimatet sind. Für Nero war ihr traditionelles Wissen ineffizient. Hier entsteht im Grunde ein neuer Begriff von Magie, der mit den Magiern gar nichts mehr zu tun hat. Heilkräuter-Episteme und Giftmischerei sind für diese neu entstehende Magie wichtiger als die Orakeltechnik der persischen Magier. Diese neue Gattung Magier macht Eingeweideschau bevorzugt beim Maulwurf, dessen noch zuckendes Herz dem Essenden Seherkräfte und Erfolg verleiht.[846] Diese Praktiken sind römischen Ursprungs, nicht persisch. Die Magier haben sie aufgegriffen.
Damit ist Plinius bei der Pharmakologie, bei Indikation und Klinik der Magier und entfaltet das Sammelsurium von Hundkopfsasche oder Eidechsenstirnknochenritze im Zahnfleisch gegen Zahnschmerz, Mäusekotasche als Zahnfüllung usw. Plinius berichtet ebenfalls, daß noch vor Pythagoras die Orphiker Heilkräuter erforschten, also auch eine schamanisch-magische Ausrichtung hatten.[847] Neben der persischen Herkunft der Magie habe es auch eine ägyptische Magie gegeben, die sich durch Totenbeschwörungen auszeichnet.[848] Nach Ostanes gebe es Astrologen, Wahrsager und Nekyomanten. »Er verheißt Göttliches aus dem Wasser, aus Kugeln, aus der Luft, aus den Sternen, Lampen, Becken, Äxten und aus vielen anderen Dingen, außerdem Gespräche mit Schatten und Unterirdischen«.[849] Sterne determinieren das Geschick der Seele: »Am wunderbarsten sei, sagt Theophrast, daß in seinen Zeiten die Theorie der Chaldäer, die etwas anderes lehrten bezüglich jeden Lebens und Todes, nicht das Gemeinsame allein, wie etwa Frostzeiten und warme Zeiten, wie auch die Sterne des eisigen Merkur Offenbarung wurden, die die Seele zu determinieren, leitet er die Sommerhitze von jenen oben ab. All diese sowohl eigenen wie auch gemeinsamen Erkenntnisse von den Himmlischen beschreibt jener in seinem Buch „Über die Zeichen“.«[850] Wenn Pflanzen mit psychedelischer Wirkung genannt werden[851], erkennt man eine schamanische Orakeltechnik: die pharmakologisch induzierte Halluzination, die das Material für die Zukunftsvorhersage aus den Schichten des Unbewußten emporsprengt.
Insgesamt zeigt die Fülle der Indikationen, wie stark die antike Magie zu einem geradezu schulmedizinischen Wissen elaboriert war. Einige Impressionen illustrieren die Therapie: »Auch darüber ist man einig, was ich meinesteils auch sehr gern glaube, daß alle Kunststücke der Magier, jener marktschreierischen Menschenklasse, zunichte werden, wenn man mit solchem Menstruationsblut Türpfosten bestreicht, wie man dies selbst leicht ermessen kann.«[852] »Das eitle Vorgeben der Magier verspricht denjenigen, die sich mit solchem Fett salben, schnellere Gunst bei Völkern oder Königen.«[853] »Die Magier verordnen [gegen Fallsucht] auch das auf dem Scheiterhaufen eines Menschen geröstete Ziegenfleisch.«[854] Therapieziele sind auch Abwehr von Glatze und Hängebusen. »Das Fruchtwasser von unreifen Hasen geben die Magier auch Männern zu trinken, desgleichen einer Jungfrau neun Körner von dem Kot, damit ihre Brüste beständig straff bleiben.«[855] Neben Heilung gibt es auch Liebestränke und Antipathiemittel. Die Magier haben auch die Heilkraft von besonderen Steinen behauptet und genutzt. Man kann »zu größerer Gemeinnützigkeit für das Leben auch die ruchlosen Prahlereien der Magier nachweisen, da diese so sehr viel über die Gemmen geschrieben und unter dem schmeichelnden Schein der Heilkunde sich zu den abenteuerlichsten Nachrichten verirrt haben.«[856] »Nach dem eiteln Vorgeben der Magier sichern diese Gemmen vor Berauschung und haben davon ihren Namen.«[857] Zum Edelstein Keraunia: »Man stellt auch noch eine andere sehr seltene Art auf, welche von den Magiern eifrig gesucht werde, weil man sie nirgends finde, als wo der Blitz eingeschlagen hat.«[858] Zum Achat: »Die Magier machen andere Unterschiede. Die dem Löwenfelle ähnlichen, sagen sie, hätten viel Gewalt über Skorpione, in Persien wende das Räuchern damit Unwetter und heiße Winde ab und hemme Blitze.«[859] »Von der Atizoe gibt Demokrit an, daß sie in India und in Persis auf dem Berge Akidanes vorkomme, einen Silberglanz, die Größe von drei Fingerbreiten, die Gestalt einer Linse und einen angenehmen Geruch habe, den Magiern aber bei Aufstellung eines Königs unentbehrlich sei.«[860] »Die Chelonia ist das Auge der Indischen Schildkröte und völlig verrufen durch die Lügen der Magier. Wenn man nämlich den Mund mit Honig ausspüle und sie auf die Zunge lege, so wisse man, behaupten sie, die Zukunft voraus.«[861] »Die Zoraniskaia entsteht im Fluß Indus. Sie soll ein Stein der Magier sein, mehr sagt man von ihr nicht.«[862] Plinius resümiert: »Uns genügt es die argen Lügen bei den Magier nachgewiesen zu haben.«[863] Die Inhalte der Zauberpapyri von PGM sind vor 70 n.Chr. bereits voll entfaltet, auch wenn die meisten im 3.-5.Jh.n.Chr. datieren.
1.5.2.34 Plutarch (46-125 n.Chr.)
Plutarch (46-125 n.Chr.) aus Chaironeia in Böotien studierte in Athen beim Platoniker Ammonios. Platon hält er gegen die Stoa hoch und bereiste Ägypten, Kleinasien, Italien, Rom und war etwa ab 95 Priester in Delphi. Er war in Chaironeia Politiker und Leiter einer eigenen Akademie und schrieb zahllose Bücher, von denen die Hälfte erhalten ist. Die parallelen Biographien je eines Römers und Griechen sollen die Gleichwertigkeit beider Völker zeigen. Seine Fülle von historischem Stoff ist recht zuverlässig und sorgsam ermittelt. Er setzt in De Iside et Osiride »Zoroaster, den Magier« 5000 Jahre vor Troja an.[864] Seine erstaunliche Detailkenntnis der zervanistischen Theologie im Kontext der Isismythologie wird er auf seiner Studienreise in Ägypten erworben haben, wo sich seit Kambyses ein großer Magierbestand als damaliger Verwaltungsstab etabliert hatte: »Und dies lehren die meisten und weisesten: Denn sie glauben, die Götter seien zwei mit entgegengesetzten Künsten, der eine von den Guten, der andere von den Bösen erschaffen. Sie nennen den Besseren Gott, den anderen einen Dämonen, wie Zaraθuštra der Magier, der 5000 Jahre älter sei als der Trojakrieg, berichten sie. Dieser nun nannte den einen Oromazdes, den anderen Ahriman. Und er offenbarte, daß der eine im Licht wohne, dem besten, was man sehen kann, der andere umgekehrt im Finstern und Unkenntnis, in der Mitte zwischen beiden sei Miθras. Daher nennen die Perser Miθras auch den Mittler. Er lehrte dem einen Gelübde darzubringen und Dankgaben, dem anderen Ablehnung und finster Blicke. Denn sie zermahlen ein Kraut namens Omomi im Mörser und rufen die Unterwelt an und die Finsternis, wobei sie das Blut eines Schlachtopfer-Wolfs zu einem sonnenlosen Ort hinwegtragen und dort wegschütten. Denn sie glauben bezüglich der Pflanzen, die einen seien die des guten Gottes, die anderen die des bösen Dämon, und Tiere wie Hunde und Vögel und auf dem Land lebende Igel seien die des guten, die des bösen seien im Wasser lebende Mäuse (Ratten: Infektionsüberträger; M.L.). Darum loben sie den, der die meisten davon vernichtet.«[865] - In dieser Praxis der Magier sehen wir die Vendidad aufgegriffen, eine neuere Entwicklung als Zaraθuštra. Das Haoma-Ritual im Mörser, was ursprünglich an das Rinderopfer geknüpft war, wird hier verbunden mit einem im Avesta unbekannten Wolfsopfer. Das einzige avestische daran ist, daß das unreine Blut des unreinen Tieres möglichst weit von den Wohnstätten der Mazdaanhänger auf felsigem Boden entsorgt wird, wo es weder Wasser noch Erde kontaminieren kann. Wenn hier eine Totenbeschwörung unter babylonischem Einfluß beschrieben ist[866] und solche Opfer an die Göttinnen Ereškigal, Hekate, Anubis und Thot in Ägypten aufkamen, wäre der in PGM dokumentierte Zauberbetrieb (cf 2.5.5.3) Quelle dieser Verzerrung des Miθraskultes. Der war damals bereits am Aufblühen und fand in Höhlen oder dunklen Mithräen statt. Hier könnten die Hundeopfer an die thrakische Zerynthia in ihrer Grotte[867] mit der Blutbenetzung in den Weihen der Mysten als Dienst an Finsternismächten mißdeutet sein. Im Ganzen spiegelt sich hier die zervanistische Literatur von Bundahišn 1, Dēnkard 7, Mēnōk-i Chrad 8 und Dadestan-i Denik, besonders auffällig durch die Tierarten und ihrer Zuordnung zum Guten oder Bösen. Bundahišn 5,1; 21e,3.7.21; 26,48; 31,26f; 32,6.13.30.38 Anklesaria zeigt Zauberei als Ahrimans Wirken.
Im nächsten Kapitel beschreibt Plutarch die Subgottheiten zarathuštrischer Theologie, die Aməša Spənta , gefolgt von zervanistischer Eschatologie, in deren Kontext ebenfalls Astrologie erwähnt wird, womit quasi ein Abriß der iranischen Theologie vom ursprünglichen Miθras über Zaraθuštra bis zum Zervanismus und den babylonischen Astral-Einflüssen gegeben ist: Ormadz ist aus dem reinen Licht geboren, Ahriman aus der Finsternis; beide bekämpfen einander. Ormadz hat an Göttern geschaffen 1. Gutes Sinnen, 2. Wahrheit, 3. Gute Ordnung, 4. Weisheit, 5. Reichtum und 6. Freude und schöne Dinge.
Hier zeigt sich die Theologie der Aməša Spənta, der Klugen Unsterblichen, die zugleich Himmelswesen und Gotteseigenschaften und menschliche Tugenden sind:
Vohu
Mana
Aša
Xšatra
Armaitī
Haurvatāt
Aməretāt
Guter
Sinn
Wahre Ordnung
Herrschaft
Gehorsam
Gesundheit
Unsterblichkeit
Ahriman schuf sechs Antikräfte dazu, cf Bundahišn 1,27: Akoman, Andar, Sovar, Nakahed, Tairev und Zairik. Ormadz hat dreimal seine Größe vermehrt und sich dann sonnenweit von der Erde entfernt und den Himmel mit Sternen geschmückt. Sirius im Sternbild des Hundes ist deren oberster Wächter; im Iran ist der Hund heiliges Tier. 24 andere Götter schuf er in einem Ei, in welches gleichviel Gegengötter Ahrimans einstechen; darum ist Gutes und Böses vermischt. Nach der vorherbestimmten Zeit Ahrimans mit Krankheiten und Hunger wird die von ihnen gemachte Not global zerstört und getilgt. Die Erde wird flach und eben und eine gemeinsame Lebensweise und eine gemeinsame Weltinnenpolitik der glückseligen Menschen mit einer gemeinsamen Sprache wird sein. Theopomp sagt mit den Magiern, für einen Teil von 3000 Jahren herrscht der eine Gott, der andere wird unterdrückt, aber weitere 3000 Jahre kämpfen und bekriegen sie sich und löste jeder das Reich des anderen auf. Am Ende gehen sie zugrund in den Hades. Dann werden die Menschen glücklich sein; sie werden keiner Nahrung mehr bedürfen noch Schatten werfen. Gott, der dies konstruiert hat, wird eine Zeit lang schön in der Stille ruhen, nicht für eine lange Götterzeit, nur soviel wie ein schlafender Mensch.[868]
Bei Plutarch ist die zarathuštrische Tradition der Aməša Spənta vermischt mit der zervanistischen Tradition des Millennienvertrags zwischen Ōhrmazd und Ahriman. Liest man Bundahišn 1 und 29ff dazu, dann ergibt sich eine sehr große Detailtreue, mit der Plutarch die zervanistische Theologie referiert. Den Dualismus dieser Lehre sieht er als Übereinstimmung mit der griechischen Philosophie, in der ebenfalls die Welt getrieben wird vom Kampf zweier antagonistischer Mächte: »Viele nennen sie Vorherbestimmung, Empedokles aber Liebe zugleich mit Haß, Heraklit uranfängliche Harmonie von Welt, Musik und Bogen, Parmenides Licht und Finsternis, Anaxagoras Verstand und Unkenntnis, Zoroaster Gott und Dämon, der eine Oromasdes genannt, der andere Arimanios.«[869]
Diese Eschatologie dürfte repräsentativ sein für die Tradition der Magier der Zeitenwende und hat das gesamte Zeitschema präsent, welches die Apokalyptik aufgenommen hat - bis hin zur Auferstehungsidee und dem Licht-Finsternis-Dualismus der Gnosis. Plutarchs zwei Kapitel über iranische Religion fußen auf Ktesias, Theopomp und Schriften aus der frühen platonischen Akademie.[870] Wenn er im Folgetext über die Planetenkunde der Chaldäer Heraklit, Empedokles, Pythagoras, Anaxagoras, Aristoteles und Platon zitiert, bemüht er gerade jene Philosophen, die bei Magiern gelernt haben - eine nahezu chronologisch komplette Wirkungsgeschichte. Einfluß biblischer Traditionen ist bei Plutarch nirgends zu finden. Um so gewichtiger ist er als Zeuge für die Theologie der Magier Ägyptens während der Entstehung des neutestamentlichen Schrifttums. Die zervanistische Zeitenfolge (cf oben 1.4.5.3-9) seines Referats hat mit der biblischen Apokalypse gemein: 1) Licht-Finsternis-Dualismus und Kampf Gottes gegen den Satan, Hungersnöte, Krankheiten, 2) Endsieg und Vernichtung des personifizierten Bösen, 3) Ebnung der Berge (Erdbeben), 4) bedürfnislose Glückseligkeit der Menschen (Herrlichkeit der Kinder Gottes), 5) Prädestination der Heilsmechanik. Die Verwandlung der Welt zur Weltgesellschaft mit gleicher Sprache und Moral taucht im Pfingstwunder und dem himmlischen Jerusalem auf, lediglich das dem vorausgehende Weltgericht mit Auferweckung der Toten Bundahišn 34 Ankl ist bei Plutarch nicht beschrieben.
Plutarch schildert in der Alexander-Biographie die Heilkunst der Magier auch am Königshof.[871] Oromasdes und Miθra waren in Susa Staatsgottheiten: »... oder dein Licht schauen, was einst leuchtend emporhob der Herr Oromasdes, damit nicht die Welt unglücklich geworden sterbe, sondern mit Tränen der Kriege geehrt sei. So ist Alexander gesalbt als herrschender, daß er würdig kämpfe. Als Dareios das hörte, trug er die Erschütterung und das Leid heraus zu einem schlimmen Verdacht, und führte den Eunuchen drinnen in den Gemächern weg. Er sagte: „Damit nicht auch du nach dem Schicksal der Perser mazedonisch sprechen mußt, sondern ich dir ferner Dareios der Herr bleibe, sage mir, verehrst du Miθra als großes Licht und rechte Hand des Königreichs?“«[872] Wie Pindars Innerlichkeit ist auch das Verhältnis des Perserkönigs zu Ahuramazda. »Wie Pindar sagt, nicht in Büchern äußerlich geschrieben noch auf anderes Material, sondern seelisch in ihm ist das Wort, immer mitwohnend und achtgebend und niemals einsam die Seele beherrschend. Der Perserkönig aber hatte einen der Schlafenden dafür eingesetzt, daß er morgens hineingeht und zu ihm sagt: „O König, denk auch an die Taten, die dich der große Oromasdes denken lassen will. Er wohnt dem erzogenen und besonnenen Herrscher inne, der dies immerfort laut verkündet und ausruft. Denn er sagt, das Liebste im Krieg sei den Göttern die Hilfe für die Jungmänner, die Fürsorge und die Rettung.“«[873]
Plutarch nennt als religiöse Praktiken der Barbaren: Sprüche, Bewegungen, Gesänge, Magie, Umkreisungen, Trommeltanz.[874] »Wie die Magier die Besessenen auffordern, die Ephesischen Schriften zu lesen und rezitieren, so sehen wir in denselben Gezwitscher.«[875] Er nennt zum interreligiösen Konsens über das Daimonion Zoroasters Magier, Thrakiens Orphiker, Ägypter und Phrygier in einem Zuge.[876] Gobryes entstamme dem dunklen Geschlecht der Magier.[877] Mäuse töten die Magier, weil diese Gott häßliche und schädliche Lebewesen sind.[878] Plutarchs Interesse ist, das Gemeinsame der Religionen herauszustellen und ihren Wahrheitsgehalt im Diskurs der spätantiken Vielfalt phänomenologisch zu erfragen. Dabei verfügt er über detaillierte Informationen aus persischem Alltag und Klerus wie kaum ein anderer der hellenistischen Autoren. Dies macht ihn zum recht zuverlässigen Zeugen einer fast alltäglichen Präsenz der Magier zu seiner Zeit. Wir können neben der zervanistischen Apokalyptik die Magier am persischen Königshof erkennen und auch die ägyptische Variante, auf die sich Hippolypt bezieht: die Spezialisierung auf medizinische und alltagspraktische Magie unter dem Einfluß der uralten ägyptischen Zaubertraditionen von medizinischer bis nekyomantischer Reichweite. Ostanes erwähnt Plutarch dreimal im Artaxerxes: »Dareios hatte mit Parysate 4 Kinder, Artaxerxes der Älteste, dann Kyros, dann Ostanes und Oxathres. Dieser Kyros hatte von dem älteren Kyros seinen Namen, von ihm sagt man, er sei von der Sonne geboren. Kyros nennen die Perser Sonne.«[879] Ostanes hat sehr aktiv die Politik mitgestaltet: »Ferner schickte er Bett und Matratze und die Bettenmacher, damit keiner der lernbegierigen Griechen unterpolstert sei, und er brachte seine Gastgeber, die sanft waren, bis ans Meer. Den Gefährten aber möge er ein glanzvolles Festmahl zukommen lassen, so daß auch der Bruder des Königs, Ostanes, zu Timagora sagte: Behalte diese Festtafel in Erinnerung! Denn bei nicht Geringen liegt sie geschmückt neben dir. Dies war mehr eine Schmähung zum Verrat als Erinnerung an die Gunst. Timagora verurteilten die Athener wegen Bestechlichkeit zum Tode.«[880]
1.5.2.35 Flavius Josephus (37-100 n.Chr.)
Flavius Josephus (37-100 n.Chr.) hat 93 n.Chr. seine Antiquitates Judaicae geschrieben, worin er die Geschichte Israels in 3833 Jahren berechnet aus den biblischen Quellen aufzeichnet. Darin werden 10 Mal Magier erwähnt, meist zusammen mit babylonischen Chaldäern. »Jede Ethnie wird so genannt, wie sie sich selbst rufen. Die jetzt von den Hellenen sind, werden Galater genannt, die Gomarer Gomaros. Die Magogen bewohnen das von ihnen Magoga genannte Land, Skyten werden sie untereinander genannt.«[881] Nun hat Magog zunächst wenig mit Magiern zu tun. Aber der Wortstamm mag- in magog könnte auf eine ethnische Identität beider deuten. maga ist der rituelle Platz mit Bodenlöchern für schamanische Reinigungsakte. Dann wäre das Abstammen der Magier, die Herodot I,101 für einen medischen Stamm hält, von den Skyten oder anderen indoeuropäischen schamanischen Reitervölkern aus der südrussischen Steppe nicht unwahrscheinlich.[882] Der magupat ist Herr der Magu (mopat = a)rxima/goj, Ober-Magier). Wenn die Magier mit ihren schamanischen Praktiken also von der russischen Steppe her über den Kaukasus nach Armenien ins nördliche Medien gelangt sind wie die indoeuropäischen Sarmaten, dann erklärt sich einerseits ihr gehäuftes Vorkommen in Armenien, andererseits ihre schamanischen Traditionen. In der paraphrasierten Mosegeschichte läßt Josephus Mose mit dem Pharao um die größere göttlich-magische Macht streiten. »Aber als der König Moses verspottete, ließ der ihn in faktischem Vollzug die Zeichen sehen, die am Berg Sinai geschehen waren. Dennoch war der König über ihn sehr verärgert und nannte ihn einen kranken Mann, der früher von seiner ägyptischen Sklaverei geflohen war, und jetzt zurückkomme mit betrügerischen Tricks und Wundern und magischen Künsten, ihn zu erstaunen. Und als er dies gesagt hatte, befahl er die Priester ließ ihn den gleichen wundervollen Anblick sehen, um zu zeigen, daß die Ägypter auch in diesem Wissensgebiet erfahren waren und daß nicht allein er selbst kundig sei im göttlichen Können und täuschte ihnen vor, göttlich zu sein; daß er solch wundersam Wahrnehmung aufbrachte, würde ihm nur durch Ungebildete geglaubt. Und als die Priester ihre Stangen zu Boden warfen, wurden sie Schlangen. Mose war davon nicht eingeschüchtert und sagte: „O König, die Weisheit der Ägypter verachte ich nicht, aber ich sage: das, was ich getan habe, ist um soviel größer als das, was diese durch Magie und Kunst tun, so viel eben das Göttliche das Menschliche übersteigt. Ich werde zeigen, was ich tue, ist ohne Gaukelei und Trug getan und offenbart das Vorauswissen und die Kraft Gottes.“ Indem er dies sagte, ließ er zugleich die Irrtümer der wahren Lehre auf die Erde fallen.«[883] Hier ist bereits der Kampf des Judentums gegen die ägyptischen Magier entbrannt als Streit um die rechte Lehre. Denn daß den Priestern von Ramses II. (1290-1223 v.Chr.) Magie und Trickbetrug unterstellt wird, während das selbe Verwandeln des Wanderstocks in eine Schlange bei Mose als Gotteszeichen gilt, ist eine Rückdatierung des zur Zeitenwende aktuellen Problems der Trickdemonstrationen der Magier, die später Hippolyt fasziniert geißelt. Immerhin wird dieser Häresiestreit damit entschieden, daß Mose deshalb der bessere Magier ist, weil er die Kraft Gottes auf seiner Seite hat, während die Ägypter nur gute Techniken beherrschen. Nicht die Kraft der Magie bestreitet Josephus hier, sondern die Tricks einer nicht an den Gott Israels gekoppelten Magie. Magie ist keineswegs deshalb Betrug, weil sie wirkungslos ist, sondern weil sie ihre Wirkungen auf eine andere Weise erzielt als durch die Anrufung des einen wahren und korrekten Gottes Jahwe.
Im 10. Buch der Altertümer paraphrasiert Josephus Dan 2: »Zwei Jahre nach der Zerstörung Ägyptens, hatte Königs Nebukadnezar einen wundervollen Traum, dessen Vollendung Gott ihm in seinem Schlaf zeigte; als er aus seinem Bett aufstand, vergaß er den Schluß. So ließ er die Chaldäer und Magier und Propheten kommen und erklärte ihnen, daß er einen Traum hatte und den Schluß vergessen hatte und verlangte von ihnen, ihm zu erklären, was der Traum und seine Bedeutung war; sie sagten, daß dies menschenunmöglich aufzuklären sei, aber versprachen ihm, wenn er ihnen die Traumvision schildert, würden sie ihm seine Bedeutung erklären. Hereupon drohte er damit, sie zu töten, es sei denn sie erklärten ihm seinen Traum, und gab Befehl, sie alle zu greifen zur Tötung, weil sie gestanden, daß nicht konnten, was ihnen befohlen wurden zu tun. Als Daniel hörte, daß der König befohlen hatte, alle klugen Männer zu töten und er und seine drei Verwandten selbst in Gefahr waren, ging er zu Arioch, dem Oberfidi der königlichen Leibgarde, und wollte von ihm wissen, warum der König Befehl gegeben hatte, alle klugen Männern und Chaldäer und Magier zu schlachten. Als er erfahren hatte, daß der König einen Traum gehabt hatte und ihn vergessen, und daß, als sie vorgeladen wurden, um den König über ihn zu informieren, sie gesagt hatten, sie können ihn nicht erklären und ihn dadurch verärgert hatten, wünschte er von Arioch, daß er hinein zum König gehen könne, und erbat eine Frist für die Magier für eine Nacht und so lange ihr Abschlachtung auszusetzen, denn er hoffe, daß er innerhalb dieser Zeit durch Gebet zu Gott den Traum zu wissen. Dementsprechend informierte Arioch den König über Daniel Antrag. So gebot der König die Verzögerung des Gemetzels der Magier, bis er wußte, was aus Daniels Versprechung herauskommen würde. Der junge Mann zog sich in sein Haus zurück mit seinem Verwandten zur Zwiesprache mit Gott, dem die ganze Nacht offenblieb, den Traum zu entdecken, und die Magier und Chaldäer dadurch zu retten, (...) So offenbarte Gott aus Barmherzigkeit zu denen, die in Gefahr waren, und aus Respekt zur Klugheit Daniels ihm den Traum und seine Deutung, so daß der König seine Bedeutung auch verstehen konnte. Als Daniel dieses Wissen vom Gott erreicht hatte, stand er voll Freude auf und erklärte ihn seinen Brüdern und ermunterte sie zu hoffen, daß ihre Leben jetzt bewahrt blieben, woran sie vorher zweifelten und an nichts anderes als ans Sterbens denken konnten. Als er mit ihnen Gott gedankt hatte, der Mitleid hatte mit ihrer Jugend, kam er bei Tagesanbruch zu Arioch zurück und bat ihn, ihn den König zu holen, um ihm den Traum zu offenbaren, den er Nachts zuvor gesehen hatte.«[884] In Josephus` Paraphrase geht Daniel besonders edelmütig von sich aus zum König, um das Leben aller Traumdeuter zu retten, während er Dan 2,13-15 erst bei seiner Gefangennahme für die kollektive Liquidierung der Seher das Angebot des Nachträumens vom Königstraum macht. Hier sind Magier und Chaldäer (mit ihren astrologischen Kenntnissen) nebeneinander Berater Nebukadnezars. Dies dürfte für die Zeit ab Kyros II. sicherlich zutreffen.
Daß die Tötung von Magiern am Königshof nichts neues ist, geht aus Herodots Historien I,128 hervor, wo beim Sieg des Kyros über den Mederkönig Astyages dieser als erstes die Traumdeuter kreuzigen läßt, die ihm zur Schonung von Kyros geraten hatten. Der Beruf des Hofmagiers war mithin vielseitig und nicht ungefährlich.
In Dan 2,2 läßt Nebukadnezar Schreibgriffelnutzer, also die schriftkundigen Weisen ({yimu+:rax), die Beschwörer ({yiipf$a) von assyr. āšipu), die Zauberer (}yip:$f) die aramäische Form des assyr. āšipu) und die Chaldäer ({yid:&ak keilschr. Kaldu cf Jes 47,12 als Sterndeuter) zur Traumdeutung antreten. Im aramäischen Teil des Danielbuchs (2,4b-7,28; Aramäisch im Perserreich 3. Amtssprache) ist ebenfalls von Schreibkundigen ({o+:rax), den āšipu (va$f)) und Chaldäern ")yfd:&ak die Rede. Sie werden unter dem Oberbegriff „Weise“ (y"myikax) zusammengefaßt. Die Schrift ist in Sumer Göttergabe und Enki als Hüter der Keilschrifttafeln übergibt dieses Geheimwissen Enmeduranki, dem 7. antediluvischen König und ersten sumerischen Hohepriester, der den astronomischen Kalender lehrt und eine einzigartige Divination in Traumvisionen bis zur Entrückung statt Tod erlebt. So sind die schreibkundigen Priester Seher, die auf traumvisionären Himmelsreisen göttliches Wissen erfahren. In dieser Kunst der seherischen Trance scheint Daniel ein außergewöhnliches Talent gehabt zu haben, weshalb er auch als gebildeter Israelit eine grandiose Karriere am babylonischen Hof machte. Daß er sein Wissen direkt von Gott empfängt, gehört zum sumerischen Priestersehertum genau wie zur jüdischen Prophetie, was die Chaldäer fortgesetzt haben. Hier ist noch nicht von Magiern die Rede. Aus der Retrospektive des Josephus aber ist Babylon nicht anders denkbar als von Magiern dominiert. Zumindest kann man konstatieren, daß der Beruf des Orakelgebers so sehr von den persischen Magiern eingenommen wurde, daß hier im Sprachgebrauch eine Identität erwachsen ist und mantische Traditionen wie die assyrischen āšipu völlig überlagert wurden.
Daniel ist hier geschildert als der allen Magiern und Chaldäern aufgrund seiner lebendigen Gottesbeziehung überlegene Traumdeuter. Dies wiederholt sich in der Paraphrase von Dan 5 mit der Schrift an der Wand beim gotteslästerlichen Gastmahl des Belsazzar mit Jerusalemer Tempelgeschirr: »Verstört über die Vision rief er die Magier und Chaldäer zusammen, jedes Geschlecht, welches bei den Babyloniern die Zeichen und Traumbildhilfen beurteilen konnte, damit sie ihm das Geschriebene deuten. Von den Magiern konnte es keiner herausfinden oder erschließen.«[885] So sind Mose und Daniel die Gottesmänner, die mit ihrer magischen Kraft eine lebendige Beziehung zu Gott haben und damit den Zauberern und Magiern aller anderen Religionen überlegen sind.
Noch einmal kommt Josephus auf Magier zu sprechen: »Nach dem Gemetzel der Magier nach dem Tod von Kambyses, was die Regierung der Perser in Jahresfrist erreichte, ernannten jene 7 Familien der Perser, die angerufen wurden, Dareios, den Sohn von Hystaspes, zum König. Nun hatte er, während er ein Privatmann war, Gott ein Versprechen gegeben, wenn König werde, würde er alle Gefäße Gottes, die noch in Babylon waren, nach Jerusalem zurücksenden. Nun ergab sich, daß zu dieser Zeit Zorobabel als Führer der ehemaligen Exil-Juden zu Dareios aus Jerusalem kam; eine alte Freundschaft verband ihn mit dem König. denn er war mit zwei anderen als dessen Leibwächter für würdig befunden gewesen, und erlangte so die Ehre, auf die er hoffte.«[886] Hier spielt Josephus auf die von Herodot erzählte Magafonia an. Er schildert das persisch-jüdische Verhältnis als Freundschaft.
1.5.2.36 Appian von Alexandria (um 116 n.Chr.)
Appian von Alexandria war als Grieche in Alexandria gebürtig dort in verschiedenen öffentlichen Ämtern, wo er den jüdischen Aufstand 116 n.Chr. miterlebt, später ging er als Advokat nach Rom und schließlich römischer Prokurator in Ägypten. Von den 24 Büchern seiner Romaika sind nur die Bände 6f und 11-16 voll erhalten. Er führt viele Quellen an, die sonst verloren sind. Appian erwähnt den Admiral Magon 29 Mal.[887] In seiner Mithridatika schildert er die Erhebung des pontischen Königs Mithridates VI. Eupator Dionysos. Pontos war zwischen Römern und Parther die bedeutendste Macht Kleinasiens. Reich und durch starke Seemacht Herr über Handelsverkehr im Schwarzmeerraum, begann Mithridates, der griechische Kultur am Hof pflegte und über den Kampf um Rom wußte, 88 v.Chr. im westlichen Kleinasien bis nach Griechenland einen Siegeszug als Befreier von römischer Herrschaft, wobei er zehntausende römische Siedler ermordet. Sulla erobert Rom, kann daher erst ein Jahr später zurückschlagen und drängt ihn aus Griechenland wieder heraus. Es folgen Wirren durch ein Eingreifen der Legionen von Flaccus und später Fimbria, den Rivalen Sullas um die Macht in Rom. Sulla nimmt nach großen Siegen bei Chaironeia und Orchomenos über das pontische Heer das Friedensersuchen des Mithridates im Winterlager 86/85 in Thessalien an: Kleinasien geht wieder an die Römer und blutet völlig aus bei Tributzahlungen für Sullas Heer, was sich auf den Kampf um Rom rüstet, Provinzen wie Kappadozien werden wieder selbständig. Als Sulla Diktator des Reichs wird, greift 83 v.Chr. Licinius Morena das Heer des Mithridates erneut an. 67 besiegt Pompeius das Heer des Mithridates ein drittes Mal und kann durch die Lex Gabinia gegen die Seeräuber in der Ägäis bzw. 66 durch die Lex Manilia gegen Mithridates und Tigranes von Armenien die Region „ruhigstellen“. Gerade durch sein Heer wird der Mithrizismus nach Rom importiert. 60 v.Chr. verbünden sich Pompeius, Julius Caesar und Crassus im ersten Triumvirat, 58-50 erobert Caesar Gallien und wird nach 4 Jahren Bürgerkrieg gegen Pompeius von 45-44 Diktator.
Nach Alexanders des Großen Tod 323 v.Chr. folgte ein langer Diadochen-Kampf unter seinen Feldherren um den persischen Thron. Arrian schildert: »Antipatros selbst nahm die Verteilung der Provinzen von Asia vor, teils die vorherige Aufteilung bestätigend, teils sie modifizierend, wenn die Umstände es erforderten. Ägypten nämlich, Libyen und die gesamte Ausweitung des Territoriums darüber hinaus, was nach Westen hin noch erworben wurde, sollte Ptolemaios kontrollieren. (...) Seleukos gab er Babylon. Antigenes, der als erster Perdikkas attackierte, der Kommandant der makedonischen Silberschildner, sollte die ganze Susiane bekommen; Peukestas vertraute er die Persis an. Karmanien teilte er Tlepolemos zu, Medien bis zu den Kaspischen Toren Peithon, Parthien Philipp. (...) Antigonos beorderte er zum Kommandant der früheren Streitkräfte des Perdikkas, dazu mit dem Auftrag, die Könige zu bewachen und zu schützen, zugleich, auf eigenen Wunsch, den Krieg gegen Eumenes zu Ende zu bringen. Antipatros selbst aber wurde von allen für alles gelobt und kehrte nach Hause zurück.«[888] Seleukos I. Nikator (c. 313/12-281 v.Chr.) ist in Antiochos and Laodike bei Europos in Makedonien zwischen 358 und 354 v.Chr. geboren. Wie sein Vater hoher Offizier , diente er unter Alexander im Ostfeldzug als Kommandeur der Argyraspides (Silberschilde). Kurz nach Alexanders Tod 323 ernennt der Makedonische General Perdikkas ihn zum Chiliarchen (Wesier). Zwei Jahre später wird Perdikkas von Seleukos und anderen Offizieren ermordet. Seleukos wird designierter Satrap von Babylon während einer Diadochenkonferenz in Syrien. Antigonos Monophthalmos soll Eumenes von Kardia liquidieren, einen letzten überlebenden Getreuen von Perdikkas. Nach dieser Ausrottung des letzten Widerstands der Alexandertreuen greift Antigonos auf dem Wege zu einem neuen Großreich unter eigener Ägide 315 Babylon an und Seleukos flieht nach Ägypten und wird Flottenadmiral von Ptolemäus. 312 siegt Seleukos von dort aus über Antigonos' Sohn Demetrios Poliorketes bei Gaza. Er nutzt die Verwirrung des besiegten Heeres und bereitet sein Comeback in Babylon vor. Trotz diverser Rückeroberungsversuche von Antigonos und Demetrios zwischen 311 und 308 behält er die Macht über Babylon durch die Hilfe loyaler Babylonier. Eine kurze Friedenszeit folgt mit einem Zug nach Indien, wo er mit Chandragupta Maurya ein Friedensabkommen schließt und 500 Kriegselephanten geschenkt kriegt. Seleukos gewinnt so den Osten des früheren Persischen Reiches bis zum Indus sowie die Syrien untergeordneten Gebiete. 148 Jahre hält diese Dynastie, bis Antiochos V. 164 v. Chr. von den Parthern gestürzt wird.
Appian
erzählt nun in seiner Syriaca,
wie die Magier Seleukos
bei der Rückeroberung Babylons moderat beraten. »Die
Einwohner Seleukias, die am Meer, sagten ihm, ein Blitz sei ein
Gotteszeichen
und also habe Gott ihnen einen Schlag verpaßt und sie
hätten auch religiöse
Riten eingeführt und gesungen und jetzt der Blitz. In
den Tagen am
Tigris hätten die Magier das Lesen befohlen zu bestimmten Tageszeiten, welches die
Grundlagen schafft, wo
es mangelt an Tradition.
Die
Magier haben bezüglich der (Angriffs-)Zeit gelogen, weil sie
nicht wollten, daß
ihnen bei der Stadtmauer irgendwas passiert. Seleukos hielt die
gegebene Zeit
ein, das Heer war zur Tat bereit, furchtlos, Seleukos hat das
Angriffszeichen
gegeben, augenblicklich haben die nach der günstigsten Zeit
Suchenden befohlen,
in Tatkraft aufzuspringen, damit keiner von den zur Rettung Abgesandten
sich
noch erheben konnte. Diese Tat wurde ausgeführt. Seleukos aber
hat ohne
Mitgefühl die Magier wieder befragt über die Stadt.
Ohne Furcht haben die
befragten Magier gesagt: „Es ist vorherbestimmt, o
König, vom Schicksal, das
Schlimmere und das Bessere. Man kann weder einen Menschen noch eine
Stadt
verändern. Ein Schicksal ist auch für eine Stadt wie
das für einen Menschen.
Und noch das langwierigste scheint den Göttern zu entwachsen,
beginnend aus
dieser Stunde, die geschehen ist. Wenn wir uns fürchten, sind
wir wie ein Kastell,
wir übergeben uns wie wir sind an das Vorherbestimmte. Das
Bessere aber war
auch allwirkenden Magiern und dem König selbst nicht
erkennbar. Darum hat denn
auch die Geisterwelt das bessere Los dem Heer zugeteilt. Und dies ist
auf diese
Weise von dir zu begreifen, damit wir nicht hier und jetzt weiter
ahnungsvolle
Vermutungen zelebrieren. Denn du, der König, kannst dem Heer
vertrauen und den
Befehl zum Ausharren selbst geben. Und es wird dir das Gehorsamste sein
in
Schlacht und Mühen. Es wird nicht standhalten, wenn nicht
jetzt Ruhe angeordnet
sondern es aufgeheizt wird. Nicht geteilt, sondern einmütig
stehe ihnen zur
Seite und bestimme das Vorgehen. Nun übernimm das Kommando.
Dann wird es dir
nicht zerfließen und sie werden weiter gehorchen. Was mag
wohl nun in Menschen
standhafter sein, königliches oder göttliches? Der
deine Meinung die Oberhand
gewinnen läßt und dir die Stadt gefügig
macht an unserer Stelle, ist uns
feindlich gesinnt und wird es allen Ringsumwohnenden werden. Denn wo
wird noch
das Unsrige gelten als Geschlecht der stärkeren Nachbarschaft.«[889]
»Die Stadt da
aber ist dir zuteil geworden vom
Schicksal und wird aufblühen und lange bestehen. Du aber
bringe uns Nachsicht
entgegen, die wir uns versündigt haben unter Furcht durch die
Beseitigung der
guten Bewohner.“ Dies sagten die Magier und der
König war froh und vergab
ihnen.«[890]
Hier wird geschildert, daß die Magier den Angriffszeitpunkt zu bestimmen hatten mit ihren Orakeltechniken. Zugleich zeigt sich aber auch das politische Profil der Magier, die hier nach anfänglichem übereilten Gewaltakten zu einer friedlichen Nachbarschaft raten und nur so eine Chance sehen für eine nachhaltige Eroberung der Stadt. Die persische Toleranz zeigt sich hier. Viele Einwohner Babylons haben sich der zarathuštrischen Religion angeschlossen und beten die zu den 5 Zeiten des Tages festgelegten Gebete und singen die entsprechenden Hymnen. In Babylon vor der Seleukidenherrschaft hat es also bereits einen festen zarathuštrischen Gottesdienst gegeben und das Avesta war - zumindest in Teilen - schriftlich aufgezeichnet, so daß man sie zum Gottesdienst verlesen konnte. Die Magier pflegten die mündliche Tradition durch Auswendiglernen und ständiges Repetieren; hier sind offenbar Proselyten zur persischen Religion gestoßen, für die die Verschriftlichung des Avesta eine wesentliche Hilfe war.
1.5.2.37 Apollonius von Tyana (~ 5-97 n.Chr.)
Apollonius von Tyana in Kappadozien war Wundermann und Philosoph (um 5-97 n.Chr.) und lebte lange in Rom. Kappadozien war eine der Hochburgen der Magier seit Jahrhunderten. Durch Aufzeichnungen seines Schülers Damis von Ninive, die die Kaiserin Julia Domna Flavius Philostrat gab, ist uns seine Vita gut erhalten.[891] Er wurde zweimal als Zauberer denunziert und vor Gericht gestellt. Flavius Philostrat (165/170- 244/249) hat Leben und Prozeß des Apollonius ausführlich dokumentiert. Er bringt in seiner Vita sophistarum mit dem Griechenland-Feldzug von Xerxes (Salamis 480 v.Chr) den Einfluß persischer Magier auf Demokrit und Protagoras in Verbindung. Ostanes lehrte am Tempel von Memphis zoroastrische Theologie vor Hörern wie Demokrit und ägyptischen Priestern. Demokrit war Lehrer des Protagoras, dessen Vater Privatstunden für sich und seinen Sohn bei Xerxes Hofmagiern einkaufte. »Der Sophist Protagoras von Abdera ist als Student bei Demokrit zu Hause gewesen und stimmt ebenso mit den Magiern aus Persien überein, die im Feldzug des Xerxes mit nach Griechenland kamen. Sein Vater war Mäander, der viele Thraker reich gemacht hat, der wurde auch im Haus des Xerxes Gast und erlangte durch Geschenke die Lehrgesprächsgemeinschaft der Magier für sein Kind und sich. Denn keinen erziehen die persischen Magier, der nicht Perser ist oder König, sagt man. Eine Aporie ist ihre Behauptung, entweder gibt es Götter oder es gibt keine. Das scheint mir Protagoras aus der persischen Erziehung übernommen zu haben. Denn die Magier rufen ihre Gebete zu denen, die unsichtbar werktätig sind, die Lehre vom Sichtbaren des Göttlichen lösen sie auf, weil sie nicht wollen, daß man sieht, daß sie keine Macht über das Sichtbare haben.«[892]
Durch Kulturaustausch gebildeter Oberschicht mit persischen Besatzern gelangen zoroastrischen Lehren in griechische Philosophie. Zu Ostanes cf 1.5.2.33/37/43/50 & 1.5.7 & 3.1.3
Das Leben des Apollonius wird in der Vita Apollonii beschrieben. Philostrat differenziert zwischen zoroastrischer Gottesdienstpraxis der Magier und der Übernahme ihrer Theologie in die vorsokratische Philosophie. Allerdings liegt sein Interesse dieser Differenz auf der Ausschaltung strafbarer Zauberei bei Apollonius. »Mit ihnen übereinstimmend studierte sie der sehr göttliche Apollonius oder auch Pythagoras, der zur Weisheit kam, indem er sich über die Tyrannei erhob und weder nach altem noch jungem Zeitgeist geraten ist. Noch erkennen die Menschen nichts aus seiner wahrhaftigen Philosophie, die er weise und sauber entwickelt hat. Der eine lobt dies, der andere das an ihm, die dritten, daß er mit den Magiern der Babylonier und den Brahmanen der Inder und den Nackten in Ägypten zusammengewesen ist. Sie halten ihn für einen Magier und verwechseln damit gröblich einen Weisen, schlecht erkennen sie. Empedokles, Pythagoras selbst und Demokrit stimmen überein mit den Magiern, die viele dämonische Dinge sagen, haben aber nicht ihre Technik übernommen. Platon ist nach Ägypten gegangen und hat viel von den dortigen Propheten und Priestern in seine eigenen Worte eingemischt und Farbe hineingebracht in Schwarzweißmalereien, ohne zu zaubern, wie dies die meisten Menschen mißgünstig über Philosophie denken.«[893]
Immer wieder geht es um die te/xnh der Magier, die als Zauberei (gohtei=a) verkannte oder vielleicht bereits entartete Gottesdienstpraxis, die sie von den Philosophen unterscheidet.
Apollonius selbst schreibt in seinen Briefen über die Magier: »Magier pflegt man die von Pythagoras beeinflußten Philosophen zu nennen, ebenso die von Orpheus. Ich weiß, fast werden schon die vom Altehrwürdigen Geprägten Magier genannt, weil sie göttlich und gerecht sein wollen. Magier nennen die Perser ihre Priester. Ein Magier ist der Diener der Götter oder der von Natur aus Heilige. Du aber bist kein Magier, sondern gottlos.«[894] Die Nähe von Orphik und Pythagoreern zu den Magiern wird hier bestätigt. Apollonius macht den seine Arbeit legitimierenden Unterschied von verbotener Zauberei und erlaubter Philosophie: Die Pythagoreer sind lange noch keine Magier, nur weil sie die Seelenwanderungsidee vertreten. Der Magier zaubert, der Philosoph denkt. Aber er weist auch darauf hin, daß in Persien die Magier als Priester heilig sind. Als Kappadozier weiß er darüber gut Bescheid.
Man warf Apollonius mit Damis in Ketten und unterstellte im möglicherweise tödlichen Prozeß gegen ihn, er sei von dieser Magierkunst beeinflußt, wo er doch lediglich Anaxagoras zitiert. (1,2,31) Immer wieder geht es um Kontakte zu den Magiern: »Nun meint der König diesbezüglich, vier goldene Zauberräder habe Adrasteias ihm geraten, vom Dach herabzuhängen und sie nicht über die Menschen(höhe) hochzuziehen. Daß diese angebracht worden sind, sagen selbst die Magier, die am Königshof aus- und eingehen. Sie nennen diese die Zunge der Götter. Über diese Meinung der Magier berichtet Apollonios wohl zu genüge, ist er doch mit ihnen zusammengewesen und hat das eine gelernt, das andere gelehrt, als er gegangen war. Damis kennt aber diese Worte nicht, die der Mann zu den Magier gesagt hat, der nämlich offen gesagt hat, er sei nicht oft mit ihnen zusammengewesen. Er sagt nun, er sei bei den Magiern mittags und um Mitternacht gewesen und die Magier hätten dies damals erfragt.«[895]
Es wird im ersten Prozeß der Vorwurf erhoben, Apollonius hätte eine Epidemie in Ephesus vorausgesagt. Er hatte damit die Stadt gerettet, aber das interessiert die neidischen Ankläger nicht. In Rom hat er wiederum eine Epidemie vorausgesagt, dies sei Zauberei und Beweis, daß er ein Magier sei.[896] Sein römischer Richter Tigellinus verhört ihn nach öffentlichem Prozeß, wo die Anschuldigungen von der Papyrusrolle verschwinden, unter Ausschluß der Öffentlichkeit und spricht ihn entgegen seiner sonstigen Hinrichtungsfreude frei, da er jede übersinnliche Fähigkeit wie Weissagung bestreitet. Er sei lediglich Philosoph und Naturforscher.
Ein zweiter Prozeß vor Kaiser Domitian, der 89 und 95 Philosophen, also Astrologen und Wahrsager, aus Italien vertreiben ließ, folgt zur Epidemieprognose von Ephesus.[897] Apollonius sieht sich in der Tradition von Thales, Anaxagoras und Sokrates und verweist auf natürliche wissenschaftliche Erklärung seiner Prognose: Er habe die Epidemie in Gestalt eines alten Bettlers gesehen und gefangen. Dies war religiöse Vision und nicht strafbar, zumal er dafür in Ephesus ein Heraklesdenkmal errichtet hatte für diesen Gefahrenabwender. Ein Zauberer würde sich dafür selbst rühmen und nicht dem Gott das Verdienst geben. Den Vorwurf von Menschenopfer, der sich großer Beliebtheit erfreut und bei Skyten, Massageten und Tauriern zutrifft, weist er entschieden zurück, er opfere nicht einmal Tiere und ist keiner, der beim Opfer für seinen Dämon, seine Gottheit, mit dem Blick aufs Messer betet.[898] Wäre er wirklich ein Magier, dann würde er nicht so hilflos dem Gericht ausgeliefert sein. Das überzeugte den Richter. Seine Strategie ist wie die des Apuleius 100 Jahre später, das Handeln als Magier in toto zu bestreiten und alles nur im Dienste der Naturwissenschaft und Philosophie zu tun. Wundertaten werden dennoch von ihm überliefert. Im Gefängnis befreit er sich aus den Ketten und legt sie dann wieder an. Eine bei der Hochzeit verstorbene Braut reanimiert er mit einigen leisen Worten.
1.5.2.38 Apollodor, Alexander Aphrodisiensis
Apollodor wird eine Bemerkung über einen Magier im persischen Heer zugeschrieben. »Es erschien bei ihnen ein Seher, der Orakel gab und gottbegeistert war, den erkannten sie als Magier an, der zum Verderben des Heeres beim Peloponnesischen Krieg gesandt war. Hippotes der Phylanter, der Sohn des Antiochos und Enkel von Herakles, gelang es, ihn mit dem Speer tödlich zu treffen.«[899] Die Wirkmacht des Magiers als Sieg heraufbeschwörendes Anrufen der Götter wird hier deutlich. Besonders der Miθra-Yašt 10 illustriert diese Anrufung zum Sieg.
Gleichfalls im 1. Jh.n.Chr. reflektiert der Aristoteliker Alexander Aphrodisiensis in seinem Kommentar zur Metaphysik des Aristoteles über das Gute bei den griechischen Philosophen: »Dies sind die Integrativen, wie Pherekydes, der das Wort des Pythagoras zitiert, das Gute sei auch das Beste und, wie man sagt, die Ursache und der Anfang von allem, so auch die Magier. Und sie machen dies nicht geringwertiger, als diese es verkünden.«[900] Er stellt damit die griechische Philosophie vom Guten als erster Ursache in eine Reihe mit der zarathuštrischen Lehre vom guten Schöpfergott. Daß er hierfür nicht die jüdische Tradition mit dem Sehr gut der Schöpfung anführt, zeigt, wie bestimmend der persische Einfluß auf die griechische Philosophie gewesen ist. Dieses Wissen und dieser persisch-griechische Dialog hallt noch zur Zeitenwende nach.
1.5.2.39 Flavius Arrian von Nikomedeia (» 180 n.Chr.)
Flavius Arrian (» 180 n.Chr.) aus Nikomedeia 50 km westlich von Istanbul am Marmarameer war Schüler des stoischen Kynikers Epiktets in Nikopolis und hat viele seiner Sentenzen und Diatriben protokolliert und wie das Encheiridion zur Kräftigung der Moral veröffentlicht. Selbst lebte er weniger bescheiden als Gouverneur Kappadoziens unter Kaiser Hadrian (117-38). 134 n.Chr. konnte er eine Invasion der Alanen zurückschlagen. Seine Geschichte des Alexanderfeldzugs ist in ihren 7 Büchern trotz der 500 Jahre Abstand so zuverlässig, weil er über die Aufzeichnungen des Alexanderhalbbruders und Generals Ptolemaios I. und die des Aristobul verfügt. Für die Indika verwertet er die Aufzeichnungen von Alexanders Flottengenerals Nearchos über seinen Einsatz im persischen Golf und Indien.
Er erzählt in seiner Anabasis Alexandri von der Beerdigung Kyros I.: » Mitten auf der Sänfte dort stand der Sarg mit dem Leib des Kyros. Er war innen umgeben von einer kleinen Kammer zum Tragen für den Trauerzug, gefertigt von den Magiern, die das Grab des Kyros bewachten, ferner von dessen Sohn Kambyses, der als Sohn neben seinem Vater die Totenwache beanspruchte.«[901] Die Magier haben also bei den Persern die Begräbnisse der Toten zu zelebrieren. Dies stimmt überein mit der iranischen Totenbegleitung über 3 Tage, cf 1.4.9 und 1.4.2.7.
Die Magier haben als Berater und Begleiter des Königs wie die griechischen Seher die Aufgabe, bei politischen Vertragsschlüssen die bekräftigenden Opferzeremonien zu vollziehen: »Bei [den Persern] sind von den anderen Völkern die Leute je nach ihrer Würde oder einer anderen Tugend in politischen Ämtern. Von ihrer Macht schöpfen sie und die um sie herum, wenn sie ihre Verträge schließen und die griechischen Seher oder die Magier das Opfer beginnen. Sie geloben unter anderem das Gute und Einmütigkeit und Gemeinschaft des Herrschens bei den Mazedoniern wie bei den Persern.«[902]
1.5.2.40 Barnabasbrief (98 n.Chr.), Didache, Johannesakten (2.Jh.)
Im antijüdisch-heidenchristlichen Barnabasbrief (96/98 n.Chr.) wird in einem Lasterkatalog neben der Pharmazie auch gegen Magie gehetzt, als Weg des ewigen Todes im Kontrast zum Weg des Lichts. »Der Weg des Schwarzen aber ist krumm und voll des Fluches. Denn er ist ein Weg des ewigen Todes mit Strafe, auf dem das ist, was ihre Seelen zugrunde richtet: Götzendienst, Frechheit, Machtdünkel, Heuchelei, Zweideutigkeit, Ehebruch, Mord, Raub, Hochmut, Übertretung, List, Schlechtigkeit' Selbstgefälligkeit, Giftmischerei' Zauberei, Habsucht, Verachtung Gottes.«[903] Dieser Vers ist übernommen in Didache 5,1.
In den Johannesakten gibt es im sekundären Anfangsteil über Romfahrt, Pathmosexil und Rückkehr nach Ephesus eine Magiergeschichte. Johannes küßt den Kaiser zur Ankunft auf Brust und Glatze, sagt, die Hand Gottes sei auf seinem Haupt. » Der König nahm verdrossen die Antwort des Theologen und sagte ihm: Mir kam über dich zu Ohren, daß du im ganzen Volk und am meisten bei den Ephesern herausragst in gewissen Phantasien und magischen Dingen beim Zaubern. Aber du verkündest auch einen anderen Gott und betest neben den realen Göttern die neben uns verehrten an. Ich will nur erkunden und wissen, ob der Gott, den du verehrst, zur Hilfe eilt. Darauf rief der König einen angesehenen Magier, einem Werkzeug des Diabolos, und sagte ihm: Bereite mir dieses Todesmittel, daß zu berühren schon tödlich wirkt. Als der Magier dies vom König gehört hatte, ging er und machte ihm das vom König Befohlene und brachte es ihm. Der König sprach: Gib es Johannes dem Galiläer. Und der Magier füllt den Becher und gibt ihn dem Theologen. Der nimmt das Gift und besiegelt es und ruft unseren Herrn Jesus Christus und trank ihn mit viel Freude. Er blieb in dem Ganzen ohne Leiden. Der König und der Magier und alle, die mit ihnen waren, flippten aus und bewunderten, wie der Theologe vom Gift ungelähmt bliebt. Der König ging nun und schalt den Magier, daß er ihm ihn die gewünschte Sterbehilfe nicht fachgerecht zubereitet habe. Der Theologie sagt zum König: König, sieh doch ein, daß das Todesmittel bewährt ist. Aber Christus und mein Gott, der uns sagte, daß das Tödliche die nicht schmecken, die an ihn glauben, nichts wird sie verletzen, er selbst hat dies und alle Zauberkünste des Diabolos und die Unsichtbaren von denen, die dieses abgewendet haben, und die unbewährten bewirkt. Wenn du die Wahrheit des Gesagten lernen willst, König, ruf doch einen Gefangenen von denen, die du im Kerker hast. Und wir werden die Wirkung des Todesmittels prüfen können. Als der König dies vom Theologen gehört hatte, macht er Dampf und holt einen Gefangenen und sagt dem Magier: Füll den Becher aus dem Todestrunk, gib ihm zu trinken. Der Theologe sagt: Nicht so, sondern spüle die Schale, die er austrank mit Wasser und gibt es ihm. Und wir werden sehen, wie er stirbt.«[904] Dieser stirbt und wird von Johannes wiedererweckt. Ebenso das frischverstorbene kaiserliche Zimmermädel. Trotz allem muß Johannes nach Pathmos in die Gefangenschaft. - Hier ist eine klare Verteufelung der Magier, die in Ephesus einen Anāhītā-Tempel betreuten. Magier werden in allen christlichen Schriften verteufelt - die Bethlehem-Geschichte ist die einzige Ausnahme. Aber auch Johannes gilt als Magier. So ist das ganze objektiv gesehen ein Magierkampf wie der von Petrus gegen Simon oder Mose gegen ägyptische Zauberer. Dies kann man geradezu als eine eigene Gattung von Missionsgeschichten bezeichnen. Die Magier sind Gehilfen des Teufels, die Christen mit ihren an Christus gerichteten Beschwörungsgesängen sind immer Sieger.
In den Acta Pauli predigt dieser in Ephesus wider die trinkunfähigen Götterstatuen dort, nur Holz, kein Gott, wird darob inhaftiert und nach einem Entfesselungswunder von den Ketten durch einen schönen Knaben nachts im Gefängnis tags drauf von Statthalter Hieronymus einem Löwen im Stadion vorgeworfen, zum Leidwesen seiner paulinisch entflammten taufwilligen Frau Artemilla, die findet, daß Paulus echt toll beten kann. Der Löwe kommt in die Arena und plaudert mit Paulus. Es ist zufällig der, der sich zuvor hatte von Paulus taufen lassen und seine Löwin nicht mehr anguckte. Die Menge will wissen, wie einer kämpft, der Gott besitzt, sie schreien: »Fort mit dem Zauberer, hinweg mit dem Giftmischer!«.[905] Als der Löwe keinen Appetit zeigt, soll er von Bogenschützen erschossen werden und andere wilde Tiere kommen herein, da beginnt ein Hagelsturm mitten vom blauen Himmel und erschlägt die Tiere und viele Schaulustige. Paulus und sein Löwe bleiben unversehrt. Zu Recht muß man Paulus hier magische Fähigkeiten zusprechen. Der Vorwurf der Magie gegen Christen als Grund ihrer Verfolgung und Liquidierung ist so gerechtfertigt wie gegen praktizierende Gläubige anderer Religionen und ein Stück Gerechtigkeit. Wie anderen Wundertätern erging es auch denen der Christen.
Verwunderlich ist beim Vergleich, daß die beiden letzten Geschichten in Ephesus spielen und einmal der Magier großes Ansehen genießt und pharmakologisch gebildet wohl auch der Leibarzt des Königs ist, während Paulus mit genau diesen Essentials belegt der Prozeß gemacht wird. Das heißt, die Acta Pauli setzen die Magier-Verfolgung bereits voraus, während zur Zeit der Johannes-Anekdote kein römischer Statthalter auftaucht, sondern eine parthische Hofszene mit Magier und Ordalritus, was einen starken persisch-parthischen Einfluß in Ephesus bedeutet.
1.5.2.41 Elkasais Täuferbewegung um 101 n.Chr. - Mani (216-277)
Im 3. Jahr des Kaisers Trajan (98-117) - also 101 n.Chr. - gründete der Prophet Elchasai vermutlich im Ostjordanland[906] eine gnostisch-judenchristliche Täufersekte, die Elkesaiten, die eine zweite Taufe zur Sündenvergebung und häufige rituelle Tauchbäder (bei Geisteskranken und Schwindsüchtigen 40mal in 7 Tagen) zelebrierten: Kinderschänder, Sodomisten, Homosexuelle, außerehelich Verkehrende, kurz: Sexual-Sünder lassen sich nach Anhörung des Buches sofort ein zweites Mal taufen »im Namen des großen und höchsten Gottes und seines Sohnes, des großen Königs... Er reinige sich und heilige sich und ziehe die sieben Zeugen bei, die in diesem Buche aufgezeichnet sind, den Himmel, das Wasser, die heiligen Geister, die Engel des Gebets, das Öl, das Salz und die Erde.« Das verweist auf bäuerliche Elementenlehre im Rahmen der 7 Weltelemente. Ähnlich springe, wer vom tollwütigen Hund gebissen, in den nächsten Fluß oder ein Wasserloch und beschwöre unter den sieben Zeugen-Elementen künftiges Unterlassen aller Sünden: Ehebruch, Diebstahl, Unrecht tun, Übervorteilen, Haß, Frevel, Lust auf Bosheit.[907] Mosaisches Gesetz, Beschneidung, Sabbat und Ehe heiligten sie, sahen in Jesus den Messias und Paulus das Schlitzohr und feierten das Abendmahl mit Brot und Salz statt Wein.
Die von Hippolyt genannte Traditionsfährte Elchesais ist Offenbarungsengelpaar Gottessohn und Heilig-Geist-Gefährtin -> Seres in Parthien -> Sobiai Täufergruppen -> Apameia (Syrien, Euphrat) -> Rom. Dazu stimmt, daß die Mandäer viele persisch-parthische Traditionen aufgenommen haben, mehr als babylonische. Syrien scheint eine Schaltstelle zwischen Parthern und Täufergruppen gewesen zu sein, wie auch die Pseudoklementinen zeigen.
Die Elkesaiten lehrten die wiederholte Inkarnation des Urmenschen, der zugleich oberster Erzengel ist. Die Vorstellung dieses Urmenschen ist die eines Riesen: »Eine gewisser Alkibiades, der in Apamea in Syrien ansässig war, ... begab sich nach Rom und brachte dabei ein Buch mit. Von dem behauptete er, es habe Elchasai, ein gerechter Mann, aus Seres im Partherlande bekommen und es an einen gewissen Sobiai (richtig: den Gebadeten, Getauften {(bc baden} gewidmet) weitergegeben. Besorgt habe es ein Engel. Dessen Länge betrug 24 Schoinen (260 km), Breite 4 Schoinen, die Entfernung von Schulter zu Schulter 6 Schoinen... Bei diesem Engel habe sich auch eine weibliche Gestalt befunden, deren Maße Alkibiades übereinstimmend mit den vorgenannten angibt. Die männliche Gestalt sei der Sohn Gottes, die weibliche werde als Heiliger Geist bezeichnet.«[908] Das archaische an dieser Urmensch-Schilderung ist beeindruckend. Hier sind kosmologische Vorstellungen nachgerade zu griffigen Visionsbildern angedickt. Zuletzt ist er in Jesus reinkarniert. »Und woher, sprach er, wußte ich die Maße? Davon, antwortete er, daß ich an den Bergen sah, wie ihre Köpfe heranreichten, und nachdem ich das Maß des Berges festgestellt hatte, kannte ich auch die Maße Christi und des Heiligen Geistes.«[909] Berge sind keine 260 km = 24 Schoinen hoch, aber immerhin sehr groß. Hier sind wieder die Ur-Zwillinge als syzygisches Himmelspaar, die Urriesen. Yima ist der erste, tausendjährig regierende König mit seiner Zwillingsschwester Yimak. Beide sind die ersten Menschen, unsterblich, vergöttlicht, Herrscher des Totenreichs und Sohn der Sonne.[910] Elchasai überträgt die iranischen Urmenschen auf Christus und seine Gattin. Hätte er Gayōmard als Urmenschen genommen, wäre die weibliche Begleiterin Sophia oder Heiliger Geist nicht unterzubringen gewesen. Daß er dieses syzygische Urpaar als Vision sieht, zeigt die indo-iranische Spur des Yima-Mythos, die koaliert mit der weisheitlichen Sophiatradition Spr 8,22ff. Daß Simon Magus ebenfalls diesen Mythos aufgreift und auf sich und Helena anwendet und seine Liebesbeziehung als Urpaar im Himmel beschreibt, ist eine Variante dieser Tradition im Täufermilieu.
Anders als im Zoroastrismus wird das Feuer als Trugbild kritisiert, womit aber die Fata morgana des sonnendurchglühten Wüstensandes gemeint ist, die fernes nah erscheinen läßt durch optische Brechung. »Kinder, geht nicht dem Trugbilde des Feuers nach, weil ihr dann in die Irre geratet! Denn das heißt irren: Du siehst es ganz nahe, und es ist doch ganz fern... folgt vielmehr der Stimme des Wassers!«[911] Die Täufer müssen also in Wüstengebieten östlich des Jordan, also im heutigen Syrien und Jordanien, gelebt haben.
Mani wurde am 14. April 216 geboren, vielleicht aus iranischem Adel. Sein Vater Pateg hatte eine Vision, worauf er einer Täufersekte am unteren Euphrat beitrat. Als Mani 4 Jahre alt war, holte er ihn zu sich, um ihn zum Täufer zu erziehen. Die Gruppe gehörte zu den Elkesaiten, denn Elkesai wird von Mani im Kölner Mani-Codex CMC[912] als »Führer eures Gesetzes« bezeichnet.[913] Dieser Mugtasila (Täufersekte) verdankt Mani seine asketische und eschatologische Ausrichtung. Elkesai sagt von der Erde: »Das ist das Fleisch und Blut meines Herrn«.[914] Dies ist Grundlage für Manis Lehre vom leidensfähigen Jesus. Die Lehre von den aufeinander folgenden Visionen der Apostel von Adam bis Paulus ist gleichfalls von Mani eingebaut.[915] Vielleicht hat er hier bereits die in seiner Kosmologie zentrale Astrologie kennengelernt. Von Jugend an hat er Visionen von einem geistig-himmlischen Doppelgänger, den er Syzygos nennt.[916] Die entscheidende hat er mit 25 Jahren, in der ihm vom Syzygos der Missionsbefehl gegeben wird.[917] Eine Erstvision mit 12 Jahren in einem iranischen Fragment gleicht seine Biografie der Jesu an, die Mani vielleicht im Sābuhragān vornahm.[918] Der Syzygos in CMC wird in Kephalaia 14,32 ff; 15,22f mit dem Parakleten identifiziert.[919] Doch ist in CMC zwischen einem helfenden Beschützer und dem Parakleten ursprünglich unterschieden.[920] Mani will Nachfolger Jesu sein und nennt sich Paraklet mit Joh 14,16.26; 15,26; 16,7. Wie Paulus ein Apostel der Auferstehung bei den Valentinianern[921] ist, wird Mani überbietend neuer Jesus.[922] Mani hat das Wort Elkesai's gekannt: »Ich bin Zeuge über euch am Tag des großen Gerichts«.[923] Er ist beim Gericht sowohl Vertreter Gottes als auch der Menschen. Mani verbindet also Täuferglaube, christliche Prophezeiung und eine im Gegensatz zu den Täufern vorhandene positive Stellung zu Paulus. Er fühlt sich als Vertreter Jesu im Gericht und Helfer seiner Gläubigen.[924]
Er gründete später seine eigene Kirche, berufen durch die Visionen eines himmlischen Zwillings seiner selbst, der ihm die Geheimnisse der Welt vor und nach dem Erdenaufenthalt offenbart. Neben Bewunderern hat er Gegner, die fragen, ob er zu den Griechen gehen wolle.[925] Er lehnt die Taufe von Körper und Speise ab, fordert Reinheit durch Gnosis, die in der Trennung von Licht und Finsternis besteht.[926] Man berief eine Synode ein, vor der er disputierte.[927] Er beweist, daß er Jesu Gebote achtet, und erklärt aus elkesaitischer Tradition, wie man sich gegenüber den Elementen der Erde benehmen muß und sie nicht schädigen darf.[928] Die Gemeinde verhaut ihn und läßt ihn nur auf Bitten des Pattikios gehen.[929] Die Heiligung der Element der Erde ist deutlich zoroastrische Tradition.
Nach seiner Indien-Mission 241 kommt er unter den Sassaniden zu erheblichem Einfluß. König Schapur I. (242-273) war ihm zugeneigt, ihm ist auch eines der ersten Werke Manis, das Schapurakan, gewidmet. Unter Bahram I. (274-277) fiel er aber in Auseinandersetzung mit einem Widersacher aus der zarathuštrischen Priesterschaft in Ungnade und wurde hingerichtet. Der Obermagier setzte Verhaftung Manis und Verurteilung durch den König durch. Fraglich ist, ob Mani erst unter Bahram verfolgt wurde oder ob er bereits unter Schapur Perioden des Mißfallens erlebt hat. Am 26. Februar 277 ist der Tag seiner Hinrichtung am Kreuz anzunehmen.[930] Seine Hinrichtung wurde von Anhängern der in vielen Ländern bereits verbreiteten manichäischen Religion als Martyrium aufgefaßt, das dem Opfertod von Jesus Christus entsprach.
Anfang des 4. Jhs. ist der Manichäismus in Rom, Dalmatien, Gallien, Spanien, Nordafrika, Ägypten und China nachweisbar. Staatsreligion wurde er im 8. Jahrhundert in Uigurien. In China sind die Ausläufer bis ins 17. Jahrhundert faßbar. Die 44 Kisten der Berliner Turfan-Funde von Chotscho (cf 1.3.4.) enthalten manichäische Texte des 8.Jhs. Die Funde von Medinet Madi von 1929 gehören inzwischen zum Hauptfundus der Manichäismusforschung, cf 2.5.15.
Die Doppelgänger-Seele Daēna belehrt auch in Hadōxt-Nask 2f, allerdings den Verstorbenen. Die Himmelsreisetradition als vorgezogenes Erleben der Nach-Tod-Szenerien antizipiert diesen avestischen Himmelszwilling visionär. Bis ins 4.Jh.n.Chr. lebten die Manichäer am Toten Meer als Sampsäer (Samyai=oi), Sonnenanbeter. Sie praktizierten Astrologie und Magie. Die Urmensch-Reinkarnation ist deutlich zervanistisch geprägt[931] und die Magie paßt dazu: hier ist eine judenchristliche Gruppe mit erheblichem persischen Erbe vorhanden und hat so auch lange existiert. Das „Buch des Elchasai“ wird von den Ebioniten gelesen.[932]
Elkesai sagt, er sei oft in Adam inkarniert gewesen und wird es auch wieder. Genau dies Motiv taucht trotz der Ablehnung von Simon Magus in den Pseudoklementinen wieder auf: Christus (= „der wahre Prophet[933]) ist in Adam und Moses reinkarniert. Einen Anklang gibt Rm 5,14: ¹Ada/m, o(/j e)stin tu/poj tou= me/llontoj. Der Urmensch, der das Verfehlen und Vergehen, Sünde und Tod initiierte, ist nicht nur Prototyp aller Menschen in Verstrickung und Vergänglichkeit, sondern auch Typos des Kommenden, der wiederum Prototyp der Gerechten und auferstehend Unsterblichen ist, die auch hier Rm 6 nur durch die Taufe Anteil am neuen Urmenschen Christus und seinem durch Hinrichtung erlangten ewigen Leben gewinnen können. Auch Paulus fängt diesen Zusammenhang von Taufe und Partizipation am ewigen Leben des neuen Urmenschen ein, der von Gott als Erlöser gesandt ist.
1.5.2.42 Justin (100-150 n.Chr.): Roms Kampf gegen Nekyomantie
Justin wurde im samarischen Flavia Neapolis nahe Sichem, heute Nablus, 100 n.Chr. geboren, konvertierte 130 von Stoa, Peripathetik, Pythagoreismus und Platonismus zum Christentum, lehrte nach der Flucht vor den Bar Kochba-Ausschreitungen gegen Christen nach 135 in Kleinasien und schließlich in Rom über den göttlichen Logos, wo er 165 unter dem Stadtpräfekten Quintus Junius Rusticus, der unter Marc Aurel von 163-168 im Amt war, das Martyrium durch Enthauptung erlitt, zusammen mit sechs seiner Schüler. Er vermittelte beidseitig zwischen Platonismus und Christentum, versuchte beides zu vereinen.
Sein berühmter teils autobiographischer Dialog mit Trypho[934], einem wohl erfundenen jüdischen Rabbi, und die beiden Apologien erwähnen Magier 14 Mal, magisch 10 Mal. Die Heimat Samaria vermittelte ihm bei aller hellenistischen Bildung auch das syrische Magiertum, wo Damaskus ein religiöses Zentrum gewesen zu sein scheint. Davon sind die Passagen über Magier geprägt, die in enger Nähe zum Mithrasmysterium die schärfste Konkurrenz des Christentums waren.
Im Dialog 69 werden die Magier in Ägypten als Buchautoren den falschen Propheten Israels gleichgestellt. Da es dort mehrere Schriften des Zoroaster gab, dürfte es sich um Magier mit iranischen Traditionen handeln, die aber chaldäische und griechische mit den ägyptischen mantischen Traditionen verknüpft haben. Weiter unten wird in 69 berichtet, daß Christus von den Juden als Magier und Betrüger abgetan wurde: Er »heilte die, die verstümmelt waren, und taub und lahm im Körper von ihrer Geburt und machte sie durch sein Wort springen, hören und sehen. Und die Toten erweckte er und ließ sie durch sein Wort leben. Er zwang die Männer, die zu dieser Zeit lebten, ihn zu erkennen. Aber, obwohl sie solche Taten sahen, erklärten sie es für magische Kunst. Sie trauten sich, ihn einen Magier und einen Volks-Betrüger zu nennen.«[935] Dies ist eine der wenigen Stellen wo aus der Kritik der Juden die enge Nähe Jesu zu den Magiern benannt wird.
Im Dialog 77-79, 88, 102f und 106 geht es immer wieder um die Magier aus dem Morgenland, die Jesus in der Krippe nicht im Stall, sondern einer Höhle bei Bethlehem anbeten. Nach den Mithras-Mysterien sagt nämlich der Stern die Geburt des Großen Königs in einer Höhle voraus. So kommen die Magier vom Orakel des Hystaspes (cf unten 1.7.3.1) geleitet dem Stern folgend nach Bethlehem: 78.5 e)lqo/ntej oi( a)po\ ¹Arrabi/aj ma/goi eu(=ron au)to/n. »Dann wiederholte ich die Passage von Jesaja, der niederschrieb, was auch jene Worte sagen, die den Mysterien des Miθras zugrundelagen: "er wird ins Werk gesetzt an einem von ihnen als Höhle benannten Ort, der vor ihnen verborgen ist und auch vom Teufel".«[936] Hier zeigt sich noch deutlich der Ursprung der Bethlehem-Geschichte aus dem Orakel des Hystaspes: Nicht lukanisch ein Stall oder matthäisch ein Haus, sondern die Höhle, die Geburtshöhle des Miθras und des Großen Königs. Höhle mit Quelle davor ist immer die Gebärmutter mit nasser Vagina.
Die Geschichte wird wie Mt 2 mit Stern über Bethlehem, Geburt des Christus in einer Höhle, nicht im Stall in der Krippe (Lk 2,7) oder im Haus (Mt 2,11), Suche und Anbetung des Kindes durch die Magier, Flucht nach Ägypten und Kindermord des Herodes erzählt als Erfüllung der Prophezeiung Jes 8, daß Damaskus und Samaria von den Assyrern entmachtet werden, noch ehe der frisch gezeugte Sohn der Prophetin mit dem ominösen Namen zaB $fx lflf$ r"ham (Raubebald Eilebeute) Mama sagen kann, wobei jetzt aber Christus der Neugeborene ist, dessen Sein schon als göttlicher Kindkönig die syrische Macht bricht, zu der auch die Magier als Repräsentanten der Volksreligion dieser Regionen gehören. »Die Macht von Damaskus wird genommen und geknechtet Samaria, und die dem schlechten Dämon gehorchen, der in Damaskus wohnt, so zeichnet [Jesaja] es voraus, werden besiegt für Christus, der zugleich geboren ist. Wie es prophezeit wurde, ist es gekommen. Denn die Magier, die gebunden waren für alle schlechten Taten durch die Macht dieses Dämon, kamen Christus anzubeten und zeigten, daß sie aufstanden aus den Fesseln seiner Macht, was im Mysterium uns bezeichnet wird, daß der Logos in Damaskus wohne.«[937]
Justin stellt die Magier als durch Christus vom bösen Dämon zum rechten Glauben bekehrte dar. Es ist ein Kampf beider Religionen um die Vormacht und tatsächlich war der Mithraskult über Jahrhunderte stärker als die Sekte der Christen. Wenn die Geburt Jesu in die Sonnenwende als Miθras-Geburtsnacht am 24.12. eingesetzt wurde, so ist hier diese Umtaufe der Geburt des göttlichen Königskindes bereits vorbereitet. Der Logos vertreibt den Dämon. Damit ist Christus als die den Magiern überlegene Macht herausgestellt. Der Hintergrund einer solchen Kraftprobe zwischen Christen und Magiern kann nur die Tatsache sein, daß die Magier in Syrien eine entscheidende Vormachtstellung innehatten, die auch im Mithraskult im gesamten imperium romanum zum Ausdruck kommt. Justin erwähnt Miθras in 70 als Felsgebürtigen in der Höhle[938] und gibt wieder den Schriftbeweis aus Dan 2,34ff und Jes 8,14, wo auch vom Stein des Anstoßes prophezeit wird, der die Welt erschüttert und zu einem riesigen Berg heranwächst. Die Mithrasgläubigen haben nach seiner Meinung nur die Prophetie des AT modifiziert und als eigene Tradition ausgegeben. Daß die Perser eigene Traditionen von Miθra hatten, will er nicht recht zulassen. Der wahre Stein kann ja nur Christus sein. Im Dialog 78 geißelt Justin die politische Blutherrschaft der untadelig fromm praktizierenden Mithrasgläubigen Roms, viele darunter hochrangige Staatsbeamte. Religiöse Reinheit und brutale Unterdrückung vertrugen sich also nicht nur im Christentum und Islam besonders gut.
Im Dialog 79 erwähnt er die Magier Ägyptens, die Mose nacheifern, wobei alle Götter der Heiden, also auch ihre, nach Daniel nur Dämonen sind. Die Intensität, mit der immer wieder die Magier als Anhänger eines Dämonen abgetan werden, offenbart nur die scharfe Konkurrenz beider Sekten, die in Samaria aufeinandergetroffen sind, die Simonianer und die Christen. Daß sie schließlich durch Christi Geburt bekehrt wurden und (mit Paulus?) in Damaskus der Logos Einzug hält, wird letztlich wiederlegt durch den Massenerfolg, den Simon Magus hatte. Im Dialog 120 wird dessen große Bedeutung als Gott in Samaria kritisiert. Daß er sich für die große Kraft Gottes hält über jeder anderen, wird hier noch einmal betont. »Denn ich machte keine Bemerkung über irgendeinen meiner Leute aus Samaria, als ich einen Briefwechsel mit Caesar hatte, habe aber angegeben, daß sie irrten beim Glauben an den Magier Simon aus ihrer eigenen Nation, über den sie sagen, er sei der Gott über jedem anderen Ur-Prinzip, Macht oder Gewalt.«[939] Er spielt auf die Apologie I,26f an, wo er detailliert über Simon berichtet.
In der Apologie sagt er zur Totenbeschwörung der Magier, sie sei ein Beweis für das Weiterleben den Seelen der Verstorbenen: » Denn Nekyomantie und die Vergöttlichungen unbefleckter Kinder und die Anrufungen menschlicher Seelen und die von den Magiern gerufenen Traumboten und die Paredroi (Assistenten/Medien) und was geworden ist aus denen, die dieses gesehen haben - Glauben Sie uns, daß auch nach dem Tod die Seelen in Wahrnehmung sind und die Seelen der Toten werden genommen und Menschen herabgestürzt, die man alle Dämonen-Besessene oder Wahnsinnige nennt. Und die von euch genannte Mantik des Amphilochos und Dodones und Python und dergleichen und die aufgeschriebenen Lehren von Empedokles und Pythagoras, Platon und Sokrates - alldas ist von gleicher Art, und die Grube von Homer und der Abstieg von Odysseus zum Inspizieren dieser Dinge, und alles, was darüber geäußert wurde. Wie diese solltet Ihr auch uns gleichermaßen anerkennen, die wir nicht weniger, sondern fester als sie an Gott glauben, die wir erwarten, auch unsere sterblichen und in Erde geworfenen Leiber einst zurückzubekommen. Unmögliches gibt es nicht für Gott, wie man sagt.«[940]
Hier steht die Philosophie der Orphik ganz zu Recht in der Reihe der Magier-Tradition und Justin als Platoniker kennt und bejaht diese Vorstellung. Das Herabstürzen der von bösen Geistern Besessenen kann das Bild der Cinvat-Brücke transportieren, von der im Gericht die Seelen der Ungerechten in den Abgrund der Hölle gestoßen werden. Der Seelenweg nach dem Tod ist gemeinsames Thema von Orpheus und den Totenbeschwörern der Magier und die Gerichtsvorstellung deutlich persisch.
1.5.2.43 Apuleius von Madaura (124-180 n.Chr.)
Apuleius (124-180 n.Chr.) stammt aus Madaura in Numidien (Algerien) und wurde als Philosoph, Redner, Dichter und ab 160 in Karthago Provinzialpriester berühmt. Er wurde wegen »magicorum maleficiorum«[941] angeklagt - es drohte die Todesstrafe. Der Prozeß fand 158 in Sabrata, einer Küstenstadt westlich Tripolis, vor dem Richterstuhl des philosophisch gebildeten Claudius Maximus statt. Er nimmt in seiner Verteidigungsschrift Stellung zur Anklage seines Schwagers Sicinius Aemilianus wegen schwarzer Magie, durch die er seine viel ältere und steinreiche Gattin Pudentilla nach 13 Witwenjahren heiratswillig (41; 79f) und seinen Stiefsohn Pontianus getötet haben soll. Es ist ein Racheakt seines Schwagers wegen eines Rechtstreits um den Erbteil von Apuleius' Gattin, auf den Aemilianus erpicht war. Mit Ironie und sophistischer Brillanz macht er die Anklage lächerlich. Er strahlt dabei eine kynische Einfachheit aus. Vom Mordverdacht blieb schließlich nur noch der Magievorwurf bestehen. Liebesgedichte an zwei verwandte Kinder oder Fische mit sexuellen Namen für Liebeszauber sind aber kein Beweis für Magie. Er deutet an, daß er die Fische seziert habe aus wissenschaftlicher Neugier und nicht etwa für die Eingeweideschau.(32-41;99) Von ihm latinisierte griechischen Fischartennamen (z%to/ka kai\ %)to/ka) klingen dem Aemilianus wie ägyptische oder babylonische Zauberformeln. »iam me clamabis magica nomina Aegyptio uel Babylonico ritu percensere«. (38) Eigenartigerweise eben keine persischen Zauberformeln, weil offenbar Babylon und Ägypten die Hochburgen der Zauberei waren, was noch einmal auf andere Weise verdeutlicht, daß die persischen Magoi von Haus aus nicht die Erfinder der Zauberei waren, da ihre Rituale der Abwehr von Infektionskrankheiten der druj nasu und nicht dem Liebeszauber reicher Lüstlinge verpflichtet waren. Ein Skelett, was er zu Zauberzwecken immer dabei haben soll, entpuppt sich als zierliches Götterbild.(63) Apuleius sieht den Prozeß als Gelegenheit, den Ignoranten die Philosophie nahezubringen. »uerum haec ferme communi quodam errore imperitorum philosophis obiectantur, ut partim eorum qui corporum causas meras et simplicis rimantur irreligiosos putent eoque aiant deos abnuere, ut Anaxagoram et Leucippum et Democritum et Epicurum ceterosque rerum naturae patronos, partim autem, qui prouidentiam mundi curiosius uestigant et impensius deos celebrant, eos uero uulgo ma/goj nominent, quasi facere etiam sciant quae sciant fieri, ut olim fuere Epimenides et Orpheus et Pythagoras et Ostanes, ac dein similiter suspectata Empedocli kaqarmoi/, Socrati daimo/nion, Platonis to\ a)gaqo/n. gratulor igitur mihi, cum et ego tot ac tantis uiris adnumeror.«[942] Deutsch: »Gern strengt man Verfahren gegen Philosophen an, ein gängiger Irrtum von Ignoranten. Sie denken, einige Philosophen seien irreligiös und verachten die Götter, weil sie die einfachen Ursachen der Natur erkunden, wie Anaxagoras, Leukipp, Demokrit und Epikur und die übrigen Liebhaber der Naturprozesse. Die aber die Vorhersagbarkeit des Weltlaufs sorgsam erforschen und die Götter ausgiebig verehren, die nennen sie Magier in vulgärer Weise, tun sogar wissend, als wüßten sie, was sie geschehen wird, wie Epimenides, Orpheus, Pythagoras und Ostanes einst geschah, und später waren ähnlich suspekt die Katharmoi des Empedokles, das Daimonion des Sokrates und das Gute bei Platon. Gratuliert mir also, wenn auch ich zu den großen Männern hinzugezählt werde.«
In der Apologie 25f schreibt er über die Magierausbildung der Perser als Eliteschule höchsten Ranges als Vorbereitung auf das Privileg, die gottesdienstliche Verehrung der Himmelsgötter begehen zu können: »quid sit magus. Nam si, quod ego apud plurimos lego, Persarum lingua magus est qui nostra sacerdos, quod tandem est crimen, sacerdotem esse et rite nosse atque scire atque callere leges cerimoniarum, fas sacrorum, ius religionum, si quidem magia id est quod Plato interpretatur, cum commemorat, quibusnam disciplinis puerum regno adulescentem Persae imbuant -- uerba ipsa diuini uiri memini, quae tu mecum, Maxime, recognosce: di\j e(pta\ de\ geno/menon e)tw=n to\n pai=da paralamba/nousin ou(/j e)kei=noi basilei/ouj paidagwgou\j o)noma/zousin! ei)sh\n de\ e)xeilegme/noi Persw=n oi( a)/ristoi do/cantej e)n h(liki/a te/ttarej, o(/ te sofw/tatoj kai\ o( dikaio/tatoj kai\ o( swfrone/statoj kai\ o( a)ndreio/tatoj w(=n o( me\n magei/an te dida/skei th\n Zwroa/strou tou= ¹Wroma/zou! e)/sti de\ tou=to qew=n qerapei/a! dida/skei de\ kai\ ta\ basilika/. [26] auditisne magiam, qui eam temere accusatis, artem esse dis immortalibus acceptam, colendi eos ac uenerandi pergnaram, piam scilicet et diuini scientem, iam inde a Zoroastre et Oromaze auctoribus suis nobilem, caelitum antistitam, quippe qui inter prima regalia docetur nec ulli temere inter Persas concessum est magum esse, haud magis quam regnare. idem Plato in alia sermocinatione de Zalmoxi quodam Thraci generis, sed eiusdem artis uiro ita scriptum reliquit: ta\ de\ e)p%da\j ei)=nai tou\j lo/gouj tou\j kalou/j. quod si ita est, cur mihi nosse non liceat uel Zalmoxi bona uerba uel Zoroastri sacerdotia? sin uero more uulgari eum isti proprie magum existimant, qui communione loquendi cum deis immortalibus ad omnia quae uelit incredibili[a] quadam ui cantaminum polleat, oppido miror, cur accusare non timuerint quem posse tantum fatentur.« Etwas deutscher: »Was ist ein Magier? Wie ich bei den meisten lese, der Magier ist im Persischen wie bei uns der Priester. Was ist es denn für ein Verbrechen, Priester zu sein und Riten zu kennen und zu wissen und die Gottesdienstordnung zu nennen, die Ausführung der Opfer, die Gesetze der Religion - besonders wenn sogar dies schon Magie ist, was Platon gedeutet hat, wenn er erinnert, wie sich in diesen Disziplinen die im Perserreich aufwachsenden Knaben vertraut machen. Ich erinnere die genauen Worte des Gottes-Mannes, erwäge sie mit mir, Maximus: "Mit 14 Jahren übernehmen sie das Kind, die jene Könige als Pädagogen ernennen. Sie werden ausgesucht unter den Persern und von den besten in einem Jahrgang werden 4 angenommen. Der weiseste und gerechteste, besonnenste und mannhafteste von ihnen lehrt die Magie des Zoroaster, des Sohnes des Oromazdes. Das ist der Gottesdienst. Er lehrt auch die Königskompetenzen." - Sobald du das Wort Magie hörst, machst du kopflos eine Anklage daraus, es ist eine von den Göttern akzeptierte Kunst, die Einführung in ihre Verehrung und Gottesdienst, ein frommes und - wenn es man so will - Wissen des Göttlichen, ehrwürdig bereits seit Zoroaster und Oromazus, ihren Gründer, - Magie, die Priesterin der Himmel, welche freilich nur gelehrt wird unter den Ersten des Reiches und es wird nicht irgendeinem Perser ohne weiteres erlaubt, Magier zu werden, so wenig wie König zu werden. So sagt Plato in einem anderen Dialog über Zalmoxis, einen Thraker, aber aus gleicher Zunft wie Zoroaster: "Anbetungslieder sind schöne Texte." - Wenn dem so ist, warum darf ich nicht die guten Worte von Zalmoxis oder Zoroasters Priesterdienst studieren? Aber meine Ankläger halten, wie es gewöhnlich geschieht, nur denjenigen für einen eigentlichen magus, der durch mündlichen Verkehr mit den Göttern alles, was er will, durch die unglaubliche Kraft seiner Gesänge erreichen kann.«
Die Macht der Magodie wird auch hier betont. Die singende Anbetung Ahura Mazdās, aller Yazata und Fravaši muß zu einer außergewöhnlichen Intensität der persischen geistlichen Musik geführt haben. Das Singen ist eine der wesentlichen Praktiken des Magiers und scheint die drogenmäßige Wirkung nicht verfehlt zu haben, die Aristoxenos attestierte. Wäre er wirklich fähig, durch die Macht der Götter Mirakel zu bewerkstelligen, wäre es ihm auch ein leichtes, die Ankläger zu vernichten.
Auch die Behexung eines Knaben als Paredros einer Seance an einem geheimen Ort mit Altar und Lampe vor einigen Augenzeugen wird ihm angelastet. Apuleius habe eine Zauberformel gesungen und der Knabe fiel in Trance und konnte sich später an nichts mehr erinnern. Selbst der große Varro sei zu Ciceros berühmten der Mantik verschriebenen Berater Nigidius Figulus gegangen nach Diebstahl seiner 500 Denare, der habe einen Paredros mit einer Zauberformel zum Medium gemacht und der Knabe habe die Fundorte der geteilten Beute minutiös angegeben.(42) Er bekennt sich aber zum daimo/nion Platons, dem medialen Zwischenbereich zwischen menschlichem und göttlichen, in dem solche Prophetie in Trance möglich ist. »Haec et alia apud plerosque de magiis et pueris lego equidem, sed dubius sententiae sum, dicamne fieri posse an negem, quamquam Platoni credam inter deos atque homines natura et loco medias quasdam diuorum potestates intersitas, easque diuinationes cunctas et magorum miracula gubernare; quin et illud mecum reputo posse animum humanum, praesertim puerilem et simplicem, seu carminum auocamento siue odorum delenimento soporari et ad obliuionem praesentium externari et paulisper remota corporis memoria redigi ac redire ad naturam suam, quae est immortalis scilicet et diuina, atque ita uelut quodam sopore futura rerum praesagare.«(43) Also: »Aber ich glaube persönlich auch, daß der menschliche Geist, vor allem ein kindliches, naives Gemüt, durch die Lockung von Gesängen oder durch entspannende Düfte eingeschläfert werden kann und den Körper verläßt, wobei er die Umwelt und auch den Körper vergißt und für kurze Zeit zu seiner wahren Natur zurückkehrt, die eben unsterblich und göttlich ist, und daß er in diesem schlafähnlichen Zustand die Zukunft vorhersagen kann.« Ein Medium des Göttlichen und seiner Schönheit müßte selbst schön, gesund und makellos sein; sein „Paredros“ Thallus aber ist Epileptiker und am ganzen Kopf von Sturzwunden seiner täglich 4 Anfälle übersät. Die „Seance“ war ein ärztlicher Heilungsversuch, keine Orakelsitzung.(43)
Apuleius
weiß also um die hypnotische Wirkung des magischen Gesanges
und hat ihn als
krampflösend appliziert. Hier ist die Magodie
eindeutig hypnotische
Entspannungstechnik, die vor-
und unbewußte Dimensionen des Bewußtseins durch
Einschmelzen der zensorischen Instanzen
zugänglich macht, aus denen heraus das Göttliche
sprechen kann.
»Pythagoram plerique Zoroastri sectatorem similiterque magiae peritum arbitrati tamen memoriae prodiderunt, cum animaduertisset proxime Metapontum in litore Italiae suae, quam subsiciuam Graeciam fecerat« Apuleius beklagt das Unwissen über die wirklichen Zusammenhänge. »Die meisten halten Pythagoras für einen Anhänger von Zoroaster und einen Magie-Experten. Nichtsdestotrotz bemerken sie, daß er nahe Metapontum an der italienischen Küste eine Art Tochterstaat Griechenlands aufgemacht hat.« (31,2) Gemeint ist Kroton.
Carmendas, Damigeron, Moses, Iannes, Apollobeches, Dardanos[943] und die Magier in der Tradition von Zoroaster und Ostanes zählt er auf. Wie sie soll er sein, nur weil seine Frau einmal in einem Liebesbrief geschrieben hat, er habe sie verzaubert, er sei ein Magier, so heiß sei sie auf ihn: »ego ille sim Carmendas uel Damigeron uel - his Moses uel Iohannes uel Apollobex uel ipse Dardanus uel quicumque alius post Zoroastren et Hostanen inter magos celebratus est.«(90,6) Die Namen der Ostanes-Schule von Memphis (cf 1.5.2.33) markieren deren breite Wirkungsgeschichte. Eine Metapher wird wörtlich hebephren mißdeutet von Verwandten, denen die Abstraktionskraft zum Verstehen von Gleichnissen fehlt.
Allein die Nennung von Magiernamen erzeugt einen Tumult im Gerichtssaal, die Sachkenntnis wird Apuleius vom Volk als Insiderwissen angelastet.(91,1) Er spiegelt Zeitgeist wieder: Magie wird als Verbrechen angeklagt und verfolgt. »Audesne te ergo, Aemiliane, cum Auito conferre? quemme ille bonum uirum ait, cuius animi disputationem tam plene suis litteris collaudat, eum tu magiae maleficii criminis insectabere?« »Traust du dich, Aemilian, dich mit Avitus zu vergleichen? Willst du den, den Avitus Gott nennt, wegen des Verbrechens schwarzer Magie anklagen, dessen ganze Charakterart er in seinen Briefen so hoch preist?« (96,6)
Apuleius zeigt, daß die Magier quasi eine hohe Theologie der persischen Staatsreligion vertreten und in keiner Weise gleichzusetzen sind mit den in Babylonien und Ägypten lebenden Magiern, die sich der dort ansässigen Zauberei teilweise angeschlossen haben, besonders der Totenbeschwörung und den Liebeszaubern, die so populär sind, daß sie auch in Lybien bekannt waren und Apuleius unterstellt werden konnten. Die erkennbaren Tumulte im Gerichtssaal zeigen, welche hohe Sprengkraft die Magie bereits 150 n.Chr. hatte. Es ist ein Vorgeschmack der Inquisition gegen die Hexen im Mittelalter.
Apuleius ist zum Isiskult übergetreten; das 11. Buch der Metamorphosen beschreibt diesen ausgiebig.[944] In den Metamorphosen geht es romanhaft und u.U. autobiographisch um einen Lucius, der nach Thessalien gereist dort von Hexen Magie lernen will. Im thessalischen Larissa werden die Leichen bewacht, damit nicht die Hexen vor der Beisetzung noch ein paar Leichenteile für ihre Rezepturen amputieren oder die Gesichter abnagen mit spitzem Zahn.[945] Lucius übernimmt angesichts leerer Taschen für gutes Geld diesen Job. Bei der Übergabe wird protokolliert, daß Nase, Augen, Ohren usw. vollständig vorhanden sind, weil der Leichenwächter bei Verlust solcher Teile an Hexen selbst das fehlende abgeschnitten bekommt. Dann wird sein toter Patient von Hexen attackiert, die als Wiesel ins Trauerzimmer eindringen und ihn einschläfern, auf dem Weg zum Grab behauptet der Onkel, sein Neffe sei von der Gattin wegen seines Vermögens vergiftet worden, was diese mit ihrem Liebhaber verprassen wolle, der Beweis soll durch den ägyptischen Star-Nekyomanten Zatchlas in weißer Toga mit Palm-Sandalen und Priester-Glatze erhoben werden, der die Leiche mittels eines Krautes auf ihren Lippen und Gebeten nach Osten zur Sonne reanimiert. Wie ein guter Orphiker schimpft der junge Mann, er habe schon vom See der Lethe getrunken und den Styx überquert, er will jetzt seine Ruhe haben. Zatchlas droht mit den Furien, der Tote bestätigt die Vergiftung wegen des Nebenbuhlers, die Gattin bestreitet alles, da erzählt er, Lucius habe im Schlaf gewandelt statt der bewachten Leiche, als ihn die Hexen riefen, und statt der Leiche haben sie ihm die Nase und Ohren abgeschnitten und Wachsprothesen angeklebt. Das bestätigt sich zur Verwunderung von Lucius, dem die Wachsohren abfallen. Er hat für seinen Lohn Nase und Ohren verloren und läuft niedergeschmettert von dannen.
Später verliebt sich Lucius in Photis, die Magd einer Starhexe. Sie soll ihn in einen Vogel verwandeln und versehentlich wird er Esel, es war die falsche Salbe. Das einzige Gute dieser Verwandlung: auch der Schwanz ist kräftig gewachsen, aber etwas zu dick für Photis. Das Rosenessen als Gegenmittel wird immer wieder durchkreuzt und er leidet das übliche Gequältwerden der Tiere, bis Isis ihn erlöst und rückverwandelt, worauf er sich ihr weiht und beitritt. Auch der pseudoklementinische Roman zeigt die große Neugier der jungen Intellektuellen für die ägyptische Magie der Spätantike. Apuleius erzählt den Roman mit sartirischem Witz. In der Distanz zur Magie, die diese groteske Schilderung schafft, kann er verbergen, wie sehr er wirklich von der Wirkung der Magie überzeugt ist.
1.5.2.44 Nekyomantie-Hexen und kannibalische Unterwelt in Zauberpapyri
Sueton erzählt 122 n.Chr. in seiner Vita Neronis 16,2 von den Christen, sie seien bestraft worden als Menschengruppe mit einem neuen Aberglauben und Verbrechen: »afflicti suppliciis Christiani, genus hominum superstitionis nouae ac maleficae«. In der Oberschicht war die niedere Magie, Goetik, Kräuterhexen und Pharmazie gegenüber der Theurgie der Intellektuellen verpönt; entsprechend grotesk werden von Schreibkundigen deren Praktiken geschildert. Die Christen wurden anfangs von Rom aus in diesem Kontext der niederen Magie gesehen.[946]
Tacitus schildert 115 n.Chr. in den Annales die Verfolgung des christlichen Aberglaubens als Menschenhasser: »Nach dem Brand erhob sich ein Gerücht, daß Nero ihn geplant habe. Um das Gerücht zu beseitigen, sorgte Nero für Sündenböcke, und er unterzog stärksten Torturen diejenigen, die der Mob Christen nannte und wegen ihrer Verbrechen haßte. Der Gründer dieser Bewegung, Christus, war unter der Regierung des Tiberius durch den Prokurator Pontius Pilatus hingerichtet worden. Eine Zeitlang unterdrückt, lebte der unheilvolle Aberglaube wieder auf, nicht nur in ganz Judäa, wo die Krankheit ausgebrochen war, sondern auch in ganz Rom, wo von überall her alle abscheulichen oder schändlichen Dinge zusammenfließen und praktiziert werden. Infolgedessen wurden jene zuerst ergriffen, dann wurde, aufgrund ihrer Auskunft, eine riesige Masse verurteilt, nicht so sehr wegen Brandstiftung als wegen Hasses gegen die menschliche Rasse.«[947] Menschenhaß meint das Essen des Leibes Christi. Dies war ein Akt des Kannibalismus. Die Einsetzungsworte lassen keinen Zweifel an der Realität des Leibes Christi im Brot. Man darf es nicht als symbolisch herunterreden wie Calvin gegen Luther und den Papst. Es ist Kannibalismus. Denn die symbolische Realität ist so wirklich wie alles politische Handeln in Symbolen. Sonst wäre ein Kniefall vorm Caesarenstandbild doch keine Schande gewesen. Das Symbol vollzieht Realität. Darum ist das Abendmahl Kannibalismus. Die Römer straften dies im Kampf gegen den Kannibalismus, der im Rahmen der Nekyomantie bekannt wurde und der nur im heimlichen Abschneiden von Augen, Ohren, Nasen und Zungen Verstorbener durch Hexen bestand. Die Sinnesorgane und Sprechorgane waren mehr als alle anderen Leichenteile geeignet, die Toten mit ihrem im Totenreich erweiterten Wissen um die Zukunft sehen und sprechen zu lassen in den Ritualen und Rezepturen der Nekyomantie. Es ging hier nicht um Teilhabe an der Kraft des Geopferten wie in den Gefangenenschlachtungen der Inkas oder der Stier- und Pferdeopfer indoiranischer Prägung. Auf diesen Verbrechen stand aber Todesstrafe, wie im Prozeß gegen Apollonius und Apuleius zu sehen. Man wollte diesen Aberglauben ausrotten.
Iuvenal (60-140 n.Chr.) wurde von Domitian als Garnisonskommandant nach Assuan beordert und schildert in seiner 15. Satire, wie 127 einer aus Dendera von Leuten aus Ombi getötet und verspeist wurde.[948]
Dabei ist der Menschhaß ein Begriff, der häufig mit Kannibalismus verbunden war. Lucan (39-65) schildert in seinem unvollendeten Epos Der Bürgerkrieg oder auch Pharsalia VI. 697-711 eine menschfleischfressende thessalische Hexe Erictho, die in verlassenen Grüften haust, selbst Unterweltreisen macht und auch Tote aus der Unterwelt hervorruft und zwingt, in ihren Körper zurückzukehren. »Sie betet nicht zu den himmlischen Göttern, ruft keine hilfreichen göttlichen Mächte mit Bittgesängen an, will nichts von Eingeweiden als Sühneopfer wissen; nein, sie liebt es, Flammen, in denen Leichen verbrannten und Weihrauch, den sie vom lodernden Scheiterhaufen stahl, auf Altäre zu legen. Schon beim ersten Wort ihres Gebets gewähren ihr die Himmlischen jede Schandtat, denn sie zittern davor, den zweiten Zauberspruch hören zu müssen. Menschen, die noch atmen und ihre Glieder regen, verscharrt sie in Gräbern... Sie bringt Tote aus den Gräbern zurück und Leichen fliehen vor dem Tod. Die rauchende Asche, das noch glimmende Gebein junger Männer... reißt sie vom Scheiterhaufen.... und schwelende Stücke, die nach verbranntem Fleisch riechen... Mit den Zähnen zerbeißt sie den Henkerstrick und Knoten, pflückt Leichen vom Galgen, schabt Kreuze ab und reißt das vom Regen zerfetzte Fleisch und die in der voll darauf scheinenden Sonne gesottenen Eingeweide weg. Sie beschafft sich die Nägel, die in Hände eingeschlagen waren, die aus allen Gliedern tropfende Verwesung und den geronnenen Eiter; sie hängt sich an Muskeln, die ihrem Biß widerstehen.«[949] Nach der Feuerbestattung und den Hinrichtungen kommt eine avestische Leichenaussetzung an Wölfe oder Geier. Sie wartet, bis der Wolf die Leiche zerreißt und zerrt ihm die Fleischbrocken aus dem Maul.
Anscheinend ist die iranische Bestattungsart im Römerreich praktiziert. Das auch von Apuleius als Hexenland ausgewiesene Thessalien südlich von Makedonien war immerhin seit 512 v.Chr. Nachbarland des bis Makedonien reichenden persischen Reiches. Zur Besatzerverwaltung gehörten immer auch Magier, die auf korrekte Bestattung ihrer Landsleute Wert legten. Sextus Pompeius hatte weniger an Traumdeutung, Astrologie und Orakeln Interesse als vielmehr an Nekromantie, wenn es um Vorhersagen für die Kriegsführung seines Vaters geht, der vor 67 v.Chr. in den Feldzügen gegen Mithridates im noch von Sulla errichteten römischen Winterlager nahe der Stadt der thessalischen Hexen residiert. »Die thessalische Erde bringt nämlich auch giftige Kräuter hervor und Steine, die es spüren, wenn die Magier ihre schrecklichen Formeln singen. Dort wachsen massenweise Pflanzen, die selbst den Göttern Gewalt antun können.... Hat das widerliche Gemurmel einmal die Sterne erreicht, so öffnen selbst das persische Babylon und Memphis mit seinen Geheimnissen alle Tempel ihrer alten Magier vergeblich: die thessalische Hexe wird die Götter von fremden Altären locken.«[950] Daß nicht Susa oder Ekbatana, sondern Babylon und Ägypten mit Memphis als Sitz der alten persischen Magier genannt wird und ihre Tradition der Tempel mit Feueraltären nichts ist gegen die thessalischen Hexen, zeigt nebenbei, daß über die Route Susa-Babylon-Israel-Ägypten die Magier der Perser so prägnant in Babylon und Ägypten vertreten waren, daß sie um die Zeitwende zu Klassikern der Zauberei geworden sind. Daß man keine Feuertempel in Ägypten gefunden hat, ist nach der islamischen Zensur aller Feueranbeter kaum verwunderlich; sie dürften gründlich vernichtet worden sein.
Die Hexe Erictho versteht sich ebenfalls auf die Eingeweideschau. »Ihre Hände begehen Mord auf Mord, wenn sie frisches Blut braucht, das zuerst aus einer aufgeschlitzten Kehle sprudeln muß..., und ihr grausiges Mahl fordert Eingeweide, die noch zucken. Sie öffnet einen Mutterleib und zieht die Geburt auf unnatürlichem Weg heraus, um sie auf einen brennenden Altar zu legen.«[951] Stirbt ein Verwandter, legt sie sich auf ihn, küßt die Leiche und beißt ihr die Zungenspitze ab und murmelt zwischen die erkalteten Lippen »eine grausige Geheimbotschaft zu den Schatten des Styx.«[952] Sie lüstert nach den leckeren Leichen der Krieger und Könige und wünscht möglichst viele Schlachten und Tote im Angesicht der pharsalischen Gebirgskette, auf der sie neue Zauberformeln erfindet, die selbst den Mond auf die Erde zwingen und ihn seinen giftigen Schaum auf die Pflanzen tropfen lassen.
Sextus Pompeius kommt nun und bittet Erictho um ein Kriegsorakel. Sie bietet sogar an, den Sieg zauberisch zu gewährleisten. Wenn es aber nur um die Zukunftsprognose geht, reicht die Befragung einer noch warmen Soldatenleiche: »Doch da frische Leichen massenweise vorhanden sind, ist es einfach, einen Toten vom Boden Thessaliens aufzulesen; so wird der Mund einer noch warmen Leiche mit voller Stimme sprechen«, denn ausgedörrte Leichen nuscheln leider allzu oft.[953] Erictho sucht eine Leiche mit strammer Lunge aus dem von Geiern und Wölfen bereits angefressenen Pool der Leichen heraus und läßt ihn in eine faulig nach Verwesung stinkende Höhle schleppen. Sie zieht ein buntes schillerndes Gewand an, löst ihre wirren Locken. Sie füllt die Brust des Soldaten durch neue Einstiche mit kochendem Blut, Mondsaft, Geifer toller Hunde, Luchseingeweide, Hyänenwirbel, Hirschmark, Drachenaugen, Schlangenhaut und Asche des Phönix, als auf einem Altar verbrannter Raubvogel. Dazu noch diverse Kräuterblätter. Nun beginnt sie mit dem Beschwörungsgesang, der Epiklese der Unterweltgötter, die den Leib belebten sollen. Es klingt wie Wolfsgeheul, Angstschreien der Eule, Pfeifen und Röhren wilder Tiere und Schlangenzischen. Diese Nomina barbara der Schamanen dürften sicherlich authentisch sein, auch die Rezeptur ist von Plinius' Naturalis Historia nicht verwunderlich, sind doch alle Zutaten Symbole der hervorstechenden Eigenschaften dieser Tiere, die sie als somatischen Extrakt einfüllt und als Hilfsgeister in ihrer Tiersprache herbeiruft. Sie sollen mithelfen, den Leichnam wieder zu beleben.
Der Typus dieser Hexen ist demnach sehr deutlich schamanischer Natur.[954] Auch das Opfer von Tieren oder Menschen ist der schamanischen Logik nicht fremd. Verwunderlich ist eher, daß diese Schamaninnen quasi mitten in Griechenland ansässig sind und nicht bei den Skyten oder Massageten. Sie ruft Hades und Persephone als dritte Gestalt von Hekate[955] herbei, dazu den Torhüter, der die Eingeweide dem Kerberus vorwirft, die Erinnyen und den Fährmann Charon. »Styx et quos nulla meretur Thessalis Elysios; caelum matremque perosa Persephone, nostraeque Hecates pars ultima, per quam manibus et mihi sunt tacitae commercia linguae, ianitor et sedis laxae, qui uiscera saeuo spargis nostra cani, repetitaque fila sorores tracturae, tuque o flagrantis portitor undae, iam lassate senex ad me redeuntibus umbris, exaudite preces. si uos satis ore nefando pollutoque uoco, si numquam haec carmina fibris humanis ieiuna cano, si pectora plena saepe deo laui calido prosecta cerebro, si quisquis uestris caput extaque lancibus infans inposuit uicturus erat, parete precanti.« Begleiter von Hades waren Hekate und die drei Erinnyen, oft neben seinem Thron stehend abgebildet.
Hekate (Entfernte) ist eine alte chthonische, Göttin der Nacht (= Selene), der Unterwelt (= Persephone), der Jugend (= Artemis), der Wege und der Zauberei.[956] Hekate mit ihren Statuen an Wegkreuzen begleitet die Reisenden mit ihrer Fackel nachts und so auch die in die Unterwelt reisenden Verstorbenen, ist Seelengeleiterin der Toten. Sie fusioniert Selene, Persephone und Artemis und wird auch dreigestaltig auf Gemmen und Amuletten dargestellt.[957] Jagdzauber, Nacht=Fruchtbarkeit und Todesbegleitung waren die klassischen Aufgaben des Schamanen. Die Erinnyen sind altgriechische Rachegöttinnen und werden auch Töchter der Nacht oder Maniai (Rasende) genannt: Alekto (Unaufhörliche), Megaira (Neiderin) und Tisiphone (Vergeltende). Sie spinnen die Lebensfäden ein zweites Mal nach den Moiren. Damit ist nach den tierischen Hilfsgeistern das gesamte Arsenal der göttlichen Totenbegleitung in die Unterwelt akklamiert. Die Hexe versteht sich als Dienerin und irdische Repräsentanz von Hekate und wie sie ist sie selbst Grenzgängerin zwischen Totenreich und Leben und darum wohnt sie in Grüften und zelebriert in Höhlen und ernährt sich symbolisch oder praktisch vom Fleisch der Toten.
Dieser Hexentypus hat sein göttliches Pendant in Hekate als Phorba, Brimo, Baubo oder Persephone (mykenische Pe-re-sa).[958] Sie wird oft als kynomorphe Dämonin, schwarze Hündin und Rudelführerin geschildert.[959] Die düsterblickende Dardanopaia (PGM VII,695), die schnaubende Brimo, die riesige Gigaessa (PGM IV,2714) und die erdaufreißende Rhexichton werden in Lucians Philopseudes sive incredulus 22-24 zur gigantischen Gorgonin mit Schlangenhaar und Schlangenfüßen, Fackel und Schwert und dreckstarrenden Riesenkötern. In magischen Texten konfundieren die Hexengöttinnen so konfluent wie die syllabischen Metonymien der Zauberwörter: die schlammfressende Hekate Borborophorba oder Phorba vereint sich quasi mit dem Verwesungsprodukt der Leichen in ihrer übelsten Konsistenz.[960]
Erictho bittet um das Leben dieses frisch Verstorbenen, der noch gar nicht die Pforten der Unterwelt durchschritten hat, und verspricht vom Bürgerkrieg des Pompeius einen üppigen Leichenberg, dies alles mit schäumendem Mund in schamanischer Trance.[961] Prompt steht der Geist des Soldaten vor ihr und fürchtet sich, nochmals in dieses Leibgefängnis zurückzumüssen, was zudem noch derart verstümmelt ist, daß man kein Platoniker sein muß, um zum Hades zurückzuwollen. Wütend über soviel Zögerlichkeit ruft Erictho die Erinnyen und Hekate durch Androhung von Blamagen zur tätigen Mitarbeit an der Einpeitschung des Geistes in den wunden Körper. Das wirkt, das Blut gerinnt und die Leiche schnellt mit einem Satz in den Stand, Erictho macht den Soldaten auskunftswillig durch Versprechen einer Verbrennung unter Zaubersprüchen, die weitere Nekyomantie mit seiner Leiche unmöglich machen. Er antwortet, viel habe er in der Kürze in der Unterwelt nicht mitbekommen, aber viele Feldherrn weinten über die Zukunft, Cato, Sulla und Scipio, und alle wissen die Zukunft ihrer Kinder und Enkel. So kann er ein Bild der künftigen Szenen zeichnen: die Manen erwarten seinen Vater Pompeius und die Familie in Bälde, der Kampf geht nur um die Orte, an denen man ins Gras beißen wird, aber der Kriegstod ist allen gewiß. Was einmal römisches Reich war, wird ein großer Soldatenfriedhof in Asien, Europa und Lybien. Das war’s. Sie baut ihm einen Scheiterhaufen, er legt sich darauf und verbrennt.[962] Später rühmt sie sich dem Totengott, dem Herrscher der Erde, gegenüber, nie die Mächte der Finsternis gerufen zu haben, ohne vorher menschliches Fleisch gegessen zu haben.[963] Von der Ermordung eines Menschen im Opfer ist nirgends die Rede, es geht nur um Leichenteile in vermutlich kleinen Mengen und innerhalb des schamanischen Rituals ist dies alles eine reguläre Applikation, denkt man etwa daran, daß die skalpierfreudigen Skyten und Issedonen das Hirn ihres verstorbenen Vaters verspeisten.[964]
Horaz erzählt um 33 v.Chr. in seiner 5. Epode von der Hexe Canidia, die mit ihre Clique einen Knaben aus reichem Hause entführt und ermordet, um aus seinem Mark und der Leber einen Liebestrank zu brauen.[965] Die Göttin der Nacht und Diana als Mondgöttin werden angerufen, der ahnungslose Knabe kapiert langsam, daß er in ein Grab lebendig eingebuddelt wird, so daß nur noch sein Kopf herausguckt und auf leckere Speisen blickt, die 3mal täglich gewechselt werden, während er langsam verhungert. Die Stärke seines Hungers soll in der Leber gespeichert zum Liebeselexier für Varus verarbeitet werden, den Canidia bisher mit all ihren Liebeszaubern nicht hat gewinnen können und deshalb jetzt zu härteren Drogen greift. Er bittet um sein Leben und als er merkt, es ist zwecklos, verflucht er die Hexen, er werde als böser Klauengeist sie allnächtlich verfolgen und alle Menschen werden sie mit Steinen bewerfen, bis sie tot sind.
In den Satiren 1,8 erzählt Horaz vom Treiben der Hexen im Park von Esquilin, einem früheren Armeleutefriedhof, wo nachts Hexen Kräuter sammeln, Gebeine ausgraben und Tote beschwören.[966] Die Holzstatue des Parkpatrons Priaps erzählt von den Massenbegräbnissen von Sklaven, Gefangenen und Armen. Canidia kommt barfuß mit hochgeschürztem Talar, bleichem Gesicht und aufgelöstem Haar, mit ihr Sagana, die noch lauter heulte. Sie scharren mit bloßen Händen in der Erde ein Loch, reißen mit ihren Zähnen ein schwarzes Lamm in Stücke - hoffentlich vorher getötet. Das Blut fließt in das Loch als Speisetrank für die Seelen der Toten. Zwei Puppen, eine aus Wolle, eine aus Wachs, zogen sie hervor. Die Wollpuppe soll die Wachspuppe bestrafen. Hekate und die Vergeltungs-Erinye Teisiphone werden angerufen und die Wachspuppe verbrannt. Die Holzstatue muß höllisch furzen, bekommt davon einen Riß und dieses Krachen schlägt die Hexen in die Flucht, eine Perücke und ein Gebiß verlieren sie auf der Flucht.
Die Unterwelt-Göttinnen des 36blättrigen Großen Pariser Zauberpapyrus trinken Blut und essen Menschenfleisch. Dabei ist allerdings faktisch kaum ein Menschenopfer zu denken, sondern eine sicherlich auch illegale Beschaffung und Verwendung von Leichenteilen. Im Herbeizwingezauber für die N.N. nach Rauch-Opfer einer Priese feingemörserter Paste aus zwecks Vergöttlichung ertränkter Spitzmaus, Skarabäen, Flußkrebs, Paviankot, Ibiseiern, Storaxharz, Myrrhe, Safran, Cyperngras, Weihrauch und Zwiebel im Turmzimmer bei Mondaufgang mit Anrufung der Selene sagt der Zauberer: »Die N.N. ist’s, die sagte: "Ich sah die Göttin Blut trinken". Die N.N. sprach so, nicht ich. Aktiophis, Ereškigal, Nebutosualeth, purpurrote Herrscherin Ammons, Staubfresserin Fleischfresserin. Geh zu N.N. und nimm von ihr den Schlaf und gib ihr Brand der Natur, Züchtigung ihrer Sinne, rasende Leidenschaft und vertreib sie von jedem Ort und jedem Haus und führ sie hierher zur mir, dem X.X.« Dann muß der Zauberer schreiend rückwärts nach unten zur Tür gehen und dort steht die Angebetete.[967] Aktiophis als ägyptische Totenreichgöttin wird hier fließend identifiziert mit der babylonischen Ereškigal, woraus immerhin eine Traditionslinie Babylon-Ägypten zu folgern ist, während die Zutaten und der restliche Götterbestand auf ein Überwiegen ägyptischer Traditionen schließen lassen. Die von Plinius und Hippolyt beschriebenen Praktiken der Arzneiherstellung in der ägyptischen Magierszene scheinen weniger aus iranischen Traditionen gespeist als vielmehr aus einem Gemisch chaldäischer, griechisch-mysterienhafter und ägyptischer Traditionen, die trotz des Namens Zoroaster die iranische Tradition überformt haben.
Ein weiterer Zwangzauber mit einem Rauchopfer an Aktiophis aus Talg, Blut und Kot einer bunten Ziege, Blutwasser einer toten Jungfrau und dem Herz eines jungen Verstorbenen, einem menschlichen Embryo, einem toten Hund, Ibiseiern und Kräutern unter Frischopferung je eines Seesperbers, eines Geiers und einer Spitzmaus wird mit dem Gebet begleitet wird: »Sie sagte, du habest diese Taten des Wehs voll Grausamkeit vollbracht: getötet habest du einen Menschen und getrunken sein Blut, sein Fleisch gefressen und seine Eingeweide seien deine Kopfbinde, angelegt habest du die ganze Hülle seiner Haut und auf deine Scham getan; eines Seesperbers Blut trinkst du und deine Nahrung sei der Mistkäfer.«[968] Diese kannibalistische Vorstellung findet sich in vielen Mythen wieder, bei Mot aus Ugarit, die Baal wolfartig frißt, aber auch im Osirisgericht, wo Thot an der Waage der Herzen protokolliert und ein Ungeheuer das von Unrecht zu schwere Herz auffrißt. Im Iran wurden Tote von Geiern oder Hunden gefressen, so daß die Magier den hundsköpfigen Anubis mit ihren heiligen Hunden identifizieren konnten. Sowohl das Mädchen an der Cinvat-Brücke Vd 19,29 hat Hunde als auch Anāhītā, Artemis und Hekate: es sind scharfgemachte Jagdhunde.
In PGM IV geht es in den Liebeszaubern um Vergottung des Protagonisten, um Einswerdung mit dem höchsten Gott »Adonai, der die Gestirne verbirgt, der hellstrahlende Herrscher des Himmels, der Herr der Welt, (ZW) Adōnai (ZW) Sabaōth (ZW); ich bin Thōth (ZW). Führ herbei, binde die NN, daß sie liebe, ersehne, begehre den NN, weil ich dich beschwöre, Totendämon, bei dem furchtbaren, großen Iaeō, auf daß du mir herführest die NN und daß sie Kopf mit Kopf vereine und Lippen mit Lippen verbinde und Leib mit Leib vereine und Schenkel mit Schenkel und Schwarzes an das Schwarze füge [Schamhaarkontakt = Immissio membris] und ihr Liebeswerk erfülle mit mir, dem NN, in alle Ewigkeit.«[969] Aus der Einheit mit diesem und unter seinem Namen kann dann die Beschwörung der tieferstehenden griechisch-chaldäisch-ägyptischen Unterwelt-GöttInnen Ereškigal, Persephone, Hermes, Thōth und Anubis zur Manipulation des desinteressierten Objekts der Begierde gelingen.[970] Sie soll nicht mehr schlafen und unbeschwert leben können, bis daß sie endlich von Lüsternheit getrieben sich auf den Protagonisten einläßt. Ideal für diese Beschwörung der Totengötter ist der Sarg eines frischverstorbenen Jugendlichen, möglichst gewaltsam getötet. Hier ballt sich die unerfüllte Lustsuche am pointiertesten, so als könnte sein erstickter Schrei nach Liebe die GöttInnen weichmachen für diesen Schrei unter Lebenden. Vorweg wurden Puppen des künftigen Liebespaares gemacht und die Begehrte mit 13 Nadeln an allen wichtigen Zonen durchbohrt, auf daß sie an nichts anderes mehr denken könne als an den zu ihr in Lüsternheit Entbrannten.[971] In der Tat sind die Todesgöttinnen letztlich nur das ebenso lüsterne Gegenbild der Sexualgöttinnen, wie die sumerischen Mythen im folgenden Kapitel zeigen werden.
1.5.2.45 Ägyptischer Totenkult als Hintergrund ägyptischer Zauberei
Insbesondere
die Epoche des Neuen Reiches bietet eine große Vielfalt an
Textdokumenten, die
sich mit dem Motiv des Todes auseinandersetzen.[972]
Zum
einen geht es um die jenseitige Fortexistenz des Verstorbenen in allen
ihren
Aspekten, zum anderen um die Balsamierungs- und
Bestattungsvorgänge und die
sich daran anschließenden Vorstellungen vom Übergang
in das Totenreich. Diese
Texte sind oft ausführlich illustriert und befinden sich in
königlichen Grabanlagen
und Beamtengräbern auf den Grabkammerwänden, auf den
Außen- und Innenwänden von
Särgen oder auf beigelegten Papyrusrollen. Das Totenbuch mit
seinen Sprüchen
ist das größte.[973]
Von
den Unterweltsbüchern sind das Amduat, das Pfortenbuch und das
Tag- und
Nachtbuch bekannt.[974]
Diese Texte wurden später teilweise für den
Privatmann auf Papyrus adaptiert.
Zusätzlich gehören in diesen Bereich Totenliturgien
(Verklärungen) und
Begräbnisrituale wie etwa das vom Hohepriester oder neuen
Pharao vor dem Grab
im aufgerichteten Sarkophag ausgeführte
Mundöffnungsritual mit einem
Spezialmesser, was sichert, daß der Tote auch speisen und
sich vor dem
Totengericht über seine Verdienste äußern
kann.[975]
Das Tal der Könige auf dem thebanischen Westufer beherbergt die Gräber der Pharaonen des Neuen Reiches: in den Fels gehauene Grabanlagen mit zum Teil riesigen Ausmaßen, die sich durch differenzierte Architektur und eine aufwendige Dekoration auszeichnen. Jeder Herrscher versuchte, seine Vorgänger durch eine noch aufwendigere Gestaltung seines Grabes zu übertreffen. Man baute quasi an. Jedes neue Grab war Erweiterung des Bestehenden.[976]
Im alten Reich dokumentieren die Grabbeilagen, daß das Totenreich in der Wüste, im »schönen Westen« in den Nekropolen liegt. Leben post mortem ist Fortdauer im Grab, der Totenkult mit Opferversorgung soll die Verbindung zu den Lebenden aufrechterhalten.[977] Nur der Pharao stieg in die Barke des Sonnengottes Re und nahm an dem täglichen Sonnenlauf der Barke teil, auch wenn seine Mumie in der geheimnisvollen Verborgenheit der Pyramide liegt. Die Barke symbolisiert den zyklischen Kreislauf der Sonne: Am Tag durchzog der Sonnengott den Himmel mit seiner Sonnenbarke, wenn er dann im Westen ankam stieg er in seine Nachtbarke. Den Nachthimmel stellte man sich im Norden vor, der dem Osten, wo die Sonne aufgeht, am nahesten ist. Die Opferversorgung des Pharao im Pyramidentempel muß ihn erst vom Himmel herbeirufen. Erst im Neuen Reich kristallisierte sich die Vorstellung heraus, daß die Sonnenbarke in den 12 Stunden der Nacht durch die Unterwelt ziehen und etlichen Gefahren ausweichen muß. Als Liturgie dieser 12 Nachtstunden ist das Amduat im Grabe Thutmosis III. (1479-1423) aufgebaut.
Die Jenseitsliteratur besteht aus Papyrusrollen und Inschriften an den Grabwänden und -säulen. Totenbücher sind eine Ansammlung von Sprüchen und Bildern, welche die Aufgabe hatten, den Toten vor Gefahren des Jenseits zu schützen. Nicht bei jedem Toten wurde ein einzelnes Totenbuch geschrieben, es waren Kopien von Vorlagen, in denen in freien Feldern der Name des Auftraggebers und Bilder eingefügt wurden. Das Amduat ist die älteste und im Laufe der Geschichte am häufigsten gebrauchte Begräbnisschrift („Die Schrift der verborgenen Kammer“). Sie erzählt »Von dem, was in der Unterwelt ist« und beschreibt ausführlich die Reise des Sonnengottes in der Unterwelt in den 12 Nachtstunden. Die Litanei des Re aus der 18. Dynastie feiert den Sonnengott Re in seinen 75 Gestalten und preist die Vereinigungen zwischen dem König und anderen Gottheiten. Das Pfortenbuch (Buch der Tore) taucht gegen Ende der 18. Dynastie unter Haremhab auf und berichtet über die 12 Tore, die die 12 Nachtstunden voneinander trennen. Das Totenbuch („Buch des Heraustretens bei Tage“) enthält eine Sammlung von 190 Zauberformeln für die Reise in die Unterwelt. Es hat seinen Ursprung bei alten Sarg- und Pyramidentexten und wurde Gräbern der Bürger beigelegt, fand aber während der Ramessiden Einzug in die Pharaonengräbern. Das Buch der Höhlen stellt die Unterwelt als eine Abfolge von Höhlen oder Gruben dar, über die sich Re hinwegbewegt. Belohnungen und Bestrafungen im Jenseits werden aufgelistet und über die Vernichtung der Feinde des Sonnengottes erzählt. Das Buch der Erde aus der 20. Dynastie beschreibt in 4 Teilen die Fahrt der Sonnenbarke durch die Unterwelt.
Spätere Textschichten ersetzen das ursprüngliche „hier“ der Totenstädte durch ein „dort“ des jenseitigen Totenreichs. Der Abstand der Totenwelt nimmt zu. Im Mittleren Reich kommt die Versicherung des Grabherrn in die Kammern, Ma‘at gesagt und getan zu haben. Die Bewartung der Lebensführung beginnt vom als gerecht verehrten Toten auf die Lebenden auszustrahlen. Wie Osiris im mythischen Prozeß gegen Seth in Heliopolis Recht erhielt und so den Tod überwand, kann er ab der 5. Dynastie (2450-2340) als Totenrichter auch den Neuzugängen ins Totenreich den Weg ebnen in ein schönes Jenseits. Die große Treppe in Abydos wird Gerichtsort. Hier gab es landesweite Wallfahrten und Prozessionen.
Im Totenbuch
wird in
Spruch 125 das Gericht vor Osiris
in der Halle der Vollständigen Wahrheit geschildert, der mit
42 Beisitzern vor
der Waage thront, auf der links das Herz des Toten gegen die Feder der Ma'at
aufgewogen wird,
ist es zu schwer und sinkt, wird es von der großen Fresserin
mit Nilpferdpöter,
Löwenrumpf und Krokodilskopf verzehrt.[978]
Dann ist es mit einem Weiterleben in der Unterwelt vorbei und der Tote
ist
endgültig vernichtet. Dieses Herzwägen ist eine Art
Lügendetektor, bei jeder
Lüge wird das Herz schwerer. Der Verstorbene hält
eine ausladende
Verteidigungsrede, die ihm das Totenbuch mitgibt: Er habe immer Recht
getan,
keine Menschen und Tiere mißhandelt, keinen Gott beleidigt
und die Opferspeisen
in Tempel und Gruft nicht angetastet, keinen Sexualverkehr gehabt und
niemanden
hungern lassen oder sonst Leid angetan. 80 Gebote geht er durch, die
meist
nicht justiziables Unrecht verbieten, sondern die Ethik einer
Sozialfürsorge
und humanen Mitgeschöpflichkeit. Er ist rein, sagt er immer
wieder. Anschließend
redet er alle 42 Beisitzer persönlich mit Namen an und
versichert seine
Reinheit. Dies dürfte nicht als Farce verstanden worden sein,
denn die Richter
galten als Wissende, unbetrügbare. »Die Richter,
die den Bedrängten richten, du weißt, daß
sie nicht milde sind an jenem Tag des
Richtens des Bedrückten, in der Stunde der Erfüllung
der Vorschrift. Schlimm
ist der Ankläger, der ein Wissender ist.«[979]
Der
gerechtbefundene Tote wird ebenso an der Festgemeinschaft des Osiris
jenseitig
teilnehmen. In der Weisheitslehre
für König Merikare (um 2350 v.Chr.) ist
die Magie als Wissen der
richtigen Sprüche den Menschen vom Schöpfer als Waffe
gegeben, den »Schlag
der Ereignisse abzuwehren«.[980]
Magie wird Bewältigungsmittel der leidvollen
Unwägbarkeiten und Kontingenzen
des Lebens. Die richtigen Worte zu wissen, heißt ja auch,
Handlungswissen zur
Lösung von Lebenskrisen zu besitzen. Die Wurzel
ägyptischer Zauberei wäre dann
die Kodifizierung und Kultivierung des Wissens zum Leben angesichts des
Todes,
indem man das Sein im Tod imaginiert, beschreibt, anschaulich macht und
so die
angstmachende Ungewißheit über dieses Sein der
Verwesenden durch haltgebende
Unterweltsvorstellungen beschwichtigt.[981]
Vor
der Beisetzung des Einbalsamierten gab es im Mittleren Reich eine
Totenliturgie, in der Priester in Götterrolle den Kampf des
von Horus
gegen Seth
nach dessen Mord
an Osiris
und
das Totengericht über Osiris
vor Geb
und der
Neunheit der großen Götter nachspielen. Osiris
kommt mit der Feder der Ma'at
als Zeichen der Gerechtigkeit und gibt sie Horus,
der dem Seth
die
Hoden ausgepreßt hat, worauf der Prozeß mit dem
Freispruch durch Atum
endet, der feststellt,
daß keinerlei belastende Beschuldigung vorgebracht werden
konnte. Dieser Prozeß
des Osiris
ist
das mythische Paradigma, der Präzedenzfall, nach dem auch der
aktuell
Verstorbene freigesprochen werden kann und so in der Unterwelt
fortleben darf. Diodor
schildert diesen Ritus
ähnlich: Nachdem die Leiche über einen Teich gerudert
wurde, kann vor der Runde
der 42 Richter jeder etwas gegen sie vorbringen. Ist die Schuld
erwiesen, wird
die Leiche nicht bestattet, ansonsten aber vor allen Anwesenden
gerühmt und
feierlich bestattet.[982]
Dies
entspricht genau den Totenpapyri R hind.[983]
Die
Präzedenz des Mythos und die kultdramatische
Übertragung dieses Totengerichts
der Gerechten auf die Gegenwart strahlen als Fundierung von
Gerechtigkeit auf
die Moral der Lebenden aus.[984]
Der
Tote wird so sehr in dieses Drama eingeschrieben, daß er als
»Osiris N.N.«
angeredet wird. Im Neuen Reich wird immer stärker
überwacht und bestraft, was
sich in der Wandlung des Totengerichts zu einer Art Jenseitspolizei
niederschlägt: »O
Osiris N, du wirst nicht
geprüft, du wirst nicht eingesperrt, du wirst nicht gebunden,
nicht bewacht,
nicht auf den Richtplatz gestellt, an den Rebellen gegeben werden, dir
wird
nicht Sand aufs Gesicht gelegt... Es wird dir keine Sperre vors Gesicht
gegeben«.[985]
Die Atmosphäre ist von Hinrichtungen und Verfolgung
geprägt. Im Pfortenbuch
Szene 33
ist die Gerichtshalle des Osiris
von Schwertern gesäumt.[986]
Haremhab
(1333-1306) ließ
damit das Amduat
als offizielles Totenbuch des Königsgrabes ersetzen.
Zauberer und Zaubererwettstreite gab es im pharaonischen Ägypten häufig. Ex 7 (Koran Sure 20) siegen Mose und Aaron über die ägyptischen Zauberer und die Mose-Wunder des Exodus sind quasi monströse Beweise zaubermäßiger Überlegenheit über Ägypten. Im Carlsberg-Papyrus in Kopenhagen wird ein Wettstreit des Imhotep (Asklepios) mit einer fremden Königin erzählt. Amenophis II. schrieb an seinen Vizekönig Usersatet: »Traue ja nicht den Nubiern, sondern hüte dich vor ihren Leuten und vor ihren Zaubereien.«[987] Im Neuen Reich drang die Zauberei immer stärker in die ägyptische Medizin ein. Heilungszauber waren neben Liebeszaubern hoch im Kurs.
In einem Grab Thebens fand man den Papyrus Ebers, den Georg Ebers in Leipzig 1873 vom amerikanischen Ägyptomanen Edwin Smith in Kairo aufkaufte. Er datiert von ca. 1525-1504 v.Chr. und ist mit 18,63 m der bislang längste medizinische Text Ägyptens, von den 879 Texten sind 776 Rezepte gegen Schnupfen, Kopfweh, Bauchleiden, Hautkrankheiten, Bißwunden, Augenleiden, Haarausfall, Körpergeruch und zur Empfängnisverhütung.[988] Hesire war um 2650 v.Chr. in der 3. Dynastie des Alten Reichs in Sakkara unter Pharao Djoser Oberzahnarzt. Es gab chirurgische Lehrbücher wie den Papyrus Smith mit 48 Anleitungen zur Behandlung von Unfall- oder Kriegsverletzungen und Operationsbesteck, in Mumienschädeln findet man Spuren von Schädeloperationen, es gab Prothesen für amputierte Glieder.[989] Medikation für die 80 Krankheitsbilder waren Salben, Umschläge, Pillen, Zäpfchen und Einläufe, Mundspülungen und Inhalationen auch von Geräuchertem über 4 Tage. Die Rezepturen haben bizzare Zutaten, von 160 verschiedenen Pflanzen, Mineralien über Tierteile bis zu Tierkot. Dosierung war z.B. ein Schluck: ro. Dazu gab es in vielen Rezepten noch einen Zauberspruch als flankierende Maßnahme: »Du mögest ausfließen, Schnupfen, Sohn des Schnupfens, der die Knochen zerbricht, der den Schädel zerstört, der im Knochenmark hackt, der veranlaßt, daß die sieben Höhlen schmerzen im Kopf der Gefolgsmannschaft im Sonnenboot des Re, die Thot anflehen. Siehe, ich habe dien gegen dich gerichtetes Heilmittel gebracht und dein gegen dich gerichtetes Schutzmittel: Milch einer Frau, die einen Knaben geboren hat; Duftgummi, es wird dich beseitigen, es wird dich entfernen...« Abschließend sage der Arzt 4mal: »Komme heraus zu Boden; verfaule, verfaule.« Hier ist die damalige Schulmedizin voll mit der Zauberei verwoben und so sehr Muttermilch gegen Infektionen immunisieren hilft, so sehr hilft die Einbildung des Kranken, ihm werde jetzt mit neusten Mitteln geholfen, als self-fulfilling prophecy. Kaum ein Rezept verzichtet auf magische Zaubersprüche.[990] Viele Rezepte sind homöopathisch im Sinne des »similia similibus curentur«, für ein schmerzendes Bein Extrakt aus dem Bein einer Ziege. Viele Pharmakologie-Erkenntnisse sind wissenschaftlich reproduzierbar, etwa Kreuzkümmel gegen das Furzen, weil er spasmolytisch wirkt. Weihrauch wirkt antibakteriell, antirheumatisch und entzündungshemmend. Honig als Basisstoff vieler Rezepte ist antibiotisch. Heilmittel wurden auch als Grabbeilage oder sogar als Duftessenz direkt in die Mumie eingearbeitet. Weil die Ärzte Standesdünkel nicht mit den Mumifiziererinnen sprechen ließ, waren sie anatomisch völlig desorientiert, da der Leib für das Fortleben nicht beschädigt werden durfte und (auch Vivi-)Sektionen erstmals vom griechisch-alexandrinischen Herophilos 290 v.Chr. vorgenommen wurden. Das Körperinnere wurde wie der Nil als Kanal-Netzwerk gesehen. Das Herz ist Hauptorgan und leitet alle Flüssigkeiten wie Blut, Urin, Samen, Schleim, Kot und Luft weiter. Vom Ibis haben die Ärzte die Analpflege abgeschaut und das Klistier erfunden, ein Hofarzt im Alten Reich war der Verdauungsexperte »Iry, der Hirte des Afterlochs.« Von 150 in Texten der Pharaonenzeit erwähnten Ärzten sind 132 namentlich genannt, Zeichen für ihr schon damals großes Ansehen. Sie hatten auch die Pyramidenbauarbeiter zu betreuen. Demgegenüber war die babylonische Medizin noch rein „magischer“ Natur.
Die Pharaonin Hatschepsut (18. Dynastie) schickte 1500 v.Chr. 5 Schiffe auf eine dreijährige Expedition über das rote Meer nach Punt an der erythräischen oder somalischen Küste, wo Gefäße und andere Kunstschätze sowie Stoffe gegen Weihrauch (Boswellia carterii, arab. Olibanum) getauscht werden sollten, wie Wandgemälde an der 2. Pfeilerhalle des Tempels Djeser djeseru, der Punt-Halle Hatschepsuts aus rotem Quarzit berichten.[991] Beim Amun-Tempel von Deir el-Bahari in Theben befanden sich Weihrauchbäume, die Hatschepsut dort pflanzen ließ. Man fand rechts und links vor der 1. Rampe zur mittleren Terrasse, um T-förmige Wasserbecken herum, uraltes Weihrauch-Wurzelholz. Weihrauch und Myrrhe wurden zur Mundhygiene und Reinigung des Körpers verwendet, Achselschweiß verschwindet, es muß eine desinfizierende Wirkung haben und gehört neben Geflügel zu den täglichen Opfergaben an die jeweilige Gottheit des Tempels. »Der Weihrauch kommt, der Gottesduft kommt, sein Duft kommt zu dir, der Duft des Horusauges kommt zu dir.«[992] Die ersten 9 der 45 Handlungen des morgendlichen Bekleidungsrituals im Neuen Reich sind: »l. Licht anzünden 2. den Räucherarm ergreifen 3. die Pfanne auf den Räucherarm setzen 4.Weihrauch ins Feuer geben 5.zum Allerheiligsten gehen 6.das Siegelband zerreißen 7. das Siegel zerbrechen 8. den Riegel zurückschieben 9. den Gott enthüllen (die Schreintüren öffnen)«.[993] Ramses III. erlaubt privaten Gebrauch von Weihrauch als Luxus der Reichen. Bei Festen wurde Weihrauchduft geschätzt, Kleider und Pflegecremes wurden mit Weihrauch parfümiert, Krankenräume desinfiziert und Ungeziefer vertrieben. Konservierende und antiseptische Eigenschaften waren bei der Einbalsamierung effektiv. Die Phönizier brachten Weihrauch im 7.Jh.v.Chr. nach Griechenland, wo Lorbeer und Salbei zum Räuchern verwendet wurden. Der Duft des Weihrauch trägt die Verstorbenen zu den Unsterblichen empor in den Himmel.
Im Mittleren Reich legte man kleine Figuren, Uschebtis (Antworter) mit ins Grab. Auf ihnen wurden kleine magische Formeln geschrieben oder eingeritzt, manchmal auch die Aufgabe, die sie im Totenreich vollbringen sollten. Auch hier ist die Magie wirkmächtig durch das Einritzen der richtigen Formel. Ab dem Neuen Reich legte man dem Verstorbenen bis zu 365 Uschebtis mit ins Grab, einen für jeden Tag. Diese Totendiener sollten die Verstorbenen versorgen. In der Kurgankultur wurde der Hofstaat des Verstorbenen hierzu erdrosselt.
In der demotischen Setna-Erzählung aus römische Zeit finden wir eine förmliche Besessenheit vom Zauber und den Möglichkeiten, die er bietet. Der Pharao wird dort nach Nubien entführt durch Zauberkraft und ausgepeitscht; Thot macht das Gleiche mit dem Nubierhäuptling. Man war überzeugt, daß man alles zustande bringen kann, wenn es gelingt, die entsprechenden Formeln zu finden und richtig anzuwenden. So geht es oft um Rezepte und Zauberformeln. moute ist nicht nur rufen, nennen, anrufen, sondern wird zum Begriff für beschwören, Zauberspruch rezitieren. reFmoute ist im Sahidischen der Zauberer, Beschwörer. Jemtau einen Zauberspruch rezitieren, ägyptisch dd mdwj.w und akkadisch namdū.[994] Nach einem eigenhängig von Unterweltsschreibergott Thot geschriebenen Buch wird hier gesucht. »Zwei Sprüche sind darin aufgezeichnet. Wenn du den ersten Spruch aussprichst, bezauberst du den Himmel, die Erde, die Unterwelt, die Berge und die Gewässer. Auch verstehst du alles, was die Vögel des Himmels sprechen, und die Tiere, die auf der Erde kriechen, und du siehst die Fische der Tiefe... Wenn du aber den zweiten Spruch aussprichst, während du im Totenreich bist, so wirst du wieder deine irdische Gestalt annehmen und auf der Erde sein. Du wirst den Sonnengott Re am Himmel erscheinen sehen mit seinem Götterkreis und den Mond aufgehen in seiner jeweiligen Gestalt.«[995] Da aller Zauber von Thot (Hermes) ausgeht, soll man diese mit Hermestinte schreiben (PGM I,14). Thot wird immer mehr zum Gott der Magie. In der Metternich-Stele aus der Zeit Nektanebos II. (360-343), der für seine Zauberkunst berühmt war, kommt er aus der Sonnenbarke der flehenden Isis zur Hilfe, die aus Not die Sonne (die Zeit) angehalten hat.[996] Die Hermetik entwickelt sich daraus. Heilige Tiere werden ertränkt, um sie quasi unversehrt zu töten und so zu vergotten, etwa einen Kater durch Ertränken zum Osiris zu machen.(PGM 1,33f) Zauberbücher kommen in Mode. Im Setna-Roman werden in römisch-ptolemäischer Zeit bereits Tote beschworen, obwohl die Nekyomantie der traditionellen Totenruhe und -ehrfurcht wiederspricht. Und nun taucht auch Abrasax/Abraxas auf magischen Gemmen mit Hahnenkopf und Schlangenfüßen auf, die an Re's Schlangenfüße im Grab Ramses VI. (1144-36) erinnern.[997] Er wird als Sonnengott mit Iao/Jahwe identifiziert und bekommt mit dem Zahlenwert 365 Zeitcharakter. Ein kopfloser Gott könnte eine Form des Osiris sein, Onnophris. Ebenfalls taucht immer wieder Harpokrates auf, Horus als Kind, oft auch als Arzt.[998]
Die
sich in den Schwanz beißende Ouroboros-Schlange als Symbol
der
Selbst-Erneuerung und Selbstheilungskräfte des Organismus
ziert magische Gemmen
zuhauf.[999]
Man glaubte an die Macht des bösen Blickes.[1000]
Es
gab einen bekannten Zauberer namens Ne-nefer-ke-Sokar.[1001]
Jetzt beginnen auch die Zaubereien zur Dienstbarmachung eines
Hilfsgeistes,
eines Paredros. Der Geist eines Verstorbenen oder frisch
ertränkten Tieres soll
dienstbar werden, um dem Zauberer übernatürliche
Kräfte zu verleihen: sich
unsichtbar zu machen, Schätze und Hörigkeit der
anderen zu verschaffen,
Tischlein deck dich zu spielen und Liebeszauber zu wirken. Er nimmt die
Seele
des Zauberers nach seinem Tod mit in die Luft.[1002]
Jesus ist für den koptischen Abt Schenute im 5.Jh. ein großer Zauberer, der dem Abt mitten in der Wüste ein Schiff herbeizaubert und mit schönen Wundertaten Freude bereitet.
1.5.2.46 Unterwelt & Fruchtbarkeit: Ištar, Tammuz, Nergal, Ereškigal, Baal
Um 2300 v. Chr., als Uruk Machtzentrum Sumers war, hat dessen Stadtgott An (Himmelsgott) vor Enlil (Luftgott, Schöpfer von Göttern, Himmel, Erde in Nippur) und Enki (Wasser- und Erdgott, Weisheit und Magiegott aus Eridu) die Führungsposition inne. Der sumerische Neujahrsmythos ist in das elftägige babylonische Akitu-Fest eingewandert. Mehrere Kultdramen wurden aufgeführt, wobei der König den Gott darstellte, eine Prozession mit der Götterstatue fand statt, außerdem ein Gastmahl. In Babylon wurde der König symbolisch neu eingesetzt, in Assur alle ihm unterstellten Beamten. Für das kommende Jahr wurde das Schicksal des Landes verkündet. Der König als Inkarnation des Hirten Dumuzi (Tammuz) zelebrierte die Heilige Hochzeit mit einer Priesterin als einer Inkarnation der Göttin Inanna. Inanna war als Göttin der Venus und Liebe neben Nanna-Suen, dem Mond, und Utu, der Sonne, die bedeutendste Göttin des mittleren Ostens, später mit Aštarte oder Ištar identifiziert. Der Mythos Innanas Gang in die Unterwelt zeigt sie als Göttin der Liebe und Fruchtbarkeit und des Krieges zugleich: Sie vermählt sich als Schutzgöttin von Erech (Uruk) mit dem Hirten Dumuzi, der so Herr der Stadt wird. So sehr sie ihn in ihrem heiligen Schoß begehrt und glücklich ist, ahnt sie, daß es nicht gut gehen wird. Eines Tages startet sie einen Kriegszug in die Unterwelt, ihre Schwester Ereškigal in deren Palast zu besiegen und auch dort zu herrschen. Ereškigal, die »Herrin über den Großen Ort«, regiert die Unterwelt, das »Land ohne Wiederkehr«. Diese Stadt aller Toten hat sieben Stadtmauern, bewacht von Dämonen. Neuankömmlinge werden gefesselt, an jedem Tor weiter entblößt und vor Ereškigal geführt. Inanna wird so auf dem Weg durch die sieben Tore ihrer Krone, ihrer Kleidung und ihres Schmuckes, also aller 7 Utensilien ihrer Macht entkleidet und kommt machtlos nackt vor der Schwester an. Ein Zweikampf läßt Ereškigal siegen. Sie tötet Inanna mit dem 'Blick des Todes'. Enlil, nach drei Tagen Wartens konsultiert, schafft zwei Boten, die mit Brot des Lebens und Wasser des Lebens in der Unterwelt hinuntersteigen und hineingelassen werden und die an einem Nagel hängende Leiche reanimieren und wieder nach oben mitnehmen. Die Unterweltrichter verlangen einen Ersatzgeisel für sie, sonst muß sie zurückkommen. Sie sucht, beaufsichtigt von Unterweltdämonen, vergeblich nach Opfern, bringt es aber nicht übers Herz, jemanden für sich büßen zu lassen, bis sie ihren Gatten Dumuzi bei ihrer Heimkehr unbekümmert ob ihres Todes auf ihrem Thron schlemmen und feiern sieht. Erbost richtet sie den Todesblick auf ihn und hat endlich ihre Ersatzperson.[1003] Auch die Verwandlung in eine Schlange (Phallus!) durch Schwager und Sonnengott Utu hilft Dumuzi nicht, zu entkommen. In seinem heimischen Hürdenlager erwischen ihn die Dämonen, foltern ihn und bringen ihn in die Unterwelt. Ereškigal begnadigt ihn dann nach einem halben Jahr und läßt ihn durch seine Schwester austauschen, er darf wieder ans Tageslicht des Lebens und die Venusschwester hat wieder einen Befruchter in sich.
In der späteren akkadischen Version dieses Mythos steigt Ištar in die Unterwelt. Sie galt bei den Assyrern als Göttin der Jagd und des Krieges und wurde mit Schwert, Bogen und Pfeilen im Köcher dargestellt, Ištar-Šawuška wurde schon 2000 v.Chr. in Arapha verehrt. In den babylonischen Tempeln ist sie nackt als Große Mutter mit üppigen Brüsten oder mit Kind beim Stillen. Vielen ihrer Lover hat sie den Tod gebracht. Ereškigal weist ihre Torwächter an, Ištar so zu behandeln, »wie es seit altersher üblich ist«, also wie eine Sterbliche. An jedem der sieben Tore der Unterwelt muß sie etwas aus ihrem Besitz abgeben. Am ersten Tor sind es Kleid und Krone, am zweiten das Ohrgehänge, am dritten das Halsband, am vierten der Brustschmuck, am fünften der Gürtel, am sechsten ihre Armbänder und am siebenten ihr Unterkleid. Dies sind Symbole ihrer Macht, die sie damit peu „ peu verliert. Schließlich wird Ištar nackt vor Ereškigal geführt. Diese kennt kein Mitleid, foltert Ištar mit den 60 Qualen, die sie ihren Wesir Namtar auf sie hetzen läßt, so daß Ištar stirbt, worauf die Fruchtbarkeit auf Erden rapide verschwindet, Folge der Unterbrechung des Samenflusses zwischen Tammuz und der Liebesgöttin. In Sorge um das Fortbestehen der Erdfauna greifen die großen Götter ein und Enki/Ea schickt Lebenskraut und Lebenswasser zur Wiederbelebung durch einen geschaffenen Retterboten, als Eunuch der sexuellen Lockung Ereškigals gewachsen.[1004] Ereškigal verflucht den Eunuchen: »Deine Nahrung soll der Abfall der Stadt sein. Dein Trank soll das Abwasser der Stadt sein. Du sollst im Schatten stehen unter der Stadtmauer. Du sollst auf der Schwelle hausen. Und die Betrunkenen und Dürstenden sollen deine Wange schlagen.« Schließlich jedoch gibt sie Ištar um des Friedens willen frei, behält aber zum Ausgleich den Eunuchen in der Unterwelt. Seitdem ist die Unterwelt unfruchtbar. Von Namtar mit dem Lebenswasser besprengt wird Ištar wieder lebendig und kehrt heim. Die Erde wird wieder fruchtbar.
Romanhaft, psychologisierend steckt im Vegetationsmythos ein archaisches Motiv: Auf alle Lust folgt der Tod.[1005] Lust und Tod sind Schwestern. Die Todesgöttin ist nur die andere Seite der Liebesgöttin und je mehr die Liebe gegen den Tod rebelliert, desto eher stirbt sie. Die Große Mutter nimmt als Uroboros bergend das Glied, was sie einst als Säugling ausgeschieden hat - jetzt ist der Säugling so groß geworden, daß nur noch sein Membrum in die Vagina paßt.[1006] »Die Vereinigung des Uroboros-Inzestes ist lust- und liebesbetont nicht als etwas Aktives, sondern als Versuch, sich aufzulösen und aufgesogen zu werden; sie ist passives Fortgenommenwerden, Versinken im Pleroma, Vergehen im Lustmeer und Liebestod. Die Große Mutter nimmt das kindlich Kleine in sich auf und zurück, und immer wieder steht der Tod im Zeichen des Uroboros-Inzestes der endlichen Auflösung, der Vereinigung mit der Mutter. Höhle, Erde, Grab, Sarkophag, Sarg sind die Symbole dieses Wiederverbindungsritus«.[1007] Die rituelle Kopulation und der Phallismus haben eine Vegetationssymbolik. Das sterbende Samenkorn wird keimende Saat. Die Große Mutter ist Jungfrau und Hure und die Gottesanbeterinnen-artige Zerstückelung des noch im Orgasmus zuckenden Mannes oder das Menschenopfer des Jahreskönigs oder eines stellvertretenden Priesters soll wie die Zerstückelung des Urmenschen aus seinem Leib die Fruchtbarkeit des Landes erstehen lassen.[1008] Die kultische Demütigung des Königs ist die humane Variante seiner Zerstückelung. »Die beiden kosmischen Seinsweisen - Leben/Tod, Chaos/Kosmos, Unfruchtbarkeit/Fruchtbarkeit - bildeten letztlich zwei Momente ein und desselben Prozesses. Dieses Mysterium, das man nach der Entdeckung des Ackerbaus erkannt hatte, wird nun zum Prinzip einer einheitlichen Erklärung der Welt... es überschreitet das pflanzliche Werden und Vergehen, da es auch die kosmischen Rhythmen, die menschliche Bestimmung und die Beziehung zu den Göttern lenkt.«[1009] Der Gang in die Unterwelt zwecks Aufhebung des Todes überhaupt durch die Göttin der Liebe scheitert; der periodische Wechsel von Tod und Leben des Tammuz ist der Trostpreis für die prinzipielle Unmöglichkeit völliger Aufhebung des Todes. Wie die Jahreszeiten vergeht auch die Liebe und Lust.
Der König der Stadt oder der Ištar-Oberpriester mußte in einem Mysterium rituell den Abstieg des jungen Gottes in die Unterwelt spielen und wurde allgemein betrauert im Wissen, daß er nach 6 Monaten wieder auferstehen werde, um sich aufs neue mit der Liebesgöttin zu paaren. Auf diese Klage spielt Ez 8,14 an, wenn er Frauen kritisiert, die sogar an den Tempeltoren diese Klageriten abhalten: Im 6. Jh.v.Chr. war der Tammuz-Kult in Jerusalem und im ganzen mittleren Orient verbreitet.[1010] Diese kultische Demütigung wie bei Saturnalien und Narrenfest[1011] wird aufgenommen in den Ebed-Jahwe-Liedern Jes 42; 49f; 53. Diese Gottesknechtslieder[1012] und auch Ps 88f[1013] kolportieren den Tammuzmythos bis in die Evangelien.[1014] Tammuz ist »das Lamm, das in die Gewalt der Unterwelt gegeben ist. ... Der Knecht ist als der König gezeichnet, der in seiner Person das ganze Volk repräsentiert und der als ein Schuldopfer für die Übertretungen des ganzen Volkes leidet.«[1015] Wie er hätte ein jeder Mann nach dem Tod seiner Venus neuen Brüsten nachgeschaut. Das Wesen der Fruchtbarkeit ist, daß wir alle ohne Ausnahme als Befruchtungspartner ersetzbar sind. So unwiderstehlich der animalische Trieb, so wenig gerichtet ist er auf den Anderen als Individuum. So leidet der König exemplarisch, weil er alle als Exemplare sieht. Nicht weil er der einzige Reine ist, sühnt er die Sünde der Vielen, sondern weil er genau so ein Spaßsucher ist wie die Vielen, kann an ihm das Exempel für alle statuiert werden, ob Saul oder Störtebecker: der Kopf des Königs, höher gehängt, läßt die Köpfe seines Volkes sinken. Die Transformation vom fröhlichen Witwer Tammuz zur Schauhinrichtung des Gottesknechts bei Dtjes könnte von der erfahrenen Gewalt herrühren.
Der Mythos von Nergal und Ereškigal dürfte in Kutha nahe Babylon im 2.Jt.v.Chr. entstanden sein, beide zunächst als voneinander unabhängig Unterweltstraditionen, die später zu Geschwistern amalgamiert wurden.[1016] Er ist erhalten geblieben in den Amarna-Tafeln[1017], in Uruk-Texten[1018] und in englischen Funden ab 1951 aus dem anatolischen Sultantepe[1019] südöstlich von Harran. Sultantepe war im 7. Jh. v. Chr. mit Tempeln für Ištar und Mondgott Sin die neuassyrische Stadt Huzirīna. Auf 600 ungebrannten Tontafeln aus der Schreiberschule finden sich neben Enūma Eliš, Gilgameš-Epos, Erra-Epos, Anzu-Mythos, Naramein-Legende, Beschwörungsformeln und Kulttexten auch der Mythos von Nergal und Ereškigal: Beim jährlichen Göttermahl im Himmel wird Ereškigal durch Wesir Kaka auf Befehl Anus ausgeladen, Kaka steigt die lange Treppe vom Himmel zur Unterwelt hinab, wird durch die 7 Tore der Unterwelt geleitet zu Ereškigal, die ihn im Thronsaal empfängt und sich nach dem Wohl der Himmelsgötter erkundigt und ihren Wesir Namtar beauftragt, ihre Speisenanteil vom himmlischen Gastmahl oben abzuholen. Nergal, auf altbabylonischen Rollsiegeln abgebildet als bärtiger Gott mit Sichelaxt und Doppellöwenkeule, kommt aus der Unterwelt zu Ea im Vorhof Anus. Ea schickt ihn Weißzedern fürs Thronholz schlagen, der Thron wird gefertigt und gestrichen und Nergal wird zu seiner Schwester Ereškigal hinuntergeschickt, aber er möge bei ihr weder herrschen noch essen noch trinken noch baden noch mit ihr schlafen. So geht er zum Land ohne Wiederkehr, dem Sitz der Unterweltgöttin, wo die Toten ohne Licht mit Federn bekleidet in den Ecken zusammengedrängt jammern und von Staub und Lehm essen müssen. Am Tor wird er empfangen und zum Thron Ereškigals geleitet. Sieben Tage lang lieben sich die Geschwister leidenschaftlich, dann geht Nergal heimlich den Weg zum Himmel zurück, wo er wegen seiner Verunreinigung durch unehelichen Verkehr mit der Totengöttin nur mehr verkrüppelt und kahlköpfig im Götterrat sitzen darf. Ereškigal schickt wütend ihren Wesir Namtar hoch zu Anu und fordert Nergals Rückkehr zu ihr als Gemahl, andernfalls schicke sie alle Toten hoch, die Lebenden zu fressen. Namtar wird von Anu, Enlil und Ea angehört und bekommt die Erlaubnis, Nergal (Erra) mit sich zu nehmen in die Unterwelt. Er sucht den verkrüppelt entstellten Nergal unter den Göttern, findet ihn und nimmt ihn mit nach unten, die lange Treppe hinunter, die 7 Tore hindurch. Die Geschwister sehen sich und werden so scharf aufeinander, daß sie 7 Tage das Bett nicht mehr verlassen. Da schickt Anu seinen Wesir Kaka hinunter und erklärt, Nergal sei nun vollends und ewiglich Gott der Unterwelt geworden.[1020] Hier ist der Tod beider Liebenden die ewige Erfüllung ihrer sexuellen Begierde.
Eine weitere Abstiegsgeschichte zur Unterwelt findet sich auf der 12. Tafel des Gilgameš-Epos.[1021] Der größte Teil des erhaltenen Textes stammt aus der Tontafelbibliothek Aschurbanaplis (669-627 v.Chr.) in Ninive. Wenig älter sind einige Fragmente aus Assur am Tigris und Sultantepe. Zur Geschichte Sumers nur kurz: Um 2100 v.Chr. ist die letzte sumerische Reichsbildung unter den Königen der 3. Dynastie von Ur. Etwa 2000 v.Chr. übernehmen die semitischen Akkader die Führung in Babylonien und wachsen mit den Sumerern zum Volk der Babylonier zusammen. Auf 1800 v.Chr. datieren die bisher ältesten Tontafelbruchstücke mit Sagen. Die sumerischen Sagen sind ursprünglich voneinander unabhängig: 1. Gilgameš von Uruk streitet gegen Agga von Kisch in Nordbabylonien. 2. Gilgameš und Chuwawa im Libanon-Zedernwald. 3. Gilgameš, Enkidu und der Himmelsstier. 4. Gilgameš, Enkidu und die Unterwelt. 5. Krankheit und Tod des Gilgameš und dessen Ankunft in der Unterwelt. Nur die 1., 2. und 4. dieser Sagen sind von Sin-leqe-unnini, Stammvater einer Priesterfamilie in Uruk zum heutigen Gilgameš-Epos mit ca. 3000 Versen vor 1200 v.Chr. zusammengefaßt. Allerdings handelt es sich gegenüber den älteren Gilgameš-Dichtungen aus Assur und Sultantepe um eine eigenständige Komposition. Im Zentrum des Hethiterreichs, in Boghazköi, finden sich akkadische Keilschrifttafeln des 14.Jh.v.Chr. mit Gischgimaš, später Gilgameš.
Gilgameš (Bilgameš =Der Alte ist ein junger Mann) ist ⅔ Gott und ⅓ Mensch und 2750 - 2600 v. Chr. König von Uruk (Erech, irakische Ruinenstätte Warka) um 3000 v.Chr. Zentrum der sumerischen Kultur. Unter ihm seien die 9,5 km lange Stadtmauer mit 900 halbrunden Türmen und Tempel für Anu und Ištar errichten worden, sie sind jedoch viel älter. Er kämpft gegen Riesen und Ungeheuer und spielt sich als Tyrann auf. Die Bürger von Uruk bitten die Götter gegen den Übermut ihres stolzen Herrschers um Hilfe. »Gilgameš, seit dem Tage, an dem er geboren wurde, ist sein Name herrlich. / Zwei Drittel an ihm sind Gott, ein Drittel nur Mensch. //...Der Wildstier Gilgameš, der Vollkommene, Ehrfurchtgebietende ... Wilde Kraft setzt er ein gleich dem Wildstier, erhabenen Schrittes! /Keinen Nebenbuhler hat seiner Waffen Aufbruch! / Durch seine Trommel sind dauernd im Gang seine Gesellen. / Immer neu regten sich auf die Mannen von Uruk über willkürliches Tun.« Diese schicken aus den Wäldern den Tiermenschen Enkidu, der Gilgameš zu einem Ringkampf herausfordert. Keiner gewinnt. Er wird zum Diener, Freund und Reisegefährten von Gilgameš. Eine Alabasterfigur von 2500 v.Chr. zeigt ihn in Bagdads Museum des Irak mit geschwollenem Penis. Durch 7 Tage Sexualverkehr mit einer Schamkat (Tempelpriesterin) wird Enkidu im Walde gezähmt und zum Kulturmenschen.
Der in den Veden um 5000 v.Chr. bereits bezeugte Stierkult hat sowohl Ur und Uruk den Namen gegeben als auch Gilgameš und Marduk als Stiere gestaltet. Der Himmelsstier ist quasi ihr Vorfahre, der alles durch seinen üppigen Samen erzeugt hat. Das iranische Urrind ist ebenso der Urvater der Welt wie der sumerische Himmelsstier, der ägyptische Apis-Stier, der Minotauros Kretas und der Baal. Das A des Alphabets ist ursprünglich der Stierkopf. Der Stier ist das männliche Symbol der Fruchtbarkeit und ständigen Potenz, auch politischer.
Gilgameš und sein Kampfgefährten Enkidu besiegen den Zedernwaldriesen Chuwawa. Das beeindruckt die auf Helden lüsterne nymphomane Liebesgöttin lštar und sie will Gilgameš in sich. Als er die Lockung verschmäht, fordert sie vom Vater An zur Rache, daß der Himmelsstier Guanna zur Vernichtung Uruks geschickt wird. Auch diesen können Gilgameš und Enkidu überwältigen und töten. Das verärgert aber die Götter und Enlil läßt Enkidu sterben. Utnapištim hatte einst von den Göttern Unsterblichkeit erhalten. Gilgameš will auch unsterblich werden und besucht in der Unterwelt Utnapištim. Im Mašu-Gebirge ist der Eingang zur Unterwelt von den Girtablulu bewacht, halb Mensch und halb Skorpion. Er muß das Meer des Todes überqueren und fällt 120 Bäume für den Bau eines Schiffes. Der Fährmann Uršanabi setzt ihn damit dann über. Gilgameš bittet Utnapištim um Unsterblichkeit. Der erzählt ihm, daß die Götter ihn mittels einer Pflanze unsterblich gemacht hätten, die auf dem Grunde des Meeres wachse. Der Tod sei aber für Menschen so nötig wie Schlaf. Gilgameš soll 6 Tage und 7 Nächte ohne Schlaf aushalten. Er ist aber bereits eingeschlafen, noch bevor sein Ahne seine Ansprache beendet hat. Schließlich bricht Gilgameš auf, fährt aufs Meer, bindet sich Steine an die Füße, taucht zum Meeresboden, nimmt die Pflanze an sich und schneidet dann das Seil an seinen Füßen durch, um wieder aufzusteigen. Er nimmt die Pflanze und kehrt mit ihr nach Uruk zurück um sich dort zu verjüngen. Unterwegs stiehlt bei der Rast an einem Brunnen eine Schlange, vom ihrem Geruch angelockt, die Unsterblichkeitspflanze. Sie läßt ihre Haut zurück, zeigt die Fähigkeit, sich zu verjüngen, indem sie ihre Haut abstreift. Gilgameš kehrt unglücklich nach Uruk zurück und stirbt nachdem er 126 Jahre regiert hat. Vor seinem Tode erkennt er, daß Unsterblichkeit nicht für Menschen gut ist.[1022]
Der Unterweltgang des Enkidu in der 12. Tafel ist unabhängig von dem vorhergehenden Gesamtduktus, in dem er ja nach Tötung des Himmelsstieres sterben mußte. Dem Gilgameš sind zwei magische Trommelstöcke in die Unterwelt gefallen, Enkidu geht sie wiederholen, gerüstet mit Verhaltensanweisungen von Gilgameš: kein sauberes Gewand, kein Salböl, kein Wurfholz, keinen Stock, keine Schuhe, kein Lärm, keine Frau oder Kinder küssen oder prügeln. All dem handelt Enkidu zuwider, so daß er unten als Eindringling entlarvt wird und der Macht der Erde unterliegt, dort bleiben muß als Toter. Nicht Namtar oder Nergal und ihre Dämonen haben Enkidu besiegt, sondern die Erde. Gilgameš geht nacheinander zu Enlil, Sin und Ea und bittet um Hilfe für Enkidu. Erst Ea erbarmt sich, bittet Nergal um Freilassung Enkidus, damit dieser Gilgameš über die Unterwelt berichten kann, Nergal macht ein Loch in die Erde und wie ein Furz knallt Enkidus Totengeist ans Tageslicht und erzählt Gilgameš, daß sein Leib dort drunten verwese, von Würmern gefressen im Staube. Es ist zum Weinen. Gilgameš fragt Enkidu nun nach zahllosen alten Bekannten, die wohl schon verstorben sind, alle hat Enkidu dort unten getroffen und kann berichten, wie es ihnen geht, die meisten sind sehr traurig, nur wenige haben auch etwas Freude. Damit bricht der Text der 12. Tafel ab.
Im ugaritischen Baal-Mythos aus dem 15.Jh.v.Chr. findet eine ähnliche inzestuöse Szenerie wie im Nergalmythos statt.[1023] Die Fruchtbarkeit des la(ab, des kanaanäischen Stier-Gottes wurde kultdramatisch als Sterben und Auferstehen gefeiert: Tafel 1.1 und 1.2 erzählen vom Konflikt Baals mit Yam und Sieg Baals über die Drachenschlange Yam bzw. Lotan (Leviathan) , 1.3 von der Planung zum Palastbau, 1.4 vom Palastbau für Baal, 1.4 VII 35-52 vom Fensterbau im Palast (=Regen) und Baals Donnerbrüllen, vor dem die Schlangenfeinde Baals (Yam?) fliehen. 1.4 VII 42-52 will Baal von tOm in die Unterwelt eingeladen werden, auch dort herrschen als der Allein-Fettmachende und Sättigende.[1024] Seine Boten npg und rgU überbringen dem Unterweltgott und El-Sohn Mot diese provokative Botschaft in 1.4.VII 52 - VIII. Sie bekommen VIII,14-20,24ff Warnhinweise, Mot nicht zu nahe kommen, da er sonst zuschnappt und frißt. Sie sollen sich an Šapaš ($apf$) und ihren Sonnenwagen halten und bei Sonnenaufgang die Unterwelt verlassen.(VIII,20-24) Mot läßt die beiden Baal ausrichten, er werde Baal verschlingen, weil dieser Yam besiegt hat.(1.5 I) in 1.5.II in das Totenreich hinabsteigt, hier unterwirft er sich Mot: »Verlegen bin ich, o El-Sohn Mot, dein Knecht bin ich, dein für immer!«.[1025] Alles siecht in der Sommerdürre dahin. Baals Körper wird geplündert, die Ernte eingefahren. 1.5.III und IV sind verderbt, in V,6-17 kommt der Auftrag des alten Schöpferstiergotts l"), Baal soll mit seinen Wolken, Wind, Blitzen, Regen, 7 Jünglingen, 8 Ebern und den Töchtern von Licht und Regen hinabsteigen ins Huptu-Haus der Erde, wo er zu den Toten gezählt werde. Noch vor Eintritt in die Unterwelt sichert sich Baal einen Nachkommen, der ihn im Totenreich mit Opfern versorgen und nähren soll: vermutlich ist es die Schwester Baals, tanA(, eine attraktive Kriegerin, die in 1.5.V,17-25 als junge Kuh auf dem Feld von rbd ihren Bruder verführt und ein Stierkalb bekommt. Nun fehlen 40 Zeilen, in denen Baal vermutlich von Mot gefressen wird, ebenso sein Hofstaat, der wie beim Königsbegräbnis rituell erwürgt und mitbeerdigt wird als Dienerschaft im Totenreich. El trauert um Baal. tanA( durchwandert die lieblichen Gefilde von rbd und sucht la(ab und trauert 1.5.VI,18ff rituell, bevor sie in der Unterwelt zusammen mit der Sonnengöttin die Leiche abholen kommt. $apf$ legt la(ab auf Anats Schulter, die ihn dann auf den Götterberg Saphon im Norden trägt, beweint und begräbt. Nach einem Schlachtopfer zur Verpflegung des Toten geht tanA( zu l") und klagt einen Stellvertreter für den toten Brudergatten la(ab ein. Els Frau Ttaryi+a( bestimmt ihren Sohn syirf( ra+A( als neuen König in Els Land, der kann Baal aber nicht ersetzen, so daß El selbst wieder regieren muß.(1.6.I,1-65) Anat sucht in 1.6.II voller Verlangen weiter nach Baal und steigt hinab zu tOm, der Baal wohl direkt nach der Paarung in rbd gefressen hatte wie der Wolf das Lamm, und verlangt 1.6.II,4-23 Baals Herausgabe. Er weigert sich. Einige Monate später treffen sich beide wieder und er wird von Anat mit dem Schwert zerstückelt, verbrannt und seine Asche in den Wind gestreut wie Samen aufs Feld. Nun offenbart einer l") 1.6.III,1-13 den von El geschickten Traum: »Der Himmel soll regnen mit Öl und die Täler strömen mit Honig. Ich weiß, daß la(ab nOy:lA( lebt.« Der lacht III,14-21 voll Freude über den wiederkehrenden Regierungschef, der ihm die Arbeit abnehmen wird und sendet tanA( und $apf$, um la(ab zu holen. tOm, wieder lebendig, verlangt Rache für seine Schmach, wird aber diesmal von la(ab selbst verdroschen: »Tod, wo ist dein Stachel, Hölle, wo dein Sieg?«(1 Kor 15,55) tOm verzieht sich in die Unterwelt. Baals Tempelhaus-Palast als Zeichen und Werkzeug seiner Macht muß noch gebaut werden, die Handwerker gehen an die Arbeit. Ttaryi+a( zieht mit tanA( auf einem Esel zum Götterberg Els, dort wird eine Woche geschmaust und die Wiedererweckung Baals in einer Liebesnacht mit der Schwester gefeiert. »Die heilige Hochzeit, ¸Iero\j ga/moj, spielte indessen im kanaanäischen - und überhaupt im vorderasiatischen - Kult eine so große Rolle, daß sie nicht allein bei dieser Gelegenheit gefeiert wurde.«[1026] tanA( geht la(ab holen, er ist schon bei diesem Fest mit dabei, macht einen Riß in die Wolken und läßt es regnen (Herbstregen). Es folgt seine Inthronisation im frisch gebauten Tempel. l") sitzt derweil an einer heiligen Quelle. Diese Inthronisation ist das entscheidende Moment, welches Dan 7,13 aufgegriffen hat. »Die Hauptereignisse dieses Mythos sind der Tod und die spätere Auferweckung dieses Gottes, auf die seine Einnahme des Thronsessels folgt als der, der die Herrschaft über Götter und Menschen ausübt... So wird der Rhythmus des Lebens durchgespielt, wie er sich Leuten darstellt, deren Leben abhängig ist von der jährlichen Erneuerung der Natur durch den Regen des Herbstes und das darauf folgende Wiedererwachen allen Wachstums nach seinem Hinsterben in der unfruchtbaren Glut des Sommers.«[1027] »Im Fest wird das Wirken des Todesgottes erlebt, aber es stellt nur den Hintergrund dar für die Bekräftigung des Lebens durch die Auferstehung und Thronbesteigung Baals.«[1028] Der auf einer Wolke anreisende Menschensohn, der die Herrschaft übernimmt und den Alten ablöst, dieses Bild des Baal ist über Dan 7,13 zum Urbild der Parusie Christi geworden, der wie ein Wettergott in den Himmel fährt und von dann kommen wird zu richten, cf 1.8.4.
Dieser sumerischen, babylonischen und kanaanäischen Mythen über die Unterwelt, den Tod und die Liebe sind nur auf einer ersten Ebene Vegetationsmetaphern. Auf einer zweiten offenbaren sie das Verhältnis der Liebenden zu den geliebten Toten, ihre ins Leere laufende Sehnsucht, ihr Ringen um das Verlorene. Und die Totenopfer, mit denen die Toten versorgt und verehrt werden, sind überall auch der Auftakt zu dem Versuch, in die Welt des Todes vorzustoßen und von dort die Geliebten wiederzuholen wie später Orpheus seine Eurydike. Die Toten sind die Geliebten und die Nekyomantie der Versuch, den Dialog dieser Liebe über die Todesgrenze hinaus aufrecht zu halten. Die Unsterblichkeit der Seele ist hier bereits impliziert am Beispiel des Gottes, der als Toter in der Unterwelt lebt und von dort wiederkommen kann. Wenn er vom Tode auferstehen kann, aus der Welt der Toten wiederkommt, dann können es auch die Sterblichen, die Menschen. Die Vegetationsmythen sind nicht auf ewige Zyklik der Neuerweckungen und Tode angelegt, sondern feiern alljährlich die Auferstehung vom Tod als einmaliges Ereignis. So ist hier ein archaisches Paradigma mitten im erstarkenden Bewußtsein von der Rotation der Sternzyklen und Jahreszeiten erhalten geblieben. Die jüdisch-christliche Tradition der Auferstehung verdankt sich dieser Mythik der Einmaligkeit und nur in der Gnosis ist die Metempsychosis-Lehre einer Rotation der Seelen zwischen Himmelsheimat und Erdaufenthalten verarbeitet.
Als die Magier in Babylonien und Chaldäa und Syrien eingewandert sind, haben sie, die ebenfalls eine Welt der Toten rituell begleiteten, hier eine Bestätigung ihres Glaubens gefunden, sogar Hofstaatbegräbnisse gab es in Chaldäa. Diese Affinität beider Totenwelten war für die Magier sicherlich ein Grund, sich mit der Nekyomantie der Babylonier intensiv zu befassen. Die Liebeszauber, die von dieser chaldäischen Magier-Tradition sich entwickelt haben, wollen über den Kontakt mit den Toten und ihre Fürsprache bei Gott den Kontakt mit dem geliebten Wesen herstellen. Die Anrufung der sumerischen Totengöttin, die alle Neuankömmlinge gerne verführte und somit auch eine Liebesgöttin war, findet sich in ägyptischen Zauberpapyri immer wieder. Dies ist ein Hinweis darauf, daß chaldäisch geprägte Magier sich in Ägypten angesiedelt haben und dabei die babylonische Nekyomantie importierten.
1.5.2.47 Die Nekyomantie und Lucians Unterweltsreise des Menippos
Die Nekyomantie spielt seit dem 1.Jh.v.Chr. eine Rolle in der griechischen Literatur. Das Interesse bleibt bis ins 4.Jh.n.Chr. mit steigender Tendenz. Mit Homer beginnt das Interesse am Eindringen in die Totenwelt: In der Odyssee[1029] landet das Team bei den Kimmeriern im hohen Norden, wo Kirke den Hades lokalisiert hat, Odysseus gräbt ein Loch 30 x 30 cm in die Erde, das mit Libationsopfer für die Toten umgossen wird, Milch mit Honig, dann süßer Wein, Wasser und schließlich Gerste. Dann betet Odysseus zu den Toten, verspricht Opfergaben, wenn er wieder zuhause ist, schlägt den mitgebrachten Schafen überm Loch den Kopf ab und läßt das Blut ins Loch strömen. Unter Wehklagen drängen sich massenweise die Totenseelen aus den Tiefen des Hades um das leckere Blut im Erdloch. Die geköpften Schafe werden abgehäutet und als Brandopfer unter Gebeten an Persephone verbrannt. Odysseus wehrt derweil mit dem Schwert neben dem Loch sitzend die Totenseelen ab: sie sollen nicht vom Blut trinken, bevor nicht Teiresias die Zukunft vorausgesagt hat. Seelen toter Gefährten sprechen mit Odysseus, seine Mama und endlich kommt mit Goldzepter Thebens Teiresias und bittet um schwertfreien Bluttrunk, der ihm gewährt wird. Dann sagt er die weiteren Etappen der Heimfahrt und ihre Gefahrenpunkte und Versuchungen voraus, die sämtliche mit Selbstbeherrschung gemeistert werden können. Seine Gefährten wird er allesamt verlieren. Die Freier wird er besiegen, muß dann aber im Inland dem Poseidon noch ein Opfer bringen, bevor er endgültig in Ithaka leben kann. Seine Mutter erkennt ihn erst, nachdem auch sie Blut geleckt hat und beide reden vertraut miteinander, er kann sie nicht umarmen, die Seele fliegt wie ein Traum fort und entgleitet seinen Armen. Abschließend darf Odysseus noch die schärfsten Frauen des Hades einmal wie in einer Pariser Modenschau vorbeipromenieren sehen.
Orpheus ist zum Paradigma und Inbegriff der schamanischen Totensuche geworden, er bleibt bei Eurydikes Hochholung erfolglos.[1030] »Übrigens ist die Möglichkeit, einen Menschen der Unterwelt zu entreißen, durch die Sage von Alkestis bestätigt. Doch Orpheus zeigt noch andere Züge eines "Großen Schamanen": seine Heilkunst, seine Liebe zur Musik und zu den Tieren, seine "Zaubermittel", seine Wahrsagekraft. ... Von den Bacchantinnen abgeschnitten und in den Hebron geworfen, schwimmt das Haupt des Orpheus singend bis nach Lesbos. Es diente dann als Orakel wie das Haupt Mimirs. Ebenso haben die Schädel der sibirischen Schamanen ihre Rolle bei der Weissagung.«[1031]
Poseidonios[1032] im 2.Jh. und Strabo[1033] im 1.Jh.v.Chr. zählen die Magier mit den Nekyomanten exklusiv zu den Orakelfachkräften der Perser. Diodor, Strabo und Pausanias berichten vom einstigen homerischen Nekyomanteion im Avernus-See, wo auch Euridikes Seele hochgerufen wurde.[1034] Plutarch erwähnt im 1.Jh.n.Chr. das Nekyomanteion von Herakleia, wo die Seele der Kleonike hochgerufen wird.[1035]
Lucian (~120-185) von Samosata am Euphrat studierte Philosophie und zog als Gelehrter mit Vorlesungen von Stadt zu Stadt. Seine Satire über den Kultbegründer Alexander von Abonuteichos, der unter Ausschluß von Christen und Epikureern mittels einer Schlange den Asklepios um Orakel fragt vor zahlreichen Anhängern, schildert unter dem Titel Filoyeu/dhj h)/ a)/pistwn also: Philopseudes oder der Ungläubige dessen magische Kunststücke schonungslos aufdeckend. Versiegelt abgegebene Orakelanfragen kamen ebenso versiegelt als Antwort zurück. Der Trick war, daß Alexander Siegel unbeschädigt öffnen konnte. Im Philopseudes erörtern ein Stoiker, ein Platoniker, ein Peripathetiker und ein Arzt Wunderheilungen und Liebeszauber. Etwa die Geschichte vom magischen Flug eines Hyperboreers mit klobigen Schuhen, der auch auf dem Wasser geht oder barfuß durchs Feuer stiefelt.[1036] Abaris hatte scheinbar eine schamanische Tradition verbreitet, die in der Spätantike zu neuer Blüte kam. Oder die Meldung vom Peripathetik-Schüler Glaukias, der seinen Lehrer einen hypoboräischen Magier engagieren läßt, um seinen vor 7 Monaten verstorbenen reichen Vater wiederzusehen. Der Magier verlangt nach langer Anreise Vorkasse von 4 Minen für die Opfertiere und 16 weiteren bei Erfolg. Er wartet bis Neumond und gräbt dann eine Grube im Hof und holt den Vater durch Beschwörung um Mitternacht hoch, weil er sein Ja zur Ehe des Sohnes mit Chrysis geben soll, der läßt sich nur widerwillig breitschlagen. Danach kommt der Liebeszauber. Hekate kommt mit Zerberus aus der Unterwelt, zieht Selene vom Himmel und diese mutiert vom schönen Mädel zum Stier und schließlich zum Hündchen. Der Magier formt einen Liebesgott aus Ton und der fliegt zu Chrysis, die alsbald eintrifft und liebestoll über Glaukias herfällt, bis im Morgengrauen alle Gestalten verschwinden und auch die Dame heim muß, die allgemein bekannt ist als eine der so seltenen Nymphomaninnen.[1037]
Ein »Syrer aus Palästina«, Jesus kannte Lucian sicherlich nicht, soll Dämonen ausgetrieben haben. »Alle wissen von dem Syrer aus Palästina, der sich auf diese Dinge versteht: wie viele Menschen er behandelte, die zur Zeit des Vollmonds umfielen, die ihre Augen verdrehten, die den Mund voll Schaum hatten - und dennoch heilte er sie und entließ sie in normaler geistiger Verfassung, nachdem er sie für ein großes Honorar von ihren schrecklichen Leiden befreit hatte. Sie liegen da, und er steht neben ihnen und fragt „Woher kommt ihr? Wie seid ihr in den Körper eingedrungen?“, und der Patient selber sagt nichts, aber der Dämon antwortet auf Griechisch oder in einer fremden Sprache und sagt, woher er kommt und wie und wann er in den Menschen eingedrungen ist. Aber der Exorzist treibt, wenn er nicht gehorcht, unter Drohungen den Dämon aus. Ich selber habe tatsächlich einen gesehen, wie er austrat, schwarz und rauchig war er.«[1038]
Wie der iranische Reinigungspriester
oder Zaraθuštra
von Ort zu Ort ziehen, so auch die Magier, die Dämonen
austreiben, sei es
Jesus, Simon
Magus,
Petrus oder andere, sei es in Persien, Griechenland, Hyperborea oder
Syrien. Theißens
These vom
Wanderradikalen und seiner Jesusbewegung[1039]
trifft Zeitgeist: viele
solcher Magier hatten gar kein festes Zuhause und wanderten von Auftrag
zu
Auftrag. Dies ist soziologisch ein möglicher Grund, weshalb so
viele von ihnen
so mühelos sich in Babylonien ansiedeln konnten und von dort
ebenso mühelos
nach Ägypten mitziehen mit Kambyses.
Im Philopseudes wird auch die Geschichte von Eukrates erzählt, der beim Magier Pankrates studiert. Dieser hat 23 Jahre in unterirdischem Gemach gelebt, um von Isis das Zaubern zu lernen. Ein verhexter und bekleideter Besenstil verrichtet die Hausarbeit. In Abwesenheit des Magiers probiert Eukrates die von Pankrates abgelauschte dreisilbige Zauberformel aus und der Besen ist nicht mehr zu bremsen.(34ff) Solche mit Tricks arbeitenden Magier begeisterten damals große Mengen und nahmen dabei erhebliche Summen ein, was in der Geschichte vom hyperboreischen Magier deutlich wird. Das Spektakel war wichtiger als echte Wirkkraft.
Lucian schreibt ein ganzes Buch, H Nekuomanteia Menippoj, über Unterweltreisen des Menippos mit Magiern in Babylon. Clemens von Alexandria meint, die ägyptischen und tyrrenisch-italienischen Totenbeschwörungen seien unerforschtes Sich-übergeben an die Finsternis[1040], Euseb zitiert ihn damit und hält alle seherisch-mantischen Zaubereien für Spitzfindigkeiten Ungläubiger und reinen Betrugsspielerei.[1041] Hermogenes erinnert an die Waffenschmiede, die Nekyomantie und den Liebesgesang als die kulturellen Innovationen in Homers Ilias und Odyssee.[1042] Auch Pseudo-Justin erinnert im 3.Jh.n.Chr. an die Totenunterredung zwischen Odysseus und Alkinoos.[1043]
Bunt und zahlreich werden die Erwähnungen des 4.Jh.n.Chr.: Im anonymen Märtyrerleben des Pionius geht es um eine nekyomantische Wiederbelebung des toten Jesus nach der Kreuzigung.[1044] Der Scholastiker Sokrates erzählt von einem König, der viele exhumieren läßt, deren Namen mit T beginnt, um sie für Totenorakel zu befragen, wovon er allerdings einen grausigen Dämon bekommt, der seine Roheit ausnutzt und schwer zu vertreiben ist.[1045] Johannes Chrysostomus klagt über Nekyomantie im Zusammenhang mit Kinderschlachtopfern zur Beschleunigung der Parusie Christi.[1046] Didymus Caecus schreibt über einen Ägypter, der wahrnahm, wie schlecht Bilderverehrung und die mit ihr verbundenen Dummheiten sind, üble Schauen, Nekyomantie und die ihr beiwohnenden Dämonen.[1047] Theodoret sagt, weltweit bauen sie Werkstätten des Betrugs und haben seherische Magie im Kopf, Weizenmehl-Mantie, Brust(Herz)-Mantie und Totenbeschwörung, den Kastalia-Strom, den Kolophon-Fluß und den heiligen Baum.[1048] Bei den Tyrenern und Chaldäern gibt es die weisesten Höhlen der Nekyomantie und sonst die des Amphilochos, des Glaukos, des Mopsos und all der anderen.[1049] Plinius ordnet die Nekyomantie Ägypten zu, so auch die Pseudoklementinen, so daß wir vermuten dürfen, daß die babylonische Tradition der Totenbeschwörung, die Lukian berichtet, sich mit der ägyptischen Totenbegleitung (Totenbuch usw.) und der dem Einfluß der Orphik zu einer international berühmten Technik herausgebildet hat, die eben auch Simon Magus in Alexandria gelernt und anschließend praktiziert hat.
Totenbeschwörung hatte das Ziel, Zukünftiges zu erfahren. Mit Opferblut oder Wein, Milch und Honig wurden die Schatten der Toten so weit gestärkt, daß sie sich mehr oder minder stark materialisieren konnten. Frühe Beschwörungen sind die der Hexe von Endor und des Teiresias in der Odyssee. Später wurde die Nekyomantie stärker ritualisiert zum Totenorakel. Gelegentlich wurden Menschenopfer gebracht, um die Seelen der Getöteten befragen zu können. Agrippa von Nettesheim unterscheidet die Scyomantie (skiai/), bei der nur ein Schattenbild erscheint, von der Nekyomantie, der Wiederbelebung des Körpers.
Der Phönizier Menippos aus Gadara erzählt um 300 v.Chr., daß er nach Babylonien kommend dort Mithrobarzanes, einen Magier des Zoroaster als Lehrer hatte. Dort hörte er die Magier Initiations-Gesänge singen, die die Pforten der Unterwelt öffnen sollten und hinunterführen, wen immer sie wollen, und danach sicher wieder zurück hochschicken.[1050]
»Angekommen schloß ich mich einem der Chaldäer an, einem weisen Mann von mehr als menschlicher Kunst, mit langem grauem Haar und einem sehr verehrungswürdigen wallenden Bart: sein Name war Mithrobarzanes. Mit flehentlichen Bitten und Gesuchen gelang es mir mühsam, ihn zu überreden, daß er mich den Weg hinab führte - welches Honorar er auch immer dafür verlangte. Nachdem er mich angenommen hatte, wusch er mich 29 Tage lang, beginnend mit dem Neumond. Er brachte mich in der Morgendämmerung zum Euphrat hinab, zur aufgehenden Sonne und sprach eine lange Formel über mich, die ich nicht gut verstehen konnte, denn er ließ alles ineinander übergehen und sprach es nicht deutlich aus... aber er schien verschiedene Dämonen anzurufen. Dann, nach dem Zauber, spuckte er mir dreimal ins Gesicht und ging zurück, ohne jemanden anzusehen, der uns begegnete. Und unsere Nahrung waren Nüsse, unser Getränk Milch und ein Gemisch aus Honig und Milch und Choaspeswasser, und wir schliefen im Freien auf dem Gras. Als wir von dieser Vorbereitung genug hatten, brachte er mich gegen Mitternacht an den Tigris, reinigte mich, rieb mich ab, weihte mich rings umher mit einer Fackel und einer Meerzwiebel und anderen Dinge, wozu er gleichzeitig jenen Zauber murmelte. Dann brachte er mich, nachdem er mich völlig magisiert und eingekreist hatte, damit mir die Phantome keinen Schaden zufügen konnten, so, wie ich war, rückwärts gehend, in das Haus zurück, und zuletzt waren wir für die Reise vorbereitet. Er selber legte ein magisches Gewand an, das ganz so aussah, als sei es modisch, und mich stattete er... mit einer Mütze und einem Löwenfell und dazu mit einer Leier aus, und er befahl mir, falls mich jemand um meinen Namen fragen sollte, nicht Menippos zu sagen, sondern Herkules oder Ulysses oder Orpheus...Er hatte ein Boot und Tiere zum Opfer und mit Honig gemischte Milch und die übrigen für den Ritus benötigten Dinge vorbereitet. Wir legten all das hinein, stiegen auch ein... und eine Weile wurden wir flußabwärts getragen, dann fuhren wir in den Sumpf und den See, in denen sich der Euphrat verliert. Diese überquerend, kamen wir an einen menschenleeren, waldigen, sonnenlosen Ort, wo wir, Mithrobarzanes voraus, ausstiegen, eine Grube gruben, das Schaf schlachteten und das Blut ringsum aussprengten. Inzwischen sprach der Magus, der eine brennende Fackel hielt, nicht mehr ruhig, sondern schrie so laut er konnte. Schreiend rief er alle Dämonen auf einmal an, dazu die Strafenden, die Furien, die nächtliche Hekate und die furchtbare Persephone,«[1051] »wobei er zugleich einige barbarische, unverständliche und vielsilbige Namen untermischte. Plötzlich schwankte der ganze Ort, und der Boden wurde durch den Zauber gespalten, und man konnte das Bellen des Zerberus höre.«[1052]
Dieser Bericht Lucians ist sehr aufschlußreich: Dies ist schamanische Praxis in allen Einzelheiten. Es gab in Babylonien und schon in Sumer Totenbeschwörer-Priester, die Kontakt zu den Toten herzustellen bemüht waren. 1 Sam 28 läßt Saul eine Totenbeschwörerin in En-Dor Samuel aus der Erde hervorholen, um ihn um Rat zu befragen. Dieser kommt dann quasi in voller Lebensgröße und Priesterzivil hochgelaufen und erklärt ihm seine Sünde. Dieses Totenorakel könnte schon vor langer Zeit aus Babylonien übernommen worden sein, war doch Abraham Chaldäer. Daß die Magier diese Tradition übernehmen, mag an der avestischen Totenbegleitung der Vendidad ein affines Element haben. Hier überschreiten sie aber bereits eindeutig den avestischen Kanon und nehmen neue Traditionen auf, so wie sie von Babylonien auch die Astronomie in der Konstitution des Zervanismus übernommen und integriert haben. Pythagoras mag diese Mischung von avestischer und chaldäischer Theologie auf seiner Babylonienreise erlebt und aufgenommen haben. Auch die Orphik ist von dieser schamanischen Bemeisterung des Todes durch das Singen geprägt. Den Gesängen der Magier entsprechen die Gesänge im höchsten Himmel, dem Haus des Gesanges (avestisch garōθmān), was es ähnlich ebenfalls im chaldäischen höchsten Himmel gibt.[1053] Von den indoeuropäischen Kurganen bis zu den sumerischen Königsgräbern wird der mächtige Tote mit seinem ganzen Hofstaat und Vieh bestattet, damit er im Weiterleben nach dem Tod den gleichen Luxus hat. Die Toten leben weiter. So kann man sie rufen oder zu ihnen gehen in die Unterwelt. Diese Ähnlichkeit der Totenrituale war für die Magier eine große Verständnisbrücke bei ihrem Einsiedeln in Babylonien und ihren Kontakten zur chaldäischen Astrologie und Mantik, die den folgenden Synkretismus des Zervanismus wesentlich gefördert hat. Antiochos I. Theos von Kommagene (80-32 v.Chr.) ließ eine Inschrift machen, die die Himmelsreise der Seele post mortem zur Staatsreligion erhebt: »Der Leib schickt die gottliebende Seele voraus zu den himmlischen Thronen des göttlichen Ahuramazda zu dem unendlichen Äon, wenn er entschläft.«[1054] Arnobius (um 300 n.Chr.) schreibt: »Die Magier verpflichten sich feierlich, empfehlende Gebete zu haben, bei welchen - ich weiß nicht wie - zustandegebrachte Mächte die Wege leicht machen für die, die vorhaben, zum Himmel emporzufliegen.«[1055] Der postmortale Rückweg in die Himmelsheimat wird leicht verstellt durch böse Mächte (cf Rm 8,38), die man mit besonderen Riten versucht, zu beschwichtigen oder abzulenken. »Was jene sich in geheimen Zusammenkünften wünschen, ist ein Ritus der Künste, die irgendwelche Mächte anrufen, damit sie ihnen gefällig seien und nicht den Sitzen der in die Heimat Zurückkehrenden Hindernisse beim Einmarsch entgegenstellen.«[1056]
Das Medium der Magier ist das Singen. Von diesen Praktiken ist der Weg nicht mehr weit zu den ägyptischen Zauberpapyri, von denen manche den Leichen in den Mund gesteckt wurden, um sie zu zwingen, den dort notierten Wunsch zu erfüllen. Weiterhin ist an dem Bericht des Menippos interessant die Technik der Magier, durch Gesang einen der Ihren orpheusmäßig in die andere Welt zu schicken und eben durch diesen Gesang auch wiederzuholen. Diese induzierte Psychose der Unterweltreise ist getragen und gehalten durch das Kollektiv der Kollegen. Eine sehr ähnliche Praxis finden wir in der Himmelsreise des Ardā Vīrāf wieder, die besticht durch die babylonische Siebenzahl allenthalben. Auch hier reist der Myste im Kreise seiner Lieben nach langer ritueller und spiritueller Vorbereitung und einer Intoxikation durch eine Haoma-ähnliche bewußtseinsverändernde Droge in den Himmel und man erlebt, wie gefährlich diese Reise über die Cinvat-Brücke in Begleitung von Sraoša und Atar bis zum 3. Himmel bei siebentägiger Katatonie ist. Rabbi Ben Soma im babylonischen Talmud wurde wahnsinnig nach seiner Rückkehr aus dem himmlischen Paradies, Rabbi Ben Asai starb sogar.[1057] »Die Apokalypse des Arda-Vīrāf zeigt, daß diese Art der Ekstase häufiger geübt sein muß. Eine bestimmte Praxis hat sie herausgebildet, man kennt Mittel und Wege die Ekstase zu erzwingen.«[1058] Diese Nekyomantie-Beschreibung zeigt auch, wie wichtig die Waschungen in der rituellen Praxis der Magier waren. Aus dieser Reinigungspraxis sind in Griechenland die orphischen Katharmoi und in Judäa die Täufersekten hervorgegangen. Bei allen Affinitäten zwischen beiden läßt sich keine unmittelbare Abkünftigkeit zwischen Orphik und Täufertum erkennen, aber die Reinigungspraktiken der Magier, die in beiden Regionen gewirkt haben, dürften das Bindeglied sein. Ohne die Reinheitsgebote der persischen Eroberer hätte sich kein Täufertum und keine christliche Taufe entwickelt.
1.5.2.48 Pausanias (2. Jh.n.Chr.)
Pausanias schildert im 2. Jh.n.Chr. in seiner Beschreibung Griechenlands den Feuerdienst der Magier und ihren Gottesdienst mit liturgischen Gesangbüchern in Feuertempeln persischer Einwanderer im lydischen Hierocaisareia und Hypaipa. Als Zeichen der Gegenwart Ahura Mazdās entzündet sich das Feuer von selbst. »Es gibt nämlich bei den Lydern mit persischen Beinamen Heiligtümer in der Stadt Hierocaisareia und in Hypaipa. In jedem Heiligtum ist eine Kammer, und in der Kammer sind Aschen auf einem Altar. Aber die Farbe dieser Aschen ist nicht die übliche Farbe von Aschen. Wenn er die Kammer betritt, bringt der Magier trockenes Holz herbei und stapelt es auf dem Altar; er setzt zuerst ein Diadem (Tiara) auf seinen Kopf und singt dann zu einem bestimmten Gott eine fremdsprachige Epiklese, die unverständlich ist für Griechen. Die Epiklesen liest er aus einem Buch. Ohne Feuer entzündet unter einem Zwang sich das ganze Holz und helle Flammen springen aus ihm hervor.«[1059] Das ist eine detaillierte Beschreibung des Feuerkults, die wir sonst in dieser Zeit nirgends finden. Das heißt aber auch: es gab zu dieser Zeit in den persischen Stammgebieten einen avestischen Feuerdienst der Magier, der neben der Verschmelzung von Magiertum und Zauberei in Ägypten bestanden hat, aber angesichts der breiten Bezeugung der Zauberpapyri und kirchlicher antihäretischer Darstellungen in Vergessenheit geraten ist. Für unsere Frage, ob in Schriften des Zoroaster in Ägypten noch authentische avestische Theologie zu finden gewesen sein könnte, heißt dies: Wenn es genügend Verbindungen zum persischen Stammland gegeben hat, gab es auch Magiertum in der zoroastrischen Feueranbetung.
Von den Pferden des Altis beim kupfernen Phormis-Pferd erzählt er, sie seien so temperamentvoll, daß sie mit magischen Kräften zustandegebracht seien.[1060] Es gibt eine Reihe von nekyomantischen Erzählungen im Griechenlandführer, etwa die Sage, einer von Odysseus` Männern habe im süditalienischen Temesa ein Mädchen vergewaltigt und sei vom Dorf daraufhin gesteinigt worden. Sein Geist bringe nun ständig Leute vom Dorf um. Die Pythia orakelt, man solle diesem Geist in einem heiligen Bezirk einen Tempel bauen und ihm dort jährlich ein Mädel zur Frau geben. Der Boxer Euthymos kommt in dieses Opferritual zufällig hinein und kämpft mit dem Dämon, bis der sich ins Meer stürzt. Das Mädel heiratet seinen Retter.[1061] Von einem Gemälde des Polygnot in Delphi über den Abstieg des Odysseus in den Hades gibt er eine Beschreibung. Ein Vater erwürgt seinen Sohn, der ihn zu Lebzeiten schlecht behandelt hat. Eine Frau foltert einen, der gegen die Götter handelte. Der bläulichblasse Fliegendämon Eurynomos frißt das Fleisch der Leichen von den Knochen.[1062] In Marathon stehen nachts die nach Heeren getrennt unter Steinplatten und Grabmalen begrabenen Gefallenen wieder auf und ihrer Geister kämpfen miteinander unter Wiehern der Pferde.[1063]
1.5.2.49 Clemens von Alexandria (150-215 n.Chr.)
Clemens von Alexandria (150-215) [Magie/r 15mal; Perser/Persien 25mal] hat sich als gebürtiger Athener mit Studien an verschiedensten Orten mit orientalischen Einflüssen auf griechische Philosophie beschäftigt. Stoische a)paqei=a und Platons Idee des Seelenaufstiegs zur Schau Gottes kombiniert er mit einer pro-alttestamentlichen Gnosis, deren Ziel jesusmäßige ethische Vollkommenheit ist. Erlösung kommt nicht durch Wissen (Valentin), sondern durch Taufe als Entscheidung für Christus, dazu durch gewollte Orthopraxie, die als Heiligung Fleischwerdung des Göttlichen ist. Er schreibt nach einem Abriß griechischer Philosophie in den Stromata: »Und wie mir scheint, war es in Anbetracht des großen Nutzens, der durch weise Männer entsteht, daß die Männer selbst geehrt wurden und Philosophie öffentlich gepflegt wurde von allen Brahmanen; ebenfalls bei den Drusen und Geten. Und solche wurden gründlich theologisch studiert im Volk der Ägypter, bei den Chaldäern und Arabern glücklich gepriesen und die Palästinabewohner und die Perser haben nicht weniger Verdienste, auch unzählige andere Völker. Plato feierte bekanntlich ständig die Barbaren, die ihn fanden, und erinnert dran, daß er und Pythagoras die meisten und wesentlichsten ihrer Lehren bei den Barbaren erlernten. Darum sagt er auch statt 'Volk der Barbaren' Volk der weisheitsliebenden, erkennenden Barbaren. Im Phaidros zeigt er uns den Pharao weiser als Thot, von dem er weiß, daß er Hermes ist. Und im Charmides erscheint als Wissender jener Thraker, der sagt, daß die Seele nicht sterben kann.«[1064]
Demokrit zitiert in seinen Schriften den babylonischen Chaldäer Acicarus. Er »ging nach Babylon, Persien und Ägypten, um von den Magiern und Priestern zu lernen. Zoroaster, dem Magier, dem Perser, eiferte der Pythagoras nach. Von den geheimen Büchern dieses Mannes, brachten die, die der Irrlehre von Prodicos folgten, welche in ihren Besitz. Alexander erzählt in seinem Buch „Die pythagoreischen Symbole“, daß Pythagoras ein Schüler von Zaratas dem Assyrer war - einige halten ihn für Ezechiel, aber er ist es nicht, wie später gezeigt wird -, und glaubt überdies, Pythagoras sei ein Hörer von den Galatern und den Brahmanen gewesen.«[1065]
Die indische und persische Welt wird bei Clemens mehrfach erwähnt: »So ist die Philosophie, eine Sache von höchster Nützlichkeit, aufgeblüht im Altertum unter den Barbaren und hat ihr Licht ausgestrahlt über den Nationen. Und danach kam es nach Griechenland. Die ersten in seinen Rängen waren die Propheten der Ägypter; und die Chaldäer unter den Assyrern; und die Druiden unter dem Galliern; und Schamanen unter den Baktriern; und die Philosophen der Kelten; und die Magier der Perser, die die Geburt des Heilands voraussagten und nach Judäa kamen, geführt durch einen Stern. Die indischen Nacktweisen zählen auch dazu und die anderen 'barbarischen' Philosophen. Und von diesen gibt es zwei Kategorien, einige von ihnen heißen Schamanen und andere Brahmanen. Und diejenigen Schamanen, die man Waldbewohner nennt, bewohnen weder Städte, noch haben sie ein Dach über sich, aber sie sind gekleidet in Baumrinde [Bast?], essen Nüsse und trinken Wasser aus der Hand. Wie jene heute Asketen genannten kennen sie weder Ehe noch das Zeugen von Kindern. Einige Inder befolgen die Gebote von Buddha, dem sie wegen seines außerordentlichen Heiligkeit göttliche Verehrung haben zuteil werden lassen.«[1066]
Zaraθuštras baktrische Gatha-Gemeinde wird also sehr zu Recht dem Schamanismus zugeordnet. In einer langen Kette von Orakelgrößen zählt Clemens neben Pythagoras auch Zaraθuštra auf. »Und der große Pythagoras gebrauchte seinen Geist unentwegt zur Prognostik, und Abaris der Hyperboreer, and Aristeas von Prokonnos, und Epimenides der Kreter, der nach Sparta kam, und Zoroaster der Meder, und Empedokles von Agrigentos, und Phormion von Lacedaimonion; Polyaratus, ebenfalls von Thasios, und Empedotimus von Syrakus; und außerdem bisweilen auch Sokrates der Athener.«[1067]
Clemens erwähnt im Rahmen der Metempsychosenlehre Platons den Krieger Er als reinkarnierten Zaraθuštra. »Und ebenso im „Staat“ Buch 10 erinnert sich Er, der Sohn von Armenios, daß er Zoroaster ist. Er schreibt dann unter dem Namen Zoroaster: »Dies ist geschrieben von Zoroaster, dem Sohn des Armenios, einem gebürtigen Pamphylier: gestorben im Krieg, im Hades gewesen, ich lernte dies von den Göttern.« Dieser Zoroaster, sagt Plato, wurde beim Begräbnisfeuer aufgebahrt und begann wieder zu leben nach 12 Tagen. Alsbald wird nun die Auferstehung und alsbald die Umstände, wie der Weg für die Seelen zur Himmelfahrt durch die 12 Tierkreiszeichen des Zodiak führt. Und er selbst sagt, daß der Abwärtsweg zur Geburt derselbe ist. In eben diesem Sinne müssen wir die 12 Taten des Herakles verstehen, nach denen die Seele Befreiung erhält von dieser ganzen Welt.«[1068] Hier ist deutlich, wie in Ägypten um 200 n.Chr. zur Zeit der Entstehung des Zostrianos die Himmelsreise ein Schnittpunkt für persisch-medische zervanistische Einflüsse verschmolzen mit chaldäischer Astrologie und griechischer Philosophie war und den gesamten Hellenismus bestimmt.
Clemens berichtet im gegen heidnische Mythen argumentierenden und zur Bekehrung zum Christentum rufenden Protrepticos auch, Heraklit prophezeie Nachtschwärmern, Magiern, Bakchen, Mänaden und Mysten.[1069] Wenn das stimmt, hat sich die griechische Philosophie in einen tiefen und ernsthaften Dialog mit den orientalischen Geistlichen eingelassen, der dann nicht nur in Adaption ihrer Mythen bestand, sondern in einer philosophierenden Antwort auf diese Mythen. Beispielhaft ist dies Platon gelungen, der immer wieder solche Mythen in seinen Dialogen einflicht, sie aber als Metaphern seiner Philosophie ausbreitet.
1.5.2.50 Diogenes Laertius (185-250 n.Chr.)
Diogenes Laertius (185-250 n.Chr.) stammt aus Nicaea in Bithynien mit langer orientalischer Geschichte und hat sich mit seiner doxographischen Philosophiegeschichte auch um Quellen der Magie bemüht. Sein Erkenntnisziel ist, die Dignität griechischer Philosophie gegenüber orientalischen und ägyptischen Traditionen zu erweisen.[1070] Er erwähnt Zaraθuštra dreimal: »Von den Magiern, deren Haupt Zoroaster der Perser ist, schreibt der Platoniker Hermodoros in seiner Mathematik, man sage, bis Troja seien es noch 5000 Jahre gewesen. Xanthos der Lyder sagt, bis zum Xerxesfeldzug seien es von Zoroaster an 6000 Jahre und mit ihm seien viele jene Magier geworden in der Nachfolge, Ostanes und Astrampsychous und Gobryes und Pazatas, bis zur Auflösung des Perserreichs durch Alexander.«[1071] Die Datierungen Hermodors und Xanthos wollen die persische Religion als die welt-älteste Ursprungsreligion ausweisen. Diogenes versucht, Theorien über den Ursprung der Magie zu einem zuverlässigen Bild zu ordnen, um insgesamt zu beweisen, daß die orientalische Religion keineswegs der Anfang der Philosophie sein kann: Weder Thrakiens Orpheus noch Indiens Nacktweise noch keltische Druiden erfüllen die Stringenzforderung der klaren Philosophie. Die persischen Magier glauben an zwei duale Urgötter des Guten und Bösen, haben eine kosmologische Heilsgeschichte und praktizieren Inzest in der Familie. Die Ägypter haben Vorstellungen über die erste Materie und den Ursprung der Arten, vergöttlichen aber auch Tiere, die ihnen nützen. Alle Werke, aus denen Diogenes zitiert, sind verloren. Er macht sich das Prinzip Sotions (2.Jh.n.Chr.) mit seiner 13bändigen diadoxh/ zueigen, die Sukzessionen der philosophischen Motive aufzuzeigen.[1072] »Die Chaldäer waren mit Sternkunde und Vorhersage beschäftigt, die Magier aber mit Gottesdienst, mit Opfern und Gebeten, als hörten die Götter ausschließlich auf sie. Sie legten ihre Sicht über das Leben und den Ursprung der Götter vor, von denen sie erwägten, sie seien Feuer, Erde und Wasser. Sie verdammten den Gebrauch von Bildern, besonders denen, die sie als männlich oder weiblich darstellen. Sie dichten Sprüche über Gerechtigkeit, betrachten es als unfromm, etwas zu verbrennen, und glauben, es sei fromm, mit Mutter und Tochter Sexualverkehr zu haben, wie Sotion im 23. Buch sagt. Und sie praktizieren Vergöttlichung und Verkündigung und sagen, daß die Götter ihnen erscheinen. Mehr noch sagen sie, die Luft sei voller Formen, die in die Augen der Klarsichtigen eindringen durch einen Strom aus Verdampfung. Sie verbieten verzierten Schmuck und Tragen von Gold, kleiden sich weiß, schlafen auf Strohmatten, Kräuter, Käse und grobes Brot ist ihre Nahrung, ihr Besteck ist ein Schilf, was, wie man sagt, sie in den Käse stecken, ihn aufspießen und essen.«[1073] Die Prävalenz des Gottesdienstes ist avestisch und wird bestätigt von griechischen Autoren.[1074] Die Magier beanspruchten, die wahre Religion zu leben, ihr Ziel ist erdumfassende Verbreitung der mazdayasnischen Religion.[1075] Feuer (Atār), Erde (Zām, Armaiti) und Wasser (aiwyō, Apam Napāt, Anāhītā) sind nach der Vendidad so heilig, daß sie nicht verunreinigt werden dürfen, nie und in keiner Form, daher auch keine Leichenverbrennung. Das Verdikt gegen geschlechtliche Götterbilder gilt bis 404 v.Chr. In Anāhītā-Tempeln hat es - vielleicht erst unter der Konkurrenz mit kleinasischen Kulten - Statuen im griechischen Stil gegeben[1076], ebenfalls von Miθra, aber von Ahura Mazdā ist keine solche bekannt. Artaxerxes II. läßt in den Großtempeln seines Reiches Götterstatuen errichten, vermutlich unter dem Eindruck der Ägypter-Statuen. In Persepolis gab es eine Fülle von Reliefs und das Zentrum der Mithräen war später auch das Relief.[1077] Kambyses ließt 525 mit Pharao Psammetich III. auch viele ägyptische Statuen nach Susa bringen, was das persische Bildhauen inspiriert haben wird.[1078] Spätestens am Nemrud Dagh in Kommagene finden wir monumentale Sitzgruppen von Zeus, Miθras, Herakles, Kommagene und Antiochos, in Sidon einen geflügelten schlangenumringten Löwenmann mit Hoden und Penis und Loch im Mund, durch das von hinten Feuer durchgeblasen werden konnte, so daß hier ein Löwengott Feuer speit und die Statue unmittelbar als Körper der Gottheit verstanden wurde, was dem ägyptischen Statuen-Verständnis entspricht, die vermutlich Vorbild des iranischen Statuenbaus waren.[1079] Diogenes Laertius scheint Herodot I,131f zu folgen, der nach der Elemente-Verehrung die Freiluftanbetung auf Höhen ohne Götterbilder, Altäre oder Tempel erwähnt.[1080] Die peri/ dikaiosu/nhj lo/gouj dürften das Proprium der aša als rechter Ordnung meinen. Den Magier-Inzest (hvaēθvadata) hat Diogenes richtig gesehen, Ardā Vīrāf ist Beispiel dieser Isis-Osiris-Horus-Adaption.[1081] Mit Vergöttlichung ist wohl weniger Traumdeutung, Orakeln aus dem Trance-Blick ins heilige Feuer[1082] gemeint, sondern das Barəsman-Ritual[1083] in Verbindung mit dem Haoma im Gottesdienst, was als Unsterblichkeitstrank halluzinogen wirkte. Es ist wahrscheinlich, daß die Magier bei ihrer Haoma-Eucharistie Göttervisionen hatten.[1084] Das Gleiche gilt für das Sehen von Formen, die in klarsichtige Augen eindringen wie Dämpfe. Dies sind typische Aussagen von LSD-Usern. Diese Halluzinationen können als Sehen der mēnōk-Welt gedeutet werden, wie in Ardā Vīrāfs Himmelsreise. Die asketischen Regeln: ohne Goldschmuck, in weißer Kleidung, auf einfacher Strohmatte als Bett und fleischlos essen, dies finden wir heute noch bei den Parsen Bombays wieder.[1085] Sicherlich trug die iranische Aristokratie Goldschmuck und aß Fleisch, die frommen Magier dürften wie Mönche in Bescheidenheit gelebt haben, wie sie Zaraθuštras Ethik entspricht.
»Zaubergauklerische Magie kannten sie nicht, sagen Aristoteles in seinem Buch über das Magische und Dino im 5. Buch seiner "Historien", der auch sagt, "Zoro-aster" (a)sth/r) werde so umgedeutet, daß dieser ein Stern-Opferer sei, auch Hermodor meint das. Aristoteles schreibt im 1. Buch seiner "Philosophie", sie seien älter als die Zauberer der Ägypter gewesen. Nach ihnen gebe es zwei Urprinzipien, den Guten Dämon und den Bösen. Der Gute werde Zeus oder Oromasdes genannt, der andere Hades oder Areimanios. Das sagt auch Hermippos im 1. Kapitel seines "Das Magische" und Eudoxos in seiner "Weltreise" und Theopomp im 8. Kapitel seiner "Philippika". Der sagt auch, nach den Magiern leben die Menschen wieder auf und sind unsterblich und ihre Taten bleiben in ihren Herbeirufungen (im Totengericht) bestehen. Das berichtet auch Eudemos von Rhodos. Hekataios sagt, nach ihrer Theologie seien die Götter Schöpfer gewesen. Klearch von Soli sagt in seiner Schrift "Über Erziehung", auch die Nacktweisen seien von den Magiern abkünftig. Einige behaupten, auch die Juden stammen von ihnen ab.«[1086] Aristoteles hat zwar in Metaphysik 1091b sehr wesentliches über die Götter der Magier als duale Urprinzipien geschrieben (cf 1.5.2.18), aber kein extra Buch hierüber. Daß der Mythos der Urzwillinge hier anklingt, ist offensichtlich, cf oben 1.4.6. Die Bemerkung über die Auferstehung zum Totengericht und den dort sichtbaren Taten der Menschen und die Unsterblichkeit wird Bundahišn 30 SBE 5 (cf 1.4.5.7) beschrieben, als Unsterblichkeit der Seele des Gerechten von Vendidad 19,28-34; Mēnōk-i Chrad 1,13; 7,13ff; 8,9ff; 27,25ff; 40,28ff; Dadestan-i Denik 16,1ff; 23,6ff; 32,14; 35,3; 36,5-7; 37,7.21.40-43.90-120; 38,3; 48,4.16.34; 90,1ff; Dēnkard 3,73.159.317; 7,1,20; 7,8,50; 7,11 u.ö. Theopomp und Eudemos haben diese Schriften ca. 350 v.Chr. gekannt, was Plutarch bestätigt.[1087] Wenn Dareios I. den Zervanismus 513 v.Chr. verbieten läßt, ist dieser sicherlich vor dieser Zeit entstanden. Ab dem 9. Jh.v.Chr. ist durch die enge Nachbarschaft von Chaldäa und Susa und ab 614 das Bündnis Babylon-Susa gegen Assur ein astrologischer Einfluß auf die Magier wahrscheinlich. Dino und Hermodor beschreiben das Zaraθuštrabild als Astrologe, was vermutlich persische Magier in Chaldäa zur Autorisierung ihrer Wende zur Astrologie aufgebracht haben.[1088] Die Sternverehrung ist in mittelpersischen Schriften denn auch regelmäßig zu finden.[1089] Frühe Texte wie die Sonnenlitanei verehren lediglich Tištar neben dem Himmel, Zurvan, und nach Ahura Mazdā und Miθra. In späteren erst kommen die 12 Zodiakzeichen und die 7 Planeten ins Spiel. Hekataios als Leiter der Alexandrinischen Bibliothek darf als zuverlässig gelten; auch die anderen Autoren sind als Kenner der Magierszene bekannt. Hermippos aus Smyrna (~250-200 v.Chr.) mit seiner mehrbändigen Magiermonographie wird auch von Arnobius (Adv Nat 1,52) und Plinius (NH 30,4) zitiert.[1090] Er hat in Alexandria Zoroasters Werk - etwa 2 Millionen Textzeilen = etwa 800 Bücher - in der Bibliothek studiert und gelehrt.[1091] Der Astronom und Geograph Eudoxos von Knidos galt in Platons Akademie als Iran-Experte und hält den persischen Dualismus für die nützlichste Philosophie.[1092] Klearchs Werk über Erziehung, in der auch die persische Magierausbildung beschrieben zu sein scheint, wie sie damals von großem Interesse war, wird bei anderen Autoren nicht erwähnt.[1093]
Diogenes berichtet auch, Demokrit habe von Magiern und Chaldäern gelernt.[1094]
1.5.2.51 Origenes (185-254 n.Chr.)
Origenes (185-254) wurde um 185 in Alexandrien geboren, vom Vater unterwiesen, wurde Origenes, nachdem dieser 201 in der Christenverfolgung starb und die Familie mittellos wurde, von einer reichen Dame unterstützt. Er sorgte durch Grammatikunterricht für Mutter und sechs Geschwister. Später setzt Bischof Demetrius ihn zum Leiter Katechetenschule Caesareas ein. Er muß nur noch Fortgeschrittene unterrichten und verfällt dem Bibelstudium und asketischem Leben. Seit 135 war Caesarea Sitz der obersten Bischöfe Palästinas, es entstand eine weltberühmte Bibliothek mit dem akademischen Betrieb der Theologenschule des Origenes. Eusebius war von 314-339 hier Bischof. Nach Eusebius hat sich Origenes damals mit Mt 19,12 selbst kastriert. »Das "es sind Eunuchen, die sich selbst kastrieren durch die Herrschaft der Himmel" hat er am ehrlichsten und mutigsten übernommen, zugleich die heilsame Stimme erfüllt gewußt als auch durch das neue Sein in der Glückseligkeit nicht allein Männern, sondern auch Frauen das Göttliche zu verkündigen.«[1095] Selbst sagt Origenes nur: »Diese scheinen mir gemeint in dem "es sind Eunuchen, die kastriert wurden von den Menschen". Der Ehre ist würdig, wenn jemand das lebendige Wort annimmt und als eine Kraft und eine schärfere Doppelklinge als alle Fleischmesser und mit den - wie der Apostel sagt - Schwertern des Geistes das herausschneidet, was die Seele leiden läßt, damit es nicht mehr im Körper haftet, und die dies machen, erkennen das Reich der Himmel.«[1096] Ob er seinerzeit Schüler des Neuplatonikers Ammonius Sakkas (~ 175-250) war, ist strittig. Bekannt geworden besuchte Origenes 212 Rom, unterrichtete 215 den Statthalter von Arabien und ließ sich in Caesarea nieder. Auch Kaisermutter von Alexander Severus, Julia Mammaea, lud ihn zu Gesprächen. Bischof Demetrius rief ihn 217 nach Alexandrien zurück, um seine Laien-Predigten zu unterbinden. Hier widmete sich Origenes neben der Lehre seinen Joh-, Gen- und Psalmenkommentaren und der 245 beendeten Hexapla, einer Synopse des AT in sechs Spalten: 1. hebräischer Text hebräisch 2. hebräischer Text in griechischen Buchstaben, 3. Übersetzung Aquilas, 4. Übersetzung Symmachus, 5. LXX und 6. Übersetzung Theodotions. Ein Exemplar gab es in Caesarea, das teilexzerpierte Werk als ganzes ist verloren. In Alexandrien entstand um 225-230 peri\ a)/rxwn (De Principiis), in der Origenes eine Glaubenslehre entwickelt, in der die biblisch-kirchliche Überlieferung in Denkformen antiker Philosophie dargestellt wird; es ist nur in lateinischer Übersetzung des Rufinus kirchenfreundlich revidiert erhalten. Sekundär ist die Einteilung der 15 Bücher in 4 Teile: 1) Trinität, Engel und Fall derselben; 2) Menschschöpfung als Fall des Geistes in das Körpergefängnis, Soteriologie und Eschatologie; 3) Willensfreiheit, Sünde und Wiederherstellung des Ganzen in Gott (a)pokata/stasij tw=n pa/ntwn).[1097] Mit jedem Großen Jahr von Adam bis Weltende werden die Seelen der Gerechten in den Himmel erhoben, die Sünder bekommen die Chance, im nächsten Weltlauf sich als Gerechte zu bewähren und dann in den Himmel zu kommen; erst wenn alle Sünder aus diesen Weltläufen gelernt als Gerechte erhoben wurden, enden Platons Weltläufe. Erst dann ist Gott alles in allem. »In diesen Zustand können wir annehmen, daß all körperliche Substanz von uns genommen wird, wenn alle Sachen wieder in einem Status von Einheit hergestellt werden, und wenn Gott alle in allen sein wird. Und dieses Ergebnis muß verstanden werden als nicht plötzlich herbeigeführt, sondern langsam und allmählich, sehend daß der Prozeß von Änderung und Korrektur sich unmerklich in den individuellen Beispielen verbreiten wird während des Fallens unzähliger und unermeßlicher Alter. Einige werden die andere übertreffen, und kommen auf schnellerem Weg zur Vollendung, während andere wieder bei Fuß folgen, und wieder andere einen langen Weg hinter sich bringen müssen.«[1098] 4) Zusammenfassung 1-3 und Lehre vom dreifachen Schriftsinn (de princ. 4,2,4): der somatische ist buchstäblich (Schneid ab den Hoden), der psychische moralisch (Sexualität stört Gottesliebe) und der pneumatische ist allegorisch-mystisch (Der Gottesgeist ist das beste Fleischermesser). Er ist so Begründer der allegorischen Bibelauslegung: jeder direkte Sinn eines Satzes hat zugleich einen zweiten geistlichen Hinter-Sinn und ist eigentlich eine Anspielung auf diese Meta-Bedeutung. Irdische Bilder verweisen quasi auf innere und himmlische Vorgänge, die direkt nicht sagbar sind. Um 230 auf einer Griechenlandfahrt wurde er in Caesarea zum Priester geweiht. Bischof Demetrius hielt mehrere Bischofsversammlungen in Alexandrien ab, auf denen diese Weihe für ungültig erklärt und über Origenes die Verbannung ausgesprochen wurde. Dieser gründete in Caesarea eine Schule, die die Theologie nicht nur in Palästina wesentlich prägte. In Caesarea widmete er sich der Exegese: Der Johanneskommentar wird 235-38 abgeschlossen. Kommentare zum Psalter, Römerbrief (244), Hohelied (245), Matthäus und Lukas entstanden. Sein Mäzen Ambrosius beschäftigte für ihn mehrere Schreiber: Schnellschreiber, denen er diktierte, Schreiber, die die Stenogramme in Buchschrift auflösten und Bibelzitate ergänzten, und Schönschreiberinnen, die das Werk vervielfältigten. In der Christenverfolgung durch Maximinus Thrax (235-38) schrieb er für betroffene Freunde, seinen Gönner Ambrosius und den Presbyter Protoktetus die »Aufforderung zum Martyrium«. Um 241 genehmigte er die Mitschrift seiner Homilien. In der Christenverfolgung des Decius (250-53) wurde er eingekerkert und gefoltert. Bald danach verstarb er in Tyrus. 543 verurteilte Kaiser Justinian in einem Edikt 9 Sätze aus peri\ a)/rxwn über die Apokatastasis. Alle Bischöfe stimmten zu.
Im Auftrag seines Freundes Ambrosius verfaßte Origenes um 248 Contra Celsum. Celsus ist ein neuplatonischer Stoiker. Er verfaßte 178 die Streitschrift a)lhqh/j lo/goj als Verteidigung der Philosophie des Hellenentums gegenüber dem Christentum. Das verlorene Werk ist rekonstruierbar aus Contra Celsum, 7/10 des Wortlauts sind in den 8 Büchern erhalten. Origenes folgt der Schrift des Celsus Satz für Satz: Celsus sieht im Christentum eine Gefährdung der religiös-sittlichen und staatlichen Ordnung; die Christen schließen sich in der Verehrung Jesu vom öffentlichen Leben ab und verweigern Bürgerpflichten. Christus ist ein Betrüger, seine Wundertaten Erfindungen seiner Anhänger und deren Ausbreitung Folge der Wirkung, die Bilder von Hölle und Weltgericht auf Ungebildete ausüben. Origenes bezweifelt die Glaubwürdigkeit des Celsus und versucht, methodische Fehler nachzuweisen: Celsus arbeite nicht mit christlichen Schriften im Wortlaut, sondern Paraphrasen, reiße Bibelzitate aus ihrem Kontext und wähle Texte willkürlich. Was Celsus als Einwand anführt, stellt Origenes als Beweis für die Wahrheit des Christentums hin.
In Contra Celsum befaßt er sich mit der Magie als Gegensatz zum Wirken des göttlichen Geistes. Magie ist im Fortschritt gesellschaftlicher Naturbeherrschung im Kampf um Überleben gegen die Unwägbarkeiten der ei)marme/nh die pharmakologisch-liturgische Bezwingung von Dämonen zur Schicksalswende (V,38; VI,41), während Gottesdienst oder christliche Wunderheilung auf das Wirken Gottes vertraut.(I,38; 57; II,50-52; III,5; 46; IV,33) Immer wieder wird der Gegensatz von Moses und den ägyptischen Magiern bemüht.(II,52; III,5; 46)
Dabei sind die Zaubersprüche wirkmächtiges Mittel. In Gottesnamen ist eine wesensmäßig wirkende Kraft, die von der Magie mißbraucht wird. »Wenn, dann werden wir auf die obige Behauptung hinweisen, daß die Natur von mächtigen Namen durch einige von ihnen benutzt werden, den Gelehrten der Ägypter, den Magiern der Persern, den Philosophen der Inder, genannt Brahmanen, den Samanäern und anderen in anderen Ländern. Man kann ausmachen, daß die sogenannte Magie nicht das ist, was die Vertreter von Epikur und Aristoteles annehmen. Sie ist eine insgesamt unsichere Sache. Aber sie ist, wie jene geschickt beweisen, ein konsequentes System mit Besitz von Wörtern, welche äußerst wenig bekannt sind. Wir sagen, Namen wie Sabaoth, Adonai und andere Namen, die mit viel Ehrfurcht unter den Hebräern gebraucht werden, sind nicht anwendbar auf gewöhnliche Dinge, aber gehören zu einer geheimen Theologie, die sich auf den Schöpfer aller Dinge bezieht. Diese Namen fallen beim Blick auf die Situationen auf, für die sie geeignet sind, ihrem Wesen nach sind sie von großer Macht. Andere Namen wieder sind modern in der ägyptischen Sprache und gegen bestimmte Dämonen, die nur bestimmte Sachen machen können, wirksam; und andere Namen in persischer Sprache haben korrespondierende Macht über anderen Geistern. So hat jede Nation welche für andere Zwecke. Man wird herausfinden, daß verschiedene Dämonen auf der Erde in andere Gegenden übertragen wurden, für jeden hat man einen Namen passend zu den mehreren Dialekten von Gegend und Land.«[1099]
Das Abborgen von Gottesnamen ist unredlich, weil die Götter in jeder Mundart eine andere Gestalt haben und die Differenz ihrer Features nicht einfach übergangen werden darf. Celsus schreibt: »Was müssen all jene aufzählen, die Methoden der Reinigung unterrichtet haben, oder Sühn-Hymnen oder Buchstaben für das Abwenden des Bösen oder das Machen von Bildern oder Ähnlichkeiten von Dämonen oder die verschiedenen Arten von Gegen-Giften erfunden haben: in Kleidern, Zahlen, Steinen, Pflanzen, Wurzeln oder generell in allen Arten von Sachen?«[1100] Diese Liste magischer Handlungsfelder darf als repräsentativ für diese Zeit angesehen werden. Origenes moniert wieder Verwechselungsmöglichkeiten mit dem christlichen Gottesvertrauen als Basis der Wunderheilungen. Das 1. Dekaloggebot verbietet Zauberei. (V,9)
Besonders heikel ist die Grauzone zwischen christlichem Wunder und Magie dort, wo in Zauberpapyri die Namen des jüdischen Gottes Iao, Jah, Sabaoth, Elohe, Adonai oder Jaldabaoth benutzt werden. Die Zauberer können unter dem Anschein ihres Mehr-Wissen jene täuschen, »die leicht vom Glitzern von Namen weggetragen werden... Von der Magie nehmen sie die Namen von Jaldabaoth, Astaphaios und Horus, von den hebräischen Schriften den, der hebräisch Iao oder Jah genannt wird, und Sabaoth, Adonai und Eloaios. Also sind die Namen, die von den Schriften genommen werden, Namen von einem und dem gleichen Gott. Weder werden sie von den Feinden Gottes verstanden, noch erkennen sie, daß zu ihrer Vorstellung dieses Iao ein anderer Gott führte, und Sabaoth noch einer, und Adonaios, den die Schriften Adonai nennen, ein dritter, und dieser Eloaios, den die Propheten in hebräischem Eloi nennen, ist für sie wieder ein anderer.«[1101] Der Synkretismus der Zauberer holt aus allen mantischen Traditionen der Spätantike die zum Kasus passenden Göttern zusammen und macht in Unkenntnis ihrer originären Bedeutung und Funktion ihren bloßen machtvollen Namen zum Hilfsmittel der Beschwörung einer Geisterwelt, in der Namen zum so austauschbaren wie tautologischen Inbegriff der beabsichtigten Zaubereffekte werden. Das arkane Wissen, die nomina barbara der schamanischen Traditionen, haben eine besondere Attraktivität und Autorität bei den Wundergläubigen.[1102] Aber der Name ist nicht abborgbar, die Tautologie ist nur eine scheinbare, Sabaoth ist nicht Zeus.[1103] Die Wirkung dieser Zauberei korreliert mit der Naivität des Publikums. Je unbedarfter die Zuschauer, desto leichter gelingen hypnotische Effekte. »Dionysius, ein ägyptischer Musiker, erzählte Celsus über magische Künste, daß sie nur bei Ungebildeten und Menschen mit verdorbener Moral Macht hatten, während sie auf Philosophen unfähig waren, irgendeine Wirkung zu produzieren.«[1104] Die Immunität Intellektueller gegen Magie ist schon bei Apollonios von Tyana zuende. »Wo wir gerade das Thema behandeln in der Gegenargumentation zu Celsus, sagen wir über Magie, daß wer sich erkundigen will, ob jemals auch Philosophen ihre Gefangenen waren oder nicht, kann lesen, was Moiragenes als Memoiren vom Magier und Philosophen Apollonius von Tyana geschrieben hat. Darin hat dieser, der kein Christ, sondern Philosoph war, beteuert, daß einige Philosophen von der magischen Macht in Apollonius fasziniert waren und sich an ihn als Zauberer gewandt haben; und unter diesen kenne ich Euphratos besonders und einen gewissen Epikureer. Wir haben durchlebt und aus Erfahrung übernommen, daß die Christen, die Jesus als Gott aller verehren, nach seinem Evangelium leben und Nacht und Tag ununterbrochen und schicklich die vorgeschriebenen Gebete darbringen, weder von Magie noch Dämonen gefesselt werden.«[1105] Nicht nur die Analphabeten fallen auf Magie herein, sondern sogar einige philosophisch Gebildete. Immunität gegen Dämonen verleiht erst der Glaube und Observanz des Gebets. Damit hat Origenes die magische Gegenmacht des Christentums ins Feld geführt. Diese strenge Regulation flächendeckender Gebete wirkt einen Teppich der Gegenmagie, der mit den gleichen Mitteln arbeitet wie das, was zu ersetzen er vorgibt.
Die Magie ist für Origenes keineswegs mehr nur persische Frömmigkeit. Die persischen Magier vergleicht er mit den Brahmanen (I,24): »Kelsos nannte die Chaldäer die am göttlichsten inspirierte Nation seit frühester Zeit, von denen sich die kluge Geburtstagslehre (Sterndeutung) unter den Menschen ausgebreitet hat. Auch die Magoi zählt Celsus zu den göttlichsten Völkern, von denen die Magie ihren Namen herleitete und anderen Nationen übermittelt worden ist, zur Korruption und der Zerstörung von jenen, die es anwenden.«[1106] »Die Perser, die ihre eigenen Mütter heiraten, und in ihren eigenen Töchtern sich verspritzen, sind für Celsus ein göttliches Volk. Die Inder, von denen einige unter den Wahrsagern sind, erwähnt er als Esser menschlichen Fleisches.«[1107] Das abendländische Verdikt gegen Inzest und Kannibalismus wird gegen die Perser und Inder ins Feld geführt. Es sind reißerische Argumente ganz auf römischer Staatslinie. So göttlich kann keiner sein, der Töchter schändet und Leichen anknabbert. Immerhin hat sich ein Rest persischer Traditionen noch bis zu Origenes gehalten, der kaum nähere oder gar theologische Kontakte zu den inzestuösen Magierfamilien gehabt hat.
Die Seelen reiner steigen nach dem Tod auf, die verdorbener sind zu schwer mit Platons Seelenfedermythos.[1108] Diese Seelen treiben sich als Schattengeister auf Friedhöfen herum. Magie ist eigentlich weder gut noch schlecht, aber wird hier nekyomantisch mit Räucheropfern und Blutlibationen für die immer hungrigen Schattengeister zum Zukunftsorakel mißbraucht, was ein Betrug ist und von Gott entfernt. Allein daß Apollo sich in Delphi die Pythia und keinen Weisen gewählt hat, zeigt doch, daß er kein Gott ist. So dumm, eine Frau statt eines Weisen zu wählen, kann kein Gott sein. Daher ist das Orakel von A-Z Betrug.[1109]
Dämonen sind nicht schon immer böse gewesen, sondern gefallene Engel, Abgeirrte. Wer Gott anbetet, meidet böse Dämonen.(VII,67-70) Diese werden angerufen in der Schadensabwendung durch Zauberei. Solche Applikationen seien todbringend. Man kann nur Gott dienen oder solchen Götzen. Daß es auch gute Mächte anderer Religionen gibt, die wunderbar bergen, ist Origenes unvorstellbar. »Alle Götter der Heiden sind Dämonen. Offensichtlich wird dies auch aus Berichten, daß die Weihung der berühmtesten heiligen Stellen, ob Tempel oder Statuen, durch magische Beschwörungen von jenen aufgeführt wurden, die den Dämonen eifrig dienten durch magische Künste.«[1110]
Celsus hält auch Jesus für einen Magier. »Die Wunder verursachte er nicht durch magische Kunst, wie Celsus annimmt, sondern durch göttliche Macht, die durch die Propheten vorausgesagt war.«[1111] Der Bessere Gott ist der christliche, weil er sich von sich aus zeigt und seinen Namen gesagt hat, während die Götter der ägyptischen Zauberer nur mit geheimen Namen angerufen werden können, die im Besitz der Priester sind. Außerdem ist er nur einer und nicht eine Unübersichtlichkeit von zahllosen Gottheiten. »Und schau, wie er versucht, uns von unserem Glauben an den Gott von allen durch Jesus Christus abzubringen: Beim Glauben an das Wohlergehen unserer Körper nennt er 36 barbarische Dämonen der ägyptische Magier, und weiß nicht, wie die Mächtigsten von uns angerufen werden sollen. Celsus zufolge wäre es für uns besser, Magie und Zauberei zu betreiben, als ausgerechnet das Christentum, besser, unseren Glauben in ein unzählige Menge von Dämonen zu setzen, als in den sich von sich aus offenbarenden, allmächtigen, lebendigen Gott, der sich bei allen durch seine große Macht gezeigt hat...«[1112] Die ägyptischen Götter sind allesamt Dämonen und als solche per se diskreditiert, auch wo es um die Medizin geht, die hier berühmt war und in der typischen Synergie von Zauberspruch und pharmakologischer oder chirurgischer Praxis arbeitete. Origenes empfiehlt die reine Medizin ohne Zauber oder den Christlichen Glauben als Therapie für Kranke. Insgesamt ist deutlich geworden, daß hier nur die ägyptische Zauberkunst zur Debatte steht und die Traditionen der persischen Magier fast völlig vergessen sind. Häufig erwähnt Origenes die Magier in Bethlehem im klassischen Kontext der Huldigung Jesu.
Die ägyptischen Zauberer haben ihre Magie aus allen mantischen Traditionen zusammengesucht und machen sich die Macht der fremden Gottesnamen für ihre pragmatischen Zauberziele zunutze. Nicht ihre Anrufung der Geistmächte und Dämonen ist das für den Christ-Platoniker Origenes Verwerfliche, sondern der billige Zweck etwa eines Liebeszaubers oder anderer Seinsvorsorge. Nicht der Wunsch, im Geistigen in der Nähe Gottes zu sein, ist ihr Anliegen, sondern diese Nähe spektakulär zu sehr irdisch-fleischlichen Zwecken zu instrumentalisieren. Die Macht der Magie ist für Origenes völlig unbestritten, sie korrespondiert mit der Realmacht Gottes. Sein Interesse war, jenseits äußerlicher Effekte von Gottes Kraft durchdrungen zu sein.
1.5.2.52 Plotin (204-269 n.Chr.)
Plotin (204-269 n.Chr.) war Ägypter aus Lykopolis und studierte vom 28.-39. Lebensjahr in Alexandria bei Ammonius Sakkas (175-250). Er kämpfte unter Kaiser Gordian 242 gegen Persien und lehrt ab 244 in Rom Philosophie und ist besonders unter Senatoren beliebt. Das Höchste, Gott, ist relevant nicht als Idee, sondern als sich in Hypostasen vermittelndes All-Eins (to\ e(\n). Aus dem Einen emanieren abbildhaft die Ideen, daraus das Psychische und zuletzt das Wahrnehmbare (die Materie = to\ mh/ o)/n). Die Manifestationen des Höchsten, des reinen nou=j als Vielheit, Ideen, übersinnliche Zahlen, wirkende e)ne/rgeia, werden wahrnehmbar in Seele und Welt. In der Seele taucht das göttliche Eins nur vermischt mit der Vielheit auf, Aktualität vermischt mit Potentialität, e)ne/rgeia vermischt mit du/namij. Die Seele ist unveränderlich, transzendent und Ursache alles Werdens, sie ordnet die Welt durch die Prägung der Namen; im Benennen, im Begriff verleiht sie dem Nichtsein (Materie als to\ mh/ o)/n) allererst Realität. Der Logos allein schafft Sein, er ist wirkende Ursache jenseits der Materie. In seinem Kraftfeld bilden sich andere Wesenheiten wie Seele und nou=j, die eine stärkere Beimengung von Vielheit und dadurch einen niedrigeren ontologischen Wert besitzen als das Eine. Der Vielheits-Anteil der Wesen bestimmt ihre Wertminderung und Distanz zum göttlichen Ureinen genau wie ihr Potentialität-Anteil gegenüber der göttlichen Aktualität, die zyklisch läuft und den Fixsternen die Kreise bahnt. Materie ist duna/mei o)/n = mh/ o)/n. Die Diastase von reinem göttlichen Geist und für sich nicht einmal existierender Materie ist strenger kaum zu fassen. Der Zostrianos ist von diesem Prinzip genuin beeinflußt, wiewohl Plotin ihn kannte und kritisierte. Ziel des Menschen ist das vollkommene Leben. Durch das Denken muß er sich von allem Sinnlichen lossagen. Reinigung (ka/qarsij) ist Inbegriff aller Tugenden. Zum Göttlichen erhebt er sich durch Entzückung (e)/kstasij).
Porphyrios hat die 54 Traktate Plotins zu 6 Enneaden mit je 9 Traktaten thematisch geordnet und bekannt gemacht durch ihre Rezeption in den eigenen Werken, die wesentlich mehr Breitenwirkung hatten wegen ihrer leichteren Verdaulichkeit. In den Enneaden tauchen 6 Bemerkungen über Magier auf, in denen neben der Kritik an ihrem vermessenen Eingriff in die Welt der Geistwesen ein skeptisches Referat ihres medizinischen Ansatzes prägend ist. Dabei ist wieder deutlich, daß nicht die alte persische Magiertradition gemeint ist, sondern das, was in Ägypten daraus geworden ist und sich in den Zauberpapyri zeigt.
»Auf noch eine Weise verstoßen sie ernstlich gegen die Unantastbarkeit des Höchsten. In den heiligen Formeln, die sie schreiben als Hinweis, wie die übernatürlichen Wesen anzusprechen sind - nicht bloß die Seele, sondern sogar die Transzendenz - äußern sie einfach Zaubersprüche, Besänftigungen und Heraufbeschwörungen mit der Idee, daß diese Mächte einem Anruf gehorchen werden und herübergeführt werden durch ein Wort von jedem von uns, der in irgendeinem Grad erzogen ist, um die geeigneten Formen zu benutzen für den geeigneten Weg: bestimmte Melodien, bestimmte Klänge, speziell gelenkter Atem, zischende Schreie und alles andere, dem magische Macht über das Höchste zugeschrieben wird. Vielleicht würden sie irgendeine solche Absicht zurückweisen. Dann müssen sie erklären, wie diese Sachen auf das Körperlose wirken. Sie sehen nicht daß die Macht, die sie ihren eigenen Wörtern zuschreiben, weit entfernt ist von der Majestät des Göttlichen. Sie erzählen uns, sie können sich von Krankheiten befreien. Wenn sie meinten, durch gemäßigten Lebensunterhalt und ein geeignetes Lebensführung leben sie richtig und in Übereinstimmung mit allem Klang-Wissen. Aber sie beteuern, Krankheiten seien Geist-Wesen, und prahlen fähig zu sein, sie durch Formel zu exorzieren.«[1113] Die Magier und ihre Anhänger halten nicht äußerliche Affektionen wie Streß, Überfressen, Mangel oder Infektionen für Ursachen von Krankheit, sondern Besessensein von Dämonen. Diese Auffassung kennen wir von Jesus. Plotin vertritt eine aufgeklärte Sichtweise, daß jede Krankheit medizinische Ursachen hat und keine Besessenheit ist: »Dieser Anspruch mag ihre Wichtigkeit bei der Masse steigern, die auf die Mächte der Magier gafft. Aber die Intelligenz können sie niemals überzeugen, daß Krankheit nicht entsteht aus Ursachen wie Überanstrengung, Überschuß, Mangel, fauler Verfall, kurzum: irgendeiner inneren oder äußeren Veränderung.«[1114]
Die breite Masse ist von den Vorführungen der Magier fasziniert. »Sie waren nicht dabei, wie der Bote Genannte sich niederlegt und eintaucht in den vorgebrachten Körper, um die Sache zu vergleichen mit der Kraft der Magier und wie etwas mit starken Seilen bewegt oder getragen wird.«[1115] Dabei verfallen sie dem Verblendungszusammenhang, daß Magie tatsächlich wirkende Erkenntnisse oder Veränderungen bringt. »Sie zahlen jubelnd Erkenntnisse nach irgendeinem Zusammenhang und nach irgendwelchem Schema zusammengefügt und sie tun ebenso. Und in den Magierkünsten wird alles abtrünnig machend. Diese Fähigkeiten können sie mitleidend begleiten.«[1116] Plotin sieht in Liebe und Streit größere Magie als in den Techniken der Magier, die ja mancherlei Liebeszauber zu wirken bezahlt wurden. Der Hintergrund zahlloser nur auf die immissio membris fokussierter ägyptischer Zauberpapyri läßt den Spott Plotins allzu verständlich werden. »Denn niemand wird viel durch ein anderes Konstrukt gezogen und getäuscht. Die wahre Magie in dem Ganzen ist dagegen Liebe und Streit. Und der erste Zauberer und Arzt ist er, den die Menschen kannten, wenn sie miteinander seine Heilgifte und Zauber ausnutzten.«[1117]
Der vernünftige und göttliche Seelenteil des Menschen ist nicht von magischen Techniken, sondern von der Natur fasziniert. Das Irrationale in uns dagegen ist unentwegt in Wirknetzen magischer Natur. Jedes Wesen übt auf das andere einen Einfluß aus bereits mit dem Blick und diese Affektion der Wesen mit der Macht ihrer Existenz und Attraktionen wird nie anders sein als magisch. Der Zauber ist dem Alltagshandeln der Lebewesen immanent. »In der Seele ist er (der Weise) gegen Magie immun; sein logischer Denk-Teil kann nicht davon berührt werden, er kann nicht entstellt werden. Aber es gibt das irrationale Element, welches aus der materiellen Welt stammt, und in diesem kann er beeinflußt werden, oder besser: kann dies in ihm beeinflußt werden. Aber Liebeszauber-Liebe wird er nicht kennen, denn dies würde die Zustimmung der höheren Seele zu den Nöten der niedrigeren erfordern. Und wie das irrationale Element auf den Beschwörungsanruf antwortet, so kann sich der Magiejünger von jenen schrecklichen Mächten geschickt durch Rezitation von Zaubersprüchen lösen. Tod, Krankheit, irgendeine Erfahrung innerhalb der materiellen Sphäre, aus der mag dies vielleicht resultieren, ja; denn jedes Mitglied im All kann vielleicht von einem Mitglied beeinflußt werden oder dem Universum von Mitgliedern; aber der wirkliche Mensch ist jenseits solcher Verletzung. Daß die Wirkungen von Magie nicht augenblicklich kommen, sondern sich entwickeln, ist nur natürlich. Sogar die Himmlischen, die Dämonen, sind in ihrer Irrationalität nicht immun: es gibt nichts gegen das Zuschreiben von Erinnerungen und Sinneswahrnehmungen zu ihnen, um sie dem Ziehen von Methoden nach Naturgesetzen zu unterstellen und Bittstellern Gehör zu geben; dies gilt besonders für die, die am nahesten zu dieser Sphäre sind und nach dem Grad der Sorge, die sie darüber tragen. Alles, was zu einem anderen guckt, steht unter dessen Zauberspruch: das, zu dem wir sehen, zeichnet uns magisch. Nur Selbstbeherrschung kommt frei von Magie. So hat jede Handlung Magie als Quelle, und das ganze Leben des praktischen Mannes ist Bezaubern: wir bewegen uns nur zu auf das, was Faszination auf uns verursacht.«[1118] Sobald also Beziehung zwischen zwei Wesen entsteht, ganz im Buberschen Sinne des ewigen Du, welches durch alle Beziehungen hindurchscheint, ist genau die gegenseitige Affizierung des Begehrens präsent, die auch Magie definiert. Es ist die Sympathie zwischen den Menschen, die als gegenseitige Machtausübung der Seelen untereinander zu wunderartigen Beeinflussungen führen kann. »Aus den Gegensätzlichkeiten kann es nicht stammen, sagt die Logik, daß wir in Sympathie zu einander sind, mitleidend beim Anblick von Schmerz, zerfließend und zum Lieben von Natur aus angelegt. Niemals ist Gegensätzlichkeit das Wesen des Liebens. Wenn Zaubersprüche und Magie insgesamt sogar von weit her zusammenführen und sympathisch machen, so geschieht das alles durch die eine Seele. Ein stilles Wort veranlaßt Änderungen in einem entfernten Gegenstand und macht sich hörbar bei gewaltigen Entfernungen: Aus diesen Phänomenen ist das Einssein aller Dinge innerhalb der einer Seele zu lernen.«[1119] Der tiefere Grund der gegenseitigen Affizierung der Seelen ist der, daß alle Teil einer Gesamtseele sind, die folglich in allen wirkt und so auch über Distanzen magische Wirkung hat. Wenn etwas wirkt, dann ist es das eine göttliche Sein, die Weltseele Platons, welches die Liebe in zwei Menschen wachruft. Plotin leugnet die Wirkmacht der Magie keineswegs. Er führt sie aber nicht mehr auf Kochrezepte oder das korrekte Rezitieren des Zauberworts zurück, sondern die Affizierbarkeit der Seelen durch die Sympathie, die sie als Teil der Weltseele auszeichnet. Ein Bezug auf die persischen Magier ist hier nicht erkennbar.
Eine Anekdote über einen Schadenszauber illustriert diese Selbstverständlichkeit der Realität von Magie. Plotin hatte einen Feind, Olympios von Alexandrien, der ihm durch Zauberei Schaden zufügen wollte. »Olympios' Anschläge gingen so weit, daß er versuchte, durch magische Operationen die schädlichen Einflüsse der Sterne auf Plotin zu lenken. Doch es wurde ihm klar, daß seine Anstrengungen auf ihn selber zurückfielen, und er sagte zu seinen Freunden, die übersinnlichen Kräfte Plotins seien so stark, daß die Angriffe derer, die ihm schaden wollten, von ihm zurückprallten. Plotin spürte an sich selber das, was Olympios unternahm, und sagte, sein Körper sei damals wie ein Beutel gewesen, den man zugeschnürt hatte; genau so seien seine Glieder gequetscht worden. Olympios riskierte, sich selber mehr zu schaden als Plotin, und so gab er es auf.«[1120] Porphyrios beschreibt hier die magische Kraft Plotins in Gestalt der klassischen ägyptischen Zauberkunst. Längst ist mageu/ein von der Mazda-Anbetung abgekoppelt terminus technicus der ägyptischen Magie geworden.
1.5.2.53 Porphyrios (232-304
n.Chr.)
Porphyrios (232-304) aus wohlhabender Familie in der phönizischen Stadt Tyros ist früh schon als Begabter in Athen Philosophie-Student bei Cassius Longinus, dem Schulhaupt der Akademie, ehe er in Rom Plotin kennenlernte. Anfangs eher skeptisch wurde er Plotins Schüler von 263-268. Wegen suizidaler Schwermut rät Plotin ihm 268 zum Erholungsaufenthalt auf Sizilien. Nach Rom zurückkehrt, findet er Plotin verstorben und übernimmt das Scholarchat Plotins, ordnet und editiert dessen oft unausgefeilte Schriften (301-304) und stellt dieser Sammlung eine biographische Würdigung Plotins voran, die Hauptquelle für Plotins Vita. Die 75 Titel seiner Bücher widmen sich universalgelehrt der Grammatik und Rhetorik, Homer-Allegorese (»De antro nympharum« über die Höhle von Odyssee XIII, 102-112 als Symbol der sinnlichen Welt), Psychologie und Ethik, Metaphysik, Mathematik, Geschichte, Mantik und Orakelwesen. De regressu animae entwickelt eine Erlösungslehre: die pränatal aus der himmlischen Welt stammende Seele kehrt durch Reinigung ihrer selbst, Tugendhaftigkeit und mystische Hochwendung (Willensbetonung neu gegenüber Plotin) zu ihrem Ursprung zurück. Um zur Anschauung des Unvergänglichen[1121] zu kommen, muß sich der »äußere« zum »inneren Menschen« wenden[1122] und die Bindung der Seele an den Leib lockern. Auch die dämonischen Zwischenwesen zwischen Menschen und Göttern ist ein wichtiges Thema Porphyrs im Rahmen der Begründung von Mantik und Theurgie. Die chaldäischen Orakel, ein fragmentarisch erhaltenes, einflußreiches Offenbarungsbuch des 2. Jh. übten großen Reiz auf Porphyr aus.
Er lehnte Gnosis und Christentum[1123] wie Plotin rigoros ab. Inkarnation war ihm ein Graus, die leibliche Auferstehung Jesu Mumpitz. Den historischen Jesus schätzte er sehr. Gegen Paulus empfand er schärfste Antipathie - bei einem so hochintelligenten und sensiblen Mann kein Wunder. Eusebs Demonstratio evangelii und Praeparatio evangelii und die Machwerke des Hironymus richten sich zentral gegen Porphyr. Konstantin verbot in einem Edikt gegen die Arianer die Verbreitung von Porphyrs Schriften.[1124] Theodosius II. und Valentinian III. ließen 448 seine Bücher öffentlich verbrennen.[1125] Syrer und Araber überlieferten ihn in ihren Bibliotheken. Seine Bedeutung für den Neuplatonismus als einer der letzten großen griechischen Autoren ist überragend. Als historisch-kritischer Religionsforscher bleibt er auf Jahrhunderte einzig.
Porphyrios sieht in seiner Vita Pythagorae den Meister aus Kroton von Magie beeinflußt. »Über seine Lehre sagen die meisten, daß er das Wissen der sogenannten Mathematiker bei den Ägyptern und Chaldäern und Phöniziern gelernt habe. Geometrie haben nämlich seit alten Zeiten die Ägypter betrieben, das über Zahlen und Logismen die Phönizier, die Chaldäer aber das über die Schau des Himmels. Über die Heiligkeit der Götter und das übrige der Studien über das Leben hat er bei den Magiern, sagt man, durchgehört und genommen. Und dies hat er von vielen in direktem Kontakt erkannt durch das Geschriebene in Memoiren, das übrige sei Erkenntnis seiner eigenen Studien. Im 7. Buch seiner „Erdbeschreibung“ sagt Eudoxos, daß er eine solche kultische Enthaltsamkeit übte und derart sich von Morden und Mördern fernhielt, daß er nicht nur sich der beseelten Lebewesen enthielt, sondern auch nie in die Nähe von Köchen und Jägern kam.«[1126] Er sieht Pythagoras in einer Linie mit Empedokles, Epimenides und Abaris.[1127] Über die Gemeinschaft in Kroton berichtet er: »Und sie sind gesund und immer mit ihnen zusammen. Wenn sie krank werden, kuriert er die Körper. Kranke Seelen tröstet er, wie man sagt, die einen mit beschwörenden Zaubergesängen und Magie, die anderen mit Musik.«[1128]
Porphyr sagt, bei den Persern werden die Weisen in Gottesdingen und Verehrer Gottes in ihrer Sprache Magier genannt. Und so erhaben und verehrungswürdig waren diese Leute bei den Persern, daß Dareios, der Sohn von Hystaspes, unter anderem in sein Denkmal einschreiben ließ, daß er der Obermagier war. Euboulos habe in vielen Büchern über Miθra geschrieben.[1129] »Bei Gott, wie man bei den Magiern glaubt, den jene Oromazdes nennen, wohnt der Leib im Licht, die Seele in der Wahrheit.«[1130] Diese recht detaillierte Kunde über die Magiertheologie mit Entfaltung des aša-Begriffs zeigt, daß es in Ägypten nicht nur Zauberkunst im ägyptischen Stil gegeben hat, der die Magier zum Einkommenserwerb gefrönt haben, sondern auch hohe Theologie des Zoroastrismus. Gesprächsfetzen aus der Philosophie aus Orakeln zeigen humorvolle Selbstverständlichkeit mit der die Magier und ihre allmorgendliche Anbetung der Sonne mit Zurvan=Kronos und Aphrodite=Anāhītā zusammengebracht ist. »Hermes hat schon die Sonne in dieser Art gerühmt, die Tage der Sonne, Menos aber, daß an jedem Tag Kronos oder ferner Aphrodite von den Stummen angerufen wird, diese finde von den Magiern nicht der beste, der siebensprachige König, dem alle gleichen wollen. Du sagst, Ostanes habe gesagt: "Auch heftig, nach jedem Gott immer siebenmal rufen."«[1131] Magie ist Abmilderung der Härte des Schicksals: »Denn im Dämonischen Anflug haben wir das Meer gestürmt mit den streitbaren Geschlechtern, die sich flüchten in diese Magie. Von denen wird auch klar verkündet, daß die Magie im Lösen des von den Göttern zugewiesenen Schicksals zu einem quasi dieses Umändern besteht.«[1132]
1.5.2.54 Iamblichos (275 - 330 n.Chr.)
Iamblichos von Chalcis in Coelo-Syria (275-330 n.Chr.) zählt ebenfalls zur Neuplatonischen Schule. Er war Schüler Porphyrs und Plotins, Lehrer im syrischen Apameia (Oala'at Mudiq) am Orontes, der seleukidischen Grenz- und Karawanenstadt auf der Route ins Parther- bzw. Sassanidenreich und bis Indien, hatte also mit der persischen Kultur direkten Kontakt. Er schrieb eine Vita Pythagorae, einen Aufruf zur Philosophie (Adhortatio ad philosophiam), De mysteriis Aegyptorum, In Nicomachi arithmetica introductio sowie mathematische Abhandlungen. Die Schriften peri\ to\n qeo\n und peri\ yu/xhj sind verschollen. Als Mystiker entfaltet er eine Emanantionslehre und eine Sympathielehre. Der Mensch vermag aus der Erscheinungswelt in die übersinnliche Welt zu gelangen durch ekstatische Einswerdung mit dem Göttlichen.
Iamblichos ist mehr spekulativer Theosoph als Philosoph. Schon seine Schüler hielten ihn für wundertätig. Das e(/\n Plotins ist ihm nicht transzendent genug. Er setzt darüber ein unaussprechliches Urwesen (h( pa/nth a)/rrhtoj a)rxh/). Die plotinischen Emanationen zerlegt er noch weiter in Triaden und Hebdomaden: 12 überweltliche Götter, zerlegt in 36, dann 360 Göttergestalten. Darunter gibt es innerweltliche Götter: 72 Ordnungen, 42 Naturgötter, zahllose Engel, Dämonen und Heroen. Er verteidigt Mantik und Theurgie, verfeinert die neupythagoreische Zahlenspekulation. Priester stehen für ihn höher als Philosophen. Er hatte eine starke Wirkung auf Mittelalter und Renaissance.
