Corpus Hermeticum Deutsch (Colpe/Holzhausen)

Carsten Colpe, Das Corpus Hermeticum Deutsch. Übersetzung, Darstellung und Kommentierung in drei Teilen / bearb. und hrsg. von Carsten Colpe und Jens Holzhausen, Clavis pansophiae 7, Stuttgart- Bad Cannstatt (Frommann-Holzboog) 1997


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Inhalt des CH: Über den Poimandres CH I (Holzhausen)
1 Hermes Trismegistos: Poimandres
2 Gespräch des Hermes mit Asklepios [Seite 28]   
3 Hermes: Heilige Rede [Seite 39]   
4 Gespräch des Hermes mit Tat: Der Mischkrug oder Die Monade [Seite 47]   
5 Gespräch des Hermes mit seinem Sohn Tat: Der unsichtbare Gott ist   
vollkommen sichtbar
  [Seite 57]   
6 Allein in Gott ist das Gute, sonst aber nirgendwo [Seite 66]   
7 Das größte Übel unter den Menschen ist die Unkenntnis Gottes [Seite 74]   
8 Nichts von dem, was ist, geht unter, sondern die Veränderungen sind es, die   
man irrigerweise Untergang und Tod nennt
. [Seite 77]   
9 Über Denken und Wahrnehmung227  [Seite 84]   
10 Hermes Trismegistos: Der Schlüssel [Seite 100]   
11 Gespräch des Geistes mit Hermes  [Seite 123]   
12 Gespräch des Hermes Trismegistos mit Tat [Seite 146]   
Über den (allen Wesen) gemeinsamen Geist (per+ koino« no«)   
13  Geheimes Gespräch des Hermes Trismegistos mit seinem Sohn Tat in der   
Wüste - Über die Wiedergeburt und die Aufforderung zum Schweigen
[S 159]   
14 Brief des Hermes Trismegistos an Asklepios: Wohlergehen für Geist und   
Seele
[Seite 193]   
15 Suda 11 413f. Nr.3038 (Adler) s.v. Hermes Trismegistos  [Seite 198]   
16 Brief des Asklepios an den König Ammon: Enthüllungspfeiler    
17 Schlußfragment eines Gespräches Tot mit Ammon [Seite 215]   
18 Die Behinderung der Seele durch die Affektionen des Körpers [Seite 222]   
Auszüge aus Jamblichos   
Zosimus    
Markell von Ankyra

Über den Poimandres CH I (Holzhausen)nach oben


[Seite 3] Der erste hermetische Traktat hat seit REITZENSTEINS berühmtem Buch "Poimandres. Studien zur griechisch-ägyptischen und frühchristlichen Literatur" (1904) im Mittelpunkt des Interesses an der hermetischen Literatur gestanden.2 Dabei ist dieser Text insofern untypisch, als der Name Hermes Trismegistos in ihm gar nicht erscheint3 und er einen Mythos erzählt, was für die hermetischen Texte nicht charakteristisch ist. Dieser Mythos hat allerdings das Augenwerk der Forscher auf sich gezogen, weil man in ihm einen Beleg für einen angeblich vorchristlichen gnostischen Mythos zu finden glaubte, der nach der späteren Meinung REITZENSTEINs letztlich iranischen Ursprungs sei. Dieser Mythos stehe im Hintergrund des urchristlichen Kerygmas vom herab- und wieder aufsteigenden Gottessohn. Die neuere Forschung hat dies bestritten, ohne jedoch zu einer allgemein anerkannten Traditionsgeschichte dieses Textes und seiner Motive zu gelangen.
Für seine Entstehungszeit gibt es als äußeren Anhaltspunkt nur einen christlichen Papyrus des 3. Jhd. n. Chr., der das Schlußgebet enthält.4 Im allgemeinen wird das 2. Jh d. n. Chr. als Zeitraum genannt, ohne daß eine genauere Datierung möglich ware. Der erste hermetische Traktat ist in der Ich-Form abgefußt. Der Autor erzählt von einer geistigen Erhöhung und den Folgen, die sich daraus für ihn ergaben. Inwieweit die Vision und die von ihm [Seite 4] beschriebene "Missionstätigkeit" in eine tatsächliche Biographie eines Hermetikers gehören, muß offenbleiben. Es ist wahrscheinlicher, daß der Traktat ein literarisches Produkt ist, in dem verschiedene religiöse Motive miteinander verbunden worden sind, ohne daß sie noch einen wirklichen Sitz im Leben hatten. Dabei ist vor allem die Frage schwierig zu beantworten, ob und welche Bedeutung das katholische und das gnostische Christentum für die Entstehung des ,Poimandres' hatte. Büchli hat die These aufgestellt, daß der Text als "paganisiertes Evangelium" konzipiert worden sei. Diese Frage kann im Rahmen dieser Einleitung nicht entschieden werden. Unbestritten dagegen sind die Einflüsse der jüdisch-hellenistischen Gedankenwelt (nach Büchli durch das Christentum vermittelt), die allein durch das Genesis-Zitat in 18 und das "Heilig, heilig, heilig" des Schlußgebetes (s. Jes. 6,3) offensichtlich sind. Auch der Name "Poimandres" scheint aus dem "Menschenhüter" in Hiob 7,206 hergeleitet werden zu müssen. 7
Poimandres wird als höchster göttlicher Geist (Nous) bezeichnet, der dem Offenbarungsempfänger vor Augen tritt, ihm eine Vision ermöglicht und eine Belehrung über die Ursprünge von Welt und Mensch zuteil werden läßt. Diese Belehrung baut auf einer mittelplatonischen Prinzipienlehre auf, in der die Materie, die der Autor "feuchte Natur" nennt, und Gott, der selbst Geist (Nous) ist, die entscheidenden Größen sind. Kosmos und Mensch entstehen durch die Verbindung von Geist und Materie. Der oberste Gott, Leben und Licht, ist transzendent, strahlt aber mit seinem Geist in die Materie aus und gestaltet sie. Diese Ausstrahlung nennt der Autor Logos. Da sie sich sowohl auf den Kosmos, als auch auf den Menschen bezieht, führt er zwei Söhne Gottes ein, in denen sich Gottes schöpferisches Wirken personifiziert: den demiurgischen Geist (Nous) und den"Menschen" (Anthropos, oft "Urmensch" genannt). Beide stellen das noetische Urbild von Welt und Mensch dar. Indem sie in der Materie wirken, entstehen dort als Abbilder von ihnen die körperliche Welt und das Doppelwesen Mensch, der Körper und Geist besitzt. Der Mensch muß nun seine Ausnahmestellung erkennen und begreifen, daß er göttlichen Geist in sich trägt. Dann wird er auch verstehen, daß die ihn umgebende Welt ein Werk Gottes ist, und er wird den Schöpfer loben und preisen. Auf dieses Gotteslob zielt der erste hermetische Traktat. Wer das Göttliche in sich nicht erkennt, folgt den Begierden des Körpers und gibt sich ganz seiner materiellen Seite hin. Trunkenheit, Finsternis, Lasterhaftigkeit und Tod charakterisieren ihn. Der Geist eines solchen Menschen kann nach dem Tod nicht wieder zum göttlichen Geist aufsteigen.
Betrachtet man diese Grundlinien der Unterweisung des,Poimandres', wird der Abstand zu gnostischen Positionen sofort deutlich. Die Differenzierung zwischen Gott und dem Schöpfer ist mittelplatonischen Ursprungs (s. Numenios und Alkinoos).8 Die Schöpfergestalten stammen vom höchsten Gott ab und sind durch nichts von ihm getrennt. Deshalb gibt es in der Welt auch keine gottfernen Kräfte, die den Menschen an der Erkenntnis hindern wollen. Kein göttlicher Erlöser muß herabsteigen, um den Menschen wieder an seine göttliche Herkunft zu erinnern. Der "Mensch" hat allein eine Funktion in der Schöpfungsgeschichte, nicht aber in der Soteriologie. Die Materie ist wohl die Sphäre der Finsternis und des Todes, aber sie ist nicht mit destruktiven Kräften dem Göttlichen entgegengesetzt. Sie wendet sich in Liebe dem Geistigen zu. Eine solche Position findet ihre Parallele bei mittelplatonischen Autoren.9 Ohne die Existenz der Materie könnte es [Seite 6] die Welt und den Menschen gar nicht geben. Und der Mensch muß auch seiner körperlichen Seite gerecht werden, indem er sich fortpflanzt, wozu der höchste Gott selbst ihn auffordert. Die Materie bedeutet für den Menschen nur dann eine Gefahr, wenn er sich in seinem Streben ihr zuwendet und den göttlichen Geist ignoriert. Dcshalb ergeht an ihn der Ruf zur Umkehr, den Wcg der Finsternis zu verlassen. Es gibt hier keine gnostische Elite, die zur Erkenntnis berufen ist. Jeder Mensch kann und soll die Göttlichkeit seiner Seele in sich erkennen und damit die materiellen Begierden nach Reichtum und Macht abtun. Der Traktat ,Poimandres' gehört also nur in einem weiteren Sinne zu den gnostischen Schriften, weil auch er die dem Menschen bestimmte Aufgabe in der Erkenntnis des inneren göttlichen Selbst sieht. Die Gliederung des Traktates ist sehr übersichtlich:

1-3 Einleitung
4-8 Die vorkosmische Phase (zwei Visionen)
9-l1 Die Kosmogonie
12-15 Die Anthropogonie
16-17 Die erste vorgeschichtliche Phase
18-23 Die Stellung des Menschen in der Welt
24-26 Der Aufstieg nach dem Tod
27-29 Die Ereignisse nach der Vision
30-32 Schluß und Dankgebet

In der Einleitung erzählt der Autor, wie Poimandres ihm erschien, als er sich aller körperlichen Wahrnehmungen entkalten hatte. Diese Ablehnung der Sinne ist für CH I wie für die gesamte Hermetik charakteristisch. Auf den Wunsch hin, alles Seiende zu erfahren und Gott zu erkennen, beginnt die Belehrung (1-3).[Seite 7]
In der ersten Vision wird beschrieben, wie im göttlichen Licht pötzlich Finsternis war. Aus ihr entsteht die feuchte Natur, unendlich verworren und klagend. Aus dem Licht steigt nun aufgrund eines Rufes der Natur der göttliche Logos herab und läßt aus der ungeordneten Materie die vier Elemente entstehen: Feuer, Luft, Wasser und Erde, eines am anderen hängend. Ubcr ihnen bewegt sich der pneumatische Logos (s. Gen 1,2). In der zweiten Vision erscheint das göttliche Licht als Ideenkosmos, der unzählige gestalterische Kräfte in sich vereint. Die Aufnahme dcs Logos und die Nachahmung der Ideenwelt meinen dasselbe Phänomen: aus der Materie entsteht ein vom göttlichen Geist geordnetes Werk. Der Autor versucht dieses Grundprinzip seines Denkens durch die vorkosmische Phase zu erläutern. Es geht ihm dabei nicht um eine zeitliche Abfolge dieser Ereignisse, sondern die Schöpfungsgeschichte ist nur ein Mittel, das Wesen des Kosmos zu erklären; anders ausgedrückt, die Kosmogonie dient der Darstellung der Kosmologie (14-8).
Deshalb kann der Autor dasselbe Schöpfungsgeschehen nun noch einmal von einem anderen Blickpunkt aus beschreiben. Er schildert das Wirken des demiurgischen Geistes und des "Menschen". Ersterer schafft im Feuer die Gestirne, die als Schicksalsordnung das körperliche Sein regieren. Durch deren Wirken entstehen in den drei übrigen Elementbereichen die Tiere (5 9-11). Die Darstellung ist hier in besonderem Maße der biblischen Schöpfungsgeschichte verpflichtet, was allein an der Anordnung der Schöpfungshandlungen deutlich wird, die ungefähr den Schöpfungstagen in der Genesis entsprechen.
Das eigentliche Zentrum des Traktates liegt in der Darstellung der Anthropogonie. Gott schafft den"Menschen" als sein geliebtes Abbild (s. Gen 1,26f ). Auch der "Mensch" möchte schaffen, erhält von den Gestirnen die Macht über alle Geschöpfe (s. Gen 1,28) und beugt sich zur unteren Natur herab. In ihr entsteht ein körperliches Abbild des "Menschen', in das der "Mensch a als das seelisch-geistige Selbst eingeht, so daß Natur und "Mensch" sich [Seite 8] wie ein Liebespaar miteinander vcrbinden. In CH I wird nicht der Fall des » Menschen" in die Materie beschrieben, sondern es ist der bewußte Schöpfungswille des "Menschen" der ihn mit der Materie in Kontakt bringt. Denn seine Bestimmung, das Göttliche in seiner Wirkkraft zu erkennen, kann der Mensch nur dann erfüllen, wenn er als körperliches Wesen sich in dem Bereich befindet, wo Gottes schöpferisches Wirken manifest wird. Die beiden unterschiedlichen Existenzmöglichkeiten des Menschen sind bereits in seiner Entstehungsgeschichte angelegt: er kann sich dem Geistigen in Liebe zuwenden (der "Mensch" liebt die geistige Form in der Materie) oder der Materie verfallen (der "Mensch" wird der Liebhaber der Natur). Insofern ist der "Mensch" Urbild der aus ihm entstehenden Menschheit, die jetzt von doppelter Natur ist: als körperliches Wesen ist der Mensch der Sterblichkeit und dem Schicksalszwang unterlegen, als geistiges Wesen ist er Herr der gesamten Schöpfung und unsterblich (112-15).
Die geistigen Ursprünge des anthropogonischen Mythos scheinen in einer mittelplatonischen Interpretation der Genesis zu liegen, deren Spuren noch bei Philon von Alexandrien sichtbar werden. Hier muß auch der Ausgangspunkt des späteren gnostischen "Urmensch-Mythos" gesucht werden. Der hermetische und der gnostische Mythos wären dann als Parallelerscheinungen zu interpretieren, die sich aus der gemeinsamen Wurzel des hellenistischen Judentums herleiten. l2
Bevor der Autor die geschichtliche Existenz der so entstandenen Menschen beschreibt, erzählt er noch von einer vorgeschichtlichen Phase, in der sieben Urväter der Menschheit lebten, die wie der"Mensch" mannweiblich waren und die Hinwendung zur Materie noch nicht kannten (516-17). Nachdem die Geschlechter aber voneinander getrennt waren, begann die Fortpflanzung, und die beiden gegensätzlichen Lebenswege wurden Realität. [Seite 9]
Poimandres läßt hier den Schüler nach Art eines Katechismus die Zusammensetzung des Menschen aus Körper und Geist und die sich daraus ergebenden Daseinsweisen noch einmal wiederholen (.6 18-21). Dann belehrt er seinen Schüler über zwei weitere wichtige Themenbereiche: über die ethische Fragestellung und über den postmortalen Aufstieg. Derjenige, der sein Inneres als göttlich erkennt, mißtraut den Wahrnehmungen und ist gegenüber allen körperlichen Begierden immun. Erkenntnis, Moral und Frömmigkeit gehören untrennbar zusammen. 13 Wer dagegen das Göttliche mißachtet, ist seinen Begierden ausgeliefert, die ihn als feuriger Dämon quälen. Die Strafe für böses Handeln liegt in dem Handeln selbst (s. CH X 19f), Strafen im Jenseits sind unnötig (§ 22-23). Der moralisch Gute aber legt nach seinem Tod seinen Körper und die mit ihm verbundenen Wahrnehumgsorgane ab, steigt durch die Planetensphären hindurch auf und gibt den sieben Planeten seine unteren Seelenteile zurück, in denen sich die Laster hätten entwickeln können.l4 Allein seine geistige Seele geht in die achte Sphäre ein und von dort zum Vater, dem transzendenten Leben und Licht. Dies nennt Poimandres Vergottung, die als Aufgehen im All-Geist, nicht aber als ein individuelles Fortleben zu verstehen ist (§ 24-26). Mit diesem Ausblick auf das Jenseits endet der eigentliche Lehrvortrag.
Poimandres fordert seinen Schüler nun auf, die gewonnenen Erkenntnisse anderen weiterzusagen. Dieser verkündet (käryssein) den Menschen die Schönheit der Erkenntnis und Frömmigkeit und ruft sie auf, ihre Trunkenheit und ihren Schlaf zu beenden. (Ist Hermes hier als derartiger Prediger gedacht?) Und wieder reagieren die Menschen in doppelter Weise; die einen folgen ihm und bitten um Unterweisung, von den anderen wird er verlacht (§ 27-29).


1 Hermes Trismegistos: Poimandres 

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1-3 Einleitung
4-8 Die vorkosmische Phase (zwei Visionen)
9-l1 Die Kosmogonie
12-15 Die Anthropogonie
16-17 Die erste vorgeschichtliche Phase
18-23 Die Stellung des Menschen in der Welt
24-26 Der Aufstieg nach dem Tod
27-29 Die Ereignisse nach der Vision
30-32 Schluß und Dankgebet

[Seite 10]
1. Als ich einmal in Gedanken über das Seiende war und mein Denken sich in große Höhen erhob, während meine sinnlichen Wahrnehmungen ausgeschaltet waren wie bei Menschen, die wegen Übersättigung an Speisen oder körperlicher Ermüdung von Schlaf überwältigt sind, da glaubte ich, eine übergroße Gestalt von unermeßlicher Größe riefe meinen Namen und sagte zu mir: "Was willst du hören und sehen und im Geiste begreifen und erkennen?"
2. Ich sage: "Wer bist denn du?" Er antwortet: "Ich bin Poimandres, der Geist, der die höchste Macht hat. Ich weiß, was du willst, und stehe dir stets zur Seite."
3. Ich entgegne: "lch möchte das Seiende begreifen und seine Natur verstehen und Gott erkennen. Wie (gerne), sagte ich, möchte ich darüber hören."
Er erwidert mir: Behalte alles in deinem Sinn, was du begreifen willst, und ich werde es dich lehren.[Seite 11]
4. Nachdem er dies gesagt hatte, verwandelte er sich in seiner Gestalt, und sofort lag alles mit einem Schlag offen vor mir, und ich habe eine unendliche Vision; alles ist Licht, ein klares und angenehmes, und mich ergriff ein Verlangen danach, als ich es sah. Und kurz darauf war eine Finsternis da, die nach unten strebte, in einem Teil (des Lichtes) entstanden, furchtbar und schrecklich, in Krümmungen gewunden, wenn ich es so bildlich sagen darf. Danach verwandelte sich, wie ich sah 21 die Finsternis in eine feuchte Natur, die unsagbar verworren war und Rauch wie von Feuer aufsteigen ließ und einen unaussprechlich jammervollen Laut von sich gab. Dann war ein unartikuliertes Schreien von ihr zu hören soweit man das mit einer Stimme vergleichen kann.22 5. Aus dem Licht23 näherte sich ein heiliger Logos der Natur, und helles Feuer sprang aus der feuchten Natur nach oben in die Höhe; geschwind war es und schnell, zugleich [Seite 12] aber voller Kraft, und die Luft folgte dem Pneuma,24 leicht wie sie war, indem sie von Erde und Wasser bis zum Feuer aufstieg, so daß es schien, daß sie an ihm hinge. Erde und Wasser blieben aber für sich allein, miteinander vermischt, so daß man (die Erde)25 infolge des Wassers nicht sehen26 konnte. Bewegt waren sie durch den pneumatischen Logos, der darüber hin schwebte, so daß man es hören konnte.27
6. Und Poimandres sagt zu ihm: "Hast du verstanden, was diese Vision (aussagen) will?" Und ich antwortete: "Ich werde es erkennen." Er erklärte: "Jenes Licht bin ich, der Geist, dein Gott, der vor der feuchten Natur war, die aus der Dunkelheit in Erscheinung trat; der lichthafte Logos aus dem Geist ist der Sohn Gottes."
Ich frage: "Was soll das bedeuten?
Poimandres:28 ,,Erkenne es so was in dir sieht und hört, ist der Logos des Herrn, der Geist (in dir) ist Gott-Vater. Denn sie trennen sich nicht voneinander. Ihre Einheit ist das Leben."
Ich erwiderte: "Ich danke dir."
Poimandres: "Aber konzentriere dich auf das Licht und erkenne folgendes."
7. Als er dies gesagt hatte, blickte er mir über längere Zeit in die Augen, so daß ich vor seiner Erscheinung erzitterte. Doch ich29 [Seite 13] blicke wieder auf und sehe in meinem Geist, daß das Licht in unzähligen Kräften besteht, daß es ein unbegrenzter Kosmos ist und daß das Feuer von einer sehr gewältigen Kraft rings umschlossen wird und, (von ihr) überwunden, zur Ruhe gekommen ist.
Dies konnte ich gedanklich erfassen, als ich aufgrund der Worte des Poimandres eine Vision hatte.
8. Und während ich noch wie erschüttert bin, sagt er wieder zu mir: "Du hast in deinem Geist das Urbild der Formen gesehen, den Voranfang des Anfangs, der kein Ende hat." So Poimandres zu mir.
Ich frage: "Woher kamen nun die Elemente der Natur?"
Jener entgegnete darauf: "Nach Gottes Willen hat die Natur33 den Logos empfangen, den schönen Kosmos gesehen und ihn nachgeahmt, und so wurde sie zu einem Kosmos durch ihre eigenen Elemente und Seelen, die aus ihr hervorgingen.
9. Der Geist, Gott der mannweiblich und der Leben und Licht ist, gebar durch das Wort eincn zweiten Geist, den Demiurgen, der als Gott des Feuers und Pneumas eine Art von Verwaltern, sieben an der Zahl, schuf, die in Kreisen den sichtbaren Kosmos umgeben; und ihre Verwaltungstätigkeit wird Schicksal (heimarmenä) genannt. 10. Es sprang aber sofort der göttliche Logos von den unteren Elementen hinauf zu der reinen Schöpfung der Natur und vereinigte sich mit dem demiurgischen Geist denn er war von [Seite 14] gleichem Sein -, und die unteren Elemente der Natur blieben ohne Logos zurück, so daß sie nur noch Materie waren. 11. Der demiurgische Geist, der mit Hilfe des Logos die Kreise umfaßt und mit Schwung in Bewegung hält, begann seine Geschöpfe zu drehen und ließ sie kreisen von einem unendlichen Anfang bis zu einem grenzenlosen Ende. Ihre Kreisbewegung beginnt nämlich da, wo sie aufhört. Ihr Umlauf brachte, wie der Geist es wollte, aus den unteren Elementen vernunftlose Lebewesen hervor- denn sie hatten den Logos nicht in sich; die Luft brachte fliegende und das Wasser schwimmende Tiere hervor. Getrennt sind (nun) voneinander die Erde und das Wasser, wie der Geist es wollte, und (die Erde) brachte aus sich die Tiere hervor, die sie in sich barg, vierfüßige (und) kriechende, wilde und zahme.
12. Der Geist aber, der Vater von allem, der Leben und Licht ist, gebar einen ,Menschen', der ihm gleich ist; den gewann er lieb, denn es war sein eigener Sohn. Er war nämlich wunderschön und das Abbild des Vaters. Denn in Wahrheit liebte sogar Gott (in ihm) seine eigene Gestalt und übergab ihm alle seine Schöpfungen. 13. Und als der ,Mensch' die Schöpfung des Demiurgen im Feuer32 betrachtete, wollte er auch selbst Schöpfer sein, und es wurde ihm vom Vater erlaubt. Als er nun in die Himmelssphäre des Demiurgen kam, um alle Macht zu erhalten, betrachtete er die Schöpfungen seines Bruders; die aber wurden von Liebe zu ihm erfaßt, und jeder gab ihm Anteil an seiner eigenen Machtstellung; und er begriff ihr Wesen, und nachdem er an ihrer Natur Anteil erhalten hatte, wollte er die Grenze der Kreise aufbrechen und erkennen, was der, der sich über dem Feuer befindet, vermag.
14. Und er, der alle Macht über den Kosmos der sterblichen und vernunftlosen Lebewesen besaß, beugte sich durch die harmonische Struktur der Himmelssphären, zerriß die äußere Hülle [Seite 15] und zeigte dann der unteren Natur die schöne Gestalt Gottes. Ihn sah die Natur in seiner überwältigenden Schönheit (und) im Besitz aller Kräfte der Verwalter, ihn, der die Gestalt Gottes trug, und sie lächelte in Liebe und Verlangen; denn sie erblickte das Bild der überaus schönen Gestalt des,Menschen' im Wasser und seinen Schatten auf der Erde. Der aber sah die ihm gleiche Gestalt in der Natur,33 wurde von Liebe erfaßt und wollte dort wohnen. Und mit dem Willen geschah zugleich die Tat, und er nahm Wohnung in der vernunftlosen Gestalt. Die Natur empfing den Liebhaber und umfing ihn ganz und sie vereinten sich; denn sie waren Liebende.
15. Und deswegen ist der Mensch im Gegensatz zu allen (anderen) Lebewesen auf der Erde zweifachen Wesens: sterblich wegen seines Körpers, unsterblich aber wegen des wesenhaften Menschen. Denn obwohl er unsterblich ist und im Besitze der Macht über alles, erleidet er Sterbliches als Untertan des Schicksals (heimarmenä). Er steht über der Sphärenstruktur und ist doch ein Sklave der Himmelssphären; er ist mannweiblich, entstanden aus einem mannweiblichen Vater und kennt keinen Schlaf und dennoch wird er vom Schlaf bezwungen."
16. Ich sage: "Und danach, mein (verehrter) Geist?3s Ich brenne nämlich darauf, weiter zu hören."
Und Poimandres sprach: "Hier handelt es sich um das bis auf den heutigen Tag verborgene Geheimnis. Die Natur nämlich vereinte sich mit dem ,Menschen' und brachte ein übergroßes Wunder hervor. Denn weil er die Natur der Sphärenharmonie der Sieben in sich hatte, die, wie ich dir sagte, aus Feuer und Pneuma [Seite 16] bestehen, wartete die Natur nicht, sondern gebar sofort sieben Menschen entsprechend den Naturen der sieben Verwalter, mannweibliche, die sich nach oben ausrichteten."
Ich fragte: "Und danach, Poimandres? Denn ich habe jetzt den dringenden Wunsch und das Verlangen, weiter zu hören. Lauf mir nicht davon!"36
Und Poimandres sagte: Gut, aber schweig, denn ich habe dir noch nicht erklärt, was ich vorher sagte."
Ich antwortete: "Siehe, ich schweige."
17. Poimandres: "Die Entstehung dieser sieben nun wie ich sagte, geschah auf folgende Weise. (Die Erde) war weiblich und das Wasser männlich, aus dem Feuer nahm die Natur die Reife aus dem Äther das Pneuma und brachte die Körper hervor nach dem Bilde des ,Menschen'. Der,Mensch' aber wurde aus Leben und Licht zu Seele und Geist, aus dem Leben wurde die Seele und aus dem Licht der Geist; und so blieb alles im sichtbaren Kosmos bis zum Ende eines Weltumlaufs (und) dem Anfang der Geschlechterfolge.
18. Höre weiter die Worte, die du zu hören begehrst. Nach der Vollendung des Weltumlaufs wurde die Verbindung aller nach dem Willen Gottes gelöst; denn alle Lebewesen waren mannweiblich und wurden gleichzeitig mit dem Menschen getrennt und es wurden jeder für sich ohne Ausnahme die einen männlich, die anderen weiblich. Und Gott sprach sofort mit einem heiligen Wort: ,Gedeihet im Wachstum und mehret euch an Zahl,37 all ihr Geschöpfe und Kreaturen, und (wer) den Geist in sich hat, erkenne sich als unsterblich und die Liebe als Ursache des Todes und erkenne alles Seiende.' 19. Nachdem er so gesprochen hatte, bewirkte die Vorsehung (Pronoia) durch das Schicksal [Seite 17] (%imarm4nh) und die Himmelsharmonie die Vereinigungen und veranlaßte die Zeugungen, und alles mehrte sich nach Art und Gattung, und derjenige, der sich erkannte, hat das im Übermaß vorhandene35 Gute erreicht, wer aber den Körper liebt, der aus einer Verirrung der Liebe entstanden ist, der bleibt in der Dunkelheit, wird von seinen (sinnlichen) Wahrnehmungen39 irregeführt und erleidet den Tod."
20. Ich sagte: "Welchen so großen Fehler maenen die Unwissenden, daß sie der Unsterblichkeit beraubt werden?
Poimandres: "Du, du scheinst nicht auf das geachtet zu haben, was du hortest. Habe ich dir nicht gesagt, du sollst mitdenken?"
Ich antwortete: "Das tue ich und erinnere mich und danke dir zugleich."
Poimandres: "Wenn du nachgedacht hast, sage mir, weshalb verdienen diejenigen den Tod, die tot sind?"
Ich sagte: "Weil dem eigenen Körper die schreckliche Finsternis vorausgeht, aus der die feuchte Natur stammte, aus der im sinnlich wahrnehmbaren Kosmos der Körper entstanden war aus dem der Tod sich nährt."
21. Poimandres: "Ja, du hast richtig nachgedacht. Warum aber geht derjenige, der sich erkannt hat, zu ihm (Gott),40 wie es Gottes Wort aussagt?
Ich sage: Weil aus Licht und Leben der Vater des Alls bestand, aus dem der,Mensch' entstanden ist."
Poimandres: "Recht sprichst du; Gott, der Vater, ist Leben und Licht, aus dem der,Mensch' entstand. Wenn du nun begreifst, [Seite 18] daß er aus Leben und Licht besteht und daß du aus ihnell bestehst, wirst du wieder ins Leben zurückkehren. Dies sagte Poimandres.
Ich sagte: Aber sage mir noch, wie werde ich ins Leben zurückkehren, mein Geist? Denn Gott spricht: Der Mensch, der Geist hat, soll sich selbst erkennen. 22. Haben denn nicht alle Menschen Geist?"
Poimandres: "Schweig bitte, versündige dich nicht mit Worten! Ich selbst, der Geist, stehe den Frommen, Guten, Reinen und Barmherzigen bei, den Gottesfürchtigen, und mein Beistand bringt (ihnen) Hilfe, und sofort erkennen sie alles und stimmen den Vater gnädig durch ihre Liebe und danken ihm in gebotener Form41 mit Lobpreisungen und Hymnen in Liebe, und bevor sie ihren Körper dem ihm eigenen Tod übergeben, verabscheuen sie seine Wahrnehmungen, weil sie ihr Wirken kennen. Oder viel mehr, ich selbst, der Geist, lasse nicht zu, daß die eintretenden Wirksamkeiten des Körpers ihr Ziel erreichen. Denn als Torhüter schließe ich die Eingänge für die schlechten und häßlichen Wirkungen ab, indem ich auf ihnen beruhende Gedanken unterbinde. 23. Den Unvernünftigen, Schlechten, Bösen, Neidern, Habsüchtigen, Mördern und Gottlosen bin ich fern und gebe dem strafenden Dämon Raum, der die Glut des Feuers (auf den Schlechten) niederschleudert und ihn durch seine Wahrnehmungen verwundet42 und zu weiteren Ungesetzlichkeiten anstiftet, damit er noch mehr Strafe erhält - und er hört nicht auf, danach zu verlangen, seine grenzenlosen Begierden zu erfüllen, und ohne zu einer Sättigung zu gelangen, vollführt er gegen die Finsternis [Seite 19] (Schatten-)Kämpfe - und diesen43 quält der Dämon und vergrößert das Feuer gegen ihn noch mehr."
24. Ich sagte: "Schön hast du mich in allem belehrt, mein Geist wie ich es wollte; sage mir aber auch noch, (wie) der Aufstieg erfolgt."
Darauf antwortete Poimandres: "Zuerst überantwortest du, wenn sich der materielle Mensch auflöst, den Körper selbst der Verwandlung, und das Aussehen, was du hattest, verschwindet. Und deine Wesensart übergibst du dem Dämon als etwas, das ohne Wirkung geblieben ist.44 Und die Wahrnehmungen des Körpers kehren zu ihren Quellen zurück, vereinzeln sich und setzen sich dann wieder zu neuen Wirksamkeiten zusammen. Und Leidenschaft(en) (Jym7') und die Begierde(n) (5pijum[a) gehen in die vernunftlose Natur. 25. Und auf diese Weise steigt er (der innere Mensch) schließlich nach oben durch die Himmelsharmonie, und der ersten Zone gibt er die Kraft des Wachsens und die Anlage des Verfallens, der zweiten das Mittel zum Bösen, die List, die ohne Wirkung geblieben ist, und der dritten Zone den Betrug aus Begierde, da ebenfalls ohne Wirkung, und der vierten die Herrscherpose, auf deren Vorteil er verzichtete, der funften den unfrommen Eifer und den tollkühnen Frevelmut, der sechsten die schlechte Gier nach Reichtum, die ohne Wirkung geblieben ist, und der siebten Zone die hinterhältige Lüge. 26. Und dann, befreit von den Wirksamkeiten der Himmelsharmonie, kommt er (der innere Mensch) in die achte Natur und hat (nur noch) sein eigenes (geistiges) Vermögen und besingt mit den [Seite 20] (wahrhaft) Seienden den Vater. Es freuen sich aber alle, die dort sind, über sein Kommen; und nachdem er denen, zu denen er nun gehört, gleich geworden ist, hört er auch noch andere Kräfte, die sich oberhalb der achten Natur befinden,45 mit süßer Stimme Gott besingen. Und dann steigen sie in geordnetem Zuge zum Vater auf und übergeben sich selbst den Kräften und, zu Kräften geworden, gehen sie in Gott ein. Dies ist das selige Ziel für die, die Erkenntnis erlangt haben: vergöttlicht zu werden.
Nun, was zögerst du? Wirst du nicht, nachdem du alle Lehren empfangen hast, ein Weggeleiter für die, die es verdienen, damit das menschliche Geschlecht durch dich von Gott gerettet werde?"
27. Nachdem Poimandres mir dies gesagt hatte, mischte er sich unter die Kräfte. Ich aber dankte dem Vater des Alls und pries ihn und wurde von ihm entlassen, da er mich mit (geistiger) Kraft beschenkt, über die Natur des Alls belehrt und eine grandiose Vision hatte schauen lassen; und seitdem künde ich den Menschen von der Schönheit der Frömmigkeit und Erkenntnis: "Ihr Völker, ihr erdgeborenen Menschen, die ihr der Trunkenheit und dem Schlaf ergeben seid und der Unkenntnis Gottes, werdet nüchtern, hört auf, trunken zu sein und in unvernünftigem Schlaf zu schweigen."
28. Die davon hörten, kamen einmütig zusammen; ich aber sage: "Warum habt ihr euch, ihr erdgeborenen Menschen, dem Tod ausgeliefert, obwohl ihr die Möglichkeit besitzt, an der Unsterblichkeit teilzuhaben? Werdet anderen Sinocs, ihr, die ihr dem Weg des Irrtutus gefolgt seid und Gemeinschaft mit dem Unwissen pflegtet. Befreit euch von dem Licht der Finsternis, werdet teilhaftig der Unsterblichkeit und lasset die Sterblichkeit hinter euch." [Seite 21]
29. Und die einen von ihnen schwatzten töricht dagegen und gingen weg und lieferten sich selbst dem Weg des Todes aus; die anderen aber baten mich, sie zu belehren, und warfen sich mir zu Füßen. Ich hieß sie aufstehen und wurde der Wegführer ihres Geschlechts, indem ich sie mit Worten belehrte, wie und auf welche Weise sie gerettet würden; und ich säte unter ihnen Worte der Weisheit, und sie nährten sich mit ambrosischem Wasser. Als es aber spät geworden war und die Sonne mit ihrem Licht ganz unterzugehen begann, forderte ich sie auf, Gott zu danken, und nachdem sie den Dank abgestattet hatten, wandte sich jeder zu seiner eigenen Lagerstätte.
30. Und Poimandres wurde bei mir als mein Wohltäter angeschrieben,46 und ich war glücklich, daß mir meine Wünsche er füllt worden waren. Denn der Schlaf des Körpers war zur Nüchternheit der Seele geworden und das Schließen der Augen zum wahren Sehen, und mein Schweigen trug das Gute in sich und das Zu-Grabe-Tragen47 des Redens wurde ein Ans-Licht-Bringen des Guten. Dies geschah mir, als ich von meinem Geist empfangen hatte, d.h. von Poimandres, dem Logos, der die höchste Macht hat. Von der göttlichen Wahrheit inspiriert,45 bin ich hier angekommen. Deswegen lobpreise ich Gott-Vater aus ganzer Seele und Kraft. [Seite 22]
31. Heilig ist Gott, der Vater des Alls.
Heilig ist Gott, dessen Wille durch seine eigenen Kräfte erfüllt wird.
Heilig ist Gott, der erkannt werden will und von den Seinen erkannt wird.
Heilig bist du, der du durch das Wort das Seiende hast entstehen lassen. Heilig bist du, dessen Abbild die gesamte Natur ist.
Heilig bist du, dem nicht die Natur seine Gestalt gegeben hat.
Heilig bist du, der du jeder Kraft überlegen bist.
Heilig bist du, der du erhabener als alles Erhabene bist.
Heilig bist du, der du alles Lob übersteigst.
Nimm in heiligen Worten dargebrachte Opfer an von meiner Seele und meinem Herzen, das sich dir zuwendet.
Du Unaussprechlicher, Unsagbarer, in Schweigen Angerufener.
32. Ich bitte, nicht der Erkenntnis beraubt zu werden, die unserem Sein entspricht; gewähre es mir und gib mir Kraft.
Und ich will von dieser Gnade die, die unwissend sind, erleuchten, die Brüder meines Geschlechts,49 deine Söhne.
Deshalb glaube ich und bezeuge:
Ich gehe ins Leben und Licht. Gepriesen bist du, Vater.
Dein Mensch will mit dir zusammen das Werk der Heiligung vollbringen, weil du ihm alle Mittel und Macht gegeben hast.

