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8,8cm Flak 41 versus Treibspiegelmunition

Die Entwicklung von Flugabwehrgeschützen wurde von der Abteilung Wa.Prüf. 10 des Heereswaffenamtes (im Verlauf des Zweiten Weltkrieges umbenannt in L/Flak) betreut.[1] Laut von Renz nahm diese Abteilung, in Erwartung größerer Flughöhen feindlicher Bombergeschwader, kurz nach Beginn des Krieges mit der Firma Rheinmetall-Borsig Kontakt auf, um die Entwicklung einer 8,8 cm Flak mit einer erheblich größeren Reichweite und höheren V0 in die Wege zu leiten.[2] Nach Hahn hingegen vergab das HWA zeitgleich (wie üblich) Entwicklungsaufträge an die Firmen Krupp und Rheinmetall, und Rheinmetall setzte sich gegenüber Krupp mit dem besseren Entwurf durch.[3]

Abb. 1: 8,8 cm Flak 41

Die Entwicklungsarbeit Krupps war aber nicht umsonst, denn auf dem eigenen und dem Entwurf von Rheinmetall aufbauend, wurde im Jahr 1941 von der Firma Krupp mit der Entwicklung des sogenannten „Gerätes 42“ begonnen. Eine 8,8 cm Flak 42 ging jedoch niemals in Produktion, stattdessen wurde der Rohraufbau der Krupp-Entwicklung später bei der Flak 41 übernommen und aus dem Gerät 42 entstand die Panzerabwehrkanone (Pak) 43.[4]


Abb. 2: Die 8,8-cm-PaK 43/41 an der Ostfront, 1943


1941 konnten von Rheinmetall die Konstruktionspläne der 8,8 cm Flak 41 vorgelegt werden. Am 19. März 1942 wurde dann von Hitler der Bau einer Nullserie mit 44 Geschützen befohlen. Da die Fertigung einer 8,8 cm Flak 41 jedoch ca. 100 kg mehr Stahl als die der 8,8 cm Flak 18/36/37 benötigte, wobei auch noch bestimmte Teile aus Aluminium gefertigt werden mussten, untersagte Hitler eine weitergehende Serienfertigung.[5] Laut von Renz wurde er bei dieser Entscheidung durch das Speer-Ministerium beeinflusst.[6] – Die bereits fertiggestellten Geschütze der Nullserie der Flak 41 sollten auf direkte Anweisung Hitlers vom 21./22. März 1942 nur im Heimatgebiet eingesetzt werden.[7] Stattdessen wurde jedoch die Nullserie im März 1943 nach Nordafrika verschifft, um dort als Pak eingesetzt zu werden. – Ca. 50% der Geschütze wurde schon mit ihren Transportschiffen im Mittelmeer versenkt, und die Kanonen, die tatsächlich zum Einsatz kamen, versagten jedoch in der ihnen zugedachten Rolle, weil sie noch nicht völlig ausgereift waren.[8]

Analog zur Veränderung des Herstellungsmaterials der Führungsringe (siehe Artikel zur 8,8 cm Flak 18/36/37) wurde auch der Rohraufbau der Flak 41 immer wieder verändert. Gemäß des Entwurfes von 1939 wurden die ersten 152 Rohre der Flak 41 mit einem dreiteiligen Seelenrohr ausgestattet, die folgenden 133 Rohre erhielten ein zweiteiliges, und erst ab März 1944 hatten die Geschütze dann ein durchgehendes Seelenrohr (erst hierdurch wurden Probleme bei der Verwendung von Munitionshülsen aus Stahl beseitigt).[9]