Iamblichos glaubt an die Substantialisation der Gottheit in ihrer Statue, darin klassisch ägyptisch[1133], und ein Zauberspruch sei um so wirkmächtiger, je fremdartiger er klingt. Die PGM können diese ägyptische Tradition der Wortwirkmacht illustrieren. Iamblichos sieht Dämonen als Vermittler und Diener der Götter, die für Menschen das göttliche Unsichtbare und Unaussprechliche darstellen in Werk und Wort. Die Schrift De Mysteriis ist ein Grundbuch der spätantiken Religion und gibt sich als Antwort eines ägyptischen Priesters auf Porphyrs religionskritisches Werk Ad Anebo.
Alle Bemerkungen über Magier stammen aus der Vita pythagorica. Dort wird u.a. berichtet über Pythagoras »Aufenthalt in Ägypten, wie er von dort nach Babylon reiste, wie er dort mit den Magiern zusammen war und wie er noch einmal nach Samos ging.«[1134] Dies wird genauer geschildert: »22 Jahre verbrachte er in Ägypten in den Tempeln, wurde eingeweiht von Astronomen und Geometrielehrer, nicht aus einer Touristenlaune oder aus Zufall lernte er alle Zeremonien der Götter, bis ihn Kambyses in Kriegsgefangenschaft nahm und nach Babylon verschleppte. Dort hat er bei den aufgeschlossenen Magiern gerne gelernt und wurde ausgebildet in ihren Zeichen und Gottesdienstformen, die er vollkommen beherrschte, in Mathematik und Musik in den anderen Wissenschaften, die bei ihnen auf der Höhe waren, dort lernte er 12 Jahre, bis er nach Samos zurückkehrte mit 56 Jahren.«[1135] Pythagoras ist der große Integrator multipler Religionen in Theorie und Praxis. »Man sagt auch, er habe die Theologie und Gottesdienstpraxis zusammengesetzt, das bei den Orphikern Gelernte, das bei den ägyptischen Priestern, das bei den Chaldäern und Magiern, das bei den eleusischen Festen Erkannte, in Imbros und Samothrake und Lemnos, und manches aus der Öffentlichkeit (Griechenlands) und von den Kelten und Spaniern.«[1136] Iamblichos widmet weite Teile seines Buches den Einflüssen von Abaris und der Orphik. Die Magier sind für ihn eher im Hintergrund. In seiner Zitatensammlung über das Leben der Pythagoreer in Kroton sagt er: »Sie verbrennen nicht die Körper der Verstorbenen, den Magiern entsprechend, niemals wird geschehen, daß das Sterbliche am Göttlichen Anteil nehmen kann.«[1137] Dies entspricht der Leichenaussetzung zum Geierfraß oben 1.4.9.
Was Zauberei in Ägypten ist, scheint Iamblichos selbst praktiziert zu haben als Theurgie. Interessant ist, daß Iamblichos selbst in Parthernähe aufgewachsen nach Ägypten ging und quasi auf den Spuren des Pythagoras selbst eine religionsgeschichtliche Synthese all dieser Strömungen zur mystischen Versenkungsextase entwickelt. Dabei faszinieren ihn die Mysterien Ägyptens mit ihren dämonischen Wesen, die solchen Menschen dienstbar sind, die durch ihre Kenntnisse Vollendung erreicht haben. »Was wir jetzt besprechen werden ist etwas, das uns gelegentlich passiert. Es geschieht dann und wann, daß man Geistern einen Auftrag erteilt, die nicht ihre eigenen geistigen Kräfte verwenden und die nach keinen bestimmten Grundsätzen urteilen. Das geschieht nicht ohne Grund. Denn da unser Verstand logisch denken und die Wirklichkeit beurteilen kann, und da er in sich selber vielerlei Lebenskräfte vereinigt, ist er daran gewöhnt, Wesen, die keine Vernunft besitzen und die nur über eine Fähigkeit verfügen, Befehle zu erteilen. So wendet er sich an übergeordnete Wesen, weil er versucht, vom Weltall, das uns umgibt, die Elemente, die zur Gesamtordnung der Dinge beitragen, zu denen hinzuziehen, die in einzelnen Lebewesen eingeschlossen sind. Doch er befiehlt ihnen, als wären sie untergeordnete Wesen, denn gewisse Teile der Welt sind manchmal reiner und vollkommener von Natur aus als jene, die sich über die ganze Welt erstrecken. Wenn zum Beispiel ein Wesen mit Intelligenz begabt und ein anderes völlig ohne Seele und rein physisch ist, dann hat das beschränktere größere Gewalt über dasjenige, das sich über einen größeren Raum hin erstreckt, sogar wenn es vom anderen in Bezug auf Größe und Machtbefugnis weit übertreffen wird. Dahinter steckt ein anderes Prinzip. Jede Art von Theurgie hat einen doppelten Aspekt: Einerseits wird sie von Menschen praktiziert und behält den für uns natürlichen Platz im Weltall; anderseits wird sie von göttlichen Zeichen unterstützt und erhebt sich aufwärts durch sie, weil sie mit den höheren Mächten verbunden ist; sie bewegt sich harmonisch im Einklang mit ihren Weisungen und kann in der Tat die Erscheinungsform von Göttern annehmen. In Übereinstimmung mit dieser Unterscheidung kann der Magier natürlich die Mächte der übergeordneten Wesen rufen, denn derjenige, der sie ruft, ist ein menschliches Wesen, aber er kann ihnen auch befehlen, denn durch geheime Formeln hat er die Erscheinungsform eines Gottes angenommen.«[1138] Die alles durchwaltende Macht der Götter, wo immer auch ihr Wohnsitz sei, ist wie das Licht: »Ob sie Teil des Ganzen, wie etwa den Himmel oder heilige Städte und Örtlichkeiten oder heilige Bezirke oder geheiligte Statuen zuteilt, sie beleuchtet alles von außen her mit ihren Strahlen. Wie die Sonne alles umfaßt, was sie mit ihren Strahlen heller macht, so umfaßt die Macht der Götter alles, was an ihr teilhat.«[1139] Wie Licht unzerteilbare Energie ist, so ist auch göttliche Macht nicht in Kisten verpackt, sondern durchdringt alles. Besonders die Sterne sind Götterbilder. Gegen Porphyrs Magiekritik sagt er: »Da mein Gegner sich mehr als Philosoph und Logiker verteidigt und nicht nach der wirksamen Technik der Priester, glaube ich, sollte ich als Theurg über diese Dinge sprechen.«[1140] Er nimmt die Autorität des Praktizierenden in Anspruch. Theurgie ist kein Denkakt, sondern ein Handeln. »Es ist die mystische Verwirklichung der unaussprechlichen Dinge, der Dinge, die jenseits aller Gedanken gemäß dem göttliche Willen und der Macht der stummen Symbole erreicht wird, der Symbole, die nur von den Göttern, die die theurgische Vereinigung herbeibringen, verstanden werden. Deshalb erzielen wir diese Wirkungen nicht durch unser Denken.«[1141] Götter springen nicht durch unausgesprochene oder ausgesprochen abstrakte Gedanken an, sondern durch Symbolhandlungen, Zeichen und Bilder, darin dem gemeinen Predigthörer ähnlich. Die göttlichen Mächte werden durch solche Zeichen evoziert wie durch einen Katalysator, Theurgie ist eine Synergie mit den auch ohne sie wirkenden Mächten als fokal richtendes Affizieren. Dies kann nur eine reine und gute Seele. Sie reizt an, aber sie bewirkt nicht, sondern die auf Zeichen reagierenden göttlichen Mächte bewirken. Der Theurg ist kein Götterdompteur, sondern deren Diener und Mitarbeiter.[1142]
Nach Eunapios hat Iamblichos aus zwei Thermalquellen im syrischen Gadara mit Namen Eros und Anteros vor seinen drin badenden Schülern einen hellhäutigen kleinen Jungen mit Goldlocken (Eros) und dessen dunkleren Zwilling (Anteros) aus der Tiefe mit einem Zauberspruch hochgeholt. Beide umarmen ihn wie ihren Vater und tauchen dann wieder ab.[1143]
Theurgie ist das zentrale Thema in De mysteriis Aegyptorum. Die Vergottung durch die mystische Versenkung macht den Menschen fähig, mit der Kraft der Götter zu operieren. Hier ist die in den Zauberpapyri praktizierte Dämonenepiklese philosophisch reflektiert und bejaht. Iamblichos hätte mit dieser Aussage in früheren Jahrhunderten ein Magierprozeß gedroht.
1.5.2.55 Hippolyt (? - 235 n.Chr.)
Hippolyt war von 215 bis zum Märtyrertod während sardinischer Verbannung am 13.8.235 Bischof von Ostia (?) und papstkritischer Presbyter in Rom. Im Fahrwasser seines Lehrers Irenaeus von Lyon subordiniert er den Sohn Christus als verfleischten Schöpferlogos dem Vater. Wie Irenäus kämpft er gegen die Gnosis. Er zitiert oft sehr verzerrend. »Obgleich er sich seines Fleißes rühmt, hat er gerade diese Vergleichung leicht genommen, hat sie in Wahrheit gar nicht durchgeführt und so [Buch] I-IV und V-X in keinen inneren Zusammenhang gestellt... Sklavisch von seinen Quellenschriften abhängig, hat H. die Teile stückweise im engsten Anschluß an die jeweilige Vorlage zusammengeschrieben, ohne den Stoff geistig zu beherrschen.«[1144] Er stellt Gnostiker als Schüler der griechischen Philosophen und diese als Schüler orientalischer Magier dar und beweist damit ihre Scharlatanerie. In der um 230 in Rom entstandenen Refutatio dominiert die Strategie, mit bei Irenäus von Lyon (130-202) abgeschriebenen Gnostikerparaphrasen aus Adversus haereses I [zwischen 180 und 199] diesen Affinität zu Vorsokratikern nachweisen zu wollen und jenen Abhängigkeit von der Magie, die er als Taschenspielertricks enttarnt, womit der antichristliche Ursprung dieser Lehren dann bewiesen ist. So kann er Gnostikern magische Tendenzen unterstellen, selbst wenn diese gegen Magie sind.[1145] Damit wendet er den Hauptanklagepunkt der römischen Oberschicht gegen die Christen nun gehorsam gegen die theurgischen Tendenzen in der Kirche. Der geistige Kampf gegen die Gnosis ist wohl deshalb so lautstark, weil die Gnosis als kirchenpolitische Macht bereits ausgeschaltet ist.[1146]
Er schreibt in der Refutatio, Pythagoras habe zur Magie Affinitäten gehabt.[1147] Demokrit, Sohn des Damasippos aus Abdera, sei Leukipp-Schüler und zusammengetroffen mit indischen Nackt-Weisen (Brahmanen), Priestern in Ägypten, Astrologen und Magiern in Babylon.[1148]
Sein Traktat gegen Magie[1149] läßt die Magier als Mittler zu den dai/monaj erscheinen. Die hier beschriebenen magischen Praktiken stimmen weitgehend mit dem Material der PGM überein und spiegeln sicherlich den Stand der ägyptischen Magie recht gut wieder, die man in Rom mit angewidertem Interesse verfolgte, zumal der Mithrizismus dort eine breite Basis gefunden hatte. Was bei Plinius über Demokrits Kommentarwerk über den ägyptischen Magier Apollobeches bereits deutlich wurde, findet hier Bestätigung: Im Stammland der Gnosis, vom Kyros-Sohn Kambyses 529 mit babylonischen Magiern als künftigem Verwaltungsstab im Troß erobert und Satrapie der Achämeniden, hat es Magier gegeben.[1150]
Die von Hippolyt karikierten Rituale offenbaren in Details zoroastrische Liturgie, die der Römerhirte weder versteht noch zu würdigen weiß. Er beschreibt die Befragungsmethoden für das Dämonen-Orakel. Der Zettel mit der Frage wird vom jugendlichen Assistenten des deutlich mit schamanischen Trancetechniken arbeitenden Magiers verbrannt und gelangt als Rauch zu den Dämonen, ebenfalls wird Kyphi genanntes Räucherwerk von ägyptischen Magiern abgefackelt.[1151] Das Hineinspringen in einen besonderen inneren Hauswinkel, der also ein heiliger Platz ist, verrät alte schamanische Extasetechniken.[1152] »Der herbeigerufene Dämon Phre (Fr$=) geht nun im Körper des Magiers aus dem heiligen Winkel heraus, wirft im Beisein der Anwesenden den Assistenz-Knaben auf den Boden, und sagt ihm auf Griechisch oder etwas wie Hebräisch vieles dabei, die den Magiern vertrauten Gesänge.«[1153] Fr$= ist prh, also der RE.[1154] Bei der Metonymie des Synkretismus ist dies sowohl Zeus und Ahura Mazda als auch Helios und Mithras. Hier wird der höchste Gott der Perser angebetet und kein beliebiger Dämon. Man darf viele Reste persischer Litaneien in aramäischer Perserreichssprache vermuten, mit denen der zoroastrische Magier am heiligen Feuer nach dem Libationsopfer sang; sie sind als cultural lag Relikte einer Vorzeit wie das Kyrie und Gloria der Messe. Aramäische Litaneien gab es auch bei den Mandäern, deren zervanistische Prägung neben der jüdischen offensichtlich ist. Die kappadizischen magousai=oi vererbten ihre Traditionen in aramäischer Sprache bis ins 5. nachchristliche Jahrhundert.[1155] Die Übernahme des Aramäischen zeigt die Stärke des chaldäischen Einflusses. Damit wird deutlich, daß sich alte Rituale der Zarathustrier bis in die Blütezeit der Gnosis erhalten haben - im Sassanidenreich sogar bis ins 7.Jh.n.Chr. Da Griechisch seit der Alexanderzeit die Sprache der Gebildeten auch in Ägypten wurde, reduzieren sich die Aramäismen in den Zauberpapyri zu Nomina barbara, die wohl nicht einmal mehr von den Magiern selbst verstanden wurden, nachdem persisch-aramäische Sprachkenntnisse eingeschlafen sind.
Mit einem heimlichen Schwefelsäuretrick zur Wiedersichtbarmachung der Wasserschrift macht der Magier das Lesen des Fragezettels möglich, der durch Vertauschung dem Verbrennen entgangen ist. Er tritt nach Zettellesen wieder an die Öffentlichkeit und alle schwingen Lorbeerzweige - nicht für Apollo, sondern sie vollziehen das Barəsman-Ritual für Ahura Mazdā (= RE oder Fr%), so daß hier also eine ganze zoroastrische Gemeinde zum Gottesdienst versammelt ist. »Er kommt zum Rest draußen und ruft die Anwesenden auf, Lorbeerzweige zu nehmen und sie zu schwenken und zu quaken/krächzen [=Gebete zu singen!!!] und den Dämon Phre herbeizurufen.«[1156] Die 5, 9, 23 oder 35 Zweige repräsentieren die pflanzliche Schöpfung und sollen Ahura Mazdā danken für diese Basis des Lebens.[1157] »Denn daß sie diese anrufen, ist klar, und sie sind würdig, dies auslösen bei den Dämonen. Daß das durch sie selbst geschieht, wollen sie nicht, nachdem sie die Seelen (= den Verstand) verloren haben.«[1158] In diesem Getümmel, was pfingstlich-pneumatisch anmutet und von den Beteiligten auch als Geistempfang erlebt wird, entgeht allen die nächste Vorbereitung des Magiers. »Es wird dunkel, er sagt, Sterbliche können das Göttliche nicht sehen, wer kompetent ist, kann das bestätigen. Er legt den Jungen mit Gesicht nach unten nieder und zwei jener göttlichen Schreibtafeln, auf denen in echt hebräischen [=aramäischen] Buchstaben wohl Namen von Dämonen eingeschrieben waren. Von der anderen Seite wird von jedem der Rest den Ohren eingegeben. Dafür ist nötig, daß ein Instrument den Ohren des Jungen beigesetzt werde, durch das es alles gibt, was sie zeigen wollen.«[1159] In der Tat feierten die Magier Persiens oft in nächtlichen Höhlen. Die Nutzung von besonders Saiteninstrumenten in Revelationszeremonien ist neben Orpheus auch von sibirischen Schamanen bekannt, die oft über eine meisterliche Virtuosität verfügen.[1160] Der Magier spielt zunächst so, daß dem Jungen Angst wird, danach summt er beruhigend und dann lallt er durch das Instrument, was er dem Jungen sagen will, vermutlich den Ausgang der Sache. Dann bringt er die Anwesenden zur Ruhe und der Junge sagt, was er von den Geistern gehört hat. Das Naturinstrument neben seinen Ohren ist eine Flöte aus dem Langhals der Kraniche, Störche oder Schwäne. Alternativ dient eine konisch sich verengende Messingflöte aus 10 Rohrteilen dazu, dem ängstlich-treugläubigen Jungen die Geisterbotschaft ins Ohr zu sprechen.[1161] Wenn man nasses Leder um einen Stab wickelt und trocknet und den Stock entfernt, bekommt man ein ähnliches Flöten-Resultat. Ist gar nichts in dieser Richtung zur Hand, tut es auch eine lose aufgerollte Buchrolle.[1162] Hippolyt ist nur an der Tricktechnik interessiert und nicht am religiösen Sinn der Rituale, die an christliche Zungenrede erinnern. Daß in Einzelfällen manipulierte Bescheide des Magiers durchs Instrument gewandert sind, heißt nicht, daß nicht der Assistent primär die Aufgabe hatte, die Interpretation der in schamanischer Trance hervorgebrachten Instrumentalrevelation zu leisten. Ursprünglich ist er ebenso schamanisches Medium wie der Magier selbst.
Hippolyt berichtet weiter von Feuerfärbungen mittels Salz/Wachs-Anreicherungen[1163], von präparierten Eiern[1164], dem grausigen Trick, ein Schaf zum Abschneiden des eigenen Kopfes zu bringen durch Verätzung der Kehle, die das Tier rasend macht und die einzige Möglichkeit, sich zu kratzen, bleibt ein Schwert, an dem es sich dabei quasi selbst enthauptet. Die Säure wird ihm beigebracht während der Besprengung mit Weihrauch.[1165] Ziegen ersticken, wenn man ihre Ohren mit Wachs verstopft, weil sie ihren Atem nicht mehr hören können. Widder verenden, wenn man sie gegen die Sonne hochbindet. Ein Haus zünden sie durch Beschmieren mit Daktylos-Fischtran an. Dieser Effekt beruht auf dem Seewasser und ist sehr nützlich, ebenfalls im Eisentopf gesiedeter Meeresschaum mit einigen süßen Zutaten. Wenn man eine brennende Kerze ins Kochende hält, geht sie aus. Schwefelzusatz löscht noch besser.[1166] Donner imitieren Magier mittels eines Bleches, einer Steinlawine und einer krachenden Bohle.[1167] Besondere Erfolge haben sie mit siedendem Pechkessel auf glühenden Kohlen: Sie fassen drauf, ohne sich zu verbrennen; ebenso schadlos gehen sie über glühende Kohlen; ferner bringen sie eine Steinpyramide auf ihrem Herzen zum Brennen und speien Feuer und Rauch aus dem Mund.[1168] Diese hier als Showeffekt desavouierte Feuerprobe ist nichts anderes als das Ordal, die früheste Stufe der Weltgerichts-Idee vom großen Gang über die Cinvat-Brücke: Wer diese Glut überlebt, hatte seine Unschuld oder Gottverbundenheit bewiesen.[1169] Vermutlich hat zur mithrischen Leones-Weihe auch eine Feuerprobe gehört, cf 2.4.3. Das iranische Ordal wurde auch mit Heißwasser ausgeführt.[1170] Ein feuchtes Leinentuch über einem Wassertopf wurde durch glühende Kohlen nicht versehrt.
Zur Herbeirufung von Dämonen oder Göttern wird das Haus verdunkelt, für Asklepius rezitiert der Magier liegend: »Zeussproß, einst dahingegangen, von Apollo[1171] unsterblich gemacht/ ich rufe dich mit dem Trankopfer an, zu kommen und zu helfen meinen Anliegen./ Der einst schon, als tausend Stämme unsteter Toter/ des wohlfließenden Tartarus in ewig traurigen Hallen/ beschifften den Strom ohne Rückkehr und laut tosend, den rückweglosen/ Jammerfluß [Kokytos[1172]], wo gleiches Ende allen sterblichen Menschen beschieden:/ Sie heulen am See und wehklagen bitterlich./ Du selbst rette mich zum besseren, Persephone.[1173]/ Entweder du erwählst den Sitz des heiligen Thrakiens oder des lieblichen Pergamon, oder bei denen im ionischen Epidauros,/ frischauf, du selig' Luder, dich ruft der Obermagier, daß du zugegen seiest.«[1174] Auf diese Anrufung der Persephone als gütiger Fürstin des Schattenseelenreichs, Grenzgängerin zwischen Tod und Leben, der einzigen, die regelmäßig von der Unterwelt ins Leben hochsteigen kann, ja muß gegen ihre eigene Lust am Totengott, erscheint im Feuerzauber Asklepius auf dem Boden und im Wassertopf in der Mitte sind Götter zugegen und für die Beteiligten im Wasserspiegel sichtbar, u.a. Artemis/Anāhītā mit ihren bellenden Hunden.[1175]
Artemis als eine der drei Formen der Hekate erinnert an die Daēna an der Cinvat-Brücke mit ihren beiden Hunden, die als Richterin die Bösen in den Abgrund zerrt.[1176]
Hier findet sich die Affinität von Schamanismus, Orphik und medizinisch engagierter Magie belegt. Die Magier waren zumindest teils so gräzisiert, daß sie die orphischen Traditionen vom Hades, dem See des Vergessens und der Persephone aufnahmen: Die Rettung todkranker war ein Kampf mit den Gefahren der Unterwelt und die Aufgabe des Magiers bestand in der schamanischen Rückholung der Seele des Kranken aus Gefilden, aus denen es kaum einen Rückweg mehr gab.[1177] Auch die Erzeugung von halluzinatorischen Täuschungen bei den Anwesenden gehört zum Metier des Schamanen.[1178] Daß die Magier für die Glutkontakte Hände und Füße in Salzwasser und anderen Mitteln waschen, mindert für Hippolyt ihre Glaubwürdigkeit.[1179] Mittels einer mit Öl vollgesogenen Pyramide aus gebranntem Ton läßt sich eine Glut zum Aufflammen bringen, wenn Libationsopfer wie etwa ein Becher Wein hineingegossen werden.[1180] Auch der Trick fürs Feuerspucken wird aufgedeckt. All das zeigt, zu welcher Meisterschaft im Umgang mit dem heiligen Feuer die Magier es gebracht haben und wie stark die Anbetung des Feuers in römischer Zeit verbreitet war - bei den Sassaniden bis ins 7. Jh. Dies spiegelt der Feuerkult: Anāhītā war Siegesgöttin im Feuerkult von Persepolis-Ištachr. Die Herbads waren Feuerpriester an den Feuerheiligtümern, die ab 400 v.Chr. belegt sind. Artaxerxes II. ließ erstmals nackte Anāhītā-Skulpturen in Sardes, Babylon, Damaskus, Susa, Ekbatana, Persepolis und Baktra aufstellen.[1181] Anāhītā wurden gern abgeschlagene Köpfe geopfert.[1182] Man nennt sie )/Artemij Persei=a und meistverehrte Gottheit der Perser.[1183] Yašt 5,V,126-29 beschreibt mit Biberpelz einen nordischen Anāhītā-Typus.[1184] Auf einem Feuertempel in Persepolis steht »Zeus Megistos, Apollon, Artemis« statt »Ahuramazda, Mithra, Anāhītā«.[1185] Sogar im Zentrum der persischen Religionsmacht wird Ahura Mazda als Zeus akklamiert! Daß er in Ägypten den Namen des höchsten Sonnengottes bekommt, bedeutet somit kein Vergessen der iranischen Traditionen, sondern eine Übersetzung in einen anderen Zeitgeist.
Hippolyt führt noch weitere Tricks auf: Versiegelte Briefe werden geöffnet und später das Siegel durch eine Imitation neu gegossen, für die ein Gipsabdruck gemacht wird. Geschmolzenes Pech, Harz, Schwefel und Asphalt zu gleichen Teilen werden zu einer Figur geformt, die der Magier bei sich behält und nach Erhitzen aufs Siegel drückt. Dafür geht auch Wachs gemischt mit Fichtengummi. Die geöffneten Briefe lernen sie auswendig vorm Neuversiegeln.[1186] Eine Divination erzeugen sie folgendermaßen: Im geschlossenen Raum wird mittig ein großer Kessel plaziert, unter dem in einem Geheimkellerloch ein Magierskomplize sitzt. Decke wird mit Cyan eingeschmiert und bestimmte hochgezogene Cyan-Gefäße reflektieren auf dem Wasser des Kessels zu einem himmlischen Glanz. Der Gehilfe unterm Kessel hat Figuren aller Dämonen und Götter, die man herbeirufen kann und kann sie durch die reflektierende Illumination brennend an der Wand erscheinen lassen. Mit laconischem und sakynthischem Asphalt an die Wand gemalte Dämonenfiguren erstrahlen angezündet in prächtigem Glanz.[1187] Die Mithräen zeugen von der Illuminationskunstfertigkeit der Feueranbeter.
Ein weiterer Trick, Leicht-Gläubigen eine im Feuer fliegende Hekate oder andere Dämonen als durch die Luft reitend vorzugaukeln, basiert auf hypnotischer Fixierung der erwartungsvollen Blicke auf einen Punkt am Himmel und sadistischer Tierquälerei. Der Magier singt in mondloser Nacht litaneimäßig als Vorläufer schwarzer Messen: »Aus der Hölle, der Erde und dem Himmel, Bombo, komm!! Heiliger der Straßen und brillanter, der streunt in der Nacht. Feind des Glanzes, Freund und Verbündeter der Dunkelheit. Im Heulen der Hunde frohlockend, im karmesinroten Keil, watend zwischen Leichen durch Grabmäler aus leblosem Staub, gierig keuchend nach Blut, mit Furcht die Menschen erschütternd. Gorgo, Mormo, Luna und aus vielen Formen, kommt günstig gestimmt zu unseren heiligen Riten.« Der Gehilfe im Gebüsch hat einen lebenden Falken in Tücher gehüllt, den er nach der Invokation anzündet und fliegen läßt. Dieser fliegt in Todespanik seinen letzten Flug rasend nach oben und stürzt auf Häuser, die dann auch brennen. Nachdem der Dämon angerufen wurde und als brennender Falke erscheint, werden die Gemeindeglieder angewiesen zur Proskynese, bei der niemand mehr sieht, wie der brennende Falke sterbend stürzt.[1188] Wieviel hier Bericht und wieviel Diffamierung ist, mag bei Hippolyts Voreingenommenheit wohl zu fragen sein.
Eine Mond-Erscheinung erzielen die Magier mit Wasserspiegel in Zimmermitte. Ein Gehilfe läßt nach Invokation des Mondes eine Kerze aus einer Trommel auf den Spiegel leuchten.[1189] Ein Erdbeben imitieren sie durch Verbrennen von Wieselscheiße mit einem Magneten auf Kohlen.[1190] Orakelantworten werden spiegelschriftlich auf Gallessig-getränkte Briefe geschrieben, auf die eine Leber gelegt wird und schließlich erscheint die Antwort auf der Leber selbst.[1191] Ein Schädel auf dem Boden scheint zu sprechen. Er wurde in einem Ochsenkopf aus Wachs und Gummi präpariert und wackelt etwas. Mit einer Flöte als Sprachröhre wird ihm eine Stimme verliehen, die Orakel beantwortet. Nach der Orakelstunde wird der Schädel mit Kohlen und Räucherstäbchen dicht umgeben und schmilzt dahin, verschwindet quasi.[1192] Die Parallele zu sprechenden sibirischen Schamanenschädeln und dem des Orpheus liegt auf der Hand: Hier hat eine alte schamanische Orakeltechnik eine effektvolle Ausgestaltung gefunden.
Die Magier Hippolyts waren also schamanisch-orphisch geprägt. Die spätantike Wundergläubigkeit wird von Hippolyt aufklärerisch desillusioniert, als könne man nicht ebenso die Wunder Jesu als Tricks plausibel machen: Man hätte durch diese Entzauberung das Wesen seiner Botschaft immer noch nicht besser begriffen; ebenso ist die Anbetung des Lichts und Feuers und Wassers, die in den Magiertricks durchscheint, von Hippolyt theologisch nicht begriffen worden. Diese aber war eine der wesentlichen Botschaften des Zoroastrismus, die sich in die Gnosis hineingetragen haben bis zu den Licht-Engeln in der Himmelsreise des Zostrianos. Dabei galten die Lehren der Magier als Arkanwissen, was nur heimlich weitergegeben werden durfte. »Dies sind die Taten der Magier, und es gibt unzählige andere solche Tricks, die abzielen auf die Leichtgläubigkeit der Tölpel, mit geschickt austarierten Worten und der Erscheinung glaubhafter Taten. Und die Irrlehrer, beeindruckt von ihrer Kunst, haben sie imitiert, teilweise ihre Lehren im Verborgenen und Dunkel weitergebend, teilweise sie vorbringend als ihre eigenen. Aus diesem Grund, bestrebt, die Menge zu warnen, haben wir die größere Sorgfalt in der Absicht, keines der von den Magiern benutzten Hilfsmittel auszulassen, für die, die empfänglich sind für Täuschung.«[1193] Da das magische Wissen ökonomische Basis der Magier war, durfte es möglichst nicht nach außen gelangen. Dies ging bis zu codierten Tierteilnamen für Heilkräuter, die gar nicht immer die Schlachtung eines oft heiligen Tieres und darob Zorn der Götter erforderten, sondern Deckname für eine besondere Heilpflanze waren.[1194]
Hippolyt
erwähnt Magier noch an 9 weiteren Stellen. 3 mal geht es um
die Magier in Bethlehem.[1195]
Dann erscheinen im Danielkommentar neben Chaldäern,
Tempelsängern und Schatzpriestern
Magier bei Nebukadrezar in Babylon, die ebenfalls seinen Traum nicht
können.[1196]
Wie Herodots
Magerstamm
werden Magier auch noch pfingstwundermäßig in einer
Völkersliste aufgezählt.[1197]
Dies bedeutet, daß Magier nicht nur wie Simon
als Einzelpersonen auftraten, sondern in größeren
Kolonien zusammenlebten, so
daß sie geradezu ethnische Separation evozierten.
Über Simon
Magus läßt Hippolyt
sich Refut. VI,2 aus, cf.
1.7.6.2
1.5.2.56 Studienreisen als interkulturelles Lernen griechischer Philosophie
Platon, dessen Staat in der gnostischen Bibliothek von Nag Hammadi gelesen wurde[1198], hat das iranische Erbe über Plotin bis in die christliche Mystik weitergegeben.[1199] Seine Idee der bei der Schöpfung erstgeschaffenen und fortan mitschaffenden Weisheit als Weltseele im Politicos und Timaios[1200] wurde von der Stoa aufgegriffen und bei Kleanthes mit dem Logos identifiziert.[1201] Damit ist eine Vorstufe der gnostischen und weisheitlichen sofi/a gegeben, die im Johannesprolog auf Christus bezogen wird.[1202] Wenn der Peripathetiker Aristobul von Alexandria als erster jüdischer Philosoph 170 v.Chr. mit Aristoteles Gott als unbewegten Beweger und die Weisheit als erstes Schöpfungswerk in einer stoischen Allegorese biblischer Mythologie zum gemeinsamen Thema philosophischer und theologischer Reflexion macht, zitiert er Orpheus, Pythagoras, Sokrates, Timaios und Platon neben dem Pentateuch.[1203]
Wie Tales und Anaximander von Milet, Parmenides und andere Vorsokratiker als materielle Basis ihres philosophischen 'Müßigganges' den von harter Arbeit freistellenden Status eines wohlhabenden Kaufmannes hatten, waren viele der Kaufleute und Handwerker religiös gebildet und so imstande, mit dem Warenhandel zugleich eine Art Austausch religiöser gnw=sij, sofi/a und e)pisth/mh zu betreiben. Zugleich führten sie ihre weiten Reisen in die orientalische Kultur, aus der sie ihre Grundideen bezogen. Pythagoras soll laut Diodor und Aristoxenos beim Chaldäer Zaratas gelernt haben, so Hippolyt.[1204] Pythagoras, Orpheus, Ostanes, Epimenides, Anaxagoras, Leukipp, Empedokles, Demokrit und sogar Platon galten als Magier und hatten offensichtlich die Lehren der persischen Magier und babylonischen Chaldäer teils durch eigene Studienreisen aufgenommen.[1205] Griechische Philosophie erwacht gerade nicht im dorischen Mutterland, sondern in den ionischen Städten Kleinasiens und den Kolonien, in denen weitblickender Kaufmannssinn und kühner Unternehmungsgeist nicht nur markterobernd wirkte, sondern auch die geistige Erschließung der Welt und ihrer religiösen Interpretationen förderte.[1206] Thales hat das Meer als Urstoff auf seiner Ägyptenreise erfahren.[1207]
Griechische Mythen greifen den indoeuropäisch-iranischen Mythos von der Welt als aus dem Urmenschen geschaffer auf. »The tears of Kronos, the hands of Rhea, recall the oriental idea of the world as the body of a mythical person or god, particularly one whose activity belongs in the past.«[1208] Indische Urmenschteilungen sind Puruša, Višnu, Prajapati, iranisch ist die Urrindtötung.[1209]
Umgekehrt ziehen mit Kyros II. viele persische Magier nach Babylon, mit Xerxes nach Griechenland und in den Mittelmeerraum ein, bilden Kolonien und verbreiten die Idee der Seelenwanderung, der Geistigen Urwelt, die sich materialisiert wie eine makrokosmische Urmenschzerstückelung und regen damit die prähellenistische griechische Philosophie an.
Die Repräsentanz iranischer Sakralgrößen in der griechischen Literatur ist indessen nur ein beschränkt aussagekräftiges Indiz für die tatsächliche Verbreitung einer kultischen Ausprägung. So wird Miθras erst ab dem 1. Jh. n.Chr. bei Plutarch, Dio Chrysostomus und Clemens Romanus erwähnt, im 2. Jh. bei Cassius Dio und Älian, im 3. Jh. nur bei Porphyrios Tyrios, in der gesamten griechischen Literatur nur 28 Mal überhaupt. Dennoch hat sich gerade in dieser Zeit der Miθraskult immens ausbreiten können. Möglicherweise war das Soldateske dieses Kultes griechischen Autoren keine Silbe werte, vielleicht war aber auch der Dionysoskult so einflußreich, daß für analoge Kulte der Kultur ehemaliger Erzfeinde kein Interesse bestand.
1.5.3 Einheit der Gegensätze in der
Kosmogonie der Vorsokratiker
Anaximander hat, wie Thales, durch den milesischen Seehandel weite Reisen gemacht, vermutlich auch nach Phönizien und Ägypten. Seine eherne Weltkarte zeugt von der Bedeutung der Neuorientierung am Gesamt der alten Welt. Seine Sonnenuhr mag von den Babyloniern abgeguckt sein. Seine Philosophie greift entmythologisierend die babylonischen Schöpfungsmythen des Enūma Eliš auf. Das Eine, to\ ÀEn, ist die Ursubstanz, die a)rxh/, ist das Unbegrenzte, das a)/peiron, unendlich und unvergänglich, ist in ewiger Bewegung, metabolh/ oder ki/nhsij,[1210] und geht über die drei Elemente Meer - Erde - Feuer aus den Tiefen des unterirdischen Wassers mit den Fischen als Menschen-Eltern über die Landbehausung bis zur Nutzung des Feuers, der Kultur. e)/kkrisij und a)lloi=osij, Ausscheidung oder Verwandlung resultiert aus der inneren Bewegung des Urstoffs, bei Thales Wasser wie Tiāmat.[1211] Samen ist »das 'Zeugungskräftige', das sich vom Unbegrenzten abtrennte, ist die prw/th u(gro/thj, aus der das Feuer hervorgewachsen ist. So konnte es in der Tat naheliegen, das Unendliche selber als 'nassen Dunst' oder als 'feurigen Dunst', oder noch treffende als Mittleres zwischen Wasser und Feuer... vorzustellen.«[1212] Wie Tiāmat[1213], der sumerische Urmeer, mit Apsu, dem Wasserstrom, in Enūma Eliš das Ureine verkörpert, das Marduk besiegt und spaltet in Himmel und Erde, so ist auch das Sperma gedacht als das lebensspendende Feuchte. Urmeer und Mutterschoß als die Ungeschiedenheit von Generator und Generiertem, Schöpferin und Geschöpf, bilden in vielen Mythen eine stimmige Symbolik der embryonalen Urerfahrung des Menschen, die der Mythos unmittelbar auf den Kosmos überträgt.[1214] Hesiod beschreibt in seiner Kosmogonie eine Palastrevolution der Göttersöhne: Uranos und Gaia zeugen die Titanen, deren letzter, Kronos, Uranos mit dem Messer kastriert, weil dieser seine Kinder im Erdschoß aus Haß eingesperrt hält. Blut tropft auf der Erde: Erinnyen, Giganten und Nymphen entstehen daraus. Sperma tropft ins Meer: Aphrodite entsteht. Kronos zeugt nun mit Rhea die olympischen Götter, als letzten Zeus. Uranos prophezeit Kronos Vernichtung durch die Kinder; Kronos frißt alle auf, bis auf Zeus, den Rhea mit einem Stein vertauscht. Zeus zwingt Kronos, alle wieder auszuspucken. Im Kampf gegen Kronos und seine Titanenbrüder siegt Zeus mit seinen olympischen Geschwistern. Hesiod hat von den wohl im Reich Mitanni oder bei den Hethitern um 1600 v.Chr. entstandenen churritischen Mythen vom Kronos-Gott Kumarbi abgeschrieben, wo der Himmelsgott Anu von Kumarbi den Penis abgebissen bekommt und nach Ausspucken desselben aus dessen Sperma der Wettergott Teššup entsteht und Kumarbi vernichten will.[1215] Es entsprechen sich in der Herrschaftsfolge Anu-Uranos, Kumarbi-Kronos, Erdmutter-Gaia und der Teššup-Zeus. Das Ullikummi-Epos, in dem Kumarbi einen riesigen Steinsohn (Ätna-Vulkan) Ullikummi bekommt, zeigt churritischen Einfluß auf Hesiods Typhon-Mythos. Ein El-Kumarbi findet sich auch im ugaritischen Ras Schamra-Text 4, einer identifikatorischen Götterschmelze churritischer und phönizischer Mythen. Philon von Byblos reklamiert, gestützt auf den prätrojanischen Sanchunjaton von Beirut, die Urheberschaft für Phönizien.[1216]
Unter den Churritern Mitannis kämpften arische Söldner (maryanni), so daß 1380 v.Chr. in einem Friedensvertrag mit den Hethitern Mitra-Varuna, Indra und die Nasatyas in der Liste der Götter beider Reiche auftauchen.[1217] Die Götterkämpfe spiegeln die Konkurrenz der Krieger versus Ernährer, Ständen, nach denen die indoeuropäischen Stämme gegliedert waren.[1218] Dabei kommt es nach einer langen ergebnislosen Zeit der Schlachten ohne eindeutigen Sieger schließlich zu einer allmählichen Annäherung der Feinde und zum Frieden und einem gemeinsamen Miteinander-Leben. Schon im vor-vedischen Mahabharata, dem in seinen ältesten Teilen zwischen dem 7. und 6. Jh. v.Chr. entstandenen, 90000 Verse umfassenden, brahmanischen Epos der fünf Pandavas, der Brüder mit der einen gemeinsamen Frau, spiegelt sich dieser eschatologische Krieg ebenso wie in der Romulus-Sage der Römer gegen die Sabiner unter Tatius oder dem germanischen Kampf der Asen unter Magiergott Odin gegen die Vanen unter Hammergott Thor. »Das Mahabharata ist im wesentlichen die Umsetzung eines umfassenden Systems mythischer Vorstellungen in die Welt der Menschen: Die wichtigsten Götter rund um die hierarchisierten Götter der drei Funktionen und einige Dämonen wurden nicht nachträglich den wichtigsten Helden angenähert, sondern waren ihre Modelle, und die begrifflichen Beziehungen zwischen diesen Göttern wurden bei diesen Helden in Begriffe der Verwandtschaft (Brüder, Gattin) und Verschwägerung, der Freundschaft und Feindschaft übersetzt. Die Intrige des Gedichts ist selbst wieder die Umsetzung eines Mythos über eine große Krise der Welt: Die Auseinandersetzung zwischen den Mächten des Guten und den Mächten des Bösen steigert sich bis zu einem zerstörerischen Höhepunkt und mündet in eine Wiedergeburt.«[1219] Im Helden inkarniert sich immer ein Gott oder Dämon. »Die überraschende Symmetrie zwischen einer skandinavischen mythologischen Episode und einer römischen historischen Sage«[1220] offenbart indoeuropäisches Erbe, welches in Rom vergeschichtlicht wurde. Die Trias a) magisch-juristische Oberherrschaft, b) kriegerische Kraft und c) Fruchtbarkeit, Wohlstand findet neben dem sozialen Ständesystem Priester-Krieger-Bauer die Analogie der Göttertriaden: indoiranisch mit Mitra/Varuna, Indra, den Nasatyas, römisch mit Jupiter, Mars, Quirinus und germanisch mit Odin, Thor, Freyr.
Apollo tötet den Drachen und gelangt an Wissen über Zukunft. Rigveda IV,19,3 schlägt Indra dem schlafenden Schlangen-Ungeheuer Vritra den Kopf ab und trifft dieses mit dem Blitz. Endlich ist das Wasser zugänglich. Nammu teilt sich in Himmel und Erde, welche Enlil teilt. Marduk spaltet Tiāmat, was im Neujahrsfest (sumerisch: zagmuk; akkadisch: akitu) alljährlich wiederholt wird, um die Erde periodisch aus dem Chaos neu zu erschaffen, zu regenerieren. Das biologisch fundamentalste Phänomen der Urleibteilung ist selbstverständlich die Zellteilung (der befruchteten Eizelle). Indem der babylonische Herrscher als Repräsentant Marduks oder Dumuzi's eine Tempelprostituierte im Akitu-Fest begattet[1221], reaktualisiert sich die Gemeinschaft zwischen Göttern und Menschen. Die Götter segnen dafür das Land mit Wohlstand und Glück fürs kommende Jahr.[1222] »Die rituellen Kämpfe zwischen dem Gott und dem primordialen Drachen... Schon lange Jahrhunderte vor dem Erscheinen der Indoeuropäer war das mythisch-rituelle Ensemble des Neuen Jahres als solches wie auch als Wiederholung der Schöpfung den Sumero-Akkadern bekannt, und wir finden wichtige Elemente davon auch bei den Ägyptern und den Juden.«[1223] In Indien und Tibet werden zum Neujahrsfest oratorische Wettbewerbe als Reinszenierung des Drachenkampfs ausgetragen, neben Pferderennen, Kampfsport, Bogenschießen, Kühemelken und Schönheitskonkurrenzen.[1224]
Wenn das erste Paradigma für
die Entstehung der Welt die des
Menschen selbst ist, der Makrokosmos nach dem Vorbild des Mikrokosmos
gedacht
wird[1225],
sind in diesen kosmogonen Mythen die Teilungen des
Chaos-Drachen-Schlangen-Urleibes Verweise auf die Teilung der Vagina,
die sich
unter orgastischem Zucken, später abermals unter Wehen und
K(r)ämpfen auftut,
um die Lebenden (Penis/Embryo) zeitweise zu beherbergen und aus sich zu
entlassen.
Früher starben viele Mütter bei der Geburt wie Tiāmat.
Eine kosmogone Reaktualisierung dieser Teilung ist dann die heilige
Hochzeit
des Königs mit der Hierodulen in einem geheimen Raum des
Tempels als
Weltmittelpunkt[1226],
wohl weil pünktliche Geburt zum Neujahrsfest schwierig
realisierbar war.[1227]
Wenn Uranos in Gaia seine Brut eingesperrt hält, ist der
Schöpfungsakt auch der
Geburtsaspekt des sich ins Freie entwindenden Embryonen, ist ein
aktives
Ins-Sein-Treten des Säugers. Pflügen und Aussaat sind
agrikolare
Penetrations-Varianten dieser
Syzygie. Wenn Schöpfung heißt: Chaos
strukturieren, welches Anfang und
Ende der Welt bezeichnet, sind Sintfluten,
Frühjahrsüberschwemmungen zugleich
tödliches Ende der alten Zeit und fruchtbarer Beginn der neuen
Zeit.[1228]
Ob überschwemmender Samen aufs Land oder injiziert in die
Damen: Beides ist Wiedergeburt
der Schöpfung und kosmogoner Akt. Im persischen Neurōz -Fest
wird das
Neujahr Ahura
Mazdās 1) als Neubeginn der Zeit nach
dem frühjährlichen
Sintflut-Ende und 2) als Wiedergeburt
gefeiert und mit
Miθras
Auferstehungsfest mihragān
kombiniert.[1229]
Schöpfung ist Lebendigmachen und Lebendigwerden.
Die phönizische Ras-Schamra-Kosmogonie des Sanchunjaton setzt im Parallelismus membrorum als Urstoff »dunkle und windige Luft« mit »trübes und finsteres Chaos« zusammen: dieser Nebelabgrund sei das a)/peiron, sagt Philon von Byblos. In Gen 1,1 ist Finsternis überm Abgrund und der Geist/Wind Gottes (axUr) über den Wassern ein ähnlicher Doppelausdruck für ein Phänomen. War Apsu (Ab = Vater; su =erkennen, penetrieren) neben der weiblichen Urmeer Tiāmat der männliche Urstrom, wobei „Abgrund“ als Flußwasser oder Grundwasserspiegel die maskuline Variante des Urmeeres bildet, so steht bei Sanchunjaton die Selbstbefruchtung der Luft als kosmogones Urprinzip.[1230] Analog dazu gibt es die weltschaffende Masturbation des Sonnengottes Re-Atum-Chepri im ägyptisch-memphitischen Heliopolis, aus dessen Saft Schu (Luft) und Tefnut hervorgehen, die sich paaren und Geb (Erdgott) und Nut (Himmelsgöttin) erzeugen.[1231] War in Enūma Eliš männliche Fluß-Tiefe und weibliches Urmeer kosmogone Geschlechtspolarität, so wird hier die Ursubstanz als selbstbefruchtende Einheit beschrieben. Der Gott Pothos, der nach sich selbst begehrende Odem, ist eine zweite, ursprünglich eigenständige Kosmogonie im Phönizischen. Bei Hesiod werden Chaos und Eros zur Einheit.[1232] Chaos ist gähnender, unendlicher Schlund, Ursprung von Himmel und Erde.[1233] Bei Aristophanes ist Luft identisch mit Chaos.[1234] Die moderne Chaosforschung zeigt, daß auch bei beliebigen Reihen identischer Versuchsabläufe Unregelmäßigkeiten entstehen, die die Newtonsche Mechanik und selbst Einsteins Relativitätstheorie nur als Näherungen qualifizierten.[1235] Der Kronos-Mythos ist in einer vorgriechischen Tradition auf Kreta beheimatet gewesen, dort wohl von den Phöniziern eingeschifft. In Griechenland ist der Kronos-Mythos, an Delphi's Stein gebunden, eher esoterisch. Delphi's Priester hatten diverse kretische Traditionen. Über Delphi kam Hesiod an die orientalischen Mythen über Weltentstehung.[1236] »Babylonier wie Ägypter haben eine Art praktischer Wissenschaften entwickelt, die durch alle Jahrhunderte niemals mit dem Mythos in Konflikt kamen, und es ist bezeichnend, daß beides, Mythos und 'Wissenschaft', in der Hand derselben Kaste lag, der Priester.«[1237]
Es ergibt sich also als eine von vielleicht vielen weniger offensichtlichen Beeinflussungen der Griechen durch den Orient folgende Traditionslinie: Sumerer/Arier/ Churriter - Phönizier - Kreta - Delphi - Hesiod & Anaximander und alle weiteren Vorsokratiker. Für die Anfänge der griechischen Philosophie ist also ihre orientalische Orientierung konstitutiv geworden. »Durch ihre Handelsbeziehungen zu den alten Kulturvölkern des Morgenlandes war den Koloniegriechen um das Jahr 600 bereits ein reicher Schatz des Wissens zugeflossen. Wir dürfen annehmen, daß sie in Astronomie, Arithmetik und Geometrie den Chaldäern, Phöniziern und Ägyptern vieles verdankten.«[1238] Das Unbegrenzte etwa ist eine über Hesiod hinausgehende (weil Höchstlenkendem und Allumfassendem) Adaption orientalischer Mythen durch Anaximander: »Der Begriff des Unbegrenzten ist dort überall mitgedacht...: im Alten Testament als unendliche Tiefe und Quell des Segens; in Babylon als ungeheure Urmutter, unerschöpflich an Geburten; in Ägypten als allumfassender Ursprung und ältester Gott.«[1239] Auch bei den Orphikern ist Nacht und Chaos der Ursprung aller Weltschöpfung.[1240] Der Wind, bei Anaximander und Sanchunjaton durch den Brand der Sonne, bei Anaximenes[1241] aus dem Wasser entstanden und das Feurige der Gestirne im Kreise treibend und entfachend zum Feuer, kann die indoeuropäische Windgottheit sein, iranisch wie indisch Vayu, axUr in Gen 1,1 und bei Sanchunjaton, über dem Wasser schwebend. Die Dreiheit Wasser, Erde, Feuerwind beherrscht Enūma Eliš, Anaximander, Heraklit und das alttestamentliche Weltbild.[1242] - Alles hat bei Anaximander seine Zeit: daß Eines das Andere frißt und vom nächsten selbst gefressen wird, ist Gerechtigkeit. Hybrider Übergriff von Endlichem auf anderes Endliche wird selbst mit Übergriff gestraft; das Vergehende büßt im Vergehen ans Überlebende; dies büßt später dem Künftigen.[1243] Damit ist schon die Karma-Idee des Buddhismus paraphrasiert.[1244] Anaximanders Hauptgegensatz war eben nicht der ihm Zugeschriebene von heiß und kalt, sondern Hesiods archaisch kontrastrierender Gegensatz von Licht und Nacht, der dem zoroastrischen Dualismus sich verdankt.[1245]
1.5.4 Indoeuropäischer Urmensch als erste
Materie und End-Gestalt der
Welt
In den Urmensch-Mythen findet die makrokosmische Einheit der Gegensätze ihr mikrokosmisches Korrelat. Im babylonischen Schöpfungsepos Enūma Eliš („Als droben“ der Himmel nicht genannt war) ist der weibliche Urmeer-Drache Tiāmat als Urwesen gedacht, aus dessen von Marduk gespaltenen Teilen Himmel und Erde entstehen.[1246] Die ersten Götter Babylons Anšar und Kišar waren Nachkommen des männlichen Grundwassers Apsu und des weiblichen ozeanischen Salzwassers Tiāmat. Als sich die Wasser der beiden (von Euphrat/Tigris und persischem Golf) vermischten, entstanden Lachmu und Lachamu, von denen alle anderen Götter abstammen. Einer der Söhne Tiāmats ist Kingu, Herr über die Dämonenheere, die von Tiāmat geschaffen wurden. Die herumtobenden und lärmenden jüngeren Götter streiten bald ständig mit den Alten und schließlich beschließt Apsu, die Enkel zu töten. Ea erfährt davon und tötet ihn zuerst. Danach nimmt Kingu den Platz seines Vaters als der Gemahl von Tiāmat ein und Tiāmat gibt ihm die Schicksalstafeln, damit er die Herrschaft über die jungen Götter übernehmen kann. Diese neiden Kingu die Macht und so tritt der Junggott Marduk gegen ihn zum Kampf an. Er siegt, erhält die Schicksalstafeln und steigt so zum Herrn der Götter auf. Das Blut des Dämonenherrschers Kingu gibt Marduk an Ea weiter, der daraus und aus einem Klumpen Lehm die Menschen erschafft. Um die Gefahr für die Götter endgültig zu beseitigen kämpft Marduk mit Zauberei auch gegen Tiāmat. Dazu erhält er 50 Fähigkeiten, die er als Waffen gegen sie einsetzen kann. Er tötet sie schließlich und spaltet ihren Leib. Aus den beiden Hälften bildete er das Himmelsgewölbe und die Erde. Nach seinem Sieg wird Marduk, dem Stadtgott von Babylon, ein gemeinsames Heiligtum mit Ea und Enlil geschaffen.
Der priesterschriftliche Schöpfungsbericht mit der babylonischen Königsideologie der Gottesebenbildlichkeit entpersonifiziert in Gen 1,1 Marduks Teilung der besiegten Aufruhr-Drachenfrau Tiāmat in Himmel und Erde (Enuma Eliš 4,138) und adaptiert so den Mythos über den Urmenschen.[1247] Wenn beim Jahwisten aus Adams Leib durch Teilung die Gefährtin entsteht, also die Sozialität, ist dies ebenfalls eine Zerteilung des androgynen Urmenschen. (flec in Gen 2,21 meint Krümmung, Latte, Anbau, nur assyrisch Rippe. Es ist Sitz der mit rf&fb (Fleisch, Penis) verschlossenen fehlenden Adamsrippe: Bauch/Lenden, Sitz der Sexualität.
Die Germanen hatten den Riesen Ymir, aus dessen zerstückeltem Körper die Weltteile entstehen.[1248] Diesen Mythos haben sie auch rituell inszeniert mit Menschenopfern als Kultspiel der Schöpfungswiederholung.[1249] Südlich von Schleswig an der Schlei findet sich in Osterby ein Wikingerlager mit einem Menschenopferplatz. Die Rune B = Berkana bedeutet: Birke Brüste, Erdmutter, Mutterschaft, Frieden, Fruchtbarkeit, Menschenopfer, Sein und Werden, das Empfangende, das Bergende, Behausung. Tacitus berichtet: »Unter den Göttern der Germanen genießt Merkur die höchste Verehrung. Ihm bringen sie an bestimmten Tagen auch Menschenopfer dar.«[1250] Und weiter: »Zu bestimmter Zeit treffen sich Abordnungen aller blutsverwandten Stämme in einem Haine, der durch Vorzeichen, die schon die Väter beobachtet haben, und durch uralte fromme Scheu geheiligt ist. Dann wird von Staats wegen ein Menschenopfer dargebracht und auf schaurigste Weise ein rohes Kultfest begangen.«[1251] Wodan, das Oberhaupt der Germanengötter, opfert ein Auge und darf so aus der Weisheitsquelle trinken. Die Raben Hugin und Mudin berichten ihm ständig das Neueste in der Welt. Er reitet auf seinem achtbeinigen Schimmel Sleipiur in der Welt der Sterblichen, begleitet von den Wölfen Geri und Frelki und einer Armee der Toten. Wodan wurden Menschenopfer dargebracht. Man wollte z.B. in Gefahr schwebende Menschenleben durch die Hingabe eines anderen Menschen retten. Aus den vereinzelten Opfern wurden später regelmäßig stattfindende Opferfeste, wie zum Beispiel im Norden zum Beginn des Winters, zum Mittwinter und zum Beginn des Sommers. Neben den Zentralheiligtümern für die Stammesopfer an Wodan, Donar und Saxnot gibt es überall in Germanien kleinere Opfersteine an Berghöhen, wo eher im privaten Rahmen den Dämonen geopfert wurde. Die dargebrachten Gaben selbst waren vielfältiger Art: Schmuck, Feldfrüchte, Obst und Tieropfer (Pferde, Rinder, Schweine und Schafe) und natürlich auch Menschenopfer. Mit dem Blut besprengte der Opferleiter sich und die Festteilnehmer, verband somit alle zur Einheit und führte auch den Göttern und Dämonen neue Wirkungskräfte zu. Das Fleisch wurde anschließend beim gemeinsamen Opfermahl und Gelage verspeist. Oft waren die Opfer mit Orakelanfragen an die Götter verbunden. Menschenopfer waren häufig Sühneopfer.[1252] 782 verbot Karl der Große bei Todesstrafe den Sachsen, männliche oder weibliche Personen als „Hexen“ zu verbrennen und ihr Fleisch zu verspeisen.[1253] Karl zerstörte 772 ein sächsisches Heiligtum, die Irminsul bei Bad Driburg, wo vermutlich in hohen Festtagen solche Menschenopfer zelebriert wurden.[1254] Das Mädchen von Windeby zeigt als Moorleiche 12 Hungerjahre in ihren Knochen. Der kürzlich entdeckte Tollund-Mann im karg-kalten Jütland wurde der Fruchtbarkeitsgöttin Nerthus von den Kimbern 125 v. Chr. als Ernte-Opfer stranguliert dem Moor übergeben. Der Hunger trieb sie südwärts. Freyr wurden schon früh Menschenopfer gebracht, verurteilte Verbrecher, Sklaven oder Kriegsgefangene. Nach ritueller Tötung oder Ertränken wurden diese im Moor versenkt. 1900 wurde in Neu-Versen im Emsland die qualvoll gekrümmte Moorleiche eines mit rücklings gefesselten Händen lebendig Versenkten gefunden, der »rote Franz«, der zwischen 252 und 388 n.Chr. nackt geopfert wurde. An vielen jugendlichen Moorleichen aus germanischer Zeit ist rituelle Tötung erkennbar. Die Römer haben schon 97 v.Chr. das kultische Menschenopfer verboten.[1255]
Zwischen Weißenfels und Naumburg auf dem Plateau über dem Saaletal in Goseck, 25km vom Mittelberg, dem Fundort der Himmelsscheibe von Nebra, entfernt, wurde das älteste Sonnenobservatorium Europas entdeckt. Es stammt aufgrund der Stichbandkeramik aus dem Neolithicum um 5000-4800 v.Chr. und gehört wie die zeitgleiche ähnliche Anlage von Quenstedt zu den Henge-Monumenten. Ein Kinderhockgrab datiert aufgrund der Linienband-Keramikgefäße mit eingeritzten Spiral- und Dreiecklinien sogar auf 5400 v.Chr. Um einen Opferplatz sind zwei Palisadenringe, ein Wassergraben und ein Erdwall mit 75 m Durchmesser konzentrisch wie eine Zielscheibe angeordnet. Drei Wege führen wie schmale Tortenstücke ins Zentrum. Neben dem großen Nordtor markieren südöstlich und südwestlich zwei visierartige Torwege die exakten Auf- und Untergangspunkte der Sonne zur Wintersonnenwende am 21. 12. 5000 v.Chr.[1256] 1999 fand man in Nebra die älteste metallene Sonnenscheibe Europas von ca. 1600 v.Chr. mit Sonne, Mond und Sternen und einer Himmelsbarke, die zwischen zwei Horizonten pendelt. Die astronomische Berechnung der Naturzyklen waren zur Saat-Ernte-Bestimmung hilfreich.[1257] In Goseck nun zeugen Grabungsfunde davon, daß auf dem mittigen Opferplatz Menschen lange aufgebahrt lagen und dann ihre Gliedmaßen abgetrennt und entfleischt in einem Grab beerdigt wurden. Diese Zerstückelung dürfte in den Schöpfungszusammenhang hineingehören. Das Solarzentrum war wie 1500 v.Chr. Stonehenge weithin sichtbares religiöses Zentrum einer Dorfkultur. Ein Langhaus im Innern des Palisadenkreises könnte Tempelfunktionen gehabt haben. Waren die Tier- und Menschenopfer zur Wintersonnenwende Tribut an die Sonne, um sie zur Wiederkehr in eine neue Schöpfungsperiode zu bewegen? Dann war die Zerstückelung des geopferten Menschen ein Akt der Neuinszenierung des Jahreszyklus; aus seinem Tod entstanden Frühlingssaat und Herbsternte.
In Indien gab es vier Typen Schöpfungsmythen: »1. Schöpfung durch Befruchtung der Urgewässer; 2. Schöpfung durch Zerstückelung eines Urriesen; 3. Schöpfung aus einer All-Einheit, die zugleich Sein und Nichtsein war; 4. Schöpfung durch Auseinandertreten von Himmel und Erde.«[1258] Der Schöpfungsakt durch Zerstückelung scheint mir der archaischste zu sein. In den frühen Jägerhorden war die Tötung eines wilden Tieres neben dem Früchtesammeln der Schöpfungsakt des Überlebens: Die Auswaidung des Tieres gab Fleisch als Nahrung, Fell als Kleidung, Knochen, Hörner als Werkzeug aller Art. Das Moment des knochenhaften Seins im Gētīk ist buchstäblich zu nehmen: Knochen sind Arbeitswerkzeuge. Durch diese intensive Verwertung wird in Zeiten vor der Metallverarbeitung buchstäblich die menschliche Kultur materiell, von der Idee zum handfesten Werkzeug. Die Jagdbeute konstituiert den menschlichen Kosmos. Ihre Zerstückelung verschafft Menschen Zukunft und Leben.
Der erste Mensch, der Urriese Puruša („Mensch“) ist zugleich kosmische Ganzheit und menschengestaltiges Wesen, zeugt Virāj (Šakti), die ihn sodann gebiert. Dann schlachten ihn die Götter als Erstgeborenen.[1259] Hier sind zwei verschiedene Schöpfungsmythen amalgamiert: androgyner Schöpfungsinzest und Urmenschzerstückelung. Wir erleben die »Vermischung zweier eigentlich verschiedenen mythischen Grundmotive; erstens: die Welt entsteht durch ein Menschenopfer, und zweitens: ein doppelgeschlechtiges Urwesen erschafft aus sich ein Weib, mit dem es dann die Menschen zeugt. Indem man dieses androgyne Urwesen in menschlicher Gestalt geopfert werden läßt, wird Makrokosmos und Mikrokosmos auf ein und dasselbe Grundwesen zurückgeführt.«[1260] Wie Miθra ist er tausendäugig. »1 Tausendköpfig ist der „Mann“, tausendäugig, tausendfüßig. Er hält die Erde rings umschlossen und überragt den Zehnfingerraum. 2 Der „Mann“ ist dies alles, was war und was sein wird. Und er herrscht über die Unsterblichkeit, die durch seine Opfergabe erwächst. 3 Ein Viertel von ihm ist das Unsterbliche im Himmel. 4 Zu drei Vierteln stieg der „Mann“ empor, ein Viertel aber entstand hienieden. Damit breitete er sich überall aus als das, was Speise zu sich nimmt und nicht zu sich nimmt. 5 Aus ihm wurde Virāj geboren. Aus der Virāj der „Mann“. Nach seiner Geburt ragte dieser über die Erde hervor hinten und vorn. - 6 Als die Götter mit dem „Mann“ als Opfergabe ihr Opfergewebe entwickelten, war der Frühling das Opferschmalz dafür, der Sommer das Brennholz, der Herbst die Opfergabe. 7 Als Opfer weihten sie auf dem Streu den zuerst geborenen „Mann“. Ihn opferten die Götter, die Sūdhyas und Priester. 8 Von diesem Allopfer wurde das gesprenkelte Schmalz gesammelt, es bildete die Tiere der Luft und Wildnis sowie die des Dorfs. 9 Aus diesem Allopfer entstanden die Lieder und Melodien, aus ihnen entstanden die Metra, aus ihnen entstand der Opferspruch. 10 Aus ihm entstanden die Pferde und alles, was doppelte Zahnreihen hat, die Rinder entstanden aus ihm, die Ziegen und Schafe. 11 Als sie den „Mann“ zerlegten, wieviel Teile haben sie gemacht? Was wurde sein Mund, was seine Arme, was seine Schenkel, was seine Füße genannt? 12 Der Brahman war sein Mund, seine Arme wurden zum Krieger, seine Schenkel zum Vaišya, aus seinen Füßen ging der Šūdra hervor. 14 Aus dem Nabel entstand der Luftraum, aus dem Haupt ward der Himmel, aus den Füßen die Erde, aus dem Ohr entstanden die Himmelsrichtungen. In dieser Weise bildeten sie die Welten. 15 Sieben an Zahl waren für ihn die Umlegehölzer, dreimal sieben Holzscheite wurden hergestellt, als die Götter das Opfergewebe entwickelnd den „Mann“ als Opfertier anbanden.«[1261]
Die Götter zerstückeln Puruša in die drei indoeuropäischen sozialen Funktionen und Stände: »sein Mund wurde zum Brahmanen, der Krieger ging aus seinen Armen hervor, seine Schenkel wurden zum Handwerker, aus seinen Füßen wurde der Diener geboren.«[1262] Die Šūdra (Diener) bilden die Vierte Kaste, die Parias sind Ureinwohner Indiens. »Diese abstufende Herkunft der Ahnherrn der vier Kasten ist natürlich junge, brahmanische Zutat; die Sage selbst ist alt... der Ahnherr des Menschen wurde nach dem Bild des Menschen geschaffen. Aber besonders wichtig ist der Gedanke, der durch dieses Lied geht, daß durch ein Opfer, ein blutiges Gigantenopfer von Götterhand, Welt und Menschheit entstanden sei: die Sage beruht also auf dem Glauben an die Zauberkraft eines Menschenopfers.«[1263] Bousset sieht in Puruša den Prototyp einer über den »Erstgeborenen bei der Schöpfung«, den deu/teroj qeo/j des Hellenismus ins Judentum eingedrungenen Vorstellung, die schließlich mit dem Messias zur eschatologischen Richtergestalt amalgamiert wurde.[1264] Neben der Zerstückelung in 4 Kasten als Spiegel von Arbeitsteilung und Herrschaftsbildung gibt es die Dimension der kosmischen Grundelemente: Der Himmel geht hervor aus Purušas Kopf, Erde aus den Füßen, Mond aus seinem Bewußtsein, Sonne aus seinem Blick, Indra und Agni (Krieg/Feuer) aus seinem Mund, der Wind aus seinem Atem.[1265] »Der Hintergedanke dieser phantastischen Identifikationen ist, daß der Opfernde, indem er das Opferpferd in seine Gewalt bekommt, auch die Herrschaft über den gesamten kosmischen Prozeß gewinnt, und indem er den Prozeß kennt, diesen selber wird. Indem er diese magischen Entsprechungen im Detail kennt, erkennt er die totale Entsprechung des Opfers zur Gesamtheit des Universums. Und weil das einzig geziemende Opfer der Mensch selbst ist - die 'männliche Person' (puruša), Opfer des kosmischen Opfers in Rig-Veda 10:90 -, begreift er sich schließlich als identisch mit dem 'All'.«[1266]
Der Einsiedler Markandeya schildert Purušaya, dem er begegnet und in dessen Bauch er ruht und dabei die ganze Welt und alle Götter sieht, sie alle sind Teile seines Leibes: »Er ist der Schöpfer und Zerstörer, das Selbst (Ātmān) der Dinge und ihr Erhalter, der Herr.«[1267] Im 11. Gesang der Bhagavadgīta tritt Krišna als Wagenlenker in einer Entscheidungsschlacht dem Helden Arjuna zur Seite, der ihn mit geborgtem himmlischem Auge sehen darf und in Krišna die ganze Welt, alle Götter und alle Zeiten sieht.[1268] Ähnlich entsteht im Mundaka-Upanišad II,3,4 aus Brahman Atem, Verstand und Sinne, Äther, Wind und Feuer, Wasser und Erde. »Der Wind ist sein Hauch, sein Herz die Welt, aus seinen Füßen die Erde. Er ist das innere 'Selbst' (Ātmān) in allen Wesen.«
Im Taittirīya-Upanišad II,1 tritt Ātmān an die Stelle des ersten Geschöpfs, welches die Liste der Elemente als emanative Schöpfungssukzession eröffnet: »Aus diesem Ātman ist der Äther entstanden, aus dem Äther der Wind, aus dem Winde das Feuer, aus dem Feuer das Wasser, aus dem Wasser die Erde, aus der Erde die Pflanzen.« Gegenüber der Zerstückelung des Urmenschen in die damit gleichzeitig geschaffenen Welt-Elemente ist in der emanativen Schöpfungssukzession eine erste Form der geschichtlichen Erklärung des Kosmos und der Erde entstanden, die mit der Urknalltheorie und Astrophysik Affinitäten hat.
In Rigveda X,14 ist der Gottmensch Yama als erster Gestorbener die Vorhut aller weiteren Toten im Totenreich, wird der Versammler aller Menschen und mit Varuna Totengottkönig, den die Verstorbenen auf dem Weg der Manen in den höchsten Himmel treffen. Eine Totenspende und die Bilanz des Lebenswerkes des Verstorbenen soll beide Totenrichter bewegen, den Weg zum Himmel frei zu machen und für eine durch Tage, Wasser und helle Nächte ausgezeichnete Ruhestatt zu reservieren. So genau ist die Unsterblichkeit postmortales Himmelsleben und der Tod des ersten Menschen die Erschaffung der Unsterblichkeit.[1269] In späteren Texten wird aus Yama ein Finstermann, der mit seiner Schlinge die daumengroße Seele seiner Opfer beim Sterben einfängt und mit sich ins Totenreich schleift. So, als »Sensenmann«, sah auch das Mittelalter den Tod.
Rigveda X,10 ist das Lied von Yama und seiner Zwillingsschwester Yami, die ihn verführen will, aber er bleibt moralistisch standhaft. Wobei sie die ersten Menschen überhaupt sind und mit wem anders soll denn die Vermehrung der Gattung steigen? Der ursprüngliche Schöpfungsinzest dieser Paradiesgeschichte wird also von späteren Moralisten umgebogen zu einer Litanei der Lauterkeit.[1270] Im mittelpersischen Bundahišn 23 und 31 gibt es diese Ur-Zwillinge mit ihrer Geschwisterliebe als Yima und Yimak. Yima ist der erste, tausendjährig regierende König mit seiner Zwillingsschwester Yimak. Beide waren erster Mensch, unsterblich, vergöttlicht, Herrscher des Totenreichs und Sohn der Sonne.[1271] »Der gerechte Yima, der gute Hirt, O heiliger Zaraθuštra, war der erste Sterbliche.«[1272] »Von der Natur des Affen und des Bären sagt man, daß Yima, als die Vernunft (nismo) ihn verließ, aus Furcht vor den Dämonen eine Dämonin als Frau nahm. Einem Dämon gab er Yimak, seine Schwester, als Frau; und von ihnen sind die angebundenen Affen und Bären entstanden und andere degenerierte Tierarten.«[1273] »Hoošang war der Sohn von Fravak, dem Sohn von Siyamak, dem Sohn von Mašye, dem Sohn von Gayōmard. 2.Tahmuraspa war der Sohn von Vivangha, dem Sohn von Yanghad, dem Sohn von Hoošang. 3. Yima, Tahmuraspa, Spitur und Narsih, den sie auch den Rašnu von Chino nennen, waren alle Brüder. 4. Von Yima und Yimak, seiner Schwester, wurde ein Paar, ein Mann und eine Frau und sie wurden Mann und Frau zusammen. Mirak der Aspiyer und Ziyanak Zardahim waren ihre Namen und die Abstammung ging weiter.«[1274] Die Namensähnlichkeit läßt evident werden, daß dieses Zwillingspaar wie Platons Kugelwesen ein androgynes Doppelwesen ist.[1275] »Wie die Phönizier ihren Agdistis, die Orphiker ihren Phanes oder die Mise, die Zervaniten ihren Zrvan, die Inder selbst später den Prajāpati oder Brahman, die Ägypter den Ptah, so haben die Arier bereits sich Yama als geschlechtlich ungespalten, als mann-weiblich vorgestellt«.[1276]
Eine Entsprechung zu Puruša ist in den mittelpersischen Pahlavi-Texten der Schöpfergott Ahura Mazdā, der hier als geistiger Ur-Mensch vorgestellt wird und aus seinem Menschenkörper die ganze Welt fabriziert. Der Körper dieses Menschen ist ein Ebenbild der irdischen Welt. Im vierten, verlorenen Dāmdāt-Nask der insgesamt 21 Nasks der Awesta, was im großen Bundahišn 28 in Pahlavi übersetzt erhalten blieb, wird jedes Körperteil ausführlich verglichen mit einem Teil der Welt.[1277] In Dātastān i Dēnīk schafft Ahura Mazdā die ganze Welt aus seinem eigenen Körper: »3. Und davon brachte er die ganze Schöpfung zustande. Und als sie zustande gebracht war, trug er sie 3000 Jahre in seinem Körper. Und er nahm immer mehr zu und alles wurde immer besser, und dann schuf er sie, einen nach dem andern, aus seinem eigenen Körper. 4. Und zunächst schuf er den Himmel aus seinem Haupte... 5. Und er schuf die Erde aus seinen Füßen... 11. Und er schuf das Wasser aus seinen Tränen... 13. Und er schuf die Pflanzen aus seinem Haar... 28. Und er schuf das Feuer aus seinem Sinn.«[1278]
Eine Gayōmard-Geschichte wird im Dātastān
i
Dēnīk erzählt, wo Gayōmard
die getötete Form Ahura
Mazdās zu sein scheint, der nach 3000
Jahren geistigem Sein
materialisierte 3000 Jahre verlebt und danach von Ahriman
gemordet wird, der zugleich mit der Sterblichkeit quasi auch das
vergängliche,
kopulierende Menschengeschlecht und die Kultur der Metalle als
Gegenwehr des
Lebens provoziert: »Die
Antwort ist die, daß
Ōhrmazd, der Alles-Ordnende, aus dem endlosen Licht die Form eines
Feuer-Priesters (asruko) schuf, dessen Name Ōhrmazd war
und seine
Helligkeit die vom Feuer; seine Unverbrennbarkeit war wie das innerhalb
des
Lichtes und seine Expansion wie das westliche Land (khurbarag). 4. Und in der Form des
Feuer-Priesters schuf er das
materielle Sein (stih), das Mensch genannt wird, und
3000 Jahre kam er
nicht voran und aß nicht und sprach nicht; er
äußerte sich nicht, aber er
dachte an die Gerechtigkeit der vollkommenen und wahren Religion als
Wunsch
nach der reinen Verherrlichung des Schöpfers. 5. Danach
verletzte der
streitsüchtige Versprechens-Brecher (= Ahriman) sein Leben und produzierte eine
lästige
Sterblichkeit; und die Sterblichkeit ist frei von der Benennung
Gayōmard
von der Natur hervorgebracht. 6. Der Same, der das Wesentliche am Leben
des Führers
(mirako) von Leben, also von Gayōmard,
ausmachte, floß
weiter während seiner vorübergehenden Abwesenheit,
kam auf die Erde des
wohltätigen Engels [Spandarmad] und wird in der Erde aufbewahrt
durch den Schutz der
Engel. Als diese, Bruder und Schwester, miteinander rammelten, ist von
ihnen
die Menschheit gewachsen. Sie haben es bis zur Bewegung und zum Gehen
auf der
Erde geschafft und sind sogar zum Geschlechtsverkehr und zur Zeugung
avanciert.
7. Der Boden, wo das Leben Gayōmard verließ, ist Gold und von
dem anderen
Land, in dem die Auflösung seiner verschiedenen Glieder
geschah, flossen viele
Arten Edelmetalle weiter, wie man sagt.«[1279]
Diese avestische
Urmenschtradition
dürfte ein sehr archaischer Bestand sein. »Here is
preserved an ancient,
in part pre-Zoroastrian picture of the world, conceived as
saucer-shaped, with
its rim one great mountain-range, a central peak thrusting up,
star-encircled,
to cut off the light of the sun by night; a world girdled by two great
rivers,
from which all other waters flow; in which yearly the gods fight
against demons
to end drought and famine, and to bring protection to man.«[1280]
Die Tradition vom Urmenschen Gayōmard (=sterbliches Leben) begegnet im Bundahišn in einer ausführlichen Version.[1281] Auch dort ist er Protoplast, erstes Geschöpf Ōhrmazds zusammen mit dem Ur-Rind. Das Ur-Rind, hell wie der Mond, hilft Wassern und Pflanzen; Gayōmard ist hell wie die Sonne, ein 15jähriger Jüngling. Sperma läßt Ōhrmazd aus dem Glanz des Himmels in die Körper der beiden strömen. Das Ur-Rind wird vom bösen Geist Ahriman geopfert, als er in die Schöpfung kommt, damit die irdischen Tiere und Pflanzen aus seinem Samen hervorgehen können: Fauna und Flora entstehen. Ōhrmazd erleichtert den Opfertod durch ein Narkoticum. Gayōmard wird nur in Schlaf versetzt, aus dem er später erwacht. Er lebt dann noch 30 Jahre, kämpft gegen die todbringenden ahrimanischen Devs und die schändlichen Tiere. Als er stirbt, treten aus seinem Körper die Metalle hervor: Basis kulturellen Fortschritts. Außerdem geht sein Same in die Erde und Mašyag und Mašyanag wachsen als Rhabarberstaude binnen 40 Jahren daraus hervor, bevor sie sich zu Menschen verwandeln, Mann und Frau, in die alsbald die göttliche Kraft einströmt.[1282] Mašyag und Mašyanag sind funktional verwandt mit Yama und Yima, werden von Ōhrmazd mit einem ähnlichen Auftrag begrüßt wie Adam und Eva im Paradies: »Menschen seid ihr, die Eltern der Lebewesen, ich habe euch Vollkommenheit des Sinnes als das Vortrefflichste verliehen. Darum tut Werke der Gerechtigkeit und Vollkommenheit des Sinnes, denkt Wohlgedachtes, sprecht Wohlgesprochenes, tut Wohlgetanes, verehret nicht die Devs.«[1283]
Bei der Auferstehung ist Gayōmard nach mittelpersischer Tradition des Bundahišn der Erste. »Zuerst werden die Gebeine des Gayōmard auferstehen, dann die des Mašyag und Mašyanag, dann die der übrigen Menschen. In 57 Jahren werden die Sošyans alle Toten wiederherstellen. Alle Menschen stehen auf, sowohl der Gerechte wie der Gottlose«.[1284] Yasna 13,7; 23,2; 26,5.10 schildern Gayōmard (gayehə marətnō) a) als Prophet, b) als siegreichen Kämpfer, c) als Anfang der Reihe der gerechten Menschen und d) als den Urmenschen, aus dem Ahura Mazdā die Familie der arischen Länder hervorbrachte. Auch in der manichäischen Überlieferung kämpft Gayōmard nicht in der präexistenten Lichtwelt, sondern auf der geschaffenen, zunächst guten irdischen Welt gegen finsteren Machenschaften Ahrimans. Am Ende der Tage wird er dafür erlöst durch Aufnahme ins Lichtreich.[1285] Gayōmard wurde also hellenisiert und zur synkretistischen Vorform des gnostischen Anthropos.[1286] Ahura Mazdā schafft im mēnōk-Zustand Gayōmard als Prototyp der Menschheit, der dann im gētīk-Stadium materiell inkorporiert wird, im Urkampf den teuflischen Mächten Ahrimans unterliegt, aber im Augenblick seines Todes Ahnherr der Menschheit wird, teilweise seine Körperteile als Elemente zur Bildung des materiellen Kosmos hergibt und in der Endzeit einen besonderen Platz unter den Heiligen bekommt.[1287] In vorparthischer Zeit wird Gayōmard in Mesopotamien bekannt und aufgrund der Urkampf-Analogie mit Marduk identifiziert.[1288] Im 2.Jh.v.Chr. wurde er im Judentum (Henoch) mit dem Messias identifiziert[1289] und als Erstgeschaffener (Protoplast) mit Adam.[1290] Die Degradierung vom Prototyp zum Protoplast fand schon bei den Zervanisten statt, so Kraeling. Das Motiv »Erstling der Gerechten« findet sich auch beim apokalyptischen Menschensohn. Gayōmard könnte also Vorlage zu Dan 7 und 4 Esra 13 sowie Hen(äth) 37-71 geworden sein.[1291] Bundahišn 34,6 Ankl ist er Auferstehungserster, nicht aber Weltenrichter wie der Menschensohn in Hen(äth) 46-48, 62f und 69 und Dan 7. Daher Colpe: »Menschensohn (und gnostischer Anthropos) können nicht als Endpunkte einer Geschichte begriffen werden, die der indoiranische Mythus aus sich entlassen hat; dazu fehlen die Zwischenglieder... Weder direkt noch auf dem Umweg über den Menschensohn sind für den gnostischen Urmenschen Aufschlüsse aus dem awestischen Gayōmart zu erwarten.«[1292] Der Menschensohn von Dan 7 ist auf der Folie des Baalismus gewachsen, welcher durch Hyksos 1500 v.Chr. in Palästina zusammen mit El und Anat eingebracht wurde. Auch der Yima-Mythos ist nicht der Urbaustein der Gnosis.[1293]
In China gab es auch einen Urmenschen P'an-ku, der ebenfalls zerstückelt wurde. P'an-ku wurde geboren, als Himmel und Erde noch ein an ein Ei erinnerndes Chaos waren. Als er starb, wurde sein Kopf Bergspitze, Augen Sonne und Mond, sein Fett Flüsse und Meere, seine Haare Vegetation. In der Urzeit waren Himmel und Erde noch per Leiter (Baum, Berg, Vogeltaxi) verbunden, auf der die Götter herabkamen, die Menschen zu pisaken.[1294] Auch hier gibt es einen Mythos, wo die Geschwister Fu-hsi und Nü-kua mit ihren Drachenkörpern den schwarzen Drachen Kung-kung töten, um die Welt zu retten und mit Schilfrohr die sintflutartig geschwollenen Flüsse eindämmen. Die Hauptstadt des Reiches der Mitte ist mit dem Palast wiederum Mittelpunkt der Welt.[1295]
Bei Lao-tsu
ist das Tao
(der
rechte Weg) als Einheit (Welten-Ei: hun-tun)
aller Gegensätze (yang
und yin)
attributionslos, analog zu Anaximanders
a)/peiron:
»Da ist ein
Wesen, das undurchschaubar in sich
vollendet bevor Himmel und Erde entstehen: so einsam, o, so still!
Allein steht
es, und das unwandelbar, kreisend geht es, und das unablässig:
Man kann es
ansehen als der Welt Mutter. Ich weiß nicht seinen Namen -
des Zeichens ist es
ein Weg (Tao).«[1296]
»Der rechte Weg
schafft das Eine, das Eine schafft die
Zwei, die Zwei schafft die Drei: Die Drei aber schafft die abertausend
Geschöpfe. Die abertausend Geschöpfe jedoch, sie
kehren dem Dunkel (yin) den Rücken und umarmen
das Licht (yang). Die Geisterkraft der Leere aber
macht daraus den
Einklang.«[1297]
Yin
ist im Ših-ching
kaltes,
bedecktes Wetter, Yang Hitze. Zyklisch wechseln Zeiten des Lichts mit
denen der
Dunkelheit, Zeit des Lebens mit der des Todes.[1298]
Yin
ist dunkel und
weiblich, Yang
licht und männlich, vereinigt in der heiligen Hochzeit, die im
Frühjahr und
Herbst das Kollektiv der Jünglinge nach oratorischem Foppen
des
Mädchenkollektivs in der freien Natur gemeinsam zelebrieren.[1299]
Das Tao
als
ursprüngliche schöpferische Totalität,
ungeformt und namenlos-unbenennbare
Chaos-Einheit von Himmel und Erde, wird auch bezeichnet als Leere (hsü),
Nichts (wu),
das Große (ta),
das Eine (i).
Zugleich ist es
die große Urmutter, das dunkle
Weib, was mit der talförmigen Vagina alle
Gegensätze vereint.[1300]
»Der
Quellgründe Geist ist unsterblich: Er ist
das urtümlich Weibliche, des urtümlich Weiblichen
Pforte, er ist des Himmels
und der Erde Wurzel: So zart und fein, und wenn bewahrt, wirkt er
sonder Mühe.«[1301]
Die Vagina ist die Verbindung von Himmel und Erde. Kap 25 und 52 nennt Lao-tsu
das zweite Tao, von
dem man sprechen kann, »Mutter der Welt«,
»Gottheit des Tales« und »Dunkles
Weib, das nicht stirbt.« Hiermit ist der
fundamentale Konnex des
Schöpferischen in der Weiblichkeit erkannt: der kreative
Aspekt der Leere.[1302]
»Das Bild des
Tals ruft die Idee des Leeren
hervor, zugleich aber die des Behältnisses für die
Wasser und damit die der
Fruchtbarkeit. Das Leere wird also einerseits mit der Vorstellung der
Fruchtbarkeit und der Mutterschaft und andererseits mit der Abwesenheit
wahrnehmbarer Qualitäten (der dem Tao spezifischen Seinsweise)
in Verbindung
gebracht.«[1303]
In
der Gnosis wird der Dualismus von Licht und Finsternis fast identisch
mit dem
von männlich und weiblich.[1304]
Daß
der gnostische
Urdualismus konvergiert mit dem indischen Prinzip der
Gegensätze, wird nur
gebrochen dadurch, daß in der Gnosis nicht beides gut ist,
also die Einheit der
Gegensätze nicht erkannt wird.
Typisch für alle Urmensch-Charakterisierung ist eine Liste der Götter bzw. Naturelemente, die mit gewissen Körperteilen des Urmenschen identisch sind. Die Mikrokosmos-Makrokosmos-Mythen vom Urmenschen, der aus sich die Welt macht oder ist, entstammt frühem Kollektivgefühl als Idee einer Wesenseinheit von Stamm und Einzelnem, Welt und Mensch, All und Ich. »Der Urmensch gilt als unser Selbst und als das Selbst des Alls. Ursprünglich habe man das Selbst im Körper gesucht, aber es sei gerade nicht die Seele gewesen, sondern eher eine Art Gegenbild zum Ganzen des menschlichen Körpers.«[1305] Daß im Indischen Ātmān zugleich Weltall und Selbst meint, welches in der Praxis des Meditierens zu einem Verbindungserlebnis zwischen dem abgegrenzten Selbst und der Totalität des Universums führt, ist eine Explikation dieses Mythos zu einer außerordentlich ent-ängstigenden und als Basis einer tiefen Solidarität wirkenden Kontakterfahrung mit der Welt, die zugleich Selbst und Gott ist. »Dieser 'Mensch` ist im Persischen der Erneuerer der Welt, Träger der Gottesbotschaft und Gotteskraft, der Erlöser für das ganze Geschlecht, aber zugleich der Erlöste, der als erstes Lichtwesen in den Himmel zurückkehren darf, ein Gott und zugleich der ideelle Vertreter der Seelen, die große Seele.«[1306] Der Urmensch ist Vorläufer des platonischen Urbildes: maēθā wird zur Weltseele.[1307]
Zugleich repräsentiert die Zerstückelung des Urmenschen auch die schamanische Initiation.[1308] Auch der für seine Heilfähigkeiten und Totenbegleitungen durch einen symbolischen Tod und eine Wiedergeburt gehende Schamane muß Krankheit, rituelle Bestattung, Foltern bis zur Durchbohrung des Körpers oder Amputation von Fingern über sich ergehen lassen, ehe er fähig wird, seinen Körper zu verlassen und in Tiergestalt die Reise ins Todesreich oder durch die Welt zu vollziehen.
Die valentinianische Gnosis des Magiers Markus hat die Analogien von Ur-Elementen und Körperteilen zu einer auch in Nag Hammadi ausgeführten Buchstabenmystik[1309] ausgebildet, in der Buchstaben zugleich Zahlen sind.[1310] Die Zahl als Element begegnet bereits bei Pythagoras, der ja sowohl orphisch als auch schamanisch-magiermäßig beeinflußt war und in der Antike als Magier gehandelt wurde.[1311] Aristoteles sieht in Buchstaben kosmische Elemente, denen Ehrfurcht gebührt.[1312] Marsanes entfaltet pythagoreische und aristotelische Buchstabenlehre am stärksten und hat große Analogien zu den Texten von Markus dem Magier. Die Entsprechungen von Körperteil und Welt-Element sind im Sinne der Mikrokosmos-Makrokosmos-Identität verlagert auf die Zahlen und Buchstaben als geistigen Elementen, ja geradezu Wesenheiten, die den Kosmos und den Leib strukturieren und durch deren Akklamation der (Welt-)Leib affiziert werden kann. Hier findet ein Machtwachstum des Wortes statt, entsprechend der Mantra-Lehre des Buddhismus. Die Genealogie der gnostischen Zahlenmystik ist deutlich über Aristoteles zu Pythagoras und somit zu den Magier-Traditionen des Iran zurückzuverfolgen. »Die Buchstabenmystik, die in Mars vorkommt, hat eine enge Entsprechung zu der Buchstaben- und Zahlenmystik des Gnostikers Markus (vgl. Ir. haer. I 14-16,2). Auch diesem Gnostiker, der aus der valentinianischen Schule stammt, wird in einer Vision geheimes Wissen durch die Offenbarung einer Gottheit (der Vierheit) zuteil... Auch in Mars werden die Buchstaben kosmologisch gedeutet (sieben Planeten und zwölf Zodia; Buchstaben entsprechen der Benennung von Engeln: 27,13f.). So verarbeitet Mars stark den griechischen Grammatiker Dionysius Thrax (3. Jahrhundert nach Christus) und knüpft an die Buchstabenlehre des Aristoteles an... In Mars überwiegt zwar die Buchstabenmystik. Doch kommt ebenfalls eine pythagoreische Zahlenmystik in Mars vor (vgl. 32,5ff.).«[1313] Die Affinität zur indischen Mantra-Lehre[1314] ist durchaus auf die Rezeption indischer Philosophie in Platons Akademie zurückzuführen, zumal Buchstaben ein fundamentaler religiöser und kosmologischer Stellenwert als Elementen der Welt zugesprochen wird. Vom Element zum Engel ist der Schritt nicht größer als der von Charaktereigenschaften zu Zaraθuštras Aməša Spənta: Personifiziertes Element. In eben dieser Beseelung der Natur sieht Freud die frühestes Stufe der Religionsbildung, den Animismus.[1315]
Wenn Paulus das neue Sein der Erlösten eines e)n Xrist%=, in Christus nennt, so knüpft er unweigerlich an die Vorstellung des geopferten Urmenschen an, den er sogar Rm 5 bewußt in Kontrast setzt.[1316] Er gelangt gerade dadurch nicht aus diesem Gegensatz heraus, sondern allererst hinein: Die Gemeinde als neuer Leib des gekreuzigten Gottes ist wie Ātmān und die iranische Stammesseele der Ausdruck der Allverbundenheit mit dem Pantokrator, der in allen ist und alle in ihm.[1317] 1 Kor 12 spricht von unterschiedlichsten Gliedern, deren Gesamt Christi Leib ist.[1318] Dabei schweigt der Phallus als Samenspender, während Fuß, Hand, Ohr, Auge, Nase sich um die Vormacht streiten, die offensichtlich nach Kol 1,18 und Eph 4,15 der vom Leibganzen zum leitenden Haupt gemauserte Christus hat. In Mt 9,15; 25,1ff und Apk 21,2.9; 22,17 kann das brautmystische Modell Christus als Bräutigam und Phallus der Gemeinde präsentieren.[1319] »Der Leib wir nicht durch die Glieder, sondern durch Christus konstituiert (so auch Rm 12,5); er ist also vor und über den Gliedern da, nicht durch sie und in ihnen. Der Leib Christi ist also - gnostisch gesprochen - eine kosmische Größe«, in die Proselyten via Taufe aufgenommen werden können.[1320] Der soziale Leib als Körperschaft, als Verein, Vereinigung ist in der Tat mehr als die Summe seiner Glieder, Mitglieder. In ihn wird man eingeleibt und ausgeleibt.[1321] Er ist eine Schicksals- und Liebesgemeinschaft auf der Basis der Leiblichkeit alles seiner Glieder.[1322] Unser Sein ist immer schon durch Zwischenleiblichkeit (intercorporéité) konstituiert: »eben mein Leib ist es, der den Leib des Anderen wahrnimmt, und er findet in ihm so etwas wie eine wunderbare Fortsetzung seiner eigenen Intentionen, eine vertraute Weise des Umgangs mit der Welt; und wie die Teile meines Leibes ein zusammenhängendes System bilden, bilden somit auch der fremde Leib und der meinige ein einziges Ganzes, zwei Seiten eines einzigen Phänomens, und die anonyme Existenz, deren Spur mein Leib in jedem Augenblick ist, bewohnt nunmehr die beiden Leiber in eins.«[1323] Aus dieser gemeinsamen Leiblichkeit ist die Metapher des Leibes Christi zum Inbegriff einer Verbundenheit geworden, in der der Leib platonisch zum Störfaktor geworden ist. Die Charismen mutieren zu Funktionen einer Hierarchie, in der der am höchsten steigt, der seine Leibfunktionen am radikalsten eskamotiert.
Jesus wurde nachträglich implantiert in gnostische Erlösermythen. Wie Hoheitstitel auf Jesus übertragen wurden, so also auch der gnostische Erlösermythos im Joh-Ev. Käsemann hält die Christologie des Joh für einen »naiven Doketismus«. Nicht die Fleischwerdung des Wortes betont Johannes, sondern die Identität Jesu mit dem präexistenten Lo/goj.[1324] »Gegen alle ihre Intentionen hat die Kirche hier, verführt durch das Bild des über die Erde schreitenden Gottes Jesus, die sonst totgeschwiegene Stimme derer den Aposteln zugeschrieben, die schon ein Menschenalter nach unserem Evangelium als häretisch verurteilt wurden.«[1325] »Der gnostische Dualismus bestimmt den johanneischen Entwurf völlig. Johannes ist das erste uns ausführlicher bekannte System einer Gnosis, die sich christliche Traditionen adaptiert. Mit dem Johannesevangelium ist die gnostische Heilslehre in den Kanon gelangt.«[1326] Dies nahm auch Bultmann an, indem er im Johannesprolog eine Täuferschicht ausmachte, in der Johannes als die Verkörperung des himmlischen Erlösers angesehen wird. Die weisheitliche Präexistenz und ihre Inkarnation im Gesandten findet sich bei Manda d' Haijē, bei den drei mandäischen Gottgesandten Šitil, Hibil und Enōš und auch bei Mani.[1327] »Den Täufern wird ihr Heros entwunden, indem das, was sie von ihm sagen, von Jesus behauptet und er zum Zeugen für Jesus gemacht wird.«[1328] Die Täufereinschübe Joh 1,6-8, 15,17 hält Schaeder für ursprünglich.[1329] Die Mandäer sind dann die gradlinige Tradition, das biblische corpus johanneum die Verzweigung und Applikation des Erlöser-Mythos auf den Heros Jesus. Paulus bekämpft überheblich gnostische Weltverachtung als Überheblichkeit. Aber auch bei ihm 1 Kor 1,18ff; 2,6ff ist kein weisheitlicher, sondern ein gnostischer Hintergrund zu erkennen. Die Offenbarung ist im Ärgernis des Wortes vom Kreuz verborgen gegenüber den auch gerade in gnostischen Gruppen selbst angesiedelten Archonten, für die Kreuzigung eine Niederlage und nicht der Sieg des Erlösers war.[1330] Paulus »kritisiert die gnostische Distanzierung des Erlösers und des Glaubenden von der feindlichen Welt. Diese Distanzierung ist für ihn die kau/xhsij dessen, der die Verlorenheit an die gottfeindliche Welt nur dem pereundi, nicht aber dem salvandi, d.h. seinem eigenen Wesen, zuschreibt.«[1331]
1.5.5 Parmenides' ungeteilte eine Wahrheit
Parmenides von Elea bei Neapel hat die schon von Hesiod hervorgehobene mehrfache Dualität iranisch-zoroastrischen Denkens besonders prägnant entfaltet. Vor Heraklits Einheit der Gegensätze mußte es erst einmal zu Parmenides' Unvereinbarkeit der Gegensätze kommen. Daraus folgt, daß die Datierung nicht am fiktiven Treffen mit dem jungen Sokrates in Athen (so Platon, Parmenides) orientiert auf 515-450, sondern etwa zeitgleich mit Heraklit auf 540-470 anzusiedeln ist. Somit kann Heraklit als beeinflußt von Anaximander, Pythagoras, Xenophanes und Parmenides gelten.[1332] Die duale Struktur der Welt als dia/kosmoj spiegelt sein großes hexametrisches Lehrgedicht peri\ fu/sewj wieder.[1333] »Eine kontinuierliche Tradition von Götter- und Weltmythen, mit einem Einschlag von Metaphysik, muß es vor und nach Hesiod gegeben haben... Die Ilias nimmt an wenigen vereinzelten Stellen auf jene Traditionsmasse Bezug. Daß auch vorderasiatische Mythen und Legenden in die Tradition Eingang gefunden hatten, wird von Jahr zu Jahr deutlicher.«[1334] Das Proömium eröffnet mit der Beschreibung seiner himmlischen Kutschfahrt zur ihn lehrenden Göttin im Stile schamanischer Himmelsreisen. Das Flügeltor zwischen Nacht und Tag B 1,11ff, an dem ihn Di/kh als vielstrafende Walterin der wechselnden Schlüssel empfängt, ist wie in den Homer-Parallelen das Erwartungen erregende Symbol des Aufschlusses.[1335] Das Pforten- und Brückenmotiv markiert die Übergangserfahrung des Schamanen von unserer in die andere Welt.[1336] Hesiod hat in Böotien, nahe an persischen Gefilden, schon das komplette Modell für Parmenides' und Platons Dualismus entwickelt.[1337] Auch er spricht von einer ehernen Schwelle da, wo sich Tag und Nacht begrüßen. Das Tageslicht eröffnet die Fülle des Schauens und damit Erkennen von Wahrheit. Die Nachtwelt, Unterwelt, Tartaros ist geprägt von Schlaf und Tod, von Lust, Wahnsinn, Trug.[1338] Eris als Göttin des Streits ist Tochter der Nacht. Ihre Ausgeburten sind Qual, Vergessenheit, Hunger, Schmerzen, Krieg, Mord und Verblendung.[1339] Dies erinnert stark an die Werke Ahrimans.
Es folgt ein Hauptteil über den Pfad der Wahrheit und ein zweiter Hauptteil über den Pfad des Scheins.[1340] Wahrheit und trügende Menschenmeinung bilden den Hauptgegensatz, der sein Urbild im zoroastrischen Dualismus der geistigen Mēnōk-Welt und der materiellen Gētīk-Welt hat. daēna ist geistiges Seelesein und hat die höhere Wahrheit als astvant, das knochenhafte Sein. Der Gegensatz von aša und drug, Wahrheit und Trug ist schon in Hesiods Berufungsvision von Askra[1341] zum bestimmenden Moment geworden, wobei er mit Trug Homers wahrheitsähnliche und vergnügliche Lügengeschichten meint.[1342] Die Sinnenwelt der Sterblichen ist von der Dualität von Feuer und Nacht durchwaltet - auch hier klingt neben dem Gegensatz von Trug und Wahrheit ein Zentralmotiv Zaraθuštras durch.[1343] Der dia/kosmoj ist voll von Licht und Nacht, ohne daß doch beide sich miteinander mischten; die Gegensätze bleiben je für sich Einheiten.[1344] Erst das Benennen, o)noma/zein, als Bemächtigung trennt: divide et impera. Erzählen dagegen, fati/zein, stiftet Beziehung in der Seinsvielfalt. Melanie Kleins Gegensatz gute/böse Brust als früheste Form der Anschauung der Welt beim Säugling zeigt entwicklungspsychologisch, wie zentral die Zer-Setzung der Welt für die Orientierung ist, wie konstitutiv der Kontrast für den Beginn des Denkens. Die Konnotation von Licht und Wahrheit zeigt, wie sehr in dieser Epoche der Wissensgewinnung die Augen, die visuelle Orientierung bedeutsam war. Daß man es erkennt ist das selbe wie, daß es ist: »To\ ga\r au)to\ noei=n e)sti/n te kai\ ei)=nai.«[1345] Dieses to\ ga\r au)to\ meint einen Selbigkeitsbezug über das Walten einer im le/gein entstehenden Entsprechung, keineswegs aber Identität von noei=n und ei)=nai, Denken und Sein, do/ca und a)lh/qeia. »Parmenides lehrt vielmehr einen Selbigkeitsbezug von einander Entsprechendem. Das Denken entspricht dem Sein. Denn das Sein spricht sich dem Denken zu. Im e)o/n ist das Denken schon zur Sprache gekommen.«[1346] Sein spricht dem Denken sich zu durch das Sagen des Mythos.[1347] »Daß das Denken sich als Forschen betätigt, ist dadurch ermöglicht, daß es zuvor auf die Sage der Göttin hört und im aufnehmenden Hören dem entspricht, was die Göttin spricht... Die Kunde vom Sein erschließt den Weg des Denkens. Nur eine Kunde gibt es; denn es ist nur das Sein. Der wahre Mythos kündet vom Sein.«[1348] Wie bei Hesiod die Musen sowohl liebliche Lüge künden können als auch Wahrheit und mit diesem Unterschied das Programm einer Philosophie eröffnen, die sagt, was ist, spricht die Göttin zu Parmenides von Wahrheit auf der Folie trügerischer Menschenmeinung, irrender do/ca. Ist in B 2,7f ausgeschlossen, etwas zu erkennen, was es nicht gibt, so ist scheinbar der Trug das Unmögliche. Doch ist gerade Verblendung B 6,4ff Folge des irrenden Verstandes. Nichtsein ist undenkbar und also nicht existent.[1349] Denken ist hier fernab vom Phantasieren gebunden an Sinnenwahrnehmung, sagt Theophrast. Das Sein ist nicht hervorgebracht, es ist unzerstörbar, eins, kontinuierlich, unveränderlich und vollkommen.[1350] Damit hat Parmenides sowohl Platons Ideenhimmel[1351] als auch Aristoteles' Gottesbegriff als unbewegten Beweger, als reine Tätigkeit und Wirklichkeit ohne - eben vergängliche - Stoff- und Formqualität, als ens necessarium, pefectissimum et ens a se vorstrukturiert, der eine ontologische Vorgängigkeit der Wirklichkeit vor der Möglichkeit postuliert.[1352]
Der zarathuštrische Gedanke der geistigen Welt vor allem Knochensein führt über Hesiod und Parmenides also zu dem das Mittelalter bestimmenden aristotelisch-scholastischen Primat der Wirklichkeit und Notwendigkeit vor der Möglichkeit. Das ungewordene, unvergängliche und vollkommene Sein des kontinuierlich Einen, im Licht als Wahrheit der Göttin ¹Ana/gkh oder Moi=ra erkennbar, birgt in sich alle Möglichkeiten, welche die werdende und vergehende, von Trug, Schein und nächtlich verdunkeltem Sinn menschlicher Verblendung gezeichnete materielle Welt zu verwirklichen imstande ist.[1353] Diese physikalische Welt ist vom Widerspruch von Sein und Nichtsein, Licht und Nacht geprägt, der das geschichtlich Werdende und Vergehende als Sterbliches kennzeichnet.[1354] Die Ungeschaffenheit des Einen Gottes ist Erbe von Xenophanes: »Ein einziger Gott unter Göttern und Menschen der Größte, weder dem Körper noch der Einsicht nach Sterblichen gleich.«[1355] »sondern ohne Anstrengung des Geistes lenkt er alles mit seinem Bewußtsein.«[1356] »immer bleibt er im Selben, sich nicht bewegend.«[1357] Schon bei Hesiod formt sich die Idee des Göttlichen als »Inbegriff der seienden Mächte und Kräfte«, Theogonie als Kosmogonie, die timh/-Zuteilung der Moi=ra als »Aufteilung des Seienden in bestimmte Bereiche, denen Götter zugeordnet werden.«[1358] Unentrinnbarkeit waltet bei Parmenides in beiden Welten.[1359] Zugleich formiert sich in der Negativ-Attribution die negative Theologie, die auch den Zostrianos prägt: Vom Sein zu sagen, was es ist, indem man sagt, was es nicht ist.
Die Einheit der Gegensätze im Urzustand der Welt ist das Thema des in Waldeinsamkeit zurückgezogenen Ioniers Heraklit von Ephesus (~540-480), der die Einladung des Perserkönigs Dareios (Dārayavauš) I. ausschlug. Für den dunklen Aphoristen, der vermutlich von Anaximander und Xenophanes inspiriert war, ist in seinem dreiteiligen Werk[1360] aller Welt Anfang und Ende das nach Maßen sich entzündende und verlöschende Feuer, to\ pu=r, aus dem als puro\j tropai/, Wandlungen des Feuers, das Wasser hervorgeht und daraus alles übrige.[1361] Aus dem immer-lebenden, vergangen-gegenwärtig-künftigen Urfeuer, weder von Gott noch Mensch geschaffen, geht das Wasser und daraus die Erde hervor.[1362] Das me/tra des Entzündens und Erlöschens entspricht der rhythmischen Zeit-Gabe Anaximanders.[1363] »Und diese gegenwärtige Gestalt des Alls, die hat nach Heraklit weder Gott noch Mensch, d.h. kein wie auch immer geartetes Wesen, geschaffen, sondern sie bestand allzeit und besteht und wird bestehen: ewig lebendiges Feuer, nach Maßen erglimmend und nach Maßen verlöschend.«[1364] Die Wandlungen des Feuers sind keine Weltperioden, »sondern ein fortwährender Übergang zwischen den materiellen Gegensätzen«[1365] Kaltes wird warm, Warmes kühlt ab, Feuchtes trocknet, Trocknes wird feucht.[1366] Während Anaximander den Blick auf den Anfang hält, steht für Heraklit die spiralförmige, walkerschraubenhafte[1367] Entwicklung als Aufwärtsweg im Mittelpunkt: nichts bleibt, alles fließt und ist immerfort in Bewegung, deren Motor die innere Gegensätzlichkeit, der innere Krieg aller Dinge ist: po/lemoj pa/ntwn me\n path/r e)stin, pa/ntwn de\ basileu/j![1368] Der Krieg, Widerstreit als Aus-einander-Setzung, Ent-zweiung ist Vater und König allen Seins, in ihm manifestiert sich der Umschlag des Einen in seinen Gegensatz. Der Fluß besteht in permanenter Veränderung: pa/nta xwrei= kai\ ou)de\n me/nei, kai\ potamou= r(o$= a)peika/zwn ta\ o)/nta.[1369] Heraklit unterscheidet ka/tw und a)/nw o(do/j als ein vor und zurück.[1370] Alles ist aus dem Gegensatz entstanden.[1371] Aufweg und Abweg sind mi/a kai\ w(uth/, eins und dasselbe.[1372] Der Weltprozeß ist reversibel. Heraklit spricht von einer metabolh/ des ko/smoj.[1373] »Erde ist nur umgewandeltes Feuer, Feuer umgewandelte Erde«.[1374] Heraklit redet in Gleichnissen, um Verhältnisse des Seins als Entsprechung im Widerspruch zur Sprache zu bringen.[1375]
Alles ist durchwaltet vom lo/goj als dem alles verbindenden und in allem wirkenden Formprinzip, der universal gültigen Ordnungsmacht.[1376] Ob man Sinn sagt oder Gesetz, ob Struktur, DNA, Naturgesetz oder Weltvernunft, ist Geschmacksache. Die Materie ist logisch, nach sinnvollen Strukturen angelegt, denen der Geist des Menschen nach-denkt. Das Weise ist in der Materie.[1377] Denn das Sein ist das Eine Weise: Ei)=nai ga\r e(/\n to\ sofo/n.[1378] Aus Allem kommt das Eine und aus dem Einen kommt alles: e)k pa/ntwn e(/\n kai\ e)c e(no\j pa/nta. [1379]»Gerade weil es als das von Allem Getrennte Eine sein Sein hat, kann das All der Gegensätze aus diesem Einen entstehen und dieses Eine wiederum aus Allem. Der xwrismo/j ist die Entdeckung Heraklits, auf der seine Theologie und von ihr hier seine Ontologie basiert.«[1380] Hegels Weltgeist ist hiervon inspiriert. Der Logos ist dialektisch Einheit aller Gegensätze. Während Feuer und Streit prozessual werden und vergehen, ist der Logos dem Wechsel enthoben, immaterielles und doch immanentes Steuerprinzip dieses Weltprozesses von Feuer zu Feuer. Der Logos ist einendes Kontinuum der Diskontinuität der Weltbewegung, ist coincidentia oppositorum. »Heraklit geht es um nicht anderes als um die Ordnung, die das Geschehen in der Spannung der Gegensätze ganzheitstiftend und maßgebend zur Einheit zusammenfügt.«[1381] Leben und Tod, Tag und Nacht, Entstehen und Vergehen, Männliches und Weibliches, ja Gut und Böse ist alles dasselbe.[1382] Der Logos wohnt allen Menschen inne.[1383] Auch die Seele ist eine Ausdünstung des Feuers, also materieller Kosmosteil, muß sich entscheiden zwischen erkennender Vernunft oder Lust.[1384] »Die 'trockene' Seele ist die weiseste und beste, sie ist ein Teil des göttlichen Urfeuers, das sie, wie der Blitz die Wolke, durchzuckt. Aber die meisten Menschen folgen... nicht der Weltvernunft, dem Logos, den sie nicht erkennen, sondern dem eigenen Wähnen«.[1385] Sie folgen dem eigenen qumo/j, den Herzensregungen, statt dem Logos. Die Seele ist im Streit von Vernunft und Lust, den Heraklit gern antihedonistisch zugunsten der Vernunft entscheiden möchte.[1386]
Sie ist unsterblich. a)/fqarton ei)=nai th\n yuxh/n. e)cou/sian ga\r ei)j th\n tou= panto\j yuxh\n a)naxwrei=n pro\j to\ o(mogene/j.[1387] Hier ist die unsterbliche Seele fähig, in die ihr blutsverwandte Seele des Alls zurückzukehren, womit wohl der Logos gemeint ist. Heraklit kann vom Hades reden als dem Unverhofften.[1388] Pythagoras ist Heraklit über Xenophanes bekannt.[1389] Auch wenn er ihn als Vielwisser lästert, hat er doch seine Unsterblichkeitsidee für die Seele übernommen. Einerseits fallen die Anklänge an die Feueranbetung der Zoroastrier und ihre Emanationsvorstellung der Seele auf, wenn auch der Streit zwischen Gut und Böse in der einenden Primordialität des Logos seine letzte Synthese erfährt. Damit wird das Chaos des Uranfangs als ein durch und durch strukturiertes behauptet. Zum Wesen dieses Logos aber gehört andererseits Hesiods Nachttochter Eris, der Streit, der Kampf, der Dualismus. »Der Gott ist Tag-Nacht, Winter-Sommer, Krieg-Frieden, Sättigung-Hunger - alle Gegensätze, das ist die Bedeutung - ; er wandelt sich, genau wie Feuer, wenn es sich mit Duftstoffen verbindet«.[1390] Die Begebenheiten der Welt: Tag und Nacht, Frieden und Krieg, können gelten als »Abwandlungen Gottes, der das Wesen des All ist« und der wie die Grundsubstanz Öl das je verschieden aromatisierte Parfüm - so die Welt in ihren Gegensätzen als substanzielle Einheit durchzieht.[1391]
Platon ist in seiner dialektischen Methode der Proportionalitäten stark von Heraklit geprägt.[1392] Mit dieser Logos-Lehre war das gesamte Setting des Johannesprologs präpariert; auch Lenin sieht den DIAMAT hier erstmals formuliert, und Monods Unterschied von DNS-Code und jeweiliger Realisation dieser unveränderbaren Erbinformationen kann als weitere Illustration der Strukturiertheit des Kosmos gelten. Diese Logos war keine personale Schöpfermacht, sondern ein reines Formprinzip, reine nomologische Struktur, nach der sich das Eine in der Vielheit entfaltet.[1393]
Diese Dialektik hat tiefe Beziehungen zum indischen Denken.[1394] »Während sich die Inder nur in die Betrachtung des Einen versenken, legt der griechische Philosoph den gleichen Nachdruck auf die tatsächliche Struktur der Erscheinungswelt, und er erhebt den Anspruch, durch eine Klassifikation nach natürlichen Prinzipien für jedes Einzelding seine Beschaffenheit und sein Verhältnis zu anderen Dingen genau erklärt zu haben.«[1395] »Der Seele Grenzen kannst du im gehen nicht ausfindig machen, und ob du jegliche Straße abschrittest; so tiefen Sinn hat sie.«[1396] »Sowohl die Inder wie Heraklit verkünden die Gemeinschaft zwischen dem Urgrund des Alls und dem Kern unseres Ichs. Aber während die Inder begeistert, wenn auch vage, nur die völlige Identität von beiden betonen,«[1397] ist der Logos Heraklits präzis begrifflich faßbar: »Da der Logos ebenso uns zugrunde liegt wie dem Universum, haben wir Zugang zu seinen Tiefen durch den Schacht einer erleuchteten Selbstbeobachtung«.[1398]
1.5.6 Griechischer Schamanismus, Himmelsreise und
unsterbliche Seele
Die arischen Amardi waren bei den Sumerern dafür bekannt, Rezepte für die Unsterblichkeit zu haben. Das Motiv der Reise, des Verschlagenwerdens, kommt bei Homer noch sehr irdisch, wird aber zu einem zentralen religiösen Paradigma: in der Himmelsreise der Seele, mag sie auch alten schamanischen Traditionen[1399] entstammen, spiegelt sich der reale Lebenszusammenhang der reisenden Jäger und Eroberer verfremdet ab. Der Wandel des Weltbildes durch babylonische und ägyptische Astrologie führte die Griechen schließlich zu einer Verlegung des Hades in den Sternenhimmel. »Schon Homers Odyssee machte von dem volkstümlichen Motiv der Katabasis reichen Gebrauch, durch die Übernahme orphisch-pythagoreischer Mythen und der damit verbundenen Seelenlehre bei Empedokles, bei Plato u.a. erhielt dieselbe einen tieferen religiös-philosophischen Hintergrund.«[1400] Für Homer ist Seele wie im AT gleich Leben; Hades oder Tartaros als Strafplatz für von Zeus besiegte Titanen ist nichtige, verdünnte Schattenexistenz. Nach Odyssee XI ist der Hades nördlich der Wolgamündung und die Schattenseelen kann man nekyomantisch befragen, wenn diese genug Trankopfer oder Blut getrunken haben, sie sind kraftlos und traurig. Die Sterblichen unterscheiden sich von den Göttern gerade durch ihre begrenzte Zeit.[1401] »Bei Homer ist die Psyche das Prinzip der Lebendigkeit, das mit dem Atem im Tod den Körper verläßt und in Form eines Abbilds im Hades fortlebt.«[1402] Unsterblichkeit, philosophisch erstmals von Thales ins Gespräch gebracht, ist eine Vergottung des Menschen. Thales »Aufenthalt in Ägypten einmal anerkannt, wird man nicht bestreiten können, daß der Glaube an die Unsterblichkeit der Seele sich ihm aufdrängen mußte. Herodot vertritt die Meinung, daß die Ägypter diesen Glauben aufgebracht haben.«[1403] Pyramiden wie auch indoeuropäische Kurgane als Totenstädte im Donezbecken zeigen: Die Mächtigen feiern auch nach dem Tod noch in ihren Luxusgräbern.
Die thrakischen Orphiker singen vom Hadesgang. Sie stammen wie die Geten von den indoeuropäischen Steppenvölkern ab, in deren Heimat, dem Donezbecken, auch der Hades für Homer lokalisiert ist. Seit dem 6.Jh. gab es eine orphische Sekte mit besonderem Ritus, in den man eingeweiht wurde, Wanderprediger wirkten in frommen Versammlungshäusern und verfaßten einige heilige Bücher. Onomakritos schrieb am Hofe des Peisitratiden Hipparchos orphische Gedichte.[1404] Verbannt wurde Onomakritos wegen Verfälschung eines Musaios-Orakels, war aber später mit den Peisistratiden im Perserreich. Er wird als Orphik-Quelle von Pausanias, Plutarch, Sextus Empirikus und Clemens Alexandrinus zitiert.
Orpheus vereint als schamanische Elemente den Abstieg in die Unterwelt, um eine tote Seele (seine geliebte Eurydike) wiederzuholen, Heilkunst, Liebe zur Musik und den Tieren, Zaubermittelbesitz und Wahrsagekraft. Schließlich schwimmt sein von Bacchantinnen abgeschlagenes Haupt singend nach Lesbos und orakelt dort, ähnlich dem germanischen Ymir oder sibirischen Schamanenschädeln.[1405] Die Orphiker sehen den Leib als Grab und verweisendes Zeichen der Seele, sw=ma als sh=ma. Mit dem »Glauben an die Weiterdauer der Seele als Träger der Personalität und Individualität des Menschen« wird zugleich ein strafend/belohnendes Gericht im Hades/Elysium beibehalten. »Weiter gibt es den Gedanken der Seelenwanderung, daß die einzelnen Seelen je nach dem Grad ihrer Verschuldung in neue Leiber übergehen, auch in Tierkörper.«[1406] Wie Empedokles sieht auch Platon den Leib als Seelenkerker oder seltsames Fleischeskleid auf der Seelenwanderung durch die fortwährend neuen Erdaufenthalte und immer anderen Körperdingen.[1407] Besonders das Hinabsteigen in die Unterwelt hat Parallelen in schamanischen Extasetechniken bei der Krankenheilung, wo es gilt, die schon in die Totenwelt hinabgeglittene Seele des Sterbenskranken wieder in die Welt der Lebenden herauf zu holen.[1408] Es wäre eine Untersuchung wert, wieweit der Baals-Mythos mit seinem winterlichen Unterweltaufenthalt und der Hochholung durch seine Schwester von den schamanischen Erfahrungen her geprägt sein könnte. Dabei ist zu bedenken, daß die Erfahrung der Reise in Unterwelt oder Himmel ähnlich wie Schöpfungsmythen transkultureller Natur ist und somit keine traditionsgeschichtliche Abhängigkeit bestehen muß. Luck bezeichnet Orpheus, Pythagoras und Empedokles als Schamanen im tungusischen Sinne: Medizinmann mit Askesen, Fasten, Beten, Schlafentzug, Einsamkeit in der Natur, Drogen, was Visionen produziert von anderen 'Realitäten'. Orpheus dürfte 100 Jahre vor Pythagoras liegen, also im 6.Jh.v.Chr.[1409] Empedokles ist Wundertäter, »der gleichzeitig ein origineller Denker und ein großer Lehrer ist, aber auch Dichter und Priester sein kann.«[1410] Von diesen Qualitäten findet sich alles auch bei Jesus wieder. Platon ist voller Anspielungen auf die Orphik: Die orphischen Gedichteschreiber Musaios und sein Sohn Eumolpos führen die Gerechten in ihrer Rede in die Unterwelt und bereiten ihnen dort ein ewiges Festgelage als Lohn der Tugend. Die Gottlosen müssen hingegen Wasser in Sieben tragen und im Kot ambulieren.[1411] Scharenweise missionieren orphische Gaukler und Mantiker ganze Städte zu kollektiven Reinigungsriten. teletai/ sind auch die Einweihungen in Eleusis.[1412] Ziel der orphischen Reinigung ist ein gutes Nachleben im Hades. Diese ausgleichende Gerechtigkeit im Leben nach dem Tod hat bei Platon möglicherweise Zaraθuštra angestoßen. Die persischen Magier fanden die Orphik nach 480 in Griechenland bereits voll entwickelt vor, aber sie konnten die Wahlverwandtschaft mit ihrer eigenen Theologie zum Bündnis mit orphischen Kreisen nutzen. Beide haben indoeuropäisch-schamanische Wurzeln, die Griechen über die Thraker, Geten und Skyten, die Magier über die Arier.
Die Thraker, indoeuropäische Halbnomaden aus der Ukraine, sind gegen Ende des 8. Jh. v.Chr. nach Kimmerier-Überfällen mit kaukasischer Kunst und Bewaffnung vertraut. Von ihnen wurden der Himmelsgott und später auch Kriegsgott Ares und die chtonische Artemis mit ihrem Sohn Dionysos oder Sabos bzw. Sabazios verehrt. Die Götternamen mit „Ar“ verraten „arische“, also indoeuropäische Herkunft.
Ob Dionysos auch aus ihrer indoeuropäischen Heimat stammt, wird immer mehr bezweifelt. Rohde und Leipoldt vermuteten, daß der Dionysoskult über die Thraker nach Griechenland kam.[1413] Wilamowitz-Moellendorff postulierte phrygisch-lydischen Ursprung.[1414] Kern kombiniert thrakischen Ursprung im 2. Jt.v.Chr. mit der Weiterverbreitung über Thessalien, Böotien, die ionischen Inseln und Kleinasien.[1415] Otto geht von der Route Thrakien-Lydien-Griechenland aus, aber sieht enge Verbindung mit Kretas minoischer Ariadne.[1416] Kerényi rekonstruiert eine Route von Kreta nach Attika und Naxos bis Thrakien und in den Balkan.[1417] Burkert sieht in den Pylos-Täfelchen und dem Heiligtum von Ayia Irini auf Keos Bestätigung für die minoische Herkunft des Dionysoskults schon im 15.Jh.v.Chr.[1418]
Dionysos, dessen Kult später den Hellenismus als populärster beherrscht, Tragödie und Komödie entstanden in seinem Feld, hat mit Weinkrug, Rebe, Ziegenbock oder Stier, Feigenkorb, Schlangen und dem hölzernen, efeuumwickelten Prozessionsphallus (qu/rsoj) seine Zeichen der ekstatischen Fruchtbarkeit und ist immer von begeisterten Verehrerinnen umgeben. Sie kommen auf den Bergen in baccantischem Rausch bei nächtlichem Fackelschein und aufpeitschender Musik in Fuchsfellmänteln und Hörnermasken in ihren orgastischen Tänzen mit den Holzphalli zum Paroxysmus, hyperventilatorischen Krämpfen, zerreißen die Opfertiere und verschlingen das rohe Fleisch (Omophagie), wodurch die Einheit mit dem sterbend-unsterblichen Gotte hergestellt ist.[1419] Nach Kern ist die Phallophorie älter als Dionysoskult. Es gibt einen Phallischen Hermes auf Samothrake im phrygischen Kabirenkult.[1420] Man kennt 4 Fest-Varianten: die attische Anthesterien mit Wein, die dorische Agrionien mit Frauenrevolte, Wahnsinn und Kannibalismus, die bäuerlichen Dionysien mit Bock und Phallos und die großen staatlichen Dionysia in Athen.[1421] In Theben zerriß die Königsmutter ihren Sohn Pentheus.[1422] Ab dem 5.Jh. veränderten sich die Dionysien zu dekadenten privaten Trink- und Lustorgien.[1423] Aristoteles berichtet von Anthesterien, bei denen am zweiten Tag nach dem Wettrinken eine Prozession zum Bukoleion (Rinderstall) zog, wo sich der Dionysosdarsteller mit der Frau des Stadtvorstehers paarte - auch hier wird Vergottung durch leibliche Einheit in einem Gemisch von Blut, Sperma und Rotwein angestrebt.[1424] Die musikalische Assistenz der Satyrn mit Doppelflöte, Lederdildo und Pferdeschwanz hinten ist oft zudringlich. Allzu lüsterne Satyrn wurden mit dem Thyrsos geprügelt. Die Seelen der Toten kommen in Vogelgestalt zurück aus der Unterwelt[1425] und geben Fruchtbarkeit und Reichtum.
Die dionysische Ekstase im Paroxysmus, dem Haoma-Ritual mit Rinderopfer der iranischen Kriegerbünde ähnlich, ist als kollektive passagere Divination von der schamanischen Ekstase völlig verschieden. Sie strebt weder Krankenheilung noch Totenbegleitung noch professionelle schamanische Kunst der Himmelsreise an. Sie hat mit der schamanischen gerade einmal die körperliche Schmerzunempfindlichkeit der ba/kxai gemeinsam.[1426]
Schamanische Erfahrung in reiner Form findet sich neben Orpheus, Pythagoras und Empedokles etwa bei Abaris. Abaris reitet auf einem goldenem Pfeil als dem Symbol magischen Fluges und hat mit Krankenheilungen und Orakeln alle entscheidenden Merkmale eines Schamanen.[1427] Die Spur auf der Suche nach Schamanen in Griechenland für nach Hyperborea.
Für die Magier war Delos ein wichtiges Heiligtum, weil hier Apollo und Artemis neben Aphrodite verehrt wurden; sie war die griechische Anāhītā.[1428] Apollodor erwähnt die Geburt von Apollo & Artemis in Delos.[1429] Nach Pausanias geht Artemis von Delos nach Athen.[1430] Herodot berichtet über die hyperboreischen Opfer, die in Weizenstroh gehüllt über die Skyten bis zur Adria und dann südlich bis nach Griechenland und dort nach Delos gelangen: »Das erste Mal, so erzählt man, hätten die Hyperboreer zwei Mädchen als Überbringer der Opfer geschickt, die die Delier Hyperoche und Laodike nennen. Als Begleiter schickten die Hyperboreer sicherheitshalber 5 Männer aus dem Volk mit, die heißen jetzt Perphereer und genießen große Ehre auf Delos.«[1431] Später seien die strohverpackten Früchte von Volk zu Volk ohne Eskorte weitergeleitet worden. Die Weizenstrohkörbe gibt es auch im thrakischen Artemis-Opfer.[1432] Achaeia kommt von Hyperborea nach Delos, wo Zeus mit Kronos um die Herrschaft gekämpft habe und Apollo im olympischen Fünfkampf unter Flötenbegleitung Ares niederboxt, sagt Pausanias.[1433] Es gab ein altes Aphroditebild in Delos[1434] und einen See.[1435] Datis erweist Delos seine Aufwartung als Geburtsort von Apollo und Artemis.[1436] Datis hat auf seinem Asienfeldzug in Mykonos eine Vision von einem Schiffes mit einem goldenen Apollobild, welches von Chalkis geraubt wurde, findet dieses tatsächlich auf phönizischem Schiff und bringt es nach Delos.[1437] Wenn von Hyperborea aus regelmäßig Früchteopfer für leichte Geburt und Fruchtbarkeit nach Delos gesandt wurden[1438], gab es religiöse Kontakte mit dem indoeuropäischen Stammland nördlich der Krim. Eileithyia sei von Hyperborea aus der Leto in Delos helfen gekommen beim Ernten, seitdem hat sie dort ihren Tempel. Die Kreter behaupten, sie sei nahe Knossos von Hera geboren.[1439] Erste Früchte seien von Hyperborea in nassem Stroh unerkannt über die Arimasper, Issedoniern und Skyten nach Sinope eskortiert worden, von Griechen übernommen und nach Prasiae gebracht, von wo Athener sie nach Delos brachten.[1440] Herodot bestätigt diese Fruchtopfer-Eskorte mit Adria-Abstecher bis Delos.[1441] Aufgrund der Klimabeschreibung und Fruchttransporte ist die Krim wahrscheinlicher als England mit Stonehenge, was wohl Hekataios vermutet: »Jenseits des Keltenlandes liegt eine Insel im Ozean, nicht kleiner als Sizilien. Die erstreckt sich gegen Norden hin und wird von den Hyperboreern bewohnt, die so genannt werden, weil sie jenseits der Gegend wohnen, von wo der Boreas weht. Die Insel hat sehr guten Boden und ist sehr fruchtbar. Das Klima ist dort so günstig, daß jährlich zweimal Ernten stattfinden können. Auf der Insel soll Leto geboren sein, weshalb auch Apollon, der Sohn der Leto von allen anderen Göttern dort am meisten verehrt wird.«[1442] Täglich finden Gesangsgottesdienste statt, ein Hain ist dort und ein berühmtes kugelrundes Heiligtum, mit vielen Weihgeschenken geschmückt. Eine Stadt ist Apollo geweiht. Seit alters her pflegen sie Kontakte zu Athen und Delos.[1443] Pherenikos berichtet, daß die Hyperboreer »am äußersten Ende der Welt am Fuß eines Apollotempels wohnen ... Sie besingen diejenigen, in deren Adern das Blut der Urtitanen pulsiert ... Sie wohnen im Land Borea mit ihrem Führer Arimaspes.«[1444] Der Name Arimaspes deutet auf arische Herkunft und klingt persisch. Auch dies spricht für eine Donez-Verortung. Damantes (450 v. Chr.) lokalisiert die Hyperboreer »jenseits der Rhipäen (Alpen), von denen der Boreas (Nordwind) weht, am äußersten Ozean«. Aristeas von Prokonnesos[1445] siedelt sie nördlich des schwarzen Meers im Donezbecken in der Heimat der Indoeuropäer mit ihrer Kurgankultur an. Auch Herodot hat Hyperborea nördlich vom schwarzen Meer lokalisiert: »Jenseits der Issedonen wohnten die Arimasper, Menschen mit nur einem Auge, noch weiter nördlich die Gold hütenden Greifen, jenseits von ihnen die Hyperboreer am Nordmeer«[1446] Diodor bringt Phrygiens Kybele und Apollo mit Hyperborea zusammen, was für eine ukrainische Lage spricht. »Apollo habe in der Grotte des Dionysos Zitter und Flöten gespielt und Kybele geliebt und sie seien bis nach Hyperborea herumgezogen. In Phrygien habe eine hartnäckige Krankheit Menschen und Erde unfruchtbar gemacht, die haben unglücklich Gott befragt über die Befreiung von dem Übel. Er habe ihnen befohlen, den Leib des Attis zu begraben und Kybele als Göttin zu verehren.«[1447] Kybele ist aus der hethitischen Kubaba hervorgegangen, also anatolisch.
Die thrakische Orphik entstand hieraus über den hyperboreischen Schamanen Abaris .[1448] Über Abaris, laut Iamblichos Lehrer des Pythagoras[1449], erzählt Herodot, er sei ohne Essen mit Pfeil um die Welt gewandert. »Soviel von den Hyperboreern. Denn die Sagen von Abaris, der ein Hyperboreer gewesen sein soll, erzähle ich nicht. Er soll ja mit einem Pfeil in der Hand um die ganze Welt gewandert sein, ohne zu essen.«[1450] Aristoteles erwähnt Abaris als Orakelmann, der ohne Nahrung sich unsichtbar machen kann und dessen Goldpfeil der Orientierung dient.[1451] »Aristoteles sagt über Pythagoras von Kroton, er habe Apollo als Hyperboreer bezeichnet.«[1452] »Man sagt, Abaris kam aus Hyperborea als Goldsammler zum Platz der Neuigkeiten und sagte eine Seuche vorher. Er kehrte in den Heiligtümern ein und ohne Trinken oder Essen wurde er nirgends mehr gesehen. Man sagt auch, die Lakedaimonier opferten die Hinderlichen und dadurch sei niemals später in Lakedaimonien eine Seuche aufgetreten. Dies nun ist von Abaris übereinstimmend überliefert, der einen güldnen Pfeil hatte, ohne den er nicht imstande war, die Wege herauszufinden.«[1453] Auch drei Fragmente von Delos zeugen von den Kontakten nach Hyperborea.[1454] Ebenfalls eines aus Attika.[1455] Sokrates hatte Austausch mit Magiern und man darf von einer Verbindung der Magier mit den Orphikern ausgehen, die auch politischen Schutz umfaßte.
Auch Epimenides von Kreta ist Schamane als fastender Höhleneremit (= Abstieg in die Unterwelt) und Heiler, Seher, Reinigungspriester.[1456] Aristeas von Prokonnesos mit seinem gleichzeitigen Erscheinen an verschiedenen Orten zählt auch dazu.[1457] Hermotimus von Klazomene mit seiner Fähigkeit, jahrelang den Körper zu verlassen und Zukunft vorauszusagen, kann auch als Schamane bezeichnet werden.[1458] Die delphische Pythia des Apollontempels vor ihrem durchbohrten Omphalos-Weltnabel mit narkotischen Äthylen(CH2=CH2)-Dämpfen aus der Erdquelle übermittelt in Trance die Orakel den hochinformiert deutenden Priestern. Sie ist zwar Seherin, aber weder Heilerin, Totenbegleiterin noch Himmelsreisende.
Ausdruck einer schamanischen Diastase der Seele vom Leib sind die verschiedenen Lokalisierungen der Seele im Menschenleib und außerhalb. Orpheus' abgetrenntes Haupt und sogar der Phallos werden Sitz der Seele, ein Vogel, eine Schlange, die Harpie und auch die Tier-Mensch-Götter[1459] drücken die schamanische Identifikation der Seele mit einem Tier aus. Bei Schamanen wird oft die Seele zum Vogel.[1460] Die Erfahrung der Trennung der Seele vom Körper bildet die Grunderfahrung schamanischer Initiation und Himmelsreise der Seele: die Erfahrung einer relativen Autonomie der Seele gegenüber dem Körper.[1461] »Die Ekstase ist ein überbewußter Seelenzustand, der gekennzeichnet ist durch die völlige Entleerung der Seele von allen normalen Erlebnissen, nicht nur von Wahrnehmungen und Vorstellungen, von Affekten und Begierden, sondern auch von den Akten des Erkennens, Wertens und Wollens. Die Ekstase ist das Erlebnis der völligen Einheit der Seele.«[1462] Ekstase ist »Sammlung um ein einziges Erlebnis, um eine dominierende Vorstellung und die Hochspannung von Gefühlen und Kräften, die es begleiten, wenn alle anderen hemmenden Vorstellungen für eine Weile ausgeschaltet sind und nur das eine die Seele erfüllt.«[1463]
Auch Hanfkörner, Fasten, Einsamkeit, vegetarische Diät, Askese waren Ekstatica bei Thrakern, Skyten und Massageten.[1464] Der Gebrauch halluzinogener Drogen für die Himmelreise der Seele ist nicht nur im Haoma oder Soma (indisch) und der skytischen Haschisch-Sauna nach Bestattungen[1465] bestimmend, sondern auch etwa im Pilzkult der Sumerer[1466] und im Peyote-Kult in der Native American Church. Der Oberteil des Lophophora Williamsii, des rübenförmigen kleinen Kaktus im Tal des Rio Grande, enthält Meskalin, erweckt Levitationsgefühle (Schweben/Fliegen), verstärkt Farbempfinden und alle Sinnesreize und ruft Halluzinationen hervor. Die christlichen Omaha und Winnebago und später weitere indianische Stämme essen ihn zu Ostern in einer langwierigen Zeremonie gemeinsam, wobei sie eine Nacht lang kollektive Visionen erleben.[1467] »In ihnen mischen sich Bildelemente, die den alten vorchristlichen indianischen Kulten entstammen, mit Bildern, Figuren und Szenen, die offensichtlich der christlichen Tradition entnommen sind. So erscheinen in den Gesichtern die tierförmigen Ungeheuer der alten Indianer-Mythologie, aber auch die Geister der Toten in strahlendem himmlischen Glanze. Die Visionen verlaufen in einem leuchtenden kaleidoskopartigen Farbenspiel, in einer faszinierenden Abfolge unbeschreiblicher Formen, in Gestalt von Erscheinungen prächtiger himmlischer Wesen oder Frauen von übernatürlicher Schönheit, im Erklingen von himmlischem Saitenspiel oder Gesang. Oft erscheint auch die Gestalt Christi«.[1468] Der Pilz wird theologisch als der Tröster von Joh 14,16,26 angesehen, der visionär in die Wahrheit führt. Auch das Weihrauchinhalieren tibetischer und katholischer Priester und Gläubiger kann ein überbewußtes Glücksgefühl bis zum völligen Wahnsinn erzeugen.[1469] »Das Weihrauchmaterial bestand aus Baumharz und einem tabakfeinschnittähnlichen Pflanzengemisch, das dünnschichtig-chromatographisch untersucht wurde und den Verdacht auf Haschisch ergab.«[1470] Das biologische Körperschema in Orakelzeremonien ist gestört.
Eine zweite Manifestation dieser Erfahrung ist der Umgang der Thraker mit dem Tod, der als Glück verherrlicht wird. Die Trausoi klagen bei der Geburt eines Kindes, bestatten aber Tote mit Freuden. Die Thraker waren für ihren Kriegsmut und die Liebe zum Heldentod bekannt.[1471] Nach Herodot halten sich die Geten, die tapfersten und gerechtesten der Thraker, für unsterblich. »Sie glauben, daß sie nicht sterben und daß der Verschiedene zu Zalmoxis, einem göttlichen dai/mon, kommen wird; einige unter ihnen nennen dieses gleiche göttliche Wesen Gebeleizis«.[1472]
Herodot berichtet von Zalmoxis, der die Thrakerobersten auf einem Fest in seinem Saal belehrt, weder sie noch ihre Nachkommen würden je sterben, sondern nur an einen Ort vollkommener Glückseligkeit gehen, wo sie ewige Freude erleben; danach zog er sich drei Jahre in ein unterirdisches Gemach zurück, während die Thraker ihn als verstorben betrauerten. Im vierten Jahr kam er wieder nach oben: Auferstehung als Ende der Einsiedelei.[1473] In späteren Jahrhunderten ist laut Poseidonios und Strabo Zalmoxis ein ehemaliger, reichgewordener Sklave des Pythagoras' noch auf Samos und der Zalmoxis-Kult in Thrakien mit einem in einer Höhle in den Bergen vegetarisch lebenden Großpriester-Eremiten sowohl ägyptischer Magie als auch der Mantik kundige Königs-Beratung.[1474] Zalmoxis ist kein typischer Schamane, eher Initiator von Mysterien durch eremitische Askese.[1475] Die typisch schamanische Unterweltsreise in der Absicht, Tote zu begleiten oder wieder ins Leben zurückzuholen (= Heilung Todkranker), beschreibt Eliade als feste rituelle Ordnung mit Elementen wie Geisteranrufung, Tieropfer, rituellen Figuren des Überganges (Vogelfiguren oder Bären als schützende Reisebegleiter, Bäumchen usw. als Himmelleitern), Gesang und Tanz mit Luftsprüngen als 'magischem Flug' und kataleptischer Ekstase, in der der Schamane seinen Körper verläßt und schmerzunempfindlich psychotisch daliegt.[1476]
Pythagoras hat die orphische Lehre von der Seelenwanderung philosophisch entfaltet.[1477] 530 v.Chr. 40jährig von Samos wegen des Diktators Polykrates emigriert, wurde er 525 unter Kambyses II. aus Ägypten nach Babylon verschleppt, eine andere Version spricht von weiten eigenständigen Reisen. Die Eroberung der griechischen Städte 546 durch Kyros II. trägt entscheidend zur Ausbreitung des Zoroastrismus bei. Sowohl ägyptische als auch chaldäische Einflüsse sind hierdurch einleuchtend.
Später gründet er im unteritalischen Kroton den qi/asoj-Orden, dessen Akustiker und Mathematiker manche Tiere nicht essen, weil es vielleicht ehemalige reinkarnierte Verwandte oder Freunde sind.[1478] Der logenmäßige Geheimbund übt in vielen unteritalischen Städten konservativ politische Macht aus; Pythagoras wird von politischen Oppositionellen zur Übersiedlung nach Metapont gezwungen. Die Pythagoreer behielten fast 200 Jahre politische Macht.
Über die Wirklichkeit der
Seele als unsichtbarem, nicht
materiell faßbar vor-handenem Seienden kommt er zur Musik und
zur Zahl.[1479]
»Das Seiende ist
nun nicht mehr einfach das
Vorhandende; die Seele ist nicht in diesem Sinne vorhanden und
zuhanden, und
doch ist sie sogar mehr seinsartig als dies Vorhandene.«[1480]
Hier ist der mathematisierende Logos Initiator der
Entweltlichungsdialektik.
Die Konsequenz der Seelenwanderung ist eine doppelte: Reinheitsregeln
verbieten
Blutvergießen und Fleischgenuß zur Vermeidung des
Kannibalismus; für solches
Verbrechen würde man ja selbst mit einer qualvollen
Tierexistenz im nächsten
Leben bestraft. Mystische Weihe wie im Demeterkult mit Fasten sichert
flankierend ein gutes Zweit/Drittleben.[1481]
Auswirkungen dieser Lehre sind nicht nur auf Pindar
und Platon,
sondern
auch ins Christentum hinein deutlich.[1482]
Pythagoras
hat alle Merkmale
eines Schamanen.[1483]
Er
war ehemals Euphorbos, sieht den Leib als Kerker, ist an zwei Orten
gleichzeitig erschienen, hat Goldschenkel.[1484]
Er
kann kein Hündchen prügeln, weil aus seinem Gewinsel
die Stimme eines Freundes
vernehmbar ist.[1485]
Er
gilt als »keineswegs schwacher Weiser«[1486]
hatte »größten Reichtum an
Vernunft«, war »sehr mächtig«
und konnte in höheren
Zuständen 10-20 eigene Vorleben überblicken.[1487]
Alles wurde als Geheimlehre mündlich in der Loge tradiert,
daher gibt es kaum Authentisches.
Au)to\j
e)/fa - er selbst hat es gesagt - war
sprichwörtlich.[1488]
Philoloas
hat um 425
eine pythagoreische Lehre mit Parmenides-Einschlag
veröffentlicht; einige
Fragmente könnten Originalton Pythagoras sein. In Platons
und Aristoteles'
Rezeption von Pythagoras
werden diesem zu Unrecht die Transzendenz und Unweltlichkeit des
Erkennbaren
und der Urbilder untergeschoben.[1489]
In
seinem Katechismus wird die Insel der Seligen in Sonne und Mond
verlegt, das
Weiseste als Zahl und benennender Logos und irdisch als die Heilkunst
bezeichnet, was die schamanische Dimension bestätigt.[1490]
Seine Zahlenlehre ist kosmologisch. Aus der Verbindung des Unbegrenzten
und zugleich
Geraden mit dem Begrenzenden und zugleich Ungeraden[1491]
entsteht die Eins, die, wie ein Neugeborenes Luft atmet, so aus dem a)/peiron
das Leere einatmet und sich vervielfältigt in die Zahlenreihen
und die Welt,
die aus Zahlen konstituiert ist nach Form
und
Inhalt. Materie und Wort sind wesensmäßig
Zahlen.
Die Vollkommene Zahl ist die Zehn aus dem Tetraktys als Summe der der ersten vier Zahlen, gleichseitiges Dreieck. Auch in musikalischen Intervallen ist kosmische Harmonie: Die Oktave enthält die arithmetische Proportion 1:2, die Quinte 2:3 und die Quarte 3:4.[1492]
Daß alles aus der die Leere einatmenden Eins entspringt, erinnert an Anaximanders Ureins im a)/peiron mit seiner babylonisch-ägyptischen Füllequalität.[1493] Der Rechtsausgleich des Zuvielgenommenen durch den Tod des ans Nachfolgende Büßenden ist auch dort schon ein Zahlenungleichgewicht, welches die Zeitordnung durch das Vergehen des Seinsfülligen und damit den Zyklus des Werdens wieder ins rechte Verhältnis setzt.[1494]
Leibnitz als Entdecker des Binärsystems, mit dessen 0 und 1 die Computer die Welt beschreiben können, hat ebenfalls der Eins die göttliche Schöpferkraft der creatio ex nihilo als einer aus der Null zugesprochen und damit der christlichen Schöpfungslehre entsprochen. Wie die Eins Leere einatmet, so dringen bei Schalterstellung Ein elektrische Ladungen und Teilchen in den Mikrochip. Allerdings ist das a)/peiron hier keine Leere, sondern das Spannungsfeld des Netzteils.[1495]
Daß Brotbrechen von Pythagoras verboten wird, beruht auf dem Spaltungsakt als der Schöpferhandlung schlechthin - auch hier babylonische Theologie.[1496] Wenn Bohnenessen wegen Blähungen im Mannschaftsschlafsaal als verunreinigend gemieden wird, erinnert es an das zoroastrische Yašt 22,3 mit dem giftig-stinkenden Postmortalgeschick böser Seelen.[1497] Die Bedeutung des Geruches als animalischer Erkenntnisweise wird später von Heraklit[1498] und Platon ebenso betont wie im Buddhismus. Bei Platon ist Gestank eine Begleiterscheinung des Übergangs von einem Stadium ins nächste durch Feuchtwerden, Zersetzung, Verflüchtigung, Schmelzen.[1499] Im Geruch werden »Vorgänge des Lebens und Sterbens unmittelbar« wahrgenommen. »Die buddhistische Theorie von Entstehung und Wahrnehmung scheint den Gerüchen eine entscheidende Rolle zuzuschreiben.«[1500] Beide Male ist Rein-Unrein Zentralkategorie, beide Male ist das Tierleben aus der Perspektive eigener Subjektivität des Tieres erfaßt, weil der Schamane sich oft in Tiere hineinversetzt. Ehrfurcht vor dem Seelenleben der Tiere eröffnet dialogische Solidarität zu den Mit-Seelen. »Nicht umsonst treten bei Platon bedeutende Pythagoreer auf; er selbst war Anhänger dieser Verbindung, und kein Zweifel, daß die an sie anknüpfende Richtung von größter Bedeutung für das geistige Leben Griechenlands geworden ist. Aristoteles spricht dauernd von den Pythagoreern«.[1501]
Die Orphik ersetzt die orgiastische Vergöttlichung der Seele des Dionysos-Kultes durch die kathartische Reinigungsintention Apollons. Damit ist eine Synthese zweier konträrer Mysterien-Initiationen geschaffen. Nicht nur churritische Kosmogonie via Hesiod nimmt die Rhapsodien-Theologie der Orphiker auf, sondern auch phönizische und ägyptische. Chronos erzeugt im Äther das Ur-Ei. Daraus kommt Eros hervor, erster Gott, der nun alle anderen Götter und die Welt schafft. Zeus aber verschlingt Eros und die gesamte Schöpfung und macht eine neue Welt.[1502] Dieser Mythos verweist ähnlich den Kumarbi-Mythen auf kannibalische Inkorporations-Riten zwecks Kraft-Aneignung: Die Skyten haben nicht nur Feinde geschlachtet, sondern auch den verstorbenen Vater.[1503] In einem 1962 im thessalischen Derveni entdeckten Papyrus aus dem 4.Jh.v.Chr., der orphische Texte kommentiert, ist Zeus »Anfang, die Mitte und die Vollendung aller Dinge«.[1504] Moira ist das schicksalswirkende Denken, der prädestinierende Logos des Zeus als Logos der Welt.[1505] Okeanos ist nur eine Hypostase von Zeus, ebenso sind Gaia, Demeter, Rhea und Hera identisch.[1506] Zeus schafft die Welt durch sexuelle Befruchtung »in der Luft« bzw. »von oben«, was an die selbstbefruchtende Luft Sanchunjatons und den sich selbst begehrenden Gott Pothos und an die memphitische Masturbation des Sonnengottes Re-Atum-Chepri von Heliopolis in seiner Abendsonnenhypostase als Tem erinnert, aus dessen Saft Schu (heiße Wüstenluft) und Tefnut hervorgehen, die sich paaren und Geb (Erdgott) und Nut (Himmelsgöttin) erzeugen, die wiederum in ununterbrochenem Sexualverkehr weilen, bis Luftgott Schu als eifersüchtiger Vater sie trennt. Sie zeugen Osiris und Isis.[1507] Hier wird der androgyne Gott mit dem froschlaichähnlichen Sperma als prävaginaler Universalschöpfer vorgestellt. Auch der orphische Urgott Phanes/Protogonos Phaeton ist der zweigeschlechtliche Erzeuger seiner Kinder. ApkAd erzählt in NHC V,81 im Rahmen von 13 Mythen über die Erzeugung des Urmenschen/Erleuchters vermutlich eine Orpheus-Zeugung durch Selbstbefruchtung einer der 10 Musen auf einem Berg. Auch hier kommen Varianten aller Schöpfungsmythen des Orients zur Sprache, bevorzugt ist Himmelssperma im Einsatz. Der Mensch hat Teil an der Macht des Göttlichen nicht mehr durch Essen seines Fleisches oder Einspritzung göttlichen Samens, sondern durch eine asketische Läuterungspraxis und stete Übung der Einsicht. Die Menschen haben konstitutionell eine animalisch-göttliche Doppelnatur als Gefangene ihres Körpers und aus Titanen-Asche Geschaffene und können sich durch Askese und Erkenntnis befreien.[1508]
Kraft der kulturell durch mystische Weihe und asketische Reinigungspraktiken erlernten und geübten (relativen und vermeintlichen) Körperunabhängigkeit ihrer Seele sind die Menschen fähig zur Partizipation am Göttlichen. Die Autonomie der Seele gegenüber dem Tod formiert sich im Kampf gegen den sterblichen Körper und seine Äußerungen, im Vorrang des Denkens vor sinnlicher Wahrnehmung bei der Schau des Wahren.[1509] Indem sie das Animalische: unersättliche Freß- und Trinklust, zügellose Sexualsüchtigkeit und krankhafte Versklavung an Begierden des Körpers[1510] überwinden, bekommen sie Zugang zu Erfahrungen seelischer Autonomie gegenüber dem Körper, die dessen lüsterne Borniertheit und stinkende Vergänglichkeit zu transzendieren scheint. Die Techniken der Ablösung seelischen Erlebens vom körperlichen Wahrnehmen sind klinisch als gezüchtete, kultivierte schizoide Psychosen zu beschreiben, die bis zu einem gewissen Grad von den Ichfunktionen noch kontrolliert und manipuliert werden können.[1511] Diese Erfahrungen archaischer Ekstase suggerieren die physische Unabhängigkeit der Seele gegenüber dem Körper und seiner Vergänglichkeit. Damit sind sie zugleich der empirische Grund für die mythologische Vermutung einer Weiterexistenz der Seele über den Tod des Körpers hinaus. Göttlichkeit verbürgt sich in Unsterblichkeit. Der wahre Erweis der Vergottung des Menschen liegt also in der Existenz über den Tod hinaus. Esse sicut deus, Sein wie Gott, Verheißung der Paradiesschlange, zielt nicht nur auf Wissen und Macht, scientistische gesellschaftliche Naturbeherrschung, sondern auf einer individuellen Ebene auf die Überwindung der Todesgrenze. Gegenüber hadesmäßiger Schattenexistenz im Totenreich ist die Auferstehung der Toten oder die Reinkarnation die Auflösung der Begrenztheit der Menschlichkeit.
Orphisch-pythagoreische Gold-Amulette
des 4. Jh. v.Chr.
zeigen wie tibetisches und ägyptisches Totenbuch eine
Reiseroute des
Frischverstorbenen. Die Goldplättchen von Petelia
und Thurioi
in
Süditalien und von Kreta sind pythagoreisch.[1512]
Ein calabrisches Plättchen aus Hipponion
datiert auf 400 v.Chr.[1513]
Als Beispiel hier DK
1 B 17, ein Goldplättchen von Petelia
aus dem 4.Jh.v.Chr. als Wegweiser und Erkennungsausweis im Grab
mitgegeben:
eu(rh/sseij
d ¹ ¹Aidao do/mwn e)p ¹ a)ristera\ krh/nhn,
para\ d
¹ au)t$=i leukh\n e)sthkui=an kupa/risson!
tau/thj
t$=j krh/nhj mhde\ sxedo\n e)mpela/seiaj.
eu(rh/seij
d ¹ e(te/ran, t$=j Mnhmosu/nhj a)po\ li/mnhj
yuxro\n
u(/dwr prore/on! fu/lakej
d ¹ e)piprosqen e)/asin.
ei)pen!
¹G$=j pai=j ei)mi kai\
Ou)ranou= a)stero/entoj,
au)tar
e)moi\ ge)noj ou)ra/nion!
to/de d ¹ i)/ste kai\ au)toi/!
di/yhi
d ¹ ei/mh\ au(/h kai\
a)po/llumai! a)lla\ do/t ¹ ai=ya
yuxro\n
u(/dwr prore/on t$=j
Mnhmosu/nhj a)po\ li/mnhj ).
Man sieht auf den Goldamuletten neben den Texten eine Zypresse an der Quelle der Lh/qh, aus der zu trinken alles vergessen macht und eine neue Reinkarnation bewirkt, während der Weg rechts vorbei zum bewachten See der Mnhmosu/nh den Trunk des frischen Wassers der Erinnerung ermöglicht, wenn man sich den Wächtern als Kind der Erde und des Sternenhimmels zu erkennen gibt, und damit durch Triebverzicht Herrschaft mit den Helden der Welt sichert.[1514] Den Seewächterdialog findet man auch im ägyptischen Totenbuch.[1515] Der Pharao als inkarnierter Sohn des Schöpfers der Weltordnung, inkarnierte Weisheit und Weltordnung selbst, ma'at, politische Stabilität als sonnenhaften Schöpferkampf gegen das finstere Chaos schaffend, fliegt nach seinem Ableben als Falke, Reiher, Gans, Skarabäus oder Heuschrecke gen Himmel, wobei er nach rituellen Reinigungen einen See überqueren muß und dem Fährmann in einem Dialog das Erkennungswort liefern muß, ehe er triumphal auf dem Himmelsthron vom Sonnengott als Richter eingesetzt wird, als 'Stern' tituliert.[1516] »Die Rezitation von Toten-Reisewegen am Bett des Toten bedeutete dasselbe wie das mystische Geleit des seelenbegleitenden Schamanen. Ohne den Vergleich pressen zu wollen, könnte man in der Totengeographie der orphisch-pythagoreischen Plättchen das Surrogat eines schamanischen Seelengeleits sehen.«[1517] »Bestimmte orientalische Einflüsse dürfen nicht ausgeschlossen werden. Doch handelt es sich wahrscheinlich um ein uraltes gemeinsames Erbe, Ergebnis tausendjähriger Spekulationen über Ekstasen, Visionen und Verzückungen, Traumabenteuer und imaginäre Reisen«.[1518] Schamanisch ist ebenfalls die markante phantasmatische Schilderung der Unterweltgeographie.[1519] Auch Platon sieht den Tod nur als Verlassen des Leibes; die Seelen kommen an eine Richtstätte, wo Gerechte nach rechts und dann durch den Himmel gehen, Ungerechte nach links und nach unten gehen, alle mit Plakaten behängt, auf denen ihre Taten zu lesen sind.[1520] Hier findet ein permanentes Weltgericht statt.
Herodot spricht von Wanderung der Seele durch alle Kosmosbereiche, dann wird sie von einem Neugeborenen eingesogen.[1521] Die Erinnerung an die vorherigen Leben konstituiert die Kohärenz der Seele in den Kreisläufen der kerkerhaften Wiederverkörperung, die, bei Platons Makro-Mikrokosmos-Idee sehr deutlich, den Umläufen der Gestirne entspricht, die für Pythagoras die wahre Heimat und Insel der Seligen ist.[1522] Damit sind babylonische Astronomie und Gestirnanbetung mit in die orphisch-pythagoreische Lehre aufgenommen.[1523] Herodot berichtet über die Bestattung nicht in Woll-, sondern Leinenkleidern, die in den )Orfika/ und Bakxika/ ägyptisch-pythagoreisches Erbe sind. »Darin stimmen sie mit den sogenannten orphischen und bakchischen Mysterien überein, die ägyptisch und pythagoreisch sind. Bei den Mitgliedern dieser Geheimkulte gilt es als Sünde, jemanden in wollenen Gewändern zu begraben.«[1524] Wolle beschneidet Seelengenosse Tier. Sowohl das Hipponion-Goldplättchen als auch Herodot verbinden Orphik und Dionysisches. Die Verbindung mit Ägypten, wo Pythagoras gewesen sein soll, ist bei Herodot exakt.[1525] Wie Dionysos als Sohn der Persephone wird der bacchische Myste mit Weißpappellaub bekränzt.[1526] »Goldblättchen, Inschriften, literarische Texte fügen sich zusammen: spätestens seit dem 5. Jh. gibt es 'bacchische' Mysterien, die Seligkeit im Jenseits verheißen.«[1527] In Derveni bei Thessaloniki zieren einen Bronzegrabkrater von 330 v.Chr. dionysische Szenen, daneben wurde als Grabbeilage ein orphisches Buch verbrannt.[1528] Die Goldblättchen im unteritalischen Thurioi preisen die Blitzschlag-Getöteten als Götter-Anwärter selig.[1529] Zu Platons Zeit haben Wanderpriester mit 'Büchern des Orpheus' ganze Städte zu spektakulären Reinigungsweihen für ein gepflegteres Jenseits bekehrt.[1530]
Der Scheintod des pamphylischen Kriegers Er wird von Platons Politeia als Ausflug der Seele gedeutet.[1531] »Auf dem Schlachtfeld 'getötet', kehrt Er am zwölften Tag, während sein Körper schon auf dem Scheiterhaufen liegt, ins Leben zurück und erzählt, was ihm in der andern Welt gezeigt wurde... die kataleptische Trance des Er gleicht der des Schamanen und seine ekstatische Jenseitsreise erinnert nicht nur an das Ardā Vīrāf, sondern auch an viele 'schamanische' Erlebnisse. Er sieht unter anderem die Farben des Himmels und die Mittelachse, er sieht auch die Geschicke der Menschen durch die Sterne bestimmt.«[1532] Dabei gibt es überraschende Parallelen zu einer zervanistischen Himmelsreise: »Der Pamphylier Er bleibt elf Tage bewußtlos und Ardā Vīrāf sieben Tage. Während dieser Zeit wandert ihre Seele durch mehrere Zwischenstationen zum Himmel, sie sieht die Seligkeit der Gerechten und die Qualen der Verdammten. Die erste Station ist in beiden Fällen ein Ort, von wo aus ein Weg hinauf zum Himmel geht und ein Weg hinunter zum Ort der Verdammnis. An diesem Ort werden die Seelen gerichtet. Die Totenrichter, die bei Platon vorkommen[1533], fehlen zwar im Buch des Ardā Vīrāf, aber in älteren iranischen Quellen wird der Totenrichter Rašnu erwähnt, der auch bei Ardā Vīrāf als 'Rašn der Strenge' vorkommt. Nach ihrer Rückkehr zur Erde berichten Er und Ardā Vīrāf beide über das, was sie in der Ekstase gesehen haben. Der Zweck des Berichtes ist beide Male derselbe, nämlich, die Menschheit zur Tugend und Gerechtigkeit zu ermahnen.«[1534] Beide müssen von Zaraθuštras Yasna 31 und 43 beeinflußt sein, auch wenn die Cinvat-Brücke fehlt.[1535] Hanf und Wein als Halluzinogen flankieren die Himmelsreise des Ardā Vīrāf.[1536]
Nicht zufällig kann Clemens von Alexandria Er später als den reinkarnierten Zaraθuštra darstellen, der sich seines früheren Lebens erinnert.[1537]
Zwar ist Zaraθuštra nicht primär himmelsreisender Schamane gewesen[1538], aber die Verbindung schamanischer und prophetischer Revelation mit einer entscheidungsbetonenden Ethik, der Hinwendung zum Licht, dem Glauben an eine primordiale geistige Schöpfung der Welt in reiner Wahrheit ohne Verblendung und ihr Gegensatz zur sinnlich-knochenhaften Erscheinungswelt mit Trug und Leidenmachen und schließlich sein Glaube an eine eschatologische Entscheidungsschlacht zwischen Ahura Mazdā und Ahriman mit Sieg der Wahrheit haben zu der von der griechischen Philosophie aufgenommenen, vertieften und im Hellenismus an die spätantike Welt weitergegebenen Rede von einer wahren Heimat des Menschen im Himmel der Gestirne geführt.[1539]
1.5.7 Chaldäische Weltzeitrotation im
Zervanismus und Äonenlehre
Alles Erleben und Verhalten der frühen Menschen findet sein Paradigma in den Mythen; ihre Narrative und deren Initiationen im Kultspiel, Ritual und Extasen strukturieren die Formen der Anschauung und des Verhaltens zum Kosmos, zur Weltordnung, wie gute und böse Brust (M. Klein) die Elementarstrukturen des Welterlebens eines Säuglings konstituieren. Alles Menschenmögliche ist für ihr Empfinden nur Wiederholung göttlichen Tuns oder göttlicher Weisung. »In den Einzelheiten seines bewußten Verhaltens kennt der 'Primitive', der archaische Mensch, keine Handlung, die nicht von einem andern gesetzt und vorgelebt worden wäre, von einem andern, der kein Mensch gewesen ist. Was er tut, ist schon getan worden. Sein Leben besteht in der ununterbrochenen Wiederholung von Handlungen, die von andern eingesetzt worden sind. Diese Wiederholung bestimmter beispielhafter Handlungen läßt eine ursprüngliche Ontologie erkennen. Das rohe Produkt der Natur und nicht weniger der durch menschliche Hand bearbeitete Gegenstand erlangen Wirklichkeit und Identität nur in dem Maße, als sie einer transzendenten Wirklichkeit teilhaftig sind. Ein Akt erhält Sinn und Wirklichkeit ausschließlich in dem Maße, als er eine urtümliche Handlung wiederholt.«[1540] So ist für die Altvorderen »Wirklichkeit eine Funktion der Nachahmung eines himmlischen Urbildes«.[1541]
Schon bei Anaximander finden sich Spuren des iranischen Großen Jahres, welches aus der Begegnung von Zoroastrismus und Astronomie hervorging. Bei ihm besteht die Ewigkeit des Einen durch periodische Wiederkehr der Weltzustände, der Kosmoi/ in Werden und Vergehen. In Phönizien und später in Alexandrien gab es Aion-Kulte. Der ägyptische Gott Thot wurde als Aion verehrt.[1542] Aion ist androgyner Weltgott, Weltseele und lebendiges Kosmos-Lichtselbst. Bei Homer ist Aion Lebenskraft, bei Pindar, Heraklit und Empedokles Lebenszeit. Erst ab dem 4.Jh.v.Chr. wird Aion zur Ewigkeit bei Isokrates, Demosthenes und Platon.[1543] Aion wird in Eleusis verehrt.[1544] In der Römerzeit ist Aion nur unter Augustus Reichsgott, sonst als jugendlicher Jahrgott Annus verbreitet.[1545]
Der Einfluß Ägyptens auf Pythagoras und Platon dürfte auch die Metempsychosis-Lehre wesentlich gefördert haben, in der es um die Rotation der Seele und Inkarnationszeiten während des Großen Jahres geht. Denn alle Haustiere, einige Raubtiere und Vögel bis zu Fischen, Mistkäfern, Mäusen, Schlangen galten in Ägypten als heilig. Zwar gab es keine Metempsychosis-Vorstellung, aber Unsterblichkeit der Seele und deren postmortale Fähigkeit, sich in jedes gewünschte Tier oder den Nil zu verwandeln.[1546] Blähungen wurden verehrt als Göttin pordh/,[1547] während das pythagoreische Bohnenverbot in Kroton für gute Schlafsaalluft sorgt.
Das Große Jahr, entstanden aus chaldäischen Zeitberechnungen in dem Zervanismus der iranischen Magier in Babylon, ist über die Orphiker und Pythagoras in den Platonismus eingeflossen. »Die Vorstellung vom 'großen Weltenjahr', das sich mit dem Zusammentreffen aller Wandelsterne an ihrem Ausgangspunkt vollendet, findet sich in gleicher Weise in Griechenland, Babylonien und Indien... Dagegen wurde die pythagoreische Lehre von der ewigen Wiederkehr von Plato nicht akzeptiert.«[1548] Hengel stützt dies auf Politeia X,617a, meint wohl 620a-d, wo jede Seele sich eine neue Inkarnation vor Erdlebenantritt wählt und also nicht völlig determiniert ist. Dies ist aber pythagoreisch, gerade Politeia X,621d zeigt, daß Platon vom 1000jährigen Metempsychosis-Zyklus ausgeht. Pythagoras ging allerdings von einer komplett identischen Wiederholung des Aion ohne jede Variation aus, was Platon so nicht teilte.[1549] »Ihrer Herkunft nach sind alle diese Figuren nicht orphisch, sondern orientalisch. Die Orphiker aber haben sich ihrer auch bedient«.[1550] van der Waerden verweist auf den Zug der 12 Götter in Platons Phaidros 247-253b und Nomoi 828bc, die eigentlich den iranischen Zervan akarana (auf Miθrasdenkmälern als geflügelter Löwe mit Schlange am Hals[1551]) als Chronos Ageraos mit seinem Gefolge als den 12 Tierkreiszeichen darstellen.[1552] Darin vollzieht sich eine »bewußte Hellenisierung einer orientalischen Lehre«.[1553] Bereits im 6. Jh. haben die Orphiker den Zervanismus adaptiert. Ewige Wiederkehr und astrologischer Fatalismus »wurden bei den älteren Pythagoreern nachgewiesen... Beide Lehren müssen sich in den Kreisen der Magier unter dem Einfluß der Babylonischen Astronomie und Astrologie am Anfang des 6. Jahrhunderts entwickelt haben. Verknüpft mit der Astralreligion, der Lehre von dem himmlischen Ursprung und der Unsterblichkeit der Seele und von ihrer Erlösung durch die Mysterien, haben alle diese Vorstellungen sich sehr rasch nach Westen verbreitet und sind besonders von den Orphikern und Pythagoreern begeistert aufgenommen worden.«[1554]
Dabei ist die Verbreitung der Sternbilder von Babylon bereits in frühester Zeit über die Hethiter zu den Griechen gekommen. »Die Lehre, daß jeder Planet seine Exaltation (u(/ywma), d.h. die stärkste Erhöhung seiner Macht und seines Einflusses in einem besonderen Sternbilde habe, wird jedenfalls bereits auf die alten Babylonier zurückgehen... Diese Sternbilder werden teilweise schon in einem hethitischen Texte des 13. vorchristlichen Jahrhunderts erwähnt und auf babylonischen Grenzsteinen derselben Zeit abgebildet; daher wird man ihre Kenntnis gewiß auch für die Hammurapiperiode bereits voraussetzen dürfen... Auffallend ist es, wie genau die spätägyptischen Abbildungen der Tierkreiszeichen in Dendera den babylonischen entlehnt sind.«[1555] Durch die Hethiter ist die Astrologie den Griechen bekannt geworden, ebenso das Bild des Himmelshirten, der seine Sternenherde von Ost nach West um den Himmelspol herumtreibt.[1556]
Während schon im 8. Jh. v.Chr. in Babylonien die Astrologie immer mehr von der chaldäischen Astronomie säkularisiert wird[1557], dringen Bestandteile der chaldäischen Gestirnreligion in die pythagoreische Zahlenlehre, die orphische Metempsychosis-Lehre und in Platons pythagoreische Sternenlehre ein.[1558] In Babylon gab es schon 700 v.Chr. Astronomie und Großes Jahr; Sterne waren Götter, unsterblich und beseelt. Pythagoras hat die Astrologie auf seinen Reisen in Babylon und Ägypten kennengelernt und mitgebracht nach Hellas.[1559] Die hellenische Volksreligion kennt keine Gestirnkulte. Erst der Pythagoreer Archytas adaptiert die Astrologie. Eudoxos von Knidos, der kleinasische Arzt, lehrt zur Zeit Platons iranische Astrologie und nennt Zaraθuštra »die herrlichste und nützlichste Philosophie«. Euktemon stellte 430 v.Chr. erste griechische Sternberechnungen an. Die Akademie war für orientalische Tradition sehr aufgeschlossen, die seit der persischen Herrschaft über Thales, Anaximander und Hekataios unmittelbar und später via Sophokles, Solon, Demokedes von Kroton (Arzt bei Dareios), Demokrit, Herodot und andere weitgereiste Intellektuelle in Hellas einfloß.[1560] Anfang des 6.Jh.v.Chr. wandern persische Magoi im kleinasischen Hellas ein und unterhalten Beziehungen zu Mysterien und Dionysoskult. Zaraθuštra wird jedoch erst von Antisthenes im Umkreis Platons rezipiert.[1561] Daß Platon erst im Timaios[1562] und den Nomoi den Himmel als nach Zahlen geordnet beschreibt, ist pythagoreisch-babylonischer Einfluß.[1563] Neben einem direkten Einfluß der Magoi in Griechenland ab Xerxes, besonders auf Orphik und einzelne Vorsokratiker, gibt es die Zweitlinie der Pythagoreer über Babylon und den auch dort verbreiteten Zervanismus.
Seit der Churriter-Zeit mit arischer Oberschicht lebt im Westiran indische Mythologie. Kumarbi ist der Vorläufer von Zurvān und Xro/noj.[1564] Auch in Indien begegnet das Große Jahr: Prajāpati bricht in Stücke und die 5 Jahreszeiten entstehen aus seinen Teilungen.[1565] Die indischen Yugalehre ist mit ihren 12000 Jahren völlig analog zur persischen Zyklik.[1566] In der babylonischen Tiefebene vermengten sich babylonischer Sternenglaube, Parsismus und Judentum.[1567] Ebenfalls denkbar, »daß im Zusammenhang mit den großen geistigen Bewegungen nach dem Alexanderzug vereinzelte indische Stoffe als Volkserzählungen bis nach Palästina drangen, im dortigen Judentum Platz fanden und von da ins Urchristentum weiterliefen.«[1568]
Individuation des Urgeistes und seiner Schöpfungen als Selbstverfehlung, Verstrickung in die Folgen seiner guten und bösen Taten und seiner Selbsttäuschung über seine vermeintliche Eigenständigkeit gegenüber seinem Kosmos, also die Illusion der Einzigartigkeit und damit ein falsches Wissen, führen zum Karma, der fortwährenden Verirrung in kurzfristige leibliche Existenzen, die Lebewesen im unentrinnbaren Kreislauf der Geburten.[1569] Daher erlöst die versprengten Irrläufer des Urgeistes nur Weihe, Meditation, Mantras sagen und die Lehre des Guru über jene Einheit aller mit Gott.[1570] Meditation ist Gewahrung der letzten Einheit mit Gott und der Vorläufigkeit der Welt in ihrem Bann der Individuation als Verlust des Urgrundes. Die spätere ptolemäisch-valentinianische Gnosis hatte für die Einheit der Welt in der Seele Gottes den Begriff des plh/rwma, der Seinsfülle des All in Gott selbst.[1571]
Zurvan ist nicht nur Zeit, sondern Einheit des Alls im Beginn der Zeit. So ist er Weltseele. Die iranische Stammesseele ist im Osten Vərəθraghna, im Westen Zurvan.[1572] Gutes und Böses, Ahura Mazdā und Ahriman, alles entspringt dem Urgrund, dem Schöpfer Zurvan. Die Gestaltwandlung Gottes als Entgrenzung von einem Ur-Individuum in die Vielheit lebender Subjekte mit der letzten Identität aller mit Gott ist geeignet, Solidarität untereinander zu stiften.[1573] Diese persische Tradition wurde unter dem direkten Einfluß babylonischer Astrologie in der Stoa mit der platonischen zu einem astrologischen Fatalismus verbunden.[1574] Das Große Jahr Heraklits[1575] wird von den Stoikern in den Zyklus von Weltbränden alle 10800 Jahre gedeutet. Der Weltenbrand (e)kpu/rwsij) fungiert als Zäsur zum jeweils neuen Zyklus.[1576] Für Heraklit ist der Maßgedanke maßgeblich, nicht Weltbrand.[1577] Das Große Jahr (me/ga e)niauto/j) ist als Proportion[1578] von 30 * 360, in der sich Tag und Jahr, Jahr und Großes Jahr entsprechen, wichtig; zugleich als Konstanz der Lebenszyklen von Mensch (gene/a) und Natur.[1579] Wenn Heraklit genuin paradox zu verstehen ist[1580], ist die Koinzidenz der Zustände nur die Kehrseite ihrer zyklischen Abfolge, ihrer Periodizität.[1581] Periodizität denkt Heraklit mit Koinzidenz zusammen: Konstanter Wechsel ist die Erscheinungsform von Einheit.[1582] In Platons Timaios 22 und in der Babyloniaca des Bel-Marduk-Priesters Berossos 280 v.Chr. mit seiner Astrologenschule auf Kos gibt es zusätzlich zum sengenden Weltensommer den Weltenwinter[1583]: Sintflut und Weltbrand wechseln wie die Frühjahrsüberschwemmung in Sommerdürre im Zweistromland und am Nil, so auch im persischen Miθra-Mythos[1584], in der Stoa, im Mythos der gefallenen Engel Hen(äth) 6-11 und der mandäischen Urgeschichte GR I,181. Diogenes Laertios IX,8-9 verknüpft den stoischen, fälschlich Heraklit untergeschobenen Weltbrand (e)kpu/rwsij) und die Rückkehr der Seele zum Urgrund mit dem Er-Mythos und einer Miθras-Offenbarung; Er's 12 Scheiterhaufentage entsprechen den 12 Tierkreiszeichen, durch die hindurch der Weg zur a)na/lhyij führt, der Lustwiese der Fixsternsphäre.
Empedokles vertritt in orphisch-pythagoreischer Tradition die ewige Wiederkehr der Weltzeiten. In Peri\ fu/sewj weitet er den zwei-elementigen Licht-Nacht-Zyklus des Parmenides zu einem Zyklus der Trennungen und Wiedervereinigungen der Elemente aus, in dem alles aus einem Gemisch der Grundelemente Feuer, Luft, Wasser und Erde besteht.[1585] Zwei Kräfte bewegen das in ewiger Periodizität lebende All: Aphrodite (Liebe) oder Harmonia vereint die Elemente, Zwietracht/Haß (Nei=koj B 36) trennt sie. Beide haben abwechselnd die Macht. Herrscht Liebe, so ist der All-Ball als Kugelgott (sfai=roj B 27-29) in Ruhe und alle Elemente gleichmäßig überall verteilt. Tritt der Haß wirbelnd ins All ein, fegt er die Luft nach oben, das Feuer in die oberste Luftschicht am Himmel und scheidet unten Erde und Wasser, Land und Meer.[1586] Durch weitere Trennung von Feuer (Sonne) und Luft im Himmel in zwei dortige Halbkugeln gerät das All außer Balance und der Himmel umkreist immer schneller die Erde.[1587] Schließlich sorgt die Liebe wieder für Rückmischung der Elemente.[1588] Die 4 Weltelemente sind indo-iranischen Elementelisten aus Magiertraditionen entsprungen.[1589] Einflüsse babylonischer Astrologie sind deutlich. Babylonisches Weltbild, Naturelemente und Entstehungssukzessionen kamen durch Pythagoras nach Hellas.[1590] So die Entsprechung von Makro- und Mikrokosmos, von Himmel und Erde in der Welt-Teilung. Marduks Körperteile wurden mit Zodiak-Tieren identifiziert.[1591] »Diese ganze astronomische Nomenklatur ist von den Babyloniern dann wohl durch die Vermittlung der Hethiter auch zu den Griechen gewandert«.[1592] Haß formt die Elemente allererst zur Welt-Gestalt, scheidet den Kugelgott analog der indoiranischen Urmenschteilungen Gayōmards oder Purušas. Hinter dem sfai=roj des Empedokles steht der androgyne Weltseelengott ¹Aiw=n als Lichtselbst des Kosmos. Platon nimmt den sfai=roj im Symposion 188a-193d im Mythos des Eros als Kugelwesen auf, welches getrennt wird und seine verlorene Hälfte sucht.[1593] Ebenfalls adaptiert er die Periodizität des Empedokles und die Koinzidenz Heraklits.[1594] In der Weltseele pulsiert das Weltganze in ab- und zufließenden Einzelverkörperungen.[1595] »Die innige Mischung, welche sich in Babel zwischen den religiösen Lehren der iranischen Eroberer und denen des einheimischen Klerus vollzog, fand auch auf diesem Gebiete des Glaubens statt, und die in Mesopotamien angesiedelten Magier verbanden ihre geheimen Überlieferungen mit dem Kodex von Riten und Formeln, den die chaldäischen Zauberer redigiert hatten. Die universelle Wißbegierde der Griechen nahm frühzeitig Fühlung mit dieser wunderbaren Wissenschaft... In der alexandrinischen Epoche aber übersetzte man die Bücher, die... Zoroaster, Hostanes, Hystaspes zugeschrieben wurden, ins Griechische, und von dieser Zeit an... standen jene Namen in glänzendem Ansehen. Gleichzeitig machten die Juden, die in die Geheimnisse der iranisch-chaldäischen Lehren und Prozeduren eingeweiht waren, indirekt einzelne ihrer Vorschriften überall bekannt, wohin die Diaspora sie geführt hatte.«[1596]
Es gibt neben der zervanistisch-pythagoreisch-platonisch-hellenistischen Traditionsfährte auch direkte Einwirkung babylonischer Astrologie auf Israels Jahwismus und die syrischen Baalim.[1597] Dem Urbild Himmel entspricht das Abbild Erde, der Mikro- dem Makrokosmos.[1598] Es gibt eine »Identität der Götter und Sterne«, der Himmel ist »Prototyp der Erde« und Himmelsvorgänge »warnende und mahnende Vorbilder für irdische Geschehnisse«.[1599] Wie Babylons Sternenhirt Höchster und ewig Bewegender ist, so avanciert ab dem jüdischen Exil Jahwe vom Töpfer (Gen 2) zum Kosmokrator (Gen 1). Die Ewigkeit der syrischen Baalim und auch Jahwes ist chaldäisches Erbe.[1600] myimf$ la(ab wird als weltumfassende Macht verstanden, erstmalig auf einer phönizischen Inschrift in Byblos aus dem 10. Jh.v.Chr. Breitenwirkung erlangt die Verhimmelung und Verewigung aber erst durch Chaldäer.[1601] »Seit der persischen Zeit wird Jahwe gerne mit dem Titel 'Gott des Himmels' belegt«.[1602] In Ps 136,26 fällt die Konnotation von Himmelsherr und Ewigkeit besonders auf: mflO( taucht als Ostinato so beständig auf wie die Umläufe der Sterne. Im Judentum wird Himmel Synonym für Gott.
Jahwes Ewigkeit entspringt der Unendlichkeit der Gestirnläufe, die unendliche Raumzeit des Himmelsgeschehens überbietet die Attribute des nomadischen Vätergottes mit wachsender Interkulturalität der jüdischen Gemeinde in Stammland und Diaspora. Indem eine Gottheit aufgrund von Verehrerwachstum »mächtiger wird, strebt sie auch darnach, sich die Götter zu unterwerfen, die sie umgeben, und ihre Funktionen in sich selbst zu konzentrieren. Um dem Absorptionsprozeß, der sie bedroht, mit Erfolg zu widerstehen, müssen diese eine scharf umrissene Persönlichkeit, einen durchaus originellen Charakter besitzen.«[1603] »Die chaldäische Kosmologie, welche alle Elemente vergötterte, aber den Gestirnen den überwiegenden Einfluß zuschreibt, beherrschte den ganzen syrischen Synkretismus.«[1604] Der Sonnengott atmet die Seelen erdwärts aus und himmelwärts ein. Wie der babylonische Sonnengott die Seelen-Sternenherde erdwärts aussendet und postmortal gen Himmel holt, sausen in der Gnosis die Gläubigenseelen durch die Galaxis.[1605] Die stoisch-babylonische Anbetung der Gestirne in ihrer erratischen Regelmäßigkeit schlug in der Gnosis um in Furcht vor ihrer tyrannischen und feindlichen Macht, der ei(marme/nh.[1606] Auch bei Simon Magus zeigt sich babylonischer Einfluß: ¹Aiw=n versteht er als die 12 Welt-Elemente.[1607] Im Corpus Hermeticum 11,1-4 ist eine Schöpfungssukzession Gott-Aion-Kosmos-Chronos-Werden entwickelt, in dem Aion die ou)si/a qeou= ist, unbewegt und ewig um ihn herum; auch der Kosmos bewegt sich im Aion.[1608] Christus wird zurvanmäß in Apk 1,8 to\ )\Alfa kai\ to\ )\W, der Anfang und das Ende der Welt-Zeit.[1609]
1.6 Platons Ideenlehre: Schaltstelle des Hellenismus
1.6.1 Himmlisches Urbild und irdisches Abbild
Platon schied Urbild und Abbild.[1610] Im Höhlengleichnis der Politeia VII 514-517 sieht der Gefesselte auf der Hinterwand nur die Schatten der draußen vor einem Feuer vorbeigetragenen Schaustücke und wähnt die ei)/dwla und fanta/smata als wahrer als die qau/mata und ei)\koi. lu/sij kai\ i)/asij a)po tw=n desmw=n kai\ th\j a)frosu/nhj, Erlösung und Heilung von Fesseln und Gedankenlosigkeit versucht Sokrates durch Befreiung der Höhlen-Mitgefangenen. Die a)/nw a)na/basij kai\ qe/a tw=n a)/nw, der Aufstieg ans Tageslicht und Schau der Dinge in ihrem wahren Sein, welches immer auch tou= a)gaqou= i)de/a ist, schockiert und blendet die Verblendeten, ist metabolh\. Philosophie ist Offenbarung der Wahrheit im daimo/nion[1611], im metacu/ als dem Zwischenreich des Aufweges zum Schönen, Guten und Wahren. »Die Seele ist das Dazwischen, in dem die Gegensätze aufeinandertreffen, und sie hat das Vermögen, zwischen ihnen zu wählen und so sich selbst zu bestimmen.«[1612]
Platon bedient sich heraklitischer Vergleichsformen, um Wahrheit als das Inkommensurable jener Urbildverhältnisse mit Abbildverhältnissen zu erschließen. Er erstellt Analogierelationen. Heraklitische Proporzmodelle finden sich in seinen mathematischen Formulierungen der a)nalogi/a der 4 Seinsstufen und 4 Erkenntnisstufen und 4 empedokleischen Naturelemente Feuer-Luft-Wasser-Erde.[1613] Heraklits chiastisch-mathematische Proportion »Sternlicht zu Sonne« wie »Tier im Sonnenschein zu Geistesgegenwart im Logoslicht«[1614] ist im Höhlengleichnis: »Feuer in der Höhlennacht zu Sonnenlicht am Tage« wie »Licht sinnlicher Meinung zu Licht geistigen Wissens«.[1615]
Wenn Erkennen für Platon a)namimnh/skein, Sich-Erinnern und Wiedererkennen ist, verweist dies auf die präexistente Wesensschau der Seele, die demnach die Wahrheit, das Schöne und Gute schon einmal gesehen hat. In ihrem präexistenten Urbild ist die Seele invariant und so auch unsterblich[1616], nicht aber in ihrer dinglich-somatischen Seinsweise im Abbildstatus.
Hier spiegelt sich der iranisch-zoroastrische Dualismus von himmlischer, präexistenter Unvergänglichkeit und verderblicher irdischer Natur.[1617] »In der iranischen Kosmologie zervanitischer Überlieferung entspricht "jedes irdische Phänomen einem himmlischen, transzendenten, unsichtbaren Wort, einer 'Idee' im platonischen Sinn. Jedes Ding, jeder Begriff erscheint unter einem doppelten Aspekt: dem des mēnōk und dem des gētīk. Es gibt einen sichtbaren Himmel: also gibt es auch einen mēnōk-Himmel, der unsichtbar ist... Die Schöpfung ist ganz einfach doppelt."«[1618] War im indoiranischen Denken Vātar bzw. Vāyu Wind Psychopomp der gestorbenen Seelen und waren alle Lebewesen Vātdār, Windbesitzer, die ihn ein- und ausatmen, so erscheint in Indien Ātmān als Varunas Atem, der durch den Weltraum braust.[1619] Auch pneu=ma ist Lufthauch und wird als Trägerkraft der Seelen betrachtet. Die Orphiker lehrten, »daß die Seele aus dem All kommt und eingeatmet wird, getragen durch die Winde«.[1620]
1.6.2 Das Gute, Schöne und Wahre und der
schöne Alkibiades als ihr
Abbild
Die Urbilder, deren Abbild-Realisationen um so wirklicher sind, je adäquater ihnen die Dinge, sind im Ideenhimmel mit den obersten Idealen der Kalokagaqi/a und a)lhqei=a zeitlos eingeschrieben. Das Gute ist identisch mit dem Wahren und Schönen. Der einzelne Schöne, bei Sokrates der Alkibiades, ist nur ein Exemplar dieser Idee von Schönheit. Das Leitmotiv sokratischer Ethik ist die Stimmigkeit des Handelns mit dem Gesetz des Herzens, mit der Idee des Guten, die jeder präexistent geschaut hat und sich an sie zurückerinnern kann, mehr schlecht als recht allerdings. Kein Tun des Guten und Schönen ohne wiedererinnerndes Wissen von dessen Idee. Wie Ethik von der Schau des Guten lebt, dem Innewerden der ai)/sqhsij, entsprechen sich Theorie und Tun.
Im Schlußteil seiner Symposionsrede 210a - 212a über den Eros als Begehren und Besitzenwollen des Schönen, welches in Gestalt des Alkibiades danach auch eintrifft, sieht Sokrates die sexuelle Lust und Vereinigung als Wunsch, Anteil zu erlangen an der Unsterblichkeit, die das Schöne im Geliebten hat. Bei allem niederen Status der Frauen ist ausgerechnet dieser Höhepunkt nichts als Paraphrase der Vorträge von einer mantineischen Priesterin Diotima, die Sokrates als Weiseste in Liebesdingen in dieser Männerrunde zu Gehör bringt. Die Verliebtheit in einen einzigen Schönling ist nur Beginn des Stufenwegs der Erkenntnis des Schönen; eigentlich ist jedes schöne Wesen auf gleiche Art begehrenswert. Nun ist aber die Schönheit in den Seelen dieser Schönlinge noch weit interessanter als die ihrer zum Verwelken und Fettwerden verdammten Körper. Ist die Schönheit der seelischen Impulse und Intentionen erst mal entdeckt, wird die der Körper immer vernachlässigenswerter. Von dort aus ist nur noch ein kleiner Schritt, die Schönheit der Erkenntnis, der Gedanken zu gewahren und die Weisheit als Vollendung der Schönheit des Geistes zu genießen.(210a-e) Der Stufenweg ist also ein schrittweises Entkoppeln vom Einzelnen und vom Körper durch Universalisierung und progrediente Vergeistigung der ursprünglich somatischen Lust-Impulse. Für Freud wäre dies Sublimierung der Libido. Der so geschärfte Blick für das Schöne nicht nur in Busen, Beinen, Po und Augenpartie, sondern in der ganzen Weite der Welt auch des Geistes für alles Schöne wird fähig, das ewige, ungewordene und unvergängliche Schöne zu schauen, die Idee also, die sich im meist ja (trotz Silikon) sehr schnell vergänglichen Einzelschönen nur manifestiert. »Das Schöne ist von Anfang an immer und entsteht weder noch vergeht es, weder wächst noch schwindet es «[1621] Das vergängliche Einzelschöne hat immer nur Anteil an der Schönheit an sich. »Noch auch wird ihm dieses Schöne unter einer Gestalt erscheinen, wie ein Gesicht oder Hände oder sonst etwas, was der Leib an sich hat, noch wie eine Rede oder Eine Erkenntnis, noch irgendwo an einem anderen seiend, weder an einem einzelnen Lebenden, noch an der Erde oder am Himmel. Sondern an und für und in sich selbst ewig überall dasselbe seiend, alles andere Schöne aber an jenem auf irgendeine solche Weise Anteil habend, daß, wenn auch das andere entsteht und vergeht, jenes doch nie irgendeinen Gewinn oder Schaden davon hat, noch ihm sonst etwas begegnet.«[1622] Alkibiades ist ein Abbild der unvergänglichen göttlichen Schönheit und ein Wegweiser auf diese, aber nur Exemplar, nicht inkarnierte Personifikation des Schönen an sich. In diesem Rahmen ist der Eros zum aufreizenden Stricherjungen nur eine erste Sprosse der langen Himmelsleiter zum Ideal hin. Nicht mehr, aber auch nicht weniger. Sokrates läßt sich vom schönen Alkibiades, wie dieser berichtet, nicht zum Sexverkehr verführen, weil die innere Schönheit des gealterten Sokrates, die Stimmigkeit mit der Idee des Guten und Schönen und Wahren, nicht mit der körperlichen Schönheit des attraktivsten athenischen Jünglings aufzuwiegen ist. Die Prävalenz über alle sinnliche Schönheit des Körpers behält in der platonischen Liebe die Idee der Schönheit und die Schönheit der Ideen.[1623]
Leiblichkeit als Getriebensein von Begierden hat keine immanente Tendenz zum Guten in sich, die Seele muß den Leib beherrschen, unterdrücken, gegen die Unersättlichkeit des Begehrens zu ihrer Selbstbestimmung finden. Die Entwertung der sinnlich-materiellen Welt findet sich weder bei Zaraθuštra noch bei Platon, für den das Abbild (Timaios 27c-31d) die gute Verwirklichung des zeitlos unwandelbaren Vorbildes der geistigen Schöpfung in der Vergänglichkeit der Zeit bedeutet. Leib ist aber Platon auch Gefängnis. Dem persischen Dualismus ist noch keine Weltflucht oder Entweltlichung anzumerken.[1624] »Während nach der alten persisch-babylonischen Vorstellung diese körperliche Welt im Grunde doch als gut, aus der Hand der höchsten Gottheit oder Gottheiten hervorgegangen und höchstens nur durch dämonische Kräfte gestört und vorübergehend verderbt erscheint, brachte das Griechentum in seiner späteren Entwicklung den Gedanken von der prinzipiellen Minderwertigkeit dieser körperlichen Welt und den Glauben, daß die wahre Heimat der Seele des Menschen der obere Himmel sei, hinein.«[1625] Die sinnliche Welt ist ein Gefängnis. Schläfrigkeit, Finsternis, Sinnestaumel und Rausch ist durchweg Verblendung: dies wurde Zentralthema der Gnosis. Platon plädiert gegen die Zügellosigkeit der Seele für Besonnenheit.[1626] Der Leib ist Grab der Seele.[1627] Affektion der Seele machen häßlich vor dem Weltenrichter Rhadamanthys durch die leiblichen Auswirkungen lüsterner Unersättlichkeit wie Völlerei, Lüge, Arroganz, Verweichlichung, Gewalttätigkeit und werden mit Gefängnis des Tartaros gestraft.[1628] Verfehlung macht die Seele unrein und versperrt die Rückkehr in die göttliche Wahrheit; die Seele soll leibliche Begierde bemeistern.[1629]
Die Erkenntnis als Aufhebung des weltlichen Verblendungszusammenhanges, der trügerischen Trunkenheit des sinnlichen Taumels der Lüste und Begierden, der Betäubung und Verdrängung des innersten Wissens um die Abkunft aus dem Reich des Wahren und Guten, ist zugleich die Aufhebung der Verdrängung dieses Wissens im Modus seines abermaligen Nachvollzuges. Die Welt hat die Verdrängung bewirkt. Sie hat das Subjekt von seinem eigentlichen Sein entfremdet. Wenn Welt das ist, was uns von unseren innersten Intentionen entfremdet, wird das Göttliche und seine Vermittlung durchs daimo/nion zur Erlösung, zur Rückkehr in die Heimat. Die Schau der Wahrheit in der Präexistenz, die im a)nagignw/skein nur mehr rekapituliert wird, bleibt lebenslang die Sehnsucht des philosophierenden Menschen: Suche nach der verlorenen Wahrheit, dem Ursprung allen Seins. Das Bemühen, aus der Weltverfallenheit, der Verfallenheit an sinnliche Begierden und körperliche Süchte und Leidenschaften, frei zu werden, sublimiert die Lust am Fleisch zur Lust an Erkenntnis, zur leidenschaftlichen Suche nach der Wahrheit, die - bei aller mythischen Gewandung - vor keinem Dogma halt macht.
1.6.3 Die Schau des Guten, Schönen und
Wahren im Phaidros
Das Gute und Schöne ist immer auch das Wahre. Die zentrale Bedeutung von a)lhqei=a hat die Gnosis mit Platon gemein. Wahrheit, noch nicht mit Platons Schüler Aristoteles als Sachnähe des Intellekts verstanden, ist für Sokrates innere Kohärenz, Entsprechung von Abbild und Urbild, Einholung der ursprünglichen Idee seiner selbst und damit Verwirklichung der Idee in höchster Vollendung, die über ihre Gegenständlichkeit hinausweist in das Reich der Ideen selbst. Im Phaidros hat jede menschliche Seele präexististent das Wahre, Schöne und Gute geschaut. Jede menschliche Seele entstammt dem Ideenhimmel, dem Göttlichen, und ist mehr schlecht als recht dessen Abglanz.
Der Unterschied zwischen den Menschen konstituiert sich nicht über ihre himmlische oder rein irdische Herkunft, (womit in einigen gnostischen Strömungen die narzißtische Gratifikation der eigenen Sektengemeinschaft gewährleistet wird,) sondern 1) durch die freie Wahl einer neuen Existenzform und 2) eines fortan diese Existenz determinierenden Dämons und 3) die unterschiedliche Erinnerungsfähigkeit der Menschen an ihre präexistente Herkunft. Politeia 614a-621d erzählt Platon den Mythos von der Spindel als Himmelsachse, zu der die Seelen aus der Unterwelt post mortem wieder hinaufsteigen. Sie dreht sich im Schoß der Notwendigkeit, drumrum sitzen Lachesis (Vergangenheit), Klotho (Gegenwart) und Atropos (Zukunft). Ein Prophet animiert die Seelen zur Wahl eines neuen todbringenden Umlaufs im Geburtenrad. Wählen macht schuldig.
In dem Moment, wo sie die Erinnerung an ihr ehemals göttliches Sein in ihrer ideellen Präexistenz wiederherstellen, schauen sie das Göttliche und treten aus ihrer narkotischen Weltbefangenheit heraus: Ek-stasis. Das Verbindende zwischen Himmel und Erde, Idee und Abbild ist der Logos. »der Gedanke der Vermittlung zwischen Gott und Mensch erschien als die Lösung. Die Hellenen leiteten aus der höchsten Idee den Geist (nou=j) und das Wort (lo/goj) ab und meinten damit... das Wirklichste, was sie kannten, nämlich Ideen, die als solche schaffen. Vom Orient her kamen ihnen Gestalten entgegen, die als Geist Gottes und Wort Gottes gleichsam Dämonen zur Seite des Einen, Kräfte aus ihm selbst sind. Aus der Verschmelzung beider Anschauungen ging die Vermittlung, ja der Mittler hervor... Unter dem Namen des Logos ist er der Mittelpunkt allen Denkens und Glaubens geworden... Philon sah im Logos die Vereinigung aller göttlichen Kräfte, die wahre Schöpferkraft, die Seele der Welt; den Stoikern war der Logos die Weltvernunft, nicht ohne Erinnerung an Herakleitos.«[1630]
1.6.4 Unsterbliche Seele in Phaidon 109-15,
Gorgias523ff, Phaidros
247-52
Vor seinem Tod durch den Schierlingsbecher mit Gift 399 v.Chr. meditiert Sokrates über die Unsterblichkeit der Seele. Im Phaidon wird im Gefängnis (57a-64a) über die Ablösung der Seele vom Leib (64a-69e), der die Erkenntnis des Reinen trübte, gesprochen, in 4 Beweisen der Unsterblichkeit der Seele die Entstehung aus dem Gegenteil (69e-72e), die Wiedererinnerung an die vorgeburtliche Intellegibilität der Seelen und ihren Erkenntnisstand (72e-77b), schließlich die Ähnlichkeit der Seele mit dem unsichtbar Beständigen der Ideen, in deren Himmel sie nach dem Tode zurückkehrt, falls sie rein geblieben ist (77b-81a), und endlich der Identität von Seele mit Lebendigkeit und ihrer ideellen Unvereinbarkeit mit dem Sein des Todes.(102a-107b). 80d-81a: »Und die Seele also, das Unsichtbare und sich an einen andern ebensolchen Ort Begebende, der edel und rein und unsichtbar ist, nämlich in die wahre Geisterwelt zu dem guten und weisen Gott, wohin, wenn Gott will, alsbald auch meine Seele zu gehen hat, diese, die so beschaffen und geartet ist, sollte, wenn sie von dem Leibe getrennt ist, sogleich verweht und untergegangen sein, wie die meisten Menschen sagen? Daran fehlt wohl viel, ihr lieben Kebes und Simmias! Sondern vielmehr verhält es sich so, wenn sie sich rein losmacht und nichts von dem Leibe mit sich zieht, weil sie mit gutem Willen nichts mit ihm gemein hatte im Leben, sondern ihn floh und in sich selbst gesammelt blieb und dies immer im Sinn hatte - was nichts anderes heißen will, als daß sie recht philosophierte und darauf dachte, leicht zu sterben; oder hieß dies nicht, auf den Tod bedacht sein? - Allerdings ja. - Also welche sich so verhält, die geht zu dem ihr Ähnlichen, dem Unsichtbaren, zu dem Göttlichen, Unsterblichen, Vernünftigen, wohin gelangt ihr dann zuteil wird, glückselig zu sein, von Irrtum und Unwissenheit, Furcht und wilder Liebe und allen ändern menschlichen Übeln befreit, indem sie, wie es bei den Eingeweihten heißt, wahrhaft die übrige Zeit mit Göttern lebt.«[1631] Die reine, maßvolle Seele klebt nicht am Leib und findet um so leichter ihren Ort im Hades (Phaidon 107f). Die wahre Erde mit Tempeln voller lebendiger Götter ist in allem um so viel schöner, glänzender, brillanter, daß die, auf der wir leben, wie ein blasses Bild von ihr ist, wie eine billige Kopie. Ein Dämon (Vorläufer des Deute-Engels im Zostr) bringt post mortem die Seele zum Gericht, wonach die mit mittlerem, maßvollem Leben an den See des unterirdischen Acheron-Flusses kommen und sich dort entsühnen und reinigen, während Vollböse auf ewig und Teilböse auf ein Jahr in den Tartaros geworfen werden. Gute hingegen wohnen auf der wahren Erde, die paradiesisch intensiv ist.(113a+d) Philosophen als Vollgereinigte leben dann ewig körperlos in Prachtvillen. Platon adaptiert die orphische Szenerie des Sees der Lh/qh. Hier ist das Moment der orphischen büßenden Reinigungsrituale am See der Lh/qh unmittelbar auf das sethianische Taufritual übertragbar: Nur die wirklich Reinen können im Himmel aufsteigen. Reinigung geht mit Arkanwissen einher und ist ein mehrfach zu wiederholender Prozeß.
Schon im Gorgias 524 führt Verfallenheit an leibliche Begierden zu Weltgerichtsstrafen. »Die unverhüllte Schau der Idee nach dem Tod ist Gemeinschaft mit dem Göttlichen als Lohn des sittlichen Lebens.«[1632] Das Totengericht, von der iranischen Cinvat-Brücke und dem großen Gang bekannt, ist auch im Gorgias beschrieben. Zeus-Vater Kronos, der griechische Kollege vom iranischen Zurvan akarana, dem obersten Ur-Gott der ewigen Raumzeit, hat verfügt, daß Gerechte nach dem Tod auf den Inseln der Seligen in vollkommener Glückseligkeit leben dürfen, Ungerechte zur Strafe in den Tartaros gesperrt werden.(523ab) Nachdem sich Lebende als Richter am Todestag durch Reichtum, äußerliche Schönheit und Schick haben blenden lassen, fordert Pluto zur Reinhaltung der Inseln der Seligen von Zeus bessere Richter, die auf die Seele gucken, beide nackt und beide tot, eine bloße Seele guckt auf die abgetakelte andere. Pluto hat auch schon zwei Söhne aus Asien, Minos und Rhadamanthys und einen aus Europa: Aiakos. Minos bekommt den Vorsitz, also ein Kreta-Orientale.[1633] Der prätrojanische Zeussohn Mi/noj ist auf Kreta wie sein Bruder ¸Rada/manquj gerechter König, beide werden nach ihrem Tod zu Totenrichtern.[1634] Im Axiochos wird dem Sokrates aus dem Mund des Magiers Gobryes das Totengericht geschildert.[1635] Im Gorgias sind nur die zwei asiatische Totenrichter (aus Kreta) erwähnt, der 'europäische' Aiakos von Ägina scheint später dazugekommen zu sein, diverse separate Traditionen amalgamieren miteinander. Die minoische Blüte von 1700-1500 v. Chr. zeitigte Palastbauten in Knossos mit Labyrinth des Minotauros, die kretischen Handelsbeziehungen mit Ägypten und dem Orient sind auch Kulturkontakte. Traditionslinie: Sumerer/Arier/Churriter -> Phönizier -> Kreta -> Delphi -> Vorsokratiker. Die „asiatische Richterschaft“ zeigt den persischen Ursprung des Totengerichts, was eng mit dem Sonnenwagen Miθras, Sraošas und Rašnus Yt 10,100 verkoppelt auch vor Zaraθuštra schon ein Totenrichtertriumvirat war. Im Iran wird das Ordal, der Gang über Glut, zum Modell des postmortalen Seelengeschicks. Cinvātō pərətu zwischen zwei Feuern wird Gerichts-Brücke, Scheide von Himmel und Höllengrund.[1636] Die postmortale Gerichtsidee mit der ausgleichenden Gerechtigkeit im 2-Kammer-System stammt aus Bundahišn 30 SBE5 (34 Anklesaria).[1637] Die Cinvātbrücke, 9 Speere lang, breit und hoch, stürzt die Ungerechten in den Abgrund, die Guten gehen hinauf zum Alburz, dem Zentralberg der Welt.[1638] Die Cinvātbrücke stürzt die Ungerechten in den Abgrund, die Guten gehen hinauf zum Zentralberg. Davor Yazatas und Engel, die die Gerechten reinigen, Hunde dabei und die Waage des Totenrichters Rašn. 3 Tage nach dem Tod sitzt die Seele beim Toten, am vierten Morgen Wartens weht Wind ihr entgegen mit Duft oder Gestank, davon wird sie weggetragen, unterwegs begegnet der gerechten Seele ein üppige Milchkuh, dann das 15jährige Mädchen, dann ein Paradiesgarten. Die Seele fragt alle, wer sie sind und sie antworten, sie seien die Daēnā der Taten des erloschenen Lebens. Der Drug-Seele passiert dasselbe mit häßlicher Kuh, Jungfrau und Garten. So trägt die Seele Zeichen ihrer Taten mit sich. Sie muß zum höchsten Gipfel des Alburz. Ist sie gerecht, wird die spitze Brücke breit, ein Feuer leuchtet den Weg und passiert die Brücke, wird von Yazatas gereinigt und geht bis zum Gipfel. Dort ergreift sie der Gute Wind und bringt sie ins Paradies.[1639]
Diese Todesbrücke gibt es auch in nordischen und indischen Texten, so daß hier eine sehr archaische indoeuropäische Vorstellung vorliegt. Die Osseten haben die Totenbrücke in der Roß-Segner-Grabrede: Der Tote bekommt ein Pferd und muß vorm Fluß Wärtern Hirsekuchen geben. Die Brücke ist ein Balken, auf dem Aminon den Reiter befragt. Hat der bestanden, bekommt er einen Führer und darf passieren. Der Balken schwankt, aber je mutiger er reitet, um so breiter wird er. Drüben teilt sich der Weg zum Himmel, zur Hölle und geradeaus zu den Helden.[1640] Hermod reitet auf Odins achtbeinigem Rennpferd durch finstere Täler zur Hel, dem unterirdischen Zentrum der Welt, muß dabei über die goldene Brücke Gjallar.[1641] Daß Platon überall, wo er den postmortalen Seelengang anspricht, stets auch das iranische Totengericht zubereitet, verweist auf das Eindringen zervanistischer, also mit babylonischer Astrologie vertrauter Magier mit Xerxes und Ostanes um 480. Hier wurden die dionysischen Orphiker und Pythagoreer besonders von den Persern gefördert, Zeichen dafür, daß ihr Glaube dem der Magier nicht unähnlich war.[1642] Dabei mögen die Zervanisten umgekehrt auch manche Motive der Orphiker aufgenommen haben, wie sie in Babylon die chaldäische 12 Tierkreiszeichen in ihren himmlischen Miθras-Sonnenwagenzug aufnahmen, der im Phaidros beschrieben wird.
Wie nun nach der Trennung von Leib und Seele im Tod der Leib als Leiche noch alle Spuren des lebendigen an sich trägt, Fett, langes Haar oder Narben und Wunden, so auch die Seele, die nackt vor Rhadamanthys tritt mit all ihren Blessuren und Verrenkungen von all den Lügen und Gewalttätigkeiten des geführten Lebens. Unrecht macht Seelen häßlich. Solch unmäßige Seelen schickt er sofort ins Gefängnis. Für leichtere Ungerechte ist Strafe eine Erziehungsmöglichkeit, für Abgrundtiefböse wie Diktatoren gibt es nur noch ewige Pein als Abschreckung für die Anderen. Es ist Tenor homerischer und platonischer Ethik, daß Mächtige fast immer in der Hölle schmoren. Haß auf Gewalttätigkeit zwingt Humanisten in den Antifaschismus, der in Gerechtigkeit sein Maß hat.
Auch im Phaidros geht es im berühmten Mythos vom Zug der Götter um die Unsterblichkeit der Seele. Seele ist stets bewegt, bewegt sich selbst und ist nicht geschaffen, sondern uranfänglich aus dem Nichts. »Die Seele insgesamt ist unsterblich. Denn das immer Bewegte ist unsterblich.«[1643] »Der Anfang ist unentstanden. Denn aus dem Anfang muß alles Entstehende entstehen, er selbst aber aus nichts.«[1644] »Demnach also ist der Bewegung Anfang das sich selbst Bewegende; dies aber kann weder untergehen noch entstehen.«[1645] Wie gefiederte Götterrosse mit Wagenlenker durchziehen die Seelen den Himmel und lenken alles Unbeseelte. Viele haben ihr Gefieder verloren und degenerieren zu sterblichen Tieren auf Erden. Das Seelen-Gefieder verkümmert, wenn es keine Nahrung durch das Göttliche bekommt: das Schöne, Weise und Gute.[1646] In 12 Zügen geflügelter Wagen zieht Zeus mit allen Göttern und Dämonen ähnlich wie Miθra mit Sonnenwagen und Troß[1647] den Himmel entlang - die Parallele ist bewußte Aufnahme zervanistischer Mythen vom Großen Jahr.[1648] Vom Bösen befallene Pferde drückt es zu Boden, nur die ganz vom Göttlich Guten genährten schaffen es über die Kuppe des Himmels hinüber ins All zu kommen und zu schauen den überhimmlischen Ort.[1649] Nun kommt die Stelle, die sowohl Marius Victorinus als auch Zostr 65 teilweise zitieren: »Das farblose, gestaltlose, wahrhaft seiende Wesen, beschaubar allein für der Seele Führer, die Vernunft, um welches her das Geschlecht der wahrhaften Wissenschaft ist, hat nämlich jenen Ort inne.«[1650] So erblicken die Götterseelen das Seiende, nähren sich durch Beschauen des Wahren, der Gerechtigkeit, Besonnenheit und der Wissenschaft und nach dieser Erquickung in der Umlaufbahn tauchen sie wieder in die Himmelkuppel ein und kehren zur Erde zurück.[1651] Ungöttliche Seelen mit Gefiederverkümmerung schaffen es nicht über die Himmelskuppel, rangeln schwerfällig um kurze Aus-Blicke und verunfallen häufig. Sie werden dann je nach Menge der geschauten Wahrheitsnahrung als Schöngeist wiedergeboren, als Künstler, Knaben-Liebhaber, schlimmerenfalls als König, Krieger, noch schlimmer: Verwalter, Händler, noch schlimmer: Arzt, gar Magier, Dichter, Bauer, Handwerker, sophistischer Amigo-Politiker oder am untersten Ende der platonischen Standesordnung: als Tyrann. Die derart ins Menschenfleisch gefallenen Seelen bekommen erst nach 10000 Jahren neues Spiel-Gefieder; vorher kommen sie nach jedem Erdenleben vor Gericht, büßen ihre 1000 Jahre unterweltlich oder genießen im Himmel, bevor sie ihr nächstes Erdenleben auslosen.[1652] Philosophen, die dreimal das selbe edle Leben wählten, können schon nach 3000 Jahren an ihren Ursprungsort zurück und sind so dem Schicksal der Metempsychosis entronnen. Denken nämlich ist Synthesis der Apperzeption und »Erinnerung an jenes, was einst unsere Seele gesehen, Gott nachwandelnd und das übersehend, was wir jetzt als seiend bezeichnen, und zu dem wahrhaft Seienden das Haupt emporgerichtet.«[1653] Nur wenige haben genug Erinnerung an die Schau des Wahren Seins und werden in Verzückung versetzt, wenn sie hiesige Abbilder dieser Schönheit als immer nur trüben Abglanz überhimmlischer Schönheit entdecken.[1654] Der sich der himmlischen Schönheit zu erinnern vermag, will beim Anblick eines Schönen in Liebe entbrannt nicht sogleich den jungen Gott penetrieren, sondern nährt durch bloße anbetende Schau sein Seelengefieder wie ein von Krankheit Genesender: es juckt, kribbelt, fiebert in lustvoller Hitzewallung. Getrennt vom Angebeteten wird die Sehnsucht zum Wahnsinn, Angst, Unruhe, Schlaflosigkeit treiben die Seele zum schönen Knaben zurück und läßt allen Besitz, allen Anstand fallen, nur um dem Geliebten nah zu sein. Die Schönheit des Knaben ist das einzige Heilmittel für ihr sonst austrocknendes Gefieder und sie liebdienen ihm als dem Abglanz der göttlichen Schönheit.
1.6.5 Richtiges Wissen hilft in der Metempsychosis:
die Himmelsreise
des Er
Den Mythos des pamphylischen Kriegers Er von seiner 11tägigen Himmelsreise bei Scheintod des leblosen Körpers verarbeitet auch Zostr 3,20-5,1. Er, Sohn des Armenios, im Krieg gefallen und nach 10 Tagen daheim zur Bestattung auf den Scheiterhaufen gelegt, erwacht am 12. Tag und berichtet, seine Seele sei an einen wunderbaren Ort gebracht worden, in der Mitte die Richter, rechts nach oben gehen die Gerechten in den Himmel mit Zeichen ihrer Verdienste, links nach unten die Bösen mit Zeichen ihrer Untaten. 10 Menschenleben zu je 100 Jahren weilen sie so in Himmel oder Hölle, wo sie die 10fache Belohnung oder Strafe für ihr Erdenleben erhalten, alle 100 Jahre dürfen sie sich am Richtplatz alle treffen zum Austausch über ihr Leid oder ihre Glückseligkeit. Eine Lichtsäule im Himmel mit Lichtbändern hält die Sphären auf ihren Umläufen, Sirenen singen Harmonien und die Schicksalsgöttinnen Lachesis (Vergangenheit), Klotho (Gegenwart) und Atropos (Zukunft) singen mit. Jeder darf aus dem Schoß der Lachesis das Los seines nächsten Erdenlebens ziehen, die Mischung von Armut, Reichtum, Ruhm, Einfachheit, Schönheit, Unbedeutendheit, Wissen, Dummheit, Macht und Bescheidenheit, Tierheit, Weiblichkeit, Männlichkeit. Am Ende wird er für die damit erreichte Gerechtigkeit belohnt oder gestraft. Ein mäßiges, mittleres Erdleben ist sowohl auf Erden als auch danach am wenigsten leidvoll und daher die größte Glückseligkeit: 619.b: ou(/tw ga\r eu)daimone/statoj gi/gnetai a)/nqrwpoj. Lachesis knüpft für jeden nach seiner Wahl die Fäden an die Spindel der Notwendigkeit und gibt ihm einen Dämon zur Erde mit, der für die Unveränderbarkeit des gewählten Schicksals sorgt und ihn auch nach dem Tod zurückbegleitet. Die unsterbliche Seele trinkt sodann aus dem Fluß der Lethe Wasser des Vergessens und wird wie Sternschnuppen auf die Erde versprengt. Besser ist, sie trinkt nicht zuviel Vergessenswasser und behält Wissen um Himmelsheimat, Gericht und ihre bisherigen Erdgänge. dikaiosu/nhn meta\ fronh/sewj, Gerechtigkeit mit Vernünftigkeit, ist dann die Maxime der persisch beeinflußten Orphiker mit ihrem indogermanisch-thrakisch-minoischen Erbe[1655], die Platon zustimmend aufgreift. Wie im Buddhismus entscheidet auch in der Orphik über das Gelingen der Erlösung das rechte Wissen. Der Bardo-Zustand zwischen Tod und Wiedergeburt ist dort ebenso ein himmlischer Zwischenaufenthalt der Seele, der ihr Karma als transmortale Engrammierung von Subjekt-Intentionalität anhaftet.[1656] »In einem Zustand der Dummheit, geistigen Unklarheit und Beschränktheit zu sterben, zieht eine Wiedergeburt als Tier nach sich.«[1657] Die Relevanz des Wissens für die Metempsychose ist in der Gnosis zentral geworden.[1658]
Der Magier-Gesang Hadōxt-Nask 2f[1659] erzählt vom 3tägigen Verweilen der Seele neben dem toten Leib mit Glücksempfinden eines ganzen Lebens. Der gerechten Seele bläst Südwind Blütenduft und seine eigene Daēnā in Gestalt eines 15jährigen schönen Mädchens entgegen, sie gibt sich zu erkennen als Seele des Jünglings von gutem Sinn, gutem Wort, guter Tat. Tod ist hier Übergang vom körperlichen Dasein mit Rindern, Vögeln, Wollust und Leid zum leidlosen geistigen Sein, doch selbst hier gibt es Frühlingsbutter für den Gerechten Jüngling oder seine treu ergebene Gattin. - Bereits in diesem vermutlich sehr alten iranischen Sterberitual mit Grabbeilage wie in den südrussischen Tumuli ist Ethik ästhetisch, gutes Tun schöngestaltig. Die Schönheit präsentiert sich in Gerechtigkeit und Wahrheit. Hier sind massive Parallelen zu Platon. Guter Sinn, Vohumana, und das Leben in aša, Wahrheit und rechter Ordnung tauchen als Ethik der Mäßigkeit in Orphik und bei Platon wieder auf.
Clemens Alexandrinus weiß von Er als reinkarniertem Zaraθuštra zu berichten.[1660] Dies verweist auf die iranische Vorlage des Er-Mythos, dem Hadōxt Nask 2f und dem Ardā Vīrāf. Platon war Pythagoreer und stand der Orphik nahe, womit eine der zentralen Durchflußstellen iranischer Jenseitsgläubigkeit in die Gnosis erfaßt ist.
Platon hat Zaraθuštras Entscheidung des Menschen zum Guten von der ethischen in eine zugleich ästhetische Dimension des rechten Tuns und Wissens erweitert: Das rechte Tun entfaltet sich im rechten Wissen. Die Kraft zu diesem stufenweisen Weg der Erkenntnis ist die Liebe des Häßlichen zum Schönen, des Sterblichen zum Unsterblichen, des Schlechten zum Guten. Es ist Begehren des Anderen, nicht des Eigenen, Begehren nach Teilhabe am Unsterblichen.
1.6.6 Das androgyne Kugelwesen und die Liebe
Der Mythos des Aristophanes im 'Symposion', nach dem der e)/roj die Suche nach der verlorenen Hälfte des ursprünglichen doppelmenschlichen Kugelwesens ist, mannmännlich nach der Sonne, fraufraulich nach der Erde und androgyn nach dem Mond, deren himmelsstürmende Hybris Zeus' Götterversammlung mit der Schwächung durch Halbierung bestrafte, versteht das Wesen der Liebe als Sehnsucht nach der verlorenen Ganzheit, dem Ursprung.[1661] Die Liebe will die Verletzungen der Trennung heilen, ist a)pokata/stasij, restitutio in integrum. So wird e)/roj zugleich die Sehnsucht nach der embryonalen Einheit, dem primärnarzißtischen Einssein der präexistenten Seele mit ihrem göttlichen Ursprung. Die Liebe ist Sehnsucht nach der verlorenen eigenen Ganzheitlichkeit, welche die volle Wahrheit des Subjekts darstellt. Die sexuelle Leidenschaft ist Abbild der Leidenschaft für die innere Wahrheit als Erkenntnis der Ideen. Beide können bis an den Rand des Wahnsinns reichen. Der e)/roj strebt nach innigster Entsprechung, Seelenverwandtschaft, seelischer Einheit, deren Abglanz lediglich die sinnliche körperliche Vereinigung ist. Die Einheit von Erkennen und Lieben mit dem ganzen Körper und ganzer Seele, die das hebräische (adfy beinhaltet, ist hier vom Dualismus zwischen Materialität und Idealität, Körperlichkeit und Wesenhaftigkeit durchwaltet.
Ein Urmenschmythos wird auch in der Politeia zur Metapher vom Staat als Makromensch umgebildet: »Der Staat ist der Mensch im Großen und der Mensch der Staat im Kleinen.«[1662]
1.6.7 Die Weltseele im Timaios und den Nomoi
Platon redet erstmals im Timaios von einer Weltseele, die vom Demiurgen nach harmonischen Zahlenverhältnissen geschaffen wurde. Von der Ebenmäßigkeit der Planetenbahnen (periwdoi/) schließt Platon auf die Vollkommenheit der sie bewegenden Seele.[1663] Die Welt in ihrer Schönheit ist Abbild eines vom guten Weltwerkmeister (93mal dhmiourgo/j) aus dem Chaos der Dinge zur Vollkommenheit geordneten Welt-Urbildes. Es gibt Anklänge an Parmenides mit dem Dualismus von unteilbarem, unvergänglichen Sein und materiellem, individuiertem Werden, Welt der Wahrheit und Welt des meinenden Glaubens.[1664] Weil das Schönste nur als Vernunftbegabt-Lebendiges sein kann, pflanzt Gott dem Weltkörper als der Gesamtfülle alles Lebendigen mittig eine Seele ein, die den Körper durchdringt, umfängt und äußerlich umgibt, und dieser die Vernunft.(30b) Dies Möglichkeitsgesamt von Leben ist unvergängliches Himmelsurbild.(31b) Der All-Leib ist in seiner vollkommenen Kugelgestalt aus Feuer und Erde mit Wasser und Luft als Bindemittel in arithmetischen Proportionen nach der Logik der Zellteilung geschaffen. Seine werdend-vergänglichen Einzelteile sind berührbare Körper.(31b-32b) Die Aufnahme von Empedokles sfai=roj-Mythos weist auf orphische und die indoiranische Urmensch-Tradition.[1665] Die Weltseele ist zwischen dem unwandelbaren Urbild-Sein und dem vergänglich Individuiert-Sinnlichen das Dritte, beides planetenkreisbahnartig, logisch-vernünftig umgreifend und in sich vermischend.(34b-35b) Die Einzelseelen haben metempsychotische Umlaufbahnen.[1666] Der Weltwerkmeister will das lebend-werdende Weltganze zum Abbild des Unvergänglichen machen; seine urlogischen, zahlenmäßig (Pythagoras) proportionieren Planetenumlaufbahnen generieren die Zeit als ewiges Abbild der Unendlichkeit des Einen; so ergibt sich das Weltjahr aus ihrem Zyklus. Schöpfungsziel ist die Vollendung als schrittweise Annäherung der Materie-Welt an die Urbildwelt.(39e) Nach Planeten und Zeitzyklus schafft Gott als weitere Urbild-Momente vierfaches Leben: Götter, Flug- Wasser- und Landtiere.(39e-41d) Pro Stern wird eine mit ihm assoziierte Menschenseele geschaffen und über das Schicksal belehrt, chancengleich werden sie erst mal Menschen, nach dem ersten Leben dann entsprechend ihrem Wandel anderweitig verkörpert, zur Strafe z.B. auch als Frau.(41d-42c) Daß feige und böse Männer zur Strafe im zweiten Leben als Frauen wiedergeboren werden[1667], offenbart Misogynie als Kehrseite der Homophilie, vor allem aber die Lehre vom analog zur Planetenbahn kreisenden Umlauf unsterblicher Seelen in wechselnden Körpern. Die Götter bekommen Macht, die planetar rotierenden Seelen an jeweils vergängliche Körper zu fesseln zu einem chaotischen Gewoge und Lebensgewimmel. (42e-43c) In diesem Gewoge des Wachstums kann die philosophische Seele sich stetig festigen. (44) Platon folgt mit seiner Theorie einer sowohl Geistig-Göttliches als auch die Materie umgreifenden Weltseele Pythagoras, dessen Babylonienreise ihn mit dem astronomischen Wissen der Chaldäer ausgestattet hat. Die Astrologie ist kombiniert mit dem iranischen Grundsatz einer vorgängigen geistigen Welt vor der Entstehung einer durch Trug verblendeten materiellen Welt.
Platon beschreibt im Timaios 41 das All und die Lebewesen als durch die Seele zusammengehalten. Die Seele ist wie das All ein Gemisch im krath/r des Demiurgen: Ewiges Sein im unsichtbaren, unveränderlichen Reich der Ideen versus veränderlich-zeitliche Materie. Die zuerst geschaffenen rechtskreisenden Fixsterne präsentieren das ewige Sein, die linkskreisenden Planeten der Zodiakbahn die Veränderlichkeit. Nach der Erschaffung dieser sichtbaren himmlischen Götter und der anderen göttlichen Wesen war noch Seelensubstanz im Mischkrug übrig. Hieraus schuf der Weltschöpfer die Seelen der Menschen und Tiere. Die niedrigeren Götter formten dann in seinem Auftrag aus den Elementen die Körper für die Seelen. Bevor die Seelen verkörpert wurden, wies der Weltschöpfer jeder Seele ihre Heimat auf einem Fixstern zu und erklärte ihnen das Gesetz, dem sie unterstehen: Von den Fixsternen, der Region des immer Gleichen, kommen die Seelen auf die Planeten, wo schon das vom Ewigen Verschiedene regiert; von den Planeten steigen sie auf die Erde hinab und werden in einen Körper gefügt. Dort werden sie Schmerz, Lust, Verlangen, Furcht und Zorn empfinden; wer diese Affekte überwindet und gerecht bleibt, dessen Seele wird nach dem Tod zu ihrer Heimat, auf ihren Fixstern zurückkehren; wer von den Leidenschaften überwunden wird, dessen Seele wird nach dem Tod nicht frei, sondern muß erdwärts und gar in einem Tierkörper hausen.[1668]
Plotins 2. Enneade handelt im 1.Traktat über den Kosmos und das Himmelssystem, welches Sphäre auch der Seelen und unsterblich ist. Er spricht mit Berufung auf Platon und Aristoteles von der Superiorität Gottes, dem ersten Beweger des ewigen Weltalls, in dem über der Erde eine Vielzahl von Himmeln existieren. »Die Himmelsordnung ist von Gott, die lebendigen Dinge auf Erden von den Göttern stammen von Gott, und es ist Gesetz, daß der Ursprung Gottes ewig ist. Kurzum, die himmlische Seele - und unsere mit ihr - entspringt direkt aus dem Demiurgen, während das tierische Leben auf Erden nach dem Abbild geschaffen ist, was von der himmlischen Seele ausgeht und gewissermaßen von ihr niederfließt. Eine Seele minderen Grades also reproduziert in der Tat die einer aus der göttlichen Sphäre, aber schwächer um so viel sie niedere Materie in einem niederen Bereich ist. Die Substanzen ihrer Erzeugung sind vergänglich. Mit solchem Ursprung können die Lebewesen dieser Welt nicht ewig leben. Die materiellen Bestandteile sind nicht so dauerhaft gemacht als wenn sie direkt von Prinzipien höherer Ordnung beherrscht würden. Die Himmel dagegen müssen Dauer haben als Ganzes und dies bringt die Dauerhaftigkeit der Teile mit sich, der Sterne, die sie enthalten. Wir können uns nicht vorstellen, daß ein Ganzes persistiert, dessen Teile vergehen. Natürlich unterscheiden wir sub-himmlische Dinge von den Himmeln selbst, deren Bereich sich faktisch nicht bis hin zum Mond erstreckt. Unser eigener Fall ist anders: physikalisch sind wir geformt von der irdischen Seele, die fortgegeben ist (nicht direkt von Gott, aber) von den göttlichen Wesen in den Himmeln und von den Himmeln selbst.«[1669]
Diese Lehre der Emanation des Irdischen aus dem Göttlichen hat einen ganz entscheidenden Einfluß gewonnen auf die Meta-Physik des Zostrianos. Auch hier ist eine ganze Reihe von Stufungen zwischen dem Göttlichen und der Materie. Je tiefer zur Materie hin ein Himmel unter Gott liegt, desto getrübter sind die göttlichen Anteile in ihm, desto gebrochener ist seine Dignität, Schönheit und Wahrheit, seine Unvergänglichkeit und Reinheit. Eine solche Stufenlehre zwischen göttlichem Eidos und irdischem Abbild hat Platon nicht entwickelt, auf den Plotin sich beruft; diese Himmelsstufung ist wohl eher den Lehren von den sieben Himmeln in der apokalyptischen Literatur von der Art des Henoch, Baruch, Jesaja und Abrams entliehen, in denen die drei iranischen Himmel erweitert wurden um die astronomischen sieben Himmelssphären der chaldäischen Tradition, wie sie auch im Mithraskult aufgenommen sind und auch dort unter platonischem Einfluß.[1670]
Die Idee der Emanation (a)porroh/), des Ausfließens von Licht aus Licht, Geist aus Geist, Wahrheit aus Schweigen, Äonen aus einem fremden, allerersten Äon, in der Gnosis konstitutiv für die Entstehung der Welt, deren mißratenes Endprodukt dann die materielle Sinnenwelt ist, diese Idee entstammt wahrscheinlich zeitgeschichtlich dem platonischen Denken, welches den Hellenismus prägte. Dieses aber verdankt sich in entscheidender Weise den Vorsokratikern Heraklit, Anaximander, Pythagoras und Empedokles.[1671] Diese wiederum sind geprägt vom persischen Geist, der mit den Magiern des erstarkenden Perserreichs nach Hellas drang. Die zervanistische, babylonisch beeinflußte Lehre von der zyklischen Zeit, in der zunächst alles nur als geistige Welt existiert und erst nach langen 3000 Jahren in einen materiellen Zustand überführt wird, und neben ihm weiter existiert, verdankt sich der schamanischen Wahrnehmung der geistigen Welt als einer neben der körperlichen Welt existierenden. Zaraθuštras und Heraklits Ursubstanz Feuer, die Miθra-Sonne, Lichtenergie als ungeteilte Grundsubstanz allen Seins ist nicht nur naheliegend durch die sengende Sonne des orientalischen Klimas, sie entspricht auch den Todeserfahrungen eines Tunnels mit reinem weißen Licht am Ende und einer großen Leichtigkeit bei ihrem Anblick.[1672] Daneben sind auch die Göttergenealogien der großen Religionen des Orients prägend gewesen: Ein erster Gott zeugt wiederum Götterkinder, die sich oft gegen ihn auflehnen und eine weniger gute Lebensweise etablieren.[1673]
Im Spätwerk, den Nomoi, ist wieder von der Weltseele die Rede, welche in allen Dingen einwohnt und waltet.[1674] Der biedere Kleinias redet mit einem Athener (=Platon). Der Athener nimmt 896e mindestens zwei Seelen an, eine gute und eine böse. Dieser Dualismus, im Timaios noch nicht prägnant, entspricht dem Kampf von Ohrmizd und Ahriman. Die Weltseele ist entweder in der Sonne verkörpert oder in einem eigenen Luft- oder Feuerleib[1675] oder in der Vielzahl der Körper aller lebenden, dh sich bewegenden Wesen. Egal, wie die Weltseele verkörpert ist: aufgrund der Vollkommenheit der Sternbahnen muß sie vollkommen sein.[1676] Alles ist in Bewegung, also ist alles beseelt, also ist alles voller Götter, so folgert Platon, Thales zustimmend.[1677] Werden und ewig strömendes Sein als Folge der Beseelung des Kosmos mit der Weltseele sind für Platon nicht mehr der Gegensatz, den sie für Parmenides bilden. Die Planetenbahnen sind gesetzmäßige, logosdurchwaltete, ewige Bewegungen und nicht, wie Anaxagoras[1678] lehrte, leblose Materie im Wirbel des Äther.[1679] Seele ist apriori mit Bewegungsbeginn des Kosmos, ist unsterblich[1680] und ewig, wie die Bewegung der Sterne unaufhörlich ist, und über alle Körper herrschend; ihre Vernunft waltet mathematisch wie musikalisch-harmonisch in den Planetenkreisbahnen - dies ist eine pythagoreische Theorie im Diskurs Platons.[1681] Während die Pythagoreer aber laut Geminos aus der postulierten Göttlichkeit der Gestirne (Babylon) auf deren harmonisch-mathematischen Lauf schlossen, folgert Platon umgekehrt aus der mittlerweile nachgewiesenen Harmonie der Sternläufe auf die Göttlichkeit. Im Phaidros 245c ist Seele unsterblich, weil sie sich aus sich selbst heraus in Bewegung setzen kann.
1.6.8 Das Nichtsein als Seinsform: Sophistes 240b
& 254d,
Parmenides 162a
In Sophistes 240b wird das Bild von etwas als Seiendes, als »das einem Wahren ähnlich gemachte Andere« dieses Wahren verstanden.[1682] Zugleich ist das Bild aber immer auch nicht das Abgebildete: Eine Statue des Mädchens ist nie dieses persönlich, wie der Kußtest beweist. Es ist als res significanda nie res significata. »CE. Ou)k o)/ntwj ou)k o)\n a)/ra le/geij to\ e)oiko/j, ei)/per au)to/ ge mh\ a)lhqino\n e)rei=j. - Also für nicht wirklich nicht seiend erklärst du das Scheinbare [Bild], wenn du es doch als nicht wahres beschreibst?« fragt der Fremde und folgert: »Ou)k o)\n a)/ra ou)k o)/ntwj e)sth\n o)/ntwj h(\n le/gomen ei)ko/na! - Nichtseiend also nicht wirklich ist wirklich das, was wir ein Bild nennen?« Das Bild ist Phantom, weder Nichts noch das wirkliche Wahre, was es abbildet. Das Bild vertritt das fehlende Abgebildete durch dessen Repräsentation. Es ist nicht das Mädchen, welches es darstellt und verherrlicht.
Nun gibt es aber die Täuschung und Lüge, in der als wahr behauptet wird, was nicht ist. Im Trugbild der Täuschung wird etwas Seiendes, was in Wahrheit nicht ist. Das Trugbild ist ein Nichtsein dessen, was es eben nicht ab-bildet, sondern her-stellt. So läuft es auf den Satz des Parmenides hinaus, »daß sowohl das Nichtseiende in gewisser Hinsicht ist als auch das Seiende wiederum irgendwie nicht ist.«[1683] Damit jedoch begibt man sich eines Kriteriums, die Lüge als falsch, ihr Trugbild als Nichtsein eines ihr entsprechenden Urbildes zu diskriminieren. Denn auch die Trugbilder, Lügengeschichten und virtuellen Welten haben ein Sein. Aber dieses Sein ist nicht das Sein dessen, was sie behaupten oder abzubilden versprechen, es ist im Sein des Trugs das Nichtsein des vorgestellten Sachverhalts. - In 254-257 geht es um Bewegung und Ruhe als zwei Formen des Seins. Beide schließen einander aus, sind aber beide als voneinander verschiedenes, so daß auch die Verschiedenheit ein Seiendes ist. Wenn Ruhe ist, ist keine Bewegung, Bewegung also nichtseiend, und umgekehrt. Die Verschiedenheit impliziert notwendig somit das Nichtsein des jeweils anderen. Die Bewegung mit ihrem Nichtsein von Ruhe als einem Seienden ist zugleich also ein Seiendes und ein Nichtsein von etwas, eben der Ruhe. Also fusionieren in der Verschiedenheit Sein und Nichtsein. Da es aber nicht nur Etwas und dessen Gegenteil gibt, sondern dritte Seinsmöglichkeiten, kann man Sein nie nur als Nichtsein seines Gegenteils beschreiben, sondern als ein Nichtsein von alldem, wovon das jeweils Seiende verschieden ist.
Im Parmenides 162a geht es um das Viele-Sein, das Nichtsein des EINEN, das Gegenteil des Einen, Wahren, Unbeschreibbaren: to\ e(\n ou)k o)/n, das Eins-Nichtseiende. Also um das Vielerlei der in Täuschungen und Verschiedenheit existierenden Sinnenwelt. Diese Welt der Sinne, des Sagens und Meinens ist erkennbar aufgrund von Ähnlichkeiten und Gleichheiten, ist diversifiziert, unterscheidbar ihre Einzelteile in Größe, Proportion, Verhältnis zu anderen Teilen, Beständigkeit und Modifikation. Hier ist das Sein des einen Teils implizit schon immer das Nichtsein der anderen Teile und doch auch wieder nicht. Wenn dieses to\ e(\n ou)k o)/n »nicht Nichtseiendes ist, sondern vom Sein etwas nachläßt zum Nichtsein, dann ist es auch ein Seiendes. Es muß also ein Band haben mit dem Nichtsein, nämlich das Nichtseiend-Sein, wenn es nichtsein soll; auf ähnliche Art, wie auch das Seiende das Nichtsein das Nichtseienden haben muß, damit es vollständig sei.«[1684] Das Band zwischen göttlichem Eins und weltlicher Vielheit ist der Ausschluß des je anderen; nur eine dieser beiden Seinsformen kann zu je einer Zeit gelten. Für das EINE gelten die Bestimmungen des Vielen nicht, es ist jenseits von Werden und Vergehen, Bewegung und Ruhe, Größe, Gleichheit, Ähnlichkeit, Verschiedenheit, Erkennbarkeit, Benennbarkeit.(163b-164b) Auch hier gelangt der Beweisgang zu der negativen Theologie, daß von Gott nichts zu sagen ist, was sein Sein beschriebe.
1.6.9 Geist und Materie als theologisches Problem
Der indoeuropäisch-platonische Dualismus von geistigem und materiellem Sein hat das Abendland flächendeckend affiziert: Gott als in geschichtlicher Dialektik der Evolution übers Unbewußt-Leibliche zu menschlichem Bewußtsein gelangende Tendenz-Latenz oder Intentionalität der Materie ist mythisch begriffen in den makrokosmischen Urmensch-Spekulationen: Gott macht aus sich selbst die Welt und ist somit der Welt immanent, mit ihr eins.
Biologisch stimmt die Urbildtheorie auf eine durch und durch materielle Weise: Genetische Idee und somatische Realisation entsprechen einander wie Urbild und Abbild. Das Urbild des genetischen Codes der DNS-Strukturen in den Erbinformationen ist invariant gegenüber den körperlichen Ausformungen in Proteinen. Die besondere Körpergestalt, die wir wahrnehmen, ist die strenge Realisation ihrer Erbinformation, ihrer Idee in DNS-Form.[1685] Das Somatische enthält eine präexistente Komponente, zumindest ontogenetisch. Aber sie ist phylogenetisch in und aus der Materie gewachsen, die zu formen ab ovo sie die Macht hat.
Der galaktische Mikrokosmos Erde, Spezies Mensch muß zwar Christogenese als universale Heiligung allen Lebens erst in mühevoll erarbeiteter, erkämpfter und erlittener Verheimatung der Erde aus dem finsteren Chaos und gähnenden Schlund der Ohnmacht gegenüber den rohen Kräften der Naturgewalten, auch den innerseelischen, zu einem behausten Netz von Solidarität, Liebe, Gerechtigkeit und Frieden durchlaufen, aber er hat dieses Ziel als eine Art Kollektivtrieb der Herdenwesen genetisch engrammiert: dies ist auf einer behavioristischen Ebene gesehen der gute Hirte, Gott als organismische Tendenz des Nestbaus, der Beelterung, mutueller Fürsorglichkeit und weltinnenpolitischer Koalitionswilligkeit, aller strukturellen seelischen, juristischen, wirtschaftlichen Gewalt finsterer Nationalismen und Egozentrismen als Neuauflage des teuflisch stinkenden Ahriman zum Trotz.
Mag dieses Inkarnation dessen sein, was Platon Weltseele nannte, kosmisches Formprinzip mit subjektiver Intentionalität, so bleibt aber ein entscheidender Unterschied zur reinen Idee der immateriellen Mēnōk-Welt des parmenidisch-platonisch Wahren: Die Wahrheit, der Logos, die Naturgesetze als Abstraktionen menschlichen Bewußtseins über die Kommunikation der Stoffe miteinander, sie haftet den Stoffen an und ist eben deshalb kein immateriell-geistiges Phänomen, sondern die geistige Entsprechung und Ausdrucksform zu einem materiellen Phänomen. Wahrheit, Logos, ist nicht jenseits der vergänglichen Sinnenwelt mit ihren Täuschungen und Verblendungen des Bewußtseins, sondern entfaltet sich mitten in dieser verblendeten Welt der Sinne vermittels eben dieser Sinne selbst. Diese Dialektik hat Platon nicht wahrhaben wollen und Parmenides' Skepsis gegenüber der Begrenztheit und Fehlbarkeit unserer Empirie und Wahrnehmungsfähigkeit geteilt. »Durch Platon wird die Wirklichkeit entwirklicht zugunsten einer unkörperlichen, unveränderlichen Überwelt, die als primär gelten soll; das Ich konzentriert sich auf eine unsterbliche Seele, die im Körper fremd und gefangen ist. 'Flucht aus der Welt' ist eine Losung, die tatsächlich bereits bei Platon steht.«[1686] Da das Böse untilgbar als Gegensatz des Guten unter den Menschen herrscht, nicht aber unter den Göttern, muß man es meiden durch fromme Verähnlichung mit den Göttern in tugendhaftem Leben.[1687]
Nur aufgrund unserer begrenzten Sinne waren wir in der Lage, Instrumente zu entwickeln, mit denen wir Wahrnehmungen machen können, die die Bandbreite unserer Sinne wesentlich überschreiten. Nur aufgrund unserer Sinne gelangen wir zur Wahrheit unserer eigenen inneren Natur, unserer Wünsche, Bedürfnisse und Intentionen. Nur aufgrund unserer Sinne können wir die Welt im Sinne der Kalokagaqi/a Platons gestalten, d.h. als Gestaltung der Welt, die der Natur ihre Würde zurückspiegelt in der zweiten Natur menschlicher Zivilisation und Enkulturation.
Der Irrtum Platons lag nicht in der Annahme von Ideen, von Wahrheit, Schönheit und Güte, sondern ihrer Diastase zu der Welt, in der wir leben und uns hineingeworfen sehen ohne irgend einen Ausblick oder Vorschein dieser Idee des Wahren, Schönen und Guten. Das Rettende, das Heil ist nicht dieser Alltäglichkeit transzendent in einer nur geistig erreichbaren und nur geistig bleibenden Sphäre philosophischer Imagination, sondern entspringt in allen seinen Momenten der Vermittlung durch eben die Alltäglichkeit, die es transzendiert. Gegen Parmenides: Ohne den im Trug lebenden Zimmermann kein Haus, das den Philosophen vor Sonne und Kälte schützt. Jede schamanische Reise endet wieder am Ausgangsort des Alltagslebens, an dem sie zustandekam. Um es mit Hadōxt-Nask 2f zu sagen: Noch im rein geistenen Mēnōk-Sein bekommt man Frühlingsbutter zum Einstand, flirtet man mit einem Mädchen und genießt die Wohlgerüche und den Festschmaus. Die iranische Geisteswelt war noch sehr sinnenfreudig und sah das geistige Sein nicht als Vernichtung des materiellen, sondern als ergänzende Entsprechung. Darum gilt es für die Weltflüchtigen und Liebhaber der Ideen, sich der Vermittlung ihrer Ideen bewußt zu bleiben und sie rückzubeziehen auf eben den Trug, dem die Wahrheit entwuchs. Ohne Trug keine Wahrheit. Heisenbergs Unschärferelation und das Paradox von Korpuskel und Welle als Gültigkeit sich gegenseitig ausschließender Sätze und Perspektiven zeigt, wie trügerisch alle Fortschritte der Erkenntnis auf dem Weg zur Wahrheit sind. Irrig wäre zu meinen, dies unterlaufe nur den exakten Naturwissenschaften. Auch die Religionsgeschichte hat Merkmale der Postmoderne: ein Zugleich multipler Perspektiven in schroffer Unvereinbarkeit. Die Divergenz der Konfessionen des christlichen Glaubens erlaubt keiner einzigen die Behauptung, Wahrheit zu lehren. Da sie alle auf eine vorgängige geistige Wahrheit sich berufen, die ihnen angeblich geoffenbart sei, ist wohl die Erkenntnis des Wahren, Guten und Schönen durchaus nicht so trugfrei, wie Platon es glauben machen möchte. Indes zehrt von seinem Idealismus das gesamte Legitimationsmodell der christlichen Dogmatik, die niemals den eigenen Sinnen der Menschen getraut hat und damit jeder Verblendung offen stand.
Es geht nicht um die Auswanderung aus dieser Welt ins Reich Gottes als eine himmlische Gestirnswelt, sondern um die Niederkunft des himmlischen Jerusalem auf dieser Erde, um das Zimzum, die kabbalistische Einwohnung Gottes in der Welt, um die Entfaltung der Wahrheit und Erhellung der Klarheit der Kinder Gottes mitten in der Finsternis dieser chaotischen Welt. Eben diese Fluchttendenz haben nicht nur Theologie und Kirche, sondern oft auch die New-Age-Bewegung und die unüberschaubaren Arten der Psychotherapie als Arsenale einer käuflichen heilen Welt der Akzeptanz im Kontinuum universaler Verwertung der Menschen. Sie reicht bis hin zum TV-Trend zu Fantasy und Science-fiction als moderner Himmelsreise.
Was gegen den Okkultismus gemünzt ist, dessen Geister durch Tische-Rücken antanzen sollen, gilt generell für die zunehmende Teilhabe der Menschen an virtuellen Welten: »Die großen Religionen haben entweder, wie die jüdische, die Rettung der Toten nach dem Bilderverbot mit Schweigen bedacht, oder die Auferstehung des Fleisches gelehrt. Sie haben ihren Ernst an der Untrennbarkeit des Geistigen und Leiblichen. Keine Intention, nichts „Geistiges“, das nicht in leibhafter Wahrnehmung irgend gründete und wiederum nach leibhafter Erfüllung verlangte. (...) Reinlich soll die Seele aus dem Staub sich machen, um in lichteren Regionen ihre eifrige Tätigkeit stracks an der gleichen Stelle fortzusetzen, an der sie unterbrochen ward. In solcher Unabhängigkeitserklärung aber wird die Seele zur billigen Imitation dessen, wovon sie falsch sich emanzipierte. Anstelle der Wechselwirkung, wie sie noch die starreste Philosophie behauptete, richtet der Astralleib sich ein, die schmähliche Konzession des hypostasierten Geistes an seinen Widerpart.«[1688]
Luther
preist in seinem Traktat »de libertate christiana«
die Freiheit der inneren
Seelen-Natur des Christenmenschen gegenüber seiner
äußeren leiblichen noch
während der Folter: »was schadet das der Seele,
wenn der Leib gefangen, krank und matt ist, hungert, dürstet
und leidet, wie
er's nicht gerne wollte? Von diesen Dingen reicht keines bis an die
Seele, um
sie zu befreien oder zu fangen, gerecht oder böse zu machen.«[1689]
Luther
identifiziert
sich als wöchentlich hart geschlagenes Kind mit dem
Agressor-Vater und optiert
im Bauernkrieg für das Niedermetzeln der Aufrührer.
So sehr affiziert das
Schlagen des Lutherleibes die Lutherseele. Einstige Opfer von
Kindesmißhandlung
und Mißbrauch werden oft selbst Täter. So zeigen
Frankls Therapien mit
KZ-Opfern und heutige Psychotherapien mit Folteropfern, daß
die Seele zerstört
wird durch den Schmerz des Leibes.[1690]
Der
Geist ist in der Materie
des Lebens entstanden als zerebrales Funktionsarsenal des
Überlebens durch
Regulation des Stoffwechsels, durch eben den er selbst erzeugt und
erhalten
wird.
Das auf ein ideelles Seins hinter dem Schleier des Vorfindlichen ausgerichtete Erkenntnismodell ist mit der Einführung des Ideals des Guten apriorisch ein ethisches Modell. Erkenntnis zielt auf die Überwindung des Bösen, zu dem die Triebhaftigkeit des einfachen leiblichen Seins geschlagen wird. Mit Freud: die Es-Triebe sollen den Ich-Trieben unterworfen werden, wo Es war, soll Ich werden. Sublimierung der niederen Natur des Leibes soll die Kraft des Guten und Schönen in der Seele entsprechend ihrer präexistenten Selbstbestimmung fördern helfen; die reine Seele hat sich von der Macht der Lüste emanzipiert und sieht sich damit dem Bösen entkommen.
Mit der Konstruktion einer vorgängigen Selbstbestimmung der Seele im vorgeburtlichen Reich der Ideen im Anfangsstadium der Metempsychosen hat Platon einen transzendentalen Ausgangspunkt des Ego zum Leitbild der ethisch motivierten Erkenntnisbewegung gemacht. Was den Mysterien Weihe und Purgation, ist Platon der Erkenntnisvollzug als kathartisches Unterfangen. Ziel des Lebens ist, die ursprüngliche Selbstbestimmung der Seele zu erkennen und ihr zu entsprechen. Dabei ist allein die reine Erkenntnis selbst die Weise, dem Guten und Schönen zu entsprechen. Genau diese Entsprechung ist Wahrheit.
War Platons Refugium der seelischen Wahrheit die präexistente Selbstbestimmung, so wird es bei Freud die Aufhellung der frühkindlichen Intentionen in ihrem verlorenen Kampf mit der harten Not des Lebens, der Realität, sein; das Realitätsprinzip als gesellschaftliche Gewalt an und später in den Individuen ersetzt den Ideenhimmel und Ich-Bildung vollzieht sich in der Dialektik von Trieb und Gesellschaft zu einer überlebensfähigen, arbeits- und genußfähigen Synthese, die es nicht vorab als Fixum gibt, sondern als zu erarbeitendes, zu erkämpfendes Produkt.
Genußfähigkeit
heißt aber eben auch, den Trieben ihren
Tribut zu zollen, ihre Befriedigung zu unterstützen:
Sexualität, Essen,
Schlafen. Beide Male steht der Körper unter dem Primat des
Ichs, der Geist
reitet den Körper, das Ich regiert das Es. Die Entwertung des
Körpers zum Instrument
der Lebensfristung setzt sich unmittelbar im neuzeitlichen
Körperkult fort: Die
Brustvergrößerung kostet soviel wie ein Kleinwagen
und läßt sich beruflich für
das zehnfache vermarkten; also rechnet sie sich. Die Anbetung der
Genitalien
schlägt um in die totale Kontrolle der Genitalien und ihrer
Nebenzonen. Der
Körper ist ein Vorzeigeobjekt und das Subjekt stylt seinen
Körper in einer
universalen Selbsthabe. Der Orgasmus auf Kommando wird
schließlich zur
perfekten Kastration der leiblichen Autonomie, der Selbstregsamkeit und
Feinfühligkeit dieses koenästhetischen
Kommunikationsgiganten mit einem
grandiosen Arsenal an Gespürnuancen und Ausdrucksfacetten. Die
Tradition des
abendländischen Geistes als Gewalt gegen den Leib, als
Selbstabspaltung vom
Leib, als Resultat einer Dissoziation, reicht von Platon
über die monastische Kasteiung bis zum
Körperkult der Reichen und Schönen heute. Es zielt
auf die Unterbindung von Leidenschaft,
tiefer Sinnlichkeit, wahnsinniger Ek-Stasis und einem Ruhen in den
eigenen
Leibwahrnehmungen, Sehnsüchten und Bedürfnissen. Das
macht fungibel für die
meisten Arbeitsprozesse, die kommandierbare Mitarbeiter
benötigen. Und es macht
krank, seelisch und körperlich. Darum ist die Abspaltung des
Körpers als etwas
Sekundäres, Nebensächliches das Spiel, in dem die
Unterdrückung überhaupt
eingeübt wird und die strukturelle Gewalt der
Weltgesellschaften ihren
biographischen Anfang nimmt, der im Völkermord
schließlich immer wieder seine
Höhepunkte findet. Wir
sind Leib, beseelter Leib. Dem verleiht der Geist Ausdruck. Geist ist
expressiver und handelnder Leib.
Sind nach Paulus Rm 12 Leiber Gottes Tempel, so sind Triebe heilig. Nicht deren Unterdrückung, sondern Erfüllung ist die Erfüllung der Idee von Schönheit und Gutem als der letzten Wahrheit des Menschen: Wer glücklich ist, ist schön, erstrahlt in innerer Schönheit. Erst das Schließen einer offenen Gestalt führt zur Klarheit, zum Klarbewußtsein[1691], und Verblendung ist nicht die Intentionalität des Lustprinzips, sondern deren Verwässerung durch ideologische Entwertung der fundamentalen Bestimmung des Menschen, ein bedürftiges, ein immer wieder wollüstiges, hungriges und müdes Wesen zu sein wie alles Leben auf dem Planeten Erde. Husserls Intentionalität entspricht dem Gang von Phänomenen zu Strukturen, die sie ver- und entbergen zugleich, und Gehlens Mängelwesen-Anthropologie[1692] entspricht nicht nur Freud mit der Nesthocker-Hypothese anfänglicher Hilflosigkeit des Menschenbabies[1693], sondern dem ewigen Hin und Her der Religionen pro oder contra Sexualität und Speiseordnungen. Lust in jeder Form bleibt Zentrum und Regulativum allen Lebens.
Wenn irgend die Rede von einer primordialen Bestimmung des Menschen ein Recht hat, dann konvergiert die platonische Kalokagaqi/a mit der Schönheit der Liebenden, Essenden und Schlafenden. Das Gute besteht nicht in der Diskrimination leiblicher Lebensvollzüge, sondern in deren Erfüllung, Bekräftigung und Bewahrung, nicht im Triebverzicht, sondern im Hören auf die Stimme der inneren Natur, der Triebe und Träume im Dunkel des gelebten Augenblicks, angefüllt mit Bedeutung und Sinn, Sinnlichkeit und Anmut. Mit Sartre kann das Unbewußte als eine bislang noch nicht bemerkte Bedeutung begriffen werden. Die psychotherapeutische Explikation des homo absconditus hellt Leibesintentionalität auf. Die a)/nw a)na/basij kai\ qe/a tw=n a)/nw in Platons Höhlengleichnis könnte als Selbsterhellung des Dunklen und als phänomenologischer Weg zu den Strukturen, dem Wesen hinter den Erscheinungen begriffen werden, als Klarsichtversuch in einer noch unklaren, sich schon aufklärenden Welt, in der sich im Morgendämmern die Frühnebel lichten. Nicht Husserls Transzendentalego klärt Sherlock-Holmes-artig die Geheimnisse des Bösen, sondern der fortschreitenden Erkenntnis des Menschen entspricht eine fortschreitende Selbstfreisetzung des Erkannten, des Verstandenen in einem tiefen Dialog mit der Natur. Das Objekt ist nicht tot, sondern antwortet und öffnet sich. Die Idee des Schönen und Guten hat ihre Wahrheit in der natürlichen Bestimmung des Menschen zum Sexualspiel, Essen und Schlafen. Alles andere dient der Sicherung dieses höchsten Gutes, ist Reich der Notwendigkeit, nicht der Freiheit, und keine Sublimierung, die ihre Kraft nicht aus diesen Grundwürden des Menschen bezöge, aus der Hoffnung auf Erfüllung dieser vitalsten Grundbedürfnisse und Grundfreiheiten, in denen der Mensch zu seiner fundamentalsten Wahrheit vorzudringen vermag. Der Friede Gottes im AT, höher als alle Vernunft, {Olf<, ist die Erfüllung der vitalsten Bestimmungen des Menschen. »Solche Bilderlosigkeit konvergiert mit dem theologischen Bilderverbot... Fluchtpunkt des historischen Materialismus wäre seine eigene Aufhebung, die Befreiung des Geistes vom Primat der materiellen Bedürfnisse im Stand ihrer Erfüllung. Erst dem gestillten leibhaften Drang versöhnte sich der Geist und würde, was er so lange nur verheißt, wie er im Bann der materiellen Bedingungen die Befriedigung der materiellen Bedürfnisse verweigert.«[1694]
Die platonische Idee einer Wissenschaft, die die Kraft zu ihrer Forschung aus dem Triebverzicht im sexuellen Bereich schöpft, scheint - aller Kritik der Aufklärung an monastischer Leibfeindlichkeit zum Trotz - im heutigen Wissenschaftsideal weitgehend realisiert zu sein: Entweltlichung und Entsinnlichung bedingen sich gegenseitig und der Weltgewinn hochspezialisierter Forschung ist selten nur einer, der der eigenen Sinnlichkeit zugute käme, wie vermittelt auch immer. Wo der Körper entsinnlicht behandelt wird, etwa in der universitären Medizin, gerät er zum Objekt eines Apparats, der in den Vivisektionen der Auschwitz-Ärzte nur seinen besonders reinen Ausdruck gefunden hat.
1.7 Die persische Religion im Judentum & in Ägypten
1.7.1 Die Mission persischer Magier und die
jüdische Apokalyptik
Die Religion der parsischen Magier übte »eine sehr spürbare Wirkung auf die Entstehung des Judentums aus, ja, einige seiner Hauptlehren verbreiteten sich durch Vermittlung der jüdischen Kolonien im ganzen Mittelmeerbecken und wurden später von der katholischen Orthodoxie übernommen.«[1695] Im Achämenidenreich war der Mazdaismus Staatsreligion geworden und die Diadochen verehrten in ihren Satrapien neben Ahura Mazdā den Miθra als Siegesgott der Herrscher.[1696] Miθra »ist der einzige iranische Gott, dessen Name im alten Griechenland populär gewesen ist.«[1697] Schon in assyrischen Keilschrifttexten aus Bibliothek Assurbanipals wird Miθra mit Šamaš als Sonnengott identifiziert.[1698] Also war 630 v.Chr. Miθra in Mesopotamien schon bekannt, längst bevor er der Gott der persischen Sieger war. Susa liegt ca. 300 km von Ur in Chaldäa entfernt, Perser und Chaldäer lebten seit dem 9. Jh.v.Chr. in enger Nachbarschaft. Beim Sieg über die Assyrer 614 sind Perser und Babylonier Verbündete und hatte so sicherlich auch Verbindungen in Diplomatie, Handel und Religion. Mit dem Sieg von Kyros II. über die Babylonier 539 v. Chr. kommen Magier in Massen ins Euphratgebiet und bilden Artaxerxes' (Artaxšatra) Verwaltungsstab.[1699] In diesen 200 Jahren persischer Herrschaft kommt es zur Fusion mit der chaldäischen Theologie, in der der medische Zervanismus durch die Astrologie der Chaldäer trotz offizieller Ächtung der Perserkönige Aufwind erhält. »Die Legenden der beiden Religionen wurden einander näher gerückt, ihre Gottheiten identifiziert, und die semitische Astrolatrie, das monströse Produkt langer wissenschaftlicher Beobachtung, begann sich über die naturalistischen Mythen der Iranier zu breiten. Ahura-Mazda wurde mit Bel verschmolzen, der über den Himmel herrscht, Anāhītā der Ishtar assimiliert, welche den Planeten Venus regiert, und Mithra wurde die Sonne, Shamash.«[1700] Mit der Hellenisierung durch Alexander wird die persische Religion ebenfalls hellenisiert. Ahura Mazdā wird Zeus, Miθra Apollo, etwa am Nemrud Dagh; Anāhītā wird Artemis. Die mazdaistische Substanz ist nicht an Gottesnamen gebunden. In Kleinasien gab es infolge der seleukidischen Umsiedlungspolitik von Antiochos III. ab 200 v.Chr. neben jüdischen Gemeinden auch Kolonien von Magiern, die aus Babylon ausgesiedelt ihre mazdäisch-chaldäisch-zervanistischen Gedanken mit hellenischen Traditionen vermischten.[1701] Grundlegend ist der indoiranische Götterdualismus: Mitra und Varuna, die beiden Herrengötter der irdisch-sozialen Sphäre, Asuras (=Ahura: Herren) gegenüber den eher kosmischen Daēvas wie Indra, Vayu oder Agni, bilden ein komplementäres Paar: Mitra schafft in lichter Morgenröte neue Kraft zur Entfaltung des Lebens, schafft ausgedehntes Weideland und so Reichtum, Freiheit, Bewegung; Varuna dagegen herrscht im ungestalteten Urmeer und der Nacht und wacht strafend und zurückhaltend über die kosmisch-soziale Ordnung, Rita.[1702] Hier findet der indo-iranische Dualismus von Licht und Finsternis seinen Ausdruck. Varuna ist im Iran »als Ahura, der Herr, schlechthin geehrt worden, und Mithra ist überall geehrt worden, solange die alte iranische Religion bestanden hat. Die Dämonennamen Indra und Nanghathya im Vendīdād sind sicher ein Zeugnis dafür, daß die Iraner einmal Indra und jedenfalls den einen Nāsatya als Gottheiten verehrt haben... Den beiden indischen Göttergruppen, den Asuras und den Devas, entsprechend finden wir im Iran Ahuras und Daēvas.«[1703] Beide werden als Ganzheit verehrt, als Einheit der Gegensätze. Dieser Gegensatz wird die zentrale Kategorie der Apokalyptik. Vayu, Atar (indisch: Agni) und Haoma (indisch: Soma) sind ebenfalls gemeinsam: »Das heilige Feuer ist Zeuge der Opferzeremonie und manifestiert die Gegenwart der Gottheit. Der Opfertrank war der gefilterte, mit Wasser und Milch vermischte Saft einer Pflanze, die die Inder Soma nennen und die Iraner Haoma.«[1704]
Kyros II. (539-29) hatte nach Sieg über Babylon 538 eine außergewöhnliche Milde an den Tag gelegt. Tatsächlich begleiteten diesen Machtwechsel nicht wie gewöhnlich Deportationen und Hinrichtungen, sondern Kyros ordnete »eine weitgehende Restitution der verschiedenen alten Kulte und eine Repatriierung von Göttern und Kultgeräten der Länder Babyloniens und Sumers an« (Kyroszylinder).[1705] Vermutlich wurde dies aber erst nach Konsolidierung der 20 persischen Satrapien unter Dareios I. (521-485) realisiert, als nach Kambyses' Tod während der Revolte der Magier Smerdis und Gaumata[1706] gegen Kyros II. um 520 Haggai und Sacharja die Wiederherstellung des Jerusalemer Tempels forderten.[1707] Er wurde 515 fertig.[1708] Die desolate Situation im Zentrum der persischen Satrapien löst sofort nationalistisch-eschatologische Hoffnungen und Separationen bei den Exilheimkehrern aus, die ja zur Oberschicht Judas gehörten und entsprechende Machtgelüste hatten entwickeln können.[1709] Da eine nationale Autonomie im Spannungsfeld der Großreiche unmöglich war, formierte sich die messianische Hoffnung Theokratie, in der die Priesterschaft einen Machtzuwachs erzielte.[1710] Die Zadokiden als Hohepriester füllen die Lücke des völkischen Königs, der durch den persischen Satrapen ersetzt war. Xerxes hatte nach den Feldzügen gegen Griechenland 480f v.Chr. Babylon grausam zerstört, den Marduktempel Esagila mit der Zikkurat geschleift und die Satrapie Babylon zu Assyrien geschlagen. Juda gehörte danach zur Satrapie Transeuphratene und war zufrieden mit dieser späten Rache an Babylon.