2 Gespräch des Hermes mit Asklepios [Seite 28]

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1. Hermes: "Wird nicht alles, was bewegt wird, Asklepios, in etwas und von etwas bewegt?"
Asklepios: "Gewiß."
Hermes: "Muß nicht notwendigerweise größer sein, worin das Bewegte bewegt wird?"
Asklepios: "Das muß es."
Hermes: Ist also das Bewegende stärker als das Bewegte?"
Asklepios: "Ja, stärker."
Hermes: Und muß das, worin es bewegt wird, eine Natur haben, die der des Bewegten entgegengesetzt ist?" Asklepios: ,,Durchaus."
2. Hermes: "Ist dieser Kosmos groß und kein Körper größer als er?"
Asklepios: "Einverstanden."
Hermes: Auch kompakt? Denn er ist mit vielen anderen großen Körpern gefüllt; oder eigentlich mit allen Körpern, die es gibt?"
Asklepios: "So ist es."
Hermes: Ist der Kosmos ein Körper?"
Asklepios: "Ja."
Hermes: Und bewegt?'
3. Asklepios: Natürlich."
Hermes: "Wie groß muß also der Raum sein, in dem der Kosmos bewegt wird, und was für eine Natur muß er haben? Muß er [Seite 29] nicht viel größer sein, damit er die beständige Bewegung aufnehmen kann und das Bewegte nicht von der Enge behindert wird und in seiner Bewegung innehält?"
Asklepios: "Etwas unermeßlich Großes muß er sein, Trismegistos."
4. Hermes: "Und von welcher Natur (muß er sein)? Nicht von der entgegengcsetzten, Asklepios? Die dem Körper entgegengesetzte Natur aber ist das Unkörperliche."
Asklepios: "Einverstanden."
Hermes: "Der Raum ist also unkörperlich, das Unkörperliche ist aber entweder göttlich oder67 Gott. Mit dem Göttlichen meine ich jetzt nicht das Gezeugte,68 sondern das Ungezeugte.
5. Wenn es also göttlich ist, ist es wesenhaft. Wenn es aber Gott ist, ergibt es sich,69 daß es sogar kein wesenhaftes Sein70 besitzt. Anderer seits aber ist er (der unkörperliche Raum) Gegenstand des Denkens, und zwar auf folgende Weise: Gott ist für uns vornehmster Gegenstand des Denkens, nicht aber für sich selbst; denn das, was gedacht wird, unterliegt für den, der denkt, seiner geistigen Wahrnehmung. Gott ist also nicht für sich selbst Objekt des Denkens; denn als mit dem Gedachten identisch wird er von sich [Seite 30] selbst gedacht.71
6. Für uns aber ist er etwas anderes; deshalb wird er von uns gedacht. Wenn aber der Raum Gegenstand des Denkens ist, dann nicht als Gott, sondern als Raum; wenn er es aber auch als Gott ist, dann nicht als Raum, sondern als eine Energie, die (alles) umfaßt.72
Alles, was bewegt wird, wird nicht in einem Bewegten bewegt, sondern in einem Ruhenden. Und das Bewegende steht still, ohne sich mitbewegen zu können."
Asklepios: "Wie geht es dann zu, Trismegistos, daß sich die Phänomene hier (im Kosmos) mit detn Bewegten73 mitbewegen? Denn du sagtest, daß die Bahnen der Planeten von der Bahn der Fixsterne74 bewegt werden." Hermes: "Das ist, Asklepios, keine Mitbewegung, sondern eine Gegenbewegung; denn sie (Fixsterne und Planeten) bewegen sich nicht in gleicher Richtung, sondern einander entgegengesetzt. [Seite 31] Die Gegensätzlichkeit aber bringt75 den Gegenimpuls der Bewegung zum Stehen. 7. Denn die entgegengesetzte Stoßrichtung der Bewegung bedeutet Stillstand des Umlaufes. Die Bahnen der Planeten nun bewegen sich, eine unter der anderen, in entgegengesetzter Richtung zur Bahn der Fixsterne, und durch die Begegnung aus entgegengesetzter Richtung werden sie im Hinblick auf eben die(se) Gegensätzlichkeit von einer ruhenden (Bahn) bewegt.76 Und anders kann es sich nicht verhalten. Denn (siehe) diese (Sternbilder) der Bären, die du weder untergehen noch aufgehen, sondern sich um denselben Punkt drehen siehst, glaubst du, daß sie sich bewegen oder stillstehen?"
Asklepios: "Daß sie sich bewegen, Trismegistos."
Hermes: "In was für einer Bewegung, Asklepios?"
Asklepios: "In einer, die sich immer um denselben Punkt bewegt." Hermes: "Die Kreisbewegung aber gleicht der Bewegung um denselben Punkt, weil diese von einem festen Standort gebändigt wird. Denn das ,Drum herum' hindert das ,Darüber-hinaus', und da dieses ,Darüber hinaus' gehemmt wird, kommt es zur Ruhe im ,Drum herum'.77 Auf diese Weise ist auch der entgegengesetzte Umlauf zur Ruhe und zum Stehen gekommen, weil er von der entgegengesetzten Bewegung befestigt wird.
8. Ich werde dir ein Beispiel aus dem irdischen Bereich geben, das in die Augen [Seite 32] fällt.78 Siehe die sterblichen79 Lebewesen, ich meine z.B. den Menschen, beim Schwimmen; das Wasser strömt dahin, und der Gegenstoß der Füße und Hände bewirkt für den Menschen Stillstehen, um nicht mit dem Wasser fortgerissen zu werden."
Asklepios: "Das Beispiel ist deutlich, Trismegistos."
Hermes: "Worin jede Bewegung stattfindet und wovon sie ausgeht, das befindet sich also in Ruhe. Es ergibt sich nun, daß die Bewegung des Kosmos und jedes materiellen Lebewesens nicht von außerhalb80 herrührt, sondem von innen nach außen, vom Geistigen, entweder von der Seele oder vom Pneuma oder von etwas anderem Unkörperlichen. Denn ein Körper bewegt keinen beseelten Körper, ja überhaupt keinen Körper, auch nicht, wenn er unbeseelt ist."
9. Asklepios: "Wie meinst du das, Trismegistos? Im Falle von Holz und Steinen und aller anderen unbeseelten (Dinge), handelt es sich nicht bei dem, was sie bewegt, um Körper?" Hermes "Keinesfalls, Asklepios; denn bei dem Inneren des Körpers, der das Unbeseelte (Holz oder Steine) bewegt, handelt es sich nicht um einen Körper, der beide bewegt, den (Körper) des Tragenden und den des Getragenen. Deshalb wird Unbeseeltes nicht Unbeseeltes bewegen. Du siehst nun, wie die Seele schwer belastet wird, wenn sie allein zwei Körper trägt. Und offenkundig wird das, was bewegt wird, in etwas und von etwas bewegt."
10. Asklepios: "Muß das Bewegte im Leeren bewegt werden, Trismegistos?" [Seite 33]
Hermes: "Schweige, Asklepios. Auch nicht ein einziges von den Dingen, die sind, ist leer, (allein) aus dem Grund, daß es da ist. Das Seiende könnte nicht seiend sein, wenn es nicht voller Realität wäre81, was da ist, kann niemals leer werden."
Asklepios: "Gibt es nicht irgendwelche leere Dinge, Trismegistos, wie z. B. einen Topf, einen Krug, ein Faß82 und anderes Vergleichbares?" Hermes: "Bewahre, ein größer Irrtum ist das, Asklepios. Das, was vielmehr ganz gefüllt und übervoll ist, hältst du für leer?"
11. Asklepios: "Wie meinst du das, Trismegistos?"
Hermes: "Ist die Luft nicht ein Körper?"
Asklepios: "Ja."
Hermes: "Durchdringt dieser Körper nicht alles, was ist, und erfüllt alles, indem er es durchdringt? Besteht nicht ein Körper aus der Mischung der vier (Elemente)? Alles, was du für leer hältst, ist voll von Luft; wenn aber von Luft, dann auch von den anderen vier Körpern (Elementen), und es ergibt sich, daß die gegenteilige Behauptung deutlich wird: Alles das, was du voll nennst, ist leer von Luft, weil es von den anderen Körpern dicht gefüllt wird und deshalb keinen Raum hat, die Luft aufzunehmen. Das, was du leer nennst, muß man hohl nennen, nicht leer; denn dank seines Da Seins ist es voll von Luft und Pneuma."
12. Asklepios: "Diese Behauptung ist unwiderlegbar, Trismegistos. Wie nannten wir nun den Raum, in dem sich das All bewegt?
Hermes: "Unkörperlich, Asklepios."
Asklepios: "Was ist das Unkörperliche?" [Seite 34]
Hermes: "Es ist Geist, der sich selbst ganz und gar umfaßt, frei ist von jeglichem Körper, frei von Irrtum und Unbeständigkeit, frei von allem Erleiden, unberührbar, selbst in sich ruhend, fähig, alles aufzunehmen, das Seiende bewahrend; von ihm geht das Gute gleichsam als seine Strahlen aus, (es ist) die Wahrheit, das Urbild des Pneuma (und) das Urbild der Seele." Asklepios: "Was ist nun Gott?"
Hermes: "Der, der nicht eins von all dem Genannten ist, sondern vielmehr für all das die Ursache des Seins, ebenso wie für alles und jedes einzelne aller seienden Dinge.
13. Denn das Nicht-Seiende hat er darüber hinaus überhaupt nicht zugelassen, sondern alles entsteht aus dem Seienden und nicht aus dem Nichtseienden. Das Nichtseiende nämlich hat nicht die Natur, etwas werden zu können, sondern nur die, es nicht werden zu können und umgekehrt hat das Seiende nicht die Natur, jemals nicht zu Sein."
14. Asklepios: "Was meinst du nun mit ,jemals nicht zu sein'?" 84
Hermes: (...) Gott ist also nicht Geist, aber Ursache dafür, daß es (Geist) gibt, und er ist nicht Pneuma, aber Ursache dafür, daß es Pneuma gibt, und nicht Licht, aber Ursache dafür, daß es Licht gibt. Deshalb muß man Gott unter diesen beiden Anreden verehren, die ihm allein zukommen und niemandem sonst. Denn keiner von den anderen sogenannten Göttern und keiner der Menschen und Dämonen kann, und sei es auch nur in einem gewissen [Seite 35] Grade, gut sein, außer Gott allein. Und das allein ist er und nichts weiter. Alle anderen Wesen können die Natur des Guten nicht in sich aufnehmen. Denn sie sind Körper und Seele und haben keinen Raum, der das Gute fassen könnte. 15. Denn die Größe des Guten ist von ebensolchem Ausmaß, wie die Realität aller seienden Dinge, der körperlichen und unkörperlichen der sinnlich wahrnehmbaren und geistig erfaßbaren. Das ist das Gute, das ist Gott. Nenne also nichts anderes gut, denn du begehst (damit) einen Frevel; oder sage niemals, daß Gott etwas anderes sei als allein das Gute, denn (sonst) begehst du wieder einen Frevel. 16. Alle gebrauchen zwar das Wort ,gut', aber kein einziger erfaßt gedanklich, was es eigentlich ist. Deshalb wird Gott auch von niemandem erfaßt, sondern aus Unkenntnis nennt man die Götter und auch einige Menschen gut, die das niemals sein oder werden können. Denn das Gute gehört ganz zu Gott und ist von ihm untrennbar, weil es ja Gott selbst ist. Als Götter nun sind alle anderen Unsterblichen durch die Anrede,Gott' geehrt; Gott aber ist das Gute nicht einer Ehrung zufolge, sondern seiner Natur nach. Denn es gibt nur eine einzige Natur Gottes, das Gute, und beide bilden ein und dasselbe Wesen, aus dem alle (anderen) Wesen stammen. Denn der Gute ist einer, der alles gibt und nichts nimmt. Gott nun gibt alles und nimmt nichts. Folglich ist Gott das Gute und das Gute Gott.
17. Die andere Anrede ist ,Vater', wiederum weil er alles schafft. Denn zum Wesen eines Vaters gehört es, zu zeugen. Deshalb zielt auch das wichtigste und gattgefälligste Streben der richtig Denkenden in ihrem Leben auf die Zeugung von Kindern, und das größte Unglück und die größte Gottlosigkeit ist es, wenn jemand kinderlos von den Menschen scheidet, und nach seinem [Seite 36] Tod wird er von den Dämonen bestraft. Die Vergeltung besteht darin, daß die Seele des Kinderlosen in einen Körper verdammt wird, der weder die Natur eines Mannes noch die einer Frau hat, ein unter der Sonne88 verfluchter Körper. Deshalb, Asklepios, beglückwünsche niemanden, der kinderlos ist; im Gegenteil, habe Mitleid mit seinem Schicksal, weil du weißt, was für eine Strafe auf ihn wartet. Soviel von dieser Art soll dir gesagt sein, Asklepios, als eine Art erste Erkenntnis der Natur aller Dinge."

3 Hermes: Heilige Rede [Seite 39]

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1. Gott ist die Herrlichkeit aller Dinge, das Göttliche und die göttliche Natur. Gott ist der Anfang alles Seienden, und er ist Geist, Natur und Materie, weil er die Weisheit ist, alles ans Licht zu bringen. Das Göttliche ist Anfang, Natur, Wirkkraft, Notwendigkeit (anankä), Ende und Erneuerung. Denn unendliche Finsternis war in der Tiefe93 und Wasser und ein feinstes geistiges Pneuma; all das gab es durch göttliche Kraft im unendlichen Raum.94 Ein heiliges Licht wurde entsandt, und die Elemente wurden fest auf95 dem Sand aus der feuchten Natur, und alle Götter belebten (katedieroosin)96 die samenträchtige Natur.
2. Alles war unbegrenzt und ungeformt;97 da wurde das Leichte abgetrennt, daß es oben sci, und das Schwere wurde zur Grundlage gemacht auf dem feuchten Sand; denn alles wurde durch das Feuer getrennt und aneinander aufgehängt, so daß es vom Pneuma getragen wurde. Und der Himmel wurde sichtbar in sieben Kreisbahnen, und die Götter traten in Erscheinung in den [Seite 40] Gestalten der Sterne mit all ihren Sternbildern, und ihr (?)98 wurde eine Gliederung gegeben mit den in ihr befindlichen Göttern, und die äußerste Kreisbahn wurde rings von Luft umgeben, getragen vom göttlichen Pneuma in kreisförmiger Bahn.
3. Jeder einzelne Gott aber brachte durch seine ihm eigene Kraft das ihm Aufgetragene hervor: Es entstanden die Tiere: Vierfüßler, Kriechtiere, Wassertiere und Vögel und jeder fruchtbare Samen, das Gras und der frische Trieb jeglicher Blume, den Samen ihrer Wiedergeburt fanden99 sie in sich selbst; (und die Götter brachten hervor)100 die Geschlechter der Menschen, da mit diese die göttlichen Werke erkennen und in ihrem Wirken Zeugnis für die Natur ablegen und die Zahl der Menschen groß machen und über alles unter dem Himmel herrschen und das Gute erkennen, damit sie gedeihen im Wachstum und sich mehren an Zahl; und (sie brachten hervor) jede Seele, die in einen Körper eingeht, durch die Bahnen der umkreisenden Götter, damit sie (die Seelen) den Himmel, die Bahnen der [Seite 41] himmlischen Götter die göttlichen Werke und die Wirksamkeit der Natur beobachten und damit sie sichtbares Zeichenl02 des Guten sind, damit sie die göttliche Kraft erkennen (...) des Guten und Schlechten erkennen und jegliche Kunstfertigkeit erfinden, Gutes herzustellen.
4. So beginnt es, daß sie ein bestimmtes Leben führen und Wissen gewinnen nach dem durch die Bahnen der umkreisenden Görter bestimmten Anteil und sich auflösen in das, was sein wird nachdem sie große Denkmäler ihrer handwerklichen Kunst auf Erden zurücklassen haben. (...) das Schwinden und jede Geburt des beseelten Fleisches und der Frucht des Samens und jedes handwerklichen Tuns.104 Das, was schwindet, wird mit Notwendigkeit wieder erneuert sowohl durch die Erneuerung der Götter als auch durch den sich nach Zahlengesetzen vollziehenden Naturkreislauf. [Seite 42] Denn das Göttliche ist das ganze kosmische Gefüge, das sich von Natur aus ständig erneuert. Denn im Göttlichen hat auch die Natur ihren Ort.


4 Gespräch des Hermes mit Tat: Der Mischkrug oder Die Monade [Seite 47] 

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1. Hermes: "Weil der Demiurg den gesamten Kosmos erschaffen hat, nicht mit Händen, sondern durch das Wort, so nimm also an, daß er gegenwärtig ist, immer existiert, alles erschaffen hat und nur ein einziger ist und durch seinen Willen das Seiende hervorgebracht hat. Dennl dies ist sein Körper: nicht berührbar, nicht sichtbar, nicht zu ermessen, ohne Ausdehnung, keinem anderen Körper ähnlich. Er ist nämlich weder Feuer noch Wasser noch [Seite 48] Luft noch Pnema, sondern alles kommt von ihm her. Denn weil Gott gut ist, wollte er ganz von sich aus dies (alles) errichten und die Erde schmücken. 2. Als Schmuck des göttlichen Körpers sandte er den Menschen hinab, ein sterbliches Lebewesen als Schmuck eines unsterblichen Lebewesens. Und der Kosmos übertrifft die Lebewesen an (ewiger) Lebendigkeit, (der Mensch aber) sogar den Kosmos an Logos und Geist. Denn der Mensch wurde zum Betrachter des Werkes Gottes, er bewunderte und erkannte den Schöpfer. 3. Den Logos nun, Tat, teilte Gott unter allen Menschen aus, nicht aber ebenso den Geist, und das geschah Iticht aus Mißgunst; denn die Mißgunst kommt nicht von dort; hier unten entsteht sie in den Seelen der Menschen, die den Geist nicht haben."
Tat: "Weshalb, Vater, teilte Gott nun den Geist nicht unter allen aus?" [Seite 49]
Hermes: "Er wollte ihn, mein Sohn 121 vor aller Augen für die Seelen als Belohnung hinstellen."
4. Tat: "Und wo stellte er ihn hin?" Hermes: ,Einen großen Mischkrug hat er damit gefüllt und hinabgesandt, und er schickte einen Herold mit und befahl ihm, den Herzen der Menschen folgendes zu verkünden: ,Du, der du122 es vermagst, tauche ein in diesen Mischkrug, du, der du zuversichtlich hoffst, aufzusteigen zu dem, der den Mischkrug hinabsandte, du, der du erkennst, zu welchem Ziel du geboren wurdest.' Allen denjenigen nun, die die Botschaft verstanden und in den Geist eintauchten,l23 denen wurde Erkenntnis zuteil und sie wurden vollkommene Menschen, weil sie den Geist erhalten hatten. Alle diejenigen aber, die den Sinn der Botschaft verfehlten, die sind nur Träger des Logos, olme den Geist hinzugewonnen zu haben, und sie wissen nicht, zu welchem Ziel sie entstanden sind und von wem.
5. Ihre Wahrnehmungen sind denen der unvernünftigen Lebewesen ähnlich, und ihr Temperament besteht in Leidenschaftlichkeit und Zorn; sie bewundern nicht, was der Betrachtung würdig ist, sie sind den körperlichen Freuden und Begierden zugetan und glauben, daß der Mensch deswegen geschaffen sei. Alle diejenigen aber, die an dem Geschenk von Gott Anteil erhielten, Tat, sind, wenn man ihr Tun vergleicht,125 [Seite 50] unsterblich und nicht mehr sterblich und nehmen alles mit ihrem Geist auf, alles auf der Erde, im Himmel, und wenn es ctwas über dem Himmel gibt, (dann auch das). Da sie sich so weit erhoben haben, sehen sie das Gute, und nachdem sie es gesehen haben, halten sie das Treiben hier unten für ein Unglück. Sie verachten alles Körperliche und Unkörperliche und erstreben das Eine und Alleinige.
6. Dies, Tat, ist die Erkenntnis des Geistes, Betrachtung126 des Göttlichen und das Begreifen Gottes, denn der Mischkrug ist göttlich."
Tat: Auch ich möchte getauft werden, Vater!" Hermes: Wenn du nicht zuerst deinen Körper haßt, mein Sohn, kannst du dich nicht lieben. Wenn du dich aber liebst, wirst du Geist erhalten, und wenn du den Geist hast, wird dir auch Erkenntnis zuteil werden." Tat: "Wie meinst du das, Vater?" Hermes: "Es ist unmöglich, mein Sohn, es mit beidem zu halten, mit dem Sterblichen und dem Göttlichen. Es gibt namlich zweierlei Seiendes, Körperliches und Unkörperliches, worin das Sterbliche und Göttliche liegt, und deshalb bleibt dem, der wählen will, nur eins von beiden zu wählen. Denn es ist nicht möglich, beides gleichzeitig zu wählen127 von dem, was zur Auswahl steht, sondern das eine bringt, wenn es verringert wird, die Wirkkraft des anderen zum Vorschein. [Seite 51] 7. Das Bessere zu wählen also bedeutet für den, der wählt nicht nur die beste Garantie,128 den Menschen zu vergöttlichen sondern es zeigt auch seine Frömmigkeit gegenüber Gott; die Wahl des Schlechteren richtet den Menschen zugrunde, bedeutet aber keinerlei andere Kränkung Gottes als lediglich folgende: ebenso wie die Festzüge öffentlich auftreten und, ohne selbst etwas bewirken zu können, die anderen behindern, so nehmen auch diese (Menschen) nur an einem Festzug durch die Welt teil, verführt von den sinnlichen Freuden. 8. Da sich das so verhält, Tat, steht uns das, was von Gott kommt, zu Gebote und wird es auch in Zukunft tun, das, was von uns abhängt, soll dem folgen, und daran soll es nicht fehlen. Denn Gott ist schuldlos, wir sind schuld am Übel, weil wir es dem Guten vorzichen. Du siehst, mein Sohn, daß wir so viele Körper,129 so viele Chöre der Dämonen, die in sich zusammenhängende Struktur und die Bahnen der Sterne durchschreiten müssen, um zu dem Einen und Alleinigen zu eilen. Denn das Gute kann man nicht durchschreiten, es ist ohne Begrenzung und Ende, und es ist für sich auch ohne Anfang, uns aber scheint es einen Anfang zu haben im Hinblick auf seine Erkenntnis.
9. Die Erkenntnis wird damit nicht zu einem Anfang des Guten, sondern sie gibt uns den Anfang dessen, was erkannt werden wird.l30 [Seite 52] Laß uns also den Anfang finden und schnell alles durchgenen. Denn es ist sehr schwierig, das Gewohnte und Gegenwärtige zu verlassen und uns zum Anfänglichen und Ursprünglichen umzuwenden. Denn das Sichtbare erfreut, das Unsichtbare erweckt Mißtrauen. Sichtbarer ist aber das Schlechte, das Gute ist unsichtbar für das, was (selbst) zum Sichtbarenl31 gehört. Denn es hat weder Gestalt noch Form. Deswegen ist es nur sich ähnlich, allem anderen aber unähnlich; denn Unkörperliches kann nicht einem Körper sichtbar werden. 10. Dieser Unterschied besteht zwischen dem Ähnlichen und dem Unähnlichen, und das Unähnliche ist im Nachteil gegenüber dem Ähnlichen.
Diel32 Monade ist nämlich Anfang und Wurzel von allem und ist in allem wie Wurzel und Anfang. Ohne Anfang ist nichts, der Anfang ist aber aus nichts anderem als aus sich, wenn er denn Anfang der übrigen Dinge ist.133 Dic Monade ist also ein Anfang und umfaßt jede Zahl, wird aber von keiner umfaßt und zeugt jede Zahl, ohne (selbst) von einer anderen Zahl gezeugt zu werden. 11. Alles Gezeugte ist unvollkommen, teilbar und kann vergrößert und verkleinert werden, fur das Vollkommene gilt aber nichts davon. Was vergrößert wird, wird von der Monade vergrößert, wird aber von seiner eigenen Schwäche ergriffen, wenn es die Monade nicht mehr fassen kann. [Seite 53] Damit nun, Tat, ist dir ein Abbild Gottes so gut wie möglich skizziert. Wenn du es genau anschaust und mit den Augen des Herzens begreifst, glaube mir, mein Sohn, dann wirst du den Weg nach oben finden. Mehr noch, das Abbild selbst wird dich den Weg führen. Denn diese Schau hat eine Eigentümlichkeit. Diejenigen, die schon dahin gelangten, zu schauen, hält sie fest und zieht sie so hinauf, wie nach allgemeiner Ansicht der Magnetstein das Eisen hinaufzieht."

5 Gespräch des Hermes mit seinem Sohn Tat: Der unsichtbare Gott ist vollkommen sichtbar [Seite 57]

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1. Hermes: Auch diese Lehre werde ich dir, Tat, vollständig darlegen, damit du nicht uneingeweiht bist in (die Geheimnisse) Gott(es), der erhabener ist, als ein Name (es ausdrücken könnte). Du aber erkenne, wie das, was der Masse unsichtbar zu sein scheint, dir ganz offenbar werden wird.l42 Denn es existierte nicht (in Ewigkeit), wenn es (nicht) unsichtbar wäre.l43 Denn alles, was in Erscheinung tritt, ist geworden; denn es ist ja in Erscheinung getreten. Das Unsichtbare aber ist ewig; denn es hat es nicht nötig, in Erscheinung zu treten; es ist nämlich ewig. Und doch macht erl44 alles andere sichtbar, bleibt selbst aber unsichtbar, weil er ewig ist. Er laßt sichtbar werden, wird selbst aber nicht sichtbar; er wird nicht zum Objekt der Vorstellung (fa~tas[a), macht aber alles vorstellbar.l45 Vorstellung gibt es nämlich nur von Geschaffenem. Denn Vorstellung und Werden [Seite 58] entsprechen sich vollkommen.l46
2. Der, der als einziger ungeschaffen ist,l47 ist weder vorstellbar noch sichtbar, wie jedem ein leuchtet, aber indem er alles vorstellbar macht, tritt er durch alles in Erscheinung und in allem, und besonders denen, denen er selbst in Erscheinung treten will.
Du also, mein Sohn Tat, bitte zuerst den Herrn, Vater und Alleinigen, der aber nicht der Eine ist, sondern von dem der Eine abstammt, darum, daß er dir gnädig sei, damit du den so großen Gott erkennen kannst, und daß er mit seinem Lichtstrahl, wenn auch nur mit einem einzigen, deinem Denken Erleuchtung schaffe. Denn allein das Denken sieht das Unsichtbare, weil es auch selbst unsichtbar ist. Wenn du dazu in der Lage bist, wird es den Augen deines Geistes sichtbar werden, Tat. Denn ohne Mißgunst tritt der Herr überall im gesamten Kosmos in Erscheinung. Bist du in der Lage, dein Denken zu sehen und es mit den Händen zu greifen? Bist du in der Lage, Gott bildlich anzuschauen? Wenn aber sogar das, was in dir ist, für dich unsichtbar ist, wie soll er nur für sich allein148 mittels deiner Augen dir sichtbar werden? 3. Wenn du ihn aber sehen willst, betrachte die Sonne, betrachte den Lauf des Mondes, betrachte die Ordnung der Sterne. Wer ist es, der ihrer Ordnung Bestand gibt? Denn jede Ordnung ist nach Zahl und Ort genau bestimmt. Die Sonne, der größte Gott unter den Göttern am Himmel, dem alle Himmelsgötter wie einem König und Herrscher den Vorrang lassen, auch sie, die so groß ist, größer als Erde und Meer, erträgt es, kreisende Sternel49 über sich [Seite 59] zu haben, die kleiner sind als sie, vor wem hat sie Scheu, vor wem Ehrfurcht, mein Sohn? Alle diese Sterne am Himmel, legen sie nicht eine ähnliche oder gleiche Bahn zurück? Wer ist es der jedem die Art und den Umfang seiner Bahn bestimmt hat? 4. Das Sternbild des großen Bären da, das sich um sich selbst dreht und den ganzen Kosmos mitdreht, wer ist es, der dieses Werkzeug besitzt? Wer hat dem Meer seine Grenzen, wer der Erde ihren festen Platz gegeben? Es gibt nämlich jemanden, Tat, der der Schöpfer und Herr von all dem ist. Unmöglich können Ort, Zahl oder Maß eingehalten werden ohne den, der sie geschaffen hat. Denn jede Ordnung (ist geschaffen, allein die) Unordnung und Maßlosigkeit ist ungeschaffen, aber auch diese ist nicht ohne Gebieter, mein Sohn. Denn auch wenn dem Ungeordneten das fehlt, was es zusammenhält, ist es doch auf diesc Art und Weise Teil der Ordnung,l50 und untersteht einem Gebieter, der ihr (nur) noch keine Ordnung auferlegt hat.
5. Wenn es dir doch möglich wäre, als Vogel in die Luft aufzusteigen und, in den Raum zwischen Himmel und Erde erhoben die feste Masse der Erde zu sehen, die weiten Fluten des Meeres, die Ströme der Flüsse, die Unendlichkeit der Luft, die durchdringende Kraft des Feuers, den Lauf der Sterne, die Geschwindigkeit des Himmelsgewölbes und seine Drehung um immer dieselbe Achse. Was für eine glückselige Schau, mein Sohn, in einem einzigen Moment all das zu sehen, den Unbewegten bewegt und den Unsichtbaren sichtbar durch das, was er erschafft. Dies ist die Ordnung des Kosmos und dies ist der Kosmos der Ordnung. [Seite 60]
6. Wenn du ihn auch durch die sterblichen Wesen auf der Erde und in der Tiefe des Meeres sehen willst, bedenke, mein Sohn daß der Mensch im Mutterleib geschaffen wird, und untersuche die Kunst dieser Schöpfung genau und begreife wer dieses schöne und göttliche Abbild151 den Menschen, geschaffen hat. Wer hat den Umriß seiner Augen gezeichnet? Wer hat die Öffnungen von Nase und Ohren gemacht? Wer hat den Mund geöffnet? Wer hat die Sehnen gespannt und verbunden? Wer hat die Blutbahnen geschaffen? Wer hat die Knochen fest gemacht? Wer hat die Haut um das Fleisch gelegt? Wer hat die Finger getrennt? Wer hat den Füßen eine ebene Sohle gegeben? Wer hat die Poren hindurchgebohrt? Wer hat die Milz ausgebreitet? Wer hat das Herz pyramidenförmig gemacht? Wer hat die Nerven152 verbunden? Wer hat der Leber ihre flache Form gegeben? Wer hat die Lunge porös gemacht? Wer hat die Bauchhöhle geräumig gemacht? Wer hat die edelsten Körperteile sichtbar ausgeformt, die unedlen dagegen verborgen? 7. Sich, wieviel Kunstfertigkeit an einem einzigen materiellem Stoff aufgewandt wurde und wicviele Dinge für eine einzige Gestalt geschaffen worden sind, und alles wunderschön und alles wohlproportioniert, aber alles voneinander verschieden. Wer hat dies alles gemacht? Welche Mutter, welcher Vater, wenn nicht der unsichtbare Gott, der alles durch seinen Willen geschaffen hat?
8. Und keiner behauptet, daß eine Plastik oder ein Bild ohne einen Bildhauer oder Maler entstanden sei, dieses Werk aber soll ohne einen, der es gemacht hat, entstanden sein? Welch große [Seite 61] Blindheit, welch große Gottlosigkeit, welch größer Unverstand! Niemals, mein Sohn, trenne die Werke von ihrem Schöpfer! Oder vielmehr ist er sogar erhabener als der Name (es ausdrücken könnte), wieviel er auch bei Gott bedeutet.l53 So groß ist der Vater aller Dinge. Denn in der Tat, dies ist er allein, und darin besteht Sein Werk, Vater zu sein.
9. Und wenn du mich zwingst, noch etwas gewagter zu Sprechen: sein Wesen ist es, mit allem schwanger zu sein und es hervorzubringen; und wie ohne den Schöpfer nichts entstehen kann, so kann auch er nur dann ewig sein, wenn er in Ewigkeit alles schafft,l54 im Himmel, in der Luft, in der Tiefe des Meeres, in allen Teilen der Welt, in allen Teilen des Alls, im Seienden und im Nicht Seienden. Nichts gibt es nämlich in jenem ganzen All, was nicht er selbst ist. Er selbst ist alles Seiende und alles Nicht-Seiende. Denn das Seiende ließ er sichtbar werden, das Nicht-Seiende birgt er in sich.
10. Er ist Gott, erhabener, als ein Name es ausdrücken könnte, er ist der Unsichtbare, und er ist der vollkommen Sichtbare. Er ist der, der durch den Geist zu erfassen ist, er ist der, der mit den Augen zu sehen ist. Er ist der Unkörperliche, er hat viele Körper oder vielmehr alle Körper. Er ist nichts, was es nicht gibt. Denn alles, (was) ist, ist auch er, und deswegen hat er alle Namen, weil [Seite 62] alles von dem einen Vater stammt, und deswegen hat er allein keinen Namen, weil er der Vater von allem ist.
Wie dich preisen, über Dich oder zu Dir (sprechen)?
Und wohin denn soll ich blicken, wenn ich Dich preise,
nach oben, nach unten, nach innen, nach außen?
Keine (rechte) Weise gibt es, keinen Ort Um Dich und auch nichts anderes Seiendes.
Alles ist in Dir, alles ist von Dir.
Alles gibst Du und nichts bekommst Du.
Alles hast Du, und nichts gibt es, was Du nicht hast.
11. Wann soll ich Dich besingen?
Bei Dir läßt sich keine Stunde und keine Zeit finden.
Und wofür soll ich dich besingen?
Für das, was Du geschaffen hast, oder für das, was Du nicht geschaffen hast?
Für das, was Du sichtbar gemacht hast, oder für das, was Du verborgen ließest?
Und weshalb soll ich Dich besingen?
Weil ich mein eigener Herr bin, weil ich etwas Eigenes besitze, weil ich ein anderer (als Du) bin?
(Nein,) denn Du bist, was immer ich bin,
Du bist, was immer ich tue,
Du bist, was immer ich sage. [Seite 63]
Du bist alles, und nichts anderes gibt es.
Was nicht ist, Du bist es.
Du bist alles Gewordene, alles Nicht-Gewordene
bist Geist und bewegst alles im Geiste,
bist Vater und schaffst,
bist Gott und wirkst, bist gut und schaffst alles.