Die ballistischen Leistungen der 8,8 cm Flak 41 waren derjenigen der 10,5 cm Flak 39 überlegen und fast gleich mit denen der 12,8 cm Flak 40. Laut von Renz habe es bis in die 1950er Jahre hinein international kein Geschütz gegeben, das im Verhältnis von Gewicht zu ballistischer Leistung der Flak 41 gleichkam.[10] Zu dieser Aussage muss jedoch kritisch angemerkt werden, dass eine Vergleichbarkeit der 8,8 cm Flak 41 beispielsweise mit der 10,5 cm Flak 39 im Bereich der ballistischen Leistung nur bei Verwendung gleichartiger Munition gegeben ist. Der grundsätzliche Unterschied in der Munition aber lag sowohl in der chemischen Zusammensetzung der jeweiligen Treibladungen, ihrer Größe als auch in dem Gewicht der Geschosse begründet: Für die Granaten der 8,8 cm Flak 41 wurde Guanidin-Pulver als Treibladungspulver verwendet,[11] für die der 10,5 cm Flak 39 Diglykol-Pulver.[12] Der spezifische Gasdruck, der bei der Verbrennung des Treibladungspulvers entsteht, ist bei Guanidin-Pulver höher als bei Diglykol-Pulver.[13] Gleichzeitig war die Treibladung der 8,8 cm Flak 41-Munition mit 5,1 kg[14] wesentlich größer als beispielsweise die der 8,8 cm Flak 18/36/37 mit 2,4 kg[15] und fast gleich groß wie die der 10,5 cm Flak 39 (5,8 kg).[16] Zusätzlich war die Flakgranate der Flak 41 mit 9,4 kg um 5,7 kg leichter als die der 10,5 cm Flak 39.[17]


Abb. 3: Schwere 10,5-cm-Flak einer Küstenbatterie


Ende Januar 1943 begannen die Bombardierungen von Zielen im Reichsgebiet durch die hochfliegenden (8.000 – 8.700 m) amerikanischen Bombergeschwader.[18] Die Produktion der 8,8 cm Flak 41 wurde daraufhin doch wieder aufgenommen.[19] Obwohl die Anzahl der gefertigten Geschütze gering blieb (von April bis Dezember 1944 wurden 100 Geschütze ausgeliefert; im Februar 1945 befanden sich nur 279 8,8 cm Flak 41 im Einsatz)[20], gab es Versorgungsengpässe bei der Munition.[21] Diese Versorgungsengpässe waren offensichtlich auf einen Mangel an Guanidin-Treibladungspulver zurückzuführen, das auch für die Munition der 8,8 cm Pak 43/41, Pak 43 und die der Kampfwagenkanone (Kwk) 43 verwendet wurde.[22]

Eine prinzipielle Möglichkeit zur Umgehung des Guanidin-Mangels stellte unterkalibrige Munition dar: Laut von Renz wurde ab Anfang 1945 von Rheinmetall-Borsig unterkalibrige Munition für alle großen Kaliber entwickelt.[23] Im C.I.O.S. Report No. XXXI-12 wird jedoch eine diesbezügliche Denkschrift Rheinmetall-Borsigs für das OKW vom 26. Mai 1944 erwähnt,[24] möglicherweise hatte die Entwicklungsarbeit also schon vor 1945 begonnen. – Der Begriff unterkalibirge Munition bedeutet, dass z. B. aus 10,5 cm Flak-Rohren Granaten mit dem Kaliber 8,8 cm abgefeuert wurden. Der Gasdruck konnte somit seine kinetische Energie besser auf das Projektil übertragen als es bei herkömmlicher Munition der Fall war. Die Folge war, dass das Geschoss das Rohr mit einer wesentlich höheren V0 verließ.[25] Wurde z. B. eine 8,8 cm Granate aus der 10,5 cm Flak 39 abgefeuert, so erzielte man eine V0 von 1.050 m/sec im Vergleich zu 1.020 m/sec mit der 8,8 cm Flak 41 (bei Verwendung von Standardmunition).[26]



Abb. 4: Modernes unterkalibriges Wuchtgeschoss


In der Frühphase der Entwicklung von unterkalibriger Munition setzten die Rheinmetall-Ingenieure noch sogenannte „Treibkäfiggeschosse“ ein (ähnlich der britischen Entwicklung „sabot cage“).[27] Der „Treibkäfig“ gewährleistete die Abdichtung zwischen dem Geschoss und der Rohrinnenwand und übertrug den Drall auf das Geschoss. Im Laufe der Entwicklung musste der Treibkäfig jedoch aufgrund der zunehmend schlechteren Rohstoffversorgung durch zwei Kunststoffscheiben, den sogenannten „Treibspiegeln“, ersetzt werden. Diese Notlösung funktionierte jedoch im Vergleich zum Treibkäfig nur unbefriedigend.[28]