Die Magier werden als Lehrer der Brahmanen gesehen: »Klearch von Soli sagt in seinem Werk „Über Erziehung“, die Nacktweisen (= indische Brahmanen) seien die Nachfahren der Magier. Einige halten dafür, daß ebenfalls die Juden von diesen abstammen.«[1711] Von den Brahmanen stammen laut Aristoteles die Juden ab.[1712] Hier ist die indoeuropäische Wurzel von Avesta und Rigveda erfaßt. Was aber ist an der Bemerkung triftig, auch die Juden stammten von den Magiern ab? Hier kann keine ethnische, sondern nur religiöse Beeinflussung gemeint sein. Diese kam nicht direkt aus Persien nach Israel, sondern über das Exiljudentum Babylons, wohin sich im Troß von Kyros II. persische Magier in beachtlicher Zahl begaben. Die chaldäische Astrologie wurde von ihnen zum zervanistischen Periodenschema resorbiert, welches bereits im Danielbuch erkennbar ist. Wenn in allen Satrapien des persischen Großreiches schreibkundige und gebildete Magiergruppen als Verwaltungsstab die Loyalität der Reichsteile sicherten, war es undenkbar, daß nicht mit den rückgesiedelten Exiljuden Babylons auch Magiergruppen zur Neugestaltung Israels mitgekommen sind, deren Einfluß wohl wesentlich höher zu veranschlagen ist, als in Esra und Nehemia deutlich wird. Esra 4,7 schreibt ein Jerusalemer Gremium an Artaxerxes I. (464-423 Artaxšatra = )fT:&a$:xaT:ra) Esra 7,11ff) in dem ein anderer Mithridates (tfd:r:+im) eine zentrale Stellung hat als der 1,8 erwähnte Schatzmeister des Kyros II. Dies war sicherlich ein hochrangiger Perser. Die von den Babyloniern in Jerusalem angesiedelte Verwaltungselite aus Erech, Babylon und Susa (4,9f) amtiert nach dem Fall Babylons weiter in Jerusalem in persischem Dienst, und äußert 4,12-16 Besorgnis über den erstarkenden jüdischen Nationalismus, der bis zur Verweigerung von Steuerzahlungen an die Perser zu gehen droht. Wenn aus dem seit Dareios I. um 500 zur Perserhauptstadt ausgebauten Susa „Elamiter“ in Jerusalem regieren, sind dies keine von Nebukadrezar umgesiedelten Elamiter, sondern Paraši, die seit dem 9. Jh.v.Chr. die Elamiter übervölkert und verdrängt haben. Die Elamiter sind persische Hofbeamte und Magier, die nach 500 als loyale Verwaltungskräfte nach Jerusalem entsandt worden sind, cf 1.2.8. und 1.4.5.1.
Genau so ist auch der Diasporajude Nehemia in Susa aufgewachsen und vom Mundschenk des Artaxerxes von 445-425 zum Statthalter von Juda und Jerusalem aufgestiegen, wo er einen Schuldenerlaß für die Verarmten und die Ausbesserung der Stadtmauern veranlaßt.[1713] Wer den persischen Hof kennt, weiß, daß keiner eine derartige Vertrauensposition bekommt, der nicht in der Tradition der Magier erzogen ist. Nehemia muß die persische Priesterausbildung durchlaufen haben. Dieses Schreiben der Jerusalemer persischen Verwaltung in Esra 4,12-16 von ca. 460 v.Chr. in der persischen Amtssprache Aramäisch, was vermutlich die Entsendung Esras ausgelöst hat, wird vom Chronisten einfach vor 519 datiert zum Grund für Verzögerungen im Tempelbau gemacht, der im 2. Jahr von Dareios I. 519 weitergebaut und 515 eingeweiht wird. In Ekbatana fand sich der Baubefehl von Kyros II.
Esra war Schriftgelehrter, den Artaxerxes I. als Gesetzeslehrer 458 v.Chr. von Babylon nach Israel sandte. »Esras Werk bestand darin, in Juda und Jerusalem klare Rechtsverhältnisse zu schaffen. Das entspräche der auch sonst bezeugten persischen Politik, welche nicht bestrebt war, ein für das ganze Reichsgebiet gültiges Recht zu erlassen, sondern die lokalen, angestammten Rechtssysteme reichsrechtlich zu sanktionieren.«[1714] Neh 8 verliest Esra vor dem vollversammelten Volk im Tor feierlich das wiedergefundene Gesetz des Mose, aber weder in der persischen Amtssprache Aramäisch noch hebräisch. Man darf vermuten, daß es pahlavi geschrieben war. Mischehenverbot[1715] und die Reinheitsgesetze sind Übernahmen aus Dēnkard und Vendidad.[1716] Sie sind nicht mit der avestischen Gewichtung von Hund und Geier[1717] versehen, sondern israelischen Verhältnissen angepaßt. Das neueingeführte Laubhüttenfest ist der zoroastrische Feiertag des Ayātrəm am 4. Gahambar.[1718] Wenn Esra in 7,1-10 als schriftgelehrter Jude von Artaxerxes I. 458 aus Babylon mit einem ganzen Verwaltungsstab nach Jerusalem geschickt wird, um antipersische Strömungen einzudämmen, war dieser sich der Loyalität seines Gesandten sicher, den das Esrabuch als zweiten Salomon stipuliert, der aber als babylonischer Diasporajude nach 80 Jahren starker persischer Magiereinflüsse in Babylon sicherlich viel stärker persisch geprägt war. Etwa zeitgleich regiert Ostanes in Memphis die ägyptischen Tempel mit seinem Seminar, wo auch Demokrit Mitarbeiter einer Amalgamierung von Zoroastrismus und ägyptischer Priestertradition wird.[1719]
Es ist oft vom Gott des Himmels ({iyfmf$ah y"hOlE) oder a)fyam:$ hflE)) die Rede.[1720] Der phönizische }Oy:lA( ist dessen ältester Vorläufer, cf Jes 14,14; Ps 83,19. Er ist in Ugarit zu l") geworden und in Kanaan zu {yimf$ la(ab und so in die Jahwegestalt eingeflossen.[1721] In persischer Zeit ist in diese phönizische Tradition Ahura Mazdā eingeflossen und so mit hfwoh:y identifiziert wird, was wohl zur theologischen Leistung Esras gehört, der damit das Judentum als eine Spezialform des Mazdaismus legitimieren konnte und so vor einer harten Religionsverfolgung schützen, wie sie nach dem Aufstand des Inaros (460-456) gegen Artaxerxes I. in Ägypten stattfand, cf 1.5.1.2. Wenn dort gerade auch Phönizier als Besatzer eingesiedelt werden, zeigt dies das Vertrauen der Perser in die Phönizier. Ištar wird in Arapha neben Zurvan verehrt. Sie bildet eine Verbindung zwischen Medern, Assyrern, Babyloniern, Phöniziern und Kanaanäern. Die Verschmelzung von El und Ahura Mazda war wegen der strukturellen Affinitäten beider besonders evident zu machen: Alter richtender Schöpfervater auf Thronsitz mit regierenden Söhnen in Götterversammlung auf seinem Berg mit heiliger Quelle will Weisheit und Gerechtigkeit auf Erden. Mischehen von Magiern und Juden werden auf Drängen konservativer Magier verboten, Esra münzt dies 9,1-4 um zur Entflechtung von Judäern und Samaritanern.[1722] Neh 8,6ff wird das Gesetz mit Erklärungen vor der Gottesdienstversammlung verlesen, die mit erhobenen Händen und Proskynese singt, also Zaraθuštras Gebetshaltung. Diese Erklärungen entsprechen den iranischen Zand-Lederbänden, die gottesdienstlich rezitiert wurden. Im davidischen Königtum wurden Psalmen gesungen, hier kommt das iranische öffentliche Rezitieren und Kommentieren hinzu, die Wende vom Hymnus zur Predigt von einer Holzkanzel als aktiver, teilnahmepflichtiger Volksmission.
Wenn schon die Vortragsform iranisch ist, haben iranische Inhalte kaum gefehlt unter der restriktiven Religionspolitik von Artaxerxes I. So müssen die Reinheitsgesetze Lev 10-22; Num 5f; 9; 19; Dtn 14f; 21; 24 als judaisierte Vendidad verstanden werden, markant bei Speiseregeln reiner Tiere, Priesterreinheit, Totenunreinheit, Schutz der Reinheit der Erde.[1723] Auch Ez 20,26ff; 22-24; 44,25 und Dan 1,8 basieren auf iranischen Reinheitsregeln, die die babylonischen Diasporajuden selbstverständlich übernommen hatten und in Israel einführten. Die vorexilischen Schichten des AT, Sagenkränze, Annalen und Patriarchengeschichten, enthalten die Kategorie der Unreinheit nicht.
Die Priesterschrift des AT zeichnet sich aus durch ý 1) formelhaften Stil, ý 2) Genealogien und gematrischen, aus Buchstabenwerten addierten Zahlen Gen 10f; 25; Num 25f; 33; 35, ý 3) Betonung kultischer Reinheit und Heiligkeit Lev 1-27 und Num 15; 18f; 27-30; 34; 36, ý 4) Vermeidung von Anthropomorphismen, ý 5) Fehlen des Jahwe-Namens und Kultszenarien der Patriarchenzeit.[1724] Diese Merkmale finden sich nicht in J, N, E oder D, dafür aber in der iranischen Vendidad. Die Erzählteile von P könnten aus einer im Exil verfaßten Trostschrift mit Material der Patriarchenzeit sein, in die dann die alte Substanz von Gen, Ex und Dtn aufgenommen wurde. Geschichte und Gesetz werden so kompiliert, daß die Geschichten die Gesetze autorisieren und legitimieren. Die Geschichte ist in 4 große Perioden eingeteilt: ý 1) Schöpfung des Elohim bis Sintflut, ý 2) Noahbund Elohims, ý 3) Abrahambund von El Schaddai mit Beschneidung, ý 4) Sinaibund mit Jahwe. Diese Periodisierung spiegelt die zervanistische Vierteilung der Weltgeschichte, wobei die Schöpfung mit der Entstehung und Liquidierung des Bösen Bundahišn 1ff entspricht. Die weiteren Perioden haben ihren Leitvater wie die iranischen Millennien von Hušedar, Hušedar-mah und Sošyant, wobei dort jedes der 12 Millennien seinen Oberkönig bekommt. Der Sinaibund hat dann als letzte Periode die Qualität der vita beata des Sošyant und Mose darf mit ihm identifiziert als der Erlöser und Befreier Israels aus den Klauen der Unterdrückung gelten. Die Rückkehr aus Babylon ist per se Anbruch der Heilszeit, die geregelt wird durch Vendidad-Gesetze. Auch in der Tradition der Magier ist Zeichen der Heilszeit, daß die mazdayasnische Religion ungehindert ausgeübt und Ahura Mazdā kunstgerecht und fachgerecht angebetet werden kann.
Gott ist in P völlig transzendent geworden, weder sichtbar noch im Traum erscheinend. Seine Herrlichkeit (dObfk) ist im Tempel-Allerheiligsten gegenwärtig. Die Priester sind Mittler, direkt sagt er nichts. So redet Ahura Mazdā auch nur zu Zaraθuštra und keinem anderen. Es kommen zum ersten Mal universalistische und zugleich monotheistische Gottesbilder in das mosaische AT der Konkurrenz Jahwes gegen die anderen Götter, etwa Dtjes 45. Damit prägt sich der Monotheismus Ahura Mazdās ein. Es findet ein Paradigmenwechsel im Gottesbild statt. Der blutrünstige Jahwe des Pentateuch wird zunehmend ein Gott der Liebe, wie es Ahura Mazdā war. Wenn nun P das Gesetz ist, was Esra aus den Schreibstuben der Weisheitsschulen der babylonisch-persischen Diaspora mitgebracht hat im Auftrag des Perserkönigs, um Josua wegen dessen imperialistischer Eroberungspolitik Israels gekürzt zum Pentateuch, um die Perser nicht zu kompromittieren, dann ist nicht nur in den eschatologischen, sondern auch in den Theokratie-Teilen des AT und so in den jüdischen Klerus persisches Denken zu einem weit größeren Teil eingeflossen, als es die Kunde von der religiösen Toleranz und Förderung der Lokaltraditionen durch die Perser, etwa anfangs in Ägypten, erscheinen läßt. Welche Mythen die Völker ihrer Satrapien pflegten, konnte dem Perserkönig solange egal sein, wie sie Steuern zahlten und in ihren Rechtsverhältnissen loyal zum Großreich lebten. Genau dies sichert P.
Neben dieser jüdischen Adaption der Vendidad in der Theokratiefraktion des Chronisten findet die Übernahme der zervanistischen Magierorakel in prophetisch-oppositionellen Kreisen statt.[1725] Aus dem Orakel der Hofmagier über die Aussichten politischer Entscheidungen, was bis zur Regierungsbeteiligung führte, ging die Eschatologie hervor: Der Blick in die Zukunft wurde durch chaldäische Zeitrechnungen zum terminierbaren Ablauf, wo Unbill einst universalem Glück weicht. Mit dieser Hoffnung erwirkten sie die Durchhaltekraft in schlechten Zeiten: Vohu Mana, guten Willen.
Mit dem Alexanderreich wird die interkulturelle Vermischung noch einmal gesteigert. »Aber in der großen Verwirrung, welche durch den Sturz des persischen Reiches hervorgerufen wurde, waren alle politischen und religiösen Schranken gefallen; verschiedenartige Rassen waren plötzlich miteinander in Berührung gekommen... Das Zusammentreffen aller Theologien des Orients und aller Philosophien Griechenlands erzeugte die überraschendsten Kombinationen, und die Konkurrenz zwischen diesen verschiedenen Anschauungen wurde äußerst lebhaft.. Von den Magiern, welche von Armenien bis nach Phrygien und Lydien verstreut waren, traten ohne Zweifel damals viele aus der Zurückgezogenheit heraus«.[1726] Sie sammeln Proselyten um sich. Wenn dabei auch die Zoroastrier ihre dogmatischen und liturgischen Traditionen fast unverändert mündlich tradierten, gab es doch auch immer wieder Amalgame mit Lokalgottheiten. In Pontos wird Miθra identifiziert mit Mondgott Men, in Lydien mit Sabazius. »Anscheinend haben die Priester dieser unkultivierten Länder sich bemüht, ihre populären Götter zu Äquivalenten der von den Fürsten und dem Adel angebeteten Gottheiten zu machen.« Bei alledem besteht ein »treues Festhalten an den alten iranischen Gebräuchen«[1727] Dies mag zu einer Überlebensstrategie der Magier gehört haben, per Identifikation und Götterverschmelzung immer neuen Rückhalt zu gewinnen, aber darin ist auch eine große synthetische Leistung zu sehen.[1728] Durch die griechische Bildhauerei bekommen die iranischen Götter erstmals plastische Anschaulichkeit als Statuen und Reliefs. Die Stoa bot die größten Affinitäten für die Theologie der Magier. Die »asiatischen Priester strebten danach, in ihren heiligen Traditionen die Theorien der philosophischen Schulen wiederzufinden.«[1729] Chaldäische Tierkreis-Astrologie und Schicksalslehre wird rezipiert im Zervanismus.[1730] Auch in der Stoa gibt es die zervanistischen Mythen von Weltbrand, Dürre und Überschwemmung,[1731] Seelengeschick postmortal,[1732] Auferstehung des Fleisches und Weltbrand.[1733] Lucian von Samosata macht sich über die wiederholten Reinigungen, die endlosen Gesänge, den langen medischen Rock und mangelhafte Griechischkenntnisse der Zoroastrier lustig.[1734] Besonders weltoffen waren die Magier demnach nicht. In Persien selbst wurde das Avesta eher als Geheimwissen mündlich gehütet, was den kollektiven Narzißmus, das Überlegenheitsgefühl der Zoroastrier gegenüber den unwissenden, den „Heiden“ stärkte.[1735] Möglicherweise wurde in der Alexanderzeit angesichts der Irritation durch die Vielzahl fremder Kulte, Kulturen und Sprachen erstmals das bislang mündlich tradierte Avesta persisch aufgeschrieben, nicht etwa im persischen Stammland, sondern in der kleinasiatischen und babylonischen Diaspora.[1736] Verschriftlichung der Tradition ist eine Dialyse-Erscheinung, Zeichen des Verfalls einer Tradition, die innere Bilder durch das Schriftbild ab- und auflöst. Dennoch, die Riten des Miθra bleiben stabil[1737] und transportieren früheste schamanische Momente[1738] bis in die Römerzeit, wo sie als massivster Konkurrent des Christentums in ganz Europa mit Mithräen und Taurobolien verbreitet waren, wo immer römische Legionen stationiert waren.[1739] Miθra mit seiner Strahlenkrone war die ideale Identifikationsfigur für den Caesar: pius, invictus, aeternus.[1740] In der Geburtsstadt von Paulus, in Tarsos, war ein Zentrum des spätantiken Mithrizismus. Wenn Paulus die Kraft und Herrlichkeit Gottes in den Schwachen und am Kreuz betont, dann mag dies auch eine Absage an den Mithrizismus und seine angriffslustige Mannestugend strotzend-stählerner Härte sein.[1741]
Die Emulsion von arischen Mythen und Astrologie führte im Mithraskult der Römerzeit zur Aufnahme der Metempsychosis-Lehre, zum nach den sieben Fixsternen siebenschichtig strukturierten Himmel, in den die Seele nach ihrem Tod möglichst hoch aufsteigen will, wenn nicht Ahrimans böse Schar sie in die Hölle entführte bei entsprechendem Gericht, dem Miθra als Schirmherr der Wahrheit vorsitzt.[1742] Da für einfache Menschen die Vorstellung eines rein geistigen Daseins ohne Essen und Sexualität wenig Attraktion hat, wurden primitive Soldaten später mit Aussicht auf materielle Freuden in der Paradieswelt bei der Stange gehalten: Auferstehung des Fleisches, welches im Kult so zentral im Mittelpunkt stand.[1743] Ein wesentlicher Gratifikationsfaktor in einem Leben, das zur Vernichtung bestimmt war, war für die Soldaten die Idee, zur heiligen Heerschar Miθras zu gehören, die gegen das Böse kämpft und von ihm immer beschützt wird.[1744] Unsterblichkeit und letztendlicher Sieg des Guten war für die zum Sterben Angetretenen ein mächtiger Trost gegen die objektive Aussichtslosigkeit des soldatischen Lebens.[1745] Zugleich war die Unsterblichkeitshoffnung das Potential der gesamten orientalischen Religionen im römischen Heidentum.[1746]
Die Eschatologie des Mithrizismus ist ebenso archaisch-astrologisch kombiniert: Am Ende des Äon verheert Ahriman die Erde mit Plagen. Der Urstier wird wiedergeboren und Miθra kommt ebenfalls auf die Erde zurück, erweckt alle auf, um zu richten die Lebenden und die Toten. Danach opfert er als letztes Opfer den göttlichen Urstier, mischt dessen Fett mit Wein und gibt ihn den Gerechten als Unsterblichkeitstrunk. Dann läßt Jupiter-Oromazdes auf Bitten der Seligen den Weltbrand zur Vernichtung alles Bösen vom Himmel fahren; Ahriman und Gefolge sterben darin und das Weltall erneuert sich zur ewigen Glückseligkeit.[1747]
In dieser Kombination archaischer Mythen und neuestem Stand der damaligen Wissenschaft[1748], der Astrologie, lag der innere Grund für die Massenbasis des Mithraskultes. »Er befriedigte zugleich den Verstand der Gebildeten und das Herz der Einfältigen. Die Apotheose der Zeit als erster Ursache und die der Sonne als ihrer sichtbaren Manifestation, welche die Wärme und das Leben auf der Erde erhält, waren hochphilosophische Konzeptionen.«[1749] Alles ist göttlich, Feuer, Wasser, Luft, Erde, Tiere - die Manifestation des Göttlichen ist zum Anfassen, ist sinnlich konkret, sogar für Soldaten begreiflich.
Umgekehrt hatte das Judentum nach der Befreiung aus der babylonischen Gefangenschaft durch Kyros ein gewisses Interesse an den persischen Traditionen. War der Schöpfungsmythos der Babylonier schon zur Vorlage für den ersten biblischen Schöpfungsbericht geworden, so nimmt es nicht Wunder, wenn das bis dato trotz Tammuz-Totenreich[1750] lO):$ und himmlischen Heerscharen sehr aufs Diesseits und seine Tat-Folge-Zusammenhänge bedachte Judentum in der Folge immer mehr iranische Elemente aufgreift. Das Buch Daniel aus der Makkabäerzeit zeigt die Apokalyptik als Gegenreaktion auf die Hellenisierungstendenzen der seleukidischen Könige, insbesondere Antiochos IV. Ephiphanes. Die Kampfsituation wird erfahren als eine von Gut gegen Böse, von Gottes Reich versus Satans Reich, als irdischer Ausdruck eines kosmischen Geschehens, in dem das Hier und Jetzt nur ein Segment in der Fülle der Wahrnehmbarkeiten, der Wahrheit ist. Wo der Tod drohte, war die Auferstehungshoffnung für die Makkabäer um so tröstlicher, es wird eine Gerechtigkeit geben, die die Widersacher richten wird. »An dem Gegensatz gegen den hellenischen Geist wurde sich das Judentum überhaupt seiner Eigenart wieder bewußt. Es kehrte zwar nicht einfach zur altisraelitischen Religion zurück, die durch die Entwicklung überholt war, aber es besann sich auf das kostbarste Erbe der Propheten, den sittlichen Monotheismus, und verschmolz ihn mit dem persischen Dualismus, der ihm seinem innersten sittlich-religiösen Gehalt nach wesensgleich war und der ihm durch seinen Jenseitsglauben zugleich die Rätsel der Welt löste. Hatte sich das Judentum bis dahin gegen den persischen Einfluß gesträubt, so wurde es ihm jetzt durch das Hellenentum geradezu in die Arme getrieben. Die Auferstehungshoffung faßte in den Zeiten der Verfolgung festen Fuß im jüdischen Glauben und zog alle die anderen Vorstellungsreihen die iranischen Eschatologie mit zwangsläufiger Notwendigkeit nach sich.«[1751]
Als Kompositionsgesetz der mythologischen Amalgamierungen postuliere ich eine Wahlverwandtschaftsgrundlage: pars parem adiuvat. Gibt es eine hinreichende strukturelle Affinität, kann der eine Mythos auf den anderen aufspringen, das gilt ähnlich für alle gegenwärtigen Synkretismen. Ein großer Teil des Diskurses über die Ursprünge des Gnostizismus polemisiert gegen allzu einfache motivgeschichtliche Ableitungen, mit denen ein iranischer, ein griechischer oder jüdischer oder gar christlicher Ursprung der Gnosis festgestellt werden soll, wobei diese stets als festgefügtes dogmatisches System vindiziert wird und sich erst mühselig und beladen ihre Vielfalt als Fehlen einer einheitlichen dogmatischen Linie erweist.[1752] In diesem Diskurs mußte erst durch viel Mühe ein Gefühl für undogmatische religiöse Bewegungen geschaffen werden, die eben nicht als homologer Block abhandelbar sind, sondern als quasi postmoderner Pluralismus von Mythen mit vielen variablen Figuren, Strukturen und Motiven dennoch eine gewisse Grundmenge des kleinsten gemeinsamen Vielfachen haben. Daß jede synkretistische Neubildung eine eigene Aura, Einmaligkeit, Originalität hat, mehr ist als purer Abklatsch ihrer Vorlagen, ist nur dem neu, der von starren Traditionsklischees ausgeht, die in eisiger Xenophobie und Reinheit über Jahrhunderte nichts heterogenes assimilieren und ihr Proprium zelebrieren, als sei vorher und nachher nie etwas anderes auf der Welt gewesen.
Dabei hatte das postexilische Judentum, nicht nur von Babylons Marduk-Ritus zum Schöpfungsbericht Gen 1 inspiriert, weit weniger orthodox, neben den babylonischen Inspirationen fast gleichzeitig bereits die Religion des als Befreiers gefeierten Kyros II. und der mit seinem Troß mitwandernden Magier und Feuerpriester kennengelernt und immer tiefer in der Apokalyptik aufgenommen.
Wenn später Pharisäer eine wesentliche Rolle spielen werden, sind dies Parsen, benannt nach Fārs in der Nähe von Susa, die an Auferstehung, Engel, Geister und Gericht glauben. Die Sadduzäer haben sich den zoroastrischen Einflüssen der Perser widersetzt, sie glauben weder an Auferstehung noch an Engel noch an Geister (Acta 23,8: le/gousin mh\ ei)=nai a)nastasin mh/te a)/ggelon mh/te pneu=ma). Die ca. 6000 Pharisäer Judäas bilden ca. 3% der Gesamtpopulation. Diese Farisai=oi oder Farsi erstarken nach der Seleukidenherrschaft etwa ab 70 als Thora-treue Konservative, die so manchem iranischen Glaubensgut anhängen.[1753]
Platons Timaios und Parmenides sind undenkbar ohne die Trennung von Geistiger Welt und Materie im Zoroastrismus. Die Metempsychosis der Seelen in die Gefängnisleiber der Erde und ihr Rückflug gen Himmel hat die Himmelfahrt Jesu inspiriert. Es ist ein doppelter Einfluß aufs hellenisierte Judentum: Platon über die Stoa und den Mittelplatonismus vermittelt und am Jerusalemer Gymnasium gelehrt, Zervanismus über das babylonische Exiljudentum und die Synagoge der Diaspora in der multikulturellen Atmosphäre der Weltmetropolen des Orients in mannigfachen interkulturellen Begegnungen mit den dortigen Magiergemeinden rezipiert und transformiert in die Form der Himmelsreise der Henoch-Literatur. Aus beiden Kulturkreisen kommt die Botschaft von der ursprünglichen geistigen Welt, aus der die Schöpfergötter schließlich eine materielle Welt erschaffen, die vom Konflikt des Guten und Bösen geprägt ist und in der die Seelen nur auf Zeit in tierischen oder menschlichen Körpern einen Erdgang unternehmen, nach dem sie in die geistige Welt zurückkehren.
1.7.2 Der geschichtliche Hintergrund der
apokalyptischen Sehnsucht
Seit Alexanders Tod 323 ging es in den Diadochenkriegen um die Aufteilung des Großreichs; 302 besetzte Ptolemäus I. Soter (311-283) nach Sieg über Antigonos bei Ipsos 301 trotz der Proteste des Seleukos I. Nikator (regiert 302-281) Jerusalem und ließ viele Juden nach Ägypten deportieren. Judäa wird Teil des reichsten und entwickeltesten Landes im Hellenismus, wird Hyparchie mit einem Hyparchos und einem Oikonomos als Wirtschaftsminister an der Spitze, der die Steuern an Steuereinnehmer verpachtete, deren Einfluß nicht gering war. Innenpolitisch und religiös war Judäa autonom von Hohepriester und Gerusia (ab Herodes Synhedrion) geleitet. Für diese fast 100jährige Friedenszeit wird die Weisheit zum bestimmenden Element der gebildeten und individuierten frommen Oberschicht. Jesus Sirach (180 v.Chr.) und andere Weisheitsliteratur spiegeln die Weisheit als offenbarten Geist der Thora. Die Synagoge als Studienplatz der Thora wird in dieser Zeit zentraler als der Tempel, die Schriftgelehrten werden wichtiger als die Priester. Das ägyptische Judentum gab es bereits vor 587 wie das in Elephantine, oder Maria bei Ostanes in Memphis. Seit dem Ausbau von Alexandria ab 331 v.Chr. gab es dort ein ganzes jüdisches Viertel und weitere ägyptische Siedlungen mit bis zu 3 Synagogen. Die Diasporajuden von Babylon und Chaldäa wurden teilweise von den Seleukiden nach Kleinasien ausgesiedelt. Sie nehmen seit ca. 250 griechische Namen an, brechen mit Speise- und Reinheitsgeboten, die griechische Sprache und Bildung öffnet den Zugang zum Welthandel und Reichtum.
201 v.Chr. hatte der Seleukidenkönig Antiochos III. (*223 regiert 242-187) Jerusalem von den Ptolemäern abgerungen; sein Reich ging von Indien bis Mesopotamien über Syrien und Süd-Kleinasien bis zum Bosporus. Er ließ 2000 jüdische Familien in Lydien und Phrygien ansiedeln.[1754] Ebenso gab es Synagogengemeinden auf Delos, in Sparta, Sardes, Damaskus und Antiochia. Durch die Streuung über den gesamten hellenistischen Raum wurde das vorwiegend kaufmännische Diasporajudentum zwangsläufig offen für orientalische und hellenistische Einflüsse. Es gab Juden längs der Karawanenwege und Seidenstraßen bis in den Ostiran, wie hebräische Namen auf Tonscherben des 1-3.Jh.n.Chr. aus Merv zeigen.[1755] Sicherlich lebten diese jüdischen Händler bereits in früher Zeit im Iran. Tobit nennt 722 v.Chr. als erstes assyrisches Exil, nach dem Deportierte von Niniveh bis Ekbatana umsiedelten. Die Übernahme der Sieben als heilige chaldäische Kalenderzahl, die auch im Zervanismus zentral ist, markiert die Aufnahme iranischer Theologie in die jüdische Mystik.[1756]
In Jerusalem tobte nach der seleukidischen Machtübernahme von 201 ein Streit zwischen den jetzt pro-seleukidischen Tobiaden und den konservativen pro-ptolemäischen hohenpriesterlichen Oniaden. Als Antiochos nach dem 2. Makedonischen Krieg 190 bei Magnesia ebenfalls von den Ptolemäer-Römer-Allianz besiegt hohe Reparationen zahlen mußte, wendete er dafür alles auf, seine Elephanten, die ganze Flotte, auch Jerusalemer Tempelschätze will sein Minister Heliodor dafür ausheben. Dies schürte antiseleukidische Stimmung der Oniaden. Ab 200 erstarkten die orientalischen und ägyptischen Traditionen gegen die griechische Aufklärung zu einer »Renaissance orientalischer Religion und Mythologie«.[1757] Die intellektuellen Kreise Israels um den zadokidischen Hohepriester Jason wollten die hellenistische Öffnung zur Polis Antiochia mit besserer Einbettung in Welthandel und Weltpolitik, während die einfachen Leute diese Wirtschaftsvorteile nicht erkennen konnten. Menelaos als sein vom hellenistischen Epikuräers Antiochus IV. Epiphanes (175-164) eingesetzter Nachfolger sicherte den Seleukiden noch höhere Tribute zu. In dieser Zeit entsteht das Tobitbuch mit Reise nach Ekbatana und den 7 Erzengeln unter Raphael als Beginn jüdischer Flugengel/Schutzengel.
Jason verbündete sich im Ostjordanland mit den Tobiaden und zog zum Kampf gen Jerusalem. Diesen Bürgerkrieg beendet Antiochos IV. 168 mit einer brutalen Besetzung der Stadt und vielen Liquidierungen. 167 kommt es wieder zu Aufständen, die noch brutaler niedergeschlagen werden, auf einer Akra wird seleukidisches Militär stationiert, was die hellenistische Oberschicht beschützt, die Mauern Jerusalems geschleift. Die Konservativen mußten in die Wüste fliehen und verloren Hab und Gut, verweigerten Steuern und leisteten passiven Widerstand, was die Seleukiden zu ihrer harten Verfolgung motivierte. Der Tempel wurde dem Zeus Olympios als einer gräzisierten Form von Ahura Mazdā geweiht, auf Beschneidung und Sabbatritual stand Todesstrafe. Die Priesterfamilie der Hasmonäer organisierte den Aufstand dagegen. Hier übernimmt Judas Makkabäus („der Hammer“) 166 die Revolutionsleitung und erkämpft während des Partherkriegs der Seleukiden im Osten 165 mit seinen Partisanen die israelitische Macht zurück, besetzt den Tempel und läßt einen neuen Altar weihen (Chanukkafest). Der Gegenschlag des Vormunds von Antiochos V. Eupator (164-62), Lysias, gegen die Makkabäer wird nur durch interne Revolten aufgehalten und endet 162 mit einem Kompromißfrieden: es gab Religionsfreiheit, aber auch die Hinrichtung von Menelaos. Unter dem seleukidischen Revoltengewinner Demetrios I. Soter (162-50) gab es ein Pat zwischen Hellenisten unter Hohepriester Alkimos und den konservativ-frommen jüdischen Chassidim. Judas schlägt noch einmal das Seleukidenheer unter dem späteren Demetrios II. Nikator (145-138) wird dann aber vom babylonischen Kontingent unter Bakchides 160 bei Elasa vernichtet. Die Chassidim distanzieren sich nun von den Makkabäern, die nun isolierter als je zuvor verfolgt wurden und unter Führung von Judas` Bruder Jonathan in der Wüste als Partisanen lebten. Jonathan darf später in Michmas als „Richter“ regieren und bald darauf die Herrschaft von Jerusalem als Hohepriester übernehmen. Er entmachtet den amtierenden Hohepriester, der als „Lehrer der Gerechtigkeit“ den Bund der Essener als exilierten Chassidim gründet. Sie gründen 100 v.Chr. Qumran, eine der 9 durch Dattelpalmen und Balsamsträucher ihres Grüngürtels reichen Hafengemeinden am Toten Meer, wo in 11 Höhlen oberhalb der Stadt ihre Tonkrüge mit vorwiegend AT-Schriften lagern. Jonathan wird immer mehr zum Strategen des Seleukidenkönigs Alexander I. Balas (150-45) und seines Sohnes und Thronfolgers Antiochos VI. Epiphanes Dionysos (145-142), dessen General Tryphon ihn liquidiert, als er zu eigenmächtig wird. Jonathans großer Bruder Simon übernimmt die Führung Jerusalems recht erfolgreich, bis er steinalt ermordet wird. Das Hohepriesteramt übernimmt sein Sohn Johannes Hyrkanos I. (134-104), der im Zwist von Seleukiden und Parthern relativ ruhig Judäa führen kann, in Sichem den Garazimtempel zerstören läßt und Samaria verwüstet. Nach ihm wird sein zweiter Sohn Alexander Jannaios von 103-76 Nachfolger des Hasmonäertums und regiert mit blutiger Klinge und „erweitert“ die Landesgrenzen auf die Ausdehnung des davidisch-salomonischen Großreichs. Nach ihm führt seine Frau Salome Alexandra als Königin von 76-67 mit ihrem Sohn Hyrkan II. als Hohepriester die Regierung weiter, unter der die Pharisäer (Peruschim = Abgesonderte oder Farsi?) als kleinbürgerliche Laientheologengenossenschaft mit strenger Thora-Observanz zur größten Partei erstarken. Nach ihrem Tod besiegt ihr Sohn Aristobul II. seinen hohepriesterlichen Bruder und wird von 67-63 Hoherpriester und König.
Während dieser ganzen Hasmonäer-Herrschaft vertiefte sich der Gegensatz zwischen der realpolitisch-hellenistischen zadokidischen Priester-Oberschicht (Sadduzäer) mit ihrem Konzept nationaler Theokratie und den Schriftgelehrten der Chassidim, die eine eschatologische Hoffnung endzeitlicher Gerechtigkeit für die Gesetzestreuen hochhielten. Wenn die persisch-babylonischen Seleukiden in Jerusalem den Tempel dem Zeus weihen, ist dies eine Einführung des hellenisierten Ahura Mazdā wie in Kommagene unter Mithradates I. Kallinikos (171-138), dessen Inschriften am Nemrud Dagh die Identität beider manifestieren, cf 2.3.1. Es ist mit einer mazdaistischen Phase in der jüdischen Tempelgeschichte zu rechnen, cf 1.7.1. Daß hierbei zervanistische Theologie und Mythik aufgenommen wurde, war unvermeidbar. Daß sie auch dann Wirkung hat, wenn die Hasmonäer eher einen vorsichtig antiseleudikischen Kurs fahren und das Muster der zervanistischen Leidensbewältigung unter Alexander dem Großen von den ebenfalls verfolgten Chassidim aufgenommen wird, ist naheliegend. Vom Feind wird am meisten gelernt; durch die Partherkriege konnte sich der Mithraskult im ganzen Imperium unter den Soldaten verbreiten. So deutlich die rückgekehrten Priester im Pentateuch Enuma Eliš als Genesismythos vorgebaut hat und Henoch in der Patriarchenliste, so deutlich entspringt die Apokalyptik zervanistischen Quellen, wie antiseleukidisch auch immer die Trägerschicht dieser religiösen Übernahme war. Unter den Chassidim entstand die jüdische Apokalyptik mit den Visionen des Danielbuchs (164 v.Chr.): Hoffnung der Verfolgten als heiliger Rest Israels auf Jahwes letztes Gericht mit der Auferstehung alles Toten zur ewigen Seligkeit oder Verdammnis. Die orientalische Renaissance des Hellenismus liefert vom Iran her die heilenden Vorstellungen von Totenauferstehung, Periodizität der Geschichte mit Endzeitberechnungen, Menschensohn als Weltenrichter und Angelologie, cf 1.8.4. Die Chassidim zogen sich in Sektengemeinden wie die oberhalb von Qumran und En Gedi zurück und erwarteten so und dort die kommende Endzeit als wahres Israel und Söhne des Lichts mit Erzengel Michael im Kampf gegen den Frevelgeist und die Mächte und Söhne der Finsternis.
Nachdem Pompeius Mithridates von Pontos und Tigranes von Armenien als Führer des Partherreichs geschlagen hat, setzt er seinen Ostfeldzug gegen Jerusalem fort und nimmt es 63 unter Billigung der Pharisäer ein. Das Seleukidenreich wird besiegt und zur römischen Provinz Syria geformt, Samarien wird selbständig, Judäa Teil von Syria. Hyrkan II. darf Hohepriester bleiben, verliert aber alle politische Macht an den römischen Statthalter Gabinius ab 57, der alle jüdischen Aufstände im Keim erstickt.
Antipater aus Idumäa hatte die Nabatäer zur Unterstützung Hyrkans II. gewonnen und war ein Rom-treuer Vasall. Caesar läßt 49 seinen Rivalen Pompeius in Ägypten ermorden und begünstigt Antipater als Prokurator Judäas, dessen Sohn Herodes läßt viele galiläische Rebellen hinrichten. Crassus läßt Caesar 44 durch Brutus entleiben; sein Statthalter für Syrien Cassius beutet die Bevölkerung bis zur Sklaverei bei Steuerzahlungsunfähigkeit aus. Die Empörung über dieses Unrecht führt unter der jüdischen Bevölkerung zum Attentat auf den römertreuen Antipater, was dessen Sohn Herodes (den Großen) noch schneller an die Macht in Judäa bringt, auch durch Heirat der Hasmonäerin Mariamne.
Der Parther-Einfall 40 führte zur Instaurierung des Antigonos als letztem Hasmonäerkönig 40-37, während Herodes zu Cleopatra floh und in Rom von Octavian und Antonius zum König von Judäa und Samaria gekürt wurde und 37 mit römischen Legionen Jerusalem erobert, Antigonos hinrichten läßt. 31 besiegt Octavian Augustus bei Actium seine Mitregenten Antonius und Cleopatra, die Suizid begehen. Ägypten wird römische Provinz. Herodes bietet Augustus Gefolgschaft an und rottet die Hasmonäer als mögliche Konkurrenten aus. Er versteht sich als Teil der pax romana und läßt viele Burgen und Caesarea als Hafenstadt erbauen. Den Tempelbezirk Jerusalems läßt er mit Säulenhallen und riesiger Mauer umgeben (Klagemauer als Rest). Ein imposantes Amphitheater sorgt für Spiele. Als er 4 n.Chr. stirbt, brechen Unruhen unter Führung des Zeloten (z$=loj = Eifer) Judas Galilaeus aus, die die Römer blutig niederschlagen. Pharisäische Thoraschulen und Synagogen bilden den Rabbi als Theologen heraus.
Herodes d.Gr.' Sohn Herodes Antipas regiert als römischer Prokurator bis 39 Galiläa und Peräa, wo Johannes der Täufer wirkte. Judäa ist römische Provinz. Als in Rom 37 Caligula an die Macht kommt und sich als Gott verehren läßt, verbannt er Herodes Antipas nach Gallien und setzt dessen Bruder Agrippa, der lange in Rom gelebt hatte, als Prokurator über Judäa, Idumäa und Galiläa ein. Bei den Pharisäern macht er sich durch Christenverfolgung beliebt.
Die Zeloten werden mit ihrem Eifer für Thora und Autonomie zur Partisanenbewegung, ihre Sikarier (= Dolchmänner) kämpfen für eine religiös-politische Theokratie Gottes, geführt von den Messiassen Judas, Menahem und später Simon bar Giora. Sie wollten die apokalyptischen Wehen der Endzeit gewaltsam verkürzen. Der Jüdische Krieg brach 66 aus und 70 wurde Menahem nach seiner Eroberung Jerusalems und Simon bar Giora nach langer Belagerung mit seinen Zeloten blutig liquidiert. Der Tempel und die Stadt wurden zerstört. Josephus ist Kommandant auf der Festung Iotapata in Galiläa und nach längerer Belagerung durch Vespasians Legionen machen 67 viele Selbstmord, Josephus unterwirft sich Vespasian als Sklave.[1758] Qumran wird 68 gebrandschatzt. Die Sikarier um Eleasar auf der letzten Festung Masada töten sich gegenseitig, als die Lage aussichtslos ist.[1759] Auch zadokidische Priesterschichten hatten ihre Lebensgrundlage verloren, viele werden wie die Mitglieder apokalyptischer Gruppen getötet oder als Sklaven verkauft. Während der Diaspora-Aufstände 115-17 und im Bar Kochba-Aufstand 132-35 wurden apokalyptische Erwartungen reaktiviert. In dieser Situation entstehen viele apokalyptische Schriften als Trostvision im Überlebenskampf. Nach dem gescheiterten Bar-Kochba-Aufstand, als Jerusalem für die Juden zur verbotenen Stadt wurde, entfalteten Lehrhäuser der Rabbinen die Tradition der mündlichen Thora, die auch nach Babylonien ausstrahlte.[1760]
Die einfachen Leute aus Galiläa waren sicherlich keine Hellenisten. »Die Masse der Einheimischen wurde nie von der griechischen Kultur aufgesogen und nie hellenisiert. Sie hielt an ihrer traditionellen Lebensweise fest, an ihren religiösen, gesellschaftlichen, wirtschaftlichen, rechtlichen und kulturellen Besonderheiten. Sie fühlte sich niemals als Teil einer größeren Einheit, deren Oberschicht durch die griechische und die hellenisierte Bourgeoisie gebildet wurde.«[1761] Die griechische Bürokratie der von den Römern seit 190 v.Chr. zur Kasse gebetenen Seleukiden hat die Ausbeutung der Landbevölkerung nur verstärkt. Ein Drittel der Ernte, die Hälfte der Baumfrüchte mußte als Staatspacht an die Tobiaden gezahlt werden, die ihrerseits dem Herrscherhaus Silber zahlten. »Der makkabäische Freiheitskampf war ein Kampf gegen ökonomische Ausbeutung... Weil die religiöse Symbolik egalitäre Interessen ausdrückte, war sie in diesem Kampf so zentral für die aufständischen Priester und Bauern.«[1762] Auch im jüdischen Krieg ging es nicht um Jahwe-Theokratie allein, sondern um Freiheit von den zunehmenden Lasten, Abgaben, Erhebungen. Weil für die einheimischen Unterdrückten (laoi/) ihre Religion »eine ungeheuer wichtige Rolle spielte, nahm ihre Erbitterung die Form eines Kampfes für die alten Götter gegen die neuen, in den Städten verehrten, an.«[1763] Gerade die ursprünglich recht liberale Haltung der Seleukiden mit ihrem Bildungsprogramm und religiöser Freiheit schlug unter dem Druck des Siegers Rom um in Unterdrückung. So wurde die hellenistische Universalbildung zum Handlanger der Ausbeutung und provozierte die eigentlich ungewöhnliche Allianz von Thora-Konservativismus und politischer Opposition gegen die liberale Öffnung, die eigentlich hätte Handel und Wohlstand sichern können.
Die seleukidischen Herrscher förderten Welthandel auf der Basis des Koinegriechisch als der universalen Verständigung über fast alle nationalen Grenzen hinweg. Dieses Konzept macht Sprachbildung zum Einstieg in Wohlstand. So nannten sich viele Potentaten Soter, Euergetes und Epiphanes, ja sogar Theos, weil sie durch ihre Politik der paidei=a Wohl und Heil beförderten, zumindest in der hellenisierten Oberschicht. Die Septuaginta zeugt von dieser Entwicklung in Alexandria. Die Romanform von Tobit, Esther und Judith ist typisch griechisch. Qohelet und Hiob zweifeln am Erfolg von Thoratreue und sehen die Kontingenzen des Fatum längst nicht mehr als strafende Fügung Gottes im Tat-Folge-Zusammenhang, in dem der Gerechte Gottes Gerechtigkeit erfahren müßte. Ein solcher klarer Sinn des Lebenszusammenhangs ist Fiktion und weicht einem radikalen Pessimimus: Alles ist eitel und Gott unerforschlich, absconditus. Je weniger die heimatliche Polis trägt, um so mehr wird jeder seine eigene Polis.
Das Tobitbuch zeugt von mancherlei iranischen Einflüssen: Wie der gerechte Hiob von teuflischen Wetten mit Gott all seiner basalen Existenzsäulen beraubt wird, um seine Glaubensinsistenz zu testen, wird der in die Zeit der Assyrerherrschaft Salamnassars ins Exil in Ninive zurückverlegte Tobit blind, als er engagiert für Arme und Entrechtete kämpfend Vogelkot aufs Auge bekommt. Sein Sohn reist in Begleitung des als Mensch Asarja getarnten Erzengels Raphael nach Medien, um einen dort hinterlegten Goldsack zurückzuholen, findet dort die vom Dämon Ašmodavn (3,8 aēšmahe = grausame Raserei daēva = Dämon cf 1.4.2.4) besessene klugschöne Exiljüdin Sarah als Frau, die bereits 7 Männer in der Hochzeitsnacht liquidiert hatte, weil Ašmodavn sie für sich haben will. Tobias ist ihr Verwandter und Erbberechtigter, exorziert Ašmodavn, heiratet sie, kommt zurück und kann den Vater heilen. Hier gibt das griechisch sprechende, mit Ekbatana vertraute Diasporajudentum[1764] des 2. Jh. v.Chr. im Gewand exilierte Naphtalianer seine Durchhalteparolen aus, die mit happy end belohnt werden. Die Strecke Ninive (=Mossul) bis in die medische Metropole Ekbatana (=Hamadan), der Sommerresidenz der Seleukidenkönige, ist eine belebte Karawanenstraße, auf der auch das Heer Alexanders d.G. zog. Vom Tigris geht es südwärts bis Seleukia (40 km südlich von Bagdad), dann nordöstlich durch das Dijala-Tal. Hier taucht erstmals ein Schutzengel als Begleiter und Berater auf, der in Not den Frommen zur Hilfe kommt. 3,16f: »Das Gebet beider, Tobits und Saras, fand Gehör bei der Majestät des großen Rafael. Er wurde gesandt, um beide zu heilen: um Tobit von den weißen Flecken auf seinen Augen zu befreien und um Sara, die Tochter Raguëls, mit Tobits Sohn Tobias zu vermählen und den bösen Dämon Ašmodavn zu fesseln.«[1765] Raphael zieht als bezahlter Reisebegleiter des Tobias mit nach Ekbatana. Tobit 6,1-9 gibt Raphael Tobias das Heilungsrezept: Fischleber und -herz vor einem Besessenen verbrannt exorziert seinen Dämon. Fischgalle auf die Augen heilt grauen Star. Diese Rezepte sind aus der Tradition der Magier, cf 1.5.2.33. Sarah wird damit geheilt von Ašmodavn wie Tobit von Blindheit. Sie ist 6,18 apriori für Tobias bestimmt gewesen: Prädestination des Weltplans gehört zu den Essentials der zervanistischen Zeitordnung. Er nimmt seine Cousine Sarah noch in der Ankunftsnacht in die eheliche Pflicht, nachdem der Ehevertrag mit Papa Raguel unterzeichnet ist. Als er Fischleber und -herz im Brautgemach räuchert, entweicht Ašmodavn, angewidert vom Geruch, ins oberste Ägypten, wo Raphael ihn fesselt.[1766] Hier zeigt sich der antiägyptisch-antiptolemäische Zug proseleukidischer medischer Diasporajuden. Die Dämonenfesselung ist Teil der iranischen Eschatologie, cf 1.4.5.9 und 1.8.2. Aus Zaraθuštras Satz Y 48,7: »Der Mordgrimm soll (gefesselt) niedergehalten werden; Gewalttat wehret ab« wird der Endsieg über den Drachen. Mēnōk-i Chrad 27 und 57, Dadestan-i Denik 37 und Bundahišn 29 SBE 5 (24,7-9; 33,33ff Anklesaria) fesselt Endzeitheld Faridoon die geflügelte Schlange Az-i Dahak im Abgrund des Demavand-Berges, aber nur auf Zeit. Dieser Mythos klingt in Tobit 8,3 an. Das Ausräuchern der Dämonen ist als Variante von Vendidad 19,43ff mit der Vertreibung der Druj Nasu zu sehen: Man muß den insektenartigen Dämonen den Aufenthalt so unangenehm wie möglich machen, ob durch Rinderharn oder die Epiklese und Versammlung aller Yazata, dann fliehen sie in ihre Höhlen, cf 1.4.7. Tobit 10,11.13; 13,13 u.ö. wird Gott als ku/rioj oder basileu=j tou/ ou)ranou/ bezeichnet. Das könnte Ahura Mazdā meinen. Daß 11,4 ein Hund mit Tobias und Raphael zum Vater Tobit mitkommt, würde im Judentum kaum eigens erwähnt; den Persern ist er heiliges Tier und Beschützer der Menschen, der an der Cinvat-Brücke sogar richtend die Bösen in den Abgrund verbellt und die Guten begrüßt. Tobit 12,12 hat Raphael die Stoßgebete der unglücklichen Gerechten erhört und vor Gott gebracht. Hier ist also eine Thronsaalszene im Himmel vorausgesetzt. Rafael ist ständiger unsichtbarer Begleiter, der die Taten der Menschen sieht und Gott stasipräzis Meldung machen kann. 12,15: » Ich bin Rafael, einer von den sieben heiligen Engeln, die das Gebet der Heiligen emportragen und mit ihm vor die Majestät des heiligen Gottes treten.«[1767] Hier ist eine Angelologie mit himmlischem Thron Gottes und den 7 Erzengeln als Mittlern in die Novelle eingearbeitet. Engel kann man nur als Erscheinung sehen, sie essen und trinken nicht und sind nie ohne göttlichen Auftrag unterwegs, nach dessen Erfüllung sie dann wieder in den Himmel hinaufsteigen - dann bricht die Vision der Menschen ab, cf 12,19ff. Der Missionsauftrag, alles Geschehene niederzuschreiben, ist bereits die typische Legitimation apokalyptischer Schriften. Es geht 13,8ff darum, in der Diaspora den Mut zum Jahwebekenntnis nicht zu verlieren, was dieser durch seine Engel honorieren wird. Daß diese Frömmigkeit zentral von der Fürsorge für Arme und Unterdrückte (14,11) gekennzeichnet ist und diese Taten im Himmel belohnt werden, ist deutlich eine Variante des Cinvat-Gerichts mit der Trias guter Gedanken, Wort und Taten, die das Paradies öffnen. 13,17 bringt die Vision eines neuerbauten Jerusalem aus Edelsteinen - Vorläufer von Apk 21,10ff. Die Erwähnung von Xerxes 14,15 als Sieger über Assyrien ist geschichtlicher Hinweis auf die hohe Bewertung der Perser als Befreier der Exulanten. - Insgesamt sind hier also eine so große Menge an iranischen Motiven eingearbeitet, daß man sich den iranisch-jüdischen Synkretismus sehr lebendig vorstellen kann. Die Siebenzahl der Erzengel stammt von der Planetenzahl und ist ein chaldäisches Moment im Zervanismus, der hier so deutlich eingearbeitet ist, daß fast eher die israelitischen Elemente benannt werden müßte, die überhaupt noch vorkommen. Es wird kein Mal der Jahwename erwähnt, alle Attribute Gottes sind so gewählt, daß sie auch von Magiern hätten akklamiert werden können. Die Szenerie der medischen Diaspora ist so kenntnisreich gestaltet, daß es durchaus aus dieser stammen könnte und nicht aus Jerusalem, was einfach zu idealisiert dargestellt wird als daß es je betreten worden wäre. Das Tobitbuch ist wertvolles Indiz für einen Import der Angelologie aus der zervanistischen Yazata-Lehre.
Auch das um 180 v.Chr. entstandene Buch Esther (Ištar!) schildert persische Verhältnisse. Esther wird als heißester Feger im Harem zur Königin des Perserkönigs Ahasveros (Artaxerxes? alle Daten sind ungeschichtlich), ihr Pflegevater Mardochai[1768] deckt eine Verschwörung auf und rettet AtaXerxes in Susa das Leben. Der Kanzler Haman will einen Erlaß zur Ausrottung der Juden in ganz Persien erwirken, weil diese, insbesondere Mardochai, ihm die Gefolgschaft verweigern. Per Los (rUp - daher Purimsfest) wird dafür der 13. Adar (= Anfang März) bestimmt. Das Edikt ist bereits in allen Satrapien veröffentlicht; der Genozid kann starten. Mardochai bittet Esther, den König umzustimmen, der sie schon einen Monat nicht mehr benutzt hat: Ungerufen zum König zu gehen wird mit Tod bestraft, es sei denn, dieser begnadigt den Eindringling mit ausgestrecktem Zepter. Alle Juden Susas fasten für ihren riskanten Gang und er gelingt. Haman läßt für Mardochai einen Galgen bauen, wird vom König aber gebeten, ihn öffentlich zu ehren für die Aufdeckung der Verschwörung. Als er nach einem Festessen bei Esther vor deren Bett um Gnade flehend für einen Liebeslocker gehalten wird, hängt man ihn am Galgen vor seinem eigenen Haus auf. Esther bekommt das Haus, Mardochai das Kanzleramt. Am 13. Adar werden statt der Juden nun deren Feinde als vogelfrei in 127 Reichsteilen erklärt: Das vormals verfolgte Diasporajudentum phantasiert in diesem pseudo-historischen Roman seine grandiose Rehabilitation mit unbändiger Rachelust. 9,19ff wird die Freude über die Vernichtung der Gegner mit dem zweitägigen Purimsfest am 14./15. Adar gefeiert: man beschenkt einander und besonders die Armen und macht ein Festmahl. Der Name dürfte altassyrisch sein; mit Los könnte auch die Entscheidung zwischen Miθra und Marduk verbunden gewesen sein, also der Perser-Sieg.[1769] Die Vermutungen, wo dieses Fest herstammt, sind reichhaltig: Vom Naurozfest über das Mithragana und das Fravardigana[1770], alle mesopotamisch modifiziert, bis zum babylonischen Saka-Fest[1771] oder einem Kampf der Lichtgötter Marduk und Ištar mit den elamitischen Finsternis-Göttern Uman und Maschti.[1772] Nur von einem wird es sicherlich nicht herrühren: vom Endsieg der Diasporajuden über die liquidierten Gegner. So ist das Estherbuch voll Unheiligkeit in der Heiligen Schrift.[1773] Wenn für den Rest der Geschichte auf die Chronik der Könige von Medien und Persien verwiesen wird, dürfte diese kaum als Midrasch des Judentums von Susa überliefert sein, solange es Hofchronisten in der persischen Magierschaft gibt. Das einzige glaubhafte dürfte sein, daß das Judentum in Susa und vielen anderen Städten des persischen Reiches ansässig geworden war und intensive Beziehungen zu persischen Mitbürgern unterhielt und dem Königtum gegenüber loyal war und so sicherlich auch seiner Religion nicht feindlich gegenüberstand, wie umgekehrt die jüdische weitestgehend geduldet wurde. Das Motivschema von Esther ist: Jahwetreue - Gehorsamsverweigerung - Verfolgung - Wundersame Wende - Auferstehung als Ehrung der Juden in aller Welt. Ganz ähnlich ist das Schema in Tobit. Das ist bereits vor den Makkabäeraufständen ein beliebtes Schema von Leiden der Gerechten und ihrer schließlichen Rehabilitierung, die aber noch keine Eschatologie bildet, sondern nur das happy end eines Romans oder individuellen Lebenszyklus.
Das Erstarken der Synagoge gegenüber dem Tempel markiert bei aller Ablehnung des Hellenismus in der Liebe zum Thorastudium (Ps 1) das hellenistische Primat der Bildung und der Weisheit vor dem Ritus. Die rabbinischen Schriftgelehrten werden wichtiger als die Priester und scharen um sich Schülerkreise wie stoische Philosophen. Ökonomische Basis von Bildung im Feudalismus ist akkumuliertes Kapital (Mk 10,17; 12,41; Mt 19,16; 20,8; 24,47; 25,21ff; Lk 12,16-48; 14,7-12; 16,1-8; 18,18-27; Jak 1) in Sippen der a)/rxontej und plou/sioi, die ihre Sprößlinge aufs (Jerusalemer) Gymnasium schicken; Fischern und Bauern ist Griechischlernen so verwehrt wie Thorastudium. Nur wer Besitz hatte, konnte Griechisch lernen und so in Handel, Verwaltung oder Dienstleistung noch mehr Geld machen. Jesus sprach das aus dem syrischen Raum stammende Aramäisch der Mühseligen. Seine Jünger waren einfache Fischer und Bauern und seine/ihre Lebensführung ärmlich.[1774]
Mit dem Übergang von dörflicher Einbindung zur Vereinzelung in der Metropole erstarkt ein esoterischer Individualismus, dessen Erlösungssehnsucht nicht mehr diesseitiges Wohl avisiert, sondern Hesychia, die Ruhe vom hektisch-rauschhaften Weltgetümmel, welches die Städte wie Alexandria und Rom rund um die Uhr entwickelten und was noch Heidegger[1775] als 'Uneigentlichkeit' des 'Man' abtat und Eigentlichkeit eher in der Schwarzwaldhütte von Todtmoos als in Berlin und Freiburg zu finden hoffte. Der korrekte Reiche investiert alles Wissen auf die Mehrung seines Besitzes und läßt seine Söhne entsprechend feudal ausbilden. Nicht alle haben das Zeug zur Übernahme des väterlichen Erbes: Schopenhauers Willen zur Macht und Besitzmehrung. Die Lazarusgeschichte zeigt, daß damals nicht calvinistische Zucht der treuen Verwalter das Leben Reicher bestimmte, sondern der Luxus von Schlemmen und Orgien angesichts von Elend greifbar nah. Die Intelligentesten entwickeln eine Metaperspektive, in der ihnen die väterliche Geschäfts-/Genußpraxis obsolet erscheint, eitel und engstirnig. In diesen reflexiven Charakteren entwickelt sich die Selbstdistanz und Weltdistanz des philosophischen Hedonismus, der in den nicht-materiellen Dingen des Lebens, ja im Denken selbst, Erfüllung findet. Der Intellektuelle ist quasi der entartete reiche Jüngling, depressives Sorgenkind einer mit harten Bandagen arbeitenden und feudal feiernden Oberschichtfamilie.[1776] Das palästinische Judentum war zwischen Rezeption und Abwehr des Hellenismus gespalten: Sadduzäer hatten ihn als Anschluß an die Welt aufgenommen, wie der Nachkriegsdeutsche die Hollywoodschaukel und die Jeans haben mußte. Pharisäer und Zeloten sahen die alte Ordnung gefährdet und hofften oder kämpften für eine künftige Jahwe-Theokratie mit weniger Steuern an die seleukidischen oder römischen Herren der Welt.[1777]
Über die hellenisierten Diaspora-Juden kam Platon in die Gnosis. An Philo erkennt man die griechischen Einflüsse im Judentum exemplarisch prägnant. Gnosis ist keine Bewegung der dörflichen Bauern, sondern eine der Intellektuellen in den Städten. Keimzelle war darum sicherlich nicht der Jordan mit seinen täufertümlichen Apokalyptikern und ihrer Eschatologie für den hungrigen Magen, sondern Alexandria, Babylon und vielleicht noch das Jerusalem der Reichen. Die Diasporajuden sind durchweg Oberschicht, entweder die unter Tiglatpileser III. 733 und unter Sargon II. 722 nach Niniveh und in andere Teile des assyrischen Reichs deportierten Oberschichten[1778] oder die 586 deportierten Familien von Handwerkern, Priestern, höfischer Verwaltung und israelitischem Militär oder freiwillig mit ausreichendem Finanzpolster oder monetären Anreizen der Perser (z.B. 525 Kambyses Soldatengehälter für Elephantine-Garnison) und Seleukiden ausgesiedelte Oberschichtsjuden. Daß gerade in der Diaspora Synagogen und Thorastudium statt Tempeldienst erstarkten, wundert angesichts der sozialen Schichtungen dieser innovativen, notwendig griechisch gebildeten Aussiedler nicht.
1.7.3 Heiratspolitische Kontakte der Herodianer mit
parthischen Königen
Der judäische Hof hatte in neutestamentlicher Zeit eine intensive Heiratspolitik mit den persischen Höfen, wodurch die persische Präsenz in Palästina verstärkt und gefördert wurde.
Der Tetrarch von Galiläa Herodes Antipas heiratete eine Tochter von Aretas IV, die Schwester von Malchos II. Nach dieser Ehe heiratete er Herodias und stirbt 39 n.Chr.[1779] Philippos heiratete Salome, die Tochter von Herodes und Herodias, und herrschte von 4 v.Chr. - 33 n.Chr. als Tetrarch über Trachonitis.[1780] Er starb 33[1781], ohne Kinder gezeugt zu haben.[1782] Seine Schwiegermama Herodias heiratete Herodes und nach der Scheidung von Herodes Antipas.[1783] Salome, Tochter der Herodias heiratete zunächst Philippos. [1784]Als zweiten Gatten hatte sie dann 61 n.Chr. Aristobulos[1785], den dritten Sohn von Herodes II. nach Herodes und Agrippa.[1786]
König Julius Agrippa I.[1787], der „Herodes“ von Act 12,1-23, heiratete Kypros und produzierte die Söhne Agrippa II, Berenike, Drusilla, Mariamne.[1788] Im Jahr 37 n.Chr. wird er König der Tetrarchie von Philippos[1789], ab 39 n.Chr. bekam er auch die Gebiete des Antipas[1790], ab 41 auch Judäa und Samaria[1791] und starb 44.[1792]
König Herodes II. von Chalkis[1793] heiratete in erster Ehe Mariamne (Aristobulos)[1794], in zweiter Ehe Berenike (Berenikianos, Hyrkanos).[1795] Er herrschte von 41-48 über Chalkis[1796] und führte das HP-Recht ein. Sein Nachfolger war der Neffe Agrippa II.[1797], als er 48 starb.[1798] Dieser Iulius M. Agrippa II. herrschte über Chalkis von 48 bis zu seinem Tod 92 oder 100 n.Chr.[1799] Ab 53 n.Chr. bekam er Trachonitis, Batanäa, Gaulanitis dazu.[1800] Ab 54 einige Orte in Galiläa: Tarichäa und Tiberias, und in Peräa[1801], 70 n.Chr. bekam sein Königreich Erweiterung nach Norden.[1802]
Die Königinnen sind zumeist noch im Kindesalter, wenn sie verheiratet werden. Für die Machtpolitik Agrippas I. war jede Kinderschändung recht. Berenike, geb. 28 n.Chr., heiratete in erster Ehe Marcus, Sohn von Alexander Lysimachos, Bruder von Tiberius Julius Alexander[1803], in zweiter Ehe hat sie 44 n.Chr. 16jährig Herodes II. Mit ihm hat sie die Söhne Berenikianos und Hyrkanos.[1804] In dritter Ehe nimmt sie Polemon von Kilikien.[1805] Danach hat sie ein Verhältnis mit Titus.[1806] Mariamne, geb. 34 n.Chr., heiratete 44 n. Chr. in erster Ehe Julius Archelaos, den Sohn des Helkias (Berenike), damals noch 10jährig.[1807] In zweiter Ehe nimmt sie Demetrios von Alexandrien, den Sohn des Agrippinos.[1808] Drusilla, geb. 38 n.Chr.[1809] heiratete in erster Ehe Epiphanes, Sohn des Antiochos, 44 n. Chr. ist sie gerade 6jährig.[1810] In zweiter Ehe kriegt sie Azizus von Emesa[1811], in dritter Ehe Felix, Agrippas Sohn.[1812] Aristobulos, der Sohn von Herodes II. und Mariamne, wird nach seinem Vater König.[1813] Er heiratete Salome.[1814] Das Königreich seines Vaters, Chalkis, erhielt zwar sein Cousin Agrippa II. Aristobulos aber bekam 54 n.Chr. Kleinarmenien[1815] und 59 n.Chr. einen Teil Großarmeniens.[1816] Ein weiterer Sohn des Königshauses, Aristobul heiratete Jotape. Er blieb ohne Regierungsmacht und starb nach 45 n. Chr.
Die Verwandten der Herodianer in den umliegenden Reichen waren Marcus, Azizus, Polemon II., Epiphanes und Aretas IV. Marcus heiratete Berenike. Sein Vater Alexander Lysimachos war der Alabarch von Alexandrien. Er hatte ein Verhältnis zu Kypros, der Frau von Agrippa I.[1817], sein Bruder Tiberius Julius Alexander regierte ab 68-69 n.Chr. als Präfekt Ägypten. Azizus, der Sohn des Sampsigeram, durch Beschneidung zum Juden gemacht, heiratete Drusilla.[1818] Er war König von Emesa[1819] bis 54 n.Chr.[1820] Polemon II. erlebte ebenfalls die Beschneidung, um ihn heiratsfähig für jüdische Königstöchter zu machen, später kündigte er allerdings dem Judentum wieder auf. Er heiratete Berenike[1821] und war 38-63 n.Chr. König von Pontus, 38-41 n.Chr. König des Bosporanischen Reiches und von 41-68 n.Chr. König von Kilikien. Epiphanes, der Sohn von Antiochos IV., war von 38-72 n.Chr. König der Kommagene. Er heiratete Drusilla.[1822] Im Palast findet sich die Inschrift: »pro\j ou)ra/nioj Dio\j ¹Wroma/sdou qro/nouj qeofil$= yuxh\n prope/myan.«[1823] Die fromme Seele wird nach dem Tod zum himmlischen Thron von Zeus Ahura Mazdā geleitet. In dieser Verschmelzung von iranischem und griechischem Hochgott ist der orientalische Hellenismus in judäischen Königs- und Adelskreisen der Sadduzäer wohl rezipiert worden. Aretas IV. verheiratete kurz vor seinem Tod 40 n.Chr. seine Tochter mit Herodes Antipas. Er herrschte über Nabatäa von 9 v. Chr. -40 n. Chr. und sein Sohn Malchos IV. regiert Nabatäa von 40-70 n.Chr. Andere jüdische Herrscher waren Izates, der Sohn der Helena und Bruder des Monobazos, der über Adiabene als König eingesetzt wurde. Auch sein Bruder Monobazos regierte später Adiabene. Heiratspolitik spiegelt immer auch wirtschaftlichen Austausch und fördert den religiösen, so daß es durchaus denkbar war, daß sich unter dem Schutz des Königshauses eine Magierkolonie in Magadān konsolidiert haben mag. So sind gerade die Beziehungen in den syrischen Raum hier grenzöffnend und begünstigen mit Hochburg Damaskus das Eindringen von Magiern nach Galiläa und Samaria. Die Route von Simon Magus in den Pseudoklementinen zeigt, wie dieser im Gebiet um Tyrus, Sidon und Antiochia erfolgreich altphönizische Städte missionierte, die trotz Astartekult vorgeprägt waren von parthischem Einfluß.
1.7.4 Zeittafel von der Indoeuropäerzeit,
Perserzeit bis zur Gnosis
[1824]
<10000-5000
Mesolithikum <ab 5000
Neolithicum: Ackerbau/Viehzucht
<1700
Bronzezeit - 800
5000 4750 1500 4250 4000 3750 3500 3250 3000 2750 2500 2250 2000 1750 1500
1250 1000
ßIndoeuropäer (Arier)
Tumuli-/Kurgankultur----> <
ab 3000
Expansion gen Balkan, Mitteleuropa, Anatolien
Ursprung
Kirgisensteppe
<< ab
4000: Westexpansion der Indoeuropäer: Nordiran (Ritter mit
Streitwagen)
<ab 3000
Indoeuropäer in
Nordeuropa: Slav.,Kelt.,Germ.
<2300: Hethiter erobern
Kleinasien
Sumer:
3200 Sumerer
2500>> 1.Dynastie von Ur & Lagasch
2050 3.Dyn.Ur Indienhandel
2350-00
Sargon I. von Akkad
Assyrien:
2500 Assyrer
Altes Reich
Mittleres Reich
am
Tigris
1800---------->1375-1047
Tiglatpileser
I. 1112-1074
Babylonien:
1728-1686 Hammurabi
Ägypten:
Altes
ReichMittleresR.NeuesR
<2850--------------
2190>
<2052------1570><1570--------715>>
2650-2190: Pyramiden,
Sonnengott Re-Aton
Pharao
= Horus-Falkengott, Ptah [Memphis], Osiris
<<<<Neolithikum>>>>>>|<<<<<<<<<<<<<<<<<<<<<<<<<<<<Bronzezeit>>>>>>>>>>>>>>>>>>
1900 1850
1800 1750 1700
1650 1600 1550
1500 1450 1400
1350 1300 1250 1200 1150 1100
Arier: Eroberung Nordeuropas von
Kirkisien aus; Süden:
Churriter,Hethiter,Mitanni 1200Indieninvasion
Churriter: Südkaukasien 2.Jt. Eroberung
Nordmesopotamiens; Raubzüge
bis Palästina.
Marianni Arierritter
Hethiter:
1640
Hattusilis I.-Altes Reich-1380<1380-Neues
Reich-1200>Seevölker
1531
Eroberung Babylons [Ugarit,Syrien]
Mitanni:Wassuganni
<1450Blütezeit1360>
Fall gegen Hethiter
Assyrien:
<1800-----------------Altes
Reich-------------------------1375><1375--Mittleres
Reich---1047>
Babylon:
1728-1686 Hammurabi 1531
Hethitersieg über
Babel;
Kassitenzeit –1160 1137Neb
Äg
1878-41 SesotrisIII. Gold,
Handelswege > Rotes Meer, Sinai, Punt [Somalia], Kreta, Byblos
1650 Einfall der
indoeuropäisch churritischen Hyksos (Streitwagen)
1501-1480 Hatschepsut
1197-65
Ramses III.
1480-48 Thutmosis III. Großreich
bis Euphrat
Israel:
ab
1500 Nomadeneindrang
inPalästina.
<ab 1200 Richterzeit
1250
Exodus
<<<<<<<<<<<<<<<<<<<<<<<<<<<<<<Bronzezeit>>>>>>>>>>>>>>>>>>>>>>>>>>>>>>>>>>>>
1120 1110
1100 1090 1080
1070 1060 1050
1040 1030 1020
1010 1000 990
980
970 960
1120 Ägypten verliert
Palästina + Nubien
Salomo
1137
Nebukadnezar I.
Babylonisches Großreich
Israel:
1010
Saul 1006-
---David---966
<<<<<<<<<<<<<<<<<<<<<<<<<<<<<<Bronzezeit>>>>>>>>>>>>>>>>>>>>>>>>>>>>>>>>>>>>
-960 -950
-940 -930 -920 -910
-900 -890 -880
-870 -760 -850 -840 –830
-820 -810 -800
Israel:
926
Spaltung Nordreich Israel bis 722/
Südreich Juda bis 587
920
Lybiergeneral Scheschonk [Sisak] plündert Jerusalem
871-Ahab----852 Phönizischer Baal; Elia
Reich
von Urartu [=Ararat] am Wan-See (ab 13.Jh.):
835-25
Sardur I.
<
Beginn der Eisenzeit
>>>>>>>>>>>>>>>>>>>>>>>>>>>>>>>>>>>>>>>>>>>>>>>>>>>>>>>>
-800 -790
-780 -770 -760 -750
-740 -730 -720
-710 -700 -690 -680 -670
–660 -650 -640
733/722 Assyrer
Sanherib erobert Nordreich Israels
725-Hiskia/Jesaja-697 Manasse Assyrien-hörig
<800
Phrygisches
Reich in
Anatolien; König Midas von Gordion 709 Tribute an
Assyrien; Kimmeriereinfall
Lyderreich:
Erfinder von
Münzen
680 Gyges vSmyrna 652
-640 -630
-620 -610 -600 -590
-580 -570 -560
-550 -540
-530
-520 –510 -500
-490 -480
<<<<<<<~1200
---------Mithrasgemeinde----------------------------------------400
n.Chr.>>>>>>>>>>>>>>
630
-----------------Zaraθuštra---------------------554 546:Kyros
II.
erobert Lydien & IonischeKüste
640------------------------------
Solon---------------------560 560--546:
Lyderkönig Kroisos
640------------------------------Thales
von Milet---------------------546
611-------------Anaximander-------------------546
600-------------Anaximenes--------------------------525
600---------------Pherekydes-------------------------525
565-----------------Pythagoras--------------495
540----------------Heraklit-------------480
515---Parmenides-450>>
Israel:639-Josia-609
586---Babylonisches Exil---538
520 Haggai/Sacharja
Dtn/Jeremia
Ezechiel/Dtjes
515 Einweih. 2.
Tempel
Achämenes-675
559--333
Achämeniden>>>>>>>>>>
675-Teispes-640
Ariaramnes
Arsames Vištāspa
529---522 Kambyses
485Xerxes>
Phraortes-625--Kyaxares-----------585
559---Kyros
II.----29
521-----Dareios
I. ------485
Eroberung
von Kyaxares: 612
Assyrien; Bündnis mit Babylon
Eroberungen von Kyros II.: Medien 550, Kleinasien
546, Babylon 539, Ostiran 529
Eroberungen von Dareios I.:Ägypten 518, Indus
513,
Skyten/Mazedonien
512, ZerstörMilet 494
Persisch-griechische
Kriege 500-479:
Jonischer
Aufstand: 500
Persereinfluß auf
Griechenland ab 546
Schlacht bei Marathon:
490
Schlacht
bei Salamis: 480
Schlacht
bei Plataeae: 479
-480 -470
-460 -450 -440 -430
-420 -410 -400
-390 -380 -370
-360 -350
-340 –330 -320
<<<<<<
---- 529-333 ------
Achämeniden
------------------------>>>ISSOS 333
485Xerxes465
445-433:
Esra & Nehemia in Israel
336Alexander323
479f Salamis/Plataeae
423-Dareios II.-404
358Artax.III.338DariosIII.335
465--------Artaxerxes
I.-------424
404----Artaxerxes II.
-----358
338-335 Ares
470---Magier
Ostanes----------------420
<484--------------Herodot--------------425
<<515-Parmenides-450
440-----------------Ktesias----------------380
<<495 -----Empedokles-------435
408------------Eudoxos------------355
<<500—Anaxagoras,
Leukipp---428
378----------------Theopomp--------
323
470----------------------------------Demokrit-----------------------------370
470--------------------Sokrates---------------------400
370----Aristoxenos
v Tarent--322
470--------------------Prodikos------------------------395
384--------------Aristoteles---------------322
428 ------------------------------ Platon
-----------------------347
<<489-471: Themistokles 462-58:
Bildung der attischen Demokratie
338 Chaironeia
461------Perikles-----429 431-Peleponesischer
Krieg-404
359PhilippII.336Makedonien
430---Xenophon---
401 Anabasis-------------------354 336Alexander323
-320 -310
-300 -280 -270 -260
-250 -240 -230
-220 -210 -200 –190 -180
–170 –160 -150
<<< 312 -
164
v.Chr. -------------Babylon:
Herrschaft der Seleukiden------>>
312SeleukosI.280
261-246:AntiochosII.
225-23: SeleukosIII.
187
-
175: Seleukos IV.
280AntiochosI.261
246SeleukosII.225
223AntiochosIIIdGr187
175-
164:AntiochosV.
Israel:
Sieg
über Ptolemaios V. 198 Phönikien &
Judäa seleukidisch
Israel:
Makkabäer-Aufstand
gegen Seleukiden:
175
Mattathja
Israel:
Zenonpapyri
170
Aristobul>
Israel:
Judas
Makkabäus:166 -160
Rom:
Feldzug
gegen Babylon: 190 Römer siegen bei Magnesia
Rom:
202 Hannibal besiegt, 164 Karthago zerstört
<< 323 -
30
v.Chr. ------------
Ägypten: Herrschaft
der Ptolemäer ------------------------>>
323Ptolemaios I.283
246 Ptolemaios III. 221
203Ptolem.V.180
283PtolemaiosII.246
221Ptolem.IV.204
372Theophrast---285 280--------------Chrysipp--------------------------207
203---------Polybius----------121>>
-140 -130
-120 -110 -100 -90
-80
-70
-60
-50
-40
-30
-10
0 +10
+20 +30
<312-64
v.Chr. Babylon:
Seleukiden ><64
römische Provinz Syria
>>
<145-138
und 129-125:
Demetrios II. 138-29 Antiochos VII. SidetesVerfall des Seleukidenreichs
<323 - 30
v.Chr. Ägypten:
Herrschaft der
Ptolemäer ><Ägypten röm.Provinz
<146 Rom wird
mächtiger
Antonius&Cleopatra | Octavian Augustus
>>
Rom: 146 Karthago zerstört
83-79 Sulla Diktator
46-44
Caesar Diktator
14--Tiberius-----37
Rom:
70
Pompeius & Crassus 31 Aktium Octavian besiegt Antonius
Pompeius erobert Jerusalem
63
40
Parthereinfall in Jerusalem
Judäa:
103
Hasmonäer
63
<27
Octavian
Augustus 14>
Judäa:143-134 Simon Hoherpriester 76--67
Salome Alexandra 37-34HerodesdGr 4Herod.Antipas39
Judäa: 134-----------------102 Johannes HyrkanosI.
Hoherpriester
6 Judäa röm. Provinz-41
102AlexanderJannai76
66-63 Aristobul II.
4
Jesus 33
135---Poseidonios
v Apameia---------------------51
20-----Philo
v
Alexandrien-->>50
?----Diodorus
Siculus--------------?
23
Plinius
106------------------Cicero---------------------43
5 Apollonius vTyana>
63-----------------------------------Strabo------------------21
+40 +50 +60 +70 +80 +90 +100 +110
+120 +130 +140
+150 +160 +170 +180 +190 +200
41-54 Claudius
69----79 Flavius Vespasian
54-----Nero---68
81-Domitian-96 98Trajan-117
117--Hadrian---138
185Diog.Laertius
41-44
Herodes Agrippa 73
Eroberung Masadas
132-35 Bar-Kochba-Aufstand Niederlage BethTher
44-50
Judäa röm. 70
Zerstörung Jerusalems
150--Clemens
Alexandrinus--215
50-68 AgrippaII.König vChalkis 100----------------Justin-----------------150
180IrenäusAdvHär
37-----------Josephus-----------------------------100
Proto-Zostr?
-Philo-50 46---------------------Plutarch----------------------------125 ?-------Pausanias-----------?
--------------Plinius---------79 Mk Lk Mt
Joh
101 Elchesai Sethianische Täuferbewegung Barbelognosis
---Apollonius von Tyana---------------------97
124------Apuleius von
Madaura--------184
---Paulus---64
+210 +220 +230
+240 +250 +260 +270 +280
+290 +300 +310 +320 +330 +340 +350 +360 +370
216----------------Mani------------------------------277
185DiogenesLaertius/Origenes-254
275--------Iamblichos-----------------330
204----------------Plotin--------------------269 Deutero-Zostr
?Hippolyt-235
232--------Porphyrius--------------------------------304
1.7.5 Magier in Palästina zur Zeit Jesu
und in biblischen Texten
Die Quellenlage für die persischen Magier in Palästina ist mager, da diese zum einen ihre heiligen Texte noch immer mündlich tradierten und so als geheimes Wissen hüteten, zum anderen war der Modus der Beerbung konkurrierender Sekten nicht die Abschrift ihrer Texte, wie es von den Synoptikern oder den alttestamentlichen Zitaten im NT bekannt ist.
Das Vorkommen von Magiern deutet auf persische Einflüsse, jedoch nicht automatisch auf dedizierten zoroastrischen Einfluß.[1825] Die Magier werden als maguš erstmals in der Behištan-Columna I des Dareios erwähnt als Hofgeistliche.[1826] Die zarathuštrischen Priester sind im Avesta immer als āθravān bezeichnet, später ist āsrōnān die Standesbezeichnung. Kārnāmak I,10 werden Priester bereits wie in vielen Inschriften der nachchristlichen Jahrhunderte als mogmartān bezeichnet, deren höhere Ränge mit politischen Richterfunktionen die magupat sind. Ayātkār i-Zarērān 24 sind magūmartān Hüter des Bahrām-Feuers. Im Dēnkart sind Priester immer āsrōn-āsrōk. In der Sassanidenzeit ist Mobad zugleich Priester und Richter. Das arabische magūs bezeichnet Perser, die Feuer verehren und ist nicht an den Priesterstand gekoppelt. Sie waren durch ihr eigenartig murmelndes Beten (drənjaya, trtnjem, goggu/zein) bekannt, mit dem sie zugleich ihre Texte auswendig lernten, der hērpat = Herbad (Lehr-Priester) gab es dem hāvišt = Schüler in der hērpatistān = Schule weiter.[1827]
1.7.5.1 Orakel des Hystaspes und die Magier an Jesu Krippe
Je weiter von Rom zum Parther-Reich, um so partherfreundlicher wird die Literatur, um so weniger werden Magier als Agenten des Bösen und ihre schamanistische Praxis als Zauberei verteufelt. Ignatius verteidigt Rom: »Und es blieb dem Fürsten dieser Welt die Jungfrauschaft Marias und ihre Niederkunft verborgen. Ebenso auch der Tod des Herrn. Drei laut rufende Geheimnisse, die in Gottes Stille vollbracht wurden. (2) Wie wurden sie nun den Äonen offenbar? Ein Stern erstrahlte am Himmel, heller als alle Sterne. Sein Licht war unaussprechlich und seine Neuheit erregte Befremden. Alle übrigen Sterne aber samt Sonne und Mond umgaben den Stern im Reigen. Er selbst übertraf durch sein Licht alle. Und Verwirrung herrscht, woher die neue, ihnen ungleichartige Erscheinung wäre. (3) Die Folge davon war die Auflösung aller Zauberei (magei=a) und das Verschwinden jeglicher Fessel der Bosheit. Die Unwissenheit wurde beseitigt, die alte Herrschaft ausgerottet, als Gott in Menschengestalt erschien zu neuem ewigen Leben. Seinen Anfang nahm, was bei Gott bereitet war. Von da an war alles zumal in Bewegung, weil die Vernichtung des Todes betrieben wurde.«[1828] Im Arabischen Kindheitsevangelium 7 sagt Zaraθuštra Jesu Kommen voraus: »Und es geschah, als der Herr Jesus zur Zeit des Königs Herodes in Bethlehem in Judäa geboren war, siehe, da kamen Magier aus dem Morgenland nach Jerusalem, wie es Zeraduscht vorausgesagt hatte.«[1829] Ebenso im Protevangelium des Jakobus 21f. Bei Mt 2,1.7.16 kommen ma/goi a)po a)natolw=n ei)j ¸Ierouso/luma, was auch Syrien als Domäne vieler Magier bedeuten könnte.[1830]
Die Vorlage für alle diese Messiasgeburt-Geschichten sind die in zervanistischen Kreisen kursierenden Orakel des Hystaspes.[1831] Justin nennt Hystaspes und Sibyllen in einem Atemzug als Quellen der Weltbrandmythe: »Sowohl Sibylle als auch Hystaspes sagten, die Auflösung des Vergänglichen werde durch Feuer kommen.«[1832] »Der Tod der bösen Dämonen wird gemäß ihren Taten festgesetzt, wie man lesen kann in Büchern des Hystaspes, der Sibylle oder der Propheten. Wie durch die Furcht jeder beliebige Mensch sich abwenden wird von Kenntnisnahme des Schönen, werden die ihnen dienen niedergehalten. Bis zum Ende schämen sie sich nicht der Taten.«[1833] Clemens Alexandrinus sieht Sibyllen und Hystaspes als Christusverkündigung wie Paulus, den er zitiert: »Nimm auch die hellenischen Bücher, lies die Sibylle, wie es gezeigt wird, daß Gott einer ist, und wie die Zukunft gezeigt wird. Und nimm Hystaspes, lies, und du wirst noch leuchtender und deutlicher den Sohn Gottes beschrieben finden und wie viele Könige ihre Waffen gegen Christus auffahren und Ihn hassen und jene, die Seinen Namen tragen, und Seine Getreuen und Seine Geduld, und Sein Kommen.«[1834] Lactantius nennt Hermes Trismegistos, Hystaspes und Sibyllen als Quelle seiner Eschatologie.[1835] Sibyllen und Hystaspes-Orakel generieren sich aus dem Zervanismus. Im 6. Jh. bringt Johannes Laurentius Lydus Zaraθuštra und Hystaspes mit dem Chaldäischen Kalender zusammen: »Daß die Chaldäer und Ägypter um Zoroaster und Hystaspes von der Zahl der Planeten in der Siebenheit der Tage übernahmen.«[1836] Es scheint in dieser Zeit in Ägypten Kreise gegeben zu haben, die gestärkt durch die Sassaniden Zaraθuštra verehrten als astrologische Autorität, cf 1.5.1.3 und 1.5.2.18
Es gibt zwei Vištāspa in der iranischen Geschichte. Der eine war Sohn von Arsanes und Vater von Dareios I. (522-486) und müßte somit zeitgleich mit Kambyses gelebt haben, dessen Reich der Magier Gautama per Staatsstreich übernahm. Auch zu seiner Zeit gab es schwere Wirren und Kämpfe um Macht und Recht und auf seinen Sohn trifft genau das zu, was dann später vom Messias wieder erwartet wurde, vielleicht sogar der gute Stern, unter dem dessen Sache ja stand. Vištāspa steht für die Anfänge des persischen Großreichs unter Ahura Mazdā und ist in zahllosen altpersischen Inschriften dokumentiert.[1837] Daß er angesichts des verfallenen Reichs später dann unter den Seleukiden zum Ankündiger eines neuen Großkönigs gemacht wird, dessen Stern aufgeht und die Weisen mit Geschenken zum Kindlein führt, gegen welches sich die Mächte des Bösen formieren, das paßt als zweiter Sitz im Leben auf den persischen Nationalismus angesichts der Zerstörungen durch Alexander den Großen 331 v.Chr., darin Jes 11 mit seiner Messiasankündigung ähnlich. Der Machtzerfall einer besiegten Nation weckt messianische Hoffnungen eines neuen starken Führers. Diese Orakel dienten dann auch dem jüdischen Messianismus als Bestärkung ihrer Hoffnungen auf den kommenden großen König der Endzeit, der schließlich zum Weltenrichter wird.
Der andere Kavi Vištāspa war Gönner Zaraθuštras (Y 28,7; 46,14; 51,16: »Der Fürst Vištāspa hat durch die Herrschaft über die Urgemeinde auf den Pfaden des Guten Denkens die Einsicht erlangt, die er durch Wahrsein erdacht hat. Also möge der verständige Weise Herr uns Erwünschtes verkünden.«) Von ihm berichten mehrere Pahlavi-Schriften Himmelsoffenbarungen. In Dēnkard VII,4,73-89 wird von der Bekehrung Vištāspa zur zarathuštrischen Religion erzählt. Als Wunderzeichen sendet Ōhrmazd die drei Erzengel Vohumana, Ardwahišt und das wohlgesonnene Feuer zu Vištāspa als Bestätigung der Prophezeiung von Zartošt und Beauftragung zur Annahme der Mazdaanbetung seiner Ausbreitung in der Welt. Die Erzengel reisen vom Himmel im Auftrag Ōhrmazds nun zum viehzüchtenden Kavi Vištāspa und lassen ihn eine Lichtvision erleben. Ihr Lichtschein leuchtet wie der Himmel voller Licht durch ihre große Kraft und Herrlichkeit. Sie sagen vor den versammelten und verwirrten Höflingen, daß er erhöht ist und erwählt. Und die Lehren und Lobgesänge Zaraθuštras möge er pflegen und keine Dämonen anbeten. Dafür wird er 150 Jahre leben und in Gerechtigkeit regieren. Ein Sohn wird ihm gegeben, Pešyotan, der unsterblich ist, keinen Durst oder Hunger kennt und eine Doppelexistenz als Geistwesen und Knochenwesen führen kann. Für den Fall des Ungehorsams droht ihm allerdings ein grausiger Tod. Dann kommt noch der Erzengel Neryosang mit Wasser aus dem Brunnen des Lebens, was getrunken zu Visionen des Himmlischen Reiches führt. Hier wird noch einmal der Sieg über alle Widersacher der zoroastrischen Religion garantiert. Diese Kombination von himmlischer Offenbarung und politischer Neukonsolidierung der Herrschaft hat sich auch in den griechischen Versionen erhalten, die bereits im 2. Jh. v.Chr. als Orakel des Hystaspes kursierten und vom Haß gegen die Römer erfüllt waren. Mithridates VI. Eupator (111-63) von Pontus hat sich mit dem „großen König“ dieser Orakel identifiziert und den Kampf gegen Rom aufgenommen. Beide Vištāspa wurden oft identifiziert.[1838] Einen Huldigungsbesuch der Magier hat es in Rom gegeben: Des Partherkönigs Bruder Tiridates mit seinem Magiertroß unterwarf sich 66 Nero, der Interesse an Magie hatte.[1839]
Der Bahman Yašt ist das zentrale Dokument für einen iranischen Messianismus des künftigen siegreichen Königs nach den 4 Reichen, cf unter 1.4.2.11. Hier ist die Quelle des Sterns von Bethlehem zu finden: III,14: »In Richtung von Chinistan unter den Hindus wird ein Prinz geboren (kai). Sein Vater ist ein Prinz des Kayanischen Geschlechts, befruchtet Frauen und ein heiliger Prinz wird ihm geboren. Er nennt ihn Warharan der Varjavand, einige haben Šahpur gesagt. 15. Es soll ein Zeichen kommen auf die Erde: in der Nacht, wenn dieser Prinz geboren wird, stürzt ein Stern vom Himmel. Wenn der Prinz geboren ist, geben die Sterne ein Zeichen. 16. Vater Ōhrmazd sagte, daß im Monat Aban am Tag Vad das Ende seines Vaters ist. Sie ziehen ihn auf mit den Prinzessinnen und eine Frau wird herrschen. 17. Wenn dieser Prinz dreißig Jahre alt ist, einige haben erzählt über diese Zeit, kommen mit unzähligen Bannern und Armeen die Hindu und Chinesen... und stellen ihre Banner auf, erhöhte Banner, und richten die Waffen auf. Sie ziehen schnell aufwärts bis zum Veh-Fluß... 18. Wenn der Stern Jupiter an seinen Gipfelpunkt (balist) kommt und Venus absteigt, kommt die Alleinherrschaft an den Prinzen.« Hier sind alte Ariertraditionen mit einem indischen Befreierkönig im reichen Merv und später in Fars (III,21) erkennbar, die viele Schichten historischer Aktualisierung erkennen lassen bis hinein in die Sassanidenzeit.
1.7.5.2 Theodor bar Konais Zarathustraerzählung
Im Hellenismus wurden Seth und Zaraθuštra als Urväter identifiziert.[1840] Stammbaumreihen in fast allen großen Pahlavi-Schriften und in Gen 5f; 1 Chr 1; Mt 1; Lk 3,23ff leiten beide vom Urmenschen her und münden in den endzeitlichen Erlöser. Die Stammbaumreihe ist wie die Sukzession der Päpste eine Art Reinkarnation des Urvaters im Saošyant oder davidischen Messias. Die Abkunft wird zur unmittelbaren Identität: Ich und der Vater sind eins. Die Namen der Patriarchen gleiten wie Lacans Metapher in den zahllosen Metonymien über die Signifikanten, der mythischen Figuren, die für ein Gesamtsetting, eine Gestaltprägnanz einer ganzen Lebenshaltung stehen. In die eschatologische Hoffnung Zaraθuštras vom gerechten König wurde im Zervanismus in der Vištāspa-Tradition der endzeitliche Große König eingesetzt und später in der jüdischen Rezeption dieser zervanistischen Tradition der jüdische Urvater Seth dort, wo die zervanistischen Traditionen von einer genealogischen Identität Zaraθuštras mit dem Saošyant sprechen. Die Namen des fremden Propheten und seines Gottes werden in der Adaption des Mythos durch eigenen Namen ersetzt.
Epiphanius von Salamis auf Zypern berichtet 377 n.Chr. im Panarion über die Identität Christi mit Seth, die wir ebenfalls im NHC häufig finden. Der Messias Jesus ist der reinkarnierte Seth: »Von Seth stammt samenmäßig und nachkommenmäßig der Messias Jesus persönlich ab, nicht nach der biologischen Entstehung, denn er ist wundersam in der Welt erschienen, welcher selbst ist der Seth, der damals auch Messias war und jetzt das Menschengeschlecht ständig besucht, von der Mutter von oben gesandt.«[1841]
Bousset hat eine Vorstufe dieser Seth-Reinkarnation im 791 geschriebenen Scholienbuch des syrisch-nestorianischen Mönchs Theodoros bar Kōnai (um 750 n.Chr.) entdeckt, der in der Landschaft um Kaschkar im Süden des heutigen Irak wirkte, wo früher die Chaldäer und Magier ihre zervanistische Synthese entwickelt hatten. Statt Seth ist hier Zaraθuštra der, der sich im Messias neu inkarniert, getreu der zervanistischen Reinkarnation in den drei Söhnen Hušedar, Hušedar-mah und Sošyant, cf 1.4.2.10. Dies zeigt, welche Autorität Zaraθuštra selbst noch bei christlichen Gruppen in Gebieten hatte, die vormals stark von Magiern besiedelt waren: »Dieselbe Schrift, die in der einen Quelle ausdrücklich als Offenbarung des Seth erschien, erscheint in der anderen ausdrücklich als Offenbarung des Zarathustra.«[1842] Zaraθuštra offenbart darin an der heiligen Wasserquelle von Glōša in Hōrīn sitzend nach einem Bad seinen Schülern Guštaspes (= Vištāspa), Susan (= Fravaši Saēna, Yašt 13,97) und Mahman (maidyōi-måŋhā Yasna 51,19) das wunderbare Mysterium von dem am Ende der Zeit in die Welt kommenden großen König, »der als Kind mit seinen Glieder unter den Brüsten einer Jungfrau ohne Milch heranwachsen wird, er wird wie ein Baum mit vielen Ästen und lecker Früchten sich auf trockenem Boden aufrichten. Die auf dieser Erde wohnen, wiedersetzen sich seinem Wachstum und bemühen sich um seine Entwurzelung aus der Erde, aber er vergeht nicht. Da bemächtigen sie sich seiner und töten ihn am Galgen. Erde und Himmel tragen Trauer über seinen gewaltsamen Tod und alle Stämme aller Völker beweinen ihn. Es öffnet sich der Abstiegsweg in die Tiefen der Erde und aus den Tiefen fährt er hinauf in die Höhe. Man wird ihn kommen sehen mit einer Armee des Lichts, getragen auf weißen Wolken, denn er ist zugleich das Kind und der Schöpfer des Wortes der ganzen Welt. Da fragt Guštaspes Zaraθuštra: „Hörmal, du bist doch der, über den du das alles sagst, daß er mit seiner Macht kommen wird, oder?“ Zarathustra sprach zu ihm: „Er wird hervorgehen aus meinem Stamm und meiner Nachkommenschaft. Ich bin er und er ist ich. Ich bin in ihm und er in mir. Wenn sich der Beginn seiner Ankunft manifestiert, werden große Wunder im Himmel geschehen. Man wird einen glänzenden Stern sehen mitten am Himmel, sein Licht stellt das der Sonne in den Schatten. Aber dann, meine Freunde, werdet ihr den Keim des Lebens erleben, den Weg zum Schatz des Lichtes und Geistes, der gesät ist auf den Boden des Feuers und Wassers, er wird euer Hüter sein und wachen über das, was ich euch gesagt habe, und die Frist erwarten, wann die Vorhut der Thronbesteigung des großen Königs kommt, den die Gefangenen erwarten für ihre Befreiung. Und dann, meine Freunde, gebt acht auf das Mysterium, was ich euch nun offenbare: Er wird sich einschreiben in euer Herz und bewahren im Schatz eurer Seelen. Und wenn sich der Stern erhebt, von dem ich sprach, werden Boten sich aufmachen zu euch, beladen mit Geschenken, um ihn zu bewundern und ihm Beigaben zu machen. Vergeßt ihn nicht, für den ihr durch das Schwert zu sterben bereit seid, denn er ist der König der Könige und alle, die von ihm stammen, bereiten ihm die Krone. Ich und er sind eins." Diese Dinge wurden gesagt von diesen zweiten Bala'am, und Gott hat dieses Orakel nach seiner Art übernatürlich gegeben, und er ist als Mensch unter anderen überzeugt gewesen von den Prophetien, die eine Anspielung sind auf den Messias und Enthüllungen über die Zukunft.«[1843] In dieser Prophetie ist die Hušedar-Sošyant-Tradition von Dēnkard VII,10 und Bundahišn 33,29-38 Ankl christianisiert mit dessen Galgentod, Höllenfahrt, Himmelfahrt und Parusie als Endsieg mit Engelsheer in Miθramanier. In der nestorianischen Kirche kursierte dieses Orakel mit den Weisen aus dem Osten und der Herodes-Verfolgung. Jesus, der gehenkte Höllen- und Himmelsfahrer, wird als wiederkommend reinkarnierter Zaraθuštra-Sošyant eingearbeitet in die vorgefundene persische Eschatologie. Ähnlich wird Jesus Mt 14,1 für den wieder auferstandenen Täuferjohannes gehalten.[1844]
1.7.5.3 Die Chronik von Zuqnin: Magierwallfahrt, Stern und Erlöserkönig
Auch die syrische Chronik von Zuqnin handelt über die Geburt des Erlösers, den Stern und die Magier aus dem Osten.[1845] Sie klingt gnostisch und mandäisch und wurde oberflächlich christianisiert. Die sethianische Gnosis der Juden von Adiabene könnte Trägerschicht dieser iranischen Traditionen gewesen sein. Aus dem Opus imperfectum in Matthaeum II,2,2 ist die Sitte der Magier ebenfalls überliefert, auf den Mons victorialis mit seiner von Bäumen und Quellen umgebenen Höhle hinaufzuwallfahrten, wo sie sich wuschen und Gott priesen und auf den Stern des Glücks warteten, der die Geburt des „Großen Königs“ als einer Inkarnation Miθras in dieser Höhle ansagt. Tiefenpsychologisch ist eine Höhle mit Quelle davor die Gebärmutter mit nasser Vagina. Auch Miθra war in einer Höhle geboren. Sie bringen dem „Großen König“ neue Goldkronen, nicht Gold, Weihrauch und Myrrhe. Darin spiegelt sich die alte iranische Tradition, dem Herrscher goldene Kronen als Tribut zu übersenden, wie Reliefs in Naqsh-I-Rustam, Susa und Persepolis es darstellen.[1846] Dieser Text ist als eine Art Bindeglied zwischen den Orakeln des Hystaspes und der sethianischen Gnosis zu betrachten und zeigt, wie iranische Magiertraditionen zum Taufritus der Täufersekten geführt haben. Darum hier der Text in ganzer Länge:
»Und
wir haben Gesetze und
Gebote von unseren Vätern übernommen, auch wir
lernten alle Mysterien und
ermahnten unsere Söhne: "Vielleicht ereignet sich in euren
Tagen die
Ankunft des Lichtes dieses Sterns, wie wir von unseren Vätern
übernommen und
gelernt haben." Und wir stiegen zum Siegesberg hinauf. Und als wir alle
versammelt waren, jeder einzelne aus seinem Wohnort, warteten wir am
Fuße des
Berges an einer Stelle, in Reinheit, am 25. Tage des Monats, wie alle
Monate.
Und wir tauften uns in einer Quelle, die am Fuße des Berges
sich befand, und
diese Quelle wurde die (Quelle) der Reinigung genannt. Und oberhalb
dieser
Quelle standen sieben Bäume: Olive, Weinstock, Myrte,
Zypresse, Zitrus, Zeder
und Tanne. Und jener ganze Berg ist schön und herrlich, mehr
als alle andern
Berge, die sich in unserem Lande befanden, über alle
Maßen. Und von ihm ging
aus der Duft aller Wohlgerüche, und der Tau, der darin troff,
war
wohlriechender Duft. Und als der Anfang des Monats kam, stiegen wir
hinauf und
gingen bis zur Spitze des Berges und standen vor dem Eingang der
Höhle der
verborgenen Mysterien und fielen auf unsere Knie und breiteten unsere
Hände gen
Himmel aus und beteten und verehrten in Schweigen, ohne Wort, den Vater
der
höchsten Größe, die unaussprechlich und
unendlich ist bis in Ewigkeit. Am
dritten Tage traten wir in die Höhle hinein zu den
aufgespeicherten Schätzen,
die vorbereitet waren als Geschenke für den Stern und zur
Verehrung jenes
Lichtes, auf welches wir warteten...
Als
aber die Zeit und die
Vollendung dessen kam, was in den Schriften geschrieben steht, betreffs
der
Offenbarung des Lichtes jenes verborgenen Sterns, wurden auch wir
dessen
würdig, daß er in unseren Tagen komme und wir ihn
mit Freude empfängen, wie uns
von unseren Vätern befohlen war und wie wir auch in den
Schriften gelesen
hatten. Und jeder einzelne von uns sah wunderbare und verschiedene
Visionen,
die von uns vorher nie geschaut worden waren, aber deren Mysterien sich
in den
Schriften befanden, die wir gelesen hatten. Und wir kamen, jeder
einzelne von
uns von seinem Wohnort, gemäß unserer
früheren Gewohnheit, um zum Berg der
Siege hinaufzusteigen und um uns zu taufen in der Quelle der Reinigung,
um uns,
wie wir gewohnt waren, zu waschen. Und wir sahen ein Licht in der
Gestalt einer
Säule von unaussprechlichem Licht, das herunterstieg und
über den Mysterien
stehen blieb. Wir fürchteten uns und wurden erregt, als wir es
sahen, und über
ihm den leuchtenden Stern, von dessen Licht zu sprechen wir nicht
imstande
waren, da sein Licht um vieles heller war als das der Sonne. Und nicht
vermochte
die Sonne, vor dem Licht seiner Strahlen zu bestehen, und so wie der
Mond
erscheint in den Tagen des Nisan, wenn die Sonne aufgeht und er von
ihrem
Lichte verschlungen wird, so erschien uns jetzt die Sonne, als der
Stern über
uns aufgegangen war. Uns aber und den Mysteriengenossen erschien das
Licht des
Sternes, das heller als (das Licht) der Sonne war, aber keinem anderen
erschien
es, weil sie von seinen Mysterien und seiner Ankunft fern waren. Und
wir
freuten uns und priesen und bekamen über die Maßen
den Vater der höchsten
Größe, daß (d)er (Stern) in unseren Tagen
erschienen und daß wir würdig gewesen
seien, ihn zu sehen. Und als wir uns in der Quelle der Reinigung mit
Freuden
getauft hatten, stiegen wir zum Berg der Siege hinauf, wie wir gewohnt
waren.
Und wir steigen hinauf und fanden die Säule des Lichtes vor
der Höhle. Eine
große Furcht fiel wiederum über uns her und wir
fielen auf unsere Knie und
breiteten unsere Hände aus, unserer früheren
Gewohnheit gemäß, und schweigend
priesen wir die Vision seiner Wunderdinge. Und wiederum sahen wir,
daß der
Himmel sich öffnete wie eine große Pforte, und sahen
herrliche Männer, die den
Stern des Lichtes auf ihren Händen trugen. Und sie stiegen
herab und standen
über der Säule des Lichtes. Und der ganze Berg war
von seinem für einen menschlichen
Mund unaussprechlichen Licht erfüllt. Und es näherte
sich uns vor unseren Augen
von der Säule und dem Stern her etwas wie die Hand eines
kleinen Menschen, was
wir nicht imstande waren zu betrachten, und stärkte uns. Und
wir sahen den
Stern in die Schatzhöhle der verborgenen Mysterien eingehen,
und die Höhle
wurde über alle Maßen licht. Und von uns wurde eine
demütige und sanfte Stimme
gehört, die zu uns rief und sagte: "Tretet in Liebe ein, ohne
Sorge, und
schaut eine große und wunderbare Vision!"
Durch das Wort der Stimme wurden wir ermutig und gestärkt. Und wir traten hinein, indem wir uns (doch): fürchteten, und beugten unsere Knie an der Öffnung der Höhle wegen der Fülle des Lichts. Und nachdem wir auf sein Wort aufgestanden waren, erhoben wir unsere Augen und sahen dieses für den Mund der Menschen unaussprechliche Licht. Und indem es sich verdichtet hatte, erschien es uns wie die Glieder eines kleinen und demütigen Menschen und sagte zu uns: "Friede über euch, Genossen der verborgenen Mysterien." Und wiederum waren wir über die Vision erstaunt. Und er sagte zu uns: "Seid nicht durch die Vision, die ihr geschaut habt, bekümmert, daß dieses unaussprechliche Licht euch erschienen ist, das der Stimme des verborgenen Vaters der höchsten Größe (gehört). Und wiederum ist euch erschienen, daß es sein Licht in seinem Glanzwesen verdichtet hat, und es ist euch in der Gestalt eines kleinen und demütigen und schwachen Menschen erschienen, weil die Bewohner der Welt nicht imstande sind, die Herrlichkeit des Eingeborenen Sohnes des Vaters der Größe zu schauen, wenn er ihnen auch in des Gestalt ihrer eigenen Welt erscheint.«[1847]
Die „Reinigung der 9 Nächte“ (barašnom-i no-šabe) wird für den Zoroastrier mindestens einmal im Leben als Körper und Geist erneuernde Einkehr zelebriert unter neuntägigem Rückzug in Einsamkeit bei ständigem Gebet, Waschungen und Trinken von geweihtem Rindurin. Von diesen Reinigungsriten der Vendidad (cf 1.4.7) dürfte die Chronik von Zuqnin entscheidend geprägt sein. Hier ist eine Tauf-Reinigungswallfahrt zu einem Zentralheiligtum mit kollektiven Lichtvisionen und astrologischer Sternanbetung verbunden mit dem gnostischen Erlösersohn und dem Vater der Größe in der anderen Welt, der Geisteswelt. Die Höhle könnte wie die Mithräen Lichtschächte für die Lichtvisionen gehabt haben, durch die das Licht nur bei bestimmtem Sonnenstand auf das Relief des Gottessohns gefallen ist und Miθras wurde oft als Junge dargestellt in seiner Höhlengeburt. Dēnkard VII,4,73ff stellt ebenfalls die Lichtvision dar und in der Feueranbetung, mit der sie dort in Verbindung steht, könnte die gottesdienstliche Ursprungssituation der gesamten Lichtvisionen liegen, die nicht nur die Orakel des Hystaspes durchziehen, sondern die gesamte sethianische Gnosis. Die Lichtvision finden wir in der Himmelsreise-Literatur seit den Henochbüchern als Thronvision wieder.
1.7.5.4 Die Sibyllinen als Zervanismuszeugnisse
Die erste »Sibylle mit rasendem Mundwerk ungelachtes und ungeschminktes und ungesalbtes verkündend dringt mit ihrer Stimme durch Jahrtausende, durch den Gott getrieben« erwähnt Heraklit.[1848] Herakleides Ponticos unterscheidet um 350 v.Chr. die phrygische Sibylle Artemis und die Herophile aus Eythreia an der ionischen Küste.[1849] Pausanias erwähnt bereits 4 Sibyllen um 160 n.Chr.: die lybische, die Herophile von Marpessos (= delphische, erythräische & samische), die Demo von Cumae und die hebräische Sabbe (die babylonische & ägyptische).[1850] Verschriftlichung dieser wohl von Erythräa ausgehenden Orakelpriesterinnen erfolgt im homerischen Stil wesentlich später. Die Sibyllinendichtung begann mit Lykophrons Alexandra (=Kassandra) um 270 v.Chr. Die Sibylla von Cumae gilt als Trojanerin und Tochter des Königs Dardanos. Mit ihr stieg Trojas Aeneas in die Unterwelt hinab. Sie hat damit eine Nähe zur Nekyomantie, cf 1.5.2.6 am Perserhof und 1.5.2.44 zum Hexenwesen.
Im Tempel auf Roms Capitol wurden sibyllinische Bücher mit Orakeln für Rom aufbewahrt und von Priestern um Rat befragt; sie sollen den Etruskern von der Sibylle verkauft worden sein, die von ihren 9 Büchern zweimal drei verbrannte in den drei Preisverhandlungen und für die letzten 3 den Preis für alle 9 erhielt. 83 v.Chr. brannte der Tempel samt Büchern ab. Im ganzen Reich wird an Orakelstätten der Sibyllen nach Spruchmaterial geforscht, um das Staatsorakel vom Kapitol zu regenerieren.[1851] Marcus Terentius Varro (116-27 v.Chr.) nimmt als erste Sibylla Sambethe aus Persien an, eine Schwiegertochter Noahs, cf OrSib III,808-28. Varro: »Die römische Sibylle hält man für einen Ausdruck für eine prophetische Seherin. Woher die weiblichen Seherinnen mit einem einzigen Namen Sibyllen genannt werden, darum sind diese Zehn, wie viele schrieben, doch in verschiedenen Zeiten und Orten geboren. Die erste war die Chaldäerin, für eine Perserin gehalten, die mit Hauptnamen Sambethe gerufen wurde, sie stammte aus dem Geschlecht des glückseligen Noah. Sie hat über den Mazedonier Alexander geweissagt. An sie erinnert sich Nikanor, der Alexander-Biograph. Die zweite war Libyerin, deren Erinnerung Euripides im Prolog der Lamia bewahrte. Die dritte aus Delphi ist in Delphi aufgewachsen. Über sie schreibt Chrysipp im Buch Übers Gottsein. Die vierte, Italike, im italienischen Kimmeria, hatte einen Sohn Euandros, der den Pan-Tempel in Rom eine Schöpfung des Luperkos nannte. Die fünfte, Erythraia, weissagte über den troianischen Krieg. Über sie zerstritt sich der Erythräer Apollodor. Die sechste aus Samia wurde mit Hauptnamen Phyto genannt. Über sie schrieb Eratosthenes. Die siebte aus Kumae wird Amaltheia genannt oder auch Erophile, neben einer gewissen Taraxandra. Vergil nennt die kumäische Gottesfürchtige "blauäugige Tochter". Die achte vom Hellespont ist im Dorf Marmesso aufgewachsen über der Stadt Gergiti, deren Vision einst Troja ereilte zu Solons und Kyros Zeiten, wie Herakleides Pontikos schrieb. Die neunte ist Phrygierin. Die zehnte Tiburtierin namens Abunaia.«[1852] Lactanz nimmt diesen Text auf: »Marcus Varro, dessen Belesenheit einmalig war, sogar unter den Griechen, um so mehr unter dem Lateinern, sagt in theologische Büchern für den Hauptpriester Caius Cäsar, als er von den Quindecemviri sprach, daß die Sibyllinischen Bücher nicht die Erzeugung einer Sibylle waren, sondern daß sie alle Sibylle genannt wurden, weil alle Prophetinnen vom Volk des Altertums nur Sibyllen genannt wurden, entweder vom Namen der Delphischen Priesterin oder von ihrem Proklamieren der Ratschläge der Götter. Denn im äolischen Dialekt haben sie früher die Götter Sioi/, nicht Qeoi/, genannt; für Ratschlag benutzten sie das Wort bulh, nicht boulh; Die Sibylle bekam so ihren Namen Siobu/lh. Er [Varro] sagt, daß es 10 Sibyllen gibt und zählt alle Schriftsteller auf, die einen Bericht von einer schrieben: Die erste von den Persern wird von Nicanor zitiert in den Heldentaten Alexanders von Macedonien. Die Zweite schrieb in Libyen und wird von Euripides im Lamiaprolog erwähnt. Die Dritte von Delphi zitiert Chrysippus im Buch über Vergöttlichung. Die vierte Cimmerische in Italien erwähnt Nävius in seinen Büchern vom Punischen Krieg und Piso in seinen Annalen. Die fünfte von Erythräa, sagt Apollodorus, sei seine Landsmännin gewesen und habe den Griechen vorausgesagt. Als sie sich nach Ilium aufmachten, wurde Troja zur Zerstörung verurteilt, und dies sei bei Homer verfälscht. Die sechste von Samos hat Eratosthenes in den alten Annalen der Samier gefunden. Die siebte von Cumä hieß Amalthäa, nach einer Herophile oder Demophile benannt. Sie habe neun Bücher zum König Tarquinius Priscus gebracht und 300 Philippikoi verlangt. Als der König einen so großen Preis ablehnte, flippte sie aus, vorm König verbrannte sie drei der Bücher und forderte den gleichen Preis für den Rest. Tarquinias sah, wie böse die Frau war, und als sie wieder drei Bücher verbrannte unter Forderung des gleichen Preises, gab der König nach und kaufte die übrigen Bücher für die 300 Goldstücke. Die Anzahl dieser Bücher wurde nach dem Wiederaufbau des Kapitol erweitert. Aus allen Städten Italiens und Griechenlands wurde gesammelt, besonders die von Erythräa. Sie wurden nach Rom gebracht unter dem Namen ihrer jeweiligen Sibylle. Die achte war in den Zeiten von Solon und Cyrus auf dem Hellespont bei Troja im Dorf Marpessus über der Stadt Gergithus aufgewachsen, wie Heraclides von Pontus schreibt. Die neunte aus Phrygien ist das Orakel bei Ancyra. Die zehnte lebte in Tibur mit Namen Albunea, in Tibur als Göttin angebetet, an den Bänken des Flusses Anio, in dessen Tiefen ihre Statue gefunden worden sein soll, wo sie in ihrer Hand ein Buch hält. Der Senat übergab ihre Orakel ins Kapitol. Die Voraussagungen von all diesen Sibyllen ist hochgeachtet, außer denen der Cumäische Sibylle, deren Bücher von den Römern verborgen werden. Rechtmäßig dürfen sie nur von den Quindecemviri inspiziert werden. Und jede hat verschiedene Bücher geschrieben, aber weil diese unter dem Namen Sibylle geschrieben werden, glaubt man, es sei die Arbeit einer einzigen und ist verwirrt. Die Erzeugungen jeder einzelnen sind unterschiedlich obwohl ihre Autorin unerkennbar bleibt, außer im Fall der Erythräischen Sibylle, denn sie baut den eigenen wahren Name in ihre Strophen ein und sagte vorher, daß sie Erythräerin genannt werden würde, obwohl sie bei Babylon geboren wurde. Auch wir werden von Sibylle ohne irgendeinen Unterschied sprechen, wo wir ihre Zeugnisse zitieren werden. Alle Sibyllen proklamieren einen Gott, besonders die Erythräische, die als honoriger und renommierten als die anderen angesehen wird. Fenestella, ein sehr emsiger Schriftsteller, erzählt vom Quindecemviri, daß nach dem Wiederaufbau vom Kapitol Konsul Caius Curio dem Senat vorschlug, Botschafter nach Erythräa zu schicken, um die Schriften der Sibylle zu suchen und nach Rom zu bringen und dementsprechend wurden Publius Gabinius, Marcus Otacilius, und Lucius Valerius entsandt, die über 1000 Strophen nach Rom beförderten, aufgeschrieben von privaten Personen. Wir haben dies gezeigt, bevor Varro das gleiche behauptete.«[1853] Varro ist der erste, der die griechischen Texte der Oracula Sibyllina erfaßte. Diese Sprüche, die später zahlreiche Bearbeitungen und Übersetzungen erfuhren, waren jahrhundertelang Grundlagen für die Staatsorakel im römischen Reich.[1854] Die Geschichte ist in klar zervanistischer Schematik in vier Weltzeitalter geteilt, immer wieder wird die Wiederkehr des ersten und ursprünglichen, paradiesischen, goldenen Zeitalters nach einer apokalyptischen Endzeit angesagt. In jüdischer und später christlicher Überarbeitung wurden sie mit den messianischen Hoffnungen verknüpft. Lactantius sieht die in Rom so angesehenen Sibyllen als christlichen Prophetinnen, gefolgt und zitiert von Augustin De Civitate Dei XVIII,23. Deren Deuteprinzip ist holistisch: Im Kleinsten kündigt sich das Große an, unwichtiges wird Vorzeichen des Wichtigen.[1855] Ankunft, Geburt und Kreuzestod des Erlösers rücken ins Zentrum ihrer christlichen Interpretation. Man darf vermuten, daß es weit mehr nichtchristliche, nichtjüdische und nichtrömische Sibyllen-Orakel gab, die die persische Wurzel rein enthalten haben. Ihre Überlieferung konnte nicht im Interesse des Capitols liegen.
Die Sibyllinen-Edition Geffkens greift auf Sammlungen einzelner Orakel in 12 Bücher, auf HSS des 15.Jh. im Vatikan, Paris usw. zurück. Während die deutlich jüdischen Bücher III-V zwischen 150 v.Chr. (III) und 120 n.Chr. (V) datieren, Buch VI und VII christlich[1856], Buch I, II und VIII christianisiert im 2.Jh.n.Chr. entstanden, sind die Bücher XI-XIV romtreu voller Orakel über Siege/Niederlagen einzelner Städte, Nationen oder Despoten vermutlich erst nach den Partherfeldzügen von Trajan (115-117) und Septimius Severus (201) kompiliert. Ihnen merkt man die Verwendung als Staatsorakel auf dem Capitol an, zumal viele aus unerfüllten Voraussagen bestehen und somit nicht nur Vaticinia ex eventu. Buch I-VIII sind voller Römerhaß der Verfolgten und daher den Magiern gegenüber ohne Ressentiment.[1857] »Was den Dichter der 5. Sibylle und die Aufständischen verband, waren der abgrundtiefe Haß gegen Rom (und Ägypten), der gespannte Blick auf das politische Geschehen im parthischen Osten und die brennende endzeitliche Erwartung.«[1858] Immer wieder die Hoffnung, daß Rom den in Parthien geraubten Schatz dreifach zurückgeben muß. (III,350-62; IV,145ff cf Lactantius Div inst VII,15,11) VIII,456-79 künden nach Einblasen[1859] des Lichtgottes in Mariens dauerjungfräulichen Uterus durch den zeugungskräftigen Gabriel die Magier das Kommen Jesu an: »Es lachte der himmlische Thron und es freute sich der Kosmos. Der neu aufgegangene prophezeite Stern wurde von den Magiern verehrt.«[1860] Die lateinische Sibylle Mundus origo mea est der Magierin Sibylla (4.-5. Jh.n.Chr.) sagt Vers 23-27: »Seine Geburt sagte der Magier im Auftrag der Sterne voraus. Herab stieg als Lamm, den kaum der Erdkreis gefaßt hatte. Annehmen wollte es dennoch die Glieder des menschlichen Körpers. Aber in geistiger Frische der Tugend, vom keuschesten Leibe, bleibt er ewiglich jung und vermag nicht zu altern.«[1861] Hier kann statt dem Magier auch Zaraθuštra, Seth, Baruch oder Vištāspa/Hystaspes auftauchen.
Das christianisierte Buch II schildert nach dem Stern als Sošyant-Ankündigung (34-55) die Kriege, Pest und Hunger der Endzeit (154-213) und die Verführung der Völker durch Beliar aus Sebaste, wie ab 25 v.Chr. Samaria heißt (II,167ff cf III,63-74). Beliar kommt 119 Mal in der Patristik vor und im Testament der 12 Patriarchen[1862], Belial nur in Qumran[1863] und der LXX zu Ri 20,13 tou\j a)/ndraj tou\j a)sebei=j tou\j e)n Gabaa tou\j ui(ou\j Belial. Buch II,167 und III,63.73 kommt Beliar in den Sibyllinen vor und hat wie Belial in Qumran Ahriman-Funktion. 2 Kor 6,15 ist er der Antichrist. Josephus berichtet, der Gott von Tyrus heiße Belian.[1864] Beliar ist somit der phönizische Baal und die Schreibweisen variieren. Wie Baal populär ist und Israel in seiner ganzen Geschichte immer wieder fasziniert hat und in Samarien und Phönizien noch zur Zeit Jesu verehrt wurde, so verdirbt Ahriman die Welt. Als Jahwes größter Konkurrent ist Beliar/Baal prädestiniert, die Rolle des mächtigen Ahriman zu übernehmen. Christus und Beliar werden nach Ignatius von Antiochien (110) in Nordsyrien immer wieder mit Licht und Finsternis verbunden; er ist der finstergesichtige Drache wie Ahrimans Zohak.[1865] Samaria war nach Tyrus eine Diaspora-Hochburg des phönizischen Baalskults in Palästina. 2 Kön 1,3 spottet Elia über Baal-Zebul (lUbb:z la(ab) aus Ekron, bei dem nach Jes 8,9 Nekyomantie betrieben wurde. Daß Samaria Zentrum des Bösen ist, deutet auf das antisamarische Judäa[1866] als Milieuboden der Beliar-Orakel in II und III. Das Orakel gegen Rom III,46-62 setzt die Schlacht von Actium voraus; die Beliar-Orakel sind also nach 31.v.Chr. entstanden.[1867] VII,133-38 sind es falsche Propheten, die sich als Hebräer ausgeben.
Elia der Thesbite fährt im Himmelswagen zur Erde mit drei Todeszeichen: Schwangere, Stillende und Seefahrende weltweit werden von totaler Tages-Finsternis überrascht.[1868] Elias Feuerwagen erinnert an Miθras Todeskommando mit Sraoša und Rašnu Yt 10,41.79, cf 1.4.1.1. Ein Strom Feuer fließt sodann vom Himmel auf die Erde und verbrennt alles zur Wüste. Luft, Wasser, Erde verklumpen im Feuer miteinander. (II,196-213 cf III,75-92; IV,152-160; V,377f; VII,118-32; VIII,15f.225-43) Das vom Himmel fallende Gerichtsfeuer kommt 102 Mal in den 14 Büchern vor und ist nicht nur Weltbrand, sondern auch wie der Vesuv auf Pompeji Einzelstrafe einer Stadt oder eines Landes.[1869] Wieder ist dies eine kasusspezifische Applikation des zervanistischen Endzeitmythos in Bundahišn 30 SBE5: »18. Während Gochihar aus dem himmlischen Bereich auf einem Mond-Lichtstrahl zur Erde fährt, wird die Bedrängnis der Erde wie die eines Schafs, wenn ein Wolf über es herfällt. 19. Danach schmelzen das Feuer und der Mondhof-Schein das Metall von šahrewar, in den Hügeln und in den Bergen, und es bleibt auf dieser Erde wie einem Fluß. 20. Dann gehen alle Menschen durch das geschmolzenes Metall und werden rein; dem Gerechten scheint es, als wenn er fortwährend in warme Milch geht; dem Bösen scheint es, als wenn er fortwährend in geschmolzenes Metall geht.« Cf 1.4.5.7 Das Straffeuer vom Himmel ohne Ordal findet sich auch Gen 19,24 im Sodommythos, Ex 9,23, 2 Kön 1,10-14; 1 Chr 21,26; 2 Chr 7,1; Hi 1,16; Lk 9,54; 17,29; Acta 2,19; 2 Pt 3,7-12; Apk 13,13; 20,9. Die iranische und israelitische Strafvorstellung waren fast identisch. Dies erleichterte dem apokalyptischen Judentum die Übernahme der iranischen Weltgerichtsidee, die Aufnahme von Totenerweckung, Ordal und Großem Jahr. Gochihar wird nach 1 Kön 17,1; 21,17.28; 2 Kön 1,3.8; 9,36 zum Thišbiter Elia. Diese Einsetzung Elias in den zervanistischen Endzeitpropheten finden wir in drei synoptischen Traditionsträngen in Mt 11,14; 16,14; 17,3-12; 27,47.49; Mk 6,15; 8,28; 9,4-13; 15,35f; Lk 9,8.19.30-33; Joh 1,21-25.
Michael, Gabriel, Raphael und Uriel[1870] wissen von jedem die Sünden und führen alle vor den Richterthron Gottes.(II,215ff) Bundahišn 30,17 SBE5 sind es 30 Jugendliche: »Von den Produzenten der Erneuerung des Universums kommen jene Gerechten, von es heißt, daß sie leben, 15 Männer und 15 Mädchen, zur Unterstützung des Sošyant.« II,221ff werden alle Gebeine auferweckt und die Hadestore von Uriel geöffnet, damit auch die Toten gerichtet werden. II,242ff kommt Christus mit seinen Engeln angeflogen und nimmt Platz auf dem Richtstuhl zur Rechten des Großen. In der vorchristlichen Stufe des Buchs II dürfte statt Christus eine iranische oder jüdische Retterfigur wie der Weltbeste Hebräer aus V,258 vom Himmel aus zum Gericht gekommen sein.
II,251ff büßen alle Sünder beim allgemeinen Durchschreiten des Stromes aus Feuer wie in Bundahišn 34,18f Ankl. Der Feuerstrom ist auch Dan 7,10; 4 Esra 13,10; Apk 19,20 aufgenommen. Die Gerechten werden von Engeln entrückt zum Licht in ein herrschaftsfreies ewiges Leben voll Wonne, Wein, Milch und Honig (II,318; III,622.746; VIII,211f), worin der Unsterblichkeitstrunk aus Haoma Bundahišn 34,23 Ankl aufgenommen ist. Die Sünder werden nach dem Feuerstrom und Auspeitschung mit glühenden Ketten II,291f in die Gehenna in absoluter Finsternis schrecklichen Tieren vorgeworfen, dies entspricht der „Bestrafung der drei Nächte“ in Bundahišn 34,15 (Ankl), hier aber mit Christus als richtendem Sošyant. Der Abgrund an der Cinvat-Brücke und die Kammern der Sünder in Yt 20 konnten im Hellenismus mit dem Tartaros/Hades identifiziert werden und im Judentum mit der Gehenna.[1871] Unterschied zur zervanistischen Tradition ist, daß die Bösen wie in Y 49,11, Vd 19,19-32, Hadōxt-Nask 3, Mēnōk-i Chrad 2 im „Haus der Lüge“ verbleiben, während Bundahišn 34,20f auch die Bösen gereinigt von ihren Untaten mit den Gerechten einstimmig das Lob auf Ōhrmazd singen und am ewigen Leben teilhaben. Vermutlich haben viele Orakel von ihrer persischen Grundstufe eine hellenische, babylonische, jüdische, römische und teilweise eine christliche Umschreibung durchlaufen, ehe sie an den einzelnen Orakelzentren und dann noch einmal von den Capitol-Priestern in Rom redaktionell kompiliert wurden. Neben der literarischen gibt es die der in seherischer Trance von einer der Sibyllen verkündigten Orakel, in welche intuitiv oder in interpretatorischer Nachbearbeitung des assistierenden Deutepriesters die literarischen und mündlichen Tradition eingearbeitet ist. Je entfernter von Parthien sie im Römerreich ausgegeben wurden, desto mehr verschwinden zervanistische Motive in römischer Tagespolitik. Daß Nero 63 n.Chr. eine Gruppe armenischer Magiern unter Tiridates nach Rom lädt (1.5.2.33), um ihre Kunst zu lernen, zeigt das römische Interesse an diesen Traditionen, zumal die Sošyant-Rolle vorzugsweise mit dem gerade amtierenden „Friedenscaesar“ besetzbar ist, falls die Mietmaulsibylle das entsprechende Salaire bekommt.
In Buch III, dessen ältester Teil 574-808 in Leontopolis bei den antiseleukidischen Tempeltreuen unter Onias IV. entstanden sein mag[1872], ist 611-15 auf Antiochos IV. Säuberung Jerusalems von aufständischen tempeltreuen Hasmonäern 167 v.Chr. angespielt, die alles mit Unheil erfüllt und den Tempelkult unter Strafe stellt. Nach Magnesia sollen 190 v.Chr. unter Antiochos III. durch Heliodor die Tempelschätze konfisziert werden für Reparationen an Römer/Ptolemäer, was die Tempeltreuen (III,702-95) rasend machte, cf 1.7.2. Der Sonnenkönig III,652 könnte der 7. ägyptische von III,193.608 als Sohn des Re sein, der judenfreundliche Ptolemaios VI. Philometor (180-164 & 163-145 v.Chr.), was Buch III auf die Zeit vor 145 v.Chr. datierbar macht.[1873] Wenn III,808ff Sibylle von der rasenden Babylonierin und lügnerischen Kirketochter aus Erythräa 823ff zur Schwiegertochter Noahs wird, so ist hier die Anektierung der Sibyllinischen Orakeltradition durch das Thora-treue Judentum manifestiert: sie übernehmen die zervanistisch-apokalyptische Struktur der in Babylon betriebenen Orakel und münzen sie um auf den Zion als heiligen Berg Gottes, wo nach dem Gericht und der Vernichtung der (persischen) Feinde die Theokratie Jahwes ihre friedliche Blüte feiert.
In III,601-23 wird 652-701 summarisch beschrieben, beides Varianten des Orakel des Hystaspes: Herrschaft des Bösen - Sendung des Messias - Ansturm der vom Bösen verführten Völker gegen den Messias und ihre Niederlage - Gericht - Feuerstrom mit Hölle und Paradies - Ewiges Leben auf Erden: Gott sendet 652ff (cf III,286-94: Kyros; V,105; XIII,151.164) von der Sonne her einen König zur Erde, der Frieden schafft.[1874] Die bösen umliegenden Könige reizt das zur neidischen Belagerung Jerusalems (663ff), bei der sie endgültig verlieren durch Feuerschwerter vom Himmel (673.690) mit Schluchten voller Leichen (682) und Blut (696f), bevor das Paradies auf Erden anbricht. III,702-95 wohnen die Söhne des Großen Gottes um seinen Tempel herum, alle Völker bekehren sich zu ihm und es wird Frieden als Wohlstand.
Seit 201 v.Chr. hat es unter Antiochos III. auch Feuerheiligtümer in Palästina gegeben: III,648-51.724-31 wird man kein Holz mehr schlagen für den Schein des Feuers.[1875] Die Entwaffnung der seleukidischen Feinde und das Verbot des zoroastrischen Feuerdienstes sind Teil des Endsiegtraums der Oniaden. Wenn III,591f das Morgengebet mit erhobenen Händen nach Reinigungszeremonien den allein gebietenden Unsterblichen und die Altvorderen verehrt, so hört man die Feuerumschreitung Y 50,4ff und das Lob der Yazata und Fravaši, cf 1.4.2.3. Die Bettenreinigung III,595 entspricht Vendidad 5,59, cf 1.4.7.
I,12.95.218; II,35; III,227.228.334; V,155.158; VII,125; VIII,476; XII.30.266 ist vom Stern oder der Sterndeutung die Rede. Der himmlische Krieg der guten gegen die bösen Sterne III,798ff entspricht Bundahišn 6f. III,334-36 bringt der Komet im Westen Krieg, Hunger und Tod für viele. Hier ist chaldäische Astrologie einer babylonischen Sibylle (P,32f; III,808ff) bewahrt.[1876] In V,206-13 wird bei bestimmten Zodiakkonfigurationen Äthiopien vom Himmelsbrand (e)mprhsmo/j) vernichtet, was real Dürre, Ernteausfall und Hunger meint, der zu Raubzügen und somit Krieg verleitet; in 189ff wird Theben vom wilden Mann attackiert und der Äthiopiereinfall von 24 v.Chr. war einer von vielen. Der e)mprhsmo/j ist »der Ausdruck einer besonderen meteorologischen Erscheinung... Wenn also Saturn die Zone gefrieren läßt und zwar im Gesicht des Stiers steht und lauter Marssterne die Himmelsmitte umsäumen, dann entsteht dieses furchtbare Wunderzeichen des Empresmos - Saturn und Mars gelten in der hellenistischen Astrologie seit Alters als die Erzeuger von Kometen und sonstigen schlimmen meteorologischen Phänomenen.«[1877] In V,152-63 kommt ein Stern vom Himmel und verödet Babylon und Rom. Wie in zervanistischem Denken jedes irdische Geschehen eine himmlisch-geistige Entsprechung hat, spiegelt sich die irdische Katastrophe in einer himmlischen der Sterne. Umgekehrt kann das Kommen des neuen Königs an einem neuen Stern als seinem himmlischen Pendant erkennbar sein, so die Zaraθuštra-Weissagungen der Chronik von Zuqnin und im Scholienbuch von Theodor bar Kōnai, cf 1.7.5.3+2. Wir haben hier also Fragmente einer umfangreicheren astrologischen Arbeit der chaldäischen Sibyllen.
Die Erneuerung der Welt III,741ff entspricht Bundahišn 30,22-26 Ankl. Die Einebnung der Berge, Hügel und Täler III,675-81 entspricht Bundahišn 30,33 Ankl. Hier sind viele zervanistische Motive des Hystaspes unmittelbar aufgehoben ohne Veränderung und Einbau in jüdische Zeitgeschichte. Das Ende der Weltzeit III,757 spielt auf das zervanistische Große Jahr an, cf 1.4.5.1 und 1.4.5.6.
Buch IV könnte bis 48 in seinen Paränesen ebenso iranisch oder hellenistisch sein, bevor 49-114 mit dem Schema der 4 Weltreiche und 10 Generationen seit der Sintflut Assyrer, Meder, Perser und Makedonier aufgezählt werden. Dieses Schema findet sich bereits im Bahman Yašt und ist von dort in Dan 2 eingeflossen, cf 1.4.2.11. Feuer vom Himmel verbrennt die schlechte Welt (173ff), dann richtet Gott selbst die Gebeine der Toten wieder auf (180ff) zum Gericht, was er selbst leitet (183ff). Die Sünder kommen 185ff wieder zurück in den Tartarus unter die Erde, die Frommen werden 187ff auf Erden in Glückseligkeit leben. Nur Taufe und Buße (162-70) kann die volle Härte des Gerichts mildern. - Hieraus Einmaltaufe zu folgern und somit den Johannestäuferkreis und nicht die Essener als Trägergruppe anzunehmen[1878] ist nur evident, wenn die Taufe der Essener keine Bußtaufe wäre. Beliar als damals noch seltener Name für Ahriman ist eine weitere Verbindung zu Qumran, cf 1.7.7.
Buch V bringt nach einer Kaiserliste Roms 52-74 ein Isis-Orakel einer wohl ägyptischen Sibylle, was wahrscheinlich vom alexandrinischen Judentum mit Verurteilung der ägyptischen Götterstatuen erweitert wurde. Ein Bezug von 93-114 auf die Okkupation Ägyptens durch Antiochos III. 201 v.Chr. und 118ff und 143ff auf Magnesia 190 v.Chr. wird später mit 137-51 überschrieben auf Nero; Babylon wird Deckname für Rom.[1879]
Hadrian (117-38) wird als grauhaariger Fürst (VIII,50-72) in alle Mysterien eingeweiht ein Kind (Antonius) zum Gott machen. »Teil nimmt er an allen Geheimnissen der allerheiligsten Magie und zeigt einen Knaben als Gott.«[1880] Magie gilt als heilige Kunst, die vom Feind mißbraucht werden kann. Die Magier haben hier einen fast göttlichen Status.
1.7.5.5 Magadān am See Genezareth als parthische Magierkolonie
Der Ortsname Magadān (Magada/n im Sinaiticus a und der Vaticanus B des 4.Jh. und Cantabrigiensis D des 6.Jh. itd des 5.Jh.) Mt 15,39 am See Genezareth wird von einigen Handschriften zu Magdala (Turmdorf) umgeschrieben.[1881] Die curetunisch-syrische Evangelienhandschrift syrc aus dem 2./3.Jh. schreibt Magadon, die palästinische-syrische syrpal aus dem 5.Jh. schreibt Magadi/n, die syrische Pešitta-Version aus dem 5.Jh. Magdu. Daneben gibt es Mageda/n in der dritten Korrektur des Sinaiticus אC it aur, c, f, ff1, g1, der Vulgata des 4. Jhs., der syrischen Sinaiversion des 2./3.Jhs., der sahidisch-koptischen Version des 3. Jhs. und der äthiopischen des 13. Jhs. Die beiden syrischen Varianten haben wegen ihrer frühen Datierung besonderes Gewicht. Wenn Magdala von lfd:gim (gemauerter Wacht-Turm) stammt und in Amarna viele Orte nach den im davidischen Großreich gebauten Wehr-Türmen (2 Kön 17,9; 18,8; 1 Chr 27,25; 2 Chr 26,10; 27,4) genannt wurden, könnte es das Magdala als Heimatort von Maria Magdalena gewesen sein, im Talmud Magdal Nunaja (Fischturm) genannt, am Westufer des Sees Genezareth gelegen, das heutige El-Medschdel 5 km nordnordwestlich von Tiberias. Vielleicht haben die Fischer den einstigen Wachtturm als Kühlhaus benutzt. In der Parallele Mk 8,10 steht breitbezeugt Dalmanutha (Dalmanouqa/ ), A, B, C, K, L X, D). Daneben ist aber in vielen Handschriften auch Magada/n bezeugt: in der syrs des 2./3.Jhs. (als Mageda/n), der syrpal und itaur des 5.Jhs. und in Db. Die Vokale sind gerade bei Einbürgerungen persischer Namen besonders variabel, a und o, a und e können identisches meinen. Daher gehören die Varianten von it c, k, b, ff2, r1, i und goth und geo2 mit zu dieser Bezeugung. Die Ortsnamensendung „-dan“ ist eine geläufige persische Form, etwa in Hamadan. Ob Magadān identisch ist mit Magdala und Dalmanutha ein wiederum eigener Ort war, ist zweitrangig. Die Wurzel „maga“ ist im Hebräischen ungeläufig, am ehesten noch assyrisches Lehnwort für einen priesterlichen Beamten. Darum ist hier mit einem persischen Lehnwort zu rechnen analog zu Hamadan. Ein weiteres Magadan im waldigen Nordostsibirien ist bekannt, als Seehafen von Stalin für Millionen kritischer Russen als tödliche Zwangsarbeitslagerstadt ausgebaut. Der Name wird aus der Geschichte der sibirischen Völker stammen. Maga ist im Indoeuropäischen der heilige Platz, darum ist eine Übersetzung in dieser Richtung, etwa als Stadt des heiligen Platzes, stimmiger als ein Magudan, Stadt der Magier. Die persische Namensherkunft läßt aber zumindest an eine Gründung dieses Ortes spätestens mit dem Parthereinfall 40 v.Chr. denken. In Dura Europos, Palmyra, Hatra und Edessa sind auch ostiranische Einflüsse architektonisch sichtbar. Damaskus war bekannt für seine Magier.[1882] So dürfte Magadan mit seiner Nähe zu dem von Magierkolonien besiedelten Syrien eine von dort gespeiste galiläische Tochterkolonie von Magierfamilien gewesen sein, die Jesus besucht hat. Damit wird der Kontakt Jesu zu Magiern wieder ein Stück wahrscheinlicher. Ein so breit bezeugter Ort ist kein Schreibfehler. Die Harmonisierung zu Magdala ist allein schon aus der Front der frühen Kirche gegen die Magie erklärbar. Ein Affinität von Täufersekten und Magiern ist neben vielen persischen Riten in der Ginza durch die Tatsache belegt, daß es im Mandäischen über 130 iranische Lehnwörter gibt, mehr als akkadische.[1883]
1.7.5.6 Magier in Samaria und Zypern, Parther und Meder in Jerusalem
In der Acta 8,9.11 wird von Si/mwn ma/goj in Samaria erzählt, der Zauberei, ta\ magei=a, betrieb und von den Samariern verehrt wurde als „die Kraft Gottes, die genannt wird die Große“: Ou(=to/j e)stin h( du/namij tou/ qeou/ h( kaloume/nh Mega/lh Daß Simon aufgrund der Wundertaten der Apostel Proselyt wird, ist missionarische Größenselbstphantasie. Acta 13,6.8 erzählt von der Verfluchung eines Hof-Magiers Bar-Jesus oder Elymas auf Zypern durch Paulus, wobei die Erblindung des armen Magiers zeigt, daß Gottes Geist auch ein sehr böser Geist sein kann, wenn er von sündig-bösen Geistern wie Paulus gepredigt wird. Mit Jesu Heilungswunder haben solche Machtdemonstrationen nichts gemein. Wie legendarisch auch immer diese Begebenheit verarbeitet ist, als historischer Kern ist so wahrscheinlich wie die Existenz des Paulus und die der Insel Zypern die Existenz von wundertätigen Magiern auch dort.
In Jerusalem zur Zeit Jesu finden wir Parther, Meder und Elamiter (Apg 2,9f: Pa/rqoi kai\ Mh=doi kai\ ¹Elami=tai, kai\ oi( katoikou/ntej th\n Mesopotami/an, ¹Ioudai/an te kai\ Kai\ppadoki/an, Po/nton kai\ th\n ¹Asi/an, Frugi/an te kai\ Pamfuli/an, Ai=gupton kai\ ta\ me/rh th=j Libu/hj th=j kai\ ta\ Kurh/nhn) und die pfingstliche Atmosphäre ist ein multikultureller Hexenkessel.[1884] Nach dem Einfall der Parther ca. 40 v.Chr. in Palästina haben sich vermehrt Magier in Palästina angesiedelt und bevölkern Samaria und die Hauptstadt nennenswert. Daß Simon Magus aber in Samaria aufgrund seiner Wundertaten in weiten Kreisen verehrt wurde, ist so sicher wie die Enthauptung seines Sektenvorgängers Johannes, dessen Täufertum mit seinem gewaltigen Zulauf den Herodianern so bedrohlich wurde, daß sie ihn töten ließen.[1885]
1.7.6 Simon Magus - ein Magier in Samaria
In der Acta 8,9.11 wird von Si/mwn ma/goj in Samaria erzählt, der Zauberei, ta\ magei=a, betrieb und von den Samariern verehrt wurde als „die Kraft Gottes, die genannt wird die Große“.[1886] Daß Simon aufgrund der Wundertaten der Apostel Proselyt wird, zeigt etwas von der Realitätsfälschung der lukanischen Schriften: Wenn später die Pseudoklementinen, Justin, Irenaeus und Hippolyt gegen die Simonianer wettern und das Magiertum Simons als Gaukelei beschreiben, dann kann man die Verehrung Simons in Samarien als erwiesen ansehen; eine Unterordnung Simons unter Petrus ist missionarisches Wunschdenken. Was der historische Simon gelehrt hat, läßt sich so wenig wie die Lehre Jesu präzise rekonstruieren. Daß Gemeindebildungen seines Kreises seine Theologie in gnostischem Fahrwasser weiterspinnen, ist so selbstverständlich wie die gnostischen Evangelien Jesu. Simon ist genau wie Jesus gnostisiert worden.[1887] Im biblischen Umfeld waren Magier nicht beliebt, ihre Wunder waren so sehr eine Konkurrenz wie ihre zervanistische Eschatologie, von der Simon geprägt ist. Es ist bei der strengen Inzest-Ordnung der Magierfamilien extrem unwahrscheinlich, daß hier per Mischehe ein Proselyt zum Magier wird. Simon hat missioniert, aber keinen zum Magier machen wollen, obwohl dieser Titel ihm über die Jahrhunderte anhaftete. Die Magierproselyten hätten sich nicht Magier nennen dürfen, in Nähe des parthischen Reichs war damit eine umfassende theologische und alltagspraktische Bildung verbunden und möglicherweise auch Priesterweihen, wie es die Ämterordnung der Vendidad nahelegt. Die Parther in Samarien hätten ihn scharf angegriffen, wenn er sich den Titel ihrer Priester amtsanmaßend erschlichen hätte. So kann man für die Zeit Simons noch ausschließen, daß er Magier genannt wurde, obwohl er eigentlich ein ägyptischer Zauberer war. Seine Nähe zum Zervanismus geht aus den Pseudoklementinen hervor. Daß ihm der Magiertitel keine Vorteile in Samarien, Syrien und Phönizien einbrachte, sieht man an der Vertreibungsgeschichte aus Antiochia (H 20,12ff). Im jüdischen Täuferkreis hätte er sich Nazir genannt und wäre bei Verehrung eher als der wahre Prophet bezeichnet worden. So bleibt für diesen Titel keine andere Möglichkeit, als daß er aus einer parthischen Magierfamilie stammt und sich assimiliert hat an die jüdische Täuferbewegung, weil auch sie die radikale Eschatologie praktizierte, die seinem Zervanismus entsprach. In Alexandria hat er sicherlich nicht nur bei Magiern studiert, wie seine umfassende hellenistische Bildung und Kenntnis griechische Mythologie und platonischer Grundgedanken erweist. Der Mithrizismus begann damals im ganzen Kaiserreich zu blühen und seine Grundgedanken sind ebenfalls das zervanistisch-chaldäisch-platonische Gedankengut mit einer aszendenten Weihepraxis. Auf diesem Hintergrund hat Simon eine Synthese des parthischen Glaubens mit den herrschaftskritischen theokratischen Aufbruchsbewegungen Palästinas gefunden und diese Allianz dürfte ihn so berühmt gemacht haben. Aus seinem großen Erfolg erklärt sich die scharfe und bösartige Konkurrenz, die Petrus in den Pseudoklementinen ihm gegenüber entwickelt. Wenn im ganzen imperium romanum der Mithrizismus lange Zeit populärer war als die christliche Magie und Wundertätigkeit, dann ist die Absicht der christlichen Berichte über Simon, ihn und seine Anhänger klein und unbedeutend zu machen.
1.7.6.1 Irenaeus und der Helena-Mythos
Irenaeus spielt Adversus haereses I,23,1 auf die Apostelgeschichte an: »Simon der Samaritaner war der Magier, von dem Lukas, der Schüler und Nachfolger der Apostel, sagt: "Es gab einen Mann namens Simon der früher durch magische Künste die Städter von Samaria irreleitete. Er selbst war jemand Großes, dem sie alle Aufmerksamkeit schenkten. Von manchen wurde erklärend zum Größten gesagt: "Dies ist die Kraft Gottes, die die Große genannt wird." Vor ihm hatten sie Respekt, weil er sie lange Zeit verrückt gemacht hatte durch seine Zaubereien. Dieser Simon hatte den Glauben vortäuschend angenommen, daß selbst die Apostel ihre Heilungen durch die Kunst von Magie durchführten und nicht durch die Energie Gottes. Durch Auflegung der Hände mit ihrer Füllung mit dem heiligen Geist, durch den sie an Gott glaubten, der durch sie gepredigt wurde, wurde er nämlich zu Jesus Christus bekehrt. Er vermutete auch, daß dieses durch eine Art größeres Wissen von Magie getan wurde. Und Geld den Apostel anbietend erhoffte er diese Energie des Schenkens des heiligen Geistes auf andere empfangen zu können. Petrus sagte ihm daraufhin: "Dein Geld komme mit dir um, weil du gedacht hast, daß das Geschenk Gottes mit Geld gekauft werden kann: Du hast weder Teil noch Erwähltheit hierfür, denn dein Herz schlägt nicht schneller im Anblick Gottes; bei dir nehme ich die Kunst der Abschürfung von Bitterkeit und der Bindung der Härte wahr." Er glaubte nicht an Gott, sondern setzte das eher begeistert ein, um gegen die Apostel zu ringen, so daß er selbst ein wundervolles Wesen zu sein schien, und mit ruhigem größerem Eifer widmete er sich dem vollständigen Studium der magischen Kunst. Er konnte besser noch Mengen von Menschen verwirren und manipulieren. So war sein Vorgehen auch im Reich von Caesar Claudius, wo von ihm auch gesagt wird, er sei mit einer Statue geehrt worden wegen seiner magischen Energie. Dieser Mann war dann glorifiziert durch viele, als sei er ein Gott. Er lehrte, daß er selbst es sei, der unter den Juden als der Sohn erschien, aber abgestiegen in Samaria als der Vater war, während er zu anderen Nationen im Buchstaben des heiligen Geistes kam. Kurzum, er stellte sich dar, als sei er die Erhabenste aller Energien, d.h. er hielt sich für das Wesen, das der Vater über allen ist und weil er so benannt wird, freuten sich führenden Männer, zu ihm zu sprechen.«[1888] Aus diesem Bericht geht hervor, daß zur Zeit Jesu bereits die Magier ihre Dienste für Geld anboten und auch Simon dem Petrus ein Honorar anbieten will für das Erlernen der Heil-Technik der Apostel. Vermutlich lebten auch die alexandrinischen Magier, bei denen Simon studierte, vom Schulgeld ihrer Schüler. Was immer auch historisch ist an diesem Bericht, es spiegelt die Popularität Simons in Samarien wieder, es bestätigt die fundierte Ausbildung in der Magie und das, was wir auch bei vielen Gurus finden: sie werden selbst als von Gott kündende als Götter verkehrt und wachsen in diese ihnen von den Anhängern zugespielte Rolle des Gottes auf drei Beinen immer mehr hinein. Bei Jesus wird die Problematik der christologischen Hoheitstitel diskutiert und gefragt, für wie göttlich sich Jesus denn wirklich gehalten hat.[1889] Wenn Jesus zu Gott gebetet hat als unserem Vater, muß er seine Sohnschaft längst nicht exklusiv verstanden haben, aber sein Heilen und sein Reden gründet in der von Gott verliehenen Macht. Joh 5,19ff; 10,30; 14,13; 17 identifiziert diesen einen Sohn mit dem größeren Vater. Simon scheint ebenso sehr mit dem Vater identifiziert worden zu sein, daß er auf der Basis der Lehre von den wechselnden Inkarnationen sich auch für einen so von Gott durchdrungenen Menschen gehalten hat, daß der Schöpfer der Welt in ihm seine Kraft zeigt, ihn bewohnt. Oft wird in der Simon-Literatur diese „Anmaßung“ gerügt. Die Verehrung des römischen Bischofs ist faktisch eine kultische Vergöttlichung eines Mannes, der nicht einmal Wunder tun muß, um als heiliger Vater weltweit verehrt zu werden. Daneben ist die Anmaßung Simons geringfügig. Wenn Simon seine Wunder erklärt hat durch die große Kraft Gottes, die in ihm wirkt, so ist dies nichts anderes als das, was Jesus mit seiner „Vollmacht“ machte. Irenaeus hebt auf den beliebten Unterschied von Magie und Gotteskraft ab, den beiden diametralen Quellen der Wunderwirkung. Offensichtlich hat Simon seine Wunder keineswegs aus Magie, sondern aus der großen Kraft Gottes her verstanden und verübt. Der Magie-Vorwurf hat hier längst nichts mehr mit der zervanistischen Theologie zu tun, sondern steht nur noch für Häresie und dämonisch-teuflisches Treiben.
Der gnostisierte Mythos der Simonianer ist dieser: Simon ist wie Zeus der Vater des Alls. Die e)nnoi=a als weibliches Prinzip ist aus ihm heraus geboren. Sie ist wie in anderen Mythen die Sophia seine Gespielin nach Art der ägyptischer Ma‘at.[1890] Dieses himmlische Urinzest-Paar Vater-Tochter zeugt Engel und Erzengel als Nachkommenschaft des Urgottes. Auf diese Idee hat den Urgott die eigene Tochter als ersten Gedanken gebracht. Sie muß vom Urvater befruchtet worden sein wie die Bienenkönigin und gebiert nach ihrem Abstieg auf die Erde alle Engel und Dämonen, die dann die materielle Welt erschaffen. Bis hierhin ist alles im Bereich der reinen Geistwelt passiert. Nach der Materialisierung der Geistschöpfung durch die Engel und Dämonen als eigentlichen Demiurgen bzw. Schöpfern der irdischen Welt wird Ennoia/Helena von eben den Dämonen gefangen, die sie selbst geboren hat. Die befruchtete Tochter wird dem Himmelsvater geraubt und ins Fleischgefängnis der Metempsychosen gesperrt und wandert von einem Frauenkörper zum anderen bis sie aus einem Bordell in Tyrus als Helena vom herabsteigenden Hochgott Simon befreit wird. In ihm ist die göttliche Macht inkarniert wie in Jesus. Hier wird die Urmutter von den abtrünnigen Kindern und Enkeln gekidnappt und vom Vater wieder befreit. Von Kumarbi über Enūma Eliš bis zu Adam und Eva ist der Mythos von der Rebellion der ersten Gottesnachkommen die Lösung des Theodizeeproblems: Nicht der oberste Gott hat die Schöpfung vermasselt, sondern seine entarteten Kinder. Die Sünde ist Entartung. So steht der simonianische Helena-Mythos nahe an Marcions Demiurgparadigma. Das Fleischgefängnis und die Metempsychosen und der Demiurg und seine Unterdemiurgen für die Fleischesformen sind seit Platon und der Stoa hellenistische Tradition, die auch in den Wundertaten der Pseudoklementinen die Basistheorie bilden und so möglicherweise zur ursprünglichen Lehre des historischen Simon Magus zu rechnen sind.
Irenaeus stellt diesen Mythos 180 n.Chr. folgend dar: »Eine Helena, die er in Tyrus, einer phönizischen Stadt, als Dirne losgekauft hatte, führte er mit sich herum und sagte, diese sei sein »erster Gedanke« (erste Ennoia), die Mutter von allem, durch die er im Anfang den Gedanken faßte, Engel zu erschaffen und Erzengel. Diese Ennoia, die aus ihm hervorsprang, sei, im Wissen darum, was ihr Vater wollte, nach unten hinabgestiegen und habe Engel und Mächte geboren, von denen ihm zufolge auch diese Welt gemacht sei. Nachdem sie sie aber geboren habe, sei sie von ihnen aus Neid zurückgehalten worden, da sie nicht für das Erzeugnis irgendeines anderen gehalten werden wollte. Denn er selbst sei ihnen gänzlich unbekannt geblieben; seine Ennoia aber sei von den Mächten und Engeln, die von ihr ausgegangen seien, zurückgehalten worden und habe Schmach aller Art von ihnen erlitten, damit sie nicht wieder zu ihrem Vater zurückkehre, und das bis zu dem Grade, daß sie auch im menschlichen Körper eingeschlossen wurde und durch die Jahrhunderte hindurch wie von Gefäß zu Gefäß in immer andere weibliche Körper überwechselte. Sie sei aber auch in jener Helena gewesen, um deretwillen der trojanische Krieg angefangen worden sei; deswegen sei Stesichorus, der sie in einem Gedicht geschmäht hatte, des Augenlichts beraubt worden, danach habe es ihm leid getan und er habe die sogenannten Palinoden geschrieben, in denen er sie verherrlichte, und sei wieder sehend geworden. Bei ihrer Wanderung von Körper zu Körper, wobei sie immer (wieder) Schmach erduldete, habe sie schließlich sich in einem Bordell preisgegeben - und das sei das verlorene Schaf. Darum sei er selbst gekommen, daß er zuerst sie zu sich nehme und sie von den Fesseln befreie, den Menschen aber das Heil bringe dadurch, daß sie ihn erkennen.«[1891] Vieles hiervon ist ExAn 127,18-131,8 NHC II,6 aufgenommen, von der Nymphomanie, dem Mutterschoß der Seele, der alle Männer melken will, übers Bordell bis zur Umkehr und Rettung.
Irenaeus fährt fort mit der Schilderung vom Fehlschaffen der Engel, die mit dem Gesetz die Menschen knechten wollen. Simon sei als Vater des Alls quasi verkleidet als Mensch zur Korrektur dieser Versklavung herabgestiegen. Weil das Gesetz und die Moral von bösen Engeln zur Versklavung der Menschen gemacht wurde, ist es für die Erlösten völlig unverbindlich und diese dürfen nach Lust und Laune leben, denn sie sind allein aus Gnade des Vaters erlöst. So sind die Simonianer Libertinisten und die alte Arbeitsstelle der Helena kein Zufall, sondern Programm, weil jeder Sexualakt nur die Ur-Paarung reinszeniert. Das Urpaar Zeus und Minerva alias Simon und Helena wird als Götterstatue von den Simonianern angebetet. »Seitdem die Engel die Welt krank regierten, weil jeder von ihnen die Vormacht für sich beanspruchte, war er jetzt gekommen, dies zu ändern und herabgestiegen, verwandelt und gleichgestaltet den Kräften, Herrschern und Engeln, damit er unter Menschen erscheinen konnte als ein Mensch, während er doch kein Mensch war; und so dachte man, er habe in Judäa gelitten, aber er hatte nicht gelitten. Außerdem machten die Propheten ihre Vorhersagen unter der Inspiration jener Engel, die die Welt schufen; deshalb beachten die, die ihr Vertrauen in ihn und Helena legen, diese nicht mehr. Aber als sie frei waren, lebten sie nach Lust und Laune. Denn die Menschen werden gerettet durch seine Gnade und nicht wegen ihrer eigenen rechtschaffenen Tätigkeiten. Für solche Taten seien sie nicht in der richtigen Form der Dinge. Durch reinen Zufall, versuchten jene Engel, die die Welt schufen, als sie dabei waren, sie zu erschaffen, mittels solcher Gebote die Menschen in ihre Gewalt zu bringen. Aus diesem Grund meint er, daß die Welt erlöst werden sollte und daß die Seinigen vom Gesetz derer freigegeben werden sollten, die die Welt erschufen. 4. Sodann führen die mystischen Priester, die zu seiner Sekte gehören, ausschweifende Leben und üben magische Künste, jeder im Umfang seiner Fähigkeit. Sie verwenden Exorzismen und Beschwörungsgesänge, auch Liebeszauber und Charme, sowie jene Wesen, die "Paredri" (Vertraute) und "Oniropompi" (Traumsender) genannt werden, und rekurrieren auf alle möglichen anderen kuriosen Künste und integrieren sie begeistert in ihren Gottesdienst. Sie haben auch ein Bild von Simon gestaltet nach der Vorbild von Jupiter und ein anderes von Helena in der Form von Minerva; und diese beten sie an. Schließlich haben sie ihren Namen von Simon, dem Erfinder dieser gottlosen Lehren abgeleitet und nennen sich Simonianer. Von ihnen nahm "das fälschlich so genannte Wissen" seinen Anfang, wie man sogar von ihren eigenen Behauptungen erlernen kann. 5. Der Nachfolger dieses Mannes war Menander, ein gebürtiger Samaritaner, und er war auch ein vollkommener Adept in der Praxis von Magie.«[1892]
Irenaeus erwähnt, daß Simon und seine Nachfolger Magie betreiben und nennt als Techniken Exorzismen, Beschwörungsgesänge, Liebeszauber und Charme. Die Technik des Mediums stammt aus der babylonischen Nekyomantie und dem Orakelmagiertum: ein Paredros in Orakelsitzungen oder Totenbeschwörungen wird in Trance versetzt und empfängt so die Mitteilungen des Toten oder des angefragten Gottes, und das Traum-Medium träumt Träume für die Traumdeutung.[1893] All diese Praktiken sind bereits aus der hellenistischen Literatur als Magierpraktiken bekannt und bestätigen in allen Punkten die Erzählungen der Pseudoklementinen. Besonders die beschwörenden Gesänge sind aus dem Avesta geläufig. Es handelt sich um lobende Anrufung der Götter, der Yazata, die zum Gottesdienst herbeigerufen werden wie die Hilfsgeister des Schamanen zur Krankenheilung, zum Opfer oder der Totenbegleitung.
Justin bestätigt das Konkubinat mit Helena, die früher in Tyros Strichdame (wie ebenfalls Isis 10 Jahre lang[1894]) und danach Freundin von Johannes gewesen sei. »Am Tiber habe eine Statue gestanden mit der Inschrift: „Simon, dem heiligen Gott“ Und nahebei alle Samaritaner, wenige auch in anderen Völkern, sagen übereinstimmend, jener sei der erste Gott und haben ihn auf Knien angebetet. Und eine Helena, die zu ihm zurückgekehrt sei in jenem Augenblick, stand zuerst in Zimmern; über sie sagt man, sie sei der „erste Gedanke“ gewesen.«[1895]
Die e)/nnoia prw/th könnte der hellenistische Begriff für Aša als wichtigste Aməša Spənta Zaraθuštras sein. Nach Justin und Irenaeus hat Simons samarischer Schüler Menander in Antiochia diese e)/nnoian gelehrt, ohne weitere Einzelheiten des Helena-Mythos. Das deutet auf eine Aša-Lehre hin, die auch ohne den gnostischen Gefangenschaftsmythos die Inkarnation der Wahrhaftigkeit als höchstes und bestes Denken, Vohu Mana, preisen kann. Dies ist verkoppelt mit einer dem Bußruf des Johannes des Täufers und der Bergpredigt Jesu vergleichbaren rigoros humanen Ethik. Menander tauft zur Unsterblichkeit, Aməretāt ist die entsprechende Aməša Spənta. Vielleicht war seine Magie zur Dämonenaustreibung noch strenger mit der Vendidad im Einklang als die des historischen Simon.[1896]
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Priesteradel |
Kriegeradel |
Ernährerstand |
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Rechtsordnung |
Magie |
Rittertum |
Kriegertum |
Medizin |
Bauerntum |
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Rind |
Feuer |
Metall |
Erde |
Wasser |
Pflanzen |
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Guter
Sinn |
Wahrheit |
Herrschaft |
Gehorsam |
Gesundheit |
Unsterblichkeit |
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Vohu
Mana |
Aša |
Xšaθra |
Armaiti |
Haurvatāt |
Aməretāt |
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Mitra |
Varuna |
Indra |
Sarasvati |
1.
Nasatya |
2.
Nasatya |
Man muß hier gar keinen gnostischen Hintergrund annehmen, die iranische Tradition allein reicht schon aus zur Erklärung Menanders. Auch Jesus hat Dämonen mittels seiner Magie ausgetrieben, auch er ist diffamiert worden als besessen vom Beelzebub. Der ursprüngliche Sinn avestischer Reinheits-Zeremonien war natürlich immer der, Dämonen fernzuhalten. Erst die Nekyomantie macht sich Totengeister zunutze als Orakelquelle.
Wenn Pseudo- bzw. Anti-Cyprian um 250 n.Chr. in De rebaptismate 16 von Simon als dem Vater der magischen Feuererscheinung beim Taufakt spricht und in 17 von einem apokryphen Bericht über eine solche bei Jesu Taufe mit Verweis auf Mt 3,11, so könnte dies ein versprengter Hinweis sein auf die Feueranbetung der Zoroastrier, die beim Magier als Nachfahre der Feuerpriester für die Verehrung der mit Helena identifizierbaren Aša stand.[1897]
1.7.6.2 Hippolyts Verkennung der Magie als Tricks der Vergöttlichung
Hippolyt Refutatio VI,2 stellt Simon wie generell alle Magier als Betrüger dar: »Es scheint dann hilfreich, die Lehre von Simon zu erklären, ein Eingeborener von Gitta, ein Dorf von Samaria; und wir prüfen auch, wie seine Nachfolger, von ihm ausgehend, ähnliche Lehren in anderer Begrifflichkeit haben. Dieser Simon war ein Adept der Magier, beide waren für viele ein Gespött, teils entsprechend der Kunst von Thrasymedes, die wir oben erklärt haben, und teils auch durch die Unterstützung der Dämonen verrichtete er seine Demonstrationsversuche der Vergöttlichung. Der Mann war aber bloß ein Betrüger und voll von Verrücktheit, und die Apostel rügten ihn in der Apostelgeschichte (Acta 8). Mit viel größerer Klugheit und Mäßigung als Simon bemühte sich Apsethus der Libyer, ähnlich vom Wunsch beflügelt, für einen Gott gehalten zu haben, in Libyen, und da sein legendäres System keine breite Abweichung vom anmaßenden Wunsch des dummen Simons darstellt, scheint es angebracht, eine Erklärung von ihm zu geben als eine, die dem Versuch angemessen ist, den dieser Mann machte.« Im Zentrum der weiteren Ausführungen stehen die Versuche Apsethus, seine Göttlichkeit durch Magie zu erweisen. Zur Zeit Hippolypts muß Magie als Beweis göttlicher Kräfte angesehen worden sein und dies versucht dieser mit seiner Tricktheorie zu entzaubern. Der historische Simon Magus stammt aus der Tradition der persischen Magier und versucht, durch Wundertaten zu demonstrieren, daß er unmittelbar die große Kraft des höchsten Gottes ist. Dieses Sendungsbewußtsein finden wir im johannäischen Jesus wieder: Ich und der Vater sind eins. (Joh 10,30) Wie der Priester sich als Mittler begreift und alles eigene hier stört, so kann sich der Magier als Medium Gottes sehen in solcher Reinheit, daß alles Persönliche zugunsten der göttlichen Wirkkräfte in den Hintergrund getreten ist und sein ganzes Leibsein Präsentation der großen Kraft Gottes ist, bis hin zum Märtyrertod als letzter Verkündigungsaktion. Die vermeintliche Arroganz dieses Göttlichkeitsanspruchs kann ebenso tiefe Demut vor dem Wirkung des göttlichen Geistes in sich gewesen sein.
Die Vergöttlichung als Ziel der Magie bestätigen viele Zauberpapyri, etwa die Verewigungszeremonie PGM IV,475-820, die von Albrecht Dieterich als Mithrasliturgie identifiziert wurde, cf unten 2.3.7. Der Grundgedanke ist in der indischen Ātmān-Lehre der Einheit von Seele und All, deren mythische Gestalt der Urmensch ist, ebenso wie in Platons Weltseele[1898] und vielen Mysterienkulten, in den babylonisch inspirierten Himmelsreisen der Henochbücher und in der Hermetik und schließlich den gnostischen Himmelsreisen wie Zostrianos zu finden. Der schamanische Ursprung mögen die Totengeister sein, die die Lebenden weiterhin begleiten, von den Kurgan-Kumuli bis zur Pyramide. Die Fravaši werden zu Yazata, steigen zu Göttern auf, indem sie angebetet und gefürchtet werden. Die Seelen der Toten mit ihrem Weg in den Garōθmān, das paradiesische Haus des Gesangs, bilden in Avesta und Orphik die Wege der Vergöttlichung vor. Simon knüpft an genuin indo-iranische Traditionen an, die über die thrakischen Schamanen in Griechenland breite Resonanz gefunden haben und aus ganz anderen Traditionen in Sumer wie in Ägypten ähnliche Totenriten und Vergöttlichungen der Herrscher als Sohn Gottes als eine zweite Bestätigung und Resonanz erfahren konnten. Sie geht in Israel über das Königsritual bis zur Gottessohnschaft Jesu und die paulinische Rede von der Gemeinde als den Kindern Gottes, dessen Kraft in den Schwachen mächtig ist. Wie Johannes die Identität von Vater und Sohn betont, genau so Simon. Dabei ist auch er nicht an einer alleinigen Vergöttlichung interessiert, sondern muß seine Anhänger zur Nachfolge aufgefordert haben, dazu, ihm ähnlich zu werden. Auch dies ist von Jesus vertraut. Clemens von Alexandrien sagt um 200 n.Chr., die Anhänger Simons verehrten ihn als den Stehenden und versuchten, ihm ähnlich zu werden, wie alle Glaubenden eins werden wollen mit der Wahrheit.[1899] Der e(/\stwj-Titel widerspricht nicht der Vergöttlichung der Anhänger, sondern animiert zur Nacheiferung, so gerne Priester vom Rausch der zugebilligten Macht okkupiert den Abstand zu den Laien mit stipulierter Vorbildpose zu vergrößern trachtet.
Der e(/\stwj-Titel (mandäisch qaiim) im Täuferkontext ist ein Ausdruck seiner himmlischen Weihe. Die Nazirim als Vorläufer der Mandäer dürften deren älteste Rituale bereits praktiziert haben, zumal in ihnen die Prunkttracht des arischen Edelmanns als Priesteroutfit appliziert wird, was besonders nahe an den parthischen Traditionen Simons liegt. Nach dem Akt im Wasser geht der Täufling ans Ufer hinauf und wird dort aufgerichtet und empfängt die rusuma und kušta als Elemente der Inthronisation im Priester-Königsritual. Ebenso geht in der masiqtā, der postmortalen Himmelseinreise, der Inthronisation als einer Aufrichtung die Taufe als Reinigung und Sündenvergebung (šabiq hataiia) voran, cf 1.7.9.5.[1900]
Der Weltmantel Brahmas wird der indischen Verstorbenen-Seele zuteil, auch im Iran bekommt die Seele des Verstorbenen die Neueinkleidung durch Vohu Mana. Diese Tradition ist in der mandäischen Taufe und höchstwahrscheinlich auch in früheren Tauftraditionen aufgenommen. Immer ist dieses neue Kleid Ausdruck der Unifikation mit Gott. Es gibt der Seele die göttliche Würde. Dies wird durch viele Himmelsreiseberichte illustriert. Wenn nun das Stehen als Titel neben dem der „Großen Kraft“, die an das mandäische „Große Leben“ erinnert, steht, wenn weiter die Vergöttlichung damit verbunden ist, so daß der Johanneskreis proskynierend Simon anbetet, wenn schließlich aber zugleich dieser sagt, es könne jeder potentiell so werden wie er, und wenn endlich er Helena aus dem höchsten Himmel abgeholt haben will, dann liegt die Lösung dieser paradoxen Lehre - einmal unterstellt, daß hier nicht wirre Fremdtraditionen nachträglich auf Simon übertragen wurden, sondern ein Anhalt aller dieser Motive am historischen Simon besteht - in der täuferischen Tradition, aus der sich ja auch der einzige ausführliche biografische Text über Simon, die Pseudoklementinen, verdankt. Im Täufertum ist der e(/\stwj-Titel kein exklusiver, sondern ein momentaner. Der Getaufte wird erhöht, wie seit den makkabäischen Märtyrern diese nach ihrem Tod. Diese Erhöhung versiegelt gegen die bösen Mächte der Welt und ist durch die Taufe erreichbar, wobei die persische Tradition wesentlicher noch ein reines und wohltätiges Leben als Vorbedingung der himmlischen Inthronisation setzt. So könnte Simon im Spannungsfeld seiner parthischen Prägungen und des Täuferumfeldes vom Johanneskreis einen aus der Prolepse seiner himmlischen Erhöhung resultierenden Vollmachtsanspruch entwickelt haben, der durch Wunderzeichen unterfüttert seine Beliebtheit im samarischen und syrophönizischen Raum begründet hat. Die Parallele zu Jesus ist kaum zufällig und dessen Rede von der basilei=a tw=n ou)ranw=n zeigt die Wirkmacht des erwarteten geistig-himmlischen Seins auf das gegenwärtig-irdische Leben in Wunderzeichen und einer radikalen Ethik, die das neue Sein schon jetzt antezipiert, als gäbe es das Böse nicht mehr.
Das Stehen ist Kraftakt. Es ist Erektion des ganzen Körpers himmelwärts zur Gotteswelt. Es ist Spannung, Weitung, Streckung und Schwellung nach oben hin, vom Muskeltonus über vasomuskulären bis zum Hauttonus.[1901] Der Stehende hat große Kraft, ist Große Kraft, wie der segnende Mose Ex 17,11f auf dem Hügel beim Kampf Josuas gegen Amalek. Die Epiklese der Götter mit ausgebreiteten Armen ist die Geste des Empfangs von oben, vom Balla bis zum Pneuma als Lebenskraft. Es ist Erfahrung grandioser Kraft. Der Priester steht vor dem Altar. Die Gemeinde steht beim Gebet. Stehen ist Geistempfang und Kraftempfang und Erweis der empfangenen Himmels-Kraft zugleich. In Verbindung mit Gesang ist es in der Hermetik die Meditationshaltung der Öffnung zum Himmel hin. Es imitiert die Phallusaufrichtigkeit. Als Same Seths oder Abrahams weiß man den eigenen Samen als göttlich durchwirkt. Die Hoden, die Horus Seth ausdrückte, enthalten volle Lebenskraft.[1902] Der aufgerichtete Phallus zeigt ihre Fülle. Der Stolz über das von oben an Kraft erfüllte Leben findet seinen preisenden Ausdruck im schwellenden Stehen. So wird das Stehen zugleich die Erfahrung des Eingebettetseins in den Strom der liebevollen Generationen, die Gutes formen und wirken in der Welt mit ausnahmslos allen ihren Gliedern. Dieses entgrenzende Ja zum Leben zelebriert Simon vermutlich sakral in der phönizischen Tempel-Liebesgöttin Helena als Inkarnation der Astarte. Wie der Vater im Himmel mit Sophia, Sige, Barbelo oder Prounikos seinen Göttersamen emaniert, so vollzieht Simon mit Helena die Emanation des Stehenden als göttlichen Liebeserweis. Desgleichen Magier Markus in reichen Damen. Der zweite, pragmatische Sinn des Stehens ist die Funktion des Lehrenden. Er steht und führt den Diskurs, während die Schüler um ihn herum sitzen. Er ist opinion leader, vertritt die Lehre der Gruppe. Er predigt von der Großen Kraft und ist deren Inkarnation zugleich. Der Status des Alpha-Tieres der Gruppe präsentiert sich in seiner Haltung, der Habitus des Stehens über den Zuhörern verdeutlicht seine Höherstellung, seinen Rang. Akustisch ist er im Stehen deutlicher hörbar für die Menge, das Stehen ist der Vorläufer der Kanzel und des Thrones.
Origenes weiß um 231 n.Chr. in Caesarea, ohne Justin, Irenaeus oder Hippolyt zu kennen, daß Simon genau wie Dositheos irgendwie mit einem 30er-Kreis zu tun hatte, Simon sich als »große Kraft Gottes« und Dositheos sich nach Dtn 18,15ff als »Sohn Gottes« verstanden. »Es gab auch Simon den Samaritanischen Magier, der etwas durch seine magischen Künste eskamotieren wollte. Und dabei war er erfolgreich; aber heutzutage sind kaum, nehme ich an, dreißig seiner Nachfolger auf der ganzen Welt zu finden, vermutlich habe ich sogar die Zahl übertrieben. Es gibt außerordentlich wenige in Palästina; während du ihn im Rest der Welt, durch die er den Ruhm seines Namens zu verbreiten suchte, nirgendwo erwähnt findest. Er wird in der Apostelgeschichte zitiert und verdankt den Christen diese Erwähnung: das einwandfreie Prüfungsresultat, daß Simon in keiner Hinsicht göttlich war.«[1903] Beide haben immer noch ihre Anhängerschaft in Samarien und man darf bei deren marginaler Bezifferung durch den Sektenkonkurrenten gesunde Skepsis entwickeln, sonst hätte Hippolyt sich nicht so ins Zeug gelegt. Origenes sieht im Ringen um Weltruhm als Erlöser nach dem Vorbild Jesu das Motiv für das Auftreten zahlreicher Wundermänner. »So waren auch Simon, der Magier von Samaria und Dositheos, der zufällig am gleichen Ort wie jener geboren war. Der eine sagte, er sei die Kraft Gottes, die Große genannt, der andere, er sei der Sohn Gottes. Nirgendwo weltweit gibt es noch Simonianer. Und doch, um viele Nachfolger zu gewinnen, befreite Simon sie von der Gefahr des Todes. Die Christen hatten ihn zu verurteilen gelernt, der ihnen Schüler wegnahm, indem er sie lehrte, mit der Bilderanbetung zu konvergieren. Aber am Anfang waren die Simonianer keiner Verfolgung ausgesetzt. Denn damals hatte dieser gemeine Dämon sich gegen die Lehre Jesu verschworen und wollte keinen von den eigenen aus dem Schülerkreis verlieren. Die Dositheaner hatten schon früher keine Bedeutung. Jetzt aber sind sie überall ausgelöscht, so daß erzählt wird, ihre ganze Zahl sei nicht einmal mehr an die Dreißig.«[1904] Die 3StelSeth sind 118,1f Dositheos zugeschrieben, Zeichen seiner Affinität zur sethianischen Gnosis und deren Herkunft aus dem palästinischen Täufermilieu.
1.7.6.3 Der Jungfrauenkult der iranischen Anâhîtâ als Vorlage für Helena
Dabei gibt es gerade für den Helena-Mythos die heiße Spur des Jungfrauen-Kults der iranischen Anāhītā (die Makellose) mit straffen Brüsten, die auf Druck warten (Yašt 5,126ff). Sie ist neben Miθra und Ahura Mazdā höchste Göttin der Perser geworden und repräsentiert die Ernährerkaste. Die Bitten an sie in Yt 5,130 sind neben Sieg Reichtum und Prosperität: volle Töpfe, Wohlgerüche, volle Speicher. Sie ist zugleich Wasser des Oxus, der eben durch seine Pflanzennährung die Sättigungen erzeugt. Es besteht ein Realzusammenhang von Wassern, Fruchtbarkeit, Sättigung und Prosperität und das Symbol ist das Weib mit milchtriefenden Brüsten. Und eben diese Gebärmutter des Wohlstands dient als Folie der simonschen Helena. Simon macht sie zur Inkarnation dieser Urmutter des Alls, die in ihrer Fruchtbarkeit alles aus sich hervorbringt. Auch der Ur-Inzest Ahura Mazdās alias Sonnenfeuer mit dem Wasser[1905] ist in diesem Mythos aufgenommen. Die Magierfamilien haben diesen Inzest kultiviert und dazu mußten sie das himmlische Urbild dieser Praxis legitimatorisch rituell zelebrieren. Die Taufe in der Wassern von Euphrat und Tigris oder Jordan statt Oxus ist zugleich auch das Eintauchen in Anāhītā als fruchtbares Wasser, als lebendiges Wasser, als göttliches Element. Von den babylonischen Magiern mit ihrem chaldäischen Gepräge dürften über das Diasporajudentum und nach dem parthischen Einfall in Judäa 40 v.Chr. direkt aus Persien Magier verstärkt in Syrien und Samarien Fuß gefaßt haben. Kartīr at Ka`ba-ye Zardošt, sassanidischer Hohepriester im 3. Jh.n.Chr. bestätigt in einer Inschrift Feuertempel in Syrien. Sie waren Zentren der iranischen Diaspora, zu denen an Festtagen iranische Siedler pilgerten. So kann in der Täufersekte diese Frau in die Funktion der himmlischen Urgespielin des Vaters eingesetzt werden und falls sie Proselytin aus einem Bordell in Tyrus war, präziser: Tempelprostituierte in einem altphönizischen Astarte-Heiligtum, hat sie bei Simon die körperlichen Reize der Anāhītā dermaßen reaktiviert, daß er mit ihr diesen kosmischen Inzest nachempfinden will. In diesem Stadium ist diese Frau lediglich kosmische Jungfrau, Hypostase und Inkarnation der göttlichen Anāhītā. Die Jungfrauenkulte waren hochgradig amalgamierbar und so ist Astarte, Artemis, Athene oder Helena nur ein anderer Name für die göttliche Jungfrau, die den Vater in sich empfängt und aus seinem Samen die Welt und ihren Wohlstand gebiert, fördert und stimuliert. Dieser iranische Hintergrund des Helena-Mythos liegt bei einem Magier näher als ein griechischer Grundmythos, selbst wenn Simon Hesiods Mythen in H 6,2ff paraphrasiert. Der zweite Teil, die Fesselung in metempsychotisch wechselnde Frauenkörper, ist nach dem platonischen Bild vom Körper als einem Gefängnis gedacht. Der Mann Simon nimmt die heiße Hure, weil sie mit aufreizendem Leib die Inkarnation der Fruchtbarkeit und des Lebens ist und er mit ihr den göttlichen Ur-Inzest vollziehen kann. Der Magier Simon hatte sicherlich nekyomantische Erfahrungen der Trennung der Seele vom Leib, aber er hat den Leib nicht als Fessel, sondern als Wohnsitz der Gottheiten gesehen. Nazoräer und Täufer predigten Askese und Armut. Daher könnte dieser Mythos eine nachsimonische Bildung der simonianischen Sekte in Rom sein, von wo Irenaeus mehr Informationen bezieht als aus Samaria.
1.7.6.4 Der historische Simon nach den Pseudoklementinen
Die Elkesaiten und Johannestäufer markieren das Feld, aus dem die Pseudoklementinen stammen.[1906] Clemens von Rom (64-101 n.Chr.) war Presbyter, Tertullian (160-225) sagt sogar: Bischof der römischen Paulusgemeinde und könnte an der ersten Kirchenordnung mitgewirkt haben in der zwangsläufigen Verrechtlichung der Institution. Bischof von Rom war er 92-101, der Überlieferung nach der dritte oder zweite Nachfolger des Petrus, der ihn auch bekehrt haben soll, wird als Heiliger verehrt. Der Legende nach starb er als Märtyrer. Von den Schriften ist echt nur der sog. 1. Clemensbrief, ein um 96 von C. verfaßtes ausführliches Sendschreiben der römischen Gemeinde an die in Korinth. Ihm werden Bücher zugeschrieben, in denen sehr ausführlich über Simon Magus geschrieben ist in einer Zeit, wo parallel zur simonianischen Gnosis der Mithraskult in Rom sich ausbreitete. Die 20 Bücher der griechischen Homilien und von Rufinus (» 410) aus diesen ins Lateinische übersetzten Recognitionen geben zwei Versionen des ersten christlichen Roman wieder, dessen Grundschrift ca. 150-180 im Westjordanland entstanden ist und später in den beiden Versionen oft wörtlich identisch, oft aber auch unter starker Uminszenierung des reichen Materials an Disputationen aufgenommen wurde, die als Pseudoklementinen bezeichnet werden. Dieser Roman ist Dokument einer Konfrontation von persischer Magier-Theologie und Judenchristentum. 46 Mal ist von »Magier« die Rede.[1907] Ich gebe eine Paraphrase dieses Romans:
Die Recognitionen (= R) schildern die Bekehrung des vornehmen Römers Clemens durch den Judenchristen Barnabas, den Clemens vorm römischen Mob rettet und mit ihm nach Judäa zieht. Die Homilien (= H) geben hier die ursprünglichere Version: Clemens sucht Antwort auf die Frage nach dem Leben nach dem Tod. »Nach Ägypten will ich reisen und mit den Oberpriestern der Tempel und den Propheten gottlieblich sprechen und einen Magier aufsuchen und ihn mit einem satten Schmiergeld überreden, die Heraufholung der Seele, die Totenbeschwörung genannt wird, zu vollziehen«. So will er erfahren, ob die Seele unsterblich ist.[1908] Warum Ägypten und nicht das Stammland Parthien? Weil Parthien lange schon mit Rom verfeindet ist, während Ägypten ebenso persische Magier mit einem weitreichenden Ruf hatte. Clemens würde aber keine Audition reichen, sondern er will die aus der Unterwelt hochgeholte Seele mit eigenen Augen leibhaftig sehen. Ein philosophischer Freund rät ihm ab: »Denn wenn die Seele dem Magier nicht gehorcht, wirst du mit dem schlechten Gewissen leben, den Gesetzen, die dieses zu tun verbieten, zuwider gehandelt zu haben.«[1909] Falls die Seele antwortet, wird er nicht die Glaubensdinge befördert haben, weil er eine Seele in ihrer Ruhe gestört hat nach ihrer Lösung vom Körper.[1910] Er schifft nach Caesarea ein, wird vom Sturm nach Alexandria verschlagen (1,8) und dort von Philosophen zu Barnabas geführt. Vor dort frisch bekehrt gelangt er dann nach Caesarea und trifft auf Petrus, der zu einer Disputation gegen Simon Magus angereist ist. Durch Vermittlung von Barnabas lädt Petrus Clemens ein, ihn auf seiner Missionsreise nach Rom zu begleiten und seinen Reden zu lauschen. Johannes als Christenchef Jerusalems will gern Abschriften alle Petruspredigten auf der Reise und die fertig Clemens laut Homilie; laut Recognitionen macht dies Petrus persönlich. Bis hierher, H 1 und R 1,1-21, ist fast alles in beiden Texten homolog.
Nach H 2 trifft Clemens in der Morgendämmerung Petrus, der ihn wieder unterweist (2-18) und nach seinen Schülern Nicetas und Aquila schickt, die Pflegekinder der Syrophönizierin Justa, die von Jesus geheilt wurde. Die hat von klein auf Simon Magus erzogen (19f).[1911] Bis der Petrusjünger Zachäus sie christianisierte (21). Aquila berichtet von Simon und seinen samaritanischen Ursprüngen und wie er von sich größere Kraft behauptet als die des Schöpfers (22): »Dieses Simons Vater ist Antonios, die Mutter Rachel, Samariter dem Volk nach, aus dem Dorf Getthae, was 6 Schoinen (= 65 km) von Jerusalem entfernt ist. Der ist in Alexandria bei den Ägyptern erzogen, hat in hellenistischer Erziehung sich akkurat gerüstet und ist in Magie sehr mächtig und er will verstandesmäßig für einen gehalten werden, dessen Kraft größer ist als die des Weltschöpfergottes. Bisweilen deutet er auch an, der Messias zu sein und gibt sich als e(stw=j, standhaft. Durch diesen Habitus wirkt er aber, als ob er immer standfest ist und keinen Verfall des Körpers aufgrund des Vergänglichkeit hat. Und der Weltschöpfergott, sagt er, sei nicht größer. Er glaubt, daß die Toten nicht auferweckt werden. Jerusalem weist er zurück und zieht den Berg Garizim vor. Gegen unseren bestehenden Messias setzt er sich selbst als Erlöser.«[1912] Er war der Lieblings-Jünger von Johannes dem Täufer, der tägliche Taufe propagierte. »Ein Johannes war ein Täglich-Täufer, der auch Vorläufer unseres Herrn Jesu war, den Erzählungen der Jüngergemeinschaft zufolge. Und wie dem Herrn 12 Apostel zugewachsen sind, die Zahl der 12 Monate der Sonne zu tragen, so hat auch er (Johannes) von Anfang an 30 Männer, die monatliche Logik des Mondes zu erfüllen. Eine in dieser Zahl war eine Frau namens Helena, damit dies nicht unberechnet sei. Denn die Frau zählte einen halben Mann, die unvollkommene Zahl der Dreißig vollzumachen, wie auch der Mond, dessen Gang in einem Monat den Umlauf nicht vollständig macht.«[1913] Johannes` Herzdame Helena (R 2,12; H 2,26). repräsentiert also den Mond und die Jüngerzahl hat eine kerygmatische Bedeutung als Zeitordnung von Jahr oder Monat. Die Frau zählt als halbe Person, so daß die 29 ½ Johannesjünger den exakten Mondumlauf in Tagen darstellen. Das Mondjahr ist 354 Tage, das Sonnenjahr 365 Tage, die Sonnenumlaufzeit der Erde deckte sich nicht mit dem des Mondes um sie selbst. Damit ist hier eindeutig das Mondjahr favorisiert und bestätigt die Verehrung der Selene/Luna. Hier ist der Einfluß der chaldäischen Astrologie ähnlich wie in den Henochbüchern oder im Mithraskult.
Dositheos hat Simon aus der Folge-Führung der Täufersekte nach Johannes` Enthauptung gedrängt: »Von den 30 war dem Johannes der erste und tüchtigste Simon. Der Grund, daß er nicht herrschte nach dem Ende des Johannes, ist dieser: Er war nämlich abwesend in Ägypten bei der Einübung der Magie, als Johannes ermordet wurde, Dositheos war erpicht auf die Führung und verkündete die Lüge von seinem Tod und übernahm die Sekte. Simon aber kehrte bald zurück und insistierte lautstark auf den Platz als seinen eigenen. Dem Dositheos glückte, den Platz nicht zu verlieren. Er wußte, daß der in der Führung zuvorgekommen war und bei dieser Vorerhebung nicht zu bezwingen war. Darum machte er Freundschaft vor und gab sich für ein wenig auf den zweiten Platz nach Dositheos.«[1914] Als er wenige Tage später doch wieder die Macht begehrt und Dositheos theologische Unkenntnis anprangert, schlägt dieser wütend mit einem Knüppel auf ihn ein. Der geht durch Simon hindurch, als wäre der aus Rauch (H 2,24).
Die Anerkennung als Sektenführer geht über die Proskynese; der Führer steht, alle anderen knien. Der Führer läßt sich als e(stw/j verehren wie Gott.[1915] Das Stehende ist die göttliche Kraft, vom Rivalen nicht bezwingbar, unsterblich, unendlich. Noch Clemens Alexandrinus erwähnt dieses Stehen als Ausdruck der göttlichen Vollmacht: »Die im Gefolge Simons des Stehenden, den sie verehren, wollten auf diese Weise gleichgemacht werden.«[1916] Hippolyts referiert die Theologie der Simonianer, indem er in Refutatio VI,9-18 zitiert aus der samarischen „Megale Apophasis“. In dieser simonianischen Schrift steht im Mittelpunkt die unendliche Kraft, die in sich ruhend sich entäußert ins Bildhafte der Materie. »Jene Glückseligkeit und Unsterblichkeit hat nach Simon in allen (Menschen) verborgen Möglichkeit, (aber noch) nicht Wirklichkeit, welche wirkt als Stehendes, Gestandenes und Stehenwerdendes. Stehendes hat Macht oben im Ungewordenen, Gestandenes ist entstanden unten im Fließen der Wasser im Bild (Sichtbaren), Stehenwerdendes ist oben neben der glückseligen unendlichen Kraft, wenn sie ausgebildet wird.«[1917] Auch hier wird der e(stw/j-Titel gebraucht und aus dem ursprünglichen Proskynese-Kontext zu einem Synonym für die göttliche Urkraft aufgeblasen.
Die Simonianer sind wie Valentin von Heraklit, Pythagoras' Astronomie und Platons Timaios beeinflußt. [1918] Wie dieses Stehen aus der Nazoräer-Prämandäer-Tradition stammt und dort das Stehen des soeben Getauften am Ufer als Zeichen seiner zeitgleichen himmlischen Inthronisation meint, cf 1.7.9.5. Wenn die Megale Apophasis im Steh-Kontext vom Fließen des Wassers in der sichtbaren Welt spricht, erinnert dies wiederum an den mandäischen »Jordan«, der als metertiefes fließendes Gewässer definiert ist. Die Macht oben im Ungewordenen ist präziser Ausdruck für die himmlische Inthronisation der unten im Sichtbaren getauften Seele, die als Stehenwerdendes postmortal die volle Glückseligkeit und Unsterblichkeit erlangt, wenn sie neben der unendlichen Kraft sitzen wird, neben Gott. Dies erinnert an Mt 26,64: »Von nun an werdet ihr sehen den Menschensohn sitzen zur Rechten der Kraft und kommen auf den Wolken des Himmels.« Auch in der Jesustradition ist das »Sitzen zur Rechten der Kraft« Ausdruck der messianischen Würde, die sowohl in der Mandäertradition als auch im Simonianismus nicht allein dem Oberguru gebührt, sondern die eine in allen Menschen verborgene Möglichkeit ist. Jeder, der sich taufen läßt, kann diese himmlische Inthronisation erleben und auf diese Weise unsterblich werden. Die Taufe ist hier ein Unsterblichkeitsritus. Simon war zwar im Täuferkreis des Johannes, es wird aber von ihm keine Tauftätigkeit erwähnt, außer daß Johannes als Täglich-Täufer in der nazoräischen Tauftradition steht und es verwundern würde, wenn sein Lieblingsschüler mit dem zentralen Anliegen seines Lehrers völlig bricht.
Dositheos kniet also verwirrt vor Simon nieder, reiht sich ein in die Jüngerschar und überläßt den Sitz des Obersten Simon. Wenige Tage später stirbt er, während Simon stehend die Herrschaft und somit seine himmlische Inthronisation demonstriert. Die Hierarchie scheint in allen Sekten konstitutiv gewesen zu sein und sich auch in Rom mit Clemens postwendend eingeschlichen zu haben. Jesus war mit Fußwaschung Joh 13 und Umkehr von Groß und Klein Mk 9,35 hier eine absolute Ausnahme. Beyschlag hält die Dositheos-Sekte für den ursprünglichen 30er-Kreis, der mit dem auch nicht täglich taufenden Johannes überhaupt nichts zu tun hat und später lediglich redaktionell mit diesem verknüpft wurde.[1919] Warum nehmen wir nicht gleich einen von Jesus völlig unbeleckten Petruskreis, Johanneskreis und Pauluskreis an, die alle selbst ursprünglich Inkarnierte Logoi, Gottessöhne und Endzeitmessiasse waren und erst durch Lukas redaktionell der Jesus-Sekte untergeordnet wurden? Simon habe als »von draußen kommender Gegner« in die Dositheos-Sekte Einzug gehalten, ihren Führer entmachtet und die Sekte übernommen. Wie so etwas soziologisch gelingen soll, ist Beyschlag unwichtig. Es hätte geklappt, wäre Simon genau der perfekte Wundermann, wie er in den Pseudoklementinen beschrieben wird. In der Realität aber setzt Machtübernahme in einer Sekte eine gewachsene Vertrauensposition voraus, die auch für den Erfolg der schamanisch-magischen Hypnose oder Placebowirkung ausschlaggebend ist, cf 1.2.6. Gerade die Version der Johannesgruppe, aus der der „Kronprinz“ zum Studium geht und während seiner Abwesenheit ein anderer die Führung ergreift, ist soziologisch konsistent und plausibler als Beyschlags Fiktionen a l“ Alts »Gott der Väter«.[1920] Ob nun die Selbstverwandlung Simons in Rauch beim Stockschlag des Dositheos H 2,24 eine doketische oder »magische Verflüchtigung seiner Person« sei, diese skurrile Frage mit ihrer Übertragung des späten christologischen Doketismus auf eine archaische Wundergeschichte löst Beyschlag durch Verweis »auf den magischen Hauptskopus des Grundschriftverfassers«.[1921] Dieser habe gemäß seiner Tendenz »gnostische Mythen ... in ein magisches Zauberkunststück umfunktioniert«, denn er zeichnet ein »nachgnostisches Simon-Magus-Bild«, was den Allvater polemisch zum Magier degradiert.[1922] Daß hier alte magische Erzählungen wie die Perikopen der Evangelien mit Nähe zum historischen Tathergang, also quasi eine „ipsissima vox Simonis“ durchscheinen könnten, ist Beyschlags mechanistischer Simplifikationslogik undenkbar. Aufgrund des bisherigen Wissens von der Arbeit der Magier dürfte dies aber offensichtlich sein. Hier ist alter magischer Bestand, und Simon trägt den Beinamen Magos nicht, weil man einen gnostischen Erlöser im 3.Jh.n.Chr. verdrängen wollte durch nachträgliche Entstellung als Magier. Wahrscheinlicher ist, daß ein Magier später gnostisch von den Kirchenvätern gedeutet wurde und auf der gnostisierenden Folie die Überlieferungen seiner Anhängerschaft rezipiert wurden, weil eine andere Folie des Verstehens, nämlich die iranischen Tradition der Magier, den Kirchenvätern nicht zugänglich war aufgrund der Arkandisziplin der Magier. Die gnostisierende Folie übernimmt Beyschlag ohne Interesse an dem Eigentlichen eines Magiers, ohne jeden Blick auf zervanistische Theologie. Für ihn ist der Magier auch nur Varieté-Künstler und nicht Theologe. Er teilt die patristische Blickverengung. Ob es überhaupt eine Simonianische Gnosis gegeben hat oder dies nur ein Mißverständnis einer Magiertheologie der Simonianer durch die Kirchenväter gewesen ist, die die Aussagen der Simonianer nicht aus deren eigener spezifische zoroastrischer Tradition her verstehen konnten und deshalb die Gnosis-Folie heranzogen als einzige bekannte und kompatible Tradition, das wäre zu prüfen. Ein Magier sollte primär aus seinen eigenen theologischen Traditionen her verstanden werden, also vom Avesta und den zervanistischen Pahlavi-Schriften her, die weder Hippolyt noch Beyschlag bekannt waren.[1923]
Simon nimmt sich die einzige Frau der 30er-Gruppe, Helena, eine weitere Machtgeste: »Simon nahm neben sich Helena und kam aus sich heraus und bis jetzt, wie du siehst, wiegelt er das Volk auf. Diese Helena habe er von dem höchsten Himmel zur Welt heruntergebracht, sie sei eine Herrin, wie ein alles-ertragendes Wesen und wie die Weisheit«.[1924] ¸Ele/nh ist Sele/nh und bildet in himmlischer Syzygie mit Simon als Sonnengott im vorgnostischen Stadium eine magisch-mysterienhafte Hierogamie.[1925] Sie sei mit dem höchsten Gott zusammengewesen. Als Ištarhierodule[1926] hat sie den Doppelcharakter der Alles-Ertragenden und des aufreizend attraktiven, unerreichbaren, männerverachtenden Sexualgöttin, die jeden haben könnte und keinen will, weil ihr Sinn nach höherem, religiösen steht, nach dem Vater, der nicht spritzt, sondern teilgibt an seiner Macht. Nach R 2,9,1 war er in sie verliebt.[1927]
Simon macht also Himmelsreisen nach Henoch-Manier durch mehrere Himmel, was seine sumerischen Ursprünge hat in Enmeduranki. Die postmortale Himmelsreise der iranischen Toten läßt sie ihrer eigenen Seele als einem jungen Mädchen mit atemberaubenden Brüsten begegnen.[1928] Daß die sumerische Hochgott-Tochter und Menschengebärerin Ninhursag (Ninti, Mammu, Mutter von Enlil) vor ihrem Vater Sonnengott An (Anu) und die ägyptische Ma‘at vor Amon-Re[1929] und die jüdische Weisheit als Tochter des Schöpfers im obersten Himmel spielt und wie der Logos dann zur Welt herabsteigt, hat Simon quasi sich selbst zugeschrieben: er ist der Erlöser, der Offenbarer der Weisheit und in der frisch übernommenen Täufersekte des Johannes hat er nun die erlösende Sophia in Fleisch und Blut. Hier wird der Logos Fleisch wie im Johannesprolog. Sie ist als Weisheit auch Wahrheit. Offensichtlich haben also die Täufersekten im Umfeld von Qumran ein Mischung von iranischem Urmenschen, iranischer Daēna im Himmel, babylonischem Kalender und Himmelsreise im gestuften Himmel mit dem Ninhursag-Ma‘at-Sophiamythos verwoben. Genau diese Elemente begegnen auch in der sethianischen Gnosis und so im Zostrianos. Die Täufersekten haben mithin in ihrer Integration persischer Magiertheologie des Zervanismus und babylonischer Astrologie die wesentliche Kombination von Motiven geschaffen, die für die sethianische Gnosis konstitutiv wird. Sieht man dazu, daß Simon nach Alexandria zu den Magiern ins Studium gegangen ist, hat wohl auch ein reger Austausch der Täufer mit den ägyptischen Magiern und der dortigen Szene bestanden.[1930] Wenn Simon hellenistische Mythen lehrt, so kann damit ein Gemisch iranischer, griechischer, babylonischer und ägyptischer Mythen gemeint sein, wie sie wohl für Alexandria typisch sind. Dabei finden magische Praktiken Anwendung. »Viele solcher hellenistischen Mythen fügte er zusammen mit gewitzten Vergleichen (Allegorien) und täuschte viele, insbesondere machte er viele Wunderzeichen, so daß, falls wir nicht wüßten, daß er diese Dinge mit Magie tut, wir ebenfalls getäuscht wären.«[1931] Weder an Realitätsgrad noch Nachhaltigkeit der Wunder wird gezweifelt, sondern an den dämonischen Kräften der Magie, die nicht Kräfte des amtlichen christlichen Gottes sein sollen.
Besonders üppig wird die Phantasie bei Simons Nekyomantie. Ihm wird ein Ritualmord an einem Knaben unterstellt. »Und er fing sogar an zu morden, wie er uns unter Freunden enthüllte: er hatte die Seele eines Kindes von dessen Körper getrennt durch schreckliche Gesänge, als sein Assistent für die die Darbietung von allem, was er wollte. Und er hatte das Bild des Jungen gemalt in seinem Haus im Schlafzimmer. Er sagte, er habe einmal den Jungen aus Luft geformt mit göttlichen Künsten, habe sein Aussehen gemalt und gebe ihn einst der Luft zurück. Und er erklärte, daß er dieses Werk wie folgt getan habe: Er sagt, zuerst habe es den Geist des Menschen in die Wärme gezogen und er hat die ihn umgebenden Luft nach Art der Kürbisflasche komprimiert aufgesogen. Ins Innere des Geistidee eingegangen habe sie sich in Wasser verwandelt. Er sagte, unter der Beharrlichkeit des Geistes nicht ausgegossen, könne die Luft in ihm in die Form von Blut verwandelt werden, und er habe das Blut zu Fleisch gerinnen lassen. Dadurch blieb das Fleisch so gefestigt, daß er einen Menschen zeigte, der nicht von Erde gemacht war, sondern von Luft. Und so hatte er sich überzeugt, daß er fähig war, eine neue Sorte Menschen zu erschaffen, er sagte, daß er die Verwandlungen umgekehrte und ihn wieder zu Luft zurückverwandelt habe. Und als er dies anderen mitteilte, glaubte man ihm. Aber wir glaubten ihm nicht, die wir bei seinen Zeremonien zugegen waren. Daher erkannten wir seine Gottlosigkeit und zogen uns von ihm zurück.«[1932] Die Nekyomantie durch Gesang war sicherlich nicht mit einem vorgängigen Ritualmord (miaifonei=n) verbunden, die beiden Schüler vermuten dies, weil sie nichts wissen über die Praxis der Nekyomantie, bei gewaltsam Getöteten am Grab eine Beschwörungszeremonie zu veranstalten, um ihren Geist dienstbar zu machen.[1933] Erinnern wir uns der Magodie von Aristoxenos, der diesen Gesang wegen seiner ekstatischen Intensität hervorhebt. In R 2,13 erzählt Simon Niketas das Geheimnis seiner Magie, nämlich die Anrufung der Seele eines getöteten Knaben, also eine Totenbeschwörung: »Ich habe die Seele eines gewaltsam ermordeten unbefleckten Knaben angerufen mit unaussprechlichen Beschwörungen und sie gebeten, mir zu helfen. Und sie macht alles, was ich befehle.« In R 3,44f sagt Petrus im Disput, Simon habe doch im Schlafzimmer seines Hauses das Bild eines ermordeten Knaben in Purpurgewändern als Paredros stehen, den er als Orakel befragen könne. (cf H 2,26,2: to\n pai=da diagra/yaj e)pi\ ei)ko/noj) Als Petrus Simon eine Hausdurchsuchung mit 10 Umstehenden androht, wird dieser handzahm und bekennt sich sofort zu Petrus und seiner Lehre. Nach dem Sieg über Dositheos ist es allzu logisch, daß Simon vor Petrus bibbert. In R 3,49 vertreiben die Leute Simon vom Hof und Petrus hält seine Siegespredigt, mit Sündern Geduld zu haben, weil Gott sie schon noch richten wird am jüngsten Tag. Wenn das Böse nicht Simon als Diener gefunden hätte, hätte es einen anderen genommen. Früher habe dieser an Jesus und die Unsterblichkeit der Seelen geglaubt, jetzt glaube er, die Seele eines ermordeten Jungen diene ihm, weil er von Dämonen besessen ist und die dermaßen verführen können, daß man nie mehr zur Umkehr kommt. In R 3,63 trägt einer der 29 Schüler Simons für diesen um Mitternacht eine Reihe Utensilien auf der Schulter ans Meer, die Simon dann mit einem Boot versenkt aus Angst vor Aufdeckung seiner Tricks. Daraus wird bei Beyschlag, Simon solle die Kinderleiche in seinem Haus versteckt haben und sie kurz vor der Entdeckung durch Petrus ins Meer geworfen haben.[1934] All das ist sicherlich Polemik und ritueller Mord am Paredros nirgends berichtet; wenn überhaupt Tote im Spiel sind, dann gewaltsam Verstorbene in den Zauberpapyri und dort auch in zahllosen Beispielen. Beyschlag hat die Recognitionen und Homilien nicht sorgfältig gelesen. »Als größte Schandtat des Magiers wird die Ermordung eines Knaben berichtet... Daß dahinter keinerlei historische Simon-Magus-Kunde steht, bedarf des Beweises nicht.«[1935] Beyschlag urteilt ganz aus dem Bauch heraus über dieses »denkbar kümmerliche() Machwerk«.[1936] Man denke an die Kannibalismus-Vorwürfe gegen Christen wegen des Abendmahls.(cf unten 1.5.2.44) Um mystische Verwandlung als Geheimnis des Glaubens dürfte es auch mit dem kleinen Paredros gegangen sein, der im Grab beschworen wird mit babylonisch-persischen Totengesängen und dessen Seele so wirklich wirkt wie der Hostienleib Jesu in der Kirche.
Simon inszeniert in seinem Experiment mit seinem knabenhaften Paredros[1937] die iranische Weltschöpfung des Geistigen in den ersten 3 Millennien der Weltzeit, die dann in den zweiten 3 Millennien erst materialisiert wird. Der Glaube ans geistige und knochenhafte Sein als zwei nebeneinander bestehende Aggregat-Zustände des Lebens führt hier zu alchemistischen Prozeduren von Transsubstantiationen eines Menschen, wie wir sie ebenfalls in der katholischen Opferzeremonie der Eucharistie finden, wo beim Glöckengeklingel sich das Brot in den Leib des Kultheroen Christus Gotteslamm verwandelt, der mit dem historischen Jesus nichts zu tun hat. Die Beschwörungszeremonie mit »schrecklichen Gesängen« führt beim lebenden Medium zum Verlassen des Körpers, was Menippos von Totenbeschwörungen babylonischer Magier berichtet, die einen der ihren via Gesang in die Unterwelt schicken und ebenso wieder hochsingen.[1938]
Wenn Simon wirklich einen Knaben getötet haben sollte und Aquila und Niketas die Machenschaften Simons als Betrug durchschaut haben, warum haben sie ihn dann nicht als Mörder angezeigt? Aquilas Bruder Niketas begründet die Lossagung beider von Simon Magus: »Aber wenn er (Simon) in der Absicht, das Fromme vorzutäuschen, sagt, er habe es getan als den Willen Gottes, die Dinge aber durch Magie getan sind, haben wir ihn nicht länger ertragen, zumal er uns viele Versprechungen machte, besonders daß unserer Statuen würdig gedacht werde an einem Platz im Tempel und wir denken sollten, daß wir Götter seien und von der Menge verehrt werden würden und von Königen geehrt und mit öffentlichen Ehren bedacht und mit grenzenlosem Reichtum überhäuft.«[1939] Sie sagten ihm, er könne sich nicht über Gott hinwegsetzen, er sei kein Gott. Simon lacht über ihren Glauben an die Unsterblichkeit der Seele und wird als ein Betrüger auf ganzer Linie dargestellt, der alles nur über Magie-Tricks ausrichtet, ohne an die Macht des Höchsten zu glauben. Wenn Simon ihnen sagt, sie hätte nichts verstanden, hat er wohl recht. Die Polemik gegen Simon verzerrt seine zervanistische Theologie hier bis zur Unkenntnis.
Simon kann Statuen zum Leben erwecken, er kann sich im Feuer wälzen, ohne sich zu verbrennen, manchmal fliegt er, er macht Brot aus Steinen, er wird eine Schlange, er verwandelt sich in eine Ziege, er kann zwei Gesichter annehmen, sich in Gold verwandeln, er öffnet verschlossene Türen, bringt Eisen zum Schmelzen, auf Festen produziert er Imaginationen aller Art und Form, in seinem Haus macht er Festmahle, die aussehen, als wären sie aus sich selbst entstanden und warten nur auf ihn, kein Kellner ist zu sehen.[1940] »Ich kann mich in ein Schaf oder eine Ziege verwandeln. Ich kann kleinen Jungs einen Bart wachsen lassen. Ich kann durch die Luft fliegen, ich kann Gold im Überfluß herstellen. Ich kann Dinge machen und verschwinden lassen. Ich sollte als Gott verehrt werden.«(R 2,9) Er kann sich unsichtbar machen, durch Felsen hindurchgehen als wären sie Staub, sich unverletzt vom Felsen stürzen, sich von Fesseln befreien, Bäume springen lassen.(R 2,10) Alle diese Tricks sind schamanische Techniken, die oft unter Suggestion und Hypnose der Anwesenden gelingen, weshalb der Glaube an den Wundermann Basis seines illusionswirkenden oder placebomäßigen Zaubererfolges ist.[1941]
Am nächsten Nachmittag teilt Zachäus mit, Simon schwänze den versprochenen Disput (H 2,35ff; R 2,20f). Petrus belehrt nun Clemens bis abends (H 2,38-53; R 2,22-74 mit einem Einschub Geschichte Israels 27-41 und dem Kommen des wahren Propheten = Christus, seinem Leiden und seiner Auferstehung). Es folgt eine Missionspredigt, die Rückkehr der Apostel nach Jerusalem zu Johannes und ihr Rapport, die Frage des Kaiphas, ob Jesus wohl der Messias war, worauf Sadduzäer, Samaritaner, Schriftgelehrte, Pharisäer, Johannnesjünger und Kaiphas selbst als Irrlehren kritisiert werden und die Zerstörung des Tempels zum Ärger der Priesterschaft vorausgesagt wird. Es kommt zu Tumulten. Johannes predigt 7 Tage vor dem Tempel und alle sind bereits taufwillig, als Simon Magus auftaucht und alle aufhetzt gegen Johannes. Die Menge stürzt ihn von der Tempeltreppe und 5000 Anhänger bringen den Verletzten nach Jericho zur Erholung. Kaum wieder fit, schickt er Petrus nach Caesarea zum Disput gegen Simon. Der wird dort von Zachäus empfangen, der ihm Simons Taten schildert (nur R). Vor Sonnenaufgang weckt Petrus seine namentlich genannten Jünger (H 3,1; R 2,1) und unterweist sie (H) privat, bevor es zum öffentlichen Disput mit Simon geht, der in H 3,38-48 einen Tag dauert, in R 2,24-70; 3,12-30; 33-48 ganze drei Tage. (Die Disputation der 2 anderen Tage gibt H in Buch 16-19 als zweiten Disput in Laodicea wieder, was historisch unwahrscheinlicher ist.) Simon predigt bereits im Hof mit viel Erfolg in ähnlicher Predigtweise wie die der Apostel[1942], erleidet dann aber eine Blamage und flieht nachts nach Tyrus, der Hauptstadt der Phönizier und neben Sidon seit Ez 28 die Reeperbahn des Ostens, wo Karawanen aus Indien und China ihr Güter verschifften und der Fruchtbarkeitskult der Astarte auch in der Tempelprostitution die Pforten weit machte. Petrus setzt Zachäus als Bischof von Caesarea ein (H 3,58-72; R 3,63-66) und will Simon folgen, in H 3,73 bleibt er noch 7 Tage, tauft 10000 Leute, schickt Niketas und Aquila nach Tyrus voraus zu Bernice, ihrer Halbschwester. In R sendet er 7 Jünger und bleibt noch mit Clemens 3 Monate in Caesarea und wiederholt nachts seine Predigten vom Tage, damit Clemens sie aufschreiben kann und an Johannes schicken. Nach Inhaltsangabe der 10 Bücher dieser Predigtgesprächsprotokolle für Jerusalem (H 3,74) geht Clemens mit Niketas und Aquila gen Tyrus. Bernice erzählt ihnen, wie Simon Geister aufsteigen läßt, die die Leute mit Krankheiten anstecken, und Dämonen zu ihnen bringt und nun nach Sidon gezogen ist.
Simon wird als schrecklicher Magier und Betrüger hingestellt, der Angst hat, Petrus könnte ihm die Anhängerschaft nehmen. Wenn er den Leuten die Seelen gestohlen hat, heißt das im Klartext, daß er einen immensen Zulauf gehabt haben muß. »Wir hören, daß Simon, der Magier, bei Caesarea in der Diskussion mit unserem Herrn Petrus schlechtgemacht worden war, eilte er sofort hierher und macht viel Unheil. Denn er verleumdet Petrus entgegen Wahrheit allen Gegnern gegenüber und stahl die Seelen der Menge weg. Weil er ein Magier ist, nennt ihn einen Magier; und er, der ein Betrüger ist, proklamiert ihn als ein Betrüger. Und obwohl er in den Diskussionen in allen Punkten geschlagen wurde und floh, sagt er, daß er siegreich war; er forderte sie ständig auf, Petrus nicht zuzuhören, als sei er besorgt, daß sie von einem schrecklichen Magier nicht genug fasziniert werden.«[1943] Das Schlagen in der Diskussion ist immer Ansichtssache. Die Argumente der Christen gegen Magie leiden notorisch darunter, daß ihnen das gleiche Prinzip für ihren Glauben nachzuweisen ist und beides strukturell völlig gleich ist. Wenn Simon den Anfeindungen durch Petrus aus dem Weg geht, zeugt dies von Friedfertigkeit, und der Aggressor in diesem Roman ist immer eher die christliche Fraktion.
Clemens hat nun einen Disput mit Simons Magierjünger Appion, der selbst studiert ist und aus Rom noch die Familie von Clemens kennt (H 5,7 - 6,25; fehlt alles bei R, wo aber 10,17-51 die Themen des Appion-Disputs auftauchen). Auch in H 5,4-9 geht es um die Macht der Magie. Appion, der meint, Clement sei krank vor Liebeskummer, erzählt von seiner Liebeskummer-Heilung durch einen ägyptischen Magier: »Als ich selbst jung war, war ich verliebt in eine vollkommene Frau und dachte nicht nur, daß es unmöglich sei, sie zu bekommen, sondern hoffte nichteinmal, sie jemals ansprechen zu können. Und zufällig traf ich einen Ägypter, der so dermaßen bewandert war in Magie, und wurde sein Freund. Ich offenbarte ihm meine Verliebtheit und er half mir nicht allein in allem, was ich wollte, sondern er hielt mich freigiebig in Ehren und zögerte nicht, mich einen Liebeszaubergesang zu lehren, um sie zu bekommen. Und sobald ich sie besessen hatte durch die Wirkung seiner geheimen Instruktionen, war ich überzeugt von der Freizügigkeit meines Lehrers und von der Liebe geheilt. „Also, wenn du auch irgend etwas anbietest nach der Art der Menschen, nutze die Freiheit mit mir in aller Sicherheit, denn in sieben Tagen werde ich dich in ihren vollen Besitz versetzen.“ - Als ich das hörte, guckte ich auf das, was ich im Blick hatte, und sagte: „Verzeih mir, daß ich nicht so ganz an die Existenz von Magie glaube, doch ich habe viel ausprobiert, wo man große Versprechungen machte, und mich getäuscht. Wie auch immer, dein Unternehmen beeinflußt mich und läßt mich hoffen. Aber wenn ich an die Methode denke, fürchte ich, daß die Dämonen manchmal nicht den Magiern gehorchen mit Respekt gegenüber den Dingen, die man ihnen befiehlt.“ Darauf sagte Appion: „Gib zu, daß ich von diesen Dingen mehr verstehe als du. Egal, damit du nicht denkst, es sei nichts von dem wahr, was du von mir gehört hast, in Bezug auf das, was du sagtest, werde ich dir erklären, wie die Dämonen den Magiern gehorchen müssen bei der Methode, nach der sie befohlen wurden.“«[1944] Die ägyptischen Zauberpapyri dokumentieren diverse Liebeszauber. Wichtig ist hier, wie sehr der beschwörende Gesang als Machtausübung über die Seele betrieben wird. Musik macht hörig. Selbst wenn diese Passagen ursprünglich den Reden von Simon zugehört haben mögen, so zeigt der redaktionelle Umbau in einen Appion-Clement-Dialog in Tyrus doch auch, daß die Täufersekte wohl nicht nur über Simon mit den Traditionen ägyptischer Magier vertraut war.
In diesem Dialog doziert Appion am 3. Tag im Kreis seiner Freunde Anubion und Athenodor und vieler Gelehrter über die griechische Mythen von Uranos und Gaia und ihren 12 Kindern (H 6,2), Hesiods Mythos vom uranfänglichen Chaos (H 6,4) und bringt 6,5 die Lehre vom Welt-Ei mit Kronos als Zeitgott, die zervanistischer Natur ist: »Jetzt mußt du Kronos für Zeit halten und Rhea für das Fließen der wäßrigen Substanz. Denn der ganze Körper der Materie war vor langer Zeit geboren, bevor er wie ein Ei den Sphairos hervorbrachte, den allumfassenden Himmel, der zuerst voller produktiver Lebenskraft war, so daß er aus sich Elemente und Farben aller Arten zu produzieren fähig war, indem er von einer Substanz und einer Farbe alle weiteren Arten und Formen produzierte. Denn wie das Ei eines Pfaues nur eine Farbe zu haben scheint, während potentiell in ihm alle Farben vom Tier sind, so produziert dieses lebende Ei, das aus unendlicher Materie gemacht ist, wenn es durch die basale und immerfließende Materie bewegt wird, viele andere Formen. Denn in ihm wird ein bestimmtes Lebewesen, das sowohl männlich als auch weiblich ist, von der Fähigkeit des innewohnenden göttlichen Geistes gebildet. Dieser Orpheus nannte diesen Phanes, weil, als es erschien, das Universum aus ihm hervorleuchtete, mit dem Schimmer von diesem herrlichsten der Elemente, Feuer vollendet in Feuchtigkeit. Dies blieb unglaublich, bis im Glühwürmchen die Natur uns ein feuchtes Licht zu sehen gab.«[1945] Aus diesem Ei separieren sich alle kosmischen Elemente zur Weltordnung, das leichte steigt empor als feuriger Himmelszeus mit Sonne und schwebt über dem Wasser mit Poseidon. Die heiße Luft dazwischen ist Hera, das schwere sinkt zu Boden und bildet die Unterwelt mit Pluto. Die Aufnahme vom androgynen sfai=roj-Mythos weist auf orphische und die indoiranische Urmensch-Tradition.[1946] Appion zählt die griechischen Götter auf und erwähnt nach Artemis = Anāhītā den iranischen Miθra (H 6,10), den er als Apollo zu den griechischen Göttern zählt. Hier zeigt sich wie sehr die hellenistische Götterschmelze bereits iranische und griechische Traditionen amalgamiert hatte. Miθra und Anāhītā sind das iranische Götterpaar, was in Tempeln verehrt wurde und auch mythologische Gestalt im Kult bekommen hatte, anders als Ahura Mazdā, der kultisch nie dargestellt wurde. Das macht die beiden mythischen Göttergestalten Mediens kompatibel mit griechischen Göttern und so kann Appion sie gräzisieren als Liebe zwischen Kronos und Aphrodite = Helena (Anāhītā als Wasser) und in dieser vom Nemrud Dag in Kommagene bekannten Gräzisierung[1947] kommt iranische Theologie in die hellenistischen Diskurse, welche Appion allegorisch versteht. Diese Urliebe des ersten Paares zelebriert Simon mit seiner Tempelhure Helena, wenn er mit ihr im höchsten Himmel war, als heilige Hochzeit. Dies war ja ihr Beruf als sakrale Wiederholung des Göttersexualverkehrs.
Clemens kritisiert 6,11ff die Allegorese, indem er sie paraphrasiert. Hera ist Würde, Athene Männlichkeit, Aphrodite ist Lüsternheit, Hermes interpretierende Sprache, der Schäfer Paris unvernünftige tierische Leidenschaft. Götter sind Charakterprofile der Menschen.(6,15) Die Götter des griechischen Olymp seien Verbrecher (6,17f) und böse Magier, pointiert Clemens schließlich H 6,20: Die Agnostiker »bestritten die Existenz der Götter und lösten ihre Gestalten durch allegorische Darstellungen als verschiedene Substanzen des Universums auf. Wahrscheinlicher ist, daß die unter ihnen stehenden Götter zu bösen Magiern geworden sind, die in Wirklichkeit böse Männer waren, indem sie die Magie umfunktionierten für Eheauflösungen, Wegnahmen von Leben. Sie wußten von früher nicht, was einmal Magie war. Durch ihre Taten schienen sie Götter zu sein, und die Körper und Grüfte dieser Männer werden in vielen Städten gesehen. Wie erwähnt wird in den kaukasischen Bergen die Gruft von einem Mann namens Kronos gezeigt, einem Tyrannen, der sogar seine Kinder erschlug. Dessen Sohn Zeus wurde noch schlechter als sein Vater; durch die Macht der Magie hat er sich zum Weltherrscher erklärt, beging viele Ehebrüche und fügte seinem Vater und den Göttern Strafen zu und ist so gestorben und die Kreter zeigen seine Gruft.«[1948] Clemens erkennt ein wesentliches Grundprinzip der Religionsstiftung: Heldengestalten erklimmen durch die postmortale Verehrung immer höhere Stufen der Apotheose, obwohl der Mythos über sie erzählt, welche frevlerischen Unmenschen sie waren. Vom Unmensch ist der Weg zum Gott kürzer. Nicht der Liebende schreibt sich ein in Geschichte, sondern der mit Mord Mächtige. Clemens fährt fort: In Ägypten werden nicht nur Lebende als Götter verehrt, sondern auch Tiere.(H 6,23) Empedokles' 4 Welt-Elemente Feuer Wasser Erde Luft sind jedenfalls keine Götter, denn ihnen müsse erst Leben eingehaucht werden.(H 6,24) Dies kann nur ein erstes vernünftiges Schöpferwesen, weil die Trennung oder Mischung der Elemente in den Lebewesen von Vernunft zeugt, die die Elemente selbst nicht haben.(H 6,25f) Die Ankunft von Petrus beendet diese Disputation.
Petrus zieht von Tyrus nordwärts weiter nach Sidon, Beirut, Byblos bis Tripolis (H 7,5-12; R 4,1 statt Byblos Dora und Ptolemais). Damit begibt er sich in die phönizische Kulturwelt. Er warnt immer wieder vor Simon: »Flieht diesen Mann, Männer, Magier ist er, glaubt es, und das Erdbeben hat er selbst gemacht für uns und die Krankheiten bewegt er selbst, damit ihr verängstigt werdet wie als wäre er selbst ein Gott.«[1949] »Glaubt mir, er ist ein Magier, ein Teufel, ein Diener des Bösen nach dem Wahren der Unwissenden.«[1950] In Tripolis predigt Petrus gnostisch vor der Menge über die gefallenen Engel und die Riesenkinder der geschwängerten Menschentöchter, die Fleisch und später Menschenfleisch fressen und das Böse in die Welt bringen, darunter die Schmiedekunst für verführerischen Damenschmuck »Gold, Messing, Silber, Eisen und ähnlichen mit allen kostbarsten Steinen. Und zusammen mit diesen bezauberten Steinen überlieferten sie auch die Künste von den Fertigkeiten, die zum jeweiligen gehören, und teilten die Entdeckung von Magie mit, unterrichteten Astronomie und die Mächte der Wurzeln, und was einst unmöglich war, vom menschlichen Verstand herausgefunden zu werden.«[1951] Petrus gibt als Ursprung der Magie hier den Mythos der Riesen, den wir auch in Hen(äth) 6-12 finden. Simon ist damit zu den Menschenfressern und Archonten gezählt und Teil der zu vernichtenden Weltverbösung. Die Sintflut ersäuft dieses Treiben.(H 8; R 4). Petrus endet mit Krankenheilungen. Am Folgetag predigt er über Noah und postdiluvische Patriarchenabfolgen mit Nimrod alias Zaraθuštra als Stadttyrann und Begründer der persisch-babylonischen und ägyptischen Feueranbetung. (H 9; R 5) Die Feueranbetung ist damals also noch praktiziert worden, was Pausanias bestätigt. Daß sie im Magier-Kontext erwähnt wird, deutet darauf hin, daß Simon auch hiermit etwas zu tun hatte und einer jener zeittypischen Magier auf der Wende vom avestischen Mazdaismus zum wundertätigen Missionszauber war, wo das Wunder als göttliche Offenbarung apostelmäßig Adepten anlocken soll.
Auf die Identifikation des iranofeudalen Stadtfürsten vom nordsyrischen Edessa Nimrod (Gen 10,8f) bzw. Ninurta mit Zoroaster in H 9,4 verweist Widengren.[1952] »Und der eine durch Krieg, ein anderer durch Schmerz, ein weiterer durch Überzeugung und eine anderer anderswie, von denen einer aus dem Geschlecht Chams war, der den Mestrem machte, von wo aus die Stämme der Ägypter, Babylonier und Perser vergessenermaßen stammen. Aus diesem Geschlecht entstand ein gewisser Nebrod, nach magischer Nachfolge weitergewälzt, der wie ein Riese das Gott Entgegengesetzte zu denken zurückdrängte, den die Griechen Zoroaster nannten. Dieser begründete die Königreiche nach der Sintflut und war berühmt als Magier, der vom nun herrschenden Bösen die Sternbeobachtung des Kosmos zum Geschenk seines Königtums an die magischen Künste erzwang. Was am Anfang war und vom Gewaltantun Macht hatte - er legte mit Zorn Feuer an das Königreich, damit er das Unterweltliche gut erkenne und den frühen Gewaltherrscher bestrafen könne. Von diesen Himmlischen nun ist aus einem auf die Erde gefallenen Blitz (auf seine Leiche) der Magier Nebrod erhöht worden. Aus dieser erfolgreichen Tatsache hält er als Zoroaster umbenannt durch den Fluß des Sterns die nach seiner Art Lebenden fest. Die Dummen der Menschen damals holten durch diese "Gottesliebe im Blitz" die Seele herbei in der Meinung, sie hätten die Überreste des Körpers begraben. Das Grab im Tempel verehrten sie in Persien, wohin die Überreste seiner Verbrennung verbracht wurden.«[1953] Daß er ein Riese, gi/gaj genannt wird, könnte syrisch gabbārā und hebräisch rOb:g sein. Dies entspricht dem iranischen Königstitel Kai/Kavi. Die Riesengestalt zählt ihn zu den Archonten der Vortagspredigt. In R 4,27+29 wird Nimrod mit Ninus, dem Heros Eponymos der alten Assyrerhauptstadt identifiziert. Auch hier wird zu Zarathustras Feueranbetung Bezug genommen mit der Anekdote von der Sammlung seiner vom Blitz getroffenen und verbrannten Gebeine. Nach R 1,30 herrscht Nimrod als erster über Babel und siedelt dann zu den Persern über, um sie die Feueranbetung zu lehren. Hier liegt eine eigenartige Verwechslung der Urheberschaft des Feuerkults vor, die dessen Einbürgerung in Babylonien und Syrien als so ausgeprägt erweist, daß Persien als Adept erscheint. Das erstarkte Magiertum Babyloniens fühlt sich als wahres Persien.
Daneben steht die ganz andere Tradition, die Petrus anschließend erzählt: »Die Perser nahmen als erste die Kohlen vom Blitz, der von Himmel fiel, und bewahrten sie im Haus als Brennstoff und verehrten das Feuer als himmlischen Gott. Wie sie die ersten waren, die das Feuer selbst verehrten, waren sie auch die ersten, die die Königsherrschaft (als Politorganisation) schätzten. Nach ihnen haben die Babylonier Kohlen vom Feuer, das dort war, gemopst und sicher in ihre eigenen Heimat gerettet, um sie anzubeten. Sie selbst herrschten auch mit dem (Feuer)dienst (als Staatsreligion). Und die Ägypter haben ähnlich gehandelt und das Feuer in ihrem eigenen Dialekt Ptah genannt, übersetzt als Hephaistus. Er herrschte mit seinem Namen zuerst unter ihnen. Jene Sitte pflegt man auch an anderen Orten und die örtlichen Herrscher machten Tempel und errichteten Altäre zur Verehrung des Feuer. Die meisten von ihnen wurden vom Königreich ausgeschlossen. Aber sie hörten nicht auf, Holzgötterstatuen zu verehren wegen der bösen Intelligenz von den Magiern, die Legitimationen dafür fanden und die Macht hatten, um sie zur dummen Verehrung zu zwingen. Sie etablierten die Feueranbetung, indem sie sich mit magischen Zeremonien präsentierten, übertrugen ihnen Feste mit Opfern, Libationen, Flöten und Geschrei, mittels dessen ungebildete Männer betrogen werden. Obwohl ihr Königreich von ihnen genommen wurde, hören Sie doch nicht mit der Verehrung auf, mit der sie den Aufschwung genommen hatten.«[1954] Dieser Text wiegt schwer als Dokument der Präsenz des Feuerkultes im achämenidischen Großreich. Wenn dies so stimmt in einem deutlich antipersischen Text aus einer gnostischen Tradition, die ja selbst wesentliches wie den Mythos gefallener Engel aus der persischen Tradition übernommen hat, dann liegt hier ein gewichtiges Zeugnis für Feuertempel und -altäre und avestische Litaneien mit dem typischen Libationsopfer in vielen Regionen vor, darunter sogar Ägypten. Ahura Mazdā wurde also dort mit dem androgynen memphitischen Stadt- und Weltgründer Ptah identifiziert und amalgamiert und scheinbar hat es selbst dort Feuertempel gegeben, von denen wir aus anderen Quellen nichts erfahren. Daß Ptah als Pthahil bei den Mandäern ebenfalls demiurgischer Materieschöpfer ist, zeigt, wie stark gerade dieser Kult über die Magier auch ins Täufertum zurückgeflossen ist, vergleichbar mit der griechischen Orphik. Daß Flöten als sakrale Instrumente der Magier erklangen zu ihrem Geschrei, also lautem Gesang, ist auch von Hippolyt Refutatio IV,28.8f bekannt. Daß der Feuerkult einst als Konstituens der Satrapien eingeführt wurde, ist angesichts der Magier als Verwaltungsstab der besetzten Gebiete stimmig, auch wenn es sonst selten erwähnt wird. Daß hier spöttisch das cultural lag des persistierenden persischen Feuerkults auch nach dem Niedergang der persischen Ära ins Feld geführt wird, bestätigt einmal mehr die Existenz des Magierkultus auch außerhalb Parthiens und Mediens bis ins 2. Jh.n.Chr. und später. Wäre nicht in Tyrus und Caesarea davon noch zu spüren gewesen, wäre die Predigt des Petrus H 9,8f nicht so werbend, von diesen Dämonen der Magier zu den christlichen Angeboten überzuwechseln. Es ist keine Judenmission in Syrien und Phönizien, sondern eine Mission im Land der Fruchtbarkeitskulte, in denen sich vermutlich wie in Syrien aus der Perserzeit Magierkolonien der einstigen Besatzer erhalten haben. Dies zeigt die ausgeprägte Präsenz der persischen Religion dort und die Verehrung von Simon als berühmtem Magier muß jenseits aller spätantiken Wundergläubigkeit Anhalt am historischen Simon als einem dedizierten persischen Magier haben. Das Bild der Dämonen H 9,10, die als Lüsternheit, Fleischfreßlust die Menschenkörper befallen, ist den persisch denkenden Zuhörern von Tripolis geläufig. Mit dieser Lüsternheit ist für die parthischen Bewohner die Kritik am Astartekult der Phönizier assoziierbar. Es paßt in die gnostische Askese, die der Mythos der gefallenen Engel induziert. Petrus missioniert an einer Doppelfront gegen die phönizische Fruchtbarkeitskultur und die zugewanderte Magierkultur.[1955] H 9,12 doziert Petrus über Dämonen als Krankheiten. H 9,13f zählt er die Magier unter die böseswirkenden Dämonen, die Krankheiten heilen, die sie selbst erfunden haben. Dafür lassen sie sich dann noch wie einen Gott verehren; man merkt die Kritik an Simon und darf zugleich aus dieser Hetze rückschließen, daß er nicht wegen seiner ausführlich beschriebenen Schadenszauber berühmt war, sondern wegen seiner Krankenheilungen, die an Jesu Erfolge erinnern. Auch die Träume als Offenbarungsmedien des göttlichen Geistes sind nicht das, was sie bei Israels Propheten und persischen Magiern waren, sondern Freud antezipierend lediglich Ängste und Wünsche der Seele, auch wenn jeder gute Arzt die Diagnose auf ähnlich mysteriöse Weise wie ein Orakel vornimmt.(H 9,15f) In H 9,17 beschreibt Petrus die medizinische Praxis der Magier. Sie wissen beim einen das richtige Heilmittel oder Gebet, beim anderen können sie dies nicht. Daß sie Honorare nehmen, ist ebenfalls suspekt. Bei erfolgter Heilung wird Gott ein Dankopfer gebracht wie in Psalmen. Sie kümmern sich ebenfalls um die Sterbebegleitung und Totenbegleitung, was Petrus mit betrügerischem Versagen ihrer Kunst identifiziert und sich wundert, daß keiner ihrer Gemeindeglieder jemals unzufrieden ist mit ihrem Dienst. Hier bietet sich uns das gleiche Bild, was wir von der Vendidad her kennen, als Beschreibung einer syrisch-phönizischen Gemeindesituation, in die hinein Petrus dringt und nach ärztlichen Behandlungsfehlern sucht, um die Parther gegen ihre Geistlichkeit aufzuwiegeln, mit der sie ganz offensichtlich mehr als zufrieden sind und sie die Große Kraft nennen. H 9,18 bezahlen die Magier sogar menschliche Probanden für ihre medizinische Forschung. Die Nachfrage nach Orakeln scheint rückläufig. In 9,19 argumentiert Petrus mit dem Weltgericht, wo Gott Irrglauben bestraft. Der rechte ist durch die Taufe gegeben: »Aber im gegenwärtigen Leben werdet ihr durch Waschen in einem fließenden Fluß oder einer Quelle oder im Meer mit dem dreimaligen Segensruf nicht nur fähig, die Geister, die in euch lauern, auszutreiben, sondern der Gott glaubt, wird ohne Zweifel nicht mehr sündigen. Sie werden bei anderen böse Geister und extreme Dämonen mit schrecklichen Krankheiten austreiben.«[1956]
Die Prävalenz fließenden Wassers zur Taufe (H 9,19; 10,1; 11,26-35) führt mit der Ptah-Aufnahme direkt in mandäische Gefilde, cf 1.7.9.5. Die Masbūtā wird ausschließlich im metertief fließenden Wasser (Jordan) mit dreimaligem Untertauchen zelebriert. Gemeinsamkeiten gibt es sowohl zu Petrus als auch zu seinem Kontrahenten Simon, beide sind mit dem Täuferkreis des Johannes eng verbunden, Simon als Mitglied, Petrus über Jesus. Die pseudoklementinische Grundschrift dürfte in der Abwehr der persischen Traditionen Simons den Nazoräern nahegestanden haben, wenn sowohl Simon und Appion als auch Petrus und Clemens ähnliche Lehren immer wieder aufgreifen, obwohl sie redaktionell als Kontrahenten aufgebaut werden.
Der große Šišlam als göttliche Seele aller Menschen wie Ātmān findet sich in Simons Lehre wieder, daß jeder Inkarnation Gottes werden kann und er selbst in besonderem Maße.[1957] Im Mandäischen gibt es ca. 130 parthische Lehnwörter.[1958] Iranische Feuerverehrung, Rinderharnreinigung, Inzest und drōn-Opfer werden abgelehnt, aber Rašnu, Rama und Vərəθraghna als gute Gottheiten und die Daēvas als Daiua, böse Dämonen, übernommen.[1959] Die Dews des Nbu-mšiha ergreifen heimtückisch die Körper der Menschenkinder und quälen die Seelen und Geister.(GR I,195) Dies ist H 9,9-13 ausgeführt. Zervanistische Weltzeitlehre taucht als datierter Plan von Zeitaltern (ddara) auf, in denen Zeiten der Finsternis, Kriege und Katastrophen in Erlösungszeiten münden. Auf Adams Millennium und 30 ddara folgt Erlöserpaar Ram und Rud mit neuer Menschheit für 25 ddara. Nach Weltbrand, zweitem Urmenschpaar, lobsingender neuer Welt, Sintflut, Noah und Sems lobpreisendem von Hibil geführtem Geschlecht, Jerusalems 1000 Jahren, Salomo Dämonenherrschaft verführt Christus mit 7 Planeten-Dews die Adamskinder.(GR I,181) Von dieser Ddara-Lehre ist H 6 geprägt, wo nach Noah Nimrod-Zaraθuštra dort kommt, wo im rechten Ginza Salomo als Dämonenbezwinger steht. Petrus versucht, vom persischen Dämonenherrscher zu befreien durch rechtes Wissen (Manda) und Taufe.
Die Taufe verleiht also Sündfreiheit und Macht, Dämonen auszutreiben bereits durch einen Blick oder Gebet, wie Petrus am Vorabend demonstriert hat.(H 9,19) Er ist konfessionell von anderer Natur als seine Hörer, weil sie auf Dämonen hören, während er diese exorzieren will, auch wenn er etwas Angst vor ihnen hat, was diese allerdings auch vor den Gottesfürchtigen haben. Obwohl die Christen eine Mehrheit gegenüber den Parthern und Phöniziern bilden, wie Petrus wohl zu Unrecht behauptet, will er sie nicht zwingen, Christen zu werden, aber sie sollen die Christen respektieren.(20) Wer Gott ergeben ist und unter seinem Kommando steht, partizipiert auch an dessen Macht.(21) Dämonen haben Angst vor Gott und jedem seiner Getreuen und fliehen vor ihnen. Das soll aber keinen Christen übermütig und aufgeblasen machen, sondern er soll helfen und sich so einen Platz im Himmel sichern. Die Taufe sichert vor ewiger Strafe. Abschließend heilt Petrus schnell noch die Kranken und geht dann Essen und Schlafen. Am dritten Tag findet Petrus ein passendes Taufbecken im Garten (H 10,1) und predigt über Jesu Schöpfungsmittlerschaft und seinen Erlösungsweg in die Welt (2f), die Seinen zu belehren (4) und in Angst vorm Schöpfer (5) weltgerichtsbeständig (4) zu machen. Die Umkehr vom dämonenhörigen irrationalen Schwein unter Gottes Militär erhebt wieder zum gottesebenbildlichen Herren der Schöpfung.(6) Goldene Götterbilder, ob Astarte oder Caesar, sollten zu Schüsseln umgeschmolzen werden, in menschengemachten Statuen kann kein Gott sein.(7f) Auch Grabmäler sind als Werk jetzt Toter nicht verehrungswürdig.(9) Gott ist ungeschaffen materielos, Materie ist nie Gott.(10) Die Schlange in uns kriecht vom Hirn durchs Rückmark arschwärts und verführt uns zum Aberglauben (10f) und tödlicher Unkenntnis über Gott.(12f) Die tolerante Lehre von der Repräsentanz des einen Gottes in den vielen regional verschiedenen Göttern der Kulte ist solch ein Irrtum und beleidigt Gott.(14f) Ob ägyptischer Sternkult oder Verehrung von Apis, Horus, Katzen, Schlangen, Fischen oder der Zwiebel als Furzgenerator (16.2.3 kro/mmua kai\ gastrw=n pneu/mata) - alle mal lachen! - es ist genau so lächerlich wie die Verehrung der Astartefigur, für Petrus nur Dämonen (17) und eine Krankheit, für die er das Heilmittel hat.(19) Gott als ens perfectissimum (19) ist nicht in Götterbildern oder irgendeiner Materie anbetbar (21f) und Libationsopfer und Polieren der Gold-Statuen unnütz.(23f) Offensichtlich wurde der alte phönizische Astarte-Kult noch praktiziert, wenn Simon Helena in Tyrus als Tempelmaid kennengelernt hat.[1960] Die Kultfiguren geben, so Petrus, weder Regen noch Fruchtbarkeit.(24) Nach abendlicher Krankenheilung badet Petrus im Taufbecken und wie nach der Masbūtā gibt es jetzt (26) ein gemeinsames Mahl. In H 11 geht es um die Reinigung von allem Irrglauben. Sie wird lange dauern.(11,2) Kampf gegen die bösen Begierden (3) und tätige Liebe am Leidenen als Ebenbild Gottes (4) sind die Wege. Die als Götter verehrten Dinge oder Wesen erleiden Vergewaltigung durch den Verehrer.(6) Gott wartet geduldig, bis man sich zu ihm bekehrt von anderen Religionen.(7) Die Frage, wie Gott das Böse zulassen oder geschaffen haben kann, sei Gotteslästerung.(8) Der ist eifersüchtig (9f) und wird die unsterblichen Seelen der Bösen im Feuer ewig schmurgeln lassen (11f) und seine Kinder enterben.(12f) Für die Phönizier wäre das Ablassen von Astarte Sünde. Ihre Feste mit Orgien zu Ehren der Fruchtbarkeitsgöttin sind für sie Gottesdienst.(13ff) Sie werden detailliert kritisiert. Wegen des Evangeliums wird es Entzweiung in den Familien der Missionierten geben.(19ff) Die Guten werden belohnt, die Bösen bestraft im Weltgericht.(25) Darum ist die Taufe einzige Rettung. Man möge zum lebendigen Wasser fliehen und mit dreimaligem Segensruf getauft werden, wieder sehr mandäisch.(26) Dank an Gott für diese Taufrettung vorm Fegefeuer sind die guten Werke. Aufschub dieser Sündenvergebung könnte tödlich sein.(27) Der Körperreinigung folgt die Herzensreinheit mit der Taufe.(28f) Es folgten Reinheitsregeln für sündarmes Leben ohne Menstruationsblutkontamination und Lüsternheit überhaupt. Clemens wird schließlich nach drei Monaten Proselytenschaft und einer Fastenwoche in immerfließendem Quellwasser am Meer getauft (H 11,35; R 7,1). Es werden viele getauft, geheilt, ein Bischof und 12 Presbyter ordiniert und eine etablierte Gemeinde konstituiert im phönizischen Tripolis.
Nach drei Monaten ziehen sie nach Antiochia in Syrien (H 12,1; R 7,1). Clemens erzählt Petrus die Verstreuung seiner mit dem Kaiser verwandten Familie (H 12,9-11; R 7,8-10). Auf der Insel gegenüber Arwad nördlich Tripolis findet Clemens seine Mutter wieder als kranke Bettlerin Mattidia, die Petrus heilt (H 12,12-23; R 7,11-23). Man verläßt gemeinsam Arwad und reist ins syrische Laodicea. Niketas und Aquila empfangen sie und erkennen in Mattidia ihre Mutter und so in Clemens ihren Bruder. Sie erlitten Schiffbruch, konnte auf Wrackteilen überleben und wurden von einem Boot gerettet und an Justa in Caesarea verkauft, die sie wie eigen Blut aufzog. Petrus predigt Keuschheit (H 12; R 7,24-38). Als er morgens betet, kommt ein alter Mann und sagt, das sei zwecklos, weil alles vom Schicksal bestimmt ist. Dem wiederpredigt Petrus (H 14,1-5;15,1-5; in R 8,5 - 9,33 die drei Brüder). Das Horoskop des alten Mannes ist korrekt. Er erzählt seine Geschichte und entpuppt sich als ihr Vater Faustus, alle weinen herzzerreißend. Es folgen Gespräche über das Böse und Mythen (R 10,1-51; in H 20,1-10;4,7-6,25 ist dies zwischen Clemens und Appion in Tyrus).
In H 16-18 folgen hier die wohl ursprünglich aus dem Caesarea-Disput stammenden Teile als Streit Faustus versus Simon Magus, der vom Centurio Cornelius Stadtverbot bekommt und verschnupft dem Faustus sein eigenes Gesicht mit magischer Schönheitscreme anzaubert, damit dieser statt seiner verhaftet wird. Petrus verscheucht Simons Jünger, indem er die Tricks aufdeckt, und schickt Faustus nach Antiochia, wo alle ihn für Simon Magus halten, der plötzlich seine Zauberei als groben Unfug bekennt und sich zu Christus. So wollen alle Antiochener Petrus hören und hätten den falschen Simon fast gesteinigt. Petrus kommt, verwandelt sein Gesicht zurück und alle sind glücklich über die Macht des Apostels. Die Themen der Disputation von H 16 sind Einheit Gottes und die vielen Götter des AT, Widersprüche im AT, die Gottessohnschaft Jesu, die Ungeschaffenheit des höchsten Gottes, seine Präsenz im Menschen und die Kritik am Demiurgen, der die Welt schlecht geschaffen hat und deshalb nicht der höchste Gott sein kann. Petrus kommt am Ende des ersten Disputationstages und sagt, nachdem Simon von der Zuhörermenge gegangen ist, all das sei Blasphemie. In H 17 geht es am Folgetag mit einem Angriff Simons gegen Petrus weiter. Petrus habe eine andere als die Lehre Jesu und Jesu Lehre sei inkonsistent, wo er johanneisch sagt, niemand kenne Gott außer ihm - was ist dann mit den Propheten? Petrus geht zur Replik hinaus zur Menge und sagt, Jesus sei der wahre Prophet.(17,6)
Immer wieder begegnet Jesus als der wahre Prophet in den Homilien. Er sagt, wie die erste Lüge von einem Betrüger als Evangelium kommt. Er sieht nicht immer, sondern nur manchmal, wenn er den Geist hat, die Zukunft voraus. Unsterblich ist er, weil allein er jedes Wesen nach der Würde seiner Natur richten wird. Er sagt johanneisch: Ich bin die Tür zum Leben. Er sieht das Ganze, was ihm zu Ehren ihm der Vater übergeben hat zur Rettung der aus ihm geborenen Söhne. Er sagt, der Himmelsgott, der alles geschaffen hat, wurde Mensch nach dem Bild und der Ähnlichkeit von Gott gemacht. Der wahre Prophet ist der Herr Jesus.[1961] Hier ist eine Tradition, die der mandäischen ähnelt, in der allerdings Jesus Lügenprophet ist. Die Ähnlichkeit mit der johannäischen Tradition ist allerdings noch stärker.
Petrus fährt fort, er habe keine Zeit gehabt, lang zu argumentieren und auf den religiösen Background seiner Hörer sich verlassen können: sie haben ihn verstanden. Jesus ist glänzender als Sonne, Reinherzige sehen dies, er ist das Universum und hat sich ein irdisches Ebenbild geschaffen, was sichtbar für alle war. Simon hält dagegen, wenn Gott unsichtbar, ohne Zahl, Form und jede Eigenschaft ist, dann hat er auch keinen Raum und kein Dasein. Wie kann man dann zu ihm beten? Dann ist unklar, ob man Gott fürchten oder lieben soll, entweder oder! Wenn er nicht wirkt, ist auch das egal. Vision und Traum als Offenbarungsmedien werden kontrovers diskutiert zwischen Petrus und Simon, auch der Böse kann das Wahre sehen, sagt Petrus, für Simon ist nur der Gotterfüllte zu Visionen Gottes fähig. Petrus sagt, Gott kann man nur als Licht bar jeder Sinnlichkeit sehen, das Fleisch muß vom Licht in Licht verwandelt werden, erst dann kann man Gott schauen. Dies geschieht bei der Auferstehung, wo alle in Lichtwesen verwandelt als Engel Gott schauen können. Wenn Böse wahres sehen, hat Gott dies in ihnen bewirkt, ob durch Traum, Vision oder Erkenntnis. Simon betrachtet Jesus ebenfalls als seinen Lehrer, aber anders als Petrus. Da Simon sich als festen Fels der Kirche betrachtet, versteht er nicht, wieso Petrus ihn bekämpft und nicht mit ihm gemeinsam für die Visionen Gottes arbeitet. Am dritten Tag wird in H 18 über Höchsten Gott und Demiurg, Göttlichkeit und Gerechtigkeit, Offenbarung durch Gott im Menschen oder nur durch die Person Jesu diskutiert, über Mt 11,25 und Jes 1,3 und die Widersprüche im AT als Trick, die Glaubensstärke auch gegen alle Vernunft zu testen. Simon bleibt bei der Unvernunft eines Schöpfers, der eine böse Welt erschaffen hat und vertagt den Diskurs. Für ihn ist Petrus ein Gotteslästerer. Der segnet und heilt Kranke in der Menge wie jeden Abend. Am Folgetag in H 19 geht es explizit wieder um die Theodizee. Simon bestreitet, daß Gott gut ist, wenn er alles, auch das Böse geschaffen hat. Für ihn ist dieses von einem zweiten, bösen Prinzip geschaffen, was mit dem guten Gott im Streit ist. Hier ist die persische Lehre von Ahriman prägnant.(2) Petrus moniert, dies sei nirgends geschrieben und also nicht gültig. Simon kontert, man müsse über die Schrift hinausdenken.(3) Entweder ist der Teufel ein entartetes Tier oder direkt als böse von Gott geschaffen, sagt Simon.(4) Petrus vermutet, Gott habe ihn als Notwendigkeit geschaffen, die wir nicht durchschauen und deshalb Gott auch nicht anklagen dürfen.(5) Die Kühnheit der Fragen Simons sind für Petrus pure Blasphemie, er ist noch schlimmer als der Teufel, weil er Gottes Liebe zu bezweifeln wagt.(6) Wäre Simon von Gott wirklich erfüllt, könnte er ihn auch vorbehaltlos preisen.(7) Es werden alle Möglichkeiten diskutiert, wie das Böse in die Welt kam, als Tier, durch Element-Mischung usw. Simon ist ein Querdenker, der sich der Dogmatik des Petrus nicht unterwirft und in allen Varianten die Verantwortung des Schöpfers für seine Geschöpfe betont im Sinne der heutigen Produkthaftung.(8f) Daß Gottes Vernunft nicht von uns erkennbar ist, wir nicht mit unseren Kategorien göttliche erfassen können, ist sogar Konsens, ebenso, daß Gott nur gut sei und Menschen sowohl als auch.(10f) Petrus führt das Böse auf die Mischung der Elemente zurück.(12) Der Dialog wird immer spitzfindiger und sophistischer. Giftschlangen, Giftpflanzen, Dämonen und Diktatoren als Menschentöter sind eben nicht nur böse, sondern nützlich und gut, weil sie Sünde bestrafen und Tod machen, denn sterben müssen die Menschen, so will es Gott.(15f) Während für Simon der Teufel gleichberechtigt und gleichstark wie Gott regiert, ist er für Petrus Gottes Untergebener. Simon fragt, wieso Gott so einen Untergebenen gewähren läßt und nicht wie alle Sünder vernichtet hat.(17f) Simon bemerkt, was gut sei, ist Sache des Betrachters. Wenn einer mordet, ist dies für ihn selbst meist richtig und nützlich, entspricht seinem Narzißmus und seiner Interessenwahrung.(18) Daß bei den Persern Inzestehe geübt wird, nennt Simon als Beispiel für die kulturelle Bedingtheit der Unterscheidung von gut und böse: »Weder ist es von Natur aus schlecht oder gut, sondern es kommt auf Gesetz oder Sitte an. Bei Persern ist üblich die Mütter zu heiraten, die Brüder, Töchter. Bei anderen wird dies als äußerst verdorben bezeichnet.«[1962] Für Petrus ist dies alles ein Greuel wie die Kopulation auf offener Straße und der Kannibalismus der Briten. Wer nicht ermordet werden will, soll auch nicht morden - hier in der goldenen Regel steckt schon vor Kant seine Idee des universalisierten Narzißmus als Basis der Moralität. Was du nicht willst, daß man dir tu, das füge keinem anderen zu.(19) Harmonie ohne Schmerz und Tod gibt es in Christi künftigem Reich und seiner Unsterblichkeit.(20) Simon stimmt zu, weil dies mit der Lehre von der fraskart, der Weltverwandlung, konvergiert. Petrus gewinnt der an sich bösen Lüsternheit den Nutzen der Produktion vieler Himmelreichsanwärter ab; gebändigt durch Ehemoral wird sie Wurzel der Caritas nach der Sublimierungstheorie.(21) Viele Sünden sind Unwissen über das rechte Handeln.(22) Sinnlose Schicksalsschläge als Leiden ohne Schuld wird im Weltgericht wieder ausgeglichen, meint Petrus.(23) Für Simon ist diese Diskussion insgesamt unter Niveau gewesen und er verabschiedet sich, Petrus behauptet, er habe den Streit gewonnen und Simon habe keine Argumente mehr, dieser geht leicht verärgert. Der neutrale Beobachter wird Simons Geduld und intellektuelle Überlegenheit vermerkt haben. Er sieht ein, daß dieser Diskurs fruchtlos und nutzlos ist. Sein Scharfsinn und der Tiefgang seiner Fragen sind auf einem Niveau angesiedelt, dem Petrus nicht gewachsen ist. Es hat sich gezeigt, daß die fundamentalen Ansätze des Zervanismus von den beiden Urprinzipien Ōhrmazd und Ahriman und die endzeitliche Weltverwandlung seine Gedanken durchziehen. Damit vertritt er die authentische Magiertheologie.
H 20 beginnt wieder mit einem Morgen, an dem Sophinias Petrus befragt über den Ursprung des Bösen.(1) Dieser antwortet mit der 2-Reiche-Lehre des Himmlischen und des Irdisch-Politischen als Gegensatz von gut und böse. Die Körperlichkeit ist schlecht und kommt aus der Frau: Begierde, Kummer und Wut. Sie hat die Menschheit vermehrt. Der Geist ist gut und kommt vom Mann: Verstand, Wissen und Ehrfurcht. Der Mann ist quasi himmlisch-geistig und die Frau irdisch-lüstern. Das Reich der Welt ist von Gesetzlosigkeit böse durchdrungen begrenzt wie die Frau und endet im Weltgericht, wo das gesetzmäßige Reich der Himmel beginnt als Zeit des Guten. Über beides gibt es je einen König. Der himmlische der neuen Welt hat aber keinen Einfluß auf die gegenwärtige Zeit.(2) »Gott schuf 2 Königreiche und 2 feststehende Alter, bestimmte, daß die gegenwärtige Welt dem Bösen gegeben werden sollte, weil es klein ist, und schnell stirbt. Er versprach, für das Gute das Alter zu bewahren, um zu kommen, wenn es groß und ewig sein wird. Deshalb schuf er euch frei mit der Fähigkeit, das zu tun, was man wünscht. Und sein Körper besteht aus drei Teilen und stammt von der Frau her; denn er hat Begierde, Ärger und Kummer, und das, was auf diesen folgt. Aber der Geist, der nicht uniform ist, sondern aus drei Teilen besteht, leitet seinen Ursprung vom Mann her; und es ist von logische Denken, Wissen und Angst fähig, und das, was auf diesen daraus folgende ist. Und jedes dieser Triaden hat eine Wurzel, damit man eine Verbindung von zwei Mischungen, der Frau und dem Mann ist. Deshalb sind zwei Wege auch vorher gelegt worden: Gehorsam und Ungehorsam zu Gesetz; und zwei Königreiche sind gegründet, das eine Königreich vom Himmel und das andere von jenen, die jetzt Könige auf Erde sind. Auch sind zwei Könige unter den Menschen ausgewählt worden, der eine, um durch Gesetz über die gegenwärtigen und vorübergehenden Welt zu regieren, und sein Charakter ist so, daß er sich in der Zerstörung und im Bösen weidet. Der andere, Gute, der als König des Alters kommt, liebt die ganze Natur des Menschen, aber kann in der gegenwärtigen Welt nichts ausrichten, gute Ratschläge versucht er zu verbergen.«[1963] Petrus gibt eine Variante des Dualismus von Ōhrmazd-Ahriman und menōk-gētīk. Es ist nicht das differenzierte 4-Äonen-Schema des Zervanismus, sondern eine verschachtelte Form: Aus Geistschöpfung - Materielle Schöpfung - Kampfzeit - Heilszeit wird bei Petrus 1=4 und 2=3. Die Heilszeit ist am Ende die Himmelswelt, die Materiezeit ist immer böser Kampf. Nachdem Petrus so gegen die Magier gewettert hat, reproduziert er deren Theologie mit der occidentalen Frauenverachtung.
Jeder Mensch kann sich frei entscheiden, unter welchem König er dienen will. Diese beiden Könige sind Gottes schnelle Hände, die linke tötet und die rechte heilt.(3) Deutlich ist hier das Papsttum legitimiert als Königtum des himmlisch-geistigen Reiches des Guten. Das Böse ist Ergebnis falsche Elemente-Komposition, ein alchemistischer Gedanke. Man kann sich aber neu zusammensetzen und gut werden, wenn man dies will. Man kann die Begierde zu etwas gutem bemeistern und so das an sich »Böse Element« Lüsternheit umfunktionieren.(4) Hier ist die Willensfreiheit als Selbstzuchtmöglichkeit Eintrittskarte ins Himmelreich. Sophonias wendet ein, Gottes Unwandelbarkeit könne nicht Stimmungsschwankungen unterliegen wie die Jahreszeitwechsel.(5) Petrus lehrt, Gott könne alles immer verwandeln.(6) Der Mensch hat auch im AT bewiesen, daß er sich frei entscheiden kann, zu welcher Gestalt er wird.(7) Wenn alle Menschen von ihrer Substanz her von Gott geschaffen sind, sind sie dann nicht alle Brüder, Gute wie Böse? Nein, den Bösen ist ein Streifen verrutscht (Janoš), ihre Mischung ist unstimmig zum Gesetz.(8) Den Teufel und seine Gesellen zieht´s ins Dunkel des Hades wegen seiner Spezialmischung. Seelen, die »Tropfen reinen Lichtes« sind, werden vom Feuer aufgenommen.(9) Der freie Wille macht einige zu Gläubigen, andere zu Bösen.(10)
Clemens Vater Faustus kommt mit dem angezauberten Gesicht von Simon Magus von Antiochia. Petrus erkennt ihn an der Stimme.(12) Aus Antiochia kommen Simon-Anhänger, die sagen, daß Simon die dortige Bevölkerung so gegen Petrus aufgewiegelt habe und durch Wunder bezaubert, daß dieser dort zerfleischt würde. Mit dem von ihm geheilten römischen Statthalter Cornelius aus Caesarea schmiedet Petrus ein Komplott gegen Simon. Der soll in die Flucht geschlagen werden. Cornelius läßt verbreiten, er sei auf der Suche nach Simon im Rahmen einer kaiserlichen Verfolgung aller Magier. Wenn sich nach Weggang von Simon der Volkszorn auf Petrus gelegt hat, kann dieser seine Mission dort gefahrlos fortsetzen.(13f) Da kommt Petrus die Idee, Faustus könne in Antiochia den Simon spielen und sich plötzlich zum Christentum bekennen. Wenn er dies macht, wird ihm Petrus auch das Simon-Gesicht wieder wegzaubern.(18) Der will in Antiochia vor der Menge erzählen, die Engel Gottes hätten ihn so hart gequält im Traum, daß er lieber Christ wird.(19) Nach 10 Tagen schickt er SOS, die Antiochener würden ihm alias Simon nach Prügeln jetzt den Magierprozeß mit Todesstrafe machen, Petrus solle schnell kommen und ihm sein richtiges Gesicht zurückzaubern, damit er nicht als Simon hingerichtet wird. Dieser ist nach Judäa, also in die Heimat, geflohen.(20-23)
Die Magierprozesse sind zur Zeit Neros eher noch nicht gewesen, da der sich für Magie sehr interessierte, cf 1.5.2.33. In der Grundschrift liegt somit eine spätere Zeit zugrunde, wie wir sie von Apuleius und Apollonius kennen. Wir fanden in den Homilien ein wildes Gemisch von Wundergeschichten über Magier, zervanistischer Theologie (sogar im Munde des Petrus) und Täufertheologie in einer sehr anregenden sophistischen Komposition. Ganz offensichtlich ist Simon Magus nach diesen Quellen ein Zervanist gewesen. Die Wundergeschichten sind so glaubwürdig wie die Jesu und Petrus hat vor der Zauberkraft Simons solche Angst, daß er unfeine Tricks anwendet, die seinem Reden vom Tun des Guten zuwiderhandeln. Die Fleischwerdung des Bösen in Dämonen und gefallenen Engeln geht von Ahrimans Heerscharen über Sarahs Besessenheit vom iranischen Gewaltdämon Ašmodavn (aēšma = Raserei, Gewalt: Tobit 3,8) bis zu Simons und Jesu Dämonenaustreibung, die auch Petrus praktiziert.