6 Allein in Gott ist das Gute, sonst aber nirgendwo [Seite 66]

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1. Hermes: "Das Gute, Asklepios, ist in niemandem außer in Gott allein, oder besser: das Gute ist Gott selbst in Ewigkeit. Wenn das so ist, dann muß das Gute der wesenhafte Ursprung jeder Bcwegung und jeden Werdens sein - nichts aber gibt es ohne ihn; dieser Ursprung hat um sich eine Energie, die in Ruhe verharrt, er ist [Seite 67] ohne Mangel und ohne Übermaß, vollkommen und ganz, trägt Sorgel64 für alles und steht am Anfang aller Dinge. Denn wenn ich behaupte, daß alles, was für anderes Sorge trägt, gut ist, dann ist er in jeder Hinsicht und immer gut. Dies ist in 165 keinem anderen vorhanden, außer in Gott allein. Denn es gibt nichts, dessen er bedürftig ist, um in dem Wunsch es zu besitzen, schlecht zu werden; nichts von dem, was ihm gehört, geht ihm verloren, dessen Verlust ihm Kummer bereiten wird - denn Kummer ist ein Teil der Schlechtigkeit,l66 und nichts ist stärker und besser als er, von dem er bekämpft werden wird, denn Schaden zu erleiden, gehört nicht zu seiner Natur - und wonach er deswegen (weil es besser ist) Verlangen empfinden wird;167 und nichts gibt es, was ihm nicht geboren, worüber er zürnen wird, und nichts, was weiser ist, das seinen Neid erregen wird.
2. Wenn aber nichts davon (von diesem Affekten) zu seinem Wesen gehört, was bleibt ihm, wenn nicht allein das Gute? Wie es nämlich in seinem so beschaffenen Wesen nichts (anderes) gibt, so wird sich bei keinem anderen das Gute finden. Denn in allen (Geschöpfen) gibt es all das andere, in den kleinen und großen, in den [Seite 68] Einzelwesen168 und sogar in dem Lebewesen, das größer als alle ist und das allermächtigste. Denn voller Affekte 169 ist das Geschaffene, weil das Werden selbst sich unter Einwirkungen von außen vollzieht. Wo ein Affekt (oder eine Einwirkung von außen) ist, da ist niemals das Gute. Wo das Gute ist, da gibt es niemals auch nur einen einzigen Affekt. Wo Tag ist, ist niemals Nacht, wo Nacht ist, ist niemals Tag170 Daher kann das Gute niemals in dem sein, was geschaffen ist, sondern nur in dem Ungeschaffenen. Wie aber in die Materie171 eine Teilhabe an allem gegeben ist, so auch am Guten. Auf diese Weise ist der Kosmos gut, insofern er auch selbst alles schafft, (so daß) er gut ist, soweit er schöpferisch ist. In jeder anderen Hinsicht ist er nicht gut. Denn er unterliegt Einwirkungen von außen, wird bewegt und ist der Schöpfer von Wesen, die Affekten (nnd äußeren Einwirkungen) unterworfen sind.
3. Im Menschen ist das Gute in Relation zum Schlechten bestimmt. Was nämlich nicht allzu schlecht ist, ist hier das Gute; das Gute hier ist der geringste Anteil am Schlechten. Das Gute kann hier nicht vom Schlechten rein bleiben. Denn das Gute wird hier verdorben. Denn wenn es verdorben wird, bleibt es nicht mehr gut. Und wenn es nicht gut bleibt, wird es schlecht. Also ist das Gute allein in Gott, oder das Gute ist Gott selbst. Nur das [Seite 69] Wort ,gut', Asklepios, gibt es unter den Menschen, nirgends aber seine Wirklichkeit. Denn das ist unmöglich. Ein materieller Körper kann nämlich das Gute nicht aufnehmen, da er ja von allen Seiten von Schlechtigkeit, Mühen, Schmerzen, Begierden, Zornesausbrüchen, Täuschungen und unvernünftigen Meinungen umschlossen ist. Und das Allerschlimmste ist, Asklepios, daß jedes dieser vorgenannten Dinge172 hier für das größte Gut gehalten wird. Das in noch höherem Grade unübertreffbare Übel ist die Völlerei, die zu allen Übeln anstiftet, eine Irreführung,l73 durch die es hier zur Abwesenheit des Guten kommt.
4. Und ich danke Gott, daß er meinen Geist damit beschenkt hat, das Gute zu erkennen, wenn auch nur, daß es im Kosmos nicht sein kann. Denn der Kosmos ist die Fülle des Schlechten, Gott aber die des Guten oder das Gute die Fülle Gottes. 174 Denn das herausragend Schöne befindet sich beim Sein an sich.l75 Noch reiner und klarer erscheint vielleicht sogar das herausragend Schöne selbst, das ihn ausmacht. Denn man muß es auszusprechen wagen, Asklepios, daß das Sein Gottes, wenn er denn ein Sein besitzt, das Schöne ist, das Schöne und Gute aber ist in nichts von dem anzutreffen, was im Kosmos ist. Denn alles, was mit dem Gesichtssinn erfaßt werden kann, ist Abbild und gleichsam ein Schattenriß. Was aber nicht mit dem Auge erfaßt wird, [Seite 70] besonders die (...) des Schöllen und Guten (,,,).176 Und wie das Auge Gott nicht sehen kann, so auch nicht das Schöne und das Gute. Sie beide sind die Teile Gottes, die sein Ganzes ausmachen, allein ihm eigen, ihm zugehörig, untrennbar von ihm, seiner Liebe im höchsten Maße sicher; Gott selbst liebt sie oder sie lieben Gott.
5. Wenn du Gott geistig erfassen kannst, wirst du das Schöne und Gute erfassen, das, was alles andere überstrahlt,177 was (allein) von Gott überstrahlt wird. Denn jene Schönheit ist unvergleichlich, jenes Gute ist unnachahmlich, wie auch Gott selbst. Wie du also Gott geistig erfaßt, so erfasse auch das Schöne und Gute. Denn sie haben nichts gemein mit dem, was die Lebewesen sonst ausmacht,178 weil sie von Gott nicht getrennt werden können. Wenn du nach Gott suchst, suchst du auch nach dem Schönen. Denn nur einen einzigen Weg gibt es, der dahin führt, die Frömmigkeit, die von Erkenntnis begleitet wird. 6. Daher wagen diejenigen, die unwissend sind und nicht auf dem Weg der Frömmigkeit voranschreiten, den Menschen schön und gut zu nennen, obwohl dieser nicht einmal im Traum gesehen hat, ob etwas gut ist, sondern von allem Schlechten bereits beherrscht ist und glaubt, das Schlechte sei gut, und so immer unersättlicher sich dessen bedient und fürchtet, seiner beraubt zu werden, und nicht nur alle Anstrengungen unternimmt, um es zu besitzen, sondern [Seite 71] um es sogar noch zu vermehren. So steht es um das, was den Menschen schön und gut gilt, Asklepios, das wir weder meiden noch hassen können. Denn das allerschlimmste ist, daß wir es brauchen und ohne es nicht leben können."

7 Das größte Übel unter den Menschen ist die Unkenntnis Gottes [Seite 74]

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1. Wohin laßt ihr euch treiben in eurer Trunkenheit, ihr Menschen, die ihr die ungemischte Lehre der Unwissenheit ausgetrunken habt, die ihr überhaupt nicht vertragen könnt? So speit sie doch sogleich wieder aus;l92 haltet ein, werdet nüchtern! Blickt auf mit den Augen des Herzens. Und wenn ihr es nicht alle könnt, wenigstens die, die es können. Das Übel der Unwissenheit überschwemmt die ganze Erde und richtet zugleich die im Körper eingesperrte Seele zugrunde; laßt sie sie doch nicht in den Häfen der Rettung vor Anker gehen. 2. So laßt euch denn nicht fortreißen von der starken Strömung, sondern nutzt eine Gegenströmung, ihr, die ihr den Hafen der Rettung erreichen könnt, und ankert in ihm; sucht einen, der euch an die Hand nimmt und euch den Weg weisen wird zu den Pforten der Erkenntnis, wo das strahlende Licht ist, rein von Dunkelheit, wo auch nicht einer trunken ist, sondern alle nüchtern sind und mit ihrem Herzen aufblicken zu dem, der gesehen werden will. Denn ihn kann man [Seite 75] nicht hören, nicht nennen, nicht mit Augen sehen, sondern nur mit dem Geist und dem Herzen.
Zuerst mußt du das Kleid zerreißen, das du trägst, das Gewebe der Unwissenheit, die Grundlage der Schlechtigkeit, die Fessel des Verderbens, den finsteren Kerker, 193 den lebendigen Tod, den wahrnehmenden 194 Leichnam, das Grab, das du mit dir herumträgst, den Räuber im eigenen Hause, der dir seinen Haß durch das beweist, was er liebt, und dir das mißgönnt, was er haßt. 3. So ist der Feind, den du als Kleid angezogen hast; er würgt dich nach unten195 zu sich hin, damit du nicht aufblickst, nicht die Schönheit der Wahrheit siehst und das Gute, das darin liegt; damit du nicht seine Schlechtigkeit haßt, wenn du seine Hinterhältigkeit begreifst, mit der er dir zu schaden sucht; denn er macht das, was die (geistigen) Wahrnehmungsorgane zu sein scheinen, die aber nicht dafür gehalten werden,196 wahrnehmungslos, verstopft sie mit viel Materie und füllt sie mit scheußlicher Lust, damit du nicht hörst, was du hören müßtest, und nicht siehst, was du sehen müßtest.

8 Nichts von dem, was ist, geht unter, sondern die Veränderungen sind es, die man irrigerweise Untergang und Tod nennt. [Seite 77]

1. Hermes: Jetzt müssen wir, mein Sohn, über die Seele und den Körper sprechen, nämlich in welcher Weise die Seele unsterblich ist, und was für eine Kraft es ist, die die Entstehung und [Seite 78] Auflösung des Körpers bewirkt. Den Tod nämlich gibt es bei keiner von ihnen (beiden), sondern man hat ihn sich ausgedacht aufgrund des Begriffes ,unsterblich': er wird entweder als leere Wortschöpfung gebraucht, oder man spricht unter Weglassung der ersten Buchstaben von,Sterben' anstelle von ,Unsterblichkeit'.205 Denn Sterben und Tod bezeichnet Untergang, aber nichts von dem, was es im Kosmos gibt, geht unter. Wenn nämlich der Kosmos ein zweiter Gott ist und ein unsterbliches Lebewesen, dann ist es unmöglich, daß irgendein Teil dieses unsterblichen Lebewesens stirbt. Alles im Kosmos aber ist Teil des Kosmos und besonders der Mensch, das vernunftbegabte Lebewesen.
2. Der erste von allem ist wahrhaftig Gott, ewig und ungezeugt und Schöpfer von allem. Der zweite ist der, der nach seinem Bild von ihm geschaffen wurde; er wird von ihm erhalten und genährt und unsterblich gemacht, weil er ja von einem Vater entstanden ist, der ewig ist; ein immerlebendes Wesen ist er, weil er unsterblich ist. Denn was immerlebend ist, unterscheidet sich vom Ewigen. Denn Gott ist nicht aus einem anderen entstanden. Wenn er nämlich wirklich entstanden wäre, dann aus sich sclbst. (Der Kosmos aber)206 entstand niemals, sondern befindet sich immer im Prozeß des Werdens. (...)207 der aber selbst Vater von sich selbst ist, ist ewig. Der Kosmos aber ist vom Vater als [Seite 79] ewiger208 und unsterblicher geschaffen. 3. Und alles, was an Materie bereitlag für sein eigenes Geschöpf,209 hat der Vater (genommen)210 und damit dem All körperliche Gestalt gegeben, hat ihm Umfang und Weite verliehen, hat es kugelförmig gemacht und hat ihm seine jetzige Gestalt geschenkt; eine Materie211 (hat er genommen), die auch selbst unsterblich ist und deren Materialität ewig ist. Mehr noch, der Vater hat die von den Ideen stammenden Qualitäten in die Kugel gesät und hat sie wie in einer Höhle eingesperrt, weil er das mit seiner Hilfe Geformte mit allen denkbaren Qualitäten ausstatten wollte, und umgab den ganzen Körper mit Unsterblichkeit, damit die Materie nicht von dem Wunsch erfaßt würde, diese von ihm bewirkte Gestaltung aufzugeben, und sich wieder in ihre eigene Unordnung auflöse. Als die Materie nämlich (noch) nicht zu Körpern geformt war, war sie ungeordnet. Sie weist aber auch hier (Unordnung)212 auf, die sich häuft bei allen anderen unbedeutenden Qualitäten (und) beim Vorgang des Wachsens und des Schwindens, den die Menschen Tod nennen. 4. Diese Unordnung betrifft (allein) die irdischen Lebewesen. Denn die Körper der himmlischen Wesen haben eine einzige Ordnung, die sie vom Vater von Anfang an erhalten haben. Sie wird aber [Seite 80] unaufhebbar bewahrt infolge der Rückkehr jedes einzelnen an seinen ursprünglichen Platz. Die Rückkehr der irdischen Körper in ihren früheren Zustand bedeutet (die Auflösung)213 der Zusammenfügung; diese Auflösung aber besteht in der Rückkehr zu unauflöslichen Körpern, d. h. zu unsterblichen.214 Und so kommt es zum Verlust des Bewußtseins,215 aber nicht zu einem Untergang der Körper. s. Das dritte Lebewesen, der Mensch, der nach dem Bilde des Kosmos entstanden ist, ist nach dem Willen des Vaters mit Geist begabt im Unterschied zu den anderen irdischen Lebewesen und steht nicht nur mit dem zweiten Gott in Wechselwirkung (sump1jeia), sondern hat auch Erkenntnis vom ersten. Den einen nimmt er wahr als Körper, den anderen erkennt er als unkörperlich und als Geist, als das Gute."
Asklepios:216 Dieses Lebewesen geht also nicht zugrunde?"
Hermes: Schweig und versündige dich nicht, mein Sohn, und bedenke, was Gott ist, was der Kosmos, was ein unsterbliches Lebewesen, was ein Lebewesen ist, das sich auflöst, und bedenke, daß der Kosmos von Gott abhängt und in Gott ist, der Mensch aber vom Kosmos und im Kosmos, Gott aber Anfang aller Dinge ist und alles umfaßt und ordnet."

9 Über Denken und Wahrnehmung227 [Seite 84]

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1. Her~7es: "Gestern habe ich, Asklepios, die ,Vollkommene Lehre' (t4leio' l7go') vorgetragen. Jetzt aber halte ich es für notwendig, im Anschluß daran auch die Lehre über die sinnliche Wahrnehmung durchzugehen. Denn Wahrnehmen und Denken sind verschieden, wie es scheint, weil das eine sich auf die Materie, das andere sich auf das wesenhafte Sein bezieht. Mir scheinen aber beide eine Einheit zu bilden und nicht voneinander getrennt werden zu können, jedenfalls bei den Menschen. Bei den anderen Lebewesen nämlich ist die Wahrnehmung mit der (materiellen) Natur zu einer Einheit verbunden, bei den Menschen (auch) das Denken.228 [Seite 85]
Der Geist unterscheidet sich in dem Maße vom Denken, wie Gott vom göttlichen Wirken. Denn das göttliche Wirken geschieht durch Gott, das Denken durch den Geist, wobei es mit der Sprache verschwistert ist; oder beide dienen einander als Werkzeuge. Denn weder können Worte ausgesprochen werden ohne Denken, noch tritt das Denken zutage ohne die Sprache.
2. Wahrnehmen und Denken fließen beide im Menschen zusammen, als wären sie miteinander verflochten. Denn weder kann man ohne Wahrnehmen denken, noch wahrnehmen229 ohne Denken. Ist es möglich, daß ein Gedanke ohne Wahrnehmung gedacht wird, wie es die tun, die in Träumen Gesicht haben?230 Mir scheint dagegen, daß beide Kräfte in der Schau der Träume vorhanden sind231 - denn man ist wach geworden232 durch die Wahrnehmung; sie ist ja aufgeteilt auf Körper und Seele - und daß, wenn beide Teile der Wahrnehmung miteinander in Einklang stehen, das Gedachte ausgesprochen wird, geboren vom Geist. [Seite 86]
3. Der Geist gebiert alle Gedanken, gute, wenn er von Gott die Samen empfängt, gegenteilige, wenn von einem der Dämonen; denn in keinem Teil der Welt fehlt ein Dämon, der unvermerkt in den von Gott (nicht) Erleuchteten233 eindringt und den Samen seiner ihm eigenen Wirksamkeiten sät, und der Geist gebiert das Gesäte: Ehebruch, Mord, Mißhandlung der Eltern, Tempelschändung, Gottlosigkeit, Tod durch Erhängen und Herabstürzen von Felsvorsprüngen und alles andere, was Werke der Dämonen sind.
4. Die Samen Gottes sind wenige, aber sie sind bedeutend, schön und gut: Tugend, Besonnenheit und Frömmigkeit. Frömmigkeit ist die Erkenntnis Gottes;234 wer ihn erkannt hat, wird von allem Guten erfüllt und hat von Gott eingegebene Gedanken, die nicht denen der Masse ähnlich sind. Deswegen gefallen weder diejenigen, die in der Erkenntnis sind, der Masse, noch gefällt die Masse ihnen. Sondern sie werden für verrückt gehalten und sind dem Gelächter ausgesetzt, werden gehaßt und verachtet und bald wohl auch getötet. Die Schlechtigkeit muß nämlich, so behauptete ich es, hier unten wohnen, wo ihr Platz ist. Denn ihr Platz ist die Erde, nicht der Kosmos, wie einige vielleicht gotteslästerlich behaupten werden.235 Der Gottesfürchtige nun wird alles ertragen, da er der Erkenntnis inne geworden ist. Einem solchen Menschen gereicht alles zum Guten, auch wenn es für die anderen schlecht ist. Und wenn er verfolgt wird, führt er alles auf [Seite 87] seine Erkenntnis zurück; er allein wendet auch das Schlechte zum Guten.
5. Nun will ich wieder zu der Lehre von der Wahrnehmung zurückkehren. Dem Menschen eigentümlich ist die Verbindung von Wahrnehmung und Denken. Aber nicht jeder Mensch, wie ich vorher236 sagte, macht sich die Vorteile des Denkens zunutze, sondern der eine Mensch läßt sich durch die Materie, der andere durch das wesenhafte Sein bestimmen.237 Derjenige, der auf die Materie ausgerichtet ist und sich mit der Schlechtigkeit eingelassen hat, erhält, wie ich sagte,Q36) den Samen seines Denkens von den Dämonen, die anderen, die das Gute in sich tragen und sich am wesenhaften Sein orientieren,235 finden durch Gott ihr Heil. Denn Gott, der Schöpfer von allem, macht in seinem Schaffen alles sich selbst ähnlich; obwohl es aber (alles) so geschaffen worden ist, daß es gut ist, wird es, seinen eigenen Kräften überlassen, unterschiedlich.239 Denn die kosmische Bewegung läßt es zu Reibungen240 kommen und beeinflußt dadurch den Zustand der Schöpfungen in bald dieser, bald jener Weise: die einen verdirbt sie durch die Schlechtigkeit, die anderen reinigt sie durch das Gute. Denn auch der Kosmos, Asklepios, hat seine eigene [Seite 88] Wahrnehmung und sein eigenes Denken, nicht so wie beim Menschen auch nicht so vielfältig, sondern anders, nämlich stärker und einfacher.
6. Das Wahrnehmen und das Denken des Kosmos bilden eine Einheit, nämlich alles zu schaffen und alles wieder zurückzubilden und in sich aufzunehmen,241 ein Werkzeug des göttlichen Willens und wirklich als Werkzeug geschaffen, damit er (der Kosmos) alle Samen, nachdem er sie von Gott empfangen hat, bei sich bewahrt und alles in sich mit seiner Kraft entstehen läßt und alles auflöst und wieder erneuert, und deshalb läßt242 er allem, was243 aufgelöst worden ist, wie ein guter,Gärtner' des Lebens durch den Wechsel im Zuge seiner Bewegung die Erneuerung zuteil werden. (Nichts) gibt es, was er nicht lebendig macht, sondern durch seine Bewegung belebt er alles und ist zugleich Ort und Schöpfer des Lebens.
7. Die Körper stammen aus der Materie in unterschiedlicher Weise. Denn sie bestehen teils aus Erde, teils aus Wasser, Luft und Feuer. Alle sind sie zusammengesetzt, die einen mehrfach, die anderen einfacher. Mehr zusammengesetzt sind die schwereren, weniger die leichteren Körper.244 [Seite 89]
Die Schnelligkeit seiner245 Bewegung bewirkt die Vielfalt in der Beschaffenheit der Geschöpfe. Denn der (durch die Bewegung entstehende) pneumatische Luftstrom, der ununterbrochen weht, bringt den Körpern ihre Beschaffenheit mit einer einzigen Ergänzung, nämlich der des Lebens. 8. Gott ist also Vater des Kosmos, der Kosmos aber Vater von allem, was im Kosmos ist, und der Kosmos ist Sohn Gottes; was aber im Kosmos ist stammt vom Kosmos ab. Und mit Recht heißt er Kosmos (Ordnung, Schmuck). Er schmückt und gestaltet nämlich alles mit der Vielfalt des Werdens, mit der Kontinuität des Lebens, der Unerschöpflichkeit der Kraft, der Schnelligkeit der zwangsläufigen Abläufe, der Zusammensetzung der Elemente und mit der Ordnung von allem Werdenden. Dasselbe (Ordnung/Schmuck und Welt) dürfte also notwendigerweise und zu Recht Kosmos heißen.
Bei allen Lebewesen kommen Wahrnehmen und Denken von außen und strömen (wie ein Luftstrom) ein aus246 dem umgebenden (Raum); der Kosmos aber, der sie ein für allemal zugleich mit seinem Werden empfangen hat, hat sie als Gabe von Gott. 9. Gott ist nun nicht, wie einige glauben werden, ohne Wahrnehmung und ohne Denken. Sie lästern nämlich aus übermäßiger Ängstlichkeit vor dem Göttlichen. Denn alles, was ist, Asklepios, das ist in Gott, und es ist aus Gott entstanden und hängt von ihm ab: alles, was durch Körper wirkt, alles, was durch das seelische Sein bewegt, alles, was durch das Pneuma belebt, und alles, was das lote aufnimmt, und das ist mit gutem Grund so. Oder vielmehr behaupte ich, daß er es nicht in sich hat, sondern - ich sage die Wahrheit - daß er selbst alles ist; er nimmt es nicht von außen zu sich auf, sondern gibt es nach außen ab; und dies ist das [Seite 90] Wahrnehmen und Denken Gottes: alles immer zu bewegen; und es wird niemals eine Zeit geben, in der irgendetwas von dem, was ist, verloren geht. Wenn ich sage, von dem, was ist, meine ich: von Gott. Denn Gott umfaßt alles Seiende, und nichts ist außerhalb von ihm, und er ist nicht außerhalb von irgendetwas.
10. Das Gesagte dürfte dir, Asklepios, Wem du es begreifst, als wahr erscheinen, aber als unglaubhaft wenn du nicht zur Erkenntnis gelangst. Denn Begreifen bedeutet Überzeugtsein, Zweifeln aber bedeutet Nicht-Begreifen. Denn das gesprochene Wort kann die Wahrheit nicht erreichen, der Geist aber ist groß und kann, vom Wort ein Stück weit geleitet, dann die Wahrheit247 erreichen. Und wenn er alles gut bedacht hat und feststellte, daß es mit dem, was das Wort vermittelte, übereinstimmt, ist er überzeugt und findet Ruhe in seiner sicheren Überzeugung. Wer das zuvor Gesagte durch Gottes Hilfe versteht, hält es für glaubwürdig, wer es aber nicht versteht, für unglaubhaft. Dies und soviel soll man über Denken und Wahrnehmen sagen."

