Michael Lütge

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Pfingsten

Der Beginn der Apostelgeschichte ist Christi Himmelfahrt mit anschließender Nachwahl des 12. Jüngers aus einer Menge von angeblich 120 Jesusanhängern und die Umbenennung der ehemaligen Jünger zu Aposteln, Gesandten oder Botschaftern. Shavuot, das Wochenfest, ist ein Erntefest 50 Tage nach Pessach. Da sind Pilger aus vielen jüdischen Diasporagemeinden in Jerusalem. Petrus, der Jesus (Mk 14,66-72; Mt 26,69-75; Lk 22,54-62; Joh 18,16-27) dreimal verriet, ergreift das Wort, die Macht. Er predigt ganz anders als Jesus, der immer fast wortkarg und knapp redete.

Der Fischer Petrus verteidigt in einer großangelegten Rede die auf iranisch oder griechisch predigenden Apostel gegen die Unterstellung, sie seien angetrunken. Er zitiert den nachexilischen Joel 3,1-5, der eine verheerende Heuschreckenplage als Gerichtstag Jahwes deutet, als Gottes strafend-erzieherische „Spezialoperation Heuschrecke“. Die ist im Folgejahr vermutlich ausgestanden, sodaß Joel ab 2,18 nach diversen Klage- und Bußfeiern Hoffnungen machen kann auf Regen und Prosperität. Und diese Vorankündigung des kommenden Heils deutet der Fischer Petrus als die Ankündigung der Seltsamkeiten des Pfingsten.

Und es soll geschehen in den letzten Tagen, spricht Gott, ich will ausgießen von meinem Geist auf alles Fleisch; und eure Söhne und eure Töchter sollen weissagen, und eure Jünglinge sollen Gesichte sehen, und eure Ältesten sollen Träume haben. Und auf meine Knechte und auf meine Mägde will ich in denselbigen Tagen von meinem Geist ausgießen, und sie sollen weissagen. Und ich will Wunder tun oben im Himmel und Zeichen unten auf Erden: Blut und Feuer und Rauchdampf. Die Sonne soll sich verkehren in Finsternis und der Mond in Blut, ehe denn der große und offenbarliche Tag des HERRN kommt. Und soll geschehen, wer den Namen des HERRN anrufen wird, soll selig werden.

Es geht um das Ende einer vernichtenden Dürre, in der Heuschrecken alles kahlfressen, was von der Ernte noch übrig ist, und eine Hungersnot ohnegleichen tritt ein. Nach genügend Bußfeiern aber beendet Gott die Not, endlich wieder Regen, Wachstum, Essen. Wie Gott Regen ausgießt mit all seinen sättigenden Folgen, so gießt er Freude in die Herzen und Köpfe der Menschen, eine Zeit der Wunder, des guten Lebens.

Petrus bezieht das jetzt auf die Situation in Jerusalem: Dürre war Jesu Tod, die Katastrophe für die nach Galiläa fliehenden Jünger. Aber jetzt ist endlich wieder Wachstum und Ende aller Entbehrung angesagt. Heilszeit eben. Alles das sind komplett die Features von Pfingsten. Der Tag Jahwes war bei Joel der Tag der Sättigung der Hungernden nach langer ebenfalls von Gott als Strafe gesandter Leidenszeit. Auf alles Fleisch, nicht nur auf die Getreuen, auf Israel, gießt Gott seinen Geist. Gottes ausgegossener Geist äußert sich in Weissagen, Visionen, Träumen. Schon 400 v.Chr. zur Zeit Joels ist der Heilige Geist in Derealisationen wie Visionen, Träumen und Hoffnungsutopien am Werk.

Eine solcher Visionen ist die Trauerhalluzination des nach seiner Hinrichtung in verschiedensten Situationen wieder erschienenen Jesus, die früheste Bezeugung bei Paulus 1Kor 15,5-8: kaiì oÀti wÓfqh Khf#=, eiåta toiÍj dw¯deka: eÃpeita wÓfqh e)pa/nw pentakosi¿oij a)delfoiÍj e)fa/pac, e)c wÒn oi¸ plei¿onej me/nousin eÀwj aÃrti, tine\j de\ e)koimh/qhsan: eÃpeita wÓfqh  ¹Iakw¯b%, eiåta toiÍj a)posto/loij pa=sin: eÃsxaton de\ pa/ntwn w¨spereiì t%½ e)ktrw¯mati wÓfqh ka)moi¿.

Die Lichtvision des Paulus vor Damaskus als Christuserscheinung zu bewerten, zeigt da auch überdeutlich, welchen Realitätsgehalt alle diese Visionen hatten. Daß Jünger überhaupt Visionen bekamen, von Trauer und Verzweiflung getriggert in ihren Gehirnen, hat eine sie selbst aufwertende Bedeutung, ist Zeichen ihrer Erwählung wie die Berufung eines Propheten und autorisiert damit ihre Sonderstellung unter den restlichen Anhängern Jesu. Die Auferstehungsvision wird Zeichen des Geistes Gottes, der sie ergriffen hat und nun bewegt. Sie verleiht Macht in der Christenschar.