Die pseudoklementinischen Berichte über seine Magie zeigen viele Naturwunder, weniger Heilungswunder, und stellen die Totenbeschwörung in den Mittelpunkt. Die Magier-Ausbildung in Alexandria zeigt ihn als Intellektuellen, der in der Metropole des Ostens studiert hat und so auch die zervanistischen Lehren der persischen Magier über den Weg der Seele nach dem Tod aufgenommen hat. Es gibt keinen Grund, an dieser Darstellung zu zweifeln, da die Pseudoklementinen keine Verherrlichung, sondern eine vernichtende Kritik an Simon bezwecken und dann sicherlich kein Magiestudium in Alexandria erfinden. Historisch dürfte dann ganz sicherlich angesichts der Nekyomantiedemonstrationen Simons sein Glaube an eine himmlisches Weiterleben der Seele nach dem Tod sein, wie dies im Zervanismus mit mehreren Himmelsstufen beschrieben ist. Daß er in Alexandria platonische Traditionen von der Präexistenz der Seele mit den entsprechenden zervanistischen Lehren vom geistigen Anfangszustand der Schöpfung und einer Materialisierung im zweiten Schritt mitbekommen hat, ist genauso wahrscheinlich. Wenn er schließlich missionierend nach Rom in die bereits durch den Mithraskult eroberte Metropole des Imperiums zieht, zeigt sich darin ebenfalls ein intellektueller Zug, der zumindest die Denkfigur einer himmlischen Präexistenz der Seele und somit ihre Göttlichkeit nahelegt. Clemens sagt als Intellektueller aus der Kaiserfamilie des Tiberius selbst, daß ihn die Ungewißheit über das, was nach dem Tod ist, nach Ägypten zur Nekyomantie getrieben hat.
Beyschlag hält die Homilien für einen nachgnostischen Text, was impliziert, daß das gnostische Simonbild als Vater des All und prw/tistoj qeo/j vom "Grundschriftverfasser" entmythisiert wird zu einem einfachen menschlichen Magier. »Das simonianische Portrait ist eben durchweg entgnostifiziert und der gnostische Erlöser zum antichristlichen Magier popularisiert.«[1964] Also: nicht der Magier wird später verherrlicht, sondern der größte gnostische Vater des Alls wird entherrlicht. Wieso ausgerechnet als Magier, wo gibt es Parallelen für einen solchen Entherrlichungsprozeß? Wie kommt Simon zur Verehrung als Vater des Alls, wenn nicht durch magische Wunderhandlungen? Wie kommt Acta 8 auf den Magier-Beruf Simons, wenn er keiner war? Sicherlich haben Apologeten den Wunsch, Fremd-Kulte zu diffamieren als Ketzer, und vielleicht wird Simon in den Pseudoklementinen ja auch als »schwarzer Mann« und »Christenschreck« auf die »apokryphe christliche Volksbühne gestellt«.[1965] Aber das historisch erste war seine Magier-Arbeit und erst danach wurde er von seinen Anhängern immer mehr vergöttlicht wie Jesus von den Christen. Die Pseudoklementinen haben wie die Evangelien über Jesus auch historisch sehr frühe Wunderberichte über Simon aufbewahrt, die sie zu Diffamierungszwecken verbiegen. Dennoch scheint ein altes Magier-Profil durch diese Texte hindurch. Daß Simon seine Liebe zu einer Prostituierten zu einer göttlichen Liebe erhebt, ist allzumenschlich und klingt als klassische Mutter-Objektwahl (Freud) der bereits vergebenen, aber nun heldenhaft zu rettenden Herzdame plausibel. Daß aus dieser Liebe bei seinen Anhängern ein Götterliebe von Sonne und Mond oder Zeus und Helena wird, eine himmlische Reinkarnation des göttlichen Urpaares, das ist leicht nachvollziehbar. Daß die Prostituierten-Legende nur zu Diffamierungszwecken postgnostisch erfunden wird, ist unsinnig. In jeder Geschichte sedimentieren sich archäologische Schichten des Originalvorfalls und der Bedeutungen, Verschiebungen, Verdrängungen, Verdichtungen (Freud). Beyschlag kann diese Dialektik des wandelnden Sitzes im Leben dieser Legenden nicht begreifen: eine den Originalvorfall im Stil ähnlicher bekannter Erzählungen übertreibend steigernde Wunderlegende über Simon wird gnostisch ein weiteres Mal überhöht vom einfachen Liebes- zum Himmelspaar und kann später dazu dienen, genau diesen Göttermythos zu entzaubern. Simon war sicherlich so wenig wie Jesus ein himmelfahrender Schöpfer des Weltalls, aber ein verliebter Magier, der nicht die Schwester penetriert, sondern exogam eine Exdirne, die er aus der Gewalt eines Zuhälters befreite, womit er auch noch gegen die Inzest-Norm der alten Magierverbände verstößt. Und darum klingt die Helena-Geschichte als Liebesgeschichte zweier Menschen authentisch und ebenso menschlich ist die lyrische Lust auf die Vergöttlichung der Geliebten.
Daß die simonianische Gemeinde von christlichen Apologeten wie Irenaeus und Hippolyt selektiv und unter dem Vorzeichen „gnostische Theologie“ und so bereits verzerrt dargestellt wird, um sie zu diskriminieren, ist so ignorant gegenüber seiner Theologie wie heute noch die Pseudoklementien nur in den Passagen deutsch vorliegen, in denen Petrus oder Clemens erwähnt werden. Das Desinteresse an der Theologie der Magier führt hier zu massiven Auslassungen.[1966] Wie sehr auch heute theologische Forschung in Wahrheit diskriminierende Bewertung darstellt, zeigt das Werk Beyschlags.[1967] Immerhin nimmt dieser die »heidnische Anleihe« des Helena-Mythos am griechischen Zeus-Athene-Mythos wahr und redet patristisch von Doketismus, wo es um eine Theologie der wechselnden Inkarnationen im Spätzoroastrismus bzw. der Metempsychosen von Pythagoras über Platon bis in die Stoa[1968] geht, die bis in die Verklärung Jesu und die Vermutung geht, Jesus sei die Reinkarnation Johannes des Täufers Mt 14,2; 16,14 Mk 6,14; 8,28 Lk 9,19 oder Elias oder eines anderen Propheten. Der Simonianismus habe den vor ihm bestehenden gnostischen Systemen den Sophia-Mythos und die christologische Trinität von Vater-Sohn-Geist abgeborgt und primitiv simplifiziert und horizontalisiert ins Bordell.[1969] Dabei wird die gnostische Idee einer Hypostase göttlicher Mächte völlig ersetzt durch eine grobe Identifikation von gnostischem Urvater und Simon Magus als Mensch und der himmlischen Sophia mit der Hure Helena. Das Ambiente ist schlüpfrig. Die Simonianer setzen ihren Magus in den gnostischen Christusmythos vom niederfahrenden Erlöser ein. Daß der ursprünglich gar nicht christlich war, bestreitet Beyschlag.[1970] Sein erkenntnisverzerrendes Interesse ist der pure Wunsch, daß die Gnosis christlichen Ursprungs sein möge. Er findet im Helenamythos alles wieder, was für das urchristliche Setting konstitutiv ist, von Präexistenz über Angelologie, Kosmologie, Prophetie bis zur Inkarnation, Trinität, Christologie, Passion, Bußlehre, Rechtfertigung und Eschatologie. Dahinter »...verbirgt sich die einfache Tatsache, daß die frühchristliche Ketzerei trotz aller Eigenart aus dem gleichen christlichen Überlieferungsstrombett hervorgegangen sein muß wie auch das kirchliche Christentum.«[1971] Er verwechselt Henne und Ei. Daß all diese Traditionen aus der Theologie der Magier im zervanistischen Zoroastrismus abgeborgt sind und damit eine direkte Quelle eines syrisch-samaritischen Synkretismus von Magiertheologie und jüdischem Glauben, kommt Beyschlag nicht ins Blickfeld. Je abwegiger die These, desto positivistischer das »erkenntnisermittelnde« Gebaren, mit dem er seine »Beweisgänge« garniert und ihren grundsätzlichen Charakter als Argumente für eine Hypothese wegredet. Nicht die Simonianer haben die Trinität und ähnliche christliche Dogmen übernommen, sondern so stellen es die christlichen Apologeten dar und filtern und erkennen nur das heraus, was ihrem Blickfeld vertraut erscheint. Diesen christlichen Rezeptionsfilter der Apologeten und seine spezifisch christliche Selektion verkennt Beyschlag zu einer vereinnehmenden Annahme, daß die Simonianer nicht etwa der Magiertheologie ihres Meisters gefolgt seien, sondern unmittelbar christliche Gehalte aufgegriffen haben und nur in die Rolle Jesu jetzt neu ihren Simon eingebaut haben. Man vermißt nur die Kreuzigung Simons, wenn es denn so gewesen wäre. Es gelingt Beyschlag nicht, durch die Brille der Kirchenväter hindurch mehr zu sehen, als diese durchlassen wollten. Damit reproduziert er lediglich deren Lust an der Herabsetzung rivalisierender Wundermänner-Sekten, egal ob Simon wie Jesus ein Heiler war und das Heil der Menschen als Beruf lebte.
1.7.6.5 Justin und Simons Götterstatue in Rom
Justin ist der Kronzeuge für Simon Magus. Er nennt in seiner Apologie I,26 Gittai als Simons samaritanischen Herkunftsort, seine Zeit des Wirkens datiert er in die Herrschaft des Claudius (41-54 n. Chr.) und weiß auch von seinem Auftreten in Rom. »Und drittens, weil nach Christi Himmelfahrt die Teufel gewisse Leute in die Öffentlichkeit geworfen haben, die behaupten, sie seien Götter. Und sie haben unter euch nicht nur gehetzt, sondern sind auch noch verehrt worden. Ein gewisser Samarier Simon aus dem Dorf namens Gittho, der unter Kaiser Claudius durch die Kunstfertigkeit der in ihm wirkenden Dämonen Wundertaten der Magie in eurer Königsstadt Rom vollführte, wurde für einen Gott gehalten und als ein Gott verehrt von euch mit einer Statue. Die Statue wurde am Tiber aufgerichtet zwischen zwei Brücken. Sie hatte als lateinische Inschrift: „SIMONI DEO SANCTO“. Fast alle Samarier und nur wenige unter den anderen Völkern bekennen ihn als ersten Gott und beten ihn an. Und eine Frau, Helena, die mit ihm ging zu der Zeit und früher bei den Gemächern stand (= sich prostituierte), von der sagt man, sie sei die erste Idee, von ihm erschaffen. Und ein Mann, Meander, auch ein Samarier, aus dem Dorf Kapparetaea, ein Schüler Simons geworden und ebenfalls durchwirkt von den Dämonen, der hat während seiner Zeit in Antiochia viele getäuscht durch seine magische Kunst. Wir wissen, daß er die, die ihm nachfolgten, davon überzeugte, daß sie nicht sterben werden. Und heute noch gibt es welche, die übereinstimmend dieses über ihn erzählen.«[1972] Man vermutet, die Statue sei dem römischen Schwurgott Semo Sancus geweiht.
Justin
kritisiert im Dialog mit Trypho den Machtanspruch Simons:
»Denn ich
machte keine Bemerkung über irgendeinen meiner Leute aus
Samaria, als ich einen
Briefwechsel mit Caesar hatte, habe aber angegeben, daß sie
irrten beim Glauben
an den Magier Simon aus ihrer eigenen Nation, über den sie
sagen, er sei der
Gott über jedem anderen Ur-Prinzip, Macht oder
Gewalt.«[1973]
1.7.6.6 Heilungswunder und magischer Flug über Rom in den Acta Petri
Die apokryphen Petrus-Akten berichten von Simons Heilungen und Totenerweckungen und einem magischen Flug, den Petrus durch Gebete zum Absturz mit Todesfolge gebracht haben soll. »Simon der Zauberer aber versprach nach Ablauf einiger Tage dem Volk, den Petrus zu überführen, daß er nicht an den wahren, sondern an einen trügerischen Gott glaube. Da er nun viele Gankelstücke tat, verlachten ihn diejenigen Jünger, die fett (im Glauben) waren. In den Speisezimmern ließ er nämlich einige Geister zu ihnen hereinkommen, die nur Scheinwesen, aber ohne Wirklichkeit waren. Und was ist noch weiter zu sagen? Nachdem er mit vielen Worten über die Zauberkunst geredet hatte, da ließ er auch Lahme gesund erscheinen auf kurze Zeit und Blinde in gleicher Weise, und Tote, so schien es, machte er einmal viele lebendig und ließ sie sich bewegen, wie auch den Nicoatratus. In all diesem aber folgte ihm Petrus und widerlegte ihn bei denen, die es sahen. Und als er nun immer eine schlechte Figur spielte und von dem Volk der Römer verlacht wurde, und man ihm kein Vertrauen schenkte, weil er etwas zu tun versprach und nicht tun konnte, da kam es schließlich dahin, daß er zu ihnen sagte: ,Ihr Römer, ihr glaubt jetzt, daß Petrus mir überlegen sei, als wäre er mächtiger (als ich), und ihr haltet euch mehr zu ihm. Ihr täuscht euch. Denn morgen werde ich euch Gottlose und Unfromme verlassen und werde hinauffliegen zu Gott, dessen Kraft ich bin, wenn auch schwach geworden. Wenn ihr nun gefallen seid, siehe ich bin der Stehende. Und ich gehe hinauf zum Vater und werde ihm sagen: Auch mich, deinen stehenden Sohn wollten sie zu Fall bringen ; aber ich habe mich mit ihnen nicht eingelassen, sondern bin zu mir selbst zurückgekehrt."[1974] 32 (3) Und schon am folgenden Tage lief ein größerer Volkshaufe nach der Via Sacra zusammen, um ihn fliegen zu sehen. Petrus aber, der ein Gesicht gesehen hatte, kam auch zu dem Ort, damit er ihn auch darin widerlege. Denn als er (Simon) in Rom einzog, verwirrte er das Volk durch seinen Flug. Aber (damals) war Petrus, der ihn überführte, noch nicht in Rom anwesend, wo er (Simon) (das Volk) irreführte und täuschte, so daß einige durch ihn um ihren Verstand gebracht wurden. Dieser (Simon) stand nun an einem hohen Ort und als er Petrus erblickt hatte, begann er zu reden: "Petrus, jetzt vor allem, da ich vor diesen allen, die es sehen, emporsteige, sage ich dir: Wenn dein Gott mächtig ist, er, den die Juden getötet haben - sie haben ja auch euch, seine Auserwählten, mit Steinen beworfen -, so möge er zeigen, daß sein Glaube von Gott kommt; möge sich dabei zeigen, ob er Gottes würdig ist. Denn ich steige empor und will mich diesem ganzen Volke erweisen, wer ich bin." Und siehe, er wurde in die Höhe gehoben, und alle sahen ihn sich über ganz Rom und über seine Tempel und seine Hügel erheben. Die Gläubigen (aber) blickten auf Petrus. Und Petrus sah das Unglaubliche des Schauspiels und schrie zu dem Herrn Jesus Christus: "Wenn du diesen tun läßt, was er unternommen hat so werden jetzt alle, die an dich gläubig geworden sind, angefochten werden, und es werden die Zeichen und Wunder, die du ihnen durch mich gegeben hast, unglaubwürdig sein. Erzeige, Herr, schnell deine Gnade und (bewirke), daß er von oben herabfällt, aber nicht sterbe, sondern unschädlich gemacht werde und den Schenkel an drei Stellen breche!" Und er fiel von oben herab und brach den Schenkel an drei Stellen. Da warfen sie Steine auf ihn und gingen jeder nach Hause, schenkten im übrigen alle dem Petrus ihr Vertrauen. Einer aber von den Freunden Simons, mit Namen Gemellus, von dem Simon viel erhalten hatte - er hatte eine griechische Frau gehabt -, kam kurz darauf des Weges und sah ihn mit zerbrochenem Schenkel und sagte: "Simon, wenn die 'Kraft Gottes' zerbrochen wird, wird dann nicht auch der Gott selbst, dessen Kraft du bist, sich als Blendwerk erweisen?" Es lief nun auch Gemellus davon und folgte dem Petrus und sagte zu ihm: ,Auch ich wünsche, einer von den an Christus Glaubenden zu sein." Petrus aber sagte: ,Was soll hier noch (irgendwelche) Mißgunst, mein Bruder? Komm und bleibe bei uns." Simon aber, (so) ins Unglück gekommen, fand einige, die ihn des Nachts auf einer Tragbahre von Rom nach Arioia brachten. Und dort blieb er und wurde zu einem Mann (mit Namen) Kastor gebracht, der aus Rom wegen seiner Zauberei nach Terraoina verbannt worden war. Und dort wurde er operiert und (so) fand der Engel des Teufels, Simon, sein Lebensende.«[1975] Das verwunderliche an diesem Bericht ist, daß nicht etwa dieser unglaubliche Flug geleugnet wird als Trick oder Illusion, wie es Hippolyt den Magiern immer wieder nachzuweisen versucht. Die Wundertaten werden nicht bestritten, sondern nur ihre Kraftquelle als die des Teufels diffamiert. Wenn Simon auch Kranke geheilt hat und Tote erweckt, wie auch von Petrus in den Acta Petri mehrfach berichtet wird, dann gibt es äußerlich keinen Unterschied zum Handeln Jesu. Auch das Heilswerk Simons ist Neuschöpfung als Wohltat (Barth). Jesus starb durch Juden, Simon durch Christen. Beide sind vom äußeren Erscheinungsbild Magier. Der Unterschied aus Sicht der christlichen Antipolemik ist der, daß der Magier seine Kraft aus der Beschwörung von Dämonen und Mächten des Bösen bezieht, während der christliche Magier Petrus im Namen Gottes und Glauben an Christus heilt.
Daß der e(stw/j-Anspruch in der pseudoklementinischen Homilie 2,22 wie in Acta Petri[1976] beidemale eine Imitatio Christi oder gar eine Christus-Identität als Sohn des Vaters[1977] ausdrückt, ist aus der Luft gegriffen, durch die Simon in Rom flog. Der magische Flug dient als Demonstration der eigenen Göttlichkeit wie alles, was Simon tut. Historisch könnte durchaus auch ein Absturz mit dreifachem Beinbruch und letalem Ausgang sein. Daraus macht der Autor der Acta Petri eine Himmelfahrt zum Vater als Konkurrenz zu der Jesus zugeschriebenen. Beyschlag hält diesen deutlich christlichen Themenbereich für Originalton Simons und unterstellt damit gedankenlos, daß Simon seine Theologie auf der christlichen aufgebaut habe. Aus der Sicht eines Christen konnte ein Flug ja nur die Himmelfahrt eines Gottessohnes sein und nicht etwa eine mit Drachenflügeln gestützte Neuauflage von Ikarus[1978] mit anschließendem Beinbruch, bei der das Göttliche der Mut zum Sein und zum Fliegen war und nicht das Verschwinden im Himmel, was für Simon auf der Höhe seiner römischen Karriere völlig unsinnig wäre. Die Rede von »Indizien«[1979] eskamotiert den generellen Hypothesencharakter historischer Forschung und macht aus einem Dr. Watson noch lange keinen Sherlock Holmes der Quellenscheidung, sondern einen, der die Texte nicht für sich sprechen läßt, sondern sie nach »Archetypen«[1980] zurechtschneidert und seine Collagen dann als stichfeste Forschungsresultate ausgibt. Wenn Beyschlag 6 zufällige Gemeinsamkeiten der magischen Kämpfe von Simon gegen Dositheos in Samaria und Petrus in Rom herausstellt als Indiz literarischer Abkünftigkeit[1981], so sind dies Merkmale, die in jedem Kampf denkbar sind, Allerweltsphänomene der Rivalität und des Kampfes religiöser Führer um die Macht. Wenn Simon wirklich den e(stw/j-Anspruch H 2,22 hatte, dann ging es ihm auch beim Flugversuch über Rom um diesen Titel, um die Demonstration seiner göttlichen Kräfte, die in diesem Titel zum Ausdruck kam und die glaubhaft ihren Ursprung aus der Proskynese der Jünger vor dem Meister haben, der als einziger nicht kniet und auch nicht thront, sondern steht als Ausdruck seiner Kraft. Daß Petrus in diesen Absturz interpoliert sein könnte als aktiver Auslöser, nicht nur genießender Nutznießer des Rivalentodes, klingt realistisch, ebenso die Bemerkung, daß Petri Stoßgebet gegen Simon Beschwörung ist.[1982] Für die Moral des Petrus, der schon Jesus dreimal verleugnete, ist es charakteristisch, daß er ein Stoßgebet mit Todesfolge, einen Todesfluch, als Demonstration des Gottes Christi spricht. Sollte Simon, von dem umgekehrt als Todeszauber gegen Christen nichts bekannt ist, die Verkörperung des Bösen sein, so steht Petrus ihm in nichts nach. Der Machtkampf um religiöse Einflußnahme wird von Anbeginn auf christlicher Seite gegen die Magier blutig geführt, zumindest in der Phantasie der Legenden um den Tod Simons. Wie die Exekution Jesu nachträglich mit einem Bündel von Legenden zur Passionsgeschichte ausgebaut wurde, wird auch Simons Sturz beim Flugversuch mit Legenden angereichert, die seinen Unfall als böswilliges Beschwörungsergebnis darstellen, um hieraus einen Sieg des christlichen Gottes über den heidnischen Gott des Simon zu machen durch die Interpolation des Petrus. Daß dieser am Tod des einflußreichen Simon ein neidisches Interesse hatte, steht außer Zweifel. Daß er die Macht hatte, einen Flug durch Gebet zum Absturz zu bringen, wird man so sehr der Legende zuweisen wie alle weiteren magischen Kampfhandlungen gegen Simon wie der Sprechende Hofhund Simons und der sprechende Säugling oder die Wiedererweckung geräucherter Thunfische.
Das Martyrium Petri aus den Acta Petri sagt einleitend über Petrus: »Hinderliche, oder vielmehr: unterschiedliche Streitigkeiten hat er mit Simon, dem Magier, und anderen zahlreichen Boten des Antichrist für den Namen des wahren Christus ausgefochten.«[1983] Am Schluß trifft er Christus vor Rom, der zur 2. Kreuzigung marschiert und Petrus von rettender Flucht mit seinem »Quo vadis?« zur Rückkehr zur Verhaftung bewegt. Er wird verhaftet durch Agrippa, dessen Concubinen durch die Keuschheitspredigt unlüstern wurden und der Rache für diesen „Raub“ seiner Lustobjekte will.
Nach Verhör mit Beschimpfung Agrippas als »geiler Bock« (so Berger!!) folgt das Todesurteil wegen Aberglaubens, die Kreuzigung mit Kopf unten als Sonderperformance, eine Abschiedspredigt mit Ermahnung zu gutem Wandel für die himmlische Heimat, Abschiedsgebet, Tod und Einbalsamierung. Nero wird ungehalten, als er von Agrippas Alleingang hört: er wollte Petrus persönlich todquälen lassen, denn »er war darüber erbost, daß ihn Simon Magus, den er zum Anwalt seines Heils erkoren hatte, aufgrund von Petrus' Zauberei verlassen hatte. Ihn schmerzte der Verlust eines so wichtigen Freundes, der ihm und dem Staat, wie er bekannte, unschätzbare Vorteile verschafft hatte.«[1984] Agrippa kommt noch gerade mit dem Leben in Verbannung davon. Simon muß für Nero ein wesentlicher Berater geworden sein und hatte womöglich einen ähnlichen Status bei ihm erlangt wie die Hofmagier am persischen Königshof. Als Magier hat er eine gewisse Affinität zu den zeitgleich expandierenden Mithrasmysterien gehabt. Plinius NH XXX,16f berichtet von seinem intensiven Interesse an der armenischen Magierdelegation des Tiridates, die ihn in magische Praktiken und Heilmittel einweihten.
Die Gruppe oder Gemeinde Simons hat sich von Samaria bis Rom ausgebreitet. Nach dem Einfall der Parther ca. 40 v.Chr. in Palästina haben sich gerade im weniger orthodoxen Samaria persische Elemente gut entfalten können. Hier wird die Unsterblichkeit der Seele und ihre prä- und postmortale Existenz gelehrt. In Samaria erschien um 200 n.Chr. die Apophasis Megale, eine Schrift, die Vorstellungen und Maßnahmen zusammenfaßte, die den menschlichen Geist zum göttlichen Verständnis aller Dinge führen sollten. Hippolyt schreibt sie Simon zu, dessen Fragmente u.U. auch in ihr enthalten sind.
1.7.6.7 Die simonianische „Gnosis“ als Frühform der Barbelognosis
Göttlicher Ursprung des Universums und des Menschen, des Makrokosmos und des Mikrokosmos, bildet bei Simon Magus ein symbolisches Feuer, eine Dynamis, die er auch Wurzel des Alls, Ursprung des Alls, das Ungewordene (im Sinne einer Potentialität) und Ursprung aller Begierde nach Zeugung nennt. Dieses schöpferische Feuer, der Ursprung des Universums, entfaltet sich nun auf der geistigen Ebene zu einer Trinität von Vatergott, Muttergöttin und mann-weiblicher Sohngottheit. Bei der Ausgestaltung dieser Lehre vom göttlichen Ursprung lehnt sich Simon an den Platoniker Xenokrates an. Bei diesem steht am Anfang die Einheit, der Weltgeist, der Göttervater. Die Einheit entläßt aus sich heraus die Zweiheit. Diese Zweiheit nennt er die Weltseele (bei Simon die »Mutter des Alls«). Das Dritte dieser Trinität bildet der aus Weltgeist und Weltseele entstehende Kosmos. Diese makrokosmische Dreiheit von Weltgeist, Weltseele und Weltkörper wird gespiegelt im Mikrokosmos des Menschen. Auch dieser besitzt Geist, Seele und Körper . Neben dieser griechisch beeinflußten Differenzierung der Einheit in eine Dreiheit benutzt Simon aber auch eine jüdische. Er deutet den Schöpfungsbericht insofern um, als er der siebentägigen Genesis eine dreitägige Schöpfungsperiode Gottes voranstellt, die ausschließlich in der göttlichen Welt handelt: Himmel (Gottvater), Erde (Muttergöttin) und der Gottessohn als der - im Unterschied zur jüdisch-christlichen Überlieferung - eigentliche Weltenschöpfer emanieren sich während dieser Zeit aus der Einheit. Simon verwendet in Anlehnung an seine Definition des schöpferischen Feuers als Wurzel des Alls noch ein drittes Bild: Zwei Sprößlinge, welche weder Anfang noch Ende haben, kommen von oben und von unten aufeinander zu und treffen sich in der Mitte zwischen Himmel und Erde. Dort paaren sie sich und daraus entsteht die mannweibliche Kraft, welche das Universum erschafft. Dasselbe göttliche Feuer, welches die Gottheit in eine Vater-Mutter-Sohnschöpfer-Trinität ausdifferenziert, inkarniert sich nun auch im »wüsten und leeren« Kosmos. Der aktuelle Kosmos entstand nämlich gemäß Simon aus dem potentiellen Feuer, indem ersterer dem Feuer sechs Wurzeln entnahm. In diesen sechs Wurzeln befindet sich die ganze unbegrenzte Kraft, d.h. das göttliche Feuer, und zwar sowohl inkarniert (aktuell) als auch potentiell, als Wirklichkeit und als Möglichkeit. Simon nennt deshalb die Wurzel des Alls, das göttliche Feuer, auch die siebente Kraft, die aber alle andern in sich enthält. In ihrer Ausprägung als schöpferische und mannweibliche Sohngottheit, welche über dem ursprünglichen kosmischen Chaos schwebt, bezeichnet er nun diese Dynamis als »ein Bild aus unvergänglicher Gestalt, das allein alles ordnet« . Dieser sechsteilige, von der trinitarischen Vater-Mutter-Sohngottheit geschaffene Kosmos ist selbst wieder mannweiblich. Simon ordnet ihn deshalb in drei gegengeschlechtlichen im ewigen Feuer enthaltenen Paaren:
1.
Himmel und Erde
2.
Sonne und Mond
3.
Luft und Wasser
1.7.6.8 Simon als Große Kraft und Noema NHC VI,4
Simon Magus wird Acta 8,10 als Große Kraft bezeichnet. Dies hat unmittelbaren Bezug zu NHC VI,4: tesqhsis \ndianoia: p?nohma \ntnaG \nGam:: »Die Wahrnehmung des Verstandes. Der Gedanke unserer Großen Kraft.«[1985] List man diese Schrift als eine Verkündigung Simons oder seiner Schüler, so ergeben sich folgende Perspektiven:
Wer die große Kraft erkennt, wird unsichtbar, gegen Feuer resistent, rein, gerettet.(36,3-7) Simon kann sich auch unsichtbar machen (Pseudoklementinen R 2,10). Wie Paulus Phil 3,10f die Leiden Christi am eigenen Leib hat, um so die Kraft seiner Auferstehung zu kriegen, so manifestiert sich in Große Kraft in der morfh/ seiner Revelanten. Noema 36,9f: »Denn jeder, in dem meine Form (eteretamorfh) offenbar werden wird, wird gerettet werden«. Simon ist gleichgestaltet mit der Großen Kraft, die er offenbart. Der Geist gibt sich 37,24-27 als großer Vater den Menschen, damit sie Leben empfangen alle Tage. Hier emaniert sich der Schöpfergeist in alle seine Geschöpfe, wie Ātmān sind All und Ich eins. Die große Kraft inmitten aller Kräfte ist Urbild, ei)kw/n, die Seele ist ihr Abbild, tu/poj.(38,5-9) Damit sind die Gläubigen Abbild der göttlichen Kraft, was an Platons Weltseele gemahnt.
Immer wieder geht es um Reinwerden als Versiegelung gegen die bösen Mächte der Welt.(36,7.20; 37,23 oupet/ouaab; 40,19; 45,28 pkaqarismos; 46,17.24) Auch der Weltbrand 40,9ff und 45,25ff ist als Dürrekatastrophe zur Reinigung der Seelen nötig, wie im iranischen Ordal und Feuerfluß Bundahišn 30,19f SBE 5 (cf 1.4.5.7). Anti-Cyprian in De rebaptismate 16 nennt Simon den Vater der magischen Feuererscheinung beim Taufakt. Wenn Simon also eine Art Feuertaufe zelebriert hat, ist dies die iranische Ordaltradition des reinigenden Flusses aus glühendem Metall, aus dem alle Menschen versöhnt als Brüder heraussteigen. Die Resistenz gegen Feuer ist dort Zeichen der Gerechten, denen das glühende Metall nur wie warme Milch erscheint.
Die entscheidende Bedeutung der Reinheit ist in der Vendidad illustriert. Daß Feuer Element der Wahrheit ist, als irdischer Sitz Ahura Mazdās lobpreisend umstritten und ewig gehütet im Heiligtum, verdeutlicht die bereits bekannte Elementenliste:
|
Gesetzordnung |
Magie |
Rittertum |
Kriegertum |
Medizin |
Bauerntum |
|
Vohu
Mana |
Aša |
Xšatra |
Armaitī |
Haurvatāt |
Aməretāt |
|
Guter
Sinn |
Wahre
Ordnung |
Herrschaft
|
Gehorsam |
Gesundheit |
Unsterblichkeit |
|
Rind |
Feuer |
Metall |
Erde |
Wasser |
Pflanzen |
Die »Buchstaben der Großen Kraft« schreiben Noema 36,15ff die Namen der sie Erkennenden ein »in unser großes Licht« (H\m p\nnoG \nouoein), das parallel zur Kraft »unser großes« heißt. Sach 4,9 wird der Messiasname in Stein eingraviert. Noema 36,24ff: »Aber ihr 25 werdet mich sehen, und ihr werdet euch eure Wohnorte bereiten in unserer großen Kraft.« Dies auf der Folie von Hadōxt-Nask 2f, Mēnōk-i Chrad 2 und Vd 19,28-32 bietet die altiranische Aufstiegsetappe nach der Cinvatbrücke, wo die Seelen zu Vohumana gelangen, der sie auf seinem Thron sitzend begrüßt und nach ihrem Schicksal befragt; danach gelangen sie dann in das Haus des Gesanges zu Ahura Mazdā persönlich, in dessen Lichtreich sie wohnen werden, während die unartigen MitbürgerInnen in dunkel-modrig-stinkigen Höllenabgründen weilen. Die Große Kraft ist auch hier nicht nur Kraft, sondern zugleich Himmels-Raum, wie Zurvan auch der lichte unendliche Himmelsraum ist. Wenn Simon tatsächlich solche Formulierungen gebraucht hat, dann hätte er zervanistische Theologie als Vordenker neu entfaltet unter den hellenistischen Denkfiguren Platons. Statt der zoroastrischen Option Gutes Denken, gute Worte und gute Taten als Paradiesqualifikation betont er die Erkenntnis der Großen Kraft. In den Pseudoklementinen H 6,5 finden sich, Appion zugeschrieben, ähnliche zervanistisch-griechischen Synthesen.
Die Elemente-Liste im Schöpfungsteil 37,7-14 umfaßt Wasser, Erde, Luft und Lichtfeuer, Götter und Engel. Die iranische Anbetungsliste umfaßt Ahura Mazdā, Miθra, Pferd-Sonne, Rind-Mond und Sterne, Wasser und Pflanzen und Atar-Feuer.[1986] Das Wasser umfängt 37,7-20 alles in Erde und Himmel, ist unendlich wie Zurvan. Die Offenbarungsschreiben der Großen Kraft an die Menschen (Logos, Erkenntnis, Wissen um Weltentstehung und Teleologie) sollen 37,16f zum »Dienst an der Schöpfung der fleischlichen Dinge« (eudiakonia \ntktisis \n\nsarac) anleiten. In pseudoklem. H 2.26.1-6/ R 2,13ff wird die Verwandlung des Geistes eines Knaben-Paredros in Fleisch beschrieben. Auch hier ist die Fleisch-Schöpfung Teil eines Ritus, der die zervanistische Materialisierung der anfängliche Geist-Schöpfung zeichnet.
Die Schöpfungsaussagen von Noema 37,24-38,9 schwanken zwischen Er-Form und Ich-Form und lassen bei aller bunten Flickschusterei des Textes erkennen: Am Anfang war die gesamte Schöpfung geistig, der Geist und die Wasser bewegten sich (Gen 1,1) und aus ihm entstand der Äon der Schöpfung mit den Kräften, aus denen das Feuer entstand, welches in die Finsternis und Unterwelt eindringt (Joh 1) und diese erträgt das Licht nicht. Die Kräfte wollen den Geist sehen und so entstehen Abbilder des Geistes, der offensichtlich auch unsichtbar ist: Wie er können sich diese Abbilder, die menschlichen Seelen, unsichtbar machen. Als zweiter Aion wird 38,10-39,15 der Äon des Fleisches in den großen Körpern geschaffen. Mit dem Übergang ins Fleisch - iranisch: vom mēnōk ins gētīk - kam Sünde und Befleckung und der Vater des Fleisches, das Wasser, bestrafte sich selbst, indem er Sintflut wurde, »Gericht des Fleisches« und alle Fleischwesen wieder in sich zurücknahm bis auf Noah mit seinen Archeninsassen 38,22f; 39,1ff und Götter, Engel und die »Kräfte der Größe«. Hier findet Erwählung, Auswahl der Guten statt, die selbst Abbilder und Emanationen der Großen Kraft des Urgeistes sind.
Die erste Befleckung hat sich darauf Noema
39,16- 40,5 im 3. Äon, dem ai)w/n
yuxiko/j zugetragen, der die Seelen erzeugt. Da er
infiziert ist - Ahriman
läßt grüßen -, haben Zorn, Neid,
Haß, Verleumdung, Kampf, Lüge, List, Trauer,
Lust, Schmutzigkeit, Krankheit und ungerechte Urteilssprüche
sich
flächendeckend zur Katastrophe ausgewachsen, also gilt es
39,33-40,9 in einem
klassisch johannäisch anmutenden Bußruf, aufzuwachen
und die wahre Speise, Wort
und Wasser des Lebens zu essen. Die Mutter des Feuers wird 40,10-23
Seelen und
alles Körperhafte, Materielle auf Erden verbrennen, bis sie
alles verbrannt hat
und selbst vergeht. Vorlage ist das iranische Ordal im Fluß
aus glühendem
Metall Bundahišn
30,19f SBE 5, cf 1.4.5.7. Dann kommt 40,24-41,13 der Mensch, der die
große
Kraft erkennt und in Gleichnissen den kommenden Aion
verkündigt. Er öffnet mit
seiner Rede die Pforten des Himmels, entmachtet den Unterwelt-Herrscher
Sasabek
(Az
i Dahak cf 1.8.2) und erweckt die
Toten wie der Sošyant
Bundahišn
30,7
SBE 5. Soweit ist alles homolog mit dem Bundahišn.
Aber man erkennt aus den folgenden Details: Jesus ist hier gemeint. Es beginnt ein christlicher apokalyptischer Einschub: Da erheben sich 41,14-42,5 die Archonten dieser Welt, verkaufen diesen Menschen für 9 Bronzemünzen an Sasabek, den Unterweltsherrscher. Dies verläßt den Rahmen der zervanistischen Heilsgeschichte und spielt auf den Judas-Verrat an. Sasabek kann 42,1-5 die Fleischsorte Jesu nicht bestimmen und ihn nicht fachgerecht erkennen. 42,6ff: » Sein Wort löste das Gesetz des Äons auf. Es stammt aus dem Logos der Kraft des Lebens (H\m plogos pe \ntGom \mpwn\H:). Und er war siegreich über den Befehl der Archonten«. Die Große Kraft hat einen Logos, aus dem Jesus kommt und deshalb von den bösen Herrschern der Welt nicht vernichtet werden kann, ganz nach Joh 1. Jesus ist 42,14f der Untergang der Dämonen und der Wechsel des Äons (pSibe \mpaiwn). 42,16f gibt es Sonnenfinsternis (apHoou \r kake: cf Bahman Yašt III,43ff mit Sonnenstillstand) und Verwirrung der Dämonen (andaimonion Stort\r:). Jesus wird sich 42,18f offenbaren durch seinen Himmelsaufstieg. Damit bricht 42,20f der neue Äon mit Vorzeichen an und die alten Äonen schmelzen. Daß nicht von Archonten allein, sondern von Dämonen die Rede ist, hat sowohl Anhalt an Jesu Dämonenaustreibungen als auch an der langwierigen Dämonenvernichtung Bundahišn 29f durch Faridoon und Sam, cf 1.8.1+2.
Hier ist eine komplette christliche Evangelienparaphrase implementiert in ein rein zervanistisch-nazoräisches Weltzeitenschema. Der klassische Sošyant mit Sonnenstillstand, Dämonenverwirrung, dem Drachentöter Sam und der Auferstehung ist ausgefüllt mit der Passion Jesu als Kampf mit der Unterwelt und ihren Dämonen und siegreicher Himmelfahrt. Die Bruchstelle hier ist offensichtlich, es geht 24-30 mit dem Lob der Erkenntnis der Dinge weiter, die zur Ruhe in den Himmeln rettet.
Die Sintflutgeschichte hat Genesis-Anklänge, aber auch in Berossos Babyloniaka und dem Mithrasmythos[1987] gibt es die Sintflut gefolgt von Weltbrand: »Berossos behauptet, daß der Sternenlauf die Zeit einer Feuerkatastrophe und einer Überflutung bestimmt. Ein Brand wird nämlich auf der Erde wüten, wenn alle Sterne, die jetzt in verschiedenen Bahnen wandern, im Krebs zusammenkommen... eine Überflutung aber steht bevor, wenn die Schar derselben Sterne im Steinbock zusammentritt. Ersteres bewirkt die Sommerwende, letzteres die Winterwende.«[1988] GR I,181 ist die zervanistische Weltzeitenlehre als genau datierter Fahrplan von Zeitaltern (ddara) übernommen, in denen Weltbrand und Sintflut die 4 Erlösungszeiten zäsieren. Auf Adams 1000 Jahre und 30 ddara folgt Ram und Gattin Rud, aus denen die Welt neu erweckt wird für 25 ddara. Nach einem Weltbrand bleiben als Eltern einer mit einer Stimme lobpreisenden Welt Šurbai und Gattin Šarhabēl für 15 ddara bis zur Sintflut, nach der Noah und Sohn Sem ein neues Geschlecht gründen, was von Hibil und seinen beiden Engeln geführt wird. Nach 6 ddara wird Jerusalem gebaut, was 1000 Jahre gedeiht, bis Salomo geboren sich die Dämonen und Daēvs dienstbar macht, die ihn aufgrund seines Selbstruhmes schließlich ignorieren. Danach kommt Christus mit seinen 7 Planeten-Dews und verführt die Adamskinder. Er entspräche dem Archontenführer in Noema. Wir finden als Weltzeitschema in Noema ein klassisch ausgearbeitetes zervanistisches Schema: 1) die geistige Urschöpfung 2) den fleischlichen Äon, durch die Sintflut beendet, 3) den psychischen Äon voller Sünde, der mit dem Erscheinen des Erlösers in einem Weltbrand mit Vernichtung der Archonten und Dämonen endet, und 4) den unzerstörbaren neuen Äon.
Es geht Noema 42,30ff weiter mit christlicher Mission, Jesus als endzeitlichem Kampfmessias, der die Äonen terminiert, 43,29ff mit der Rache der Archonten, die vom Himmel herabkommend sich verbünden und mit Erdbeben usw. die Städte verwüsten, bis die Geier die Leichen fressen - wieder iranische Totenaussetzung als Kolorith. Der Ost-Archont bringt 44,11ff im göttlichen Logos die Sophia der Wahrheit zum Schweigen und die Sophia der Lüge zum Reden, die einen neuen Lügen-Messias hervorbringt. Dieser wird 44,30ff heranwachsen und die Leute von der Großen Kraft so geschickt mit Zeichen und Wundern überzeugen, daß er bald Herr der ganzen Welt ist. Die Völker werden ihm folgend sich 45,18ff beschneiden lassen. Dieser Antichrist missioniert also jüdisch. Der christliche Einschub ist noch unter der Erfahrung jüdischer Vertreibung der Christen entstanden, also vermutlich vor dem Fall Jerusalems 70 n.Chr. Dies spräche dafür, daß der Text vor dem christlichen Einschub noch früher zu datieren wäre und womöglich wirklich eine Logiensammlung der Predigten Simons in Samarien darstellt, wo er mindestens so berühmt war wie Jesus.
Noema 45,24ff kommt ein neuer Einsatz einer anders geschilderten reinigenden Weltbrandperiode, die vermutlich die ausführliche Variante zu 40,10-23 ist. Möglicherweise ist ursprünglich sogar 40,23 die Bruchstelle, nach der es mit 45,24ff weiterging in der Schilderung des Weltbrandes. 46,4b-47,30 ist letztlich eine Paraphrase von Bundahišn 30 SBE5 (=34 Ankl cf 1.4.5.7) mit Eintritt der Seelen ins unmeßbare Licht, Leichtwerden und rein in reinen Gewändern, 1468 Jahren Ahrimanischer Herrschaft zur Bestrafung aller solange, bis sie rein geworden sind, Zerstörung der Materie, und 47,9ff Schönheit der Seelen, die rein sind durch das Licht der Kraft, und Lobpreis Gottes durch alle.
Wenn das Leitwort Große Kraft die Simon-Tradition aufnimmt, sehen wir in Noema einen Text, der ohne Helena-Mythos eine zervanistisch-nazoräische Heilsgeschichte entfaltet, in der der väterliche Urgeist als große Kraft in seinen Menschen wirkt. Simons Experiment der Fleischwerden eines Geistes, die iranischen Welt-Elemente, die Prävalenz des Feuers, das Unsichtbarwerden und die zervanistische Heilsgeschichte in Noema stimmen zum bisher von Simon bekannten so lückenlos zusammen, daß wir in diesem Konglomerat eine Nazoräertradition entdecken, die sehr stark zervanistisch geprägt ist und in der Person von Simon den Mittler von Magiertum und Täuferszene ausmachen können.
1.7.7 Das iranische Erbgut der Apokalyptiker von
Qumran
Zwischen 1946 und 1956 wurden in 11 Höhlen um Qumran (1Q bis 11Q) Zehntausende von Fragmente gefunden, die zwischen 200 v. Chr. und 60 n.Chr. auf Pergament oder Papyrus geschrieben wurden. Die sog. "Kupferrolle" 3Q 15 wurde in Kupferblech eingeritzt. Kaum eine Rolle ist vollständig erhalten. Die meisten Texte sind hebräisch, ein kleinerer Teil aramäisch, nur in Höhle 7 wurden allein griechische Textfragmente entdeckt. Ein Drittel der Texte sind Abschriften alttestamentlicher Bücher, ein Großteil Paraphrasen biblischer Geschichten, daneben Bibelkommentare, poetische Texte, Ordens-Regeln, Endzeitdarstellungen und liturgische Werke.[1989] Eliezer Lipa Sukenik deutet 1947 die Gemeinderegel 1QS 1 als essenische Ordensregel und identifiziert Qumran und Essener.
Khirbet Qumran war eine der 9 reichen Hafengemeinden am Westufer des Toten Meeres 12 km südlich von Jericho. Die ca. 100 Einwohner lebten vom Handel mit Datteln und Balsam, der auf dem schmalen Grüngürtel zwischen Meer und Felswänden wuchs und hochwertige Salbenbasis in Medizin und Körperpflege bildete.[1990] Auf dem damals 2 m höheren Toten Meer gab es einen florierenden Seehandel und ausgedehnte Besiedlung. Plinius Naturalis Historia 5,73 spricht von Schwefelgasen im Toten Meer und einer Höllenlandschaft ringsum, wo ein asketischer Kern der Essener wohnt: »Auf der Westseite des Toten Meeres, aber außer Reichweite der schädlichen Gase der Küste, ist der einsame Stamm der Essener, der gegenüber allen anderen Stämmen der Erde bemerkenswert ist, da es keine Frauen gibt, man allen sexuellen Wünschen entsagt hat, man kein Geld hat und hat nur Datteln als Lebensunterhalt.«[1991] Entgegen Stegemanns Annahme, die Stadt Qumran auf dem Plateau über dem Hafen sei Verlagsort einer essenischen Schreiberelite gewesen[1992], sprechen Grabungsfunde für ein reiches Wirtschaftszentrum: Frauen- und Kinderskelette auf Qumrans Friedhof[1993], das 800 m lange Tunnel-Aquadukt zur Einleitung der Regenwässer aus dem Gebirge im Westen, das weit verzweigte Kanalsystem, die großen Zisternenbecken mit Eingangstreppen, der mächtige Turm, die Schmiede und die Keramikwerkstatt mit Öfen und Ton-Schlämmbecken. Daß Qumran ein Verlagszentrum mit eigener Pergamentproduktion und Scriptorium für umliegende Essenergemeinden und Bibliothek gewesen ist, muß man bezweifeln.[1994] Die Bibliothek mit Durchreiche kann Lagerhaus für Datteln und der Essenertisch Büro der Plantagenverwaltung gewesen sein. Rituelle Tauchbäder (Miqwaot) gab es damals in fast jeder jüdischen Siedlung. Manche dieser Stufenbecken könnten Dattelweinbassins und andere Balsam-Parfüm-Becken gewesen sein.[1995] Wahrscheinlich ist eine Assoziation von reichem landwirtschaftlichem Wirtschaftszentrum und Leben der Ordensgemeinde im Umkreis der 11 Höhlen, in denen hunderte von Tonkrügen mit Schriftrollen gefunden wurden.[1996] Die Siedler benutzen schlichte Keramik, Messbecher aus Stein, Holzkämme und die von Josephus erwähnte "Essenerhacke" zur Bestattung der Defäkate in der Wüste.[1997] Eine kotspurlos gefundene Hacke indiziert eher Ackerbau als Wüstenklosetts.[1998] Qumrans Struktur entspricht der judäischer Gutshöfe.[1999] Münzfunde unten am Strand zeigen, daß dort im 1. Jh.n.Chr. Handel getrieben wurde, also ein kleiner Hafen lag.
Ähnliche Textfunde gibt es auf der Felsfestung Masada[2000], in Höhlen bei ´En Gedi 35 km südlich von Qumran (1./2. Jh.n.Chr.), in Khirbet Mird westlich von Qumran (8. Jh.n.Chr.) und im Wadi ed-Daliyeh nördlich von Jericho (4. Jh.v.Chr.). In ´En Gedi wurde eine Traube von 25 spartanischen Klosterzellen 2x3 m entdeckt, mit Palmwedeln gedeckt, drei etwas größer als Küche und Eßraum geeignet.[2001] Dies wäre anders als das üppige bäuerliche Qumran eine wesentlich „essenerischere“ Bleibe. Wegen der ausgedehnten Dattelpalmplantagen und des grünen Acker- und Weidelandes als Nahrungsdepot waren die Höhlen westlich des Toten Meers idealer Zufluchtsort verfolgter Gruppen, wie es die Essener zunehmend wurden.
Ob nun in der Jerusalemer Tempelbibliothek entstanden oder anderswo und später vor den Römern in Sicherheit gebracht in Qumran: Über 100 Kopisten lassen sich anhand der Schriftzüge der geborgenen Textrollen feststellen. Manche Passagen sind nachträglich korrigiert und ergänzt, um Diktatfehler zu beseitigen. Tintenfässer und Öllampen, die Dominikanerpater de Vaux mit seinem Grabungsteam ab 1952 ausgrub, zeigen regen Schreibbetrieb.[2002]
Zur Zeit Jesu gehörten die über 4000 Essener zu den großen Religionsparteien. Sie lebten verstreut über ganz Judäa, vor allem aber in Jerusalem.[2003] Auf dem Zionsberg lag nicht nur das Essenerviertel, sondern nach ältester Ortstradition auch das erste Zentrum der Urgemeinde.[2004] Josephus schildert: »Von den Essener ist als ihre Theologie überliefert, daß der Logos das All liebt. Sie glauben an die Unsterblichkeit der Seelen und halten die Ankunft des Gerechten für umstritten. Wenn sie senden, was sie Gott im Tempel zugedacht haben, bieten sie nicht die käuflichen Opfertiere an, weil sie selbst reinere Opfertiere haben; deshalb sind sie vom allgemeinen Tempelhof ausgeschlossen, aber sie opfern selbst. Sie sind in ihrer Lebensweise besser als andere Männer und widmen sich selbst eifrig dem Ackerbau. Er verdient auch unsere Bewunderung, daß sie unter allen die Tugenden pflegen, wie es sonst weder bei Griechen noch Barbaren nicht einmal kurzfristig vorkam, während es bei ihnen längerfristig andauerte. Bei jenen gibt es seit alters her die Übereinkunft folgendes zu erstreben und nicht zu behindern: Der Besitz ist ihnen gemeinsam, damit ein reicher Mann nicht mehr von den Lebensgütern genießt als einer, der nichts besitzt.«[2005] »Dies tun über viertausend Männer, die weder heiraten noch Slaven als Besitz erstreben; da, das lawinenhaft unaufhaltsam in die Ungerechtigkeit führt und Grund zu Streit gibt. Sie leben unter sich, pflegen aber Hilfe für andere. Sie ernennen auch Bestimmte, um die Einkommen und Früchte des Bodens zu empfangen, gute Männer, Priester, die nebenbei Brot machen und auch Mais.«[2006]
Die Mitglieder der Yahad lebten in Gütergemeinschaft ohne persönlichen Besitz. Sie hielten Tiere und ernteten Früchte, die auf dem salzhaltigen Boden wuchsen - vor allem Datteln. Ihre Mahlzeiten nahmen sie stets gemeinsam ein. In der Gemeinderegel 1QS 1,5ff werden die Söhne des Lichts der Qumrangemeinde darauf verpflichtet, »festzuhalten an allen guten Taten; und Wahrheit, Gerechtigkeit und Recht zu tun 6 im Lande; aber nicht mehr zu wandeln in der Verstocktheit eines schuldigen Herzens und (mit) Augen der Unzucht, 7 alles Böse zu tun; und alle, die willig sind, (nach) Gottes Anordnungen zu handeln, 8 in den Bund der Barmherzigkeit zu bringen; in der Ratsversammlung Gottes vereint zu sein und vor ihm vollkommen zu wandeln (gemäß) allem, 9 was offenbart wurde für die festgelegten Zeiten; und alle Söhne des Lichtes zu lieben, jeden 10 nach seinem Los in der Ratsversammlung Gottes, aber alle Söhne der Finsternis zu hassen, jeden nach seiner Schuld 11 an Gottes Rache. Und alle, die sich willig erweisen für seine Wahrheit, sollen all ihr Wissen und ihre Kraft 12 und ihren Besitz in die Gemeinschaft Gottes (ein)bringen, um ihr Wissen zu prüfen in der Wahrheit der Anordnungen Gottes und ihre Kraft zu ordnen 13 nach der Vollkommenheit seiner Wege und all ihren Besitz nach seinem gerechten Rat; (auch) nicht ein einziges 14 von allen Worten Gottes zu übertreten in ihrem (ganzen) Umfang und nicht ihren Zeiten zuvorzukommen und sich nicht zu verspäten 15 mit all ihren Festzeiten; und nicht abzuweichen von den Anordnungen seiner Wahrheit, nach rechts oder links zu gehen. 16 Und alle, die in die Ordnung der Gemeinschaft kommen, sollen eintreten in den Bund vor Gott, zu tun 17 entsprechend allem, was er befohlen hat, und sich nicht abzuwenden von ihm aus irgendeiner Angst, Furcht oder Prüfung, 18 die unter der Herrschaft Belials [ein]tret[en] werden. Und wenn sie in den Bund eintreten, sollen die Priester 19 und Leviten den Gott der Heilstaten preisen und alle Werke seiner Treue; und alle, 20 die in den Bund eintreten, sollen nach ihnen sprechen: Amen, Amen.«
Der Dualismus der Essener hatte sich formiert am Konflikt mit Hasmonäern und Pharisäern.[2007] Die Anbetung des Zeus Olympios im Jerusalemer Tempel, von Seleukiden erzwungen, reizte sie zur Reinigung urbi et orbi von Überfremdung und Frevel. Die Essener sind eine apokalyptische Bewegung.[2008]
Unverkennbar sind die Essener geprägt durch iranisch-zervanistisches Gedankengut. Der Mythos der Ordensregel beschreibt den geheimen und unabänderlichen Weltplan des wissenden Weltherrschers, der Licht und Finsternis, Gut und Böse schuf und zwei Geistern übergab.[2009] Denen, die wohl wandeln, schenkt er »die Wahrheit des geheimen Wissens«: »Und das sind ihre Wege in der Welt: das Herz des Menschen zu erleuchten und alle Wege wahrer Gerechtigkeit vor ihm zu ebnen und sein Herz in Furcht zu versetzen vor den Gerichten 3 Gottes; und einen Geist der Demut und Langmut und reiches Erbarmen und ewige Güte und Klugheit und Einsicht und mächtige Weisheit, die vertraut auf alle 4 Werke Gottes und sich stützt auf seine reiche Gnade, und einen Geist der Erkenntnis in jedem Plan eines Werkes, Eifer um die gerechten Gerichte und heiliges Vornehmen 5 in festem Streben und reiche Liebe zu allen Söhnen der Wahrheit und glänzende Reinheit, die alle unreinen Götzen verabscheut, und demütig wandeln 6 in Klugheit in allen Dingen und schweigen über die Wahrheit der Geheimnisse der Erkenntnis. Dies sind die Ratschläge des Geistes für die Söhne der Wahrheit (in) der Welt. Und die Heimsuchung aller, die in ihm wandeln, geschieht zu Heilung 7 und Übermaß des Friedens, solange die Tage währen, und Fruchtbarkeit des Samens mit allen ewigen Segnungen und ewiger Freude in immerwährendem Leben und einem Kranz der Herrlichkeit 8 mit prachtvollem Gewand in ewigem Licht.«[2010]
Zaraθuštras ethischer Imperativ nach Leben in der Wahrheit (aša) und im guten Sinn (vohu mana) klingt hier nach. Nach langem wechselhaftem Streit der Söhne des Lichts gegen die Söhne der Finsternis wird das Weltende mit der Vernichtung der Truppen Belials zugunsten des Guten entschieden. Belial ist der jüdische Ahriman. Die Kriegsrolle über den eschatologischen Krieg kündigt 1QM 1,5 die ewige Vernichtung der Streitmacht von Belial am Ende dieses Krieges an. Die exilierten Söhne Levis, Judas und Benjamins repräsentieren 1,1-4 das Licht gegen die assyrische Finsternis unter Kittim. Die Söhne der Gerechtigkeit leuchten 1,8. Dreimal siegen 1,13ff die Lichtsöhne in Blutbädern über die Truppen Belials, dreimal siegen diese über die Guten, bis beim siebenten Krieg Gott den Seinen die Herzensstärke gibt, die Heere der Finsternis und Belial zu vernichten. Trompeten und Spruchbänder mit frommen Sprüchen jeweils für alle Anlässe anders begleiten diesen zeitlich genau terminierbaren Krieg. Im Bundahišn 6 gibt es ebenfalls 7 Kriege Ahrimans: gegen Himmel, Wasser, Erde, Pflanzen, Tiere, Gayōmard und das Feuer.
Unsterblichkeit (aməretāt), ursprünglich vielleicht einfach nur langes und keineswegs unendliches Leben, und Gesundheit (haurvatāt) sind von den direkten Folgen des Lebens in rechter Ordnung zu eschatologischen Qualitäten ausgedehnt und bilden neben dem Weltgericht ein universales Ziel der Welt.[2011]
Lk 1f gibt eine ursprünglich dem Täuferkreis entstammende Erzählung wieder, in der Johannes der alleinige Kultheros ist.[2012] Die Ankündigung der Geburt des Täufers durch einen Engel (Lk 1,5-25) erzählt die priesterlich-aaronidische Herkunft beider Elternteile (1,5). Die trotz Unfruchtbarkeit und hohen Alters bewirkte Empfängnis der Elisabeth (1,7) wurde Zacharias während seines Räucheropfers im Jerusalemer Tempel durch Erzengel Gabriel angekündigt (1,8-20). Der sagte ihm den Namen seines zu erwartenden Sohnes (1,l3), dessen nazoräische Weinaskese und Erfülltheit vom Heiligen Geist schon im Mutterleib (1,15) und ein messianisches Auftreten mit großem Zulauf (1,14f.16-17) voraus. Das Motiv des gottgewirkten wundersamen Empfangens und Gebärens einer unfruchtbar geglaubten Frau stellt Johannes in eine Reihe mit Isaak (Gen 17,15-21; 21,1-7), Joseph (Gen 30,22-24), Simson (Ri 13) und Samuel (1Sam 1). Die Ankündigung, Johannes würde die abgefallenen Israeliten zu ihrem Gott bekehren und ihnen voranschreiten im Geist und in der Kraft Elias (Lk 1,16f.), verweist auf eine frühe Identifikation mit dem Mal 3,1.23f. angekündigten wiederkommenden Elia. (Mk 9,11-13; Mt 11,14) Zacharias verlor nach der Begegnung mit Gabriel die Sprache (Lk 1,22), Elisabeth wurde schwanger (1,24). In der Geschichte von Geburt, Beschneidung und Namengebung (1,57-80) liegt die Pointe auf seinem programmatischen Namen: „Jahwe ist gnädig“ (1,59-66). Wie Isaak und die alten Nazoräer Simon und Samuel verbringt er seine Jugend in der Wüste, um dort zu wachsen bis zu dem Tag, an dem er seinen göttlichen Auftrag vernehmen sollte (1,80). Er könnte die Essener aufgrund lokaler Nähe und der Verwandtschaft der eschatologischen Naherwartung und der daraus erwachsenden (Reinigungs-) Riten zwar gekannt haben, doch ist eine engere Verbindung oder Mitgliedschaft nicht belegt.
Nach Lk 3,1ff. war der Beginn des öffentlichen Auftretens im 15. Jahr der Regierung des Kaisers Tiberius, also im Jahre 27/28 n. Chr., wobei Lukas Datierungen fingiert, um Authetizität zu suggerieren. Seine Berufung erfolgt durch eine Audition in der Wüste (Lk 3,2; Mk 1,2f). Er predigte die Bußtaufe zur Vergebung der Sünden und taufte die Bußwilligen im Jordan (Mk 1,4-11; Mt 3,7-12; Lk 3,10-14). Als Orte seines Auftretens werden die Wüste Judäas, der Unterlauf des Jordan (Mk 1,4 parr), Bethanien (Joh 1,28) und Änon bei Salim (Joh 3,23) genannt. Da Herodes Antipas, der ihn auf seinem Hoheitsgebiet gefangennahm (Mk 6,17 parr), Galiläa und Peräa regierte, muß er auch dort gewirkt haben. Er ernährte sich von Heuschrecken und wildem Honig (Mk 1,6 par), nahm weder Fleisch (a)/rtoj = aram. m"h"l Fleisch & Brot) noch Wein zu sich (Mt 11,18 par; Lk 1,15), und trug einen kostbaren Mantel aus Kamelhaar mit Ledergürtel (Mk 1,6 par; Mt 11,8 par).
Johannes könnte sich selbst als Elias redivivus verstanden haben, so Mk 9,11-13 und Mt 11,14. Auch Jesus sprach ihm diesen Würdetitel zu. (Mt 17,9-13) Verkündigung und Taufe des Täufers dienten der Wegbereitung des in naher Zukunft erwarteten endzeitlichen Richter (Mt 3,1-10 par), als dessen Vorläufer er sich verstand (Mk 1,7f. parr). Im Rahmen der theokratischen Eschatologie erwartete er Jahwes Kommen zum jüdischen Gottesstaat (LXX Dtn 10,7; Ps 7,12 u ö; 1Kor 1,25; Apk 18,8). Sein Aufruf zur Buße, die sich in der Taufe vollzog, und durch die Vergebung der Sünden geschah, wollte das eschatologische Feuergericht Jahwes im Wasserbad der Taufe zu antizipieren und ein neues Gottesverhältnis herstellen (Mk 1,8; Mt 1,11f par). Die Abrahamsohnschaft begründet kein Bestehen im Endgericht (Mt 3,7-10 par). Er drohte die baldige göttliche Bestrafung ihrer Sünden an (Mt 3,10 par.) und rief zur Umkehr und tätigen Buße (Mt 3,8 par). Er will Sündlosigkeit des gesamten Volkes durch die sozialethischen Forderungen seiner Standespredigt (Lk 3,10-14) erreichen, die das Gericht verhindern könnte. Die Taufe als prophetische Symbolhandlung soll das reine Gottesvolk, das im Strafgericht bestehen würde, schaffen und ist wirksame Sündenvergebung. Damit unterschied sich sowohl von den rituellen Waschungen der Essener in Qumran als auch von der jüdischen Proselytentaufe durch ihre Einmaligkeit und die Diastase von Täufer und Täufling.
Jesus hat sich von Johannes im Jordan taufen lassen (Mk 1,9-11 parr) und legitimieren lassen. Daß Jesus sich diesem sündenvergebenden Bußritus unterzog, wird Mt 3,14f und Lk 3,21f herabgemindert und Joh 1,29-34 verschwiegen. Die Johannestaufe eröffnet das Wirken Jesu (Mk 6,14-16 parr; 8,28 parr). Ein Lehrer-Schüler-Verhältnis zwischen Johannes und Jesus taucht in frühesten Traditionen auf (Mt 3,11f par: der nach mir kommt). Das vehemente Bemühen der Evangelisten, ein solches Verhältnis umzukehren, verstärkt den Verdacht der Johannesjüngerschaft Jesu. Als Johannes Herodes Antipas öffentlich anprangert wegen der ungesetzlichen (Lev 18,16; 20,21; vgl. Dtn 25,5) Ehe mit Schwägerin Herodias, weil sie das gesamte Volk kultisch verunreingte (Dtn 24,4; Lev 18,25.27f; Num 35,34), ließ dieser nach einer volkstümlichen Legende (Mk 6,17-29 parr) den populären Täufer gefangennehmen und auf die Festung Machërus bringen. Bei einem Geburtstagsschmaus ließ sich Herodes auf Betreiben der Herodias (Tanz ihrer Tochter) verleiten, die Enthauptung des gefangenen Johannes anzuordnen. Mk 6,17-29 dürfte mit dem Enthauptungswunsch der Herodias legendarischer sein als Josephus, der von Aufruhrgefahr durch einen enormen Zulauf zur Täufersekte spricht. »Und die anderen kamen in Scharen zu ihm, denn sie waren sehr bewegt vom Hören seiner Worte. Herodes, der seinen großen Einfluß bei den Menschen fürchtete, hatte es wohl in seine Macht gestellt, eine Rebellion hochzubringen, weil sie taten, was er sagte. Und er dachte, es sei das beste, ihn zu töten, um einem Umsturz vorzubeugen, den er hätte verursachen können, und sich nicht in Schwierigkeiten zu bringen.«[2013] Johannes hat so einen gewaltigen Einfluß mit Bußpredigt und Reinigungstaufe gehabt, daß er politisch gefährlich werden konnte. Das bestätigt die Berichte über seine Theokratie-Intentionen in Israel.
Politische Propheten-Ermordungen überliefern auch 1 Kön 18,4.13; Jer 26,20-24; 36,26 vgl. Neh 9,26; Hos 9,8; VitPr und MartJes. Johannes dürfte gewußt haben, auf was er sich einläßt, und seinen Tod in Kauf genommen haben. Nach seinem gewaltsamen Ende lebte dessen Prophetenschule mit ihren Fastengebräuchen (Mk 2,28 parr) und Gebeten (Lk 11,1) weiter und ging schließlich in der christlichen Gemeinde auf, die Wasser- und Geisttaufe des Johannes als Aufnahmeritus weiterführte. Die anfängliche Konkurrenz zwischen »täuferischem« und »christlichem« Selbstverständnis (Acta 18,24-28; 19,1-7) ist noch erkennbar. Die starke Berufung der gnostischen Schriften auf Johannes zeigt, wie groß sein Einfluß gerade auf die Gnosis war.[2014]
1.7.9 Die Mandäer als
jüdisch-persische Täufersekte
Die Mandäer (= Laien) sind neben anderen Täuferbewegungen ebenfalls um 50 n.Chr. entstanden. Sie nennen sich Nazoräer (nasuraiia 0bservanten), "Eingeweihte" und "Auserwählte der Gerechtigkeit" (bhiria zidqa). Von ihren arabischen Landsleuten werden sie Subba oder Subbi genannt: Täufer (arabisch sābi'ūn, Sabier).[2015] Sie lebten als Silber- und Eisenschmiede, Boots- und Brückenbauer im südlichen Irak und südwestlichen Iran. Heute leben die meisten der etwa 15000 Mandäer in Bagdad, Basra, Amara, Suq es-Sujūh und Nāsirija, im Iran in Ahwāz und Sustār. Ihre Sprache ist aus dem Ostaramäischen mit Nähe zum babylonischen Talmud weiterentwickeltes Mandäisch mit eigenen vokallosen Schriftzeichen.
1.7.9.1 Mandäische Schriftrollen im Überblick
Die ältesten schriftlichen Hymnen aus dem linken Ginzā und dem kanonischen Gebetbuch müssen Manis Schüler Thomas ca. 270 n.Chr. für dessen Psalmenübertragung vorgelegen haben, wie Stilanalysen ergaben.[2016] Einige Kolophone im Gebetbuch müssen im 3.Jh. redigiert sein. Frühe und späte Texte sind dort eng nebeneinander. Stilähnlichkeiten mit dem Johannesevangelium lassen auf frühe Texte schließen. Die Ritualliteratur zählt neben den Hymnen zu den unverändertesten Texten. Bis zur Verschriftlichung darf man eine erhebliche Vorlaufzeit annehmen, so daß für den entwickelten Kult sicherlich das 1. und 2. Jh.n.Chr. anzunehmen ist.
Ihre bedeutendste in islamischer Zeit redigierte Schrift ist der 531seitige Ginzā (Schatz) oder das Sidra Rba (Große Buch). Kosmogonie, Kosmologie und Weltlauf bis zum Weltuntergang, Mythen von Hibil Ziuas Abstieg in die Finsterwelt und Belehrung des Täuferjohannes finden sich im rechten Ginzā (iamina 18 Bücher auf 394 Seiten =GR). Der linke (smala 3 Bücher auf 137 Seiten = GL) Ginzā besteht aus Hymnen für die Sterbezeremonie (Masiqta), dem Buch der Seelen (sidra d-nišmata).[2017] Im relativ frühen Haran Gawaita (innerer Haran) wird berichtet, die Nazoräer seien vor jüdischer Verfolgung in die medischen Berge nach Haran geflohen, von dort später nach Tib im Südirak. Jerusalem sei zur Strafe zerstört worden. [2018]
Das Buch des Johannes (draša d-Iahia) ist eine Sammlung von 37 Stücken, zu denen die am Anfang stehenden Traktate über den Täufer Johannes gehören.[2019]
Das kanonische Gebetbuch (QoLista = Preisung) oder Sammlung enthält die wichtigsten liturgischen Texte für Taufe, Totenmesse, Totenmahle, Fahnenweihe, Waschungen, Hochzeit und Priesterweihe. Rušma ist die tägliche Reinigung, Rahmia die drei Tagesgebete, Zidqa brika die rituelle Mahlzeit bei Tod und Heirat. Im Anfang dieser Sammlung kleinerer Gebetbücher steht das Buch der Seelen (sidra d-nišmata) mit Taufgebeten.[2020]
Die 1012 Fragen (alf trisar šuialia) in 7 Teilen behandeln Riten und Glaubensinhalte im Fragen des großen Šišlam und Antworten des Mara d-Rabuta, wobei sie ständig einschärfen, alles präzise auszuführen und alles geheim zu halten.[2021] Die Dialogstruktur erinnert stark an die zoroastrischen Schriften, die ja fast alle als Fragen Zaraθuštras und Antworten Ahura Mazdās aufgebaut sind, bis auf die Hymnen und Litaneien, derer es ebenfalls ähnliche viele im mandäischen Schrifttum gibt. Der große Šišlam ist der Adam als göttliche Seele aller Menschen, was an den indischen Ātmān als Identität von Ich und All und Platons Weltseele erinnert. So gibt es zur Priesterweihe die Agende Kommentar zur Krönung des großen Šišlam und eine ähnliche Agende zur Hochzeit.[2022] Die mystische Identifikation von Priester und Urmensch erinnert an die Reinkarnationen des Gayōmard in den Pahlavi-Schriften und Christus als neuen Adam, aber auch an Elchesais Vision des Urmenschen als Riesenpaar und besonders den hermetischen Poimandres. Auch die Identifizierung von Simon Magus als großer Kraft und höchstem Gott ist von diesem Inkorporationstypus, nicht dem gnostischen Typus des göttlichen versprengten und weltgefangenen Lichtfunken in der Gnostikerseele.
Der
Diwan Abatur beschreibt, wie die Seele
nach dem Tod viele Purgatorien oder Wachthäuser(matarta)
passieren muß, bis sie bei Abatur gewogen wird. Dazu gibt es
viele Bilder in
dem typisch mandäischen Kubismus.[2023]
cf
rechts---------------------------->

Links: Ur und die Welt (Drower 1937). Rechts wiegt Abatur gegen Šitil Seelen auf (Drower 1950).
Das Buch Masbūtā d-Hibil Ziwa (Hibil Ziwas Taufe) beschreibt Abels Reinigung nach seinem Aufenthalt in den sieben Welten der Finsternis, die kosmologisch den sieben Himmeln entsprechen. Zuerst wurde in der Ätherwelt eine masiqta, darauf eine zidqa brika und schließlich eine Masbūtā absolviert, Sterbesakrament - Totenfeier - Taufe, er mußte zuerst symbolisch sterben, ehe er gereinigt werden konnte. Viele kubistische Bilder schmücken das Buch.[2024]
Zwei Geheimschriften über die Schöpfung mit Korrelationen von Makro- und Mikrokosmos beschließen die vorislamischen Schriften. In der Alma Rišaia Rba (große erste Welt), eine illustrierte Buchrolle, beschreibt Mara d-Rabuta in haggadischem Stil die Wiederholung der Schöpfung im mandäischen Kult. In der Alma Rišaia Zuta lehrt er die korrekte Ausführung der Zeremonien und deren Konsequenz für die Seele nach dem Tod.[2025] Das Buch der Tierkreiszeichen (Sfar Malwašia) ist ein spätes astrologisches Werk mit vielen arabischen Lehnwörtern und zeugt eo ipso von babylonischem Einfluß, was angesichts ihrer chaldäischen Wohnlage nicht verwundert.[2026]
1.7.9.2 Jüdische, iranische und babylonische Einflüsse der Nazoräerhistorie
Da der Jordan (Iardna), das rote Meer (Iama d-Sup) und auch Jerusalem (´Urašlam) in ihren Schriften vorkommt, dürften sie dort in frühester Zeit auch gelebt haben. Für die jüdische Tradition sprechen auch eine große Zahl biblischer Helden: El (´Il), Adonai (Adunai) und seine Frau Ruha als Heiliggeist (Ruha d-Qudša), Gabriel (Gabr´il), Leviathan (Liuiatan), Lilit, Adam, Eva (Haua), Abel (Hibil), Seth (Šitil), Henoch (Anuš), Noah (Nu), Sem (Šum), Ham (Iam), Japhet (Iapit), Abram, Abraham (Abrahim), Ismael (´smaiil), Israel (´Usraiil, Sraiil), Mose (Miša), David (Daud, Dauid), Salomo (Šlimun). Dabei werden Adonai und seine Frau Ruha (der Heilige Geist) mit ihren 7 Söhnen nebst ihren Propheten Abraham und Mose als böse Götter beschrieben, die Jerusalem als Sündenpfuhl geschaffen haben. Ismael ist der Satan. Dagegen sind Henoch und Abel gute Götter, die Jerusalem zerstörten, nachdem die Juden die Mandäer vertrieben hatten. Diese eigenartige Umwertung der mit Jerusalem verbundenen jüdischen Religion spricht sehr für die religiöse Verarbeitung einer tatsächlichen Vertreibungserfahrung. Der Gott der Vertreiber kann kein guter sein. Dennoch sind die Juden das von Adunai erwählte und abtrünnige Volk, aus dem alle anderen Völker hervorgingen. (GR I,166-204; GR II,1,103-165) Die Juden verkehren während der Menstruation, bespritzen ihr Gesicht mit Blut vorm verlogenen Gebet (sluta), ihre Propheten (nbihē) maßen sich dieses fälschlich an, sie schreiben sich ein Buch (ktaba) des Truges mit magischen Sicherungen und bringen Wollust in die Welt.
Wenn Nazoräer vom gemeinsemitischen nzr stammt, wäre die Grundbedeutung: dem gewöhnlichen Gebrauch entzogen. Der Nāzir (ryizan) des AT ist der Geweihte vom Typus Simsons in Ri 13, dessen nie alkoholisiertes Haupt kein Scheermesser frisieren soll, cf auch 1 Sam 1,11 mit Samuel als Nazir.[2027] Der asketisch-konservative Rechabiter-Orden 2 Kön 10,15ff mit seinem Weinverbot und der Jehu-Salber Elisa dürften in enger Verbindung gestanden haben mit den Nazirim. In Num 6 werden Scher- und Alkoholverbot verschärft durch Enthaltsamkeitsvorschriften und besonders das iranisch klingende Verbot, sein heiliges Haupt nicht an Toten zu verunreinigen (6,6f), andernfalls müsse das einjährige Nazirat vom Tage der neuen Reinigung und Kopfhaarschneidung neu beginnen. Nach Ablauf des heiligen Jahres wird unter Opfern das Haar geschnitten, ins Feuer geworfen und Wein getrunken. 1 Makk 3,49 werden die Ex-Nazirim als befristet gebundene im Kreise von Judas Makkabäus als Mitbeter/-streiter gegen Gorgias genannt. Am 2,11 wirft Israel vor, die Naziräer mit Wein verführt zu haben und nennt sie zugleich mit den Propheten. Damit stehen sie in einer kritisch-prophetischen Tradition, deren Bestechung Amos anklagt. Acta 21,23f wird ohne die Nennung des Begriffs Nazoräer vom Gelübde der 4 Männer erzählt, die sich das Haar wachsen lassen. Jesus wird häufig als Nazoräer bezeichnet. Damit dürften die Täufer aus der Tradition der Nazirim Israels hervorgegangen sein, die in der Makkabäerzeit im Widerstand gegen Seleukiden und Hellenisierung Israels an der Seite der Makkabäer für eine jüdische Theokratie gekämpft haben. Sie wurden nach 160 v.Chr. dann vermutlich in die Wüsten vertrieben und haben dort in gleicher Weise wie die Essener ihre Hoffnung auf den eschatologischen Sieg entwickelt. Diese apokalyptische Situation der Verzweiflung an der seleukidischen Hure Babylon als Inbegriff der Mächte der Finsternis hat die jüdische Opposition von Chassidim, Essenern und Nazoräern verbunden. Trotz ihres Antihellenismus greifen sie dabei aber die zervanistischen Magiertraditionen vom großen Kampf Ahura Mazdās gegen Ahriman auf. Der Offenbarer Mara d-Rabuta kommt auch bei den Essenern vor. So dürfte es einen Zusammenhang zwischen Täufergruppen, Essenern und persischen Magiern im Ostjordanland gegeben haben.[2028] Dies wird auch das Taufritual bestätigen, cf 1.7.9.5.
Im Mandäischen gibt es über 130 iranische Lehnwörter, meist parthische, mehr als akkadische.[2029] Daraus kann man schließen, daß iranisch-parthischer Einfluß größer als babylonischer war. Die iranische Feuerverehrung, Rinderharnreinigung, Sippenehe und die drōn-Opfer werden zwar entschieden abgelehnt, aber Rašnu als Totenrichtergott, Rama als Glückseligkeit und Vərəθraghna (Pahlavi Warharan Persisch Bahram, Behram) als alte indo-iranische Siegesgottheit und Inbegriff der überindividuellen Stammesseele wird übernommen als gute Gottheiten. Ebenfalls werden die Daēvas als Daiua, böse Dämonen, übernommen.[2030] Viele Kultgegenstände tragen iranische Namen: Das Gewand (rasta), das Mundtuch (pandama), die Priesterkrone (taga) und das Kultbanner (drabša). Wenn immer wieder Blut und Menstruationsausfluß als Inbegriff des Unreinen bei den Juden attestiert wird, lebt darin das Reinheitsbewußtsein der Iraner fort. (Vd 13 u ö) Auch die zervanistische Weltzeitenlehre taucht in Abwandlungen, aber immer als genau datierter Fahrplan von Zeitaltern (ddara) auf, in denen Zeiten der Finsternis, Kriege und Katastrophen in Erlösungszeiten münden. Auf Adams 1000 Jahre und 30 ddara folgt die Geburt des iranischen Erlöserpaares Ram und Gattin Rud, aus denen die Welt neu erweckt wird für 25 ddara. Nach einem Weltbrand bleiben ein zweites Urmensch-Erlöserpaar als Eltern einer einmütig mit einer Stimme und einem Lobpreis singenden neuen Welt, Šurbai und Gattin Šarhabēl und ihr Geschlecht lebt weitere 15 ddara bis zur Sintflut, nach der Noah und Sohn Sem ein neues Geschlecht gründen, was in einer Stimme lobpreist und von Hibil und seinen beiden Engeln geführt wird. Nach 6 ddara wird Jerusalem gebaut, was 1000 Jahre gedeiht, bis Salomo geboren sich die Dämonen und Daēvs dienstbar macht, die ihn aufgrund seines Selbstruhmes schließlich ignorieren. Danach kommt Christus mit seinen 7 Planeten-Dews und verführt die Adamskinder. (GR I,181) Die Dews des Nbu-mšiha ergreifen tückisch die Körper der Menschenkinder und quälen die Seelen (GR I,195)
Babylonische Einflüsse in Israel gab es seit 733 v.Chr. durch von Assyrien eingesiedelte Babylonier (2 Kön 17) und nicht erst seit dem Exil 586ff, cf 1.2.8. Babylonischer Herkunft sind die Planetennamen. Sie werden aber als Zeichen der Sieben, als die 7 Verführer mit den Kultheroen der jüdischen Tradition verflochten: die Sonne (Šamiš = jüd. Adunai), Venus (´stira, Libat = Ruha d-Qudša = heiliger Geist), Mercur (Nbu Gott der Schreibkunst = mšiha = Lügenmessias Christus), Mond (sin), Saturn (Kiuan = Kaiwānu), Jupiter (Bil = Bēlu) und Mars (Nirig = Nīrgallu = Mohammed, Mharmad, Abdala).[2031] Die Identifikationen bezeichnen neben den Übernahmen aus dem Akkadischen Gleichsetzungen des Planeten mit einer feindlichen religiösen Größe. Alle sind natürlich Feinde und Verkehrer des rechten Glaubens.
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Sol |
Venus |
Mercur |
Luna |
Saturn |
Jupiter |
Mars |
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Shamish |
Stira |
Nbu |
Sin |
Kiuan |
Bil |
Nirig |
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Adunai |
RuhaQudsha |
Mshiha |
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Mohamed |
Im iranischen Mēnōk-i Chrad 8,18-21 werden »jene sieben Planeten die sieben Häuptlinge genannt, die auf Ahrimans Seite sind«, während die 12 Zodiakbilder Ahura Mazdā angehören, cf 1.4.5.5. So ist auch die Skepsis gegenüber den Planeten zervanistisches Erbe. Der babylonische Einfluß war wie der iranische oder christliche sicherlich ein mehrfacher aus verschiedenen Epochen der mandäischen Geschichte und begann in der Gründungszeit durch die babylonisch geprägte nachexilische Henochtradition des Judentums. Die Mandäer lassen sich deutlich der Henochtradition zuordnen. Der himmlische Henoch (Anuš `utra) habe zur Zeit von Weltkönig Pilatus (Paltus) in Jerusalem als krankenheilender totenerweckender Wundertäter gelebt, der unter den Juden viele Anhänger gewann durch seine Predigt. Diese führte er fort und zerstörte anschließend die sündige Stadt. Gleichzeitig mit Anuš trat Christus (mšiah) als falscher Messias auf, der Dämonen in Leichen fahren läßt und diese dadurch zum Reden bringt, wonach er allen verkündigt, er sei Anuš, der Nazoräer. (GR II,1,146-156) Neben Jesus gibt es sechs weitere Verführer, darunter Mohammed, Adonai und Ruha, die heilige Geistin, jeder von ihnen ist ein inkarnierter Planet.[2032] Der Gaukeljesus mit seinen Daēvas ist ein ähnliches Phänomen wie Simon Magus im Frühkatholizismus. Die konkurrierende Brudersekte wird als Scharlatanerie diffamiert. Denn es finden sich im mandäischen Schrifttum viele Logien, die auch von Jesus bekannt sind, etwa die Ich-bin-Sätze des Joh mit Weinstock, gutem Hirten und Licht der Welt, das Lob verborgenen Spendens und Betens Mt 6,3.6, die Rede vom Werfen der (indischen) Perlen vor die Säue Mt 7,6 uvam. Das heißt: ursprünglich hat eine gewisse Nähe und Entsprechung zu Jesus und seiner Bewegung bestanden. Sowohl die Henoch-Gruppe als auch die Esra-Gruppe, die Elia-Gruppe, die Johannes-Jesus-Gruppe hatte nazoräische Wurzeln, ist aus der zervanistisch-apokalyptischen Tradition der Makkabäerfrommen mit ihrer theokratischen Eschatologie hervorgegangen. Es muß aber zu einem Schisma beider Gruppierungen gekommen sein, welches so unüberwindlich war, daß hinfort die christliche Tradition für die Mandäer wie die jüdische und islamische Verkörperung des Bösen war. Eine solche Wende kann nur aufkommen, wenn die betreffende Gruppe real eine Verkörperung des Bösen für die Mandäer war. Im 3. Jh. wurden syrische Feuertempel von Christen verboten. So mag es in Israel eine Pogrom gegen die Mandäer als Irrlehrer gegeben haben, während die christliche Mandäerverfolgung eher in der Byzantinischen Epoche stattfand, als die Verfolgte zur Verfolgerin werden konnte.
Im Haran Gawaita (innerer Haran) wird berichtet, die Nazoräer seien in eine Stadt unter einem König Ardban geflohen, die von den jüdischen Herrschern nicht durch eine Straße erreichbar war. Welcher Asarkidenherrscher mit Ardban gemeint ist, ist unklar, alles deutet aufs 2.Jh. hin. Sie waren harten Verfolgungen durch Juden ausgesetzt und 60.000 Nazoräer hätten das Zeichen der Sieben verlassen und sich in die medischen Berge zum Haran Gawaita geflüchtet, weil sie »dort frei waren von Unterdrückung durch alle anderen Rassen. ... Sie errichteten Kult-Hütten (bimandia) und blieben in der Anrufung des Großen Lebens an und in der Kraft des hohen Königs des Lichtes«, bis sie starben.[2033] Mit Haran ist Harran in Nordmesopotamien gemeint, denn dort hatten noch in islamischer Zeit Bürger mandäische Namen wie al-Mandāi (der Mandäer) und auch dort gibt es das Dogma, die eigene Religion sei die Ur-Religion schlechthin, von der die anderen lediglich ein abkünftiger Abfall sind.[2034] Islamische Quellen berichten über die Religion der Sabier in Harran, daß Planeten verehrt wurden, König Vištāspa vor seiner Bekehrung durch Zaraθuštra Sabier war. Die mandäische Ablehnung der Planeten als feindliche Mächte könnte sich gerade im Kontakt mit den harranischen Sabiern herausgebildet haben, wie die Ablehnung des Judentums sich durch Verfolgungserfahrung in Israel gebildet hat.[2035] Denn sie sind ja auch von Harran wieder ausgewandert, was auf Spannungen und Verfolgung schließen läßt. Flucht geschieht oft in Regionen, von denen man zumindest keine feindliche Behandlung erwartet, sondern Akzeptanz. So mag Medien und später die Heimat der Chaldäer für die Nazoräer mit ihren Geheimlehren (nasiruta) aufgrund ihrer persisch-babylonischen Traditionen eine sicherer Fluchtort gewesen sein, wo ihr Glaube aufgrund seiner Affinität mit der dortigen Religion nicht verfolgt wurde. Ebenso fliehen Asylanten in die Metropolen der ehemaligen Kolonialmächte, weil diese so massive kulturelle Spuren hinterlassen haben, daß eine Integration in der Kolonialmetropole gelingt.
Sie liebten den Herrn Adonai, bis im Hause Israel der falsche Messias (Jesus) geboren wurde von der ungeschwängerten Mose-Tochter Maria, so berichtet der Haran Gawaita. »Er rief die Leute zu sich und sprach von seinem Tod und ließ einige Geheimnisse des heiligen Mahles weg und enthielt sich der Nahrung. Und er nahm zu sich Leute und wurde mit dem Namen des falschen Messias angerufen. Und er verdrehte sie alle und machte sie wie sich selbst, der er die Worte des Lebens verkehrte und in Finsternis verwandelte und ebenso verkehrten diese Bekehrten das Erbe. Und er verdrehte alle Riten. Und er und sein Bruder wohnten auf dem Sinai und er verband alle Rassen mit sich und verdrehte und verband mit sich eine Gemeinschaft und sie werden Christen genannt.«[2036] In der Stadt Nisrat (Nazareth), auch Qum genannt, gründete Nbu (= akkad. Nabū Gott der Schreibkunst = Mercur = Lügenmessias = Jesus) eine Gemeinschaft und Kiwan (akkad. Kaiwānu = Saturn) gründet eine auf dem Sinai. Mit Qum dürfte Qumran gemeint sein, schon wegen der Konjunktion mit dem Sinai, hier fehlen schon jegliche Ortskenntnis Palästinas und Anachronismen häufen sich. Jesus wird hier als Gründer der Essenergemeinde verstanden und mit dem Planeten Mercur identifiziert, sein Bruder - vermutlich Jakobus (cf Apg 12,17; 15,13) - mit Saturn. Hier ist bereits deutlich, daß die Verfolgung nicht direkt von Jesus ausging, sondern von denen, denen er den Kopf verdreht hat, der Urkirche. So spiegeln sich christliche Missionsversuche in einigen Texten: Christus wird der Rhomäer (rumaia) = Byzantiner genannt.[2037] Diese Verfolgung durch die byzantinische Kirche wird dann Jesus direkt als ihrem Gründer angelastet und so wird er Planetenmacht und Repräsentant der Finsternis.
Der rechte Ginza II,1,146-156 gibt eine Variante der Jesus-Geschichte des Haran, wo er immer wieder rumaia genannt wird: Neun Monate versteckt Nbu-Christus sich in Marias Körper, kommt dann mit Menstruationsblut heraus, saugt Milch an ihrer Brust und tritt als Erwachsener ins jüdische Volkshaus, wo er perfekt in seiner Weisheit wird und Thora (uraita), Lehre (šuta) und die Werke verkehrt. Er bekleidet seine Anhänger mit farbigem Rock und Tonsur. Er sagt: „Ich bin der erste Gesandte und ich bin der letzte. Ich bin der Vater, ich bin der Sohn, ich bin der Heilige Geist, der ich aus der Stadt Nazareth ausgegangen bin.« »Er benimmt sich demütig, geht nach Jerusalem, nimmt einige Juden durch Zauberei und Gaukelei ein. Einige Daēvs, die bei ihm sind, läßt er in einen Toten eingehen, und sie reden in dem Toten. Er ruft zu den Juden und sagt zu ihnen: „Kommt, seht, ich bin der, der Tote lebendig macht und Auferstehungen (qaiiamata) bewirkt und Rettungen (paruqē) vollzieht. Ich bin Anoš, der Nazoräer.«[2038] Darauf spricht Ruha für ihn Reklame. Er fängt durch Zauberei Menschenkinder und besudelt sie mit Blut und Menstrualausfluß, tauft sie in nicht-fließendem nicht-lebendigen Wasser im Namen des Vaters, Sohnes und Heiligen Geistes, macht sie abspenstig von der lebendigen Taufe im Jordan des lebendigen Wassers.
In dieser Zeit wird auch Johannes (Juhana) geboren vom greisen Zacharias und Elisabeth. Dabei prophezeite man, er werde in Jerusalem groß werden, den Jordan nehmen und 42 Jahre dort taufen, ehe Nbu sich inkarniert und in die Welt kommt. Wenn Johannes in Jerusalem ist, »kommt Jesus Christus (cšu mšiha), geht in Demut umher, wird mit der Johannestaufe getauft und durch die Weisheit des Johannes weise. Dann verdreht er das Wort des Johannes und verändert die Jordantaufe, verwandelt die Reden der Kušta (Wahrheit), und er ruft Frevel und Falschheit in die Welt.«[2039] Christus der Rhomäer wird 30 Jahre lang die Völker spalten und 12 Verführer gehen in der Welt umher. Dann schickt der Große Anoš-Utra in die Welt, um Christus zu entlarven als einen der 7 Planeten-Verführer. Darauf binden die Juden Christus als Lügner und kreuzigen seinen Körper. Seine Verehrer aber teilen ihn in einzelne Stücke auf - Abendmahl wird hier als Kannibalismus beschrieben.[2040]
Jerusalem sei zur Strafe für die Verfolgung der Nazoräer zerstört worden. Später seien sie dann in die südirakische Stadt Tib gezogen.[2041] Die Zerstörung Jerusalems dürfte die von 70 n.Chr. gewesen sein, woraus sich der Beginn der taufenden Nazoräergruppen durchaus in die Zeit von Johannes dem Täufer ansiedeln läßt. Ebenfalls wird erwähnt, daß der Täufer Juhana ein Jünger und Priester (tarmida) der Nazoräer war; er gilt als Prophet, aber nicht als der Begründer ihrer Religion. Er wird als Gegner von Jesus beschrieben, der von ihm getauft wurde, aber dann von ihm abfiel, um seine eigene Gemeinde zu gründen. Ob damit ein Hinweis gegeben ist, in den Mandäern Nachkommen der Johannesjünger zu sehen, bleibt unsicher. Dazu würde passen, daß die Taufzeremonien in ihren Grundbestandteilen zweifellos bis in die jüdischen Baptismen zurückreichen.[2042]
Von Gemeindegründungen ist in der Folgezeit in Bagdad die Rede, die ab 227 durch die Sassaniden-Verfolgungen reduziert wurden. Zu dieser Zeit setzte eine Renaissance des Zoroastrismus ein, die von Pogromen begleitet war. Die Kaftir-Inschrift von Naqsh-I-Rustam in Pahlavi mit persischen Buchstaben zählt an verfolgten Gruppen in der frühen Sassanidischen Ära unter Šapur (241 to 272) auf: »und Juden (YHWD-y) und Buddhistenmönche (SMN-y) und Brahmanen (BRMN-y) und Nazoräer (N'C=SL=R'-y) und Christen (KL=RSTYDAN) und MKTKY-y und Zandik (ZNDYK-y) wurden während der Regierung ausgewiesen.« Unter den verfolgten Gruppen waren auch die Nazoräer, die mithin um 250 noch auf persischem Territorium lebten). Im 3. Jh. polemisiert Mani (* 14.4. 216) gegen Täufersekten. Die Thomaspsalmen von Manis Schüler Thomas transponieren mandäische Psalmen in manichäische Tonart. Es finden sich manichäische Elemente in mandäischen Texten. Manis Vater war Mandäer oder Elkesait.[2043] Der Islam machte nach der Sassanidenzeit ab 635 das Leben der Gemeinden noch schwerer. Trotz offizieller Duldung der Sābier ist der Druck unter dem Islam spürbar gewesen, wie Bemerkungen in den Kolophonen der Handschriften und die schlechte Beurteilung Mohammeds zeigen. Mit der englischen Besatzung 1918 und der Gründung der Republik Irak 1958 hat sich das geändert.[2044]
Zitate aus dem Ginzā bringt der Syrer Theodor bar Konai, treuer nestorianischer Tradent von Theodor von Mopsuestia und Mönchsgelehrter, der um Kaschkar im heutigen Süd-Irak in der 2. Hälfte des 8. Jhs. wirkte, im 11. Kapitel seines Scholienbuchs von 791/92, wo er die Mandäer Kantāer und Dūstāer nennt, sie als Anhänger des Dositheos in die Nähe von Simon Magus bringt.[2045] Damit ist das Umfeld persisch-chaldäischer Magierzirkel in Samaria, Peräa, Dekapolis und Galiläa wahrscheinlich, was durch viele magische Tonschalen und Bleilamellen des 4.-7.Jh. bestätigt wird, beschrieben mit Beschwörungen gegen Krankheitsdämonen und andere böse Geister. Hier werden auch Wesen als gute Gottheit angerufen, die in den mandäischen Schriften böse sind, etwa Planeten.[2046] Die hier ersichtliche Differenz zwischen Volksreligion und Theologie ist schon allein durch deren Geheimschriften bedingt, die nur den Eingeweihteren, den Nazoräern zu lesen erlaubt waren.[2047]
1.7.9.3 Hibil, Šitil und Anoš: vollkommene Adamsöhne und Himmels-Mittler
Die Theologie
der Mandäer ist wie die der Gnosis von widersprüchlicher
Vielfalt geprägt, in der die einzelnen
Götternamen diffundieren und
ausgetauscht sind. Allein über die 3 Urmenschen gibt es 6
verschiedene
Genealogien, sie sind Söhne des himmlischen Adams,
des Lebens, Ptahils
oder Manda
d-Hiias;
daneben steht
die ursprüngliche, weil biblische Tradition, Adam
zeugte Seth,
und
eine Variante: Adam
und Eva
zeugen
ohne Befruchtung Hibil/Abel,
der den Šitil/Seth
und der Anuš/Henoch.
Alle drei
bringen als Gesandte und Apostel (šliha)
in ihrer Zeit
Offenbarung, Hilfe und Erlösung. Die drei Adamiten »Hibil, Šitil und
Anoš, die Söhne des lebendigen, leuchtenden,
prangenden und lichten Geschlechts, die Männer, die durch das
Schwert nicht
hinweggenommen und durch die Feuerbrände nicht verbrannt und
durch die
Wasserfluten nicht überflutet wurden, deren Sandalenriemen
nicht ins Wasser getaucht
wurden. Sie suchten und fanden, führten einen Rechtsstreit und
gelangten zum
Sieg, riefen und wurden erhört. Sie sind voll des Guten -
nicht mangelhaft, sie
sind vollkommen - nicht fehlerhaft, sie sind sieghaft - nicht
unterliegend. Sie
kamen aus einem lauteren Ort und gehen zu einem lauteren Ort.«[2048]
Sie haben alle Weltzeiten und Weltuntergänge überlebt
und sind »unsere
Brüder Hibil, Šitil und Anoš, die
Nazoräer, die
Vollkommenen, die Auserwählten der Gerechtigkeit (bbirē
zidqa)«.[2049]
Daß Seth (Šitil) neben Abel und Henoch hier Urmensch ist, zu denen auch Abatur gerechnet wird, gibt Aufschluß über die Ursprünge des Sethianismus: Die 3 Adamiten sind im Täufertum zu himmlischen Reichtums- (´utra) Offenbarern und Mittlern zwischen dem großen Leben (mana) und den Menschen geworden. Sie stehen an der Scheide von himmlischer und irdischer Welt mit einer himmlisch-menschlichen Doppelnatur wie Christus und so kann Seth beim Aufstieg der Seelen nach dem Tode auch zum Totenrichter werden. Sie sind Tor zum Paradies und Inbegriff der Himmelsreise der Seele, die sie selbst vollzogen haben. Eine Legende erzählt, Adam habe sterben soll, drückte sich aber, schlug Sohn Seth als Erstling der Sterbenden vor, dieser war gerührt über diese Ehre und legte sich erst danieder, als er erfuhr, daß es Adam auch nichts ausmacht. Wegen seiner Vollkommenheit und Reinheit kam er sofort in die Lichtwelt empor.
Epiphanius beschreibt die Sethianer im Panarion 38 so, daß man ihre iranisch-zervanistische Prägung klar erkennen kann. Im Himmel haben Engel, Männer und Weiber, die Welt und das Urpaar Adam und Eva erschaffen, in deren Söhnen Kain und Abel zwei gegensätzliche Geschlechter stecken, der gute und der böse Zwilling Zaraθuštras und später Ahura Mazdā und Ahriman also, und indem sie über die Qualität dieser Geschöpfe streiten, streiten auch die Zwillinge und der Böse tötet den Guten. Da greift die obere Kraft, die Mutter und Weib ist, ein und schafft Seth, in den sie ihre Kraft und den Funken der obersten Kraft in seinen Samen legt, damit dieser Vollkommene die von Engeln geschaffene unvollkommene Welt und die Kräfte der Engel vernichten möge.[2050] Seth wird mit Jesus Christus identifiziert und ist der Vollkommene und Reine. Wie Gayōmard am Ende der Zeit wieder auferweckt wird, so wird Seth zum Endzeit-Erlöser Christus, die Samenmacht der guten Urgeschöpfe reinkarniert sich zur Verwandlung der Welt durch den Sieg über das Böse.
Die sethianische Gnosis hebt neben dem Seelenaufstieg in die iranisch geprägte himmlische Lichtwelt wie die Mandäer auf die Taufe ab und dürfte daher aus dieser Šitil-Verehrung der Mandäer oder ihren essenisch-apokalyptischen Vorläufern abstammen: Täufergruppen, die sich im Besitz der ursprünglichen an die Menschen Adam und Seth offenbarten Weisheit (Sophiamythos) durch ihre Genesis-Exegese wußten und Seth als vollkommenen Nazoräer-Prototyp und kommenden Messias erwarteten.
Auch der jüdisch-babylonische Henoch-Kreis hatte Einfluß auf die Täufer. Dies zeigt die Anuš ´utra-Legende des Haran Gawaita mit Henoch als erstem Täufer und Wunderheiler, als der sich dann zu Unrecht der falsche Messias Jesus ausgibt, während er quasi nekyomantisch Tote von Dämonen beleben läßt, die die Toten sprechen lassen.[2051] Die 7 Himmel gibt es im Henoch-Kreis ebenfalls und ein Aufstieg durch verschiedene Ebenen mit jeweils neuen Initiationen. Wie die jüdische Henoch-Literatur vom babylonischen Seherpriestertum geprägt ist mit den Himmelsreisen, so ist die mandäische Henochverehrung in großer Nähe zum Henoch-Kreis zu sehen. Die Seth- und die Henochtradition könnte ursprünglich zwei verschiedenen Nazoräer-Kreisen entstammen, die sich bei den Mandäern zusammengefunden haben.
1.7.9.4 Himmlische Lichtwelt und schwarzes Wasser als mênôk-gêtîk-Modell
Die Spitze des Götterhimmels bildet ein Gott, der in 4 Varianten vorkommt: Das Leben (Hiia), der König des Lichts (Malka d-Nhura), der Herr der Größe (Mara d-Rabuta) und der Große Glanz (Mana Rba) als Summe und Ursprung aller Seelen des Kosmos. 28 Ginzahymnen beginnen: »Ich bin ein mana des großen Lebens.« Die Einzelseele ist Ātmān-mäßig Teil des mana-Seelenpools. Diese Namen erinnern sowohl an die Große Kraft des Simon Magus als auch an Ahura Mazdā, den weisen Herrn. Der Stier ist im Ostiran Inbegriff der Kraft und Macht und Inkarnation der Stammesseele Vərəθraghna und die goldenen Stierhörner sind Zeichen des göttlichen Glücksglanzes xvarənah.[2052] Sein Samen wird im Mond aufbewahrt und aus diesem entstehen nach Bundahišn 10,1-4 und 14,3ff SBE 5 alle Tiere. Im Westiran tritt Zurvan als oberster Göttervater und Gebärer von Ahuramazda und Ahriman an die Schöpferstelle. Mana als Stierhorn-Mondglanz mit dem Samen des ganzen Erdlebens könnte die Quelle des Emanationsgedankens überhaupt sein: Das Sperma-Becken des Planeten Mond als Sonnenfrau emaniert die Schöpfung aus sich. Daß indische und iranische Mythen hier konvergieren, deutet auf indoeuropäische Ursprünge des kollektivnarzißtischen Grundgedankens einer Seeleneinheit aller, die auch Platons Weltseele transportiert. Direkter Einfluß ist weder von diesem noch von Indien zu vermuten, sondern aufgrund des Glanzmotivs vom babylonisch angehauchten Zervanismus.
Die Urprinzipien des Guten sind nach GR III die Frucht (pira), der Äther (Aiar) und der große Glanz (mana).[2053] Die Frucht ist ein Äquivalent des iranischen im Mond gereinigten Urstiersamens, Aiar dürfte dem Windgott Vayu entstammen, der Glanz der oberen Lichtwelt, die von der Finsterwelt durch die Wasserbäche getrennt ist, ist eine Ableitung aus der zervanistischen Teilung von mēnōk-Welt und gētīk-Welt. Iranisch ist auch die duale Struktur der Götterwelt: Licht und Finsternis, Gut und Böse liegen im Kampf. Das Schwarze Wasser gebiert den König der Finsternis (Malka d-Hšuka) und er ist zugleich auch Ur oder Herr der ganzen Welt, ist das Ungeheuer (bura) im Bild oben links oder der Gigant (gabara). Nach anderer Tradition entspringt dies drachenähnliche Weltungeheuer zwischen den 7 Himmeln und den 7 Unterirdischen Ebenen unter dem Wasser einem Seitensprung des Urmensch-Giganten Gaf mit der Adunai-Gattin Ruha.
Die gesamte Göttergenealogie ist als Emanation des niederen aus dem jeweils höheren gedacht, als stufenweise Verschlechterung der Geschöpfe erdwärts, vom ersten bis zum vierten Leben. Der große Mana erschafft nach dem 3. Buch des rechten Ginza den großen Jordan, den Offenbarer Kbar Ziua (= Manda d-Hiia) und das Leben (Hiia) bzw. das große Leben (Hiia Rbia). Dieses schafft die Offenbarer Hibil, Šitil und Anuš und das zweite Leben. Das wiederum schafft einen irdischen Jordan, die škinta und die himmlischen Urwesen, die ́Utra, darunter als 3. Leben Abatar oder Bhaq Ziua, der Ptahil erschafft. Das 4. Leben oder Ptahil schafft mit Hilfe der finsteren Mächte Rūhū und den Planeten eine Verdichtung (msuta) im finsteren Wasser, die zur Erde (tibil) wird. Das mißfällt dem ersten Leben und der Demiurg Ptahil bleibt daher bis zu seiner Rehabilitation am Weltende von der Lichtwelt ausgeschlossen.
|
Der
große Mana erschafft |
||
|
Himmelsjordan |
Kbar Ziwa = Manda d-Hiia |
Hiia
Rbia Erschafft |
|
Hibil,
Šitil. Anush Das
zweite Leben erschafft |
||
|
Irdischer
Jordan |
Škintas |
Utras, Abatur erschafft |
|
Ptahil erschafft mit Ruha
& Planeten |
||
|
Msuta
-> |
Tibil = Erde |
<- finsteres Wasser |
Die materielle Welt wird von den Mächten der Finsternis verdorben und verkehrt, die Erde vom Schwarzen Wasser und Adam von den Planeten. Die Finsternis besteht wiederum aus vielen Welten voller Dämonen (daiuia, Dews), zu denen auch Engel (malakia), die »Sieben«, also die 7 Planeten (suba, sibiahia) und die »Zwölf« (trisar), also die 12 Tierkreiszeichen gehören.
Mit Sicherheit zervanistisch ist auch eine ähnliche Genealogie als Abwandlung des zervanistischen Großen Jahres am Anfang des kanonischen Gebetsbuchs: Das Erste Leben (Mana) entsteht mit 6000 Myriaden Jahren Wirkzeit, dann das Zweite Leben (Iušamin) mit 6000 Myriaden Jahren, dann das Dritte Leben (Abatur) mit 6000 Myriaden Jahren, dann die ́Utras mit 770.000 Myriaden Jahren, schließlich die Erde und die Sieben Herren des Hauses (= Planeten). Hier ist die Emanation zu immer schlechteren Geschöpfen verbunden mit einer Periode, einem Äon ihrer Wirksamkeit und ihrer Lebensdauer. Der zervanistische Kampf der dritten Periode ist hier ersetzt durch Abatur unterhalb der Wasserbäche, also unter dem Lichtreich, mit seinem Hochmut und verschiedenen Sünden und seiner Strafe, die Seelen auf ihrem postmortalen Himmelsweg wiegen zu müssen. In einem Text des rechten Ginza schaut Abatur ins Schwarze Wasser und aus seinem Spiegelbild entsteht Ptahil, der in manchen Texten Ruha und die Planeten erschafft, also vergleichbar ist mit Ahriman. Wie Zurvan sich in gut und böse teilt durch seine Zwillings-Söhne, so ist Abatur die schillernde Gestalt, die das Böse des Schwarzen Wassers in die Himmelswelt einfließen läßt. Die zervanistische gute Endzeit als 4. Äon taucht hier allerdings nicht auf, aber die Schaffung der Erde und der Planeten als böser Mächte zeigt, daß hier Ahrimans Gefolge mit den Planeten fusioniert ist. Zeitschema und Verbösung der Welt sind hier eindeutig zervanistischen Ursprungs, ebenso der Werdegang von der geistigen zur materiellen Welt und die Sperma-Idee des Urstiersamens als Schöpfungsurgrund des ersten Lebens.
Ptahil als Schöpfer der
materiellen Welt könnte dem
memphitischen Schöpfergott Ptah abgeborgt sein: »Er
gebar die Götter, er schuf die Städte, er
gründete die Gaue, er setzte die
Götter ein auf ihren Kultstätten, er setzte ihre
Opfer fest und richtete ihre
Heiligtümer ein, er machte ihren >Leib< ihnen
ähnlich, so wie sie es
wünschten. So traten die Götter ein in ihren Leib aus
allerlei Holz, allerlei Mineral,
allerlei Ton und jeglichen Dingen, die auf ihm (dem Erd- =
Schöpfergott)
wachsen, in denen sie Gestalt angenommen haben.«[2054]
Amun ist in der Theologie des 13. und 12. Jh. im Neuen Reich
Spiegelbild der
dreistöckigen Welt mit Himmel, Erde und Unterwelt: Er ist Ba,
Bild und Leiche.
Als Sonne Himmelsgott und reine Ba, eingeleibt mit seiner Ba-Seele in
der
Götterstatue, die alljährlich mit allen Statuen auf
dem Tempeldach gesonnt wird
und so quasi mit göttlicher Orgonenergie aufgetankt - und als
Mumie in der Unterwelt,
mit der er sich Nacht für Nacht vereint. Die Einleibung der
Gottheit über das
Mundöffnungsritual, wo der Statue göttliche Beseelung
über den Mund eingehaucht
wird, repräsentiert genau diesen Schöpfungsakt der
Be-Seelung toter Materie.[2055]
Die Statue ist nicht nur Symbol der Gottheit, sondern ihr Leib. So
gebiert
nicht nur Ptah die Welt, sondern auch die Statuen werden geboren, nicht
gemeißelt. Bislang ist wenig Augenmerk auf
ägyptische Einflüsse auf die
Täufersekten genommen worden. Die Aufnahme des Ptah
als Ptahil
hätte
die ganze Einseelungstheorie der memphitischen Theologie genial
adaptiert. Das
Zusammenfallen von Namensgleichheit und Identität der
mythischen Substanz macht
dies sehr wahrscheinlich. Ein zweites Zeugnis ägyptischer
Beeinflussung wäre Seths
Samen. Die
Bewertung kann ja bei den Mandäern ungemein schwanken, Jesus
als Täuferadept kann Inbegriff des
Verräters werden. So kann auch der ägyptische Seth
als Gott des Kampfes und der Kraft trotz des Mordes an Osiris zu
einem Inbegriff des vollkommenen
Menschen werden. Die Namensidentität mit dem at-lichen
Patriarchen kann seine
positive Bewertung gefördert haben. Das entscheidende Indiz
für eine
Transfiguration des ägyptischen Seth
in das Šitil-Bild
der Mandäer ist das Hodenmotiv.
Wird beim ägyptischen Totenopfer das Fleisch aufs Feuer gelegt, heißt es dazu: »Die Brust ist das Auge des Horus, die Schenkel sind die Hoden des Seth. Wie Horus zufrieden ist mit seinem Auge, wie Seth zufrieden ist mit seinen Hoden, so ist der Gott zufrieden mit seinem Fleisch.«[2056]
»Der Osiris-Mythos umgreift viele Geschichten oder "Konstellationen": eine Gatten-Geschichte, die zwischen Osiris und Isis spielt, eine oder vielleicht auch zwei (schwer auseinanderzuhaltende) Geschichten rivalisierender Brüder zwischen Osiris und Seth sowie zwischen Horus und Seth und eine Mutter-und-Kind-Geschichte zwischen Isis und Horus. Eigentlich ist es erst Plutarch, der alle diese Geschichten als "Osiris-Mythos" in einen übergreifenden Handlungszusammenhang zusammenfaßt.«[2057] So ist die Rolle des Seth als Osiris-Brudermörder auch nur eine der fünf Varianten des Mythos. Nicht weniger wichtig ist die von Version I (Tod, Leichensuche, Begräbnis, Totenklage), Version II (Empfängnis und Geburt des Horus) und Version III (Geburt und Aufzucht des Horus) unabhängige, ja sogar zur Bruderschaft Seth-Osiris widersprüchlichen Version IV von dem Kampf der beiden Brüder Seth und Horus. In dieser Version, wo Horus ein Auge verliert und Seth die Hoden ausgequetscht werden, geht es um den Vormachtkampf und die anschließende Versöhnung von Oberägypten als primär nomadischer und Unterägypten als vorwiegend bäuerlich seßhafter Gesellschaft. »Der Thronfolgeprozeß zwischen Horus und Seth wird zum Urbild des Totengerichts und der "Rechtfertigung", durch die jeder Verstorbene über den Tod zu triumphieren hofft. Daher finden sich zahlreiche Bezugnahmen auf IV in Totentexten«.[2058] Etwa Totenbuch Spruch 17,114 oder 99a,1-5 wo Seth dem Horos Dreck in die Augen wirft und dieser ihn an die Hoden packt, worauf später Thot die Verletzungen wieder heilt.[2059] In CT I,9 heißt es: »Denn du (Thot) bist ja diese Feder, die im Gottesland aufgeht, die Osiris seinem Sohne Horus gebracht hat, damit er sie auf seinem Kopf befestige als Abzeichen seiner Rechtfertigung gegenüber seinen Feinden. Er ist es, der dem Seth seine Hoden ausgepreßt hat, er geht nicht unter und stirbt nicht.« Die Hoden symbolisieren Lebens- und Zeugungskraft, ihr Verlust das physische Ende des Seth.[2060] Das Ausquetschen der Hoden könnte anders als Abschneiden ein sadistisch-homosexueller Akt sein, zumal unter Brüdern spielerisches Schlagen gegen die Hoden des anderen beliebter puberalen Zeitvertreib ist.[2061] Das Totengericht mit Geb und der Neunheit kann den Bruderzwist denn auch schlichten, zugunsten von Horus, den Atum freispricht. Das Ausdrücken der Hoden des Seth ist quasi sprichwörtlich geworden in Ägypten. Daß Seth gerade an den Hoden besiegt wird, heißt auch, daß sie seine zentrale Kraftquelle sind. Seine Macht ist das Zeugen - wohl eben auch von oberägyptischen Kriegern mit papstmützenartiger Atef-Krone, Lanzen und Schild, wie er selbst einer ist.[2062]
1.7.9.5 Taufe, Priesterweihe & Sterbe-Aufstieg der Seele als Inthronisation
Die Mandäer hoffen, mit dem Wissen, der Taufe, den Ölsalbungen und Kommunionsfesten des Erlösers Manda d' Haije durch die Verwirrung der bösen Weltregenten, der Planeten zur Himmelsheimat hindurch reisen zu können; Weltabkehr ist auch hier der Weg. Johannes der Täufer wurde erst später in die mandäische Tradition eingefügt.[2063]
Die Taufe (Masbūtā) ist aus frühjüdischen Reinigungsbräuchen entstanden und wird allsonntäglich und bei Hochzeit, Jahresendfest, Priester- und Mandi-Weihe gefeiert. Zimmern fiel erstmals die Übereinstimmung der Masbūtā mit babylonischen Wasserreinigungszeremonien auf.[2064] Wesentlich mehr noch ist jedoch die parthische Jugendweihe Naojote mit dem Taufbad Nahn und der Einkleidung mit Sedre und Kūstī das eigentliche Vorbild, cf 1.4.7. Zum Priester-Outfit gehören 7 Embleme wie bei der Weihe im TestLevi 8 und der babylonischen Inthronisation, wo nach Zahl der Planeten 7 Männer dem König 7 Embleme überreichen wie in der mandäischen Hochzeitszeremonie Šarh dQabin dŠislam Rab 15-26, wo Sonne, Mond, Mars, Merkur, Jupiter und Saturn dem Manne schenken, Venus der Frau und hier entgegen der sonstigen Verdammung der Planeten diese gute Mächte sind, was auf eine sehr alte Tradition schließen läßt, deren babylonische Herkunft noch klar erkennbar ist.[2065] Die 7 Priesterembleme werden als rasta bezeichnet: Gewand (lbuša), Gürtel (himiana = iranisch hemyānā), Kittel (ksuia), Stola (nasifa), Krone (taga = iran. tāgā), Hosen (šaruala = iran. šalvār) und Stab (margna = iran. margnā).[2066] Hose, Gürtel und Stab als typisch iranische Reitkleidung sind aus der iranischen Tradition übernommen, wie auch Mundtuch (pandama = iran. padām), Fahne (drabšā = iran. drafš) und Stock (gawwāzā bzw aštargan = iran. ušstrgān).[2067] Alle diese Hochzeits-Untensilien sind parthische Lehnworte. Sie tauchen vor allem in Texten auf, wo die Seele ihre irdische Existenz verläßt und von ihrem Wächter (mdabrana), Helfer (ahed eda, adyaura = mitteliran. adyāvar) oder Begleiter (paruanqa = mitteliran. parvānak) empfangen wird. Alle drei Funktionen bezeichnen den Erlöser, der die Seelen im Tod in ihre himmlische Heimat zurückbringt. Die Wächtergeister sind die farohar in Bundahišn 2,10f; 6,3; 7,3; 29,8; 32,9 SBE5 und haben dort gleiche Funktion: den Himmel vor allem zu schützen, was unrein und böse ist. »Der Mann, der mich hierher brachte, brachte mir ein prächtiges Gewand. Er bekleidete mich mit einem Gewand des Glanzes und bedeckte mich mit einem Turban des Lichtes. Er setzte mir einen Kranz aus Äther auf und was sonst das große Leben den Utras gewährte. Er richtete mich unter den Utras auf, stellte mich unter den Vollendeten auf.«[2068] Ein anderer Aufstiegshymnus zum Hause des Lebens zählt Gewand, Gürtel, Kranz, Stab und Sandalen auf, alle aus Glanz und Licht gemacht und somit Dressing der jenseitigen Geisteswelt, die vor dem Aufstieg verliehen werden.[2069] So wird auch der Tote in der Masiqtā vor seinem Seelenaufstieg getauft und in die rasta gehüllt, ein Myrtenkranz auf sein Haupt gedrückt und der Gürtel in dem Augenblick zugeknotet, wo der letzte Atemzug die Seele aushaucht. Der Kranz (klila) wird in den ältesten Gebeten erwähnt; erst später entstanden die Anweisungen mit der Bezeichnung Krone (taga) oder Turban (burzinqa). Im Himmel empfängt die Seele ein großes Diadem des Glanzes (taga rba dziwa).[2070] In Ram-Yašt 9,57 hat Vaja eine Goldkrone, in Yašt 5,128 Anāhītā. Dadestan-i Denik 31,4 hat die Seele des Himmelsreisenden eine Krone und wird zum Hausverwalter Ahura Mazdās ernannt. Miθra mit seiner Strahlenkrone war pius, invictus, aeternus.[2071] In den Orakeln des Hystaspes bekommt der Endzeit-König eine Krone.
Dies erinnert an die Priesterweihe in TestLevi 8,1-12 mit der himmlischen Inthronisation zum Priester durch Verleihen von Krone und Diadem, Richterstab und Olivenzweig, Ephod und Gürtel. Diese Doppelung von politischem und geistlichem Herrschersymbol weist den Priester als auch politischen Führer aus. Dies stimmt zusammen mit dem Theokratieanspruch der Nazirim. Seit der Makkabäerzeit war Gottesherrschaft auch politische, so wie die Magier auch im parthischen Parlament entscheidende Stimmenzahl hatten. Und auch in der mandäischen Priesterordination ist dieser ein König, wie es in der Krönung des großen Šišlam 40,21-24 heißt: »Der König nahm die erste Myrte an der Hand des neuen Königs, der von ihm den herrlichen Schatz gelernt hat. Er wand für ihn einen Kranz, und am Jordan verlieh er ihm Sieg (zakuta). Der König wurde bestätigt durch die Myrte, und der Jordan durchpulste den König.«[2072] Die Taufe ist Sieg-Verleihung, weil fortan das lebendige Wasser des Tauf-Flusses in dem Getauften strömt und ihn vor Anfechtung aller Art schützt. Der neue König, also der frischgeweihte Priester, bekommt vom weihenden Priester (rba) einen Thron (kursia) aufgestellt, eine Krone aufgesetzt, die bezeichnet wird als ein »Reif von Glanz, Licht und Herrlichkeit«[2073] Nun werden ihm im Namen des großen Lebens die Königswürden zugesprochen, er ist auch ermächtigt, selbst neue Priester zu weihen. Er empfängt die Zeichnung der Stirn mit Öl (Rama) und den Handschlag (kušta). Auf den 5 Götterbildern auf dem Nemrud Dagh in Kommagene ist der Handschlag von Antiochos I. Theos von Kommagene (80-32 v.Chr.) mit Apollo/Miθras, Herakles/Artagens, Zeus/Oromasdes, Hera/ Telia, Helios/Hermes ein Patronatsvertrag: Verehrung gegen Staatsschutz. Mit der kušta wird der Dienstvertrag besiegelt: ewige Treue beiderseits. So kann er aufsteigen in das Haus der Vollkommenheit (bist tušlima) und dort ewig residieren.[2074] Wie sehr dieses dem iranischen garōθmān ähnelt, dem Haus des Gesanges, was dem gottesdienstlichen Singen nachgebildet Altersruhesitz verstorbener Seelen ist, ist offensichtlich.
Der Täufling trägt wie der Priester die rasta, taucht sich vorm Priester im Fluß dreimal unter, wird dann dreimal vom ihm untergetaucht, erhält die dreimalige Zeichnung der Stirn (rusuma), den dreimaligen Wassertrunk, den kleinen Myrtenkranz ins Haar (klila), die Handauflegung mit Epiklese der Schutzgeister und den rituellen Handschlag (kušta = Wahrheit). Am Ufer geht es weiter mit der Sesamöl-Salbung, der Austeilung von Brot (pihtā) und Wasser (mambūhā) zur Reinigung des Mundes, der Versiegelung gegen böse Kräfte durch beschwörende Gebete und einen abschließenden Kustā.[2075] Hier ist das Granatapfelblatt und Ochsenpipi des parthischen Nahn zu einer angenehmeren Mahlgemeinschaft verändert. »Jordan« als Flußwasser kann jeder wenigstens fließende Bach mit Tauchtiefe werden. Das Eintauchen in den »Jordan« als Ausfluß des himmlischen Lichtjordans schafft mit der Lichtwelt Verbindung (laufa) sowie Reinigung und Sündenvergebung. Eindrucksvoll das agendarische Taufgebet aus dem sidra d-nišmata 13 im Kanonischen Gebetsbuch: »Ich ging zum Jordan, aber nicht allein, Šilmai und Nidbai, meine Helfer, gingen mit mir zum Jordan; Hibil und Šitil und Anuš gingen mit mir zum Jordan, die taufen mit der großen Taufe des Leben. Piriawis-Ziwa und Piriafil-Malaka geben den Gliedern meines Körpers freie Bewegung! Ich gehe vor diesen Seelen auf die Knie, die das Leben bewahrt, rettet und schützt vor allem, was böse ist, und vor jenen, die nichts geben, sondern nur wegnehmen; und vor dem, der nichts leiht, und (noch) nichts zurückzahlt; vor bösen Geistern, die eilen, aber nichts erreichen, und vor Liliths, die herunterfallen und nicht aufgehen. Ihre Hände fielen (kraftlos) auf ihren Knien; ihre Augen wurden verblendet und unfähig zu sehen und ihre Ohren wurden taub und unfähig zu hören. In deinen Namen, Šilmai und Nidbai, und durch die Stärke von Hibil, Šitil und Anuš sichere, versiegle und beschütze diese Seelen, die zum Jordan hinuntergehen und getauft werden wollen, bei der großen Versiegelung von Yuzataq-Manda-d-Hiia, dem Heiler, dessen Stärke keiner erlangen kann. Und Leben ist siegreich! [Lies bis zur Stelle "Piriafil, lockre die Glieder". Und steig herunter (ins Wasser) bis zu einem Viertel von deinen Schenkelchen. Wenn du eine einzelne Seele taufst, sage "Mein Körper und ich gehe hinunter vor dieser Seele von N.N." Gibt es mehrere Seelen, trage vor wie beschrieben und sprich bei der Stelle "sichere, versiegele und beschütze" stattdessen "sichere, siegele und beschütze diese Seele von N.N., und gründe sie" und trage dann deine persönliche Ansprache vor.]«[2076]
Sichern, Versiegeln und Beschützen - das sind die drei Hauptwörter der Versiegelung, die deutlich erkennbar nach der Taufe stattfindet und wohl ursprünglich ein eigenständiges Ritual war, was erst allmählich mit der Taufe zusammen praktiziert wurde und auf ein Leben ohne Flußwasser hindeutet. Siegel waren im Perserreich amtliche Dokumente und es gab staatliche Siegelhäuser, cf 4.5.7.1. In frühisraelitischer Zeit ist dieser Brauch bereits als Eigentumsnachweis verbreitet: Gen 4,15; 1 Kön 20,41; Jes 44,5; Ez 9,4ff; Ex 12,22ff; Ps 59,6; 85,17 wird gesiegelt, es ist von shmei=on oder tewe) oder wft die Rede, nicht von sfra/gij oder {etOh. Der Schutz des Kohle-T auf der Stirn Ez 9 hält die 6 Schwertkämpfer vom finalen Schlag ab, cf 4.5.7.2. So ist das Siegelzeichen des T oder X auf der Stirn der Frommen neben dem Priesterinsignum ein alltagspraktischer Schutz vor bösen Menschen und Dämonen. Es kann dann Weihezeichen der Nazoräer geworden sein, die ihre Zugehörigkeit zu Jahwe auch äußerlich manifestieren. Die Himmelslizenz ist erst sekundär hinzugetreten. Mit Versiegelung als Symbolhandlung ist die Signierung der Stirn mit Wasser oder Öl gemeint. Wie ein Brief versiegelt wird mit dem Zeichen seines Urhebers, so werden auf der Stirn dreimal die Symbole der Gottheit aufgetragen und in der Wiederholung verstärkt. Mit dem himmlischen Zeichen versehen gehört man fortan zu den Kräften des Himmels. Das Öl hat exorzierende und lebendigmachende Kraft im sidra d-nišmata 23 des Kanonischen Gebetsbuchs: »Salbe, und ich will dir Öl bringen: salbe mit Strahlen, Kampf und Ruhm, das Öl womit ich salbte und was ich verlieh, nicht im Namen eines Gottes, nicht im Namen eines Geistes, nicht im Namen eines Messiasses noch im Namen eines Ištar-Tempels. Nein, das Öl, mit dem ich salbte und was ich verlieh, ist in meinem Namen und Zeichen gegeben als Name und Zeichen eines lebendigen, herrlichen, blühenden und standhaftes Menschengeschlechts. Wer von diesem Öl gesalbt wird, wird leben, ganz sein und stärker werden: sein Mund wird die Natur von Anuš annehmen, innerlich wird er die Natur von Anuš annehmen. Von ihm werden die 7 Todesschmerzen und die 8 Leiden der Dunkelheit fliehen und ausgestoßen. Dämonen, Teufel, Šedim, Dämonenheimsuchungen, Amulett-Geister und Liliths werden exorziert aus ihm in Anwesenheit dessen, was Stärke, Strahlen und Licht des Wissen vom Leben vermehrt.« Das christliche Kreuzzeichen auf der Stirn ist aus der Täufertradition als Priesterzeichen erwachsen.[2077] Die 5 Siegel im Zostrianos haben in diesem Ritus ihren Ursprung.
Die Weihe ist mit einem Askesegelübde verbunden. Im Johannesgebet (Yahia) des linken Ginza 410 unterwirft sich der Betende mit seiner ganzen Sippe dem Herrn des hohen Himmels und dem Großen Leben: »Und ich unterwerfe meine Form und meine Lenden, (O) Šihrialia šilia, über allem Ruhm, vor dem reinen Licht, das über allen Lichtern ist. (...) Sieh mich mit Deinen Augen an und bemitleide mich in Deinem Herzen! Unterstütze mich mit Deiner Stärke, kleide mich mit Deinem Ruhm, decke mich mit Deinem Licht. Schneide mich nicht von Dir ab! Und setzte weit weg von mir Angst, Furcht und Terror der sieben Sterne und der zwölf (Zodiak-)Konstellationen: rette mich aus den Händen der Übeltäter, löse meine Füße von den Banden des Todes. Schneide mich nicht von Deiner Gegenwart ab. Bewaffne mich gegen alle Bösen. Sei ein Bollwerk für mich gegen Rebellen und eine Hand der Wahrheit gegen die zerstörerischen Kräfte dieser Welt. Wende von mir Unsicherheit, Armut, Krankheit, Schlafmangel und aufgeregte Stunden ab, einen bösen Tag und Schicksalsschläge. Sei Leben zu mir in Leben; gib mir frisch-fließendes Wasser des Leben zu trinken. Bereite mir einen kana-d-zidqa, einen Tisch und gutes Gelingen, damit sie von der Nasirutha erfüllt werden. Und meine Brüder werden mit mir sein und ein friedliches Umpflanzen besorgen: meine Frau, meine Pflanzen (Kinder), und meine Priester werden es schaffen. Ich werde fortgehen und zu dir kommen nach einer rituell korrekten Abreise mit reinem Öl und dem bewährten Zeichen; in reifen Jahren ohne Schwäche, in einem gesegneten hohen Alter, in meiner Heimat.«
Die Taufe ist das irdische Pendant einer gleichzeitigen himmlischen Inthronisation.[2078] Ohne sie kommt keine Seele in den Himmel. Mit der Taufe aber wird ihr ein Thron im Himmel vorbereitet: »Dein Ort ist der Ort des Lebens, deine Wohnung ist die lichte Wohnung. Dir ist ein Thron der Ruhe aufgerichtet, an dem Glut und Wut nicht ist. Dir ist ein Gürtel bewahrt, an dem weder Leid noch Fehler ist.«[2079] Hier kann auch das Gewand stellvertretend für den Anwärter den Thron besetzen oder aufgerichtet sein: »Denn wer in mich eintritt und mich trägt, dessen Gewand wird im Hause der Vollendung aufgerichtet.«[2080] Die Schutzbedeutung der zoroastrischen Sedre und Kūstī ist hier offensichtliche Grundlage. Jeder Himmelsgott, jeder Utra, hat seinen eigene himmlische Wohnung (škina) mit Thron (tris) drinnen. Ganz ähnlich haben die Seelen der Normalsterblichen im Haus der Vollendung (bit tušlima) ihren Thron: »Ich stehe (qaiimna) im Glanz meines Vaters da, bin im Hause der Vollendung aufgerichtet (tarsina).«[2081] Aufrichten (tras) meint Bekräftigen, Festigen, Stehend-machen.[2082] Von daher ist der e(/\stwj-Titel (mand. qaiim) von Simon Magus im Täuferkontext der Ausdruck seiner himmlischen Weihe. Nach dem Akt im Wasser geht der Täufling ans Ufer hinauf und wird dort aufgerichtet und empfängt die rusuma und kušta als Elemente der Inthronisation im Priester- und Königsritual. Ebenso geht in der masiqtā, der postmortalen Himmelseinreise, der Inthronisation als einer Aufrichtung die Taufe als Reinigung und Sündenvergebung (šabiq hataiia) voran. In Hibil-Ziwas Himmelsaufstieg taufen diesen als Prototyp der Seele überhaupt und zugleich Erlöser aller menschlichen Seelen die himmlischen Utras und festigen ihn, richten ihn auf mit wundersamer Stimme. Das leuchtende Gewand und der schützende Kranz machen ihn gleich mit dem großen Leben, was ihn auf seinem Thron Platz nehmen läßt.[2083] Er sagt: »Jeder, der mit meiner, Hibil-Ziwas Taufe getauft wird, soll mit mir aufgerichtet werden, und er soll sein wie ich und er soll ein Bewohner in meiner, Hibil-Ziwas Welt sein.«[2084] Die Taufe ist also die Präparation auf die Inthronisation hin und dem Ufer-Akt der Einsegnung entspricht die himmlische Erhöhung auf den Thron des Großen Lebens. Die frischen Myrtenzweige in der Rechten des Inthronisierten[2085] werden zum Kranz verarbeitet.[2086] Man fühlt sich erinnert an die Barəsman-Zweige als Himmelsleitersymbol, cf 1.4.1.3, ebenso an das Granatapfelblatt während der Nang, der Vortaufe zur Naojote der zoroastrischen Kinder. Die persischen Elemente der Inthronisation durch fürstliche Bekleidung der Seele haben sich also über die Weihe von Priestern und Nazirim in den Täufergruppen amalgamiert mit dem Taufritus als einer reinigenden Sündenvergebung.
Die iranischen „30 Waschungen“ entsprechen auch in ihrer Wiederholbarkeit den Taufen der Täufergruppen. Die iranische „Reinigung der 9 Nächte“ (barašnom-i no-šabe = Vd 9) wird mindestens einmal im Leben als Körper und Geist erneuernde Einkehr zelebriert unter neuntägigem Rückzug in Einsamkeit bei ständigem Gebet (nirang), Waschungen und Trinken von geweihtem Ochsenpipi, cf 1.4.7. Priester und Leichenträger vollziehen die Barašnom viele Male in ihrem Leben. Die iranischen Reinigungszeremonien mit ihren Gebeten dienen dazu, die heiligen Elemente Feuer, Wasser, Erde, Rind, Pflanzen, ašagläubiger Mann und Aša-Frau zu schützen vor Affektion durch das Böse. Es ist Teil des Kampfes von Gut gegen Böse, Ahura Mazdā gegen Ahriman. Und genau diesen Siegesaspekt (zakuta), der ja ein Kampfszenario impliziert, ist in der mandäischen Taufe als Ver-Siegelung gegen das Böse, als Schutzwall gegen Viren aller Art, betont. Die Verleihung der Himmelskleidung hat im Avesta und bei heutigen Parsen eine Entsprechung bis hinein in den Tauf-Akt, das Nang. Mit 7 Jahren erhält man das Sedre, ein weißes Hemd mit Halstasche zum Aufbewahren guter Werke und das Kūstī, einen Gürtel aus 72 Wollfäden, der mit dem Kirchenjahr und der künftigen Himmelswelt verbindet. Vor dieser initiatorischen Neueinkleidung lernen die Kinder Grundgebete zur täglichen Rezitation (farziyat) für jedes Tagesfünftel (Gāhs).[2087] Auch hier ist die Neubekleidung mit dem Ausblick auf die himmlische Begrüßung deren antizipierende Probe, irdisches Pendant zum Himmelskleid, welches Vohumana verleiht. Auch hier hat das Ritual eine präludierende Bedeutung: Auf Erden wird vorgemacht, wie es im Himmel sein wird. So versteht sich der avestische Gottesdienst als Antizipation des kommenden Heils in der Weltverwandlung. Diesen Hoffnungscharakter des Rituals haben wir im Iran, bei den Juden, Täufern, Mandäern und Christen. Es ist irdischer Vorschein des Himmels. Genau diesen Konnex von Taufe, Versiegelung und Inthronisation als Gleichmachen mit Gott, als Vergöttlichung finden wir auch im Zostrianos wieder und haben hier ebenso eine abstrakte Form Gottes als einem Unsichtbaren und zugleich dem Ur-Licht.
Der Aufstieg (masiqtā) der Seele nach dem Tod ist eine 45tägige Passage durch die überirdischen Wachthäuser (matarata), in denen neben den siderischen bösen Wesen (Sonne, Mond, Planeten, Tierkreiszeichen) auch die Rūhā und andere Dämonen der Seele den Weg zu versperren suchen; durch Taufe, zidqa brika (gesegnetes Almosen) und andere fromme Werke kann sie dem entkommen und nach der Waage des Abatūr mit einem Boot die himmlischen Gewässer überqueren und mit der Lichtwelt vereinigt werden. GR 49: Die Seele »steigt empor in dem Gewand von Yuzataq-Manda-d-Hiia. Die Planeten, die in ihren Orten sind, rasten aus, wenn sie dies sehen, sie ballen ihre Fäuste, schlagen auf dem Vorhof ihrer Brüste und sagen: "Weh uns Planeten, denn wir sind ohnmächtig, denn die Arbeit ihrer Hände ist siegreich!" Und sie lassen ihre Taten vorüberziehen und sie ist den Händen der Planeten entkommen. Sie erreicht Abatur 's Gefängnis, das alte, hohe, heilige und beschützte. Dort werden seine Waagen aufgestellt, und Geister und Seelen werden vor ihm zu ihren Namen befragt, ihren Zeichen, ihren Segen, ihren Taufen und den damit verbunden Dingen.« Als Passierschein fungieren in diesem Totengericht der Planeten Namen, Siegelzeichen, Segnungen, Taufen und - zoroastrisch! - die guten Taten der verstorbenen Seele. Diese Gerichtshäuser der Planeten sind im Zostr unmittelbar aufgenommen.
Die Totenzeremonien flankieren diesen Parcours mit 10 Lofāni (laufa = Mahl-Gemeinschaft), Waschungen und Ölsalbung. Der Tote bekommt als Persilschein einen Brief (ingirta) in Form eines Ölfläschchens mit und es finden Gedächtnismahle mit Rezitationen aus dem linken Ginzā statt. Totenmahle begleiten auch andere Feste, so das Jahresendfest, und zeigen die enge Verbindung zu den Verstorbenen. Sowohl Taufe als auch Seelenmesse gehören zum ältesten Bestand mandäischer Kultpraxis. Der iranische Hintergrund des Aufstiegs der Totenseele ist offensichtlich, cf Hadōxt-Nask 2f oben in 1.4.2.7/8.
1.7.10 Magiertheologie und -praxis des
Apokalyptikers Jesus
Jesus war Heiler in der prophetischen Tradition Elias. Lahme sollten gehen, Blinde sehen und Arme essen. Das Reich der Himmel sollte irdisch werden und das Heil Gottes leibhaftig werden. Der qei=oj a)nh/r ist ohne schamanisch-indoeuropäisch geprägtes persisches oder griechisches Erbe nicht zu denken, auch wenn an die prophetischen Sagenkränze von Elia und Elisa und die schon babylonisch geprägten Wunderzeichen Daniels in eigener jüdischer Tradition angeknüpft wird und Jesus Mt 11,14; 16,14; 17,3ff Mk 6,15; 8,28; 9,4ff als auferstandener Elia verstanden wurde. Die Danieltradition der Apokalyptik ist massiv iranisch geprägt: Nach einer Zeit des Leidens und der kriegerischen Verfolgung der Heiligen und Gerechten durch den Widersacher kommt plötzlich der Menschensohn und/oder das Weltgericht. Diese Zeit wird in verschiedene Perioden unterteilt. Gerichtsthrone, Gerichtsbücher, das Gericht durch Feuer und die Heiligen des Höchsten als Richter gehen von teils vorzarathuštrischen Traditionen des Bundahišn 28-30 in Dan 7,9ff ein und von dort in das gesamte jüdische Denken nach dem Exil.[2088]
Die Bergpredigt will das
alltägliche Miteinander regeln.
Sanftmut, Reinherzigkeit, Barmherzigkeit und die Gnade des Gottes, der
mit den
Verlorenen Feste feiert und mit den Unterdrückten trinkt, wird
im Abendmahl
wiederholt. Wohl auch in einsamer Zwiesprache mit dem
großherzigen Vater im
Himmel ist Jesus doch immer wieder in der Menge, unter den Leuten,
unter den
Armen, Mühseligen und Beladenen. Ihnen gilt seine Vorliebe,
auch wenn er sich
bei Reichen nicht rigoros auslädt. Er kann sinnlich
genießen, sich verwöhnen
lassen und verwöhnt auch selbst gerne. Frieden und soziale
Gerechtigkeit sind
seine Ziele. Einen Aufstand messianischer Theokratie gegen die
Römer hat er
nicht führen wollen in seiner radikalen Gewaltlosigkeit. Ob
Römer oder
Herodianer regieren und besteuern, konnte den Armen, für die
er optierte,
einerlei sein. Viele seiner Lehren kann man bei Zaraθuštra
wiederfinden. Die Geschichte vom armen Lazarus Lk
16,19-31 ist eine Parallele zu Bahman
Yašt II,12f: »Zartušt sprach zu ihm:
"Ōhrmazd, überreicher Geist, Schöpfer der
körperlichen Wesen,
gerechter Schöpfer! Ich sah einen Reichen mit vielem Besitz,
der sich mit
verrufenem Körper und mit abgemagerter und leidender Seele in
der Hölle befand.
Und er schien mir nicht preisenswert. Und ich sah einen Armen, der kein
Eigentum besaß und ohne Hilfsmittel war, und seine Seele war
wohl genährt im
Paradies, und er erschien mir preisenswert.«
Josephus, als Jerusalemer Priestersohn 37 n.Chr. geboren und in Galiläa mit 30 Jahren in die Jüdische Revolte involviert, erwähnt neben der unrechtmäßigen Hinrichtung des Jesus-Bruders Jakobus 61/62 n.Chr. durch den sadduzäischen Hohepriester[2089] Jesus als wundertätigen Weisen: »Nun lebte zu dieser Zeit (30 n.Chr., Halbzeit der Pilatus-Ära) Jesus, ein Weiser, wenn es rechtens ist, ihn Mensch zu nennen. Denn er war Wundertäter, ein Lehrer von solchen, die die Wahrheit mit Lust erreichen. Er zog sowohl viele Juden als auch Heiden zu sich. Er war Messias. Und als Pilatus, beeinflußt von unseren Führern, ihn zum Kreuz verurteilte, haben die, die ihn liebten, zunächst nicht aufgegeben. Denn er begegnete ihnen lebendig wieder am dritten Tag, wie die göttlichen Propheten dies und zehntausend andere Wundertaten über ihn verkündigten. Und das Geschlecht der Christen, so genannt nach ihm, ist nicht ausgelöscht bis auf diesen Tag.«[2090]
Eine rabbinische Erzählung von der Anklage gegen Rabbi Eliezer als Christ ca. 70 n.Chr. sagt, er habe in Sepphoris in Galiläa einem zugestimmt, der »im Namen Jesus, des Sohns von Panteri« verkündet hat.[2091]
Justin berichtet von den Juden, daß sie Jesus für einen gesetzlosen und gottlosen zwielichtigen galiläischen Landstreicher hielten, den sie kreuzigten und dessen Leiche seine Schüler stahlen, um dessen Auferstehung und Himmelfahrt zu proklamieren.[2092] Er »heilte die, die verstümmelt waren, und taub und lahm im Körper von ihrer Geburt und machte sie durch sein Wort springen, hören und sehen. Und die Toten erweckte er und ließ sie durch sein Wort leben. Er zwang die Männer, die zu dieser Zeit lebten, ihn zu erkennen. Aber, obwohl sie solche Taten sahen, erklärten sie es für magische Kunst. Sie trauten sich, ihn einen Magier und einen Volks-Betrüger zu nennen.«[2093] Wenn die Juden Jesus als Magier verkennen, müssen seine Wundertaten jedenfalls auffällige Ähnlichkeit mit den Riten und Wundern der Magier gehabt haben, selbst wenn keine Adaption zervanistischer Theologie zu finden wäre. Doch sie findet sich.
Wenn Jesus Mt 15,39 nach Magadān am See Gennezareth gefahren ist, und dies tatsächlich eine Magierkolonie gewesen ist, so hat er Kontakte zu Magierfamilien gepflegt. Als Nazoräer ist ihm die Berührung Toter verboten (Num 6,6f), daher sollen die Toten ihre Toten begraben und die Nachfolgenden, die er für das Nazoräer-Gelübde vorsah, wären bei Kontakt mit ihren toten Eltern verbrannt gewesen für den Nazoräerdienst (Mt 8,22; Lk 9,60), während ihn nach jüdischem Brauch die Frauen am Ostersonntagmorgen einbalsamieren wollen und können, weil sie diesem Gelübde nicht unterliegen. Diese Reinheitsregel entspricht Vendidad 3,14, wo jede Kontamination mit Toten die Druj nasu in den eigenen Körper eindringen läßt. Wenn er ein Fresser und Weintrinker war (Lk 1,15; 7,33 Rm 14,21; Eph 5,18 steht gegen Mt 11,19; Lk 22,17 und Joh 2), so hat Jesus nichts von strenger Observanz, sondern von Freiheit gehalten.
Jesus war Apokalyptiker. Der apokalyptische Endkampf Mk 13 parr entspricht wie die Qumran-Lehre der iranischen Eschatologie etwa in Bundahišn 30ff bis hin zur Auferstehung und dem Endzeitmessias, dem Saošyant, cf 1.4.5.7. Jesus glaubte vermutlich nach Mk 13 und Mt 24f an das Ende des derzeitigen Äons und den Beginn einer neuen Weltzeit, des Reiches der Himmel, welches nach einer Zeit voll von Kriegen, Hungersnöten und Erdbeben (Mk 13,8,14-20 par.) und einer Sonne-Mond-Sternfinsternis (Mk 13,24f par.) beginnt mit einem Weltgericht, zu dem der Menschensohn auf den Wolken des Himmels als Richter mit seinem Engelstroß heranfährt (Mk 13,26ff par.) und entweder seine Auserwählten aus allen Enden von Himmel und Erde zusammenrufen läßt als Gründung eines neuen Reiches der Gerechtigkeit (Mk 13,27) oder die Schafe von den Böcken scheidet nach dem, was sie einem seiner geringsten Brüder getan haben (Mt 25). Dann gab es für die Unbarmherzigen eine Hölle als Ausgestoßensein in die Finsternis oder den Feuerofen mit Heulen und Zähneklappern (Mt 8,12; 13,42,50; 22,13; 24,51; 25,30; Lk 13,28). Die Christenverfolgung (Mk 13,9-13 par.) und die verschiedenen Messias-Kämpfer (Mk 13,21f par.) als Zeichen der Endzeit dürfte während derselben als Trost eingefügt worden sein und führt das Motiv des Krieges als eines Glaubenskrieges aus.
Jesus stammt höchstwahrscheinlich aus der Sekte, mindestens aber dem Umkreis des Täufers Johannes, der Lk 1,15 und Mt 11,18 schon vor seiner Geburt als Nazir geweiht wurde. Nach Mt 11,11 ist für Jesus Johannes der Größte unter den Weibgeborenen. »Merkwürdig ist es, daß die Mandäer sich Nazoräer nennen; so wird ja auch Jesus in der urchristlichen Überlieferung mehrfach bezeichnet. Da sich nun diese Benennung nicht von dem Namen seines Heimatdorfes Nazareth ableiten läßt und da die urchristliche Überlieferung die Erinnerung daran bewahrt hat, daß Jesus sich von Johannes taufen ließ, so wird man schließen dürfen, daß Jesus ursprünglich zu der Sekte des Täufers gehörte und daß die Jesus-Sekte eine Absplitterung der Johannes-Sekte ist. Darauf weisen auch andere Spuren in der evangelischen Überlieferung, Worte, in denen bald die Einheit Jesu und des Täufers betont, bald Jesu Überlegenheit über Johannes hervorgehoben wird«.[2094] Mt 2,23: »Denn es sollte sich erfüllen, was durch die Propheten gesagt worden ist: Er wird Nazoräer genannt werden (o(/ti Nazwrai=oj klhqh/setai).« Er wird auch Mt 26,71; Lk 18,37; Joh 18,5.7; 19,19; Acta 2,22; 3,6; 4,10; 6,14; 22,8; 24,5; 26,9; Acta Johannis 47,4 und bei Origenes, Contra Celsum 2,10; 7,18; 7,23 u.ö. als Nazoräer bezeichnet. Eine so breite synoptische Bezeugung macht das Nazoräertum Jesu sehr wahrscheinlich. Wären seine Kontakte zur Nazoräergruppe des Johannes nicht besonders intensiv gewesen, wären die Perikopen über dessen Geburt, Verkündigung und Hinrichtung und der Volksglaube, Jesus sei der auferstandenen Täuferjohann, in den Evv sicherlich kaum aufgenommen worden.
Selbst Paulus legt nach seiner Bekehrung das Nasiräergelübde auf Zeit ab (Acta 18,18) und unterstützt andere, damit sie die nach Num 6 vorgeschriebenen Nasiräeropfer aufbringen können. Nach Acta 21,23-28 gehörte das Haarschneidverbot von Ri 13 und Num 6 immer noch zur Weihe dazu, die Paulus dort vornimmt. Paulus wird Acta 24,5 als Nazoräerführer angeklagt: »Wir finden nämlich, dieser Mann ist eine Pest, ein Unruhestifter bei allen Juden in der Welt und ein Rädelsführer der Nazoräersekte (prwtosta/thj t$=j tw=n Nauwrai/wn ai(re/sewj).« Offensichtlich galten die Nazoräer als Rebellen.
Zur selben Zeit, wo Johannes gefangengenommen und getötet wird, flieht Jesus in die Wüste für 40 Tage und wird dort vom Satan versucht. Ähnlich fliehen nach Jesu Tod die Jünger nach Galiläa, um sich dem Zugriff der Todesschwadrone, der Häscher, zu entziehen. Im Haran Gawaita berichten die Nazoräer, sie seien in Jerusalem harten Verfolgungen durch Juden ausgesetzt gewesen und hätten sich in die medischen Berge zum Haran Gauaita geflüchtet. Dies paßt zu Jesu Wüstenflucht nach des Täufers Enthauptung und man kann vermuten, daß Jesus mit den Nazoräern mitgeflohen ist in Richtung Syrien und Medien.
Wie Simon Magus in den Pseudoklementinen zeigt auch Jesus seine Vollmacht und göttliche Gesandtschaft durch Wunderzeichen, Heilungen und Naturwunder. Nur so kann Herodes in ihm den wieder auferstandenen Täuferjohannes sehen: Mk 6,14: »Kai\ h)/kousen o( basilei/j ¸Hrw/dhj, fanero\n ga\r e)ge/neto to\ o)/noma au)tou=, kai\ e)/legon o(/ti ¹Iwa/nnhj o( bapti/zwn e)gh/gertai e)k nekrw=n, kai\ dia\ tou=to e)nergou=sin ai( duna/meij e)n au)t%=.« Wenn »die Kräfte« in Jesus wirken, zeigt dies, wie sehr Jesus das Medium göttlicher oder dämonischer Kräfte ist, wobei die Formulierung ai( duna/meij personifizierte, benennbare Kräfte nahelegt, also bereits von eigenständigen und eigenwesenhaften Hypostasen der göttlichen Kraft ausgeht und nicht von der du/namij qeou= allgemein. Wenn Johannes der Täufer sich in einem seiner Schüler reinkarnieren kann, wenn dies überhaupt denkbar geworden ist, dann ist lange vor der geglaubten Auferstehung Jesu die Idee einer Reinkarnations-Auferstehung in den Täuferkreisen schon vorhanden gewesen. Diese Bemerkung dürfte nicht die Auferstehungs-Erstlings-Qualität Jesu befördert haben. Daß sie dennoch steht, deutet auf eine alte Mundtradition hin, die mit der früheren Mitgliedschaft Jesu im Täuferkreis des Johannes zusammenhängt. Hier ist der Reinkarnationsgedanke bekannt und wird auch von Simon Magus zum zentralen Thema gemacht.
Die Perikopen über die Dämonenaustreibungen Jesu Mk 3,22-27par; Mt 10,25; Joh 7,20; 8,48.52; 10,20 zeigen Jesus als Magier.[2095] Die Beurteilungen der Zuschauer reichen vom „Er ist von Sinnen.“ bis zu „Er hat einen unreinen Geist.“ Wahrscheinlich hat Jesus bei seinen Heilungen nicht nur segnend Hände aufgelegt, sondern in der schamanischen Tradition der Geistanrufung laut gebrüllt oder gesungen und andere Ekstasetechniken praktiziert. Mk 3,22: »Die Schriftgelehrten, die von Jerusalem herabgekommen waren, sagten: Er ist von Beelzebul besessen; mit Hilfe des Anführers der Dämonen treibt er die Dämonen aus.«[2096] Die Austreibung der Daēvas in der Vendidad geschah unter Anrufung der Yazata als Hilfsgeister, die die Dämonen vertreiben sollten.
Unter Dämonen verstehen die Evangelien böse, unreine Geister, die in Menschen oder Tieren hausen, schwere Krankheiten seelischer oder leiblicher Art verursachen und so die Menschen versklaven (vgl. Mk 5,9.11; 6,13; Mt 9,32; 12,45; Lk 10,17-20; 13,11 u. ö.). Diese Dämonologie der Besessenheit von Geistern ist dem AT fremd. Sie ist Zentralthema der avestischen Vendidad. Beelzebul ist Mk 3 (cf Mt 10,25) der Dämonenführer. Er ist ein alter samaritanischer Gott laut 2 Kön 1,2 »Ahasja war in Samaria durch das Gitter seines Obergemachs gefallen und hatte sich verletzt. Er sandte Boten ab mit dem Auftrag: Geht, befragt Beelzebul, den Gott von Ekron, ob ich von diesem Leiden genesen werde.« Die Bezeichnung Zebul (= Fürst) wurde Baal und anderen Göttern als Ehrentitel gegeben: Fürst Baal. Jesus wird also mit den samaritanischen Traditionen des Baal Zebul als oberstem Gott aller Geister in Verbindung gebracht von seinen Gegnern. Man darf davon ausgehen, daß an den Vorhalten der Gegner oft mehr historische Wahrheit ist als an der evangelischen Anti-Pointe. Wie kommen die Pharisäer auf die samaritanische Tradition des Baal Zebul, wenn nicht dadurch, daß das gesamte Setting der Dämonenaustreibungen Jesu diesen Traditionen ähnelte und sich hieraus entwickelt hatte. Diese Baal-Zebul-Tradition dürfte ein kanaanäisches Heiligtum mit einer etablierten Prophetenschule als Sitz im Leben haben. Die Mantiker von Ekron scheinen sich im samarischen Volk lange gehalten zu haben, wenn über Dan 7,13 dann die Auferstehung des Baal zum Prototyp des kommenden Menschensohns wird, an den Jesus gut geglaubt haben kann, auch ohne sich mit ihm zu identifizieren. Die Passung der Baal-Wiederkunft und des kommenden Saošyant war so wahlverwandt günstig, daß die zervanistische Theologie der Magier, die von Damaskus[2097] und anderen syrischen Städten nach Samaria kamen, auf sehr große Aufgeschlossenheit stieß, weil sie autochtonen Traditionen entsprach.
Mt 12,28 ist der in der Taufe von oben auf ihn herabgerieselte Heilige Geist die Kraft, mit der Jesus Geister austreiben kann. Mt 12,43-45 par Lk 11,24-26 berichtet Jesus aus seiner Austreibungspraxis: »Wenn der unreine Geist von einem Menschen ausgefahren ist, so durchstreift er dürre Stätten, sucht Ruhe und findet sie nicht. Dann spricht er: Ich will wieder zurückkehren in mein Haus, aus dem ich fortgegangen bin. Und wenn er kommt, so findet er's leer, gekehrt und geschmückt. Dann geht er hin und nimmt mit sich sieben andre Geister, die böser sind als er selbst; und wenn sie hineinkommen, wohnen sie darin; und es wird mit diesem Menschen hernach ärger, als es vorher war.« Der Dämon kann wie die Schamanenseele in der Wüste herumstreifen und später wieder in den Körper zurückkehren. Mehrere Dämonen können sich zu einer Körperbesetzung verbünden. Mk 5,9ff sind es sogar 2000 als Echo der Foltererfahrung der Legionäre in der Seele des Geraseners, die in Schweine fahren und an ihnen die autoaggressiv in Selbststeinigung umgeleitete vernichtende Inskription der Folterer auslassen, indem die Schweine, die Legionäre, in den See rasen und ertrinken. An Mk 5 erkennt man, wie die Dämonen oft traumatische Inkorporationen anderer Menschen sind, was von der Schizophrenieforschung bestätigt wird. Es sind fehlgeleitete innere Objekte, demütigende und krankmachende Einschreibungen übergriffiger, böser Menschen. Der Gerasener wird erster Apostel Jesu in der Dekapolis. Er wird Medium des göttlichen Geistes. Der Geist Jesu ist den bösen Geistern hierbei wohlbekannt und hat Macht über sie alle. Es ist ein Kampf der Geister, den Jesus immer wieder gewinnt.
Diese Wunder haben die Schamanen und in ihrer Tradition die medischen Magier entwickelt, über die Thraker ist natürlich auch die griechische Orphik davon geprägt und Pythagoras hat viele Wunder getan. Die Magier haben in ihrer zervanistischen Ausprägung nach Rezeption babylonischer Astrologie einen entscheidenden Einfluß auf die Täuferbewegungen gehabt. Elchasai ist dafür ein Beispiel und die die 30 Monatstage symbolisierende Jüngerzahl der Johannestäufersekte mag ein weiteres Beispiel sein, wie nah Jesus an der Astrologie war. Der zervanistische Ursprung des apokalyptischen Äonenmodells mit dem Sieg über die finsteren Mächte und Knechte Ahrimans, den kommenden Saošyants und der Verwandlung der Welt ist unbestreitbar. Ohne Kontakte mit Magierkolonien wäre die Apokalyptische Idee nicht so tief in das Judentum und besonders die Täufersekten und Essener eingedrungen. Die gesamte Idee der Taufe als Reinigungsritus ist nur sinnvoll im Kontext einer Dämonologie iranischen Ursprungs: Die Daēvas sollen durch das Untertauchen im Flußwasser aus dem Körper entfernt werden, cf 1.4.7.
Simon Magus war ein Mitbruder Jesu in der Täufersekte des Johannes, von der Jesus sich später gelöst hat. Simon ist nach Alexandrien gereist, um dort bei Magiern zu studieren. Dies dürfte keine einzigartige Begegnung gewesen sein, so daß man gerade bei angehenden Sektenführern von einer intensiven Auseinandersetzung mit den persischen Traditionen ausgehen kann, durch die die gefragten medizinischen, mantischen und theologischen Kenntnisse eines Wunderheilers vertieft werden konnten. Wenn Johannes der Täufer seinen Lieblingsjünger Simon nach Alexandria zu Magiern ins Studium entließ, hatte er auch selbst dazu eine sehr intensive Bindung. Diese muß auch Jesus geprägt haben. Nach Mt 2,13-19 hat Jesus seine Jugend in Ägypten verbracht und könnte dort auch mit der Magie in Berührung gekommen sein, wenn man Mt glauben darf.[2098] Jesus wird in den verschiedenen Büchern der Toledot Jeschu der jüdisch-antichristlichen Polemik als Magier und Schwindler (pla/noj) dargestellt.[2099]
Auch Justin kennt diese Beschuldigungen. Für die Juden ist Jesus »ein von Menschen geborener Mann, der diese „Kunststücke“, die wir Wunder nennen, durch magische Kunst vollführte und daher für einen Sohn Gottes gehalten wurde.« Die Nähe zum Magiertum dürfte dabei zu Recht getroffen sein. In seiner Apologie an den römischen Caesar schreibt er über die christliche Kehre: »Die wir einst an käuflicher Liebe Freude hatten, heißen jetzt allein die Besonnenheit willkommen. Die wir auch magische Techniken anwendeten, stellen uns nun zum guten und ungewordenen Gott.«[2100]
Jesus wird auch auf Zaubertafeln
genannt. Auf einer
bleiernen Fluchtafel aus Megara in Griechenland vom 1./2.Jh.n.Chr. wird
die a)lqai=a
ko/rh (Persephone), Hekate und
Selene beschworen, einen Fluch über »Körper,
Geist, Seele, Sinn, Gedanken, Empfinden, Leben, Herz«
des Opfers zu
bringen. Die Göttinnen werden »durch die
hekatischen Worte und hebräischen Beschwörungen...
[Jes]us, Erde, Hekate,
[Jes]us« beschworen.[2101]
Eine Bleitafel aus einem Grab in Karthago Ende des 2.Jh. zeigt ebenso
diese
Amalgamierung Jahwes und Jesu in die göttliche Garantenschar
der Magier: »Ich
beschwöre dich, wer immer du seiest, Dämon der
Toten, durch den Gott, der Himmel und Erde geschaffen hat, Iona; ich
beschwöre
dich durch den Gott, der Vollmacht über die unterirdischen
Regionen hat,
Neicharoplex... durch... heiligen Hermes... Iao... Sabaoth... den Gott
Salomons, Souarmimoouth... den Gott, der Vollmacht hat über
diese Stunde, in
der ich dich beschwöre, Jesus.«[2102]
Auch in nichtchristlichen Zauberpapyri wird Jesus beschworen. PGM
III,420 ruft
monatlich auf koptisch Jesus an, in die Seele einzugehen, um das
Gedächtnis zu
verbessern: »Der
Name der Seele des Gottes ist,
schreib es mit Erzgriffel: >Ich bin kwou bwou... ich bin Jesus<.«[2103]
PGM
IV,1233 beschwört
koptisch: »Sei
gesegnet, Gott Abrahams. Sei
gesegnet, Gott Isaaks. Sei gesegnet, Gott Jakobs. Jesus Christus (ihsous
pixrhstos),
heiliger Geist, Sohn des
Vaters, der du bist unter den Sieben und in den Sieben, bringe Iaw sabao. Möge deine Kraft
zunehmen... bis du diesen bösen
Dämon Satan (pisadanas)
austreibst.«[2104]
PGM
IV,3020 in einem
griechischen Exorzismus des Magiers Pibeches:
»Ich
beschwöre dich durch den Gott der Hebräer,
Jesus, laba, lae, Abraoth, Aia, Thot (
¹Ihsou=! iaba! iah!
¹Abraw/q! aia. Qw/q.), im Feuer erscheinender,
der du inmitten von Flur und Schnee und Nebel bist, Tannhtij, steig herab, dein Engel, der
unerbittliche, und
banne fest den herumflatternden Dämon dieses
Geschöpfes«.[2105]
Es werden nach Ammon auch Mose, der Exodus, Salomo und Jeremia
erwähnt als
Zeugen des lichtbringenden unbezwinglichen Gottes Sabaoth.
Der Unterschied von Magie und Wundertaten im Namen Gottes ist laut Petrusakten, Pseudoklementien und selbst Philo folgender: Magie arbeitet mit Tricks und Hilfsmitteln. Magie ruft Dämonen an und nutzt ihre Kraft. Magie arbeitet mit Illusionen, die nicht lange vorhalten. Magie ist Aberglaube. Magie ist vom Teufel und arbeitet mit seinen Kräften. Dagegen geschehen Wunder durch die Kraft Gottes und allein im Glauben an seine Kraft. Gemeinsam haben alle Wundertaten die lobpreisende und bittende Anrufung der jeweils zuständigen oder höchsten Gottheit, bisweilen unverständliche Zauberworte und Zeichenhandlungen und abschließend eine Vermahnung des Klienten oder der Zuschauer. Nicht immer sind alle Teile einer solchen Liturgie einer Wundertat vollständig überliefert oder zur Anwendung gekommen.
Der Katalog der Wundertaten ist identisch in Magie und christlichem Wunder: Lahme sehen, Blinde gehen, Arme werden geachtet, Todkranke werden geheilt, Tote erweckt und viele nützliche Alltagsdinge realisiert wie Sturmstillung, Fischfangquotenerhöhung, sprechender Hund und Säugling, Flug über Rom und Flieger abstürzen lassen im Namen Christi. Zu Simons Kunst gehörte: Statuen zum Leben erwecken, er kann sich im Feuer wälzen, ohne sich zu verbrennen, manchmal fliegt er, er macht Brot aus Steinen, er wird eine Schlange, er verwandelt sich in eine Ziege, er kann zwei Gesichter annehmen, sich in Gold verwandeln, er öffnet verschlossene Türen, bringt Eisen zum Schmelzen, auf Festen produziert er Imaginationen aller Art und Form, in seinem Haus macht er Festmahle, die aussehen, als wären sie aus sich selbst entstanden. Er kann sich unsichtbar machen, durch Felsen hindurchgehen als wären sie Staub, sich unverletzt vom Felsen stürzen, sich von Fesseln befreien, Bäume springen lassen. All dies sind Demonstrationen der göttlichen Macht, die in ihm wirkt. Sie sollen dazu dienen, von den Zuschauern und möglichst weltweit - daher der Gang nach Rom, ob Simon oder Petrus - als Inkarnation oder Werkzeug Gottes verehrt zu werden.
Das Ziel dieser shmei=a, der »Zeichen« ist, Glauben zu wecken, Verehrung, Vertrauen, Bewunderung, Ruhm und Ehre. Es ist nicht die Verwandlung der Welt, der Kampf für eine gerechte und friedliche Welt. Schon im AT bis hin zu Dan 3,32f; 6,28 dienen Wunder und Zeichen zum Erweis der Macht Jahwes gegenüber anderen Göttern. Mt 12,38ff; 13,58; 16,1-4; 24,24ff; Mk 8,11ff; 13,22ff; 16,17ff; Lk 11,16ff; Joh 2,11ff; 3,2; 4,48; 6,2.14.26.30; 7,31; 9,16; 11,47;12,18.37; 20,30 sprechen von Wundern als Zeichen und Jesus wird häufig aufgefordert, solche Zeichen zu tun, um seine Vollmacht unter Beweis zu stellen, seine Herrlichkeit zu offenbaren, um sich als Prediger zu legitimieren. Immer wieder sträubt er sich gegen diese Zeichenforderungen, die Zweifler, Pharisäer und Schriftgelehrte, an ihn richten in der Hoffnung, er möge diese Probe seiner Zauberkunst nicht bestehen. Typisch für diesen Konflikt ist Joh 4,48: »Und Jesus sprach zu ihm: Wenn ihr nicht Zeichen und Wunder seht, so glaubt ihr nicht.« Eine Reihe von Perikopen sieht die Wunder als Zeichen für den endzeitlichen Retter, so etwa Joh 6,2.14: »2 Und es zog ihm viel Volk nach, weil sie die Zeichen sahen, die er an den Kranken tat. 14 Als nun die Menschen das Zeichen sahen, das Jesus tat, sprachen sie: Das ist wahrlich der Prophet, der in die Welt kommen soll.« Jesus ist aber auch unfähig, Zeichen zu tun, wenn ihm nicht geglaubt wird, cf Mt 13,58: »Und er tat dort nicht viele Zeichen wegen ihres Unglaubens.« Daneben gibt es die eschatologischen Zeichen, die Vorzeichen des Weltendes, in den apokalyptischen Teilen der Evangelien. Sie bilden eine völlig separate und andersartige Tradition. Innerhalb dieser Zeichen wie Kriege, Erdbeben, Hungersnöte und Katastrophen gibt es allerdings die falschen Propheten und Messiasse als Volksverführer mit großen Wundern und Zeichen, denen nicht zu glauben sei, cf Mt 24,24. Das Wundertun ist also keineswegs auf Jesus beschränkt. Im unechten Mk-Schluß 16,9-20 Ende des 2.Jh.n.Chr. können alle, die an Jesus glauben, in seinem Namen böse Geister austreiben und neue Sprachen sprechen als Bekräftigung ihrer Verkündigung von Jesus. Man zweifelte in den Evangelien nicht an der Realität der Wunder anderer Zauberer oder Magier. Man warf ihnen nur das vor, was die Juden auch Jesus vorwarfen: Besessenheit von einem bösen Geist. Darum sind die Kämpfe zwischen Petrus und Simon Magus oder Paulus und einem Magier Kämpfe darum, wer Vertreter des wahren Gottes ist, und wer lediglich Dämonen und falsche Götter anbetet.
Beim Abendmahl bricht Jesus das Brot und gibt es den Jünger als seinen Leib, den Wein als sein Blut zu einem neuen Bund. Sollte dies historisch sein, wäre diese Transsubstantiation und Partizipation durch mysterienhaftes Verzehren der Gottheit wie bei Dionysos oder im Taurobolium die Kraftübertragung des Urstieres auf den Adepten ein Akt der Magie. Nicht grundlos wurden die Christen des Kannibalismus geziehen und deswegen verfolgt.[2106]
Wenn Jesus in Joh 14,6 sagt, er sei Weg, Wahrheit und Leben, dann ist das in dieser Kombination die Aša Zaraθuštras in allen ihren Bedeutungsgehalten, Wahrsein als der Weg rechten Lebens. Das ist eine zentralen Lehre Zaraθuštras und eine Aməša Spənta, eine Gotteshypostase. Sowohl Simon Magus als auch Jesus haben eine allegorische Art der Erzählung.[2107] Metaphern bestehen aus Subjekt - Kopula - Prädikation, etwa „Achill ist ein Löwe“. Und die Pointe, auf die der Vergleich abzielt[2108], ist nicht die Summe aller Eigenschaften des Prädikats, die lückenlos aufs Subjekt übertragbar sein müssen, sondern eine ganz besonders hervorstechende Eigenschaft, die semantisch geläufig ist, beim Löwen die Kraft und nicht vorzugsweise der Geruch. Eine Allegorie ist dagegen nicht pointenfocussiert, sondern dechiffriert das Prädikat in sämtlichen Eigenschaften auf das Subjekt hin, wodurch dieses mehr an Eigenschaften zugesprochen bekommt, als es faktisch hat oder sinnigerweise benötigt. Die Allegorie treibt quasi die Metapher mit buchhalterischer Lückenlosigkeit auf die Spitze und lenkt von dem Ursprungsmotiv zur Vergleichung, der einen gemeinsamen Eigenschaft, die die Pointe ausdrückt, immer mehr ab. In der Gemeinderedaktion werden auch andere Aspekte wichtiger als im ursprünglichen Lebenszusammenhang Jesu oder Simons. So können neue Pointen entstehen und der ursprüngliche Sinn verdeckt werden. Lacan, der Vater der Metapherntheorie, über Ricoeur theologisch rezipiert, spricht vom Gleiten des Signifikanten übers Signifikat, was die semiotische Modulation der Metapher in immer neuen Applikationen zum Motor von Sprachentwicklung und Sinngeschichte erhebt.[2109] Die Erweiterung des Seinshorizonts durch das Netzwerk der übertragenden Vergleichungen greift in die gesellschaftliche Konstruktion der Wirklichkeit hinein und läßt virtuelle Welten entstehen, die nur dadurch existieren, daß sie für real gehalten und als Realität betrieben werden. Wenn keiner ans Internet glauben würde, gäbe es dort keine Anwender, keine Laufwerke mit Informationen, keine Firmen, keine Arbeitsplätze, keine Milliardenumsätze. Die nackte technische Möglichkeit greift nur dann, wenn ein Sinnuniversum, Erklärung, Werbung und Verbreitung, sie in den gesellschaftlichen Lebenszusammenhang einspeist. Und bei Jesus wie bei Simon Magus sind die Gleichnisse engstens verbunden mit ihrer praktischen Arbeit und werden erst durch diese auf ihre erste und entscheidende Pointe gebracht.[2110]
1.7.11 Griechische Einflüsse mit
indoiranischem Hintergrund
Martin L. West hat untersucht, wie Hesiod und Homer, Pherecydes, Anaximander, Anaximenes, Heraklit, Pythagoras und seine Schule, Parmenides und Empedokles von persischen Elementen beeinflußt sind in ihren Lehren vom Feuer, den Elementen, der Sonne, Tod und Totenreich, Auferstehung, dem großen Jahr.[2111]
Friedo Ricken hat die Entwicklung der platonischen Lehre bis in den Neuplatonismus untersucht.[2112] Mittelplatonisch ist die Stufung des Seins in Existenz - Verstand - Leben. Diesem Schema sind die Äonen Barbelos angeglichen, wobei Barbelo selbst eine Art Daimonion zwischen dem einen Schöpfergeist und der Materie bildet. Innerhalb Barbelos reproduziert sich also die gleiche Dreiteilung, Dreifachheit des Seins, deren Mittelstellung Barbelo selbst doch allererst bildet. Diese Figur ist typisch für den Symbolismus der Gnosis: Eine Grundstruktur wird übertragen auf die Binnenstruktur ihrer Teile. Die häufige Rede vom Bild, Abbild, Ebenbild erinnerte an Platons Höhlengleichnis in der Politeia. Die sichtbare Welt ist nur eine trügerische Abschattung der oberen Welt der Seele und Idealität, der Kalokagathia. Alle unteren Seinsebenen sind lediglich immer mehr durch Materie verunreinigte Abbilder der oberen Seinsebenen in den sieben Himmeln.
Pythagoreische Einflüsse und zugleich iranische in ihrer Verarbeitung durch die Vorsokratiker dürften in der Elementenliste (Zostr 48,2-9; 55,15-22) zu finden sein, in der neben Erde, Luft, Wasser auch die Zahl eine wesentliche Rolle spielt. Zahlen und Buchstaben sind mystagogisch akklamativ erreichbare Wesenheiten. Die hymnischen Taufliturgien des Zostr und aller sethianischen Täufertums-Texte erinnern an die avestischen Gebetslitaneien.
Michel Tardieu hat in Aufnahme von Pierre Hadots Vergleich „Porphyre et Victorinus. Questions et Hypothèses“ hingewiesen auf enge Entsprechungen zwischen Zostr und der Schrift Adversus Arium des neuplatonisch-christlichen Theologen Marius Victorinus (~ 275- 362).[2113] Er vermutet eine Paraphrase von Adversus Arium im Zostrianos. Ob dies auf eine gemeinsame mittelplatonische Quelle mit dem Thema „Oberstes Weltprinzip“ schließen läßt? Ich werde dem unter 3.4.6 nachgehen.
1.8 Persische Eschatologie in jüdischer Apokalyptik
Böhlig hat orientalisch-hellenistische Einflüsse auf das Apokalyptik, Gnosis, Judentum und Urchristentum zusammengetragen, die oft fundamental prägten.[2114] Wenn ich im folgenden die Einflüsse bündelnd zusammenfasse, beziehe ich mich auf die Einzeldarstellung der iranischen Theologie unter 1.4. Hier soll nicht belegt werden, sondern das dort erarbeitete Wissen korreliert werden mit der apokalyptischen und gnostischen Tradition. Es gibt einen iranischen Pool von Szenen, deren Helden bereits dort umbesetzt werden können. Aus diesem Pool schöpfen Judentum, Gnosis und Christentum, indem man Szenen nicht getreu übernimmt, sondern umbaut, in andere Zusammenhänge einbaut, mehrere Szenen amalgamiert oder Einzelteile in anderen Szenen unterbringt. Das Sonnenstillstands-Wunder Hušedars wird beispielsweise zu Blendwerk des Antichristen umfunktioniert. Diese Transformationslogik soll hier beleuchtet werden.
Der Gutes und Böses zwillingshaft zeugende westiranische Gott der unendlichen Zeit, Zervan akarana, und die babylonische Vergötterung der Gestirne sind substanzielle Momente postexilischer Schöpfungstheologie in Judentum und Gnosis geworden. Neben der indoiranischen Sicht des Menschen als Mikro-Kosmos mit einer göttlich-geistigen und materiellen Doppelnatur, die auch dem Makro-Kosmos zueigen ist, ist auch das schamanische Potential erlösungswirkender Ekstasis Teil der gnostischen Praxis geworden, wobei die erlösende Selbsttranszendierung durch gnw=sij geschieht.
1.8.1 Der Tag Jahwes und das iranische Weltgericht
des Sošyant
Am Ende erhofft Zaraθuštra ein Ordal[2115], eine Bestrafung der Mörder, die im Zervanismus zum Endsieg über Ahriman und seine Scharen nach dessen 7 Kriegen gegen die heiligen Elemente und Geschöpfe der Erde wird und über die Stoa als e)kpu/rwsij auch in die Eschatologie eindringt. Dabei ist der Tag Jahwes im AT als Katastrophe für das sündige Volk sehr ähnlich Zaraθuštras Gedanken einer Vergeltung Ahura Mazdās an denen, die die aša, genauer: Menschen und Tiere mit Füßen treten. Er hoffte darauf noch zu seinen Lebzeiten - vergeblich. Der gleiche Prozeß einer Parusieverzögerung hat auch im Iran zu einer Verschiebung des großen Gerichtstags in eine weite Zukunft geführt. Dabei ist „Gerichtstag“ als dies irae keine juristisch aufgemöbelte Massenverurteilung mit langen Warteschlangen vor den Duschen mit Zyklon B, sondern eine finale Entscheidungsschlacht zweier Heere, die schließlich immer stärker stilisiert wird zum Duell des über Jahrtausende totliegenden und erst am Ende von Erzengeln auferweckten Helden Sam, der dem bösen Az-i-Dahak als schlimmstem Geschöpf Ahrimans den Drachenschädel einschlägt und so den Einfluß des Bösen endgültig liquidiert. Es ähnelt den Vorstellung der Propheten (Ez 7; 21; 30,3; 38f; Hos 1,5; 2,2; 10,15; Joel 1,15; 2f; 4,14; Am 2,16; 3,14; 5,18ff; 8,9ff; Obdj 7-15; Mi 5,9; 7,4; Zef 1f; 3,5-16; Sach 14; Mal 3,2.19-23; Mt 7,22; 10,15; 11,22.24; 12,36.41f) über den Tag Jahwes: der Tag der großen Schlacht, an dem das ungehorsame Israel blutig vom Feind niedergemetzelt wird. Das Tal des Gerichts Joel 4,14 ist das, wo zwei Heere aufeinandertreffen und das eine aufgerieben wird, seine Mitarbeiter zerhackt werden. Auch Jesus sieht den Gerichtstag in prophetischer Tradition als eine Vernichtungsschlacht, bei der keine Gefangenen gemacht werden. Das ägyptische Totengericht in den Hallen des Osiris hat durchaus Parallelen zum Weltgericht in Mt 25. Aber der eschatologische Kontext fehlt dort völlig, die 42 Beisitzer, die Herzwägung und die Einzelabfertigung für jeden Verstorbenen frisch beim Eintreffen in der Unterwelt stimmen nicht zum Rahmen von Mt 25. Der Vorlauf von kosmischen Katastrophen Mt 24 ist ebenfalls in keiner ägyptischen Tradition zu finden, so daß wir wohl auf die zervanistische Tradition von den großen Kriegen der Endzeit, dem Kommen der Sošyants am Ende der Zeit, dem Auszug der Helden gegen Ahriman und dem großen Sieg über die Gestalten des Bösen als Vorlage der christlichen Apokalyptik rechnen müssen. Die Verwandlung der Welt in eine gute, ohne Tränen und Leid, wie es in der Apk 21,4 beschrieben ist, kommt der iranischen Tradition bis hin zur Tötung des Drachens, der Schlange Az-i-Dahak (Bevarasp), besonders nah. Die postmortale Aufteilung der Menschen in Himmel und Hölle durch das Gericht, wie sie im Gefolge von Dan 7,13 in den Henocha und der Menschensohn-Gerichtsvorstellung des NT zu finden ist, ist ebenfalls eine iranische Vorstellung, da im ägyptischen Gericht die Strafe für den Nicht-Ma‘at-Verwirklicher das Gefressenwerden und die ewige Vernichtung war, nicht der Aufenthalt in einem Spezialhades für Sünder, der im Iran besonders von Ekelgerüchen und anderen Peinigungen geprägt war. Die vorjustiziable hohe Ethik Jesu Mt 25,35ff findet sich ähnlich wohl in Totenbuch Spruch 125 wieder, aber auch Y 49,5-11. Die iranische aša-Verwirklichung als Schöpfungsbewahrung in Gerechtigkeit entspricht der Ma‘at-Verwirklichung Ägyptens ziemlich genau bis in das Bild des göttlichen jungen Mädchens als Inbegriff dieser Reinheit des Handelns.
Die Totenerweckung zum Weltgericht und ewigen Leben in Bundahišn 30 SBE 5 (= Kap. 34 bei Anklesaria; cf oben 1.4.5.7) beinhaltet die Hochholung der Gebeine durch die Lebenden bzw. den Sošyant, die große Gerichtsversammlung mit dem Buch des Lebens, die vom Sošyant und 30 Gerechten geleitet wird, in der alle in Schafe und Böcke geschieden werden und die Bösen zur Bestrafung der 3 Nächte zurück in die Hölle kommen, worauf dann in einem Flußbett aus glühend geschmolzenem Metall nachhaltig geläutert werden, den Guten ist’s wie warme Milch, den Bösen eine Folter. Danach gehen alle in Liebe aufeinander zu und interessieren sich voll Wohlwollen füreinander, loben mit einer Stimme Ōhrmazd und die Erzengel und dann veranstaltet Sošyant die ultimative Unsterblichkeitszeremonie, indem das altiranische Stieropfer als Schöpfungswiederholung gefeiert und aus seinem Fett mit Haoma der Rauschtrank gebraut wird, der alle, die ihn trinken, unsterblich macht. Hier ist auch das christliche Abendmahl vorbereitet: Die Haoma-Zeremonie als Inkorporation des Gottes der Unsterblichkeit gekoppelt mit dem Stieropfer, der stirbt, damit aus ihm das Leben der Welt entsteht, ist authentischer als die paulinische Sühnopfertheorie und archaisch genug, um dieses Essen des Gottesstiers zu erklären, was in den Gottesknechtsliedern Jes 53 usw. nirgends plausibel wird, die jedoch sehr wohl den Tod des Königskritikers erklären können, den man stellvertretend für die vielen hinrichtet, die auch opponieren gegen die beklagte Unterdrückung. Das Fest der Versöhnten nach der Läuterung im glühenden Metallstrom und die Verleihung ewigen Lebens durch den Umtrunk des Haoma ist durch die agendarischen Austeilungsworte sehr plastisch aufgegriffen: „Das Blut Christi stärke und bewahre dich zum ewigen Leben.“ Der Haoma-Ritus ist das zentrale gottesdienstliche Ereignis im zoroastrischen Gottesdienst, wo eine ganze Reihe von Priestern in der Zubereitung des Haoma-Trankes spezielle Funktionen hatten, und was sich als Vorschein der künftigen Welt verstand, cf 1.4.2.3.
1.8.2 Die Vernichtung des Drachens Az-i Dahak in
iranischen Schriften
Mēnōk-i Chrad 8,27 werden Yim [Jamšed], Faridoon und Kay Us von Ōhrmazd unsterblich geschaffen, die eine zentrale Rolle in der Vernichtung der Wesen Ahrimans spielen. Es gibt Mēnōk-i Chrad 27 und 57, Dadestan-i Denik 37 und Bundahišn 29 SBE 5 (24,7-9; 33,33ff Anklesaria) eine Reihe von Endzeithelden, berühmten Königen des Perserreichs, die teils auch selbst fallen. Faridoon hat Ende des 2. der 12. Millennien des Großen Jahres der Weltzeit die geflügelte Schlange Az-i Dahak (Zohak oder Bevarasp) besiegt und im Abgrund des Demavand-Berges an einen Baumstamm gefesselt, aber nur auf Zeit. Erst der einstige Dev-Anbeter Sam, vom Türken mit einem Pfeil getötet und später vom Engel Neryosang und Sraoša im Auftrag Ahura Mazdās wiedererweckt, kann den Drachen schließlich mit seiner harten Keule töten. Vohuman Yašt (Bahman Yašt) III,52ff wird diese Drachentötung beschrieben. Im 8. Jahrtausend des Hušedar-mah wird »Satan von Schlangen-Ursprung vollständig zerstört« und Pešyotanu, Vištāspas Sohn, wird Priester und Herrscher (rad) der Welt. »55 Und Ahriman erhebt sich durch diese Bosheit auf zum Berg von Demavand, also in Richtung zu Bevarasp und ruft: "Jetzt sind es 9000 Jahre, und Fredun lebt nicht mehr; warum erhebst du dich nicht aufwärts, obwohl diese Deine Fesseln nicht entfernt werden, wenn diese Welt von Leuten voll ist, die sie vom Gehege gebracht haben, das Yima schuf? 56 Nach solchen abtrünnigen Rufen steht Az-i Dahak vor ihm auf, aber aus Angst von der Ähnlichkeit von Fredun im Körper von Fredun entfernt er erst mal die Fesseln nicht und stützte sich auf seinem Rumpf, bis Ahriman sie entfernte. 57 Und die Kraft von Az-i Dahak wuchs, als die Fesseln von seinem Rumpf entfernt wurden, und seine Wildheit kehrte zurück. Er schluckt den Abtrünnigen auf der Stelle hinunter, und während er in die Welt huscht, um Sünde zu begehen, begeht er unzählige schmerzliche Sünden; er frißt ein Drittel der Menschheit, Vieh, Schafe und andere Lebewesen von Ōhrmazd auf. Er schlägt Wasser, Feuer und Vegetation und begeht schmerzliche Sünde. 58 Da wehklagen das Wasser, Feuer und Pflanzen vor Ōhrmazd dem Herrn und sagen: "Mach Fredun wieder lebend, damit er den Az-i Dahak plattmache. Denn wenn Du, O Ōhrmazd, dies nicht tust, können wir nicht mehr in der Welt existieren. Das Feuer sagt: Ich werde nicht heizen. Das Wasser sagt: Ich werde nicht fließen. 59 Da sagte ich, Ōhrmazd der Schöpfer, zu Sroš und Neryosang dem Engel: "Schüttle den Körper von Keresasp dem Saman, bis er sich aufwärts erhebt!" 60 Dann gingen Sroš und der Engel Neryosang zu Keresasp; drei Male gaben sie einen Schrei von sich, und beim vierten Mal Sam stieg auf mit Triumph, und ging, um Az-i Dahak zu treffen. 61 Und Sam hört seinen Worten nicht zu, und die siegreiche Keule schlägt ihn auf dem Kopf und erschlägt und tötet ihn. Da gehen Verwüstung und Unglück von dieser Welt fort, während ich einen Anfang des Jahrtausends mache. 62 Dann macht Sošyan die Lebewesen wieder rein, und die Wiederbelebung und künftige Existenz kommt.« Dan 7,23 nimmt das Fressen des Drittels aller Lebewesen auf. Hier steht Indras Drachentötung der Schlange Vritra Pate, durch die aus dem Urberg Feuersonne und Somawasser als Lebensenergie befreit werden und so die Schöpfung beginnen kann.[2116]
Die zweite Variante vom Tod des Drachens Az-i Dahak als Inkarnation Ahrimans wird in Bundahišn 34,27-33 (Anklesaria) als Verbrennen im Feuerstrom geschildert: »Dann wird Ōhrmazd den Bösen Geist packen, Vohuman den Akoman, Ardwahišt den Indra, Šahrewar den Sauru, den Spandarmad Taromat, der Naonhaithya, Hordat und Amurdad ist, Taurvi und Zairi packen, den wahrheitsgemäße Ausdruck wird den unwahrhaftigen Ausdruck packen und der heilige Sroš wird Aešma {Ešm} packen mit grausamem Speer. 28 Und dann werden zwei drujs bleiben, Ahriman und Az. 29 Ōhrmazd wird selbst als Zot zur Welt kommen und Sroš als Raspi, und er wird den heiligen Gürtel {kusti} in seinen Händen haben. 30 Und der Böse Geist und Az wollen hinunter zur Düsternis und Dunkelheit über den Durchgang vom irdischen Himmel, durch den er gekommen ist, seine Strategie ist besiegt und wirkungslos gemacht mittels des gathischen Zauberspruches {nirang}. 31 Und der Drache Gochihar wird verbrannt werden im geschmolzenen Metall, und das Metall wird in die böse Existenz fließen, und der Gestank und die Verunreinigung innerhalb der Erde, wo die böse Existenz wohnte, wird von diesem Metall aufgezehrt werden, und es wird rein werden. Das Loch, durch das der Bösen Geist gekommen ist, wird mit diesem Metall geschlossen. 32 Sie werden diese böse Existenz von der Erde weg zur Weite der Welt bringen, und es wird Renovierung geben {frašegird} im Universum, die Welt wird durch seinen Willen bis zur Ewigkeit und ewigem Fortschritt unsterblich werden. 33 Man sagt auch: "Diese Erde wird eine Prärie werden, ohne Höhe und ohne Boden; und es wird weder Hügel noch einen Gipfel geben, noch Tal, noch Hochland, noch Tiefland."« Dies entspricht Dan 7,11 und Apk 19,20.
Yt 19,7,40ff werden viele Ungeheuer der Daevas beschrieben, die Schlange Svarana kann Pferde und Männer verschlingen. Schlangen als Gifttiere werden erwähnt Vd 1,2; 14,5; 18,65.73; Mēnōk-i Chrad 2,191; 27,49 und Dēnkard 7,1,32 erschlägt Sam die Schlange Srobovar und den Wolf Kaputt. Per Stock mit Lederschlinge töten die Ašagläubigen Schlangen: Bundahišn 28,21ff SBE5 cf 22 und 27,25-27 Anklesaria. Dadestan-i Denik 37,97: Der Dahak [Zohak], wie die meisten mächtigen Dämonen und Satane in Form von geflügelten Schlangen, entkommt den Fesseln von Faridoon. Dēnkard 7,2,24-62 übervölkern Schlange, Skorpion, Frosch und Eidechse als giftige Satanstiere die Erde. 7,8 kommt eine Riesenschlange. Ardā Vīrāf 19 wird in der Hölle ein Sodomist von Schlangen gepeinigt, 28 wird ein böser Herrscher mit lebenden Schlange gepeitscht und 56 nagen Schlangen an Verächtern von Wasser und Feuer.
Bundahišn 3,3-11 und 28,1 SBE5 (4,3-11 und 27 Ankl) hat Ahriman die Gestalt einer riesigen Eidechse (vazak) und schwängert die bösartig lüsterne Menschentochter Yeh/Jahi, wobei er in die Gestalt eines Rüpels wechseln kann, und springt mit seinen Genossen aus dem Himmel auf die Erde und giftige Tiere verbreiten sich massenhaft, cf 13,16. Hierher stammt die Vorstellung des Drachens, der Jungfrauen vernascht, in Apk 12. Aber auch die gefallenen Engel Hen(äth) 6-11 sind hiernach modelliert, cf 2.1.4.1. BY III,56 hat Az-i Dahak die selbe Körpergestalt wie Fredun/Faridoon, scheint also zwischen Mensch und Drachengestalt zu oszillieren.
In Apk 12 fegt der rote Drache ein Drittel der Sterne des Himmels auf die Erde mit seinem starken Schwanz. Auch dies hat iranisch-babylonische Astrologie-Vorlagen. Der Schwanz des Drachens Gochihar steht im Tierkreiszeichen des Schützen laut Bundahišn 5,5 Ankl: »Gochihar stand in der Mitte des Himmels, wie ein Drachen, sein Kopf im Zwilling und sein Schwanz im Schützen, dort sind sechs Konstellationen immer zwischen seinem Kopf und Schwanz; seine Bewegung ist rückwärts; jede zehn Jahre kommt sein Schwanz dort zurück wo sein Kopf war, und sein Kopf kommt dort zurück wo sein Schwanz war.« Aus dieser Drehung in der Himmelsmitte wird das Wegfegen des Drittels aller Sterne erklärbar. - Apk 12,9 werfen Michael und seine Engel den Drachen aus dem Himmel auf die Erde, was Bundahišn 28 SBE von einer Machtdemonstration des Drachens zu einer Niederlage umdeutet. In Bund 30,17ff SBE (34,17ff Ankl) fällt der Drache Gochihar vom Mond auf die Erde, alle sind verzweifelt wie Schafe, die der Wolf beißt. Hier gibt es im Bundahišn offensichtlich zwei verschiedene Versionen des Fallens aus dem Himmel auf die Erde, die von Kap 28/27 als Machtgeste, die von 30,17ff/34,17ff als erste Entmachtung.
Über die Vision des 10hörnigen 4. Tieres Dan 7,7ff ist die iranische Verkörperung der Mächte des Bösen im Drachen in die jüdische Apokalyptik eingewandert, wobei ganze mythische Szenarien übernommen wurden, allerdings mit entscheidenden Umprägungen. Michael ist an die Stelle von Faridoon getreten, auch hier kein völliger Sieg über Satan, sondern nur Teilerfolge, die Vernichtung Gochihars im Feuer Bundahišn 30/34 wird vor der Sam-Tradition der Drachentötung mit der Keule in der apokalyptischen Danieltradition bevorzugt.
Herodot II,75f und III,107ff berichtet von kleinen bunten Schlangen mit lederartigen Fledermausflügeln, die massenhaft die Weihrauchbäume bevölkern und von den ägyptischen Ibissen getötet und verzehrt werden, wenn sie bei Buto aus dem Bergmassiv ins Nildelta wollen. Die ägyptische Schlangengöttin Wadjet wurde in Buto geflügelt dargestellt verehrt.
Der Flugdrache (Draco volans) ist eine Gattung baumbewohnender 20-25 cm langer Agamen im tropischen Südost-Asien und Ost-Indien.[2117] Diese geflügelten Eidechsen bilden ca. 15 Arten. Seitliche Hautsäume, die durch fächerartig abspreizbare Rippen seitlich aufgespannt werden können, ermöglichen Gleitflüge von meist wenigen Metern bis mehr als 100 m. Pro Höhenmeter schaffen sie 5 Meter an Gleitweite. Ein bunter (türkis, gelb, rot, schwarz) spitzbartartiger Zacken unterm Kinn ist wie ein Mast für ein vorderes Gleitsegel (pogon), welches im Flug aufgespreizt wird. Sie sind olivgrün der Baumrinde angepaßt, haben oft grünmatte Querstreifen und ihre Flügel (patagium) sind grell orangefarben mit schwarzen Streifen. Der Sulawesi Lined Gliding Lizard (Draco spilonotus) hat Flügel in Größe eines Vogelflügels und bevölkert die Wälder Indonesiens. Ohne Balz- oder Flugabsicht bleiben die Flügel regenschirmartig zusammengeklappt am Leib. Die Aussagen Herodots könnten auf eine Agamen-Art deuten, die sich unter tropischem Klima (32 °C mit 70 % relative Luftfeuchte) damals im Umkreis Ägyptens aufgehalten hat und inzwischen dort ausgestorben ist. Bunt, klein, auf Weihrauchbäumen, also in Somalia oder Erythräa, könnten sie durchaus das Vorbild der geflügelten Schlange abgegeben haben. Ein Vorkommen in Wüstenregionen ist ausgeschlossen: Zum Gleitflug braucht es hohe Bäume.
Die Schmuckbaumnattern in tropischen Regenwäldern Südostasiens sind noch größer und ernähren sich neben Fledermäusen und Vögeln vom Draco volans. Es gibt 5 Sorten. Die Gewöhnliche Schmuckbaumnatter Chrysopelea ornata (70-140 cm) schafft mit ihren s-förmigen Schlängelbewegungen 5 m Gleitflug. Die kleinere Paradies-Schmuckbaumnatter Chrysopelea paradisi (85 cm) schlägt relativ zur Körperlänge größere Wellen und erzeugt durch Abflachen ihrer Unterseite zusätzlichen Auftrieb, wodurch sie aus 9,5 m Höhe auf 12 m Gleitflug mit 37° Neigungswinkel kommt.[2118] Sie hängen wie ein „J“ am Ast, springen dann ab, strecken sich durch und wölben ihre Rippen zu Gleitflächen auf mit doppelter Körperbreite. Erst dann beginnen die Auftrieb-schaffenden Schlängelwellen im Halbsekundentakt. Die Richtung des Gleitflugs mit 8m/sek kann blitzschnell geändert werden, um Ästen oder Feinden auszuweichen oder ein fliegendes Beutetier trotz seiner Ausweichmanöver noch zu zwicken.[2119]
1.8.3 Auferstehung und Auffahrt der Seele in den
Himmel
1.8.3.1 Die iranische Totenzeremonie, Cinvat-Brücke und Garothman
Die jüdisch-makkabäische Märtyrertradition hat in den iranischen Endzeithelden und ihren Kämpfen die Folie für ihren eigenen eschatologisch interpretierten Endzeitkampf gefunden und diese königlichen Helden, aus Zaraθuštras Geschlecht und berufen oder erweckt durch Erzengel, als Vorlage für den eigenen Messianismus aufgegriffen. So können prophetische Kriegsmessiasse oder Gotteshelden läuternd kämpfen und nach ihrer Tötung in diesem Kampf gegen das Böse wieder in den Himmel aufsteigen, aus dem sie auch gekommen sind. Die Auferstehung und Himmelfahrt ist dabei das jüdische Äquivalent zur Reversibilität des Todes vom iranischen Endzeithelden Sam, der BY III,60 von Sroš und dem Erzengel Neryosang durch 3½ Schreie auferweckt und zum Drachenkampf geschickt wurde.
1.8.3.2 Die Auferstehung des Gerechten in iranischen Texten
Für die Auferstehung nach 3 Tagen oder am 3. Tag mit anschließender Himmelfahrt ist eine andere Tradition maßgeblich: Das iranische Totenritual mit dem Gericht an der Cinvat-Brücke Hadōxt-Nask 2f (= Yašt 20), Mēnōk-i Chrad 2, Vendidad 19,19-32 und Bundahišn 30,4ff Ankl, in dem die Verwandten 3 Nächte am Sterbebett die Leiche begleiten und in der Morgenfrühe des 4. Tages die Seele des Verstorbenen vom Wind oder Vohumana abgeholt wird und zur Cinvat-Brücke gebracht wird, wo sie nach dem Totengericht durch die Daēna mit ihren Hunden dann den Alburzberg hochmarschieren bis zum Gipfel, der in der Sonne ist, der Wohnung Ahura Mazdās, cf 1.4.2.7f.[2120] Ardā Vīrāf zeugt von iranischen Himmelsreisetraditionen. Was er von seiner Reise erzählt, dient als Trost in Verfolgungssituationen.
1.8.3.3 Der sterbende Baal im Rehabilitationstraum gefolterter Makkabäer
Auferstehung als Rehabilitation und Lohn für das Leid im Kampf ist die einzige Hoffnung, die den makkabäischen Befreiungskämpfern blieb in ihrem heiligen Krieg. Heute ist diese Hoffnung im islamischen Fundamentalismus eine machtvolle Motivation der Selbstmordattentäter, die in einem ungleichen Kampf gegen übermächtige, reiche und hochgerüstete Imperien anders für die Freiheit ihres Volkes wenig ausrichten können. Auch hier ist die Unterdrückung durch eine „Hure Babylon“ im Hunger und sozialen Elend Auslöser für eine Abkehr von der Welt, die im Krieg und Kamikazekampf den Tod sucht.
Der biblische Auferstehungsglaube entstand also durch Übernahme der iranischen Seelenjustiz in die Märtyrertradition der Makkabäerkriege, nach der Märtyrer nach ihrem qualvollen Tode in der Art des Elia oder Henoch zum rehabilitierenden Erweis ihrer Rechtschaffenheit und der Macht Gottes zu Gott in den Himmel entrückt werden.[2121] Daniel war als Vorbild des getreuen Frommen mit seinem Löwengrube und Feuerofen überstehenden Glauben auch für die makkabäischen Bekenner ein zentrales Buch. Die Weltgerichtsvision war eine Antwort auf ihre Leiden aufgrund ihres Glaubens. Von daher bekam Dan 7 ein so starkes Gewicht als Folie in der Bewältigung des gewaltsamen Todes. Die Lehre Ben-Sira's von der immanenten Vergeltung für die Opfer der makkabäischen Befreiungskriege wurde für die Märtyrer immer weniger tragfähige Basis für ihre Bereitschaft, sich lieber töten zu lassen, als Gottes Gebot zu brechen. Daher entsteht aus der schreienden Frage nach der Bundestreue Jahwes zu denen, die um seinetwillen sterben gehen, in der frühen chassidischen Apokalyptik als neue Lösung des Theodizeeproblems die Lehre, der Märtyrer fahre direkt nach seiner Hinrichtung zu Gott.[2122] Die Herkunft des Auferstehungsmotivs dieser Märtyrertheologie liegt in der iranischen Auferstehungsmythik via Theopomp und den Vegetationskulten, in denen dem Tod Gottes unweigerlich die Auferstehung folgt.[2123] Dieser Synkretismus von iranischen und phönizischen Mythen entwickelte sich über die gemeinsame Idee von Tod und Weiterleben.
Baals-Traditionen sind in der
Konstitution des
Himmelsaufstieges des Menschensohns eingeflossen. Schaltstelle ist die
Weltgerichtsvision
in Dan
7. El
wird zum Alten der Tage, Moth
zum bösen
vierten Tier mit den 10 Hörnern, einer Art
Höllenhund, dessen große Macht erst
besiegt werden muß, ehe dann Baal
alias
Menschensohn ($unA))
erscheinen kann, cf 1.5.2.46. Dan 7,13f:
»Ich sah in
diesem Gesicht in der Nacht, und siehe, es
kam einer mit den Wolken des Himmels wie eines Menschen Sohn und
gelangte zu
dem, der uralt war, und wurde vor ihn gebracht. Der gab ihm Macht, Ehre
und
Reich, daß ihm alle Völker und Leute aus so vielen
verschiedenen Sprachen
dienen sollten. Seine Macht ist ewig und vergeht nicht, und sein Reich
hat kein
Ende.« In dieser Inthronisationsszene stecken
die Schlüsselmotive sowohl
für Himmelfahrt also auch Parusie und Auferstehung.[2124]
Der Hoheitstitel des la(ab nOy:lA(: »der
auf Wolken reitet«,[2125]
wird Prädikat des Menschensohnes der synoptischen Apokalypsen Mt 26,64;
Mk
13,26; 14,62; Apk
1,7. Jesus wird so
zum Wolkenreiter stipuliert. »Das Sterben
Christi tritt in den Rahmen des nun untergehenden und wieder
auferstehenden
Jahres- oder Vegetationsgotts.»[2126]
Wie die Märtyrertheologie im NT aufgenommen wurde, läßt sich an der Steinigung des Stephanus erkennen. Im Stephanuskreis und der Damaskusgemeinde in Syrien liegt die Quelle der Konvergenz von Joh und Paulus: Heterodoxes Randjudentum > Täuferjünger > Jesusbewegung > Hellenistengruppe der Jerusalemer Urgemeinde > Johanneischer Kreis.[2127] Die Magier-Hochburg Damaskus war Schulgemeinde von Paulus (Ananias Acta 22) sowie Heimat des Joh.[2128] Das macht Gemeinsamkeiten beider plausibel. In der Stephanusvision Acta 7,56 erkennt man die Anwaltschaft des Erhöhten, der nicht richtend zur Rechten Gottes sitzt, sondern stehend den von der Welt Verurteilten verteidigt.[2129] »In seiner Vision erweitert sich das Forum um die himmlische Dimension... Der bedrängte Zeuge sieht seinen himmlischen Anwalt bei Gott stehen. Dieser ist Fürsprecher bei Gott.« Dabei greife Lk »eine alte, mit dem Namen der Hellenisten verknüpfte Tradition« auf. Lk 21,15 knüpfe mit 'Weisheit' auch »stärker an die Tradition über die Hellenisten« an. »Es besteht eine Neigung, die beiden Foren, das irdische und das himmlische, so miteinander zur Deckung zu bringen, daß die irdischen Gegner mit den widrigen Engelmächten verschmelzen.« Auch Apk 12,10-12 koinzidieren Martyrium und himmlisches Gericht. Der Interzessor von Rm 8 steht ebenfalls gegen »widrige Geistermächte«.[2130] Die 'Mächte und Gewalten' der 'Herrscher dieser Welt', diese ahrimanischen Dämonen, werden sowohl im Bahman Yašt als auch in den jüdischen und christlichen Texten immer wieder aktuell an den jeweiligen Verfolgern personifiziert.
1.8.4 Die Daniel-Tradition der Endzeitpropheten
Henoch und Elia
Die jüdische Apokalyptik der vom hellenistischen Seleukidenkönig Antiochos IV. Epiphanes verfolgten gesetzestreuen Chassidim hat babylonische, griechische und persische Motive in die symbolistischen „Schreibtischvisionen“ aufgenommen, die längst keine psychedelischen Erfahrungen mehr zum Ursprung hatten.[2131] »Auch die jüdische Apokalyptik steht so in dem größeren geistesgeschichtlichen Zusammenhang einer Gegenbewegung gegen die 'griechische Überfremdung' und war dabei doch selbst eine Frucht der hellenistischen Zeit.«[2132] Man darf davon ausgehen, daß die Apokalypsen des 2. Tempels gelesen werden müssen »not as fictionalized accounts of personal experiences but as works of fiction from start to finish.«[2133] Ursprüngliche Visionserfahrung inflatiert zur Literaturform und zum Stilmittel.
Das Exil zeigte den Juden die chaldäische Astronomie und das immense Interesse am Himmel bis zum Stufenhimmel der Zikkurat. Der griechische Hades und die ägyptische Jenseitsliteratur formten Totenreichvorstellungen im Stil der Kurgan-Idee, daß in der Unterwelt ein teilpompöses Weiterleben stattfinde. Der Himmelsaufstieg des Pharao als Sonnensohn war wie Miθras Sonnenwagen[2134] Modell für den Wolkenreiter Dan 7,13. Die iranische Idee des Gerichts nach dem Tode und der Gang der Gerechten über die Cinvat-Brücke auf den Alburzberg und an ihm emporkraxelnd zum Gipfel als höchstem Ort, auf dem die Sonne wohnt, prägte die Vorstellung eines von Engeln und Erzengeln bewohnten Lebensraums der guten Toten, wo das Haus des Lobgesanges (garōθmān) Inbegriff des Glücks ist. Astrologie, Unterwelt, Sonnenaufgang - diese drei Hauptstränge der Himmelsvorstellungen haben sich einerseits über Vorsokratiker und Athener Akademie, andererseits über das Diasporajudentum persischer Satrapien weiterentwickelt, bis sie im Hellenismus erneut aufeinandertrafen und zur visionären Himmelsreise mit Verkündigungsauftrag ausgearbeitet zu einem neuen spirituellen Schwerpunkt der prophetischen Seher- und Orakelzunft wurden. Die Ausbreitung des Mithraskultes hat dies forciert.
Dan
entstand im 2. Jh.v.Chr. und ist erstmals OrSib
III,338ff um 140 v.Chr. bezeugt. Er galt Jub
4,20 als Schwiegervater Henochs. Im ugaritischen Epos
Aqhat ist um 1500 v.Chr. König Danel
Gönner der
Armen.[2135]
Er opfert 7 Tage den Göttern, um endlich einen Sohn zu
bekommen, in einem Traum
sagen sie ihm den Sohn zu, er befruchtet nun seine Frau und feiert mit
Sängerinnen 7 Tage ein Fest. Später richtet er am
Dreschplatz vor dem Tor
zugunsten der Witwen und Waisen. Ein Götterkünstler
überreicht ihm dort Bogen
und Köcher für seinen Sohn Aquat und prophezeit ihm
Unsterblichkeit. Anat
ärgert das und sie läßt Aquat
vom Adler
töten. Danel
holt mit Baals
Hilfe seinen Sohn aus der Adlermutter zurück und bestattet
ihn. Aquats
Schwester Paghat tötet den Adler. Danel
befruchtet
seine Frau erneut mit Erfolg. Auch hier ist der Baals-Mythos
Grundschema: Der
Königssohn stirbt und ersteht als neuer Sohn. Wenn im Traum Dan
7,13 der
Menschensohn kommt, so ist dies auch der Sohn Danels.
Je vorzeitlicher, desto näher am Ursprung, der ja Urbild der erhofften Renovierung der Welt ist; auch Yima ist Urkönig.[2136] Dan 2,4b-7,28 ist aramäisch, die Einleitung 1,1-2,4a und die Visionen im Ich-Stil späthebräisch mit persischen und griechischen Lehnwörtern. Schon dies unterstreicht die persischen Einflüsse. Das Wissen über die Exilszeit ist vage. Dan 1-6 besteht aus 6 orientalischen Hofgeschichten ohne Historizität oder fundierte Kenntnis babylonischer und persischer Hofverhältnisse mit glücklichem Ausgang der Martyrien, was nicht die Erfahrung der Makkabäer war. So könnten sie in oder nach der Alexanderzeit entstanden als Legenden weitererzählt, gesammelt, redaktionell angeglichen und ins Buch aufgenommen worden sein. Dan 2 und 7 sind die ältesten Teile. Die Visionen sind in dieser Differenziertheit nicht halluzinierbar; sie bilden nur einen stilistischen Rahmen, in dem in Bildern und massiven Symbolen die Geschichtsperiodik beschrieben wird.
Im Bahman Yašt als einer der Hauptquellen der jüdischen Apokalyptik liegt eine Vision der kommenden 4 Reiche vor, wie sie in Dan 2 übernommen ist, cf oben 1.4.2.11 und 1.8.7.
Neben der Danieltradition gibt es die Henochtradition, die Esratradition, die Eliatradition und kleinere Werke, in denen berühmte Propheten oder Priester der Vorzeit in die Rolle des Messianischen Befreiers der Endzeit eingesetzt werden: Baruch, Jesaja, Levi, Adam, Mose und auch Jesus ist in diese messianische Rolle des Großen Königs eingesetzt worden, bei Lactantius ist es Kaiser Konstantin. Die spätere Apokalyptik kennzeichnet sich durch einen starken Traditionalismus, der selbst älteste Texte treu überliefert, weil sie als Offenbarung unantastbar sind bis aufs i-Tüpfelchen. (Mt 5,18 = Lk 16,17) Prophetische und apokalyptische Redeformen werden stark schematisiert. Damit bilden Wortverbindungen und Formeln neben Motiven, Bildern und Szenarien ein deutliches Indiz für Abkünftigkeiten. Die Texttreue gilt in gleicher Weise für die persischen Texte, die ja auch erst spät redigiert wurden, gleichwohl aber zervanistische Traditionen enthalten, die bis ins 6.Jh.v.Chr. zurückreichen und Miθra-Elemente, die weit früher entstanden sein müssen.[2137]
Das vierte Tier in Dan
7 könnte der syrische Typhon sein, mit dem Baal
kämpft.[2138]
Der Hochbetagte in 7,9 ist El.[2139]
Persien als Widder und Hellas als Steinbock stammen aus der
chaldäischen
Zodiaklehre, die Mēnōk-i
Chrad 8-12 und im Großen Jahr rezipiert ist.[2140]
Die Schutzengel der Völker Dan
10,13f.20f stammen aus der Fravaši-Idee.[2141]
Gerade die beiden ältesten Teile 2 und 7 zeigen am
deutlichsten iranische
Traditionen. Wie sehr ist die Erweckung des Urmenschen Gayōmard
zum Weltgericht Bundahišn
34,6 Vorbild?[2142]
Statt Gayōmard
kann hier auch Sam
erweckt werden. Er
wird zunächst in Babylonien mit
Marduk (Baal Merodach) identifiziert und »was received
into Judaism in
the second pre-Christian century, and furnished the inspiration for the
properly nameless 'man-like one' of Daniel ... [insofar as] his
humanity
abetted the transformation of the Hebrew conception of the protoplasm,
the
common origin of the Bar NAša and celestial Adam«.[2143]
Gott erscheint als Wolkensäule oder wie Baal als Gewitterwolke mit Blitz-Attacke Ex 13,21-22; 19,9.16; Ps 18,10; Jes 19,1, als Wolke im Allerheiligsten des Salomotempels 1 Kön 8,10-11 und Ez 10,4, als Sturmwagen mit adlerschnellen Rossen Jer 4,13. Lediglich Jer 4,13 kommt also Dan 7,13 auch nur entfernt nah, wobei die Pointe des Vergleichs die Windgeschwindigkeit des Feindanrückens ist. An keiner Stelle kommt im AT irgendwer auf den Wolken, denn Gott ist Wolke. Einzig Elias Wagen mit feurigen Rossen in 2 Kön 2,11 ist ein Himmelsgefährt, mit dem er im Gewitter auffährt. Henoch wird Gen 5,24 »hinweggenommen«, weil er mit Gott wandelte. Das macht beide zu bevorzugten Anwärtern auf die Identität des Menschensohns von Dan 7,13.
Der Menschensohn mit den Wolken des Himmels könnte aber auch Miθras Sonnenwagen Yašt 10,13.42.52.76.90.118; 12,34; 13,81, der auch als Totenrichterwagen fungiert, entlehnt sein, der am Himmel daherfährt wie die Barke des Re. Yašt 10,99f: »Herangefahren kommt der Landesherr, er der weite Fluren besitzende Miθra, zu dem rechten Ende dieser breiten runden fernbegrenzten Erde. (100) Auf seiner rechten Seite fährt er der gute ašafromme Sraoša, auf seiner linken Seite führt er der kraftvolle hochgewachsene Rašnav, rings auf allen Seiten fahren die Wasser und die Pflanzen und die Fravašays der Ašagläubigen.« Hier kommt der Himmelswagen mit Oberrichter Miθra, der immer als Menschgestalt in den Mithräen dargestellt ist und der einzige iranische als Mensch dargestellt Gott überhaupt ist. In seinem Gefolge die beiden Totenrichter und die Fravaši, also die Seelen der Gerechten, was wiederum zu den Heiligen des Höchsten Dan 7,18.21-27 paßt. Schließlich ist das Verhältnis von Hochbetagtem und Menschensohn zu sehen: Hier paßt am ehesten die Relation von Ahura Mazdā zum Sošyant, der zum Gericht kommt. Wenn seine Herrschaft über alle Völker Dan 7,14 ewig ist und 7,21f vorher das 4. Tier mit seinem Horn die Heiligen des Höchsten noch ein letztes Mal bezwingt, so ist darin der Endkampf von Az-i Dahak zu sehen, was wiederum die Sošyant-Figur bestätigt. Wir haben also drei iranische Figuren, die je 3-4 Elemente aus Dan 7,13 vereinen, während ähnliches im AT so nie zusammentrifft: ♣ Der menschgestaltige Miθra fährt auf Wolken und richtet unter der Oberherrschaft Ahura Mazdās, ♣ Gayōmard wird zum Gericht als erster Mensch erweckt. ♣ Der als Zaraθuštrasohn menschliche Sošyant richtet im Auftrag Ahura Mazdās und ihm voraus geht die letzte Entfesselung Az-i Dahaks. Wahrscheinlich, daß alle drei synkretistisch zu einer wolkenfahrenden menschlichen Weltrichterfigur vor dem Schöpfergott vereint wurden.
Zu diesen drei Figuren tritt Baal hinzu, als Baal Merodach überdies mit Marduk-Elementen versehen.[2144] Baal ist Wettergott, der im Donnerrollen dem Blitz folgend am Himmel dahinfährt. Wer einmal dem Donner zugehört hat, weiß, wie eindrücklich dieses Dahinjagen sein kann, wie ein superschneller unsichtbarer Kampfjet kreuz und quer über den Himmel. Der Donner ist nicht an einer Stelle, sondern zieht eine akustische Bahn. Auch Elias Feuerwagen ist ein Gewitterphänomen. Im Mythos von Baals Tempeleinweihung aus den 1929-39 ausgegrabenen Ras-Schamra-Texten sagt der Tempelbaumeister: »Wahrlich, ich sage dir, o Fürst Baal: ich wiederhole, o du, der du auf den Wolken fährst: Siehe deinen Feind, o Baal, siehe deinen Feind wirst du erschlagen! Siehe, du wirst deine Widersacher ausrotten, du wirst dein ewiges Königtum ergreifen, die Herrschaft über deine wechselnden Generationen.«[2145] Der Meeresfürst der Frühjahrsüberschwemmung wird besiegt und ein neues fruchtbares Ackerjahr kann beginnen. Auch hier kumulieren Menschgestalt, Schöpfersohnschaft, Wolkenfahrt, Richterterminator über Drachenfeind und Auferweckung. Der kanaanäische Mythos war in Israel altvertraut. »Die Ras-Schamra-Texte haben uns gezeigt, daß die Israeliten in noch höherem Maße, als man zuvor wußte, Einflüsse aus dem kanaanäischen Milieu empfangen haben. Sie haben Bräuche, Ideen und Ideale übernommen, die für sie von größter Bedeutung waren... und wir haben gesehen, daß sich das Königsideal, das dann den Hintergrund für die Messiaserwartung Israels darstellte, auf kanaanäische Texte zurückführen läßt. (...) Der Sexualkult wurde ständig geübt, und im Adoniskult wurde ganz besonders in Syrien der sterbende und auferstehende Gott gefeiert, auch nachdem das alte Königtum untergegangen war.«[2146] Als Ackergott Eschmun hat Baal mit Astarte einen großen Tempel in Sidon. Seine Namen wechseln. Er wird oft um Heilung angefleht und im Hellenismus mit Asklepios identifiziert.
ÃAdwnij (}Odff)) = Herr, Meister ist als phönizisch-zyprischer Fruchtbarkeitsgott seit dem 6. Jh.v.Chr. bei den Griechen, etwa Sappho bekannt.[2147] Auf Zypern, wo seit dem 9.Jh.V.Chr. Phönizier in Kition siedeln und Baal verehren, ist der Ortsgott Wanax (= Herr) von Idalion von phönizischen Geschäftsleuten Adon genannt worden, da das andere Wort für Herr, Baal, bereits vergeben war in Kition.[2148] Dieser Wanax hatte eine Gattin wie Ašera. So konnten die Phönizier ihr Hochzeitspaar Baal-Anat auf Wanax-Adon übertragen und den autochtonen Mythos adaptieren. Adon ist Sohn von König Kinyras und Gattin Methame von Paphos[2149] oder gemäß Hesiod König Theias im syrischen Smyrna mit seiner 12jährigen Tochter Myrrha, die es, verflucht von Aphrodite, 12 Nächte mit Vati treibt. Als er sie bei Laternenlicht erkennt, zückt er das Messer, sie flieht und wird von Aphrodite in den Myrrhenbaum verwandelt wird, aus dem nach 10 Monaten das Adonisbaby herausgeschält wird und von Aphrodite im Sarg Persephone übergeben wird. Beide sind scharf auf den knackigen Jungen, er entscheidet sich für je 8 Monate mit Aphrodite und 4 winterliche mit Persephone.[2150] In Byblos ist er laut Lukian Sohn von Phönix und Alphesiboia-Aphrodite. Astarte verliebt sich in ihn, will ihn von seiner Jagdleidenschaft abbringen, aber erfolglos: ein Eber tötet ihn. An der Quelle des Adonisflusses, heute Nahr Ibrahim in einer Riesengrotte 200 m hoch in den Klippen bei Afqa im Libanon färbt sich das Frühlingswasser von der eisenhaltigen Erde rot. Hier ist der Mythos entstanden und wurde hier jährlich zelebriert bis ins 5.Jh.n.Chr. Zu schriller Flötenmusik säen Frauen in Aphroditegewändern in „Adonisgärten“ auf Flachdächern schnellwachsende schöne Pflanzen, die aufblühen und verwelken.[2151] Es wird Weihrauch geräuchert, um den Samenmeister durch den Duft zum Leben zu wecken, Klagechöre singen an seinem Sarg, wo er in roter Robe liegt, die rote Anemone kündet seine Auferstehung.[2152] Weil sein Herr ihn erschlug und die Knochen zermahlen übers Land verstreute, wird nur gemahlene Weizenkost und Gemüse verzehrt. Es werden Adonispuppen bestattet. Direkt nach dem Trauertag findet das Auferstehungsfest statt, so im Astartetempel von Byblos: Man rasierte sich sogar die Schädel vor Trauer, dann aber stand Adonis wieder auf und wurde ins Heiligtum gebracht. Frauen, die ihr schönes Haar nicht opfern wollten, durften an einem bestimmten Tag ihre Vagina Fremden offenhalten.[2153] Hier spielt auch das amoritische Gesetz mit, daß Mädchen vor ihrer Hochzeit 7 Tage im Tor sich prostituieren dürfen, bevor es nur noch einer ist. In Zypern soll der Tempelbezirk gerammelt voll von Frauen gewesen sein, die ihrer Penetration oft jahrelang entgegenharrten. Entscheidend ist die Szene des auferstandenen Adonis, der zum Heiligtum zur Inthronisation fährt.
Wie sehr das Heiligtum Himmelfahrtskommando ist, zeigt Gen 28. Nicht allein der kanaanäische Gottesname wurde im 8.Jh.v.Chr. vom Elohisten für den Gott der Väter übernommen, sondern es wurden auch kanaanäische Heiligtümer wie Sichem, Bethel, Mamre/Hebron, Beerscheba, Beer-lahaj-roi und im Ostjordanland Sokkoth, Pnuel, Mizpa und Mahanaim jahwisiert wie das von Bethel mit seiner typischen Trias von Altar, Massebe und Klageeiche.[2154] Die Massebe als Kraftzentrum und Wohnung Els wird nach der Libation, dem Übergießen der Säulenspitze mit Öl, Jakobs Kopfstütze beim Traum von der Himmelsleiter, auf der Engel auf- und absteigen. Die Steinsäule ist selbst Gen 28,17 eine »Pforte des Himmels« und Himmelsleiter in klein. Das Heiligtum ist die Erdstelle, die mit dem Himmel direkt verbunden ist, wie der heilige Baum des Schamanen, den er besteigt und so in den Himmel steigt, cf 1.2.3. Ebenso ist die Zikkurat Himmelsturm, der Turmbau soll in Babel wirklich Erde und Himmel verbinden wie der Alburz im Iran. So kann das Tragen des Adonis zum Heiligtum symbolischer Ausdruck seiner Auffahrt in den Himmel werden, die Prozession bekommt den Charakter einer symbolischen Himmelsreise.
Wenn 1 Kön 12 Jerobeam in Bethel sogar einen Goldstier im königlichen Heiligtum instauriert, der nicht mehr El heißt, sondern »Jahwe, der Israel aus Ägypten geführt hat«, dann ist die Amalgamierung des Jahwismus mit dem phönizisch-kanaanäischen Baalismus als eine Umbenennung der alten Kultstätten, Riten und Gottheiten zu verstehen, bei der die Substanz der kanaanäischen Mythen persistiert, bis hin zur Bundeslade als kanaanäischem Götterthron zwischen zwei Cherubim-Sphinxen in 1 Sam 4; 2 Sam 6, der mit dem Tragekasten nomadischer Sakralutensilien verschmilzt. Die Menschensohn-Wolkenfahrt ist keine ägyptische Sonnenbarke, sondern der Donner des Baal, der richtend über den Himmel braust und je und dann mit dem Blitzspeer eine unartige Stadt feurig heimsucht. Gewitter ist Gericht. Die OrSib sind voll davon.
Doch nicht alles wird vom agrarisch-jahreszeitlichen Baals-Mythos abgedeckt; es bleibt der iranische eschatologisch-politische Überschuß: ♣ Spaltung der Welt in Gerechte und Satansbraten; ♣ Periodizität der Geschichte; ♣ Menschensohn von Dan ist nicht in der Hölle gewesen; ♣ Weltgericht über alle; ♣ Mitrichterschaft der Gerechten; ♣ Gerichtsbücher; ♣ Feuerordal; ♣ Aufrichtung einer gerechten Weltordnung; ♣ Erlösung ist ewig, nicht nur für einen Sommer. Im Baals-Mythos ist dafür die Wolkenfahrt und Vatersohnschaft ausgebildet.
Der zentrale Einfluß der Daniel-Tradition zeigt sich laut Berger in folgenden Elementen:
ý 1. Nach einer Zeit des Leidens und der kriegerischen Verfolgung der Heiligen und Gerechten durch den Widersacher kommt plötzlich der Menschensohn und/oder das Weltgericht. Diese Zeit wird in verschiedene Perioden unterteilt. Alle diese Motive sind zervanistische Traditionen: ý Kriege Ahrimans 1.4.5.5, Millennium des Sošyant 1.4.5.9, Großes Jahr 1.4.5.6.
ý 2. Gerichtsthrone, Gerichtsbücher, das Gericht durch Feuer und die Heiligen des Höchsten als Richter gehen von Dan 7,9ff aus. ý Gericht der 15 Jungen und 15 Mädels und Feuerordal in Bundahišn 34 Ankl. Buch des Lebens 1.4.5.8: Schatz der guten Werke.
ý 3. Die vom Himmel auf den Wolken kommende Menschensohn-Gestalt beendet die Leiden und den Verfall der ganzen Schöpfung, die Ausdruck von Gesetzlosigkeit ist.[2155] ý Erneuerung und Verklärung der Welt, cf Bundahišn 34 Ankl; Bahman Yašt III; 1.4.5.8+9.
Damit ist das Danielbuch die entscheidende Vermittlungsstelle des Zervanismus ins Judentum hinein.[2156] Das 4. Reich ist in Dan 2 mit Antiochus IV. Epiphanes verbunden. Dan ist vor dessen Tod 164 v.Chr. in Kreisen aufständischer Makkabäer und Chassidim entstanden: Die »Greuel der Verwüstung« 11,31meinen den Zeusaltar im Jerusalemer Tempel 167 v.Chr., aber nichts ist vom Tod des Antiochus IV. 164 v.Chr. zu lesen. So sind die vier Reiche in 2 und 7 Babylon, Medien, Persien und das Alexanderreich, wonach Gottes Herrschaft beginnt. Die Hoffnung der Chassidim lag auf einer nahen Wende der periodisierten Unheilszeiten, wo nach Dan 12,2f die Toten alle auferstehen und gerichtet werden zur ewigen Herrlichkeit oder ewigen Verdammnis, wie es Bundahišn 34,7-19 Ankl ausgemalt ist, cf 1.4.5.7. Zeitgleich entstehen die ältesten Teile von Hen(äth): 93; 91,12-17 und Tierapokalypse 85-90.
Daß magische Praktiken in der »sogenannten niederen Literatur«[2157] des Judentums Aufnahme fanden, diente später antijüdischer Polemik der Christen. »Die Analyse der antijüdischen Predigten des Joh. Chrysostomus... ergab, daß jüdische Magie eine besondere Rolle im Verhältnis zwischen Juden und Christen gespielt hat.«[2158] Berger weist auf jüdische Kolonien in Phrygien hin: der Montanismus ist hier als schwärmerische, sittenstrenge Bewegung des Montanus ca. 155 entstanden, zu der auch Tertullian gehörte. Kirchliche Hierarchie galt nichts gegenüber dem charismatischen Prophetentum, strenges Fasten und das Verbot einer zweiten Ehe prägten die völlige apokalyptische Ausrichtung auf das Weltende. Jüdische und christliche Werke zirkulierten hier besonders in Landgemeinden abseits der offiziellen Kirche als Trost in Verfolgung.[2159] Die meisten Apokalypsen wurden jedoch in Ägypten gefunden und wohl auch produziert - in den Eremitenklöstern außerhalb Alexandriens.[2160] Es gab hier eine Fülle apokalyptischer Schriften, die von den Kirchenvätern kaum rezipiert wurden und dennoch über Jahrhunderte tradiert wurden, anonym oder pseudepigraphisch, mit einem von Dan abgeguckten Schatz an Szenarien und einem Schlußteil über die Geschichtsperioden (nach Königen oder Wochentagen) und das Weltende.[2161] Dabei findet sich eine Vielzahl aktueller zeitgeschichtlicher Anspielungen, die den Sitz im Leben der verfolgten Gemeinden aufhellen.[2162] Apokalypsen sind niemals nur Schreibtischvisionen, erdachte Erzählungen, sondern haben die soteriologische Funktion, in der konkreten Verfolgungssituation, die auf der Folie des iranisch geprägten Grundschemas dargestellt wird, Hoffnung zu machen auf den Tag der Gerechtigkeit, wo Gott die Tränen abwischen wird.
1.8.4.1 Die 2 Kriegsmessiasse aus Apk 11,3-14
Aus dem iranischen Bahman
Yašt stammen in märtyrermessianischer
Aufbereitung die zwei feuerspeienden
Zeugen (dush\n
ma/rtusi/n) von Apk
11,3-14, die 3½ Jahre in Jerusalem prophetische
Straf-Attacken gegen das
von Gott abtrünnige Volk zu deuteronomistischen
Erziehungszwecken des
Straflernens führen: Dürrekatastrophen und Wandlung
von Wasser in Blut, bis sie
durch das Tier, das aus dem Abgrund heraufsteigt, getötet
werden, mitten in der
Sündenstadt als Leichen liegen und nach 3½ Tagen
sich wieder auf die Füße
stellen, von einer Himmelsstimme zur Anabasis aufgefordert werden und
dann auf
den Wolken in den Himmel auffahren, wo sie von allen gesehen werden. Apk
11,11-13: »kai\
meta\ ta\j trei=j h(me/raj kai\ h(/misu pneu=ma zwh=j e)k tou= qeou=
ei)sh=lqen
e)n au)toi=j, kai\ e)/sthsan e)pi\ tou\j po/daj au)tw=n, kai\ fo/boj
me/gaj
e)pe/pesen e)pi\ tou\j qewrou=ntaj au)tou/j. kai\ h)/kousan fwnh=j
mega/lhj e)k
tou= ou)ranou= legou/shj au)toi=j! ¹Ana/bate w(=de! kai\
a)ne/bhsan ei)j to\n
ou)rano\n e)n t$= nefe/lh, kai\ e)qew/rhsan au)tou\j oi( e)xqroi\
au)tw=n. Kai\
e)n e)kei/nh t$= w(/ra(/ e)ge/neto seismo\j me/gaj«.[2163]
Ihre Plagen und das Erdbeben mit 7000 Opfern bei ihrer
Wolken-Himmelfahrt sollen
den Rest der Überlebenden dieser Strafen bekehren, damit sie
endlich Gott die
Ehre geben, denn offensichtlich ist die ganze Menschheit verdorben und
verblendet.
11,13: kai\
e)/dwkah\n do/can t%= qe%= tou= ou)ranou=.
Bahman Yašt II,49 sind Endzeitwidersacher »Chioniten, Türken, Heftaliten, Tibetaner, Bergherrscher, Chinesen, Kabulistaner, Sogdier, Römer, Rote & Weiße Chioniten«, II,36 »Hēšm mit blutigem Banner und Dämonen mit zerteiltem Haar«, BY III,3 »Šedaspih vom Kilisyakih aus Salman«. BY II,62f und III,54ff Ahrimans Kampfdrache Az-i Dahāk. Sie alle drangsalieren die Frommen Irans wie der böse Syrerkönig bei Lactantius. Doch stehen sie hier unter der Flagge des Guten, sind Strafrohr Gottes.
Dan 7,19ff mit dem 10hörnigen Kampf(s)tier ist Bindeglied zwischen iranischer und jüdischer Tradition: Die „Heiligen des Höchsten“ werden Dan 7,18 das Königtum für immer und ewig erhalten, nachdem sie 7,21 vom »Horn« überwältigt wurden (cf Apk 13,7) und nach Dan 7,25; 9,11; 12,7 die 3½ Zeiten des Ausgeliefertseins an die religiöse Unterdrückung überstanden haben, cf BY III,56-62. Die 3½ Tage entsprechen einer halben Woche und greifen so die Siebenzahl der babylonischen Astrologie auf. Die Heiligen und ihre Unterdrückung über eine und zwei und eine halbe Zeit (= 3½ Zeiten) werden in vielen Texten der makkabäischen Märtyrerliteratur durch die vom Himmel kommenden Entrückten Henoch und Elias ersetzt, die in der kanonischen Apk zugunsten des Machtmonopols Christi namenlos werden.[2164] Die Halbwoche ist bei Irenaeus, Adv Haer V,25,4 mit 3½ Jahren Antichristherrschaft verbunden, ebenso bei Hippolyt, Dan 4,30ff und Ps-Hippolyt, De Antichristo 43 und Lactantius, Div inst VII,17,2-8. Während bei Lactantius ein Zwillingspaar die Endzeitkatastrophen hervorbringt, der gute Prophet und der böse Syrerkönig, ihm ebenbürtig und ihn tötend, der gute 3½ Tage totliegend, der böse 3½ Jahre wütend, sind es Apk 11 zwei gute Propheten, die im Auftrag Gottes böses tun.
Das Erdbeben Apk 11,13.19 ist ein klassisches apokalyptisches Feature und oft mit Feuer von Weltbrandstärke verbunden, cf 1Kön 19,11f; Jes 29,6; Ez 3,12; 38,19; Am 1,1; Sach 14,5; Mt 24,7; 27,54; 28,2; Mk 13,8; Lk 21,11; Apg 16,26 Apk 6,12; 8,5; 11,13.19; 16,18; 4 Esra 3,19; 6,29; 9,3; Jannes & Jambres[2165]; 4 Makk 17,3; Zosimos 2; 2 Bar(syr) 27,7; 70,8; 3Bar(grie) 6; 1Hen(äth) 60,1; 65,4.9; AssMos 10,4 und öfter. In 3Hen(hebr) 19 wird Metatron mit Feuer und Erdbeben beschrieben. Die Sibyllinen sind voll von Erdbeben und Feuer vom Himmel, cf 1.7.5.4. Die Mischung stammt aus BY III,4: »Wenn ein Zeichen von ihnen erscheint, während sie zu Felde ziehen, O Spitāmān Zartušt, zeigen Sonne und Dunkelheit Zeichen und der Mond nimmt verschiedenen Farben an. Erdbeben (bum-guzhand) werden zahlreicher und der Wind weht heftiger. Auf Erden erscheinen Mangel, Verzweiflung und Unbehagen. Und Merkur und Jupiter bringen die Alleinherrschaft voran für das Abscheuliche und sie sind zu Hunderten, Tausenden und Myriaden. 5. Sie haben das rote Banner des Satans Šedaspih von Kilisyakih und sie beschleunigen ihren Vormarsch zum Iran«. Erdbeben und Wirbelwinde sind auch in Bundahišn 21E,7; 27,29; 28,13; Ankl.; Dēnkard III,93 mit dem Erscheinen der bösen Dämonen zum letzten Gefecht verbunden. Tödliche Naturkatastrophen sind ahrimangewirkt.
Im Test12Patr tauchen wie in Qumran ebenfalls immer zwei Messiasse zugleich auf, die König und Hohepriester repräsentieren.[2166] Man findet sie in der Damaskusschrift (CDC), der Sektenrolle (1QS), der Ordensregel (1QSa), der Lobpreissammlung (1QSb), der Kriegsrolle (1QM), der Hymnenrolle (1QH), dem Habakuk-Peser (1Qph), kleineren Fragmente aus Höhle I, der ersten Jesaja-Handschrift (1QIs a) und messianischen Texte aus Höhle IV.[2167] In TestSim 7,2, TestLevi 8,14; 17,2 und TestBenj 9,2; 11,2 ist es nur ein Messias, aber aus je zwei Stämmen: Levi und Juda, Priester und König. Aus diesen beiden Stämmen kommen auch die Messiasse in Sir 45, Jub 31,13-23.
Wo das Ölbaumbild für Messiasse gebraucht wird, etwa Apk 11,4 mit Sach 4,3.11-14, verkörpern sie fetten Wohlstand und Fruchtbarkeit. Die Licht- oder Leuchter-Metapher der geistlichen Erleuchtung ist ebenfalls ein Begriff levitischer Gesetzeslehrer, so TestLevi 14,4; Mt 5,14-16; Joh 5,35; Sir 45,17; SapSal 18,4. Auch im Liber Antiquitatum Biblicarum (LibAnt) 15,6 kommt die Lichtmetapher für den Messias vor.[2168] Ebenso 1QH 18,27-29, wo der an ewiger Stätte Stehende auf seiner Himmelsreise vorm Gottesthron die Geheimnisse empfängt und als »Licht vollkommener Erleuchtung« gepriesen wird. Dies erinnert an 2 Hen(slav) 21,3ff.
Eigenartig schillernd ist also das Duo der wundermächtigen Endzeithelden: Als Feinde der Frommen stellen sie diese auf harte Bewährungsproben, die durchzuhalten die Rehabilitation im Weltgericht verspricht. Mal sind beide im Auftrag Gottes Strafterminatoren, die Not schaffen zum Wachsen des Rettenden in der Reinigung und Läuterung durch Leid, mal ist der erste Gottes Bote, der zweite der des Teufels. Auf Hušedar-mahs goldenes Millennium folgt das erneute Wüten Az-i Dahaks für kurze Zeit, bis Sam ihn erschlägt und Sošyant das Weltgericht und die Weltwandlung durchführt. Diese variable Ambiguität durchzieht den gesamten wechselhaften Kampf der Gerechten gegen die feindlichen Dämonen-Mächte Ahrimans.
Die Vorlage für die Auferstehung der Gerechten nach 3½ Tagen ist in der iranischen Tradition Bundahišn 30 Ankl zu finden. Hier sitzt die Seele drei Nächte lang am Kopfende der Leiche und hofft auf deren Wiedererwachen, erst dann fährt sie drei Tage nach dem Tod im Morgengrauen vom guten Wind getragen über die Cinvat-Brücke auf den Gipfel des Alburz. Rechnet man drei Nächte nach dem Eintritt des Todes, so ist das Morgengrauen nach der dritten Nacht präzis der Zeitpunkt von 3½ Tagen. So erklärt sich auch die seltsam krumme Zahl. Die astrologische Kategorie der Halbwoche trat erst später flankierend hinzu. Ursprünglich haben wir hier ein altes schamanisches Sterbezeremoniell, was sich ebenso in Tibet findet.[2169]
1.8.4.2 Henoch und Elia in Vita Prophetarum, Ephream-Apk, Elia-Apk
Hen(äth) 66 gibt es Strafengel, die im Gericht die Bösen strafen werden. Aus dieser Tradition könnte Apk 11,3f stammen, die Strafwunder der beiden Endzeitpropheten, die oft mit Henoch und Elia identifiziert werden. Hen(äth) 106,15ff soll die Sintflut als Strafgericht die Erde reinigen von der Sünde, die durch die menschenschwängernden Engel in die Welt gekommen ist. So dürften die endzeitlichen Strafpropheten auch im Henoch-Kreis eine feste Tradition gewesen sein, vielleicht so markant, daß hierdurch Henoch selbst als Straf-Terminator Gottes ins Spiel gebracht werden konnte.
In 5 Esra 2,16-18 sind es Jesaja und Jeremia, die nach der allgemeinen Totenauferstehung als Helfer Israels Glück bringen: » Und ich werde heben die Toten von ihren Stellen, und werde sie aus ihren Grüften herausbringen, weil ich meinen Namen in ihnen erkenne. Fürchte dich nicht, Mutter von Söhnen, denn ich habe dich gewählt, sagt der Herr. Ich werde dir Hilfe schicken, meine Diener Isaiah und Jeremiah. Auf ihren Rat hin habe ich für dich zwölf Bäume geweiht und vorbereitet, mit verschiedenen Früchten beladen«.[2170] In Vitae Prophetarum sind es der auferstandene Henoch und Elia, die das Antichrist-Reich mit Wundern und Zeichen ärgern.[2171] Diese entsprechen dem Sagenkranz 1Kön 17 - 2Kön 2. Der provozierte Antichrist kontert mit Krieg gegen Elia, der hier die Hauptrolle vor Henoch spielt, ähnlich wie in der koptischen Elia-Apk 3,37 der Antichrist bekämpft beide (polemei=n). Nach der Tötung der beiden folgt Umbettung und Auferstehung und schon holen beide zum Gegenschlag gegen das Antichrist-Reich mit einer großen Plage aus: dieses Weltgericht zerstört das Reich des Antichristen. Dann folgt die Herrschaft Gottes mit Heiligen.
In der lateinischen Pseudo-Ephraem-Apk 7 sind es 3½ Jahre voller Wunder und Zeichen, in denen viele flüchten und wie die iranischen Urelemente BY III,58 um Erlösung von dem Bösen und die Ankunft der Heilszeit beten, wonach Henoch und Elia Trost predigend auftreten, die feindliche Schlange verwirren (confundunt quidem adversarium serpentem) und also wiedererstanden die Herrschaft des Antichristen beenden (arguere inimicum), bevor Christus wiederkommt. »Mittet eis consolatoriam praedicationem per famulos suos, prophetas Enoch et Heliam, qui, necdum mortem gustantes, ad pronuntiandum secundum ad-ventum Christi, et ut arguant inimicum, servati sunt. Cumque iusti apparuerint illi, confundunt quidem adversarium serpentem cum eius calliditate et revocant advocatos fideles ad Deum, ut ab eius seductione ... cumque peractum fuerit triennium et dimidium tempus Antichristi per quod seduxerit mundum post resurrectionem duorum prophetarum in hora quam ignorat mundus, et in die / quem nescit inimicus vel perditionis filius, adveniet filii hominis signum, et prodiens apparebit dominus cum virtute magna et maiestate multa, signo praeeunte eum salutaris ligni, nec non et omnibus virtutibus caelorum cum universo choro sanctorum signum sanctae crucis gestantibus humeris, praecedente ante illum tuba angelica, quae intonabit et dicet: surgite dormientes«. Daraufhin wird Drako vernichtet und in den Abyssus versenkt, »vivus cum patre suo satan«.[2172] Hier ist Sams Drachentötung BY III,61 auf Henoch und Elia übertragen.
In der Elia-Apokalypse treten Henoch und Elia sogar 2mal auf. 34,7,4ff: »Wenn dann hören Elia und Henoch, daß sich der Unverschämte gezeigt hat, kommen sie herab und kämpfen mit ihm, indem sie sprechen: „Schämst du dich nicht, daß du dich herandrängst an die Heiligen, denen du doch fremd bist allezeit. (...) Der Unverschämte wird es hören und mit ihnen kämpfen auf dem Markt der großen Stadt. Und er wird sieben Tage kämpfend mit ihnen zubringen. Und sie werden drei und einen halben Tag tot auf dem Markt liegen, wobei das ganze Volk sie sieht. Am vierten Tage aber werden sie auferstehen und ihn schelten: „ ... Wir werden ablegen das Fleisch des Leibes und dich töten, ohne daß du zu reden vermagst an jenem Tage. ...“ An jenem Tage werden sie jubeln zum Himmel hinauf, wobei sie leuchten und das ganze Volk und die ganze Welt sie sieht. Der Sohn der Gesetzlosigkeit wird nichts gegen sie vermögen.«[2173] Es folgt eine harte Leidenszeit mit schrecklichen Foltern und Auferstehung der Märtyrer mit Sitz zur Rechten Gottes, einem neuen Exodus der Verfolgten unter Engelschutz, der Unverschämte verfolgt die Heiligen als fliegender Feuerdrache, wird von den Engeln mit Schwertern und Feuersprühen aufgehalten wie beim Kampf Ahrimans gegen den Himmel in Bundahišn 6. Dann kommt das Weltgericht, wo die Sünden jedes einzelnen am damaligen Tatort gegen ihn gestellt werden. Der Herr richtet die Himmlischen, die Irdischen und die Hirten der Völker. Erst danach kommt merkwürdigerweise die endgültige Vernichtung des bösen Drachens und 42,10 - 44,1 erinnert auch hierin bis in kleinste Details an BY III,52-61 und Bundahišn 19,7-9 SBE 5, wo der Terminator Sam eingeschärft bekommt, nicht auf des Drachens wohlfeile Sprüche zu hören. EliaApk 42,10ff: »Danach kommen herab Elia und Henoch, legen ab das Fleisch dieser Welt, empfangen ein Fleisch des Geistes, verfolgen den Sohn der Gesetzlosigkeit und töten ihn, ohne daß er reden kann. An jenem Tage wird er aufgelöst werden vor ihnen wie Eis, das geschmolzen wurde durch Feuer. Er wird vernichtet werden wie ein Drache, in dem kein Hauch ist. Man wird zu ihm sprechen: Deine Zeit ist vorübergegangen an dir. Jetzt wirst du vernichtet werden mit denen, die dir glauben. Man wird sie werfen in den Schlund der Unterwelt und ihn verschließen gegen sie. An jenem Tage kommt aus dem Himmel der Messias, der König, mit allen Heiligen. Er verbrennt die Erde und verbringt 1000 Jahre auf ihr, weil die Sünder auf ihr geherrscht haben. Er wird einen neuen Himmel schaffen und eine neue Erde, und kein Teufel ist unter ihnen. Er wird König sein mit den Heiligen und dabei hinaufsteigen und hinabsteigen, während sie allezeit mit den Engeln sind und mit dem Messias 1000 Jahre.«[2174] Dem Drachen kein Gehör zu schenken, bevor er ihn tötet, macht Sam alias Elia und Henoch unbestechlich. Das Versiegeln der Hölle und Verbrennen der Erde erinnert an den glühenden Metallstrom des Ordalpurgatoriums Bundahišn 34,18f.27-31 Ankl. Das Millennium des Messias ist das des Sošyant. Die Erneuerung von Himmel und Erde ist die fraškard/ frašegird. Das Motiv des Hinauf- und Hinabsteigens der Engel zwischen Himmel und Erde (Joh 1,51) ist im Zervanismus etwa BY III,25ff.59f zu finden, wo Ōhrmazd Sroš und den Engel Neryosang zur Berufung des Religionsrestaurators Pešyotans und anderer Herrscher oder zur Auferweckung Sams schickt, der Bundahišn 33,34 Ankl Auferstehungserster ist als Variante zum Urmensch Gayōmard 34,6, cf 1.4.5.7. BY III,31 besteigt Ōhrmazd den Hukairyad mit den Erzengeln. Bundahišn 30,26 Ankl steigt die gerechte Seele nach der Cinvat-Brücke über den Alburz auf einer dreistufigen Leiter mit den Sprossen gute Gedanken, gute Worte und gute Werke zum Sternenreich, zur Mondstation und von da zur Sonne auf, wo sie bei Ahura Mazdā im Lichtreich wohnt, Haus des Gesanges (garōθmān). Hier haben wir eine Himmelsleiter wie in Jakobs Traum in Lus bei Haran Gen 28,12, wo oben Gott steht und einen Segen spricht. Überall wird gekraxelt, wo Berge sind.
In LibAnt 48,1 wird Elia [Finees] zum Ort seiner Väter entrückt, bis Gott sich erinnert an die Welt und sie heranführt und den Tod schmecken läßt.[2175] In 4 Esra 7,28f werden alle Entrückten mit dem Messias am Ende der Zeit erscheinen und sterben, danach geht der neue Äon auf und alle erhalten ein neues Leben: »Denn mein Sohn, der Messias, wird sich mit denen offenbaren, die bei ihm sind, und wird die Übriggebliebenen glücklich machen 400 Jahre lang. Nach diesen Jahren wird mein Sohn, der Messias, sterben und alle, die Menschenodem haben. Die Welt wird in das einstige Schweigen sieben Tage lang zurückkehren, wie es im Uranfang war, so daß niemand übrigbleibt. Nach 7 Tagen aber wird die Welt, die noch nicht wach ist, erweckt werden, und das Vergängliche wird sterben. Die Erde gibt die heraus, die in ihr schlafen... Der Höchste offenbart sich auf dem Richterthron«.[2176]
Diese 7 Tage Urchaos entsprechen den Tagen des Sonnenstillstands am Ende der letzten drei Millennien im Bundahišn 33,29ff Ankl beginnend mit dem 5. Millennium unter Hušedar: »Zehn Tage und Nächte wird die Sonne beim Zenit des Himmels stehen, und all die Wolf-Spezies wird sterben. (...) 32 Und dann wird das sechste Jahrtausend, das das Jahrtausend von Aušedar-mah gerufen wird, beginnen. Und in diesem Jahrtausend wird Aušedar-mah, Sohn von Zartošt, von Ōhrmazd her zur Prophezeiung kommen. Er wird die Offenbarung bringen, wie sie auch Zartošt gebracht hatte, und sie in der Welt verbreiten. Zwanzig Tage und Nächte wird die Sonne beim Zenit des Himmels stehen. Er wird den Bäumen sechs Jahre Unreife geben. Die druj vom Geschlecht des Drachens werden sterben, das heißt, er wird die Schlangen mit den schädlichen Kreaturen zerstören. 33 Am Ende von Aušedar-mah 's Jahrtausend wird Dahak von Fesseln frei sein. Bevarasp (= Drache Az-i Dahak oder Zohak) wird viele Kreaturen und Geschöpfe mit dämonischem Wunsch verletzen. 34 Zu dieser Zeit wird Sošyant, der Sohn von Zartošt, erscheinen. Und dreißig Tage und Nächte wird die Sonne beim Zenit des Himmels stehen. 35 Von den Irdischen werden sie zuerst den toten Körper von Karsasp Sohn Sam auferwecken, der Bevarasp mit dem Streitkolben schlagen und töten wird und die Kreaturen von ihm befreien wird. Das Jahrtausend von Sošyant wird beginnen; als das Jahrtausend von ihm, der Körper-Bauherr {d.h. Wiederbeleber} ist siebenundfünfzig Jahre.« Die iranische Zäsur durch ein kosmisches Innehalten und partielles Sterben wird in der jüdischen Apokalyptik zum Tod aller vor der großen Auferweckung.
1.8.4.3 Die Auferstehung des Gerechten in SapSal 2-5
Eine weitere Schaltstelle für die jüdische Rezeption der iranischen individuellen Seelen-Auferstehung des Gerechten als Aufstieg in den Himmel liegt in SapSal 2-5. Dort ist ganz offensichtlich und gebündelt die gesamte iranische Tradition über das Schicksal der guten und bösen Seelen nach dem Tod aus Hadōxt-Nask 2f eingearbeitet. SapSal ist wohl nach 66 v.Chr. unter dem Eindruck des Märtyrertodes vieler Sikarier im jüdischen Krieg in Ägypten (Alexandria?) von einem griechisch schreibend hellenistischen Juden als Sofia Salwmwnoj verfaßt der LXX zugefügt.[2177] In hellenistischer Zeit verschmelzen Weisheit und jüdische Torafrömmigkeit: Weisheit ist Gesetzerfüllung. Die Weisheit wird 8,7 als Lehrerin der vier stoischen Kardinaltugenden Maßhalten, Einsicht, Gerechtigkeit, Tapferkeit gepriesen.[2178] Platons Präexistenz und Unsterblichkeit der Seele klingt in 8,20 an.[2179] Apokalyptische Einflüsse sind in 10-19 erkennbar. Teil 2 von 6-9 wendet die in 1-5 geschilderte Umkehrung der irdischen Erfolge im postmortalen Gericht auf die ägyptische Oberschicht an, für die wegen ihrer politischen Verantwortung strengste Maßstäbe im Totengericht gelten. Die Mächtigen fallen durch, wenn sie nicht in Gerechtigkeit und Milde regiert haben. Teil 3 expliziert nach der Bitte um Weisheit in 8,19-9,19 deren rettende Wirkung an Adam, Noah, Abraham, Lot, Jakob, Joseph und Mose, 11 das Schicksal der Kanaanäer, 12 die Torheit von Götzendienst, 13-19 den Exodus als Verherrlichung Israels durch Gottes Güte.
SapSal 2,22; 5,15; 10,17 ist vom Lohn (misqo/j) der Frömmigkeit und Ehrenpreis für makellose Seelen die Rede, also vom Gericht an der Cinvat-Brücke, was 3,1-6 als Ordal mit glühendem Gold (Bundahišn 30,19f SBE 5 = 34,18 Ankl, cf 1.4.5.7.) noch einmal begegnet: Die Märtyrer erleben ihren Tod nicht als Verderben, sondern Züchtigung, der Gutes folgen wird. So erleben Bundahišn 34,18 die Gerechten den glühenden Metallstrom wie warme Milch. Der Lohn als postmortale Inthronisation im Himmel setzt Unsterblichkeit der Seele voraus und begegnet Ruth 1,2; Hiob 7,2; 15,31; 20,29; 27,13; Prov 11,18; 22,4; Jes 49,4. Davon geprägt ist Mt 6,1-16; 10,41; Lk 6,23.35; Joh 4,36; 1 Kor 3,8.14; 2 Kor 5,10; Kol 3,24; 2 Joh 8; Apk 11,18; 22,12.
SapSal 2,23; 3,4; 6,18f; 2 Makk 7,9; 7,23; 7,36 ist von der Unvergänglichkeit des Menschen als Abbild Gottes, also vom Weiterleben der Seele nach dem physischen Exitus, die Rede. Dies mag Quelle von Rm 2,7 und 1 Kor 15,52-54 sein. Der Mensch im AT ist bis auf diese Stellen immer vergänglich.[2180] SapSal 3,2 wird der Märtyrertod als e)/codoj bezeichnet, nicht als wirklicher Tod.
Das individuelle Schicksalsgericht 3,5f, in dem das Märtyrerleid die Bewährungsprobe ihrer Gerechtigkeit bildet, ist hier von dem iranischen Cinvat-Gericht 3½ Tage nach dem Tod vorgezogen zu einem Gericht während der Hinrichtung, die das irdische Gericht über den religiösen Opponenten darstellte. Nur in Menschenaugen sind sie vernichtet, ihre Hoffnung ist 3,4f Unsterblichkeit und nach kurzer Zeit werden sie für ihr Leid belohnt: 3,8 richten die in der Zeit ihrer Qualen-Heimsuchung wie Funken eines brennenden Stoppelfeldes (3,7) in den Himmel aufgenommenen (a)nala/mqousin) Gerechten mit Gott zusammen die Völker und herrschen über Heiden[2181] wie in Bundahišn 30,17 SBE5 = 34,16 Ankl die 15 Männer und 15 Mädel, cf 1.4.5.7f. Bei Platon wäre undenkbar, daß außer Rhadamanthys, Minos und Aiakos Sterbliche richten dürfen.[2182] Die Märtyrer-Gerechten sind 3,9 Heilige und Auserwählte unter Gottes Schutz, Gnade und Erbarmen. Weniger Himmelslohn gibt’s 3,13-15; 4,1f für Ehelosigkeit und Enthaltsamkeit.
Die Gottlosen erwartet 3,10-12.16-19; 4,3-6 post mortem ein hartes Gericht wie Hadōxt-Nask 3. Auch wenn sie alt sterben, ist dies kein Zeichen der Gnade Gottes mehr, sondern sie werden von den frühgestorbenen Märtyrern 4,16-20, ja von ihren Opfern 5,1-14 allein durch deren stummes Stehen verurteilt werden bei ihrer Ankunft im Totenreich. 5,16f werden die Gerechten ewig leben und bekommen von Gott eine Krone (dia/dhma). Hier ist das Bild himmlischer Inthronisation der Märtyrer gebraucht, was für mandäische Taufe und Versiegelung im Sethianismus konstitutiv wird. Gott wird 5,19-6,1 mit Blitzen, Schwert, Hagel, Fluten und Wirbelstürmen die Gottlosen auf Erden vernichten, ein Motiv, was die OrSib exzessiv aufgenommen haben, cf 1.7.5.4.
SapSal 2,24 handelt vom Neid des Teufels als Ursprung des Todes, also von Ahrimans Neid und Verderben der Welt mit Tod in Bundahišn 1, cf 1.4.2.6 und 1.4.5.5. Auch hier erkennt man deutlich zervanistisches Material, was weder Stoa noch Platon so sagen könnten.
In SapSal 11,14 ist noch einmal die ostinate Dialektik der Auferstehungsaussagen von Mk 6,14-16 oder Acta 7,35 konstituiert: Vor der Welt verachtet und verspottet wird der Gerechte am Ende von Gott erhöht und belohnt.[2183] Es war die Realdialektik der Märtyrer im jüdischen Krieg: Ihre Hinrichtung war die größte Schande und zerstörte nicht nur ihren Körper, sondern auch ihr Selbstbewußtsein. Eben diese schändliche Vernichtung wird für sie die höchste Stufe des Aufstiegs zu Gott. Es ist eine Metonymie der radikalsten Intensität: Wer seine Hinrichtung als Ankunft bei Gott erlebt, hat einen Panzer gegen die psychische Destruktion und teils sogar die Schmerzen gewonnen, wie sie während der schamanischen Extase durch Unterversorgung des Cortex mit Sauerstoff und Endorphin-Ausschüttung induziert werden, cf 1.2.3. Die Märtyrertheologie adaptiert also das iranische Cinvatbrückengericht mit seinem Lohn für gute Gedanken, Worte und Taten, läßt es aber nicht erst 3½ Tage post mortem stattfinden, sondern identifiziert es mit der irdischen Hinrichtung, die unmittelbar himmlische Inthronisation wird. Der Gerechte in SapSal ist zugleich der Weise. So hat die jüdische Weisheitslehre nicht nur ägyptische Wurzeln, sondern auch iranische Quellen aufgenommen, was dadurch nahelag, daß Ahura Mazdā „Weiser Herr“ bedeutet und so den Inbegriff der Weisheit. Die iranischen Traditionen passen unmittelbar zu den platonischen und stoischen.
Schenute (~350-466) war zur Zeit des Kaisers Theodosius II. Abt des heutigen "Weißen Klosters" (Deir el Abiad) oder Kloster des Schenute (Deir anba Šenouda) in Atripe in der Nähe von Akhmim und Sohag in Oberägypten.[2184] Er wurde Berater der Patriarchen von Alexandria und selbst staatlicher Funktionäre, nahm 431 mit Kyrill am Konzil von Ephesus teil, stärkte dabei den Einfluß des Mönchtums in Ägypten und schuf in der Tradition des Gründers von 11 Eremiten-Klöstern Pachomius (Abt von 323-46; Ordensregel mit Lesen und Schreiben-Lernen Grundlage der monastischen Bücherkopierkultur) maßgeblich die koptische Literatur in seiner bis ins 15.Jh. überdauernden Bibliothek, darunter über 100 Übersetzungen griechischer Werke ins Koptische aus eigener Hand. Die koptische Bibel kannte er auswendig. Nach der Islamisierung im 7. Jh. wurden viele koptische Texte ins Arabische übersetzt, was zur Hauptsprache der Kopten geworden ist. Die arabische Schenute-Apk II,345 setzt Henoch und Elias als Endzeitpropheten vor dem Kommen des Weltenrichters ein: »Und wenn der Antichrist erscheint, der die ganze Erde verwirrt, werde ich meine Propheten Henoch und Elias senden, während er bei seiner Tyrannei ist und seine bösen Taten vollbringt. Dann lassen sie sehen, daß er nicht der Messias ist, sondern der, der alle Völker ungehorsam macht. Er gerät in Zorn gegen sie, tötet sie, und ihre Körper werden liegen drei Tage und einen halben geworfen auf den Straßen von Jerusalem. Dann gebe ich ihnen den Lebensgeist zurück. Dann werden sie ihm Widerstand leisten und alle Völker besiegen und ihnen ankündigen das Erscheinen der zukünftigen heiligen Auferstehung. Dann werden sie sich ausruhen beim Festmahl der 1000 Jahre und bei den Gütern, die ich bereitet habe meinen Auserwählten und denen, die an die heilige Trinität glauben. Das wird die erste Auferstehung sein, danach wird die 2. Auferstehung sein, und die Toten werden sich ohne Vergänglichkeit erheben, die, deren Leib mit dem Schwert getötet ist«.[2185]
Der mordende Drache, die Unsterblichkeit der Endzeitpropheten, die Plagen über der Stadt und die Kette der Katastrophen stammen wie das große Endzeitfestmahl und die Auferstehung zum Gericht vor der Unsterblichwerdung der Gerechten aus Bundahišn 33f und BY III,54-62 auch wenn die Modifikation der Szenerie durch Daniel-Material hier Himmelsreise-Traditionen des Henochkreises integriert hat.