10 Hermes Trismegistos: Der Schlüssel [Seite 100]

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1. Hermes: Das gestrige Gespräch, Asklepios, habe ich dir gewidmet, das heutige werde
ich gerechter Weise Tat widmen, weil es sich um einen Auszug aus den ,Allgemeinen Lehren¦
(geniko+ l7goi)272 handelt, die ihm vorgetragen worden sind. [Seite 101] Gott Vater hat
dieselbe Natur wie das Gute, Tat, oder viel mehr273 auch dieselbe Wirkkraft. Der Begriff
Natur schließt den des Wachsens ein,274 zwei Begriffe, die sich auf Veränderliches und
Bewegliches beziehen und auf das Unbewegliche, d. h. auf das Göttliche und Menschliche
von (all) dem, was nach Gottes eigenem Willen unbeweglich ist.275 An anderer Stelle aber
haben wir die Wirkkraft behandelt, soweit sie nämlich auch die anderen göttlichen und
menschlichen Gegebenheiten betrifft; all das muß man an dieser Stelle bedenken.
2. Seine Wirkkraft nun ist der Wille, und sein Wesen ist zu wollen, daß alles existiere. Was
ist nämlich Gott Vater und das Gute anderes, als das Sein von allem, was nicht mehr ist,
sondern das Vorhandensein selbst all dessen, was ist?276 Dies ist Gott, dies der Vater, dies
das Gute, mit keinem anderen vergleichbar.277 Denn der Kosmos und (in ihm) die Sonne ist
zwar auch seinerseits Vater (all) dessen, was Teil von ihm ist,275 aber bei ihm liegt vielleicht
nicht mehr in gleicher Weise [Seite 102] für die Lebewesen der Ursprung des Guten und auch
nicht der des Lebens. Wenn sich dies aber so verhält, unterliegt der Kosmos in jeder Weise
nun dem Zwang eines Willens, der auf das Gute zielt, ohne den nichts sein oder werden kann.
3. Ein Vater ist nur dann der Urheber seiner Kinder, was ihre Zeugung und ihren Unterhalt
angeht, wenn er durch die Sonne das Verlangen, Gutes zu wirken, empfängt. Das Gute
nämlich ist das schaffende Prinzip. Dies kann aber keinem anderen innewohnen außer jenem
allein, der nichts empfängt, aber will, daß alles existiert. Ich will nämlich nicht sagen, Tat:
dem, der schafft; denn wer schafft, läßt es in dem langen Zeitraum, in dem er bald schafft, bald
aber nicht schafft, fehlen an Qualität und Quantität; bisweilen nämlich schafft er Dinge mit
einer bestimmten Quantität und Qualität, bisweilen aber deren Gegenteil. Gott aber ist der
Vater und das Gute dadurch, daß alles ist.279 4. So verhält sich dies für den jenigen, der sehen
kann. Denn Gott will, daß es (das Gute) gibt, und es existiert vor allem durch sich selbst; denn
auch alle anderen Dinge existieren durch das Gute. 280 Eine Eigentümlichkeit des Guten ist
es nämlich, als das Gute erkannt zu werden, Tat." [Seite 103]
Tat: "Durch dich, Vater, wurden wir von einer guten und wunderschönen Vision erfüllt,
und beinahe wäre mein geistiges Auge von einem solchen Anblick geblendet252 worden."
Hermes: "Nein, nicht so wie die Strahlen der Sonne in ihrer feurigen Glut blenden und das
Blinzeln der Augen bewirken wirkt auch die Schau des Guten. Im Gegenteil, sie erleuchtet
sogar nur in dem Maße, wie einer, wenn er dazu in der Lage ist, das Einströmen des geistigen
Glanzes ertragen kann. Denn es dringt stärker in uns ein, ist aber unschädlich und ganz voll
von Unsterblichkeit. 5. Diejenigen, die von seinem Anblick etwas mehr aufnehmen können,
trennen sich oft vom Körper wie im Schlaf und gelangen zu einer Vision von größter
Schönheit, wie es Uranos und Kronos, unsere Vorfahren,283 erlebt haben."
Tat: "Wenn es doch auch uns, Vater, so erginge."
Hermes: "Ja, mein Sohn. Jetzt sind wir aber noch zu schwach für diese Vision und haben
noch nicht die Kraft, die Augen unseres Geistes zu öffnen und die unvergängliche, unfaßbare
Schönheit jenes Guten zu schauen. Denn du wirst sie dann schauen, wenn du darüber nichts
sagen kannst. Denn ihre Erkenntnis ist göttliches Schweigen und Untätigkeit aller
Sinnesorgane. 6. Denn wer diese Schönheit erkennt, kann nichts anderes erkennen, und wer
dies schaut, kann nichts anderes sehen und nichts anderes hören und überhaupt kann er den
Körper nicht bewegen. Er vergißt alle körperlichen Wahrnehmungen und Bewegungen und ist
ohne jede Regung. Sie (die Schönheit des Guten) umstrahlt den Geist gänzlich, läßt die ganze
Seele wieder aufleuchten, zieht sie durch den Körper hinauf und verwandelt ihn (den inneren
Menschen) ganz in wahres Sein. Denn es ist unmöglich, mein Sohn, [Seite 104] daß eine
Seele, solange sie im Körper des Menschen weilt, (die) Schönheit des Guten schaut und
vergottet wird."
7. Tat: "Was meinst du mit Vergottung, Vater?"
Hermes: "Jede abgetrennte Seele, mein Sohn, unterliegt Veränderungen.
Tat: "Was meinst du nun wieder mit ,abgetrennter Seele¦?"
Hermes: "Hast284 du nicht in den ,Allgemeinen Lehren¦ gehört, daß von der einen All
Seele alle Seelen hier abstammen und sich im ganzen Kosmos hin und her bewegen,285
gleichsam von ihr abgetrennt? Für diese Seelen nun gibt es viele Veränderungen, für die einen
zum Besseren, für die anderen zum Gegenteil. Die einen, die in Kriechtieren wohnen,
wechseln in die Kör per von Wassertieren, die der Wassertiere in Körper von Landtieren, die
der Landtiere in Körper von Vögeln, die der Vögel in Körper von Menschen, und die
Menschenseelen sind die ersten, die die Möglichkeit haben, unsterblich zu werden, wenn sie
in Körper von Dämonen wechseln und dann auf diese Weise in den Chor der Götter gelangen.
Es gibt zwei Chöre der Götter, einen der Planeten, den anderen der Fixsterne. 8. Und dies ist
der größte Ruhm und Glanz für eine Seele. Eine Seele aber, die in Menschen eingegangen ist,
kostet, wenn sie schlecht bleibt, weder die Unsterblichkeit, noch erhält sie am Guten
Anteil;286 zurück gestoßen kehrt sie auf ihrem Weg zu den Kriechtieren zurück, und das ist
die Strafe für eine schlechte Seele.
Die Schlechtigkeit der Seele ist ihre Unwissenheit. Denn eine Seele, die nichts von dem,
was ist, nicht dessen Natur und auch nicht das Gute erkennt, sondern blind ist, läßt sich durch
die [Seite 105] körperlichen Affekte erschüttern, und die unselige, die sich selbst nicht kennt,
ist Sklavin von unheilvollen und nichtswürdigen Körpern, wobei sie ihren Körper wie eine
Last trägt und nicht herrscht, sondern beherrscht wird. Dies ist die Schlechtigkeit der Seele.
9. Im Gegensatz dazu liegt die moralische Vollkommenheit der Seele in der Erkenntnis.
Denn wer erkennt, ist gut, fromm und bereits göttlich." Tat: "Wer ist das, Vater?" Hermes:
"Derjenige, der nicht vieles redet und nicht vieles hört. Wer mit Rede und Gegenrede seine
Zeit zubringt und allem sein Ohr leiht, mein Sohn, kämpft mit Schatten. Denn Gott-Vater und
das Gute sind weder Gegenstand des Redens noch des Hörens. Obwohl sich dies so verhält,
verfügen alle Wesen über Sinneswahrnehmungen, weil sie ohne sie nicht existieren
können.287 Erkenntnis unterscheidet sich aber von Wahrnehmung beträchtlich. Denn die
Wahrnehmung bezieht sich auf etwas, das von außen Einfluß auf uns nimmt, Erkenntnis ist
dagegen die Vollendung des Wissens, und Wissen ist ein Geschenk Gottes. 10. Denn jedes
Wissen ist unkörperlich, es belmtzt allein den Geist als Werkzeug, der Geist aber den Körper.
Beides also, das Geistige und das Materielle, geht in den Körper ein. Denn aus Widerstreit und
Gegensatz muß alles bestehen; und anders kann es nicht sein."
Tat: "Wer ist nun dieser materielle Gott?"
Hermes: "Der schöne Kosmos; aber er ist nicht gut; denn er ist materiell und unterliegt
leicht Einwirkungen von außen und ist der erste von allem, was veränderlich ist, der zweite
aber vom Seienden, und er ist nicht in sich vollkommen. Und er255 ist zwar [Seite 106]
einst259 geworden, ist aber immer existent, und zwar existent im Werden und immer im
Prozeß des Werdens; es ist das Werden von Qualitäten und Quantitäten; denn er ist in
Bewegung; denn alle Bewegung der Materie ist Werden.
11. Die Unbewegtheit des Geistigen verursacht die Bewegung der Materie in folgender
Weise.290 Die Welt ist eine Kugel, d. h. ein Kopf - über dem Kopf ist nichts Materielles, wie
auch unter den Füßen nichts Geistiges ist, sondern alles materiell, und der Geist ist der Kopf
291 -, und sie wird kugelförmig bewegt, das heißt nach Art eines Kopfes; was nun durch die
Haut dieses Kopfes, (in dem) die Seele ist, zu einer Einheit wird, ist unsterblich, wie wenn in
der Seele ein Körper geschaffen ist, und hat mehr Seele als Körper; was sich aber jenseits der
Haut befindet, ist sterblich und hat mehr Körper als Seele; jedes Lebewesen, wie eben auch
das All, besteht aus Materiellem und Geistigem.
12.292 Und der Kosmos steht an erster Stelle, der Mensch ist das zweite Lebewesen nach
dem Kosmos, das erste aber unter den sterblichen Wesen, er hat das Beseeltsein wie die
anderen Lebewesen; er ist aber nicht mehr nur nicht gut, sondern auch schlecht, weil er
sterblich ist. Der Kosmos ist nämlich nicht gut, weil er bewegt ist, aber er ist nicht schlecht,
weil er unsterblich ist; der Mensch aber, weil er bewegt und weil er sterblich ist, ist schlecht.
[Seite 107]
13. Die Seele des Menschen hat auf folgende Art und Weise ein ,Gefährt¦:293 der Geist im
vernünftigen Seelenteil (Logos), der vernünftige Seelenteil in der (übrigen) Seele, die Seele
im Pneuma das Pneuma durchdringt das Blut der Venen und Arterien und bewegt so das
Lebewesen und trägt es gleichsam in gewisser Weise. Deswegen glauben auch einige, daß die
Seele das Blut sei und unterliegen damit einem Irrtum, was deren Natur angeht weil sie nicht
wissen, daß zuerst das Pneuma in die Seele zurückkehren muß - das Blut wird dann fest und
die Venen und Arterien leer - und daß es dann das Lebewesen zugrunde gehen läßt;294 und
das ist der Tod des Körpers.
14. Von einem einzigen Anfang hängt das All ab, der Anfang aber hängt vom Einen und
Einzigen ab, und der Anfang bewegt sich, damit er wieder zum Anfang wird, das Eine und
Einzige aber steht fest und bewegt sich nicht. Ferner nun gibt es diese drei: (erstens)
Gott-Vater und das Gute, (zweitens) den Kosmos und (drittens) den Menschen. Und Gott
umfaßt den Kosmos, der Kosmos den Menschen. Und der Kosmos entsteht als Sohn Gottes,
der Mensch als Sohn des Kosmos, gleichsam ein Enkelsohn.
15. Gott ist nicht in Unkenntnis über den Menschen, sondern er kennt ihn durchaus und
will erkannt werden. Das allein bedeutet für den Menschen Heil, die Erkenntnis Gottes. Das
ist der Aufstieg zum Olymp. Allein295 auf diese Weise ist die Seele gut und niemals wird eine
Seele gut,296 sondern nur schlecht; das geschieht zwangsläufig so." [Seite 108]
Tat: "Wie meinst du das, Trismegistos?"
Hermes: "Betrachte die Seele eines Kindes, mein Sohn, für sich genommen, wenn sie ihre
Trennung noch nicht erfahren hat und der Körper, in dem sie weilt, noch klein an Masse297
und noch nicht ganz ausgewachsen ist, wie schön sie in jeder Hinsicht anzusehen ist, noch
nicht beeinträchtigt von den körperlichen Affekten, da sie beinahe noch an der Weltseele
hängt. Wenn der Körper aber gewachsen ist und in seiner Größe und Schwere die Seele zu
sich hinabgezogen hat, löst sie sich, läßt Vergessen entstehen und hat keinen Anteil am
Schönen und Guten. Das Vergessen aber wird zur Schlechtigkeit.
16. Dasselbe geschieht auch mit denen, die aus dem Körper heraustreten: 298 die Seele
nämlich kehrt zu sich selbst zurück - das Pneuma befindet sich im Blut und die Seele im
Pneuma ,299 der Geist aber, der von Natur aus göttlich ist, durchstreift jeden Raum, nachdem
er, frei geworden von seinen Umhüllungen, einen feurigen Körper angenommen und die Seele
dem Gericht und ihrem verdienten Urteil überlassen hat." [Seite 109]
Tat:300 "Wie meinst du das, Vater? Der Geist trennt sich von der Seele und die Seele von
ihrem Pneuma, wenn du doch sagtest, die Seele sei Hülle des Geistes und das Pneuma Hülle
des Seele?"
17. Hermes: "Wer zuhört, mein Sohn, muß mit Geist und Seele30¦ den Worten des
Redenden folgen und muß schneller und besser mit seinem Gehör erfassen, als der Redende
spricht. Die Verbindung (des Geistes) mit diesen Umhüllungen, mein Sohn erfolgt im
irdisch-vergänglichen Körper. Denn es ist unmöglich, daß der Geist sich in einem
vergänglichen Körper nackt für sich allein niederläßt. Denn weder kann der vergängliche
Körper eine so große Unsterblichkeit ertragen, noch kann etwas, was eine solche
Vollkommenheit verkörpert, es aushalten, daß mit ihm ein Körper in enge Berührung kommt,
der der ständigen Veränderung unterworfen ist. Also nimmt er sich wie einen Umhang die
Seele, und die Seele, die auch selbst göttlich ist, benutzt das Pneuma wie einen Diener. Das
Pneuma aber durchwaltet das Lebewesen.
18. Wenn sich der Geist nun von dem irdisch vergänglichen Körper getrennt hat, zieht er
sich sofort sein eigenes Gewand an, das feurige, mit dem er sich nicht im irdischen Körper
niederlassen konnte. Denn Erde erträgt kein Feuer. Sogar von einem kleinen Funken gerät sie
ganz in Brand, und deswegen ist die Erde vom Wasser umgeben wie von einem Schutzwall
und einer Mauer zur Abwehr der Feuersglut. Der Geist ist das schnellste und
durchdringendste von allem, was Gott erdacht hat, und benutzt als Körper das schnellste und
durchdringendste aller Elemente, das Feuer. Der Geist ist der Schöpfer aller Dinge, und als
Werkzeug für seine Schöpfung benutzt er das Feuer. Der Geist des Alls [Seite 110] ist
Schöpfer aller Dinge; der menschliche Geist ist nur Schöpfer der Dinge auf Erden. Denn
entkleidet des Feuers, kann der im Menschen wohnende Geist nicht das Göttliche schaffen,
weil er durch seine Wohnung menschlich ist.
19. Die menschliche Seele, allerdings nicht jede, sondern nur die fromme, ist in gewisser
Weise von dämonischer und göttlicher Natur.302 Und eine solche Seele303 wird nach der
Trennung vom Körper ganz Geist, nachdem sie den Kampf um die Frömmigkeit bestanden
hat - der Kampf um die Frömlnigkeit besteht darin, das Göttliche zu erkennen und keinem
Menschen Unrecht zu tun. Die unfromme Seele aber bleibt auf ihr eigenes Wesen beschränkt,
wird durch sich selbst bestraft und sucht einen irdischen Körper, in den sie eingehen kann,
einen menschlichen allerdings. Denn ein anderer Körper kann eine menschliche Seele nicht
aufnehmen, und es verstieße gegen die göttliche Ordnung, wenn eine menschliche Seele in
den Körper eines vernunftlosen Lebewesens gerät. Es besteht nämlich das Gesetz Gottes, die
menschliche Seele vor einer solchen Schmach zu bewahren."
20. Tat: "Wie wird nun, Vater, die menschliche Seele bestraft?" Hermes: "Welche Strafe
für die menschliche Seele ist größer, mein Sohn, als die Gottlosigkeit? Welches Feuer hat eine
solche Glut wie die Gottlosigkeit? Welches bissige Tier gibt es, das den Körper so sehr
mißhandelt, wie die gottlose Seele sich selbst?304 Oder siehst du nicht, wie große Qualen die
gottlose Seele leidet, wenn sie laut schreit: ,Ich brenne, ich lodere; was soll ich sagen, was
tun? Ich weiß es nicht. Ich unselige werde verzehrt von den Lastern, die mich beherrschen. Ich
kann weder hören noch sehen.¦ Sind das nicht die Schreie einer Seele, die bestraft wird? Oder
meinst auch du, mein Sohn, wie es die meisten glauben, daß [Seite 111] die Seele, wenn sie
den Körper verlassen hat, zum Tier wird? Das ist ein sehr grober Irrtum.305 21. Denn die
Seele wird auf folgende Weise bestraft. Es ist nämlich festgesetzt, daß der Geist, wenn er ein
Dämon wird, einen feurigen Körper erhält, um damit Gott zu dienen. Und er dringt in eine
ganz gottlose Seele ein und mißhandelt sie dann mit den Peitschenhieben ihrer Sünden.306
Und unter der Wirkung dieser Schläge wendet sich die gottlose Seele zu Morden, Freveltaten,
Lästerungen und vielfachen Gewalttaten, durch die den Menschen Unrecht geschieht. Wenn
der Geist aber in eine fromme Seele kommt, führt er sie zum Licht der Erkenntnis. Eine solche
Seele wird niemals müde, Gott mit frommen Worten zu preisen (und)307 allen Menschen in
Werk und Wort in allem Gutes zu tun, weil sie ihren Vater nachahmen will. 22. Deshalb, mein
Sohn, muß man Gott danken und ihn um den guten Geist bitten.
Die Seele kann also in eine höhere Stufe übergehen, nicht aber in eine niedrigere. Es308
besteht aber eine Verwandtschaft der Seelen; und zwar sind die Seelen der Götter mit denen
der Menschen verwandt und die der Menschen mit denen der vernunftlosen Lebewesen. Die
Höherstehenden kümmern sich um die Niedrigeren, die Götter um die Menschen, die
Menschen um die vernunftlosen Lebewesen, Gott um alle. Denn er steht über allem, und alles
ist ihm unterstellt.309 Der Kosmos ist also Gott untergeordnet, der Mensch dem Kosmos, die
vernunftlosen [Seite 112] Lebewesen dem Menschen. Gott ist über allem und um alles. Die
Wirkkräfte sind gleichsam Strahlen Gottes, die Naturkräfte die Strahlen des Kosmos und die
Künste und Wissenschaften die der Menschen.3·0 Und die (göttlichen) Kräfte wirken überall
im Kosmos, auch auf den Menschen mittels der in den Naturkräften wohnenden Strahlen des
Kosmos, die Naturkräfte wirken durch die Elemente, die Menschen durch die Künste und
Wissenschaf ten.
23. Und dies ist die Ordnung und Lenkung des Alls, abhängig von der Natur des Einen und
durch den einen Geist überall zugegen. Nichts311 ist göttlicher und hat größere Wirkkräfte
und nichts ist geeigneter, die Menschen mit den Göttern und die Götter mit den Menschen zu
vereinen. Er ist der ,Gute Dämon¦ (êAgaj/' Da[mwn).312 Selig ist die Seele, die von ihm
vollkommen erfüllt ist, unselig diejenige, die ganz leer von ihm ist."
Tat: Wie meinst du das wieder, Vater?"
Hermes: "Du glaubst also, mein Sohn, daß jede Seele den guten Geist besitzt? Denn von
diesem handelt unser Gespräch jetzt, nicht von dem, der dienende Funktion hat, über den wir
vorher313 geredet haben, der von der,Gerechtigkeit¦ (D[kh) herabgesandt wurde. 24. Denn
eine Seele ohne Geist ,kann weder etwas sagen noch tun¦.314 Oft nämlich verläßt der Geist die
Seele und in jener Zeit kann die Seele weder sehen noch hören, sondern gleicht einem
unvernünftigen Lebewesen. So groß ist die Kraft des [Seite 113] Geistes. Aber auch eine
schwerfällige und stumpfe Seele erträgt er nicht, sondern verläßt eine Seele von solcher Art,
weil sie ganz ihrem Körper ergeben ist und von ihm nach unten gedrückt wird.315 Eine solche
Seele hat keinen Geist, mein Sohn. Daher darf man einen solchen auch nicht ,Mensch¦ nennen.
Denn der Mensch ist ein göttliches Lebewesen und läßt sich auch nicht mit den anderen
Lebewesen vergleichen, die auf der Erde Ieben, sondern nur mit denen oben im Himmel, die
Götter genannt werden. Oder vielmehr, wenn man es wagen darf, die Wahrheit zu sagen: der
Mensch, der wirklich Mensch ist, steht sogar über jenen, oder sie gleichen sich in geradezu
jeder Beziehung an Kraft.
25. Denn keiner der himmlischen Götter wird den Bereich des Himmels verlassen und zur
Erde hinabsteigen, der Mensch aber steigt zum Himmel hinauf, unternimmt an ihm seine
Messungen und316 weiß, welche Höhen und Tiefen es in ihm gibt, und alles andere erkundet
er genau; und das Großartigeste von allem: er verläßt nicht einmal die Erde, um nach oben zu
kommen. Von solchen Ausmaßen ist seine Reichweite. Deshalb muß man es auszusprechen
wagen, daß der irdische Mensch ein sterblicher Gott und der Gott am Himmel ein
unsterblicher Mensch ist. Deshalb existiert das All durch diese beiden, durch den Kosmos und
den Menschen; vom Einen aber stammt das All."

11 Gespräch des Geistes mit Hermes [Seite 123]

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CH XI 317 Inhalt:
1-4 Sentenzen über Gott - Aion - Kosmos - Zeit - Werden
5-6 Gott als Urheber von Leben, Unsterblichkeit und Wandel
6-8 Die Ordnung des Kosmos
9- 11 Die Einheit des Schöpfers
12-14 Gott schafft Leben in allen Bereichen des Kosmos
15 Die Lehre vom Tod
16-17 Gottes Gestalt und Form
I S-20 Gotteserkenntnis durch eine Allvision
21-22 Gottes Sichtbarkeit in der Schöpfung


1. Geist: "Begreife nun meine Worte, Hermes Trismegistos, und behalte das, was ich sage,
im Gedächtnis. Und ich werde nicht zögern, so zu sprechen, wie es mein Denken mir
eingibt.¦¦337
Hermes: "Nachdem viele Menschen vieles und das auch noch widersprüchlich über das All
und Gott gesagt haben und ich die Wahrheit nicht habe erfahren können, bringe du mir nun,
Herr,338 Klarheit darüber. Denn dir ganz allein und deiner Offenbarung darüber möchte ich
vertrauen."
2. Geist: "Höre, mein Sohn, wie es sich mit Gott und dem All verhält. Gott, der Aion,339
der Kosmos, die Zeit, das Werden.340 Gott schafft den Aion, der Aion den Kosmos der
Kosmos die Zeit, die Zeit das Werden. Im Guten, Schönen, in der Glückseligkeit und341 der
Weisheit liegt gewissermaßen das Sein Gottes. Das Sein des Aion ist die [Seite 124]
Identität, das des Kosmos die Ordnung, das der Zeit die Veränderung, das des Werdens
Leben und Tod. Das Wirken Gottes äußert sich in Geist und Seele, das des Aion in
Beständigkeit und Unsterblichkeit, das des Kosmos in der periodischen Folge von
Untergang und Erneuerung,342 das der Zeit in Wachstum und Verfall; das des Werdens in
Qualität (und Quantität).343 Der Aion nun ist in Gott, der Kosmos im Aion, die Zeit im
Kosmos, das Werden in der Zeit. Und der Aion ruht um Gott, der Kosmos bewegt sich im
Aion, die Zeit durchläuft ihre Bahn im Kosmos, das Werden vollzieht sich in der Zeit.
3. Quelle von allem ist Gott, der Aion ist das wesenhafte Sein, der Kosmos ist die Materie.
Gottes (ausstrahlende) Kraft ist der Aion, das Werk des Aion ist der Kosmos, der niemals
geworden ist, aber durch den Aion immer im Werden ist. Deswegen wird er auch niemals
vergehen - denn der Aion ist unvergänglich -, und nichts im Kosmos wird zugrunde gehen,
weil der Kosmos vom Aion umfangen wird."
Hermes: "Was bedeutet die Weisheit Gottes?"344 [Seite 125]
Geist: "Das Gute und das Schöne, Glückseligkeit und die gesamte Vollkommenheit und
der Aion. Der Aion schafft also die kosmische Ordnung,345 indem er in die Materie
Unsterblichkeit und Beständigkeit bringt.
4. Denn das Werden jener (Materie) hängt vom Aion ab, wie auch der Aion von Gott. Das
Werden und die Zeit gibt es am Himmel und auf der Erde und sie sind von doppelter Natur:
am Himmel sind sie unveränderlich und unvergänglich, auf der Erde veränderlich und
vergänglich. Und die Seele des Aion ist Gott, die Seele des Kosmos ist der Aion, die Seele der
Erde ist der Himmel. Und Gott ist im Geist, der Geist in der Seele, die Seele in der Materie.
Alles dies ist so durch den Aion. Dieses All ist ein Körper, in dem sich alle Körper befinden,
die Seele, voll346 von Geist und von Gott, füllt das All von innen her aus und umgreift es von
außen, wobei sie das All belebt, und zwar von außen dieses große und vollkommene
Lebewesen, den Kosmos, innerhalb von ihm aber alle Lebewesen, und sie verharrt oben am
Himmel in ihrer Identität, unten aber auf der Erde verändert sie das Werden.
5. Der Aion hält diesen Kosmos zusammen, sei es durch Notwendigkeit (anankä) sei es
durch Vorsehung (Pronoia), sei es aufgrund der Natur oder was sonst man glaubt oder
glauben wird. Dies alles ist Gott in seinem Wirken,347 und die Wirksamkeit Gottes, die eine
Kraft ist,345 ist unübertrefflich, mit der man [Seite 126] weder Menschliches noch Göttliches
vergleichen kann. Deswegen, Hermes, halte niemals etwas hier unten und dort oben für
gottähnlich; denn dann wirst du die Wahrheit verlassen. Nichts ist nämlich ähnlich dem
Unähnlichen, dem Alleinigen und dem Einen. Und glaube nicht, daß er in seiner Kraft hinter
einem anderen zurücksteht. Wen gibt es denn nach ihm als Schöpfer von Leben,
Unsterblichkeit (und) Wandel? Ist er es nicht selbst, der schafft?349 Gott ist nämlich nicht
untätig, denn sonst wäre alles untätig. Alles ist in derTat voll von Gott. Nein, auch im Kosmos
gibt es nirgendwo Untätigkeit und auch nirgendwo anders. Untätigkeit ist ein Wort ohne Sinn,
sowohl im Hinblick auf den Schaffenden als auch auf das Werdende. 6. Alles muß werden,
immer und auch entsprechend seiner Bedeutung350 für jeden einzelnen Ort. Denn der
Schöpfer ist in allem, und nicht verweilt er an diesem oder jenem Ort und befaßt sich nicht mit
der Erschaffung von nur einer einzigen351 Sache, sondern er erschafft alles. Er ist [Seite 127]
eine wirkungsmächtige Kraft und gewinnt seine Selbständigkeit nicht durch das, was er
geschaffen hat, sondern das, was entsteht, ist von ihm abhängig. Betrachte durch mich352 den
Kosmos, wie er vor deinen Augen liegt, und begreife genau seine Schönheit: er ist ein
unversehrter Körper und nichts wird je älter sein als er, und dennoch steht er in allem in der
Blüte seiner Kraft, ist jung und blüht über und über.
7. Sieh auch die (vor dir) liegenden sieben Welten,353 deren Ordnung in ewig gültiger
Weise geregelt ist und die in ihrem unterschiedlichen Lauf den Aion354 ausmachen; alles
(Irdische) ist nun voller Licht, aber nirgendwo ist Feuer.355 Denn die Liebe und Vermischung
des Gegensätzlichen und Unähnlichen ist zu Licht geworden, das von oben seine Leuchtkraft
bekommt von der Wirkkraft Gottes, des Erzeugers von allem Guten und aller Ordnung356 der
sieben Welten. Sieh den Mond, der all jenen (Welten) vorauseilt,357 das Werkzeug der Natur,
der die Materie [Seite 128] unten verändert. Und sieh die Erde, die Mitte des Alls, die als
Fundament des schönen Kosmos daliegt, die Ernährerin und Amme der irdischen Wesen.
Betrachte, wie groß die Menge der unsterblichen und auch der sterblichen Lebewesen ist und
wie der Mond in der Mitte von beiden, nämlich der unsterblichen und sterblichen Wesen,
seine Kreisbahn zieht.
8. Alle Lebewesen sind aber erfüllt von Seele, und alle sind in Bewegung, die einen am
Himmel, die anderen auf der Erde, und zwar bewegen sich die Lebewesen rechts nicht nach
links und die Lebewesen links nicht nach rechts und auch nicht die oben nach unten und die
unten nach oben. Und daß sie alle geworden sind, teuerster Hermes, brauchst du von mir nicht
mehr zu erfahren. Denn sie sind Körper und haben Seele und bewegen sich. Unmöglich aber
ist es, daß sie zu einer Einheit zusammenkommen355 ohne den, der sie zusammenführt.
Diesen muß es geben, und auf jeden Fall muß er ein einziger sein.
9. Denn weil die Bewegungen unterschiedlich und von größer Zahl sind und die Körper
nicht gleich sind, aber dennoch ein einziges Gefüge der Geschwindigkeiten359 für alle
festgesetzt ist, kann es unmöglich zwei oder gar mehrere Schöpfer geben. Denn unter der
Leitung vieler kann eine einzige Ordnung nicht eingehalten werden. Denn wo es viele gibt, ist
Eifersucht auf den Stärkeren die Folge. Und ich sage dir: Auch wenn der Schöpfer der
veränderlichen und sterblichen Lebewesen ein anderer wäre, hätte er das Verlangen gehabt,
auch unsterbliche zu schaffen, wie auch der Schöpfer der unsterblichen Wesen das Verlangen
hatte, sterbliche zu schaffen. Nun nimm [Seite 129] aber an,360 es gäbe wirklich zwei, aber
nur eine Materie und eine Seele, bei wem von ihnen befänden sich dann die Mittel361 für die
Schöpfung? Wenn aber bei beiden, bei wem wäre der größere Teil?
10. Denke es dir dagegen so, daß jeder lebende Körper aus Materie und Seele
zusammengesetzt ist, sowohl der eines unsterblichen als auch der eines sterblichen und auch
der eines vernunftlosen Wesens.362 Denn alle lebenden Körper sind beseelt, wenn sie aber
nicht leben, ist die Materie wiederum für sich und die Seele in gleicher Weise für sich, wobei
sie als Urheberin des Lebens beim Schöpfer verweilt. Urheber aber des gesamten363 Lebens
ist der Urheber der Unsterblichen. Inwiefern sind also die sterblichen Lebewesen anders als
die unsterblichen?364 Warum darf derjenige, der das Unsterbliche und Unsterblichkeit
schafft, nicht ein sterbliches Lebewesen schaffen?365
11. Und daß irgendeiner existiert, der die Lebewesen erschafft, ist [Seite 130]
offensichtlich, daß er aber auch ein einziger ist, ist vollkommen klar; denn es gibt auch (nur)
eine einzige Seele, ein einziges Leben und eine einzige Materie. Wer ist dies? Wer sonst sollte
es sein, wenn nicht der eine einzige Gott? Welchem anderen käme es wohl zu, beseelte
Lebewesen zu schaffen, wenn nicht Gott allein? Gott ist also ein einziger. Es ist vollkommen
lächerlich:366 Du hast zugestanden, daß der Kosmos immer (einer)367 ist und die Sonne eine
einzige, der Mond ein einziger und auch die göttliche Wirkkraft eine einzige ist, unter
wieviele (seinesgleichen) willst du dann Gott selbst einreihen? 12. Er allein schafft also alles.
Der Gipfel des Lächerlichen ist folgendes:(366) Wie368 sollte es denn für Gott etwas (zu)
Großes sein, Leben und Seele und Unsterblichkeit und Veränderung zu erschaffen, wo auch
du so vieles tust? Denn du siehst, sprichst, hörst, riechst, tastest, bewegst dich fort, denkst und
atmest, und es ist nicht ein anderer, der sieht, ein an derer, der hört, spricht, tastet, riecht, sich
fortbewegt, denkt, und ein anderer, der atmet, sondern ein einziger ist es, der dies alles tut.
Aber auch jene Tätigheiten sind nicht ohne Gott zu denken. [Seite 131]
Wie du nämlich kein Lebewesen mehr bist wenn du damit aufhörst, so ist - man darf es gar
nicht ausprechen - Gott nicht mehr Gott, wenn er aufhört, jenes zu erschaffen.
13. Wenn nun bewiesen ist, daß (du nicht)369 existierst, wenn du nichts vermagst, um
wieviel mehr gilt das für Gott! Wenn es nämlich etwas gibt, was er nicht erschafft - man darf
es gar nicht aussprechen - ist er unvollkommen; wenn er aber einerseits nicht untätig,
andererseits aber vollkommen ist, erschafft er also alles. Wenn du dich mir noch eine kurze
Zeit anvertraust, Hermes, wirst du noch leichter begreifen, daß Gottes Werk ein einziges ist
damit alles wird, was im Werden ist oder was einmal geworden ist oder was werden wird.
Dies, mein Teuerster ist Leben, dies ist das Schöne, dies ist das Gute, dies ist Gott.
14. Wenn du es aber auch praktisch begreifen willst, dann sieh, was dir geschieht wenn du
zeugen willst. Jedoch ist es nicht dasselbe. Gott empfindet ja keine Lust. Er hat auch keinen
Partner. Alleinwirkend ist er, ist immer in Tätigkeit und ist selbst, was er erschafft. Würde das
von ihm getrennt, müßte nämlich alles zwangsläufig in sich zusammenfallen, und alles müßte
sterben, weil es dann kein Leben mehr gäbe. Wenn aber alles lebendig ist, und das Leben ein
einziges ist, dann ist Gott auch ein einziger. Und noch einmal: Wenn alles lebendig ist am
Himmel und auf der Erde und überall ein einziges Leben durch Gott entsteht, dann ist dies
Gott;370 alles entsteht also durch Gott, das Leben aber ist die Verbindung371 [Seite 132] mit
Geist und Seele. Der Tod ist aber nicht die Vernichtung dessen, was zusammengebracht
wurde, sondern lediglich die Trennung dieser Verbindung.
15.372 Man sagt, daß die Veränderung (deshalb) Tod bedeute, weil der Körper sich
auflöse, das Leben aber ins Unsichtbare verschwinde. Das, was sich diesen Worten zufolge
auflöst, mein teuerster Hermes, und der Kosmos - so hörst du es in deiner religiösen
Ängstlichkeit (von anderen)-373 verändern sich nach meiner Auffassung (lediglich) deshalb,
weil täglich ein Teil von ihm unsichtbar wird, sich aber niemals auflöst. Und das ist es, was
mit dem Kosmos geschieht: Drehungen374 und Prozesse des Verschwindens. Die Drehung
bedeutet Umwendung,375 das Verschwinden aber Erneuerung.
16. Der Kosmos ist allgestaltig, wobei er nicht Formen enthält, die (von außen) in ihn
hineingelegt worden sind, sondern in sich verändert er sich selbst. Da nun der Kosmos
allgestaltig geschaffen ist, wie beschaffen dürfte dann [Seite 133] sein Schöpfer sein? Doch
nicht ohne Gestalt! Wenn er aber auch selbst allgestaltig ist, dann wird er dem Kosmos gleich
sein. Und wenn er eine einzige Gestalt hat? In diesem Falle wird er dem Kosmos unterlegen
sein. Wie sollen wir ihn uns also vorstellen, damit wir den Gedankengang nicht in eine Aporie
führen? Denn was man über Gott denkt, darf nicht in eine Aporie führen. Er hat also eine
einzige (geistige) Form 38la) - wenn es denn eine Form von ihm gibt-, die nicht unserer
Sinneswahrnehmung unterliegt d. h.unkörperlich ist und alle Formen durch die Körper
sichtbar macht.
17. Und wundere dich nicht, daß es eine unkörperliche Form gibt. Denn sie ist wie die des
Wortes. Und auch auf den Bildern sieht man Berggipfel, die zwar steil herausragen, aber in
der Bildwirklichkeit vollkommen glatt und eben sind.376 Bedenke das Gesagte; es ist zwar
recht kühn, aber wahr. Wie der Mensch nämlich ohne Leben nicht leben kann, so kann auch
Gott nicht leben, ohne das Gute zu schaffen. Dies ist gleichsam das Leben und die Bewegung
Gottes: alles zu bewegen und zu beleben.
18. Manehe meiner Worte erfordern ein ganz besonderes Mit- und Nackdenken; so z. B.
versuche zu verstehen, was ich nun sagen will. Alles ist in Gott, nicht als ob es sich an einem
Ort377 befände - denn ein Ort ist auch ein Körper, und zwar ein unbewegter Körper, und alles,
was sich irgendwo befindet, hat keine Bewegung, es befindet sich nämlich in anderer Weise in
seiner unkörperlichen Vorstellungskraft. Erkenne den, der alles umgreift, und begreife, daß
nichts das Unkörperliche begrenzen [Seite 134] kann, daß es nichts gibt, was schneller ist und
mehr vermag. Das Unkörperliche ist von allem das Unbegrenzte, das Schnellste und das, was
am meisten vermag.
19. Und so versuche es auch von deiner eigenen Erfahrung her zu verstehen: Befiehl deiner
Seele nach Indien378 zu reisen, und schneller als dein Befehl wird sie dort sein. Befiehl ihr,
dann zum Ozean zu gehen, und so wird sie wiederum in Kürze dort sein, nicht als ob sie von
einem Ort zum anderen ginge, sondern als ob sie oängst) dort wäre. Befiehl ihr, auch in den
Himmel hinaufzufliegen, und sie wird keine Flügel benötigen. Es wird ihr aber auch nichts im
Wege sein, weder das Feuer der Sonne noch der Äther, nicht die Umdrehung (der Fixsterne),
nicht die Körper der anderen Sterne. Durch alles wird sie sich einen Weg bahnen und bis zum
äußersten Körper379 fliegen. Wenn du aber auch ihn ganz aufreißen wolltest und auch das
anschauen, was außerhalb ist wenn es überhaupt etwas außerhalb des Kosmos gibt dann steht
es dir frei.
20. Siehe, wie groß deine Kraft, wie groß deine Schnelligkeit ist. Und du sollst das können,
Gott aber nicht? Auf diese Weise also begreife, daß Gott alles wie Gegenstände seines
Denkens in sich hat: den Kosmos und sich selbst ganz und gar.380 Wenn du dich Gott nicht
gleichmachst, kannst du Gott nicht erkennen. Denn Gleiches kann nur durch Gleiches erkannt
werden. Vergrößere dich um eine unermeßliche Größe, lasse jede Körperlichkeit zurück,
erhebe dich über alle Zeit, werde zum Aion, und du wirst Gott erkennen können. Nimm an,
nichts sei dir unmöglich, und glaube, daß du unsterblich bist und alles begreifen kannst, jede
[Seite 135] Fertigkeit, jede Kenntnis, jeden Lebewesens Wesensart. Werde höher als jede
Höhe, niedriger als jede Tiefe, erfasse in dir alle Sinneseindrücke zugleich, die es von dem
Geschaffenen381 gibt: vom Feuer, vom Wasser, vom Trocknen, vom Feuchten, und denke,
überall zugleich zu sein: auf der Erde, im Meer, im Himmel, vor der Geburt, im Mutterleib,
ein junger Mann, ein alter Mensch, tot und nach dem Tode; und wenn382 du dies alles
zugleich denken kannst: Zeiten, Räume, Dinge, Qualitäten, Quantitäten, kannst du Gott
erkennen.
21. Wenn du aber deine Seele im Körper einschließt und sie demütigst und sagst: ,Nichts
erkenne ich, nichts vermag ich; ich fürchte das Meer, ich kann nicht zum Himmel aufsteigen
ich weiß nicht, wer ich war, ich weiß nicht, wer ich sein werde¦,353 was hast du dann mit Gott
zu schaffen? Nichts vom Schönen und Guten kannst du dann erkennen, weil du den Körper
liebst und schlecht bist. Denn vollkommene Schlechtigkeit ist es, das Göttliche nicht zu
erkennen. Aber es erkennen zu können, dies zu wollen und darauf zu hoffen, das ist ein
gerader Weg, der überall zum Guten führt384 und leicht für dich zu begehen ist. Überall wird
es dir begegnen, und überall wirst du es sehen, an einem Ort und zu einer Zeit, wo du es nicht
erwartest, im Wachen, im Schlaf, [Seite 136] zu Wasser, zu Lande, nachts, am Tage, wenn du
sprichst und wenn du schweigst. Denn nichts gibt es, was es nicht ist.
22. Und dann sagst du: ,Gott ist unsichtbar¦? Schweig und versündige dich nicht. Wer ist
denn sichtbarer als er? Aus eben diesem Grund hat er alles erschaffen damit du ihn durch alles
siehst. Dies ist das Gute Gottes, darin liegt seine Vollkommenheit (2ret=) daß er durch alles
sichtbar wird. Nichts ist nämlich unsichtbar, nicht einmal etwas Unkörperliches. Geist wird
sichtbar im Denken und Gott wird sichtbar im Schaffen.356 Soweit ist dir dies alles offenbart
worden, Trismegistos. Alles übrige begreife in gleicher Weise für dich allein, und du wirst
keiner Täuschung unterliegen.