Die Predigt des Petrus selbst sieht sich schon als eine Manifestation des Heiligen Geistes, nicht nur als eine Art Hinweis darauf. So spricht der Heilige Geist höchstselbst. Petrus sieht sich im Besitz dieses Geistes und alles, was da in der Jüngertruppe – sorry: Apostelgruppe - in Jerusalem passiert, ist bewegt von diesem Geist. Schon seltsam, daß scheinbar alle 12 in einem Haus wohnen. Und oben ein Saal, gab es solche Riesenbauten damals überhaupt? Hatte die Gemeinde schon Geld genug, sich ein riesiges Gemeindehaus zu leisten? Petrus schimpft die Juden, Jesus getötet zu haben, aber der sei auferstanden, alles nach Ratschluß und Vorherbestimmung Gottes, so daß Juden und Römer hier nur Marionetten Gottes waren.

Warum eigentlich in Jerusalem, der Stadt, über die Jesus geweint hat und in der er hingerichtet wurde? Ist das nicht ein schrecklicher Verrat? Vom Wanderradikalismus zum Eigenheim. Die ersten Christen etablieren sich in Windeseile. Nichts mehr erinnert da noch an Jesus. Petrus verliert kein Wort darüber, was genau Jesus gemacht hat. Alles nur Wundertaten, keine Sozialarbeit für die Mühseligen und Beladenen. Wichtig ist nur für ihn, daß er gekreuzigt wurde von den Römern und Juden und daß Gott ihn auferweckt hat. Mehr zu Jesus zu sagen ist belanglos.

Der christliche Urkommunismus Apg 2,44f, wir haben ihn als junge Theologiestudenten gefeiert und gepriesen. Taizé und die Klöster. Aber es ist von Anbeginn auch schon der Geist Petri und aus den Wanderradikalen wird schnell die Ansiedlung in Jerusalem, nicht mehr dieses karge Leben in Galiläa. Scheinbar wird gewählt und bald auch gestritten, die Zeit der Flammen über den Köpfen ist schnell vorbei. Die Geburt der Kirche mit all ihren Selbstdarstellungen und ihrem Machtpoker beginnt und  ich sehne mich zurück nach Jesus, der ganz anders gelebt hat als diese Apostelschar mit ihren Streitereien und Zerwürfnissen.

Weissagen, Visionen, Träume – das war die Auferstehung des geliebten Jesus und seine Auffahrt in den Himmel in ähnlicher Art wie Elia damals, wie der Menschensohn auf den Wolken im Danielbuch. Ein kleiner aber gemeiner Unterschied ist bereits da: Wollte Gott bei Joel seinen Geist nicht ausgießen auf ALLES FLEISCH? Bei Petrus wird aber nur der der Ausgießung des Heiligen Geistes teilhaftig, der korrekt getauft ist, nachdem er Buße getan hat, cf Apg 2,38. An einem Tag lassen sich 3000 Seelen taufen und werden Christen, cf Apg 2,41. Welche Lokation braucht man dazu? Es müßte eine riesige Kathedrale sein, wie wir sie kennen von den Evangelikalen in den USA. In Jerusalem damals aber kaum realisierbar, kaum zu glauben. Also noch ein Wunder. Früher war Pfingsten das Fest der Ausgießung des Heiligen Geistes für mich als kleiner Junge. Heute als alter Opa sehe ich im Keim schon das beginnen, was die gesamte Geschichte der Kirche prägt. Der Blick in die Kulissen zeigt mir jetzt nur noch das, was Manfred Josuttis die permanente Passion Jesu Christi in der Kirche nannte und die verdammte Macht dieser Kirche ehrfürchtig geißelte.

Die grenzenlose Sehnsucht nach Gerechtigkeit, Versöhnung und Frieden kann ich teilen, was davon auf den Synoden noch übrig geblieben ist, enttäuscht mich. Die Kraft des Heiligen Geistes ist in homöopathischen Dosen wirksam und da beginnt der Glaube: daß aus diesen verschlafenen und konservativen Betbrüdern eine Kraft wird, die die Not dieser Welt überhaupt einmal klar in aller Schärfe sieht und gemeinsam und synodal die nötigen Konsequenzen sieht und zieht. Be-geisterung für eine Welt ohne Waffen, für eine sparsame Welt, die keine Ressourcen verschleudert, die die allseits bekannten Klimaziele in ihrem Bereich realisiert und für ihre politische Durchsetzung auf die Straße geht, gemeinsam mit Greenpeace und Fridays for future. Das ist meine Pfingstvision, eine aufgeweckte und für Gottes Zukunft begeisterte und begeisternde Kirche, die eine Wiedergeburt nach der anderen erlebt und nicht nur Bremser göttlichen Heils an die Macht wählt. Amen.