Daß die Auferstehung und Himmelfahrt dem Erweis der göttlichen Legitimation des von und vor den Menschen verurteilten und begräbnislos getöteten Märtyrers dient, und so die Tragik seines Fallens im Kampf für die gute Sache kompensiert, hat Berger betont.[2186] Dabei wird die Jetztzeit mit Dan 7,18.21f,25-27 als Leidenszeit der Heiligen im Kampf mit Satan selbst vor Antritt ihrer endgültigen und ewigen Herrschaft betrachtet.[2187] Satan kann als Jude alle zur Beschneidung zwingen[2188] oder als Christ zur Taufe.[2189] Die Märtyrertheologie ist vielseitiger Minoritätentrost, keineswegs nur gegen Babylon, Persien oder Rom. Man flieht in die Berge[2190] oder bleibt standhaft im Bekenntnis bis zum Tod.[2191]
1.8.4.5 Die griechische Daniel-Apokalypse
Aus dem 9.Jh. stammt die griechische Danielapokalypse, deren 14 Kapitel in 1-7 die Byzantinisch-Arabische Kriege im 8. Jh. beschreiben, gefolgt vom Weltende-Report in 8-14.[2192]
1.8.5 Der Menschensohn als Himmelsfahrender
Weltenrichter 4 Esra 13
Wahrscheinlich in Hebräisch mit persischen Aramäismen entstanden sind die 3 Dialoge Uriel-Esra und 4 Visionen Esras mit ihren Deutungen durch Uriel nach einer verschollenen griechischen Zwischenstufe am getreusten in Vulgata und der syrischen Übersetzung überliefert, während die beiden arabischen, die diversen armenischen, die georgische und die äthiopische teils unvollständig, teils stark erweitert sind.[2193] Die Zerstörung Jerusalems in 3,1 ist die von 70 n.Chr. und weist auf 100 n.Chr. als Entstehungszeit von 4 Esra.[2194] Die Adlervision mit den drei Köpfen Vespasian, Titus und Domitian weist auf die Zeit nach Domitian. Daß in Rom antirömische Apokalypsen entstehen und sich halten können, ist unwahrscheinlich, so daß mit Gunkel von einem Abfassungsort im Partherreich, Medien oder Babel (3,1) auszugehen ist.[2195] Von Deportierten bei dortigen Diasporajuden zu sprechen, ist 639 Jahre nach dem Exil anachronistisch.[2196]
In der Traumvision am Ende des 4 Esra fährt der Menschensohn aus dem Meer in den Himmel, schlägt einen Berg ab und reitet auf ihm wie einem Hexenbesen daher, sein Blick und seine Stimme bringen die Menschen zum Verbrennen wie das Feuer, was sein Atem ausspeit. »1) Nach sieben Tagen träumte ich in der Nacht einen Traum; 2) und siehe, ein Wind entstand vom Meer und rührte all seine Wellen auf. 3) und ich sah, und siehe, dieser Wind, dem etwas wie die Gestalt eines Menschen gemacht wird, kommt aus dem Herzen des Meeres herauf. Und ich sah, und siehe, dieser Mensch flog mit den Wolken des Himmels. Wohin er sein Gesicht drehte, um zu sehen, zitterte alles unter seinem Blick. 4) Wohin die Stimme seines Mundes ging, schmolzen alle, die seine Stimme hörten, wie Wachs geschmolzen wird, wenn es das Feuer fühlt. 5) Danach sah ich, und siehe, eine unzählige Menge von Menschen wurde zusammen von den vier Winden von Himmel gesammelt, um Krieg gegen den Menschen zu machen, der aus dem Meer heraufkam. 6) und ich sah, und siehe, er schlug für sich einen großen Berg los, und flog aufwärts auf ihm. 7) und ich versuchte, das Gebiet zu sehen oder zu setzen, von dem der Berg geschnitten wurde, aber ich konnte nicht. 8) Danach sah ich, und siehe, alle, die sich zusammen gegen ihn versammelt hatten, Krieg mit ihm zu führen, waren sehr ängstlich, doch wagten sie, zu streiten. 9) und siehe, als er den Ansturm der sich nähernden Menge sah, hob er weder seine Hand, noch hielt er einen Speer oder irgendeine Waffe. 10) Ich sah nur, wie er von seinem Mund einen Strom von Feuer aussandte und von seinen Lippen ein flammender Atem und von seiner Zunge schoß er einen Sturm von Funken hervor. 11) All diese wurden zusammengemischt, der Strom von Feuer und dem flammenden Atem und dem großen Sturm, und fiel auf die anstürmende Menge, die zu Kampf bereit war, und verbrannte sie alle, so daß nichts plötzlich von der unzähligen Menge zu sehen war außer Aschenstaub und Rauchgeruch. Als ich es sah, wurde ich erstaunt. 12) Danach sah ich den gleichen Mensch hinunterkommen vom Berg und zu sich eine andere Menge rufen, die friedlich war. 13) Es kamen viele Leute zu ihm, einige freudig und einige traurig; einige von ihnen waren gebunden, und einige brachten andere als Gaben.«[2197]
Die iranische Vorlage des Meerursprungs ist unverkennbar: 4 Esra 13,25b: »Der in deiner Vision als Mensch vom Herzen des Meeres heraufkommt, 26) dies ist der, den der Höchste für viele Alter behalten hat in seiner Schöpfung; und er wird jene lenken, die übrig sind.« Aus dem Meer entsteht Bundahišn 33,36-38 (Anklesaria) der Sošyant und ist durch alle Zeiten aufbewahrt für den Tag seines richtenden Wiederkommens, auch hier ist es eine Parusie des Erlösers, cf 1.4.2.10.
Wie der Endzeitkönig und Saošyant bei Lactanz Div inst VII,17 kommt er als Starfighter gegen die Schar Ahrimans angeflogen und vernichtet sie mit Flammenwerferatem, um die Gerechten zu beschützen, cf 1.8.7. Dabei sind die Kampfelement Sturm, Feuer und Flammen als Vayuwind, Miθrasonne und mit Bundahišn 6,1 (Anklesaria) als Regenfeuer Vazist und Weltbewahrungsfeuer Farnbag, Gušnasp und Burzin Mihr: Schutzkräfte der Gerechten. Bund 26,44 werden Farnbag, Gušnasp und Burzin Mihr bestimmt, »den druj zu schlagen und zu zerstören und für den Schutz der Lebewesen.« Das sengenden Feuer als Streitwagen Miθras mit Sonnenpferden in Yašt 10,13.42.52.76.118, was wohl in Burzin Mihr eingeflossen ist, könnte Indiz sein für die Herkunft des Menschensohnes aus dem mit Miθras-Elementen angereicherten Sošyant. Bundahišn 3,15 (Ankl) ist der dritte der 7 Elementgeister der Feuergeist Ardwahišt mit seinen Helfern Adar, Sroš, Warharan, und Neryosang. Während aber im Bundahišn die Feuer Erzengel-hafte Subjekte sind, sind es in 4 Esra 13 Eigenschaften des richtenden Menschensohns geworden.
Ein Mensch-Gott, der über den Himmel braust, ist entweder Miθras Sonnenwagen bzw. Amun Re in seiner Barke. Oder es ist der Wind Vayu. Zaraθuštra ruft Vendidad 19,15f den Weltschöpfer Ahura Mazdā, den weidenreichen Krieger Miθra, den schönen Dämonentöter Sraoša, den hochherrlichen Matra Spənta, den unvergänglichen wāša, den endlosen Zrvan, den überlegen wirkenden Vayav. Hier sind sieben Himmelskräfte akklamiert. Der Wolkenreiter Menschensohn in Dan 7 und 4 Esra 13 stammt aus der indoiranischen deiwos-Tradition des blitzeschleudernden Wettergottes, cf 1.2.8. Daß Strafblitze hinrichten können, macht Zeus zum prädestinierten Richter in Tateinheit mit dem Terminator des Bösen.
Die Vier Winde als Anführer der Antichrist-Nationen gemahnen an Dan 7,2ff mit geflügeltem Löwen, Bär, vierflüglig vierköpfigem Panther und lästerndem Zehnhörnern, die vorm Hochbetagten gerichtet und getötet werden; an Hen(äth) 14,8ff; 17; 18,2ff; 34; 35; 39, wo sie sowohl himmelswagenartige Träger Henochs als auch - in chaldäischer Tradition - Ordnungskräfte des Himmels sind, cf 2.1.4.2. Sach 6 sind die vier Wagen mit bunten Pferden, die frisch vom Himmelsthron aus der Himmelspforte stürmen, Winde des Himmels, die Jahwes Geist imperial über die ganze Welt verbreiten. Apk 7,1 sind die 4 Winde mit ihren 4 Engeln gebremste Schadensmächte. Dadestan-i Denik 93 bringen die vom Dämon Apaoša geführten Winde Hagel, Wirbelsturm, Unwetter, Überschwemmungen, Schlammfluten, Staubwinde und Zerstörung, die von Tištar/Sirius geführten gute Ernte und Wohlstand. Bundahišn 1,45ff; 3,5; 6,7; 21,1-9; 21C,3-20; 21E,6.10 (Ankl) wird diese duale Schöpfung des Windes als gute und schlechte beschrieben: die bösen Winde werden von Devs gesteuert, die die Erde vergiften und zerstören wollen, bis hin zu Atem und Stinkefurz als guten und bösen Körperwinden in 28,12f; 30,10f. Die Winde des Grauens sind also breit bezeugte iranische Tradition.
Die Endzeit besteht im Sieg des Menschensohns über die feindlichen Völker: 4 Esra 13,27: »Wind, Feuer und Sturm in deiner Vision, die aus seinem Mund herauskommen, 28 und daß er keinen Speer oder eine Waffe hält beim Zerstören der anstürmende Menge, die kam, um ihn zu erobern, dies bedeutet: 29 Siehe, die Tage kommen, wenn der Höchste erlösen wird, die auf Erden sind. 30 Und Wahnsinn wird über jene kommen, die auf Erden weilen. 31 Und sie werden planen, Kriege zu machen gegen einander, Stadt gegen Stadt, Ort gegen Ort, Volk gegen Volk und Königreich gegen Königreich. 32 Und wenn diese Dinge passieren und die Zeichen, die ich dir vorher zeigte, geschehen, dann wird mein Sohn sich offenbaren, den du als Mensch sahst, der vom Meer heraufkommt.« Kriege und Katastrophen prägen die Endzeit vorm Weltgericht, was der Sohn Gottes auf dem Berg Zion abhalten wird.
Es gibt keine Totenauferstehung zum Gericht wie Bundahišn 30 SBE5 (=34 Ankl), aber die Versammlung aller Völker mit der Sündenvorführung und Verordnung der jeweiligen Strafen: 4 Esra 13,33: »Und wenn alle Nationen seine Stimme hören, wird jeder Mensch sein eigenes Land und den Krieg verlassen, die sie gegen einander haben. 34 Und eine unzählige Menge wird sich versammeln, wie du sahst, um ihn zu erobern. 35 Aber er wird auf dem Gipfel vom Berg Zion stehen. 36 Und Zion wird kommen und allen Leuten, bereit und gebaut, offensichtlich gemacht, als du den Berg sahst, der ohne Hände ausgeschnitten wird. 37 Mein Sohn wird die versammelten Nationen für ihre Gottlosigkeit tadeln (vom Sturm symbolisiert), 38 und wird ihnen ihre bösen Gedanken und die Qualen, mit denen sie gefoltert werden werden, zu Gesicht bringen (von den Flammen symbolisiert), und wird sie ohne Anstrengung durch das Gesetz zerstören (vom Feuer symbolisiert). 39 Die in deiner Vision von ihm versammelte andere Menge, die friedlich war, 40 das sind die zehn Stämme, die in den Tagen von König Hosea aus ihrem Land in Gefangenschaft geführt wurden. Salmnassar, der Assyrerkönig, nahm die Gefangenen über den Fluß, und sie wurden in ein anderes Land genommen. 41 Sie planten unter sich, die Menge der Nationen zu verlassen und zu einem entfernteren Gebiet zu gehen, wo kein Mensch je gelebt hat, 42 daß sie dort wenigstens ihre Statuten behalten könnten, die sie in ihrem eigenen Land nicht behalten konnten. 43 Sie gingen durch schmale Furten des Euphrat hinein. 44 Denn zu dieser Zeit hielt der Höchste als Zeichen für sie die Quellen des Flusses an, bis sie versiegt waren. 45 Durch dieses Gebiet gab es einen langen Weg zu gehen, eine Reise von einem Jahr und einer Seite und dieses Land wird Arzareth genannt.« Medien ist bereits im Tobitbuch (1.7.2) Ziel der Assyrischen Diasporajuden. Daß hierdurch zervanistische Traditionen in 4 Esra eingeflossen sind, ist klar. So etwa die Doppelschöpfung zweier Welten 7,50ff mit dem Zeitvertrag der Zwillinge, der bereits das letzte Gericht festsetzt (cf 1.4.5.1-5), dann die Trennung der Seele vom Leib, wo post mortem die Sünder 7,78-87 in 7 Kammern der Geistwelt Höllenqualen leiden und die wenigen Gerechten 7,88-101 in die 7 Himmel bis zum Gottschauen vordringen in 7 Tagen, cf 1.4.2.7. Sodann der Beginn der unsterblichen neuen Welt nach dem Gericht 7,113. Die Fastenvorbereitung auf der Kräuterwiese in Ardat auf die Vision der trauernden Frau 9,23ff erinnert an die 7tägige Visionsvorbereitung Ardā Vīrāfs 2,25-36 mit Pflanzenkost und Haoma-ähnlichen Drogen, von der Namensgleichheit Ardā - Ardat ganz abgesehen.[2198] Der Tod des Sohns im Brautgemach 10,1 ist als Motiv auch Tobit 6,14 u.ö. vorhanden, was im medischen Diasporajudentum spielt. Weiterhin das Große Jahr der 12 Weltzeitteile einer dem Ende entgegengehenden Erde 14,11ff und der Licht-Finsternis-Dualismus 14,20 in der Ex 3 anspielenden Dornbusch-Audition. Die 94 Bücher in 40 Wüstentagen sind jüdische Eliatradition. Das 4 Esra bildet ein Musterbeispiel, wie jüdische und zervanistische Traditionen verwoben werden konnten im medischen Diasporajudentum, was sich selbst als endzeitliche Schar der Gerechten darstellt und also der Lebenszusammenhang, in dem das Buch entstanden ist. Daß die iranische Prägung nicht erkannt wird bei Schreiner, ist nicht verwunderlich. Das individuelle Totengericht mit Paradies und Hölle und Körperwelt neben Geistwelt steht so disparat neben dem Modell der Weltzeiten mit Endgericht und Neubeginn einer versöhnten und unsterblichen Gotteswelt wie in der iranischen Tradition von Alburzbergparadies post mortem und Weltgericht im Zervanismus.
1.8.6 Zervanistische Weltzeiten und kosmologische
Pendants in der Bibel
Die apokalyptische Gerichtsidee setzt neben ihrer Aufnahme des noch ganz unkosmologisch gedachten, frühjahrsmäßig siegenden kanaanäischen Baal die kosmologische Weitperspektive des chaldäisch-zervanistischen Äonenschemas voraus. Nach der Ölberg-Apokalypse Mk 13 / Mt 24 mit ähnlichem Ambiente wie Neppt oder die Verklärung Mk 9 mit Elija/Moser-Visionen, sind die Zeichen der unmittelbar bevorstehenden[2199] Endzeit: Verführung, Kriege, Erdbeben, Hungersnöte, grausamste Christenverfolgung, Sonnen/Mondfinsternis, Fall der Gestirne vom Himmel, Wanken der Kräfte des Himmels, Kommen des Menschensohns auf Wolken mit Kraft und Herrlichkeit[2200], der seine Engel ausschickt, die Auserwählten unter den Menschen zu versammeln. - Nur scheinbar im Gegensatz zur zervanistischen Äonenberechnung von je 3000 Jahren betont Jesus die unberechenbare Plötzlichkeit der Bedrängnisse, die nur deshalb mit Recht als Wehen (Mk 13,8: a)rxh\ w)di/nwn) und nicht Todeskrämpfe übersetzt werden, weil nach alledem das Reich Gottes mit Kraft anbrechen wird, weil die Verfolgungen der Endzeit des dritten Äons Zurvans die Geburtsstunde des neuen, vierten Äons bedeuten. So exakt die Zahl 3000, so wenig exakt waren die Schwellendaten, die auch persische Magoi nicht präzisierten.[2201]
Zunächst scheint gegen eine zervanistische Übernahme des Großen Jahres mit seinen 4 Weltzeiten oder Äonen zu sprechen, daß die Apokalyptik nur die letzten beiden Zeiten kennt, den großen Kampf von Ahriman und Ōhrmazd und die Zeit der durch Hinrichtung der Bösen zum Guten verwandelten Welt. Wo sind die ersten beiden Weltzeiten geblieben? Die Weltzeit der geistigen Schöpfung ist zur ständigen Präsenz der himmlischen Welt geworden und in dieser Himmelswelt wurde die irdische Welt als unterste Stufe geschaffen. Dies ist die Weltzeit dem Materialisation, des Urmenschen, der herabsteigt und fleischlich wird und aus seinem Fleisch die Materie der Welt aufbaut, selbst aus der sanften Zerstückelung Adams wird ein Teil des Kosmos geschaffen, die Frau. So ist quasi die zweite Weltzeit, die der Materialisation, in die im Himmel erzählten Schöpfungsberichte gewandert, während die erste Weltzeit zum ewigen Jetzt des Himmels selbst geworden ist, der als Schöpfergottsitz der Anfang allen Seins und zugleich das Ende allen Seins ist, Seelenheimat der Gerechten bei Gott, der Ungerechten im ersten Strafhimmel, der alle Qualitäten der Hölle vom Unterirdischen ins Oberirdische verlegt hat.
1.8.7 Lactantius zervanistische Eschatologie als
Chiliastischer Entwurf
Lactantius (250-320/25) ist Arnobius-Schüler in Nordafrika, wird unter Diocletian als glänzender Rhetor Hofbeamter in der Hauptstadt des römischen Ostreichs Nikomedeia in Bithynien 50 km westlich Istanbul, solidarisiert sich bei der Christenverfolgung 303ff mit den Verfolgten, muß fliehen, vermutlich Richtung Pontus und Armenien, die Stammgebiete feueranbetender persischer Magier, kommt nach dem Toleranzedikt des Galerius 311 zurück und schreibt bis 313 in Armut lateinisch seine Divinae institutiones, aus ihnen macht er 315 die Epitome als Kurzfassung. Nachdem in wenigen Jahren alle Verfolger samt ihren Familien hinweggerafft wurden, schrieb er um 314 sein De mortibus persecutorum, wo er die Schrecken der zehnjährigen Verfolgung und die Strafgerichte Gottes gegen die Verfolger schildert. Nachdem Konstantin 312 durch den Sieg über Maxentius die höchste Gewalt erlangt und im Edikt von Mailand 313 der Kirche den Frieden gegeben hatte, berief er bald Lactantius als Erzieher seines Sohnes Crispus nach Trier. Von Cicero geprägt entwickelt dieser eine Naturrechtslehre und sieht Götter als aufgebrezelte Ahnenseelen, deren Ikonenverehrung absurd ist: »Die angeblichen Götter, die bekanntlich nach Menschenart erzeugt wurden und nach Menschenart erzeugt haben, sind unzweifelhaft Sterbliche gewesen; aber sie sind für Götter gehalten worden, weil man sie als große und mächtige Könige wegen der Wohltaten, die sie den Menschen gespendet, nach ihrem Tode göttlicher Ehre für würdig hielt und durch Errichtung von Tempeln und Bildsäulen ihr Andenken wie das von Unsterblichen erhalten und verherrlicht hat.«[2202] Er geht Div inst II,9 zervanistisch von der Zeugung des Teufels als Neid-Bruder der dualen Einheit Christus/Heiliger Geist aus: »Weil Gott von größter Voraussicht zum Planen beherrscht war und wegen größter Realisierungsfähigkeit, bevor Er dieses Unternehmen Welt begann, war in Ihm der Ursprung voller und vollständigster Güte und bleibt es auch immer, so daß Güte wie ein Strom von Ihm entspringt und hervorfließt. Er erzeugte sich einen Geist, der mit den Vollendungen von Gott dem Vater ausgestattet wurde. [...] Dann machte Er noch ein Sein, in dem die Veranlagung des göttlichen Ursprunges nicht blieb. Deshalb wurde er mit seinem eigenen Neid wie mit Gift infiziert und veränderte sich vom Guten zum Bösen. Aus seinem eigenen Willen, der ihm von Gott gegeben worden war, nahm er für sich einen gegensätzlichen Name an. Daher kommt es, daß die Quelle alles Bösen der Neid ist.« Dies ist der Ōhrmazd-Ahriman-Mythos von Bundahišn 1, cf 1.4.5.5. Heidnische Systeme kritisiert er immanent als inkonsistent: »vera sapientia et religio«[2203] sei mit Christus vom Himmel gekommen und von den Propheten in der Klage über fehlende Gerechtigkeit begriffen.
Die Eschatologie einer vita beata wird in Divinae institutiones VII zervanistisch-apokalyptisch entwickelt. Wie in zervanistischen und at-lichen Chroniken folgt ein Unrechtsregime dem anderen. Nach VII,14,7-13 sind es 6000 Jahre Bosheit, bis ein perfectus homo gebildet wird und 1000 Jahre herrscht. »Und wie Gott am Ende seiner Schöpfung den 7. Tag ausruhte und ihn segnete, wird am Ende des 6000sten Jahres alle Bosheit auf Erden abgeschafft und Gerechtigkeit herrscht 1000 Jahre; es wird Ruhe geben von den Mühen, die die Welt jetzt lange ertragen hat. [..] Und wie ein sterblicher und unvollkommener Mensch aus Erde gebildet wurde, der 1000 Jahre in dieser Welt wohnen sollte, so wird dann in dieser Erdzeit ein perfekter Mensch schnell gebildet von Gott. Er hat in dieser gleichen Welt 1000 Jahre lang die Herrschaft.«[2204] Ein Schöpfungstag entspricht einem zervanistischen Millennium in Allegorese von Gen 1 auf der Umrechnungstabelle von Ps 90,4. Das grundlegende Schema der Endzeit ist wie folgt:
ANÜ 6000 Jahre Kampf des Bösen gegen das Gute. Zuletzt Zunahme des Bösen (VII,16)
ANÜ Auftreten des göttlichen Endzeit-Propheten mit Wunderzeichen (VII,17 s.u.)
ANÜ Auftreten des syrischen Königs, der sich für Christus ausgibt, 3½ Jahre Menschen durch Wundertaten blendet, alle Gerechten verfolgt und den Endzeitpropheten tötet.(VII,17)
ANÜ Auferstehung des Endzeitpropheten nach dem 3. Tag (VII,17)
ANÜ Flucht der Gerechten in Wüsten und auf den Berg; Bitte an Gott um Hilfe (VII,19)
ANÜ Erstes Weltgericht: Kommen des Erlöserkönigs vom Himmel, Vernichtung alles Bösen, Fall Roms, Fesselung des Antichristen für 1000 Jahre, Vollendung der Welt.(VII,19ff)
ANÜ 1000 Jahre Glück, Ruhe, Frieden, Gerechtigkeit, Auferstehung der Gerechten zum Paradiesleben mit Regen, Milch, Honig und Wein, Wohlstand und Strahlen aller Sterne (VII,24)
ANÜ Zweites Weltgericht: Ermattung der Erde. Der Antichrist wird noch einmal freigelassen und verödet die ganze Erde, wenige überleben. Die Himmelsarmee kommt mit Feuer und Schwert und vernichtet alle Heere und Fürsten des Bösen. (VII,26)
ANÜ Ewige Pein und Hölle für die Bösen, Ewiges Leben der Gerechten auf Erden (VII,26)
Konstantin ist Div inst VII,26 der Große Erlöserkönig, der nach der Zeit der Verfolgung und Ungerechtigkeit des bösen Königs Diokletian die Heilszeit einleitet: »Die Vorsehung der höchsten Gottheit hat dich zur kaiserlichen Würde erhoben, der du mit wahrer Frömmigkeit fähig sein mögest, die schädlichen Dekrete der anderen für ungültig zu erklären.« Lactantius arbeitet unter dem Eindruck des grauenvollsten Leidens der Christen und dem plötzlichen Sieg des Christentums die aktuelle politische Situation als Weltgerichtszeit in die zervanistische Eschatologie der Hystaspes-Orakel ein. Div inst VII, 15,18f: »Trotzdem künden die Sibyllen, daß Rom durch das Urteil Gottes verurteilt wird zu sterben, weil es Seinen Namen haßt, und Feind der Gerechtigkeit ist: es zerstörte das Volk, was die Wahrheit hielt (alumnum veritatis). Auch Hystaspes, der ein sehr alter König der Meder war, nach dem der Fluß, der jetzt Hydaspes genannt wird, benannt ist, gab ans Gedächtnis der Nachwelt ein wunderbarer Traum in der Auslegung von einem Jungen, der Prophezeiungen äußerte und lange vor Gründung der Trojanischen Nation verkündete, das römische Reich und sein Name würde von der Welt weggenommen werden.«[2205] Die historische Ortung des Dareiosvaters will Lactantius nicht recht gelingen: vor Troja ist falsch und Vištāspa war Rom nicht bekannt.[2206] Wir werden gleich sehen, wie minutiös die Details des Endzeitgeschehens dem Bahman Yašt (BY) entnommen sind, der in einer Frühform unter dem Namen Orakel des Hystaspes Lactantius vorgelegen haben muß.
Div inst VII,16 und Epitome 66 wird die Endzeit vor dem ersten Weltgericht beschrieben. Das Böse verstärkt seine Kräfte. Unmoral, Gesetzlosigkeit, Hunger, Kriege, Dürre, Erdbeben, Überschwemmungen, Verwüstung herrschen, Wasser wird Blut oder sauer, Sterne fallen vom Himmel und es wird Finsternis ohne Jahreszyklen, sogar die Zeit schrumpft in dieser universalen Erschlaffung der Erde. Div inst VII,16 schließt: »Denn dann wird entweder Sommer im Winter sein, oder Winter im Sommer. Dann wird das Jahr gekürzt werden, und der Monat läßt nach, und der Tag zieht sich in einen kurzen Raum zusammen; und Sterne werden in großen Zahlen fallen, damit aller Himmel ohne irgendwelche Lichter dunkel erscheinen wird. Die höchsten Berge werden fallen und gleichgemacht mit den Ebenen. Das Meer wird unbefahrbar gemacht. [...] Das Menschengeschlecht wird so verzehrt werden, daß gerade mal der zehnte Teil von Menschen übrigbleibt, wo 1000 hervorgegangen waren, werden nur noch 100 hervorgehen. Auch von den Anbetern Gottes werden zwei Teile sterben; und der dritte Teil, der sich bewiesen haben wird, wird bleiben.« Diese Phänomene der Zunahme des Bösen werden bis in Details exakt gleich in Bahman Yašt II,30ff bes. 42-54 beschrieben.[2207] »In Bahman Yašt begegnen wir überhaupt Motiven, die die apokalyptische Spekulation der jüdischen, christlichen und islamischen Religion aufs stärkste beeinflußt haben.«[2208] Die Zeitschrumpfung Div inst VII,16 ist Bahman Yašt II,53f entnommen: »Und in jenem furchtbaren Zeitalter wird die Nacht hell sein und das Jahr und der Monat und der Tag werden um einen Drittel kürzer, die Erde der Spandamat bäumt sich auf, Mangel, Gefahr und Tod werden in der Welt groß sein". 54. Ōhrmazd sprach zu Spitāmān Zartušt: "Dies ist, was ich voraussage: jener glaubensfeindliche Böse Geist wird, wenn es ihm zukommt, zu zerstören, immer ungestümer werden und immer übler regieren".«[2209] Dabei beruft Lactantius sich Epitome 66 auf die Hermetik; Div inst nur auf Sibyllen. CH XVI,7-14 ist der mithrische Sonnenwagen übernommen und Sterne sind gute oder böse Mächte über alles Weltgeschehen (ei(marme/nh) im Werden und Vergehen.[2210] Ähnlich noch CH IX,3-6, aber die Hermetik kennt keine Zeitperiodik mit Weltuntergang: IX,7: »Es wird niemals eine Zeit geben, in der irgend etwas von dem, was ist, verloren geht.« So verwundert die Adaption der Hermetik für eigentlich apokalyptische Ideen. Lactantius ist hier bis in Details dem Bahman Yašt nah und dürfte sich hier vertan haben. Man kann sagen, daß die im Bahman Yašt »hervortretenden apokalyptischen Themen diejenigen sind, die in der indoiranischen Tradition klassisch sind. Eine so charakteristische Einzelheit wie II 32: "Und die Menschen werden kleiner geboren werden, und ihre Tugend und Kraft ist geringer", erhält ihre Erklärung durch die indische Lehre von den vier Weltaltern, nach der in jedem Weltalter die Menschen immer kleiner und schwächer geboren werden.«[2211] Es wird kräftig ausgestorben auf jede Art. Div inst VII, 16 und Epitome 66 werden von 10 Welt-Herrscher drei vernichtet und die Restsieben von einem Nichtswürdigen besiegt, der die Reichshauptstadt verlegt (Diokletian Nikomedia?). Dieser wiederum wird vom erzbösen König aus Syrien besiegt, unter dem in 42 Monaten ⅔ aller Menschen liquidiert werden. Damit ist Maximinus gemeint, wozu die Ausrottung der Christen paßt, was Bahman Yašt II,37 entspricht: »Von 100, von 1000, von 10000 wird es einer sein, der an diese Religion glaubt, und auch was für den, der glaubt, eine Pflicht ist, wird er nicht tun.« Die Dezimierung der Frommen und die Verweichlichung ihrer Riten ist dort breit ausgeführt mit fundamentalistisch-konservativen Konnotationen, wie sie auch chassidischen Theokratievorstellungen eignen. Bundahišn 1,27 sind Akoman, Andar, Sovar, Nakahed, Tairev und Zairik die Genossen Ahrimans, zusammen 7 böse Mächte, eben die Planeten. Genau 7 Könige bleiben von den 10 übrig, die der Vorgänger des Antichristen als Vasallen hat. Die Grundschicht vor ihrer Aktualisierung durch Lactantius hat wohl nur den Antichristen und seine 7 Vasallen gehabt, während die historische Einarbeitung des Maximinus ein Dopplung des Antichristrolle erforderte. Den Untergang Ägyptens hat Lactantius dagegen aus Sibyllinen.
Ein Endzeitprophet bekehrt die verdorbene Menschheit. Div inst VII, 17: »1 Herausragend am Ende der Zeiten wird ein großer Prophet von Gott geschickt, der die Menschen umkehrt zur Erkenntnis Gottes und die Macht verliehen hat, Wunder zu tun. 2 Wo auch immer Menschen ihn nicht hören wollen, schließt der Himmel und enthält sich des Regens, wandelt Wasser in Blut und quält jene mit Durst und Hunger. Und wenn ihn einer zu verletzen wagt, schlägt Feuer aus seinem Mund und verbrennt jenen. Mit seinen Wunderzeichen und Tugenden bekehrt er viele zur Verehrung Gottes.«[2212] Am Ende der Zeit wüten nach Bahman Yašt III,24ff die Hēšm und Ōhrmazd schickt Neryosang und Sroš zum Herrscher, um den Feuerdienst zu fördern: »25. Und Ich, der Schöpfer Ōhrmazd, schicke Neryosang, den Engel, und Sroš, den Gerechten, zu Kangdezh, den der gefeierte Siyavaxš bildete, und zu Chitro-miyan, dem Sohn des Vištāsp, dem Ruhm der Kayaniten, dem gerechten Restaurator der Religion, um ihm zu sagen: Mach dich auf, O gefeierter Pešyotan, zu diesen Ländern des Iran, die ich, Ōhrmazd, schuf. Weihe das Feuer und die Wasser für den Hadōxt und Dvazdah-homast, feiere sie mit dem Feuer und den Wassern, wie die Verehrung des Feuers und Wassers vorgeschrieben ist!« Beide ziehen durch die Lande und rufen zur Alleinherrschaft von Ōhrmazd auf. Aus dieser Szene stammt die Wiederkunft von Elia und Henoch, cf 1.8.4
Doch sterben Sroš und Neryosang nicht wie in jüdischen/christlichen Apokalypsen. Den Tod des Gotteskriegers gibt es außer dem des als Ungläubiger von Türken mit Pfeilen durchbohrten Sam bei Faridoon.[2213] Dieser lebt nach Bundahišn 29,9; 33,2 Ankl Ende des 2. Millenniums, was die Zeit des ersten Auftretens von Az-i Dahak ist, und fesselt ihn nach langem Kampf am Fuß des Berges Demavand, wonach er 36,7 im 3. Jahrtausend 500 Jahre im Zeichen des Schützen regiert. Mēnōk-i Chrad 8,27 war er unsterblich, Ahriman änderte dies. Dadestan-i Denik 2,10 gehört er zur Kette der guten Könige; 37,95 wird die Drachenfeßlung beschrieben; 37,80 ist sein Schutzgeist integer und flucht nicht einmal; 65,5 ist er Drachenfessler. Dēnkard 7,1,25-29 ist er als Negativdouble Az-i Dahaks dessen Besieger und Förderer von Medizin, Landwirtschaft und Technik. 7,2,61 gehört er mit Yima zu den Weisen. Außer Bahman Yašt III,55 wird von seinem Tod nichts gesagt. Er unterliegt im Kampf gegen das Böse, indem er als einer der drei Unsterblichen nach 500 Regierungsjahren dann doch stirbt. Er hat aber nicht Az-i Dahak heraufbeschworen, wie Hušedar-mah durch seine Wohlfahrtsdialektik der Hybris, die BY III,54 Böses gebiert.
Der auferstehende Endzeitprophet amalgamiert drei disparate Traditionen: 1) Faridoons Tod als Ende seiner Unsterblichkeit 2) Hušedar-mahs Auslösung von Ahrimans Drachenbefreiung gesehen werden. 3) Die Auferstehung nach drei Tagen im iranischen Totenritus mit der Auffahrt der Seele zum Alburzberg drei Tage nach dem Tod über die Cinvat-Brücke.[2214] Der Endzeitprophet wird genau so am dritten Tag in den Himmel gerissen, wie die Seele aus der Trauerversammlung um die Leiche von Vayu mitgerissen wird zum Alburz.
Der Endzeitprophet provoziert den Syrerkönig. »2b Und von seinen eigenen Werke umgetrieben entsteht aus Syrien ein anderer König, vom bösen Geist erzeugt, der wird umstoßen und verderben das Menschengeschlecht, was die Reste seiner früheren Untaten und zugleich ihn selbst vernichten wird. 3 Hier wird er kämpfen gegen den Propheten Gottes und siegen und ihn umbringen und er muß hinnehmen, ins Grab geworfen zu werden. Aber nach dem dritten Tag wird er wieder lebendig und vor Augen aller Staunenden in den Himmel gerissen.«[2215]
Der Hundsstern Tištar/Sirius als frühester astrologischer Part vor Rezeption von Zodiak und Planeten ist Herr über alles Himmelskörper und auch den Regen, cf 1.5.2.50 und Bundahišn 2; 5-7 SBE5 (2; 5; 21B,2; 21C; 21E; 26,108f.112 Ankl). Mit dem Syrerkönig ist nicht Diokletian gemeint, der ihn berief und vor seinen Augen in Nikomedia Christen rösten ließ[2216], sondern vermutlich Maximinus, der ab 305 in Syrien und Ägypten als Christenterminator berüchtigt war.[2217] Lactantius läßt 315 in Epitome 66 Syrien mit allen anderen situationsbezogenen Angaben wie z.B. der Bezug auf Konstantin Div inst VII,26 weg. Das heißt: Syrien war Aktualisierung von Lactantius, nicht alte Bausubstanz. Zu dieser gehört aber sicherlich das »malo spiritu genitus«: Ahriman hat Az-i Dahak erzeugt, der Abkömmling des in BY III,55-57 von Ahriman am Demavand entfesselten Drachens ist der Syrerkönig: Wie Zohak den Widersacher selbst frißt und ⅓ der Mensch- und Tierheit, so stößt der Syrerkönig die Menschheit um und vernichtet ⅔. Lesen wir weiter Div inst VII,17,4-8: »Aber dieser König wird nicht nur in sich höchst skandalös, sondern auch ein Lügenprophet sein; und er wird sich hinstellen, sich Gott nennen und befehlen, als der Gottessohn angebetet zu werden. Kraft wird ihm gegeben werden, Zeichen und Wunder zu tun durch den Eindruck, mit dem er Männer verlockt, ihn anzubeten. Er wird befehlen, Feuer solle vom Himmel herunterzukommen, die Sonne solle stehen und ihren Kurs zu verlassen, ein Bild solle sprechen; und diese Dinge werden auf sein Wort hin geschehen. Durch solche Wunder werden sogar viele Weise von ihm verlockt. Dann wird er versuchen, den Tempel Gottes zu zerstören und verfolgt die Gerechten. Es wird Verzweiflung und Drangsal geben wie nie zuvor auf Erden. Wer immer ihm glaubt und sich mit ihm vereinigt, wird von ihm als Schaf markiert werden; aber wer ihn ablehnt, wird zu den Bergen fliehen oder gepackt und mit gerissenen Foltern (exquisitis cruciatibus) geschlagen. Er wird auch rechtschaffene Männer mit den Büchern der Propheten umbrechen und sie verbrennen; und Macht wird ihm gegeben, die ganze Erde zu verwüsten 42 Monate.«
Der König des Bösen
herrscht 3½ Jahre. Wieder ein
Halbwochenschema, statt Tage hier Jahre. Er quält viele zu
Tode. Maximinus
herrschte von
305-313, die Zahl kann alte chaldäische Orakelsubstanz sein. Bahman
Yašt findet man
sie nicht, aber verschiedenste Schichten von Tyrraneien und
Verkörperungen des
Satans: I,1-7 ist es der sassanidische Mazdak
mit Gütergemeinschaft
bis zur Frauen-Mitbenutzung; BY
II,49 sind es »Chioniten,
Türken, Heftaliten und
Tibetaner, Bergherrscher und Chinesen, Kabulistaner und Sogdier und
Rhomäer und
Rote Chioniten, Weiße Chioniten« als
Spiegel der Sassanidischen Epoche, BY
II,36 sind es in
alten Ostirantraditionen »Hēšm
mit blutigem
Banner und der Dämonen mit zerteiltem Haar«,
BY
III,3 ist der Satan »Šedaspih
vom Kilisyakih aus
Salman«. BY
II,62f ist die Endzeit Abfolge von Leiden - Prosperität -
Leiden - Gericht: »Nach
diesen neuntausend Jahren, die ich, Ōhrmazd,
geschaffen habe, werden die Menschen in jenem furchtbaren Zeitalter
noch
furchtbarer sein, denn während der Mißregierung des
Azidahāk und des
Turaniers Frāsyāp, in jenem furchtbaren Zeitalter lebten die Menschen
(noch) besser und länger, und von Seiten des Ahriman und der
Dämonen war die
Widerspenstigkeit gegen sie geringer. 63 Denn
während ihrer
Mißregierung in dem Reich von Iran waren nicht sieben
Länder verwüstet, wie es
sein wird, wenn das Ende deines Millenniums kommt, o Spitāmān
Zartušt, denn alle Länder von Iran werden durch die
Hufe ihrer Pferde zerstört
werden, und die Fahnen dieser Leute werden bis nach
Patašxvārgar kommen,
und von dort werden sie durch Gewaltherrschaft den Sitz der Religion
austilgen,
und Töten geht aus von diesem Ort, o Spitāmān
Zartušt.« Das
wird BY
III,3f
auf die Satansrömer appliziert, bei deren Erscheinen sogar die
Sterne
Schreckenszeichen senden: »4.
Wenn ein Zeichen
von ihnen erscheint, während sie angreifen, O Spitāmān
Zartušt,
zeigen Sonne und Dunkelheit Zeichen und der Mond nimmt verschiedenen
Farben an.
Erdbeben (bum-guzhand) werde zahlreicher und der Wind weht heftiger.
Auf der
Welt erscheinen Mangel, Verzweiflung und Unbequemlichkeit.«
Das Wunder
des Sonnenstillstands vollbringt BY
III nicht der Satanskönig, sondern der erste der
Rettersöhne Zaraθuštras:
»45. Wenn er von der Zusammenkunft
kommt, klagt er zur
Sonne mit dem schnellen Pferd: Bleib doch stehen! 46.
Die Sonne mit dem schnellen Pferd steht noch zehn
Tage und Nächte. Und wenn dieses passiert, alle Leute der Welt
stehen durch die
gute Mazdayasnische Religion. 47.
Mihr der gewaltigen Vieh-Weiden klagt zu Hušedar, Sohn von
Zartušt so: O
Hušedar, Restaurator der wahren Religion, klage zur Sonne
mit dem schnellen
Pferd so: Gehe weiter, denn es ist in den Gebieten von Arzah und Savah
dunkel,
Fradadafš und Vidadafš, Vorubaršt und
Vorujaršt, und der gefeiert Xvaniras. 48.
Hušedar, der Sohn von
Zartušt, schreit zur Sonne und klagt: Gehe weiter! 49. Die Sonne mit
dem schnellen Pferd zieht weiter und
Varjavand und alle Menschheit glauben vollständig an die gute
Mazdayasnische
Religion.« Wir haben hier bei Motivgleichheit
eine Vertauschung der
Helden. Die historisch-mythischen Satanskönige sind harmlos
gegen Az-i
Dahak BY
III,54ff und hier ist das exakte Vorbild für den
Antichristen, cf 1.8.2:
»54. Später dann erbittet man
ein Geschenk irgendeiner Art
außerhalb der Bewilligung durch die Ketzer, aber der
Verworfenheit und Ketzerei
verpflichtet geben sie es nicht her. 55.
Und Ahriman erhebt sich durch diese Boshaftigkeit auf zum Berg von
Demavand,
der in Richtung von Bevarasp liegt, und ruft: Jetzt sind es 9000 Jahre,
und
Fredun lebt nicht mehr. Warum stehst du nicht auf, obwohl diese Deine
Fesseln
nicht entfernt werden, wenn diese Welt voller Leute ist, die vom Yim
abstammen?
56. Nachdem
der Widersacher
so sprach, steht Az-i Dahak auf, wie er vorher war, aber aus Angst vor
der
körperlichen Ähnlichkeit mit Fredun traut er sich
zuerst nicht, jene Fesseln zu
entfernen und sitz vor seinem Stamm, bis Ahriman sie entfernt. 57. Und die Kraft
von Az-i
Dahak nimmt zu, die Fesseln werden von seinem Stamm entfernt und seine
Brutalität lebt auf. Er schluckt den Widersacher auf der
Stelle und jagt in die
Welt, um Sünde zu begehen, und begeht unzählige
schmerzliche Sünden. Er
schluckt ein Drittel der Menschheit, vom Vieh, den Schafen und anderen
von
Ōhrmazd geschaffenen Lebewesen. Er schlägt das Wasser, Feuer,
und
Vegetation und begeht schmerzliche Sünde.«
Die iranischen Millennien zeitigen Wohlstand, aber harte Krisen am Ende. Die 4 Reiche des Vištāspa, des Artaxšēr, des Xosrau Anōšurvān und die Schreckensherrschaft der gescheitelten Hēšm (Raserei = aēšma), werden gefolgt vom Trimmillennium Zaraθuštras. BY III,13ff sind die 3 Zaraθuštrasöhne Hušedar, Hušedar-mah und Sošyant aufgenommen, die aus seinem im Frazdansee aufbewahrten Samen entstehen und ab dem 8. Millennium des Großen Jahres regieren, cf 1.4.2.10 und 1.4.5. Auch Hušedars 8. Millennium endet BY III,51 im Erstarken des Bösen und dem Verfall der Religion. Das 9. Millennium mit Hušedar-mah gipfelt III,53 in derartigen medizinischen, wirtschaftlichen und technologischen Erfolgen, daß die Menschen nicht mehr sterben müssen.
Aus der Hybris, die dadurch entsteht, erwächst soviel Bosheit, daß Ahriman zum Berg Demavand geht, den dort angehobbelten Drachen Az-i Dahak entfesselt und wüten läßt. BY III,58f klagen die heiligen Elemente Feuer, Wasser und Pflanzen zu Ōhrmazd um Hilfe: »Danach stehen Wasser, Feuer und Pflanzen vor Ōhrmazd dem Herrn in Wehklage und erheben folgende Klage: Mache Fredun wieder lebend, damit er Az-i Dahak zerstöre. Denn wenn Du, O Ōhrmazd, dieses nicht tust, können wir nicht in der Welt existieren. Das Feuer sagt: Ich werde nicht heizen. Und das Wasser sagt: Ich werde nicht fließen. 59. Und da sage ich, Ōhrmazd der Schöpfer, zu Sroš und dem Engel Neryosang: Schüttelt der Körper von Keresasp, dem Saman, bis er sich erhebt!« Genau diese Szenen von Prosperität, Hybris, Entfesselung Az-i Dahaks durch Ahriman, Terror und Klage der „frommen Elemente“ finden wir bei Lactantius:
Div inst VII,17,9-18,1:»Dies soll eine Zeit sein, in der die Gerechtigkeit preisgegeben und die Unschuld verhaßt sein wird, in der die Bösen in feindlicher Weise die Guten ausplündern werden. Weder Gesetz noch Ordnung noch Zucht im Kriegsdienst wird beobachtet werden, niemand wird den Hunden Achtung erweisen, noch die Pflicht der Frömmigkeit anerkennen, weder mit dem andern Geschlecht noch mit Kindern Mitleid kennen; alles wird verworfen und gegen (göttliches) Recht, gegen die Rechtsbestimmungen der Natur, vermischt sein. Die ganze Erde wird auf diese Weise gleichwie durch eine allgemeine Räuberei verwüstet. 10 Wenn dies geschehen ist, dann werden die Gerechten und die Anhänger der Wahrheit sich von den Bösen absondern und in die Einöden fliehen. Nachdem er dieses gehört hat, wird der Gottlose, in Zorn entbrannt, mit einem großen Heer kommen und nachdem er alle Truppen versammelt hat, wird er den Berg, auf dem sich die Gerechten aufhalten werden, umzingeln, um sie zu ergreifen. 11 Wenn aber diese sich auf allen Seiten umgeben und belagert sehen werden, so werden sie mit lauter Stimme zu Gott rufen und die himmlische Hilfe erflehen. Und Gott wird sie erhören und vom Himmel aus den "Großen König" senden, um sie zu retten und zu befreien und alle Gottlosen mit Feuer und Schwert zugrunde zu richten.[2218] 18,1 Daß dies auf solche Weise geschehen wird, haben sowohl alle Propheten durch den Geist Gottes wie auch die Seher durch den Antrieb der Dämonen verkündigt. Denn Hystaspes, den wir oben erwähnt haben, sagt nach der Beschreibung der Ungerechtigkeit dieses letzten Zeitalters, daß die Frommen und Gläubigen, die sich von den Schuldigen abgesondert haben, mit Weinen und Seufzen die Hände zum Himmel ausstrecken und den Schutz Jupiters erflehen werden: Jupiter werde auf die Erde achten und die Stimmen der Menschen erhören und die Gottlosen vernichten; was alles wahr ist, außer einem Dinge, nämlich, daß er sagt, daß Jupiter dies tun werde, was Gott tun wird.«[2219] Die Achtung vor den Hunden als Heiligen Tieren ist iranisch, ebenso das Ausstrecken der Hände himmelwärts im Gebet. Jupiter ist Ōhrmazd, der Sam wachrütteln läßt als seinen mächtigsten Kämpfer gegen Az-i Dahak.[2220] Die Elemente Feuer, Wasser und Pflanzen sind hier ersetzt durch die Gerechten, der verfressene Az-i Dahak durch den Antichrist-König, Sams Keule durch Feuer und Schwert. Ansonsten ist Bahman Yašt III,54ff wörtlich zitiert, auch das Schaf kommt vor.
Die Gerechten fliehen auf einen Berg, zu dem der Retterkönig vom Himmel kommt. Auch hier eine iranische Bergversion: BY III,31 besteigt Ōhrmazd mit allen Engeln den Hukairyad und schickt als Retter im 7. Millennium Pešyotanu. Die Endzeitleiden sind ähnlich OrSib III,518-610 beschrieben, der alles vernichtende König aus Asien OrSib III,611-15, die Katastrophe III,632-51 und der Retterkönig von der Sonne III,652ff. Es werden Hermes Trismegistos und Sibyllensprüche angeführt, teils aus OrSib III.[2221] Lactantius entfaltet jüdischen Messianismus auf dem Boden von Zervanismus, Orphik, Bukolik und Stoa.[2222] Jesus kommt Div inst IV vor.
Nun erscheint der Retterkrieger Christus vom Himmel, tötet die Truppen des Antichristen und bindet diesen nach dem Sieg in der 4. Schlacht und Todesfolter der restlichen Tyrannen für ein Millennium des Friedens. Div inst VII,19,4-8: »Er ist der Befreier, Richter, Rächer, König und Gott, den wir Christus nennen, der bevor er herunterkommt, wird dieses Zeichen geben: 5 Plötzlich wird ein Schwert vom Himmel fallen, damit die Gerechten wissen, daß der Anführer des heiligen Kriegsdienstes herabsteigen wird, und er wird von Engeln begleitet zur Mitte der Erde herabsteigen, und ein unauslöschliches Feuer wird ihm vorausgehen und die Macht der Engel wird in die Hände der Gerechten jene Menge, die den Berg umzingelt hat, überliefern, und es wird von der dritten Stunde bis zum Abend geschlachtet und das Blut wird wie ein Wildbach fließen; und nachdem alle Truppen vertilgt sind, wird der Gottlose allein entfliehen und seine Macht wird von ihm gehen. 6 Dies ist aber jener sogenannte Antichrist, aber er wird sich fälschlich Christus nennen, und wird gegen die Wahrheit streiten; besiegt wird er entfliehen und oft den Krieg erneuern und oft besiegt werden, bis er - nachdem im vierten Kampf alle Gottlosen umgebracht sind - überwunden und gefangen endlich die Strafe seiner Frevel leiden wird. 7 Aber auch die übrigen Fürsten und Gewaltherrscher, die den Erdkreis aufgerieben haben, werden, zusammen mit ihm gefesselt, zum Könige geführt werden, und er wird sie schelten und überführen und ihnen ihre Übeltaten vorwerfen und sie verurteilen und den wohlverdienten Martern überliefern. Nachdem so die Bosheit getilgt und die Gottlosigkeit unterdrückt ist, wird der Erdkreis zur Ruhe kommen, die so viele Zeitalter hindurch Irrtum und Frevel unterworfen war und eine ruchlose Sklaverei ertragen hat. Nicht werden weiter die mit Menschenhand gemachten Götter verehrt werden, sondern die von ihren Tempeln und Sitzen herabgeworfenen Götterbilder werden dem Feuer überliefert werden und werden zusammen mit ihren wunderlichen Weihgaben verbrennen.«[2223] Diese christliche Tempelplünderung wird mit Sibyllensprüchen belegt als „Schriftbeweis“: »Sterbliche werden die Bilder und allen Reichtum in Stücken brechen.« Und: »Die Götterstatuen werden in Flammen aufgehen.« Schon damals gab es christliche Reichskristallnächte an Mithräen und Isistempeln.[2224] Bahman Yašt III,30f hat die Vorlage vom Retter der Religion geliefert: »Pešyotanu, der Sohn von Vištāsp, geht mit der Hilfe des Frobag Feuers, des Feuers Gušnasp, und des Feuers Burzhin-Mihr zu den großen Götzentempeln, dem Domizil der Dämonen. Und der böse Geist macht Zorn mit wütendem Speer, und alle Dämonen und die Satane, bösen Rassen und Zauberer kommen in den tiefsten Abgrund der Hölle. Und jene Götzentempel wurden durch die Ausübungen vom gefeierten Pešyotanu ausgerottet. 31. Und ich, der Schöpfer Ōhrmazd, komme, um Hukairyad mit den Erzengeln zu besteigen, und ich befehle den Erzengeln, daß sie den Engeln aus der geistigen Existenz sagen sollen: Geht dem gefeierten Pešyotanu helfen!« Hier ist das komplette Setting vorhanden: Retterkönig, Erzengel und Unterengel, Berg Hukairyad, Kampf gegen die Armeen des Ahriman, deren Verbannung in die Hölle, das alles Böse vernichtende Feuer und sogar III,27-29 die dreifache Schlacht mit seinen 150 Gerechten im schwarzen Marderpelz unter vielen Litaneien und Feueranbetung bis zur endgültigen Vernichtung des Bösen. Hier ist bereits das Feuer selbst die reinigende Macht, wie bei Lactantius Div inst VII,21 das Fegefeuer. BY III,37: »Und der gefeierte Pešyotanu marschierte voran und das Feuer Frobag, das Feuer Gušnasp, und das triumphierende Feuer, das Burzin-Mihr, wird den Satan mit übermäßiger Stärke schlagen. Es wird die Götzentempel ausrotten, die Domizil der Dämonen sind. Und feiere das Zeremoniell (yazišn), arrangiere die heiligen Zweige, vollziehe feierlich den Dvazdah-homast, und lobe mich, Ōhrmazd, mit den Erzengeln.« Auch Miθra kämpft gegen die Dämonen der Hēšm (III,32-36). Lactantius hat also als Orakel des Hystaspes den Bahman Yašt benutzt, in dem 17mal Vištāspa genannt wird. Eine bis in Details getreue Aufnahme ganzer Szenen wäre anders nicht erklärbar. Dabei ist als Kompilationsmodus erkennbar, daß nicht eine bestimmte Szene des BY 1:1 umgesetzt wird, sondern daß eine Vielzahl von Szenarien zu einer neuen Szene zusammengeschmolzen werden, wobei etwa das Sonnenstillstandswunder Hušedars plötzlich dem Syrerkönig zugeordnet wird, die Gotteskraft Hušedars wird Teufelswerk Ahrimans. Dies kann man verstehen als Transformationslogik der signifikanten Verdichtung im Gleiten der Sprachzeiger in den Metonymien.[2225]
Div inst VII,20 folgt die erste Auferstehung der Gerechten zum ersten Weltgericht. Wieder gibt es Sibyllensprüche: »An den Himmelsgewölbe rollend werde ich die Höhlen der Erde öffnen; und dann werde ich die Toten hochholen, indem sie Schicksal und Todesstachel verlieren, und werde sie ins Gericht nehmen und das Leben frommer und gottloser Menschen beurteilen.« Dieses Gericht läßt allerdings anders als Dan 12,2; Mt 25,46 und Joh 5,29 nur die zu, die zu eigenen Religion gehören. Heiden haben keine Chance. Gute Taten werden gegen schlechte abgewogen und der präzise Punktwert ermittelt: Die überdurchschnittlich Gerechten bekommen als Lohn ein glückliches, gesegnetes Leben. Überwiegt das Böse, kommen sie ins Feuer. Die toten Seelen werden nicht »in nihilum resolvi«, sondern gehen bei guter Lebensführung laut Stoa in die Himmelsdomizile zurück, aus denen sie abstammen; bei Verfehlung wird sie im Totengericht durch exquisite Qualen geläutert. Dies schildert Lactantius in VII,21 mit Freude am Detail. Da irdische Fleischkörper so schnell verschmoren, wird ihnen ein Leib verliehen, der folterfest alles übersteht, damit die Qual nicht jäh erlischt. Die Röstetechnik der Römer hat hier die Rachephantasien der Gequälten beflügelt. Das göttliche Feuer ist nicht auf Brennmaterial angewiesen, sondern brennt von allein, stofflos, rein, rauchlos, flüssig. Es brennt die Bösen durch und ersetzt, was es verbrannt hat, durch neue, reine Körpermaterie. Das schmerzt wie der Geier, der immerfort Tityus nachwachsende Leber herausfrißt.[2226] Auch die Guten werden durch Feuer geläutert von bösen Resten: »Aber wenn er die Gerechten beurteilt hat, wird er auch sie mit Feuer versuchen. Die, deren Sünden entweder in Gewicht oder in Zahl zu hoch sind, werden vom Feuer versengt werden und verbrennen (perstringentur igni atque amburentur), die aber volle Gerechtigkeit und Reife von Tugend erfüllt haben, werden dieses Feuer nicht wahrnehmen; denn sie haben etwas von Gott in sich, was die Gewalt der Flamme abstößt und ablehnt. So groß ist die Kraft der Unschuld, daß vor ihr jenes Feuer zurückweicht ohne zu schädigen, weil es von Gott diese Macht annimmt.«[2227] Daß böse und auch gute Menschen durch das reine und deshalb auch reinigende Fegefeuer müssen, ist aus Bundahišn 34,18f Ankl hier über Traditionen wie Dan 7,10; 4 Esra 13,10; Apk 19,20 und OrSib II,251ff eingeflossen. Dieser richtend-feurige Zorn Gottes ist für Lactantius zentrales Thema, was er auch in De ira dei stark mit Sibyllensprüchen fundiert, in denen immer wieder Feuer vom Himmel fällt, cf 1.7.5.4. Das Feuer ist das heiligste Element der Perser und daß man überhaupt Unreines hindurchziehen läßt, ist quasi gnädige Ausnahme des Endgerichts, wo alles für die neue Welt rein werden soll und dieses Feuer ist selbst durchs Unreine nicht zu beschmutzen, weil es aus sich selbst lebt.[2228] Beim Gerechten ist die Kraft seiner Unschuld so groß, daß die Flamme ihm - wie im persischen Ordal - nichts anhaben kann. Dies war die Hoffnung der Christen in der Folterflammen Diokletians. Es ist logisch, daß Feuer, wo es Todesfolter vieler Christen war, eine zentrale Bedeutung in der Eschatologie bekam. Ein individuelles Totengericht wie das der Cinvat-Brücke oder das orphische bei Platon oder Vergil[2229] mit dem See der Lethe und den Richtern Minos, Äacus oder Rhadamanthys und eine Auferstehung nach 1000 Jahren gibt es nicht, sondern alle warten nach dem Tod in einem Unterwelt-Konzentrationslager auf das endzeitliche Gottesgericht, erst dann bekommen die Gerechten Unsterblichkeit und die Bösen ewige Pein in den Folterkammern der Hölle. Lactantius nimmt wie die Sibyllen die orphische Hadesvorstellung auf, die ihrerseits iranisch beeinflußt ist. Wahr an der Orphik sei zwar weder die Metempsychosis des Pythagoras in wechselnde Tier- oder Menschkörper noch der See der Lethe, dafür aber die Auferstehung nach einem Millennium, nur nicht einzeln im Rhythmus der Geburtenräder, sondern kollektiv am Ende, so Div inst VII,22f. Bevor nicht die Erde vom Bösen gereinigt ist, hat die Auferstehung der Toten zu einem neuen Leben gar keinen Zweck, sondern führt nur zur Repetition des alten Schlamassels. Er zitiert Chrysipp aus einer Cicero-Quelle, »daß nichts unmöglich ist, und daß wir nach unserem Tod, wenn bestimmte Zeitperioden wieder rund gekommen sind, in den Stand wiederhergestellt werden, in dem wir jetzt sind.« Diese Stoische Periodizität der Zeit ist dem Großen Jahr des Zurvan abgeborgt, cf 1.5.7. Es wird die Gerichtsvorstellung OrSib IV,183-87 zitiert: »Und dann wird das Gericht sein, bei dem Gott selbst richten wird, indem er abermals die Welt richtet. Die aber, welche in Gottlosigkeit sündigten, die wird abermals ein Erdhügel bedecken und der modrige Tartarus und die gräßlichen Kammern der Hölle. Die aber fromm sind, werden wiederum auf der Erde leben, ... wobei Gott Geist und zugleich Leben und Gnade schenkt den Frommen. Alle werden dann einander sehen, das liebliche, herrliche Licht der Sonne schauend.«[2230] Div inst VII,23 ist kürzer: »Wenn jetzt das Weltgericht über die Sterblichen kommt, was Gott selbst führen wird und beurteilen wird das Gottlose und das Heilige, dann wird er zugleich das Böse zur Dunkelheit ins Feuer schicken. Aber alle, die heilig sind, werden auf Erden durch Gott, der ihnen zugleich einen Geist gibt, wieder weiterleben in Ehre und Leben.« OrSib ist übernommen: Gott selbst richtet im Weltgericht die Bösen in die Hölle und die Frommen zum Paradies auf Erden.
Div inst VII,24 werden die Gerechten ein Millennium als Richter herrschen über die Irdischen, sprich: von Unterdrückten zu Unterdrückern werden und Rache üben für das ihren Vätern angetane Leid.[2231] »Welche dann in ihren Körpern lebendig sind, werden nicht sterben, sondern während jener tausend Jahre eine unendliche Menge erzeugen, und ihre Sprößlinge werden Gott heilig und lieb sein; aber die von den Toten auferweckt werden, werden über den Lebenden als Richter präsidieren. ... Für die gleiche Zeit wird der Fürst der Teufel, der Erfinder alles Bösen, mit Ketten gebunden und während der tausend Jahre himmlischer Regeln, in der Gerechtigkeit in der Welt herrschen wird, inhaftiert werden, damit er nichts Böses gegen das Volk Gottes entwickelt.«[2232]
Die heilige Stadt wird Mittelpunkt der Welt, wo Gott mit den Gerechten wohnt. Dunkelheit verschwindet, Sonne, Mond und Sterne leuchten siebenmal heller, die Erde trägt üppig Frucht, es strömt über von Honig, Milch und Wein, alles frohlockt, selbst Bär und Kuh leben friedlich miteinander.[2233] Von überallher kommen Könige der Völker, um Gott anzubeten. Hier scheint OrSib III,741-808 nachgerade abgeschrieben zu sein, die Übereinstimmungen sind so groß, daß dies die Vorlage für Lactantius gewesen sein muß. Der Herbst und Untergang der Welt wird nach VII,25 in Kürze stattfinden mit der Zerstörung Roms, worum alle Christen täglich Gott anflehen.
Am Ende dieses Friedens-Millenniums
wird der Fürst der
Teufel wieder freigelassen. Darauf folgt ein letztes Aufbegehren des
Bösen: Div inst
VII,26 wird
der Widersacher aus der Haft entlassen und wiegelt alle Völker
gegen die
heilige Stadt auf, führt noch einmal Krieg gegen Jerusalem und
alle Gerechten
fliehen in Erdhöhlen, möglicherweise die
römischen Katakomben: »Dann wird der letzte Zorn Gottes
auf die Nationen
stoßen und sie auf ganzer Linie zerstören. Zuerst
wird Er die Erde heftigst
schütteln, und von seiner Bewegung werden die Berge Syriens
zerrissen, die
Hügel abschüssig hinunterrollen und die Mauern aller
Städte fallen. Gott wird
die Sonne veranlassen stehenzubleiben, so daß sie drei Tage
nicht untergeht und
Feuer in Brand setzt. Riesige Hitze und großes Brennen werden
auf die
feindlichen und gottlosen Leute herunterkommen, Schwefelregen,
Hagelkörner und
Feuertropfen. Ihre Geister werden durch die Hitze schmelzen, und ihre
Körper
vom Hagel verletzt werden, und sie werden einander mit dem Schwert
erschlagen.
Die Berge werden mit Kadavern gefüllt und die Ebenen mit
Knochen bedeckt, aber
das Volk Gottes wird während jener drei Tage in
Erdhöhlen verborgen werden, bis
der Zorn Gottes gegen die Nationen und das letzte Gericht beendet ist.«[2234]
Die Erdbeben und Sonneneffekte als Endzeitzeichen stammen aus BY
III,4 und III,45ff.
Die Entfesselung Az-i
Dahaks
durch Ahriman
BY
III,55ff ist
hier ein zweites Mal eingebaut in den Endzeitfahrplan. Das Blut kommt BY
II,36 aus der
Terrorzeit der gescheitelten Hēšm.
Dann erfolgt die zweite Auferstehung aller und Bestrafung der Götzendiener: »Wenn die tausend Jahre voll sind, wird die Welt von Gott erneuert, die Himmelsgewölbe werden zusammengefaltet, die Erde wird verwandelt und Gott wird die Menschen in Ähnlichkeit mit Engeln umgestalten, und sie werden weiß wie Schnee sein und immer im Angesicht des Allmächtigen beschäftigt Gaben zu ihrem Herrn bringen und ihm dienen für immer. Zur gleichen Zeit wird die zweite und öffentliche Auferstehung aller (publica omnium resurrectio) stattfinden, in der die Sünder zu ewigen Bestrafungen gehoben werden. Dies sind die, die die Werke ihrer eigenen Hände entweder aus Ignoranz angebetet haben oder den Herrn und Schöpfer der Welt bestritten haben. Aber ihr Herr mit seinen Dienern wird gepackt und zur Bestrafung verdammt zusammen mit allen Banden des Bösen gemäß ihren Taten, für immer mit ewigem Feuer verbrannt im Angesicht der Engel (in conspectu angelorum) und Gerechten.« Hier ist BY III,62 mit der Reinigung aller Menschen zum neuen Sein und Bundahišn 34 Ankl Vorlage.
Nichts von alledem erinnert an den historischen Jesus, der wohl auch an das Endgericht mit Paradies und Hölle glaubte. Der Sibyllinische Fundus von Lactantius genoß Autorität bei den Römern. Auch die schon in der zervanistischen Apokalyptik kursierenden Orakel des Hystaspes, Vorlage für die Magiergeschichte mit Stern über Bethlehem und Kindermord, hatten autoritatives Gewicht wie die Berufung auf Vergil, Lukrez und die Stoa.[2235] Sie alle basieren auf dem zervanistischen Schema der 4 Weltzeiten im Kampf gegen das Böse. Bahman Yašt und Bundahišn 34,7ff Ankl (cf 1.4.5.7) sind zur Antichrist-Tradition transformiert worden, wobei dieser unschwer als Ahrimans Kampfdrache Az-i Dahak zu erkennen ist: Religiöse Gestalten werden umgetauft in Gestalten der eigenen Tradition. Mythische Szenen werden kunterbunt gemischt eingebaut und nicht treu paraphrasiert. Aus Bundahišn 34 Ankl stammen die Richterfunktion der Gerechten, die Millennien und Zeiten des Kampfes, das Neuaufleben der Plagen, die Auferstehung aller, das Gericht des Saošyants, die Marter der Bösen und das Feuer auch für die Guten. Zwar schreibt Lactantius erst um 310, doch arbeitet er mit wesentlich älteren persischen Quellen, die durch den Mithraskult und die Magier im römischen Reich in Kleinasien als Orakel des Hystaspes über lange Jahrhunderte im Umlauf gewesen sein dürften. Sie haben die OrSib und Mt 2,1-12 geprägt, cf 1.7.5.
1.8.8 Schaubild persisch-christlicher Parallelen
Taufe und Eucharistie sind ursprünglich Elemente des Miθra-Opfer-Zeremoniells.[2236]
|
Avestisch |
Christlich |
|
Ahura Mazda
guter Schöpfer |
Jahwe
Schöpfergott und Logos |
|
Himmel ist Welt
der geistigen Schöpfung |
Himmel ist Sitz
Gottes und der Engel |
|
Garoθmân
für Ašagläubige |
Himmel
für die Gerechten |
|
Hölle
ist Strafort der Bösen |
Hölle
ist Strafort der Bösen |
|
Ahriman und
Daevas |
Satan und
böse Dämonen |
|
Fravaši
und Yazata |
Erzengel und
himmlische Heerscharen |
|
postmortale
Himmelsankunft; Himmelsreise Ardā Vīrāf |
Himmelfahrt
Jesu; Paulus im 3. Himmel |
|
Auferstehung zum
Weltgericht |
Auferstehung zum
Gericht |
|
Ordal:
Großer Gang / Cinvat-Brücke |
Weltgericht |
|
Buch des Lebens
im letzten Gericht |
Buch des Lebens |
|
Verwandlung der
Welt |
Gottesreich / Himmlisches Jerusalem |
|
Endzeitheilande
Saošyants bringen Weltwohlfahrt |
Messias als
Befreier wird kommender Menschensohn |
|
Großes
Jahr des Zurvan |
Apokalyptische
Weltzeiten |
|
Mithras
Geburtstag |
Weihnachten
25.12. sol invictus urspr. Mithras Geburt |
|
Mithras-Stieropfer |
Opferung Christi im Abendmahlsdrama |
1.9 Gnosis. Himmelsbeheimatung im Weltgetümmel
1.9.1 Gnosis als unscharfer Hilfsbegriff
für eine polyvalente Bewegung
„Die Gnosis“ ist selbst eine Konstruktion von Theologen des 19. Jh.s. Es ist ein Sammelbegriff mit einem ausgesprochen unscharfen Profil. Das „Kleinste gemeinsame Vielfache“ wäre der Glaube an eine himmlische Welt, die so wirklich wie die materielle im Bereich über der Erde angesiedelt unsere wahre Heimat ist, in der wir von dem Leben waren und nach dem Tod wieder auffahren müssen. Nur der Gnostiker mit seinem göttlichen Lichtfunken ist zu ihr fähig, wie er in narzißtisch selbstverliebter Abgrenzung zum Rest der Menschen meint. Dabei gibt es eine Stufenordnung im Grunddualismus von gutem Himmel und schlechtem Kosmos in der Schöpfung, die auch in der erlösenden Erkenntnis umgekehrt zur Schöpfungsstufung durchlaufen wird. Gnosis ist nach Clemens von Alexandrien: »die Erkenntnis dessen, wer wir waren, was wir geworden sind, wo wir waren, wohin wir geworfen wurden, wohin wir eilen, wovon wir erlöst werden, was Geburt und was Wiedergeburt ist.«[2237]
Die Gnosis ist eine indo-iranisch, babylonisch-chaldäisch, griechisch und ägyptisch inspirierte, noch nicht dogmatisch geronnene Pluralität verschiedenster Schriftsteller und Sektengruppen, die in gewisser gegenseitiger Toleranz einen Grundmythos narrativ variieren.[2238] »Die Schöpfung ereignete sich, indem aus der göttlichen Sphäre der reinen Lichtwelt ein Teil in die unteren Bereiche hinabfiel und sich mit der Materie verband. Weil die Welt durch einen Fall entstand, ist sie nicht das eigentliche, sondern das fremde Werk der Gottheit, das nun von feindlichen Gewalten regiert wird.«[2239] Marcion hält den Schöpfer dieser gefallenen Welt selbst für einen bösen Demiurgen, darin der iranischen Ahriman-Vorlage treu, den auch Ahriman und sein Gefolge haben Schöpferkräfte der Zerstreuung, Verwirrung und fundamentalen Verbösung.
Markschies nennt 8 Elemente: »1. Die Erfahrung eines vollkommenen jenseitigen, fernen obersten Gottes; 2. die unter anderem dadurch bedingte Einführung weiterer göttlicher Figuren oder Aufspaltung der vorhandenen Figuren in solche, die dem Menschen näher sind als der ferne oberste Gott; 3. die Einschätzung von Welt und Materie als böser Schöpfung und eine dadurch bedingte Erfahrung der Fremdheit des Gnostikers in der Welt; 4. die Einführung eines eigenen Schöpfergottes oder Assistenten; er wird mit der platonischen Tradition ,Handwerker` - griechisch: Dhmiourgo/j - genannt und zum Teil nur als unwissend, zum Teil aber auch als böse geschildert; 5. die Erklärung dieses Zustandes durch ein mythologisches Drama, in dem ein göttliches Element, das aus seiner Sphäre in eine böse Welt fällt, als göttlicher Funkte in Menschen einer Klasse schlummert und daraus befreit werden kann. 6. eine Erkenntnis (,Gnosis`) über diesen Zustand, die aber nur durch eine jenseitige Erlösergestalt zu gewinnen ist, die aus einer oberen Sphäre hinab- und wieder hinaufsteigt; 7. die Erlösung durch die Erkenntnis des Menschen, ,daß Gott (bzw. der Funke) in ihm ist` (TestVer NHC IX,3. p. 56,15-20), sowie schließlich 8. eine unterschiedlich ausgeprägte Tendenz zum Dualismus, die sich im Gottesbegriff, in der Entgegensetzung von Geist und Materie und in der Anthropologie äußern kann.«[2240]
Im Diskurs um die Gnosis als jüdisch-hellenistischen Synkretismus, ihre Spielarten, motivischen Quellen und innere Kohärenz als eigenständige Bewegung herrscht weitgehende Einigkeit über ihre vorchristliche Entstehung. Hammond, von Mosheim, Walch, Michaelis im 19. Jh. datieren die Gnosis schon in vor-apostolische Zeiten, obwohl das Quellenmaterial erst ab dem 2. Jh. datiert. Reitzenstein, Köhler, Wrede, Wendland, Bousset, Bultmann und seine Schüler sehen die vorchristliche Entstehung der Gnosis aus einem jüdisch-hellenistischen Synkretismus (Weisheit, Apokalyptik, Mystik) als wahrscheinlich an.[2241] Die Bemühungen, einen christlichen Ursprung der Gnosis anhand von Joh 1 herauszustellen, sind weitgehend geleitet vom Erkenntnisinteresse, dem Christentum „Verdienste“ zuzusprechen, die anderen Kulten gebühren.[2242] Die Funde der gnostischen Bibliothek von Nag Hammadi 1947 bestätigen die Existenz einer jüdischen Gnosis im 2.-4. Jh. und schließen christlichen Ursprung der Gnosis aus.[2243] Gnosis ist eine Aufbruchsbewegung und so mehr als nur Summe iranischer, babylonischer, syrisch-ägyptischer, jüdischer und griechischer Mythologeme.[2244]
Der Begriff Gnosis ist eine Hilfskonstruktion, eine äußerst komplexe und vielsträhnige Bewegung mit unterschiedlichsten Traditionen, Quellen und Praktiken zu beschreiben. Eine Abgrenzung der einzelnen Gruppen kann Markierungen setzen. Die Bewegung insgesamt ist allerdings schillernder und moduliert das mythische Material in vielfältigsten Varianten. Was schon Gnosis ist und ab wann und was noch nicht, ist im Grunde eine müßige Debatte, wenn man das Ganze in seinen Verzahnungen in den Blick nimmt. Die fließenden Übergänge und Formen gehören wesentlich mit zum Phänomen der Gnosis. Als soziologisches Gesetz könnte fast gelten, daß Gruppen oder einzelne Gläubige einander um so heftiger attackieren, je größer die Affinität ihrer Mythen, Dogmen und Lehren ist.
Kurt Rudolph hat die Vielfalt der gnostischen Systeme, deren oft divergierende Schriften gerade in Nag Hammadi tolerant nebeneinander belassen bleiben, als »Produkt des hellenistischen Synkretismus, d.h. der 'Vermischung' orientalischer und griechischer Überlieferungen und Gedanken seit Alexanders des Großen Eroberungszügen« bezeichnet und als »Kompositionen, ja Kompilationen aus den mythologischen oder religiösen Vorstellungen der unterschiedlichsten Religions- und Kulturbereiche: aus dem griechischen, jüdischen, iranischen, christlichen (im Manichäismus auch aus dem indischen und fernöstlichen).«[2245] Sie sind so sehr »aus älterem mythologischen Material zusammengebaut«, daß sie »quasi wie ein Parasit auf dem Boden von 'Wirtsreligionen'« gedeihen.[2246] Insofern hat der Gnostizismus »keine eigene Tradition, sondern nur eine geliehene. Seine Mythologie ist eine bewußt geschaffene Überlieferung aus fremdem Gut, das er sich seiner Grundauffassung entsprechend angeeignet hat.«[2247] Nag Hammadi zeigt ein freizügiges Miteinander, eine Verwobenheit und teils auch eine gänzliche Unabhängigkeit von Christentum und Gnosis, zeigt die Richtigkeit von Bousset und Reitzensteins Annahme einer nichtchristlichen Entstehung der Gnosis und im Vergleich mit Irenaeus und anderen Apologeten das allmähliche Herauswachsen der Orthodoxie aus einer vorgängigen toleranten Vielfalt der theologischen Spekulation.[2248]
Rudolphs Rede vom parasitären Charakter der Gnosis gilt auch für die Christen. Entgegen dem Diktum der Exklusivität des christlichen Glaubens gegenüber anderen Offenbarungen läßt sich religionsgeschichtlich darlegen, daß dies eine Wort Gottes, mit dem Gott den Menschen angesprochen habe, durch eine Kompilation jüdischer, iranischer, griechischer, ägyptischer und babylonischer Mythen über der Gestalt des Jesus von Nazareth entstanden ist und sich nach einer Phase breitester narrativer Vielfalt durch einen Diskurs der Macht zu dem orthodoxen Grundbestand verengt hat, den wir als Kanon mit unseren reduktiven Rastern zu verstehen versuchen.
Das entspannte Nebeneinander von Texten ohne den geringsten christlichen Bezug mit Evangelien von Jesus oder dediziert christlichen Texten finden wir sowohl im Nag Hammadi Codex (z.B. VIII) als auch im Corpus Hermeticum. Im selben Buchband stehen disparateste Texte friedlich miteinander. Hier scheinen Mönche, Auftraggeber und Schreiberstuben mit der Aufnahme der verschiedensten Traditionen keine Unvereinbarkeiten, sondern eine verschiedene Beschreibung der einen Realität der himmlischen Heimat gesehen zu haben. Anders die Häresiologien, die mit den bissigen Bemerkungen des Paulus über seine Gegner beginnen: Hier wird gekämpft gegen Bruderkulte, deren Mythen den jeweils eigenen so ähnlich sind, daß die marginalsten Differenzen zu fundamentalen Unterschieden aufgeblasen werden. Hier wird vorzugsweise das abgelehnte Eigene auf den Gegner projiziert und an ihm gegeißelt. Psychoanalytisch kommen hier die paranoiden Charaktere zum Zug, die sich als Verfolgte fühlen und deshalb zu Verfolgern werden. Daß gerade ihre Schriften oft historisch obsiegen konnten, hat etwas mit ihrem hohen Aggressionspotential zu tun, was Gruppen polarisiert und andere Intentionen unterdrückt. Die größere Evidenz oder Wahrheit benötigen solche paranoiden Systeme nicht. Das Böse liegt immer in der Welt außer ihnen und kann dort bekämpft oder verachtet werden. Wenn die Gnosis von solcher paranoid-narzißtischer Mischung geprägt ist, dann eben vor allem deshalb, weil die eher synkretistischen, toleranten und nach mehreren Seiten offenen Gruppen sich nicht so wirkungsvoll durchsetzen konnten wie die aggressionsgesteuerten Paranoiker-Narzißten.
Bergers Versuch, das Phänomen Gnosis aufgrund seiner Multiplizität durch 'Hellenismus' zu ersetzen, ist unergiebig, weil nur ein enger umrissener Begriff gegen einen viel zu weit gefaßten ausgetauscht wird und die religionsgeschichtlichen Wechselwirkungen nicht verdeutlicht werden. Zum einen ändert diese begriffliche Ersatzvornahme nichts am Tatbestand der »Entweltlichung« bei Paulus und im johanneischen Doketismus, dem Sehen im Glauben, nicht im Fleischwunden anfassen. Die Welt des Glaubens hat, anders als in der Sinnlichkeit Jesu, Prävalenz vor der materiellen Realität. Zum andern hilft nicht weiter, bei Gnosis oder Hellenismus zu unterscheiden zwischen Gedanken, die in philosophischen Werken vorkommen und solchen, die in gottesdienstlichen Hymnen begegnen. Daß Liturgien gebildeter Religionszirkel philosophischen Zeitgeist aufnehmen, kann man sogar in heutigen Gottesdiensten erleben.[2249] Zum dritten ist die These unschlüssig, die »fragliche Größe Gnosis« Bultmanns scheide aus, weil Pls/Joh »beide dem judenchristlich-hellenistischen Bereich zuzuordnen sind.«[2250] Der „hellenistische Einfluß“ deckt sich mit dem Kernthema der Gnosis: der Tradition eines göttlichen Erlösers, der in die Finsternis der Welt gesandt wird, um die Seinen zur Heimat zu bringen. In der Ergründung der Wurzeln der Apokalyptik kommt Berger über Dan 7,9ff nicht hinaus auf die iranische Tradition des Weltgerichts in Bundahišn 30 SBE 5 und phönizische Äljon-Mythen.[2251]
1.9.2 Das Perlenlied als Indiz für
parthische Ursprungselemente in der
Gnosis
Im Perlenlied der Thomasakten erwacht der in die ägyptische Fremde ausgesandte königliche Perlensucher aus seiner Welttrunkenheit: »Ich gedachte, daß ich ein Königssohn sei und meine Freiheit nach ihrer Natur verlange.«[2252] Hier wird die Grandiosität des Selbst, die dem Narzißmus eigen ist, als Teilhabe an göttlicher Natur, dem protologisch formulierten Ureins mit dem göttlichen Licht, geschildert. Assonanzen an Ātmān, die buddhistische Einheit von Seele und All, werfen die Frage nach religionsgeschichtlicher Homologie mit der indischen Religion und indoeuropäisch-avestischer Herkunft auf.[2253] Perlen waren Indienexport und die Thomasakten sind Indienmission. Die geographisch-sozialen Details des Liedes spiegeln jedoch eine parthische Gesellschaft wieder. Das Lied könnte in Syrien zur Zeit von Bardesanes von Edessa entstanden sein, dessen gute Beziehungen zum armenischen Herrscherhaus so bekannt sind wie die »Parthisierung« Edessas selbst.[2254] Der Prinz ist erlöster Erlöser, kann die Perle finden/retten, weil er selbst sich finden konnte, im Welttaumel (māyā) erinnert wurde.[2255] Die Perle steht für die Gemeinde der weltversprengten Gottesseelen. So klar sie aus Indien importiert ist, ist sie doch iranisches Symbol.[2256] Das Gasthaus, in dem er der Welt verfällt, begegnet auch in iranischen Texten.[2257] Die feudalistischen Prinzbegleiter (parvānak, adyāvar auch im mandäischen)[2258] sind die avestischen Totenbegleiter wie Vohu Mana in Vendidad 19,31f oder die Götter und himmlischen Scharen im Buddhismus.[2259] Die Erlösung ist erst in trockenen Tüchern, wenn der Prinz sein Prachtkleid angezogen bekommt, Symbol des wahren Selbst. Es ist das Vayukleid des arischen Kriegeradels.[2260] Vayu ist der Thronende.[2261]
1.9.3 Taufe und himmlisches Kleid als
Vergöttlichung
Die Brautkleidsymbolik als Vergöttlichungsakt ist eine eigene Motivgeschichte des persischen Feudalismus. Die Neueinkleidung im Thronsaal vor der Begegnung mit dem Herrscher ist vom alltagspraktischen »hoffähig machen« zum Göttlichmachen geworden. Der iranisch Verstorbene bekommt im Garōθmān das Vohu-Mana-Kleid als ein weißes Licht-Kleid statt des Fleischkörpers verpaßt wie der selige Inder im Brahmaloka von zwei der Apsaras den aus Welt gewebten Brahma-Mantel übergezogen bekommt.[2262] Daneben gibt es das juwelenbesetzte, golden bestickte, farbschimmernde Vaya-Kleid als Protzfummel des Adelskriegers.[2263] Das Kleid wird von zwei Schatzmeistern gehütet. Die Daēna als himmlisches Doppelich des Verstorbenen hütet darin zugleich den Schatz der Guten Taten.[2264] Der Kušti-Gürtel und das Sudra-Hemd sind antizipierte himmlischen Einkleidungen Vohu Manas, die jeder gläubige Zoroastrier von seiner Weihe an absolviert.[2265] Schon bei Ardā Vīrāf ist Taufe und Neueinkleidung die rituelle Vorbereitung auf den Himmel. Im Himmel sind alle bestens gekleidet.[2266] Auch die Priestergewänder in der mandäischen Priesterweihe und alle Taufgewänder (rasta) sind weiße Himmelsgewänder des neuen Seins. In den Himmelsreisen der Henocha und Apokryphen sind diese Neueinkleidungen ebenfalls konstitutiv.[2267] Auch in biblischen Texten ist die weiße Himmelskleidung seit dem Exil zu finden.[2268] In den Nag-Hammadi-Texten ist diese himmlischen Licht-Einkleidung mit weißen Gewändern reichlich vertreten.[2269] »Die Taufe, die wir vorher erwähnt haben, wird genannt Kleid derer, die sich nicht von ihm entblößen, denn die, die es anziehen werden, und die, die Erlösung empfangen haben.«[2270] »Im Reich der Himmel sind die Kleider wertvoller als die, die sie (sich) angezogen haben.«[2271] »wenn er sich mit dem vollkommenen Licht bekleidet [und] selbst zum vollkommenen Licht wird«,[2272] »dann werdet ihr euch kleiden in Licht und eintreten in die Brautkammer«[2273] » Und es werden euch die, die Throne geben, Throne geben. Ihr werdet (für euch) Kleider empfangen von denen, die Kleider geben; und es werden euch taufen die Täufer. Und ihr werdet voller Herrlichkeit sein, so wie ihr am Anfang gewesen seid, als ihr Licht wart.«[2274] Das Kleid macht hier die Leute aus, ist nicht nur Überzieher, Pull-Over, sondern neuer Körper, neues Ich. Das Kleid vereint mit Gott. Es ist seine Substanz: Licht. Es ist das, was sie immer schon waren: Gott-Licht. Die Taufe bringt dies ans Licht.
1.9.4 Göttlicher Ursprung als
narzißtisches Grandiositätsphantasma
Psychoanalytisch gesehen ist der gnostische Grundmythos eine Phantasie des Größenselbst über seine pränatale Einheit mit der Gott-Mutter.[2275] Die reine Lichtwelt als Quelle der Emanation im Geburtsakt der Weltwerdung mutet embryonal vollkommen an. Hier ist die Welt noch in Ordnung, der Mensch in ihr ist noch nicht vom Trauma der Geburt und Erziehung beschädigt und durch Geburt in den Taumel der Welt geworfen. »Der Urmensch, der am Anfang gebildet wurde, ist nicht durch seine Schuld in die Lage gekommen, in der sich die Menschen nun befinden, sondern durch einen schicksalhaften Fall ist er in die Welt hineingeraten und in ihr festgehalten worden. Die Mächte, die über die Welt wachen, haben ihn überwältigt, ihn trunken gemacht und eingeschläfert, damit er seine Herkunft aus der himmlischen Heimat vergißt und nicht mehr weiß, woher er kam.... Da im Menschen weiterhin ein göttlicher Funke schlummert, hängt alles davon ab, ob dieser Funke wieder zum Leuchten gebracht werden kann oder ob er erlöschen wird. Die kosmischen Gewalten haben ein vitales Interesse daran, ihn nicht aus Gefangenschaft, Schlaf, Trunkenheit und Selbstvergessenheit freizugeben.«[2276]
Der Mensch in seinem Geworfensein durch den Wurf der Geburt in die kalte Welt der Überlebenskämpfe ist verzweifelt auf der Suche nach der pränatalen Einheit mit der wärmend-nährenden Gebär-Mutter-Höhle. Diese embryonale Einheit ist der biographisch-ontologische Erfahrungsgrund für die Symbole der Einheit von Ich und All im indischen Ātmān-Begriff und der gnostischen Seelen-Heimat in der göttlichen Lichtwelt, cf 1.3.6. »Angst, Sorge und Sehnsucht nach Befreiung bleiben vergeblich. Da das Tor zur Freiheit nur so aufgetan werden kann, daß Gott den Weg zur Heimkehr zeigt, schließt die Erkenntnis nicht nur das Wissen über die Geburt, sondern vor allem auch über die Wiedergeburt ein... Weil Gott, der in weiter Ferne über der Welt thront, und die göttliche Substanz, die in der Seele des Menschen ruht, auf Grund naturhafter Verwandtschaft zusammengehören, darum muß die Seele wieder aufsteigen in die obere Welt«.[2277] Wiedergeburt ist »nach gnostischem Verständnis Wiederherstellung des ursprünglichen Zustandes«[2278], ist restitutio in integrum. Die Heimat im Himmel ist für die platonische Wiedergeburt nur Durchgangslager und viele gnostische Sekten glaubten nur an die einfache Rückkehr in den Himmel, ohne weitere Neu-Aussendungen.[2279] Die Lehre von der Metempsychosis ist über orphisch-pythagoreische Magier aus dem iranischen Raum in Platons Spätwerke gelangt und hat von dort die Stoa und den gesamten Hellenismus beeinflußt, cf unten 1.5 1.7.
»Die Erlösung vollzieht sich also in der Rückkehr zum Ursprung, indem der verborgene göttliche Kern des Menschen freigelegt und dadurch seiner eigentlichen Bestimmung zurückgegeben wird.«[2280] Das Urbild der Erlösung ist das ins Kosmische übertragenen Imago embryonaler Geborgenheit, welche den bodenständigen unteren Schichten die Dorf- oder Stammesgemeinschaft vermittelte: Heimat mit Frühlingsbutter. Der Seele des verstorbenen Ašagläubigen kommt auf dem Weg vom stofflichen Dasein zum geistigen seine eigene Seele (Daēna) wie ein wohlriechender Wind als 15jähriges hochbusiges, weißarmiges, wohlgestaltetes Mädchen von äußerster Schönheit entgegen und offenbar ihre Schönheit als den Abglanz der Schönheit der guten Werke des Verstorbenen. II,18: »An Speisen soll man ihm bringen Frühlingsbutter; das ist für den Jüngling von gutem Sinnen, gutem Reden, gutem Handeln, guter daēna die Speise nach dem Wegsterben.«[2281]
1.9.5 Zaraθuštras
„Drug-Genossen“ und Welt als Täuschung und
Trug
Im Rhegiusbrief NHC I,4 wird die Welt als Illusion bezeichnet.[2282] Dies entspricht dem indischen māyā. Verfolgt man diesen Begriff (fantasia) durch den Codex, ist er sicherlich nicht der häufigste Schlüsselbegriff für die gnostische Welt-Distanz.[2283] Aber er offenbart die gnostische Haltung zur Welt. Die Scheidung vom Zuhandenen und Gefilden des Himmels, in denen die Wahrheit den Gewaschenen und täuflich gut Vorbereiteten kundgetan wird, sie dürfte Konstrukt der Herrschaft sein, gesellschaftliche Konstruktion der Wirklichkeit[2284] zum Zwecke besserer Naturbeherrschung, wie sie in den Erfolgen der Naturwissenschaften zu begutachten ist. Durch die Ausgrenzung der Unvernunft der schamanischen Extasen wurde die Welt berechenbar und machbar.[2285] Zugleich mußte von diesem Punkt an mit einem doppelten Begriff von Wirklichkeit operiert werden, dessen Pole sinnliche Zuhandenheit der Phänomene versus Transzendentalität und Verborgenheit des Wesens oder der innewohnenden Strukturen und Wirkweisen, Immanenz und Transzendenz geworden sind, für letztere erklärten sich die Religionen als zuständig.
Die Urerfahrung des Schamanismus jedoch ist eine ungeteilte Welt voller Zauber und Illusion, in der Krankheit als Verlaufensein der Seele zu einer verzaubernden Form der Heilung führte: es macht sich einer auf den Weg in die geistigen Dschungel, in denen der Kranke weilt. Die Verdopplung der Realität als materieller und geistiger führt darin zu einer materiellen Veränderung durch die geistig religiös vermittelte sinnliche Unmittelbarkeit des schamanischen Handelns in Rausch, Trance, Hypnose, Extase und Mythos. Hier wird noch in beiden Dimensionen gelebt und erlebt. Die babylonische Astronomie und andere Formen der etwa auch bei den Pythagoreern erstarkenden antiken Wissenschaft bedeutete die aufklärerische Absage an die Mythen der wundergläubigen Sektengemeinschaften der späten Antike. Die Gnosis ist einerseits dem Geist ergeben, weil er das Vehikel ihrer Erfahrungen bildet. Nou=j spielt dabei eine Hauptrolle. Andererseits sind die quasi positivistischen Nüchternheiten der aufkeimenden Wissenschaften mit ihrer Insistenz auf der sinnlichen Welt zugleich ein Angriff auf die geistigen Erlebensformen der Himmelsreisenden und schamanisch Tätigen.
Man kann dieses Motiv der Welt als Trug schon im Lehrgedicht des Parmenides, bei Platon und schließlich dem indischen Maya-Begriff wiederentdecken.[2286] Die Erkenntnisordnung wird umgekehrt proportional zur Seinsordnung, indem das unmittelbar Vorhandene das Falsche, Trügerische, die Verblendung ist, weil die Wahrheit sich nie unmittelbar zeigt. Dieses Phänomen des Scheins der Dinge, des Trugs der Fakten, hat schließlich noch Heidegger bewogen, auf dem Weg zu den Sachen zwischen dem vorhandenen Dasein und seinem fundamentalontologischen Wesen als Sein des Seienden zu unterscheiden, wobei diese Unterscheidung auf Holzwege ganz eigner Art führt. Wenn also die Welt rigoristisch „ la Parmenides mit dem Trug identifiziert wird: auch der Himmel ist nicht die reine Wahrheit. Zaraθuštra differenziert zwischen Wahrheit und Trug im Verhalten der Menschen auf ethischer, nicht auf ästhetischer Ebene der verstellten Erkenntnismöglichkeiten.
1.9.6 Erlösung durch Wissen um die wahre
Realität hinter der Faktenwelt
Erkenntnis haben erlöst. Wer weiß, wie ein Computer, Auto oder ein Laserskalpell zu bedienen ist, wer weiß, wie das Wetter wird oder wie man Landflächen und Jahre berechnen kann, hat im Überlebenskampf der Menschengattung bessere Chancen. So ist Erkenntnis als Produktivkraft im Prozeß wachsender gesellschaftlicher Naturbeherrschung Motor der Zivilisation und sozialen und technischen Entwicklung der Menschheit. Erkenntnis macht das Ausgeliefertsein beherrschbarer und dämmt die ontologische Angst aus dem Schrei und Fluchtreflex in eine andersartige Flucht in virtuelle Welten. Wenn diese ein Abbild der Sinnenwelt sind, kann Denken als Probehandeln Veränderungen an der Sinnenwelt planen und in Taten umsetzen, homo faber. Bestimmte Problemzonen wie Tod oder Vergänglichkeit und das Böse lassen sich aber technisch nicht wirklich lösen. Den Wärmetod des explodierenden Kosmos müssen wir ertragen lernen wie den eigenen. Himmelsreise, Kunstwerk oder die idiosynkratische Schizophrenie als Gegenwelt gegen unhaltbare Situationen haben nur unterschiedliche Kommunizierbarkeitsevidenzen, sonst aber sind sie eng verwandt als virtuelle Gegenwelten mit metaphorischer Um-Konstitution der normal geläufigen gesellschaftlichen Konstruktion von Wirklichkeit, Realität und Faktizität. Auch heute erzeugen Film, Buch, Telespiel und Fantasy-Shopping einen breitflächig genutzten Pool unterschiedlichster virtueller Welten, mit denen Milliardengewinne eingefahren werden. In eben diesem Behufe ist die Himmelswelt der Gnosis und des spätantiken Individualismus eine künstliche Gegenwelt gegen die unerträgliche Tatsache, daß dieses unser Leben einzig, unwiderruflich und unabänderlich nur einmal und schon alles für mich und dich gewesen sein soll und wir danach verwesen und nie wieder sein werden.
Gnw=sij
ist ein elitäres Geheimwissen
logenmäßiger Mysterienverbände. Von den
arischen Männerbünden mit ihren Kollektivextasen
und dem Erwürgen des halben Hofstaats beim Tode des
Königs zu dessen Geleit im
Totenreich[2287],
von dem Schicksal der guten und bösen Seele nach dem Tod in Zaraθuštras Lehre,
von den
Geheimzirkeln persischer Ma=goi
und den im Himmel von Gott übergebenen
Geheimschriften des sumerischen Priesterkönigs Enmeduranki[2288]
über die Pythagoreer, Orphiker, über die
Himmelsreise-Revelation des
Parmenidischen Lehrgedichts bis in Platons
Höhlengleichnis führt eine Tradition von Erkenntnis,
verstanden als Wissen um
eine der Welt verborgene, präexistente Wahrheit, an der im Rad
der Metempsychosen
nur der festhalten kann, der sich nicht dem See der Lh/qh
nähert
oder dem Rausch der Sinne verfällt in der Nacht und Finsternis
der Begierden.[2289]
Von
Indien bis
Griechenland erstreckt sich eine nachgerade homogene Lehre von der
Präexistenz
der Seele in der göttlichen Geistwelt, dem Fall in die
trügende Sinnenwelt und
die Rückkehr der Seele zu ihrem geistigen-göttlichen
Urgrund.[2290]
Die
Hauptmotive der
Gnosis entsprechen einem breiten hellenistischen Konsens, in dem die
vedische
Quelle des Buddhismus mit der gesamten antiken westlichen Tradition auf
struktureller Ebene konvergiert.[2291]
Die Wahrheit offenbart der Erlöser in seiner mystisch-weihemäßig mitgeteilten Geheimbotschaft an die versprengten Lichtfunkenträger im Gefängnis dieser Welt. Diese Gnw=sij ist esoterisches und exklusives Wissen einer Minderheit über einen geschichtlichen Rahmen von präexistenter Wahrheit, Schöpfung, Kampf des Guten mit dem Bösen, Inkarniertsein in eine Welt des Bösen und postmortalem Rückweg in die Lichtwelt dieser präexistenten Wahrheit als eines Seins mit und bei Gott. Die Erlösung vollzieht sich im Finden des Rückweges in die Lichtwelt, der verstellt wird durch Mächte der Finsternis, durch ihre rauschhafte Bornierung des Blickes auf die materiell vorfindliche Welt als letzten Horizont des Seins. Gegenüber ihren Verblendungsversuchen hilft allein das Wissen, die Gnw=sij als Überschreitung des Verblendungszusammenhanges.[2292] Während die Gnosis Nichteingeweihte dem ungöttlichen Reich der Finsternis zuordnet, sind die Massenweihen orphischer Wanderprediger, die Verführung der Jugend zur Vernunft bei Sokrates und die paulinische Idee, daß alles Fleisch Gott schauen können soll, Elemente des Kontaktes zu dem Großteil der Menschen, denen im gnostischen Dualismus göttlicher Lichtfunke und Beziehungsfähigkeit zu Gott prinzipiell durch Zuordnung zum Reich der Finsternis aberkannt wird.[2293] Damit wird das gnostische Verdammungsurteil über die außerhalb der eigenen Sekte lebenden Mitbürger relativiert und die Basis zu einem Kontakt geschaffen, der zwar nicht in Anerkenntnis ihrer spezifischen Religiosität besteht, aber in der missionarischen Hypothese, daß sie falsch leben, jedoch rechten Lebens fähig wären, würden sie entsprechend aufgeklärt.
1.9.7 Seele und All - Eine kosmopolitane Weitung
religiöser
Idiosynkrasien
Gnosis spiegelt den Aufbruch von religiösem Nationalismus zu einem quasi kosmologischen Internationalismus, von dem die Antike seit Alexander d. Gr. tiefgreifend geprägt wurde. Der babylonische Marduk, der semitische Baal oder El oder Jahwe ist ein Stammesgott, verbunden mit seinem erwählten Volk, dessen irdisch-politisch-ökonomisches Wohl er befördert. Im persischen Dualismus von Ōhrmazd und Ahriman ist nicht mehr das Gute das Stammeswohl, sondern eine kosmische Ordnung, die von finsteren Mächten bedroht ist, von Sinneslust und Aggression. Hier findet eine Verlagerung der Räumlichkeit Gottes statt: sowohl im Makrokosmos als auch im Mikrokosmos ist er gleich präsent. Im Urmenschen konvergieren Makro- und Mikrokosmos.
Damit ist Gott in seinen beiden Gestalten des guten Gottes Ahura Mazdā und des bösen Ahriman zugleich in die Seele des Einzelnen und den Gesamtkosmos verlegt, eine Ausweitung des Göttlichen nach Innen und Außen, eine Expansion der Seinsbereiche im Sinne fortschreitender Vergeistigung. Das Gute ist nicht mehr mit dem Stammeswohl identisch, sondern mit dem Wohl des Gesamtkosmos, zu dem neben den Menschen auch Tiere und Pflanzen gehören, die durch die Metempsychose mit dem Geschick des einzelnen Menschen verbunden sind als seine vergangene oder mögliche Gestalt. Sowohl in Indien (Ātmān)[2294] als auch im Iran (Vohu Mana) ist Seele und All eine geistige Einheit, der Urmensch besteht aus dem Gesamt der Schöpfung. Die Mannigfaltigkeit der Welt konnte anfangs unter diesem Pantheismus symbolisiert werden, aber sowohl im indischen Māyā als auch im iranischen Trug- und Finsternisbegriff bis in den Parmenidischen Trug des Vergänglichen gegenüber der Wahrheit des geistigen Seins ist eine Diskriminierung der materiellen Sinnenwelt angelegt.
Zaraθuštras ethischer Dualismus der Zwillingsgeister des Guten und Bösen optierte zugunsten des guten Sinnens. Er wurde zerstört vom zervanistischen Pessimismus. Reitzensteins Urmensch als erlöster Erlöser ist antikosmisch, gerade dies war Zaraθuštra eben nicht. Der Himmelsmantel der Seele als ihr im Himmel verbleibender Teil hat die Mittlerstellung der Aməša Spəntas als Eigenschaften Gottes und der Menschen und als autonome himmlische Wesenheiten bei Zaraθuštra als Vorbild: Vohu Manah wird zum göttlichen Lichtfunken in den guten Menschen.[2295]
Durch Universalisierung des Guten vom Ethnozentrismus zur harmonia mundi ist zugleich das Böse zur universalen Macht geworden, die die Kategorie des Feindes auf die eigene Zerrissenheit als permanente Anfechtung und permanenten Kampf um die Verwirklichung des Guten ausdehnt. Ein Schaubild erläutert die Verflechtung der Traditionen:

Die Generationstreue Jahwes und seine Verheißung ist erweitert um Zurvans Verheißung an Ahura Mazdā, nach langem Kampf mit Ahriman schließlich doch die endgültige siegreiche Macht in der letzten Zeit-Etappe des Weltgeschehens zu erlangen, wobei der Urgrund, aus dem das Sein in der Zeit entspringt, eine der Geschichte enthobene Präexistenz in einer ideellen Welt ist, die zugleich die erste und letzte Bestimmung, die Heimat der angefochtenen Seelen ist.[2296] Die Sehnsucht nach der himmlischen, übersinnlichen Welt hat im alten Iran ihren Ursprung.[2297] Die Lust am Bösen in Anbetung und Ausrottung ist seitdem nicht nur Hexenzunft und schwarzer Magie am Herzen gelegen, sondern ebenso Zentrum kirchlichen Handelns.[2298]
1.9.8 Die Urmensch-Inkarnation als Kern des
gnostischen Erlöser-Dramas
»In der Zeit vor der Erschaffung der Welt geriet eine himmlische Lichtgestalt, der Urmensch, durch einen Fall oder um zu kämpfen aus der Lichtwelt hinab in die Gewalt der dämonischen Mächte des Finsternis. Sie zerteilen ihn, um aus seinen Lichtelementen die bindenden Kräfte zu gewinnen, die nötig sind, um aus dem Chaos der Finsternis den gegenwärtigen Kosmos zu schaffen, der ein Gegenbild zur himmlischen Lichtwelt sein soll. Die Teile des Urmenschen sind also zum einen die Lichtteile des Kosmos, zum andern die einzelnen Selbste der Menschen, die, soweit sie sich ihrer bewußt geworden sind, bereits Pneumatiker, Gnostiker, Erlöste sind. Zur Gesamterlösung des Urmenschen müssen namentlich die einzelnen Selbste befreit und gesammelt, d.h. wieder zusammengesetzt werden. Um das zu verhindern und damit den Status ihres Kosmos zu erhalten, versuchen die Dämonen die das lichte Selbst bewahrenden Menschen trunken zu machen und einzuschläfern, damit ihre Selbste die himmlische Heimat vergessen. Die höchste Gottheit erbarmt sich ihrer und sendet abermals eine Lichtgestalt, ihren Sohn, herab; er ist in das Gewand des irdischen Leibes gekleidet, damit ihn die Dämonen nicht erkennen. Er weckt die trunkenen oder schlafenden Selbste und erinnert sie an ihre himmlische Heimat. Damit bringt er ihnen die Gnosis, welche Erlösung ist. Er stiftet die Weihen, durch die sich die Menschen reinigen und ihres Selbstes gewiß werden, d.h. wiedergeboren werden können. Vor allem aber teilt er ihnen die geheimen Formeln mit, kraft derer die Selbste auf der nach dem Tode des Menschen anzutretenden Himmelsreise die Gestirnsphären, welche die Wachtstationen der dämonischen Mächte sind, sicher passieren können. Zu seiner Legitimation offenbart er sich in Reden, die Formeln wie 'Ich bin der Hirt', 'Ich bin die Wahrheit' enthalten, als den von Gott Gesandten. Nachdem er dies vollbracht hat, steigt er wieder empor und bahnt so den Weg, auf dem die Seinen ihm folgen werden, wenn sich im Tode das Selbst aus dem Gefängnis des Leibes gelöst hat. Dieser Weg ist auch für ihn selbst, den Erlöser, Erlösung; weil er auf Erden nicht in göttlicher Gestalt, sondern in irdischer Verkleidung erschienen ist, hat er Leid und Verfolgung des irdischen Daseins auf sich genommen und ist selbst erlösungsbedürftig geworden. Aber er erlöst sich nicht dadurch selbst, daß er aus diesem Dasein Abschied nimmt und wieder emporsteigt, sondern auch durch sein eigentliches Werk, die Sammlung der Lichtfunken; er hat sie eingeleitet, und sie wird vollendet sein, wenn alle Lichtfunken wieder befreit und emporgestiegen und damit auch wieder vereint sind zu dem einen Leib des Urmenschen, der in der Urzeit gefallen, gefangen und zerrissen worden war.«[2299] Dieses Setting des gnostischen Erlösungsdramas ist hellenistisches Allgemeingut gewesen. Dabei kann man sagen, »daß unter den Faktoren, die die Summe des 'Hellenismus' ergaben, die Orientalisierung des Hellenischen größer war als die Hellenisierung des Orients«.[2300] Allein, daß die meisten Träger der Gnosis aus dem gärenden Osten stammten, erweist den starken östlichen Einfluß auf die gnostische Lehre.[2301]
Reitzensteins Hypothese einer Identität von Urmensch und Erlöser geht davon aus, daß der Urmensch die Summe aller emanierten Einzelseelen in sich enthält und Erlösung komplette Rücksammlung von der Erdversprengung in die Himmelsheimat ist.[2302] Colpe zeigt, daß der gnostische me/gaj a)/nqrwpoj nicht »erlöster Erlöser«, sondern sich Erlösender ist.[2303] Der 'Große Mensch', zu dessen Leib alle Menschen, alles Leben zählt, wird immer wieder mit historischen Erlösern identifiziert, ob Buddha oder Zaraθuštra.[2304] Selbst wenn Jesus nirgends als Urmensch explizit bezeichnet wird, ist die paulinische Lehre vom sw=ma xristou= eine Wiederholung der indo-iranischen Urmensch-Lehre: Wir alle seien Teile dieses Leibes, dessen Tod ein schöpferisches Vollbringen war[2305], ein Übergang von dem Einen zu den Vielen, die ihn nun repräsentieren.[2306] Viele Dispute über die Auferstehungsleiblichkeit Christi im sw=ma pneumatiko/j verweisen nur auf die gnostische Adaption der iranischen Mēnōk-Welt, des platonischen Ideenhimmels.[2307] Die pneumatische Licht-Materie, der Geistleib, ist nichts als die iranische Mēnōk-Welt.
Seit der Makkabäerzeit haben hellenistische, besonders iranische Theologumena die jüdische Apokalyptik durchwirkt und hierüber konstituierte sich das Christentum. »5. Außerjüdische orientalische Einflüsse liegen wahrscheinlich aus der iranischen Religion vor, sind aber durch das Medium des Judentums gegangen. 6. Das hellenistische Element muß nicht direkt das Christentum beeinflußt haben, sondern konnte auch durch das apokalyptische Judentum gegangen sein, da die hellenistischen Einflüsse von der Makkabäerzeit geistig noch nachgewirkt haben.«[2308] Ob Menschensohn als Weltenrichter unter dem Herrn der Geister (Hen(äth) 61,8-64,1) und Paradieskönig (69,27ff) via Dan 7,13 in die postjesuanische Theologie einfließt, ob endzeitliche Versöhnung und Verwandlung der Welt ins himmlische Jerusalem: hier standen die iranisch-zervanistische Auflösung und Transfiguration (fraškard = frašō-caretar = frisches Land) der Welt mit Sukzession dreier endzeitlicher Saošyants, apokalyptischer Heilande, Pate.[2309] Die Fleischwerdung des Bösen in Dämonen und gefallenen Engeln des Diabolos (Joh 13,2; Lk 4,2) geht von Ahrimans Heerscharen über Sarahs Besessenheit vom iranischen Gewaltdämon Ašmodavn (aēšma = Raserei, Gewalt: Tobit 3,8) über Jesu Dämonenaustreibung und Versuchung in den 40 Wüstentagen bis zum Kampf des Bösen gegen das Gute in der willig-schwachen paulinischen Einzelseele des sündigen Gläubigen.
1.10 Gnostische Elemente im Neuen Testament
Zur Erklärung der massiven gnostischen Motive in paulinischen und johanneischen Schriften wird gern ein hermeneutisches Spiel der christlichen Mission behauptet, um eine antignostische Gesamttendenz des neutestamentlichen Kanons zu suggerieren. »Die ersten Christen, die in Palästina und Syrien, bald aber auch in anderen Teilen der alten Welt das Evangelium verkündigten, redeten die Sprache ihrer Zeit. Daher sind sehr bald auch gnostische Motive aufgenommen worden, um sie zur Verdeutlichung der christlichen Predigt zu verwenden.«[2310] Lohse entschuldigt das eine Mal gnostisches Gedankengut als Mittel der Verdeutlichung des Evangeliums, das andere Mal diskreditiert er die gnostische Art, das Drama Christi zu denken, als Irrlehre, gegen die besonders Paulus und Johannes zu Felde ziehen, indem sie sich eben dieser Irrlehre und ihrer Bilderwelten bedienen.[2311] Wenn die Symbole der Gnosis prinzipiell imstande sind, das Drama Christi zu verdeutlichen, können sie kaum sehr viel falscher sein als die »eigentlichen« christlichen Symbole, die sich aber offensichtlich gar nicht so klar von den »gnostischen Verfälschungen« trennen und reinigen lassen können.
Die Trennung von Sprache und Intention[2312] macht Sprechen zur anbiedernden Verstellung: den Juden ein Jude, den Gnostikern ein Gnostiker. Die Illusion, sich einer Sprachwelt zu bedienen, um sie zu unterwandern, verkennt, daß den Unterwanderer diese Sprachwelt unterwandern wird.[2313] Wer dem Volk aufs Maul schaut, beginnt zu kommunizieren und diese Mimesis affiziert seine subversiven Gelüste zum echten synkretistischen Kontakt.
1.10.1 Geistbesitz in Glossolalie als
göttliche Präsenz im
Christenmenschen
Im glossolalischen Geistbesitz der korinthischen Enthusiasten »hat sich alsbald gnostisches Selbstverständnis mit christlichem Freiheitsbewußtsein verbunden und in dem stolzen Gefühl derer ausgesprochen, die vom Geist erfaßt und getragen sind.«[2314] Gnostische Gegenwärtigkeit der Heilszeit, von Paulus 1 Kor 4,8 proklamiert und sakramental präsentiert, führt immer wieder zur unbequemen Wahrnehmung christlicher Freiheit[2315] der Kinder des Gottes, der alles in allen ist und wirkt (1Kor 15,28; 12,6), so gern Paulus enthusiastische Ausbrüche dieser Freiheit zügelt. Die glossolalische Trance scheint der schamanischen sehr ähnlich und wird in beiden Fällen als Einkehr der Gottheit in das menschliche Medium verstanden.[2316] Hier hat sich der über Thraker und Geten kommende indoeuropäische Einfluß in Orphik und Mysterien im griechischen Stammland erhalten und ist von den griechischen Christengemeinden aufgenommen worden. Hier leben schamanische Elemente in einer sehr ursprünglichen Form neu auf, während sie durch ihre iranische Vermittlung zu einer stärker theologischen Form der geistig-irdischen Doppelheit und einer stärker praktischen Form des magischen Heilertums der Meder gefunden haben. Allerdings dürfte beiden Vermittlungswegen die Funktion des Orakels gemeinsam sein. Sowohl zervanistische Magier und Apokalyptiker als auch die Interpreten der Glossolalen prophezeien nach der Zeit der Trübsal eine kosmische Zeit des Heils.
1.10.2 Die Erlösungsidee durch den
inkarnierten Logos bei Johannes
Johannes redet von dämonischen Gewalten der Welt, von der Finsternis als eigenständiger, gegengöttlicher Macht, die den Glaubenden ängstigen und verblenden.[2317] Anstelle der Urverbundenheit tritt die Versöhnung durch den Glauben an Jesu Gottgesandtheit als Sohn und Hypostase des Vater. Jesu Tod ist der geheime Sieg des Offenbarers der do/ca über die Mächte dieser Welt; dies wird der Gemeinde in den Abschiedsreden verdeutlicht. Lohse konstruiert einen Antignostizismus: »Das Johannesevangelium und die Johannesbriefe stehen in deutlicher Front gegen die gnostische Verfälschung des Evangeliums.«[2318] Seine Polemik bezeugt nur, wie sehr die Gnosis und ihre Grandiosität des Glaubenden gegenüber der feindlichen Welt verbreitet war.[2319] Joh gnostisiert. Er macht »eine ungnostische qei=oj a)nh/r-Christologie für den gnostischen Mythos erträglich.«[2320] Joh 1,14 nimmt die Zweistufenchristologie von Rm 1,3 auf: erst sa/rc, dann pneu=ma, wobei sa/rc Sterbekörper ist, nicht etwa Antigöttliches, aber belanglos für den Blick auf Christi do/ca.[2321] Joh bleibt gnostisch-dualistisch, Jesu »himmlisches Wesen wird von seinem Sein in der Welt nicht betroffen... Joh 1,14 ist jedoch weder antidoketisch noch doketisch zu nennen.«[2322]
Simon Magus' jüdische Gnosis hat neben der christlichen Gnosis über Stephanus' universalistisches Christentum Paulus und seine Schüler, aber auch die johanneische Gemeindetheologie beeinflußt. Damaskus ist Treffpunkt beider Gnostiker. Daneben steht der zweite Traditionsstrang des NT: die Linie Jesus, Jesusbewegung, Kerygma und Logienquelle, palästinische Urgemeinde mit Abzweig Jakobusbrief, Petrus' hellenistisches Judenchristentum mit 1 Pt, Jud, Apk, Heb und den Synoptikern. In das Johannesevangelium ragt neben Wunder- und Zeichenquelle synoptische Tradition hinein.[2323] Mit Käsemann ist von der doketischen Zweigleisigkeit der Doxa-Welt und der Sinnenwelt bei Johannes auszugehen.[2324] Die Fleischwerdung ist Vehikel zur Offenbarung, Stippvisite in der Sinnenwelt, die prinzipiell für den Glaubenden irrelevant und zu überwinden ist. Immerhin ist das Heilsgeschehen Zuwendung zur Welt, in die Joh 17 auch die Jünger gesandt sind, um die do/ca zu offenbaren, damit Glauben zu wecken und Haß zu ernten, sofern die Welt ihn nicht aufnimmt.[2325] Die Welt spaltet sich vor der Offenbarung in Glaubende und Hassende; hier kommt ein Entscheidungsdualismus ins Spiel.[2326]
Daß alles durch den lo/goj geschaffen ist und er in Christus Fleisch wurde, sich mit der Welt verbunden hat, entspricht im mythischen Bild der Kontaktfähigkeit des historischen Jesus und seiner Tischgemeinschaft mit der sündigen Welt. Mission hätte keine Chance gehabt, hätte sie in radikaler Abgrenzung zur ihrerseits eher toleranten und pluralistischen religiösen Konkurrenz auf der Reinheit einer Lehre[2327] bestanden, die sich nur zu einem Bruchteil den Logien des historischen Jesus verdankt und überwiegend von Anleihen nicht nur von den altorientalischen Königsideologien und ihrer alttestamentlichen Rezeption profitierte.
1.10.3 Auferstehungs-Himmelfahrt und Parusie als
gnostischer Mythos
Das Heilswerk Christi sei nicht seine Lehre, sondern sein Tod für unsere Sünde. Diese antignostische Pointe des neutestamentlich schriftmittigen Kanons unterscheide Christus vom gnostischen Erlöser, so Lohse. Mag die Himmelfahrtslegende noch stark aus dem gnostischen Fundus leben, so ist die primäre Quelle des Auferstehungsglaubens nicht die gnostische Erdreise des himmlischen Erlösers zur Aufklärung der dorthin Verschlagenen, sondern die makkabäische Märtyrertheologie, nach der der Gequälte unmittelbar zu Gott aufstieg, wie die Ascensio Jesajae illustriert. Darin verschränkt ist die Danielvision vom Menschensohn, die ihrerseits gespeist ist vom auferstehenden Baal, der die kosmische Macht übertragen bekommt. So ist die apokalyptische Folie der Bewältigung des Todes Jesu der Mythos vom sterbenden und auferstehenden Gott und die vom leidenden Propheten und nicht die vom verkannten incognito und subversiv in der Welt wirkenden Himmelsmann, der wie die Weisheit präexistent mit dem Vater spielt[2328], dann den Erdgang absolviert und anschließend unbeschadet von Kreuz, Folter und Tod die Heimreise antritt, wie dies später der Doketismus beschrieb.
Auferstehung, Himmelfahrt und Parusie sind eher apokalyptisch als gnostisch: Der Erlöser kann zwar in den Himmel auffahren und ebenso wiederkommen wie Henoch als Lehrer des himmlischen Geheimwissens oder Parmenides nach der Kutschfahrt zur Göttin Dike mit ihrer Lehre vom unwandelbaren EINEN. Aber der gnostische Erlöser vollbringt sein Heilswerk nicht durch Weltgericht mit Totenweckung, sondern durch Weitergabe des himmlischen Geheimwissens, durch Einweihung in sein Mysterium, cf Jesus im EvPetr (NHC VIII,2). Ebenfalls ist die Himmelfahrtgeschichte Jesu geprägt durch eine 40tägige Belehrung über die Aufnahme in den Himmel und die spätere Wiederkunft aus demselben, das Reich Gottes und die Kraft des Geistes (Mk 16,9ff; Lk 24,50; Apg 1). Hier zeigt sich in der Einzelüberlieferung ein gnostisches Element inmitten des zervanistisch-apokalyptischen Äonenwende-Fahrplans.
Gesamttendenz des NT aber ist diese Tradition des durch Lehre erlösenden Himmelswesens nicht. Genau an diesem Punkt setzen die kanonischen Schriften statt des erlösenden Wissens um die Himmelsheimat der Seele die Sündenbocktheorie des stellvertretenden Sühnopfers für die Sünden der Vielen von Jes 53. Die Befriedigung der Rache Gottes durch den Tod des Sohnes soll die Sünde aus der Welt schaffen und die Christen vor der Verdammnis nach dem Weltgericht retten. So wird Jesus in das apokalyptische Schema des endzeitlichen Retters eingesetzt, den Sošyant als Auferstehungserstling der zervanistischen Äonenwende.[2329] Aber diese Erlösung durch den Stellvertretertod des Sohns ist eben nur die halbe Erlösung: Wer nicht glaubt, daß das so ist, wird nicht gerettet werden (Mk 16,16). Und zu allem mysteriösen Überfluß fließt das Wasser der Taufe ebenfalls zur Weihe für die Rettung aus Verdammnis, als Markenzeichen der Gerechten, Geretteten, der guten Schafe. So ist auch hier die Figur der Mysterien unverkennbar: Wie die orphischen kaqarmoi/ als Reisesegen im Hades den Weg ins Elysium vorbahnen sollen, so ist auch Taufe zu einem jenseitigen Behufe instauriert: die Seelenrettung im Gericht.
Der weltverachtend-lebensmüde Sog zum Abscheiden aus Lust am Himmel ist bei Paulus Phil 2,21 auch ohne Erdenqual virulent. Die gnostische Abwertung der Welt ist von Paulus bis Johannes gleich. Erlösung ist Entweltlichung. »Beide stehen im Raume des von der gnostischen Strömung durchsetzten Hellenismus, so daß eine gewisse Übereinstimmung in der dualistischen Terminologie nicht verwunderlich ist. Beide gebrauchen den Begriff ko/smoj in dem dualistisch abwertenden Sinn... Vor allem ist bei Joh wie bei Paulus die Christologie nach dem Muster des gnostischen Erlösermythos ausgestaltet...: Sendung des präexistenten Gottessohnes in der Verkleidung eines Menschen«.[2330] Jesus wurde von Gnostikern als Held mit 'ihrem' Erlöser identifiziert, der über die wahre göttliche Welt unterrichtet und den Seinen das Himmelsziel zeigt.
1.10.4 Weitere Spuren iranischer Vorlagen im Neuen
Testament
Parther, Meder und „Elamiter“ aus Persiens Verwaltungsmetropole Susa waren zur Zeit Jesu natürlich in Jerusalem präsent und stehen in der Acta als erste von allen Ausländern.[2331] Es mögen Kaufleute, Soldaten und Magier gewesen sein, wie sie auch Mt 2 auftauchen.
Die geistliche Waffenrüstung von Eph 6,10-19; 1 Thess 5,8 hat eine iranische Vorlage in Mēnōk-i Chrad 43,5-13, wo es wie in der biblischen Version um den Kampf gegen die Teufelsmächte um Ahriman und seine Daevas geht und das Entkommen aus der Hölle ins Paradies. Dort heißt es: »wenn sie den Geist der Weisheit zum Lendenschutz machen und an den Körper den Geist der Genügsamkeit gleich Rüstung und Panzer und Bedeckung anziehen und den Geist der Wahrheit zu einem Schild machen und den Geist der Dankbarkeit zu einer Keule und den Geist des vollkommenen Denkens zu einem Bogen und den Geist der Freigiebigkeit zu einem Pfeil und den Geist des Maßhaltens zu einer Lanze machen und den Geist der Bestrebung zu einem Handschutz und den Geist der Vorherbestimmung zur Zuflucht machen.« Dies ist alte iranisch-feudalistische Kriegerfrömmigkeit, die zervanistisch-eschatologisch im Licht des großen Endzeitkampfes von Gut und Böse steht.[2332] Genau diesen Fokus hat auch die biblische Variante.
Apk 21,21 hat das himmlische Jerusalem 12 perlenartige Tore. Die Himmelstore Ez 40; 43,4; 44,1-4; 45,19; 46,1-12; Hen(äth) 14,26; 33,2f; 34-36; 72-82; Hen(slav) 2f; 11; 14; 17; TestLevi 5; ParaSem 36,2ff sind eine indoiranische Vorstellung.[2333] In der vedischen Mahabharata 18 gelangt einer der 5 Pandavas mit seinem Hund zur Himmelspforte, die Eintritt in das spirituelle Leben bietet. Mēnōk-i Chrad 27,27 hat Yima eine Zuflucht aller guten Geschöpfe für die Zeit der Sintflut Malkos gebaut, aus deren Tor diese später die Welt bevölkern. Mēnōk-i Chrad 49,12 bewacht der Stern Vanad auf dem Alburz die Tore auf dem Weg über Mond und Sterne zur Sonne und ins Paradies, damit keine Hexen und Satane dort einfallen können. Auch die Hölle hat ein Tor.[2334] Der Dichter Qu Yuan (ca. 340-278 v. Chr.) aus der Zeit der Streitenden Reiche Chinas schildert im Lisao sein Einsiedlerleben in den Bergen, wo er von einem Schamanen lernt und zu den Quellen der Wahrheit auf einem Drachenwagen eine Himmelsreise antritt, aber der Eintritt durch das Himmelstor wird ihm verwehrt. Auch Mohammed steigt auf einer Leiter zum Himmelstor (sülaleyan) auf. In Israel ist das Stadttor Gerichtssitz und so auch Ort der Verbannung aus der Stadt. Die mandäischen Wachthäuser auf dem Aufweg der Seele entsprechen dieser Tradition und die Gerichtsorte (Henma \nT Hap Zostr 11,8) sind hiervon inspiriert.
2
Himmelsreisen von Babylon bis Nag Hammadi
2.1 Himmelsreisen in Sumer, Babylon und Henocha
Babylonische Einflüsse in Israel gab es seit 733 v.Chr. durch von Assyrien eingesiedelte Babylonier (2 Kön 17) und nicht erst seit dem Exil 586ff, cf 1.2.8. Die gnostische Himmelsreise hat ihren Ursprung in der Apokalyptik, die von Zervanismus und babylonischer Priestertradition abstammt. Extasetechniken persischer Magier und babylonischer Totenbeschwörer haben sich mit der prophetischen Praxis des Offenbarungsempfangs verbunden in einer schamanistischen Wahlverwandtschaft der Seherberufe dieser drei Kulturkreise, die in Babylon zusammentrafen und mit der assyrischen Umsiedlung ab 733 und 722 und massiver noch seit der Exilszeit ab 587 v.Chr. verstärkt ins Diasporajudentum eingesogen wurden. Der babylonische Hof führte die Seher aller drei Kulturkreise zusammen. Bereits im 9. Jh.v.Chr. war durch die Nachbarschaft vom persischen Susa und Chaldäa in der mesopotamischen Tiefebene Handel und geistiger Austausch beider Nationen möglich; 614 koalieren Babylon und Persien beim Sieg über die Assyrer und haben diesen Austausch verstärken können. In Dan 2,2 läßt Nebukadnezar die schriftkundigen Weisen ({yimu+:rax), die Beschwörer ({yiipf$a) von assyr. āšipu), die Zauberer (}yip:$f) die aramäische Form des assyr. āšipu) und die Chaldäer ({yid:&ak keilschr. Kaldu cf Jes 47,12 als Sterndeuter) zur Traumdeutung antreten. Im aramäischen Teil des Danielbuchs (2,4b-7,28) werden Schreibkundige ({o+:rax), āšipu (va$f)) und Chaldäer ")yfd:&ak als „Weise“ (y"myikax) zusammengefaßt. Die Schrift ist in Sumer Göttergabe und Enki als Hüter der Keilschrifttafeln übergibt dieses Geheimwissen Enmeduranki, dem ersten sumerischen Hohepriester, der den astronomischen Kalender lehrt und eine einzigartige Divination in Traumvisionen bis zur Entrückung statt Tod erlebt. So sind die schreibkundigen Priester Seher, die auf traumvisionären Himmelsreisen göttliches Wissen erfahren. In dieser Kunst der seherischen Trance scheint Daniel ein Talent gehabt zu haben. Daß er sein Wissen direkt von Gott empfängt, gehört wie zur jüdischen Prophetie auch zum sumerischen Priestersehertum, was die Chaldäer fortgesetzt haben. Aus der Retrospektive des Josephus[2335] ist Babylon von Magiern und Chaldäern dominiert. Der Beruf des Orakelgebers wurde von den persischen Magiern so eingenommen, daß hier eine Identität erwachsen ist und mantische Traditionen wie die assyrischen āšipu überlagert wurden.
Aus dieser amalgamierten Sehertradition des Babylon ab 587 v.Chr. ist die Apokalyptik entstanden als eine Bewegung, deren Schriften Offenbarungsvisionen beschreiben, teilweise mit Himmelsreisen, bei denen entweder eine kosmische, eine politische oder eine persönliche Eschatologie im Zentrum steht.[2336] Das Danielbuch ist das früheste Paradigma dieser Gattung und hat viele ähnliche Schriften angeregt. Die Essener haben eine klare apokalyptische Ausrichtung mit ihren Endzeitvisionen.[2337] Die Grundstruktur des apokalyptischen Visionsberichts ist dabei: Das Gottesvolk kämpft in feindlicher Welt mit wechselhaft guten und bösen Zeiten der Universalgeschichte und wird endlich den Sieg erringen über das Böse. Die Gegenwart ist politische Periode der Unterdrückung durch die Bösen Weltmächte, die Sünder bedrängen die Gerechten. Dabei spielt mythologisch der iranische Strafengel, politisch die wirkliche Unterdrückung und theologisch der Durchhalteoptimismus eine wichtige Rolle.[2338]
Dieser kosmische Kampf der Mächte hat niemals den Bezug zur realpolitischen Situation verloren. Man kann die apokalyptische Vision als Gegenbild gegen die derzeit erlebte Unterdrückung durch über Leichen gehende politische Gruppen lesen, seien es der iranische Kriegeradel mit seiner feudalistischen Männerbündelei, seien es die Römer als Hure Babylon, seien es die Hellenistischen Juden, die Hasmonäer unterdrückten. Die Vision von der Vernichtung oder Abstrafung der bösen Kräfte in apokalyptischer Bildersprache verkörpert die Hoffnung auf eine künftige gerechte Sozialordnung. Der Feind wird kryptisch als Tiersorte oder als vergangene und besiegte Feindesmacht umschrieben, weil ein deutlicheres Wort die eigene Verfolgung bedeutet hätte. Dabei ist der Trägerkreis selbst oft nicht weniger vernichtungswillig: die Visionen gehen um die physische Vernichtung des jeweiligen Feindes, ob Christen mit ihrem Taufzwang oder Juden mit der Beschneidung der Penisvorhaut, ob Römer, Türken oder Islam in iranischen Schriften. Die Darstellung des Feindes als Tier hilft, ihn leichter abschlachten zu können, wenn es die Situation erlaubt. Der Schritt vom Verfolgten zum Verfolger ist minimal und das gilt es zunächst zu verstehen und nicht vorab zu verdammen.
2.1.1 Der Babylonische Seherpriester Enmeduranki
als Henoch-Vorlage
Menippos hat
als Phönizier im judäischen Gadara des ausgehenden 4.
Jh. v.Chr. satirische Unterweltreisen
und Himmelsreisen verfaßt[2339],
Lukian
von Samosata adaptiert
ihn im 2.Jh.n.Chr. und läßt ihn als Himmelsreisenden
im Ikaroj
und Hadesreisenden
in seinen Nekuomanteia
und den Nekrikoi
dialogoi in
Zwiegespräche treten mit Gefährten wie Diogenes,
Charon, Krösus, Pluto und
anderen Hades-Figuren - allerdings sehr im Rahmen der griechischen
Vorstellungen.[2340]
Menippos
erzählt, daß
er nach Babylonien kommend einen Magier des Zoroaster als Lehrer hatte.
Dort
hörte er Magier-Gesänge, die die Pforten der
Unterwelt öffnen sollten. Sie
führten hinunter, wen immer sie wollten, und konnten ihn
danach sicher wieder
zurückholen.[2341]
Damit war der Boden für den hellenistischen Glauben an
Seelenwanderung und
himmlische Seelenheimat mit einem göttlich-unsterblichen
Charakter vorbereitet.
Die empirische Basis, auf der sich ein solcher Glaube konstituieren
konnte, war
die Ekstase schamanischer und myste
rienhafter
Art als subjektiv empfundene Dissoziation
der Seele vom Leib mit der Erfahrung
körperüberschreitender Macht trainierter
Seelen. Der Schamanismus hat Grunderfahrungen gnostischer Himmelsheimat
der
Seele bereitgestellt.[2342]
Rechts ein Kudurru (Wegweiser) des sumerischen Königs Melischpak (12.Jh.v.Chr.) Unten das Meer, Unterwelt mit Drachen, Krebs und Haus. Darüber bewohnte Erde mit Rind, Widder, Pflug, Huhn und Jagdfalke als Zeichen von Ackerbau, Viehzucht, Jagd und Stadtkultur. Im 1. Himmel bewachen furchterregende brüllende Stiere und Hunde Häuser mit Lanzengewalt. Hier ist der Strafort der Sünder. Im 2. Himmel Fluglöwe, Phönixvogel und gefiederte Menschen mit Vogel- und Pferdekopf als frühe Vorstellung geflügelter Engelwesen, cf geflügelte Ištar-Lilit in 4.5.7.1. Im 3. Himmel Prachthäuser mit Musik-Lyra, Mond, Sonne und Sternkreis, dem geflügelten Himmels-Stier vor dem Thron mit einem Widder als Gott. - Hier wird ein dreistöckiger Himmel gezeigt: Strafort - Engelraum – Paradies. Die Henoch-Literatur des (post)exilischen Judentums hat von Babylon ihre massiven Astrologie-Einflüsse neben den persischen, die bereits vor dem Sieg von Kyros II. in Babylonien existierten.
Der Bel-Marduk-Priester Berossos, der von Babylon nach Kos kam und dort eine Astrologieschule aufmachte, nennt um 275 v.Chr. in seiner Babyloniaca[2343] die Liste der 10 sumerischen Könige vom Anbeginn bis zur großen Flut[2344], und Enmeduranki ist der siebente wie Henoch Gen 5,24 der siebente vorsintflutliche Patriarch wird, wie die Tabelle illustriert.
Gen
5 | 1.Sohn
mit| Rest
= Lebensalter
Berossos/Weld-Bl 444
Regierungszeit/Ort
Adam
130 +
800 = 930
Alwroj/Alulim
28800
Eridu/Šubaru
Seth
105 +
807 = 912
Alagaroj/Alagar
36000
Eridu/Larsa
Enosch
90 +
815 = 905
Amelwn/Enmenluanna
43200
Badtibira
Kenan
70 +
840 = 910
Megalaroj/Enmengalanna
28800
Badtibira
Mahalalel
65 +
830 = 895
Daonoj/Dumuzi
36000
Badtibira
Jared
162 +
800 = 962
Amemyinoj/Ensipzianna
28800
Larak
Enoch
65 + 300
= 365
EuedwragxojEnmeduranki 21000
Sippar
Methuselah 187 +
782
= 969
Wdakwn/Šuruppak
18600
Larak
Lamech
182 +
595 = 777
Wparthj/ Ubartutu
Šuruppak
Noah
500 +
450 = 950
Cisouqroj/Ziudsuddu
Šuruppak
Die
Liste des Berossos
entspricht einem keilschriftlichen Fund: Weld-Blundell
hat bei einer Expedition 1922 in Larsa nördlich von Ur einen
Tonquader
gefunden, der auf allen vier Seiten mit je zwei Kolumnen beschriftet
ist. Der
Schreiber Nur-Ninsubur
notiert dort zwischen 3200 und 1800 v.Chr. dort zwei Listen der
Urkönige bis
zur Flut und von der Flut an.[2345]
Die Gilgameš-Stadt Eridu mit ihrer Ea-Kultstätte
wurde bei Berossos
lokalpatriotisch zu
Babylon als Königsort der ersten beiden Könige. Dem
Ort Pautibibla
für
Nr. 4-7 bei Berossos
entspricht Badtibira, Larancha entspricht Larak auf Weld-Blundell,
dort ist in 62 als zweiter
Regierungssitz lokalpatriotisch Larsa statt Eridu notiert und
Enmeduranki von
Platz 7 auf Platz 8 verschoben. Sippar aber ist in allen drei Listen
der
Regierungssitz von Euedoranchos alias Enmeduranki.
Henoch lehrt den babylonischen Sonnenkalender und erlebt eine
einzigartige
Divination in seinen Traumvisionen bis zur Entrückung statt
Tod.[2346]
Die Samaritaner hatten viele Babylonier, die während des Exils
in Israel
Verwaltungseliten bildeten, aufgenommen und deren babylonische
Traditionen in
ihre Kulte übernommen.[2347]
Pseudo-Eupolemos
war
Samaritaner.
Enki ist im sumerischen Pantheon der Nephilim Hüter der Keilschrifttafeln (Me) des geheimen Wissens und wird von Inanna ausgetrickst; sie bekommt einige der göttlichen Tafeln mit medizinischem und astrologisch-astronomischem Wissen, die ihren Tempel in Uruk aufwerten. Adapa alias Nun Me (Tafelleser) kann als einziger diese Schriften entziffern. Dieser Mythos wird in der Übergabe der himmlischen Bücher an Henoch im 7. Himmel aufgenommen. Henoch als {inap ahra&, als Fürst des Angesichts, der vor Gottes Thron im Himmel sitzen darf, hat sein sumerisches Vorbild in Enmeduranki (= „Herr, dessen Wissen Himmel und Erde verbindet“), dem siebenten König vor der großen Überschwemmung und ersten sumerischen Hohepriester in Sippar, der im Angesicht der beiden göttlichen Richter Šamaš und Adad sitzt; schon er machte eine Himmelsreise mit den typischen Features der Offenbarung der Geheimnisse von Himmel und Erde, der Divination und der Einführung der Zahlen und damit des Kalenders.[2348] Von ihm leitet sich das sumerische Orakelpriestertum als arkane Himmelskunde ab; es gibt die Seher (bārūtu) mit Leberschau, Becherschau und Pfeilorakel.[2349]
Auf der 3. Tafel assyrischer
Beschwörungsgesänge von Bit
Mešri wird als letzter der Sieben Weisen aus der Enki-Stadt
Eridu »Uta-abzu, der zum Himmel aufgestiegen ist«
genannt.[2350]
Hier ist Utu = Šamaš und Apsu = Untere Welt im
Namen des Himmelsaufsteigers
vereint. Auf einer anderen Tafel wird Uta-abzu
als der
Assyrer Henoch bezeichnet. Demnach
ist der Name Henoch aus der assyrischen Himmelaufstiegstradition in die
jüdische übergegangen, wobei die wesentlichen
Elemente des Enmeduranki-Mythos
auf ihn übertragen wurden.
Hen(äth) 106,19 spielt mit den Tafeln mit allen himmlischen Geheimnissen auf diese Enmeduranki-Tradition an. 16,1-4 haben die gefallenen Engel den Weibern der Menschen die himmlischen Geheimnisse verraten, mittels derer sie Unheil und Gewalt auf der Erde verbreitet haben. Zauberei, Heil- und Schmiedekunst als Wurzel der Kultur sind zur Herausbildung von Klassenherrschaft mißbraucht und zeigen die Ambivalenz des Wissens überhaupt. Gen 6,1-8 ist eine Variante: Das Sperma der Gottessöhne ist Wissen und schafft Israels Urkönige. Die Heiliggeistbefruchtung Mariens Lk 1,35; Mt 2,18.20 ist die Fortsetzung dieser Tradition der Riesenhelden.

2.1.2 Der babylonische Tempel als Abbild des Himmels
Archäologische Grabungen
rund um die einstige Hafenstadt Ur
in Chaldäa (Heimat des biblischen Abraham, heute Tell Mukajir,
150 Kilometer
westlich von Basra, südlich vom Euphrat) lassen drei
Stämme mit
unterschiedlicher Keramik erkennen aus der späten Steinzeit.[2351]
In diesen frühen Siedlungen aus dem 5. Jt.v.Chr. sind schon
Ummauerungen und
Keramikbrennöfen festzustellen. Die große
Überschwemmung mit den Schmelzwassern
Armeniens, die in einer festen, ca. 1,5- 2m dicken Lehmschicht
nachweisbar ist,
vernichtete die alten Siedlungen und tötete die meisten
Siedler. Nach der
großen Flut kam es zu einer erneuten Besiedlung des Gebietes.
Die wenigen
Überlebenden der drei Völker schlossen sich zur
Siedlung Ur zusammen. Durch die
unterschiedlichen Kulturen kam es zu einer beschleunigten
Weiterentwicklung des
sich bildenden sumerischen Volkes, was letztendlich zu einer
Stadtgründung bis
hin zu einer künstlichen Bewässerung durch
Kanäle und somit einen stabilen
Ackerbau führte. Die Al-Ubaid wirken religiös, die
Uruk beherrschen
Metallverarbeitung und die Dschemdet-Nasr, denen die Legende vom
Oannesgeschlecht, halb Fisch, halb Mensch, zugeschrieben wird, haben
Keilschrift, Ackerbau und Metallverarbeitung entwickelt. Ur wurde reich
und
hatte einen bis Indien reichenden Welthandel. Amazonit-Perlen stammen
aus den
indischen Nilghihri-Bergen. In der Zikkurat aus der Dschemdet-Nasr-Zeit
vor der
ersten Dynastie ist ein Mosaik aus farbigen Nägeln am
Gebäude
vor der Plattform zu finden.
Das Modell des siebenstufigen Himmels ist die sumerische Tempelform des pyramidenartigen Zikkurat. Zikkurats wurden seit dem 4. Jt.v.Chr. aus ungebrannten, luftgetrockneten Lehmziegeln errichtet und anschließend mit gebrannten, oft farbig glasierten Ziegeln verkleidet. Sie bestanden aus mehreren abgestuften quadratischen oder rechteckigen Plattformen, die zu einem kleinen Tempel oder Heiligtum führten. Die Elamite-Zikkurat von Choga Zambil Dur Untaš im heutigen Iran aus dem 3. Jh.v.Chr. ist mit 102 x 102 m Grundfläche die größte. Die am besten erhaltenen Ruinen findet man bei der Zikkurat von Nanna in Ur, die von Ur-Nammu (2113-2095 v. Chr.), dem ersten König der 3. Dynastie von Ur, und seinem Sohn Šulgi (2095-2047 v.Chr.) erbaut und von Nabonidus (556-539 v. Chr.), dem letzten babylonischen König vor der persischen Eroberung Mesopotamiens, vollständig umgestaltet wurde.
Eridu hat die südlichste Zikkurat. Uruk war die erste Großstadt der Welt mit 25.000 Einwohnern unter König Gilgameš. Der Anu-Tempel hier war auf einer Terrasse aus 10 m hoch aufgeschichteten Lehm-Schilf-Ziegeln errichtet, der Inanna-Ištar-Tempel sogar auf einer 15 m-Plattform. Der Tempelturm von Ur ist die früheste Zikkurat: eine gewaltige Freitreppe führt bis zur ersten Plattform. Die zweite Terrasse ist 5 m hoch über der ersten. Die Kassiten hatte bereits einen 50 m hohen Massivturm aus Lehmziegeln gebaut, der wie ein Riesenelefant geformt ist.
Die berühmteste Zikkurat war der Marduk-Tempelturm von Etemenanki, der Turm zu Babel, der von König Nabopolassar (625-605 v. Chr.) und seinem Sohn Nebukadnezar II. wieder aufgebaut wurde. Robert Koldewey grub ab 1897 mit Privatgeldern Kaiser Wilhelms II. finanziert 120 südlich von Bagdad in Babylon am Euphrat. 1913 entdeckt er die ersten Stufen der Zikkurat in den sinkenden Fluten. Seine Grabungsfunde liegen seither im Vorderasiatischen Museum Berlin. Babylon existiert seit 1700 v.Chr. Die Ziegelmauern längs der Prozessionsstraße sind 7 m dick, in ihnen viele Tier-Reliefs aus blau glasierten Fliesenmosaiken, die Fries-artig eine wahre Polonaise von Löwen darbot. Nebukadnezar hat auch Drachen und Stiere dort verfliesen lassen. Über den Euphrat führte eine Brücke mit Steinpfeilern. Es gab 53 Tempel und 500.000 Einwohner. In Borsippa 15 km südwestlich wurde die 50 m hohe Zikkurat Nebukadnezars gefunden und zunächst für die Babylons gehalten.[2352] Die fünfstufige Marduk-Zikkurat im Zentrum des heiligen Bezirks Babylons hatte eine 31 m hohe Grundterrasse von 90 x 90 m, die zweite Doppel-Terrasse war 17 m hoch, darauf weitere zwei Terrassen von je 15 m Höhe, auf der obersten Plattform 77 m über dem Erdboden stand endlich der eigentliche Marduktempel mit dem Bett für die von Marduk erwählte Frau. Der innere Kern mit 60 x 60 m aus ungebrannten Ziegeln war ummauert von gebrannten Ziegeln. Pro Höhenmeter wurden 1 Million Ziegel verbaut. Statt Zement wurde Asphalt als Bindmittel zwischen den Ziegeln appliziert. Abwasser- und Lüftungsschächte sowie ein ausgeklügeltes System aus Holzbalken sollten den Tempel für die Ewigkeit beständig machen.[2353] Von der zweiten Terrasse an gelangte man nur über Innentreppen höher, die nur für Priester zugänglich waren. Xerxes läßt 422 v.Chr. die Freitreppe der Zikkurat einreißen. Alexander wollte die Zikkurat vollständig neu aufbauen lassen und ließ sie dazu abtragen; vor dem Wiederaufbau starb er.
Der sumerische Tempel symbolisiert so die Ordnungen des Himmels und wie man von einem Terrassengarten zum nächsten über Treppen aufsteigen kann, so kann Henoch in den frühen Reiseberichten wie ein nach oben wandernder Pilger der Zikkurat den Himmel hinaufwandern.
Von der Zikkurat scheinen die ägyptischen Pyramiden inspiriert, deren erste Imhotep 2600 v.Chr. in Sakkara als Grab für Pharao Djoser bauen ließ. Eindeutig von der sumerischen Zikkurat geprägt sind die Stufenpyramide auf Sardiniens Monte d'Accodi (ca. 2700 v.Chr.), die sizilianische Baruneddu und ein weiteres Dutzend Stufenpyramiden am Ätna, schließlich die 6 Piràmides de Gūimar auf Teneriffa - allesamt ca. 7stufig mit großen Treppenanlagen.[2354] Von den Kanaren aus könnten die Träger dieser solaren oder stellaren Zikkurat-Kultur mit Schiffen aus Schilfrohr bis nach Mexiko gesegelt sein und könnten in Tucumé die neunstufige Pyramide mit ihrer zentralen Freitreppe gestaltet haben.[2355] Auch die peruanischen Pyramiden der Mayas wären dann um 2500 v.Chr. von diesen Architekten inspiriert. Heyerdahl hat in seiner Ra-II-Expedition 1970 gezeigt, daß die Atlantiküberquerung von Marokko nach Barbados im Schilfrohrschiff möglich ist.
In Babylon gab es seit der Deportation von 586 v.Chr. jüdische Bankiers mit über 200 Filialen im Land, sie waren freie Pächter und genossen Religionsfreiheit. Hier entstand auch der Sabbat und die Wochentage gemäß der Planetensiebenzahl. Die Exiljuden haben diese gewaltigen Zikkurat-Bauten kennengelernt und so auch die Stufen des babylonischen Himmels. Gen 11,2-4 spiegelt die Entstehungsgeschichte Babylons und ihrer Zikkurat. Gott steigt zur Baubesichtigung vom Himmel herab und ärgert sich, daß die Menschen zu mächtig werden. Sprachverwirrung in einem interkulturellen Schmelztiegel der Reichsmetropole Babylon mit akkadisch, hebräisch, medisch, assyrisch war für die, die nur ihre eigene Sprache beherrschten, Strafe Gottes. Der provinzielle Neid der Zionsfreunde auf die Zikkurat ist unübersehbar.
Der Himmel ist auch Gen 11 ein Ort, der bestiegen wird. Gen 28,12 träumt Jakob am heiligen Stein: »Und ihm träumte, und siehe, eine Leiter stand auf Erden, die rührte mit der Spitze an den Himmel, und siehe, die Engel Gottes stiegen daran auf und nieder.« Die Leiter ist das klassische Hilfsmittel für schamanische Himmelsaufstiege.[2356] Jakobs Traum-Engel könnten die Pilger der Zikkurat auf der zentralen Freitreppe sein. Wer eine Leiter braucht, kann keine Flügel haben. Die mosaischen Engel konnten nicht fliegen.
2.1.2.1 Die assyrischen Götterflügel als Urform der Flügel der Engel
Erst die nachexilischen Cherubim der Priesterschrift Ex 25,20; 37,9 und der deuteronomischen Tempelbauberichte 1 Kön 6,24ff; 8,6f; 2 Chr 3,11ff; 5,7f haben Flügel zum Verhüllen des Bundesladendeckels. Jahwe hat in Ps 17,8; 36,8; 57,2; 63,8 schattenspendende Flügel, was am ehesten Wolken sein mögen bei einem Wettergott.
Während Jes 14,29 und 30,6 von fliegenden Serafen (v"pO(:m vfr"&) die Rede ist, werden diese Serafen in Jes 6,2 und 6,6 beschrieben als fliegende Wesen mit 2 Flugflügeln und 4 Deckflügeln für Gesicht und „Füße“. }yal:gar meint aber nicht Füße, sondern wie 7,20; 36,12 und Ex 4,25 die Scham, die zu bedecken Ex 20,26; 28,42 Priesterpflicht ist, ähnlich die Cherubim Ez 1,11 und 10f und ihre Nachfahren Apk 4,8; 9,9 zusätzliche Schamdeckflügel besitzen. Durch Dtn 8,15 vfr"& $fXan Feuernatter ist für Seraph die Bedeutung Schlange gesichert und Jes 14,29; 30,6 die fliegenden Schlangen im Negev gemeint.[2357] Diese werden auch in den Annalen des assyrischen Königs Asarhaddon (680-669 v.Chr.) auf dessen 10. Feldzug 671 v.Chr. gegen Kusch und Ägypten erwähnt.[2358] Asarhaddon zieht von Assur zunächst siegreich gegen Baal von Tyros und dann nach Ägypten. Auf dem Weg durch Negev und Sinai »(6) zertrat ich immer wieder (5) Schlangen mit zwei Köpfen (MUŠ.2.SAG.DU.MEŠ) [..., deren ...] Tod bedeutete, (7) und zog weiter. 4 Doppelmeilen Landes, eine Strecke [von 2 Tagen] mit gelbgrünen [Schlangen], die die Flügel gespreizt hielten ([MUŠ].MEŠ SIG7.MEŠ asubbubu šagappē).«[2359] Von dieser Tradition leitet sich sowohl (Proto)Jes 14,29; 30,6 als auch Herodot II,75f und III,109.111 mit seiner buntgrünen Wasserschlangen-Affinität dieser Flugschlangen ab. Auf Elfenbeinen und Siegeln des 8.Jhs.v.Chr. finden sich in Palästina häufig geflügelte Schlangen, ebenso auf einer Schale in Nimrud.[2360] Die schlangengestaltige unterägyptische Uto (= die Grüne?) bzw. Wadjet, ist als geflügelter Uräus Schutz- und Abwehrpatronin in Buto und dürfte Quelle dieses assyrischen Schlangenmythos und des Booms geflügelter Schlangen auf Amuletten Palästinas sein.[2361] Damals waren viele heutige Wüstengebiete noch nachgerade subtropisch bewachsen.
Heute finden wir Agamen, die Flugschlangen, in Malaysia, Indonesien und Thailand, aber unter damaligen Klimaverhältnissen könnte eine Agamen-Art auch in Ägypten gelebt haben und so die Vorlage für diese Bilddarstellungen gegeben haben.
Ištar wird auf einem Siegel aus Assur des 14. Jhs.v.Chr. nackt, geflügelt mit Hörnerkrone und zwei Löwenungeheuern in jeder Faust dargestellt.[2362] Cf 4.5.7.1. Assyrische Götter sind geflügelt, um auf die Höhenheiligtümer zu fliegen. Ninurta ist in Nimrud als Mensch mit Adlerkopf und großen Flügeln dargestellt. Er wird 2 Kön 19,36f als Nisroch, der Hauptgott Ninives erwähnt, bei dessen Anbetung Sanherib von zwei Söhnen gemordet wird. Josephus identifiziert ihn mit N“g0.[2363] Um 2500 v.Chr. wird Dagana in Mari-Texten erwähnt. In Ebla (Tell Mardikh) ist er 2300 v.Chr. als Herr des Stadtpantheons namhaft.[2364] In Ugarit gibt es 1300 v.Chr. einen großen Dagnutempel neben Vatergott El und Baīl Sapān (=Haddu, Hadad, Adad). Hammurabi nennt ihn in seinem Gesetzescodex seinen Schöpfer und Helfer. Die Stele von Assurnasirpal II. nennt ihn neben Anu.[2365] In einem assyrischen Gedicht ist er Totenrichter mit Nergal und Mišaru. In Königsnamen der Isin-Dynastie taucht er auf: Iddin-Dagan (ca 1974-1954 v.Chr.), Išme-Dagan (ca 1953-1935), später bei den Assyrerkönigen Išme-Dagan I (ca 1782-1742) and Išme-Dagan II (ca 1610-1594).[2366]
Assyrische Tempel und Paläste, 930-900 in Kalach/Nimrud und 750-700 v.Chr. in Chorsabad auf Kunsthügeln als Schmalhallen aus Erdziegeln und Balken erbaut, hatten große Kalkstein- oder Alabasterwandplatten mit Bildern und Inschriften.[2367] In Nimrud ist die einstöckige Zikkurat mit Kalkstein verblendet. Holzdecken mit Zedern aus dem Libanon überdachen die Lehmwände. Die Tore bewachten geflügelte Löwen oder Stiere mit bärtigen Menschenköpfen (Šedu), es gibt geflügelte Götter- oder Priesterfiguren im Innern: Nebo/Nabu ist Prototyp der Flugengel, er wird als geflügelter Mensch dargestellt. Tukulti-Ninurta I. (1250 v.Chr.), Sargon, Sanherib und Assurbanipal stürmten Babel und zerstörten Marduks Tempel. Nabupolassar (626-605 v.Chr.) und Nebukadnezar (korrekt: Nebukudurrissur) II. (605-562 v.Chr.) haben ihn wieder aufgebaut. Beide sind nach Nebu benannt, Zeichen seiner Bedeutung gerade in der Ära der Eroberung und Einflußnahme auf Israel. »Heute wissen wir, daß es das erste große Bildwerk eines der assyrischen Astralgötter der vier Weltecken war, Marduk als Flügelstier, Nabu als geflügelter Mensch, Nergal als Flügellöwe und Ninurta als Adler.«[2368] Der Planet Jupiter verkörpert Marduk, Saturn die Ninurta, Mars den Nergal und Merkur den Nabu. Matthäus wird in Kirchen oft als geflügelter Engel wie Nabu symbolisiert; Markus als Löwe wie Nergal; Lukas als Esel oder Stier wie Marduk; Johannes als Adler wie Ninurta. Die Götter Nimruds halten sich durch als Symbole.
Assur steigt vom Stadtgott Assurs zum Reichsgott auf. Seit dem 13. Jh.v.Chr. verdrängt er Enlil und übernimmt dessen Beiwörter "Großer Berg" und "Vater der Götter". Im 9. Jh. wird er mit Anschhar amalgamiert. Der Richter und Krieger wird als bogenspannender Gott in der geflügelten Sonnenscheibe dargestellt, Vorbild für die persische Faravahar-Symbolik.
Pazuzu, ein babylonischer Krankheitendämon, ist auf einer Statue mit 4 großen Flügeln, 2 über Kopf und 2 fußwärts, wie der barocke Flugengel ausgerüstet. Lilitu, auf einer sumerischen Abbildung um 2000 v.Chr. als geflügelte Göttin auf Löwen stehend in Terrakotta dargestellt, ist eine nächtliche Dämonin, die Männer entsamt und daraus Dämonen macht, Schwangere gefährdet und Säuglinge tötet. In Ruinen und wüsten Orten treibt sie mit Feldgeistern, den Se'irim, ihr Unwesen. Ihr Symboltier ist die Eule. In Keilschrifttexten wird sie Geist genannt, in der Kabbala ist sie Partnerin Samaels. Lilith hat eine Krone von Mondhörnern und eine Regenbogenkette.
Im Iran gab es für Ahura Mazda das Symbol des Lichtes/Feuers. Die häufig in Behištun und Persepolis über dem König schwebende geflügelte Sonne wurde oft als Symbol für ihn erklärt. Die geflügelte Sonnenscheibe war auch in Babylon Zeichen göttlicher Fürsorge, in Assur war bereits Šamaš als Adlerflügelsonne dargestellt. Beide dürften von der ägyptischen Horus-Symbolik als geflügelter Sonnenscheibe importiert sein. Die Horus-Flügelsonne als Symbol der göttlichen Macht des Pharao hat wie das Šamaš-Symbol wiederum keinen Königsleib. In einer hethitischen Königsfigur als Holz tauchen vor dem 12.Jh.v.Chr. ebenfalls die ausgebreiteten Adlerflügel als Zeichen göttlichen Schutzes des Herrschers auf. Möglicherweise haben die Hethiter die Flügelsymbolik in den sumerischen Raum gebracht. Auf einem syrischen Siegel aus der Mitannizeit 1450-1360 v.Chr. sind auch Adlerflügel erkennbar. Die Adlerfittiche werden Sinnbild göttlichen Schutzes. Schließlich wurde auf die ägyptische Tradition quasi der assyrische Nabu draufgesattelt, der schon in Sumer auf dem Kudurru des Königs Melischpak im 12.Jh.v.Chr. vorkommt, cf 2.1.1. In Assyrien gibt es die Draufsattelung eines Königsleibes auf die Sonnenscheibe: Es ist dann Assur als Herrschergott, in vielen Holzfiguren oder Siegeln zu finden. Schon im Schatz von Tut-anch-amun kommt ein Adler mit gespreizten Flügeln und Menschenkopf vor, der Hieroglyphen in der ausgestreckten Kralle hält. Hier ist die Verschmelzung von Adler und Mensch zum schriftgebenden Kulturschöpfer Zeichen der Herrschaft. Ist im iranischen Flügel-Sonnenleib der Felsreliefs oder Palastreliefs von Behištun und Persepolis auch noch die Königsgestalt zu erkennen, ist dies der Faravahar mit seinen gegensätzlichen Kräften. In einer frühen Zeit dürfte das Bilderverbot noch nicht bestimmend gewesen sein, weil die Vergeistigung der Religion eher marginal war. Da könnte sehr wohl in Analogie zu Assur der persische Hochgott Ahura Mazda als „Weiser Herr“ in der Gestalt eines Königs in der Flügelsonne dargestellt und vorgestellt worden sein.
Faravahar, Farohar, Fravahar ist
abgeleitet von Firavarti: Fira
= fliegen, Flieger; varti = Wahl des Guten. Faravahar ist der nach Wahl
des
Guten fliegende Seelenanteil des Menschen, der himmlisch
präexistiert und
postmortal wieder auffliegt gen Himmel. Das Königsgesicht
zeigt: er ist Menschengeist.
Die Flügel heben ihn mit drei Hauptfedern: gut denken, gut
reden und gut
handeln.
Die drei Federschichten des
Schwanzes ziehen ihn hinunter durch schlecht denken, schlecht reden,
schlecht
handeln. (Bild:
Behištun Fravahar über Dareios)
Links unterm Gesicht bildet eine Fuß-Schleife die gute Kraft (Spənta maynu), rechts unterm Rücken fußt die Schleife der bösen Kraft (ankara maynu). Der Sonnenbauch ist ohne Anfang oder Ende, unvergänglich. Eine Hand zeigt himmelwärts aufs Paradies, eine trägt den Treue-Ring. Ohne König, nur als Sonne mit Flügeln, ist wohl Ahura Mazda selbst als guter Geist über vielen Palastszenen gemeint, soll er doch nicht als Bild vergegenständlicht und so beherrschbar gemacht werden.[2369] In einigen alten bildlichen Deutungen ist aber die Königsfigur selbst der „Weise Herr“, der Zaraθuštra die Offenbarung gibt: links im Bild Ahuramazda, mittig das Feuer in einer Altarvase im Feuertempel, rechts Zaraθuštra mit Stab in der Linken, Kušti-Gürtel um das weiße Gewand und Rechter gen Himmel erhoben. Über jedem fliegt ein Geier in Faravahar-Pose als fliegender Mittler ihrer Dialoge. Der Geier ist Gottesbote. Er ist die zoroastrische Variante zum Adler als Machtsymbol.
Die Cherubim- und Seraphimtradition ist postexilisch und babylonisch inspiriert. Zwei Geflügelte Pferdemenschen bewachen als Reliefs ein Tor von Persepolis. Schon Dareios wird 510 v.Chr. in seinem Palast in Susa als geflügelte Sphinx auf glasierten Steinquadern dargestellt, im Louvre zu sehen.[2370] Am Kyros-Palast in Pasargadae ist der König als geflügelter Mensch optisch präziser Prototyp unserer Flugengel. Es kommt die persische Flügeltradition durch den Aasgeier als Engel der Totenhebung hinzu. Aus der Kuschan-Zeit im 3. Jh.v.Chr. findet sich in Tillya-tepe eine Goldstatue einer geflügelten Aphrodite-Anāhītā, cf 1.4.4. Die griechische Göttin der Morgenröte Eos, Tochter der Titanen Hyperion und Theia, wird oft auf Bildern mit Flügeln dargestellt, von einem Lichtstrahl erleuchtet und auf einem zweispännigen Pferdewagen. Ihr mit Windvater Astraios gemeinsamer Sohn Boreas, der nordthrakische Nordwindgott, wird oft als weißhaariger Senior mit Flügeln dargestellt, der mit der jungen Oreithyia im Arm abfliegt. Auch Kronos hat Flügel.
Ägyptische Götter wie Horos haben Vogelköpfe. Im Mittelgang der Tempel fliegen an der Decke ein Zug Geier als Beschützer des Pharao. Greif-Flügel auf Särge gemalt sollen den Toten Frischluft zufächeln und sie zugleich schützen. Re als Sonne wird oft als geflügelter Ball dargestellt. Die Ba-Seele nach Vorbild des Benu-Reihers oder Phönixvogels hat Flügel mit Menschenkopf und ebenfalls die vom Himmel nach der Schöpfung zu den Menschen herabgestiegene Re-Tochter Ma’at nach der Armanazeit.[2371]
Auf der Metternichstele (360-342 v.Chr.) als frühem Dokument eines magischen Horos hat der Neungestaltige, weil neunköpfige, der oben über allem thront, riesige Doppelflügel wie ein Segelflugzeug.[2372] Zwar ist bereits in Ägypten Horos als geflügelte Sonne dargestellt, die Form mit Menschenkörper aber dürfte aus dem persischen Königsfravahar in der Zeit der persischen Herrschaft über Ägypten importiert worden sein. Man darf vermuten, daß eine zentrale Schaltstelle auch hier das Seminar des Ostanes in Memphis war, was die aus der assyrischen Götterdarstellung in die persische Königsdarstellung übernommenen Flügel amalgamierte mit Horos als Falke oder geflügeltem Sonnen-Ball, die dem Relief-Symbol für Ahura Mazda unmittelbar entsprach und hierdurch deren Identifizierung nahelegte.[2373]
120 km südöstlich vom Toten Meer auf halber Strecke zum Roten Meer mit dem Golf von Aqaba, liegt oberhalb des Wadi el Araba in einem weiten Talkessel am Dschebel Harun östlich des Negev im heutigen Jordanien die Felsenstadt Petra. Nachdem die Edomiter Petra (nabatäisch Raq mu = der Buntgestreifte) aufgaben und nach Palästina migrierten, zogen dort die halbnomadischen Nabatäer ein. Alexanders seleukidischer Diadoche Antigonos I. Monophthalmos konnte sie 312 v. Chr. nicht besiegen. Die Karawanenräuber zur Alexanderzeit beherrschten ab 169 v.Chr. unter Aretas I. mit ihren Kamelen als Karawanenmonopolisten den gesamten Handel zwischen Damaskus und Alexandria und der Route nach Saba (Weihrauchstraße entlang der Ostküste Arabiens) und von dort nach Indien und verkauften in Rom Unmengen an Weihrauch (Harz der bis 8 m hohen Boswellia-Bäume im kargen Felsland) und entzündungshemmender Myrrhe aus dem Hadramaut-Gebirge des heutigen Süd-Jemen und Dhofar im Süden Omans, östlich vom alten Königreich Saba, mit dem heutigen Aden als Hafen der Indienschiffahrt. Der Asphalt im Toten Meer war zur Einbalsamierung begehrt und ein Verkaufsschlager im Karawanenhandel mit Ägypten. Diodor erzählt: »Sie führen ein Räuberleben und plündern oft auf Raubzügen die Nachbarländer aus. ... Sie pflanzen weder Korn oder andere früchtetragende Bäume an, noch trinken sie Wein, noch bauen sie irgendwelche Häuser. Sollte jemand gegen diese Regeln verstoßen, so wird dieser mit dem Tode bestraft. ... Obwohl es viele andere arabische Stämme gibt, die die Wüste als Weide nutzen, übertreffen sie die anderen bei weitem an Reichtum, obwohl sie nicht viel mehr als 10.000 zählen, denn nicht wenige sind gewohnt, Weihrauch und Myrrhe und auserlesene Gewürze zum Meer zu bringen.« 84 v.Chr. eroberten die Nabatäer unter Aretas III. Damaskus, Paulus wird vom Statthalter Aretas IV. Philopatris (9 v.- 40 n.Chr.) dort inhaftiert, cf Acta 9,24; 2 Kor 11,32.
In den Säulen, im Stadtnamen, im Khasne al-Firaun, im Grabtempel ad-Deir, den Blockgräbern im Bab es-Sik und im korinthischen Grab zeigt sich der griechische Einfluß auf diese Halbnomadenkultur, die reichgeworden durch Karawanenhandel hellenistische Architekten und Steinmetze beschäftigten konnte. Auch über die Nabatäer hat sich die Idee der geflügelten Götter und Engel in Palästina verbreitet.
Im Schatzhaus des Pharao (Khazne al-Firaun), dem Grab für Aretas IV. in der Fels-Nekropole von Petra, 1812 durch Johann Ludwig Burckhardt wiederentdeckt, finden sich an den Außenwänden Nischen mit skulpturhaften Reliefs, auf denen Schicksalsgöttinnen, oben halbrechts sogar mit Engelflügeln und Brüsten, aber ohne Arme abgebildet sind.[2374] Es gibt nördlich des Wadi Musa einen Tempel der geflügelten Löwen, was direkt an Nergal und die Wächter der assyrische Zikkurat von Nimrud gemahnt.[2375] In Mampsis, einer der 6 Nabatäerstädte des Negev, findet sich ein geflügelter Eros mit Psyche. Dušara, der Hauptgott der Nabatäer, ist eine Art Dionysos-Zeus-Mischung. Idole, in Steinplatten gehauene Gesichter, gibt es von ihm. Der Prunk der Nekropolen zeigt, wie bedeutsam diese Wohnungen für die Ewigkeit den Nabatäern waren, wie zentral also der Totenkult war. Der Handel war idealer Nährboden kultureller Einflüsse und neben dem ägyptischen Totenkult, dem griechischen Baustil und den babylonisch-syrischen Einflüssen scheint Dušara unterzugehen.[2376]
Im Iran und Ägypten sind Geier als Schützer der Menschen verehrt und wie sie am Himmel kreisen, so fliegt auch die Ba-Seele schnell und frei herum. Fliegen ist Symbol der Freiheit und Ikarus der Überschreiter der menschlichen Natur. Wenn aus Kletter-Engeln auf Himmelsleitern Flug-Engel werden, wenn die Ba-Seele Flügel bekommt, so erweitert sich die Technologie der Freiheit nach dem Vorbild der großen Greifvögel. Sie stehen Pate für die Fabelwesen der religiösen Phantasmen. Flügel machen ubiquitär, universalisieren die Reichweite der Götter.
2.1.2.2 Die Hängenden Gärten der Semiramis in Babylon als Himmelsstufen
Die Hängenden Gärten von Babylon werden Semiramis zugeschrieben, der aus Armenien eingeheirateten Schwiegertochter des Assyrerkönigs Salamanassar III. Nach dem Tod ihres Gemahls regierte sie für ihren unmündigen Sohn. Es wird überliefert, daß schon ein früherer assyrischer König großartige Gärten besaß. Von oben kommt Kanalwasser durch die Gärten herab geflossen; im Lustgarten glitzern Wasserfälle wie Sterne. Dicht behangene Granatapfelbäume, mit Weintrauben geschmückt, verbreiten süßen Duft. Die Reliefs Assurbanipals in Ninive zeigen einen Teil des königlichen Gartens. Die Gärten waren terrassenförmig und die Baumkronen sollen die Palastmauern überragt haben. Diodor schreibt, der Garten sei auf jeder Seite 123 m lang, ansteigend wie ein Berg, ein Stockwerk über das andere, so daß er einen Anblick wie ein Theater darbot.[2377] Das Wasser wird aus höher gelegenen Stellen hergeleitet und fließt in raschem Lauf abwärts. Daher gedeihen natürlich immer grüne Pflanzen. Die Bäume waren bis zu 15 m hoch. Unter den ansteigenden Terrassen waren Mauerreihen gebaut, welche die ganze Schwere des Gartens zu tragen hatten. Um Stadt und sicher auch die Gärten mit genügend Wasser zu versorgen, wurde eine mehrere Kilometer lange Aquäduktleitung angelegt, die ein Flußstau speiste. Diodor vergleicht die Kellerkonstruktion mit den Röhren einer Hirtenflöte.[2378] Es gab sieben Terassen von jeweils fünf Metern, so daß die Baumkronen der obersten die Palastmauern überragten. Die Mauern hätten Schutz gegen die Wüstenwinde gewährt, die Bepflanzung der Umgebung Kühlung gespendet. Über den gewölbten Kammern sollen Steinbalkenreihen gelegen haben, die eine Schicht mit Schilf durchsetztes Asphalt bedeckte. Derart mächtige Bäume tragen dieses Bauwerk, daß ihre Stämme acht Ellen dick und bis zu fünfzig Fuß hoch werden, ja sogar Früchte tragen, als nährte sie ihr Mutterboden.[2379] Der Anblick dieser Prachtgärten in Terrassenform ist eine „Psychagogie“. Die Herrscherin will die Seele erheben lassen durch die Anmut und das Charisma dieses Anblicks. Genau dies wiederholt die Himmelsreise mit einer Beschreibung, die einem Rundgang durch diese hängenden Gärten gleicht.
2.1.3 Ezechiels Visionen im Land der
Chaldäer als
Himmelsreisen-Prototyp
In der Berufungsvision Ez 1 wird mit den alten Prophetiebegriffen von Wortergehen und Hand des Herrn[2380] eine Thronvision mit dem Wagenmotiv geschildert, die darauf schließen läßt, daß nach 30 Exilsjahren im südbabylonischen Tel abib die israelitischen Geistlichen[2381] in Technik und Inhalten ihrer Visionen vom chaldäischen Seherpriestertum die Schau des Himmels gelernt haben. Das Fehlen jeder biographischen Bemerkung und die fast ins Liturgische gehende Stilisierung der Visionen legt dabei die Vermutung nahe, daß eine ursprüngliche Vision literarisch ausgefeilt wurde, wobei dann eben doch nicht nur von Schreibtischekstase gesprochen werden sollte, sondern von ausfabulierter, weitergesponnener Halluzination.[2382] Als Ezechiel 24,15ff um seine tote Frau trauert, empfängt er Jahwes Befehl zur Starre, Klaglosigkeit, zelebriert nicht das laute Trauerritual. Er ist kataton und nicht unbegreiflich gefühlskalt.[2383] Gerade diese der katatonen Schizophrenie nahe Form psychotischer Dekompensation macht es wegen des dabei auftretenden weitgehenden Realitätsverlustes wahrscheinlich, daß er wirklich heftige Visionen hatte.[2384] Während der Schamane solche Trance durch seine Technik teilweise steuern kann[2385], scheinen diese Visionen Ezechiel zu überschwemmen, so daß seine Rede von der ihn ergreifenden Hand Gottes treffend beschreibt, wie er völlig den halluzinatorischen Impulsen ausgeliefert ist. Dies erinnert an die »Schamanenkrankheit«, die initiatorische Psychose, die den jungen Mann ergreift und oft in Absonderung treibt und als Inkubation durch die Hilfsgeister erlebt wird.[2386] Dabei gibt es die doppelten Unterweisung des Schamanennovizen durch Träume/Trance und den diese durch Stammesmythen deutenden und Trancetechniken lehrenden Schamanenmeister: »Diese Halluzinationen und Erdichtungen halten sich an überlieferte, zusammenhängende Muster, welche deutlich artikuliert und von erstaunlich reichem theoretischen Gehalt sind.«[2387]
Daß er erstarrt, um die Starre der Jerusalemer bei der Zerstörung ihres Tempels vorweg zudemonstrieren, glaubt ihm nicht einmal Zimmerli, der keine psychopathologische Kenntnis hat. Diese Intention kommt erst in einer zweiten Stufe der Eigendeutung des Erlebten hinzu und bestätigt die These von Originalvision und nachträglicher Ausfabulierung mit theologischen Intentionen, etwas frommer und ganz im Selbstverständnis des schamanischen »Psychopathen« gesagt, »nicht im Sinne einer willkürlichen Frisierung der Dinge durch den Propheten selber, sondern so, daß ihm im Nachhinein von Jahwe her die Augen geöffnet worden sind.«[2388] Zimmerlis Unterscheidung ist deistisch im Stile Barths. Exakt wäre zu sagen: Gott öffnet uns die Augen, so daß wir die Dinge willkürlich frisieren, Psychosen bekommen und Träume einer besseren Welt. So bleibt der halluzinatorische Immanenzcharakter göttlicher Offenbarung gewahrt. Jede Aufzeichnung eines Traumes ist bereits rationale Bearbeitung des ursprünglichen Traummaterials, ist Überführung in Sprache und zensierendes Verschweigen zugleich. Traumszenen können so wechselhaft und ambiguent sein, aus so vielen vergleichzeitigten unvereinbaren Szenenfragmenten kombiniert sein, daß eine narrative Darstellung selbst dem geübten Traumschreiber nicht gelingt, er simplifiziert, um die Fülle des Traumerlebten überhaupt zur Sprache zu bringen. Für bestimmte im Traum erlebte Dinge gibt es keine Namen, weil sie keine Dinge der benannten Realität sind. So wird die Benennung eine Metapher, sucht bekannte Bilder als Wegweiser zu etwas unbekanntem, bisher noch nicht erlebten. Und hier greift dann die geläufige religiöse Tradition als Folie der Erklärung des innerlich Erlebten zu. Sie wird der Fundus, aus dem die Halluzinationen in ihrer bizarren Dichte verwortet werden. Die 14 Datierungen in Ez sind ziemlich genau und könnten so stimmen. Damit wäre die erste elaborierte Thronvision und ein noch ganz in der prophetischen Tradition des AT stehender Prototyp einer Vision von Engeln und himmlischen Dingen tatsächlich auf die Exilszeit datierbar.
Ez 1,1-9: »Im dreißigsten Jahr am fünften Tage des vierten Monats, als ich unter den Weggeführten am [a] Fluß Kebar war, tat sich der Himmel auf, und Gott zeigte mir Gesichte. 2 Am fünften Tag des Monats... 3 da geschah das Wort des HERRN zu Hesekiel, dem Sohn des Busi, dem Priester, im Lande der Chaldäer am Fluß Kebar. Dort kam die Hand des HERRN über ihn. 4 Und ich sah, und siehe, es kam ein ungestümer Wind von Norden her, eine mächtige Wolke und loderndes Feuer, und Glanz war rings um sie her, und mitten im Feuer war es wie blinkendes Kupfer. 5 Und mitten darin war etwas wie vier Gestalten; die waren anzusehen wie Menschen. 6 Und jede von ihnen hatte vier Angesichter und vier Flügel. 7 Und ihre Beine standen gerade, und ihre Füße waren wie Stierfüße und glänzten wie blinkendes, glattes Kupfer. 8 Und sie hatten Menschenhände unter ihren Flügeln an ihren vier Seiten; die vier hatten Angesichter und Flügel. 9 Ihre Flügel berührten einer den andern. Und wenn sie gingen, brauchten sie sich nicht umzuwenden; immer gingen sie in der Richtung eines ihrer Angesichter.« Hier sind Engel mit vier Flügeln und vier Gesichtern in alle Himmelsrichtungen geschildert. Sie sind mit 4 Rädern verkoppelt, in denen viele Augen den Geist verkörpern. Über allem im Himmel thront auf einem Saphir die Lichtgestalt Gottes als die eines Menschen in Feuer und Glanz getaucht. Diese Gestalt beruft nun Ezechiel. An die Vision von Ez 1 hat die nacharbeitenden Lehrhausschule Ezechiels in Ez 10f angeknüpft und sie noch einmal ausgeschmückt. Die 4 Engel sind dabei als Cherubim klassifiziert. Der Kudurru des sumerischen Königs Melischpak aus dem 12.Jh.v.Chr. ist das erste Dokument gefiederter Mensch-Engelwesen und mögliche Vorlage für Ez 1, cf 2.1.1. Sie dürften auch Vorbild der Cherubim auf der Bundeslade sein, die erst ab Jes 6 und Ez 1; 10f von reinen Deckflügeln zu Flugschwingen werden. Mit dem Exil aber besteht ebenfalls schon iranischer Einfluß der Leichen abnagenden Aasgeier als Flug-Engel, die dieses Leichenopfer ihren Himmelskollegen mitbringen und zugleich den Toten partiell in die Himmelswelt überführen, cf Bundahišn 15,14 SBE 5 und 1.4.9.
Das erste Fragment des Pseudo-Ezechiel aus Qumran (4Q385-389) ist eine Variante dieser Vision des göttlichen Thronwagens, der das Vorbild für den Merkava im Hen(hebr) sein könnte: »1 und mein Volk soll sein ... 2 mit zufriedenem Herzen und mit [bereiter] S[eele ...] 3 und verberge dich für eine kleine Weile ... 4 und spaltend ... 5 die Vision, die Hesek[iel] sah ... 6 ein Strahl eines Wagens und vier lebende Wesen, eine lebende Gestalt [... und sie drehten sich nicht] um, [während sie gingen]; 7 jeder der lebenden Kreaturen ging auf zwei (Beinen); [seine] zwei Be[ine ...] 8 ... war geistig, und ihre Gesichter waren mitei[nander] verbunden. [Was die Form] 9 der Ge[sichter angeht: eins war (das eines) Löwen und ein]s (das eines) Adlers und eins das eines Kalbs und eins das eines Menschen. Ein jedes ha[tte die Hand] 10 eines Menschen, verbunden vom Rücken der lebenden Kreaturen und festgemacht an [ihren Flügeln]. Und die Rä[der ...] 11 Rad mit Rad verbunden, während sie gingen, und von den beiden Seiten der R[äder kamen Ströme von Feuer], 12 und in der Mitte der Kohlen w[a]ren lebende Wesen, wie Kohlen im Feuer, [Lampen sozusagen, in der Mitte] 13 der R[ä]der und der lebenden Gestalten. [Über ihren Köpfen] war [ein Firmament, welches wie] 14 das schreck[liche] Eis aussah. [Und von über dem Firmament k]am ein Laut« »Sich verbergen für kurze Zeit« (3) trifft auf die Qumrangemeinde nach 160 v.Chr. zu und 4Q385-389 könnte in dieser Zeit geschrieben sein. Die Ez-Vorlage ist wesentlich älter.
2.1.4 Die Architektur des Himmels im 1.
Henoch(-Pentateuch) [Hen(äth)]
Das Hen(äth) ist ursprünglich hebräisch bzw. aramäisch geschrieben, dann ins Griechische übersetzt und später ins Äthiopische.[2389] Man teilt es grob in 5 Teile mit jeweiligen Endredaktionen der einzelnen Bücher sicherlich völlig verschiedener Autoren:
1-36
Buch der Wächter; 3.-2. Jh. v. Chr.
37-71
Bilderreden; zwischen 105
v. und 70 n.Chr.
72-82
Astronomisches Buch; 3.-2.
Jh. v. Chr.
83-91
Traumvisionen; 2. Jh. v.
Chr.
92-106
Mahnreden; 1. Jh. v. Chr.
107f
Anhang
Die frühesten Apokalyptiker könnten bereits im 5.-3.Jh.v.Chr. vom Wächterbuch Hen(äth) (1-36) Kap. 17-36 getextet haben.[2390] Frühvormakkabäisch ist der Mittelteil des Wächterbuchs 12-16, die Traumvision 91,12-17 und die Mahnrede 93,1-10. Spätvormakkabäisch der Anfangsteil des Wächterbuchs 6-12, ein Grundstock der Bilderreden 65,1-69,25 und die Mahnrede 106f. Vormakkabäisch dürfte 105 aus den Mahnreden (92-106) sein. Die Traumvisionen 83-90 mit ihrer großen Tier-Apokalypse 85-90 stammen aus der Zeit 165-161 v.Chr., das babylonisch beeinflußte astronomische Buch 72-82 datiert man auf 110 v.Chr. oder sogar auf 600 v.Chr., die Traumvision 91,1-10.18f und die Mahnreden 92 und 94-104 entstanden 105-104 v.Chr. und die Bilderreden 37-71 zwischen 105 und 64 v.Chr., während die ersten fünf Kapitel als Einleitung zum Wächterbuch spätvorchristlich sind.[2391] Viele Texte des Hen(äth) sind in aramäischem Sprachgebiet, vermutlich in Qumran, entstanden. Aramäische Fragmente des Buchs der Wächter und 4 aus dem Astronomischen Buch sind in der 4. Höhle von Qumran gefunden worden, so daß die Essener als eine der Trägerschichten des Henochbuchs gelten dürfen.[2392] Hier fand man auch Fragmente des Buches der Träume (Hen(äth) 83-90), wo in der Tierapokalypse (85-90) die Geschichte Israels in Tiersymbolik bis zum Kommen des Messias zum Weltgericht erzählt wird. Diese Texte datieren auf 160 v.Chr.[2393]
Die Henoch-Literatur steht in der mantischen Tradition des babylonischen Seherpriestertums, wie akkadische Keilschrifttafeln zeigen.[2394] Steht Henoch in der jahwistischen Liste Gen 4,17-24 auf Platz 3, so in der priesterschriftlichen Gen 5,21-24 auf Platz 7, genau wie Enmeduranki in der Liste der vorsintflutlichen Sumer-Könige von Berossos. Henoch ist der 7. Nachkomme Adams in Gen 5,23ff, wo auch von seiner Entrückung und dem Wandeln mit Gott oder den Göttern erzählt ist: Adam, Set, Enosch, Kenan, Mahalalel, Jered, Henoch sind die ersten Patriarchen. Wenn Gen 5,24a Henoch »mit den Göttern geht«, könnten diese {yihOlE) wie Ps 97,7 Engelwesen sein.[2395] Damit ist die früheste Spur des Henoch-Mythos als eines Himmelsreisenden bereits in P zu finden. Uta-abzu alias Henoch auf den Beschwörungstafeln von Bit Meshri ist hier deutlich wiederzuerkennen.[2396] Der mesopotamische Seher Bileam in Num 22-24 ist ebenfalls ein Sehertypus wie Henoch, auch seine Augen werden von Gott geöffnet, er sieht in seinen nächtlichen Gesichten den Heiligen, hörte alles von dort, redet in Gleichnissen, prophezeit nicht für seine Generation, sondern die kommenden, womit hier bereits eine gewisse eschatologische Dimension eröffnet ist.[2397]
2.1.4.1 Der Mythos der gefallenen Engel als früheste Ahriman-Paraphrase
Daß Götter oder Engel mit Menschen Sexualverkehr haben und so die Völker entstehen, ist ein fast überall auf der Erde verbreiteter Mythos, geradezu ein Archetyp der Genealogien. So ist es hier auch nicht unmittelbar zwingend, daß religiöses Erbe gerade aus der iranischen Religion vorliegt im Mythos der gefallenen Engel und der Riesen von Gen 6,2-4 und der Sintflut. Sicherlich ist die Sintflutgeschichte der Sumerer[2398] Vorlage von Gen 6,6-8,22. Tafel 16 der Beschwörungsserie Udughulameš (= Böse Geister) nennt als die sieben Dämonen, Stoßende Stürme, die auf dem Himmelsdamm geboren dort auch umhertanzen und Unheil und Verderben wie ein Gewittersturm über die Menschen bringen: Südwind, Drache, Panther, Schlange, Löwe, ein Unidentifizierbarer, Südsturm.[2399] Ebenfalls ist Labbu ein Verderben bringender böser Riesendrache in Schlangenform, der im Euphrat haust.[2400] Der göttliche Sturmvogel Zū plant im Götterhimmel eine Palastrevolte. Er klaut die Schicksalstafeln, Inbegriff der Herrschaft und flieht damit ins Gebirge Sābu. Wer ihm fortan entgegentritt, wird zu Staub. Lugalbanda-Marduk macht seine Frau betrunken und kann ihn danach vermutlich töten.[2401] Adapa bricht in einem anderen Mythos dem bösen Südwind einen Flügel und entmachtet so das Böse.[2402] Realform des Bösen ist hier das verheerende Unwetter, was wie in den Sibyllinischen und Chaldäischen Orakeln und den heutigen Überschwemmungskatastrophen weite Landstriche zerstören kann und Seuchen und Hunger unter den Überlebenden auslöst.
Der Mythos der gefallenen Wächter-Engel, Semjasa und seine 20 Dekarchen, die mit Menschentöchter kopulieren und dadurch Riesen zeugen, die unersättlich (iranisch az) sind und schließlich Menschen fressen, die dann selbst sodomistisch und kannibalistisch werden und durch Sintflut und Feuerpfuhl vernichtet werden müssen, wird Hen(äth) 6-11 mit den Söhnen Gottes ohne Henoch erzählt, während er in einer späteren Version 12-36 mit eingebaut ist als Reisender zwischen Erde und Himmel und Fürsprecher der strafleidenden Engel. Hier ist iranischer Einfluß nicht nur mit unsterblicher Seele und den Erz-Engeln im Himmel vorhanden.[2403] Es handelt sich um eine bis in Details reichende Übernahme iranischer Mythen über die Finstermächte. Sie kopulieren mit Menschentöchtern, obwohl sie unsterblich sind und keiner Fortpflanzung bedürfen wie die sterblichen Menschen. 15,8f ist das Befleckende dieser Aktion die Vermischung von Geistern der Engel und Fleisch der Menschentöchter. Dadurch hat sich die geistige Himmelswelt verunreinigt. 39,1 steigen die Kinder des hohen Himmels herab zur Samenmischung von Himmlischem mit Menschlichem. Gen 6,2-4 erzählt die Geschichte der Riesen als Helden der Vorzeit und der Kopulation der Gottessöhne mit Menschentöchtern als Vorgeschichte der Sintflut.
Die Wächter sind im Bundahišn 6,1b-4 SBE5 (= 6,1-4 Anklesaria) Beschützer des Himmels vor den Mächten des Bösen: »Als der schlechte Geist zu Himmel hineinsauste und die reine Tapferkeit der Engel und seine eigene Gewalttätigkeit schaute, wollte er sofort zurücksausen. 2 Der Geist des Himmels ist wie ein Krieger in voller Rüstung: Er kleidet den Himmel gegen den schlechten Geist und führt an im Streit, bis Ōhrmazd einen Wall herumgezogen hatte, stärker als der Himmel und vor dem Himmel. 3 Und seine Wächtergeister (farohar) von Kriegern und die Gerechten, auf Kriegspferden und mit Speer in der Hand, waren um den Himmel herum; gerade wie das Haupthaar die Gemeinsamkeit (anguni-aitak) von denen ist, die den Wall bewachen. 4 Und kein Durchgang wurde vom schlechten Geist gefunden, der zurücksauste; er mußte die Vernichtung der Dämonen und seine eigene Machtlosigkeit mit ansehen, als Ōhrmazd seinen eigenen abschließenden Triumph und die Erneuerung des Universums für immer und ewig hervorbrachte.« Himmelsmilitär ist typische Projektion des iranischen Kriegeradels: Wie die Stadt geschützt wird mit Waffen und Wällen, so der Himmel vor den kosmischen Angriffen Ahrimans. Diese Ontologie der Himmelswelt ist in allen Henochbüchern und vielen anderen Apokalypsen übernommen, wenn auch ohne Wall. Wenn im Zostr und dem mandäischen Seelenaufstieg die aufsteigende Seele in der Lichtwolke verborgen wird, um den Gerichten zu entkommen, so ist hier das Grundmodell zu finden: um den Himmel ist ein Wall, um den herum böse Mächte nach jedem greifen, der versucht, in die Himmels-Stadt hineinzugelangen. Die nieoou im Zostr sind als Himmelsverteidiger zu verstehen, cf 3.6.7. Bundahišn 15,4-17,9 wird die zunächst geistige Schöpfung der Menschenseele im Feuer als Atem geschildert, die erst im zweiten Schritt einen Körper bekommt und nach dem Erdleben wieder himmelwärts zurückgeführt wird.
Der unersättliche iranische Dämon Az-i Dahak wird als einer der wenigen iranischen Namen übernommen in die iranisch durchwirkte Priesterschrift, cf 1.7.1. Er taucht auf als Asasel. Lev 16,8-26 wird vom Doppel-Opfer eines Bocks für Jahwe und eines Sündenbockes für Asasel erzählt; der Bock bekommt alle Sünden des Volkes per Sühnweihakt draufgesattelt und wird so dem bösen Dämon in die Wüste zugeführt. Hinterher müssen Reinigungszeremonien absolviert werden, die stark an die Leichenaussetzung in der Vendidad erinnern.[2404] Asasel begegnet Hen(äth) 8-10 als zehnter der 20 Dekarchen des Oberbösen Semjasa, die den Menschen alle bösen Künste beibringen: 8.1-4 »Asasel lehrte die Menschen Schlachtmesser, Waffen, Schilde und Brustpanzerung verfertigen und zeigte ihnen die Metalle samt ihrer Bearbeitung und die Armspangen und Schmucksachen, den Gebrauch der Augenschminke und das Verschönern der Augenlider, die kostbarsten und erlesensten Steine und allerlei Färbemittel. 2 So herrschte viel Gottlosigkeit, und sie trieben Unzucht, gerieten auf Abwege und alle ihre Pfade wurden verderbt.3 Semjasa lehrte die Beschwörungen und das Schneiden der Wurzeln, Armaros die Lösung der Beschwörungen. Baraael das Sternschauen, Kokabeel die Astrologie, Ezeqeel die Wolkenkunde, Arakiel die Zeichen der Erde, Samsaveel die Zeichen der Sonne, Seriel die Zeichen des Mondes. 4 Als nun die Menschen umkamen, schrieen sie, und ihre Stimme drang zum Himmel.« Die 4 Erzengel Michael, Uriel, Raphael und Gabriel sehen vom Himmel das Unrecht und fordern Gott auf, etwas zu unternehmen. Dieser befiehl ihnen umgehend die Ausrottung des Bösen: 10.3-6 »Zu Raphael sprach der Herr: „Fessele den Asasel an Händen und Füßen und wirf ihn in die Finsternis; mache in der Wüste in Dudael ein Loch und wirf ihn hinein. 5 Lege unter ihn scharfe und spitze Steine und bedecke ihn mit Finsternis. Er soll für ewig dort wohnen, und bedecke sein Angesicht [mit Finsternis], damit er kein Licht schaue. 6 Aber am Tage des großen Gerichts soll er in den Feuerpfuhl geworfen werden.“«
Der Auftrag des Raphael, Asasel zu fesseln in einem Loch in der Wüste, ist identisch mit der Fesselung Az-i Dahaks durch Faridoon am Fuß des Demavand-Berges für 1000 Jahre. Dieser Mythos hat sehr enge Entsprechungen zu den zervanistischen Geschichten von Ahriman und seinen Untergebenen.[2405] Die Verderbnis der Menschen durch die gefallenen Engel, die Unreinheit des Dämonischen und die eschatologische Besiegung des Bösen durch Einwerfen in den Feuerpfuhl. Daß dieser Mythos zunächst ohne die Henochfigur existierte, spricht für einen rein iranischen Grundstock, der in einer späteren Periode babylonisiert wurde mit dem Seherpriester Henoch. TestLevi 14ff handelt über Verunreinigung durch Sexualverkehr als Grund der Abstrafung. 16 beruft sich (im 2.Jh.v.Chr.) auf das Henochbuch mit den 70 Wochen gottloser Exzesse. Irenaeus (130-202) greift 180 n.Chr. den Asasel-Mythos auf. Asasel identifiziert er mit Satan.[2406] Die „bösen Künste“ sind für ihn fast identisch mit den Künsten der Magier, wobei diese seit ihrer Symbiose mit den Chaldäern eben auch deren Astrologie beherrschten. Damit zielt diese früheste Geschichte des Henochpentateuch aus dem 5.Jh.v.Chr. auf eine Distanzierung von der persischen Überfremdung des nachexilischen Judentums.
Der Mythos der Daēvas, die Sexualverkehr mit Menschentöchtern haben, ist iranischen Ursprungs, wo auch der Inzest in den Magierfamilien zelebriert wird.[2407] Bundahišn 15,6-31 SBE 5 (14,1-39 Ankl) schildert die Geschwisterliebe der aus Gayōmards Samen stammenden von Ōhrmazd gut geschaffenen Urzwillinge Mašye und Mašyane, die, von Dämonen verwirrt, diese anbeten, 50 Jahre lustlos sind und den Dämonen Milch opfern, bis sie schließlich aufeinander scharf werden und sieben Zwillingspaare zur Welt bringen, die es ebenfalls inzestuös treiben und so sämtliche Nationen des bekannten Kontinents hervorbringen. Bundahišn 23 SBE5 (14b Ankl) bringt den Mythos in einer Variante: »1 Über die Natur des Affen und des Bären sagen sie, daß Yima, als ihn die Vernunft verließ, aus Furcht vor den Dämonen ein Dämonin als Frau nahm und einem Dämon Yimak, die seine Schwester war, als Frau gab. Von ihnen sind angebundene Affen und Bären und andere Sorten der Entartung entstanden. 2 Man erzählt auch, daß im Reich von Azi Dahak [Zohak] eine jungen Frau zu einem Dämon gelassen wurde, und ein junger Mann wurde zu einer Hexe (pairika) gelassen, und als sie sich ansahen, hatten sie Verkehr; infolge von diesem einem Verkehr wurden sie trächtig.« Bundahišn 4,4-10 schwängert Ahriman die bösartig lüsterne Menschentochter Yeh/Jahi in Gestalt einer 15Jährigen. Sie will Macht von ihm, vergebens!
Bundahišn 28/27 SBE5 werden die Untaten Ahrimans und seiner bösen Dämonen geschildert, jeder einzelne hat dort ebenfalls ein spezielles Fachwissen der bösen Künste. Einer dieser Spezialisten für Böses, Schlechtes und Krankes ist Az: »Der Dämon Az (»Habgier«) ist es, der alles schluckt und wenn durch Bedürftigkeit nichts gekommen ist, ißt er sich selbst; er ist diese Bosheit, daß, obgleich die vollständige Fülle der Welt ihm gegeben wird, er nicht erfüllt und glücklich ist; man sagt, das begehrliche Auge verschlingt (gamand), und für ihn ist die Welt wertlos.«[2408] Az-i Dahak ist der Ursprung von Asasel dem Dämonen-Schmied, so selten es Namensassonanzen persischer Engel/Dämonen mit denen im Hellenismus oder jüdischen Schrifttum gibt. Habgier und Waffenproduktion sind auf den ersten Blick eher inkompatible Formen des Bösen. Auf den zweiten Blick sind Waffen ideal zur Aneignung des Besitzes anderer und Schmiede waren schnell reiche Leute. Hinter der Subsumption der Schmiedekunst als Luxusproduktion für die Reichen und den mantischen Zünften unter die Techniken der gefallenen und entarteten Engel steht so eine Kritik an den Berufsgruppen, die sich spezialisiert haben auf die Luxusversorgung der reichen Oberschicht. Zu dieser Gruppe haben die Magier wohl auch gehört und waren deshalb den apokalyptischen Chassidim suspekt. Gleichwohl dürften gerade sie die Trägerschicht des Ahriman-Mythos gewesen sein, den Hen(äth) 8ff übernommen hat in seiner kompletten Struktur mit den Fachrichtungen des Bösen und den jeweiligen Dezernenten, der endzeitlichen Besiegung der Weltvergifter in Bundahišn 30,12ff SBE5 (34,12ff Ankl), wo sie in die Hölle geworfen werden beim Weltgericht nach der Auferstehung der Toten. Ganz so auch Hen(äth) 10,13: »In jenen Tagen wird man sie in den Abgrund des Feuers abführen, und sie werden in der Qual und im Gefängnis immerdar eingeschlossen werden.« Auch Hen(äth) 67 adaptiert Bundahišn 30,19f mit dem Motiv der reinigenden Feuerströme aus glühendem Metall, hier zu gesundmachendem Wasser mutiert, was die Mächtigen und Lüsternen von bösen Gedanken heilt. Das Motiv Feuerabgrund deckt sich mit dem läuternden Feuerfluß Bundahišn 30,19f SBE5 (34,18f Ankl): »Danach schmelzen das Feuer und der Mondhof-Schein das Metall von Šahrewar in den Hügeln und in den Bergen, und es bleibt auf dieser Erde wie einem Fluß. 20. Dann gehen alle Männer durch das geschmolzenes Metall und werden rein; dem Gerechten scheint es, als wenn er fortwährend in warmer Milch geht; dem Bösen scheint es, als wenn er fortwährend in geschmolzenem Metall geht.« Wir haben hier den gleichen Grundmythos wie Michaels Drachentötung in Apk 12,9: »Und es wurde hinausgeworfen der große Drache, die alte Schlange, die da heißt: Teufel und Satan, der die ganze Welt verführt, und er wurde auf die Erde geworfen, und seine Engel wurden mit ihm dahin geworfen.«
Hen(äth) 39 schildert ganz in iranischer Tradition den höchsten Himmel als Haus des Lobgesangs. Hen(äth) 62,15 werden die Gerechten körperlich unsterblich ewig leben wie die Menschen nach dem Urstieropfer mit Haoma in Bundahišn 30/34. Hen(hebr) 62f ist das Weltgericht mit Hochholung der Toten, Feuerläuterung und Buch des Lebens beschrieben. Hen(slav) 65,6ff wird auch Weltgericht geschildert in der Konzeption von Bundahišn 30/34. Wir finden eine Fülle von Motiv-Übernahmen aus der zervanistischen Eschatologie des Bundahišn in den Henocha in allen ihren Altersstufen. Die chassidischen apokalyptischen Henoch-Anhänger wurden vom Exil an schon von den Zadokiden, der Oberschicht mit ihren Hohepriestern, verfolgt. Hier findet ihre Wut auf die Unterdrücker metaphorischen Ausdruck.
2.1.4.2 Die babylonische Zikkurat als Aussichtspunkt der Sehertrance
Henochs erste Unterwelt- und Himmelsreise aus der Zeit um 200 v.Chr. im Wächterbuch ist im Vergleich zu den Engelsscharen der späteren Himmelsreisen noch sehr vom wissenschaftlichen Interesse geprägt, was ebenfalls aus der sumerischen Tradition stammt, wo die Himmelsschriften das kulturelle Novum der Verschriftlichung des Denkens und Wissens aus dem Bild übers Piktogramm zur abstrakten Keilschrift als Geschenk der Götter beschreiben, die so verewigen, was die Welt im Innersten zusammenhält, also frühe Form von Wissenschaft sind. Diese älteste Himmelsreise mutet an wie Schilderungen eines Pilgers, der die (480 v.Chr. von Xerxes geschleifte) Zikkurat (bzw. den Hermon-Berg) besteigen durfte und von dieser erhabenen Höhe unter sich die Stadt und Landschaft im Höhenrausch und Glanz der Sonne verklärt sieht. Das Privileg einer solchen Besteigung allein schon dürfte eine bewußtseinsverändernde Wirkung gehabt haben. Der Hermon scheint ein besonderes Kultzentrum des Henochkreises gewesen zu sein, sind doch nach Hen(äth) 6,6; 13,7 und Hen(slav) 18,4 dort die 200 gefallenen Engel unter Semjasas Führung herabgestiegen mit heiligem Schwure und Verwünschungen gegen jeden, der den Plan des Menschentöchterbegattens nicht mitmachen will. Hen(äth) 17,1ff: »Sie nahmen mich fort und versetzen mich an einen Ort, wo die dort befindlichen Dinge wie flammendes Feuer sind, und wenn sie wollen, erscheinen sie wie Menschen. 2 Sie führten mich an den Ort des Sturmwinds und auf einen Berg, dessen äußerste Spitze in den Himmel reicht. 3 Ich sah die Orte der Lichter, die Vorratskammern der Blitze und des Donners und in der äußersten Tiefe einen feurigen Bogen, Pfeile samt ihrem Köcher, ein feuriges Schwert und sämtliche Blitze. 4 Sie versetzten mich an die lebendigen Wasser und an das Feuer des Westens, das [die] jedesmal] untergehende Sonne empfängt. 6 Ich kam bis zu einem Feuerstrome, dessen Feuer wie Wasser fließt, und der sich in ein großes Meer im Westen ergießt. Ich sah die großen Ströme und gelangte bis zu dem großen Fluß und bis zu der großen Finsternis und ging dahin, wohin dies Fleisch wandert. 7 Ich sah die Berge der schwarzen Winterwolken und den Ort, wohin sich alle Wasser der Tiefe ergießen. 8 Ich sah die Mündung aller Ströme der Erde und die Mündung der Tiefe. 18.1 Ich sah die Behälter aller Winde und ich sah, wie er mit ihnen die ganze Schöpfung ausgeschmückt hat, und [ich sah] die Grundfesten der Erde. 2 Ich sah den Eckstein der Erde und ich sah die vier Winde, die die Erde und die Feste des Himmels tragen. 3 Ich sah, wie die Winde die Höhe des Himmels ausspannen und ihre Stellung zwischen Himmel und Erde haben: das sind die Säulen des Himmels. 4 Ich sah die Winde der Himmel, die die Sonnenscheibe und alle Sterne bewegen [und] herumschwingen. 5 Ich sah die Winde, die über der Erde die Wolken tragen; ich sah die Wege der Engel, [und] ich sah am Ende der Erde die Himmelsfeste oberhalb [der Erde]. 6 Ich ging weiter und sah einen Ort brennend Tag und Nacht, da, wo die sieben Berge aus Edelsteinen sind, drei in der Richtung nach Osten und drei in der Richtung nach Süden. 7 [Von denen] in der Richtung nach Osten ist einer aus farbigem Stein, einer aus Perlstein und einer aus Topas; die in der Richtung nach Süden sind aus rotem Stein. 8 Der mittlere [der] bis zum Himmel reicht, ist wie der Thron Gottes aus Rubinstein, und die Spitze des Throns ist aus Sapphir. 9 Ich sah ein loderndes Feuer. Hinter diesen Bergen ist ein Ort, jenseits des großen Landes; dort sind die Himmel vollendet.«
Der Reisebegleiter fehlt hier, es ist ein Versetztwerden und dann ein eigenständiges Erkunden des Himmels, wo auch schon Wege der Engel sind. Also gehen die Engel hier wie Henoch selbst zu Fuß die Treppen und Wege des Zikkurat hoch und nieder, sie fliegen nicht durch Sphären. „Himmel“ zur Zeit vor dem Bau der Zikkurat könnte dann einfach nur „Hochland“ gemeint haben, wie das sumerische Edin (Eden) nur unbebautes Land meint.[2409] Das noch gänzlich Irdische des Himmels spricht für das hohe Alter dieser Himmelsreise.
Dabei ist bereits im frühvormakkabäischen Teil des Buchs der Wächter Hen(äth) 12-16 aus dem 5.-3. Jh. v. Chr., eine visionäre Trance beschrieben: »13.5 denn sie konnten nicht mehr [mit ihm] reden, noch ihre Augen zum Himmel erheben aus Scham über ihre Sünden, derentwegen sie gestraft wurden. 6 Darauf verfaßte ich ihre Bitt und Flehschrift in betreff ihrer Geister, und ihrer einzelnen Handlungen und in betreff dessen, worum sie baten, da mit ihnen Vergebung und Nachsicht zuteil würde. 7 und ich ging hin und setzte mich an die Wasser von Dan im Lande Dan, das südlich von der Westseite des Hermon liegt, und ich las ihre Bittschrift [Gott vor], bis ich einschlief. 8 Siehe da überkamen mich Träume, und Gesichte überfielen mich; ich sah Gesichte eines Strafgerichts, und eine Stimme drang [zu mir] und rief, daß ich es den Söhnen des Himmels anzeigen und sie schelten solle. 9 Als ich erwacht war, kam ich zu ihnen, und sie saßen alle versammelt in Abel.... das zwischen dem Libanon und Senir liegt, trauernd, mit verhüllten Gesichtern. 10 Da erzählte ich vor ihnen alle Gesichte, die ich im Schlafe gesehen hatte, und ich begann jene Worte der Gerechtigkeit zu reden und die himmlischen Wächter zu schelten.« Dies erinnert sowohl an die israelitische prophetische Vision als auch die babylonischen Traumdeuter. Die Passage der Straforte des Himmels erinnert stark an Ardā Vīrāf 16-58, wo alle Qualen der Bösen mit Liebe zum Detail beschrieben werden.
2.1.4.3 Die Thronvision des betagten weißglänzenden Gottes in Hen(äth) 71
Zu den frühen Himmelsreise-Texten gehört die Thronvision Hen(äth) 71. Die Bilderreden (37-71) dürften zwischen 105 und 64 v.Chr. in hebräischer Sprache entstanden sein.[2410] »71.1 Darnach war mein Geist verborgen und stieg in den Himmel auf. Ich sah die Söhne der heiligen Engel auf Feuerflammen treten; ihre Kleider waren weiß und ihr Gewand und Antlitz leuchtend wie Schnee. 2 Ich sah zwei Feuerströme, und das Licht jenes Feuers glänzte wie Hyazinth. Da fiel ich auf mein Angesicht vor dem Herrn der Geister. 3 Der Engel Michael aber, einer von den Erzengeln, ergriff mich bei der rechten Hand, richtete mich auf und führte mich hinaus zu allen Geheimnissen der Barmherzigkeit und Gerechtigkeit. 4 Er zeigte mir alle Geheimnisse der Enden des Himmels und alle Behälter alles Sterne und Lichter, von wo sie vor den Heiligen hervorkommen. 5 Da entrückte der Geist den Henoch in den Himmel der Himmel und ich sah dort in der Mitte jenes Lichts einen Bau aus Kristallsteinen und zwischen jenen Steinen Zungen Lebendigen Feuers. 6 Mein Geist sah, wie ein Feuer rings um jenes Haus lief, an seinen vier Seiten Ströme voll lebendigen Feuers, die jenes Haus umgaben. 7 Ringsherum waren Seraphim, Kerubim und Ophanim; dies sind die nimmer Schlafenden, die den Thron seiner Herrlichkeit bewachen. 8 Ich sah unzählige Engel, tausendmal Tausende und zehntausendmal Zehntausende, jenes Haus umgeben; Michael, Gabriel, Raphael und Phanuel und die heiligen, oben in den Himmeln befindlichen Engel gehen in jenem Hause ein und aus. Aus jenem Hause traten heraus Michael, Gabriel, Raphael und Phanuel und viele unzählige heilige Engel. 10 Und mit ihnen [kam] der Betagte; sein Haupt [war] weiß und rein wie Wolle und sein Gewand unbeschreibbar. 11 Da fiel ich auf mein Angesicht; mein ganzer Leib schmolz zusammen, und mein Geist verwandelte sich. Ich schrie mit lauter Stimme, mit dem Geiste der Kraft, und segnete, pries und erhob [ihn]. 12 Diese Lobpreisungen aber, die aus meinem Munde hervorkamen, waren wohlgefällig vor jenem Betagten. 13 Jenes betagte Haupt kam mit Michael, Gabriel, Raphael und Phanuel und tausendmal Tausenden und Zehntausendmal [Zehntausenden] unzähliger Engel. 14 Er kam zu mir, grüßte mich mit seiner Stimme und sprach zu mir: „Du bist der Mannessohn, der zur Gerechtigkeit geboren wird; Gerechtigkeit wohnt über dir und die Gerechtigkeit des betagten Hauptes verläßt dich nicht.“ 15 Dann sagte er zu mir: „Er ruft dir Frieden zu im Namen der künftigen Welt; denn von dort geht hervor der Friede seit der Schöpfung der Welt, und also wird dir geschehen in Ewigkeit und von Ewigkeit zu Ewigkeit. 16 Alle, die auf deinem Wege wandeln werden - du, den die Gerechtigkeit nimmer verläßt -, deren Wohnungen und Erbteil werden bei dir sein, und sie werden sich bis in alle Ewigkeit nicht von dir trennen.“ 17 So wird Dauer bei jenem Menschensohn sein und die Gerechten werden Frieden haben und seinen geraden Weg [wandeln] im Namen des Herrn der Geister von Ewigkeit zu Ewigkeit.«[2411]
2.1.4.4 Der Menschensohn der Bilderreden: Gerechtigkeitshoffnungsträger
In der zweiten Bilderrede erscheint als herrschaftskritischer Weltenrichter der Menschensohn in ähnlicher Weise wie Dan 7 mit dem Alten der Tage verbunden.[2412] Henoch wird mit ihm Hen(äth) 71 identifiziert und ist damit der Messias der Gemeinde, die diese Schriften gesammelt und tradiert hat. Hen(äth) 46: »1 Ich sah dort den, der ein betagtes Haupt [hat], und sein Haupt [war] weiß wie Wolle; bei ihm [war] ein anderer, dessen Antlitz wie das Aussehen eines Menschen[war], und sein Antlitz [war] voll Anmut gleichwie eines von den heiligen Engeln. 2 Ich fragte den Engel, der mit mir ging und mir alle Geheimnisse zeigte, über jenen Menschensohn, wer er sei, woher er stamme, [und] weshalb er mit dem betagten Haupte gehe? 3 Er antwortete mir und sagte zu mir: „Dies ist der Menschensohn (walda sab), der die Gerechtigkeit hat, bei dem die Gerechtigkeit wohnt, und der alle Schätze dessen, was verborgen ist, offenbart; denn der Herr der Geister hat ihn auserwählt, und sein Los hat vor dem Herrn der Geister dies durch Rechtschaffenheit in Ewigkeit übertroffen. 4 Dieser Menschensohn, den du gesehen hast, wird die Könige und die Mächtigen von ihren Lagern und die Starken von ihren Thronen sich erheben machen; er wird die Zügel der Starken lösen und die Zähne der Sünder zermalmen. 5 Er wird die Könige von ihren Thronen und aus ihren Königreichen verstoßen, wen sie ihn nicht erheben, noch preisen, oder dankbar anerkennen, woher ihnen das Königtum verliehen worden ist. 6 Er wird das Angesicht der Starken verstoßen, und Schamröte wird sie erfüllen. Finsternis wird ihre Wohnung und Gewürm ihre Lagerstätte sein; sie dürfen nicht hoffen, daß sie sich von ihren Lagerstätten erheben werden, wen sie den Namen des Herrn der Geister nicht erheben.«
Der »das Haupt der Tage hat« (äth. re'sa mawā`el) in 46,1f entspricht dem Alten der Tage (o( palaio\j tw=n h(me/rwn) Dan 7,9. Die Merkabah als luxuriöser Wagenthron im Stil von Ez 1,16-26 setzt feudale Paläste voraus, denen sie abgeschaut ist[2413], während Jahwe nomadisch im Blitz und Donner herumrast und auf den Wolken des Himmels Regen bringt.[2414] Der Alte der Tage bzw. der Hochbetagte ist eine späte Hochgott-Übertragung auf Jahwe. Einiges spricht für Zurvan als Quelle:[2415] Zurvan ist der älteste und höchste Gott. Im Streit um die Macht zwischen Ahriman und Ahura Mazda richtet er, indem jeder eine bestimmte Regierungszeit erhält. Im Endgericht gegen Ahriman taucht nicht er als Richter auf, sondern der Sošyant; ähnlich kommt Dan 7 und Hen(äth) 46 der Menschensohn ($anE) rab) und richtet.
Aber Zurvan hat keinen feudalistischen Thronglanz mit Feuerstrom, Thronflammen, Lichtglanz oder Edelsteingeblitze, sondern nur der arische Vayu und später Ahura Mazda.[2416] Am Nemrud Dagh thront Ōhrmazd/Zeus auf der Ostterrasse inmitten von Mithra/Apollon, Herakles/Artagnes, Antiochos und Kommagene/Hera/Teleia - alle riesige Steinskulpturen.[2417] Die spätere iranische Tradition geht, wie die mandäische nach ihr, von einem Thron für jeden Gerechten im Himmel aus; Vayu ist vom höchsten Gott zum Seelengeleiter der Verstorbenen in den Garōθmān abgesunken. Ardā Vīrāf 4,18ff sitzt die Seele eines jeden frommen Neuankömmlings im Himmel als vollbusiges Mädchen auf einem Thron, durch jede seiner guten Gedanken, Worte und Werke weiter erhöht. Sie ist als sein Spiegelbild schon seine Richterin. Sein Lohn ist, in Liebe zu ihr als der schönsten Frau seines Lebens zu entbrennen. Je höher Ardā Vīrāf in den 7 Himmeln kommt, desto prunkvoller werden die goldenen Throne der Gerechten, bis 11,2 Ōhrmazd im Kreise der Erzengel eine Kurzaudienz gibt. Im Garōθmān wimmelt es von Throngestühl der Gerechten.[2418] Ursprünglich ist der Hofstaat mit Prunkthron Merkabah also von Vayu geprägt, der dann durch Ahura Mazda ersetzt wird, der auch mit dem Hofstaat in einer Thronreihe residiert.[2419]
Der Menschensohn ist dem Herrn der Geister untergeordnet, von ihm aufgrund seiner Gerechtigkeit als Richter auserkoren.[2420] Jahwe ist nach Vorbild Baals Wolkenwagenfahrer[2421] und Prototyp dieses Zweit-Richters. Wenn der Menschensohn Dan 7 und Hen(äth) 46 unter dem Alten der Tage steht, ist der darin anklingende Jahwe gegenüber El so depotenziert wie Baal.[2422] Ps 89,7f ist das ugaritische Szenario von Göttersöhnen ({yil") y"n:b), dem Rat der Heiligen ({yi$od:q-dOs) und Jahwes Wolkensitz (qaxa$ab) komplett rezipiert, wo El als Göttervater (li) }"b bA() und Richter (tapa+ li)) in der Götterversammlung ({ili) tada() auf seinem Berg (li) rig) präsidiert.[2423] Auch wenn El von Baal Šamem ({"ma$ la(ab) im 1.Jt. v.Chr. in Kanaan verdrängt wurde[2424] und Jahwe kaum El-Prädikate erhalten hat gegenüber der Fülle von Baal-Prädikaten, ist in Dan 7 und Hen(äth) 46 doch deutlich das Verhältnis El-Baal in das von Betagtem und Menschensohn eingeflossen.[2425] El ist oft als Vater der Erhöhten ({yina$ ba)) bezeichnet in Ugarit.[2426] Sein Götterkollektiv ist familial generiert, Spiegel der Stammesverbände. Der demotische Papyrus Amherst 63 enthält in Kol 12,11-19 Ps 20, in 13,5-9 Ps 75,8-10 und in 13,11ff Ex 15 und Ps 19 auf aramäisch.[2427] Die Rašiten, von den Assyrern aus Westiran nach Jerusalem deportiert und später nach Ägypten migriert, haben neben eigenen Mythen und Historien alte Bethel-Traditionen aufbewahrt; »Bethel der Retter« heißt ein Gebet. Auch hier wurde Jahwe-El als Himmelsgott und Richter verehrt.[2428]
Der phönizische la(ab }Oy:lA( ist die älteste Stufe, cf Jes 14,14; Ps 83,19. Er ist in Ugarit zu l") geworden und in Kanaan zu {"mf$ la(ab und so in die Jahwegestalt eingeflossen.[2429] Als Zeu/j ÀUyistoj wird er in der jüdischen Diaspora im Bosporus verehrt und mit anderen Göttern verschmolzen.[2430] Die Heiligen des Höchsten von Dan 7,18-27 (}yinOy:le( y"$idaq a(/gioi u(yi/stou LXX) und der Höchste selbst (f)yfli( Dan 4,14; 7,25) stammen aus dieser Tradition, ebenso der Höchste in Hen(äth) 9,3; 10,1f; 46,7; 60,1f.22; 62,7; 77,1; 94,8; 97,2; 98,7.11; 99,3.10; 100,4; 101,1.6.9, vor allem aber 60,1f, wo die Identität des Höchsten mit dem Betagten zutage tritt. Num 24,16 stehen l") und }Oy:le( noch als zwei Namen nebeneinander in einer Reihe der Götter, die Bileam im Orakel-Angebot führt. Gen 14,19 sind sie erst zu einer Einheit verschmolzen: »El Äljon, Schöpfer von Himmel und Erde«.[2431] Das Aufsaugen der Prädikate von El und Äljon in Jahwe hinein spiegelt die Assimilation Israels in Kanaan.[2432] Die Thronbesteigung Jahwes Ps 47 ist übernommen von Baal, der auf seinem Berg Sapān residiert.[2433] Wie Baal kann Jahwe kriegerisch im Gewitter donnern und blitzen in Ps 29 und 77. Doch der imperiale Thronsitz des Alten der Tage Dan 7 hat mehr Affinität mit Gott dem Höchsten ()yfli( )fhflE)) Dan 3,32; 4,14.22.29; 5,18.21, der Gewalt hat über alle irdischen Könige, von denen er Dan 4,34 König des Himmels ()fyam:$ |elem), in 2,44 Gott des Himmels ()fyam:$ )flE)), 2,47 Gott der Götter (}yihflE) )flE)) und Herr der Könige (}yik:lam )"rfm) genannt wird. Diese Prädikate stammen sämtliche von Baal Šamem, dem obersten Himmelsherrn in Tyros, Berytos und Byblos.[2434] Baal Šamem wurde in diesen Heiligtümern als Äljon verehrt.[2435] Von ihm hat Jahwe sein {iyfmff<ah y"hOlE) in Gen 24,3.7 bekommen.[2436] Relikte des Äljon sind Ps 82,6 mit den Göttern, die sämtliche Söhne Äljons sind, Gen 33,20 mit El als Gott Israels und das Moselied, wo Dtn 32,8 Äljon als Vater von El, Jahwe und seinen anderen 68 Söhnen ({yilE) y"n:b) jedem sein Volk und Reich übereignet.[2437] Jahwe bekommt 32,9 Israel verliehen von seinem Vater Äljon, dem frühesten Himmelsgott. Hier endlich ist die Quelle von Dan 7,9ff und Hen(äth) 46: Äljon ist der Alte der Tage, Jahwe ist der Menschensohn, der als einer der Söhne Äljons ein Volk bekommt und es richten und regieren darf.
Der erste Sitz im Leben ist der alternde Diktator, der das Reich unter seinen Prinzen so aufteilt, daß es Bestand hat. Der zweite ist die alternde Großmacht, die ihr Imperium an neue Stammesverbände und Nationen abtreten muß. Der dritte ist die Großmacht, der messianische Führer den Anspruch auf ihre Heimat absprechen und aus diesem Freiheitskampf der Makkabäer formiert sich die Inthronisation des Göttersohnes als messianische Hoffnung auf Gerechtigkeit und Befreiung. Wie einst das Jahwevolk die El-Völker verdrängt hat, so stammt der Menschensohn aus den Bildern eben dieser alten El-Völker und empfängt vom höchsten, ältesten Gott die Macht. In den Bildern der kanaanäischen Religion formuliert das Judentum deren Überwindung.
Die kanaanäisch-phönizische Wurzel der Gerichtsszene hat sich mit persischem Thronszenario angereichert, welches am Nemrud Dagh Antiochos als Richterkönig meißelt, der von Ōhrmazd per Handschlag beauftragt ist. Er ist zugleich sošjantartige Gayōmard-Inkarnation, die immer wieder in der mythischen Geschichte Irans in den guten Herrschern aufkeimt.[2438] Die Verschmelzung von El und Ahura Mazda war wegen der strukturellen Affinitäten beider besonders evident zu machen: Alter richtender Schöpfervater auf Thronsitz mit regierenden Söhnen in Götterversammlung auf seinem Berg mit heiliger Quelle will Frieden und Gerechtigkeit auf Erden.
Der Menschensohn taucht wieder auf in der Apokalyptik.[2439] In diese Menschensohntradition wurde später Jesus eingesetzt und mit dem Menschensohn als Sohn des himmlischen Vaters identifiziert.[2440] Das Magnifikat der Maria Lk 1,52 träumt textgleich davon, daß die Mächtigen von ihren Thron gestoßen werden. Hier ist die apokalyptische Vision Zukunftshoffnung der Unterdrückten auf Gerechtigkeit. Die Himmelsreise will nicht die Welt fliehen, sondern Vorzeichen einer neuen, gerechten Welt auskundschaften und ankündigen.
2.1.4.5 Der Himmel als babylonische Käseglocke in Henocha und AT
Hen(äth)
18,5 sieht Henoch die Himmelsfeste am Ende der Erde. Der Himmel ruht
auf
dem Rand der
Oberwelt mit seinem
ringförmigen Gebirge. Diese Himmelsvorstellung ist
babylonisch, wie das Bild
rechts aus Meissner
1925,109
zeigt. Die Himmel sind wie drei übereinander
gestülpte Käseglocken. Die Erde
hat die Form einer Zikkurat, umrundet vom Ozean, der Tempel mit seinen
sieben
Stufen bildet die Erde nach. Darunter geht es durch eine erste zur
zweiten Unterwelt,
dem Reich Ereškigals, das sieben Mauerwälle als
Schutz vor Eindringlingen oder
Flüchtlingen hat. Die drei Stufen des Himmels sind oben
umgeben vom himmlischen
Ozean, die Unterwelt vom unteren Ozean. Diese Kosmologie
übernimmt die
Henochliteratur. Hier zeigt sich der babylonische Einfluß auf
den Henochkreis.
Im Alten Testament Israels ist von einem geistigen Himmel[2441] noch keine Rede. {yimf$ meint den Regenhimmel als Welt-Dach. Nachexilische Texte kennen außer {yimf$ lF(ab auch {yimf$ y"hlE) und sehen den babylonisch gewölbten Stern-Himmel als Wohnung Gottes mit Fenster, Säulen, Türen, Tor, Kreis, Mitte, Ende, Richtungen, Herz, Adlern, Manna, Ausspannung, Erstreckung und Himmelsbewohnern. Gott sitzt droben oder fährt mit seinem Heer umher, blickt oder fährt zur Hilfe, Befreiung oder Strafe herab (darfy), sendet Boten, Blitze und Donner.[2442] Der Menschensohn braust auf Wolken heran in Dan 7,13. Theoretisch kann man zu Gott hinaufsteigen (half( in Ps 47,10; 97,9; 139,8; Hi 20,6; Spr 30,4; Gen 11,4; 28,12; 2 Kön 2,11).[2443]
2.1.5 Das Siebenhimmelmodell des 2. Henoch
[Hen(slav)]
Im slavischen 2. Henochbuch, was, inhaltlich vom äthiopischen ersten abhängig, vor der zweiten Jerusalemer Tempelzerstörung 70 n.Chr. in Griechisch verfaßt und vielleicht in Alexandrien wegen Sirach- und Septuaginta-Abhängigkeit und Philo-Affinitäten entstanden ist, durchwandert Henoch in Kap 1-39 sieben Himmel, begleitet von männlichen Engeln.[2444] Hier liegt eine der ausführlichsten Beschreibungen einer elaborierten Siebenhimmelsarchitektur vor, wie sie sonst weder in der Ascensio Jesajae noch dem Testament Abrahams mit seinen 7 Flächen vorhanden ist. Im 7. Himmel thront Gott mit seinem Hofstaat und ist Schöpfer, nicht der geschichtlich Mitgehende. Die metaphysische Spekulation deutet auf eine politisch sichere Zeit hin, in der ein hellenistisch gebildeter Jude mit Muße über himmlische Geheimnisse sinnieren kann und dabei multikulturell verschiedenste religiöse Strömungen aufnimmt.[2445] Gerade Ägypten und besonders die Welthandelsmetropole Alexandria mit ihren vielen Gelehrten vereinte jüdische, christliche, apokalyptische, hermetische und gnostische Traditionen, ja auch indische und iranische, schließlich ging Simon Magus zur Magie-Ausbildung zu den Magiern von Alexandria.[2446] Böttrichs Meinung, die iranischen Einflüsse seien »Allgemeingut hellenistischer Religiosität«[2447] und somit seien sie keine iranischen mehr, spricht ja nur dafür, wie verbreitet in Ägypten iranische Mythen gewesen sein müssen. Winston hat Recht: Das Hen(slav) ist »mit iranischem Material durchtränkt«[2448], was nun zu zeigen ist. Cf 1.5.1.2 Präsenz der Magier in Ägypten.
In den ersten Himmel tragen ihn die Engel auf ihren Flügeln (Kap 3). Die iranischen Geier als Vorläufer der apokalyptischen Flug-Engel tragen den Toten in ihrem Magen zum Himmel, an dem sie kreisen, cf 1.4.9. Im ersten Himmel sieht er einen riesigen Ozean. 200 Engel herrschen über die Sterne (Kap 4). Hier gibt es auch Schatzkammern voller Schnee, voller Tau, voller Öl und diverser Pflanzen (Kap 5). Im zweiten Himmel ist unbeschreibliche Dunkelheit, als Häftlinge hängen dort finsterblickende Engel, die das große Gericht erwarten, unentwegt weinen und Henoch bitten, ein gutes Wörtlein bei Gott für sie einzulegen (Kap 7). Im dritten Himmel ist das Paradies, hier gibt es alle süßen Früchte, einen Lebensbaum in der Mitte und hier ruht Gott aus, bevor er im irdischen Paradies spazierengeht (Kap 8). 4 Bäche entspringen hier und gehen bis ins irdische Paradies hinunter und umringen die ganze Welt, einer mit Milch, einer mit Honig, einer mit Öl und einer mit Wein. 300 Engel pflegen den Garten und frohlocken so lieblich wie die Früchte der Bäume (Kap 8). Hierhin werden die Seelen der Gerechten, die den Hungrigen Brot und den Nackten Kleider gaben, nach ihrem letzten Gericht gelangen. Die Seelen der Sodomisten, Magier, Diebe, Lügner und Ausbeuter der Armen dagegen werden scheinbar auch im 3. Himmel nach dem jüngsten Gericht an einem Strafort gefoltert, den Henoch ebenfalls von den beiden Reisebegleit-Engeln gezeigt bekommt: Trotz feuriger Flüsse herrscht eisiger Frost in der Dunkelheit voller Folterwerkzeuge, bedient von finsteren, erbarmungslosen, hochbewaffneten Engeln (Kap 9f). Der Feuerfluß stammt als Ordal des Weltgerichts aus Bundahišn 30 SBE5, wo Gute wie Böse 3 Tage in flüssigem Metall gebadet werden und danach rein und liebesfähig sind, cf 1.4.5.7. Ardā Vīrāf 16-58 werden alle Qualen der Bösen genau beschrieben.
Damit ist eigentlich der dreigeteilte Himmel komplett und die Tradition der 3 Himmel scheint hier eindeutig geprägt von der frühen sumerischen Dreihimmelstradition etwa des Kudurru von Melischpak und/oder dem iranischen Hadoxt-Nask, wo die Seelen nach dem Tod und Gericht entweder in den Himmel oder die Hölle kommen. Die Beschreibungen beider Zonen stimmt weitgehend mit den iranischen Traditionen überein. Daß selbst im Siebenhimmelmodell der erste bis dritte Himmel den alten Traditionen entspricht, zeigt deutlich, daß die primäre Dreihimmelstradition unverändert gelassen wurde und nur erweitert, um auf die heilige Zahl Sieben zu kommen. Der Inhalt und die Reihenfolge der Himmel ist in sich völlig inkonsistent und versucht eine Steigerung des Dreihimmelsmodells, die doch eigentlich zwecklos ist, wenn der 3. Himmel schon das Nonplusultra ist. Die folgenden Himmel wirken eher aufgefüllt mit Bestandteilen, die eigentlich schon alle im ursprünglich höchsten, dem 3. Himmel, enthalten sind.
Im vierten Himmel bekommt Henoch die gesamte astronomische Antriebsmaschinerie der Sterne zu Gesicht, 4 Obersterne haben jeder 1000 einfache Sterne unter sich, nachts herrschen zusätzlich 1000 Engel, tags 15 Myriaden, von denen sechsflügelige das Sonnenrad in Gang und das Sonnenfeuer am Brennen halten. Phönixe und Chalkyden fliegen als krokodilköpfige Feuerlöwen um die Sonne und preisen Gott (Kap 11+15). Diese Vorstellung ist ägyptisch, der Urvogel Phönix ist dort als Benu-Reiher die unsterbliche jenseitige Ba-Seele des untergehenden Re im Westen, der als Horus-Falke morgens beginnt und nachts durch die Unterwelt nach Osten übergesetzt wird in der Barke des Re.[2449] Wenn Reiher über den Nil fliegen, umkreisen sie den Sonnenkörper, dessen Seele sie sind. Die Sobek-Krokodile fressen Tote und die große Fresserin in der Osiris Totengerichtshalle als Henkerin bei der Herzwägung ist genau die Löwin mit Krokodilschnute, die als Phönix um die Sonne fliegt. Hier sind die kosmologischen Sonnenvögel mit den Totenfressern der Unterwelt kombiniert. Neben iranischen Traditionen sind auch ägyptische Re- und Osiris-Traditionen eingeflossen. Der Sinn der Totenfresser unterhalb des 5. Himmels mit Satan und seinen Mannen könnte die Position der großen Fresserin unterhalb der Herzenswaage markieren, wo sie nur zuschnappen kann, wenn des lügenhafte Herz zu tief sinkt.
Bewaffnete Engel singen auf allersüßeste Art Lobgesänge (17). Henoch bekommt die Himmelstore der Sonne (12-14) und des Mondes (16) gezeigt, was in den detaillierten astronomischen Berechnungen stark an das Astronomisches Buch im Hen(äth) 72-82 erinnert, welches im 3.-2. Jh. v. Chr. entstanden ist. Wenn nun von 3 Himmeln auf 7 aufgestockt wurde und die ersten drei sich mit sumerischer (Melischpak-Kudurru 12.Jh.v.Chr.) und iranischer Tradition decken, so deutet schon der vierte Himmel nach Babylon, bringt von dort die Astrologie und die Siebenzahl der Himmel mit in den mythischen Bestand hinein. Sieben Tage dauert die Schöpfung, es ist die Konstitution der Wochenzeit durch die Zahl der Planeten. Was der älteste Teil im Hen(äth) als eine zunächst ganz auf den wahrnehmbaren Sternenhimmel ausgerichtete Himmelsreise beschreibt, wird nachträglich in das Schema der 7 Himmel integriert. Babylonisch-chaldäische und iranische Traditionen werden kompiliert wie etwa in Bundahišn 2,7, wo ebenfalls die 4 Obersterne für jede Himmelsrichtung vorkommen.
Im fünften Himmel trifft Henoch auf Satan und sein Heer der gefallenen Engel, die Menschentöchter besamt hatten und nun auf ihre Abstrafung im Weltgericht warten mit traurigen Mienen. Als Vorlage dürfte hier aus dem Buch der Wächter des Hen(äth) die Angelologie (6-21) gedient haben; das Buch reicht bis ins 2.Jh.v.Chr. zurück. Möglicherweise ist so auch die Tradition der gefallenen Engel einer der ältesten Mythen der Gnosis.
Im sechsten Himmel strahlen sieben Gruppen von Erz-Engeln mit leuchtenden Gesichtern heller als die Sonne; sie bestimmen den Lauf der Sterne, Mond und der Sonne und das Geschick der gesamten Welt. Hier ist nicht mehr Gott der Lenker des menschlichen Schicksals, sondern seine Macht ist an die Erzengel übergegangen; sie führen Buch über alle Taten der Menschen (19).
Im siebenten Himmel sind Erzengel, Cherubim (cf Ez 1+10f), Seraphim mit sechs Flügeln (cf Jes 6) und vielen Augen von allerhöchster Dignität. Hier ist Gott als großes Licht auf seinem höchsten Thron im 10. Himmel (Aravoth) beschrieben. Er wird als Aravat, Schöpfervater angeredet (20). Gabriel führt Henoch vor das Angesicht Gottes und er sieht den achten und neunten Himmel (Muzaloth und Kuchavim; 21). Hier wird Henoch vom a)rxistrathgo/j, dem Erzengel Michael bis in den 10. Himmel geführt und dort findet endlich die Schau Gottes statt (22). Gott spricht nett mit Henoch und unterzieht ihn durch Michael einer neuen Einkleidung, um die irdischen Reste vollständig abzustreifen. Gott läßt den Hofchronisten-Engel dessen ganze Bücher an Henoch übergeben, 366 Werke über die Himmel und das Leben dort und alle Geheimnisse Gottes; der schreibt sie alle ab in monatelanger Nachtarbeit (23). Henoch wird sodann von Gott ins Unsichtbare eingeweiht, sitzt auf dem höchsten Thron mitten im Gotteslicht (24). Gott erzählt Henoch, wie er aus dem unteren Teil des Unsichtbaren das Sichtbare schaffte. Adoel, das Licht der Schöpfung, kommt mit seinem Bauch voll von großem Licht aus der Unsichtbarkeit hervor. Gott befiehlt ihm, er möge gebären, und so wird aus dem unsichtbaren Licht im Bauch des Adoel das sichtbare Licht. Dann kam eine große Zeit, in der alles, was Gott an Ideen zu erschaffen im Kopf gehabt hatte, sichtbar wurde und sich als gut erwies (25).
Anders als in Gen 1 wird die Schöpfung also nicht aus dem Tohuwabohu der Urflut, sondern als Geburt der geistigen Wesenheiten aus der unsichtbaren geistigen Welt in die materielle, sichtbare Welt beschrieben. Dies ist präzise die zervanistische Schöpfungslehre: Zeitgott Zurvan gebiert aus sich die Zwillinge und Ahura Mazdā erschafft für 3000 Jahre die geistige Welt, die in weiteren 3000 Jahren materialisiert wird.
Gott läßt das große Licht über seinem Thron sich verankern als Grund allen Seins (25). Nun läßt er Archas, den Geist der Schöpfung, aus dem Unsichtbaren her antreten, der ist hart, schwer und rot und gebiert alle niederen Dinge, schwer und dunkel und befestigt sich als Grundlage aller niederen Dinge unterhalb der Dunkelheit als Gegenpol des Lichtes (26). Daß hier der von den Essenern aufgenommene persische Dualismus von Licht und Finsternis begegnet, der Geist des Bösen, Ahriman, also hier mitgeschaffen wird, bestätigt die zervanistische Adaption.
Gott scheidet so Tag und Nacht, Himmel und Erde. Auf das Dunkel setzt er Wasser als Ozean mit sieben Inseln und um das Licht Wolken und die sieben Sterne, die jeder in ihren eigenen Himmel gesetzt werden (27). Dieses Mythos von den sieben Sternen und ihren sieben Himmeln könnte eine frühe Schicht der Rede von sieben Himmeln sein, die noch gar keine Stufung in oben und unten enthalten, sondern nur verschiedene Regionen des Sternhimmels beaufsichtigen. Damit ist die babylonische Wurzel der sieben Himmel aus der Astrologie deutlich, die auch in der Siebentagewoche zum Ausdruck kommt, gepaart mit der Zwölfzahl von Tagesstunden und Monaten, die den Tierkreisen entsprechen. Platons Timaios greift die Planetensphäre als Vertikale der seelenheimatlichen Fixsternsphäre und als Abstiegs- und Aufstiegsweg der Seelen zu ihren jeweiligen Erdaufenthalten auf und argumentiert astronomisch. Chaldäische Einflüsse auf Pythagoras, Orphik und Platon und im Hellenismus mit seinem großen orientalischen Interesse auf die Stoa sind evident.[2450] Die griechischen Götternamen im folgenden bestätigen Kenntnis der griechischen Mythologie. Dann dürfte ein orphisch-platonischer Einfluß nicht fernliegen.
Und tatsächlich: Gott
schafft anschließend die sieben
Wochentage, in denen er am ersten Tag Meere und Land (28), am zweiten
Sterne
und ihre Himmel (29) und Engelheere aus feuriger Substanz, wobei ein
ungehorsamer,
revoltierender Feuerengel aus dem Himmel gestoßen ins
Bodenlose hineinfliegt
(30), am dritten Tag das Paradies mit Pflanzen und einem Erzengel mit
Feuerschwert als Beschützer davor (30). Am vierten Tag macht
er die
Planetensterne, Sonne und den Mond, wie in Babylonien (30): »Und am vierten Tag befahl ich,
daß große Leuchten
werden sollten auf den Kreise des Himmels. 3 Auf
den ersten und
höchsten Kreis setzte ich den Stern Kronos, auf den 2.
darunter setzte ich die
Aphrodite, auf den 3. den Ares, auf den 4. die Sonne auf den 5. den
Zeus, auf
den 6. den Hermes, auf den 7. den Mond. 4 Und
mit den kleineren
Sterne schmückte ich den Aer darunter. 5 Und
ich bestimmte die
Sonne zur Erleuchtung des Tages, aber den Mond und die Sterne zur
Erleuchtung
der Nachts, 6
und daß die Sonne jedes Lebewesen entlanggehe. Und
die 12 Lebewesen sind der Ablauf der Monate. Und ich gab ihnen Namen,
und den
Donner ihrer Lebewesen, und ihre Neugeburten und ihre Stundenwerke, wie
sie
umlaufen.« Kronos
ist Jupiter, Aphrodite ist Venus, Aris ist Mars, Zeus ist die Sonne,
Hermes ist
Merkur, und siebter Planet ist der Mond. Hier sind die griechischen
Namen der
sieben babylonischen Planeten genannt, die so ebenfalls im Mithraskult
erscheinen.
Am fünften Tag werden die Lebewesen und am
sechsten die Menschen
geschaffen (30): Ihr Fleisch von Erde, ihr Blut aus dem Tau, ihre Augen
von
Sonne, die Knochen aus Stein, der Verstand von den schnellen Engeln,
die Venen
und das Haar aus Gras und die Seele aus Gottes Atem und dem Wind (30). So wird
der babylonische
Schöpfungsbericht nach Enūma Eliš in der Genesis in
die Grundstruktur des
zervanistischen Schöpfungsmythos vom Geistigen zum
Knochenhaften eingebaut und
man merkt hier deutlich, wie wenig die einzelnen Bausteine zueinander
passen:
Eigentlich hätte es zwei Schöpfungen der Welt geben
müssen, eine geistige und
eine materielle, hier aber wird nach der Geburt der geistigen
Schöpfung ins
Sichtbare hinein aus der materiellen Schöpfung der Welt ein
zweiter Teil der
Schöpfung gemacht, dem ein vorgängiges Pendant auf
geistiger, unsichtbarer
Ebene fehlt. Und in den babylonischen Mythos eingebaut ist in die
Erschaffung
des Menschen der iranisch-indische Mythos von der
Zerstückelung des Urmenschen
und die Erschaffung der Welt aus seinen Bestandteilen in Krebsform
erzählt, was
auf der fundamentalen Gleichsetzung von Ichkörper und
Weltkörper der
Mikro-Makrokosmos-Mythen beruht. So
ist gerade diese Himmelsreise des slavischen Henoch ein
prägnantes Beispiel,
wie schon fast zu Jesu Zeiten die Mischung babylonischer und
iranisch-zervanistischer
Mythen mit jüdischen Legenden vollzogen war.
Es folgt die Paradiesgeschichte mit Adam und Eva (31) mit Sündenfall und Vertreibung (32). Und darauf offenbart Gott Henoch, daß die sieben Tage der Schöpfung sich als Millennien wiederholen, so daß im 8 Jahrtausend die Zeit aufhört (33,1). Hier ist das Große Jahr des Zervanismus eingeflossen, wobei auch hier die 12 Millennien von der Siebenzahl Babylons okkupiert sind. Gott sagt, er sei allwissend, ewig, und wenn er sein Angesicht abwendet, werden alle Dinge zerstört (33,3-5). Mit seinen Begleitern Sariel und Raguel und den Abschriften der Himmelbücher wird Henoch sodann gen Erden geschickt, um seinen Söhnen von allem zu berichten und sie ihrerseits Abschriften machen zu lassen zur Verbreitung und Stärkung des Glaubens an den einen Schöpfergott (33,9f). Dann wird Henoch für 30 Tage zurück zur Erde geschickt, um seine Mission zu erfüllen; danach wird er dann wiederum entrückt in den Himmel (36). Von Kap 37 - 66 wird nun die Lehrtätigkeit Henochs geschildert und 67 fährt er dann in den höchsten Himmel vor Gottes Thron und die Erde wird erleuchtet.
In 58,6 wird über die Tiere im Weltgericht die zarathuštrische Klage des Rindes aufgenommen: »Und wie [er bereitet] ist gemäß der Zahl aller Seelen der Menschen so auch der Tiere. Und es wird nicht eine einzige Seele, die der Herr geschaffen hat, verlorengehen bis zum großen Gericht. Und alle Seelen der Tiere werden den Menschen anklagen, der sie schlecht geweidet hat.«[2451] Das ist fast ein Zitat aus Yasna 29: »1 Euch klagte des Stieres Seele: "Für wen habt Ihr mich gestaltet? Wer hat mich geschaffen? Mich knebeln Mordrausch und Gewalt, Grausamkeit, und Mißhandlung und Roheit... Habe ich doch keinen Hirten außer Euch... So weiset mir gutes Hirtentum zu!" 2 Da fragte des Rindes Erschaffer das göttliche Recht: "Hast du wohl für das Rind einen Richtenden, auf daß ihr - seine Beherrscher - ihm zu der Weide auch rinderhegende Emsigkeit verschafft? Wen wollt ihr für ihn als Herrn, der den Mordrausch samt seinen Lügenknechten vertreibe?"«[2452] Es schließt eine Gerichtsszene an, in der Ahuramazda nach einem sucht, der für das Rind gut sorgt, worauf sich Zaraθuštra meldet und das Rind froh ist, »geholfen zu kriegen« (Verena Feldbusch). Eine solche Tieranklage gegen den Menschen ist so ungewöhnlich im jüdischen oder babylonischen Rahmen, daß die Herkunft aus Yasna 29 sich aufdrängt. Dies bedeutet, daß der apokalyptische Henochkreis über detaillierte Kenntnis der zarathuštrischen Gathas verfügte, die nur über den Kontakt mit Magierzirkeln zugänglich waren.
2.1.6 Das Testament der 12 Patriarchen und Levis
Fahrt zum 3. Himmel
Die 12 Ermahnungen der Söhne Jakobs an ihre Abkömmlinge sind in Griechisch entstanden im 2. Jh. v. Chr. und christlich überarbeitet im 2. Jh. n.Chr. Es gibt Überlieferungen in Griechisch, Armenisch, Slavisch, Lateinisch, Serbisch, Neugriechisch.[2453] Das dritte Testament der Test12Patr, von Levi an die Leviten, beginnt mit seinem Himmelsreisetraum. Nach Berufung Levis zum Priester und Mahnung zur Gottesfurcht und zum "Säen" des Guten folgt eine Ankündigung der zukünftigen Sünde Israels und der darauffolgenden Zerstreuung; 70 Wochen wird Israel irre gehen und das Priestertum wird dekadent. »Dann wird der HERR einen neuen Priester erwecken.« Das TestLevi mündet in die Aufforderung, die Finsternis oder das Licht zu wählen.
Der alte Levi berichtet von seiner Himmelsreise TestLevi 2: »Als wir aber in Abelmaul weideten, da kam der Geist der Einsicht des Herrn über mich, und ich sah alle Menschen, wie sie ihren Weg verdunkelten, und daß die Ungerechtigkeit sich Mauern baute und die Gottlosigkeit sich auf die Türme setzte, und ich wurde betrübt über das Menschengeschlecht und betete zum Herrn, daß ich errettet würde. De fiel ein Schlaf auf mich, und ich schaute einen hohen Berg. Dieses ist der Berg Aspis in Abelmaul. Und siehe, es öffnete sich der Himmel, und ein Engel Gottes sprach zu mir: "Levi, geh hinein! Und ich ging aus dem ersten Himmel in den zweiten und sah dort ein Wasser hängend mitten zwischen diesem und jenem. Und ich sah einen dritten Himmel, viel glänzender als die beiden. Denn es war auch eine unermeßliche Höhe in ihm. Und ich sprach zu dem Engel: "Wozu [ist] dieser?" Und der Engel sprach zu mir: "Wundere dich nicht hierüber, denn du wirst noch vier andere Himmel sehen, glänzender und unvergleichlich, wenn du dort hinaufgegangen sein wirst. Denn du wirst nahe bei dem Herrn stehen und wirst sein Diener sein und wirst den Menschen seine Geheimnisse verkündigen, und über den, der Israel erlösen soll, wirst du Botschaft bringen. Und durch dich und Juda wird der Herr unter den Menschen erscheinen, rettend unter ihnen jegliches Geschlecht der Menschen.« Wie in der Henocha ist die Gottesbegegnung im obersten Himmel mit der Mission zur Rettung der irrenden Menschheit verbunden. Der Aspis erinnert an den iranischen Alburz als Mittelpunktsberg der Welt, auf dem es zum Himmel hinan geht, cf 1.4.6. Die Anklänge an den Aufstieg der verstorbenen Gerechten an der Hand Vayus dort sind hier noch deutlicher als in den Henochbüchern. Eine detaillierte Schilderung der einzelnen Himmel fehlt auch hier nicht. TestLevi 3: »Höre nun über die sieben Himmel! Der untere ist deshalb dunkler, da dieser wider alle Ungerechtigkeiten der Menschen ist. Der zweite hat Feuer, Schnee, Eis, zubereitet für den Tag, da der Herr es anordnet, bei dem großen Gerichte Gottes. In ihm sind alle Geister derer, die zum Gericht über die Gottlosen dienen. Im dritten sind die Mächte der Heerlager, die verordnet sind auf den Tag des Gerichts Rache zu üben unter den Geistern des Irrtums und Beliars. Die aber in dem vierten über diesem sind heilig. Denn in dem, der über allen liegt, verweilt die große Herrlichkeit im Allerheiligsten, hoch über jede Heiligkeit. Im folgenden sind die Engel des Angesichts des Herrn, die da dienen und flehen zum Herrn für alle Versehen der Gerechten. Sie bringen aber dem Herrn vernünftigen Wohlgeruch; von Räucherwerk und unblutige Gabe. In dem darunter befindlichen sind die Engel, die den Engeln des Angesichts des Herrn die Antworten bringen. In dem darauf folgenden sind Throne, Mächte, in welchen Gotte beständig Loblieder dargebracht werden.«
Die Ausstattung der Himmel ist eine einzige Vorbereitung des Weltgerichts. Die Thronvision mündet in einen Kriegsauftrag. TestLevi 5: »Und der Engel öffnete mir die Tore des Himmels. Und ich sah den heiligen Tempel und auf dem Throne der Herrlichkeit den Höchsten. Und er sprach zu mir: "Levi, dir habe ich die Segnungen des Priesteramts gegeben, bis daß ich komme und wohne inmitten von Israel." Da führte mich der Engel auf die Erde und gab mir einen Schild und ein Schwert und sprach: "Übe Rache an Sichem für Dina, und ich werde mit dir sein, denn der Herr hat mich abgesandt!" Und ich vernichtete in jener Zeit die Söhne Emors, wie geschrieben steht auf den Tafeln des Himmels. Ich sprach aber zu ihm: "Ich bitte, Herr: sage mir deinen Namen, damit ich dich anrufe am Tage der Trübsal." Und er sprach: "Ich bin der Engel, der das Geschlecht Israels losbittet, daß er sie nicht völlig zertrete; denn jeder böse Geist stürmt gegen sie an." Und hierauf ward ich wach und pries den Höchsten und den Engel, der das Geschlecht Israels und aller Gerechten losbittet.« Die Theokratieverheißung, die Thronvision als solche und das Erwachen nach dieser Himmelsreise erweist sie als Traumvision und bettet sie ein in die israelitische Prophetietradition, cf Jes 5; Ez 1 cf 2.1.3. Die Himmelstafeln (Me) sind Schicksalstafeln, die die Prädestination allen Geschicks notiert halten.[2454] Wer sie kennt, kann orakeln wie eine chaldäische Sibylle oder die Welt beherrschen wie der Sturmvogel Zu.[2455]
Die zwölf Kapitel der AssMos behandeln, gerahmt von einem Dialog zwischen Mose und Josua (1 und 11f), die Geschichte Israels von der Landnahme über das Exil, die Seleukidenzeit (2-5), die Gottlosigkeit der Hasmonäer bis zum Strafgericht des Herodes (6), die Zunahme von Ungerechtigkeit (7), das Zorngericht durch Antiochos Epiphanes (8), die Schreckenszeit des Weltherrschers und das Leiden des Leviten Taxo und seiner sieben Söhne (9), die Leiden der Gerechten bis zum Endgericht mit Beginn der Heilszeit als einer Neuauflage der Landnahme. Ein Messias fehlt hier. Entstanden ist die Schrift zwischen 2.Jh.v.Chr. und 2.Jh.n.Chr., vermutlich zwischen 4 v.Chr. (Varroschlacht) und 70 n.Chr. (Tempelzerstörung nicht angesprochen).[2456] Autor könnte ein Essener, Pharisäer, Samaritaner oder Rabbi gewesen sein. Das Lokalkolorit macht Palästina als Abfassungsgebiet wahrscheinlich. Eine ursprüngliche Schicht aus der Makkabäerzeit dürfte in der Römerzeit aktualisiert worden sein.[2457] Der idealen Frühzeit steht die Perversion/Sünde mit Strafe, Umkehr und Erlösung gegenüber in deuteronomistischer Art.
Im Gerichts- und Heilszeithymnus wird ganz Israel in den Sternenhimmel erhöht. 10,7-10: »Denn der höchste Gott wird sich erheben, der allein ewig ist, und wird offen hervortreten, um die Heiden zu strafen, und alle ihre Götzenbilder vernichten. 8 Dann wirst du glücklich sein, Israel, und auf Nacken und Flügel des Adlers hinaufsteigen, und so werden sie ihr Ende haben. 9 Und Gott wird dich erhöhen und am Sternenhimmel schweben lassen, am Ort ihrer Wohnung. 10 Dann wirst du von oben herabschauen und deine Feinde auf Erden sehen und sie erkennen und dich freuen und Dank sagen und dich zu deinem Schöpfer bekennen.« Hier scheint deutlich die Makkabäertheologie durch, nach der der Märtyrer direkt in den Himmel entrückt wird nach seiner Ermordung. Nur ist hier ein ganzes Volk gegenüber den anderen Völkern der glückliche Gewinner des Spieles „per aspera ad astra“. Die politische Wurzel der Himmelsreise als Rehabilitation der Leidenden ist hier deutlich wie selten. Ursprünglich sind die, die in den Himmel kommen, die die auf Erden gequält wurden, und nicht der Schlemmerei überdrüssige Gnosisintellektuelle.
2.1.8 Die griechische Baruchapokalypse [ApkBar(gr)]
Die Schrift ist ursprünglich jüdisch, nach der Zweiten Tempelzerstörung 70 n.Chr. entstanden und spielt fiktiv in der Zeit 587 v.Chr. nach der ersten Zerstörung des Tempels.[2458] Jeremias Schüler und Schreiber Baruch (627-587 v.Chr. in Juda - Jer 32,12; 36; 43,1-7) berichtet über seine Himmelsreise. Der Name steht pseudepigraphisch für den Visionär des Gerichts und der Endzeit. Baruch wird in einer mittelalterlichen Messiasprophetie auf Basis von Mt 2,1-9 mit Zaraθuštra identifiziert.[2459] Von daher dürfte sein Verehrerkreis gewisse Verflechtungen mit Magierkreisen und anderen Trägern iranischer Tradition gehabt haben. Zu datieren ist die mit der slavischen Baruchapokalypse auf eine gemeinsame griechische Vorlage zurückgehende Schrift[2460] in ihrer christlichen Endredaktion vor Origenes von Alexandria (185-232) mit seiner Schrift De Principiis, also vor 220 n.Chr. Vor Hage und Gaylord nahm man eher das 1.Jh.n.Chr. als Entstehungszeit an. Der Deutel-Engel Phamael[2461] führt Baruch durch fünf Himmel. In einer frühen Version, über die Origenes gelesen hatte, waren es sieben.[2462] In jeder Sphäre schaut er dabei die für die Endzeit erwarteten Bestrafungen und Belohnungen und den künftigen himmlischen Tempel.
Damit konnte sich das Judentum nach der Zweiten Tempelzerstörung trösten und es liegt nahe, daß dieses Werk eine Antwort auf die Theodizeefrage des talmudischen Judentums ist. Durch die Zerstörung Jerusalems und des Tempels war die gesamte bisherige Religions- und Sozialordnung in Frage gestellt. Die Priesterschichten hatten ihre Lebensgrundlage verloren, viele waren wie die Mitglieder radikal apokalyptischer Gruppen getötet oder als Sklaven verkauft. Während der Diaspora-Aufstände 115-17 und stärker noch im Bar Kochba-Aufstand gegen Rom (132-35) wurden apokalyptische Erwartungen reaktiviert. In diese Situation paßt die Baruchapokalypse als Trostvision im Leiden und Überlebenskampf. Nach dem gescheiterten Bar-Kochba-Aufstand, als Jerusalem für die Juden zur verbotenen Stadt wurde, entfalteten Lehrhäuser der Rabbinen die Tradition der mündlichen Thora, die auch nach Babylonien ausstrahlte.
Hier ist der Himmel als kuppelförmiges Riesenhochhaus mit weiteren 5-7 Stockwerken über dem Erdparterre gedacht, deren Quadratmeterfläche ungefähr die der Erde ist, so daß man einen Monat bis in die Mitte dieses Himmels reisen muß. Die Flächen im Himmel ähneln einer irdischen Landschaft, sind bewohnt mit Fabelwesen und Engeln. Diese Vorstellung des Himmels ist ziemlich eindeutig babylonischer Herkunft, was nicht zufällig zu Baruch und der Exilsszenerie paßt. Die babylonische Himmelsarchitektur und die Erwähnung der Turmbauer spricht für eine Herkunft aus dem Babylonischen Diasporajudentum. Die Erbauer der Zikkurat haben den siebenstöckigen Hochhaushimmel nur nachgebaut.
Nach Einführung und Beginn der Himmelsreise wird in Kap. 2f die Bestrafung der babylonischen Turmbauer beschrieben, in 4-9 eine Schlange, ein See und Flüsse, ein Teich, die Sonne, der Phönixvogel und der Mond. In 10 schließt sich eine weitere Teichvision mit Vögeln und den Seelen der Gerechten an, in 11-16 kommen die Belohnungen und Engel, die Michael Geschenke geben, die dieser an Gott überreicht. 17 beschließt die Reise.
Baruch weint über die Zerstörung Jerusalems durch Nebukadnezar und fragt, wie Gott das zulassen konnte, seinen Weinberg zu zerstören. Da kommt ein Engel und sagt, seine Bitten seien in Gottes Ohr gedrungen und er sei geschickt, ihm die Dinge Gottes zu zeigen und künden. 1,8: »Und es sagte zu mir der Engel der Kraft: "Alles klar, dann will ich dir mal die Geheimnisse Gottes zeigen."« Phamael ist in der Engelliteratur sonst nirgends aufgeführt, daher ist die Lesart von ApkBar(sl) vorzuziehen und der Schreibfehler offensichtlich: Phanuel ist mehrfach bei Augustin und anderen als Vater der heiligen Anna erwähnt, die jungfräulich Tag und Nacht im Tempel betete. Phanuel als Deuteengel ist bereits in den Bilderreden des Hen(äth) 40,9 erwähnt als »der über die Buße und die Hoffnung derer gesetzt ist, die das ewige Leben ererben.« Henoch trifft bei seiner Himmelsreise im Haus Gottes Michael, Gabriel, Raphael und Phanuel, die mit Gott aus dessen von Abertausenden von Engeln umlagerten Haus kommen. Dies deutet auf eine literarische Abhängigkeit von der Henoch-Literatur hin. Phanuel bringt Baruch an den großen, unendlich breiten Strom (Ozean am Tellerrand der Erde), wo der Himmel befestigt ist, wo also das Himmelsgewölbe auf der Erde montiert ist, idealer Platz zum Aufstieg. Sie kommen durch ein großes Tor und reisen »wie von Flügeln getragen« 30 Tage, bis sie zu einer Ebene kommen, auf der Menschen wohnen mit Kuhgesichtern, Hirschgeweihen und Ziegenfüßen zur Strafe für den Turmbau zu Babel. Weiter geht’s in den 2. Himmel durch ein Tor. Nach 60 Tagen Flug erreichen sie auf einer Ebene Menschen mit Hirschfüßen und Hundekörpern, die politische Oberschicht Babylons, die für ihre Missetat an den Ziegelstreich-Sklaven, etwa eine Gebärende während der Geburt weiter zur Arbeit zu zwingen, büßen müssen. Weil sie den Himmel anbohren wollten, um zu sehen, ob er aus Eisen oder Ton ist, schlug Gott sie mit multikulturellem Sprachwirrnis als Verfall der eigenen Kultur und dem Hunde-Elend des 2. Himmels. Auch im Wächterbuch (3.-2. Jh. v. Chr.) Hen(äth) 12ff; 18f gibt es einen himmlischen Strafort für gefallene Engel, die es mit Menschentöchtern getrieben haben, und Hen(slav) 7 und 18 ist der 2. Himmel Strafort der Grigoroi. Die Strafhimmel-Tradition erweist sich als ein sehr frühes Motiv aus dem Henoch-Kreis. Ardā Vīrāf 16-58 werden alle Qualen der Bösen genau beschrieben. Die Metapher Babylon steht für Rom, so daß die Feinde nicht die Babylonier sind, bei denen die vertriebenen Juden Zuflucht erhielten, sondern die Römer, die ihren Kaiser in den Himmel wachsen ließen.