12 Gespräch des Hermes Trismegistos mit Tat [Seite 146]

Über den (allen Wesen) gemeinsamen Geist (per+ koino« no«)

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Inhalt
1-4Der Ursprung des Geistes und seine unterschiedlichen Wirkungen in Mensch und Tier
5- 7 Schicksal 
(heimarmenä) und Geist
8-9Drei Worte des "Guten Dämon" über den Geist
10-11 Der Geist als ,Erleiden¦ (p1jo')
12-14 Geist und Logos (Denken und Sprache)
14-15 Die kosmische Ordnung und die zusammengesetzten Körper
15-18 Die Lebendigkeit des Kosmos und seiner Teile
19-20 Der Mensch als herausgehobenes Lebewesen
21-23 Die natürliche Gotteserkenntnis


[Seite 146]
1. Hermes: "Der Geist, Tat, stammt allein aus Gottes Wesen, wenn es denn ein Wesen
Gottes gibt. Und auch von welcher Beschaffenheit es ist, das411 weiß er allein genau. Der
Geist ist also nicht abgetrennt von der Wesenhaftigkeit Gottes, sondern breitet sich gleichsam
(von ihr) aus412 wie das Sonnenlicht (von der Sonne). Und dieser Geist ist in den Menschen
Gott. Deswegen sind auch einige Menschen Götter, und ihr Menschsein413 steht dem
Gottsein nahe. Der ,Gute Dämon¦ (êAgaj/' Da[mwn), nannte ja auch die Götter unsterbliche
(Menschen) und die Menschen sterbliche Götter. In den unvernünftigen Lebewesen dagegen
ist (der Geist)4¦5 der natürliche Instinkt. [Seite 147]
2. Wo nämlich Seele ist, dort ist auch Geist, ebenso wie dort wo Leben ist, auch Seele ist; in
den unvernünftigen Lebewesen aber ist die Seele Leben ohne Geist. Der Geist ist nämlich der
Wohltäter der menschlichen Seelen, denn er wirkt zum Guten hin auf sie ein; die
unvernünftigen Lebewesen unterstützt er durch den natürlichen Instinkt in jedem einzelnen,
den menschlichen (vom Körper beeinträchtigten) Seelen aber wirkt er entgegen. Denn jede
Seele wird, kaum ist sie im Körper, durch Kummer und Freude verdorben. Denn der Körper
ist zusammengesetzt, und wie Säfte brodeln in ihm Kummer und Freude, in die dann die Seele
völlig eintaucht.
3. All den Seelen nun, die der Geist leitet, läßt er sein eigenes Licht scheinen und wirkt
ihren Vorstellungen entgegen. Wie ein guter Arzt dem Körper, der von der Krankheit
befallen4l6 ist durch Brennen oder Schneiden Schmerz zufügt, auf dieselbe Weise fügt der
Geist der Seele Schmerz zu, indem er sie von den sinn lichen Freuden zurückreißt, wovon jede
Krankheit der Seele kommt. Eine große Krankheit der Seele ist die Gottlosigkeit und dann ihr
Scheinwissen,417 die alle (anderen) Übel nach sich ziehen und nichts Gutes. Indem also der
Geist ihr zuwiderhandelt, schafft er der Seele das Gute, wie auch der Arzt dem Körper die
Gesundheit.
4. Allen menschlichen Seelen, die den Geist nicht als Lenker besitzen, geschieht dasselbe
wie denen der unvernünftigen Lebewesen; er wird ihnen nämlich Gehilfe, gibt sie ihren
Begierden preis und läßt zu, daß sie von der Heftigkeit ihres Verlangens fortgerissen werden
und nach dem Unvernünftigen streben;418 und wie die unvernünftigen Lebewesen geraten
diese [Seite 148] Seelen in unvernünftige Leidenschaften und hören nicht auf, ohne Verstand
zu begehren und finden keine Sättigung ihrer Laster. Denn Leidenschaften (Jymo[) und
unvernünftige Begierden (5pijum[a) sind übergroße Laster; um sie ans Licht zu bringen und
zu bestrafen,4l9 dazu hat Gott das Gesetz aufgestellt."
5. Tat: "Hiermit, Vater, scheint die Lehre über das Schicksal (heimarmenä) wie sie sich
bisher mir ergeben hat, umgestoßen zu werden. Wenn es nämlich durch das Schicksal
unbedingt festgelegt ist, daß ein bestimmter Mensch Ehebruch begeht oder einen Tempel
ausraubt oder irgendeine andere Übeltat begeht, dann wird doch eigentlich derjenige bestraft,
der die Tat aus Schicksalszwang420 begangen hat." Hermes: "Alles ist Werk des Schicksals
(heimarmenä) mein Sohn, und es gibt nichts in der körperlichen Welt, nichts Gutes und nichts
Schlechtes, (was)421 ohne es geschehen kann. Durch das Schicksal ist festgelegt, daß auch
der, der das Gute tut, ihm unterliegt, und deswegen handelt er, damit ihm widerfährt, was ihm
widerfährt, weil er so gehandelt hat.422
6. Zum jetzigen Zeitpunkt423 soll aber nicht (die) Rede von Schlechtigkeit und Schicksal
sein. Darüber haben wir an anderer Stelle424 gesprochen. Jetzt [Seite 149] handelt unser
Gespräch vom Geist, was er vermag und wie unterschiedlich er wirkt, bei den Menschen auf
die eine Weise, bei den unvernünftigen Lebewesen in ganz anderer Weise. Und noch einmal
sage ich, daß er in den anderen (den vernunftbegabten)425 Lebewesen nicht (nur) wohltätig
wirkt, sondern unterschiedlich in allen, je nachdem in welchem Maße er den
leidenschaftlichen (t/ jumik7n) und begehrenden Seelenteil (t/ 5pijumik7n) unterdrückt;
und von diesen muß man die einen für vernünftige, die anderen für unvernünftige Menschen
halten. Alle Menschen unterliegen aber dem Schicksal und dem Werden und der (ständigen)
Veränderung; darin liegt nämlich Anfang und Ende des Schicksals. 7. Und allen Menschen
widerfährt das, was vom Schicksal bestimmt ist; den Vernünftigen, die, wie wir sagten, der
Geist beherrscht, widerfährt es nicht in gleicher Weise wie den anderen, sondern befreit von
der Schlechtigkeit, erfahren sie es, ohne schlecht zu sein."
Tat: "Wie meinst du das wieder, Vater? Der Ehebrecher ist nicht schlecht? Der Mörder
nicht schlecht, und all die anderen?"426
Hermes: "Nein, so meine ich es nicht, sondern der Vernünftige, mein Sohn, unterliegt dem
Schicksal (heimarmenä) ohne Ehebruch begangen zu haben, aber wie wenn er ein Ehebrecher
wäre, und ohne gemordet zu haben, aber wie wenn er ein Mörder wäre:427 es ist unmöglich,
dem zu entkommen, was die (ständige) [Seite 150] Veränderung und auch das Werden mit
sich bringen.428 Aber der Schlechtigkeit kann entkommen, wer den Geist besitzt.
8. Ich habe auch den ,Guten Dämon¦ (êAgaj/' Da[mwn) deshalb immer wieder sagen
hören - und wenn er es aufgeschrieben und herausgegeben hätte, hätte er dem
Menschengeschlecht großen Nutzen gebracht; jener nämlich hat allein, mein Sohn, in
Wahrheit als erstgeborener Gott das All geistig erfaßt und göttliche Worte ausgesprochen; ich
hörte ihn jedenfalls einmal sagen: ,AIles ist eins, und das gilt besonders für (die) geistigen
Körper. Wir leben durch die Kraft und das Wirken (Gottes), nämlich durch den Aion.¦429
Und: ,Gottes Geist ist gut, der430 ja auch seine Seele ist.¦ Weil es sich nun so verhält, ist das
Geistige ohne räumliche Ausdehnung. Daher kann der Geist, da er alles beherrscht und Gottes
Seele ist, schaffen, was er will.
9. Du begreife es und bringe diese Lehre mit dem in Verbindung, worüber du mich vorher
befragt hast; ich meine: über das Schicksal (heimarmenä)(heimarmenä) (und) den Geist.431 Wenn du
nämlich deine streitsüchtigen Reden vollkommen zurückstellst, mein Sohn, wirst du finden,
daß der Geist, die Seele Gottes, wahrhaftig über alles herrscht, über das Schicksal, das Gesetz
und alles übrige. Und nichts ist ihm unmöglich, weder die menschliche Seele über das
Schicksal zu setzen, noch sie [Seite 151] unter das Schicksal zu setzen, was ja vorkommt,
wenn sie unbekümmert und fahrlässig lebt. Und soviel soll nun über die bedeutendsten
Aussprüche des ,Guten Dämon¦ (êAgaj/' Da[mwn) gesagt sein."
Tat: "Und das geschah in göttlicher, wahrhaftiger und nützlicher Weise, Vater. 10. Jenes
mache mir aber noch deutlich. Du sagtest nämlich, daß der Geist in den unvernünftigen
Lebewesen als natürlicher Instinkt wirke und mit ihren Trieben zusammenwirke. Die Triebe
der unvernünftigen Lebewesen sind meiner Meinung nach ein ,Erleiden¦.432 Wenn aber nun
der Geist mit den Trieben zusammenwirkt433 und die Triebe ein ,Erleiden¦ sind, ist dann nicht
auch der Geist ein ,Erleiden¦, weil er mit dem, was ein ,Erleiden¦ ist, in Berührung gerät?"
Hermes: "Gut so, mein Sohn, zu Recht fragst du; ich muß dir antworten. 11. Alles
Unkörperliche im Körper, mein Sohn, erfährt ein,Erleiden¦ und ist im eigentlichen Sinne ein
,Erleiden¦.434 Denn jedes Bewegende ist unkörperlich und jedes Bewegte ist Körper, und die
Körper435 werden vom Geist bewegt. Bewegung ist aber ein Vorgang des ,Erleidens¦: beides
,erleidet¦ etwas, sowohl das Bewegende als auch das Bewegte, wobei das eine Ursache ist, das
andere verursacht wird. Wenn der Geist sich aber vom [Seite 152] Körper befreit, entledigt er
sich auch des ,Erleidens¦. Eigentlich gibt es wohl nichts, mein Sohn, was nichts ,erleidet¦,
sondern alles erfährt ein,Erleiden¦. Es besteht aber ein Unterschied zwischen ,dem Erleiden¦
(des Subjekts) und dem, was (als Objekt) ein,Erleiden¦ erfährt.436 Das eine nämlich wirkt, das
andere ,erleidet¦ eine Einwirkung. Und das Unkörperliche437 wirkt sogar von sich selbst aus;
entweder ist es nämlich unbewegt oder es bewegt sich. In beiden Fällen liegt ein ,Erleiden¦
vor, die Körper438 aber sind immer das Objekt des Wirkens, und deswegen erfahren sie
ein,Erleiden¦. Laß dich nicht vom Wortgebrauch verwirren. Das Wirken und das ,Erleiden¦
meinen dasselbe. Aber den jeweils glücklicheren Ausdruck zu wählen, ist nicht von Schaden.¦¦
12. Tat: "Ganz klar und deutlich, Vater, hast du deine Antwort gegeben."
Hermes: "Betrachte auch jenes, mein Sohn: Gott hat folgende zwei Dinge dem Menschen
im Gegensatz zu allen anderen sterblichen Lebewesen geschenkt, den Geist und den Logos,
beide gleich wertvoll für die Unsterblichkeit, den Logos aber, der (als gesprochenes Wort) aus
dem Inneren hervorgeht, besitzt er (von [Seite 153] sich aus).439 Wenn ein Mensch sie (Geist
und Logos) dazu benutzt, wozu man sie benutzen soll, wird sich bei ihm kein Unterschied zu
den Unsterblichen finden lassen. Vielmehr wird er nach Verlassen des Körpers von beiden
zum Chor der Götter und Glückseligen geführt."
13. Tat: "Die anderen Lebewesen haben keine Sprache (Logos), mein Vater?"
Hermes: "Nein, mein Sohn, sondern Laute. Sprache unterscheidet sich sehr von Lauten.
Sprache ist nämlich allen Menschen gemeinsam, die Laute sind dagegen jeder einzelnen
Tiergattung eigentümlich."
Tat: "Aber ist nicht auch, mein Vater, die Sprache der Menschen bei jedem Volk
verschieden?"
Hermes: Zwar verschieden, aber der Mensch ist ein und derselbe. So ist auch der Logos ein
und derselbe, und er wird übersetzt, und man entdeckt, daß er derselbe ist in Ägypten Persien
und in Griechenland.440 Du scheinst mir, mein Sohn, die Kraft und die Größe des Logos zu
verkennen. Der selige Gott, der ,Gute Dämon¦ (êAgaj/' Da[mwn), behauptete, daß die Seele
im Körper, der Geist in der Seele, der Logos im Geist sei und Gott der Vater von diesen allen
sei. 14. Der Logos ist nun Abbild und Geist Gottes; der Körper Abbild der Idee und die Idee
Abbild der Seele. Der feinste Teil der Materie ist die Luft, der feinste Teil der Luft die Seele,
von der Seele aber der Geist und vom Geist Gott. Und Gott ist [Seite 154] um alles und
durchdrillgt alles, der Geist aber ist um die Seele, die Seele um die Luft, die Luft aber um die
Materie.
Notwendigkeit (anankä) Vorsehung (Pronoia) und Natur wirken als Werkzeuge für
den Kosmos und die Ordnung der Materie.
Und jedes der geistigen Dinge ist Sein, und ihr Sein ist Identität. Jede der körperlichen
Substanzen442 im All aber ist eine Vielheit. Sie besitzen nämlich als zusammengesetzte
Körper443 Identität, und in der wechselseitigen Veränderung der einen Substanz in die andere
bewahren sie für alle Zeit die Unvergänglichkeit ihrer Identität. 15. Bei all den anderen
zusammengesetzten Körpern hat jeder seine Zahl. Denn ohne Zahl kann es unmöglich ein
Gefüge, eine Zusamlnensetzung oder eine Auflösung geben. Die ,Einheiten¦ lassen die Zahl
entstehen, vergrößern sie und nehmen sie, wieder aufgelöst, in sich auf; und (doch) bleibt die
Materie eine einzige. Dieser gesamte Kosmos, der große Gott und Abbild des größeren
Gottes, der durch jenen zu einer Einheit geworden ist und die Ordnung und den Willen des
Vaters bewahrt ist die Fülle des Lebens, und es gibt in ihm während eines gesamten Zeitalters,
das durch die vom Vater bestimmte Wiederherstellung aller Dinge begrenzt wird,444 nichts,
weder von dem Ganzen noch von einem seiner Teile, was nicht lebt. Denn weder gab es im
Kosmos etwas Totes noch gibt es dies oder wird es künftig geben. Der Vater [Seite 155]
wollte nämlich, daß der Kosmos ein Lebewesen sei, solange er besteht. Deswegen muß er
notwendigerweise auch ein Gott sein.
16. Wie könnte es denn, mein Sohn, in diesem Gott, in dem Abbild des Vaters,445 und in
der Fülle des Lebens Totes geben? Denn Totsein heißt Verderben und Verderben Untergang.
Wie kann ein Teil des Unvergänglichen vergehen oder ein Teil Gottes untergehen?"
Tat: "Sterben also nicht, mein Vater, die Lebewesen in ihm, die doch Teile von ihm sind?"
Hermes: "Schweig und versündige dich nicht, mein Sohn; du läßt dich durch den Begriff
des Werdens irreführen. Denn die Lebewesen sterben nicht, mein Sohn, sondern als
zusammengesetzte Körper lösen sie sich auf. Ihre Auflösung aber ist kein Tod, sondern die
Trennung einer Verbindung. Sie lösen sich aber nicht auf, um zugrunde zu gehen, sondern um
von neuem zu werden. Denn worin besteht die Kraft des Lebens? Nicht in der Bewegung?
Und was ist im Kosmos unbewegt? Nichts, mein Sohn!"
17. Tat: "Scheint dir die Erde nicht unbewegt zu sein?"
Hermes: "Nein, mein Sohn, sondern sie ist das einzige, was sowohl in vielfacher Weise
sich bewegt als auch (in sich) stillsteht. Wie lächerlich wäre es, wenn die Ernährerin aller
unbewegt wäre, sie, die alles erzeugt und gebiert. Denn ein Erzeuger kann unmöglich ohne
Bewegung etwas erzeugen. Höchst lächerlich ist es aber, wenn du fragst, ob der vierte Teil
(des Alls)446 untätig sei. Denn die Unbewegtheit eines Körpers bezeichnet nichts anderes als
Untätigkeit.
18. Wisse also ganz allgemein, mein Sohn, daß alles, was im Kosmos ist, sich bewegt,
entweder indem es abnimmt oder größer wird. Was sich aber bewegt, lebt auch, und [Seite
156] notwendigerweise kann ein Lebewesch nicht in jeder Hinsicht dasselbe bleiben. Denn
der gesamte Kosmos ist zusammengenommen unver änderlich, mein Sohn, aber alle seine
Teile sind veränderlich, und nichts ist vergänglich oder geht zugrunde, sondern der
Wortgebrauch verwirrt die Menschen. Denn nicht das Werden, sondern das Bewußtsein ist
Leben, nicht die Veränderung, sondern der Verlust des Bewußtseins ist Tod. Weil sich dies
nun so verhält, ist alles unsterblich: die Materie, das Pneuma die Seele und der Geist, aus
denen447 jedes Lebewesen besteht.
19. Jedes Lebewesen ist also durch ihn448 unsterblich. Von allen Lebewesen trifft das aber
am meisten für den Menschen zu, der sogar die Möglichkeit hat, Gott in sich aufzunehmen
und mit Gott in Verbindung zu treten. Denn Gott teilt sich allein diesem Lebewesen mit, in der
Nacht durch Träume und am Tag durch Vorzeichen, und durch alles mögliche sagt er ihm die
Zukunft voraus: durch Vogelzeichen durch Eingeweideschau durch ein Pneuma, durch eine
Eiche;449 deshalb behauptet auch der Mensch von sich, Vergangenes, Gegenwärtiges und
Zukünf tiges zu wissen.
20. Sieh aber auch jenes, mein Sohn: jedes Lebewesen befindet sich in einem einzigen Teil
des Kosmos. Die Wassertiere im Wasser, die Landtiere auf dem Land, die Vögel in der Luft,
der Mensch aber benutzt dies alles: das Land, das Wasser die Luft, das Feuer. Er sieht ja auch
zum Himmel auf und erreicht auch diesen mit seiner Wahrnehmung. [Seite 157] Gott ist um
alles und durchdringt auch alles. Denn er ist Wirken und Kraft. Und es ist in keiner Weise
schwer, Gott zu erkennen, mein Sohn.
21. Wenn du ihn aber auch sinnlich erfassen willst, betrachte die Ordnung des Kosmos und
die Schönheit dieser Ordnung. Betrachte die Notwendigkeit (anankä) in der Welt der
(himmlischen) Erscheinungen und die Vorsehung (Pronoia) für das Gewordene und
Werdende. Betrachte die Materie, wie sie voll von Leben ist, (und) den so großen Gott,450
wie er in Bewegung ist mit allem Guten und Schönen (in ihm), mit Göttern, Dämonen und
Menschen."
Tat: "Aber das (alles) sind, mein Vater, (nur) Produkte des göttlichen Wirkens?"451
Hermes: "Wenn es nun insgesamt (nur) Produkte des göttlichen Wirkens sind, mein Sohn,
wer ist dann der Urheber dieses Wirkens? Ist es ein anderer als Gott?452 Oder weißt du nicht,
daß so, wie Himmel, Wasser, Erde und Luft Teile des Kosmos sind, auf dieselbe Weise Leben
und Unsterblichkeit, Ewigkeit,453 Notwendigkeit, Vorsehung, Natur, Seele und Geist
Glieder (Gottes) sind454 und daß das dauernde Vorhandensein von diesen allen das [Seite
158] ist, was man das Gute nennt. Und es gibt nichts Werdendes oder Gewordenes mehr, wo
Gott nicht ist."
22. Tat: "Also ist er in der Materie, mein Vater?"
Hermes: "Ja, denn ist die Materie getrennt von Gott, welchen Platz willst du ihr dann
zuteilen? Was, glaubst du, ist sie dann anderes als ein Haufen, wenn sie nicht ein Einwirken
erfährt. Wenn sie aber ein Wirken erfährt, von wem? Denn wir sagten doch, daß die
Wirkungen Teile Gottes sind. Von wem wird alles Lebende also lebendig gemacht? Von wem
wird alles Unsterbliche unsterblich gemacht? Von wem wird alles Veränderliche verändert?
Magst du von Materie, Körper oder Sein sprechen, wisse, daß auch dies Wirkungen Gottes
sind.455 Die Wirkkraft, die die Materie entstehen läßt, ist die Materialität; die Wirkkraft, die
die Körper entstehen läßt, ist (die) Körperhaftigkeit; die Wirkkraft, die das Sein entstehen
läßt, ist die Seinshaftigkeit.456 Und dies ist Gott, das All. 23. Im All ist nichts, was nicht Gott
ist. Daher gibt es bei Gott weder Größe noch Ort noch Beschaffenheit noch Form noch Zeit.
Denn er ist das All. Das All aber schließt alles ein und umfaßt alles. Diese Lehre verehre, mein
Sohn, und halte sie heilig. Nur einen einzigen Gottesdienst gibt es: nicht schlecht zu sein."457

13 Geheimes Gespräch des Hermes Trismegistos mit seinem Sohn Tat in der Wüste - Über die Wiedergeburt und die Aufforderung zum Schweigen [S 159]

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Inhalt:
1-6 Einleitung Hermes versucht, die Wiedergeburt zu erklären
6 Über Körperliches und Unkörperliches; über Wahrheit und Trug
7-9 Die Züchtigungen und die göttlichen Kräfte; Tats Wiedergeburt
10-13 Tats All-Vision; Gebot der Geheimbaltung
11-12 Einschuh: Zehn Kräfte vertreiben zwölf Laster
14 Nachtrag: Der Wiedergeborene und die Vergänglichkeit
15-16 Einleitung der Wiedergeburtshymne
17-20 Die Wiedergeburtshymne
21 Tats Gebet
22 Schluß