Inwieweit die Gestaltung der Rohrinnenwand bei Verwendung von Treibspiegelmunition geändert werden musste, bleibt unklar: Im C.I.O.S. Report File No. XXXI-12 wird unter anderem als Ergebnis zur Verwendung von Treibspiegelmunition festgehalten, dass die Verwindung der Züge in der Rohrinnenwand eines Geschützrohres generell erhöht werden musste.[29] Dem steht das Fazit des B.I.O.S. Final Report No. 191 gegenüber, dass die Verwindung der Züge erst ab einer Mündungsgeschwindigkeit von ca. 1.260 m / sec erhöht werden muss.[30]


Fazit:

1. Die Entwicklung der Treibspiegelmunition zeigt, dass Munition ein eigenständiges technisches Produkt ist, das auf das jeweilige Geschütz abgestimmt wird. Die ballistischen Daten eines Geschützes sind also auch wesentlich von der Beschaffenheit der verwendeten Munition abhängig, und damit ziemlich variabel.

2. Der technische und zeitliche Aufwand bei der Entwicklung und Fertigung der Treibspiegelmunition sowie die Qualität der benötigten Werkstoffe im weitesten Sinne (einschließlich des Treibladungspulvers) waren offensichtlich vergleichsweise gering zu dem Aufwand, der bei Entwicklung und Fertigung der 8,8 cm Flak 41 getrieben werden musste. Hinzu kommt, dass für dieses Geschütz eine neue Serienfertigung aufgebaut werden musste, wohingegen z. B. für die 10,5 cm Flak 39 lediglich bereits vorhandene Fertigungskapazitäten hätten ausgebaut werden müssen.

3. Es war die technische Kreativität der Entwicklungsingenieure von Rheinmetall-Borsig, die unter sich ständig verschlechternden Bedingungen und in kurzer Zeit zu brauchbaren Ergebnissen führte, und eben nicht die Kreativität der Ingenieure des Heereswaffenamtes oder der von Krupp.


Historischer Hintergrund:

-
Die Aufrüstung der Wehrmacht und Rheinmetalls Wiederaufstieg

- Rheinmetalls Neupositionierung auf dem deutschen Rüstungsmarkt während des Zweiten Weltkrieges


Autor: Christian Brandau - Der Text ist unter der Lizenz „Attribution-NoDerivatives 4.0 International (CC BY-ND 4.0)“ verfügbar


Einzelnachweise:

[1] von Renz, Otto Wilhelm: Deutsche Flug-Abwehr im 20. Jahrhundert – Flak-Entwicklung in Vergangenheit und Zukunft, Berlin / Frankfurt am Main 1960, S. 118.

[2] Ebd., S. 117 – 118.

[3]

a) Hahn, Fritz: Waffen und Geheimwaffen des deutschen Heeres 1933 – 1945, Bd. 1, Infanteriewaffen, Pionierwaffen, Artilleriewaffen, Pulver, Spreng- und Kampfstoffe, Eggolsheim 2003 (Nachdruck), S. 106.

b)

[4]

a) Ebd., S. 106.

b) Böhm, R. / Kosar, F. / Koch, H.-A. / Magirius, W. / von Renz, O. W. / von Senger und Etterlin, F. M. / Wöhlermann, H. O. / Zschuke, H. (Hrsg. von Senger und Etterlin, F. M.): Die deutschen Geschütze 1939 – 1945, Bonn 1998, S. 66 und 199.

[5]

a) Renz: 1960, S. 119.

b) Senger und Etterlin: 1998, S. 199.

[6] Renz: 1960, S. 119.

[7] Anweisung Hitlers vom 21./22. März 1942, Punkt 15, in: Boelcke, Willi A. (Hg.): Deutschlands Rüstung im Zweiten Weltkrieg – Hitlers Konferenzen mit Albert Speer 1942 – 1945, Frankfurt am Main 1969, S. 84.

[8]

a) Renz: 1960, S. 119 – 120.

b) Senger und Etterlin: 1998, S. 199.