Das Tor zum dritten Himmel fehlt im Text, sicherlich hat es in früheren Versionen dort gestanden, wenn der Engel sagt: »Laß uns hindurchgehen.« Hier zeigen sich offensichtliche Textverderbnisse, die wohl auch zum Wegfall des 6. und 7. Himmel geführt haben. Die Bruchkanten des fehlenden Textes klaffen sehr deutlich. Nach 185 Flugtagen sehen sie eine 6 km lange Schlange, die schillernd identisch zu sein scheint mit dem finsteren Hades, der alle Bösewichte vernascht. Eine Geschichte vom Weinstock als Paradiesbaum folgt, Noah bekommt schließlich den Weinstock mit Gebrauchsanweisung von Gott. Was Adam zum Fluch wurde, wird durch Christi Blut zum Segen. Alkohol enthemmt zu Streit, Totschlag, Ehebruch, Buhlerei, Diebstahl.
Kap. 6 folgt eine Sonnenwagenvision mit Phönix: »Und er nahm mich und brachte mich dorthin, wo die Sonne ihren Ausgangsort hat, und zeigte mir einen vierrädrigen Wagen, unter welchem Feuer loderte, und auf dem Wagen saß ein Mann, der eine Feuerkrone trug. Und der Wagen wurde von vierzig Engeln in Bewegung gesetzt. Und siehe, ein Vogel lief mit herum vor der Sonne. Der war groß wie neun Berge. Und ich sagte zu dem Engel: "Was ist das für ein Vogel?" Und er sagte zu mir: "Das ist der Wächter des Erdkreises."« Phönix fängt mit seinen Flügeln die Sonnenstrahlen ab, damit die Sonne nicht die Erde versengt. Er kotet auch einen Wurm aus, den die Reichen als Delikatesse essen - solche Phantasien sind eine köstlich-bissige Satire auf den Luxus der Unterdrücker und können etwas von der Wut gestalten, die der Apokalyptiker als Unterdrückter und Verfolgter mit seinen Himmelsphantasien kompensiert. Auf dem Kudurru des sumerischen Königs Melischpak (12.Jh.v.Chr.) ist ein Phönixvogel im 2. Himmel zusammen mit gefiederten Menschen, Engeln, zu sehen. Ebenfalls Hen(slav) 12; 15; 19 werden Phönixe im Geleit des Sonnenwagens erwähnt. Dieses Motiv wird im ApkBar(gr) genau wie Hen(slav) 16 mit den 365 Tagen des Jahres gebracht, beide Male in dieser Reihenfolge. Auch Hen(heb) taucht die 365 als Streckenmaß und Lebensalter Henochs immer wieder auf. Die 365 ist als astrologische Zahl babylonischer Herkunft wie Phönix und der Sonnenwagen Assurs, wobei dieser auch mithrisch ist.[2463] Der iranische Geier wirkt als Totenheber gen Himmel und Opfereintreiber für seine Engel-Kollegen.
2.1.9 Das Testament Abrahams (TestAbr) und die
Auffahrt durch 7 Flächen
Das TestAbr stammt aus dem 1.-2. Jh.n.Chr. Es ist auch als Apokalypse Abrams bekannt. In 15,4ff ist die Auffahrt durch die Flächen des Himmels beschrieben. Sie werden auch Breiten oder Firmamente genannt. Der Urewige Starke erhebt Abraham, der gegen Asasel als den Engel des Bösen zu kämpfen hat. In Kap. 18 ist eine Vision vom Feuerthron und den 4 vierköpfigen Feuerengeln mit den Bedeckungsflügeln beschrieben.
2.1.10 Die Ascensio Jesajae und die Stereotypen der
7 Himmelsinitiationen
Die Schrift aus dem 3.-4.Jh.n.Chr. besteht aus 3 Teilen: Dem Martyrium Jesajas unter König Manasse in 1-5 mit einer Vision Jesajas über Christi Kommen in 3,13-4,18 und der Himmelfahrt Jesajas mit Schau des Ab- und Aufstiegs Christi in 6-11. Das Martyrium wird im 1.Jh.v.Chr. hebräisch entstanden sein, die Vision ca. 100 n.Chr., die Himmelfahrt griechisch im 2.Jh.n.Chr.[2464]
Bereits die Christus-Vaticinia enthält Jesu Ab- und Auffahrt aus dem und in den 7. Himmel. 3,13: »... die Ankunft des Geliebten aus dem siebenten Himmel offenbart worden war, und seine Verwandlung und sein Hinabsteigen und seine Gestalt in die er verwandelt werden sollte, nämlich in Menschengestalt, [...] 17 und daß der Geliebte auf ihren Schultern sitzend hervortreten und seine zwölf Jünger aussenden wird, 18 und daß sie alle Völker aller Zungen die Auferstehung des Geliebten lehren werden, und daß die, welche an sein Krenz glauben, werden gerettet werden, und an seine Auffahrt in den siebenten Himmel, woher er gekommen ist;« Christus residiert also im höchsten, dem 7. Himmel. Das Weltgericht geht ebenfalls vom 7. Himmel aus. 4,14: »Und nach 1332 Tagen wird der Herr mit seinen Engeln und mit den Heerscharen der Heiligen aus dem siebenten Himmel kommen mit der Herrlichkeit des siebenten Himmels und wird Beliar samt seinen Heerscharen in die Gehenna schleppen. [...] 16b Die Heiligen aber werden mit dem Herrn kommen, mit ihren Kleidern, die oben im siebenten Himmel niedergelegt sind;« Die gesamte High Society des Himmels tummelt sich demnach im 7. Himmel.
Auf die Zersägung Jesajas im Martyriumsteil spielt TestVer 40,21-41,4 an. Ab 7,9ff werden die sieben Himmel fast nach einem liturgischen Schema beschrieben. Ein Leitengel aus dem 7. Himmel gesandt erscheint 7,1f dem Jesaja in dessen beruflicher Weissagungstrance und führt Jesaja 7.4-6 in den Himmel hinauf: »Wenn ich dich stufenweise aufwärts geführt haben werde und dir das Gesicht zu dem ich gesandt worden bin, gezeigt haben werde, dann wirst du erkennen, wer ich bin; 5. aber meinen Namen wirst du nicht erfahren, denn du mußt in diesen deinen Leib zurückkehren. Wohin ich dich aber emportragen werde, wirst du sehen, denn dazu bin ich gesandt worden. « Im ersten Himmel ist 7,9ff Satan mit seinem Gefolge: »Und wir stiegen hinauf zum Firmament, ich und er, und daselbst sah ich den Sammael und seine Heerscharen und ein großer Kampf fand gegen ihn statt, und die Engel Satans waren aufeinander neidisch. 10. Und so wie droben, also ist es auch auf der Erde, denn das Abbild dessen, was in dem Firmament ist, ist hier auf Erden.« Dieser Kampf der Mächte des Lichts gegen die der Finsternis wird nach zervanistischer Tradition auch hier 7,11ff erst vom Entzeitheiland beendet. Im 1. Himmel, dem Firmament, befindet sich ein kompletter Thronsaal. 7,13-15: »Und darnach brachte er mich hinauf über das Firmament, das ist der (erste) Himmel. 14 Und daselbst sah ich in der Mitte einen Thron, und rechts und links davon waren Engel. 15 Aber die Engel zur Linken waren nicht gleich den Engeln, die zur Rechten standen, sondern die zur Rechten stehenden besaßen eine größere Herrlichkeit; und sie lobsangen alle mit einer Stimme, und ein Thron war in der Mitte; und in derselben Weise lobsangen auch die zur Linken nach ihnen«. Im 2. Himmel (7,18ff) ist wieder ein baugleicher Thronsaal, jedoch noch herrlicher, auch sangesmäßig. Jesaja will anbetend niederknien, soll das aber erst im 7. Himmel machen, die ersten sechs sind nicht so würdig. Desselbigengleichen im 3. Himmel (7,24ff), im 4. Himmel (7,28ff), im 5. Himmel (7,32ff) und im 6. Himmel (8,1ff). Die Abstände zwischen den Himmeln wachsen, je höher man fliegt. Jesaja genießt ein singuläres Privileg mit seinem Aufstieg, wie der Engelgenosse ihm erklärt. 8, 11-17: »Ich sage dir aber, Jesaja, daß keiner, der in einen Leib dieser Welt zurückkehren muß, aufgestiegen ist und gesehen und wahrgenommen hat, was du wahrgenommen hast und was du (noch) sehen sollst, 12 denn dir ist es bestimmt nach dem Lose des Herrn [, dem Lose des (Kreuz)holzes,] hierherzukommen [, und von hier kommt die Kraft des sechsten Himmels und des Luftkreises]. 13 Und ich erhob mit Lobpreisung meinen Herrn, daß ich nach seinem Lose hierher kommen werde. 14 Und er sprach: Höre nun noch dies von deinem Genossen: wenn du aus dem Leibe nach dem Willen Gottes als Geist hier hinaufgestiegen bist, dann wirst du das Kleid empfangen, das du sehen wirst, und auch die andern Kleider, gezahlt und beiseite gelegt, wirst du sehen, 15. und dann wirst du den Engel im siebenten Himmel gleichen, 16 Und er brachte mich hinauf in den sechsten Himmel da gab es keine zur Linken und keinen Thron in der Mitte, sondern alle hatten ein Aussehen und ihr Lobgesang war der gleiche. 17 Und mir war Macht gegeben, und ich lobsang mit ihnen, und auch jener Engel, und unser Lobgesang war wie der ihrige.« Die Engel des 6. Himmels preisen den Vater, den Sohn Christus und den Heiligen Geist unisono. Im siebten Himmel sitzt der Unnennbare und sein Auserwählter mit dem geheimen Namen und seine Kraft wirkt in allen 6 Thronsitzern unter ihm (8,7ff). Die beiden Himmelsflieger kommen 9,1ff in einem wunderbaren Licht von zahllosen Engeln umringt im 7. Himmel an. Die Engel haben Ehrenkleider, aber ihre Kronen und Throne bekommen sie erst nach dem Abstieg Christi auf die Erde, der verkannt nach Kreuzigung, Tod und Auferstehung 545 Tage noch auf Erden bleiben wird, bevor er heimfährt gen Himmel (8,12-17). Es findet ein Aufnahmeritual statt mit Präsentation der himmlischen Bücher über das irdische Leben (21ff), der Throne, Kleider und Kronen für die noch Lebenden, die einst im Himmel als Christi Märtyrer aufgenommen werden (24ff), Anbetung des unnennbaren Herrn der Herrlichkeit durch die Gerechten und Engel, angeführt von Adam, Abel und Seth(! 27ff), gefolgt von einem Schauen Gottes durch die Gerechten (38), einem Spezialgebet von Jesajas Deute-Engel mit dem Engel des Heiligen Geistes. Das mündet 10,1ff in einen allgemeinen Lobpreis aller 7 Himmel, von unten schallt es herauf. In 10,7ff beauftragt Gott Jesus, herabzusteigen und seine Passion durchzuziehen, aus dem Reich des Todes dann in Herrlichkeit aufzusteigen und im 7. Himmel zur Rechten des Vaters zu sitzen. 10,17ff steigt Jesus dann herab und mutiert ständig in die Gestalt der jeweiligen Himmelsengel, gibt unten an der Himmelspforte ein Losungswort an und darf dann einen Himmel tiefer sausen, bis er nach 7facher Mutation die Erde erreicht. In 11,1-17 folgen Voraussagen über die Jungfrauengeburt Jesu durch Maria, die ihn incognito stillt. Ab 11,18ff folgt die Ankündigung seiner Wundertaten und Passion bis zur Himmelfahrt. Alle sind geschockt und peinlich berührt, daß sie nicht gemerkt haben, das es Gottes Sohn war. Je höher Jesus kommt, um so größer der Jubel der Engel, bis er 11,32f zur Rechten Gottes Platz nimmt, links der Heilige Geist. Die Schrift endet nach Niederfahrt Jesajas, den Anfang verkoppelnd, in 11,36ff mit der Verheißung von himmlischer Herrlichkeit durch Neueinkleidung, Krönung und Inthronisation der (jetzt) leidenden Gerechten: »Und er redete mit dem König Hiskia und sprach: Solches habe ich geredet 37 und das Ende dieser Welt 38 und dieses ganze Gesicht wird sich erfüllen im letzten Geschlecht. 39 Und Jesaja lies ihn schwören, daß er dies dem Volke lsrael nicht erzählen würde, noch irgendeinem Menschen gestattet würde, die Worte niederzuschreiben. 40 (Soweit ihr vom Könige vernehmen werdet, was in den Propheten gesagt ist, soweit sollt ihr es lesen. Und auch ihr sollt im Heiligen Geiste sein, damit ihr eure Kleider und die Throne und Kronen der Herrlichkeit, die im siebenten Himmel aufbewahrt werden, empfangt. 41 Wegen dieser Gesichte und Weissagungen zersägte Sammael Satan durch die Hand Manasses den Propheten Jesaja, den Sohn des Amoz.« Als vaticinia ex eventu in die Präexilszeit rückdatiert ist die Schrift als Trost der christlichen Märtyrer gedacht, die sich nach ihrer Hinrichtung auf Himmelsehrung freuen dürfen. Wie in der nazoräisch-mandäischen Tradition sind Throne, Kronen und Kleider die Ehrenzeichen der Verherrlichung und stehen schon längst bereit, bevor der Verstorbene in den Himmel einfährt. Eine Verkoppelung mit Taufen wie in der nazoräischen Tradition ist hier nicht gegeben. Die Thronsaalszenarien aller 7 Himmel könnten von Dan 7ff inspiriert sein.
2.1.11 Das Motiv des Himmelswagens - Die Merkava im
Rabbinentum
Die Entrückung des Propheten Elija 2 Kön 2,11 mit einem feurigen Wagen mit feurigen Pferden, der ihn von Eliša trennte und die Ascensio im Wirbelsturm haben eine rege Aufnahme des Streit-Wagenmotivs ausgelöst. Überall in den Texten der Hekhalot geht es um die Schau des Wagens (Merkava hfbfk:rem). Jes 66,15 sind Jahwes Sturmfeuerwagen drohende Vernichtung und Zeichen seiner Gegenwart. Sach 6 sind die vier Wagen mit den bunten Pferden die vier Winde des Himmels, die Gottes Geist über die Völker bringen. Die Anklänge an den Sonnenwagen Miθras (Yašt 10) sind dabei deutlich. Bis auf die Eliatradition dürften sämtliche Stellen von Jahwes Feuerwagen nachexilisch und so persisch beeinflußt sein. Die Elija-Tradition von 2 Kön steht in engem Zusammenhang mit der Übernahme des babylonischen Sonnenkultes mit seiner chaldäischen Komponente der Tierkreiszeichen (2 Kön 23,5) durch judäische Könige. Josia läßt die Sonnenwagen vernichten (23,11). Diese Erzählungen von der deuteronomistischen Reform sind exilisch überarbeitet und voller Einsprengsel aus priesterschriftlicher Feder, so daß es keine Gewähr gibt, daß Elijas Feuerwagen vorexilisch auf den assyrischen Sonnenkult rekurriert. Wieviel neben dem Miθrawagen die Kutschfahrt des Parmenides zur Göttin Dike als Offenbarungsfahrt mit eingeflossen ist in die rabbinische Wagenschau, mag man mutmaßen. Auch Henoch wurde auf Wagen des Geistes erhoben.[2465] Im Astronomischen Teil des Hen(äth) wird Sonne und Mond auf einem Wagen vom Wind über den Himmel gezogen.[2466] Auch ApkBar(gr) 6,1 kommt der Sonnen-Wagen vor: »Und er nahm mich und brachte mich dorthin, wo die Sonne ihren Ausgangsort hat, und zeigte mir einen vierrädrigen Wagen, unter welchem Feuer loderte, und auf dem Wagen saß ein Mann, der eine Feuerkrone trug. Und der Wagen wurde von vierzig Engeln in Bewegung gesetzt. Und siehe, ein Vogel lief [mit] herum vor der Sonne.«[2467] Hier gibt es auch einen Mondwagen (9) und Lämmer auf ihm, die getarnte Engel sind. In der ApkAbr 18,10 taucht der Feuerwagen mit Feuerengeln auf: »Und als ich allein war und schaute, da sah ich hinter den Geschöpfen einen Wagen mit Feuerrädern; rings um jedes Rad waren eine Menge Augen, und über den Rädern war der Thron, den ich gesehen hatte.«
Schließlich begegnet der Feuerwagen im Hen(hebr) aus dem 6. Jh.n.Chr. ständig, etwa in Kap 9: »R. Yishma'el sagte: Es sprach zu mir Metatron, der Engel, der Fürst des Angesichts: Als der Heilige, er sei gepriesen, mich in die Höhe erheben wollte, sandte er mir zunächst Anafi'el YWY, den Fürsten, und der nahm mich vor ihren Augen aus ihrer Mitte hinweg und ließ mich in großer Herrlichkeit auf einem Feuerwagen (mit) feurigen Pferden und Dienern der Herrlichkeit fahren, und hob mich empor mit der Shekhina zu den Himmeln der Höhe.«[2468]
2.1.12 Die Weiterentwicklung der Extasetechnik in
rabbinischer Hekhalot
Elemente schamanischer Extasetechnik wie Fasten, Singen, Murmeln, Isolation und Hilfsgeister lassen sich in der jüdischen Hekhalot-Literatur fast sämtliche nachweisen, womit die schamanische Technik der Himmelsreisen bis ins frühe Mittelalter im jüdischen Raum zu finden ist.[2469] Auch Hen(hebr) 19 wird eine schamanische Erfahrung beschrieben: »R. Yishmael sagte: Es sprach zu mir Metatron, der Engel, der Fürst des Angesichts, die Zierde der ganzen Höhe: Als der Heilige, er sei gepriesen, mich in Dienst nahm, dem Thron der Herrlichkeit zu dienen, den Rädern der Merkava und allen Bedürfnissen der Šekhina, sogleich verwandelten sich mir mein Fleisch in (Feuer)flamme, meine Sehnen in glühendes Feuer, meine Knochen in Ginsterkohlen; das Licht meiner Augen in Blitzesstrahlen, meine Augäpfel in eine Feuerfackel, die Haare meines Hauptes in Glut und Lohe, alle meine Glieder in Flügel brennenden Feuers, die Höhe meines Körpers in loderndes Feuer. Zu meiner Rechten - Spalter der feurigen Lohe, zu meiner Linken - Fackelbrand, und rings um mich herum wehen Wind, Braus und Sturm; und das Dröhnen von Erdbeben über Erdbeben (war) vor mir und hinter mir.«
Die Ekstasetechnik wird auch in den {yinO)fgah tObU$:T detailliert beschrieben: »Er muß nämlich bestimmte Tage fastend zubringen, muß den Kopf zwischen die Knie legen und zur Erde nieder viele Lieder und Gesänge murmeln, welche ausdrücklich angegeben sind. Alsdann erblickt er das Innere und die Hallen, und es wird ihm zu Mut, als sähe er mit eigenen Augen sieben Hallen, und er kommt sich vor, als trete er von einer Halle in die andere und sähe alles, was darin ist.«[2470] Gerade das Murmeln von Liedern und Gesängen ist ein Spezifikum der persischen Magier und könnte ursprünglich der schamanischen Sterbebegleitung am Krankenbett entstammen, wo lautes Singen das Sterben stören würde. Es gibt auch einen Engelsbegleiter für die Rabbinen: Henoch als erster Himmelsreisender im Feuerwagen wird zu Metatron und führt die Reise schützend und belehrend an.[2471] Metatron ist »der beim Thron« und so der dem himmlischen Thron Gottes nächste Engel, aus Mose, Abraham oder Henoch entsprungen, der Babies die Thora lehrt, er wird quasi fließend mit jedem gottnahen Engel identifiziert und hat so in gleitender Metonymie 70 Alias-Namen der wichtigsten Engel aufgebrummt bekommen. So bleibt er eigentlich nur eine Hypostase für den jeweils diensthabenden Engel, fast ist es ein Hoheitstitel für den Erzengel an sich.
2.2 Himmelsreise in Ägypten und Corpus Hermeticum
Sowohl in der hermetischen Philosophie des 1. bis 4. Jahrhunderts als auch im Neuplatonismus des 3. bis 6. spielt die Idee der Verfeinerung von Materiellem in Geistiges oder Hauchkörperartiges eine zentrale Rolle. Erste hermetische Schriften zirkulierten um 300 v.Chr. in Ägypten, wo Hermes als Hermes-Thot und Gott der Priester und Schreiber bekannt war. Bei Platon im Philebos ist Thot Erfinder der Schrift: »War es ein Gott oder ein göttlicher Mensch, der zuerst das Unbegrenzte der Sprache zum Gegenstand seines Nachdenkens machte? Wie man sagt, ist es in Ägypten bei einem gewissen Theut entstanden, der als erster das Sprachtönen im Unbegrenzten bedachte nicht als einziges, vielmehr vieles, und einst gab es keine anderen Sprachen, die irgendeinen Klang hatten, aber auch die Zahl sei von ihm und drittens stellte er das Bild der Schrift auf von unserer jetzigen Sprache.«[2472] Auch im Phaidros wird Thot als Erfinder der Mathematik, Sternkunde und der Schrift genannt. »Ich habe also gehört, zu Naukratis in Ägypten sei einer von den dortigen alten Göttern gewesen, dem auch der Vogel, welcher Ibis heißt, geheiligt war, der Gott selbst aber habe Theuth geheißen. Dieser habe zuerst Zahl und Rechnung erfunden, dann die Meßkunst und die Sternkunde, ferner das Brett- und Würfelspiel, und so auch die Buchstaben. Als König von ganz Ägypten habe damals Thamus geherrscht in der großen Stadt des oberen Landes, welche die Hellenen das ägyptische Theben nennen, den Gott selbst aber Ammon. Zu dem sei Theuth gegangen, habe ihm seine Künste gewiesen und begehrt, sie möchten den ändern Ägyptern mitgeteilt werden. Jener fragte, was doch eine jede für Nutzen gewähre, und je nachdem ihm, was Theuth darüber vorbrachte, richtig oder unrichtig dünkte, tadelte er oder lobte. Vieles nun soll Thamus dem Theuth über jede Kunst dafür und dawider gesagt haben, welches weitläufig wäre alles anzuführen. Als er aber an die Buchstaben gekommen, habe Theuth gesagt: Diese Kunst, o König, wird die Ägypter weiser machen und gedächtnisreicher, denn als ein Mittel für Erinnerung und Weisheit ist sie erfunden. Jener aber habe erwidert: O kunstreichster Theuth, einer weiß, was zu den Künsten gehört, ans Licht zu bringen; ein anderer zu beurteilen, wieviel Schaden und Vorteil sie denen bringen, die sie gebrauchen werden. So hast auch du jetzt, als Vater der Buchstaben, aus Liebe das Gegenteil dessen gesagt, was sie bewirken. Denn diese Erfindung wird den Seelen der Lernenden vielmehr Vergessenheit einflößen aus Vernachlässigung der Erinnerung, weil sie im Vertrauen auf die Schrift sich nur von außen vermittels fremder Zeichen, nicht aber innerlich sich selbst und unmittelbar erinnern werden. Nicht also für die Erinnerung, sondern nur für das Erinnern hast du ein Mittel erfunden, und von der Weisheit bringst du deinen Lehrlingen nur den Schein bei, nicht die Sache selbst.«[2473]
Trotz des älteren ägyptischen Kerns entfaltete sich die eigentliche Hermetik erst im 2.-3. Jh. n.Chr. durch die Verbindung von Mittelplatonismus und jüdisch-christlichem Gedankengut. Die älteren disparaten Hermetica haben vor allem magische und astrologische Gehalte. Nach dem Platoniker Eratosthenes stieg Hermes nach Spielen der Leier in den Himmel auf durch die 7 Planetensphären, die Planeten hatten als „Laufgeräusche“ die gleiche Töne wie die Saiten der Leier. Hermes hängt darum die Leier an den Fixsternhimmel und dort sieht man sie noch heute.[2474] Hermes taucht als 6. Fixstern in der Henoch-Himmelsszenerie auf und wird in Kommagene im Mithrizismus mit Helios identifiziert.
Das Corpus hermeticum[2475] ist eine Sammlung von 18 anonymen griechischen Prosaschriften aus dem 2. u. 3. Jh., die wahrscheinlich in Ägypten entstanden ist und sich als Offenbarungen des Hermes Trismegistos (Dreimalgrößten Hermes), des ägyptischen Gottes der Weisheit, ausgeben. Es hatte großen Einfluß auf das gnostische Christentum und hier ist genau wie in Nag Hammadi das selbstverständliche Nebeneinander von christlichen Texten und solchen ohne jede Spur von Jesus zu finden.
Die Hermetik übte großen Einfluß bis ins späte Mittelalter aus. Mitte des 15. Jahrhunderts wurde das Corpus hermeticum wiederentdeckt und 1463 von dem italienischen Gelehrten Marsiglio Ficino (1433-1499) ins Lateinische übersetzt. Ficino teilt die Grundgedanken der Hermetik: Die Menschseele hat neben der Weltseele mit den Kräften aller Schöpfungs-Stufen Gemeinschaft und bildet so die Mitte des Kosmos, die zwischen den endlichen unteren Stufen und den Unendlichen höheren Stufen vermittelt. Sie erkennt die Weltordnung im göttlichen Geist mittels der ihr eingeborenen Formen als ewigen Urbildern der Dinge. Die äußeren Dinge erinnern sie nur an diese Ideen wieder. Dieses mystische Erkennen als »Nachschaffen der Dinge im Geist« gibt der Seele Anteil am göttlichen Sein. Sie wird durch die göttliche Vernunft geläutert und geformt und gelangt so zur erlösenden Rückkehr in den göttlichen Urgrund. In ihrem Erkennen kommt stellvertretend die ganze Stufenordnung des Kosmos zum Bewußtsein ihres göttlichen Urgrundes zurück. Die Immaterialität und Unsterblichkeit der Seele adelt den Menschen als Mikrokosmos und »deus in terra« analog der Inkarnation Gottes in dem Menschen Jesus. Die Wirkung auf die Renaissancephilosophie und den Humanismus und über Giordano Bruno (1548-1600) und Spinoza bis hinein in den Idealismus war gewaltig. Alchemisten, Rosenkreuzler und Esoteriker lesen sie noch heute als ihre Bibel. Wegen des Feinstofflichen wird Colpe/Holzhausen vorzugsweise unter östlich angehauchten Guru-Jüngern verkauft - Zeichen dafür, daß gnostische Traditionen heute von der neuen Spiritualität wiederentdeckt werden, die in der Volkskirche keine Heimat haben finden können. Paracelsus (um 1493-1541) und dessen später Epigone Robert Fludd (1574-1637) beriefen sich gern auf die Hermetik. CH XII,4: »Denn der Körper ist zusammengesetzt, und wie Säfte brodeln in ihm Kummer und Freude.« CH XVIII handelt zentral über die Behinderung der Seele durch die Affektionen des Körpers. Etwa in der Dämonologie liegen der Hermetik iranische medizinischen Grundanschauungen vor, die vermutlich durch Magier weitervermittelt wurden, cf Vendidad 5,54ff; 8,11-13.40ff.98-103; 9,15
2.2.1 Der Himmelsaufstieg des Pharao nach seinem
Tod als Sohn des Re
Der Tod des Königs als Sohn des Sonnengottes ist seit den Pyramidentexten der Wiederaufstieg in den Himmel zur Sonne hin. Er »steigt auf zu seinem Lichtland, entfernt sich zum Himmel und vereinigt sich mit dem Sonnengott, der ihn geschaffen hat«.[2476] Dies konnte sonst nur noch vom Tod heiliger Tiere gesagt werden. Die normalen Ägypter werden horizontal entrückt beim Tod, kommen ans andere Ufer oder in den schönen Westen. »Die Menschen verbergen sich, die Götter fliegen empor.«[2477] Vom Pharao heißt es beim Tod: »er flog zum Himmel.«[2478] Pyramide und Obelisk symbolisieren diese Himmelsausrichtung. So gibt es in den Pyramidentexten eine regelrechte Gattung von Himmelfahrtstexten.[2479] Erst nach der Pyramidenzeit wird auch eine nicht-himmlische Entrückung des Osiris in die Unterwelt als Fortlebensort ausfabuliert. Für prj = aufsteigen, herauskommen steht oft auch šwj = aufschweben[2480] oder jgp = aufsteigen (wie Wolken)[2481], p3j = auffliegen[2482] hfd = emporklimmen[2483], bj3j = sich entfernen[2484], j3q = aufsteigen (auf Leitern)[2485]. Dabei nimmt der Pharao die Gestalt bekannter Flugobjekte wie Falke, Reiher, Skarabäus, Heuschrecke, Wind, Wolke, Hagelschauer, Sonnenstrahlen oder Stern an und der Aufweg kann als Rampe oder Leiter in den Himmel beschrieben werden. Hierbei assistieren Seelen im Leiter-Aufrichten, Sänfte bereiten, Stampfen der Rampe.[2486] Eskortierend fungieren Schu, Horus allein oder mit stürmischem Seth, Isis und Nephthys und die 4 Horuskinder. Erdbeben und Begeisterungsrufe der Götter begleiten diese Hierophanie.[2487]
Statt der Sphären und Himmelsgefilde gnostischer Himmelsreisen gibt es hier verschiedene Götter oder Göttergruppen, die den Aufstieg helfend, kommentierend und begrüßend unterstützen.[2488] In älteren Texten steigt der Pharao als Stern meist zum Nordhimmel auf.[2489] Das himmlische Jenseits im Bereich der Zirkumpolarsterne zeigt sich in den Pyramidentexten des Alten Reiches und an der Nordausrichtung des Grabkammerkorridors. Der Pharao konnte von seinem Grab direkt ins Orionsternbild blicken und dorthin aufsteigen. »Deutlich ist, daß auch die Vorstellung vom Ach, der Bezeichnung für selig verstorbene, und von der aktiven, frei beweglichen Ba-Seele ursprünglich mit diesem königlichen Jenseits am Nordhimmel verbunden sind und erst später ins westliche Totenreich übertragen werden. ... Dort oben begegnet der verstorbene König dem Sonnengott ... Wesentlich reicher sind diese Vorstellungen [einer unterirdischen Unterwelt, M.L.] in den Sargtexten des Mittleren Reiches ausgestaltet. Immer noch spielt der Aufstieg zum Himmel eine wichtige Rolle, ... das himmlische Jenseits ist jetzt nicht länger königliches Privileg, sondern steht jedem offen.«[2490]
Erst mit Sesostris II. um 1840 v.Chr. wird diese Nordausrichtung der Pyramideneingänge ersetzt durch Labyrinthgänge, Zeichen der Verlagerung des Totenreiches vom Nordhimmel in die Unterwelt im Westen, wo die Sonne untergeht. Ein starkes Szenario ist der Empfang des Pharao durch Re, der ihn wiedererkennt und anerkennt als Sohn und in seiner Sonnenbarke mitnimmt, wodurch die ehemalige Nord-Ausrichtung zur Ost-West-Achse mutiert, auch architektonisch.[2491] Dazu wird im Bestrahlungsritus im Neuen Reich die Mumie des Pharao vor Re, also in die Sonne gestellt.[2492] Es begrüßen auch die Große Wildkuh oder die Nilpferdgöttin Jpj oder Nut als seine Mutter den aufgestiegenen König.[2493]
Der
Pharao wird im Himmel auf einem Thron (hndw)
in seine göttliche Macht eingeführt.[2494]
Die Pyramide ist »Himmel« und die Einbringung der
Mumie dorthinein ist
ebenfalls ein Inthronisationsakt, in dem man den Pharao als Gott
»aufsteigen
läßt zu seinem Horizont«.[2495]
Im
Totenbuch und Unterweltsbüchern des Neuen Reichs findet sich
die Vorstellung
vom Himmelsaufstieg nicht mehr wieder.
Die himmlische Inthronisation hat
Ähnlichkeit mit dem
indoiranischen Neueinkleiden der Seele im Himmel und dem
Inthronisationscharakter der mandäischen Taufe, cf 1.7.9.5.
Sie war jedoch
singulär dem Pharao vorbehalten. Es ist eher unwahrscheinlich,
daß die
Pyramidentexte etwas zum Aufkommen der gnostischen Himmelsreise
beigesteuert
haben. Die Vorstellung einer himmlischen Inthronisation bei und durch
den
höchsten Himmelsgott kann sich aber in Ägypten
einnisten, weil sie dort auf eigene
ähnliche Traditionen trifft, die nurmehr universalisiert
werden vom König auf
die gnostischen Mönche, die in ihren Himmelsreisen eine
ähnliche Grandiosität
genießen, wie sie vormals nur dem Pharao vorbehalten war. (rechts:
Dendera mit Hathortempel)
2.2.2 Ägyptische Himmelsvorstellungen
Kleinere Bücher des Himmels beschreiben Ende des Neuen Reichs die Fahrt des Sonnengottes Re über den Himmel, so das Buch des Tages, das Buch der Nacht.[2496] Hier finden sich divergente Vorstellungen über die Auffahrt des Pharaos nach seinem Tod in den Himmel und auch verschiedene Vorstellungen über den Himmel, etwa Nut als dunkler unendlicher Raum.
Der
Himmel wird in früher Zeit als eine Art
überdimensionaler Tisch mit gestirnter Tischdecke dargestellt, dessen Beine
auf der Erde stehen. So ziert diese
»Himmelshieroglyphe« die Spitzen von Flachbildern
oder Deckenkonstruktionen der
Pharaonengräber.[2497]
Möglicherweise ist aus dem Tischmodell das Bild der Nut hervorgegangen,
die im Hoch-Stütz
sich über Erdgott Geb
beugt und an der Vereinigung durch den auf Geb
knienden Schu
gehindert
wird, der sie an Busen und Venushügel abstützt.[2498]
Nuts
Beine und Arme
sind die Tischbeine des Urmodells. Diese Darstellung ist seit der 19.
Dynastie
belegt. Schu,
der Sohn des Urgottes Atum,
trennt die Himmelsgöttin Nut
vom Erdgott Geb.
Beide sind im System der Neunheit als Schus
Kinder zugleich Eltern von Osiris
und Isis.
Als sprachliches Bild ist diese Vorstellung schon den Pyramiden- und
Sargtexten
vertraut, begegnet als bildliche Darstellung jedoch erst auf Papyri und
Särgen
der 21. Dynastie. Diese Trennung von Himmel und Erde durch Schu
vollendet die
Schöpfung, die Atum
begonnen hat, sie grenzt die gestaltete Welt gegen das Ungestaltete ab
und
schafft den Raum. Die Erde bevölkert sich mit Wesen aller Art.
Götter und Menschen
sind beide von Atum
erschaffen. In den demotischen Papyri
Carlsberg I und Ia aus dem 2.Jh.n.Chr. wird der
Sternenlauf in Nuts
Körper als
Verschlingen und Wiedergebären der Sterne durch Nut
gedeutet; sie ist das Schwein, was seine Ferkel verschlingt.[2499]
Eine wichtige Rolle spielt die Vorstellung von der Himmelskuh, deren Beine ihren Himmelskörper auf Erden abstützen. Sie ist als Kuhkopf auf frühgeschichtlichen Paletten mit und ohne Sterne abgebildet, kommt dann aber außer Mode und taucht erst im Neuen Reich wieder auf in einer Ausformung der Hathor als Macht der Musik, des Rauschs, der Liebe und der Wut.[2500] Hathor ist als Wildkuh im Westen Schützerin der Totengräber, sie repräsentiert die Gesamtheit der Erde und ist Inbegriff von Gold und Reichtum, versorgt als überirdische Himmelskuh den Pharao mit Lebenskraft. In Dendera nahe Nag Hammadi ist ihr Zentrum, wo Horus Behedeti ihr Gatte ist, mit dem sie den kleinen Landesvereiniger Hor-Somtus produziert. Der Pharao mit seiner Frau spiegelt dieses göttliche Paar wieder: Der große Tempel von Abu Simbel ist dem König und Horachti (Horus des Lichtlandes) geweiht, der kleine daneben der Königin und Hathor.[2501] Sie wird oft dargestellt als Frau mit Kuhhörnern und langen Locken mit dem liturgischen Hauptinstrument, dem Sistrum, einer magischen, Sechem-Kräfte enthaltenden Rassel mit klingenden Drähten im Innern, und mit dem Menit, dessen parallele Perlenschnüre ebenfalls am Ende zu einem Trapez mit Hathor-Kopf zusammenlaufen.[2502]
Diesen
uralten Mythos erzählt das Buch der
Himmelskuh.[2503]
Darin taucht aus der Urflut eine gewaltige Kuh auf, die die Sonne
zwischen
ihren Hörnern trägt. In den Pyramidentexten
heißt sie Mehet-weret
(Große Schwimmerin), später Ibet
oder Ahet.
Sie wird auch mit Hathor
und Neith
identifiziert. Die Himmelskuh ist schon im Ausgang der Vorgeschichte
als Kuhkopf
mit Sternen bezeugt und in den Sargtexten Mutter von Re,
die ihn täglich gebiert. Sie ist
ähnlich wie das iranische Urrind tragender Grund der
Schöpfung. Im Bild oben,
das die Sonnenbarken am Leibe der kuhgestaltigen Himmelsgöttin
zeigt, werden
ihr Bauch vom Luftgott Schu
und ihre Beine von acht Heh-Göttern, Verkörperungen
des Luftraums, gestützt. In
330 Versen wird der Mythos erzählt und mit reichhaltigen
Monologen dramatisiert.
»Es geschah aber,
daß Re aufging, der selbstentstandene
Gott, nachdem er das Königtum bekleidet hatte als Menschen und
Götter (noch)
vereint waren. Da ersannen die Menschen Anschläge gegen Re.
Denn Seine Majestät
war ja alt geworden: seine Knochen waren aus Silber, seine Glieder
waren Gold,
sein Haar aus echtem Lapislazuli. Seine Majestät aber erkannte
die Anschläge,
die von den Menschen gegen ihn ersonnen wurden.«[2504]
Die einberufene Götterversammlung bestimmt Hathor als Auge des
Re,
die Rebellierenden
zu vernichten: »Sie
aber sprachen im Angesicht
Seiner Majestät [Re]: "Laß dein Auge dahinziehen,
daß es sie [die
Menschen] dir bloßstelle (?), die sich verschworen haben als
Bösewichter. Es
gibt kein Auge, das ihm überlegen ist, um sie für
dich zu schlagen - (so) möge
es herabfahren als Hathor!"«[2505]
Nach erfolgreicher Teiltermination wird im Teil 2 blutrotes Bier
gebraut und
über die Erde gegossen, damit Hathor
von weiterem Blutbad abgehalten wird. Sie berauscht sich so sehr am
Folgetag,
daß es mit der Total-Termination des Menschengeschlechts
nichts mehr wird. In
Teil 3 wird der Himmel gebaut. Re
kann die Menschen nicht mehr ertragen: »Mein
Herz ist allzu müde, mit ihnen zusammen zu sein.«[2506]
Der Himmel wird vom Luftgott Schu
und seinen acht Hilfsgöttern hochgestemmt, als Himmelskuh, auf
deren Rücken der
Sonnengott einherfährt. Die auf der Erde
zurückgebliebenen und sich selbst
überlassenen Menschen bekriegen sich gegenseitig »und
so entstand das Gemetzel unter den Menschen«.[2507]
Hiernach folgen Ausführungsanweisungen zur Anfertigung des
Bildes und als 4.
Teil die Wechselreden zur Einrichtung der Unterwelt, die für
die Nachtfahrt der
Sonne zubereitet werden muß. Zuletzt wird der Mondgott Thoth
als Stellvertreter der Sonne bei
Nacht und als Wesir eingesetzt. Neben der Musik ist Hathor vor
allem Liebesgöttin. Sie wird
in Liebesdingen angerufen, schüttet Liebesgluten in
Männerherzen wie betörende
Düfte der Nacht. Wo immer zwei heiß werden
aufeinander, ist es von Hathor gewirkt.[2508]
Nackte Weibpüppchen und Goldphalli werden ihr geschenkt, die
Beterin hat sich bereits
symbolisch Beischlaf-bereit gemacht. Das Hauptfest Denderas mit Wein
und Bier
in Hülle und Fülle ist eine Tanzorgie durch die
Nächte, bei der der Pharao öffentlich
Sistrum spielt und Hathor einen Weinkrug übergibt.[2509]
Sie ist unter allen Völkern liebeswirkend aktiv. Aber sie kann
auch
Aggressionsmacht sein, wenn enttäuschte Liebe in Haß
umschlägt. Auch im Totenreich
steht Hathor
für
Trinkgelage und Sexualverkehr: Ramses
II. läßt in sein Grab Liebeslieder
schreiben, im Totenbuch
103 wirkt ein Zauberspruch, »im
Gefolge der Hathor zu sein.« Spruch 82 ist Hathor
ein schattiger Obstbaum im westlichen Lichtland, wo der Tote Brot, Bier
und
Korn findet.[2510]
Hathor
hat schon im 3.
Jt. einen Tempel in Memphis, wird im Neuen Reich aber durch Ptahs
löwenköpfige
aggressive Gemahlin Sachmet
mit ihrem Sohn Nefertem
verdrängt.[2511]
So entsteht im Mythos von der Himmelskuh aus Hathor
als ausgesandtem Sonnenauge Res
Sachmet als Angriffskraft, die nicht nur äußere
Feinde mit ihren Pfeilen tötet,
sondern auch die eigenen Landleute mit Seuchen straft. Doch sie sendet
nicht
nur krankmachende Pfeile, sie kann auch wieder heilen.
Ägyptens Ärzte sind
Priester der Sachmet.
In Theben als Hauptsitz des Neuen Reichs wandert Hathor
mit Ptah
mit und
assimiliert sich mit Mut,
der Gattin Amon-Res.
In Karnak hat Mut
ihren Tempel, wo sie auch als Löwin verehrt Göttin
der Heilkunst wird.
Neben Nut und Hathor als Mehet-weret gibt es noch die Vorstellung vom Himmel als einem Ozean, der die Welt allseitig umringt und worauf alle Gestirne die Erde umkreisen können. Er kann auch eine feste Schale (bj3) sein.[2512] Für den Himmel können auch die Vögel stehen, die an ihm Fliegen: Falke, Geier und Uräus. Auch der bis zum Himmel ragende Baum kann als Leiter mit Schatten und Wasser für Verstorbene dienen.
Die Erforschung des Himmels durch Astronomie war weniger zeitrechnend kalendarisch motiviert als vielmehr Wissensgewinn von dem, was nach dem Tod ist. Die Himmelstopographie auf Sargböden des Neuen Reichs zählt drei Himmel.[2513] Diese Vorstellung lebt bis in die Ptolemäerzeit fort. Verschiedene Himmelsgefilde wie das Earugefilde werden beschrieben und im Neuen Reich im Grab Ramses IV. auch schon die »fernen Regionen«, in denen völlige Dunkelheit herrscht.[2514] Zum Nut-Bild im Osireion von Abydos sagt eine Beischrift: »Die fernen Gegenden des Himmels sind in der Urfinsternis. Ihre Grenzen sind unbekannt gegen Süden, Norden, Westen und Osten. Diese sind im Urgewässer befestigt als „Müde“. Dort gibt es kein Leuchten des Ba, und sein Reich ist den Göttern und Achu unbekannt gegen Süden, Norden, Westen und Osten. Nicht gibt es irgendein Licht dort«.[2515] Die Weltumringlerin im Amduat 11. Stunde, die Uroboros-Schlange ist völlige Dunkelheit.[2516] Amduat 12. Stunde: Aus dem Ende der Urfinsternis kommt Re zwischen den Schenkeln der Nut hervor und macht Licht am Himmel.[2517] Nachts fahren nach dem Anfang des Nut-Buchs die Sterne bis zum Ende des Himmels und kehren tags unsichtbar zu ihrem Ausgangspunkt zurück.[2518] »Die Majestät dieses Gottes (Re) geht wieder hervor auf Erden, indem er in Oberägypten in Erscheinung tritt. Seine Kraft ist wieder groß, wie bei seiner urzeitlichen Schöpfung. Er ist verwandelt in den Größten Gott in Edfu. Die Majestät dieses Gottes führt dahin bis zum Ende des Himmels-Erzes, ihren beiden Armen. Er betritt ihren ... in der Nacht, in der Mitternachtsstunde, und er fährt dahin in der Dunkelheit, während diese Sterne hinter ihm sind. / Die Majestät dieses Gottes tritt ein in ihren (Nuts) Mund im Inneren der Dat. Er schließt sie danach auf, und der fährt dahin in ihrem Inneren. Diese Sterne treten hinter ihm ein und gehen hinter ihm heraus. Sie eilen zu ihren Plätzen.«[2519] Im Buch vom Tag und besonders im Buch von der Nacht wird auch der nächtliche Sonnenlauf als Fahrt bis zum Ende des Himmels und zurück zum östlichen Aufgang gedeutet: Nut wird schwanger mit dem Sonnengott dargestellt und aus ihrer Vagina entspringt die Sonne.[2520] Die durch Pforten getrennten Landschaften des Totenreichs werden in dem Leib der Himmelsgöttin angesiedelt.[2521] »Herauskommen aus der Dat, sich niederlassen in der Morgenbarke. Den Nun befahren zur Stunde des Re. „Die die Vollkommenheit ihres Herrn schaut“. Sie verwandeln in Chepri, aufsteigen zum Horizont. Eintreten in den Mund, herauskommen aus der Scheide. Aufleuchten in der Türöffnung des Horizontes zur Stunde „Die die Vollkommenheit Res erscheinen läßt“, um den Lebensunterhalt der Menschen zu schaffen, des Viehs und allen Gewürms, das er geschaffen hat.«[2522] Die Unterweltbücher beschreiben die nächtliche Fahrt Res durch die Unterwelt, im Amduat werden Sternbilder wie der Orion und Gegenhimmel unter der Erde (Naunet) dargestellt. Der Himmel ist der Sitz der Götter, sie sind »Herr des Himmels« (nb pt). Im Pfortenbuch Szene 82 heißt es von 4 Göttern, die jeder eine Sonnenscheibe als Lichtglanz tragen: »So sind sie beschaffen: Sie tragen die Sonnenscheibe des Re. Sie sind es welche die Dat (Unterwelt) mit dem Himmel vereinigen durch dieses Bild, das in ihrer Hand ist. Sie, welche die Angelegenheiten hüten beim Tor des Totenreiches, bis Re sich niedergelassen hat am Bauch der Nut.«[2523] Die Sonne durchläuft und vereint somit Himmel und Unterwelt. »Himmel« ist auch der Wohnsitz der Götter in ihren Bildrepräsentanzen: der Tempel.[2524] So gibt es auch in Ägypten die Tradition des gestuften Himmels, der Himmelsgefilde, durch die die Sonnenbarke gleitet. Dieser Leib Nuts kann wie die Unterwelt beschrieben werden mit Pforten und einer Reihe verschiedener Gefilde, durch die Sonne und Sterne wandern, während sie dem Auge verborgen sind.
Nut ist als Himmelsgöttin »mit 1000 Seelen« (H3-b3.s) für den Lauf der 1000 Sterne verantwortlich.[2525] In der Spätzeit wird Nut auch die Toten, die ja frühester Theologie als Sterne ihre ewige Wohnstätte einnahmen, bei sich aufnehmen, ihren Arm ergreifen und sie umschließen.
So
sind Sarg und Sargkammer später oft als
Nut bezeichnet und auf dem Sargdeckel ein Nut-Bild aufgemalt.[2526]
Zum Schluß der Begräbnis-Zeremonie liest ein
Priester am Sarg das »Atembuch«
und legt es vor Schließen des Deckels unter den Kopf des
Toten. Auch hier
finden sich entsprechende Motive.[2527]
Die Himmelsgöttin wird zur großen Mutter, die nicht
nur gebiert, sondern die
ihre Kinder auch nach dem Tod wieder zu sich nimmt. »Nut ist weniger der Himmel als das,
was der Himmel tut, indem er die
Gestirne gebiert und in sich birgt, weniger Himmels-, als Mutter- und
Totengöttin; Hathor, die andere Himmelsgöttin,
verkörpert das "Überirdische"
seines Glanzes und ist die Göttin der Liebe, der
Schönheit und des (das Irdische
transzendierenden) Rauschs.«[2528]
Die gnostische Himmelsreise macht aus dieser weiblichen
Himmelsvorstellung der
großen Mutter den Barbelo-Äon, in den man
ambulant-passager einreisen kann,
bevor man stationär post mortem in ihm ewige Ruh-Freude
findet. Daß Nut auch
als Gebär-Mutter gefeiert wird, verdichtet den Verdacht,
daß Sophia-Barbelo
nicht nur Ma‘at-Vorlagen
hat, sondern die Raum-Metapher des Äons aus dem alten Nut-Bild
übernommen hat.
Die Frau ist Raum, embryonenumfangender Uterus und
penisumfließende Vagina, die
aus ovularer Fülle je und dann Geschöpfe und
periodisch Nicht-Geschöpfe
(Menstruation) ausscheidet.
(Bild:
Nut auf Sargdeckel mit Sternkleid)
Von dieser astronomischen Durchwanderung der Himmelsgefilde des Nut-Leibes durch Sonne und Sterne ist es nur noch ein Schritt, nämlich die Gleichsetzung von Stern und Menschenseele, um zur Vorstellung der menschlichen Himmelsreise zu gelangen. Das imaginative Begleiten der Sonne und Sterne durch den nächtlichen Beter wird dann zum Mitreisen, Selbst-Reisen. Daß die Ba-Seele als himmlisch-jenseitsweltliches Pendant der materiellen Körper sich auf Mensch, Mumie oder Götterstatue wie ein Vogel niederlassen kann und auch wieder ins Jenseits fliegen kann, zeigt, wie Ägypten für diese Himmelsreise bereit war. Die Bilder sind vertraut, wenn auch nicht in der babylonischen Konfiguration. Von daher verwundert es kaum, daß viele gnostische Himmelsreisen in Ägypten geschrieben wurden. Auch die Darstellung des Himmels als weiblicher Körper, der aus sich heraus gebiert, wie es die Barbelognosis entwickelt, ist vom Nut-Bild her Ägyptern geläufig.[2529] Isis, Hathor, Mehet-weret, Neith und Ihet werden auch als Himmelsgöttinnen verehrt und haben nicht nur Kuhgestalt, sondern beeinflußt durch die anthropomorphe Nut von Heliopolis ebenso Frauen-Gestalt. Schu als Mittelfigur wird im Zostr zu Autogenes.
Seinen toten Vater Ramses I. läßt Sethos I. in einer Kapelle umgeben von seinem Hofstaat malen: »Die Gottesmutter, ihre Arme sind um ihn wie Isis, wenn sie sich mit ihrem Vater vereint hat.«[2530] Auch Pepi I. wird als verklärter in die himmlische Mutter entrückt: »Die Gottesgeleiter sind hinter dir, die Würdenträger des Gottes sind vor dir; sie singen "der Gott kommt, der Gott kommt, König Pepi kommt auf den Thron des Osiris; jener Ach-Geist in Nedit kommt, die Macht in This." Isis spricht zu dir, Nephthys ruft dir zu, die Verklärten kommen zu dir in Verneigung, sie küssen die Erde vor deinen Füßen wegen des Schreckens vor dir, o Pepi, in den Städten des Sia. Du steigst auf zu deiner Mutter Nut, auf daß sie dich an der Hand nehme, daß sie dir den Weg weise zum Lichtland, zum Ort wo Re ist. Die Tore des Himmels öffnen sich vor dir, die Tore des kühlen Himmelswassers tun sich auf vor dir. Du findest Re, wie er aufgestanden ist, dich zu erwarten. Er nimmt dich an der Hand und geleitet dich zu den beiden Heiligtümern des Himmels. Er setzt dich auf den Thron des Osiris.«[2531] Nut ist die Mutter des Pharao, er sitzt inthronisiert im Kreis seines Hofstaats und der Himmelsgötter, während seine Mumie in die Pyramide geleitet wird. In den ersten Dynastien wurde der Hofstaat tatsächlich mitbegraben wie im Iran oder Babylon, kultische Ebene und Bedeutungsebene waren noch identisch bis zur 4. Dynastie.[2532] Die himmlische Inthronisation konvergiert mit der Wiedervereinigung mit der Mutter, die ungeniert als sexuelle Vereinigung dargestellt wird. Im Sonnenhymnus wird Re gepriesen: »Sei gegrüßt, Re, bei deinem Aufgang, Atum bei deinem schönen Untergang! Du erscheinst, du erglänzt auf dem Rücken deiner Mutter, erschienen als König der Neunheit. Nut begrüßt dich, Maat umarmt dich allezeit. Du querst den Himmel weiten Herzens, der Messersee ist zur Ruhe gekommen. Der Rebell ist gefallen, seine Arme gebunden. Das Messer hat seinen Wirbel durchschnitten.«[2533] So ist der Himmel als Mutterhöhle Heimat der Wesen. Wie der Pharao vereinigt sich auch der Sonnengott alltäglich mit der großen Mutter und wird von ihr neu geboren. Dies wird schließlich universalisiert zum Schicksal jedes Verstorbenen: »du bist umfangen in der Umarmung deiner Mutter Nut, du bist lebendig ewiglich.«[2534] So wird die Himmelsmutter zum umfangenden Raum des ewigen Lebens. Hatschepsuts Tempel Djeser djeseru im Kessel von Deir el-Bahari ist Amun, Hathor und Anubis geweiht. Zu ihm führt die Prozession der widdergestaltigen Amun-Statue, die während des "Schönen Festes vom Wüstental" (heb nefer en inet) von seinem Reichstempel in Karnak über den Nil mit der Barke eine Liebesnacht lang zu Hathor kommt: Wie Sonne und Himmelskuh sich vereinigen, so zugleich darin Leben und Totenwelt.
Die aus dem Alten Reich stammende Neith-Tradition im Sargdeckel des Merenptah führt in Zeiten der Mumifizierung, wo der Tote komplett skelettiert wurde und die Knochen dann wieder vereinigt wurden, was der Vereinigung mit Muttersarg Neith entsprach.[2535] Himmelfahrt und Sternwerdung voraus ging die Vorstellung von der semiembryonalen Wiedervereinigung mit Neith als Sarg und Mutter. Die Göttin als Uterus/Vagina ist Container des Lebens, wie der Sarg Container der Mumie und der Himmel Container der Sonne und Sterne. Unsterblichkeitswunsch ist die inzestuöse Lust, immerfort in der Mutter zu weilen.[2536] Dabei ist die Mumifizierung verstanden als Neueinkleidung, in der alles Stinkende, Üble und Böse aus dem Kadaver herausgefrickelt wird. Die Natron-Salbe[2537] bewirkt das gleiche Entfeuchten wie die Göttin Nephthys: »Nephthys kommt zu dir und legt ihre Arme um dich, sie schützt dich als Wache zu deinen Häupten, sie versammelt dein Fleisch, sie knüpft deine Knochen, sie vereinigt deine Glieder, sie löst deine Ausflüsse, sie entfernt das Schlechte an deinen Haaren, sie macht deinen Geruch angenehm mit Gottesschweiß.«[2538] Die Mumienbinden sind Göttinnen-Binden. »Du wirst mumifiziert (wtj) mit den Binden von Sais, die die Weberinnen der Neith gewebt haben.«[2539] Wie diese Neueinkleidung den toten Pharao zum Sonnengott transmutiert, indem sie alles Unreine entfernt, so ist die Neueinkleidung als himmlische Neu-Einleibung in den Taufriten der Iraner, Mandäer und Sethianer zu verstehen, wo allerdings nicht stinkendes Gedärm, sondern sündig Trachten und Tun eskamotiert wird. Der Mumienbalsam wird dort ersetzt durch versiegelndes Sesamöl. Die Grabkammer wird bewacht von den „erlauchten Vier“ (dj), repräsentiert durch feindabwehrende Fackeln in den vier Ecken.
Dies könnte der Prototyp der vier Erleuchter im sethianischen Barbelo-Himmelsmuttercontainer sein, die dort ebenfalls apotropäische Funktion als Schutzengel haben. In beiden Modellen sind sie sowohl manifeste Lichter, ob Fackel, magische Ziegel oder Stern, als auch personale Götterwesen, ob Isis, Neith, Nephthys, Selkis[2540] oder die vier Erzengel Harmozel, Oroiael, Daveithe und Eleleth. Die Sargdeckelunterseite ziert Re als Umarmer und Bestrahler der Pharaomumie, was dem Mundöffnungsritual im sonnigen Teil der Breiten Halle (wsht) entspricht. Re kann als Sonne dem Licht des unsichtbaren Geistes gleichgesetzt werden. Die zwei Weihen während der nächtlichen Stundenwache mit Sistrum, Menit, Kopftuch und Kupferblech vertreiben böse Geister mit apotropäischen Klängen. Hier die sethianischen Vokalgesänge gleichzusetzen, verkürzte deren Funktion als Aufstiegstrance zur Vereinigung mit Gott. Zumindest aber gibt es in beiden Vereinigungsriten mit der Muttergöttin das musikalische Geschehen. Schließlich wird der Sarg umringt in diversen Kombinationen und Positionen von Schu, Geb, Nut, Tefnut, Nephthys und Isis[2541] und bisweilen zusätzlich Amset, Hapi, Qebehsenuf, Duamutef und Großer und Kleiner Neunheit. Etwas anders die Einteilung im Neuen Reich, im Totenbuch Kapitel 151 festgehalten. Dem entspricht die Vielzahl von Engelgestalten in den Taufszenen der Sethianer, cf 2.2.5.11 im Gefolge von Valentins Pleroma und 3.6.13 und 3.6.21 im Zostr.
Wo genau der Barbelo-Kult entstanden ist, ob in Syrien, wo ja ebenfalls über die Phönizier ägyptische Theologie vertreten war, oder direkt in Ägypten im Umkreis der frühen Hermetik mit ihrer Verehrung von Sonne und Licht, - dies liegt wohl noch im Dunkeln. Daß aber diese alte ägyptische Himmelsvorstellung als einer empfangend-gebärenden Mutter das gnostische Sophia- und Barbelo-Bild geprägt hat, dürfte evident sein. Die Kombination Sachmet-Horos-Uroboros zur Repräsentation des persischen Trias Zurvan-Ōhrmazd-Ahriman im mithrischen Kronos oder der Kalender Bundahišn 25 SBE5 zeigen frühe persischen Offenheit für Ägyptisches, cf 2.3.4. Man muß also im Zoroastrismus und Zervanismus selbst bereits mit Ägyptizismen rechnen, also einer Amalgamierung von Nut, Neith und Anāhītā. Kambyses hat nach 525 den Neith-Tempel in Sais restaurieren lassen und Götterstatuen nach Susa gebracht, cf 1.5.1.2. Dieses ist Zeichen einer besonderen Affinität zu einer Göttin, die Himmel und Tod gleichermaßen mütterlich verkörpert, wie die Daena als 15jährige Jungfrau die Seele ihres toten Erd-Pendants empfängt mit Frühlingsbutter, cf 1.4.2.7. Himmel als Ort der Totenruhe finden sie in Neith als Sarg und Himmel ideal repräsentiert. Eine Affinität von Neith und Anāhītā besteht in ihrer Jungfrauen-Fruchtbarkeit, sie sind Schöpferinnen des Lebens, cf 1.4.4. Ostanes identifiziert Horos mit Ahura Mazda, cf 1.5.2.13/33. Diese frühe synkretistische Arbeit der Magier bereitet den Boden für eine universale himmlisch-unterweltliche Mutter/Fruchtbarkeitsgöttin, die je nach Lage verschiedene Namen bekommt, von Anāhītā-Artemis über Ištar zu Nut, Neith, Hekate, Ereškigal, Persephone in den PGM.
Auch die ägyptische Seelenlehre entspricht der persischen frappant: Jeder Menschkörper hat drei Seelen: Ka, Ach und Ba. 1) Ka als Schutzgeist und körperloser Doppelgänger spendet Lebenskraft prae et post mortem. 2) Die Ach-Seele wacht nach dem Tod über Grab und guten Ruf des Verstorbenen und rächt jede Störung der Totenruhe. Ihr brachte man auch unter Opfergaben Bitten für die Lebenden. Die Nekyomantie entspringt dieser alten Tradition. Vergleichbar ist die persische Daena, die den Verstorbenen an der Cinvat-Brücke empfängt und ihm seinen Ruf spiegelt. 3) Die vogelartige Ba-Seele ist quasi die Persönlichkeit in der parallelen Jenseitswelt und im lichten Totenreich des Westens (Earu mit einem Zweit-Nil, Arbeit und Lust), die nur dann ihre Unsterblichkeit einbüßt, wenn der Körper nach dem Tod zerstückelt wird oder verwest. Die Mumifizierung durch die Anubis-Priester dient der Konservierung des Körpers als einer Art diesseitige Basisstation für die mit Re mitfliegende Ba-Seele in der jenseitigen Welt, die entweder als Unterwelt oder Himmelswelt gedacht ist. »Es kennzeichnet den ägyptischen Jenseitsglauben, daß er wie kein anderer gerade das körperliche Fortleben miteinbezieht und zu sichern sucht. Alle die lebensfrohen Darstellungen in ägyptischen Gräbern entspringen aus diesem Bestreben. Zum Jenseits gehören auch Essen und Trinken, Musik und Tanz, die Freuden der Liebe und freie, ungehinderte Bewegung. Jenseits des Todes hofft der Ägypter auf erneuertes Leben voller Aktivität, auf produktive Arbeit in den Gefilden des Jenseits, die ihm auch dort den Lebensunterhalt sichern soll.«[2542] Diese Vorstellung entspricht völlig den indoeuropäischen Kurganen am Donez mit den Fravaši als Ahnenschutzgeistern und die Daena ist die Parallel-Seele des Menschen, die ihn nach dem Tod begrüßt und sich mit ihm vereinigt. Werden im iranischen Fürstengrab Diener, Pferde und Vieh erwürgt für das unterirdische Hofstaatleben der Toten (cf 1.2.1), dienen in Pyramiden Ušebtis dem Pharao in seiner Prunkkammer.
Auch die Götter haben eine Ba-Seele, die sich auf ihrem Sechem, ihrem Götterbild als Symbol ihrer Macht, täglich neu niederläßt und ihr einwohnt. »Diese Reliefs aber bilden Kultszenen ab. Der Gott steigt als Ba vom Himmel herab, um in Gestalt seiner Bilder am Kult teilzunehmen... Genau wie im Corpus Hermeticum handelt es sich um eine Herabkunft. Die Götter sind als "Ba" im Himmel, ihre Bilder sind auf Erden, aber im Kult ereignet sich Tag für Tag ihre Einwohnung im Tempel.«[2543] So kann ein Gott in der 18. Dynastie (um 1400 v. Chr.) sagen: »Möge mein Ba sich niederlassen auf meinen Bildern (chmw) der Denkmäler, die ich geschaffen habe.«[2544]
Man glaubt, daß der Ba des Toten vom Himmel auf seine Mumie herabsteigt: »Dein Ba fliegt zum Himmel in Gemeinschaft der Ba's der Götter und schwebt wieder herab auf deine Mumie im Friedhof.«[2545] Die Ba-Seele sucht den Westen als Gegend der untergehenden Sonne. Im Papyrus Berlin 3024 heißt es: »Wenn mein schuldloser Ba mir zuhört, und sein Herz ist in Übereinstimmung mit mir, wird er glücklich sein, denn ich werde ihn veranlassen, den Westen zu erlangen, wie einer, der in seiner Pyramide ist, um dessen Begräbnis sich ein Überlebender sorgt.«[2546] So ist die ägyptische Vorstellung einer fliegenden Seele, die empor- und herabfahren kann, der Struktur der gnostischen Himmelsreise näher als die persische, in der das Wiederherabfahren der Seele in den Leib fehlt.
2.2.3 Die Hermetik als Fortsetzung des
Schreiber/Zaubergottes Thot
Hermes hat seine Ursprünge im Gott Thot. Im demotischen Setna-Roman ist es Thot, der seine magischen Bücher in Koptos geschrieben hatte und diese in einem eisernen Behälter im Nil verbarg und Würmer, Schlangen und Skorpione zum Schutz bestellt hat.[2547] Die hermetische Tradition will ein initiiertes Wissen vor dem Uneingeweihten schützen. Ein in vielen Handschriften vorliegender, langer demotischer Text enthält ein Gespräch zwischen dem dreimal großen Gott Thot (Hermes trismegistos) und einem Schüler. Das bisher völlig unbekannte Werk hat so viele Ähnlichkeiten zu hermetischen Schriften, daß man es wohl als eine prähermetische Schrift bezeichnen kann.[2548] Unter Nektanebos II. vollzog sich eine Restauration, die gleichwohl griechische und persische Elemente der gehaßten Fremdlinge in sich aufsog. Die Inschriften des Petosiris-Grabes zeugen von dieser Amalgamierung.[2549] So kann sich der griechische Name Hermes für die Adaption der Thot-Tradition erklären aus dieser Hellenisierung Ägyptens unter Beibehaltung genuin ägyptischer Traditionen.
2.2.4 Der Poimandres als inkarnierter Logos und
Urmensch
Im Corpus hermeticum (CH)[2550] ist das 1. Traktat (CH I) der Poimandres.[2551] Er dürfte vor dem 3.Jh.n.Chr. entstanden sein und bringt eine Darstellung der Welt- und Menschheitsentwicklung, die neben Gedankengut der Gnosis auch Elemente der iranischen Religion und der ägyptischen Alchemie enthält. Nach dem kosmischen Sündenfall erfolgt die Erlösung durch den Aufstieg der Seele durch die sieben Planetensphären bis in einen achten Kreis, wo sie sich schließlich mit Gott vereinigt. Diese Gottesschau, Wiedergeburt und Erlösung der Seelen wird durch Mystik, Ekstase, Meditation, Magie und Astrologie erreicht. Reitzenstein sieht hier eine nichtchristliche, bereits als System ausgeformte synkretistisch-gnostische Spekulation um den weisheitlichen Hermes/Thot Trismegistos mit Parallelen zum Hirten des Hermas. Büchli hält CH I für ein paganisiertes Evangelium. Der göttliche Logos kommt von oben und geht wieder dort hin.[2552]
Babylonische, alttestamentliche, iranische, pythagoreische, platonische und stoische Motive sind deutlich erkennbar. Aus der Stoa ist das Große Jahr mit Weltenbrand (e)kpu/rwsij) an den Zyklus-Schnittstellen bekannt.[2553] Bei Philo ist es mit Wiedergeburt (paliggenesi/a) des Kosmos verbunden. Im Poimandres ist ebenso alles aus Feuer entstanden.
Hermes Trismegistos hat, vermutlich induziert durch Askese und Schlafentzug, eine Vision. Ein riesiger Mann, Poimandres, steht vor ihm, gibt sich als Verstand des großen Gottes zu erkennen und will Hermes die göttlichen Dinge lehren.(1f) Die Elkesaiten lehrten die wiederholte Inkarnation des Urmenschen, der zugleich oberster Erzengel ist.[2554] Er wird in seiner Länge auf 260 km angegeben und hat einen weiblichen Partner, den Heiligen Geist, bei sich. Hier dürfte die indoiranische Urzwillingstradition Pate gestanden haben: Rigveda X,10 singt von Yama und seiner Zwillingsschwester Yami, die ihn verführen will, anders als Eva den Adam leider erfolglos.[2555] Im mittelpersischen Bundahišn 23 und 31 gibt es diesen Ur-Zwillings-Inzest bei Yima und Yimak. Yima ist der erste, tausendjährig regierende König mit seiner Zwillingsschwester Yimak. Beide waren unsterblich, vergöttlicht, Herrscher des Totenreichs und Sohn der Sonne. Purūša in Indien und Ymir bei den Germanen und der hethitische Ullikummi als späterer Titan Kronos bei Hesiod sind ebenfalls Riesen von der Größe der Welt. Auch bei ihnen ist der iranische Urmensch-Mythos Vorbild für die Vision des Riesen-Engels. Wenn aus dem Urmenschen die ganze Welt entstand, muß er ja unvorstellbar groß sein. Nach dieser Logik wird also der Urmensch zum Riesen, der bei Elkasai mit Christus identifiziert, im Poimandres als Gottes Geist auftaucht und sich verwandeln kann in die Himmels- und Weltbereiche, die Hermes dann sieht.
Auch diese Verwandlung entspricht der Verwandlung des iranischen Urmenschen in die Welt, ist jedoch reversibel, anders als die iranisch-indisch-germanische Schlachtung des getöteten Urkönigs. So könnte der Poimandres auf der indoiranischen Ur-Riesen-Narration beruhen, die ihrerseits von Elkasai aufgegriffen wurde. Der ursprüngliche Sinn des iranischen Urmenschmythos als Schöpfung der Welt aus einem Menschen ist hier allerdings verschoben auf eine Figur, die oszillieren kann zwischen der Menschform und der Visionsform und die sich selbst deuten kann als Inkarnation des göttlichen Geistes, dem Medium, in dem die Visionen geschehen, die Hermes bekommt. Dieser Gestaltwechsel des Urriesen in die Welt und zurück ist der szenische Ausdruck einer Identität, die er auch verbal betont.
Der Traktat ist wie das ganze CH als Lehrdialog mit Frage und Antwort konzipiert. Poimandres läßt Hermes immer neue Visionen haben und erklärt anschließend, was dieser gesehen hat. Hermes sieht quasi die Schöpfung der Welt, die mit Empedokles` Urelementen Wasser Erde Luft Feuer spielt und den Dualismus von Licht-Finsternis als den von Mann-Weib feiert, wobei die sexuelle Bedeutung dieses Mythos mit seiner Anspielung auf Enūma Eliš auf der Hand liegt:
CH I: »1 Als mir einmal eine Einsicht über das, was ist, zuteil wurde und mein Sinn gar sehr emporgehoben wurde, während meine körperlichen Empfindungen zurückgehalten wurden wie (bei) denen, die aus Übersättigung oder aus schwerer körperlicher Arbeit in tiefem Schlaf sind, da glaubte ich, ein Riesengroßer von unendlichen Maßen riefe mich beim Namen und sagte zu mir: "Was willst du hören und schauen und verstehend lernen und erkennen?" 2 Ich sagte: "Wer bist du denn?" Er: "Ich bin Poimandres, der Sinn (Nou=j) des Absoluten. Ich weiß, was da willst, und bin immer bei dir." 3 Ich sagte: "Ich will, was ist, kennen lernen, seine Natur verstehen und Gott erkennen. Wie sehr", sagte ich, "will ich es hören." Er sagt wiederum zu mir: "Halt in deinem Sinn, was du lernen willst, und ich will dich alles lehren." 4 Nach diesen Worten veränderte er sich an Aussehen, und sofort wurde mir alles schlagartig klar: Ich sehe eine unermeßliche Schau, alles ist Licht, heiter und froh, und ich liebte den Anblick. Nach kurzem war da eine Finsternis, die sich nach unten neigte, in einem Teil, furchtbar und abscheulich, krumm gewunden, wie eine Schlange schien sie mir. Dann wandelte sich die Finsternis in etwas Feuchtes, unaussprechlich durcheinander, einen Rauch gab sie von sich wie von Feuer und ließ einen unsagbar kläglichen Laut hören. Dann kam ein unartikulierter Schrei heraus, so daß ich vermutete, er käme vom Feuer. 5 Aus dem Licht aber stieg ein heiliger Logos (Wort) zur Natur, und ein reines Feuer sprang heraus aus der feuchten Natur zur Höhe. Denn es war leicht, schnell und kräftig zugleich, und die Luft, die leicht war, folgte dem Geist, indem sie von Erde und Wasser aufstieg bis zum Feuer, so daß es mir schien, als hinge sie an ihm. Erde aber und Wasser blieben zusammengemischt für sich, so daß ich die Erde vor Wasser nicht sah. Sie wurden aber bewegt durch den sich darüber bewegenden pneumatischen Logos, so daß man es hören konnte (?). 6 Poimandres sagte zu mir: "Hast du eingesehen, was diese Schau will?" Und ich sagte: "Ich will es (noch) erkennen." Er sagte: "Jenes Licht bin ich, der Nou=j, dein Gott, der vor dem Feuchten, das aus der Finsternis sichtbar wurde (,da war). Der aus dem Nou=j hervorgekommene leuchtende Logos ist der Sohn Gottes." "Wie?" sagte ich. "Erkenne es auf folgende Weise. Was in dir sieht und hört, ist der Logos des Herrn, der Nou=j ist der Vatergott. Denn sie sind nicht voneinander geschieden; ihre Einigung ist das Leben." - "Ich danke dir", sagte ich. - "So beherzige das Licht und erkenne es."«[2556]
Alles ist in wundervolles Licht getaucht, was Hermes verzückt betrachtet. Da kommt Dunkel herab und verwandelt sich in furchterregende, geheimnisvolle und also urweibliche Tiāmat-Schlange mit ihrer Vaginal-Feuchte und aus ihr kommt Rauch als sexueller Lockduft, eine klagend präorgastisch stöhnende Stimme und der orgastische Schrei wie bei einer rolligen Katze, die fast umkommt vor Sehnsucht nach dem Kater. Vom männlichen Licht geht der Logos aus wie ein Penis, vereinigt sich mit der feuchten Natur und ein reines Feuer fließt heraus wie ein Baby, steigt aus der Feuchte empor in den Himmel. Wo die Hermetik Wiedergeburt (paliggenesi/a) durch Kenntnis der Himmelsheimat als Zentralthema zelebriert, ist die Metapher von lustvoller Befruchtung und Geburt ein Zeugnis dafür, daß dieses metaphorische Szenario seine eigene Dynamik des Sexuellen auch da noch freisetzt, wo es, wie in der gesamten Liebesmystik, zu Zeichen eines komplett asexuellen Seins mißbraucht wird. Auch die Luft folgt diesem pfingst-feurigen Logos zum göttlichen Urvaterfeuer himmelwärts, denn sie ist von ihm abhängig. Erde und Wasser sind vermischt als babylonische Frühjahrs-Überschwemmung. Auf diese Urflut wird der axUr von Gen 1,2 als der das Leben bewegende Heilige Geist gebracht, eine quasi niedere Form des vom Erlöserlogos abkünftigen Weltseelenteiles. Poimander deutet nun: Er selbst sei das Licht, der Nou=j und auch Gott, bevor das Feuchte aus dem Dunkel kam. Das klare, strahlende Wort des Geistes ist der Sohn Gottes. Hier liegt eine mythische Variante der Geschichte von der unbefleckten Empfängnis Marias vor. Als Vaterpenis ist Christus zur Erde gekommen, die ihn sehnlichst erwartet und empfangen hat. Er hat sie von ihrer innerlichen Leere erlöst, indem er gekommen ist. Als reines Feuer fährt er mit und durch die Luft wieder hoch zum himmlischen Männerverein. Das Pneuma über der Urflut bewegt wie der Wind die Materie und ist Lebenskraft der niederen Elemente Wasser und Erde. Das Weibliche ist niedere Materie. Hier ist keine himmlische Sophia oder Barbelo die Mutter des Erlöser-Sohnes, sondern die Erde selbst hat ihn gezeugt mit himmlischer Besamung. Dies ist im gnostischen Kontext eher selten.
In sumerischen Texten zeugt Nammu als Urmeer durch Parthenogenese Himmelsgott An und Erdgöttin Enki, aus deren heiliger Hochzeit der Luftgott Enlil hervorgeht, der seine Mutter Enki dem Vater entreißt und mit sich nimmt. In einem Paradies treibt er Inzest mit Tochter und Enkelin. Das Urmeer Tiāmat[2557] wird vom Süßwasserstrom Apsu in Enūma Eliš penetriert: Sperma und Flußwasser des Euphrat und Tigris sind lebenspendende Feuchte, prw/th u(gro/thj. Platon stellt im Timaios 44f die Schöpfung des Menschen nach dem Urwesen dar: zuerst als runder Kopf dem All ähnlich, dann mit Gehwarzen versehen, die sich zu Rumpf und Gliedern auswachsen, dem Kopf Mobilität zu verschaffen, damit er mit seinen Augen die Welt erkennen kann.
Der vom androgynen Gott geschaffene androgyne Urmensch geht in seiner unendlichen Schönheit herab zur ihm übergebenen Erde und will noch Besseres schaffen als Gott selbst. Er verliebt sich in sein Spiegelbild im Wasser, kopuliert mit ihm und wird zur himmlisch-irdischen Doppelnatur. Das ist der Fall aus der oberen Welt in die Lüste der unteren Sinneswelt. Nur Erkenntnis des himmlischen Selbst-Teiles ermöglicht eine Abkehr von den Lüsten der irdischen Welt.
Eine postmortale Himmelsreise durch 7 Sphären schließt sich an, wobei in jeder Sphäre eine negative Eigenschaft abgelegt wird, läuterungsmäßig: Wachsen, Bosheit, Wollust, Herrschsucht, Hybris, Besitzgier, Lüge. In der achten Sphäre preisen alle Seelen miteinander Gottvater und sind vergöttlicht. CH I,24f: »Zuerst überantwortest du, wenn sich der materielle Mensch auflöst, den Körper selbst der Verwandlung, und das Aussehen, was du hattest, verschwindet. Und deine Wesensart übergibst du dem Dämon als etwas, das ohne Wirkung geblieben ist. Und die Wahrnehmungen des Körpers kehren zu ihren Quellen zurück, vereinzeln sich und setzen sich dann wieder zu neuen Wirksamkeiten zusammen. Und Leidenschaft(en) (Qumo/j) und die Begierde(n) (e)piqumi/a) gehen in die vernunftlose Natur. 25. Und auf diese Weise steigt er (der innere Mensch) schließlich nach oben durch die Himmelsharmonie, und der ersten Zone gibt er die Kraft des Wachsens und die Anlage des Verfallens, der zweiten das Mittel zum Bösen, die List, die ohne Wirkung geblieben ist, und der dritten Zone den Betrug aus Begierde, da ebenfalls ohne Wirkung, und der vierten die Herrscherpose, auf deren Vorteil er verzichtete, der fünften den unfrommen Eifer und den tollkühnen Frevelmut, der sechsten die schlechte Gier nach Reichtum, die ohne Wirkung geblieben ist, und der siebten Zone die hinterhältige Lüge. 26. Und dann, befreit von den Wirksamkeiten der Himmelsharmonie, kommt er (der innere Mensch) in die achte Natur und hat (nur noch) sein eigenes (geistiges) Vermögen und besingt mit den (wahrhaft) Seienden den Vater. Es freuen sich aber alle, die dort sind, über sein Kommen; und nachdem er denen, zu denen er nun gehört, gleich geworden ist, hört er auch noch andere Kräfte, die sich oberhalb der achten Natur befinden, mit süßer Stimme Gott besingen. Und dann steigen sie in geordnetem Zuge zum Vater auf und übergeben sich selbst den Kräften und, zu Kräften geworden, gehen sie in Gott ein. Dies ist das selige Ziel für die, die Erkenntnis erlangt haben: vergöttlicht zu werden«[2558] Platons Götterzug aus Phaidros 245ff klingt an, ähnlich wie CH X,15. Diese Tradition erinnert stark an die Himmelsreise Henochs, etwa mit der Siebenzahl der Himmel und ihrer babylonisch-astrologischen Prägung und verbindet sie mit dem Aufstieg der Seelen bei Platon. Diese Himmelsvision schließt ab mit einer Paränese, ähnlich dem Zostr. Poimandres fordert seinen Schüler auf, die gewonnenen Erkenntnisse anderen weiterzusagen. Dieser verkündet (khru/ssein) den Menschen die Schönheit der Erkenntnis und Frömmigkeit und ruft sie auf, ihre Trunkenheit und ihren Schlaf zu beenden. Hier ist I,31f ein Hymnus erkennbar, wie er auch V,10f und XIII,17-20 vorkommt.
2.2.5 Die mittelplatonische Tradition der
visionären Schau des
Göttlichen
Die Hermetische Gnosis ist mit dem Baumaterial der Mysterienkulte ausgestattet.[2559] Daß z.B. in NHC VI,6-8 (OgEn, OrHerm, Schreibernotiz, Asklepios) hermetische Schriften harmonisch neben christlich angehauchten (ActaPetr) und sethianischen Texten (Bronte und Noema) stehen, ist Zeichen, daß für Gnostiker beide Richtungen gleich interessant waren, es gab eine große Bandbreite und Toleranz der gnostischen Gläubigen.[2560] Daß hier ebenso das Plato-Fragment sich findet, zeigt allerdings auch, daß hier kein wahlloses Durcheinander herrscht, sondern eine mittelplatonische Mystagogie eng verbunden ist mit dem Sethianismus und seinem Aufstiegsmysterium. Ein Strukturvergleich zeigt die Ähnlichkeit von Hermetik und dem Neuplatonismus:
Platonisch
Hermetisch
Die Dinge werden von Gott emaniert
Blitz fährt von oben in die
prima materia
Seele hat Heimweh nach der Himmelsheimat
Erste Stufe: nigredo
Verfinsterung
Seele
steigt auf in Kontemplation durch die
Sphären
Der artifex steigt in
den Stoff hinunter
amor coelestis führt zu ,coincidentia
oppositorum'
unio
mystica mit der Gottheit
,Kuß
Gottes' (Kabbala) wird zitiert von
Platonikern
chymische
Hochzeit Sonne-Mond
Während neuplatonische vergeistigende Philosophen mit einem Aufstieg zu Gott, dem All-Einen beginnen, steht für die Hermetiker der Abstieg des artifex in die Materie im Zentrum: die Inkarnation Gottes im Menschen. Die Hermetik sieht die Materie positiver als der Neuplatonismus nicht als Dekadenz des göttlichen Seins, sondern von diesem göttlichen Sein durchwirkt.
In CH X,4 beschreibt Hermes seinem Schüler Tat die blende Macht der Visionen der hermetischen Gnostiker: »Nein, nicht so wie die Strahlen der Sonne in ihrer feurigen Glut blenden und das Blinzeln der Augen bewirken wirkt auch die Schau des Guten. Im Gegenteil, sie erleuchtet sogar nur in dem Maße, wie einer, wenn er dazu in der Lage ist, das Einströmen des geistigen Glanzes ertragen kann. Denn es dringt stärker in uns ein, ist aber unschädlich und ganz voll von Unsterblichkeit. 5. Diejenigen, die von seinem Anblick etwas mehr aufnehmen können, trennen sich oft vom Körper wie im Schlaf und gelangen zu einer Vision von größter Schönheit, wie es Uranos und Kronos, unsere Vorfahren, erlebt haben.«[2561] Hier ist die Trennung vom Körper als Trancetechnik in der Schau des Guten beschrieben, der für Platon nur hinderndes Gefängnis war. Die mystische Versenkung führt zum Einströmen des göttlichen Glanzes und verleiht Unsterblichkeit. X,5f: »Denn du wirst sie dann schauen, wenn du darüber nichts sagen kannst. Denn ihre Erkenntnis ist göttliches Schweigen und Untätigkeit aller Sinnesorgane. 6. Denn wer diese Schönheit erkennt, kann nichts anderes erkennen, und wer dies schaut, kann nichts anderes sehen und nichts anderes hören und überhaupt kann er den Körper nicht bewegen. Er vergißt alle körperlichen Wahrnehmungen und Bewegungen und ist ohne jede Regung. Sie (die Schönheit des Guten) umstrahlt den Geist gänzlich, läßt die ganze Seele wieder aufleuchten, zieht sie durch den Körper hinauf und verwandelt ihn (den inneren Menschen) ganz in wahres Sein. Denn es ist unmöglich, mein Sohn, daß eine Seele, solange sie im Körper des Menschen weilt, (die) Schönheit des Guten schaut und vergottet wird.« Die hermetische Trance ist ebenfalls ein Verlassen des Körpers im Sinne schizoider kataleptischer Katatonie, wie sie in Platons Er-Mythos zum Vorbild wurde.
Die visionäre Trance mit der Erkenntnis der Schönheit des göttlichen Glanzes ist unmittelbar der Aufstieg in die himmlische Heimat, in die man nach dem Tod endgültig ziehen wird. X,15: »Gott ist nicht in Unkenntnis über den Menschen, sondern er kennt ihn durchaus und will erkannt werden. Das allein bedeutet für den Menschen Heil, die Erkenntnis Gottes. Das ist der Aufstieg zum Olymp.« Diese Anspielung auf den Zug der Götter im Phaidros 245ff und ähnliche Himmelsaufstiege durch mystische Versenkung ins Erkennen als Heilsweg ist zum Grundmuster der Gnosis geworden und leiht ihr den Namen.
Die mystische Erkenntnis der göttlichen Herkunft des Menschen vollzieht bereits den Aufstieg in die Himmelswelt, von der er gekommen ist. Die mystische Extase mit dem Erleben eines Glanzes ist die platonische Tradition der Himmelsreise. Dabei ist das eigentliche mystische Erleben gar nicht wirklich sagbar und spiegelt darin das göttliche Schweigen.(X,5) Diese Form der schweigenden Versenkungstrance ist für die christliche Mönchsmystik bestimmend geworden.
Die Hermetik hat Motive aus den hellenistischen Mysterien aufgegriffen, um das Ereignis der Selbst- und Gotteserkenntnis zu beschreiben: Die Umwendung des Menschen vom Körperlichen zum Geistigen, von einem lasterhaften zu einem sittlichen Leben, wird CH I,30 wie eine mystische Geburt dargestellt. Das mystische Schweigen CH I,2.8.16 charakterisiert den Akt der Einweihung und Arkandisziplin wird von allen Eingeweihten verlangt. Der häufige Vater-Titel für Hermes (CH I, V, X, XII, XIII) weist ihn als Mystagogen der Wiedergeburt aus.
2.2.6 Die Wiedergeburt in der Schweige-Sing-Extase
Platon spricht Men. 81b, Phaed. 72a von pa/lin gene/sqai als einem Wieder-Entstehen. Aristoxenos von Tarent berichtet von der Wiedergeburt des Pythagoras als einer Metempsychose, einer Reinkarnation.[2562] Erst wesentlich später kam die Rede von Wiedergeburt in Mode. Der im CH häufige Terminus paliggenesi/a (55 Mal, paliggenh/j 20 Mal) bezeichnet die Wiedereinkörperung der Seele.
Plutarch bezeichnet die Auferstehung des Osiris als Wiedergeburt.[2563] Apuleius bezeichnet im Isis-Buch seiner Metamorphosen (Buch XI) die durch den Isis-Priester Eingeweihten als quodam modo renatos: auf gewisse Weise Wiedergeborene, und spricht von einer Geburtstagsfeier des Mysten.[2564]
Nach Sallust, Diis et Mund. 4 symbolisieren die Attis-Mysterien Wiedergeburt und Aufstieg der Seele. Ob eleusische oder orphische Dionysosmysterien auf eine Wiedergeburt zielten, ist zweifelhaft.[2565]
Philo spricht von der Wiedergeburt des Kosmos nach dem Weltenbrand.[2566] Nur die besten Menschen bekommen die Chance eines zweiten Anfangs.[2567] Er verstand unter Wiedergeburt keinen Mysterienritus mehr, sondern die erkennende Einweihung in die Gottesschau.[2568] Beispiel der zweiten Geburt ist der Aufstieg Moses zum Sinai als brennendem Feuer.[2569]
In CH XIII weiht Hermes Tat in der Wüste in die Wiedergeburt und Vergottung ein. CH XIII hat große Nähe zum Traktat über die Achtheit und die Neunheit OgEn in NHC VI,6 und ist der einzige Traktat, der sich explizit auf CH I bezieht, indem er Poimandres nennt und auf dessen postmortalen Himmelsweg in CH I,26 anspielt. Die Achtheit über den sieben Himmeln ist der Anfang der göttlichen Sphäre und der Ruhe-Ort, zu dem die Seele nach dem Tode aufsteigt, cf ApkPls. Die Neunheit ist die Sphäre des unsichtbaren Vaters und erstreckt sich bis hinunter zur Achtheit wie in CH I,26. Der Trend zur Überbietung bläst die Zahl der Himmel immer weiter auf, von 7 auf 8 oder mehr. Wenn CH XVIII,2 von einer Zunft (ge/noj) spricht, dürften hermetische Texte nicht nur ein Lesemysterium für Idiosynkraten gewesen sein, sondern lassen auf eine hermetische Gemeinde schließen.[2570] OgEn bestärkt dies durch eine Liturgie mit Gebet 53,28-57,25, rituellem Bruderkuß 57,26f und nachfolgendem Gebet. Im hermetischen Askl 41 gibt es ein Kultmahl. NHC VI erhellt so die kultische Praxis der Hermetik. Die vielen Mysterien-Termini (Paradosis, Reinigung, arkan, Schau, Schweigen als Höhepunkt der Schau) bestätigen die Beeinflussung der Hermetik durch Mysterienkulte. Es gibt ägyptisches Lokalkolorit in OgEn 61,19ff: »Oh mein Sohn, schreibe dieses Buch für den Tempel in Diospolis 20 in Hieroglyphen, wobei du es nennen (sollst): ,Die Achtheit offenbart die Neunheit. ... 26 auf blaugrün schillernde Stelen ... 62.2-9 Deswegen befehle ich, diese Rede in Stein zu meißeln und in mein Heiligtum zu stellen. Acht 5 Wächter bewachen es mit [...] der Sonnen. Die Männlichen an der rechten (Seite) sind froschgesichtig, die Weiblichen an der linken (Seite) sind katzengesichtig.« Dies legt Anleihen aus ägyptischen Mysterienkulten nahe. Wenn es einen Tempel der Hermetiker gegeben hat, in dem das Kultmahl mit Gebeten und Bruderkuß stattfand, ist auch viel Geld geflossen. Es hat eine Art Katechismus der Hermetiker gegeben, die »Allgemeinen Lehren« (genikoi\ lo/goi), die wie CH XIII - laut Titel und XIII,1 - in der Wüste vorgetragen wurden. Auch OgEn 62,33-63,5 macht die Kenntnis der »Allgemeinen Lehren« zur Bedingung für die Zeugung aus Gott. CH X,5-6 bringt einen Auszug über die geistige Schau, die im Schweigen und unter Ausschaltung aller Sinne stattfindet. Das morgendliche mystische Sonnen-Schweige-Gebet der Hermetiker nach Osten und das abendliche nach Westen unter freiem Himmel erinnert an den ägyptischen Atum-Re. CH XIII,16: »So stelle dich denn, mein Sohn, an einen Ort unter dem freien Himmel, blicke in südliche Richtung beim Untergang der sinkenden Sonne und bete kniefällig. Verhalte dich so in gleicher Weise, wenn die Sonne aufgeht, gen Osten. Wahre Schweigen, mein Sohn.« Die ägyptischen Sonnenhymnen an den aufgehenden, mittäglichen und untergehenden Sonnengott werden vom Sonnenpriester oder dem Pharao gebetet: »Sei gegrüßt, Re, bei deinem Aufgang, Atum bei deinem schönen Untergang! Du erscheinst, du erglänzt auf dem Rücken deiner Mutter, erschienen als König der Neunheit.«[2571]
Hier finden wir nicht nur die Übernahme der Sonnenhymnen in das hermetische Gebet, sondern auch die Quelle der Neunheit: die Götter der Präexistenz sind Vater Atum und seine Kinder Schu und Tefnut, die Götter der Urzeit sind Geb und Nut , Isis und Osiris, schließlich in nächster Generation Seth und Nephthys. Horus gehört nicht dazu, er ist bereits geschichtlicher Gott. Das Hören des Gesanges der Neunheit aus der achten Himmelssphäre (o)gdoa/j) in mystischem Schweigen (CH XIII,15: »hymnischer Lobpreis der Kräfte«) lauscht also dem Gesang der ersten Götter. Der erste und höchste der Neunheit wird angerufen. Die archaische Triade ist der Vater mit Tochter und Sohn, Atum mit Tefnut und Schu. Diese Trias ist das Urmodell für die Triade vom unsichtbaren Vater, der Tochter Tefnut=Ma‘at=Sophia=Barbelo und dem Sohn Schu alias Autogenes. Daß der unsichtbare Vater oder Geist auch als Licht und Leben angerufen wird, ist ein weiterer Anhalt, daß hier ursprünglich Re-Atum als Sonnengott gemeint ist. Die Hermetik wäre dann ein Bindeglied zwischen altägyptischem Sonnengott und dem platonisierten All-Vater des Sethianismus, der nur einen Teil der Götter-Neunheit übernommen hat.
Hermes wird CH XIII,15 in mystischer Versenkung zum Mund Gottes: »Deshalb singen nun auch in allen (Wiedergeborenen) die Kräfte, die in mir sind.«[2572] Der ägyptische Priester ist auch nicht er selbst oder Mittler, sondern spielt die Rolle Gottes. »Der ägyptische Kult versteht sich... nicht als Kommunikation zwischen Mensch und Gott, sondern als ein rein götterweltliches Kommunikationsgeschehen, worin der Priester im Rahmen fester "Konstellationen" die Rolle eines Gottes spielt.«[2573]
Das Gebet Tats OgEn 56,8ff preist in überbietenden Superlativen Gott als vollkommen, unsichtbar und im Schweigen akklamierbar. Diese Mischung aus Superlativen und Negationen begegnet in allen Hymnen mit Vokalgesang und ist eine semantische Starthilfe der Extase, indem man sich vor dem Abheben ins Singen ersteinmal in Rage redet, am Sagen des Unsagbaren mit fehlenden Worten wortgewandt herumstrampelt: »Er hat alles erschaffen. Der, der sich selbst in sich hat, sorgt für 10 alle. Er ist vollkommen, der unsichtbare Gott, den man im Schweigen anruft; - sein Abbild wird bewegt, wenn es verwaltet wird, und es verwaltet -, der 15 stark ist an Kraft, der über die Größe erhaben ist, der mehr auserwählt ist als (alle) Herrlichkeiten, Zoxathazo A WW EE WWW HHH WWWW HH WWWWW OOOOO 20 WWW WWW UUUUUU WWW WWW WWW WWW W W Zozazoth! Herr, gib uns Weisheit aus deiner Kraft, die 25 zu uns reicht, damit wir uns die Schau der Achtheit und der Neunheit beschreiben können. Wir sind schon zur Siebenheit gelangt, weil wir gottesfürchtig sind und in deinem Gesetz wandeln; 30 und deinen Willen erfüllen wir jederzeit.«[2574] Die Vokalreihe ergibt wie OgEn 61,10ff eine Pyramide als Treppe des Aufstiegs nicht nur des Pharaos, die unteren 8 Omegas bilden den achten Himmel und gesungen ist die Vokalreihe eine dem Chakra-Singen der buddhistischen Meditation verwandte Trancetechnik, die durch tiefe Vibrationen des Körpers entspannt und Endomorphine freisetzt.[2575] Hermes vergleicht CH XIII,4 die Wiedergeburts-Extase mit dem Traum: »aus dir selbst herausgetreten, wie jene, die im Schlaf Träume haben, jedoch ohne Schlaf.« Damit rückt die hermetische Trance in die Nähe des Leunerschen Katathymen Bilderlebens. Daß man dieses nicht erzwingen kann, sondern nur geschenkt erleben darf, dafür steht die visionsschenkende Barmherzigkeit Gottes (e)/leoj XIII, 3, 7, 8, 10).
Die Wiedergeburt ist eine Abkehr von der trügerischen Sinnenwelt zur einen reinen geistigen Wahrheit, darin dem Lehrgedicht des Parmenides mit der Auffahrt zur Göttin Dike nachgebildet und den entsprechenden platonischen Rezeptionen. Auch hier geht es um eine Auffahrt über die 7 Planetenhimmel in den achten, in dem man die göttlichen Kräfte des Lichts und Lebens (als ägyptische Götter-Neunheit Atums) singen hört in schweigender Versenkung. Die Vorbedingung dieser Wiedergeburt ist eine lange Selbsterziehung in der Abtötung körperlicher Begierden. Die Versenkungsextase rekapituliert diese alltagspraktisch schon vollzogene Abkehr von den Weltverstrickungen und Hörigkeiten gegenüber Trieben in eine lichte platonische Ethik der Freude, Gerechtigkeit, Wahrheit und Solidarität im schweigenden Gebet zur aufgehenden und untergehenden Sonne hin. Durch Hören des Singens der Ur-Götter-Neunheit im Schweigen wird man so von ihrer Kraft erfüllt, daß eine innere Euphorie zum Einstimmen in diesen himmlischen Gesang der Kräfte treibt. In diesem Lobpreis der Kräfte des Guten, Lichten, Wahren wird eine neue Lebensqualität erfahren, die so evident ist, daß sie als neues Ich gefühlt und benannt wird. Da diese neue Lebendigkeit soziale Impulse verstärkt, drängt es förmlich zu Bruderkuß, gemeinsamem Lobpreisen Gottes und Mahlgemeinschaft.
Wie vollzieht sich Wiedergeburt? Durch Ausschalten körperlicher Wahrnehmung und Verlassen der materiellen Welt und des eigenen Körpers wie beim Schamanen, so Hermes CH XIII,3: »Ich sehe in mir eine Vision, die jenseits aller Körperlichkeit durch Gottes Barmherzigkeit entstanden ist, und ich bin aus mir selbst herausgetreten in einen unsterblichen Körper und bin jetzt nicht mehr der, der ich war, sondern wurde im Geist geboren. ... ich habe keine Oberfläche und Farbe mehr, man kann mich nicht anfassen, und ich habe keine Körpermaße; diese Dinge gehören nicht zu mir. Jetzt versuchst du mich, mein Sohn, mit deinen Augen zu sehen; was du aber auch wahrnimmst, wenn du mit dem körperlichen Sehvermögen schaust, mit diesen Augen kann ich jetzt nicht geschaut werden.«[2576]
Die Eigenschaftslosigkeit des Ichs in der mystischen Versenkung findet sich auch in der Beschreibung Gottes in negativer Theologie wieder: Zostr 65: ohne Gestalt, Form, Farbe usw. cf unten 3.4.5 Das rein Geistige ist nicht mit Metaphern der Sinnlichen Wahrnehmung zu beschreiben: XIII,6: »Das, was nicht unrein ist, mein Sohn, was nicht begrenzt ist, was ohne Oberfläche und Farbe ist, ohne Form und ohne Wandlung, das Unverhüllte, das Strahlende, das, was nur von sich selbst begriffen wird, das unveränderlich Gute, das Unkörperliche.« Alle Kategorien, mit denen wir unser Leben empfinden, feucht, warm, laut, lecker, sie versagen vor dem Erleben der Visionsempfindung. Hermes nennt XIII,7 die 12 Züchtigungen der Materie, die auf Unvernunft beruhen: Unwissenheit, Trauer, Maßlosigkeit, Begierde, Ungerechtigkeit, Habsucht, Betrug, Neid, List, Zorn, Unbesonnenheit, Schlechtigkeit. Sie lassen durch seine Gefangenschaft im Körper den inneren Menschen leiden. Er kann seiner Triebhaftigkeit nicht entkommen. Der Weg der Versenkung befreit sich schrittweise von einer dieser Triebregungen nach der andern. So übt Gott seine Gnade am Mystiker durch Befriedung, ja Aufhebung der Triebempfindungen. Diese Reinigung kommt ohne Taufe aus. Die Versenkung und der Aufstieg zu Gott kommt aber nicht ohne Reinigungen aus. Die 12 Triebhaftigkeiten werden ausgetrieben durch 10 Kräfte göttlicher Barmherzigkeit: Gotteserkenntnis, Freude, Beherrschung, Enthaltsamkeit (karteri/a), Gerechtigkeit, Gemeinsinn, Wahrheit, das Gute, Leben und Licht.(XIII,9) Diese platonisch-monastischen Tugenden sind unmittelbar mystagogische Stufen auf dem Weg zur Vergöttlichung: XIII,10: »Mit dem Kommen der Zehnheit, mein Sohn, vollzog sich die geistige Geburt; die Zwölfheit wurde vertrieben, und wir sind vergöttlicht durch diese Geburt. Wenn also einer dank der Gnade (Gottes) die vergöttlichende Geburt erlangt und die sinnliche Wahrnehmung hinter sich gelassen hat, erkennt er sich selbst, nun aus diesen Kräften bestehend, und ist voller Freude.«[2577] Diese Tugendliste hat viel mit den Aməša Spənta und der zarten und gerechten Ethik Zaraθuštras gemein, alle diese waren auch seine Hypostasen Gottes, bis auf Enthaltsamkeit. Wenn die 12 »Züchtigungen der Dunkelheit« (XIII,11) mit den 12 Tierkreiszeichen korreliert zur Welt des Trugs geschlagen und von den 10 göttlichen Kräften des Lichtes vertrieben werden, so schwingt in diesem Kontrast der Kampf Ahura Mazdās gegen die Truppen Ahrimans mit, der sich innerhalb jedes Menschen wiederholt. So ist es Tat möglich, »die körperliche Behausung abzulegen; denn du bist gereinigt.« (XIII,15)
Dieser aszendente Stufenweg der Befreiung von körperlichen Trieben und Verblendungen mündet in einen kleinen Hymnus XIII,17 mit Anrufung des gesamten Kosmos und alles seiner Subjekte, gemeinsam den Schöpfer für seine Wohltat zu preisen nach Art der Schöpfungspsalmen des AT. Daran schließt sich ein großer Hymnus 18-21, in dem die 10 Kräfte des Lichts in der Art der avestischen Yazata-Litaneien sukzessiv gepriesen werden. XIII,18: »Ihr Kräfte, die ihr in mir seid, besingt das Eine und das All; singt zusammen mit meinem Willen, all ihr Kräfte in mir. Heilige Erkenntnis, erleuchtet von dir besinge ich durch dich das geistige Licht und freue mich in der Freude des Geistes. Alle ihr Kräfte, singt mit mir.... Leben und Licht, von euch kommt, zu euch geht der Lobpreis. Ich danke dir, Vater, Energie der Kräfte; ich danke dir, Gott, Kraft meiner Energien. Dein Logos besingt dich durch mich; durch mich nimm das All in meinen Worten als ein geistiges Opfer an.«[2578]
Was als aszendenter innerer Kampf
gegen quälende Triebwelten
an lichter Leichtigkeit im Schweigen (CH
XIII,2,8,16,22) errungen wird, ähnelt der
Depressionstherapie durch
positive Selbstattributierung[2579]
und graduelle Verbesserung des Selbstwertgefühls durch
Aktivierung narzißtischer
Restressourcen. Wie der Teufelskreis von Vereinsamung,
Rückzug, Selbstentwertung
und Entwertung/Meidung durch die Anderen durch Liebesverlust gelernt
wird, wird
auch die Wiederentdeckung des Selbst als eines geliebten und
liebenswerten gelernt.
Die Mystagogie ist ein Lernweg in der virtuellen Welt der Himmelsaufstiege, die basalen positiven Lebensenergien, Reichs Orgonenergie als göttliche Macht, zu spüren. Wie Energie ab einem bestimmten Quantum sich entlädt, so induziert das mystische Schweigen eine akkumulierende Spannung vitaler Energie, die als göttliche Kraft im Ich und als Neugeborensein gefühlt wird. Diese freudige Vitalität entlädt sich im Singen. Loben wird wie Mäkeln gelernt: CH XIII,21 bestätigt Tat dem Lehrvater, daß er durch dessen Singen das Lobpreisen als Kunst der Verzauberung von Welt und Ich aufgenommen hat. »Durch deinen Hymnus und Lobpreis ist mein Geist ganz erleuchtet. Mehr noch, auch ich will aus der Tiefe meines Herzens Gott einen Lobpreis schicken.«[2580]
Die Begriffe für die Wiedergeburt unterliegen gleitender Metonymie: »im Geist geboren werden« (XIII,3); »die Geburt in Gott« (XIII,6); »die Geburt der Gottheit« (I 7); » geistige Geburt« (XIII,6 & 10); »vergöttlicht werden durch die Geburt« (XIII,10); »die vergöttlichende Geburt« (XIII,10);«die Geburt des wahren Seins« (XIII,14); »Gott geworden sein« (XIII,14). Kein einziger Terminus wird wiederholt, auch bei den Namen des Wiedergeborenen nicht: Er ist »Gott und Gottes Kind« (XIII,2, 4 M. 14), ein »Allwesen« (XIII,2 & 19), »unsterblicher Körper« (XIII,3 & 14), »Auge des Geistes« (XIII,14 & 17), der » Mensch Gottes« oder«der eine Mensch« (XIII,19 & 4), »Logos« (XIII,8, 18 & 19) und »Aion« (XIII,20).
In den Upanišaden ist Ātmān das innere Selbst in allen Wesen. Im Taittirīya-Upanišad II,1 tritt Ātmān an die Stelle des ersten Geschöpfs, welches die Liste der Elemente als emanative Schöpfungssukzession eröffnet. Genau diese mystische Einheit des Menschenselbst mit dem All der Schöpfung ist in der Hermetik ebenfalls zu finden, wenn sich der Wiedergeborene als Aion und Allwesen, als Logos oder der eine Mensch, also der Urmensch, bezeichnet. Ob ein Einfluß der in Alexandria ansässigen Inder und Brahmanen erfolgt ist, oder ob hier der avestische Urmenschmythos von Gayōmard adaptiert ist, den man auch im Poimandres findet, bleibt offen. Wie indisch beeinflußt Platons Idee einer Weltseele mit ihren Abschattungen in allen Wesen ist, bleibt unsicher. Zumindest hatte Sokrates Brahmanen als Gesprächspartner und die indischen Gymnosophisten werden mit Magiern und Chaldäern als Quelle vieler Vorsokratiker erwähnt.[2581]
Megasthenes und Klearch von Soli bezeichnen Nacktweise und Juden als Nachfahren der Magier. Josephus nennt die Juden »Nachfahren der Philosophen in Indien«.[2582] Hekataios hält die Magier für die Vorläufer des Hinduismus und Judentums.[2583] Hippolyt verweist auf Demokrits Studium bei indischen Nacktweisen, ägyptischen Heiligen und babylonischen Astrologen und Magiern.[2584] Philo schreibt: »Bei den Perser gibt es die Magier, die das Wirken der Natur verflüssigen für die Erkenntnis der Wahrheit. ... In Indien gibt es die Nacktweisen, die eifrig arbeiten für die Philosophie der Natur und des Verhaltens und ihr ganzes Leben zum Erweis ihrer Kunst machen.«[2585] Günthert vermutet indischen Einfluß auf die Gnosis aufgrund der Affinitäten in Urmenschlehre und Himmelsreise der Seele.[2586] »Die Vorstellung von den sieben Himmeln, auf welche die Majjimanikaya anspielt, geht auf den Brāhmanismus zurück - wahrscheinlich ein Einfluß der babylonischen Kosmologie, welche, wiewohl indirekt, sich auch in den kosmologischen Vorstellungen der Altaier und Sibirier abgezeichnet hat. Doch der Buddhismus kennt auch ein Schema mit neun Himmeln, das jedoch stark "verinnerlicht" ist.«[2587] Der 9. Himmel ist das Nirvana und man reist meditativ von Himmel zu Himmel, wo auch in jedem eine Gottheit wohnt. Für die OgEn gilt ein entsprechender Neunerhimmel unmittelbar, wobei hier auch die Atum-Neunheit der präexistenten Vorzeitgötter anklingt. In der Kombination von Urmensch-Ich-Gott-All-Konfluenz und Neunerhimmel allerdings ist Günthert mit der Vermutung indischen Einflusses auf die Hermetik unbedingt Recht zu geben.
Subjekt und Objekt des Lobpreises konfluieren im Überschwang der Liebesextase, wenn das ergriffene Schweigen in glossolalische Überbietungshymnen explodiert.[2588] Gott singt in seinem Kind, dem Mysten, zu sich selbst, wie grandios er ist. Er ist ein Narzißt, der sich im Spiegel seiner Anbeter als vollkommen bewundert. Die Kraft des Mystikers kommt aus dem narzißtischen Empfinden, selbst ein Teil der großen geliebten Mutter oder des vollkommenen Gottes zu sein und daher selbst so grandios wie das geliebte und bewunderte Selbst-Objekt Mama oder Gott.[2589] In der Unsagbarkeit Gottes[2590] als eines von Gott zu Gott kommenden liegt die paradoxe Subjektdiffusion der mystischen Ichgrenzenaufschmelzung, die als symbiotische Konfluenz mit dem gesamten Universum in der Liebe erfahren wird. Der Mystiker wird Gottes Kind, indem Gott sich in ihm inkarniert, zur Welt bringt, manifestiert durch das Hören und Selbstsingen des Lobpreises der göttlichen Kräfte.
Daß in CH XIII Motive aus Mysterien nicht als Kulthandlung, sondern metaphorisch benutzt werden, um das Ereignis der Selbst- und Gotteserkenntnis zu beschreiben[2591], ist angesichts der deutlich institutionalisierten Hermesgemeinde müßig zu betonen. Die Metapher glitscht immerfort verändernd über die Signifikate[2592] und Metamorphosen der Kulte führen eben auch zur Form des individuellen Versenkung. Daß dies weniger kultisch sei als das Sonnengebet des Re-Atum-Priesters, ist nur bei einem völlig verengten Kult-Begriff wahr.
2.2.7 Das Emanationsprinzip als Zwiebelschalen
Gottes
CH X,10ff setzt als ersten Gott in der materiellen Welt den sterblich-schönen Kosmos vor den Menschen als zweite Schöpfung: »Tat: "Wer ist nun dieser materielle Gott?" Hermes: "Der schöne Kosmos; aber er ist nicht gut; denn er ist materiell und unterliegt leicht Einwirkungen von außen und ist der erste von allem, was veränderlich ist, der zweite aber vom Seienden, und er ist nicht in sich vollkommen. (...) 12 Und der Kosmos steht an erster Stelle, der Mensch ist das zweite Lebewesen nach dem Kosmos, das erste aber unter den sterblichen Wesen, er hat das Beseeltsein wie die anderen Lebewesen; er ist aber nicht mehr nur nicht gut, sondern auch schlecht, weil er sterblich ist. 13 Die Seele des Menschen hat auf folgende Art und Weise ein ,Gefährt': der Geist im vernünftigen Seelenteil (Logos), der vernünftige Seelenteil in der (übrigen) Seele, die Seele im Pneuma das Pneuma durchdringt das Blut der Venen und Arterien und bewegt so das Lebewesen und trägt es gleichsam in gewisser Weise.«[2593] Der Mensch besteht aus mehreren Schichten, die wie die Schalen einer Zwiebel nach innen gehen und in jeder neuen Stufe der Vergeistigung göttlicher sind. Es gibt Abstufungen des Göttlichen: Geist in Logos in Seele in Pneuma im Körper im Kosmos in Materie. Wie diese anthropologischen Stufen geht auch die Bewegungs- und Befehlsordnung von innen nach außen, der Geist bewegt den Logos, der die Seele, die das Pneuma, das den Körper, der die Welt. Die Mystagogie geht quasi zur Quelle all dieser Bewegung zurück. Der Kosmos entsteht als Sohn Gottes, der Mensch als Sohn des Kosmos. Es gibt eine Seelenverwandtschaft (X,22) zwischen jeder Stufe zur nächsttieferen oder -höheren, so ist die Seele der Götter mit denen der Menschen verwandt, wie auch die Menschseele mit der Tierseele. Die Seele kann diese Herkunft von Gott allmählich vergessen und verfällt dann an die Welt; ihre Schlechtigkeit besteht gerade in diesem Vergessen.
In CH XI,2f ist eine Emanation in der Schöpfungssukzession Gott-Aion-Kosmos-Chronos-Werden entwickelt, in dem Aion wie die ägyptische Göttin Ma‘at bei Amon Re und mit ihr sofi/a Spr 8,23 erste Tochter Gottes ist, unbewegt und ewig um ihn herum: »Der Gott schafft den Aion, der Aion den Kosmos, der Kosmos den Chronos (die Zeit o( xro/noj), der Chronos das Werden (ge/nesij). Die ou)si/a des Gottes ist sozusagen die sofi/a; die des Aion die Identität (tauto/thj); die des Kosmos die Ordnung; die des Chronos die Veränderung; die des Werdens das Leben und der Tod. Das Wirken Gottes äußert sich in Geist und Seele, das des Aion in Beständigkeit und Unsterblichkeit, das des Kosmos in der periodischen Folge von Untergang und Erneuerung, das der Zeit in Wachstum und Verfall; das des Werdens in Qualität (und Quantität). Der Aion nun ist in Gott, der Kosmos im Aion, die Zeit (o( xro/noj) im Kosmos, das Werden in der Zeit. Und der Aion ruht um Gott, der Kosmos bewegt sich im Aion, die Zeit durchläuft ihre Bahn im Kosmos, das Werden vollzieht sich in der Zeit. ... der Aion ist unvergänglich... Der Aion schafft also kosmische Ordnung, indem er die Unsterblichkeit und die Dauer in die Materie hineinlegt.«[2594] Diese Reihe ist nicht die einzige. CH XVIII,17f ist Gott - Sonne - Kosmos - Geistiges Sein - 8 stellare Himmelskugeln - Götter - Dämonen - Menschen in Reihe gesetzt, so daß auf Platz 2 Sonne oder Aion sind. Die Sonne hat in XVIII,6-9 gleichsam die Rolle von Platons Weltseele als ruhende, alles bewegende, Leben schaffende Mitte des Alls inne.
Die
Zwiebel oder das Modell einer Palette von Schachteln, die alle aufgrund
ihrer
orgelpfeifenmäßig gestuften
Größen ineinanderpassen, ist das Paradigma
für
Kosmologie und Anthropologie der Hermetik. Der Mensch wiederholt in
seiner
gestuften Doppelheit von Geist und Materie die gestufte Doppelheit des
Kosmos.
Will man es sukzessiv kombinieren, käme man zu Zwiebelschalen,
von außen nach
innen, also von Nr. 1 bis Nr. 10 gesehen. Der göttliche Geist
im Menschen ist
quasi die kleinste Schale in allen anderen drin. Chiastisch zu
Säulen geordnet
ergibt sich links die kosmische Ordnung und umgekehrt von innen nach
außen
gesehen rechts die Schichten im Menschen, die zugleich eine
mystagogische
Stufung haben. Die Behälter in 10 verschieden
Größen haben Entsprechungen in
Art der Zwiebel, Nr. 1 und 10
sind göttlich, Nr. 5.
und 6. materiell. Dazwischen jeweils mit
verschiedenem Göttlichkeitsprozentsatz die Zwischenstufen.
Dieses Stufenmodell
könnte korrelieren mit mysterienhaften Weihegraden der
Hermetik, wiewohl sich
in den Hymnen Spuren einer Gottesdienstpraxis finden.
Das System der Schachtel in der nächstgrößeren kann auch die Reihe haben: Materie enthält Seele enthält Geist enthält Gott. Dazu die Beseelungsreihe in umgekehrter Richtung: Gott beseelt Aion beseelt Kosmos beseelt Himmel beseelt Erde beseelt Körperleben. CH XI,4: »Und die Seele des Aion ist Gott, die Seele des Kosmos ist der Aion, die Seele der Erde ist der Himmel. Und Gott ist im Geist, der Geist in der Seele, die Seele in der Materie. Alles dies ist so durch den Aion. Dieses All ist ein Körper, in dem sich alle Körper befinden, die Seele, voll von Geist und von Gott, füllt das All von innen her aus und umgreift es von außen, wobei sie das All belebt, und zwar von außen dieses große und vollkommene Lebewesen, den Kosmos, innerhalb von ihm aber alle Lebewesen, und sie verharrt oben am Himmel in ihrer Identität, unten aber auf der Erde verändert sie das Werden.«[2595] Platons Theorie der Weltseele ist hier leitend. Sie ruht im Himmel unwandelbar und bewegt doch Sterne und Erdlauf und alles Lebendige. Hinter der Doppelheit dieser Ruhe/Bewegung steht Parmenides mit seiner Kluft vom unwandelbaren Einen/Wahren und der trughaften Vielfalt des Werdens.
2.2.8 Die materielle Welt als göttlich
durchwalteter Teil Gottes
Im Gegensatz zu Marcion und den Traditionen der gefallenen Engel, die für die negative Besetzung des Kosmos in der Gnosis stehen, herrscht in der Hermetik eine freundliche und bejahende Sicht der materiellen Welt vor. Die Welt ist nicht nur gute Schöpfung Gottes, sondern unentwegt von ihm durchwaltet. In jedem Körper bewegt er das Leben. Dabei ist auch die Einheit Gottes mit der Vergänglichkeit konsequent gedacht.[2596] Tod ist Rückkehr zu Gott und kein Beinbruch. Gott als Geist ist unsichtbar und will durch seine Schöpfung sichtbar werden: CH XIV,3 »Darüber hinaus ist das Geschaffene sichtbar, jener aber ist unsichtbar. Deswegen schafft er, damit er sichtbar ist.« Gott ist ohne seine Schöpfung undenkbar: XIV,3 »Der Schöpfer kann nicht ohne das Geschöpf existieren.« Er ist mir ihm wesensmäßig verbunden. Darum ist die Welt von Gott durchdrungen.
Der Pantheismus von Röm 11,36 (»Denn aus ihm und durch ihn und auf ihn hin ist die ganze Schöpfung.«) mit seiner Heilsgeschichte von der Emanation zur eschatologischen Wiedervereinigung der Schöpfung mit Gott könnte abgeschaut sein von Poimandres, wo alles Geschaffene substantiell gut ist. cf CH I,2: Gott tritt »durch alles in Erscheinung und in allem, und besonders denen, denen er selbst in Erscheinung treten will.« XII,20: »Gott ist um alles und durchdringt auch alles. Denn er ist Wirken und Kraft.« CH XII,23: »Im All ist nichts, was nicht Gott ist. Daher gibt es bei Gott weder Größe noch Ort noch Beschaffenheit noch Form noch Zeit. Denn er ist das All. Das All aber schließt alles ein und umfaßt alles.« CH XVIII,19 »Durch sie schafft Gott alles aus sich selbst, und alles ist Teil Gottes. Wenn aber alles Teil Gottes ist, ist Gott also alles. Indem er nun alles schafft, schafft er sich selbst und dürfte niemals damit aufhören, weil es auch für ihn selbst kein Aufhören gibt. Und wie Gott kein Ende hat, hat auch sein Schaffen weder Anfang noch Ende.« Die Welt ist Teil Gottes selbst und die unaufhörliche Veränderung der Schöpfung sichtbares Zeichen seines unsichtbaren Wirkens.
2.2.9 Die persisch-babylonische Magie
Ägyptens in hermetischer Theurgie
Die Magie hat einen hohen Stellenwert in der Hermetik. CH XII,19: »Von allen Lebewesen trifft das aber am meisten für den Menschen zu, der sogar die Möglichkeit hat, Gott in sich aufzunehmen und mit Gott in Verbindung zu treten. Denn Gott teilt sich allein diesem Lebewesen mit, in der Nacht durch Träume und am Tag durch Vorzeichen, und durch alles mögliche sagt er ihm die Zukunft voraus: durch Vogelzeichen durch Eingeweideschau durch ein Pneuma, durch eine Eiche; deshalb behauptet auch der Mensch von sich, Vergangenes, Gegenwärtiges und Zukünftiges zu wissen.« Hermes nimmt auf die mantischen Praktiken und Orakel Bezug. Sie basieren auf der direkten Verbindung zu Gott. Ihr Zweck der Zukunftsvorausschau ist die Schadensabwendung.
Der ägyptische Alchemist Zosimus von Panopolis erwähnt in ¸H teleutai/a a)poxh/ Hermes Trismegistos mehrfach: »[3] Hermes und Zoroaster sagten, daß der Stand der Philosophen über dem Schicksal (ei(marme/nh) stehe, weil sie sich weder über das von ihm geschenkte Glück freuen - denn sie sind Herr über die sinnliche Lust -, noch werden sie durch das von ihm kommende Unglück niedergeworfen, weil sie stets ein Leben fern von allem Materiellen führen, noch nehmen sie die schönen Geschenke von ihm an, weil sie das böse Ende bedenken ... [4] Zoroaster rühmt sich des Wissens um alles Obere und der Magie der mit physischen Mitteln ausgesprochenen Worte und behauptet, alles Unglück des Schicksals (ei(marme/nh) sowohl im einzelnen als auch im allgemeinen (dadurch) von sich abwehren zu können. Hermes jedoch verwirft in seinem Buch ,Über die Immaterialität' auch die Magie und sagt: Der pneumatische Mensch, der sich selbst erkannt hat, darf weder mithilfe der Magie irgend etwas zustande bringen, selbst wenn es allgemein für gut gilt, noch darf er der Notwendigkeit (a)na/gkh) trotzen, sondern muß sie entsprechend ihrer Natur und ihrem Ratschluß wirken lassen. Und er muß sich auf seinem Weg allein von der Suche nach sich selbst leiten lassen, Gott erkennen und die unaussprechliche Dreiheit erfassen; und er muß dem Schicksal (ei(marme/nh) den ihm unterworfenen Schmutz, d. h. den Körper, überlassen, zu tun damit, was es will.«[2597] Der alte ägyptische Schadensabwehrzauber wird fälschlich Zoroaster als der Autorität für Magie angedichtet.
Die stoisch-kynische Weltabkehr macht die Asketen den Schicksalsschlägen gegenüber ataraktisch. Während die Magie sie verhindern will, läßt der Mystiker sie nicht an sein inneres Ich herankommen, was alle materielle Freude und Pein als äußerlichen Tand der Welt bagatellisiert. Zoroaster weiß um alles Obere, also die Himmelswelt - soweit hat Zosimos Recht. Daß er ihn mit der ägyptischen Zauberei identifiziert, ist der zeittypische Irrtum, den die Funktionswandel der mit Kambyses eingesiedelten Magier im Lauf der Jahrhunderte nach der Perserherrschaft in Ägypten mit sich brachte. Sie waren zum Einkommenserwerb auf ärztliche und zauberische Honorare angewiesen und haben sich seit Ostanes in die ägyptische Zauberkunst eingearbeitet. Dadurch konnte diese als Magie bezeichnet werden.
In der Mithrasliturgie PGM IV,475-820 geht es wie in CH XIII ebenfalls um Wiedergeburt als Verewigung. Eine Vergottung kommt PGM IV,385-406 (cf 1.5.2.44) in der komplexen Kette des Liebeszaubers vor, hat dort aber nur einen Zweck: die unwillige Angebetete krank vor Lüsternheit auf den Zaubernden werden zu lassen. Diese Mischung von visionärem Erleben des Schicksals der Seele nach dem Tod und pragmatischer Zweckrationalität zauberischer Utilität dürfte für die persischen Magier Ägyptens bezeichnend gewesen sein.
Daß bei diesen Liebeszaubern auch Mithras genannt wird, zeigt das persische Ambiente vieler ägyptischer Zaubersprüche. P. Duke inv. 729 ist eine Sammlung, die diese Mischung illustriert. 1-13 »Ein vielfach bewährter Zaubertrank: Nimm ein Weinblatt in die linke Hand mit zwei Fingern, lege es in die rechte Hand und schreibe auf das Blatt mit Myrrhe-Tinte die folgenden Worte, die praktisch unaussprechlich sind. Es ist ein Gebet an Aphrodite: "Azand iaza..... Azaraoiabal.. Armarida Phnouni ai Zaqeou Abrasaq EEE HH III OOOOO YYYYYY WWWWWWW Laß die N.N. mich lieben, den N.N., mit einer göttlichen, unaussprechlichen und unerschöpflichen Liebe. Sei mir, dem N.N. zu Diensten. Sofort, sofort, schnell schnell." Löse das Blatt in unvermischtem Wein auf und... und gib es ihr zu trinken... bis zu vier Malen.« - 13-18: »Zauberspruch zum Stummmachen. Nimm Ombrius-Feuchtigkeit, setze sie in einen Krug und setzte eine Kaulquappe in Ombrius-Feuchtigkeit, decke ihn zu. Nach 40 Tagen wirst du im Krug eine Kröte finden. Nimm ihr Blut, schreibe auf ihre Haut den Namen dessen, den du haßt. Dann schreibe auf die Tafel den Name dessen, den du stumm machen willst: "Abrak Braba Abraba Mache den N.N. stumm gegenüber der N.N."« - 19-27: »Zwangszauberspruch. Anzuwenden bei Zeichenfolge, ob es ihr paßt oder nicht. Wirkt universal. Nimm eine Zinntafel und schreibe darauf die Zeichenfolge und: Laß die N.N. den N.N. gebar, mich lieben, den N.N., den der N.N. gebar, komme, was wolle. Auf die Tafel schreibe auch: Ich binde die N.N. unten in Ägypten durch den großen Gott (Buchstaben) Iai (Buchstaben.) Laß die N.N. mich lieben, den N.N. wegen dieser Zeichen.« - 28-50: »Fürbittenhymnus an Helios. Er wirkt praktisch überall: bei Rechtsangelegenheiten, Problemen mit dem Magistrat und bei jedem Zweck, wo du durch Fürsprache erfolgreich sein willst. Er lautet: Heil dir, der du dich erhebst aus materiellem Raum, Stern Ekmhf Satraperkmhf, Arhth, Kind, was als ein Kind beginnt und als alter Mann endet, der auf der Lotosblume sitzt, für den der Himmel ein Tanzteppich geworden ist, der über den Cherubim ist. Heil dir Abrasax, genannt der himmlische Herr Elweu. Du bist der große Arouhr. Du bist der große Gott, in Memphis als Hephaistos angerufen. Du bist das ungeborene Element, geboren in der Ewigkeit, durch das Licht entsteht, durch das auch Dunkel entsteht, Leben und Tod, ... der bei den ewigen... aehiouw Biou Bibiou, Biou Bibiou, Biou Bibiou und der Geheimname ....anatis. Mache strahlend und heiter, mach strahlend und heiter. Ich rufe dich herbei um dich zu beschwören... (...) , damit du den ewigen ... Mithras innerlich erblickst...«[2598] Auch hier Vokalgesang, persisches „Satrap“, ungeborenes ewiges Licht, Abrasax ist El und Hephaistos als Gott des Feuers in Ostanes Wirkstätte Memphis ist wohl kein anderer als Ahura Mazda, auf den die Epiklese Mithras folgt.[2599]
In der OgEn 57 und 61 kommen nach dem Schweigen als Hören des Gesanges der Neunheit im Dankgebet die Vokalpyramiden als Trancegesang. Sie finden sich in vielen Zauberpapyri dieser Zeit ebenfalls, bei denen allerdings auch ägyptische und babylonische Einflüsse erkennbar sind. Pyramide ist Himmel und Himmelstreppe, als De/lta auch Eingangspforte. Hier dürfte ein Erbe der Magier vorliegen, die der Musiker und Aristotelesschüler Aristoxenos (370-322) beschreibt: »Der Name Magodie stammt aus dem gleichsam magischen Vortragen und wirkt wie eine Droge.«[2600]
Apuleius spricht als selbst magodisch Singender von der Macht dieses Gesanges. Nur der ist ein echter »magus..., der durch mündlichen Verkehr mit den Göttern alles, was er will, durch die unglaubliche Kraft seiner Gesänge erreichen kann«.[2601] Die Nähe zum buddhistischen Chakrasingen spricht weiterhin dafür, daß hier alte indoeuropäische schamanische Gesangstraditionen sowohl in Indien als auch im Iran und den Magierkolonien des Hellenismus und der Spätantike zum Tragen gekommen sind, die beidemale mit einer gegenüber dem Steppenschamanentum stark spiritualisierten und gleichwohl ähnlich ritualisierten Form des geistigen Verlassens des Körpers verbunden sind und diese durch die im Vokalsingen entstehenden Vibrationen und deren Endomorphinausschüttungen stimulierende Wirkung steigern. Diese postschamanischen Trancegesänge der persischen Magier finden Einzug in die hermetische und sethianische Versenkungsextase, cf 4.6.
2.2.10 Die Dämonen als teils auch gute
stellare Wirkmächte
Die Dämonen spielen eine wichtige Rolle. Sie sind jeweils zu gleicher Zahl einem der babylonischen Sternbezirke zugeordnet und kontrollieren die Menschen, sobald sie ihrer Herr geworden sind, ganz iranisch gedacht, durch ein Eindringen in den Körper des Opfers.[2602] CH XVI,13f: »So verteilt, dienen sie jedem einzelnen der Sterne, sind ihrer Natur nach, d.h. in ihrem Wirken, gut oder böse. Das Wesen eines Dämons liegt nämlich in seinem Wirken; einige von ihnen sind aber auch gemischt: gut und böse. 14. Sie alle haben die Macht über die irdischen Angelegenheiten erhalten, zumal über die irdischen Wirrnisse, und sie verursachen ganz unterschiedliche Störungen sowohl allgemein in den Städten und bei den Völkern, als auch privat bei jedem einzelnen. Denn sie formen unsere Seelen um und ermuntern sie in ihrem Sinne; dafür haben sie sich in unseren Nerven, in unserem Mark, unseren Venen und unseren Arterien und sogar in unserem Gehirn niedergelassen und durchdringen uns auch bis in unser Innerstes selbst.« Die Dämonen üben nach CH XVIII,16 die Herrschaft des Schicksals (ei(marme/nh) über die Menschen aus, indem sie den Verstand verwirren und gierig machen.
2.3 Himmelsreise im Mithraskult
2.3.1 Kommagene als Heimat des hellenisierten Mithra
Unter Artaxerxes
II.,
an dessen Palast
in Susa eine Inschrift Ahuramazda,
Anāhītā
und Miθra
als Garanten des Staatswohles benennt, wurde Miθra
404
v. Chr. neben Ahura
Mazdā zur Staatsgottheit
erklärt.[2603]
Miθra
hatte sich beim Kriegeradel durchsetzen können. Miθra
ist
eine Eroberergestalt, die Gehorsam einfordert. Diese Moral war im
römischen
Staat gewünscht. Der Mithrasglaube breitete sich durch
asiatische Kaufleute und
Soldaten von Persien über Pontos, Kappadozien, Armenien und
Kommagene bis ins
gesamte imperium romanum aus.[2604]
Um
Astrologie bereichert wird er zum Mysterien-Kult.
Getragen wird die Bewegung anfangs von
aramäisierten
Magiern Mesopotamiens.[2605]
Kommagene liegt östlich von Kilikien, nördlich von Syrien, südöstlich vom Taurosgebirge als Grenze zu Kappadozien, südlich von Pontos und westlich an Armenien anschließend in der heutigen Südost-Türkei am oberen Euphrat mit der dortigen Hauptstadt Samosata, wo die alte Königsstraße Sardes und Susa seit Kyros II. verbindet. Es ist ein zentrales Bindeglied zwischen Zoroastrismus alter Prägung und dem astralen Mithraskult.
Mithradates
I. Kallinikos (171 - 138) konnte das Land nach langer
assyrischer und
persischer Kolonialzeit zu einem Staat konsolidieren und ließ
überall Temenos
errichten, Kultstätten,
von denen aus der pyramidische Hügelberg Nemrud
Dagh
als Zentralheiligtum
zu sehen ist. Dort sitzen auf der Ostterrasse 5 riesige Statuen. Antiochos I.,
Kommagene/Luna,
Zeus/Jupiter, Mithras/Mercur und Herakles/Mars, die Inschriften sind
griechisch
und persisch:
(Bild aus Merkelbach 1984,264)
Antiochos
Kommagene = Hera = Teleia
Zeus =
Oromasdes
Apollo = Miθras = Helios = Hermes
Herakles
= Vərəθraghna
Unterhalb der Statuen sind in der Friedhofsmauer 5 Reliefs: Antiochus im Handschlag mit Kommagene, Zeus, Miθras und Herkules.[2606] Der Handschlag war ein Patronatsvertrag. Für ihre Verehrung revanchieren sich die Götter mit Staatsschutz. Das 5. Relief zeigt das Sternbild des Löwen mit Luna, Jupiter, Merkur, Mars und dem Königsstern Regulus.[2607] Unten schließt ein Feueraltar den Platz ab. Die Jahrestage der Thronbesteigung wurden auf dem Nemrud mit vielen Pilgern gefeiert am 10. Loos (14. Juni) als Tag der Erscheinung der großen Götter. In der Feste Arsameia am Fluß Nymphaios steht eine Skulptur von Mithradates I. Sohn und Thronfolger Antiochos I. Theos (80-32 v.Chr.) mit Miθras im Handschlag.[2608] Ein Relief am Grab des Antiochos auf der Ostterrasse am Nemrud Dagh ist fast identisch: Die persische Mütze des Miθra ist voller Sterne: Zeichen für Astralkult.[2609] Eine Inschrift des Antiochos lautet: »Der Leib schickt die gottliebende Seele voraus zu den himmlischen Thronen des göttlichen Ahuramazda zu dem unendlichen Äon, wenn er entschläft.«[2610] Hier ist ein klares Bild vom postmortalen Aufstieg der Seele in den Himmel zum Thron Gottes quasi Staatsreligion.
Hier finden wir die Synthese von zoroastrischem Mithrasglauben, der chaldäischen Astrologie und griechischem Götterbestand. Antiochos I. hatte als Mutter Laodike Thea, die von Alexander dem Großen via Seleukos I. Nikator abstammte. So hatte er ein griechisch-persisches Elternhaus. An diese Synthese hat sich der Mithraskult angeschlossen. Diese Synthese mußte nicht zwangsläufig zervanistisch sein, sonst wäre Zurvan/Chronos als oberster iranischer Gott eine der großen Grabstatuen gewesen. Es zeigt sich hier, daß die chaldäische Astrologie auch ohne zervanistische Mythen in die iranische Theologie des Miθras einfließen konnte. Dann aber stellt der Zervanismus nur eine der Rezeptionsformen der babylonischen Wissenschaft im Zoroastrismus dar, die aus politischer Unterdrückung des Mazdaismus im Alexanderreich geboren die Hoffnung auf den Sieg Ahura Mazdās fabuliert.
Kommagene war der einzige unabhängige Staat zwischen Römern und Parthern und wurde daher für beide zum wichtigen Handelspartner. Die Händler aus Kommagene konnten frei durch das Gebiet der Parther reisen, und konnten so mit exotischen Tieren und Gewürzen aus Indien und Seide aus China große Gewinne machen. Antiochos I. konnte hohe Zölle erheben, denn er kontrollierte die Pässe des Taurusgebirges und die Übergänge über den Euphrat. Aufgrund seines Reichtums konnte es sich Kommagene auch leisten, wertvolle Güter nicht nur zu handeln, sondern auch zu importieren. Die Händler verkauften ihre wertvolle Ware in Samosata an römische Händler und wohlhabende Einheimische. Während der Regentschaft von Antiochos I. wurde Samosata zum Mittelpunkt des Handels zwischen Ost und West. Hier trafen die Händler aus Kommagene und dem Partherreich auf die römischen, griechischen und orientalischen Kaufleute. 70 v. Chr. griffen die Römer Pontos und Armenien an, nachdem sie binnen 10 Jahren schon das westliche Kleinasien eingenommen hatten. Ein Jahr später eroberten sie dann Kommagene. Samosata konnte sich mit brennendem Pech auf die Legionäre erfolgreich verteidigen und blieb uneingenommen. 53 v. Chr. eroberten die Parther, mit Kommagene heiratspolitisch verbündet, Syrien, werden aber von Iulius Caesar geschlagen: Veni, vidi, vinci. Als er 44 ermordet ist, wird das Imperium romanum geteilt, Marcus Antonius erhielt den Osten, Octavian den Westen. Marcus Antonius hielt Hof in Tarsus in Begleitung seiner Geliebten Cleopatra. Schon Caesar war der Schönheit der ägyptischen Königin erlegen. 38 v. Chr. wagen die Parther wieder eine Niederlage gegen die Römer, ihre letzten Krieger suchen in Kommagene Zuflucht und auch Marc Antonius kann Samosata nicht einnehmen. Antiochos I. stirbt bald darauf.
Sein Sohn Mithradates II. folgte ihm auf dem Thron. Kommagene war nicht länger ein Gegner für das römische Reich. Unter der Regierung Mithradates II. wurde Kommagene ein Satellitenstaat der Römer und später ein Teil der Provinz Syria. Mithradates II. ließ Karakuš an den fruchtbaren Ufern des Flusses Nymphaios errichten, wo drei Stelen so positioniert sind an den Monumenten der Königinnengräber, daß im Juni das Sternbild des Leo nach Sonnenuntergang hinter der Löwen-Säule erscheint, Aquila hinter der Adlersäule um Mitternacht und Taurus hinter der Bullensäule bei Sonnenaufgang. Es zeigt die Konstellation von 26 v.Chr., während das „Löwenhoroskop“ von Nemrud Dagh die Konstellation von 62 v.Chr. festhält.[2611] Von seiner Sommerresidenz im Arsameia (Eski Kale) blickte er darüber. Unter Antiochos IV. wurde Kommagene, wenn auch nur für eine kurze Zeit, zum letzten Mal unabhängig. Im Jahre 74 n. Chr. wurde Kommagene endgültig von den Römern geschlagen. Nemrud Dagh wird geschliffen. Auf diesen Feldzügen gegen die Parther lernten die römischen Soldaten Miθra als Gott kennen. Er war als Kämpfergott volkstümlicher als Ahura Mazdā.
Um 70 v.Chr. kam der Mithraskult auf, der zunächst in unterirdischen Höhlen gefeiert wurde. In Doliche im südlichen Kommagene 50 km nordwestlich von Zeugma fand man 1997 das erste Mithräum im kleinasiatischen Raum.[2612] 1998 wurde ein weiteres Mithräum mit direkten Zugang zur ersten Höhle entdeckt. Sie ist mit 40 x 15 m größer als die Nachbar-Höhle. Der Gesamtkomplex ist eines der größten Mithräen. Im durch eine tabula ansata abgeteilten Kultraum (20 x 8 m) befinden sich zahlreiche Nischen, an der Stirnwand findet sich rechts versetzt das zwei Meter hohe in den Fels gemeißelte Miθras-Relief. Es zeigt den Stier mit nach oben gestrecktem Kopf, zwei Perser mit Fackeln vor und hinter dem Stier, die Dadaphoren Cautes und Cautopates als Kampfgenossen Miθras und Heliodrome, Skorpion am Sack, Schlange, Hund und Mischkrug, Sol und Luna am Himmelsgewölbe, keine Tierkreiszeichen, keine Astrologie, kein Löwe. Sollte die Astrologie in früher Zeit noch gar nicht ausgeprägt sein, oder sind die Sterne nur verwittert? - Miθras wurde von Christen weggemeißelt, die in der ersten Höhle Miθras Kopf durch ein Kreuz ersetzt hatten. Die Christen gingen mit der gleichen Gewalt gegen Miθras vor, die ihnen einmal angetan ward.[2613] Die Inschrift „LE IV“ haben Soldaten der Legio Scythia angekritzelt, die 66 - ~290 n.Chr. in der Nähe stationiert war.
2.3.2 Die Ausbreitung des Mithrizismus im
Römischen Reich
Miθras wurde schon im 1. Jh. v.Chr. von römischen Heeren in den Westen gebracht und sein Kult verbreitete sich seitdem im ganzen Römischen Reich. Appian teilt in seiner Mithridatika 160 n.Chr. mit, daß Seeräuber aus Kilikien den Mithrasdienst von den Überlebenden der geschlagenen Armee von Mithridates VI. Eupator (111-63) von Pontos übernommen hätten.[2614] Das weist auf die drei Mithridatischen Kriege 88-85, 83-81 und 74 - 63 v.Chr., wo ganz Kleinasien unter pontischer Kontrolle war. 77 verbündete Mithridates sich mit den Piraten. Wenn die pontische Armee Träger des Mithrizismus war, ist davon ganz Kleinasien bis Griechenland kontaminiert gewesen. Wenn die Legionen der Trägerkreis des Kultes waren, wird es ebenso im pontischen, kappadozischen, armenischen und kommagenischen Militär eine von Yašt 10 her einleuchtende Verehrung Mithras als Kampfgott gegeben haben, die sich hellenistisch aufgeweitet hat zur Mysterienform. Im kilikischen Anarzarbos ist ein Altar von Marc Aurelius (121-180) als »Priester und Vater des Zeus-Helios-Mithras« geweiht.[2615] In Tarsus zeigen Münzen das Bildnis des Stiertöters zur Zeit von Gordianus III. (238-244), der auf seinem Feldzug gegen die Perser Tarsus durchzieht, was eine Hochburg des Mithraskults war. Unter Pompeius gab es 67 v.Chr. in Rom die erste Legion mit Mithras-Anhängern, die von besiegten kilikischen Seeräubern missioniert worden seien, so Plutarch: »Auf dem lykischen Olymp feierten sie [die Seeräubers] fremdartige Opferdienste und geheime Mysterien, von denen der Mithraskult noch heute blüht und eigentlich erst durch sie verbreitet worden ist.«[2616] 67-70 n.Chr. unterdrückte die 15. Apollonische Legion den jüdischen Aufstand Palästinas. Nach Plündern des Tempels und Schleifen Jerusalem begleitete sie Kaiser Titus nach Alexandria, wo sie mit kappadozischen Rekruten als Ersatz für Gefallene bestückt wurde. Sie hat unter Vespasian in Carnuntum den Mithrizismus eingeführt.[2617] Aus Kommagene hob man allein 6 Kohorten aus, weitere aus Kappadozien, Pontus und Kilikien. Roms Einsatzplan war perfide: Je weiter der Heimat sie kämpften, je fremder der Feind, desto leichter das Töten. Daß diese Legionäre ihren Glauben mitbrachten und weitergaben, erklärt die Verbreitung überall dort, wohin Legionen mit orientalischen Kämpfern und Centurien entsandt wurden: Mösien, Dacien, Pannonien, Carnuntum, Rhätien, Germanien, Belgien, Britannien, Afrika, Rhonetal und Spanien. An allen militärisch kontrollierten Reichsgrenzen findet man Mithräen, wenn man gräbt. Unter Domitian lebte ca. 80 n.Chr. der Dichter Statius, der Miθras erwähnt, der »unter dem Felsdach einer persischen Grotte die widerspenstigen Hörner ergreift und dreht.«[2618] Eine mithrische Bilingue eines Freigelassenen der Flavier datiert auf 69-96 n.Chr. in Rom. Griechenland war resistent durch Dionysos und Antipathie gegen Götter der persischen Erzfeinde. In Kleinasien gibt es kaum Mithräenfunde. Mithrische Legionäre wurden im Westen eingesetzt. Gerade weil hier Miθras in avestischer Orthodoxie verehrt wurde, gelang hier keine um den chaldäischen Gestirnskult erweiterte Modifikation.
Besser gelingt die Etablierung einer neuen Religion in einem religiösen Vakuum. In der Entwurzelung der Soldaten an äußersten Reichsgrenzen ist der Nährboden fruchtbar für Kulte, die durch straffe Disziplin Halt verleihen. Für den Soldaten ist der eigene Tod stets vor Augen. Dies fördert die Entweltlichung, von der platonisch beeinflußte Kulte geprägt sind. An die Stelle der bedrohten Realexistenz tritt eine geistige Gegenwelt, in der alles so in Ordnung ist, wie die Realität es vermissen läßt. Auch Schizophrene erbauen sich so ihre aus unhaltbaren Situationen herausrettenden Gegenwelten ihrer halluzinatorischen Imaginationen.[2619]
Die Blütezeit des Mithraskultes im Westen war von 140 bis 312. Unter Diokletian (284-305) wird Miθras 307 in Carnuntum an der Donau bei Wien verehrt als Staatsgottheit und Reichsschützer.[2620] Erst 312 mit Konstantins Wende geht der Einfluß der Mithrasanhänger zurück. Bis 325 werden noch Mithräen gebaut und in Rom gibt es bis 387 noch mithrische Monumente. Von den fast 100 Mithräen Roms bis an den germanischen Limes an Rhein und Donau und ins ägyptische Fayum[2621] führt die Spur der Miθras-Männerbünde, ja bis Spanien, Englands Hadrianswall, Belgien, bis ins Rhonetal und nach Afrika. Insgesamt sind bislang über 420 Mithräen ausgegraben worden. Die Funde stammen aus dem Kultzentrum Rom und von den nördlich-westlichen Militärgrenzen. Von Sklaven und Soldaten einst ins imperium romanum importiert, gewinnt der Mithraskult schnell die oberen Schichten für sich: Zeichen, daß er den Machthabern wahlverwandt ist und bleibt.[2622] Lucian, Celsus, Pallas und Euboulos greifen mithrische Ideen auf von Parodie bis zum Vergleich mit christlichen Anschauungen.[2623] Celsus vergleicht inkonsistente Glaubende mit den Mätragyrten und Wahrsager, den Mithrasmännern oder Sabaziosjüngern oder was immer einem noch einfällt, Hekate oder ein anderer Dämon oder was man über Dämonen sagt. Nie wird die Vernunft als Prüfende zugelassen, sondern immer das Heil im blinden Glauben versprochen.[2624] »Auch in den Mithrasmysterien wird tradiert, wie die bösen Dämonen in Erinnerung gerufen werden. Denn Brot und Wasserbecher werden in den Ein-Weihfesten in das Verborgene mit liturgischen Begleitworten hingestellt, daß ihr es wißt oder zu lernen vermögt.«[2625] Aus Justins Kritik wird zugleich die Affinität mithrischer und christlicher Sakramente deutlich.
»Dieser reformierte Mazdaismus hat offenbar eine gewaltige Anziehung auf die Gesellschaft des zweiten Jahrhunderts ausgeübt.«[2626] Wenn in Ostia 30 der 40 Mithräen in Betrieb waren, gab es dort 1200 praktizierende Mithrasjünger von ca. 48000 Einwohnern, also 2,5 % der Bevölkerung. Wenn auf 1200 Einwohner somit ein Mithräum kommt, wenn Rom 500.000 Einwohner hatte, so hat es dort ungefähr 420 Mithräen gegeben. Außerhalb Roms war der Anteil praktizierender Mithrasgläubiger sicher niedriger.[2627] Gemessen am Anteil praktizierender Mitglieder der ev. Kirche in der BRD (ca. 1,3 %) ist dies sehr hoch.
2.3.3 Die Mithräen als
Verkündigung
Die Zusammenkünfte fanden in den höhlenähnlichen Gewölben der Mithräen statt, 10 * 20 Meter groß, wo jeweils nur etwa 30 - 50 Männer Platz hatten. Der Eingang war nie mittig; man sollte das Kultbild nicht sofort sehen. In Nebenräumen wurde für Nahrung gesorgt. An den Wänden befanden sich bunte Fresken. Die Decke war als Himmel blau mit Sternen bemalt. Die Höhle war Abbild des Kosmos. Die Mithräen waren voll strukturiert durch Tierkreiszeichen, oft im himmelbildenden Halbkreis über dem Stiertöter im Hauptrelief, und Planetensymbole.
An der Stirnwand befand sich ein wohlbeleuchtetes Relief des Gottes in der Position des Stiertöters, nach Westen ausgerichtet, so daß Miθra gen Osten in die Heimat des Hara blicken kann. In jedem Mithräum finden sich spezielle Lampen für raffinierte Illumination der fensterlosen Grotte. Hinter einigen Sol-Darstellungen gab es Lampen-Nischen, die den 7-Strahlenkranz des Gottes golden blinken ließen. In anderen Kultbildern konnten Lämpchen stehen und einen Stern symbolisieren.[2628] In manchen Mithräen gibt es kleine Löcher in der Decke, durch die bei einem bestimmten Stand der Sonne ein Strahl direkt über das Sol-Bild auf Miθras fällt. »Im Osten war ein ganz kleines Fenster so angebracht, daß an demjenigen Tag, wo nach dem Brauch ein Bild des Sonnengottes hineingetragen wurde um Sarapis zu begrüßen, bei genauer Betrachtung des Zeitpunktes in dem Augenblick, wo das Bild in den Tempel hereingebracht wurde, ein Sonnenstrahl durch eben dieses fiel und Gesicht und Lippen des Sarapis so beleuchtete, daß es für das Zuschauende Volk so aussah, als würde Sarapis durch den Sonnengott mit einem Kuß begrüßt.«[2629] Das Bild sollte so gleißend leuchten wie das ewige Licht der Sonne selbst. Das heilige Feuer Atars brannte wie in den iranischen Feuertempeln immerwährend und darf nicht unrein berührt werden. Einige Basreliefs waren drehbar und der Pater konnte beim Abendmahl die Rückseite nach vorn rotieren, wo dann eine Mahlszene die Stiertötung ablöste.
Die Inschriften, Fresken und Plastiken der Mithräen[2630] erzählen den Mithrasmythos, wie er damals geglaubt wurde - vergleichbar den Comic-artigen Altarbildern des Lebens Jesu: Miθras wird aus dem Fels, dem Symbol des Himmels, geboren. Hirten beten den nackten Knaben mit der persischen Mütze an. Er bekommt den Auftrag, den Stier zu fangen und schleppt ihn zu seiner Höhle, wo der aber entkommt und nun spürt Miθras ihn erneut auf, springt ihm auf den Rücken und fetzt ihm seinen Dolch in den Hals. Aus dem Leib des sterbenden Stieres wächst der Kosmos und die gesamte Kultur: Blut wird Wein, der Schwanz zur Getreideähre, das Sperma zu Haustieren. Die Urrindzerstückelung ist hier Schöpfungsakt. Aus Miθras blauem Mantel wölbt sich der Himmel mit sieben Planeten auf. Daß die Zerstückelung des Urrindes Schöpfungsakt ist, muß man buchstäblich verstehen. Das Rind liefert dem Menschen Nahrung vom feinsten und schützt so sein Überleben. Das Leder wird Kleidung, Schuh, Sattel und Zaumzeug. Die Knochen werden Werkzeuge aller Art. Dieser schöpferische Akt der Verwertung ist das Schaffen von Zukunft für die Menschengattung, ja von Kultur als Arbeit mit Werkstoff und Werkzeug. Der Stier gibt sein Leben für die vielen, die damit Lebenschancen bekommen.
Der parthische Held und mythische Urkönig Farīdūn reitet nach al-Bīrūnis Chronologie am Tag des Mihr nachts auf einem weißen Stier mit Goldhörnern und Silberfüßen, der den Mondwagen über den Himmel zieht und eine Stunde sichtbar ist. Der Stier ist Inbegriff der Kraft und Macht und Inkarnation der Stammesseele Vərəθraghna und die goldenen Stierhörner sind Zeichen des göttlichen Glücksglanzes xvarənah.[2631] Sein Samen wird im Mond aufbewahrt und aus diesem entstehen nach Bundahišn 10,1-4 SBE 5 alle Tiere: »1 Während es den Todesweg überschritt, wuchsen, weil es den Samen der Pflanzen (chiharak) in sich barg, von jedem Glied des Rindes 55 Sorten Korn und zwölf Sorten Heilpflanzen und sprossen aus der Erde. Und ihr Glanz und ihre Stärke war die Samen- Energie (tokhmih) des Rindes. 2 Geliefert an die Mondstation, wurde dieser Samen gänzlich in dem Licht des Mondes gereinigt, völlig vorbereitet für jede Rasse und die Seele produziert im Körper. 3 So entstanden zwei Rinder, ein Mann und eine Weibchen; und danach entstanden 282 Tierarten, von jeder drei, auf der Erde.«[2632] Die Magier konnten diesen ihren iranischen Urstier leicht mit dem babylonischen Himmelsstier identifizieren.[2633] Der Stier in den Mithräen ist häufig weiß, etwa in Capua.[2634] Die Magier haben in Babylon das kalū-Ritual als Entsprechung zur Urstieropferung zwecks Wachstums kennengelernt: Der Himmelsstier wird ins Haus des Wissens (bīt mummu) gebracht und dort zu Neujahr ein weißer Stier (alpu pisū) an einem Bach geschlachtet.[2635] Dessen Wissen, gehütet von Enki, durfte nur an Eingeweihte weitergegeben werden wie bei Enmeduranki und Henoch. Das Hüten von Wissen verschafft Macht über Unkundige. Enki als Hüter des Wissens ist nicht nur Reichsarchivar und Gelehrter, sondern auch Geheimdienstchef mit Orakel-Wissen für Prävention gegen Gefahren. Miθras weißer Stier entstammt einer Kreuzung von iranischem Urstiermythos und babylonischem Himmelsstier. Die in Babylon ansässigen Magier konnten beide Stiere identifizieren: beide bringen Weltwachstum durch Entbergen von Geheimwissen.
Neben der Stiertötung gibt es weitere Szenen: Während einer Dürre schießt Miθra per Pfeil Wasser aus einem Felsen, läßt also regnen. Die Felsgeburt Miθras geschieht gelegentlich aus einem Welt-Ei, in Heddernheim aus einem Baum. Dann Hirschjagdszenen oder Miθras Fang des Stiers, wonach dieser weggeschleppt wird zum Opfer. Dann greift Miθra mit Phrygenmütze und Weltmantel nach Sols Sonnenkrone, wonach Sol ihm proskynetisch dient.

(Bild:
Heddernheim Hauptrelief zweitoberste Reihe cf Merkelbach 1984,342; Schütze 1972,53f)
Mit dem Helios bzw. Sol invictus als
hellenisiertem Ahura
Mazda gibt es ein sehr eigenartiges
Verhältnis, was dem der Mithrasgemeinde
und der Mazdagemeinde im Partherreich entspricht:
Miθra
entreißt Ahura
Mazda = Helios = Sol seine Goldkrone
vom Kopf und nimmt so das
Symbol seiner Macht an sich, bis dieser dann vor Miθra
niederkniet und sich ihm unterwirft. Erst dann kommt es zur
Blutsbrüderschaft,
die mit einem gemeinsamen Mahl gefeiert wird. Dann fährt Miθra
nach verbindendem Handschlag mit Helios im Sonnenwagen mit der
Pferdequadriga
in den Himmel.[2636]
-->>
Nachdem die Mithrasgemeinde, der Kriegeradel, sich gegen die Mazdaisten durchgesetzt hat, integriert sie den unterworfenen Ahura Mazda als dienenden Waffenbruder Miθras. Seine endzeitlichen Heilsfunktionen gehen auf den siegreichen Miθra über.
Endlich wird Miθra nach einem siegreichen Endkampf die Truppen Ahrimans besiegen und Totenauferstehung und Weltgericht bewirken.[2637] Im kilikischen Anarzarbos südlich des Tauros fand man einen Altar, der von Marc Aurelius (121-180) als »Priester und Pater des Zeus-Helios-Mithras« geweiht worden war.[2638] Hier zeigt sich die vollzogene Identifikation von Miθra und Ahura Mazda. Sein Geburtstag als Sol invictus wurde am 25. Dezember begangen. In dieses Datum ist später Jesus eingesetzt worden, als das Christentum die Vormacht über den Mithraskult im römischen Staatswesen bekam. Tag-Nacht-Gleiche des 21. März (persisches Nauroz) und 22. Septembers waren weitere Festtage des Miθra.[2639]
Links oben in fast allen Mithräen ist die Büste von Helios-Sol mit Strahlenkrone, rechts oben die von Selene-Luna mit der Mondsichel wie Flügel auf dem Rücken. Aus dem 3. Jh.v.Chr. findet sich in Tillya-tepe eine geflügelte Aphrodite-Anāhītā, cf 1.4.4. Selene-Luna ist ihr nachgebildet. Luna und Sol bilden mit Mithras in der Mitte oft ein gleichschenkliges Dreieck: Sie thronen quasi über der Stiertötung ihres Sohnes und der rückgewandte Blick Miθras könnte dem Opferbefehl Sols via Rabenmitteilung oder Sonnenstrahl gelten. Hier wird die göttliche Familie Ahura Mazda-Anāhītā-Miθra inszeniert, die seit den Susa-Inschriften 404 v.Chr. als offizielle Gottheiten der Achämeniden verehrt wurden. Wenn alte Konfigurationen neben neuen noch ungebrochen persistieren, obwohl die neue sie faktisch außer Kraft setzt, so finden wir hier also die alte persische Trias als altes Sediment, während die Unterwerfung des Vaters Ahura Mazda durch den Sohn Miθra einen späteren parthischen Entwicklungsstand repräsentiert, in dem Mithras die Stelle des Vaters einnimmt, der Mithrizismus über den Mazdaismus obsiegt. Stadien aus mehreren Jahrhunderten durchdringen sich hier also. Das Elternzwillingsgeschwisterpaar mit seinem Gegensatz Sonne-Mond, Tag-Nacht, männlich-weiblich, Feuer-Wasser, Leben-Tod findet Einzug in die simonianische, valentinische und sethianische Idee des obersten Gottespaares mit ihrem ersten Sohne. Aus dem gebärmutterlos selbstentstandenen, eben aus dem Fels geborenen Miθras wird Autogenes, der sekundär gelegentlich mit Christus identifiziert wird.
Die beiden Dadophoren flankieren das Stieropfermotiv an den Seiten: Links hält Cautes die Fackel hoch als Symbol des Lebens, was Helios sonnig spendet, wird auch als Morgenstern Luzifer dargestellt. Rechts hält Cautopates die Fackel gesenkt als Zeichen des Todes, den Selene mit dem weiblichen Gebären impliziert. Alles Geborene muß sterben. Er ist der Abendstern Hesperus. Zwischen Sonne und Mond stehen oben im Bild die 7 Sterne, meist fünfzackig gemalt, die Planeten stehen in der Spannung von Vater-Mutter, Leben-Tod. Darunter wölbt sich als Bildmitte die Höhlennische, in der Mithra den Stier in die Nase packt, den Kopf hochzieht und ihm den Dolch rechtshändig in die Halsschlagader bohrt. Am Bogenrand des inneren Reliefgewölbes sind oft die 12 Tierkreiszeichen angebracht, deutlich unterhalb der Planetenherrscher, die gnostisch zu den 7 Erzengeln werden. Sagt die Höhe etwas über Macht, so sind Helios und Selene mit den Planeten die schicksalswirkenden Himmelsgottheiten, die Miθra mit seinem Erlösungswirken der schöpferischen Stiertötung nicht nur irdisch gehorsam repräsentiert und vertritt, sondern auch entmachtend ersetzt. Unten im Relief sind Schlange, Skorpion, Hund und Mischkrug als Symbol irdischer Elemente dabei, vom Stier alle seine Qualitäten zu verwerten.
Die reiche Ausstattung des Mithräums im bayrischen Stockheim »enthielt drei Mithras-Reliefs, drei Altäre mit Weihinschriften, drei mit Reliefschmuck und die Fragmente von fünf weiteren, ferner zwei Statuenbasen und 26 Statuen beziehungsweise Statuetten; manche Göttergestalten sind mehrfach dargestellt: Cautopates (2). Cautes, Mithras als Stierträger, Mithras mit Sol, Felsgeburt, Sol in Quadriga, Kultmahl, Mercur (3), Mars (2), Hercules (2), Victoria, Diana, Vulcanus, Hekate, Epona, zwei nicht näher bestimmbare Gestalten einer männlichen und weiblichen Gottheit, sowie je zwei Figuren eines Löwen und eines Raben. In dem etwa 8 x 13 m großen Raum wurden ferner ein Wasserbecken und mehrere weitere Fragmente von Figuren aufgefunden. Groß war überall die Zahl der Feuerbecken und Lampen, die den gesamten Raum oder auch nur einzelne Monumente oder Gemälde erhellten.«[2640] Das Wasserbecken muß der Taufe gedient haben, die Feuerbecken sind iranische Feueraltäre und zeigen, wie der Feuerdienst der Magier hier persistierte. Hier eine Karte aller Mithräen:

Es gehörte zur Initiation des Novizen, durch sieben Tore zu gehen und an jedem ein Kleidungsstück abzulegen, bis er nackt durchs 8. Tor getauft ins Licht treten kann. Das Mithräum der 7 Tore in Ostia ist paradigmatisch dafür: Man kommt auf der Fußseite rechts von den Dadophoren Cautopates und Cautes flankiert hinein, der Mittelgang führt nach vorn zum Sol-Bildnis durch 7 Tore. Die linke Flanke der Seitenstützmauern bilden Luna, Mercur und Jupiter ab, die rechte Mars, Venus und Saturn. Rechts kann man an jedem Tor im Mittelgang auch noch vorbei, ohne hindurch zu müssen, wohl für Mysten höheren Grades. An den Seitenstreifen im Mittelgang sind die Tierkreiszeichen abgebildet, links Virgo, Leo, Cancer, Gemini, Taurus, Aries; rechts Libra, Scorpius, Sagitarius, Caper, Aquarius, Pisces.[2641] Celsus schreibt: »Diese Sachen werden versteckt in den Berichten der Perser angedeutet, und besonders in den Mithrasmysterien, die sie feiern. Dort gibt es eine Darstellung der zwei himmlischen Drehungen, die Bewegung der Fixsterne und die der Planeten und die Passage der Seele durch diese hindurch. Die Darstellung ist folgende: Es gibt eine Leiter mit hohen Toren, und auf der Spitze davon ein achtes Tor. Das erste Tor besteht aus Blei, der zweite aus Zinn, der dritte aus Kupfer, der vierte aus Eisen, der fünfte aus einer Metallegierung, der sechste aus Silber, und der siebte von Gold. Das erste Tor nennen sie nach Saturn und weisen beim Hindurchführen auf die Langsamkeit dieses Sternes; das zweite nach Venus, sie vergleichen ihre Pracht mit der Weichheit von Zinn; das dritte nach Jupiter, fest und solide; das vierte nach Merkur, denn sowohl Merkur als auch Eisen ist fähig, alles zu ertragen, geschäftstüchtig und eifrig; das fünfte nach Mars, weil er aus einer Mischung von Metallen zusammengesetzt variiert und ungleich ist; das sechste aus Silber nach dem Mond; das siebte aus Gold nach der Sonne, was die Farben der zwei letzten imitiert.«[2642]
Es gab sieben Weihegrade in der Gemeinschaftshierarchie: corax, nymphus, miles, leo, Perses, heliodromus und pater. Jeder Grad stand unter dem Schutz (der tutela) eines Planeten, hatte seine bestimmten Symbole, Elemente und Tier-Repräsentanten auf dem Hauptrelief mit dem Stieropfer und hatte ein eigenes Gewand, welches bei der Initiation übergeben wurde. Für jeden Grad-Aufstieg muß eine teils demütigende Prüfung bestanden werden, die den Tod des Stiers und seine Verwandlung zum Leben der Welt nachvollziehen, so die Fresken in Capua.[2643] Bei der Weihe wurde den Mysten vermutlich eine Gemme übergeben, ein doppelseitig graviertes ovales Goldamulett mit den Symbolen des Miθras, der Planeten, dem Tierrepräsentanten des jeweiligen Grades: 1. Der Heroldstab Mercurs oder der Rabe; 2. Die Taube der Venus oder die Schlange; 3. Das Schwert des Mars oder der Skorpion; 4. Der Donnerkeil Jupiters; 5. Die hängende Phrygenmütze mit Pfeil oder Cautopates mit Sense oder Sichel; 6. Die stehende Persermütze mit Palme oder Cautes mit Peitsche oder Hahn; 7. Saturns Sichel.[2644] Alle diese graduellen Initiationen führen immer weiter hinein in die fundamentale Identitätsumbildung, die das Bewußtsein des Erlöstseins vermittelte.
In Arsameia am Nymphaios gaben Antiochos und Miθras sich die Hand. Wenn Kommagene Schaltstelle des altiranischen zum astrologisierten Mithrizismus ist, könnte dieser Bundesschluß Prototyp der Nymphus-Weihe geworden sein und die Ätiologien mit der Biene spätere ethymologische Versuche, diesem Eid etwas venushaft-mutatives abzugewinnen.[2645] Daß gerade in Kommagene auch der Löwe eine zentrale Rolle spielte, würde ihn als 4. Grad erklären, ebenso wie der Perser etwas mit der Ursprungsverbundenheit zum altiranischen Mithrasdienst und seinen feudalistischen Männerbündeleien zu tun hat, die miles als Kriegeradel sind. Der Pater war der mit dem Heer mitziehende Magier, der als Zaotar auch das Stieropfer vollzog, cf 1.4.1.3. Die Vögel haben als Leichenfresser und Tilger des Unreinen in der Vendidad eine wichtige Rolle, was den Corax als niedersten Dienstgrad erklärt.[2646] Bis auf Löwe und Heliodromus lassen sich alle Grade auf altiranische Kriegerbundtraditionen zurückverfolgen.
1) Der Corax ist der Miθras-Vogel und die Raben haben immer als Zaubervögel in der Magie gegolten. Auf dem Basrelief sitzt er oft auf der Schulter Miθras oder fliegt auf dem Sonnenstrahl von Sol zu Miθra, ihm engelhaft Nachricht zu bringen. Auf der Leiter mit den sieben Türen ist ihm der Becher zugeteilt, denn er ist der als Rabe kostümierte und sogar krächzende Kellner der Gemeinschaft.[2647] Er steht unter der Tutela des Mercur. Sein Element ist die Luft. Homers Hermes stahl Apollo eine Rinderherde, darin Miθras gleich. Und machte aus einer Schildkröte eine Leier mit Rinderhörnern als Steg und Saiten aus Rinderdarm. Nach dem Platoniker Eratosthenes stieg Hermes nach Spielen der Leier in den Himmel auf durch die 7 Planetensphären, die Planeten hatten als „Laufgeräusche“ die gleiche Töne wie die Saiten der Leier. Hermes hängt darum die Leier an den Fixsternhimmel und dort sieht man sie noch heute.[2648] War die Taufe die Initiation zum 1. Grad?
2) Der numfi/oj ist bei Pindar der Bräutigam. Der nu/mfoj hingegen ist die maskuline Form von „Bienenpuppe“, eine Wortneuschöpfung des Mithraskultes, um einen Begriff für das Larvenstadium in der Seelenausbrütung zu finden. Die Metamorphose der Biene ist ein klassisches Symbol für die Metamorphose der Seele durch Vervollkommnung. Möglich, daß diese Kategorie aus Platons Metempsychosis-Lehre kommt, der die Biene als eine der besten Verkörperungen der Seele bezeichnete.[2649] Oft dargestellt als Schlange mit ihren Häutungsverwandlungen untersteht der Nymphos der Venus. Mit Lampe und dem verzierten Diadem der Venus könnte er Küsterdienste in der Beleuchtung geleistet haben. Er ist gleichfalls der Diener im persischen Hirtenoutfit, der den draußen getöteten Stier zum Verzehr ins Mithräum trägt, die Hinterbeine über die Schulter und den Leib hinter sich herschleifend.[2650] Dabei mögen dem Nymphus die Bullenklöten den Hals gewärmt haben, wenn er sich rühmt, »das Oberste der Götter mit den Schultern getragen« zu haben.[2651] Das Hereinschleppen des geschlachteten Stieres, der „transitus“, gehört zur Nymphios-Weihe. Nach Augustin ist der transitus zugleich der Aufstieg von einer Planetensphäre zur nächsthöheren.[2652] Des Nymphios Element ist die Erde. Bei der Nymphios-Weihe wurde ein Eid geleistet: »Im Namen des Gottes, der die Erde vom Himmel geschieden hat, das Licht von der Finsternis, den Tag von der Nacht, die Welt vom Chaos, das Leben vom Tod und das Werden vom Vergehen, schwöre ich nach bestem Wissen und Gewissen, die Mysterien geheimzuhalten, die mir anvertraut werden durch unseren gottesfürchtigen Vater Serapion und durch den ehrwürdigen und heiligen Herold Ka, denen die Weihen obliegen, und durch meine miteingeweihten und sehr teuren Brüder. Treu meinem Eid hoffe ich, daß es mir wohlergehe; aber ich schwöre auch, daß mich Strafe treffen möge, wenn ich zum Verräter werde.«[2653] Die vom Pater und Herold Eingeweihten nannten sich Brüder. Ihre Eid auf Treue und Verschwiegenheit findet sich ähnlich PGM IV,748ff, wo bei Ungehorsam gegen Miθras Orakel die Verewigung unwirksam wird.
3) An der Stirn mit einem glühenden Brenneisen nach feierlichem Eid mit dem Kreuz als Zeichen der Sonne gestempelt, kämpft der miles in der Legion des deus invictus für den Sieg des Lichtes gegen die Finsternis. Sein Schutzgott ist der Planet Mars. Symbole sind Helm, Speer und einfache persische Mütze. Tertullian beschreibt das Krönungsritual: der Adept bekommt auf einer Schwertspitze eine Krone gereicht. Sofort ermahnt der Pater den frischen miles, diese wegzuwerfen und zu sagen: »Nur Mithra ist mein Kranz.« Hat er so dem Ruhm entsagt, bekommt er die persische Mütze. Sein Element ist unklar, sein Tiersymbol auf Reliefs der Skorpion, der aus den Bullenhoden Sperma saugen will.[2654] Der Mythos dieses dritten Grades war die Felsgeburt des Miθra. Fels ist oft Symbol für den Himmel, so daß Miθra aus dem Himmel geboren ist, ganz nach Yašt 10,13 wo Miθra als Sonne über dem Haragebirge im Osten aufsteigt und über den Himmel zieht.
4) Der Löwe ist die Gestalt, in der Miθra häufig abgebildet wird in Statuen. Jupiter steht ihm bei. Symbol ist das Blitzbündel mit Donnerkeil und Feuerschaufel. Das Sistrum, die Rassel der Liebesgöttin Hathor und dann der Isis auf der Suche nach ihrem verschollenen Osiris (= Orion), erinnert an die Wiederfindung des Gatten in den Nilfluten um den 14. und 19. Juli, die Aufgangszeit von Orion und Sirius (Hellster und zentralster Stern im Sternbild des Hundes). Dann genau steht die Sonne im Löwen und das Sternbild des Löwen im Schutz des Jupiter und der Nil tritt über die Ufer und schwemmt fruchtbaren Schlamm aufs Land des Getreideanbaus. Dem Sirius (tīštrya) ist Yašt 8 gewidmet; sein Frühaufgang mit Opfern gefeiert worden. Oft wird der Leo auch durch einen Hund symbolisiert, das heiligste Tier der Perser; gelegentlich auch durch einen Adler, der Jupiter darstellt. Sein Element ist das Feuer. Wenn das dämonenvertreibende und aphrodisierende ägyptische Sistrum hier auftaucht, heißt das auch: es wurde bei bestimmten Kulthandlungen „musiziert“. PGM IV,549ff werden die vier Himmelswinde als Aulosröhren beschrieben, gut könnte das Flötenspiel die Macht Vayus verehrt haben, den göttlichen Geistwind.
Der hieratische P. Berol 21196 aus Grabungen in Eshmunen (Hermupolis) 1906, ein Katechismus für die Initiation von Soldaten, ist in Frage-Antwort-Form der erste definitiv ursprünglich mithraische Text des gräcoromanischen Ägyptens.[2655] »Er wird fragen (e)rei=): Wo? ... Er ist dort bei einem Verlust. Sage... Sage: Nacht. Er wird sagen: Wo?... Sag: Alle Dinge... Er wird sagen: ... wirst du genannt? Sprich: Wegen der sommerlichen... ist er feurig (purw/deij) geworden. Er hat die ... hast du empfangen? Sprich: In einer Grube (bo/qr%). Er: Wo ist dein... Sprich: ... im Leonteion. Er: Wirst du himmlisch gegürtet (zw/seij)? Sag: Den Tod. Er: Weshalb hast du dich selbst gegürtet...? Der hat vier Quasten.« Rückseitig ergibt das Textfragment: »Sehr scharf und ... viel. Er: ... Sprich: ... durch heiß und kalt. Er: ... Sprich: Purpurnes ... Leinen. Er: Warum? Sprich: ... purpurne Kanten, aber das Leinen ist von... Er: ... ist eingewickelt worden? Sprich: Des Erlösers/Körpers... Er: Wer ist der Vater? Sprich: Der, der alles geschaffen hat. Er: Wie bist du Löwe geworden? Sprich: Durch des Vaters... Er: ... Sprich: Trank und Speise. Er: ... in der sieben...«[2656] In dieser Zurüstung auf den Prüfungsdialog mit dem Pater werden seine Prüfungsfragen vorgestellt und beantwortet; hier spiegelt sich eine Aufnahmeliturgie des zum Leo Avancierten. Die Grube könnte das Taurobolium sein, was es auch in Ägypten gegeben haben dürfte.[2657] purw/deij könnte auf ein Feuerordal als Prüfung des Leo-Novizen weisen. Ein Graffiti in Dura Europos enthält ebenfalls die Kombination feurig - Löwe.[2658] Diese Weihe ist auch eine tiefregressive Nacht- und Todeserfahrung, passend zu der Aporie der gefesselt am Boden Liegenden auf Fresken von St. Maria Capua Vetere.[2659] Apuleius schildert diese Nachtweihe für den Isiskult in den Metamorphosen XI,23: »Ich habe die Pforte des Todes durchschritten, ich habe die Schwelle der Proserpina betreten, ich bin durch die Elemente gefahren und wieder auf die Erde zurückgekehrt; mitten in der Nacht habe ich die Sonne in hellem Glanze strahlen gesehen, ich habe mich den unteren und den oberen Göttern genähert und habe sie angebetet von Angesicht zu Angesicht.« Dies ist eine komplette „Himmelsreise“ durch die Unterwelt. Alle Features der sethianischen Himmelsreise sind in dieser Isisweihe vertreten. Isis ist mit Proserpina-Hekate identifiziert und weil Re nachts durch die Unterwelt von West nach Ost auf seiner Barke fährt, kann er dort unten in seinem Strahlglanz erblickt werden wie das Licht des unsichtbaren Geistes. Barbelo ist als Container-Aion der Himmelsreise quasi das Substitut der Unterwelt, Raum, in dem sich die Götter aufhalten, die man bei der Reise anbeten darf.
Die himmlische (?) Gürtung mit einem kostbaren purpurnen, von Quasten gezierten Gürtel ist ähnlich der essenischen Novizenweihe und essenischen und mandäischen Priesterweihe (1.9.3) und stammt wie diese vom sechsquastigen Kūstī, einen Gürtel mit vielschichtiger Symbolik des religiösen Kalenders und des rechten Denkens, Redens und Handelns als Prämisse des postmortalen Transitus in die himmlische Welt (Vd 18,58ff; Bundahišn 34,29 Ankl) bei Parthern und Parsen in ihrer Jugendweihe Naojote (1.4.7).[2660] Die Kleidung des Adepten wird - wie in der zoroastrischen Naojote - nach ihrer Symbolik befragt und erläutert. Die Weihe wird als Gnadenakt des Vaters der Schöpfung angesehen. Sie ist wie die zoroastrische Taufe vor der Naojote, das Nahn, mit einem Mahl verbunden und der planetarischen Sieben. Ein leontei=on taucht sonst nur noch in einem Mithräum in Umbria auf.[2661] Möglicherweise ist dies der Raum, in dem die Männer zum Löwengrad erhoben werden. Insgesamt sind die Elemente dieser Prüfungspropädeutik eindeutig mithrisch, weisen darüber hinaus auf die zoroastrische Jugendweihe, und sind Beleg für den Mithrizismus in Ägypten, der nach der Konstantinischen Wende in dieser Christen-Hochburg nachhaltig ausgemerzt worden sein dürfte, woraus das Fehlen weiterer Dokumente oder Monumente sich erklärt.
5) Der Perser zeigt den Ursprung des Kultes. Wer zum innersten Zirkel gehört, muß den Gebräuchen des Ursprungslandes nah sein. Er wird oft dargestellt durch Cautopates mit gesenkter Fackel und Hesperus, den sinkenden Abendstern.[2662] Ihn schützt die Mondgöttin Luna, dargestellt als Sichel, oft sogar mit Lampe hinter der ausgeschnittenen Sichel. Symbol ist die Sense; vielleicht mußte der Perser Getreide schneiden als Prüfungsaufgabe. Auch das persische Kurzschwert, der Akinakes, ist symbolisiert. Sein Element ist das Wasser; er brachte den Regen. Der Mischkrug ist zugleich Urstier-Samenreservoir, aus dem alles Leben hervorgeht. Das Element Wasser ist auch Sperma und beides braucht die Frucht zur Reife.
6) Der Sonnenbote (Heliodromos) ist Stellvertreter des Hohepriesters. Er wird symbolisiert durch Cautes alias Phosphoros alias Lucifer mit erhobener Fackel, Wagenlenkerpeitsche und Sols Strahlenkranz. Er steht unter der Tutela des Sonnengottes Sol, als Binde mit sieben Strahlen dargestellt. Die Peitsche braucht der Sonnengott für seine vier Pferde vorm Wagen. Sein Element ist der Äther, durch den man zum Himmel aufsteigt. Oft ist er der Hahn auf den Reliefs.
7) Der Pater ist Hoher Priester. Er steht unter der Tutela des Saturn.[2663] Der Magierstab und die Persermütze und die Schale zum Ausgießen des Opfertranks zeigen, daß die Leitung der Mithrasgemeinden ursprünglich stets in Händen von Magiern lag. Er wird oft wie Miθra selbst als Stiertöter mit dem Dolch und der Erdkugel dargestellt und hat sicherlich tatsächlich das Privileg der Lizenz zum Töten gehabt. Sein Element ist das allumfassende Ur-Feuer. Apuleius nennt den Initiationspriester der Mithrasgemeinde »Mithras«, Zeichen konfluenter Identifikation von Pater und Gott.[2664] Im syrischen Dura am Euphrat sind zwei Patres mit Magierstab und Schriftrolle auf gedrechselten Thronen in langen Magiergewändern und Persermütze dargestellt.[2665] So gab es vermutlich auch heilige Schriftrollen, eine Aufzeichnung avestischer Texte für die, die nicht mehr wie die Magier oder Herbads und Mobads der Feuerheiligtümer das Avesta auswendig beherrschten.[2666] Zugleich zeigt das Symbol Schriftrolle, daß der Pater die theologische Kompetenz und Leitung der Miθras-Gemeinde innehatte, wie wir dies aus Klöstern kennen. Eine solche Schrift ist die Miθras-Liturgie in PGM IV,475-820, cf unten 2.3.7, aber auch PGM III,462; P. Duke inv. 729,48: Mithras ist Helios-Re, der in einer Audienz vorgebrachte Bitten erfüllt.[2667]
Die Gefolgschaft der Fratres gegen den göttlichen comes und socius Miθra ging bis zur Sexualaskese.[2668] Für die soldatische Disziplin der römischen Legionäre war die Vertragstreue als oberste Tugend des Mithrizismus eine unmittelbare Produktivkraft; der Fahneneid aufs Vaterland mit Gelöbnis der Selbstaufopferung macht aus den Kämpfern Elitekampfmaschinen ähnlich heutigen Topterroristen; hier spielt die Religion den römischen Caesaren in die Hände.[2669]
Der Soldat ist der totale Erlöser. Er zeigt, daß nicht das irdische Leben das höchste Gut ist, für das er kämpft, sondern das kommende Gottesreich, in das er und seine Opfer erhoben werden.[2670] Der Märtyrer predigt den Himmel, indem er sich Löwen vorwirft. Je heiliger der Himmel, desto grausamer wird der Körper gefoltert. Die Heiligkeit des Missionsauftrags erlaubt die unheiligste Schändung der Körper und Seelen. Sieht man auf die strenge Observanz eines reinen tugendhaften Lebens der Mithrizisten, so erinnert dies in erster Linie an die Parole vom guten Denken, guten Reden und guten Handeln, die Maxime aller persischen Konfessionen war. Über die Orphik ist diese Einstellung auch in Platons Denken gekommen als Idee einer nicht nur äußerlichen, sondern inneren Reinigungsarbeit in der Bemeisterung sexueller und aggressiver somatischer Impulse. Das ist die geistliche Waffenrüstung Eph 6,10ff, nachdem Mk 14,47; Lk 22,35-51 Petrus sein blutiges Schwert in die Scheide gesteckt hat.
Mit Miθra wurden auch Zurvan, Ahura Mazdā und Ahriman eingeführt in die römische Welt.[2671] Zurvan wird mit Xro/noj, Ai)w/n, saeculum oder Saturn identifiziert und in Statuen als löwenköpfiger geflügelter Mensch mit dicker Schlange umwunden dargestellt. Er behält seine Position als oberster Gott der unendlichen Raumzeit.[2672] Da schon die Statue ägyptischer Einfluß in Persien ist, cf 1.5.1.2, könnte auch die Uroboros mit ihrer Selbsterneuerungskraft von dort stammen. Die Weltumringlerin im Amduat 11. Stunde ist völlige Dunkelheit.[2673] Die persische Schlange ist schädliches Gifttier oder als Az-i Dahak Inkarnationsform Ahrimans. Auch der Löwenkopf ist nicht iranisch, dort gab es keine Löwen. Sachmet und Mut sind Ägyptens Göttinnen der Vernichtung und der Heilkunst, cf 2.2.2. Zeit heilt, Zeit vernichtet. Diese Ambiguität paßt auf Zurvans Doppelheit von Licht-Finsternis, Gut und Böse. Wenn dann die Schlange nicht nur die Selbsterneuerung, sondern auch die Nacht als Zeit derselben repräsentiert, müßten die Flügel Licht, Tag und Sonne bedeuten, also den Horosfalken als Sonnengott abbilden. Diese Kombination dreier ägyptischer Gottheiten (Sachmet-Horos-Uroboros) zur Repräsentation des persischen Trias Zurvan-Ōhrmazd-Ahriman (Zeit-Tag-Nacht) ist Zeichen vorhellenistischer persischen Offenheit für Ägyptisches, was sich auch im Kalender Bundahišn 25 SBE5 zeigt.
2.3.5 Kosmologie und Astrologie des Mithrizismus
Die Mithraspatres nahmen mehrere Schöpfungsinzeste als Weltbeginn an: Himmel und Erde gebären den Ozean. Ahura Mazdā ist Himmel und Jupiter, die Erde Juno oder Armaīti (Fügsamkeit) und der Ozean Neptun und Apām-Napāt.[2674] Nach der Anfangsherrschaft des Chronos übernimmt dann Jupiter-Zeus-Ahuramazda die Weltherrschaft mit Juno. Es gibt weitere Gleichungen des griechischen, römischen und avestischen Pantheon:
Artagnes/ Herkules macht Heldentaten,
Šarevar/ Mars macht Metalle und
schützt brave Krieger,
Atar/ Vulcanus ist Feuer,
Merkur
ist Götterbote des
Zeus,
Haoma/ Bacchus ist die Lebensmacht der
Pflanze,
Drvāspa / Silvanus ist Schützer
von Ackerbaus und
Pferdezucht,
Anāhītā / Venus/ Cybele/ Minerva ist
befruchtendes Wasser und
Herrin des Krieges.
Aša/ Arete verkörpert
beinharte Tugend, gutes Denken,
Reden und Tun.[2675]
All diese scharen sich um Jupiters Thron auf den Basreliefs der Mithräen. In den Tiefen der Erde dagegen haust Ahriman alias Pluto mit Hekate und den Unterweltdämonen, die den unreinen Umarmungen beider entsprossen sind.[2676] Zugleich werden die 4 Hauptwinde den 4 Jahreszeiten gesellt als Luftelement, Feuer ist Löwe, Mischkrug Wasser und Schlange Erde auf den Basreliefs.[2677] Auch vier Rosse werden oft abgebildet, apokalyptische Reiter im Urstand: Eines verkörpert Luft, eines Feueräther, eines Wasser und eines Erde. Die vier Elemente treffen sich als kosmische Quadriga zum Weltenbrand.[2678] Daneben gibt es die Sonnenquadriga mit Helios und Miθra als Beifahrer.
Der Dualismus von Hölle und Himmel bestimmt die irdisch-materielle Welt und auch die geistige Welt nach dem Tod.[2679] Ahriman und seine Daēvas verwirren und überziehen die Welt mit Unheil, während die Yazata Ahura Mazdās das andere Heer bilden, auf dessen Seite die Miθra-Soldaten sich sehen.[2680] Die Mithrasgläubigen glaubten an die Befreiung der menschlichen Seele schon zu Lebzeiten. Sie sollte symbolisch durch die sieben Sphären der Planeten in himmlische Gefilde aufsteigen. »Wir wissen namentlich durch positive Zeugnisse, daß man in ihnen [den Mithras-Mysterien] das Dogma von der Reise der Seelen durch die sieben Planetensphären lehrte, und daß Mithra seinen Gläubigen als Führer bei ihrem Aufstieg zu dem Aufenthalt der Seligen diente.«[2681] Nach Tod und Auferstehung hoffte man auf Vollendung durch sol invictus. Die Planeten sind beseelte Gottheiten, die den Lauf der Dinge bestimmen: Merkur (Gauner und Geschäftsmann), Venus (Sexualität), Mars (Krieg), Jupiter (Höchster Gott), Selene, Sol, Saturn (Chronos, Zeitgott, Zurvan, Langsamkeit und Apathie). Orion und Pluto sind hier nicht vorhanden. Mithras entspricht dem großen Jäger Orion.[2682] Seine gespreizten Beine, der Gürtel und die Schultern passen zum Sternbild des Orion auf antiken Himmelskarten. Der rückwärtige Blick beim Zustechen ist ebenfalls typisch bei Orion. In Heddernheim sind die langen Beine Mithras' durch Sterne markiert, in Ostia auf jeder Schulter Mithras ein Stern.[2683]
Diese Vorstellungen sind so wenig ur-mithrisch wie die 7 Planeten-Himmel. Hier ist der altiranische Mithrasglaube von Yašt 10 vom Zervanismus und somit der chaldäischen Astrologie umgeformt.[2684] Später werden die 7 Planeten zu den Tagesgöttern der Woche.[2685] Unsere abendländische Wochentagsbenennung stammt von diesem Tagespatronat der Planeten: Saturn herrschte über Saturday, Zaterdag. Sol über Sunday, Zondag, Sonntag. Luna über Lunedi, Lundi, Monday, Mandag, Montag. Mars/Wotan über Martedi, Mardi. Mercur über Mercoledi, Mercredi, Wednesday, Woensdag. Jupiter/Thor/Donar über Giovedi, Jeudi, Thursday, Dondersdag, Donnerstag. Venus/Freya herrscht über Venerdi, Vendredi, Friday, Vrjidag, Freitag. Armbänder, Fingerringe und Amulette mit jeweils einem dieser Planeten können so im täglichen Wechsel wöchentlich rotieren. Wie die Quart als Umkehrung der Quinte mit 7 Halbtönen den Quintenzirkel vieler Tonarten prägt, so gibt es in der Planetenabfolge ebenfalls Quartenharmonie, die pythagoreische Sphärenharmonie.[2686] Miθras Planet Saturn ist Chronos, Herr der Zeit.
Diese 7 Planeten sind nachexilisch auch im AT anzutreffen: In Ez 9 bringen sieben Erzengel das Gericht über Jerusalem, ein Priesterschreiber und 6 Schwertkämpfer. Auch sie sind der chaldäisch-iranischen Vorstellung von sieben Planeten-Engeln entlehnt, die im Auftrag des Schicksalsgottes mit dem Schreibzeug Gericht halten.[2687] Sacharja schaut 4,9 einen Stein mit sieben Augen im Jahwe-Thronsaal, auf den der Name des Messias eingraviert werden soll. Jahwes Fingerring stammt traditionsgeschichtlich vom Königsring Marduks.[2688] Die Menorah, der siebenarmige Leuchter, Sach 4,2 stammt wie die Sieben Augen Gottes Sach 3,9; 4,10; Ex 28,9-11; 39,6f; Apk 2,17; 5,6 aus chaldäischer Astrologie. Die Augen sind Lichter, Sterne, Planeten und Geister Gottes und werden überall hin ausgesandt.
2.3.6 Der Seelenaufstieg in den Mithrasmysterien
und Platons Timaios
Dem prämortalen Seelenaufstieg durch die 7 Weihen entspricht das paulinische „Schon jetzt“ der Heilszeit.[2689] Die Heimatstadt des Paulus, Tarsos, besaß ein Mithräum. Der Glaube an Gericht und Weltuntergang, Auferstehung, die Eucharistie mit den mithrischen Eßvorlagen Brot und Wein, die Taufe und die Bedeutung des Blutes als erneuernde Sühnkraft - es ist, als hätte das Christentum in einer Umwelt, in der der Mithraskult bereits ein stattlich-staatliches Renommé hatte, eine Bringschuld zu leisten und sich den hier entwickelten kultischen und eschatologischen Features überbietend anzuschließen gehabt. Endzeitglaube und Auferstehungshoffnung, kultischen Mahlgemeinschaft und Taufriten gehörten zum damaligen Zeitgeist, zu den religiösen Standards und vermutlich hätte die Jesusbewegung sich nicht durchsetzen können, hätte sie nicht diese Erwartungsklischees „bedient“ und übernommen.
Es gibt im Mithräum das Taufbecken zur Reinigung von Sünden und als Auftakt des neuen Seins.[2690] Tertullian hält um 198-203 das Taufbad der Isis und des Miθra für wirkungslos und reklamiert damit für die christliche Taufe die größere magische Kraft (spiritalium potestatum): »Aber weil den Heiden die Kenntnis der geistigen Mächte nicht gegeben ist, dienen sie ihren Götterbildern als wären sie wirkmächtig. Indessen belügen sie sich mit leerem Wasser. Denn sie führen in bestimmte Heiligungen ein durch die Taufe bei einer gewissen Isis und Mithras.«[2691] Er nennt 203 in De praescriptione haereticorum die Sündvergebungstaufe, das Stirnmal, die Brotdarreichung, die Auferstehungszeremonie und die Krönung per Schwert: »Vom Teufel, zu dem natürlich jene Schliche gehören, die die Wahrheit entstellen, und der durch die mystischen Riten seiner Götzen sogar mit den wesentlichen Teilen der Sakramente Gottes wetteifert. Er tauft ebenfalls einige - eben seine eigenen Gläubigen und Getreuen. Er verspricht die Vergebung der Sünden neben einer Schicht (von seinem Eigenen); und wenn ich recht erinnere, Mithra setzt sein Zeichen auf die Stirne seiner Soldaten; feiert die Austeilung von Brot und führt einen Akt von Wiederbelebung ein und vergibt unter dem Schwert eine Krone.«[2692] Mit resurrectio dürfte die Verewigungszeremonie PGM IV,475-820 im Großen Pariser Zauberpapyrus gemeint sein, die als Mithrasliturgie in 2.3.7 dargestellt wird.
Der Adept hat teil an den heiligen Mahlfeiern mit Brot und einem Trunk aus Wasser, Wein und Honig. Dies war der Ersatz für Haoma, also Ephedra. Ephedra pachyclada wächst nur als Strauch auf Felsgestein im iranischen bis tibetanischen Hochland über 2700 Metern.[2693] Es dürfte schwierig gewesen sein, in den europäischen Teilen des Imperiums eine der 40 Ephedra-Arten zu bekommen. PGM IV,770ff wird kentri=tij appliziert. Wenn Haoma oft mit Bacchus identifiziert wird, könnte je nach Versorgungslage mit Ephedra auch Wein benutzt worden sein.
Die Anwesenden lagen auf gepolsterten steinernen Liegebänken entlang den Seitenwänden, um so ihr Kultmahl einzunehmen, bedient von niederen Initianden mit Raben- und Löwenmasken. Zur heiligen Mahlfeier sprach der Pater die segnenden Worte: »Die Männer hast du gerettet durch Vergießen des ewigen Blutes.«[2694] Die Kraftpartizipation im Taurobolium, wo vom durchlöcherten Bretterboden, auf dem der Stier starb, sein Blut in die fossa sanguinis, die Blutgrube, auf die dort unten Versammelten tropfte, verhieß den Kriegern Unsterblichkeit, Lebenskraft, kurz: Aməretāt, eine der sechs Aməša Spənta Zaraθuštras. In Kappadozien und Armenien gab es viele Tempel der Mā und der Anāhītā mit Taurobolien. Hier bereits ging es schon nicht mehr nur um archaische Kraftübertragung durch Bespritzen mit und Lecken von Blut, also Erneuerung vitaler Körperkräfte, sondern um die Reinigung der Seele für ihre himmlische Zukunft.[2695]
Diese Kulte zogen ebenfalls in Rom und dem Reich ein, teils unter dem Namen Venus caelestis, teils als Minerva, beides neben Artemis/Diana Personen der dreiköpfigen Hekate, deren Statue in einigen Mithräen stand. In Ostia liegt das 142 n.Chr. gebaute Mithräum neben dem Metroon der Anāhītā, beide Gottheiten bilden quasi ein Paar.[2696] 150 n.Chr. nahmen im Kybele-Kult die Priester diese Blutstaufe auf als Reinigung zum ewigen Leben mit Wiederherstellung der ursprünglichen Unschuld.[2697] Durch ihre Frauen lernten viele Mithrasanhänger diesen Ritus kennen. 377 erlebt das Taurobolium eine Blüte und viele Senatoren Roms sind dort geweiht worden. Rufius Caelonius Sabinus nannte sich in seinem Vestiatempel am forum romanum »Sproß uralten, erlauchten Geschlechts, pontifex, dem zusammen mit Vestas heiligem Feuer die glückliche regia dient; Augur zudem, Diener der dreifaltigen Diana, der hochzuverehrenden, Vorsteher im Tempel des persischen Mithras in Babylonien, Leiter der Mysterien des großen, heiligen Tauroboliums.«[2698] Gehörte die Bluttaufe zum Reinigungsritus, der der ersten Schicht der Mithrasliturgie zugrundeliegt? Der Einleibung in die Stiernatur des Urwesens mit Brüllen und Schnalzen korrespondiert dann eine Blutvereinigung mit dem geschlachteten Stier selbst. Vielleicht hat aus der Identifikation mit dem Opfer-Urstier der Schöpfung sich die Lust aufs taurobolische Blutlecken/-baden entwickelt.
Ob in römischer Zeit regelmäßig Stiere geopfert wurden, mag man bezweifeln. Daß man Rindfleisch aß, ist durch Knochenfunde gesichert. In Dura bringt auf einem Nebenfresko überm Kultrelief ein Corax-Diener in Rabenmaske einen Fleischspieß herein. Es wurde also der zerlegte und ausgewaidete Stier gegrillt und dann erst hineingetragen. Auf einem syrischen Basrelief des 3.Jhs., wohl von dem in Dura abhängig, tragen zwei Nymphi mit Phrygenmütze einen 20-Liter-Kessel mit Rindfleisch an einer Schulterstange, es wurde also auch gekocht oder gebraten.[2699] Die meisten Mithräen waren zum Schlachten schlicht zu eng. Eine Blutauffangvorrichtung wurde in keinem Mithräum gefunden. Die Opferschlachtung fand im Freien statt und die Nymphi schleppten den Rinderleib wohl nach dem rituellen Transitus vor dem Kultbild in einen Nebenraum des Mithräums, wo sie ihn ausschlachten konnten. Auf einem Fresko ist ein Nymphus mit einem Kalb auf dem Rücken am Transitus.[2700] Ein Jungbulle war billiger und besser zu be-stechen. Man darf vermuten, daß der Bulle zerlegt wurde, daraus Fleischspieße gemacht, diese im Freien gegrillt und dann erst in die Höhle gebracht wurden. Daß ständig Stiere geopfert wurden, war unbezahlbar, so daß man Brotzeit als Normalität und Fleischzeit eher an hohen Festtagen vermuten kann.[2701]
Das entscheidende Paradigma für die hellenistische Kosmologie wurde Platons Timaios. Nach Platons Mythos ist die Welt von einem Baumeister nach einem transzendenten Vorbild aus den vier Elementen geschaffen worden. Zusammengehalten wird das All und jedes lebende Wesen durch die Seele. In der Seele sind drei Bestandteile vom Baumeister (demiourgo/j) mit einem Mischkrug (krath/r) gemischt: Unveränderliches Ideen-Sein, Konstanz (wie die Rechtsdrehung der Fixsterne auf der Kreisbahn des Himmelsäquators) und Veränderlichkeit (wie die linksdrehenden Planeten auf der dazu diagonal laufenden Zodiak-Kreisbahn).[2702] Aus den Zyklen dieser Fixsterne und Planeten entstand die Zeit (Chronos) in Jahren, Monaten, Tagen, Stunden, die bei aller Veränderung durch ihre Kreis-Konstanz die unveränderliche Ewigkeit (Aion) abbildet. Nach Erschaffung der sichtbaren Stern-Götter und der anderen göttlichen Wesen war noch Seelensubstanz in dem Mischkrug übriggeblieben; hieraus schuf der Weltschöpfer die Seelen der Menschen und Tiere. Die niedrigeren Götter durften aus den Elementen Körper für die Seelen formen. Bevor diese verkörpert wurden, wies der Weltschöpfer jeder Seele ihre Heimat auf einem Fixstern zu und erklärte ihnen das Gesetz, dem sie unterstehen. Von den immergleichen Fixsternen kommen die Seelen auf die Planeten, wo schon das vom Ewigen Verschiedene regiert; von dort steigen sie auf die Erde hinab und werden in einen Körper gefügt in dem sie von Schmerz, Lust, Verlangen, Furcht und Zorn getrieben all diese Affekte überwinden sollen. Die Seele der Untadeligen wird nach dem Tod zu ihrer Fixsternheimat zurückkehren. Der Leidenschaften verfallene Seelen müssen nach dem Tod wieder zur Erde hinab und in einem weiblichen oder gar tierischen Körper die zweite Chance nutzen. In allen Anfechtungen des Körperlebens kann die Seele zur Vernunft kommen durch Anblick der ewigen Ordnungen und so in sich selbst deren Spuren wiederentdecken. - Alle Momente dieses Mythos finden sich in den Mithrasmysterien wieder: Himmelsrund, Zodiak, Planeten, Tag, Monat, Jahr und der mithrische Chronos als löwenköpfiger Mann steht für den Tierkreis. Die 4 Elemente sind ursprünglich aus der iranischen Elementenliste importiert. Der Mischkrug der Seelen dient auf Mithras-Reliefs in den Gebärmutter-Mithräen zum Auffangen des Stierspermas, der Lebenssubstanz schlechthin. Bundahišn 10,1-4; 14,3ff SBE 5 wird der im Mond gereinigte Urstiersame Basis aller Tierschöpfungen. Sperma ist ja die Prädestination des Körpers mittels seiner DNA. Selbst der Baumeister taucht wieder auf: Euboulos nennt in seinem Buch über die Mithrasmysterien Miθras »Schöpfer und Vater aller Dinge«: »So haben auch die Perser den Mysten in den Abwärtsweg der Seelen und einstigen Rückweg eingeweiht, wenn sie die Höhle als den Ort angeben. Zuerst nämlich, wie Euboulos sagt, habe Zaraθuštra eine natürliche Höhle in den benachbarten Bergen, die bei den Persern vorn eine Quelle hat, zur Ehre des Schöpfers und Vaters des All, Mithras, geweiht und ihm die Höhle als Bild des Kosmos gebracht, den Mithras geschaffen hat. Er brachte von den Seienden Dingen gemäß dem Symmetrieprinzip der Auferstehung Symbole der kosmischen Elemente und Stufenleitern. Danach herrschte Zaraθuštra auch mit den anderen, durch Vorhof und Höhle, ob nun selbstentstanden oder handgemacht, um die Weihen zu vergeben. Denn wie die olympischen Götter Tempel, Statuen und Sockel/Altäre als Wohnsitz haben, die irdischen Halbgötter auch Opferaltäre, die Unterirdischen Gruben und Hallen, so auch die Grotten und Höhlen für den Kosmos.«[2703] Höhle mit Quelle davor ist die Gebärmutter mit nasser Vagina. Geburt ist Befreiung aus der archaischen Uterushöhle in einen nächstgrößeren Kosmos und die Transitus-Weihe als Wiedergeburt zu bezeichnen stringent. Euboulos zitierte mit Miθras als Schöpfervater Platon.[2704]
Porphyrios allegorisiert im Buch über die Nymphengrotte in Anlehnung an den Pythagoreer Numenius Homers Odyssee. Die Phäaker setzten Odysseus nachts am heimatlichen Strand aus. Am Hafen war ein Ölbaum und nahebei eine liebliche Höhle, ein Heiligtum der Nymphen; darin standen Mischkrüge aus Stein, in denen Bienen summten. Die Grotte hatte zwei Türen, eine nach Norden für Menschen, die göttlichere nach Süden für Unsterbliche. Wenn die Perser/ Mithrasdiener Mysten einweihen, stellen sie mystodramatisch den Weg der Seelen ("Nymphen" und "Bienen") vom Himmel hinab in den Kosmos und wieder heraus (e)/codoj) dar und dabei ist die Grotte Symbol des Kosmos. Nymphen sind im Mithrizismus der 2. Weihegrad und Mischkrüge enthalten das feuchte Leben als Seelensubstanz Sperma. Die Seelen treten aus dem heimatlichen Fixstern-Bereich des Ewigen in den Kreislauf des Vergänglichen der Planetensphäre über an zwei Punkten des Zodiacus, dem nördlichsten im Zeichen des Krebses und dem südlichsten im Zeichen des Steinbocks (Sommer- und Wintersonnenwende). Abwärts geht es durch den Nordpunkt im Krebs: die Tür der Menschen.[2705] Den Rückweg nehmen die Seelen durch die südliche göttlichere Tür im Steinbock. Dieser Abstieg und Aufstieg der Seelen durch zwei "Mündungen" (sto/mia) stammt aus Platons Staat 615de, wo die Seele nach dem Tod hochfährt und ein neues Lebenslos zieht, bevor sie zum nächsten Erdeinsatz aufbricht. Macrobius schildert im 4.Jh. im Kommentar zum Traum des Scipio I,12,13f den Seelenabstieg aus dem Fixsternhimmel im Lichtstoffleib durch die Planetensphäre zur Erde. Sie empfängt von »Saturn logisches Denken und Verstand, in der des Jupiter Tatkraft, in der des Mars feurigen Mut, in der des Sonnengottes die Fähigkeit wahrzunehmen und sich Vorstellungen zu bilden, die Begierde in der Sphäre der Venus, die Fähigkeit zu sprechen und sich verständlich zu machen im Kreis des Mercur: die Fähigkeit zu pflanzen und die Körper wachsen zu lassen gewinnt sie beim Betreten des Kreises der Luna.«
Die Höhlentradition wird auf
Zaraθuštra
zurückgeführt wie in den Orakeln des Hystaspes. Die
Geburtshöhle wird Befreiungshöhle. Wir zerbrechen
unsere Fesseln und steigen
aus der Höhle zum wahren Licht der Sonne empor. Wie Platons
Höhle ein Gleichnis der Welt ist, sind
die Mithrashöhlen Abbilder des Kosmos. Im Mithraskult kamen
Fesselungszeremonien vor; Platon
spricht von einem Befreier, der Fesseln löst: im Mithraskult
trat ein liberator
auf und läßt
die Mysten zum ewigen Licht emporsteigen. Bunte Fresken in Capua zeigen
den
Pater mit roter Persermütze, rotem Mantel und Magierstab;
nackt am Boden oder
gefesselt mit verbundenen Augen kniend der Myste und neben ihm sein
Begleiter,
der Mystagoge in weißer Tunica.[2706]
Ambrosiaster
erwähnt die
Fesselung mit Hühnerdarm und das Werfen des Gefesselten in
eine Pfütze, aus der
ihn dann der Pater als liberator
befreit und seine Fesseln aufschneidet.[2707]
Der Sinn solcher Demütigungsrituale ist die
Zerstörung des Selbstwertgefühls,
damit anschließend die Gottheit an die Stelle des
zerstörten Ich-Ideals tritt.
Die Verleihung eines neuen Namens unterstützte diesen
Identitätswechsel. So hat
man versucht, eine stierische Todeserfahrung zu inszenieren, aus der
dann der
Pater als Stellvertreter Miθras
die Erlösung
durch Zerschneiden der Fesseln gibt. Es war eine Befreiung aus den
Fesseln der
Welt, der niederen Sinnlichkeit. PGM
IV,526.534 wird die Welt als bittere bedrängende Not
bezeichnet, aus dem
mittels Reinigungen die Seelenkraft gestärkt wird zur
Ascensio. Dazu passen die
Szenen, in denen Miθra
Helios die Strahlenkrone
entreißt
und ihn auf die Knie zwingt, bevor
er mit ihm speist und mit seiner Sonnenpferdequadriga gen Himmel
fährt. Auch
hier ist das Ergebnis des Sieges der mithrischen Soldatenreligion
über den
bäuerlichen Mazdaismus die Amalgamierung zweier Gottheiten,
wobei Ahura
Mazda nicht wie der Myste nur einen
neuen Namen bekommt, sondern eine Kette von Metonymien: Helios,
Zeus, Sol.
»Man hat das
Weltbild der Spätantike in das
persische Schöpfungsdrama hineininterpretiert. Verglichen mit
den persischen
Traditionen, ist dies sekundär; für die
Mithrasmysterien der römischen
Kaiserzeit ist es aber geradezu konstitutiv. Vermutlich sind die
eigentlichen
"Mysterien" des Mithras überhaupt erst entstanden, als man
diese
Um-Interpretation vornahm.«[2708]
Das ägyptische hk3 meint Macht. Heka ist der Gott der Zauberkraft, Strahlkraft.[2709] Aus diesem Fundus leitet sich der Name der zentralen mithrischen Jungfrauengestalt ab: Hekate. Die iranische Anāhītā fließt in Hekate ein. Hekate wird platonisiert auf der Folie vom Phaidros, wo die menschliche Seele als Gespann zweier geflügelter Pferde (qumo/j Stolz und e)piqumi/a Begierde) von einem Wagenlenker (nou=j) gelenkt wird. Ardvi-Sura Anāhītā, die »Feuchte, Starke, Makellose« des Yašt 5, tritt in den Artaxerxes-Inschriften zusammen mit Miθras auf.[2710] In mehreren Mithräen gibt es Statuen der dreiköpfigen Göttin Hekate, die aus Sidon siehe oben.[2711] Anāhītā als vernünftige Artemis hat zwei Köpfe Zuwachs bekommen, den Stolz Athenes und die Begierde der Venus. Firmicus Maternus schreibt in seinem Buch gegen die Mithrasmysterien, Hekate stelle die drei Seelenteile Stolz-Begierde-Verstand dar.[2712] Ein Kopf stellt Minerva (Athene) dar; er bezeichnet den Seelenteil, der im Kopfe wohnt und ira heißt. Damit ist Platons qumo/j gemeint, die leidenschaftlich stolzen Regungen der Seele. Der zweite Kopf stellt Diana (Artemis) dar; er steht für den mens wohnhaft im Herzen, Platons nou=j. Diana wohnt in den Wäldern mit ihren vielerlei Wegen: auch die Gedanken der Menschen, über welche der Geist regiert, seien vielfältig. Der dritte Kopf stellt Venus (Aphrodite) dar. Sie wohnt in der Leber, welche der Sitz der Begierde (libido = e)piqumi/a bei Platon) ist. Platons Seelentrias wird somit dargestellt in der Modulation der Anāhītā als Miθras Gefährtin zur dreiköpfigen Hekate, die Seele von Welt und Einzelwesen zugleich ist. Hekate wird hier Vehikel der Seelentrias. Mit ihrem Kult in Ägina hat dies nichts zu tun.[2713] Die dreifältige Hekate begegnet schon in der Orphik als Schicksalskünderin.[2714] Sie ist mit ihren Hunden nachts wilde Jagd, am Dreiweg Furcht verbreitend, und als Persephone der Unterwelt verbunden. Sie hat eine androgyne Art des Auftretens, Fackel, Schwert, Peitsche, Dreizack, Szepter sind Männer-Assessors.[2715] Anāhītā wird )Artemij Persei=a genannt und wird als Inbegriff von Fruchtbarkeit, Reichtum und Wirtschaftsblüte zur meistverehrtesten Gottheit der Perser.[2716] In der Mithräenstatue ist Hekate freundliches Mädchen wie die Daēna im Paradies, cf 1.4.2.7. Im Hadōxt-Nask 2f und Vendidad 19,31f begrüßt die eigene Seele einen jeden nach dem Tod mit jeweils den Speisen, die seinem Handeln entsprechen, cf Y 46,11. Wenn also die mithrische Hekate als Athene, Artemis-Anāhītā und Aphrodite die drei Seelenteile Stolz, Vernunft und Begierde spiegelt, sind darin der Reichtum, die Prosperität und die Fruchtbarkeit von Anāhītā aufgenommen, zugleich ist aber auch die Dimension der postmortal richtenden, Seelen-Echo gebenden Daēna aufgenommen. Sie ist die Seele des Verstorbenen, Spiegel seiner Gedanken, Worte und Werke. So hübsch wie sie als fruchtbare Persephone im Mithräum tanzt, muß die Seele des aufgestiegenen Mysten sein. Über Hekate als Paradies-Seele des Mysten mit seinem Soldatenmut/Stolz, mit seiner Soldatenbegierde und seinem taktischen Verstand dringt zugleich die richtende und die guten Gedanken, Worte und Werke lobend belohnende Daēna in die mithrische Theologie ein. Hekate ist Spiegelbild der Seele des aufsteigenden Mysten und in ihrer Reinheit als Anāhītā das große Vorbild einer hohen Ethik. Die Jungfrauengöttin der Perser wird das Ich-Ideal der Seele des Mithras-Soldaten.
2.3.6.2 Seelenaufstieg im Phaidros und Transitus mit Leiter
Platon beschreibt im Phaidros, wie die Seelengespanne, von Eros begeistert, zum Firmament emporzusteigen suchen. Das Miθras-Relief in Capua zeigt einen kleinen Eros mit einer mächtige Psyche (= Nymphus) an der Hand.[2717] Ein Eros-Psyche-Fragment ist im Mithräum unter S. Prisca gefunden worden.[2718] Eine Gemme zeigt auf der einen Seite das Stieropfer des Miθras und auf der anderen Seite Eros und Psyche.[2719] Der platonische Mythos von Eros und Psyche wurde in den Mithrasmysterien auf den Aufstieg der Seele zum Fixsternhimmel bezogen.[2720] Im Mithraskult stand die himmlische Auffahrt der Seele schon vor dem Tode im Mittelpunkt.[2721] Celsus berichtet über die mithrischen Reliefs mit Fixsternen und Planetenhimmel, der siebenstufigen Leiter und ihren Toren als Symbol für die Reise der Seele durch die sieben Himmelssphären, cf 2.3.4. Eine solche Aufstiegs-Leiter gibt es im Mosaik von Ostia.[2722] Wie der von Eros begeisterte Mensch über Stufen (e)panabasmoi=j) zur Schau der Ideen emporsteigt, beschreibt Platon im Symposion 211 C 3. Die Leiter ist, so Celsus, ein Symbol des Umlaufs der Fixsternsphäre (mit dem Himmelsäquator), der Bewegung der Planeten (durch den Zodiacus) und des Weges der Seele durch sie hindurch, den die/codoj. Der »Durchweg« oder transitus stammt aus dem Phaidros, der die/codoj 247a und 251d dreimal von den Göttern über dem Fixsternhimmel und von den aufsteigenden Seelen gebraucht.[2723] Der Transitus ist im Miθras-Zeremoniell dann der Übergang vom zweiten zum dritten Weihe-Grad, vom corax zum miles.[2724]
Wenn die Seele im Phaidros
durch die Planetensphären zur Schale des Fixsternhimmels
gelangt und sie ins
Transzendente vorstößt, erblickt sie den
»überhimmlischen Ort« (u(perou/rnioj
to/poj), in dem die 12 Götter auf ihren Wagen
einherfahren. Auf dem
Relief von Osterburken stehen die 12 Götter an genau diesem
Ort, über dem
Zodiacus, der ja aus Konfigurationen des Fixsternhimmels besteht. Links
fährt
der Sonnengott mit seinem Viergespann auf der Himmelskugel empor,
rechts wendet
Luna ihr Zweigespann hinab.[2725]
Dies ist nicht nur der tägliche Weg der Gestirne um die Erde,
sondern auch die
Wagenfahrt der Götter über der Schale des
Fixsternhimmels im überhimmlischen
Ort des Phaidros.
Und Platon
hat seinen
Götterzug dem Zug des Miθra
über den
Himmel nachgebildet, der Yašt
10 im Sonnenwagen mit seinem Troß und den goldenen Pferden
vom Hara bis zum
Sonnenuntergang kutschiert.[2726]
So
hat der Mithrizismus letztlich wiederum das von Platon
aufgenommen, was seinen persischen Traditionen
ureigentlich entsprang.
In einer Weihezeremonie zum 6. Grad steigt ein persisch gekleideter
junger Mann
zum Sonnengott/Heliodromus in den Wagen; der Sonnengott reicht ihm die
Hand.
Auch hier oszilliert die Szene zwischen Phaidros
und dem Sonnenwagen aus dem Mihr-Yašt.
Der
Neuplatoniker Macrobius
kommentiert Ciceros
Traum
des Scipio und beschreibt den Fall der Seele aus der
Fixsternsphäre bis
zur Erde hinab. »Die
Seele gleitet vom Zodiacus
(= der Fixsternsphäre) aus zu immer tieferen Sphären
hinab, und während sie
durch diese gleitet, wird sie nicht nur umkleidet von einem Leib aus
Lichtstoff, sondern erwirbt auch all jene Eigenschaften, von welchen
sie (auf
der Erde) Gebrauch machen wird: In der Sphäre des Saturn
logisches Denken und
Verstand .. ., in der des Jupiter Tatkraft ..., in der des Mars
feurigen Mut
..., in der des Sonnengottes die Fähigkeit wahrzunehmen und
sich Vorstellungen
zu bilden ..., die Begierde in der (Sphäre) der Venus ..., die
Fähigkeit zu
sprechen und sich verständlich zu machen ... im Kreis des
Mercur; aber die
Fähigkeit zu pflanzen und die Körper wachsen zu
lassen gewinnt sie beim Betreten
des Kreises der Luna.«[2727]
Dieses Bild von der Inkarnation einer jeden Seele in
astrologisch-platonischer
Tradition dürfte den Mithrizismus geprägt haben. Hier
besteht eine Brücke zur
gnostischen Himmelsreise, die ja ebenfalls aus den Mythen des Phaidros,
des Timaios
und des Staats
von Platon
wesentliche Momente
zur Schilderung des Himmels und seiner Stufen bezieht, wie am Zostrianos
gezeigt werden
wird.
2.3.7 Die Mithrasliturgie aus PGM IV als
Unsterblichkeitsritual
Albert Dieterich hat eine Passage des Großen Pariser Zauberpapyrus (Bibl. Nat. suppl. gr. 574 = PGM IV,475-820) als Miθras-Liturgie bezeichnet, laut Sammler Giovanni Anastasi (1780-1857) und Henry Salt aus Tonkrügen bei Gräbern in Theben, während Wessely Herakleopolis südlich von Memphis vermutet und das Redaktionsdatum vor Diokletian, also vor 284.[2728] Da Tertullian 211 De corona XV die Krönung der Mithras-Soldaten bei nächtlichen Initiationen in Feldlagern erwähnt, könnte diese Mithrasliturgie mit dem »Herrn der feurigen Diademe« (PGM IV,520.700) in seine Zeit fallen.[2729]
2.3.7.1 Die drogengestützte Himmelsreise
Die Mithrasliturgie illustriert, wie sich der chaldäische Sternkult sowohl mit dem platonischen Zug der Götter um die Pole aus Phaidros 247-253b und Nomoi 828bc, einer Paraphrase von Zurvan mit seinem Zodiak[2730], als auch mit dem iranischen Feuerkult zu einer Einheit verbunden haben. Es handelt sich um eine Drogen-gestützte Himmelsreise mit einer archaischen Variante des Haoma, Kentritis, wie meliou/xoj später bestätigt: Mithras hat Honig als Haomaverstärker und Leones wurden im Weiheritus mit Honig bestrichen.[2731] Es gibt Parallelen zur Himmelsreise von Ardā Vīrāf: Auch er nutzt 2,21.29 Wein und ein Narkotikum, vollzieht 2,25ff rituelle Waschungen, in 2,32 wird ein Feueraltar beheizt und 7 Tage und Nächte werden von seinen 7 um seinen leblosen Körper im Kreis hockenden Schwestergattinnen Avesta-Litaneien gesungen. In 3,1ff verläßt seine Seele den Leib über die Cinvat-Brücke und kehrt nach 7 Tagen zurück. Im Himmel hat er Ōhrmazd, Zartošt, die Aməša Spənta als Erzengel, Sroš und Engel Adar gesehen, die grüßen lassen. Im Ayurveda, der indischen Medizin, gibt es den Stirnguß, das Shirodara (Das Himmelstor öffnen), was der Stirnsalbung mit Kentritissalbe entspricht.
Die Gesamtprozedur der Verewigungszeremonie besteht aus den Vorbereitungen: 1) der Ernte der Kentritis, 2) der Zubereitung der halluzinogenen Salben, 3) der Amulettfertigung, 4) den einwöchigen Reinigungsriten mit Fleischfasten und Badeverbot, 5) der eigentlichen Reise-Session unter Hinzuziehung des sunmu/sthj als Paredros, 6) der Stirnsalbung mit Kentritis oder dem Skarabäusextrakt, 7) der Anrufung der Himmelsmutter Pronoia, 8) der Wandlung in Urstier und Urelemente, 9) den sieben Stufen des Aufstiegs mit dem Höhepunkt der Mithrasaudienz und abschließend 10) einem Abstieg.
2.3.7.2 Verbenaca als indoeuropäischer Vorläufer des theophoren Haoma
Die Rezepte (xulou\j botanw=n 481) kommen am Schluß (750-813) und gehören zur ursprünglichen Zeremonie wohl nicht dazu, die mit Taufen, Hyperventilation und Magodie auskam. Als zweites kam dann die Reinigungswoche mit dem Paredros 732-50 hinzu, gefolgt vom ersten Rezept. Die beiden Kentritisrezepte 772-79 mit der alexandrinischen Botanik 779-813 kamen als drittes hinzu. Der End-Redaktor hat als vierte Schicht die Zeilen 478-81 als Verweis auf die pflanzlichen Rezepte am Text-Ende eingefügt.
Rezept 1) Aus Lotossamen mit Honig (lwtomh/traj spe/rma kai\ me/li 755) wird ein Kuchen gemacht, den ein 12strahliger Sonnenskarabäus ißt und daran stirbt. In ihm ist der aus der Erde entstandene Urgott Chepri als untergehende Sonne präsent, wenn er die Mistkugeln wie Sonnenbälle vor sich herrollt. In diesen als Vorrats- und Brutkammer vergrabenen Kugeln wachsen Samen vieler Pflanzen, die das kotende Tier aß, heran. »Der Myste soll den toten Sonnenkäfer symbolisch bewirten und auch selbst mit ihm eine Mahlzeit einnehmen«.[2732] So wird der Sonnengott Chepri geehrt, bevor der Käfer durch seinen Tod verewigt und vergöttlicht wird. »Die Lotometra ist eine kultivierte Lotosblume; mit ihrem Samen, der Hirse ähnelt, machen Schäfer in Ägypten grobes Brot, das sie meist mit Wasser oder Milch kneten. Man sagt, es gebe nichts leichteres oder zuträglicheres als dieses Brot, so lange es warm gegessen wird, aber wenn es erkaltet, wird es schwer verdaulich.«[2733] Der am Lotusbrot gestorbene und damit unsterblich gemachte Skarabäus wird in Rosensalbe eingelegt, die nach 7 Tagen sein „Gift“ resorbiert hat. Mit dieser Salbe wird die Augenpartie des Mysten eingerieben. Der Placebo-Effekt ist anders als in Jesu Blindenheilung Joh 9,1-7 mit Erde und Spucke homöopathischer Art: Weil der Skarabäus Inkarnation des Sonnengottes ist und wie ein Gott 768f in bester Myrrhe und mendesischem Wein[2734] in einem aufsprießenden Bohnenbeet bestattet wird, muß das unter 7 Mittagsbeschwörungen (»Ich habe dich geweiht, damit mir dein Sein [ou)si/a] nützlich werde... ie ia h eh ou eia« 763f) in die Rosensalbe ausgesonderte Substrat seiner Lotusvergiftung auch göttlich sein und damit die Schau des Göttlichen ermöglichen. Die Reinheitsvorschriften in der Skarabäuszeremonie steigern die Göttlichkeit. Lotus als heiligste Pflanze Ägyptens galt als aus dem Urwasser Nil entstanden und zieht sich abends wieder in sich zurück. Im Lotos sorgt ein Enzym für Verjüngung der Eiweißmoleküle im pflanzlichen oder tierischen Körper. Sanskrittexte sprechen von Herzstärkung, Verdauungsförderung und Potenzpotenzierung. Chinesische Mediziner sagen, das Lian Zi beruhigt und harmonisiert, klärt Feuer, stützt die Essenz, das Yang und das Qi, beendet Diarrhö. Rosensalbe mit Skarabäus-Lotus-Ingredienzen ist biochemisch ineffektiv, aber der Glaube, eine göttliches Salbenkonzentrat auf die Augen zu bekommen, muß Wunder gewirkt haben. Wird sie auf die Augen oder gar auf die Netzhaut (o)/yij 746) gebracht, kompensieren religiös gefüllte mnestische Archive des Hirns die sensualen Ausfälle der Augen.
Rezept 2) Kentritissaft mit Rosenöl wird aufs Gesicht des Mysten aufgetragen. Mithras wird daraufhin alle Wünsche erfüllen: »772 Willst du es aber einem anderen zeigen, so nimm den 773 Saft der Kentritis genannten Pflanze, 774 bestreiche damit und zugleich mit Rosenöl das Gesicht des von dir Bestimmten, 775 und er wird so deutlich sehn, daß du dich wundern wirst. 776 Eine stärkere Zauberpraktik als das fand ich nicht auf der Welt. 777 Fordere vom Gotte, was du willst, und er wird es dir gewähren.« Das Lob eines Rezepts als ultimativ ist Reklame.[2735] Hier wird Kentritislotion über die Augenschleimhäute und den Trigeminus mit direkter Wirkung auf das Cerebrum resorbiert. Man konnte höher dosieren als bei oraler Gabe.
Rezept 3) Mit dem Saft der bei Neumond und Sonnenhöchststand im Löwenzeichen[2736] (basta/caj kentri=tin th\n prokeime/nhn bota/nhn t$= sunod%= t$= genome/nh le/onti 779f) gepflückten Kentritis, mit Honig und Myrrhe gemixt, wird auf ein Persea-Blatt (Loorbeer, Avocado[2737]) das o)ktagra/mmaton »i ee oo iai«(789) geschrieben, was bei Sonnenaufgang nach 3 Tagen Reinheit abgeleckt den großen Gott jeden Wunsch erfüllen läßt.(778-92) Je später gepflückt, desto höher der Drogengehalt, also kurz vor Beginn der Nilflut ist dieser am höchsten. Saftpressung ist typische Soma-Haoma-Technik, während Eisenkraut getrocknet aufgebrüht wird. Honigmischung und Sirius-Pflücken passen ebenfalls zum Haomaritus.
Könnte der Name „Kentritis“ aus dem Altägyptischen kommen? hhekenw ist seit der 1. Dynastie das Parfüm des Lobpreises bei Mumifizierung und Mundöffnungsritus[2738] und jtr.t die Götterwohnung[2739]. heknu itrit ist wohlriechende Salbe zum Lobpreis des Tempels. khn.t ist in P.Ebner 607 eine Pflanze in einem Salb-Verband[2740] und in P.Ebner 354 eine Augenkrankheit namens Fett.[2741] khnj.t in einem Räuchermittel P.Bln. 77 dürfte Königsgelb oder Auripigment aus gelbem Diarsentrisulfid (As2S3) sein.[2742] Früher wurde es als Enthaarungsmittel (Rhusma) eingesetzt. In P.Ebner 416 ist mit diesem Wort eine Augenverletzung gemeint.[2743] Diese Wortstämme der Hieroglyphen kommen kaum in Betracht, sind nicht psychoaktiv.
Bei griechischer Ableitung käme ke/ntron, Stachel infrage und deutet auf die Stengelform der Ephedra hin.[2744] Im Mittelmeerraum wachsen an Küsten und Flußufern Ephedra major und Ephedra distachya (vulgaris) mit 0,7-1,7 % Alkaloid-Anteilen, also der Hälfte des Ephedrin der Haomapflanze Ephedra pachyclada, cf 1.4.1.3. Die Kentritis wird in der Pferdemedizin erwähnt: »Heiliger Ruhm: Die Zeichen der Kentritis sind diese: der Körper hat einen angenehmen Reiz und ist des Unwohlseins überdrüssig und futtert von selbst und ist in guter Freiheit von Leid und Juckreiz/Beschwerden. Es hilft folgendermaßen: Es verflüssigt aus den Flanken oder aus dem Unterleib das Blut. Diesem beigemischt wird ein Fiebermittel, Öl, Essig und Manna. Damit wird es zu Salbe gemacht. Darauf wird er mit weichem Öl gesalbt und gesundet.«[2745]
Der Redaktor hat die Rezepte mit der Liturgie zusammen bekommen.[2746] PGM IV,799b-813a deutet auf alexandrinische Herkunft: »Die Kentritis-Pflanze wächst 799 vom Monat Pauni [Juni[2747]] an im Gebiet der 800 schwarzen Erde [= Ägypten], und ist ähnlich dem aufrechten 801 Taubenkraut (o(moi/a de/ e)stin t%= o)rq%= peristerew=ni). Folgendermaßen ist sie zu 802 erkennen: ein Ibis-Flügel wird mit seiner schwarzen 803 Spitze eingetaucht und mit dem Saft beschmiert, 804 und die Federn fallen aus, wenn man sie berührt. Nachdem der Herr 805 darauf hinwies, wurde sie im Gau Menelaitis 806 in Phalagry an den Nilufern gefunden, 807 in der Nähe der Besas-Pflanze. Sie ist einschoßig 808 und rotbraun bis zur Wurzel, 809 und die Blätter sind ziemlich wollig und die Frucht 810 ist ähnlich dem Kopf des wilden Spargels. 811 Ähnlich ist sie dem 812 sogenannten Talapēs, wie wilder Mangold.«
Wildspargel mit dickem Kopf ist dem spinatartigen großblättrigen Mangold völlig unähnlich, Ephedra und Eisenkraut sind auch nicht ähnlich. Wohl aber ähneln Ephedra-Blütenknospen dem Spargelkopf, bevor sie gelb aufblühen. Ephedra ist stachelig, aber weder rotbraun noch blätterig. Auch Eisenkrautknospen ähneln dem Wildspargelkopf, hier zeigen wollige Blätter entfernte Ähnlichkeit zu Mangold. Nur: großblättrige Pflanzen wachsen nicht auf kargen Felsboden nahe der Steppenraute. Wären nicht wollige Blätter beschrieben, könnte man Kentritis als Ephedra einordnen und hätte die komplette Kontinuität des Haoma und würde auch die Speedigkeit der Aufstiegszeremonie verstehen.
Die Besas oder Steppenraute (Peganum harmala Linnaeus) als Pflanze des Gottes Bes (Bhsa=j) ist eine Rauschdroge, die beta-Karbolinalkaloide wie Harmalin, Harmin, Harmalol und Tetrahydroharmin enthält und heute noch als Aphrodisiacum in jedem Kräuterladen Ägyptens verkauft wird; Harmin ist ein Monoaminoxydase-Hemmer, der endogene Neurotransmitter wie Serotonin (5-Hydroxytryptamin) oder Tryptamine wie ägyptisches Bilsenkraut[2748] als Weiningredienz halluzinogen wirken läßt.[2749] Daß die Steppenraute als Wegweiser genannt wird, zeigt: Autoren und Adressaten mußten Kenntnis von Rauschdrogen haben. Offenbar war Steppenraute zu schwach.
Schwarze Flügel hat der heilige weiße Ibis (techen, später hibi), der Thot oder Osiris und den Mond repräsentiert. Wie Sonne über Mond siegt, sind Essenzen von Sonnengewächsen oder -tieren quasi stärker als die der Mondgewächse und -tiere, glaubte man in der Auffassung, alles teile sich in antipathische und sympathische Substanzen, die jeweils das Wirken der in ihnen sedimentierten göttlichen Kräfte repräsentieren.[2750] Ibisse wurden in Tiernekropolen von Saqqara, Abydos, Kom Ombo, Tuna el Gebel und Theben mumifiziert in Kleinsärgen bestattet, ab der Ptolemäerzeit fast ausnahmslos und boomartig in Tontöpfen.[2751] Federn sitzen mit ihrer Schaftspule im Follikel der Lederhaut. Der untere Nabel verbindet die Feder mit der stark durchbluteten Lederhautpapille, aus der die Feder hervorwächst. Während der Mauser nach der Brutzeit lösen sich hier die Federn von selbst ab. Unter Einwirkung von Streßhormonen in Schreck und Panik fallen Schwanzfedern von allein aus. Lebt der Ibis noch, reicht seine Angst zur Schreckmauser. Ob gefäßverengende Eigenschaften von Ephedrin oder Verbena die Follikel so kontrahieren lassen, daß Federn ausfallen? Daß gerade beim Ibis und nicht bei Vögeln überhaupt getestet werden soll, deutet nicht auf biochemische Wirkung.
Menelaitis oder Menelaos liegt am westlichen, in Canobus, dem Hafen von Alexandria, mündenden kleinen Nilarm, etwa 20 km südöstlich von Alexandria, nahe bei Hermopolis und der alten Zollbrücke und Garnisonsstadt Schedia mit vielen Tempeln, einer der ältesten Synagogen und einem Bischofssitz.[2752] Phalagry liegt in der römischen Provinz Cyrenaica zwischen Kainopolis und Marabina.[2753] Der Name spricht für eine kaum bewachsene Trockenzone, ob Nilkanaldeiche oder ein kahler Hügel, jedenfalls für Steppenraute ideal. Dann muß Kentritis ebenfalls nicht im Nilsumpf zu suchen sein, sondern scheint auch auf Felsgebiet zu wachsen, was für eine Ephedrasorte und nicht für Eisenkraut spräche, cf 1.4.1.3. Demnach haben hier Magier aus Alexandria oder Schedia ihre Kräuter gesammelt und eine Variante des Haoma entdeckt. Das Rezept muß in Alexandria oder Umgebung verfaßt sein. Aus der Thebais würde kein Magier nach Menelaitis zum Kräutersammeln reisen.
Der Vergleich mit Taubenkraut (Eisenkraut, Verbena officinalis), dessen Blätter feine wollige Haare haben, zeigt, daß Verbena von Magiern als Fiebermittel und Wunscherfüllungskraut geschätzt wurde. Spielen wir die Möglichkeit durch, daß Kentritis eine besondere Sorte der Verbenacea ist, was die obige Botanik sehr nahelegt. Plinius schreibt: »Keine Pflanze erfreut sich in Rom einer größeren Berühmtheit als das heilige Kraut, das manche Taubenkraut, die Einheimischen aber Verbenaca nennen. Dies ist die Pflanze, welche, wie wir gesagt haben, Gesandte zu den Feinden tragen, mit diesen wird der Tisch des Jupiter abgestäubt und werden die Häuser gereinigt und geweiht. Es gibt zwei Arten davon, die eine, wie man glaubt, die weibliche, hat viele, die männliche weniger Blätter... Die Gallier losen und weissagen mit beiden, die Magier aber schweifen vollends in ihren Meinungen über sie aus; sie behaupten, wer sich damit gesalbt habe, erlange alles, was er sich wünsche, könne alle Arten Fieber vertreiben, Freundschaften vermitteln und jede Krankheit heilen. Man müsse sie bei Aufgang des Hundssterns sammeln, doch so, daß weder Mond noch Sonne sie zu sehen bekomme, nachdem man der Erde vorher ein Opfer von Wachsscheiben und Honig gebracht habe; auch müsse man vorher mit einem Eisen einen Kreis darum machen, sie mit der linken Hand ausgraben und in die Höhe heben; Blätter, Stengel und Wurzel müßten abgesondert im Schatten getrocknet werden. Auch sagen sie, wenn man mit dem Wasser, in welchem sie geweicht, die Lagerplätze um den Tisch besprenge, so werde die Mahlzeit heiterer. Gegen Schlangen zerreibt man sie in Wein.«[2754] Eisenkraut in der Wunscherfüllungsrezeptur der Magier PGM IV,772-89 ist Plinius unter dem Namen Verbenaca also geläufig. Das Pflücken bei Aufgang des Hundssterns (19. Juli) ist iranische Tradition, wo Sirius = Tīštrya in Niyayeš 10 und Yašt 8 als Gott verehrt wird, cf 1.4.5.3. Es ist identisch mit dem Pflücken bei Neumond und Sonnenstand im Löwen PGM IV,779f, was dem 4. Weihegrad des Mithrasmysteriums entspricht, cf 2.3.4. Plinius beschreibt hier präzise Botanik und Applikation des Eisenkrauts bei den Magiern. Entweder verwechselt er es mit Ephedra oder die Magier haben es in ihrer Apotheke tatsächlich aufgrund seiner Heilwirkung geschätzt, aber nicht als Haoma gebraucht.
Eisenkraut wurde in Rom wegen der stabilen Stengel gebündelt zum Auskehren des Opfertisches von Jupiter verwendet. Es war der Venus geweiht und in Liebestränken verwendet. In Ägypten wurde es geräuchert und als Wundheilmittel geschätzt. Pedanios Dioskorides aus Anazarbos in Kilikien studierte in Alexandrien und Pergamon, war Militärarzt unter Nero und veröffentlichte um 78 n.Chr. seine Peri\ u(/lhj i)atrik$=j oder De materia medica. Die Autoritäten auf dem Zauberpflanzensektor sind für ihn Zoroaster, Pythagoras, Demokrit und Ostanes. Er macht Vergleichslisten mit den babylonischen und ägyptischen Pflanzennamen.[2755] Über die Verbena schreibt er im Kräuterteil: »Manche nannten es Heiliges Kraut, andere Taubenkraut. An Stäben zieht man es hoch eine Elle oder mehr, kniehoch, die Blätter ringsum sind natürlich aus Zwischenräumen holzig, [man nimmt] eher die schmalsten und weniger die rund geschnittenen, tiefgrauen; von den Wurzeln die kurzwüchsigen Feinsten. Diese Blätter und die Wurzel gibt man zu trinken mit Wein und es wird äußerlich aufgetragen bei Schlangenbissen. Bei Gelbsucht werden die Blätter für eine Drachme mit Weihrauch für eine Triobolusmünze mit einer 300 ml-Schale altem heißem Wein viermal täglich auf nüchternen Magen getrunken. Sowohl chronische Ödeme als auch akute Entzündungen mildern Umschläge und Infektionen zieht es heraus und reinigt. Vollständig zerbröselt in Wein gelöst umspült es die Umgebung von Engpässen, und verteilt zieht es Juckreiz im Bauch heraus, es entwässert und bewirkt beim Zusammentrinken beruhigender das Einschlafen, wie man sagt. Drei Tage alten Sud Trinken gibt eine Geburt von der Erde mit den herumgelegten Blättern am dritten Tag, vier Tage alten am vierten Tag. Sie wird Heiligkraut genannt wegen guter Wirkung in Reinigungen mit Umschlägen.«[2756] Diese Wirkungen können allesamt bestätigt werden durch Laborversuche. Die Juckreizstillung erinnert an Hippiatrica Cantabrigiensia 75, wo dies von Kentritis gesagt wird.
Diese Gebrauchsanleitung muß dem Kräuterbuch des Pseudo-Apuleius, De herbarum virtutibus aus dem 4.-5. Jh. vorgelegen haben, das in ca. 50 sehr divergenten Manuskripten mit 90-130 Pflanzendarstellungen kursierte. »Es scheint schon bei den alten Ägyptern, Persern und Galliern in hohem Ansehen gestanden und zu religiösen Ceremonien gedient zu haben, wie denn einzelne Autoren den Namen Verbéna aus dem Celtischen ableiten wollen, und das französische Wort Verve (Begeisterung) von dem heiligen Druidenkraut (Vervaine) abstammen lassen. Apuleius hat uns in seinem den ersten Jahrhunderten unserer Zeitrechnung entstammendem Buche über die Kräfte der Kräuter die zahlreichen Namen aufbewahrt, durch welche die alten Völker ihre Verehrung der Pflanze ausdrückten. Die Griechen, sagt er, nannten sie Hierabotane (d.h. das heilige Kraut), Dios Elecata (Zeus' Scepter), Demetria und Persephonium (d.h. die der Demeter oder Persephone geweihte Pflanze), Asclepias Alcea (Aeskulaps Heilmittel), Heras Dacryon (Heras Thräne, sonst auch Isisthräne), Sideritis (Eisenkraut), Curetis (Speerkraut), Colletis und Aristereon (die Zusammenheilende, weil sie die mit Eisen geschlagenen Wunden zusammenziehen und heilen sollte), Peristereon und Trygonion (Taubenkraut, weil es den Tauben besonders angenehm sein soll), die Ägypter Pemphtemphtam[2757], die Propheten Erysi scéptron (das rettende Scepter), die Römer Verbenaca, Lustrago (d.h. der zu Lustrationen dienende Sprengwedel), Columbina (Taubenkraut).«[2758]
Biochemisch enthält der Extrakt 1) Iridoidglykoside: Verbenalin (0,15 % isoliert), Dihydrocornin und Hastatosid (0,08 %), 2) Flavone: Glykoside des 6-Hydroxyapigenins und des 6-Hydroxyluteolins, 3) Hydroxyzimtsäurederivate: Verbascosid (0,8 %) Isoverbascosid, Martynosid, 4) Adenosin, 5) Schleimstoffe und 6) Spuren von ätherischem Öl. Eisenkrautextrakte besitzen antimikrobielle, antivirale, immunstimulierende, zytotoxische, diuretische, hustenreizstillende, sekretolytische, antiphlogistische, blutstillende, antipyretische, antineuralgische und analgetische Wirkung und stimulieren die Leber-, Gallenblasen- und Gebärmutterfunktion. Bei Infektionen der Mundschleimhaut und Atemwege, der Harnwege, bei Verdauungsstörungen, bei Depressionen, nervöser Erschöpfung, Asthma, Migräne, Gelbsucht, gegen Cellulitis, Hexenschuß, Rheumatismus und Ischias wird Eisenkraut angewandt.[2759] Niederdosiertes Verbenalin im Tierversuch erregt, hochdosiertes lähmt. »Die sympathischen Nervenenden werden durch kleine Dosen [Verbenin] erregt, durch größere gelähmt.« Beide Stoffe vereint wirken als Uterinum tonussteigernd und als Galaktagogum milchfördernd, »auch zur Behandlung schlecht heilender Wunden und Geschwüre sowie bei Flechten und Exzemen«.[2760] Daß es völlig verschiedene Wirkung geben kann, zeigt sich auch am Antikonvulsivum Carbamazepin, was in kleiner Dosis entspannt, hochdosiert über Müdigkeit und Schwindel bis zum Koma führt. Daß polnisches Eisenkraut nur sekretolytisch in Sinupret® verwendet wird, schließt nicht aus, daß früher am Nil vereinzelt psychotrophe Verbenacea-Arten wuchsen.[2761] Bereits das südamerikanische Eisenkraut ist ungleich stärker als das genetisch ältere europäische.
Die Kentritis sei rotbraun bis zur Wurzel und dem (völlig grünen) Eisenkraut »ähnlich«, aber nicht identisch, sagt PGM IV,800ff. Plinius erwähnt bereits zwei Sorten Verbena, männlich und weiblich. Verbena officinalis ist hier sicher nicht appliziert, sondern eine seltene Verbenacea-Sorte, deren Wirkung ungleich massiver war. Die Siriusaufgangs-Ernte zeigt das hohe Alter dieser indoeuropäischen Tradition, die bei Kelten, Iranern und Römern gemeinsam ist. Gegen Ephedra und für eine hochwirksame Verbenacea sprechen Wollblatt und Plinius' Bemerkung, die Magier verwenden Verbena sowohl bei Fieber als auch in Wunscherfüllungszaubern. Dann wäre zu vermuten, daß diese Verbena-Nutzung für religiöse Extase historisch vor der Ephedra-Nutzung lag, die erst im iranischen Hochland aufkommen konnte. Dann hätten die Magier die Verbenanutzung bereits aus der Kurgankultur vom Donezbecken im 5.-3.Jt.v.Chr. bei ihrer Migration 1500 v.Chr. mitgebracht und in mündlich-praktischer Form tradiert, cf 1.2.8. Der Wechsel von der Verbena auf Ephedra als theophore Droge im Haoma-Ritus wäre erfolgt, als die arischen Stämme im iranischen Hochland keine Verbena mehr fanden und einen psychotrophen Ersatz suchten, den sie in der Ephedra fanden. Auch im Haomaritus gibt es Varianten, cf 1.4.1.3.[2762] Religiöse Drogen sind wie andere auch substituierbar und haben eine geoklimatisch bedingte Geschichte während der Völkermigrationen und religiösen Expansionen in der Antike.
Wäre das Wollblatt der Kentritis allerdings eine Fehlbeschreibung, könnte man von der aufpeppenden Wirkung der Ephedra im Aufstiegsritus ausgehen, in dem Hyperventilation für Erregungstechniken spricht und nicht für Sedation. Schon bei Ephedra können wir nicht von halluzinogener Wirkung im engeren Sinne ausgehen, sondern von der tonisierenden Erregung, die wir ebenfalls beim niederdosierten Eisenkraut finden. Diese Erregung des ZNS ist der wesentliche psychotrophe Effekt. Alles andere wird stimuliert durch das Ritual und seine Glaubensvorstellungen, die der Mitmyste in Rezitation oder Inszenierung der Mithrasliturgie wie in der Märchenstunde lebendig werden läßt. Es ist neben Endorphinfreisetzung durch Suggestion auch das Enzym Thyroxin-Hydroxylase in Hirnarealen erkennbar, das das euphorisierende Dopamin synthetisiert. Auch Rituale können den Placeboeffekt auslösen, daß der Körper biochemisch die Drogen selbst freisetzt, die den versprochenen Effekt hervorrufen als self-fulfilling prophecy.[2763]
2.3.7.3 Das Ritual-Setting: Reinigungen, Paredros, Wiederholbarkeit
PGM
IV,732b-750: »Wenn
du aber auch einen
Miteingeweihten 733
bemühen willst, so daß er 734
allein mit
dir die Worte vernehme, soll er mit dir <sieben> 735
Tage rein
bleiben und sich der Fleischnahrung und des Bades enthalten. 736
Wenn du aber auch allein bist und an dem 737 vom
Gott mitgeteilten
Zauber dich versuchst, sprich wie in Ekstase 738 voll
prophetischer Begeisterung. Willst du es aber auch ihm (dem
Miteingeweihten)
zeigen, 739
so prüfe, ob er als Mensch
unzweifelhaft würdig ist, 740 und
lege dabei den
Maßstab an, 741
als würdest du selbst bei der Verewigung an
seiner Statt geprüft, 742
und sag ihm dies
Gebet vor, das so beginnt: 743
"Erster Ursprung
meinen Ursprungs aehiouw". 744
Das Folgende sprich als Myste über seinem 745 Kopf
mit tonloser
Stimme, damit er es nicht hört, 746 und
salbe sein
Gesicht mit der Salbe des Mysteriums. 747
Diese
Verewigung kann 3x jährlich 748
stattfinden. Wollte
aber jemand, mein Kind, 749
nach Empfang der
Vorschrift ihr nicht folgen, dem wird sie nicht mehr 750 zu
Gebote
stehn.«[2764]
Es wird nach der Ritualbeschreibung eine Applikationsanleitung gegeben. Sieben (z) Tage Reinheit, so Dieterichs Konjektur, ist ganz im Stil der iranischen Reinheitsriten, kein blutiges Fleisch und kein Totenkontakt. Die Verewigung erinnert an Zarathūštras Bitte um Unsterblichkeit zu Beginn seiner Himmelsvision der 4 Reiche im Vohumana Yašt. Sie darf 3mal jährlich wiederholt werden und gipfelt im Wortempfang eines Orakels, der wieder durch heftiges Extase-Brüllen und Hyperventilieren ausgelöst wird. Die wiederholten Vokalgesänge und das wiederholte Brüllen sollen die erreichte Trance halten oder forcieren und nicht abklingen lassen. Diese Himmelsreise wird durch siebentägiges ebenfalls tranceförderndes Fasten lange und nachhaltig vorbereitet, ganz wie bei Ardā Vīrāf. Sie wird als Wiedergeburt erlebt und hat in der Tat durch das Brüllen und Vokalsingen viele Elemente, die quasi dem ontogenetischen Geburtsakt abgelauscht sind und damit die regressive Tiefung der Halluzinationsreise verstärken.
2.3.7.4 Reinigungen als Barašnom und mithrische Taufen
Mehrtägige Reinigungen (a(gia/smata 522) sind aus Vendidad, Ardā Vīrāf und Orphik bekannt. Die „Reinigung der 9 Nächte“ (barašnom-i no-šabe = Vd 9) wird zelebriert unter Rückzug in Einsamkeit bei ständigem Gebet, Waschungen und Trinken von geweihtem Ochsenpipi (nirang), cf 1.4.7. Die Chronik von Zuqnin schildert wochenlange Reinigungsbäder der Magier in der Quelle vor der Geburtshöhle des Endzeitkönigs, cf 1.7.5.3. In PGM IV,522 ist die vorausgehende gemeinsame Zeit mit dem sunmu/sthj 732f gemeint: sunagneue/tw soi i/zu/] h(me/raj kai\ a)posxe/sqw e)mqu/xwn kai\ balanei/ou (734f). Das z als 7 ist von Dieterich eingefügt, weil der Text von der Siebenzahl durchgängig geprägt ist. Es können ursprünglich aber auch die avestischen 9 Tage sein, die unter der chaldäischen Prävalenz der Sieben verkürzt wurden. In dieser Zeit soll man sich gemeinsam rein halten oder reinigen und sich sehr orphisch des Beseelten enthalten, auf Fleisch verzichten, was für den beinharten Mithrizisten mit Stieropfern verwundert, für den Orphiker Achtung vor Mitgeschöpfen ausdrückt. Der Verzicht auf öffentliche Bäder und ihre Vergnüglichkeiten könnte der avestischen Heiligung des Wassers entsprechen, was nicht besudelt werden darf durch Schweiß und Ausflüsse anderer Art. Wenn hier strenges Badeverbot herrscht, kann nur Gomez und Sand wie beim Barašnom probat sein, cf 1.4.7. Für jeden der 7 Teilaufstiege wird ein Reinigungstag veranschlagt, in dem die vergängliche Körperlichkeit von der lichthaften Seele immer weiter abgewaschen wird, denn nur als reine Lichtseele kann sie in die höchste Region gelangen. Während es im Zostr vor Taufen wimmelt, werden in PGM IV während des Aufstiegsrituals keine Reinigungen mehr vorgenommen, da sie in der Fastenwoche davor bereits proleptisch absolviert wurden. Tertullian erwähnt das Taufen der Mithrasmysten vor der Milesweihe mit Schwert und Krone.[2765] Wir wissen nicht, ob es 7 Taufen bei jeder Weihestufe gab, oder ob es nur die Corax-Weihe ist. Taufen im Taufbecken könnten in einer Vorversion des Textes im Ritualkontext eines Mithräums in der Reinigungswoche vor dem eigentlichen Verewigen ausgeführt worden sein, spielen in Theben aber kaum eine Rolle, zumal hier von eigenen Reinigungen Rede ist. Ist es die Magiertochter mit einem jungen Miteingeweihten ihres Clans als Paredros[2766], ist die Sparsamkeit der Reinigungsanweisungen verständlich, da diese Rituale vertraut sind, während die aus dem offiziellen Mithraskult der Mithräen stammende und in Oberägypten ohne Kultzentren praktizierte Verewigungszeremonie und die Eisenkrautbereitung genauer Instruktion bedürfen. Daß die Gebetsformulare die Beter-Namen offenlassen durch ta\ dei=na, indiziert ihre Nutzung nicht nur in der Magierfamilie. Daß bei NN die jeweiligen Namen zu nennen sind, zeigt wiederum, wie zentral der eigene Name für die Wirkmächtigkeit der magischen Handlung ist.
Die Reinigungen (a(gia/smata 522f) verleihen der Seele kurzfristig Kraft für den Aufstieg. Die Dauer der Himmelsreise zu Mithra ist bestimmt von der Wirkzeit der halluzinogenen Faktoren. Wenn das vegetarische Fleischfasten, die 7-9tägige Klausur mit Gebet und Reinigungsriten ähnlich wie Schlafentzug, Antineuralgika, Magodie, regressives Schreien und Brüllen, Hyperventilation und verbale Ich-Diffusionstechniken semiglossolalischer Zauberwörter, die die Ordnung der Sprache und des Denkens entgrenzen sollen, in eine dekompensative Trance münden, dann ist eine entscheidende Arbeit dieser Tranceinduktion die Dosierung der einzelnen Wirkfaktoren über die einzelnen Etappen dieses Trips. Der Vokalgesang oder Zauberwörter können an bestimmten Stellen der Reise ein Nachdosieren der Endorphine bewirken. Je massiver die Ordnung der Dinge labilisiert wird, desto leichter können sich die durch Himmelsreiseliteratur oder mündliche Schilderungen trainierten virtuellen Szenarien als visionäres Setting in der Realitätsanmutung des Mysten ansiedeln. Die neuzeitliche Realitätsprüfung des Ichs als Diastase von Wahn und „Wirklichkeit“ ist in der Himmelsreiseliteratur noch nicht vorhanden.[2767] Cf 1.2.3.
2.3.7.5 Aufbau des 7-stufigen Aufstiegs der Seele zu Mithras
Die Mithrasliturgie hat nach Weltseeleninvokation im Exordium IV,475-85 einen 2. Teil:
IV,485-537
Invokation der 4 Elemente Luft,
Feuerlöwe, Wasserkrug, Erdschlange
IV,537f
Hyperventilation als Aufsteigen auf Sonnenstrahlen
IV,539-44
Überlegungen zum Aufstieg durch den Geist
Ein 7-Stufen-Schema des Aufstiegsrituals erinnert an die 7 Weihegrade des Mithrizismus, deckt sich aber inhaltlich nicht exakt, cf 2.3.4:
1)
IV,545-55
Zusammentreffen mit Planetengöttern
1. Corax Mercur Luft
2)
IV,556-69
Drohung der Planetengötter
2.
Nymphus Venus Erde
3)
IV,569-85a
Vision der Sonnenscheibe
3.
Miles Mars ?
4)
IV,585b-628
Türöffnungsvision, Feueranbetung als
Planetenlitanei
4. Löwe Jupiter Feuer
5)
IV,628-61
Audienz mit Helios
6.
Heliodromos Sol Äther
6)
IV,661-92
Treffen mit den Göttern des
Bärengestirns
5.
Perses Luna Wasser
7)
IV,693-732
Audienz mit Mithras, Wortempfang
7. Pater Saturn
Ur-Feuer
Wichtiger als die exakte Passung zu den Weihegraden ist die Siebenzahl des planetaren Aufstiegs zum Fixsternhimmel. Daß zwischen Helios und Mithras die Bärgestirngötter Wasser, Erde und Geist eingeschoben sind, verändert die Reihenfolge. Ansonsten sind die Passungen stimmig, etwa die Drohung der Planeten (2) mit dem transitus vom dienenden Nymphus zum versiegelten Miles als Kämpfer des Sol, dessen Scheibe er sogleich (3) sieht. Aber auch Helios und Heliodromos (5) und Mithras als Pater (7) stimmen deutlich. Es folgen im 3. Teil agendarische, pharmazeutische und botanische Anweisungen:
IV,732-35
Anweisung für die Unsterblichkeitszeremonie mit
einem sunmu/sthj
IV,736-38
Anweisung für die Unsterblichkeitszeremonie ohne
Medium
IV,738-46
Anweisung für das Zeigen von Symbolen
IV,746-50
Zusatzvereinbarungen
IV,750-72
Zubereitung einer Gesichtssalbe mit
Sonnenscarabäus und
Lotus
IV,772-92
Zubereitungsritual der Kentritis-Rosen-Salbe
IV,792-96
Variante der Kentritis-Salbe
IV,796-98
Kentritis-Ernte zum Aufgang des Tīštrya
IV,798-813
Botanisches zur Kentritispflanze
(Eisenkraut am Nil)
IV,813-19
Anweisung zur Herstellung beider in der Liturgie
nötigen Amulette
IV,819f
Schluß
Es
lassen sich 4 verschieden
redaktionelle Schichten in diesem Text ausmachen. Die Zusätze
wurden
vorangestellt oder angefügt.
Schicht
1: Aufstieg des Mithra-Orakels aus der Kultpraxis der Mithräen
485-732
Schicht
2: Exordium 475-85, Paredrosvariante 732-50, Skarabäusrezept
750-72
Schicht
3: Einschub 478-81 ins Exordium, Kentritis-Teil 772-98
Schicht
4: Botanisches zur Kentritis 798-813
Daß PGM IV,475-85 im sekundären Exordium eine Tochter zur Himmelsreise angeleitet wird, schließt aus, daß der Text im Mithraskult ausgeführt wurde, wo Frauen ausgeschlossen sind. Wohl aber kann das Ritual einst dort entstanden sein und dann innerhalb einer Magierfamilie umgeschrieben und auf die Tochter umgewidmet worden sein.[2768] Die Feueranbetung 591-604 im 4. Aufstieg läßt auf einen persischen Magier in der Thebais schließen, der sein einziges Kind in die Geheimnisse einweihen will und so sein Wissen ihr vererben.[2769] Daß es eine Magierschülerin sei, ist angesichts einer leiblichen Tochter wenig wahrscheinlich.[2770] Für die interne Weitergabe der Episteme an alle Kinder in der deshalb auch inzestuösen Magierfamilie (hvaēθvadata cf 1.4.3) ist dies typisch.[2771] Würdige mu=stai t$=j h(mete/raj duna/mewj 477 dürften elitäre Magierfamilien mit ihrem geheimen Wissen sein und kein Gemeindekollektiv. Die Unverkäuflichkeit des Textes (a)/prata 476) verweist auf die Erwerbssituation der Magier, die mit ihrem Wissen Amulette und Zauberhandlungen gegen Honorar an Klienten veräußern. Die weiteren Texte des Codex bestätigen die Agende eines ägyptischen Magiers. Weder christliche, gnostische noch neuplatonische Einflüsse sind spürbar, nur frühhermetische und solche der mittleren Stoa. Der Redaktor hat zwei Vorlagen des Handbuchs eingearbeitet.[2772] Dies weist auf vorplotinische Zeiten, in denen es noch nicht zu einer Entritualisierung und Spiritualisierung der Aufstiegstechnik gekommen ist wie sie in CH XIII erkennbar ist. Daß fast nichts zur Ausführung der Reinigungen gesagt wird, zeigt, daß die Adressatin in die Grundlagen eingeweiht ist und hier lediglich die dreimal jährlich repetierbare Zeremonie der Unsterblichwerdung als eine Himmelsreisen-Extase der wohl höchsten Grade des Kultes beschrieben wird, die wie die schamanische Himmelsreise ein Übung der Extasetechniken voraussetzt, etwa des Atmens, Vokalsingens, Brüllens, bei denen der Ungeübte kaum visionären Effekte verspürt hätte.[2773] Da der ganze Himmelsaufstieg kultdramatisch inszeniert ist, vermutet Merkelbach hier die von Hippolyt (1.5.2.55) und Heron von Alexandria beschriebene Trickkiste, etwa Projektionen mit Spiegeln, Einsatz von Lampen zur Sonne- und Sternsimulation, Brennende Priesterkronen mit Rinne für Alkohol zum Abfackeln.[2774] Daß man Flugsimulatoren mit Hebemechanik über Seilwinden oder Hydraulik für den Mysten gebaut habe, ist eine entzückende Idee. Im mithrischen Basrelief arbeitete man wohl oft mit Lampen und Lichteffekten, aber Konstruktionen mit Seilen oder Hydraulik hätten im Mithräum kaum Platz gehabt. Man wird die Imagination und die Tranceförderung als Hauptvehikel des Reisenden anzusehen haben. Alle diese Vorstellungen dürften aus Kultdramen anläßlich hoher ägyptischer oder griechischer Feste hervorgegangen sein.
2.3.7.6 Vorstufe: Stierwerdung und Lobpreis der 4 Elemente
Das Exordium mag sekundär
sein und hinzugekommen, als die
Ritualtexte anderen verfügbar gemacht wurden.[2775]
PGM
IV,475-99: »Sei
mir gnädig, Pronoia und Psyche, der ich 476
diese unverkäuflichen, überlieferbaren Geheimnisse
niederschreibe; für mein
einziges Kind aber 477
bitte ich um Unsterblichkeit, ihr Mysten dieser
unserer 478
Macht. 479
(Du mußt, Tochter,
Säfte nehmen 480
von Pflanzen und Spezereien, die 481
dir [noch bezeichnet werden] sollen am Ende meiner heiligen Schrift), 482
die der große Gott Helios Miθras
mir
hat 483
mitteilen lassen von
seinen Erzengel, 484
auf daß ich allein auf mein Verlangen den Himmel
beschreite 485
und alles erschaue. Die Anrufung 486
des Gebetes lautet so: 487
"Erstes Werden (ge/nhsij) meines Werdens aehiouw, 488
erster Anfang (a)rxh/) meines Anfanges ppp sss fr (Po/ppuson
tri/j, Su/rison
tri/j, fr[i/macai]
schnalze 3mal, pfeife 3mal, schnaube), 489
Geist des Geistes,
Beginn (prw=ton) des
Geistes in mir 490
mmm
(mu/kwson
tri/j brülle
3mal), Feuer, von Gott
gegeben 491
zu meiner Mischung der Mischungen in mir, Beginn
des Feuers in mir 492
hu
hia eh,
Wasser des Wassers, Beginn 493
des Wassers in mir www
aaa eee,
Erdstoff, 494
Beginn des
Erdstoffes in mir 495
uh
uwh,
mein, den N N, Sohnes der N N, vollkommener Körper, 496
durchgebildet von ruhmvollem Arm und 497
unvergänglicher Rechten
in lichtloser und glanzvoller 498
Welt, in unbeseelter
wie beseelter uhi 499 aui euwie.«[2776]
Lichtlose Knochenwelt und sonnenhaft glänzende Geistwelt (e)n a)fwti/st% kai\ diaugei= ko/sm% IV,498) bilden den persischen Dualismus von mēnōk und gētīk, Licht und Finsternis, Gut und Böse, Unsterblichkeit und Weltnot. Die bittere bedrängende Not (katepei/gousa/n me pikra\n a)na/gkhn 528 cf 535) des materiellen Daseins nicht nur im ehrentödlichen Legionärsleben motiviert die Flucht in die himmlische Seelenheimat, in der kein Tod ist. Dies ist genauso Zostr 1,10ff beschrieben, wo dann ebenfalls Reinigungen folgen, allerdings nicht wie IV,732f 7 Tage vorher, sondern während des Aufstiegs, der 484f als ou)rano\n bai/nein »den Himmel begehen« mit einem so selbstverständlichen Begriff benannt wird, daß diese Praxis nahezu alltäglich geworden zu sein scheint, was die Dosierung auf 3mal jährlich bestätigt.