[Seite 159]
Der dreizehnte Traktat zählt zu den interessantesten Schriften im Corpus Hermeticum.
In ihm wird Tat zur geistigen Wiedergeburt und Vergottung geführt. CH XIII besitzt viele
Ähnlichkeiten mit NHC VI, 6 und ist der einzige Traktat, der sich explizit auf CH I bezieht,
indem er den Namen Poimandres nennt und auf dessen eschatologischen Ausblick in CH I
26 anspielt. In der Forschung wird vor allem die Frage kontrovers diskutiert, ob der Text
ein Mysterium wiederspiegelt, das in einer hermetischen Gemeinde (wobei zu fragen bleibt,
ob es solche Gemeinden gab) rituell vollzogen wurde, oder ob er nur ein sog.
"Lesemysterium" darstellt. [Seite 160]
Der Traktat gibt sich als Fortsetzung der,Allgemeinen Lehren¦ (geniko+ l7goi), die wie
CH XIII selbst (so der Titel) in der Wüste vorgetragen wurden. Auch in NHC VI, 6
62,33-63,5 wird die Kenntnis der,Allgemeinen Lehren¦als Vorstufe für die Zeugung aus
Gott genannt. Von diesen Lehren besitzen wir durch CH X einen Auszug. Dort wird
tatsächlich in den Paragraphen 5-6 auf eine höhere geistige Schau hingewiesen, die im
Schweigen und unter Ausschaltung aller Sinnc stattfindet (in dem Auszug fehlt allerdings
ein Hinweis auf die Wiedergeburt und die in CH XIII genannte dafür nötige
Voraussctzung, die Entfremdung von der Welt, wird nicht genannt.) In den,Allgemeinen
Lehren¦ ist Tat noch nicht zu einer solchen geistigen Erkenntnis fähig. In CH X111
beteuert er; nun die nötigen Bedingungen zu erfüllen. Er habe sich der Welt entfremdet
und von ihrem Trug abgewandt und verlangt nun die Unterweisung in die
Wiedergeburtslehre (¦ 1).
Das Motiv der Fremdheit in der Welt wird bereits im ps.-platonischen Axiochos 365 b
ausgesprochen, Mark Aurel hat ihm oft Ausdruck verliehen,459 und vor allem die
Gnostiker haben sich als Fremde in dieser Welt empfunden.460 Vom Trug der Welt spricht
auch der frühchristliche Diognet-Brief (X 7), vgl. Clem. Alex. Strom. II 10 (47,1). Im
gnostischen Evangelium Veritatis (NHC 1,3) ist der Irrtum (pl1nh) Symbol fur die
unerlöste und unwissende Welt (s. besonders 16,15ff:). Dieses Lebensgefühl bringt auch
der dreizehnte Traktat zum Ausdruck. In der körperlichen Welt gibt es aufgrund der
ständigen Veränderung keine Wahrheit (s. Iyr 6 und vor allem Exc: IIA 4 M. 10-13). Wer
zum Heil gelangen will, muß den Trug durchschauen und sich innerlich vom Sichtbaren
abwenden. Wenn der Autor hier auch im Gnostizismus vorkommende Motive benutzt, ist er
gleichwohl kein Gnostiker [Seite 161] (s. zu CH I S. 5); er preist Gott als den Schöpfer der
Welt uneingeschränkt (s. ¦ 17) und kennt keine herabsteigende Erlösungsfigur. 461
Hermes beginnt nun nicht wie in anderen Traktaten mit einem Lehrvortrag, sondern Tat
versucht, ihm durch Fragen das Geheimnis der Wiedergeburt zu entlocken. Über die Kürze
und Unverständlichkeit der Antworten ist Tat ungehalten und betont, daß er als Sohn ein
Recht auf die Unterweisung habe (s. auch ¦ 3). Tat fragt nach dem Mutterschoß, dem
Samen, dem Vater und dem wiedergeborencn Wesen. Der Mutterschoß ist nach Hermes¦
Ausführungen die Weisheit im Schweigen, der Same ist das Gute, der Vater der Wille
Gottes und der Wiedergeborene ist ein Gott und Gottes Kind (pa@' jeo«)462 und besteht
aus allen (göttlichcn) Kräften. Die Geburt selbst kann man nicht wie einen
Unterrichtsgegenstand lehren, sondern sie vollzieht sich in der Wiedererinnerung, wenn
Gott es will (¦ 2).
Diese Antworten müssen auf den geistigen Prozeß der menschlichen Erkenntnis
bezogen werden. Die geistige Weisheit im Schweigen meint die Erkenntnis des göttlichen
Geistes, die nicht mehr in Worte zu fassen ist. Wer zur Erkenntnis gelangt ist, besitzt auch
vollkommene Tugend (2ret=) und ist wiedergeboren. Wie in CH I konnen Denken und
Moral nicht getrennt werden (s. S. 9). Die Wiedergeburt kann aber nur stattfinden, wenn
Gott es will. Dieser Aspekt ist dem Autor sehr wichtig. An zahlreichen Stellen weist er auf
Gottes Willen hin (¦ 2, 4, 13, 18, 19 u. 20) und betont dessen Barmherzigkeit (6leo', ¦ 3, 7,
8, 10) 463 Gott zu erkennen ist kein Werk des autarken Menschen, sondern göttliches [Seite
162] Geschenk. Dem Geschenk muß der Dank und Lobpreis folgen. Das Geschenk der
Erkenntnis bedeutet Wiedererinnerung an die wahre göttliche Herkunft des Menschen, die
er in seiner körperlichen Existenz vergessen hat.464 Der Wiedergeborene erkennt alle
göttlichen Kräfte, die im Kosmos wirken, und trägt sie in dieser Weisc in sich und wird
selbst zum All-Wesen (zur Allvision s. M. S. 166). Die Wiedergeburt ist ein Bild, mit dem der
geistige Prozeß der Gotteserkenntnis beschricbcn wird. Die Weisheit als Mutter, der Wille
Gottes als Vater und das Gute als der Same erklären sich von dorther. Hinweise auf einen
sakramentalen Vorgang lassen sich in diesem einleitendem Abschnitt nicht finden.
Im folgenden 3. Paragraphen versucht Hermes auf Tats drängendes Nachfragen den
Prozeß der Wiedergeburt näher zu beschreiben, wobei er noch einmal betont, daß dies
keine Sache einer lehrhaften Unterweisung sei (s. auch ¦ 16). Angesichts dieser Polemik
möchte man gegenüber FESTUGI+REs Annahme (1942, 77ff.) eines hermetischen
"Schulbetriebs" Zweifel anmelden. Hermes beschreibt eine geistige Vision, bei der das
"Ich" den Körper verläßt und in einen unsterblichen Körper eingeht. Durch die
Erkenntnis entsteht ein neues "Ich "der Wiedergeborene, der mit dem körperlichen
Menschen nichts mehr zu tun hat (¦ 3). Tat ist verwirrt. Er weiß nicht mehr; welches sein
eigentliches "Ich" ist. Hermes sieht in dieser Verwirrung den ersten Schritt zur
Wiedergeburt. Er hofft, daß Tat seinen Körper in der Ekstase verläßt (er vergleicht dies mit
der Trennung der Seele vom Körper im Traum). Tat fragt nun, wer die Wiedergeburt
bewirkt. Der für diese Frage benutzte Terminus genesiourg7' 465 bezieht sich auf den
Menschen, der es in seiner Erkenntnis zur Wiedergeburt kommen laßt. Sie betrifft den
inneren Menschen, der durch [Seite 163] Gottes Willen zum Kind Gottes wird (¦ 4). Die
Verwandlung in der Wiedergeburt ist dem Menschen allerdings nicht anzusehen. Tat muß
feststellen, daß sich Hermes in seinem Äußeren überhaupt nicht verändert hat. Aber auch
darin irrt er. Er muß erfahren, daß der menschliche Körper ein Truggebilde ist, das sich
ständig wandelt (¦ 5). Das Wahre ist das Unkörperliche, das ohne begrenzende Form,
Farbe und Veränderung ist, das Gute (eine sehr ähnliche Beschreibung des Wahren steht
in Exc. IIA 9 u. 15). Tat erkennt, daß seine Wahrnehmungsorgane das Unkörperliche nicht
erfassen können. Diese können die Eigenschaften der vier Elemente, z. B. Schwere und
Feuchtigkeit erfassen, nicht aber das, was diese körperlichen Eigenschaften nicht besitzt.
Das Göttliche ist allein durch seine Ausstrahlung und Wirkung zu erkennen. Wer diese
Erkenntnis besitzt, versteht auch, was Wiedergeburt meint (¦ 6).
Tat ist etwas entmutigt. Aber Hermes fordert ihn auf, seine auf das Körperliche
bezogenen Wahrnehmungen aufzugeben und in der Erkenntnis des Göttlichen
wiedergeboren zu werden. Aus dem Aufruf "ziehe es zu dir" hat FESTUGI+RE466
geschlossen, daß CH XIII in das Milieu von Theurgie und Magie gehört. Er zieht zum
Vergleich die sog. Mithrasliturgie (PGM I V 475 ff.) heran, in der es ebenfalls zur
Wiedergeburt und zeitweiligen Vergottung kommt (PGM I V 645 ff ). Nun liegt das Ziel
dieses Zauberrezepts keineswegs in der Wiedergeburt und Vergottung (das Wort
paliggenes[a fehlt in den uns bekannten magisch-theurgischen Texten), sondern in
einem Orakel, das der Gott geben soll. Abgesehen von diesem wesentlichen Unterschied ist
der Zaubertext zudem von ganz anderer Art als der hermetische Traktat. Neben den
zahlreichen Zaubernamen und Formeln, die zu zitieren sind, stehen in jenem Text
Anweisungen, man möge laut brüllen, Amulette küssen oder eine Salbe herstellen. Die
erscheinenden Götter [Seite 164] werden als jung und schön mit weißem Gewand, roter
Chlamys und Goldhaar vorgestellt. Auch die sieben leibhaftig erscheinenden
Schicksalsgöttinnen und Polherrscher haben in der Hermetik keine Parallele. Der
magische Text durfte keine Orientierungshilfe für das Verständnis von CH XIII bieten.
Tat muß nicht nur seine Wahrnehmungen ablegen, sondern auch gereinigt werdcn. Die
"Züchtigungen" (timwr[ai) der Materie müsscn vertricben werden. Der innere Mensch ((
5ndi1jeto' 3njrwpo'), das eigentlichc "Ich", bcfindct sich nämlich im Gefängnis des
Körpers und wird dort von den Lastern gezüchtigt. Hermes nennt eine Liste von zwölf
Affekten und Lastern mit der Unwissenheit am Anfang und der Schlechtigkeit am Ende
(¦37, zu derartigen Listen s. S. 65). Dieses Bild meint nicht, daß der innere Mcnsch vor
seiner hiesigen Existenz eine Art Sündenfall vollzogcn hat, für den er nun im Körper
bcstraft wird (der Traktat gibt keinen Hinweis für ein solches Verständnis), sondern der
Autor hat das platonische Bild, nach dem die Seele sich im Kerker des Körpers befindet (s.
das Vorwort zu CH VII, S. 73), erweitert durch das der strafenden Laster; die den inneren
Menschen quälen. Sie strafen ihn für seine Hingabe an die körperlichen Begierden, so daß
u ie in CH I 22f. und X 20 Lasterhaftigkeit und Strafe in eins zusammenfallen (s. auch S.
98). Befreit sich der Mensch von den körperlichen Wahrnehmungen und erkennt das
Unkörperliche und Wahre, dann verlassen ihn auch die von den Wahrnehmungen
verursachten Affckte und Laster. So kann er im Geist wiedergeboren werdcn. An die Stcllc
der Laster treten die göttlichen Kräfte, die den Menschen zum Logos werden lassen (der
Logos als Gesamtheit der göttlichen Kräfte s. S. 167). Diescr Austausch von Lastern und
göttlichcn Kräften wird nun beschrieben. Tat soll schweigen, damit die göttliche
Barmherzigkeit ihm die Wiedergeburt schenken kann. Denn die Erkenntnis des Göttlichen
ist nicht mehr in Worte zu fassen. Nur durch die Ausschaltung aller körperlichcn
Funktionen kann die neue Geburt geschehen. An die Stelle der Unwisscnheit tritt die
Erkenntnis (gn*si' ), und die Freude darüber stellt sich ein. [Seite 165]
Nacheinander kann Hermes nun acht weitere göttliche Kräfte herbeirufen, zu denen
neben den Tugenden auch das Gute insgesamt und das göttliche Leben und Licht gehören
(¦ 8-9). Hier wird bereits der enge Bezug von CHXIII zu CH I deutlich. In CH I
umschreiben Leben und Licht das göttliche Sein, das sich durch den Abstieg des
"Menschen" (3njrwpo') auch in den Menschen befindet. In CH XIII gehen Leben und
Licht im Akt der Wiedergeburt in den Menschen ein und schaffen den neuen unsterblichen
"Körper". Das benutzte Bild ist unterschiedlich, der zugrundeliegende Gedankengang aber
ähnlich. Auch in CH I muß der Mensch durch die Abwendung von aller Körperlichkeit den
inneren geistigen Menschen und den göttlichen Geist als dessen Ursprung erkennen.467
Nur so kann er zum Leben und Licht zurückkehren (CH I 21); wer nicht erkennt, bleibt im
Dunkel, wird durch die Wahrnehmungen in die Irre geführt und von seinen Lastern
gequält (sie werden als "Strafdämon" [timwr/' da[mwn] zusammengefaßt) und erleidet
schließlich den Tod (CH I 19 und 23). In CH XIII erhält der Mensch durch das Ablegen der
körperlichen Wahrnehmungen und Laster das göttliche Leben und Licht geschenkt. Der
innere Mensch findet erst dann zum wahren göttlichen Leben und Licht, -wenn er sich
vorm Gefängnis des Körpers befreit hat. In beiden Texten sind Leben und Licht Symbol für
ein Dasein in der Erkenntnis, das körperliche Begierden und Affekte nicht kennt, sei es
nun, daß sie schon früher unerkannt im Menschen schlummerten, sei es, daß sie durch die
Wiedergeburt geschenkt werden.
Durch das Kommen der zehn göttlichen Kräfte werden die zwölf Laster vertrieben. Tat
ist wiedergeboren und vergottet. Die Vergottung, die in CH I 26 nach dem Tode als höchste
Vollendung erstrebt wird, wird hier in der Ekstase während des irdischen Lcbens erlebt.468
Tat hat sein wahres "Ich" erkannt, das jetzt durch [Seite 166] die göttlichen Kräfte in ihm
neu entstanden ist (¦ 10). Dieser neue Zustand äußert sich in einer All-Vision, die er in
seinem Geist schaut. Sie erinnert deutlich an die ekstatische Vision, die in CH XI 20
beschrieben ist. Der Visionär erkennt Gott, indem er alles, was ist, gleichzeitig denkt: alle
Elemente und Räume, alle Lebewesen und alle Zeiten. So umfaßt er die göttliche Kraft, die
all dies hat entstehen lassen (¦ 11). Er sieht das All in sich.469 Die Wiedergeburt ist damit
abgeschlossen. Hermes faßt seine Lehre noch einmal zusammen: das Denken orientiert
sich nicht mehr am dreidimensionalen Körper, sondern das unkörperliche Göttliche ist
geschaut worden. Die Wiedergeburt ist ein rein geistiges Geschehen. Hinweise auf rituelle
Handlungen oder magisch-theurgische Praktiken sind nicht zu erkennen.
Zwischen den Paragraphen 11 und 13 findet sich ein deutlicher Nachtrag, wobei unklar
bleibt, ob er von demselben Autor oder einem anderen stammt. Denn Paragraph 13 schließt
gedanklich unmittelbar an Paragraph 11 (N.-I; Il 205,7) an. Mitten in seiner Vision
unterbricht sich Tat plötzlich und fragt, wie eine Dekade (Zehnheit) eine Dodekade
(Zwölfheit) vertreiben kann. Die Zwölfzahl der Laster wird mit dem Tierkreis in
Verbindung gebracht. (Ist hier an einen Abstieg der Seele durch den Tierkreis gedacht, von
dem sie ihre körperlichen Hüllen erhält?). Unter seinen zwölf Teilen gibt es Paare, die
Laster entstehen lassen, die nicht voneinandergetrennt werden können. So ist es
verständlich, daß zehn Kräfte zwölf Laster vertreiben. Außerdem ist die Dekade, die dem
Wiedergeborenen eine neue Seele schenkt, eine pneumatische Einheit (%n1'), die wohl vor
allem auf dem göttlichen Leben und Licht beruht. Da auch der Tierkreis, aus dem die
Laster stammen, eine einzige Natur darstellt, wird es verständlicher, daß die Einheit der
zehn Kräfte die eine Natur der zwölf Laster vertreibt. [Seite 167]
Am Ende der Wiedergeburtslehre steht die Ermahnung, das gewonnene Wissen nicht
der Masse zu verraten. Denn auch Hermes habe diesen Text nur für die niedergeschrieben,
für die es Gott wollte.
In Paragraph 14 fragt Tat in einer Art von Nachtrag, ob der neue aus den Kräften
bestehende "Körper" sich wieder auflösen werde. Möglicherweise ist auch dieser Nachtrag
später eingefügt, da Tat auf Hermes¦ Antwort überhaupt nicht reagiert. Er wird
zurechtgewiesen und über die Unterschiedlichkeit von natürlichem und wiedergeborenem
Körper belehrt. Letzterer ist natürlich unauflöslich und unsterblich; denn der
Wiedergeborene ist Gott und Gottes Kind (s. ¦ 2 und 4). Es fällt auf, daß der Autor die
geistige Wiedergeburt mit jeweils unterschiedlichen Begriffen ausdrückt: "im Geist
geboren werden" (¦ 3); "die Geburt in Gott" (¦ 6); "die Geburt der Gottheit" (I 7);
"geistige Geburt" (¦6 10); "vergöttlicht werden durch die Geburt" (¦ 10); "die
vergöttlichende Geburt" (¦ 10);"die Geburt des wahren Seins" (¦ 14); "Gott geworden
sein" (¦ 14). Kein einziger Terminus wird wiederholt. Dieses Bemühen um Variatio ist
auch bei den Namen des Wiedergeborenen zu beobachten: Er ist "Gott und Gottes Kind" (¦
2, 4 M. 14), ein "Allwesen" (Td nal¦, ,; 2 u. 19), "unsterblicher Körper" (¦ 3 u. 14), "Auge
des Geistes" (¦ 14 u. 17), der "Mensch Gottes" oder"der eine Mensch" (¦ 19 u. 4), "Logos"
(¦ 8, 18 u. 19) und "Aion" (¦ 20). Bei den beiden letzten Namen ist daran zu erinnern, daß
der Ideenkosmos als Gesamtheit der göttlichen Kräfte schon bei Philon Logos genannt
wurde.473 Wenn Tat im 21. Paragraphen vom geistigen Kosmos, der in ihm ist, spricht,
wird deutlich, daß der Autor Bezeichnungen der Ideenwelt auf das innere All der Kräfte
übertragen hat (s. CH I 7 [N.-F. I 9,5 f.], wo die Ideen als Kräfte erscheinen). [Seite 168]
Der Traktat wird durch einen sehr umfangreichen und einen kleinen Lobpreis
abgeschlossen (¦ 17-20 und ¦ 21). Ersteren nannte FESTUGI+RE zu Recht "explosion de
pneumatisme " (1954, IV 243). Tat will den Gesang der Kräfte hören, von dem Poimandres
in seinem eschatologischen Ausblick in CH I 26 sprach. Nach der dort vorgetragenen
Lehre geht nach dem Tod und dem Ablegen des Körpers der innere Mensch in die achte
Himmelssphäre (8gdo1') über den sieben Planetenbahnen ein und hört über sich den
Gesang der göttlichen Kräfte. In der Ekstasc kann der Mensch diese postmortalen
Ereignisse vorwegnehmen und schon im hiesigen Leben den Körper verlassen und diesen
Gesang hören. Denn die göttlichen Kräfte sind in der Wiedergeburt in den Menschen
eingegangen. Hermes betont, daß ihm keine anderen schriftlichen Traditionen von
Poimandres als CHI zur Verfügung stehen. Den Hymnus hört er in sich. Auf Poimandres¦
Geheiß läßt er seinen Schüler an diesem Gesang der Kräfte teilhaben, nachdem er ihn zur
Wicdergeburt geführt hat. Hermes und Tat schweigen und hören den Gesang der¦ Kräfte,
dle in Ihnen sind. Dreimal betont der Autor im 16. Paragraphen das Schweigen. Durch den
Traktat wird also schriftlich übermittelt, was eigentlich niemals ausgesprochen, sondern in
einer inneren Versenkung gehört wird.471 Dieser innere Lobpreis soll unter freiem
Himmel stattfinden, am Morgen spricht man ihn in östliche, am Abend in westliche
Richtung (eine ähnliche Rubrik in Ascl. 41).
Der Hymnus wird als vierter bezeichnet. Diese Zahl bleibt rätselhaft. Möglicherweise
stand CH XIII in einer Sammlung hermetischer Schriften, in denen schon drei andere
Hymnen überliefert wurden. In der uns erhaltenen Sammlung enthalten nur CH I und V
einen Hymnus.472 Der Hymnus selbst ist zweigeteilt. In [Seite 169] seiner ersten Hälfte
wird mit vielen Anklängen an die Traditionen der griechischen Bibel (LXX) der Schöpfer
gepriesen (¦ 17). Für dieses Gotteslob soll die gesamte Schöpfung schweigen und sich dem
Hymnus öffnen. Gottes Schaffen in allen vier Elementbereichen wird beschrieben: er hat
die Erde verankert und den Himmcl aufgehängt;473 Wasser und Feuer hat er für die
Menschen hervorgebracht. Alle, die wicdergeborcn sind, wollcn ihm dcn Lobpreis
darbringcn. Dann folgt eine Überleitung, in der der Schöpfer, der über den Himmeln
thront, mit dem inneren Auge des Geistes identifiziert wird (N.-F. II 207,26-208,2). Der
tragende Gedanke des folgenden zweiten Teils des Hymnus (¦ 18-20) liegt darin, daß der
Urheber des Hymnus, das wiedergeborene "Ich", identisch ist mit dem Empfänger des
Hymnus. Denn das neue "Ich" sind die göttlichen Kräfte, die Gott, die Quelle aller Kräfte
und Energien, besingen: "Leben und Licht, von euch kommt, zu euch geht der Lobpreis"
(N.-F. II 208,10). So ruft der Sänger alle Kräfte einzeln auf (es fehlt nur die Enthaltsamkeit
[karter[a]), sie mögen sich selbst und Gott preisen, der das Eine und das All ist (t/ &n ka+
t/ p0n cf. dazu S. 236f). Wichtig ist dabei der Wille des Wiedergeborenen, der die
göttlichen Kräfte in sich zum Gotteslob auffordert. Aber auch dieser Wille ist mit Gottes
Willen identisch, weil dieser das Lob und den Dank wünscht. Mit diesem Konzept wird auf
originelle Weise ein in den hermetischen Traktaten oft diskutiertcs Problem gelöst, wie der
Mensch angemessen Gott preisen kann. In der Hymne in CH XIII ist es Gott selbst, der sich
durch seine Kräfte, die in den Wiedergeborenen eingegangen sind, preist. Höhepunkt
dieses Lobpreises ist der Ruf des Wiedergeborenen: "Du bist der alleinige Gott". Da er die
göttlichen Kräfte, durch die Gott alles geschaffen hat, nun in sich trägt, läßt er auch alle
Elemente, das göttliche Pneuma und alle Geschöpfe an diesem Ruf teilhaben. In seinem
Ruf wird noch einmal deutlich, daß die Wiedergeburt den Akt der [Seite 170]
Gotteserkenntnis meint. Durch diese Gotteserkenntnis findet der Mensch die Ruhe, die er
gesucht hat.474
Tat nimmt diesen Lobpreis in seine geistige Welt auf und wird dadurch erleuchtet. Aber
auch er möchte zu Gott einen Lobpreis sprechen. Es fällt auf, daß alle Zeilen dieses kurzen
Gebets elf Silben enthalten (an zwei Stellcn muß man allerdings aus anderen Gründcn
konjizieren, s. A. 538f zur Übersctzung). Auch im großen Hymnus ergebcn sich an vielen
Stcllcn überraschcndc Übereinstimmungen in der Zahl der Silben. Hier könnte ein
Übergangsstadium von der antiken zur byzantinischen Metrik sichtbar werden, deren
genaue Struktur wegen des oft unsicheren Textes allerdings verborgen bleibt. In seinem
Hymnus preist Tat Gott als Schöpfer, Herrn und Geist. Auch hier wird Gottes Wille betont,
der diesen Lobpreis wünscht. Durch seinen Hymnus spendet er ihm geistige Opfer. Der
Ausdruck "geistiges Opfer" (logik= jus[a ) stammt aus dem hellenistischen Judentum,
vorbereitet durch die hellenistische Opferkritik.475 Auch die Christen haben ihn
übernommen.476 Hermes lobt das Gebet, ermahnt den Schüler aber, seinen Worten
"durch den Logos" hinzuzufügen. Es ist allein das wiedergeborene, neue "Ich" das Gott
preisen darf.
Im Schlußabschnitt wird das Geheimnis-Motiv noch einmal wiederholt (vgl. ¦ 13). Wer
die Wiedergeburtslehre nicht verbirgt, erweist sich als Verräter an ihr. Der Schlußsatz zeigt
noch einmal, in welchem Sinne der Autor die Wiedergeburt verstanden wissen möchte: "Im
Geist hast du dich und unseren Vater erkannt. " Wer sein geistiges "Ich" erkennt, kennt
seinen eigenen Ursprung und weiß um den Schöpfer der Welt. Diesc zentrale Lehre von CH
I [Seite 171] wird damit als Kern der geistigen Wiedergeburt und Vergottung
zusammengefaßt.
Die hier versuchte Interpretation zeigt, daß dem Text kein kultisch vollzogenes
Mysterium zugrunde liegt. Der Autor hat Motive aus den hellenistischen Mysterien
aufgenommen und in metaphorischem Sinne benutzt, um das Ereignis der Selbst- und
Gotteserkenntnis zu beschreiben (vgl. TRÖGER 1971,13f). Dieser übertragene Gebrauch
der Mysterienterminologie ist am besten bei Philon von Alexandrien zu studieren (s.
RIEDWEG 1987, S. 70-115). Die Umwendung des Menschen vom Körperlichen zum
Geistigen, von einem lasterhaften zu einem sittlich einwandfreien Leben, wird wie eine
mystische Geburt dargestellt, in der der Mensch verwandelt wird (s. CH I 30 [N.-F. I
17,17-20]).
Im folgenden sollen einige Motive genannt werden, die der Autor wahrscheinlich aus
der Welt der Mysterien übernommen hat. Das mystische Schweigen (s. ¦ 2, 8 u. 16)
charakterisiert den Akt der Einweihung (s. CASEL 1919), und die Geheimhaltung477 wird
von allen Eingeweihten verlangt.478 Auch das Motiv der "Traditio"479 ist in den
Mysterien zuhause.480 Der übertragene Gebrauch wie in CH XIII findet sich allerdings
schon bei Platon (Theait. 198b) und vor allem bei Philon.481 Auch der in CH XIII sehr oft
vorkommende Vater-Titel für Hermes (s. CH [Seite 172] I V, X und XII) konnte auf seine
Rolle als " Mystagoge" der geistigen Wiedergeburt weisen.482
Aus den Mysterien stammt wahrscheinlich auch das entscheidende Motiv der
Wiedergeburt selbst. Der Terminus paliggenes[a begegnet häufig und bezeichnet die
Wiedereinkörperung der Seele. Platon spricht hier von "wieder entstehen" (p1lin
gen4sjai Men. 81 b, Phaed. 72 a); der substantivische Terminus selbst scheint erst
wesentlich später entstanden zu sein.483 Bereits Cicero benutzt ihn in übertragenem Sinne,
um seine Rückbcrufung aus dem Exil zu bezeichnen.484 Bei Philon wird die
Wiedererneuerung des Kosmos nach dem Weltenbrand ebenfalls Wiedergeburt genannt.
Für die Interpretation von CH XIII ist die Frage entscheidend, ob die Mysterien eine
Wiedergeburt des Menschen durch die Einweihung versprachen. Einen sicheren Hinweis
finden wir einzig in Apuleius¦ Darstellung der Isis-Mysterien, wo er die Eingeweihten
als"auf gewisse Weise Wiedergeborene" ("quodam modo renatos") bezeichnet (XI 21,6; s.
XI 14,1 u. 16,2) und von einer "Geburtstagsfeier" des Mysten spricht.485 Nach Sallustios
symbolisieren die Attis-Mysterien die Wiedergeburt und den Aufstieg der Seele (Diis et
Mund. 4). Ob die kultische Initiation, etwa in Eleusis oder in den orphischcn
Dionysosmystericn, tatsächlich auf eine Wiedergeburt zielte, ist sehr zweifelhaft (s.
BURKERT 1991, 83-86), in der Interpretation des in den Mysterien Erlebten kann man
jedoch die Vorstellung der Wiedergeburt finden. Wichtig für das Verständnis von CH XIII
ist nun, daß bereits [Seite 173] Philon die Wiedergeburt vom rituell vollzogenen Mysterium
löst und auf die "Einweihung" in die Gottesschau überträgt. So ist für ihn der Aufstieg des
Mose zum Sinai eine zweite, unkörperliche Geburt (Qunest. in Ex. II 46). In allegorischer
Sprache läßt er Gott und die Sophia die menschlichen Tugenden hervorbringen.486
Ähnliches finden wir in dem jüdisch-hellenistischen Roman Joseph und Aseneth¦.
Aseneths Bekehrung wird als Wiedergeburt und Neuschöpfung dargestellt, in der sie Gott
als neuen Vater erhält.487 Die Erben einer solchen Metaphorik scheinen die Christen zu
sein, die die Wiedergeburt mit der Taufe verbunden haben.488 Allerdings findet sich bei
den frühchristlichen Schriftstellern nur eine einzige Stelle, an der dies mit dem Terminus
paliggenes[a umschrieben wird (Tit. 3,5; die Christen sprechen von 2nagen0n etc.).
Deshalb durfte Cll XIII auch kaum von der christlichen Tradition abhängig sein. Unser
Autor war vielleicht durch die jüdisch-hellenistische Spekulation angeregt, den Akt der
Erkenntnis als Wiedergeburt darzustellen. Möglicherweise hat er aber auch eigenständig
die ihm aus Reinkarnationslehren oder sogar aus den hellenistischen Mysterien bekannte
Vorstellung einer neuen Geburt seinem Anliegen dienstbar gemacht, den Menschen durch
Erkenntnis und Gotteslob zum Heil zu führen.

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[Seite 174]
1. Tat: "In den ,Allgemeinen Lehren¦ (geniko+ l7goi), o Vater, sprachst du bei unserer
Unterhaltung in rätselhafter und kaum erhellender Weise über die Göttlichkeit. Es war keine
Offenbarung für mich, als du erklärtest, daß niemand gerettet werden könne, bevor er die
Wiedergeburt erlangt. Ich flehte dich an, als wir die Wüste verließen,492 nachdem du dich mit
mir unterhalten hattest, und fragte dich nach der Lehre von der Wiedergeburt, um von ihr
Kenntnis zu erhalten, weil ich sie allein im Gegensatz zu allem anderen nicht kannte, und da
versprachst du, sie mir anzuvertrauen, ,wenn du dich der Welt entfremdest¦.493 Jetzt bin ich
bereit und habe mich endgültig von dem Trug der Welt innerlich abgewandt und an Stärke
gewonnen.494 Du aber ergänze nun, was mir an Erkenntnis fehlt, mit den Belehrungen [Seite
175] über die Wiedergeburt,495 die du mir anvertrauen wolltest, indem du sie mir offen oder
verschlüsselt496 darlegst Ich weiß nicht, Trismegistos, aus welchem Mutterschoß ein Mensch
(bei der Wiedergeburt) geboren wurde497 und aus welchem Samen."
2. Hermes: "(Der Mutterschoß),498 mein Sohn, ist die geistige Weisheit, die im Schweigen
liegt, und der Samen ist das wahrhaft Gute."
Tat: "Wer gibt den Samen, Vater? Ich verstehe das Ganze nicht."
Hermes: "Der Wille Gottes, mein Sohn." Tat: "Und wie ist der (Wieder )Geborene
beschaffen, Vater? Denn er hat keinen Anteil an meiner Natur, auch nicht an meiner
geistigen." 499
Hermes: "Ein anderer wird der (Wieder )Geborene sein: ein Gott, das Kind Gottes, ein
All-Wesen im All, aus allen500 Kräften bestehend." [Seite 176]
Tat: "In Rätseln sprichst du zu mir, Vater, und nicht, wie ein Vater sich mit seinem Sohn
unterredet." Hermes: "Dieses Geschehen der (Wieder-)Geburt ist keine Sache lehrhafter
Unterweisung, mein Sohn sondern es vollzieht sich durch Gott, wenn er es will, in der
Wiedererinnerung."
3. Tat: "Unbegreifliches sagst du mir und Willkürliches, deshalb will ich dir angemessen
darauf erwidern: Bin ich ein Fremder unter den Söhnen aus deinem väterlichen
Geschlecht?s¦¦ Neide es mir nicht, Vater; ich bin ein rechtmäßiger Sohn. Erkläre mir die Art
der Wiedergeburt!" Hermes: "Was soll ich sagen, mein Sohn? Nichts kann ich sagen außer
folgendem: Ich sehe502 in mir eine Vision, die jenseits aller Körperlichkeit durch Gottes
Barmherzigkeit entstanden ist, und ich bin aus mir selbst herausgetreten503 in einen
unsterblichen Körper und bin jetzt nicht mehr der, der ich war, sondern wurde im Geist
geboren. In dieser Sache kann man nicht lehrhaft unterwiesen werden, auch nicht durch dieses
materielle [Seite 177] Element,504 durch welches wir sehen können. Deshalb bedeutet auch
die erste zusammengesetzte Gestalt für mich nichts mehr; ich habe keine Oberfläche und
Farbe mehr, man kann mich nicht anfassen, und ich habe keine Körpermaße; diese Dinge
gehören nicht zu mir. Jetzt versuchst du mich, mein Sohn, mit deinen Augen zu sehen; was du
aber auch wahrnimmst,505 wenn du mit dem körperlichen Sehvermögen schaust, mit diesen
Augen kann ich jetzt nicht geschaut werden."
4. Tat: "In nicht geringe Erregung und Verwirrung meines Verstandes hast du mich
gestürzt, Vater. Denn ich sehe mich jetzt selbst nicht mehr." Hermes: "Wärst doch auch du,
mein Sohn, (schon) aus dir selbst herausgetreten, wie jene, die im Schlaf Träume haben,
jedoch ohne Schlaf." Tat: "Sage mir noch dies: Wer ist derjenige, der die Wiedergeburt
bewirkt?" Hermes: "Das Kind Gottes, der eine506 Mensch, nach dem Willen Gottes."
5. Tat: "Jetzt endlich, Vater, hast du mich sprachlos gemacht, weil du dich von deinem
früheren Verstand entfernt hast;507 ich [Seite 178] sehe nämlich deine Gestalt in ihrem
Erscheinungsbild unverändert, Vater.¦¦
Hermes: "Auch darin täuschst du dich. Denn die sterbliche Form verändert sich Tag für
Tag; durch die Zeit nämlich unterliegt sie dem Prozeß des Wachsens und Schwindens,
gleichsam ein Truggebilde.
6. Tat: "Was ist nun eigentlich wahr, Trismegistos?"
Hermes: "Das, was nicht unrein ist, mein Sohn, was nicht begrenzt ist, was ohne
Oberfläche und Farbe ist, ohne Form und ohne Wandlung, das Unverhüllte, das Strahlende,
das, was nur von sich selbst begriffen wird, das unveränderlich Gute, das Unkörperliche."
Tat: "Ich bin wirklich von Sinnen, Vater. Denn ich glaubte, durch dich weise geworden zu
sein, und nun sind meine Wahrnehmungskräfte für diese geistige Erkenntnis blockiert.¦¦508
Hermes: "So ist es, mein Sohn.509 Das eine (das Körperliche) steigt auf wie das Feuer und
strebt herab wie die Erde und ist feucht wie das Wasser und durchweht alles wie die Luft, wie
wirst du (aber)510 mit Hilfe deiner Wahrnehmungen erkennen (können), was an sich existiert:
was nicht fest ist (wie die Erde) was nicht feucht ist (wie das Wasser), was (nicht)
uneingrenzbar [Seite 179] ist (wie das Feuer),511 was nicht alles durchdringt (wie die Luft)
was nur an seiner Kraft und Wirkung gedanklich zu erfassen ist, und was desjenigen bedarf,
der die Geburt in Gott begreifen kann?"
7. Tat: "Ich kann es also nicht, Vater."
Hermes: "Bewahre, mein Sohn! Ziehe es zu dir, und es wird kommen. Wolle es, und es
wird geschehen. Schalte die Wahrnehmungen des Körpers aus, und die Geburt der Gottheit
wird sich ereignen. Reinige dich von den Züchtigungen der Materie, die auf Unvernunft
beruhen.
Tat: "Züchtiger habe ich in mir, Vater?"
Hermes: "Nicht wenige, mein Sohn, sondern sie sind furchterregend und viele. Tat:
"Davon weiß ich nichts Vater. Hermes: "Das ist die erste Züchtigung, mein Sohn, die
Unwissenheit; die zweite ist die Trauer, die dritte die Maßlosigkeit, die vierte die Begierde,
die fünfte die Ungerechtigkeit, die sechste die Habsucht, die siebente der Betrug, die achte der
Neid, die neunte die List, die zehnte der Zorn, die elfte die Unbesonnenheit, die zwölfte die
Schlechtigkeit. Dies sind zwölf an der Zahl, unter ihnen gibt es aber (noch) andere mehr, mein
Sohn; durch seine Gefangenschaft512 im Körper zwingen sie den inneren Menschen infolge
seiner Wahrnehmungen zu leiden. Die Züchtigungen aber entweichen eine nach der anderen
von dem, dessen sich Gott erbarmt hat, und so ergibt sich die Art und Weise und die Lehre der
Wiedergeburt. 8. Doch nun schweige, mein Sohn, und versündige [Seite 180] dich nicht mit
unheiligen Worten, und so wird die Barmherzigkeit, die Gott an uns übt, nicht aufhören.513
Freue dich nun, mein Sohn, durch die Kräfte Gottes gereinigt zu werden, damit sie sich zum
Logos in dir verbinden. Es kam zu uns die Gotteserkenntnis; mit ihrem Kommen, mein Sohn,
wurde die Unwissenheit vertrieben. Es kam zu uns die Freude über die Erkenntnis514 durch
ihre Anwesenheit wird die Trauer zu denen, die ihr Raum geben, fliehen müssen.
9. Nach der Freude rufe ich als (göttliche) Kraft, mein Sohn, die Beherrschung; du
hochwillkommene Kraft, wir wollen, mein Sohn, sie voller Bereitwilligkeit empfangen. Wie
hat sie doch gleich mit ihrem Kommen die Unbeherrschtheit vertrieben! Als vierte rufe ich
jetzt die Enthaltsamkeit, die Kraft gegen die Begierde. Auf der jetzt folgenden Stufe findet die
Gerechtigkeit ihren Platz, mein Sohn. Denn sieh nur, wie sie ohne Urteilsspruch die
Ungerechtigkeit vertrieb. Wir sind zu Gerechten geworden, weil die Ungerechtigkeit
verschwunden ist. Als sechste rufe ich zu uns die Kraft gegen den Eigennutz, den Gemeinsinn.
Nachdem der Eigennutz sich davongemacht hat, rufe ich noch die Wahrheit, und es flieht der
Trug, Wahrheit ist nun da. Siehe, wie das Gute vollendet ist, mein Sohn, nachdem die
Wahrheit gekommen ist. Der Neid ist nämlich von uns gewichen; und der Wahrheit folgte
auch das Gute gleichzeitig mit Leben und Licht, und es ist überhaupt keine Züchtigung der
Dunkelheit mehr wiedergekehrt, sondern besiegt flogen sie mit Getöse davon.
10. Du kennst jetzt die Art und Weise der Wiedergeburt, mein Sohn. Mit dem Kommen der
Zehnheit, mein Sohn, vollzog sich [Seite 181] die geistige Geburt; die Zwölfheit wurde
vertrieben, und wir sind vergöttlicht durch diese Geburt. Wenn also einer dank der Gnade
(Gottes) die vergöttlichende Geburt erlangt und die sinnliche Wahrnehmung hinter sich
gelassen hat, erkennt er sich selbst, nun aus diesen Kräften bestehend,515 und ist voller
Freude.
11. Tat: "Unerschütterlich bin ich geworden, Vater, und durch Gott habe ich eine Vision
nicht mit der Sehkraft meiner Augen, sondern durch die geistige Energie, die von den Kräften
stammt. Im Himmel bin ich, in der Erde, im Wasser, in der Luft; in den Tieren bin ich, in den
Pflanzen; im Mutterleib, vor der Empfängnis, nach der Geburt, überall. Aber sage mir noch
dies: Wie wurden die Züchtigungen der Dunkelheit, die zwölf an der Zahl sind, von zehn
Kräften vertrieben? Wie kann das geschehen, Trismegistos?
12. Hermes: "Diese körperliche Behausung, mein Sohn, aus der wir nun herausgetreten
sind, entstand aus dem Tierkreis; und dieser besteht aus Gliedern,516 zwölf an der Zahl,
(aber) aus einer einzigen Natur in vielerlei Gestalt zur Täuschung der Menschen. Es gibt
Unterteilungen darin, mein Sohn, die in ihrem Wirken eine Einheit bilden, ungetrennt517 ist
die Unbesonnenheit vom Zorn; sie sind auch nicht voneinander abzugrenzen.519 Also ist es
wahrscheinlich bei rechter Überlegung, daß sie sich davonmachen, weil sie von den zehn
Kräften, das bedeutet von der Zehnheit, vertrieben werden. Denn die Zehnheit, mein Sohn,
schafft eine Seele; Leben und Licht bilden eine Einheit, und dabei ergibt sich der Zahlbegriff
Einheit aus der pneumatischen Natur. Die [Seite 182] Einheit umfaßt also, recht verstanden,
die Zehnheit, die Zehnheit aber die Einheit."
13. Tat: "Vater, das All sehe ich und mich selbst im Geist.
Hermes: "Darin liegt die Wiedergeburt, mein Sohn, daß man seine Vorstellungen nicht
mehr im Hinblick auf den dreidimensionalen Körper entwickelt, veranlaßt519 durch diese
Lehre von die Wiedergeburt, die ich aufgeschrieben halle - damit wir nicht zu Verrätern520 an
dem Ganzen gegenüber der breiten Masse werden - (nur) für die, für die Gott selbst es
will.521
14. Tat: "Sage mir, Vater, löst sich dieser Körper, der aus den Kräften zusammengesetzt ist,
irgendwann einmal auf?
Hermes: "Versündige dich nicht und sprich nicht Dinge aus, die unmöglich sind; denn du
wirst eine Verfehlung begehen, und das Auge deines Geistes wird das Opfer deiner
Gottlosigkeit.522 Der natürliche Körper, den man wahrnehmen kann, ist weit entfernt von der
Geburt des wesenhaften Seins. Der eine Körper kann aufgelöst werden, der andere ist
unauflöslich, der eine sterblich, der andere unsterblich. Weißt du nicht, daß du ein Gott bist
und Kind des Einen, wie auch ich?
15. Tat: "Schon lange wollte ich, Vater, den hymnischen Lobpreis der Kräfte hören, von
dem du sagtest, daß ich521 ihn hören würde, wenn ich in der Achtheit (Ogdoas) wäre." [Seite
183]
Hermes: "Weil Poimandres vorausschauend über die Achtheit524 gesprochen hat, mein
Sohn, strebst du mit Recht danach die körperliche Behausung abzulegen; denn du bist525
gereinigt. Poimandres, der Geist, der die höchste Macht hat, hat mir nicht mehr übermittelt als
das, was schriftlich vorliegt; denn er wußte, daß ich von mir selbst aus in der Lage sein würde,
alles zu denken und zu hören, was ich will, und alles zu sehen, und er hat mir aufgetragen, das
Gute zu tun. Deshalb singen nun auch in allen (Wiedergeborenen)526 die Kräfte, die in mir
sind. Tat: "Ich möchte, Vater, hören und möchte dies (alles) in meinen Geist aufnehmen.
16. Hermes: "Gib Ruhe, mein Sohn, und höre jetzt den ent sprechenden Lobpreis, die
Hymne der Wiedergeburt; sie nur dir am Ende des Ganzen so bereitwillig vorzutragen, dazu
habe ich mich entschieden. Denn das (alles) ist keine Sache lehrhafter Unterweisung, sondern
wird in Schweigen verborgen. So stelle dich denn, mein Sohn, an einen Ort unter dem freien
Himmel, blicke in südliche Richtung beim Untergang der sinkenden Sonne und bete
kniefällig. Verhalte dich so in gleicher Weise, wenn die Sonne aufgeht, gen Osten. Wahre
Schweigen, mein Sohn. [Seite 184]
Geheime Hymne, Dankgebet 4
17. Die gesamte Natur des Kosmos soll dem Hymnus Gehör schenken.
Öffne dich, Erde,
alle Schleusen des Regens sollen sich mir öffnen,
ihr Bäume, bewegt euch nicht.
Ich will den Herrn der Schöpfung besingen und das All und das Eine.
Öffnet euch, ihr Himmel, und ihr Winde, legt euch.
Der unsterbliche Himmelskreis Gottes soll mein Gebet empfangen.
Denn ich will den, der alles schuf, besingen,
den, der die Erde fest verankerte,
und den, der den Himmel aufgehängt hat;
und den, der angeordnet hat, daß aus dem Ozean das süße Wasser
für bewohntes und unbewohntes Land vorhanden sei
zur Ernährung und Schöpfung528 aller Menschen,
den, der angeordnet hat, daß das Feuer erscheine
für jedes Tun sowohl für Götter als auch für Menschen. [Seite 185]
Wir wollen ihm alle gemeinsam529 den Lobpreis darbringen,
dem, der über allen Himmeln thront,
dem Schöpfer aller Natur.
Dieser ist das Auge des Geistes.
Und er möge den Lobpreis meiner Kräfte empfangen.
18. Ihr Kräfte, die ihr in mir seid, besingt das Eine und das All;
singt zusammen mit meinem Willen, all ihr Kräfte in mir.
Heilige Erkenntnis, erleuchtet von dir besinge ich durch dich das geistige Licht
und freue mich in der Freude des Geistes.
Alle ihr Kräfte, singt mit mir.
Auch du, Beherrschung, singe;
meine Gerechtigkeit, besinge das Gerechte durch mich;
mein Gemeinsinn, besinge das All durch mich;
besinge, Wahrheit, die Wahrheit;
das Gute (in mir), besinge das Gute;
Leben und Licht, von euch kommt, zu euch geht der Lobpreis.
Ich danke dir, Vater, Energie der Kräfte;
ich danke dir, Gott, Kraft meiner Energien.
Dein Logos besingt dich durch mich;
durch mich nimm das All in meinen Worten als ein geistiges Opfer an.530 [Seite
186]
19. Dies rufen die Kräfte, die in mir sind;
das All besingen sie, deinen Willen erfüllen sie.
Dein Wille von dir, zu dir das All;531
nimm von allen532 ein geistiges Opfer an.
Das All, das in uns ist, rette es, Leben,533
erleuchte es, Licht, Pneuma,534 Gott.
Denn deinen Logos läßt du weiden, Geist,535
du Träger des Pneuma und Schöpfer;
20. Du bist der (alleinige) Gott.
Dein Mensch ruft dies
durch (das) Feuer, durch (die) Luft
durch (die) Erde, durch (das) Wasser,
durch (das) Pneuma, durch deine Geschöpfe.
Von deinem Aion536 habe ich (den) Lobpreis gefunden
und das, was ich suche:
durch deinen Willen bin ich zur Ruhe gelangt,
geschaut habe ich nach deinem Wunsche.
[Seite 187]
21. Tat: "Diesen Lobpreis wollen wir sprechen, den537 ich nun, Vater, auch in meine Welt
aufgenommen habe.
Hermes: "Sage, mein Sohn: ,in meine geistige (Welt)¦.
Tat: "In meine geistige (Welt), Vater; das kann ich nun sagen. Durch deinen Hymnus und
deinen Lobpreis ist mein Geist ganz erleuchtet. Mehr noch, auch ich will aus der Tiefe meines
Herzens Gott einen Lobpreis schicken."
Hermes: "Mein Sohn, tue das nicht unbedacht!"
Tat: "Was ich im Geist sehe, Vater, das will ich sagen.
Dir, Ursprung und Herr der Schöpfung,
dem Gott, schicke ich, Tat, geistige Opfer.
Gott Vater,535 du bist der Herr, du bist der Geist;
nimm die Opfer539 an, die du von mir wünschst
denn nach deinem Willen wird alles vollendet."