[9]

a) Renz: 1960, S. 118 und 120 – 121.

b) von Senger und Etterlin: 1998, S. 198.

[10]

a) Renz: 1960, S. 119.

b) Senger und Etterlin: 1998, S. 199.

[11] Renz: 1960, S. 139.

[12] Parr, A. / Smith, F.V.: Artillery Design and Development Performed by Rheinmetall–Borsig (C.I.O.S. Report File No. XXXI–12), ohne Ort: 01. September 1945, Appendix II, S. 4.

[13] Germershausen, R., 1.3.1.2.1. Zweibasige Pulver, 1.3.1.2.2. Dreibasige Pulver, in: Rheinmetall – Waffentechnisches Taschenbuch, ³1977 Düsseldorf, S. 9 – 11.

[14] Parr, A. / Smith, F.V.: C.I.O.S. Report File No. XXXI–12, Appendix II, S. 3.

[15] Ebd., S. 1.

[16] Ebd., S. 3.

[17] Senger und Etterlin: 1998, S. 212 – 213.

[18] Groehler, Olaf: Geschichte des Luftkrieges 1910 bis 1980, Berlin 1981, S. 383 – 385.

[19]

a) Renz: 1960, S. 121.

b) Boelcke, Willi A.: Deutschlands Rüstung im Zweiten Weltkrieg – Hitlers Konferenzen mit Albert Speer 1942 – 1945, Frankfurt am Main 1969, S. 24.

[20] Senger und Etterlin: 1998, S. 199.

[21]

a) Renz: 1960, S. 123.

b) Senger und Etterlin: 1998, S. 199.

[22]

a) 1 Anweisung Hitlers vom 17./18. Juli 1943 (F. H. Qu.), Punkt 7, in: Boelcke, Willi A. (Hg.): Deutschlands Rüstung im Zweiten Weltkrieg – Hitlers Konferenzen mit Albert Speer 1942 – 1945, Frankfurt am Main 1969, S. 281.

b) Senger und Etterlin: 1998, S. 66 – 67.

[23]

a) Ebd., S. 12.

b) Renz: 1960, S. 142.

[24] Parr, A. / Smith, F.V.: C.I.O.S. Report File No. XXXI–12, S. 12 – 13.

[25]

a) Romer, R., 11.2.3.2. Unterkalibrige Wuchtgeschosse (Treibkäfiggeschosse), in: Rheinmetall – Waffentechnisches Taschenbuch, ³1977 Düsseldorf, S. 472 – 474.

b) Renz: 1960, S. 142.

[26] Ebd., S. 142.

[27]

a) Bunting, N. A. / Garratt, A.J. / Corner, J.: Interrogation of the Ballistic Section of Rheinmetall- Borsig (B.I.OS. Final Report No. 191), London: ohne Jahr, S. 16.

b) Romer, R.:11.2.3.2 Unterkalibrige Wuchtgeschosse (Treibkäfiggeschosse), 1977, S. 472 – 474.

[28] Bunting, N. A. / Garratt, A.J. / Corner, J.: B.I.OS. Final Report No. 191, S. 16.

[29] Parr, A. / Smith, F.V.: C.I.O.S. Report File No. XXXI–12, S. 12.

[30] Bunting, N. A. / Garratt, A.J. / Corner, J.: B.I.OS. Final Report No. 191, S. 7.


Bildnachweise:

Abb. 1: Von Mark Pellegrini - Eigenes Werk (Picture taken by myself), CC BY-SA 2.5, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=2595449

Abb. 2: Von Bundesarchiv, Bild 101I-698-0038-07 / CC-BY-SA 3.0, CC BY-SA 3.0 de, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=5413421

Abb. 3: Von Bundesarchiv, Bild 101I-621-2942-17 / Doege / CC-BY-SA 3.0, CC BY-SA 3.0 de, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=5413121

Abb. 4: Nation/Defense days, Esplanade des Invalides, Paris, France, September 24-25, 2005 – Von David Monniaux – Eigenes Werk, CC BY-SA 3.0, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=499759

(c) 2011 - Christian Brandau