Die Magier in Kommagene amalgamierten persische mit griechischen Göttern. Der Magier-Vater von PGM IV fusioniert griechische mit persischen Worten, die als Zauberworte Rätsel aufgeben. Die »Geburt der Unsterblichkeit« (t$= a)qana/t% gene/sei 502) ist Einleibung »in einem anderen heiligen Geistwesen« (e)n a)/ll% i(erezaq[2777]), in dessen Gestalt man in der Geistwelt herumkommt. Die Verwandlung in einen Engel ist auch Zostr 6,17f mit Taufe verbunden. Der materielle Körper ist unrein. Die Reinigung der Seele dient wie im Zostr dazu, den geistigen Teil des Himmelsreisenden fähig zu machen, die Geisteswelt zu sehen, stärkt wie der reichhaltige Vokalgesang, die Hyperventilationstechnik und die Zaubersalben die Halluzinogenität der cortikalen Sehrinde für die Mithras-Verse in der Himmels-Audienz.
Zur Metamorphose gehört die schamanistische Verwandlung in das erste Wesen, den Urstier, aus dessen Teilen die materielle Welt gemacht wurde. Er ist der Koninzidenzpunkt von Geistwelt und Knochenwelt, in seiner Schöpfung haben beide Welten sich berührt. Nach Nikomachos von Gerasa schnalzen und zischen die Magier Konsonanten, um die himmlischen Vokale zu inkarnieren. »Auch die Töne jeder einzelnen Sphäre von den sieben, die kraft ihrer Natur einen gewissen Schall von sich gibt, wonach dann die Buchstaben, nämlich die Vokale, benannt sind, sind an und für sich unsprechbar (a)/rrhta). Werden sie aber mit der Materie zusammengebracht - den Konsonanten - wie die Seele mit dem Leib, die Harmonie mit den Saiten, - so schafft die Seele Lebewesen, die Harmonie Töne und Weisen, die Sphärenlaute Kräfte zum Handeln und göttliche Weihekräfte. Deshalb rufen die Magier meistens, wenn sie solches fromm begehen, symbolisch an, mit Zischen und Schnalzen und mit unartikulierten und unkonsonantierten Lauten.«[2778] So wird gebrüllt (mu/kwson tri/j)[2779], geschnaubt (Po/ppuson tri/j)[2780], auf der Hirtenflöte (su/rigc) gespielt oder gezischt (Su/rison tri/j) als mimetische Einleibung in die Stiernatur, den »unsterblichen Ursprung«, aus dessen Elementen die Welt sich ausdifferenzierte und der die Einheit aller Elemente bildet, deren Akklamation in genetischer Reihenfolge die Schöpfung der materiellen Welt aus der Geist-Welt nachmodelliert: Geist/Wind/Atem, Feuer, Wasser, Erde.
Die Anrufung der Elemente 489-94 und 511 ist Invokation der avestischen Gottheiten.[2781] Die avestische Anbetungsliste umfaßt Ahura Mazdā, Miθra, Pferd-Sonne, Rind-Mond und Sterne, Aban-Wasser, Pflanzen und Atar-Feuer, ohne hiermit bereits eine Schöpfungsordnung markieren zu wollen.[2782] Ōhrmazd schafft »Feuer aus Endlosem Licht, Luft aus Feuer, Wasser aus Luft, und Erde und alle Körperlichkeit der Materie aus Wasser.«[2783] Die Emanationsordnung ist 1. Endloses Licht -> 2. Feuer -> 3. Luft -> 4. Wasser -> 5. Erde = Materielles Leben. Dem gegenüber setzt das Exordium Luft vor Feuer und identifiziert Luft mit dem Endlosen Lichtraum, zieht Vayu mit Zurvan zusammen zum schöpferischen Lebensgeist. Die Element-Anrufung beginnt in 487 mit Ge/nhsij prw/th t$=j e)m$=j gene/sewj. Ob es astrologisch »erste Geburtskonstellation meiner Geburt«[2784] mit Nennung der 7 Planeten als aehiouw[2785] ist oder Erschaffung als geistiges Seelenwesen meint, bleibt offen, denn das 488 folgende a)rxh/ kann eine verstärkende Dopplung sein. ge/nhsij könnte auch Sonne meinen und a)rxh/ Mond als Eltern der 5 Elemente.[2786] So ist die Planetenzahl voll und die Elemente deren Pendant.
Geisthauch wird 489f (cf 657) illustriert: das mmm als stimmhaftes Ausatmen durch die Nase ist ein Muhen, wie es Kühe schon mal machen. Als dreifaches mu/kwson ist das Brüllen zugleich Mimesis des Windes und des Stiers. Wind ist die beseelte Lebenskraft des Stiers, die im Brüllen hörbar wird. Erst dann kommen Feuer, Wasser, Erde als mazdageschaffene, heilige Bestandteile der Welt und des Körperdings Mensch, so Bundahišn 30,6. Die Reihenfolge ahmt die der Schöpfung des Urmenschen Gayōmards nach, ist deszendent, nicht aszendent wie in hermetischer Aufstiegsversenkung. Dadestan-i Denik 37,129 ist Geist den 4 Elementen Feuer, Wind, Wasser, Erde vorgeordnet, die sich alle gegenseitig erschaffen können.
Die Regression zum Anfangspunkt Urstier ist Brücke zur geistigen Welt vor dieser Knochenwelt. Brüllen, Hyperventilation, glossolalische Zauberwortspiele und Vokalgesang reaktivieren archaische mnestische Engramme der Säuglingszeit: wer wie ein Säugling brüllt, wird wie ein Säugling dekonditioniert und paralysiert. Er verliert Kants Formen der Anschauung Erwachsener wie in Grofs Thanatotherapie mit LSD oder holotropem Atmen[2787] oder dem Urschreigebrüll der bioenergetischen Meditation und dem Rebirthing[2788] und ist geöffnet für Visionen, die er in äußerster Regression wie eine zweite Geburt erlebt, die ja durch die Enge der Vagina für den Embryo auch als heftige Bedrängnis und Not erlebt wird, als Geworfensein in eine fremde Welt.[2789] Stanislav und Christina Grof haben eine Atemtechnik entwickelt, die sie holotropes Atmen nennen: Mit Hilfe von beschleunigter Atmung und dynamischer Musik werden energetische und emotionale Blockaden gelöst. Es adaptiert den indischen Pranayama und Kundalini Yoga, Siddha Yoga, den tibetischen Vajrayana, Zen-Buddhismus und taoistische und christliche Praktiken. Auch rituelle Gesänge verändern Atemrhythmus und -tiefe.[2790] Hyperventilation führt zu hohem Sauerstoffgehalt, das Blut wird basisch, der Kohlendioxidanteil kann in 30 Sekunden um 50% abnehmen, der Anteil von ionisiertem Kalzium im Blut sinkt ab, da es sich an Eiweiße bindet, wodurch die Nervenzellen erregbarer werden bis hin zur Verkrampfung aller Muskeln vom Kußmund bis zum Handpfötchen (Tetanie). Die Verengung der Hirnadern führt zu dessen Unterversorgung mit Sauerstoff und damit Schwindel, Taubheit, Realitätsverlust, Atemnot, Panik, Ohnmacht. Anders attributiert wird dieser Schwindel allerdings nicht als bedrohliche Störung wahrgenommen, sondern als mystische Erfahrung der Entgrenzung.[2791] Cf 1.2.3.
Der Tod des Urstiers durch Miθra ist die Geburt der geistigen Welt und 508f zugleich die Geburtsstunde der Seele des Mysten u.v.a.m. Im Stiersterben findet seine prw/th ge/nesij statt, die er nun in seiner Wiedergeburt rituell nachvollzieht: Geist als Atem, Feuer des Stoffwechsels als Körperwärme, Wasser als Hauptanteil von Fleisch und Erde als Zellstoff mischen sich zum Leibsubjekt, welches Himmelsdinge sieht.[2792] Leib meint hierbei nur den geistigen Leib als Seele im Raum himmlischer Unsterblichkeit. Der sterbliche Körper der Knochenwelt (gētīk) wird verlassen für diese Wiedergeburt in der Geistwelt (mēnōk), cf 516-20.
IV,499-538: »Habt ihr aber beschlossen, meterta 500 fwq. meqarqa fhrih e)n a)/ll% i(erezaq, 501 mich wiederzugeben der Geburt zur Unsterblichkeit, 501 und gleich darauf wieder 502 meiner eigentlichen Natur, 503 so will ich, nach der jetzigen, 504 mich heftig bedrängenden Not selbst erschauen das Unsterbliche, 505 beginnend mit unsterblichem Geist 506 anxre frenesoufirigx, mit unsterblichem Wasser 507 eronoui parakuunhq, mit unvergänglichster 508 Luft eioah qenabwq[2793], will im Geiste 509 wiedergeboren werden krawxrac roim e)narxomai, 510 und in mir wehe der heilige Geist nexqen 511 apotou nexqin arpihq, bewundern will ich 512 das heilige Feuer von Zypressenholz (kufe)[2794], erschauen will ich das 513 grundlose, schauerliche Wasser des Aufganges nuw 514 qesw exw ouxiexwa, und mich höre der lebenzeugende 515 und ringsumfließende Äther arnomhq. 516 Denn heute will ich erschauen mit meinen 517 unsterblichen Augen, sterblich geboren aus 518 sterblichem Mutterleib, erhöht von 519 großmächtiger Kraft und unvergänglicher Rechten, 520 mit unsterblichem Geiste den unsterblichen 521 Aiōn (to\n a)qa/naton Ai)w=na) und Herrn der feurigen Diademe (despo/thn tw=n puri/nwn diadhma/twn), 522 rein gesühnt durch heilige Reinigungen (a(gi/oij a(giasqei\j a(gia/smasi), wobei in Reinheit 523 nur kurze Zeit standhält (u(festw/shj)[2795] meine menschliche 524 Seelenkraft, die ich wieder 525 voll übernehmen werde nach der jetzigen 526 mich bedrängenden bitteren Not, ich der N N, Sohn der N N, 527 nach Gottes unveränderlichem Ratschluß euh uia ehi 529 aw iau iua iew. Da ich es nicht erreichen kann, 530 als sterblich Geborener zugleich mit den goldenen Lichtstrahlen 531 der unvergänglichen Leuchte nach oben zu steigen 532 whu aew hua ewh uae wiae, 533 steh still, vergängliche Menschennatur, und <übernimm> mich sofort 534 wohlbehalten nach der unerbittlichen und bedrängenden 535 Not. Denn ich bin der Sohn des 536 Volks der vielen ausgegossenen Seelen, bin Schwertträger (maxarfon = miles?) 537 der vielen Erstseelen."[2796]« Hier wird nur Aion als Ziel der Himmelsreise erwähnt; der „Herr der feurigen Diademe“ muß dann Miθra oder Helios sein; offensichtlich ist dieses Einleitungsgebet gar nicht auf die kommende Liturgie und ihre Gottheiten zugeschnitten und aus einem anderen Himmelsreisekontext wegen ihrer thematischen Verwandtschaft aufgegriffen worden.
Die Elementenliste wird noch einmal modifiziert: 1) Geist - Wasser - Luft sind unsterblich. Es ist jetzt bereits nicht mehr das irdische, sondern das geistweltliche Pendent, in welches der Myste eingedrungen ist. Im Vollzug der Wiedergeburt kommt Feuer dazu: 2) Geist weht in mir. Feuer & Wasser bete ich an. Äther hört mich. Die Elemente sind geistige Wesenheiten, keine Klotzmaterie. Das Feuer scheint Altarfeuer aus Zypressenholz zu sein, möglicherweise sind alle Elemente in einer zoroastrischen Vorstufe des Textes Sakramenthandlung gewesen, mit und in denen die entsprechenden Gottheiten verehrt wurden: Geist = Litaneien und Vokalgesang, Atar-Feuer = Altarfeuer, Aban-Wasser = Taufwasser, Vayu-Wind = liturgische Hyperventilation.[2797]
2.3.7.7 Stufe 1: Aufstieg & Vision der orphischen Winde und Sonnenscheibe
Es schließt sich mit der Bitte um Unsterblichwerden (a)qanasi/a 478f. 502) durch Auffahrt in den Himmel auf den Strahlen der Sonne, die Helios auf vielen Basreliefs zu Mithras hinuntersendet, eine Schau der Himmelsdinge im Stil von Platons Timaios an, wobei die 4 Winde, Himmelsrichtungen, Weltgegenden und Jahreszeiten orphische Aiontradition sind.[2798]
PGM IV,537b-55: »Hole von den 538 Strahlen Atem, dreimal einziehend, so sehr du kannst, 539 und du wirst dich gehoben und 540 zur Höhe hinüberschreiten sehn, so daß du mitten in der Luft 541 zu sein vermeinst. Und du wirst nichts hören, 542 weder Mensch noch sonst ein Wesen, und du wirst auch nichts 543 von den Sterblichen der Erde in jener Stunde erblicken: 544 lauter Unsterbliches wirst du sehn. Denn schauen wirst du jenes Tages 545 und jener Stunde göttliche Konstellation: die den Pol 546 umwandelnden Götter, wie sie zum Himmel hinaufschreiten, andere 547 aber, wie sie herabschreiten. Die Wanderung der erschauten 548 Götter wird durch die Sonnen-Scheibe, meinen Vater, den Gott, 549 sichtbar werden, ebenso auch der sogenannte Aulos, 550 der Ursprung des diensttuenden Windes; denn du wirst 551 von der Sonnenscheibe etwas wie eine Röhre hängen sehn. Zu den Regionen des Westens hin wirst du 552 in unermeßlicher Länge als Ostwind, 553 wenn er gerade dem Osten zugewiesen ist, und ebenso umgekehrt, 554 wenn der andere (Westwind) dem Westen (zugeteilt ist), 555 das Bild (der Aulosröhre) gewendet sehn.« Die 3fache kraftvolle Atmung 537-40 (e(/\lke a)po\ tw=n a)kti/nwn pneu=ma g ¹ a)naspw=n, o(\du/nasai, kai/ o)/qh seauto\n a)nakoufizo/menon) ist wie 489 das Einatmen des Lebenshauch-Geistes eine Trancetechnik.
Der orphische androgyne Weltgott Aion ist Zurvan, in Alexandrien aber auch Thot.[2799] Mithras wird im britischen Housesteads-Relief als Phanes aus dem Welt-Ei als Zodiak geboren dargestellt.[2800] Eine Statuenbasis ist dem »Deus Sol Mithras Phanes« geweiht.[2801] Phanes ist als grenzenloses Licht aus dem Welt-Ei hervorgegangen ist. Die Verschmelzung von Miθras mit Phanes bezeugen Nonnus und Zenobius.[2802] Die Identifizierung Miθras mit Helios öffnete den Kult für Intellektuelle mit orphisch-platonischen Ideen.[2803] Orphik und Magiertum waren stark verbunden. Auch die 4 Winde sind orphische Verwandlung des indoiranischen Vayu. Wenn Gott CH 11,2 den um ihn herum unvergänglich ruhenden Aion schafft, der alles umgibt wie ein Weltenmantel, aus diesem der Kosmos, aus diesem Zeit und aus dieser das Werden entspringen, dann ist der Raumzeit-Charakter Zurvans als grenzenloser Lichtraum hier in die Hermetik eingeflossen, wobei Zurvan vom obersten Gott der zervanistischen Magier im Sinne zoroastrischer Orthodoxie degradiert wird zu Ahura Mazdas Lichtraumschöpfung oder später Valentins Sige, aber seine Containerqualität des Bösen und Guten beibehält, so daß Gott selbst fürs Böse nicht mehr verantwortlich gemacht werden kann; dies wird auf die Lüsternheit des Weibes geschoben, also Zurvans Ahriman-Anteil. Und Weib ist Zurvan, wo er Zwillinge gebiert und dem minderwertigen Ahriman ebenso Chancen gibt wie Ahura Mazda. Diese androgyne bösgute Weltseele, in den Nomoi 896d eins mit der Sonne (cf 1.6.7), wird im Zostr zur männlichen Jungfrau Barbelo. Aion in PGM IV,520f und 594 ist auch die Sonne. Der orphische androgyne Weltseelen-Zurvan wird frühhermetisch degradiert zum grenzenlosen weltschöpferischen Lichtraum um die Sonne als deren Geschöpf. In dieser Subordination Zurvans unter Ahura Mazda, Aions unter Helios-Sol, Kronos unter Zeus ist ein göttlicher Generationswechsel vollzogen wie in der mithrischen Kosmogenese: Nach der Anfangsherrschaft des Chronos-Zurvan übernimmt Himmel-Jupiter-Zeus-Ahuramazda die Weltherrschaft mit Erde-Juno-Gaia-Armaīti und zeugt Wasser-Neptun-Oceanus-Apām-Napāt.[2804] Der Wechsel von persischer Flußkultur zur griechischen Meerkultur ist erkennbar.
Obwohl 475 Pronoia-Psyche akklamiert ist, flaniert keine simonianische Helena, Pronoia, Selene oder Hekate als hellenisierte Anāhītā im weiteren Text. Hekate als Artemis-Athene-Aphrodite ist oft dreiköpfig in Mithräen dargestellt, cf 2.3.6.1. Luna-Selene rechtsoben im Basrelief hat ebenfalls Anāhītās Wasserfruchtbarkeit. Anāhītā ist als mazdageschaffene in den Mithraskult also sowohl als Luna wie auch als Hekate einmarschiert. Hier ist sie allerdings keine dieser beiden, wohl aber die Göttin Sige. Die dreifachen sigh/-Rufe IV,558f rufen Sige zur Hilfe (fu/laco/n me, si/gh 560) gegen ihre Eindringlinge vernichtenden polumwandelnden Kinder (tou\j poleu/ontaj 545), ebenso der zweifache sigh/-Ruf 573 und 582, mit dem der Myste sich die Fünfzackensterne der Sonne zu Freunden macht, indem er ihre Mutter als seine Beschützerin nennt. Dazu kommen noch die einfachen si/gh-Rufe 578 und 623. Sie wird mit dem Symbol des Fingers vorm Mund zum post-orphischen Paßwort himmlischer Kontrollen, wo die Wächter Böse nicht durchlassen dürfen wie die farohar in Bundahišn 2,10f; auch hier mithrische Affinitäten zum nazoräisch-mandäischen Wachthausmodell. Die Invokation Siges sind 560,562-65,576 gefolgt von Pfeifen, Schnalzen und einem Zauberworthymnus. Diese Geheimsprache verstehen nur die Wissenden des Himmels, appellieren an die Pronoia. Mit diesen Paßwörtern ist man „drin“. Sige finden wir bei Valentin als Bythosgattin und auch in sethianischen Texten, nicht aber in mithrischem Kontext. Daß die aus der Gnosis bekannte Trias Sige-Sophia-Achamoth der Hekate-Trias unmittelbar entspricht, könnte der Grund ihrer Aufnahme in diese ägyptische Spielform des Mithrizismus sein. Sige entspricht in dieser Trias der Artemis, die mit Anāhītā identisch ist. Dem Magier muß die Sige-Tradition, auf die Valentin zurückgreift, bekannt gewesen sein. Sie ist Urmutter aller Wesen, ihre Tochter Sophia entspricht Athene oder Minerva, die lüsterne Enkelin Achamoth ist Aphrodite. Daß hier ein gnostischer Name für Hekate-Anāhītā in der Unsterblichkeitszeremonie aufgenommen wird, zeugt von der Affinität beider Strömungen und rechtfertigt den hermeneutischen Versuch, aus einer Korrelation beider noch genaueres Verständnis ihrer Anschauungen und Techniken zu gewinnen. CH XIII,2 ist der Mutterschoß der Wiedergeburt die »geistige Weisheit, die im Schweigen liegt«. Hier ist das Schweigen ein Ent-Sprechen zum Unsagbaren der göttlichen Welt in der mystischen Extase und als Fötus liegt Sophia in Sige. Die hermetische Ambiguität von Gottperson und menschlichem Tun gravitiert zur mystischen Vereinigung: Im Schweigen wird der Myste eins mit der Weltseele, mit der Urmutter, die ihn und alles geistig Lebende ins Leben gebracht hat. In PGM IV ist aber keine spiritualisierte Schweige-Extase (cf 2.2.6) evident, sondern eine abenteuerliche Himmelsreise mit einer Reihe von Audienzen und Gefahren durch die Planeten, wie sie in der mandäischen Masiqtā (1.7.9.5 und GR 49) vorkommt. Die Affinität zur Hermetik ist gerade hier geringer als zur nazoräischen Tradition, die auch bezüglich Reinheitsritualen konvergiert.
Der »Herr der feurigen Diademe« (520) könnte Sol-Helios sein, der auf vielen Basreliefs als Vater Miθras mit Strahlenkrone dargestellt ist.[2805] Auch die stiergesichtigen Bärgestirngötter und der klassische Nymphus tragen eines, während der Miles bei der Weihe die Krone verliehen bekommt, sie aber wegwirft. Die mandäische Seele bekommt wie die persische Dadestan-i Denik 31,4 im Himmel das Diadem des Glanzes (taga rba dziwa).[2806] Mit dem Paar Aion-Helios in 520 ist das persische Vater-Sohn-Paar Zurvan-Ahura Mazda gemeint und der Feueraltar (to\ i(ero\n pu=r kufe 512) sein Symbol. Der Vater des offenbarenden Erzengels des großen Gottes Miθra-Helios in 482f ist 518 die Sonne. Helios ist 482 „identisch“ mit Miθra.[2807]
2.3.7.8 Stufe 2: Die Bedrohung durch die polumwandelnden Planetengötter
PGM IV, 556-69: »Sehn wirst du, wie die Götter scharf auf dich schauen und gegen 557 dich heranziehen. Sofort lege den rechten 558 Zeigefinger auf den Mund und sprich: 559 "Schweigen, Schweigen, Schweigen, Symbol des unvergänglichen, lebendigen Gottes. 560 Schütze mich, Schweigen nexqeir qanmelou!" 561 Dann pfeife in zwei langem Pfeifen, dann schnalze 562 und sprich: "proprofeggh (Voran-voranleuchtender) morios profur 563 profeggh (Pupurner Voranleuchtender) nemeqire arqenten 564 pithtmi mewu enarq furkexw yuridariw 565 turh filba." Und dann wirst du sehn, wie die 566 Götter gnädig auf dich herblicken und 567 nicht mehr gegen dich anrücken, sondern sich begeben 568 zum eigentlichen Standort ihrer Tätigkeit.«
Die polumwandelnden Götter 545f stammen aus dem Zug der 12 Götter in Platons Phaidros 247-253b und Nomoi 828bc. Er stellt Zervan akarana als Chronos Ageraos mit seinem Zodiak-Gefolge dar.[2808] Valentin übernimmt die schicksalswirkenden Sterngötter als Pleroma der Charismen und Charaktere. Wenn Sige in 558 und 582f Herrin des Zodiak ist, nimmt sie Zurvans Stelle ein, der im Mithräum von Sidon als geflügelter schlangenumringter Löwenmann mit Hoden und Penis und Loch im Mund dargestellt ist, durch das von hinten Feuer durchgeblasen werden konnte, so daß Zurvan-Aion Feuer speit.[2809] Sige ist also die mit Zurvan-Qualität versehene Pronoia-Weltseele von 475. »Das aber, was die Welt beseelt, was als Logos, als Heimarmene, als Pronoia... nach der Hervorbringung der Welt aus dem „Feuer“ als die ganze Welt durchdringendes „Feuer“ weiterwirkt, das ist die Weltseele (mens mundi, gelegentlich nennt Zenon diese feurige Weltseele auch pneu=ma, Pneuma, lat. spiritus, ohne daß Pneuma schon ein fester Terminus wäre...)«[2810] Wäre Zurvan das Urfeuer, aus dem alles gemacht ist, ist Pronoia das geistige Feuer der Welt, welches die sichtbare Welt geschaffen hat. Wenn aber auch Aion Zurvan-Qualität hat, gleitet die Gleichung der Metonymien von Pronoia-Psyche über Aion zu Sige. Im orphischen Phanes vereinen sich beide Vorstellungen von der androgynen Weltmutter. Da Luna als Abglanz der Sonne und Tochtergattin des Sol auch Mutter-Herrin der Planeten mit ihrer richterlichen Schicksalsmacht ist, ist diese Herrschaft einer Frau nicht verwunderlich. Im Basrelief thronen Sol und Luna links und rechts über allem und zwischen ihnen sind mittig die 7 fünfzackige Planeten gemeißelt. Genau diese Vorstellung ist in PGM IV,580 aufgenommen, wenn die Sterne von der Sonnenscheibe aus, also von ganz oben im Relief her, herbeigeflogen kommen.
Merkelbach deutet ppp sss 488 als Pschai, den kindlichen Horus und Harpokrates, der am Daumen nuckelt, was später als Schweigegebot mißdeutet wurde. Der rechte Zeigefinger am Mund in 557 sei das Harpokrateszeichen. Er ersetzt die Göttin Sige durch den androgynen Horus als Sohn von Amun Re. Amun Re wurde als Obergott zu »Sarapis-Aion, der Gott der Ewigkeit, der in Alexandria mit Jahwe-Iao zusammenfiel. Von diesem Gott stellte man sich vor, daß er über dem Schicksal stehe.«[2811] Merkelbach hält die Helios-Erscheinung 629-51 für das von einem Statisten gespielte Auftreten des jungen Gottes Horus-Pschai.[2812] Miθras wäre also Serapis auf der Grundfolie einer originalen Pschai-Aion-Liturgie, eine phantasievolle Hypothese. Verwunderlich nur, weshalb explizit Sige angerufen wird, nicht Pschai. Daß ppp sss Trancetechniken sind, reinszeniert das nuckelnde Horusbaby im brüllend wiedergeborenen Mysten, aber die Schutzrufe nach Mutter Sige 556-61 können nicht einem Babygott gelten.
2.3.7.9 Stufe 3: Die Vision der Sonne
PGM
IV,569-85a: »Wenn
du nun siehst, daß die obere
Welt rein ist 570
und sich im Kreise bewegt und daß keiner der
Götter 571
oder Engel mehr heranrückt, so mache dich
gefaßt, eines 572
gewaltigen Donners Getöse zu vernehmen, so daß
du in 573
Schrecken gerätst. Du aber sprich wiederum:
"Schweigen, Schweigen Lo[gos], 574
ich bin ein Stern,
der mit euch zieht, wenn auch aus 575 der
Tiefe
aufglänzend, o( Cu, o(
Cerqeuq."
576
Hast du das gesprochen, so wird die Sonnenscheibe sich sofort
entfalten. 577
Hast du aber das zweite Gebet gesprochen, 578
also: 2mal
"Schweigen" usw., pfeife zweimal (su/rison b') 579 und
schnalze zweimal
(po/ppuson
b'), und
sogleich
wirst du sehn, wie von der 580
Sonnenscheibe her
Sterne herankommen, fünffingerige 581 in
großer Menge, und
füllen den ganzen 582
Luftraum. Du aber sprich wieder:
"Schweigen, Schweigen!" 583
Und hat die Sonnenscheibe
sich geöffnet, wirst du einen feuerlosen (a)/peiron) 584
Kreis (ku/klwma) und feurige abgeschlossene Tore
sehen.«[2813]
Der feuerlose Kreis ist Luna, die als Sige die Planeten beherrscht; sie hat kein eigenes Feuer, sondern spiegelt nur das Sonnenlicht. Sonnenscheibe und Tore erinnern an die Henocha und stammen aus chaldäischen Traditionen genau wie die Fixsternlehre.[2814] Die Sonnenstrahlen bilden im Basrelief eine schiefe Ebene von 40° Steigung, auf der man ins Licht aufsteigt. Die Seele des Mysten wurde von der Geistwelt ins Irdische ausgegossen.
2.3.7.10 Stufe 4: Feueranbetung der Planeten und Toröffnung zum Palast
Nach diesem Gebet mit Phaidros-, Miθras- und chaldäischen Henocha-Elementen[2815] folgt eine Feueranbetung, wie wir sie nur in der Avesta formuliert finden:
PGM
IV,585-628a: »Du
aber sag sogleich das 586
hier folgende Gebet her, deine Augen schließend. 587
Drittes
Gebet: "Erhöre mich, höre 588 auf
mich, den N N,
der N N Sohn, Herr, der du gebannt hast 589 mit
deinem Geist die
feurigen Ketten des vierfach 590
Helltönenden,
Feuerwandler pentiterouni, 591
des Lichtes Schöpfer (andere: Verschließer) semesilam, 592
Feuerhauchender yurinpheu, 593
Feuermutiger Iaw, Geistleuchtender wai, 594
Feuerfroher eloure, Schönleuchtender azai, Aion akba, 595
Lichtherrscher pepper
prepempipi, 596
Feuerleibiger fnoueniox,
Lichtspendender, 597
Feuer-Säender arei eikita, 598
Feuertosender gallabalba, Lichtgewaltiger iaiaiw, 599
Feuerwirbelnder purixibooshia, Lichtbeweger sanxerwb, 600
Blitztosender ih wh
iwhiw, Lichtes
Ruhm beegenhte
(Ba-gezeugter),
601
Mehrer
des Lichts sousinefi, der
Licht durch Feuer erhält 602 sousinefi
arenbarazei marmarenteu (Glänzender,
marmai/rw glänze), 603
Gestirnbezwinger,
öffne mir proprofegge
(Voranleuchtender)
emeqeire
604 moriomoturhfilba , weil ich anrufe 605
wegen der drängenden 606
und bitteren und unerbittlichen Notwendigkeit die Namen, die noch nie
Eingang
fanden 607
in sterbliche Natur und nicht gesprochen wurden
in artikulierter Aussprache 608
von menschlicher
Zunge oder menschlichem 609
Laut oder
menschlicher Stimme, die ewig lebendigen 610 und
preiswürdigen
Namen:
hew
ohew ww
611 oh
hew hew oh ew iww ohhe whe
612 woh
ih hw ow oh iew oh woh iew oh ieew
613 eh
iw oh ioh whw eoh e oew wih wih eu
614 oi
iii hoh wuh hwohe ew hia aha eha
615 heeh
eeh eeh iew hew oheeoh hew
616 huw
uh eiw hw wh wh ee ooo uiwh
617 Das alles sprich mit Feuer und Geist 618 beim ersten Male bis zu Ende, dann ebenso, wenn du 619 zum zweitenmal beginnst, bis du die 620 sieben unsterblichen Weltengötter allesamt genannt hast. Hast du das 621 gesprochen, wirst du vernehmen Donner (bronthj) und Krachen (klo/nou) des umgebenden Luftraums. 622 Ebenso wirst du fühlen, daß du selbst 623 erschüttert bist. Dann sprich wiederum: "Schweigen Lo[gos]." Darauf 624 öffne die Augen, und du wirst 625 die Tore offen sehn und die Welt der Götter, 626 die innerhalb der Tore ist, so daß von des Anblickes 627 Lust und Freude dein Geist sich mitreißen läßt 628 und aufwärts steigt.«
Der Donner 572 wiederholt sich 621 und einige Attribute der Feueranbetung zielen 596-600a auf einen Gewittergott. Das 3. Gebet ist zwar an einen einzelnen Gott formuliert, wird aber dann allen 7 unsterblichen Göttern der Welt (z / a)qana/touj qeou=j tou= ko/smou 620) vorgetragen. Die Polherrscher werden 677-92 wie die Jungfrauen zuvor 666-72 namentlich begrüßt, aber kollektiv, nicht jeder einzeln mit einer langen Litanei. Ursprünglich war der Lobpreis des Feuervaters einem einzigen gewidmet, Ahura Mazda.[2816] »Wir beten Dich an, Feuer, Ahura Mazda's Sohn, heiliger Herr der Liturgie, und wir beten alle Feuer an und den Berg Ušidarena, der das mazdageschaffene und heilige Licht hält, den die Yazad besteigen, glänzend vor Heiligkeit.«[2817] Dieses Lichtbergbesteigen ist iranischer Prototyp der Himmelsreise. PGM IV,617-20 wird der Feuerlobpreis einer Siebenheit der Planetengötter umgewidmet und 7mal wiederholt: 610-16 ist der Vokalgesang Anbetung der unsagbaren Namen der Sieben. Das Unartikulierte, Vorsprachliche des Vokalgesangs sucht wie das Schweigen der Unsagbarkeit des Göttlichen zu entsprechen.[2818]
Dunkel bleibt der Sinn von 588-90 und tetralizw/matoj hat eine Unzahl von Konjekturen und Deutungen erfahren vom »Inbegriff der Elemente« (Eitrem) über die »feurigen Schlösser des viermal gewundenen Gürtels« (Preisendanz) bis zum »vierfach gestützten Himmel«.[2819] Vierfach laut oder hell tönend könnte der Blitz sein im Gewitterkontext, der wie eine feurige Kette (pu/rina kl$=qra) vom Himmel herabzischt, also mit 598 puriklo/ne, feuertosend und mit 600 keraunoklo/ne, blitztosend. Die Macht Aions 594 ist, den Blitz zu beherrschen, die Feuermacht und richtende Schicksalsmacht schlechthin, wie OrSib II,196-213; III,75-92; IV,152-160; V,377f; VII,118-32; VIII,15f.225-43 mit ihrem Anklang an das letzte Ordal in Bundahišn 30,18ff SBE 5 eindrücklich zeigen, cf 1.7.5.4. Der Schöpfer ist Richter mit seinem Feuer vom Himmel, was ganze Städte ausbrennt. Und genau dies ist eines der Hauptanliegen Miθras im Yašt 10: Ausmerzen der Feinde und Vertragsbrüchigen, cf 1.4.1.[2820] Das Klima im Iran ist im März/April besonders gewitterig, sonst vorwiegend stürmisch. Vayu-Wind, Miθra-Sonne und Aban-Regen sind wichtiger als Blitzschlaggefahr. Von daher gibt es im Avesta und Pahlavi praktisch keine Gewittergötter, während Israel, Syrien, Anatolien und Irak davon viele haben.[2821] In Ägypten gibt es kaum Gewitter und Regen nur an der Nordküste. Also muß dieses Gebet in Gebirgsregionen Syropalästinas oder etwa Kommagene entstanden sein, wo es nach trockenen Sommern winters häufig heftige Gewitterschauer gibt und der Blitz eine reale Bedrohung darstellt. Dafür sprechen das Vorkommen von Semesilam und Iaw und Jahwe als einzige Semitismen des ganzen Textes. Der Lichtschöpfer heißt 591 semesilam = {flO( $eme$ = ewige Sonne.[2822] 593 ist Iaw der Feuermutige. Helios, Semesilam und Jahwe werden als Sonnen- und Wettergott angebetet. Ps 47 residiert Jahwe wie Baal auf Berg Sapān.[2823] Wie Baal kann Jahwe kriegerisch im Gewitter donnern und blitzen in Ps 29 und 77. ApkBar(gr) 6,1 ist ein vierrädriger Sonnen-Wagen am Ausgangsort der Sonne, »unter welchem Feuer loderte, und auf dem Wagen saß ein Mann, der eine Feuerkrone trug.« Hen(hebr) 19 wird Metathron als Diener der Merkava zum blitzenden Feuerwesen, cf 2.1.12. Daß 594 der Gewittergott Jahwe = Iao mit Aion (=Zurvan) identifiziert wird, illustriert, wie die Magier in vielen Zaubertexten jüdische mit babylonischen und ägyptischen Gottheiten amalgamierten. 595 PREPEM PIPI akklamiert den Lichtschöpfer von Gen 1,3: PIPI ist hjhj.[2824] Einige magische Namen entstammen Schreibweisen anderer Sprachen und versuchen, das optische Buchstabenbild wiederzugeben. Vermutlich hat ein des Hebräischen Unkundiger beim Abschreiben die unpunktierten hebräischen Zeichen als griechische Majuskeln wiedergegeben. Dann dürften semiologisch unerklärbare Zauberworte bisweilen aus Zeichen anderer Sprachen nach optischen Ähnlichkeitskriterien übertragen worden sein, womit ihr ursprünglicher Sinn verloren ging und die Fehldiktion (pipi statt hfwoh:y) numinosen Rang erlangte.
Die Ba-Seele als Gottesleib in 600 (beegenhte Ba-gezeugter) entspricht der avestischen Idee. Auch Götter haben eine Fravaši als himmlischen Leib, cf 1.2.1. und 1.4.1.4 und 2.2.2.
Der siebenfache Feuergesang an die Großen des Schicksals mit der Bitte um Öffnung der Pforten 603 führt 625ff zur Öffnung der himmlischen Tore, innerhalb derer Götter kurzweilen wie in heiliger Himmelsstadt Apk 21 oder himmlischem Thronsaal wie der Garōθmān oder AscJes 7,13-8,11; Ez 1; 4Q385-389; Hen(äth) 17; 46; 71; TestAbr 18,10. Man muß 628 hinaufsteigen (a)nabai/nein) zu ihm wie zum Zion oder Baals auf dem Sapān gelegenen Tempel-Palast; im Niltal könnte man nicht von Aufstieg reden. Hen(slav) 19 richten im 6. Himmel die 7 Erzengel über den Weltlauf anstelle Gottes, der im 7. Himmel (20) thront. Die sieben Planetengötter haben ein stark an die Henocha angelehntes Gepräge.
Die gewitterartige Erschütterung des Visionärs (klo/nou) 621-23 ist identisch mit dem halluzinierten Gewitter, was möglicherweise die Spasmen der Hyperventilation suggerieren. Auch hier ist die Applikation im Niltal sicherlich sekundär, weil diese Suggestion die Realerfahrung von Gewittern voraussetzt, die sie imaginativ abrufen kann. Die sterbliche Natur 607 (qnhth\ fu/sij) ist die knochenhafte Gētīk-Welt unter der himmlischen Mēnōk-Welt des Geistes.
2.3.7.11 Stufe 5: Audienz bei Helios
PGM
IV,628b-661: »Nun
bleib stehn und ziehe gleich
von dem 629
göttlichen Wesen, es unverwandt anblickend, in
dich den Geisthauch. Und ist 630
dann deine Seele
wieder zu sich gekommen, sprich: "Komm heran, 631 Herr
arxandara
fwtaza purifwta zabuqic etimenmero forathn erih 633 proqri
forati."
Nach diesen Worten werden sich die Strahlen 634
gegen dich
wenden: du blicke in ihre Mitte. Wenn du 635 also
tust, wirst du
einen Gott sehn, sehr jung, 636
schöngestaltet, im
Feuerhaar, in weißem Gewand und scharlachroter 637
Chlamys,
mit feurigem Kranz. 638
Sogleich begrüße ihn mit dem Feuergruße: 639
"Herr, sei gegrüßt,
großmächtiger, hochgewaltiger 640
König,
größter der Götter, Helios, du Herr des 641
Himmels und der Erde,
Gott der Götter, gewaltig ist dein Hauch, 642
gewaltig deine Macht,
Herr: gefällt es dir, 643
melde mich dem
größten Gott, der dich erzeugt 644 und
geschaffen hat:
daß ein Mensch, ich N N, Sohn der N N, 645
geworden aus
sterblichem Mutterleibe der N N und 646
keimenthaltendem
Lebenssafte und, da dieses (Erdenwesen) heute von dir 647 neu
gezeugt ist, unter so vielen Tausenden 648
unsterblich gemacht
in dieser Stunde nach dem Ratschluß des 649
überschwänglich guten
Gottes, verlange, dich zu verehren, 650 und
darum flehe nach
menschlichem Vermögen, 651
daß du mich zu dir
nehmest des heutigen Tages 652
und der Stunde
Regenten, dem der Name Qrayiari 653 Morirok,
daß er erscheine und offenbare in den 654
guten Stunden ewrw
rwre wrri wriwr rwr rwi 655 wr rewrwri
ewr ewr ewr ewre.".
Hast du das 656
gesagt, so
wird er zum Pole gehn, und du wirst ihn einherschreiten sehn 657
wie auf einem Weg. Du aber blicke unverwandt hin und 658
stoße ein
langes Brüllen aus, wie aus einem Horn, wobei du deinen ganzen
Atem ausgibst 659
und deine Bauchhöhle anstrengst, küsse 660 die
Amulette und
sprich, erst zum rechten: 661
"Schütze mich PROSUMHRI.«[2825]
IV, 628b-61 erscheint im Stil der Basreliefs mit Lichteffekten der junge Helios persönlich. Das Brüllen 658f hat wie im Kampfsport trancefördernde Endomorphine freisetzende Wirkung. Es ist schamanische Identifikation mit dem Stier-Urwesen der Welt. Die beiden vorher eigens angefertigten Amulette (813-19) beschwören die Göttin prosumhri. Dieser Name ist so nirgends sonst erwähnt und ethymologisch unklar; prosqumhri in PGM VI,819 läßt sich von qumhrh/j = ersehnt, also »Herbeigesehnte, Herbeigewünschte« ableiten. Dies würde auch hier gut passen für die gute Fee, die schützt und die Tore öffnen lassen kann. Dann ist es kein Göttinnenname, sondern ein Epitheton, von denen der Text ja voll ist. Die Göttin, auf die die Schutzfunktion paßt, ist in den sigh/-Rufen IV,558-560,562-65,576 Hekate-Anāhītā. Auch die sigh/-Rufe sind mit mimetischen Tierlauten verbunden.
Ardā
Vīrāf 11,2 gibt Ōhrmazd
im
Kreise der Erzengel eine Kurzaudienz. Zurvan
hat keinen
feudalistischen Thronglanz mit Feuerstrom, Thronflammen und Lichtglanz,
sondern
nur der arische Vayu
und später Ahura
Mazda.[2826]
Antiochos
I.
läßt schreiben: »Der Leib schickt die gottliebende
Seele voraus zu den
himmlischen Thronen des göttlichen Ahuramazda zu dem
unendlichen Aion, wenn er
entschläft.«[2827]
Hier herrschen Zurvan
und Ahura
Mazda im Garōθmān.
642f soll Helios den Mysten bei seinem Vater, dem größten Gott, anmelden, gemeint ist Miθra. Anschließend geht er zum Pol, zum Polarstern, den Weg der untergehenden Sonne. Da ist die Hierarchie Zurvan -> Ahura Mazda -> Miθra umgekehrt, was soziologisch die Machtkämpfe zwischen Mithragemeinde, Mazdaisten und Zervanisten im Perser- und Partherreich spiegelt.[2828] Die Identitäten diffundieren fast pausenlos und diese Konfluenz ist Prinzip: Iao wird krebsartig zu oaI und sogar die genetische Reihenfolge von Vater Helios-Ahura Mazda und Sohn Miθra wird 642f verkehrt: Miθra soll Ahura Mazda erschaffen haben. Auf vielen Basreliefs der Mithräen ist Sols Proskynese vor Miθra abgebildet, die die Vormacht der Mithrizisten vor der zoroastrischen Orthodoxie zumindest in den Militärkreisen dokumentiert und die nach der Verbrüderungsszene in das gemeinsame Festmahl, den Handschlag und die anschließende gemeinsame Fahrt in der Sonnenquadriga über den Himmel übergeht, Zeichen einer Funktionsidentität beider Götter nach dem Sieg des Miθras.
654 wri heißt »Groß ist Re«, cf 4.5.7.1. Hier wird mit diesem Lobpreis glossolalisch gespielt, zwölf Varianten repräsentieren die zwölf Tagesstunden, auf denen 656f Re über den Himmel einherschreitet. 717 wird Miθra ebenfalls als Re akklamiert. Die Identität von Re und Helios als Sonne liegt auf der Hand und zeigt, daß dieser Text für ägyptische Verhältnisse überarbeitet ist.
2.3.7.12 Stufe 6a: Die Schlangengesichtsjungfrauen & mythische Schlangen
PGM
IV,661b-762: »Nach
diesen Worten wirst du 662
Tore sich öffnen und kommen sehn aus der Tiefe 663
sieben
Jungfrauen in Byssosgewändern mit 664
Schlangengesichtern.
Sie heißen "des Himmels 665
Schicksalsgöttinnen" und halten goldene Zepter. Siehst du das,
666
sprich so den Gruß: "Seid gegrüßt, ihr
sieben Schicksalsgöttinnen des
Himmels, 667
hehre und gütige Jungfrauen, heilige und 668
zugleich mit dem minimirrofor
lebende, ihr hochheiligen 669
Wächterinnen der vier
Säulen. 670
Sei gegrüßt, du erste xreqenqahj, 671 sei
gegrüßt, du
zweite menesxehj, sei
gegrüßt, du dritte mexran, 672
sei gegrüßt, du vierte ararmaxhj,
sei gegrüßt, du fünfte exommih,
sei gegrüßt, du sechste tixnondahj,
sei gegrüßt, du siebente erourombrihj".«
Die Schlangen-Jungfrauen IV,662-73 sind Varianten der Daēna-Begegnung des Verstorbenen aus Yašt 20.[2829] Sie sind mit der Siebenertradition babylonischer Astrologie himmlische Wächter, deren männliches Pendant die Achsenwärter sind, die den Sternlauf regeln und auch Gewitter und Erdbeben schicken können zur Strafe der Gottlosen. Die Szenerie von Spalier der drohenden Götter und der Ankunft des jungen Miθra wiederholt sich hierbei. Das Gleichnis Mt 25,1ff von den 10 Jungfrauen, die mit leuchtenden Lampen den Bräutigam erwarten, scheint diese Tradition der Schicksalsgöttinnen zu modulieren. Auch hier kommt der junge Gott als Bräutigam und das Rind wird IV,700 als Schulterstück der Festschmaus.[2830]
Woher stammen die Schlangengesichter der sieben Jungfrauen? Schlangengesichter haben die altlybische Orakelgöttin Medusa und die Python, die Apollo erschlägt und Delphis Orakel gründet. Hera hat ihre Kinder durch die Python vom Gebärmutter-Tempel in Delphi empfangen. Im minoischen Kreta ist die erste Göttin von ihrer Schlange befruchtet. Wie in Delphi der Omphalos als Nabel der Welt verehrt wurde, so auch in Delos, um dessen Nabel-Schoß sich eine Schlange windet. Die Erinnyen haben Schlangenhaare wie Medusa. Die Gorgonen-Schwestern, die starke Stheino, die weit umherschweifende Eurydale, und die hinterhältige Medusa, wohnen am Weltenfluß am Ende der Zeit und verlocken als Schönheiten mit süßem Sange, aber versteinern die erregten Männer, während sie selbst zu Schlangendrachen werden. Hier ist die Schlange Orakelgöttin von magischer Zauberkraft, befruchtend und todbringend zugleich. Am Stab des Asklepios, des Gottes der Rettung und Heilkunst steht die Schlange für Weisheit, Erneuerung des Lebens und Heilung, wie Hippokrates lehrt. Diese Impulse mögen aus Hellas eingeflossen sein in Miθras Schicksalsgöttinnen, die ja auch mit Leben und Geschick der Menschen spielen.
Ahriman schafft die Schlange der Finsternis nach Vd 1,2 als erste böse Gegenschöpfung. Az-i dahak ist »der Droßler«, der Feind Miθras (Vd 1,17), cf 1.8.2. Die ahrimanische vazak (Eidechse) bringt der Urfrau Jeh nach Bundahišn 3,7 durch einen Kuß Menstruation und Lüsternheit auf einen Mann. Beides sind keine Quellen der schlangengesichtigen Schicksalsgöttinnen.
Fündig werden wir dagegen in Ägypten. Die Kobra Uräus ist Symbol höchster göttlicher und königlicher Weisheit und Macht. Sie sitzt vielen berühmten Pharaonengesichtern auf der Stirn. Im Totenreich gibt es einen See der Uräen, von denen 10 Re empfangen und gelobt werden: »Euere Flammen sind ein Gluthauch in meinen Feinden«.[2831] In der 76. bis 78. Szene des Pfortenbuchs sind die Uräen oben aufgebläht und aus ihrem Kopf kommen zwei Menschenköpfe hervor. »Sie erhebt sich für Re, die Lebenszeit wird festgesetzt und in Jahren niedergeschrieben in dieser Uräus-Schlange. Sie läßt die Lebenszeit aufsteigen zu ihm, zum Himmel.«[2832] Danach rufen 4 Göttinnen mit preisend erhobenen Armen Re an als wiedergeborenes, auferstandenes Kind, das den Himmel betritt. Schließlich flankieren 6 aufgeblähte Urären den doppelgesichtigen Seth-Horus. Die Uräen kündigen Res Sonnenaufgang an.[2833] Hier sind zwar nirgends sieben Schlangengöttinnen, aber dafür doch eine ähnliche Szene wie die der Mithrasliturgie. Wie die Uräen den Re ankündigen und empfangen, so die Schlangenjungfrauen den Miθras in PGM IV. Weiterhin ist die Gerichtetheit der Zeit durch die Schlange ausgedrückt, aus der einen Stundenschlange tritt die nächste hervor usw., die Stundenfolge wird zum Schlangenseil.[2834] Die Lebenszeit wird dem Einzelnen aus dem unerschöpflichen Vorrat eines riesigen Schlangenleibes zugemessen.[2835] Das Pfortenbuch ist voller Szenen mit Schlangen, eine davon die „Entfernende“, deren Leib schier unermeßlich lang ist.[2836]
Apophis
ist die dämonische Unterweltschlange. Sie personifiziert die
Finsternis, das
Chaos und den bösen Feind des Re,
greift jede Nacht dessen Sonnenbarke auf der Fahrt durch die Unterwelt
an, um
sie und so die Weltzeit anzuhalten. Sie wird von Seth
getötet, der als Mörder von Osiris
das Böse verkörpert und von Horus
schließlich vom Thron gestoßen wird.
Meretseger („Die das Schweigen liebt“) ist die schlangengestaltige Schutzgöttin der Nekropolen im thebanischen Westgebirge und wurde im Tal der Könige verehrt.[2837] Die Ogdoade von Hermopolis war vor Entstehung der Welt Personifikation der Urkräfte des Chaos. Bei den vier Paaren Nun und Naunet; Huh und Hauhet; Kuk und Kauket; Amun und Amaunet sind die Männer froschgestaltig, ihre Gespielinnen schlangenartig, bisweilen werden sie als 8 sonnenanbetende Paviane dargestellt.[2838] Renenutet ist ebenfalls eine schlangenköpfige Göttin, Beschützerin des Königs, wurde bald mit Wadjet gleichgesetzt. Als Fruchtbarkeits- und Erntegöttin von Korn und Wein wurde sie mit Osiris in Verbindung gebracht, als Schicksalsgöttin mit Ma‘at. Die Griechen nannten sie Thermuthis. Wadjet, die Grüne, Papyrusfarbige, ist die Göttin des Nildeltas. Als feuerspeiende Schlange verkörperte sie das Auge des RE und den Uräus des Königs. Durch ihre Erdnähe hat die Schlange Nähe zur Unterwelt und zum Chaos der Finsternis. Meretseger, Renenutet und Wadjet sind Schlangengöttinnen vom Typus der Mithrasliturgie-Jungfrauen. Die Schicksalsgöttin ist Repräsentantin des Re. Die Hathortöchter des Re sind zwar sieben, aber nicht schlangengesichtig.[2839]
Dekane in Schlangengestalt sind die 36 Sterne, von denen alle 10 Tage ein anderer am Horizont aufgeht. An der Decke ramessidischer Königsgräber, erscheinen Dekane als Oval der 36 im Totentempel des Ptolemaios VIII. von Deir al-Bahari, denen geopfert wird wie Gottheiten, die laut Tempeltext Einfluß auf Wasser, Wind, Fruchtbarkeit, Krankheit und Tod haben.[2840] Im Pfortenbuch im Grab Ramses VI. wenden sie sich in zwei Reihen der Neugeburt der Sonne entgegen.[2841] Um 850 v.Chr. im Grab Osorkons II. in Tanis erscheinen sie als Schlangen, Schützer der Toten zusammen mit Osiris, Horus, Thoth, Isis und Nephthys. Sie sind šai, Schicksal.[2842] In Tempelstatuen von Dendera sind sie Beschützer. Als ihre Herrin gilt Sachmet, die Krankheiten sendet und heilen kann.[2843] Sie sind gefährlich, wie ein Text aus Esna sagt: »Die ankündigen, was geschieht, die nach ihrem Wunsch am Leben erhalten und Frevler töten, ... die die Länder mit Feuer beschießen, bei deren Hervorkommen jedermann zittert. ... Sie ziehen umher als Auge des Re, Boten in den Städten und Gauen, die Pfeile schießen mit ihren Mündern gegen den, den sie von fern sehen«.[2844]
Die Schlange ist mit der Regenerationsfähigkeit der Frau assoziiert. Die sich selbst in den Schwanz beißende Schlange, der ¹Ourobo/roj (Schwanzbeißer) als Symbol der Ewigkeit - auf einer Schale im babylonischen Nippur und oft in ägyptischen Bildern - tötet sich, heiratet sich und befruchtet sich selbst, mannweiblich, zeugend-empfangend, verschlingend-gebärend, aktiv-passiv und oben-unten zugleich.[2845] Die Schlange als Urschoßrundung markiert die todbringende Seite der Sexualität und die gefährliche sexuelle Triebhaftigkeit Evas, der Großen Mutter, die den ausgemolkenen Mann kastriert oder ihn in den Jahreskönigskulten nach einem Jahr Herrschaftssuhlen in ihrer Vagina zerstückelt.[2846] Als Verwandlungskünstlerin per Häutung (= Menstruation) verkörpert die Schlange Todesdämonen.
Da es PGM IV um Wiedergeburt und Orakel geht, dürfte die Todesdimension der ägyptischen Nekropolen- und Schicksalsgöttinnen Meretseger, Renenutet und Wadjet eingeflossen sein. Griechisch ist der Orakel-Aspekt der zauberkräftigen Schlange der Fruchtbarkeit. So ist die Schlange im Mithrarelief Zeichen der Venus.[2847]
2.3.7.13 Stufe 6b: Die Polherrscher des Bärengestirns als Himmelspolizei
PGM
IV,674-93: »Hervor
kommen aber auch andere
sieben Götter mit den Gesichtern schwarzer Stiere, 674
in
linnenen Schürzen, 675
sieben goldene Diademe haltend. 676
Das sind die sogenannten "Polherrscher 677 des
Himmels"; sie mußt du ebenso begrüßen, 678
jeden mit
seinem eigenen Namen: "Seid gegrüßt, ihr
Achsenwächter, 679
ihr heiligen und starken Jünglinge, die ihr 680 auf
einen
Befehl die rundumdrehende 681
Kreisachse des
Himmels treibt und Donner und 682
Blitze und die
Schläge der Erdbeben und Wetterstrahlen entsendet 683
in die
Scharen der Gottlosen, mir aber, dem Frommen 684 und
Gottesfürchtigen, Gesundheit und des Körpern
Unversehrtheit 685
und des Gehörs und Gesichtes Stärke,
Unerschütterlichkeit 686
in des
heutigen Tages gegenwärtigen 687
guten Stunden , ihr
meine Herren und 688
hochgewaltigen Götter. Sei gegrüßt, du
erster aierwnqi, 689 sei
gegrüßt, du
zweiter merxeimeroj, sei
gegrüßt, du dritter axrixiour,
690
sei gegrüßt, du vierter mesargiltw,
sei gegrüßt, du fünfter xixrwaliqu,
691
sei gegrüßt, du sechster ermixqaqwy,
692
sei gegrüßt, du siebenter eorasixh".«
Die Polherrscher des Himmels, die den
auf einer Weltachse
mittig im Achslager aufgehängten
Himmel wie ein Kettenkarussell über der
Erdscheibe drehen, gleichen den schwarzen Stieren des babylonischen
Himmels,
die wie die Toröffnungsszene in Versen 645-50 als
Himmelsaufstieg durch 7 Tore
ans astronomische Hen(äth)
72-84 erinnern. Im Mond wird nach iranischer Tradition der Urstiersame (gaociθrahə)
verwahrt und gereinigt wird.[2848]
Die Stiergesichter der 7 Polherrscher 675 und das Stiergebrüll
490.658.705
fügen sich wie die Rinderschulter 700 in das Mithrasritual.[2849]
Dort sind die Motive beheimatet. In einigen Mithräen
trägt ein Nymphus mit
persischem Hirtendress ein Rind auf der Schulter zum Mahl hinein.[2850]
Miθras
bringt der Stier als Mahl der Getreuen, auf daß er sie
ernähre und bewahre zum
ewigen Leben. In der astrologisierten Form des Mithrizismus bekommt
dieser
Transitus eine neue Bedeutung: Die Stierschulter hält als a)/rktoj,
als Sternenkeule in Miθras
rechter Hand 700 die Welt in Gang, ist himmelsmechanischer Motor des
zum
finalen Weltbrand fortlaufenden Schöpfungsprozesses.
Im spätptolemäischen Hathortempel von Dendera, der quasi Kopie eines aus dem mittleren Reich an fast gleicher Stelle ist, befand sich eine von Napoleon 1820 in den Louvre geraubte riesige Zodiakplatte, in deren Mitte statt des Kleinen Bären/Wagens eine Rinderkeule den Pol markiert.[2851] Dabei sind die Umrisse fast gleich, am Ende von Schwanz, Deichsel oder Kniegelenk ist der Polarstern. Das Sternbild ist prinzipiell für viele Metaphern offen, ob Bär, Wagen oder Keule. Ob PGM IV,700 auf diese Keule als Drehhebel der Himmelsschale um die Polarsternachse anspielt? Kannte der Endredaktor in der Thebais die Keule aus Dendera?
Die Polherrscher drehen das Himmels-Karussell wie eine Halbschalenglocke um die Achsaufhängung im Polarstern, der das Achslager bildet. Als Hebel zum Drehen dient offensichtlich die Rinderkeule von 699ff, die Miθra in der rechten Hand hält. Wenn diese Keule identisch ist mit dem Kleinen Bären, dann bilden die Polherrscher selbst die Keule aus den 7 Sternen. Sie machen 681-83 und 694f Wetter, Klima, Gewitter, Donnerschlag, Blitz und Erdbeben und strafen so die Gottlosen. Umgekehrt muß 684ff gutes Wetter und so gute Ernte und Gesundheit als Lohn der Gottesfürchtigen von den sieben Stiergesichts-Stierschulter-Sternen des Kleinen Bären ausgehen, die mit den Schlangenjungfrauen stoische Schicksalsmächte sind. Das Siebengestirn des Kleinen Bären (Haptoring) bewacht Mēnōk-i Chrad 49,15 mit 99999 farohar das Höllentor vor einem Ausbruch der 99999 inhaftierten Dämonen. Diese Abwehr des Bösen von der Welt ist PGM IV zum universalen moralischen Weltwächteramt avanciert. Inkonsistent ist 679-81 mit 699ff: Wenn Miθra die Keule hält, dann ist er der Himmelsdreher. Die Keule selbst aber sind die Polherrscher alias Kleiner Bär mit der ihnen eigenen Kraft. Die Polherrscher müssen also als eigendynamisches Werkzeug Miθras verstanden werden, als personifizierte Kräfte Miθras, wie die Aməša Spənta Personifikationen Ahura Mazdas sind.
Unter den 7 Kreisbahnen von Luna, Merkur, Venus, Sol, Mars, Jupiter und Saturn ist man der Unabänderlichkeit des mit der Konjunktion von Planeten und Zodiak im Geburtsmoment determinierten Lebens unterworfen. Wer aber durch Himmelfahrt und Durchbruch der Himmelsschale den überhimmlischen Ort des Phaidros erblickt mit dem Reich des Ewigen, kann freikommen vom rotierenden Lauf der Welt, vom Schicksalszwang, weil er eine neue unsterbliche Geburt (a)qa/natoj ge/nesij 501) erfährt, eine neue Stellarkonjunktion beim Niederfahren der Seele in den Erdenleib.[2852]
2.3.7.14 Stufe 7: Die Audienz mit Mithra und sein Vers-Orakel
PGM IV,692b-732: »Wenn sie
aber zu beiden 693
Seiten in Reih und Glied drohend dastehen, blicke
gerade in die Luft, und du wirst sehn, 694 wie
Blitze
herabfahren und Lichter 695
erglänzen und die
Erde erbebt und 696
der Gott herabkommt 697
im Übermaß
seiner Größe, mit leuchtendem Antlitz, sehr jung,
mit Goldhaar, 698
in weißem Gewand und mit goldenem Kranz und 699 in
weiten
Hosen, in der rechten Hand haltend 700 das
goldene
Schulterblatt eines Rindes: es ist das Bärengestirn (a)/rktoj), daß den Himmel bewegt 701
und
zurückwendet, stundenweise 702 am
Pol hinauf und
hinab wandelnd. Sodann wirst du 703
aus seinen Augen
Blitze und aus seinem 704
Körper Sterne
springen sehn. Du aber 705
brülle sofort in langem
Brüllen und strenge dabei deinen Leib an, 706 um
zugleich die fünf
Sinneswerkzeuge in Bewegung zu setzen, 707
lang, bis zum
Nachlassen, küsse wiederum 708 die
Amulette und
sprich: "mokrimo
ferimo 709 fereri.
Mein, des N N, Leben, bleib du, wohne in 710
meiner Seele, verlaß
mich nicht, weil es dir befiehlt 711 enqo
fenen qropiwq".
Und blicke
unverwandt auf den Gott, 712
lang brüllend, und
begrüße ihn so: 713
"Herr, sei gegrüßt, Herrscher des Wassers, 714
sei gegrüßt, Herrscher der Erde, sei
gegrüßt, Gewaltiger des Geistes, 715
lamprofegg$=
(Glanzstrahlender),
proprofegg$= (Vorvoranleuchtender)
emeqiri
artentepi. 716 qhq, mimew
nenarw furxexw yhridariw! 717
Frh
Frhbal:
offenbare, Herr, 718
über die betreffende Sache. Herr, wiedergeboren 719
scheide
ich, Stärke empfangend und gestärkt 720
sterbe ich, in
lebenzeugender Geburt geboren,721
zum Sterben gelöst
gehe ich hin, 722
wie du eingesetzt, wie du zum Gesetze bestimmt 723
und geschaffen hast das Mysterium. Ich bin feroura 724
miouri". Hast du das
gesagt, wird er sofort weissagen. 725 Doch
du wirst
losgelöst von
deiner Seele und 726
nicht in dir selbst sein, wenn er dir antwortet. 727 Er
sagt
dir das Orakel in Versen und wird dann 728
weggehen. Du aber
steh stumm; denn du wirst das 729
alles von selbst
verstehen, und du wirst 730
dich hernach
unfehlbar erinnern an die Worte des 731
großen Gottes, selbst
wenn das Orakel aus Tausenden von 732
Versen bestünde.«
Weite Hose und goldener Strahlenkranz 698f sind persisch.[2853] Für Miθra typischer wäre allerdings die Phrygenmütze. Das für Orientalen eher seltene blonde Haar unterstreicht das Golddiadem als Sonnensymbol. Blitze, Erdbeben und Licht 702-04 erinnern an Apk 1,16: »und er hatte sieben Sterne in seiner rechten Hand, und aus seinem Munde ging ein scharfes, zweischneidiges Schwert, und sein Angesicht leuchtete, wie die Sonne scheint in ihrer Macht.« Auch hier ist der Held der Vision Richter mit Sonnenkopf, Schwertblitz und sieben Sternen in seiner Rechten. Als Schutz vor seiner gewitterlichen Strahlung wird stierisch gebrüllt, bis die Hyperventilation greift und die Trance steigert. Dazu werden die Amulette mit den Schutzgeistern geküßt und so als Beistand angeheuert für die Audienz bei Miθra. Er ist Herr über Wasser, Erde und Feuer, die heiligen Elemente der Iraner. Frh 717 = prh = „der Re“ meint den Sonnengott, Frhbal ist das Auge des Re.[2854]
2.3.7.15 Parallelen zur sethianischen Himmelsreise (Zostr)
Für das Verständnis des Zostrianos und seiner Trancetechnik ist hier wesentliches vorweggenommen. Daß in der sethianischen Tradition ebenfalls die platonische Himmelslehre mit diesen Trancetechniken gekoppelt ist, zeigt, wie groß die Affinität zum Mithraskult und somit zu den iranischen Traditionen der Himmelsreise war. Der Mithrizismus hat offensichtlich auch den Jahwe-Namen mit in sein dämonologisches Arsenal aufgenommen. Das dürfte der jüdisch-gnostischen Bewegung sehr entgegengekommen sein.
Schließlich bestätigt das Auftauchen der Mithrasliturgie in einem ägyptischen Zauberpapyrus die Existenz und Verbreitung des Mithraskultes am Nil. Ebenso wie NHC VIII christliche und sethianische Texte bruchlos gemeinsam enthält, ist auch hier die mithrische Vergottungspraxis mit anderen Vergottungstechniken zusammen notiert. Allein diese undogmatische Flexibilität und die gleitende Synkrasie der Gottesnamen aus iranischem, griechischem, jüdischem, ägyptischen und sumerisch-babylonisch-chaldäischem Kulturkreis zeigt, mit welcher Offenheit für fremde Kulturen am Nil umgegangen wurde. Nicht apologetische Abschottungen, sondern integrative Adaptionen, ja Adoptionen bestimmen das religiöse Klima, in dem sich die Praxis der Himmelsreise entwickelt hat.
Das Leitmotiv dieser Rituale ist die Einswerdung des Protagonisten mit dem höchsten Gott. Genau dies hat Simon Magus von sich behauptet und aus dieser Praxis heraus fällt noch einmal ein neues Licht auf den Simonianismus, zumal Simon in Alexandria bei Magiern studiert hat. Das Gott-gleich-Sein von Phil 2,6ff bekommt aus diesem Kontext eine ungeahnte Leichtigkeit: Jesus war nicht der einzige, der als Gottgleicher irdisch für Gerechtigkeit arbeitet. Justin wirft den römischen Miθras-Anhängern, viele davon hohe Regierungsbeamte, vor, daß sie korrekt und artig in ihren Höhlen den Höchsten verehren, aber blind sind für die realblutige Unterdrückung der pax romana.[2855] Damit hat er sich kaum Freunde gemacht. Die Mächtigen haben ihn enthauptet.
Die mithrische Initiation entspricht in ihrer mystagogischen Struktur[2856] dem Sterberitual der Indoeuropäer von den Totengeleiten der Vendidad[2857] bis hin zum Tibetischen Totenbuch und diese der Himmelsreise in Gnosis, Rabbinentum und frühem Mönchstum.
In den sieben mithrischen Weihen wurde der Weg der Seele durch die Planetensphären auf Erden inszeniert: nach dem Tod steigt die Seele durch die Planetenbahn hindurch zur Fixsternsphäre auf zu dem Stern, der ihre wahre Heimat ist. Man rief auf zu einem tapferen Dienst für den Vertrags-Gott Miθra, zur gegenseitigen Pflichterfüllung des Vorgesetzten und des Untergebenen und zum Kampf gegen die Leidenschaften. Man war damit ein vorbildlicher Soldat, Beamter, Staatsmann. Wer nach dem Ewigen blickt und sich orientiert an der Unveränderlichkeit des Fixsternhimmels, quält sich weniger mit Armut, Leiden, Unrecht und Banalitäten herum. Die religiösen Sehnsucht tröstet durch Verheißung der Unsterblichkeit der Seele. Der Gebildete findet eine Lehre im damals fortgeschrittensten Stand der Astronomie.
Die Stufenleiter der einzelnen Planeten aufwärts zum heimatlichen Fixstern entspricht dem siebenstufigen Himmel der Henochliteratur und der sethianischen Himmelsreisen. Daß der Myste in der Mithrasliturgie von PGM IV ebenfalls 7 Engelpaare Schlange/Stier im Spalier zur Gottheit Miθra sieht, zeigt, daß sich die Szenarien überall gleichen.
Besonders bemerkenswert sind strukturelle Parallelen von Mithrasliturgie und Zostrianos. Wenn nicht nur in Alexandria und Memphis Mithräen standen, sondern ein thebanisches Zauberhandbuch einen a)paqanismo/j (PGM IV,747 cf 647f.741.747.771) mit starkem zoroastrischen Einschlag enthält, war der Mithrizismus Autoren und Lesern des NHC in Chenoboskion bekannt.
Daß Zoroaster wirklich etwas mit der sethianischen Himmelsreise zu tun hat und deren Genese an mehreren Orten und Zeiten persisch affiziert wurde, kann erhärtet werden durch folgende Momente: 1) Körperverachtung / Welt als bedrängende Not; 2) Aufstieg mit Anleitung durch Mystagogen: a=PGM IV) theophore Drogenmixtur; b=Zostr) kataleptische Trance; 3) Extasetechniken wie Vokalgesang, Atmung, Gebete, Brüllen, Schweigen; 4) Lichtstrahlen / Lichtwolke als Fahrstuhl gen Himmel [neurologisch Resultat von Sauerstoffmangel der Netzhaut bei Nahtoderlebnissen, cf 1.2.3]; 5) Götter wollen den Aufsteigenden angreifen, Gebete als Paßworte; 6) Anrufung der Elemente; 7) Lichtvisionen von Göttergestalten; 8) Verschiedene Ebenen im Himmel werden durchreist: a) Planetensphäre, Fixsternsphäre; b) Lichtwolke, 13 Äonen, Mond, 7 Äonen-antitupoi = Planeten, paroikhsis, metanoia; 9) Schwellenrituale beim Übergang zur nächsthöheren Stufe: a) Pfeifen, Schnalzen, Schnauben, Brüllen, Ausruf von »Schweigen«; b) Taufen, Versiegelungen, herrschaftliches Stehen; 10) Schau und Belehrung über astrologische Abläufe; 11) Begegnung mit Gott, Belehrung und Sendung; 12) Rückkehr zur Erde. 13) Platonismus und Hermetik: Hohe Ethik gegen somatische Begierden; Unsterblichkeit der Seele; Himmlische Heimat; Zug der Götter am Himmel nach Phaidros 247-253b und Nomoi 828bc.
2.3.8 Schamanische Elemente im Mithraskult
Die Weihen der Mysten findet man vorgeprägt von der schamanischen Initiation.[2858] Auch der Geheimbundcharakter bis hin zu Geheimsprachen ist von schamanischen Bünden bekannt.[2859] Die Leiter als Stufen des Himmels findet sich bereits in den taptys der Birke bei der Himmelsreise der Altai-Schamanen[2860] und im rituellen Besteigen von Bäumen als Aufstiegsritus.[2861] Die Zahl sieben als mystische Zahl ist ebenfalls schamanisch.[2862] Die Himmelsreise im Zusammenhang mit der rituellen Birkenbesteigung in ihren 7, 9 oder 12 Stufen und dem magischen Flug des Schamanen ist ebenfalls mit allen Details bekannt, wie etwa Treffen von Himmelsbewohnern tierischer oder menschlicher Engelnatur und Gottesbegegnung mit Orakel.[2863] Die Begleitung des Novizen durch einen erfahrenen Führer ist aus der schamanischen Krankenheilung bekannt. Dort ist der Schamane Seelengeleiter, der nach der verirrten Seele des Kranken sucht.[2864] Die Vogelsymbolik des Schamanen in seiner Dienstbekleidung deutet darauf hin, daß seine Seele ebenso fliegen kann wie die imitierten Vögel.[2865] Daneben gibt es auch das Bären- Rentier- oder Hirschkostüm als Symbol der Kraft dieser Tiere.
Die Mithrasmysten rechneten wie die Pythagoreer damit, daß die Seele auch in Tierleiber eingeht; Platon sagte, Aias und Agamemnon hätten sich zur nächsten Verkörperung den Leib eines Löwen und Adlers ausgesucht,[2866] und gerechte, selbstbeherrschte Menschen können im nächsten Leben zu Bienen[2867] und gutartige Menschen[2868] zu Vögeln werden. Die Weihegrade des Löwen, des Nymphus und des Corax setzen eine spielerische Verwandlung in diese Tiere voraus.[2869] So sehr die Tiere im Mithraskult Symbole des Zodiak sind: der Rabe als Botenvogel, die Tiermasken auch der Leones sind Identifikationen mit dem kultischen Tier. Sie dienen der Partizipation an seinen besonderen Eigenschaften wie Flugkunst, Kraft, Schnelligkeit.
Porphyrios schreibt, die oberen persischen Priester äßen kein Fleisch und auch die aus den beiden nächsten Kasten nur selten, »denn die ersten Priesterkasten lehren alle die Seelenwanderung; und darauf deutet man auch in den Mysterien des Miθras hin. Denn es ist bei ihnen Brauch, unsere Verwandtschaft mit den Tieren im Bild durch die Tier-(Grade) zu bezeichnen, so daß sie die Mysten, welche an ihrem Kult teilnehmen, ,Löwen' nennen ... die Diener aber ,Raben' ...«[2870] »Wer aber die Löweninsignien empfängt, dem legt man die verschiedensten Tiermasken an. Den Grund hierfür gibt Pallas in seinem Buch über Miθras an. Er sagt, die allgemeine, vulgäre Meinung sei, daß dies sich auf den Kreis des Zodiacus beziehe; aber für das wahre und genaue Verständnis werde damit auf die menschliche Seele angespielt, von der sie sagen, sie werde von den verschiedensten Körpern umgeben«.[2871] Damit gehört der corax und leo als Weihegrad in die Metempsychosenlehre: nach Platon sind dies niedere Verkörperungen der Seele in ihren wechselnden Erdaufenthalten. Aus der schamanischen Fähigkeit, mit der Seele den eigenen Körper auf Zeit zu verlassen und in den Körper eines Tieres einzugehen, um etwa mit dessen Flugfähigkeit nach Jagdbeute oder verirrten Seelen Kranker zu suchen, wird in der Metempsychosenlehre die totale und nicht zeitbegrenzte Inkorporation der Seele in Tierkörpern. Eine ursprüngliche Trancetechnik wird zur ontologischen Verwandlung generalisiert und universalisiert. - Die mithrischen Elemente der Tierverkleidung sind schamanischen Ursprungs. Ebenso sind die Initiationen vergleichbar mit den schamanischen Initiationen, gerade auch bezüglich ihres Prüfungscharakters, der extremen seelischen Belastung, dem Todesrisiko etwa beim Schwertkampf um den Kranz. Analog zur lebenschaffenden Zerstückelung des Urstieres ist die quasi-schamanische Initiation der Mithrasmysten.[2872]
Auch der für seine Heilfähigkeiten und Totenbegleitungen durch einen symbolischen Tod und eine Wiedergeburt gehende Schamane muß Krankheit, rituelle Bestattung und Foltern über sich ergehen lassen, ehe er fähig wird, seinen Körper zu verlassen und in Tiergestalt etc. die Reise ins Todesreich oder durch die Savannenwelt zu vollziehen. So wenig man den römischen Militärs schamanisches Können unterstellen darf, so gewiß haben sich durch alle Synkretismen des alten arischen Gottes mit Astrologie und Platonismus schamanische Tieridentität und Initiationspraxis derivatartig gehalten, sich vergeistigt und verfeinert. Ihre Urerfahrung aber ist geblieben.
Zu jedem Planeten lassen sich Tiere zuordnen. Zum obersten Planetengott Saturn gehörten keine Tiere, denn wer in die siebente Sphäre aufgestiegen war, hatte menschliche Gestalt angenommen. Aus den bisher bekannten Miθras-Monumenten kann man folgende Verteilung der Tiere auf die Planetengötter erschließen:[2873]
|
Tier |
Merkur |
Venus |
Mars |
Jupiter |
Luna |
Sol |
|
Vogel |
Rabe |
Taube |
|
Adler |
Eule |
Hahn |
|
Vierfüßler |
Widder |
Ziegenbock |
Eber |
Löwe
Hund |
Stier |
Pferd |
|
Kriechtier |
Schildkröte |
Schlange |
Skorpion |
|
|
Eidechse |
|
Wassertier |
Krabbe |
Hydra |
Krebs |
|
Delphin |
Krokodil |
2.4 Die Himmelfahrt in der Paulus-Tradition
2.4.1 Die Himmelsreise-Erlebnisse im paulinischen
Schrifttum
Paulus erwähnt 2 Kor 12,2-4 eine Himmelsreise-Erfahrung, ohne sie detailliert zu beschreiben, da er gerade nicht diesen pneumatischen Erlebnissen die Autorisierungsmacht zuschreiben will, die diese offenbar in der gnostisierten urchristlichen Szene hatten und haben sollten (kau/xhsij): »2 Ich kenne jemand, einen Diener Christi, der vor vierzehn Jahren bis in den dritten Himmel entrückt wurde; ich weiß allerdings nicht, ob es mit dem Leib oder ohne den Leib geschah, nur Gott weiß es. 3/4 Und ich weiß, daß dieser Mensch in das Paradies entrückt wurde; ob es mit dem Leib oder ohne den Leib geschah, weiß ich nicht, nur Gott weiß es. Er hörte unsagbare Worte, die ein Mensch nicht aussprechen kann. 5 Diesen Mann will ich rühmen; was mich selbst angeht, will ich mich nicht rühmen, höchstens meiner Schwachheit.« Von der Unsagbarkeit der Visionen redet er als Geheimnis: »7 Vielmehr verkündigen wir das Geheimnis der verborgenen Weisheit Gottes, die Gott vor allen Zeiten vorausbestimmt hat zu unserer Verherrlichung. 8 Keiner der Machthaber dieser Welt hat sie erkannt; denn hätten sie die Weisheit Gottes erkannt, so hätten sie den Herrn der Herrlichkeit nicht gekreuzigt. 9 Nein, wir verkündigen, wie es in der Schrift heißt, was kein Auge gesehen und kein Ohr gehört hat, was keinem Menschen in den Sinn gekommen ist: das Große, das Gott denen bereitet hat, die ihn lieben.«
Von der Himmelsheimat der Christenseelen spricht Paulus 2 Kor 5,1 im Bild der Fremde des Erdendaseins: »Wir wissen: Wenn unser irdisches Zelt abgebrochen wird, dann haben wir eine Wohnung von Gott, ein nicht von Menschenhand errichtetes ewiges Haus im Himmel. 2 Im gegenwärtigen Zustand seufzen wir und sehnen uns danach, mit dem himmlischen Haus überkleidet zu werden. 3 So bekleidet, werden wir nicht nackt erscheinen. 4 Solange wir nämlich in diesem Zelt leben, seufzen wir unter schwerem Druck, weil wir nicht entkleidet, sondern überkleidet werden möchten, damit so das Sterbliche vom Leben verschlungen werde. 5 Gott aber, der uns gerade dazu fähig gemacht hat, er hat uns auch als ersten Anteil den Geist gegeben. 6 Wir sind also immer zuversichtlich, auch wenn wir wissen, daß wir fern vom Herrn in der Fremde leben, solange wir in diesem Leib zu Hause sind«.
Paulus redet von den dämonischen Gewalten, die sich trennend zwischen Gott und Mensch schieben wollen.[2874] Daß Dämonen die postmortale Himmelsreise der Christen behindern wollen, aber durch die Liebe Gottes nicht können, erwähnt Rm 8,38f: »Denn ich bin gewiß: Weder Tod noch Leben, weder Engel noch Mächte, weder Gegenwärtiges noch Zukünftiges, weder Gewalten der Höhe oder Tiefe noch irgendeine andere Kreatur können uns scheiden von der Liebe Gottes, die in Christus Jesus ist, unserem Herrn.« Eph 1,20f erwähnt ebenfalls die Mächte und Gewalten einer transzendentalen Welt: »Er hat sie an Christus erwiesen, den er von den Toten auferweckt und im Himmel auf den Platz zu seiner Rechten erhoben hat, hoch über alle Fürsten und Gewalten, Mächte und Herrschaften und über jeden Namen, der nicht nur in dieser Welt, sondern auch in der zukünftigen genannt wird.« Eph 6,12 ebenfalls: »Denn wir haben nicht gegen Menschen aus Fleisch und Blut zu kämpfen, sondern gegen die Fürsten und Gewalten, gegen die Beherrscher dieser finsteren Welt, gegen die bösen Geister des himmlischen Bereichs.« (cf auch Kol 2,15; 1 Petr 3,22) Niemals werden diese Mächte genauer beschrieben, aber diese Dämonen entstammen der Gefolgschaft Ahrimans, die in der Gnosis zur Schar der gefallenen Engel des Demiurgen wird. In der Himmelsarchitektur der Henochbücher und ihrer Abkömmlinge ist der erste Himmel der Strafort der gefallenen Engel in ihrem Warten aufs Weltgericht, so daß man hier die Mächte des Bösen lokalisieren darf und der Weg in den 3. Himmel durch ihren Machtbereich führt. Auch bei Paulus sind diese Mächte aufgrund der größeren Macht Gottes relativ ungefährlich für die Christenseele.
1 Thess 4,17 erhofft Paulus eine Himmelfahrt aller Christen im Sinne gnostischer Heimreise: »Danach werden wir, die wir leben und übrigbleiben, zugleich mit ihnen entrückt werden auf den Wolken in die Luft, dem Herrn entgegen; und so werden wir bei dem Herrn sein allezeit.«
Faßt
man alle einzelnen Bemerkungen zusammen, dann gehört zur
paulinischen Himmelsvorstellung
drei Stockwerke, das oberste ist Paradies, in einem unteren befinden
sich
ebenso wie auf der Erde Mächte der Finsternis und des
Bösen. Nach dem Tod
fahren die Seelen der Gläubigen wie Jesus auf den Wolken in
den Himmel hinein
und von dort aus immer höher bis in den 3. Himmel, wo sie bei
Gott wohnen
werden. Auf dieser Reise versuchen die Mächte des
Bösen erfolglos, sie
abzubringen von ihrem Kurs nach ganz oben, wo ihre himmlische Heimat
für alle
Ewigkeit direkt bei Gott ist. Der irdische Leib wird dabei verlassen,
um in einen
himmlischen Leib neu eingekleidet zu werden.
2.4.2 Die Apokalypse des Paulus in NHC V,2
Die ApkPls knüpft an 2Kor 12,2-4 an, wie es neben den diversen christlichen Paulus-Apokalypsen auch Augustin tut.[2875] Paulus wird selbst zum Himmelsreisenden, der die Geheimnisse Gottes im 3. Himmel erfahren hat. Unter dem Eindruck von TestAbr 10f und valentinischen Paulustraditionen wird Paulus zum Apostel der Auferstehung: »Denn Christus, der die Sophia, die ihn hervorgebracht hatte, verließ und in das Pleroma ging, bat für die äußere Sophia, die verlassen war, um Hilfe, und aus dem Wohlgefallen der Äonen wurde Jesus hervorgebracht, ein Beistand für den Äon, der sich vergangen hatte. Als Abbild des Beistands wurde Paulus der Apostel der Auferstehung.«[2876] Die Seele muß beim Aufstieg post mortem verschiedene Gerichte und Wachthäuser passieren und dabei die Fragen der Zöllner (telw/nhj 20,16; 22,20) an jeder neuen Himmelspforte richtig beantworten. Diese orphische und später nazoräisch-mandäische Vorstellung hat zu gnostischen Katechismen und Paßformeln geführt.[2877] Der Dreistufenhimmel des Paulus ist in ApkPls mit dem eher babylonischen Siebenstufenhimmel und der Fixsternsphäre als 8. Stufe amalgamiert. Ein Knabe erscheint 17,19-19,21 Paulus, hält eine Offenbarungsrede und entrückt ihn in himmlischen Sphären. In der folgenden Himmelsreise des Paulus (19,21-20,7; 21,23-24,9) ist 20,7-21,23 eine Seelen-Gerichtsszene im 4. Himmel mit Auspeitschung und Hinabwerfen einer Mörder-Seele eingeschoben. Paulus steigt anders als 2Kor 12,2-4 über den dritten Himmel, den er 19, 21ff durchschreitet, bis in den 10. Himmel auf. Im 5. Himmel sind die Mit-Apostel und Engel mit Eisenstäben, die Seelen zum Gericht treiben. In 23,8ff wird Paulus im 7. Himmel durch einen alten Mann (H\llo) auf einem gleißend leuchtenden Thron befragt. Erst als Paulus auf Geheiß des Heiligen Geistes diesem das Zeichen gibt, läßt er die Öffnung nach oben zum 8. Himmel aufgehen, wo die Achtheit thront und er 24, 1ff die Mitapostel grüßt und im 9. und 10. Himmel die jeweiligen Bewohner grüßt. Die typischen Offenbarungen himmlischer Geheimnisse in den oberen Etagen fehlen, vermutlich durch Fragmentierung. Die Schrift erinnert gerade in der Thron-Gerichts-Szene 22,24ff sehr an den Herrn der Geister und den „Betagten“ in Hen(äth) 39-41 und 47ff, auch die Strafengel kommen in den Henocha zuhauf vor.
2.5.1 Seth als
oberägyptisch-jüdischer Horusrivale und sein
Erlösungskampf
Bousset sieht in Seth einen Decknamen für Zaraθuštra. »Dieselbe Schrift, die in der einen Quelle ausdrücklich als Offenbarung des Seth erschien, erscheint in der anderen ausdrücklich als Offenbarung des Zarathustra.«[2878] Diese Umwidmung ursprünglicher Offenbarungen und Himmelsreisen könnte innerhalb der sethianischen Texte nocheinmal erfolgt sein: Aus Seth-Himmelsreisen werden solche des Allogenes, des Zostrianos und des Marsanes.[2879] Daß die Mandäer Abel, Seth und Henoch (Hibil, Šitil, Anuš cf 1.7.9.3f) als himmlisch-göttliche Urväter ansehen, zeigt die Nähe von Sethianern und Henochkreis.
Seth ist der Sohn Adams, der Gen 4,25f; 5,3.6 an die Stelle des von Kain erschlagenen Abel tritt. Er ist der zweite Patriarch und Nachfolger Adams in den priesterschriftlichen Toledotlisten.[2880] Er ist nicht der erste Mensch, sondern der Sohn des Urmenschen, wie im Bundahišn 15 die inzestuösen Urzwillinge Mašye und Mašyane Kinder Gayōmards sind. Lk 3,38 wird Jesu Stammbaum über die Königslisten bis auf Seth und Adam zurückgeführt. Der Erlöser stammt vom Urmenschen ab und Seth ist der zweite in dieser Linie. Darum ist Jesus im Sethianismus der reinkartierte Seth und wie dieser mit göttlichem Samen gezeugt.
Auch Henoch gehört dieser Patriarchengruppe an. Auch hier besteht eine redaktionelle Sukzessionskompilation wie beim Gott der Väter, wo ursprünglich separate Traditionen nach konsolidierter amphiktyonischer Staatsbildung zur historischen Reihe zusammengefügt wurden.[2881] Das Vorbild dieser Toledot ist die Reihe der sumerischen antediluvischen Urkönige, bei denen ebenfalls Lokalfürsten zentraler sumerischen Metropolen zu einer genealogischen Kette gefügt sind, cf 2.1.1. Die Urväter haben noch direkte Gottverbundenheit, während die sündlich säkularisierten Hellenisten das Proprium des Glaubens verraten haben. Darum können die Urväter zurückhelfen zur eschatologischen Theokratie. Seth ist ein Patriarch der hoffnungsvollen Erneuerung nach dem Bruder-/Stammeskrieg Kain/Abel. Die Sethiden sind als Abel-Ersatz Träger der Ackerbaukultur. Henoch und Seth sind Urväter bei den Mandäern.
Die jüngere priesterschriftliche Zeugunggeschichte Seths Gen 5,1-3 zitiert die Gottesebenbildlichkeit Adams aus Gen 1,27 und überträgt diese auf Adams Produkt Seth: »ihm gleich und nach seinem Bilde« Gen 5,3 betont die Gottesebenbildlichkeit Seths und der Patriarchen, die aus seinen Lenden (oder Hoden) hervorgegangen sind. Gott ist nach ägyptischem Denken gegenwärtig in der Einwohnung in seinem Tempel oder Götterbild, Ebenbild oder seinem Tier, z.B. ein Falke, ein Stier usw. Seine Ba-Seele läßt sich dort nieder. Die Vokalpyramiden der PGM als Landebasis für die Gottheit sind Epiklesen der göttlichen Macht. Die Gegenwart der Gottheit wird magisch herbeigesungen. Rituell steuerbare Inkarnation von Göttern ist das Ziel von Totenbuch-Sprüchen bis in die PGM. Die „konnektive Magie“ läßt die Götter herbeikommen in Wort, Bild, Ritus und Architektur.[2882] Der Pharao ist die Inkarnation des Sonnengottes.[2883] Adam und Seth als Bild Gottes sind so die Einwohnung Gottes selbst. So deutlich die priesterschriftliche Sethidentoledot von den sumerischen Urkönigen übernommen ist und deren riesige Regierungszeiten adaptiert: Seth (t"$) ist nicht aus dieser Tradition herzuleiten.
Die jahwistische Ethymologie Gen 4,25 ist ein Assimilationsversuch: t"$ heiße Setzling und stamme von tayf$ = stellen, legen, einlagern, weil Gott Eva einen Ersatz für Abel in die Gebärmutter eingelagert hat. Damit ist Seth der Inseminierte, der göttlich in Eva injizierte Mensch. Diese Vorstellung ist wie Jesu Jungfrauengeburt aus Heiliggeistsperma und der Mythos der Töchter schwängernden Gottessöhne Gen 6,2-4 als Nachbildung von Bundahišn 23 SBE5 (14b Ankl) ein Spermamythos. Seth ist der von Gott in den Uterus Evas Gesetzte. So ist er Urbild dessen, was die Sethianer von sich selbst glauben: Von göttlichem Samen direkt aus Himmelhöhen gezeugt. Gen 4,25 wird so zum Inbegriff sethianischer Anthropologie und die darin implizite Variante der menschenschwängernden Gottessöhne von Gen 6,2-4, die in der Henocha in verschiedensten Ausführungen kursierte, ist Grundlage der Hamartanologie. Indem himmlisches mit irdischem Leben kopuliert, ist Sünde geboren.
Seth ist Gen 4,25 der von Gott in Evas Uterus Hineingesamte und Gen 5,3 als Ebenbild Gottes dessen Inkarnation. Dem fügt sich die homophile Hodenauspressung des ägyptischen Seth durch Horus hinzu, auch wenn Ägyptens Seth ab 454 v.Chr. so kriegerische Züge trägt wie Jahwe.[2884] In der gemeinsamen Geschichte Israels mit Ägypten gab es drei Phasen des Austausches. Zunächst die Habiru der Ramessidenzeit, dann die ägyptischen Schreiber in Jerusalem und der Austausch mit der Söldnergarnison in Elephantine seit 523 v.Chr. und dem in Memphis und später Alexandria lebenden kaufmännischen Judentum und schließlich die Migration der Täuferkreise nach Ägypten nach Zerstörung des Jerusalemer Tempels 70 n.Chr. In allen drei Zeiten hat der ägyptische Seth als Leitvater der jüdischen Gruppen gedient.
Der ägyptische Seth ist groß an Kraft und Sohn der Nut. Re-Harachte will, daß er König wird. Er ist Mitglied der Neunheit der Urgötter von Heliopolis: Atum, Schu und Tefnut, Geb und Nut , Isis und Osiris, Seth und Nephthys.[2885] Er tötet als Sturmgott die dämonische Unterweltschlange Apophis, um der Sonnenbarke den Weg freizumachen.[2886] Ursprünglich ist im Rechtsstreit zwischen Horus und Seth um das Auge des Re, die Doppelkrone, eine Versöhnung beider Reiche zu einem Staat das Ergebnis. Es ist die Erzählung einer Reichseinung.[2887] Seth vertritt im Denkmal memphitischer Theologie die oberägyptische Kraft und Anarchie, die integriert wird. König Schabaka (712-698 v.Chr. 25. Dynastie) ließ den Papyrus aus der 19. Dynastie (1295-1188 v.Chr.) aus der Kuschitenzeit auf einen schwarzen Basaltstein aufzeichnen.[2888] »Das ist dieser Ptah, der mit dem großen Namen genannt wird: Tatenen. Das Land von Oberu. Unterägyptisch ist es. Diese(r) Vereinigung (Vereiniger?) erschienen als oberägyptischer König, erschienen als unterägyptischer König, der sich selbst erzeugte, und Atum der die Neunheit geschaffen hat. Die Neunheit versammelt sich für ihn, und er schied Horus und Seth... Er verhütete, daß sie weiterstritten. Er setzte Seth ein als oberägyptischen König im oberägyptischen Land, bis zu dem Ort, an dem er geboren war, in Su und er setzte Horus ein als unterägyptischen König im unterägyptischen Land vom Ort an, wo sein Vater ertrunken war in pSx.t-ta.ui. So stand Horus über der einen Stätte und es stand Seth über der anderen Stätte. Sie einigten sich über die beiden Länder in Ajan. Das war die Abgrenzung der beiden Länder.«
Plutarch nennt in De Iside et Osiride Seth den Stammvater der Juden. »Nach seiner Vertreibung aus Ägypten habe er sich sieben Tage auf der Flucht befunden und dann, in Sicherheit, die Söhne Hierosolyma und Juda gezeugt.«[2889] Es ist anzunehmen, daß hier eine Seitentradition zur Mosestradition vorliegt, in der sethverehrende Habiruverbände einen ähnlichen Exodus der Vertriebenen erlebt haben wie die Mose-Gruppe. Da in der Ramessidenzeit mehrere Pharaonen Sethos heißen, dürfte Seth damals in ganz Ägypten als Gott verehrt worden sein. Habiru, die als Beduinen in Trockenzeiten vom Sinai ins wasserreiche Nildelta einwanderten,[2890] wurden nach einer Zeit als steinschleppende Fronarbeiter der 19./20. Dynastie unter Ramses II. (1279-12), Ramses III. (1186-54) und Ramses IV. (1154-48)[2891] immer mal wieder, etwa unter Sethos II. (1202-1196 v.Chr.), vertrieben, weil viele armutsbedingt als Räuber lebten, andere in Söldnerdiensten syropalästinischer Stadtfürsten gegen die ägyptische Oberherrschaft kämpften.[2892] Dies ist die „frühe“ Vertreibung der Hebräer aus Ägypten. In dieser Phase könnte Seth als friedlicher Horusbruder und Oberägyptenkönig von Habiruverbänden als ihr Gott angenommen worden sein und mit ihrer Migration nach Palästina und dem dortigen Jahwekult amalgamiert worden sein. Ihr ägyptischer Staatsgott Seth wurde dabei degradiert und immerhin auf Platz 1 in die Liste der vorsintflutlichen Patriarchen Israels gesetzt. Diese Götterdegradierung zum Patriarchen in Israel entsprach dem Rang dieser sethverehrenden Habirugruppen im Gesamt des beginnenden israelischen Staates.
Es folgt 690 Jahre später eine weitere Einwanderung von Juden in Ägypten mit Kambyses. Sie bauen in Elephantine einen Jahu-Tempel und haben in ihrer Tradition Seth integriert als ersten der 10 Patriarchen, was zu Seth als Gott der Neunheit gut paßte. Die oberägyptischen Juden haben sich in der Frühphase der Perserherrschaft in Ägypten von 525 bis 454 v.Chr., als Seth noch gleichberechtigt mit Horus der gute Gott Oberägyptens war, aus ihrer eigenen Patriarchentradition gestärkt, an den oberägyptischen Seth-Kult annähern können. Als Satrapie-Söldner hatten sie sogar seine Terminator-Funktion. Aus dieser Re-Identifizierung mag Seth als Urvater in Israel eine Bedeutung erlangt haben, die über seine Abkömmlinge Enosch, Kenan oder Mahalalel Gen 5,6-12 hinausgeht und die sich durch Platz 1 der Patriarchenliste manifestiert. Möglicherweise haben diese Juden an den Tempeldiensten des Seth teilgenommen und so eine vertrauensbildende Brücke zur oberägyptischen Bevölkerung schlagen können, die ihre Rolle als Besatzer in ein besseres Licht rücken konnte.
Für Seths Umwertung entscheidend ist die Phase von 454-333 v.Chr.: Nach dem erfolglosen Inaros-Aufstand gegen Artaxerxes I. (454) übernimmt ein massiver Zuzug persischer, phönizischer, jüdischer (Elephantine) und babylonischer Söldner und Siedler die Regierungsgeschäfte.[2893] In diesen 40 Jahren wurden viele Tempel der Ägypter zerstört. 404 sagt sich Amyrtaios von der Perserherrschaft los und die 28. - 30. Dynastie war geprägt von Kämpfen gegen persische Invasionen bis 333 Alexander kam. In dieser Zeit kippt die ägyptische Seth-Erzählung um. Seth wird zum Schuldigen, wird besiegter und vertriebener Fremdherrscher. Seth reißt Tempel nieder, wird Inbegriff des Religionsfrevlers.[2894] Mit der Kultzerstörung geht auch die Welt zugrunde, denn die Kulte halten die Welt in Gang.[2895] In den Krypten des Hathortempels von Dendera geben einige Inschriften Hausverbot für Asiaten, Beduinen, Profane und Zauberer, Phönizier, Ägäer und Sandläufer.[2896] Die Ägypter identifizieren ab 404 v.Chr. ihren Seth mit den jüdischen Satrapie-Besatzern und zerstören seine Kultstätten als Drohgebärde gegen die Juden.[2897] Seth wird zur Personifikation der jüdischen und persischen Besatzer. Es kam zu Haßritualen der Ägypter gegen Ausländer: »Mit der wachsenden Verteufelung des Seth rückt die politische Dimension des "Feindes" immer mehr in den Vordergrund. Seth wird in dieser Eigenschaft geradezu "der Meder" genannt.«[2898] Perser, Juden in Elephantine oder Griechen wurden zeitweilig vertrieben.
Hekataios von Abdera berichtet von einer Pest in Ägypten als Anlaß, den Götterzorn durch Vertreibung der Fremden zu besänftigen. Diese gründen Kolonien in Griechenland unter Danaos und Kadmos, in Palästina unter Moses.[2899] Lysimachos erzählt die gleiche Entwicklung in seiner Aegyptiaca im 2.Jh.v.Chr. mit dem König Bokchoris, der in einer Hungersnot vom Orakel die Vertreibung der unreinen und unfrommen Juden, die sich teils mit Lepra befallen in die Tempel flüchten, befohlen bekommt. Die Aussätzigen werden ertränkt, die anderen in die Wüste getrieben, wo ein gewisser Mose aus Heliopolis sie anleitet, »niemandem wohlzuwollen« und alle Altäre und Tempel zu zerstören.[2900] In die Geschichten der Überfremdung der Perserzeit sind Erinnerungen der Ramessidenzeit eingeflossen, zumal das Judentum sich immer über Mose definierte. So wird mal Mose, mal Seth Anführer der Vertriebenen.
CPJ III,520 ist die demotische Asklepios-Apokalypse aus römischer Zeit mit prophetischer Chaosbeschreibung. Sie deutet das Unheil als Manifestationen des Seth, der mit den Juden paktierend gegen Isis kämpft.[2901] Juden sind para/nomoi, Gesetzesbrecher, die »einst auf Befehl der Isis aus Ägypten vertrieben wurden.« »Greift die Juden an, denn gottlose Menschen werden eure Tempel plündern«.[2902] Der Pakt zwischen Seth-Tempelgemeinde und Judentum in Oberägypten muß real so offensichtlich gewesen sein, daß die Ägypter ihr Wut über die jüdischen Satrapie-Söldner an ihrem eigenen Sethkult auslassen.
Die apokalyptischen Täuferkreise haben in der göttlichen Samung Evas zur Zeugung des „Setzlings“ Seths Gen 4,25 das Leitmotiv für die Wahl gerade dieses Vorvaters gesehen. Seine mit Gottessperma konstituierte Gottes-Ebenbildlichkeit war Gotteseinwohnung und die Reinheit seiner Abkömmlinge bis Noah war das, was auch die Täufer sein wollten. Nach römischer Zerstörung Jerusalems wurde bei ihrer Migration nach Ägypten Seths Rolle aktualisiert. Diospolis parva gegenüber von Chenoboskion hieß koptisch Šenesit: die Akazien des Seth. Hier war ein Heiligtum des ägyptischen Seth. Die ägyptische Seth-Verehrung lebte im Volksglauben auch in der Zeit der Klösterbildung weiter und auf diesem regionalen Hintergrund ist die Identifikation beider Sethgestalten ein drittes Mal erfolgt.
Epiphanius beschreibt die Sethianer im Panarion 38 (= Adv Haer 71-88) so, daß man ihre iranisch-zervanistische Prägung klar erkennen kann. Er schildert ihren Himmel voller Engel, Männer und Weiber, die die Welt und das Urpaar Adam und Eva erschaffen haben, in deren Söhnen Kain und Abel zwei gegensätzliche Geschlechter stecken, der gute und der böse Zwilling Zaraθuštras und später Ahura Mazdā und Ahriman also, und indem sie über die Qualität dieser Geschöpfe streiten, streiten auch die Zwillinge und der Böse tötet den Guten. »3. Die Sethianer rühmen sich, von Seth, dem Sohne Adams, ihre Abstammung herzuleiten, sie preisen ihn und führen auf ihn alles, was Tugend zu sein scheint, zurück, sowohl die Zeugnisse der Tugend und der Gerechtigkeit, wie auch, was sonst von dieser Art ist. Nicht nur das, sondern sie nennen ihn auch Christus und behaupten, daß er Jesus sei. 4. Sie lehren ihre Lehre so, daß, sagt er, das Ganze (= die Welt) von Engeln stammt und nicht von der oberen Kraft.«[2903]
Die Identifizierung Jesu mit Seth findet sich noch deutlicher als Reinkarnation: »Von Seth, aus dem Samen und in der Geschlechterfolge kam aber der Christus selbst, Jesus, nicht geboren, sondern wunderbar in der Welt erscheinend, das ist Seth selbst, der damals und jetzt das Menschengeschlecht besuchte, von der Mutter oben gesandt.«[2904] Daß Seth im EvÄg 63,25ff als der Mensch Jesus ins Fleisch kommt und der iranische Erleuchtete (Fwsth/r) ist, wobei wie in Noema (NHC VI,4:40.24ff) Jesus „der Mensch“ genannt wird, verweist auf iranische Ur-Mensch-Einflüsse.[2905]
Seth ist der Abel-Nachfolger der Gerechtigkeit und der Inbegriff des Guten. Hier findet sich die Identifikation Seths mit Jesus Christus als dem Erlöser der schlechtgeschaffenen Welt wieder. »Sie sagen in diesem Betracht, übereinstimmend mit der ersten Häresie der Kaianer: Im Anfang seien sogleich zwei Menschen entstanden und aus diesen Kain und Abel, und wegen dieser (beiden) seien die Engel uneins geworden und zu gegenseitigem Kampf gekommen, und so hatten sie bewirkt, daß Abel von Kain getötet worden sei (1 Mos 4,1-8). 2 Der Streit der Engel, die kämpften, sei um die Abstammung der Menschen gegangen, wobei die beiden, der, der den Kain, und der, der den Abel hervorgebracht hatte, uneins waren. 3 Es hätte aber (über sie) die obere Macht, die sie Mutter und Weib nennen, geherrscht. Sie glauben nämlich, daß es oben Mütter, Weiber und Männer gibt, beinahe nennten sie auch Verwandtschaften und Patriarchien.«[2906]
Da greift die obere Kraft, die Mutter und Weib ist, ein und schafft Seth, in den sie ihre Kraft und den Funken der obersten Kraft in seinen Samen legt, damit dieser Vollkommene die von Engeln geschaffene unvollkommene Welt und die Kräfte der Engel vernichten möge. »4. Da aber, sagen sie, die, die Mutter und Fruchtbares Weib heißt, die Herrschaft hatte, habe sie, als sie erfuhr, daß Abel getötet sei, überlegt und veranlaßt, daß Seth geboren wurde, und in ihn habe sie ihre Kraft (hinein-) gelegt, indem sie in ihn Samen der oberen Kraft und den Funken, der von oben geschickt ist zur ersten Niederlegung des Samens und des Wesens, hineinlegte. 5. Und dieses sei das Wesen der Gerechtigkeit und die Auswahl des Samens und des Geschlechts, damit durch dieses Wesen und durch diesen Samen die Kräfte der Engel, die die Welt und die beiden Menschen im Anfang gemacht hätten, vernichtet würden. 6. Deswegen würde auch das Geschlecht des Seth als ein besonderes von dort herabgeführt, da es (ein Geschlecht) der Auswahl sei, unterschieden von dem anderen Geschlecht.«[2907]
Doch die bösen Engel und ihr menschliches Geschlechterprodukt vermischen sich mit den guten Seth-Samen-Produkten und so schafft die große Mutter die Sintflut, die nur die Sethbesamten überleben sollen: »3,1 Als sie aber sah, daß wieder viele Vermischungen und unordentlicher Trieb der Engel und der Menschen, die zur Vermischung der zwei Geschlechter führte, und Aufruhr der Geschlechter ihre (pl.) Unordnung brachte, ging dieselbe Mutter hin, das Weib, und brachte eine Sintflut und vernichtete jeden Aufstand aller Menschen eines feindlichen Geschlechtes (1 Mos 6,9 ff.), damit das reine und gerechte Geschlecht von Seth allein in der Welt bliebe, daß das obere Geschlecht und der Funken der Gerechtigkeit Bestand habe. 2 Es blieb ihr aber wieder (das Tun) der Engel verborgen, sie brachten den Ham in die Arche, der von ihrem Samen war. Denn wo acht Seelen in der damaligen Arche des Noah gerettet wurden, seien, so sagen sie, sieben aus dem reinen Geschlecht, der eine aber sei Ham gewesen, der von der anderen Kraft sei, der ohne Wissen der oberen Mutter hineingekommen sei. - 3 Diese List der Engel sei so zustandegekommen: Als nämlich, sagen sie, die Engel erkannten, daß ihr ganzer Same in der Sintflut ausgelöscht werden würde, brachten sie listigerweise den schon erwähnten Ham hinein, damit das von ihnen geschaffene Geschlecht der Bosheit erhalten bleibe. 4 Daraus kamen Vergessenheit und Irrtum beiden Menschen, ungeordnete Fälle von Sünden und böse (wahllose?) Vereinigung (Ehebrüche?) in die Welt, und so kehrte die Welt wieder in den alten Stand der Unordnung zurück und wurde von Bösem erfüllt wie im Anfang vor der Sintflut.«[2908]
Die Sintflut ist im Mithrasmythos erwähnt. Nach Miθras Felsgeburt und Stiertötung wird das erste Menschenpaar geschaffen und Miθra zu ihrem Beschützer berufen, gegen Ahriman, der Felder verwüstet durch Dürre, durch eine Sintflut, die nur ein göttergewarnter Mensch mit seiner Arche überlebt, und schließlich durch ein Feuer, welches auch nur die Geschöpfe Oromazdes überlebten. Danach begann eine friedliche Zeit und Miθra feiert das siegreiche Ende seiner Erdenmission.[2909] Im Neurōz -Fest wird das Neujahr nach dem frühjährlichen Sintflut-Ende als Wiedergeburt gefeiert und mit Miθras Auferstehungsfest mihragān kombiniert.[2910] Die zervanistische Weltzeitenlehre mit Sintflut taucht auch im mandäischen rechten Ginza I,181 als genau datierter Fahrplan von Zeitaltern (ddara) auf. Auf Adams 1000 Jahre und 30 ddara folgt die Geburt des iranischen Erlöserpaares Ram und Gattin Rud, aus denen die Welt neu erweckt wird für 25 ddara. Nach einem Weltbrand bleiben ein zweites Urmensch-Erlöserpaar als Eltern einer einmütig mit einer Stimme und einem Lobpreis singenden neuen Welt, Šurbai und Gattin Šarhabēl und ihr Geschlecht lebt weitere 15 ddara bis zur Sintflut, nach der Noah und Sohn Sem ein neues Geschlecht gründen, was in einer Stimme lobpreist und von Hibil und seinen beiden Engeln geführt wird. Nach 6 ddara wird Jerusalem gebaut, was 1000 Jahre gedeiht, bis Salomo geboren sich die Dämonen und Daēvs dienstbar macht, die ihn aufgrund seines Selbstruhmes schließlich ignorieren. Danach kommt Christus mit seinen 7 Planeten-Dews und verführt die Adamskinder. Hen(äth) 6-11 zeugen Semjasa und seine 20 Dekarchen mit Menschentöchtern Riesen, die unersättlich (iranisch az) schließlich Menschen fressen, die dann selbst sodomistisch und kannibalistisch werden und durch Sintflut und Feuerpfuhl vernichtet werden müssen.
Epiphanius ist der Sethianersekte in Ägypten begegnet.[2911] Wenn die Sethianer ursprünglich aus den jüdischen Täufersekten zwischen Jordan und Galiläa hervorgegangen sind, was die Sonderrolle Šitils als der Reine und Vollkommene und Erstverstorbene bei den Mandäern nahelegt, so könnten sie zur gleichen Zeit wie die Mandäer verfolgt worden sein wegen ihrer Radikalität und Popularität und dabei wie Joseph und Maria mit Jesus oder wie Simon Magus nach Ägypten ausgewandert sein. Die Liberalität Alexandriens als Kulturenmixtur könnte für die Verfolgten der rettende Lichtblick gewesen sein. Der Seeweg Tyrus-Alexandria bot sich an und die Verehrung eines anders gestalteten Seth in der Thebais könnte einen zusätzlichen Anreiz gegeben haben. Der Nil als Tauf-Fluß bot mehr Wasser als der Jordan.
Epiphanius erwähnt ferner Allogenes, die ApkAbr und Norea, die Frau des Seth, als Schriften der Sethianer.[2912] Als Archontiker bezeichnet er eine weitere Sekte, die auffällige Ähnlichkeit mit den Sethianern hat. Ein Petrus aus Kapharbaricha drei Meilen von Hebron lehrte den Armenier Eutaktos diese Lehre, die der dann in Armenien verbreitete, darunter den Allogenes.[2913] In der Tradition von AscJes ist das Hauptwerk, die „Große Symphonie“ entstanden, danach muß die Seele der Verstorbenen sieben Himmel durchwandern, jeder beherrscht von einem Archonten, der unter sich eine Schar Engel hat.[2914] Vor jedem Archonten findet ein Gericht statt, in dem sich der Verstorbene für seine Taten zu verantworten hat. Im 8. Himmel dann gelangt er zur „Glänzenden Mutter“.[2915] Dies entspricht nicht nur den mandäischen Wachthäusern im Seelenaufstieg, sondern in Zostr 5 dem Aufstieg durch die 7 Antitypen-Äonen mit ihren Gerichtsorten (11,9), wonach Barbelos Sohn Autogenes als unterster der drei Himmelsäonen erreicht wird.
Christliche Taufe auf den Namen Sabaoth lehnen Sethianer ab, denn dieser ist als Gott der Juden im 7. Himmel der oberste Archont mit dem Teufel als Sohn, der die anderen mißhandelt und sich mit Eva paarte und Kain und Abel zeugte.[2916] Kain habe Abel beim Streit um den Sexualverkehr mit der Schwester erschlagen. Dann habe Adam mit Eva Seth gezeugt, dann habe die oberste Kraft mit ihren Engeln Seth in den Himmel geholt, um ihn dort geschützt großzuziehen, und ihn dann für den Demiurgen unsichtbar wieder in die Welt gebracht, damit er die Erkenntnis des obersten Gottes verbreiten kann. Im 8. Himmel wohnt der Vater des Alls und die oberste Mutter. Von dorther kamen die Seelen der Menschen, die nicht fleischlich, sondern nur seelisch auferstehen, also nach dem Tod in den Himmel zurückreisen.[2917]
2.5.2 Die Nazoräer als Ursprung der
Sethianer, Mandäer und Gnosis
In Simon Magus haben wir einen gebildeten, in Alexandria bei Magiern weitergebildeten Magier aus dem Milieu der Täufergruppen des Ostjordanlandes. Er war Mitglied des johannäischen Täuferkreises und trat nach dem Todes von Johannes dem Täufer dessen Nachfolge an, wobei sich auch Dositheos als Führerrivale hervortat und scheinbar eine eigene Gruppe gründete, die noch eine geraume Zeit wirkte, cf 1.7.6.4. Wenn ihm die 3StelSeth zugeschrieben sind, war er in der Sethianerszene hoch angesehen. Hier zeigt sich eine deutliche Verbindung der Sethianer zum Umfeld Johannes, Simon, Dositheos. Jesus wurde durch Johannes getauft, hatte demnach engen Kontakt zu dessen Täuferkreis und war vielleicht auch Mitglied darin. Er wird Mt 2,23 (o(/ti Nazwrai=oj klhqh/setai); 26,71; Lk 18,37; Joh 18,5.7; 19,19; Acta 2,22; 3,6; 4,10; 6,14; 22,8; 24,5; 26,9; Acta Johannis 47,4 und bei Origenes, Contra Celsum 2,10; 7,18; 7,23 u.ö. als Nazoräer bezeichnet.
Johannes wird als Täglichtäufer[2918] bezeichnet, pflegte also eine wiederholte Taufe, wie wir dies von den Mandäern kennen. Die Ursprünge der Taufen haben wir in den Reinigungszeremonien der Vendidad mit dem Reinigungspriester ausgemacht. Die Bäder Zarathustras mit seinen Schülern an der heiligen Quelle (cf 1.7.5.2) und die Waschungen der Magier im See vor der heiligen Höhle in der syrischen Chronik von Zuqnin (1.7.5.3) bilden die ersten Taufen. Dēnkard VII,4,73-89 ist heiliges Wasser Droge, die Lichtvisionen Vištāspas auslöst. Der Mithraskult hat ebenfalls eine retardierende aszendente Taufpraxis mit Sündvergebungstaufe, das Stirnbrandmal, die Brotdarreichung, eine „Auferstehung“ und den Schwertkampf um den Kranz. Damit sind wesentliche Merkmale der mandäischen Masbūtā hier bereits angelegt. Die Taufe der Mandäer hat Wiederholbarkeit, den Wassertaufakt im lebendigen Jordan, die Aufrichtung an Land als Zeichen zeitgleicher himmlischer Inthronisation, die Versiegelung mit dem Stirnzeichen als Kräftigung gegen böse Mächte, die Eucharistie mit Wasser und Brot, die besondere Taufkleidung persischer Herkunft. Wassertaufe, Aufrichtung, Stirnsiegelung und Eucharistie und der Kranz als Priesterwürdezeichen sind gemeinsame Merkmale von Mithrizismus und Mandäern, deren Aramäisch von persischen Lehnwörtern und Götterfiguren durchdrungen sind, mehr als von babylonischen.
Eine Vorstufe der Mandäer sind die Nazoräer[2919], die persisch und jüdisch geprägt sind zu etwa gleichen Teilen und aus ihren persischen Traditionen sowohl Taufe als auch die apokalyptische Heilsgeschichte des Zervanismus übernommen haben. Die Elchesaiten zeigen die Verbindung zur zervanistischen Tradition mit der Urpaar-Vision noch deutlich. Die Essener haben nahezu identische Lehren und eine gleichartige Taufe, gehören also ganz in dieses Milieu hinein, was geprägt war von Opposition gegen die Sadduzäer und aus den Makkabäeraufständen der Chassidim gegen die hellenistische Überfremdung hervorgegangen ist. Als Repräsentanten der reichen jüdischen Oberschicht werden die Weisheitslehrer mit ihren ägyptischen Sophia-Ma‘at-Traditionen angesehen und Sophia als Göttin der Unterdrücker zu einer, die das Böse in die Welt bringt. Nach dem gleichen Muster haben die Mandäer die Götter ihrer Unterdrücker, der Christen und Juden, als böse Dämonen angesehen. Hinter der Götterverbösung steht die eigene Verfolgung durch deren Verehrer. Die entscheidende Bedeutung der postmortalen Seelenauffahrt in den Himmel ist zweifelsfrei iranischer Herkunft und wird durch die iranische Sterbezeremonie gestaltet. Hier ist auch die Prävalenz der Seele vor dem Leib, der Himmelswelt vor der Erde begründet. Auch diese Theologumena der Mandäer und Mithrizisten dürfen wir bereits in den Zeiten der ersten Himmelsreisebücher annehmen, die jedoch auch einen massiven babylonischen Einschlag haben: Hen(äth) ist in ersten Teilen, dem Wächterbuch mit dem Mythos der gefallenen Engel, den Beschreibungen von Himmels- und Unterweltgefilden schon im 3-2.Jh.v.Chr. entstanden und die Bilderreden mit der von ihrem Wolkenthron zweimal zu den Menschen hinabsteigenden Sophia in 42,1-3 zwischen 105 und 64 v.Chr. oder vor 70 n.Chr. Der kommende Menschensohn im Weltgericht aus der Danieltradition wurde mit dem Sošyant von Bundahišn 30,7ff SBE 5 amalgamiert und die dortige Totenauferstehung im Rahmen der Heilsgeschichte vom Kampf des Guten gegen die Ahriman-Mächte waren neben der chaldäisch-zervanistischen Astronomie wichtige Themenkomplexe für diese jüdischen Oppositionsgruppen der Jahrtausendwende. Für ihren Einfluß und ihre Bedrohlichkeit spricht die Hinrichtung des Johannes. In diesen Täuferkreisen waren bereits all die Themen angelegt, die später auch in der sethianischen Gnosis virulent waren: persische Taufe, Zeitperiode, Messianismus, Kosmologie mit Ahriman, gefallenen Engeln und später Sophia. Diese aus der chassidisch-makkabäischen Restauration hervorgegangene radikaljüdische Opposition ist Trägerkreis der Apokalyptik und ihrer Ausdifferenzierung zur Gnosis, den Sethianern, Mandäern, Essenern usw. Sie wurden nach 160 v.Chr. vermutlich in die Wüsten vertrieben und haben dort ihre Hoffnung auf den eschatologischen Sieg entwickelt. Diese apokalyptische Situation der Verzweiflung an der seleukidischen Hure Babylon als Inbegriff der Mächte der Finsternis hat die jüdische Opposition von Chassidim, Essenern und Nazoräern verbunden. Der Offenbarer Mara d-Rabuta kommt bei Mandäern und Essenern vor.[2920] Die Essener als eine dieser Täufergruppen neigten zur Gruppenbildung mit asketisch strengen Ordensregeln, die vom sündigen gierigen Sexualleben der Reichen Abstand nahmen und das Leben des neuen Himmels, des kurz bevorstehenden Reiches Ahura Mazdās nach dem Weltgericht bereits vorwegnahmen. Diese Gruppierungen nenne ich mit der ursprünglichen Eigenbezeichnung der Mandäer Nazoräer. Sie sind die Bewegung, aus der die sethianischen Gruppen, die Simonianer, die Essener, die Jesusbewegung und die Mandäer hervorgegangen sind. Hauptkoninzidenzpunkt mandäischer und sethianischer Lehren ist der Gegensatz von einem höchsten, unsagbaren, transzendenten Gott, mandäisch "Erstes Leben" (Hiia Qadmaiia) oder "Großes Leben" (Hiia Rbia) oder "Herr der Größe" (Mara d-Rabuta) und einem unteren ungeschickten Demiurgen Ptahil, unter dem sich der Engel Gabriel (Gabril sliha) verbirgt. Die sethianische Form der jüdisch-iranischen Gnosis ist teils christianisiert worden.[2921]
2.5.3 Die fünf Entwicklungsstadien des
Sethianismus
Zum Sethianischen System rechnete Schenke[2922] unter den Schriften des NHC die vier Versionen des Apokryphon Johannis (AJ in NHC II,1; III,1; IV,1 und BG), die Hypostase der Archonten (HypArch in NHC II,4), das Ägypter-Evangelium (EvÄg in NHC III,2; IV,2), die Adam-Apokalypse (ApkAd in NHC V,5), Die drei Stelen des Seth (3StelSeth in NHC VII,5), den Zostrianos (Zostr in NHC VIII,1), den Melchisedek (Melch in NHC IX,1), die Ode über Norea (Norea in NHC IX,2) und die Dreigestaltige Protennoia (TrimProt in NHC XIII,1). Dabei hat er Marsanes und Allogenes noch nicht erfaßt.
John D. Turner hat 5 Entwicklungsstadien der sethianischen Gnosis herausgearbeitet.[2923] 1) Im 1. Jahrhundert vor und nach Chr. entstand die Sekte der Sethianer als messianische Taufgemeinde, die sich im Besitz der ursprünglichen an die Menschen Adam und Seth offenbarten Weisheit wußte und Seth als kommenden Messias erwartete. Konstitutiv sind
a) der Sophiamythos nach Spr 8; Hiob 28 und Sir 24. Sophia wird als Weltmutter verbunden mit dem Geist über den Wassern Gen 1,2f. Nach Spr 8,27-31 spielt Sophia wie eine Tochter präexistent vor dem Schöpfer während der Erschaffung der Welt und hat ihre Freude, wenn die Menschen sie, die Wahrhaftigkeit und Gerechtigkeit, aufnehmen in ihr Denken und Handeln und so eine gerecht florierende Welt bevölkern. Nach Sir 24,3ff geht Sophia aus dem Mund des Höchsten hervor, umhüllt die Erde nebelartig, thront auf einer himmlischen Wolkensäule über allen Naturgewalten und Völkern, sucht ein Volk, bei dem sie Ruhe und Gehör findet; dies ist Israel mit dem Zion in Jerusalem. Nach Hi 28,27 hat Gott die Weisheit als Naturgesetz der Schöpfungslogik »gesehen und gezählt, sie festgestellt und erforscht«. Gottesfurcht als gutes Handeln befördert die weise Logik in der Welt und so wird diese sehr gut. Cf zu dieser Ma‘at -Adaption 2.5.4 und 2.5.5. Dazu kommen
b) die Geschichten Gen 2-3 von der Schöpfung durch Einblasen göttlichen Atems, Evas Herstellung aus Adams Rippe, dem Essen vom Erkenntnisbaum, der Vertreibung aus dem Paradies, von Kains Brudermord an Abel Gen 4,1-17, von Seth als Ersatz-Setzling für Abel Gen 4,25. Im letzten Redaktionsstadium werden eingefügt die Mythen vom Sexualverkehr zwischen Gottessöhnen (myiholE)ah-y"n:b) und Menschentöchtern (mada)ah tOn:b) Gen 6,2-5, von der Sintflut Gen 6,6-8,22 und dem Feuerregen auf Sodom Gen 13,13-19,28 bes 19,24, der als stoisch-weltbrandmäßiger Endsieg über die Archonten verstanden wird. So gibt es in ApkAd und EvÄg eine Dreiteilung der Weltgeschichte von der Schöpfung bis zum Angriff des Demiurgen auf die Sethianer 1) durch die Flut, worauf sie von Engeln gerettet werden, 2) durch Feuer-Ascheregen auf die Wohnungen der Sethianer bei Sodom und Gomorra, worauf sie von den Dienern der Vier Lichter gerettet werden, die über die himmlischen Äonen präsidieren, wo Adam, Seth und seine Samen wohnen. Es folgt 3) eine künftige Heilszeit, wenn der Erlöser ihre Seelen vom Tod rettet, in ApkAd als »Erleuchter« und EvÄg als Seth alias Jesus. In beiden Schriften aber ist das dreimalige Eingreifen des Erlösers von oben in die Katastrophen der Geschichte das wesentliche Wirken Gottes. Endlich ist
c) der nazoräische Taufritus mit dem göttlichen lebendigen Wasser unabdingbar, der erleuchtet und rettet. Hier sind die mandäischen Quellen eine markante Parallele. Die frühen Schichten der ApkAd dokumentieren den Übergang von jüdischer zu gnostischer Apokalyptik, ebenso Fragmente des EvVer. Die Himmelstrias Geist, Sophia und Adam inkarniert dreifach auf Erden: Im Atemeinblasen des Geistes, in Eva als Sophia und Adam als Vater des Urmenschen Seth. Nach Irenaeus Adv. Haer. I,30 (=28 bei Harvey) haben die Ophiten/Naassener eine dermaßen ähnliche Motivstruktur, daß man eine Abkunft der Sethianer von den nazoräischen Vorläufern der Ophiten aus dem 1.Jh.n.Chr. annehmen kann, cf 2.5.7.
2) Etwa 70 - 100 n.Chr. gab es eine Christianisierung des Sethianismus durch Kontakte zu christlichen Täufergruppen, die Seth oder Adam mit dem präexistenten Christus identifizierten. Seth und Adam werden nun vergöttlicht zu übernatürlichen Wesen. Typische Texte sind die vollständige Form von ApkAd, AJ, HypArch, Norea und TrimProt. Kurzer Überblick: ApkAd ist ein Sterbebett-Testament Adams an Sohn Seth, den Urvater der Sethianer, in dem er eine Traum-Vision offenbart über Eva, sich, Seth und Seths Sprößlinge im Kampf zwischen dem bösen Schöpfer Saklas und den Wesen der höheren Welt, die den Samen Seths retten werden, besonders durch den eschatologische Kommen des Erleuchters. AJ ist ein Dialog zwischen dem Zebedaiden Johannes und dem auferstandenen Jesus, der die unbekannte Gottheit enthüllt, die göttliche Welt, die von ihm entsprang, den Fall der göttlichen Weisheit (Sophia) mit Resultat der Geburt des Welt-Schöpfers und seiner irdischen Kopie des göttlichen Adam. Es schließt mit der Geschichte der Versuche verschiedener Vertreter der göttlichen Welt, den göttlichen Geist in Adam, Seth und Seths Samen zu wecken, die in äußerster Rettung kulminieren. HypArch enthält eine mythologische Auslegung von Gen 1-6: Es ist Kampf zwischen den ahrimanischen Herrschern dieser Welt und den Kräften des höchsten Gottes um das Schicksal des göttlichen Bildes, das in Adam und seinen Nachkommen verkörpert wird. Es schließt mit einem Offenbarungsgespräch zwischen Eva-Tochter Norea und dem großen Engel Eleleth über Ursprung und Ende des Ober-Archonten. Kurz ist die Ode an Norea, die Schwestergattin Seths, einer Manifestation der abgefallenen göttlichen Sophia, die mit ihrem Nachkommen in der göttlichen Welt durch die Äonen wiederhergestellt wird, von denen sie einmal fortging. In TrimProt spricht die göttliche Protennoia in Form einer Tugendlehre in Ichform über ihre Eigenschaften und Taten 1. über die Befestigung ihrer himmlischen Wohnungen für ihren abgefallenen Geist; 2. über die Menschheit, ihre Zerstörung durch die Kraft der feindlichen geistigen Herrscher und ihre Gefangenschaft; 3. über ihren letzten bewahrenden Abstieg in der Einleibung, Gestalt und Aufmachung als Christus.
3) Um 180 n.Chr. entfremdete sich der Sethianismus stark vom Christentum und wurde dogmatisch. Dieses Stadium der Orthodoxiebildung finden wir in EvÄg, dem sethianischen Klassiker, und im zunächst jüdischen, später sethianisierten Melchisedek. Dieser enthält Offenbarungen, die der Engel Gamaliel dem biblischen Hohepriester Melchisedek während einer Vision mitteilt: künftige Ereignisse, die seine eigene Himmels-Aufnahme einschließen und das Leiden, Sterben und die Erhöhung des Retters Jesus Christus. Wie in ApkAd ist hier Heilsgeschichte von oben gemastert. Das sekundär christianisierte EvÄg erklärt den Ursprung sethianischer Taufe mittels mythologischer Theogonie, Kosmogonie und Heilsgeschichte. Wie AJ zeigt es Ursprung und Funktion der Figuren, die während des Taufrituals auftreten, das von Seth verliehen worden ist, der in der Form von Jesus erscheint.
4) Im 3. Jh. wurden die Sethianer von der Kirche als Häretiker bekämpft, da sie zunehmend interessanter wurden für platonische Individualisten mit mystischen Praktiken. Hier spielen Zahlen und Buchstaben als symbolische Wesenheiten eine mystagogische Rolle. Neupythagoreische, mittelplatonische und neuplatonische Ideen werden im Sethianismus aufgenommen. Aus dieser Zeit stammt 3StelSeth, eine nichtchristliche Ätiologie vom sethianischen Ritus des ekstatisch-visionären Aufstieges in die göttliche Welt. Hier wird Seth dargestellt, wie er entsteht und für seine Nachwelt drei doxologische Gebeten aufschreibt, jedes über eine Phase des ekstatischen Aufstieges durch die drei höchsten Niveaus der göttlichen Welt. Auch die Himmelsreisen Allog und Zostr mit Aufstiegsentrückung, Schilderung der Himmelsäonen/Engelwesen und Abstieg mit Verkündigung durch Niederschrift stammen aus dieser Zeit. Die Zwischenwelten zwischen Himmel und Erde werden differenziert als gestufte Himmels-Reiche und verschiedene Ebenen der Existenz.[2924] Petrus aus Kapharbaricha drei Meilen von Hebron lehrte den Armenier Eutaktos die Lehre der Archontiker über die postmortale Seelenfahrt durch 7 Himmel mit je einem Archonten und Gericht, die der dann in Armenien verbreitete, darunter den Allog.[2925] Dies zeigt nazoräische Auffahrt-Mythen in Judäa, die vermutlich über Syrien bis nach Armenien gelangten. Die Erstfassungen von Zostr und Allog könnten somit in Palästina entstanden sein, als dort noch Täufergruppen gelebt haben, die u.U. mit denen in Ägypten in Verbindung standen und diese Schriften dann dort verbreiteten.
5) Gegen Ende des 3. Jh. entfernte sich der Sethianismus wieder vom Platonismus und splitterte sich auf in verschiedene Sektengruppen. Marsanes und der Codex Brucianus zeugen von dieser Entwicklung. Epiphanius (315-403) erwähnt einen Marsianos: »Diese sagen, es gebe auch andere Propheten, einen Martiades und einen Marsianos, die seien in den Himmel gestiegen und nach drei Tagen wieder hinabgestiegen.«[2926] Es dürfte Marsanes sein, dessen Apokalypse dem Zostr nahe steht und der auch CB 7 erwähnt ist.
2.5.4 Die ägyptische Ma'at als
Göttin guter Rechtsordnung und Tochter
Re's
Die Emanation als der schöpferische Samenausfluß vom höheren Wesen in ein niederes, begegnet schon in der Weisheit. Der Sophiamythos von Spr 8 mit der Weisheit als Erstgeschöpf geht letztlich auf die ägyptische Ma‘at zurück.[2927] Ma‘at (kopt me) ist im Alten Reich (2800 - 2200) zunächst „Elexier der Weltordnung“, verkörperte Gerechtigkeit und Friedensordnung.[2928] »>Maat< bezeichnet die Idee einer alles durchwaltenden und die Welt der Menschen, der Dinge, der Natur und der kosmischen Erscheinungen umgreifenden sinnhaften Ordnung, kurz: den Sinn der Schöpfung, die Form, in der sie vom Schöpfergott "gemeint" ist. Diesem Sinn entspricht die Welt in ihrem jeweils "heutigen" Zustand nicht mehr. Die Differenz tritt in Phänomenen des Mangels, äg. >Isfet< in Erscheinung. Krankheit, Tod, Knappheit, Unrecht, Lüge, Raub, Gewalt, Krieg, Feindschaft, all das sind Mangelerscheinungen einer Welt, die durch den Verlust der ursprünglichen Sinnfülle in Unordnung geraten ist. Der Sinn der Schöpfung besteht in der Fülle. Mit der Fülle sind Ordnung und Gerechtigkeit gegeben. Wo alle versorgt sind, wird niemand unterdrückt, übt niemand Gewalttat am anderen, muß niemand leiden. Leiden, Knappheit, Unrecht, Verbrechen, Auflehnung, Krieg usw. haben für den Ägypter keinen Sinn, sondern sind Symptome einer Sinnentleerung oder Sinnentfremdung der Welt, die sich im Fortgang der Geschichte von ihrem Ursprung entfernt.«[2929] So ist Ma‘at-Verwirklichung »den Menschen Recht zu sprechen, die Götter zufrieden zu stellen, den Göttern Opfer zu geben und den Toten Totenspeisen«[2930]
Ma‘at ist aber auch Begleiterin des Sonnengottes Re in seiner Herrschafts-Sonnenbarke. »Sie ist eine beim König weilende Wirkgröße und zugleich eine ihm gegenüberstehende eigene Göttin. Der abgeschiedene König kommt mit Maat daher, hat also die Frucht seines Tuns als Anspruch auf entsprechendes Ergehen bei sich.[2931] Er setzt, was ein besonderes Verdienst ist, Maat an die mythische Feuerinsel und vertreibt dort den Frevel.[2932] Zugleich begegnet ihm aber beim Übergang ins Jenseits die Doppel-Maat und spricht ihm den Thron des Gottes Geb zu.[2933]« So Koch.[2934] Die Weisheitslehre für den König Merikare[2935] (2350 v.Chr.) behauptet, daß das Tun des Guten gutes Leben eröffnet. »Tue die Maat, und du wirst lange auf Erden weilen.«[2936] Im Mittleren Reich (2000 - 1780) sind die großen Konkurrenten Re und Osiris und dessen Sohn als „Herr der Ma‘at“ betitelt. Amenemhet I. und Sesostris II. nennen sich „der sich an Ma‘at freut“ oder „der die Ma‘at erscheinen läßt“. Ma‘at wird als Göttin rechter Lebensordnung verehrt, der Wesir als oberster Richter ist ihr Diener.[2937] Es gibt noch keine Wesenseinheit von Re und Ma‘at, sondern der Tote bringt beim Aufstieg zu Re zum Mahl in der Sonnenbarke Ma‘at als Summe seiner Guttaten mit.[2938]
|
Atum
(Das All) |
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|
Schu |
Tefnut |
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Leben |
Ma'at |
|
neheh Zeitfülle |
djet Dauer |
Die für die Sophia und Barbelo wohl prägendste Ma‘at-Vorstellung findet sich auf dem berühmten Sargtext 80.[2939] Hier hat Atum als Schöpfergott die Zwillingskinder Schu und Ma‘at. Beide verkehren miteinander und auch mit dem Vater sexuell. »Da sagte Atum: Tefnut ist meine lebendige Tochter, sie ist zusammen mit ihrem Bruder Schu. "Leben" ist sein Name, "Maat" ist ihr Name. Ich werde leben zusammen mit meinem Kinderpaar, zusammen mit meinem Zwillingspaar, indem ich dabei bin in ihrer Mitte, der eine an meinem Rücken, die andere an meinem Bauch. Als >Leben< schlief mit meiner Tochter >Maat<, da habe ich mich aufgerichtet auf ihnen, indem ihre Arme um mich waren.«[2940] Schu und Tefnut sind hier die Kinder des Atum. Ihre richtigen Namen sind Leben und Ma‘at und sie bilden zusammen mit ihrem Vater eine geheimnisvoll-innige Trias, ja Trinitas von Rücken und Bauch. Schu ist in anderen Texten als Neheh (Zeitfülle) und Tefnut als Djet (unwandelbare Dauer) ausgedeutet. Sie sind die beiden das All (Atum) durchwaltenden kosmogonen Prinzipien und bilden mit ihm eine präexistente Trinität.
Die Weltwerdung wird beschrieben als ein Erwachen und Beheimaten des Urgottes, der das All personifiziert. In der Vereinigung mit den ihn erfüllenden und tragenden Energien des Lebens und der Ma‘at findet dieser die Kraft, sich in die Welt zu erstrecken. Diesen Augenblick der Urzündung des Lebens umkreist der Text, um klarzumachen, daß Schu und Tefnut immer schon bei Atum waren als Teile seines Wesens.[2941] Doch dieser dreiwesige Urgott ist in seiner Einsamkeit handlungsunfähig (nnjw sich träge ausbreiten). »Als ich allein war im Nun in `Handlungsunfähigkeit` - ich fand keinen Ort, darauf zu stehen, ich fand keinen Ort, darauf zu sitzen, Heliopolis war noch nicht gegründet, um mich darin aufzuhalten, meine Kapelle war noch nicht geknüpft, darin zu sitzen, Nut hatte ich noch nicht geschaffen, daß sie mir zu Häupten sei, die erste Göttergeneration war noch nicht geboren, die Urgötterneunheit war noch nicht entstanden - da waren sie bei mir.«[2942] Die Urzwillinge liegen eng an ihrem Vater an und indem sie zum Handeln, zur sexuellen Vereinigung kommen, kommt Bewegung in die Ur-Welt. »Tefnut ist meine lebende Tochter; und sie soll mit ihrem Bruder Schu zusammensein ... Maat ist ihr Name ... ich liege und lebe mit meiner Tochter Maat«, erzählt Atum dem Urwasser und fährt fort: »Ich bin am Schwimmen und sehr ermattet, meine Glieder sind träge. Mein Sohn "Leben" ist es, der mein Herz erhebt. Er wird meinen Geist beleben, nachdem er diese Glieder von mir zusammengerafft hat, die sehr müde sind. Da sprach Nun zu Atum: Küsse deine Tochter Maat, gib sie an deine Nase, damit dein Herz lebt, denn sie wird dann nicht fern von dir sein.«[2943] Aus dieser Aufforderung zum präexistenten Tanz zu dritt entsteht die Welt, Schu richtet Atum auf. Er erzählt, daß er mit seiner Schwester Tefnut weder uterinal, im Ei noch als Gewixtes entstand: »Er hat mich nicht geboren mit seinem Mund, er hat mich nicht empfangen mit seiner Faust.«.[2944] Beide sind vielmehr aus Mund oder Nase Atums ausgeschneuzt: »Sondern mein Vater Atum hat mich ausgespieen aus seinem Mund zusammen mit meiner Schwester Tefnut«.[2945] »er hat mich ausgeschneuzt aus seiner Nase.«[2946] »Er wurde schwanger mit mir in seiner Nase, ich trat hervor aus seinen Nasenlöchern.«[2947] So ist Schu als Luftgott Atem Atums und so sein Geist, die Seele, der Logos, teilidentisch mit Atum und Ma‘at in einem Gleiten der göttlichen Funktionen, welches in der promiskuitiven Genitalgleitung zwischen Vater - Tochter - Sohn metaphorische Entsprechung hat. Wenn aus diesem Urinzest die Schöpfertochter als gute Weltordnung die Welt als gut geordnete mitschafft, so liegt genau diese Selbstinkarnation der Wohlordnung dem weisheitlichen Sophiamythos Spr 8f zugrunde und gehört zur Vorgeschichte der Barbelognosis.
Im Neuen Reich (1570 - 1200) verschmelzen Aton und Re. Re und Ma‘at werden zur Neuauflage der Vater-Tochter-Beziehung von Atum und Ma‘at, die in Spr 8 aufgegriffen wird. Ma‘at wird Sonnentochter.[2948] »Von Amon-Re abkünftig, bleibt sie zugleich für ihn als Energiequelle unentbehrlich. Maat wird zum Auge des Re und zur Schlange, "die hervorkam aus seiner Stirn".«[2949] Der Kairener Amonshymnus aus der 17. Dynastie (Papyrus Boulaq 17) preist Reichsgott Amon-Re als »Großer des Himmels, Ältester der Erde, Herr des Seienden, bleibend an allen Dingen. Einzig in seiner Art unter den Göttern, schöner Stier der Neunheit, Oberhaupt aller Götter, Herr der Ma‘at, Vater der Götter, der die Menschen machte und das Vieh erschuf«.[2950] Er als »der eine Einzige ohne Gleichen« lebt und zehrt von der Ma‘at tagtäglich.[2951] Als „Stier der Ma‘at“ (Erzeuger) bleibt er ihr ständig nah.
Sie ist die erste Tagesstunden-Gottheit und erneuert so das Weltgeschehen, wofür ihr der Pharao als Ebenbild und Sohn Amon-Res täglich zur ersten Stunde spirituelle Opfergaben emporsteigen läßt und sie so stärkt.[2952] Er küßt sie jeden Morgen.[2953] Während der täglichen Himmels-Fahrt mit der Sonnenbarke steht Ma‘at mit Hathor vorn als Lotse.[2954] Morgens ist Re in der Gestalt von Chepri, mittags Re, abends Atum, dessen Tochterliebe zu Ma‘at er übernommen hat.[2955] Hatschepsut bekennt: »Ich vergrößere die Maat, die Re liebt, denn ich weiß, der er von ihr lebt. Sie ißt aber auch mein Brot, und ich schlucke ihren Geschmack.«[2956] Das meint insbesondere Fürsorge des Pharao und seiner Beamten für die Armen.[2957] Das Tun der Ma‘at als gerechtes Handeln, Wahrheit, Ordnung und Heilswirken ist in der 17. Dynastie Inbegriff von Loyalität zum Pharao.[2958]
In der 18. Dynastie wird von Thutmoses III. (1479-23) in der riesigen Amon-Tempelanlage von Karnak in Theben am Nordtor ein Tempel des altthebanischen Kriegsgottes in weißer Stiergestalt Month erbaut, in den ein Ma‘at-Tempel integriert ist, während die eigentliche Partnerin Amons die Mut mit eigenem Tempelbezirk ist, sie ist Tochter, Gattin und Mutter von Amon und wird mit der memphitischen löwenköpfigen Sachmet identifiziert.[2959]
Im Totenbuch
der Taherit
(Bild rechts) steht links die verstorbene Taherit
vor ihrem Herzen mit all ihren Taten auf der Standwaage,
auf die rechte
Schale setzt Horus
die Feder der Ma‘at.
Thot
schreibt
Protokoll. Ist das Herz zu schwer, sinkt die Schaale so tief,
daß die große Fresserin,
Löwin mit Nilpferdpo und Krokodilsgebiß, es fassen
und fressen kann. Osiris
thront überwachend
mit 42 Beisitzern als Richter über allem. Vor ihm steht Ma‘at
mit Straußenfeder im Haar. Dem
Toten wird ein Papyrus in den Sarg gelegt, auf dem er Osiris begrüßt
und sagt, er habe ihm die Ma‘at
gebracht, für
ihn das Unrecht vertrieben. In 42 Sätzen beteuert er seine
Unterlassung von
Bösem und Mildtätigkeit den Bedürftigen
gegenüber, also sei kein Glied an ihm
frei von Ma‘at.[2960]
Das glaubt ihm das Gericht, fragt nur noch nach Namen von Orten und
Gestalten
der Unterwelt, wenn die richtig ausgesprochen werden, ist der Kandidat
angenommen.

Echnaton
bekämpft den Amon-Re-Kult
und läßt in Amarna den Aton-Tempel
bauen - 20
Jahre Atonmonismus setzen alle anderen Götter im Namen der Ma‘at
außer Kraft,
bevor unter dem jungen Tutenchamon
der Amon-Kult
restauriert wird.[2961]
Es
entsprechen sich dabei:
Atum
Schu (Leben)
Tefnut (Ma'at)
Aton
Echnaton
Nofretete
Rechts:
Echnaton & Nofretete, Berlin, Äg. Mus. Nr. 14145
In
der Ramessidenzeit schreibt der
Ernteaufseher Amenemope
eine Weisheitslehre mit dem Herz als Brücke zu Gott.[2962]
Ma‘at
ist für
ihn das Tun des Guten. Das Schicksal determiniert die Geschicke der
Menschen.
Aus dem Buch des Amenemope
sind in Spr 22,17 - 24,22
wörtlich die Eingangs- und Schlußzeilen
der wichtigsten Kapitel zitiert.[2963]
Hier lenkt der unberechenbare Wille Gottes das Leben und nicht mehr Ma‘at
mit ihrem
Tat-Ergehens-Zusammenhang, nach dem gutes Tun seinen Lohn im Leben und
im
Totengericht erfährt. Dies demoralisiert die politische
Ordnung.[2964]
Offiziell aber wird in der Zeit von Tutenchamon bis Seti I. die Ma‘at als Vertreiberin des Bösen Isefet mit täglichen Figürchen-Opfern höher gehalten als je zuvor.[2965] Im ganzen Land werden Ma‘at-Tempel errichtet, der Pharao weiß seine Lebenskraft aus der ihm von Ma‘at an die Nase gehaltenen Lebensschleife Anch (Atemluft) erwachsen.[2966] Neferhotep kann sagen: »O Re, der Maat hervorbringt, ihm bringt man die Maat dar. Gib du Maat in mein Herz, damit ich sie emporführe zu deinem Ka (Erhalt-/Gestaltseele). Ich weiß ja, daß du von ihr lebst, du bist es, der ihren Leib geschaffen hat.«[2967] Künftig ist die Verwirklichung von Ma‘at ein politisches Programm bei der Thronbesteigung: »Die Hungrigen werden gesättigt, Nackte bekleidet, Gefangene frei, selbst die Dirnen jubeln«.[2968]
(Bild:
Sethos I. beim Darbringen der Ma‘at, cf A.M. Calverly, The Temple of King Sethos I.
at
Abydos IV, London 1958, pl 10)
2.5.5 Die Übernahme der Ma`at-Gestalt in
der jüdischen Chrokma
2.5.5.1 Die Weisheit als Gespielin des Schöpfers in Proverbia 8f und Sir 24
Spr 8,30f: »Als er die Fundamente der Erde abmaß, da war ich als geliebtes Kind (Liebling }UmA)) bei ihm. Ich war seine Freude Tag für Tag und spielte vor ihm allezeit. 31 Ich spielte auf seinem Erdenrund, und meine Freude war es, bei den Menschen zu sein.« Als Weltschöpferin wird Sophia Sap Sal 7,21 beschrieben, ist die »Weisheit, die alles kunstvoll gebildet hat«. 7,25ff wird sie als Abglanz des ewigen Lichts und reine Erneuererin des Alls gepriesen und hat damit genau die Konfiguration, die die sethianische Gnosis aufgeweitet hat: »Denn sie ist ein Hauch der göttlichen Kraft und ein reiner Strahl der Herrlichkeit des Allmächtigen; darum kann nichts Unreines in sie hineinkommen. 26 Denn sie ist ein Abglanz des ewigen Lichts und ein fleckenloser Spiegel des göttlichen Wirkens und ein Bild seiner Güte. 27 Obwohl sie nur eine ist, kann sie doch alles. Und obwohl sie bei sich selbst bleibt, erneuert sie das All, und von Geschlecht zu Geschlecht geht sie in heilige Seelen ein und macht sie zu Freunden Gottes und zu Propheten.«
Sir 24 kommt die Weisheit von ihrer Himmelswohnung mit Thron auf Wolkensäule und Macht über den ganzen Erdkreis herunter und sucht ein Volk, bei dem sie wohnen und ruhen kann. Der Vater empfielt ihr Zion: »Die Weisheit lobt sich selbst, sie rühmt sich bei ihrem Volk. 2 Sie öffnet ihren Mund in der Versammlung Gottes und rühmt sich vor seinen Scharen: 3 Ich ging aus dem Mund des Höchsten hervor, und wie Nebel umhüllte ich die Erde. 4 Ich wohnte in den Höhen, auf einer Wolkensäule stand mein Thron. 5 Den Kreis des Himmels umschritt ich allein, in der Tiefe des Abgrunds ging ich umher. 6 Über die Fluten des Meeres und über alles Land, über alle Völker und Nationen hatte ich Macht. 7 Bei ihnen allen suchte ich einen Ort der Ruhe, ein Volk, in dessen Land ich wohnen könnte. 8 Da gab der Schöpfer des Alls mir Befehl; er, der mich schuf, wußte für mein Zelt eine Ruhestätte. Er sprach: In Jakob sollst du wohnen, in Israel sollst du deinen Erbbesitz haben. 9 Vor der Zeit, am Anfang, hat er mich erschaffen, und bis in Ewigkeit vergehe ich nicht. 10 Ich tat vor ihm Dienst im heiligen Zelt und wurde dann auf dem Zion eingesetzt. 11 In der Stadt, die er ebenso liebt wie mich, fand ich Ruhe, Jerusalem wurde mein Machtbereich.«
Sophia oder Barbelo wird die zentrale Muttergottheit der Sethianer. Deutlich ist die „Mutter und Weib“[2969] genannte Schöpfer-Göttin eine Fruchtbarkeitsgöttin, wie sie im phönizisch-kanaanäischen und syrischen Umfeld des Judentums in der Anat verehrt wurde. Der Name Barbelo kommt von )arfb gebären, und la(ab Herr, Gott: die Gebährerin Gottes. Das aramäische r"b Sohn begegnet häufiger auch mit griechischen Begriffen gemischt auf magischen Bullen und Amuletten.[2970] Barbelo als Sohn Baals würde aber die Weiblichkeit nicht evident machen, in der Barbelo offensichtlich verstanden ist. So trifft der Ausdruck „Gebährerin“ die Ambiguität von Mutter und Gespielin: Vorm Inzesttabu war jede Mutter auch Geliebte ihres Sohnes und kann mit einem Zapfenstreich ihm Mutter seiner Kinder werden, was bei Tefnut deutlich ausgeprägt ist. Eine Ethymologie von Belit-Babili, der Herrin Babylons, her müßte das „R“ erklären.[2971]
Gerade diese Variante mit einem „R“ begegnet aber noch einmal bei Epiphanius im Panarion: Barbhrw.[2972] Von dieser onomastischen Wandlung lassen sich dann die Borboriten oder Borborianer[2973] erklären, die Epiphanius 25,2,1 und 26,3,6 erwähnt. Damit wiederum stimmt Barbarethu PDL 10,070 zusammen.[2974] Die Schlammige, Schmutzige ist die dunkle Seite Hekates als borboroforba PGM IV,1401f oder borborba PGM VII,660 oder Hekate-Artemis-Babarathe... Barbarara in TbOx 1,49. Die Frau ist als Gebärende stets unrein, blutig, schmutzig, schlammig und ihre dunkle Spalte ist eine Unterwelt en miniature, weshalb Fruchtbarkeit und Tod oft in einer Person angebetet werden, etwa Inanna-Ištar oder Persephone oder Nut als Himmel und Sarg. Dem entsprechend werden Borborianern und Ophiten Völlerei und Liebesmahle mit Sexualgenuß vorgeworfen, was - wenn triftig- die himmlische Hochzeit rituell wiederholt. Daß Barbelo im 8. Himmel als »Mutter der Lebenden« wirkt[2975], entspricht dem Lichtcharakter Barbelos im Sethianismus als einem »vollkommenen Aion der Herrlichkeit«.[2976] Als Urmutter kann sie sowohl androgyn sein als auch lichthaft und blutverschmutzt schlammig. Sie umfaßt die Gegensätze, aus deren Vereinigung das Leben entsteht.[2977] Als Urmutter im Himmel wird sie zum Container der Seelen, die nach ihrem kleinen Ausflug zur materiellen Welt wieder in den Schoß der himmlischen Mutter zurückkehren, stolz auf ihrem Thrönchen ob ihrer irdischen Verdienste. Die Totenrichterin ist hier die ihre Kinder wiedererkennende und wieder in Empfang nehmende Urmutter. Genau diese Funktion hat die kinderfressende Dämonin in der Sisinnios-Legende in ihrem Beinamen Bardellous <= Barbellou <= Barbelo.[2978] Sie holt die Kinder nur wieder zurück in ihre uterinale Heimat. Ihr Mord ist Re-Embryonalisierung aus der Weltfremde. Die Vollkommenheit Barbelos besteht in der Allumfassendheit, in der Vereinigung aller Gegensätze in sich, ob Mann-Frau, Gut-Böse, Leben-Tod oder Licht-Schmutz.
Sophia könnte eine Transformation der Mutter- und Liebesgöttin Anatjahu sein, die von den Juden in Elephantine noch als pa/redroj (Spr 6,14) an Jahwes Seite verehrt wurde, Zeichen dafür, wie stark kanaanäische Götter im Judentum verehrt wurden.[2979] Wie die apokalyptische Engellehre Mittlerwesen zum weltfern gewordenen Gott einführte und so der Abstraktion des reflektierten weisheitlichen Denkens zugleich entgegenwirkte, bildet die personifizierte hfm:kfx eine Abwehr der Astarte und Anat durch Mimesis an sie.[2980] Die ¹Afrodi/th parakuptou=sa ist die Konkurrentin der Weisheit in Spr 1-9. Um sie auszustechen, macht die hfm:kfx fast alles.
Die Weihdirnen gurren nach den Männern, die ihnen beim Opfer ihrer Unschuld im Dienste der Wollustgöttinnen Astarte oder Anat behilflich sind. Je mehr Samen spritzt, desto mehr Regen fällt aufs Land und kurbelt die Wirtschaft an. Als Schwestergeliebte buhlt sich die in Zugzwang konkurrierende Weisheit Spr 7,4-23 an: »Sag zur Weisheit: Du bist meine Schwester!, und nenne die Klugheit deine Freundin! 5 Sie bewahrt dich vor der Frau eines andern, vor der Fremden, die verführerisch redet. 6 Vom Fenster meines Hauses, durch das Gitter, habe ich ausgeschaut; 7 da sah ich bei den Unerfahrenen, da bemerkte ich bei den Burschen einen jungen Mann ohne Verstand: 8 Er ging über die Straße, bog um die Ecke und nahm den Weg zu ihrem Haus; 9 als der Tag sich neigte, in der Abenddämmerung, um die Zeit, da es dunkel wird und die Nacht kommt. 10 Da! Eine Frau kommt auf ihn zu, im Kleid der Dirnen, mit listiger Absicht; 11 voll Leidenschaft ist sie und unbändig, ihre Füße blieben nicht mehr im Haus«.[2981] Es folgt eine fachgerechte Verführung in pornographischer Detailtreue. In dieser Konkurrenz mit den Fruchtbarkeitskulten kann die hfm:kfx auf ihren Inzest als Ma‘at-Tefnut mit Bruder Schu und Vater Atum zurückgreifen.
In Spr 9 werden Frau Weisheit und Torheit als große gönnerische Gastgeberin und vor Lüsternheit fiebernde Hure kontrastiert, womit die Astarte gemeint ist, deren Tempel nach 1Sam 31,10 Sauls Rüstung bekam, der Salomon 1Kön 11,15-33 auch gedient hat als der Göttin von Sidon und ihr ein Höhenheiligtum östlich von Jerusalem hat bauen lassen, cf 2Kön 23,13. Es hat einen Verschmelzungsprozeß der kanaanäischen Sexualgöttinnen Anat, Atirat und Astarte gegeben. Diese Verschmelzung kann man in allen Jungfrauenkulten beobachten.[2982] Den 'Nachklang' dieser Fruchtbarkeitsgöttinnen finden wir in der Weisheit.[2983] Die feuchtglänzend fruchtbare große Mutter wird von der regionalen Fruchtbarkeitsjungfrau universalisiert zur Schöpferin der Welt überhaupt. In Spr 8,22-31 und Hiob 28 begegnet die Weisheit als weibliche Gotteshypostase. Auch Isis könnte als Muttergottheit die ägyptische Vorlage sein in der syzygischen Weisheitsspekulation Spr 1-9.[2984]
Diese jüdische Adaption altägyptischer Traditionen der Schöpfungsmittlerschaft der Tochter Ma‘at mit ihrem Vater, dem Schöpfergott Atum, zu dem sie ein ausgesprochen erotisches Verhältnis hat[2985], bringt die Erotik dieser archaischen himmlischen Inzest-Dyade mit einer ethischen Sendungstheologie in Beziehung: Die Weisheit kommt aus ihrer Intimität mit dem Schöpfer zu den Menschen, um sie das rechte Leben zu lehren, wobei Kern ihrer Botschaft die Ordnung des Kosmos ist, eine Ordnung, die die beste Werbungsaktion für ihren Urheber darstellt.[2986] Der Gnostiker und Weisheitsschüler fühlt sich seinerseits als e)rasth/j, Sexualpartner (Spr 8,2), in sumbi/wsij (Spr 8,3.9.16) mit der Weisheit. Lieben und Erkennen ist eins.[2987]
2.5.5.2 Die Verschmelzung von Chrokma, Ma'at, Aša & Anâhîtâ in Hen(äth)
Hen(äth) 82,1b-4 schließt das astronomische Buch aus dem 3.-2. Jh.v.Chr.: »Bewahre, mein Sohn Methusalah, die Bücher von deines Vaters Hand und übergieb [sie] den [kommenden] Geschlechtern der Welt. 2 Ich habe Weisheit dir, deinem Sohn und deinen zukünftigen Söhnen [darin] übergeben, damit sie sie ihren Kindern [und] den Geschlechtern bis in Ewigkeit übergeben, diese Weisheit [, die] über ihre Gedanken [geht]. 3 Die sie verstehen, werden nicht schlafen, [sondern] mit ihrem Ohr horchen, um diese Weisheit zu lernen, und sie wird denen, die [von ihr] essen, besser gefallen als gute Speisen. 4 Selig sind alle Gerechten, selig alle die, die auf dem Wege der Gerechtigkeit wandeln und nicht sündigen«. Hier ist die Weisheit das zunächst geheime und freundlicherweise den Himmelsreisenden geoffenbarte Wissen um die Ordnung der Dinge, den Lauf der Sterne, ganz im Mythos von Enmeduranki gehalten. Weisheit ist die Entsprechung zu dieser Ordnung des Seins und bedeutet Leben in Gerechtigkeit, die jedem zukommen läßt, was er braucht. Geheimwissen wird Gerechtigkeit unter dem Einfluß der Ma‘at und aša. Die Weisheit ist hier in ihren babylonischen Traditionen ursprünglich himmlisches Wissen der Harmonia mundi, was erdwärts reveliert wird vom himmelsreisenden Seherpriester. An diese Tradition knüpft die sethianische Himmelsreise an, wo sie Erkenntnisse über den Himmel und seine Wesen den Auserwählten in Buchform mitteilt.
Weisheit als adaequatio intellectus ad rem, als denkende Entsprechung zu einer primordiale gerechten Seinsordnung ist ein unaufhörlicher Erkenntnisprozeß und kann so leicht als aszendentes Geschehen des Verstehens beschrieben werden: Offenbarung ist ein hermeneutisches Geschehen der Erkenntnis, Philosophie des Göttlichen. Dem entsprechend ist der Fehler Jaldabaoths AJ BG 39,5f die Liäson mit Unverstand, nicht mit Bosheit, Eifersucht, Neid, Rache und Begierde, wie bei Irenaeus. Dessen moralische Uminterpretation ist der weisheitlichen Tradition des AT bereits völlig fern. Die Moralisierung der Weisheit zur Thoratreue beginnt aber schon innerhalb der chassidischen Traditionen selbst. Hebephrener Fundamentalismus, der Gebote nur wörtlich verstehen kann, nicht situativ, treibt Zeloten und Teile der Pharisäer in die Opposition gegen hellenistische Überfremdung der Römer und romtreuen Herodianer. Die Dichotomie von böser Welt und guten Lichtsöhnen wächst aus der Rezeption des Zarathuštrischen Dualismus von Licht-Finsternis mit ihrer Pointe gegen feudale Kriegerbünde der Mithrasgemeinde. Die Uminterpretation der Welt von guter Schöpfung in Feindesland amalgamiert in die weisheitlichen Lehren der AT die Kampfzeiten des Zervanismus als Heilsgeschichte künftigen Sieges der göttlichen Gerechtigkeit. Die Idee der Weisheit als Entsprechung zur guten Ordnung war spätestens dort obsolet geworden, wo diese Ordnung durch hellenistisch-römische Überfremdung und Unterdrückung zerrüttet und zerstört wurde - zumindest aus der Sicht der Frommen. Wo die Welt nur noch als Ort des eigenen Verderbens und der Entwürdigung erfahren wird, wird der Himmel zur einzig noch verbleibenden unantastbaren Wohnung Gottes und der Gerechten.
Hen(äth) 42 aus den im 1. Jh.v. oder n.Chr. verfaßten Bilderreden siedelt die Wohnung der Sophia im Himmel an: »Da die Weisheit keinen Platz fand, wo sie wohnen sollte, wurde ihr in den Himmeln eine Wohnung zuteil. 2 Als die Weisheit kam, um unter den Menschenkindern Wohnung zu machen, und keine Wohnung fand, kehrte die Weisheit an ihren Ort zurück und nahm unter den Engeln ihren Sitz. 3 Als die Ungerechtigkeit aus ihren Behältern hervortrat, fand sie die, die sie nicht suchte, und ließ sich unter ihnen nieder [so willkommen] wie der Regen in der Wüste und wie der Tau auf durstigem Lande.« Hier ist sie bereits Retterin der unter Ungerechtigkeit leidenden Menschen, die von ihrer Himmelswohnstatt zweimal herabkommt, beim ersten Mal ignorant abgewiesen wird und beim zweiten Abstieg die Gerechten rettet vor den Unrechten. Dieser zweimalige Abstieg des Logos findet sich auch in der Christologie als erstes Kommen als Jesus, der nicht als Erlöser anerkannt gekreuzigt von dannen gen Himmel fährt, um zum Gericht ein zweites Mal zu kommen.
In den Mahnreden des Hen(äth) 91 aus dem 1.Jh.v.Chr. ist die Gerichtsidee verkoppelt mit der Weisheit als dem Wissen der leidenden Gerechten, Spiegel der Unterdrückung der Chassidim: »10 Der Gerechte wird vom Todesschlaf auferstehen, und die Weisheit wird sich erheben und ihnen verliehen werden. 11 Darauf werden die Wurzeln der Ungerechtigkeit abgeschnitten werden, und die Sünder werden durchs Schwert umkommen, den Lästerern werden sie [die Wurzeln] an jedem Ort abgeschnitten werden, und die auf Gewalttat sinnen und Lästerungen begehen, werden durchs Schwert umkommen.« Hier ist die Weisheit Geistesmacht, die sich erhebt als intersubjektiver Konsens der Opposition, die ihre endzeitliche Rehabilitierung erwartet, nicht ohne bittere Rache an ihren Unterdrückern.
Hen(äth) 48,1f gibt es »viele Brunnen der Weisheit; alle Durstigen tranken daraus und wurden voll von Weisheit, und sie hatten ihre Wohnungen bei den Gerechten, Heiligen und Auserwählten.« Hier ist der Trank einer Zauberdroge für die in der Welt verhaßten und verfolgten Märtyrer halluzinogener Aufweg in die Himmelspaläste der Heiligen. Makkabäische Theokratie-Opposition der beginnenden Apokalyptik entwickelt hier bereits Rituale wie das des Ardā Vīrāf - in der gleichen Verfolgungssituation und als visionäre Gegenwelterfahrung. Auch hier paaren sich persische Haomatradition und prophetischer Drogenkonsum als interkulturelle Wahlverwandtschaft der Verzückung mittels Drogen und Musik.[2988] Die Ausgießung der Weisheit wie Wasser Hen(äth) 49,1 und 51,2ff ist mit der himmlischen Inthronisation der verfolgten Gerechten am erlösenden Gerichtstag verbunden. Die Weisheit selbst wird 42 beim Erdgang ja nicht erkannt und geachtet von der Welt und erlöst im zweiten Erdgang die Verfolgten, die Chassidim. Mit Weisheit loben sie den Herrn der Geister 61,11; 63,2f. Hier findet sich auch das Element des Trance-Gesanges, vom prophetisch-psalmischen Harfen-Zimbeln-Pauken-Orchester zur Proto-Gregorianik purifiziert und der Magodie der feuerumkreisenden Zarathustra-Gemeinde angeglichen, die das endzeitliche Singen der versöhnten Weltgemeinde Bundahišn 30 Anklesaria quasi antezipiert. Sophia ist hier ganz Ma‘at, Weisheit ist Gerechtigkeit und gute Schöpfungsordnung (= Zaraθuštras aša! -> Joh 8,32), der die Chassidim gegenüber den Fruchtbarkeitskulten, dem Mammon 63,10 und der hellenistischen Überfremdung entsprechen. Sie ist mit dem Reinheitscharakter Anāhītās versehen Identifikationsfigur und Idol der reingebliebenen Verfolgten, die sich als Auserwählte und Heilige von ihr erlöst wissen und sich auf ihre Erhöhung am Gerichtstag freuen, in dem Bundahišn 30 Anklesaria mit Ps 114 vom erlösenden Exodusgott verbunden wird: Hen(äth) 51,4f »An jenen Tagen werden die Tiere wie Widder springen und die Hügel wie Lämmer hüpfen, die mit Milch gesättigt sind. Alle werden Engel im Himmel werden. 5 Ihr Antlitz wird vor Freude leuchten, wenn in jenen Tagen der Auserwählte sich erhoben hat, die Erde wird sich freuen, die Gerechten werden auf ihr wohnen und die Auserwählten werden auf ihr gehen und wandeln.« Diese apokalyptische Reich-Gottes-Idee bewegte auch Jesus, cf Mt 5,6 mit Hen(äth) 48,1. Persische Elemente sind: Reinheit, himmlischer Gesang, Trancetrunk, Weltgericht, Ausharren und Erhöhung der Verfolgten, Anāhītā und aša. Die beiden letzteren korrespondieren mit Ma‘at und Spr 8,30. Hier haben sich also im Bild der himmlischen Jungfrau persische, ägyptische und jüdische Personifikationen von Wahrheit, Gerechtigkeit, Reinheit und Weisheit verschmolzen zur Gestalt der Sophia. Hier wird sie ganz und gar Jungfrau unter dem Einfluß von Ma‘at.
2.5.5.3 Hekate, furchtbare Totengöttin, fruchtbare Jungfrau: Barbelomodell
In 2.3.6.1 wurde die dreiköpfige Hekate vom Mithräum des syrischen Sidon gezeigt, wo alle Männerskulpturen in persischer Tracht die selbstverständliche Präsenz der Perser in Syrien dokumentieren. Hier zeigt sich innerhalb des Mithrizismus die gleiche Verschmelzung iranischer mit hellenistischen Traditionen und Göttinnen wie in Kommagene am Nemrud Dag oder in Anāhītā-Tempeln Kleinasiens mit ihrer Artemis-Identität, cf 1.4.4.
Die dreigestaltige Hekate wird in Griechenland mit Persephone und Artemis assoziiert. In den Zauberpapyri wird sie verknüpft mit Ereškigal, Selene und Isis.[2989] Der Charakter der bluttrinkenden und schlammfressenden Unterweltgöttin mit Hundemeute oder Höllenhund Kerberos, Fackeln und Schwert, die Leichen verspeist in Art der thessalischen Hexenzunft (cf 1.5.2.43 - 1.5.2.47), wird kontrastiert durch ihren fruchtbaren Jungfrauenstatus, der mit dem Strahlen des Mondes zur Strahlenden, Leuchtenden, Goldgesichtigen wird. Das Erstarken der Liebessehnsucht bei Vollmond zu wahnhafter Dekompensation findet in den Liebeszaubern der PGM einen trefflichen Ausdruck: PGM IV,2708-84 soll sich die Angebetete von Lüsternheit und Schlaflosigkeit getrieben nachts vor der Türe des Zaubernden einfinden, der dazu Aktiophis, Hekate, Kore-Persephone, Ereškigal, Nebutosualeth und Artemis akklamiert, cf 4.5.7.1. Hekate bildet als meistgenannte immer wieder den Kristallisationspunkt dieses Synkretismus von Todesgöttin und Liebesgöttin in den mannigfaltigen amalgamierten Gestalten von griechischem, persischem, babylonischem und ägyptischem Kulturkreis. Symbol dieser Synthesis ist die Dreigestalt, in der immer wieder neue Lokalgöttinnen aufgenommen werden können.
Die Variabilität der Metonymien Hekates in den PGM ist schier unerschöpflich, während die Epitheta und somit ihr infernaler und zugleich glänzender Charakter sich mit der Zeit zu einer Allgöttin steigern. Selene verwirrt PGM IV,2242-53 mit gefährlicher Wirkmacht der Mondstrahlen alles in ungezieltem Rat, gesteuert von Schicksalsfäden der Moiren. In dieser Selenegestalt bildet sich IV,2250-96 die finstere thessalische Hexenart mit Höllenhund, nächtlicher Jagd mit Fackeln und Schwert als Unterweltgöttin ab, die sich auf Hekate kristallisiert hatte. Selene steht in der Spannung von lichthafter fruchtbar-liebeslüsterner Jungfrau und finsterer Hexe, für die grausige Perversionen lustauslösend zu sein scheinen. Sie umgreift damit Totenwelt und Himmel, ähnlich wie Isis aus des toten Osiris Samen Horos gebiert und den Tod in neues Leben und himmlische Lichtkraft verwandelt. So wird Selene wie Isis oder Nut zur Himmelsgöttin, die Vergehen in neues Werden wandelt, die verschlingt wie die Hadespforte und neu gebiert jeden Tag, jeden Monat in den Zyklen des Mondes, die der weiblichen Fruchtbarkeit unmittelbar entsprechen in ihren Eisprüngen und der damit verbundenen Suche nach Bespringung durch den schönen starken Zuchthengst Zeus, der sich selten nur als treusorgender Vater eignet.[2990] PGM IV,2524f ist Selene, die Schwester des Helios und Tochter der Titanen Hyperion und Theia, in ihrer Ausformung als Artemis und Persephone »Kind des Zeus«. Sie wird als Hekate akklamiert mit ihren drei Fackeln, den Dreiwegen, drei Nacht-Dekaden und den schauerlich aufschreienden drei Mündern (2531-33), die Unterwelttore, Lethesee und Tartaros ebenso beben lassen wie Täler, Berge, Flüsse und Menschenseelen des belebten Kosmos. PGM IV,2829-45 wird Selene zur Erzeugerin von Göttern und Menschen: „Allmutter Physis“ und „Aionischen Allbezwingerin“, die ihren grausigen Hekate-Anteil nie verliert. Sie ist 2859 Grabschmausende, 2865 Blutsäuferin, Todbringende, Verderbengezeugte, Herzverzehrende, 2867 Fleischfresserin und Verschlingerin Ungeborener, Gräber Aufschlagende und treibt Menschen mit Wahnsinn gestochen umher.
Hekate ist PGM IV,2610ff mannweiblicher Sproß, eins mit Hermes. Auch darin ist sie ein Paradigma für die Barbelo-Figur, in der konsequent alles wahnhafte Hexengepräge Persephones verdrängt ist. Aber die Lichtseite Hekates, ihre Selene-Isis-Anteile, ihre Dreigestalt, ihre Männlichkeit und ihre strahlend-verzaubernde Schöpfungsmacht haben einen religiösen Vorstellungsrahmen der allumfassenden weiblichen Himmelsjungfrau geprägt. Von Ma‘at gespeist bildet der Sophiamythos den Hauptstrang, von dem Barbelo geprägt ist. Ihren phantasmatischen Nährboden hat sie aber auch durch Hekate erhalten, in der das Lüsterne der Liebeszaubergetriebenen, vom Mondzyklus hormonell aufgemischten Befruchtungssüchtigen (Prounikos) gestaltet ist.
Die Entwicklung Hekates von der thessalischen Hexe zur strahlenden Selene, in der sie immer neue Göttinnen fusionierend einverleibt, geht zu einer dreifachen Himmelsgöttin, mannweiblich, Jungfrau, Äon-Container wie Neith und Nut als Sarg und Himmel, lichthaft und gebärend, allumfassend, Tote bergend und verschlingend, die in ihr die wahre Heimat wiederentdecken auf ihrer Himmelsreise. Man kann nicht sagen, Hekate sei Vorläufermodell für Barbelo im Sinne direkter Abkünftigkeit. Aber die herausragende Bedeutung der Hekate, Selene und Isis im ägyptischen Alltagsleben, wie es sich aus den PGM erschließt, hat neben den phönizischen Jungfrauenkulten, der jüdischen Sophiatradition und den altägyptischen Vorstellungen der Himmelsgöttin Nut und Neith (cf 2.2.2) einen Nährboden bereitet, einen Schmelztiegel frei kombinierbarer Zutaten, aus denen sich die Barbelo gespeist und konstituiert hat. Stärker als bei Göttermännern noch ist der Synkretismus der Götterdamen der Spätantike. Wenn Apuleius in Metamorphosen XI,23 die nächtliche Isisweihe als Unterweltreise mit Anbetung dortiger Götter und des strahlenden Re schildert (cf 2.3.4), ist hier ein ägyptischer Prototyp der Himmelsreise mit der Großen Himmelsgöttin alias Persephone-Proserpina-Hekate (XI,4,3) oder Luna-Hekate (XI,5,2f) verknüpft, die auf Barbelo-Anbeter Ägyptens ausgestrahlt haben wird, ebenso wie Sige in der Mithrasliturgie und die Sonnencontainer Nut und Neith. Im Mondräucherwerk Klaudians PGM VII,862-98 wird die »ägyptische Herrin Selene« als Aphrodite Urania und Hathor-Isis von Aphroditopolis (Atfih) gefeiert.[2991] Isis kommt sehr häufig in den PGM vor.[2992] Sie wird VII,880f als »Herrin des gesamten Kosmos, Führerin des Universums, großmächtige Göttin«, als Ortho Baubo und Ereškigal mit Macht über die 12 Stundenengel verehrt, ähnlich in PGM III,,432f; IV,2297f; VII,491f.894. Sie hat als Beinamen Lou Loulou (alou Mädchen), Athernebouni (Hathor, Herrin von Dendera), Isis Sothis (des Sirius), Soueri (Große Isis), Bubastis (Bastet-Artemis-Isis) und Nebutos Oueri (Große Herrin). In PGM LVII,12f; LIX,14 ist sie tausendnamig, in ihr konfluieren sämtliche Todes- und Fruchtbarkeitsgöttinnen Griechenlands, Babylons und Persiens, sie ist polymorphos und Magiemeisterin in PGM IV,2726 und koptischen Zaubertexten.[2993] In PGM XXIII,1-15 ist sie nach Akklamation von Anubis Isis als Nephthys, als »mit Feuerschlangen gegürtete, erdaufwühlende, hochhäuptige Göttin« und »Unterirdische und Himmlische« angerufen. Die Dreigestalt Hekates erweitert sich über die Tetrade Hekate-Persephone-Artemis-Selene zur tausendnamigen Polymorphie der Isis. Die ursprüngliche Bestialität, Monstrosität, Perversität und Infernalität werden immer mehr überdeckt vom uranisch-luziden Charakter kosmischer Omnipotenz.[2994] In PGM LXXVIII ist ein Bild der ephesinischen Artemis multimammaea mit zahllosen Brüsten Symbol des Eheglücks im neuen Heim und Geschäft. Sie wird als »allen leuchtende hehre Lichtbringerin der Götter und Dämonen« zugleich mit Iao angebetet. Artemis ist die griechische Anāhītā.[2995] Anāhītā wird /)Artemij Persei=a genannt und wird als Inbegriff von Fruchtbarkeit, Reichtum und Wirtschaftsblüte zur meistverehrtesten Gottheit der Perser.[2996] Wenn Anāhītā selbst in persischen Inschriften als Artemis benannt wird, ist in diesen Zauberpapyri in der Hekate-Artemis auch immer die persische Anāhītā gemeint.
2.5.5.4 Die Vermännlichung der Weisheit in Pistis Sophia
Im 1.Jh.n.Chr. kommt es zu einer Metamorphose der Weisheitsspekulation in gnostischen Mythen.[2997] Die auf Erden herabkommende Weisheit erfährt eine christologische vermännlichende Umwidmung im Johannesprolog, im Heb, bei Lk und bei Paulus.[2998] Auch Paulus identifiziert Jesus mit der Weisheit.[2999] »Doch während die Gnosis wie der urchristliche Hymnus von der Präexistenz des Logos reden könnte, würde sie niemals in das Bekenntnis einstimmen können, daß der Logos Fleisch wurde«.[3000] Der Logos ist aus der nazoräischen Tradition himmlischer Engel und Gotteshypostasen im Sinne der iranischen Aməša Spənta unter Zusatz der Sophiafigur übernommen.
Neben der Vermännlichung der Weisheit zum Logos besteht aber der Jungfrau-Status in einer Vielzahl gnostischer Schriften fort. In dieser Pluralität ist es nicht ungewöhnlich, daß etwa eine Helena im Astarte-Liebestempel von Tyrus aufgegriffen wird vom fleischlichen Simon, der sich als Inkarnation des obersten Gottes, der großen Kraft, begreift. Die Seele kann nie Fleisch werden, sondern wohnt nur im Körper, dies ist zervanistisch-platonischer Konsens der Nazoräer.
Eu III,82,2-5 läßt der Menschensohn mit seiner Paargenossin ein mannweibliches Licht erscheinen. Als Mann ist es der Schöpferheiland, als Frau ist es Allschöpferin Sophia. Im AJ II,1,37ff umgibt Sophia ihr mit einer eigenständigen Lichtemanation gezeugtes Kind Jaldabaoth mit einer Uterus-artigen Plazenta: einer Lichtwolke analog zu ihrer eigenen Hervorbringung.[3001] Immer ist es ein androgynes Urzwillingspaar, was sich in ein weiteres androgynes Zwillingswesen fortplanzt oder emaniert. Die Sendungserotik der Weisheit wird in der Pistis Sophia vermännlicht auf Jesus übertragen: Jesus als Inkarnation der Weisheit wird verklärt in den großen Lichtglanz und die Lichtkraft gehüllt und fliegt gen Himmel, nachdem er nach Ostern 12 Jahre lang Jüngerschulung trieb. Danach fliegt er noch einmal erdwärts und strahlt dreifaches Superlicht aus. Jesus doziert, von 39 Zwischenfragen Marias und 7 der Jünger unterbrochen. Seine Themen reichen vom Schöpfungsanfang über die Entbergung des Mysteriums bis zur Weltvollendung, vom Umdenken, den Schrecken der Welt-Archonten, den reinigenden Mysterien wie Taufe bis zum postmortalen Seelengeschick.[3002]
2.5.6 Der Funktionswandel Sophias von der
Liebesgöttin zur ersten
Sünderin
2.5.6.1 Die Große Mutter und der Sieg des Phallus als Primat des Spermas

Die
Fruchtbarkeitskulte der Frühgeschichte
schufen stark sexualisierte, aufreizende Figuren, wie steinzeitliche
Frauengestalten mit riesigen Brüsten und voluminösen
Hinterteilen oder sakrale
Darstellungen von Vagina und Penis zeigen. In Sumer rankten sich die
Sexualkulte vor allem um die Verehrung der Mondgöttin Ištar
(Astarte)
und die Chaldäer pflegten eine hochentwickelte
Tempelprostitution. In Ägypten
gab es Isis-Kult
(linkes Bild rechts, daneben ägyptische Pharaonin beide
Berliner Museum) und
Phallusverehrung, während Indien und Tibet Tantrismus und
Kundalini-Yoga
entwickelten. Im Griechenland Platons
wurde der Eros geheiligt, freilich überwiegend der
männliche, doch kannten die
Demeter-Mysterien auch eine starke Betonung des weiblichen Elements.
Ophiten,
Simonianer und die Barbelo-Gnosis beschäftigten sich mit der
Sexualität der
Götter. Barbelo ist
ein Name für das zweite, als weiblich gedachte Prinzip.
Barbelo
wurde von manchen Gruppen als Göttin angebetet und vornehmlich
in Syrien verehrt.
Diese Gruppen sind aus dem Kult der Magna Mater hervorgegangen und
haben orgiastische
Kultformen entwickelt.[3003]
Der Name stammt von la(ab
Herr, Gott und r"b
Sohn / a)"rfb
gebären. Dann wäre Barbelo die Gebährerin
Gottes. Mit Tammuz Ez
8,14 wurde in Jerusalem
sicherlich auch Ištar
gefeiert, wenn sogar ein jüdischer Kalendermonat (Mitte Juni -
Mitte Juli)
Tammuz heißt.
Ištar
ist Vorbild
Barbelos: Himmelsvater Anu
hat die junge Ištar
geschwängert. Der Götterrat fordert ihn auf, die
Begattete zur Gattin zu
machen, die die himmlische Macht mit Anu teilen soll. So wird sie
mächtiger als
alle anderen Götter, auch Ellils und Ea. »Bis zu
meinem königlichen Throngemach, wohlan, erhebe dich, in der
Höhe setze dich
nieder! Nach meinem Namen sei Antu, die Erhabene, dein Name, mein
treuer Bote,
deren Lippen hochgeschätzt sind, die mein Geheimnis kennt«.[3004]
Mondtochter Ištar
wird Königin über alle Sterne. »Hierodule, meine
erhabne Entscheidung, Beschlüsse, die man nicht verlangen
kann: Alles, was mir
gehört, gebe ich dir«, sagt Anu
abschließend.
(Bild:
Šeela-Na-Gig an
keltischen Kirchen)
Ihr vaginales Geheimwissen, wie er es braucht, um zu kommen, hat sie an seine Macht gebracht, die im Phallus quasi akkumuliert ist: Sie bekommt das Zepter in die Hand, die Krone aufs Köpfchen. Wie Ištar versucht jede vom Vater geweihte und preisgegebene Hierodule hinfort den Weg nach oben zur Macht durch die Kunst ihrer Vagina. Wenn noch sidra d-nišmata 23 des Kanonischen Gebetsbuchs der Mandäer einen Ištartempel erwähnt, muß der Kult in Syropalästina bis mindestens ins 2.Jh.n.Chr. präsent gewesen sein, was auch die Pseudoklementinen H 10,17-29 bestätigen.[3005] Auch Helenas Profession als Professionelle in Tyrus zeigt: Ištar hat gerade zu Täuferkreisen eine starke Verbindung. Sie ist Herrscherin der Himmels über alle anderen Sterngötter, Äonen. Dies ist die Vorlage Barbelos. Als Gottgebärerin gebiert sie im Zostr Äonen-Kinder nach pythagoreischem Vorbild.
Die
Valentinianer identifizieren Sophia als hfm:kfx
mit der axUr
über den Wassern Gen
1,2 und nennen sie die androgyne Lüsterne: Prouniko\n.[3006]
Dies berechtigt zur spermatheologischen Reflexionen über
Liebe: Bei der Liebe
geht es um die Lockung des Samens und die Ausgeburt seiner embryonalen
Neuinszenierung,
um Einbringen des Spermas und Emanation als Herausbringen des
Nachwuchses.[3007]
Indem sie für sich wird, wird sie für den Anderen (Hegel).
(Fruchtbarkeitsgöttin
von
Çatal höyük, Anatolien, 6300-5400 v.Chr.)
Der triebhafte Egoismus führt zum Kind, zur Erhaltung der Menschengattung, zur Reproduktion der Arbeitskraft des gesellschaftlichen Gesamtarbeiters, zum sozialen Akt, zur Rentensicherung, zur Zukunftsgestaltung. Je animalischer, triebhafter und besessener die Süchtigkeit der Liebenden sich auf den samenspendenen Penis richtet, desto unmittelbarer wird er zum Zeugungswerkzeug im politischen Akt nationaler Rekonsolidierung. Was heute in die Erotik-Industrie abgewandert ist, war früher verwaltet und gestaltet von der Religion. Heute wird nicht mehr der Penetrationsakt und die Geburt gefeiert, sondern nur die Eheschließung als Rechtsvertrag und das Kind als künftiger Renten-Erwirtschafter taufend gesegnet. Afrikanische Völker feiern Begattung und Geburt als Gemeinschaftsfeste. Von Begattung und Geburt hat sich die christliche Verwaltungs-Religion zurückgezogen. Darum können Reflexionen über unsere basale Sexualität in theologischen Texten befremden, obwohl sie sachgemäß phänomenologisch erforderlich sind.
Das Weibliche ist grenzenlos. »Im Augenblick des Orgasmus erlebt jeder Partner ein Gefühl des sich Auflösens, des Ertrinkens oder der Selbstauslöschung. Das rufende, lockende Wesen, das uns während der sexuellen Vereinigung antreibt, ist die Stimme des Weiblichen, die uns auffordert, uns ihrer Weite zu öffnen und mit stärkster Leidenschaft und Wärme zu reagieren. In seiner Unbeschreiblichkeit und dem Gefühl der Befreiung, das er uns vermittelt, ist der Orgasmus anderen Durchbrüchen zum oder Begegnungen mit dem begrifflich nicht faßbaren Raum des ungeborenen Weiblichen vergleichbar.«[3008] Die Vergänglichkeit der Lust konfrontiert mit der Leere und Offenheit des Seins. Damit wird die Sehnsucht nach einer primordialen Geborgenheit wie die irreversibel verlorene Einheitsgrandiosität mit der Mutter als fraglosem Sinn der Kindheit wiedererweckt. Die Ur-Einfachheit dieser verlorenen Einheit bildet mnestische Kerne des Glück: was allen in die Kindheit scheint, wäre Heimat (Bloch). Die Weisheit ist Suche nach dieser authentischen Lebensordnung in primordialer Einheit und Sinnfülle. Sie sucht adaequatio intellectus et vitae ad rem, Verhalten, was der Situation angemessen ist, Übereinstimmung mit dem Puls der Zeitordnung, dem Klima, den Ressourcen, der Natur. Aus dieser adaequatio entstehen die fortgeschrittensten technologischen Innovationen gesellschaftlicher Naturbeherrschung durch Mimesis. Ma‘at ist Inbegriff dieser Entsprechung, in der Alloplasie und Autoplasie sich verschränken wie im Orgasmus selbst. Weisheit ist Beziehungsgeschehen in der Suche unvergänglicher Einheit in der Vergänglichkeit des Seins. Die nach ihrem Ursprung suchende Sophia ist psychologisch die nach ihrer Mutter und ihrem Vater greifende, die sich der alten Einheit vergewissern will, um angesichts der Leere des Seins die vergehende Sinnfülle durch Fühlen und Füllen ihres Leibes zu rekonsolidieren. Die Liebe schmiegt sich an das, was ist. Dann wird es anders und erblüht. Darin liegt das Geheimnis einer Gerechtigkeit, die mit Gnade arbeitet statt Liquidierung. Das ist die weibliche Grundhaltung zum Phallus: Annehmen, Aufnehmen, Anschmiegen, Erfülltsein mit Pneuma.
Im syro-armenischen Sethianismus, wie Epiphanius ihn schildert, wurde der biologisch mit dem Orgasmus verbundene Ausfluß des Samens (r(u=sij) zu einem zentralen Geschehen der Weltbildung gemacht. Die Begattung ist wichtiger als Austragung und Geburt. Seth ist der perfekte Reine, dessen Erbgut makellose Rassezüchtung verspricht. Die große Mutter produziert nach Fehlversuch der unteren Himmels-Paare mit Kain eine vollkommene Rasse, indem sie erstklassiges Samengut vom Vater des Alls verwendet.[3009] Der Mann ist Zuchthengst im Welt-Stall, die Große Mutter bestimmt durch Selektion, welche Art von Kind sie hervorbringen will, nimmt sich den besten Mann, also den Vater. Darin ist der Sethianismus matriarchalisch: Männer, selbst der Vater des Alls, sind hier keine aktiven demiurgischen Gestalter der Welt, sondern nur das Reservoir des Samens wie der Mond, der den Urstiersamen (tokhmih) in Bundahišn 14,3ff SBE 5 zwischenlagert. Sperma ist Idee, genetischer Code, Bauplan. Magier Markus kennt einen Engel des Lichtsamens. Der kann den Vater ständig sehen und beauftragt Markus mit göttlicher Einspritzung in reiche Damen zum prophetischen Geistempfang.[3010]
Wie wesentlich der Same ist, zeigt der Sophiamythos im AJ: Sie macht ein Kind, ohne den unsichtbaren Vater um sein Ja und Samen zu bitten. Jaldabaoth ist mißraten. Erst mit dem Samen des Vaters entsteht Seth als gute Schöpfung. Die Frau allein ist dazu nicht imstande. So deutlich die Große Mutter in Sophia durchscheint, so zerstörerisch ist ihre Zurechtstutzung zum Zeugungswerkzeug, was ohne seinen Samen Schlechtes schafft. Diese Tendenz ist auch im neupythagoreischen Ausfließen der Urmonade in die Dyade zu erkennen, cf 2.5.8 & 3.4.4.
Daß Sophia eigenwillige Erkenntnislust als Liebeslust hat und dies im Mythos als Fall aus der göttlichen Ordnung gebrandmarkt wird, daß Ma‘at-Tefnut und Anatjahu über hfm:kfx zur sündigen Sophia wird, könnte eine Kritik der „Sophialiebe“, dem Erkenntnisdrang der Griechen beabsichtigen, in dem immer schon der Verrat gegen die Proskynese lauert, der Zweifel der Theodizeefrage bei Qohelet und Hiob. Diese Gotteskritik wehrt die Gnosis mit der prinzipiellen Unerforschbarkeit des unsichtbaren Vaters ab und verweist die Frage selbst als Aufbegehren gegen die Ordnung ins Reich der Finsternis, indem die fragende Hybris der Sophia, die mehr wissen will, als sie soll, als Prototyp des Sündenfalls stipuliert wird.[3011] Valentins Christuspredigt ans Pleroma fordern von den Äonenbrüdern Erkenntnisverzicht: Gnosis will eben gerade nicht grundsätzlich erforschen, sondern der Erforschung Einhalt gebieten. Das astrologische Wissenwollen Enmedurankis bewahrte bereits Herrschaftswissen arkan. Diese Dialektik der Geheimhaltung des know how zur Marktbeherrschung wird im Kult als Mysterium des Glaubens durch Einweihung und sukzessive Erkenntnissteigerung zelebriert.
2.5.6.2 Zurvans Zwillinge und Sophias böser Jaldabaoth und guter Seth
Wie Zurvan das Gute und das Böse gleichermaßen gebiert, Ōhrmazd und Ahriman, so auch Sophia den guten Himmelsmenschen Seth und den bösen Jaldabaoth, den sie als Löwenkopfdrachen nur sodomistisch von einem Tier hätte erwerben können, nimmt man nicht ApkAd 81,1-14 eine Selbstbefruchtung durch unaufhörliche Masturbation an. Das Böse ist nach diesem Mythos Produkt der Sodomie, das Gute Produkt des Inzests mit dem himmlischen Vater, den sie zur Zeugung Seths melkt. Die Sodomie des Jaldabaoth mit Eva könnte von Anat aus dem Baalskult stammen: Die Schwester Baals, tanA(, verführt als junge Kuh auf einem Feld ihren Bruder, bevor er getötet wird, und bekommt ein Stierkalb .[3012] Für sich genommen ist dieser Inzest wie die Horusgeburt aus dem Sperma des toten Osiris ein Akt der Thronfolgewahrung: ein neuer Baal tritt die Nachfolge seines gefallenen Vaters an. Nach seiner Auferstehung zieht Baals Frau taryi+a( mit tanA( auf einem Esel zum Götterberg Els, dort wird eine Woche geschmaust und die Wiedererweckung Baals in einer Liebesnacht mit der Schwester gefeiert. »Die heilige Hochzeit, ¸Iero\j ga/moj, spielte indessen im kanaanäischen - und überhaupt im vorderasiatischen - Kult eine so große Rolle, daß sie nicht allein bei dieser Gelegenheit gefeiert wurde.«[3013] Diese altphönizische Ras-Schamra-Tradition aus dem 15 Jh.v.Chr. war Israels Propheten verhaßt.[3014] Bei diesem Frühlingsfest kam es zur rituellen Heiligen Hochzeit, das Besamen der Kuh wurde durch die Kultdarsteller mit Rindermasken zelebriert, wie Steingravuren illustrieren. Auch der im Hellenismus weit verbreitete Dionysoskult praktizierte in den Anthesterien eine heilige Hochzeit mit der Königsgattin im Kuhstall.[3015] Aus dem phönizischen Bereich stammt ebenfalls die Tradition der Ophiten, daß König Keret vom ersten seiner acht götterratbewilligten Söhne wegen seiner Krankheit beschimpft und sein Thron streitig gemacht wird, worauf dieser seinen Sohn verflucht.[3016] Der ophitische Jaldabaoth hat zwar nur 6 Söhne, um die Siebenzahl der Planeten-Bösewichte zu erreichen. Aber der Thronfolgekonflikt führt bei ihm zur Zeugung des Schlangensohnes Nous, cf 2.5.7.
Die Schöpfertochter von Spr 8,22-31 als Liebling des Vaters oder Tefnut-Ma‘at als Tochtergeliebte Atums[3017] instaurieren die rechte Ordnung auf Erden in himmlischem Inzest. Daß Sophia auch das Böse freisetzt, ist in der ägyptischen und weisheitlichen Tradition undenkbar. Hier spielt eine Übertragung der Ambiguität der Schöpferrolle Zurvans auf Sophia die wesentliche Rolle. Wie in der zweiten, irdischen Göttergeneration Eva vom Drachen verführt wird, so die himmlische Sophia auch, ohne daß dies namentlich beschrieben wird. AJ II,9,26 ist von Denken aus sich heraus die Rede (asmeeue H\n oumeeue ebol \nHht\s). Sophia will 9,29 aus sich heraus offenbaren/öffnen/sichtbarmachen (ouwnH ebol) ein Bild (eine) ohne Willen des Geistes (pouwS \mpe\p\n\a) und Gutheißen ihres Genossen (\mpeF\reudokei) und ohne sein Denken (aJ\m p]e?sSb\r \nHwt\r). Der Wille (ouwS), das Gutheißen (eu)dokei/n) und Denken sind zugleich der Same des Mannes. Das Gesicht ihrer Männlichkeit (pproswpon \ntes\m\n\tHoout) hat 9,33 nicht zugestimmt (suneudokei), sie hat ihr übereinstimmendes Denken (pesJwnF asmokmek) nicht gefunden. Diese Übereinstimmung wäre die vorschriftsmäßige androgyne Selbstbefruchtung der Syzygie Thelema-Sophia. Immer wieder wird zur Beschreibung der Befruchtung oder Geburt die Metapher des Denkens und Sichtbarmachens gebraucht, um die sexuelle Komponente der Schöpfung zu verschweigen und die Götter vorm Verdacht der Lüsternheit zu schützen. Erst die bösen Götter und Menschen können unverhohlen als lüstern beschrieben werden.
Den Drachen gibt es in israelischer Tradition nur im ugaritisch-phönizischen Konflikt Baals mit Sieg über die Drachenschlange Yam bzw. Lotan (Leviathan), der Jaldabaoth nachgebildet zu sein scheint.[3018] Direkter Sexualverkehr eines Drachen ist bekannt von Tiāmat. So dürfte Bundahišn 3,7 mit der ahrimanischen Schlange (vazak = Eidechse) Quelle der Evaschändung im Sethianismus (AJ 24) sein: diese bringt der Urfrau Jeh durch einen Kuß die Menstruation und die Lüsternheit auf einen Mann. Dauerlüsternheit könnte im AT nur bei Astartes oder Anats Tempelhuren vorstellbar sein. Die Abwehr der kanaanäischen Fruchtbarkeitskulte, die in gnostischer Abstinenz platonisierten Nachhall findet, darf aus der zervanistischen Mythologie das Urbild für das Aufflammen der unzügelbaren Lust an Sexualverkehr aufgreifen. Die Ophiten haben Leviathan als Weltleib aufgenommen, womit hier die phönizische Tradition doppelt durchscheint: im Drachen und der Lustfrau zugleich.
Als Archonten sind diese dämonischen Eva-Schänder im AJ, TracTrip, HypArch und im 2LogSeth zu finden, in AJ verleumdet der Pharisäer Arimanios Jesus als Betrüger, bevor dieser sich dem enttäuschten Johannes auf einsamem Berg als 3fach permutierende Lichtgestalt zeigt.[3019] Diese Gleichzeitigkeit der archontischen Verwirrer und des Farsi, des Persers Arimanios, im AJ zeigt beispielhaft die Verknüpftheit der Archonten mit persischen Traditionen, wobei nicht die Magier, sondern die Mandäer den Wunderheiler Jesus als Scharlatan abtaten, weit später erst als Resümee ihrer Verfolgung durch Christen. Hinter dieser Christophanie des AJ mag ein historischer Streit zwischen persischen und christlichen Traditionen stecken. Die magisch-medizinische Dämonologie der Vendidad hat den zervanistischen Mythos der Vereinigung von Engeln und Menschen vorbereitet. Bundahišn 14,1 (Anklesaria): »Man erzählt auch, daß Jam, als das Licht von ihm fortgegangen war, sich eine dev-Frau zur Frau nahm, und einem dev seine Schwester Jami zu Frau gab, alles aus Angst vor den devs. Der Menschenaffe, der Bär als Bewohner des Waldes, das beschattete Sein, und andere schädliche Tiersorten entstanden von ihnen; Jams Geschlechterfolge führte darum auch nicht weiter.« Die Urzwillinge Yam und Yami heiraten exogam, darum kommen die Mißgeburten. Dieser Legitimationsmythos der Inzestehe der Magier wird in der Henocha begeistert traktiert. Die Idee des lüsternen Engels, der die Menschenfrauen verführt und verdirbt, kompensiert die sexuelle Frustration der jüdischen Chassidim, die nichts mehr fürchten und heimlich ersehnen als sexuelle Lockerung. Die exogamen Engel werden als böse Archonten fest mit der jüdischen Schöpfungsmythologie verbunden. Diese Verbindung kann seit der Zeit Esras und Nehemias gewachsen sein, wo es Esra 9f um die Auflösung der Mischehen zur Reinerhaltung des heiligen Volkssamens geht und der Begriff der »fremden Frau« sich wie ein rotes Tuch durch die Kampagne zieht. Esra 9,1: »Das Volk Israel und die Priester und die Leviten haben sich nicht ferngehalten von der Bevölkerung des Landes und ihren Greueltaten, von den Kanaanitern, Hethitern, Perisitern, Jebusitern, Ammonitern, Moabitern, Ägyptern und Amoritern. 2 Sie haben von deren Töchtern Frauen genommen für sich und ihre Söhne. So hat sich der heilige Same mit den Völkern des Landes vermischt, und die Obersten und Beamten waren bei diesem Treubruch die ersten.« Bezeichnenderweise haben hier die Magier ihre Endogamie in gelockerter Form zur Auflage für das besetzte Israel gemacht und besonders die Exogamie der Priester und Leviten als Befleckung und Kontamination mit dem Bösen, den Daevas, gerügt. Die »fremde Frau« mit ihrer fremden Religion ist die Verführung zur Untreue an Jahwe oder Ahura Mazdā. Die Treue zu Gott erfordert die Abgrenzung zu Menschen mit anderer Religion oder Konfession. Denn aus dieser Mischung der Religionen entsteht nur Streit und Feindschaft. Dieses Grundproblem interkultureller Beziehungen, daß Sexualität vereint, aber die kulturellen Verschiedenheiten unüberwindlich kraß sind, haben die Magier mit ihrer Inzest-Ehe endogam gelöst und diese Lösung nun auch in Israel eingeführt. Auf diesem Hintergrund ist der von Exogamie abschreckende Mythos von Yam und Yama vermutlich ins Judentum gelangt, so daß die Gnosis die gefallenen Engel als persisch-jüdisches Konglomerat bereits vorgefunden hat. Der be-engelte Himmel und die Verknöcherung der Sinnenwelt im Doppelsinn sind zervanistische Traditionen, die seit dem Feldzug des Kambyses auch in Ägypten eingeflossen sind.
2.5.6.3 Der Urdualismus von Jaldabaoth und Seth im AJ und EvÄg
Das Apokryphon des Johannes existiert in 4 Versionen. Carl Schmidt konnte zeigen, wie Irenaeus aus dem Anfangsmonolog Jesu im AJ (II,2,27 - 22,2) zitiert und paraphrasiert.[3020] Da Adversus haereses 180 n.Chr. entstand, ist das AJ und die Barbelo-Theologie sicherlich wesentlich älter. Die Version NHC III,1: 1,1-40,11 ist fast identisch mit der des Berlin Codex (BG 8502, 2: 19,6-77,7 um 410 n. Chr.), während NHC II, 1: 1,1-32,9 und NHC IV,1: 1,1-49,28 zu einer längeren Variante gehören. Oonuki hat die stoische Prägung des AJ aufgewiesen[3021], Quack seine Adaption der altägyptischen Dekane, der 36 Schicksals- und Schutzsterne.[3022] Der ursprünglich wohl eigenständige Schlußhymnus an Pronoia speist sich aus Weisheitstraditionen wie Hen(äth) 42; Sir 24; SapSal 7; Prov 8,22; Hiob 28,22 und illustriert die Entwicklung von der jüdischen Weisheit zum gnostischen Erlöser.[3023] Pronoias Inkarnation erinnert an Joh 1,1-14.[3024]
Das AJ in NHC II berichtet die Erzeugung des Seth. Zunächst existiert nur der Vater als Licht-Wasser ruhend im Schweigen (karoF), unbegrenzt, unergründlich, reines Licht, unnennbar, attributlos, unbeschreiblich, unmeßbar, Ewigkeit, Leben, Seligkeit, Erkenntnis, Güte, Erbarmen, Gnade. (AJ II,2,27- 4,26) Sein erster Gedanke (e)/nnoia) realisiert sich als Pronoia des Alls, als Barbelo; Denken ist seinsmächtiges Erschaffen, ist Zeugung. (4,27-5,5) Barbelo wird Mutterschoß des Alls, (5,5: mmhtra \mpthrF) gebiert 5,6ff alle weiteren Himmelswesen: »6Mutter-7Vater, der erste Mensch, der heilige Geist, 8 der dreifach-männliche, der dreifach-kraftvolle, 9 der dreifach-benannte Mannweibliche und der 10 ewige Äon bei den Unsichtbaren und das erste Herauskommen.« Sie bittet den Vater alsobald um Kinder und der Vater macht sie ihr der Reihe nach: Erkenntnis, Unvergänglichkeit, Ewiges Leben und Wahrheit. (5,11 - 6,10) Mit Barbelo-Pronoia sind dies fünf, die androgyne Äonenfünfheit. Barbelo selbst ist wiederum nur der weibliche Teil des unsichtbaren Geistes, der 4,35; 5,12; 6,19; 7,19.23; 8,34; 14,4; 31,12 als jungfräulich (paHoraton \mpar?qenikon? \mp\n\a) beschrieben wird. Alle androgynen Doppelwesen ergeben 10 an der Zahl und sie als Gesamtheit sind identisch mit dem Vater. Diese Emanationslehre ist pantheistisch. Der Vater ist die Gesamtmenge aller seiner aus ihm emanierten Wesenheiten. Autogenes trägt seinen Namen, weil er aus sich heraus die Welt emaniert. Auch hier ist die Gottheit nicht als Zeugungspaar gedacht, sondern als androgyn. Das schaffende Urwesen setzt aus sich heraus andere Wesen frei, die ihrerseits neue Wesen oder die materielle Welt freisetzen, aber sie sind gleichzeitig immer noch der „Container“ aller dieser von ihnen entstammenden Wesen. Streng genommen transformiert sich das Urwesen aus seiner Monade in die Dyade und weitere „Zellteilungen“, mit denen es einerseits identisch bleibt, andererseits nach der Regel der Übersummation, daß das Ganze immer mehr ist als nur Summe seiner Teile, als Gesamtmenge all dieser Wesen höherrangig ist gegenüber den emanierten Wesen selbst. Der genetische Qualitätsverlust in der Emanationskette kann dann erklären, wieso die Urgottheit vollkommen ist, ihre Welt, die doch eigentlich Teil dieser Gottheit ist, ganz und gar nicht. Während der Diversifikation und „Fortpflanzung“ schwindet urgöttliche Substanz, verunreinigt sich, ohne daß eine deutliche subjekthafte Quelle des Unreinen apriorisch auszuloten wäre. Sie entsteht erst mitten im Emanationsprozeß als Panne.
Eine andere, mit diesem Schöpfungsmythos inkompatible Zeugungsgeschichte von Christus-Autogenes folgt 6,11- 8,1: Barbelo empfängt vom Licht-Vater oder unsichtbaren Geist einen göttlichen Lichtfunken als einzigen Sohn des Vaters. Sie wird schwanger (ww) von ihm (6,12f: asJe ouw eroF). Das Kind wird voll Freude vom unsichtbaren Geist und Pronoia-Barbelo 7,23ff gesalbt mit Güte und so vollkommen gemacht und zugleich auf diesen Namen quasi „getauft“ und preist darob seine Eltern. Dies ist eines der Indizien für Abkunft der Sethianer aus dem nazoräisch-protomandäischen Kontext. Die Güte erbittet nun von den Eltern einen Gefährten und bekommt den Verstand (nous) verpaßt. Dieser Nous will wirken durch Vaters Wort: Aus dem Willen wird das Wort (SaJe) und aus dem Wort die Erschaffung des Alls (aFta?mio \mpthrF) gewirkt (7,4-10). Jetzt wird dieser Verstand 7,11 erstmals »Christus, der göttliche Autogenes« (pe\x\s pautogen[h]s \nnoute) genannt. Wenn dies ätiologisch gemeint wäre, heißt Autogenes nicht so, weil er sich selbst geschaffen hat, sondern aus sich heraus die Welt. Er ist quasi der kleine Gott, der wie Marcions Demiurg die materielle Welt geschaffen hat.
Aus Autogenes alias Christus, dem Sohn des unsichtbaren Geistes (7,10ff), emanieren und gesellen sich nun die 4 Kräfte, die man wie die Aməša Spənta Zaraθuštras als Hypostasen, als personifizierte Charaktereigenschaften des göttlichen Subjekts begreifen kann. Sie entsprechen den 4 Erleuchter-Engeln als Chefs von 4 Äonen, deren jeder dreifach ist, so daß sich 12 Äonen ergeben: Armozel ist Gnade und Wahrheit, Oriael ist Wahrnehmung und Erinnerung, Daveithe ist Verstehende Liebe, Eleleth ist Vollkommenheit, Friede und Weisheit. (8,1-26) Als Erleuchter, also Sterne, sind sie möglicherweise der ägyptischen Dekantradition abgeborgt, wobei die Zwölfzahl auch den Zodiak nahelegt.[3025] Autogenes erschafft 9,29ff den vollkommenen Menschen Adamas (p\i\g\e\r\a \a\?\d\a\m\a\n) und setzt ihn über den Armozel-Äon. Jeder Engel fertigt in der ausführlicheren Parallelversion dieser Protestexegese von Gen 2,26ff in AJ II,15,13 - 19,10 ein Körperteil dieses Urmenschen in Manier des iranischen Urmenschen; es spiegelt sich nach der Töpferkultur von Gen 2,7 eine Handwerkerkultur. Adam zeugt 9,11ff und 24,35ff Seth und setzt ihn über den Oriael-Äon. Im Daveithe-Äon sitzen 9,14ff die Heiligen aus Seths Samen. Im Eleleth-Äonen sitzen 9,20ff die Spätbekehrten. Bis hierhin ist die Schöpfung noch gut gelungen.
Nun will Sophia ohne besamende Zustimmung des kinderunwilligen unsichtbaren Geistes ein Baby und bringt 10,1-23 ein kleines Scheusal zur Himmelswelt, einen potenten Löwenkopfdrachen namens Jaldabaoth, den sie in einer Wolke versteckt, aus der er 10,22-11,4 ausbüxt und sich als erster Archont der Welt aus Feuer 12 mißratene Geschöpfe macht, darunter Adonai, Sabaoth, Kain und Abel und Belias. Dann setzt er 7 Könige über die 7 Himmel des Firmaments und schafft sich und seinen Mannen 11,4ff je 7 Gesichter, darunter Eloiaos (El), Iao (Jahwe), Sabaoth (Herr der Heerscharen), Sabbateos (Sabbat) und Adonin (Adonai). Eine fast gleiche Siebenzahl mannweiblicher archontischer Kinder Jaldabaoths führt die Schrift ohne Titel (OT) NHC II,101 auf, die ebenfalls den 7 Himmeln zugeordnet eine Entsprechung der babylonischen Planeten bilden. Die 6 Jaldabaoth-Kinder bei den Ophiten sind Jao, Sabaoth, Adoneus, Eloeus, Oreus und Astaphaeus. Man merkt neben dem avestischen Yazata-Listen-Stil die Zodiak- und Planeten-Einflüsse Babylons und eine Degradierung Jahwes zum mißratenen Demiurgen, dessen verschiedene Namen zu verschiedenen Gesichtern und Personen zerbersten, was Spiegel der inneren Spaltungen in Judäa und vielleicht sogar innerhalb der Täuferszene sein kann. Während die Zauberpapyri die jüdischen Gottesnamen akklamieren, sind diese im sethianischen, mandäischen und ophitischen Milieu Archontenwesen geworden und die sieben Himmel, über die Jaldabaoths Vasallen herrschen, sind bereits Teil der gefallenen Welt, nicht der Inbegriff der Gotteswelt, den sie noch in der Henochliteratur bildeten. Die sieben Jahwe-Archonten bekommen als Hauptmerkmal Lüsternheit zugeschrieben, die bereits der Sophia als Ursache für ihren Abfall von der himmlischen Reinheit zugedichtet war. Waren für Sethianer Juden ein lüsternes Volk?
Jaldabaoth könnte »Vater Sabaoths« (tOfb:s~dalay) bedeuten und findet sich auf diversen Zauberamuletten Syropalästinas.[3026] Wo von Jaldabaoth statt von Archonten die Rede ist, darf man auf deutliches Überwiegen der jüdisch-nazoräischen Potentiale vor den hellenistischen schließen. So sind die Ophiten und auch HypArch, OT, AJ, 2LogSeth[3027] den Nazoräern näher als etwa Zostr.
AJ 24,9f in NHC II beflecken die Archonten Eva und machen sie unentwegt lüstern, denn Lust will Wiederholung (Jüngel). AJ 24,26ff wird die Lüsternheit zur kosmischen Dauer: »Bis zum heutigen Tag dauerte der sexuelle Beischlaf durch den Ersten Archon an. Und er pflanzte sexuelle Begierde in die, die zu Adam gehört. Und er erweckte durch 30 den Beischlaf die Bilder der Körper, und er regte sie an mit seinem widersetzlichen Geist. Und die zwei Archonten setzte er über (viele) Mächte, damit sie über die Höhle herrschen. 35 Als aber Adam das Bild seiner eigenen Pronoia erkannte, zeugte er das Bild 25.1 des Sohnes des Menschen. Er nannte ihn Seth nach der Art der Geburt in den Äonen. Ebenso sandte die Mutter wiederum ihren Geist herab, welcher in ihrem Bild ist und einen 5 Antitypos für die, die im Pleroma ist; sie wird einen Wohnplatz für die Äonen bereiten, die herabkommen werden. Und er ließ sie Wasser des Vergessens trinken durch den Ersten Archon, damit sie nicht erkennen, woher sie gekommen sind. Und so 10 existierte der Same für eine Zeit, indem er arbeitete, damit, wenn der Geist herabkommt aus den heiligen Äonen, er sich erhebe und ihn heile von dem Mangel, damit das 15 ganze Pleroma (wieder) heilig und fehlerlos werde.«[3028] Sophia, hier nur maau, Mutter genannt, sendet vom Himmel ihren Geist in ihr irdisches Abbild, welches den nachfolgenden himmlischen Äonen bei ihrem irdischen Aufenthalt eine Wohnung schafft. Platonisch sind hier irdische Menschen nurmehr Bilder des Ideenhimmels und Seth ist der inkarnierte himmlische Adamssohn und Menschensohn. Orphisch haben die Irdischen Vergessenswasser an der Lethequelle getrunken und die Himmelsheimat vergessen, bis der Erlösergeist herabkommt und diesen ihren Mangel beseitigt, sie vollkommen macht.
Barbelos Rettungswirken erfolgt in drei Abstiegen: 1. als Autogenes-Christus, der den Archonten veranlaßt, pneu=ma in Adam zu blasen (BG 51,1-52,1); 2. als Epinoia aus Licht, das als geistige Eva (zwh/) oder als Baum der Erkenntnis (BG 52,18-53,20; 59,660,20) erscheint; 3. als Christus der Rahmenhandlung, der Johannes die gnw=sij enthüllt, (BG 75,11-15). AJ II, 30,11-31,25 erklärt in einem 3-Strophen-Hymnus die drei Abstiege in Ichform als Abstiege von Pronoia, dem Ersten Gedanken-Geistwesen und dem unbekannten Gott, um in der Chaos-Welt die verlorenen Glieder zu versammeln. Beim 3. Abstieg (30,32-31,25) kommt der Erste Gedanke zum Gefängnis der Körper und weckt die Seele aus körperlicher Vergeßlichkeit, erinnert sie an ihre Ursprünge und erhebt sie zum Licht durch die fünf Versiegelungen als mystische Initiation. In der Mithrasliturgie PGM IV,475 werden einleitend Pro/noia kai\ Yu/xh angerufen. Die Weltseele ist erster Gedanke: erstes denkendes Subjekt im geistigen Seinsfeld.
Seth gehört im EvÄg als Sohn des Adamas zu den Licht-Mächten der unteren Himmels-Welt. Er verbindet die untere Lichtwelt mit dem unsichtbaren Geist. Die Inkarnation des himmlischen Seth in Christus bewirkt die Erlösung des Sethgeschlechtes. Dabei ist die Taufe als Wiedergeburt in den unsichtbaren Geist wesentlich (66,9ff). Seth ist auch Offenbarer des EvÄg (68,2ff). In EvÄg 62,12f bittet Seth um Wächter für seinen Samen und bekommt 400 Engel zugewiesen. Damit wird deutlich, welch kostbarer Saft seiner Hoden[3029] die Sethianer geschaffen hat. Die Sethianer als materialisierter Same seiner Hoden sind als Abkömmlinge des Himmelsseth erlösbar durch Aufklärung dieser ihrer Abkunft und Taufe als Versiegelung und Schutzbrief für die postmortale himmlische Auffahrt in ihre angestammte Heimat. Sie werden Zostr 28,10-30 beschrieben, wo 30,11 Seth als Wissen (gnwsij) zu ihnen kommt.
Der Oberägypten repräsentierende[3030] Seth, der seinen Vater Osiris tötet, hat mit dem Samen des biblischen Seth zu tun, wo doch Isis, seine Mutter, dem Verstorbenen Osiris nachforscht, ihn findet und noch der Leiche mit ihrer melkenden Vagina Samen entpumpt, aus dem Horos wird.[3031] Vordergründig paßt sein Vatermord nicht zur Vollkommenheit des gnostischen Seth, doch auch dieser soll mit den Mächten des Bösen ja nicht gerade zimperlich im erlösenden Gericht umgehen. Re-Harachte wollte Seth, den Sohn der Nut, als König über Gesamt-Ägypten setzen. Im Götterrat wird heiß diskutiert: »Nun sprach Seth, groß an Kraft, der Sohn der Nut: „Was mich anlangt, ich bin Seth, der größte an Kraft im Kreise der Götter-Neunheit; ich töte den Feind des Re täglich, während ich am Bug der Barke der Millionen stehe, wozu kein anderer Gott imstande ist. Daher sollte ich das Amt des Osiris erhalten.“«[3032]
2.5.6.4 Die Paraphrase des Seem als Höhepunkt der Sexualmetaphorik
In ParaSem ist das unruhige Feuer (nnoukw\H\t\/ eFS\t\rtwr 2,3; 4,19.25; 5,21.29; 11,2 = stoffliches Sperma; 20,18; 27,14; 33,29; 43,6.24) ein Symbol der Wollust: Der Urmensch Seem (Seth nach Hippolyt Refutatio 5,22) macht eine Himmelsreise mit Visionen und bekommt vom offenbarenden Erlöser und Sohn des Lichts (4,1ff) Derdekeas einen Offenbarungsauftrag für danach. Manichäische Motive legen syrische Herkunft nahe und verweisen auf iranische Prägung.[3033] Die drei Urkräfte sind: Das 1) weise klare allumfassend-grenzenlose freudige Licht, von der „Größe“ geschaffen, Elorchaios (32,31f), schickt 2) Strophaia, den ungeborenen Geist des Lichts zur Erlösung in die 3) ignorante chaotische Finsternis der Unterwelt, die Licht und Lichtwesen nicht sieht. 1 & 3 entsprechen Ahura Mazdā und Ahriman, weil auch hier die Finsternis das Licht bekriegt. Am Anfang ist 2,1ff ein Finsternis-Klumpen, in dem Winde und Dämonen in den Wassern hausen; am Ende 45,14-20 wieder. Der ungeborene Geist ist die Seele, die im Kampf der Kräfte ihren Erlösungsweg suchen muß. Derdekeas bekommt Licht-Gewänder als Würde-Identitäten verliehen, mit denen er sich zum Schutz (8,31ff; 18,9-16) oder zur Irreführung der Kräfte (12,23-35) bekleidet. Das Gewand heißt Chelkea. Dies ist - bei aller manichäischen Polemik gegen Wassertaufe in 36-38 - als nazoräisches Inthronisationsritual persischen Ursprungs, cf 1.7.9.5. In einem Feuer gibt sich das grenzenlose Licht 3,22ff in den Geist des Lichts herab auf die Unterwelt. Das unruhige Feuer, was die Finsternis bedeckte, zieht der Verstand mitten in finsteres Wasser, eine Wolke steigt daraus auf und wird Mutterschoß. (mhtra oder ate [oote] 4,15ff) Dies entspricht dem mandäischen schwarzen Wasser als Quelle böser Materie. Das unruhige Feuer steigt in den Mutterschoß (4,25ff, cf 27,3-7: Feuerkraft durch Vagina-Reiben der Finsternis), der Verstand der Finsternis geht zu den Tiefen der Natur (fusis) hinab und wird Same der Natur aus einer finster-krummen Phalluswurzel (5,1ff): die Finsternis peitscht Wasser hoch, seine Wellen reiben 4,25ff wogend die Vagina, bis das Auge des Verstandes vor Bosheit ejakulierend platzt.[3034] Die Natur spaltet sich 5,21ff in 4 Wolken: die des unpenetrierten Jungfernhäutchens als Großes Feuer, die Wolke des Schweigens und der Nachgeburt als edles Feuer, die Wolke der Kraft als unreine Finsternis und die fürchterliche Wolke des finsteren Wassers. Die Mutterschoßwolke gebiert also drei weitere unruhige Feuer mit erdwärts wachsender Wollust. Drei Verstand-Instanzen lassen sich unterscheiden im Unterwelt-Finsternisgetümmel: 1. der Verstand der Finsternis, 2. der von oben gesandte Geist des Lichts, der aus eigener Strahlkraft die Finsternis reinigen soll von Befleckung und Lustlast, 3. der Sohn der Größe des grenzenlosen Lichtes Derdekeas, der das oberste Licht, seinen Vater, 8,4-30 bittet, den Geist des Lichts über die Finsternis siegen zu lassen; diesem wird 9,10ff genug Strahlkraft verliehen, der Finsternis und dem schwarzen Wasser zu entkommen, was er 9,29ff frohlockend preist. Derdekeas sagt 10,21-25 in johanneischem Ich-bin-Stil: »Und ich bin das vollkommene Licht, das über dem Geist und Finsternis ist, (ich bin) der, der die Finsternis beschämt wegen des Geschlechtsverkehrs unreinen Reibens.« Die onanierende Finsternis verführt also den Geist; Derdekeas will ihn retten durch Lichtkraft. Der Licht-Vater Derdekeas` heißt 11,21ff Anasses Dusees und kam durch den Willen der Größe bzw. des erhabenen Geistes von ihm herab auf die Hymenwolke des Großen Feuers. In 12 blendet sein Lichtgewand unerträglich und macht sein Bild zugleich unsichtbar für Finstermächte. 13,5ff hält der Geist des Schweigens und der Ruhe die Mitte der Natur, den Mutterschoß geschlossen, damit nicht noch mehr Finsterwesen herauskommen. Unauslöschbares Feuer strahlt 14,26ff aus der Hymenwolke durch die Schweige/Nachgeburtswolke gegen das finstere Feuer, wird aber durch dieses von der guten Kraft der Verwunderung zum Vergessen verführt und damit unrein. Das finstere Feuer vermischt sich mit Wasser und die Natur nimmt es in ihre Mitte, wonach sie ein Kind in Gestalt eines vielgesichtigen fürchterlichen Tieres (15,9-16) bekommt, quasi Sophias Jaldabaoth.
Nun beginnt das Erlösungswerk: Das Licht des Geistes holt 15,29-16,3 den Mutterschoß aus der Wassertiefe der Unterwelt und macht ihn von der krummen Wurzel abspenstig. Der Mutterschoß bekehrt sich und bittet 16,30ff die Größe um Erbarmen, mit Erfolg. Zum Schutz gegen das große Feuer der Hymenwolke zieht Derdekeas sein Lichtgewand 16,36-17,24 an, um zu predigen. 18,2ff legt er danach ein Feuergewand an, denn ohne dessen Finsterniskraft kann er nicht 18,13ff ins Chaos hinuntergehen und das Licht dort unten befreien. Sein unreines Feuergewand reibt 18,26ff die Natur in zornig-lüsterne Erregung und die Vagina formt den Verstand zu einem Fisch-Penis mit Feuertropfen und Feuerkraft, was einer Melkung entspricht, denn danach gebiert sie vielerlei unwissende Tiere, zu dumm, um gegen den Verstand Böses auszuhecken. 19,26ff bittet Derdekeas den Mutterschoß, Himmel und Erde zu schaffen, damit er als Tier sein Erlösungswerk absolvieren könne, was sie 20,7ff auch tut. 20,18-21 ist der Same der Erde das unruhige Feuer. Als Sonne (Miθras-Helios!!) reinigt nun das Feuergewand die Erde von aller Finsternis. Der Mutterschoß trauert 20,30ff um den verlorenen Penisgemahl, das finstere Wasser. Derdekeas und der Mutterschoß reiben die Zungen aneinander und zeugen so 21,25ff Winde (Vayu!!) und Dämonen und die Feuer-Finsternis-Geist-Kraft. Diese treiben es allesamt miteinander bis auf eine Einsame, die sich 21,29ff allein reibt. Auch ein neuer Mutterschoß und ein »unreiner Penis war mit den Dämonen nach dem Vorbild der Finsternis und in der Art, wie er den Mutterschoß von Anfang an gerieben hat.«[3035] Nach den Reibereien folgt ewige Trauer - onme animal post coitum triste. Über all diese reibenden Genossen wird 22,21ff der Verstand als Kind des ungezeugten Geistes eingesetzt. Windfrauen und Dämonendödel reiben 23,8ff Samen schaumig, so flink wird verkehrt. Wo immer diese Winde wehen, werden den Menschen unfruchtbar. Ab 24,3 wird Seem direkt angesprochen und die Geschichte von göttlicher Forcierung der Sünde durch Verschönerung der Vagina, Turmbau und Sintflut erzählt, die an at-liche Geschichten anlehnt. Derdekeas' Erlösungsauftrag ist Vollkommenmachen der Sünde, damit die Gnade schließlich um so größer greifen kann. 25,9ff verkündet ein Dämon in Derdekeas Namen den Turmbau und der Mutterschoß als Umsetzungsinstanz des göttlichen Willens in Materie läßt ihn durch einen Dämon entstehen. Die Finsternis löst 25,28f die Schließmuskeln der Vagina und diese läuft aus, vermutlich in den Turm, in dem der Dämon die Geschlechter der Menschen, ordentlich regiert. Die Phallische Macht[3036] des Turms als Penis der Urmutter wird hier unmittelbar eins mit der Königsmacht des Weltenherrschers, der als Kind der Urmutter selbst ein symbolischer Phallus der weit geöffneten Weltvagina ist, deren Kraftausfluß den König stärkt. 2Sam 16,22 zeigt in Absaloms öffentlichem Besteigen der Haremsfrauen auf dem Palast-Dach, wie die Präsentation seiner Lendenkraft unmittelbar politischer Führungsanspruch ist.
25,35ff wird Seem zur Erdenrückkehr aufgefordert; er möge diese Visionen denen verkünden, die zum 2. Mal auf Erden sind. Der Metempsychosenglaube ist hier konstitutiv, was mit dem Kampf gegen das Vergessen und der Unterwelt orphische Tradition ist. Die syrische Große Mutter Anat, Atirat und Astarte oder die babylonische Ištar (1.5.2.46) darf man als Vorlage für die deftige Konzentration auf die puren Genitalien vermuten. Die Mannbarkeit des finsteren Wassers und die Weiblichkeit der wolkenhaften Vagina erinnert an Apsu und Tiāmat im babylonischen Schöpfungsepos Enūma Eliš. Hierzu paßt ihre Teilung in Himmel und Erde und der Turmbau, der genau wie die Sodomiter und die Sterne positiv bewertet werden.
Aus Finsternis, Feuer, Kraft, Verstand, Licht und dem Geist werden 28,1ff Menschen geschaffen, die von Dämonen verführt und verblendet werden, damit die Sintflut um so mehr Sünde wässern kann. 29,1-30 soll Seem den Sodomitern predigen, denn auch sie sind sein Geschlecht mit reinem Gewissen und Sodom ist zu Unrecht verbrannt. 30 enthält eine Prophezeiung eines kommenden Dämons (Christus - cf Mk 13), der die Kraft des Licht sucht und nicht findet, dessen Zeit Erdbeben, Kriege, Hunger und Lästerung erschüttert. 30,22ff und 36,25ff spielt mit dem Dämon Soldas als Täufer einer unvollkommenen Wassertaufe am Fluß vielleicht auf Johannes an. Das Wasser ist 37,16ff immer finster und böse und kann nicht gut sein. Die Erwählten werden 34,19-35,31 ihren Körper und Verstand vor dem glitschigen Reiben bewahren und in der Hymenwolke Ruhe finden. Die anderen werden 35,31ff in der Finsternis an der Fessel des Körpers zugrundegehen. Der Erlöser wird wegen seiner Öffnung der Himmelstore 36,2ff sehr viel Haß und Verfolgung (39,29ff) ernten. Aber am Ende der Zeit werden 38,29ff seine Gewänder ruhen. 40,4ff erzählt von Rebouel, einer Frau aus der Täuferszene, die am Ende der Zeit geköpft wird, denn auch sie ist verunreinigt vom finsteren Wasser durch die Taufe. Eine Schlußparänese 41,1ff warnt vor Verfall an den Körper und das Reiben. 41,21ff wacht Seem aus seiner Vision auf und alle Prophezeiungen treffen ein. 41,31ff predigt Seem gegen Verblendung und über das Ende der Welt. Die Gerechten werden 43,25ff das Licht des Verstandes als Gewand anziehen. 44,1ff kommt ein Dämon, spaltet die Himmel und es folgen Katastrophen: Überschwemmung, Krieg, Lüge. Abalphe, der Dämon aus der Schlange, wird 44,31ff herrschen und viele verführen zum Irrglauben. Am letzten Tag werden alle Dämonen und Winde zu einem Finsternis-Klumpen, wie sie am Anfang waren. 45,31ff trennt sich der Verstand Seems von seinem Körper und seiner Erinnerung. Er preist 46,4-47,8; 47,24-31 die Wolken und Himmelsmächte, als führe er in visionärer Extase durch sie empor. 48,19ff sieht die Vollendung in der Zerstörung der Natur, der Finsternis und 48,25ff als Leben im unbeschreiblichen Licht des Geistes, in der Überwindung der Sexualität und der Verwandlung allen Feuers auf Erden in eine gute Macht.[3037]
Die Ähnlichkeit dieses Mythos mit den antisexuellen Lehren Manis (cf 2.5.15) gerade bezüglich der Vermittlungsinstanz des in die Finsternis gekommenen Geist-Urmensch-Lichtteils und seine abenteuerliche Erlösertätigkeit ist überwältigend. Zervanistische, mandäische und manichäische Grundkonzeptionen sind hier paraphrasiert, ein weiteres Zeichen für die direkten und indirekten massiven iranischen Einflüsse auf die Gnosis.
2.5.6.5 Funktionswandel der Lüsternheit: vom Stimulus zur Destimulation
Die Schilderung einer von Lüsternheit gequälten Frau, die nach dem Phallus begehrt, dem Vater ein Kind schenken will; die Eva, die von Archonten geschwängert wie eine Tempelhure in unersättlicher Lüsternheit von Mann zu Mann schreitet und sie alle nimmt, könnte in früheren Zeiten im Rahmen agricolarer Fruchtbarkeitsfeiern ein Mythos gewesen sein, der zur heiligen Hochzeit anreizt. Er stellt ein Szenario her, in dem durch die erotisch aufreizenden Vorstellungen eine Erregung erzeugt wurde, in und mit der der erfolgreiche Vollzug der Besamung sichergestellt war.
Was aber haben solche Schilderungen in einer insgesamt asketischen und keineswegs libertinistischen Sekte verloren? Muß nicht eine solche Aufreizung die Asketen aus ihrer Absage an die Fleischlichkeit herausführen? Hier und in vielen gnostischen Werken dient die Schilderung der sexuellen Abirrungen nur dazu, sie symbolisch mitzuerleben wie den Mord im Krimi, um sich anschließend nur um so besser von der in der Phantasie mitvollzogenen Tabuhandlung distanzieren zu können. Indem die gesellschaftlich nicht lizensierte Bedürfnisdisposition auf die symbolische Ebene des Mythos verschoben wird, wird sie auf der interaktiven Ebene der sethianischen Kommunikationsgemeinschaft beherrschbar. Die verdammte Lust der Götter erspart den Asketen, eigene Wallungen zu spüren. Die Lustabfuhr, die der Mythos verschafft, hält den Alltag rein. Aus der Erregung wird Reinigung. Was im Fruchtbarkeitskult aufreizte, schlägt hier um in Kompensation und eskamotiert die Lust.
2.5.7 Die Ophiten: „Heilige
Geistin“ und Prounikos-Sophia als Urmutter
Nach Irenaeus I,28 ist der Heilige Geist nach der Lehre der Ophiten oder Sethianer mit Sophia und Prounikos (die Lüsterne) identisch und androgyn.[3038] Er identifiziert beide Gruppen. Dies läßt die Sethianer als Abkömmlinge der Ophiten erscheinen. Als deren Vorstufe könnte man die Elkesaiten bestimmen. Die Valentinianer haben ebenfalls das Syzygienpaar Christus und Heilige Geistin als Hüter und Erzieher des Pleroma. Die Erbfolge wäre der Zeitfolge und der mit der Zeit anwachsenden Komplexität der Systeme nach: Perser - Nazoräer mit Simon/ Helena - Elchesaiten - Ophiten - Frühsethianer - Valentin - Markus - Sethianer. Der Heilige Geist (ou\p\n\a eFouaab) als Geist der inneren Reinheit wird Zostr 61,8ff vom Geistgeber Gabriel und Joel verliehen. Hier hat er weder erkennbar weiblichen Charakter, den ja im Zostr nicht einmal Barbelo hat, noch ist aus ihm die Welt entstanden. Sollte im Sethianismus der Heilige Geist also weiblich verstanden worden sein, dürfte dies eine sehr frühe Phase gewesen sein. Daß Irenaeus sie erst am Schluß erwähnt, heißt wohl, daß sie anders als der Valentinianismus relativ unbedeutend waren im römischen Einzugsbereich, also eher im fernen Syrien verbreitet.
Dem Parther Elkasai aus Seres (1.5.2.41) erscheint Christus berghoch mit seiner Gefährtin, dem Heiligen Geist in einer Vision.[3039] Daß hier die Sobiai, die Täufer, nach Parthien gezogen sind, hat in der mandäischen Flucht vor der jüdischen Verfolgung der Nazoräer nach Haran eine Parallele. Die starken iranischen Einflüsse auf die Mandäer sind erwiesen: Nach GR I,195 folgt auf Adams 1000 Jahre und 30 ddara die Geburt des iranischen Erlöserpaares Ram und Gattin Rud, aus denen die Welt neu erweckt wird für 25 ddara. Es gibt eine entsprechende Urpaar-Syzygie auch in der Magiertradition: Yima ist der erste, tausendjährig regierende König mit seiner Zwillingsschwester Yimak. Beide sind die ersten Menschen, unsterblich, vergöttlicht, Herrscher des Totenreichs und Sohn der Sonne.[3040] In Bundahišn 23 SBE5 ist auch der Paartausch des Urzwillingspaars mit Dämonen und die Erzeugung von Bären, Affen und Mißgeburten zu finden, die im Mythos der gefallenen Engel (2.1.4.1) und Sophias vaterloser Zeugung vom tiergestaltigen Jaldabaoth (2.5.6.3, cf Valentins Version 2.5.9) wiederkehrt. In der Täuferbewegung sind iranischer Yima/Yimak-Mythos bzw. Ram/Rud-Mythos und jüdisch-weisheitlicher Sophia-Mythos aufeinandergestoßen und haben sich mit der syrischen Großen Mutter und der ägyptischen Atum-Ma‘at-Tradition verbunden. Der Ullikummi-Mythos (1.2.9) der Hethiter vom Himmel-Erde-Riesenbaby, was den Wettergott bezwingen soll und wie der indische Urriese Puruša zerstückelt wird in Himmel und Erde, war über Phönizien sicherlich auch in Syrien bekannt. Möglich auch Hesiods Titanen mit Kronos voran. Die Pseudoklementinen identifizieren den Stadtfürsten vom nordsyrischen Edessa Nimrod/Ninurta in H 9,4 mit Zoroaster.[3041] Daß er Riese, gi/gaj, genannt wird, entspricht dem iranischen Kavi-Titel. Damit liegen im Täufermilieu eine Reihe von indoeuropäischen Ur-Riesen-Traditionen nebeneinander, die etwa auch in den menschenfressenden Riesen Hen(äth) 6-11 als Kinder der Sophia auftauchen. Auch Poimandres ist ein Urriese, der die Welt in sich enthält. Die archaische Riesen-Vision Elkasais ist Zeugnis dieser Vermischung, die Hippolyts Vorlage in Parthien ansiedelt und damit deren iranische Herkunft betont, was auch durch die Elementenliste und die Taufhäufigkeit mit Vendidad-ähnlichen Regeln bestätigt wird. Simon Magus und seine Helena bilden ein ähnliches Urpaar, was vom Himmel zur Erlösung herabkam und die große Kraft weitergab. Das Himmelspaar der Täuferbewegung ist demnach bereits zu Simons Zeit eine zentrale Größe und in fast allen Gruppierungen variiert anzutreffen. Selbst im Joh kann der Paraklet 14,16.26; 15,26 als weiblicher Tröster verstanden werden, der vom Vater ausgeht wie Sophia und den Logos an die Menschen weitergibt. Damit kann die heilige Familie bereits um 100 n.Chr. als fester Baustein der Nazoräerbewegung angesehen werden. Die neupythagoreischen Monadentheorien seit Moderatus können bereits in diesem Stadium mit in die heilige Familie der Nazoräer eingeflossen sein, cf 2.5.8.
Das Bindeglied zwischen Elchesaiten und Barbelognosis dürften die Ophiten bilden.[3042] Hier finden wir den ewigen Urgrund als erstes Licht und unbegrenzte Kraft, den Vater aller und ersten Menschen, der als Sohn die Ennoia hervorbringt als Menschensohn und zweiten Menschen. »Der obere Geist erzeugt Wasser und Finsternis, Abyssus und Chaos, über dem der Geist schwebt, den sie das erste Weib nennen.«[3043] Der erste Mensch zeugt nun in Atum-Schu-Tefnut-Manier mit dem Sohn - mit der Heiligen Geistin, auch Mutter der Lebenden genannt, als dritten Mann Christus. In der Triade Vaterfeuer-Hekate-Sohnfeuer[3044] der chaldäischen Orakel findet sich die gleiche Konfiguration mit erkennbarer Anspielung auf die iranischen Feuergötter Ahura Mazdā und Sohn Atar, die sich mit dem Wasser Anāhītā vermählen. Weil sie die Größe des Lichtes nicht fassen kann, sprudelt die Heilige Geistin über nach der linken Seite, während rechts ihr Junge Jesus sitzt und flott geht es auf gen Himmel in den unvergänglichen Äon, der zugleich als heilige Kirche bezeichnet wird. Dabei sprudelt die Lichtkraft links aus ihr heraus nach unten auf die Erde. »Die Kraft, die aus dem Weib übersprudelte, welche einen Rest von dem Licht hatte, soll nach ihrer Lehre von den Vätern nach unten gefallen sein, aber nach ihrem Willen habe sie einen Rest von Licht gehabt, man nennt sie die Linke, Prounikos (die Lüsterne), Sophia und Mann-Weib. Die habe sich ohne weiteres in das unbewegte Wasser begeben und es bewegt, da sie mutwillig bis zum Grund vordrang, und habe aus ihm einen Körper angenommen. Denn zu ihrem Restlicht sei alles herbeigeeilt, habe sich drangehängt und es umfangen.«[3045] So materialisiert sich Sophia nach links, ins schlechte. Rechts im Guten sitzt Jesus. Das Wasser ist böse wie das schwarze Wasser der Mandäer, ähnlich wie in ParaSem. Vom Licht bekommt sie Kraft, hebt sich nach dem Tauchgang empor und macht den Himmel. Danach bekommt sie ein weiteres Kind, Jaldabaoth (jalda bahuth - Sohn des Chaos?). Der wiederum zeugt ohne Frau nur aus sich heraus einen Sohn, dieses wiederum solo einen Sohn und der auch und so entsteht eine genealogische Kette von 7 frauenlos zeugenden Gesellen: Jao, Sabaoth, Adoneus, Eloeus, Oreus und Astaphaeus, allen voran Jaldabaoth, die nun Himmel, Mächte, Kräfte und Erde erschaffen. Als nun diese Kindeskinder Jaldabaoth beschimpfen, wird dieser depressiv und gebiert schließlich seine Trauer heraus als Schlangensohn Nous, der seinen Vater dazu bringt, sich als höchsten Gott auszugeben, was Sophia als Lüge bezeichnet. Diese Szene erinnert an Kerets Beleidigung durch den Ältesten seiner 8 Söhne im ugaritischen Keret-Epos, dort folgt Verfluchung des Sohnes.[3046]
Dieses Schlangenwesen erinnert an Az-i-Dahak (1.8.2) als eine Inkarnation Ahrimans, der ebenfalls Unglück und Verderben über die Welt bringt. Als Paradiesschlange mit der Aufforderung, Gott gleich zu werden, ist die Erkenntnis-Schlange auch at-liche Tradition. Eine mandäische Tradition läßt das drachenähnliche Weltungeheuer bura zwischen den 7 Himmeln und den 7 Ebenen unter dem Wasser einem Seitensprung des Urmensch-Giganten Gaf mit der Adunai-Gattin Ruha entspringen (1.7.9.4). Auch hier ist die Geistin Drachenmutter, auch hier hat sie zwei Männer, aber bura ist ihr direkter Sohn, nicht über ein Archontenwesen erst Enkel. Über die Apokalyptik ist dieser Drache in die Nazoräerszene eingewandert und minimiert bei den Ophiten gelandet. Die Siebenzahl der Schöpfergötter und Himmel ist chaldäisch.
Als Machtbeweis wird ein Mensch geschaffen, dem Jaldabaoth Atem einbläst (Gen 2,7), worin etwas überhimmlische Licht-Kraft aus den Sophia-Genen ist. Jaldabaoth spielt maßstabgetreu Jahwes Rolle, gibt dem frischbeseelten Menschen aus seiner Enthymesis eine Eva mit Prounikoskraft, mit der es alle Engel treiben und sich dergestalt mehren. Auch der Paradiesbaum mit Tabu wird aufgebaut und auf Sophias durch die Schlange vermitteltes Anraten brechen Adam und Eva das Tabu und erkennen Jaldabaoth als Gesetzesgott, über dem ein größerer Gott steht, nämlich der präexistente »Vater des Alls, der Erste Mensch und der Mensch, der Sohn des Menschen«, den sie anbeten, was Jaldabaoth so wurmt, daß er beide samt Schlange aus dem himmlischen Paradies auf die Erde herabwirft und in dunkle, träge, geistlose Körper verpackt, und die ebenfalls herabgeworfene Schlange mit ihren Dämonen-Geschöpfen teuflisch gegen die Menschen arbeitet, indem sie in diese Körper eindringt wie die avestische Druj nasu. Jaldabaoths Sintflut können die Menschen in Noahs Arche entgehen, von Mutter Sophia beschützt, die ihren mißratenen Demiurgensohn Jaldabaoth ausschalten will und die Licht-Menschen als Bündnispartner sucht. Aus ihnen erwählt Jaldabaoth Abraham und läßt Mose den Exodus anführen. Die Propheten offenbaren Wissen der 7 Wochentage und Mächte/Kinder Jaldabaoths, aber auch Wissen Sophias aus ihrem Himmelsäon. Sophia will helfen und wendet sich an ihre Mutter, die den „Ersten Menschen“ bittet, Christus als Retter zu senden, der durch 7 Himmel herabsteigt, sich mit Sophia verquickt und daraus Jesus in Maria entsteht, auf den Christus in der Taufe herabkommt, so daß diese göttliche Machttaten als Sohn des unbekannten Vaters und „Ersten Menschen“ vollbringt. Vor Jesu Kreuzestod weichen Christus und Sophia bereits von ihm wieder gen Himmel, Jesus steht als „psychischer Leib“ wieder auf und sitzt zur Rechten Jaldabaoths, wo er Seelen mit minimalen Lichtanteilen schon aufnimmt. Der ganze restliche Lichtgeist wird in den unvergänglichen Äon hinaufgenommen, während Jaldabaoth mit der Welt ein ungewisses Schicksal zu erleiden scheint. Hier ist eine heilsgeschichtliche Eschatologie ausgeführt, in der alle göttlichen Lichtseelen mit Christus in den Himmel auffahren und so gerettet werden, während die Welt möglicherweise verbrennt.
Origenes skizziert ein Diagramm der schlangenanbetenden Ophianer unter einem Führer Euphrates mit einem Ouroboros-Kreis für die Seele des Alls Leviathan, innerhalb dessen sieben kleinere Kreise für die Äonenherrscher Jaldabaoth, Jao, Sabaoth, Astaphaios, Ailoaios, Horaios und Adonaios stehen. Durch all diese 7 Äonen muß der verstorbene Pneumatiker hindurchgelangen zum höchsten Bereich des Vaters und Sohnes, der aus dem Lebensbaum sich erhebt. Als Passierschein dient das Siegel, was der Vater dem Sohn verliehen hat. Die Äonen-Namen sind fast identisch mit denen des AJ und der Irenaeus-Version der Ophitentradition. Das Diagramm selbst dürfte das Passier-Siegel sein, ähnlich orphischen Reiseamuletten im Grab. Das Diagramm sei mit schwarzem Strich in Himmel und Hölle/Unterwelt geteilt.[3047] Die inneren Kreise seien nach Celsus: der Löwe Michael, der Stier Suriel, die Schlange Raphael, der Adler Gabriel, der Bär Thauthabaoth, der Hund Erathaoth und der Esel Onoel oder Thartharaoth (Tartarus-Unterwelt?). Das südliche Bärengestirn Haptoring bewacht Mēnōk-i Chrad 49,15 das Höllentor vor der Flucht der 99999 Dämonen. Celsus hatte mit dem Mithrizismus enge Verbindungen.
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Sol |
Venus |
Mercur |
Luna |
Saturn |
Jupiter |
Mars |
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Shamish |
Stira |
Nbu |
Sin |
Kiuan |
Bil |
Nirig |
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Adunai |
RuhaQudsha |
Mshiha |
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Mohamed |
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Adonaios |
Sabaoth |
Horaios |
Iao |
Ailoaios |
Jaldabaoth |
Astphaios |
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Onoel |
Raphael |
Erathaoth |
Suriel |
Thauthabaoth |
Michael |
Gabriel |
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Pferd |
Schlange |
Hund |
Stier |
Bär |
Löwe |
Adler |
Die Tabelle zeigt die mandäische Planeten-Sieben und ihre babylonischen und jüdischen Gottheiten. Die 4. Zeile korreliert die Jaldabaoth-Söhne, die 5. die Engel-Tiere des Diagramms in der Anordnung von Celsus/Origenes. Es fällt auf, daß Venus und Heilige Geistin mit der Schlange identisch werden, Adonai sogar namentlich übernommen ist aus der mandäischen Tradition und Miθras Sonnenwagen die arischen Pferde hat, Jaldabaoth im AJ einen Löwenkopf hat, der iranische Urstier seinen Samen im Mond abgibt. Die Parallelen von der nazoräisch-mandäischen Sieben zur Ophitentradition sind nicht lückenlos 1:1, aber offensichtlich. Im Mithrizismus sind allerdings auch Hund und Adler Jupiter-Tiere, was die Korrelationen für Mars, Mercur und Saturn etwas unsicher macht. Venus im mandäischen Zeichen der Sieben ist ´stira, Libat = Ruha d-Qudša = heilige Geistin. So paßt sie als Paargenossin zum Sonnenvater (Šamiš = jüd. Adunai) und Jesus, der in der langen mandäischen Verfolgtheit durch Christen zu Mercur (Nbu babylonischer Gott der Schreibkunst = mšiha = Lügenmessias Christus) wurde. Das Zeichen der Sieben bewahrt also auch eine heilige Familie im Kern der ersten drei Gestalten auf. In dieser Triade Sonne-Venus-Merkur ist Ruha d-Qudša an der Stelle der Sophia als Himmelsmutter. Diese Urpaarkonfiguration ist in der Elchesai-Vision präsent.
Leviathan sei die Seele, die durch alles hindurchgeht. Hier kommt das mandäische Bild mit dem Schlangenungeheuer bura (1.7.9.1) in den Blick, in dessen Leib die Wachthäuser beim Seelenaufstieg sind und wo auch 7 Himmel und 7 Unterweltsebenen vorhanden sind. Die Wachthäuser entsprechen im Ophianer-Diagramm die 7 Äonen/Engel, die auch zu beiden Seiten des Sterbenden stehen - eine klar avestische Tradition der Daena (1.4.2.7. und 1.4.6). Es sind 7 Engel des Lichts und 7 Engel der finsteren Archontenmächte des verfluchten Gottes der Juden, die hier um die Seele wetteifern. Wer Ophianer werden will, muß Jahwe verfluchen und die Schlange anbeten als Erkenntnis von Gut, Böse und Gott gebende Mittlerin. Bei jedem Tor der Archonten, welches der Verstorbene durchschreitet, lobt er mit knappem Grußwort Jaldabaoth und seine Crew, deren Macht aber verschwindet gegenüber der des Lebensbaumes vom All-Vater. Diese Auffahrthymnen öffnen die Tore. Überm Paradiestor hängt ein feuriges Schwert als letztes Gericht, vergleichbar mit Abaturs Waagen-Gericht bei den Mandäern. Die Rhombenform der Diagramme ist der mandäischen Kubenform verwandt und überhaupt ist die Theologie in Bildern eine Gemeinsamkeit. Damit haben wir eine Fülle mandäischer Parallelen entdeckt in der Ophitentheologie. Mit den Ophiten haben wir also zervanistische und nazoräische Ursprungstraditionen vorliegen, die vom Kultus her sowohl die mithrischen Tiere als auch die mandäischen Aufstiegsprotokolle enthalten. Die Nähe Valentins zu den Ophiten ist im Sophiamythos ebenfalls augenfällig und auch das AJ ist in diesem Traditionskreis anzusiedeln.
Im AT ist das aramäische axUr
Atemhauch, Wind, Geruch, Wehen als sinnliche
Äußerung einer Beseelung mit
Lebens-Geist und basaler Vitalität und Kraft. Es hat eine
weibliche Tendenz.[3048]
Der Heilige Geist (=HG) im NT ist als ungeschlechtliche Kraft
verstanden, als
Wind, Atemhauch der Seele. to\
pneu=ma to\ a(/gion begegnet 59 Mal.
Überblicken wir die Stellen stichwortartig: Mt
1,18ff; Lk 1,35: Maria schwanger vom HG; Mt 3,11-16 Johannesnachfolger tauft
mit HG und Feuer, HG
wie Taube auf Jesus bei Taufe 12,28-32: HG treibt Geister aus,
HG-Lästerung
schlimmer als Menschensohn-Lästerung = Mk
3,29; 13,11 vor Gericht redet der HG; Lk
1,15
Joh von Mutterleib an erfüllt mit HG; Lk
1,41 Elisabeth vom HG erfüllt preist Maria; 1,67 Zacharias
Benedictus vom HG erfüllt;
2,25f Simeon vom HG erfüllt soll den Messias noch sehen; 3,22
Taufe HG wie
Taube; 4,1 Jesus voll des HG nach Taufe; 11,13 Bitte an Gott um HG wird
erfüllt
werden; Joh 14,26 HG Tröster wird
kommen und alles lehren; 20,22
Jesus bläst HG in Jünger ein; Acta
1,2 Jesu
Weisung durch HG; 2,4 Pfingsten Windbrausen, Zungen teilen sich und
setzen sich
auf jeden, Glossolalie; 2,33 Jesus hat HG empfangen und weitergegeben;
4,8
Petrus voll HG predigt; 4,25 HG hat Psalmen inspiriert; 5,3 Hannias
belügt HG
mit Satan im Herzen; 5,32 HG bei denen, die Gott gehorchen; 6,5
Stephanus voll
HG; 7,55 Steinigung Stephanus Thronvision im HG; 8,15-19 HG durch
gemeinsame
Handauflegung nach Taufe; 9,17 Saulus durch Handauflegung von Hananias
mit HG
erfüllt sieht wieder; 10,44-47 HG fällt
während Petruspredigt auf Juden und
Heiden, erst danach Taufe; 11,15f HG fällt auf
Predigtgemeinde; 11,24 Barnabas
voll von HG; 13,2 Pls & Barnabas voll HG; 13,9 Pls voll HG
blendet Magier
Elymas auf Zypern im Zauberwettstreit; 13,52 Jünger voll
Freude und HG; 15,8
auch Heiden empfangen HG; 19,2-6 Taufe der Johannesgemeinde in Ephesus
mit
Handauflegung, HG-Empfang und Glossolalie; 20,23-28 HG setzt in
Ämter ein;
21,11 Agabus weissagt im HG; 28,25 Jesaja im HG gesprochen; Rm 5,5 Liebe in unsere Herzen
ausgegossen durch HG;
15,13 Hoffnungsreichtum durch HG; Eph
4,30 versiegelt mit HG für Tag der Erlösung; 1Thess 1,6 Predigt kommt in Kraft des HG;
4,8 Gott gibt seinen HG in uns; 2Tim 1,14 bewahren durch HG, der in uns
wohnt; Tit 3,5 Bad der Wiedergeburt und
Erneuerung im HG; Heb 2,4 Zeichen, Wunder,
HG-Austeilung; 3,7 HG im Psalm;
6,4 Taufe Handauflegung himmlische Gabe Austeilung des HG; 9,8 HG macht
etwas
klar; 10,15 HG durch Jeremia; 2Pt 1,21 alle Weissagung
vom HG getrieben.[3049]
Im NT finden wir also Befruchtung Marias durch den männlichen Heiligen Geist, Geistverleihung durch Taufe, Handauflegung und Predigtwort. Der Heilige Geist kann wie eine Taube oder Flammen auf einen Menschen niederkommen und ihn erfüllen. Geistempfang führt zu Thronvisionen Gottes mit Christus, Glossolalie, Weissagungen, Lobpreisen, Wundertaten oder Predigten und sogar Apologien in Christenprozessen. Dies entspricht Gen 41,38; Ex 31,3; 35,31; Num 24,2; 1 Sam 10,10; 11,6; 16,16; 19,20-23; 2Chr 15,1; 24,20; Jes 42,1; 61,1; Ez 11: Der Geist Gottes kommt überfallartig auf den Seher und führt ihn in Verzückung und Vision hinein. Das ist alte mantische Praxis, mit der schamanischen vergleichbar. Die Kraft des Heiligen Geistes ist Motor kirchlichen Handelns. Geistbesitz wird immer mehr Besitz statt Erleben und die stereotype Wendung verrät die Institutionalisierung zum Macht legitimierenden Amtsstatus.
Joh
20,22 wird der Heilige Geist durch den auferstandenen Jesus den
Jüngern
eingeblasen (fusa/w):
kai\
tou=to ei)pw\n
e)nefu/shsen kai\ le/gei au)toi=j, La/bete pneu=ma a(/gion! Dies
erinnert an die Schöpfungsakte Gen
2,7; Hi
33,4; Ez
37 und Atums
Ausschneuzen von
Schu
und Ma‘at
aus seiner Nase.[3050]
Wie Gen
1,2 der
frühneblige Morgendunst über dem Flußbett
steht, ist Geist als männliche
Lebenswind über weiblichem Wasser: Schu
über Ma‘at.
Aus
dieser Atemtradition scheint das Geist-Verständnis Jesu in Joh
20,22 zu sein, was
so schamanisch-archaisch klingt, daß es zu den
Magierpraktiken Jesu paßt. Die
Taufe, wo der Geist von oben sich auf den Täufling setzt und
ihn erfüllt, ist
im NT singulär von Jesus bezeugt, aber nach
mandäischen Parallelen darf bei den
Nazoräern für alle Taufen eine Geistverleihung
angenommen werden. Dabei ist im
Fluß-Wasser als lebendiger Jordan des Himmels axUr
als Morgendunst sichtbar und legt sich in der
Übergießung des Täuflings auf
diesen. Hier finden sich archaische Riten der Geistverleihung, so
archaisch wie
die Vertreibung der Druj
Nasu durch Gomez. Dem Heiligen Geist
entspricht im Avesta am
stärksten Vohu
Mana.
Wir haben es bei Irenaeus I,28 also mit einer Tradition zu tun, die im NT kein Seitenstück hat. Auch er redet erst in männlicher Form, dann schlägt er notgedrungen um in weibliche. Es wäre denkbar, daß die Weisheit mit dem Heiligen Geist identifiziert wurde in Gruppen, die aus der ägyptischen Weisheitstradition so sehr auf die Weiblichkeit bedacht waren, daß sie von hier aus auch den Heiligen Geist als eine weibliche Größe betrachten konnten. Hier war Weisheit und Heiliger Geist synonym. Über diese Gleichung konnte dann der Heilige Geist mit den Attributen Sophias belegt werden. Die Elchesaiten haben diese Identifikation bis in die Himmelsriesin an der Seite des passenden Erlösers ausgeformt. Barbelo ist aus diesem Kontext verstanden die kosmisch große Jungfrau des Urmenschen, die Königsschwester Yimak. In der mandäischen Tradition sind Adunai und seine Gattin Ruha d-Qudša mit ihren 7 Kindern böse Mächte. Deutlich ist hier aber Ruha weiblich wie im AT.
Für unser trinitarisches Verständnis des Heiligen Geistes als „Mutter“ Kirche und Liebesgemeinschaft ist der Erdgang Helenas Prototyp. Sie inkarniert sich in Menschkörpern, wie Jesus es tat, nicht als Braut Christi, sondern sexuell aktive Gattin Simons. Selbst in der Braut Christi, die Apk 21,17 mit dem Geist zusammen (!) als neues Jerusalem sehnsüchtig das „Komm“ stöhnt im Seufzen der Kreaturen (Rm 8,22) und auf den Bräutigam im Thron in ihrer Mitte wartet, von dem Ströme lebendigen Wassers ausgehen, der himmlische Jordan der Nazoräer, selbst hier ist also sexuelle Metaphorik bei allem Abwischen der Tränen der verfolgten Gemeinde.[3051]
Die Kirche hat sich in dieser Trinität in der Tat als Mutter verstanden und im Marienkult ein Ventil für die Sehnsucht nach der großen Mutter geschaffen hat. C.G. Jung gratulierte dazu dem Papst, weil hier archetypische Grundbedürfnisse des Menschen endlich abgedeckt seien. Der weibliche Charakter des Heiligen Geistes, der Joh 14f durchschien, war zu schwach akzentuiert. Und auch die Jungfrau Maria wird schnell ihrer Fruchtbarkeitsdimension beraubt und zur Urgroßmutter gemacht. Die Sehnsucht nach weiblicher Besetzung der göttlichen Trinität ist immer wieder durchgebrochen und domestiziert worden, weil die Helena als Tempelhure im Wesen des Menschen die arterhaltende Befruchtungslust symbolisiert, die heiliger Kern der Ehe ist.
Die innertrinitarische Beziehung im Wandel der Zeit lebt nicht so sehr aus der Sohnschaft Jesu wie aus der Kraft des Geistes, der in der Ambiguität von Mutter Kirche als Männerdomäne mit Frauenpublikum seine Weiblichkeit nie ganz verloren hat, von der Irenaeus noch die Identität mit der lüsternen Sophia bei Ophiten, Valentinianern und Barbeloiten im Blick hatte. Der Sohn kann nicht spielen, weil er Molochopfer für die Sünden der Welt ist, was Isaak erspart blieb. Dem Sohn kann man nicht nachfolgen, weil er zu früh schon vollbracht hatte, weil seine Hinrichtung die Jünger nach Galiläa fliehen ließ, eingeschüchtert, arrangiert mit der Macht. Zu früh wurde er vom Kyrios zum Theos, die Verehrung suspendiert von der Nachfolge.[3052] Der Blick auf den Schmerzensmann am Kreuz verstellt den Blick darauf, wie er Schmerzen gelindert hat, Lähmung löste, Verlorenen Feste machte und die Kunst erfüllten Lebens lebte. Die Sühnopfer-Erlösung immunisiert gegen die Befreiungspraktiken des historischen Jesus. Weil der Rebell des Lebens handzahm gepredigt wurde, hat der Heilige Geist keine Kraft mehr, weder männliche noch weibliche. Er ist devitalisiert und depressiv, weil er am Kreuz gelernt hat, daß zu große Lebendigkeit tödlich ist und der Vater sein liebstes Kind preisgibt.
2.5.8 Neupythagoreische Monaden als Zeugungsakte
des Urgott-Paares
2.5.8.1 Neupythagoreer als Vorbild der Täufergruppen
Die Konventikel der Akusmatiker und Mathematiker im qi/asoj-Orden von Kroton übten mit ihrer Askese, Arkandisziplin, Vegetarismus, Geheimsymbolen, Meditationsübungen, mit der Verehrung des Pythagoras himself, seiner Zahlenlehre und Philosophie (cf 1.5.6) nach ihrer Renaissance in den ersten christlichen Jahrhunderten eine große Attraktion auf die Täuferkreise aus. Schon der quasimonastische Lebensstil war eine wesentliche Gemeinsamkeit.[3053] Die NHC-Schriften zeigen, daß die Sethianer wohl auch wie Magierkolonien und Hermetiker zu einer koinobitären Kongregation in Klöstern neigten, wo die Auserwählten gegen den Rest der Welt ihre soziale Gratifikation restituieren konnten. Möglicherweise waren auch die Isismysterien mit ihrem engen Zusammenhalt Vorbild für die Klöster, vielleicht auch jüdische Prophetenjünger und Rabbinengruppen. Daß das Weibliche im Sethianismus diskriminiert wird, zeigt, wie Frauen hier so unerwünscht waren wie bei Pythagoras, Platon, im Mithraskult oder neupythagoreischen Zirkeln, während in orphischen Gräbern von Hipponium auch mal ein Damenskelett lag.