Hermes: "Du, mein Sohn, schicke Gott, dem Vater von allem, ein (ihm) angenehmes
Opfer; aber füge auch hinzu, mein Sohn: ,durch den Logos¦. [Seite 188]
22. Tat: "Ich danke dir, Vater, daß du dieses mein Gebet gut heißt. 540 Hermes: "Ich freue
mich, mein Sohn, daß du541 die guten Früchte aus der Wahrheit hervorgebracht hast, die
unsterblichen Erzeugnisse. Nachdem du dies alles von mir erfahren hast, versprich Schweigen
über das göttliche Wunder, mein Sohn, und tue niemandem die Überlieferung der
Wiedergeburt kund, damit wir nicht für Verräter542 gehalten werden. Denn jeder von uns hat
sich hinreichend bemüht, ich als Sprechender, du als Hörender. In Geist hast du dich und
unseren Vater erkannt."


14 Brief des Hermes Trismegistos an Asklepios: Wohlergehen für Geist und Seele [Seite 193]

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Inhalt:
I Einleitung
2-3Das Geschaffene und der Schöpfer
4Gottes Namen: Gott, Schöpfer und Vater
5-6Die Zweiheit Gott und Geschöpf umfaßt alles Seiende
7-8Gott schafft alles, auch das Unbedeutende; das Problem des Schlechten
9-10 Gott und das Gute; Vergleich zwischen Gott und einem Bauern


1. Als mein Sohn Tat in deiner Abwesenheit die Natur aller Dinge begreifen wollte, und
mir keinen Aufschub gestattete, sah ich mich gezwungen, weil er ja mein Sohn ist und als
jüngerer erst vor kurzem zur Erkenntnis gelangt ist,551 ausführlicher über jede Einzelheit zu
sprechen, damit er der Lehre gut folgen könne. Für dich will ich nur die wichtigsten
Hauptpunkte des Gesagten auswählen und sie dir in kurzen Worten brieflich zukommen
lassen, wobei ich sie mehr in der Art einer Geheimlehre erläutere, weil du im entsprechenden
Alter und über die Natur (der Dinge) nicht unwissend bist.
2. Wenn alles, was zur Welt der Erscheinungen gehört, geworden ist und wird, wenn das
Geschaffene552 nicht aus sich selbst, sondern durch einen anderen entsteht, wenn vieles oder
vielmehr alles geschaffen ist, was zur Welt der Erscheinungen gehört und insgesamt voller
Vielfalt ist und sich untereinander nicht gleicht, [Seite 194] und wenn das, was entsteht, durch
einen anderen entsteht, dann gibt es einen, der dies alles schafft, und dieser ist ungeschaffen,
damit er allem Geschaffenen vorausliegt. Denn das Geschaffene, behaupte ich, entsteht durch
einen anderen, von dem Geschaffenen kann aber nichts alles andere an Alter übertreffen; das
kann allein das Ungeschaffene.
3. Dies ist einer, der größere Macht hat ein einziger und in Wahrheit allein umfassend
weise ist, weil es überhaupt nichts gibt, was ursprünglicher wäre als er. Denn er ist der erste
durch seine Größe, seine Macht und seine Verschiedenheit zu allem Geschaffenen553 und im
Hinblick auf sein ewig fortdauerndes Schöpfungswerk. Darüber hinaus ist das Geschaffene
sichtbar, jener aber ist unsichtbar. Deswegen schafft er, damit er sichtbar ist. Immer schafft er;
also ist er denn auch sichtbar.554
4. Zu dieser Erkenntnis soll man gelangen und, wenn man dazu gelangt ist, voller
Bewunderung sein und in dem Gefühl der Bewunderung sich selbst glücklich preisen, weil
man den Vater erkannt hat. Denn was ist schöner, als einen wirklichen Vater zu haben? Wer
ist das nun, und wie können wir ihn erkennen? Ist es richtig, daß wir ihm den Namen Gott -
und nur ihm - beilegen oder den Namen Schöpfer oder den Namen Vater oder auch alle drei?
Ja, den Namen Gott wegen seiner Machtfülle, den Namen Schöpfer wegen seiner
Wirkkraft,555 den Namen Vater, weil er gut ist. Machtfülle ist er und unterscheidet sich darin
von allem Gewordenen, Wirkkraft ist er, und sie äußert sich darin, daß alles wird. [Seite 195]
Deshalb muß man die vielen Worte und das leere Gerede lassen und allein diese zwei
begreifen: das Geschöpf und den Schöpfer. Denn zwischen diesen beiden gibt es nichts
drittes.
5. Bei allem, was du denkst, und bei allem, was du hörst, vergegenwärtige dir diese beiden
und sei überzeugt, daß sie alles umfassen, und nichts soll dich in Ratlosigkeit versetzen, nichts
von dem, was oben ist, nichts von dem, was unten ist, nichts Göttliches, nichts Veränderliches
und nichts Unterirdisches.556 Denn nur die zwei sind alles: das, was geschaffen wird, und
das, was schafft, und das eine kann sich von dem anderen nicht trennen. Denn der Schöpfer
kann nicht ohne das Geschöpf existieren. Denn jedes von ihnen meint denselben Vorgang.
Deswegen kann auch das eine nicht von dem anderen getrennt werden, vielmehr würde es von
sich selbst getrennt werden.557
6. Wenn der Schöpfer nichts anderes ist als das alleinige, einfache, unzusammengesetzte
schaffende Prinzip, muß dieses notwendigerweise ganz von sich aus schaffen, so daß der
Prozeß des Werdens das Schaffen des schaffenden Prinzips bedeutet und alles Werdende
nicht durch sich selbst im Prozeß des Werdens sein, sondern nur durch einen anderen in diesen
Prozeß gelangen kann. Ohne das schaffende Prinzip kann das Geschaffene weder geschaffen
werden noch sein. Denn das eine verliert ohne das andere, wenn es des anderen beraubt wird,
seine eigene Natur wenn553 man also zustimmt, daß das Seiende zweierlei ist, das [Seite 196]
Werdende und das Schaffende,554 dann sind sie eins, wenn sie sich vereinigen; das eine geht
voran, das andere folgt. Der schaffende Gott ist das, was vorangeht, das Werdende, was
immer es ist,560 folgt.
7. Und habe angesichts der bunten Vielfalt des Werdenden keine ängstliche Scheu, Gott
mit Dingen, die unbedeutend und seinem Ruhm abträglich sind, in Verbindung zu bringen.
Denn dies allein ist sein Ruhm, alles zu schaffen, und dies ist gleichsam der Körper Gottes,
seine Schöpfung. Für ihn, den Schöpfer, gilt nichts als schlecht und schändlich. Das sind
Einwirkungen von außen,561 die sich erst nach der Entstehung einstellen, wie der Grünspan
bei der Bronze und der Schmutz am Körper. Aber weder hat der Schmied den Grünspan
geschaffen, noch die Eltern den Schmutz, noch Gott die Schlechtigkeit. Die fortdauernde
Existenz des Gewordenen läßt dies (wie einen Ausschlag) gleichsam ausbrechen, und Gott
schuf deswegen den Wandel gewissermaßen als Reinigung des Gewordenen.
8. Soll es außerdem ein und demselben Maler möglich sein, einen Himmel zu schaffen,
Götter, Erde, Wasser, Menschen und alle Tiere und Pflanzen, und Gott soll dies nicht möglich
sein? Was ist dies für eine Unvernunft und Unwissenheit über Gott! Etwas ganz Unerhörtes
passiert Leuten, die so denken. Denn wenn sie behaupten, Gott darin zu verehren und zu
preisen, daß sie ihm nicht die Schöpfung von allem zuschreiben, kennen sie Gott nicht; und
abgesehen davon, daß sie Gott nicht kennen, begehen sie auch größten Frevel an Gott, indem
sie ihm die Eigenschaften Hochmut und Unfähigkeit zuschreiben. Denn wenn es [Seite 197]
zuträfe, daß er nicht alles schafft, so geschieht dies entweder aus Hochmut oder weil er es
nicht kann. Das zu behaupten, ist Frevel.
9. Denn Gott hat nur die einzige Eigenschaft, gut zu sein; einer, der gut ist, ist aber weder
hochmütig noch unfähig. Denn dies ist Gott, nämlich das Gute und die ganze Macht, alles zu
schaffen; und alles Geschaffene ist von Gott geschaffen, das bedeutet von dem Guten und
dem, der die Macht und Fähigkeit hat, alles zu schaffen. Wenn du aber begreifen willst, wie er
allein schafft und wie das Werdende wird, so vermagst du es. Sieh ein wunderschönes Bild
das dem Gemeinten völlig entspricht!
10. Sieh einen Bauern, der Samen in die Erde wirft, hier Weizen, dort Gerste, dort einen
anderen Samen. Sieh, wie derselbe einen Weinstock pflanzt und einen Apfelbaum und andere
Bäume. So sät auch Gott im Himmel Unsterblichkeit, auf der Erde ständigen Wandel, überall
aber Leben und Bewegung. Dies ist nicht viel, sondern wenig und leicht zu zählen. Denn nur
vier Dinge machen alles aus, dazu Gott selbst und seine Schöpfung; darin besteht das Seiende.

15 Suda 11 413f. Nr.3038 (Adler) s.v. Hermes Trismegistos [Seite 198]

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Hermes Trismegistos war ein ägyptischer Weiser. Er lebte vor den Pharaonen. Er hieß
Trismegistos, weil er über die Dreiheit sprach und sagte, daß die Dreiheit eine einzige Gottheit
ausmache auf folgende Weise: Es gab ein geistiges Licht vor einem (anderen) geistigen Licht,
und zwar gab es in Ewigkeit einen lichtförmigen Geist des Geistes, und nichts anderes war
seine Einheit. Und es gab ein Pneuma, das alles umfaßte. Daneben gab es keinen Gott, keinen
Engel und kein anderes Sein. Denn er ist Herr, Vater und Gott von allem, und alles ist unter
ihm und in ihm. Sein Logos ist vollendet, zeugend und schöpfungsmächtig und begab sich in
die fruchtbare Natur und das zeugungskräftige Wasser herab und machte das Wasser
schwanger.563 Und dies alles hat Hermes gesagt und betete: "Dich beschwöre ich, Himmel,
du [Seite 199] Werk der Weisheit des großen Gottes. Dich beschwöre ich, Stimme des Vaters,
die er zuerst ertönen ließ, als er den ganzen Kosmos befestigte. Dich beschwöre ich im Namen
seines einziggeborenen Logos und im Namen des Vaters, der alles umfaßt: Sei gnädig, sei
gnädig!"


16 Brief des Asklepios an den König Ammon: Enthüllungspfeiler

Über Gott, die Materie, die Schlechtigkeit, das Schicksal (heimarmenä), die Sonne, das geistige Sein, das göttliche Sein, den Menschen, die Einrichtung (o]konom[a) der Gesamtheit, die sieben Planeten und über den abbildhaften Menschen [Seite 200]

In diesem Traktät wird die literarische Fiktion der Authentizität einer her1netisc/·en
OJtenbarungsschriJt auf dic .Spitzc gctrieben. Obwohl der Leser einen griechischen Text
in der Hand halt, wird er über die großen Nachteile einer Übersetzung aus dem
Ägyptischen ins Griechische belehrt.565 Dem Leser, der die griechische Schrift vor sich
hat, soll die Illusion gegeben werden, den originalen ägyptischen Brief¦vor sich zu haben,
welchen Hermes¦ Schüler Asklepios an Ammon (= Amun), den ägyptischen Götterkönig,
geschrieben habe. Der Brief sei die Krönung aller hisherigen Darlegungen (s. Exc. VI 1).
Asklepios bittet den König, seine schriftliche Abhandlung nicht ins Griechische übersetzen
zu lassen. Denn dcr Sinn der Worte werde durch den pompösen Stil des [Seite 201]
Griechischen verdreht. Griechische Philosophie sei "Wort-Getöse" ohne Kraft und
Erhabenheit. In der Übersetzung könne man den tiefen und geheimnisvollen Sinn der
ägyptischen Worte, die, nur oberflächlich gesehen, als simpel und klar erscheinen,
überhaupt nicht mehr erfassen. Und wenn man den wahren Sinn der Worte nicht erfasse,
könne auch der Anschein entstehen, daß Asklepios seinen eigenen Worten widerspreche.
Dies sei aber nicht der Fall, sondern es läge nur ein Widerspruch zu den Auffassungen der
Masse vor (¦ 1-2). Erstaunlich an dieser Einleitung ist nicht nur das Ausmaß der
literarischen Fiktion, sondern auch die sonst in der Hermetik unübliche offene Polemik
gegen die griechische Philosophie. Vergleichbares findet sich sonst nur in der jüdischen
und christlichen Apologetik.566
Asklepios¦ Brief ist mit dem Titel "Grenzen, Definitionen" ()roi ) überschrieben. Da
sein Inhalt aher alles andere als Definitionen liefert,567 wird man das Wort wohl auf den
Zwcck des Bricfes, die Erinnerung an die bisherigen Lehren (¦ 1, s. CH XIII 13), beziehen
und anders erklären müssen. Denn )ro' bedeutet auch Grenzstein;568 Asklepios¦ Worte
sind Erinnerungspfeiler, die, wie Grenzsteine an jemandes Eigentum, an die hermetischen
Lehren erinnern sollen.
Das zentrale Thema des Briefes betrifft die Sonne als Schöpfungsmittlerin und die
Dämonen als Urheher der irdischen Wirrnisse. Diesen Inhalt trifft der Untertitel " Über
Gott, Materie, Schlechtigkeit, Schicksal etc." kaum. Ein Redaktor scheint für die
Überschrift ihm wichtig erscheinende Begriffe aus dem Traktat gesammelt zu haben, wobei
die Gründe der Anordnung unklar bleiben. Merkwürdigerweise hat er dabei das wichtige
Thema [Seite 202] "Dämonen" ausgelassen. Die Überschrift scheint aber darauf
hinzuweisen, daß der Traktat nicht vollständig überliefert ist (so fehlt auch der Anfang des
folgenden Traktats CH XVII). Denn am Ende nennt er den abbildhaften Menschen, der im
erhaltenen Traktat nicht behandelt wird. Möglicherweise wurde also in einem jetzt
verlorenen Schluß die Abbildreihe Gott - Kosmos Mensch aufgestellt (s. dazu die
Einleitung zu CH VIII, S. 76).
Nach einer Anrufung Gottes beginnt der Brief mit dcm bekannten Satz: alles ist eins (s.
die Einleitung zum ,Asclepins¦, S. 236f.). Gott ist der Eine, der alles in sich umfaßt. Das All
ist keine Vielheit, sondern eine Gesamtheit (pl=rwma ), das in sich eine Einheit bildet. So
sind Gott und das All nicht voneinander zu trennen (¦ 3). Wichtig ist hier der ungnostische
Gebrauch des Begriffes pl=rwma. Er wird nicht auf den transzcndenten göttlichen
Kosmos, sondern auf die sichtbare Welt bezogen, die eine Fülle oder Gesamtheit von allem
Geschaffenen darstellt (s. CH XII 15). Der Autor benutzt diesen Begriff im Gegensatz zu
"Vielheit, Menge" (pläpo' ), um die Einheit aller Geschöpfe deutlich zu machen.
Die Einheit alles Geschaffenen wird zuerst am Beispiel der Erde demonstriert. Denn sie
hirgt in sich Quellen von Wasser und Feuer (s. Ps. Arist. Mund. 395 b18-26), so daß an
einem Ort drei Elemente vereinigt sind, die aus einer einzigen Wurzel stammen. Wie eine
Vorratskammer (tamie@on) bringt die Erde alles aus sich hervor und nimmt alles wieder in
sich auf(s SCII. N(Zt. JU{ICSt 11 5 und Vl 16,3). Ursache dafür ist die Sonne. Sie steht
zwischen dem geistigen Sein (in umschreibender Form wird es "Himmel" genannt) und
dem Irdischen und verbindet beides. Das geistige Sein, die Ideen, bringt sie durch ihr Licht
nach unten und führt die Materie hinauf. Sie zieht einerseits alles an sich, andererseits läßt
sie ihr Licht und ihre Wirkkräfte his in die tiefsten Tiefen der Erde gelangen (¦ 4 - 5).
Über den geistigen Kosmos macht Asklepios nur vage Andeutungen (zudem ist der Text
gerade hier zerstört). Über die Sonne[Seite 203] aber erhebt er seinen Lobpreis.569 Als
Mittelpunkt des Kosmos wird sie als Wagenlenkerin bezeichnet, die mit den Zügeln Leben,
Unsterblichkeit, Seele, Pneuma und Werden seine regelmäßige Bewegung verursacht.570
Der Vergleich mit einem Wagenlenker erinnert an das alte Bild des Sonnenwagens, das
hier mit der Vorstellung des göttlichen Weltherrschers als Wagenlenker verbunden
wird.571 Wichtig ist in diesem Zusammenhang der von Dio Chrysostomos überlieferte
persische Mythos vom Gespann des Zeus mit vier Pferden, der aber vor allem das
periodische Vergehen und Wiederentstehen der Welt erklären will (Or. 36,39-60). Hier
wird jedoch ausdrücklich gegen den Sonnenwagen polemisiert, so daß ein direkter
Zusammenhang zwischen dem iranischen Mythos und CH XVI ausscheidet.
Mit ihrem Licht nährt sie einerseits die über ihr liegenden unsterblichen Teile des
Kosmos und belebt andererseits den unteren Raum und die in ihm lebenden Wesen. Sie ist
verantwortlich für den ewigen Kreislauf von Werden und Vergehen. Das Unsterbliche
vollzieht diesen Kreislauf, ohne sich aufzulösen, das Sterbliche löst sich in seine
Bestandteile auf und entsteht aus ihnen wieder neu. REINHARDT (S. A. 564) hat in dieser
Sonnentheologie das kosmologische System des Poseidonios entdeckt, wobei zu beachten
wäre, daß in CH XVI die Sonne weder mit dem Weltgeist noch mit Gott identifiziert wird,
sondern in ihrer Funktion als Schöpfer und Erhalter diesen beiden untergeordnet wird (¦
6-9).
Unter der Sonne stehen die Dämonen. Sie weilen im Bereich der unsterblichen
Sterngötter und wachen von dort übcr die menschlichen Angelegenheiten. Sie sind für alle
Art von Naturkatastrophen, Hungersnöte und Kriege verantwortlich, mit denen [Seite 204]
sie die Gottlosigkeit der Menschen bestrafen.572 Alle anderen Vergehen der Menschen, die
sie aus Dummheit oder unter dem Einfluß des Schicksals tun, werden von ihnen nicht
bestraft, einzig die größte Schlechtigkeit, die Gottlosigkeit (¦ 10-11). In dieser Darstellung
liegt eine implizite Antwort auf ein in CH Xll 5 ff. diskutiertes Problem. Weshalb werden die
Menschen bestraft, wenn sie unter dem Zwang des Schicksals handeln? Das damit
entstehende Freiheitsprobem wird hier so gelöst, daß der Mensch allein für sein
Gottesverhältnis verantwortlich ist und entsprechend bestraft wird, wenn er Gott nicht
erkennt und verehrt.
Im 12. Paragraphen setzt Asklepios neu an. Es entsteht der Eindruck, daß er in einer Art
Parallelfassung das bisher Gesagte noch einmal in etwas anderer Form wiederholt. Die
Sonne wird Bewahrer und Ernährer alles Gattungen genannt. Sie wird jetzt mit dem
geistigen Kosmos verglichen. Wie dieser den sichtbaren Kosmos untfaßt und mit den
geistigen Formen erfüllt, so läßt die Sonne alles entstehen und wachsen und nimmt das
Vergehende wieder in sich auf. Noch einmal werden die Dämonen genannt, die jedem
einzelnen Stern zugeordnet sind. Asklepios betont jetzt, daß die Dämonen in ihren
Wirkungen entweder gut oder böse oder beides sind. Dessen ungeachtet wird im folgenden
allein deren negatives Wirken beschrieben (¦ 14-16). Sie sind für alle irdischen Wirrnisse
verantwortlich, indem sie in unsere Seelen, Nerven und Blutbahnen eindringen. Denn
jeder Mensch erhält den Dämon, der im Momcnt seincr Geburt seinen Dienst zu erfüllcn
hatte. Dieser dringt in die unteren Seelenteile ein und beeinflußt diese in seinem Sinne.
Allein der vernünftige Seelenteil bleibt frei von Dämonen und kann Gott aufnehmen.
Durch die Sonne gelangt ein Lichtstrahl Gottes in ihn, so daß die Dämonen ihre Macht
verlieren (s. CH IX 3-5). Dies geschieht abcr nur bei sehr wenigen Menschen. Die übrigen
werdcn von den Dämonen [Seite 205] umhergetrieben und folgen allein ihrem
körperlichen Verlangen. Dieses Regiment habe Hermes Schicksal (%imarm4nh ) genannt.
Diese Dämonenlehre hat eine Parallele in Porphyrios Abhandlung ,De abstinentia¦ (II
36-43). Interessant ist in CH XVI die Verknüpfung mit der astrologischen Lehre vom
Einfluß der Sternkonstellation in der Geburtsstunde (s. Ascl. 35). Die Wirkungen der
Gestirne werden personalisiert und Dämonen genannt.
Im 17. Paragraphen beginnt eine dritte Fassung, die wiederum die Bedeutung der
Sonne und der Dämonen behandelt. Asklepios stellt die Reihe Gott - geistiger Kosmos -
sinnlich wahrnehmbarer Kosmos auf. Die Sonne vermittelt Gottes schöpferische Kraft an
bcide Welten. Damit wird ihre Position etwas anders als in ¦ 5-6 beschrieben, wo sie
zwischcn dcm gcistigcn und sinnlichen Kosmos stand, ohne daß dort von Gott eigens die
Rede war. Die Sonne ist auch hier der Mittelpunkt von acht Kreisbahnen: ganz außen
befinden sich die Fixsterne und die Erde, dazwischen die sechs Planeten. Unter den acht
Bahnen stehen die Dämonen, unter ihnen die Menschen. So ergibt sich folgende Reihe:
Gott Sonne - Fixsterne, Planeten, Erde - Dämonen - Menschen. Vater von allem ist Gott,
die Sonne ist der Schöpfer. Hier wird einmal die in anderen Texten bekämpfte Lehre
ausgesprochen, daß Gott von einem Schöpfer zu unterscheiden ist.573 Darauf dürfte sich
auch der anfängliche Hinweis auf scheinbare Widersprüche zu andcrcn hermetischen
Schriften beziehen. Es folgt dann eine weitere Reihe: geistiges Sein - Himmel - Götter-
Dämonen Menschen. Durch die Götter und Dämonen schafft Gott alles, was somit Teil von
ihm ist. Damit kehrt der Text zu seinem Ausgangspunkt zurück: Gott ist alles. Und wie Gott
selbst ohne Anfang und Ende ist, so wird auch sein Schaffen ewig sein.

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Inhalt:
1-2Einleitung
3 Alles ist eins: das All und sein Schöpfer
4-5 Die Erde und die Sonne
6-9 Die Sonne als Lebensspenderin des gesamten Kosmos
10-11 Die Dämonen als Wächter über die menschliche Gottlosigkeit
12-13 2. Fassung: Die Sonne und die Dämonen
14-16 Die Dämonen im Menschen und der Lichtstrahl Gottes
17-18 3. Fassung: Gott, die Sonne, der geistige und sinnliche Kosmos und die Dämonen

[Seite 206]

1. Wichtig ist die Abhandlung, mein König, die ich dir zuschicke, sozusagen als Krönung
von allem anderen und als Erinnerung daran, sie ist nicht verfaßt im Einklang mit den
Ansichten der Masse, sondern widerspricht diesen an vielen Stellen. Ja sogar einigen meiner
eigenen Worte wird sie dir zu widersprechen scheinen. Denn Hermes, mein Lehrer, hat sich
oft mit mir allein unterhalten und manchmal auch in Tats Anwesenheit und dabei gesagt:
"Denen, die meine Bücher zur Hand haben, wird die Art meiner Darstellung sehr einfach und
klar erscheinen, obwohl sie im Gegenteil geheimnisvoll ist und der Sinn ihrer Worte
verborgen ist, und darüber hinaus werden sie gänzlich unverständlich, wenn die Griechen
später unsere Sprache in ihre eigene übersetzen wollen, was zu größter Verdrehung und
Unklarheit des Geschriebenen führen wird.¦
2. 576 In dieser Abhandlung aber, die in unserer eigenen Muttersprache formuliert wird, ist
der Sinn der Wörter eindeutig. Denn schon allein die besondere Eigenart unserer Sprache und
(...)577 der ägyptischen Wörter bewahren in sich das, was mit dem Gesagten ausgedrückt
werden soll. [Seite 207]
Soweit es dir also möglich ist, König, - und du vermagst ja alles - bewahre die Abhandlung
vor einer Übersetzung, damit solche Geheimnisse nicht zu den Griechen gelangen und damit
der überhebliche, kraftlose und gleichsam aufgeputzte Stil der Griechen nicht die
Erhabenheit, Kraft und wirkungsvolle Fügung der Worte zunichte macht. Denn die Griechen,
mein König, haben eine Darstellungsweise, die ohne Argumentationskraft nur auf sprachliche
Wirkung angelegt ist; und das ist die Philosophie der Griechen: Wort-Getöse. Wir aber
benutzen nicht nur Wörter sondern eine Ausdrucksweise, die bestimmt ist von der
darzustellenden Realität.578
3. Ich werde meine Abhandlung nun beginnen, nachdem ich Gott angerufen habe, den
Herrn, Schöpfer, Vater und Umfasser von allem; ihn, der als der Eine alles ist und als das All
der Eine. Detm die Gesamtheit des Alls ist eine einzige und ist in dem Einen, wobei das
Eins-Sein sich nicht wiederholt,579 sondern beide zusammen eine Einheit bilden. Und diese
Einsicht, mein König, behalte mir während der ganzen Beschäftigung mit meiner Abhandlung
im Gedächtnis. Wenn man nämlich Hand anlegt an das, was alles und eins und dasselbe zu
sein scheint um es von dem Einen abzutrennen, indem man den Begriff ,All' auf eine Vielheit
und nicht auf eine Gesamtheit bezieht, dann löst man, was unmöglich ist, das All von dem
Einen und zerstört das All. Das All muß nämlich eins sein, wenn es wirklich das Eine gibt, und
das gibt es, und es hört niemals auf, eins zu sein, damit seine Gesamtheit nicht zerstört wird.
[Seite 208]
4. Sieh nun, wie auf der Erde viele Quellen von Wasser und Feuer aus ihren innersten
Teilen hervorquellen, und wie die drei Naturen an ein und demselben Ort zu beobachten sind:
Feuer, Wasser und Erde, die alle aus einer einzigen Wurzels80 stammen. Daher meint man
auch, die Erde sei ,Vorratskammer¦ von allem Stofflichen, und zwar bringt sie einerseits das,
womit sie alles ausstattet,581 aus sich hervor; nimmt aber andererseits alles, was oben
vorhanden ist, dafür wieder in sich auf.
5. So nämlich verbindet582 der Schöpfer, und damit meine ich jetzt die Sonne, Himmel
und Erde, das Sein führt sie hinab, die Materie aber hinauf, sie zieht alles in ihren Bereich und
auf sich hin, gibt allen von sich alles und spendet das Licht in reicher Fülle. Denn sie ist es,
deren gute Wirkkräfte nicht nur im Himmel und in der Luft (wirken), sondern sie dringen auch
auf der Erde in die tiefsten Tiefen und Abgründe.555
6. Wenn es aber auch ein geistiges Sein gibt, dann macht dies ihren Umfang und ihr
Gewicht aus; denn sein Träger dürfte das Licht der Sonne sein. Wo dieses Sein aber entsteht
oder woher es zufließt, weiß die Sonne allein (...) oder weil sie dem Ort und der Natur nach
sich selbst nahe ist (... der geistige Kosmos) wird nicht von uns gesehen, sondern durch
Mutmaßung werden wir gezwungen, ihn gedanklich zu erfassen (...).584 7. Die Schau [Seite
209] der Sonne aber hat nichts mit Mutmaßung zu tun, sondern ihre Erscheinung selbst
erleuchtet mit strahlend hellem Licht den gesamten Kosmos, den unter ihr liegenden wie den
über ihr befindlichen. Denn sie ruht in der Mitte und trägt den Kosmos wie einen Kranz, und
wie ein guter Wagenlenker bringt sie den Wagen des Kosmos sicher durch alle Gefahren und
hat ihn an sich gebunden, damit seine Bewegung in geordneter Bahn verläuft. Ihre Zügel aber
sind Leben, Seele, Pneuma, Unsterblichkeit und Werden. Sie läßt es nicht zu, daß er (der
Kosmos) sich unabhängig von ihr bewegt, sondern, wenn es gilt, die Wahrheit zu sagen er
kann es nur mit ihr:
8. Und auf diese Art und Weise schafft sie alles;585 einerseits gibt sie den Unsterblichen
die ewige Beständigkeit und nährt mit dem nach oben strebenden Licht, das sie von ihrer
anderen, dem Himmel zugewandten Seite hinaufsendet, die unsterblichen Teile des Kosmos;
andererseits belebt und bewegt sie mit dem Licht, das, dort eingeschlossen, den gesamten
Raum von Wasser, Erde und Luft ringsum erhellt, die in diesen Teilen des Kosmos lebenden
Wesen durch Werden und Wandel.
9. Auch verändert und formt sie eines ins andere um, wobei die Wesen sich im Wechsel
von einem ins andere, Art für Art und Gattung für Gattung, ineinander verwandeln, nach Art
eines Kreislaufes, wie sie auch bei den großen (Himmels)körpern wirkt in ihrer
schöpferischen Tätigkeit. Denn das Fortbestehen eines jedes Körpers liegt in seiner
Verwandlung, und zwar bei einem unsterblichen (in einer Veränderung) ohne Auflösung,
beim sterblichen dagegen verbunden mit Auflösung. Und darin unterscheidet sich das
Unsterbliche vom Sterblichen und das Sterbliche vom Unsterblichen.
10. Und wie ihr Licht niemals nachläßt, so läßt sie auch niemals darin nach, Leben zu
schaffen, und keinen Ort läßt sie aus, und [Seite 210] nie hört sie auf, alles auszustatten. Denn
die Chöre der Dämonen um sie herum sind zahlreich und gleichen buntgewürfelten Truppen,
die586 als Nachbarn auch den Unsterblichen nicht fern sind. Nachdem sie deren587 Bereich
zugewiesen erhielten, wachen sie von dort aus über die Angelegenheiten der Menschen und
führen das ihnen von den Göttern Befohlene aus durch Stürme, Orkane, Blitz und Donner,
Feuersnöte588 und Erdheben, außerdem noch durch Hungersnöte und Kriege, und bestrafen
damit die Gottlosigkeit.
11. Sie ist nämlich die größte Schlechtigkeit der Menschen gegenüber den Göttern. Den
Göttern nämlich kommt es zu, Gutes zu tun, den Menschen, gottesfürchtig zu sein, und den
Dämonen, Beistand zu leisten.559 Alles andere, was die Menschen im Irrtum, aus Frevelmut,
aus Notwendigkeit (anankä) die sie Schicksal (heimarmenä) nennen, oder aus Unwissenheit
unbesonnen tun, für dies alles wird von den Göttern keine Rechenschaft verlangt. Allein die
Gottlosigkeit unterliegt der Strafe.
12. Erhalter und Ernährer jeder Gattung (von Lebewesen) ist die Sonne. Und wie der
geistige Kosmos den sichtbaren umfaßt, ihn erfüllt und ihm Umfang und Gewicht gibt durch
die unterschiedlichen und vielgestaltigen Formen, so umfaßt auch die [Seite 211] Sonne alle
Dinge im Kosmos, gibt allem, was entstanden ist, Umfang und Gewicht und schenkt ihm
Kraft. Und wenn es stirbt und vergeht,590 nimmt sie es wieder auf.
13. Unter ihr fand der Chor, besser die Chöre der Dämonen ihren Platz, denn es sind viele
und verschiedenartige, aufgestellt unter den Stern-Bezirken,591 für jeden von ihnen die
gleiche Anzahl. So verteilt, dienen sie jedem einzelnen der Sterne, sind ihrer Natur nach, d.h.
in ihrem Wirken, gut oder böse. Das Wesen eines Dämons liegt nämlich in seinem Wirken;
einige von ihnen sind aber auch gemischt: gut und böse.
14. Sie alle haben die Macht über die irdischen Angelegenheiten erhalten, zumal über die
irdischen Wirrnisse, und sie verursachen ganz unterschiedliche Störungen sowohl allgemein
in den Städten und bei den Völkern, als auch privat bei jedem einzelnen. Denn sie formen
unsere Seelen um und ermuntern sie in ihrem Sinne; dafür haben sie sich in unseren Nerven,
in unserem Mark, unseren Venen und unseren Arterien und sogar in unserem Gehirn
niedergelassen und durchdringen uns auch bis in unser Innerstes selbst.
15. Denn jeden von uns, sobald er geboren ist und eine Seele erhalten hat, übernehmen die
Dämonen, die, jedem einzelnen der Sterne zugeordnet, in jenem Moment der Geburt ihren
Dienst tun. Denn sie lösen sich in jedem Moment ab, und es bleiben nicht dieselben, sondern
sie wechseln in regelmäßigem Turnus. Sie dringen nun durch den Körper in zwei der drei
Seelenteile ein, und jeder verwirrt diese im Sinne seiner eigenen Kraft. Der vernünftige
Seelenteil aber, frei von der Herrschaft der Dämonen, bleibt unerschüttert und ist fähig, Gott
aufzunehmen. 16. Wem nun in seinem [Seite 212] vernünftigen Seelenteil ein Lichtstrahl
(Gottes) durch die Sonne aufleuchtet - das sind aber insgesamt sehr wenige -, bei denen
verlieren die Dämonen ihre Wirkung. Denn niemand, kein Dämon und kein Gott, vermag
etwas gegen einen einzigen Lichtstrahl Gottes. Alle anderen aber werden in ihrer Seele und
ihrem Körper von den Dämonen getrieben und bestimmt, weil sie an deren Kräften Gefallen
haben und sie lieben. Und ihre Vernunft ist Verlangen,592 irregeleitet und irreleitend. Dieses
ganze irdische Regiment üben die Dämonen also durch unsere Körper, ihre Werkzeuge, aus;
dieses Regiment hat Hermes Schicksal (heimarmenä) genannt.593
17. Der geistige Kosmos hängt also von Gott ab, der sichtbare Kosmos vom geistigen
Kosmos, und die Sonne spendet überall im geistigen und sinnlich wahrnehmbaren Kosmos
das Gute, das aus Gott kommt,594 d. h. seine schöpferische Kraft. Um die Sonne bewegen
sich die acht Himmelskugeln (sfa@rai ), die von ihr ab hängen, eine der Fixsterne, sechs der
Planeten und die eine um die Erde.595 Von diesen Himmelskugeln hängen die Dämonen ab
von den Dämonen die Menschen. Und so hängt alles und jeder von Gott ab.
18. Deshalb ist der Vater von allem Gott, der Schöpfer aber die Sonne und der Kosmos das
Werkzeug596 der Schöpfung. Und das geistige Sein regiert den Himmel, der Himmel die
Götter, und die [Seite 213] Dämonen, die den Göttern unterstehen, regieren die Menschen.
Dies ist das Heer der Götter und Dämonen.
19. Durch sie schafft Gott alles aus sich selbst, und alles ist Teil Gottes. Wenn aber alles
Teil Gottes ist, ist Gott also alles. Indem er nun alles schafft, schafft er sich selbst und dürfte
niemals damit aufhören, weil es auch für ihn selbst kein Aufhören gibt. Und wie Gott kein
Ende hat, hat auch sein Schaffen weder Anfang noch Ende.

17 Schlußfragment eines Gespräches Tot mit Ammon [Seite 215]

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Dieser kurze Text stellt lediglich den Abschluß eines längeren Gespräches des Tat mit
einem König dar, der wahrscheinlich der Götterkönig Ammon (= Amun) ist. Man kann
davon ausgehen, daß in dem Arehetyp unserer Handschriften das Ende von CH XVI und
der Anfang von CH XVII ausgefallen ist. In den Handschriften folgt der Text in direktem
Anschluß an CH XVI (nur in Hs. D ist ein Absatz markiert). Der kurze Dialog setzt die
Situation eines Gastmahles voraus, bei dem Tat den König mit seinen theologischen
Ausführungen in Beschlag nimmt. Dieser beendet das Gespräch mit dem Hinweis, daß er
sich nun um die Gäste kümmern müsse. Tat wird von dem König Prophet genannt, was
wahrscheinlich als Übersetzung des Titels einer ägyptischen Priesterklasse zu verstehen
ist.595 Das Thema des Gespräches oder seines letzten Teiles betraf die Anbetung von
Götterstatuen. Tat versucht den König davon zu überzeugen, daß in den aus materiellen
Stoffen von Menschenhand hergestellten Götterstatuen Unkörperliches enthalten ist, das
die Anbetung verdient. Dieses Unkörperliche seien die Ideen des geistigen Kosmos, die sich
in den Götterstatuen in be sonderer Weise manifestieren. Zu diesem Zweck versucht Tat
dem König zuerst die Existenz von Unkörperlichem zu beweisen (s. CH XI 17). Er tut dies
mit dem Hinweis auf die unkörperhehen Spiegelbilder. Zwischen dem Körper und seinem
Spiegelbild herrsche das gleiche Verhähnis wie zwischen der sichtbaren und geistigen
Welt. Da der König die Existenz der Ideen akzeptiert, ist es für Tat leicht, das allgemeine
Verhältnis von Urbild und Abbild auf die Götterbilder zu übertragen. Weil sich auch in
ihnen das Göttliche spiegelt, muß man sie anbeten. Das Interesse der Hermetiker für
Götterbilder, denen man sogar eine tatsächliche Einwirkung auf die irdischen
Angelegenheiten unterstellte, zeigt sich auch im lateinischen,Asklepios¦. Dort wird
allerdings von einer direkten Beschwörung von Seelen der Dämonen oder Engel
gesprochen, die in die Götterbilder eingehen (¦ 37f; s. ¦ 23). Interessant ist auch, daß in
einem mittel- und einem neuplatonischen Text der Gedanke der Abbildhaftigkeit der
sichtbaren Welt (auch hier der Spiegelvergleich; s. Plat. Soph. 239d) mit der Verehrung
von Götterbildern verbunden wird (Plut. Is. et Os. 76, 382A C, Plotin IV 3 [271,11). Die
platonische Lehre bot eine Hilfestellung, die Göttlichkeit der materiellen Götter als
Verkörperung der transzendenten Ideen zu beweisen.


Gespräch des Tat mit dem König Ammon599 [Seite 215]

Tat: "Wenn du darüber aber nachdenkst, König: es gibt auch im Bereich des Körperlichen
Unkörperliches."
Der König erwiderte: Was soll das sein?"
Tat: "Meinst du nicht, daß die Körper, die in den Spiegeln erscheinen, unkörperlich sind?"
Der König sagte: "Ja, so ist es, Tat. Göttliche Gedanken hast du." [Seite 216]
Tat: "Es gibt aber noch anderes, was unkörperlich ist; meinst du z. B. nicht, daß es die
Ideen gibt, die unkörperlich sind, aber in den Körpern, nicht nur von beseelten, sondern auch
von unbeseelten Wesen, in Erscheinung treten?"
König: "Recht sprichst du, Tat."
Tat: "So spiegelt sich das Unkörperliche in den Körpern und die Körper im
Unkörperlichen, d. h. der sinnlich wahrnehmbare Kosmos im geistigen Kosmos und der
geistige im sinnlich Wahrnehmbaren. Deshalb bete die Götterbilder an, mein König, weil
auch sie Ideen aus dem geistigen600 Kosmos in sich tragen." Da stand der König auf und
sagte: "Es ist Zeit, du Künder des Göttlichen, sich um die Gäste zu sorgen. Morgen wollen wir
in unserem theologischen Gespräch die weiteren Fragen behandeln."

18 Die Behinderung der Seele durch die Affektionen des Körpers [Seite 222]

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Inhalt:
1-3Der Redner als Musiker: die göttliche Inspiration und dasfehlerhafte Instrument
4+5 Der Künstler und die Mangelhaftigkeit seines Instruments
6-7Der Redner als Musiker ohne Instrument wird von Gott inspiriert
8-10 Gott und die Könige, denen er den Sieg schenkt
11-14 Der Lobpreis Gottes
15 -16 Das Lob der Könige und ihr Friedensamt

1. Wenn Musiker, die ein überaus kunstvolles Lied ankündigen, in dem alles zu einem
harmonischen Zusammenklang findet, während ihres Vortrags durch die Verstimmtheit der
Instrumente in irgendeiner Weise in ihrem gestalterischen Willen beeinträchtigt sind,607 ist
ihr Vorhaben der Lächerlichkeit preisgegeben. Denn wenn die Instrumente für ihren Zweck
zu schlecht sind, kann es nicht ausbleiben daß der Musiker von den Zuhörern verspottet wird.
Denn er trägt zwar seine Kunst vor, ohne in seinem [Seite 223] guten Willen nachzulassen, die
Unzulänglichkeit seiner Instrumente aber wird getadelt.608 Denn wahrlich ist der von Natur
aus musisch Begabte ein Gott,609 und nicht nur die harmonisch gefügten Lieder
hervorzubringen, sondern auch zu den einzelnen Instrumenten den Rhythmus der passenden
Klänge hinzuzufügen, darin ist dieser Gott unermüdlich. Denn bei einem Gott gibt es kein
Ermüden.
2. Wenn aber einmal einem Künstler, der mit größtmöglichem Erfolg an einem
musikalischen Wettbewerb teilnehmen will, eben noch haben auch die Trompeter denselben
Beweis ihres Könnens gegeben, eben haben auch die Flötisten mit ihren melodischen
Instrumenten helltönende Klänge produziert, (und andere Musiker)610 mit Rohrflöte und
Plektron den Gesang ihres Liedes vorgetragen (...) ,611 schiebt man die Schuld nicht auf das
den Musiker inspirierende Pneuma, gibt man die Schuld nicht der Gottheit,612 sondern man
erweist ihm die gebührende Ehre, tadelt aber die Mangelhaftigkeit des Instruments, weil sie ja
das besonders Schöne beeinträchtigte, indem sie den Musiker in seinem Gesang behinderte
und die Zuhörer um den Genuß des helltönenden Liedes brachte. [Seite 224]
3. Und so soll auch kein Zuschauer wegen unserer körperlichen Schwäche in gottloser
Weise unsere Zunft613 tadeln, sondern er soll wissen, daß der Gott (in uns) ein unermüdliches
Pneuma ist, niemals in seinem nur ihm eigenen Wissen nachläßt, ohne Unterlaß seine
Glückseligkeit genießt und immer dieselben Wohltaten tut.614
4. Wenn aber sogar615 dem Meister Phidias das Material, das er gebrauchte, sich nicht
fügte für ein vollkommenes, kunstvolles Werk, der Künstler aber, was ihn selbst angeht, der
Aufgabe seiner Fähigkeit nach gewachsen war, (...),616 dann wollen wir nicht auf ihn die
Schuld schieben, sondern die Unzulänglichkeit der Saite tadeln, weil sie in der Spannung
nachließ, weil sie617 die Spannung schwächer werden ließ und dadurch den Wohlklang der
schönen Musik zunichte machte.
5. Aber wenn nun das Mißgeschick mit dem lnstrument geschehen war, hat niemals jemals
den Musiker beschuldigt, sondern je mehr man das Instrument tadelte, desto mehr lobte man
den Musiker, immer wenn die Zuhörer, obwohl die Instrumentalbegleitung mehrfach gegen
den Klang der Stimme einfiel,615 jenem Musiker noch mehr Liebe entgegenbrachten und ihm
(infolgedessen) trotzdem keine Vorwürfe machten. So stimmt auch ihr, hochverehrtes
Publikum, im Innern eure eigene Leier wieder für den Musiker.619
6. Aber ich sehe nun, daß [Seite 225] einer, der Künstler ist, sogar auch ohne die
Mitwirkung der Leier, wenn er einmal für ein großartiges Thema vorbereitet ist, gleichsam
sich selbst oft als Instrument gebraucht und auf geheimnisvolle Weise das, was die Saite sonst
leistet, einbezieht, damit das Publikum das, woran es eigendich mangelt, als etwas
Großartiges empfindet620 und darüber über die Maßen erstaunt. Man erzählt ja nun auch, daß
ein Künstler in einem Kithara-Wettbewerb spielte und die Saite riß und daß er dann von der
Gottheit (...).621 Man erzählt ja nun von einem Kitharöden, dem der Schutzgott der Musik
wohlgesinnt war;622 nachdem ihm im Kithara-Wettbewerb beim Spiel die Saite riß und ihn
um seinen Kampfpreis zu bringen drohte, ergänzte das Wohlwollen der Gottheit die Saite und
gewährte ihm die Gunst des Ruhms; denn anstelle der Saite habe sich aufgrund der Fürsorge
der Gottheit eine Zikade niedergelassen, das Spiel ergänzt und die Stelle der Saite
eingenommen; der Kitbaröde aber habe nach der Heilung der Saite seinen Kummer vergessen
und den Ruhm des Sieges geerntet.
7. Nun habe ich beinahe das Gefühl, daß es mir auch selbst so ergeht, hochverehrtes
Publikum. Denn ich schien eben noch meine Schwäche zugeben zu müssen und kurz zuvor
noch in schlechter Verfassung gewesen zu sein, (jetzt) aber scheine ich dank der Macht der
Gottheit meine Kunst vorzutragen, nachdem [Seite 228] mein Gesang über den König621
gleichsam ergänzt wurde. Daher wird denn auch im Rühmen der Könige dieser Beistand sein
Ziel erreichen, und die von ihnen verliehenen Siegespreise werden in meinem Eifer für den
Vortrag ihren Zweck finden.624 Wohlan, laßt uns beginnen; denn das will der Musiker.
Wohlan, laßt uns eilen; denn das will der Musiker. Und dafür hat er seine Leier gestimmt, und
er wird desto helltönender singen und gefälliger musizieren, je größer das Thema ist, das sein
Lied bestimmt.
8. Da nun sein Leierspiel besonders auf die [Seite 227] Könige eingestimmt ist und den
Ton von Preisliedern hat und sein Ziel in den Lobpreisungen der Könige sieht, da richtet er
sich zuerst an den höchsten König des Weltalls, den guten Gott, und von oben beginnt er sein
Lied, geht dann an zweiter Stelle zu denen hinab, die nach seinem Bild das Szepter tragen;
denn es ist auch den Königen selbst lieb, daß das Lied von oben Stufe für Stufe hinabsteigt,
und daß sie von dort, von wo ihnen der Erfolg des Sieges geschenkt wird, folge richtig auch
ihre Hoffnungen herleiten.
9. Es soll nun also der Musiker sich dem größten König des Weltalls zuwenden, zu Gott,
der immer unsterblich ist, ewig und seit aller Zeit die Macht besitzt, der erste ruhmvolle
Sieger, von dem alle Siege auf die Nackfolgenden kommen, die den Sieg empfangen.625
10. Zu Lobpreisungen also eilt meine Rede hinabzusteigen, zu Lobpreisungen auf die
Könige, die für die allgemeine Sicherheit und den Irieden sorgen; ihnen ist seit alters her von
der Gottheit626 in Fülle die Macht übertragen, ihnen ist von seiner Hand der Sieg verliehen,
ihnen stehen die Siegespreise auch schon vor ihren Heldentaten in den Kriegen bereit, ihre
Siegeszeichen werden schon vor dem Kampf aufgestellt, ihnen ist nicht nur bestimmt, Könige
zu sein, sondern auch die Besten zu sein, vor ihnen geraten die Barbaren in Angst und
Schrecken, schon bevor sich ein Heer in Bewegung setzt.
Der Lobpreis der Gottheit und die Verherrlichung des Königs
11. Meine Rede beeilt sich, mit dem Ende zum Anfang zurückzukehren627 und in den
Lobpreis der Gottheit, dann aber auch die Rede in den Lobpreis der göttlichsten Könige, die
uns den Frieden schenken, ausklingen zu lassen. Denn wie wir mit der Gottheit und der oberen
Macht begonnen haben, so werden wir wieder zu eben dieser Gottheit das Ende hinlenken.
Und wie die Sonne, die Ernährerin aller Kreatur, als erste nach ihrem Aufgang selbst die
Erstlinge der Früchte erntet, wobei sie ihre Strahlen wie riesige Hände zum Abpflücken der
Früchte benutzt, - und ihre Strahlen sind für sie die Hände, die die Früchte, die am meisten
Ambrosia enthalten, zuerst abpflücken -, so müssen dann auch wir, die wir von der Gottheit
unseren Anfang genommen haben und den Ausfluß ihrer Weisheit erhielten und ihn
gebrauchen für die überhimmlischen Sprößlinge, unsere Seelen, im Gegenzug von unserer
Seite aus uns im Lobpreis auf die Gottheit üben, und Gott selbst wird uns jeden Sproß dieses
Lobpreises nähren.
12. Es ziemt sich (also), zu Gott, der absolut rein und der Vater unserer [Seite 228] Seelen
ist, aus unzähligen Kehlen und Stimmen den Lobpreis aufsteigen zu lassen, auch wenn es
nicht möglich ist, ihn seinen Verdiensten entsprechend zu loben, da wir nicht in der Lage sind,
es mit Worten zu tun. Denn auch die Neugeborenen können ihren Vater nicht gebührend
preisen; aber in der ihnen angemessenen Weise leisten sie, was in ihren Kräften steht, und
verdienen dafür Nachsicht. Oder vielmehr gereicht gerade dies zum Ruhme Gottes, daß er
größer ist als seine Geschöpfe und daß die Präludien, der Anfang,628 die Mitte und das Ende
der Lobpreisungen darin übereinstimmen, daß der Vater in seiner Macht und seiner Größe
keine Grenzen kennt.
13. So liegen die Dinge auch im Hinblick auf einen König.629 Denn von Natur aus, weil
wir ja gewissermaßen von jenem abstammen, liegt es in uns Menschen, ihn (Gott) zu
lobpreisen, aber wir müssen um Seine Nachsicht bitten, wenn uns diese auch meistens schon
vor unserer Bitte vom Vater gewährt wird. Wie auch ein Vater sich nicht nur von seinen
neugeborenen Kindern wegen ihrer Hilflosigkeit nicht abwenden kann, sondern sich sogar
freut, von ihnen erkannt zu werden, so verhält es sich mit unserer Erkenntnis des Alls, die alle
(Menschen) zum Leben führt und zum Lobpreis auf Gott, mit dem er uns beschenkt hat.630
14. Denn Gott, der gut ist und immer Licht ist und in sich zu aller Zeit die Vollendung
seiner eigenen ewigen Herrlichkeit trägt, der unsterblich ist und in sich das Los des ewigen
Lebens umschließt, läßt auch niemals den Zustrom der Kraft versiegen,631 die von dort
ausgeht, und gibt auch in diesen [Seite 229] (irdischen) Kosmos die Verheißung, daß der
Lobpreis Rettung und Bewahrung bedeutet. In jener Welt nun gibt es gewiß keinen Streit
untereinander,632 dort gibt es keinen Wankelmut, sondern alle haben dieselbe Gesinnung,
alle verfügen über das gleiche Vorauswissen, einen einzigen Geist, ihren Vater, besitzen sie;
nur eine und dieselbe Empfindung ist in ihnen, die ihre Zuneigung zueinander bewirkt, und
die bei allen gleiche Liebe, die eine einzige Übereinstimmung unter allen schafft.633
15. So laßt uns also Gott lobpreisen. Aber wir wollen doch auch zu denen hinabsteigen, die
von jenem ihr Szepter empfangen haben. Denn wir müssen mit den Königen beginnen und
uns durch die dabei gewonnene Übung nun bereits an Lobpreisungen gewöhnen und die
fromme Ergebenheit gegenüber der Gottheit preisen; und634 wir müssen den ersten Anfang
des Lobes bei jener (Gottheit) einüben und uns der weiteren Übung durch sie unterziehen,
damit wir uns die Übung in der Frömmigkeit gegenüber Gott und auch die Lobpreisung der
Könige zu eigen machen.
16. Denn auch ihnen gegenüber müssen wir uns erkenntlich zeigen dafür, daß sie uns den
Segen des Friedens, der so wichtig ist, beschert haben. Die Tapferkeit eines Königs und schon
allein sein Name gewährleisteten den Frieden. Denn deswegen wird er König (basileus)
genannt, weil er mit leichtem Schritt (basileia)635 [Seite 230] die höchste Machtstellung
einnimmt und über das Wort, das Frieden schafft, verfügt, und weil er von Natur aus den
barbarischen Königen überlegen ist, ist auch sein Name schon Symbol für den Frieden. Daher
pflegt auch die Nennung des Wortes ,König¦ den Feind oft schon zum Rückzug zu bewegen.
Außerdem aber sind auch die Statuen des Königs Zufluchtstätten des Friedens für die, die in
ein schweres Unglück geraten sind. Und so geschah es, daß bereits das Erscheinen des
Königsbildes den Sieg bewirkte, den Einwohnern die Angst nahm und ihnen Schutz vor
persönlichem Schaden gewährte.


Auszüge aus Jamblichos

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In den anderen uns überlieferten Schriften und Fragmenten Jamblichs findet sich nur noch
in einem von Proclos überlieferten Jamblichfragment ein Hinweis auf Hermes Trismegistos.
Test. 16 - Jambl. Myst. VIII 6 - N. F. IV 114 f. (ScoTr IV 34 f.)
Du sagst nun also, daß die meisten Ägypter auch das, was in unserer Macht steht, von der
Bewegung der Gestirne abhängig sein lassen.20 Wie sich das aber verhält, muß dir
ausführlicher aus den hermetischen Vorstellungen erklärt werden. Denn wie diese Schriften
sagen, hat der Mensch zwei Seelen: die eine geht aus dem ersten Geistigen hervor und hat
auch Anteil an der Kraft des Schöpfers; die andere ist die, die aus der Kreisbewegung der
Himmelskörper dem Menschen gegeben wird. Und in diese gelangt dann die Seele, die die
Fähigkeit hat, Gott zu schauen.
Test. 17 -Jambl. Myst. X 15 - N. E IV 115 (Sco rr IV 39)
Für das Gute an sich im göttlichen Bereich halten die Ägypter Gott, der das höchste
Erkenntnisziel darstellt,22 für das im menschlichen Bereich, die Vereinigung mit ihm.
Ebendas hat Bitys23 aus den hermetischen Büchern übersetzt.

Test. 18 - Jambl. bei Proclos In Tim. 117D - N. F. IV 116 (Scorr IV 103)

Und in der Tat sagt auch die Überlieferung der Ägypter dasselbe über sie (sc. die Materie).
Zumindest hat doch der göttliche Jamblich berichtet, auch Hermes wolle die Materialität aus
dem Sein ableiten. Und so ist es dann auch wahrscheinlich, daß auch Plato aus dieser Quelle
zu einer derartigen Lehre über die Materie kam.24

Zosimus

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Quellen: 11 Te\f·2TaLa aTrO>XTl: (1) M. BrRTTTTT.OT 8t Ch. E. RUEI.LE, Col
Ieetion des Aneiens Alchimistes Grecs, (Nachdruck in einem Band) London 1963, 239 - 246;
(2) A. J. FESTUGI+RE 1950, 11 363 - 368 (Übersetzung: a. a. O., 275-281). Unverfälscher
Kommentar zu dem Brief Omega: (1) M. BFRTHELOT 86 Ch. E. RUELLE, a. a. O. 228-235;
(2) Ed. and transl. by H. M. JACKSON, Missoula 1978. Syrisehe Fragmente in Übersetzung:
R. DUVAL, in: M. BERTHELOT, La ehi llTiC au moyen age, Bd. 2, Paris 1893, 203-331.
Sek.lit.: FOWDEN 1986, 120Ä126.
In den uns überlieferten Schriften und Fragmenten des ägyptischen Alchemisten
Zosimus von Panopolis werden Hermes Trismegistos und seine Schriften mehrfach
genannt. In seiner Schrift · TC3f uTma a TuX 125 spielt Zosimus auf CH I und CH IV
an.26 Auch in den bisher nur in Übersetzung publizierten syrischen Fragmenten finden
sich Hinweise auf die Benutzung hermetischer Quellen.27
Explizite Zitate finden sich in der Schrift "Unverfälschter Kommentar zu dem Brief
Omega", in der Zosimus rivalisierenden Alchemisten vorwirft, durch die Heimarmene
beherrscht zu werden. Hermes wird in dieser Schrift siebenmal genannt (4,1 f=Test. 19/);
5,1 + 7,4 f=Test. 20/); 7,4 + 8,2 f=Test. 2i/; 8,11; 15,1), wobei er zwar nie als Hermes
Trismegistos bezeichnet wird, jedoch einmal als unendlich größer Hermes dem "dreifach
großen Plato gegenübergestellt wird. In 15, 1f werden die "heiligen Bücher des Hermes"28
als Quelle des Zosimus genannt.
Test. 19 - Zosimus 111, XLIX 2 - N. F. IV 117 (Scorr IV 105; JACKSON 54)
Solche Menschen nannte Hermes gewöhnlich in seinem Buch ,Über die Naturen¦ Wesen
ohne Verstand, nur Mitläufer des Schicksals (heimarmenä) ohne Vorstellung von irgend etwas
Unkörperlichem und vom Schicksal selbst, das sie verdienterweise führt. Statt dessen
schimpfen sie über dessen körperliche Erziehungsmahnahmen und denken an nichts anderes
als an das Glück, das es schenkt.

Test. 20 - Zosimus 111, XLIX 3-4 - N. F. IV 117f (Scorr IV 105; JACKSON

55 5.7)
[3] Hermes und Zoroaster sagten, daß der Stand der Philosophen über dem Schicksal
(heimarmenä) stehe, weil sie sich weder über das von ihm geschenkte Glück freuen - denn sie
sind Herr über die sinnliche Lust -, noch werden sie durch das von ihm kommende Unglück
niedergeworfen, weil sie stets ein Leben fern von allem Materiellen führen,29 noch nehmen
sie die schönen Geschenke von ihm an, weil sie das böse Ende bedenken ...
[4] Zoroaster rühmt sich des Wissens um alles Obere und der Magie der mit physischen
Mitteln ausgesprochenen Worte und behauptet, alles Unglück des Schicksals (heimarmenä)
sowohl im einzelnen als auch im allgemeinen (dadurch) von sich abwehren zu können.

Test. 21 - Zosimus 111, XLIX 4 - N. E IV 1l8f. (Scorr IV 105f.; JACKSON 55

78)
Hermes jedoch verwirft in seinem Buch ,Über die Immaterialität¦30 auch die Magie und
sagt: Der pneumatische Mensch, der sich selbst erkannt hat, darf weder mithilfe der Magie
irgend etwas zustande bringen, selbst wenn es allgemein für gut gilt, noch darf er der
Notwendigkeit (anankä) trotzen, sondern muß sie entsprechend ihrer Natur und ihrem
Ratschluß wirken lassen. Und er muß sich auf seinem Weg allein von der Suche nach sich
selbst leiten lassen, Gott erkennen und die unaussprechliche Dreiheit erfassen; und er muß
dem Schicksal (heimarmenä) den ihm unterworfenen Schmutz, d. h. den Körper, überlassen, zu
tun damit, was es will. Und wenn du zu diesem Denken und zu die ser Lebenshaltung
gekommen bist¦: sagt er, "dann wirst du sehen, daß der Sohn Gottes den heiligen Seelen
zuliebe in jedes Wesen sich verwandelt, um die Seele aus dem Bereich des Schicksals
(heimarmenä) herauszureißen in den Bereich des Unkörperlichen. Sieh wie er sich in jedes
Wesen verwandelt in Gott, in einen Engel, in einen Menschen, der äußeren Einflüssen
ausgesetzt ist. Denn er vermag alles, verwandelt sich in alles, was er will, mld gehoreht dem
Vater, indem er jeden Körper durchdringt. Er erleuchtet den Geist jeder Seele31 und läßt ihn
in den glückseligen Raum hinaufsteigen, wo er war, bevor er in einen Körper einging, denn
der Geist folgt ihm, sehnt sich nach ihm und wird (von ihm)32 in jenes Licht geführt.
Betrachte auch die Tafel, die Bitos geschrieben hat, und der dreifach große Plato und der
unendlich große Hermes,33 daß in der ersten hieratischen Sprache der erste Mensch,Thoytos¦
genannt wird als Ausleger von allem, was existiert, und als Namengeber aller körperlichen
Dinge."

Markell von Ankyra

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Quellen: E. KLOSTF.FMANN/G. HANSEN, Gegen Mareen. Über die kirehliche
Theologie. Die Fragmente Mareellr, Eusobius Werke IV, 31991 (GCS 14); K. SEIBT, Die
Theologie des Markell von Ankyra, Berlin/New York 1994 (AKG 59). G. MERCATt,
Anthimi Nicomediensis episcopi et martyris de saneta Ecciesia, in: Note di Letteratura biblica
e eristiana antica 111, 1901 (St 5), 95-98. Sek.lit.: M. RICHARD, Uß opuseule meconnn de
Mareol Evequc de Ankyra, MSR 6 (1949), 5-28 (= ders., Opera omnia 11, Turnhout, Lowen
1977, Nr. 33); FowDeN 1986, 209.
Markell von Ankyra (ca. 280-374 n. Chr.) rezipiert heretische Traditionen in seiner nur
fragmentarisch erhaltenen Erstlingsschrift ,An den Kaiser Konstantin¦ und in dem
Brieffragment ,Über die heiligen Kirehe¦.34 In ,De sancta ecclesia¦ werden Hermes, Platon
und Aristoteles summarisch in Paragraph 7 als Quellen der gnostischen Häresien, in
Paragraph 16 als Quellen der zeitgenössischen Gegner des Markell genannt. In Paragraph
9 wird die Drei-Hypostasen-Lehre Valentins und die Drei-Hypostasen-Lehre der Arianer
auf Hermes und Plato zurückgeführt. In einem ähnlichen Kontext verweist Markell auch
in Frag. 85 (Klostermann) des ,Opus ad Constantinum Imperatorem¦ auf Hermes und
Plato als Quelle seiner Gegner. In ,De sancta ecclesia¦(¦ 10-12) nimmt Markell Hermes
Trismegistos zunächst als Ursprung für die den Arianern vorgeworfene Zwei-Götter Lehre
in Anspruch und zitiert Ascl. 8 (N. F. II 304,20 -305,2. 69). In Paragraph 15 zitiert Markell
als Beleg für eine seiner Auffassung nach unbiblische, d. h. die Einheit Gottes zerstörende
Lehre der Arianer ein hermetisches Testimonium, das uns nur hier überliefert ist:

Test. 36 - De sancta ecclesia 5 14 f. - N. F. IV 143 (SCOTT IV 159f.)

Von woher aber haben sie (sc. die Arianer) die Ansicht begründet, daß der Logos Gottes
sich dem Willen Gottes unterstellt? Haben sie nicht auch das von Trismegistos gelernt? (15)
Denn nach dem ersten Gott spricht er über den zweiten Gott und sagt folgendes: "Wir werden
den Gott, der das höchste Erkenntnisziel darstellt, erkennen, (. . .)35 der völlige
Übereinstimmung mit jenem besitzt, weil jener es so gewollt hat, der aber in zweifacher
Weise zurücksteht, nämlich dadurch, daß er in einem Körper ist und daß er sichtbar ist."