Scharenweise missionierten zu Platons Zeit orphische Mantiker ganze Städte zu kollektiven Reinigungsriten.[3054] Ziel der orphischen Reinigung ist ein gutes Nach(t)leben im Hades. Pythagoras war ebenfalls Orphiker.[3055] Er verlegt mit dem zoroastrischen garōθmān-Denken den Hades in Sonne und Mond.[3056] Damit konnte die Unterwelt komplett durch den Himmel als Zielort der postmortalen Seelen ersetzt werden. »Nicht umsonst treten bei Platon bedeutende Pythagoreer auf; er selbst war Anhänger dieser Verbindung... Aristoteles spricht dauernd von den Pythagoreern«.[3057] Der Leib ist Kerker und immer nur Etappe im Wandern der Seele von Körper zu Körper.[3058]
Au)to\j e)/fa war sprichwörtlich in der Arkandisziplin mündlicher Tradierung im innersten Zirkel des Ordens.[3059] Auch die Reinkarnationslehre des Meisters himself, Grund des Vegetarismus, um im Schwein keinen reinkarnierten Gefährten zu verspeisen[3060], wird im Täufertum übernommen, so hält man Jesus für den wiedergeborenen Johannes den Täufer, für Elia, Jeremia oder einen anderen Propheten, cf Mk 8,28 Mt 16,14; Lk 9,19. Nicht zufällig kann Clemens von Alexandria Er später als den reinkarnierten Zaraθuštra darstellen, der sich seines früheren Lebens erinnert.[3061] Dies zeigt innere Nähe von Platons Lehre zur zoroastrischen.
Pythagoras haben wir als den Hauptrezipienten der persischen Magiertheologie unter den griechischen Philosophen ausmachen können, cf 1.2.12 und 1.5.2.2. In Pythagoras haben sich ägyptische, babylonische und persische Traditionen mit griechischem Denken verbunden. Ewige Wiederkehr und astrologischer Fatalismus »wurden bei den älteren Pythagoreern nachgewiesen... Beide Lehren müssen sich in den Kreisen der Magier unter dem Einfluß der Babylonischen Astronomie und Astrologie am Anfang des 6. Jahrhunderts entwickelt haben. Verknüpft mit der Astralreligion, der Lehre von dem himmlischen Ursprung und der Unsterblichkeit der Seele und von ihrer Erlösung durch die Mysterien, haben alle diese Vorstellungen sich sehr rasch nach Westen verbreitet und sind besonders von den Orphikern und Pythagoreern begeistert aufgenommen worden.«[3062]
Pythagoras ist mit seiner magierähnlichen Kommunität von Kroton u.U. sogar Vorbild für den Bund der Essener geworden. Da in der Nazoräerszene ebenfalls ägyptische und persische Traditionen mit den jüdischen verschmolzen waren, war er der ideal wahlverwandte Theoretiker. Philo, Nikomachos, Moderatus, Numenius, Valentin und die Chaldäischen Orakel Julians verbinden Neupythagoreische und Mittelplatonische Kontemplationsmystik und bilden Kristallisationspunkte dieser Aufstiegsmeditationen, die vermutlich in einer großen Zahl damaliger Konventikel praktiziert wurden. Ihre Lehren fließen in diese Konventikel ein. Oft zog es intellektuelle Bürgersöhne in die Einfachheit der Täufergruppen, weil sie erst hier die radikale Umsetzung ihrer philosophischen Einsichten in lebenspraktische Einfachheit und Himmelwärtigkeit fanden. So ist nicht verwunderlich, daß in den einfach lebenden Täufergruppen zugleich eine hohe philosophische Kompetenz herrschte. Weiterhin könnte auch von den Akusmatikern die Musik als Singen in der Erkenntnisextase übernommen sein, was den beschwörenden Gesang der Magier nicht bestreitet, sondern flankiert. Das Dreieck des Pythagoras, der Tetraktys (1.5.6), findet sich in den Vokalpyramiden der Zauberpapyri (4.6.2) wieder, in denen quasi die Sphärenharmonie nicht als mathematische Proportion, sondern als akusmatischer Gesang eingewandert ist. Nikomachos könnte hier die wesentlichen Überlegungen beigetragen haben, cf 4.6.1.
Aus der Verbindung des Unbegrenzten Geraden mit dem Begrenzenden Ungeraden[3063] entsteht bei Pythagoras die Eins, die aus dem a)/peiron das Leere (Null) einatmet und sich vervielfältigt in die Zahlenreihen und die Welt hinein, die aus Zahlen konstituiert ist nach Form und Inhalt. Materie und Wort sind wesensmäßig Zahlen. Unbegrenzt gerade ist der Penis als stabförmige Eins, den die Wölbung der Vagina wie eine Null umgrenzt. Auch hier ist die androgyne Monade der heiligen Hochzeit Ursprung aller Weltwesen.
Während Platon von mete/cij der materiellen Abbilder an ihren vorgängigen Ideen spricht, ist bei den Pythagoreern von mi/mesij die Rede: »Alles Seiende ist durch Nachahmung der Zahlen«. Ein Qualitätsverlust findet hier nicht statt, der Weltbaumeister setzt den Bauplan korrekt um. Diese Vorstellung geht vielleicht direkt auf Pythagoras zurück.[3064] Daß der Logos und die Zahl unstofflich ist, die Welt stofflich, entspricht der iranischen ontologischen Teilung der Welt in Geistwelt (mēnōk) und knochenhaftes Sein (astvant, gētīk).[3065] Es handelt sich um die Übernahme zervanistischer Schöpfungslehre durch Pythagoras während seiner Babylonzeit, die zu dieser Lehre von der unstofflichen Zahl als Bauplan der stofflichen Welt führte.[3066]
Nachdem die politisch konservativen Pythagoreer um 450 v.Chr. mit Abfackeln ihres Versammlungshauses aus Kroton vertrieben wurden, waren sie im 3. Jh.v.Chr. in Tarent (Archytas 400-360 v.Chr.) literarisch tätig und schickten ihre Schriften bis nach Alexandria.[3067] 209 v.Chr. wird Marcus Cato in Tarent von Nearchos bewirtet.[3068] Mit der Verbrennung der angeblich ketzerischen „Bücher des Numa“ in Rom von 181 v.Chr. ist vorerst der Orden verboten, erwacht aber um 70 v.Chr. zu einer Renaissance. Nigidius Figulus, Freund Ciceros, gründet in Rom eine pythagoreische Bruderschaft. Als er mit Pompeius sympathisiert, verbannt ihn Caesar.[3069]
In seiner Chronik zum Jahr Abr. 1972 schreibt Hieronymus: »Nigidius Figulus, Pythagoricus et magus, in exilio moritur.« Bezeichnend ist die Gleichsetzung von Pythagoreer und Magier. Es muß bereits Verbindungen zu den persischen Magiern gegeben haben, die Nero später scharenweise nach Rom holte, cf 1.5.2.33. Auch 28. v.Chr. wird unter Augustus ein „Pythagoreer und Magier« Anaxilaos von Larissa aus Italien verbannt.
Um 50 n.Chr. unter Claudius baut diese Bruderschaft in Rom eine reichverzierte Basilika.[3070] Vermutlich wurde sie unvollendet von reichen Römern wieder verlassen. Claudius verfolgte Astrologen per Dekret von 53 n.Chr., weil sie ihm den Tod prophezeit hatten.[3071] An Wänden von Atrium und Cella prangen Friedhofslandschaften mit Seelenschmetterling im Anflug auf Eros. Man sieht Hermes als Begleiter Alkestis zur Unterwelt; Herakles wird sie erlösen. Demeters Bild läßt auf die frühjährliche eleusinische Auferstehung des Samenkorns hoffen. In der Deckenwölbung des Atriums zieht ein geflügelter Genius eine Frau himmelan. Auf den Deckenmalereien im Mittelschiff trägt einer der Dioskuren eine widerstrebende Hilaeira zum Mond oder Phoibe zur Sonne, also zur Insel der Seligen. Ganymed wird zu Zeus entführt. Attis ist an allen 4 Decken-Ecken Garant der Frühjahrswiedergeburt. In der Apsis springt Sappho mit siebensaitiger Lyra vom Leukadischen Fels ins Meer, wo jährlich ein Verbrecher 65 m stürzen muß, ihr gegenüber auf einem Fels steht Apollo und streckt ihr die Hand entgegen. Sie entsagt so der Lust auf den jungen Phaon, der sich in ihre Dienerin Melitta verliebt hat, um zum himmlischen Bräutigam zu gelangen. Alle Motive ranken sich um die Himmelsreise der Seele post mortem. Damit ist die Idee der postmortalen Hochführung der Seele in das Paradies aus Hadōxt-Nask 2f (= Yašt 20, cf 1.4.2.7) auch im Neupythagoreismus zu finden und dürfte die Täufergemeinden bestärkt haben in dieser auch direkt durch die persischen Magier verbreiteten Lehre.
Die Pythagoreer können nun ihre Ideen im gesamten Imperium verbreiten. Zeitgleich wächst der Mithraskult und der Einfluß persischer Magier. Alle drei Strömungen sind wahlverwandte Derivate des Zoroastrismus. Turner sieht bei den Täufergruppierungen neupythagoreische Merkmale wie Askese, Vegetarismus, geschlossene Zirkel, geheime Symbole wie Zahlenmystik und Verherrlichung der Traditionen. »Although these baptist groups initially shared the same complexes of ideas and freely adopted mythologumena from one another, in the course of time conflicts arose.«[3072]
Grundlage pythagoreischer Theorie ist neben der Orphik die Theologie persischer Magier, cf 1.2.12 und 1.5.2.2. Die Adaption neupythagoreischer Theorien im Verbund mit der von Platon adaptierten Orphik ist eine weitere Transmissionsroute persischer Theologie in Täufergruppen. Simonianer, Valentinianer und Sethianer adaptieren neupythagoreische Lehren von Gott als dem Einen vor aller Schöpfung und seiner Teilung in zwei, sich und eine Frau, die durch Paarung die Welt erschaffen als ihre Kinder. Genau so schafft Zurvan Ahura Mazdā und Ahriman. So hat sich gerade hier die philosophische Fassung der persischen Theologie und Mythologie als Beschreibung der innergöttlichen Vorgänge von Gott und der Tochter Weisheit angeboten. Die sublim sexuelle Syzygie der Weisheitsliteratur als ägyptische Tradition stieß hier auf ihre philosophische Kombination mit persischer Schöpfungslehre, in der Böses apriori mitgeschaffen ist.
2.5.8.2 Alexander Polyhistor, Sextus Empiricus, Eudoros
Alexander Polyhistor (um 70 v.Chr.) wird von Diogenes Laertius zitiert in VIII,24f mit der Monade als Erstem Sein, aus dem die Zahlen als Vielheit ausfließen und aus ihnen Punkte, daraus Linien, daraus geometrische Figuren, daraus räumlich-feste Figuren, daraus die 4 Körpersubjekte Feuer, Wasser, Erde, Luft und aus diesen alles materielle Sein. Sextus Empiricus erwähnt inhaltsgleich die Monade der Neupythagoreer als erste Ursache des a)/peiron (212mal) und des Dualismus der Zahlen. »So wird aus dieser Monade in den Zahlen eine Dyade. Nach dieser werden auch die übrigen Zahlen aus ihr vollendet, immer aus der Eins gespeist, von der unbegrenzten Dyade werden zwei, und ins Unbegrenzte erstreckt sich die Menge der Zahlen. In diesen Uranfängen liegt die Lehre von der Monade als erster Ursache, die von der Gemachtheit der Materie als Dyade. Und wie aus ihnen Zahlen als Hypostasen wurden, so sind Welt und alles darinnen zusammengestellt.«[3073] Die Zahl als Grundelement taucht neben Wasser, Erde, Luft anstelle des empedokleisch-platonischen Feuers aus Timaios 32 auf: hpe Zostr 113,11. Dies ist ein deutlicher Hinweis auf pythagoreische Einflüsse. Eudoros (um 25 v.Chr.) läßt die Monade (to\ e(/\n) Ursprung eines guten und eines bösen Prinzips sein, die miteinander kämpfen und in allen möglichen Dualismus-Begriffen beschreibbar sind. Dies ist eine zervanistische Struktur, wie sie auch Plutarch in De animae procreatione in Timaeo 1012f berichtet, cf 1.5.2.34.
|
Zurvan |
Sophia |
|
Ahura
Mazda |
Adam
& Seth |
|
Ahriman |
Jaldabaoth |
Zurvan schafft Ahura Mazdā und Ahriman wie Sophia Adam und Jaldabaoth. So gelangt die neupythagoreisch-zervanistische Triade auch im Zostr zur Blüte, indem die irdisch-böse Welt der himmlisch-guten kontrastiert wird und der unsichtbare Geist Vater von allem ist, was ist.[3074]
Die Monade wird zur Dyade durch Selbstverdoppelung (dipla/sion).[3075] Iamblichos spricht von Teilung (diaxwrismo/j oder diafora/): »Denn die Einheit der Monade ist ersichtlich, die Zweiheit kommt offenbar als Auseinandertrennung über sie.«[3076] Das dritte Modell der Entzweiung ist nicht Geburt, sondern Emanation als Ausfließen des Samens. Hier ist die Frau Produktionswerkzeug und der entscheidende Akt ist die Begattung durch den Mann. Iamblichos nennt es e)pe/ktasij.[3077] Sextus Empiricus spricht von r(u=sij.[3078]
2.5.8.3 Corpus Hermeticum und Simon Magus: Der Same Gottes fließt
Dieses patriarchalisch-androzentrische Prinzip der Emanation per Ejakulation ist bereits im Corpus Hermeticum zu finden, cf 2.2.7. CH III,3f: »den Samen ihrer Wiedergeburt fanden sie in sich selbst... 4. ... Frucht des Samens« Tugenden können Same Gottes sein. CH IX,3-6: »Der Geist gebiert alle Gedanken, gute, wenn er von Gott die Samen empfängt. 4. ... Die Samen Gottes sind wenige, aber sie sind bedeutend, schön und gut: Tugend, Besonnenheit und Frömmigkeit. ... 5. ... den Samen seines Denkens... 6. ... damit der Kosmos alle Samen, nachdem er sie von Gott empfangen hat, bei sich bewahrt und alles in sich mit seiner Kraft entstehen läßt und alles auflöst und wieder erneuert.« Der Zyklus des materiellen Lebens im Werden und Vergehen entspringt hier dem Samen Gottes. Die Welt ist überall durchdrungen vom Samen Gottes. CH XIII,1f: »Ich weiß nicht, Trismegistos, aus welchem Mutterschoß ein Mensch (bei der Wiedergeburt) geboren wurde und aus welchem Samen." 2 Hermes: "Der Mutterschoß, mein Sohn, ist die geistige Weisheit, die im Schweigen liegt, und der Samen ist das wahrhaft Gute." Tat: "Wer gibt den Samen, Vater?..." Hermes: "Der Wille Gottes, mein Sohn."« Auch hier wird die Weisheit von Gott befruchtet mit seinem guten Willen und gebiert den Menschen neu. Das Mutterschoß-Modell von CH XIII mit Samen des Vaters entspricht der Himmelsdyade Valentins.
Simon Magus hat nach Hippolyts Megale Apophasis wie Valentin von einer probolh/ oder einem proe/rxesqai der Dyade aus der Monade gesprochen, wobei Valentin deutlich von Sperma spricht[3079] und damit die Ejakulation das androzentrische Urmodell der Emanation wird, nicht die Geburt. »Das ist der Stehende, Gestandene und Stehenwerdende, der eine mannweibliche Kraft ist nach der anfangs herrschenden unbegrenzten Kraft, die weder Anfang noch Ende hat, und in Einzigkeit existiert. Denn von dieser ging hervor die Epinoia in Einzigkeit und wurde zwei. Und jener war eins. Denn er hatte in sich selbst diese allein seiend. Fürwahr nicht der erste, obschon er der von Anfang an Oberste war, erschien er aber in ihm aus sich selbst heraus und wurde zweiter.«[3080] Hier ist die Emanation begriffen als ein Heraustreten der zweiten Monade aus der ersten. Clemens sieht Geburt als probolh/.[3081] Die androgyne Urmonade entläßt die Epinoia aus sich heraus und teilt sich so in zwei Monaden, wie Gott Adam im Paradies in ihn und Eva teilt. Valentins buqo/j und sigh/ sind ebenfalls androgyne Urmonade.[3082] Die Androgynität der Urmonade findet sich in der dreifachmännlichen Jungfrau Joel oder Barbelo wieder. Sicherlich ist der Helena-Mythos mit der von ihren vielen Kindern in Dirnenkörper gefesselten Urmutter des Alls fruchtbarkeitsbetonter als die sethianische Ontologie. Aber die Struktur könnte Barbelo von der Helena des Simon Magus übernommen haben: Androgyner Gott emaniert Weltmutter zwecks späterer Heirat und Nachwuchsförderung. Die pseudoklementinischen Homilien sprechen ebenfalls von e)/ktasin kai\ sustolh\n, von Ausdehnung und Zusammenziehung, was den Text Hippolyts bestätigt: »Sophia aber, die sich wie sein eigener Geist selbst immer mitfreute, vermählte sich als Seele mit Gott und streckte dann von sich die Hand so aus, daß sie das All schuf. Durch dies aber entstand auch ein Mensch, von ihr ging heraus auch das Weibliche. Und Eine seiend ist sie für die Geschlechtermehrung eine Zweiheit. Nach der Ausdehnung und Zusammenziehung glaubt man, die Monade sei eine Dyade.«[3083] Die Ausdehnung scheint hier der schwellende Bauch in der Schwangerschaft und der Geburtsakt zu sein, in dem sich Mutter und Kind in zwei Teile separieren. Daß die Monade die Vielheit bereits in sich hat, hat sein biologisches Urbild im Eierstock und Uterus.
2.5.8.4 Moderatus von Gades: Die Einheit, die Formen und die Sinnlichkeit
Turner vermutet starken Einfluß des Neupythagoreers Lucius Junius Moderatus von Gades (~20-80 n.Chr. heute Cadiz in Spanien) auf den Sethianismus.[3084] Er war Zeitgenosse von Apollonius von Tyana. Zuletzt lehrte er wohl in Rom und sein Hauptwerk ist PUQAGORIKAI SXOLAI, worin er Platon und seine Schule als Nachfolger von Pythagoras darstellt.[3085] Aus dessen 11 Bänden zitiert Porphyr in Vita Pythagorae 48-53 ausführlich. Darin zeigt sich, wie stark Moderatus auch in Alexandria aufgenommen wurde. Man kann seine Theorie als Vorläufermodell für Plotin werten. Scheinbar hat er wie der Meister aus Kroton oder auch der Magierschüler Demokrit auch ein umfangreiches Werk über Pflanzen- und Tiersorten und Landwirtschaft geschrieben: De re rustica.[3086] Euseb zählt ihn zu den namhaften Pythagoreern. Origenes »studierte ständig Plato und mühte sich ab mit den Schriften von Numenius und Cronius, Apollophanes, Longinus, Moderatus, und Nicomachus, jenen berühmten Pythagoreern.«[3087]
In seiner Zahlensymbolik ist die Eins Einheit und Harmonie aller Dinge, die Zwei Symbol der Verschiedenheit. Bei ihm ist das erste unbegrenzte Prinzip (to\ e(/\n) gefolgt von einem zweiten e(/\n als einer begrenzten, vernünftigen (nohto/n) und geformten (ei)/dh) Monade, in der die Strukturen, die lo/goi des Seins und die Paradigmen aller Körper vorgefertigt enthalten sind, quasi wie Eierstöcke der Frau mit Millionen Eizellen. Erst mit dieser zweiten, quasi weiblichen Monade beginnt Weltwerdung mit deren Selbstrückzug, der die erste Monade als Vater erscheinen läßt. Er macht sie zum Raum für die ersten Mengen an präexistenten Wesen, die schon immer in ihr samenhaft waren. »Es scheint, daß diese Meinung unter den Griechen zuerst von Pythagoreern vertreten wurde, und nach ihnen von Plato, wie Moderatus erzählt. Den Pythagoreern folgend erklärt [Plato], daß das ERSTE über dem Sein und allen Wesen ist. Das Zweite, d.h. das wirklich Existente und Gegenstand von Intellekt, wie er sagt, sind die FORMEN. Das Dritte, d.h. das PSYCHISCHE, nimmt an der Einheit und den Formen teil, während die letzte Natur, d.h. das SINNLICHE, nimmt nicht nur teil, sondern wird von der Spiegelung von jenen [dem Erstmonade und den Formen?] befehligt, während die Materie in der wahrnehmbaren Welt wie ein Schatten von Nichtsein vornehmlich bezüglich der Quantität (poso/n) erscheint, und welcher sogar Grade niedriger ist (als das Nichtsein). Und im zweiten Buch "Über Materie" zitiert Porphyr Moderatus, daß der Einheitliche Logos, wie Plato [Timaios 29d7-30a6] sagt, aus sich heraus den Ursprung des Seins zu produzieren beabsichtigt, durch Selbst-Beraubung [Zeller/Festugière: trennte sich von sich] Platz schafft für Quantität (poso/thj), sich beraubt habend all seiner Verhältnisse und Formen. Er [Plato] nannte diese Quantität (poso/thj) gestaltlos, undifferenziert und formlos, aber empfänglich für Gestalt, Form, Differenzierung, Qualität und so weiter.«[3088] »Diese Quantität (poso/thj), sagt er, habe Plato anscheinend mit verschiedenen Prädikaten bezeichnet: all-empfangend, formlos, unsichtbar, kaum fähig zur Teilhabe am Verstand, kaum erfaßbar durch logisches Denken und ähnliche solcher Prädikate. Diese Quantität (poso/thj), sagt er, und diese Form enthalten aus dem Einheitlichen Logos, der in sich alle Proportionen des Sein enthält, einen Abklatsch, Paradigmen von körperlicher Materie, die er, wie er sagt, Quantität (poso/thj) nennt mit Pythagoreern und Plato, nicht im Sinn von Quantität (poso/thj) als einer Form, aber im Sinn von Mangelausführung, Auflösung, Vergrößerung und Unordnung. Wegen ihrer Abweichung von dem, wie er (Logos) ist, ist die Materie schlecht, indem sie vom Guten flieht. Und sie (Materie) wird davon gefangen von ihm (Logos) und ihr war verboten, ihre Grenzen zu überschreiten, als ihre Expansion das Verhältnis idealen Ausmaßes bekam und davon begrenzt wurde und als eine Unordnung der Zahlenproportionen sich abzeichnete. So ist nach dieser Darlegung Materie nichts anderes als eine Abwendung der Wahrnehmbaren Spezies von den Geistigen, weil der Schöpfer sie von dort wegnahm. So sind sie nach unten zu Nichtsein geboren.«[3089] Hier ist die Quantität der Zweitmonade ein Vorbild für Barbelo, die sich in 3 Äonen, 12 Subäonen und Lichter und diverse Engelherrlichkeiten mit Namen und namenlos Heere teilt.
Stobaios hat in seiner Anthologie I,8,1 - 9,9 die Monadenlehre von Moderatus ebenfalls referiert: »Die Zahl ist eine Sammlung von Monaden, oder eine Fortbewegung (propodismo\j) von der Vielfalt, die aus einer Monade beginnt, und aufwärtsstrebend in der Monade endet. Monaden begrenzen die Quantität (poso/thj), die einer bleibenden Vielfalt beraubt worden ist und als Rest stabil werden, wenn die Vielfalt durch die Subtraktion jeder Zahl nachgelassen hat. Denn eine Monade hat keine Macht, weiter als in die Quantität zurückzufallen, damit eine Monade wirklich in ihrem Sein stabil genannt werden kann und unveränderlich gleichbleibt oder von Seiendem verschieden und vollkommen abgesondert ist von der Vielfalt. Einige [Moderatus bei Theon, Expositio 18,3-20,11 Hiller] sagen, der Anfang der Zahlen sei die Monade, während der Anfang von zählbaren Dingen das EINE ist. Dieser Körper kann endlos geteilt werden, damit Zählbare Dinge auf die gleiche Weise anders sind als Zahlen, wie sich Körperliches von Nichtkörperlichem unterscheidet. So hielten es die Alten mit der Zahlentheorie, während neuere Denker (Plato) den Ursprung der Zahlen in der Monade und Dyade bestimmen, die Pythagoreer alle Prinzipien als die sequentielle Folge von Bedingungen annahmen, durch welche die geraden und ungeraden Zahlen gedacht werden.«[3090] Der Weg der Vielheit kommt aus der Monade als Teilung, Augmentation oder Addition von 1 zu 2 zu 3 usw. und führt in sie zurück wie der Weg der Seelen aus der Himmelsheimat auf die Erde und zurück führt. Die Selbstkontraktion des weiblichen Apeiron aus der Vielheit minus Eins minus Eins ad infinitum endet in der Einheit als letztem Rest. Die Zahl ist als Form und Idee unsichtbar, aber die mit ihr zu zählenden Dinge sind sichtbare körperlich-materielle Mengen. Moderatus schien Platons Parmenides zu kennen mit dem EINEN hinter allem Sein (137c-142b), dem EINEN Seienden (142b-145a), dem EINEN als Einheit und Vielheit (145a-155e), dem EINEN als weder eins noch vieles (155e-157b), dem Vielen als Gegensatz des EINEN (157b-159b) und den Möglichkeiten eines Nichtseins des EINEN (160b-166c). Barbelo als Abschattungsmonade des unsichtbaren Geistes in Zostr 78,6-84,1 und 3StelSeth 122,1-34 könnte unter direkten Einfluß von Moderatus entstanden sein.[3091]
Plutarch von Chaironea (46-125 n.Chr.) gibt sich als Platoniker mit Annahme zweier Prinzipien: Gott als das Gute, die an sich indifferente Materie als Wirkfeld für das Böse. Die Ideen sind mitten zwischen Gott und der Materie: »Er sagte, die sich erinnern an die Teilung im Timaios (48e): sie teilt das Erste in Drei, von denen die Welt entstanden ist, von denen wir den einen mit dem angemessensten Namen Gott nennen, den andere Materie und den dritten Ideen. Die Materie nun ist von den Grundlagen die Unordentlichste/Gesetzloseste, die Idee von den Beispielen die Schönste, Gott aber von den Ursachen die Beste.«[3092] Plump gesagt ist Gott Vater, Materie Mutter und Ideen genetische Information des Spermas, was von Gott kommend im Mutterschoß Materie Wesen schafft. Für Plutarch gibt es eine Kompatibilität aller Religionen aufgrund der Identität dessen, was zu beschreiben sie versuchen. Jeder Mensch hat einen persönlichen Mittler (Engel, Dämon, Genius). Die Dämonen sind teils gut, teils böse und vermitteln zwischen Gott und der Welt.
Der Timarchosmythos De genio Socratis 591b setzt die 4 Prinzipien Leben-Bewegung-Vermehrung-Vergehen. Die Übergänge zwischen den Vieren sind folgende 3 mit den Moiren kombinierte: Unsichtbare Monade führt fast geburtsartig Leben (unter Atropos Macht) in Bewegung; Verstand/Sonne bringt Bewegung (unter Clothos Macht) zur Vermehrung; Natur/ Mond bringt unter Macht der Lachesis auf Zeugung den Tod.[3093] Vermehrung und Vergehen als Spanne des Lebens, Aufblühen und Abschlaffen, stehen unter der Lachesis. Trotz der Rede von 4 Lebensprinzipien ist auch hier eine Triade der Notwendigkeit tonangebende Lebenspanoramakurzform: Geburt, Kinderzeugen, Tod. Hier steht das Leben mit seinen Unabänderlichkeiten auf gleicher Stufe wie das göttliche Schöpfersein mit der in sich ruhenden Monade und dem demiurgischen Verstand.[3094] Christliche Passageriten entsprechen dem mit Taufe, Trauung und Beerdigung. Der schönste Tag im Leben der Frau ist die Hochzeit, die hohe Zeit der Befruchtung, so bildet die Vermehrung Clothos den Höhepunkt der Lebensspanne. Durch Sexualität entstanden ist der Mensch hier zur Sexualität berufen als dem Zentrum seines Wirkens.
2.5.8.6 Julians Chaldäische Orakel und die Urmutter Hekate als Feuergattin
Diese Wertzuwachs des weiblichen Prinzips (zwh/, wnH) in der patriarchalen Spätantike ist auch in der Hekate-Gestalt (cf 1.5.2.44) der Chaldäischen Orakel des 3.Jhs. zu finden.[3095] So ist sie die Weltgebärmeisterin: »Quelle der Quellen, Mutter, die das All in sich enthält.«[3096] »Rechts der Taille um die Höhle des Korns sprudelt sie vollgefüllt die Ströme der ursprünglichen Seele von oben herab und beseelt der Welt Licht, Feuer, Luft.«[3097] Ihre jugendliche Artemis-Kraft durchdringt alle Geschöpfe: »Links in ihrer Taille bewegt sich die Geschicklichkeit der Hekate als Quelle, innerhalb des Ganzen reproduziert sich das Jungfräuliche unablässig.«[3098] Sie hat die Flußqualität der Anāhītā als üppige Brust- und Wasserfülle: »Sie fließt aus den verständigen Glücklichen als Quelle und Fluß. Als Erste Kraft allen Seins hat sie von ihren unaussprechlichen Brüsten (aus dem Schoß) genommen die Kinder, die bei allem Hervorströmen herumkreisen.«[3099] Sie ist die Geliebte des Feuers: »Als Arbeiterin ist sie verheiratet mit dem Feuer und selbst dessen Lebensträgerin, und das Lebenmachen der Vielen ist der Busen/Mutterschoß der Hekate.«[3100] Wenn der Feuerdiebstahl des Prometheus von der Sonne und die Schmiedekünste des Hephaistos den Menschen mit dem Feuer die Kultur bringt als Metallgerätschaft, Rüstung, Schmuck, Ziegel- und Keramikbrand sowie Kochkunst, ist Hekate als Feuergattin Kulturschöpferin. Daß hier Sohn Atar oder Vater Ahura Mazdā als Gott des Feuers Pate stehen, ist offensichtlich. Wenn sie als Mitte zwischen zwei Vätern steht[3101], sind Vater und Sohn gleichmächtig, denn auch der Sohn kann Samen geben. Dann ist sie das Zentrum der Männer und die matriarchale Mitte ihrer Kraft. Die beiden sind das erste und zweite Feuer[3102], also Vater und Sohn. Atum ist als Sonne zwar auch Feuer, Schu als Luft aber bestenfalls Feuer nährend. Damit scheidet hier die ägyptische Tradition weitgehend aus als Quelle der Triade Vaterfeuer-Hekate-Sohnfeuer. »Der Vater hat sich weggerissen, er kann in sich selbst nicht vernünftig sein und hat das eigene Feuer geraubt.«[3103] Wenn dies die freiwillige Selbstausbeutung des überschüssigen Spermas im Stile des masturbierenden Atum meint, ist die »Selbstprivation der göttlichen Monade«[3104] insofern Selbstverminderung, als das Selbst um eine kleine Menge Sperma verkleinert wird und so minimal schrumpft. Hekate (Entfernte) ist chthonische Göttin der Nacht (Selene), der Unterwelt (Persephone), der Jugend (Artemis), der Wege und der Zauberei. Artemis wurde mit Anāhītā identifiziert, also kann auch Hekate Anāhītā sein. Dann aber sind Ahuramazda, Anāhītā und Miθra auf den Inschriften des Artarxerxes II. von Susa als das staatsbildende, weltbildende Trio hier gemeint.[3105] So scheidet der wenig populäre Atar als Gott des Feuers aus, während Miθra als Sonne die gleiche Feuerqualität wie Ahura Mazdā hat und Atars Sohnfunktion einnimmt.[3106] Weil beide aufgrund ihrer Anhängerschaften etwa gleiche göttlich Macht bekommen hatten, ist die Rede von den zwei Vätern der Hekate um so einleuchtender. Auch Marduk ist Sonne und hat in Tiāmat das Weib, so daß in Babylonien für das zeugende persische Sonne-Mond-Paar Resonanz bestand und auch die mondhafte Unterweltfruchtbarkeit von Ištar-Persephone in der vielgesichtigen obersten Liebesgöttin Hekate aufgesogen ist. »Denn aus ihr entspringen die erbarmungslosen Donnerkeile und blitzegebenden Brüste als Umgebungsglanz des vom Vater entstandenen Lichtes, Hekate und das von unten her lebendige Feuer sind eine Blüte, die als umfangender Geist vieler Feuer beieinanderliegen.«[3107] In jedem Feuertempel liegen der Vater und Hekate als Feuer-/Lichtgeber in Liebe vereint. Es ist eine Liebe der zwei Feuer. Ob hier der Rhea-Aspekt des blitzdonnernden Zeus-Sohns eine gewisse Rolle spielt, mag sein, doch der Hauptaspekt ist Anāhītā als Geliebte Ahura Mazdās. Sie ist in einer Diffusion zwischen Gebärmutter und Welt-Eigenschaften, wie dies typisch ist für iranisches Denken. Sie fließt in ihre Kinder ein, die aus ihr ausfließen, und beseelt als Weltseele so die Welt in jedem einzelnen Wesen. Diese Perichorese als iranische Ambiguität der Himmelswesen ist für die Fließgestalt der Barbelo bestimmend geworden. Sie hat die Qualität des Lebens, was sie als ewiges vom Vater will und bekommt.[3108]
Nikomachos (~50-150) stammt aus der Provinzstadt Gerasa, heute Jeraš 50 nördlich von Amman, in der damaligen Dekapolis. Nach Mk 5 trieb Jesus dort 2000 Dämonen aus dem trotzigen Grabhöhlenmenschen Legion in die Schweineherde, die anschließend baden ging. Er stammt also aus der Region, in der Täufer und Magier bekannt waren und könnte auch Kontakte zu ihnen gehabt haben. Studiert haben wird er wie Simon Magus in Alexandria, daher umfassende mathematische und philosophische Kenntnisse in seiner qeologou/mena t$=j a)riqmhtik$=j, die Photios Bibliotheke, Cod. 187 exzerpiert hat, und in der bekannten Arithmetischen Einführung, die Boethius in De institutione arithmetica wiedergibt.[3109]
Danach hat der Demiurg nicht die Ideen materialisiert, sondern den Kosmos nach den apriorischen Zahlen und einem Entwurfsplan realisiert, es scheint »durch die Vorsehung und den Geist, der das All erschaffen hat, voneinander abgesondert und geordnet worden zu sein gemäß der Zahl, indem das Vorbild verwirklicht wurde wie nach dem Logos eines Entwurfs (oi(/on lo/gon proxara/gmatoj), dadurch, daß die Zahl eingehalten wurde, die im Geiste des kosmosbildenden Gottes im voraus vorhanden war, die nur gedanklich zu begreifen und ganz und gar unstofflich ist, vielmehr in Wahrheit ewige Essenz, damit in Übereinstimmung mit ihr wie mit einem fachmännischen Logos alle diese Dinge: Zeit, Bewegung, Himmel, Sterne und alle Zyklen/Perioden (e)qeligmoi/) zustande gebracht werden.«[3110]
Nikomachos definiert Zahl als p$=qoj w(risme/noj. Die Zahlen waren vor der Schöpfung als Urbilder (para/deigma, a)rxe/tupon) im Geist Gottes präexistent. Er entwickelte eine Zahlenmystik.
2.5.8.8 Apuleius von Madaura und Alcinoos
Apuleius von Madaura (124-180 n.Chr. cf ausführlichst in 1.5.2.43) sieht mit Platon eine Dreiheit von Gott, daimo/nion und Mensch. Der qei=oj a)nh/r ist Vermittler und Mittelwesen zwischen Gott und Menschen.[3111] Er ist exzellent vertraut mit der zoroastrischen Magiertheologie und Priesterpraxis und tritt dem Isiskult bei. In Florida 15 beschreibt er die 5jährige Schweigepflicht und physiognomische Prüfung der Neulinge durch Pythagoras in Kroton. Sein Interesse ist stets, die Sonderstellung des priesterlichen Mittlers zu reflektieren.
Alcinoos, sein Zeitgenosse, lehrt dieselbe Prinzipientrias in seiner Epitome und Didaskalikos, wobei er Platons Demiurgen als unbewegten Beweger von Aristoteles hinstellt, der als transzendenter Vater alles anordnet, als Wille alles ausführend Leben erweckt auf der Welt und wiederholt zum transzendenten Vater (e)pistrofh/), so daß ihn die Weltseele bewundert und allem seine Ordnung verleiht (kosmhqei\j... diakosmei=).[3112] Celsus richtet als Platoniker gegen die Christen sein Wahres Wort (lo/goj a)lhth/j): Der göttlichen Kausalität steht die Notwendigkeit der Materie entgegen.
2.5.8.9 Numenius von Apamea: Pappos, Demiurg und Kosmoswelt
Numenius aus Apamea in Syrien (~160 n.Chr.) sieht Pythagoras als Lehrer Platons und mwush/j a)ttiki/zwn (attischer Moses), als Magier, Ägypter und Brahmane. Mehrere Schriften verfaßte er über Platons Werk.[3113]
Er unterscheidet drei hierarchisch
gestufte Gottheiten: 1. o(
prw=toj qeo/j, oder o(
pa/ppoj, der an sich gute erste Gott,
2. o(
deu/teroj qeo/j oder dhmiourgo/j
(o(
e)/kgonoj), der nur
durch Wesensgemeinschaft mit dem ersten (metousi/#
tou= prw/tou)
gut ist. Er ist zugleich Prinzip der Weltentstehung (gene/sewj
a)rxh/).
3. Die Welt ist das Erzeugnis des dhmiourgo/j
(o(
a)po/gonoj). Der
erste Gott sieht kontemplativ den zweiten Gott, der sich (Frg. 16) in
diesem
Kontemplationssehen des Ersten selbst erschafft und mit sich den Kosmos.[3114]
Er ist das aktive Lebensprinzip, z$=n bi/ou
eu)dai/monoj. Hier ist die Unterscheidung
nicht die von Mann/Frau, sondern Ruhe/Bewegung, Denken/Handeln. Auch
hier ist
das zweite Wesen der Präexistenz der aktiv schaffende Demiurg.
Kronius
und Harpokration
sind Nachfolger
des Numenius.
2.5.8.10 Amelios: Sein Haben Sehen
Amelius Gentilianus war Schüler von Numenius und später Sekretär Plotins. Nach Porphyr hat er über 100 Schriften verfaßt und wurde von Plotin geschätzt als einer seiner schärfsten Schüler. Er teilt das Göttliche in die Aktivphasen Sein-Haben-Sehen: »Dreifach macht Amelios den Demiurgen und drei Verstände, drei Herrscher: das Seiende, das Habbare, das Sehbare. Diese unterscheiden sich darin, daß der erste Verstand wirklich ist, was er ist, der zweite ist das in ihm Gedachte, es hat aber das für sich auch völlig Teil an jenem und hierdurch ist er ein zweiter. Der Dritte ist das in ihm und dieser. Denn jeder Verstand ist dem verbundenen Gedachten er selbst. Es gibt aber im Zweiten auch das Sehen des Ersten. Je größer der Abstand, desto schwächer/dunkler das Haben. Diese nun sind die drei Verstände und Demiurgen, die auch von Platon angenommen werden.«[3115] Amelios adaptiert Timaios 39e mit der Umsetzung der Idee in Bewegtes Leben und Timaios 42c-e; 91f u.ö. mit der Schöpfung von 4 Sorten Lebewesen gemäß der 4 Elemente: 1. feurige Götter, 2. Luft-Vögel, 3. Wasser-Fische und 4. Erde-Landgänger.
Das Sehbare als drei Seinsstufe ist die Quelle aller Seelen: »Drei Demiurgen gibt es nach Amelios. Er setzt sie nicht gleich mit dem Einen, sondern neben die Ideen und die gedachten Götter. Er unterscheidet den realen Verstand, das gedachte Sein und die Quelle der Seelen, dann das Unteilbare, dann das teilbare All-Eins, schließlich das Eine, was aus jeder Trennung entsteht.«[3116] Der realexistierende Verstand ist unteilbar, das Ideenreich teilbar und die Seelenquelle als Drittes das Produkt der anfänglichen Teilung des Verstandes in sich und seine Ideenwelt. Der frühe Plotin hat in Enneade III,9,1 drei ähnliche Phasen unterschieden: den unbeweglichen Verstand, den aktiv denkenden Verstand, den weltplanenden Verstand.
Genau so kann die Teilung Barbelos im Zostr verstanden werden: Kalyptos als unbewegt reiner Verstand, Protophanes als aktives Denken und Autogenes als weltplanender Verstand oder: Sein - Verstand - Leben. Wie bei Amelios aus dem dritten, sichtbaren Demiurgen die Seelen entstehen, so im Zostr aus Autogenes. Besonders wertvoll ist der Hinweis des Proklos auf die drei orphischen Schöpfergötter Phanes, Uranos und Kronos.[3117] Mit Protophanes ist auf Phanes angespielt und die Quelle der Orphik wird von Proklos wie ein weiteres Quellenwerk des Amelios angefügt. Kronos wird schon vor Pythagoras in der Theogonie des Pherekydes als Zeitgott verehrt, der aus seinem Samen Feuer, Luft, Wasser generiert.[3118] Auch Solon dichtet um 600 v.Chr., daß seine Taten ihn »vor Kronos Richterstuhl« verteidigen werden.[3119] Auch hier wird Zeit vergöttlicht. Hen(slav) 30,3 ist Kronos oberster Planet.
Amelios
ist eine der Schaltstellen, wo orphische, pythagoreische und
platonische
Traditionen sich verschränken. Daß die Orphik auch
eine Schöpfertriade erkennen
läßt, macht sie interessant für den
triadisch denkenden Spätredaktor des Zostr.
2.5.9 Der Valentinianismus und seine
Einflüsse auf den Zostrianos
Valentin (~100-160/165) stammt vermutlich aus Alexandria, wo wohl auch seine Werke entstanden, und kam 136 nach Rom und wirkte dort teils gemeindeleitend und später lehrend bis 160/165.[3120] Vorher oder hernach war er auf Zypern. Er wird von Tertullian als Erzhäretiker diffamiert, der gerne Papst geworden wäre und Märtyrerleid scheute.[3121] Fragmente seiner homiletisch-praktischen Werke zeugen von poetischer Gestaltungskraft in hellenistisch-platonischer Tradition. Die bei Clemens Alexandrinus erwähnte Dogmatik »Über die drei Naturen« ist verschollen. Hauptquelle (⅔) seiner Fragmente sind Zitate in Clemens Stromata.[3122] Sein System nennt Jonas die »Krönung der syrisch-ägyptischen Gruppe«.[3123] Ptolemaios und Herakleon sind seine westlichen und wohl auch direkten Schüler, Theodot sein östlicher, cf Clemens Excerpta ex Theodoto. Nach TestVer 56-59 bildeten die Valentinianer eine separate Gruppierung unter den gnostischen Formationen. Origenes entwickelt Valentins Lehre fort. Valentin habe die Vision eines kleinen Jungen gehabt, der sich als Logos vorstellte. Dies war eine Art Berufungsvision, die ihn zum Mittelpunkt einer Gnostikergruppe erhob.
In kosmologisch-ontologischem Dualismus von göttlicher versus irdischer Welt existiert Gott versus Demiurg und pneumatischer versus hylischer Mensch. Der Demiurg (Ex 33,20 LXX) ist Ursache der Sterblichkeit des hylischen androgynen Menschen in seiner Syzygie maskuliner und femininer Anteile, der nach Gen 1,27 erlösungsbedürftig ist.
2.5.9.1 Bythos, Sige und das Pleroma der 30 Äonen als Familien-Sekte
plh/rwma ist die zentrale Dimension, in 7 valentianischen Pleroma-Theorien greifbar.[3124] Erstmals begegnet der Begriff bei Thukydides Historiae 7,13,2 als »Fülle« von Schiffen, dann bei Euripides Medea 203 als Sattheit des Festes, in Cyklops 209 als Käse-Füllung und in Troiades 823 die Aufgabe der Befüllung. Bei Herodot Historiae 3,22 ist von der Summe von Männern und 8,43-45 von der Vollgeladenheit der Schiffe die Rede. Platon spricht im Staat 371e von der Vollbesiedelung der Stadt und Kritias 119b von der Summe von 1200 Jünglingen. Auch Aristoteles meint damit die Summe. Sophokles Trachiniae 1213 meint Auffüllung. Im NT ist die Erfüllung von Voraussagen oder die Erfüllung der Zeit als Fristablauf einer Periode oder eine zahlenmäßige Vervollkommnung gemeint.[3125] In der Mithrasliturgie findet sich eine Parallele, wo Miθra-Sonne-Vater mit Anāhītā-Sige und den polumwandelnden Göttern des platonischen Phaidros angerufen werden, cf 2.3.7. Die Quelle des Pleroma könnte weniger im Jahwe-Hofstaat als eher im Götterzug des Phaidros liegen, der ja auch schon die chaldäische Astrologie einbezieht. Das Platon-Motiv des göttervollen Himmels ist im Mithrizismus so gerne rezipiert worden, weil der iranische Himmel wie der Olymp auch voller Götter steckt, deren lange Litaneien zum Durchhalteblues der Magier wurden.
Nach Irenaeus präexistiert in unsichtbaren und unsagbaren Höhen ein vollkommener Äon, der Voranfang oder Abgrund (buqo/j), der Ewigkeiten in tiefer Ruhe mit Ennoia-Sige-Charis verharrt, bis er den Gedanken bekommt, den Anfang aller Dinge auszuwerfen, was er dann als Samen in Sige pumpt.[3126] Diese gebiert Nous und Aletheia. Nous heißt auch Monogenes und ist Vater und Ursprung aller Dinge.[3127] Dies könnte Quelle für Autogenes im Sethianismus sein: Er ist Sohn des höchsten Urgottpaares und Schöpfer der materiellen Welt. Daß Urgott und Weltschöpfer gesplittet sind in Vater-Sohn, die Demiurgenfunktion vom Urgott abgeteilt ist, ist alte nazoräische Tradition, in der mehrere Göttergenerationen entstehen, bevor einer der Nachfahren die Welt schafft. Strukturale Affinität zu Valentins System ist unverkennbar.
Die probolh/ des Samens ist Urmodell der Emanation. Das Pleroma ist die Fülle des ejakulierten Ur-Vatersamens im Status der Ausreifung zu halbindividuierten Wesenheiten in der androgynen Ambiguität von männlich-vernünftiger Person und raumhaft-weiblichem Äon. Wo immer die Rede vom Vater ist, fungiert er als ejakulierender Zeuger mit dem Zeiger des Begehrens, dem Penis, der die Frau als Samenbank des Seins vollpumpt bis zum Pleroma als völliger Fülle. Er schützt die Seinigen, weil sie nach seinem Bild, seinen Genen geschaffen ein Teil von ihm sind. Sein Bewahrungshandeln ist narzißtische Obhut des Seinigen und Besitzstandswahrung des in die Kinder verlängerten Phallus und Samens. Die Grandiosität des Urvaters ist die unendliche Verlängerung seines Phallus von Geschlecht zu Geschlecht wie Sand am Meer (Gen 22,17). Darum kann für die eigene Sippe alles Rettende getan werden, während an Menschen anderer Sippen der Bann vollstreckt werden muß.[3128] Dem Narzißmus göttlicher Partizipation beim Kind entspricht der Narzißmus des Zeugers, der Vaterstolz auf die starke Sippe aus seinem Phallus, dessen höchste Steigerung der Inzest ist.
Irenaeus (I,1,1) läßt aus Monogenes mit Aletheia die Syzygie Logos und Zoe und alle weiteren 30 Äonen als Paare entstehen, die aber trotz großer Sehnsucht den Urvater nicht sehen können; dies kann allein Monogenes. So ist der Urvater auch hier wie im Sethianismus ein Unsichtbarer Geist. Auch im Zostr ist das Motiv des Sehenkönnens der himmlischen Gestalten zentral; hier führen Taufen als stufenweise Vergöttlichungen zu mehr Klarsicht auf höhere Himmelswesen.
Epiphanius übernimmt die Irenaeuspassage wörtlich. Nicht der Vater ist treibende Kraft, sondern die Ennoia in ihm verführt den Vater.[3129] Hier ist die Frau lüsterne Eva und der Vater Opfer - projektive Verkehrung sexueller Aggressionsverhältnisse des Männchens gegen das Weibchen.
In Hippolyts Version gebiert der Vater ganz allein ohne jede weibliche Mitwirkung zwei Syzygien, die die von Sophia mangelhaft geschaffene Welt in gute Ordnung bringen und retten sollen. Die Pleroma-Konstruktion entstamme pythagoreischen Zahlenspekulationen, meint er Refutatio VI,29, wo er Valentins Kosmologie ohne Sige darstellt: »Es bestand gar nichts Erzeugtes, der Vater existierte allein, unerzeugt, ohne Ort, ohne Zeit, ohne Ratgeber, ohne irgendeine auf irgendeine Art denkbare Substanz; er war allein, einsam, wie sie sagen, und einzig in sich selbst ruhend. Weil er aber zeugungsfähig war, so beschloß er einmal, das Schönste und Vollkommenste, was er in sich hatte, zu erzeugen und hervorzubringen; er liebte die Einsamkeit nicht. Er war nämlich ganz Liebe, die Liebe ist aber nicht Liebe, wenn kein Objekt der Liebe existiert. Der Vater also, da er allein war, erzeugte Nous und Aletheia, also die Dyas, die Herrin, Anfang und Mutter aller Äonen wurde, die von ihnen zugezählt werden zum Pleroma. Nachdem Nous und Aletheia vom Vater hervorgebracht waren, der Zeugungsfähige vom Zeugungsfähigen, brachte er (Nous) in Nachahmung des Vaters Logos und Zoe hervor. Der Logos und die Zoe bringen den Menschen und die Kirche hervor. Nachdem Nous und Aletheia gesehen hatten, daß ihre Nachkommen zeugungsfähig geworden waren, dankten sie dem Vater des Alls und brachten ihm die vollkommene Zahl, die 10 Äonen dar. Nous und Aletheia konnten dem Vater nichts Vollkommeneres als diese Zahl darbringen. Denn der Vater als vollkommenes Wesen sollte durch die vollkommene Zahl verherrlicht werden. (...) Als Logos und Zoe sahen, daß Nous und Aletheia den Vater des Alls durch die vollkommene Zahl verherrlicht hatten, wollte Logos durch Zoe seinen Vater und seine Mutter verherrlichen. Weil aber Nous und Aletheia erzeugt waren und nicht vollkommene väterliche Unerzeugtheit hatten, verherrlichten Logos und Zoe ihren Vater Nous nicht durch die vollkommene Zahl, sondern durch die unvollkommene; Logos und Zoe bringen nämlich Nous und Aletheia 12 Äonen dar. Nach Valentin sind die ersten Wurzeln der Äonen Nous und Aletheia, Logos und Zoe, der Mensch und die Kirche, 10 gibt es von Nous und Aletheia, 12 von Logos und Zoe, 28 insgesamt; man nennt die 10: Bythios (Tiefe) und Mixis (Mischung), Ageratos (Nichtaltern) und Henosis (Einheit), Autophyes (Selbstentstehung) und Hedone (Freude), Akinetos (Unbewegtheit) und Synkrasis (Vermengung), Monogenes (Eingeborener) und Makaria (Seligkeit). Dies sind jene 10 Äonen, welche die einen von Nous und Aletheia, die anderen von Logos und Zoe herleiten. Andere wieder leiten die 12 vom Menschen und der Kirche ab, andere von Logos und Zoe; man nennt sie: Parakletos (Tröster) und Pistis (Glaube), Patrikos (Väterlicher) und Elpis (Hoffnung), Metrikos (Mütterlicher) und Agape (Liebe), Aeinus (Ewiger Verstand) und Synesis (Geisteskraft), Ekklesiastikos (Kirchlicher) und Makariotes (Seligkeit), Theletos (Wille) und Sophia (Weisheit).« Das ganze Pleroma ist also eine Großfamilie von 30 Personen: Gott und Sige als Großeltern, Nous und Aletheia als Eltern, Logos und Zoe als Kinder und Christus & Kirche als Enkel. Dies ist die uranfängliche Achtheit aus 4 androgynen (a)rr(eno/qhluj) Paaren.[3130] Die Ogdoade ist bei Irenaeus 55mal Thema und neben der Dreißigheit zentrale Kategorie. Die Eltern Nous/Aletheia haben zusätzliche 10 Kinder, die Kinder Logos/Zoe 12 weitere Enkel, die wiederum als Syzygien geboren den Inzest der Magier spiegeln, so daß Gott inklusive die Zahl der Monatstage voll wird, die auch den von Simon Magus übernommenen Johanneskreis kennzeichnete. Die Namen der Äonen sind dabei Wesenseigenschaften wie die iranischen Aməša Spənta und alle sind Züge des unerkennbaren Vaters, wie eben auch die Aməša Spənta Gotteshypostasen Ahura Mazdās sind. Hier der Stammbaum:
|
Pleroma 10 +
12: |
||
|
" " " " V |
Nous + Aletheia " " V " |
->Bythios
+ Mixis ->Ageratos +
Henosis ->Autophyes +
Hedone ->Akinetos
+ Synkrasis ->Monogenes + Makaria |
|
" " " " " V |
Logos + Zoe " " " " V |
->Parakletos +
Pistis ->Patrikos
+ Elpis ->Metrikos
+ Agape ->Aeinous
+ Synesis ->Ekklesiast +
Makariot ->Theletos
+ Sophia |
|
V Horos = Stauros |
Mensch + Kirche |
Sophia
-> Achamoth Pleroma
-> Jesus |
|
Christus + Hl.
Geist |
|
Achamoth
-> Demiurg ->
Plasma Welt Seelen |
2.5.9.2 Der androgyne Urgott als Urzwillings-Syzygie Bythos-Sige
Die Androgynität des Urgottes und seiner Kindeskinder finden wir in Zurvan[3131], ¹Aiw=n, Atum-Re, Marduk, Ištar, Gayōmard und den Urzwillingspaaren der zervanistischen Protologie.[3132] »Wie die Phönizier ihren Agdistis, die Orphiker ihren Phanes oder die Mise, die Zervaniten ihren Zrvan, die Inder selbst später den Prajāpati oder Brahman, die Ägypter den Ptah, so haben die Arier bereits sich Yama als geschlechtlich ungespalten, als mann-weiblich vorgestellt«.[3133] Bundahišn 23 und 31 schildert den inzestuösen Urmenschen Yima als ersten, tausendjährig regierenden König mit seiner Zwillingsschwester Yimak, unsterblich, vergöttlicht, Totenreichherrscher und Sonnensohn.[3134] Mašyag und Mašyanag in Bundahišn 15 sind funktionsgleich. In der mandäischen Heilsgeschichte GR I,181 finden sich die persischen Urzwillingspaare Ram und Rud wieder.
Wir können daraus schließen: Die zervanistischen Urzwillige sind in die nazoräische Tradition aufgenommen worden, teils unmittelbar, teils über Platons Kugelwesen. Daß die Götter als Äonen bezeichnet werden, könnte mit dem in römischer Zeit im Umkreis des Mithrizismus verbreiteten ¹Aiw=n-Kult[3135] zu tun haben. Die Gottesfeatures von Zurvan und ¹Aiw=n lassen sich auf den unbekannten Vater Valentins lückenlos übertragen. Von hier aus wird noch einmal die Ambiguität des Bythos verständlich, der bei Hippolyt monadisch, bei Irenaeus/Epiphanius syzygisch emaniert. Der vermeintliche Widerspruch löst sich, indem der Vater mannweiblich und somit klassisch zeugt und gebiert. Wenn Valentin aus ägyptischen Traditionen stammt, dürften die Atum-Tefnut-Schu-Triade bei ihm den Urstein der Lehre vom androgynen Vorzeitgott gelegt haben, wobei jüdische, nazoräische und Magiertraditionen in Alexandria ebenfalls vertreten waren, wenn Simon Magus hier bei Magiern studierte, wie die Pseudoklementinen berichten.
2.5.9.3 Sophia und die Lust an Erkenntnis als Entdeckung der Lust
Das unterste der Äonenwesen, Sophia, ist am weitesten vom Vater entfernt und so am wenigsten integer. Sie gerät vorwitzig (to/lmh) auf der Suche nach dem Urvater ohne Umarmung ihres Gatten in die Leiden des Orgasmus, bis die Grenzkraft ÀOroj, die Alles befestigt und außerhalb der unaussprechlichen Größe bewacht, sie vor dem Verschlungenwerden von der Süße des Lustabgrundes festhält, zu sich selbst in die Schranken ihres Wesens zurückbringt und sie überzeugt, daß der Vater unfaßbar ist.[3136] Diese Vaterlust Sophias ist ähnlich bei Theodot überliefert.[3137]
Bei Hippolyt Ref. VI,30,6f will Sophia auf der Suche nach dem Vater ihm gleich ohne Paarungsakt ein Baby hervorbringen. »Zur Tiefe des Vaters emporeilend nimmt sie wahr, daß alle gezeugten Äonen durch Paarung zeugen, der Vater allein paarungslos, und will es ihm nun hierin gleichtun und auch aus sich ohne Gatten zeugen, damit ihr Wirken dem des Vaters nicht nachstehe. Sie verkannte, daß dies alleinige Fähigkeit des Ungezeugten ist und so vermochte sie nur eine formlose Wesenheit hervorzubringen.« Der Fall der Sophia als unterstes Glied der Götterkette ist in allen Versionen aus der inzestuösen Sehnsucht nach dem Vater motiviert. Das vermessene Vaterverlangen (e)nqu/mhsij) der liebestollen Tochter ist nicht nur mit Tefnut-Ma‘at-Mythos, sondern auch in Gen 2f ausgeführt, wo Eva, aus Adam genommen, ebenfalls dessen Tochter ist und ihn verführt, das Tabu göttlicher Liebes-Erkenntnis zu überschreiten. Wenn im Sophiamythos Valentins durchgängig von Erkennen des Vaters gesprochen wird, gilt dieselbe Gleichung mit „sexuell erforschen“ wie bei (adfy.[3138] Wenn Christus und vor ihm Nous predigen, der Vater sei unerforschlich, heißt das auch: Er steht nicht für Liebesdinge bereit in seiner ewigen Ruhe. Gott liebt die Welt nicht mehr direkt, sondern nur noch in der Vermittlung über Trösterfiguren, Äonen, Engel, Christus, Jesus, Apostel. Der unsichtbare Geist ist nicht nur der Welt, sondern schon der himmlischen Äonenwelt fundamental entzogen und der Schmerz über den Verlust des Vaters in seiner Hesychie treibt die Äonen-Kinder in den Wahnsinn, ihn dennoch leibhaft und sinnlich erfahren zu wollen. Die Gnosis leidet an der Unerfahrbarkeit des Schöpfers und ist der Versuch, seine Liebe in die eigene Erfahrung einzuholen.
Die Erkenntnisinteressen des jungen Mädchens am Vater sind der Anfang der Wissenschaft: Wie macht der Vater ein Baby? Das Forscherinteresse bildet sich ontogenetisch an sexueller Neugier und von hohem Interesse ist der Penis des Vaters. Es ist ein archetypisches Liebesmotiv: »Der Verzicht auf den Penis wird nicht ohne einen Versuch der Entschädigung vertragen. Das Mädchen gleitet - man möchte sagen: längs einer symbolischen Gleichung - vom Penis auf das Kind hinüber, sein Ödipuskomplex gipfelt in dem lange festgehaltenen Wunsch, vom Vater ein Kind als Geschenk zu erhalten, ihm ein Kind zu gebären.«[3139] So tabuisiert Inzest in unserer Zivilisation ist, so virulent ist er zugleich; dem entspricht die Dunkelziffer sexuellen Mißbrauchs an jedem 4. Mädchen.[3140] So gibt es auch in der patristischen Valentin-Rezeption die Tendenz einer Verwässerung des sexuellen Charakters der Vatersehnsucht Sophias zu einem „Gedanken“. Gerade die ersten Gedanken sind immer die animalischen und der Anfang des inbrünstigen Singens ist nicht der Hungerschrei der Brut, sondern der Brunftschrei und Lockruf.
2.5.9.4 Horus, Christus und die Vertreibung der Lust aus dem Pleroma
Das Leiden der Sophia inscribiert sich in ihre vaterlose Tochter, die untere Sophia, als Abfolge von Unwissenheit (a)gnoi/a), Betrübnis (lu/ph), Furcht (fo/boj), Erschrecken (e)kplh/cij), Ratlosigkeit (a)pori/a I,1,7,29; I,1,10,2). Genau diese pathologisch depressiven Befindlichkeiten der sehnenden, unerfüllten Seele werden zu den Markenzeichen der materiellen Existenz.[3141] Es dürfte aber die schizoide Disposition der Psychiker betreffen, die unter ihrer begierdereichen Körperlichkeit leiden, weil ihr Geist eine Ruhe und Harmonie ersehnt, die er nur im Himmel für möglich hält. Die Hyliker werden bei ihrer »Anbetung der Genitalien« als Ausdruck dafür, »daß die Genitalien ursprünglich der Stolz und die Hoffnung der Lebenden waren«[3142], weniger Trübsal blasen im salutogenen Einklang mit ihrer somatischen Vitalität. Die Pneumatiker haben unter ihrer bereits hormonell reduzierten Leidenschaft (3.6.9: Hypothalamus drosselt Releasinghormone usw.) am wenigsten zu leiden und sind aufgrund visionärer Veranlagung ihrer dorsalen Sehrinde (1.2.3) in den Phantasiewelten der Himmelsreisen immer schon leichter beheimatet als im harten Stoffwechsel mit der Natur.[3143]
Umkehr (metanoi/a I,1,5,7) als Abkehr von Unwissenheit, Betrübnis, Furcht und Verzweiflung ist Bußpraxis der Täufer und so wird Sophia Urmodell für ihre weltlichen Kinder, zumindest die Psychiker. Die Reue der Sophia ist Paradigma der Reue der Getauften und nicht grundlos heißt im Zostr der Äon unterhalb von Autogenes metanoi/a.
Horos treibt die verzweifelnde unerfüllte Lüsternheit aus ihr aus, fügt die reumütig Bekehrte wieder in die Großfamilie der 30 Pleroma-Äonen und scheidet die Lüsternheit und Leidenschaft als Sophias erste Zeugung aus dem Himmel aus als formlose und unansehnliche (a)/morfon de\ kai\ a)nei/deon) Substanz und kraftlose weibliche Frucht.[3144] Diese Zeugung, der Lustanteil der himmlischen Sophia, wird abgespalten zur zweiten, unteren Sophia oder Achamoth, die in die Schattenwelt und Leere fernab von Licht und Fülle ausgeworfen ist.[3145] Christus versucht sie, durch Gestaltung vollkommen zu machen, kann aber nicht lange von seinen missionarischen Aufgaben im Pleroma fernbleiben. So konnte er sie dem Wesen nach gestalten, aber nicht der Erkenntnis nach.[3146]
Die untere, aus dem Paradies der Äonen vertriebene Sophia mit einem »Geruch von Unsterblichkeit, der in ihr von Christus und der Heiligen Geistin gelassen war«[3147] hat einen androgynen Doppelnamen: Von ihrem Vater (sic!) her, der auch androgynen oberen Sophia, heißt sie Sophia, von der sich um Christus tummelnden Heiligen Geistin heißt sie Heiliger Geist.[3148] Sie strebt in bekannter Lüsternheit zum Vater, wird aber von Horos am Himmelseintritt gehindert mit dem Ruf „Iao“ und so nur noch lüsterner, genau wie vormals ihre Mutter, die himmlische Sophia.[3149] Der Prounikos-Mythos beschreibt die Ausgrenzung der Lust im himmlischen Ensemble.
Das Ignorante und Amorphe, Grenzenlose, Tabulose ist auch bereits das Gesetzlose, die Übertretung und Sünde. Horus ist somit auch der Begrenzer der Abirrungen, ist Himmelspolizist und -richter. Ähnlich wie hier bekommt Sophia nach ihrer Reue im Zostr einen Ruheort im Himmel eingeräumt, so wird sie wieder in ihre Äonen-Großfamilie aufgenommen. Als Festiger heißt Horos auch Stauros, als Trenner des Pleroma vom unsichtbaren Urvater oder vom Kosmos Horos.[3150] Hippolyt Ref. VI,31,4f trennt Horos Sophias Fehlgeburt (e)/ktrwma) vom Pleroma, damit die Geschwister-Äonen nicht kirre werden vom Anblick formloser Lust. Er hat auch Wiederherstellungaufgaben, cf Ref. VI,31,6. Fortan gibt es durch die Trennungsarbeit des Horos das saubere Pleroma und die Welt mit schmutziger Lust. Der Dualismus von Gut und Böse ist geschaffen. Sophia klagt über ihre lüsterne Mißgeburtstochter und weckt damit das Mitleid der Geschwister-Äonen so sehr, daß sie eine Petition beim Urvater einreichen. »Der Vater litt mit den Tränen von Sophia und nahm das Flehen der Äonen an und brachte ein weiteres Hervorspringen zustande. Aber er brachte nicht, wie Valentin sagt, sich aus sich heraus, sondern er brachte aus sich heraus Nous und Aletheia, Christus und den Heiligen Geist zur Wiederherstellung der Form, zur Zerstörung der Abirrungen, zum Trost und um Sophias Klagen zu beenden. Und dreißig Äonen kamen ins Dasein zusammen mit Christus und dem Heiligen Geist. Einige von diesen (Valentinianern) behaupten, daß dies eine Dreißigkeit von Äonen sei, andere wollen glauben machen, daß Sige zusammen mit dem Vater existiere und die Äonen mit ihnen zusammenleben.«[3151]
Bei Irenaeus werden Christus und seine syzygische Paargenossin Heilige Geistin geschaffen und belehren die Geschwisterhorde über die Unerkennbarkeit des Urvaters, damit nicht noch ein anderer der 30 Äonen auf dumme Gedanken kommt, zur Verhinderung von Lustleiden und inneren Festigung (ph=cin kai\ sthrigmo/j).[3152] Man könnte meinen, solche Weisung haben Himmelswesen nicht nötig, aber darin sind sie fehlbar wie Menschen, daß sie sich mit ihrem ou)k oi=da nicht sokratisch bescheiden können.[3153]
Es geht im Himmel höchst menschlich zu, genau wie in der Sekte, die dies tradiert. Die Lehre Christi über Gottes Größe und Unerkennbarkeit ist vorab für die Valentinianer selbst bestärkend in ihrem Getriebensein von Gotteslust und Gotteszweifel. Es geht um den Erkenntnisverzicht Gottes, der in seiner Ataraxie und ewigen Ruhe nicht belästigt werden will durch religiöse Zuschauer. Der Heilige Geist macht alle Äonen gleich und lehrt sich, dem Vater zu danken. Dieses Gleichmachen verteilt die individuelle Eigenschaft eines jeden Äon auch auf alle anderen, so daß am Ende jeder die gesamten Eigenschaften aller anderen ebenso besitzt.[3154] Der Pfingstkommunismus Acta 2,44-47 ist hier deutliche Vorlage, aber auch die paulinische Idee Gal 3,28, daß alle Menschen bei all ihren Unterschieden eins werden in Christus und Glieder eines Leibes sind. (Rm 12,4; 1Kor 12,12-25) Valentin zitiert gerne Paulus. Von den paulinischen Gemeinde wissen wir, daß dieser Urmenschmythos vom großen Leib und den vielen kleinen Gliedern mit ihren multiplen Charismen ein Versuch war, bei allen geschlechtlichen und sozialen Differenzen der Slaverei ansatzweise den Liebeskommunismus zu leben, den die Jesusbewegung versucht hatte; in der Entwicklung zum Frühkatholizismus erst hat sich eine Ämterhierarchie ausgebildet, die Christi Stelle mit Würdenträgermine ersetzte. So dürfte auch die innerpleromatische Aufhebung der Rang- und Qualitätsunterschiede auf eine Korrelation mit einer entsprechenden Gemeindestruktur der Valentinianer schließen lassen: Wie die Äonen des Pleroma von Christus, Nous und Horus unterwiesen und gefestigt werden und von der Heiligen Geistin einander so nahegebracht, daß die Charismen eines jeden auf den anderen abfärben und assimilieren, so dürfte die valentinianische Gemeinde in einem sehr innigen Verhältnis miteinander gelebt haben, so korporativ, daß selbst der endzeitliche Eingang ins Pleroma als gemeinschaftlicher Gang vorgestellt wurde. In dieser Solidarität sind sie in der Nachfolge des fußwaschenden Jesus.
Als Frucht ihrer neuen Einheit im Geist bringen die Äonen gemeinschaftlich - jeder gibt seine Schönstes und Lieblichstes - als vollkommenstes Wunderwerk Jesus hervor[3155], der zum Trost der unteren Sophia bestimmt ist, weil Christus für Kriseninterventionen im unteren Bereich bei seinen Aufgaben im Pleroma nicht abkömmlich ist und dieses auch nicht mehr verlassen will.[3156] Jesus, ungepaart erschaffen, soll als Gatte der ebenfalls ungepaart erschaffenen unteren Sophia diese trösten. Er wird mit Begleit-Engeln herabgeschickt. »Sie deckt aus Scheu vor ihm ihr Angesicht zu, dann aber, als sie ihn mit seiner ganzen Fruchtbarkeit (karpofori/#) gesehen habe, sei sie zu ihm gelaufen und habe aus seiner Erscheinung Kraft bekommen. Und jener habe ihr die Gestaltung der Erkenntnis nach gegeben und sie von ihren Leiden geheilt.«[3157] Er befriedigt sie durch syzygische Liebe mit Spermakraftgabe und Exorzismus all der Sehnsucht, die sie quält. Er heilt sie von ihren Affekten durch Erkenntnisoffenbarung über den Vater. Er »reinigt das verdorbene Herz des Menschen, das wie ein schlechtes Touristenhotel mit allerlei Müll und Schutt angefüllt ist.«[3158] Auch dies Motiv ist ursprünglich ein Täuferthema. Aus dem, was er aus ihr exorzistisch abspalten kann, entsteht Materie und der Kosmos.[3159] »Aus der Hinwendung nämlich hätten alle Seelen der Welt und des Demiurgen ihren Ursprung, aus der Furcht und der Trauer habe das Übrige den Anfang erhalten.«[3160] Die Welt ist die dunkle Seite der Götter, die diese nicht ertrugen und nach unten entsorgt haben durch Geburten, die defäkativen Charakter tragen, was Freuds Gleichung von Phallus, Baby und Kotsäule nur bestätigt.[3161] Die dunkele Seite der Emanation ist der Exorzismus.
2.5.9.5 Der Demiurg, die Hyliker, Psychiker und Pneumatiker
Achamoth-Sophia gestaltet aus ihrem Pathos den Demiurgen, der alles weitere gestaltet nach ihrem Plan: Rechtes und Linkes wie bei den Ophiten, Psychisches und Hylisches.[3162] Dieses wird im zweiten Arbeitsgang materialisiert, wobei den Menschen ein „Kleid aus Fell“ übergezogen wird: das Körperfleisch.[3163] Diese zunächst geistige Weltschöpfung, die später materialisiert wird, hat ihren Ursprung im zervanistischen Denken von mēnōk und gētīk. Dabei entstehen die 3 Menschentypen: Hyliker haben weder Seele noch Geist, Psychiker haben Seele und so Willensfreiheit, sich von den Begierden abzuwenden, aber keinen göttlichen Geistsamen, Pneumatiker haben alles und Rettungsgarantie. Kain ist Vater der Hyliker/Choiker, Abel Vater der Psychiker, Seth Vater der vollkommenen Pneumatiker.[3164] Pneumatisches Leben verdankt der Mensch der Einhauchung göttlichen Samens.[3165] Er wird als Körpersack durch den Demiurgen geschaffen, bekommt von Achamoth die Seele und vom Pleroma über Jesus und Taufe pneumatischen Samen. Valentin, Ptolemaios und Herakleon sehen Jesu Körper hylisch wie jeden Menschen: er ging durch Maria durch wie Wasser durch einen Schlauch. Erst durch die Taufe kam Pneuma als der vom Pleroma gebildete himmlische Jesus in Taubengestalt auf ihn, der den pneumatischen Samen der Achamoth bei sich führt.[3166] Die Taufe ist also der Akt der Besamung des erst mal hylisch mit noch leerer Psyche auf die Welt gekommenen Pneumatikers, der aber im Gegensatz zu anderen diesen Samen aufnehmen und vollkommen werden kann. Von genau dieser Logik ist auch die Vollkommenwerdung durch die Taufen im Zostr. Gelitten hat am Kreuz auch nicht der pneumatische Teil Jesu, der schon bei Pilatus wieder gen Himmel abging, sondern nur sein psychischer und hylischer Teil. Es ergeben sich drei Quellen: 1. Heiland Jesus mit pneumatischem Samen des Pleroma, 2. Mutter Achamoth mit Psyche und 3. Demiurg mit Körper. Nach diesen Quellen ist der Mensch konstruiert: Alle haben Körper, viele Seele und wenige Geist. Axionikos und Bardesanes sehen Maria als apriori göttlich befruchtet und Jesus nur als Gott. Der pneumatische Auferstehungs-Leib 1Kor 15,44 ist der von der hylischen Hülle befreite Leib der Christus-Besamten in ihrer himmlischen Existenz. Schon bei Paulus ist der Typus des Pneumatikers entwickelt.
Gerettete bußfertige Psychiker kommen mit den Pneumatikern post mortem in die Ogdoas über dem Demiurgen und unterhalb des Pleroma, also in die Fixsternsphäre über den 7 Himmeln (=Planeten) zur Mutter Achamoth zurück. Psychiker konnten durch Askese und Sozialdienst an diesen „Ort der Mitte“ (o( th=j meso/thtoj to/poj)[3167] gelangen; für Pneumatiker zählen zum Paradiesgang gute Taten wie im Iran überhaupt nicht, sondern einzig der Same, die himmlische Abkünftigkeit. Pneumatiker haben ihre Seelen als Kleid. Am Weltende, wenn der ganze Same vollzählig wieder hochgeschossen ist in die Ogdoas, werfen sie diese ab und gehen mit der Mutter ins Pleroma ein, die Mutter bekommt Jesus, die Pneumatiker Engel.[3168] Die Materie verbrennt im Feuer der Unwissenheit. Die Psychiker verbleiben in der Ogdoas, die einst eine Mittlerplattform zwischen Pleroma und Materie war. Soweit Irenaeus.
Anders Clemens: »Valentinos schreibt in einer Homilie: Von Anfang an seid ihr unsterblich und Kinder des ewigen Lebens und der Tod wird in euch keine Spaltung erreichen, damit ihr ihn mit großem Aufwand vernichtet, und der Tod wird sterben in und durch euch. Denn bis ihr den Kosmos erlöst, bleibt ihr unerlöst und werdet die Erschaffung und das Vergehen aller beherrschen.«[3169] Hier sind die Pneumatiker als Erlöser angerufen, die am Ende ins Pleroma gehen, vorher kann die Welt nicht untergehen im stoischen Brand. Nach Clemens Excerpta gestaltet Sophia als »Maler« die Welt aus Plasma in ihrer Unvollkommenenheit als Abbild zur Ehre des wahren Gottes. »Der Demiurg wird wie Gott auch Vater genannt als Bild des wahren Gottes und schaut zu seiner Prophetin, der Malerin Sophia, deren Plasma oder Bild zur Ehre des unsichtbaren bei jeder aus einer Paarung hervorgeht. Sie ist das Pleroma, das als Abbilder vom EINEN abstammt. Als sie erschien, gab es die Seele aus der Mitte, das Verschiedene kam und dies ist die Einblasung des göttlichen Samens, und nach dem Ganzen, was die Seele be-geistert, das Bild des Geistes, und nach allem, was beim Demiurgen gesagt wird, ist sie nach dem Bild geschaffen. Das selbe Schicksal ist im Abbild zu erkennen wie es in der Genesis über die Entstehung des Menschen prophezeit ist.«[3170] Gott und Welt sind platonisch wie Original und Kopie, wie Bildidee und Ausführung, wobei Valentin voll Lobes für die Schöpfung ist.
2.5.9.6 Markus der Magier als göttlicher Samenspender/Mutterschoß
Daß im Gefolge Valentins
auch Markus
der Magier[3171]
mit seinen zervanistischen Zahlenspekulationen steht, rückt
den
Valentinianismus eng an die Magiertheologie heran. Markus ordnet der
Dreißigheit eine Vierheit vor: Alleinsein, Einheit,
Einzigkeit, Eins des
höchsten Gottes an seinem unsichtbar-unnennbaren Ort. Dieser
höchste Gott sei
als Sige zu Markus hinabgestiegen, dem alleinigen Mutterschoß
der
Kolorbasischen Sige, und habe ihm Geheimnisse offenbart, die kein
anderer Gott
oder Mensch je erfuhr.[3172]
Die Buchstaben des ersten Namens Gottes (a)rxh\)
ergeben 4
Elemente (stoixei/a).[3173]
Die weiteren ersten Worte Gottes haben 4+10+12 Buchstaben, so
daß sich
insgesamt 30 Elemente Gottes in 4 Worten mit je eigener Gestalt
ergeben. Diese
Gestaltelemente sind Engel, die immer Gott schauen können:
Äonen, Worte,
Wurzeln, Samen, Pleromata und Früchte.[3174]
Die stimmlosen 9 Konsonanten klmnqprst
als Zeichen von Vater &
Wahrheit geben an die 7 Vokalen aehiouw
als Zeichen des Menschen &
der Gemeinde einen als „Frucht“ ab, dann sind es
mit den 8 Halbvokalen bgdzqfxq
als Zeichen von Logos & Leben drei Achtheiten. xcz
zählen doppelt und
werden dem Alphabet einfach noch einmal als 6 Buchstaben
hinzugezählt, womit
wieder die Dreißigheit des Pleroma bestätigt ist,
eine Art harmonia mundi et
linguae.[3175]
Valentins
zweites Paar
Nous & Aletheia ist hier quasi mit Bythos & Sige
verschmolzen: Sige ist
Aletheia. ihsouj
hat als Quersumme 10+8+200+70+400+200
= 888.[3176]
Wie Zwiebelschalen werden von außen nach innen die Buchstaben
des Alphabets kombiniert
zur Urmenschgestalt nach indoiranischem Vorbild[3177]:
Haupt ist A
W, Hals B Y,
Schultern G
X, Brüste D F,
Zwerchfell E
U, Rücken Z T,
Bauch H
S, Schenkel Q R,
Knie I
P, Schienenbeine K O,
Knöchel L C,
Füße M N.
Solche Buchstabensyzygien liegen auch dem Kryptogramm Zostr 132,6ff zugrunde. Auch im Mars 25-33 begegnet eine ähnliche Alphabet-Symbolistik, hier wie im EvÄg auch mit den Vokalreihen versehen, die auf Zauberpapyri eine Pyramidenstruktur haben, wozu wiederum die Theogonie aus Monade in Dyade in Triade in Tetrade in Pentade usw. paßt. Diese Symbolistik in Verbindung mit Planetensieben der Vokale und Zodiak kann als Bestätigung zervanistischer Einflüsse in die sethianische Tradition gelten. Als Paare kombiniert zu Urmensch-Körperteilen sind die Buchstaben des Alphabets das Bild für die menschgestaltige Göttin Wahrheit (aša), die die Gott-Vierheit Markus zeigt: »Ich habe sie aus den oberen Wohnungen heruntergebracht, damit du sie nackt siehst und ihre Schönheit kennenlernst, sie reden hörst und ihren Verstand bewunderst.«[3178]
Hier haben wir Simons vom höchsten Himmel heruntergeholte Helena noch einmal in iranischen Welt-Elementen, die quasi aufs Alphabet transformiert wurden. Die weibliche Form des androgynen Urgottes erscheint als Offenbarerin der Wahrheit, als ihre Personifikation, Inkarnation, was allererst an Zaraθuštras aša, aber auch an TrimProt erinnert und an die Elchesai-Vision des androgynen Paares Christus & Hl. Geist und an Poimandres. Hier ist die Erlösung nicht aszendent als Himmelsreise, sondern dezendent als Herabkunft des Göttlichen gedacht.
Die Archonten/Richter haben große Macht wie Ahriman und greifen sich die Seelen. Ein Gebet an die Mutter mit Eigenschaften von Sige und Sophia zugleich hilft, diesem Richter zu entkommen durch Unsichtbarwerden: »O Beisitzerin Gottes und des voräonischen geheimnisvollen Schweigens, durch die die Größen immer das Angesicht des Vaters sehen, sie brauchen dich als Geleiterin und Einführerin (ins Pleroma) und ziehen ihre Gestalten herauf, die jene kühn Wagende sich vorstellte und aus der Güte des Vorvaters uns als Bilder hervorbrachte, als sie traumartig die Vorstellung der Oberen hatte. Siehe, der Richter ist nah und der Herold befiehlt mir, mich zu verteidigen. Du, die beider Angelegenheiten kennt, gib dem Richter Rechenschaft für uns beide, als die wir eins sind.«[3179] Danach kommt die Mutter sofort herbei, setzt den Betern den Hadeshelm der Unsichtbarkeit auf und führt sie unbehelligt herauf ins Brautgemacht zu den himmlischen Bräutigamen.[3180] Dies könnte alte Ophitentradition sein, in der Jaldabaoth und seine 6 Söhne göttliche Lichtfunken haben und jeder über einen der sieben Himmel präsidiert, was bereits die Vorstufe eines Richteramts ist, was in den mandäischen Wachthäusern beim Aufstieg der Seele ausgeformt wird.[3181]
Diese alte Tradition der Sieben nennt Markus Siebenheit der Kräfte.[3182] Jeder Vokal repräsentiert einen Himmel, von unten nach oben: aehiouw ergeben eine Gesangsreihe der Seelenerhebung: »Diese Kräfte alle, verbunden untereinander, lassen erschallen und preisen den, von dem sie hervorgebracht wurden. Der Preis dieses Tönens wird zu dem Vorvater gebracht. Der Widerhall dieser Lobpreisung wird nach ihm auf die Erde gebracht und Bildner und Erzeuger derer auf der Erde.«[3183] Schon Säuglinge singen in ihrem Brüllen mit Ps 8,3 die Vokale als vorsprachliches Schöpferlob. Das Singen himmlischer Engelscharen finden wir auch in den jüdischen Himmelsreisen.[3184] Mit den magodischen Vokalpyramiden vereint ist das Vokalsingen als Aufstiegsritual auch in sethianischen Gruppen gepflegt, cf 4.6.1f.
Das Abendmahlsweinmehrungswunder, einen großen Kelch aus einem kleinen vollzumachen, ist liturgische Kreativität in der Verkündigung grenzenloser gratia Gottes. Daß dabei der Kelch blutrot erleuchtet, gehört zum von Hippolyt bekannten Illuminations-Arsenal der Magierkunst, was auch noch in den Basreliefs der Mithräen seine Spuren hinterließ.
Markus kann auch anderen übersinnliche Erkenntnis, die er als Magier/Prophet hatte, teilhaftig werden lassen. Daß er reichen Frauen göttlichen Gnaden-Samen injiziert, bis sie glossolalisch aufblühen, ist Kennern der Pfarramtsgeheimnisse geläufig. Manch Bruder erweist reichen Frauen holde Gunst. Die glossolalische Privatstunde mit Liebesdienst und Honorarzahlung ist Existenzsicherung der Magier, vergleichbar der Erfahrung Freuds mit Hysterikerinnen, die sofort in „Übertragungs“-Liebe zu ihm entbrannt seien.[3185] Der Engel des Lichtsamens kann den Vater ständig sehen und Markus spritzt die Samen-Gnade Gottes ein.[3186] Die Betonung des Samens entspricht dem Urstiersamenmythos und der eigenen Missionspraxis und zeigt die Spermatradition, die im Sethianismus noch eine Klimax erfährt. Während allerdings bei Valentin die Taufe der Inspirationsakt mit göttlichem Samen ist, erfolgt bei Markus die Injektion der prw/th u(gro/thj (cf 1.5.3) auf gute Art der Altvorderen. Die Jünger des Magiers Markus haben es ebenso gehalten und ihren Samen bis ins Rhonetal fließen lassen, wo Irenaeus sie mit seiner teils kenntnisreichen Polemik verewigen konnte.[3187]
Das Erlösungswerk Christi ist, durch Inkarnation den Menschen sichtbar zu werden und sie aus Unwissenheit und Irrtum, aus dem Tod zum Leben zu leiten, zum Vater der Wahrheit, der Tod und Unwissenheit beseitigen will.[3188] Aus der Vierheit Mensch/Gemeinde + Logos/Zoe gehen die Äonen hervor. Jesus wird von der Vierheit Gabriel/Hl.Geist + Höchstem/Jungfrau gezeugt. Christus und der Same steigen als Taube bei Jesu Taufe herab und herauf.[3189] Die Achtheit ist Mutter der Dreißig Äonen des Pleroma.[3190] Die Elemente-Vierheit Feuer, Wasser, Luft und Erde hat der Demiurg nach dem Bild des Unsichtbaren zuerst erschaffen.[3191] Mit warm-kalt, trocken-feucht zusammen ergeben sie acht, also die Achtheit. Sieben Himmelskreise, umgeben von der Achtheit, umringt von Sonne und Mond ergeben die Zehn des Valentin-Pleromas als Kinder von Logos/Zoe, dazu der Zodiak als dessen Zwölf, den Kindern von Mensch und Kirche. Es folgen Ausdeutungen auf den astrologischen Kalender: Monatstage, Wochentage, Tagesstunden, Jahrestage, Minuten.[3192] Ist dies neben seiner Magodie des Vokalsingens der Grund, weshalb ihm trotz seiner Jesus-Lehre höchste Blasphemie vorgeworfen wird, Astrologie und Magie, Betrug, Satanswerk und Azazel-Schöpfung?[3193] Jedenfalls passen die Vorwürfe zu den Traditionen der Magier: Az-i-Dahak, Astrologie, Magie, Elementenlehre. Wenn er aus der Monade die Dyade, daraus wieder die Triade und daraus die Tetrade ableitet, ist dies der Tetraktys des Pythagoras.[3194] Die Unbegrenztheit, Ewigkeit, Zeitlosigkeit der oberen Ogdoade, die der Demiurg nachahmen wollte und es doch nur zu langen Perioden gebracht habe[3195], spiegelt den Mythos von Zurvan und Ahriman wieder, der unendlichen Raumzeit, die als Zwillingsbruder Ahura Mazdās den Versager Ahriman hervorbrachte, worauf die 4 Perioden des Großen Jahres als Kompromiß geschaffen wurden, wobei des Demiurgen Werk als Lüge von der Wahrheit am Ende der Zeit aufgelöst wird, cf 1.4.5.5f. Hier ist zervanistische Theologie minutiös in die christlich-jüdische Lehre eingearbeitet. Stärker noch als bei Simon zeigt sich der großartige Synkretismus der Magier. Die Schöpfung wird nun an Gen 1 in allegorischer Exegese dargelegt, wobei die Menschen-Schöpfung wieder nach dem Urmensch-Körperteil-Modell ausgearbeitet ist.[3196] Auch die weitere Zahlenallegorese von Gen 1 wird mit großer Sachkenntnis des AT vorgenommen. Aber auch die Evangelien und Apokryphen werden von den Markosianern gelesen und in ihrem Sinne allegorisch gedeutet und mit buchstabenbezogenen Logien-Neubildungen ergänzt.[3197]
Schließlich ist die Taufe des Johannes zur Buße, die des sichtbaren Jesus zur Sündenvergebung für die Psychiker und die des Christus zur Vervollkommnung und Wiedergeburt für die Pneumatiker.[3198] Einige Markosianer feiern ein Brautmysterium in einem rituellen Brautgemach, wo der Sex der Ogdoas imitiert ein feines Festlein ergibt.[3199] Ihre Taufliturgien enthalten viele von den Mandäern bekannte Elemente wie Flußtaufe, Akklamation von Licht, Geist und Leben, Zweck der engelhaften Erlösung (= himmlische Inthronisation) und Salbungen diverser Art mit Balsamöl, auch ohne Wassertaufakt.[3200] Was bei den Mandäern die Nazoraioi, die getauft Versiegelten, sind bei den Valentinianern und Markositen die Pneumatiker. Daß die Markosianer direkte nazoräische Traditionen aufnehmen, zeigt ihre starke Verbundenheit mit der ursprünglichen Täuferszene, in der sich persische, jüdische und griechische Traditionen amalgamiert haben und in der es Simon und Markus als ursprünglich aus Magierfamilien stammende Synkretisten mit einer sichtlich hohen hellenistischen Bildung gegeben hat.
Schließlich wird noch eine letzte Ölung Sterbender erwähnt, die die in den Himmel auffahrende Seele des Toten unsichtbar und für die Mächte und Gewalten unangreifbar macht, während der Körper in der Welt zurückbleibt.[3201] Hier steht offensichtlich die iranische Sterbebegleitung Pate, cf Hadōxt-Nask 2f in 1.4.2.7/8 und 1.4.6f. Die mandäische Masiqtā mit Salbung und Wachthauspassagen, Gerichten und Passier-Fetischen (Siegelzeichen, Segnungen, Manda-Gewand, Taufen, Segnungen, gute Taten) Worten, Gebeten und Mahlgemeinschaft der Hinterbliebenen ist als deren Übernahme und Weiterentwicklung zu verstehen, cf 1.7.9.5. Es hat sich gezeigt, daß in den Tauf- und Sterberiten nazoräisch-mandäische Traditionen die pythagoreische Zahlenmystik begleiten, mit der Markus das AT und zervanistische Theologie allegorisiert verbindet.
2.5.9.7 Valentinianische Schriften im NHC
Man vermutet Valentin als Verfasser von EvVer & EpRheg. ExVal, TracTrip, EpRheg, EvVer, EvPhil[3202] und Inter sind valentinianisch geprägt. EvVer hat die Trias Vater - gefallene Sophia - Sohn im Rahmen der Pleromalehre trinitarisch weiterentwickelt. EvPhil 39 widmet sich Sophiaspekulationen, die EvVer ähnlich wie TracTrip in Anlehnung an valentinianische Kosmologie durch den Fall der Äonen substituiert. EpRheg 46,35-47,1 zitiert einen Pleromahymnus.
plhrwma
kommt im NHC am häufigsten in ExVal
vor, aber auch
in den anderen valentininanischen Texten und in den frühen
sethianischen
Schriften wie AJ
und EvÄg.[3203]
Relative Häufigkeit ist: ExVal 20x=20,7‰; Norea
3x=15,2‰; OrPls 2x=10,7‰; EpPetr/Phil 3x=7,2‰; TracTrip
20x=5,8‰; EvÄg IV 15x=5,6‰; EvÄg
III 14x=5,5‰; EpRheg 3x=5‰; EvVer
XII 2x=4,7‰; EvVer I 11x=3,2‰; AJ II
9x=2,9‰; AJ IV 7x=2,6‰; AJ
III 8x=2,5‰; 2ApkJk
2x=2,3‰;
EvPhil 5x=1,8‰; AuthLog
1x=1,5‰;
ApkPt 1x=0,7‰; Inter 1x=0,7‰; 2LogSeth
1x=0,5‰; LibTh1x=0,5‰; DialSal
1x=0,5‰;
ParaSeem 1x=0,4‰; Zostr
1x=0,3‰.
ExVal 31,34-38 spricht ebenfalls das Pleroma als Summe der 30 Äonen an: »[Und] er wollte die Dreißigste (tmaHmaabe) [verlassen], indem er [ein Paargenosse ([\nsuzug]os)] war von dem Menschen und der Kirche, das ist die Sophia, um zu übertreffen [die Dreißigheit und] zu bringen das Pleroma« In ExVal besteht eine Nähe zum westlichen Valentinianismus, der sich im Gegensatz zu Valentin und der östlichen Schule stark an die katholische Kirche annähert. ExVal 22,16-31,34 erzählt die Entstehung des Kosmos, 31,34-39,39 über die Erlösung. Es folgt ein liturgischer Anhang mit 5 fragmentarischen Gebeten zur Salbung 40,1-29; zur Taufe 40,30- 41,38 und 42,1-43,19; zur Eucharistie 43,20 -38 und 44,1-37. Der unaussprechliche Vater als Wurzel des Alls (tnoune \mpth\r\F) und Sige zeugen 22,31f den Sohn als Logos des Alls, der hinabsteigt und in dem sich der Vater offenbart. Er ist einzige Hypostase des Vaters und wird 24,33; 24,37; 25,21; 28,25; 37,24; 39,23 monogenhs und 23,34; 26,23; 28,23; 31,29; 33,17; 39,29 auch xrhstos genannt. Neben ihm gibt es Horos (p?H?oros 25,22; 25,22; 26,30; 27,34; 31,22; 31,23; 33,26) mit seinen 4 Kräften als Trenner, Festiger, Formgeber und Wesenerzeuger des Alls und dessen Hypostase und Hohepriester, der es offenbart und leuchten läßt als Emanator von Pleroma-Wesen.[3204] Nous=Monogenes/Aletheia werden 29,26ff Logos/Zoe und Mensch/Kirche geschaffen. 30,16ff wird die Dekade und Dodekade erwähnt, also die gleiche Dreißigheit wie bei Irenaeus. Horos hütet hier nicht nur das Pleroma wie einen Harem, der keinen Zutritt bekommt zum Vater, sondern zeugt selbst weitere Mitglieder.
2.5.9.8 Einflüsse des Valentinianismus auf Sethianer und Zostrianos
Es verwundert vielleicht, wenn auch der Zostr valentinianische Elemente aufweist. Besonders rätselhaft ist der Pleromabegriff in AJ und EvÄg, die ja sehr alt sind.[3205] Hat Valentin diesen Begriff aus diesen Schriften oder umgekehrt? Irenaeus hat AJ gekannt und paraphrasiert, cf 2.5.11.1. Valentin hat er 12 Kapitel gewidmet, Markus 9, während er die Ophiten alias Sethianer nach den als Abkömmlinge von Valentin und Simon Magus eingeführten Barbeloiten[3206] im vorletzten Kapitel abhandelt. Da Simon fast 100 Jahre vor Valentin wirkte, ist der Helenamythos mit ihrem Bordell für die Entwicklung des Sophiamythos mit ihrer Lüsternheit bestimmend geworden, nicht umgekehrt. Irenaeus identifiziert Ophiten und Sethianer.[3207] Wurden die Sethianer Ophiten genannt, so gab es eine gemeinsame Herkunft aus dem Umfeld Simons: Die Ophiten haben zervanistische und nazoräische Traditionen, die neben dem Sophiamythos sowohl die mithrischen Tiere als auch die mandäischen Aufstiegsprotokolle enthalten. Die Nähe Valentins zu den Ophiten ist im Sophiamythos augenfällig und auch das AJ ist hier anzusiedeln. Diese Gruppen müssen deutlich vor 180 ihre Lehren verschriftlicht haben, so daß Irenaeus sie paraphrasieren kann. Valentin mag um 140 seine Lehre entfaltet haben, so daß Markus sie quasi pythagoreisch umformulieren und verbreiten konnte bis 180. Die Intensität der Auseinandersetzung mit Valentin und Markus dürfte ihrer Präsenz in Rom und Frankreich zu verdanken sein, während die Sethianer so unwichtig in der Christenszene sind, daß Irenaeus sie erst am Ende vollständigkeitshalber erwähnt. Dies spricht für eine syrische, später ägyptische Verbreitung der Sethianer und Ophiten, wie bereits die jüdischen Gottesnamen vermuten lassen, die bei Ophiten und im AJ identisch sind.
Valentin könnte die Sethianer in Alexandria kennengelernt haben und ihr triadisches System Vater-Mutter-Sohn ausgefeilt haben zum vollbesetzten 30-Äonen-Pleroma. Es ist eher unwahrscheinlich, daß ein komplexes Modell später simplifiziert wird. Valentin hat den sethianisch-ophitischen Sophiamythos kennengelernt, erweitert und deutlich christlich zentriert, ist von späteren Sethianern rezipiert worden und erst hier ist sein Pleromabegriff in die späteren Fassungen von AJ und EvÄg aufgenommen worden. Die Liste der Hauptdogmen Valentins hat in allen Punkten Übereinstimmungen mit dem Zostr:
1. sigh/ ist bei Valentin Vaters weiblicher Teil; mit ihr zeugt er göttliche Syzygien wie Barbelo im Zostr. Schweigen hat Himmelsmutter-Flair. In ExVal 22,19-23 ist sie als sigh[3208] und karwF[3209] die Paargenossin (HateFeHh = vor seinem Bauch) des monadischen (monas) Unaussprechlichen (atSeJe). H\n psaeiS meint im Paar.[3210] Im sethianischen Kontext ist zwar die Geliebte des Vaters meist Barbelo als sein erster Gedanke oder Sophia, aber die Rolle des Schweigens als größte Nähe des Mysten zum Vater weist auf die Spur der valentinianischen sigh/ als nicht vollständig durch Barbelo ersetzte Vatertochter.
2. Die negative Theologie der meisten sethianischen Schriften ist auch bei Valentin zentral. Der Urvater-Gott buqo/j kann nur vom Nous-Monogenes erkannt und den anderen Wesen nicht beschrieben werden, weil er alle Vorstellungen und Metaphern überbietet.[3211] Die Universalisierungstendenz des zervanistischen Gottesbegriffs führt zu einer ersten negativen Theologie, die in der gnostischen Überbietungslust als Metaphernlosigkeit des unsichtbaren und unsagbaren Geistes in seiner absoluten Weltlosigkeit gipfelt.
3. Valentins Lehre von den 8 + 10 + 12 = 30 Äonen wird im Zostr variiert auf die Pentade Geist/Barbelo-Kalyptos/Protophanes/Autogenes und die 12 Äonen als Erleuchter der Barbelo-Subäonen. Dazu Metanoia, Paroikesis, 7 Antitypen-Äonen ergibt bereits 24. Eine Dreißigkeit gibt es aber im Zostr so wenig wie den Pleromabegriff. Beide gehen auf chaldäische Astrologie und pythagoreische Zahlenlehre zurück. Die Vielzahl der Äonen als verräumlichte Himmelsfamilie ist im späteren Sethianismus aus der Pleroma-Theologie Valentins abgeleitet. Während allerdings bei Valentin alle Äonen Syzygien bilden, als Urzwillingspaare wie Mašye und Mašyane (Bundahišn 15 SBE5), während nur bei Hippolyt der Bythos wie Zurvan monadisch Zwillinge zeugt, sind die Äonen in den sethianischen Texten eher Einzelwesen ohne Paarungszeugungen, ausgenommen Barbelo und der unsichtbare Geist und die Antitypen als Äonen-Ausstülpungen, Monadendopplung.
4. Valentins anthropologisches Dreiklassensystem, wo Hyliker unverbesserlich schlecht, Psychiker durch Mission und Läuterung verbesserlich und Pneumatiker unverbesserlich gut sind, ist Zostr 26-28; 43-46 nur leicht ausdifferenziert in Untergruppen von Hylikern (27,1-12 verkörperte Seelen), Psychiker (27,13-28-10a reuige Seelen aus paroikhsis und metanoia) und Pneumatiker (28,10b-30 aus den vier Autogenes-Subäonen).
5. Schon bei Valentin ist Seth Urvater der Vollkommenen und Pneumatiker. Auch daß Pneumatiker noch der Taufe als Einpflanzung des göttlichen Samens bedürfen, um ihre Vollkommenheit zu erlangen, ist in der Taufe Jesu archetypisch angelegt. Nur so erklärt sich, daß Auserwählte trotz der Dignität ihrer Herkunft aus Barbelo der Taufe bedürfen.
5. Valentins eher negative Rolle der Planeten ist im Zostr in den antitupoi der Äonen zu erkennen, die als Gerichtsorte die Auffahrt der Seele vernichtend behindern können.
6. Valentins Fall der Sophia als Ophitenthema ist wie in AJ usw. auch Zostr 9,16 in einigen valentinianischen Einzelheiten zu finden: Der Demiurg formt trübsalerwachsene Finsternis nach Sophias Ideen, Reue und Ruheort Sophias als Rehabilitation ins Pleroma/Autogenes. Nur die Richter des Zostr sind bei Valentin nicht zu finden.
7. Obwohl auch in Valentins Endzeitszenario erst alle Pneumatiker zusammen in den Himmel auffahren, bevor die von allen guten Geistern verlassene Erde verbrannt wird, steht im Mittelpunkt seines Denkens eine präsentische Eschatologie: Erlösung durch Läuterung und individuelle Orientierung auf die wahre Heimat im Himmel. Dies ist auch im Zostr dominierend über die wenigen heilsgeschichtlichen Bemerkungen vom Kampf der Äonen und der nur noch kurzen Zeit. Beidemal findet sich die Ambiguität von Apokalyptik und Mysterienaufstieg. Die Auserwählten sind mit ihrer Taufe als seminis spiritualis immissio schon jetzt erlöst und vollkommen, nicht erst am Ende der Zeit.
8. Valentins Plasma-Begriff für Körperlichkeit ist Zostr 4,24 übernommen.
Der Zostr dürfte also neben hermetischen und nazoräischen Elementen auch valentinisch gespeist sein. Wenn dieser in Alexandria gewirkt hat, ist seine Lehre vermutlich nach dem Import des Zostr nach Ägypten in die primär nazoräische Grundschicht des Zostr eingearbeitet worden. Sollte valentinianischer Einfluß schon in „syrischer Zeit“ auf den Zostr gewirkt haben, so hat er statt Jesus Zostrianos (= Zoroaster) zur Erlöserfigur gemacht, der durch seine Lehren nach Rückkehr von seiner Himmelsreise die versprengten Auserwählten auf Spur gen Himmel bringt. Die Ablehnung Christi findet sich auch in mandäischer Tradition, wo Christus als Lügendämon mit den Planeten-Dews kollaboriert. In den Henocha hat Henoch eine mit Jesus vergleichbare Position, Simon Magus nimmt für sich ebenfalls Himmelfahrten in Anspruch, so daß wir mit einem recht großen Arsenal (Baruch, Jesaja, Mose, Elia uvam) von solchen jüdisch-apokalyptischen Reise-Propheten rechnen, unter denen Jesus nur einer war.
2.5.10 Die göttliche Trinität von
Vater, Mutter und Sohn und die
Weltzeiten
Die frühe sethianische
Theogonie ist eine Trias von
Vater-Geist, Jungfrau Barbelo und Au)togenh/j.
Der himmlische Göttersohn Au)togenh/j
enthält Adam
mit Sohn Seth.
|
Atum
(Das All) |
|
|
Schu |
Tefnut |
|
Leben |
Maat |
|
neheh
Zeitfülle |
djet
Dauer |
Die Triade der drei Subäonen der Barbelo kann für sich genommen bereits die komplette Schöpfungstriade Atum-Tefnut-Schu = Vater-Tochter-Sohn sein. Kalyptos als Verborgener ist das Pendant des unsichtbaren Geistes, Protophanes das der Barbelo als Himmelsmutter und Autogenes ist der Sohn, der Logos, der ins Fleisch reitet und Materie schafft, wozu der lichte Vater nicht motiviert ist.
Die Hierarchie der himmlischen Äonen steht für ein nazoräisches Zeitschema: 1) Zeitalter Adams 2) Zeitalter Seths 3) Zeitalter der Ur-Sethianer mit Sintflut und Feuergericht, durch welches das 4) Zeitalter der gegenwärtigen Sethianer anbricht, in dessen Halbzeit wieder ein Gericht stattfindet.[3212] Die Menschen sind aus Seths Samen, physisch und pneumatisch.[3213]
2.5.10.1 Arbeitsteilung: Vater Herrscher - Mutter Formerin - Sohn Bauer
Die
himmlische Triade, ob Atum-Tefnut-Schu
oder Vater-Sophia/Heiliggeist-Sohn ist der Spiegel der Arbeitsteilung
in Kopf-
und Handarbeit, Herrschaft (Huparcis)
und Drecksarbeit. Wie der Herrscher
abgeschirmt vom Volk im Palast thront, rein und öffentlich
unsichtbar, so der unsichtbare
Vater. Die Mutter Barbelo formt die himmlischen Wesen nach den Idee des
Vaters.
Der Sohn muß die niederen Arbeiten verrichten, die Welt
erschaffen und sich mit
Materie, mit Erde und Fleisch die Hände beschmutzen, was im
Zeugungskontext der
sethianischen Besamungen heißen wird: mit der unteren Sophia
oder Mirothea die
niederen Wesen in der Materie zeugen.
(Rechts:
Schu mit Hundskopf, links
Tefnut mit Löwenkopf)
Darin spiegelt sich die feudalistische Ständeordnung von Herrscher, Krieger und Bauer wieder.[3214] In der sethianischen Grundtriade ist der UG Priesterherrscher, Barbelo Krieger/Ordnungsmacht und Autogenes Welt-Bauer. Eigenartigerweise hat Barbelo nicht die Züge der Prounikos oder Großen Mutter, die vor Fruchtbarkeit trieft. Sie ist im platonisch-neupythagoreischen Duktus Formgeberin, keine Ernährerin, ist Uterus ohne Mamille. In der Pentade ist Kalyptos fraglos Priesterherrscher als Atum-Entsprechung, Protophanes ist „Krieger“ als erste Vernunft (Protennoia) und so Adaption der Ma‘at, der rechten Ordnung oder militärisch gesicherten Dauer des Staatswesens. Autogenes ist auch hier der Bauer und Ernährer, der die Welt erbaut und die Seelen beheimatet. Er wird wie Schu mit Leben identifiziert, dem Luftgott aus Atums Nase, der eifersüchtig seine liebesvereinten Kinder Himmel und Erde trennt, was ja der Schöpfungsakt par excellence ist. Daß die Atum-Triade im Sethianismus rezipiert wurde, zeigt auch ApkAd 81,14ff. Die Mandäer haben als Weltschöpfer Ptah(il) übernommen.
All diese Entsprechungen bestätigen die Übernahme der ägyptischen Triade, die seit Sanchunjaton im 13. Jh. v. Chr. in Phönizien und bei den Philistern durch ihren Seehandel mit Ägypten bekannt war, cf 1.2.10. Der au)toge/nnhtoj als von selbst entstandener UrGott ist eine alte ägyptische Vorstellung, die in Hymnen Amun, Atum und Re zugesprochen wird.[3215] Über Simon Magus (H 16,15f) könnten die ägyptischen Vorstellungen nach seinem Studium in Alexandria ins Täufertum eingewandert oder aufgefrischt worden sein. „Autogenes“ ist also Ungeborenheits-Unsterblichkeits-Zertifikat des Amun-Re als Sohn des Urgottes. Nicht menschlich gezeugt meint: nicht menschlich vergänglich und sterblich. In AJ II, 6,10-8,1 und bei Irenäus ist Autogenes mit Christus identifiziert; auch der Sohn des Urvaters ist göttlich, ungezeugt. Bei Valentin steht an der Position des Ursohnes Monogenes oder Nous, auch hier könnte ägyptischer Einfluß bestehen und ein valentianischer Einfluß auf die Autogenes-Figur wiederum ist wahrscheinlich, cf 2.5.9.1 und 2.5.9.8. Ai)w=n ai)w=noj ist in ägyptischen Amun-Re- und Atum-Hymnen Prädikat für die Ewigkeit Gottes.[3216] Aion ist das unvergängliche Himmelswesen der Sonne. Dieser Sprachgebrauch ist ebenfalls in den Sethianismus eingewandert, wo Aion als „unvergängliches Himmelswesen“ weder Zurvan/Aion als Vater von Ahura-Mazda/Helios von PGM IV,520f.594 meint noch den alexandrinischen Thot/Aion/Serapis. Es gibt drei bis fünf Äonen im sethianischen Himmel, wobei hier zwar auch eine Emanation der vier späteren aus dem ersten Aion vorliegt und sie somit quasi Hypostasen des Vaters sind, aber sie sind so eigenständig dargestellt, daß Aion redundanter Begriff für Himmelswesen überhaupt zu werden scheint.
Wenn im Zostr der unsichtbare Geist als ewiges Licht beschrieben wird, steht wieder die Sonne mit ihrem ewigen Licht Modell.[3217] Wie der Sonnengott mit seinem Licht die Welt erschafft und in seinen wechselnden Metamorphosen funkelt[3218], so schafft der unsichtbare Geist die himmlische Welt aus seinem Licht. Wie der Pharao als Sonnenpriester den Ritus der Weltschöpfung vollzieht, von Falken und Pavianen begrüßt die Sonnenbarke besteigt, dann als Urgans schnattert und schließlich durch siebenmaliges Lachen und zwei Namensrufe die Neunheit der Götter ins Sein ruft, so wird der unsichtbare Geist repräsentiert durch Barbelo. Wie der Pharao als Sonnenverkörperung im Ritus und als Ba nach seinem Tod in den Himmel aufsteigt, so kann der sethianische Myste in der Extase in den Himmel aufsteigen.
2.5.10.2 Gestirne als Seelen oder Heimat der Verstorbenen
In der ägyptischen Religion sind Gestirne die Seelen Verstorbener.[3219] Mit Eindringen der chaldäischen Magier breitet sich in Ägypten der astrologische Fatalismus aus; dem Sonnengott gesellen sich Nachtlichter als determinierende Mächte hinzu, denen man mit magischem Zauber, der dualistischen Abkopplung der Seele vom stern-unterworfenen Leib (Hermetik) und dem Vertrauen auf die Macht der himmlischen Isis über alle Sterne zu trotzen suchte.[3220]
Dann wären die Lichter im Himmel des Zostrianos und anderer Himmelsreisen als Engelsmächte aus dem Totenglauben erwachsen, in dem man ebenfalls die Reinigungsstufen findet. Die Pyramiden von Gizeh entsprechen in ihrer Nordausrichtung dem Sternbild des Orion; die dort bestatteten Pharaonen zeigten so ihre Verbundenheit mit dem Orion. Tote steigen zu den Sternen und genau diese Reise ist Vorbild der Himmelserlebnisse des Zostrianos.
2.5.10.3 Himmlische Triade als heilige Familie & ProtEnnoia als Liebesblick
Die
Oden
Salomonis sind syrisch überliefert und um 90
.n.Chr. wohl auch
entstanden. Astarte wurde seit vielen Jahrhunderten in Israel verehrt (1Kön
11,5) und bildete
den regionalreligiösen Boden der doppelgeschlechtlichen
Gottesidee, auf dem die
ägyptische Triade als heilige Familie eine akzeptable und
leichter vorstellbare
Konfiguration bildete, indem der Sohn hinzukam und
Tefnut-Ma‘at von der
Inzest-Tochter-Schwester zur ordentlichen Mutter Sophia wurde.[3221]
In den gnostischen Oden
Salomonis 8,16 reicht Gott mit seinen Brüsten den
Frischgeschaffenen
Milch wie die oft als zweigeschlechtlich beschriebene Göttin Ištar/Astarte (rechts) mit ihren
prostituierten
Priesterinnen dem König Assurbanipal
[3222]:
»14 Liebe mich mit Zuneigung,
du, der liebt! 15
Denn ich weise mein Gesicht nicht von ihnen
zurück, die mein sind; 16
denn ich kenne sie.
Bevor sie ins Sein kamen, erkannte ich sie und setzte auf ihre
Gesichter meine
Versiegelung. 17
Ich zog ihre Mitglieder auf mit meinen eigenen
Brüsten, die ich für sie vorbereitete, daß
sie meine heilige Milch trinken könnten
und 18
dadurch leben könnten, brachte Vergnügen in sie und
bin von ihnen nicht
beschämt. 19
Denn sie sind Beweis meiner Schöpferqualitäten
und der Stärke meiner Gedanken: 20 wer
will sich gegen
mein Handwerk erheben, oder wer ist dort, der nicht zu ihnen
gehört? 21
Ich gestaltete Verstand und Herz und sie sind mein. Mit meiner Rechten
bestimmte ich meine Auserwählten.«
Die androgyne Ungeteiltheit Gottes erinnert an die ursprüngliche Einheit mit der Mutter im Uterus als Bild der Vollkommenheit. Wie dem unsichtbaren Geist als erster Gedanke das geliebte Tochterwesen Sophia-Barbelo einblitzt, was kaum gedacht schon erschaffen ist und den Gedanken als Geburt des Gedachten realisiert, wie Adam Eva erkennt in der Liebe, so ist die Erkenntnis des Gnostikers nicht primär die Erfassung von objektiven Sachverhalten, sondern eine Sehnsucht nach Vereinigung mit dem Erkannten, eine visionäre Konfluenz mit der himmlisch projizierten All-Mutter-Vater-Liebeseinheit, ein Sog in die Familie, die nicht von der schmerzlichen Zerrüttung irdischer Liebesverhältnisse gezeichnet ist. Der Vater der Kraft und Barbelo repräsentieren die unzerrüttet Liebenden, an deren Liebe die Auserwählten als ebenfalls Geliebte und im Himmel freudig Gefeierte und Begrüßte partizipieren. Vollkommenheit ist die himmlische Einheit von Mann und Frau, die Erlösung aus der irdisch unabänderlichen Einsamkeit des Subjekts, Verlassenheit des Kindes durch die Eltern, die nicht unablässig seinen unabweisbaren Triebimpulsen willfahren und seinen Grandiositätsphantasmen durch ihre eigenen konträren Bedürfnisse empfindliche Kränkungen versetzen müssen. Die Himmelsfamilie hingegen macht den aufgestiegenen Neuankömmling zum unumstrittenen Star der Szene, krönt ihn als Gott mit dem ganzen Vater-Mutter-Stolz, den das abgekanzelte Kind auf Erden sich wünscht.
Der erste Gedanke ist das geliebte Wesen: prw/th e)nnoi/a, pro/gnwsij. Für den unsichtbaren Geistvater ist dies Barbelo, die Jungfrau nach Tefnut-Ma‘at-Vorbild. AJ II,6,10 sieht der Vater in Barbelo in reinem Licht hinein (aFGwSt eHoun H\n t\b\a\r\b\h\l\w) und sie wird schwanger (6,13 cf 17 Jpo = werden machen, erzeugen; Kausativ von Swpe). Der Blick penetriert wie ein Phallus.[3223] 2 Sam 11,2 begehrt David Bathseba. Hiob 31,1 will Hiob nie wieder eine Jungfrau lüstern anblicken. 2 Pt 2,14 schwelgen die Männeraugen auf Huren; Mt 5,28 ist bereits der begehrende Blick vollzogener Ehebruch, weil es beim Blick im mediterranen Raum selten bleibt. Als pars pro toto ist der Liebesblick Befruchtung.
Für den Himmelsreise-Visionär ist es die heilige Familie, die ihn in ihren Schoß nimmt und mit all ihren süßen Kräften feiert und liebt. Vor seiner postmortalen Immissio animae in coelum ist es der Schoß der Seth-Samen-Gemeinde, in dem er die extatische Geborgenheit findet, die die Welt und das eigene Fleisch dem Esoteriker nicht geben kann. Sie sublimiert seine sexuelle Sehnsucht wie Jesus die der von ihrer Lüsternheit gequälten unteren Sophia Valentins.
In der Mithrasliturgie PGM IV,475 werden einleitend Pro/noia kai\ Yu/xh angerufen. Die Weltseele ist erster Gedanke, erstes denkendes Subjekt im geistigen Seinsfeld (mēnōk). Sie wird um Unsterblichkeit angebetet. Sie korrespondiert dort eingangs Helios-Mithras und man kann spekulieren, ob Helios der Sohn Mithras sei.[3224] Dann wäre das Urpaar Mithras-Pronoia und ihr Sohn Helios, der dem sethianischen Autogenes entspricht. Das Urpaar ist eigentlich Miθra-Anāhītā. Pronoia ist in diesem Kontext eindeutig ein Substitut für Anāhītā. Deren Rolle als Partnerin Miθras ist seit Artaxerxes II. 404 v.Chr. populär: »Durch die Gunst von Ahuramazda, Anāhītā und Miθra habe ich diesen Palast erbaut. Mögen Ahuramazda, Anāhītā und Miθra mich schützen vor allem Übel und das, was ich gebaut habe, mögen sie nicht zerrütten oder schädigen.«[3225]
In Susa ist die heilige Familie also mit Miθras als Sohn konfiguriert, aber auch die persische Tradition bildet gern eine Familientriade im Himmel. Der persische Faktor in der Barbelo-Entstehung ist neben Nut-Tefnut, Ma‘at und Ištar schwergewichtig. Ebenfalls ist die Mirothea als Gattin des Dreifachmännlichen Kindes und Mutterschoß der körperlichen Welt, besonders des himmlischen Adam und Seth, eine Adaption der Fruchtbarkeitsgöttin, cf 2.5.12 und 3.6.16.
Über die Herkunft der Himmelsmutter Sophia aus der syrischen Anatjahu und der ägyptischen Nut haben wir uns in 2.5.5 und 2.2.7 unterrichtet. Der Name Barbelo könnte abstammen von la(fb Herr, Gott und )arab gebähren: die Gebährerin Gottes. In der Aussprache-Grammatik von Pseudo-Herodian kommt unter den auf hlh endenden Worten barbhlh vor.[3226] Im Gräbertal von Korykos in Kilikien findet sich eine schwer datierbare christliche Grabinschrift aus römischer Zeit: mn$=ma barbhliko(u).[3227] Möglicherweise wurde aus der Zugehörigkeit zu den Barbeloiten dieser Eigenname generiert; dies wäre Zeichen für das Vorhandensein sethianischer Gruppen in Kleinasien. Korykos war nach Entstehung in ptolemäischer Zeit ab 197 v.Chr. unter syrischer und ab 67 v.Chr. unter römischer Besatzung, wird 72 n.Chr. römische Stadt und Hermes ist Stadtgott, in Kommagene am Nemrud Dagh mit Helios identifiziert. Kilikien ist Hochburg des frühen Mithrizismus. In dieser Zeit könnten sich gnostische Gruppen etabliert haben. Beide Gruppen entwickeln Rituale der Himmelsreise.
2.5.11.1 Die Barbeloiten und der Barbelo-Mythos nach Irenaeus
Die Barbeloiten werden nicht vor Irenaeus 180 n.Chr. erwähnt. Er hat eine Frühfassung des AJ BG 26,6-44,19 paraphrasiert. Dabei führt er die Barbeloiten auf Valentin bzw. Simon Magus zurück. Diese Bemerkung erklärt die Herkunft des Pleromabegriffs und Sophiamythos in AJ und EvÄg als valentinianischen Einfluß. Daß sie Prounikos genannt wird, kann sehr wohl seinen Ursprung im Helenamythos Simons haben, die ja im Bordell nicht ohne Ambitionen wäre. Das würde bedeuten, daß auch der Sophiamythos Valentins vom Helenamythos Simons beeinflußt ist. Irenaeus schreibt in Adversus haereses I,29: »Aus den Samen des Valentin [des Simon] ist der Mythos der Barbelioten entsprossen, die auch für Borborianer, Naaseener, Stratiotiker oder Phämiotiker gehalten werden. Einige von ihnen beschreiben einen Äon, der nie altert und in einem jungfräulichen Geist lebt: sie entwerfen Barbelo. Sie erklären, daß irgendwo dort ein Vater ist, der nicht genannt werden kann, und daß er begierig war, sich dieser Barbelo zu entblößen. Dann ging diese Ennoia vorwärts, stand vor seinem Gesicht, und forderte von ihm Wissen über die Zukunft (pro/gnwsij). Als sie pro/gnwsij hatte, fordert sie Unbestechlichkeit und dann noch ewiges Leben, was sie auch bekommt. Barbelo ist stolz auf ihre Größe und in ihrer Vorstellung freut sie sich über diese Größe und erzeugt Licht passend dazu. Sie erklären, daß diese beiden der Anfang vom Licht und von der Entstehung aller Dinge waren und daß der Vater, der dieses Licht erblickte, es mit seinem Wohlwollen salbte, damit es perfekt werde. Überdies sagen sie, daß dies Christus war, der bat, dem Nous als Helfer gegeben zu werden; und Nous entstand dementsprechend. Außer diesen sandte der Vater Logos aus. Es werden Verbindungen von Ennoia und Logos, und von Unvergänglichkeit und Christus gebildet, während Ewiges Leben mit Thelema verbunden wurde und Nous mit Voraussage. Diese vergrößerten das große Licht und Barbelo. 2 Sie bestätigen auch, daß Autogenes danach von Ennoia und Logos als Darstellung des großen Lichtes ausgesandt wurde, und daß er würdig war, alle Dinge zu seinem Thema zu machen. Zusammen mit ihm wurde Wahrheit ausgesandt, und eine Verbindung wurde zwischen Autogenes und Wahrheit gebildet. Von dem Licht aber, das Christus ist, und von der Unvergänglichkeit sind, wie sie sagen, vier Lichter hervorgebracht, den Selbstentstandenen zu umgeben, und von Thelema (Willen) wiederum und dem Ewigen Leben sind vier (Wesen) hervorgebracht, um den vier Lichtern zu dienen, sie nennen sie Charis (Gnade), Thelesis (Wollen), Synesis (Einsicht), Phronesis (Klugheit). Charis sei dem großen ersten Licht beigesellt, das sei der Heiland nach ihnen, sie nennen ihn Armoges, Thelesis (wurde) dem zweiten (Licht beigegeben), sie nennen es Raguel, Synesis aber dem dritten Licht, das sie David nennen, Phronesis aber dem vierten, das sie Eleleth nennen. 3 Als diese alle so gefestigt waren, bringt der Selbstentstandene den vollkommenen, wahren Menschen hervor, den sie auch Adamas (Unbezwinglich) nennen, weil er weder selbst beherrscht ist noch die, aus denen er (entstanden) war. Er wurde auch mit dem ersten Licht von Armoges entfernt. Mit dem Menschen wurde aber vom Selbstentstandenen vollkommene Erkenntnis hervorgebracht und mit ihm verbunden, und habe aus dieser den erkannt, der über allem ist, auch sei ihm eine unbesiegbare Kraft von dem jungfräulichen Geist gegeben, und alles habe sich daran ergötzt, den großen Äon zu preisen. Daher, sagen sie, sei offenbart die Mutter, der Vater, der Sohn. Aus dem Menschen und der Erkenntnis aber sei der Baum entstanden, den sie selbst auch Erkenntnis nennen. 4 Darauf, sagen sie, sei von dem ersten Engel, der dem Eingeborenen zur Seite steht, der Heilige Geist, den sie auch Sophia (Weisheit) und Prounikos (die Lüsterne) nennen, hervorgebracht. Der habe, als er sah, daß alles übrige einen Paargenossen hatte, er aber ohne Paargenossen war, einen gesucht, mit dem er sich vereinige, und da er den nicht fand, habe er ernst gemacht, sich ausgedehnt und in die unteren Teile geschaut, in der Erwartung, dort einen Paargenossen zu finden. Als sie (!) den nicht fand, tat sie einen Sprung, allerdings voll Ekel, da sie ohne das Gutfinden des Vaters den Satz getan hatte. Dann, von Einfalt und Güte bewegt, gebar sie ein Werk, in dem Unwissenheit und Vermessenheit war. Dieses ihr Werk soll der Proarchon (Vorherrscher) sein, der diese Schöpfung gemacht hat. Sie erzählen aber, er habe eine große Kraft von seiner Mutter mitgenommen und habe sich von ihr weg in das tiefer Gelegene begeben und habe das Firmament des Himmels geschaffen, wo er nach ihnen auch wohnen soll. Und da er Unwissenheit sei, habe er die Mächte, die unter ihm sind, Engel und Firmamente und alles Irdische, gemacht. Dann, sagen sie, hat er sich mit der Selbstgefälligkeit zusammengetan und Bosheit, Eifersucht, Neid, Rache und Begierde gezeugt. Als sie geboren waren, sei die Mutter Sophia voll Trauer geflohen und habe sich in die Höhe zurückgezogen und sei, wenn man rückwärts zählt, die Achtheit. Nachdem sie sich zurückgezogen habe, habe er geglaubt, er sei der einzige und habe deswegen gesagt: "Ich bin ein eifersüchtiger Gott, außer mir ist niemand." Solcher Art sind ihre Lügen.«[3228]
Der unsichtbare Geistgott begehrt seine lüsterne Tochter Ennoia, die Ewige Jugend fordert, Unvergänglichkeit und Allwissenheit. Als er ihr dies gibt, gebiert sie das Licht aus sich, was mit Christus identifiziert wird. Dann werden Nous und Logos geschaffen, der mit Muttern Autogenes und Wahrheit als Kerngötter der 3. Generation zeugt. Weitere Nachwuchs produzierende Kinderpaare der 2. Generation: a) Christus/Licht und Ewigkeit zeugen 4 Lichtgötter als Leibgarde für Autogenes. b) Ewiges Leben mit Willen zeugen 4 Mädels für die 4 Lichtgötter: Charis für Armoges, Thelesis für Raguel, Synesis für David, Phronesis für Eleleth. c) Nous mit Voraussage sind kinderlos. Das Hauptpaar der 3. Generation Autogenes und Wahrheit zeugen das Menschenpaar Adam und vollkommene Erkenntnis: die apfelessende Eva. Die preisen Gott für seine Schöpfung. Unverkennbar sind hier Gen 1,1-4.14-18.26-28; 3,5f.22 eingearbeitet. Armoges zeugt mit Charis nun als 4. Generation die lüsterne Sophia ohne Bruder und sie sucht verzweifelt einen Lover, sogar im unteren Himmel, und produziert begattet von Einfalt als 5. Generation den Archonten, der Unwissenheit und Vermessenheit in sich hat und nach den Engel die sichtbare Welt mit Firmament und Erde erschafft. Als er dann mit Selbstgefälligkeit kopuliert und in 6. Generation Bosheit, Eifersucht, Neid, Rache und Begierde gezeugt hat, flieht Sophia reuig in den hintersten Himmel, der achte liegt hinter den sieben Planetenhimmeln.
Was an diesem Grundmythos erkennbar wird, ist die Göttergenealogie alter hethitischer Prägung, die von Hesiod aufgegriffen wurden. Es geht hier zu wie bei Hempels unterm Sofa, Inzest wird Formationstanz der Götter. Außer beim Pharao gibt es Inzest sonst nur in Magierfamilien, deren Spiegel der Yima-Yimak-Mythos des inzestuösen Urzwilligspaares Bundahišn 23 und 31 ist.[3229] Deutlich ist die Jungfrau Symbol für Unvergänglichkeit. Die Göttin der Jungfrauenkulte, von Astarte/Ištar bis Anāhītā, ist in ihrer ewigen Jugend Schöpferin von Welt und Wohlstand. Die Götter der 5 Generationen enthalten Tugenden, die an die 6 Aməša Spənta erinnern, die Himmelswesen, Gotteseigenschaften und menschliche Tugenden sind: Aša, Wahrheit ist gepaart mit guten Willen, Vohu Manah. Das zweite Paar ist Herrschaft und Fügsamkeit, das dritte Heilsein und Nichtsterben (aməretāt) als Sein mit Ahura Mazdā im Paradies. Die Spənta Mainyu stehen als heilwirkenden Kräfte, die als Herren angerufen werden, engelhaft zwischen Gott und Mensch, cf 1.4.2.5. Man kann sie nicht 1:1 in das Barbelo-Schema einpassen, aber auch sie bilden Paare und die persische Struktur von Ahura Mazdā, Aməša Spənta und Gayōmard, den Fravaši und den inzestuösen Urzwilligen Yima und Yimak ist neben dem Olymp klar erkennbar. Israelitische Vorlagen einer Göttergenealogie gibt es nicht in passender Form. Daß hier die ewige Jungfrau konstitutiv geworden ist, erinnert in diesem Kontext an die kleinasiatischen Tempel der Anāhītā und deren Auftritt am Nemrud Dagh, wo sie mit Ahura Mazdā und Miθra eine Symbiose bildet, die zugleich in Olymp-Gottheiten übersetzt ist. Die iranische Idee der Präexistenz der Geistigen Welt (mēnōk) vor der Sinneswelt (gētīk) ist hier ebenfalls basal. In der Schmelze iranischer und griechischer Götter und Ideen wird Anāhītā mit Platons Weltseele identifizierbar, wie sie in der Mithrasliturgie PGM IV,475 als Pro/noia kai\ Yu/xh begegnet. Die göttliche Jungfrau Barbelo vereint Anāhītā und Artemis, Ištar und Astarte, Sophia und Chrokma, Weltseele und Valentins Sige, cf 2.5.9.1f. Auch im stoisch-mithrischen PGM IV ist eine Kette von 7 Götterpaaren als Spalier Mithras zu finden. Schließlich ist Ahriman eingearbeitet: Der Archont stammt zwar nicht in erster Generation vom namenlosen Vater, also Zurvan, ab als Zwilling Ahura Mazdās, aber er ist die 5. Generation einer ansonsten auch sich paarende Zwillinge generierenden Obergottheit, die anfangs allein ohne Tochter lebt: 1. Vater-> 2. Christus/Licht-> 3. Armoges-> 4. Sophia-> 5. Archont. Ab Armoges ist diese Linie defizient, kann nur eine Tochter zeugen, die keinen ebenbürtigen Brudergatten hat. Ahriman hat weltverderbende Daēvas als Heerschar, der Archont schwängert eine Antitugend und zeugt 5 weitere, die wie die Daēvas die ganze Welt vergiften. Er wird in antijüdischer Front mit Jahwe identifiziert, wenn ihm mit Ex 20,5 die Eifersucht des einsamen Demiurgen vorgehalten wird. Bei Nazoräergruppen, die vom jüdischen Staat, dem orthodoxen Judentum und dem Christentum verfolgt wurden, findet sich dieser Antijudaismus, auch bei Mandäern. Der Boden solcher Synkretismen ist die Verschmelzung von griechischer und persischer Kultur, die wir nach Pythagoras und Platon nicht nur in Kommagene finden, sondern überall im Alexanderreich, auch in Ägypten.
Bei Irenäus ist die früheste Datierung für das Vorkommen des Autogenes, der also vor 180 n.Chr. bereits zum Arsenal des AJ zählte. Er entspricht Valentins Monogenes, cf 2.5.9.1 und 2.5.9.8. Auch hat er die Funktion von Miθra als Sohn Ahura Mazdās und Anāhītās und die des Helios im Mithraskult.[3230] Artaxerxes II. ließ in Susa und Hamadan schreiben: »Mögen Ahuramazda, Anāhītā und Miθra mich schützen vor allem Übel...«[3231]
2.5.11.2 Der Urmythos von Barbelo im AJ
Das AJ und der Zostr sind somit die beiden Werke mit der höchsten Dichte der Barbelo-Gestalt. Das AJ ist in Visionsbericht und Gespräch mit 10 Johannes-Fragen und Christus-Antworten geteilt, von denen 4-9 kohärent sind und den Ursprung bilden mit einem Lehrdialog über das Schicksal der Seele nach dem Tod. Die Antworten 1-3 und 10 bilden eine ausufernde Paraphrase von Gen 1-7 und gehen nicht auf die Frage ein; hier wurde eine redaktionelle Einfügung eines Vortrags mit Schein-Fragen dialogisiert. Diese Genesis-Exegese entspricht auffällig der obigen Irenaeus-Paraphrase. In der Einleitung bezeichnet der Pharisäer Arimanios im Gespräch mit dem Jakobusbruder Johannes II,9,1 Jesus als Betrüger. Hier wird die pharisäisch-jüdische Kritik an Jesus als einem Magier (pla/nh war todwürdiges Verbrechen im imperium romanum) mit Ahriman identifiziert, Zeichen der Ablösung vom Judentum und Hinwendung zu den alten zervanistischen Traditionen der asylgewährenden Nachbarländer Syrien und Medien unter den Flüchtlingen der Nazoräer-Mandäerszene als dem Trägerkreis des Sethianismus. 1,17-2,25 folgt an einem öden Ort, also in der Wüste wie bei Jesu Versuchung, die Lichtvision des Johannes, in der Christus sich als Vater-Mutter-Sohn-Einheit offenbart und polymorph ständig sein Aussehen mutiert vom Kind zum Greis, vom Riesen zum Zwerg. Dies erinnert an Poimandres und die Elchesai-Riesen. Zugleich ist die Wüste der Lebens- und Fluchtraum der Nazoräer. Dem vollkommenen und nichtwankenden Geschlecht (tgenea \natkim 2,25) soll Johannes dies alles mitteilen, also den Pneumatikern und Sethianern, die sich von der Verfolgung durch das Judentum nicht von ihrem Glauben abbringen lassen. 2,26-4,26 wird Gott beschrieben: Er ist tm[o]nas [oumonarxia, Monade und Monarch, Haupt aller Äonen 4,13, mit keiner menschlichen Metapher beschreibbar: unbegrenzbar, unbeurteilbar, unermeßlich, unsichtbar, unbenennbar, reines Licht, vorzüglich (\nHouo 3,28), zeitlos 3,32, unermeßliche Größe, er ist und gibt 4,3ff Leben, Seligkeit, Erkenntnis, Güte, Erbarmen und Gnade und ruht 4,12 in Schweigen, Valentins Sige. Sein Licht ist 4,21 Quelle des Lebenswassers. Ihn umgibt Lichtwasser (pmoou \nouoein 4,25f). Diese negative Theologie findet sich auch im Zostr wieder.
Die AJ II-Version beschreibt den unsichtbaren Vater und die ersten Äonen viel ausführlicher als Irenaeus. Der erste Äon ist 4,27 Ennoia oder 4,32 »vollkommene Pronoia des Alls« oder 4,36 Barbelo. Sie ist 5,5 „Mutterschoß des Alls“ (mmhtra \mpthrF). PGM IV,475 werden einleitend Pro/noia kai\ Yu/xh angerufen. Die Weltseele ist erster Gedanke erstes denkendes Subjekt im geistigen Seinsfeld, in dem sich die iranische mēnōk-Welt bei Platon abspiegelt. Später sind Barbelo und Pronoia verschiedene Äone. Pronoia stellt sich vor den Vatergeist und bittet um Unvergänglichkeit, die wie ein Kind als eigenes Subjekt ihre Eltern preist, den Vater um Ewiges Leben bittet und dies quasi nach seiner Erlaubnis (Befruchtung?) hervorbringt als preisenden Enkel, der wiederum den Vater um Wahrheit bittet, die auf gleiche Weise gewährt wird und entsteht. Die »Pentade der androgynen Äonen« (6,8) ist als Zehnheit vollzählig: Urmensch-Urvater, Pronoia-Barbelo-Prognosis, Unvergänglichkeit, Ewiges Leben und Wahrheit. AJ II,6,10 beginnt eine parallele Genealogie, wo der Vater in Barbelo in reinem Licht hineinsieht (aFGwSt eHoun H\n t\b\a\r\b\h\l\w) und sie schwanger wird (Jpo = werden machen, wohnen lassen, beiwohnen lassen, erzeugen; Kausativ von Swpe 6,13 cf 17). Der Blick penetriert wie ein Phallus.[3232] Der Lichtfunke (\nouT\k \nouoein 6,13) aus Seligkeit als einzige Geburt 6,17, den Barbelo als »erstes Herauskommen« (pSorp \nei ebol 5,11) erschafft, ist ihr nicht ebenbürtig und wird erst 6,23f durch (Tauf-)Salbung des hocherfreut jubelnden Vaters mit Spucke zu Christus 7,2 alias Autogenes 7,11. Christus bittet um einen Mitarbeiter und bekommt den Nous, mit dem er 7,2 die Eltern preist. Die beiden sind quasi Brüder, genau wie bei Valentin. Daß hier die Valentin-Ogdoas von Bythos-Sige, Nous-Aletheia, Logos-Zoe und Mensch-Kirche Pate steht, ist offensichtlich. Selbst Magier Markus hat deren Genealogiesequenz verdreht. Es kommt auf die Struktur der androgynen Syzygien an: Nach Nous entsteht erst 7,6 der Sophiagatte Wille, dann der Logos (pSaJe 7,5.9) und durch das Wort-Wirken als Werk entsteht das All (thrF) - ein Synonym für Valentins Pleroma. Die Paare sind so: 1. Vater+Barbelo, 2. ChristusAutogenes+Schweigen, 3.Nous+Wille und 4. Logos+Ewiges Leben. In 5,9 wird vom Dreifachmännlichen und den 3 Kräften als androgynen Namen (pSomt \nran \nH?o?[o]ut sHme) gesprochen. Die 10er-Gruppe des Valentin-Pleroma fällt weg, die 12-Gruppe ist 7,33ff vollzählig als die 4 Lichter des Autogenes: Klugheit, Gnade, Wahrnehmung, Phronesis. Dazu kommen je 2 weitere Gestalten, so daß die zodiakmäßige 12er-Gruppe 8,25 als Autogenes-Schar erreicht wird. Auch die Androgyn-Syzygien stammen von Valentin. Die Horosfunktion Valentins, die später Christus+Hl.Geist übernehmen: das Pleroma zu festigen, wird AJ II,8,26f von Autogenes+Hl.Geist übernommen. Obwohl auch hier der Begriff Pleroma häufig auftaucht[3233], ist doch im Sethianismus mehr vom All die Rede, was eben nicht die materielle, sondern die göttliche Welt meint, in der Materie nur der Streueffekt einer Sophiasünde ist.[3234] Eine Tabelle zeigt die Übereinstimmungen des AJ mit Valentin:
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Apokryphon Johannis Unsichtbarer
Geist & Barbelo |
Valentin Bythos-Sige |
Pleroma 10 +
12: |
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Christus=Autogenes
& Sige: v Nous-Wille-Leben V |
Nous+Aletheia " " " V |
->Bythios+Mixis ->Ageratos+Henosis ->Autophyes+Hedone ->Akinetos+Synkrasis ->Monogenes+Makaria |
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Logos &
Ewiges Leben: Gnade-Wahrheit-Gestalt Epinoia-Wahrnehmen-Erinnern Verstehen-Liebe-Idee Vollkommenheit-FriedeWeisheit |
Logos+Zoe " " " " V |
->Parakletos+Pistis ->Patrikos+Elpis ->Metrikos+Agape ->Aeinous+Synesis ->Ekklesiast+Makariot ->Theletos+Sophia |
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Sophia->Jaldabaoth |
Mensch + Kirche |
Sophia
-> Achamoth Pleroma->Jesus |
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Christus
& Hl.Geist |
Christus + Hl.
Geist |
Achamoth->Demiurg ->
Plasma Welt Seelen |
Autogenes ist 7,13 durch die Prognosis entstanden, nicht aus der Paarung Ennoia-Logos. Die 12 Äonen des Autogenes sind nicht mehr syzygisch geordnet, sondern in 4 Dreiergruppen passend zum Zodiak und den 4 Erleuchtern, denen 8,28-9,25 auch noch die Urmenschen und ihre Nachkommen zugeordnet werden:
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Armozel |
Orioael |
Daveithai |
Eleleth |
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Pigeradaman |
Seth |
Same Seths |
Sophia-Psychiker |
Für Eleleth, den untersten Erleuchter, werden Menschenseelen vom Typ der Sophia zugeordnet: Sie unterscheiden sich von Seths Nachkommen, den Pneumatikern Valentins, durch Unwissenheit, Beharrung und Bekehrung, also ist Sophias Sünde und Reue das Modell für die Psychiker Valentins. Sie sind in Eleleth entstanden und kommen dorthin postmortal zurück, so wie die Psychiker Valentins zum Ort der Mitte und nicht ins eigentliche Pleroma gelangen.
Autogenes wird die Wahrheit unterworfen, mit der er bei Irenaeus gleichzeitig geschaffen wird und kopuliert. Im AJ wird auch nicht klar, daß die 4 Wesen aus der Paarung von Willen und ewigem Leben hervorgehen. Statt qe/lesij (Wollen) gibt es im AJ Wahrnehmung. Aus (H)armozel im AJ macht Irenaeus Armoges. Aus Oroiael macht Irenaeus Raguel. Eine feste Zuordnung von Lichtern und den 4 charakterlichen Wesenheiten fehlt im AJ, dafür haben alle 4 Lichter drei weitere Äonen bei sich. Adam(as) wird im AJ nicht allein durch Autogenes hervorgebracht, sondern auch andere Wesen sind beteiligt an seiner Schöpfung. Im AJ wird er dann in den ersten Äon Harmozels eingesetzt, bei Irenaeus mit dem ersten Licht von Armogenes getrennt. Der Lobpreis Adams über seine Kraftverleihung findet im AJ als Hymnus an den Vater, die Mutter und den Sohn Ausdruck. Irenaeus macht daraus, daß Vater, Mutter und Sohn offenbart seien. Statt der Baum-Entstehung aus Mensch und Gnosis geht es im AJ ganz anders weiter; der Baummythos wird dafür in 22 ausgiebig ausgeführt. Sophia ist im AJ letzter Äon vom 4. Erleuchter Eleleth und der Heilige Geist ist 9,29 ihr Partner (Sbhr). Valentins Qe/letoj/Wille ist hier arkan eingebaut als »Wille des Geistes« (pouwS \mpe\p\n\a). Irenaeus identifiziert sie mit diesem als Sohn-Tochter des ersten Engels, die aus Lüsternheit auf die Erde springt, um penetriert zu werden. AJ 9,26ff will sie in androgyner Selbstbefruchtung ein Wesen gebären ohne Zustimmung des Heiligen Geistes (aJ\m? pouwS \mpe\p\n\a \mpeF\reudokei) und ohne sexuelle Vereinigung (Hwter) mit dem Paargenossen (Sbhr): aJ\m p]e?sSb\r \nHwtr 9,30
Das Produkt samenloser Zeugung mißlingt: Unwissenheit (10,14 ou\m\n\tatsooun) und Vermessenheit kennzeichnen ihren Sohn Jaldabaoth, der 360 Engelschaften zeugt, alle von Unverstand geprägt wie die Seelen der Psychiker auf Eleleth (9,19 atsooun), nicht wie bei Irenaeus von Bosheit, Eifersucht, Neid, Rache und Begierde. Irenaeus macht das lediglich Unvollkommene schon zum Bösen. Es gibt im AJ zwischen den Psychiker-Seelen, Sophia und Jaldabaoth mit seinen Engeln die Gemeinsamkeit des Unwissenheit. Wenn hierin die Sünde besteht, so ist umgekehrt Buße und Reue das Erlangen von Wissen, was die Tauf-Katechese der Sethianer entwickelt, in der das »Kleid der Unwissenheit« abgelegt wird, cf TrimProt 49. Unwissenheit begegnet 85x im NHC[3235], häufig im AJ und 2LogSeth, unwissend 25x.
Der Baum der Erkenntnis von Gut und Böse (pShn \nsou\n petnanouF \mn petHoou) wird AJ II,22,4f Inkarnation der Epinoia des Lichts. Hen(äth) 32,3 ist es der »Baum der Weisheit, von dessen Frucht die Heiligen essen und großer Weisheit kundig werden«. Die Umwertung des Paradiesbaum-Essens ist bereits hier vollzogen. Die Bilderreden 37 beginnen als Reden der (in 42 personifizierten) Weisheit, die vom Herrn der Geister verliehen wurden. Im Schillern der Begriffe für Sophia - Epinoia, Prognosis, Protennoia, Pronoia - scheint die personifizierte Weisheit des visionär-radikalen Judentums noch sehr amorph und wandlungsfähig hindurch. Im mithrischen PGM IV,475 werden Pro/noia kai\ Yu/xh angerufen. Die Weltseele ist erstes denkendes Subjekt im geistigen Seinsfeld, in dem sich die iranische mēnōk-Welt bei Platon abspiegelt.
Gadreelik, der dritte der 21 Anführer der gefallenen Engel in 69, schwängert Eva wie der Protarchon in AJ II,24,8ff. Wenn Jahwe dort 24,18f ein Bärengesicht, Elohim ein Katzengesicht hat, ist hier die Neuauflage des Partnertauschmythos von Yim und Yimak aus Bundahišn 23 SBE 5 bis in Details hinein über die Henocha in den sethianischen Schändungsmythos der Archonten eingewandert. Mēnōk-i Chrad 49,15 bewacht das Bärengestirn das Höllentor.
Der Pronoia-Hymnus II,30,11-31,4 mit dem dreimaligen Abstieg der in Ichform berichtenden Pronoia ins Gefängnis der Welt ist eine eigenständige Tradition, die eine gewisse Nähe zu Joh 1,1-14 aufweist.[3236] Als Licht geht sie in die Finsternis, als Denken des Pleroma wird sie nicht erkannt. Beim zweiten Abstieg in die Mitte der Finsternis, Unterwelt und Chaos bebt alles. Beim dritten Abstieg inkarniert sie sich im Körpergefängnis. Simons Helenamythos ist bis zu diesem Punkt ganz ähnlich. Im zweiten Teil 31,4b-26 geht es um den Weckruf aus dem Tiefschlaf des Weltgefangenen, dessen Hoffnung erwacht durch die jungfräuliche Pronoia des reinen Lichts, die ihn hinaufstellt, erhöht an seinen himmlischen Ehrenplatz, seiner Wurzel. Er möge sich vor Engeln der Armut und Chaosdämonen hüten und wird mit den 5 Siegeln in der Taufe versiegelt, damit der Tod keine Macht hat über ihn. Danach geht sie wieder gen Himmel. Die Pentaden-Taufe mit Versiegelung schützt auf Erden vor bösen Mächten - den druj der persischen Magier und Reinigungspriester.[3237] Die nazoräische Inthronisation im Himmel während der Taufversiegelung ist hier erkennbar, cf 1.7.9.5. Es finden sich Traditionen aus AT und Hen(äth) 42.[3238]
2.5.12 Die Aufweitung der Triade von AJ und
TrimProt zur Hexade/Pentade
Die erste sethianische Schicht, das AJ und die TrimProt, enthalten die heilige Familie von Vater, Mutter und Sohn als Triade UG - Barbelo - Autogenes. Im EvÄg bereits ist diese Triade zur Hexade geworden, indem zwischen die Männliche Jungfrau Barbelo und Autogenes drei weitere Vater-Mutter-Sohn-Wesen als ursprünglich wohl eigenständige Tradition in der Triade eingeführt werden: Das Dreifachmännliche Kind, die männliche Jungfrau Joel und das Kind des Kindes Esephech. Sie werden komplett zur heiligen Familie auf niedrigerer Stufe.[3239] Wurden in einer sethianischen Seitentradition bei einer anderen Täufergruppe andere Namen für die Urfamilie benutzt, die später quasi irrtümlich nicht re-identifiziert wurden mit der geläufigeren Triade Vater-Barbelo-Autogenes? Ihre Aufnahme spiegelt dann die Aufnahme dieser Täufergruppe in die sethianische Gemeinde, cf 3.5. Daraus entwickelten sie sich dann als eine Beschreibung der 3 Kräfte der Barbelo, die als Mutter immer auch den Vater und das Kind in sich trägt als Penis und Embryo, und damit Große Mutter des Weltalls mhtra \mpthrF AJ II 5,5 wird. Sie ist zugleich der Heilige Geist (\p\n\a etouaab AJ II 5,7) als Frau wie in der Riesenpärchenvision Elchesais. Ihre Dreiteilung als pronoia in AJ II ist das, was sie vom UG an Eigenschaften/Kräften erbittet in einer Insistenz, mit der die Herrin vom Herrn Diener einfordert, womit bereits eine abgekoppelte, relativ große Eigenständigkeit dieser Kräfte deutlich wird.
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AJ II,4,27ff: |
Vater: Gedanke |
Mutter: Geist |
Sohn: Wort |
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ennoia |
pneuma |
logos |
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AJ II,5,11ff: |
Allwissenheit |
Unversehrtheit |
Unsterblichkeit |
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prognosis |
afqarsia |
wnH SaeneH |
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AmesaSpenta Element: |
Asha Feuer |
Haurvatat Wasser |
Ameretat Pflanzen |
Diese Binnentriade der Barbelo/Pronoia hat Affinität zu den Aməša Spənta. prognosis[3240] kann mit Aša und Feuer auf Ahura Mazdā bezogen sein, afqarsia[3241] auf Anāhītā, mit der Wasser und Wohlergehen verbunden ist, während \nouwnH SaeneH[3242] dem endzeitlichen Saošyant entspricht, der richtet und ewiges Leben gibt. Wenn diese Gleichung stimmt, waren prognosis, afqarsia und ouwnH SaeneH nie Eigenschaften Barbelos interpretierende Abstrakta, sondern von Anfang an Personenhypostasen.[3243] Die Gottheiten der Assyrer, Babylonier, Hellenen und Ägypter waren als Bilder berührbar, auch Jahwe trotz Bilderverbot als Geist auf den Wassern, Spaziergänger im Garten Eden, Buschfeuer am Sinai, Feuersäule in Sodom oder sanftes Säuseln am Horeb. Auch Miθra bekommt später Bilder und Sagenkränze wie Elia oder Jesus. Elkesais Riesenpärchen, Poimandres als Urmensch zeigen bis in die Nazoräerszene hinein Form, Gestalt, Gespräch. Dagegen sind die sethianischen Götter so wenig „zum Anfassen“ wie die Aməša Spənta. Gerade im AJ ist mit dem Pharisäer Ahriman die zervanistische Prägung deutlich. Daß nur ein Name versehentlich hineingerutscht sein soll, ist unwahrscheinlich. Die im AJ eingefügte Minitriade der 3 Kräfte der Pronoia-Barbelo ist persisch: Sie ist die Mischung von Aša als Priesterkraft und den Nasatya des Ernährerstandes Haurvatāt und Aməretāt, Repräsentanten von Medizinern und Bauern, Gesundheit und Unsterblichkeit als Kräfte des Heils. Die Kriegerfunktionen wurden in den Täuferkreisen weniger favorisiert als die überlebenswichtigen Ernährerkräfte. Dies zeigen die Themen Jesu, der wie die Magier Priesterlicher Heiler im bäuerlichen Galiläa war. Die 3 Kräfte der All-Mutter Barbelo können auf ihrem phönizischen Fruchtbarkeitshintergrund von hfm:kfx als zur Abwehr der Astarte und Anat resexualisierte Ma‘at oder Tefnut die entsprechenden iranischen Fruchtbarkeitstraditionen wachgerufen haben. Barbelo/Pronoia steigt im ursprünglich wohl selbstständigen Hymnus AJ II,30,12 - 31,27 dreimal unerkannt als Licht hinab ins Gefängnis der Finsternis auf Erden. TrimProt 40,29 - 42,3 steigt Protennoia als Stimme, Sprache und Wort auf Erden herab und löst die Fesseln der Dämonen der Finsternis und des Vergessenes, in ApkAd steigen die Erleuchter dreimal erdwärts. Darin liegt eine Adaption der Weisheitsspekulation vor.[3244] Die Aməša Spənta haben eine ähnlich halb personale und halb würdiges Leben beschreibende Gestalt wie die aus Ma‘at-hfm:kfx stammenden Barbelo-Hypostasen in ihrem irdischen Besuchsdienst. Hier sind also phönizisch-kanaanäische Fruchtbarkeitsgöttin, ägyptische Ma‘at, jüdische hfm:kfx und persische Aməša Spənta zu einer neuen Einheit synkretisiert. Simons Helena im Bordell zu Tyrus entspricht diesem Entwicklungsstand der deszendenten Sophia, wobei er allerdings keine Trias entwickelt hat.
Der Begriff des Dreifachmännlichen Kindes und des dreikräftigen Geistes steht für den Übergang vom monotheistischen Jahweglauben zu einem Gottwesen mit drei Kräften und schließlich zur trinitarischen Hypostasierung dreier verschiedener Gottwesen mit eigenständigen Persönlichkeiten, cf 3.6.19. Die Triadenbildung als heilige Familie Vater-Sohn und Heilige Geistin dürfte als allgemeine Entwicklung des damaligen Zeitgeistes angesehen werden, wo die Fruchbarkeitskulte in der Christologie mit der Auferstehung des Gekreuzigten verbunden wurden und an deren Ende die Marienverehrung der Gottesmutter steht. Elchesaiten, Ophiten (2.5.7), Hekate-Tradition der chaldäischen Orakel und Neupytharoreer (2.5.8) entwickeln gleichermaßen wie die altkirchlichen Konzilien die Dreiteilung Gottes. Die Integration der Jungfrauenkulte zur Figur Sophias, der Heiligen Geistin, Pronoias oder Barbelos ist dabei als „feindliche Übernahme“ zu verstehen: Die Lüsterne wird entsexualisiert zum männlichen Verstand. Analog zur Reue der Sophia wird in den Evangelien die Fruchtbare zur Schmerzensmutter: Joh 19,25 beweint die gottbefruchtete Jungfrau (Mt 1,18) ihr nach Jes 53,7-10 und Joh 1,29.36 zur Weltsündensühne geopfertes Kind als Gotteslamm unterm Kreuz.
S\m\tGom taucht AJ IV,7,19 und 16mal im Zostr[3245] und Allog 61,6.13 auf als Verkürzung von Somte \nGom im AJ und EvÄg.[3246] pSom?t? \nHoou = dreifachmännlich kommt im NHC 14mal vor.[3247] pSom?t? <\n>Hoout tSomte \nGom pSomt \nran \nH?o?[o]ut sHme, der dreifachmännliche, der dreifach-kraftvolle, der dreifach-benannte Mannweibliche ist Barbelo AJ II,5,8f als Mutter-Vater, erster Gedanke, erster Mensch und heiliger Geist. Als Pronoia, erster Gedanke des unsichtbaren Geistes ist sie dort Mutter des Alls. Die 3 Kräfte in ihr mit ihren drei Namen bilden den Konvergenzpunkt für die Aufnahme einer zweite Triade im EvÄg, die der Joel-Tradition und ihrer Verehrerschar zu verdanken ist. Im mithrischen PGM IV,475 werden Pro/noia kai\ Yu/xh angerufen. Die Weltseele ist erstes Wesen der Geistwelt (iranisch mēnōk-Welt). Auch Hekate ist hierbei formbildend, cf 2.5.5.1 und 2.5.5.3.
Im EvÄg ist der Doxomedon-Äon der Container der Haupt-Triade UG, Barbelo, Autogenes und der Untertriade Dreifachmännliches Kind, männliche Jungfrau Joel und deren Kind des Kindes Esephech.[3248] Barbelo hat noch keinerlei Containerfunktion wie im Zostr. Mit Mirothea zeugt das Dreifachmännliche Kind Adam, der mit Prophania Seth und die 4 Erleuchter zeugt. Religionssoziologisch dürfte sich darin die Integration einer Joel-Gruppe in die sethianische Gemeinde wiederspiegeln. Diese Gruppe wollte nicht ihre Götterfamilie nahtlos aufgehen sehen in der seit dem AJ vorherrschenden Triade UG - Barbelo - Autogenes, die vermutlich auch im Proto-Zostr noch ähnlich bestanden hat. So ist das Kind der Triade des AJ und TrimProt, Autogenes, im EvÄg ersetzt worden durch das Dreifachmännliche Kind, aus Shre wird alou. Joel und ihr Kind Esephech rücken an 4. und 5. Stelle und erst an 6. Stelle kommt Autogenes. Weil Barbelo in AJ und TrimProt dreifachmännlich[3249] ist, bietet es sich geradezu an, das Dreifachmännliche Kind der Joel-Gemeinde zu ihrem direkten Kind werden zu lassen und dieses in Rang 3 der Hierarchie einzubetten.[3250] Der spätere Redaktor des Zostr hat die ursprüngliche Joel-Ephesech-Tradition eigenständig erhalten in Zostr 13,7-26; 35,18-42,6 und 56,24-63,8. Daneben hat er aber auch die Doppeltriaden-Struktur des EvÄg übernommen und modifiziert zur Äonen-Pentade. In die ursprüngliche heilige Familie Vatergeist, Barbelomutter und Autogenes-Sohn sind nun anstelle von Dreifachmännlichem Kind Kalyptos und anstelle von Joel Protophanes implementiert. Wollte man beiden ein Geschlecht zuordnen, wäre Kalyptos männlich und Protophanes weiblich.[3251] Das Dreifachmännliche Kind als Vatergottheit der Joel-Gemeinde wird in der nunmehr entstandenen Hierarchie niemals eindeutig eingebunden, steht aber immer über Autogenes. Dagegen wird Joels Rang von der Urmutter zur Taufgöttin herabgesetzt und Ephesech zum unter Autogenes stehenden Offenbarungsengel degradiert. Alle Damen des Zostr werden als Mutter bezeichnet: Barbelo 29,17, Joel 54,16f, Meirothea 6,30, Prophania 7,31, Plesithea 51,12f.
Das Dreifachmännliche Kind mit Gattin Joel und Kind Esephech/Ephesech haben den Personcharakter des Engels, aber nicht den Raumcharakter des Äons. Wir haben drei Entwicklungsstadien der sethianischen Theogonie vorliegen: 1) AJ und TrimProt haben eine einfache Atum-mäßige Triade Vater-Mutter-Sohn. 2) Im EvÄg ist in diese Triade eine zweite eingefügt mit niedrigem Seinsrang. 3) Im Zostr und Allog ist die kleine Triade entmachtet zu Deuteengeln und an ihre Stelle Kalyptos und Protophanes eingesetzt, die mit Autogenes wiederum eine Triade innerhalb der Barbelo bilden, insgesamt aber eine Pentade mit Barbelo und dem Vatergeist ergeben. Diese niedere Triade der Barbelo im Zostr ist platonisiert worden mit den Begriffen Existenz, Glückseligkeit Leben und verschiedenen anderen Aufstiegsmystik-Zuständen. Das EvÄg hat eindeutig den höchsten Einfluß auf den Zostr.[3252] Daß die Triade Dreifachmännliches Kind - Jungfrau Joel - Kind des Kindes Esephech im Zostr persistiert, dürfte bedeuten, daß die Joel-Gemeinde einen relativ starken Anteil in der sethianischen Gemeinde in Ägypten gebildet hat.
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Ägypten |
AJ / TrimProt |
EvÄg |
Zostr / Allog |
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Atum |
Unsichtb. Geist |
Unsichtbarer
Geist |
Unsichtbarer
Geist |
|
Tefnut |
Barbelo |
männl.Jungfrau
Barbelo |
BarbeloÄon/Jungfrau |
|
Schu |
Autogenes Shre |
dreifachmännliches
Kind |
Kalyptos |
|
männliche
Jungfrau Joel |
Protophanes
Joel |
||
|
Esephech Kind
des Kindes |
3fachmännliches
Kind |
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Autogenes |
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Autogenes Ephesech |
2.5.13 Die Christianisierung Ägyptens und
die ländlichen Kopten-Klöster
Erstaunlich schnell nahm die ägyptische Bevölkerung den christlichen Glauben an, insbesondere die unterprivilegierte Landbevölkerung. Griechischsprachige Christengemeinden muß es schon um 125 gegeben haben, wo der älteste Papyrus P 52, ein Fragment aus dem Johannesevangelium, dort entstanden ist. Neben Texten des AT und NT sind in Ägypten das Hebräerevangelium, Clemens und Origenes wohlbekannt, die Epistula Apostolorum und Teile der Johannesakten entstanden. Während in Alexandria antike Philosophie auf höchstem Niveau in auschließlich griechischer Sprache gepflegt wurde (griechische AT-Übersetzung LXX), blieb in der Unterschicht die alte Landessprache Ägyptisch erhalten.
Die Priesterkaste war die intellektuelle Elite Ägyptens. In den Tempelmauern lebten von Außenwelt abgeschiedene zölibatäre Koinobiten und hatten eine Bibliothek von 42 Heiligen Schriften als Kanon, z.B. in Karnak, aufgezeichnet von Thot. Ihr Wissen war Macht. Ihre Riten stabilisierten den Weltlauf, Sonnenlauf. Ihre Medizin heilte die Kranken. Die 42 Tempelbücher entsprechen Himmelsbüchern in der Henocha und den Himmelsreisen. In der Spätzeit werden die Tempel »Gehäuse einer alternativen Lebensform, die ähnlich wie die der Pythagoreer und Essener durch Askese und Kontemplation gekennzeichnet ist.«[3253] So war der Tempel Vorbild für Geheimbünde aller Art: Pythagoreer, Essener und christlichen Klöster. Mit der ägyptisch-koptischen Sprache hält sich die alte ägyptische Religion. Zauberpapyri, in denen Isis, Horus und andere Götter angerufen werden, zeigen, daß dieser Glaube mindestens noch bis in das 7. Jh. fortbestand. Papyri, in denen die altägyptische Götterwelt und christliches Gedankengut nebeneinander auftauchen, zeugen auch von ihrer Koexistenz im Volksglauben. Obwohl der offizielle Tempeldienst von Edikten der römischen Caesaren verboten war, hielt sich der letzte Isis-Tempel auf der Insel Philae bis 537 in die Zeit Justinians.
Unter der arabischen Besetzung formierte sich die Koptische Kirche, die ihre Gottesdienste in altägyptischer Sprache feierte, noch prägnanter. Sie verehrte den Evangelisten Markus als ihren Kirchengründer. Für sie ist die christliche Vorstellung vom Sohn Gottes, seiner vergöttlichten Mutter und der liebenden Gerechtigkeit des Vaters eine Neuauflage von Isis als der Mutter des göttlichen Horussohnes und Aton-Re als Sonnengottvater. Die frühen Marienbilder ähneln den alten Isis-Skulpturen verblüffend. Hinzu kommt das Mysterium der pharaonischen Nachfolge. Der Pharao war Horus-Sohn. Bereits 2500 v. Chr. wurde der Pharao als Sohn des Sonnengottes Aton gefeiert. Während des Neuen Reiches (~1500 - 1000 v. Chr.) wurde der thebanische Stadtgott Amun zum Schöpfergott gekürt. Seit dieser Zeit entstammte der Pharao der Kopulation von Amun und der Königin. Diese thebanische Theogonie, eingemeißelt in eine Tempelwand als Sextreffen Amuns mit der Königin inklusive der Geburt des Kindes, machte den Pharao zum direkten Sohn Gottes und irdischem Stellvertreter. Für die Ägypter war der neue Glaube eingängig und vertraut, voller Hoffnung auf Erlösung in der anderen Welt, zumal das Weiterleben nach dem Tod eine überkommene Vorstellung war. Zugleich war dieser neue Glaube ein gedanklicher Schutzwall gegen die römische Besatzungsmacht.
Aus der Zeit vor dem Patriarchen Demetrius (188/89-231) und Clemens von Alexandrien, der 200-203 Leiter der Katechetenschule in Alexandrien war, gibt es kaum Nachrichten über das Christentum. Demetrius ordinierte 3 Bischöfe, sein Nachfolger Heraclas (231-247) bereits 20. Das antike Gelehrtenzentrum Alexandria wandelte sich in das Zentrum christlicher Gelehrsamkeit und brachte Clemens, Origines, Didymus, Athanasius und Kyrill mit seiner in Chalkedon 451 gegen Byzanz kirchenspaltenden monophysitischen Formel von der »einen Natur des menschgewordenen Wortes Gottes« hervor. Wie überall gab es auch in Ägypten Christenverfolgungen. Unter Septimius Severus wurden 201f aus Ägypten und der Thebais Christen nach Alexandria gebracht und gefoltert. Schwere Verfolgungen gab es unter Kaiser Decius (249-251) im ganzen Imperium. Wer keinen libellus als Attest des Kaiseropfers vorweisen konnte, lebte gefährlich. Ab 300 begannen unter Diokletian die größten Verfolgungen, bis 311 unter Konstantin das Toleranzedikt die Wende brachte. Um 320 versammelt dann Bischof Alexander von Alexandrien fast 100 Bischöfe auf einer Synode. Ägypten dürfte zu dieser Zeit schon weiträumig christianisiert gewesen sein. Die Gewalt drehte sich um. 391 wurde in Alexandria das Serapeum durch Bischof Theophilus zerstört. 415 wurde die neuplatonische Philosophin und Mathematikerin Hypatia vom christlichen Pöbel aus ihrer Kutsche gezerrt und auf offener Straße bestialisch ermordet. Patriarch Kyrill, für Judenverfolgungen in Alexandria verantwortlich, wurde als Drahtzieher verdächtigt. Die Abwehr des Manichäismus etwa durch Alexander von Lykopolis mit seiner Polemik Contra Manichaeos um 300 oder die 12 antimanichäische Schriften des ehemaligen Manichäers Augustin von 391 bis zum Tod 430 zeigen die Stärke des manichäischen Wirkens. Contra Fortunatum Disputatio protokolliert das Streitgespräch zwischen Augustin und dem manichäischen Priester Fortunatus vom 27./28. August 392 in Hippo Regius.
Auf dem Land vollzogen sich viele Klostergründungen, Chenoboskion, heute Nag Hammadi, eins davon. Ausgrabungen zeigen, wie diese Klöster in unmittelbarer Nähe oder gar auf alten ägyptischen Priesterklöstern entstanden sind. Die Entwicklung des Mönchtums in Gruppen (Koinobiten) wie auch die vielen Eremiten (Anachoreten) im 4. Jahrhundert wurden weit über Ägypten hinaus wegweisend. Paulus von Theben, Sohn reicher Eltern aus der unteren Thebais (~228- 341) gilt als erster Einsiedler. Vom Bruder als Christ denunziert flieht er vor der Christenverfolgung in die Berge, lebte dort 90 Jahre, wurde laut Hieronymos 113 Jahre alt. Bei ihm siedelte sich das Kloster Amba Bolus an. In Syrien vollzog sich die Entwicklung des Mönchtums unabhängig von Ägypten in Konkurrenz zur manichäischen Hyperaskese. Es gab mehr Eremiten als Koinobiten. Sie kultivierten die bizarre Askese: Eisenketten, Allwetteraskese, Säulenstehen. 390-459 lebte Symeon der Säulensteher. Die syrischen Asketen übten gleichwohl pastoralem Dienst aus. Aphrahat gilt als ältester syrischer Kirchenvater, »der persische Weise«. Aus der Zeit von 337-345 stammen seine Schriften für Asketen. Sie dürften auf die Anachoreten einen starken Einfluß ausgeübt haben. Auch hier dürfte wieder syrischer Einfluß auf Ägypten bestanden haben wie bei den Manichäern und in Konkurrenz zu ihnen. Auch die Mönche des aus Apis-Stierkult und Osiriskult von Ptolemaios I. zum Staatskult amalgamierten Serapis mit ihrem asketischen Leben in der Wüste waren Vorbilder. Das Eremitentum wurde von den ägyptischen Sarapis-Priestern übernommen und dort geführt, wo auch christliche Eremiten lebten. Über Assuan finden sich koptische Altäre in den altägyptischen Felsgräbern. Vielfach haben die christlichen Eremiten einfach die Wohnungen und Betstätten der Sarapis-Priestereremiten übernommen, ebenso deren Lieder, Tänze und Liturgien. Im Corpus Hermeticum finden sich Stellen, die auf Meditation in der Wüste schließen lassen, während andere Stellen deutlich auf gemeinsame Rituale hinweisen. So gab es in christlichen und gnostischen Kreisen verschiedene Stufen, von der privaten Einweihung durch einen Meditationslehrer über Gruppeneinweihung und gemeinsame Gottesdienste bis zur koinobitischen Ordensgemeinschaft. Die Pluralität religiöser Lebensformen ist von Täufersekten oder dem Wanderradikalismus der Jesusbewegung bekannt, hat sich aber in den Anachoreten zu einer Technik der Ausschaltung körperlicher Bedürfnisse entwickelt, die an östliche Meditationstechnik erinnern.[3254] Mani hat eine Verbindung nach Indien geschlagen; viele indische Händler lebten in Alexandria und brachten buddhistische Mönche mit, die auf Manichäer und Gnostiker vermutlich einen Einfluß ausübten. Das Mönchtum ist aus der Eremitage entstanden: Zuviel Einsamkeit schlägt um in Isolations-Depression all jener, die es in der Welt nicht aushalten und nicht einmal in der früh verbürgerlichten Kirche und damit eine wesentliche Gemeinsamkeit haben: Ablehnung der verlotterten und verrohten Mitbürger/Mitchristen und Orientierung an Jesus, seiner Heimatlosigkeit, Einfachheit und Sorglosigkeit um das materielle Wohl. Anachorese ist zwar Rückzug, aber nicht völlige Isolierung: es gab lose Eremitenkolonien, die die pfingstliche Urgemeinde von Acta 4 zum liebeskommunistischen Vorbild hatten. Arbeit war Mittel zum Überleben, es gab Verkauf der Kommuneprodukte, Unterordnung unter einen Altvater, gemeinsame Gottesdienste. Die Askese soll ewiges Heil sichern und anlebend vorbereiten. Man lebt sich quasi sukzessiv in den Himmel hinein und kann ihn dann und darum auch bereisen.
Pachomius (292-346), ein verarmter Bauer aus dem oberägyptischen Sne (heute Isna) wurde während seines Dienstes in der römischen Legion Christ, kam ins Gefängnis von Antinopolis und wurde nach seiner Entlassung 20jährig Eremit in einem verlassenen Backstein-Brennofen am Nil in der Nähe von Chenoboskion (Naga Hamadi), wo es bereits lose Zusammenschlüsse von Anachoreten gab, etwa unter Apa Ebonkh.[3255] Er schloß sich Palemon an, einem Wüsten-Asketen, der als strengster Schüler des Antonius gilt. Antonius war ein berühmter Asket, dessen heiliges Leben Athanasius in seiner Vita Antonii von 356 beschreibt. Um die einst einsame Hütte Palemons wuchsen immer mehr Schüler-Hütten zu einer laura, einem Lorbeerkranz im Doppelsinn von Baumaterial und Ehrung des Askese-Meisters, so daß sich die Gesellung der Einsiedler durch ihren Wunsch ergab, von einem Oberguru zu lernen. Diese renomadisierten Proto-Camper des Hüttengürtels, vergleichbar mit Christiania in Kopenhagen und den zahllosen Landkommunen der Alternativkultur haben mit den Freaks die Suche nach erfülltem und bescheidenen Leben im Einklang mit der Natur gemeinsam.[3256] Pachomius gründete mit seinen Eremiten-Kollegen aus der laura um 323 ein festes Haus, in dem alle einzogen: das Kloster auf Tabennesi, einer Insel im Nil. Es wurde angebaut. Schließlich lebten auf Tabennesi 1400 Mönche, schreibt Palladius. Pachomius gründete insgesamt 11 Klöster und schrieb seine vielerorts kopierten Ordensregeln nieder, die für lange Zeit die Grundlage des koinobitischen Mönchstums waren. Darin macht er Lesen und Schreiben für alle verbindlich und schuf die ersten monastischen Scriptorien. Die Produktion von Manuskripten und Erhaltung von Büchern in Bibliotheken wurde zu einem essentiellen Teil ägyptischer Klosterkultur und so auch zum Teil eines monastischen Ideals, das sich in der christlichen Welt ausbreitete. Er teilte die Mönche in 24 Stufen des Alphabets ein, angefangen von den ganz einfachen Seelen bis zu den erleuchteten und hat darin eine mystagogische Stufenlehre mit der Buchstabenmystik verbunden. Er starb 346 in Pbou bei Nag Hammadi. Er ist Vorbild für Schenute (~350-466) von Atripe. Dieser war Abt des heutigen "Weißen Klosters" in Atripe in der Nähe von Akhmim und Sohag in Oberägypten. Er hatte einen weitreichenden Einfluß innerhalb von Staat und Kirche und verstärkte die Produktion koptischer Schriften. Während seines langes Lebens als Abt der großen Mönchsgemeinschaft schuf er ein Oeuvre von über 100 Titeln. Das überlieferte Corpus seiner Schriften umfaßt 17 Bände. Er beaufsichtigte das Übersetzen eines immensen Fundus theologischer und moralischer christlicher Schriften aus dem Griechischen ins Koptische. Seine Klosterbibliothek gab es noch im 13., aber nicht mehr im 15. Jahrhundert und war die größte koptische Bibliothek ihrer Zeit. Aus dieser Bibliothek stammt der Hauptteil der Werke, die heute als "klassisch koptisch" gelten. Teile dieser Bibliothek wanderten vor dem 15. Jh. in andere Klöster, tauchten um 1790 wieder auf und wurden an Reisende und Antikenhändler verkauft und so über 100 Jahre zu einzelnen Pergamentblättern fragmentiert in alle Welt verstreut. Selbst als der Ägyptologe Gaston Maspero 1882 die Quelle entdeckt hatte, war es nicht möglich, die umfangreichen Reste der Klosterbibliothek zusammenzuhalten. Blätter vom selben Buch befinden sich in Kairo, Neapel, Wien, Berlin, Paris, Cambridge, Ann Arbor, Michigan und anderen Sammlungen. Viele Schriften wurden durch Missionare für Kardinal Stephano Borgia aufgekauft und dem Vatikan einverleibt. Die Borgia-Sammlung im Vatikan bildet mit deren Auslagerungen in die Biblioteca Nazionale in Neapel den weltgrößten Fundus koptischer Schriften überhaupt.[3257] Das weiße Kloster ist aus Steinen eines nahen pharaonischen Tempels gebaut. Dabei wurden vielen ägyptischen Gottheiten, die auf diesen Steinen eingraviert waren, die Gesichter weggekratzt, um ihre magische Macht zu zerstören. Auch dies zeigt die Verschmelzung mit den altägyptischen Tradition.
Die Klöster von Nitria und
Kellis und das Makarioskloster
von Wadi Natrun wurden bekannte Zentren. Auch Frauen lebten als
Asketinnen in
Klöstern und Einsiedeleien. Eine eigene koptische Kunst
entwickelte sich aus
spätantikem Stil und flächiger, frontaler,
altägyptischer Kunst. Typisch sind
gedrungene Figuren und die Betonung der Augen und Köpfe. Die
berühmte Ikone
„Christus mit Menas“ greift die Geste von Anubis
auf, der als Totenbegleiter
seine rechte Hand auf die Schulter der Verstorbenen legt. Die
ägyptische
Lebensschleife (Anch), das Henkelkreuz, von einem kleinen Kreuz
überhöht, wird das Symbol koptischer Christen.[3258]
Das gesprochene Koptisch wird in seinen Dialekten verschriftlicht, Bohairisch im Nildelta, Sahidisch in Oberägypten um Theben, Faijumisch in Faijum 100 km südlich von Memphis/ Kairo, Achmimisch in Hermopolis/Minje südlich von Faijum, Subachmimisch in Lykopolis/ Assiut. Ende des 3.Jhs. gibt es eine bohairische Übersetzungsschule in Alexandria und eine sahidische in der Thebais, die kooperierten.[3259] Sie sind von der Amtskirche in der Blütezeit von 230-303 durch Übersetzungsaufträge und Textproduktion protegiert und domestiziert worden.[3260] Dies erklärt die Uniformität koptischer Bibeltexte: jeder Schreibfehler ist „Sünde wider den Geist“. Daneben bilden sich andere Schreibstübchen, die frei genug sind, häretische Texte wie die sethianischen zu übersetzen und zu kopieren. »Weil ihre Übersetzungen und Scriptorien von der kirchlichen Zensur frei waren, war das Repertoire der Schriften, die dort, wenn auch von Halb-Professionellen (oft aus schlechten Originalen), übersetzt und abgeschrieben wurden, vielfältiger.«[3261] Die vielen Abkürzungen für häufige Namen wie \x\r\s statt xristos zeigen den Grad der Routine. Die oft ohne Leerstellen zwischen den Worten geschriebenen Texte (scriptura continua) deuten darauf hin, daß einer diktierte und eine ganze Reihe Schreiber gleichzeitig Kopien anfertigten. Oft gab es als Zwischenstufe eine Art diktiertes Steno von dem Schreiberinnen dann ausformulierte Kopien am laufenden Band anfertigten.[3262] In Provinzscriptorien ist die Textkopie schlechter und die Dialekte uneinheitlicher, dafür der Arm der Kirche schwächer und die Häretik weniger verfolgt. Philosophische Textpassagen werden beim Übersetzen oft fehlverstanden und entstellt. Die Bodmer-Papyri, 1952 bei Chenoboskion nahe Dišna 12 km östlich von Jabal al-Tarif und Nag Hammadi gefunden, illustrieren diese Vielfalt mit griechischen, lateinischen, sahidischen, bohairischen und lykopolitanischen Texten, die sich insgesamt an das Sahidische annähern, aus verschiedensten Scriptorien und Übersetzerbüros stammen und teils reines Sahidisch auf hohem Niveau enthalten (P.Bodmer XXIII) - dann vermutlich aus einem kirchlichen Scriptorium.[3263] In der Provinz ist das Bildungsniveau geringer, werden Texte stärker entstellt, finden mehr außerkirchliche Texte Resonanz und Nachfrage, leben außerkirchliche Gemeinden unter weniger Druck, ist das Interesse an Magie und Zauberei insgesamt größer, wie Plotin beklagt, cf 1.5.2.52. In der Provinz finden Täufergruppen leichter Unterschlupf, wie das manichäische Kloster von Kellis zeigt, können Magier größeren Wunder-Glauben erwarten und größeres Geld von mehr, aber insgesamt ärmeren Menschen, ist also auch die Begegnung von Magiern und Täufern wahrscheinlicher als etwa in Alexandrien. Von dieser Begegnung zeugt der unten folgende Papyrus Michigan inv. 593.
Von den pharaonischen Tempelpriestern wurden erhebliche liturgische Momente in die koptische Liturgie übernommen und haben sich dort bis heute konserviert. Die Ausgrenzung der koptischen Minderheit im islamischen Ägypten hat diese Erhaltung der pharaonischen Traditionen begünstigt. Die altägyptischen Totenklagen, der Tempeltanz mit Glöckchen, Sistrum und Handbeckenschellen, die mehrstündigen extatischen Trancetänze der Hathorgemeinden, ihre Rhythmen und Koreographie, all dies findet sich noch heute in den Festen der koptischen Klöster wieder und werden in einer umfassenden Tondokumentation vom ägyptischen Museum in Kairo archiviert. Diese Musik war ausgerichtet auf das jenseitige Leben und sollte durch ekstasij und Aufstieg aus den irdischen Verstrickungen darauf vorbereiten.
Ähnlich haben die 70 ägyptischen Sufi-Orden diese altägyptischen Riten in ihrem Zikr, dem Trancetanz mit Gebetslitaneien, bewahrt. Das 27tägige Opetfest unter Ramses II. ist eingeschmolzen in das Moulid, das Geburtstagsfest von Sufi-Scheich Yusuf Abu el-Haggag (ca. 1150 in Bagdad- 1243) in seinem über dem Tempel von Amenhotep III. errichteten Grab-Tempel in Luxor mit 2tägigen Sonnen-Barkenprozessionen unter Trommeltanz.[3264] Das Berühren der Barken mit seinem Sarg bringt Fruchtbarkeit und Segen. Wie früher die Goldstatue des sterbenden Amun aus ihrem Tempel in Karnak auf einer Barke zum Tempel in Theben getreidelt und getragen wurde, um dort zwei Wochen lang die Ka-Seele des Pharao zu erneuern, so wird auch heute noch die Barke als Lebensspender begriffen und befingert.
2.5.14 »Seth der Sohn Adams« im
Zauberpapyus P. Mich 593
Daß Seth auch reibungslos als Dämon im Unheil-Abwehr-Zauber fungieren kann, zeigt der 1921 von Sir Ernest A. Wallis Budge[3265] gefundene koptische Papyrus Michigan inv. 593 aus dem 6.Jh.n.Chr., der hier wiedergegeben wird. Er wurde mit mehreren leeren Blättern von gleicher Größe und der geflochtenen Schnur, mit denen sie ursprünglich in einen Kodex gebunden waren, gefunden. Seiten 1-3 und 19f in schlechter mittelgroßer Schrift wird durch Seiten 4-12 in sehr kleiner akkurater Schrift und 13-18 in guter großer Schrift flankiert, die letztere könnte vom selben Schreiber stammen wie British Museum No. 951 (Plate IX). Daß hier auch Schlechtschreibende tätig waren, deutet auf aktiven Gebrauch dieses Zaubers, nicht nur literarische Reproduktion zwecks Sammlung.
»O Gott, O Herr, O Allmächtiger, dessen Körper die Farbe von Feuer ist, der Licht ist in der Dunkelheit, dessen Name kein Fleischgeborener kennt, diene nur ihm, dem ganzen Weg der Weisheit (Sophia?), der unter den Licht-Äonen ist, der unergründlich ist, umgeben von allen Kräften. Jedes Wesen wird durch seine Arbeit und seinen Dienst ins Leben gerufen.«
Diese Prädikate Gottes: Feuer, Licht im Dunkel, unerkennbar, unergründlich, weise, thronend umgeben von den Himmelswesen in Ambiguität von Kräften und Äonen - so wird sowohl Ahura Mazdā verehrt als auch der unsichtbare Geist der sethianischen oder valentinianischen Tradition. Besonders augenfällig ist, daß hier keine weibliche Äonengestalt auftaucht, es sei denn, mit Weisheit sei die personifizierte Sophia gemeint. Zumindest fehlt jede Syzygienform in der Pluralität der Licht-Äonen. - Es folgt eine seltsam magische Okkupation Gottes, die zwar dem Schutzbetteln der Psalmen entspricht, aber keineswegs devot mit dem Höchsten umspringt. Darin fügt sich eine planetarisch geordnete Aufzählung der Engel in drei Dienstbarkeitsgraden als Handlanger Gottes in Erfüllung der Zauberspruch-Bitten:
»Tu für mich jede Arbeit gehorsam gegen diesen Zauberspruch. Und jedes Vorhaben, was ich unternehmen werde. Diese sieben Engel, jeder wird durch seine Arbeit und seinen Dienst ernannt. Tritt für mich ein. Ich bin Seth der Sohn von Adam. Die erste Offenbarung durch die ungeformten Hände: Michael, Gabriel, Raphael, Uriel, Saraphuel, Suriel, Anael. Und ebenso die Diener: Amoel, Anathael, Ananael, Phriel, Thriel, Ariel, Israel. Und ebenso ihre Verwalter: Mosyl, Osyl, Phael, Joel, Arphael, Tremael. Alles, was diese Großen sind, was die Kräfte, die in der Gegenwart dieses Unsichtbaren sind, beleuchten, die Engel, die im Licht sind, jene von der Nacht und jene des Tages, jeder, der durch seine Arbeit und seinen Dienst ernannt worden ist. Gib unserer Autorität, die über dir ist, Gehör. All deine Diener, die von jenen über ihnen proklamiert werden, und diese großen Erzengel, die in ihrer Kraft groß sind, diese, deren Namen ihnen zuerst genannt wurden, nämlich: die Engel, die alle Bezeichnungen nennen, die auf Hebräisch geschrieben werden, in der Sprache des Himmels, daß sie jedem gehorchen, der diesen Zauberspruch aufsagt, um für ihn jede Arbeit zu machen, die er in Reinheit ausführen und Keuschheit des Tuns vollbringt.«
Die in der Himmelssprache Hebräisch angerufenen Engel sind dem Zauberspruch-Rezitator quasi zu Gehorsam verpflichtet, weil er ihren korrekten Namen kennt und ausspricht. Diese Namensmagie ist in Ägypten zentrale Vorstellung, wobei die jüdische Tradition ein besonderes Markenzeichen ist.[3266] Die Litaneien der Yašts bestehen ebenfalls aus Serien von Akklamationen der Schutzgeister und Fravaši, die durch ihre Nennung geehrt und gebauchpinselt werden, damit sie ihre schützende Hand über die Gemeinde halten. Das von den Zauberpapyri bekannte Prozedere des Ritus ist die Vergottung des Nutzers: Indem er selbst zu Seth wird, dem Kenner der Geheimnisse des Himmels (wie Henoch es war), bekommt er Macht über Gott, mehr als der normale Sterbliche. Die Vergottung geschieht durch zwei parallele Verfahren: Das iranische Reinigungsverfahren und das ägyptische Inkorporationsverfahren mit Essen eines Falken-Eies, was ja als Horus der Sohn des Sonnengottes ist. Die Reinigung verleiht Lichtkräfte: Indem sich der Myste/Magier dem Zielgott assimiliert, taucht er sukzessiv in dessen gesamte Identität ein. Ist Seth der Reine und Makellose, muß sich der Magier reinigen und selbst so makellos werden wie der Gott, der er werden will. Ebenso wird Zostr während der Taufen seiner Himmelsreise sukzessiv vergottet. Die Formen der Reinigung müssen, wie P. Mich 593 zeigt, nicht zwingend Wassertaufe sein, selbst nicht bei einer Vergottungsascension in der sethianischen Szene. Es geht bei der inneren Reinigung um Ehrfurcht, Tugend und Wissen um göttliche Geheimnisse, wobei dieses Wissen zugleich ein Know how der Indikationen für den Zauberspruch selbst ist, was in einer langen Aufzählung aller möglicher Krankheiten und dem jeweils adäquaten, teils homöopathisch anmutenden Zubehör und Setting der Spruch-Rezitation nach dem eigentlichen Zauberspruch spezifiziert wird.
»Ich bin Seth, Adams Sohn. Ich habe mich vierzig Tage gereinigt, bis seine Kraft offensichtlich ist, und die Kraft von seinem Hebräer und all seinen Ausführungen daß er in jeder Aufgabe assistiere, die ich unternehmen werde. Tu es, während du rein und ehrfürchtig bist. - Ich bin Seth Adams Sohn, dem die Tugenden und Rätsel und seine Ausführungen und die Kraft dieser Künste enthüllt worden sind, mehr geehrt sogar als die Zaubersprüche über diese geheimen Namen und das, was dieses übersteigt. Denn mir wird sein Dienst gefallen. Nicht jeder Mann kann es ertragen. Diene nur jenen, die rein genug sind, die in all seinen Bezeichnungen und seinen Kräften vollkommen werden. Denn dies veranlaßt einen Geist, bei ihm zu wohnen und eine Weisheit größer als irgendeine menschliche.« Damit ist die alte Paredros-Vorstellung des Assistenz-Geistes des Magiers ausgesprochen. Der Vergöttlichte, Reine und Wissende bekommt einen himmlischen Paredros zugeordnet, der vermutlich dann die unmittelbare Ausführung der Wünsche des Magiers oder Zauberspruch-Rezitators im Auftrag Gottes übernimmt. Es wird deutlich, daß nicht allein das Aufsagen des Spruchs ausreicht, sondern eine 40tägige intensive innerliche und äußerliche zeremonielle Vorbereitung für dieses Akklamationsritual vorausgegangen sind.
»Du sollst es sieben Mal über einem Honig vortragen und einer Lakritzwurzel. Es schafft ewig und immer eine Gedächtnisstütze in dir, deinem Verstand und deinem Geist. Nimm das Ei eines Falken, und brate es, und iß es über dem Honig und reinige dich vierzig Tage, bis sein Verstand dir erscheint, in einem Stand der Makellosigkeit und Reinheit vierzig Tage, bevor du deine Kleidungsstücke waschen wirst. Rezitiere es wie ein Urteil, denn es ist sehr ehrenhaft. Eine große Tugend, die in ihm residiert, denn es zerstreut den Ärger jedes verheirateten Mannes. Es heilt die Bisse von Tieren und Insekten. Verachte es nicht wegen dieser großen Bezeichnungen. Denn seine Autoritäten sind groß. Es veranlaßt alles, aufzuhören. Es bewahrt dich von jenen, die hassen, und von jeder Handlung.«[3267] Die Engelnamen sind die klassischen der Henocha und sethianischen Himmelsreisen, Joel und Amoel (=Harmozel) sind im Zostr zentrale Figuren. Die Reinigung der 40 Tage mit Kleiderwäsche erinnert an die iranische Reinigung der 9 Nächte (barašnom-i no-šabe) von Vendidad 9, cf. 1.4.7. Von Taufe ist dabei nicht die Rede, aber die Visionen vorbereitende Wirkung entspricht völlig dem sethianischen Taufritus.
Das Einzigartige des Textes ist seine Einbettung in den ägyptischen Schutzzauber, der vor Tierbissen, Eifersucht und Haß bewahrt. Auch die Taufe der Nazoräer hat diese Schutzfunktion. Man darf als Sitz im Leben wegen der starken, vorwiegend den iranischen Priestern vorbehaltenen Reinigungspraktiken einen ägyptisierten Magier der synkretistischen zervanistischen Tradition annehmen, der den Sethianern nahe steht oder von ihnen als Heiler konsultiert wird. Er bekommt Ausführungsanweisungen für seine Patienten gesagt, vom Insektenstich (Scorpiongift) über Gelbsucht, Entzündungen, Wunden, Milz, Kopfschmerz/Migräne, Fieber, Schwindelgefühle, Nachtangst, Schlaflosigkeit, Impotenz, Wurmbefall, Gift, Augenlähmung, Blutungen, Verlust ehelicher Lustfreude, Schutz gegen Feinde, Haussicherung gegen böse Geister, Menstruationsbeschwerden, Milcharmut beim Stillen, Händlerumsatzsteigerung, Lebensversicherung bei Seefahrten, orakelmäßige Traumoffenbarungen, Liebeszauber, Schutz der Stadt. Der Spruch hilft gegen Schadenszauber anderer Magier, gegen Krankheit, Dämonen, den bösen Blick. Begleitend wird mit Salz, Öl, Wein, Minze und Lorbeer desinfiziert.
Der Zauberspruch selbst besteht in einer hymnischen Akklamation, die unzweifelhaft die zoroastrisch-zervanistische Feuertempelpraxis als Verehrung Ahura Mazdās theologisch beschreibt, von mir in Klammern jeweils angemerkt:
»Komm aus den vier Winden des Himmels, den vier Ecken, mit den Geistern von den Streitwagen vom Atem dieses großen Geistes. Lösche dieses Chaos und diesen großen Drachen und all seine Naturen und all seine Bedrohungen aus. (Ahriman und Gefolge) / Er, der diese Lichtwelt gemacht hat. / Er, dessen Portale und Schreine existieren durch ihn, und auch seine Kammern. (Feuertempel mit Brennholz für ewiges Feuer) Unzählig sind sie. / Er läßt die großen feurigen Diener (Feuerpriester) ihn bitten, das Universum zu beschützen. / Er, der dann von diesen großen engelhaften Waltern geschützt wird. / Er, dessen Anfang im Fluß des Ozeans entsprang. / Er leuchtet bis zum Ende durch das Brennen von den Bäumen, die alle in der Welt sind. (ständiges Brennen der Feueraltäre) / Er, die Glut-Hitze, aus deren Macht die Geduld des Vaters entsteht. (Feueraltar-Ewigkeit als Langmut Ahura Mazdās) / Der Vater von allen Engeln und Erzengeln und allen Kräften. / Der Vater von himmlischen und irdischen Dingen. / Der Vater von allem, was ist. / Der Vater aller Lobe. / Der Vater von den Thronen und ihrem Ruhm. / Der Vater aller Herrscher. / Der Vater von denen im Abgrund. / Der Vater der heiligen Ausmaße. / Der Vater von denen, die die ganze Menschheit bilden. / Der Vater der Richter. / Der Vater aller erhabenen Kräfte. / Der Richter der Menschen. / Er, vor dessen Namen man zittert und bangt. / Er, den die Wesen des Himmel und der Erde anbeten. / Er, der den Sternkreis gründete.«
Hier ist eine eindeutige und klare Anspielung auf die Mazda-Verehrung der zoroastrischen Feuerheiligtümer gegeben, die man in Syrien als gesichert und in Ägypten wohl ebenfalls vermuten kann, wenn auch die spätere christliche und islamische Kultur diese so massiv vernichtet haben wird, daß keine archäologischen Spuren mehr zu finden sein werden. Die Schöpfungstheologie, Angelologie und Eschatologie passen weniger zu Jahwe als vielmehr uneingeschränkt in die Mazda-Theologie.
Hier haben wir somit eines der
wenigen Zeugnisse für eine
Existenz von Feuertempeln in Ägypten von uns und eine
Bestätigung, daß die
Magie der ägyptischen Zauberpapyri auch mit einem klassisch
mazdaistischen
Feuerdienst verbunden gewesen sind. Daß in diesem Umfeld dann
sethianische
Theologie eingesprengt ist, zeigt beispielhaft, wie nahe Zervanismus
und Sethianismus
auch auf der Seite der klassisch-persischen Feuerpriester miteinander
verbunden
sein konnten. Gewiß nicht flächendeckend, aber
immerhin so deutlich, daß auch
ohne Nennen des Namens Ahura
Mazdā
dessen Priester mit allen markanten Merkmalen ihres liturgischen und
theologischen Wirkens in Ägypten aktiv gewesen sein
dürften bis in die Zeit der
Zauberpapyri, bis ins 6. Jh.
n. Chr.
Wenn die »Schriften des Zoroaster« eine große Verbreitung in Ägypten hatten (s.u.), stimmt dies mit P. Mich 593 zusammen und wirft ein Schlaglicht auf diesen kulturübergreifenden Synkretismus der Magier, die ihrerseits hebräische Traditionen von Engelnamen der Henocha und Seth/Adam aufgenommen haben und diese offensichtlich aus dem sethianischen Umfeld bezogen haben. Wie stark umgekehrt dieses sethianische Umfeld zoroastrische Elemente aufgegriffen hat, wird am Zostr gezeigt.
2.5.15 Die Funde von Medinet Madi und der
Manichäismus in Ägypten
Am 29. 11. 1929 bekam der dänische Ägyptologe Hans Ostenfeldt Lange[3268] einen der Papyri zu sehen, die in Medinet Madi am Rand des Faijum Monate zuvor von ägyptische Fellachen gefunden wurden. Aufwendig hergestellt auf feinstem Papyrus in Schönschrift hat sie vermutlich ein Privatmann beim Umzug von Assiut ins Faijum mitgenommen. 1930 bekam Carl Schmidt die manichäischen Logoi-, Kephalaia- und Psalmbuch-Texte angeboten. Die 7 Papyrusbücher wurden in einem alten Wohnhaus in einer Holzkiste entdeckt, von Deckeln aus Holz umgeben. Durch Feuchtigkeit waren sie von Salzkristallen durchsetzt und von Ungeziefer angenagt. Der Papyrushaufen war zuvor von drei Händlern in acht Teile aufgeteilt worden. Wegen dieser Aufteilung und des preussisch-knappen Budgets, was Schmidt zur Verfügung stand, gelangte nur ein Teil in die Papyrussammlung der Staatlichen Museen zu Berlin.[3269] Den anderen kaufte der Minenbesitzer Sir Chester Beatty für seine Sammlung, heute die Chester Beatty Library in Dublin. 8 Fragmente gelangten in die Papyrusabteilung der Wiener Staatsbibliothek. Die Papyri befanden sich in desolatem Zustand, verklumpt miteinander und bröselig. Polotsky gelang es vor dem 2. Weltkrieg, über 1000 Seiten zu retten. Er war Jude und mußte fliehen. Böhlig übernahm. Bis 1938 nicht konservierte Teile von Manis Briefsammlung und der historischen Schrift gingen verloren bei der Evakuierung in einen Berliner Flakturm, der Fahrt nach Moskau oder Rückholung 1958. Nach Kriegsende wurden mehrere in Glasscheiben befindliche Papyrusblätter nach Rußland verfrachtet. Einige Stücke wurden in Polen auf der Zugfahrt abgefangen. Die Papyri selbst waren wertlos, aber die Glasscheiben kostbar für die Menschen. Das Psalmbuch, die Homilien und den Rest der Chester-Beatty-Bestände aus Dublin editierte Giversens Team in Kopenhagen und Münster.[3270]
Syrisch-koptische Texte in Funden manichäischer Texte in Kellis in der Dakleh-Oase in Oberägypten[3271] machen wahrscheinlich, daß in Assiut = Lykopolis ein Zentrum syrischer Missionare Manis bestanden hat, gegen das Alexander von Lykopolis seine Polemik Contra Manichaeos schrieb.[3272] In oder bei Alexandria gab es ab 270 ein Manichäer-Kloster. Mani war mit 54 Jahren im Sassanidenreich auf dem Höhepunkt.[3273] Gilt diese missionarische Bewegung von Syrien nach Ägypten für die Manichäer, so dürfte sie ebenso für Sethianer gelten. Vermutlich kamen diese Kontakte - wie die Ausbreitung manichäischer Klöster längs der Seidenstraße nach Turfan, Chotscho und China durch Kaufleute getragen (cf 1.3.4) - über den Seeweg von Tyrus nach Alexandria und flußaufwärts bis Theben zustande. Auch die Paulusakten der Bodmer-Sammlung sind im subachmimisch-assiutischen Dialekt geschrieben, wobei manichäische und christliche Texte noch jeweils eigene Subdialekte aufweisen.[3274]
Kennzeichen des manichäischen Glaubenssystems ist der zervanistische Dualismus von gut und böse. Am Anfang gab es den guten, großen Vater, der im Lichtland wohnte, gegen den der Fürst der Finsternis, der im Lande der Finsternis opponiert. Licht und Dunkelheit standen sich von Anfang an gegenüber. Die Schöpfung dieser Welt und des Menschen vollzieht sich, als das Finsternisreich die Lichtwelt angreifen will. Diese wehrt sich, indem sie in die Finsternis Lichtwesen schickt, die dort von fürchterlichen Wesen gefressen werden. Dadurch geriet aber etwas von der Lichtsubstanz in die Dunkelheit und vermischte sich mit ihr. Der Kampf verlagert sich zur Dunkelheit hin, so daß das Lichtland außer Gefahr ist. Endgültiger Sieg über die Finsternis ist erst, wenn sich das Licht wieder von der schlechten Substanz trennt und in das Lichtland zurückgeführt wird. Der „Vater der Lichter“ beruft verschiedene Lichtgottheiten für diese Mission. Im Laufe dieses Prozesses wird die materielle Welt mit ihren Himmelsschalen geschaffen, ebenso Adam. Dieser schläft im Paradies einen Todes-Schlaf. Durch seine dämonischen Eltern gelangte über Umwege das Licht, das anfangs in die Finsternis geschickt wurde, in ihn. So hat der Mensch einen materiellen, negativen Körper und eine Seele aus Lichtsubstanz. Der Körper und seine Begierden fesseln den Menschen im tierischen Stadium. Aber der Erlöser Jesus kommt als Lichtwesen, das Adam vom Todesschlaf erweckt. Dieser ißt vom Baum des Lebens und erkennt seine Gefangenschaft: »Daraufhin wurde Adam sehend und weinte, er schrie mit lauter Stimme wie ein brüllender Löwe. Er raufte sich die Haare, schlug sich an die Brust und sprach: 'Wehe, wehe über den, der meinen Leib gebildet, und den, der meine Seele gefesselt hat, und die Rebellen, die mich unterjocht haben.« Die Zeit besteht aus drei Perioden: dem Anfang, in der es die beiden Prinzipien gab, der Zeit der Vermischung und der dritten Zeit, in der der Anfang wiederhergestellt wird. Aufgabe des Menschen ist in der Jetztzeit der Vermischung, durch Askese die Finsternis besonders der sexuellen Triebe abzutöten. Nach dem Tode steigt seine Seele zum Lichtland und damit zur letzten Erlösung auf. Hatte er aber nicht nach asketischen Regeln gelebt, wird seine Seele aufs Neue in der Welt inkarniert.
Electi und Katechumenen bilden die manichäische Gemeinde. Die Electi führten ein streng asketisches Leben ohne Besitz und Sinnesfreude und suchten so Reinheit. Ernährt wurden sie fleischlos mit Früchten von den Katechumenen, die Besitz haben und verheiratet sein konnten. Bei Verzehr dieser Früchte in Zeremonien mit Gebeten wurde das in den Früchten liegende Licht freigesetzt. Der Psalmengesang war wichtig. Jährlich wurde das Bemafest am Todestage Manis nachmittags mit einer Passionsandacht mit anschließender Nachtwache begangen, an deren Ende die Sünden vergeben wurden. Mani ist der Erlöser, der wieder zum Lichtreich aufstieg und die bösen Mächte der Welt dabei besiegt hatte. Es gab Totenmessen, in denen durch Gebete den Aufstieg einer Seele zum Lichtland befördert wurde.
All dies sind Mandäer- und Nazoräertraditionen. Ein Vergleich mit dem Bundahišn erklärt, wieso Mani unter Schapur I. eine dermaßen große Resonanz im Stammland des Zoroastrismus gehabt hat: Sämtliche Strukturen, vom Dualismus Licht-Finsternis über die drei Zeitperioden, die Auffahrt der Seele nach dem Tod, die Psalmodie decken sich mit der Theologie der Magier. Lediglich die Erlösung durch das Licht in der Finsternis ist Joh 1 abgeborgt.
3 Der Zostrianos von Nag Hammadi Codex VII.1
Im folgenden werde ich am Zostr
iranische Vorlagen und die schamanische Phänomenologie des
Geistes
herausarbeiten, die nahezu der gesamten hellenistischen Denkweise
zugrunde
liegt.
Daß sie
bruchlos mit apostolischer Tradition (NHC VIII,132) zusammensteht, ist
Indiz
für die Vielfalt der wundertätigen Erlöser
im religiösen Denken der Spätantike.
Die singuläre Bedeutung Christi ist hier noch nicht
flächendeckend.
Außerchristliche Täufertexte stehen gleichwertig
neben solchen, in denen der
Erlöser und Offenbarer des göttlichen Wissens Jesus
ist.
3.1 Zur Geschichte des Nag Hammadi Codex

3.1.0 Die Funde von Nag Hammadi (ehemals
Chenoboskion)
Im Dezember 1945 fand ein ägyptischer Fellach oberhalb der Kleinstadt Nag Hammadi (30.000 Einwohner, Zuckeranbau Aluminiumfabrik) 80 km nördlich von Theben/Luxor nahe der Ruinen von Chenoboskion am Gebel et-Tarif, einem Fels am Nordrand des Niltals, einen wasserdicht versiegelten Tonkrug mit 14 Codices in Ledereinbänden und 8 Blätter eines 15. Codex am Eingang zu Prinzengräbern der 6. Dynastie.[3275] Zwei Codices verfeuerten die Fellachen zum Teekochen, den Rest verkauften sie für 3 ägypt. Pfund an Händler, einer davon bot Dr. G. Shobhy Codex III an und dieser schickte ihn weiter zum Koptischen Museum Kairo. Im Herbst 1947 zeigte Togo Mina, Direktor des Koptischen Museums, Jean Doresse diesen Band, der noch nicht entziffert oder bearbeitet war. Etienne Drioton und Henry-Charles Puech wurden gebeten, mitzuarbeiten im Entzifferungsteam. Walter Till bearbeitete gerade BG mit dem parallelen AJ.[3276] Man hörte gerüchteweise von der Fundstelle bei Nag Hammadi und auch, daß es eine ganze Menge von Lederbänden seien. Doresse reiste nach Luxor und hörte sich um, erfuhr aber nichts. Der Antiquitätensammler Albert Eid kaufte Codex I mit EvVer und EpRheg später für 110 Pfund und verkaufte ihn nach einigen Konflikten mit dem Koptischen Museum trotz Exportverbots an das Jung-Institut Zürich. Andere Bände waren einem Koptologen angeboten worden, jedoch wegen ihrer unbiblischen Inhalte als uninteressant abgelehnt und nicht angekauft worden.[3277] Diese wissenschaftliche Haltung ist Beispiel für eine theologische Hermeneutik in nicht ganz gleichschwebender Aufmerksamkeit.
Nachdem Jan 1948 die Presse vom Fund des Codex III berichtete, kaufte die Tochter des italienischen Numismatikers Giovanni Dattari[3278] alle übrigen Codices auf und schickte nach einem Jahr Doresse vertraulich Fotos davon mit Bitte um Beurteilung. Doresse erkennt, was ihm da gezeigt wird und reist von Paris sofort nach Kairo und bekommt kurz Einsicht in die Lederbände. Der Krieg mit Israel verhindert vorerst weitere Forschungen. An den wenigen Abenden, wo Doresse bei Frau Dattari Einsicht bekommt in die Texte mit 40 Schriften, heulen oft die Sirenen. Die Ägyptische Regierung und Verwaltung erreichte mit ihren Exportverboten für archäologische Funde nur hohe Schwarzmarktpreise, statt den Findern gute Preise für ihre Funde zu machen. Frau Dattari übergibt die Codices Frühjahr 1949 Togo Mina. Es gelingt ihm, staatliche Geldzusagen zu bekommen, um sie abzukaufen für das Koptische Museum in Alt-Kairo. Nun werden erste Paraphrasen veröffentlicht und Drioton mit der Konservierung beauftragt. Die Presse berichtet von dem großartigen Fund. Aber die 50.000 Pfund der Regierung für den Kauf kommen nicht. Von 1949 bis Sommer 1952 lagern die Lederbände in einer Reisetasche verschlossen. Januar 1950 bereist Doresse abermals Naga Hamadi und sucht die Fundstelle ab, wird auf dem Rückweg nach Theben in der Wüste von Dendera vom Hund gebissen und verbringt 4 Wochen im Institut gegen Tollwut in Kairo.
Chenoboskion war nicht sehr geschichtsträchtig. Der Name meint Gänseweide, aber weidende Gänse sieht man dort nicht. Die Einwohner überbieten sich in der Verehrung der Krokodile, sagt Alexander Polyhistor in Band 1 seiner Ägyptiaca.[3279] Das deutet auf ein Heiligtum des Wassergottes Sobek, den Sohn von Neith, der Stadtgöttin von Sais mit Merkmalen Krieg, Geburt, Bewacherin vom toten Osiris und überhaupt aller Toten und ihrer Eingeweide, und als Vater Seth. Aus Sobeks Schweiß ist der Nil entstanden. Besonders in Faijum wurde er verehrt. Dieser Seth-Sohn ist Quelle des lebendigen Wassers, für Nazoräer tun sich hier massive Anknüpfungen auf. In der Römerzeit gab es in Chenoboskion einen Militärposten, ansonsten war es eine von Hitze verdorrte Wildnis wie die Nachbardörfer Phōou und Tabennisi.
320
wird hier Pachomius,
der aus dem römischen Gefängnis in Antinopolis
befreit wird, als Christ getauft.
Er wohnte in einem verlassenen Backstein-Brennofen nahe am Nil; sie
tauften ihn
in einer nahen Kirche. Hier liegt die Quelle des Mönchstums,
hier lebten
Anachoreten und hier entstanden erste Kollektive der Koinobiten.[3280]
Die Gegend ist sehr schön.[3281] (Bild rechts: Säulen der
Basilika in Phōou. Blick auf Gebel et-Tarif im
Norden, Doresse 1960,223)
Von
Caenepolis (heute Qenah) mit dem Tempel
von Dendera bis Chenoboskion erstrecken sich die
Zuckerrohrplantagen zwischen
Nil und der Felswand des Gebel et-Tarif. In diesem grünen
Becken von 8 km
Durchmesser liegen die Dörfer El-Qasr, Es-Sayyād und
Ed-Dabba. Christen
sind hier auch jetzt noch zahlreich. Es-Sayyād liegt eng neben dem
alten
Chenoboskion.
Ganz
in der Nähe nicht weit vom Nil umgibt
eine weiße, hohe, massive Mauer einige eng zusammen liegende
Kirchen und
Kapellen, die von einem phantastischen Glockenturm mit vergitterten
Mauern
überragt werden. Dies ist der Deir
anba-Palamun, das Kloster des Abtes Palamon. (Bild: Doresse 1960,223)
Weiter landeinwärts, nahe Dabba erhebt sich der Deir el-Malak, das Mönchskloster des Engels. Zwischen diesen zwei Klöstern, jetzt ohne Mönche, erstreckt sich ein wenig einsame Wüste. Koptischen Texten zufolge war dies der Ort der ersten mönchischen Gemeinschaften von Palamon und seinen Jüngern. Eine Höhle wird hier gezeigt, angeblich seine Einsiedelei. Östlich biegt die Felswand Nordwärts ein zu einer kleinen Schlucht in die Tiefen der Wüste, weit weg vom Nil. Auf dieser Ostseite des Berges, in der Nähe des Weilers von Hamra-Dūm, findet man auf den weißen Klippen die Eingänge zu mehreren Pharaonengräbern der Prinzen, die dieses Gebiet unter der 6. Dynastie (2345-2150) regierten. (In obiger Karte mit A markiert.) Diese sieben Grabkammern im Felsen, eine Vierergruppe, eine Zweiergruppe und ein Einzelgrab, werden auch »die große Höhle« genannt. Eingerahmt wurde diese kleine Nekropole früher durch zwei hohe Wachttürme nach Osten hin, zu deren Füßen weitere 5 Gräber mit Steinplatten lagen. Davon ist nur wenig geblieben. Die erste Grabkammer, von Süden kommend, hat keine Skulpturen oder Inschriften; aber auf die Mauer hat ein koptischer Mönch in rot die Anfangsworte von Psalm 51 - 93 aufgemalt.[3282] Man findet häufig Graffiti, mit denen Einsiedler ihren Wohnbezirk markiert haben, hier aber sonst keine. Doch könnte dieses Friedhof der Rückzugsort von Pachomius gewesen sein. Im nördlichsten, letzten der Pharaonengräber finden sich eine Reihe von Gebeten an Serapis etwa aus dem 3. Jh.n.Chr. Hier wurde also noch zur Zeit der Mönchsklöster Serapis verehrt, Zeichen für das multikultische Miteinander.
Unter
den gähnenden Eingängen zu den großen
Grüften wird das Gesicht der Klippe von vielen schmalen,
tiefen Hohlräumen
durchgedrungen, in denen Körper zusammen bestattet worden
waren. Gräber liegen
bis 100 m vom Klippenrand verstreut, sogar im Wüstensand, wo
viele von den Bauern
ausgeplündert wurden, Leichen sind Dünger, sebakh. Hier
war also
der alte Friedhof von Diospolis Parva und Chenoboskion; eine gewaltige
arme
Totenstadt, wo Körper im Leinentuch auf den Boden eines Loches
gelegt im
Wüstensand bestattet wurden. Die Bauern, die Doresse
1950 ausfindig gemacht hatte, führten ihn zum
südlichen Teil des Friedhofes und
zeigten eine Reihe unbehauener Höhlen. Vor einiger Zeit
hätten Bauern von Hamra-Dūm
und Dabba
auf der
Suche nach Dünger hier einen großen zir,
einen Tonkrug gefunden, gefüllt mit Papyrusblättern
wie Bücher gebunden. Die
Vase wurde aufgebrochen und nichts blieb davon übrig.
Die Fundstelle
liegt an der südöstlichen Flanke des Gebel et-Tarif,
in der Nähe vom Weiler von
Hamra-Dūm. Am Fuß der Felswand
rechts sind die Eingänge zu
Prinzengräbern der sechsten Dynastie. Die
aufgeschüttete Erde vor der Felswand
markiert die Stelle vom alten Friedhof, wo der Steinkrug mit den
Manuskripten
vergraben war.
Die Manuskripte wurden dem jungen Priester David des Deir el-Malak (Bild rechts Doresse 1960,224) gebracht, der sie zu entziffern suchte, aber nur Bohairisch als heutige Liturgiesprache konnte und nicht Sahidisch. Er war der erste, der diese Texte einsah. Über die Fundstelle wußte er auch nicht viel. Die Codices wurden für 3 ägyptische Pfund verkauft und nach Kairo gebracht, und niemand wisse, was dann aus ihnen wurde. Die Codices wurden also fernab der Klöster auf einem wohl nicht mehr benutzen alten Friedhof vergraben in einem Tonkrug als billigstem aber auch haltbarstem Behälter. Fundstelle und Alter der Manuskripte machen wahrscheinlich, daß diese Bibliothek versteckt wurde, als Anfang des 5.Jhs. die Pachomianischen Mönchsklöster, für ihre strenge Orthodoxie bekannt, ihren Einfluß auf Chenoboskion ausweiteten. Daß sie gegen die Gnostiker in dieser Gegend kämpften, geht aus ihren Schriften hervor. 367 ordnet Theodor nach der Einsetzung von Pachomius als Abt über Tabennesi an, den 39. Hirtenbrief von Athanasius gegen die Gnostiker koptisch übersetzt in jedem Kloster rezitieren zu lassen. Hier wird die Kaingeburt Evas nach teuflischer Schändung in AJ und HypArch als Ketzermythos verurteilt.[3283] Eine Anekdote erzählt, es kamen von der Stadt Akhmim „Philosophen“, um mit Pachomius über die Auslegung der Schriften zu streiten; einer der Philosophen stellt Theodor bibelkundliche Fragen über Adam, Henoch und Lots Frau, die dieser bravourös beantwortet und den Fragensteller beschimpft und beschämt. Dies dürften wohl solche ketzerischen Gnostiker gewesen sein wie die Sethianer, deren Bibliothek gefunden wurde. Auch hier deutet sich an, daß es ein Kollektiv war, was sich zum Meinungsaustausch und Disput getroffen hat mit den Mönchen der etablierten Kirche.[3284] Bei beiden Gruppen geht es um Erkenntnis als Weg des Heils und beide haben die Überzeugung, die anderen sind im Irrtum und müssen gerettet werden. Erst später wird Rettung durch Vernichtung realisiert, wenn Christen zu Verfolgern werden.
Gegenüber von Naga Hamadi auf der Westseite liegt Hū, in hellenistischer Zeit Diospolis parva (oder minor), die Hauptstadt dieser Region. 806 sterben hier 15000 Menschen an der Pest. Koptisch hieß Diospolis parva Šenesit: die Akazien des Seth. Es war also ein Heiligtum des ägyptischen Gottes Seth, was den Mittelpunkt dieser Stadt bildete. Welch Zufall, daß gegenüber ein Kloster gerade Seth als den Reinen, Makellosen und Offenbarer des Göttlichen feiert. Unter den Saiten der 26. Dynastie (664-525 v.Chr.) war Šenesit sogar Hauptstadt von Oberägypten, bis Kambyses kam.
Sicherlich ist die hier vollzogene Seth-Verehrung in der Volksreligion dieser Region noch erhalten geblieben lange nach der Christianisierung. So ist die Identifizierung des Osiris-Gegners mit dem Adamssohn an diesem Ort naheliegend gewesen. Über diese Identifizierung konnten all diejenigen angesprochen werden, die skeptisch gegenüber der zeitgleich mit der Caesarenmacht einsetzenden Christianisierung an den Mythen der Pharaonenzeit festhalten. Die Namensgleichheit resultiert aus der Hebräerzeit in Ägypten, cf 2.5.1. Sie erlaubt das Konfluieren der Mythen von Osiris und Adam. Wenn auch der Sobek-Kult hier noch zur Zeit der Sethianer im 3.Jh. gepflegt wurde, der als Sohn Seths lebendiges Wasser des Nils schwitzend emaniert, so ist hiermit das Täuferische der Sethianer beantwortet: Seths Sohn ist das lebendige Wasser, was uns vor Unheil schützt.
Inzwischen wird Papyrus Bodmer III mit Joh und Gen 1-4 in altem Bohairisch aus dem 5.Jh. mit gnostischen Bearbeitungsmerkmalen gefunden.[3285] Nach Attentat auf Ministerpräsident und Stornierung der 50.000 Pfund Museumszuschüsse stirbt Togo Mina vor Sorgen.
Erst als Taha Hussein Kultusminister wird, wird Pahor Labib neuer Museumsdirektor und der NHC kann endlich aufbereitet werden. Fräulein Dattari hat immer noch kein Geld bekommen, ist betrogen von leeren Versprechungen und klagt gegen die Regierung. Die Neuorganisation der Museen unter der Revolutionsregierung behindert die Aufbereitung des NHC von 1952 noch weiter bis 1956. Bevor Fräulein Dattari nicht ihr Geld hat, darf natürlich nichts publiziert werden.
Im Sommer 1952 gelangen Codex II-XIII endgültig ins Koptische Museum Alt-Kairo und werden nach ersten Mikrofilmaufnahmen 1958 durch Søren Giversen 1959 endlich inventarisiert.[3286] Ab Februar 1961 läßt der neue Museumsdirektor Pahor Labib alle Codices von Viktor Girgis und Martin Krause verglasen mit Plexiglas.[3287] Krause darf bereits 1960 Codex II und VI nach Fotos abschreiben.
Daraus wird 1962 das druckfertige Manuskript, was im Herbst gesetzt werden kann. Kommentare, Indizes, Habilitation Krauses brauchen Zeit, so daß die Publikation von II und VI 1969 endlich fertig ist. 1968 kommt James MacConkey Robinson im Team des Institute for Antiquity and Christianity in Claremont/Californien hinzu, deren Arbeiten bahnbrechend und umfassend die Codices editieren und englisch übersetzt kommentieren.[3288] Von 1972 - 1979 läuft die Veröffentlichung der Faksimile-Edition unter Federführung von Robinson.[3289] Schließlich gibt die Faculté de théologie et de sciences religieuses der Université Laval in Québec, Canada unter Federführung von Louis Painchaud eine neue Gesamtedition heraus, die Bibliothèque copte de Nag Hammadi.[3290]
Alle Texte sind in dem thebanischen Sahidisch geschrieben, was in Oberägypten gesprochen wird. Nur Codex Jung ist in achmimisch und subachimimisch, was in Mittelägypten gesprochen wurde. Bohairisch kommt praktisch nicht vor, was zeigt, daß alle Texte für in der Thebais ansässige Gnostiker geschrieben wurden.
Doresse fand durch Schriftbildanalyse 9 Schreiber heraus.[3291] Die Nummern von Doresse weichen bis auf VI und VII von den heutigen ab und richten sich nach dem Schriftalter.
Doresse
NHC heute
Schreiber Schriftbild
Sammlung Datierung
I
III
1
kursiv elastisch
A sahid. Ende
3. Jh.
II
IV
2
kursiv elastisch
A sahid.
III
V
2
kursiv elastisch
A sahid.
IV
VIII
2
kursiv elastisch
A sahid.
V
IX
2
kursiv elastisch
A sahid.
VI
VI
2
kursiv elastisch
A sahid. Ende
3. Jh.
VII
VII
3
kursiv dick-dünn
A sahid. Ende
3. Jh.
VIII
XI, 2-4
4
steife Calligraphie, Abstriche betont
B sahid.
4. Jh.
IX
XIII
5 steife
Calligraphie, Abstriche betont B sahid.
4. Jh.
X
II
6
flexibel, leicht, elegant
B sahid. 4.
Jh.
XI
XII, 2+3
7
hölzernsteif, dicke Abstriche
B sahid. 4.
Jh.
XII
X + I ,5
8
ungehobelt steif dick
C
sahid.
Ende 4. Jh.
XIII
I, 1-4
+ XI,
1 9
Italic-schräg
zierlich
D achmim. Ende
4. Jh.
Im wesentlich ist Krause zum gleichen Ergebnis gekommen, Emmel unterscheidet 14 Schreibstile, von denen sich aber einige so gleichen, daß man auch 8 Schreiber annehmen könnte, Williams meint, Codex IV und VIII seien von VI und IX verschieden, dazwischen läge V. Einhellig ist Codex VIII aber vom selben Schreiber wie IV geschrieben worden.[3292]


Codex
Jung enthält als Abschluß von OrPls
die
Anch-Hieroglyphe für (künftiges) Leben; die
Lebensschleife ersetzt die
Symbolkraft des Kreuzes.[3293]
Daß hier so unkompliziert die im Serapiskult übliche
Lebensschleife christliche
Texte beschließt, deutet auf ein Abfassungsdatum nach 391, wo
Patriarch
Theophilus die Menge aufstachelt, das Serapeion Alexandriens zu
stürmen und die
Serapis-Statue zu zerschlagen, Rache für die Tötung
des Evangelisten und Gründers
der koptischen Kirche Markus durch den Mob am Serapisfest 68. Dort fand
man das
Anch-Henkelkreuz als riesiges Symbol aufgemalt und sah die
Ähnlichkeit zum
Kruzifix. So wurde die Lebensschleife als Symbol des ewigen Lebens von
den
Christen Ägyptens übernommen. Auf der
Lederrückseite von Codex II (rechts
von mir verstärkt) sind 2 Anch
eingraviert neben Rosenbändern und zwei diagonalen X.[3294]
Die den ganzen Rücken in 2 Quadrate formenden X könnten das jüdische Schutzzeichen T sein, was Vorläufer der nazoräischen Versiegelung mit dem X als Dämonenschutz und Himmelsticket war.[3295] Die Ledereinbände sind verschieden, was auf verschiedene Herstellungsorte deutet:
1. IV, V und VIII (Doresse: Sammlung A)
2. VI, IX, X und wahrscheinlich II
3.
I, III, VII,
XI
Schließlich ist die Kartonage mit griechischen Dokumenten über Gelderhebungen in der Thebais im Ledereinband in IV, V und VIII aus einer staatlichen Kanzlei. Codex VIII hat als Kartonage kaiserliche Edikte, die ans ganze Imperium gerichtet sind.[3296] Die Hersteller dieser Codices haben Kontakt zur Verwaltung der Thebais gehabt. - Codex VI und IX enthalten in der Kartonage griechische Steuerlisten mit gleicher Handschrift und jeweils der Person Fa$=rij a)delfo/j, womit ihre Herkunft aus einer Lokalkanzlei wahrscheinlich ist.[3297] - Codex I, VII, XI haben als Kartonagen griechische und koptische Geschäftsdokumente und in VII griechische und koptische Briefe »an meinen Herrn Bruder«, in denen die Worte für Mönch mehrfach vorkommen: mona/xion, monaxoi=j.[3298] Sansnos und Psatos, Papnutios und Pahome sind Namen dieser Mönche der Briefe. Hier ist die Herstellung in einem Kloster unverkennbar. Die Dopplungen von AJ und EvÄg gehören in jeweils eine andere Entstehungsgruppe hinein. Daß zur Einbandkartonage keine leeren Papyri verwendet wurden, sondern Altpapier, zeigt, wie kostbar Papyrus, wie recyclingbewußt die Buchbinder waren.
Im Sommer 1952 gelangt Codex VIII ins Koptische Museum von Alt-Kairo und erhält dort 1959 die Inventarnummer 10550. Im Ledereinband waren nur 54 Seiten geblieben: 1-26 und 113-140. Der Rest ist zerbrochen und wohl von Frau Dattari zwischen Cellophantüten gelegt worden. Februar 1961 werden von Viktor Girgis auf Geheiß Labibs die Papyrusblätter zwischen Plexiglasscheiben gelegt, zunächst 1-26 und 113-140 aus dem Lederband, die Einzelblätter sind unsortiert und werden später in die richtige Reihenfolge gebracht.[3299] Der rechte Rand des Buchblocks ist gut erhalten, der linke zerfressen. Anhand der Faserstruktur wird erkennbar, daß 35 Papyrusblätter mittig gefaltet die 140 Buchseiten mit 24,2 cm Höhe und 15,5 cm Breite ergeben, doppelseitig beschrieben mit 22 - 33 Zeilen, in der Regel 28 oder 29. Von Seite 1-70 sind alle ungeraden Seiten senkrecht und die geraden waagerecht gefasert, die zweite Buchhälfte umgekehrt ungerade waagerecht und gerade Seiten senkrecht. Zudem helfen die Seitenzahlen bei der Sortierung, bei ungeraden Seiten rechts oben, bei geraden links oben. Die Zufallsreihenfolge der Plexiglasnummern kann so aufgelöst werden: 27-54=113-140; 73-76=27-30; 79f=33f; 85f=35-38; 83f=43f; 89f=45f; 91f=47f; in 67f, 79-82, 87f und 95-112 sind die restlichen Seiten 31f, 39-42 und 49-70 teils sehr fragmentarisch erhalten. Manche Bruchstücke sind mitten aus einer Seite herausgebrochen. Puech datiert NHC VIII ans Ende des 3. Jh.[3300] Codex VIII hat mit IV und V gleiche Schrift und gleiches Leder-Design und stammt aus einer Staatskanzlei. Vom Inhalt her (AJ, EvÄg, Eu, ApkAd und christliche Apokalypsen) ist es eine vorwiegend sethianische Sammlung, in der aber auch christliche Texte Platz gefunden haben.
Die
Schreibernotiz
NHC VI,7b als Vorbemerkung zur Abschrift des Askl
zeigt, wie solche Codices auf Bestellung kopiert wurden und man sich
auch die
einzelnen Schriften in einem Band zusammenstellen ließ.
VI,65. 8-14: »Ich
habe diese eine
Abhandlung von ihm wiedergegeben. Gewiß, sehr viele sind zu
mir gekommen. Ich
habe 10
sie nicht wiedergegeben, weil ich denke, daß sie (bereits) zu
euch gelangt
sind. So zögere ich, diese für euch wiederzugeben,
denn vielleicht sind sie
(schon) zu euch gelangt, und die Angelegenheit könnte euch
belasten. Denn 15
die Abhandlungen von dieser (Art), die zu mir gelangt sind, sind
zahlreich.«
Die Textverdichtung auf VI,65 (rechts)
läßt ahnen, daß ab dort der Kopist mehr
einfügen wollte
als geplant, wohl Texte aus einem Band mit Hermetik-Schriften.[3301]
Es waren also viele Schriften im Umlauf, die auf den verschiedensten Kanälen zu einem Leser gelangen konnten. Diese Schriftenkopie-Herstellung könnte für die Kopisten ein Haupt- oder Nebenerwerb gewesen sein und bei den mehrfachen Belegen für Kanzlei-Papierabfall wäre auch denkbar, daß hier ein Beamter nach Dienstschluß noch Texte kopiert hat für ein kleines Zubrot. Das heißt auch, daß die Leser Geld genug hatten, sich neue Bücher zu bestellen. Arm waren die Freunde der Hermetik und der Himmelsreisen nicht. Es gab vermutlich in der gnostischen Szene weniger Massenproduktion mit Diktat, sondern eher Abschrift.
Bei der Abschrift ganzer Bände konnte es vorkommen, daß noch einige unbeschriebene Seiten des Buchblocks übrigblieben, die dann mit einem weiteren Text gefüllt wurden, so in VI und auch in LibTh II,7, wo plötzlich statt des in II sonst durchgängigen swthr nun das nomen sacrum \s\w\r steht. In I ist EpRheg von anderer Hand als der Rest. Paginierung und Blattlagen legen nahe, daß Schreiber 1 bis Seite 43,24 geschrieben hat, dann mit TracTrip ab 51 weitergemacht hat, während sein Gefährte ab 43,25-50,17 am EpRheg auf den innersten 4 Doppelblättern der 22 des geplanten Codex weiterschreibt: 35f/49f, 37f/47f, 39f/45f und das Mittelblatt 41f43f, die von Schreiber 1 bereits bis 43 beschrieben sind, wobei er oft am Seitenende den Text zu quetschen beginnt oder noch unter die letzte Zeile ein Wort schreibt, um die Seitengestalt seiner Vorlage möglichst exakt zu kopieren. Sein Gefährte hat 7 ½ Seiten für EpRheg frei und die Vorlage könnte aus 8 Seiten bestanden haben. Er schafft es in fast 7 Seiten, weil er enger zusammenschreibt, um mit dem Platz auszukommen; besser etwas Leerraum als ein neues teures Doppelblatt einfügen in den bereits durchnumerierten Codex. Der Rest von 50 bleibt also frei, weil 51ff zu dieser Zeit schon bei Schreiber 1 mit dem Stapel der äußeren 18 Doppelblätter in Arbeit war. Dessen ungehobelte Schrift mit wechselnden Buchstabengrößen weist auf einen jungen Kopisten, während der Gefährte fehlerfreier und glatter schreibt und den EpRheg zeilenmäßig auf die 7½ Seiten recht gut umrechnen kann, ohne das Original seitengleich zu kopieren. Scheinbar gab es Schreibstuben mit verschieden qualifizierten Kopisten, die gleichzeitig an einem Band arbeiteten, wenn es einmal besonders schnell gehen mußte.[3302] Codex II stammt von einer einzigen Hand - bis auf 47,1-8. Der erste Kopist schafft 26 Zeichen pro Zeile fehlerfrei, der Aushilfskopist nur 18-22 mit zwei Fehlern in 8 Zeilen. Entweder mußte der Chefkopist dringend austreten, brach mitten im Wort (!) ab und ein Lehrling vertrat ihn, weil’s auch mit der Auslieferung pressierte, oder man sah beim ersten Schreibtest, welche „Sauklaue“ hier den Papyrus zierte und flugs übernahm der Kollege wieder.[3303] Man hätte wissen müssen, wie der Lehrling schreibt, bevor man ihn an einen Codex läßt, so daß Diarrhöe wahrscheinlich ist, bei anderen Störungen hätte man den Satz vollendet.
Inter in NHC XI ist subachmimisch, alle folgenden Texte von anderer Hand sahidisch. Es gab also in der selben Schreibstube Kopisten mit verschiedenen Dialekten.
Daß bedeutet: Diese Texte wurden von reichen gebildeten Auftraggebern bestellt für ihre vermutlich private Bibliothek. Ein Kloster hätte sich das finanziell nicht leisten können und deshalb selbst kopiert und dann ohne die Eile der Verfertigung, die Codex I offenbart. Die Leserschaft bestand also nicht aus Klosterinsassen, sondern einem religiös interessierten ägyptischen Bildungsbürgertum, aus dessen Mitgliedern sich dann die hermetische oder sethianische Gemeinde rekrutierte. Beim Mithraskult sind es Offiziere und Soldaten (cf 2.3.1f); von den analphabetischen Sethianern ist prinzipiell aus Texten wenig zu entnehmen. Bei Plotin (1.5.2.52) sahen wir, daß der niedere Pöbel, das Proletariat, mehr von den sensationellen Darbietungen der Magier fasziniert war als von Seminaren. Die gnostischen Texte sind keine liturgischen Texte, wiewohl sie solche teilweise zitierend aufgreifen. Man kann sie wegen ihrer Länge kaum vorlesen. Sie sind also für den frommen Leser „im Schaukelstuhl“ geschrieben, der sich um die Auffahrt seiner Seele im Schaukeln Gedanken macht.
Man kann also aus Verschiedenheit von Kartonage, Ledereinband und Schriftzügen drei wesentliche Gruppen des NHC unterscheiden:
1) Sammlung A: Codex VI und IX, vielleicht auch X. Codex II und XIII, beide von einer Hand geschrieben, wurde dieser Sammlung A früh hinzugefügt, da ein Teil von XIII, dem der Einband abhanden kam, als Loseblattsammlung in VI hineingelegt war.
2) Sammlung B: Codex IV, V, VIII ist in sich am homogensten und steht schriftmäßig VI und IX nahe, was nicht zwingend auf das selbe Scriptorium deutet, selbst wenn man verschiedene Buchbindereien oder verschiedene Zeiten mit veränderter Bindetechnik annimmt, die auch auf verschieden hohes Budget des Auftraggebers hinweisen könnten. Das Fehlen von Doubletten bestärkt die Vermutung, daß Sammlung A und B einst Bestellungen von einem einzigen Auftraggeber waren. Erst mit Hinzukommen von II und XIII gibt es AJ und OT doppelt. Vielleicht wurde XIII zerschnitten, um die Doubletten darin weiterzuveräußern.
3) Sammlung C: Codex I, VII, XI sind weniger homogen mit 3 Kopisten und 2 Dialekten. In der Thebais sprach man sahidisch, aber Codex XI verwendet der Gefährte vom EpRheg wie dort auch in Inter und ExVal das Subachmimisch-Lykopolitanische, was der Auftraggeber sicher so bestellt hat. Der andere Kopist schreibt Allog und Hyps ganz normal in sahidisch.
4) Codex III mit seiner Affinität zum Codex Berolinensis (AJ und SJC fast gleich) paßt genau wie Codex XII zu keiner dieser 3 Sammlungen, beide stammen aus ganz anderen Quellen und sind erst im Nachherein dieser Bibliothek einverleibt worden.[3304] Vergleiche der AJ-Versionen zeigen, daß die seltsame Art der Fehlerkorrektur in Codex III, die richtige Formulierung noch einmal unten auf die Seite mit dem Fehler zu schreiben (24,17), unweigerlich zur Reproduktion solcher Fehler in allen weiteren Kopien führen mußte.
Die Kartonage von Codex VII enthält griechische Texte mit Datumsangaben: Nr. 63 vom 20. November 341 und Nr. 64 vom 21. November 346.[3305] Wenn man Dokumente etwa 25 Jahre aufbewahrte, bis sie als Altpapyrus zweckentfremdet verwendet wurden, dürften die meisten Codices von NHC nicht vor 380 entstanden sein als Kopie einer oft wesentlich älteren Vorlage. Codex I enthält in Kartonage-Text Nr. 1 die Ortsangabe Xhnob(o/skia), dito Codex V Nr. 31; IX, Nr. 153. Codex VII Nr. 64 spricht von tou= Diaspoli/tou nomou=. Das Gebiet, in dem diese Texte entstanden sind, ist also die Diospolis Parva.[3306] Auch dies als Verfassungsort der Texte stimmt mit dem Vorherrschen des Sahidischen im NHC überein, was in vielen Texten, etwa II, VI, IX und XIII, einen subachmimischen Einschlag hat.[3307] Dieser ist dann nicht von einer Abschrift zur anderen mitkopiert, sondern in der Kopie der Sahidischen Vorlage oder der Übersetzung aus der griechischen Vorlage unbewußt mit eingeflossen.
Ein weiterer Aspekt begegnet Plato, TracTrip und Zostr: Hier bringt die philosophische Terminologie den Übersetzer in Schwierigkeiten.[3308] In Sammlung B gibt es in IV, V und VIII bohairische und fajumische Relativsatz-Konstruktionen, die durch ph, th oder nh eingeleitet sind, eta als Temporalis Zostr 1,10.15 EpPt 135,12.15f.17.22, das bohairische toubhouT Zostr 21,12 und tbbhouT 10,11, takhouT 9,4f, SebihouT 3,7, SaJni 11,5.[3309] Ähnliche bohairisch-fajumische Wendungen wie nta-, Ha- finden sich auch in Sammlung C, etwa 2LogSeth, 3StelSeth, ApkPt und im Allog und Hyps von Codex XI. In all diesen Texten sind auch subachmimischen Formen anzutreffen.[3310]
Die drei Sammlungen dürften zunächst drei verschiedenen Besitzern gehört haben, die alle ähnliche Vorlieben hatten zu AJ und EvÄg, also den Dopplungen. Daß sie schließlich zusammen in einer pachomischen Klosterbibliothek standen, ist bei ihrem unorthodoxen Inhalt unwahrscheinlich. Sie wurden in Tonkrüge verpackt und Teile von XIII in VI gelegt, weil sie eben nicht mehr gelesen werden konnten, sondern versteckt werden mußten. Die Gemeinschaft, in der sie zusammenkamen, wurde verfolgt und mußte die belastenden Schriften verschwinden lassen.[3311] Daß sie aus Altersschwäche ausgemustert worden sind in eine Genisa, ist beim Zustand der Bücher auch nicht wahrscheinlich.[3312] Die Häufigkeit sethianischer Schriften in NHC läßt auf eine sethianische Gemeinschaft schließen, in der die drei Sammlungen aus Privatsammlungen einiger ihrer Mitglieder zusammengekommen sind.[3313] Ob diese Sethianer klösterlich zusammengewohnt oder sich nur zu bestimmten Zeiten trafen, ist ebenfalls nicht auszumachen. Daß einige Kartonagetexte aus einem Pachomioskloster stammen, deutet zwar auf Kontakte nach dorthin, aber sagt nichts darüber, welcher Art diese waren, schon gar nicht, daß NHC zwecks Produktion antignostischer Polemiken dort gesammelt wurde, wie Sæve-Søderbergh annimmt. Durchaus kann neben den großen Pachomiusklöstern eine andere gnostische Gruppe - wie klösterlich auch immer - gelebt haben.[3314]
3.1.1 Der Zostrianos als Apokalypse ohne
Heilsgeschichtsrahmen
Apokalypsen erzählen von einer Offenbarung eines überirdischen Wesens an Menschen über überirdische Realitäten, die entweder noch nicht irdisch geworden sind oder je nur visionär zugänglich sind.[3315] Heilsgeschichte vom Kampf Gut versus Böse mit Endsieg und Verwandlung der Welt ins Gute, also alle Eschatologie, entstammt dem zervanistischen Zyklus der vier Äonen zu je 3000 Jahre. Auch die Existenz einer geistigen Welt vor und über der materiellen ist hier entwickelt und die erste der vier Äonen-Zeiten ist die rein geistige Schöpfung (mēnōk). Der Kampf des Guten mit dem Bösen fällt in die der Materiellen Schöpfungsperiode folgende dritte Weltzeit und endet mit der Vernichtung des Bösen und der vierten Weltzeit einer geheilten Welt. Die Diversifikation der Mächte Ahrimans und der Ahura Mazdās in Teufel, Archonten versus Engel und Retter findet sich im Avesta wie in den gnostischen Schriften. Wie Zaraθuštra seine Revelationen direkt von Ahura Mazdā in ständigen Dialogen bekommt, so der Visionär von Göttin Dike (Parmenides) bis zu den Engeln und selbst Äonen, die als himmlische Körperschaft sprachmächtig preisen. Dies alles wird zur Lehre für die innerweltlichen Psychiker aufgezeichnet, damit sie - paränetisch angeschoben - wissen, wie es ihnen ergehen wird. Denn im Kampf der Mächte, in Weltzeit Drei, sind sie angefochten und brauchen Erlösung, die gerade dieser Visionsbericht mit seinem Wissen des Besseren über der chaotischen Erde ermöglicht oder verheißt. Damit sie dem Schreiber glauben, gibt er sich als jemand mit allergrößter Kompetenz und Ansehen aus.
Wenn dies zur typischen Form des Genre Apokalypse zählt und das Genre allein schon auf die iranische Herkunft der Inhalte und Stilelemente verweist, so ist doch der Zostr gerade keine typische Apokalypse. Der Fahrplan eschatologischer Heilsgeschichte und der Kampf der Mächte fehlt fast ganz[3316] und Erlösung gibt es nicht weltgerichtsmäßig, sondern nur durch die individuellen Fortschritte des umdenkenden Auserwählten in der Ein-Wohnung in die geistig-himmlische Welt des UG, als individuelle Erleuchtung des himmelsreisenden Seele in den durch Taufen und Siegel (Bemalung der Stirn mit einem Symbol Gottes in Wasser oder Öl) flankierten 5 Stufen: a) Kontemplation b) Männlichkeit c) Heilige Reinheit d) Vollkommenheit e) Göttlichkeit. Dabei sind die 5 Taufen nicht liturgisch ausgearbeitet als rituelle Machbarkeit des Heils, sondern wissendes Warten auf Entrückung durch himmlische Helfer ist die Devise des asketischen Mönchs auf dem Weg zur glossolalischen Extase (Zostr 51,27ff). Statt Eschatologie wird eine Ontologie des Geistigen Seins als Heilswelt beschrieben, ähnlich wie den Schwestertexten Allogenes, Marsanes und den 3 Stelen des Seth. Weder jüdische noch christliche Traditionen sind zu finden, um so mehr aber die Reise des Parmenides zum ungeteilten Einen in peri\ fu/sewj und die platonischen Dialoge.
3.1.2 Zur Datierung des Zostrianos
Doresse wies hin auf die Nennung speziell des Zostrianos in Porphyrios' Buch über das Leben seines Lehrer-Freundes Plotin, der von 205 bis 269 n.Chr. lebte, mit 27 im Jahre 232 in Alexandria Philosophie studierte und nach der Teilnahme am Perserkrieg Gordians III. entkommen konnte und 244 in Rom in eigener Schule Philosophie lehrte.[3317] Die Zeit der Lehrtätigkeit Plotins endete nach 10 Jahren. Dann schrieb er ab 254 alles nieder, so daß für das kat ¹ au)to\n in Porphyrios' Vita Plotini 16 die Zeit von 232 - 269 angenommen werden kann. »Es waren aber mit ihm (Plotin) viele Christen und andere, die aus der alten Philosophie häretisch abgedriftet sind, die um Adelphios und Akulinos, die die Schriften Alexanders des Libyers und Philokomos und Demostratos und Lydos in Fülle besaßen, ebenso wie sie Apokalypsen von Zoroaster und Zostrianos und Nikotheos und Allogenes und Messos vortrugen und andere von dieser Sorte, die viele täuschend auch sich selbst getäuscht haben: daß Plato doch wohl nicht der Tiefe des mit dem Verstand erkennbaren Seins nahegekommen sei. Deswegen hat er (Plotin), nachdem er viele Widerlegungen gemacht hatte in den Lehr-Zusammenkünften, ein Buch geschrieben, was wir aufgeführt haben unter dem Titel „Gegen die Gnostiker“ (=Enneade II,9), und uns den Rest zu beurteilen überlassen. Amelios ist es gelungen, bis zu vierzig Büchern gegenzuschreiben gegen das Buch des Zostrianos. Porphyrios, also ich, habe gegen das (Buch) des Zoroaster zahlreiche Widerlegungen fahren gelassen. Als gänzlich unecht und neu habe ich das Buch aufgewiesen und erdichtet von den Verschwörern der Häretiker zum Anschein, es sei die Lehre des alten Zoroaster, was sie selbst hochzuhalten wünschten.«[3318]
Wenn Plotin schon 244 gegen den Zostr argumentiert hat, er maße sich größere Tiefe als Platon an, darf man schließen, daß dieser einiges vor 244 entstanden ist und bereits zu dieser Zeit in mittelplatonischen Begriffen gefaßt war, genau wie Allog. Wenn Amelios schon 40 Bücher gegen den Zostrianos geschrieben hat, dann wird dieses Buch bereits eine längere Zeit im Umlauf gewesen sein und zu einer so großen Popularität gefunden haben, daß eine Gegenkampagne sinnvoll war; gegen eine frische, unbedeutende Schrift würde keiner 40 Bücher schreiben. Nimmt man für 40 Bücher mind. 30 Jahre an und für das Populärwerden des Zostr nochmal mind. 20 Jahre, dann kann man von Porphyrs Notiz von 270 n.Chr. 50 Jahre zurückrechnen auf 220 n.Chr. oder noch früher als Entstehungsdatum. Daß die Zuschreibung zu Zoroaster pseudepigraphisch und die Apokalypsen recht neu sind, hat Porphyr erfaßt. Ein Petrus aus Kapharbaricha drei Meilen von Hebron lehrte den Armenier Eutaktos die nazoräisch klingende Archonten-Lehre mit den 7 Himmelsgerichten, die der dann in Armenien verbreitete, darunter Allogenes.[3319] Der Schluß Allog 68f spielt mit der Niederlegung des Buches auf einem Berg und dem Namen Messos (= Mose) auf die Sinaitradition Ex 34 an. Wenn Allog in Judäa im Milieu von Nazoräern und Armeniern, also parthisch geprägten Kreisen kursierte, dürfte auch der Zostr mit seiner großen Ähnlichkeit zum Allog aus dieser Zeit stammen. Daß Allog im parthischen Umfeld reüssieren konnte, zeigt die Affinität von persisch-zervanistischer Himmelsreisetradition wie Ardā Vīrāf und sethianischer. allogenios heißt Zostr 128,7 der Autogenes-Subäon Eleleth. »Allogenes« taucht außer als Offenbarungsempfänger in Allog 50,24; 55,19; 55,35; 69,19; 69,20 nur noch EvÄg III,41,6; IV,50,21 auf als Äon aus sich selbst in der himmlischen Welt-Fremde, auch in ApkPt 83,17 meint er den himmlischen Welt-Fremden.[3320] Der Zostr basiert also vermutlich auf Lektüre des Allog und hat ihn in die Schar der Heiligen als Beinamen des 4. Autogenes-Erleuchters aufgenommen. Plotin nimmt zwischen 254-69 in seiner Enneade 2,9,6 direkten Bezug auf Zostr 5,24ff (Trias paroikhsis - metanoia - antitupoi). Ebenfalls darf damit als gesichert gelten, daß seit der Verbreitung in Ägypten, seit der bohairischen Übersetzung in Alexandria, die im Kryptogramm Zostr 132,6ff behauptete Berufung auf Zoroaster bestanden hat: »Zostrianos. Orakel der Wahrheit des Zostrianos. Gott der Wahrheit. Lehren des Zoroaster.« Zostr 64,11 - 66,12 dürfte eine Paraphrase von Adversus Arium I,49,7-10.18-40 sein. Wenn der Zostr um 220 n.Chr. griechisch verfaßt wurde, Victorinus aber um 330 Adversus Arium verfaßte, liegen mindestens 110 Jahre zwischen Urfassung (Proto-Zostr) und Endfassung des Zostr.
Tardieu nimmt eine Endredaktion vor 263 n.Chr. an, weil der anonyme Parmenideskommentar[3321] (Fragment IX,1-4: »Andere, obwohl sie bestätigen, daß er sich alldessen beraubt hat, was sein ist, geben trotzdem zu, daß seine Kraft und sein Intellekt in seiner Einfachheit vereinigt sind«.) nicht nur auf die Chaldäischen Orakel[3322] (Fragment 3: »Der Vater entriß sich von sich selbst und schloß sein eigenes Feuer nicht in seiner intellektuellen Kraft ein.«) und Victorinus Adversus Arium 50,10 rekurriert, sondern auch auf Zostr 66,14-20, wo die drei Kräfte Existenz, Leben und Gesegnetheit eins sind in der Einheit des Vaters.[3323] Eine Datierung nach Plotins Tod 268, zwischen 270 und 350, nehmen Hadot, Abramowski und Majercik an.[3324]
Falls aber Adversus Arium I,49f selbst aus einer früheren mittelplatonischen Quelle zitiert oder paraphrasiert, ist eine Datierung der Endfassung des Zostr um 270 herum denkbar.
3.1.3 Die »Schriften des
Zoroaster« als populäre Pseudepigraphien
Die Schriften des Zoroaster hatten in damaliger Zeit große Popularität. Arnobius der Ältere von Sicca schreibt im ersten der sieben Bücher Adversus Nationes: »Paß auf: Nun mag durch den feurigen Landgürtel ein Magier von den geheimen Zirkeln des Zoroaster gekommen sein, wenn wir Hermippos' Autorität zustimmen, und jener Baktrier sei dazugekommen, dessen Gedankengut Ctesias dargestellt hat im ersten Buch seiner Historien, und Armenius, der Enkel des Zostrianos und Pamphylius, ein Verwandter des Kyros, Apollonius Damigero und Dardanus, Belus Julianus und Baebulus und wenn es jemand anderen gibt, der Rang und Namen hat in derartigen Gaukeleien.«[3325] Der feurige Landgürtel wird von einer Ketten von Feuertempeln in Kleinasien dokumentiert.[3326] Zostrianos war hiernach ein berühmter Magier der Achämenidenzeit.
Pseudepigraphie ist Zeichen dafür, wie hoch der gefälschte Name im Kurs steht. »Ein glaubwürdiger Bericht sagt uns, daß die unter dem Namen Zoroasters katalogisierten Werke der Bibliothek in Alexandrien zwei Millionen Zeilen umfaßten. Diese ungeheure heilige Literatur mußte die Aufmerksamkeit der Gelehrten anziehen und die Reflexion der Philosophen herausfordern.«[3327] Plinius hat diese Information von Hermippos aus Smyrna (250-200 v.Chr.): »Hermippos, der über diese ganze Kunst am genauesten gehandelt und die von Zoroaster verfaßten zwei Millionen Verse auch durch die seinen Bänden vorangestellten Inhaltsangaben zugänglich gemacht hat, berichtete, der Lehrer, von dem seiner Angabe zufolge Zoroaster unterwiesen wurde, sei Agonakes gewesen; Zoroaster selbst aber habe 5000 Jahre vor dem Trojanischen Krieg gelebt. Besonders merkwürdig ist, daß sich die Erinnerung an ihn und seine Kunst in einem so langen Zeitraum erhalten hat, obwohl die Aufzeichnungen verlorengegangen sind und die Kunst zudem weder durch berühmte noch durch ununterbrochen aufeinanderfolgende Schulhäupter bewahrt wurde. Wo gibt es noch einen Menschen, der nicht wenigstens vom Hörensagen Kenntnis von den nur dem Namen nach bekannten Männern hat: den Medern Apusoros und Zaratos, den Babyloniern Marmaros und Arabantikphokos oder dem Assyrer Tarmoindas, von denen keine Werke vorhanden sind?«[3328] Isidor bestätigt die Fülle der Zoroaster-Literatur.[3329] Sie soll in Alexandrias Bibliothek verbrannt sein. Die Ptolemäische Bibliothek in Alexandria entstand unter Ptolemaios I. Soter (305-283 v.Chr.) Die große Alexandrinische Bibliothek (im Museion) mit etwa 700.000 Buchrollen wurde 47 v.Chr. durch Brand größtenteils zerstört, die kleinere (im Serapeion) mit über 40.000 Buchrollen wurde 391 n. Chr. vernichtet. Ein 1914 im mittelägyptischen Oxyrhynchos (heute El-Behnesa) aufgefundener Papyrus listet die Vorsteher der Bibliothek bis 145 v.Chr. auf, beginnend mit dem alexandrinischen Grammatiker Zenodot aus Ephesus.
»In der alexandrinischen Epoche aber übersetzte man die Bücher, die den halb sagenhaften Meistern der persischen Wissenschaft, Zoroaster, Hostanes, Hystaspes zugeschrieben wurden, ins Griechische, und von dieser Zeit an bis zum Ausgange des Heidentums standen jene Namen in glänzendem Ansehen. Gleichzeitig machten die Juden, die in die Geheimnisse der iranisch-chaldäischen Lehren und Prozeduren eingeweiht waren, indirekt einzelne ihrer Vorschriften überall bekannt, wohin die Diaspora sie geführt hatte.«[3330] Lucian von Samosata zeigt die Amalgamierung iranischer und chaldäischer Traditionen, wo Zoroaster Herr der Magier ist und Schüler der Chaldäer und Babylonier.[3331] So unhistorisch dies für Zaraθuštra, so aufschlußreich aber ist diese Bemerkung für die gegenseitige Beeinflussung von Persern, Babyloniern und Chaldäern bezüglich medizinischer und astrologischer Episteme. Die unter Zoroasters Namen verfaßten Magier-Schriften lehrten später auch gräßliche Kinderopferungen, in deren zuckenden Eingeweiden die Zukunft gelesen wurde.[3332] Wenn es neben der Apokalypse des Allogenes und Zostrianos auch eine des Zoroaster gegeben hat, wie Porphyr sagt, so dürfte diese verschollene Schrift dem Zostrianos nicht unähnlich gewesen sein und von daher kann gelten, daß in diesen Schriften Lehren der Magier mit ihrer Berufung auf ihren Meister im Buch enthalten sind. Sie sind auf den ersten Blick nicht zu erkennen, da sie eine weitreichende Transformation über Jahrhunderte und von Persien über Babylon nach Ägypten durchlaufen haben.
3.1.4 »Zoroaster« und
»Zostrianos« als Zeichen persischer
Magoi-Einflüsse
Unter den 51 einzelnen Schriften aus Nag Hammadi zeigen wenige so deutlich iranischen Einfluß wie die Himmelsreise des Zostrianos. Hier wird persischer Einfluß auf die sethianische und gleichzeitig auf die christliche Gnosis und eine bruchlose Integration des Himmelreisestoffs durch dessen Zusammenstehen mit dem EpPetr/Phil NHC VIII,2 dokumentiert.[3333] So sehr man Platons Denken in der Himmelsontologie des Zostr wiederfindet: als Autorität wird Zoroaster bemüht, der wohl nicht nur für die Zauberpapyri als Legitimation herangezogen wurde, sondern auch für Himmelsreisen, was seinen Gathas mit den ständigen Zwiesprachen mit Ahura Mazdā ja auch tatsächlich entspricht.
Der Proto-Zostr
mit Himmelsaufstieg, 5 Taufen und Taufunterweisungen, Hymnen und
Erdrückkehr
mit Paränese wurde um 220 zunächst in Griechisch
abgefaßt. Später in Alexandria
wird er ins Bohairische übertragen und um den Sophiamythos,
Texte von Marius Victorinus
zur
Unbeschreiblichkeit Gottes und seiner 3 Kräfte, um weite
Passagen über
Himmelshierarchien, den Barbelomythos, Seelenhierarchien in Sekte und
Weltgericht, die Joel-Tauf-Unterweisung ergänzt und noch
später in Oberägypten
in Sahidische Orthographie umgeschrieben, die die Bohairische Syntax
belassen
hat. Diese Übertragungsform findet sich ebenfalls in 3StelSeth
und Allog.
Diese Texte zeigen in ihrer
Grammatik die Südwanderung. Obwohl unübersehbare
Adaptionen platonischer
Ontologie im Zostr
enthalten sind, wäre für die Leserschaft eine
Berufung auf Platon
wohl unattraktiv
gewesen. Je weiter der Text in den Niltal-Klöstern
zirkulierend nach
Oberägypten drang, desto einfacher und ungebildeter die
Mönche und um so
weniger galt die Botschaft Platons.[3334]
Das Zaraθuštra-Kryptogramm
weist den Zostr
als Geheimlehre aus, die nicht für alle bestimmt ist. Dies
macht sie natürlich
um so interessanter und gediegener.[3335]
Daß der Zostr von
Platonikern gelesen wurde, zeigt Porphyr
darin, wie viele Kritiker das Werk auch gerade von philosophischer
Seite her
fand, gerade weil es viel ehemalige Platoniker mehr faszinierte als der
Meister
persönlich. Offenbar war die gesamte Apokalypsen-Literatur den
damaligen
Akademikern wegen ihrer Märchenhaftigkeit suspekt; erst recht
aber die Berufung
auf Zoroaster, dessen Haus des Lobgesangs (Yasna
45,8; 50,4; 51,15, cf 1.4.2.7) mit den detailliert ausfabulierten
Prunkhimmeln
der Apokalypsen wenig zu tun hatte, so Plotins
Kritik am Zostr,
cf 3.3.6. Die Himmelsreise des Zostrianos hat eine gewisse
Nähe zu
Himmelsvorstellungen der Gathas: Aša-Anhänger
kommen dort in die Herrlichkeit (divamna-
=Glanz 31,20), ins Paradies (vahišta
/ bihišt)
der guten Gedanken (vahišta-
manah- 28,8f; 30,4; 31,5f; 43,3; 44,2;
47,5; 49,9?; 51,6). Diese
Vorstellungen sind aber bewußt vage und werden erst im
Zervanismus ähnlich
ausfabuliert wie die jüdischen Apokalypsen. Die heftige Kritik
gegen die ca.
800 Bände von
Schriften
des Zoroaster[3336]
rührt u.a. daher, daß in einigen wohl auch grausige
magische Praktiken beschrieben
werden, wie wir sie von PGM
kennen. Auf Magie dieser Art stand im Römerreich die
Todesstrafe, cf
1.5.2.43.
(Rechts:
Zostrianos
Schlußseite)
Der Name zwstrianos ist gebildet aus zwroastrhs.[3337] Aus Zarat (golden) und uštra (Kamel) wurde durch Verschleifen des t griechisch ZoRo aSTRes. Daraus wird ZoSTRianes, indem das Roa wiederum verschluckt wird und als Rian hinter die Stammkonsonanten STR gehängt wird. Solche legasthenischen Umkehrungen der Konsonanten oder ganzer Silben finden wir auch bei Ephesech, der im EvÄg Esephech heißt. Dies kann eingebürgertes Sprachschlunzen, Sediment kortikaler Dysfunktionen in glossolalischer Extase oder bewußtes Verdrehung sein, wie sie als kryptographisches Stilmittel häufig in den PGM begegnet. Dann arkanisiert der Name die Zaraθuštra-Autorenschaft und unterstreicht heiligend die Geheimhaltung gegenüber Fremden wie der Slang devianter Gangs. Die Autorenschaft Zoroasters wird 132,9 kryptographisch betont. Clemens von Alexandria meint, Platons Er sei Zaraθuštra, der himmelsreisend wiederkehrt: »Dies ist geschrieben von Zoroaster, dem Sohn des Armenios, einem gebürtigen Pamphylier: gestorben im Krieg, im Hades gewesen, ich lernte dies von den Göttern.«[3338] Dies korreliert mit dem Arnobius-Zitat oben, was auf sagenumwobene Magier der Achämenidenzeit verweist, aus der auch Platons Er stammen dürfte. Zostr 132,1-9:
pwH n\?[Hr]a?i+ \H\n
oukouei \nsho[u]
empa\t\Ft?aHw\t\n \nGi
pitako:
anau epiouoein pwt/
\nsa
bol
\mpikake: \m\p\rtreu\rHal
\mmw\t\n
pros outako: >>->
---< zwstrianos -->
\o\l\z\l\F
\q\o\b\a\eF\?[\q]w?\ \g\s\w\T
\@\F\q\n\l\x
\a\e\lw\? \q\o\b\a\e?\F:
\q\w
\o\l\z\l\F gs@l\q\w\y\@[\l\x]
Die Kryptogramme in der 4Q von Qumran sind zervanistischen Ursprungs, wie der Mythos der Zwillingsgeister des Lichts und der Finsternis alias Ōhrmazd und Ahriman zeigt.[3339] Solche Kryptogramme finden sich ebenfalls in Thebanischen Konventikeln der späteren Zeit. NHC VIII,132,6-9 endet der Zostr mit einem im NHC singulären Kryptogramm, dessen Auflösung die Umkehr der drei Achterreihen des griechischen Alphabets bildet.[3340] Die Dekodierung erfolgt also anhand der folgenden Umsetzungspaare:
a
=
q b
=
h
g =
z
d =
e e
=
e
z =
g h
=
b
q =
a
i
=
F k
=
P l
=
o
m =
c n
=
n
c =
m o
=
l
P =
k
r
=
u s
=
w t
=
y
u =
x f
=
f
x =
u y
=
t
w =
s
zwstrianos
Zostrianos
zwstrianos
olz
lF qob aeF qwg swy
Worte
der Wahrheit
Zost- logoi
alhqeias zwst
urFq
nlx aelwqobaeF. rianos.
Gott der Wahr-
rianos
qeos alhqei
qw
olz[lF] tslqwy[ulx] heit. Worte
Zoroast[ers.]
as
log[oi]i zwroast[rou]
Kryptographie der hieroglyphischen oder hieratischen Schriften ägyptischer Tempelpriester soll die Heiligkeit, Besonderheit und Erhabenheit hervorheben. Je wichtiger, desto arkaner. Kryptographie ist eine »Ästhetisierung durch Verrätselung«und eine »Entkonventionalisierung der Zeichen« zu Symbolen, die die göttliche Welt im Modus des geheimen verschriftlichten Wortes mimetisch neuinszenieren. Schrift ist eine Einwohnung des Göttlichen.[3341] Wenn Zaraθuštra im Kryptogramm genannt wird, wohnt seine Religion dem Zostr auf geheimnisvolle und magische Art inne. Geheim deshalb, weil das avestische Denken nur vermittelt den Text bestimmt. Es könnte auch die Geheimhaltung dieser nur für die Auserwählten bestimmten Himmelsgeheimnisse unterstreichen. Wie der Gottesname im Judentum aus Ehrfurcht nicht ausgesprochen wird, betont das Kryptogramm die Heiligkeit Zaraθuštras. Wer sich dermaßen ehrfürchtig innerhalb der sethianischen Szene zum persischen Glauben bekennt, muß eine intensive, wiewohl hellenisierte Beziehung hierzu haben und wohl auch bei Lesern voraussetzen können.
Die Nennung von Zoroaster ist im NHC